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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:00:35 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der goldene Spiegel
+ Erzählungen in einem Rahmen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: October 24, 2006 [EBook #19611]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Der
+ goldene Spiegel
+
+
+ Erzählungen in einem Rahmen
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Achte Auflage
+
+ S. Fischer * Verlag * Berlin
+ 1912
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+
+
+
+Kapitelfolge
+
+Franziska und die Freunde 1
+Was über den Spiegel beschlossen wurde 13
+Die Pest im Vintschgau 25
+Der Stationschef 47
+Geronimo de Aguilar 63
+Von Helden und ihrem Widerspiel 89
+Der Tempel von Apamea 107
+Die Gefangenen auf der Plassenburg 135
+Paterner 176
+Nimführ und Willenius 196
+Herr de Landa und Peter Hannibal Meier 212
+Begegnung 231
+Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz 242
+Franziskas Erzählung 275
+Aurora 291
+Der Affe und der Spiegel 323
+
+
+
+ _Ich widme dieses Buch meiner Frau._
+
+ O thou whose face hath felt the Winter’s wind
+ Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist,
+ And the black elm-tops ’mong the freezing stars,
+ To thee the Spring will be a harvest time.
+ O thou, whose only book has been the light
+ Of supreme darkness which thou feddest on
+ Night after night when Phoebus was away,
+ To thee the Spring shall be a triple morn,
+ O fret not after knowledge, I have none,
+ And yet my song comes native with the warmth.
+ O fret not after knowledge, I have none
+ And yet the evening listens.
+ He who saddens
+ At thought of idleness cannot be idle,
+ And he’s awake who thinks himself asleep.
+ _Keats._
+
+
+
+
+Franziska und die Freunde
+
+
+Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im
+Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend
+war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte.
+Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung,
+in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen
+Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers.
+
+Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und
+geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen
+dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen
+ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft
+mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur,
+ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und
+Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen
+Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die
+Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein
+treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die
+Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem
+eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter,
+passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas
+Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und
+entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter
+ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen
+Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis
+voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der
+Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl,
+deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war
+angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht
+saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden
+Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war
+ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen
+Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame
+Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls
+bemerkenswert war.
+
+Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska
+Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres
+Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie
+einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre
+Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier
+persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter,
+als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans
+wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und
+nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati
+bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug,
+und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis
+und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens
+weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als
+ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer
+fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen
+Träume zu folgen.
+
+An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg
+Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und
+vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages
+brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen
+Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der
+sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten
+Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati,
+daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur
+desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen
+Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der
+neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes
+Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen
+eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und
+vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer
+beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte
+einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission
+freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien
+geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach
+großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein
+Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte
+nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne
+Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte
+und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen.
+
+Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu
+werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen
+beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im
+Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine
+schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein
+rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er
+Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er
+naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden
+Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe
+lachte.
+
+Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende
+Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu
+den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie
+durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte,
+blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei
+der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst
+gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich
+der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein
+schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern
+Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm,
+führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein
+Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an,
+doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und
+Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als
+schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife
+und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im
+Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine
+jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie
+hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der
+rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie
+geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen.
+Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie
+umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter
+verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als
+ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne
+Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern;
+was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den
+Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das
+Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen
+aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als
+Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm,
+daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es
+der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor
+Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die
+Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch
+sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele
+und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein
+dicht an den Fenstern lohte.
+
+So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr,
+weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei
+Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen,
+schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes
+Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit.
+
+Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern.
+Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene
+herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte
+das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von
+Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er
+Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine
+Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer
+Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in
+sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska.
+Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und
+philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg,
+Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf
+Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe.
+Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran,
+ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke
+und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß
+er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag
+unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue
+ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die
+Spitze bieten zu können.
+
+Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte
+Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen
+und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann
+sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um
+so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,«
+sagte Franziska; »vielleicht wollt’ ich mich nur überzeugen, ob ein
+wirkliches Menschenherz in dir steckt.« – »Kann man davon Gewißheit
+erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art.
+Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie
+spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so
+stark wie du dich stellst.«
+
+Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann
+auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von
+andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch
+eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte
+seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften
+Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke
+nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter
+Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches
+Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde
+versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen
+übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu
+seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen,
+denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend
+verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser,
+Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die
+sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre
+verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der
+von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die
+Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften
+konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen.
+
+Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers
+vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land.
+Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der
+lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle
+ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte
+bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden
+kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa
+entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im
+Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt,
+daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg,
+eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen
+habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich
+aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie
+eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz,
+begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die
+innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns
+also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska
+erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« – »Wir haben es
+immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick
+in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir
+haben.«
+
+Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu
+fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr
+heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann
+verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert
+an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, – also
+übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr
+mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir’s wie die
+Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.«
+
+»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan.
+
+»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie.
+
+Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging.
+Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast
+fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten
+Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten
+alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin,
+mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon
+deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten
+Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer
+solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der
+Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer
+polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im
+mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich
+aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und
+lebte einsam.
+
+Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen
+Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung
+mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich
+gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und
+zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und
+nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon
+erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das
+wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem,
+keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert
+seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild
+meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl,
+vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure
+Schwester, eure ewig getreue Franziska.«
+
+Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um
+das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden
+worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig
+Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach
+dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der
+Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort
+hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben.
+
+Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die
+Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie
+nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe
+leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die
+Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines
+Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der
+Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder
+entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem
+unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung
+erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht
+lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel
+bedeutenden Pein.
+
+Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten
+hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater
+genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe
+über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die
+zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es
+allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf
+und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als
+Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er
+Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte
+nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden.
+Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der
+Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.
+
+So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg
+seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen
+verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem
+holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war
+ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben
+hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier
+erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich
+selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.
+
+In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan
+ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan
+nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen
+ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim.
+
+
+
+
+Was über den Spiegel beschlossen wurde
+
+
+Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet die einen, im
+Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, konnte das Auge des
+Betrachters von jedem beherrschenden Gipfel aus erblicken. Wege zogen
+hügelauf- und abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten
+die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren sich in
+Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege und klommen windungsreich an
+den kraftvoll gestalteten Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine
+Wildnis, da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden kahle
+Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; so wurde das Bild
+geschlossen, das harmonisch im einzelnen wie groß im ganzen war.
+
+Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines Tals, eines
+ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung hinter dem Plateau von
+ihm entfernt, lag die Villa Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und
+durch die offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in die
+Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden Linien der Nacht
+geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen war vorüber, Borsati,
+Cajetan und Lamberg saßen noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher
+Aufregung hin und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so
+gleichmütig waren, – denn heute war der Tag, für den Franziska sie alle
+zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht gekommen, und es bestand
+wenig Grund zu der Hoffnung, daß sie noch kommen würde, jetzt, in den
+Stunden der Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte
+er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es anfangen könnte,
+um das Gespräch auf die Erwägungen zu lenken, die ihn so schmerzhaft
+beschäftigten. Hatte er doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag
+entgegengelebt, nichts weiter, und das Wort Franziskas war ihm für beide
+Teile als so unwiderruflich erschienen, daß kein Zweifel sich in sein
+Zutrauen mischte. Nun war es Abend, und es war ein Tag vergangen wie
+viele andere Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte er;
+ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung nennen oder jene
+Herzensglätte, die sie mir oft so fremd macht?
+
+Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner Runde seit
+einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt war, und betrachtete in dumpfer
+Verlorenheit das Wunder aus alter Zeit.
+
+Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; sie wurde mit
+hocherhobenen Armen von der Figur einer Göttin getragen, die auf einer
+köstlich gearbeiteten Schildkröte stand. Die Rückseite der Scheibe
+zeigte die Figur eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in
+lässig schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im rechten
+Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen Strichen graviertem Wasser
+die Umrisse seines Bildes beschaute. Tief am Rand war in griechischen
+Lettern das Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein
+mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. Das ganze
+Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch.
+
+Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den Arm mit jovialer
+Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche Figur steht unvergleichlich
+da«, sagte er. »Sie trägt wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers
+trägt. Finden Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der
+Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte erhöht.«
+
+»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um zu ermessen, wie
+die Alten solche Dinge gearbeitet haben, muß man nur die Schildkröte
+ansehn. Welche Feinheit! Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie
+vor allem die Idee eines Postaments.«
+
+»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar nicht wiegt«,
+versetzte Cajetan.
+
+»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich das Gesicht der
+Aphrodite durch einen fahleren Glanz von der Färbung des übrigen Gusses
+abhebt.«
+
+Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. »Nur weiß ich eben
+nicht, was daran die Zeit verschuldet hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist
+jedenfalls, daß der Bildhauer Silanion Silber in das Erz mischte, aus
+dem das Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung
+den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des Athanas auszudrücken, tat
+Aristonidas Eisen in die Masse, wodurch er eine charakteristische
+Rostfarbe erzeugte. Sieht es nicht aus, als ob die Züge der Venus von
+einem imaginären Mond bestrahlt seien?«
+
+Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse bewies, sah nach
+der Uhr. Lamberg fing den Blick auf und lächelte. »Warum lächeln Sie?«
+fragte ihn Hadwiger stirnrunzelnd. – »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich
+stets lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. – »Und Sie
+empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte den Kopf. –
+»Und ihr erwartet auch nichts?« wandte sich Hadwiger schüchtern und
+erstaunt an die andern beiden. »Ich habe Franziskas Wunsch schon damals
+für eine Laune gehalten«, bekannte Cajetan. – »Warum sind Sie dann
+gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. – »Erstens, weil ich mit
+Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein gegebenes Wort
+genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, war die Erwiderung. – »Und Sie
+auch, Rudolf?« – »Ich glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen
+Verabredungen, weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, sagte
+Borsati.
+
+Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er war dem
+berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft begegnet und rühmte
+ihn als einen Mann von großer Welt, der einer souveränen Macht über die
+Menschen in jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er nun
+geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen Besonderheit
+so deutlich an sich trage, daß man sich seinem Einfluß nicht entziehen
+könne. Borsati tadelte das Wort von der dämonischen Besonderheit als
+einen jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die
+sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, sonst nichts.
+Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und sagte, er habe das Wesen nicht
+begriffen, das um Franziskas letzte Liaison gemacht worden, zumal die
+Ehe mit dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte führen
+können.
+
+»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger aus.
+
+»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete Cajetan ernst
+und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt untrüglichen Instinkten, und
+selbst wenn sie den Weg ins Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin
+als wir ahnen. Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich
+hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine Treue gegen
+das Gefühl, die von höherem Rang ist als die Treue gegen die Person.«
+
+Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner verabschiedeten sich
+von Lamberg. Dieser stand auf dem Balkon und lauschte noch lange ihren
+in der Nacht verhallenden Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße
+rasselte ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte das Gras und,
+da er es trocken fand, prophezeite er im stillen für den morgigen Tag
+schlechtes Wetter. Er ging dann in das obere Stockwerk des Hauses,
+öffnete die Tür zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war der
+Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das Tier ließ einen
+freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg riegelte den Käfig auf, und der
+Affe folgte ihm aus dem Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete
+Speisezimmer. Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte
+lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf dem Tische
+stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, ergriff eine Pflaume und
+biß hinein. Indessen hatte sich das Rollen jenes fernen Wagens genähert,
+Georg Vinzenz lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die
+Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem Schlag. Georg
+Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, und, nachdem er den
+Diener gerufen, damit er das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus.
+»Du bist pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd und
+forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften Gesprächsbeginn
+aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem Gespensterhaften trüge nur die
+Eisenbahn schuld, und da sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es
+unvermeidlich gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei.
+»Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte er, und als sie
+verwundert schien, fügte er rasch hinzu: »Ich hätte dich sonst am
+Bahnhof erwartet.«
+
+Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser geworden, die Hand,
+die sie beim ersten Gruß in die seine gelegt, schmaler, kälter und
+schwerer. Der Mund sah wie von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus,
+und unter den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle
+Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie wich unter
+seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige Tage in seinem Hause
+bleiben könne, und nachdem er eifrig bejaht hatte, ergriff sie mit
+beiden Händen seine Rechte und stammelte bittend: »Aber frag’ mich
+nicht! Nur nicht fragen!«
+
+Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. Das war nicht
+mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, sprühende Franziska, die
+lebenshungrige. Es war eine Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine
+mit letzten Kräften sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast
+notwendig. Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme wühlte
+und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska niemals geweint;
+nicht durch Tränen, höchstens durch Lachen hätte sie Quäcola, den
+Schimpansen, zu einer bestürzten Flucht in den Winkel des Zimmers
+veranlaßt.
+
+Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer liegen dunkle
+Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem Blick seines Auges. Es wird
+die Stunde kommen, wo es ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte
+er sich. Seinem sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen.
+
+Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der Heuduft von den
+Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, das weitheraufklingende Rauschen
+der Traun, all das trug dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen
+konnte, denn sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht
+ist.
+
+Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier seien, daß sie den
+Abend bei ihm zugebracht. Franziska hatte den goldenen Spiegel von
+seinem Gestell gehoben und blickte zerstreut auf das matte Metall der
+Scheibe. Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, und
+sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« Lamberg, der zum
+offenen Fenster gegangen war, entgegnete, ohne sich umzukehren: »Nein,
+Franzi, sie werden nicht fragen.«
+
+Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben sie eine Weile,
+die Frau mit dem goldenen Spiegel, der junge Mann, in den Mond schauend,
+und der Affe in taktvoll beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen
+beiden.
+
+Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden ins Hotel, um sie von
+der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen und was er an Aufklärung für
+geboten hielt, mit der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und
+Diskretion zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde erst am Abend
+kommen sollten, damit Franziska den Tag über ruhen könne. Daß man sie zu
+begrüßen hatte, als wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier
+mit ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und Weise dem
+Takt jedes Einzelnen überlassen.
+
+Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch der Dunkelheit
+die drei zu Lamberg kamen, regnete es schon seit einigen Stunden.
+Franziska spielte mit Quäcola Ball, der dabei eine erquickende Gravität
+entfaltete; so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die Zähne
+und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen an. »Wir lieben
+uns, wir zwei«, sagte Franziska zu den Freunden, indes der Affe von
+Lamberg aus dem Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter
+Anbeter.«
+
+Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte Haltung
+vermissen. Stumm saß er da und betrachtete das hingewelkte Geschöpf, ein
+Opfer unbekannter Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt,
+ihm einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm sie an dem
+lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von Paris, von Marseille,
+von Rom, als ob sie allein dort gewesen und eine mißlungene
+Vergnügungsreise gemacht hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich
+Franziska auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den
+Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal.
+
+Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her Platz genommen, und
+Borsati, der Franziskas Augen auf dem goldenen Spiegel ruhen sah,
+bemerkte gegen sie scherzhaft übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt,
+so wäre um das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das Thema
+mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges
+Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, die so oft ihre Hülle von
+abgeklärter Mäßigung zerriß und Heinrich Hadwigers finstern Neid mit
+vieler Laune, denn er war witzig wie Figaro.
+
+»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, »indem sie
+fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. Wer war und ist am meisten in
+den Spiegel verliebt, mein Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch
+immer die, daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung zu
+Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede Hausfrau wird
+zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen Umzug beschädigt werden, und mich
+dünkt, daß auch das schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht
+nur geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe einem
+Diamantring, der immer wieder an der Hand eines andern glänzt.«
+
+»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort,
+das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden
+andern anheimfiel.
+
+»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu
+können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn.
+
+»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger
+bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie
+für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.«
+
+»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich
+Borsati lächelnd.
+
+»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte
+Cajetan.
+
+»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt,
+soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati.
+
+»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt
+die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt,
+meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk
+eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die
+sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander
+zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt
+doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch
+immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und
+Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch
+Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so
+lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte
+erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir
+alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel
+bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste
+Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß,
+vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt –«
+Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.
+
+Alle schwiegen. »Ich denk’ es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger
+Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht
+eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die
+weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert
+mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander,
+überbietet einander, – laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!«
+
+Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes
+Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen,
+von dem Unmögliches gefordert wird.
+
+»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein;
+»wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?«
+
+»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen haben«,
+antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung hinzu: »Bei solchem Anlaß
+darf man niemals an den Spiegel denken.«
+
+»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen schon Feuer. In
+Ihren Augen malen sich schon die Bilder aus wundersamen Geschichten.
+Nicht an den Spiegel denken, das ist es! Als Richter gleichen wir dann
+nicht den Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen über
+einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern wir krönen den
+Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. Ich sehe keine
+Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. Es wird vieles sein, was
+uns aneifert; das Wort ist ja ein großer Verführer.«
+
+
+
+
+Die Pest im Vintschgau
+
+
+Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder seine Tasse
+ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich im Geist zurückschaue,
+fällt mir ja dies und jenes auf, was des Berichtens wert wäre, aber wo
+ich selbst beteiligt bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall
+ist, bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.«
+
+»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus unserm eigenen Leben
+erzählen, um wie viel weniger, wenn es sich um fremde Erlebnisse
+handelt«, erwiderte Lamberg. »Ja, man lügt mehr, wenn man über sich
+selbst die Wahrheit sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke
+stellt.«
+
+»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte Cajetan
+mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie seine Augen oder sein
+Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht größer als mein Wuchs. Wer sich
+größer macht, wird ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand
+erfüllt mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste wird wahr,
+wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.«
+
+»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, sagte Franziska
+und nahm eine Miene des Bereitseins an.
+
+»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern Schicksals, zu dem
+sein Träger bestimmt ist«, entgegnete Lamberg.
+
+»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska wieder; »ich
+finde, daß der Sinn für die Schönheit immer geringer wird; man sucht
+stets noch etwas Anderes daneben, Seele oder Geist oder Genie, etwas,
+das mit der Schönheit gar nichts zu schaffen hat und einem nur den
+Geschmack verdirbt.«
+
+»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten die Schönheit mehr um
+ihrer selbst willen geachtet hat«, antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr
+eine höhere Wichtigkeit zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise
+berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter von
+siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, daß sie die letzten
+Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett zubrachte und beständig einen
+Spiegel in der Hand hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die
+Krankheit in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster
+dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und sie duldete kein
+anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.«
+
+»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für die Schönheit
+hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im Jahre 1750 verdiente sich ein
+Londoner Schuster eine Menge Geld dadurch, daß er für einen Penny den
+Schuh sehen ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte.
+Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben vor einem
+Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere hundert Menschen die
+ganze Nacht über auf der Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre
+Karosse steigen zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.«
+
+»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der Männer«, nahm
+Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein Jüngling in einer burgundischen
+Stadt war von der Schönheit seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach
+dem ersten Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst
+erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die Pilger von
+Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal des Propheten gesehen haben,
+um ihre Blicke von nun ab vor Entweihung zu schützen.«
+
+»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete Borsati; »ich glaube
+ihm nicht eine Silbe.«
+
+»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum eine Vorstellung von
+der Energie und Glut machen, mit denen man sich damals einer
+Leidenschaft hingab.«
+
+Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er’s getan hätte«, sagte er,
+»was wir erdenken können, kann auch geschehn. Ich wehre mich nur
+dagegen, daß man aus unserer Zeit die großen Empfindungen hinausredet,
+um eine nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen zu
+schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren Zeugen wir selbst
+werden, anders aus als die mit dem Galeriestaub der Überlieferung, und
+ihre Verfeinerung oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein
+finsteres und brutales Gegenspiel.«
+
+Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte.
+
+
+»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut zu Gast. Man kannte
+mich in der nahgelegenen Stadt, und weil der ansässige Arzt über Land
+gefahren war, wurde ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus
+gerufen, wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß in
+die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war hoffnungslos, Linderung
+der Schmerzen war alles, was zu tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß
+ich lange an seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte
+mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, fünfundzwanzig Jahre
+alt, Sohn vermögender Eltern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte
+er, ich gebrauche seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier;
+leichtsinnig, verschwenderisch und in gewissenloser Verprassung von Zeit
+und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen durchaus fähig,
+war verhärtet und abgerieben durch den beständigen Umgang mit Dirnen.
+Die Atmosphäre gemeiner Kneipen war ihm Bedürfnis und die
+Zudringlichkeit käuflicher Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum,
+wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung sah er in
+diesem Treiben die Krone der Freiheit. Da geschah es, daß er auf einer
+Ferienreise in ein vielbesuchtes Hotel kam und auf dem Schreibtisch
+seines Zimmers einen Brief fand, der unter Löschblättern lag,
+unvollendet und sicher dort vergessen worden war. Er gab mir den Brief
+zu lesen, den er wie einen Talisman von der Stunde ab immer bei sich
+getragen, der sein Leben verändert und zuletzt noch seinen Tod
+verschuldet hatte. Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das
+Schreiben von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. Man
+kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht vor Armut und
+Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung vergeblicher
+Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, Härte und Niedertracht,
+entdeckt von einem Wesen, das gläubig war und das noch immer, obwohl
+mit schwindendem Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, das war
+der Text in dürren Worten, die nichts von der tiefen und natürlichen
+Beredsamkeit eines verzweifelnden Herzens ahnen lassen. Die Frage nach
+der Unbekannten war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die
+Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft geben und wiesen
+auf den großen Verkehr nächtigender Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen
+und Wohnort enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, als
+hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren Stern vernommen. Es
+ergriff ihn eine brennende Unruhe, und durch Sehnsucht wurde er geradezu
+entnervt. Daß der Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und
+Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, die so
+beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, war ihm neu und
+erschütterte die Fundamente seines Lebens. Er studierte den Brief wie
+ein Egyptolog einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten
+Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede Silbe, jeder
+Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, daß sich ein Charakterbild
+der Schreiberin immer fester gestaltete, daß er ein Antlitz sah, die
+Geberde, das Auge, daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die
+ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die andere,
+wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter von Frauen und Mädchen zu
+finden, die dem erträumten Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten,
+ging zu Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate
+in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, seinen Eltern,
+seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem Wahn sagte er sich: unter
+den Millionen, die diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist
+meine Bestimmung, sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich alle
+meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den Tausenden, an denen ich
+täglich vorübergehe, weiß vielleicht einer von ihr; mein Wille muß so
+stark, mein Gefühl so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß
+ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen Weg zu ihr bahne;
+mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding und nicht wert, geboren zu sein.
+Im Verlauf der Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das
+Ungestüm seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich die Natur
+einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte widersetzt. Nur sein
+Wandertrieb wurde nicht geringer, und so kam er denn auf einer Fahrt vom
+Norden her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil ihm
+plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen Stadt, vielem Licht,
+vielem Lärm und vielen Menschen graute. Während er traurig und müde
+durch die dunklen Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich
+abgelegenen Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert hielt und ihn
+einzutreten bat. Er folgte willenlos und ohne Bedacht, als sei er an dem
+Punkt seines Lebenskreises angelangt, von dem er einst ausgegangen. In
+der Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er ohne Anteil
+beim Wein Gesellschaft leistete, und unter denen eine durch stumme
+Lockung ihn seiner Apathie zu entreißen vermochte, so daß er mit ihr
+ging. Es war alles so still in mir, sagte er, und als ich die elende
+Treppe hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung sei
+und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, immer tiefer bis ans
+letzte Ende der Welt. Als er das Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner
+Ledertasche der Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte,
+das den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein
+geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt den Brief in die
+Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, stutzt, wiederholt den
+Blick, schaut den jungen Mann an, eine Frage drängt sich auf ihre
+Lippen, ein Schatten auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da
+erweckt ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam wach,
+erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die Schrift kenne, sie
+entfaltet das Papier, liest, Erinnerung überzittert ihre Stirn, durch
+Schminke, Elend und den Aufputz des Lasters hindurch zuckt eine Flamme
+von Bewußtsein, sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme,
+und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins schreit aus
+einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter empor. Nur noch vier
+Worte: Du bist’s? Ich bin’s! Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz
+darauf fiel der tötende Schuß.«
+
+
+Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile sagte Cajetan:
+»Schade, daß ich den Brief auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Könnt’
+ich ihn lesen oder hören, so würde mir der junge Mensch verständlicher
+werden. Es hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen
+Dokumenten auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich bleibt ja
+die Verkettung der Umstände noch immer erstaunlich genug –«
+
+»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn Franziska, »daß eine
+Person, die einen derartigen Brief zu schreiben imstande ist, in drei
+oder vier Jahren so tief sinken kann.«
+
+»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, Franzi, das
+verwandelt! Ich habe in London eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre
+Söhne und ihren Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte
+sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, im Herbst
+desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen Morphiumhöhle, einer
+schauerlichen Katakombe des Lasters, erstochen.«
+
+»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« fragte Franziska
+kopfschüttelnd.
+
+»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff.
+
+»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch doch nicht
+gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd ein. »Es gibt –«
+
+»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn man hungert? In den großen
+Städten nicht. In den Romanen vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es.
+Aber sie bricht auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.«
+
+»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte Borsati ruhig. »Und
+es muß sie geben, sonst würde ja die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.«
+
+Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes
+Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden Stühlen und das dumpfe
+Brummen einer Männerstimme folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg
+lächelnd und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen.
+Cajetan begleitete ihn aufregungslustig.
+
+Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und da er die Tür seines
+Käfigs unversperrt fand, hatte er sich ins erleuchtete Badezimmer
+begeben, war in die Wanne gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu
+seinem Entsetzen eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit
+dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend und zitternd
+vor ihm geflohen, und nun standen Tier und Mensch einander gegenüber,
+jenes zähnefletschend und schuldbewußt, die Backen in possierlicher
+Schnellbewegung, dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes,
+rachsüchtig und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte sich
+der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener anklagenden
+Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem Unwillen durch Worte Ausdruck.
+»Gnädiger Herr, mit der Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. –
+»Sie müssen ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. – »Da
+ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der gnädige Herr so
+verwöhnen«, war die Entgegnung. »’s ist ein falscher, treuloser Geselle,
+das ist er, ich verstehe mich auf –« Schon wollte er sagen: auf
+Menschen, verschluckte aber die unpassende Bezeichnung und starrte
+melancholisch auf seinen Besen.
+
+Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, dem Diener die
+Hand zu reichen, der aber wich zurück wie ein Offizier, dem man das
+Ansinnen stellt, mit seinem Degen eine Maus aufzuspießen. Heftig
+gestikulierend ließ sich der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde
+mit Leintüchern trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war
+Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, und Georg gab,
+als sie zu den andern zurückgekehrt waren, eine so vortrefflich
+nachahmende Schilderung von dem Benehmen des Tieres, daß alle in lautes
+Gelächter ausbrachen.
+
+»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte Lamberg
+schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche Dämonen zu
+betrachten. Ich lebte einmal einige Sommerwochen auf der Malser Heide,
+und ein junger Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte
+mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, bei der ein Affe
+zur Verkörperung des Fatums wurde.«
+
+»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann:
+
+
+Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der Vintschgau ein nicht viel
+einsameres und karger bevölkertes Tal als heute. Die begrenzenden
+Bergwände sind steil und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler
+blicken hochgetürmte Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- und
+Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische Laaser Stock.
+Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben emporgezackt, auf den
+Hangwiesen leuchten die Blumensterne alpiner Flora, schwarze Ziegen
+grasen bis hoch hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über
+die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße Wasserfälle
+donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel langer Engpässe und
+gewundener Schluchten läßt im Innern der Gebirge tiefere
+Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem zerklüfteten Gestein sieht man von
+Meile zu Meile uralte Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und
+die Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das
+Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um die schwärzlichen
+Moränen. Aber der Winter ist selbst im untern Tal hart; es heißt, daß
+die krankhafte Langeweile vom Oktober bis zum April fast alle
+Regierungsbeamten zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz
+übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; nur nach Meran
+führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt leichtes Volk, das viel lacht
+und wenig denkt. Im Vintschgau denkt man viel; seine Menschen sind
+hager, schweigsam, wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen
+kaum verwandelt.
+
+Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht von Belang sind in
+einer Welt, wo die herrische Natur während der längsten Dauer des Jahres
+ihre Geschöpfe in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute
+die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten,
+vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, die damit verknüpft
+waren. Die Geschichte spielt zwischen den feindlichen Familien Ladurner
+und Tappeiner, die bei Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der
+Etsch wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz und
+Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der Mündung des reißenden
+Plimabachs. Die Zwietracht bestand schon seit mehreren Geschlechtern und
+niemand kannte die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte
+Brücke sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten über
+Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, jedenfalls war es
+der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, wo Blut gegen Blut steht.
+
+Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, daß gerade die
+überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden Familien
+plötzlich und in natürlichem Widerpart gegen eingefleischte schlechte
+Instinkte einen Bund zweier Herzen hervorbringt und das Element der
+Liebe sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung der
+Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen wurde, geschah es nicht,
+weil die Liebe stärker war, sondern weil eine allgemeine Vernichtung den
+Untergang der Liebenden begleitete.
+
+Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders
+eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die
+einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen
+Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin
+erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer
+Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche
+Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst
+vor kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch
+keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten.
+
+Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen und
+der junge Franz Tappeiner, der sich in Gesellschaft einiger Kameraden
+aus Morter befand, aneinandergeraten, und es sah aus, als ob es nicht
+bei drohenden Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, als
+die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf den Arm legte und
+zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner das Mädchen gewahrte, das feste
+Schultern und Zähne wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf
+sie zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung rief
+auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen hervor. Sie hielt
+seinem Betrachten stand, und ihre Augen blickten starr wie die des
+Adlers, bis sie der Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und
+hinwegzog. Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, indem er sich
+wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, und als er hinter Romild
+wieder an dem Strick angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden
+Volk trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand eines
+vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf und ab und wehte mit einem
+florentinischen Fächer ihrem haarigen Gesicht Kühlung zu.
+
+Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. Auf einmal hielt die
+Äffin inne, ließ die glühend unruhigen Augen über die versammelten Köpfe
+schweifen, und in ihren Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit
+eines Wesens, das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, sich
+in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre Blicke auf dem
+Antlitz der jungen Romild haften; das zarte Menschengebild schien es ihr
+anzutun, sie fletschte in grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ
+mit einem Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem Nagel
+hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den überlangen Arm aus, um
+das Mädchen zu betasten. Mit einem einzigen Schreckensschrei wich die
+ganze Menschenmasse zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf
+der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem Handgelenk
+des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz seiner knabenhaften Jugend
+als ein Mensch von großer Stärke galt und den knöchern-schmächtigen Arm
+des furchtbaren Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber
+sogleich spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, daß er
+stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer Raum um ihn und Romild
+entstanden, den die Äffin durch heiser bellende Schreie vergrößerte, und
+Männer und Weiber begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die
+bestürzten Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht sahen, liefen
+beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer hatte Geistesgegenwart
+genug, den dicken Strick, der unter den Röcken der Äffin am Knöchel
+eines Fußes befestigt war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen.
+Aus einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das bleiche
+Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die heillose Verwirrung.
+Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes Zeichen, denn kaum hatte
+sie den Mund zum Ruf geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um,
+trottete wie ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit
+gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer bewegend, in
+boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der Häuser empor. Indessen
+ging der Wunderdoktor auf Franz zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch
+das Blut von der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und
+schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild war
+verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner Begleiter, die sich
+wieder zu ihm gefunden hatten, hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf
+eine Gelegenheit, um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich
+gedulden, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er wie fliehend
+an Gärten und Schänken vorüber, wo überall an rasch gezimmerten Tischen
+und Bänken die Vintschgauer beim Wein saßen und das aufregende Ereignis
+beredeten. Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, und
+wie er dort am Tor stand und in die fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel
+ein Schatten über ihn, und aufschauend sah er Romild neben sich. Das
+glitzernde Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe verfolgte
+die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend den Torweg verließen
+und im Abend, rätselhaft gesellt, verschwanden.
+
+Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, Romilds Dorf
+entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung von Gefahr, und als sich zur
+Linken eine Schlucht öffnete, folgten sie ohne gegenseitige
+Verständigung einwillig dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe
+hellte sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes
+Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte Fahne über ihren
+Köpfen. Anrückende Felsen machten den Uferpfad ungangbar, und sie
+schlugen die Richtung nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von
+St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich nieder und
+beteten, darnach küßten sie einander und nannten sich zum erstenmal bei
+Namen. Statt ins Dorf zurück, marschierten sie tiefer ins Gebirge
+hinein, um sich ein Hochzeitslager zu suchen, und Romilds stolzer Gang
+und die gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend vom
+Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten sich in frauenhafte
+Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. Als die bläulichen Ferner des
+Angelusgletschers über dem Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward
+ihnen fast heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer Welt,
+die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie selbst einander
+waren.
+
+Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken trieben sie zur
+Flucht vom Lager, und sie kamen zu einer Sennhütte, wo sie Milch und
+Brot empfingen. Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends
+stillten sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner gegeben,
+und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. Wenn die Nacht kam,
+glaubten sie Himmel und Sonne nur einen Augenblick gesehen zu haben,
+weil ihnen die Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie,
+ich weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander
+geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne Erwägung der Zukunft,
+leidenschaftlich in Trotz und Furcht, denn die Angst vor dem, was sie
+bei den Menschen erwartete, hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines
+Tages nun kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit
+Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu vor ihnen
+und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, was sich drunten im Gau
+ereignet habe, und er erzählte, daß die Goldreiner schon am
+Pfingstmontag über den Fluß gegangen seien, um die in Morter wegen der
+entführten Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die
+Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern verklagt, daß
+sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen hätten. Die Redeschlacht habe
+so lange gedauert, bis die von Morter zu Hirschfängern und Flinten
+gegriffen, um die Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das
+Gerücht gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders die Pest
+ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen Gaukler mit sich geführt,
+habe die Krankheit eingeschleppt. Ein großes Sterben habe begonnen; von
+feindlichen Unternehmungen zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die
+Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen Leute auf
+geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem Rat«, so schloß der Alte,
+»und geht hinunter zu den Euern, damit der Zauber geendet wird.«
+
+Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie sich auf, um
+heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in Traurigkeit verkehrt, und das
+längst; seit der ersten Umarmung hatten sie keine Freude genossen, aus
+der nicht grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der
+Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, ein Druck der
+heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, dann ging jedes
+seinen Weg.
+
+Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte Licht, und alle
+Tore waren verschlossen. Als Franz das Dorf betrat, grüßte ihn kein
+vertrautes Gesicht, überall war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er
+klopfte ans Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff
+erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster wurde
+geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte ihn an. Ihr Schrei
+rief Vater und Bruder herzu, man ließ ihn ein, aber da er auf alle
+Fragen nur halbe Antwort gab und schließlich verstummte, betrachteten
+sie ihn ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß die Äffin
+den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal herumtreibe; wer ihr nah
+komme, der werde von der Pest ergriffen, die von Naturns und Kastelbell
+bis Eyrs hinauf Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe.
+Schweigend lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende
+Teilnahmslosigkeit brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm alle Schuld
+zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, so wäre das Land verschont
+geblieben«, rief er, »und weil du mit einer Ladurnerin davon gegangen
+bist, darum ist ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich
+stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, sie habe
+die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, das noch offen war. Die
+Mutter warf sich Franz zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu
+lassen. Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, wollte
+hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der Faust, da rief ihn die
+Schwester fieberhaft bettelnd zurück, und er nahm wahr, daß die
+Krankheit sie gepackt hatte, denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das
+jenes Frauenzimmers, das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er setzte
+sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie die Beulen unter den
+Armen, das Fleisch zerging unter der Haut, und als sie starb, hatten
+ihre Züge den Ausdruck der Gorilla-Äffin.
+
+In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll war der einzige
+Laut des Lebens. Nachbarn hüteten sich, einander vor die Augen zu
+kommen. Der Himmel schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war
+der Tag, Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. Von
+Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster in Neuratheis,
+segneten die Leichen vor den Haustoren und trösteten die rasenden
+Kranken. Es ging kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein
+Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein Glockenecho brach
+sich an den Bergen. Aus Furcht vor dem Affen wurden die Fenster verhängt
+und die Türen verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche
+doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz den Bruder
+erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte der Vater den ersten
+Frost. Als die Sonne untergegangen war, pochte es ans Fenster, die
+Mutter schlug vor Grausen die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier!
+Das Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden und erblickte
+eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum am Brunnen stand. Er
+erkannte Romild, die aus dem zinnernen Becher mit der Gier einer
+Gehetzten Wasser trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund
+winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß er noch lebte,
+zog ihn das Mädchen bis zum Rand des ausgetrockneten Bachs. Sie hatte
+noch immer die herrisch-gerade Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war
+entfärbt von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten sie
+beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, aber nun
+kam sie von einem Haus der Toten und Todgeweihten; der Liebeswille hatte
+sie getrieben, den schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand
+sie, flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns ein
+Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, steckst du eine
+brennende Fackel übers Dach, ein gleiches will auch ich tun, so wissen
+wir doch täglich voneinander, daß wir leben«. Franz war damit
+einverstanden; die Häuser beider Familien waren so gelegen, daß ein
+Feuersignal von einem zum andern wahrgenommen werden konnte.
+
+So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde flammte von Goldrein und
+von Morter aus ein brennendes Scheit übers Tal: wie zwei irdische
+Sterne, die einander grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz
+sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, zwang er der
+Mutter, deren Herz schon erstorben und hoffnungslos war, das Versprechen
+ab, an seiner Statt das Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese
+Pflicht treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr Gewissen zu
+betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit und Entehrung. Aber
+als der Einzige und Letzte des Stammes langsam zu genesen anfing, fand
+sie sich belohnt, und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott diesen
+Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, von der Pest einmal
+erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. Am neunten Tag war er
+imstande, das Bett zu verlassen; zwei Tage später versuchte er, nach
+Goldrein zu wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende
+Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben abstehen.
+Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen Fackelbrandes vom
+Ladurnerhof gewahrt, indes die Mutter willig über seinem Haupt die Lohe
+hinausreckte, fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage
+später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er wählte den Abend
+hiezu, weil er sich bei hellem Licht der Beachtung der feindseligen
+Sippe nicht aussetzen wollte. Er wußte nicht, daß es keine Feinde mehr
+dort drüben gab und daß der Gau entvölkert war.
+
+Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die Brücke ging, und
+er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels die Stunde. Noch sah er die
+Fackel nicht, so daß er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie
+seinem Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, der Platz,
+und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst leise, dann laut. Da ihm
+keine Stimme antwortete, auch kein Schritt hörbar wurde, öffnete er
+ungeduldig die Türe und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn
+zu einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite befand sich
+ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster wurde die Fackel
+hinausgehalten, und ihr Schein erhellte düster und mit beweglichen
+Schatten rückstrahlend den Raum. Aber es war nicht Romild, in deren
+Händen das Holz brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier
+kauerte am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in gräßlicher
+Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser Nachahmung, die sich
+im Hinausstrecken des Armes mit dem brennenden Scheit kundgab, war noch
+schrecklicher als der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp
+vor den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet lag, die
+Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige Haut blutbesudelt, der
+Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, die toten Augen weit geöffnet und
+von der Kohlenglut unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz
+Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten wird. Der
+Affe schleuderte die Fackel weg, packte den Wehrlosen und zerbrach ihm
+mit einer spielenden Gleichgiltigkeit das Genick. Dann begann er
+abermals, stumpfsinnig wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild
+nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, im Fieber
+vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete Zeichen gab. Es war
+aber in seinen großen Urwaldaugen die instinktvolle Melancholie der
+Kreatur, die von weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz
+bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose Werkzeug eines
+unerforschlichen Schicksals bleibt.
+
+Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben.
+
+Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse eintraten,
+während welcher sie, von Bauern und Hirten verfolgt, durchs Martelltal
+irrte, bei einem Ausbruch des Stausees am Zufallferner von den eisigen
+Fluten erfaßt wurde und elend ersoff.
+
+
+
+
+Der Stationschef
+
+
+»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen
+Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb,
+»der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser
+Philister wie gewisse Quäcolas.«
+
+»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen
+gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe
+ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild,
+daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze
+blickte.«
+
+»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich
+Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche
+Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das
+mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die
+erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht;
+oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart
+ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich
+für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes
+wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich
+auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein
+wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem
+Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen.
+So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er
+hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht,
+freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum
+erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und
+brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und
+beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse;
+seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu
+verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn
+ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie
+führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um
+Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur
+wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von
+seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für
+Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die
+ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht
+mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt
+hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich
+überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und
+in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den
+Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den
+Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig
+vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.«
+
+»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich
+würde sie ›der junge Hirt‹ nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich
+hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes
+Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering
+wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung
+werden.«
+
+Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«,
+erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des
+Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht,
+können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.«
+
+»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan.
+»Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol
+für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine
+fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen
+armseligen Sinn sie nicht spüren.«
+
+»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu
+grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger.
+
+»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen
+werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie
+enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie
+eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten
+unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte
+und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der
+Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um
+uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen
+Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den
+Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln,
+wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch.
+Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es
+passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines
+bürgerlichen Nero zurückgeführt.«
+
+Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen.
+
+
+Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der
+Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein
+gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende
+Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal
+innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan;
+nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer
+Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu
+betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll
+Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um
+vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er
+erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit
+Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus
+eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame
+erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen
+Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu
+betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs
+um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines
+vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete
+Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste
+Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen
+Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso
+oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der
+Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von
+Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll
+eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen
+wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die
+Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus
+dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den
+verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und
+Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise
+verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen
+von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten
+Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe,
+die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und
+durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er
+bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit.
+
+Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren
+versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu
+befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so
+tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit
+verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die
+menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die
+Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins
+Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung,
+breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die
+nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen
+Schätzen und Wertpapieren sitzt.
+
+Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung
+zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend
+nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter
+diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein
+Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im
+Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden
+mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu
+bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde.
+Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden,
+der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß
+der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet
+sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden,
+wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten
+geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und
+seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es
+zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und
+Brotstelle gejagt wurde.
+
+Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines
+pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er
+glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens
+war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von
+Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht
+bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in
+der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd
+fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der
+Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen
+Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen
+Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich
+erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und
+schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an
+Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder
+in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an
+ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und
+die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an
+ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt,
+daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt
+von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen,
+so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr
+vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet
+eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein
+totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam
+der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und
+da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio
+Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation
+gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken;
+er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen
+Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust
+erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als
+das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen
+erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und
+wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen
+neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten
+die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr
+mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während
+er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten
+Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie
+gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten
+nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von
+außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des
+Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den
+Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so
+eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde
+drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste
+trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das
+Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich,
+gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut,
+die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode
+selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga
+schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee
+bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff
+ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern
+Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war,
+entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging
+in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich
+pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der
+Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie
+sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch
+klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil
+sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich
+ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu
+verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein.
+
+
+»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte
+Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme
+Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines
+häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein
+Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit
+zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres
+Frauentum darin liegt.«
+
+»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den
+Engel erlöst.«
+
+»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich
+die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache
+bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem
+Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und
+Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher
+geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder
+ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen
+derer, die eingreifen und zermalmt werden.«
+
+»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und
+gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit
+zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete
+Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor,
+daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da
+im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße
+Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich
+die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste
+ungehemmt sich betätigen dürften, – das Land würde rauchen von den
+Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein
+Fanatismus fordern würden.«
+
+»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen
+Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d’Herbois war ein mittelmäßiger
+Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater
+spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten,
+die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen
+müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot
+d’Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was
+ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen
+Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging
+d’Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es
+anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein
+Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs
+Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die
+die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen
+Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder
+Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem
+Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten,
+der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und
+nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung
+der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine
+Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er
+gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.«
+
+»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre
+geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend.
+
+»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska
+traurig.
+
+»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist
+jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine
+Begabung, lasterhaft werden muß.«
+
+»Dieser Collot d’Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus
+dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung
+seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour
+rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus
+Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb
+und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er
+wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische
+Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit
+einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor
+dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in
+die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines
+Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter,
+der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder
+anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt
+verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden,
+denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das
+Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit
+jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die
+Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem
+Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden
+Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten
+ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die
+vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele
+Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen,
+als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich
+glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der
+Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.«
+
+Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den
+Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln
+abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da
+Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema,
+noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers
+Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer
+bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch
+auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen
+Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die
+Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska
+ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen
+heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen,
+ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den
+Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben,
+allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd.
+
+Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes
+gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was
+dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er
+auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise
+in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine
+Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle
+Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die
+Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie
+vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger
+Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, – Verzeihung, auch
+an die Frau.«
+
+Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe
+die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht
+selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es
+verdient.«
+
+In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und
+Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie
+unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als
+die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen,
+welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte
+Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und
+es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des
+Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne.
+Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung
+bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten,
+der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da
+vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für
+Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine
+ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse
+man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch
+zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man
+wagen und wie weit man gehen dürfe.
+
+Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa
+Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen
+Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und
+schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie
+gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der
+Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer
+Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände
+in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen,
+woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern
+fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein
+mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das
+mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum
+wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab
+dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er
+sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte
+den Ausdruck ungeheuchelten Kummers.
+
+Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit,
+daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten
+erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu
+unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von
+einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie
+gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren
+hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich
+einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen
+mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen
+den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder
+Wille könne da nur zerstörend eingreifen.
+
+Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen
+an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der
+Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden,
+die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so
+naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für
+immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den
+unfreundlichen Elementen zu überliefern.
+
+
+
+
+Geronimo de Aguilar
+
+
+Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als alle bei der
+abendlichen Lampe wieder versammelt waren, begann Cajetan seine
+versprochene Erzählung wie folgt.
+
+
+Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die Geister des alten
+Europa bewegte, lebte in Spanien ein verarmter Edelmann namens Geronimo
+de Aguilar, ein ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph
+Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur den einzigen
+Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. Aber da war guter Rat teuer.
+Als Matrose oder Soldat oder selbst als untergeordneter Offizier auf
+einem Schiff zu dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die
+Leitung auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte man
+entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb nichts übrig, als
+sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo sich mit Recht sagte, daß
+jede Stunde kostbar sei und jeder verstrichene Tag ihn einer
+unwiederbringlichen Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen
+Nächte über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend vor
+ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens bis abends
+beschwatzte er Freunde und Bekannte, saß in den Vorzimmern hoher und
+höchster Herren, reichte Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen
+ein, und mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit
+jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen.
+
+»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz Columbus erreicht
+hat, ist noch nichts, und wenn man mich gewähren läßt, will ich zeigen,
+daß es nichts ist; ich will euch die Atlantis der Alten wiederfinden,
+will Länder erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns
+Pflastersteine, und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück,
+daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben könnt, wie sie jetzt im
+königlichen Tresor bewacht werden. Aber säumt nicht länger, denn die
+Zeit ist trächtig.«
+
+Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine schwarzen Augen
+brannten, als ob der ganze Mensch mit Feuer angefüllt sei. Viele hielten
+ihn natürlich für einen Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext,
+aber es gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß es den
+Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu schicken, und daß ein
+Mann, der die Kraft zu großen Geschäften in sich spüre, nicht mit der
+Bescheidenheit eines Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines
+Tages ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der vom Hof
+verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, zu sich kommen, und indem
+er auf einen mit Goldstücken bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier
+sind zehntausend Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen
+und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu opfern. Rüsten
+Sie damit die Brigantine Elena aus, die mein Eigentum ist und im Hafen
+von Cadix vor Anker liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren.
+Höre ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld und
+Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter Dinge zurück, so
+sind Sie durch den Verlauf des Unternehmens nicht nur als lächerlicher
+Rodomont entlarvt, sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren
+Übermut und Dünkel zu bestrafen.«
+
+Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos Blut in
+Wallung versetzt; in diesem Augenblick empfand er nur überschwängliche
+Freude; er nahm stumm die Hand des Grafen, beugte sich nieder und
+drückte sie an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild
+man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, gesammelt und
+maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung und Befrachtung des
+Schiffes wußte er zu nutzen, was seine Vorgänger durch Erfolge wie
+Mißlingen ihn gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und
+Tüchtigkeit, daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende war. Zu
+Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen beendet, und an einem
+klaren Oktobermorgen lichtete die Brigantine die Anker und stach in See,
+begleitet von den Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo
+stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine Flamme, als ihm
+das Vaterland den letzten Gruß schickte. Er ließ kein Herz zurück, kein
+Gut, keinen Freund, nicht einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es,
+und er bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden Visionen,
+hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen zärtlicher Art.
+
+Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung
+lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen
+Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne
+niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer
+Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen
+Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken
+lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo
+dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas
+des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen
+und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann,
+das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es
+befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt
+über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im
+Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und
+mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen
+Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen
+Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden
+verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat,
+Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als
+verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?
+
+Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder
+einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine
+Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese
+Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der
+Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die
+leibhafte Erscheinung gebunden war.
+
+Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele
+Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten
+trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war
+zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener
+Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf
+ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll
+Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden
+und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine
+Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie
+das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine
+Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten
+Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und
+fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar
+zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft
+vom Meer verschlungen.
+
+Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den
+selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus
+Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde
+von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen
+geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen
+Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen
+umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer
+half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf.
+Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete
+nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die
+Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte,
+die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie
+ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen
+Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen
+Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren
+prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme
+sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder
+Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten
+Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit
+Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger
+Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm,
+gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der
+Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen
+Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn
+in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte.
+
+Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der
+Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er
+Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines
+Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum,
+unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl,
+auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd,
+die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten,
+jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder
+Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der
+er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so
+schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch
+unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das
+märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das
+Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der
+selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein
+war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug
+ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine
+Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht
+geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem,
+was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine
+Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher
+Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen,
+versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in
+ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte,
+die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten.
+
+Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine
+Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er
+sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde
+sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden
+durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen;
+ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren,
+erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche
+Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte.
+
+Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung,
+derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von
+Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der
+Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser
+Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen
+Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken
+gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte.
+Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit
+Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in
+jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser
+hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des
+Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester
+beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines
+unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen
+Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen
+Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert
+und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt
+werde.
+
+Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl
+verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der
+Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in
+seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und
+folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit
+Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch
+imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber,
+denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich
+denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt,
+was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung
+der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die
+Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns
+wohnen.«
+
+Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle
+einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs
+Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren
+konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil
+und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu
+richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf
+sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren
+er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast
+unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom
+Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen
+aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande
+brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo
+doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot
+eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.
+
+»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und
+vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den
+düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft
+flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten.
+– »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. – »Ein solches
+Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge
+Herrscher. – »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie
+lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor
+Erregung, zu verstehen. – »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«,
+entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften
+Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich
+erneut.«
+
+Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die ihm verstattet war,
+denn der Mond stand jetzt in seinem Anfang. Er bereitete sich zu
+unablässiger Wachsamkeit vor, aber wer weiß, wie es ihm trotzdem
+ergangen wäre, wenn er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn
+bewachenden Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben aus
+den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war ausgebrochen und
+hatte den Knaben, der schon aus vielen Wunden blutete, überfallen. Mutig
+stürzte Geronimo hinzu, ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu
+gebrauchen und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern Tag kam
+der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar gekleideter Mann, in
+sein Haus, dankte ihm bewegt, sah ihn tief und lange an, neigte sich
+plötzlich zu seinem Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst,
+Fremdling, bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten
+Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den Tod, weil er das
+Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen Fürsten verraten zu haben.
+Einige Tage später kam ein Abgesandter des Kaziken und fragte den
+Geronimo im Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den
+Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte eine tiefe
+Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur ernst und verneinend den
+Kopf. Wenige Stunden hernach stellte sich ein zweiter Sendbote ein und
+verkündete, das schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von
+reinen Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; der Fürst
+werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre ausschlage. Durch die
+offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit doppelt zur Vorsicht
+gemahnt, wiederholte Geronimo seine Weigerung in gleicher Form.
+
+Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war er nicht wenig
+erstaunt, sich in einem andern Raum zu finden als der war, worin er sich
+zur Ruhe begeben. Es war ein von oben matt erhellter Saal, voll von
+einer bläulichen Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren von einem
+Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, den diese Blumen
+ausströmten, hatte die eigentümliche Folge für Geronimo, daß er seine
+Gedanken lähmte und zugleich eine fieberische Begehrlichkeit in ihm
+aufregte. Die Mexikaner besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der
+Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit Wirkungen hervor,
+die sonst nur von Giften und narkotischen Getränken erzeugt werden. Auch
+liebten sie die Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere
+Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit Blumen geschmückt, in
+Prozessionen durch die Landschaft zogen.
+
+Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete Portal
+schritten und sich ihm näherten. Sie trugen schöne Gegenstände in den
+Händen: goldgewirkte Stoffe, goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich
+verziert waren, ein Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit
+Perlen gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und aus
+Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen Blättern
+umgeben, und die beiden letzten stellten einen Springbrunnen vor ihn
+hin, der einen funkelnden Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine
+Vögel, ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem Staunen
+betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm der älteste der
+Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, sagte er sich, daß man
+mit solchen Herrlichkeiten eine ganze spanische Provinz reich machen
+könne. Dennoch verzog er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf
+der Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach einer Weile
+erhob er die Augen und sah an der Längswand des Raumes zwölf junge
+Mädchen mit ebenholzschwarzen Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie
+auf dem Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; dabei
+lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung ziele. Es waren
+drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, drei Stoffwirkerinnen und
+drei Perlenputzerinnen. Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos
+umher, entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten mit
+falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im Chor beinahe
+flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie im Wechsel den Namen Tochrua
+gellend und sehnsüchtig hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die
+ganze Schar kauerte sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger
+Körper zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme
+aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen Weise, und
+die Leiber schienen sich den Gewändern wie einer neblig trüben
+Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch leuchtete in sattem Karmin und
+strömte einen rosenartigen Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben
+und drängten sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an,
+als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn wie weiche
+kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte sich ab und wühlte das
+Gesicht in die Kissen. So wollte er bleiben, was auch kommen mochte, und
+da es nun ruhig ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er
+wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und zerschlagen und
+suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß er seine Gedanken
+hartnäckig über den Ozean in die Heimat schickte.
+
+In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem Blumensaal. Er
+begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, daß sie ihm betäubende
+Mittel in die Speisen oder ins Wasser mischten. Während die Blumenwände
+gestern hauptsächlich aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten,
+waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte gelbe Dolden
+blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich fernem Trommelwirbel, dann
+erschallten die hellen Klänge eines Beckens, dann aufregende
+Lustschreie, dann ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in
+der Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. Geronimo
+grübelte, wie er es anstellen könnte, sich zu schützen, da wurde es
+hell, und fünf zierliche Mädchen traten an sein Lager. Jedes trug einen
+Smaragd von märchenhafter Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste
+Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die eines Horns, der
+dritte stellte einen Fisch mit goldenen Augen dar, der vierte war höchst
+kunstvoll zu einem Reif verarbeitet, der fünfte und schönste bildete
+eine Schale mit goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm
+knieend dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, und
+das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt durch ihren Kreis eine in
+purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. »Tochrua!« riefen ihr die
+Mädchen zu, und sie grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme
+voll Metall und an den Endungen der Worte austönend wie in einem
+Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste hatte sie Perlenketten
+geschlungen, die durch den Flor schimmerten, und sie kam nahe heran und
+sagte zu Geronimo: »Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand es
+wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. Sie breitete
+die Arme aus und die Mädchen zogen ihr liebkosend den Schleier vom
+Haupt, da gewahrte Geronimo, daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie
+Zedernholz die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie ein
+aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« sagte sie, und
+immer wieder, in immer neuer Musik der Stimme.
+
+Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang dumpfer
+Gesang von allen Seiten, von unten, von oben an sein Ohr. Er suchte sich
+abzulenken mit Bildern, die ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den
+Bildern seiner Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich
+kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das wieder abnehmende
+Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua als einen Schatten, jede ihrer
+langsamen Geberden erweckte eine quälende Neugier in ihm, und fast
+verlor er unter den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen,
+Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf seinem gewöhnlichen
+Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. Faul schlich der Tag dahin,
+niemand besuchte ihn, schweigend eilten die Diener durch das Haus,
+Markt- und Straßenlärm erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er
+Tochruas Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst
+begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es Abend wurde,
+kam ein weißhaariger, magerer und finsterer Priester in sein Gemach,
+starrte ihm eine Weile forschend ins Gesicht und sagte: »Merk auf,
+Fremdling! Tochrua muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit
+entfernte er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung.
+
+In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah nichts.
+Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte die tiefe List darin, und
+seine Ohnmacht verurteilte ihn zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte
+er unter einer hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein
+Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen hielt.
+Die Kuppel stand auf Säulen in einem von blauen Flämmchen geisterhaft
+erleuchteten Garten, von dem man nur schwarze Laubmauern sah, und im
+Laub drinnen kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen
+kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. Geronimo
+gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und hinabtauchendes Gesicht,
+das gleichsam mitten aus einer Verzückung geflohen war, dann nackte
+flüchtige Körper, die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als
+dies, und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern glühten,
+eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, daß Tochrua käme,
+rings um sein Lager häuften unsichtbare Hände Reichtümer über
+Reichtümer, die Luft war voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich
+zahllose Arme nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem
+Zwitschern vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden,
+und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des ganzen Treibens versetzte
+Geronimo in feurigen Schrecken. Es fruchtete nicht, daß er die Lider
+zudrückte, er spürte die Gestalten durch die Haut, er atmete den
+verführenden Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten,
+auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam der
+Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, und so schaute er
+denn.
+
+Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, Lende an Lende,
+ungenügendes Licht machte sie wesenloser, und auf einmal erschien vor
+den hold Zurückweichenden Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo
+richtete sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern könne,
+die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, ihr Antlitz
+war ernst und betrübt; ein aufrichtiges Gefühl und edle Teilnahme war in
+ihren Mienen und verkündeten dem erlahmenden Geronimo das nicht
+abwendbare Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, wenn
+er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen der Gefahr inne,
+schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs Lager zurück und verblieb
+regungslos. Als die Nacht zu Ende ging und er noch einmal mit
+erleichtertem Sinn zu schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von
+Mädchen und Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren,
+durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite war, auch
+sangen sie eine Weise, die einem Totenlied ähnelte, und klagende Stimmen
+riefen: »O Malinche! O Malinche!«
+
+Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen preisgegeben, und
+der aufgereizte Zustand seines Innern verwandelte sich in eisige
+Erstarrung, als sie in der nächsten Nacht, diesmal hatten sie ihn in
+seinem Haus gelassen, den Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein
+Sklave hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, das noch
+zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut auf dem glänzenden
+Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen über Geronimos Wangen, und es war
+ihm, als ob alle Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich
+gebrochen wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die Wollust
+des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihm
+bisher erstrebenswert geschienen. Es kam ihm vor, als sei er nur ein
+Ding, fern vom Leben und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die
+vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele gerast war, und
+daß er nichts auf der Welt besessen, weil er nichts auf der Welt
+geliebt. Und welche Künste sie von nun ab ersannen, ob ihre biegsamen
+Körper durch den duftenden Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische
+in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft lockenden
+Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine Begierde, weil der Tod
+sich in das beziehungsvolle Spiel gemengt, und auch deshalb, weil sie
+alle so lieblich waren, Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen
+den Brand der Sinne auslöschte.
+
+In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn ins Freie. Alsbald
+stand er am Fuß eines Treppenturmes, dessen breit ansteigende Stufen
+sich erst im dunklen Äther zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan,
+und wie er so die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein
+befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, von einer
+schweren Krankheit genesen zu sein, und das berückende Schauspiel, das
+sich ihm bot, verwandelte vollends sein Herz.
+
+Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: einen Himmel von
+überwältigender Sternenpracht, den Horizont beglüht vom Feuer der
+Vulkane, in geahnter Nähe das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend,
+den blaugrünen Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und Feuerkäfer
+durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, aus den Wäldern die
+Stimmen kreischender Vögel, das heisere Kläffen des Tukans, den Schrei
+des Baumpanthers und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst
+den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform des
+Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten und sich vor ihm,
+zum Zeichen, daß er die Probe bestanden, zur Erde beugten, da war es
+unumstößlicher Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den
+Europäern Kunde von diesem Land geben konnte.
+
+Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat mußte man
+glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, und Jahrzehnte,
+Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte er, bis ein anderer Seefahrer
+an diese Küste verschlagen wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein
+neues Land und faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob
+es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank verschließen
+kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau
+gezwungen, plötzlich Vorzüge des Geistes und des Körpers an ihr findet,
+die ihn veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr
+aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. Nun
+liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen Himmel mit einer nie
+gekannten Inbrunst; er liebte die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut
+schienen, die undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den
+Heuschreckenbaum, den Armadill, das Jaguarrohr, das über vierzig Fuß
+hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken von Wipfel zu Wipfel
+schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen rührte ihn umso tiefer, wenn er
+sie mit der Lasterhaftigkeit seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges
+Schreiten, ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen Tier
+und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und zweckbeladenen
+Schwere, die er in der Heimat gewohnt war zu sehen. Er erinnerte sich
+der Unbill, die er von Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß
+verschlungenen Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; und daß er
+dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine wunderlose Zeit und Natur
+ihre Geschöpfe aus Krampf und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben
+verdammte, dünkte ihn kaum noch begreiflich.
+
+Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art des Fremdlings
+nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn mit Geschenken, und Geronimo
+hinwiederum zeigte sich durch sinnreiche Ratschläge und allerlei
+Unterweisungen des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche
+Erscheinung unter ihnen genoß. So vergingen Monate und Jahre, in denen
+Geronimo fast jedes Andenken an sein früheres Leben austilgte, als eines
+Tages das Gerücht eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste
+viele große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden Waffen, auf
+grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt des Kaisers zu.
+Geronimo erschrak, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner.
+Er beschwor den Kaziken, ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu
+bekämpfen. »Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte der Fürst,
+»aber nun künde uns doch, ob diese Fremden deine Brüder, ob sie
+gleichfalls Söhne der Sonne sind, und was es für Tiere sein mögen, mit
+denen sie verwachsen scheinen.«
+
+Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, und besonders die
+Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. Geronimo beruhigte sie nach
+Kräften, aber es war ihm klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren,
+diese lieblichen, ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt
+in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat des
+Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt er mit dem Heer
+des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie noch von dem Tal trennte, in dem
+die Spanier lagerten. Inzwischen hatte der Anführer der kleinen
+spanischen Schar, Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine
+Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer seiner
+Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener oder als Gast
+konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. Er sandte Botschaft und ließ
+dem Fürsten ein Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden,
+sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre Gewalt
+geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er vor das Zelt des Fernando
+Cortez gebracht, und dieser selbst trat auf ihn zu, ein mächtig
+anzuschauender Mann, blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen
+jeder begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich wieder
+bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen und trotzigen
+Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm den Mut. Er wußte nicht, wie ihm
+geschah, plötzlich beugte er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder
+und begrüßte seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen
+Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden und darnach die
+Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab und weinte. Cortez umarmte ihn
+huldvoll, viele von den Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber
+was sein eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht
+wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab es keine Heilung
+mehr.
+
+Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte er seine
+merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu berichten. Um nicht das
+Ziel des Neides zu werden, schenkte er den neuen Gefährten vieles von
+seinen mitgebrachten Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur
+ihre Habsucht an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt
+werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh er den Einflüsterungen
+Geronimos ein williges Ohr und zog mit seiner Mannschaft über das
+Gebirge. Nun war er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes
+und der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er das Heer des
+Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt verlegte, unschädlich
+machen könnte, wußte er unter der Maske des Wohlwollens für den jungen
+Fürsten Geronimo dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte,
+den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen Empfangs in
+das spanische Lager zu führen. Geronimo ließ sich täuschen. Er
+schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Cortez, wenn er die Feinde in
+ihrer Übermacht erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde und
+daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und mörderischen
+Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er also zu den Mexikanern, und
+seinem beteuernden Zuspruch, wobei er die eigene Person als Geisel
+anbot, gelang es, den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und
+Nützlichkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch war der
+Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. Sein Zelt wurde
+mit Wachen umgeben, und niemand durfte ihm nahen außer Cortez und
+Geronimo, der bei den Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs
+äußerste bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel
+Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer wieder, daß es
+nur eine einschüchternde Maßregel sei, um die Barbaren im Zaum zu
+halten. In der Tat wagten die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange
+ihr Herr in der Gewalt des Spaniers war.
+
+Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich in das Zelt des
+Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. Der junge Fürst kauerte auf dem
+Boden; seit zwei Tagen aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo
+ermuntern wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein Reh, wenn der
+Winter kommt. »Rede doch, Malinche, deinem Gebieter zu, daß er mir die
+Freiheit gibt,« sagte er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines
+Palastes dafür ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte
+Geronimo noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem Erstaunen
+völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er teilte ihm die Worte
+des Gefangenen mit und flehte dringlich, Cortez möge den Fürsten
+entlassen. »Eine solche Bitte ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don
+Aguilar,« erwiderte Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter
+hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn verloren und verdammt.
+Zum zweiten Mal ging er in das Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm
+nieder. Der unglückliche Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte
+er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine nackte Haut
+sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was könntet ihr billig
+verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die wir bloß Menschen sind?«
+
+In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; Geronimo
+eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt gegen das aztekische
+Lager. Auf eine nächtliche Überrumpelung nicht gefaßt und durch das
+Schnauben, Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten
+Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos und wurden von den
+Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. Als Geronimo zur Walstatt kam,
+war alles schon entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an
+Gold und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, die
+Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt und Geronimo,
+von einem leidenschaftlichen Gram überwältigt, verwünschte sich und sein
+ganzes Leben. Als er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt
+des gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem Teppich
+hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz durchbohrt.
+
+Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo
+durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen
+Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem
+Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun
+erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden,
+die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten,
+um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde
+geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe
+durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und
+bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise
+verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine
+Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen
+Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend
+Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies
+Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen
+Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser
+Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster
+Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine
+solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter
+ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.«
+
+Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den
+Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos
+lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern
+unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge.
+Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer
+zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten
+begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer
+rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so
+wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort
+von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm
+Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die
+zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach
+vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da
+faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht
+ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er
+heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war,
+löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem
+Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig
+mit den Rudern und fuhr hinaus.
+
+Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie
+sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine
+Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten
+Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie
+konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er
+hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten
+einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er
+steuern?«
+
+Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach
+einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins
+Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem
+einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß
+niemand.
+
+
+
+
+Von Helden und ihrem Widerspiel
+
+
+Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der
+Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den
+Erzähler.
+
+»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg
+Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von
+Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die
+Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch
+traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die
+Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche
+Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents
+erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder
+wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine
+der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß
+diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß
+sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«
+
+Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«,
+antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen,
+sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich
+poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es
+keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer
+und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie
+bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«
+
+»Trotzdem denk’ ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht
+Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie
+dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt,
+satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der
+Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen
+westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen.
+In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt
+unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er
+ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine
+Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet
+sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der
+Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der
+Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von
+Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse
+Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht
+habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker
+und in Ketten schmachtete.«
+
+»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati.
+»Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es
+Auffassung, scheint mir.«
+
+»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«,
+versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß’ es mir nicht ausreden, daß die
+meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen
+Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum
+der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu
+erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«
+
+»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf
+Hadwiger hin.
+
+»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«,
+sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit!
+Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge
+gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus
+gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er
+wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit
+Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem
+Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den
+Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den
+Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie
+auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich
+die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde
+hingerichtet.«
+
+»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer
+gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt,
+während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.
+
+»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das
+Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts
+anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich
+vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry
+Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze
+von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika
+samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an
+Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«
+
+
+»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte
+Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische
+Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und
+zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine
+Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als
+England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich
+verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der
+Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte,
+griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser
+Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem
+Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei
+Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um
+in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund
+gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der
+grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in
+aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord
+wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts
+ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die
+Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich
+wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes
+Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten
+Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu
+retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu
+bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch
+erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den
+andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert
+oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid
+und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte
+sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar
+bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in
+Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in
+unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen
+Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die
+Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen
+sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken
+entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen
+unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche
+Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und
+endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der
+Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne
+Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört,
+lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen
+Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren
+Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die
+toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig
+am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit
+begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er
+sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem
+Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in
+denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten,
+und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner
+ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das
+seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und
+küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur
+Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser
+Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat
+kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und
+versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es
+dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines
+Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und
+haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein
+gebrochenes Versprechen des Glücks.«
+
+
+»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die
+Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht
+einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der
+niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für
+eine große Sache erfüllen.«
+
+»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch
+verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften
+gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte
+Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«
+
+»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung
+erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die
+ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ.
+Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt
+keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer
+ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und
+worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus,
+Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht
+als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und
+Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt,
+die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten
+Georg nach England gebracht wurde.«
+
+»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele
+und wir verzichten auf alle Argumente.«
+
+
+»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der
+Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor
+den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig
+erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr
+ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer
+liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in
+ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den
+Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den
+seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin,
+willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände
+und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und
+Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle,
+der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der
+italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach.
+Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in
+ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie
+werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke,
+Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen
+Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor
+sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht
+kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend;
+eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie
+schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig
+fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher
+Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr
+tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie
+anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie
+sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum
+Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie
+am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte:
+dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen
+die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus,
+lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit
+aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu
+jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot
+verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem
+Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse
+getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und
+falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er
+sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit
+den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach
+mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als
+sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich
+nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie
+endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein
+Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll,
+und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die
+Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen
+herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr
+besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so
+schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der
+sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts,
+wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für
+immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte
+sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«
+
+
+»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene
+Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war
+der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine
+Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«
+
+»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«,
+antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen
+betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie
+vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und
+Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und
+die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar
+Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«
+
+»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte
+Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als
+ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und
+wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die
+Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«
+
+»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem
+Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja
+alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das
+heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da
+er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die
+Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte
+ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher
+Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige
+Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur
+Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung
+seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine
+Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem
+Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr
+unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem
+Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man
+treffen kann.«
+
+»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte
+Lamberg.
+
+»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich
+Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit
+der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich
+erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.
+
+
+Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach
+zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn
+auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten
+Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war
+sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine
+reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als
+Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel,
+und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann
+gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn
+übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit
+ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie
+beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde,
+sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und
+betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein.
+Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er
+brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges
+Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume
+hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts
+fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche
+Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es
+war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von
+schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und
+Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter
+Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war,
+zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von
+M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate.
+Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in
+der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper
+und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der
+Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen
+einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen
+verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des
+Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren
+Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte,
+Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu
+sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen
+oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen
+jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen
+Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit
+gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit
+rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr
+einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert
+immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er
+sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer
+Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein
+wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war.
+Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für
+allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens
+stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner
+künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das
+ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß,
+der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den
+Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an
+Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende
+Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er
+Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz
+sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und
+jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist
+an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte
+Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und
+Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines
+Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er
+nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die
+Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug
+zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine
+Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre
+alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden
+Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert
+hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß
+angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender
+Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte
+ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten
+einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse
+heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus
+entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu
+kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein.
+Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling,
+und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen
+Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer,
+in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie
+lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war
+ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch
+immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit
+schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war
+wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So
+erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der
+Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie
+über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer
+erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er
+nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch
+knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter!
+oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe
+vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden.
+So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb
+wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an
+der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«
+
+
+»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati
+sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der
+Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens
+ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in
+Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir
+atmen eine unheroische Luft, Freunde.«
+
+Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden
+Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz
+der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster,
+Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die
+Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte
+sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen
+Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.
+
+»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei
+abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr
+wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am
+Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen
+Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der
+Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann,
+ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu
+geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos,
+und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen
+ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau
+verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige
+Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und
+Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es
+spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein
+Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein
+Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch
+vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie
+folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der
+schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern
+vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den
+tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde
+angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen
+Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig
+geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter
+Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu
+überzeugen.«
+
+»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und
+Schwarz gewinnt.«
+
+»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn
+nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der
+Bankhalter diktiert die Einsätze.«
+
+Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf
+einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für
+vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war.
+Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre
+weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die
+Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die
+Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen
+körperlichen Schmerz.
+
+Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig
+pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.
+
+
+
+
+Der Tempel von Apamea
+
+
+»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag
+zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich
+so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm
+bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.«
+
+»Ich wußt’ es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er.
+
+»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska.
+
+»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge
+weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust,
+und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu
+beichten.«
+
+»Zu beichten? Wie meinst du das?«
+
+»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren
+sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht
+denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.«
+
+Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.
+
+»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg
+das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so
+rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen
+die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man
+sich und andern unbequem.«
+
+»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab,
+und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.«
+
+»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt’ ich nichts dagegen,
+und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.«
+
+»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.
+
+»Vielleicht. Oder wenn _du_ reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor,
+unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann
+wollte ich –« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf
+ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie
+wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie
+verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um
+sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge
+über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt
+aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf;
+ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte
+Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.
+
+Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit
+Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier
+guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es
+ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er
+spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg
+wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche
+Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es
+kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine
+Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar
+alte Münzen.« – »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar
+anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« –
+»Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der
+vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher
+auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike
+zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät
+sich selber.«
+
+In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit
+ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich
+Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen,
+schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul
+kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur
+wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, –
+vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen
+Inselstrand, – dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle
+Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen
+Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen
+sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne.
+Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen
+ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen
+Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die
+lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem
+höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.
+
+»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte
+heran.
+
+»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.
+
+Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht
+gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.
+
+»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.
+
+»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach
+Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem
+Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal
+greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig
+gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir’s.«
+
+Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht
+Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung
+geben, daß er Sie nicht versteht.«
+
+»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.«
+Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn
+Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir
+ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska,
+»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.«
+
+Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt
+noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war
+gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die
+verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer.
+Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze
+Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie,
+als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie
+mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir
+kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht
+kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.«
+
+Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von
+ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen
+Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die
+Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«
+
+»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben
+habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und
+doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von
+Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«
+
+»Angenehm«, murmelte Borsati.
+
+»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr
+das junge Weib fort.
+
+»Nun, – süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf
+schüttelte.
+
+Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler,
+erdig-keuscher Geruch.«
+
+»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.
+
+Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte
+plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich
+fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal
+traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er
+so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen
+Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen
+über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns,
+starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das
+werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und
+erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die
+andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor
+Erstaunen aufgewacht.«
+
+»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt
+eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine
+Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im
+Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine
+Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen
+dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben
+Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend
+auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.
+
+»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in
+einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die
+Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen
+gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit
+zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht
+gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot
+ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der
+Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher
+Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird.
+Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander
+die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich
+eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin
+ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren
+Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der
+mich mit verderbten Blicken anstarrt.«
+
+»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war
+voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen
+Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem
+dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr
+neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig
+warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von
+oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein?
+Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst
+um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«
+
+»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«,
+sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld;
+Ungeduld ist Wollust.«
+
+»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden
+Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da
+stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig
+wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in
+einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich
+sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften,
+sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in
+ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann,
+ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und
+widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden
+zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter
+Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie
+stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich
+plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt,
+stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich
+weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich
+überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und
+ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende
+ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie
+opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.«
+
+»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist
+sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind
+deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder
+schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie
+mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich
+plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen
+sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da
+ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre
+ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde
+mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern
+Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir
+ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit
+unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte,
+war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel
+herabnahm, um mich zu betrachten.«
+
+»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz,
+»eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in
+der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich
+zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht
+glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese
+Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich
+suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte
+nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes
+erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und
+mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn
+grenzt.«
+
+»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte
+Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis.
+Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann,
+dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe
+geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht
+hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder,
+jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf
+einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern
+ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet,
+auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in
+den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen
+ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich
+nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und
+kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber
+immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln
+übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem
+Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist
+aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die
+vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er
+hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn,
+daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.«
+
+»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich
+Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch
+ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art
+wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am
+Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber
+ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus
+einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen
+vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die
+Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte
+stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich
+den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich
+von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen
+den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten
+schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche
+Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad
+nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich
+kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie
+bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und
+alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich
+hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt
+hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«
+
+»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber
+vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt
+geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter
+und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner
+Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich
+kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie
+wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum
+sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man
+ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur
+das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je
+dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und
+Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der
+tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze,
+schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«
+
+»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«,
+versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der
+Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der
+Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und
+ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das
+Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber
+traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so
+geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild
+hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und
+wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum.
+Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die
+Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein
+tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die
+Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein
+jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben
+sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu
+werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte
+Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom
+Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug’ in
+Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor
+geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an
+Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie
+sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam
+schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille
+entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die
+Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das
+einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum
+Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so
+plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die
+Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der
+körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen
+aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm,
+bis sie beide sterben.«
+
+»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte
+Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der
+Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«
+
+»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief
+Franziska.
+
+»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar,
+und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon
+Geschichte oder Gedicht.«
+
+Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne
+fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von
+Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen
+sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und
+keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat
+war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle
+Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die
+man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war
+gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie
+stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie
+an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt
+verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und
+schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und
+postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend
+nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl
+geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise
+gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn
+vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«
+
+»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht
+merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser
+Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein
+Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete
+ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch
+nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen.
+Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche
+Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er
+eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige
+aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß
+er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen
+Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die
+ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn
+sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes
+Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem
+eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen
+dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter
+Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle
+Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu
+teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer
+Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück
+selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus,
+um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ
+er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig,
+sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte
+und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen
+luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau
+am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei
+Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im
+Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte,
+tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste
+in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten,
+von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er
+während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug
+viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg,
+und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit
+und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich
+eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein
+großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit
+sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die
+Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine
+Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen,
+damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber
+niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann,
+dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder
+aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war,
+erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen
+vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion
+erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß
+sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen
+Juden versprach.«
+
+»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich
+kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus
+herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte.
+Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre
+hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und
+Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien,
+als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«
+
+Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine
+Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von
+Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle
+weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine
+Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie
+diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten,
+so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte
+sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in
+ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren,
+sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine
+Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins
+Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die
+imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen
+der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich
+gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf
+die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen
+blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines
+Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war
+fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren
+durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken
+zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn;
+plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was
+die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich,
+ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines
+Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube
+folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen
+hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es
+dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die
+Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß
+sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin
+Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und
+meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren
+Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals
+treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war
+die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen
+Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität
+glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten
+Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von
+Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich
+ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang
+geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der
+Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben
+müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu
+fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die
+klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand,
+und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend
+vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das
+Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge
+mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren
+alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt,
+wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr
+körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun
+Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf
+oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau,
+bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich
+zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«
+
+»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«,
+sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe
+zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist
+das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge
+macht es stutzig.«
+
+»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«,
+antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht
+zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas
+ärgerlich hinzu.
+
+»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender
+Heiterkeit.
+
+»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von
+Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«
+
+»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte
+Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten
+aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister
+zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst.
+Stimmt die Gleichung?«
+
+»Also ein Wunder, Georg, erzähl’ uns von einem Wunder!« rief Franziska.
+
+Lamberg lachte. »Das nenn’ ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«,
+entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden
+wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie
+ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein
+Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«
+
+
+Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im
+römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum
+nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein
+Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater,
+seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von
+den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich
+dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und
+mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein
+Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die
+Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im
+Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der
+Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion
+des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig
+im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er
+war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts
+von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie
+ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im
+innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das
+Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte
+ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der
+Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten
+erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den
+Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der
+Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern
+des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das
+Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung,
+an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd,
+entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst
+verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des
+götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer
+Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank
+jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in
+einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von
+mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut
+versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der
+sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten
+Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und
+Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war,
+den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren
+Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben,
+und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die
+Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert.
+Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren
+Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav
+und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten
+olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen
+sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene
+Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen
+verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten
+nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was
+den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am
+Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen
+geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender
+Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an
+Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie
+die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig
+Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur
+unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre
+Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, – es war, als ob
+Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam
+Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem
+Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben,
+denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs
+Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die
+prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung
+Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der
+Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele
+von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß
+sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt,
+während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen
+könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses
+Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem
+Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit
+ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich
+nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den
+Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr
+Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der
+dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde
+erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst
+die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten
+unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war
+ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm
+vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg
+er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung
+gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch
+diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen
+viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend
+und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht
+einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr
+strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die
+Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das
+Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer
+Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die
+Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die
+gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten.
+Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese
+Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert.
+Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den
+Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten,
+und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den
+Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen
+Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie
+zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres
+blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu
+sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen
+zerfleischt worden wäre.
+
+
+»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen,
+die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist
+einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten
+konnte, still zu stehn.«
+
+»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.
+
+»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie
+kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der
+täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein
+Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr
+belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um
+sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß
+er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen
+Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch
+allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und
+was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr
+dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht
+oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das
+Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten
+immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu
+schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat
+zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.«
+
+»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan.
+»Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele.
+Nennt ihr die Erfahrung, so nenn’ ich die Halluzination und das Leben in
+Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in
+einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen
+Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen
+Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll
+ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht
+habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von
+der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge
+schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies
+erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf
+einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir
+Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt
+jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was
+geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die
+Natur gesetzt hat.«
+
+Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte
+erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte
+er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans
+Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche,
+die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden
+können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst
+Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr
+vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte
+einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise
+mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von
+Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr
+bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der
+markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als
+das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte
+Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg,
+und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben
+versuchen will.«
+
+»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil
+Feuer machen; Franziska friert.«
+
+Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich
+die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See
+stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das
+Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes
+Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden.
+
+Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine
+Erzählung an.
+
+
+
+
+Die Gefangenen auf der Plassenburg
+
+
+Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen
+Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen
+Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran
+und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf
+Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich
+der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades
+seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der
+Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und
+Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche,
+nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den
+fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen
+und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach
+den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz
+andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute,
+arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden
+waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe,
+Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der
+Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume
+sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt,
+geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der
+Seufzer und eine Stätte des Schweigens.
+
+Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der
+Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung:
+es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im
+Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter
+hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das
+Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor
+sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und
+ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung
+des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung
+zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich
+krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er
+wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem
+Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben
+Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der
+Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen
+bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so
+unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem
+höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff
+an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden.
+Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein
+allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam.
+
+An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten zwei wohlgekleidete
+junge Leute auf der Straße von Bayreuth nach Kulmbach. Sie hatten in
+ersterer Stadt ihr Gepäck mit dem Postwagen vorausgeschickt und
+benutzten das schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung.
+Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder gaben sie sich für
+Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit miteinander. Der eine,
+Alexander von Lobsien, war ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner
+Jüngling, der andere, Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett,
+sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, hatten Wien
+und Prag besucht, wollten nach Weimar und von dort an den Rhein. Peter
+Maritz, ein ruheloser Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die
+damalige Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein Gefährte
+besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu Gast geladen war.
+
+Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise nur die
+vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie alle Jugend jener Tage,
+von dem Drang nach Tat und Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten
+sie sich der Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen zu
+heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als gerade die
+Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. Man war ihrer
+Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. An der Grenze von Böhmen
+hatten sie durch Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen
+erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch das Bedauern
+getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, als das Volk nach
+langem Schmachten in Tyrannenfesseln – ich bediene mich der zeitgemäßen
+Ausdrucksweise, – sich endlich anschickte, für seine Rechte in die
+Schranken zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was nach
+Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders für den
+hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom Spiel zu sein. Er redete
+fortwährend, lief seinem Genossen stets um fünf Schritte voraus, blieb
+dann stehen, perorierte und fuchtelte mit den Händen wie ein
+Tribünenredner. Ich sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein
+harmloser Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem
+Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten und Pfaffen je
+unschädlicher ist, je geräuschvoller sie sich gebärdet; aber damals
+waren auch die Fantasten, die aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen
+Thron und Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz
+zeichnete sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas
+Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht ein wenig feig
+war, ein wenig Prahler wie viele korpulente und rotbackige Menschen, das
+will ich unentschieden lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er
+sich ziemlich wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von
+seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die mitunter etwas
+Fertiges sehen wollten, als elende Philister brandmarkte, und alles, was
+die Gleichstrebenden hervorbrachten, entweder mit kritischem Hohn
+verfolgte oder durch den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder
+verkleinerte.
+
+Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, der an sich
+zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt ist, unbegrenzte
+Freundschaft entgegenbringt, war es auch mit Alexander von Lobsien der
+Fall. Er erblickte in Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich
+selbst beargwöhnend, nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner
+Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, in denen
+mit jugendlichem Feuer die Revolution besungen wurde. Er hatte mit
+seinem Gefährten noch nie davon gesprochen und hielt die Poesien
+ängstlich verborgen, obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie
+kennen möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, dessen
+Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz entflammten und ihm mehr
+bedeuteten als der Beifall der ganzen übrigen Welt.
+
+Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot ihnen bei jeder
+Wendung einen neuen Ausblick auf das in schönen Spätnachmittagsfarben
+glänzende Land, und von einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten
+sie in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme von Kulmbach.
+Versonnen schaute Alexander hinüber und sagte: »Überall da wohnen
+Menschen, und wir wissen nichts von ihnen.« – »Das ist richtig«,
+antwortete Peter Maritz; »alles das ist Botukudenland für uns. Und warum
+wissen wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu wenig
+wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, so ganz zum Ertrinken
+tief hineinstürzen, und wenn ich dann wieder auftauchte, wollt’ ich
+Dinge machen, Dinge, sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust
+alle viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander,
+würd’ ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du verspinnst und
+verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, du läßt dich von deinen
+Träumen betrügen, das Leben fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde
+Leben.«
+
+Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, senkte den Kopf.
+»Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter Maritz begeistert fort. »Was weißt
+du von den Millionen, die da unten in der Finsternis sich krümmen,
+während du an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du
+wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die Sonne nicht
+verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark und Blut riecht, wie ich das
+Menschheitsfieber spüre, wie mich verlangt, die Fäuste in den gärenden
+Teig zu stemmen! Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich von
+England aus die Peitsche über die dummen deutschen Köpfe sausen lasse!
+Erleben will ich’s, das Ungetüm von Welt, erleben!«
+
+»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer Art?«
+erwiderte Alexander zaghaft; »alles was das Auge hält, der Gedanke
+berührt, Sehnsucht und Liebe, Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das
+_nicht_ Erleben? Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer im
+Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden Renner selbst zu reiten.
+Schlimm, wenn ein Poet in der Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die
+tätige Nation und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du
+hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges Schleichen um
+den Brei, seit langem spür ich’s, und mich zieht’s hinunter zu den
+Dunklen und Unbekannten, nicht um zu schauen, genug ist geschaut, genug
+gedacht. _Mit_ ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in
+ihnen.«
+
+»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete Maritz mit der
+Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz ist. »Wenn es dein Fatum ist,
+geschieht’s. Doch es ist dein Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der
+Kontemplation. Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen
+Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur deine Feder gegen
+sie, und nicht das Schwert.« – »Und du?« fragte Alexander. – »Ich? Ja,
+bei mir, siehst du, ist es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir
+das sagen, ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart.
+Da wälz’ ich seit Monaten einen Stoff in mir herum, Mensch! wenn ich dir
+den erzähle, da kniest du einfach.«
+
+Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden Suada seinen
+Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch gestimmten Fürstensohn, der,
+mit seinem Herzen ganz beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge
+der Bedrückung eines despotischen Regiments ist. Während eines noch zu
+erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und Felonie kommt es wie ein
+Rausch über ihn, er tötet den Vater, reißt die Gewalt an sich und
+verkündet seinen Untertanen die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß
+er zu schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, ein
+jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben aus, er vermag die
+Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt hat und am Ende töten ihn
+die, denen er die Luft zum Atmen erst gegeben.
+
+»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; »das ist ein
+Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer zu haben ist.«
+Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; aber er wagte den Einwand, daß
+der Vatermord keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König
+müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. Peter Maritz
+war außer sich; er raufte sich die Haare; er erklärte dies für die
+größte Tölpelei, die ihm überhaupt je ins Gesicht hinein gesagt worden
+sei. Nichtsdestoweniger blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung,
+und streitend rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand sich
+schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte Wirt
+begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den bei Dunkelheit eintreffenden
+Fußgängern nicht erspart bleiben konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich
+rasch, als sie sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da
+auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers angedeutet
+war. Er wies ihnen die besten Zimmer an und führte die Hungrigen hierauf
+in ein Honoratiorenstübchen, das neben dem allgemeinen Gastraum lag.
+Peter Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der Wirt
+hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur mit frischem Bier
+dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. Ohne eine Kraftprobe ließ es
+aber Peter Maritz keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er
+durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen will ich nicht
+wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir den deutschen Wein!« worüber
+ein paar ehrsame Beamte, die dort zum Abendschoppen versammelt saßen,
+ein heftiger Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem
+Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die Köpfe
+gegeneinander.
+
+Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, jedoch beim Käse
+schlug Peter Maritz ungestüm auf den Tisch und rief: »Ich kann mir nicht
+helfen, Alexander, aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser
+einleuchtet. Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten Wasser ist,
+nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch des Prinzen nicht erhaben
+genug. Wozu das ganze Brimborium, wenn alles ausgehn soll wie das
+Hornberger Schießen? Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen
+werden, sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.«
+
+»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander maßvoll, »aber
+daß ihn der eigene Sohn töten soll, das wird den Prinzen in den Augen
+des Volks nicht ins beste Licht setzen, fürchte ich.«
+
+»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch wird er
+schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er muß ihn ermorden; wie könnte
+ich besser die Sklaverei veranschaulichen, unter der das Land keucht?
+Kann deine empfindsame Seele nicht begreifen, was für eine grandiose
+Katastrophe das gibt?«
+
+Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. Der Lehrer, der
+Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der Kreisphysikus, sie schauten
+verstört vor sich hin, der Busen zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie
+wagten nicht mehr, von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende
+Wirt machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen die
+heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Ein
+paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, und es dauerte nicht lange,
+so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, bis an die Zähne bewaffnete
+Stadtsergeanten und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, wo die
+beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer erdichteten Person
+rauften. Auch die Bürger und der Wirt drängten sich neugierig und
+schlotternd gegen die Schwelle. Das Donnerwort: verhaftet im Namen des
+Königs! brachte eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor.
+Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, fragte
+nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß visierten Pässe. Der
+Hinweis auf den mit seinem Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr
+qualmenden Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit weit
+entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten Leute in ihrem
+Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die drei Gesetzesgewaltigen über
+ihn her und legten ihm Handschellen an.
+
+Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz und
+Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. Sein
+bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der Obrigkeit, fruchtete
+nicht. »Wir haben über eine Dichtung beraten«, sagte er höflich zu dem
+Apotheker, der sich am eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete.
+»Nichts da, solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die
+grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge alles aufklären
+würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun das Wirtshaus; Rede und Widerrede
+floß leidenschaftlich. Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man
+habe zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse war
+auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten von Fürstenabdankung,
+Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; so wurde man also, abends vor
+dem Schlafengehen, in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, lief
+herzu.
+
+Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem mädchenhaften
+Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis und Verwunderung. Der Gang
+zum Polizeihaus war der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes
+Spektakel. Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem Hirschengasthof
+geholt hatte, und der ein wenig angenebelt war, führte das erste Verhör.
+Er schien nicht übel Lust zu haben, die beiden Leute für harmlos zu
+erklären; da traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der
+Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das in voriger Woche
+zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende Sicherheit gebe, sowohl gegen die
+Mordbuben, wie sie sich ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des
+entrüsteten Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden
+Demagogen-Gelächter zu: »Nur frisch drauf los! schließlich wird man auch
+in Krähwinkel Genugtuung finden für die Niedertracht und die Dummheit
+einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« Das war zu viel. Der Aktuar wiegte
+sein Köpflein; mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu der
+Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf der Plassenburg
+internieren müsse, bis man der Regierung den Sachverhalt dargelegt und
+Befehle eingefordert habe.
+
+Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation eines Revolvers aus
+der Tasche von Peter Maritz. Alexander war froh, daß man sein dünnes
+Manuskriptheftchen, das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht
+entdeckt hatte und daß man mit der willigen Ablieferung seines
+Kofferschlüssels zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der Gedanke,
+daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten sich mancherlei
+Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen konnten, ihre
+verdrießliche Lage rasch zu bessern.
+
+Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, umwaldete Burg
+glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte und fluchte unablässig,
+aber als sie beim Schein eines Öllämpchens vor dem aktenbeladenen Tisch
+des Wachoffiziers standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein
+Letztes zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete wie ein
+Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche und verschlafene Herr
+hatte keine Ohren für einen Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero
+sechzig.« Das war die einzige Antwort.
+
+Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens zu zweien und
+nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel entledigt. Der Wärter
+sagte ihnen, daß das Gebot des Schweigens, das hier waltete, für sie
+nicht giltig sei, da sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie
+sich hüten, einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum
+erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden lief ein gelindes
+Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, an eisernen Türen vorbei
+kamen sie in den Raum, der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte
+Wände, zwei Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger,
+selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete auf den
+Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie waren im Finstern. »Ach
+was«, seufzte Alexander, »eine Nacht ist kurz.« – »Jawohl, wenn sie
+vorüber ist«, brummte Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden
+begann. – »Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht
+werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften Ton, der echt
+klang. – »Laß mich in Frieden«, wetterte der Dramatiker, »verdammter
+Einfall, verdammtes Land.« – »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der
+Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch zu dem großen
+Leben gehören, das du mir so gepriesen hast?« – »Mensch, ich glaube, du
+spottest meiner«, rief Peter Maritz wütend. – »Mit nichten, Freund. Ich
+denke eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner hier sein
+mögen, und von wem uns diese Mauern rechts und links scheiden. Ich komme
+mir vor wie in die tiefste Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und
+wenn ich mir gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller
+Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will mich unser
+Unglück nicht mehr so groß dünken.« – »Der Geschmack ist verschieden,
+sagte der Hund, als er die Katze ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs,
+worauf ich liege, ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich
+sonst verrückt werden müßte vor Wut.«
+
+Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte Peter Maritz
+schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des Neides und mit dem andern
+Gefühl leiser, fast noch wohlwollender Geringschätzung gegen den Freund,
+überließ sich seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen
+Poetennaturen, denen Welt und Menschen im Guten wie im Bösen eigentlich
+nie ganz nahe kommen können, als ob ein Abgrund des Erstaunens
+dazwischen bliebe. Nur das Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die
+Teilnahme über den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie
+die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen und
+entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger Ruhe auf das Kommende zu
+blicken, das sich seiner Ahnung mehr als seiner Vernunft vorverkündigte.
+
+Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit wie die
+hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß leibliche Augen gesehen hatten,
+ohne zu wissen und empfunden zu haben, was das Schweigen hier bedeutete?
+Die fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste waren,
+hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit zu beklagen, hatten
+die Übeltaten vergessen, durch die sie die Gemeinschaft mit freien
+Menschen eingebüßt, und jeden erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu
+dürfen. Nichts weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich
+der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom Hitzigen, der
+Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg Veranlagte nicht vom
+Schwätzer, der Trotzige nicht vom Bereuenden. Der Neuling ertrug es
+noch; im Anfang schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch von
+gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes tönte noch in ihm. Drei
+Tage, zehn Tage, zwanzig Tage vergingen; was er zuerst kaum bedacht,
+dann nur als lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille
+entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein Laut der
+Liebe, das mächtige Wort eines Richters, die Mahnung eines Priesters,
+die Bitte eines Opfers, all das gab dem Nachdenken Stoff, der
+Dunkelheit einiges Licht.
+
+Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder beim Gottesdienst in
+der Kapelle, was in den Zügen der Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit
+den Genossen regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch
+im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen an sein Ohr; er
+durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige sühnte schwer, wenn er sich
+vergaß. Die nicht gesprochenen Worte belasteten das Gedächtnis; wenn
+einer den andern anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die
+Luft, scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn,
+blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale der Ungeduld
+bildeten eine Sprache für sich. Lief eine Maus über den Boden des
+Arbeitsraumes, so zitterten sie; die Lippen des einen rundeten sich zum
+Ruf, die des andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure
+Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren Stäben auf die Tische
+schlugen und mit Blicken die Zungen bändigten, die sich regen wollten.
+
+In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere Nichts zu
+murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer und befriedigte so wenig wie
+den Durstigen die Feuchtigkeit des eigenen Gaumens labt. Mit dem
+Fingernagel oder mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den
+Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach dem Schall. Es
+überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, und mancher meldete sich zu
+einer Mitteilung. Gefragt, was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang
+der Sprache entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und
+bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, nannten
+erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, die jeder
+Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man war darauf gefaßt; das Abenteuerliche
+wurde schnell durchschaut, dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht
+und der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen dürfen,
+daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, ihm geantwortet hatte.
+
+Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen und Monate
+erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes Blatt, und alles rings um
+ihn wurde grauenhaft lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die
+Dinge laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich gewesen,
+wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit und Zeitverlauf gebunden
+hätte; nun war sie ein Schrecken. Wer kann es aushalten, immer bei sich
+selbst zu weilen? Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im
+Menschen innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch nur
+Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, schuldig oder
+minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde alles Leben zu einem
+Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften und Geheimnisvollen, auch
+ihre Laster und ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu.
+
+So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich vom Dorf zur
+Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine finstere Höhle, erinnerte sich,
+obwohl Jahre seitdem verflossen waren, an gewisse Bäume, glattrindige,
+mit ausgebreiteten Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad waren wie
+Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, auf dem sie geritten,
+ein Hund, den sie abgerichtet, ein Vogelbauer vorm Fenster, eine
+Tabakspfeife, die sie besessen, ein Becher aus dem sie getrunken, der
+Winkel an einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm,
+ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem Bild geworden, worin
+sie sich verspannen, das ihnen Brücken schlug zum ungehörten Wort. Sie
+versetzten sich in Räume, sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle
+Gegenstände in den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur
+vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, Tisch und
+Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das erzählte, all dem
+antworteten sie, jedes Dinges Form da draußen, in fern und naher
+Vergangenheit, war Wort und Sprache.
+
+Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue keine Kraft mehr.
+Deshalb dachten sie in verbissenem Haß der Umstände, die sie einst
+überführt. Den einen hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf,
+den dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den fünften ein
+Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten der Schnaps. Nun
+beschäftigte er sich tage- und nächtelang mit diesem Einzelnen, zog es
+zur Rechenschaft, fluchte ihm, sah alle Gedanken davon regiert,
+erblickte es in jedem Traum. Und die Träume waren angefüllt mit
+Gesagtem, ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von
+nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was einem Kaufmann seine
+Unternehmungen, einem Seefahrer seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen
+sind. Brach dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an,
+die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so taumelte er
+schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die Gewalt des Eigenlebens, das er
+plötzlich zu verantworten hatte, erdrückte Hirn und Brust; die
+Luftsäule, die Sonne, die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte
+ihn nur so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, und
+es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben freiwillig ein Ende
+bereiteten, nur darum, weil sie nicht gleich einen Gefährten fanden, um
+zu reden.
+
+In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer Art, die
+beiden jungen Männer verschlagen worden. Als Peter Maritz am Morgen
+erwachte, schlief Alexander noch, denn er hatte erst spät den Schlummer
+finden können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die
+Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen können. Hiezu
+schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen machte er den Freund
+lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, der neben dem Fenster an die Mauer
+geschrieben war. Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich
+leiten, er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« Darunter hatte
+eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich einen Galgen seh, tut mir
+gleich die Gurgel weh.« An einer anderen Stelle war ein Beil gezeichnet,
+mit den Worten: »Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war
+folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, laß mich nicht
+so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, doch nicht so schmal bemessen
+wie du dem Sünder gibst, den du so innig liebst.«
+
+»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, »und es ist
+immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns unter Kollegen befinden.« Erst
+nach einer Stunde erschien der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen
+wollten, und nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch
+und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter geführt zu
+werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer Wutanfall packte ihn, als
+die Tür wieder versperrt wurde; es dauerte lange, bis Alexander ihn
+beschwichtigt hatte, und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen.
+Alexander begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick auf
+den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne von
+Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter Aufseher geführt,
+paarweise mit langsamen Schritten über das Steinpflaster wandelten.
+
+Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger Gestalten
+erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit tiefen Kerben um die
+Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln am Kinn, oder auch langbärtig, oder
+auch ganz glatt, wie es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe
+waren geschoren, die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme und
+Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe über die
+andern; er schien kaum zu atmen, seine Augen waren zugekniffen, der Mund
+stand offen und hatte einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm
+ging ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule glich, roh,
+gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender fletschte die Zähne,
+ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch Ungeschlachter hatte einen
+Ausdruck idiotischer Schwermut, ein schlanker Kerl lächelte süß und
+infam. Einer sah aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig,
+breitgängerisch, ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein
+Geistlicher, ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein
+Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig und
+geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen Schacht und nach außen
+hin nur lauschend gleich Hunden, die sich schlafend stellen und schon
+bei einem Windstoß die Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien
+ihnen wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern hinzog,
+schreckten die einen zusammen, die andern hefteten starr und finster die
+Blicke empor.
+
+Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter Maritz runzelte die
+Brauen und meinte, das sei eine schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das
+Fenster war offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre
+Gesichter wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, dann
+drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher ballten drohend die
+Faust hinauf und winkten, Alexander und Peter traten bestürzt zurück.
+Lebhaft bewegt, schlug Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«,
+murmelte er, »und doch Menschen!« – »Dich dauern sie wohl?« fragte Peter
+zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht dich dort zum Schuldner, wo du
+nicht handeln kannst. Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib’ sie
+gegen das Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du
+Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir hast.«
+
+Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine Augen brannten
+und mit einer Geberde schönen Zorns warf er Peter Maritz die Blätter vor
+die Füße. Ruhig bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu
+lesen, schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, ein
+gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches Gesicht,
+und schließlich, dem Harrenden glühten schon die Sohlen, er schämte
+sich, bereute schon, schließlich sagte Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht
+artig. Eine gewandte Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher.
+Aber was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. Wenn
+du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du ein schlechtes Gewissen dabei
+hast.« Alexander hätte weinen mögen; er verbiß seinen Schmerz,
+entgegnete aber nichts. Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche,
+reicher an Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer Stunde
+gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor sich hin, während
+Peters Ungeduld beständig wuchs.
+
+Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten aus
+dem Reich halber in Angst und Aufregung geraten wäre, hätte sich wohl
+unter den Beamten und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den
+die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht hätte. Trotz der
+verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern entdeckt hatte, ließ der
+Aktuar den Wunsch verlauten, sie in eine minder entwürdigende Umgebung
+zu bringen. Der Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß
+die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden Nacht
+verwickelt wurden.
+
+Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein Friseur namens
+Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei Jahren verurteilt war. Er hatte
+sich schon bei der Kopfschur ungeberdig benommen, und als die
+Hausordnung verlesen wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot,
+lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die Kameraden mit
+flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch und untätig, rührte sich
+erst nach dem dreimaligen Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er
+in die Todenstille des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! wißt
+ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und Herren massakriert?
+Eine große Zeit bricht an. Es lebe die Freiheit!« Weiter kam er nicht,
+drei Aufseher stürzten sich auf ihn, und obgleich er nur ein
+schmächtiges Männchen war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er
+wurde sofort in Eisen gelegt.
+
+Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus wie
+Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen wird. Erst
+allmählich wirkte das gehörte Wort; es gab also diese Möglichkeit, die
+bisher nur wie Fantasmagorie und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln
+ihres Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, dann
+konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie mußte. Es ging eine
+furchtbare Verständigung von Blick zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr
+nachmittags; um halb sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die
+Wärter, den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß,
+beschlossen, die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando wurden
+die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel,
+Sackleinwand, auf das zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese,
+Hennecke war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über den
+ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu Boden. Im Nu
+folgten die Gefährten seinem Beispiel; keuchend und dumpf jauchzend
+schlugen sie ihre Peiniger nieder, banden sie mit Baststricken, stopften
+ihnen Knebel zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze
+des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig;
+vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, fünf in Dunkelhaft. Die
+Schar teilte sich; die größere Anzahl unter dem Befehl Woltrichs, eines
+blatternarbigen Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die
+Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache selbst zu
+überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, der
+verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. Der Gewehre hatten sich
+die Meuterer mit umsichtiger Schnelligkeit versichert; das Haupttor
+wurde zugeschlagen und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden
+in einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke sämtliche
+Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. Die ganze Horde
+wälzte sich aus dem dunklen Eingang in den Schloßhof. Hennecke fragte,
+ob einer von den Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane
+nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht
+erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg hinabrennen sehen. Es wurde
+beschlossen, eine Wache auszustellen, und Hennecke kommandierte einen
+Alten auf die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er sich
+ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern trennte, welche die
+Genossen aus der Kantine herzuschleppten.
+
+Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten
+unter den Letzten in den Hof und duckten sich scheu in einen Winkel. Am
+liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie
+sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte
+zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist
+eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat umgesetzt werden, wenn man
+gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt,
+wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in
+Gefahr geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; er
+sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben
+abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden,
+Schicksal auf Schicksal gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine
+zersprengte Tür.
+
+Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn,
+Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe
+Hahn geheißen, schlug vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden.
+Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das
+Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten
+Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäuler
+mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn
+jetzt brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur allmählich
+den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle
+der Rausch. Sie schrieen und gellten durcheinander, lachten und tobten
+grundlos, räkelten sich auf der Erde, patschten in die Hände, johlten
+unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander,
+zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten,
+pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rachen.
+
+Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler,
+sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: »Wie wir leben, so halten wir
+Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen
+und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen.
+Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen
+Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine
+Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren.
+Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch
+in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere
+Konrad genannt, redete mit Entzücken von der Brandstiftung, die er
+begangen und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt.
+Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren
+verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war
+immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest
+von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte
+alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte den
+Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht
+und einen Reichshofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich
+auf Edelsteine und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu
+werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum
+Vorschein gekommen sei.
+
+Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in
+den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild
+geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat
+gewesen, sondern Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig
+Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers,
+hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter
+Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten hatte er ihre Ersparnisse mit
+der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des
+Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen
+Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der
+Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen Buche
+wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar erschlagen hatte; seine Gedanken
+hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter
+seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er,
+kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil
+er die Frau verführt und der nicht müde wurde, zu schildern, wie er vom
+Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe
+hinaufgeschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt
+und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie
+er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern
+herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie
+mich,« sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen
+Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« Der gelbe Hahn
+erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein
+Schwager an sich gerissen. Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der
+Sterbestunde zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das
+verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er
+damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden
+wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die
+für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und
+scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken
+Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem
+durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so
+zugegangen: er hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen; da er
+aber meist Leichname rasierte, so konnte er dies Geschäft an den
+Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als
+er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen
+schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er den
+verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze
+seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen.
+
+Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige,
+Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder
+verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte.
+
+Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, saß Christian
+Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch
+Blick und Geberde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im
+Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer
+Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die
+tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine.
+
+Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, um sich und den
+Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder,
+Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und
+Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets
+hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera
+in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die
+neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde
+wertlos; kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren,
+da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die
+Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise;
+bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine
+entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im
+Haus, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das
+bißchen Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug keinen
+Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und
+endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei
+jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht
+beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu
+sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den
+Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist.
+Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen
+vertieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die
+Lebensbeschreibungen seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha und
+Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung
+froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war, die Hälfte
+des Gewinns, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert
+Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen;
+sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, das Geld war hin. Kein
+Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen
+tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das
+Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde
+Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die
+Schwägerin.
+
+Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur
+Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen
+verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, für sie zitterte er
+vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur noch ein einziger
+preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die
+Zeit selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege.
+Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren
+und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse
+Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete
+für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel
+fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine.
+Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie
+vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um
+den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er
+zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. Eine
+schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da, der
+Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte
+er nicht. Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der Bosheit,
+dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal,
+beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr
+Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige,
+vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich,
+mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die
+fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch,
+ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre
+Käufer finden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit
+entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der
+Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter!
+Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als
+das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des
+Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen
+Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die
+Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein Weib mit einem
+Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In
+wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war
+eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehren der alten
+Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die
+Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen
+Eßwein im Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der
+Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte
+der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn auch nur der entfernteste
+Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liebe
+gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der
+Schußwaffe an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal zu küssen,
+bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos
+hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende
+mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank
+nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst
+nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es
+in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen der Heilung; Haft,
+Gericht, Verhör, das alles war ein einziger schwarzer Traum, bis endlich
+das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht
+finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei.
+Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte er erschüttert, als ihm
+der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief
+er; »gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel
+selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« Er
+wollte sich durch Verhungern töten, aber die körperlichen
+Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser
+Absicht zu entsagen.
+
+Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze
+Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die
+andern gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas
+Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht
+fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das
+Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des Lebens und daß er
+kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge
+beachteten ihn kaum; sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders
+Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der wegen
+Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so verzerrt und böse,
+wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben
+Stadt wie Eßwein und hatte alles sozusagen miterlebt.
+
+Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die Wahrheit hinter
+dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn
+nicht dazu da, sie zu empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der
+schaut, mit tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not,
+ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf
+hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den
+Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare
+Verworrenheit eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt so den
+Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der
+Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will
+und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie
+leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese
+und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre
+Kinder, diese und die draußen, den Landmann am Pflug, den Drechsler an
+seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg,
+den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den
+Uhrmacher, die Lupe am Aug’ und auf die Rädchen lugend, den Schlächter
+und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den
+Drucker am Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der
+Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten
+sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen,
+nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen
+deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten
+trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen,
+Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten Leben. Und diese
+haben keine Worte, fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aber
+besitze die Worte und bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich.
+Doch nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter ihnen bin
+ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für mich, was ich rede,
+Stummheit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller
+Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen
+versagt hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich muß fern von
+ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wirklich leben, heißt
+zermalmt werden von denen, die stumm sind.
+
+Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm
+war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht
+lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem
+versichert hatte, im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und
+drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer
+zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. In einen Ruf war
+ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersichsein des Andern;
+Prahlerei klang wie Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit
+Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch einen
+zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich; daß sie
+hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den
+Richter belogen, gezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger
+Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll.
+Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes
+verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der dritte
+plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen
+und gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten
+einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß
+Gotteslästerungen aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart,
+in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich
+stich- und schußfest zu machen; der Schatzgräber sprach von der
+Zauberblume Efdamanila, mit der man alles Gold in der Erde finden
+könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener
+Romanfloskeln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der
+er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte
+vielleicht zwanzigmal, ob jemand die Geschichte des Majors Knatterich
+kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben.
+Dazwischen hörte man Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie
+Johannes dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann hab
+ich einen glupischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch ’rum,
+wenn er meinen Namen hört.« Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben;
+Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte
+er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, du ungeheures Meer!
+Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm
+Alexander Mut zu. Er erwiderte: »Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der
+auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der
+bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen.
+Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut.«
+
+Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens Friseur wie
+Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt,
+seine Opfer zu frisieren, wenn sie tot vor ihm lagen, und der nur
+deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer
+also stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Geberden voll
+Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« keuchte er, »der Eßwein.«
+
+Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte
+seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge
+erhoben sich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem
+Feuerkreis, und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll,
+was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in die Halle; der
+Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte schluckend auf und ab.
+
+Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern
+entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte
+verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander,
+als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und
+feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren Halt, er
+taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle.
+Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand um seinen Arm, aber es war
+schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres Blicks
+und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als
+Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen.
+»Es sind Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen sie
+her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten schoben sich gegen
+sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. –
+»Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und
+Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« – »Die wollen
+Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. – »Die kommen aus einer guten
+Küche,« ein dritter. – »Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser
+liegt,« ein vierter. »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief
+Hennecke und ballte die Faust.
+
+Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein
+abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle
+näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und
+brüllte mit Donnerstimme: »Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind
+Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben
+Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind,
+verderblicher als Kanonenkugeln.« – »Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her
+mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus
+damit!«
+
+Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war
+verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Übelkeit.
+Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert,
+Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich,
+mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste
+Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh
+eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten
+drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da
+entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in
+große Positur und las mit schmetternder Stimme:
+
+ Ich richt euch einen Scheiterhaufen,
+ auf dem das Herz der Zeit erglüht,
+ mein Volk will ich im Blute taufen,
+ das sich umsonst im Staube müht.
+ Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen
+ und Kronen, die der Rost zerfraß,
+ euch müssen sich die Fürsten neigen
+ und wer im Gold sich frech vermaß.
+
+ So öffnet denn die dunklen Kammern
+ und strömt hervor wie Gottes Schar,
+ es soll mich heute nicht mehr jammern,
+ daß gestern Nacht und Grausen war.
+ Auf denn, ihr Armen und Geschmähten,
+ du seufzend hingestrecktes Land,
+ genug der ungehörten Reden,
+ setzt nur das alte Haus in Brand.
+
+ Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
+ von eurer Not klagt Dorf und Flur,
+ den stolzen Henkern keine Gnade,
+ zerschmettert Höfling und Pandur.
+ Der Feige mag vergebens zittern,
+ der Held macht seine Brüder kühn,
+ und aus zerbrochnen Kerkergittern
+ wird neue Welt und Zeit erblühn.
+
+Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum
+erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die
+Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der
+Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings
+ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg
+davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige
+Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.«
+»Geschrieben hat er’s?« »Auf Papier steht’s geschrieben?« »Der Dicke
+hat’s gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?«
+»Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte,
+antwortete es in allen Dialekten durcheinander.
+
+Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender
+Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle
+gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des
+entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei
+der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über
+den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die
+übrigen begriffen, was im Werke war;
+
+ »Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
+ von eurer Not klagt Dorf und Flur;
+ den stolzen Henkern keine Gnade,
+ zerschmettert Höfling und Pandur!«
+
+sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder
+Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den
+hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander,
+und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.
+
+Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner
+Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch
+das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als
+hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie
+es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst
+was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich
+und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so
+ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser
+auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht
+und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und
+Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes
+Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er,
+doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des
+Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn
+vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite.
+
+Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen
+Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg
+lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich
+mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von
+Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren
+Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem
+Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört
+hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert
+seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht
+blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht.
+Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert
+Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da
+prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte
+Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das
+Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur
+Flucht.
+
+Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem
+Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft
+und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod
+bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit
+das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder
+niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das
+Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt
+die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt.
+
+
+
+
+Paterner
+
+
+Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr
+schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins
+Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«,
+murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte
+mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie
+hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt
+der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir
+so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende
+Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit
+raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt
+oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns
+dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben
+können.«
+
+»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte
+Franziska.
+
+»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort.
+
+»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch
+warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«,
+wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die
+dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern
+doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel
+noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen
+Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein
+Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen –«
+
+»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati.
+
+»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel
+waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde
+unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend
+und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird
+einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht
+mehr an die Nerven als ans Gemüt.«
+
+»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch.
+»Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter
+Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?«
+
+»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den
+Streit.
+
+»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja,
+ja, – es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige
+und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu
+Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern,
+was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was
+wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe
+Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht.
+Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren
+will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und
+billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein
+Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass’ ich es auch auf, wenn
+Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler
+sind feurig.«
+
+»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger
+hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort:
+Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch,
+wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er
+war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf
+beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu
+betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die
+geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen
+eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu
+ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr
+ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so
+jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut
+entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte.
+Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein
+letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und
+letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die
+Illusion einer Dauer?
+
+Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der
+Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm
+aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung
+eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine
+Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser
+Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum
+Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die
+Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen;
+die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden
+wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu.
+Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den
+Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser
+fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach,
+sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner
+die ganze Landschaft.
+
+An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und
+blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der
+Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends
+undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den
+Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen
+allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die
+Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar
+gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im
+Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch
+befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit
+der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde
+sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt,
+wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen.
+
+Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern
+Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief
+ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei,
+das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon
+unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von
+Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum
+Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die
+Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir
+also richtig eingesperrt«, rief Borsati. – »Und wie steht es weiter
+oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. –
+»Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald
+entwurzelt wird«, war die Antwort.
+
+Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten
+unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der
+kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und
+Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den
+Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte,
+fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom
+Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und
+die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die
+Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines
+Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern
+befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine
+dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung
+und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte
+seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu
+gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein
+dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen
+ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben
+die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten
+Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen
+Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr
+einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre
+enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte
+ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger
+ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?«
+fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er
+von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über
+das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene
+verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst
+des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener
+Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede
+auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt
+eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei.
+Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die
+Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien
+fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren,
+verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und
+vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung.
+
+Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten
+Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen
+Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen
+Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem
+Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich
+vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die
+abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas
+unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und
+errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte
+Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank
+förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln
+versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit
+schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht,
+Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um
+die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich
+jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr
+folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner
+Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab.
+Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht
+sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu
+schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll
+der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres
+nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß
+der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr
+nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah,
+weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die
+ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von
+alledem.«
+
+Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur
+Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger
+fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin
+sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und
+Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die
+sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust
+gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht.
+Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und
+mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so
+unternehm ich’s selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern,
+das ist ihrer und unserer nicht würdig.«
+
+»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«,
+entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten
+Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem
+Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund
+zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das
+Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang
+es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge.
+So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je
+unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch.
+Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit,
+Schönheit und Schmerzlosigkeit.«
+
+Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an.
+Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen
+sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu
+handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald
+nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es
+dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen
+aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse
+leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das
+ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono,
+und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine
+freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den
+Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor
+Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah.
+
+Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die
+Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in
+Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in
+dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um
+das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit
+Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf,
+das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein
+Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang
+behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen
+des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und
+unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung,
+die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher
+den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit
+einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender,
+stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese
+Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und
+Verantwortung.«
+
+»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er
+sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und
+Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati.
+
+»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel,
+erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte,
+eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«,
+erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei
+einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen
+spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim
+Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel
+zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um
+ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf,
+als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit
+Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen,
+Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen,
+deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis
+sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an
+Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog
+er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem
+Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein
+dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung
+zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten
+spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen.
+Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein
+Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen
+Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe
+seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann.
+Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner
+Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist
+fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein
+unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus
+dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für
+dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die
+dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine
+Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und
+unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards.
+Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes
+Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden
+können.«
+
+»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend.
+»Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider
+Leute machen.«
+
+»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern reden«, sagte
+Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas sehr Bedeutsames in der
+Rivalität zwischen Alexander und dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon
+die Farben ein wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser
+Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse deklamiert, die
+er vorher verworfen hat, und wie er, durch den Beifall berauscht,
+plötzlich sich selbst als den Schöpfer fühlt, enthält eine Wahrheit, die
+zugleich rührend und grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der
+eigenen Kraft gewiß sein.«
+
+»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, entgegnete Lamberg.
+»Ich weiß nicht, ob ihr euch an den Fall jenes berühmten Schriftstellers
+erinnert, der das Buch eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm
+unter vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte und
+nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, denn es war ihm
+zumute, als ob er das Werk geschaffen hätte, da es ganz aus der Stimmung
+seines Geistes war und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand
+eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre waren
+vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches gegenüber und forderte
+Rechenschaft. Dieser Mann war eine Hyäne und sein Talent eine der
+teuflischen Erfindungen der Natur, die unsern Glauben an die
+Zweckmäßigkeit des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde
+Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen,
+untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen Kritiker und
+Bearbeiter seiner Bücher auf und trieb ihn schließlich zum Selbstmord.
+Über dem Grab des Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei
+welchem die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet wurden und
+die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam verfaulten.«
+
+»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche Chatterton das
+Leben genommen, weil er beschuldigt worden war, die von ihm
+veröffentlichten Balladen seien fremde Erzeugnisse, er habe die
+Handschriften in einem Kloster gefunden und die Originale vernichtet.
+Später hat sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und
+Neidern verbreitete Anklage unbegründet war und daß der junge, erst
+neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer Sicherheit den Ton
+und Rhythmus der vergangenen Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine
+Waffe gegen die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen sie.
+Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem fremden fernen Land,
+und sie tritt mit einer Diamantkette um den Hals in eine Gesellschaft
+und man bezichtigt sie plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte,
+und sie hat kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre
+Beteuerung, – so werdet ihr noch lange nicht in die Qual von Chattertons
+Lage versetzt sein, denn im Lauf der Zeit wird die Frau ja doch
+nachweisen können, daß der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte
+dieses nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die Welt
+überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen unter den schmutzigen
+Wogen der Verleumdung. Sein inneres Feuer verlosch. Er war an der
+Menschheit und an sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine
+Stunde vor seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die
+eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er sich genarrt
+dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan hat und was mit ihm
+geschehen ist. Vielleicht war ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie
+einem jener sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen
+und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation und an die
+Zeit kettet und die ihre Seele verlieren müssen, weil kein Bruderauge
+sie erkennt.«
+
+»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick in das
+Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte Borsati. »Die großen Werke
+werden hingenommen, als ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune
+gespendet hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen nur
+wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut so, aber im
+allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig hin, und wo ein
+außerordentlicher Mann persönlich auftritt, zeigt sich sofort das
+Element der frechen Gemütlichkeit, selbst in der Verehrung, die man ihm
+zollt. Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht einem
+Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Dieses
+instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen eigen.«
+
+»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete Lamberg,
+»und nicht bloß die mittelmäßigen, deren Unzahl das Land allmählig in
+eine Ablagerungsstätte von Makulatur verwandelt, sondern auch die
+besseren Köpfe. Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis
+verlassen, bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer
+schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. In ihrem
+sozialen Dasein fehlt das Bindende und Verantwortliche, und da muß eben
+der Mann aus dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht
+feindselig stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? Ein
+Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, aber er war ein Dichter. Sein
+Name war dem Bildungspöbel geläufig, nicht wegen seiner Leistungen,
+sondern weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen
+lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken verbrachte Existenz
+eine für lustig geltende Herausforderung an den Bürger war. Der Alkohol
+richtete ihn zu grunde. In einem italienischen Nest starb er eines
+elenden Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, daß
+sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt werden sollte; der
+übrige Körper wurde an Ort und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine
+tüchtige und entschlossene Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde
+gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer Hutschachtel
+und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. Dort mußte sie mehrere Stunden
+auf den Zug warten, und sie begab sich in eine Kneipe, um ihr
+Mittagessen einzunehmen. Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck
+hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein Facchino und
+trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die Schachtel vergessen. Nun saßen
+in der elenden Osteria einige Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht
+recht schlüssig werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen
+sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich daran,
+die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger Mensch das Haupt des
+Dichters bei den Haaren in die Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf
+die Tischplatte fallen. Alle sprangen empor und flohen in
+abergläubischem Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die
+Fensterscheiben, Mädchen und Frauen und viel Volk aus der Umgebung
+strömte herzu und sie spürten ein verlockendes Grausen bei der
+Betrachtung des Schädels, auf dessen wachsbleichem und melancholischem
+Petroniusgesicht ein kaum bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.«
+
+»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht hören, und wenn
+es passiert ist, erspart mir, darum zu wissen. Ach, wie machst du mich
+schaudern, Georg! Das ist wie ein Fieberbild.«
+
+»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte Cajetan, »und
+wenn sich auch unsere liebenswerte Dame entrüstet, hier ergreift mich
+etwas gleich einem Menetekel. Wie ja oft im Hintergrund dieser
+anscheinend schnurrigen und barocken Schicksale die tiefste Finsternis
+gähnt und eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht
+hätte ersinnen können.«
+
+»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit dem Kometen
+Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg fort, und seine heitere Miene
+versprach eine gutartige Wendung.
+
+»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer kleinen deutschen
+Stadt, und zwar in einem sogenannten Familienhotel, eine Bezeichnung,
+die schon allein seinen Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich
+vor, die Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines Abends,
+während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob er sich von seinem Sessel
+und hielt mit dem Gesicht eines Totengräbers folgende ernste Rede:
+»Meine Herrschaften, ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, des
+Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord Lotterbeck ist, wie Sie
+wissen, der bedeutendste Astronom der Gegenwart und Teleskopist an der
+Licksternwarte. Hören Sie den Wortlaut des Telegramms: ›Komet Styriax
+seit dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß mit
+unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben Minuten. Ordne deine
+Angelegenheiten, bereue deine Sünden, um zwölf Uhr acht Minuten bist du
+nur noch ein Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand,
+dein Cincinatti Lotterbeck.‹ Meine Herrschaften, es ist jetzt neun Uhr.
+Sie haben noch drei Stunden sieben Minuten zu leben. Füllen Sie die
+Galgenfrist mit dem kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle
+ist es jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten die
+erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; als aber zwei Herren,
+es waren Freunde und Mitverschworene Paterners, Schmierenschauspieler
+aus der Nachbarschaft, ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei:
+Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, die Arme in die
+Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig verzweifelt geberdeten,
+daß sie dafür auf dem Theater mit Beifall überschüttet worden wären,
+hatte es mit der Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen
+zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße und kehrten
+angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner Punsch bereitet, zum
+Leichenschmaus, wie er sagte, und verteilte die Portionen aus der
+gefüllten Terrine. Er verkündete, zwischen hundertachtzig Minuten und
+hundertachtzig Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein
+Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion wäre, die beiden
+Schauspieler wußten auf eine raffinierte Weise die trockenen Gemüter in
+Brand zu setzen, und nach kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den
+Losgelassenen auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen brach
+die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine Verwilderung, vor der
+selbst ein Paterner schamrot wurde, wenngleich er alle schlimme Meinung
+dadurch bestätigt fand, die sich über die Geknechteten der sozialen
+Mittelschicht in ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete
+ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond war von zwei
+violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen zitterten vor der Drohung
+der Natur, haltlos schwankten sie zwischen ihrem Jammer und dem
+tierischen Entzücken über den Besitz einer wenn auch noch so kargen
+Gegenwart. Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen stets
+zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich selbst. Solche
+Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien beobachten, im Kleinen
+wie im Großen. Es ist als ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf
+warte, daß die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer,
+seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte genug
+gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer Komödie war er nicht
+gefaßt gewesen, und bis zum äußersten wollte er es nicht treiben. Er
+erhob sein Glas und sprach: ›teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß
+sich mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. Ich
+erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall zu gratulieren.
+Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie Sie die drei Stunden verwendet
+haben würden. Ich wünsche eine angenehme Bettruhe.‹ Damit verbeugte er
+sich und verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern
+Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben sein.«
+
+»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. »Aber ich muß doch
+gestehen, daß mir Figuren vom Schlag dieses Paterner unbehaglich sind.
+Ich unterschreibe alles, was Georg vorhin über das schrullenhafte
+solcher Leute geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als
+Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man braucht deswegen
+nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich sage mir, so lang der Deutsche in
+seinen Künstlern immer noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere
+Geisteskultur nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er ist
+ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe der Nation, die
+ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer einer gutmütig
+zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. Die Deutschen haben keine
+Ahnung, daß der echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für
+eine verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel in den
+meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe einer gewissen
+blümeranten Literatur, in der noch heute jeder Maler ein Sammetröckchen,
+eine fliegende Krawatte und einen Schlapphut trägt und auf seiner
+Palette das Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, da
+ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, die ganz
+insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei eigentlich doch nur eine
+Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. Welch ungeheure, ja tragische
+Konflikte gerade bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches
+ins Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. Ich
+habe den Bericht von einem genauen Freund des einen und glaube für seine
+Zuverlässigkeit bürgen zu können. Übrigens sprechen die Ereignisse für
+sich selbst.«
+
+Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte die
+Geschichte der beiden Maler.
+
+
+
+
+Nimführ und Willenius
+
+
+Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete,
+war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil
+über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum
+blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten
+aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem
+geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer
+sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines
+Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen
+sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge
+der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste
+Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges
+Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur
+bezwungen wurde.
+
+Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen
+Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem
+Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich
+hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein
+langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner,
+greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen
+Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten
+Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb
+rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages
+war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er
+sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er
+mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren
+primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu
+verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen
+nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur
+als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen,
+Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.
+
+Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts.
+Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons,
+der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen
+verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die
+Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der
+sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster
+Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren
+Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein
+ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller
+Nerven, das war die Existenz dieses Menschen.
+
+Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus.
+Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll
+aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser.
+Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen,
+sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus
+Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben
+könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er
+von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es
+vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus
+einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die
+Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt
+der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich;
+und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt
+sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es
+ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die
+Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte
+die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das
+Verworfenste von allem: den Dilettantismus.
+
+Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs von
+brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, die nun so verwegen
+als selbstverständlich den tückisch verschleierten Halbtönen der Natur
+Einheit und Glaubhaftigkeit verliehen, davon begriffen diejenigen
+nichts, die von der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild
+empfingen und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum erschien.
+Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein Chaos ist, ein
+Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß jenes Schauen, welches dem
+Ungeformten eine Form abzwingt, der ungeistigen und toten Fülle durch
+Abbreviatur und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und
+heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder die Überwindung
+eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte war die Natur; Feind und Geliebte
+war, was Wirklichkeit hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen,
+lügnerisch, schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes
+unbesiegbar. Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge bohren, und
+es durfte nicht die Epidermis beschädigen, während es das Geschäft des
+Anatomen betrieb.
+
+Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit
+gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt zu ziehen. Es hatte sich
+ein reicher Kunstfreund für seine Produkte interessiert, der Verkauf
+einiger Bilder sicherte ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein
+geräumiges Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen
+gedachte.
+
+Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte Willenius von einer
+Ausstellung im Künstlerverein. Ein neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte
+dort seine Arbeiten an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich
+wunderliche Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer Insel im
+Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie mit seinesgleichen verkehrt;
+er sei unzugänglich wie der Dalailama und nähre sich bloß von Brot und
+Äpfeln. Einige Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die
+bengalische Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten
+persönlich beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche
+Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge verkündeten ihre
+Begeisterung.
+
+Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die Bilder anzuschauen.
+Erst schritt er langsam von Leinwand zu Leinwand, dann blieb er mit
+hängenden Armen stehen, die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf
+gierig vorgestreckt, die Lippe zitternd.
+
+Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; südliches Meer, und
+am Strand nackte wilde Frauen; Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm
+einer Palme lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels
+und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles Leben in der
+Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele und Symbol, alles in der
+Farbe; keine Wirklichkeit mehr, nur Traum, und alle Wirklichkeit
+hineingeschlüpft in den Traum, so daß es ein Spiel schien, die
+Wiedergeburt einer Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des
+Inner-Innersten, Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier,
+Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe gefrorene Natur,
+eine majestätische Synthese.
+
+Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den Verstand zu verlieren.
+Nichts von Absicht auf Komposition und Wirkung, nirgends ein unreiner
+Strich, ein Überbleibsel der Hand; keine Aufdringlichkeit der
+Gegensätze, kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive.
+Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender Verzicht auf
+Hintergrund und Raumverhältnis geschehen, so daß der ungewohnte Blick es
+lächerlich finden konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin
+das Bild zu erfassen vermochte.
+
+Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere Nächte hindurch
+schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Bekanntschaft
+irgend eines Menschen zu machen; Nimführ zu sehen und zu sprechen war
+jetzt sein ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, da er
+täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem jungen Maler auf
+Willenius aufmerksam gemacht, stellte sich ihm selbst vor. Er war ein
+hünenhaft gebauter Mann, sehnig wie ein Lastträger, mit langem
+gelblichem Gesicht, starken hohen Backenknochen und schütterem
+Haarwuchs.
+
+Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr nachmittags begann
+und um drei Uhr nachts in einer öden Vorstadtgasse endigte. Es war ein
+zehnstündiges Einanderbelauern und -aushorchen. Die Sicherheit des
+jüngeren Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere Künstler
+kam aus den höchsten Regionen, wo nur die Eingeweihten sich durch
+Geheimzeichen verstehen. Er kannte Willenius’ Arbeiten; daß er sie
+schätzte, eröffnete er nur mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die
+von der Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend
+daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein Monument. Nichts kam der
+überlegenen Ruhe gleich, mit der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte.
+»Die Menschen sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist
+das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden wird, muß
+man ihr schon mißtrauen.«
+
+Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für Tag einander trafen.
+Den Silvesterabend verbrachte Nimführ in Willenius’ Atelier, und als es
+zwölf Uhr schlug, trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war
+im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch zwei Jahre
+ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann wolle er nach Mexiko
+reisen. Willenius, vielfach angeregt durch die abendlichen
+Unterhaltungen mit dem Freund, malte täglich acht bis neun Stunden.
+Nimführ warnte ihn vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse
+wollen gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer zu
+schnell verdaut, zehrt ab.«
+
+Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das heißen?
+Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war empfindlich wie alle in
+sich selbst Verstrickten. Seine Liebe zu Nimführ, von Bewunderung und
+Ehrfurcht gezeugt und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die
+bloß unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit Angst und
+Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu beobachten, der so herrisch
+frei in seinem Bezirk waltete. Ihm waren Hand und Auge eins; was er
+schuf, löste sich souverän vom Material; was er schaute, war sein
+Eigentum. Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke reißen, bevor
+sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war ein heimlicher Raub; er mußte
+die Natur überlisten, beschleichen und verraten, denn sie gewährte ihm
+von selber nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit wie vom
+Paradies zur Hölle.
+
+Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem
+Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu
+grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die
+Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier.
+Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber
+so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen
+Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft.
+Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher
+machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit
+seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund
+zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel,
+aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu
+rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg,
+und sei du froh, daß du fliegst.«
+
+Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus
+seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose
+Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über
+den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel;
+über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer
+Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er
+wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst
+du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das
+uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden
+Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit
+vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes
+Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.«
+
+Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht.
+Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu
+fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell’ ich mich
+selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig
+gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch
+zeigen.«
+
+Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein
+Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter
+nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war
+wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne
+eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die
+Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte,
+hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte
+Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen:
+überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht
+doch kein Pfad.
+
+So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt
+hat; Eifersucht – Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von
+Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der
+Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt,
+von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das
+Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich
+gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der
+Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl
+er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse,
+schamlos und kalt.
+
+Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes
+Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter
+dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer
+niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd
+mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet
+roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren
+Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau,
+Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen
+befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von
+sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über
+dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns
+hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer
+wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten,
+der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend
+darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des
+Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und
+mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht
+gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in
+fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er
+den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der
+tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen
+menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob.
+
+Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er
+wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in
+äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und
+Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas,
+das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein
+mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor
+Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und
+Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es
+wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein
+anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen
+und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein
+Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private
+Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich
+erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund
+gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, – dieser Antipode,
+dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das
+verkörperte böse Gewissen.
+
+Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des
+Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte,
+hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe
+Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und
+wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte
+er lieben, bewundern – und kämpfen.
+
+Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des
+Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem
+Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst
+eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm
+unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden
+wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den
+Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen
+niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot
+des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer
+unreifer Zustände gerungen hatte.
+
+Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das
+nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und
+erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ
+schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er
+fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine
+Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius
+atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste
+ihn.
+
+Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück,
+neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander,
+lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm
+die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte
+er voll Argwohn.
+
+Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem
+Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er
+eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus
+wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er
+kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher
+Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild,
+ich hab’s gleich gemerkt.«
+
+Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte:
+Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen
+mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm
+zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen
+konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er
+diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung
+aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens
+satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es
+satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus
+Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze
+Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht
+erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in
+seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe
+aus wie Blut.
+
+Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn
+gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen
+Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle
+fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung,
+Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er
+appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie
+alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und
+jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich
+bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als
+Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da
+versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im
+Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als
+die Wege der Stümper –?«
+
+Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich
+verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und
+Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem
+Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene
+Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische
+lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser
+wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner
+Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer
+aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und
+machte die Türe nicht lauter zu als sonst.
+
+Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen
+war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein,
+und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf
+einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden
+Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er
+das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke
+Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann
+mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die
+Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er
+planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm
+Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der
+Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf
+und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum.
+Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die
+schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen
+Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein,
+nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und
+phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich
+verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner
+eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem
+Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit
+bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein
+weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese
+führten ihn zur Stadt.
+
+Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er
+gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich
+versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes
+schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen
+schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen
+ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten
+Himmel.
+
+»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt
+hat?« fragte der Arzt draußen.
+
+Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit:
+»Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit
+einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte
+seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen
+will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.«
+
+Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch
+unschuldige Menschen und reine Farben gab.
+
+
+
+
+Herr de Landa und Peter Hannibal Meier
+
+
+Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten sich die Freunde
+hauptsächlich über die Hochwassergefahr. »Schade, wenn wir
+gezwungenermaßen hier bleiben müßten, da wir es freiwillig doch so gerne
+tun,« meinte Cajetan; »doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz
+zufrieden, und kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung
+der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.«
+
+Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke über die
+Geschichte von Nimführ und Willenius ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte
+Borsati, »daß in den Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch
+die Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, die beiden.«
+
+»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon oft
+konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied zwischen
+Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius ist eine Ding-Natur,
+trotz seines wunderbaren Talents. Ja, ich möchte ihn fast einen
+Fetischisten nennen. Ich habe mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz
+ähnlich veranlagt waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle
+bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm borgen wollte. Das
+Verhältnis zum Ding geht oft ins Sonderbare. Ich kannte einen
+Lokomotivführer, der sich fest einbildete, seine Maschine scheue an
+einer bestimmten Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer
+Peitsche und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie und
+lief ohne Stockung weiter.«
+
+»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte Franziska,
+»und war völlig hingenommen von der Vorstellung, das glühende Eisen, das
+sich unterm Hammer krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken,
+die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.«
+
+»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines willensbegabten
+Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in der Schweiz lebte ein Bauer,
+von dem behauptet wurde, er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er
+sich verpflichtet, kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen auf
+der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein Mädchen aus einem
+lichterloh brennenden Haus, ohne daß ein Haar auf seinem Haupt versengt
+wurde. Da geschah es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne
+küßte. Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt über einen
+Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte ihn der Schwindel, er
+wankte, er stürzte herab, unterhalb der Steinwand brannte ein großes
+Feuer, er stürzte mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.«
+
+»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer Existenz irgendwie
+teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch nie aufgefallen, wie rasch ein
+Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer abbröckelt, wenn die Besitzer
+gestorben sind? und es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die
+Erhaltung verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät für
+die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich von einem
+verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit ist dafür nur ein
+Wort, das wenig besagt.«
+
+Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort:
+verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer und Sorgen kund.«
+
+»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte Borsati lächelnd.
+»Einer meiner Bekannten hatte einen äußerst mageren Spitz. Eines Tages
+wurde der Mensch krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab
+wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer fetter, und
+als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier eher einem Mastschwein
+als einem Hund.«
+
+»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern schweizerischen
+Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum Verhängnis wurde«, ergriff
+Lamberg das Wort.
+
+
+»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen Gütlers liebte.
+Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei der Heimkehr von einem
+Schützenfest, wo er den Preis errungen hatte, das stolze Mädchen sich
+ihm zuneigte. In der Nacht, während er in ihrer Kammer weilte, brach auf
+dem Hof, wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen
+beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt waren.
+Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes Betragen bestärkte den Verdacht,
+den seine Abwesenheit erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer
+gelegt zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo er die
+Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld gezweifelt. Aber
+er wollte den Ruf seiner Geliebten schonen, er wußte, wie sehr sie die
+üble Nachrede fürchtete und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen
+hätte. Seine Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber
+verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, wo das Feuer
+entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Er konnte
+es kaum glauben, daß ihm dies geschehen, denn er war ein Mensch von
+angeborener Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter
+besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. Er saß nun im
+Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung war, daß die Feuersbrunst
+auf eine natürliche Ursache werde zurückgeführt werden können. Dies
+geschah nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, vom
+bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah auch nicht. Und
+schließlich wagte er zu denken, daß die stolze Bauerntochter Mitleid
+verspüren würde, daß sie so viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden
+wollen, daß sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah am
+allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam er als gebrochener
+Mensch in das heimatliche Dorf und die erste Neuigkeit, die man ihm
+mitteilte, war, daß seine Geliebte unterdessen längst geheiratet und
+auch schon zwei Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in
+Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat das Haus der
+Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und sie ihn fragte, was er
+begehre, denn sie erkannte ihn nicht, da überwältigte es ihn und mit
+gehobenen Fäusten schritt er auf sie los. In dem Augenblick trat das
+älteste Kind, ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen
+die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff den
+Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: schau ihn dir an. Und er sah,
+daß der Knabe ihm ähnlich war an Gesicht und Haar und Augen und daß er
+auf der Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend kehrte er
+um und verließ das Haus. Von der Stunde ab war es aber um die Ruhe der
+Bäuerin geschehen, sie konnte den Blick ihres ehemaligen Liebhabers
+nicht vergessen. Haus und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging
+einen schiefen Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer
+mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein Jahr vergangen
+war, lief von Brasilien aus ein Brief an die Gerichtsbehörde, worin die
+seltsame Frau nicht etwa ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich
+bezichtigte, daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht
+keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer Tat, die sie
+aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und Erregung erklärte, mit solcher
+Genauigkeit an, daß man ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den
+man gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden,
+und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung entdeckt werden.«
+
+
+»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie ist mir
+unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife ich. Hat sie den
+Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht lang lieben? Schämte sie sich
+seiner? Und ist selbst dann eine solche Grausamkeit möglich? Unter
+Bauern ist man doch sonst nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend
+bedacht.«
+
+»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet man
+zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, eine außerordentliche
+Strenge der Lebensführung auch unter Bauern. Da ist dann ein ehernes
+Festhalten an uralten Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter
+Formen, der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und es läßt
+sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, starr und
+konservativ bis zum Äußersten, wie eben nur Frauen zu sein vermögen,
+wenn sie einmal eine Überzeugung in sich tragen, daß ein solches Mädchen
+ihr Glück und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle nicht
+daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, daß sie ihm ihre
+Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und darnach fand sie sich vielleicht
+so gedemütigt, so heruntergezerrt, daß ihr keine Sühne groß genug
+erschien für den Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange des
+Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der Mutter.«
+
+»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die Frau anders zu
+betrachten,« versetzte Franziska sinnend. »Freilich kann man alles das
+aus den Geschehnissen heraushören, wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt
+und möchten das Deutliche gleich überdeutlich, – wir Frauen nämlich«,
+fügte sie entschuldigend hinzu.
+
+»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt hat«, fuhr
+Lamberg fort, »und das Zusammenleben muß etwas Beängstigendes für ihn
+gehabt haben. In dieser Sphäre sprechen sich die Menschen schwer
+gegeneinander aus, und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit
+ihnen.«
+
+»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, wie sie
+unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht geeignet, das Leben zu
+erleichtern«, wandte Cajetan ein. »Stillschweigen führt wenigstens zu
+Entscheidungen, das viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt
+eine gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. Dies
+ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche Ehen gibt.
+Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern mit Vergnügen im Element
+des Wortes, im Mann ist Sehnsucht nach Stummheit.«
+
+»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau haben,« sagte
+Franziska. »So hats der Graf von Gleichen gehalten, aber ich will darauf
+schwören, daß die stumme öfter gesprochen und die redende öfter
+geschwiegen hat als ihm lieb war.«
+
+»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein
+Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im
+lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle
+eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den
+Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.
+
+
+Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte in einem Villenort
+nahe der Stadt ein vornehmes Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet,
+die Ehe, aus der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche
+genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen ruhigen,
+gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens ging Herr de Landa im
+Garten spazieren, und als er an das Gitter kam, das das
+Nachbargrundstück von dem seinen trennte, sah er drüben eine junge
+schöne Person, die seinem ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine
+Erkundigung wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein
+Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem Alter
+eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter sei. Herr de Landa wandelte
+nun täglich zu der Stelle, wo er das Fräulein zuerst gewahrt, es war
+Sommer, das schöne Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen
+Grüßen wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die Wege des
+Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen erleichterte die
+Zusammenkunft; Herr de Landa brachte Bücher, das Fräulein Josepha las
+sie, Herr de Landa bot sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu
+Anfang des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß seine
+Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte sich einen
+Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr de Landa, daß er seine
+Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. Das Mädchen war sehr
+bekümmert; nicht als ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte,
+im Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, obwohl er
+um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in ihrer Redlichkeit sträubte
+sie sich dagegen, die Zerstörerin seines häuslichen Glücks zu sein, der
+Frau den Gatten, den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein,
+was du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin
+an dir und den Deinen werden. Herr de Landa war jedoch ein zu gerader
+Mensch, um das Zwieträchtige und Unbefriedigende eines solchen
+Verhältnisses dauernd ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete
+sein Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge stünden.
+Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das Schlimme nahen gefühlt;
+sie schwieg eine Weile, endlich sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich
+mich nicht von dir, das kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber
+nicht ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will mit
+meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem Dach zu
+wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht von diesem Vorschlag, er
+verbarg seine Bewegung und ging ohne zu antworten hinweg. Seine
+Verwunderung wuchs, als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt
+war, als er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte
+sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, begab sie sich zu
+Frau de Landa, war betroffen von deren Güte und von einer Seelengröße
+erobert, der sie nur durch Nacheiferung danken zu können glaubte. Der
+Pakt war alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe
+Schwierigkeit, – Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, die
+Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa mehr der Erziehung der
+Söhne widmete. Es gibt keine Leidenschaft, über die sich nicht endlich
+das Grau der Alltäglichkeit breitete; was anfangs abenteuerlich, ja
+gefährlich erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des
+Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit verdrängt,
+und so friedensvoll fügten sich die beiden Frauen in ihrem Wandel und in
+ihren Gepflogenheiten ineinander, daß sie Abend für Abend in demselben
+Zimmer an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche
+ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft gegangen war
+oder sich auf Reisen befand und den sie in all ihren Regungen, in Worten
+und Gedanken treu begleiteten. Auch die Söhne nahmen die Ordnung des
+Hauses als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten sie
+wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, da starb Herr
+de Landa eines plötzlichen Todes. Als die schmerzlichen Tage der ersten
+Trauer vorüber waren und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen
+über deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren Sohn
+zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im Besitz gehabt,
+und sagte, er möge nun nach seinem eigenen Ermessen darüber schalten,
+sie erwarte seine Befehle. Der junge Mann wußte nichts zu antworten,
+aber Frau de Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie
+Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es bleibt alles beim
+Alten. Und so führten die zwei Frauen ihr bisheriges Leben weiter, saßen
+wie vorher bei der abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«,
+der nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, von dem,
+was er getan und was er gesprochen und wie mancher Charakterzug in den
+Söhnen an ihn gemahne. Sie verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie
+waren wie zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe
+unverbrüchlich aneinander gebunden waren.«
+
+
+Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich das Eheleben
+des historischen oder vielmehr sagenhaften Grafen von Gleichen ziemlich
+jammervoll gedacht. »Ich sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt
+sich aus, welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der älteren
+Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes Haar aneinander, das
+Schloß wird für den Grafen der ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und
+vielleicht wandert er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um
+vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich bekehrt, lieber
+Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften so famose Leute waren wie diese
+de Landas, muß ich mich meiner Skepsis schämen.«
+
+»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht Frau de Landa doch
+eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte Franziska. »Ich kann mich ja in
+keine der beiden Frauen versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die
+Lockung, die für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns
+viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib ist darin noch
+nicht so materiell wie der zarteste Mann.«
+
+»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg Vinzenz, »das läßt
+nur darauf schließen, daß du die Männer besser kennst. Ich gebe zu, daß
+der Mann die Sinnlichkeit sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer
+befindet er sich im Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und
+Verschnörkelung ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein muß.
+Überhaupt, – die Männer, die Frauen, was heißt das? Ich kann mit den
+Generalbegriffen nach dem Muster französischer Maximen-Sammlungen nichts
+anfangen. Der Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.«
+
+»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska an Borsati, »an die
+Geschichte eines gewissen Meier, der auch mit zwei Frauen lebte und der
+so stolz auf seinen Sohn war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte?
+Der Sohn aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und die Frau,
+ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, hatte den Mann aus
+Liebe hintergangen. Erinnerst du dich? Wir hörten die Geschichte vor
+Jahren, als ich in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.«
+
+Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In der
+Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand damit beweisen,
+daß der moralische Geist des gegenwärtigen deutschen Bürgertums
+gebrochen sei, und ich hatte beim besten Willen nichts anderes finden
+können als daß ein aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert
+worden war.
+
+
+Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler und Besserwisser,
+unverträglich wie ein Hamster und boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte
+einen wohlhabenden Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn
+ein für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit einem
+netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. Peter Hannibal
+Meier mißgönnte dem Vetter Julius das hübsche Frauenzimmer und entschloß
+sich, sie ihm wegzuschnappen. Die gute Cilly, das war der Name des
+Mädchens, wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers geblendet und
+erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres Los als an der Seite des
+biedern und bescheidenen Vetter Julius. Kurz nach der Hochzeit
+entwickelte Peter Hannibal der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr,
+daß er sich sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon zu
+einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen Staatsmann, einen
+Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und einen Superintendenten darunter.
+»Wir gründen ein neues Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und
+in dreißig oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort
+einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen Regierungsrat
+Meier geben; also spute dich, Cilly; du mußt nur wollen; wenn man
+ernstlich will, kann einem nichts mißlingen.« Der Frau war es nicht
+recht behaglich zumut, sie erkannte, daß der schwierigere Teil der
+Aufgabe ihren Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der
+liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren könne, ein
+Argument, das Peter Hannibal geringschätzig abtat. »Ich bin mir selber
+lieber Gott genug«, sagte er frech; »tue du deine Pflicht und laß den
+lieben Gott zufrieden.« Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner
+Zuversicht getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte sich; er
+fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er fragte bitter, wann
+sich die Gnädige endlich zu entschließen gedenke, und als zwei Jahre um
+waren, verließ ihn die Geduld vollends, er jagte die alte häßliche
+Köchin, die im Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches,
+dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin wurde, während
+Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück durch ihre
+Dienstleistungen erhöhen mußte. Wieder vergingen viele Monate, ohne daß
+sich Peter Hannibals Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen
+faulenzte er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen Bismarck zu
+politisieren, dessen geschworener Feind er war, und auch sonst die
+Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das Kaufmannsgeschäft, das er
+betrieb, brachte nichts ein, und er ging damit um, andere Quellen des
+Reichtums zu finden. So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die
+Hände, der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, in
+dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen erwerben könne und
+das für einen Spottpreis zu haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so
+lecker er auf den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen
+und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, richtete
+er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. Er befahl seiner erschrockenen
+Frau, zu dem ehemaligen Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu
+bitten. Als sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu
+lassen, und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde
+vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. »Woher weißt
+du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« fragte die geängstete und
+gekränkte Frau, die sich selbst darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie
+verstummte jedoch demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter
+Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels stimmte ihn
+geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, den Jungfernkranz
+aus dem Freischütz. Cilly trat den sauern Gang an. Als es Abend wurde,
+brachte sie die gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem
+vergötterten Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige Wochen
+später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem freudigen Ereignis
+entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen war, erblickte Karl Theodor,
+der erste Meier, das Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die
+Glückwünsche seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem
+siegreichen Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum mit einer
+Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas so Wunderbares vollendet
+hätte. Die Magd verlor an Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr
+die Tugenden seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert und
+neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen und schlich durch
+das Haus wie Jemand, der die Ursache eines Brandgeruchs sucht. Peter
+Hannibal kaufte das Stück Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag
+stundenlang, in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen Boden
+umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso stolz wie als Vater eines
+verheißungsvollen Sprößlings. Die junge Magd wob indessen ihre Pläne.
+Sie wußte Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle
+von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, daß sie aus
+Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung des Schweigens und des
+Schlafes der Frau ihren Verdacht bald genug bestätigt fand. Nun begann
+sie ihre Wissenschaft den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt und
+geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, aber Peter Hannibal
+steckte in seinem Dünkel und seiner Selbstverhimmelung wie in einem
+unverletzbaren Panzer, er hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu
+dem giftigen Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft
+stets zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich
+verschwistern, zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte geraume
+Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im ersten Ausbruch der
+Raserei zerschlug er in der Küche die Töpfe und Teller. Die Magd, unter
+dem Vorwand, ihn zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die
+Versicherung, daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen Gerüchte
+sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock an, nahm eine
+Hundspeitsche und begab sich zu Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter
+Julius auf seinem Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle
+stürmte. Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles
+Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein gewichster
+Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen mächtigen Lärm, und er
+fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche so unbequem vor der Nase herum,
+daß dieser lammfromme Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es
+wäre ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte Cilly
+bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor sich stehen sah,
+dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, Ohnmacht und
+Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß wie heißer Wein zu Kopf; er
+vergaß Rücksicht und geleistetes Versprechen, er erinnerte sich nur der
+niedergetretenen und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren Worten
+stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er das Zimmer. Peter
+Hannibal starrte wie geschlagen vor sich hin. Trotz des strömenden
+Regens wanderte er zu seinem Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz
+und quer gleich Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis
+floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang darnieder, treu
+gepflegt von Cilly und der jungen Magd. Als er das Bett wieder verlassen
+konnte, zeigte er ein schweigsames und geheimnisvolles Betragen und
+erschien wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen
+vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; es handelte
+sich gleichsam um die falsche Buchung auf einem Kontokorrent; ein Posten
+war auf Soll geschrieben worden, der von rechtswegen auf Haben stehen
+mußte. Lange erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue
+Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit der
+Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt wollte er eine
+Zeitung gründen. Alle diese unruhigen Ideen hatten ein und dasselbe
+Ziel. Da ereignete es sich, daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung
+bisher nur von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten
+Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag beschlossen
+wurde und daß Peter Hannibals Grundstück wider Erwarten im Werte stieg.
+Es handelte sich keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst
+geträumt, doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er löste. An
+einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock mit weißer Kravatte,
+ein rundes Hütchen auf dem Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete
+den elastischen Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«,
+redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, an der
+Legitimität meiner ehelichen und väterlichen Umstände Zweifel
+auszusprechen, die –« – »Zweifel?« unterbrach ihn Vetter Julius
+verwundert, »Zweifel waren es durchaus nicht –« – »Bitte schön«, fuhr
+Peter Hannibal schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber
+nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. Deine
+Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen wie Butter in
+der Pfanne. Was kannst du mir abstreiten? was kannst du mir beweisen?
+Kannst du mir beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut
+fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein eines
+Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit hast du mich
+vorübergehend irre machen können, die Zukunft kannst du mir nicht
+rauben, die speist an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich
+bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin gekommen, um
+deine materiellen Ansprüche zu befriedigen und meine idealen gegen
+fernere Ränke sicher zu stellen.« Damit entnahm Peter Hannibal seiner
+Brieftasche sieben Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm
+und dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine
+spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen Hauptes.
+Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund nach. Er ergriff einen der
+Scheine, hielt ihn gegen das Licht und schüttelte den Kopf. Plötzlich
+aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das ihm den Atem
+versetzte und ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst als er
+ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken hatte, milderte sich
+die erstickende Heiterkeit. Auch in den nächsten Tagen passierte es ihm
+noch zu öfteren Malen, daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein
+ernsthaftes Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem
+unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes zwischen
+die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen bildet den Stolz der
+Großen. Peter Hannibal spürte eine so wohltuende Wonne in seiner Brust,
+daß er in einem Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand,
+das der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um die Ohren
+dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter Hannibal, »Lorbeer muß
+dabei sein; Schwein und Lorbeer, das gehört zusammen.« Mit seiner
+angenehmen Last kam er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor
+stand, ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten Augen.
+Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen Kopf und erschien mit
+strahlendem Gesicht vor den beiden Frauen, das Schwein in der Linken,
+den Sohn an der Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die
+Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal die Gitarre von
+der Wand und sang mit empfindsam tremolierender Stimme das Lied vom
+Jungfernkranz. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor
+er schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und habe sie
+traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal Meier braucht die
+Menschen nicht, er ist sich selber genug.«
+
+
+
+
+Begegnung
+
+
+»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte Franziska; »warum,
+kann ich eigentlich kaum erklären.«
+
+»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung dermaßen anwächst, daß
+sie die eigene Schwäche für Kraft erklärt und die Armseligkeit für
+Würde«, entgegnete Borsati.
+
+»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat eine spitze Nase
+und einen Mund mit feuchten, schmatzenden Lippen. Er schlenkert beim
+Gehen die Füße nach auswärts, und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen
+schimpft er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt
+kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt ein Wollhemd mit
+einer angebundenen Chemisette, und seine Großmannsucht verhindert ihn
+nicht, vor reichen Leuten zu scharwenzeln.«
+
+»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus gelten zu lassen,«
+fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen Wesen Unrecht tun. Gerade
+Fleiß, Tüchtigkeit und selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland
+haben so mächtig werden lassen.«
+
+»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es weht eine Luft
+von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, die einem die Brust
+beklemmt. Man ist so stolz auf das Erworbene, so sicher des Besitzes, so
+fest in Meinungen, so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in
+Profitwirtschaft, so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen die
+Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort dafür scheint.
+Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines Enthusiasten und eines
+Träumers genießen, jetzt begnügt er sich mit dem eines in allen Sätteln
+gerechten Praktikus. Nur ein innerlich freies Volk kann die Last
+nationaler Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne Einbuße
+an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist aber nicht frei; er ist
+in so mannigfacher Beziehung gebunden, daß selbst die wenigen großen
+Politiker, die die Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten
+oder als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer
+Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl formlos, sein
+bürgerliches borniert und sein monarchisches servil wirkt. Bei einer
+feudalen Familie in der Provinz hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als
+Gast angesagt. Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des
+Schlosses und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend
+Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß und trank, jagte
+und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem er der Hausfrau die Hand
+geküßt, äußerte er: ›Ich habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und
+was mich besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.‹ Dabei
+war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der fürstliche Besuch
+verursacht hatte, vollständig ruiniert. In England wäre dergleichen
+nicht denkbar. Dort weiß der Geringste im Volk, was ihm der Herrscher
+schuldet, und der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er
+leben darf.«
+
+»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, erwiderte
+Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat und Figur, seinem Handeln
+Gewicht und Relief. Er ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen
+anzugehören, das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche
+Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die wir oder die
+der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch bezeichnen. Was für
+köstliche Sonderlinge! Da ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen
+durch ganz Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um den Ort
+nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; er ernährte die mageren
+seiner Frauen nur mit Milchspeisen, die fetten nur mit Säuren. Ein Lord
+Sandys lachte in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester
+Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war so unwissend, daß er
+einem Geistlichen namens Mathäus Decker ein großes Legat vermachte, weil
+er glaubte, dieser habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord
+Mountford berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, ob
+seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein Wort, das weiß
+ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. Lord Lovat sperrte zwei
+Dienstboten, die ohne seine Bewilligung geheiratet hatten, mit den
+Worten: »ihr sollt aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen
+Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, hatte die
+Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen zu halten. Sein
+Sohn, der schon geraume Zeit mündig war und seinen eignen Kopf hatte,
+fand oft für gut, nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch
+herumtreiben wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete ihn stets
+als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden Tag mit unbeweglichem
+Ernst, Lord Herbert zum Essen zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er
+mit fünfundsiebzig Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht.
+Abends durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung eine
+Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der Stunde, wo er zur Nacht
+speiste. Einst geschah es, daß sie die Frist nicht einhielt. Als sie
+nach Mitternacht erschien und sich voll Angst entschuldigen wollte,
+unterbrach er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine
+Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn Uhr, setzen wir
+uns zu Tisch.« Unter den drakonischen Gesetzen, die in seinem Hause
+galten, wurde am nachdrücklichsten das eine ausgeübt, daß jeder
+Bediente, der sich betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter
+Lakai, der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen,
+ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich auf die Nachsicht
+verließ, die in gewissen Fällen vorhandene Dinge als nicht vorhanden
+ignorierte. Einmal hatte er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord
+durch die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der nicht bloß
+bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich nicht mehr auf den
+Beinen halten konnte. Mylord näherte sich ihm und sagte: »Armer Bursche,
+was fehlt dir? Du scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott
+behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu Bett und holt
+den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat zu erteilen, denn seine
+Herrlichkeit war im Haus oberste Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu
+vollziehen. Er mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein
+gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken kleben und ein
+tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die Behandlung nach einigen Tagen
+gewirkt und der alte Sünder so bleich und mager zum Vorschein kam, wie
+wenn er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der Lord zu:
+»O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am Leben zu sehen. Du kannst
+von Glück sagen, daß du so glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich
+nicht zufällig vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst
+du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem Finger drohend
+hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert ist auch eine
+Geschichte über den wunderlichen Lord Beckford. Lord Beckford empfing
+niemals Besuche und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks
+waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden fabelhafte
+und die Neugier aufregende Dinge über den Luxus berichtet, mit dem sein
+Haus eingerichtet sei. Einen jungen Dandy plagte die Neugier so sehr,
+daß er in der Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen
+ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den Lord gebracht,
+der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte und sich ihm beim
+Abschied auf das verbindlichste empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann
+nach Hause eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und
+niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren mußte und
+sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, Lord Beckford ließe ihn
+ersuchen, so hinauszugehen wie er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch
+half, er mußte sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie
+auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften
+Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach diesem verbotenen
+Paradies.«
+
+»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; »weder das
+Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch das Weltmännische sind
+deutsch. Dagegen zeichnet sich das deutsche Wesen durch einen Reichtum
+an Gemütsbeziehungen aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten
+unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur die Glücksgunst
+fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches zu wirken. Irgendwie haftet
+der Deutsche noch in verstörter Welt und bildloser Finsternis und der
+tätige, in Heiterkeit gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner
+Wiege erwürgt worden.«
+
+»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte Lamberg, »muß
+man vorzüglich unter den Edelleuten des achtzehnten Jahrhunderts Umschau
+halten. Wie in einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen,
+sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, in
+einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches geleistet hätten.
+Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. Aber vielleicht ruht gerade im Leben
+der Dunklen und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und ihre
+Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, bereiten die
+Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag der Geschichte geschlagen
+werden, und ihr geheimnishaftes Einzelweben ist voll von der Bestimmung
+des Ganzen, so wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt.
+Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne aus Gräbern die
+Schatten der Toten zu beschwören, heute, wo jede Zwiebel für eine
+Ananas gelten will und das Herzgold unter den Füßen des Pöbels
+zertrampelt wird.«
+
+»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog nehmen dürfen, ich
+wünsche sehr, daß Sie uns das Bild zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan.
+
+»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe von Notizen
+gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie aber erst noch ordnen, und
+morgen bin ich bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu
+spät.«
+
+Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen verriet keine
+Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. Borsati, Hadwiger und
+Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen Behausung auf. Draußen im Freien
+jubelten sie, – der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre.
+Freilich war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch strahlte
+wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und traumhaft funkelte der
+Neuschnee von den Häuptern der Berge.
+
+Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, sie am folgenden
+Morgen zu einem Spazierweg abholen zu dürfen, falls es nicht regnete.
+Zwar blieb der Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller
+Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte sie zum Fluß
+hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, die überschwemmten
+Straßen, entwurzelten Bäume, verlassenen Häuser und Hütten und konnten
+sich lange nicht von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten
+losreißen, auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken und Bretter,
+Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, lehnte sich Franziska matt
+auf Hadwigers Arm. Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für
+sie hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll
+Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne Nein und ohne Ja,«
+sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, das will ich nicht ergründen.
+Ich kann es nicht ergründen, weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin
+ich gehe. Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen mehr
+schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich dich habe, das
+darfst du mir glauben.« Er schwieg, und er schwieg so, daß Franziska
+seine Hand ergriff und küßte.
+
+Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über ihr Gesicht.
+Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst sahen seine Augen ohne
+Teilnahme und ohne Ziel in die Ferne, dann erkannte er Franziska, und
+über seine an Beherrschung sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich
+eine Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs endlose
+Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. Hierauf sagte Franziska
+rasch, daß sie seit einigen Tagen hier sei, daß sie ihm schreiben
+gewollt, daß es aber bei dem Vorsatz geblieben sei, vielleicht des
+schlechten Wetters wegen, das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht
+habe. Mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber
+schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche und gütige
+Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald ging er an ihrer Rechten,
+und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem niemand hätte
+anhören können, daß es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger
+verwunderte sich im stillen; für ihn klang dies alles wie
+Schauspielerei; maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit
+und Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung und
+an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle er Franziska verlieren, als
+beginne sie schon jetzt in eine fremde Region zu schreiten; er hätte sie
+auf die Arme heben und forttragen mögen.
+
+Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie dort anlangten,
+verließen Lamberg, Borsati und Cajetan das Haus. Cajetan eilte auf den
+Fürsten zu, um ihn zu begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska
+vorgestellt. Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen erzählt,
+die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen Wunsch aus, den zum
+Preis gesetzten Spiegel sehen zu dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer
+und vor den goldenen Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung
+anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz für
+nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine Zusage.
+
+Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen Eifersucht gegen
+Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte den Dienst aufgekündigt. Er oder
+ich, hatte Emil ausgerufen, und Lamberg hatte wider alle Gebote der
+Menschenliebe erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht in
+die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon und schnappte nach
+Fliegen. Er trug rote Hosen und eine blaue Jacke mit silbernen Knöpfen,
+an denen er beständig zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener
+und Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte man mit
+Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein Zauberer. Es hat den
+Herrn verhext. Die Köchin: Passen Sie auf, es wird noch ein schlechtes
+Ende nehmen. Emil: Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem
+Kopf und frißt mir die Haare weg, als ob’s Gras wäre. Na, ich gehe eben,
+man hat seine Würde. Die Köchin: Ach Gott! Daß es so weit mit den
+Menschen gekommen ist. Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe
+das Regiment führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit
+weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer schiefen
+Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt angebrochen ist.
+
+Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in einem der oberen
+Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus nicht jene kühle
+Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen Leuten befremdend und vorsichtig
+stimmt. Seltsam, daß man keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem
+alten Mann zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes seiner
+Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, und die
+Galanterie, die er gegen Franziska an den Tag legte, war ohne alle
+Phrase, herzlich und delikat. Schon dies gewann ihm die Zuneigung der
+Freunde, und im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren
+Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, und von
+seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung und Unruhe.
+
+Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den Hinterfüßen,
+eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, wobei seine Miene die
+kritische Besorgnis zeigte, die er seinem Herrn abgeguckt; er fing
+Nüsse, die ihm zugeworfen wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde
+fielen. Als das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg möge
+doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend verheißen, sie
+verspreche sich etwas Besonderes davon. Lamberg sah etwas verlegen
+drein, aber da die Freunde ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst
+sich in bescheidener Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft
+mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges habe ich mir
+aufgeschrieben und werde es lesen; es ist wie eine Chronik zu
+betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis erzähle, ist nur die Verbindung
+zwischen diesen Teilen.«
+
+Und er begann.
+
+
+
+
+Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz
+
+
+Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um Schlesien stritt,
+blühte dortselbst noch das alte und angesehene Geschlecht derer von
+Promnitz. Seit jenem Balthasar Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau,
+der außer Pleß, der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau
+und Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die Familie zum
+höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, als sie schon ein
+Haupthort des Protestantismus war, besaß sie auch Peterswalde,
+Kreppelhof, Drehna und Wetschau, lauter große Gemarkungen mit
+umfangreichem Ackerland und ausgedehnten Wäldern.
+
+Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als Kind für einen
+ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein Vater, der sächsische
+Kabinettsminister, einen förmlichen Hof hielt mit Jagdpagen,
+Kammerhusaren, Zwergen und einer Leibgarde von hundert bärenmützigen
+Riesen, gab er die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch,
+verstockt, gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt es kein
+Spielgenosse bei ihm aus.
+
+Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins Collobella
+und seines herrnhutischen Erziehers von Wrech einen Ausflug nach dem
+ländlichen und entlegenen Peterswalde. Die Collobella war eine immer
+noch muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig Jahren aus
+Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe zur Familie Promnitz
+evangelisch geworden war. Ihr war das heimliche und heimtückische Gemüt
+des Knaben ein Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit
+Vorwürfen und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem starrte der
+zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, und so oft die Collobella
+einen ihrer frivolen Witze losließ, zuckte er zusammen wie ein Fisch,
+wenn man mit dem Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten
+machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende prophezeite,
+lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von Wrech anbelangt, so huldigte er
+wohl äußerlich den Grundsätzen seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter
+Gewand mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur de
+Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich war er ein Genüßling
+und erwartete sehnsüchtig den Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche
+europäische Tournee antreten durfte.
+
+In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand sich eine kleine
+Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von Wrech Siesta hielten,
+streunte Erdmann durch die verödeten und vernachlässigten Räume und
+gelangte schließlich in jenes Kapellchen, in dem ein Bild, welches über
+dem Altar hing, seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach
+angetan, kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte ein
+übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen lassen. Es
+stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall dar, beide natürlich
+splitternackt, das Weib mächtig dick, den Apfel hinhaltend, und Adam
+halb weggewendet, als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich
+vom Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel ein
+kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und mochte die Kopie nach
+dem guten Werk eines süddeutschen Meisters sein.
+
+Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher und
+harmloser Beschauer. Zunächst schämte er sich vor der unanständigen
+Nacktheit der beiden Personagen derart, daß ihm der Schweiß bei den
+Haarwurzeln herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, kam
+es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem Triumph schaute er in
+das Gesicht der Eva und auf den Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu
+sich selber: von daher stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so
+schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen hab’ ich immer
+ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche Mahlzeit verzehrt
+habe. Ich merke schon, worauf das hinauswill mit den Zweien, dachte er
+voll Haß; dieses fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild
+beschwatzen; jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt weiß
+ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für ein Narr und Dummkopf
+gewesen, du Menschenvater Adam!
+
+Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. Da erschallte
+ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es war die Collobella. Wütend
+schritt er auf sie zu und fuhr sie an: »Geht nur allein zurück nach
+Sorau, ihr beiden, ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das
+Luderleben nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. Meine Mutter
+ist unglücklich, das weiß ich längst; längst weiß ich, daß mein Vater
+sie mit Huren betrügt. Mein Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen
+sollen, denn was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an.
+Insonderheit die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher
+Haubenstock.«
+
+Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte Herrn von Wrech zur
+Hilfe herbei. Aber Erdmann war schon wieder in seine Schweigsamkeit
+versunken. Nur weigerte er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen.
+Der Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte er im
+Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, so gibts ein
+Leben, wogegen das des heiligen Antonius eine babylonische Orgie war.
+Und er beschloß, der Sache von innen her beizukommen.
+
+Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als er vernahm, sein
+unfroher Sprößling wolle nicht mehr an den Hof zurück. »Laßt nur den
+Hamster«, sagte er zur Collobella, »der wird schon wieder nach unserer
+besetzten Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann
+kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte zu ihm fahren, wenn
+sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte die Gräfin auch ihre eigenen,
+nicht sehr erbaulichen Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in
+ungeschminkter Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der es
+vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und jeden Monat einmal in
+Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher zu inspizieren. Er
+schweifwedelte vor dem Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb
+ein Witzbold von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne zu
+tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor nicht vertrug,
+erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer Hof das Verslein in Umlauf
+gebracht wurde: Herr von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo
+beim Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, erstlich
+wegen der schwarzen Kleidung, die er zu tragen pflegte, und dann wegen
+seines schwarzen Geistes.
+
+Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für blöde zu nehmen, da
+in diesem eckigen Schädel im Verfluß der Jahre ein paar Augen erwachten,
+welche die Glut eines Jakobiners und die Melancholie einer Nonne
+enthielten. Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen
+ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer scheinheiligen Duldung,
+ihm die Welt lecker zu machen.
+
+Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke des
+Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne Kreatur keines Glückes
+teilhaftig werden, da sie von Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe
+auch das Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern
+genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich entzog. Eine so
+rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß den Herrnhuter, und er berief
+sich auf das Erlösungswerk Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der
+Junker bewies ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit
+siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge gewachsen sei,
+daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung nur mit einem allgemeinen
+Untergang enden könne. Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb
+näselnd, halb singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn:
+
+ »Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn,
+ Alles würd’ von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt.
+ Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es täglich herrlicher,
+ Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch beschützt.«
+
+Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte triumphierend den
+Schluß hinzu:
+
+ »Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han,
+ Dann wirds bös mit uns aussehn, übel wird es mit uns gehn.«
+
+Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, der glatte
+Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter der Frömmigkeit
+verschanzte, daß seine heimliche Verräterei nicht zu merken war, und der
+plumpe Jüngling mit dem dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden
+Profil eines traurigen Schafes.
+
+Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen Stunden
+beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es darauf hinaus, daß er
+eine Eva malte; diese Eva trug ein züchtiges Gewand; sie streckte den
+Arm lüstern nach den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen,
+und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von sträflichen Begierden
+erfüllte Weib.
+
+Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, der darnach
+angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, der jetzt zwanzig Jahre alt
+geworden war, vollends zu verdüstern. Die Gräfin Callenberg, seine
+Tante, eine sechzigjährige Messalina, die die Gesellschaft der
+Mannsleute noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen mehr
+Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen ihres Geschlechts,
+hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen namens Lefevre, aus
+gemeiner Eifersucht bei Wasser und Brot in einem Verließ ihres Schlosses
+eingemauert. Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem
+Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. Die
+entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen sie im Bett, banden sie mit
+Stricken, warfen sie auf einen Leiterwagen und brachten sie nach Neiße,
+wo sie vor Verdruß und Zorn alsbald der Schlag rührte.
+
+Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal,
+daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch
+seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte
+es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden
+Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß
+mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste
+und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem
+gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden
+müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche.
+Der Graf war’s zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des
+Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart
+möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will
+doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll
+nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich
+klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern
+Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte
+und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die
+Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein
+Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen.
+Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.«
+
+Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald nach dem galanten
+Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein genialischer Kopf, Junker«,
+antwortete er; »entweder werdet ihr ein großer General wie Prinz Eugen,
+oder ihr sterbt philosophisch wie Diogenes in einem Faß.«
+
+Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem Erzieher und
+Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man sich damals ausdrückte, und wo
+es allerwegen hoch herging mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen,
+königlichen Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern.
+Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit Anstand sein
+Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch benahm er sich oft recht
+sonderbar, und sein Wesen erregte die Spottlust der französischen Herren
+und Damen. Eines Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini,
+das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod verurteilt worden
+war, auf dem Greveplatz hingerichtet. Sie hatten einen dreizehnjährigen
+Sohn, der gut gestaltet war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und
+trotz seiner Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater Furore
+gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den Übermut meines Vaters zu
+büßen, sagte der arme Knabe zu denen, die ihn ermahnten, seine
+schreckliche Lage in Geduld zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen
+Erdmann zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der Hinrichtung
+seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen würde, ließ er sich bei
+der Dame einführen und erschien gerade, als man dem Knaben Hut und
+Mantel abnahm und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile
+trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, der junge
+Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu tanzen. Der Knabe war in
+Verzweiflung, aber dem Wunsch der mächtigen Persönlichkeit mußte
+willfahrt werden, und so tanzte Jean Concini, ein jammervolles
+Schauspiel, während das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß.
+Dies empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling beiseite,
+unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja wissensdurstig, und es
+berührte ihn eigentümlich, als ihm der Knabe im Verlauf des Gesprächs
+bebend gestand, seine höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren.
+Graf Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen Hallenser
+Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und bat, er solle den Knaben
+zu einem dortigen Professor geben und ihn auf seine Kosten für die
+Universität vorbereiten lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte
+er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung seines
+ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung auf den
+erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, und dieser Name verblieb dem
+jungen Menschen, dem es beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in
+das Leben seines Beschützers einzugreifen.
+
+Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung des deutschen Grafen
+Gefallen, und sie zeigte ihm recht offensichtlich, daß es ihr nicht
+unwillkommen sei, wenn er dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines
+Abends behielt sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst
+lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, denn er
+glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, endlich wurde sie des
+salbungsvollen Geschwätzes satt. Da schlüpfte eine Zofe ins Gemach und
+überreichte der Herrin einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett
+gelesen hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön war
+und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was gibt es denn?« fragte
+Graf Erdmann, dessen Sinne sich langsam zu umnebeln begannen, und da er
+sich nicht getraute, das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen
+Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne Zange, mit der man das
+Holz ins Feuer tat, und wollte sich auf solche Art des Papiers
+versichern. Die Dame schrie auf und schickte ihn halb lachend, halb
+zornig von dannen. Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor
+schritt, trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant auf
+ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, und verstellte
+ihm mit Woher, Wohin, wes Namens und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb
+die Antworten nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog
+vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, ein Schrei, ein
+Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich am Boden. Im Nu war das Haus
+lebendig, Mägde, Diener, Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und
+das ganze Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz des
+Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen Prinzen
+Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von Hautfort erschien selbst,
+und in ihrer Angst beschwor sie den Grafen, auf der Stelle zu fliehen,
+denn diese Tat werde schrecklich bestraft.
+
+Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche zierliche Gestalt,
+dachte er, den Toten anstarrend, welch anmutige Züge! Das Blut, langsam
+fließend wie Oel, benetzte seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde
+abgeführt, und am andern Morgen saß er in der Bastille.
+
+Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich Verbündete und
+Freunde genug, um eine nicht gar zu wachsame Behörde zu hintergehen. Mit
+Hülfe eines bestochenen Aufsehers wurde der Gefangene von einem
+waghalsigen Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang durch den
+Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um seinen Leib und zerrte ihn
+durch den Schornstein aufs Dach. Von hier war der Weg vorbereitet; an
+einer Straßenecke warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis,
+daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern erschöpft, neben
+dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten ein feierlicher Leichenzug
+vorüberging. Erdmann fragte den Schlotfeger, wer da begraben würde, und
+die Antwort war, es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell
+erstochen worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen Kavalkade
+und seiner und seines Führers rußgeschwärzter Erscheinung auf dem Dach
+ihm ein Gefühl grausiger Komik erweckte, sei es, daß die beengte und
+schuldbewußte Brust sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte,
+genug, Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, das auf
+keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die Leute aufmerksam. Um die
+Gefahr abzuwenden, packte der athletisch starke Schornsteinfeger den
+Grafen, den der Lachkrampf überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn
+wie ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin hinein und
+ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte der Junker, ob er mochte
+oder nicht, Arme und Beine spreizen, und er gelangte neuerdings in sein
+Gefängnis. Er streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert.
+Er weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. Erst am
+achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm mitteilte, man habe sich
+an den König August gewandt, damit er bei der Majestät von Frankreich
+Fürbitte tue, auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu Paris,
+der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken werde.
+
+»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf Erdmann trübsinnig.
+
+»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. Der Graf
+antwortete nicht.
+
+Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei Hofe vor, das
+Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache schon in Vergessenheit,
+Promnitzsches Geld tat ein übriges, und zu Ende Mai reiste Erdmann heim
+nach Peterswalde. Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben.
+Tagelang ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und tötete
+alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine Art von Raubschütze
+zog er weit über die Grenzen seines Gebiets, und er durfte von Glück
+sagen, daß die Förster und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht
+kannten, ihn mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau große
+Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden ersetzen.
+
+Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis Herr von Wrech, der
+sich die betrübtesten Gedanken machte, den Junker zur Rede stellte. Da
+setzte Graf Erdmann dem Herrnhuter auseinander, daß nach seiner
+Überzeugung alle Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für
+begangene Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« fügte er
+düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.«
+
+Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte Antwort
+hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, so hoch wie gotische Spitzbögen:
+»Verzeiht, Euer Gnaden, aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen,
+daß Ihr, wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser spielen
+wollt.«
+
+»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; »so seid Ihr wie
+ein Windhund, der keine Spur halten kann. Was er aus dem Auge verliert,
+ist dahin.« Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr der Graf
+fort, mehr für sich redend als für den Andern: »Und ist eine Seele
+sündenlos geworden, so brech’ ich den Zauber. Denn es könnte sein, daß
+eine dahinirret und irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene,
+eine Himmelsstumme, eine Gefährtin. Die will ich finden, die will ich
+erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der erschrockene Herr
+von Wrech schaudernd aus dem Zimmer und bekreuzigte sich, als er vor der
+Türe war.
+
+Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß durch die Wälder
+stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, den er meilenweit verfolgte.
+Plötzlich tat sich eine Lichtung auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner
+Weiher lag. Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade
+aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, den schwarzseidenen
+Mantel darüber, von einer Dienerin begleitet, nach dem Waldhaus am Rande
+der Lichtung schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet,
+trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den Verfolger im Rücken
+wissend, machte er Miene, die Wehrlosen anzugreifen. Das schöne Mädchen
+schrie angstvoll auf, bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in
+Wurzelwerk und knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das
+in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, Erdmann
+hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. Der Graf stieg vom Pferd,
+und als er bei dem Mädchen angelangt war, sank sie dem schwermütigen
+blassen Retter, vor Erregung schluchzend, an die Brust.
+
+Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft Beuthen
+geraten war, die dem Grafen Carolath gehörte; das Mädchen war die junge
+Gräfin Caroline, Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde
+heimgekehrt, erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen
+geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. Es fröstelte ihn
+in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren Malen nach Beuthen, er wurde mit
+der jungen Gräfin vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten
+nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien mit der
+Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er konnte, scheinbar
+widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig ließ er sich lieben,
+scheinbar mit Angst sah er den Bund besiegelt, für jede Liebkosung
+glaubte er sühnen zu müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war,
+beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und schon im
+Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert.
+
+Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz eines Abends
+allein auf abgehetztem Gaul auf sein Gut Triebel geritten kam, in die
+Vorhalle stürzte, die Türen verrammeln ließ und sich zitternd in den
+oberen Gemächern verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten
+das Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren
+drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden Lakaien des
+Grafen, dessen junges Weib der lüsterne Alte tags zuvor entehrt hatte.
+Die wilde Horde eilte die Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des
+gräflichen Schlafzimmers, und mit flachen Säbeln bläuten sie so
+unbarmherzig auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den Folgen
+der erlittenen Verletzungen starb.
+
+Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, wegen denen Graf
+Erdmann die Chroniken zur Hand genommen hatte; er las sonst nur
+Kochbücher und hatte davon eine große Sammlung, in Maroquin gebunden
+und mit Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch
+vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, über seinen
+Gemütszustand zu täuschen.
+
+Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit hatte das
+Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn mehr. War Erdmann nicht
+mit der Kraft versehen, über so viele tausend Untertanen und ihre
+Verhältnisse, ja, nur über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt
+anzumaßen, die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem Manne
+verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht als Herrn, weil sie
+seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt waren? Und er, begriff er bei
+der Huldigung, daß so viele ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter
+die Beamten in respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn
+standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und Plebanus, die
+Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien beim Konsistorio, die
+geheimen und offenbaren Schreiber, die Amtspfänder, Stallmeister,
+Rendanten, Küchenverweser, Förster, Jagdpagen, Bürgermeister,
+Stadtrichter, Senatoren, Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient –?
+
+Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er war doch der
+große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel und Erde, Sühnebettler,
+Liebesbettler. Und wieder täuschte er, indem er sein wahres Wesen durch
+Habsucht verhüllte und auf nichts anderes erpicht schien als auf den
+reinen Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten die
+Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer sich die Füße
+wund laufen, die wilden Schweine den Fronbauern die Ernte verwüsten, –
+er war der Herr des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild
+für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert und erjagt«
+hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, zu menschenhaft.
+
+Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem Gemahl beschaffen
+war. Als ein lebenslustiges Geschöpf war sie in die Ehe getreten und
+hing an dem Mann mit großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu
+haben, sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei den
+Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott wie durch widerrufende
+Verordnungen. Freilich hatte sie wenig Talent zur Hauswirtin, besser
+verstand sie sich auf Geselligkeit und heitre Gespräche, auf
+Unterhaltung mit gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die
+Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles wohlbestellt.
+Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er beleidigte Caroline, wenn
+sie nur den kleinsten Fehler beging, und ihre Schwächen bauschte er zu
+Lastern auf. Er würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich
+ihm opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute
+Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, was hab
+ich vom Leben und Lieben, vom Mann und vom Weib gelernt und gelitten!
+Wie oft bin ich mir inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die
+Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! und liebte ihn! und
+wurde verachtet! und sah seine Gier nach Erlösung und sah, daß er sich
+hätte erlösen können, wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab.
+Gott, wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen,
+verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? weshalb ruht sein Blick oft
+so fremd und fragend auf mir? als wartete er, etwas zu empfangen, was
+ich nicht besitze. Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist
+immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er ist immer umwölkt,
+immer in Groll, immer in Melancholie, immer mißtrauisch, immer verzagt
+und hat kein Auge, um die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch
+einmal im Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt
+stille.«
+
+Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und Graf Erdmann
+erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. Bittere Worte flogen
+hin und her, sie gruben einander die Brust auf, denn was so die rechte
+Zwietracht und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig
+einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger als die Hölle. Der
+Graf wollte einige von seinem Vorfahr der Stadt und den Dörfern
+verliehenen Rechte wieder einziehen und setzte zum Verdruß der Bürger
+einen ungerechten Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein
+mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline haßte den
+duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im Hause weilte und durch
+Flur und Gemächer schlich wie der lautlose Unfried; auch darüber wuchs
+der Streit. Erdmann lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und
+wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, so daß die
+Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen oder tun sollte. Sie machte
+ihm Vorwürfe, erst sanft, dann leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit
+gegen sie rührte sie bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all
+ihre Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer geben,
+wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche Frau ertrüge es, daß
+ein Mann sich zum Herrn und Verächter der Menschheit aufwirft und den
+Willen Gottes erkannt zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß ein
+anschmiegendes Herz zertritt?
+
+Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, das war es. Einen
+Engel glauben, und nur die Eva finden, die Listige, die Überlisterin,
+das hübschgestaltete Fleisch, von schlauer Grazie bewegt, das wurmte
+ihn, verfinsterte ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau
+seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr zufügte, fügte er
+sich selber zu, aber er ward dessen nicht inne. Einst bei der
+Mittagstafel beschimpfte er die Frau gröblich, weil eine Speise, die
+gereicht wurde, verdorben war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich
+erstaunt vor sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige
+Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ das Gemach; an
+der Schwelle konnte sie sich nicht mehr halten und weinte laut. Die
+Gäste verabschiedeten sich bald, Graf Erdmann trieb sich in finstrer
+Laune in den Wäldern herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine
+Bibel und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende Stille
+wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift brannte wie Feuer in
+seinem Geist und ungefähr gegen Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen
+in der Hand tragend, in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett
+und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig wie ein
+Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den dunklen Augenspalten glänzte
+Feuchtigkeit. Da beugte sich Erdmann und berührte mit seinen Lippen
+ihren Mund; und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und
+blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken an.
+Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres Bewußtseins, sein
+seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, als hätte ihn die Frau nur
+fangen und ertappen wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich
+gehöhnt, genarrt und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie
+aus dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und im Flur des
+Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an die Wand und schlug im
+Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, schaudernd vor Entsetzen, erhob sich
+und flüchtete gegen die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde
+anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. Da machte
+sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in der Finsternis, koppelte die
+Hunde los und fand ihre Spur, und als er sie im Hemde, wie sie war,
+ohnmächtig neben einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und
+blieb bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug er sie ins
+Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich schmiegte sich ihr Haar um
+seinen Hals, ihre Arme hingen schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner
+gegen seines, das von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem
+Schmerz erfüllt war.
+
+Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin die Scheidung durch,
+Erdmann tat, als ob er damit zufrieden sei, und das Gericht zu Oppeln
+bestätigte sie wegen unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was
+anhängig«. Bis zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine
+Klosterfrau, und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen Tags
+auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. Erdmann Promnitz aber
+wurde von der Stunde ab, wo sich die Gräfin von ihm trennte, immer
+unruhiger und wilder. Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer
+und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag war kaum
+hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, und fragte ihn einer
+seiner Vettern, was er treibe, so antwortete er, scharf skandierend:
+»Essen, trinken, schlafen, sehen und hören.« Schreckliche Träume
+zerrütteten sein Gemüt; war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er
+den Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man eines Morgens
+Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, – er hatte von der Tafel einen
+halben Fisch in seine Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig
+aufgewacht, hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte
+erstickt, – da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, wo er fremd
+sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben konnte. Gegen eine Leibrente
+von zwölftausend Talern vergab er all seinen Besitz an verwandte
+Geschlechter, und nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen
+Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in die weite
+Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte.
+
+Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen Hans Kosmisch, den
+er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet hatte und der inzwischen ein
+höchst gelehrter junger Mann geworden war, bei welchem das Promnitzsche
+Geld einmal fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem Gönner
+an, ihn nach England zu dem großen Astronomen Herschel zu schicken. Dies
+gewährte der Graf, stattete ihn reichlich aus und versprach zudem, daß
+er ihm nach seiner Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine
+Sternwarte einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte er sich als
+Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs Schüsseln zu Mittag,
+freier Equipage und freier Jagd.
+
+Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline wiederzusehen, die
+in der Nähe der Stadt Merseburg lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu
+empfangen. Er fuhr in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das
+Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück und eines
+Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, in dem die Gräfin
+Caroline wohnte, und schaute lange zu den Fenstern empor, und ging
+endlich hinein und erfuhr von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben
+war und daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann
+Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne sich zu rühren. Sodann
+ging er in den Merseburger Ratskeller und trank dreiundeinhalb Tage lang
+ununterbrochen Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen
+bleichen Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das Verslied
+Numero eintausendachtzehn zu singen:
+
+ »Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ
+ auf Erden stehn, bibi!
+ alles würd’ von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am
+ Kreuz ererbt, bibi!«
+
+Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und er ließ den
+hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die Straße setzen.
+
+Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine Residenz zuerst in
+Kehl, dann in Straßburg auf. Er war allen Menschen unheimlich; in einer
+Nacht wurde er in Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden
+Strolchen überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug er die
+ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte ihn, warum er, der
+doch so stark sei, immer furchtsam und gedrückt scheine. Er erwiderte:
+»So ist es nun einmal. Ich kann mich und euch gegen jedermann in Schutz
+nehmen, nur nicht gegen mich selbst.«
+
+Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige Leute seines
+Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, der finstere und
+ausschweifende deutsche Graf werde von der Erinnerung an eine Übeltat
+gequält. Als er davon erfuhr, lachte er und sagte: »Man unterschätzt
+mich; ein Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die
+Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er das Gespräch
+auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, aber wenn sie sich
+dann nach ihrer Weise geäußert hatten, ging er unzufrieden von ihnen
+hinweg, setzte sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige
+Lieder und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. Zwei Jahre
+hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über die Pyrenäen nach Spanien.
+Zu Valladolid sprach er mit den Gelehrten der Universität lateinisch,
+und in Escurial unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik,
+und in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann fuhr er
+übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der Wüste, nicht in den
+bunten Städten der Mauren, reiste nach Malta, lebte in Syrakus, dann in
+Rom, durchwanderte die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen
+einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal in den Schriften des
+Professors Kant und des Herrn von Voltaire, ein andermal im heiligen
+Augustinus oder in einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der
+Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und träumend schritt
+er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer Eile ließ er seine
+Kutsche über die Landstraße donnern, als ob der Teufel hinter ihm her
+wäre. Bei Tag wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte
+er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht verfaltet, seine
+Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an Glut der Rastlosigkeit noch zu.
+Zehn Jahre, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn
+das Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große und kleine
+Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter und dem Abgrund des
+Todes zu, aber sie greifen auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit:
+Gram und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen.
+
+Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch einen großen
+Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das verzogene Antlitz des
+hingerichteten Symmachus erinnert wurde. Die Augen starrten greulich,
+die Lippe war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König überkam
+das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ sich mit Decken
+verhüllen, beweinte den Frevel und starb kurz darauf in tiefem Schmerz.
+Für den Grafen Erdmann war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher
+Fischkopf. In gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein
+schlankes Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß er
+hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, bist du bei Leichen
+gelegen?«
+
+In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, der nun über
+sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. Nachdem er von England
+zurückgekehrt war, hatte ihm sein Beschützer fünftausend Dukaten für den
+Ankauf eines Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem
+sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm zugeworfenen
+Menschenkind zu willen zu sein und damit einer Wissenschaft zu dienen,
+die ihm unverständlich war wie das Hebräische und gespensterhaft wie das
+Grauen auf dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen
+entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer
+Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich einer am Feuerwerk
+der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; mit dem Manne muß ich reden.
+
+Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach Peterswalde zog. Eines
+Nachmittags im Juni polterte sein Reisewagen durch die halbverfallene
+Schloßpforte. Die Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein
+müder Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile erschien
+Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, doch ohne Perücke. Er
+war ein kleiner Mann, der ungeachtet der herannahenden Fünfzig noch
+immer knabenhaft aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers
+hatte; sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen
+Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn und Gönner gewahrte,
+so abgerissen, wüst und fahl, zwei Orden auf der Brust, den Anzug
+ausgefranst, mit suchenden Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr
+verhehlend, da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte er
+sich tief.
+
+Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und
+als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine
+uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte
+Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte
+er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte
+schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die
+Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des
+Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem
+rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop.
+
+»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«,
+sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.«
+
+Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein
+Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen
+in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte
+er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte
+Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der
+Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein
+Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte
+Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines
+Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird.
+Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben
+gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich
+von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die
+Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn,
+die Ewiggeplagten, die Erdmänner.
+
+Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des
+Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für
+einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für
+Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig
+ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie
+das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt.
+
+»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist
+auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es
+rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die
+Zahlen tyrannisieren den Kopf.«
+
+»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte,
+wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin.
+»Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du
+ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im
+Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir,
+deinen Kometen.«
+
+»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom
+mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen
+zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.«
+
+»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen
+Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.«
+
+»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«,
+fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort.
+
+»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?«
+
+»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch Willkür scheint,
+läßt sich berechnen, und durch das Teleskop läßt sich vieles sehen, was
+in der Himmelsschwärze versunken ist.« Der Astronom wies auf das
+Fernrohr, und als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben
+für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das Mondhorn, das
+gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines fernen Waldes tief gegen den
+Horizont sank. Der Graf schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück.
+
+»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, »doch Ihr
+werdet Euch bald gewöhnen.«
+
+Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, sagte er;
+»oder sind es wahrhaftige Berge, die ich da sehe?«
+
+»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, eine gestorbene
+Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht,
+die Schatten sind Sonnenschatten –«
+
+»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? Und was ist
+das für ein dunkler Fleck, seitlich vom hellen, grau wie Katzenfell –?«
+
+»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser Erdball wirft die
+umgrenzte Finsternis dorthin.«
+
+»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es ist also keine
+leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, mit ihren Ländern und Meeren
+und Flüssen und Städten und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so
+eine schwimmende Kugel wie die dort?«
+
+»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den kleinen, Euer
+Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier am Himmelsbogen funkelt,
+das ist jedes für sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr
+auf einem von den Sternen weilen, so würden die andern und unser
+irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh euer Auge ergötzen.
+Das geschliffene Glas da löst euch den weißen Strom der Milchstraße zu
+Punkten auf, und jeder Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen
+Erden, und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen durch den
+Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut empor, und zur selben
+Frist entstehen Welten und vergehen Welten, schwingen sich Monde um ihre
+Muttergestirne, stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine
+Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. Richtet
+Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden Stern zwei Hand
+breit von der Deichsel des Wagens. Dieses Sternes Licht braucht
+dreitausend Jahre, um zu Euch zu gelangen.«
+
+»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd wie ein Kind, dem
+es gruselt.
+
+»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit etwas, das vor
+dreitausend Jahren war, und wäret Ihr imstande, hinaufzufliegen, so
+könntet Ihr, auf die Erde rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von
+Folge zu Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren dahier
+begeben hat.«
+
+Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,«
+antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen
+bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan,
+aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein
+Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung
+älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...«
+
+»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit
+listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben,
+sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht
+betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt
+verschuldet.«
+
+Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte
+empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine
+Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich
+weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein
+Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir
+zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den
+Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig
+bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?«
+
+Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit.
+Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen,
+und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar
+und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich.
+Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im
+Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt
+Schuld. Sündenschuld – Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans
+Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust,
+»wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne
+wohlgefällig ist?«
+
+Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art
+fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von
+einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt
+seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem
+Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer.
+Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.«
+
+Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach
+Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten
+Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger,
+milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses
+Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen
+Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren
+stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter,
+kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und
+gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei
+alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im
+Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn
+entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt
+zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.
+
+Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht,
+sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine
+Traumvision festzuhalten bemüht ist, – ein über alle Worte erhaben
+schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen,
+unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es
+fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar
+umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger
+Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild.
+Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste
+Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte
+über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich
+schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies
+war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter
+Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der
+Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen
+und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als
+winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch,
+irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und
+als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten
+und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber
+prangten die triumphierenden Worte:
+
+ #Ad astra.#
+
+
+
+
+Franziskas Erzählung
+
+
+Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von
+dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die
+Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien.
+Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute
+geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann
+ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet,
+warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der
+schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung
+ihr Weinen zu ersticken suchte.
+
+Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er
+schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz
+lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?«
+
+Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn
+anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du
+eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich
+selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst.
+Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich,
+wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene
+Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen
+vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder
+Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen:
+es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.«
+
+Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen,
+und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich
+an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum
+erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen,
+dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt
+nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein
+Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch
+kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was
+wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis
+zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem
+eigentlich.«
+
+»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die
+aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende
+Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr
+mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde;
+ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper
+war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir
+erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die
+Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und
+nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz,
+oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich
+zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu
+klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.«
+
+Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse
+zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte,
+die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können,
+weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit
+beeinträchtigen würde.
+
+Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder
+neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat
+gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die
+Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen
+Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem
+rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein
+Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die
+Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer
+auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder
+Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die
+Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier
+sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da
+ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ
+sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung
+oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren
+Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um
+sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter
+den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des
+Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der
+für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben
+geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche
+Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem
+schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts,
+eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte
+die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen,
+ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.
+
+Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe.
+Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es
+und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder
+sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das
+rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und
+wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare
+Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb
+der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu
+deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, – als
+ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten
+hindorren müsse.
+
+Er wurde zur Gestalt.
+
+Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat,
+gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt.
+Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden
+hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu
+erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges
+Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild.
+Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale,
+ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren
+dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war
+dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz
+auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am
+Finger.
+
+Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte einen Klumpfuß,
+und seltsam, gerade dieser Körperfehler war es, der in ihr das Gefühl
+der Identität bestärkte. So wird ja oft ein Gleichnis eben durch das
+Unerwartete zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte
+Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese einander gegenüber
+standen. Franziska hatte natürlich schon von Riccardo Troyer gehört, von
+seinem Reichtum, von seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine
+verführerische Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann fast wie
+ein Prophet und nicht wie ein Reisender und Fremdling von unbekannter
+Herkunft. All das bedeutete ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier
+empfunden.
+
+Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es kaum. Sie
+spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und von unwiderstehlicher
+Gewalt Umschlungene. Es verlangte sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und
+sie ersuchte die Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den
+folgenden Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich in dem
+Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, daß ihr Auge sie
+nicht im geringsten betrogen hatte. Besonders wenn er den Blick
+emporgeschlagen auf sie heftete, hatte sie Mühe, den Lebendigen von
+seinem gemalten Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in
+höchstem Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die unheimliche
+Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg.
+
+Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute ihm
+grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. Sie riß sich von allem
+los, was sie kettete, von Menschen und von Dingen. Nachdem es
+beschlossen war, daß sie mit ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie
+zum letzten Mal den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg
+aufhielten, war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den
+Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff das
+Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte und gab sie, in einer
+ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis eines Zusammentreffens, und das Jahr,
+das sie als Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen
+Schicksalen zum voraus beschwert.
+
+In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt auf. Was sie an
+Schmuck und barem Geld besaß, gab sie Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer
+mitnehmen, ein Mädchen, das ihr seit langem sehr ergeben war, doch
+Riccardo engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin
+und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem Anlaß über
+Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte Hingebung machte ihn
+stutzig. Man ist fester an eine Sklavin gefesselt als an eine Geliebte.
+Sie zu ernüchtern, fand er schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er
+Übung darin besaß, Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. Er
+war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, kein
+Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer Schule. Seit zwanzig
+Jahren zog er als Rattenfänger durch die Städte. Er hatte seine Agenten,
+seine Herolde, seine bezahlten Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und
+Kupplerinnen von den untersten bis in die obersten Schichten der
+Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend wie die
+eines Mannes der großen Politik, und meisterhaft war seine
+Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, andererseits zu verbergen.
+Er war fein und verschlagen, seine Menschenkenntnis war das Resultat der
+Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen Literaten. Er
+betörte durch eine vornehme und hintergründige Schweigsamkeit, durch
+blendende Einfälle, durch eine edelgehaltene Melancholie. Was er trieb,
+war Raub, Plünderung, Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn
+der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph des Gesetzes
+anwendbar war, da sie das Opfer in eine Schuldige und den Verbrecher
+beinahe in einen Helden verwandelte. Sein Metier forderte von ihm
+nichts, als daß er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig
+Jahre wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, der
+in stürmischen Erlebnissen gereift ist.
+
+Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, nichts
+von seinem Charakter, nichts von seinem Leben, nicht, woher er stammte.
+Der, den sie liebte, war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An
+ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung und
+übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte einer Fata morgana
+des Herzens. Die Lust jedes Herzens ist Aufschwung. Einmal in jedem
+Dasein erreicht das Herz seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden
+eingeschläfert, war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre der großen
+Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es der geknebelte Dämon, rasch
+ehe der Tod der Jugend ihn ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung
+getan. Der Sturz war gräßlich.
+
+Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, daß keine seiner
+Künste ihm irgend welchen Vorschub bei ihr geleistet hatte, zerbrach
+sich den Kopf über die Gründe ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war
+es so leicht gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu
+enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun Hilflose
+preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres Jagdrevier zu
+suchen. Mit Franziska lag der Fall umgekehrt. Sie betrachtete ihn
+manchmal mit Blicken, als ob sie sich an einen wende, der hinter ihm
+stand. Unwillkürlich suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die
+Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was ihm je begegnet
+war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut verließ. Der Nebel vor
+ihren Augen zerstreute sich, es kam ein quälendes Besinnen und
+Verwundern: bin ich es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit
+beklagenswerter Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum
+unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie einer sicheren
+Verheißung; es wurde heller, glühender, wirkender in der Erinnerung,
+sie klammerte sich daran als an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und
+keine List, keine Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das
+Geheimnis entreißen.
+
+Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, die sie ihm
+entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre Verschlossenheit nicht.
+Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten Augen weckten in ihm das böse
+Gewissen. Um jeden Preis wollte er erfahren, was es damit für eine
+Bewandnis hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn nicht,
+auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, nur Hülle, Phantom. Der
+Betrüger fühlte sich betrogen, der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er
+sie von seiner Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich
+war, bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen hing.
+Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben tiefer sank als er
+zu sinken wähnte, unter sich selbst hinab, daß sie es war, die ihn dazu
+trieb, und ihre Verzweiflung war namenlos. Er wurde roh; er wurde
+pöbelhaft. Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel war
+es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von ihm zu trennen. Seine
+grünen Augen erloschen für einen Moment. Es ist gut, antwortete er und
+ging. Am selben Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach
+Turin gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes bis zu
+seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit ohnehin
+benommen, willigte Franziska ein. Riccardo übergab ihr eine Kassette zur
+Aufbewahrung, die mit den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er
+nach drei Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den
+Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da sie es forderte,
+begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte den Schrank auf und griff
+nach der Kassette. Die Sinne vergingen ihr; das Kästchen war so leicht,
+daß sie sofort wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? was
+war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die Wohnung nicht
+verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte sie ihm die Kassette.
+Riccardo blickte sie mit großen, starren Augen an, deren Brauen immer
+höher wurden. Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein
+Schlüsselchen aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; die
+Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die Hände vor die Brust
+und lehnte sich wortlos gegen die Wand. Indessen begab sich Riccardo
+leise pfeifend ins andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie
+vernichtet in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf und
+packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, stammelte sie.
+Er lachte ihr ins Gesicht. Seine Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich
+für gewillt, meinen Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?«
+fragte er höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, denkst
+du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem Gut verhälfe? Gibt
+es einen Weg, so bin ich Manns genug, ihn zu finden. Immerhin steht die
+Sache so«, fuhr er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine
+den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das Zehnfache übersteigt;
+es handelt sich um eine Millionensumme. Ich bin ruiniert. Wundere dich
+also nicht, wenn ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest,
+und so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze sind.«
+Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht aus diesen Worten; sie
+entgegnete nichts; die Erstarrung ihres Herzens verhinderte sie am
+Weinen. Ehe der Tag zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur
+Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an Bord eines
+Schiffes, das nach Marseille fuhr.
+
+Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem Haus außerhalb der
+Stadt, in dem es bei Tage friedlich herging, aber in der Nacht kamen
+Herren aus der Stadt und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel.
+Riccardo mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt
+wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne emporstieg, saß er allein
+und überzählte gleichmütig seinen Gewinnst. Oft vernahm Franziska in
+ihrem Gemach heiser streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens
+zu mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag ein junger
+Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der Gartenmauer, und sie sah, wie
+seine Genossen ihn zu einem Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein
+andermal hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie sich
+seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte sich. Er riß sie
+mit teuflischer Kraft vom Lager herunter und hob den Arm gegen sie. Sie
+lächelte todessüchtig vor sich hin. In diesem Augenblick war die
+Erkenntnis, daß die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals
+empfunden, sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer als
+alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. Sie tat ein
+prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem Gesicht hinunter. Ihr
+Anblick machte die Wüstlinge stutzig. Madame ist krank, hieß es, und
+Riccardo raste, als sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache
+führte er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien des
+Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu sein er sie zwang. Eines
+Nachts verließen sie fluchtartig diese Hölle und wandten sich nach
+Paris. Er schleppte sie in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte
+mit Menschen sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er
+wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie in den
+Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, weil er sich nicht von
+ihr lösen konnte. Er genoß ihre Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel,
+wenn sie neben einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände
+faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er ihr auch die
+ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, die in finsterer Kammer ihren
+Anbeter erwartet hat und dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet;
+sage mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören,
+mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet hast, und ich gehe
+meiner Wege, denn es wurmt mich schon, daß du mich so nackt gemacht
+hast.« So redete er zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner
+Existenz verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer
+erniedrigen zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige und
+furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit erschien ihr wie einem
+Verbrecher die makellose Jugend erscheint. Sie war eines Entschlusses
+nicht mehr fähig. Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat.
+Vieler Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift;
+einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit oder
+Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem Nachtmar ihrer Seele;
+sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet und ganz in seiner Gewalt.
+
+Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten das Auge leuchtete,
+das sie verlockt, das Antlitz, das sie beglückt. Gab sie das Geheimnis
+preis, so war sie selbst leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine
+verschwunden waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es geschah
+aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo erlauschte es.
+Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner Brust. Es war als wollte er sie
+auseinanderreißen, um es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus
+dem Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese Zeit
+nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa an der
+bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. Und einmal fuhr er mit
+ihr in einem Boot auf dem Meer; es kam ein Sturm, sie wurden
+abgetrieben, sie schienen verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren
+Häuptern, der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins Boot
+gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das Gesicht und schweigend
+heftete er den Blick auf Franziska. Den Tod vor Augen, dumpf und
+willenlos, sagte sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe,
+bevor ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest du alles
+begreifen, mein Leben und vielleicht auch deines, und diese Stunde, und
+was bis zu dieser Stunde geschehen ist.« Und mit kurzen Worten
+berichtete sie noch, wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er
+hatte sich dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das
+Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er schüttelte den Kopf
+und lachte spöttisch, dann griff er wieder zu dem Ruder und arbeitete
+mit Riesenkraft; sie wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich
+ihm langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach unsäglichen
+Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen.
+
+Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische Dienerin sagte, er
+sei abgereist. Franziska freute sich des Friedens nicht. Sie wandelte
+ohne Rast durch die Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer.
+Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und die Riccardo zu
+sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge gegeben. Die Dienerin, der
+Koch und der Gärtner verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen
+gekündigt und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska war
+allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, daß sie das Haus nach
+Verlauf von drei Tagen räumen müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht
+worauf. Am letzten Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt.
+Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und verfiel in
+schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze vor sich hingestellt, die
+brannte langsam nieder und verlosch mit leisem Zischen. Der Schlag der
+Wellen schallte durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am
+Himmel. Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten hatte sie
+des Schlafes entbehrt.
+
+War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den Riccardo genommen. Die
+Neugier, die ihn trieb, hatte etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis
+geeilt. Er wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet ging
+er hin; sie sah ihn feilschen, hörte ihn lügen; man war froh, für das
+obskure Gemälde einen nennenswerten Preis zu erhalten, man wunderte sich
+über die Laune des Händlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel
+und daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er grübelte, wie er
+förmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie sich seine Neugier
+in Spott verwandelte, und wie er hinübergrinste zum andern Pol der Welt,
+ins Auge des großen Liebenden, er, der große Dieb, den eine Verirrte um
+das eigene Ich bestohlen hatte.
+
+Jetzt aber öffnete sich die Tür, und er trat ein. Trug er nicht das
+Gemälde? Stellte es auf das Tischchen und lehnte den Rahmen an die
+Mauer? Er zündete eine Lampe an. Sein totenbleiches Gesicht war
+triumphierend über sie geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand
+umtastete sie, sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah
+es, wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren häßlicher Sorgen
+und allerlei Art von Angst und gemeiner Beflissenheit. Eine Kruste von
+Anmut und Geist, dahinter Täuschung, Betrug und Lüge; eine Grimasse von
+Leidenschaft; die reine Form zerstört, von niedrigen Gelüsten, wie
+verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis zu einer Tiefe, in
+der noch Schmerz um das verlorene Göttliche lag, kein Zug ähnlich jenem
+Bilde, fremd, erbarmungswürdig fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches
+Erstaunen wich einem Gefühl der Freiheit, das so lange umkrampfte Herz
+konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel von den Gelenken, sie besaß
+sich wieder, sie preßte die Stirn in die Hände und konnte weinen. Und er
+blieb stumm wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen
+braucht und der einen unabänderlichen Weg geht.
+
+Es war kein Schlaf; sie hörte das hohle Aufstoßen seines Klumpfußes, als
+er sich entfernte, und später rollten draußen die Räder eines Wagens.
+Sie kauerte auf dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gelösten
+Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider öffnend, erblickte sie einen
+leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer lehnte, und auf dem Boden
+das zerfetzte Porträt des schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier
+Teile, legte sie zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es
+war Leinwand, mit Ölfarbe bemalt. Es glich einem Kleid, das einst von
+einem geliebten Toten getragen worden war.
+
+Ein Bauer brachte ihr Gepäck zum Bahnhof. Sie hatte noch so viel Geld,
+um in die Schweiz reisen zu können. Ein einziges Schmuckstück von
+größerem Wert war ihr geblieben, ein Ring; diesen veräußerte sie in
+Genf, und lebte zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und
+damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie sich der
+Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen aus einem Abgrund der
+Vergessenheit Gestalten aus einer früheren Existenz empor. Die Mittel
+zur Reise gewann sie durch den Verkauf einiger Toiletten.
+
+Und so war sie gekommen.
+
+
+
+
+Aurora
+
+
+Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuhörern wünschte das
+Licht einer Lampe. Von den unteren Räumen herauf, – sie befanden sich in
+einem Zimmer des ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach
+stieß, – schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte
+Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe zu gebieten, da trat er
+schon herein und wollte sprechen. »Der Affe«, war sein monomanisch
+erstes Wort, aber Lamberg unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen.
+Er machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und der Blendung
+ihrer Augen durch die jähe Helle fiel den Freunden das verlegene und
+unruhige Gehaben des Mannes auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und
+leisetreterisch, wie es seine Art war, denn er trieb die Rücksicht bis
+an die Grenze der Untugend, verließ er das Zimmer.
+
+Fürst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt wanderte er einige
+Male auf und ab; seine sonst etwas schlaffen Züge hatten einen
+gespannteren Ausdruck, die Augen unter den lässig schweren Lidern
+funkelten bisweilen hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas
+leidenschaftlich Verhaltenes drückte sich auch in seinen Händen aus, die
+auf dem Rücken lagen, und deren Finger nervös und fest ineinander
+verflochten waren. Borsati saß ganz in sich geduckt auf seinem Stuhl.
+Die Teilnahme auf seiner Miene hatte etwas Rührendes, weil kindlich
+Befangenes; er gehörte zu jenen Naturen, denen das Mitleid für eine
+ihnen teure Person unbehaglich, fast demütigend ist, und die daher
+dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in Zorn, in Empörung
+gegen die Welt umsetzen. Eine solche Verwandlung war hier gehemmt durch
+das Gefühl eines kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das
+von Wißbegier entfacht war. Denn was bedeuteten die Worte, die
+Ereignisse? was erklärten sie? eines höchstens: daß die Möglichkeiten
+des menschlichen Herzens ohne Grenzen seien. Und diese Franziska, die
+aus den kleinen Umständen eines kleinen Bürgerhauses mutig und heiter
+ihren vergnüglichen Gang in die Welt angetreten hatte, die zu genießen
+und zu vergessen wußte, weil Genuß ihr Element und der beflügelte
+Wechsel, dessen anderer Name Treulosigkeit heißt, ihre Kraft war, diese
+Frau hatte im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels
+verbluten müssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt? was so
+in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben allein? Leben und Liebe?
+Todesgewißheit?
+
+Von ähnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg bewegt, dessen
+Gesicht eine ruhige und stolze Würde nie entbehrte, wo es sich darum
+handelte, Schicksal und Menschheit vom einsamen Beobachterposten aus
+aneinander zu messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar
+abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine Dichtung vernommen. Das
+Geschehene war so weit, Schmerz nur eine Kunde, die Hingeschleuderte
+ergreifende Figur, Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie schön
+zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche Gesetz zu
+verehren, und Wege zu schauen, auf denen die Duldenden und die
+Geopferten schritten, und andere Wege, wo die Priester und die Richter
+gingen! Sein beschäftigter Blick streifte mehrmals das Gesicht
+Hadwigers, der die Hand an der Stirn, die Lippen gepreßt, sehr bleich
+und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und sich selbst
+entzogen war, und immer wieder kehrte er dann den Blick ein wenig
+erschrocken zur Erde. Franziska mochte nicht mehr länger unter dem Druck
+des Schweigens bleiben. Sie richtete sich empor, und wie sie plötzlich
+zu lächeln imstande war, erinnerte daran, daß sie eine Schauspielerin
+gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und küßte ihr die
+Hand. Sie blickte ihn prüfend an und schüttelte den Kopf, halb
+verwundert, halb dankbar. »Jetzt, wo ich mich so sicher unter euch
+fühle«, sagte sie, »wo jeder Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas
+so Menschliches, kommt es mir vor, als hätt ich das Jahr garnicht
+wirklich gelebt; ich spür es bloß, denken kann ichs nicht, freilich,
+glauben muß ich es. Aber wir wollen nicht darüber sprechen«, fuhr sie
+lebhafter fort, »ihr habt es hingenommen, und nun laßt es wegziehen wie
+eine Wolke.«
+
+Die Freunde erwiderten nichts. Fürst Siegmund nickte, atmete tief auf,
+vermied es aber, Franziska anzuschauen. Diese wandte den Blick gegen
+Hadwiger, und ihre Stimme hatte einen bittenden Klang, als sie sagte:
+»Heinrich, du weißt wohl nicht mehr, daß du mir einen Lohn schuldig
+geworden bist?«
+
+Hadwiger zuckte zusammen. »Was für einen Lohn?« stieß er kurz und heiser
+hervor.
+
+»Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?« entgegnete sie mit
+erzwungener Leichtigkeit im Ton.
+
+»Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr«, murmelte
+Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck auf das Anredewort legte.
+
+»Und doch bist du die Einlösung uns allen schuldig,« beharrte Franziska,
+»denn du hast viel geschwiegen, während wir uns verschwenderisch
+mitgeteilt haben.«
+
+»Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur verstecken wollen,«
+gab Hadwiger unruhig zurück.
+
+»Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefaßt werden«, nahm
+Cajetan Partei, »aber in jeder Gesellschaft und Geselligkeit errichtet
+der Schweigende gewisse Schranken, auch genießt er dadurch, daß er sich
+niemals bloßstellt, einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht
+und Courtoisie überlassen werden muß.«
+
+»Na, so kritisch hab’ ich mir meine Situation nicht vorgestellt«,
+erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug. »Ich begreife überhaupt
+nicht, wie ihr auf den Verdacht kommt, daß ich etwas zu erzählen haben
+könnte.«
+
+»Jetzt windet er sich schon«, bemerkte Borsati lächelnd, »gebt acht, daß
+er nicht entschlüpft.«
+
+»Daß etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals sprichst, noch
+gesprochen hast, das weiß ich, Heinrich«, sagte Franziska sanft. »Du
+hast es oft angedeutet, und wider Willen, scheint mir. Wir verlangen ja
+nicht ein Abenteuer, nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine
+Enthüllung. Wir, oder wenigstens ich, ich möchte wissen, was es ist,
+worüber du so stumm bist, daß es förmlich aus dir schreit. Sieh, wer
+weiß, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen beieinander sind. Mir
+kommt vor, heute ist ein Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich
+nur, du sprichst zu Freunden.«
+
+»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung ausschließen«,
+wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als flüchtiger Gast habe ich
+allerdings keine Rechte, nicht einmal das Recht zu bitten, aber ich
+würde es zu schätzen verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht
+beengend oder störend erschiene.«
+
+»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte Lamberg, und etwas
+spöttisch fügte er hinzu: »er wird umworben wie der große Medizinmann;
+wäre er nicht er selbst, er müßte eifersüchtig werden.«
+
+Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für Neckereien,
+schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen den Kopf gegen ihn, und
+Lamberg verbeugte sich lächelnd, zum Beweis, daß er sie verstanden habe.
+Hadwiger bemerkte das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die Enge
+getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne des Sessels mit beiden
+Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge scheu, und die Muskeln seiner
+Wangen zuckten. Die alte Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen
+Schlägen. Er wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an.
+
+»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte einer Nacht;
+freilich einer Nacht, die länger als drei Monate dauerte. Was vorher
+geschah, kann ich nicht übergehen, auch von meiner Jugend muß ich
+einiges berichten.
+
+Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als
+ob die Luft, die ich als Kind atmete, immer schwarz gewesen wäre. Wir
+waren neun Geschwister; sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine
+Mutter überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich eine
+zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. Mein Vater war ein
+Mittelding zwischen einem Spekulanten und einem Fantasten; je nach
+seinen Projekten wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer
+Blick der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger
+standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem Streik der
+Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer zu wirken und zu
+vermitteln suchte, geriet er in ein Handgemenge und wurde von einem
+Schlag so unglücklich getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte
+einen Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich sah, daß
+ich in der Heimat wenig Förderung erwarten konnte, und ich beschloß,
+nach England zu gehen, ein Vorhaben, das unerschütterlich war, obwohl
+ich nicht einmal die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete
+ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, war Austräger bei
+einer Zeitung und Gehilfe bei einem Photographen und legte Pfennig um
+Pfennig beiseite, bis ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise
+brauchte. Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir
+angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos in London
+herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte mir eine Empfehlung
+mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; sie war mir von keinem Nutzen.
+
+Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders läßt es sich nicht
+erklären, daß ich damals nicht versunken bin. Aber es ist nicht
+entschieden, ob uns überstandene Not und Entbehrungen frommen. Manche
+behaupten, es sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend
+zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das Wort. Ich
+sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde und habe kein Bett. Mit
+verschlagener Freundlichkeit redet mich ein halbwüchsiger Bursche an; er
+führt mich zu einem Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine
+Münze, und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes
+Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; dort sind fünf oder
+sechs Lagerstätten und mehr als ein Dutzend Burschen und Mädchen,
+darunter auch Kinder. Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich
+falle auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir im
+Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge geraten. Die fünf
+Schillinge, die ich noch in der Tasche gehabt, sind am Morgen fort. Ich
+sehe mich in einem Hof nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in
+einem Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel
+versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger Stoffe eine
+Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer feuchten Wand und muß die
+Gesellschaft eines delirierenden Mulatten und eines prahlenden Krüppels
+aus Südafrika ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; sein
+Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm’ ich im Halbschlaf ein
+Schluchzen; ich finde in der Küche ein junges Mädchen. Sie liegt auf dem
+Strohsack und weint sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus
+Deutschland herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante
+versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen aus dem Haus. Sie nennt
+mir die Adresse einer Verwandten, die in Whitechapel wohnt, und von der
+sie daheim als von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist
+sich, daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, von
+denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling hat eine frische,
+hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl gewähren, wenn sie aufzutreten und
+Lieder zu singen bereit ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll,
+werde Türsteher bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang
+defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an mir vorüber,
+meine Augen sind voll von den Grimassen des lachenden Elends, meine
+Ohren voll von herztötendem Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters,
+die ich einatmen muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig.
+Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche Mädchen, das
+ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe.
+
+Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, um welch hohen
+Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot erworben habe. Denk ich an die
+Türen, vor denen ich gestanden, die Stuben, in denen ich gewohnt, die
+Betten, in denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich
+eingesargt in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter war; denk ich
+daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, an die verzweifelte Plage,
+an die Müdigkeit, an das hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an
+den nervenzerrüttenden Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die
+Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, deren
+Opfer der Stumme wird, gegen die eigene Schwäche, die nicht so sehr
+Unvermögen ist als Fesselung und der Mangel rettender Zufälle; denk ich
+daran, daß ich zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten
+Parks gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier im Käfig
+tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir aufwuchs und meine zwanzig
+Jahre gleich einem Aussatz zerstörte, – denk ich wieder daran, so will
+ich kaum glauben, daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich,
+der hier sitzt und es als etwas Fernes schildert.
+
+Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus und Furcht
+gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, ihre Eile, ihr
+Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, – sie erdrückten mich. Mir schien, daß
+alle vorhandenen Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr finden
+könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in der Welt sei und als ob
+mich die Fülle der Dinge sozusagen bei lebendigem Leib begraben hätte.
+Ich hatte keinen Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders
+ausdrücken, und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach einer
+bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die Menschen haßte ich,
+sondern auch all ihre Einrichtungen, das Zwangvolle und mich
+Erdrosselnde der gesellschaftlichen Ordnung, den Staat, die Kirche, die
+Schule, die Zeitungen, sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug,
+es weiter auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich zur
+Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, und was noch an Kraft
+und natürlichem Temperament in mir steckte, das faulte gleichsam ab,
+verpestet von dem Anhauch meiner unterirdischen Existenz.
+
+Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war mir damals
+gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf zu nähern; ich hatte die
+Stelle eines zweiten Maschinisten auf einem der kleinen Themse-Dampfer.
+Der Dienst verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt zu
+sehen, und den Abend wie den größten Teil der Nacht verbrachte ich in
+einer Taverne bei den East-India-Docks. Ich hatte um jene Zeit einen
+jungen Russen kennen gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war
+Rachotinsky. Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der Verbannung
+am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der Schlüsselburg gestorben, zwei
+Schwestern und ein Bruder hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein
+Gemüt war düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren
+Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. Ich wußte
+nichts von seinen Plänen, er war trotz aller Beredsamkeit verschwiegen;
+hätte er mich zu einer Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen
+geopfert. In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit einigen
+seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander russisch sprachen,
+merkte ich an ihren Mienen, daß sie nicht leeres Stroh, sondern volle
+Ähren droschen. Eines Abends geschah es, daß einer der russischen
+Flüchtlinge mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in
+dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender Körper
+durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche Mischung von bleich und
+schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, von Kraft und atemlosem
+Gehetztsein hatte ich noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die
+Frau als Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, was
+eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin der Helden, die
+Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine Idee, von der wußte ich
+nichts. Es fiel mir auf, daß das herrliche Geschöpf tastend in den Raum
+trat. Wir erfuhren, daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet
+worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber und Bedrücker ihres
+Vaterlands durch einen Revolverschuß getötet. Im Gefängnis hatte man sie
+mißhandelt, ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und
+ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, daß er sie durch
+zwei seiner Kreaturen des Augenlichts berauben ließ. Das Verbrechen
+wurde in der kleinen Gouvermentsstadt ruchbar, eine allgemeine Revolte
+brach aus, ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es gelang,
+sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden war sie in England
+angekommen, aber die Polizei war ihr auf den Versen, die russische
+Regierung forderte sie unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre
+des politischen Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht
+gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; die Russen waren
+höchst erregt, und während sie Natalie Fedorowna wie eine Schutzgarde
+umgaben, zeigten ihre Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky,
+indem er auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen
+Stillschweigen, jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares.
+In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen zwei Männer, die durch
+ihr Aussehen und ihre Mienen meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt
+hatten. Ihre Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben
+unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, die man
+hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas an ihnen, der Blick
+vielleicht, oder eine Geste und nicht zuletzt ein edler und geistiger
+Ausdruck der Züge verkündeten Menschen aus einer fremden Welt. Und so
+war es auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den Kreis um
+Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in französischer Sprache an.
+Ein tiefes Befremden und im Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe
+Überraschung malten sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine
+Leidensgenossen; diese verhielten sich gegen seine Worte stumm und sahen
+zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände und ließ den Kopf sinken.
+In diesem Augenblick erschien mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr
+Leiden so über alles Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen
+fühlte, ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang empor, ich
+trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine Empfindungen müssen
+derart gewesen sein, daß sie keinem verborgen bleiben konnten, denn ich
+bemerkte viel Wohlwollen in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky
+legte den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden weiter.
+Indessen hatte sich auch der Genosse dieses Unbekannten zu der Gruppe
+begeben, und als ich den näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein
+Anzug nur eine Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut eine
+angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare Allüren des Mannes von
+Stand nicht verdeckt werden konnten.
+
+Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese beiden Männer zu
+sagen ist, die in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielten. Sir
+Allan Mirmell und sein Freund Trevanion waren Leute von großem Reichtum
+und aus alten Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen
+Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, sie war
+von sublimer Art. Man findet ein so sensitives und zugleich
+erleuchtetes, so umfassendes und zugleich beflügeltes Wesen des Geistes
+fast nur bei jungen Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die
+als Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen und so bar
+der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten einen umso
+bewunderungswerteren Schwung nehmen könnten. Allan Mirmell, in der Mitte
+der Dreißig stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war
+durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts verschmähte,
+nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen geschwelgt, zu
+denen das Gold, der Wille und die Passion führen. Er hatte verschwendet,
+Mut verschwendet, Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. Er hatte
+alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, die Gedanken- und
+Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit und innere Anarchie zu
+begehen vermögen. Ihm war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein
+Frieden heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er plötzlich
+müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein Ekel, den zu beschreiben
+ich kaum wage; der das Himmelreich bespie und in der Menschenwelt eine
+Kloake sah; der natürliche Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle
+mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was brennen
+wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom Tag und die Nacht
+suchte, die Einsamkeit und das Grauen. In dieser Gemütsverfassung hatte
+er den jungen Trevanion gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund
+am Freund zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe
+ätherisch. Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war eine
+Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, ohne Windstoß.
+Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt,
+denn seine Seele war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war
+er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende Echo aller
+Anklagen und Verdammungen.
+
+Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins kamen, zu uns
+herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem Schmerz, in ähnlichem
+Haß, wenn schon aus anderer Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und
+Überdruß, hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; die Endpunkte
+der sozialen Welt. Sensationskitzel und Lust an der Selbsterniedrigung
+treiben diese reichen und satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen
+des Lasters und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in den
+Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in vielen Fällen ihr
+Leben riskieren, wenn sie nicht Meister in der Verkleidung und äußeren
+Verwandlung sind. Aber nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch
+einen Besuch in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells
+Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er hatte
+Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch von ihm gelesen.
+Nächtelang beobachtete er ihn und seine Gefährten. Der Anblick dieser
+Erniedrigten und Ausgestoßenen, von denen Jeder Freiheit, Vermögen,
+Lebensgenuß und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm Vorwurf
+und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie Fedorownas, die durch ihr
+Wesen wie durch die Aufnahme, die sie fand, alles Geschehene erraten
+ließ, bewog ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das
+Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen in seinem Haus
+aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen würde, sie zu suchen. Rachotinsky
+und seine Freunde überlegten den Vorschlag, der unter der Bedingung
+akzeptiert wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten und
+zunächst bei ihr bleiben solle.
+
+Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur schlecht
+unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord Natalie Fedorownas
+zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky hatte mich zwei oder dreimal
+nach dem Landhaus Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die
+Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck auf mich; ich
+gewahrte nur sie; Tag und Nacht war sie mein einziger Gedanke. Einer der
+Russen sagte, daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky
+gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen Zauber auf sie
+geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren Kummer, ihre Besudelung, ihre
+Blindheit quälend zu Bewußtsein gebracht. Aber was eigentlich
+vorgegangen war, habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß
+nach der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im Hause Mirmells
+bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche Situation unhaltbar
+wurde. Auf mich wirkte Natalie Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen
+Dienst auf und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. Eines
+Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, ob ich außer Landes gehen
+wolle. Mirmell, Trevanion und er seien entschlossen, der Kulturwelt den
+Rücken zu kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein zu
+entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher gingen die Weltmüden in
+ein Kloster«, sagte er, »wir wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die
+Natur selbst ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden
+Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod erleben, im Tode
+leben und das Leben erkennen, Gott aufbauen in unserer Seele und nie
+mehr nach den Menschen Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd
+sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an einem Altar. Ich
+werbe dich für unsern Bund, dies Recht habe ich mir ausbedungen, und ich
+sehe nichts, was dich sonst retten könnte.«
+
+Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem Verhungern nahe,
+eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen Sinn ich zunächst wenig
+beachtete, doch die Möglichkeit zu existieren. Mirmells Schiff, eine
+stattliche Yacht, lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß
+dorthin. Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet hatte, führte
+mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser begrüßte mich schweigend und
+bemerkte dann gegen Rachotinsky, er möge Sorge tragen, daß ich an nichts
+Mangel leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, und es
+begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir unbekannt war. Von der
+Seekrankheit verschont, wurde ich in anderer Art krank, und ich weiß
+heute noch nicht, unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen
+litt. Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es kommt ja vor,
+daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch abgearbeitet haben,
+plötzlich sterben, wenn Mühe und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in
+die Luft. Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen
+Rachotinsky und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich auf Deck in der
+Sonne gebettet war oder bei schlechtem Wetter im Raum. Kraft seines
+mystischen und durchdringenden Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten
+Einfluß über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der
+interessantesten Männergesichter, die ich je gesehen. Seine Züge waren
+hager und von äußerster Feinheit; seine Haut war glatt und weiß wie
+Email; das Kinn stark, die Lippen dünn wie ausgepreßte Früchte; die
+allzuklaren Augen begegneten nie dem anschauenden Blick, obwohl sie
+nicht zur Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf.
+Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. Er war immer in
+seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky trieb mit ihm geologische
+Studien aus Büchern und Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes,
+das wir an Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am
+Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine Knabengestalt
+ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell konnte ich mich ohne eine
+knechtische Regung nähern, und dieses Überbleibsel meiner
+proletarischen Vergangenheit schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame
+Leiden erweckten kameradschaftliche Empfindungen.
+
+Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen Teil des
+atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, lange westlich, dann wieder
+südwärts. Wir liefen die am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel
+an, aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, wurde
+durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn Mirmell und
+Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit zu fliehen. Wir suchten die
+Nimrod-Insel, deren Existenz jedoch heute noch nicht sichergestellt ist,
+und als dies erfolglos war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge
+schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das Meer von Packeis
+bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, in denen der Dampfer freie
+Fahrt hatte. Wir überquerten den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald
+auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der Antarktis. Ich
+war um jene Zeit wieder gesund geworden. Ich wurde nicht müde, diese
+neue Welt zu betrachten; der immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es
+war Mitte Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging nicht
+unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, und der Kapitän und der
+erste Maat wagten es, auf die Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff,
+das für solche Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell
+blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in ihm ein Ingrimm und
+eine Lethargie, die alle praktischen Maßregeln mißachteten. Er glich dem
+Ritter der alten Sage, der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt
+anschickt. Daß er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys
+unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein Blick schien
+zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, die ihn von allem trennte,
+was ihn ehedem gefesselt hatte. Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte
+an seine Worte: wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott
+aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang ließ mich schaudern,
+und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben.
+
+Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste Eis halt gebot,
+und warteten, da wir der Küste näher zu kommen hofften. Am zweiten Tag
+sprengte der Sturm die gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste
+heran. Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und suchten einen
+Platz für den Bau einer Hütte und eines Vorratshauses. Es erwies sich,
+daß das Schiff mit allen Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt
+in unzugänglicher Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten
+transportierten die Matrosen Balken und Bretter an den Strand; darnach
+die Betten, die Tische, die Stühle, die Bücher, die Kleidungsstücke, die
+Hunderte von Kohlensäcken, die zahllosen Proviantkisten mit Konserven,
+Früchten, Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen
+Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch Steinblöcke und
+Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän des Schiffes Sir Allan um
+eine Unterredung. Der wackere Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte
+warnen zu müssen; ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen
+die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er beredt die
+Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich nicht um eine
+Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; er erteile ihm den Auftrag,
+nicht früher als nach Verlauf von fünf Jahren wieder an diese Küste zu
+kommen, um sich zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der
+Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte diesen
+Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft und verpflichtete sie
+allesamt zum Stillschweigen; so lange keine Kunde in die Welt drang,
+sollten Kapitän und Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern
+Fall hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, sie zu
+entlassen. In der zweiten Woche nach unserer Ankunft waren alle Arbeiten
+beendigt, und das Schiff verließ uns. Wir standen am Rand des Eises und
+blickten ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und seine
+Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte.
+
+Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten in mir
+erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung in mir zu erzeugen; die
+Gegenwart bändigte mich, das Unentrinnliche umschlang mich wie ein
+sichtbarer Kreis; es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu
+verantworten, zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir
+vorging, diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung gegen das
+Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen Zustand; ich muß mich
+damit begnügen, die folgenden Ereignisse zu erzählen.
+
+Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch Forschungen die
+Überzeugung gewonnen, daß auf dem Kontinent der Antarktis ausgebreitete
+Kohlenlager vorhanden seien, und er hatte die etwas fantastische
+Absicht, diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für die
+unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar zu machen.
+Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen versehen, lange Wanderungen
+und brachte allerlei Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die
+Gefangenschaft in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung seiner
+ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der freiwillig gewählten
+Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung von der menschlichen
+Gesellschaft auf eine wunderbare Weise erglüht, und ich fragte mich
+umsonst, was es wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken
+erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem Müßiggang
+hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte Stunde erschöpfend für
+Körper und Geist. Jeder hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter
+war, für das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich
+begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, und
+Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, diese
+gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen Wesen innerhalb der
+gebundenen Ordnung ihres Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie
+uns mit dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille glich,
+ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit gröblichen
+Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten mit zeremoniöser
+Ehrfurcht gegeneinander verneigten, ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen
+pflogen! Sie glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so
+sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz von Verwandlung
+gaben, etwas von Bann und Schuld und Harren auf Erlösung. Nicht selten
+schloß ich mich auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen,
+Diatomeen, Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, oder in die
+kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, oder Wolken und Felsen
+zeichnete oder mit der Spirituslampe in die stalaktitischen Eishöhlen
+hinabstieg. Noch lieber wanderte ich allein über Schnee und Eis und
+schaute zum bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, und
+über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle stumpfte das Zeitgefühl
+ab und man ging wie in der Ewigkeit, die auch keinen Wechsel von Tag und
+Nacht hat. Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, und
+die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen den Ozean
+schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen zu bevölkern, und diese
+gedehnten Laute klangen wie das Stöhnen eines Tieres in den Wehen der
+Geburt. Fern über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich wie
+ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; die Nähe der
+mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen Erdflamme ließ mich
+bisweilen vergessen, daß ich ein wollender und müssender Mensch war. Ich
+erblickte den mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen langen
+Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, und im
+Süden, gegen das Ende der Welt, sah ich viele Berggipfel, zahllose
+Kuppeln, die jungfräulichen Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen,
+durchsichtigen Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und
+stärksten Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur
+hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu sein; sie sprach
+nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie handelte nicht, sie _war_
+bloß.
+
+In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um unser gefrorenes
+Reich; auch an dem Steigen der Kältegrade merkten wir, daß es Winter
+wurde. Es kam die Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden
+Horizont berührte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten in der
+Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild übereinander geworfener
+Purpurtücher. Das ganze Schneegefild hinter uns ward zum Spektrum, das
+in Billionen Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft glühten die
+seltenen Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden, und wir
+standen vor der Hütte, frierend bis ins Mark, und warteten, bis die
+letzten Protuberanzen der Sonne erloschen waren, – und damit alles
+Leben. Es wurde Nacht. Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte
+schon Übles, als, da ich Licht anzündete, Trevanion unablässig in die
+Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen
+werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und seelenvoller Besorgnis.
+
+Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich darf sagen, daß
+wir einander lieb gewonnen hatten. Wir verstanden und achteten einander.
+Es wurde über vieles lebhaft und gut gesprochen, und ich verdanke dieser
+Zeit die reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und
+Aufschlüsse. Tag um Tag, Stunde für Stunde mit denselben Menschen
+dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein aller Lebensäußerungen,
+Beobachter jedes Schweigens und jeder Geberde, das heißt einander kennen
+lernen. Und schließlich kannten wir einander so genau, daß wir die Worte
+hörten, ehe sie gesagt wurden, daß wir auf dem noch unbewegten Gesicht
+die Stelle angeben konnten, wo ein Lächeln, eine Erinnerung, ein
+Unbehagen die stereotypen Falten einkerben mußten, ja, daß wir die
+Verschiedenheit in der Biegung und Länge einzelner Wimpernhaare
+gewahrten, und häufig richtete man während eines Gesprächs das Augenmerk
+gespannter auf gewisse Eigentümlichkeiten der Miene und Geste als auf
+Frage und Antwort. Jeder war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen
+und Überraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam in
+stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die große Nacht einbrach, herrschte
+oft ein bedrohliches Schweigen unter uns, aber wir konnten die
+verwundeten Nerven durch Tätigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt
+unmöglich. Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte, konnte
+man draußen nicht weilen, und wenn der Schneesturm wütete, war man in
+Gefahr zu ersticken, ehe man sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte.
+Wir waren also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die
+dauernde Dunkelheit verdüsterte das Gemüt nachhaltig. Das matt
+schwelende Licht in unserm Wohnraum ward zu einem beständigen Druck auf
+das Auge und das Gehirn. Die Kälte war so fürchterlich, daß wir trotz
+unablässigen Heizens die Temperatur der Hütte nicht über drei Grad
+Reaumur brachten. Unsere Ausdünstungen und die Dämpfe der Speisen hatten
+sich an den Wänden als Eisverkleidung niedergeschlagen, und das oben
+erwärmte Eis, das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der
+infolgedessen ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken nicht unter
+dem Anprall des Orkans ächzten und klapperten und die auf das Dach
+geschleuderten kleinen Steine quälend und eintönig klopften, versetzte
+uns die Stille der Natur in einen Zustand, daß wir hätten schreien
+mögen, um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den Ohren, sie
+ließ den eignen Herzschlag wie den Lärm aus einer Maschinenhalle
+erscheinen, sie brüllte aus der Finsternis, sie verscheuchte den Schlaf
+und verursachte angstvolle Einbildungen des Gehörs. Ich vermute, daß wir
+nur aus Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollständig
+sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anlässen böswillig in die
+Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften, da hob Allan Mirmell
+grimmig die Faust gegen mich, Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief
+mit verschlungenen Händen und gefletschten Zähnen auf und ab. Und aus
+welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht darüber einigen können,
+ob der Kapitän von Mirmells Schiff blaue oder graue Augen besaß. Wir
+konnten den Klang unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst
+zitterte bei der gleichgültigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno
+begann erst, als eines Abends, – es gab Abende, die letzten bleiernen
+Stunden verwachter Nacht-Tage, – als eines Abends Trevanion, der lesend
+am Tische saß, ein weißes Tuch über sein Gesicht hängte. Unser Anblick
+erregte ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche Empfindung.
+Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten, einander zu
+zerfleischen. Täglich um dieselbe Zeit derselbe Vorgang in gesteigerter
+Abscheulichkeit! In einer solchen Stunde wurde Trevanion von Grauen
+überwältigt, er hüllte Kopf und Rumpf in den Pelz und stürzte hinaus.
+Mich erfaßte Besorgnis um ihn und nachdem ich die nötige Schutzkleidung
+ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische Spur vor der Hütte
+zeigte, daß er gegen den Gletscher hinaufgegangen war. Über dem Schnee
+lag eine schwache grünliche Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die
+Kälte fraß wie ein Brand.
+
+Plötzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen von Licht
+bewegten sich von Südost nach Südwest und schienen unablässig neue
+Lichtstärken von Südost zu holen. Sie warfen blendende Strahlen zur
+Erde, und die Farben wechselten von weiß zu grün und gelb. Ich spürte
+nichts mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Phänomen gab
+mir ein Gefühl des Schwebens. Da erblickte ich Trevanion. Er schaute
+regungslos in das glühende Firmament. Mich überrieselte es eigen, als
+ich den entgeisterten Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete
+meine Nähe mehr als daß er mich sah; er streckte den Arm gegen das
+Südlicht und fragte flüsternd, ob ich die Gestalt gewahre. Was für eine
+Gestalt? flüsterte ich zurück. Mit ungestümer Geberde deutete er. Ich
+folgte der Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er preßte die Hände
+zusammen und drückte sie auf seine Brust. Natalie, hauchte er, Natalie
+ist es. Wieder überlief es mich. Wir standen auf dem Kirchhof der Welt,
+und er sah die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und
+flehentlichen Stimme nannte er unaufhörlich den Namen Natalies. Der
+Gletscher begann im Schein der Aurora rötlich zu leuchten. Und nun war
+es mir selbst, als erblickte ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog
+mich nur hin. In ihrem Körper rann durchsichtiges Blut. Aus dem
+bläulichen Gewand erhoben sich mädchenhafte Schultern. Ihre Hände,
+obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der Abwehr. Ihr Antlitz
+enthüllte sich nur allmählich wie ein Stern aus Nebeln. Die Züge waren
+leidend, aber voll von einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir können sie
+nicht erreichen, sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat,
+schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm zieht
+auf, drängte ich ihn und wies auf einen weißlichen Dunst, der im Süden
+lag und sich mit unheimlicher Schnelligkeit ausbreitete.
+
+Man mag die übernatürlichen Kräfte skeptisch beurteilen; Man leugne oder
+erkläre sie; sicher ist, daß jeder Organismus unter bestimmten
+Voraussetzungen ihrer Einwirkung unterliegt und dann gleich einem
+Körper, der seinen Schwerpunkt verloren hat, der gewohnten Bahnen
+spottet. Wir hatten die Gemeinschaft der Menschen aufgekündigt, des
+Anrechts auf Liebe uns begeben; wir hatten nicht bedacht, daß dort, auch
+wenn sich das Geschick in Bitterkeit und Haß erfüllt, dennoch ein Strom
+schwebender Möglichkeiten den Einzelnen umgibt, Möglichkeiten der Liebe,
+und daß magnetische Berührungen seine Seele ungewußt mit dunkler
+Zuversicht nähren. Hier aber schuf ein tiefer Wille in uns das Phänomen
+der Liebe aus dem Nichts; die Verzweiflung gebar ein Schemen, das über
+uns Gericht hielt, die beleidigte Menschheit nahm Rache. Mirmell und
+Rachotinsky waren verhältnismäßig nüchterne Charaktere, und gerade sie
+wurden von der Frauengestalt im Feuerschein der Aurora australis am
+unwiderstehlichsten gepackt, denn sie sahen, was Trevanion und ich
+gesehen hatten, es brauchte kaum einen Hinweis, ihr Geist war
+vorbereitet, ihre Fantasie durch peinigende Wünsche, Wünsche des
+Schlafs, des Traums und des dumpfen Wachens, Wünsche, wie sie nur der
+kasteite Leib hegen kann, längst entschlossen, das Unfaßliche zu
+ergreifen. Es war ein erotischer Wahnsinn, der uns hintrieb. Mit Grauen
+gestehe ich, daß wir eifersüchtig aufeinander waren. Bei den folgenden
+Malen entfaltete sich der Glanz der Aurora immer glorioser. In einem
+mächtigen Bogen flammte das Licht bis zum Zenit und erreichte im
+Sternbild des Zentauren seine größte Intensität. In jeder Nacht gingen
+wir aus, um die Aurora zu sehen; schweigend und vermummt marschierte
+jeder seinen Weg. Aber allzuoft blieb das Firmament schwarz und nur das
+ferne Feuer des Vulkans lohte rauchverdüstert. Bisweilen stand in
+wolkenreiner Höhe der Mond wie eine Magnesiumlampe. Die ganze Landschaft
+glich einer Mondlandschaft. Ich fühlte mich so unirdisch, so außer mir,
+so nah den letzten Grenzen! Orion und der herrliche Sirius drehten sich
+in großem Kreis. In der siebenten Nacht erblickten wir die Aurora zum
+dritten mal. Es war milderes Wetter, und die Vision zeigte sich in
+starkem Kontur. Wir wanderten keuchend den Gletscher hinan, Trevanion
+allen voraus. Er schien mir das Wesen eines Somnambulen zu haben. Er war
+in dieser Zeit so verinnerlicht, daß sein Lächeln wie ein flüchtiger
+Aufenthalt zwischen Schlummer und Tod wirkte. In seinen Augen wohnten
+eine Anbetung, eine transzendente Leidenschaft, daß ihn zu betrachten
+schmerzlich war. Auch in den finstern Nächten suchte er weit draußen auf
+dem heimtückischen Rücken des Gletschers; einmal hörte ich ihn laut, mit
+erschütternden Tönen, schreien; er schrie nach ihr. Ihn verlangte nach
+der Umarmung der Eisjungfrau, und am Morgen sagte er zu mir: wenn sie
+nicht blind wäre, Henry, sie würde ein Mittel finden, daß ich zu ihr
+gelangen könnte. Allan Mirmell verfiel auf eine besorgniserregende Art,
+als ob ein Gift an ihm zehre. Er tappte wie ein Greis. Licht, Licht,
+murmelte er oft, wenn er aus dem Schlaf emporschrak. Die anstrengenden
+Märsche nach dem Wohnsitz der bleichen Aurora warfen ihn schließlich
+entkräftet aufs Lager. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich auch an
+Rachotinsky alle Anzeigen einer krankhaften Melancholie. Stundenlang
+kauerte er betend auf den Knieen. Er wusch sich nicht mehr; Schmutz, Ruß
+und Unrat bedeckten ihn. Wodurch ich mich aufrecht erhielt, kann ich nur
+schwer sagen. Es war Hoffnung in mir. Diese Hoffnung wurde von Tag zu
+Tag stärker. Und es war noch etwas anderes als Hoffnung, es war
+Sehnsucht. Immer wenn ich die Aurora sah, schritt ich durch eine Halle
+aus Eissäulen, an deren Ende mich die belebte Erde grüßte. Die Blinde,
+die Unerreichbare, das zarte Gebild aus Strahlen und Kristall lehrte
+mich, daß ich mich selbst lieben solle, mich in den Menschen, mich in
+der Welt. Der Strahlenbogen, dessen eines Ende sie trug, erschien mir
+wie eine meisterlich geschwungene Brücke, die den Abgrund der
+Finsternis überwölbt. Da stand es fest in mir, daß ich Brücken über
+Abgründe bauen wollte, wirkliche, ja, wirkliche Brücken. Und während ich
+im Weglosen wanderte, dem blendenden Licht entgegen, wuchs in mir die
+Lust, Wege anzulegen, denn daß ich ehemals keine Wege mehr für mich
+gehabt, das lag daran, daß ich keine geschaffen. Das erkannte ich jetzt.
+Wege überwinden die Trägheit; je mehr Wege desto mehr Bewegung, desto
+mehr Wille, desto mehr Umwandlung. Auf den Wallfahrten zur Aurora habe
+ich den Gedanken an Brücken und Wege lieben gelernt, und dies bewahrte
+mich vor dem Verderben.
+
+In der letzten Nacht vor dem Aufgang der Sonne sah ich Trevanion zum
+letztenmal. Dämmerung lag auf dem Eis. Der Gletscher zuckte, Krämpfe in
+seinem Innern zerbogen seine kalte Hülle. Auch der Vulkan grollte, und
+die Schwefelfumarolen auf dem Gipfel waren von gelben Dünsten umzogen.
+Trevanion war an meiner Seite, als das Südlicht aufflammte, nur in
+mattem Schein freilich, bloß wie zum Abschied. Noch ehe es verblaßt war,
+rief ich Trevanion zu, wir müßten hinunter laufen, der Blizzard sei im
+Anzug. Er schüttelte den Kopf und beachtete meine Warnung nicht. Er ging
+weiter. Ich wußte nicht, ob ich ihm folgen oder mich in Sicherheit
+bringen sollte, und blieb unentschieden stehen. Der Sturm fing an zu
+brausen, da sah ich, daß Trevanion, der schon ziemlich weit oben war,
+jählings verschwand. Offenbar war eine Schneebrücke geborsten, und er
+war in die Spalte gestürzt. Ich suchte die Stelle im Gedächtnis zu
+behalten, denn nacheilen konnte ich ihm nicht, die Atmosphäre
+verfinsterte sich rasch, ich warf mich flach auf den Boden, und um nicht
+fortgeschleudert zu werden, klammerte ich meine Arme um einen Eisblock.
+Es war eine Raserei in den Elementen, die das Herz zum Stocken brachte.
+Trotzdem waren meine Gedanken nur mit Trevanion beschäftigt; es war, als
+ob sich ein Tor im geheimnisvollen Haus der Aurora geöffnet hätte, um
+ihn einzulassen. Wie lange ich regungslos und mit Anspannung aller
+Kräfte so lag, weiß ich nicht; als die Heftigkeit des Orkans geringer
+wurde, kroch ich auf Händen und Füßen gegen die Hütte hinab, und erst
+als ich den Schutz einer Felswand erreicht hatte, wagte ich mich zu
+erheben.
+
+Rachotinsky, von einem mechanischen und beinahe verbissenen
+Pflichtbewußtsein an das Lager Mirmells geschmiedet, der mit dem Tode
+rang, war nur mühsam zu überreden, mich auf den Gletscher zu begleiten.
+Wir warteten, bis der Sturm vorüber war, dann gingen wir, mit Stricken
+versehen, hinauf. Meine lauten Rufe blieben unbeantwortet. Das
+Schneetreiben hatte jede Spur verwischt. Wohl entdeckte ich in der
+Richtung, in der Trevanion verschwunden war, eine offene Spalte, aber
+sie war breit, ein bodenloser Schlund. Ich schrie hinab, ich warf den
+Strick hinab, umsonst. Da sagte Rachotinsky, der an einer mächtigen
+Eisplatte lehnte, mit heiserer Stimme: »Die Sonne«. Ein glühendes
+Segment tauchte über dem Horizont empor. Alles Land war von einem
+brennenden Scharlach übergossen.
+
+Wie viele Tage vergingen, bis das Schiff in Sicht kam, dessen entsinne
+ich mich nicht mehr. Ich entsinne mich bloß, daß ich fest überzeugt
+war, es müsse kommen, fest überzeugt, mein Schicksal sei an der Wende
+angelangt. Eine zweite antarktische Nacht hätte ich nicht überlebt. Was
+sich an Bereitschaft in mir gesammelt hatte, durfte und konnte nicht
+betrogen werden. Das Geschick ist mir verschuldet, sagte ich mir, und
+ich trotzte ihm die Entscheidung ab. Allan Mirmell war schon längst
+unter die Erde gesenkt, als sein Schiff an der Küste anlegte. Der
+Kapitän, tief besorgt um unser Los und den Entschluß seines Herrn als
+eine traurige Verirrung betrachtend, hatte es einfach riskiert, den
+erhaltenen Befehlen zuwider zu handeln. Es war hohe Zeit, daß sie kamen;
+ich war nahe daran, in Gesellschaft des schwermütigen und schweigenden
+Rachotinsky verrückt zu werden. Als ich das Deck des Schiffes betrat,
+hatte ich das Gefühl von Auferstehung. Man fragte nach unseren
+Erlebnissen. Rachotinsky konnte nicht antworten; er hatte den Verstand
+verloren. Was mich betrifft, so war ich unfähig, etwas anderes
+mitzuteilen als die äußerlichsten Vorgänge, die sich in drei Sätzen
+wiedergeben lassen. Ich habe niemals und zu keinem Menschen darüber
+gesprochen bis auf den heutigen Tag. Ich bat den Kapitän, mich in Sydney
+in Australien ans Land zu setzen, und dort habe ich mein Leben von vorn
+angefangen.«
+
+
+
+
+Der Affe und der Spiegel
+
+
+»Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe ich selten mit so
+triftigem Grund gebrauchen hören«, sagte Cajetan, als Hadwiger geendet.
+
+»Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden sein«, fügte
+Borsati hinzu, indem er einen langen milden Blick auf Hadwiger heftete.
+
+»Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich, wie reich, wie
+groß ist doch das menschliche Dasein!« rief Cajetan ergriffen. »Ich
+fühle mich in einer Stimmung wie jener Bramarbas auf der Plassenburg.
+Man möchte sich manchmal wirklich zum Ertrinken tief hineinstürzen. Aber
+man muß schwimmen können, das seh ich wohl ein. Und eine umpanzerte
+Seele braucht man«.
+
+»Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz«, sagte Lamberg
+ernst.
+
+Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar glänzenden Blick an, als wolle
+er antworten: wißt ihr es denn? habt ihr es denn erfahren, ihr Reichen,
+Reichgeborenen, Verwöhnten, ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum,
+Freiheit und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken. »Es gibt
+auch eine mittelbare Art zu leben und zu erleben«, meinte er; »obschon
+sie nicht so zwingt, zum Entschluß nicht und zur Verwandlung nicht, ist
+sie oft doch viel schmerzlicher, – dem unverschlossenen Herzen nämlich,
+das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet, so
+zerteilt in die wechselnden Lose, daß es nicht einmal zu einer Tat der
+Selbstbewahrung mehr die Kraft hat. Das heißt mit gefesselten Gliedern
+dem Moloch überliefert werden.«
+
+»Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein Märchen?« wendete sich Fürst
+Siegmund an Hadwiger, »ist es nicht wunderbar, daß Sie hier, von einer
+freundlicheren Natur umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie
+zum erstenmal von jenen außerordentlichen und weittragenden
+Begebenheiten erzählen? Ich täusche mich vielleicht, oder ich kann
+meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck verleihen, aber für mich
+hat dies etwas von einer Spiegelung, etwas, das sinn- und
+bedeutungsvoller ist, als Sie selbst im Augenblick denken. Das Wort ist
+nicht immer bloß ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol
+der Erkenntnis und Erhöhung.«
+
+»Sie haben Recht, Fürst«, versetzte Cajetan, »und das ist auch weitaus
+das Schönste, was man darüber sagen kann.«
+
+»Und das Schönste, was man dafür tun kann«, ließ sich jetzt Franziska
+hören, die bis zu diesem Moment ganz verloren vor sich hingeschaut,
+»ist, daß wir ihm den goldenen Spiegel geben«.
+
+»Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird«, erwiderte Lamberg
+lächelnd und quittierte mit einer reizend chevaleresken Geberde die
+stumme Zustimmung Cajetans und Borsatis. Hadwiger stand auf, errötend
+wie ein Schuljunge. »Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich«, fuhr Georg
+Vinzenz ermahnend fort, »wir lassen uns einen solchen Anlaß zur
+Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie müssen warten, bis Ihnen die
+Trophäe mit den gebührenden Zeremonien überreicht wird.«
+
+»Vortrefflich«, lachte der Fürst, »da bekommen wir am Ende gar noch eine
+Rede zu hören«.
+
+»Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet«, fuhr Lamberg fort;
+»wer von uns kann ihn von nun ab in die Hand nehmen, ohne eine Fülle von
+Gesichten und Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und
+wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie ist
+matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, Schiffe
+und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und
+Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und
+Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der
+Traum und das Wunder, alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies
+Gewebe von Schicksalen gesponnen haben, war bemüht, den Partner zu
+übertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war die Rede. Es war
+kein Werben, es war ein Verschenken. Und wir sprechen Ihnen, Heinrich,
+den Spiegel zu, weil Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen
+Innern geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch mein
+Bedürfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.«
+
+Cajetan und der Fürst klatschten Beifall, Hadwiger blieb mit gesenktem
+Kopf stehen. Lamberg schritt zur Türe und drückte auf den elektrischen
+Knopf, um von Emil den Spiegel heraufholen zu lassen. Der Fürst
+verabschiedete sich indessen von Franziska. Sie sprachen mit leiser
+Stimme. Da der Diener nicht kam, läutete Lamberg noch einmal, und als
+auch dies vergeblich war, öffnete er ungehalten die Türe, um zu rufen.
+Nun erschien an Emils Statt die Köchin und teilte ihrem Herrn ziemlich
+erregt mit, der Affe sei entflohen und Emil verfolge ihn. »Entflohen? es
+ist ja Nacht«, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person
+auszuforschen. Es stellte sich heraus, daß Quäcola schon am Nachmittag,
+um die Zeit, da der Fürst gekommen, den goldenen Spiegel aus dem
+Speisezimmer entwendet hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr
+aufgebracht gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht, in allen
+Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden, zwei Stunden lang und ohne eine
+Spur von ihm zu finden. Schließlich sei er auf den Balkon
+hinausgetreten, und da sei nun Quäcola in einem Winkel ganz
+zusammengekauert unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den
+er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil habe
+versucht, ihm den Raub zu entreißen, doch der Affe habe ihn bösartig
+angeknurrt und sich überhaupt so betragen, daß man sich habe fürchten
+müssen. Da habe Emil die Peitsche geholt und habe die widerspenstige
+Bestie geschlagen. Quäcola habe wütend gefaucht, sich über das Geländer
+geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem Haus hinabgeklettert und gegen
+den Wald hinauf gerannt. Und Emil sei nun hinter ihm her.
+
+»Jetzt? in der Finsternis? im Wald?« fragte Lamberg erstaunt. Die
+Freunde, Franziska und der Fürst hatten dem Bericht mit Neugier und
+Verwunderung gelauscht. Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg
+meinte, es sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Flüchtling
+heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Grütze im Kopf,
+um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen. Die andern erklärten sich
+bereit, ihm beizustehen. Fürst Siegmund äußerte lächelnd sein Bedauern
+über den Zwischenfall; er fragte, ob er Leute herüberschicken solle, die
+mit Fackeln den Wald absuchen könnten; Lamberg dankte und antwortete, er
+hoffe, daß Quäcola den Aufenthalt unter den feuchten Bäumen von selbst
+unbehaglich finden und zum Gehorsam zurückkehren werde. Voll
+Herzlichkeit drückte der Fürst allen die Hand und ging.
+
+Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die drei Freunde auf den
+Weg. Als sie sich fünfzig Schritte oberhalb der Villa befanden, kam
+ihnen Emil aus dem dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder Mütze
+und keuchte erschöpft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche, deren
+Schnur an den Stiel gebunden war, augenscheinlich zu dem Zweck, um sie
+als Lasso benutzen zu können. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht
+des Dieners, und er sah, daß es voller Blut war; Zweige und Buschwerk
+hatten ihm die Haut zerrissen. »Sie haben das Tier nicht gefunden?«
+fragte Lamberg. Der unglückliche Mensch konnte nicht reden, er zuckte
+verzweifelt die Achseln. »Und Sie wissen genau, daß Quäcola den Spiegel
+bei sich gehabt hatte, als er entwischte?« Emil nickte. »Das ist es ja
+eben«, stammelte er, »das ist ja die Niedertracht; er wollte mich in
+Schuld bringen, er wollte mich dem gnädigen Herrn verhaßt machen. Die
+Herren müssen das begreifen«, wandte er sich aufgeregt und fast
+schreiend an die Freunde, »der Schabernak war auf mich gemünzt, mich
+wollte das Vieh verderben ...«
+
+»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg mit Unwillen den
+sich ausbreitenden Redeschwall.
+
+»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener zaghaft.
+
+»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere nächtliche
+Unternehmung aussichtslos. Warten wir den morgigen Tag ab.«
+
+Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung zugab, wollte er noch
+einen Gang in den Wald tun. Er rief den Namen Quäcola hundertmal, und
+ein sanftes Echo antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch
+pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft zu
+haben wünschte. Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht um und
+löschte am Waldrand die Laterne, da inzwischen der Mond aufgestiegen
+war. Sehr verspätet nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es
+wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska müde, die
+andern überließen sich ihren Betrachtungen. Der Diener hatte sich zu
+Bett begeben müssen; bei der Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet,
+und ein Fieberfrost schüttelte den armen Affenhasser.
+
+Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über Waldpfade und
+Felsensteige entdeckten die Freunde den Affen. Er lag am Ufer des Sees,
+der Unterkörper im Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf
+einem Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß er sich
+oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden Wand herabgestürzt
+war. Lamberg setzte sich an die Seite des Leichnams und sagte: »Schaut
+doch nur sein verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher
+Kummer drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter Quäcola! Auch
+du hast unter der Dummheit leiden müssen, auch aus dir hat sie einen
+Märtyrer gemacht. Deine roten Höschen und dein blauer Frack sehen
+närrischer aus als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den
+Affen, und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele
+beherbergt hat.«
+
+Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert den Kopf.
+
+Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg ließ die ganze
+Gegend durch Scharen von Bauernkindern absuchen, doch ohne Erfolg. Es
+mußte angenommen werden, daß während seines Sturzes dem Affen der
+Spiegel entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle
+sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne Kostbarkeit dem
+Bestand menschlicher Schätze für immer geraubt.
+
+Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben Abend in die Stadt
+zurück, Cajetan und Borsati erst zwei Tage darnach.
+
+
+Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der zwischen Weinbergen
+sein herbstliches Laub aufflammen läßt. Es ist ein später Nachmittag,
+und die Hügel flimmern im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine
+leidenschaftlich klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen zwei
+lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die einander die Hand
+gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen Gemach liegt Franziska;
+Hadwiger, das Gesicht in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom
+umleuchteten Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die
+Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich auf
+ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen gestrebt. Vorüber, ach
+vorüber! Sie aber empfindet die Stunde voll, nicht nur wegen der Musik,
+die aus dem Nachbarzimmer klingt, – es ist, wie wenn ein Namenloser sie
+spielte, – sondern auch wegen der Musik, die harmonisch ihrem Innern
+entquillt. Denn es ist ihr bewußt, daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende
+gelebt hat; so bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten
+Hinüberbeugens bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen gleich einer
+Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit beginnt. Auch ist ihr
+bewußt, daß manche trauern werden, denen sie viel gewesen ist, und
+einige weinen werden, die sie geliebt haben.
+
+
+ _Ende_
+
+
+Begonnen: April 1907 Beendet: Mai 1911
+
+
+
+
+_Werke von Jakob Wassermann_
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in
+Leinen 5 Mark.
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Roman. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen 7 Mark 50 Pfennig.
+
+
+Der Moloch
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in
+Leinen 5 Mark.
+
+
+Der niegeküßte Mund – Hilperich
+
+Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in Leinen 4 Mark 50
+Pfennig, in Leder 6 Mark.
+
+
+Die Schwestern
+
+Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder 3 Mark, in
+Leder 4 Mark.
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, in Leinen 6 Mark.
+
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens
+
+Roman. Neunte Aufl. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.)
+
+
+_S. Fischer, Verlag * Berlin_
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob
+Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von
+Zirndorf« in einer neu bearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
+Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman,
+diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen
+Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere
+und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die
+besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
+verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
+nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
+jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in
+dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem
+Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
+poetische Leistung gelungen ist.
+
+(Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. –
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+
+(Die Zukunft)
+
+
+Der Moloch
+
+Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde
+liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, mit der
+Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, lebensvollen
+Gemälde gestaltet hat!... Man kann schon aus dieser gedrängten
+Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein
+psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der
+Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch
+behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß ist
+des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die Vorgänge
+mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet.
+
+(Berner Bund)
+
+
+Der niegeküßte Mund – Hilperich
+
+In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als
+respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
+so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
+Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
+ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
+den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
+fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
+Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in
+Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
+dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß
+man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der
+Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
+Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
+pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
+genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten
+deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
+zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
+beseelt.
+
+(Neue Freie Presse, Wien)
+
+
+Die Schwestern
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
+unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
+ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
+Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
+dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
+Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem
+Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
+Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist
+das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
+von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt.
+
+(Hannoverscher Kurier)
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+
+(Westermanns Monatshefte)
+
+Wassermanns Künstlertum wird immer geklärter und reifer. Der klangvolle
+Fluß der Sätze, einer altgoethischen Prosa, hat in den »Masken Erwin
+Reiners« eine souveräne Kraft und Freiheit. Die Linie der Handlung
+erhebt sich planvoll und unverwirrt, wie noch in keinem Buche
+Wassermanns.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Druck von Poeschel & Trepte in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1912 bei S. Fischer erschienenen achten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand
+sich ursprünglich am Buchende.
+
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song
+p 039: chmierte -> schmierte
+p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten
+p 063: von morens bis abends -> morgens
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte
+p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt
+p 109: [Anführungszeichen ergänzt] wen haben Sie im Verdacht?«
+p 136: [Trennung] die als Schall-loch diente. -> Schalloch
+p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel
+p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen
+p 224/225: [Trennung] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte
+p 232: [Anführungszeichen] äußerte er: »Ich habe ...«-> ›Ich habe ...‹
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ
+p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter
+p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung
+p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst
+p 335: [Punkt ergänzt] durch pragmatische Verwicklungen.
+p 336: [Punkt ergänzt] zum realen Leben datieren.
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the eighth
+edition published in 1912 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text. The Table of Contents was
+moved from the back of the book to the front.
+
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song
+p 039: chmierte -> schmierte
+p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten
+p 063: von morens bis abends -> morgens
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte
+p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt
+p 109: [added quotes] wen haben Sie im Verdacht?«
+p 136: [hyphenation] die als Schall-loch diente. -> Schalloch
+p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel
+p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen
+p 224/225: [hyphenation] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte
+p 232: [nested quotes] äußerte er: »Ich habe ... «-> ›Ich habe ... ‹
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ
+p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter
+p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung
+p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst
+p 335: [added period] durch pragmatische Verwicklungen.
+p 336: [added period] zum realen Leben datieren.
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
+***** This file should be named 19611-0.txt or 19611-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/6/1/19611/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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@@ -0,0 +1,8969 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der goldene Spiegel
+ Erzählungen in einem Rahmen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: October 24, 2006 [EBook #19611]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Der
+ goldene Spiegel
+
+
+ Erzählungen in einem Rahmen
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Achte Auflage
+
+ S. Fischer * Verlag * Berlin
+ 1912
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+
+
+
+Kapitelfolge
+
+Franziska und die Freunde 1
+Was über den Spiegel beschlossen wurde 13
+Die Pest im Vintschgau 25
+Der Stationschef 47
+Geronimo de Aguilar 63
+Von Helden und ihrem Widerspiel 89
+Der Tempel von Apamea 107
+Die Gefangenen auf der Plassenburg 135
+Paterner 176
+Nimführ und Willenius 196
+Herr de Landa und Peter Hannibal Meier 212
+Begegnung 231
+Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz 242
+Franziskas Erzählung 275
+Aurora 291
+Der Affe und der Spiegel 323
+
+
+
+ _Ich widme dieses Buch meiner Frau._
+
+ O thou whose face hath felt the Winter's wind
+ Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist,
+ And the black elm-tops 'mong the freezing stars,
+ To thee the Spring will be a harvest time.
+ O thou, whose only book has been the light
+ Of supreme darkness which thou feddest on
+ Night after night when Phoebus was away,
+ To thee the Spring shall be a triple morn,
+ O fret not after knowledge, I have none,
+ And yet my song comes native with the warmth.
+ O fret not after knowledge, I have none
+ And yet the evening listens.
+ He who saddens
+ At thought of idleness cannot be idle,
+ And he's awake who thinks himself asleep.
+ _Keats._
+
+
+
+
+Franziska und die Freunde
+
+
+Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im
+Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend
+war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte.
+Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung,
+in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen
+Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers.
+
+Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und
+geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen
+dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen
+ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft
+mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur,
+ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und
+Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen
+Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die
+Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein
+treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die
+Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem
+eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter,
+passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas
+Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und
+entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter
+ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen
+Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis
+voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der
+Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl,
+deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war
+angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht
+saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden
+Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war
+ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen
+Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame
+Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls
+bemerkenswert war.
+
+Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska
+Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres
+Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie
+einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre
+Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier
+persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter,
+als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans
+wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und
+nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati
+bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug,
+und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis
+und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens
+weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als
+ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer
+fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen
+Träume zu folgen.
+
+An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg
+Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und
+vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages
+brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen
+Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der
+sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten
+Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati,
+daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur
+desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen
+Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der
+neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes
+Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen
+eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und
+vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer
+beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte
+einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission
+freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien
+geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach
+großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein
+Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte
+nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne
+Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte
+und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen.
+
+Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu
+werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen
+beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im
+Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine
+schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein
+rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er
+Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er
+naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden
+Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe
+lachte.
+
+Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende
+Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu
+den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie
+durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte,
+blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei
+der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst
+gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich
+der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein
+schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern
+Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm,
+führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein
+Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an,
+doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und
+Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als
+schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife
+und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im
+Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine
+jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie
+hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der
+rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie
+geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen.
+Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie
+umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter
+verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als
+ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne
+Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern;
+was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den
+Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das
+Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen
+aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als
+Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm,
+daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es
+der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor
+Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die
+Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch
+sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele
+und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein
+dicht an den Fenstern lohte.
+
+So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr,
+weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei
+Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen,
+schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes
+Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit.
+
+Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern.
+Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene
+herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte
+das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von
+Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er
+Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine
+Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer
+Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in
+sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska.
+Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und
+philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg,
+Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf
+Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe.
+Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran,
+ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke
+und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß
+er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag
+unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue
+ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die
+Spitze bieten zu können.
+
+Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte
+Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen
+und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann
+sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um
+so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,«
+sagte Franziska; »vielleicht wollt' ich mich nur überzeugen, ob ein
+wirkliches Menschenherz in dir steckt.« -- »Kann man davon Gewißheit
+erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art.
+Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie
+spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so
+stark wie du dich stellst.«
+
+Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann
+auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von
+andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch
+eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte
+seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften
+Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke
+nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter
+Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches
+Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde
+versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen
+übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu
+seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen,
+denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend
+verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser,
+Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die
+sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre
+verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der
+von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die
+Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften
+konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen.
+
+Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers
+vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land.
+Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der
+lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle
+ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte
+bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden
+kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa
+entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im
+Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt,
+daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg,
+eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen
+habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich
+aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie
+eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz,
+begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die
+innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns
+also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska
+erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« -- »Wir haben es
+immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick
+in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir
+haben.«
+
+Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu
+fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr
+heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann
+verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert
+an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, -- also
+übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr
+mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir's wie die
+Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.«
+
+»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan.
+
+»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie.
+
+Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging.
+Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast
+fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten
+Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten
+alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin,
+mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon
+deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten
+Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer
+solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der
+Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer
+polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im
+mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich
+aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und
+lebte einsam.
+
+Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen
+Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung
+mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich
+gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und
+zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und
+nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon
+erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das
+wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem,
+keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert
+seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild
+meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl,
+vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure
+Schwester, eure ewig getreue Franziska.«
+
+Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um
+das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden
+worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig
+Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach
+dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der
+Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort
+hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben.
+
+Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die
+Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie
+nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe
+leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die
+Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines
+Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der
+Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder
+entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem
+unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung
+erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht
+lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel
+bedeutenden Pein.
+
+Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten
+hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater
+genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe
+über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die
+zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es
+allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf
+und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als
+Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er
+Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte
+nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden.
+Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der
+Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.
+
+So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg
+seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen
+verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem
+holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war
+ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben
+hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier
+erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich
+selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.
+
+In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan
+ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan
+nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen
+ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim.
+
+
+
+
+Was über den Spiegel beschlossen wurde
+
+
+Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet die einen, im
+Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, konnte das Auge des
+Betrachters von jedem beherrschenden Gipfel aus erblicken. Wege zogen
+hügelauf- und abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten
+die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren sich in
+Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege und klommen windungsreich an
+den kraftvoll gestalteten Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine
+Wildnis, da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden kahle
+Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; so wurde das Bild
+geschlossen, das harmonisch im einzelnen wie groß im ganzen war.
+
+Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines Tals, eines
+ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung hinter dem Plateau von
+ihm entfernt, lag die Villa Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und
+durch die offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in die
+Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden Linien der Nacht
+geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen war vorüber, Borsati,
+Cajetan und Lamberg saßen noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher
+Aufregung hin und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so
+gleichmütig waren, -- denn heute war der Tag, für den Franziska sie alle
+zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht gekommen, und es bestand
+wenig Grund zu der Hoffnung, daß sie noch kommen würde, jetzt, in den
+Stunden der Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte
+er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es anfangen könnte,
+um das Gespräch auf die Erwägungen zu lenken, die ihn so schmerzhaft
+beschäftigten. Hatte er doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag
+entgegengelebt, nichts weiter, und das Wort Franziskas war ihm für beide
+Teile als so unwiderruflich erschienen, daß kein Zweifel sich in sein
+Zutrauen mischte. Nun war es Abend, und es war ein Tag vergangen wie
+viele andere Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte er;
+ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung nennen oder jene
+Herzensglätte, die sie mir oft so fremd macht?
+
+Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner Runde seit
+einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt war, und betrachtete in dumpfer
+Verlorenheit das Wunder aus alter Zeit.
+
+Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; sie wurde mit
+hocherhobenen Armen von der Figur einer Göttin getragen, die auf einer
+köstlich gearbeiteten Schildkröte stand. Die Rückseite der Scheibe
+zeigte die Figur eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in
+lässig schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im rechten
+Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen Strichen graviertem Wasser
+die Umrisse seines Bildes beschaute. Tief am Rand war in griechischen
+Lettern das Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein
+mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. Das ganze
+Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch.
+
+Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den Arm mit jovialer
+Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche Figur steht unvergleichlich
+da«, sagte er. »Sie trägt wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers
+trägt. Finden Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der
+Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte erhöht.«
+
+»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um zu ermessen, wie
+die Alten solche Dinge gearbeitet haben, muß man nur die Schildkröte
+ansehn. Welche Feinheit! Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie
+vor allem die Idee eines Postaments.«
+
+»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar nicht wiegt«,
+versetzte Cajetan.
+
+»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich das Gesicht der
+Aphrodite durch einen fahleren Glanz von der Färbung des übrigen Gusses
+abhebt.«
+
+Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. »Nur weiß ich eben
+nicht, was daran die Zeit verschuldet hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist
+jedenfalls, daß der Bildhauer Silanion Silber in das Erz mischte, aus
+dem das Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung
+den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des Athanas auszudrücken, tat
+Aristonidas Eisen in die Masse, wodurch er eine charakteristische
+Rostfarbe erzeugte. Sieht es nicht aus, als ob die Züge der Venus von
+einem imaginären Mond bestrahlt seien?«
+
+Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse bewies, sah nach
+der Uhr. Lamberg fing den Blick auf und lächelte. »Warum lächeln Sie?«
+fragte ihn Hadwiger stirnrunzelnd. -- »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich
+stets lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. -- »Und Sie
+empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte den Kopf. --
+»Und ihr erwartet auch nichts?« wandte sich Hadwiger schüchtern und
+erstaunt an die andern beiden. »Ich habe Franziskas Wunsch schon damals
+für eine Laune gehalten«, bekannte Cajetan. -- »Warum sind Sie dann
+gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. -- »Erstens, weil ich mit
+Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein gegebenes Wort
+genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, war die Erwiderung. -- »Und Sie
+auch, Rudolf?« -- »Ich glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen
+Verabredungen, weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, sagte
+Borsati.
+
+Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er war dem
+berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft begegnet und rühmte
+ihn als einen Mann von großer Welt, der einer souveränen Macht über die
+Menschen in jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er nun
+geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen Besonderheit
+so deutlich an sich trage, daß man sich seinem Einfluß nicht entziehen
+könne. Borsati tadelte das Wort von der dämonischen Besonderheit als
+einen jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die
+sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, sonst nichts.
+Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und sagte, er habe das Wesen nicht
+begriffen, das um Franziskas letzte Liaison gemacht worden, zumal die
+Ehe mit dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte führen
+können.
+
+»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger aus.
+
+»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete Cajetan ernst
+und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt untrüglichen Instinkten, und
+selbst wenn sie den Weg ins Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin
+als wir ahnen. Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich
+hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine Treue gegen
+das Gefühl, die von höherem Rang ist als die Treue gegen die Person.«
+
+Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner verabschiedeten sich
+von Lamberg. Dieser stand auf dem Balkon und lauschte noch lange ihren
+in der Nacht verhallenden Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße
+rasselte ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte das Gras und,
+da er es trocken fand, prophezeite er im stillen für den morgigen Tag
+schlechtes Wetter. Er ging dann in das obere Stockwerk des Hauses,
+öffnete die Tür zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war der
+Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das Tier ließ einen
+freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg riegelte den Käfig auf, und der
+Affe folgte ihm aus dem Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete
+Speisezimmer. Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte
+lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf dem Tische
+stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, ergriff eine Pflaume und
+biß hinein. Indessen hatte sich das Rollen jenes fernen Wagens genähert,
+Georg Vinzenz lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die
+Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem Schlag. Georg
+Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, und, nachdem er den
+Diener gerufen, damit er das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus.
+»Du bist pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd und
+forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften Gesprächsbeginn
+aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem Gespensterhaften trüge nur die
+Eisenbahn schuld, und da sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es
+unvermeidlich gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei.
+»Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte er, und als sie
+verwundert schien, fügte er rasch hinzu: »Ich hätte dich sonst am
+Bahnhof erwartet.«
+
+Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser geworden, die Hand,
+die sie beim ersten Gruß in die seine gelegt, schmaler, kälter und
+schwerer. Der Mund sah wie von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus,
+und unter den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle
+Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie wich unter
+seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige Tage in seinem Hause
+bleiben könne, und nachdem er eifrig bejaht hatte, ergriff sie mit
+beiden Händen seine Rechte und stammelte bittend: »Aber frag' mich
+nicht! Nur nicht fragen!«
+
+Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. Das war nicht
+mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, sprühende Franziska, die
+lebenshungrige. Es war eine Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine
+mit letzten Kräften sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast
+notwendig. Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme wühlte
+und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska niemals geweint;
+nicht durch Tränen, höchstens durch Lachen hätte sie Quäcola, den
+Schimpansen, zu einer bestürzten Flucht in den Winkel des Zimmers
+veranlaßt.
+
+Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer liegen dunkle
+Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem Blick seines Auges. Es wird
+die Stunde kommen, wo es ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte
+er sich. Seinem sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen.
+
+Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der Heuduft von den
+Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, das weitheraufklingende Rauschen
+der Traun, all das trug dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen
+konnte, denn sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht
+ist.
+
+Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier seien, daß sie den
+Abend bei ihm zugebracht. Franziska hatte den goldenen Spiegel von
+seinem Gestell gehoben und blickte zerstreut auf das matte Metall der
+Scheibe. Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, und
+sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« Lamberg, der zum
+offenen Fenster gegangen war, entgegnete, ohne sich umzukehren: »Nein,
+Franzi, sie werden nicht fragen.«
+
+Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben sie eine Weile,
+die Frau mit dem goldenen Spiegel, der junge Mann, in den Mond schauend,
+und der Affe in taktvoll beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen
+beiden.
+
+Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden ins Hotel, um sie von
+der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen und was er an Aufklärung für
+geboten hielt, mit der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und
+Diskretion zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde erst am Abend
+kommen sollten, damit Franziska den Tag über ruhen könne. Daß man sie zu
+begrüßen hatte, als wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier
+mit ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und Weise dem
+Takt jedes Einzelnen überlassen.
+
+Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch der Dunkelheit
+die drei zu Lamberg kamen, regnete es schon seit einigen Stunden.
+Franziska spielte mit Quäcola Ball, der dabei eine erquickende Gravität
+entfaltete; so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die Zähne
+und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen an. »Wir lieben
+uns, wir zwei«, sagte Franziska zu den Freunden, indes der Affe von
+Lamberg aus dem Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter
+Anbeter.«
+
+Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte Haltung
+vermissen. Stumm saß er da und betrachtete das hingewelkte Geschöpf, ein
+Opfer unbekannter Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt,
+ihm einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm sie an dem
+lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von Paris, von Marseille,
+von Rom, als ob sie allein dort gewesen und eine mißlungene
+Vergnügungsreise gemacht hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich
+Franziska auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den
+Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal.
+
+Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her Platz genommen, und
+Borsati, der Franziskas Augen auf dem goldenen Spiegel ruhen sah,
+bemerkte gegen sie scherzhaft übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt,
+so wäre um das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das Thema
+mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges
+Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, die so oft ihre Hülle von
+abgeklärter Mäßigung zerriß und Heinrich Hadwigers finstern Neid mit
+vieler Laune, denn er war witzig wie Figaro.
+
+»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, »indem sie
+fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. Wer war und ist am meisten in
+den Spiegel verliebt, mein Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch
+immer die, daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung zu
+Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede Hausfrau wird
+zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen Umzug beschädigt werden, und mich
+dünkt, daß auch das schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht
+nur geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe einem
+Diamantring, der immer wieder an der Hand eines andern glänzt.«
+
+»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort,
+das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden
+andern anheimfiel.
+
+»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu
+können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn.
+
+»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger
+bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie
+für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.«
+
+»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich
+Borsati lächelnd.
+
+»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte
+Cajetan.
+
+»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt,
+soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati.
+
+»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt
+die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt,
+meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk
+eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die
+sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander
+zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt
+doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch
+immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und
+Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch
+Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so
+lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte
+erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir
+alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel
+bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste
+Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß,
+vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt --«
+Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.
+
+Alle schwiegen. »Ich denk' es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger
+Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht
+eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die
+weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert
+mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander,
+überbietet einander, -- laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!«
+
+Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes
+Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen,
+von dem Unmögliches gefordert wird.
+
+»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein;
+»wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?«
+
+»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen haben«,
+antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung hinzu: »Bei solchem Anlaß
+darf man niemals an den Spiegel denken.«
+
+»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen schon Feuer. In
+Ihren Augen malen sich schon die Bilder aus wundersamen Geschichten.
+Nicht an den Spiegel denken, das ist es! Als Richter gleichen wir dann
+nicht den Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen über
+einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern wir krönen den
+Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. Ich sehe keine
+Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. Es wird vieles sein, was
+uns aneifert; das Wort ist ja ein großer Verführer.«
+
+
+
+
+Die Pest im Vintschgau
+
+
+Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder seine Tasse
+ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich im Geist zurückschaue,
+fällt mir ja dies und jenes auf, was des Berichtens wert wäre, aber wo
+ich selbst beteiligt bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall
+ist, bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.«
+
+»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus unserm eigenen Leben
+erzählen, um wie viel weniger, wenn es sich um fremde Erlebnisse
+handelt«, erwiderte Lamberg. »Ja, man lügt mehr, wenn man über sich
+selbst die Wahrheit sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke
+stellt.«
+
+»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte Cajetan
+mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie seine Augen oder sein
+Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht größer als mein Wuchs. Wer sich
+größer macht, wird ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand
+erfüllt mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste wird wahr,
+wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.«
+
+»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, sagte Franziska
+und nahm eine Miene des Bereitseins an.
+
+»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern Schicksals, zu dem
+sein Träger bestimmt ist«, entgegnete Lamberg.
+
+»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska wieder; »ich
+finde, daß der Sinn für die Schönheit immer geringer wird; man sucht
+stets noch etwas Anderes daneben, Seele oder Geist oder Genie, etwas,
+das mit der Schönheit gar nichts zu schaffen hat und einem nur den
+Geschmack verdirbt.«
+
+»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten die Schönheit mehr um
+ihrer selbst willen geachtet hat«, antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr
+eine höhere Wichtigkeit zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise
+berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter von
+siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, daß sie die letzten
+Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett zubrachte und beständig einen
+Spiegel in der Hand hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die
+Krankheit in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster
+dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und sie duldete kein
+anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.«
+
+»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für die Schönheit
+hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im Jahre 1750 verdiente sich ein
+Londoner Schuster eine Menge Geld dadurch, daß er für einen Penny den
+Schuh sehen ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte.
+Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben vor einem
+Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere hundert Menschen die
+ganze Nacht über auf der Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre
+Karosse steigen zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.«
+
+»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der Männer«, nahm
+Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein Jüngling in einer burgundischen
+Stadt war von der Schönheit seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach
+dem ersten Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst
+erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die Pilger von
+Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal des Propheten gesehen haben,
+um ihre Blicke von nun ab vor Entweihung zu schützen.«
+
+»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete Borsati; »ich glaube
+ihm nicht eine Silbe.«
+
+»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum eine Vorstellung von
+der Energie und Glut machen, mit denen man sich damals einer
+Leidenschaft hingab.«
+
+Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er's getan hätte«, sagte er,
+»was wir erdenken können, kann auch geschehn. Ich wehre mich nur
+dagegen, daß man aus unserer Zeit die großen Empfindungen hinausredet,
+um eine nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen zu
+schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren Zeugen wir selbst
+werden, anders aus als die mit dem Galeriestaub der Überlieferung, und
+ihre Verfeinerung oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein
+finsteres und brutales Gegenspiel.«
+
+Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte.
+
+
+»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut zu Gast. Man kannte
+mich in der nahgelegenen Stadt, und weil der ansässige Arzt über Land
+gefahren war, wurde ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus
+gerufen, wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß in
+die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war hoffnungslos, Linderung
+der Schmerzen war alles, was zu tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß
+ich lange an seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte
+mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, fünfundzwanzig Jahre
+alt, Sohn vermögender Eltern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte
+er, ich gebrauche seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier;
+leichtsinnig, verschwenderisch und in gewissenloser Verprassung von Zeit
+und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen durchaus fähig,
+war verhärtet und abgerieben durch den beständigen Umgang mit Dirnen.
+Die Atmosphäre gemeiner Kneipen war ihm Bedürfnis und die
+Zudringlichkeit käuflicher Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum,
+wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung sah er in
+diesem Treiben die Krone der Freiheit. Da geschah es, daß er auf einer
+Ferienreise in ein vielbesuchtes Hotel kam und auf dem Schreibtisch
+seines Zimmers einen Brief fand, der unter Löschblättern lag,
+unvollendet und sicher dort vergessen worden war. Er gab mir den Brief
+zu lesen, den er wie einen Talisman von der Stunde ab immer bei sich
+getragen, der sein Leben verändert und zuletzt noch seinen Tod
+verschuldet hatte. Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das
+Schreiben von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. Man
+kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht vor Armut und
+Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung vergeblicher
+Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, Härte und Niedertracht,
+entdeckt von einem Wesen, das gläubig war und das noch immer, obwohl
+mit schwindendem Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, das war
+der Text in dürren Worten, die nichts von der tiefen und natürlichen
+Beredsamkeit eines verzweifelnden Herzens ahnen lassen. Die Frage nach
+der Unbekannten war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die
+Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft geben und wiesen
+auf den großen Verkehr nächtigender Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen
+und Wohnort enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, als
+hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren Stern vernommen. Es
+ergriff ihn eine brennende Unruhe, und durch Sehnsucht wurde er geradezu
+entnervt. Daß der Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und
+Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, die so
+beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, war ihm neu und
+erschütterte die Fundamente seines Lebens. Er studierte den Brief wie
+ein Egyptolog einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten
+Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede Silbe, jeder
+Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, daß sich ein Charakterbild
+der Schreiberin immer fester gestaltete, daß er ein Antlitz sah, die
+Geberde, das Auge, daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die
+ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die andere,
+wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter von Frauen und Mädchen zu
+finden, die dem erträumten Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten,
+ging zu Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate
+in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, seinen Eltern,
+seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem Wahn sagte er sich: unter
+den Millionen, die diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist
+meine Bestimmung, sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich alle
+meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den Tausenden, an denen ich
+täglich vorübergehe, weiß vielleicht einer von ihr; mein Wille muß so
+stark, mein Gefühl so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß
+ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen Weg zu ihr bahne;
+mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding und nicht wert, geboren zu sein.
+Im Verlauf der Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das
+Ungestüm seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich die Natur
+einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte widersetzt. Nur sein
+Wandertrieb wurde nicht geringer, und so kam er denn auf einer Fahrt vom
+Norden her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil ihm
+plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen Stadt, vielem Licht,
+vielem Lärm und vielen Menschen graute. Während er traurig und müde
+durch die dunklen Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich
+abgelegenen Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert hielt und ihn
+einzutreten bat. Er folgte willenlos und ohne Bedacht, als sei er an dem
+Punkt seines Lebenskreises angelangt, von dem er einst ausgegangen. In
+der Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er ohne Anteil
+beim Wein Gesellschaft leistete, und unter denen eine durch stumme
+Lockung ihn seiner Apathie zu entreißen vermochte, so daß er mit ihr
+ging. Es war alles so still in mir, sagte er, und als ich die elende
+Treppe hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung sei
+und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, immer tiefer bis ans
+letzte Ende der Welt. Als er das Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner
+Ledertasche der Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte,
+das den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein
+geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt den Brief in die
+Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, stutzt, wiederholt den
+Blick, schaut den jungen Mann an, eine Frage drängt sich auf ihre
+Lippen, ein Schatten auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da
+erweckt ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam wach,
+erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die Schrift kenne, sie
+entfaltet das Papier, liest, Erinnerung überzittert ihre Stirn, durch
+Schminke, Elend und den Aufputz des Lasters hindurch zuckt eine Flamme
+von Bewußtsein, sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme,
+und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins schreit aus
+einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter empor. Nur noch vier
+Worte: Du bist's? Ich bin's! Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz
+darauf fiel der tötende Schuß.«
+
+
+Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile sagte Cajetan:
+»Schade, daß ich den Brief auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Könnt'
+ich ihn lesen oder hören, so würde mir der junge Mensch verständlicher
+werden. Es hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen
+Dokumenten auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich bleibt ja
+die Verkettung der Umstände noch immer erstaunlich genug --«
+
+»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn Franziska, »daß eine
+Person, die einen derartigen Brief zu schreiben imstande ist, in drei
+oder vier Jahren so tief sinken kann.«
+
+»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, Franzi, das
+verwandelt! Ich habe in London eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre
+Söhne und ihren Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte
+sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, im Herbst
+desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen Morphiumhöhle, einer
+schauerlichen Katakombe des Lasters, erstochen.«
+
+»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« fragte Franziska
+kopfschüttelnd.
+
+»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff.
+
+»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch doch nicht
+gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd ein. »Es gibt --«
+
+»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn man hungert? In den großen
+Städten nicht. In den Romanen vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es.
+Aber sie bricht auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.«
+
+»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte Borsati ruhig. »Und
+es muß sie geben, sonst würde ja die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.«
+
+Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes
+Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden Stühlen und das dumpfe
+Brummen einer Männerstimme folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg
+lächelnd und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen.
+Cajetan begleitete ihn aufregungslustig.
+
+Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und da er die Tür seines
+Käfigs unversperrt fand, hatte er sich ins erleuchtete Badezimmer
+begeben, war in die Wanne gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu
+seinem Entsetzen eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit
+dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend und zitternd
+vor ihm geflohen, und nun standen Tier und Mensch einander gegenüber,
+jenes zähnefletschend und schuldbewußt, die Backen in possierlicher
+Schnellbewegung, dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes,
+rachsüchtig und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte sich
+der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener anklagenden
+Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem Unwillen durch Worte Ausdruck.
+»Gnädiger Herr, mit der Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. --
+»Sie müssen ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. -- »Da
+ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der gnädige Herr so
+verwöhnen«, war die Entgegnung. »'s ist ein falscher, treuloser Geselle,
+das ist er, ich verstehe mich auf --« Schon wollte er sagen: auf
+Menschen, verschluckte aber die unpassende Bezeichnung und starrte
+melancholisch auf seinen Besen.
+
+Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, dem Diener die
+Hand zu reichen, der aber wich zurück wie ein Offizier, dem man das
+Ansinnen stellt, mit seinem Degen eine Maus aufzuspießen. Heftig
+gestikulierend ließ sich der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde
+mit Leintüchern trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war
+Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, und Georg gab,
+als sie zu den andern zurückgekehrt waren, eine so vortrefflich
+nachahmende Schilderung von dem Benehmen des Tieres, daß alle in lautes
+Gelächter ausbrachen.
+
+»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte Lamberg
+schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche Dämonen zu
+betrachten. Ich lebte einmal einige Sommerwochen auf der Malser Heide,
+und ein junger Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte
+mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, bei der ein Affe
+zur Verkörperung des Fatums wurde.«
+
+»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann:
+
+
+Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der Vintschgau ein nicht viel
+einsameres und karger bevölkertes Tal als heute. Die begrenzenden
+Bergwände sind steil und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler
+blicken hochgetürmte Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- und
+Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische Laaser Stock.
+Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben emporgezackt, auf den
+Hangwiesen leuchten die Blumensterne alpiner Flora, schwarze Ziegen
+grasen bis hoch hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über
+die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße Wasserfälle
+donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel langer Engpässe und
+gewundener Schluchten läßt im Innern der Gebirge tiefere
+Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem zerklüfteten Gestein sieht man von
+Meile zu Meile uralte Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und
+die Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das
+Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um die schwärzlichen
+Moränen. Aber der Winter ist selbst im untern Tal hart; es heißt, daß
+die krankhafte Langeweile vom Oktober bis zum April fast alle
+Regierungsbeamten zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz
+übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; nur nach Meran
+führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt leichtes Volk, das viel lacht
+und wenig denkt. Im Vintschgau denkt man viel; seine Menschen sind
+hager, schweigsam, wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen
+kaum verwandelt.
+
+Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht von Belang sind in
+einer Welt, wo die herrische Natur während der längsten Dauer des Jahres
+ihre Geschöpfe in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute
+die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten,
+vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, die damit verknüpft
+waren. Die Geschichte spielt zwischen den feindlichen Familien Ladurner
+und Tappeiner, die bei Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der
+Etsch wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz und
+Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der Mündung des reißenden
+Plimabachs. Die Zwietracht bestand schon seit mehreren Geschlechtern und
+niemand kannte die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte
+Brücke sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten über
+Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, jedenfalls war es
+der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, wo Blut gegen Blut steht.
+
+Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, daß gerade die
+überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden Familien
+plötzlich und in natürlichem Widerpart gegen eingefleischte schlechte
+Instinkte einen Bund zweier Herzen hervorbringt und das Element der
+Liebe sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung der
+Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen wurde, geschah es nicht,
+weil die Liebe stärker war, sondern weil eine allgemeine Vernichtung den
+Untergang der Liebenden begleitete.
+
+Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders
+eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die
+einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen
+Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin
+erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer
+Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche
+Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst
+vor kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch
+keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten.
+
+Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen und
+der junge Franz Tappeiner, der sich in Gesellschaft einiger Kameraden
+aus Morter befand, aneinandergeraten, und es sah aus, als ob es nicht
+bei drohenden Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, als
+die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf den Arm legte und
+zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner das Mädchen gewahrte, das feste
+Schultern und Zähne wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf
+sie zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung rief
+auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen hervor. Sie hielt
+seinem Betrachten stand, und ihre Augen blickten starr wie die des
+Adlers, bis sie der Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und
+hinwegzog. Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, indem er sich
+wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, und als er hinter Romild
+wieder an dem Strick angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden
+Volk trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand eines
+vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf und ab und wehte mit einem
+florentinischen Fächer ihrem haarigen Gesicht Kühlung zu.
+
+Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. Auf einmal hielt die
+Äffin inne, ließ die glühend unruhigen Augen über die versammelten Köpfe
+schweifen, und in ihren Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit
+eines Wesens, das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, sich
+in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre Blicke auf dem
+Antlitz der jungen Romild haften; das zarte Menschengebild schien es ihr
+anzutun, sie fletschte in grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ
+mit einem Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem Nagel
+hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den überlangen Arm aus, um
+das Mädchen zu betasten. Mit einem einzigen Schreckensschrei wich die
+ganze Menschenmasse zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf
+der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem Handgelenk
+des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz seiner knabenhaften Jugend
+als ein Mensch von großer Stärke galt und den knöchern-schmächtigen Arm
+des furchtbaren Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber
+sogleich spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, daß er
+stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer Raum um ihn und Romild
+entstanden, den die Äffin durch heiser bellende Schreie vergrößerte, und
+Männer und Weiber begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die
+bestürzten Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht sahen, liefen
+beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer hatte Geistesgegenwart
+genug, den dicken Strick, der unter den Röcken der Äffin am Knöchel
+eines Fußes befestigt war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen.
+Aus einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das bleiche
+Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die heillose Verwirrung.
+Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes Zeichen, denn kaum hatte
+sie den Mund zum Ruf geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um,
+trottete wie ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit
+gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer bewegend, in
+boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der Häuser empor. Indessen
+ging der Wunderdoktor auf Franz zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch
+das Blut von der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und
+schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild war
+verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner Begleiter, die sich
+wieder zu ihm gefunden hatten, hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf
+eine Gelegenheit, um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich
+gedulden, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er wie fliehend
+an Gärten und Schänken vorüber, wo überall an rasch gezimmerten Tischen
+und Bänken die Vintschgauer beim Wein saßen und das aufregende Ereignis
+beredeten. Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, und
+wie er dort am Tor stand und in die fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel
+ein Schatten über ihn, und aufschauend sah er Romild neben sich. Das
+glitzernde Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe verfolgte
+die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend den Torweg verließen
+und im Abend, rätselhaft gesellt, verschwanden.
+
+Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, Romilds Dorf
+entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung von Gefahr, und als sich zur
+Linken eine Schlucht öffnete, folgten sie ohne gegenseitige
+Verständigung einwillig dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe
+hellte sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes
+Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte Fahne über ihren
+Köpfen. Anrückende Felsen machten den Uferpfad ungangbar, und sie
+schlugen die Richtung nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von
+St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich nieder und
+beteten, darnach küßten sie einander und nannten sich zum erstenmal bei
+Namen. Statt ins Dorf zurück, marschierten sie tiefer ins Gebirge
+hinein, um sich ein Hochzeitslager zu suchen, und Romilds stolzer Gang
+und die gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend vom
+Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten sich in frauenhafte
+Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. Als die bläulichen Ferner des
+Angelusgletschers über dem Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward
+ihnen fast heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer Welt,
+die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie selbst einander
+waren.
+
+Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken trieben sie zur
+Flucht vom Lager, und sie kamen zu einer Sennhütte, wo sie Milch und
+Brot empfingen. Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends
+stillten sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner gegeben,
+und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. Wenn die Nacht kam,
+glaubten sie Himmel und Sonne nur einen Augenblick gesehen zu haben,
+weil ihnen die Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie,
+ich weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander
+geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne Erwägung der Zukunft,
+leidenschaftlich in Trotz und Furcht, denn die Angst vor dem, was sie
+bei den Menschen erwartete, hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines
+Tages nun kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit
+Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu vor ihnen
+und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, was sich drunten im Gau
+ereignet habe, und er erzählte, daß die Goldreiner schon am
+Pfingstmontag über den Fluß gegangen seien, um die in Morter wegen der
+entführten Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die
+Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern verklagt, daß
+sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen hätten. Die Redeschlacht habe
+so lange gedauert, bis die von Morter zu Hirschfängern und Flinten
+gegriffen, um die Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das
+Gerücht gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders die Pest
+ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen Gaukler mit sich geführt,
+habe die Krankheit eingeschleppt. Ein großes Sterben habe begonnen; von
+feindlichen Unternehmungen zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die
+Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen Leute auf
+geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem Rat«, so schloß der Alte,
+»und geht hinunter zu den Euern, damit der Zauber geendet wird.«
+
+Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie sich auf, um
+heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in Traurigkeit verkehrt, und das
+längst; seit der ersten Umarmung hatten sie keine Freude genossen, aus
+der nicht grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der
+Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, ein Druck der
+heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, dann ging jedes
+seinen Weg.
+
+Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte Licht, und alle
+Tore waren verschlossen. Als Franz das Dorf betrat, grüßte ihn kein
+vertrautes Gesicht, überall war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er
+klopfte ans Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff
+erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster wurde
+geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte ihn an. Ihr Schrei
+rief Vater und Bruder herzu, man ließ ihn ein, aber da er auf alle
+Fragen nur halbe Antwort gab und schließlich verstummte, betrachteten
+sie ihn ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß die Äffin
+den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal herumtreibe; wer ihr nah
+komme, der werde von der Pest ergriffen, die von Naturns und Kastelbell
+bis Eyrs hinauf Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe.
+Schweigend lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende
+Teilnahmslosigkeit brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm alle Schuld
+zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, so wäre das Land verschont
+geblieben«, rief er, »und weil du mit einer Ladurnerin davon gegangen
+bist, darum ist ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich
+stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, sie habe
+die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, das noch offen war. Die
+Mutter warf sich Franz zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu
+lassen. Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, wollte
+hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der Faust, da rief ihn die
+Schwester fieberhaft bettelnd zurück, und er nahm wahr, daß die
+Krankheit sie gepackt hatte, denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das
+jenes Frauenzimmers, das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er setzte
+sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie die Beulen unter den
+Armen, das Fleisch zerging unter der Haut, und als sie starb, hatten
+ihre Züge den Ausdruck der Gorilla-Äffin.
+
+In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll war der einzige
+Laut des Lebens. Nachbarn hüteten sich, einander vor die Augen zu
+kommen. Der Himmel schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war
+der Tag, Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. Von
+Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster in Neuratheis,
+segneten die Leichen vor den Haustoren und trösteten die rasenden
+Kranken. Es ging kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein
+Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein Glockenecho brach
+sich an den Bergen. Aus Furcht vor dem Affen wurden die Fenster verhängt
+und die Türen verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche
+doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz den Bruder
+erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte der Vater den ersten
+Frost. Als die Sonne untergegangen war, pochte es ans Fenster, die
+Mutter schlug vor Grausen die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier!
+Das Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden und erblickte
+eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum am Brunnen stand. Er
+erkannte Romild, die aus dem zinnernen Becher mit der Gier einer
+Gehetzten Wasser trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund
+winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß er noch lebte,
+zog ihn das Mädchen bis zum Rand des ausgetrockneten Bachs. Sie hatte
+noch immer die herrisch-gerade Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war
+entfärbt von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten sie
+beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, aber nun
+kam sie von einem Haus der Toten und Todgeweihten; der Liebeswille hatte
+sie getrieben, den schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand
+sie, flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns ein
+Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, steckst du eine
+brennende Fackel übers Dach, ein gleiches will auch ich tun, so wissen
+wir doch täglich voneinander, daß wir leben«. Franz war damit
+einverstanden; die Häuser beider Familien waren so gelegen, daß ein
+Feuersignal von einem zum andern wahrgenommen werden konnte.
+
+So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde flammte von Goldrein und
+von Morter aus ein brennendes Scheit übers Tal: wie zwei irdische
+Sterne, die einander grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz
+sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, zwang er der
+Mutter, deren Herz schon erstorben und hoffnungslos war, das Versprechen
+ab, an seiner Statt das Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese
+Pflicht treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr Gewissen zu
+betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit und Entehrung. Aber
+als der Einzige und Letzte des Stammes langsam zu genesen anfing, fand
+sie sich belohnt, und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott diesen
+Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, von der Pest einmal
+erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. Am neunten Tag war er
+imstande, das Bett zu verlassen; zwei Tage später versuchte er, nach
+Goldrein zu wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende
+Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben abstehen.
+Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen Fackelbrandes vom
+Ladurnerhof gewahrt, indes die Mutter willig über seinem Haupt die Lohe
+hinausreckte, fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage
+später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er wählte den Abend
+hiezu, weil er sich bei hellem Licht der Beachtung der feindseligen
+Sippe nicht aussetzen wollte. Er wußte nicht, daß es keine Feinde mehr
+dort drüben gab und daß der Gau entvölkert war.
+
+Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die Brücke ging, und
+er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels die Stunde. Noch sah er die
+Fackel nicht, so daß er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie
+seinem Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, der Platz,
+und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst leise, dann laut. Da ihm
+keine Stimme antwortete, auch kein Schritt hörbar wurde, öffnete er
+ungeduldig die Türe und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn
+zu einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite befand sich
+ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster wurde die Fackel
+hinausgehalten, und ihr Schein erhellte düster und mit beweglichen
+Schatten rückstrahlend den Raum. Aber es war nicht Romild, in deren
+Händen das Holz brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier
+kauerte am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in gräßlicher
+Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser Nachahmung, die sich
+im Hinausstrecken des Armes mit dem brennenden Scheit kundgab, war noch
+schrecklicher als der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp
+vor den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet lag, die
+Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige Haut blutbesudelt, der
+Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, die toten Augen weit geöffnet und
+von der Kohlenglut unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz
+Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten wird. Der
+Affe schleuderte die Fackel weg, packte den Wehrlosen und zerbrach ihm
+mit einer spielenden Gleichgiltigkeit das Genick. Dann begann er
+abermals, stumpfsinnig wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild
+nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, im Fieber
+vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete Zeichen gab. Es war
+aber in seinen großen Urwaldaugen die instinktvolle Melancholie der
+Kreatur, die von weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz
+bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose Werkzeug eines
+unerforschlichen Schicksals bleibt.
+
+Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben.
+
+Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse eintraten,
+während welcher sie, von Bauern und Hirten verfolgt, durchs Martelltal
+irrte, bei einem Ausbruch des Stausees am Zufallferner von den eisigen
+Fluten erfaßt wurde und elend ersoff.
+
+
+
+
+Der Stationschef
+
+
+»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen
+Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb,
+»der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser
+Philister wie gewisse Quäcolas.«
+
+»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen
+gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe
+ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild,
+daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze
+blickte.«
+
+»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich
+Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche
+Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das
+mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die
+erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht;
+oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart
+ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich
+für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes
+wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich
+auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein
+wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem
+Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen.
+So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er
+hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht,
+freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum
+erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und
+brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und
+beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse;
+seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu
+verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn
+ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie
+führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um
+Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur
+wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von
+seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für
+Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die
+ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht
+mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt
+hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich
+überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und
+in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den
+Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den
+Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig
+vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.«
+
+»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich
+würde sie 'der junge Hirt' nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich
+hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes
+Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering
+wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung
+werden.«
+
+Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«,
+erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des
+Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht,
+können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.«
+
+»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan.
+»Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol
+für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine
+fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen
+armseligen Sinn sie nicht spüren.«
+
+»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu
+grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger.
+
+»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen
+werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie
+enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie
+eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten
+unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte
+und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der
+Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um
+uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen
+Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den
+Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln,
+wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch.
+Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es
+passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines
+bürgerlichen Nero zurückgeführt.«
+
+Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen.
+
+
+Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der
+Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein
+gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende
+Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal
+innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan;
+nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer
+Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu
+betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll
+Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um
+vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er
+erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit
+Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus
+eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame
+erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen
+Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu
+betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs
+um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines
+vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete
+Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste
+Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen
+Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso
+oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der
+Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von
+Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll
+eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen
+wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die
+Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus
+dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den
+verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und
+Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise
+verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen
+von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten
+Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe,
+die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und
+durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er
+bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit.
+
+Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren
+versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu
+befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so
+tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit
+verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die
+menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die
+Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins
+Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung,
+breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die
+nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen
+Schätzen und Wertpapieren sitzt.
+
+Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung
+zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend
+nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter
+diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein
+Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im
+Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden
+mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu
+bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde.
+Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden,
+der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß
+der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet
+sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden,
+wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten
+geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und
+seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es
+zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und
+Brotstelle gejagt wurde.
+
+Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines
+pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er
+glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens
+war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von
+Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht
+bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in
+der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd
+fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der
+Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen
+Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen
+Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich
+erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und
+schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an
+Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder
+in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an
+ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und
+die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an
+ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt,
+daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt
+von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen,
+so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr
+vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet
+eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein
+totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam
+der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und
+da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio
+Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation
+gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken;
+er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen
+Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust
+erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als
+das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen
+erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und
+wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen
+neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten
+die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr
+mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während
+er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten
+Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie
+gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten
+nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von
+außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des
+Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den
+Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so
+eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde
+drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste
+trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das
+Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich,
+gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut,
+die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode
+selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga
+schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee
+bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff
+ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern
+Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war,
+entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging
+in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich
+pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der
+Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie
+sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch
+klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil
+sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich
+ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu
+verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein.
+
+
+»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte
+Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme
+Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines
+häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein
+Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit
+zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres
+Frauentum darin liegt.«
+
+»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den
+Engel erlöst.«
+
+»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich
+die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache
+bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem
+Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und
+Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher
+geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder
+ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen
+derer, die eingreifen und zermalmt werden.«
+
+»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und
+gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit
+zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete
+Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor,
+daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da
+im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße
+Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich
+die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste
+ungehemmt sich betätigen dürften, -- das Land würde rauchen von den
+Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein
+Fanatismus fordern würden.«
+
+»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen
+Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d'Herbois war ein mittelmäßiger
+Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater
+spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten,
+die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen
+müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot
+d'Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was
+ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen
+Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging
+d'Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es
+anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein
+Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs
+Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die
+die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen
+Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder
+Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem
+Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten,
+der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und
+nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung
+der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine
+Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er
+gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.«
+
+»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre
+geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend.
+
+»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska
+traurig.
+
+»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist
+jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine
+Begabung, lasterhaft werden muß.«
+
+»Dieser Collot d'Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus
+dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung
+seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour
+rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus
+Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb
+und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er
+wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische
+Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit
+einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor
+dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in
+die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines
+Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter,
+der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder
+anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt
+verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden,
+denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das
+Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit
+jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die
+Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem
+Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden
+Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten
+ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die
+vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele
+Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen,
+als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich
+glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der
+Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.«
+
+Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den
+Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln
+abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da
+Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema,
+noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers
+Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer
+bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch
+auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen
+Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die
+Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska
+ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen
+heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen,
+ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den
+Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben,
+allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd.
+
+Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes
+gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was
+dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er
+auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise
+in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine
+Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle
+Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die
+Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie
+vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger
+Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, -- Verzeihung, auch
+an die Frau.«
+
+Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe
+die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht
+selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es
+verdient.«
+
+In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und
+Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie
+unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als
+die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen,
+welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte
+Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und
+es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des
+Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne.
+Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung
+bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten,
+der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da
+vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für
+Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine
+ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse
+man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch
+zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man
+wagen und wie weit man gehen dürfe.
+
+Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa
+Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen
+Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und
+schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie
+gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der
+Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer
+Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände
+in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen,
+woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern
+fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein
+mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das
+mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum
+wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab
+dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er
+sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte
+den Ausdruck ungeheuchelten Kummers.
+
+Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit,
+daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten
+erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu
+unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von
+einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie
+gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren
+hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich
+einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen
+mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen
+den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder
+Wille könne da nur zerstörend eingreifen.
+
+Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen
+an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der
+Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden,
+die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so
+naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für
+immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den
+unfreundlichen Elementen zu überliefern.
+
+
+
+
+Geronimo de Aguilar
+
+
+Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als alle bei der
+abendlichen Lampe wieder versammelt waren, begann Cajetan seine
+versprochene Erzählung wie folgt.
+
+
+Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die Geister des alten
+Europa bewegte, lebte in Spanien ein verarmter Edelmann namens Geronimo
+de Aguilar, ein ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph
+Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur den einzigen
+Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. Aber da war guter Rat teuer.
+Als Matrose oder Soldat oder selbst als untergeordneter Offizier auf
+einem Schiff zu dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die
+Leitung auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte man
+entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb nichts übrig, als
+sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo sich mit Recht sagte, daß
+jede Stunde kostbar sei und jeder verstrichene Tag ihn einer
+unwiederbringlichen Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen
+Nächte über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend vor
+ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens bis abends
+beschwatzte er Freunde und Bekannte, saß in den Vorzimmern hoher und
+höchster Herren, reichte Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen
+ein, und mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit
+jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen.
+
+»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz Columbus erreicht
+hat, ist noch nichts, und wenn man mich gewähren läßt, will ich zeigen,
+daß es nichts ist; ich will euch die Atlantis der Alten wiederfinden,
+will Länder erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns
+Pflastersteine, und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück,
+daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben könnt, wie sie jetzt im
+königlichen Tresor bewacht werden. Aber säumt nicht länger, denn die
+Zeit ist trächtig.«
+
+Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine schwarzen Augen
+brannten, als ob der ganze Mensch mit Feuer angefüllt sei. Viele hielten
+ihn natürlich für einen Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext,
+aber es gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß es den
+Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu schicken, und daß ein
+Mann, der die Kraft zu großen Geschäften in sich spüre, nicht mit der
+Bescheidenheit eines Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines
+Tages ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der vom Hof
+verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, zu sich kommen, und indem
+er auf einen mit Goldstücken bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier
+sind zehntausend Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen
+und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu opfern. Rüsten
+Sie damit die Brigantine Elena aus, die mein Eigentum ist und im Hafen
+von Cadix vor Anker liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren.
+Höre ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld und
+Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter Dinge zurück, so
+sind Sie durch den Verlauf des Unternehmens nicht nur als lächerlicher
+Rodomont entlarvt, sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren
+Übermut und Dünkel zu bestrafen.«
+
+Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos Blut in
+Wallung versetzt; in diesem Augenblick empfand er nur überschwängliche
+Freude; er nahm stumm die Hand des Grafen, beugte sich nieder und
+drückte sie an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild
+man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, gesammelt und
+maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung und Befrachtung des
+Schiffes wußte er zu nutzen, was seine Vorgänger durch Erfolge wie
+Mißlingen ihn gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und
+Tüchtigkeit, daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende war. Zu
+Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen beendet, und an einem
+klaren Oktobermorgen lichtete die Brigantine die Anker und stach in See,
+begleitet von den Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo
+stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine Flamme, als ihm
+das Vaterland den letzten Gruß schickte. Er ließ kein Herz zurück, kein
+Gut, keinen Freund, nicht einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es,
+und er bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden Visionen,
+hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen zärtlicher Art.
+
+Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung
+lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen
+Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne
+niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer
+Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen
+Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken
+lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo
+dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas
+des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen
+und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann,
+das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es
+befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt
+über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im
+Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und
+mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen
+Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen
+Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden
+verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat,
+Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als
+verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?
+
+Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder
+einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine
+Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese
+Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der
+Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die
+leibhafte Erscheinung gebunden war.
+
+Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele
+Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten
+trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war
+zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener
+Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf
+ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll
+Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden
+und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine
+Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie
+das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine
+Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten
+Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und
+fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar
+zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft
+vom Meer verschlungen.
+
+Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den
+selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus
+Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde
+von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen
+geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen
+Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen
+umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer
+half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf.
+Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete
+nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die
+Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte,
+die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie
+ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen
+Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen
+Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren
+prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme
+sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder
+Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten
+Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit
+Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger
+Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm,
+gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der
+Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen
+Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn
+in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte.
+
+Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der
+Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er
+Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines
+Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum,
+unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl,
+auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd,
+die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten,
+jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder
+Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der
+er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so
+schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch
+unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das
+märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das
+Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der
+selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein
+war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug
+ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine
+Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht
+geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem,
+was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine
+Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher
+Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen,
+versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in
+ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte,
+die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten.
+
+Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine
+Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er
+sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde
+sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden
+durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen;
+ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren,
+erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche
+Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte.
+
+Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung,
+derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von
+Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der
+Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser
+Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen
+Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken
+gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte.
+Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit
+Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in
+jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser
+hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des
+Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester
+beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines
+unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen
+Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen
+Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert
+und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt
+werde.
+
+Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl
+verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der
+Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in
+seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und
+folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit
+Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch
+imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber,
+denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich
+denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt,
+was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung
+der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die
+Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns
+wohnen.«
+
+Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle
+einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs
+Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren
+konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil
+und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu
+richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf
+sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren
+er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast
+unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom
+Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen
+aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande
+brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo
+doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot
+eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.
+
+»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und
+vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den
+düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft
+flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten.
+-- »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. -- »Ein solches
+Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge
+Herrscher. -- »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie
+lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor
+Erregung, zu verstehen. -- »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«,
+entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften
+Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich
+erneut.«
+
+Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die ihm verstattet war,
+denn der Mond stand jetzt in seinem Anfang. Er bereitete sich zu
+unablässiger Wachsamkeit vor, aber wer weiß, wie es ihm trotzdem
+ergangen wäre, wenn er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn
+bewachenden Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben aus
+den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war ausgebrochen und
+hatte den Knaben, der schon aus vielen Wunden blutete, überfallen. Mutig
+stürzte Geronimo hinzu, ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu
+gebrauchen und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern Tag kam
+der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar gekleideter Mann, in
+sein Haus, dankte ihm bewegt, sah ihn tief und lange an, neigte sich
+plötzlich zu seinem Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst,
+Fremdling, bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten
+Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den Tod, weil er das
+Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen Fürsten verraten zu haben.
+Einige Tage später kam ein Abgesandter des Kaziken und fragte den
+Geronimo im Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den
+Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte eine tiefe
+Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur ernst und verneinend den
+Kopf. Wenige Stunden hernach stellte sich ein zweiter Sendbote ein und
+verkündete, das schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von
+reinen Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; der Fürst
+werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre ausschlage. Durch die
+offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit doppelt zur Vorsicht
+gemahnt, wiederholte Geronimo seine Weigerung in gleicher Form.
+
+Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war er nicht wenig
+erstaunt, sich in einem andern Raum zu finden als der war, worin er sich
+zur Ruhe begeben. Es war ein von oben matt erhellter Saal, voll von
+einer bläulichen Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren von einem
+Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, den diese Blumen
+ausströmten, hatte die eigentümliche Folge für Geronimo, daß er seine
+Gedanken lähmte und zugleich eine fieberische Begehrlichkeit in ihm
+aufregte. Die Mexikaner besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der
+Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit Wirkungen hervor,
+die sonst nur von Giften und narkotischen Getränken erzeugt werden. Auch
+liebten sie die Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere
+Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit Blumen geschmückt, in
+Prozessionen durch die Landschaft zogen.
+
+Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete Portal
+schritten und sich ihm näherten. Sie trugen schöne Gegenstände in den
+Händen: goldgewirkte Stoffe, goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich
+verziert waren, ein Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit
+Perlen gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und aus
+Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen Blättern
+umgeben, und die beiden letzten stellten einen Springbrunnen vor ihn
+hin, der einen funkelnden Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine
+Vögel, ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem Staunen
+betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm der älteste der
+Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, sagte er sich, daß man
+mit solchen Herrlichkeiten eine ganze spanische Provinz reich machen
+könne. Dennoch verzog er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf
+der Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach einer Weile
+erhob er die Augen und sah an der Längswand des Raumes zwölf junge
+Mädchen mit ebenholzschwarzen Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie
+auf dem Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; dabei
+lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung ziele. Es waren
+drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, drei Stoffwirkerinnen und
+drei Perlenputzerinnen. Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos
+umher, entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten mit
+falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im Chor beinahe
+flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie im Wechsel den Namen Tochrua
+gellend und sehnsüchtig hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die
+ganze Schar kauerte sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger
+Körper zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme
+aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen Weise, und
+die Leiber schienen sich den Gewändern wie einer neblig trüben
+Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch leuchtete in sattem Karmin und
+strömte einen rosenartigen Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben
+und drängten sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an,
+als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn wie weiche
+kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte sich ab und wühlte das
+Gesicht in die Kissen. So wollte er bleiben, was auch kommen mochte, und
+da es nun ruhig ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er
+wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und zerschlagen und
+suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß er seine Gedanken
+hartnäckig über den Ozean in die Heimat schickte.
+
+In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem Blumensaal. Er
+begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, daß sie ihm betäubende
+Mittel in die Speisen oder ins Wasser mischten. Während die Blumenwände
+gestern hauptsächlich aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten,
+waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte gelbe Dolden
+blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich fernem Trommelwirbel, dann
+erschallten die hellen Klänge eines Beckens, dann aufregende
+Lustschreie, dann ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in
+der Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. Geronimo
+grübelte, wie er es anstellen könnte, sich zu schützen, da wurde es
+hell, und fünf zierliche Mädchen traten an sein Lager. Jedes trug einen
+Smaragd von märchenhafter Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste
+Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die eines Horns, der
+dritte stellte einen Fisch mit goldenen Augen dar, der vierte war höchst
+kunstvoll zu einem Reif verarbeitet, der fünfte und schönste bildete
+eine Schale mit goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm
+knieend dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, und
+das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt durch ihren Kreis eine in
+purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. »Tochrua!« riefen ihr die
+Mädchen zu, und sie grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme
+voll Metall und an den Endungen der Worte austönend wie in einem
+Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste hatte sie Perlenketten
+geschlungen, die durch den Flor schimmerten, und sie kam nahe heran und
+sagte zu Geronimo: »Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand es
+wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. Sie breitete
+die Arme aus und die Mädchen zogen ihr liebkosend den Schleier vom
+Haupt, da gewahrte Geronimo, daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie
+Zedernholz die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie ein
+aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« sagte sie, und
+immer wieder, in immer neuer Musik der Stimme.
+
+Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang dumpfer
+Gesang von allen Seiten, von unten, von oben an sein Ohr. Er suchte sich
+abzulenken mit Bildern, die ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den
+Bildern seiner Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich
+kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das wieder abnehmende
+Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua als einen Schatten, jede ihrer
+langsamen Geberden erweckte eine quälende Neugier in ihm, und fast
+verlor er unter den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen,
+Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf seinem gewöhnlichen
+Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. Faul schlich der Tag dahin,
+niemand besuchte ihn, schweigend eilten die Diener durch das Haus,
+Markt- und Straßenlärm erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er
+Tochruas Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst
+begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es Abend wurde,
+kam ein weißhaariger, magerer und finsterer Priester in sein Gemach,
+starrte ihm eine Weile forschend ins Gesicht und sagte: »Merk auf,
+Fremdling! Tochrua muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit
+entfernte er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung.
+
+In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah nichts.
+Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte die tiefe List darin, und
+seine Ohnmacht verurteilte ihn zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte
+er unter einer hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein
+Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen hielt.
+Die Kuppel stand auf Säulen in einem von blauen Flämmchen geisterhaft
+erleuchteten Garten, von dem man nur schwarze Laubmauern sah, und im
+Laub drinnen kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen
+kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. Geronimo
+gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und hinabtauchendes Gesicht,
+das gleichsam mitten aus einer Verzückung geflohen war, dann nackte
+flüchtige Körper, die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als
+dies, und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern glühten,
+eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, daß Tochrua käme,
+rings um sein Lager häuften unsichtbare Hände Reichtümer über
+Reichtümer, die Luft war voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich
+zahllose Arme nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem
+Zwitschern vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden,
+und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des ganzen Treibens versetzte
+Geronimo in feurigen Schrecken. Es fruchtete nicht, daß er die Lider
+zudrückte, er spürte die Gestalten durch die Haut, er atmete den
+verführenden Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten,
+auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam der
+Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, und so schaute er
+denn.
+
+Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, Lende an Lende,
+ungenügendes Licht machte sie wesenloser, und auf einmal erschien vor
+den hold Zurückweichenden Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo
+richtete sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern könne,
+die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, ihr Antlitz
+war ernst und betrübt; ein aufrichtiges Gefühl und edle Teilnahme war in
+ihren Mienen und verkündeten dem erlahmenden Geronimo das nicht
+abwendbare Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, wenn
+er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen der Gefahr inne,
+schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs Lager zurück und verblieb
+regungslos. Als die Nacht zu Ende ging und er noch einmal mit
+erleichtertem Sinn zu schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von
+Mädchen und Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren,
+durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite war, auch
+sangen sie eine Weise, die einem Totenlied ähnelte, und klagende Stimmen
+riefen: »O Malinche! O Malinche!«
+
+Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen preisgegeben, und
+der aufgereizte Zustand seines Innern verwandelte sich in eisige
+Erstarrung, als sie in der nächsten Nacht, diesmal hatten sie ihn in
+seinem Haus gelassen, den Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein
+Sklave hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, das noch
+zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut auf dem glänzenden
+Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen über Geronimos Wangen, und es war
+ihm, als ob alle Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich
+gebrochen wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die Wollust
+des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihm
+bisher erstrebenswert geschienen. Es kam ihm vor, als sei er nur ein
+Ding, fern vom Leben und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die
+vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele gerast war, und
+daß er nichts auf der Welt besessen, weil er nichts auf der Welt
+geliebt. Und welche Künste sie von nun ab ersannen, ob ihre biegsamen
+Körper durch den duftenden Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische
+in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft lockenden
+Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine Begierde, weil der Tod
+sich in das beziehungsvolle Spiel gemengt, und auch deshalb, weil sie
+alle so lieblich waren, Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen
+den Brand der Sinne auslöschte.
+
+In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn ins Freie. Alsbald
+stand er am Fuß eines Treppenturmes, dessen breit ansteigende Stufen
+sich erst im dunklen Äther zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan,
+und wie er so die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein
+befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, von einer
+schweren Krankheit genesen zu sein, und das berückende Schauspiel, das
+sich ihm bot, verwandelte vollends sein Herz.
+
+Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: einen Himmel von
+überwältigender Sternenpracht, den Horizont beglüht vom Feuer der
+Vulkane, in geahnter Nähe das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend,
+den blaugrünen Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und Feuerkäfer
+durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, aus den Wäldern die
+Stimmen kreischender Vögel, das heisere Kläffen des Tukans, den Schrei
+des Baumpanthers und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst
+den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform des
+Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten und sich vor ihm,
+zum Zeichen, daß er die Probe bestanden, zur Erde beugten, da war es
+unumstößlicher Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den
+Europäern Kunde von diesem Land geben konnte.
+
+Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat mußte man
+glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, und Jahrzehnte,
+Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte er, bis ein anderer Seefahrer
+an diese Küste verschlagen wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein
+neues Land und faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob
+es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank verschließen
+kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau
+gezwungen, plötzlich Vorzüge des Geistes und des Körpers an ihr findet,
+die ihn veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr
+aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. Nun
+liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen Himmel mit einer nie
+gekannten Inbrunst; er liebte die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut
+schienen, die undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den
+Heuschreckenbaum, den Armadill, das Jaguarrohr, das über vierzig Fuß
+hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken von Wipfel zu Wipfel
+schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen rührte ihn umso tiefer, wenn er
+sie mit der Lasterhaftigkeit seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges
+Schreiten, ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen Tier
+und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und zweckbeladenen
+Schwere, die er in der Heimat gewohnt war zu sehen. Er erinnerte sich
+der Unbill, die er von Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß
+verschlungenen Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; und daß er
+dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine wunderlose Zeit und Natur
+ihre Geschöpfe aus Krampf und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben
+verdammte, dünkte ihn kaum noch begreiflich.
+
+Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art des Fremdlings
+nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn mit Geschenken, und Geronimo
+hinwiederum zeigte sich durch sinnreiche Ratschläge und allerlei
+Unterweisungen des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche
+Erscheinung unter ihnen genoß. So vergingen Monate und Jahre, in denen
+Geronimo fast jedes Andenken an sein früheres Leben austilgte, als eines
+Tages das Gerücht eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste
+viele große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden Waffen, auf
+grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt des Kaisers zu.
+Geronimo erschrak, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner.
+Er beschwor den Kaziken, ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu
+bekämpfen. »Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte der Fürst,
+»aber nun künde uns doch, ob diese Fremden deine Brüder, ob sie
+gleichfalls Söhne der Sonne sind, und was es für Tiere sein mögen, mit
+denen sie verwachsen scheinen.«
+
+Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, und besonders die
+Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. Geronimo beruhigte sie nach
+Kräften, aber es war ihm klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren,
+diese lieblichen, ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt
+in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat des
+Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt er mit dem Heer
+des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie noch von dem Tal trennte, in dem
+die Spanier lagerten. Inzwischen hatte der Anführer der kleinen
+spanischen Schar, Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine
+Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer seiner
+Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener oder als Gast
+konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. Er sandte Botschaft und ließ
+dem Fürsten ein Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden,
+sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre Gewalt
+geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er vor das Zelt des Fernando
+Cortez gebracht, und dieser selbst trat auf ihn zu, ein mächtig
+anzuschauender Mann, blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen
+jeder begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich wieder
+bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen und trotzigen
+Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm den Mut. Er wußte nicht, wie ihm
+geschah, plötzlich beugte er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder
+und begrüßte seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen
+Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden und darnach die
+Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab und weinte. Cortez umarmte ihn
+huldvoll, viele von den Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber
+was sein eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht
+wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab es keine Heilung
+mehr.
+
+Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte er seine
+merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu berichten. Um nicht das
+Ziel des Neides zu werden, schenkte er den neuen Gefährten vieles von
+seinen mitgebrachten Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur
+ihre Habsucht an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt
+werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh er den Einflüsterungen
+Geronimos ein williges Ohr und zog mit seiner Mannschaft über das
+Gebirge. Nun war er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes
+und der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er das Heer des
+Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt verlegte, unschädlich
+machen könnte, wußte er unter der Maske des Wohlwollens für den jungen
+Fürsten Geronimo dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte,
+den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen Empfangs in
+das spanische Lager zu führen. Geronimo ließ sich täuschen. Er
+schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Cortez, wenn er die Feinde in
+ihrer Übermacht erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde und
+daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und mörderischen
+Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er also zu den Mexikanern, und
+seinem beteuernden Zuspruch, wobei er die eigene Person als Geisel
+anbot, gelang es, den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und
+Nützlichkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch war der
+Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. Sein Zelt wurde
+mit Wachen umgeben, und niemand durfte ihm nahen außer Cortez und
+Geronimo, der bei den Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs
+äußerste bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel
+Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer wieder, daß es
+nur eine einschüchternde Maßregel sei, um die Barbaren im Zaum zu
+halten. In der Tat wagten die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange
+ihr Herr in der Gewalt des Spaniers war.
+
+Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich in das Zelt des
+Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. Der junge Fürst kauerte auf dem
+Boden; seit zwei Tagen aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo
+ermuntern wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein Reh, wenn der
+Winter kommt. »Rede doch, Malinche, deinem Gebieter zu, daß er mir die
+Freiheit gibt,« sagte er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines
+Palastes dafür ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte
+Geronimo noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem Erstaunen
+völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er teilte ihm die Worte
+des Gefangenen mit und flehte dringlich, Cortez möge den Fürsten
+entlassen. »Eine solche Bitte ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don
+Aguilar,« erwiderte Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter
+hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn verloren und verdammt.
+Zum zweiten Mal ging er in das Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm
+nieder. Der unglückliche Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte
+er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine nackte Haut
+sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was könntet ihr billig
+verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die wir bloß Menschen sind?«
+
+In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; Geronimo
+eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt gegen das aztekische
+Lager. Auf eine nächtliche Überrumpelung nicht gefaßt und durch das
+Schnauben, Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten
+Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos und wurden von den
+Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. Als Geronimo zur Walstatt kam,
+war alles schon entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an
+Gold und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, die
+Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt und Geronimo,
+von einem leidenschaftlichen Gram überwältigt, verwünschte sich und sein
+ganzes Leben. Als er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt
+des gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem Teppich
+hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz durchbohrt.
+
+Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo
+durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen
+Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem
+Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun
+erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden,
+die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten,
+um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde
+geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe
+durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und
+bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise
+verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine
+Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen
+Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend
+Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies
+Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen
+Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser
+Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster
+Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine
+solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter
+ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.«
+
+Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den
+Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos
+lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern
+unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge.
+Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer
+zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten
+begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer
+rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so
+wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort
+von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm
+Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die
+zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach
+vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da
+faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht
+ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er
+heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war,
+löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem
+Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig
+mit den Rudern und fuhr hinaus.
+
+Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie
+sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine
+Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten
+Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie
+konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er
+hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten
+einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er
+steuern?«
+
+Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach
+einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins
+Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem
+einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß
+niemand.
+
+
+
+
+Von Helden und ihrem Widerspiel
+
+
+Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der
+Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den
+Erzähler.
+
+»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg
+Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von
+Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die
+Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch
+traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die
+Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche
+Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents
+erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder
+wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine
+der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß
+diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß
+sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«
+
+Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«,
+antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen,
+sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich
+poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es
+keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer
+und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie
+bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«
+
+»Trotzdem denk' ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht
+Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie
+dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt,
+satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der
+Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen
+westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen.
+In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt
+unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er
+ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine
+Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet
+sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der
+Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der
+Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von
+Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse
+Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht
+habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker
+und in Ketten schmachtete.«
+
+»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati.
+»Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es
+Auffassung, scheint mir.«
+
+»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«,
+versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß' es mir nicht ausreden, daß die
+meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen
+Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum
+der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu
+erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«
+
+»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf
+Hadwiger hin.
+
+»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«,
+sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit!
+Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge
+gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus
+gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er
+wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit
+Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem
+Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den
+Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den
+Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie
+auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich
+die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde
+hingerichtet.«
+
+»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer
+gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt,
+während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.
+
+»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das
+Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts
+anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich
+vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry
+Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze
+von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika
+samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an
+Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«
+
+
+»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte
+Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische
+Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und
+zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine
+Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als
+England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich
+verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der
+Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte,
+griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser
+Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem
+Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei
+Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um
+in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund
+gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der
+grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in
+aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord
+wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts
+ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die
+Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich
+wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes
+Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten
+Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu
+retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu
+bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch
+erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den
+andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert
+oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid
+und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte
+sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar
+bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in
+Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in
+unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen
+Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die
+Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen
+sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken
+entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen
+unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche
+Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und
+endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der
+Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne
+Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört,
+lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen
+Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren
+Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die
+toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig
+am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit
+begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er
+sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem
+Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in
+denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten,
+und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner
+ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das
+seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und
+küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur
+Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser
+Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat
+kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und
+versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es
+dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines
+Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und
+haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein
+gebrochenes Versprechen des Glücks.«
+
+
+»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die
+Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht
+einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der
+niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für
+eine große Sache erfüllen.«
+
+»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch
+verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften
+gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte
+Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«
+
+»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung
+erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die
+ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ.
+Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt
+keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer
+ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und
+worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus,
+Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht
+als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und
+Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt,
+die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten
+Georg nach England gebracht wurde.«
+
+»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele
+und wir verzichten auf alle Argumente.«
+
+
+»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der
+Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor
+den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig
+erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr
+ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer
+liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in
+ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den
+Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den
+seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin,
+willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände
+und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und
+Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle,
+der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der
+italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach.
+Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in
+ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie
+werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke,
+Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen
+Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor
+sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht
+kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend;
+eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie
+schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig
+fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher
+Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr
+tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie
+anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie
+sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum
+Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie
+am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte:
+dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen
+die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus,
+lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit
+aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu
+jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot
+verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem
+Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse
+getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und
+falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er
+sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit
+den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach
+mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als
+sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich
+nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie
+endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein
+Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll,
+und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die
+Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen
+herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr
+besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so
+schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der
+sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts,
+wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für
+immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte
+sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«
+
+
+»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene
+Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war
+der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine
+Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«
+
+»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«,
+antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen
+betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie
+vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und
+Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und
+die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar
+Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«
+
+»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte
+Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als
+ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und
+wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die
+Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«
+
+»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem
+Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja
+alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das
+heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da
+er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die
+Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte
+ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher
+Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige
+Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur
+Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung
+seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine
+Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem
+Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr
+unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem
+Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man
+treffen kann.«
+
+»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte
+Lamberg.
+
+»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich
+Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit
+der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich
+erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.
+
+
+Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach
+zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn
+auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten
+Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war
+sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine
+reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als
+Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel,
+und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann
+gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn
+übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit
+ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie
+beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde,
+sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und
+betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein.
+Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er
+brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges
+Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume
+hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts
+fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche
+Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es
+war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von
+schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und
+Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter
+Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war,
+zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von
+M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate.
+Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in
+der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper
+und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der
+Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen
+einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen
+verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des
+Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren
+Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte,
+Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu
+sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen
+oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen
+jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen
+Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit
+gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit
+rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr
+einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert
+immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er
+sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer
+Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein
+wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war.
+Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für
+allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens
+stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner
+künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das
+ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß,
+der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den
+Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an
+Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende
+Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er
+Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz
+sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und
+jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist
+an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte
+Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und
+Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines
+Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er
+nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die
+Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug
+zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine
+Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre
+alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden
+Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert
+hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß
+angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender
+Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte
+ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten
+einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse
+heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus
+entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu
+kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein.
+Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling,
+und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen
+Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer,
+in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie
+lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war
+ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch
+immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit
+schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war
+wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So
+erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der
+Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie
+über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer
+erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er
+nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch
+knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter!
+oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe
+vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden.
+So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb
+wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an
+der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«
+
+
+»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati
+sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der
+Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens
+ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in
+Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir
+atmen eine unheroische Luft, Freunde.«
+
+Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden
+Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz
+der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster,
+Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die
+Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte
+sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen
+Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.
+
+»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei
+abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr
+wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am
+Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen
+Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der
+Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann,
+ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu
+geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos,
+und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen
+ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau
+verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige
+Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und
+Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es
+spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein
+Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein
+Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch
+vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie
+folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der
+schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern
+vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den
+tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde
+angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen
+Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig
+geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter
+Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu
+überzeugen.«
+
+»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und
+Schwarz gewinnt.«
+
+»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn
+nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der
+Bankhalter diktiert die Einsätze.«
+
+Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf
+einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für
+vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war.
+Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre
+weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die
+Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die
+Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen
+körperlichen Schmerz.
+
+Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig
+pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.
+
+
+
+
+Der Tempel von Apamea
+
+
+»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag
+zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich
+so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm
+bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.«
+
+»Ich wußt' es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er.
+
+»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska.
+
+»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge
+weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust,
+und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu
+beichten.«
+
+»Zu beichten? Wie meinst du das?«
+
+»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren
+sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht
+denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.«
+
+Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.
+
+»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg
+das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so
+rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen
+die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man
+sich und andern unbequem.«
+
+»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab,
+und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.«
+
+»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt' ich nichts dagegen,
+und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.«
+
+»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.
+
+»Vielleicht. Oder wenn _du_ reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor,
+unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann
+wollte ich --« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf
+ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie
+wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie
+verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um
+sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge
+über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt
+aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf;
+ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte
+Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.
+
+Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit
+Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier
+guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es
+ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er
+spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg
+wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche
+Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es
+kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine
+Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar
+alte Münzen.« -- »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar
+anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« --
+»Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der
+vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher
+auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike
+zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät
+sich selber.«
+
+In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit
+ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich
+Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen,
+schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul
+kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur
+wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, --
+vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen
+Inselstrand, -- dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle
+Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen
+Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen
+sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne.
+Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen
+ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen
+Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die
+lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem
+höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.
+
+»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte
+heran.
+
+»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.
+
+Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht
+gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.
+
+»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.
+
+»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach
+Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem
+Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal
+greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig
+gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir's.«
+
+Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht
+Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung
+geben, daß er Sie nicht versteht.«
+
+»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.«
+Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn
+Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir
+ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska,
+»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.«
+
+Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt
+noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war
+gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die
+verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer.
+Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze
+Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie,
+als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie
+mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir
+kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht
+kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.«
+
+Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von
+ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen
+Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die
+Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«
+
+»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben
+habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und
+doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von
+Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«
+
+»Angenehm«, murmelte Borsati.
+
+»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr
+das junge Weib fort.
+
+»Nun, -- süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf
+schüttelte.
+
+Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler,
+erdig-keuscher Geruch.«
+
+»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.
+
+Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte
+plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich
+fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal
+traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er
+so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen
+Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen
+über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns,
+starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das
+werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und
+erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die
+andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor
+Erstaunen aufgewacht.«
+
+»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt
+eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine
+Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im
+Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine
+Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen
+dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben
+Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend
+auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.
+
+»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in
+einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die
+Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen
+gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit
+zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht
+gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot
+ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der
+Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher
+Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird.
+Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander
+die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich
+eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin
+ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren
+Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der
+mich mit verderbten Blicken anstarrt.«
+
+»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war
+voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen
+Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem
+dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr
+neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig
+warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von
+oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein?
+Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst
+um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«
+
+»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«,
+sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld;
+Ungeduld ist Wollust.«
+
+»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden
+Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da
+stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig
+wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in
+einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich
+sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften,
+sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in
+ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann,
+ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und
+widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden
+zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter
+Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie
+stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich
+plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt,
+stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich
+weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich
+überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und
+ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende
+ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie
+opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.«
+
+»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist
+sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind
+deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder
+schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie
+mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich
+plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen
+sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da
+ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre
+ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde
+mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern
+Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir
+ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit
+unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte,
+war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel
+herabnahm, um mich zu betrachten.«
+
+»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz,
+»eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in
+der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich
+zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht
+glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese
+Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich
+suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte
+nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes
+erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und
+mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn
+grenzt.«
+
+»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte
+Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis.
+Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann,
+dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe
+geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht
+hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder,
+jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf
+einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern
+ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet,
+auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in
+den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen
+ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich
+nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und
+kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber
+immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln
+übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem
+Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist
+aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die
+vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er
+hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn,
+daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.«
+
+»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich
+Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch
+ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art
+wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am
+Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber
+ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus
+einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen
+vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die
+Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte
+stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich
+den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich
+von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen
+den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten
+schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche
+Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad
+nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich
+kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie
+bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und
+alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich
+hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt
+hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«
+
+»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber
+vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt
+geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter
+und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner
+Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich
+kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie
+wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum
+sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man
+ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur
+das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je
+dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und
+Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der
+tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze,
+schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«
+
+»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«,
+versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der
+Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der
+Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und
+ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das
+Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber
+traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so
+geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild
+hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und
+wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum.
+Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die
+Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein
+tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die
+Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein
+jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben
+sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu
+werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte
+Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom
+Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug' in
+Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor
+geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an
+Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie
+sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam
+schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille
+entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die
+Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das
+einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum
+Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so
+plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die
+Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der
+körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen
+aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm,
+bis sie beide sterben.«
+
+»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte
+Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der
+Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«
+
+»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief
+Franziska.
+
+»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar,
+und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon
+Geschichte oder Gedicht.«
+
+Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne
+fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von
+Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen
+sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und
+keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat
+war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle
+Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die
+man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war
+gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie
+stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie
+an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt
+verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und
+schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und
+postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend
+nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl
+geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise
+gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn
+vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«
+
+»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht
+merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser
+Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein
+Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete
+ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch
+nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen.
+Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche
+Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er
+eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige
+aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß
+er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen
+Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die
+ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn
+sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes
+Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem
+eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen
+dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter
+Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle
+Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu
+teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer
+Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück
+selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus,
+um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ
+er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig,
+sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte
+und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen
+luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau
+am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei
+Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im
+Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte,
+tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste
+in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten,
+von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er
+während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug
+viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg,
+und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit
+und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich
+eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein
+großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit
+sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die
+Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine
+Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen,
+damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber
+niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann,
+dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder
+aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war,
+erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen
+vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion
+erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß
+sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen
+Juden versprach.«
+
+»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich
+kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus
+herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte.
+Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre
+hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und
+Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien,
+als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«
+
+Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine
+Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von
+Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle
+weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine
+Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie
+diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten,
+so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte
+sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in
+ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren,
+sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine
+Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins
+Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die
+imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen
+der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich
+gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf
+die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen
+blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines
+Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war
+fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren
+durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken
+zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn;
+plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was
+die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich,
+ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines
+Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube
+folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen
+hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es
+dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die
+Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß
+sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin
+Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und
+meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren
+Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals
+treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war
+die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen
+Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität
+glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten
+Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von
+Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich
+ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang
+geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der
+Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben
+müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu
+fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die
+klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand,
+und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend
+vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das
+Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge
+mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren
+alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt,
+wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr
+körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun
+Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf
+oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau,
+bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich
+zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«
+
+»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«,
+sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe
+zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist
+das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge
+macht es stutzig.«
+
+»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«,
+antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht
+zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas
+ärgerlich hinzu.
+
+»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender
+Heiterkeit.
+
+»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von
+Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«
+
+»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte
+Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten
+aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister
+zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst.
+Stimmt die Gleichung?«
+
+»Also ein Wunder, Georg, erzähl' uns von einem Wunder!« rief Franziska.
+
+Lamberg lachte. »Das nenn' ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«,
+entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden
+wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie
+ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein
+Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«
+
+
+Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im
+römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum
+nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein
+Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater,
+seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von
+den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich
+dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und
+mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein
+Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die
+Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im
+Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der
+Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion
+des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig
+im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er
+war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts
+von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie
+ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im
+innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das
+Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte
+ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der
+Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten
+erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den
+Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der
+Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern
+des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das
+Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung,
+an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd,
+entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst
+verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des
+götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer
+Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank
+jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in
+einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von
+mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut
+versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der
+sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten
+Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und
+Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war,
+den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren
+Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben,
+und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die
+Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert.
+Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren
+Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav
+und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten
+olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen
+sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene
+Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen
+verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten
+nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was
+den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am
+Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen
+geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender
+Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an
+Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie
+die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig
+Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur
+unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre
+Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, -- es war, als ob
+Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam
+Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem
+Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben,
+denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs
+Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die
+prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung
+Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der
+Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele
+von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß
+sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt,
+während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen
+könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses
+Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem
+Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit
+ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich
+nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den
+Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr
+Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der
+dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde
+erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst
+die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten
+unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war
+ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm
+vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg
+er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung
+gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch
+diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen
+viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend
+und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht
+einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr
+strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die
+Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das
+Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer
+Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die
+Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die
+gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten.
+Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese
+Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert.
+Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den
+Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten,
+und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den
+Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen
+Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie
+zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres
+blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu
+sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen
+zerfleischt worden wäre.
+
+
+»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen,
+die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist
+einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten
+konnte, still zu stehn.«
+
+»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.
+
+»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie
+kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der
+täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein
+Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr
+belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um
+sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß
+er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen
+Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch
+allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und
+was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr
+dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht
+oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das
+Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten
+immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu
+schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat
+zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.«
+
+»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan.
+»Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele.
+Nennt ihr die Erfahrung, so nenn' ich die Halluzination und das Leben in
+Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in
+einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen
+Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen
+Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll
+ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht
+habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von
+der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge
+schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies
+erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf
+einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir
+Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt
+jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was
+geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die
+Natur gesetzt hat.«
+
+Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte
+erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte
+er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans
+Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche,
+die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden
+können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst
+Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr
+vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte
+einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise
+mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von
+Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr
+bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der
+markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als
+das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte
+Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg,
+und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben
+versuchen will.«
+
+»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil
+Feuer machen; Franziska friert.«
+
+Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich
+die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See
+stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das
+Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes
+Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden.
+
+Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine
+Erzählung an.
+
+
+
+
+Die Gefangenen auf der Plassenburg
+
+
+Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen
+Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen
+Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran
+und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf
+Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich
+der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades
+seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der
+Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und
+Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche,
+nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den
+fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen
+und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach
+den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz
+andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute,
+arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden
+waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe,
+Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der
+Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume
+sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt,
+geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der
+Seufzer und eine Stätte des Schweigens.
+
+Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der
+Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung:
+es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im
+Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter
+hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das
+Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor
+sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und
+ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung
+des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung
+zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich
+krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er
+wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem
+Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben
+Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der
+Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen
+bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so
+unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem
+höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff
+an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden.
+Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein
+allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam.
+
+An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten zwei wohlgekleidete
+junge Leute auf der Straße von Bayreuth nach Kulmbach. Sie hatten in
+ersterer Stadt ihr Gepäck mit dem Postwagen vorausgeschickt und
+benutzten das schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung.
+Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder gaben sie sich für
+Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit miteinander. Der eine,
+Alexander von Lobsien, war ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner
+Jüngling, der andere, Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett,
+sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, hatten Wien
+und Prag besucht, wollten nach Weimar und von dort an den Rhein. Peter
+Maritz, ein ruheloser Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die
+damalige Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein Gefährte
+besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu Gast geladen war.
+
+Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise nur die
+vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie alle Jugend jener Tage,
+von dem Drang nach Tat und Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten
+sie sich der Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen zu
+heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als gerade die
+Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. Man war ihrer
+Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. An der Grenze von Böhmen
+hatten sie durch Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen
+erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch das Bedauern
+getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, als das Volk nach
+langem Schmachten in Tyrannenfesseln -- ich bediene mich der zeitgemäßen
+Ausdrucksweise, -- sich endlich anschickte, für seine Rechte in die
+Schranken zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was nach
+Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders für den
+hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom Spiel zu sein. Er redete
+fortwährend, lief seinem Genossen stets um fünf Schritte voraus, blieb
+dann stehen, perorierte und fuchtelte mit den Händen wie ein
+Tribünenredner. Ich sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein
+harmloser Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem
+Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten und Pfaffen je
+unschädlicher ist, je geräuschvoller sie sich gebärdet; aber damals
+waren auch die Fantasten, die aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen
+Thron und Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz
+zeichnete sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas
+Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht ein wenig feig
+war, ein wenig Prahler wie viele korpulente und rotbackige Menschen, das
+will ich unentschieden lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er
+sich ziemlich wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von
+seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die mitunter etwas
+Fertiges sehen wollten, als elende Philister brandmarkte, und alles, was
+die Gleichstrebenden hervorbrachten, entweder mit kritischem Hohn
+verfolgte oder durch den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder
+verkleinerte.
+
+Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, der an sich
+zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt ist, unbegrenzte
+Freundschaft entgegenbringt, war es auch mit Alexander von Lobsien der
+Fall. Er erblickte in Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich
+selbst beargwöhnend, nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner
+Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, in denen
+mit jugendlichem Feuer die Revolution besungen wurde. Er hatte mit
+seinem Gefährten noch nie davon gesprochen und hielt die Poesien
+ängstlich verborgen, obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie
+kennen möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, dessen
+Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz entflammten und ihm mehr
+bedeuteten als der Beifall der ganzen übrigen Welt.
+
+Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot ihnen bei jeder
+Wendung einen neuen Ausblick auf das in schönen Spätnachmittagsfarben
+glänzende Land, und von einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten
+sie in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme von Kulmbach.
+Versonnen schaute Alexander hinüber und sagte: »Überall da wohnen
+Menschen, und wir wissen nichts von ihnen.« -- »Das ist richtig«,
+antwortete Peter Maritz; »alles das ist Botukudenland für uns. Und warum
+wissen wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu wenig
+wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, so ganz zum Ertrinken
+tief hineinstürzen, und wenn ich dann wieder auftauchte, wollt' ich
+Dinge machen, Dinge, sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust
+alle viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander,
+würd' ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du verspinnst und
+verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, du läßt dich von deinen
+Träumen betrügen, das Leben fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde
+Leben.«
+
+Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, senkte den Kopf.
+»Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter Maritz begeistert fort. »Was weißt
+du von den Millionen, die da unten in der Finsternis sich krümmen,
+während du an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du
+wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die Sonne nicht
+verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark und Blut riecht, wie ich das
+Menschheitsfieber spüre, wie mich verlangt, die Fäuste in den gärenden
+Teig zu stemmen! Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich von
+England aus die Peitsche über die dummen deutschen Köpfe sausen lasse!
+Erleben will ich's, das Ungetüm von Welt, erleben!«
+
+»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer Art?«
+erwiderte Alexander zaghaft; »alles was das Auge hält, der Gedanke
+berührt, Sehnsucht und Liebe, Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das
+_nicht_ Erleben? Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer im
+Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden Renner selbst zu reiten.
+Schlimm, wenn ein Poet in der Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die
+tätige Nation und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du
+hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges Schleichen um
+den Brei, seit langem spür ich's, und mich zieht's hinunter zu den
+Dunklen und Unbekannten, nicht um zu schauen, genug ist geschaut, genug
+gedacht. _Mit_ ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in
+ihnen.«
+
+»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete Maritz mit der
+Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz ist. »Wenn es dein Fatum ist,
+geschieht's. Doch es ist dein Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der
+Kontemplation. Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen
+Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur deine Feder gegen
+sie, und nicht das Schwert.« -- »Und du?« fragte Alexander. -- »Ich? Ja,
+bei mir, siehst du, ist es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir
+das sagen, ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart.
+Da wälz' ich seit Monaten einen Stoff in mir herum, Mensch! wenn ich dir
+den erzähle, da kniest du einfach.«
+
+Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden Suada seinen
+Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch gestimmten Fürstensohn, der,
+mit seinem Herzen ganz beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge
+der Bedrückung eines despotischen Regiments ist. Während eines noch zu
+erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und Felonie kommt es wie ein
+Rausch über ihn, er tötet den Vater, reißt die Gewalt an sich und
+verkündet seinen Untertanen die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß
+er zu schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, ein
+jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben aus, er vermag die
+Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt hat und am Ende töten ihn
+die, denen er die Luft zum Atmen erst gegeben.
+
+»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; »das ist ein
+Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer zu haben ist.«
+Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; aber er wagte den Einwand, daß
+der Vatermord keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König
+müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. Peter Maritz
+war außer sich; er raufte sich die Haare; er erklärte dies für die
+größte Tölpelei, die ihm überhaupt je ins Gesicht hinein gesagt worden
+sei. Nichtsdestoweniger blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung,
+und streitend rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand sich
+schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte Wirt
+begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den bei Dunkelheit eintreffenden
+Fußgängern nicht erspart bleiben konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich
+rasch, als sie sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da
+auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers angedeutet
+war. Er wies ihnen die besten Zimmer an und führte die Hungrigen hierauf
+in ein Honoratiorenstübchen, das neben dem allgemeinen Gastraum lag.
+Peter Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der Wirt
+hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur mit frischem Bier
+dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. Ohne eine Kraftprobe ließ es
+aber Peter Maritz keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er
+durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen will ich nicht
+wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir den deutschen Wein!« worüber
+ein paar ehrsame Beamte, die dort zum Abendschoppen versammelt saßen,
+ein heftiger Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem
+Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die Köpfe
+gegeneinander.
+
+Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, jedoch beim Käse
+schlug Peter Maritz ungestüm auf den Tisch und rief: »Ich kann mir nicht
+helfen, Alexander, aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser
+einleuchtet. Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten Wasser ist,
+nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch des Prinzen nicht erhaben
+genug. Wozu das ganze Brimborium, wenn alles ausgehn soll wie das
+Hornberger Schießen? Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen
+werden, sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.«
+
+»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander maßvoll, »aber
+daß ihn der eigene Sohn töten soll, das wird den Prinzen in den Augen
+des Volks nicht ins beste Licht setzen, fürchte ich.«
+
+»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch wird er
+schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er muß ihn ermorden; wie könnte
+ich besser die Sklaverei veranschaulichen, unter der das Land keucht?
+Kann deine empfindsame Seele nicht begreifen, was für eine grandiose
+Katastrophe das gibt?«
+
+Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. Der Lehrer, der
+Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der Kreisphysikus, sie schauten
+verstört vor sich hin, der Busen zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie
+wagten nicht mehr, von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende
+Wirt machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen die
+heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Ein
+paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, und es dauerte nicht lange,
+so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, bis an die Zähne bewaffnete
+Stadtsergeanten und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, wo die
+beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer erdichteten Person
+rauften. Auch die Bürger und der Wirt drängten sich neugierig und
+schlotternd gegen die Schwelle. Das Donnerwort: verhaftet im Namen des
+Königs! brachte eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor.
+Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, fragte
+nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß visierten Pässe. Der
+Hinweis auf den mit seinem Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr
+qualmenden Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit weit
+entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten Leute in ihrem
+Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die drei Gesetzesgewaltigen über
+ihn her und legten ihm Handschellen an.
+
+Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz und
+Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. Sein
+bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der Obrigkeit, fruchtete
+nicht. »Wir haben über eine Dichtung beraten«, sagte er höflich zu dem
+Apotheker, der sich am eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete.
+»Nichts da, solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die
+grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge alles aufklären
+würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun das Wirtshaus; Rede und Widerrede
+floß leidenschaftlich. Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man
+habe zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse war
+auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten von Fürstenabdankung,
+Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; so wurde man also, abends vor
+dem Schlafengehen, in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, lief
+herzu.
+
+Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem mädchenhaften
+Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis und Verwunderung. Der Gang
+zum Polizeihaus war der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes
+Spektakel. Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem Hirschengasthof
+geholt hatte, und der ein wenig angenebelt war, führte das erste Verhör.
+Er schien nicht übel Lust zu haben, die beiden Leute für harmlos zu
+erklären; da traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der
+Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das in voriger Woche
+zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende Sicherheit gebe, sowohl gegen die
+Mordbuben, wie sie sich ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des
+entrüsteten Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden
+Demagogen-Gelächter zu: »Nur frisch drauf los! schließlich wird man auch
+in Krähwinkel Genugtuung finden für die Niedertracht und die Dummheit
+einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« Das war zu viel. Der Aktuar wiegte
+sein Köpflein; mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu der
+Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf der Plassenburg
+internieren müsse, bis man der Regierung den Sachverhalt dargelegt und
+Befehle eingefordert habe.
+
+Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation eines Revolvers aus
+der Tasche von Peter Maritz. Alexander war froh, daß man sein dünnes
+Manuskriptheftchen, das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht
+entdeckt hatte und daß man mit der willigen Ablieferung seines
+Kofferschlüssels zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der Gedanke,
+daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten sich mancherlei
+Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen konnten, ihre
+verdrießliche Lage rasch zu bessern.
+
+Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, umwaldete Burg
+glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte und fluchte unablässig,
+aber als sie beim Schein eines Öllämpchens vor dem aktenbeladenen Tisch
+des Wachoffiziers standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein
+Letztes zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete wie ein
+Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche und verschlafene Herr
+hatte keine Ohren für einen Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero
+sechzig.« Das war die einzige Antwort.
+
+Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens zu zweien und
+nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel entledigt. Der Wärter
+sagte ihnen, daß das Gebot des Schweigens, das hier waltete, für sie
+nicht giltig sei, da sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie
+sich hüten, einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum
+erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden lief ein gelindes
+Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, an eisernen Türen vorbei
+kamen sie in den Raum, der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte
+Wände, zwei Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger,
+selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete auf den
+Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie waren im Finstern. »Ach
+was«, seufzte Alexander, »eine Nacht ist kurz.« -- »Jawohl, wenn sie
+vorüber ist«, brummte Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden
+begann. -- »Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht
+werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften Ton, der echt
+klang. -- »Laß mich in Frieden«, wetterte der Dramatiker, »verdammter
+Einfall, verdammtes Land.« -- »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der
+Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch zu dem großen
+Leben gehören, das du mir so gepriesen hast?« -- »Mensch, ich glaube, du
+spottest meiner«, rief Peter Maritz wütend. -- »Mit nichten, Freund. Ich
+denke eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner hier sein
+mögen, und von wem uns diese Mauern rechts und links scheiden. Ich komme
+mir vor wie in die tiefste Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und
+wenn ich mir gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller
+Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will mich unser
+Unglück nicht mehr so groß dünken.« -- »Der Geschmack ist verschieden,
+sagte der Hund, als er die Katze ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs,
+worauf ich liege, ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich
+sonst verrückt werden müßte vor Wut.«
+
+Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte Peter Maritz
+schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des Neides und mit dem andern
+Gefühl leiser, fast noch wohlwollender Geringschätzung gegen den Freund,
+überließ sich seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen
+Poetennaturen, denen Welt und Menschen im Guten wie im Bösen eigentlich
+nie ganz nahe kommen können, als ob ein Abgrund des Erstaunens
+dazwischen bliebe. Nur das Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die
+Teilnahme über den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie
+die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen und
+entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger Ruhe auf das Kommende zu
+blicken, das sich seiner Ahnung mehr als seiner Vernunft vorverkündigte.
+
+Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit wie die
+hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß leibliche Augen gesehen hatten,
+ohne zu wissen und empfunden zu haben, was das Schweigen hier bedeutete?
+Die fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste waren,
+hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit zu beklagen, hatten
+die Übeltaten vergessen, durch die sie die Gemeinschaft mit freien
+Menschen eingebüßt, und jeden erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu
+dürfen. Nichts weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich
+der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom Hitzigen, der
+Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg Veranlagte nicht vom
+Schwätzer, der Trotzige nicht vom Bereuenden. Der Neuling ertrug es
+noch; im Anfang schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch von
+gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes tönte noch in ihm. Drei
+Tage, zehn Tage, zwanzig Tage vergingen; was er zuerst kaum bedacht,
+dann nur als lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille
+entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein Laut der
+Liebe, das mächtige Wort eines Richters, die Mahnung eines Priesters,
+die Bitte eines Opfers, all das gab dem Nachdenken Stoff, der
+Dunkelheit einiges Licht.
+
+Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder beim Gottesdienst in
+der Kapelle, was in den Zügen der Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit
+den Genossen regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch
+im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen an sein Ohr; er
+durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige sühnte schwer, wenn er sich
+vergaß. Die nicht gesprochenen Worte belasteten das Gedächtnis; wenn
+einer den andern anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die
+Luft, scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn,
+blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale der Ungeduld
+bildeten eine Sprache für sich. Lief eine Maus über den Boden des
+Arbeitsraumes, so zitterten sie; die Lippen des einen rundeten sich zum
+Ruf, die des andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure
+Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren Stäben auf die Tische
+schlugen und mit Blicken die Zungen bändigten, die sich regen wollten.
+
+In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere Nichts zu
+murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer und befriedigte so wenig wie
+den Durstigen die Feuchtigkeit des eigenen Gaumens labt. Mit dem
+Fingernagel oder mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den
+Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach dem Schall. Es
+überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, und mancher meldete sich zu
+einer Mitteilung. Gefragt, was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang
+der Sprache entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und
+bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, nannten
+erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, die jeder
+Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man war darauf gefaßt; das Abenteuerliche
+wurde schnell durchschaut, dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht
+und der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen dürfen,
+daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, ihm geantwortet hatte.
+
+Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen und Monate
+erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes Blatt, und alles rings um
+ihn wurde grauenhaft lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die
+Dinge laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich gewesen,
+wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit und Zeitverlauf gebunden
+hätte; nun war sie ein Schrecken. Wer kann es aushalten, immer bei sich
+selbst zu weilen? Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im
+Menschen innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch nur
+Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, schuldig oder
+minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde alles Leben zu einem
+Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften und Geheimnisvollen, auch
+ihre Laster und ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu.
+
+So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich vom Dorf zur
+Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine finstere Höhle, erinnerte sich,
+obwohl Jahre seitdem verflossen waren, an gewisse Bäume, glattrindige,
+mit ausgebreiteten Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad waren wie
+Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, auf dem sie geritten,
+ein Hund, den sie abgerichtet, ein Vogelbauer vorm Fenster, eine
+Tabakspfeife, die sie besessen, ein Becher aus dem sie getrunken, der
+Winkel an einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm,
+ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem Bild geworden, worin
+sie sich verspannen, das ihnen Brücken schlug zum ungehörten Wort. Sie
+versetzten sich in Räume, sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle
+Gegenstände in den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur
+vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, Tisch und
+Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das erzählte, all dem
+antworteten sie, jedes Dinges Form da draußen, in fern und naher
+Vergangenheit, war Wort und Sprache.
+
+Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue keine Kraft mehr.
+Deshalb dachten sie in verbissenem Haß der Umstände, die sie einst
+überführt. Den einen hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf,
+den dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den fünften ein
+Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten der Schnaps. Nun
+beschäftigte er sich tage- und nächtelang mit diesem Einzelnen, zog es
+zur Rechenschaft, fluchte ihm, sah alle Gedanken davon regiert,
+erblickte es in jedem Traum. Und die Träume waren angefüllt mit
+Gesagtem, ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von
+nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was einem Kaufmann seine
+Unternehmungen, einem Seefahrer seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen
+sind. Brach dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an,
+die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so taumelte er
+schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die Gewalt des Eigenlebens, das er
+plötzlich zu verantworten hatte, erdrückte Hirn und Brust; die
+Luftsäule, die Sonne, die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte
+ihn nur so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, und
+es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben freiwillig ein Ende
+bereiteten, nur darum, weil sie nicht gleich einen Gefährten fanden, um
+zu reden.
+
+In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer Art, die
+beiden jungen Männer verschlagen worden. Als Peter Maritz am Morgen
+erwachte, schlief Alexander noch, denn er hatte erst spät den Schlummer
+finden können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die
+Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen können. Hiezu
+schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen machte er den Freund
+lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, der neben dem Fenster an die Mauer
+geschrieben war. Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich
+leiten, er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« Darunter hatte
+eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich einen Galgen seh, tut mir
+gleich die Gurgel weh.« An einer anderen Stelle war ein Beil gezeichnet,
+mit den Worten: »Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war
+folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, laß mich nicht
+so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, doch nicht so schmal bemessen
+wie du dem Sünder gibst, den du so innig liebst.«
+
+»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, »und es ist
+immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns unter Kollegen befinden.« Erst
+nach einer Stunde erschien der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen
+wollten, und nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch
+und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter geführt zu
+werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer Wutanfall packte ihn, als
+die Tür wieder versperrt wurde; es dauerte lange, bis Alexander ihn
+beschwichtigt hatte, und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen.
+Alexander begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick auf
+den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne von
+Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter Aufseher geführt,
+paarweise mit langsamen Schritten über das Steinpflaster wandelten.
+
+Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger Gestalten
+erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit tiefen Kerben um die
+Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln am Kinn, oder auch langbärtig, oder
+auch ganz glatt, wie es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe
+waren geschoren, die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme und
+Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe über die
+andern; er schien kaum zu atmen, seine Augen waren zugekniffen, der Mund
+stand offen und hatte einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm
+ging ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule glich, roh,
+gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender fletschte die Zähne,
+ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch Ungeschlachter hatte einen
+Ausdruck idiotischer Schwermut, ein schlanker Kerl lächelte süß und
+infam. Einer sah aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig,
+breitgängerisch, ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein
+Geistlicher, ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein
+Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig und
+geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen Schacht und nach außen
+hin nur lauschend gleich Hunden, die sich schlafend stellen und schon
+bei einem Windstoß die Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien
+ihnen wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern hinzog,
+schreckten die einen zusammen, die andern hefteten starr und finster die
+Blicke empor.
+
+Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter Maritz runzelte die
+Brauen und meinte, das sei eine schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das
+Fenster war offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre
+Gesichter wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, dann
+drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher ballten drohend die
+Faust hinauf und winkten, Alexander und Peter traten bestürzt zurück.
+Lebhaft bewegt, schlug Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«,
+murmelte er, »und doch Menschen!« -- »Dich dauern sie wohl?« fragte Peter
+zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht dich dort zum Schuldner, wo du
+nicht handeln kannst. Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib' sie
+gegen das Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du
+Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir hast.«
+
+Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine Augen brannten
+und mit einer Geberde schönen Zorns warf er Peter Maritz die Blätter vor
+die Füße. Ruhig bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu
+lesen, schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, ein
+gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches Gesicht,
+und schließlich, dem Harrenden glühten schon die Sohlen, er schämte
+sich, bereute schon, schließlich sagte Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht
+artig. Eine gewandte Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher.
+Aber was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. Wenn
+du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du ein schlechtes Gewissen dabei
+hast.« Alexander hätte weinen mögen; er verbiß seinen Schmerz,
+entgegnete aber nichts. Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche,
+reicher an Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer Stunde
+gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor sich hin, während
+Peters Ungeduld beständig wuchs.
+
+Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten aus
+dem Reich halber in Angst und Aufregung geraten wäre, hätte sich wohl
+unter den Beamten und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den
+die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht hätte. Trotz der
+verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern entdeckt hatte, ließ der
+Aktuar den Wunsch verlauten, sie in eine minder entwürdigende Umgebung
+zu bringen. Der Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß
+die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden Nacht
+verwickelt wurden.
+
+Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein Friseur namens
+Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei Jahren verurteilt war. Er hatte
+sich schon bei der Kopfschur ungeberdig benommen, und als die
+Hausordnung verlesen wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot,
+lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die Kameraden mit
+flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch und untätig, rührte sich
+erst nach dem dreimaligen Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er
+in die Todenstille des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! wißt
+ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und Herren massakriert?
+Eine große Zeit bricht an. Es lebe die Freiheit!« Weiter kam er nicht,
+drei Aufseher stürzten sich auf ihn, und obgleich er nur ein
+schmächtiges Männchen war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er
+wurde sofort in Eisen gelegt.
+
+Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus wie
+Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen wird. Erst
+allmählich wirkte das gehörte Wort; es gab also diese Möglichkeit, die
+bisher nur wie Fantasmagorie und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln
+ihres Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, dann
+konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie mußte. Es ging eine
+furchtbare Verständigung von Blick zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr
+nachmittags; um halb sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die
+Wärter, den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß,
+beschlossen, die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando wurden
+die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel,
+Sackleinwand, auf das zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese,
+Hennecke war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über den
+ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu Boden. Im Nu
+folgten die Gefährten seinem Beispiel; keuchend und dumpf jauchzend
+schlugen sie ihre Peiniger nieder, banden sie mit Baststricken, stopften
+ihnen Knebel zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze
+des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig;
+vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, fünf in Dunkelhaft. Die
+Schar teilte sich; die größere Anzahl unter dem Befehl Woltrichs, eines
+blatternarbigen Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die
+Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache selbst zu
+überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, der
+verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. Der Gewehre hatten sich
+die Meuterer mit umsichtiger Schnelligkeit versichert; das Haupttor
+wurde zugeschlagen und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden
+in einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke sämtliche
+Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. Die ganze Horde
+wälzte sich aus dem dunklen Eingang in den Schloßhof. Hennecke fragte,
+ob einer von den Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane
+nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht
+erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg hinabrennen sehen. Es wurde
+beschlossen, eine Wache auszustellen, und Hennecke kommandierte einen
+Alten auf die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er sich
+ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern trennte, welche die
+Genossen aus der Kantine herzuschleppten.
+
+Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten
+unter den Letzten in den Hof und duckten sich scheu in einen Winkel. Am
+liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie
+sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte
+zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist
+eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat umgesetzt werden, wenn man
+gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt,
+wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in
+Gefahr geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; er
+sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben
+abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden,
+Schicksal auf Schicksal gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine
+zersprengte Tür.
+
+Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn,
+Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe
+Hahn geheißen, schlug vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden.
+Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das
+Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten
+Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäuler
+mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn
+jetzt brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur allmählich
+den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle
+der Rausch. Sie schrieen und gellten durcheinander, lachten und tobten
+grundlos, räkelten sich auf der Erde, patschten in die Hände, johlten
+unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander,
+zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten,
+pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rachen.
+
+Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler,
+sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: »Wie wir leben, so halten wir
+Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen
+und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen.
+Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen
+Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine
+Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren.
+Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch
+in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere
+Konrad genannt, redete mit Entzücken von der Brandstiftung, die er
+begangen und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt.
+Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren
+verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war
+immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest
+von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte
+alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte den
+Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht
+und einen Reichshofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich
+auf Edelsteine und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu
+werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum
+Vorschein gekommen sei.
+
+Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in
+den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild
+geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat
+gewesen, sondern Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig
+Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers,
+hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter
+Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten hatte er ihre Ersparnisse mit
+der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des
+Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen
+Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der
+Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen Buche
+wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar erschlagen hatte; seine Gedanken
+hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter
+seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er,
+kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil
+er die Frau verführt und der nicht müde wurde, zu schildern, wie er vom
+Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe
+hinaufgeschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt
+und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie
+er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern
+herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie
+mich,« sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen
+Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« Der gelbe Hahn
+erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein
+Schwager an sich gerissen. Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der
+Sterbestunde zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das
+verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er
+damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden
+wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die
+für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und
+scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken
+Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem
+durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so
+zugegangen: er hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen; da er
+aber meist Leichname rasierte, so konnte er dies Geschäft an den
+Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als
+er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen
+schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er den
+verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze
+seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen.
+
+Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige,
+Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder
+verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte.
+
+Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, saß Christian
+Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch
+Blick und Geberde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im
+Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer
+Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die
+tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine.
+
+Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, um sich und den
+Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder,
+Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und
+Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets
+hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera
+in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die
+neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde
+wertlos; kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren,
+da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die
+Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise;
+bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine
+entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im
+Haus, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das
+bißchen Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug keinen
+Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und
+endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei
+jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht
+beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu
+sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den
+Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist.
+Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen
+vertieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die
+Lebensbeschreibungen seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha und
+Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung
+froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war, die Hälfte
+des Gewinns, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert
+Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen;
+sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, das Geld war hin. Kein
+Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen
+tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das
+Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde
+Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die
+Schwägerin.
+
+Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur
+Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen
+verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, für sie zitterte er
+vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur noch ein einziger
+preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die
+Zeit selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege.
+Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren
+und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse
+Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete
+für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel
+fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine.
+Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie
+vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um
+den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er
+zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. Eine
+schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da, der
+Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte
+er nicht. Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der Bosheit,
+dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal,
+beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr
+Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige,
+vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich,
+mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die
+fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch,
+ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre
+Käufer finden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit
+entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der
+Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter!
+Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als
+das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des
+Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen
+Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die
+Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein Weib mit einem
+Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In
+wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war
+eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehren der alten
+Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die
+Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen
+Eßwein im Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der
+Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte
+der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn auch nur der entfernteste
+Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liebe
+gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der
+Schußwaffe an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal zu küssen,
+bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos
+hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende
+mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank
+nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst
+nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es
+in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen der Heilung; Haft,
+Gericht, Verhör, das alles war ein einziger schwarzer Traum, bis endlich
+das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht
+finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei.
+Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte er erschüttert, als ihm
+der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief
+er; »gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel
+selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« Er
+wollte sich durch Verhungern töten, aber die körperlichen
+Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser
+Absicht zu entsagen.
+
+Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze
+Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die
+andern gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas
+Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht
+fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das
+Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des Lebens und daß er
+kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge
+beachteten ihn kaum; sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders
+Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der wegen
+Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so verzerrt und böse,
+wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben
+Stadt wie Eßwein und hatte alles sozusagen miterlebt.
+
+Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die Wahrheit hinter
+dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn
+nicht dazu da, sie zu empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der
+schaut, mit tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not,
+ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf
+hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den
+Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare
+Verworrenheit eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt so den
+Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der
+Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will
+und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie
+leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese
+und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre
+Kinder, diese und die draußen, den Landmann am Pflug, den Drechsler an
+seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg,
+den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den
+Uhrmacher, die Lupe am Aug' und auf die Rädchen lugend, den Schlächter
+und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den
+Drucker am Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der
+Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten
+sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen,
+nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen
+deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten
+trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen,
+Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten Leben. Und diese
+haben keine Worte, fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aber
+besitze die Worte und bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich.
+Doch nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter ihnen bin
+ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für mich, was ich rede,
+Stummheit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller
+Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen
+versagt hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich muß fern von
+ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wirklich leben, heißt
+zermalmt werden von denen, die stumm sind.
+
+Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm
+war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht
+lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem
+versichert hatte, im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und
+drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer
+zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. In einen Ruf war
+ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersichsein des Andern;
+Prahlerei klang wie Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit
+Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch einen
+zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich; daß sie
+hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den
+Richter belogen, gezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger
+Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll.
+Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes
+verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der dritte
+plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen
+und gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten
+einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß
+Gotteslästerungen aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart,
+in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich
+stich- und schußfest zu machen; der Schatzgräber sprach von der
+Zauberblume Efdamanila, mit der man alles Gold in der Erde finden
+könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener
+Romanfloskeln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der
+er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte
+vielleicht zwanzigmal, ob jemand die Geschichte des Majors Knatterich
+kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben.
+Dazwischen hörte man Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie
+Johannes dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann hab
+ich einen glupischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch 'rum,
+wenn er meinen Namen hört.« Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben;
+Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte
+er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, du ungeheures Meer!
+Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm
+Alexander Mut zu. Er erwiderte: »Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der
+auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der
+bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen.
+Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut.«
+
+Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens Friseur wie
+Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt,
+seine Opfer zu frisieren, wenn sie tot vor ihm lagen, und der nur
+deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer
+also stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Geberden voll
+Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« keuchte er, »der Eßwein.«
+
+Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte
+seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge
+erhoben sich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem
+Feuerkreis, und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll,
+was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in die Halle; der
+Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte schluckend auf und ab.
+
+Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern
+entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte
+verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander,
+als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und
+feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren Halt, er
+taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle.
+Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand um seinen Arm, aber es war
+schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres Blicks
+und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als
+Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen.
+»Es sind Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen sie
+her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten schoben sich gegen
+sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. --
+»Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und
+Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« -- »Die wollen
+Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. -- »Die kommen aus einer guten
+Küche,« ein dritter. -- »Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser
+liegt,« ein vierter. »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief
+Hennecke und ballte die Faust.
+
+Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein
+abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle
+näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und
+brüllte mit Donnerstimme: »Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind
+Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben
+Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind,
+verderblicher als Kanonenkugeln.« -- »Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her
+mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus
+damit!«
+
+Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war
+verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Übelkeit.
+Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert,
+Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich,
+mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste
+Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh
+eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten
+drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da
+entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in
+große Positur und las mit schmetternder Stimme:
+
+ Ich richt euch einen Scheiterhaufen,
+ auf dem das Herz der Zeit erglüht,
+ mein Volk will ich im Blute taufen,
+ das sich umsonst im Staube müht.
+ Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen
+ und Kronen, die der Rost zerfraß,
+ euch müssen sich die Fürsten neigen
+ und wer im Gold sich frech vermaß.
+
+ So öffnet denn die dunklen Kammern
+ und strömt hervor wie Gottes Schar,
+ es soll mich heute nicht mehr jammern,
+ daß gestern Nacht und Grausen war.
+ Auf denn, ihr Armen und Geschmähten,
+ du seufzend hingestrecktes Land,
+ genug der ungehörten Reden,
+ setzt nur das alte Haus in Brand.
+
+ Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
+ von eurer Not klagt Dorf und Flur,
+ den stolzen Henkern keine Gnade,
+ zerschmettert Höfling und Pandur.
+ Der Feige mag vergebens zittern,
+ der Held macht seine Brüder kühn,
+ und aus zerbrochnen Kerkergittern
+ wird neue Welt und Zeit erblühn.
+
+Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum
+erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die
+Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der
+Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings
+ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg
+davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige
+Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.«
+»Geschrieben hat er's?« »Auf Papier steht's geschrieben?« »Der Dicke
+hat's gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?«
+»Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte,
+antwortete es in allen Dialekten durcheinander.
+
+Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender
+Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle
+gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des
+entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei
+der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über
+den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die
+übrigen begriffen, was im Werke war;
+
+ »Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,
+ von eurer Not klagt Dorf und Flur;
+ den stolzen Henkern keine Gnade,
+ zerschmettert Höfling und Pandur!«
+
+sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder
+Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den
+hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander,
+und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.
+
+Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner
+Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch
+das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als
+hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie
+es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst
+was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich
+und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so
+ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser
+auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht
+und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und
+Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes
+Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er,
+doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des
+Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn
+vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite.
+
+Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen
+Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg
+lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich
+mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von
+Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren
+Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem
+Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört
+hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert
+seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht
+blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht.
+Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert
+Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da
+prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte
+Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das
+Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur
+Flucht.
+
+Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem
+Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft
+und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod
+bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit
+das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder
+niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das
+Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt
+die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt.
+
+
+
+
+Paterner
+
+
+Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr
+schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins
+Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«,
+murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte
+mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie
+hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt
+der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir
+so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende
+Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit
+raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt
+oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns
+dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben
+können.«
+
+»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte
+Franziska.
+
+»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort.
+
+»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch
+warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«,
+wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die
+dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern
+doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel
+noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen
+Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein
+Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen --«
+
+»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati.
+
+»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel
+waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde
+unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend
+und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird
+einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht
+mehr an die Nerven als ans Gemüt.«
+
+»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch.
+»Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter
+Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?«
+
+»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den
+Streit.
+
+»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja,
+ja, -- es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige
+und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu
+Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern,
+was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was
+wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe
+Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht.
+Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren
+will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und
+billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein
+Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass' ich es auch auf, wenn
+Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler
+sind feurig.«
+
+»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger
+hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort:
+Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch,
+wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er
+war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf
+beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu
+betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die
+geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen
+eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu
+ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr
+ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so
+jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut
+entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte.
+Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein
+letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und
+letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die
+Illusion einer Dauer?
+
+Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der
+Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm
+aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung
+eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine
+Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser
+Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum
+Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die
+Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen;
+die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden
+wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu.
+Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den
+Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser
+fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach,
+sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner
+die ganze Landschaft.
+
+An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und
+blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der
+Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends
+undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den
+Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen
+allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die
+Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar
+gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im
+Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch
+befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit
+der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde
+sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt,
+wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen.
+
+Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern
+Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief
+ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei,
+das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon
+unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von
+Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum
+Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die
+Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir
+also richtig eingesperrt«, rief Borsati. -- »Und wie steht es weiter
+oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. --
+»Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald
+entwurzelt wird«, war die Antwort.
+
+Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten
+unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der
+kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und
+Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den
+Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte,
+fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom
+Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und
+die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die
+Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines
+Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern
+befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine
+dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung
+und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte
+seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu
+gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein
+dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen
+ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben
+die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten
+Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen
+Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr
+einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre
+enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte
+ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger
+ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?«
+fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er
+von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über
+das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene
+verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst
+des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener
+Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede
+auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt
+eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei.
+Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die
+Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien
+fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren,
+verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und
+vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung.
+
+Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten
+Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen
+Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen
+Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem
+Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich
+vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die
+abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas
+unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und
+errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte
+Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank
+förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln
+versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit
+schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht,
+Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um
+die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich
+jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr
+folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner
+Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab.
+Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht
+sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu
+schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll
+der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres
+nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß
+der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr
+nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah,
+weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die
+ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von
+alledem.«
+
+Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur
+Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger
+fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin
+sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und
+Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die
+sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust
+gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht.
+Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und
+mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so
+unternehm ich's selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern,
+das ist ihrer und unserer nicht würdig.«
+
+»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«,
+entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten
+Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem
+Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund
+zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das
+Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang
+es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge.
+So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je
+unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch.
+Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit,
+Schönheit und Schmerzlosigkeit.«
+
+Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an.
+Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen
+sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu
+handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald
+nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es
+dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen
+aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse
+leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das
+ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono,
+und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine
+freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den
+Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor
+Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah.
+
+Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die
+Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in
+Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in
+dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um
+das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit
+Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf,
+das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein
+Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang
+behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen
+des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und
+unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung,
+die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher
+den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit
+einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender,
+stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese
+Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und
+Verantwortung.«
+
+»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er
+sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und
+Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati.
+
+»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel,
+erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte,
+eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«,
+erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei
+einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen
+spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim
+Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel
+zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um
+ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf,
+als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit
+Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen,
+Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen,
+deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis
+sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an
+Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog
+er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem
+Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein
+dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung
+zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten
+spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen.
+Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein
+Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen
+Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe
+seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann.
+Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner
+Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist
+fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein
+unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus
+dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für
+dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die
+dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine
+Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und
+unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards.
+Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes
+Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden
+können.«
+
+»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend.
+»Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider
+Leute machen.«
+
+»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern reden«, sagte
+Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas sehr Bedeutsames in der
+Rivalität zwischen Alexander und dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon
+die Farben ein wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser
+Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse deklamiert, die
+er vorher verworfen hat, und wie er, durch den Beifall berauscht,
+plötzlich sich selbst als den Schöpfer fühlt, enthält eine Wahrheit, die
+zugleich rührend und grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der
+eigenen Kraft gewiß sein.«
+
+»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, entgegnete Lamberg.
+»Ich weiß nicht, ob ihr euch an den Fall jenes berühmten Schriftstellers
+erinnert, der das Buch eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm
+unter vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte und
+nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, denn es war ihm
+zumute, als ob er das Werk geschaffen hätte, da es ganz aus der Stimmung
+seines Geistes war und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand
+eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre waren
+vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches gegenüber und forderte
+Rechenschaft. Dieser Mann war eine Hyäne und sein Talent eine der
+teuflischen Erfindungen der Natur, die unsern Glauben an die
+Zweckmäßigkeit des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde
+Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen,
+untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen Kritiker und
+Bearbeiter seiner Bücher auf und trieb ihn schließlich zum Selbstmord.
+Über dem Grab des Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei
+welchem die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet wurden und
+die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam verfaulten.«
+
+»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche Chatterton das
+Leben genommen, weil er beschuldigt worden war, die von ihm
+veröffentlichten Balladen seien fremde Erzeugnisse, er habe die
+Handschriften in einem Kloster gefunden und die Originale vernichtet.
+Später hat sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und
+Neidern verbreitete Anklage unbegründet war und daß der junge, erst
+neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer Sicherheit den Ton
+und Rhythmus der vergangenen Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine
+Waffe gegen die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen sie.
+Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem fremden fernen Land,
+und sie tritt mit einer Diamantkette um den Hals in eine Gesellschaft
+und man bezichtigt sie plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte,
+und sie hat kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre
+Beteuerung, -- so werdet ihr noch lange nicht in die Qual von Chattertons
+Lage versetzt sein, denn im Lauf der Zeit wird die Frau ja doch
+nachweisen können, daß der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte
+dieses nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die Welt
+überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen unter den schmutzigen
+Wogen der Verleumdung. Sein inneres Feuer verlosch. Er war an der
+Menschheit und an sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine
+Stunde vor seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die
+eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er sich genarrt
+dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan hat und was mit ihm
+geschehen ist. Vielleicht war ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie
+einem jener sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen
+und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation und an die
+Zeit kettet und die ihre Seele verlieren müssen, weil kein Bruderauge
+sie erkennt.«
+
+»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick in das
+Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte Borsati. »Die großen Werke
+werden hingenommen, als ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune
+gespendet hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen nur
+wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut so, aber im
+allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig hin, und wo ein
+außerordentlicher Mann persönlich auftritt, zeigt sich sofort das
+Element der frechen Gemütlichkeit, selbst in der Verehrung, die man ihm
+zollt. Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht einem
+Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Dieses
+instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen eigen.«
+
+»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete Lamberg,
+»und nicht bloß die mittelmäßigen, deren Unzahl das Land allmählig in
+eine Ablagerungsstätte von Makulatur verwandelt, sondern auch die
+besseren Köpfe. Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis
+verlassen, bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer
+schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. In ihrem
+sozialen Dasein fehlt das Bindende und Verantwortliche, und da muß eben
+der Mann aus dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht
+feindselig stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? Ein
+Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, aber er war ein Dichter. Sein
+Name war dem Bildungspöbel geläufig, nicht wegen seiner Leistungen,
+sondern weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen
+lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken verbrachte Existenz
+eine für lustig geltende Herausforderung an den Bürger war. Der Alkohol
+richtete ihn zu grunde. In einem italienischen Nest starb er eines
+elenden Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, daß
+sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt werden sollte; der
+übrige Körper wurde an Ort und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine
+tüchtige und entschlossene Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde
+gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer Hutschachtel
+und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. Dort mußte sie mehrere Stunden
+auf den Zug warten, und sie begab sich in eine Kneipe, um ihr
+Mittagessen einzunehmen. Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck
+hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein Facchino und
+trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die Schachtel vergessen. Nun saßen
+in der elenden Osteria einige Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht
+recht schlüssig werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen
+sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich daran,
+die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger Mensch das Haupt des
+Dichters bei den Haaren in die Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf
+die Tischplatte fallen. Alle sprangen empor und flohen in
+abergläubischem Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die
+Fensterscheiben, Mädchen und Frauen und viel Volk aus der Umgebung
+strömte herzu und sie spürten ein verlockendes Grausen bei der
+Betrachtung des Schädels, auf dessen wachsbleichem und melancholischem
+Petroniusgesicht ein kaum bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.«
+
+»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht hören, und wenn
+es passiert ist, erspart mir, darum zu wissen. Ach, wie machst du mich
+schaudern, Georg! Das ist wie ein Fieberbild.«
+
+»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte Cajetan, »und
+wenn sich auch unsere liebenswerte Dame entrüstet, hier ergreift mich
+etwas gleich einem Menetekel. Wie ja oft im Hintergrund dieser
+anscheinend schnurrigen und barocken Schicksale die tiefste Finsternis
+gähnt und eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht
+hätte ersinnen können.«
+
+»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit dem Kometen
+Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg fort, und seine heitere Miene
+versprach eine gutartige Wendung.
+
+»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer kleinen deutschen
+Stadt, und zwar in einem sogenannten Familienhotel, eine Bezeichnung,
+die schon allein seinen Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich
+vor, die Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines Abends,
+während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob er sich von seinem Sessel
+und hielt mit dem Gesicht eines Totengräbers folgende ernste Rede:
+»Meine Herrschaften, ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, des
+Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord Lotterbeck ist, wie Sie
+wissen, der bedeutendste Astronom der Gegenwart und Teleskopist an der
+Licksternwarte. Hören Sie den Wortlaut des Telegramms: 'Komet Styriax
+seit dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß mit
+unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben Minuten. Ordne deine
+Angelegenheiten, bereue deine Sünden, um zwölf Uhr acht Minuten bist du
+nur noch ein Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand,
+dein Cincinatti Lotterbeck.' Meine Herrschaften, es ist jetzt neun Uhr.
+Sie haben noch drei Stunden sieben Minuten zu leben. Füllen Sie die
+Galgenfrist mit dem kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle
+ist es jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten die
+erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; als aber zwei Herren,
+es waren Freunde und Mitverschworene Paterners, Schmierenschauspieler
+aus der Nachbarschaft, ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei:
+Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, die Arme in die
+Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig verzweifelt geberdeten,
+daß sie dafür auf dem Theater mit Beifall überschüttet worden wären,
+hatte es mit der Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen
+zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße und kehrten
+angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner Punsch bereitet, zum
+Leichenschmaus, wie er sagte, und verteilte die Portionen aus der
+gefüllten Terrine. Er verkündete, zwischen hundertachtzig Minuten und
+hundertachtzig Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein
+Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion wäre, die beiden
+Schauspieler wußten auf eine raffinierte Weise die trockenen Gemüter in
+Brand zu setzen, und nach kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den
+Losgelassenen auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen brach
+die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine Verwilderung, vor der
+selbst ein Paterner schamrot wurde, wenngleich er alle schlimme Meinung
+dadurch bestätigt fand, die sich über die Geknechteten der sozialen
+Mittelschicht in ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete
+ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond war von zwei
+violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen zitterten vor der Drohung
+der Natur, haltlos schwankten sie zwischen ihrem Jammer und dem
+tierischen Entzücken über den Besitz einer wenn auch noch so kargen
+Gegenwart. Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen stets
+zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich selbst. Solche
+Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien beobachten, im Kleinen
+wie im Großen. Es ist als ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf
+warte, daß die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer,
+seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte genug
+gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer Komödie war er nicht
+gefaßt gewesen, und bis zum äußersten wollte er es nicht treiben. Er
+erhob sein Glas und sprach: 'teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß
+sich mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. Ich
+erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall zu gratulieren.
+Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie Sie die drei Stunden verwendet
+haben würden. Ich wünsche eine angenehme Bettruhe.' Damit verbeugte er
+sich und verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern
+Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben sein.«
+
+»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. »Aber ich muß doch
+gestehen, daß mir Figuren vom Schlag dieses Paterner unbehaglich sind.
+Ich unterschreibe alles, was Georg vorhin über das schrullenhafte
+solcher Leute geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als
+Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man braucht deswegen
+nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich sage mir, so lang der Deutsche in
+seinen Künstlern immer noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere
+Geisteskultur nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er ist
+ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe der Nation, die
+ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer einer gutmütig
+zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. Die Deutschen haben keine
+Ahnung, daß der echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für
+eine verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel in den
+meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe einer gewissen
+blümeranten Literatur, in der noch heute jeder Maler ein Sammetröckchen,
+eine fliegende Krawatte und einen Schlapphut trägt und auf seiner
+Palette das Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, da
+ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, die ganz
+insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei eigentlich doch nur eine
+Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. Welch ungeheure, ja tragische
+Konflikte gerade bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches
+ins Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. Ich
+habe den Bericht von einem genauen Freund des einen und glaube für seine
+Zuverlässigkeit bürgen zu können. Übrigens sprechen die Ereignisse für
+sich selbst.«
+
+Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte die
+Geschichte der beiden Maler.
+
+
+
+
+Nimführ und Willenius
+
+
+Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete,
+war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil
+über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum
+blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten
+aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem
+geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer
+sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines
+Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen
+sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge
+der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste
+Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges
+Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur
+bezwungen wurde.
+
+Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen
+Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem
+Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich
+hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein
+langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner,
+greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen
+Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten
+Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb
+rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages
+war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er
+sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er
+mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren
+primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu
+verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen
+nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur
+als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen,
+Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.
+
+Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts.
+Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons,
+der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen
+verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die
+Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der
+sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster
+Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren
+Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein
+ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller
+Nerven, das war die Existenz dieses Menschen.
+
+Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus.
+Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll
+aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser.
+Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen,
+sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus
+Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben
+könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er
+von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es
+vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus
+einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die
+Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt
+der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich;
+und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt
+sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es
+ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die
+Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte
+die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das
+Verworfenste von allem: den Dilettantismus.
+
+Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs von
+brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, die nun so verwegen
+als selbstverständlich den tückisch verschleierten Halbtönen der Natur
+Einheit und Glaubhaftigkeit verliehen, davon begriffen diejenigen
+nichts, die von der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild
+empfingen und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum erschien.
+Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein Chaos ist, ein
+Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß jenes Schauen, welches dem
+Ungeformten eine Form abzwingt, der ungeistigen und toten Fülle durch
+Abbreviatur und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und
+heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder die Überwindung
+eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte war die Natur; Feind und Geliebte
+war, was Wirklichkeit hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen,
+lügnerisch, schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes
+unbesiegbar. Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge bohren, und
+es durfte nicht die Epidermis beschädigen, während es das Geschäft des
+Anatomen betrieb.
+
+Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit
+gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt zu ziehen. Es hatte sich
+ein reicher Kunstfreund für seine Produkte interessiert, der Verkauf
+einiger Bilder sicherte ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein
+geräumiges Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen
+gedachte.
+
+Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte Willenius von einer
+Ausstellung im Künstlerverein. Ein neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte
+dort seine Arbeiten an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich
+wunderliche Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer Insel im
+Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie mit seinesgleichen verkehrt;
+er sei unzugänglich wie der Dalailama und nähre sich bloß von Brot und
+Äpfeln. Einige Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die
+bengalische Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten
+persönlich beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche
+Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge verkündeten ihre
+Begeisterung.
+
+Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die Bilder anzuschauen.
+Erst schritt er langsam von Leinwand zu Leinwand, dann blieb er mit
+hängenden Armen stehen, die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf
+gierig vorgestreckt, die Lippe zitternd.
+
+Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; südliches Meer, und
+am Strand nackte wilde Frauen; Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm
+einer Palme lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels
+und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles Leben in der
+Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele und Symbol, alles in der
+Farbe; keine Wirklichkeit mehr, nur Traum, und alle Wirklichkeit
+hineingeschlüpft in den Traum, so daß es ein Spiel schien, die
+Wiedergeburt einer Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des
+Inner-Innersten, Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier,
+Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe gefrorene Natur,
+eine majestätische Synthese.
+
+Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den Verstand zu verlieren.
+Nichts von Absicht auf Komposition und Wirkung, nirgends ein unreiner
+Strich, ein Überbleibsel der Hand; keine Aufdringlichkeit der
+Gegensätze, kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive.
+Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender Verzicht auf
+Hintergrund und Raumverhältnis geschehen, so daß der ungewohnte Blick es
+lächerlich finden konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin
+das Bild zu erfassen vermochte.
+
+Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere Nächte hindurch
+schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Bekanntschaft
+irgend eines Menschen zu machen; Nimführ zu sehen und zu sprechen war
+jetzt sein ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, da er
+täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem jungen Maler auf
+Willenius aufmerksam gemacht, stellte sich ihm selbst vor. Er war ein
+hünenhaft gebauter Mann, sehnig wie ein Lastträger, mit langem
+gelblichem Gesicht, starken hohen Backenknochen und schütterem
+Haarwuchs.
+
+Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr nachmittags begann
+und um drei Uhr nachts in einer öden Vorstadtgasse endigte. Es war ein
+zehnstündiges Einanderbelauern und -aushorchen. Die Sicherheit des
+jüngeren Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere Künstler
+kam aus den höchsten Regionen, wo nur die Eingeweihten sich durch
+Geheimzeichen verstehen. Er kannte Willenius' Arbeiten; daß er sie
+schätzte, eröffnete er nur mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die
+von der Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend
+daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein Monument. Nichts kam der
+überlegenen Ruhe gleich, mit der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte.
+»Die Menschen sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist
+das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden wird, muß
+man ihr schon mißtrauen.«
+
+Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für Tag einander trafen.
+Den Silvesterabend verbrachte Nimführ in Willenius' Atelier, und als es
+zwölf Uhr schlug, trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war
+im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch zwei Jahre
+ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann wolle er nach Mexiko
+reisen. Willenius, vielfach angeregt durch die abendlichen
+Unterhaltungen mit dem Freund, malte täglich acht bis neun Stunden.
+Nimführ warnte ihn vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse
+wollen gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer zu
+schnell verdaut, zehrt ab.«
+
+Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das heißen?
+Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war empfindlich wie alle in
+sich selbst Verstrickten. Seine Liebe zu Nimführ, von Bewunderung und
+Ehrfurcht gezeugt und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die
+bloß unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit Angst und
+Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu beobachten, der so herrisch
+frei in seinem Bezirk waltete. Ihm waren Hand und Auge eins; was er
+schuf, löste sich souverän vom Material; was er schaute, war sein
+Eigentum. Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke reißen, bevor
+sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war ein heimlicher Raub; er mußte
+die Natur überlisten, beschleichen und verraten, denn sie gewährte ihm
+von selber nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit wie vom
+Paradies zur Hölle.
+
+Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem
+Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu
+grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die
+Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier.
+Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber
+so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen
+Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft.
+Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher
+machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit
+seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund
+zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel,
+aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu
+rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg,
+und sei du froh, daß du fliegst.«
+
+Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus
+seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose
+Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über
+den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel;
+über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer
+Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er
+wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst
+du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das
+uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden
+Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit
+vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes
+Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.«
+
+Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht.
+Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu
+fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell' ich mich
+selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig
+gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch
+zeigen.«
+
+Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein
+Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter
+nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war
+wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne
+eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die
+Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte,
+hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte
+Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen:
+überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht
+doch kein Pfad.
+
+So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt
+hat; Eifersucht -- Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von
+Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der
+Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt,
+von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das
+Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich
+gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der
+Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl
+er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse,
+schamlos und kalt.
+
+Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes
+Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter
+dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer
+niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd
+mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet
+roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren
+Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau,
+Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen
+befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von
+sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über
+dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns
+hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer
+wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten,
+der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend
+darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des
+Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und
+mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht
+gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in
+fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er
+den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der
+tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen
+menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob.
+
+Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er
+wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in
+äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und
+Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas,
+das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein
+mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor
+Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und
+Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es
+wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein
+anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen
+und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein
+Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private
+Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich
+erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund
+gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, -- dieser Antipode,
+dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das
+verkörperte böse Gewissen.
+
+Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des
+Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte,
+hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe
+Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und
+wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte
+er lieben, bewundern -- und kämpfen.
+
+Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des
+Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem
+Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst
+eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm
+unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden
+wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den
+Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen
+niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot
+des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer
+unreifer Zustände gerungen hatte.
+
+Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das
+nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und
+erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ
+schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er
+fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine
+Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius
+atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste
+ihn.
+
+Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück,
+neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander,
+lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm
+die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte
+er voll Argwohn.
+
+Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem
+Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er
+eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus
+wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er
+kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher
+Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild,
+ich hab's gleich gemerkt.«
+
+Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte:
+Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen
+mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm
+zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen
+konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er
+diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung
+aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens
+satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es
+satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus
+Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze
+Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht
+erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in
+seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe
+aus wie Blut.
+
+Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn
+gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen
+Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle
+fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung,
+Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er
+appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie
+alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und
+jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich
+bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als
+Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da
+versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im
+Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als
+die Wege der Stümper --?«
+
+Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich
+verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und
+Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem
+Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene
+Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische
+lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser
+wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner
+Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer
+aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und
+machte die Türe nicht lauter zu als sonst.
+
+Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen
+war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein,
+und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf
+einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden
+Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er
+das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke
+Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann
+mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die
+Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er
+planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm
+Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der
+Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf
+und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum.
+Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die
+schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen
+Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein,
+nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und
+phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich
+verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner
+eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem
+Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit
+bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein
+weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese
+führten ihn zur Stadt.
+
+Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er
+gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich
+versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes
+schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen
+schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen
+ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten
+Himmel.
+
+»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt
+hat?« fragte der Arzt draußen.
+
+Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit:
+»Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit
+einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte
+seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen
+will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.«
+
+Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch
+unschuldige Menschen und reine Farben gab.
+
+
+
+
+Herr de Landa und Peter Hannibal Meier
+
+
+Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten sich die Freunde
+hauptsächlich über die Hochwassergefahr. »Schade, wenn wir
+gezwungenermaßen hier bleiben müßten, da wir es freiwillig doch so gerne
+tun,« meinte Cajetan; »doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz
+zufrieden, und kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung
+der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.«
+
+Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke über die
+Geschichte von Nimführ und Willenius ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte
+Borsati, »daß in den Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch
+die Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, die beiden.«
+
+»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon oft
+konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied zwischen
+Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius ist eine Ding-Natur,
+trotz seines wunderbaren Talents. Ja, ich möchte ihn fast einen
+Fetischisten nennen. Ich habe mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz
+ähnlich veranlagt waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle
+bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm borgen wollte. Das
+Verhältnis zum Ding geht oft ins Sonderbare. Ich kannte einen
+Lokomotivführer, der sich fest einbildete, seine Maschine scheue an
+einer bestimmten Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer
+Peitsche und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie und
+lief ohne Stockung weiter.«
+
+»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte Franziska,
+»und war völlig hingenommen von der Vorstellung, das glühende Eisen, das
+sich unterm Hammer krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken,
+die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.«
+
+»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines willensbegabten
+Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in der Schweiz lebte ein Bauer,
+von dem behauptet wurde, er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er
+sich verpflichtet, kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen auf
+der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein Mädchen aus einem
+lichterloh brennenden Haus, ohne daß ein Haar auf seinem Haupt versengt
+wurde. Da geschah es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne
+küßte. Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt über einen
+Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte ihn der Schwindel, er
+wankte, er stürzte herab, unterhalb der Steinwand brannte ein großes
+Feuer, er stürzte mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.«
+
+»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer Existenz irgendwie
+teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch nie aufgefallen, wie rasch ein
+Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer abbröckelt, wenn die Besitzer
+gestorben sind? und es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die
+Erhaltung verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät für
+die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich von einem
+verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit ist dafür nur ein
+Wort, das wenig besagt.«
+
+Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort:
+verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer und Sorgen kund.«
+
+»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte Borsati lächelnd.
+»Einer meiner Bekannten hatte einen äußerst mageren Spitz. Eines Tages
+wurde der Mensch krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab
+wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer fetter, und
+als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier eher einem Mastschwein
+als einem Hund.«
+
+»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern schweizerischen
+Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum Verhängnis wurde«, ergriff
+Lamberg das Wort.
+
+
+»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen Gütlers liebte.
+Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei der Heimkehr von einem
+Schützenfest, wo er den Preis errungen hatte, das stolze Mädchen sich
+ihm zuneigte. In der Nacht, während er in ihrer Kammer weilte, brach auf
+dem Hof, wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen
+beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt waren.
+Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes Betragen bestärkte den Verdacht,
+den seine Abwesenheit erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer
+gelegt zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo er die
+Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld gezweifelt. Aber
+er wollte den Ruf seiner Geliebten schonen, er wußte, wie sehr sie die
+üble Nachrede fürchtete und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen
+hätte. Seine Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber
+verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, wo das Feuer
+entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Er konnte
+es kaum glauben, daß ihm dies geschehen, denn er war ein Mensch von
+angeborener Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter
+besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. Er saß nun im
+Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung war, daß die Feuersbrunst
+auf eine natürliche Ursache werde zurückgeführt werden können. Dies
+geschah nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, vom
+bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah auch nicht. Und
+schließlich wagte er zu denken, daß die stolze Bauerntochter Mitleid
+verspüren würde, daß sie so viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden
+wollen, daß sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah am
+allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam er als gebrochener
+Mensch in das heimatliche Dorf und die erste Neuigkeit, die man ihm
+mitteilte, war, daß seine Geliebte unterdessen längst geheiratet und
+auch schon zwei Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in
+Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat das Haus der
+Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und sie ihn fragte, was er
+begehre, denn sie erkannte ihn nicht, da überwältigte es ihn und mit
+gehobenen Fäusten schritt er auf sie los. In dem Augenblick trat das
+älteste Kind, ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen
+die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff den
+Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: schau ihn dir an. Und er sah,
+daß der Knabe ihm ähnlich war an Gesicht und Haar und Augen und daß er
+auf der Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend kehrte er
+um und verließ das Haus. Von der Stunde ab war es aber um die Ruhe der
+Bäuerin geschehen, sie konnte den Blick ihres ehemaligen Liebhabers
+nicht vergessen. Haus und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging
+einen schiefen Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer
+mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein Jahr vergangen
+war, lief von Brasilien aus ein Brief an die Gerichtsbehörde, worin die
+seltsame Frau nicht etwa ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich
+bezichtigte, daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht
+keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer Tat, die sie
+aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und Erregung erklärte, mit solcher
+Genauigkeit an, daß man ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den
+man gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden,
+und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung entdeckt werden.«
+
+
+»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie ist mir
+unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife ich. Hat sie den
+Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht lang lieben? Schämte sie sich
+seiner? Und ist selbst dann eine solche Grausamkeit möglich? Unter
+Bauern ist man doch sonst nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend
+bedacht.«
+
+»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet man
+zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, eine außerordentliche
+Strenge der Lebensführung auch unter Bauern. Da ist dann ein ehernes
+Festhalten an uralten Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter
+Formen, der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und es läßt
+sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, starr und
+konservativ bis zum Äußersten, wie eben nur Frauen zu sein vermögen,
+wenn sie einmal eine Überzeugung in sich tragen, daß ein solches Mädchen
+ihr Glück und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle nicht
+daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, daß sie ihm ihre
+Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und darnach fand sie sich vielleicht
+so gedemütigt, so heruntergezerrt, daß ihr keine Sühne groß genug
+erschien für den Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange des
+Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der Mutter.«
+
+»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die Frau anders zu
+betrachten,« versetzte Franziska sinnend. »Freilich kann man alles das
+aus den Geschehnissen heraushören, wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt
+und möchten das Deutliche gleich überdeutlich, -- wir Frauen nämlich«,
+fügte sie entschuldigend hinzu.
+
+»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt hat«, fuhr
+Lamberg fort, »und das Zusammenleben muß etwas Beängstigendes für ihn
+gehabt haben. In dieser Sphäre sprechen sich die Menschen schwer
+gegeneinander aus, und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit
+ihnen.«
+
+»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, wie sie
+unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht geeignet, das Leben zu
+erleichtern«, wandte Cajetan ein. »Stillschweigen führt wenigstens zu
+Entscheidungen, das viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt
+eine gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. Dies
+ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche Ehen gibt.
+Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern mit Vergnügen im Element
+des Wortes, im Mann ist Sehnsucht nach Stummheit.«
+
+»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau haben,« sagte
+Franziska. »So hats der Graf von Gleichen gehalten, aber ich will darauf
+schwören, daß die stumme öfter gesprochen und die redende öfter
+geschwiegen hat als ihm lieb war.«
+
+»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein
+Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im
+lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle
+eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den
+Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.
+
+
+Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte in einem Villenort
+nahe der Stadt ein vornehmes Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet,
+die Ehe, aus der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche
+genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen ruhigen,
+gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens ging Herr de Landa im
+Garten spazieren, und als er an das Gitter kam, das das
+Nachbargrundstück von dem seinen trennte, sah er drüben eine junge
+schöne Person, die seinem ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine
+Erkundigung wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein
+Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem Alter
+eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter sei. Herr de Landa wandelte
+nun täglich zu der Stelle, wo er das Fräulein zuerst gewahrt, es war
+Sommer, das schöne Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen
+Grüßen wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die Wege des
+Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen erleichterte die
+Zusammenkunft; Herr de Landa brachte Bücher, das Fräulein Josepha las
+sie, Herr de Landa bot sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu
+Anfang des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß seine
+Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte sich einen
+Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr de Landa, daß er seine
+Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. Das Mädchen war sehr
+bekümmert; nicht als ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte,
+im Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, obwohl er
+um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in ihrer Redlichkeit sträubte
+sie sich dagegen, die Zerstörerin seines häuslichen Glücks zu sein, der
+Frau den Gatten, den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein,
+was du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin
+an dir und den Deinen werden. Herr de Landa war jedoch ein zu gerader
+Mensch, um das Zwieträchtige und Unbefriedigende eines solchen
+Verhältnisses dauernd ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete
+sein Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge stünden.
+Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das Schlimme nahen gefühlt;
+sie schwieg eine Weile, endlich sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich
+mich nicht von dir, das kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber
+nicht ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will mit
+meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem Dach zu
+wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht von diesem Vorschlag, er
+verbarg seine Bewegung und ging ohne zu antworten hinweg. Seine
+Verwunderung wuchs, als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt
+war, als er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte
+sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, begab sie sich zu
+Frau de Landa, war betroffen von deren Güte und von einer Seelengröße
+erobert, der sie nur durch Nacheiferung danken zu können glaubte. Der
+Pakt war alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe
+Schwierigkeit, -- Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, die
+Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa mehr der Erziehung der
+Söhne widmete. Es gibt keine Leidenschaft, über die sich nicht endlich
+das Grau der Alltäglichkeit breitete; was anfangs abenteuerlich, ja
+gefährlich erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des
+Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit verdrängt,
+und so friedensvoll fügten sich die beiden Frauen in ihrem Wandel und in
+ihren Gepflogenheiten ineinander, daß sie Abend für Abend in demselben
+Zimmer an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche
+ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft gegangen war
+oder sich auf Reisen befand und den sie in all ihren Regungen, in Worten
+und Gedanken treu begleiteten. Auch die Söhne nahmen die Ordnung des
+Hauses als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten sie
+wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, da starb Herr
+de Landa eines plötzlichen Todes. Als die schmerzlichen Tage der ersten
+Trauer vorüber waren und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen
+über deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren Sohn
+zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im Besitz gehabt,
+und sagte, er möge nun nach seinem eigenen Ermessen darüber schalten,
+sie erwarte seine Befehle. Der junge Mann wußte nichts zu antworten,
+aber Frau de Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie
+Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es bleibt alles beim
+Alten. Und so führten die zwei Frauen ihr bisheriges Leben weiter, saßen
+wie vorher bei der abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«,
+der nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, von dem,
+was er getan und was er gesprochen und wie mancher Charakterzug in den
+Söhnen an ihn gemahne. Sie verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie
+waren wie zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe
+unverbrüchlich aneinander gebunden waren.«
+
+
+Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich das Eheleben
+des historischen oder vielmehr sagenhaften Grafen von Gleichen ziemlich
+jammervoll gedacht. »Ich sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt
+sich aus, welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der älteren
+Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes Haar aneinander, das
+Schloß wird für den Grafen der ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und
+vielleicht wandert er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um
+vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich bekehrt, lieber
+Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften so famose Leute waren wie diese
+de Landas, muß ich mich meiner Skepsis schämen.«
+
+»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht Frau de Landa doch
+eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte Franziska. »Ich kann mich ja in
+keine der beiden Frauen versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die
+Lockung, die für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns
+viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib ist darin noch
+nicht so materiell wie der zarteste Mann.«
+
+»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg Vinzenz, »das läßt
+nur darauf schließen, daß du die Männer besser kennst. Ich gebe zu, daß
+der Mann die Sinnlichkeit sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer
+befindet er sich im Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und
+Verschnörkelung ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein muß.
+Überhaupt, -- die Männer, die Frauen, was heißt das? Ich kann mit den
+Generalbegriffen nach dem Muster französischer Maximen-Sammlungen nichts
+anfangen. Der Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.«
+
+»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska an Borsati, »an die
+Geschichte eines gewissen Meier, der auch mit zwei Frauen lebte und der
+so stolz auf seinen Sohn war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte?
+Der Sohn aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und die Frau,
+ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, hatte den Mann aus
+Liebe hintergangen. Erinnerst du dich? Wir hörten die Geschichte vor
+Jahren, als ich in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.«
+
+Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In der
+Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand damit beweisen,
+daß der moralische Geist des gegenwärtigen deutschen Bürgertums
+gebrochen sei, und ich hatte beim besten Willen nichts anderes finden
+können als daß ein aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert
+worden war.
+
+
+Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler und Besserwisser,
+unverträglich wie ein Hamster und boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte
+einen wohlhabenden Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn
+ein für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit einem
+netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. Peter Hannibal
+Meier mißgönnte dem Vetter Julius das hübsche Frauenzimmer und entschloß
+sich, sie ihm wegzuschnappen. Die gute Cilly, das war der Name des
+Mädchens, wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers geblendet und
+erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres Los als an der Seite des
+biedern und bescheidenen Vetter Julius. Kurz nach der Hochzeit
+entwickelte Peter Hannibal der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr,
+daß er sich sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon zu
+einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen Staatsmann, einen
+Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und einen Superintendenten darunter.
+»Wir gründen ein neues Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und
+in dreißig oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort
+einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen Regierungsrat
+Meier geben; also spute dich, Cilly; du mußt nur wollen; wenn man
+ernstlich will, kann einem nichts mißlingen.« Der Frau war es nicht
+recht behaglich zumut, sie erkannte, daß der schwierigere Teil der
+Aufgabe ihren Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der
+liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren könne, ein
+Argument, das Peter Hannibal geringschätzig abtat. »Ich bin mir selber
+lieber Gott genug«, sagte er frech; »tue du deine Pflicht und laß den
+lieben Gott zufrieden.« Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner
+Zuversicht getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte sich; er
+fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er fragte bitter, wann
+sich die Gnädige endlich zu entschließen gedenke, und als zwei Jahre um
+waren, verließ ihn die Geduld vollends, er jagte die alte häßliche
+Köchin, die im Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches,
+dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin wurde, während
+Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück durch ihre
+Dienstleistungen erhöhen mußte. Wieder vergingen viele Monate, ohne daß
+sich Peter Hannibals Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen
+faulenzte er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen Bismarck zu
+politisieren, dessen geschworener Feind er war, und auch sonst die
+Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das Kaufmannsgeschäft, das er
+betrieb, brachte nichts ein, und er ging damit um, andere Quellen des
+Reichtums zu finden. So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die
+Hände, der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, in
+dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen erwerben könne und
+das für einen Spottpreis zu haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so
+lecker er auf den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen
+und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, richtete
+er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. Er befahl seiner erschrockenen
+Frau, zu dem ehemaligen Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu
+bitten. Als sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu
+lassen, und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde
+vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. »Woher weißt
+du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« fragte die geängstete und
+gekränkte Frau, die sich selbst darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie
+verstummte jedoch demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter
+Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels stimmte ihn
+geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, den Jungfernkranz
+aus dem Freischütz. Cilly trat den sauern Gang an. Als es Abend wurde,
+brachte sie die gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem
+vergötterten Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige Wochen
+später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem freudigen Ereignis
+entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen war, erblickte Karl Theodor,
+der erste Meier, das Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die
+Glückwünsche seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem
+siegreichen Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum mit einer
+Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas so Wunderbares vollendet
+hätte. Die Magd verlor an Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr
+die Tugenden seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert und
+neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen und schlich durch
+das Haus wie Jemand, der die Ursache eines Brandgeruchs sucht. Peter
+Hannibal kaufte das Stück Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag
+stundenlang, in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen Boden
+umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso stolz wie als Vater eines
+verheißungsvollen Sprößlings. Die junge Magd wob indessen ihre Pläne.
+Sie wußte Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle
+von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, daß sie aus
+Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung des Schweigens und des
+Schlafes der Frau ihren Verdacht bald genug bestätigt fand. Nun begann
+sie ihre Wissenschaft den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt und
+geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, aber Peter Hannibal
+steckte in seinem Dünkel und seiner Selbstverhimmelung wie in einem
+unverletzbaren Panzer, er hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu
+dem giftigen Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft
+stets zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich
+verschwistern, zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte geraume
+Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im ersten Ausbruch der
+Raserei zerschlug er in der Küche die Töpfe und Teller. Die Magd, unter
+dem Vorwand, ihn zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die
+Versicherung, daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen Gerüchte
+sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock an, nahm eine
+Hundspeitsche und begab sich zu Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter
+Julius auf seinem Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle
+stürmte. Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles
+Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein gewichster
+Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen mächtigen Lärm, und er
+fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche so unbequem vor der Nase herum,
+daß dieser lammfromme Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es
+wäre ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte Cilly
+bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor sich stehen sah,
+dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, Ohnmacht und
+Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß wie heißer Wein zu Kopf; er
+vergaß Rücksicht und geleistetes Versprechen, er erinnerte sich nur der
+niedergetretenen und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren Worten
+stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er das Zimmer. Peter
+Hannibal starrte wie geschlagen vor sich hin. Trotz des strömenden
+Regens wanderte er zu seinem Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz
+und quer gleich Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis
+floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang darnieder, treu
+gepflegt von Cilly und der jungen Magd. Als er das Bett wieder verlassen
+konnte, zeigte er ein schweigsames und geheimnisvolles Betragen und
+erschien wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen
+vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; es handelte
+sich gleichsam um die falsche Buchung auf einem Kontokorrent; ein Posten
+war auf Soll geschrieben worden, der von rechtswegen auf Haben stehen
+mußte. Lange erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue
+Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit der
+Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt wollte er eine
+Zeitung gründen. Alle diese unruhigen Ideen hatten ein und dasselbe
+Ziel. Da ereignete es sich, daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung
+bisher nur von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten
+Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag beschlossen
+wurde und daß Peter Hannibals Grundstück wider Erwarten im Werte stieg.
+Es handelte sich keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst
+geträumt, doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er löste. An
+einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock mit weißer Kravatte,
+ein rundes Hütchen auf dem Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete
+den elastischen Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«,
+redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, an der
+Legitimität meiner ehelichen und väterlichen Umstände Zweifel
+auszusprechen, die --« -- »Zweifel?« unterbrach ihn Vetter Julius
+verwundert, »Zweifel waren es durchaus nicht --« -- »Bitte schön«, fuhr
+Peter Hannibal schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber
+nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. Deine
+Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen wie Butter in
+der Pfanne. Was kannst du mir abstreiten? was kannst du mir beweisen?
+Kannst du mir beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut
+fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein eines
+Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit hast du mich
+vorübergehend irre machen können, die Zukunft kannst du mir nicht
+rauben, die speist an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich
+bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin gekommen, um
+deine materiellen Ansprüche zu befriedigen und meine idealen gegen
+fernere Ränke sicher zu stellen.« Damit entnahm Peter Hannibal seiner
+Brieftasche sieben Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm
+und dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine
+spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen Hauptes.
+Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund nach. Er ergriff einen der
+Scheine, hielt ihn gegen das Licht und schüttelte den Kopf. Plötzlich
+aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das ihm den Atem
+versetzte und ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst als er
+ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken hatte, milderte sich
+die erstickende Heiterkeit. Auch in den nächsten Tagen passierte es ihm
+noch zu öfteren Malen, daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein
+ernsthaftes Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem
+unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes zwischen
+die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen bildet den Stolz der
+Großen. Peter Hannibal spürte eine so wohltuende Wonne in seiner Brust,
+daß er in einem Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand,
+das der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um die Ohren
+dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter Hannibal, »Lorbeer muß
+dabei sein; Schwein und Lorbeer, das gehört zusammen.« Mit seiner
+angenehmen Last kam er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor
+stand, ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten Augen.
+Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen Kopf und erschien mit
+strahlendem Gesicht vor den beiden Frauen, das Schwein in der Linken,
+den Sohn an der Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die
+Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal die Gitarre von
+der Wand und sang mit empfindsam tremolierender Stimme das Lied vom
+Jungfernkranz. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor
+er schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und habe sie
+traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal Meier braucht die
+Menschen nicht, er ist sich selber genug.«
+
+
+
+
+Begegnung
+
+
+»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte Franziska; »warum,
+kann ich eigentlich kaum erklären.«
+
+»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung dermaßen anwächst, daß
+sie die eigene Schwäche für Kraft erklärt und die Armseligkeit für
+Würde«, entgegnete Borsati.
+
+»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat eine spitze Nase
+und einen Mund mit feuchten, schmatzenden Lippen. Er schlenkert beim
+Gehen die Füße nach auswärts, und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen
+schimpft er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt
+kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt ein Wollhemd mit
+einer angebundenen Chemisette, und seine Großmannsucht verhindert ihn
+nicht, vor reichen Leuten zu scharwenzeln.«
+
+»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus gelten zu lassen,«
+fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen Wesen Unrecht tun. Gerade
+Fleiß, Tüchtigkeit und selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland
+haben so mächtig werden lassen.«
+
+»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es weht eine Luft
+von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, die einem die Brust
+beklemmt. Man ist so stolz auf das Erworbene, so sicher des Besitzes, so
+fest in Meinungen, so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in
+Profitwirtschaft, so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen die
+Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort dafür scheint.
+Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines Enthusiasten und eines
+Träumers genießen, jetzt begnügt er sich mit dem eines in allen Sätteln
+gerechten Praktikus. Nur ein innerlich freies Volk kann die Last
+nationaler Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne Einbuße
+an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist aber nicht frei; er ist
+in so mannigfacher Beziehung gebunden, daß selbst die wenigen großen
+Politiker, die die Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten
+oder als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer
+Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl formlos, sein
+bürgerliches borniert und sein monarchisches servil wirkt. Bei einer
+feudalen Familie in der Provinz hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als
+Gast angesagt. Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des
+Schlosses und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend
+Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß und trank, jagte
+und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem er der Hausfrau die Hand
+geküßt, äußerte er: 'Ich habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und
+was mich besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.' Dabei
+war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der fürstliche Besuch
+verursacht hatte, vollständig ruiniert. In England wäre dergleichen
+nicht denkbar. Dort weiß der Geringste im Volk, was ihm der Herrscher
+schuldet, und der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er
+leben darf.«
+
+»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, erwiderte
+Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat und Figur, seinem Handeln
+Gewicht und Relief. Er ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen
+anzugehören, das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche
+Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die wir oder die
+der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch bezeichnen. Was für
+köstliche Sonderlinge! Da ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen
+durch ganz Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um den Ort
+nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; er ernährte die mageren
+seiner Frauen nur mit Milchspeisen, die fetten nur mit Säuren. Ein Lord
+Sandys lachte in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester
+Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war so unwissend, daß er
+einem Geistlichen namens Mathäus Decker ein großes Legat vermachte, weil
+er glaubte, dieser habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord
+Mountford berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, ob
+seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein Wort, das weiß
+ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. Lord Lovat sperrte zwei
+Dienstboten, die ohne seine Bewilligung geheiratet hatten, mit den
+Worten: »ihr sollt aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen
+Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, hatte die
+Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen zu halten. Sein
+Sohn, der schon geraume Zeit mündig war und seinen eignen Kopf hatte,
+fand oft für gut, nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch
+herumtreiben wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete ihn stets
+als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden Tag mit unbeweglichem
+Ernst, Lord Herbert zum Essen zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er
+mit fünfundsiebzig Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht.
+Abends durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung eine
+Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der Stunde, wo er zur Nacht
+speiste. Einst geschah es, daß sie die Frist nicht einhielt. Als sie
+nach Mitternacht erschien und sich voll Angst entschuldigen wollte,
+unterbrach er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine
+Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn Uhr, setzen wir
+uns zu Tisch.« Unter den drakonischen Gesetzen, die in seinem Hause
+galten, wurde am nachdrücklichsten das eine ausgeübt, daß jeder
+Bediente, der sich betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter
+Lakai, der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen,
+ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich auf die Nachsicht
+verließ, die in gewissen Fällen vorhandene Dinge als nicht vorhanden
+ignorierte. Einmal hatte er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord
+durch die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der nicht bloß
+bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich nicht mehr auf den
+Beinen halten konnte. Mylord näherte sich ihm und sagte: »Armer Bursche,
+was fehlt dir? Du scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott
+behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu Bett und holt
+den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat zu erteilen, denn seine
+Herrlichkeit war im Haus oberste Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu
+vollziehen. Er mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein
+gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken kleben und ein
+tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die Behandlung nach einigen Tagen
+gewirkt und der alte Sünder so bleich und mager zum Vorschein kam, wie
+wenn er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der Lord zu:
+»O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am Leben zu sehen. Du kannst
+von Glück sagen, daß du so glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich
+nicht zufällig vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst
+du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem Finger drohend
+hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert ist auch eine
+Geschichte über den wunderlichen Lord Beckford. Lord Beckford empfing
+niemals Besuche und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks
+waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden fabelhafte
+und die Neugier aufregende Dinge über den Luxus berichtet, mit dem sein
+Haus eingerichtet sei. Einen jungen Dandy plagte die Neugier so sehr,
+daß er in der Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen
+ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den Lord gebracht,
+der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte und sich ihm beim
+Abschied auf das verbindlichste empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann
+nach Hause eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und
+niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren mußte und
+sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, Lord Beckford ließe ihn
+ersuchen, so hinauszugehen wie er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch
+half, er mußte sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie
+auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften
+Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach diesem verbotenen
+Paradies.«
+
+»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; »weder das
+Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch das Weltmännische sind
+deutsch. Dagegen zeichnet sich das deutsche Wesen durch einen Reichtum
+an Gemütsbeziehungen aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten
+unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur die Glücksgunst
+fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches zu wirken. Irgendwie haftet
+der Deutsche noch in verstörter Welt und bildloser Finsternis und der
+tätige, in Heiterkeit gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner
+Wiege erwürgt worden.«
+
+»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte Lamberg, »muß
+man vorzüglich unter den Edelleuten des achtzehnten Jahrhunderts Umschau
+halten. Wie in einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen,
+sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, in
+einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches geleistet hätten.
+Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. Aber vielleicht ruht gerade im Leben
+der Dunklen und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und ihre
+Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, bereiten die
+Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag der Geschichte geschlagen
+werden, und ihr geheimnishaftes Einzelweben ist voll von der Bestimmung
+des Ganzen, so wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt.
+Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne aus Gräbern die
+Schatten der Toten zu beschwören, heute, wo jede Zwiebel für eine
+Ananas gelten will und das Herzgold unter den Füßen des Pöbels
+zertrampelt wird.«
+
+»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog nehmen dürfen, ich
+wünsche sehr, daß Sie uns das Bild zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan.
+
+»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe von Notizen
+gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie aber erst noch ordnen, und
+morgen bin ich bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu
+spät.«
+
+Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen verriet keine
+Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. Borsati, Hadwiger und
+Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen Behausung auf. Draußen im Freien
+jubelten sie, -- der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre.
+Freilich war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch strahlte
+wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und traumhaft funkelte der
+Neuschnee von den Häuptern der Berge.
+
+Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, sie am folgenden
+Morgen zu einem Spazierweg abholen zu dürfen, falls es nicht regnete.
+Zwar blieb der Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller
+Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte sie zum Fluß
+hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, die überschwemmten
+Straßen, entwurzelten Bäume, verlassenen Häuser und Hütten und konnten
+sich lange nicht von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten
+losreißen, auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken und Bretter,
+Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, lehnte sich Franziska matt
+auf Hadwigers Arm. Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für
+sie hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll
+Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne Nein und ohne Ja,«
+sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, das will ich nicht ergründen.
+Ich kann es nicht ergründen, weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin
+ich gehe. Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen mehr
+schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich dich habe, das
+darfst du mir glauben.« Er schwieg, und er schwieg so, daß Franziska
+seine Hand ergriff und küßte.
+
+Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über ihr Gesicht.
+Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst sahen seine Augen ohne
+Teilnahme und ohne Ziel in die Ferne, dann erkannte er Franziska, und
+über seine an Beherrschung sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich
+eine Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs endlose
+Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. Hierauf sagte Franziska
+rasch, daß sie seit einigen Tagen hier sei, daß sie ihm schreiben
+gewollt, daß es aber bei dem Vorsatz geblieben sei, vielleicht des
+schlechten Wetters wegen, das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht
+habe. Mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber
+schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche und gütige
+Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald ging er an ihrer Rechten,
+und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem niemand hätte
+anhören können, daß es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger
+verwunderte sich im stillen; für ihn klang dies alles wie
+Schauspielerei; maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit
+und Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung und
+an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle er Franziska verlieren, als
+beginne sie schon jetzt in eine fremde Region zu schreiten; er hätte sie
+auf die Arme heben und forttragen mögen.
+
+Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie dort anlangten,
+verließen Lamberg, Borsati und Cajetan das Haus. Cajetan eilte auf den
+Fürsten zu, um ihn zu begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska
+vorgestellt. Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen erzählt,
+die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen Wunsch aus, den zum
+Preis gesetzten Spiegel sehen zu dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer
+und vor den goldenen Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung
+anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz für
+nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine Zusage.
+
+Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen Eifersucht gegen
+Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte den Dienst aufgekündigt. Er oder
+ich, hatte Emil ausgerufen, und Lamberg hatte wider alle Gebote der
+Menschenliebe erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht in
+die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon und schnappte nach
+Fliegen. Er trug rote Hosen und eine blaue Jacke mit silbernen Knöpfen,
+an denen er beständig zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener
+und Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte man mit
+Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein Zauberer. Es hat den
+Herrn verhext. Die Köchin: Passen Sie auf, es wird noch ein schlechtes
+Ende nehmen. Emil: Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem
+Kopf und frißt mir die Haare weg, als ob's Gras wäre. Na, ich gehe eben,
+man hat seine Würde. Die Köchin: Ach Gott! Daß es so weit mit den
+Menschen gekommen ist. Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe
+das Regiment führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit
+weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer schiefen
+Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt angebrochen ist.
+
+Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in einem der oberen
+Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus nicht jene kühle
+Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen Leuten befremdend und vorsichtig
+stimmt. Seltsam, daß man keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem
+alten Mann zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes seiner
+Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, und die
+Galanterie, die er gegen Franziska an den Tag legte, war ohne alle
+Phrase, herzlich und delikat. Schon dies gewann ihm die Zuneigung der
+Freunde, und im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren
+Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, und von
+seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung und Unruhe.
+
+Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den Hinterfüßen,
+eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, wobei seine Miene die
+kritische Besorgnis zeigte, die er seinem Herrn abgeguckt; er fing
+Nüsse, die ihm zugeworfen wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde
+fielen. Als das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg möge
+doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend verheißen, sie
+verspreche sich etwas Besonderes davon. Lamberg sah etwas verlegen
+drein, aber da die Freunde ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst
+sich in bescheidener Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft
+mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges habe ich mir
+aufgeschrieben und werde es lesen; es ist wie eine Chronik zu
+betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis erzähle, ist nur die Verbindung
+zwischen diesen Teilen.«
+
+Und er begann.
+
+
+
+
+Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz
+
+
+Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um Schlesien stritt,
+blühte dortselbst noch das alte und angesehene Geschlecht derer von
+Promnitz. Seit jenem Balthasar Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau,
+der außer Pleß, der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau
+und Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die Familie zum
+höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, als sie schon ein
+Haupthort des Protestantismus war, besaß sie auch Peterswalde,
+Kreppelhof, Drehna und Wetschau, lauter große Gemarkungen mit
+umfangreichem Ackerland und ausgedehnten Wäldern.
+
+Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als Kind für einen
+ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein Vater, der sächsische
+Kabinettsminister, einen förmlichen Hof hielt mit Jagdpagen,
+Kammerhusaren, Zwergen und einer Leibgarde von hundert bärenmützigen
+Riesen, gab er die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch,
+verstockt, gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt es kein
+Spielgenosse bei ihm aus.
+
+Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins Collobella
+und seines herrnhutischen Erziehers von Wrech einen Ausflug nach dem
+ländlichen und entlegenen Peterswalde. Die Collobella war eine immer
+noch muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig Jahren aus
+Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe zur Familie Promnitz
+evangelisch geworden war. Ihr war das heimliche und heimtückische Gemüt
+des Knaben ein Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit
+Vorwürfen und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem starrte der
+zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, und so oft die Collobella
+einen ihrer frivolen Witze losließ, zuckte er zusammen wie ein Fisch,
+wenn man mit dem Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten
+machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende prophezeite,
+lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von Wrech anbelangt, so huldigte er
+wohl äußerlich den Grundsätzen seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter
+Gewand mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur de
+Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich war er ein Genüßling
+und erwartete sehnsüchtig den Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche
+europäische Tournee antreten durfte.
+
+In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand sich eine kleine
+Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von Wrech Siesta hielten,
+streunte Erdmann durch die verödeten und vernachlässigten Räume und
+gelangte schließlich in jenes Kapellchen, in dem ein Bild, welches über
+dem Altar hing, seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach
+angetan, kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte ein
+übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen lassen. Es
+stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall dar, beide natürlich
+splitternackt, das Weib mächtig dick, den Apfel hinhaltend, und Adam
+halb weggewendet, als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich
+vom Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel ein
+kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und mochte die Kopie nach
+dem guten Werk eines süddeutschen Meisters sein.
+
+Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher und
+harmloser Beschauer. Zunächst schämte er sich vor der unanständigen
+Nacktheit der beiden Personagen derart, daß ihm der Schweiß bei den
+Haarwurzeln herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, kam
+es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem Triumph schaute er in
+das Gesicht der Eva und auf den Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu
+sich selber: von daher stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so
+schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen hab' ich immer
+ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche Mahlzeit verzehrt
+habe. Ich merke schon, worauf das hinauswill mit den Zweien, dachte er
+voll Haß; dieses fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild
+beschwatzen; jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt weiß
+ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für ein Narr und Dummkopf
+gewesen, du Menschenvater Adam!
+
+Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. Da erschallte
+ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es war die Collobella. Wütend
+schritt er auf sie zu und fuhr sie an: »Geht nur allein zurück nach
+Sorau, ihr beiden, ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das
+Luderleben nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. Meine Mutter
+ist unglücklich, das weiß ich längst; längst weiß ich, daß mein Vater
+sie mit Huren betrügt. Mein Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen
+sollen, denn was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an.
+Insonderheit die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher
+Haubenstock.«
+
+Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte Herrn von Wrech zur
+Hilfe herbei. Aber Erdmann war schon wieder in seine Schweigsamkeit
+versunken. Nur weigerte er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen.
+Der Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte er im
+Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, so gibts ein
+Leben, wogegen das des heiligen Antonius eine babylonische Orgie war.
+Und er beschloß, der Sache von innen her beizukommen.
+
+Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als er vernahm, sein
+unfroher Sprößling wolle nicht mehr an den Hof zurück. »Laßt nur den
+Hamster«, sagte er zur Collobella, »der wird schon wieder nach unserer
+besetzten Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann
+kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte zu ihm fahren, wenn
+sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte die Gräfin auch ihre eigenen,
+nicht sehr erbaulichen Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in
+ungeschminkter Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der es
+vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und jeden Monat einmal in
+Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher zu inspizieren. Er
+schweifwedelte vor dem Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb
+ein Witzbold von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne zu
+tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor nicht vertrug,
+erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer Hof das Verslein in Umlauf
+gebracht wurde: Herr von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo
+beim Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, erstlich
+wegen der schwarzen Kleidung, die er zu tragen pflegte, und dann wegen
+seines schwarzen Geistes.
+
+Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für blöde zu nehmen, da
+in diesem eckigen Schädel im Verfluß der Jahre ein paar Augen erwachten,
+welche die Glut eines Jakobiners und die Melancholie einer Nonne
+enthielten. Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen
+ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer scheinheiligen Duldung,
+ihm die Welt lecker zu machen.
+
+Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke des
+Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne Kreatur keines Glückes
+teilhaftig werden, da sie von Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe
+auch das Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern
+genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich entzog. Eine so
+rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß den Herrnhuter, und er berief
+sich auf das Erlösungswerk Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der
+Junker bewies ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit
+siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge gewachsen sei,
+daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung nur mit einem allgemeinen
+Untergang enden könne. Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb
+näselnd, halb singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn:
+
+ »Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn,
+ Alles würd' von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt.
+ Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es täglich herrlicher,
+ Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch beschützt.«
+
+Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte triumphierend den
+Schluß hinzu:
+
+ »Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han,
+ Dann wirds bös mit uns aussehn, übel wird es mit uns gehn.«
+
+Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, der glatte
+Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter der Frömmigkeit
+verschanzte, daß seine heimliche Verräterei nicht zu merken war, und der
+plumpe Jüngling mit dem dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden
+Profil eines traurigen Schafes.
+
+Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen Stunden
+beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es darauf hinaus, daß er
+eine Eva malte; diese Eva trug ein züchtiges Gewand; sie streckte den
+Arm lüstern nach den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen,
+und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von sträflichen Begierden
+erfüllte Weib.
+
+Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, der darnach
+angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, der jetzt zwanzig Jahre alt
+geworden war, vollends zu verdüstern. Die Gräfin Callenberg, seine
+Tante, eine sechzigjährige Messalina, die die Gesellschaft der
+Mannsleute noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen mehr
+Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen ihres Geschlechts,
+hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen namens Lefevre, aus
+gemeiner Eifersucht bei Wasser und Brot in einem Verließ ihres Schlosses
+eingemauert. Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem
+Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. Die
+entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen sie im Bett, banden sie mit
+Stricken, warfen sie auf einen Leiterwagen und brachten sie nach Neiße,
+wo sie vor Verdruß und Zorn alsbald der Schlag rührte.
+
+Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal,
+daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch
+seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte
+es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden
+Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß
+mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste
+und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem
+gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden
+müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche.
+Der Graf war's zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des
+Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart
+möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will
+doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll
+nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich
+klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern
+Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte
+und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die
+Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein
+Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen.
+Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.«
+
+Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald nach dem galanten
+Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein genialischer Kopf, Junker«,
+antwortete er; »entweder werdet ihr ein großer General wie Prinz Eugen,
+oder ihr sterbt philosophisch wie Diogenes in einem Faß.«
+
+Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem Erzieher und
+Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man sich damals ausdrückte, und wo
+es allerwegen hoch herging mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen,
+königlichen Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern.
+Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit Anstand sein
+Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch benahm er sich oft recht
+sonderbar, und sein Wesen erregte die Spottlust der französischen Herren
+und Damen. Eines Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini,
+das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod verurteilt worden
+war, auf dem Greveplatz hingerichtet. Sie hatten einen dreizehnjährigen
+Sohn, der gut gestaltet war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und
+trotz seiner Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater Furore
+gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den Übermut meines Vaters zu
+büßen, sagte der arme Knabe zu denen, die ihn ermahnten, seine
+schreckliche Lage in Geduld zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen
+Erdmann zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der Hinrichtung
+seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen würde, ließ er sich bei
+der Dame einführen und erschien gerade, als man dem Knaben Hut und
+Mantel abnahm und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile
+trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, der junge
+Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu tanzen. Der Knabe war in
+Verzweiflung, aber dem Wunsch der mächtigen Persönlichkeit mußte
+willfahrt werden, und so tanzte Jean Concini, ein jammervolles
+Schauspiel, während das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß.
+Dies empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling beiseite,
+unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja wissensdurstig, und es
+berührte ihn eigentümlich, als ihm der Knabe im Verlauf des Gesprächs
+bebend gestand, seine höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren.
+Graf Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen Hallenser
+Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und bat, er solle den Knaben
+zu einem dortigen Professor geben und ihn auf seine Kosten für die
+Universität vorbereiten lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte
+er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung seines
+ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung auf den
+erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, und dieser Name verblieb dem
+jungen Menschen, dem es beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in
+das Leben seines Beschützers einzugreifen.
+
+Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung des deutschen Grafen
+Gefallen, und sie zeigte ihm recht offensichtlich, daß es ihr nicht
+unwillkommen sei, wenn er dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines
+Abends behielt sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst
+lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, denn er
+glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, endlich wurde sie des
+salbungsvollen Geschwätzes satt. Da schlüpfte eine Zofe ins Gemach und
+überreichte der Herrin einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett
+gelesen hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön war
+und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was gibt es denn?« fragte
+Graf Erdmann, dessen Sinne sich langsam zu umnebeln begannen, und da er
+sich nicht getraute, das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen
+Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne Zange, mit der man das
+Holz ins Feuer tat, und wollte sich auf solche Art des Papiers
+versichern. Die Dame schrie auf und schickte ihn halb lachend, halb
+zornig von dannen. Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor
+schritt, trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant auf
+ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, und verstellte
+ihm mit Woher, Wohin, wes Namens und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb
+die Antworten nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog
+vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, ein Schrei, ein
+Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich am Boden. Im Nu war das Haus
+lebendig, Mägde, Diener, Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und
+das ganze Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz des
+Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen Prinzen
+Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von Hautfort erschien selbst,
+und in ihrer Angst beschwor sie den Grafen, auf der Stelle zu fliehen,
+denn diese Tat werde schrecklich bestraft.
+
+Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche zierliche Gestalt,
+dachte er, den Toten anstarrend, welch anmutige Züge! Das Blut, langsam
+fließend wie Oel, benetzte seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde
+abgeführt, und am andern Morgen saß er in der Bastille.
+
+Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich Verbündete und
+Freunde genug, um eine nicht gar zu wachsame Behörde zu hintergehen. Mit
+Hülfe eines bestochenen Aufsehers wurde der Gefangene von einem
+waghalsigen Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang durch den
+Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um seinen Leib und zerrte ihn
+durch den Schornstein aufs Dach. Von hier war der Weg vorbereitet; an
+einer Straßenecke warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis,
+daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern erschöpft, neben
+dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten ein feierlicher Leichenzug
+vorüberging. Erdmann fragte den Schlotfeger, wer da begraben würde, und
+die Antwort war, es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell
+erstochen worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen Kavalkade
+und seiner und seines Führers rußgeschwärzter Erscheinung auf dem Dach
+ihm ein Gefühl grausiger Komik erweckte, sei es, daß die beengte und
+schuldbewußte Brust sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte,
+genug, Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, das auf
+keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die Leute aufmerksam. Um die
+Gefahr abzuwenden, packte der athletisch starke Schornsteinfeger den
+Grafen, den der Lachkrampf überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn
+wie ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin hinein und
+ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte der Junker, ob er mochte
+oder nicht, Arme und Beine spreizen, und er gelangte neuerdings in sein
+Gefängnis. Er streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert.
+Er weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. Erst am
+achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm mitteilte, man habe sich
+an den König August gewandt, damit er bei der Majestät von Frankreich
+Fürbitte tue, auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu Paris,
+der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken werde.
+
+»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf Erdmann trübsinnig.
+
+»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. Der Graf
+antwortete nicht.
+
+Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei Hofe vor, das
+Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache schon in Vergessenheit,
+Promnitzsches Geld tat ein übriges, und zu Ende Mai reiste Erdmann heim
+nach Peterswalde. Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben.
+Tagelang ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und tötete
+alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine Art von Raubschütze
+zog er weit über die Grenzen seines Gebiets, und er durfte von Glück
+sagen, daß die Förster und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht
+kannten, ihn mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau große
+Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden ersetzen.
+
+Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis Herr von Wrech, der
+sich die betrübtesten Gedanken machte, den Junker zur Rede stellte. Da
+setzte Graf Erdmann dem Herrnhuter auseinander, daß nach seiner
+Überzeugung alle Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für
+begangene Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« fügte er
+düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.«
+
+Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte Antwort
+hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, so hoch wie gotische Spitzbögen:
+»Verzeiht, Euer Gnaden, aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen,
+daß Ihr, wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser spielen
+wollt.«
+
+»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; »so seid Ihr wie
+ein Windhund, der keine Spur halten kann. Was er aus dem Auge verliert,
+ist dahin.« Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr der Graf
+fort, mehr für sich redend als für den Andern: »Und ist eine Seele
+sündenlos geworden, so brech' ich den Zauber. Denn es könnte sein, daß
+eine dahinirret und irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene,
+eine Himmelsstumme, eine Gefährtin. Die will ich finden, die will ich
+erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der erschrockene Herr
+von Wrech schaudernd aus dem Zimmer und bekreuzigte sich, als er vor der
+Türe war.
+
+Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß durch die Wälder
+stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, den er meilenweit verfolgte.
+Plötzlich tat sich eine Lichtung auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner
+Weiher lag. Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade
+aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, den schwarzseidenen
+Mantel darüber, von einer Dienerin begleitet, nach dem Waldhaus am Rande
+der Lichtung schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet,
+trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den Verfolger im Rücken
+wissend, machte er Miene, die Wehrlosen anzugreifen. Das schöne Mädchen
+schrie angstvoll auf, bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in
+Wurzelwerk und knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das
+in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, Erdmann
+hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. Der Graf stieg vom Pferd,
+und als er bei dem Mädchen angelangt war, sank sie dem schwermütigen
+blassen Retter, vor Erregung schluchzend, an die Brust.
+
+Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft Beuthen
+geraten war, die dem Grafen Carolath gehörte; das Mädchen war die junge
+Gräfin Caroline, Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde
+heimgekehrt, erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen
+geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. Es fröstelte ihn
+in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren Malen nach Beuthen, er wurde mit
+der jungen Gräfin vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten
+nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien mit der
+Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er konnte, scheinbar
+widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig ließ er sich lieben,
+scheinbar mit Angst sah er den Bund besiegelt, für jede Liebkosung
+glaubte er sühnen zu müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war,
+beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und schon im
+Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert.
+
+Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz eines Abends
+allein auf abgehetztem Gaul auf sein Gut Triebel geritten kam, in die
+Vorhalle stürzte, die Türen verrammeln ließ und sich zitternd in den
+oberen Gemächern verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten
+das Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren
+drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden Lakaien des
+Grafen, dessen junges Weib der lüsterne Alte tags zuvor entehrt hatte.
+Die wilde Horde eilte die Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des
+gräflichen Schlafzimmers, und mit flachen Säbeln bläuten sie so
+unbarmherzig auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den Folgen
+der erlittenen Verletzungen starb.
+
+Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, wegen denen Graf
+Erdmann die Chroniken zur Hand genommen hatte; er las sonst nur
+Kochbücher und hatte davon eine große Sammlung, in Maroquin gebunden
+und mit Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch
+vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, über seinen
+Gemütszustand zu täuschen.
+
+Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit hatte das
+Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn mehr. War Erdmann nicht
+mit der Kraft versehen, über so viele tausend Untertanen und ihre
+Verhältnisse, ja, nur über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt
+anzumaßen, die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem Manne
+verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht als Herrn, weil sie
+seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt waren? Und er, begriff er bei
+der Huldigung, daß so viele ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter
+die Beamten in respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn
+standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und Plebanus, die
+Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien beim Konsistorio, die
+geheimen und offenbaren Schreiber, die Amtspfänder, Stallmeister,
+Rendanten, Küchenverweser, Förster, Jagdpagen, Bürgermeister,
+Stadtrichter, Senatoren, Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient --?
+
+Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er war doch der
+große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel und Erde, Sühnebettler,
+Liebesbettler. Und wieder täuschte er, indem er sein wahres Wesen durch
+Habsucht verhüllte und auf nichts anderes erpicht schien als auf den
+reinen Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten die
+Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer sich die Füße
+wund laufen, die wilden Schweine den Fronbauern die Ernte verwüsten, --
+er war der Herr des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild
+für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert und erjagt«
+hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, zu menschenhaft.
+
+Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem Gemahl beschaffen
+war. Als ein lebenslustiges Geschöpf war sie in die Ehe getreten und
+hing an dem Mann mit großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu
+haben, sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei den
+Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott wie durch widerrufende
+Verordnungen. Freilich hatte sie wenig Talent zur Hauswirtin, besser
+verstand sie sich auf Geselligkeit und heitre Gespräche, auf
+Unterhaltung mit gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die
+Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles wohlbestellt.
+Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er beleidigte Caroline, wenn
+sie nur den kleinsten Fehler beging, und ihre Schwächen bauschte er zu
+Lastern auf. Er würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich
+ihm opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute
+Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, was hab
+ich vom Leben und Lieben, vom Mann und vom Weib gelernt und gelitten!
+Wie oft bin ich mir inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die
+Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! und liebte ihn! und
+wurde verachtet! und sah seine Gier nach Erlösung und sah, daß er sich
+hätte erlösen können, wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab.
+Gott, wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen,
+verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? weshalb ruht sein Blick oft
+so fremd und fragend auf mir? als wartete er, etwas zu empfangen, was
+ich nicht besitze. Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist
+immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er ist immer umwölkt,
+immer in Groll, immer in Melancholie, immer mißtrauisch, immer verzagt
+und hat kein Auge, um die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch
+einmal im Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt
+stille.«
+
+Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und Graf Erdmann
+erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. Bittere Worte flogen
+hin und her, sie gruben einander die Brust auf, denn was so die rechte
+Zwietracht und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig
+einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger als die Hölle. Der
+Graf wollte einige von seinem Vorfahr der Stadt und den Dörfern
+verliehenen Rechte wieder einziehen und setzte zum Verdruß der Bürger
+einen ungerechten Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein
+mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline haßte den
+duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im Hause weilte und durch
+Flur und Gemächer schlich wie der lautlose Unfried; auch darüber wuchs
+der Streit. Erdmann lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und
+wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, so daß die
+Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen oder tun sollte. Sie machte
+ihm Vorwürfe, erst sanft, dann leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit
+gegen sie rührte sie bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all
+ihre Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer geben,
+wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche Frau ertrüge es, daß
+ein Mann sich zum Herrn und Verächter der Menschheit aufwirft und den
+Willen Gottes erkannt zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß ein
+anschmiegendes Herz zertritt?
+
+Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, das war es. Einen
+Engel glauben, und nur die Eva finden, die Listige, die Überlisterin,
+das hübschgestaltete Fleisch, von schlauer Grazie bewegt, das wurmte
+ihn, verfinsterte ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau
+seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr zufügte, fügte er
+sich selber zu, aber er ward dessen nicht inne. Einst bei der
+Mittagstafel beschimpfte er die Frau gröblich, weil eine Speise, die
+gereicht wurde, verdorben war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich
+erstaunt vor sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige
+Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ das Gemach; an
+der Schwelle konnte sie sich nicht mehr halten und weinte laut. Die
+Gäste verabschiedeten sich bald, Graf Erdmann trieb sich in finstrer
+Laune in den Wäldern herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine
+Bibel und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende Stille
+wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift brannte wie Feuer in
+seinem Geist und ungefähr gegen Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen
+in der Hand tragend, in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett
+und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig wie ein
+Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den dunklen Augenspalten glänzte
+Feuchtigkeit. Da beugte sich Erdmann und berührte mit seinen Lippen
+ihren Mund; und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und
+blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken an.
+Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres Bewußtseins, sein
+seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, als hätte ihn die Frau nur
+fangen und ertappen wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich
+gehöhnt, genarrt und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie
+aus dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und im Flur des
+Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an die Wand und schlug im
+Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, schaudernd vor Entsetzen, erhob sich
+und flüchtete gegen die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde
+anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. Da machte
+sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in der Finsternis, koppelte die
+Hunde los und fand ihre Spur, und als er sie im Hemde, wie sie war,
+ohnmächtig neben einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und
+blieb bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug er sie ins
+Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich schmiegte sich ihr Haar um
+seinen Hals, ihre Arme hingen schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner
+gegen seines, das von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem
+Schmerz erfüllt war.
+
+Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin die Scheidung durch,
+Erdmann tat, als ob er damit zufrieden sei, und das Gericht zu Oppeln
+bestätigte sie wegen unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was
+anhängig«. Bis zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine
+Klosterfrau, und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen Tags
+auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. Erdmann Promnitz aber
+wurde von der Stunde ab, wo sich die Gräfin von ihm trennte, immer
+unruhiger und wilder. Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer
+und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag war kaum
+hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, und fragte ihn einer
+seiner Vettern, was er treibe, so antwortete er, scharf skandierend:
+»Essen, trinken, schlafen, sehen und hören.« Schreckliche Träume
+zerrütteten sein Gemüt; war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er
+den Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man eines Morgens
+Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, -- er hatte von der Tafel einen
+halben Fisch in seine Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig
+aufgewacht, hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte
+erstickt, -- da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, wo er fremd
+sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben konnte. Gegen eine Leibrente
+von zwölftausend Talern vergab er all seinen Besitz an verwandte
+Geschlechter, und nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen
+Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in die weite
+Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte.
+
+Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen Hans Kosmisch, den
+er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet hatte und der inzwischen ein
+höchst gelehrter junger Mann geworden war, bei welchem das Promnitzsche
+Geld einmal fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem Gönner
+an, ihn nach England zu dem großen Astronomen Herschel zu schicken. Dies
+gewährte der Graf, stattete ihn reichlich aus und versprach zudem, daß
+er ihm nach seiner Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine
+Sternwarte einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte er sich als
+Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs Schüsseln zu Mittag,
+freier Equipage und freier Jagd.
+
+Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline wiederzusehen, die
+in der Nähe der Stadt Merseburg lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu
+empfangen. Er fuhr in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das
+Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück und eines
+Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, in dem die Gräfin
+Caroline wohnte, und schaute lange zu den Fenstern empor, und ging
+endlich hinein und erfuhr von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben
+war und daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann
+Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne sich zu rühren. Sodann
+ging er in den Merseburger Ratskeller und trank dreiundeinhalb Tage lang
+ununterbrochen Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen
+bleichen Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das Verslied
+Numero eintausendachtzehn zu singen:
+
+ »Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ
+ auf Erden stehn, bibi!
+ alles würd' von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am
+ Kreuz ererbt, bibi!«
+
+Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und er ließ den
+hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die Straße setzen.
+
+Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine Residenz zuerst in
+Kehl, dann in Straßburg auf. Er war allen Menschen unheimlich; in einer
+Nacht wurde er in Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden
+Strolchen überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug er die
+ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte ihn, warum er, der
+doch so stark sei, immer furchtsam und gedrückt scheine. Er erwiderte:
+»So ist es nun einmal. Ich kann mich und euch gegen jedermann in Schutz
+nehmen, nur nicht gegen mich selbst.«
+
+Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige Leute seines
+Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, der finstere und
+ausschweifende deutsche Graf werde von der Erinnerung an eine Übeltat
+gequält. Als er davon erfuhr, lachte er und sagte: »Man unterschätzt
+mich; ein Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die
+Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er das Gespräch
+auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, aber wenn sie sich
+dann nach ihrer Weise geäußert hatten, ging er unzufrieden von ihnen
+hinweg, setzte sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige
+Lieder und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. Zwei Jahre
+hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über die Pyrenäen nach Spanien.
+Zu Valladolid sprach er mit den Gelehrten der Universität lateinisch,
+und in Escurial unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik,
+und in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann fuhr er
+übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der Wüste, nicht in den
+bunten Städten der Mauren, reiste nach Malta, lebte in Syrakus, dann in
+Rom, durchwanderte die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen
+einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal in den Schriften des
+Professors Kant und des Herrn von Voltaire, ein andermal im heiligen
+Augustinus oder in einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der
+Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und träumend schritt
+er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer Eile ließ er seine
+Kutsche über die Landstraße donnern, als ob der Teufel hinter ihm her
+wäre. Bei Tag wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte
+er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht verfaltet, seine
+Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an Glut der Rastlosigkeit noch zu.
+Zehn Jahre, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn
+das Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große und kleine
+Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter und dem Abgrund des
+Todes zu, aber sie greifen auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit:
+Gram und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen.
+
+Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch einen großen
+Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das verzogene Antlitz des
+hingerichteten Symmachus erinnert wurde. Die Augen starrten greulich,
+die Lippe war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König überkam
+das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ sich mit Decken
+verhüllen, beweinte den Frevel und starb kurz darauf in tiefem Schmerz.
+Für den Grafen Erdmann war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher
+Fischkopf. In gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein
+schlankes Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß er
+hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, bist du bei Leichen
+gelegen?«
+
+In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, der nun über
+sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. Nachdem er von England
+zurückgekehrt war, hatte ihm sein Beschützer fünftausend Dukaten für den
+Ankauf eines Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem
+sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm zugeworfenen
+Menschenkind zu willen zu sein und damit einer Wissenschaft zu dienen,
+die ihm unverständlich war wie das Hebräische und gespensterhaft wie das
+Grauen auf dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen
+entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer
+Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich einer am Feuerwerk
+der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; mit dem Manne muß ich reden.
+
+Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach Peterswalde zog. Eines
+Nachmittags im Juni polterte sein Reisewagen durch die halbverfallene
+Schloßpforte. Die Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein
+müder Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile erschien
+Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, doch ohne Perücke. Er
+war ein kleiner Mann, der ungeachtet der herannahenden Fünfzig noch
+immer knabenhaft aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers
+hatte; sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen
+Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn und Gönner gewahrte,
+so abgerissen, wüst und fahl, zwei Orden auf der Brust, den Anzug
+ausgefranst, mit suchenden Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr
+verhehlend, da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte er
+sich tief.
+
+Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und
+als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine
+uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte
+Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte
+er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte
+schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die
+Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des
+Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem
+rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop.
+
+»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«,
+sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.«
+
+Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein
+Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen
+in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte
+er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte
+Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der
+Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein
+Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte
+Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines
+Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird.
+Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben
+gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich
+von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die
+Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn,
+die Ewiggeplagten, die Erdmänner.
+
+Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des
+Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für
+einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für
+Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig
+ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie
+das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt.
+
+»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist
+auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es
+rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die
+Zahlen tyrannisieren den Kopf.«
+
+»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte,
+wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin.
+»Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du
+ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im
+Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir,
+deinen Kometen.«
+
+»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom
+mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen
+zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.«
+
+»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen
+Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.«
+
+»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«,
+fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort.
+
+»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?«
+
+»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch Willkür scheint,
+läßt sich berechnen, und durch das Teleskop läßt sich vieles sehen, was
+in der Himmelsschwärze versunken ist.« Der Astronom wies auf das
+Fernrohr, und als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben
+für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das Mondhorn, das
+gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines fernen Waldes tief gegen den
+Horizont sank. Der Graf schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück.
+
+»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, »doch Ihr
+werdet Euch bald gewöhnen.«
+
+Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, sagte er;
+»oder sind es wahrhaftige Berge, die ich da sehe?«
+
+»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, eine gestorbene
+Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht,
+die Schatten sind Sonnenschatten --«
+
+»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? Und was ist
+das für ein dunkler Fleck, seitlich vom hellen, grau wie Katzenfell --?«
+
+»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser Erdball wirft die
+umgrenzte Finsternis dorthin.«
+
+»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es ist also keine
+leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, mit ihren Ländern und Meeren
+und Flüssen und Städten und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so
+eine schwimmende Kugel wie die dort?«
+
+»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den kleinen, Euer
+Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier am Himmelsbogen funkelt,
+das ist jedes für sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr
+auf einem von den Sternen weilen, so würden die andern und unser
+irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh euer Auge ergötzen.
+Das geschliffene Glas da löst euch den weißen Strom der Milchstraße zu
+Punkten auf, und jeder Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen
+Erden, und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen durch den
+Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut empor, und zur selben
+Frist entstehen Welten und vergehen Welten, schwingen sich Monde um ihre
+Muttergestirne, stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine
+Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. Richtet
+Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden Stern zwei Hand
+breit von der Deichsel des Wagens. Dieses Sternes Licht braucht
+dreitausend Jahre, um zu Euch zu gelangen.«
+
+»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd wie ein Kind, dem
+es gruselt.
+
+»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit etwas, das vor
+dreitausend Jahren war, und wäret Ihr imstande, hinaufzufliegen, so
+könntet Ihr, auf die Erde rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von
+Folge zu Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren dahier
+begeben hat.«
+
+Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,«
+antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen
+bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan,
+aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein
+Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung
+älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...«
+
+»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit
+listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben,
+sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht
+betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt
+verschuldet.«
+
+Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte
+empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine
+Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich
+weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein
+Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir
+zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den
+Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig
+bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?«
+
+Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit.
+Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen,
+und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar
+und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich.
+Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im
+Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt
+Schuld. Sündenschuld -- Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans
+Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust,
+»wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne
+wohlgefällig ist?«
+
+Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art
+fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von
+einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt
+seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem
+Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer.
+Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.«
+
+Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach
+Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten
+Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger,
+milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses
+Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen
+Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren
+stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter,
+kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und
+gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei
+alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im
+Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn
+entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt
+zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.
+
+Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht,
+sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine
+Traumvision festzuhalten bemüht ist, -- ein über alle Worte erhaben
+schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen,
+unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es
+fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar
+umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger
+Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild.
+Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste
+Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte
+über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich
+schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies
+war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter
+Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der
+Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen
+und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als
+winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch,
+irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und
+als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten
+und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber
+prangten die triumphierenden Worte:
+
+ #Ad astra.#
+
+
+
+
+Franziskas Erzählung
+
+
+Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von
+dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die
+Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien.
+Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute
+geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann
+ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet,
+warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der
+schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung
+ihr Weinen zu ersticken suchte.
+
+Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er
+schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz
+lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?«
+
+Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn
+anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du
+eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich
+selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst.
+Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich,
+wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene
+Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen
+vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder
+Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen:
+es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.«
+
+Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen,
+und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich
+an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum
+erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen,
+dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt
+nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein
+Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch
+kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was
+wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis
+zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem
+eigentlich.«
+
+»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die
+aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende
+Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr
+mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde;
+ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper
+war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir
+erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die
+Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und
+nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz,
+oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich
+zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu
+klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.«
+
+Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse
+zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte,
+die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können,
+weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit
+beeinträchtigen würde.
+
+Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder
+neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat
+gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die
+Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen
+Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem
+rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein
+Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die
+Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer
+auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder
+Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die
+Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier
+sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da
+ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ
+sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung
+oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren
+Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um
+sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter
+den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des
+Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der
+für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben
+geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche
+Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem
+schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts,
+eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte
+die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen,
+ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.
+
+Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe.
+Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es
+und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder
+sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das
+rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und
+wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare
+Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb
+der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu
+deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, -- als
+ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten
+hindorren müsse.
+
+Er wurde zur Gestalt.
+
+Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat,
+gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt.
+Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden
+hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu
+erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges
+Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild.
+Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale,
+ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren
+dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war
+dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz
+auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am
+Finger.
+
+Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte einen Klumpfuß,
+und seltsam, gerade dieser Körperfehler war es, der in ihr das Gefühl
+der Identität bestärkte. So wird ja oft ein Gleichnis eben durch das
+Unerwartete zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte
+Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese einander gegenüber
+standen. Franziska hatte natürlich schon von Riccardo Troyer gehört, von
+seinem Reichtum, von seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine
+verführerische Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann fast wie
+ein Prophet und nicht wie ein Reisender und Fremdling von unbekannter
+Herkunft. All das bedeutete ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier
+empfunden.
+
+Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es kaum. Sie
+spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und von unwiderstehlicher
+Gewalt Umschlungene. Es verlangte sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und
+sie ersuchte die Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den
+folgenden Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich in dem
+Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, daß ihr Auge sie
+nicht im geringsten betrogen hatte. Besonders wenn er den Blick
+emporgeschlagen auf sie heftete, hatte sie Mühe, den Lebendigen von
+seinem gemalten Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in
+höchstem Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die unheimliche
+Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg.
+
+Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute ihm
+grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. Sie riß sich von allem
+los, was sie kettete, von Menschen und von Dingen. Nachdem es
+beschlossen war, daß sie mit ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie
+zum letzten Mal den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg
+aufhielten, war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den
+Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff das
+Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte und gab sie, in einer
+ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis eines Zusammentreffens, und das Jahr,
+das sie als Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen
+Schicksalen zum voraus beschwert.
+
+In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt auf. Was sie an
+Schmuck und barem Geld besaß, gab sie Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer
+mitnehmen, ein Mädchen, das ihr seit langem sehr ergeben war, doch
+Riccardo engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin
+und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem Anlaß über
+Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte Hingebung machte ihn
+stutzig. Man ist fester an eine Sklavin gefesselt als an eine Geliebte.
+Sie zu ernüchtern, fand er schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er
+Übung darin besaß, Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. Er
+war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, kein
+Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer Schule. Seit zwanzig
+Jahren zog er als Rattenfänger durch die Städte. Er hatte seine Agenten,
+seine Herolde, seine bezahlten Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und
+Kupplerinnen von den untersten bis in die obersten Schichten der
+Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend wie die
+eines Mannes der großen Politik, und meisterhaft war seine
+Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, andererseits zu verbergen.
+Er war fein und verschlagen, seine Menschenkenntnis war das Resultat der
+Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen Literaten. Er
+betörte durch eine vornehme und hintergründige Schweigsamkeit, durch
+blendende Einfälle, durch eine edelgehaltene Melancholie. Was er trieb,
+war Raub, Plünderung, Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn
+der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph des Gesetzes
+anwendbar war, da sie das Opfer in eine Schuldige und den Verbrecher
+beinahe in einen Helden verwandelte. Sein Metier forderte von ihm
+nichts, als daß er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig
+Jahre wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, der
+in stürmischen Erlebnissen gereift ist.
+
+Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, nichts
+von seinem Charakter, nichts von seinem Leben, nicht, woher er stammte.
+Der, den sie liebte, war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An
+ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung und
+übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte einer Fata morgana
+des Herzens. Die Lust jedes Herzens ist Aufschwung. Einmal in jedem
+Dasein erreicht das Herz seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden
+eingeschläfert, war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre der großen
+Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es der geknebelte Dämon, rasch
+ehe der Tod der Jugend ihn ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung
+getan. Der Sturz war gräßlich.
+
+Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, daß keine seiner
+Künste ihm irgend welchen Vorschub bei ihr geleistet hatte, zerbrach
+sich den Kopf über die Gründe ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war
+es so leicht gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu
+enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun Hilflose
+preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres Jagdrevier zu
+suchen. Mit Franziska lag der Fall umgekehrt. Sie betrachtete ihn
+manchmal mit Blicken, als ob sie sich an einen wende, der hinter ihm
+stand. Unwillkürlich suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die
+Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was ihm je begegnet
+war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut verließ. Der Nebel vor
+ihren Augen zerstreute sich, es kam ein quälendes Besinnen und
+Verwundern: bin ich es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit
+beklagenswerter Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum
+unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie einer sicheren
+Verheißung; es wurde heller, glühender, wirkender in der Erinnerung,
+sie klammerte sich daran als an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und
+keine List, keine Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das
+Geheimnis entreißen.
+
+Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, die sie ihm
+entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre Verschlossenheit nicht.
+Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten Augen weckten in ihm das böse
+Gewissen. Um jeden Preis wollte er erfahren, was es damit für eine
+Bewandnis hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn nicht,
+auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, nur Hülle, Phantom. Der
+Betrüger fühlte sich betrogen, der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er
+sie von seiner Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich
+war, bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen hing.
+Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben tiefer sank als er
+zu sinken wähnte, unter sich selbst hinab, daß sie es war, die ihn dazu
+trieb, und ihre Verzweiflung war namenlos. Er wurde roh; er wurde
+pöbelhaft. Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel war
+es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von ihm zu trennen. Seine
+grünen Augen erloschen für einen Moment. Es ist gut, antwortete er und
+ging. Am selben Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach
+Turin gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes bis zu
+seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit ohnehin
+benommen, willigte Franziska ein. Riccardo übergab ihr eine Kassette zur
+Aufbewahrung, die mit den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er
+nach drei Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den
+Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da sie es forderte,
+begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte den Schrank auf und griff
+nach der Kassette. Die Sinne vergingen ihr; das Kästchen war so leicht,
+daß sie sofort wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? was
+war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die Wohnung nicht
+verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte sie ihm die Kassette.
+Riccardo blickte sie mit großen, starren Augen an, deren Brauen immer
+höher wurden. Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein
+Schlüsselchen aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; die
+Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die Hände vor die Brust
+und lehnte sich wortlos gegen die Wand. Indessen begab sich Riccardo
+leise pfeifend ins andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie
+vernichtet in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf und
+packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, stammelte sie.
+Er lachte ihr ins Gesicht. Seine Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich
+für gewillt, meinen Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?«
+fragte er höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, denkst
+du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem Gut verhälfe? Gibt
+es einen Weg, so bin ich Manns genug, ihn zu finden. Immerhin steht die
+Sache so«, fuhr er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine
+den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das Zehnfache übersteigt;
+es handelt sich um eine Millionensumme. Ich bin ruiniert. Wundere dich
+also nicht, wenn ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest,
+und so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze sind.«
+Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht aus diesen Worten; sie
+entgegnete nichts; die Erstarrung ihres Herzens verhinderte sie am
+Weinen. Ehe der Tag zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur
+Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an Bord eines
+Schiffes, das nach Marseille fuhr.
+
+Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem Haus außerhalb der
+Stadt, in dem es bei Tage friedlich herging, aber in der Nacht kamen
+Herren aus der Stadt und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel.
+Riccardo mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt
+wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne emporstieg, saß er allein
+und überzählte gleichmütig seinen Gewinnst. Oft vernahm Franziska in
+ihrem Gemach heiser streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens
+zu mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag ein junger
+Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der Gartenmauer, und sie sah, wie
+seine Genossen ihn zu einem Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein
+andermal hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie sich
+seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte sich. Er riß sie
+mit teuflischer Kraft vom Lager herunter und hob den Arm gegen sie. Sie
+lächelte todessüchtig vor sich hin. In diesem Augenblick war die
+Erkenntnis, daß die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals
+empfunden, sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer als
+alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. Sie tat ein
+prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem Gesicht hinunter. Ihr
+Anblick machte die Wüstlinge stutzig. Madame ist krank, hieß es, und
+Riccardo raste, als sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache
+führte er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien des
+Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu sein er sie zwang. Eines
+Nachts verließen sie fluchtartig diese Hölle und wandten sich nach
+Paris. Er schleppte sie in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte
+mit Menschen sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er
+wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie in den
+Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, weil er sich nicht von
+ihr lösen konnte. Er genoß ihre Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel,
+wenn sie neben einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände
+faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er ihr auch die
+ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, die in finsterer Kammer ihren
+Anbeter erwartet hat und dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet;
+sage mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören,
+mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet hast, und ich gehe
+meiner Wege, denn es wurmt mich schon, daß du mich so nackt gemacht
+hast.« So redete er zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner
+Existenz verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer
+erniedrigen zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige und
+furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit erschien ihr wie einem
+Verbrecher die makellose Jugend erscheint. Sie war eines Entschlusses
+nicht mehr fähig. Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat.
+Vieler Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift;
+einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit oder
+Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem Nachtmar ihrer Seele;
+sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet und ganz in seiner Gewalt.
+
+Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten das Auge leuchtete,
+das sie verlockt, das Antlitz, das sie beglückt. Gab sie das Geheimnis
+preis, so war sie selbst leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine
+verschwunden waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es geschah
+aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo erlauschte es.
+Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner Brust. Es war als wollte er sie
+auseinanderreißen, um es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus
+dem Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese Zeit
+nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa an der
+bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. Und einmal fuhr er mit
+ihr in einem Boot auf dem Meer; es kam ein Sturm, sie wurden
+abgetrieben, sie schienen verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren
+Häuptern, der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins Boot
+gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das Gesicht und schweigend
+heftete er den Blick auf Franziska. Den Tod vor Augen, dumpf und
+willenlos, sagte sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe,
+bevor ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest du alles
+begreifen, mein Leben und vielleicht auch deines, und diese Stunde, und
+was bis zu dieser Stunde geschehen ist.« Und mit kurzen Worten
+berichtete sie noch, wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er
+hatte sich dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das
+Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er schüttelte den Kopf
+und lachte spöttisch, dann griff er wieder zu dem Ruder und arbeitete
+mit Riesenkraft; sie wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich
+ihm langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach unsäglichen
+Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen.
+
+Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische Dienerin sagte, er
+sei abgereist. Franziska freute sich des Friedens nicht. Sie wandelte
+ohne Rast durch die Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer.
+Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und die Riccardo zu
+sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge gegeben. Die Dienerin, der
+Koch und der Gärtner verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen
+gekündigt und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska war
+allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, daß sie das Haus nach
+Verlauf von drei Tagen räumen müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht
+worauf. Am letzten Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt.
+Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und verfiel in
+schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze vor sich hingestellt, die
+brannte langsam nieder und verlosch mit leisem Zischen. Der Schlag der
+Wellen schallte durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am
+Himmel. Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten hatte sie
+des Schlafes entbehrt.
+
+War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den Riccardo genommen. Die
+Neugier, die ihn trieb, hatte etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis
+geeilt. Er wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet ging
+er hin; sie sah ihn feilschen, hörte ihn lügen; man war froh, für das
+obskure Gemälde einen nennenswerten Preis zu erhalten, man wunderte sich
+über die Laune des Händlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel
+und daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er grübelte, wie er
+förmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie sich seine Neugier
+in Spott verwandelte, und wie er hinübergrinste zum andern Pol der Welt,
+ins Auge des großen Liebenden, er, der große Dieb, den eine Verirrte um
+das eigene Ich bestohlen hatte.
+
+Jetzt aber öffnete sich die Tür, und er trat ein. Trug er nicht das
+Gemälde? Stellte es auf das Tischchen und lehnte den Rahmen an die
+Mauer? Er zündete eine Lampe an. Sein totenbleiches Gesicht war
+triumphierend über sie geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand
+umtastete sie, sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah
+es, wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren häßlicher Sorgen
+und allerlei Art von Angst und gemeiner Beflissenheit. Eine Kruste von
+Anmut und Geist, dahinter Täuschung, Betrug und Lüge; eine Grimasse von
+Leidenschaft; die reine Form zerstört, von niedrigen Gelüsten, wie
+verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis zu einer Tiefe, in
+der noch Schmerz um das verlorene Göttliche lag, kein Zug ähnlich jenem
+Bilde, fremd, erbarmungswürdig fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches
+Erstaunen wich einem Gefühl der Freiheit, das so lange umkrampfte Herz
+konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel von den Gelenken, sie besaß
+sich wieder, sie preßte die Stirn in die Hände und konnte weinen. Und er
+blieb stumm wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen
+braucht und der einen unabänderlichen Weg geht.
+
+Es war kein Schlaf; sie hörte das hohle Aufstoßen seines Klumpfußes, als
+er sich entfernte, und später rollten draußen die Räder eines Wagens.
+Sie kauerte auf dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gelösten
+Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider öffnend, erblickte sie einen
+leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer lehnte, und auf dem Boden
+das zerfetzte Porträt des schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier
+Teile, legte sie zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es
+war Leinwand, mit Ölfarbe bemalt. Es glich einem Kleid, das einst von
+einem geliebten Toten getragen worden war.
+
+Ein Bauer brachte ihr Gepäck zum Bahnhof. Sie hatte noch so viel Geld,
+um in die Schweiz reisen zu können. Ein einziges Schmuckstück von
+größerem Wert war ihr geblieben, ein Ring; diesen veräußerte sie in
+Genf, und lebte zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und
+damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie sich der
+Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen aus einem Abgrund der
+Vergessenheit Gestalten aus einer früheren Existenz empor. Die Mittel
+zur Reise gewann sie durch den Verkauf einiger Toiletten.
+
+Und so war sie gekommen.
+
+
+
+
+Aurora
+
+
+Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuhörern wünschte das
+Licht einer Lampe. Von den unteren Räumen herauf, -- sie befanden sich in
+einem Zimmer des ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach
+stieß, -- schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte
+Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe zu gebieten, da trat er
+schon herein und wollte sprechen. »Der Affe«, war sein monomanisch
+erstes Wort, aber Lamberg unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen.
+Er machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und der Blendung
+ihrer Augen durch die jähe Helle fiel den Freunden das verlegene und
+unruhige Gehaben des Mannes auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und
+leisetreterisch, wie es seine Art war, denn er trieb die Rücksicht bis
+an die Grenze der Untugend, verließ er das Zimmer.
+
+Fürst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt wanderte er einige
+Male auf und ab; seine sonst etwas schlaffen Züge hatten einen
+gespannteren Ausdruck, die Augen unter den lässig schweren Lidern
+funkelten bisweilen hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas
+leidenschaftlich Verhaltenes drückte sich auch in seinen Händen aus, die
+auf dem Rücken lagen, und deren Finger nervös und fest ineinander
+verflochten waren. Borsati saß ganz in sich geduckt auf seinem Stuhl.
+Die Teilnahme auf seiner Miene hatte etwas Rührendes, weil kindlich
+Befangenes; er gehörte zu jenen Naturen, denen das Mitleid für eine
+ihnen teure Person unbehaglich, fast demütigend ist, und die daher
+dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in Zorn, in Empörung
+gegen die Welt umsetzen. Eine solche Verwandlung war hier gehemmt durch
+das Gefühl eines kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das
+von Wißbegier entfacht war. Denn was bedeuteten die Worte, die
+Ereignisse? was erklärten sie? eines höchstens: daß die Möglichkeiten
+des menschlichen Herzens ohne Grenzen seien. Und diese Franziska, die
+aus den kleinen Umständen eines kleinen Bürgerhauses mutig und heiter
+ihren vergnüglichen Gang in die Welt angetreten hatte, die zu genießen
+und zu vergessen wußte, weil Genuß ihr Element und der beflügelte
+Wechsel, dessen anderer Name Treulosigkeit heißt, ihre Kraft war, diese
+Frau hatte im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels
+verbluten müssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt? was so
+in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben allein? Leben und Liebe?
+Todesgewißheit?
+
+Von ähnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg bewegt, dessen
+Gesicht eine ruhige und stolze Würde nie entbehrte, wo es sich darum
+handelte, Schicksal und Menschheit vom einsamen Beobachterposten aus
+aneinander zu messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar
+abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine Dichtung vernommen. Das
+Geschehene war so weit, Schmerz nur eine Kunde, die Hingeschleuderte
+ergreifende Figur, Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie schön
+zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche Gesetz zu
+verehren, und Wege zu schauen, auf denen die Duldenden und die
+Geopferten schritten, und andere Wege, wo die Priester und die Richter
+gingen! Sein beschäftigter Blick streifte mehrmals das Gesicht
+Hadwigers, der die Hand an der Stirn, die Lippen gepreßt, sehr bleich
+und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und sich selbst
+entzogen war, und immer wieder kehrte er dann den Blick ein wenig
+erschrocken zur Erde. Franziska mochte nicht mehr länger unter dem Druck
+des Schweigens bleiben. Sie richtete sich empor, und wie sie plötzlich
+zu lächeln imstande war, erinnerte daran, daß sie eine Schauspielerin
+gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und küßte ihr die
+Hand. Sie blickte ihn prüfend an und schüttelte den Kopf, halb
+verwundert, halb dankbar. »Jetzt, wo ich mich so sicher unter euch
+fühle«, sagte sie, »wo jeder Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas
+so Menschliches, kommt es mir vor, als hätt ich das Jahr garnicht
+wirklich gelebt; ich spür es bloß, denken kann ichs nicht, freilich,
+glauben muß ich es. Aber wir wollen nicht darüber sprechen«, fuhr sie
+lebhafter fort, »ihr habt es hingenommen, und nun laßt es wegziehen wie
+eine Wolke.«
+
+Die Freunde erwiderten nichts. Fürst Siegmund nickte, atmete tief auf,
+vermied es aber, Franziska anzuschauen. Diese wandte den Blick gegen
+Hadwiger, und ihre Stimme hatte einen bittenden Klang, als sie sagte:
+»Heinrich, du weißt wohl nicht mehr, daß du mir einen Lohn schuldig
+geworden bist?«
+
+Hadwiger zuckte zusammen. »Was für einen Lohn?« stieß er kurz und heiser
+hervor.
+
+»Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?« entgegnete sie mit
+erzwungener Leichtigkeit im Ton.
+
+»Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr«, murmelte
+Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck auf das Anredewort legte.
+
+»Und doch bist du die Einlösung uns allen schuldig,« beharrte Franziska,
+»denn du hast viel geschwiegen, während wir uns verschwenderisch
+mitgeteilt haben.«
+
+»Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur verstecken wollen,«
+gab Hadwiger unruhig zurück.
+
+»Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefaßt werden«, nahm
+Cajetan Partei, »aber in jeder Gesellschaft und Geselligkeit errichtet
+der Schweigende gewisse Schranken, auch genießt er dadurch, daß er sich
+niemals bloßstellt, einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht
+und Courtoisie überlassen werden muß.«
+
+»Na, so kritisch hab' ich mir meine Situation nicht vorgestellt«,
+erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug. »Ich begreife überhaupt
+nicht, wie ihr auf den Verdacht kommt, daß ich etwas zu erzählen haben
+könnte.«
+
+»Jetzt windet er sich schon«, bemerkte Borsati lächelnd, »gebt acht, daß
+er nicht entschlüpft.«
+
+»Daß etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals sprichst, noch
+gesprochen hast, das weiß ich, Heinrich«, sagte Franziska sanft. »Du
+hast es oft angedeutet, und wider Willen, scheint mir. Wir verlangen ja
+nicht ein Abenteuer, nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine
+Enthüllung. Wir, oder wenigstens ich, ich möchte wissen, was es ist,
+worüber du so stumm bist, daß es förmlich aus dir schreit. Sieh, wer
+weiß, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen beieinander sind. Mir
+kommt vor, heute ist ein Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich
+nur, du sprichst zu Freunden.«
+
+»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung ausschließen«,
+wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als flüchtiger Gast habe ich
+allerdings keine Rechte, nicht einmal das Recht zu bitten, aber ich
+würde es zu schätzen verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht
+beengend oder störend erschiene.«
+
+»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte Lamberg, und etwas
+spöttisch fügte er hinzu: »er wird umworben wie der große Medizinmann;
+wäre er nicht er selbst, er müßte eifersüchtig werden.«
+
+Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für Neckereien,
+schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen den Kopf gegen ihn, und
+Lamberg verbeugte sich lächelnd, zum Beweis, daß er sie verstanden habe.
+Hadwiger bemerkte das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die Enge
+getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne des Sessels mit beiden
+Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge scheu, und die Muskeln seiner
+Wangen zuckten. Die alte Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen
+Schlägen. Er wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an.
+
+»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte einer Nacht;
+freilich einer Nacht, die länger als drei Monate dauerte. Was vorher
+geschah, kann ich nicht übergehen, auch von meiner Jugend muß ich
+einiges berichten.
+
+Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als
+ob die Luft, die ich als Kind atmete, immer schwarz gewesen wäre. Wir
+waren neun Geschwister; sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine
+Mutter überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich eine
+zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. Mein Vater war ein
+Mittelding zwischen einem Spekulanten und einem Fantasten; je nach
+seinen Projekten wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer
+Blick der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger
+standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem Streik der
+Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer zu wirken und zu
+vermitteln suchte, geriet er in ein Handgemenge und wurde von einem
+Schlag so unglücklich getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte
+einen Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich sah, daß
+ich in der Heimat wenig Förderung erwarten konnte, und ich beschloß,
+nach England zu gehen, ein Vorhaben, das unerschütterlich war, obwohl
+ich nicht einmal die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete
+ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, war Austräger bei
+einer Zeitung und Gehilfe bei einem Photographen und legte Pfennig um
+Pfennig beiseite, bis ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise
+brauchte. Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir
+angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos in London
+herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte mir eine Empfehlung
+mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; sie war mir von keinem Nutzen.
+
+Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders läßt es sich nicht
+erklären, daß ich damals nicht versunken bin. Aber es ist nicht
+entschieden, ob uns überstandene Not und Entbehrungen frommen. Manche
+behaupten, es sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend
+zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das Wort. Ich
+sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde und habe kein Bett. Mit
+verschlagener Freundlichkeit redet mich ein halbwüchsiger Bursche an; er
+führt mich zu einem Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine
+Münze, und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes
+Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; dort sind fünf oder
+sechs Lagerstätten und mehr als ein Dutzend Burschen und Mädchen,
+darunter auch Kinder. Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich
+falle auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir im
+Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge geraten. Die fünf
+Schillinge, die ich noch in der Tasche gehabt, sind am Morgen fort. Ich
+sehe mich in einem Hof nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in
+einem Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel
+versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger Stoffe eine
+Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer feuchten Wand und muß die
+Gesellschaft eines delirierenden Mulatten und eines prahlenden Krüppels
+aus Südafrika ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; sein
+Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm' ich im Halbschlaf ein
+Schluchzen; ich finde in der Küche ein junges Mädchen. Sie liegt auf dem
+Strohsack und weint sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus
+Deutschland herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante
+versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen aus dem Haus. Sie nennt
+mir die Adresse einer Verwandten, die in Whitechapel wohnt, und von der
+sie daheim als von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist
+sich, daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, von
+denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling hat eine frische,
+hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl gewähren, wenn sie aufzutreten und
+Lieder zu singen bereit ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll,
+werde Türsteher bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang
+defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an mir vorüber,
+meine Augen sind voll von den Grimassen des lachenden Elends, meine
+Ohren voll von herztötendem Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters,
+die ich einatmen muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig.
+Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche Mädchen, das
+ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe.
+
+Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, um welch hohen
+Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot erworben habe. Denk ich an die
+Türen, vor denen ich gestanden, die Stuben, in denen ich gewohnt, die
+Betten, in denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich
+eingesargt in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter war; denk ich
+daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, an die verzweifelte Plage,
+an die Müdigkeit, an das hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an
+den nervenzerrüttenden Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die
+Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, deren
+Opfer der Stumme wird, gegen die eigene Schwäche, die nicht so sehr
+Unvermögen ist als Fesselung und der Mangel rettender Zufälle; denk ich
+daran, daß ich zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten
+Parks gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier im Käfig
+tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir aufwuchs und meine zwanzig
+Jahre gleich einem Aussatz zerstörte, -- denk ich wieder daran, so will
+ich kaum glauben, daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich,
+der hier sitzt und es als etwas Fernes schildert.
+
+Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus und Furcht
+gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, ihre Eile, ihr
+Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, -- sie erdrückten mich. Mir schien, daß
+alle vorhandenen Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr finden
+könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in der Welt sei und als ob
+mich die Fülle der Dinge sozusagen bei lebendigem Leib begraben hätte.
+Ich hatte keinen Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders
+ausdrücken, und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach einer
+bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die Menschen haßte ich,
+sondern auch all ihre Einrichtungen, das Zwangvolle und mich
+Erdrosselnde der gesellschaftlichen Ordnung, den Staat, die Kirche, die
+Schule, die Zeitungen, sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug,
+es weiter auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich zur
+Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, und was noch an Kraft
+und natürlichem Temperament in mir steckte, das faulte gleichsam ab,
+verpestet von dem Anhauch meiner unterirdischen Existenz.
+
+Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war mir damals
+gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf zu nähern; ich hatte die
+Stelle eines zweiten Maschinisten auf einem der kleinen Themse-Dampfer.
+Der Dienst verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt zu
+sehen, und den Abend wie den größten Teil der Nacht verbrachte ich in
+einer Taverne bei den East-India-Docks. Ich hatte um jene Zeit einen
+jungen Russen kennen gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war
+Rachotinsky. Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der Verbannung
+am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der Schlüsselburg gestorben, zwei
+Schwestern und ein Bruder hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein
+Gemüt war düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren
+Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. Ich wußte
+nichts von seinen Plänen, er war trotz aller Beredsamkeit verschwiegen;
+hätte er mich zu einer Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen
+geopfert. In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit einigen
+seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander russisch sprachen,
+merkte ich an ihren Mienen, daß sie nicht leeres Stroh, sondern volle
+Ähren droschen. Eines Abends geschah es, daß einer der russischen
+Flüchtlinge mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in
+dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender Körper
+durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche Mischung von bleich und
+schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, von Kraft und atemlosem
+Gehetztsein hatte ich noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die
+Frau als Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, was
+eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin der Helden, die
+Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine Idee, von der wußte ich
+nichts. Es fiel mir auf, daß das herrliche Geschöpf tastend in den Raum
+trat. Wir erfuhren, daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet
+worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber und Bedrücker ihres
+Vaterlands durch einen Revolverschuß getötet. Im Gefängnis hatte man sie
+mißhandelt, ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und
+ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, daß er sie durch
+zwei seiner Kreaturen des Augenlichts berauben ließ. Das Verbrechen
+wurde in der kleinen Gouvermentsstadt ruchbar, eine allgemeine Revolte
+brach aus, ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es gelang,
+sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden war sie in England
+angekommen, aber die Polizei war ihr auf den Versen, die russische
+Regierung forderte sie unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre
+des politischen Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht
+gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; die Russen waren
+höchst erregt, und während sie Natalie Fedorowna wie eine Schutzgarde
+umgaben, zeigten ihre Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky,
+indem er auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen
+Stillschweigen, jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares.
+In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen zwei Männer, die durch
+ihr Aussehen und ihre Mienen meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt
+hatten. Ihre Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben
+unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, die man
+hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas an ihnen, der Blick
+vielleicht, oder eine Geste und nicht zuletzt ein edler und geistiger
+Ausdruck der Züge verkündeten Menschen aus einer fremden Welt. Und so
+war es auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den Kreis um
+Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in französischer Sprache an.
+Ein tiefes Befremden und im Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe
+Überraschung malten sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine
+Leidensgenossen; diese verhielten sich gegen seine Worte stumm und sahen
+zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände und ließ den Kopf sinken.
+In diesem Augenblick erschien mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr
+Leiden so über alles Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen
+fühlte, ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang empor, ich
+trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine Empfindungen müssen
+derart gewesen sein, daß sie keinem verborgen bleiben konnten, denn ich
+bemerkte viel Wohlwollen in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky
+legte den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden weiter.
+Indessen hatte sich auch der Genosse dieses Unbekannten zu der Gruppe
+begeben, und als ich den näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein
+Anzug nur eine Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut eine
+angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare Allüren des Mannes von
+Stand nicht verdeckt werden konnten.
+
+Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese beiden Männer zu
+sagen ist, die in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielten. Sir
+Allan Mirmell und sein Freund Trevanion waren Leute von großem Reichtum
+und aus alten Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen
+Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, sie war
+von sublimer Art. Man findet ein so sensitives und zugleich
+erleuchtetes, so umfassendes und zugleich beflügeltes Wesen des Geistes
+fast nur bei jungen Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die
+als Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen und so bar
+der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten einen umso
+bewunderungswerteren Schwung nehmen könnten. Allan Mirmell, in der Mitte
+der Dreißig stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war
+durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts verschmähte,
+nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen geschwelgt, zu
+denen das Gold, der Wille und die Passion führen. Er hatte verschwendet,
+Mut verschwendet, Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. Er hatte
+alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, die Gedanken- und
+Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit und innere Anarchie zu
+begehen vermögen. Ihm war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein
+Frieden heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er plötzlich
+müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein Ekel, den zu beschreiben
+ich kaum wage; der das Himmelreich bespie und in der Menschenwelt eine
+Kloake sah; der natürliche Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle
+mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was brennen
+wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom Tag und die Nacht
+suchte, die Einsamkeit und das Grauen. In dieser Gemütsverfassung hatte
+er den jungen Trevanion gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund
+am Freund zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe
+ätherisch. Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war eine
+Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, ohne Windstoß.
+Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt,
+denn seine Seele war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war
+er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende Echo aller
+Anklagen und Verdammungen.
+
+Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins kamen, zu uns
+herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem Schmerz, in ähnlichem
+Haß, wenn schon aus anderer Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und
+Überdruß, hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; die Endpunkte
+der sozialen Welt. Sensationskitzel und Lust an der Selbsterniedrigung
+treiben diese reichen und satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen
+des Lasters und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in den
+Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in vielen Fällen ihr
+Leben riskieren, wenn sie nicht Meister in der Verkleidung und äußeren
+Verwandlung sind. Aber nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch
+einen Besuch in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells
+Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er hatte
+Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch von ihm gelesen.
+Nächtelang beobachtete er ihn und seine Gefährten. Der Anblick dieser
+Erniedrigten und Ausgestoßenen, von denen Jeder Freiheit, Vermögen,
+Lebensgenuß und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm Vorwurf
+und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie Fedorownas, die durch ihr
+Wesen wie durch die Aufnahme, die sie fand, alles Geschehene erraten
+ließ, bewog ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das
+Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen in seinem Haus
+aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen würde, sie zu suchen. Rachotinsky
+und seine Freunde überlegten den Vorschlag, der unter der Bedingung
+akzeptiert wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten und
+zunächst bei ihr bleiben solle.
+
+Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur schlecht
+unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord Natalie Fedorownas
+zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky hatte mich zwei oder dreimal
+nach dem Landhaus Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die
+Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck auf mich; ich
+gewahrte nur sie; Tag und Nacht war sie mein einziger Gedanke. Einer der
+Russen sagte, daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky
+gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen Zauber auf sie
+geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren Kummer, ihre Besudelung, ihre
+Blindheit quälend zu Bewußtsein gebracht. Aber was eigentlich
+vorgegangen war, habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß
+nach der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im Hause Mirmells
+bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche Situation unhaltbar
+wurde. Auf mich wirkte Natalie Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen
+Dienst auf und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. Eines
+Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, ob ich außer Landes gehen
+wolle. Mirmell, Trevanion und er seien entschlossen, der Kulturwelt den
+Rücken zu kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein zu
+entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher gingen die Weltmüden in
+ein Kloster«, sagte er, »wir wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die
+Natur selbst ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden
+Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod erleben, im Tode
+leben und das Leben erkennen, Gott aufbauen in unserer Seele und nie
+mehr nach den Menschen Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd
+sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an einem Altar. Ich
+werbe dich für unsern Bund, dies Recht habe ich mir ausbedungen, und ich
+sehe nichts, was dich sonst retten könnte.«
+
+Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem Verhungern nahe,
+eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen Sinn ich zunächst wenig
+beachtete, doch die Möglichkeit zu existieren. Mirmells Schiff, eine
+stattliche Yacht, lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß
+dorthin. Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet hatte, führte
+mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser begrüßte mich schweigend und
+bemerkte dann gegen Rachotinsky, er möge Sorge tragen, daß ich an nichts
+Mangel leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, und es
+begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir unbekannt war. Von der
+Seekrankheit verschont, wurde ich in anderer Art krank, und ich weiß
+heute noch nicht, unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen
+litt. Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es kommt ja vor,
+daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch abgearbeitet haben,
+plötzlich sterben, wenn Mühe und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in
+die Luft. Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen
+Rachotinsky und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich auf Deck in der
+Sonne gebettet war oder bei schlechtem Wetter im Raum. Kraft seines
+mystischen und durchdringenden Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten
+Einfluß über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der
+interessantesten Männergesichter, die ich je gesehen. Seine Züge waren
+hager und von äußerster Feinheit; seine Haut war glatt und weiß wie
+Email; das Kinn stark, die Lippen dünn wie ausgepreßte Früchte; die
+allzuklaren Augen begegneten nie dem anschauenden Blick, obwohl sie
+nicht zur Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf.
+Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. Er war immer in
+seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky trieb mit ihm geologische
+Studien aus Büchern und Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes,
+das wir an Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am
+Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine Knabengestalt
+ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell konnte ich mich ohne eine
+knechtische Regung nähern, und dieses Überbleibsel meiner
+proletarischen Vergangenheit schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame
+Leiden erweckten kameradschaftliche Empfindungen.
+
+Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen Teil des
+atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, lange westlich, dann wieder
+südwärts. Wir liefen die am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel
+an, aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, wurde
+durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn Mirmell und
+Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit zu fliehen. Wir suchten die
+Nimrod-Insel, deren Existenz jedoch heute noch nicht sichergestellt ist,
+und als dies erfolglos war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge
+schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das Meer von Packeis
+bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, in denen der Dampfer freie
+Fahrt hatte. Wir überquerten den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald
+auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der Antarktis. Ich
+war um jene Zeit wieder gesund geworden. Ich wurde nicht müde, diese
+neue Welt zu betrachten; der immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es
+war Mitte Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging nicht
+unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, und der Kapitän und der
+erste Maat wagten es, auf die Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff,
+das für solche Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell
+blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in ihm ein Ingrimm und
+eine Lethargie, die alle praktischen Maßregeln mißachteten. Er glich dem
+Ritter der alten Sage, der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt
+anschickt. Daß er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys
+unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein Blick schien
+zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, die ihn von allem trennte,
+was ihn ehedem gefesselt hatte. Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte
+an seine Worte: wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott
+aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang ließ mich schaudern,
+und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben.
+
+Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste Eis halt gebot,
+und warteten, da wir der Küste näher zu kommen hofften. Am zweiten Tag
+sprengte der Sturm die gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste
+heran. Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und suchten einen
+Platz für den Bau einer Hütte und eines Vorratshauses. Es erwies sich,
+daß das Schiff mit allen Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt
+in unzugänglicher Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten
+transportierten die Matrosen Balken und Bretter an den Strand; darnach
+die Betten, die Tische, die Stühle, die Bücher, die Kleidungsstücke, die
+Hunderte von Kohlensäcken, die zahllosen Proviantkisten mit Konserven,
+Früchten, Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen
+Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch Steinblöcke und
+Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän des Schiffes Sir Allan um
+eine Unterredung. Der wackere Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte
+warnen zu müssen; ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen
+die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er beredt die
+Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich nicht um eine
+Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; er erteile ihm den Auftrag,
+nicht früher als nach Verlauf von fünf Jahren wieder an diese Küste zu
+kommen, um sich zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der
+Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte diesen
+Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft und verpflichtete sie
+allesamt zum Stillschweigen; so lange keine Kunde in die Welt drang,
+sollten Kapitän und Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern
+Fall hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, sie zu
+entlassen. In der zweiten Woche nach unserer Ankunft waren alle Arbeiten
+beendigt, und das Schiff verließ uns. Wir standen am Rand des Eises und
+blickten ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und seine
+Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte.
+
+Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten in mir
+erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung in mir zu erzeugen; die
+Gegenwart bändigte mich, das Unentrinnliche umschlang mich wie ein
+sichtbarer Kreis; es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu
+verantworten, zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir
+vorging, diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung gegen das
+Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen Zustand; ich muß mich
+damit begnügen, die folgenden Ereignisse zu erzählen.
+
+Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch Forschungen die
+Überzeugung gewonnen, daß auf dem Kontinent der Antarktis ausgebreitete
+Kohlenlager vorhanden seien, und er hatte die etwas fantastische
+Absicht, diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für die
+unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar zu machen.
+Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen versehen, lange Wanderungen
+und brachte allerlei Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die
+Gefangenschaft in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung seiner
+ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der freiwillig gewählten
+Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung von der menschlichen
+Gesellschaft auf eine wunderbare Weise erglüht, und ich fragte mich
+umsonst, was es wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken
+erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem Müßiggang
+hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte Stunde erschöpfend für
+Körper und Geist. Jeder hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter
+war, für das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich
+begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, und
+Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, diese
+gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen Wesen innerhalb der
+gebundenen Ordnung ihres Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie
+uns mit dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille glich,
+ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit gröblichen
+Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten mit zeremoniöser
+Ehrfurcht gegeneinander verneigten, ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen
+pflogen! Sie glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so
+sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz von Verwandlung
+gaben, etwas von Bann und Schuld und Harren auf Erlösung. Nicht selten
+schloß ich mich auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen,
+Diatomeen, Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, oder in die
+kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, oder Wolken und Felsen
+zeichnete oder mit der Spirituslampe in die stalaktitischen Eishöhlen
+hinabstieg. Noch lieber wanderte ich allein über Schnee und Eis und
+schaute zum bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, und
+über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle stumpfte das Zeitgefühl
+ab und man ging wie in der Ewigkeit, die auch keinen Wechsel von Tag und
+Nacht hat. Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, und
+die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen den Ozean
+schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen zu bevölkern, und diese
+gedehnten Laute klangen wie das Stöhnen eines Tieres in den Wehen der
+Geburt. Fern über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich wie
+ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; die Nähe der
+mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen Erdflamme ließ mich
+bisweilen vergessen, daß ich ein wollender und müssender Mensch war. Ich
+erblickte den mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen langen
+Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, und im
+Süden, gegen das Ende der Welt, sah ich viele Berggipfel, zahllose
+Kuppeln, die jungfräulichen Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen,
+durchsichtigen Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und
+stärksten Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur
+hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu sein; sie sprach
+nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie handelte nicht, sie _war_
+bloß.
+
+In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um unser gefrorenes
+Reich; auch an dem Steigen der Kältegrade merkten wir, daß es Winter
+wurde. Es kam die Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden
+Horizont berührte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten in der
+Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild übereinander geworfener
+Purpurtücher. Das ganze Schneegefild hinter uns ward zum Spektrum, das
+in Billionen Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft glühten die
+seltenen Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden, und wir
+standen vor der Hütte, frierend bis ins Mark, und warteten, bis die
+letzten Protuberanzen der Sonne erloschen waren, -- und damit alles
+Leben. Es wurde Nacht. Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte
+schon Übles, als, da ich Licht anzündete, Trevanion unablässig in die
+Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen
+werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und seelenvoller Besorgnis.
+
+Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich darf sagen, daß
+wir einander lieb gewonnen hatten. Wir verstanden und achteten einander.
+Es wurde über vieles lebhaft und gut gesprochen, und ich verdanke dieser
+Zeit die reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und
+Aufschlüsse. Tag um Tag, Stunde für Stunde mit denselben Menschen
+dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein aller Lebensäußerungen,
+Beobachter jedes Schweigens und jeder Geberde, das heißt einander kennen
+lernen. Und schließlich kannten wir einander so genau, daß wir die Worte
+hörten, ehe sie gesagt wurden, daß wir auf dem noch unbewegten Gesicht
+die Stelle angeben konnten, wo ein Lächeln, eine Erinnerung, ein
+Unbehagen die stereotypen Falten einkerben mußten, ja, daß wir die
+Verschiedenheit in der Biegung und Länge einzelner Wimpernhaare
+gewahrten, und häufig richtete man während eines Gesprächs das Augenmerk
+gespannter auf gewisse Eigentümlichkeiten der Miene und Geste als auf
+Frage und Antwort. Jeder war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen
+und Überraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam in
+stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die große Nacht einbrach, herrschte
+oft ein bedrohliches Schweigen unter uns, aber wir konnten die
+verwundeten Nerven durch Tätigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt
+unmöglich. Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte, konnte
+man draußen nicht weilen, und wenn der Schneesturm wütete, war man in
+Gefahr zu ersticken, ehe man sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte.
+Wir waren also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die
+dauernde Dunkelheit verdüsterte das Gemüt nachhaltig. Das matt
+schwelende Licht in unserm Wohnraum ward zu einem beständigen Druck auf
+das Auge und das Gehirn. Die Kälte war so fürchterlich, daß wir trotz
+unablässigen Heizens die Temperatur der Hütte nicht über drei Grad
+Reaumur brachten. Unsere Ausdünstungen und die Dämpfe der Speisen hatten
+sich an den Wänden als Eisverkleidung niedergeschlagen, und das oben
+erwärmte Eis, das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der
+infolgedessen ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken nicht unter
+dem Anprall des Orkans ächzten und klapperten und die auf das Dach
+geschleuderten kleinen Steine quälend und eintönig klopften, versetzte
+uns die Stille der Natur in einen Zustand, daß wir hätten schreien
+mögen, um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den Ohren, sie
+ließ den eignen Herzschlag wie den Lärm aus einer Maschinenhalle
+erscheinen, sie brüllte aus der Finsternis, sie verscheuchte den Schlaf
+und verursachte angstvolle Einbildungen des Gehörs. Ich vermute, daß wir
+nur aus Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollständig
+sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anlässen böswillig in die
+Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften, da hob Allan Mirmell
+grimmig die Faust gegen mich, Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief
+mit verschlungenen Händen und gefletschten Zähnen auf und ab. Und aus
+welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht darüber einigen können,
+ob der Kapitän von Mirmells Schiff blaue oder graue Augen besaß. Wir
+konnten den Klang unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst
+zitterte bei der gleichgültigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno
+begann erst, als eines Abends, -- es gab Abende, die letzten bleiernen
+Stunden verwachter Nacht-Tage, -- als eines Abends Trevanion, der lesend
+am Tische saß, ein weißes Tuch über sein Gesicht hängte. Unser Anblick
+erregte ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche Empfindung.
+Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten, einander zu
+zerfleischen. Täglich um dieselbe Zeit derselbe Vorgang in gesteigerter
+Abscheulichkeit! In einer solchen Stunde wurde Trevanion von Grauen
+überwältigt, er hüllte Kopf und Rumpf in den Pelz und stürzte hinaus.
+Mich erfaßte Besorgnis um ihn und nachdem ich die nötige Schutzkleidung
+ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische Spur vor der Hütte
+zeigte, daß er gegen den Gletscher hinaufgegangen war. Über dem Schnee
+lag eine schwache grünliche Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die
+Kälte fraß wie ein Brand.
+
+Plötzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen von Licht
+bewegten sich von Südost nach Südwest und schienen unablässig neue
+Lichtstärken von Südost zu holen. Sie warfen blendende Strahlen zur
+Erde, und die Farben wechselten von weiß zu grün und gelb. Ich spürte
+nichts mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Phänomen gab
+mir ein Gefühl des Schwebens. Da erblickte ich Trevanion. Er schaute
+regungslos in das glühende Firmament. Mich überrieselte es eigen, als
+ich den entgeisterten Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete
+meine Nähe mehr als daß er mich sah; er streckte den Arm gegen das
+Südlicht und fragte flüsternd, ob ich die Gestalt gewahre. Was für eine
+Gestalt? flüsterte ich zurück. Mit ungestümer Geberde deutete er. Ich
+folgte der Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er preßte die Hände
+zusammen und drückte sie auf seine Brust. Natalie, hauchte er, Natalie
+ist es. Wieder überlief es mich. Wir standen auf dem Kirchhof der Welt,
+und er sah die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und
+flehentlichen Stimme nannte er unaufhörlich den Namen Natalies. Der
+Gletscher begann im Schein der Aurora rötlich zu leuchten. Und nun war
+es mir selbst, als erblickte ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog
+mich nur hin. In ihrem Körper rann durchsichtiges Blut. Aus dem
+bläulichen Gewand erhoben sich mädchenhafte Schultern. Ihre Hände,
+obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der Abwehr. Ihr Antlitz
+enthüllte sich nur allmählich wie ein Stern aus Nebeln. Die Züge waren
+leidend, aber voll von einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir können sie
+nicht erreichen, sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat,
+schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm zieht
+auf, drängte ich ihn und wies auf einen weißlichen Dunst, der im Süden
+lag und sich mit unheimlicher Schnelligkeit ausbreitete.
+
+Man mag die übernatürlichen Kräfte skeptisch beurteilen; Man leugne oder
+erkläre sie; sicher ist, daß jeder Organismus unter bestimmten
+Voraussetzungen ihrer Einwirkung unterliegt und dann gleich einem
+Körper, der seinen Schwerpunkt verloren hat, der gewohnten Bahnen
+spottet. Wir hatten die Gemeinschaft der Menschen aufgekündigt, des
+Anrechts auf Liebe uns begeben; wir hatten nicht bedacht, daß dort, auch
+wenn sich das Geschick in Bitterkeit und Haß erfüllt, dennoch ein Strom
+schwebender Möglichkeiten den Einzelnen umgibt, Möglichkeiten der Liebe,
+und daß magnetische Berührungen seine Seele ungewußt mit dunkler
+Zuversicht nähren. Hier aber schuf ein tiefer Wille in uns das Phänomen
+der Liebe aus dem Nichts; die Verzweiflung gebar ein Schemen, das über
+uns Gericht hielt, die beleidigte Menschheit nahm Rache. Mirmell und
+Rachotinsky waren verhältnismäßig nüchterne Charaktere, und gerade sie
+wurden von der Frauengestalt im Feuerschein der Aurora australis am
+unwiderstehlichsten gepackt, denn sie sahen, was Trevanion und ich
+gesehen hatten, es brauchte kaum einen Hinweis, ihr Geist war
+vorbereitet, ihre Fantasie durch peinigende Wünsche, Wünsche des
+Schlafs, des Traums und des dumpfen Wachens, Wünsche, wie sie nur der
+kasteite Leib hegen kann, längst entschlossen, das Unfaßliche zu
+ergreifen. Es war ein erotischer Wahnsinn, der uns hintrieb. Mit Grauen
+gestehe ich, daß wir eifersüchtig aufeinander waren. Bei den folgenden
+Malen entfaltete sich der Glanz der Aurora immer glorioser. In einem
+mächtigen Bogen flammte das Licht bis zum Zenit und erreichte im
+Sternbild des Zentauren seine größte Intensität. In jeder Nacht gingen
+wir aus, um die Aurora zu sehen; schweigend und vermummt marschierte
+jeder seinen Weg. Aber allzuoft blieb das Firmament schwarz und nur das
+ferne Feuer des Vulkans lohte rauchverdüstert. Bisweilen stand in
+wolkenreiner Höhe der Mond wie eine Magnesiumlampe. Die ganze Landschaft
+glich einer Mondlandschaft. Ich fühlte mich so unirdisch, so außer mir,
+so nah den letzten Grenzen! Orion und der herrliche Sirius drehten sich
+in großem Kreis. In der siebenten Nacht erblickten wir die Aurora zum
+dritten mal. Es war milderes Wetter, und die Vision zeigte sich in
+starkem Kontur. Wir wanderten keuchend den Gletscher hinan, Trevanion
+allen voraus. Er schien mir das Wesen eines Somnambulen zu haben. Er war
+in dieser Zeit so verinnerlicht, daß sein Lächeln wie ein flüchtiger
+Aufenthalt zwischen Schlummer und Tod wirkte. In seinen Augen wohnten
+eine Anbetung, eine transzendente Leidenschaft, daß ihn zu betrachten
+schmerzlich war. Auch in den finstern Nächten suchte er weit draußen auf
+dem heimtückischen Rücken des Gletschers; einmal hörte ich ihn laut, mit
+erschütternden Tönen, schreien; er schrie nach ihr. Ihn verlangte nach
+der Umarmung der Eisjungfrau, und am Morgen sagte er zu mir: wenn sie
+nicht blind wäre, Henry, sie würde ein Mittel finden, daß ich zu ihr
+gelangen könnte. Allan Mirmell verfiel auf eine besorgniserregende Art,
+als ob ein Gift an ihm zehre. Er tappte wie ein Greis. Licht, Licht,
+murmelte er oft, wenn er aus dem Schlaf emporschrak. Die anstrengenden
+Märsche nach dem Wohnsitz der bleichen Aurora warfen ihn schließlich
+entkräftet aufs Lager. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich auch an
+Rachotinsky alle Anzeigen einer krankhaften Melancholie. Stundenlang
+kauerte er betend auf den Knieen. Er wusch sich nicht mehr; Schmutz, Ruß
+und Unrat bedeckten ihn. Wodurch ich mich aufrecht erhielt, kann ich nur
+schwer sagen. Es war Hoffnung in mir. Diese Hoffnung wurde von Tag zu
+Tag stärker. Und es war noch etwas anderes als Hoffnung, es war
+Sehnsucht. Immer wenn ich die Aurora sah, schritt ich durch eine Halle
+aus Eissäulen, an deren Ende mich die belebte Erde grüßte. Die Blinde,
+die Unerreichbare, das zarte Gebild aus Strahlen und Kristall lehrte
+mich, daß ich mich selbst lieben solle, mich in den Menschen, mich in
+der Welt. Der Strahlenbogen, dessen eines Ende sie trug, erschien mir
+wie eine meisterlich geschwungene Brücke, die den Abgrund der
+Finsternis überwölbt. Da stand es fest in mir, daß ich Brücken über
+Abgründe bauen wollte, wirkliche, ja, wirkliche Brücken. Und während ich
+im Weglosen wanderte, dem blendenden Licht entgegen, wuchs in mir die
+Lust, Wege anzulegen, denn daß ich ehemals keine Wege mehr für mich
+gehabt, das lag daran, daß ich keine geschaffen. Das erkannte ich jetzt.
+Wege überwinden die Trägheit; je mehr Wege desto mehr Bewegung, desto
+mehr Wille, desto mehr Umwandlung. Auf den Wallfahrten zur Aurora habe
+ich den Gedanken an Brücken und Wege lieben gelernt, und dies bewahrte
+mich vor dem Verderben.
+
+In der letzten Nacht vor dem Aufgang der Sonne sah ich Trevanion zum
+letztenmal. Dämmerung lag auf dem Eis. Der Gletscher zuckte, Krämpfe in
+seinem Innern zerbogen seine kalte Hülle. Auch der Vulkan grollte, und
+die Schwefelfumarolen auf dem Gipfel waren von gelben Dünsten umzogen.
+Trevanion war an meiner Seite, als das Südlicht aufflammte, nur in
+mattem Schein freilich, bloß wie zum Abschied. Noch ehe es verblaßt war,
+rief ich Trevanion zu, wir müßten hinunter laufen, der Blizzard sei im
+Anzug. Er schüttelte den Kopf und beachtete meine Warnung nicht. Er ging
+weiter. Ich wußte nicht, ob ich ihm folgen oder mich in Sicherheit
+bringen sollte, und blieb unentschieden stehen. Der Sturm fing an zu
+brausen, da sah ich, daß Trevanion, der schon ziemlich weit oben war,
+jählings verschwand. Offenbar war eine Schneebrücke geborsten, und er
+war in die Spalte gestürzt. Ich suchte die Stelle im Gedächtnis zu
+behalten, denn nacheilen konnte ich ihm nicht, die Atmosphäre
+verfinsterte sich rasch, ich warf mich flach auf den Boden, und um nicht
+fortgeschleudert zu werden, klammerte ich meine Arme um einen Eisblock.
+Es war eine Raserei in den Elementen, die das Herz zum Stocken brachte.
+Trotzdem waren meine Gedanken nur mit Trevanion beschäftigt; es war, als
+ob sich ein Tor im geheimnisvollen Haus der Aurora geöffnet hätte, um
+ihn einzulassen. Wie lange ich regungslos und mit Anspannung aller
+Kräfte so lag, weiß ich nicht; als die Heftigkeit des Orkans geringer
+wurde, kroch ich auf Händen und Füßen gegen die Hütte hinab, und erst
+als ich den Schutz einer Felswand erreicht hatte, wagte ich mich zu
+erheben.
+
+Rachotinsky, von einem mechanischen und beinahe verbissenen
+Pflichtbewußtsein an das Lager Mirmells geschmiedet, der mit dem Tode
+rang, war nur mühsam zu überreden, mich auf den Gletscher zu begleiten.
+Wir warteten, bis der Sturm vorüber war, dann gingen wir, mit Stricken
+versehen, hinauf. Meine lauten Rufe blieben unbeantwortet. Das
+Schneetreiben hatte jede Spur verwischt. Wohl entdeckte ich in der
+Richtung, in der Trevanion verschwunden war, eine offene Spalte, aber
+sie war breit, ein bodenloser Schlund. Ich schrie hinab, ich warf den
+Strick hinab, umsonst. Da sagte Rachotinsky, der an einer mächtigen
+Eisplatte lehnte, mit heiserer Stimme: »Die Sonne«. Ein glühendes
+Segment tauchte über dem Horizont empor. Alles Land war von einem
+brennenden Scharlach übergossen.
+
+Wie viele Tage vergingen, bis das Schiff in Sicht kam, dessen entsinne
+ich mich nicht mehr. Ich entsinne mich bloß, daß ich fest überzeugt
+war, es müsse kommen, fest überzeugt, mein Schicksal sei an der Wende
+angelangt. Eine zweite antarktische Nacht hätte ich nicht überlebt. Was
+sich an Bereitschaft in mir gesammelt hatte, durfte und konnte nicht
+betrogen werden. Das Geschick ist mir verschuldet, sagte ich mir, und
+ich trotzte ihm die Entscheidung ab. Allan Mirmell war schon längst
+unter die Erde gesenkt, als sein Schiff an der Küste anlegte. Der
+Kapitän, tief besorgt um unser Los und den Entschluß seines Herrn als
+eine traurige Verirrung betrachtend, hatte es einfach riskiert, den
+erhaltenen Befehlen zuwider zu handeln. Es war hohe Zeit, daß sie kamen;
+ich war nahe daran, in Gesellschaft des schwermütigen und schweigenden
+Rachotinsky verrückt zu werden. Als ich das Deck des Schiffes betrat,
+hatte ich das Gefühl von Auferstehung. Man fragte nach unseren
+Erlebnissen. Rachotinsky konnte nicht antworten; er hatte den Verstand
+verloren. Was mich betrifft, so war ich unfähig, etwas anderes
+mitzuteilen als die äußerlichsten Vorgänge, die sich in drei Sätzen
+wiedergeben lassen. Ich habe niemals und zu keinem Menschen darüber
+gesprochen bis auf den heutigen Tag. Ich bat den Kapitän, mich in Sydney
+in Australien ans Land zu setzen, und dort habe ich mein Leben von vorn
+angefangen.«
+
+
+
+
+Der Affe und der Spiegel
+
+
+»Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe ich selten mit so
+triftigem Grund gebrauchen hören«, sagte Cajetan, als Hadwiger geendet.
+
+»Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden sein«, fügte
+Borsati hinzu, indem er einen langen milden Blick auf Hadwiger heftete.
+
+»Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich, wie reich, wie
+groß ist doch das menschliche Dasein!« rief Cajetan ergriffen. »Ich
+fühle mich in einer Stimmung wie jener Bramarbas auf der Plassenburg.
+Man möchte sich manchmal wirklich zum Ertrinken tief hineinstürzen. Aber
+man muß schwimmen können, das seh ich wohl ein. Und eine umpanzerte
+Seele braucht man«.
+
+»Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz«, sagte Lamberg
+ernst.
+
+Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar glänzenden Blick an, als wolle
+er antworten: wißt ihr es denn? habt ihr es denn erfahren, ihr Reichen,
+Reichgeborenen, Verwöhnten, ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum,
+Freiheit und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken. »Es gibt
+auch eine mittelbare Art zu leben und zu erleben«, meinte er; »obschon
+sie nicht so zwingt, zum Entschluß nicht und zur Verwandlung nicht, ist
+sie oft doch viel schmerzlicher, -- dem unverschlossenen Herzen nämlich,
+das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet, so
+zerteilt in die wechselnden Lose, daß es nicht einmal zu einer Tat der
+Selbstbewahrung mehr die Kraft hat. Das heißt mit gefesselten Gliedern
+dem Moloch überliefert werden.«
+
+»Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein Märchen?« wendete sich Fürst
+Siegmund an Hadwiger, »ist es nicht wunderbar, daß Sie hier, von einer
+freundlicheren Natur umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie
+zum erstenmal von jenen außerordentlichen und weittragenden
+Begebenheiten erzählen? Ich täusche mich vielleicht, oder ich kann
+meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck verleihen, aber für mich
+hat dies etwas von einer Spiegelung, etwas, das sinn- und
+bedeutungsvoller ist, als Sie selbst im Augenblick denken. Das Wort ist
+nicht immer bloß ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol
+der Erkenntnis und Erhöhung.«
+
+»Sie haben Recht, Fürst«, versetzte Cajetan, »und das ist auch weitaus
+das Schönste, was man darüber sagen kann.«
+
+»Und das Schönste, was man dafür tun kann«, ließ sich jetzt Franziska
+hören, die bis zu diesem Moment ganz verloren vor sich hingeschaut,
+»ist, daß wir ihm den goldenen Spiegel geben«.
+
+»Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird«, erwiderte Lamberg
+lächelnd und quittierte mit einer reizend chevaleresken Geberde die
+stumme Zustimmung Cajetans und Borsatis. Hadwiger stand auf, errötend
+wie ein Schuljunge. »Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich«, fuhr Georg
+Vinzenz ermahnend fort, »wir lassen uns einen solchen Anlaß zur
+Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie müssen warten, bis Ihnen die
+Trophäe mit den gebührenden Zeremonien überreicht wird.«
+
+»Vortrefflich«, lachte der Fürst, »da bekommen wir am Ende gar noch eine
+Rede zu hören«.
+
+»Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet«, fuhr Lamberg fort;
+»wer von uns kann ihn von nun ab in die Hand nehmen, ohne eine Fülle von
+Gesichten und Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und
+wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie ist
+matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, Schiffe
+und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und
+Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und
+Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der
+Traum und das Wunder, alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies
+Gewebe von Schicksalen gesponnen haben, war bemüht, den Partner zu
+übertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war die Rede. Es war
+kein Werben, es war ein Verschenken. Und wir sprechen Ihnen, Heinrich,
+den Spiegel zu, weil Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen
+Innern geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch mein
+Bedürfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.«
+
+Cajetan und der Fürst klatschten Beifall, Hadwiger blieb mit gesenktem
+Kopf stehen. Lamberg schritt zur Türe und drückte auf den elektrischen
+Knopf, um von Emil den Spiegel heraufholen zu lassen. Der Fürst
+verabschiedete sich indessen von Franziska. Sie sprachen mit leiser
+Stimme. Da der Diener nicht kam, läutete Lamberg noch einmal, und als
+auch dies vergeblich war, öffnete er ungehalten die Türe, um zu rufen.
+Nun erschien an Emils Statt die Köchin und teilte ihrem Herrn ziemlich
+erregt mit, der Affe sei entflohen und Emil verfolge ihn. »Entflohen? es
+ist ja Nacht«, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person
+auszuforschen. Es stellte sich heraus, daß Quäcola schon am Nachmittag,
+um die Zeit, da der Fürst gekommen, den goldenen Spiegel aus dem
+Speisezimmer entwendet hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr
+aufgebracht gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht, in allen
+Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden, zwei Stunden lang und ohne eine
+Spur von ihm zu finden. Schließlich sei er auf den Balkon
+hinausgetreten, und da sei nun Quäcola in einem Winkel ganz
+zusammengekauert unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den
+er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil habe
+versucht, ihm den Raub zu entreißen, doch der Affe habe ihn bösartig
+angeknurrt und sich überhaupt so betragen, daß man sich habe fürchten
+müssen. Da habe Emil die Peitsche geholt und habe die widerspenstige
+Bestie geschlagen. Quäcola habe wütend gefaucht, sich über das Geländer
+geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem Haus hinabgeklettert und gegen
+den Wald hinauf gerannt. Und Emil sei nun hinter ihm her.
+
+»Jetzt? in der Finsternis? im Wald?« fragte Lamberg erstaunt. Die
+Freunde, Franziska und der Fürst hatten dem Bericht mit Neugier und
+Verwunderung gelauscht. Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg
+meinte, es sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Flüchtling
+heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Grütze im Kopf,
+um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen. Die andern erklärten sich
+bereit, ihm beizustehen. Fürst Siegmund äußerte lächelnd sein Bedauern
+über den Zwischenfall; er fragte, ob er Leute herüberschicken solle, die
+mit Fackeln den Wald absuchen könnten; Lamberg dankte und antwortete, er
+hoffe, daß Quäcola den Aufenthalt unter den feuchten Bäumen von selbst
+unbehaglich finden und zum Gehorsam zurückkehren werde. Voll
+Herzlichkeit drückte der Fürst allen die Hand und ging.
+
+Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die drei Freunde auf den
+Weg. Als sie sich fünfzig Schritte oberhalb der Villa befanden, kam
+ihnen Emil aus dem dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder Mütze
+und keuchte erschöpft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche, deren
+Schnur an den Stiel gebunden war, augenscheinlich zu dem Zweck, um sie
+als Lasso benutzen zu können. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht
+des Dieners, und er sah, daß es voller Blut war; Zweige und Buschwerk
+hatten ihm die Haut zerrissen. »Sie haben das Tier nicht gefunden?«
+fragte Lamberg. Der unglückliche Mensch konnte nicht reden, er zuckte
+verzweifelt die Achseln. »Und Sie wissen genau, daß Quäcola den Spiegel
+bei sich gehabt hatte, als er entwischte?« Emil nickte. »Das ist es ja
+eben«, stammelte er, »das ist ja die Niedertracht; er wollte mich in
+Schuld bringen, er wollte mich dem gnädigen Herrn verhaßt machen. Die
+Herren müssen das begreifen«, wandte er sich aufgeregt und fast
+schreiend an die Freunde, »der Schabernak war auf mich gemünzt, mich
+wollte das Vieh verderben ...«
+
+»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg mit Unwillen den
+sich ausbreitenden Redeschwall.
+
+»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener zaghaft.
+
+»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere nächtliche
+Unternehmung aussichtslos. Warten wir den morgigen Tag ab.«
+
+Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung zugab, wollte er noch
+einen Gang in den Wald tun. Er rief den Namen Quäcola hundertmal, und
+ein sanftes Echo antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch
+pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft zu
+haben wünschte. Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht um und
+löschte am Waldrand die Laterne, da inzwischen der Mond aufgestiegen
+war. Sehr verspätet nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es
+wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska müde, die
+andern überließen sich ihren Betrachtungen. Der Diener hatte sich zu
+Bett begeben müssen; bei der Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet,
+und ein Fieberfrost schüttelte den armen Affenhasser.
+
+Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über Waldpfade und
+Felsensteige entdeckten die Freunde den Affen. Er lag am Ufer des Sees,
+der Unterkörper im Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf
+einem Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß er sich
+oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden Wand herabgestürzt
+war. Lamberg setzte sich an die Seite des Leichnams und sagte: »Schaut
+doch nur sein verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher
+Kummer drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter Quäcola! Auch
+du hast unter der Dummheit leiden müssen, auch aus dir hat sie einen
+Märtyrer gemacht. Deine roten Höschen und dein blauer Frack sehen
+närrischer aus als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den
+Affen, und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele
+beherbergt hat.«
+
+Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert den Kopf.
+
+Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg ließ die ganze
+Gegend durch Scharen von Bauernkindern absuchen, doch ohne Erfolg. Es
+mußte angenommen werden, daß während seines Sturzes dem Affen der
+Spiegel entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle
+sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne Kostbarkeit dem
+Bestand menschlicher Schätze für immer geraubt.
+
+Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben Abend in die Stadt
+zurück, Cajetan und Borsati erst zwei Tage darnach.
+
+
+Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der zwischen Weinbergen
+sein herbstliches Laub aufflammen läßt. Es ist ein später Nachmittag,
+und die Hügel flimmern im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine
+leidenschaftlich klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen zwei
+lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die einander die Hand
+gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen Gemach liegt Franziska;
+Hadwiger, das Gesicht in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom
+umleuchteten Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die
+Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich auf
+ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen gestrebt. Vorüber, ach
+vorüber! Sie aber empfindet die Stunde voll, nicht nur wegen der Musik,
+die aus dem Nachbarzimmer klingt, -- es ist, wie wenn ein Namenloser sie
+spielte, -- sondern auch wegen der Musik, die harmonisch ihrem Innern
+entquillt. Denn es ist ihr bewußt, daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende
+gelebt hat; so bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten
+Hinüberbeugens bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen gleich einer
+Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit beginnt. Auch ist ihr
+bewußt, daß manche trauern werden, denen sie viel gewesen ist, und
+einige weinen werden, die sie geliebt haben.
+
+
+ _Ende_
+
+
+Begonnen: April 1907 Beendet: Mai 1911
+
+
+
+
+_Werke von Jakob Wassermann_
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in
+Leinen 5 Mark.
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Roman. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen 7 Mark 50 Pfennig.
+
+
+Der Moloch
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in
+Leinen 5 Mark.
+
+
+Der niegeküßte Mund -- Hilperich
+
+Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in Leinen 4 Mark 50
+Pfennig, in Leder 6 Mark.
+
+
+Die Schwestern
+
+Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder 3 Mark, in
+Leder 4 Mark.
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, in Leinen 6 Mark.
+
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens
+
+Roman. Neunte Aufl. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.)
+
+
+_S. Fischer, Verlag * Berlin_
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob
+Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von
+Zirndorf« in einer neu bearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
+Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman,
+diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen
+Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere
+und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die
+besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
+verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
+nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
+jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in
+dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem
+Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
+poetische Leistung gelungen ist.
+
+(Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. --
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+
+(Die Zukunft)
+
+
+Der Moloch
+
+Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde
+liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, mit der
+Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, lebensvollen
+Gemälde gestaltet hat!... Man kann schon aus dieser gedrängten
+Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein
+psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der
+Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch
+behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß ist
+des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die Vorgänge
+mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet.
+
+(Berner Bund)
+
+
+Der niegeküßte Mund -- Hilperich
+
+In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als
+respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
+so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
+Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
+ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
+den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
+fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
+Ausführung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrät einen in
+Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
+dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß
+man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der
+Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
+Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
+pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
+genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten
+deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
+zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
+beseelt.
+
+(Neue Freie Presse, Wien)
+
+
+Die Schwestern
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
+unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
+ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
+Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
+dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
+Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem
+Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
+Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist
+das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
+von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt.
+
+(Hannoverscher Kurier)
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+
+(Westermanns Monatshefte)
+
+Wassermanns Künstlertum wird immer geklärter und reifer. Der klangvolle
+Fluß der Sätze, einer altgoethischen Prosa, hat in den »Masken Erwin
+Reiners« eine souveräne Kraft und Freiheit. Die Linie der Handlung
+erhebt sich planvoll und unverwirrt, wie noch in keinem Buche
+Wassermanns.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Druck von Poeschel & Trepte in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1912 bei S. Fischer erschienenen achten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand
+sich ursprünglich am Buchende.
+
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song
+p 039: chmierte -> schmierte
+p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten
+p 063: von morens bis abends -> morgens
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte
+p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt
+p 109: [Anführungszeichen ergänzt] wen haben Sie im Verdacht?«
+p 136: [Trennung] die als Schall-loch diente. -> Schalloch
+p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel
+p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen
+p 224/225: [Trennung] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte
+p 232: [Anführungszeichen] äußerte er: »Ich habe ...«-> 'Ich habe ...'
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ
+p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter
+p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung
+p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst
+p 335: [Punkt ergänzt] durch pragmatische Verwicklungen.
+p 336: [Punkt ergänzt] zum realen Leben datieren.
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the eighth
+edition published in 1912 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text. The Table of Contents was
+moved from the back of the book to the front.
+
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song
+p 039: chmierte -> schmierte
+p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten
+p 063: von morens bis abends -> morgens
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte
+p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt
+p 109: [added quotes] wen haben Sie im Verdacht?«
+p 136: [hyphenation] die als Schall-loch diente. -> Schalloch
+p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel
+p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen
+p 224/225: [hyphenation] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte
+p 232: [nested quotes] äußerte er: »Ich habe ... «-> 'Ich habe ... '
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ
+p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter
+p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung
+p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst
+p 335: [added period] durch pragmatische Verwicklungen.
+p 336: [added period] zum realen Leben datieren.
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
+***** This file should be named 19611-8.txt or 19611-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/6/1/19611/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
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+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der goldene Spiegel
+ Erzählungen in einem Rahmen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: October 24, 2006 [EBook #19611]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<!-- <p>[Illustration: S. Fischer Verlag logo]</p> -->
+<!-- <p>[Blank Page]</p> -->
+
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+<div class="titlepage">
+<h1>Der<br />
+goldene Spiegel</h1>
+
+<h3>Erz&auml;hlungen in einem Rahmen</h3>
+<h4>von</h4>
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+
+<h6>Achte Auflage</h6>
+<h5>S. Fischer &#8727; Verlag &#8727; Berlin<br />
+1912</h5>
+
+
+<p class="copyright">Alle Rechte, insbesondere das der &Uuml;bersetzung, vorbehalten.<br />
+Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.</p>
+</div>
+
+
+
+<table class="toc">
+<caption>Kapitelfolge</caption>
+
+<tr><td><a href="#Franziska_und_die_Freunde">Franziska und die Freunde</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_1">1</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Was_ueber_den_Spiegel_beschlossen_wurde">Was &uuml;ber den Spiegel beschlossen wurde</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_13">13</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Pest_im_Vintschgau">Die Pest im Vintschgau</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_25">25</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Stationschef">Der Stationschef</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_47">47</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Geronimo_de_Aguilar">Geronimo de Aguilar</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_63">63</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Von_Helden_und_ihrem_Widerspiel">Von Helden und ihrem Widerspiel</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_89">89</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Tempel_von_Apamea">Der Tempel von Apamea</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_107">107</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Gefangenen_auf_der_Plassenburg">Die Gefangenen auf der Plassenburg</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_135">135</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Paterner">Paterner</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_176">176</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Nimfuehr_und_Willenius">Nimf&uuml;hr und Willenius</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_196">196</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Herr_de_Landa_und_Peter_Hannibal_Meier">Herr de Landa und Peter Hannibal Meier</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_212">212</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Begegnung">Begegnung</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_231">231</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Geschichte_des_Grafen_Erdmann_Promnitz">Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_242">242</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Franziskas_Erzaehlung">Franziskas Erz&auml;hlung</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_275">275</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Aurora">Aurora</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_291">291</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Affe_und_der_Spiegel">Der Affe und der Spiegel</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_323">323</a></td></tr>
+</table>
+
+
+
+<div class="textbody">
+<p class="widmung"><em class="gesperrt">Ich widme dieses Buch
+meiner Frau.</em></p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">O thou whose face hath felt the Winter&#8217;s wind<br /></span>
+<span class="i0">Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist,<br /></span>
+<span class="i0">And the black elm-tops &#8217;mong the freezing stars,<br /></span>
+<span class="i0">To thee the Spring will be a harvest time.<br /></span>
+<span class="i0">O thou, whose only book has been the light<br /></span>
+<span class="i0">Of supreme darkness which thou feddest on<br /></span>
+<span class="i0">Night after night when Phoebus was away,<br /></span>
+<span class="i0">To thee the Spring shall be a triple morn,<br /></span>
+<span class="i0">O fret not after knowledge, I have none,<br /></span>
+<span class="i0">And yet my song comes native with the warmth.<br /></span>
+<span class="i0">O fret not after knowledge, I have none<br /></span>
+<span class="i0">And yet the evening listens.<br /></span>
+<span class="i12">He who saddens<br /></span>
+<span class="i0">At thought of idleness cannot be idle,<br /></span>
+<span class="i0">And he&#8217;s awake who thinks himself asleep.<br /></span>
+<span class="i15"><em class="gesperrt">Keats</em>.<br /></span>
+</div></div>
+
+<!-- <p>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p>
+<h2><a name="Franziska_und_die_Freunde" id="Franziska_und_die_Freunde"></a><em class="gesperrt">Franziska und die Freunde</em></h2>
+
+
+<p>Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem
+Ball im K&uuml;nstlerhaus ein siebzehnj&auml;hriges M&auml;dchen kennen,
+das sehr liebreizend war, Franziska hie&szlig;, die Schauspielkunst
+studierte und das Leben liebte. Sie trug ihre Armut wie eine
+vorl&auml;ufige H&uuml;lle, und die Daseinsstimmung, in der sie sich
+befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen
+Munterkeit eines kr&auml;ftigen und entschlossenen Bergsteigers.</p>
+
+<p>Was die jungen M&auml;nner betrifft, so waren es S&ouml;hne
+aus reichen und geehrten Familien, und sie standen in der
+Reihenfolge der Jahre zwischen dreiundzwanzig und achtundzwanzig,
+die der Freundschaft noch angemessen ist. Eine
+Aufz&auml;hlung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft
+mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt,
+mittelgro&szlig; von Figur, ziemlich fett, doch immerhin elegant
+in der Erscheinung, von Bart und Haar blond wie t&uuml;rkischer
+Tabak, von Gem&uuml;tsart vertr&auml;glich, schmiegsamen
+Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebensw&uuml;rdigkeit.
+Die Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst,
+er selbst war sein treuester Patient, denn er beobachtete
+mit aufmerksamer Hypochondrie die Entstehung
+und den Wechsel einer gro&szlig;en Zahl von Krankheiten in
+seinem eigenen K&ouml;rper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher,
+<a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>br&uuml;netter, passioniert aussehender Mensch, der im
+Gang und im Gehaben etwas F&uuml;rstliches hatte, eine rasche,
+aufsammelnde, entscheidende und entschiedene Selbstherrlichkeit,
+war Arch&auml;olog ohne Amt, Privatgelehrter ohne bestimmte
+Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen
+Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in
+ein Verh&auml;ltnis voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte.
+Am meisten auf das &Auml;u&szlig;ere der Welt und das T&auml;tige
+des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl, deshalb
+hatte er auch Franziska zuerst f&uuml;r sich gewonnen. Er war
+angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen
+Gesicht sa&szlig;en zwei dumpfgl&auml;nzende Augen mit dem
+starken und weithinausschauenden Blick eines zielgewissen
+Sch&uuml;tzen. Eine fantasievolle Welterfahrung war ihm eigen,
+die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen k&uuml;nftigen
+Staatsmann schlie&szlig;en lassen konnte und durch eine seltsame
+Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls
+bemerkenswert war.</p>
+
+<p>Ihm gl&uuml;ckte es, dem Direktor eines der ersten Theater
+f&uuml;r Franziska Teilnahme einzufl&ouml;&szlig;en. Ihr Deb&uuml;t war ein
+Triumph. Die Poesie ihres L&auml;chelns, ihrer Geberde, ihrer
+Haltung verlieh der mittelm&auml;&szlig;igen Kom&ouml;die einen Schein
+von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre Sch&ouml;nheit
+auf Kosten ihrer Begabung lobten, r&auml;umten ein, da&szlig;
+hier pers&ouml;nlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein
+Gem&uuml;t bewegter, als er dem j&uuml;ngeren Freund gestehen
+mochte, aber Cajetans wechsels&uuml;chtiges Herz hatte sich unl&auml;ngst
+f&uuml;r eine andere entz&uuml;ndet, und nachdem sich die Beiden
+gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati bald,
+<a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a>Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie
+trug, und f&ouml;rderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein
+zartes Verh&auml;ltnis und voll Kameraderie, doch konnte es den
+Lebensdurst des jungen M&auml;dchens weder befriedigen, noch
+verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als ob sie alles
+vers&auml;umte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungest&uuml;mer
+f&uuml;hlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber
+feurigen Tr&auml;ume zu folgen.</p>
+
+<p>An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich
+Cajetan und Georg Vinzenz bei Franziska und Borsati ein,
+und bei gutem Essen und vortrefflichen Weinen verplauderten
+sie oft die halbe Nacht. Eines Tages brachte Borsati
+einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit,
+einen Menschen von nicht sehr gepflegtem &Auml;u&szlig;eren und
+eckigem Betragen, der sich Heinrich Hadwiger nannte und
+Ingenieur war. Von den befremdeten Gef&auml;hrten sp&auml;ter
+unter sechs Augen zur Rede gestellt, erkl&auml;rte Borsati, da&szlig;
+er Hadwiger sch&auml;tze, und da&szlig; ihn ihre hochm&uuml;tige Zur&uuml;ckhaltung
+nur desto sch&auml;tzenswerter erscheinen lasse. Seiner
+Jugend und feindseligen Widerst&auml;nden zum Trotz hatte Hadwiger
+den Auftrag erhalten, eine der neuen Gebirgsbahnen
+im S&uuml;den des Reichs zu bauen, und sein k&uuml;hnes Projekt
+bildete das Staunen der Kenner. Aus den d&uuml;rftigen Verh&auml;ltnissen
+eines westf&auml;lischen Kohlendorfes stammend, war
+alles was er besa&szlig; und vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren
+Flei&szlig;es und einer beispiellosen Willenskraft. Anf&auml;nglich
+der schlecht besoldete Beamte einer englischen Maschinenfabrik,
+hatte er sich zu einer heiklen Mission freiwillig
+gemeldet und wurde nach &Auml;gypten und nach Brasilien
+<a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a>geschickt, um die damals neuen Dampfpfl&uuml;ge einzuf&uuml;hren,
+was erst nach gro&szlig;en Schwierigkeiten und abenteuerlichen
+M&uuml;hsalen gelang. Ein Br&uuml;ckenbau im Staate Illinois
+hatte ihn ber&uuml;hmt gemacht, und er z&auml;hlte nun zu den Ersten
+seines Fachs. Soviel wu&szlig;te man von ihm, doch ohne Zweifel
+war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen
+mochte und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und
+sein Schweigen.</p>
+
+<p>Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur
+geduldet zu werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich
+war sein Gef&uuml;hl bisweilen beengt; ein Mensch, der einmal
+ums Brot gek&auml;mpft hat, tr&auml;gt Narben im Gem&uuml;t, die im
+Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine
+schwankende Stimmung lie&szlig; auf eine unzufriedene Seele schlie&szlig;en,
+sein rascher Ha&szlig; n&ouml;tigte zur Vorsicht gegen sein Urteil.
+Manchmal erregte er Gel&auml;chter, h&auml;ufiger ein L&auml;cheln. Wie
+die meisten Empork&ouml;mmlinge war er naiv und selbstgef&auml;llig,
+und er konnte sich in einer so umfassenden Weise loben, da&szlig;
+den Zuh&ouml;rern bei allem Respekt das Herz im Leibe lachte.</p>
+
+<p>Auch Franziska fand ihn spa&szlig;haft, doch lie&szlig; sie sich seine
+wachsende Verehrung immer lieber gefallen. Er geh&ouml;rte
+nach ihrer Meinung nicht zu den M&auml;nnern, die man liebt;
+seine tiefe Anh&auml;nglichkeit belohnte sie durch Vertrauen. Als
+er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte, blieb
+sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese
+Zeit bei der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen
+Vater unl&auml;ngst gestorben war, ging f&uuml;r einige Monate auf
+Reisen. Inzwischen l&ouml;ste sich der Bund Franziskas mit
+Borsati ohne L&auml;rm noch Katastrophe, etwa wie ein sch&ouml;ner
+<a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a>Spaziergang endet, und obwohl sie nach der R&uuml;ckkunft der
+andern Freunde gern und oft an den regelm&auml;&szlig;igen Zusammenk&uuml;nften
+teilnahm, f&uuml;hrte sie ihr Leben fern von
+ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein Ausruf, eine
+Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an,
+doch bewahrte sie stets die ihr eigent&uuml;mliche Heiterkeit und
+Leichtigkeit. Sie war sch&ouml;n; sch&ouml;n geworden, was mehr besagen
+will, als schlechthin sch&ouml;n. Voller Beseelung Auge,
+Hand und Schritt, voll Reife und Bewu&szlig;tsein; Eitelkeit
+zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im Ganzen
+Ma&szlig; und Haltung, erworbene W&uuml;rde, nat&uuml;rlichen Adel.
+Sie war eine jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne
+das Herz still steht. Sie hatte etwas von der Wahrheit
+der Elemente, und etwas vom Glanz und der r&uuml;hrenden Einsamkeit
+der gro&szlig;en Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte
+sie gel&auml;utert und erhoben, so wie sie manche Andere tr&uuml;ben
+und erniedrigen. Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genu&szlig;
+vorbestimmt, geno&szlig; sie umsomehr, je mehr ein begierdevolles
+Sinnenwesen sich ihr unter verf&uuml;hrerischen Formen
+nahte. Sie bewegte sich in der gro&szlig;en Welt, als ob sie darin
+geboren w&auml;re; die Au&szlig;enseite ihres Daseins war ohne Geheimnis,
+man erz&auml;hlte sich von ihr in allen Salons und
+Kaffeeh&auml;usern; was sie hinri&szlig;, was sie spannte, bezauberte,
+in Atem hielt, war den Freunden, insbesondere Borsati
+und Hadwiger, ein R&auml;tsel und das Offensichtliche wie das
+Verborgene gab ihnen Anla&szlig; zu Bef&uuml;rchtungen aller Art,
+zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand.
+Als Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte
+sie ihm, da&szlig; sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben
+<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>werde; vielleicht sei es der Tod; jeder Gedanke
+an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor Jahren
+habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, w&auml;hrend im Dorf
+die H&auml;user zu brennen angefangen; Weiber und M&auml;nner
+seien fortgeeilt, doch sie habe einem Geiger ein Goldst&uuml;ck
+hingeworfen, damit er weiter spiele und mit ihrem T&auml;nzer
+sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein dicht an
+den Fenstern lohte.</p>
+
+<p>So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger
+ging von ihr, weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie
+in der Pause zwischen zwei T&auml;nzen. Dann rief sie ihn wieder,
+in der Pause zwischen zwei T&auml;nzen, schlo&szlig; schwesterlich ihr
+Herz auf und n&auml;hrte sein verschwiegenes Mitgef&uuml;hl in ungewollter
+Grausamkeit.</p>
+
+<p>Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes
+Geschwistern. Lamberg war im Theater, und ihm schien
+es, als rede sie von der Szene herab zu ihm allein. Eine
+gewisse hinschleppende M&uuml;digkeit verwischte das Liebliche
+der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von
+Wehmut. Dar&uuml;ber &auml;rgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung
+erwartete er Franziska am B&uuml;hnenausgang. Ihr schuldbewu&szlig;tes
+L&auml;cheln machte seine Strafpredigt &uuml;berfl&uuml;ssig. Es
+war etwas Trauriges an ihr wie an einer Winterrose, die
+das offene Fenster scheuen mu&szlig;. Lamberg f&uuml;hrte sie in
+sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete W&auml;rme
+ergriff Franziska. Es war eine sch&ouml;ne Sommernacht, sie
+wandelten im Garten, scherzten und philosophierten. Schlie&szlig;lich
+erz&auml;hlte sie ihm, da&szlig; der F&uuml;rst Armansperg, Majoratsherr,
+Besitzer eines Hundertmillionenverm&ouml;gens, Herr auf
+<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>G&uuml;nderau, Weilburg und Schlo&szlig; Gamming, um ihre Hand
+angehalten habe. Seine Angeh&ouml;rigen, trostlos &uuml;ber diesen
+Entschlu&szlig;, setzten alles daran, ihn an der Ausf&uuml;hrung zu
+hindern, und sie selbst sei durch deren R&auml;nke und Intrigen
+zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erw&auml;hnte,
+da&szlig; er den F&uuml;rsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen
+G&uuml;ter lag unweit von seinem Landhaus im Gebirge.
+Er sch&auml;tze ihn auf sechzig, traue ihm aber Entschiedenheit
+genug zu, um einer Familien-Revolution die
+Spitze bieten zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal;
+die unbeschwerte Seele dem Gott entgegentragen: kurze
+Stunden. Er mag die Stunden z&auml;hlen und sein heitres Antlitz
+verschleiern, wenn der Morgen d&auml;mmert; dann sende
+er den Schlaf, und die n&uuml;chterne Sonne erf&uuml;llte ihn mit
+Trauer um so viel Lust, die gewesen ist. &raquo;Wer wei&szlig;, ob
+ich dich &uuml;berhaupt liebe,&laquo; sagte Franziska; &raquo;vielleicht wollt&#8217;
+ich mich nur &uuml;berzeugen, ob ein wirkliches Menschenherz
+in dir steckt.&laquo; &#8211; &raquo;Kann man davon Gewi&szlig;heit erlangen?&laquo;
+versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art.
+Und sie wieder: &raquo;Blut und Atem sind auch schon etwas,
+wenn man sie sp&uuml;rt. Verbirg dich nicht so in deiner K&uuml;hle,
+denn du bist nicht so stark wie du dich stellst.&laquo;</p>
+
+<p>Kurz darnach tauchte in den h&ouml;heren Zirkeln der Gesellschaft
+ein Mann auf, der sich Riccardo Troyer nannte,
+von vielen als ein D&auml;ne, von andern als ein Italiener bezeichnet
+wurde, und dessen Reichtum durch eine verschwenderische
+Lebensf&uuml;hrung unbezweifelbar schien. Man r&uuml;hmte
+seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines
+<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>reckenhaften K&ouml;rperbaues werde durch ein Gebrechen kaum
+verringert, hie&szlig; es; er hinke n&auml;mlich, wie Lord Byron, sei aber,
+wie Lord Byron, dabei ein vollendeter Reiter, Schwimmer
+und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches Genie
+von hundertj&auml;hriger Ber&uuml;hmtheit nicht zusagen wollte, dem
+wurde versichert, da&szlig; Riccardo Troyer an moderner Pr&auml;gung
+nichts zu w&uuml;nschen &uuml;brig lasse, da er durch B&ouml;rsen-
+und Minenspekulationen gro&szlig;en Stils zu seinem Verm&ouml;gen
+gekommen sei. Legenden von Ehebr&uuml;chen und Entf&uuml;hrungen,
+denen eine mi&szlig;trauenswerte Gew&ouml;hnlichkeit anhaftete, wurden
+behend verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen
+und M&auml;dchen mittelst Wasser, Gift, Fenstersturz und Leuchtgas,
+und die obere Menschheitsregion, die sich so argw&ouml;hnisch
+gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre
+verh&auml;lt, stand geblendet vor diesem ausl&auml;ndischen der letzten
+Mode, der von einem Zauberk&uuml;nstler ohnegleichen
+getragen wurde; nicht einmal die Kunde von allerlei verwegenen
+Geldtransaktionen und Wechselgesch&auml;ften konnte die
+Glorie des Fremdlings beeintr&auml;chtigen.</p>
+
+<p>Zur Zeit, als das Ger&uuml;cht den Namen Franziskas mit
+dem des Abenteurers vorsichtig zu verbinden begann, weilte
+Lamberg seit Wochen auf dem Land. Er hatte die Freunde
+ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der
+l&auml;stige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden
+war, trafen alle ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern,
+aus Rom gekommen und wohnte bei Lamberg, Borsati
+und Hadwiger logierten in einem entz&uuml;ckenden kleinen
+Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs
+Villa entfernt. Es war an einem Nachmittag, die
+<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>Freunde sa&szlig;en teetrinkend im Gartenhaus unter m&auml;chtigen
+Ahornb&auml;umen, und Cajetan hatte eben erz&auml;hlt, da&szlig; er bei
+der Gr&auml;fin Seewald, der Schwester des F&uuml;rsten Armansperg,
+eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und
+fl&uuml;chtig gesprochen habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam,
+in ihrer herrlich aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen
+&Uuml;berwurf und dem bunten Hut wie eine wandelnde
+Blume anzusehn. Sie begr&uuml;&szlig;te die Freunde, sie
+nahm Platz, begehrte Tee zu trinken und plauderte in der
+lebhaft erregten Art, die innere Unruhe und Hast verbergen
+will. &raquo;Wie steht es nun? wirst du uns also verlassen?&laquo;
+fragte Borsati mit z&auml;rtlichem Vorwurf. Franziska
+erwiderte weich: &raquo;Ihr sollt ein Andenken von mir haben.&laquo;
+&#8211; &raquo;Wir haben es immer,&laquo; versicherte Borsati galant.
+Sie lie&szlig; den erinnerungsvollen Blick in seinen Augen ruhen
+und wiederholte: &raquo;Ihr sollt ein Andenken von mir haben.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte schon Abschied genommen, fl&uuml;chtiger als die
+Gelegenheit zu fordern schien, da kehrte sie noch einmal
+zur&uuml;ck und sagte: &raquo;Wollt ihr heute &uuml;bers Jahr wieder
+hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann verspreche
+ich euch, zu kommen.&laquo; Die Freunde sahen einander verwundert
+an, doch Franziska fuhr fort: &raquo;Heut ist der erste
+September, &#8211; also &uuml;bers Jahr am gleichen Tage bin ich
+wieder hier, und vorher werdet ihr mich wohl kaum sehen.
+Halten wir die Verabredung, machen wir&#8217;s wie die Br&uuml;der
+im M&auml;rchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; es denn am selben Tag sein?&laquo; fragte Cajetan.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, nur dann ist es bindend,&laquo; versetzte sie.</p>
+
+<p>Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>und sie ging. Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll
+nach, wie sie fast fliegend rasch den umgr&uuml;nten Pfad hinuntereilte.
+Sie fuhr am n&auml;chsten Tag in die Stadt zur&uuml;ck,
+und kaum eine Woche war vergangen, so brachten alle
+Zeitungen die Neuigkeit, da&szlig; Franziska, die sch&ouml;ne Schauspielerin,
+mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht
+verursachte schon deshalb Best&uuml;rzung, weil man die
+Heirat Franziskas mit dem F&uuml;rsten Armansperg als nahe
+bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer solchen
+Verbindung hatte vergessen wollen. Man wu&szlig;te zu sagen,
+da&szlig; der F&uuml;rst au&szlig;er sich und nur mit M&uuml;he verhindert
+worden sei, den Abenteurer polizeilich verfolgen zu lassen.
+Er war auf das Ereignis nicht im mindesten gefa&szlig;t gewesen,
+einzelne Warnungen hatte er ver&auml;chtlich aufgenommen,
+doch von der Stunde ab zog er sich von der
+Welt zur&uuml;ck und lebte einsam.</p>
+
+<p>W&auml;hrend alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein
+Paket und einen Brief Franziskas. Der Brief ber&uuml;hrte
+die eingetretene Schicksalswendung mit keiner Silbe und
+war so kurz wie er &uuml;berhaupt nur sein konnte. &raquo;Ich gebe
+euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum
+Abschied und zur Erinnerung den goldnen Spiegel der
+Aphrodite, den mir ein teurer und nun verstorbener Freund
+geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon erz&auml;hlt, schlecht
+wie mir scheint, sonst w&auml;ret ihr gekommen, um das wunderbare
+Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem geh&ouml;ren
+und jedem, keiner soll ein Vorrecht darauf haben,
+weil ihr mir alle gleich wert seid und es eine frohe Empfindung
+f&uuml;r mich ist, ihn als ein Sinnbild meiner Liebe
+<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl,
+verge&szlig;t euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an
+euer Gesch&ouml;pf, eure Schwester, eure ewig getreue Franziska.&laquo;</p>
+
+<p>Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet sch&ouml;nes St&uuml;ck.
+Er war um das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen
+Palastes aufgefunden worden, kam in die ber&uuml;hmte Sammlung
+Diatopulos und gelangte f&uuml;nfzig Jahre sp&auml;ter in die
+H&auml;nde des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach dem
+Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen,
+der Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris
+versteigert, und dort hatte ihn der unbekannte Verehrer
+Franziskas erworben.</p>
+
+<p>Die Freunde einigten sich dahin, da&szlig; jeder von ihnen
+den Spiegel f&uuml;r die Dauer von drei Monaten unter seinem
+Dach beherbergen sollte. W&auml;ren sie nicht M&auml;nner von Geschmack
+und Geist gewesen, so h&auml;tte Franziskas Gabe leicht
+&Auml;rgernis stiften k&ouml;nnen. Keiner hatte Sicherheit; an wen
+die Reihe kam, der war zum voraus verstimmt &uuml;ber die
+Scheinhaftigkeit seines Rechts. Gemeinhin macht der Besitz
+die Dinge fremder; hier, wo der Gewinn schon den
+Verlust bedingte, hielt Ungewi&szlig;heit das stets wieder entgleitende
+Gut doppelt lebendig. H&auml;tte Franziska das Geschenk
+einem unter ihnen zugesprochen, so w&auml;re f&uuml;r die
+andern keine Beunruhigung erwachsen, und der Erw&auml;hlte
+h&auml;tte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht lange entbehrt.
+So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel
+bedeutenden Pein.</p>
+
+<p>Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Bekannten hatte niemand von ihr geh&ouml;rt, und der Urlaub,
+den sie vom Theater genommen, war l&auml;ngst &uuml;berschritten.
+Es hie&szlig;, der F&uuml;rst Armansperg habe &uuml;ber Riccardo
+Troyer weitl&auml;ufige Nachforschungen anstellen lassen,
+die zu einem bedenklichen Ergebnis gef&uuml;hrt h&auml;tten. Auch
+davon wurde es allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger
+einige Zeit in Paris auf und h&ouml;rte, da&szlig; Troyer
+w&auml;hrend des spanisch-marokkanischen Kriegs als Agent einer
+englischen Gewehrfabrik in Madrid t&auml;tig gewesen, da&szlig; er
+Betr&uuml;gereien ver&uuml;bt und aus dem Land gejagt worden sei.
+Hadwiger konnte nicht vergessen; er war nicht f&auml;hig, sich
+ins Unwiderrufliche zu finden. Er grollte der F&uuml;gung, sein
+Gem&uuml;t war verdunkelt, und um der Gedankenspiele enthoben
+zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.</p>
+
+<p>So ging das kleine und das gro&szlig;e Leben weiter. Im Juli
+bezog Lamberg seine Villa im Gebirg. Mit einer K&ouml;chin,
+dem Diener Emil und einem Affen verlie&szlig; er die Stadt.
+Den Affen hatte er vor kurzem von einem holl&auml;ndischen
+Kaufmann erhalten und war f&ouml;rmlich verliebt in ihn. Es
+war ein junger Baam oder Schimpanse, der die Gr&ouml;&szlig;e
+eines achtj&auml;hrigen Knaben hatte. Durch die Unterhaltungen
+mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier erlangte er Einblick
+in die F&uuml;lle sch&ouml;nen Humors, von welcher der sich
+selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.</p>
+
+<p>In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati
+und Cajetan ein. Sie wohnten diesmal alle drei in
+dem Gasthaus am See, da Cajetan nicht beg&uuml;nstigt zu sein
+w&uuml;nschte und das lieblich barocke Hotelchen ebensoviele Bequemlichkeiten
+bot wie Lambergs Junggesellenheim.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a></p>
+<h2><a name="Was_ueber_den_Spiegel_beschlossen_wurde" id="Was_ueber_den_Spiegel_beschlossen_wurde"></a><em class="gesperrt">Was
+&uuml;ber den Spiegel beschlossen wurde</em></h2>
+
+
+<p>Sieben Seen, zwischen Felsen und W&auml;lder d&uuml;ster gebettet
+die einen, im Schutz freundlicher H&auml;nge leuchtend die andern,
+konnte das Auge des Betrachters von jedem beherrschenden
+Gipfel aus erblicken. Wege zogen h&uuml;gelauf- und
+abw&auml;rts; feste wei&szlig;e Wege; durchschnitten und umg&uuml;rteten
+die langgestreckten D&ouml;rfer, begleiteten l&auml;rmende B&auml;che, verloren
+sich in Wiesen, schl&uuml;pften &uuml;ber Br&uuml;cken und Stege
+und klommen windungsreich an den kraftvoll gestalteten
+Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine Wildnis,
+da eine Ruine, dr&uuml;ben eine gewaltige Wand, im Norden
+kahle Steinriesen, im S&uuml;den ein erhabenes Gletscherhaupt;
+so wurde das Bild geschlossen, das harmonisch im einzelnen
+wie gro&szlig; im ganzen war.</p>
+
+<p>Dem Gletscher fern gegen&uuml;ber, um die ganze Weite eines
+Tals, eines ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung
+hinter dem Plateau von ihm entfernt, lag die Villa
+Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und durch die
+offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in
+die Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden
+Linien der Nacht geisterhaft entr&uuml;ckt schien. Das Abendessen
+war vor&uuml;ber, Borsati, Cajetan und Lamberg sa&szlig;en
+noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher Aufregung hin
+und her. Er nahm es den Freunden &uuml;bel, da&szlig; sie so gleichm&uuml;tig
+waren, &#8211; denn heute war der Tag, f&uuml;r den Franziska
+sie alle zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>gekommen, und es bestand wenig Grund zu der Hoffnung,
+da&szlig; sie noch kommen w&uuml;rde, jetzt, in den Stunden der
+Nacht. Wer wei&szlig;, wo sie ist; wer wei&szlig;, ob sie lebt, dachte
+er bek&uuml;mmert. Dann gr&uuml;belte er dar&uuml;ber nach, wie er es
+anfangen k&ouml;nnte, um das Gespr&auml;ch auf die Erw&auml;gungen
+zu lenken, die ihn so schmerzhaft besch&auml;ftigten. Hatte er
+doch w&auml;hrend der Dauer eines Jahres diesem Tag entgegengelebt,
+nichts weiter, und das Wort Franziskas war
+ihm f&uuml;r beide Teile als so unwiderruflich erschienen, da&szlig;
+kein Zweifel sich in sein Zutrauen mischte. Nun war es
+Abend, und es war ein Tag vergangen wie viele andere
+Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte
+er; ist es Verstellung oder K&auml;lte? Das, was sie Haltung
+nennen oder jene Herzensgl&auml;tte, die sie mir oft so fremd
+macht?</p>
+
+<p>Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner
+Runde seit einigen Wochen zu Lamberg zur&uuml;ckgekehrt
+war, und betrachtete in dumpfer Verlorenheit das Wunder
+aus alter Zeit.</p>
+
+<p>Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold;
+sie wurde mit hocherhobenen Armen von der Figur einer
+G&ouml;ttin getragen, die auf einer k&ouml;stlich gearbeiteten Schildkr&ouml;te
+stand. Die R&uuml;ckseite der Scheibe zeigte die Figur
+eines J&uuml;nglings, offenbar eines Narzissos, der in l&auml;ssig
+sch&ouml;ner Art auf einem Felsblock sa&szlig;, zwei lange St&auml;be im
+rechten Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen
+Strichen graviertem Wasser die Umrisse seines Bildes beschaute.
+Tief am Rand war in griechischen Lettern das
+Wort Le&auml;na eingeritzt, welches der Name der Het&auml;re sein
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte.
+Das ganze Kunstwerk war ungef&auml;hr zwei Handl&auml;ngen hoch.</p>
+
+<p>Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den
+Arm mit jovialer Geberde auf dessen Schulter. &raquo;Die weibliche
+Figur steht unvergleichlich da&laquo;, sagte er. &raquo;Sie tr&auml;gt
+wirklich; jeder einzelne Muskel ihres K&ouml;rpers tr&auml;gt. Finden
+Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der
+Bewegung, wie man etwas h&auml;lt, dessen Besitz die Kr&auml;fte
+erh&ouml;ht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine edle Form&laquo;, best&auml;tigte Lamberg, &raquo;und um
+zu ermessen, wie die Alten solche Dinge gearbeitet haben,
+mu&szlig; man nur die Schildkr&ouml;te ansehn. Welche Feinheit!
+Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie vor allem
+die Idee eines Postaments.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man ist &uuml;berzeugt, da&szlig; die Last f&uuml;r diesen Panzer gar
+nicht wiegt&laquo;, versetzte Cajetan.</p>
+
+<p>&raquo;Mich d&uuml;nkt bisweilen&laquo;, warf Borsati ein, &raquo;da&szlig; sich
+das Gesicht der Aphrodite durch einen fahleren Glanz von
+der F&auml;rbung des &uuml;brigen Gusses abhebt.&laquo;</p>
+
+<p>Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet.
+&raquo;Nur wei&szlig; ich eben nicht, was daran die Zeit verschuldet
+hat&laquo;, fuhr er fort. &raquo;Bekannt ist jedenfalls, da&szlig; der Bildhauer
+Silanion Silber in das Erz mischte, aus dem das
+Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung
+den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des
+Athanas auszudr&uuml;cken, tat Aristonidas Eisen in die Masse,
+wodurch er eine charakteristische Rostfarbe erzeugte. Sieht
+es nicht aus, als ob die Z&uuml;ge der Venus von einem imagin&auml;ren
+Mond bestrahlt seien?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Hadwiger, der f&uuml;r diese Er&ouml;rterungen wenig Interesse
+bewies, sah nach der Uhr. Lamberg fing den Blick auf
+und l&auml;chelte. &raquo;Warum l&auml;cheln Sie?&laquo; fragte ihn Hadwiger
+stirnrunzelnd. &#8211; &raquo;Wo ich Ungeduld bemerke, mu&szlig; ich stets
+l&auml;cheln&laquo;, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. &#8211; &raquo;Und
+Sie empfinden keine? Sie erwarten nichts?&laquo; Lamberg sch&uuml;ttelte
+den Kopf. &#8211; &raquo;Und ihr erwartet auch nichts?&laquo; wandte
+sich Hadwiger sch&uuml;chtern und erstaunt an die andern beiden.
+&raquo;Ich habe Franziskas Wunsch schon damals f&uuml;r eine Laune
+gehalten&laquo;, bekannte Cajetan. &#8211; &raquo;Warum sind Sie dann
+gekommen?&laquo; fragte Hadwiger fast schroff. &#8211; &raquo;Erstens, weil
+ich mit Vergn&uuml;gen hier bin, zweitens, weil ich durch mein
+gegebenes Wort gen&ouml;tigt war, die Laune ernst zu nehmen&laquo;,
+war die Erwiderung. &#8211; &raquo;Und Sie auch, Rudolf?&laquo; &#8211; &raquo;Ich
+glaube nie an Programme und bin mi&szlig;trauisch gegen Verabredungen,
+weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten&laquo;,
+sagte Borsati.</p>
+
+<p>Cajetan brachte das Gespr&auml;ch auf Riccardo Troyer. Er
+war dem ber&uuml;chtigten Ausl&auml;nder mehrmals in der Gesellschaft
+begegnet und r&uuml;hmte ihn als einen Mann von gro&szlig;er
+Welt, der einer souver&auml;nen Macht &uuml;ber die Menschen in
+jedem Fall und bis zur Frivolit&auml;t sicher sei und, ob er
+nun ge&auml;chtet oder bewundert werde, Merkmale einer d&auml;monischen
+Besonderheit so deutlich an sich trage, da&szlig; man
+sich seinem Einflu&szlig; nicht entziehen k&ouml;nne. Borsati tadelte
+das Wort von der d&auml;monischen Besonderheit als einen
+jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die
+sogenannten d&auml;monischen Menschen unversch&auml;mte Kom&ouml;dianten,
+sonst nichts. Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>sagte, er habe das Wesen nicht begriffen, das um Franziskas
+letzte Liaison gemacht worden, zumal die Ehe mit
+dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende h&auml;tte
+f&uuml;hren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen&laquo;, rief Hadwiger
+aus.</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan&laquo;, antwortete
+Cajetan ernst und bestimmt. &raquo;Eine Frau wie sie folgt
+untr&uuml;glichen Instinkten, und selbst wenn sie den Weg ins
+Verderben w&auml;hlt, liegt mehr Schicksal darin als wir ahnen.
+Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich
+hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine
+Treue gegen das Gef&uuml;hl, die von h&ouml;herem Rang ist als
+die Treue gegen die Person.&laquo;</p>
+
+<p>Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner
+verabschiedeten sich von Lamberg. Dieser stand auf dem
+Balkon und lauschte noch lange ihren in der Nacht verhallenden
+Stimmen. Weit drunten auf der Landstra&szlig;e rasselte
+ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, bef&uuml;hlte
+das Gras und, da er es trocken fand, prophezeite er im
+stillen f&uuml;r den morgigen Tag schlechtes Wetter. Er ging
+dann in das obere Stockwerk des Hauses, &ouml;ffnete die T&uuml;r
+zu einer dunklen Kammer und rief: &raquo;Qu&auml;cola!&laquo; Das war
+der Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das
+Tier lie&szlig; einen freudigen kleinen Schrei h&ouml;ren. Lamberg
+riegelte den K&auml;fig auf, und der Affe folgte ihm aus dem
+Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete Speisezimmer.
+Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte
+l&uuml;stern nach einer mit Fr&uuml;chten gef&uuml;llten Schale, die auf
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>dem Tische stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu,
+ergriff eine Pflaume und bi&szlig; hinein. Indessen hatte sich
+das Rollen jenes fernen Wagens gen&auml;hert, Georg Vinzenz
+lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die T&uuml;re, die
+Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem
+Schlag. Georg Vinzenz begr&uuml;&szlig;te sie voll stummer &Uuml;berraschung,
+und, nachdem er den Diener gerufen, damit er
+das Gep&auml;ck versorge, f&uuml;hrte er sie ins Haus. &raquo;Du bist
+p&uuml;nktlich wie ein Mitternachtsgespenst&laquo;, sagte er l&auml;chelnd
+und forschte in ihren Z&uuml;gen, ob sie zu einem so scherzhaften
+Gespr&auml;chsbeginn aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem
+Gespensterhaften tr&uuml;ge nur die Eisenbahn schuld, und da
+sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es unvermeidlich
+gewesen, da&szlig; sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei.
+&raquo;Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?&laquo; fragte
+er, und als sie verwundert schien, f&uuml;gte er rasch hinzu:
+&raquo;Ich h&auml;tte dich sonst am Bahnhof erwartet.&laquo;</p>
+
+<p>Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser
+geworden, die Hand, die sie beim ersten Gru&szlig; in die seine
+gelegt, schmaler, k&auml;lter und schwerer. Der Mund sah wie
+von vielen vergeblichen Worten erm&uuml;det aus, und unter
+den &uuml;berm&auml;&szlig;ig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle
+Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie
+wich unter seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige
+Tage in seinem Hause bleiben k&ouml;nne, und nachdem er eifrig
+bejaht hatte, ergriff sie mit beiden H&auml;nden seine Rechte
+und stammelte bittend: &raquo;Aber frag&#8217; mich nicht! Nur nicht
+fragen!&laquo;</p>
+
+<p>Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen.
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Das war nicht mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte,
+spr&uuml;hende Franziska, die lebenshungrige. Es war eine
+Satte, eine Sieche, eine Hinf&auml;llige, eine mit letzten Kr&auml;ften
+sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast notwendig.
+Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme
+w&uuml;hlte und schluchzte! So h&auml;tte die unverwandelte Franziska
+niemals geweint; nicht durch Tr&auml;nen, h&ouml;chstens durch
+Lachen h&auml;tte sie Qu&auml;cola, den Schimpansen, zu einer best&uuml;rzten
+Flucht in den Winkel des Zimmers veranla&szlig;t.</p>
+
+<p>Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer
+liegen dunkle Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem
+Blick seines Auges. Es wird die Stunde kommen, wo es
+ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte er sich. Seinem
+sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig;en noch lange beisammen in dieser Nacht. Der
+Heuduft von den Wiesen, die Harzger&uuml;che aus dem Wald,
+das weitheraufklingende Rauschen der Traun, all das trug
+dazu bei, da&szlig; sie sich sammeln und besinnen konnte, denn
+sie glich einem Menschen, der aus schweren Tr&auml;umen erwacht
+ist.</p>
+
+<p>Lamberg teilte ihr mit, da&szlig; die andern Freunde hier
+seien, da&szlig; sie den Abend bei ihm zugebracht. Franziska
+hatte den goldenen Spiegel von seinem Gestell gehoben
+und blickte zerstreut auf das matte Metall der Scheibe.
+Pl&ouml;tzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Z&uuml;ge,
+und sie fl&uuml;sterte beengt: &raquo;Werden sie mich nicht fragen?&laquo;
+Lamberg, der zum offenen Fenster gegangen war, entgegnete,
+ohne sich umzukehren: &raquo;Nein, Franzi, sie werden
+nicht fragen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>Franziska seufzte und lie&szlig; den Kopf sinken. So blieben
+sie eine Weile, die Frau mit dem goldenen Spiegel, der
+junge Mann, in den Mond schauend, und der Affe in taktvoll
+beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen beiden.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden
+ins Hotel, um sie von der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen
+und was er an Aufkl&auml;rung f&uuml;r geboten hielt, mit
+der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und Diskretion
+zu &auml;u&szlig;ern. Es wurde vereinbart, da&szlig; die Freunde
+erst am Abend kommen sollten, damit Franziska den Tag
+&uuml;ber ruhen k&ouml;nne. Da&szlig; man sie zu begr&uuml;&szlig;en hatte, als
+wenn nichts geschehen w&auml;re, ohne fordernde Neugier mit
+ihr sprechen m&uuml;sse, war selbstverst&auml;ndlich und die Art und
+Weise dem Takt jedes Einzelnen &uuml;berlassen.</p>
+
+<p>Mittags umw&ouml;lkte sich der Himmel, und als nach Anbruch
+der Dunkelheit die drei zu Lamberg kamen, regnete
+es schon seit einigen Stunden. Franziska spielte mit Qu&auml;cola
+Ball, der dabei eine erquickende Gravit&auml;t entfaltete;
+so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er w&uuml;tend die
+Z&auml;hne und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen
+an. &raquo;Wir lieben uns, wir zwei&laquo;, sagte Franziska
+zu den Freunden, indes der Affe von Lamberg aus dem
+Zimmer gef&uuml;hrt wurde; &raquo;Qu&auml;cola ist mein letzter Anbeter.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend des Abendessens lie&szlig; nur Hadwiger die w&uuml;nschenswerte
+Haltung vermissen. Stumm sa&szlig; er da und betrachtete
+das hingewelkte Gesch&ouml;pf, ein Opfer unbekannter
+Schicksale, so da&szlig; Franziska, ger&uuml;hrt und verwirrt, ihm
+einmal l&auml;chelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm
+sie an dem lebhaften Gespr&auml;ch der andern teil, sprach von
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Paris, von Marseille, von Rom, als ob sie allein dort
+gewesen und eine mi&szlig;lungene Vergn&uuml;gungsreise gemacht
+h&auml;tte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich Franziska
+auf die Ottomane, und fr&ouml;stelnd bedeckte sie sich von den
+F&uuml;&szlig;en bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal.</p>
+
+<p>Die jungen M&auml;nner hatten im Halbkreis um sie her
+Platz genommen, und Borsati, der Franziskas Augen auf
+dem goldenen Spiegel ruhen sah, bemerkte gegen sie scherzhaft
+&uuml;bertreibend, es h&auml;tte nicht viel gefehlt, so w&auml;re um
+das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das
+Thema mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges
+Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld,
+die so oft ihre H&uuml;lle von abgekl&auml;rter M&auml;&szlig;igung zerri&szlig; und
+Heinrich Hadwigers finstern Neid mit vieler Laune, denn
+er war witzig wie Figaro.</p>
+
+<p>&raquo;Georg macht es wie gewisse Diebe&laquo;, sagte Cajetan lachend,
+&raquo;indem sie fliehen, schreien sie: haltet den Dieb.
+Wer war und ist am meisten in den Spiegel verliebt, mein
+Teurer? Im &uuml;brigen ist meine Meinung noch immer die,
+da&szlig; es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung
+zu Wohnung zu schleppen,&laquo; f&uuml;gte er ernst hinzu. &raquo;Jede
+Hausfrau wird zugeben, da&szlig; ihre M&ouml;bel durch h&auml;ufigen
+Umzug besch&auml;digt werden, und mich d&uuml;nkt, da&szlig; auch das
+sch&ouml;ne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht nur
+geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe
+einem Diamantring, der immer wieder an der Hand eines
+andern gl&auml;nzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lassen wir doch das Los entscheiden&laquo;, meinte Hadwiger
+plump, ein Wort, das der Entr&uuml;stung Lambergs
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>und der schweigenden Verachtung der beiden andern anheimfiel.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschr&auml;nkten
+Besitzer werden zu k&ouml;nnen?&laquo; fragte Lamberg mit vernichtendem
+Hohn.</p>
+
+<p>&raquo;Meine M&ouml;glichkeit ist nicht gr&ouml;&szlig;er als die Ihre&laquo;, versetzte
+Hadwiger best&uuml;rzt. &raquo;Ohne Verdienst? was hei&szlig;t
+das? Soll der Spiegel eine Pr&auml;mie f&uuml;r Leistungen werden?
+Wir k&ouml;nnen uns aneinander nicht messen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagen Sie das aus Anma&szlig;ung oder aus Bescheidenheit?&laquo;
+erkundigte sich Borsati l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska &uuml;ber den
+Fall?&laquo; fragte Cajetan.</p>
+
+<p>&raquo;Als echte Frau m&uuml;&szlig;te sie den Spruch abgeben: wer
+mich am besten liebt, soll den Spiegel behalten&laquo;, entgegnete
+Borsati.</p>
+
+<p>&raquo;Also ein weiblicher K&ouml;nig Lear&laquo;, sagte Franziska sanft.
+&raquo;Dabei kommt die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn
+ihr euch in den Haaren liegt, meine lieben Freunde, so
+mu&szlig; ich wirklich glauben, da&szlig; mein Geschenk eine Torheit
+war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die
+sich vor Gericht m&ouml;rderisch beschimpfen und dann gem&uuml;tlich
+miteinander zum Fr&uuml;hst&uuml;ck gehn. Soll ich einen Vorschlag
+machen? Nun gut. Ihr habt doch so manches erlebt,
+so vieles geh&ouml;rt und gesehen, ihr habt doch immer,
+wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Am&uuml;santes
+und Merkw&uuml;rdiges zu berichten gewu&szlig;t. So erz&auml;hlt doch!
+Erz&auml;hlt doch Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht
+oder zehn Abende vor uns, so lang werdet ihr doch bleiben,
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>hoff ich, und wer die sch&ouml;nste Geschichte erz&auml;hlt, oder die
+sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir alle
+f&uuml;hlen, da&szlig; uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den
+Spiegel bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten,
+der die sch&ouml;nste Geschichte erz&auml;hlt, wer wei&szlig;. Und vielleicht,
+eines Tages, wer wei&szlig;, vielleicht gibt es eine Geschichte,
+die auch mich zum Erz&auml;hlen bringt&nbsp;&#8211;&laquo; Sie hielt
+inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.</p>
+
+<p>Alle schwiegen. &raquo;Ich denk&#8217; es mir herrlich&laquo;, fuhr Franziska
+mit einiger Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte
+&uuml;bert&ouml;nen; &raquo;immer spricht eine Stimme, spricht von der
+Welt, von den Menschen, von Dingen, die weit weg und
+vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert
+mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt
+einander, &uuml;berbietet einander, &#8211; la&szlig;t euch doch nicht bitten,
+sagt ja! Fangt an!&laquo;</p>
+
+<p>Wieder entstand ein Schweigen. &raquo;Ich halte das f&uuml;r ein
+verzweifeltes Unternehmen&laquo;, murmelte endlich Hadwiger
+mit der Miene eines Menschen, von dem Unm&ouml;gliches gefordert
+wird.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch&laquo;, schr&auml;nkte
+Borsati ein; &raquo;wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erz&auml;hlen
+haben&laquo;, antwortete Lamberg und f&uuml;gte mit Bedeutung
+hinzu: &raquo;Bei solchem Anla&szlig; darf man niemals an
+den Spiegel denken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bravo, Georg!&laquo; rief Cajetan. &raquo;Ich sehe, Sie fangen
+schon Feuer. In Ihren Augen malen sich schon die Bilder
+aus wundersamen Geschichten. Nicht an den Spiegel denken,
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>das ist es! Als Richter gleichen wir dann nicht den
+Zuh&ouml;rern im Theater, denen ein m&uuml;&szlig;iges H&auml;ndeklatschen
+&uuml;ber einen unklar gesp&uuml;rten Eindruck hinweghilft, sondern
+wir kr&ouml;nen den Verk&uuml;ndiger eines Schicksals als Tatzeugen.
+Ich sehe keine Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit.
+Es wird vieles sein, was uns aneifert; das Wort
+ist ja ein gro&szlig;er Verf&uuml;hrer.&laquo;</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a></p>
+<h2><a name="Die_Pest_im_Vintschgau" id="Die_Pest_im_Vintschgau"></a><em class="gesperrt">Die Pest im Vintschgau</em></h2>
+
+
+<p>Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder
+seine Tasse ausgetrunken hatte, sagte Borsati: &raquo;Wenn ich
+im Geist zur&uuml;ckschaue, f&auml;llt mir ja dies und jenes auf,
+was des Berichtens wert w&auml;re, aber wo ich selbst beteiligt
+bin, st&ouml;rt mich die N&auml;he, und wo es nicht der Fall ist,
+bin ich ungewi&szlig;, ob ich &uuml;berzeugend oder wahr sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorf&auml;lle aus
+unserm eigenen Leben erz&auml;hlen, um wie viel weniger, wenn
+es sich um fremde Erlebnisse handelt&laquo;, erwiderte Lamberg.
+&raquo;Ja, man l&uuml;gt mehr, wenn man &uuml;ber sich selbst die Wahrheit
+sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke
+stellt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments&laquo;, versetzte
+Cajetan mi&szlig;billigend. &raquo;Jeder ist dann so wahr, wie
+seine Augen oder sein Ged&auml;chtnis wahr sind. Ich bin nicht
+gr&ouml;&szlig;er als mein Wuchs. Wer sich gr&ouml;&szlig;er macht, wird
+ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand erf&uuml;llt
+mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste
+wird wahr, wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges
+Gesicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Famos. Ich will m&ouml;glichst viel sch&ouml;ne Gesichter sehn&laquo;,
+sagte Franziska und nahm eine Miene des Bereitseins an.</p>
+
+<p>&raquo;Jedes Gesicht ist sch&ouml;n im Erleiden des besondern
+Schicksals, zu dem sein Tr&auml;ger bestimmt ist&laquo;, entgegnete
+Lamberg.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich etwas Ketzerisches sagen?&laquo; begann Franziska
+wieder; &raquo;ich finde, da&szlig; der Sinn f&uuml;r die Sch&ouml;nheit immer
+<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>geringer wird; man sucht stets noch etwas Anderes daneben,
+Seele oder Geist oder Genie, etwas, das mit der Sch&ouml;nheit
+gar nichts zu schaffen hat und einem nur den Geschmack
+verdirbt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint in der Tat, da&szlig; man in fr&uuml;heren Zeiten
+die Sch&ouml;nheit mehr um ihrer selbst willen geachtet hat&laquo;,
+antwortete Lamberg. &raquo;Auch wurde ihr eine h&ouml;here Wichtigkeit
+zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise
+berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter
+von siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb,
+da&szlig; sie die letzten Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett
+zubrachte und best&auml;ndig einen Spiegel in der Hand
+hielt, um die Verw&uuml;stungen zu beobachten, die die Krankheit
+in ihrem Gesicht erzeugte. Schlie&szlig;lich lie&szlig; sie die Fenster
+dicht verh&auml;ngen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und
+sie duldete kein anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sogar das Volk besa&szlig; einen echten Enthusiasmus f&uuml;r
+die Sch&ouml;nheit hochgestellter Frauen&laquo;, sagte Cajetan. &raquo;Im
+Jahre 1750 verdiente sich ein Londoner Schuster eine Menge
+Geld dadurch, da&szlig; er f&uuml;r einen Penny den Schuh sehen
+lie&szlig;, den er f&uuml;r die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte.
+Und als dieselbe Herzogin auf ihre G&uuml;ter reiste, blieben
+vor einem Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere
+hundert Menschen die ganze Nacht &uuml;ber auf der
+Stra&szlig;e, um sie am n&auml;chsten Morgen in ihre Karosse steigen
+zu sehen und die besten Pl&auml;tze dabei zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Demgem&auml;&szlig; &auml;u&szlig;erte sich dann auch die Verliebtheit der
+M&auml;nner&laquo;, nahm Georg Vinzenz abermals das Wort; &raquo;ein
+<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>J&uuml;ngling in einer burgundischen Stadt war von der Sch&ouml;nheit
+seiner Geliebten so hingerissen, da&szlig; er nach dem ersten
+Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst
+erkl&auml;rte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die
+Pilger von Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal
+des Propheten gesehen haben, um ihre Blicke von nun
+ab vor Entweihung zu sch&uuml;tzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig; ein Bramarbas gewesen sein&laquo;, behauptete
+Borsati; &raquo;ich glaube ihm nicht eine Silbe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; versetzte Cajetan. &raquo;Wir k&ouml;nnen uns kaum
+eine Vorstellung von der Energie und Glut machen, mit
+denen man sich damals einer Leidenschaft hingab.&laquo;</p>
+
+<p>Borsati zuckte die Achseln. &raquo;Mag sein, da&szlig; er&#8217;s getan
+h&auml;tte&laquo;, sagte er, &raquo;was wir erdenken k&ouml;nnen, kann auch
+geschehn. Ich wehre mich nur dagegen, da&szlig; man aus unserer
+Zeit die gro&szlig;en Empfindungen hinausredet, um eine
+nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen
+zu schm&uuml;cken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren
+Zeugen wir selbst werden, anders aus als die mit dem
+Galeriestaub der &Uuml;berlieferung, und ihre Verfeinerung
+oder Verd&uuml;nnung auf der einen Seite bedingt meist ein
+finsteres und brutales Gegenspiel.&laquo;</p>
+
+<p>Zum Beweis erz&auml;hlte er folgende Geschichte.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Vor zwei Jahren war ich auf einem m&auml;hrischen Gut
+zu Gast. Man kannte mich in der nahgelegenen Stadt, und
+weil der ans&auml;ssige Arzt &uuml;ber Land gefahren war, wurde
+ich eines Abends, ziemlich sp&auml;t, in das Wirtshaus gerufen,
+wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschu&szlig;
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>in die Lunge t&ouml;dlich verletzt hatte. Der Fall war
+hoffnungslos, Linderung der Schmerzen war alles, was zu
+tun &uuml;brig blieb. Am folgenden Morgen sa&szlig; ich lange an
+seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefa&szlig;t und enth&uuml;llte
+mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student,
+f&uuml;nfundzwanzig Jahre alt, Sohn verm&ouml;gender Eltern. Bis
+zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte er, ich gebrauche
+seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier; leichtsinnig, verschwenderisch
+und in gewissenloser Verprassung von Zeit
+und Kr&auml;ften. Sein Gem&uuml;t, urspr&uuml;nglich zarter Regungen
+durchaus f&auml;hig, war verh&auml;rtet und abgerieben durch den
+best&auml;ndigen Umgang mit Dirnen. Die Atmosph&auml;re gemeiner
+Kneipen war ihm Bed&uuml;rfnis und die Zudringlichkeit k&auml;uflicher
+Weiber Gewohnheit geworden. Er wu&szlig;te kaum,
+wie anst&auml;ndige Frauen sprechen, und in unreifer &Uuml;berhebung
+sah er in diesem Treiben die Krone der Freiheit.
+Da geschah es, da&szlig; er auf einer Ferienreise in ein vielbesuchtes
+Hotel kam und auf dem Schreibtisch seines Zimmers
+einen Brief fand, der unter L&ouml;schbl&auml;ttern lag, unvollendet
+und sicher dort vergessen worden war. Er gab
+mir den Brief zu lesen, den er wie einen Talisman von
+der Stunde ab immer bei sich getragen, der sein Leben
+ver&auml;ndert und zuletzt noch seinen Tod verschuldet hatte.
+Wie der Inhalt zu schlie&szlig;en erlaubte, war das Schreiben
+von einem jungen M&auml;dchen und an einen Freund gerichtet.
+Man kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht
+vor Armut und Schande, vor v&ouml;lliger Verlassenheit, Beteuerung
+vergeblicher Anstrengungen, Z&uuml;ge menschlicher Habsucht,
+H&auml;rte und Niedertracht, entdeckt von einem Wesen,
+<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>das gl&auml;ubig war und das noch immer, obwohl mit schwindendem
+Gef&uuml;hl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute,
+das war der Text in d&uuml;rren Worten, die nichts von der
+tiefen und nat&uuml;rlichen Beredsamkeit eines verzweifelnden
+Herzens ahnen lassen. Die Frage nach der Unbekannten
+war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die
+Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft
+geben und wiesen auf den gro&szlig;en Verkehr n&auml;chtigender
+G&auml;ste hin. Anhaltspunkte &uuml;ber Namen und Wohnort
+enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut,
+als h&auml;tte er eine Stimme von einem unerreichbaren
+Stern vernommen. Es ergriff ihn eine brennende Unruhe,
+und durch Sehnsucht wurde er geradezu entnervt. Da&szlig; der
+Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als F&uuml;gung und
+Aufforderung zugleich; da&szlig; es eine Frau in der Welt gab,
+die so beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte,
+war ihm neu und ersch&uuml;tterte die Fundamente
+seines Lebens. Er studierte den Brief wie ein Egyptolog
+einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten
+Dialekt, auf eine bestimmte Sph&auml;re der Existenz. Jede
+Silbe, jeder Federzug wurde ihm allm&auml;hlich so vertraut,
+da&szlig; sich ein Charakterbild der Schreiberin immer fester gestaltete,
+da&szlig; er ein Antlitz sah, die Geberde, das Auge,
+da&szlig; er die Stimme zu h&ouml;ren glaubte, eine Stimme, die
+ihn ohne Unterla&szlig; rief. Er reiste von einer Stadt in die
+andere, wanderte tagelang durch Stra&szlig;en, um Gesichter
+von Frauen und M&auml;dchen zu finden, die dem ertr&auml;umten
+Gesicht der Unbekannten &auml;hnlich sein konnten, ging zu
+Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, ver&ouml;ffentlichte Inserate
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden,
+seinen Eltern, seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem
+Wahn sagte er sich: unter den Millionen, die
+diesen Teil der Erde bev&ouml;lkern, lebt sie; es ist meine Bestimmung,
+sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich
+alle meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den
+Tausenden, an denen ich t&auml;glich vor&uuml;bergehe, wei&szlig; vielleicht
+einer von ihr; mein Wille mu&szlig; so stark, mein Gef&uuml;hl
+so elementar, mein Instinkt so untr&uuml;glich werden, da&szlig;
+ich den einen sp&uuml;re und mir durch die Millionen einen
+Weg zu ihr bahne; mi&szlig;lingt es, so bin ich ein Zwitterding
+und nicht wert, geboren zu sein. Im Verlauf der
+Jahre wurde er schwerm&uuml;tig, auch ermattete wohl das Ungest&uuml;m
+seines Verlangens; es l&auml;&szlig;t sich ja denken, da&szlig; sich
+die Natur einer so best&auml;ndigen Anspannung der Seelenkr&auml;fte
+widersetzt. Nur sein Wandertrieb wurde nicht geringer,
+und so kam er denn auf einer Fahrt vom Norden
+her in jenen m&auml;hrischen Ort, wo er den Zug verlie&szlig;, weil
+ihm pl&ouml;tzlich vor der abendlichen Ankunft in der gro&szlig;en
+Stadt, vielem Licht, vielem L&auml;rm und vielen Menschen
+graute. W&auml;hrend er traurig und m&uuml;de durch die dunklen
+Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich abgelegenen
+Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert
+hielt und ihn einzutreten bat. Er folgte willenlos und
+ohne Bedacht, als sei er an dem Punkt seines Lebenskreises
+angelangt, von dem er einst ausgegangen. In der
+Stube sah er sich einigen M&auml;dchen gegen&uuml;ber, denen er
+ohne Anteil beim Wein Gesellschaft leistete, und unter
+denen eine durch stumme Lockung ihn seiner Apathie zu
+<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>entrei&szlig;en vermochte, so da&szlig; er mit ihr ging. Es war alles
+so still in mir, sagte er, und als ich die elende Treppe
+hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnest&auml;uschung
+sei und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen w&uuml;rde,
+immer tiefer bis ans letzte Ende der Welt. Als er das
+M&auml;dchen bezahlen wollte, entfiel seiner Ledertasche der
+Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte, das
+den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein
+geheimnisvoller Richter. Das M&auml;dchen b&uuml;ckt sich, nimmt
+den Brief in die Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf,
+stutzt, wiederholt den Blick, schaut den jungen Mann
+an, eine Frage dr&auml;ngt sich auf ihre Lippen, ein Schatten
+auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entrei&szlig;en, da erweckt
+ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam
+wach, erkundigt sich in &uuml;berst&uuml;rzten Worten, ob sie die
+Schrift kenne, sie entfaltet das Papier, liest, Erinnerung
+&uuml;berzittert ihre Stirn, durch Schminke, Elend und den Aufputz
+des Lasters hindurch zuckt eine Flamme von Bewu&szlig;tsein,
+sie st&uuml;rzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme,
+und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins
+schreit aus einem zertr&uuml;mmerten und verfaulten als Gel&auml;chter
+empor. Nur noch vier Worte: Du bist&#8217;s? Ich bin&#8217;s!
+Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz darauf fiel
+der t&ouml;tende Schu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Die Zuh&ouml;rer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile
+sagte Cajetan: &raquo;Schade, da&szlig; ich den Brief auf Treu und
+Glauben hinnehmen mu&szlig;. K&ouml;nnt&#8217; ich ihn lesen oder h&ouml;ren,
+so w&uuml;rde mir der junge Mensch verst&auml;ndlicher werden. Es
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>hat sein Mi&szlig;liches, lieber Rudolf, bei so wichtigen Dokumenten
+auf den Kredit zu bauen, den man genie&szlig;t. Freilich
+bleibt ja die Verkettung der Umst&auml;nde noch immer
+erstaunlich genug&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es will mir nur nicht in den Sinn&laquo;, unterbrach ihn
+Franziska, &raquo;da&szlig; eine Person, die einen derartigen Brief
+zu schreiben imstande ist, in drei oder vier Jahren so tief
+sinken kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drei oder vier Jahre Not?&laquo; rief Hadwiger. &raquo;Das verwandelt,
+Franzi, das verwandelt! Ich habe in London
+eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre S&ouml;hne und ihren
+Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte
+sie in einem der Pal&auml;ste am Trafalgar-Square gewohnt,
+im Herbst desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen
+Morphiumh&ouml;hle, einer schauerlichen Katakombe des Lasters,
+erstochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?&laquo;
+fragte Franziska kopfsch&uuml;ttelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Die Tugend der Ungepr&uuml;ften&laquo;, versetzte Hadwiger schroff.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, so in Bausch und Bogen m&ouml;cht ich diesen Ausspruch
+doch nicht gelten lassen&laquo;, fiel Borsati vermittelnd
+ein. &raquo;Es gibt&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn
+man hungert? In den gro&szlig;en St&auml;dten nicht. In den Romanen
+vielleicht. Not bricht Eisen, hei&szlig;t es. Aber sie bricht
+auch, und viel b&auml;lder noch, das Herz und den Verstand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren&laquo;, sagte
+Borsati ruhig. &raquo;Und es mu&szlig; sie geben, sonst w&uuml;rde ja
+die Idee der Sittlichkeit zur L&uuml;ge.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>Pl&ouml;tzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes
+Geschrei, dem ein Gepolter wie von umst&uuml;rzenden
+St&uuml;hlen und das dumpfe Brummen einer M&auml;nnerstimme
+folgte. &raquo;Qu&auml;cola ver&uuml;bt Unfug&laquo;, sagte Lamberg l&auml;chelnd
+und erhob sich, um der Ursache des L&auml;rms nachzuforschen.
+Cajetan begleitete ihn aufregungslustig.</p>
+
+<p>Dem Affen war es zur Nachtruhe zu fr&uuml;h gewesen, und
+da er die T&uuml;r seines K&auml;figs unversperrt fand, hatte er sich
+ins erleuchtete Badezimmer begeben, war in die Wanne
+gestiegen, hatte den Hahn ge&ouml;ffnet und zu seinem Entsetzen
+eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit
+dem Besen herbei, um ihn zu z&uuml;chtigen, Qu&auml;cola war triefend
+und zitternd vor ihm geflohen, und nun standen Tier
+und Mensch einander gegen&uuml;ber, jenes z&auml;hnefletschend und
+schuldbewu&szlig;t, die Backen in possierlicher Schnellbewegung,
+dieser mit der W&uuml;rde des gekr&auml;nkten Hausgeistes, rachs&uuml;chtig
+und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte
+sich der Schimpanse mit h&ouml;chst entr&uuml;steten und den Diener
+anklagenden Geb&auml;rden zu ihm, Emil jedoch gab seinem
+Unwillen durch Worte Ausdruck. &raquo;Gn&auml;diger Herr, mit der
+Bestie ist nicht zu wirtschaften&laquo;, sagte er. &#8211; &raquo;Sie m&uuml;ssen
+ihn belehren und erziehen&laquo;, antwortete Lamberg gefa&szlig;t.
+&#8211; &raquo;Da ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der
+gn&auml;dige Herr so verw&ouml;hnen&laquo;, war die Entgegnung. &raquo;&#8217;s ist
+ein falscher, treuloser Geselle, das ist er, ich verstehe mich
+auf&nbsp;&#8211;&laquo; Schon wollte er sagen: auf Menschen, verschluckte
+aber die unpassende Bezeichnung und starrte melancholisch
+auf seinen Besen.</p>
+
+<p>Lamberg schlichtete den Streit. Er &uuml;berredete Qu&auml;cola,
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>dem Diener die Hand zu reichen, der aber wich zur&uuml;ck wie
+ein Offizier, dem man das Ansinnen stellt, mit seinem Degen
+eine Maus aufzuspie&szlig;en. Heftig gestikulierend lie&szlig; sich
+der Schimpanse in den K&auml;fig f&uuml;hren; er wurde mit Leint&uuml;chern
+trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war
+Frieden. Cajetan hatte sich &uuml;ber die Szene sehr erg&ouml;tzt,
+und Georg gab, als sie zu den andern zur&uuml;ckgekehrt waren,
+eine so vortrefflich nachahmende Schilderung von dem
+Benehmen des Tieres, da&szlig; alle in lautes Gel&auml;chter ausbrachen.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle&laquo;, sagte
+Lamberg schlie&szlig;lich. &raquo;Das Volk scheint sie sogar als verderbliche
+D&auml;monen zu betrachten. Ich lebte einmal einige
+Sommerwochen auf der Malser Heide, und ein junger
+F&ouml;rster, mit dem ich h&auml;ufig im Gebirg wanderte, erz&auml;hlte
+mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend,
+bei der ein Affe zur Verk&ouml;rperung des Fatums wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; h&ouml;ren&laquo;, rief Franziska, und Lamberg begann:</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der
+Vintschgau ein nicht viel einsameres und karger bev&ouml;lkertes
+Tal als heute. Die begrenzenden Bergw&auml;nde sind steil
+und waldlos; durch die zahlreichen Seitent&auml;ler blicken hochget&uuml;rmte
+Gipfel: Mut- und R&ouml;telspitze, Texel, Schwarz-
+und Tr&uuml;bwand, Lodner und Tschigat und der majest&auml;tische
+Laaser Stock. Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben
+emporgezackt, auf den Hangwiesen leuchten die Blumensterne
+alpiner Flora, schwarze Ziegen grasen bis hoch
+hinauf in den Mulden, schmalh&uuml;ftige Rinder br&uuml;llen &uuml;ber
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtwei&szlig;e
+Wasserf&auml;lle donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel
+langer Engp&auml;sse und gewundener Schluchten l&auml;&szlig;t im Innern
+der Gebirge tiefere Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem
+zerkl&uuml;fteten Gestein sieht man von Meile zu Meile uralte
+Schl&ouml;sser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und die
+Edelkastanie zum Bl&uuml;hen, und bis zu der Stelle, wo das
+Schlandernauntal m&uuml;ndet, schlingt sich die Weinrebe um
+die schw&auml;rzlichen Mor&auml;nen. Aber der Winter ist selbst im
+untern Tal hart; es hei&szlig;t, da&szlig; die krankhafte Langeweile
+vom Oktober bis zum April fast alle Regierungsbeamten
+zu Morphinisten macht. Die Poststra&szlig;e von Finsterm&uuml;nz
+&uuml;bers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit;
+nur nach Meran f&uuml;hrt ein bequemer Weg, aber dort wohnt
+leichtes Volk, das viel lacht und wenig denkt. Im Vintschgau
+denkt man viel; seine Menschen sind hager, schweigsam,
+wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen
+kaum verwandelt.</p>
+
+<p>Man sollte glauben, da&szlig; Jugend und Sch&ouml;nheit nicht
+von Belang sind in einer Welt, wo die herrische Natur
+w&auml;hrend der l&auml;ngsten Dauer des Jahres ihre Gesch&ouml;pfe
+in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute
+die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten,
+vielleicht der au&szlig;erordentlichen Umst&auml;nde wegen,
+die damit verkn&uuml;pft waren. Die Geschichte spielt zwischen
+den feindlichen Familien Ladurner und Tappeiner, die bei
+Schlanders in zwei D&ouml;rfern rechts und links der Etsch
+wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz
+und Schlo&szlig; Annaberg, die Tappeiner in Morter an der
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>M&uuml;ndung des rei&szlig;enden Plimabachs. Die Zwietracht bestand
+schon seit mehreren Geschlechtern und niemand kannte
+die Ursache; einige sagten, eine b&ouml;swillig zerst&ouml;rte Br&uuml;cke
+sei der Anla&szlig; gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten
+&uuml;ber Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten,
+jedenfalls war es der richtige scheele, eiserne Bauernha&szlig;,
+wo Blut gegen Blut steht.</p>
+
+<p>Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es,
+da&szlig; gerade die &uuml;berlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden
+Familien pl&ouml;tzlich und in nat&uuml;rlichem
+Widerpart gegen eingefleischte schlechte Instinkte einen Bund
+zweier Herzen hervorbringt und das Element der Liebe
+sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die L&ouml;sung
+der Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen
+wurde, geschah es nicht, weil die Liebe st&auml;rker war, sondern
+weil eine allgemeine Vernichtung den Untergang der
+Liebenden begleitete.</p>
+
+<p>Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz
+in Schlanders eine Truppe von Gauklern ihr Zelt
+aufgeschlagen. Es waren Italiener, die einen Taschenspieler,
+einen Seilt&auml;nzer, einen Wunderdoktor, einen Athleten und
+vor allem eine Gorilla-&Auml;ffin bei sich hatten. Diese &Auml;ffin
+erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet
+ihrer Menschen&auml;hnlichkeit in Geb&auml;rden und Verrichtungen
+doch eine uns&auml;gliche Wildheit merken lie&szlig;. Jene Leute
+selbst waren des Tieres, das sie erst vor kurzem von maurischen
+Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch keineswegs
+sicher und legten es bei Nacht in Ketten.</p>
+
+<p>Im Gedr&auml;nge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>und der junge Franz Tappeiner, der sich
+in Gesellschaft einiger Kameraden aus Morter befand, aneinandergeraten,
+und es sah aus, als ob es nicht bei drohenden
+Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte,
+als die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf
+den Arm legte und zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner
+das M&auml;dchen gewahrte, das feste Schultern und Z&auml;hne
+wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf sie
+zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung
+rief auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen
+hervor. Sie hielt seinem Betrachten stand, und
+ihre Augen blickten starr wie die des Adlers, bis sie der
+Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und hinwegzog.
+Der junge Tappeiner dr&auml;ngte den Ladurnern nach,
+indem er sich wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete,
+und als er hinter Romild wieder an dem Strick
+angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden Volk
+trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-&Auml;ffin im Gewand
+eines vornehmen Fr&auml;uleins, wandelte knixend auf
+und ab und wehte mit einem florentinischen F&auml;cher ihrem
+haarigen Gesicht K&uuml;hlung zu.</p>
+
+<p>Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung.
+Auf einmal hielt die &Auml;ffin inne, lie&szlig; die gl&uuml;hend unruhigen
+Augen &uuml;ber die versammelten K&ouml;pfe schweifen, und in ihren
+Mienen war die diabolisch freche &Uuml;berlegenheit eines Wesens,
+das, einer Riesenkraft bewu&szlig;t, es dennoch vorzieht,
+sich in spielerischer T&uuml;cke zu verstellen. Da blieben ihre
+Blicke auf dem Antlitz der jungen Romild haften; das
+zarte Menschengebild schien es ihr anzutun, sie fletschte in
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>grauenhafter Z&auml;rtlichkeit die Z&auml;hne, verlie&szlig; mit einem
+Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem
+Nagel h&auml;ngen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den
+&uuml;berlangen Arm aus, um das M&auml;dchen zu betasten. Mit
+einem einzigen Schreckensschrei wich die ganze Menschenmasse
+zur&uuml;ck, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf
+der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem
+Handgelenk des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz
+seiner knabenhaften Jugend als ein Mensch von gro&szlig;er St&auml;rke
+galt und den kn&ouml;chern-schm&auml;chtigen Arm des furchtbaren
+Tieres leichterdings meistern zu k&ouml;nnen glaubte. Aber sogleich
+sp&uuml;rte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert,
+da&szlig; er st&ouml;hnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer
+Raum um ihn und Romild entstanden, den die &Auml;ffin durch
+heiser bellende Schreie vergr&ouml;&szlig;erte, und M&auml;nner und Weiber
+begannen in fast lautlosem Gew&uuml;hl zu fliehen. Die best&uuml;rzten
+Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht
+sahen, liefen beschw&ouml;rend hinterdrein, nur der Seilt&auml;nzer
+hatte Geistesgegenwart genug, den dicken Strick, der unter
+den R&ouml;cken der &Auml;ffin am Kn&ouml;chel eines Fu&szlig;es befestigt
+war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen. Aus
+einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das
+bleiche Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die
+heillose Verwirrung. Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes
+Zeichen, denn kaum hatte sie den Mund zum Ruf
+ge&ouml;ffnet, so drehte sich das Gorillaweib um, trottete wie
+ein gescholtener Hund auf die Estrade zur&uuml;ck, kauerte mit
+gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer
+bewegend, in boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der
+<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>H&auml;user empor. Indessen ging der Wunderdoktor auf Franz
+zu, hie&szlig; ihn den Rock ausziehen, wusch das Blut von
+der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und
+schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild
+war verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner
+Begleiter, die sich wieder zu ihm gefunden hatten,
+h&ouml;rte Franz kaum, sondern wartete nur auf eine Gelegenheit,
+um sich ihrer zu entledigen. Doch mu&szlig;te er sich gedulden,
+bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er
+wie fliehend an G&auml;rten und Sch&auml;nken vor&uuml;ber, wo &uuml;berall
+an rasch gezimmerten Tischen und B&auml;nken die Vintschgauer
+beim Wein sa&szlig;en und das aufregende Ereignis beredeten.
+Die Goldreiner Leute waren gew&ouml;hnlich im Postwirtshaus,
+und wie er dort am Tor stand und in die
+fackelbeleuchtete Halle sp&auml;hte, fiel ein Schatten &uuml;ber ihn,
+und aufschauend sah er Romild neben sich. Das glitzernde
+Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe
+verfolgte die Beiden in bl&ouml;dem Entsetzen, als sie schweigend
+den Torweg verlie&szlig;en und im Abend, r&auml;tselhaft gesellt,
+verschwanden.</p>
+
+<p>Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabw&auml;rts,
+Romilds Dorf entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung
+von Gefahr, und als sich zur Linken eine Schlucht
+&ouml;ffnete, folgten sie ohne gegenseitige Verst&auml;ndigung einwillig
+dem wirbelnden Bach nach oben. In der H&ouml;he hellte
+sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes
+Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte
+Fahne &uuml;ber ihren K&ouml;pfen. Anr&uuml;ckende Felsen machten
+den Uferpfad ungangbar, und sie schlugen die Richtung
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von
+St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle lie&szlig;en sie sich
+nieder und beteten, darnach k&uuml;&szlig;ten sie einander und nannten
+sich zum erstenmal bei Namen. Statt ins Dorf zur&uuml;ck,
+marschierten sie tiefer ins Gebirge hinein, um sich ein Hochzeitslager
+zu suchen, und Romilds stolzer Gang und die
+gerade Haupthaltung, die bei den M&auml;dchen dieser Gegend
+vom Tragen schwerer Wassergef&auml;&szlig;e herr&uuml;hrt, verwandelten
+sich in frauenhafte L&auml;ssigkeit und lauschendes Anschmiegen.
+Als die bl&auml;ulichen Ferner des Angelusgletschers &uuml;ber dem
+Tannen- und Felsendunkel aufr&uuml;ckten, ward ihnen fast
+heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer
+Welt, die so ber&uuml;ckend und traumhaft sein wollte, wie sie
+selbst einander waren.</p>
+
+<p>Die am Morgen aus dem Tal herauft&ouml;nenden Kirchenglocken
+trieben sie zur Flucht vom Lager, und sie kamen
+zu einer Sennh&uuml;tte, wo sie Milch und Brot empfingen.
+Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends stillten
+sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner
+gegeben, und den sie an den folgenden Tagen erneuerten.
+Wenn die Nacht kam, glaubten sie Himmel und Sonne
+nur einen Augenblick gesehen zu haben, weil ihnen die
+Finsternis erw&uuml;nscht und nat&uuml;rlich war. So lebten sie, ich
+wei&szlig; nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, v&ouml;llig ineinander
+geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne
+Erw&auml;gung der Zukunft, leidenschaftlich in Trotz und Furcht,
+denn die Angst vor dem, was sie bei den Menschen erwartete,
+hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines Tages nun
+kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu
+vor ihnen und machte ein b&ouml;ses Gesicht. Sie fragten ihn,
+was sich drunten im Gau ereignet habe, und er erz&auml;hlte,
+da&szlig; die Goldreiner schon am Pfingstmontag &uuml;ber den Flu&szlig;
+gegangen seien, um die in Morter wegen der entf&uuml;hrten
+Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber h&auml;tten die
+Beschuldigung zur&uuml;ckgewiesen und im Gegenteil die andern
+verklagt, da&szlig; sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen
+h&auml;tten. Die Redeschlacht habe so lange gedauert, bis die
+von Morter zu Hirschf&auml;ngern und Flinten gegriffen, um die
+Eindringlinge zu verjagen. Am n&auml;chsten Tag sei das Ger&uuml;cht
+gegangen und wurde bald Gewi&szlig;heit, da&szlig; zu Schlanders
+die Pest ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen
+Gaukler mit sich gef&uuml;hrt, habe die Krankheit eingeschleppt.
+Ein gro&szlig;es Sterben habe begonnen; von feindlichen Unternehmungen
+zwischen beiden D&ouml;rfern sei nicht mehr die
+Rede, und man glaube, die &Auml;ffin habe die beiden jungen
+Leute auf geheimnisvolle Weise verhext. &raquo;Folgt meinem
+Rat&laquo;, so schlo&szlig; der Alte, &raquo;und geht hinunter zu den
+Euern, damit der Zauber geendet wird.&laquo;</p>
+
+<p>Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie
+sich auf, um heimzuwandern. Alles Gl&uuml;ck hatte sich in
+Traurigkeit verkehrt, und das l&auml;ngst; seit der ersten Umarmung
+hatten sie keine Freude genossen, aus der nicht
+grauenhaft das Bild der &Auml;ffin aufgetaucht w&auml;re. In der
+D&auml;mmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen,
+ein Druck der hei&szlig;en H&auml;nde, noch ein Anschauen und Zur&uuml;ckschauen,
+dann ging jedes seinen Weg.</p>
+
+<p>Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>Licht, und alle Tore waren verschlossen. Als Franz das
+Dorf betrat, gr&uuml;&szlig;te ihn kein vertrautes Gesicht, &uuml;berall
+war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er klopfte ans
+Haus, nichts r&uuml;hrte sich. Erst als er den bekannten Pfiff
+erschallen lie&szlig;, raschelte es hinter den L&auml;den. Das Fenster
+wurde ge&ouml;ffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte
+ihn an. Ihr Schrei rief Vater und Bruder herzu, man
+lie&szlig; ihn ein, aber da er auf alle Fragen nur halbe Antwort
+gab und schlie&szlig;lich verstummte, betrachteten sie ihn
+&auml;ngstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, da&szlig;
+die &Auml;ffin den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal
+herumtreibe; wer ihr nah komme, der werde von der Pest
+ergriffen, die von Naturns und Kastelbell bis Eyrs hinauf
+Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe. Schweigend
+lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende Teilnahmslosigkeit
+brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm
+alle Schuld zu; &raquo;h&auml;ttest du das Affenweib nicht ber&uuml;hrt,
+so w&auml;re das Land verschont geblieben&laquo;, rief er, &raquo;und weil
+du mit einer Ladurnerin davon gegangen bist, darum ist
+ein Fluch auf dir, und wir m&uuml;ssen verderben&laquo;. Pl&ouml;tzlich
+stie&szlig; die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte,
+sie habe die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt,
+das noch offen war. Die Mutter warf sich Franz
+zu F&uuml;&szlig;en und beschwor ihn, von dem M&auml;dchen zu lassen.
+Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang,
+wollte hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der
+Faust, da rief ihn die Schwester fieberhaft bettelnd zur&uuml;ck,
+und er nahm wahr, da&szlig; die Krankheit sie gepackt hatte,
+denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das jenes Frauenzimmers,
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er
+setzte sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie
+die Beulen unter den Armen, das Fleisch zerging unter
+der Haut, und als sie starb, hatten ihre Z&uuml;ge den Ausdruck
+der Gorilla-&Auml;ffin.</p>
+
+<p>In den St&auml;llen hungerten K&uuml;he und Ochsen; ihr Gebr&uuml;ll
+war der einzige Laut des Lebens. Nachbarn h&uuml;teten
+sich, einander vor die Augen zu kommen. Der Himmel
+schien erblindet, die Luft verwest. Gef&uuml;rchtet war der Tag,
+Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend.
+Von Dorf zu Dorf zogen die M&ouml;nche vom Karth&auml;userkloster
+in Neuratheis, segneten die Leichen vor den
+Haustoren und tr&ouml;steten die rasenden Kranken. Es ging
+kein Wanderer mehr auf der Landstra&szlig;e, es t&ouml;nte kein
+Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein
+Glockenecho brach sich an den Bergen. Aus Furcht vor
+dem Affen wurden die Fenster verh&auml;ngt und die T&uuml;ren
+verriegelt, so da&szlig; in den ungel&uuml;fteten Stuben die Seuche
+doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz
+den Bruder erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag sp&uuml;rte
+der Vater den ersten Frost. Als die Sonne untergegangen
+war, pochte es ans Fenster, die Mutter schlug vor Grausen
+die H&auml;nde zusammen und kreischte: &raquo;Das Tier! Das
+Tier!&laquo; Es pochte abermals, da &ouml;ffnete Franz den Laden
+und erblickte eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum
+am Brunnen stand. Er erkannte Romild, die aus dem
+zinnernen Becher mit der Gier einer Gehetzten Wasser
+trank. Drei Spr&uuml;nge, und er war drau&szlig;en, der Hofhund
+winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, da&szlig;
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>er noch lebte, zog ihn das M&auml;dchen bis zum Rand des
+ausgetrockneten Bachs. Sie hatte noch immer die herrisch-gerade
+Haltung, doch ihre azurge&auml;derte Haut war entf&auml;rbt
+von &uuml;berstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten
+sie beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen,
+aber nun kam sie von einem Haus der Toten und
+Todgeweihten; der Liebeswille hatte sie getrieben, den
+schauerlichen Gang &uuml;bers Tal zu wagen, und da stand sie,
+fl&uuml;chtig und zitternd, dennoch begl&uuml;ckt. &raquo;Wir wollen uns
+ein Zeichen geben&laquo;, schlug sie vor; &raquo;wenn die Nacht kommt,
+steckst du eine brennende Fackel &uuml;bers Dach, ein gleiches
+will auch ich tun, so wissen wir doch t&auml;glich voneinander,
+da&szlig; wir leben&laquo;. Franz war damit einverstanden; die H&auml;user
+beider Familien waren so gelegen, da&szlig; ein Feuersignal
+von einem zum andern wahrgenommen werden konnte.</p>
+
+<p>So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde
+flammte von Goldrein und von Morter aus ein brennendes
+Scheit &uuml;bers Tal: wie zwei irdische Sterne, die einander
+gr&uuml;&szlig;en. Aber schon am vierten Tag f&uuml;hlte sich Franz
+sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor,
+zwang er der Mutter, deren Herz schon erstorben und
+hoffnungslos war, das Versprechen ab, an seiner Statt das
+Flammenzeichen zu geben. Die Greisin &uuml;bte diese Pflicht
+treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr
+Gewissen zu bet&auml;uben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit
+und Entehrung. Aber als der Einzige und Letzte
+des Stammes langsam zu genesen anfing, fand sie sich belohnt,
+und sie bekehrte sich zu der Meinung, da&szlig; Gott
+diesen Bund beg&uuml;nstigte, denn es gab nur wenige, die,
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>von der Pest einmal erfa&szlig;t, wieder ins Dasein treten durften.
+Am neunten Tag war er imstande, das Bett zu verlassen;
+zwei Tage sp&auml;ter versuchte er, nach Goldrein zu
+wandern, doch am Flu&szlig; &uuml;berfiel ihn die wiederkehrende
+Schw&auml;che des Kr&auml;nklings, und er mu&szlig;te von seinem Vorhaben
+abstehen. Nachdem er den ersten Schein des n&auml;chtlichen
+Fackelbrandes vom Ladurnerhof gewahrt, indes die
+Mutter willig &uuml;ber seinem Haupt die Lohe hinausreckte,
+fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage
+sp&auml;ter machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er
+w&auml;hlte den Abend hiezu, weil er sich bei hellem Licht der
+Beachtung der feindseligen Sippe nicht aussetzen wollte. Er
+wu&szlig;te nicht, da&szlig; es keine Feinde mehr dort dr&uuml;ben gab
+und da&szlig; der Gau entv&ouml;lkert war.</p>
+
+<p>Die Dunkelheit war l&auml;ngst eingebrochen, als er &uuml;ber die
+Br&uuml;cke ging, und er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels
+die Stunde. Noch sah er die Fackel nicht, so da&szlig;
+er w&auml;hnte, die nahen H&auml;user des Dorfs entz&ouml;gen sie seinem
+Auge. Aber pl&ouml;tzlich flammte sie auf; die Stra&szlig;e noch,
+der Platz, und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst
+leise, dann laut. Da ihm keine Stimme antwortete, auch
+kein Schritt h&ouml;rbar wurde, &ouml;ffnete er ungeduldig die T&uuml;re
+und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn zu
+einer niedrig gew&ouml;lbten K&uuml;che f&uuml;hrte. An der linken Seite
+befand sich ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster
+wurde die Fackel hinausgehalten, und ihr Schein erhellte
+d&uuml;ster und mit beweglichen Schatten r&uuml;ckstrahlend den Raum.
+Aber es war nicht Romild, in deren H&auml;nden das Holz
+brannte, sondern es war die Gorilla-&Auml;ffin. Das Tier kauerte
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>am Fenster, z&auml;hnefletschend und mit den Lippen in
+gr&auml;&szlig;licher Possierlichkeit schmatzend. Die Geb&auml;rde sinnloser
+Nachahmung, die sich im Hinausstrecken des Armes mit
+dem brennenden Scheit kundgab, war noch schrecklicher als
+der Anblick des entseelten M&auml;dchenk&ouml;rpers, der knapp vor
+den Beinen des Gorilla &uuml;ber die Herdsteine hingebreitet
+lag, die Gew&auml;nder halb vom Leib gerissen, die schneeige
+Haut blutbesudelt, der Hals wie gebrochen zur Seite geneigt,
+die toten Augen weit ge&ouml;ffnet und von der Kohlenglut
+unterm Rost mit t&auml;uschendem Leben bestrahlt. Franz
+Tappeiner st&uuml;rzte nieder wie einer, dem der Sch&auml;del gespalten
+wird. Der Affe schleuderte die Fackel weg, packte
+den Wehrlosen und zerbrach ihm mit einer spielenden Gleichgiltigkeit
+das Genick. Dann begann er abermals, stumpfsinnig
+wie die Nacht, die Bewegungen der sch&ouml;nen Romild
+nachzuahmen, die er &uuml;berfallen haben mochte, w&auml;hrend sie,
+im Fieber vielleicht, dem Geliebten das sehns&uuml;chtig erwartete
+Zeichen gab. Es war aber in seinen gro&szlig;en Urwaldaugen
+die instinktvolle Melancholie der Kreatur, die von
+weiter Ferne ahnt, was Verh&auml;ngnis und Menschenschmerz
+bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose
+Werkzeug eines unerforschlichen Schicksals bleibt.</p>
+
+<p>Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben.</p>
+
+<p>Sicher ist, da&szlig; die &Auml;ffin, als kurz hernach Regeng&uuml;sse
+eintraten, w&auml;hrend welcher sie, von Bauern und Hirten
+verfolgt, durchs Martelltal irrte, bei einem Ausbruch
+des Stausees am Zufallferner von den eisigen Fluten erfa&szlig;t
+wurde und elend ersoff.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a></p>
+<h2><a name="Der_Stationschef" id="Der_Stationschef"></a><em class="gesperrt">Der Stationschef</em></h2>
+
+
+<p>&raquo;Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem
+Herzen, so einen Affen m&ouml;cht ich haben,&laquo; sagte Cajetan,
+indem er sich die H&auml;nde rieb, &raquo;der macht einen doch ordentlich
+gruseln, ist nicht so harmloser Philister wie gewisse
+Qu&auml;colas.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Gorillas gelten ja f&uuml;r so gef&auml;hrliche Tiere, da&szlig;
+man die M&auml;nnchen gar nicht in der Gefangenschaft halten
+kann,&laquo; sagte Hadwiger. &raquo;Ich habe ein einziges Mal ein
+gefangnes M&auml;nnchen gesehen; es war derma&szlig;en wild, da&szlig;
+mich eine G&auml;nsehaut &uuml;berlief, als ich in seine infernalische
+Fratze blickte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Geheimnisvollste auf der Welt ist f&uuml;r mich ein
+Tier&laquo;, &auml;u&szlig;erte sich Borsati. &raquo;Wenn mich ein Hund anschaut,
+ist mir, als ob s&auml;mtliche Philosophen blo&szlig; Schw&auml;tzer
+gewesen w&auml;ren. Beobachtet doch das Pferd, das mit einer
+unergr&uuml;ndlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder
+die erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch
+vor&uuml;berschleicht; oder die Kuh, wie furchtlos verwundert
+euch das braune Auge mi&szlig;t! Wart ihr einmal Zeuge, wie
+ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich f&uuml;r
+das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich k&ouml;nnte
+kein anderes w&auml;hlen als dieses Schauspiel. W&auml;hrend meiner
+Studienjahre befand sich auf der psychiatrischen Klinik
+ein Knabe namens Martin Egger, den ein wahrhaft indisches
+Gef&uuml;hl f&uuml;r Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem
+Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen
+m&uuml;ssen. So lange er das Fleisch nur auszutragen
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>hatte, ging es leidlich; er hatte ein angenehmes Betragen,
+ein frisches, rotbackiges Gesicht, freundliche blaue Augen,
+und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum erstenmal
+schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu f&uuml;hren und
+brach in Tr&auml;nen aus. Er wurde gez&uuml;chtigt, entlief von
+der Lehrstelle und beschwor den Vater, da&szlig; er ihn ein
+anderes Handwerk treiben lasse; seinen Lieblingswunsch,
+studieren zu d&uuml;rfen, wagte er gar nicht zu verraten. Aber
+er mu&szlig;te zur&uuml;ck, mit Schimpf und Spott n&ouml;tigte man ihn
+ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein K&auml;lbchen
+zu schlagen. Sie f&uuml;hrten ihm den Arm und er schlug zu,
+ungeachtet ihn das Tier um Erbarmen flehte, denn er war
+&uuml;berzeugt, da&szlig; eine Seele in der Kreatur wohne, und das
+brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn
+von seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe
+verg&ouml;nnt und Tag f&uuml;r Tag mu&szlig;te er nun ausf&uuml;hren, was
+so zerst&ouml;rend auf sein Gem&uuml;t wirkte. Die ganze Erde wurde
+ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht
+mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher
+Knabenschritt hinf&auml;llig, er sp&uuml;rte Ekel, wenn er sich selbst
+ber&uuml;hrte, d&uuml;nkte sich &uuml;berall verfolgt von dem vorwurfsvollen
+Glanz brechender Tieraugen, und in seiner Bedr&auml;ngnis
+wu&szlig;te er keine andere Hilfe mehr als den Branntwein.
+Unter elendem Gesindel sa&szlig; er n&auml;chtelang in den
+Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend,
+bald tr&uuml;bsinnig vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb f&uuml;r
+immer umnachtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daraus k&ouml;nnte man eine Legende machen&laquo;, sagte Georg
+Vinzenz, &raquo;und ich w&uuml;rde sie &#8250;der junge Hirt&#8249; nennen. Wie
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>rein und wie edel zeigt sich hier die Menschennatur! Vielleicht
+h&auml;tte eine Belehrung, ein befreiendes Wort gen&uuml;gt,
+um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie
+gering wir auch sind, wir k&ouml;nnen immer noch f&uuml;r Geringere
+zur Vorsehung werden.&laquo;</p>
+
+<p>Borsati sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Das glaube ich so ohne
+weiteres nicht&laquo;, erwiderte er. &raquo;Wenn der vorgezeichnete
+Weg uns nicht in die Existenz des Nebenmenschen f&uuml;hrt
+und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht, k&ouml;nnen wir
+keinen Einflu&szlig; haben. Worte sind Luft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir f&auml;llt es auf, da&szlig; der Knabe studieren wollte&laquo;,
+sagte Cajetan. &raquo;Studieren, das war f&uuml;r ihn doch keine
+Wirklichkeit, sondern das Symbol f&uuml;r ein h&ouml;heres Leben.
+Ich denke mir in solchen Menschen eine fantastische Sehnsucht,
+die in einem Begriff Ruhe findet, dessen armseligen
+Sinn sie nicht sp&uuml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch k&ouml;nnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz
+an dem Knaben zu grunde gegangen sein&laquo;, versetzte Hadwiger.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glich; aber keimen denn alle Samenk&ouml;rner, die auf
+den Acker geworfen werden? Die Natur verf&auml;hrt darin
+mit einer Willk&uuml;r, deren Sinn uns nie entr&auml;tselt werden
+wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund l&auml;&szlig;t sie eine
+Kr&auml;merseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt
+sie mitten unter vierzehn Kindern einen gro&szlig;en Mann. &Uuml;berall
+gibt es unentwickelte und im Ansatz verdorbene Eroberer,
+Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der Irrungen
+sammeln sich die Kr&auml;fte f&uuml;r den Erw&auml;hlten. Es wimmelt
+rings um uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen.
+Wer wei&szlig;, wie vielen Tamerlans und Attilas ich t&auml;glich
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>begegne. Dieselben Elemente, die den Helden erhaben machen
+und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln,
+wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch.
+Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Ungl&uuml;ck
+bei Porto-Clementino? Es passierte, w&auml;hrend ich in Italien
+war, und wurde auf die Tat eines b&uuml;rgerlichen Nero
+zur&uuml;ckgef&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan
+zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und
+Rom, an der Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen
+Maremmen f&uuml;hrt, lebte ein gewisser Antonio Varga als
+Amtsvorstand. Er war durch die vor&uuml;bergehende Protektion
+eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er
+ihn einmal innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater
+war T&uuml;rh&uuml;ter im Vatikan; nicht einer von den strahlenden
+Schweizern, sondern ein bescheidenerer W&uuml;rdentr&auml;ger,
+obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu betrachten.
+Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging
+er voll Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor
+den Portalen stehen, um vornehme Leute an sich vor&uuml;berwandeln
+zu lassen, und einst wurde er erwischt, als er sich
+in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit Entz&uuml;cken
+den M&ouml;belstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem
+Haus eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr
+oder die Dame erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er
+sich in der N&auml;he der gro&szlig;en Hotels herum, auch vor den
+Museen und Kirchen, um die Fremden zu betrachten, die
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs
+um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals
+eines vertraulichen Wortes w&uuml;rdigte, sondern um sich
+in eingebildete Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach
+der er das gl&uuml;hendste Verlangen hegte. Ob es nun die
+S&auml;le des Vatikans oder die k&ouml;niglichen G&auml;rten oder die
+n&auml;chtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso oder
+die Ringe an der Hand einer sch&ouml;nen Frau oder die Orden
+auf der Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er
+beim Anblick von Dingen, die an Macht, Herrschaft und
+Reichtum erinnerten, den Groll eines Menschen, der um
+den rechtm&auml;&szlig;igen Genu&szlig; seines Eigentums betrogen wird.
+Er hatte keinen Freund, an allen M&auml;nnern stie&szlig; ihn die
+Gen&uuml;gsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm
+die M&auml;dchen aus dem Volk durch Tracht und Wesen ver&auml;chtlich
+waren und er sich in den verwegensten Tr&auml;umen
+gefiel, in denen er nur mit Gr&auml;finnen und Herzoginnen, und
+zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise verkehrte.
+Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutb&auml;nder, Photographieen
+von Leuten der gro&szlig;en Gesellschaft, ferner Visitenkarten
+mit erlauchten Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenbl&auml;ttern
+und einzelne Handschuhe, die er vor einem
+Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und
+durch diese Schw&auml;che verwandelte er das billige Mietszimmer,
+das er bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph
+der Abgeschmacktheit.</p>
+
+<p>Die Sumpf&ouml;de der Maremmen, wohin er sich im Alter
+von drei&szlig;ig Jahren versetzt sah, raubte ihm die M&ouml;glichkeit,
+seine bisherigen Neigungen zu befriedigen, und
+<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>dr&auml;ngte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so tief
+in sich selbst zur&uuml;ck, da&szlig; er auch in seiner dienstfreien Zeit
+verschm&auml;hte, die traurige W&uuml;stenei zu verlassen. Er durchstreifte
+die menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer
+und heftete die Blicke, die voll von unerforschlichen
+W&uuml;nschen und Vors&auml;tzen waren, ins Weite hinaus. Abends
+besch&auml;ftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung, breitete
+die St&uuml;cke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete
+die nichtigen Gegenst&auml;nde mit der Freude eines Geizhalses,
+der vor seinen Sch&auml;tzen und Wertpapieren sitzt.</p>
+
+<p>Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der
+eine Verbindung zwischen Paris und Neapel herstellt und
+am Morgen nach S&uuml;den, am Abend nach Norden f&auml;hrt.
+Eines Tages ereignete es sich, da&szlig; ein Streckenw&auml;rter diesem
+Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht
+vorher ein Kind geboren, lag in einem t&ouml;dlichen Fieber,
+und da meilenweit im Umkreis keine &auml;rztliche Hilfe zu
+haben war und der Posten beh&uuml;tet werden mu&szlig;te, so griff
+er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu
+bringen, weil er hoffte, da&szlig; unter den Passagieren ein Arzt
+sein w&uuml;rde. Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrg&auml;ste
+durften nicht gest&ouml;rt werden, der Beunruhigung war ohnehin
+schon zu viel, und es schien ein Gl&uuml;ck, da&szlig; der Zugf&uuml;hrer
+eine menschliche Regung versp&uuml;rte und es dabei
+bewendet sein lie&szlig;, den Vorfall schriftlich an den Stationschef
+Varga zu melden, wobei er den W&auml;chter, dessen Frau
+nach einigen Stunden starb, am meisten geschont zu haben
+w&auml;hnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und
+seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Beh&ouml;rde
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>war es zuzuschreiben, da&szlig; der Ungl&uuml;ckliche binnen kurzer
+Frist von Haus und Brotstelle gejagt wurde.</p>
+
+<p>Man hatte nat&uuml;rlich angenommen, da&szlig; er den Frevel
+eines pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte.
+Solches konnte er glauben machen, aber der geheime und
+schreckliche Grund seines W&uuml;tens war, da&szlig; der W&auml;chter
+etwas getan, wozu er selbst sich t&auml;glich und von Tag zu Tag
+unwiderstehlicher versucht f&uuml;hlte. Der Luxuszug hielt nicht
+bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte
+er fern in der Ebene auf, die Schienen knatterten, der
+Boden zitterte, donnernd fuhr er in einem Luftwirbel daher
+und vor&uuml;ber, um alsbald im Dunst der Ferne zu verschwinden.
+Erregender war es am Abend; die glei&szlig;end
+hellen Fenster durchblitzten f&uuml;r die Dauer von f&uuml;nf Sekunden
+den einsamen Perron und lie&szlig;en die &Ouml;llampen in
+den Laternen doppelt j&auml;mmerlich erscheinen; schwarze Menschenk&ouml;rper
+bewegten sich geisterhaft, tr&auml;g und schnell zugleich,
+hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an
+Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden
+Gew&auml;nder in ihren Koffern, an ihre hochm&uuml;tigen
+Blicke, ihre gepflegten H&auml;nde, an ihre Feste, ihre Liebeleien,
+ihre Spiele, ihre geschm&uuml;ckten H&auml;user, und die Erbitterung
+&uuml;ber diese gl&auml;nzende und satte Welt, die so unhemmbar
+an ihm vor&uuml;berrollte, ihn so durstig stehen lie&szlig;,
+wuchs mit solcher Gewalt, da&szlig; er den Gedanken einer
+Rache nicht mehr verdr&auml;ngen konnte. Gepeinigt von seinem
+d&uuml;stern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen,
+so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und
+Bettler sollt ihr vor mir liegen. Eines Abends war der
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>G&uuml;terzug aus Genua versp&auml;tet eingetroffen und mu&szlig;te,
+um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein totes
+Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet
+war, kam der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal
+gestellt werden, und da die Hilfsbeamten auf dem
+Bahnk&ouml;rper besch&auml;ftigt waren, eilte Antonio Varga in das
+Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation
+gebot, z&ouml;gerte er am Apparat. Er hob den Arm und lie&szlig;
+ihn wieder sinken; er ward sich dessen bewu&szlig;t, wie viel
+Leben und Schicksal an der einzigen Bewegung seiner Hand
+hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust erf&uuml;llte
+ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut flo&szlig; k&uuml;hler, und
+als das unheimlich krachende Get&ouml;se der aufeinanderst&uuml;rzenden
+Wagen erschallte, verlie&szlig; er den Raum, schritt durch
+die fliehenden und wehklagenden Bediensteten und stand
+alsbald mit verschr&auml;nkten Armen neben dem ungeheuren
+Tr&uuml;mmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten die
+letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr
+um Jahr mit seinem Ha&szlig; und seiner vergeblichen Begierde
+verfolgt hatte. W&auml;hrend er den Anblick geno&szlig; wie ein
+Feldherr die Ruinen einer erst&uuml;rmten Festung und dr&uuml;ben
+beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie gel&auml;hmt
+verharrten, traf eine r&uuml;hrende Stimme sein Ohr. Den
+Lauten nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten
+ein M&auml;dchen von au&szlig;erordentlicher Sch&ouml;nheit, das Gesicht
+von jener Lieblichkeit des Schnitts und jener Zartheit der
+F&auml;rbung, wie man es fast nur bei den Engl&auml;nderinnen
+findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so
+eingepre&szlig;t, da&szlig; der keuchende Atem mit Blut vermischt
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>aus dem Munde drang und die sch&ouml;nen Augen bald gebrochen
+sein mu&szlig;ten. Mit einer Geste trunkener Angst, in
+einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das M&auml;dchen
+die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich,
+halte mich, gib mir, was meine Jugend entbehren mu&szlig;te;
+in ihrem Blick war eine Glut, die die strengen Z&uuml;ge und
+die adeligen Lippen L&uuml;gen strafte und dem Tode selbst noch
+ein kurzes St&uuml;ck Leben abzuringen schien. Antonio Varga
+schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft
+auf seine Kniee bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung
+nicht zu tun, ergriff ihn zum erstenmal in seinem
+Leben ein Bed&uuml;rfnis nach dem andern Menschen, nach Hingabe,
+eine Ahnung von Liebe. Als das M&auml;dchen tot war,
+entzog er sich dem Gew&uuml;hl der um Hilfe und Rettung bem&uuml;hten
+Leute, ging in seine Stube, verfa&szlig;te eine Beichte
+seiner Untat, ein ziemlich pedantisches Schriftst&uuml;ck, und
+nachdem er die Rechnung mit der Menschheit in gewohnter
+Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie sogleich und erh&auml;ngte
+sich. Das macht die gro&szlig;en Verbrecher am Ende doch
+klein, da&szlig; sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen,
+nicht blo&szlig;, weil sie das irdische Gericht f&uuml;rchten, sondern
+weil ihr Geist zu schw&auml;chlich ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit
+zu ertragen und ihre Seele zu verk&uuml;mmert, um
+einer Verantwortung gewachsen zu sein.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts
+h&ouml;ren&laquo;, sagte Franziska; &raquo;wie ungerecht geht es doch zu
+in der Welt! Der arme Streckenw&auml;chter darf nicht den
+Arzt finden, der ihm sein kleines h&auml;usliches Gl&uuml;ck erhalten
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>k&ouml;nnte, und dieser Unhold zaubert durch ein Werk des
+Grauens ein Gesch&ouml;pf an seine Seite, dessen Z&auml;rtlichkeit
+zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil
+soviel wahres Frauentum darin liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ein tiefer Sinn&laquo;, f&uuml;gte Lamberg hinzu; &raquo;Luzifer
+wird durch den Engel erl&ouml;st.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und
+wie unergr&uuml;ndlich die Charaktere sind, die man in oberfl&auml;chlichem
+Sinn als einfache bezeichnet&laquo;, bemerkte Borsati.
+&raquo;Der sogenannte einfache Mensch steht dem Schicksal am
+n&auml;chsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kr&auml;ften und
+Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen.
+Der h&ouml;her geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet
+durch Erkenntnis oder erm&uuml;det durch seine F&auml;higkeit zum
+Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen derer, die eingreifen
+und zermalmt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten
+und gef&auml;hrlichsten Leidenschaften&laquo;, versetzte Cajetan; &raquo;welche
+Verworfenheit zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer,
+was f&uuml;r eine berechnete T&uuml;cke an manchem Gerichtsfunktion&auml;r
+auf dem Land! Stellen wir uns vor, da&szlig; der
+biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen,
+der da im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbei&szlig;t,
+weil das blo&szlig;e Saugen des Gifts ihm nicht gen&uuml;gt,
+stellen wir uns vor, da&szlig; pl&ouml;tzlich die soziale Kette, die sich
+um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgel&uuml;ste ungehemmt sich
+bet&auml;tigen d&uuml;rften, &#8211; das Land w&uuml;rde rauchen von den
+Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz
+und sein Fanatismus fordern w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>&raquo;Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung
+eines gemeinen Strebers&laquo;, sagte Lamberg; &raquo;Collot d&#8217;Herbois
+war ein mittelm&auml;&szlig;iger Schauspieler in Lyon. Er wurde in
+jeder Rolle, die er auf dem Theater spielte, erbarmungslos
+ausgezischt. Nun sind ja schlechte Kom&ouml;dianten, die
+ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten
+F&auml;llen m&uuml;ssen sie ihre Erbitterung und Entt&auml;uschung ertragen
+lernen. Mit Collot d&#8217;Herbois aber wollte das Geschick
+offenbar einmal demonstrieren, was ein durchgefallener
+Mime zu tun imstande ist, wenn er f&uuml;r die erlittenen Niederlagen
+Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution
+ging d&#8217;Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent
+gew&auml;hlt. Sobald es anging, lie&szlig; er sich nach
+Lyon versetzen, und dort begann er nun sein Strafgericht.
+Er brachte s&auml;mtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs
+Schafott, verschonte nicht seinen fr&uuml;heren Direktor, seine
+Kollegen, die die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten,
+die einflu&szlig;reichen Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm
+irgend einmal durch Wort oder Blick ihr Mi&szlig;fallen bezeigt
+hatten, und mit dem Souffleur und dem Kassierer des
+Theaters lie&szlig; er am selben Tag einen Freund hinrichten,
+der ihm w&auml;hrend seiner B&uuml;hnenlaufbahn bisweilen Ratschl&auml;ge
+erteilt und n&uuml;tzliche Winke gegeben hatte. Bei
+den Sitzungen und der Verk&uuml;ndigung der Verdikte trug
+er ein majest&auml;tisches Benehmen zur Schau, und seine
+Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene,
+nur war er gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem ist einmal in Erf&uuml;llung gegangen, wovon sonst
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Millionen ihre geheimsten W&uuml;nsche n&auml;hren&laquo;, rief Lamberg
+lachend.</p>
+
+<p>&raquo;So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?&laquo;
+fragte Franziska traurig.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, meine Liebe, &uuml;berhaupt!&laquo; antwortete Lamberg.
+&raquo;Zweifellos ist jedenfalls, da&szlig; ein Mensch, dessen Ehrgeiz
+gr&ouml;&szlig;er ist als seine Begabung, lasterhaft werden mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Collot d&#8217;Herbois erinnert mich an die Rache
+eines Invaliden aus dem deutsch-franz&ouml;sischen Krieg, der
+auch die erhoffte Anerkennung seiner Verdienste nicht finden
+konnte&laquo;, sagte Borsati. &raquo;Bei Mars la Tour rettete
+er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr
+aus Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange
+wie toll um sich hieb und die Angreifer so lange in Schach
+hielt, bis Verst&auml;rkung kam. Er wurde schwer verwundet,
+und da seine Tat die h&ouml;chste milit&auml;rische Belohnung forderte,
+wurde er f&uuml;r bewiesene Tapferkeit vor dem Feind
+mit einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, da&szlig;
+alle Posten vor dem Tr&auml;ger salutieren und alle Wachen
+ins Gewehr treten. Als Kr&uuml;ppel in die Heimat zur&uuml;ckgekehrt,
+bewarb er sich um die Stelle eines Nachtw&auml;chters.
+Wie verst&auml;ndlich, w&uuml;nschte man nicht einen Nachtw&auml;chter,
+der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte
+ihm ein minder anstrengendes, ja sogar w&uuml;rdevolleres und
+eintr&auml;glicheres Amt verschaffen. Aber nein, er hatte den
+Ehrgeiz, Nachtw&auml;chter zu werden, denn er hatte eine sch&ouml;ne
+Ba&szlig;stimme und gefiel sich in dem Gedanken, das Liedchen
+von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren
+mit jeder Glockenstunde melodisch zu Geh&ouml;r zu bringen.
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>&Auml;rgerlich &uuml;ber die Verweigerung lag er tags&uuml;ber in den
+Bierh&auml;usern und zog zu allgemeinem Verdru&szlig; acht- bis
+zehnmal, immer an der Spitze eines unfl&auml;tig br&uuml;llenden
+P&ouml;belhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der
+Posten die Soldaten ins Gewehr rufen mu&szlig;te, um dem
+hochdekorierten Querulanten die vorschriftsm&auml;&szlig;ige Ehrung
+zu erweisen. Die Sache ging durch viele Instanzen, man
+konnte sich aber schlie&szlig;lich doch nicht anders helfen, als
+da&szlig; man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erf&uuml;llte.
+Und ich glaube, er tutet und singt noch jetzt alln&auml;chtlich
+zum Vergn&uuml;gen der B&uuml;rger und zur Zufriedenheit der
+hohen Beh&ouml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war,
+vermochte den Zuh&ouml;rern selbst mit einer so simplen Begebenheit
+noch ein L&auml;cheln abzuschmeicheln. Es kam dann
+die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da Franziska, als
+h&auml;nge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema,
+noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen
+fiel Hadwigers Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn
+des Abends, und obwohl er in einer bescheidenen Haltung
+schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespr&auml;ch
+auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gef&uuml;hl,
+einen stummen Kritiker f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen, als das
+andere, da&szlig; er sich die Bequemlichkeit des Zuh&ouml;rens gar
+zu billig verschaffte. Nur Franziska ahnte in seinem Verhalten
+achtenswertere Gr&uuml;nde, empfand einen heimlichen
+Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwerm&uuml;tiges Zur&uuml;ckschauen,
+ja, b&ouml;ses Gewissen gegen&uuml;ber der leichten Stunde,
+und sie fa&szlig;te den Vorsatz, ihn so mild wie m&ouml;glich aus
+<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>seiner Stille zu treiben, allerdings nicht mehr heute; heute
+war sie m&uuml;d.</p>
+
+<p>Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen
+des Ehrgeizes gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften
+waren f&uuml;r sein Auge, was dem Chemiker ein Pr&auml;parat
+unter dem Mikroskop ist. Zum Schlu&szlig; sprang er auf,
+klatschte in die H&auml;nde und sagte entz&uuml;ckt, er habe auf einer
+Reise in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten
+aus unternommen, eine Geschichte geh&ouml;rt, in der ein ehrgeiziger
+Charakter durch wundervolle F&uuml;gung zur Einsicht
+in das Tr&uuml;gerische seiner Ziele kommt. Er habe die Geschichte,
+die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erz&auml;hlt,
+nie vergessen k&ouml;nnen, &raquo;und wenn es erlaubt ist,&laquo; schlo&szlig; er
+mit drolliger Koketterie, &raquo;will ich sie morgen an den Mann
+bringen, &#8211; Verzeihung, auch an die Frau.&laquo;</p>
+
+<p>Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht:
+&raquo;Man lobe die Geschichte erst, nachdem sie erz&auml;hlt
+ist; man lobe sie auch nicht selbst, sondern lasse sie von
+andern loben, vorausgesetzt, da&szlig; sie es verdient.&laquo;</p>
+
+<p>In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner
+von Lamberg und Franziska, und da es inzwischen zu regnen
+aufgeh&ouml;rt hatte, tauschten sie unterwegs ihre Ansichten
+&uuml;ber die Freundin aus. Keinem erschien sie als die, die
+sie ehedem gewesen, alle waren mitbedr&uuml;ckt von den Erlebnissen,
+welche sie so angsterf&uuml;llt verbarg. Mit liebevoller
+Politik, meinte Cajetan, m&uuml;sse dieser Zustand von Scheu
+und Leiden beseitigt werden, und es gelte nur, den Augenblick
+zu finden, in dessen Macht sie Herrin des Vergangenen
+werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>k&ouml;nne. Hadwiger entgegnete, da&szlig; ihn ihr Aussehen, ihre
+k&ouml;rperliche Verfassung bek&uuml;mmere. Hierzu nickte Borsati
+und fragte, ob man nicht den F&uuml;rsten, der doch am Ort
+sei, von ihrer Anwesenheit verst&auml;ndigen solle, da vielleicht
+die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung f&uuml;r
+Franziska herbeif&uuml;hren k&ouml;nne, am Ende auch eine willige
+R&uuml;ckkehr in eine ehemals begehrte Welt. Sehr bed&auml;chtig
+antwortete Cajetan, darin m&uuml;sse man mit Vorsicht zu Werk
+gehen. Er habe der Gr&auml;fin Seewald seinen Besuch zugedacht
+und werde bei dieser Gelegenheit ersp&auml;hen, welchen
+Schritt man wagen und wie weit man gehen d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als
+Cajetan zur Villa Lambergs ging, traf er Georg und Franziska,
+die eben von einem kleinen Spaziergang aus dem
+Wald zur&uuml;ckkamen. Franziska war totenbleich und schleppte
+sich an Lambergs Arm m&uuml;hselig dahin. Cajetan st&uuml;tzte sie
+gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Qu&auml;cola sa&szlig;
+vor der T&uuml;re, bl&auml;tterte mit konfusen und wichtigtuerischen
+Geberden in einer Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen
+gerissenes Buch. Emil, die H&auml;nde in den Hosentaschen, betrachtete
+das Tier mit ingrimmigem Mi&szlig;fallen, woraus
+sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte,
+sondern fortfuhr, in w&uuml;ster Geschwindigkeit das Zeitungspapier
+zu wenden. Ein mattes L&auml;cheln erschien auf Franziskas
+Gesicht, und sie sagte: &raquo;Wenn das mit den beiden
+gut ausgeht, dann haben wir Gl&uuml;ck gehabt, Georg.&laquo; Kaum
+wurde Qu&auml;cola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte
+sich und gab dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung
+zu verstehen, da&szlig; er sich entfernen solle. Emil
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>sch&uuml;ttelte den Kopf, und seine Miene zeigte den Ausdruck
+ungeheuchelten Kummers.</p>
+
+<p>Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan
+dem Freund mit, da&szlig; er zu Armanspergs gehen wolle
+und fragte, ob er vor dem F&uuml;rsten erw&auml;hnen solle, da&szlig;
+Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorl&auml;ufig zu unterlassen.
+Franziska f&uuml;hle sich in der Schuld des Mannes,
+sie habe von einem herrlichen Brief erz&auml;hlt, den der F&uuml;rst
+vor Monaten an sie gerichtet, als er durch geheime Sendlinge
+ihren Aufenthalt erfahren hatte, und sie sei durch
+den blo&szlig;en Gedanken beunruhigt, da&szlig; sie sich einst doch
+noch werde stellen m&uuml;ssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen
+mit einer Zukunft &uuml;berhaupt rechnen zu d&uuml;rfen
+glaubte. Es sei zwischen den beiden Menschen irgend etwas
+Undurchschaubares, und ein fremder Wille k&ouml;nne da nur
+zerst&ouml;rend eingreifen.</p>
+
+<p>Eine Stunde sp&auml;ter fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen
+zu regnen an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm
+die H&auml;upter und R&uuml;cken der Berge, die harten
+Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden, die
+talw&auml;rts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war
+so klein, so na&szlig;, so d&uuml;rftig, wie wenn die Natur auf Prunk
+und Feiert&auml;glichkeit f&uuml;r immer h&auml;tte verzichten wollen, um
+sich frierend und gleichgiltig den unfreundlichen Elementen
+zu &uuml;berliefern.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a></p>
+<h2><a name="Geronimo_de_Aguilar" id="Geronimo_de_Aguilar"></a><em class="gesperrt">Geronimo de Aguilar</em></h2>
+
+
+<p>Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als
+alle bei der abendlichen Lampe wieder versammelt waren,
+begann Cajetan seine versprochene Erz&auml;hlung wie folgt.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die
+Geister des alten Europa bewegte, lebte in Spanien ein
+verarmter Edelmann namens Geronimo de Aguilar, ein
+ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph
+Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur
+den einzigen Willen hatte, es jenen M&auml;nnern gleichzutun.
+Aber da war guter Rat teuer. Als Matrose oder Soldat
+oder selbst als untergeordneter Offizier auf einem Schiff zu
+dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die Leitung
+auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mu&szlig;te
+man entweder Geld oder m&auml;chtige G&ouml;nner haben. So blieb
+nichts &uuml;brig, als sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo
+sich mit Recht sagte, da&szlig; jede Stunde kostbar sei
+und jeder verstrichene Tag ihn einer unwiederbringlichen
+M&ouml;glichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen N&auml;chte
+&uuml;ber alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend
+vor ohnm&auml;chtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens
+bis abends beschwatzte er Freunde und Bekannte,
+sa&szlig; in den Vorzimmern hoher und h&ouml;chster Herren, reichte
+Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen ein, und
+mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit
+jeder l&auml;ssigen Vertr&ouml;stung um so leidenschaftlicher besessen.</p>
+
+<p>&raquo;Beim Herzen Marias&laquo;, sagte er, &raquo;was der Gl&uuml;ckspilz
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Columbus erreicht hat, ist noch nichts, und wenn man
+mich gew&auml;hren l&auml;&szlig;t, will ich zeigen, da&szlig; es nichts ist; ich
+will euch die Atlantis der Alten wiederfinden, will L&auml;nder
+erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns Pflastersteine,
+und bringe eure Schiffe so mit Sch&auml;tzen beladen zur&uuml;ck,
+da&szlig; ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben
+k&ouml;nnt, wie sie jetzt im k&ouml;niglichen Tresor bewacht werden.
+Aber s&auml;umt nicht l&auml;nger, denn die Zeit ist tr&auml;chtig.&laquo;</p>
+
+<p>Derlei gl&uuml;hende Reden f&uuml;hrte er h&auml;ufig, bei denen seine
+schwarzen Augen brannten, als ob der ganze Mensch mit
+Feuer angef&uuml;llt sei. Viele hielten ihn nat&uuml;rlich f&uuml;r einen
+Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext, aber es
+gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, da&szlig;
+es den Versuch wohl lohnen k&ouml;nnte, ihn &uuml;bers Meer zu
+schicken, und da&szlig; ein Mann, der die Kraft zu gro&szlig;en Gesch&auml;ften
+in sich sp&uuml;re, nicht mit der Bescheidenheit eines
+Schulmeisters davon zu sprechen n&ouml;tig habe. Eines Tages
+lie&szlig; ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger K&auml;mmerer, der
+vom Hof verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling,
+zu sich kommen, und indem er auf einen mit Goldst&uuml;cken
+bedeckten Tisch hinwies, sagte er: &raquo;Hier sind zehntausend
+Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Pl&auml;nen
+und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu
+opfern. R&uuml;sten Sie damit die Brigantine Elena aus, die
+mein Eigentum ist und im Hafen von Cadix vor Anker
+liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren. H&ouml;re
+ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld
+und Mannschaft f&uuml;r verloren. Kommen Sie aber unverrichteter
+Dinge zur&uuml;ck, so sind Sie durch den Verlauf des
+<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Unternehmens nicht nur als l&auml;cherlicher Rodomont entlarvt,
+sondern ich werde auch Mittel finden, Sie f&uuml;r Ihren
+&Uuml;bermut und D&uuml;nkel zu bestrafen.&laquo;</p>
+
+<p>Bei jedem andern Anla&szlig; h&auml;tte eine solche Sprache Geronimos
+Blut in Wallung versetzt; in diesem Augenblick
+empfand er nur &uuml;berschw&auml;ngliche Freude; er nahm stumm
+die Hand des Grafen, beugte sich nieder und dr&uuml;ckte sie
+an seine Lippen. Und so redselig, aufgel&ouml;st, hitzig und wild
+man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt,
+gesammelt und ma&szlig;voll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung
+und Befrachtung des Schiffes wu&szlig;te er zu nutzen,
+was seine Vorg&auml;nger durch Erfolge wie Mi&szlig;lingen ihn
+gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und T&uuml;chtigkeit,
+da&szlig; des verwunderten Lobes &uuml;ber ihn kein Ende
+war. Zu Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen
+beendet, und an einem klaren Oktobermorgen lichtete die
+Brigantine die Anker und stach in See, begleitet von den
+Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo
+stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine
+Flamme, als ihm das Vaterland den letzten Gru&szlig; schickte.
+Er lie&szlig; kein Herz zur&uuml;ck, kein Gut, keinen Freund, nicht
+einmal einen Hund. Er war allein, er wu&szlig;te es, und er
+bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden
+Visionen, hatte er seit langem nichts mehr &uuml;brig f&uuml;r Beziehungen
+z&auml;rtlicher Art.</p>
+
+<p>Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender
+Erwartung lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen
+Westen. Selbst die rohen Matrosen sp&uuml;rten einen
+abergl&auml;ubischen Schauder, als jene Sterne niedriger stiegen
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer Kindheit
+vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des
+neuen Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden
+Wolken lebhaft an die Gefahren ermahnt,
+denen sie entgegengingen. Nur Geronimo dachte lediglich
+an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas
+des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich
+seiner Ahnungen und Hoffnungen kam, denn er wu&szlig;te, da&szlig;
+die Reicht&uuml;mer, die er gewann, das einzige Mittel zum
+Ruhm und die sicherste B&uuml;rgschaft daf&uuml;r waren. Es befand
+sich ein M&ouml;nch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal
+die Fahrt &uuml;ber den Ozean machte, und auf der Insel
+Hispaniola gewesen war, um im Auftrag seines Ordens
+f&uuml;r das Christentum zu wirken. Er erz&auml;hlte oft und mit
+trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen
+L&auml;ndern gehaust, wie schn&ouml;de sie das Vertrauen
+der unschuldigen Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter
+Habgier bl&uuml;hende Gegenden verw&uuml;stet h&auml;tten. Was
+k&ouml;nne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat, Mord
+und Pl&uuml;nderung die Religion der Bekehrungseifrigen als
+verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?</p>
+
+<p>Geronimo h&ouml;rte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name
+des Columbus oder einer der ihm folgenden k&uuml;hnen Seefahrer
+genannt, so ballte sich seine Faust, und Bl&auml;sse &uuml;berzog
+das lange Oval seines Gesichts. Denn diese Namen
+hatten eine selbstverst&auml;ndliche Leichtigkeit des Klanges und
+der Bildung, w&auml;hrend sein eigener Name leblos t&ouml;nte und
+v&ouml;llig an die leibhafte Erscheinung gebunden war.</p>
+
+<p>Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Sturm, der viele Tage lang anhielt und das Schiff aus
+seinem Kurs weit nach Nordwesten trieb. Die Mastb&auml;ume
+hatten gekappt werden m&uuml;ssen, das Steuer war zerbrochen,
+hilflos schwankte das Fahrzeug in der Str&ouml;mung unbefahrener
+Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten
+Landmelderuf ausstie&szlig;, glaubten sie sich schon
+gerettet, doch blickten sie voll Bangigkeit gegen die K&uuml;ste,
+da sie nicht wu&szlig;ten, wo sie sich befanden und welches Los
+ihnen dort bevorstand. N&auml;herkommend gewahrten sie eine
+Schrecken einfl&ouml;&szlig;ende Brandung, und ehe sie noch beraten
+konnten, wie das drohende Verderben abzuwenden sei,
+stie&szlig; das Schiff gegen eine Felsenklippe. Der Rumpf f&uuml;llte
+sich schnell mit Wasser, die meisten Leute wurden in der
+ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und fortgesp&uuml;lt,
+andere b&uuml;&szlig;ten das Leben ein bei der Bem&uuml;hung, ein Boot
+klar zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg
+samt ihrer Mannschaft vom Meer verschlungen.</p>
+
+<p>Vielleicht ist es der ungew&ouml;hnliche Lebens- und Tatenwille,
+gegen den selbst die Elemente machtlos sind, der
+solche M&auml;nner wie Geronimo aus Gefahren rettet, die
+alle Schw&auml;cheren rings um sie vernichten. Er wurde von
+einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen
+geschleudert und ans Land gesp&uuml;lt. Als er aus einer tiefen
+Bewu&szlig;tlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten
+Menschen umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen
+Gef&auml;&szlig; zu trinken, ein anderer half ihm, sich aufzurichten,
+und sie f&uuml;hrten ihn zu einem gro&szlig;en Dorf. Durch Geberden
+erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete
+nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>ihn zu, die Priester sein mu&szlig;ten, und mit Blumen und
+kostbaren Stoffen geschm&uuml;ckte, die er f&uuml;r H&auml;uptlinge halten
+durfte. In melodischen Lauten sprachen sie ihn an. Er
+antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen
+Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf
+seine abgerissenen Gew&auml;nder weisend. Am andern Tag wurde
+er in eine Stadt gebracht, deren pr&auml;chtige Stra&szlig;en und
+M&auml;rkte, G&auml;rten, Pal&auml;ste, Basteien und Treppent&uuml;rme sein
+Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen
+F&uuml;rsten oder Kaziken geleitet, der einen wei&szlig; und blauen,
+mit Smaragden bes&auml;ten Mantel und an den F&uuml;&szlig;en goldverzierte
+Halbschuhe trug. Mit Freundlichkeit sah er sich
+von diesem begr&uuml;&szlig;t und mit kindlich anmutiger Neugier
+betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes
+wahrnahm, gab ihm die Vorstellung gesitteter Zust&auml;nde,
+des Reichtums und der Sch&ouml;nheit. Man lie&szlig; ihn verstehen,
+da&szlig; man ihn nicht als einen Gefangenen, sondern als einen
+Gast zu behandeln w&uuml;nsche und f&uuml;hrte ihn in ein neben
+dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen
+sollte.</p>
+
+<p>Geronimo wu&szlig;te nat&uuml;rlich nicht, da&szlig; er sich in dem ungeheuren
+Reich der Azteken befand, von dem jede Provinz,
+auch die, an deren K&uuml;ste er Schiffbruch gelitten, ein
+K&ouml;nigreich f&uuml;r sich bildete, denn keines Europ&auml;ers Fu&szlig;
+hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wu&szlig;te er kaum,
+unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte
+er das Gef&uuml;hl, auf einen andern Stern versetzt zu sein.
+Alles war ihm neu und fremd, die Luft, die er atmete und
+das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten, jeder Baum und
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder Laut,
+den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit,
+der er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines
+denkenden Menschen, so schien es ihm, unter Barbaren,
+zehrte die Qual an seinem Gem&uuml;t, durch un&uuml;berbr&uuml;ckbare
+Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all
+das m&auml;rchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers,
+beschaute das Wunderland mit den Sinnen und
+Blicken von dr&uuml;ben, mit der selbsts&uuml;chtigen Genugtuung
+des zur&uuml;ckkehrenden Siegers. F&uuml;r ihn allein war es nichts,
+ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug
+ihm dies keine Fr&uuml;chte, und die Welt, die er gefunden,
+war so lang eine Chim&auml;re, bis er seinen Landsleuten und
+seinem Kaiser davon Nachricht geben konnte. Er hielt sich
+f&uuml;r den rechtm&auml;&szlig;igen Eigent&uuml;mer von allem, was er ringsum
+sah, Volk und F&uuml;rst betrachtete er insgeheim als seine
+Sklaven, und das heimt&uuml;ckische Schicksal, im Besitz unerme&szlig;licher
+Sch&auml;tze tatenlos den Verlauf der k&ouml;stlichen Zeit
+abwarten zu sollen, versetzte ihn in solche Verzweiflung,
+da&szlig; er sich ganze N&auml;chte lang in ohnm&auml;chtiger Wut auf
+seinem Lager w&auml;lzte und Gebete zum Himmel schickte, die
+mehr L&auml;sterungen als fromme Worte enthielten.</p>
+
+<p>Bald nahm er wahr, da&szlig; unter den Eingeborenen ein
+Streit &uuml;ber seine Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit,
+die man ihm erwies, sah er sich doch ohne Unterla&szlig; belauert,
+und jeder Schritt, den er tat, wurde sorgsam &uuml;berwacht.
+Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden
+durch die Not, lernte er manches von der Sprache des
+Volks verstehen; ein paar J&uuml;nglinge, die zu seiner Bedienung
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>bestellt waren, erleichterten ihm dies, und eines
+Tages entdeckte er, da&szlig; wunderliche Dinge im Werk waren
+und ein Verh&auml;ngnis &uuml;ber ihm schwebte.</p>
+
+<p>Es gab n&auml;mlich bei den Mexikanern eine alt&uuml;berlieferte
+Weissagung, derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott
+oder Halbgott also, dereinst von Osten kommen w&uuml;rde, um
+das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der Ankunft
+Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen,
+dieser Fremdling sei die langverk&uuml;ndete Erscheinung. Daher
+hatte er in manchen Mienen eine Furcht und scheue
+Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken gegeben h&auml;tten,
+wenn ihn sein eigenes Ungl&uuml;ck weniger besch&auml;ftigt h&auml;tte.
+Nur die Priester bek&auml;mpften die Meinung &uuml;ber den Schiffbr&uuml;chigen
+mit Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund
+war, da&szlig; der Sonnensohn in jedem Falle gl&auml;nzender und
+feierlicher aufgetreten w&auml;re als dieser hilflos Verlassene.
+Es wurde eingewandt, dies m&ouml;ge eine List des G&ouml;ttlichen
+sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester beharrten
+bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angeh&ouml;rige eines
+unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich
+und sch&ouml;nen Leibes, von dem man jedoch Verrat bef&uuml;rchten
+m&uuml;sse, von dessen Stammesbr&uuml;dern Gefahr drohe, und
+sie forderten, da&szlig; der Mann geopfert und sein Herz auf
+dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt werde.</p>
+
+<p>Der F&uuml;rst und seine Edlen widersetzten sich schon im
+Gef&uuml;hl verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschlu&szlig; ihrer
+Priester, und der Streit w&auml;hrte so lang, bis der Kazike
+eine Anzahl von denen, die in seinem Machtbezirk Rang
+und Stimme hatten, zu sich rief und folgenderma&szlig;en sprach:
+<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>&raquo;Wir wollen &uuml;ber den Fremdling nicht mit Ungerechtigkeit
+richten. Ist er von g&ouml;ttlicher Herkunft, so mu&szlig; er auch
+imstande sein, uns ein Zeichen seiner G&ouml;ttlichkeit zu geben.
+Was aber, denkt ihr, zeugt am meisten f&uuml;r die Eigenschaften
+eines Gottes? Ich denke, die Kraft ist es, womit
+er dem gegen&uuml;ber unempfindlich bleibt, was uns Menschliche
+alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verf&uuml;hrung
+der Sinne. Pr&uuml;fen wir ihn; f&auml;llt er in der Versuchung,
+so sollen die Priester Recht behalten, bew&auml;hrt er sich, so
+la&szlig;t ihn friedlich bei uns wohnen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit dieser Rede des sanften und klugen F&uuml;rsten erkl&auml;rten
+sich alle einverstanden, und sie waren &uuml;berzeugt,
+da&szlig; er sein Vorhaben aufs Verst&auml;ndigste ausf&uuml;hren w&uuml;rde.
+Geronimo, obgleich er nicht erfahren konnte, was man mit
+ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil und seine
+Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu
+richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten.
+Er warf sich also dem F&uuml;rsten zu F&uuml;&szlig;en und bat
+in den sp&auml;rlichen Worten, deren er m&auml;chtig war, ein Schiff
+bauen zu d&uuml;rfen. Er wu&szlig;te, da&szlig; dies fast unm&ouml;glich war,
+da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom Schiffsbauwesen
+hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen
+aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise
+wahre Wunder zu stande brachten. Aber in seiner gesteigerten
+Ungeduld und Pein dachte Geronimo doch bisweilen
+daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen
+Boot eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.</p>
+
+<p>&raquo;Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?&laquo; fragte
+der F&uuml;rst heiter und vertraut. Malinche war der Schmeichelname,
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>den die Mexikaner f&uuml;r den d&uuml;stern Fremdling
+erfunden hatten, und den sie sp&auml;terhin, freilich oft flehend
+und bek&uuml;mmert, den spanischen Heerf&uuml;hrern gegen&uuml;ber gebrauchten.
+&#8211; &raquo;Um in meine Heimat zu fahren&laquo;, antwortete
+Geronimo. &#8211; &raquo;Ein solches Schiff k&ouml;nnen wir nicht
+machen, das dich so weit tr&auml;gt&laquo;, sagte der junge Herrscher.
+&#8211; &raquo;Befiehl nur deinen Zimmerleuten, da&szlig; sie tun, was ich
+sie lehre, und das Schiff wird gebaut werden&laquo;, gab Geronimo,
+bleich vor Erregung, zu verstehen. &#8211; &raquo;Vielleicht,
+wenn der Mond sich erneut&laquo;, entgegnete der F&uuml;rst r&auml;tselvoll
+und mit seiner m&auml;dchenhaften Liebensw&uuml;rdigkeit; &raquo;heute
+nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich erneut.&laquo;</p>
+
+<p>Daraus entnahm Geronimo von ungef&auml;hr die Frist, die
+ihm verstattet war, denn der Mond stand jetzt in seinem
+Anfang. Er bereitete sich zu unabl&auml;ssiger Wachsamkeit vor,
+aber wer wei&szlig;, wie es ihm trotzdem ergangen w&auml;re, wenn
+er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn bewachenden
+Diener durch die G&auml;rten des K&ouml;nigs ging, einen Knaben
+aus den Klauen eines Puma errettet h&auml;tte. Das Tier war
+ausgebrochen und hatte den Knaben, der schon aus vielen
+Wunden blutete, &uuml;berfallen. Mutig st&uuml;rzte Geronimo hinzu,
+ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu gebrauchen
+und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern
+Tag kam der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar
+gekleideter Mann, in sein Haus, dankte ihm bewegt,
+sah ihn tief und lange an, neigte sich pl&ouml;tzlich zu seinem
+Ohr und fl&uuml;sterte: &raquo;Wenn du ein Weib ber&uuml;hrst, Fremdling,
+bist du verloren.&laquo; Nachdem der Greis den also gewarnten
+Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Tod, weil er das Bewu&szlig;tsein nicht ertragen konnte, seinen
+F&uuml;rsten verraten zu haben. Einige Tage sp&auml;ter kam ein
+Abgesandter des Kaziken und fragte den Geronimo im
+Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den
+T&ouml;chtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte
+eine tiefe Verbeugung und als Antwort sch&uuml;ttelte er nur
+ernst und verneinend den Kopf. Wenige Stunden hernach
+stellte sich ein zweiter Sendbote ein und verk&uuml;ndete, das
+sch&ouml;nste und reichste M&auml;dchen, edelgeboren und von reinen
+Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden;
+der F&uuml;rst werde sicherlich erz&uuml;rnt sein, wenn er diese Ehre
+ausschlage. Durch die offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit
+doppelt zur Vorsicht gemahnt, wiederholte Geronimo
+seine Weigerung in gleicher Form.</p>
+
+<p>Als er in der n&auml;chsten Nacht vom Schlaf erwachte, war
+er nicht wenig erstaunt, sich in einem andern Raum zu
+finden als der war, worin er sich zur Ruhe begeben. Es
+war ein von oben matt erhellter Saal, voll von einer bl&auml;ulichen
+D&auml;mmerung. Der Fu&szlig;boden und die W&auml;nde waren
+von einem Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch,
+den diese Blumen ausstr&ouml;mten, hatte die eigent&uuml;mliche Folge
+f&uuml;r Geronimo, da&szlig; er seine Gedanken l&auml;hmte und zugleich
+eine fieberische Begehrlichkeit in ihm aufregte. Die Mexikaner
+besa&szlig;en eine der Magie verwandte Kunst in der
+Vermischung der Blumend&uuml;fte, und sie brachten damit
+Wirkungen hervor, die sonst nur von Giften und narkotischen
+Getr&auml;nken erzeugt werden. Auch liebten sie die
+Blumen &uuml;ber alles, und sie veranstalteten besondere
+Blumenfeste, wo M&auml;nner, Weiber und Kinder, mit
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Blumen geschm&uuml;ckt, in Prozessionen durch die Landschaft
+zogen.</p>
+
+<p>Geronimo erblickte sechzehn J&uuml;nglinge, die durch das geweitete
+Portal schritten und sich ihm n&auml;herten. Sie trugen
+sch&ouml;ne Gegenst&auml;nde in den H&auml;nden: goldgewirkte Stoffe,
+goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich verziert waren, ein
+Gef&auml;&szlig; voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit Perlen
+gef&uuml;llt war, ferner wunderbare Fig&uuml;rchen aus Achat und
+aus Silber, eine goldene indianische &Auml;hre, von breiten silbernen
+Bl&auml;ttern umgeben, und die beiden letzten stellten
+einen Springbrunnen vor ihn hin, der einen funkelnden
+Goldstrahl emporwarf, w&auml;hrend Tiere und kleine V&ouml;gel,
+ebenfalls aus Gold, an seinem Rand sa&szlig;en. In atemlosem
+Staunen betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm
+der &auml;lteste der Sch&auml;tzebringer bedeutete, da&szlig; alles ihm geh&ouml;re,
+sagte er sich, da&szlig; man mit solchen Herrlichkeiten eine
+ganze spanische Provinz reich machen k&ouml;nne. Dennoch verzog
+er keine Miene; er hielt die geballten F&auml;uste auf der
+Brust und sp&uuml;rte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach
+einer Weile erhob er die Augen und sah an der L&auml;ngswand
+des Raumes zw&ouml;lf junge M&auml;dchen mit ebenholzschwarzen
+Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie auf dem
+Boden, und ihre H&auml;nde waren in flinker Arbeit gesch&auml;ftig;
+dabei l&auml;chelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine T&auml;uschung
+ziele. Es waren drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen,
+drei Stoffwirkerinnen und drei Perlenputzerinnen.
+Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos umher,
+entbl&ouml;&szlig;te die olivenfarbige Brust, und die andern schauten
+mit falschem, lockendem L&auml;cheln zu. Dann sangen sie im
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Chor beinahe fl&uuml;sternd eine dumpfe Melodie, bei der sie
+im Wechsel den Namen Tochrua gellend und sehns&uuml;chtig
+hinausschrieen. Pl&ouml;tzlich schwiegen sie, die ganze Schar kauerte
+sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger K&ouml;rper
+zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme
+aus und zw&ouml;lf Lippenpaare &ouml;ffneten sich in einer sinnlichen
+Weise, und die Leiber schienen sich den Gew&auml;ndern wie
+einer neblig tr&uuml;ben Fl&uuml;ssigkeit zu entwinden, das Fleisch
+leuchtete in sattem Karmin und str&ouml;mte einen rosenartigen
+Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben und dr&auml;ngten
+sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an,
+als ob sie gekitzelt w&uuml;rden, und ihre H&auml;nde ber&uuml;hrten ihn
+wie weiche kleine Tiere, da schlo&szlig; er die Augen, wandte
+sich ab und w&uuml;hlte das Gesicht in die Kissen. So wollte
+er bleiben, was auch kommen mochte, und da es nun ruhig
+ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er
+wieder im Gemach seines Hauses. Er f&uuml;hlte sich matt und
+zerschlagen und suchte der Schw&auml;che dadurch Herr zu werden,
+da&szlig; er seine Gedanken hartn&auml;ckig &uuml;ber den Ozean in
+die Heimat schickte.</p>
+
+<p>In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem
+Blumensaal. Er begriff nicht, wie es zuging, und vermutete,
+da&szlig; sie ihm bet&auml;ubende Mittel in die Speisen oder ins
+Wasser mischten. W&auml;hrend die Blumenw&auml;nde gestern haupts&auml;chlich
+aus blauen und wei&szlig;en Bl&uuml;ten bestanden hatten,
+waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte
+gelbe Dolden blickten. Er vernahm ein Ger&auml;usch, &auml;hnlich
+fernem Trommelwirbel, dann erschallten die hellen
+Kl&auml;nge eines Beckens, dann aufregende Lustschreie, dann
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>ein Gel&auml;chter, dann ein gezogener Fl&ouml;tenton, alles in der
+Finsternis, denn das D&auml;mmerlicht von oben war erloschen.
+Geronimo gr&uuml;belte, wie er es anstellen k&ouml;nnte, sich
+zu sch&uuml;tzen, da wurde es hell, und f&uuml;nf zierliche M&auml;dchen
+traten an sein Lager. Jedes trug einen Smaragd von m&auml;rchenhafter
+Gr&ouml;&szlig;e und unvergleichlichem Glanz. Der erste
+Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die
+eines Horns, der dritte stellte einen Fisch mit goldenen
+Augen dar, der vierte war h&ouml;chst kunstvoll zu einem Reif
+verarbeitet, der f&uuml;nfte und sch&ouml;nste bildete eine Schale mit
+goldenen F&uuml;&szlig;en. Diese f&uuml;nf Edelsteine boten sie ihm knieend
+dar und sagten mit Zikadenstimmen: &raquo;Das schenkt dir Tochrua,
+und das, und das, und das, und das.&laquo; Jetzt schritt
+durch ihren Kreis eine in purpurne Schleier geh&uuml;llte Frauengestalt.
+&raquo;Tochrua!&laquo; riefen ihr die M&auml;dchen zu, und sie
+gr&uuml;&szlig;te die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme voll
+Metall und an den Endungen der Worte aust&ouml;nend wie
+in einem Schluchzen. Um den Hals und um die Br&uuml;ste
+hatte sie Perlenketten geschlungen, die durch den Flor
+schimmerten, und sie kam nahe heran und sagte zu Geronimo:
+&raquo;Malinche, nimm mich zu dir.&laquo; Geronimo verstand
+es wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht.
+Sie breitete die Arme aus und die M&auml;dchen zogen ihr
+liebkosend den Schleier vom Haupt, da gewahrte Geronimo,
+da&szlig; sie sch&ouml;n war wie ein Wunder, rot wie Zedernholz
+die Haut, die Augen schwerm&uuml;tig flehend, der Mund wie
+ein aufgeschnittener Pfirsich. &raquo;Malinche, nimm mich zu dir,&laquo;
+sagte sie, und immer wieder, in immer neuer Musik der
+Stimme.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang
+dumpfer Gesang von allen Seiten, von unten, von oben
+an sein Ohr. Er suchte sich abzulenken mit Bildern, die
+ihm seine W&uuml;nsche vorgaukelten, mit den Bildern seiner
+Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich
+k&auml;mpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das
+wieder abnehmende Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua
+als einen Schatten, jede ihrer langsamen Geberden erweckte
+eine qu&auml;lende Neugier in ihm, und fast verlor er unter
+den r&auml;tselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen,
+Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf
+seinem gew&ouml;hnlichen Lager ersch&ouml;pft, beunruhigt und traurig.
+Faul schlich der Tag dahin, niemand besuchte ihn, schweigend
+eilten die Diener durch das Haus, Markt- und Stra&szlig;enl&auml;rm
+erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er Tochruas
+Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst
+begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es
+Abend wurde, kam ein wei&szlig;haariger, magerer und finsterer
+Priester in sein Gemach, starrte ihm eine Weile forschend
+ins Gesicht und sagte: &raquo;Merk auf, Fremdling! Tochrua
+mu&szlig; sterben, wenn du sie verschm&auml;hst.&laquo; Damit entfernte
+er sich und &uuml;berlie&szlig; Geronimo seiner Best&uuml;rzung.</p>
+
+<p>In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah
+nichts. Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte
+die tiefe List darin, und seine Ohnmacht verurteilte ihn
+zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte er unter einer
+hochgew&ouml;lbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein
+Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen
+hielt. Die Kuppel stand auf S&auml;ulen in einem von
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>blauen Fl&auml;mmchen geisterhaft erleuchteten Garten, von dem
+man nur schwarze Laubmauern sah, und im Laub drinnen
+kauerten wei&szlig;e stille V&ouml;gel, w&auml;hrend auf den Wegen
+kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen.
+Geronimo gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und
+hinabtauchendes Gesicht, das gleichsam mitten aus einer
+Verz&uuml;ckung geflohen war, dann nackte fl&uuml;chtige K&ouml;rper,
+die vor&uuml;berwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als dies,
+und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern
+gl&uuml;hten, eine seltsame Vergessenheit &uuml;berfiel ihn, er w&uuml;nschte,
+da&szlig; Tochrua k&auml;me, rings um sein Lager h&auml;uften unsichtbare
+H&auml;nde Reicht&uuml;mer &uuml;ber Reicht&uuml;mer, die Luft war
+voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich zahllose Arme
+nach ihm, T&auml;nzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem Zwitschern
+vorbei, J&uuml;nglinge huschten um die lautlos sich ergebenden,
+und die Ungreifbarkeit und schw&uuml;le Hast des
+ganzen Treibens versetzte Geronimo in feurigen Schrecken.
+Es fruchtete nicht, da&szlig; er die Lider zudr&uuml;ckte, er sp&uuml;rte
+die Gestalten durch die Haut, er atmete den verf&uuml;hrenden
+Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gew&auml;nder knisterten,
+auch ert&ouml;nten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam
+der Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier,
+und so schaute er denn.</p>
+
+<p>Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt,
+Lende an Lende, ungen&uuml;gendes Licht machte sie wesenloser,
+und auf einmal erschien vor den hold Zur&uuml;ckweichenden
+Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo richtete
+sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern
+k&ouml;nne, die herrliche Gestalt an sich zu rei&szlig;en, doch wunderlich,
+<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>ihr Antlitz war ernst und betr&uuml;bt; ein aufrichtiges
+Gef&uuml;hl und edle Teilnahme war in ihren Mienen und verk&uuml;ndeten
+dem erlahmenden Geronimo das nicht abwendbare
+Verh&auml;ngnis: Tod f&uuml;r ihn, wenn er sie nahm, Tod f&uuml;r sie,
+wenn er sie lie&szlig;. Da wurde er in letztem Zusammenraffen
+der Gefahr inne, schlug die H&auml;nde vors Gesicht, sank aufs
+Lager zur&uuml;ck und verblieb regungslos. Als die Nacht zu
+Ende ging und er noch einmal mit erleichtertem Sinn zu
+schauen sich entschlo&szlig;, wandelte ein Zug von M&auml;dchen und
+Knaben in wei&szlig;en Gew&auml;ndern, wei&szlig;e Blumen in den Haaren,
+durch den Raum. Nicht zu mi&szlig;kennen, da&szlig; es ein Trauergeleite
+war, auch sangen sie eine Weise, die einem Totenlied
+&auml;hnelte, und klagende Stimmen riefen: &raquo;O Malinche!
+O Malinche!&laquo;</p>
+
+<p>Der ungl&uuml;ckliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen
+preisgegeben, und der aufgereizte Zustand seines Innern
+verwandelte sich in eisige Erstarrung, als sie in der n&auml;chsten
+Nacht, diesmal hatten sie ihn in seinem Haus gelassen, den
+Leichnam der sch&ouml;nen Tochrua hereintrugen. Ein Sklave
+hielt auf einer Sch&uuml;ssel aus blauem Stein Tochruas Herz,
+das noch zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut
+auf dem gl&auml;nzenden Mineral. Kaum gesp&uuml;rte Tr&auml;nen flossen
+&uuml;ber Geronimos Wangen, und es war ihm, als ob alle
+Triebe seines leidenschaftlichen Willens pl&ouml;tzlich gebrochen
+w&auml;ren. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die
+Wollust des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit
+gegen alles, was ihm bisher erstrebenswert geschienen. Es
+kam ihm vor, als sei er nur ein Ding, fern vom Leben
+und vom Tod. Es wurde ihm bewu&szlig;t, da&szlig; er durch die
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele
+gerast war, und da&szlig; er nichts auf der Welt besessen, weil
+er nichts auf der Welt geliebt. Und welche K&uuml;nste sie von
+nun ab ersannen, ob ihre biegsamen K&ouml;rper durch den duftenden
+Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische
+in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft
+lockenden T&auml;nze ausf&uuml;hrten, es erregte mit nichten seine
+Begierde, weil der Tod sich in das beziehungsvolle Spiel
+gemengt, und auch deshalb, weil sie alle so lieblich waren,
+M&auml;nner und Frauen, und das reine Wohlgefallen den
+Brand der Sinne ausl&ouml;schte.</p>
+
+<p>In einer Nacht weckten ihn J&uuml;nglinge und f&uuml;hrten ihn
+ins Freie. Alsbald stand er am Fu&szlig; eines Treppenturmes,
+dessen breit ansteigende Stufen sich erst im dunklen &Auml;ther
+zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan, und wie er so
+die balsamische Nacht mit sich in die H&ouml;he trug und sein
+befreites Auge weitum schweifen lie&szlig;, da hatte er das Gef&uuml;hl,
+von einer schweren Krankheit genesen zu sein, und
+das ber&uuml;ckende Schauspiel, das sich ihm bot, verwandelte
+vollends sein Herz.</p>
+
+<p>Nun m&uuml;&szlig;t ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen:
+einen Himmel von &uuml;berw&auml;ltigender Sternenpracht, den Horizont
+begl&uuml;ht vom Feuer der Vulkane, in geahnter N&auml;he
+das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend, den blaugr&uuml;nen
+Schimmer des Kaktusgestr&uuml;pps, Feuerfliegen und
+Feuerk&auml;fer durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend,
+aus den W&auml;ldern die Stimmen kreischender V&ouml;gel, das
+heisere Kl&auml;ffen des Tukans, den Schrei des Baumpanthers
+und von den Tiefen der Selvas T&ouml;ne kommend, die selbst
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform
+des Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten
+und sich vor ihm, zum Zeichen, da&szlig; er die Probe
+bestanden, zur Erde beugten, da war es unumst&ouml;&szlig;licher
+Beschlu&szlig; in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den
+Europ&auml;ern Kunde von diesem Land geben konnte.</p>
+
+<p>Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat
+mu&szlig;te man glauben, da&szlig; ihn das Meer verschlungen habe,
+und Jahrzehnte, Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte
+er, bis ein anderer Seefahrer an diese K&uuml;ste verschlagen
+wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein neues Land und
+fa&szlig;t den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob
+es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank
+verschlie&szlig;en kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur
+Ehe mit einer ungeliebten Frau gezwungen, pl&ouml;tzlich Vorz&uuml;ge
+des Geistes und des K&ouml;rpers an ihr findet, die ihn
+veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr
+aufzusuchen, um sein unerwartetes Gl&uuml;ck eifers&uuml;chtig zu verbergen.
+Nun liebte er diese bl&uuml;hende Erde, diesen indigoblauen
+Himmel mit einer nie gekannten Inbrunst; er liebte
+die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut schienen, die
+undurchdringlichen Urw&auml;lder, den Bananenbaum, den Heuschreckenbaum,
+den Armadill, das Jaguarrohr, das &uuml;ber
+vierzig Fu&szlig; hoch w&auml;chst, und die Lianen, die ihre Ranken
+von Wipfel zu Wipfel schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen
+r&uuml;hrte ihn umso tiefer, wenn er sie mit der Lasterhaftigkeit
+seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges Schreiten,
+ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen
+Tier und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>zweckbeladenen Schwere, die er in der Heimat gewohnt
+war zu sehen. Er erinnerte sich der Unbill, die er von
+Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Ha&szlig; verschlungenen
+Gewebe der Existenzen hatte ertragen m&uuml;ssen;
+und da&szlig; er dorthin hatte zur&uuml;ckkehren wollen, wo eine
+wunderlose Zeit und Natur ihre Gesch&ouml;pfe aus Krampf
+und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben verdammte,
+d&uuml;nkte ihn kaum noch begreiflich.</p>
+
+<p>Der F&uuml;rst und seine Edlen, die nun die g&ouml;ttliche Art
+des Fremdlings nicht mehr bezweifelten, &uuml;berh&auml;uften ihn
+mit Geschenken, und Geronimo hinwiederum zeigte sich
+durch sinnreiche Ratschl&auml;ge und allerlei Unterweisungen
+des Rufes w&uuml;rdig, den er als eine ungew&ouml;hnliche Erscheinung
+unter ihnen geno&szlig;. So vergingen Monate und
+Jahre, in denen Geronimo fast jedes Andenken an sein
+fr&uuml;heres Leben austilgte, als eines Tages das Ger&uuml;cht
+eintraf, es seien an einem fernen Punkt der K&uuml;ste viele
+gro&szlig;e Schiffe gelandet und M&auml;nner mit feuerspeienden
+Waffen, auf grauenhaften Untieren sitzend, z&ouml;gen der Hauptstadt
+des Kaisers zu. Geronimo erschrak, und eine tiefe
+Traurigkeit bem&auml;chtigte sich seiner. Er beschwor den Kaziken,
+ein Heer auszur&uuml;sten und die Eindringlinge zu bek&auml;mpfen.
+&raquo;Ich danke dir f&uuml;r deinen Rat, Malinche,&laquo; sagte
+der F&uuml;rst, &raquo;aber nun k&uuml;nde uns doch, ob diese Fremden
+deine Br&uuml;der, ob sie gleichfalls S&ouml;hne der Sonne sind, und
+was es f&uuml;r Tiere sein m&ouml;gen, mit denen sie verwachsen
+scheinen.&laquo;</p>
+
+<p>Den Mexikanern waren n&auml;mlich die Pferde unbekannt,
+und besonders die Reiter darauf erregten ihr Entsetzen.
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Geronimo beruhigte sie nach Kr&auml;ften, aber es war ihm
+klar bewu&szlig;t, da&szlig; sie allesamt Verlorene waren, diese lieblichen,
+&auml;ngstlichen und abergl&auml;ubischen Kinder, die bis jetzt
+in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat
+des Menschengeschlechts glich. Acht Tage sp&auml;ter &uuml;berschritt
+er mit dem Heer des Kaziken den Gebirgshochpa&szlig;, der sie
+noch von dem Tal trennte, in dem die Spanier lagerten.
+Inzwischen hatte der Anf&uuml;hrer der kleinen spanischen Schar,
+Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine
+Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, da&szlig; einer
+seiner Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener
+oder als Gast konnte er der Mitteilung nicht entnehmen.
+Er sandte Botschaft und lie&szlig; dem F&uuml;rsten ein
+L&ouml;segeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden,
+sie m&ouml;chten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre
+Gewalt geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er
+vor das Zelt des Fernando Cortez gebracht, und dieser
+selbst trat auf ihn zu, ein m&auml;chtig anzuschauender Mann,
+blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen jeder
+begegnende Blick zerbrach. Geronimo war ersch&uuml;ttert, sich
+wieder bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen
+und trotzigen Erscheinung ihm gegen&uuml;ber benahm ihm
+den Mut. Er wu&szlig;te nicht, wie ihm geschah, pl&ouml;tzlich beugte
+er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder und begr&uuml;&szlig;te
+seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen
+Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden
+und darnach die Stirn ber&uuml;hrte. Hierauf wandte er sich ab
+und weinte. Cortez umarmte ihn huldvoll, viele von den
+Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber was sein
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie nat&uuml;rlich nicht
+wissen; f&uuml;r einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab
+es keine Heilung mehr.</p>
+
+<p>Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte
+er seine merkw&uuml;rdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu
+berichten. Um nicht das Ziel des Neides zu werden, schenkte
+er den neuen Gef&auml;hrten vieles von seinen mitgebrachten
+Reicht&uuml;mern, indessen stachelte er damit doch nur ihre Habsucht
+an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt
+werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh
+er den Einfl&uuml;sterungen Geronimos ein williges Ohr und
+zog mit seiner Mannschaft &uuml;ber das Gebirge. Nun war
+er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes und
+der umgarnenden Rede, und w&auml;hrend er erwog, wie er
+das Heer des Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt
+verlegte, unsch&auml;dlich machen k&ouml;nnte, wu&szlig;te er unter
+der Maske des Wohlwollens f&uuml;r den jungen F&uuml;rsten Geronimo
+dahin zu beschwatzen, da&szlig; dieser sich bereit erkl&auml;rte,
+den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen
+Empfangs in das spanische Lager zu f&uuml;hren. Geronimo
+lie&szlig; sich t&auml;uschen. Er schmeichelte sich mit der Hoffnung,
+da&szlig; Cortez, wenn er die Feinde in ihrer &Uuml;bermacht
+erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren w&uuml;rde
+und da&szlig; ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und
+m&ouml;rderischen Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er
+also zu den Mexikanern, und seinem beteuernden Zuspruch,
+wobei er die eigene Person als Geisel anbot, gelang es,
+den z&ouml;gernden F&uuml;rsten von der Gefahrlosigkeit und N&uuml;tzlichkeit
+eines solchen Schrittes zu &uuml;berzeugen. Kaum jedoch
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>war der F&uuml;rst bei den Spaniern, so enth&uuml;llte sich der Betrug.
+Sein Zelt wurde mit Wachen umgeben, und niemand
+durfte ihm nahen au&szlig;er Cortez und Geronimo, der bei den
+Gespr&auml;chen als Dolmetscher dienen mu&szlig;te. Aufs &auml;u&szlig;erste
+best&uuml;rzt, konnte sich Geronimo nicht entschlie&szlig;en, an so viel
+Heimt&uuml;cke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer
+wieder, da&szlig; es nur eine einsch&uuml;chternde Ma&szlig;regel sei, um
+die Barbaren im Zaum zu halten. In der Tat wagten
+die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange ihr Herr in
+der Gewalt des Spaniers war.</p>
+
+<p>Eines Abends zu sp&auml;ter Stunde ging Geronimo heimlich
+in das Zelt des Kaziken, den er wie einen Bruder liebte.
+Der junge F&uuml;rst kauerte auf dem Boden; seit zwei Tagen
+a&szlig; und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo ermuntern
+wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein
+Reh, wenn der Winter kommt. &raquo;Rede doch, Malinche,
+deinem Gebieter zu, da&szlig; er mir die Freiheit gibt,&laquo; sagte
+er endlich, &raquo;ich will ihm alle Sch&auml;tze meines Palastes daf&uuml;r
+ausliefern.&laquo; Trotz der vorger&uuml;ckten Stunde suchte Geronimo
+noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem
+Erstaunen v&ouml;llig geharnischt und zur Schlacht ger&uuml;stet. Er
+teilte ihm die Worte des Gefangenen mit und flehte dringlich,
+Cortez m&ouml;ge den F&uuml;rsten entlassen. &raquo;Eine solche Bitte
+ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don Aguilar,&laquo; erwiderte
+Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verr&auml;ter
+hier, Verr&auml;ter dort; kein Ausweg. So war er denn
+verloren und verdammt. Zum zweiten Mal ging er in das
+Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm nieder. Der ungl&uuml;ckliche
+F&uuml;rst wu&szlig;te nun genug. &raquo;Sieh, Malinche,&laquo; sagte
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>er sanft und d&uuml;ster, indem er sein Kleid auftat und seine
+nackte Haut sehen lie&szlig;, &raquo;ich bin doch nur ein Mensch, was
+k&ouml;nntet ihr billig verlangen, ihr G&ouml;ttlichen, von uns, die
+wir blo&szlig; Menschen sind?&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete;
+Geronimo eilte hinaus, schon waren die Ritter hingest&uuml;rmt
+gegen das aztekische Lager. Auf eine n&auml;chtliche
+&Uuml;berrumpelung nicht gefa&szlig;t und durch das Schnauben,
+Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten
+Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos
+und wurden von den Verfolgern zu Tausenden niedergemacht.
+Als Geronimo zur Walstatt kam, war alles schon
+entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an Gold
+und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut,
+die Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergew&uuml;hlt
+und Geronimo, von einem leidenschaftlichen Gram
+&uuml;berw&auml;ltigt, verw&uuml;nschte sich und sein ganzes Leben. Als
+er aber ins spanische Lager zur&uuml;ckkehrte und das Zelt des
+gefangenen F&uuml;rsten betrat, da lag dieser tot auf einem
+Teppich hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz
+durchbohrt.</p>
+
+<p>Cortez stellte sich sehr erz&uuml;rnt &uuml;ber diese Tat, doch Geronimo
+durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd,
+warf er ihm einen Blick zu, vor dem sich selbst dieser
+Eherne verf&auml;rbte. Er fing an, dem Geronimo zu mi&szlig;trauen,
+und h&auml;tte ihn gern aus seiner N&auml;he entfernt. Nun erfuhr
+Geronimo, da&szlig; Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen
+zu senden, die in m&ouml;glichster Heimlichkeit und Stille das
+Land durchziehen sollten, um das Ufer des jenseitigen Meeres
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde geworden war. Geronimo
+machte sich erb&ouml;tig, die schwierige Aufgabe durchzuf&uuml;hren,
+Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag
+ein und bestimmte drei S&ouml;ldner zu seiner Begleitung. Am
+Tag vor seiner Abreise verteilte Geronimo alles, was er
+noch an Sch&auml;tzen besa&szlig;, unter seine Kameraden. Einem gewissen
+Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen Mann,
+vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend
+Pesetas an und sprach: &raquo;Wenn ihr nach Spanien
+kommt, so gebt dies Kleinod dem Grafen Callinjos
+in Cordova. Sagt ihm, da&szlig; er keinen Undankbaren gew&auml;hlt
+hat. Sagt ihm, da&szlig; ich kein Verr&auml;ter bin, wie unser
+F&uuml;hrer argw&ouml;hnt. Sagt ihm, da&szlig; ich dieses wunderbare
+Land als erster Spanier betreten habe, aber da&szlig; ich auf
+den Ruhm verzichte, der eine solche Tat sonst kr&ouml;nt. Ja,
+ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter ist als die
+Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez
+fand in den K&auml;mpfen der sogenannten traurigen Nacht den
+Tod, und der Graf Callinjos lag l&auml;ngst unter der Erde.
+Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern unverdrossen
+durch das Land nach Westen, &uuml;ber B&auml;che, Fl&uuml;sse und
+Gebirge. Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei
+Tag an schwer zug&auml;nglichen Orten. Geronimo war stets
+schweigsam, und die Soldaten begannen ihn dieser Schweigsamkeit
+wegen und weil er auf keinen ihrer rohen Scherze,
+keine ihrer Prahlereien und L&uuml;gen einging, zu hassen, so
+wie sie ihrerseits ihm so tief ver&auml;chtlich wurden, da&szlig; er
+sich weit fort von ihnen w&uuml;nschte. Ihre Gesichter, Worte
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>und Geberden erweckten ihm Ekel und Widerwillen, die
+andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die zauberischen
+Gegenden schritten, umd&uuml;sterte sein Gem&uuml;t. Als sie nun
+nach vielen Wochen an die K&uuml;ste eines neuen, ungeheuren
+Meeres kamen, da fa&szlig;te Geronimo einen seltsamen Entschlu&szlig;,
+den er mit gro&szlig;er Vorsicht ausf&uuml;hrte. Gegen Abend,
+als seine Gef&auml;hrten noch schliefen, stand er heimlich auf,
+ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war,
+l&ouml;ste ein Kanu los, belud es mit einem wassergef&uuml;llten
+K&uuml;rbis und einem S&auml;ckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug
+das brandende Wasser kr&auml;ftig mit den Rudern und fuhr
+hinaus.</p>
+
+<p>Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, da&szlig; er fort
+war. W&auml;hrend sie sich noch verwunderten, gewahrte einer
+das Boot, das h&ouml;chstens eine Meile entfernt war und auf
+den von der untergehenden Sonne ger&ouml;teten Wellen tanzte.
+Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut
+sie konnten. &raquo;Geronimo!&laquo; riefen sie wohl ein dutzendmal,
+&raquo;Geronimo!&laquo; Er h&ouml;rte nicht und antwortete nicht. Bald
+wurde es dunkel, und sie fragten einander m&uuml;rrisch und
+best&uuml;rzt: &raquo;Was mag das sein? wohin mag er steuern?&laquo;</p>
+
+<p>Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten
+Land? nach einer gl&uuml;cklichen Insel? Oder nur
+ziellos in die Nacht und ins Unbekannte? Er fuhr gegen
+Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem einsamen
+Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das wei&szlig;
+niemand.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a></p>
+<h2><a name="Von_Helden_und_ihrem_Widerspiel" id="Von_Helden_und_ihrem_Widerspiel"></a><em class="gesperrt">Von Helden und ihrem Widerspiel</em></h2>
+
+
+<p>Ein langes Schweigen, die vor Spannung gr&ouml;&szlig;er gewordenen
+Augen der Freunde und die vor Mitgef&uuml;hl feuchten
+Franziskas belohnten den Erz&auml;hler.</p>
+
+<p>&raquo;Die Geschichte hat mir viel Vergn&uuml;gen bereitet&laquo;, sagte
+endlich Georg Vinzenz. &raquo;Au&szlig;erdem habe ich eine Vorliebe
+f&uuml;r alles, was von Schiffbr&uuml;chigen und von Reisen handelt.
+Man versetzt sich gern in die Zeit zur&uuml;ck, wo f&uuml;r
+den Seefahrer die L&auml;nder jenseits des Ozeans noch traumhafte
+Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die
+Empfindung, als er nach den Bem&uuml;hungen eines halben Lebens
+das s&uuml;dliche Amerika umsegeln konnte und endlich den
+Ozean jenseits des Kontinents erblickte. Welches Staunen,
+welche Freude, welche mystische Furcht! Oder wie mag
+dem Kapit&auml;n Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal
+eine der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie
+riesenhaft geweitet mu&szlig; diesen M&auml;nnern das Bild der Erde
+erschienen sein, und wie seltsam mu&szlig; sich Ahnung und Gegenwart
+in ihrer Phantasie verwoben haben.&laquo;</p>
+
+<p>Hadwiger sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Ich glaube, Sie t&auml;uschen
+sich&laquo;, antwortete er. &raquo;Man tut gut daran, wenn man derart
+sachlichen Naturen, sachlich im schlimmsten wie im besten
+Sinn, so wenig wie m&ouml;glich poetische Erregung zutraut.
+Wer in einer Arbeit steckt, f&uuml;r den gibt es keinen M&auml;rchen-
+oder Sch&ouml;nheitsreiz, davon wissen blo&szlig; die Zuschauer
+und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern
+so sein wie bei den Ingenieuren und bei den K&uuml;nstlern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trotzdem denk&#8217; ich mir manchmal&laquo;, entgegnete Cajetan,
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>&raquo;ob nicht Christoph Columbus eine &auml;hnliche Verwandlung
+erlitten haben kann wie dieser Geronimo de Aguilar; m&uuml;de
+und angeekelt von seiner Heimatwelt, satt der Kriege, des
+Blutvergie&szlig;ens, der wucherischen Gesch&auml;fte, der R&auml;nke und
+L&uuml;gen, war er vielleicht dem Entschlu&szlig; nahe, die herrlichen
+westindischen L&auml;nder seinem K&ouml;nig vorzuenthalten und zu
+verheimlichen. In einer tropisch k&uuml;hlen Mondnacht seh ich
+ihn entz&uuml;ckt und schuldbewu&szlig;t unter Basileen und Thalien
+und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er ahnt alle
+Folge, Zerst&ouml;rung und Gewalttat; auch wei&szlig; er, da&szlig; seine
+Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des
+Goldes geblendet sind, ihn zur R&uuml;ckkehr zwingen werden.
+Doch &uuml;ber dem gemeinen Mu&szlig; der Stunde erkennt er noch
+eine h&ouml;here Notwendigkeit, und indem er der Pflicht gehorcht,
+h&ouml;rt er auf, ein gl&uuml;cklicher Mensch zu sein. Von
+Ferdinand Cortez wird berichtet, da&szlig; ihn auf seinem Totenbett
+das b&ouml;se Gewissen &uuml;ber die Gr&auml;uel, die er verursacht,
+beinahe wahnsinnig gemacht habe. So geschah es dem
+Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker und in
+Ketten schmachtete.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus&laquo;, bemerkte
+Borsati. &raquo;Empfindsame F&auml;lschung historischer Fakten; sehr
+zeitgem&auml;&szlig;. Man nennt es Auffassung, scheint mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle &Auml;rzte sind
+Naturalisten&laquo;, versetzte Cajetan eifrig. &raquo;Ich la&szlig;&#8217; es mir
+nicht ausreden, da&szlig; die meisten Tatmenschen heimliche
+Schw&auml;rmer waren. Betrachtet doch einen Kerl wie den
+Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum
+der damaligen Welt, zieht er aus, um das m&auml;chtige
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>Reich der Inkas zu erobern. Wenn das nicht Schw&auml;rmerei
+ist, was sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ihm gelungen, damit h&ouml;rt es auf, Schw&auml;rmerei
+zu sein&laquo;, warf Hadwiger hin.</p>
+
+<p>&raquo;Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang
+geweiht war&laquo;, sagte Lamberg. &raquo;Was f&uuml;r Bilder belasten
+das Ged&auml;chtnis der Menschheit! Gibt es eine Seelenwanderung,
+so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge gewesen,
+wie der meuchlerisch &uuml;berw&auml;ltigte Inka in einem
+alten Haus gefangen sa&szlig;, stumm in sein unbegreifliches Ungl&uuml;ck
+ergeben, und wie er wartet, bis seine Untertanen als
+L&ouml;segeld f&uuml;r ihn eine ganze Halle mit Sch&auml;tzen angef&uuml;llt
+haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem Metall
+im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten
+aus den Pal&auml;sten, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller,
+Zieraten, die man von den Tempeln gerissen hatte, und so
+wurde das Leben eines gro&szlig;en F&uuml;rsten wie auf einer Wage
+abgewogen. Als nun der Saal gef&uuml;llt war, da sagten sich
+die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und
+der Inka wurde hingerichtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;re nicht das sch&ouml;ne Vergessen&laquo;, meinte Franziska,
+&raquo;w&auml;re uns immer gegenw&auml;rtig, was vor uns geschehen ist
+und was jetzt geschieht, jetzt, w&auml;hrend wir sprechen, niemand
+k&ouml;nnte vor Gram und Herzeleid alt werden&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen&laquo;,
+nahm Borsati das Wort, &raquo;und dadurch wurde seine Tat
+f&uuml;r die Nachwelt sakrifiziert. Nichts anderes kann der
+Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich verm&ouml;chte
+sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierf&uuml;hrer Henry
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685
+an der Spitze von f&uuml;nf- oder sechshundert Seer&auml;ubern das
+ganze spanische Mittelamerika samt der befestigten Stadt
+Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an Kraft und
+K&uuml;hnheit seinesgleichen sucht.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Das Gef&uuml;hl der Legitimit&auml;t hat oft etwas Geheimnisvolles&laquo;,
+erwiderte Lamberg. &raquo;Wo es verloren geht, tritt
+das Chaos ein. Die moralische Ordnung ist offenbar ein
+Teil unseres Organismus, der erkranken und zusammenbrechen
+mu&szlig; ohne ihre st&uuml;tzende Macht. Daf&uuml;r scheint mir
+eine Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet
+hat, als England in seinen K&auml;mpfen gegen Frankreich
+sich auch der gesetzlich verschleierten Freibeuterei bediente.
+Ein mit Kaperbriefen, also mit der Erlaubnis zum
+Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte,
+griff im karibischen Meer einen franz&ouml;sischen Kauffahrer
+an. Dieser Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend
+Gulden in barem Gold. Besatzung und Passagiere
+wurden gefangen genommen und sp&auml;ter bei Trinidad ans
+Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu besch&auml;digt war, um
+in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu k&ouml;nnen,
+ward in den Grund gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen
+des Kaperschoners wegen der grausamen Behandlung,
+die sie durch ihren Kapit&auml;n erlitten, l&auml;ngst in aufr&uuml;hrerischer
+Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie
+an Bord wu&szlig;ten, best&auml;rkte sie in ihren meuterischen Pl&auml;nen,
+und eines Nachts ermordeten sie, vom Hochbootsmann
+angef&uuml;hrt, den Kapit&auml;n und die Offiziere. Sie teilten
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>das Gold unter sich auf und &uuml;berlie&szlig;en sich w&uuml;sten Ausschweifungen
+der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes
+Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer
+unbewohnten Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten
+sich alle zu retten, aber auf der Insel trafen sie
+keinerlei Anstalten, ein Flo&szlig; zu bauen oder ihr Leben ertr&auml;glich
+einzurichten, sondern der verbrecherisch erworbene
+Besitz n&auml;hrte in einem jeden schleichendes Mi&szlig;trauen gegen
+den andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht
+den geringsten Wert oder Nutzen f&uuml;r sie hatte, waren sie
+nur darauf bedacht, es vor dem Neid und der Habgier zu
+bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner f&uuml;hlte sich aber
+auch in der Gesellschaft eines Gef&auml;hrten sicher. Scheinbar
+bew&auml;hrte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff
+gedient und in Not und Gefahr einander beigestanden hatten,
+verwandelten sich in unvers&ouml;hnliche Hasser. Sie wagten nicht
+zu schlafen; an abgelegenen Orten wie in gegenseitiger
+N&auml;he f&uuml;rchteten sie &uuml;berfallen zu werden. Die Entbehrungen
+verringerten wohl ihre Kr&auml;fte, hatten aber keinen
+s&auml;nftigenden Einflu&szlig; auf das Fieber ihres Argwohns; aus
+b&ouml;sen Blicken entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger
+Kampf, die Toten lagen unbegraben an der K&uuml;ste,
+die &Uuml;berlebenden, weit entfernt, an friedliche &Uuml;bereinkunft
+zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und
+endlich waren nur noch zwei &uuml;brig. Nach Stunden des
+Lauerns und der Verfolgung traten sie zum Kampf an,
+und der Schw&auml;chere fiel. Ohne Hilfsmittel, ohne gen&uuml;gende
+Nahrung, einsam, hoffnungslos und verst&ouml;rt, lebte
+nun der letzte, der Sieger &uuml;ber alle, auf dem weltentlegenen
+<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter
+einer Palme, deren Stamm er durch ein Kreuzeszeichen
+kenntlich machte und nachdem er die toten K&ouml;rper seiner
+Gef&auml;hrten dem Meer &uuml;bergeben, wanderte er unabl&auml;ssig
+am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser
+Verlassenheit begann ihn ein Gef&uuml;hl zu qu&auml;len, das er
+vorher nie kennen gelernt; er sehnte sich mit wachsender
+Gewalt nach einem Menschen, nach einem Menschengesicht,
+einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in denen
+die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten,
+und seine Tr&auml;ume waren voll vom L&auml;rmen, Lachen
+und den Zurufen seiner ehemaligen Kameraden. Als nach
+vielen Monaten ein Schiff anlief, das seine Wasserf&auml;sser
+f&uuml;llen wollte, st&uuml;rzte er vor die Matrosen hin und k&uuml;&szlig;te
+ihnen die H&auml;nde. Von seinem Reichtum lie&szlig; er, aus
+Furcht, zur Verantwortung gezogen zu werden, nichts
+verlauten, auch hatte zu dieser Zeit das Gold nichts
+Wirkliches mehr f&uuml;r ihn. Erst als er in die Heimat
+kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und
+wieder scheu und versuchend von dem unter einer Palme
+vergrabenen Schatz redete, glich es dem Stammeln eines
+Halbverr&uuml;ckten. So schleppte er den Rest seines Daseins
+in Armut dahin, besa&szlig; etwas, was er nicht erreichen
+konnte und haderte ohnm&auml;chtig gegen eine grauenhafte
+Erinnerung und gegen ein gebrochenes Versprechen des
+Gl&uuml;cks.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Seltsam&laquo;, sagte Borsati, &raquo;wie hier trotz Roheit und
+Bestialit&auml;t die Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>so wertlos wird, mit der Macht einer Idee wirkt. Die
+meisten Menschen sind leere Gef&auml;&szlig;e; wie mit der niedrigsten
+Gier kann man sie unter Umst&auml;nden auch mit dem Feuer
+f&uuml;r eine gro&szlig;e Sache erf&uuml;llen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja eine H&ouml;lle!&laquo; rief Franziska. &raquo;Da wird mir
+der Schauder noch verst&auml;ndlicher, den die Mexikaner vor
+den europ&auml;ischen Herrschaften gehabt haben. Wo bleibt
+denn aber bei solchen Gelegenheiten die ber&uuml;hmte Kultur,
+von der doch bei uns immerfort die Rede ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was wir Kultur nennen&laquo;, erwiderte Cajetan, &raquo;konnte
+dort keine Geltung erlangen, wo eine nat&uuml;rliche Ordnung
+die Tugenden und Kenntnisse, die ihren Ursprung zumeist
+einer Not verdanken, &uuml;berfl&uuml;ssig erscheinen lie&szlig;. Da&szlig; man
+den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil t&ouml;tet,
+gibt keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum,
+mit dem die Eroberer ihre Raublust maskierten, dr&auml;ngte
+edlere Einfl&uuml;sse dauernd zur&uuml;ck, und worauf wir uns sonst
+noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus, Kunst, Gl&auml;tte
+der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht als
+Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und
+Bedr&auml;ngnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin
+best&auml;tigt, die von einem Fregattenkapit&auml;n unter der
+Regierungszeit des vierten Georg nach England gebracht
+wurde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vortrefflich&laquo;, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; &raquo;man
+gebe uns Beispiele und wir verzichten auf alle Argumente.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Die Tahitierin war ein M&auml;dchen von ausnehmender
+Sch&ouml;nheit der Gesichts- und K&ouml;rperbildung&laquo;, fuhr Cajetan
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>fort, und seine Stimme verlor den schrillen Klang und
+wurde tieft&ouml;nig, wie stets, wenn er ruhig erz&auml;hlte. &raquo;Der
+Kapit&auml;n kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr
+ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen.
+Ihr Besch&uuml;tzer liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung
+f&uuml;r gl&uuml;cklich, denn in ihrer Heimat hatte sie zu den
+&Auml;rmsten des Volkes geh&ouml;rt. Er gab ihr den Namen Anima
+und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und
+den seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn
+wie eine Sklavin, willfahrte seinen W&uuml;nschen, k&uuml;&szlig;te den
+Damen der Aristokratie die H&auml;nde und als sie eines Tages
+an den Hof gef&uuml;hrt wurde, bewegte sie M&auml;nner und Frauen,
+auch den K&ouml;nig, indem sie beim Anblick der prachtvollen
+S&auml;le, der geschm&uuml;ckten Menge, des Lichterglanzes und unter
+dem Eindruck der italienischen Musik lebhaft zu zittern
+begann und in Tr&auml;nen ausbrach. Obwohl sie die Sprache
+erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in ihrem
+Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapit&auml;ns
+meinte, sie werde durch Schauen verzehrt; H&auml;user, Monumente,
+Stra&szlig;en, Fuhrwerke, Menschen, alles war in ihren
+Augen wie tausend Bilder in einem zu engen Schrein, und
+oft ging sie mit steif ausw&auml;rtsgedrehten Handfl&auml;chen vor
+sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In
+einer Nacht kam der Kapit&auml;n zu ihr und fand sie auf dem
+Teppich des Zimmers hockend; eine Kerze brannte vor
+ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie schnitt sich
+das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt.
+Zornig fragte der Kapit&auml;n, weshalb sie dies t&auml;te, sie antwortete
+mit weher Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>k&ouml;nne ihn sonst nicht mehr tragen. Er schlug sie, und am
+andern Tag lie&szlig; er eine Per&uuml;cke f&uuml;r sie anfertigen und
+drohte, sie noch empfindlicher zu z&uuml;chtigen, wenn sie sich
+ohne Per&uuml;cke den Leuten zeigte. Kurz darauf mu&szlig;te der
+Kapit&auml;n zum K&uuml;stenadmiral nach Portsmouth reisen. Er
+nahm Anima mit, und w&auml;hrend sie am Hafen spazieren
+gingen, deutete er auf ein gro&szlig;es Schiff und sagte: dieses
+Schiff f&auml;hrt morgen nach Otahiti, Anima. Da dr&uuml;ckte das
+M&auml;dchen die H&auml;nde vor die Brust, stie&szlig; pl&ouml;tzlich den
+Schrei einer Wilden aus, lief zur B&ouml;schung, entledigte sich
+mit unglaublicher Geschwindigkeit aller Gew&auml;nder und des
+falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu jenem
+Schiff zu schwimmen. Der Kapit&auml;n rief Leute herbei, ein
+Boot verfolgte die Fl&uuml;chtlingin und brachte sie wieder ans
+Land. Unter dem Gel&auml;chter eines elenden P&ouml;bels wurde
+Anima nackt &uuml;ber die Gasse getrieben, und der w&uuml;tende
+Kapit&auml;n trug ihre sch&ouml;nen Kleider und falschen Haare hinterdrein.
+In einer nahegelegenen Schenke schleppte er sie in
+eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das M&auml;dchen
+mit den F&uuml;&szlig;en, dann sperrte er die T&uuml;re zu und
+nahm den Schl&uuml;ssel mit. Nach mehreren Stunden kehrte
+er zur&uuml;ck; streng rief er ihren Namen, und als sie still
+blieb, wurde seine Stimme z&auml;rtlicher. Aber es regte sich
+nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken,
+da kam sie endlich, noch immer unbekleidet, auf allen
+Vieren herangekrochen wie ein Hund. Was ist mit dir
+geschehen, Anima? rief der Kapit&auml;n ahnungsvoll, und da
+er sie in der D&auml;mmerung kaum gewahren konnte, schrie er
+die Treppe hinunter, der Wirt m&ouml;ge Licht bringen. Sie
+<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>st&uuml;rzten mit Laternen herauf, und nun erwies es sich, da&szlig;
+die Tahitierin keine Augen mehr besa&szlig;. Vielleicht hatte sie
+in der Dunkelheit drinnen eine so schmerzliche und beseligende
+Vision der sch&ouml;nen Insel erblickt, auf der sie geboren
+war, da&szlig; sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts,
+wozu ihr die Nadel eines Schmuckst&uuml;cks gedient
+hatte, dieses Bild f&uuml;r immer festhalten zu k&ouml;nnen glaubte.
+Der Kapit&auml;n f&uuml;hlte Reue und schickte sie mit dem im
+Hafen liegenden Schiff nach ihrer s&uuml;dlichen Heimat.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Ich verstehe&laquo;, fl&uuml;sterte Franziska hingenommen, &raquo;wie
+man das eigene Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen.
+Aber was f&uuml;r ein Mensch war der Kapit&auml;n? Du
+sagst, er h&auml;tte das M&auml;dchen geliebt? Wie man eine Rarit&auml;t
+liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt?
+Unsinn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist m&ouml;glich, da&szlig; er zuerst ein echtes Gef&uuml;hl f&uuml;r sie
+hegte&laquo;, antwortete Cajetan, &raquo;und da&szlig; er sp&auml;ter, als sie
+von vielen Menschen betrachtet und angestaunt wurde, nur
+noch eitel war. Er hatte sie vielleicht erziehen wollen und
+bemerkte dann, da&szlig; die Wildheit und Fremdheit ihr st&auml;rkster
+Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und
+die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist
+ja Caspar Hauser f&uuml;r seine uneigenn&uuml;tzigsten Freunde gleichsam
+entseelt worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&auml;nner, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer
+verd&auml;chtig&laquo;, sagte Franziska. &raquo;Als ob ein Gesch&ouml;pf nicht
+alles schon w&auml;re, was es wird! Als ob die Erfahrung
+besser und reiner machen k&ouml;nnte! Kl&uuml;ger h&ouml;chstens. Und
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>wer kl&uuml;ger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen
+Teil wissen die M&auml;nner nicht zu nehmen, das steht einmal
+fest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist
+auf einem Mi&szlig;verst&auml;ndnis der menschlichen Natur&laquo;, entgegnete
+Borsati. &raquo;Ihr habt ja alle den jungen M&ouml;llenhoff
+gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das hei&szlig;t,
+er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum,
+und da er durch Frauen vielfach entt&auml;uscht worden war,
+verfiel er auf die Marotte, sich eine Gattin und Lebensgef&auml;hrtin
+aufzuziehen. Er adoptierte ein zehnj&auml;hriges M&auml;dchen
+von geringer Herkunft, hielt es in l&auml;ndlicher Abgeschiedenheit,
+unterlie&szlig; nichts, was die k&ouml;rperliche und geistige
+Bildung des Kindes f&ouml;rdern konnte, und er glaubte allen
+Anla&szlig; zur Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft,
+die ganze Stimmung seines Daseins auf das Gelingen dieses
+Planes gesetzt, aber als seine Schutzbefohlene neunzehn
+Jahre alt war, entdeckte er, da&szlig; sie mit einem G&auml;rtnerburschen
+und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr unzweifelhaften
+Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr
+von dem Schlag und ist seitdem der gr&uuml;ndlichste Menschenhasser
+geworden, den man treffen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig m&eacute;diocre&laquo;,
+bemerkte Lamberg.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf&laquo;,
+&auml;u&szlig;erte sich Cajetan. &raquo;Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen
+wird in jedem Fall mit der h&auml;rtesten Strafe bedacht.
+Daf&uuml;r bietet eine Geschichte, die ich erz&auml;hlen will, eine
+recht eindringliche Lehre.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>Frau von M., erlaubt mir, da&szlig; ich den Namen verschweige,
+hatte nach zehnj&auml;hriger Ehe ihren Gatten verloren
+und lebte mit ihrem einzigen Sohn auf einem Landgut
+am Rhein. Sie hatte die au&szlig;erordentlichsten Eigenschaften
+als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war sch&ouml;n;
+sie war sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick,
+viel Geduld, eine reiche innere Erfahrung und eine imponierende
+&Uuml;berlegenheit als Gebieterin wie als Weltdame.
+Sie beh&uuml;tete das Kind wie ihren Augapfel, und es
+war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem
+Mann gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner
+Form auf den Sohn &uuml;bertragen h&auml;tte. Sie unterrichtete ihn
+selbst, sie las jedes Buch mit ihm, sie erforschte und kannte
+seine heimlichsten Gedanken, sie besch&auml;ftigte sich gr&uuml;ndlich
+mit Medizin, um, wenn er krank w&uuml;rde, sorgf&auml;ltiger als
+jeder Arzt die Heilung &uuml;berwachen zu k&ouml;nnen, und betrieb
+sportliche &Uuml;bungen, um auch bei diesen in seiner N&auml;he zu
+sein. Der aufwachsende J&uuml;ngling verehrte seine Mutter
+schw&auml;rmerisch; er brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen
+entgegen; je mehr ein geistiges Bewu&szlig;tsein in ihm erstarkte,
+je mehr wurde er, und bis in die Tr&auml;ume hinein, von ihr
+ergriffen. Bei der zarten Empf&auml;nglichkeit seines Gem&uuml;ts
+fesselte ihn die Kunst fr&uuml;hzeitig; er malte und dichtete.
+Aber welche Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte,
+welches Antlitz immer, es war Gestalt und Antlitz seiner
+Mutter. In seinen Versen, die von schwerm&uuml;tigen Todesahnungen
+erf&uuml;llt waren, und in denen sich Welt und Menschen
+nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die
+Mutter Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>alt geworden war, zeigte sich an ihm eine ungew&ouml;hnliche
+Zerstreutheit und Unruhe. Frau von M. wu&szlig;te diesen Zustand
+wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate. Im
+vergeblichen Schmachten sah sie das Sch&auml;dliche, es war ein
+Suchen in der Finsternis. Trauernd mu&szlig;te sie eine Gewalt
+anerkennen, die K&ouml;rper und Geist auch des Edelsten unterwirft
+und unabwendbar ist wie der Fr&uuml;hlingssturm. Sie
+f&uuml;rchtete f&uuml;r den Sohn die schmerzlichen Regungen einer
+Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das tr&uuml;bgestimmte
+Wesen verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es
+nicht die Lauterkeit des Herzens vernichten sollte. Hier
+war zu handeln schwer, den Dingen ihren Lauf zu lassen
+noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungepr&uuml;fte,
+Undurchschaubare in den Bezirk dieses verg&ouml;tterten Lebens
+treten zu sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen
+werden, es zu w&uuml;nschen oder zu bef&ouml;rdern, schien ein Verbrechen.
+So f&uuml;hrte Frau von M. einen jungen Menschen
+ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen Eigenschaften
+ihr ger&uuml;hmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit
+gefielen ihr, und der junge Robert schlo&szlig; sich ihm sogleich
+mit r&uuml;ckhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau
+von M. die Gefahr einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr
+die Genugtuung, da&szlig; Robert immer wieder zu ihr
+zur&uuml;ckkehrte; den Grund wu&szlig;te sie freilich nicht, er sagte
+ihr nicht, da&szlig; er entt&auml;uscht sei, da&szlig; er sich unter einer
+Freundschaft etwas viel Hinrei&szlig;enderes gedacht, da&szlig; er ersch&uuml;ttert
+sein wollte, wo er blo&szlig; besch&auml;ftigt, begeistert, wo
+er blo&szlig; verbunden war. Gleichwohl begann Frau von M.
+zu sp&uuml;ren, da&szlig; dieser Mensch ein f&uuml;r allemal zur Entt&auml;uschung
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens stand
+eine Erf&uuml;llung und eine Harmonie, die sich in keiner Form
+seiner k&uuml;nftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte
+zu ihr zur&uuml;ck, das ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer
+als vordem. Er sah den weiten Ri&szlig;, der zwischen ihm und
+der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den Menschen
+zu sprechen; Gew&ouml;hnung an Sch&ouml;nheit und Frieden,
+an Dichterwerke und inneres Schauen lie&szlig; ihn die breite,
+satte, l&auml;rmende H&auml;&szlig;lichkeit des Alltags &uuml;ber jedes Ma&szlig;
+zornig empfinden, und wenn er Frauen, wenn er junge
+M&auml;dchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz sein
+Herz erzittern machte, wenn in den N&auml;chten das Blut aufrauschte
+und jugendliche Begierde im Unbewu&szlig;ten w&uuml;hlte,
+so klammerte sich sein Geist an die Gestalt der Mutter,
+und &uuml;bertriebene Erwartung und &uuml;berfeinerte Scheu hielten
+ihn in zwietr&auml;chtiger Schwebe zwischen Weltflucht und
+Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah
+eines Tages im Vorfr&uuml;hjahr, da&szlig; er in das Haus
+seines Freundes kam, und da&szlig; er nur dessen Schwester antraf;
+der Freund selbst, seine Eltern, sogar die Dienstleute
+waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug
+zu sehen, und das junge M&auml;dchen war daheim geblieben,
+weil eine Verletzung am Fu&szlig; ihr das Gehen l&auml;stig
+machte. Sie war siebzehn Jahre alt, eher dumpfen Gem&uuml;ts
+als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden Neigungen
+ber&uuml;ckt und fast verst&ouml;rt, eigenwillig und seltsam. Robert
+hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte
+ihn blo&szlig; angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend
+und mit schwankender Meinung. Er wollte sich entfernen,
+<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>doch etwas an ihrem Wesen bannte ihn. Sie sa&szlig;en
+einander gegen&uuml;ber, ohne zu sprechen, sie n&auml;herten einander,
+ohne es zu wollen, als es d&auml;mmerte, schlugen ihre Pulse
+heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten
+Magnetismus entfesselt h&auml;tte, und sie waren zusammengeschmiedet,
+ohne einander zu kennen, ohne einander
+zu lieben, ohne einander etwas zu sein. Ungl&uuml;cklich, ein Gesch&auml;ndeter,
+ein Verzweifelter, entfloh der J&uuml;ngling, und nachdem
+er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen
+Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er sp&auml;t in der Nacht
+das Zimmer, in welchem seine Mutter voll Beunruhigung
+auf ihn gewartet hatte. Sie lag auf einem Sessel und schlief;
+ein Buch, in dem sie gelesen, war ihrer Hand entfallen, ihre
+noch immer dunklen Haare umrahmten das noch immer sch&ouml;ne,
+&auml;u&szlig;erst bleiche Gesicht, verr&auml;terische Feuchtigkeit schimmerte
+auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte K&ouml;rper
+war wie hineingehaucht in das mittern&auml;chtige Halblicht des
+Raums. So erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie
+an wie einen Engel, der Vergeltung zu &uuml;ben noch z&ouml;gert.
+Er f&uuml;hlte sich wertlos werden und sie &uuml;ber alles Irdische
+erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer erwachten
+Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke,
+den er nicht ertrug. Er kniete nieder und k&uuml;&szlig;te den Saum
+ihres Kleides; noch knieend ri&szlig; er ein Blatt aus seinem
+Taschenbuch und schrieb: &raquo;Mutter! oder wie darf ich dich
+nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe vorgezeichnet,
+und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich
+zu laden. So w&auml;hle ich den, wohin mir dein Ged&auml;chtnis
+vers&ouml;hnt folgen wird. Leb wohl&laquo;. Ich brauche nicht die
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>Raserei der Frau zu schildern, als sie an der Leiche ihres
+Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erz&auml;hlers.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes&laquo;,
+sagte Borsati sinnend, &raquo;die Konflikte, in denen
+sie sich bewegen, sind wie aus der Geistersph&auml;re. Solche
+tragische Verd&uuml;nnung des Handelns und Aufnehmens ist
+nur in unserer Zeit m&ouml;glich. Kinder, die in Furcht geboren
+und in Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend
+auf verschwistert. Wir atmen eine unheroische Luft,
+Freunde.&laquo;</p>
+
+<p>Er erhob sich und &ouml;ffnete das Fenster. Der Regen flutete
+in l&auml;rmenden Str&ouml;men herab, auch blitzte es und ferner
+Donner rollte. Man mu&szlig;te trotz der vorger&uuml;ckten Stunde
+noch verweilen. &raquo;Bitte, schlie&szlig; das Fenster, Rudolf&laquo;, rief
+Franziska, &raquo;ich bin wirklich nicht heroisch genug f&uuml;r die
+K&auml;lte.&laquo; Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das
+Zimmer und setzte sich dicht neben sie. Da er es mit der
+ihm eigenen m&uuml;rrischen Ostentation tat, konnte niemand
+ein L&auml;cheln unterdr&uuml;cken.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe eine Frau gekannt&laquo;, begann Borsati wieder,
+&raquo;die zwei abg&ouml;ttisch geliebte Kinder besa&szlig;. So gl&uuml;cklich sie
+auch war, so sehr wurde sie von der Angst um das Leben
+dieser Kinder gequ&auml;lt. Sie litt am Bazillenwahn und hatte
+sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen Aberglaubens
+zurechtgemacht, worin die Bazillen ungef&auml;hr die Rollen
+der Teufel und Hexen aus fr&uuml;heren Jahrhunderten &uuml;bernommen
+hatten. Ihr Mann, ein kr&auml;ftiger und sicherer Charakter,
+w&uuml;nschte ihr bessere Einsichten zu geben, doch sein
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos, und
+das Verh&auml;ngnis wollte es, da&szlig; sie auf eine schreckliche Art
+gegen ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentz&uuml;ndung,
+und die Frau verbot ihm, den Kindern zu nahen,
+was ohne Frage eine verst&auml;ndige Ma&szlig;regel war. Aber der
+Mann, schon eingesponnen in Hader und Unzufriedenheit,
+lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es spottend
+nannte. Er behauptete, da&szlig; sein &Uuml;bel durchaus nicht auf
+ein Kind &uuml;bertragen werden m&uuml;sse, er forderte das Schicksal
+heraus, ein Verdikt gegen die Frau zu f&auml;llen und ohne
+zu erw&auml;gen, da&szlig; seine Tat auch vor einem h&ouml;heren Forum
+nicht f&uuml;r beweisend gelten konnte, wenn sie folgenlos blieb,
+eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der
+schlafenden Knaben und k&uuml;&szlig;te ihn, ehe die Frau es zu verhindern
+vermochte. Es kam, wie es kommen mu&szlig;, wenn
+die Entscheidung den t&uuml;ckischen M&auml;chten statt den wohlwollenden
+zuf&auml;llt. Das Kind wurde angesteckt und erlag
+der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen Ursache
+und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang
+hochm&uuml;tig geleugnet hat, und beruft er sich auf
+die Erfahrung, so mu&szlig; unter Umst&auml;nden auch ein Wunder
+dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu &uuml;berzeugen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wie beim Roulette&laquo;, sagte Cajetan; &raquo;man setzt
+auf Rot, und Schwarz gewinnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur kann man den gr&uuml;nen Tisch fliehen&laquo;, f&uuml;gte Lamberg
+hinzu, &raquo;und wenn nicht, setzen soviel man Lust hat;
+hier mu&szlig; man verweilen, und der Bankhalter diktiert die
+Eins&auml;tze.&laquo;</p>
+
+<p>Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>blickten sie auf einen gemalten Vorhang, auf dem das
+Leben und Geschehen, welches sie f&uuml;r verg&auml;ngliche Minuten
+in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war.
+Franziska schien am weitesten entr&uuml;ckt; auf dem dunklen
+Schal lagen ihre wei&szlig;en H&auml;nde gekreuzt; ihre Lippen waren
+streng geschlossen, und die Augen, oben unter den Lidern
+schwimmend, schauten gleichsam &uuml;ber die Stirn hinaus und
+zur&uuml;ck, nicht anders als b&auml;ume sie sich gegen einen k&ouml;rperlichen
+Schmerz.</p>
+
+<p>Cajetan war der erste, der zum Aufbruch dr&auml;ngte. Er
+war ein wenig pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a></p>
+<h2><a name="Der_Tempel_von_Apamea" id="Der_Tempel_von_Apamea"></a><em class="gesperrt">Der Tempel von Apamea</em></h2>
+
+
+<p>&raquo;Du gef&auml;llst mir nicht, Heinrich,&laquo; sagte Franziska am
+andern Vormittag zu Hadwiger, als dieser allein in die
+Villa kam. &raquo;Warum sperrst du dich so zu? Aus Trotz?
+Oder wei&szlig;t du nichts zu erz&auml;hlen? Wenn du stumm bleibst,
+wirst du den Spiegel nicht bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wu&szlig;t&#8217; es gleich, da&szlig; ich ihn nicht bekommen kann&laquo;,
+antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Du gibst dir nach und gef&auml;llst dir als Aschenbr&ouml;del&laquo;,
+meinte Franziska.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nicht frei genug&laquo;, versicherte Hadwiger, &raquo;ich
+kann die Dinge weder zusammen- noch auseinander halten,
+mir sitzt alles auf der Brust, und es gibt keine andre
+Wahl f&uuml;r mich als zu schweigen oder zu beichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu beichten? Wie meinst du das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie es gesagt ist. Ja, ich m&uuml;&szlig;te einmal aufr&auml;umen in
+mir; von Jahren sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten,
+an die ich aber nicht denken kann, ohne da&szlig; mich eine
+G&auml;nsehaut &uuml;berl&auml;uft.&laquo;</p>
+
+<p>Franziska blickte ihn m&uuml;tterlich verstehend an.</p>
+
+<p>&raquo;Verkleiden kann ichs nicht&laquo;, fuhr er gr&uuml;blerisch fort,
+&raquo;und schlankweg das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es
+pa&szlig;t nicht her. Hier ist alles so rund, nur ich bin eckig,
+alle sind urban, nur ich bin st&ouml;rrisch. Gegen die &Uuml;berlegenheit
+hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man sich
+und andern unbequem.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich begreife dich&laquo;, erwiderte Franziska. &raquo;Es dr&uuml;ckt
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>einem das Herz ab, und doch macht es reich, davon zu
+wissen, und arm, davon zu reden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn einer da w&auml;re, um es f&uuml;r mich zu tun, h&auml;tt&#8217; ich
+nichts dagegen, und ich k&ouml;nnte mich wenigstens aus dem
+Zimmer schleichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht zwingt es dich einmal&laquo;, sagte Franziska.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht. Oder wenn <em class="gesperrt">du</em> reden wolltest&laquo;, stie&szlig; er
+pl&ouml;tzlich hervor, unf&auml;hig, ein gl&uuml;hendes Gef&uuml;hl l&auml;nger zu
+beherrschen, &raquo;du, Franzi, dann wollte ich&nbsp;&#8211;&laquo; Er brach
+ab, denn Franziska heftete einen b&ouml;sen Blick auf ihn, und
+eine Wolke von D&uuml;sterkeit verbreitete sich &uuml;ber ihre Z&uuml;ge.
+Sie wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend
+an, da&szlig; sie verblieb, die Arme auf die Kniee und den
+Kopf in die H&auml;nde st&uuml;tzte. Um sie abzulenken, berichtete
+Hadwiger zaghaft, da&szlig; die Freunde, in Sorge &uuml;ber ihre
+Ermattungszust&auml;nde, davon gesprochen h&auml;tten, einen Spezialarzt
+aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska sch&uuml;ttelte
+unmutig den Kopf; ehe sie antworten konnte, kam
+Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte Emil, der
+einen Teller mit &Auml;pfeln trug.</p>
+
+<p>Qu&auml;cola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und
+verspeiste ihn mit Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger
+die offene Hand hin; das Tier guckte ganz nahe
+darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es &auml;rgerlich.
+Dies erregte Heiterkeit, wor&uuml;ber Qu&auml;colas &Auml;rger
+wuchs, und er spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel
+noch im Maul hatte. Lamberg wurde zornig und beschimpfte
+ihn, und w&auml;hrend Emil das verdrie&szlig;liche Gesch&auml;ft des
+Aufr&auml;umens verrichtete, sagte er: &raquo;Gn&auml;diger Herr, es kommen
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der K&ouml;chin
+fehlt eine G&uuml;rtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend
+Emailkn&ouml;pfe und ein paar alte M&uuml;nzen.&laquo; &#8211; &raquo;Ach, Sie
+sammeln M&uuml;nzen,&laquo; erwiderte Lamberg scheinbar anerkennend,
+&raquo;M&uuml;nzen und Emailkn&ouml;pfe? und wen haben Sie im
+Verdacht?&laquo; &#8211; &raquo;Man kann da nur ein einziges Individuum
+im Verdacht haben&laquo;, sagte der vornehm sprechende Diener.
+&raquo;Ich brauche mich ja nicht n&auml;her auszudr&uuml;cken. Sehen Sie,
+gn&auml;diger Herr, jetzt hat er wieder die Antike zwischen den
+Pfoten. Er hat eine Vorliebe f&uuml;r das Gl&auml;nzende und verr&auml;t
+sich selber.&laquo;</p>
+
+<p>In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen
+und starrte mit ernsthaft gefalteter Stirn auf die
+Platte, indem er offensichtlich Lambergs pr&uuml;fende Kennermiene
+nachahmte. Er kniff die Augen zusammen, schob den
+Kopf zur&uuml;ck, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul
+kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische
+Natur wieder zur Macht, er betastete argw&ouml;hnisch die
+metallene Schildkr&ouml;te, &#8211; vielleicht erwachten bei deren Anblick
+Erinnerungen an seinen heimischen Inselstrand, &#8211; dann
+stellte er den Spiegel zur Erde, lie&szlig; sich auf alle Viere
+nieder und mit einer einf&auml;ltigen, verschlafenen, komisch-traurigen
+Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen
+Ger&auml;t anzufangen sei und wie man sich in m&ouml;glichst
+ausgiebiger Art daran erg&ouml;tzen k&ouml;nne. Als nun Emil bemerkte,
+da&szlig; die Herrschaften an dem Benehmen des Affen
+ihr Vergn&uuml;gen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben
+einem erhabenen Staunen &uuml;ber diese unbegreifliche menschliche
+Verirrung auch die lebendigste Eifersucht, und es war
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>ihm anzusehen, da&szlig; er sich in seinem h&ouml;heren Bewu&szlig;tsein
+schm&auml;hlich zur&uuml;ckgesetzt f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>&raquo;Qu&auml;cola!&laquo; rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte
+und h&uuml;pfte heran.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du gestohlen, Qu&auml;cola?&laquo; fragte Lamberg streng.</p>
+
+<p>Qu&auml;cola richtete sich empor und grinste freundlich. &raquo;Er
+hat nicht gestohlen, Emil&laquo;, entschied Lamberg kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?&laquo; erwiderte
+der Diener gepre&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht
+l&uuml;gen&laquo;, sprach Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel,
+hielt ihn dem Schimpansen dicht vor die Nase und
+sagte: &raquo;Wenn du darnach noch einmal greifst, mein lieber
+Qu&auml;cola, wirst du drei Tage in deinen K&auml;fig gesperrt, und
+Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschw&ouml;rend:
+&raquo;Er versteht Sie nicht, gn&auml;diger Herr! er tut nur so,
+ich kann Ihnen die Versicherung geben, da&szlig; er Sie nicht
+versteht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das macht nichts&laquo;, entgegnete Lamberg mild, &raquo;daf&uuml;r
+verstehe ich ihn.&laquo; Es war ein Gl&uuml;ck, da&szlig; der larmoyante
+Emil das Zimmer verlie&szlig;, denn Franziska und Hadwiger
+konnten ihre Lachlust nicht mehr bez&auml;hmen. &raquo;Mir ist immer,
+als sei Emil Qu&auml;cola eine einzige Person,&laquo; sagte Franziska,
+&raquo;und ich wei&szlig; nicht mehr, ob der Diener oder der
+Affe so hei&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es
+regnete auch jetzt noch. Der Abflu&szlig; des Sees war zum
+Strom geworden, alles Erdreich war gelockert, in allen
+<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>Rinnen sch&auml;umten die Sturzb&auml;che, und die versp&auml;teten
+Sommerg&auml;ste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer.
+Franziska &auml;u&szlig;erte ein Bed&uuml;rfnis nach Blumen, und Lamberg
+lie&szlig; ganze K&ouml;rbe voll Alpenrosen ins Haus bringen.
+Den Nachmittag &uuml;ber ruhte sie, als gegen f&uuml;nf Uhr Cajetan
+von der Gr&auml;fin Seewald kam, unterhielt er sie mit
+allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter.
+&raquo;Mir kommt die Welt wie gefroren vor&laquo;, sagte sie; &raquo;trotzdem
+ist mir nicht kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir
+kalt.&laquo;</p>
+
+<p>Sie erkundigte sich nicht nach dem F&uuml;rsten, und Cajetan
+sprach nicht von ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner
+Verwunderung &uuml;ber die vielen Alpenrosen Ausdruck und
+sagte zu Franziska: &raquo;Du hast wohl durch die Geschichte
+des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du vergessen, da&szlig; ich darin den Mexikanern nie
+etwas nachgegeben habe?&laquo; antwortete sie. &raquo;Schade, da&szlig; die
+Alpenrosen so wenig riechen. Und doch vertrag ich eigentlich
+f&uuml;r l&auml;ngere Dauer nur den Geruch von Veilchen. Heute
+Nacht habe ich im Traum fortw&auml;hrend Veilchen gerochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Angenehm&laquo;, murmelte Borsati.</p>
+
+<p>&raquo;Wer von euch k&ouml;nnte mit Worten beschreiben, wie
+Veilchen riechen?&laquo; fuhr das junge Weib fort.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, &#8211; s&uuml;&szlig;&laquo;, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden
+den Kopf sch&uuml;ttelte.</p>
+
+<p>Lamberg besann sich und meinte dann: &raquo;Es ist ein lauer,
+k&uuml;hler, erdig-keuscher Geruch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das trifft ungef&auml;hr&laquo;, rief Franziska.</p>
+
+<p>Borsati, der Hadwigers eifers&uuml;chtige Miene beobachtete,
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>lachte pl&ouml;tzlich und sagte: &raquo;Mir hat heute Nacht von Hadwiger
+getr&auml;umt. Ich fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren
+uns in der Steppe, auf einmal traf ich ihn wieder,
+er sa&szlig; in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er so
+finster und ungl&uuml;cklich sei, da antwortet er mit seiner m&uuml;rrischen
+Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen.
+Ich war sehr betroffen &uuml;ber diesen Ausspruch, und w&auml;hrend
+ich nachdenke, steht Lamberg vor uns, starrt Hadwiger
+durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu:
+Das werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig
+die Achseln und erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings
+habe nur einen Hasen. Die andern zwei hat der Zar von
+Ru&szlig;land. Bei diesem Diktum bin ich vor Erstaunen aufgewacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gottvoll ist diese Paradoxie der Tr&auml;ume, die doch an
+irgend einem Punkt eine greifbare Wahrheit hat&laquo;, sagte
+Cajetan, nachdem die allgemeine Heiterkeit sich gelegt hatte.
+&raquo;Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im Traum erscheint,
+ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder
+eine Geste sein moralisches Knochenger&uuml;st entbl&ouml;&szlig;t w&uuml;rde.
+Au&szlig;er den Tr&auml;umen dichtet nur noch Shakespeare so. Die
+drei Hasen sind k&ouml;stlich; das haben Sie brav gemacht, Heinrich&laquo;,
+schlo&szlig; er und klopfte Hadwiger anerkennend auf die
+Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Neulich tr&auml;umte mir Folgendes&laquo;, begann Borsati wieder;
+&raquo;ich liege in einem Zimmer &uuml;ber einem gewaltigen
+Hammerwerk. Ich h&ouml;re und sp&uuml;re die Hammerschl&auml;ge, ich
+h&ouml;re und sp&uuml;re sie wie eine Drohung. Es erschallen gellende
+Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein M&auml;dchen
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>mit zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann
+die Leute nicht gewahren, ich sehe auch das M&auml;dchen nicht,
+ich wei&szlig; nur, da&szlig; sie tot ist, und mich durchdringt eine
+atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der Toten. Da scheint
+es mir, als ob sie lebendig w&uuml;rde, und zu gleicher Zeit
+dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas
+gef&uuml;llt wird. Ich will mit dem M&auml;dchen sprechen, stehe
+auf und schlie&szlig;e nacheinander die T&uuml;ren. Es zeigen sich
+mir immer mehr und mehr T&uuml;ren, und w&auml;hrend ich eine
+zumache, &ouml;ffnen sich best&auml;ndig andere von selbst. Vor Ungeduld
+bin ich dem Weinen nahe, pl&ouml;tzlich h&auml;lt mich die
+weibliche Gestalt mit ihren H&auml;nden fest, und voll Abscheu
+erkenne ich einen J&uuml;ngling in ihr, der mich mit verderbten
+Blicken anstarrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir tr&auml;umte vom Weltuntergang&laquo;, erz&auml;hlte Franziska;
+&raquo;der Himmel war voller Feuer, ich war mit einer gro&szlig;en
+Menschenmasse in einer engen Stra&szlig;e, und alles dr&auml;ngt zu
+einer herrlichen Bronzet&uuml;r an einem dunkelbraunen Marmorgeb&auml;ude.
+Ich wundere mich, da&szlig; die Menschen mehr
+neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, da&szlig; sie so
+geduldig warten, bis die Bronzet&uuml;r aufgemacht wird, und
+indes gl&uuml;hende Steine von oben herunterst&uuml;rzen, frage ich:
+warum geht man denn nicht hinein? Darauf antwortet
+mir ein eleganter Herr sehr h&ouml;flich: ja, es wird erst um
+zw&ouml;lf Uhr ge&ouml;ffnet, und es fehlen noch f&uuml;nf Minuten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Gef&uuml;hl der Verwunderung ist &uuml;berhaupt charakteristisch
+f&uuml;r Tr&auml;ume&laquo;, sagte Lamberg. &raquo;Verwunderung,
+Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld; Ungeduld ist
+Wollust.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>&raquo;Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer
+von beiden Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee&laquo;,
+berichtete Cajetan. &raquo;Da st&uuml;rmt eine Herde von wei&szlig;en und
+braunen Pferden geisterhaft fl&uuml;chtig wie Schmetterlinge vor&uuml;ber.
+Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in einiger
+Ferne machen sie auf dem Abhang eines H&uuml;gels halt und
+kehrt. Ich sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten
+Leidenschaften, sieh nur, wie traurig sie her&uuml;berschauen.
+Pl&ouml;tzlich springt in ungeheuern S&auml;tzen ein Tier
+auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann, ein Mittelding
+zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und
+widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von
+den Pferden zur&uuml;ck, ein wei&szlig;es und ein braunes. Sie laufen
+mit fabelhafter Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander,
+und wiehern stolz. Sie stellen sich dem Ungeheuer
+in den Weg und zwingen es in einer herrlich plastischen
+Stellung, beide K&ouml;pfe gegen den Hals des Scheusals gepre&szlig;t,
+stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische
+gefl&uuml;chtet, und ich wei&szlig;, da&szlig; in der n&auml;chsten Minute
+mein Kopf abgebissen sein wird. Ich &uuml;berlege, wie ich
+es anfangen k&ouml;nnte, mich ritterlich zu benehmen, und ich
+habe die deutliche Empfindung, da&szlig; meine Liebe f&uuml;r die
+Frau zu Ende ist, weil es ihr ganz selbstverst&auml;ndlich scheint,
+da&szlig; ich mich f&uuml;r sie opfere. So heftig wird meine Erbitterung,
+da&szlig; ich dar&uuml;ber erwache.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sah im Traum eine Frau&laquo;, nahm Borsati wieder
+das Wort, &raquo;sie ist sehr sch&ouml;n, nur ihre H&auml;nde sind aus
+Terracotta. Ich frage: warum sind deine H&auml;nde aus Terracotta?
+Sie antwortet: daran sind deine Br&uuml;der schuld. Ich
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>versichere ihr, da&szlig; ich keine Br&uuml;der habe, darauf nennt
+sie mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort
+gr&auml;mt mich so, da&szlig; ich pl&ouml;tzlich graue Haare bekomme,
+denn ich kann mich zugleich von au&szlig;en sehen. Sie f&uuml;hrt
+mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel.
+Da ist dein &auml;ltester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es
+selbst, erwidre ich. Sie lacht und wir gehen durch den
+Spiegel durch, und ich befinde mich in einer Versammlung
+zahlreicher Menschen. Da sind deine andern Br&uuml;der, sagte
+die Frau, und ich bemerke, da&szlig; alle diese Menschen mir
+&auml;hnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von
+Verlassenheit unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar
+w&uuml;rde, und als ich erwachte, war meine erste instinktive
+Handlung, da&szlig; ich einen Wandspiegel herabnahm, um mich
+zu betrachten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich tr&auml;umte einmal eine Landschaft&laquo;, erz&auml;hlte nun auch
+Georg Vinzenz, &raquo;eine purpurrote Landschaft mit einem
+meergr&uuml;nen Himmel dar&uuml;ber, und in der Mitte eine zu unerme&szlig;licher
+H&ouml;he ansteigende Felsenstra&szlig;e, die sich zwischen
+blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht
+glauben, da&szlig; dies ein Traum gewesen sei, und mir schien,
+diese Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes
+Erlebnis. Ich suchte die Verkn&uuml;pfungen, die zeitlich
+vor dem Traum lagen, und konnte nicht fassen, da&szlig; ich
+etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes
+erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber
+fremd und mi&szlig;traute meiner Wahrnehmung in einer
+Weise, die nah an Wahnsinn grenzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>zeichnen&laquo;, sagte Borsati, &raquo;davon lieferte mir unl&auml;ngst einer
+meiner Patienten den Beweis. Er ist ein sehr beschr&auml;nkter,
+sehr geiziger und sehr neugieriger Mann, dies das
+Thema zu der Traum-Variation. Er erz&auml;hlte mir, er
+habe getr&auml;umt, da&szlig; er ins Theater gegangen sei, obwohl
+er sich nicht leicht h&auml;tte entschlie&szlig;en k&ouml;nnen, einen
+Sitz zu kaufen. Er l&auml;&szlig;t sich nieder, jedoch eine kolossal
+dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf einen
+andern Platz, da ragt eine S&auml;ule vor ihm auf. In den
+Traumtheatern ist den Menschen offenbar eine ungehemmte
+Bewegungsfreiheit gestattet, auch m&uuml;ssen sie so hoch sein
+wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in den vierten, in
+den f&uuml;nften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen
+ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch
+zeigen, da&szlig; ich mich nicht lumpen lasse und da&szlig; ich auch
+wer bin, geht an den Schalter und kauft sich eine Loge,
+die er freudestrahlend betritt, dabei aber immerfort nachdenkt,
+ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln &uuml;bervorteilt
+habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich
+dem Genu&szlig; des Schauspiels hingeben will, f&auml;llt der
+Vorhang und das St&uuml;ck ist aus. Entz&uuml;ckend war in seiner
+Schilderung der &Auml;rger, den ihm die vergebliche Geldausgabe
+im Traum verursacht hatte. Ich bin &uuml;berzeugt, er
+hat sich noch im Wachen ge&auml;rgert. Auch hat es einen
+eigenen Tiefsinn, da&szlig; er trotz seiner Neugier das St&uuml;ck
+nicht zu sehen bekam.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Tr&auml;ume sind&laquo;,
+lie&szlig; sich Cajetan vernehmen. &raquo;Vor ein paar Jahren hatte
+ich einen Winter hindurch ungew&ouml;hnlich viel unter Menschen
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>verkehrt, und Beziehungen allerlei Art wuchsen mir
+&uuml;ber den Kopf. Ich war m&uuml;de des Redens und begab
+mich am Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort
+war ziemlich entlegen, aber ich traf doch Bekannte, und
+da ich schon erregt wurde, wenn ich aus einem Nebenzimmer
+oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen
+vernahm, entschlo&szlig; ich mich, mit dem Rucksack ein
+paar Tage lang auf die Berge zu wandern. In einer Mondnacht
+brach ich auf und marschierte stundenlang wie in
+Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich den Gipfel
+vor mir, aber das Herz stockte mir vor Entt&auml;uschung, als
+ich von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie
+Schattenrisse gegen den ger&ouml;teten Himmel gestellt waren
+und sich eifrig zu unterhalten schienen. In der ersehnten
+Einsamkeit wieder das unvermeidliche Geschw&auml;tz h&ouml;ren zu
+sollen, kr&auml;nkte mich bitter, und da ich vom Pfad nicht abweichen
+konnte, schickte ich mich an, rasch vor&uuml;berzueilen.
+Ich kam n&auml;her, gewahrte ihre lebhaften Gesten, h&ouml;rte aber
+keinen Laut. Sie bewegten die Arme, ihre Mienen waren
+beredt, ihre Augen gl&auml;nzten, und alles war totenstill. Mir
+gruselte, als ich unter sie trat, und ich hatte das Gef&uuml;hl,
+als ob mein Zorn, mein Ha&szlig; sie der Zunge beraubt h&auml;tte.
+Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hat allerdings etwas Traumhaftes&laquo;, best&auml;tigte
+Lamberg, &raquo;aber vieles, was mit uns geschieht, und das
+meiste von dem, was in der Welt geschieht, hat, f&uuml;r mich
+wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter und sinnlich
+wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die au&szlig;erhalb
+meiner Erfahrung stehen, je mehr n&auml;hern sie sich zugleich
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>dem Traum. Ich kannte eine Frau, die so selbstverst&auml;ndlich
+von ihren Tr&auml;umen sprach wie wir von unsern Eindr&uuml;cken
+bei einem Spaziergang oder in einem Museum
+sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern,
+und man ist doch voll von Tr&auml;umen, ja, was man
+Seele nennt, ist vielleicht nur das Spiel der Tr&auml;ume in
+uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je d&uuml;nner die
+Wand ist, die ihn von seinen Tr&auml;umen scheidet. Gestalt
+und Farbe und Handlung der Tr&auml;ume sind dabei von geringem
+Belang. Der tiefste und m&auml;chtigste Traum mag
+nur ein Chaos sein, eine schwarze, schwere Flut, die durch
+die Unterwelten unserer Bewu&szlig;tlosigkeit zieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit
+dieser Bemerkung&laquo;, versetzte Cajetan. &raquo;Auch was Sie von
+dem Traumhaften der Weltbegebenheiten andeuten, scheint
+mir richtig. Ich entsinne mich der Erz&auml;hlung eines englischen
+Diplomaten, wie die Kaiserin von China und ihr
+Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie ersch&uuml;ttert
+und das Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen
+hatte, einander gegen&uuml;ber traten, um sich zu vers&ouml;hnen.
+M&ouml;glich, da&szlig; er es gar nicht so geschildert hat, wie ich
+es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild hat sich
+mir mit einer wundersamen Unverl&ouml;schlichkeit eingepr&auml;gt,
+und wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverl&ouml;schlichen
+Traum. Sie gehen durch verschiedene T&uuml;ren
+in ein Zimmer des Palastes; die Mutter wie auch der
+Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein t&ouml;dliches
+Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt
+worden war; die Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Mutter vergiften lassen, ein jedes auf Dr&auml;ngen und Anstiften
+der H&ouml;flinge, von denen sie umgeben sind, weil die
+Zwietracht eine Gefahr f&uuml;r Monarchie und Staatsform
+zu werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge
+Kaiser wie die alte Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander
+erf&uuml;llt. Sie sind ermattet vom Kampf um die Herrschaft,
+und es ist, als habe es nur des Aug&#8217; in Augschauens
+bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor ge&auml;u&szlig;erte
+menschliche Regung in ihnen zu wecken und das
+Andenken an Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an
+Verleumdungen zu ersticken. Sie sprechen nicht, sie blicken
+wie &uuml;ber einen Abgrund, der sich langsam schlie&szlig;t, zu einander
+hin&uuml;ber, sie f&uuml;hlen sich dem L&auml;rm in eine Stille entronnen,
+die ihr Blut entz&uuml;ndet, und nur noch sch&uuml;chtern
+glimmt die Furcht in den sehns&uuml;chtigen Mienen, denn ein
+Herrscher von China ist das einsamste Wesen auf der
+Welt. Und nun b&uuml;ckt sich der junge Kaiser zum Kotau,
+b&uuml;ckt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so
+pl&ouml;tzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken.
+Die Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie
+wird von der k&ouml;rperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren
+Sohn, sie bricht in Tr&auml;nen aus, er umschlingt sie gleichfalls
+weinend, und sie liegen Arm in Arm, bis sie beide sterben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unbedingt eine Szene von gro&szlig;er Art und wie aus
+einer Mythe&laquo;, bemerkte Borsati; &raquo;ich bin sicher, hier war
+schon ein st&auml;rkerer Genius an der Arbeit als die Wirklichkeit
+einer ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen &uuml;bertr&auml;fe!&laquo;
+rief Franziska.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>&raquo;Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden,
+sie ist kaum fa&szlig;bar, und indem man ihr Sinn und Bedeutung
+unterschiebt, wird sie schon Geschichte oder Gedicht.&laquo;</p>
+
+<p>Franziska, die eine Wendung des Gespr&auml;chs ins theoretisch
+N&uuml;chterne f&uuml;rchtete, wollte wissen, ob nicht die r&auml;tselhaften
+F&auml;lle von Doppelexistenz eines Menschen auf den
+Einflu&szlig; der Tr&auml;ume zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei. &raquo;Ich hatte eine
+Kollegin,&laquo; erz&auml;hlte sie, &raquo;ein junges Ding noch und keineswegs
+extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in
+jedem Monat war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden.
+Alle Nachforschungen wu&szlig;te sie mit einer Geschicklichkeit
+zu vereiteln, die man ihr kaum zutrauen wollte,
+und Fragen an sie zu richten war gef&auml;hrlich, denn sie versank
+dann in eine Lethargie, aus der sie stundenlang nicht
+zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, da&szlig; sie an den
+geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der
+Stadt verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter,
+legte zerrissene und schmutzige Kleider an, nahm einen
+kranken S&auml;ugling auf den Arm und postierte sich als Bettlerin
+vor eine Kirchent&uuml;re. Wenn sie am Abend nicht genug
+Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem
+rohen Kerl geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und
+N&auml;chte in solcher Weise gelebt hatte, erwachte sie aus
+ihrem dunklen Zustand, verga&szlig; ihn vollst&auml;ndig und kehrte
+in ihre H&auml;uslichkeit zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte,
+aber recht merkw&uuml;rdige Geschichte des alten Sinzenheim&laquo;,
+sagte Lamberg. &raquo;Dieser Sinzenheim war Kaufmann gewesen
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>und hatte bei vorger&uuml;ckten Jahren sein Gesch&auml;ft einem
+Neffen &uuml;berlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete ihm,
+mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt,
+doch nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine
+W&uuml;nsche zu verwirklichen. Er kleidete sich wie ein Kavalier,
+und seine hagere, nicht unansehnliche Gestalt wie auch
+eine gewisse hochm&uuml;tige Gleichg&uuml;ltigkeit, die er einge&uuml;bt,
+waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige
+aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und
+der Umstand, da&szlig; er Jude war und in seinem Judentum
+ein Hindernis auf dem Weg zur gro&szlig;en Gesellschaft fand,
+wurde durch eine bigotte alte Gr&auml;fin beseitigt, die ihn zur
+christlichen Religion bekehrte und Freudentr&auml;nen vergo&szlig;,
+wenn sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte
+sich ein gro&szlig;es &Uuml;bel; seine b&uuml;rgerlichen Verh&auml;ltnisse erlaubten
+ihm nicht, in dem eroberten Bezirk dauernd so
+zu leben, wie man um des Respekts willen dort leben mu&szlig;,
+wenn man blo&szlig; ein Eindringling ist. Da er ein guter Rechner
+war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle
+Mi&szlig;wirtschaft hegte, so beschlo&szlig; er, seine Existenz in
+zwei Teile zu teilen. In den ersten sechs Monaten des
+Jahres hauste er in einer Mansarde am &auml;u&szlig;ersten Rand
+der Vorstadt. Er kochte sein Fr&uuml;hst&uuml;ck selbst, briet sich
+mittags ein paar &Auml;pfel und ging nur des Abends aus, um in
+einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein,
+lie&szlig; er sich den Bart wachsen, sein Anzug war sch&auml;big, sein
+Gang schlotterig, sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn
+aufrecht erhielt, besch&auml;ftigte und zerstreute, war die Erwartung
+der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen luxuri&ouml;ser
+<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Pl&auml;ne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau
+am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte
+sich, schob zwei Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich
+in heiterer Laune um, fuhr im Wagen vor das elegante
+Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte, tauchte
+pl&ouml;tzlich wieder auf den Rennpl&auml;tzen und im Theater auf,
+reiste in teure und vornehme Badeorte und erz&auml;hlte allen,
+die es h&ouml;ren wollten, von Erlebnissen in Biarritz, an der
+Riviera und in &Auml;gypten, wo er w&auml;hrend jener sechs Monate
+gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug viel
+Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und
+Petersburg, und das Studium verl&auml;&szlig;licher Handb&uuml;cher war
+belehrender als Wirklichkeit und Augenschein. So trieb
+er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich eines Tages
+w&auml;hrend der Bettlerperiode ernstlich krank f&uuml;hlte. Ein
+gro&szlig;er Schreck erfa&szlig;te ihn, da&szlig; er inmitten der k&uuml;nstlichen
+Armseligkeit sterben k&ouml;nne. Er bot seine ganze Willenskraft
+auf, nahm noch einmal die Verwandlung vor, begab
+sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine Pflegerin
+und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen,
+damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen
+sollten. Es kam aber niemand au&szlig;er dem Arzt, den er bezahlte,
+und einem ruinierten Lebemann, dessen ehrw&uuml;rdiges
+Wappen er durch kleine Geldbetr&auml;ge hin und wieder aufgeputzt
+hatte. Die alte Gr&auml;fin, die f&uuml;r sein Seelenheil besorgt
+war, erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte
+ihr Enkelkind mit, einen vierzehnj&auml;hrigen, verschmitzt aussehenden
+Knaben, der eben die Kommunion erhalten hatte,
+und den sie infolgedessen f&uuml;r so s&uuml;ndenrein hielt, da&szlig; sie
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>sich von seinem Gebet eine erl&ouml;sende Wirkung auf den
+ehemaligen Juden versprach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein &uuml;bler Narr&laquo;, sagte Borsati, &raquo;und kein unwahrscheinlicher.
+Ich kannte einen Baron R&uuml;mling, einen achtzigj&auml;hrigen
+Greis, aus herabgekommenem Geschlecht, der
+in den d&uuml;rftigsten Verh&auml;ltnissen lebte. Sein wertvollster
+Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre hindurch
+wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes
+Herbstes und Ende jedes Fr&uuml;hjahrs einmal anzog, um
+in den H&auml;usern vornehmer Familien, als sein eigener Diener
+maskiert, seine Namenskarte abzugeben.&laquo;</p>
+
+<p>Man sprach noch &uuml;ber &auml;hnliche Marotten, und Cajetan
+erz&auml;hlte eine Episode aus dem Leben der verwitweten
+Gr&auml;fin Siraly, Schlo&szlig;herrin von Tarjan. &raquo;Die Gr&auml;fin war
+eine sehr sittenstrenge Dame, und alle weiblichen Dienstboten
+mu&szlig;ten ihr einen Eid leisten, da&szlig; sie keine Liebesverh&auml;ltnisse
+eingehen w&uuml;rden. So nachsichtig und m&uuml;tterlich
+sie diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen
+f&uuml;gten, so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbr&uuml;chigen,
+und einmal sperrte sie ein junges Gesch&ouml;pf, das
+sich vergessen hatte, drei Wochen lang in ein unterirdisches
+Verlie&szlig;. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren, sondern
+vor einem oder zwei. Einst beschlo&szlig; sie, ihren M&auml;dchen
+eine Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt
+zu reisen und sie ins Theater zu f&uuml;hren. Sie kamen eines
+Sonntags in die Stadt, und die imponierend und entschlossen
+aussehende Gr&auml;fin marschierte zum Erstaunen der
+Bev&ouml;lkerung an der Spitze eines Dutzends h&uuml;bscher, festlich
+gekleideter junger Frauenzimmer durch die Stra&szlig;en. Wie
+<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>eine Henne auf die K&uuml;chlein, achtete sie sorgsam darauf,
+da&szlig; alle h&uuml;bsch beisammen blieben und keine einen Schritt
+vom Wege tat. In dem Garten eines Restaurants nahmen
+sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gr&auml;fin war fortw&auml;hrend
+besch&auml;ftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren
+durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden
+Blicken zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch
+doppelten Argwohn; pl&ouml;tzlich trat ein polizeilicher
+Funktion&auml;r an den Tisch und fragte, was die Dame mit
+den M&auml;dchen vorhabe. Die Gr&auml;fin wurde grob, weigerte
+sich, ihren Namen anzugeben, der Funktion&auml;r zeigte sich
+in der Hoheit seines Amtes, die w&uuml;tende Gr&auml;fin mu&szlig;te
+dem Ordnungsmann auf die Wachtstube folgen, und s&auml;mtliche
+Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen hinterdrein.
+Die Gr&auml;fin befahl ihren M&auml;dchen, sie zu erwarten,
+aber es dauerte geraume Zeit, bis der h&ouml;here Beamte erschien,
+dem die Angelegenheit &uuml;bergeben worden war. Dieser
+erkl&auml;rte der Gr&auml;fin kalt, da&szlig; sie im Verdacht stehe, M&auml;dchenhandel
+zu treiben. Ich bin die Gr&auml;fin Siraly! schrie
+die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und
+meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? br&uuml;llte die
+Gr&auml;fin, deren Feudalbewu&szlig;tsein sich b&auml;umte, ich werde dir
+die Z&auml;hne in den Hals treten, du bissiger Spitzbube, ist
+das Beweis genug? Nein, Madame, war die Antwort.
+Endlich m&auml;&szlig;igte sie ihren Grimm soweit, da&szlig; sie einen
+Vetter herbeiholen lie&szlig;, der ein hoher Offizier war und
+ihre Identit&auml;t glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende
+unter vielen devoten Entschuldigungen entlie&szlig;;
+sie f&uuml;hrte auch nachher eine Reihe von Prozessen, konnte
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>jedoch nichts ausrichten. Zun&auml;chst wollte sie sich ihrer
+Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang
+geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht
+und in der Meinung, die Frau Gr&auml;fin werde die Nacht
+&uuml;ber in Gefangenschaft bleiben m&uuml;ssen, in ein Tanzlokal
+begeben, um ihrer s&uuml;ndhaften Jugendlust zu fr&ouml;hnen. Dabei
+hatte es nicht sein Bewenden, es war Fr&uuml;hling, die
+kl&ouml;sterlichen R&uuml;cksichten hielten fern vom Auge der Herrin
+nicht Stand, und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gr&auml;fin,
+nachdem sie bis zum Abend vergebliche Nachforschungen
+angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das Schlo&szlig; zur&uuml;ck,
+und andern Tags kamen auch die zerknirschten Fl&uuml;chtlinge
+mit mehr Ausreden und L&uuml;gen als Gewissensbissen nach
+Hause. Sie waren alle recht bleich und m&uuml;de, von dem ungewohnten
+Pflaster in der Stadt, wie sie sagten; und einige
+blieben auch bleich und m&uuml;de, obwohl ihr k&ouml;rperlicher Umfang
+in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun
+Monaten, oder auch etwas dar&uuml;ber, Schlo&szlig; Tarjan um
+vier oder um f&uuml;nf oder vielleicht auch um mehr Insassen,
+ich wei&szlig; es nicht genau, bereichert wurde. Die Gr&auml;fin erlitt
+eine Gem&uuml;tsst&ouml;rung und mu&szlig;te sich zur Heilung ihrer
+Nerven in ein Seebad begeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb
+ein wenig entt&auml;uscht&laquo;, sagte Lamberg. &raquo;Die Wirklichkeit
+bleibt gew&ouml;hnlich um eine Pointe zur&uuml;ck, oder sie ist uns um
+eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist das in mathematischer
+Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge
+macht es stutzig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich
+<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>so zugetragen&laquo;, antwortete Cajetan. &raquo;Sie w&uuml;rden manchmal
+gut daran tun, die Spitze nicht zu &uuml;berspitzen und das
+Stumpfe stumpf zu lassen&laquo;, f&uuml;gte er etwas &auml;rgerlich hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Also w&uuml;nschen Sie meinen Tod?&laquo; fragte Lamberg mit
+entwaffnender Heiterkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Georg will uns besch&auml;men&laquo;, fiel Franziska ein, &raquo;er strahlt
+von Geringsch&auml;tzung des Allt&auml;glichen. Er kehrt zu den
+Tr&auml;umen zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird uns die h&ouml;here Wahrheit von Wunder und
+Magie verk&uuml;nden&laquo;, sagte Cajetan vers&ouml;hnt und zugleich
+herausfordernd. &raquo;Er liebt es, ferne Zeiten aufzusuchen,
+und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister
+zu vergleichen, dem zwischen vier W&auml;nden zu eng
+wird f&uuml;r seine Kunst. Stimmt die Gleichung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also ein Wunder, Georg, erz&auml;hl&#8217; uns von einem Wunder!&laquo;
+rief Franziska.</p>
+
+<p>Lamberg lachte. &raquo;Das nenn&#8217; ich einen &Uuml;berm&uuml;tigen aufs
+Glatteis f&uuml;hren&laquo;, entgegnete er. &raquo;Ihr habt den Faden abgeschnitten,
+und ich soll die Enden wieder verknoten, damit
+ihr mich dran ziehen k&ouml;nnt, wohin ihr wollt. Wie ist es
+m&ouml;glich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Anspr&uuml;che erhebt?
+Ein Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder
+erz&auml;hlen.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Unter der Regierung der S&ouml;hne Constantins wurde
+allenthalben im r&ouml;mischen Reich, namentlich aber in Syrien
+und Kleinasien, das Heidentum nach Kr&auml;ften ausgerottet.
+Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein J&uuml;ngling
+mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>Vater, seine Mutter und seine drei Br&uuml;der waren in
+einem blutigen Gemetzel von den Christen erschlagen worden.
+Er war noch ein Knabe gewesen, als sich dies ereignet
+hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und
+mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte
+sich sein Herz mehr und mehr den G&ouml;ttern seiner Vorfahren
+zu, und w&auml;hrend er die Regeln des aufgedrungenen
+Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im Geheimen
+von Schmerz erf&uuml;llt &uuml;ber die Sch&auml;ndung und Zerst&ouml;rung
+der Tempel. Nicht als Ha&szlig; konnte man bezeichnen, was
+er gegen die Religion des Heilands empfand, nicht als
+Fr&ouml;mmigkeit, was ihn trieb, unabl&auml;ssig im Lande herumzuwandern
+und die alten geweihten St&auml;tten aufzusuchen;
+er war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem
+Fanatiker, nichts von einem Prediger, er war ein einfacher
+Mensch, sch&ouml;n allerdings wie ein Apoll, aber das Besondere
+an ihm war, da&szlig; seine Seele gleichsam im innersten
+Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit
+Stimmen; das Wasser war ein Wesen, der Baum ein
+f&uuml;hlendes Gesch&ouml;pf, die Nacht hatte ein Gesicht f&uuml;r ihn,
+und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der Ahnen,
+die Tr&auml;ume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten
+erzeugt, das war f&uuml;r ihn wirklich, das lebte in Busch
+und Fels, in den Blumen und in den Wolken. Sein liebster
+Aufenthalt war der Zypressenhain, in welchem der Tempel
+von Apamea lag; tausende von Adern des reinsten Wassers,
+die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das Gr&uuml;n
+der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von
+Prophezeiung, an Ruhm und Untr&uuml;glichkeit mit dem delphischen
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>Orakel wetteifernd, entsprang der kastalischen Quelle
+der Daphne. Der Tempel, obwohl l&auml;ngst verlassen und beraubt,
+war eines der herrlichsten Gebilde des g&ouml;tterfrohen
+Griechenvolkes, zart trotz seiner Gr&ouml;&szlig;e, von zauberischer
+Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend
+belebt, dank jener erlauchten Imagination und Sch&ouml;pferkraft,
+die eine Steinmasse in einen Organismus zu verwandeln
+wu&szlig;te. Eines Tages nun zog eine Horde von mehr als
+f&uuml;nfhundert M&ouml;nchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut
+versetzt durch ihren Anf&uuml;hrer, der sich Bruder Simeon
+nannte, und der sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert
+hatte, den altber&uuml;hmten Tempel von Apamea der Erde
+gleich zu machen. Es waren Z&ouml;nobiten und Anachoreten,
+jene frommen und rasenden Schw&auml;rmer, deren Ehrgeiz es
+war, den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuw&uuml;rdigen,
+deren Glieder unter martervollen Gewichten
+von Kreuzen und Ketten abstarben, und deren Sinne bet&auml;ubt
+waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die Luft von
+unsichtbaren Feinden, von verzweifelten D&auml;monen bev&ouml;lkert.
+Scheu blickten sie an den schimmernden Marmors&auml;ulen empor,
+um deren Kapit&auml;le kleine V&ouml;gel in lautloser &Auml;ngstlichkeit
+schwirrten. Architrav und Fries waren einer riesigen
+Stirn &auml;hnlich, &uuml;ber die ein Schatten olympischen Unmuts
+zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen
+sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abendd&auml;mmerung
+umflossene Statue im Portikus schaute ver&auml;chtlich
+nieder auf den Haufen verhungerter, bleicher, hohl&auml;ugiger,
+halbnackter M&auml;nner. Diese legten nach kurzer Beratung
+Feuer in die Cella; das Dachgeb&auml;lk und alles was den
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte w&auml;hrend der Nacht,
+und am Morgen war der Marmor der S&auml;ulen und Kranzleisten
+an vielen Stellen geschw&auml;rzt, aber der ganze Bau
+stand noch in gleicher triumphierender Wucht. Die M&ouml;nche
+zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an Statuen,
+Opferger&auml;ten und beweglichem Zierat fanden, dann
+f&auml;llten sie die Zypressen und benutzten sie als Prellb&auml;ume,
+um die vierundsechzig S&auml;ulen zu st&uuml;rzen. Es war umsonst;
+keine der S&auml;ulen zitterte auch nur unter ihren leidenschaftlichen
+Bem&uuml;hungen, vergeblich waren ihre Bannfl&uuml;che, ihre
+Gebete, das Schlagen mit den &Auml;xten, &#8211; es war, als ob
+Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der
+Nacht kam Chariton mit seiner Fl&ouml;te vom Gestade des
+Meeres her. Er hatte in einem Dorf den Fischern gesagt,
+sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, denn es drohe
+ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten
+aufs Meer f&uuml;hren. Die Fischer hatten ihn zuerst verh&ouml;hnt,
+aber die prophetische Glut seiner Rede bewog sie schlie&szlig;lich,
+seiner Warnung Geh&ouml;r zu schenken. Schon aus weiter
+Ferne vernahm er das Geschrei der M&ouml;nche und den L&auml;rm
+ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele von
+Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er sp&uuml;rte,
+da&szlig; sich im Scho&szlig; der Erde geheimnisvolle Kr&auml;fte sammelten,
+aber jetzt, w&auml;hrend er dahinging, schien es ihm, als ob er diese
+Kr&auml;fte zwingen k&ouml;nne, als harrten sie nur seines Willens
+und seines Wortes. Dieses Bewu&szlig;tsein rief eine stumme
+Verz&uuml;ckung in ihm hervor, und er war von dem Glauben
+durchdrungen, da&szlig; ihn die G&ouml;tter mit der &uuml;berirdischen
+F&auml;higkeit ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein
+<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Ende zu machen, die sich nur noch im Leiden gefiel. Wie
+Prometheus einst das Feuer zu den Menschen getragen
+hat, so will ich es wieder zu euch zur&uuml;ckbringen, ihr G&ouml;tter,
+betete er, und sein ganzer K&ouml;rper zuckte unter dem Einflu&szlig;
+der dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum
+zwischen Himmel und Erde erf&uuml;llt war. Doch regte sich
+kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst die M&ouml;nche
+waren still geworden, als er sich genaht und kauerten unheimlich
+um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die
+S&auml;ulen; es war ihm bekannt, da&szlig; eine unter ihnen hohl
+war, auch der Zugang war ihm vertraut; er hob eine Platte
+und verschwand unter dem Boden, dann stieg er eine Treppe
+im Innern der S&auml;ule empor, bis er zu einer &Ouml;ffnung gelangte,
+die von au&szlig;en nicht sichtbar war, und die als Schalloch
+diente. Nun fing er an, seine Fl&ouml;te zu blasen; die
+M&ouml;nche, von denen viele bereits schliefen, erhoben sich und
+folgten den T&ouml;nen, die lockend und traurig waren. Es war
+ihnen unerkl&auml;rlich, woher die Musik kam, nicht einmal &uuml;ber
+die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr
+str&ouml;mten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken
+auf die Kniee, und pl&ouml;tzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten
+Finsternis, das Firmament schien zu bersten, die S&auml;ulen
+schwankten, ein furchtbarer Schrei brach aus hunderten von
+Kehlen, Quader um Quader l&ouml;ste sich, die Bl&ouml;cke polterten
+krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die gekommen
+waren, um f&uuml;r den Gekreuzigten gegen einen Tempel
+zu streiten. Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein
+menschlicher Fu&szlig; diese Tr&uuml;mmerst&auml;tte, auch meilenweit im
+Umkreis war das Land wie verzaubert. Die Wanderer,
+<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>die in der Nacht vor&uuml;berzogen, h&ouml;rten Fl&ouml;tent&ouml;ne aus den
+Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie
+schauderten, und die nur die Tiere mit r&auml;tselhafter Gewalt
+anzog, den Wolf, den Schakal, die Antilope und die wilde
+Katze. Und &uuml;ber den gebrochenen S&auml;ulen entstand ein &uuml;ppig
+wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie zuvor und
+an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des
+Jahres bl&uuml;hten die Rosen in solcher F&uuml;lle, da&szlig; von dem
+Marmor nichts mehr zu sehen war und die Hand, die ihn
+h&auml;tte entbl&ouml;&szlig;en wollen, von den Dornen zerfleischt worden
+w&auml;re.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Ein sch&ouml;nes M&auml;rchen&laquo;, sagte Cajetan, &raquo;aber am sch&ouml;nsten
+sind die Rosen, die schlie&szlig;lich alles &uuml;berdecken. Die
+Geschichte ist &uuml;brigens dem Geist einer andern Welt nicht
+fremd, in der ein Heerf&uuml;hrer der Sonne gebieten konnte,
+still zu stehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dem Mond im Tale Askalon&laquo;, f&uuml;gte Lamberg
+hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Mir bedeuten diese Wunder nichts,&laquo; lie&szlig; sich Borsati
+vernehmen, &raquo;sie kommen mir grobschl&auml;chtig und ausgerechnet
+vor gegen die Wunder der t&auml;glichen Erfahrung. Das
+Nat&uuml;rliche bleibt immer das gr&ouml;&szlig;te Wunder. Ein Forschungsreisender
+berichtet, da&szlig; er in Australien von den
+Ameisen sehr bel&auml;stigt wurde, die seine wertvollen Pr&auml;parate
+zu zerst&ouml;ren drohten. Um sich ihrer zu entledigen, wu&szlig;te
+er sich nicht anders zu helfen, als da&szlig; er auf den Ameisenhaufen,
+der sich unfern vom Lager befand, einen Brocken
+Zyankali warf, und er war &uuml;berzeugt, da&szlig; die Tiere dadurch
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>allesamt zugrunde gehn w&uuml;rden. Am andern Morgen hielt
+er Nachschau, und was war geschehen? Das giftige Mineral,
+das f&uuml;r die Ameisen ungef&auml;hr dieselbe Gr&ouml;&szlig;e hatte
+wie der griechische Tempel f&uuml;r die M&ouml;nche, lag acht oder
+zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen
+war das Erdreich bes&auml;t mit hunderttausenden von Leichen
+der Insekten. Sie hatten immer die toten K&ouml;rper als
+Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu schieben,
+und unz&auml;hlbare Individuen hatten sich geopfert, um den
+Staat zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfa&szlig;bares
+Wunder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t uns nicht pedantisch an den Worten kleben&laquo;, antwortete
+Cajetan. &raquo;Ohne Wunder und Verwunderung entsteht
+kein tieferes Leben der Seele. Nennt ihr die Erfahrung,
+so nenn&#8217; ich die Halluzination und das Leben in
+Bildern, die wie aus einer fr&uuml;heren Existenz aufsteigen.
+Ich komme in einer Vorfr&uuml;hlingsnacht nach Hause, und
+die Tastatur eines offenen Klaviers grinst mir entgegen wie
+die Z&auml;hne eines gro&szlig;en schwarzen Totensch&auml;dels. Ich bin
+traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll ist, und weil
+ich unn&uuml;tze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht
+habe. Da sehe ich pl&ouml;tzlich, ich seh es vor mir, wie der
+Ritter Kunz von der Rosen in der Finsternis &uuml;ber das
+Wasser des Burggrabens von Br&uuml;gge schwimmt und wie
+er von vierzig Schw&auml;nen zur Umkehr gezwungen wird.
+Dies erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und
+ich verstehe auf einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft
+Fremde und zugleich mir Zugeh&ouml;rige des Gedichts
+und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt jeder
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>von euch, in denen man sich aufl&ouml;sen m&ouml;chte in allem was
+geschieht und das Bewu&szlig;tsein &uuml;ber die Grenzen schwillt,
+die ihm die Natur gesetzt hat.&laquo;</p>
+
+<p>Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab.
+&raquo;Ihre Worte erinnern mich an eine seltsame Geschichte,
+die ich erz&auml;hlen will&laquo;, sagte er stehenbleibend; &raquo;es ist darin
+von Dichtern die Rede und was sie ans Leben bindet und
+vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse W&uuml;nsche,
+die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise
+erf&uuml;llt werden k&ouml;nnen, und da&szlig; es in unserer sozialen Welt
+Verkettungen gibt, die erst Wirklichkeit gewinnen mu&szlig;ten,
+um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr vielleicht wi&szlig;t, stammen
+meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte einstmals
+Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die
+Reise mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines
+Tages, als wir von W&uuml;rzburg aus am Main hinauffuhren,
+kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr bei dieser
+Gelegenheit, da&szlig; einer unserer Vorfahren in der markgr&auml;fischen
+Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war.
+Erst als das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste
+in das ber&uuml;chtigte Str&auml;flingshaus umgewandelt. Am andern
+Morgen besichtigten wir die Burg, und da erz&auml;hlte mir
+mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben versuchen
+will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen Augenblick Geduld,&laquo; rief Lamberg, &raquo;ehe Sie beginnen,
+soll Emil Feuer machen; Franziska friert.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Emil die Scheite in den Ofen legte, wu&szlig;te er
+zu melden, da&szlig; sich die Bauern am Flu&szlig; in gro&szlig;er Angst
+vor einem Wehrbruch bef&auml;nden. Der See stehe gef&auml;hrlich
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das
+Schlimmste zu f&uuml;rchten. Am Abhang bei der M&uuml;hle sei
+schon ein ganzes Haus herabgest&uuml;rzt und von den Fluten
+der Traun fortgetragen worden.</p>
+
+<p>Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati
+seine Erz&auml;hlung an.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a></p>
+<h2><a name="Die_Gefangenen_auf_der_Plassenburg" id="Die_Gefangenen_auf_der_Plassenburg"></a><em class="gesperrt">Die Gefangenen auf der Plassenburg</em></h2>
+
+
+<p>Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen
+Mauern, sch&ouml;nen Toren, m&auml;chtigen T&uuml;rmen, zierlichen Erkern
+und Rundb&ouml;gen einen stolzen Anblick. Es hausten in ihr
+die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran und das
+ber&uuml;hmte Geschlecht derer von Orlam&uuml;nde; hier spann Markgraf
+Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Tr&auml;ume,
+ver&uuml;bte Friedrich der Unsinnige seine Greuel, versammelte
+der wilde Albrecht Alkibiades seine S&ouml;ldnerscharen, hielt
+sich die Sachsenk&ouml;nigin Eberhardine auf der Flucht vor
+dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und
+Bauernkriegen bis zur Leipziger V&ouml;lkerschlacht hatten kaiserliche,
+nordische, preu&szlig;ische und franz&ouml;sische Generale ihr
+Quartier in den f&uuml;rstlichen Gem&auml;chern. Und pl&ouml;tzlich, nach
+all den Grafen und Baronen und Feldherren mit Dienertro&szlig;,
+Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach den pr&auml;chtigen
+Gew&auml;ndern, Puderper&uuml;cken und goldenen Degen,
+zogen ganz andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte
+Leute, enterbte Leute, arme Teufel, die zwischen den Kiefern
+des Schicksals zermalmt worden waren, Verf&uuml;hrte, Beleidigte,
+Besessene, Abenteurer, Schwachk&ouml;pfe, B&ouml;sewichter,
+und das Haus wurde zu einem Beh&auml;lter des Elends, der
+Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit.
+Die Prunkr&auml;ume sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut,
+und wo man vordem gescherzt, geschmaust, getanzt und pokuliert
+hatte, da ist jetzt eine Heimat der Seufzer und eine
+St&auml;tte des Schweigens.</p>
+
+<p>Vor allem eine St&auml;tte des Schweigens. Denn f&uuml;r die
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>H&auml;ftlinge der Plassenburg bestand eine eigent&uuml;mliche und
+furchtbare Strafversch&auml;rfung: es war ihnen aufs strengste
+verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im Arbeitssaal,
+als auch w&auml;hrend des Aufenthalts im Hof hatten die
+W&auml;rter haupts&auml;chlich darauf zu achten, da&szlig; kein Gefangener
+an den andern das Wort richtete, und da&szlig; selbst
+durch Zeichen keinerlei Verst&auml;ndigung vor sich gehe. Auch
+in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und ein
+best&auml;ndiger Wachdienst auf den G&auml;ngen hatte sich von der
+Einhaltung des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein
+Str&auml;fling eine wichtige Meldung zu erstatten hatte, etwa
+inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich krank f&uuml;hlte,
+so gen&uuml;gte dem W&auml;rter gegen&uuml;ber das Aufheben der Hand;
+er wurde dann in die Kanzlei gef&uuml;hrt, und zeigte es sich,
+da&szlig; er von dem Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch
+gemacht, so unterlag er derselben Ahndung, wie wenn er
+unter seinen Genossen geredet h&auml;tte: der Kettenstrafe beim
+ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen
+bei wiederholtem Vergehen. Da&szlig; in einem gebildeten Jahrhundert
+eine so unmenschliche Ma&szlig;regel zu Recht bestand,
+ist kaum zu fassen; unter ihrem h&ouml;llischen Druck sammelte
+sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff an, in den nur
+ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu z&uuml;nden.
+Dies geschah in der Zeit, von der ich erz&auml;hlen will, in der
+freilich ein allgemein emp&ouml;rerischer Geist dem besondern
+Irrwesen zu Hilfe kam.</p>
+
+<p>An einem M&auml;rznachmittag des Jahres 1848 marschierten
+zwei wohlgekleidete junge Leute auf der Stra&szlig;e von Bayreuth
+nach Kulmbach. Sie hatten in ersterer Stadt ihr Gep&auml;ck
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>mit dem Postwagen vorausgeschickt und benutzten das
+sch&ouml;ne Vorfr&uuml;hlingswetter zu einer willkommenen Wanderung.
+Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder
+gaben sie sich f&uuml;r Poeten, doch sonst hatten sie wenig &Auml;hnlichkeit
+miteinander. Der eine, Alexander von Lobsien, war
+ein kleiner, blonder, blasser, sch&uuml;chterner J&uuml;ngling, der andere,
+Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, br&uuml;nett,
+sehr rotbackig und &auml;u&szlig;erst lebhaft. Sie kamen von Breslau,
+hatten Wien und Prag besucht, wollten nach Weimar
+und von dort an den Rhein. Peter Maritz, ein ruheloser
+Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die damalige
+Zuflucht vieler Unzufriedener und Umst&uuml;rzler, sein
+Gef&auml;hrte besa&szlig; in D&uuml;sseldorf Verwandte, bei denen er zu
+Gast geladen war.</p>
+
+<p>Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise
+nur die vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie
+alle Jugend jener Tage, von dem Drang nach Tat und
+Bet&auml;tigung erf&uuml;llt. In ihrer Heimat hatten sie sich der
+Geheimb&uuml;ndelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen
+zu hei&szlig; geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als
+gerade die Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern.
+Man war ihrer Zuvorkommenheit froh und lie&szlig; sie ungeschoren.
+An der Grenze von B&ouml;hmen hatten sie durch
+Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenk&auml;mpfen
+erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch
+das Bedauern getr&uuml;bt, da&szlig; sie nicht hatten dabei sein d&uuml;rfen,
+als das Volk nach langem Schmachten in Tyrannenfesseln
+&#8211; ich bediene mich der zeitgem&auml;&szlig;en Ausdrucksweise,
+&#8211; sich endlich anschickte, f&uuml;r seine Rechte in die Schranken
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>zu treten. Auch in West und S&uuml;d erhob sich alles, was
+nach Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders
+f&uuml;r den hitzk&ouml;pfigen Peter Maritz, so weit vom
+Spiel zu sein. Er redete fortw&auml;hrend, lief seinem Genossen
+stets um f&uuml;nf Schritte voraus, blieb dann stehen, perorierte
+und fuchtelte mit den H&auml;nden wie ein Trib&uuml;nenredner. Ich
+sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein harmloser
+Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem
+Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen F&uuml;rsten
+und Pfaffen je unsch&auml;dlicher ist, je ger&auml;uschvoller sie
+sich geb&auml;rdet; aber damals waren auch die Fantasten, die
+aus wohlbewu&szlig;ter Ferne ihre Pfeile gegen Thron und
+Altar abschossen, gef&uuml;rchtet und verfemt. Peter Maritz zeichnete
+sich vorz&uuml;glich durch seine Eloquenz aus, die etwas
+Blutd&uuml;rstiges und Henkerm&auml;&szlig;iges hatte; ob er jedoch nicht
+ein wenig feig war, ein wenig Prahler wie viele korpulente
+und rotbackige Menschen, das will ich unentschieden
+lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er sich ziemlich
+wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von
+seinen himmelst&uuml;rmenden Entw&uuml;rfen sprach, diejenigen, die
+mitunter etwas Fertiges sehen wollten, als elende Philister
+brandmarkte, und alles, was die Gleichstrebenden hervorbrachten,
+entweder mit kritischem Hohn verfolgte oder durch
+den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder verkleinerte.</p>
+
+<p>Und wie es oft geht, da&szlig; ein Stiller und Berufener,
+der an sich zweifelt, einem Hansdampf, der von sich &uuml;berzeugt
+ist, unbegrenzte Freundschaft entgegenbringt, war es
+auch mit Alexander von Lobsien der Fall. Er erblickte in
+Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich selbst beargw&ouml;hnend,
+<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>nicht erreichen zu k&ouml;nnen f&uuml;rchtete. In seiner
+Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte,
+in denen mit jugendlichem Feuer die Revolution
+besungen wurde. Er hatte mit seinem Gef&auml;hrten noch nie
+davon gesprochen und hielt die Poesien &auml;ngstlich verborgen,
+obwohl er innig w&uuml;nschte, da&szlig; Peter Maritz sie kennen
+m&ouml;chte. Aber ihm bangte vor der Mi&szlig;billigung des Freundes,
+dessen Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz
+entflammten und ihm mehr bedeuteten als der Beifall
+der ganzen &uuml;brigen Welt.</p>
+
+<p>Die wohlgehaltene Stra&szlig;e, auf der sie wanderten, bot
+ihnen bei jeder Wendung einen neuen Ausblick auf das
+in sch&ouml;nen Sp&auml;tnachmittagsfarben gl&auml;nzende Land, und von
+einer h&uuml;geligen Erhebung &uuml;ber dem Main gewahrten sie
+in der n&ouml;rdlichen Ferne die Plassenburg und die T&uuml;rme
+von Kulmbach. Versonnen schaute Alexander hin&uuml;ber und
+sagte: &raquo;&Uuml;berall da wohnen Menschen, und wir wissen nichts
+von ihnen.&laquo; &#8211; &raquo;Das ist richtig&laquo;, antwortete Peter Maritz;
+&raquo;alles das ist Botukudenland f&uuml;r uns. Und warum wissen
+wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben &uuml;berhaupt zu
+wenig wissen. Ha, ich m&ouml;chte mich einmal hineinst&uuml;rzen,
+so ganz zum Ertrinken tief hineinst&uuml;rzen, und wenn ich
+dann wieder auftauchte, wollt&#8217; ich Dinge machen, Dinge,
+sag ich dir, da&szlig; der alte Goethe mit seinem Faust alle
+viere von sich strecken m&uuml;&szlig;te. Gerade dir, mein lieber Alexander,
+w&uuml;rd&#8217; ich so eine Schwimmtour kr&auml;ftigst anraten. Du
+verspinnst und verwebst dich in dir selber, das ist gef&auml;hrlich,
+du l&auml;&szlig;t dich von deinen Tr&auml;umen betr&uuml;gen, das Leben
+fehlt dir, das echte, rasende, r&uuml;ttelnde Leben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen,
+senkte den Kopf. &raquo;Was wei&szlig;t du vom Volk?&laquo; fuhr Peter
+Maritz begeistert fort. &raquo;Was wei&szlig;t du von den Millionen,
+die da unten in der Finsternis sich kr&uuml;mmen, w&auml;hrend du
+an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du
+wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, da&szlig; du die
+Sonne nicht verschl&auml;fst. Wie es rund um mich nach Mark
+und Blut riecht, wie ich das Menschheitsfieber sp&uuml;re, wie
+mich verlangt, die F&auml;uste in den g&auml;renden Teig zu stemmen!
+Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich
+von England aus die Peitsche &uuml;ber die dummen deutschen
+K&ouml;pfe sausen lasse! Erleben will ich&#8217;s, das Unget&uuml;m von
+Welt, erleben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer
+Art?&laquo; erwiderte Alexander zaghaft; &raquo;alles was
+das Auge h&auml;lt, der Gedanke ber&uuml;hrt, Sehnsucht und Liebe,
+Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das <em class="gesperrt">nicht</em> Erleben?
+Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer
+im Zirkus, und auch mich dr&auml;ngt es, den wilden
+Renner selbst zu reiten. Schlimm, wenn ein Poet in der
+Luft h&auml;ngt, ein Schmuckst&uuml;ck blo&szlig; f&uuml;r die t&auml;tige Nation
+und sein Geschaffenes zur sch&ouml;nen Figur erstarrt. Ja, du
+hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein tr&uuml;bseliges
+Schleichen um den Brei, seit langem sp&uuml;r ich&#8217;s, und mich
+zieht&#8217;s hinunter zu den Dunklen und Unbekannten, nicht
+um zu schauen, genug ist geschaut, genug gedacht. <em class="gesperrt">Mit</em>
+ihnen m&ouml;cht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es l&auml;&szlig;t sich nicht zwingen, mein Lieber&laquo;, entgegnete
+Maritz mit der Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>ist. &raquo;Wenn es dein Fatum ist, geschieht&#8217;s. Doch es ist dein
+Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der Kontemplation.
+Unverwandelt mu&szlig;t du bleiben, und wenn die Tyrannen
+Hackfleisch aus ihren V&ouml;lkern machen, du hast ewig nur
+deine Feder gegen sie, und nicht das Schwert.&laquo; &#8211; &raquo;Und
+du?&laquo; fragte Alexander. &#8211; &raquo;Ich? Ja, bei mir, siehst du, ist
+es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir das sagen,
+ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart.
+Da w&auml;lz&#8217; ich seit Monaten einen Stoff in mir
+herum, Mensch! wenn ich dir den erz&auml;hle, da kniest du
+einfach.&laquo;</p>
+
+<p>Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden
+Suada seinen Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch
+gestimmten F&uuml;rstensohn, der, mit seinem Herzen ganz
+beim Volk, z&auml;hneknirschend, doch tatenlos, Zeuge der Bedr&uuml;ckung
+eines despotischen Regiments ist. W&auml;hrend eines
+noch zu erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und
+Felonie kommt es wie ein Rausch &uuml;ber ihn, er t&ouml;tet den
+Vater, rei&szlig;t die Gewalt an sich und verk&uuml;ndet seinen Untertanen
+die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, da&szlig; er zu
+schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen,
+ein jedes Gute, das er schafft, schl&auml;gt ihm zum Verderben
+aus, er vermag die Kr&auml;fte nicht zu b&auml;ndigen, die er entfesselt
+hat und am Ende t&ouml;ten ihn die, denen er die Luft
+zum Atmen erst gegeben.</p>
+
+<p>&raquo;Was denkst du dar&uuml;ber?&laquo; triumphierte Peter Maritz;
+&raquo;das ist ein St&ouml;ffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkr&auml;mer
+zu haben ist.&laquo; Alexander fand das Motiv sehr bedeutend;
+aber er wagte den Einwand, da&szlig; der Vatermord
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte K&ouml;nig
+m&uuml;sse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden.
+Peter Maritz war au&szlig;er sich; er raufte sich die Haare;
+er erkl&auml;rte dies f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;te T&ouml;lpelei, die ihm &uuml;berhaupt
+je ins Gesicht hinein gesagt worden sei. Nichtsdestoweniger
+blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung, und streitend
+r&uuml;ckten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegep&auml;ck befand
+sich schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte
+Wirt begr&uuml;&szlig;te sie mit einem Mi&szlig;trauen, das den
+bei Dunkelheit eintreffenden Fu&szlig;g&auml;ngern nicht erspart bleiben
+konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich rasch, als sie
+sich Eigent&uuml;mer der beiden Koffer nannten, besonders da
+auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers
+angedeutet war. Er wies ihnen die besten Zimmer
+an und f&uuml;hrte die Hungrigen hierauf in ein Honoratiorenst&uuml;bchen,
+das neben dem allgemeinen Gastraum lag. Peter
+Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der
+Wirt hatte mit respektvollem Witz erwidert, er k&ouml;nne nur
+mit frischem Bier dienen, echtem und ber&uuml;hmtem Kulmbacher.
+Ohne eine Kraftprobe lie&szlig; es aber Peter Maritz
+keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er
+durch die offene T&uuml;r ins Gastzimmer: &raquo;bei der Kronen
+will ich nicht wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir
+den deutschen Wein!&laquo; wor&uuml;ber ein paar ehrsame Beamte,
+die dort zum Abendschoppen versammelt sa&szlig;en, ein heftiger
+Schreck erfa&szlig;te, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem
+Aufr&uuml;hrertum verschont geblieben. Fl&uuml;sternd steckten sie die
+K&ouml;pfe gegeneinander.</p>
+
+<p>Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig,
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>jedoch beim K&auml;se schlug Peter Maritz ungest&uuml;m auf den
+Tisch und rief: &raquo;Ich kann mir nicht helfen, Alexander,
+aber es wurmt mich, da&szlig; dir mein Plan nicht besser einleuchtet.
+Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten
+Wasser ist, nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch
+des Prinzen nicht erhaben genug. Wozu das ganze Brimborium,
+wenn alles ausgehn soll wie das Hornberger Schie&szlig;en?
+Eine Revolution mu&szlig; mit F&uuml;rstenblut begossen werden,
+sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tu mit dem K&ouml;nig, was du willst,&laquo; entgegnete Alexander
+ma&szlig;voll, &raquo;aber da&szlig; ihn der eigene Sohn t&ouml;ten soll,
+das wird den Prinzen in den Augen des Volks nicht ins
+beste Licht setzen, f&uuml;rchte ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch
+wird er schuldig&laquo;, schrie Peter Maritz. &raquo;Gerade er
+mu&szlig; ihn ermorden; wie k&ouml;nnte ich besser die Sklaverei veranschaulichen,
+unter der das Land keucht? Kann deine empfindsame
+Seele nicht begreifen, was f&uuml;r eine grandiose
+Katastrophe das gibt?&laquo;</p>
+
+<p>Drau&szlig;en in der Gaststube war es totenstill geworden.
+Der Lehrer, der Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der
+Kreisphysikus, sie schauten verst&ouml;rt vor sich hin, der Busen
+zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie wagten nicht mehr,
+von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende Wirt
+machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen
+die heimische Kundschaft und verlie&szlig; auf den Zehenspitzen
+das Zimmer. Ein paar H&auml;user entfernt war die Polizeiwache,
+und es dauerte nicht lange, so erschienen drei raupenhelmgeschm&uuml;ckte,
+bis an die Z&auml;hne bewaffnete Stadtsergeanten
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>und begaben sich im G&auml;nsemarsch in das St&uuml;bchen,
+wo die beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer
+erdichteten Person rauften. Auch die B&uuml;rger und der Wirt
+dr&auml;ngten sich neugierig und schlotternd gegen die Schwelle.
+Das Donnerwort: verhaftet im Namen des K&ouml;nigs! brachte
+eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor.
+Alexander l&auml;chelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen,
+fragte nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgem&auml;&szlig;
+visierten P&auml;sse. Der Hinweis auf den mit seinem
+Kumpan gef&uuml;hrten, von Mord und Aufruhr qualmenden
+Disput fand ihn von humoristischer &Uuml;berlegenheit
+weit entfernt. Er tobte und unterlie&szlig; nichts, um die guten
+Leute in ihrem Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die
+drei Gesetzesgewaltigen &uuml;ber ihn her und legten ihm Handschellen
+an.</p>
+
+<p>Jetzt h&ouml;rte Alexander zu l&auml;cheln auf. Was er f&uuml;r Scherz
+und Mi&szlig;verst&auml;ndnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden.
+Sein bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der
+Obrigkeit, fruchtete nicht. &raquo;Wir haben &uuml;ber eine Dichtung
+beraten&laquo;, sagte er h&ouml;flich zu dem Apotheker, der sich am
+eifrigsten als H&uuml;ter des Vaterlands geberdete. &raquo;Nichts da,
+solche V&ouml;gel verstehen wir schon festzuhalten&laquo;, war die
+grobe Antwort. Er ergab sich, &uuml;berzeugt, da&szlig; die Folge
+alles aufkl&auml;ren w&uuml;rde. Eine Unzahl Menschen f&uuml;llte nun
+das Wirtshaus; Rede und Widerrede flo&szlig; leidenschaftlich.
+Auf der Stra&szlig;e verbreitete sich das Ger&uuml;cht, man habe
+zwei K&ouml;nigsm&ouml;rder gefangen. Das Echo aufw&uuml;hlender Ereignisse
+war auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten
+von F&uuml;rstenabdankung, B&uuml;rgerschlachten und Soldatenmeutereien;
+<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>so wurde man also, abends vor dem Schlafengehen,
+in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte,
+lief herzu.</p>
+
+<p>Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem
+m&auml;dchenhaften Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betr&uuml;bnis
+und Verwunderung. Der Gang zum Polizeihaus war
+der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes Spektakel.
+Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem
+Hirschengasthof geholt hatte, und der ein wenig angenebelt
+war, f&uuml;hrte das erste Verh&ouml;r. Er schien nicht &uuml;bel Lust
+zu haben, die beiden Leute f&uuml;r harmlos zu erkl&auml;ren; da
+traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der
+Meinung waren, da&szlig; eine Haft im Polizeigef&auml;ngnis, das
+in voriger Woche zur H&auml;lfte abgebrannt war, ungen&uuml;gende
+Sicherheit gebe, sowohl gegen die Mordbuben, wie sie sich
+ausdr&uuml;ckten, als auch gegen den Ansturm des entr&uuml;steten
+Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden Demagogen-Gel&auml;chter
+zu: &raquo;Nur frisch drauf los! schlie&szlig;lich
+wird man auch in Kr&auml;hwinkel Genugtuung finden f&uuml;r die
+Niedertracht und die Dummheit einer verrotteten Beamtenwirtschaft.&laquo;
+Das war zu viel. Der Aktuar wiegte sein K&ouml;pflein;
+mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu
+der Ansicht, da&szlig; man derart gesinnte Individuen doch auf
+der Plassenburg internieren m&uuml;sse, bis man der Regierung
+den Sachverhalt dargelegt und Befehle eingefordert habe.</p>
+
+<p>Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation
+eines Revolvers aus der Tasche von Peter Maritz. Alexander
+war froh, da&szlig; man sein d&uuml;nnes Manuskriptheftchen,
+das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht entdeckt hatte
+<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>und da&szlig; man mit der willigen Ablieferung seines Kofferschl&uuml;ssels
+zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der
+Gedanke, da&szlig; unter seinen und des Freundes Habseligkeiten
+sich mancherlei Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen
+konnten, ihre verdrie&szlig;liche Lage rasch zu bessern.</p>
+
+<p>Der Transport auf die zum funkelnden Himmel get&uuml;rmte,
+umwaldete Burg glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte
+und fluchte unabl&auml;ssig, aber als sie beim Schein eines &Ouml;ll&auml;mpchens
+vor dem aktenbeladenen Tisch des Wachoffiziers
+standen, entschlo&szlig; er sich, durch Beredsamkeit ein Letztes
+zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete
+wie ein Pater peccavi. Alles war umsonst; der k&uuml;mmerliche
+und verschlafene Herr hatte keine Ohren f&uuml;r einen
+Burschen mit Handschellen. &raquo;Zimmer Numero sechzig.&laquo; Das
+war die einzige Antwort.</p>
+
+<p>Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens
+zu zweien und nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel
+entledigt. Der W&auml;rter sagte ihnen, da&szlig; das Gebot des
+Schweigens, das hier waltete, f&uuml;r sie nicht giltig sei, da
+sie noch nicht Verurteilte waren, doch m&uuml;&szlig;ten sie sich h&uuml;ten,
+einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum
+erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden
+lief ein gelindes Zagen &uuml;ber die Haut. Durch hallende Korridore,
+an eisernen T&uuml;ren vorbei kamen sie in den Raum,
+der f&uuml;r ihre Haft bestimmt war: vier nackte W&auml;nde, zwei
+Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schl&uuml;sseltr&auml;ger,
+selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete
+auf den Wasserkrug, dann schnappte das Schlo&szlig; und sie
+waren im Finstern. &raquo;Ach was&laquo;, seufzte Alexander, &raquo;eine
+<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Nacht ist kurz.&laquo; &#8211; &raquo;Jawohl, wenn sie vor&uuml;ber ist&laquo;, brummte
+Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden begann. &#8211;
+&raquo;Na, findest du noch immer, da&szlig; dein alter K&ouml;nig umgebracht
+werden mu&szlig;?&laquo; stichelte Alexander mit einem scherzhaften
+Ton, der echt klang. &#8211; &raquo;La&szlig; mich in Frieden&laquo;,
+wetterte der Dramatiker, &raquo;verdammter Einfall, verdammtes
+Land.&laquo; &#8211; &raquo;Nur ruhig Blut&laquo;, mahnte Alexander aus der
+Dunkelheit; &raquo;sollte das, was uns passiert ist, nicht auch
+zu dem gro&szlig;en Leben geh&ouml;ren, das du mir so gepriesen
+hast?&laquo; &#8211; &raquo;Mensch, ich glaube, du spottest meiner&laquo;, rief
+Peter Maritz w&uuml;tend. &#8211; &raquo;Mit nichten, Freund. Ich denke
+eben dar&uuml;ber nach, wer wohl die &uuml;brigen Schlo&szlig;bewohner
+hier sein m&ouml;gen, und von wem uns diese Mauern rechts
+und links scheiden. Ich komme mir vor wie in die tiefste
+Tiefe des Menschengeschlechts entr&uuml;ckt, und wenn ich mir
+gegenw&auml;rtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller
+Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will
+mich unser Ungl&uuml;ck nicht mehr so gro&szlig; d&uuml;nken.&laquo; &#8211; &raquo;Der
+Geschmack ist verschieden, sagte der Hund, als er die Katze
+ins Teerfa&szlig; springen sah. Das Zeugs, worauf ich liege,
+ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich sonst verr&uuml;ckt
+werden m&uuml;&szlig;te vor Wut.&laquo;</p>
+
+<p>Kurze Zeit nach dieser &uuml;bellaunigen Replik schnarchte
+Peter Maritz schon. Alexander jedoch, mit dem Gef&uuml;hl des
+Neides und mit dem andern Gef&uuml;hl leiser, fast noch wohlwollender
+Geringsch&auml;tzung gegen den Freund, &uuml;berlie&szlig; sich
+seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen Poetennaturen,
+denen Welt und Menschen im Guten wie im
+B&ouml;sen eigentlich nie ganz nahe kommen k&ouml;nnen, als ob
+<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>ein Abgrund des Erstaunens dazwischen bliebe. Nur das
+Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die Teilnahme &uuml;ber
+den Abgrund hin&uuml;ber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie
+die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, w&uuml;rde sie zerrei&szlig;en
+und entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger
+Ruhe auf das Kommende zu blicken, das sich seiner Ahnung
+mehr als seiner Vernunft vorverk&uuml;ndigte.</p>
+
+<p>Welche Phantasie w&auml;re auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit
+wie die hinter diesen Mauern zu malen, ohne da&szlig;
+leibliche Augen gesehen hatten, ohne zu wissen und empfunden
+zu haben, was das Schweigen hier bedeutete? Die
+f&uuml;nfzig oder sechzig Str&auml;flinge, die zur Stunde in der Veste
+waren, hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit
+zu beklagen, hatten die &Uuml;beltaten vergessen, durch die sie
+die Gemeinschaft mit freien Menschen eingeb&uuml;&szlig;t, und jeden
+erf&uuml;llte nur ein einziger Wunsch: reden zu d&uuml;rfen. Nichts
+weiter als dies: reden zu d&uuml;rfen. Darin unterschied sich
+der J&uuml;ngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom
+Hitzigen, der Einf&auml;ltige nicht vom Klugen, der wortkarg
+Veranlagte nicht vom Schw&auml;tzer, der Trotzige nicht vom
+Bereuenden. Der Neuling ertrug es noch; im Anfang
+schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch
+von gesprochenen Worten voll, Geh&ouml;rtes und Gesagtes
+t&ouml;nte noch in ihm. Drei Tage, zehn Tage, zwanzig Tage
+vergingen; was er zuerst kaum bedacht, dann nur als
+l&auml;stig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille
+entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein
+Laut der Liebe, das m&auml;chtige Wort eines Richters,
+die Mahnung eines Priesters, die Bitte eines Opfers, all
+<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>das gab dem Nachdenken Stoff, der Dunkelheit einiges
+Licht.</p>
+
+<p>Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder
+beim Gottesdienst in der Kapelle, was in den Z&uuml;gen der
+J&auml;hrlinge w&uuml;hlte. Das Zusammensein mit den Genossen
+regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Ger&auml;usch
+im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen
+an sein Ohr; er durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige
+s&uuml;hnte schwer, wenn er sich verga&szlig;. Die nicht gesprochenen
+Worte belasteten das Ged&auml;chtnis; wenn einer den andern
+anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die Luft,
+scharrten mit den F&uuml;&szlig;en, strafften oder runzelten die Stirn,
+blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale
+der Ungeduld bildeten eine Sprache f&uuml;r sich. Lief eine
+Maus &uuml;ber den Boden des Arbeitsraumes, so zitterten
+sie; die Lippen des einen rundeten sich zum Ruf, die des
+andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure
+Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren
+St&auml;ben auf die Tische schlugen und mit Blicken die Zungen
+b&auml;ndigten, die sich regen wollten.</p>
+
+<p>In der Zelle f&uuml;r sich ganz leise hinzusprechen, ins leere
+Nichts zu murmeln, machte das Verbotene nur f&uuml;hlbarer
+und befriedigte so wenig wie den Durstigen die Feuchtigkeit
+des eigenen Gaumens labt. Mit dem Fingernagel oder
+mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, K&ouml;pfe in den
+Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach
+dem Schall. Es &uuml;berwand oft jedes Bedenken, jede Furcht,
+und mancher meldete sich zu einer Mitteilung. Gefragt,
+was es sei, erwiderten sie, vom blo&szlig;en Klang der Sprache
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>entz&uuml;ckt, sie h&auml;tten ein neues Gest&auml;ndnis zu machen und
+bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten,
+nannten erfundene Namen, schilderten Umst&auml;nde und Verwicklungen,
+die jeder Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man
+war darauf gefa&szlig;t; das Abenteuerliche wurde schnell durchschaut,
+dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht und
+der L&uuml;gner ertrug die Strafe, froh, da&szlig; er hatte sprechen
+d&uuml;rfen, da&szlig; er Worte geh&ouml;rt, da&szlig; man ihn verstanden,
+ihm geantwortet hatte.</p>
+
+<p>Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen
+und Monate erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes
+Blatt, und alles rings um ihn wurde grauenhaft
+lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die Dinge
+laut; die Einsamkeit w&auml;re den Zellenh&auml;ftlingen ertr&auml;glich
+gewesen, wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit
+und Zeitverlauf gebunden h&auml;tte; nun war sie ein Schrecken.
+Wer kann es aushalten, immer bei sich selbst zu weilen?
+Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im Menschen
+innen ist, strebt nach au&szlig;en, und &auml;u&szlig;ere Welt soll doch
+nur Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung,
+schuldig oder minder schuldig, b&ouml;se oder mi&szlig;leitet, wurde
+alles Leben zu einem Drau&szlig;en, einem Losgetrennten, Gespensterhaften
+und Geheimnisvollen, auch ihre Laster und
+ihre W&uuml;nsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu.</p>
+
+<p>So dachte sich der eine den Wald, durch den er t&auml;glich
+vom Dorf zur Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine
+finstere H&ouml;hle, erinnerte sich, obwohl Jahre seitdem verflossen
+waren, an gewisse B&auml;ume, glattrindige, mit ausgebreiteten
+Wipfeln, und Gr&auml;ben und L&ouml;cher im Pfad
+<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>waren wie Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd,
+auf dem sie geritten, ein Hund, den sie abgerichtet, ein
+Vogelbauer vorm Fenster, eine Tabakspfeife, die sie besessen,
+ein Becher aus dem sie getrunken, der Winkel an
+einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Flu&szlig;, ein Kirchturm,
+ein schmutziges Kartenspiel zu best&auml;ndig redendem
+Bild geworden, worin sie sich verspannen, das ihnen Br&uuml;cken
+schlug zum ungeh&ouml;rten Wort. Sie versetzten sich in R&auml;ume,
+sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle Gegenst&auml;nde in
+den Zimmern der B&uuml;rger, in H&auml;usern, an denen sie nur
+vor&uuml;bergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr,
+Tisch und B&uuml;cherbrett, und alles hatte Stimme, all das
+erz&auml;hlte, all dem antworteten sie, jedes Dinges Form da
+drau&szlig;en, in fern und naher Vergangenheit, war Wort
+und Sprache.</p>
+
+<p>Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue
+keine Kraft mehr. Deshalb dachten sie in verbissenem
+Ha&szlig; der Umst&auml;nde, die sie einst &uuml;berf&uuml;hrt. Den einen
+hatte eine Fu&szlig;spur verraten, den andern ein Knopf, den
+dritten ein Schl&uuml;ssel, den vierten ein Blatt Papier, den
+f&uuml;nften ein Geldst&uuml;ck, den sechsten ein Kind, den siebenten
+der Schnaps. Nun besch&auml;ftigte er sich tage- und n&auml;chtelang
+mit diesem Einzelnen, zog es zur Rechenschaft, fluchte ihm,
+sah alle Gedanken davon regiert, erblickte es in jedem
+Traum. Und die Tr&auml;ume waren angef&uuml;llt mit Gesagtem,
+ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie t&ouml;nten von
+nievernommenen Worten. Die Tr&auml;ume waren f&uuml;r sie was
+einem Kaufmann seine Unternehmungen, einem Seefahrer
+seine Reisen, einem G&auml;rtner seine Blumen sind. Brach
+<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>dann f&uuml;r einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an,
+die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so
+taumelte er schweigend hinaus zum ge&ouml;ffneten Tor, die
+Gewalt des Eigenlebens, das er pl&ouml;tzlich zu verantworten
+hatte, erdr&uuml;ckte Hirn und Brust; die Lufts&auml;ule, die Sonne,
+die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte ihn nur
+so hin, er mu&szlig;te in die n&auml;chste Kneipe fl&uuml;chten und trinken,
+und es soll sich ereignet haben, da&szlig; einige ihrem Leben
+freiwillig ein Ende bereiteten, nur darum, weil sie nicht
+gleich einen Gef&auml;hrten fanden, um zu reden.</p>
+
+<p>In eine solche Welt also waren, durch Mi&szlig;geschick halbkomischer
+Art, die beiden jungen M&auml;nner verschlagen worden.
+Als Peter Maritz am Morgen erwachte, schlief Alexander
+noch, denn er hatte erst sp&auml;t den Schlummer finden
+k&ouml;nnen. Peter r&uuml;ttelte ihn, &auml;u&szlig;erte sich sp&ouml;ttisch &uuml;ber die
+Langschl&auml;ferei und behauptete, er habe kein Auge schlie&szlig;en
+k&ouml;nnen. Hiezu schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen
+machte er den Freund l&auml;chelnd auf einen Spruch aufmerksam,
+der neben dem Fenster an die Mauer geschrieben war.
+Er lautete: &raquo;Bis hierher tat der Herr mich hilfreich leiten,
+er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.&laquo;
+Darunter hatte eine unge&uuml;bte Hand gekritzelt: &raquo;Wenn ich
+einen Galgen seh, tut mir gleich die Gurgel weh.&laquo; An einer
+anderen Stelle war ein Beil gezeichnet, mit den Worten:
+&raquo;Der Teufel hol die Hacke.&laquo; Neben der eisernen T&uuml;r war
+folgender Reim zu lesen: &raquo;Herr Gott, in deinem Scheine,
+la&szlig; mich nicht so alleine, und gib mir Gnade zu fressen,
+doch nicht so schmal bemessen wie du dem S&uuml;nder gibst,
+den du so innig liebst.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>&raquo;Das nenn ich ein erbauliches Gem&uuml;t&laquo;, sagte Peter Maritz,
+&raquo;und es ist immerhin tr&ouml;stlich zu wissen, da&szlig; wir uns
+unter Kollegen befinden.&laquo; Erst nach einer Stunde erschien
+der W&auml;rter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen wollten, und
+nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch
+und Wein. Peter Maritz forderte ungest&uuml;m, vor den Richter
+gef&uuml;hrt zu werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer
+Wutanfall packte ihn, als die T&uuml;r wieder versperrt wurde;
+es dauerte lange, bis Alexander ihn beschwichtigt hatte,
+und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen. Alexander
+begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick
+auf den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne
+von Str&auml;flingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter
+Aufseher gef&uuml;hrt, paarweise mit langsamen Schritten
+&uuml;ber das Steinpflaster wandelten.</p>
+
+<p>Nie zuvor hatte er eine solche Schar w&uuml;ster und trauriger
+Gestalten erblickt; bleiche, grauh&auml;utige M&auml;nner, mit
+tiefen Kerben um die Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln
+am Kinn, oder auch langb&auml;rtig, oder auch ganz glatt, wie
+es die geborenen Verbrecher oft sind. Die K&ouml;pfe waren geschoren,
+die H&auml;lse meist auffallend hoch und d&uuml;nn, Arme
+und Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Hauptesh&ouml;he
+&uuml;ber die andern; er schien kaum zu atmen, seine
+Augen waren zugekniffen, der Mund stand offen und hatte
+einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm ging
+ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule
+glich, roh, gedunsen, tierisch. Ein Schmalbr&uuml;stiger, Hinkender
+fletschte die Z&auml;hne, ein Rothaariger lachte stumm, ein b&auml;urisch
+Ungeschlachter hatte einen Ausdruck idiotischer Schwermut,
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>ein schlanker Kerl l&auml;chelte s&uuml;&szlig; und infam. Einer sah
+aus wie ein Matrose, st&auml;mmig, weitblickig, breitg&auml;ngerisch,
+ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein Geistlicher,
+ein vierter wie ein verkommener Rou&eacute;, ein f&uuml;nfter wie ein
+Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, tr&uuml;bsinnig
+und geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen
+Schacht und nach au&szlig;en hin nur lauschend gleich Hunden,
+die sich schlafend stellen und schon bei einem Windsto&szlig; die
+Ohren spitzen. Das Ger&auml;usch ihrer Schritte schien ihnen
+wohltuend; als eine Kr&auml;he schnarrend &uuml;ber ihren H&auml;uptern
+hinzog, schreckten die einen zusammen, die andern hefteten
+starr und finster die Blicke empor.</p>
+
+<p>Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter
+Maritz runzelte die Brauen und meinte, das sei eine
+sch&ouml;ne Sammlung von Charakterk&ouml;pfen. Das Fenster war
+offen, die zuletzt Vorbeiziehenden h&ouml;rten sprechen, ihre Gesichter
+wandten sich den zweien zu, unerme&szlig;lich erstaunt,
+dann drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher
+ballten drohend die Faust hinauf und winkten, Alexander
+und Peter traten best&uuml;rzt zur&uuml;ck. Lebhaft bewegt, schlug
+Alexander die H&auml;nde zusammen. &raquo;Was f&uuml;r Menschen&laquo;,
+murmelte er, &raquo;und doch Menschen!&laquo; &#8211; &raquo;Dich dauern sie
+wohl?&laquo; fragte Peter zynisch. &raquo;Spar dein Mitleid, es macht
+dich dort zum Schuldner, wo du nicht handeln kannst.
+Handle, rei&szlig; ihnen die Herzen auf! Treib&#8217; sie gegen das
+Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du
+Dichterj&uuml;ngling, weil du tr&auml;g bist und keine Rage in dir
+hast.&laquo;</p>
+
+<p>Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine
+<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>Augen brannten und mit einer Geberde sch&ouml;nen Zorns
+warf er Peter Maritz die Bl&auml;tter vor die F&uuml;&szlig;e. Ruhig
+b&uuml;ckte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu lesen,
+sch&uuml;ttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes,
+ein gn&auml;diges, ein &uuml;berlegenes, ein pr&uuml;fendes, ein unbestechliches
+Gesicht, und schlie&szlig;lich, dem Harrenden gl&uuml;hten schon
+die Sohlen, er sch&auml;mte sich, bereute schon, schlie&szlig;lich sagte
+Peter Maritz: &raquo;Ganz h&uuml;bsch. Recht artig. Eine gewandte
+Metrik und nicht ohne Originalit&auml;t in der Metapher. Aber
+was sollen Verse, mein Lieber? Das ist f&uuml;r die Frauenzimmer.
+Wenn du ehrlich bist, mu&szlig;t du zugeben, da&szlig; du
+ein schlechtes Gewissen dabei hast.&laquo; Alexander h&auml;tte weinen
+m&ouml;gen; er verbi&szlig; seinen Schmerz, entgegnete aber nichts.
+Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche, reicher an
+Erfahrung und um ein Gef&uuml;hl &auml;rmer, als er vor einer
+Stunde gewesen. Mit hoffnungsloser Miene gr&uuml;belte er vor
+sich hin, w&auml;hrend Peters Ungeduld best&auml;ndig wuchs.</p>
+
+<p>Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten
+aus dem Reich halber in Angst und Aufregung
+geraten w&auml;re, h&auml;tte sich wohl unter den Beamten
+und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den
+die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht
+h&auml;tte. Trotz der verbotenen B&uuml;cher, die man in ihren Koffern
+entdeckt hatte, lie&szlig; der Aktuar den Wunsch verlauten, sie
+in eine minder entw&uuml;rdigende Umgebung zu bringen. Der
+Beschlu&szlig; dar&uuml;ber wurde aber vertagt, und so kam es, da&szlig;
+die unrechtm&auml;&szlig;ig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden
+Nacht verwickelt wurden.</p>
+
+<p>Es war am Morgen ein neuer Str&auml;fling angelangt, ein
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Friseur namens Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei
+Jahren verurteilt war. Er hatte sich schon bei der Kopfschur
+ungeberdig benommen, und als die Hausordnung verlesen
+wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot,
+lachte er ver&auml;chtlich. Im Arbeitssaal musterte er die
+Kameraden mit flackernden Blicken, stand eine Weile m&uuml;rrisch
+und unt&auml;tig, r&uuml;hrte sich erst nach dem dreimaligen
+Befehl des Aufsehers, pl&ouml;tzlich aber schrie er in die Todenstille
+des Raums mit einer gellenden Stimme: &raquo;Br&uuml;der!
+wi&szlig;t ihr auch, da&szlig; man im ganzen Land die F&uuml;rsten und
+Herren massakriert? Eine gro&szlig;e Zeit bricht an. Es lebe
+die Freiheit!&laquo; Weiter kam er nicht, drei Aufseher st&uuml;rzten
+sich auf ihn, und obgleich er nur ein schm&auml;chtiges M&auml;nnchen
+war, hatten sie M&uuml;he, ihn zu &uuml;berw&auml;ltigen. Er wurde
+sofort in Eisen gelegt.</p>
+
+<p>Die Str&auml;flinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus
+wie Verhungernde, an denen eine duftende Sch&uuml;ssel vor&uuml;bergetragen
+wird. Erst allm&auml;hlich wirkte das geh&ouml;rte Wort;
+es gab also diese M&ouml;glichkeit, die bisher nur wie Fantasmagorie
+und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln ihres
+Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die M&ouml;glichkeit gab,
+dann konnte sie erf&uuml;llt werden. Sie konnte nicht nur, sie
+mu&szlig;te. Es ging eine furchtbare Verst&auml;ndigung von Blick
+zu Blick vor sich. Es war f&uuml;nf Uhr nachmittags; um halb
+sechs sollten sie in die Zellen zur&uuml;ckkehren. Die W&auml;rter,
+den nahenden Aufruhr mehr sp&uuml;rend, als seiner gewi&szlig;, beschlossen,
+die Arbeitsstunde zu k&uuml;rzen; auf das erste Kommando
+wurden die Werkst&uuml;cke niedergelegt: Putzlappen,
+Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel, Sackleinwand, auf das
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>zweite zum Antreten, stie&szlig; auf einmal der Riese, Hennecke
+war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich &uuml;ber
+den ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu
+Boden. Im Nu folgten die Gef&auml;hrten seinem Beispiel;
+keuchend und dumpf jauchzend schlugen sie ihre Peiniger
+nieder, banden sie mit Baststricken, stopften ihnen Knebel
+zwischen die Z&auml;hne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze
+des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddrei&szlig;ig;
+vierundzwanzig befanden sich in den Zellen,
+f&uuml;nf in Dunkelhaft. Die Schar teilte sich; die gr&ouml;&szlig;ere Anzahl
+unter dem Befehl Woltrichs, eines blatternarbigen
+Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die
+Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache
+selbst zu &uuml;berrumpeln und unsch&auml;dlich zu machen. Ein Unteroffizier,
+der verzweifelt Widerstand leistete, wurde get&ouml;tet.
+Der Gewehre hatten sich die Meuterer mit umsichtiger
+Schnelligkeit versichert; das Haupttor wurde zugeschlagen
+und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden in
+einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke
+s&auml;mtliche Zellen ge&ouml;ffnet und auch die Kettenstr&auml;flinge befreit.
+Die ganze Horde w&auml;lzte sich aus dem dunklen Eingang
+in den Schlo&szlig;hof. Hennecke fragte, ob einer von den
+Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane
+nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht
+erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg
+hinabrennen sehen. Es wurde beschlossen, eine Wache
+auszustellen, und Hennecke kommandierte einen Alten auf
+die Mauerbr&uuml;stung. Widerwillig gehorchte der, weil er
+sich ungern von den Brotlaiben, W&uuml;rsten und Bierf&auml;ssern
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>trennte, welche die Genossen aus der Kantine herzuschleppten.</p>
+
+<p>Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit
+worden. Sie traten unter den Letzten in den Hof und
+duckten sich scheu in einen Winkel. Am liebsten h&auml;tten sie
+sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle h&auml;tten sie sich wohler
+befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte
+zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und
+Polizei; es ist eine mi&szlig;liche Sache mit Ideen, die in Tat
+umgesetzt werden, wenn man gerade dabei ist und mitspielen
+soll. Alexander hingegen war so kalt, wie es die Leute von
+Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in Gefahr
+geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden;
+er sagte sich, da&szlig; wirkliches Erleben nur zu finden
+ist, wo das Leben abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird.
+Hier drang Geschehen und Leiden, Schicksal auf Schicksal
+gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine zersprengte T&uuml;r.</p>
+
+<p>Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem.
+Ein gewisser Hahn, Buchbinder seines Zeichens und wegen
+seines Pergamentgesichts der gelbe Hahn gehei&szlig;en, schlug
+vor, den Holzsto&szlig; neben dem Wachthaus anzuz&uuml;nden. Die
+Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald
+flammte das Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten,
+die verwitterten Z&uuml;ge, kahlen K&ouml;pfe, grauen Kittel
+und ununterbrochen sprechenden M&auml;uler mit schwarzen,
+schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Z&auml;hnen. Denn jetzt
+brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur
+allm&auml;hlich den Mut; erst nippten sie wie gl&uuml;ckselige Trinker,
+dann kam &uuml;ber alle der Rausch. Sie schrieen und gellten
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>durcheinander, lachten und tobten grundlos, r&auml;kelten sich
+auf der Erde, patschten in die H&auml;nde, johlten unfl&auml;tige
+Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander,
+zerschlugen Gl&auml;ser und T&ouml;pfe, rauften, fluchten, meckerten,
+weinten, pfiffen, tranken und stopften faustgro&szlig;e Bissen
+in den Rachen.</p>
+
+<p>Der Alte auf der Mauerbr&uuml;stung, ein vielfach abgestrafter
+Wildfrevler, sang fortw&auml;hrend ein und dieselbe Strophe:
+&raquo;Wie wir leben, so halten wir Haus, morgen ziehn wir zum
+Land hinaus,&laquo; immer in derselben schl&auml;frigen und langgezogenen
+Tonart, nur um am allgemeinen L&auml;rm teilzunehmen.
+Woltrich z&auml;hlte an den Fingern auf, was er bei seinem
+letzten gro&szlig;en Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden,
+zwei Armb&auml;nder, eine Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene
+Schaum&uuml;nzen und vierzehn Uhren. Und strahlend rief er:
+vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch in seinem
+Besitz w&auml;ren. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der
+heitere Konrad genannt, redete mit Entz&uuml;cken von der
+Brandstiftung, die er begangen und wie er sich dadurch
+an einem wucherischen Bauern ger&auml;cht. Der mit dem infamen
+L&auml;cheln hie&szlig; Gutschmied und war ein zu sechs Jahren
+verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen,
+war immer viersp&auml;nnig gefahren, wie er versicherte,
+und trug noch einen Rest von noblen Manieren
+und gravit&auml;tischem Benehmen zur Schau. Er kannte alle
+Hehler der gro&szlig;en St&auml;dte, verachtete die Juden und liebte
+den Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine M&auml;tresse
+abspenstig gemacht und einen Reichshofrat um zehntausend
+Taler betrogen. Er verstand sich auf Edelsteine
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>und beklagte es, da&szlig; er einmal, um nicht erwischt zu werden,
+einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie
+mehr zum Vorschein gekommen sei.</p>
+
+<p>Ihn &uuml;berschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten
+Gift in den Salat gemengt hatte. Er behauptete,
+nicht er habe das Weibsbild geschw&auml;ngert, sondern der
+Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat gewesen, sondern
+Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie drei&szlig;ig Jahre
+lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Sch&auml;fers,
+hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung
+eines unter Ruinen vergrabenen Schatzes; den &Auml;rmsten
+hatte er ihre Ersparnisse mit der geheimnisvollen Phrase
+entlockt, er m&uuml;sse die b&ouml;sen Geister des Schatzes bes&auml;nftigen,
+und durch n&auml;chtliche Beschw&ouml;rungen und feierlichen Hokuspokus
+hatte er die einf&auml;ltigen Leute in eine wahre Hysterie
+der Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen
+Buche wegen gemordet, im J&auml;hzorn den Nachbar
+erschlagen hatte; seine Gedanken hafteten noch immer an
+dem Baum, dessen Wipfel das Gem&uuml;sebeet hinter seinem
+Haus zerst&ouml;rt hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese
+stand er, kalt und wild. Da war ein M&uuml;ller, der den Knecht
+erstochen hatte, weil er die Frau verf&uuml;hrt und der nicht
+m&uuml;de wurde, zu schildern, wie er vom Wirtshaus zu fr&uuml;herer
+Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe hinaufgeschlichen
+und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengest&uuml;rzt
+und wie das Kind geweint und wie der Schuft
+entfliehen gewollt und wie er den Leichnam in den Bach
+geworfen und wie er in den W&auml;ldern herumgeirrt, sein
+winselndes Kn&auml;blein an der Hand. &raquo;Da griffen sie mich,&laquo;
+<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>sagte er, &raquo;da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen
+Hunger, da&szlig; er den Mehlstaub von meinen &Auml;rmeln leckte.&laquo;
+Der gelbe Hahn erz&auml;hlte von einer Erbschaft, die ihm h&auml;tte
+zukommen sollen und die sein Schwager an sich gerissen.
+Da hatte er Briefe gef&auml;lscht und Zeugen der Sterbestunde
+zum Meineid beredet. Wehm&uuml;tig klang seine Trauer um
+das verlorene Erbe, Gold und Scheine z&auml;hlte er auf und
+schw&auml;rmte, wie er damit h&auml;tte genie&szlig;en k&ouml;nnen, wie er ein
+schuldenfreier Mann geworden w&auml;re, den Sohn h&auml;tte er
+Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die f&uuml;r ihn
+den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, fr&ouml;mmelnde
+und scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse
+und tranken Schnaps. Peckatel, ein Totengr&auml;ber aus
+dem Spessart, hatte einem durchreisenden Fremden den Hals
+abgeschnitten, und das war so zugegangen: er hatte zugleich
+den Beruf eines Barbiers versehen; da er aber meist Leichname
+rasierte, so konnte er dies Gesch&auml;ft an den Lebendigen
+nur verrichten, wenn sie auf dem R&uuml;cken lagen wie
+Tote; als er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte
+er: was f&uuml;r einen sch&ouml;nen, glatten Hals der Mann hat,
+und so schnitt er den verf&uuml;hrerischen Hals durch und bem&auml;chtigte
+sich der gef&uuml;llten Geldkatze seines Opfers, nur
+um des sch&ouml;nen, glatten Halses willen.</p>
+
+<p>Betr&uuml;ger, Diebe, Stra&szlig;enr&auml;uber, Erbschwindler, Kuppler,
+Meineidige, Bankrottierer und F&auml;lscher, sie alle redeten
+vom Geld, priesen oder verfluchten das Geld, das sie bezaubert,
+berauscht und verraten hatte.</p>
+
+<p>Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert,
+sa&szlig; Christian E&szlig;wein, ein Mann von f&uuml;nfzig Jahren,
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>mit langem grauem Bart, durch Blick und Geberde eine
+stille Gewalt aus&uuml;bend. Welch ein Dasein! Im Strom der
+b&uuml;rgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer
+Pr&auml;gung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund
+f&uuml;hrt, weil ihnen die tragische Lebensh&ouml;he fehlt; Gemeinsamkeit
+bindet ans Gemeine.</p>
+
+<p>Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann,
+um sich und den Seinen Brot zu verschaffen. Er war
+Schmelzer, Seifensieder, Oblatenb&auml;cker, Handschuhmacher,
+Wirt, G&auml;rtner, Knecht, Kleinkr&auml;mer und H&auml;ndler gewesen,
+aber was er auch beginnen mochte, das Ungl&uuml;ck war stets
+hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufbl&uuml;hen, so
+brach die Cholera in der Stadt aus; hatte er zweitausend
+Oblaten gebacken, so kamen die neuen Bl&auml;ttchen mit der
+Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde wertlos;
+kaufte er Schweine f&uuml;r den Winter ein, weil sie billig waren,
+da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mu&szlig;te, so
+hatten die H&auml;ndler ebenfalls viele Schweine erworben und
+verdarben ihm die Preise; bewahrte er Schinken und W&uuml;rste
+f&uuml;r den Sommer, so trat eine entsetzliche Hitze ein und verdarb
+alles; waren einmal Ersparnisse im Haus, so erkrankte
+die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das bi&szlig;chen
+Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit
+trug keinen Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden
+umstellt sei, und endlich l&auml;hmte ihn die Furcht vor
+dem Verh&auml;ngnis derma&szlig;en, da&szlig; er bei jedem Beginnen
+schon des &uuml;blen Ausgangs gew&auml;rtig war. Er war nicht beliebt;
+er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes
+und allzu sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn
+<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>konnte von den Mitb&uuml;rgern nicht gew&uuml;rdigt werden. In
+seiner Familie war niemals Zwist. Am Abend sa&szlig; er entweder
+beim Schachbrett, in die L&ouml;sung von Problemen vertieft,
+oder er las sch&ouml;ne B&uuml;cher vor, am liebsten die Lebensbeschreibungen
+seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha
+und Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und
+in einer Anwandlung froher Laune versprach er seiner
+Schw&auml;gerin, die dabei war, die H&auml;lfte des Gewinns, wenn
+das Los gezogen w&uuml;rde. Das Los kam mit zweihundert
+Talern heraus. Er schickte die j&uuml;ngere Tochter, um das
+Geld abzuholen; sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine,
+das Geld war hin. Kein Wort des Vorwurfs kam
+aus seinem Mund; nicht nur, da&szlig; er das M&auml;dchen tr&ouml;stete,
+sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil
+das Gewinnergl&uuml;ck bekannt geworden war und man den
+Verlust als schn&ouml;de Ausrede betrachtet h&auml;tte, seinem Versprechen
+gem&auml;&szlig; hundert Taler an die Schw&auml;gerin.</p>
+
+<p>Seine beiden T&ouml;chter liebte er &uuml;ber alle Ma&szlig;en. Er hatte
+sie nie zur Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet.
+In ihnen verk&ouml;rperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst,
+f&uuml;r sie zitterte er vor der Zukunft. Es war Weihnachten
+vor&uuml;ber, und nur noch ein einziger preu&szlig;ischer Taler war
+im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die Zeit
+selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle
+Wege. E&szlig;wein war m&uuml;d und m&uuml;rb; der ewige nutzlose
+Kampf hatte ihn verworren und verzweifelt gemacht, seine
+Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, b&ouml;se Ahnungen verfinsterten
+seinen Geist. Am ersten Januar mu&szlig;te die Miete
+f&uuml;r das H&auml;uschen bezahlt werden, am ersten Januar war
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>ein Wechsel f&auml;llig, der Viehh&auml;ndler verlangte sein Geld
+f&uuml;r gelieferte Schweine. Frau und T&ouml;chter wollten leben;
+wovon? Das Gesch&auml;ft war so gut wie vernichtet, alle Vorr&auml;te
+weg, und E&szlig;weins Erw&auml;gungen kreisten bang um den
+einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er
+zergr&uuml;belte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst.
+Eine schlaflose Nacht folgte der andern, und nun
+lagen noch drei Tage da, der Sonntag, der Montag und
+der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte er nicht.
+Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der
+Bosheit, dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem unger&uuml;hrten
+Schicksal, beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht,
+da&szlig; die Mutter ehrenhaft ihr Brot finden konnte, aber
+die T&ouml;chter nicht; Jungfrauen, unschuldige, vertrauende
+Gesch&ouml;pfe. Die eine, sch&ouml;n und stolz, schwerm&uuml;tig und weich,
+mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens F&uuml;lle erwartend;
+die f&uuml;nfzehnj&auml;hrige, vor der Zeit erbl&uuml;ht, heiter und anmutig,
+ohne Falsch, ohne Wissen von der Welt, was sollte
+aus ihnen werden? Sie werden ihre K&auml;ufer finden, sagte
+sich E&szlig;wein, sie werden sich der Reinheit entw&ouml;hnen, sie
+werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der
+Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen w&auml;ren;
+aber T&ouml;chter! T&ouml;chter! Es gibt einen Punkt, wo das
+Gef&uuml;hl eines Vaters tyrannischer wird als das eines Verliebten,
+noch angstvoller erregt von den Drohungen des
+Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte E&szlig;wein, eigen
+Fleisch, eigen Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach
+die meine. So gab ihm die Liebe Kraft zu der furchtbaren
+Tat. Er schickte sein Weib mit einem Auftrag in das n&auml;chste
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Dorf, wo sie auch &uuml;bernachten sollte. In wunderlichen Gespr&auml;chen
+verbrachte er mit den T&ouml;chtern den Abend; er
+war eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den
+Lehren der alten Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden
+M&auml;dchen gingen zur Ruhe, f&uuml;r die Ewigkeit zur Ruhe.
+Kein l&uuml;sterner Geck soll euch nahen, rief ihnen E&szlig;wein im
+Geiste zu, kein Unw&uuml;rdiger eure keusche Brust &ouml;ffnen; der
+Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen,
+die K&auml;lte der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn
+auch nur der entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet h&auml;tte,
+und wenn es nicht ein Werk der Liebe gewesen w&auml;re, so
+h&auml;tte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der Schu&szlig;waffe
+an das Lager der J&uuml;ngsten trat, um sie noch einmal
+zu k&uuml;ssen, bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun
+hin&uuml;ber, schmerzlos hin&uuml;ber, auch die andere, nicht minder
+geliebte hin&uuml;ber, dann zum Ende mit dem eigenen Dasein.
+Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank nieder, er
+atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst
+nicht sterben, das Schicksal l&auml;&szlig;t dich nicht aus seiner Faust,
+schrie es in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen
+der Heilung; Haft, Gericht, Verh&ouml;r, das alles war ein einziger
+schwarzer Traum, bis endlich das ersehnte Todesurteil
+verk&uuml;ndet wurde. Schuldig konnte er sich nicht finden,
+aber den Tod w&uuml;nschte er mit allen Kr&auml;ften seiner
+Seele herbei. Und &raquo;das Schicksal l&auml;&szlig;t mich nicht!&laquo; schluchzte
+er ersch&uuml;ttert, als ihm der Richter die Begnadigung des
+K&ouml;nigs vorlas. &raquo;Am Leben bleiben!&laquo; rief er; &raquo;gez&uuml;chtigt
+durch Zuchthaus f&uuml;r eine solche Tat, die dem Himmel selber
+abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!&laquo;
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>Er wollte sich durch Verhungern t&ouml;ten, aber die
+k&ouml;rperlichen Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte,
+zwangen ihn, dieser Absicht zu entsagen.</p>
+
+<p>Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug
+er die ganze Beschwer und Finsternis der Vergangenheit
+um sich, und w&auml;hrend die andern gegeneinander sprachen,
+redete es in ihm. Es war etwas Aufgerissenes in seinem
+Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht f&uuml;hlte er
+in dieser Stunde, da&szlig; er ein Verbrechen begangen, erkannte
+das Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des
+Lebens und da&szlig; er kein Recht besessen, den F&uuml;gungen
+Gottes vorzugreifen. Die Str&auml;flinge beachteten ihn kaum;
+sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders
+N&auml;he erz&auml;hlte Wengiersky einem gewissen Deininger, der
+wegen Kurpfuscherei verurteilt war, E&szlig;weins Geschichte so
+verzerrt und b&ouml;se, wie eben der seelenlose Klatsch berichtet,
+denn er war aus derselben Stadt wie E&szlig;wein und hatte
+alles sozusagen miterlebt.</p>
+
+<p>Alexander bedurfte der Auslegung nicht und sp&uuml;rte die
+Wahrheit hinter dem Gehechel. Schicksale haben ihren
+Geruch wie Leiber. War er denn nicht dazu da, sie zu
+empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der schaut, mit
+tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre
+Not, ihre zum H&auml;&szlig;lichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie
+von unten auf h&ouml;ren, ihr unterirdisches Dasein wissen?
+Und was sie scheidet von den Oberen, nennt es Verbrechen,
+diesen Zufall einer Stunde, diese unl&ouml;sbare Verworrenheit
+eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt
+so den Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen,
+<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>den Irrtum der Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat,
+ist auch in mir, w&auml;chst, will und seufzt in mir, umflutet
+mir den Traum, lemurisch gro&szlig;. O, wie sie leben, dachte
+Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese
+und hinter ihnen andre, ihre Br&uuml;der und Schwestern, ihre
+Ahnen und ihre Kinder, diese und die drau&szlig;en, den Landmann
+am Pflug, den Drechsler an seiner Bank, den Schuster
+vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg, den
+Maurer an der M&ouml;rtelgrube, den Bergknappen im Schacht,
+den Uhrmacher, die Lupe am Aug&#8217; und auf die R&auml;dchen
+lugend, den Schl&auml;chter und sein Beil, den Holzf&auml;ller im
+Wald, den Boten, der Briefe bringt, den Drucker am
+Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der
+Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben,
+alle die unten sind, weil sie keine Worte haben, und die
+nach den Oberen verlangen, nach den M&auml;chtigen, die
+m&auml;chtig sind, weil sie Worte haben, ihnen deswegen dienen,
+weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten trachten,
+weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen,
+Sch&auml;tze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten
+Leben. Und diese haben keine Worte, fuhr der junge
+Dichter zu gr&uuml;beln fort, ich aber besitze die Worte und
+bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich. Doch
+nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter
+ihnen bin ich stumm; was sie reden, ist Stummheit f&uuml;r
+mich, was ich rede, Stummheit f&uuml;r sie. Verst&uuml;nden wir
+einander, es w&auml;re der Schrecken aller Schrecken; sie w&uuml;rden
+mir aus der Brust zu rei&szlig;en suchen, was Gott ihnen versagt
+hat, sie w&uuml;rden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich
+<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>mu&szlig; fern von ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden.
+Wirklich leben, hei&szlig;t zermalmt werden von denen, die
+stumm sind.</p>
+
+<p>Indessen war die Aufregung der Meuterer best&auml;ndig gewachsen.
+Der L&auml;rm war ohrenzerrei&szlig;end. Offenbar ahnten
+sie, da&szlig; die Herrlichkeit nicht lange dauern k&ouml;nne, und wiewohl
+ihnen Wengiersky immer von neuem versichert hatte,
+im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und dr&uuml;ber,
+auch das Milit&auml;r sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer
+zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier.
+In einen Ruf war ein Erlebnis gepre&szlig;t; einer berauschte
+sich am Au&szlig;ersichsein des Andern; Prahlerei klang wie
+Beichte, Hohn wie Reue; sie br&uuml;steten sich mit Roheiten
+und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch
+einen zerfetzten Rock. Da&szlig; sie gehungert, damit schm&uuml;ckten
+sie sich; da&szlig; sie hinterm Busch gelegen mit einem M&auml;dchen,
+war heldenhaft; da&szlig; sie den Richter belogen, gezahlte
+Arbeit nicht vollendet, da&szlig; ein niedriger Schurkenstreich nie
+ans Licht gekommen, dar&uuml;ber lachten sie sich toll. Der eine
+schw&auml;rmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes
+verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der
+dritte pl&auml;tscherte f&ouml;rmlich in Unfl&auml;tigkeiten; einer h&uuml;pfte
+mit beiden F&uuml;&szlig;en und gluckste nach Hennenart; zwei, die
+schon betrunken waren, hatten einander umhalst und wimmerten
+dabei; ein kr&uuml;ppelhafter Bursche stie&szlig; Gottesl&auml;sterungen
+aus; Hennecke erz&auml;hlte, da&szlig; er einst einen Bocksbart,
+in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am
+Hals getragen, um sich stich- und schu&szlig;fest zu machen; der
+Schatzgr&auml;ber sprach von der Zauberblume Efdamanila, mit
+<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>der man alles Gold in der Erde finden k&ouml;nne; der Hochstapler,
+dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener Romanfloskeln
+war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer
+F&uuml;rstin, der er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der
+heitere Konrad fragte vielleicht zwanzigmal, ob jemand die
+Geschichte des Majors Knatterich kenne, der sich in Sachsen
+f&uuml;r den russischen Kaiser ausgegeben. Dazwischen h&ouml;rte man
+Worte, wie: &raquo;ich wills ihm schon geben, wie Johannes
+dem Herodes will ichs ihm eintr&auml;nken&laquo;; oder: &raquo;dem Amtmann
+hab ich einen glupischen Streich angetan, der dreht
+sich im Sarg noch &#8217;rum, wenn er meinen Namen h&ouml;rt.&laquo;
+Unm&ouml;glich, dies H&ouml;llenwesen zu beschreiben; Alexander Lobsien
+gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd
+dachte er: das alles enth&auml;ltst du, Leben, du Nu&szlig;schale,
+du ungeheures Meer! Peter Maritz zitterte wie Espenlaub;
+mit leiser Stimme sprach ihm Alexander Mut zu. Er erwiderte:
+&raquo;Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der auf sich
+h&auml;lt, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit
+der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, da&szlig; ihr solche Geschw&uuml;re am
+K&ouml;rper wachsen. Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein
+Hundsfott hat Mut.&laquo;</p>
+
+<p>Auf einmal st&uuml;rzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens
+Friseur wie Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein M&ouml;rder,
+der die Manie gehabt, seine Opfer zu frisieren, wenn
+sie tot vor ihm lagen, und der nur deshalb, als kranker
+Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer also
+st&uuml;rzte aus dem Tor des Gef&auml;ngnishauses und wies mit
+Geberden voll Entsetzen zur&uuml;ck ins Finstere. &raquo;Der E&szlig;wein,&laquo;
+keuchte er, &raquo;der E&szlig;wein.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Urpl&ouml;tzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbr&uuml;stung
+leierte seinen bl&ouml;den Gesang weiter. Dann schwieg
+auch der. Die Str&auml;flinge erhoben sich und dr&auml;ngten sich
+zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem Feuerkreis,
+und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll,
+was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in
+die Halle; der Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte
+schluckend auf und ab.</p>
+
+<p>Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu
+seinen T&ouml;chtern entronnen? Er, dem auch die Freiheit
+Gefangenschaft war, der die Worte verschm&auml;hte, dem keine
+Mitteilung mehr hatte dienen k&ouml;nnen? Alexander, als er
+die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und
+feuergl&uuml;hend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren
+Halt, er taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei
+entrang sich seiner Kehle. Peter Maritz packte ihn und
+pre&szlig;te die Hand um seinen Arm, aber es war schon zu
+sp&auml;t; sechzig Augenpaare ver&auml;nderten die Richtung ihres
+Blicks und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden,
+die sie auf einmal als Fremde erkannten; Furcht, Mi&szlig;trauen
+und Ha&szlig; spr&uuml;hten aus ihren Mienen. &raquo;Es sind
+Spitzel;&laquo; &raquo;es sind Spione;&laquo; &raquo;wer sind sie?&laquo; &raquo;wo kommen
+sie her?&laquo; So wurde gek&uuml;ndet und gefragt. Die Vordersten
+schoben sich gegen sie hin. &raquo;Wer seid ihr?&laquo; gellte eine
+drohende Stimme aus dem Haufen. &#8211; &raquo;Ja, wer seid ihr?&laquo;
+wiederholte der Riese Hennecke; &raquo;Eier- und K&auml;sebettler
+vielleicht? Mutters&ouml;hne und Milchm&auml;uler?&laquo; &#8211; &raquo;Die wollen
+Hasauf spielen,&laquo; schrie Gutschmied. &#8211; &raquo;Die kommen aus
+einer guten K&uuml;che,&laquo; ein dritter. &#8211; &raquo;Die sind weich wie
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Papier, wenns im Wasser liegt,&laquo; ein vierter. &raquo;Heraus mit der
+Sprache, ihr Schweiger!&laquo; rief Hennecke und ballte die Faust.</p>
+
+<p>Alexander stotterte eine Erkl&auml;rung, doch sie verstanden
+ihn nicht. Ein abscheuliches Durcheinanderschreien begann,
+voller Wut dr&auml;ngten alle n&auml;her, da trat ihnen Peter Maritz
+in seiner Herzensangst entgegen und br&uuml;llte mit Donnerstimme:
+&raquo;Ruhig, Br&uuml;der! Wir geh&ouml;ren zu euch! Wir sind
+Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben!
+Wir haben Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die
+Fenster geflogen sind, verderblicher als Kanonenkugeln.&laquo; &#8211;
+&raquo;Hurrah!&laquo; heulten die Meuterer. &raquo;Her mit den Liedern! Zeigt
+uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus damit!&laquo;</p>
+
+<p>Peter Maritz blickte seinen Gef&auml;hrten flehend an. Alexanders
+Miene war verst&ouml;rt. Der Atem der auf ihn Eindringenden
+verursachte ihm &Uuml;belkeit. Sie forderten st&uuml;rmischer,
+ihr argw&ouml;hnischer Ha&szlig; war nicht vermindert, Alexander
+sch&auml;mte sich f&uuml;r den Freund und f&uuml;rchtete doch auch
+f&uuml;r sich, mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche,
+schlug das erste Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte
+widerten ihn an. Trotz j&auml;h eingetretener Stille vermochte
+ihn keiner zu h&ouml;ren; die hintersten dr&auml;ngten sich w&uuml;tend
+vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da entri&szlig;
+Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand,
+stellte sich in gro&szlig;e Positur und las mit schmetternder
+Stimme:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich richt euch einen Scheiterhaufen,<br /></span>
+<span class="i0">auf dem das Herz der Zeit ergl&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i0">mein Volk will ich im Blute taufen,<br /></span>
+<span class="i0">das sich umsonst im Staube m&uuml;ht.<br /></span>
+<span class="i0"><a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Ich will euch Freiheitsbr&uuml;cken zeigen<br /></span>
+<span class="i0">und Kronen, die der Rost zerfra&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">euch m&uuml;ssen sich die F&uuml;rsten neigen<br /></span>
+<span class="i0">und wer im Gold sich frech verma&szlig;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So &ouml;ffnet denn die dunklen Kammern<br /></span>
+<span class="i0">und str&ouml;mt hervor wie Gottes Schar,<br /></span>
+<span class="i0">es soll mich heute nicht mehr jammern,<br /></span>
+<span class="i0">da&szlig; gestern Nacht und Grausen war.<br /></span>
+<span class="i0">Auf denn, ihr Armen und Geschm&auml;hten,<br /></span>
+<span class="i0">du seufzend hingestrecktes Land,<br /></span>
+<span class="i0">genug der ungeh&ouml;rten Reden,<br /></span>
+<span class="i0">setzt nur das alte Haus in Brand.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zerschlagt, was m&uuml;rb und morsch im Staate,<br /></span>
+<span class="i0">von eurer Not klagt Dorf und Flur,<br /></span>
+<span class="i0">den stolzen Henkern keine Gnade,<br /></span>
+<span class="i0">zerschmettert H&ouml;fling und Pandur.<br /></span>
+<span class="i0">Der Feige mag vergebens zittern,<br /></span>
+<span class="i0">der Held macht seine Br&uuml;der k&uuml;hn,<br /></span>
+<span class="i0">und aus zerbrochnen Kerkergittern<br /></span>
+<span class="i0">wird neue Welt und Zeit erbl&uuml;hn.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Eine and&auml;chtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer,
+der zum erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor,
+die Zuchtlosen, die Gemeinen, die Verr&auml;ter am Eigentum,
+am Leben, an sich selbst und an der Menschheit.
+Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach j&auml;hlings
+ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, da&szlig;
+die Mauern der Burg davon ersch&uuml;ttert schienen. &raquo;Wer
+<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>hat das gemacht?&laquo; &raquo;Eine t&uuml;chtige Chose.&laquo; &raquo;Ein wackeres
+St&uuml;ck.&laquo; &raquo;Das geht wie Trompetenschmalz.&laquo; &raquo;Geschrieben
+hat er&#8217;s?&laquo; &raquo;Auf Papier steht&#8217;s geschrieben?&laquo; &raquo;Der Dicke
+hat&#8217;s gemacht?&laquo; &raquo;Nein, der Kleine.&laquo; &raquo;Wer? der Kleene?&laquo;
+&raquo;Der Kloane?&laquo; &raquo;Der Schm&auml;chtige?&laquo; &raquo;Tausendsassah.&laquo; So
+johlte, schrie, gellte, fragte, antwortete es in allen Dialekten
+durcheinander.</p>
+
+<p>Peter Maritz, auf einem leeren Fa&szlig; stehend, schaute mit
+triumphierender Miene herab, denn schon hatte er sich mit
+W&uuml;rde in seine Tyrt&auml;os-Rolle gefunden, und es war ihm
+etwas unbequem, da&szlig; sich der Beifall des entflammten
+Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als
+zwei der aufgeregt tobenden Str&auml;flinge den Freund emporhoben,
+und ihn &uuml;ber den vom Feuer lohenden Platz gegen
+das geschlossene Burgtor trugen. Die &uuml;brigen begriffen,
+was im Werke war;</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Zerschlagt, was m&uuml;rb und morsch im Staate,<br /></span>
+<span class="i0">von eurer Not klagt Dorf und Flur;<br /></span>
+<span class="i0">den stolzen Henkern keine Gnade,<br /></span>
+<span class="i0">zerschmettert H&ouml;fling und Pandur!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten-
+oder Soldatenlied entnommen hatten. F&uuml;nf oder sechs Kerle
+rissen den h&ouml;lzernen Querriegel vom Tor, die Fl&uuml;gel taten
+sich weit auseinander, und der berauschte, gef&auml;hrliche Haufe
+w&auml;lzte sich ins Freie.</p>
+
+<p>Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den
+Schultern seiner Tr&auml;ger. Gedanken von einer absurden Zerst&uuml;cktheit
+schwirrten ihm durch das Hirn. Schon beim Anh&ouml;ren
+seiner Verse war es ihm zumut gewesen als h&auml;tte
+<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>ihn Gott auf einer L&uuml;ge ertappt. Es ist alles nicht wahr,
+schrie es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen.
+Jetzt wei&szlig; ich erst was ihr seid, und wei&szlig; was ich bin,
+aber die falschen Worte werden mich und euch verderben.
+Trug und Mi&szlig;verst&auml;ndnis schienen ihm so ungeheuerlich,
+da&szlig; ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man H&auml;user
+auf die D&auml;cher baut und Kirchen &uuml;ber ihre T&uuml;rme st&uuml;lpt.
+Zwischen Furcht und Begreifen, zwischen Menschenliebe und
+Menschenha&szlig;, Dichtertraum und Erlebnisqual schwankte sein
+zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes Herz, und ihm
+wurde kalt wie im Fieber. L&uuml;ge, L&uuml;ge, L&uuml;ge, knirschte er,
+doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild
+des Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens
+h&uuml;llte und ihn vom Schmerz der Schuld und des Irrtums
+befreite.</p>
+
+<p>Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die
+Allee der bl&auml;tterlosen B&auml;ume funkelten die Lichter der
+Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg lohte das halbverbrannte
+Feuer den Davonziehenden nach, die pl&ouml;tzlich
+mitten in ihre aufr&uuml;hrerischen Ges&auml;nge hinein den Schall
+von Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes
+setzten sie ihren Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit
+gesch&uuml;tzt, war dem Str&auml;flingshaufen vorausgeeilt, als
+er das milit&auml;rische Signal geh&ouml;rt hatte. Ihm bangte um
+das Schicksal des Kameraden, und erleichtert seufzte er auf,
+als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht
+blitzten. Der Zusammensto&szlig; erfolgte rascher als die Meuterer
+gedacht. Eine Kommandostimme befahl ihnen &uuml;ber
+einen Zwischenraum von zweihundert Schritten, sich zu ergeben.
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da prasselte
+die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, st&uuml;rzte
+Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Tr&auml;ger
+auf das Schottergestein der Stra&szlig;e herab. Die Str&auml;flinge
+wandten sich zur Flucht.</p>
+
+<p>Zwei Stunden sp&auml;ter sa&szlig; Peter Maritz unten im Leichenhaus
+neben dem K&ouml;rper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen
+waren sehr ernsthaft und nicht ohne Reue
+und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod
+bezeugen, da&szlig; man gelebt? Stand hier ein Wille &uuml;ber dem
+Zufall, damit das versucherische Wort vom Schicksal erf&uuml;llt
+w&uuml;rde? War dies gro&szlig; oder niedrig beschlossen?
+h&auml;&szlig;lich oder sch&ouml;n geendet? Es kommt nur auf das Auge
+an und den Sinn, der es fa&szlig;t. &Uuml;ber den vergehenden Menschen
+bleibt die unendliche, aufgebl&auml;tterte Sch&ouml;nheit einer
+stummen Welt.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a></p>
+<h2><a name="Paterner" id="Paterner"></a><em class="gesperrt">Paterner</em></h2>
+
+
+<p>Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati,
+der zuletzt sehr schnell, sehr leidenschaftlich erz&auml;hlt hatte,
+beinahe voll Angst ins Gesicht. &raquo;Ich habe in meinem ganzen
+Leben etwas dergleichen nie geh&ouml;rt&laquo;, murmelte sie,
+nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte
+mit gro&szlig;er Lebhaftigkeit: &raquo;Au&szlig;erordentlich! Es ist au&szlig;erordentlich,
+wie hier ein entlegener Winkel des menschlichen
+Daseins in den Mittelpunkt der Dinge ger&uuml;ckt und gleichsam
+kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir so tief bewu&szlig;t, da&szlig;
+alles, was wir tun und treiben eine weitreichende Verantwortung
+nach vorw&auml;rts und nach r&uuml;ckw&auml;rts hat.&laquo; Lamberg,
+der mit raschen und wuchtigen Schritten umherging,
+wie stets, wenn er bewegt oder erregt war, sagte: &raquo;La&szlig;t
+uns jetzt nicht dar&uuml;ber sprechen. La&szlig;t uns dies aufbewahren,
+damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben
+k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Findet ihr nicht, da&szlig; er eigentlich den Spiegel verdient?&laquo;
+fragte Franziska.</p>
+
+<p>&raquo;Das werden wir morgen entscheiden&laquo;, gab Cajetan zur
+Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, was den Spiegel betrifft, k&ouml;nnen wir jedenfalls
+noch warten&laquo;, f&uuml;gte Lamberg hinzu. &raquo;Nicht, als ob
+ich eifers&uuml;chtig w&auml;re&laquo;, wandte er sich l&auml;chelnd und mit ausgestreckter
+Hand an Borsati, die dieser freundschaftlich ergriff
+und dr&uuml;ckte, &raquo;aber ich m&ouml;chte uns andern doch nicht
+den Weg verrammelt sehen. Wer wei&szlig;, wohin uns dies
+Beispiel noch treiben kann. Anfeuern ist ein sch&ouml;nes Wort
+<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>in unserer sch&ouml;nen Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet
+Kraft. Und wenn ich nun mein Gef&uuml;hl &uuml;berpr&uuml;fe, so
+mu&szlig; ich eines jetzt schon gestehen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aha, nun kommt der kritische Pferdefu&szlig; zum Vorschein&laquo;,
+neckte Borsati.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht Kritik&laquo;, fuhr Lamberg fort, dessen Z&uuml;ge und Geberden
+&auml;u&szlig;erst edel waren, wenn er in ernstem Ton redete,
+&raquo;beileibe nicht Kritik, das w&uuml;rde unsere famose Symphonie
+abscheulich st&ouml;ren, ich meine nur, so hinrei&szlig;end und aufw&uuml;hlend
+die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind,
+warm wird einem dabei nicht. Es kann einem hei&szlig; werden,
+aber nicht warm. Es geht mehr an die Nerven als ans
+Gem&uuml;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Mann sagt, er &uuml;be nicht Kritik&laquo;, antwortete
+Borsati ironisch. &raquo;Es ist also eine lobenswerte Handlung,
+wenn ich jemand unter Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit
+erschlage?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dennoch hat Georg so unrecht nicht&laquo;, mischte sich Franziska
+in den Streit.</p>
+
+<p>&raquo;Solche &Auml;u&szlig;erungen haben etwas Gef&auml;hrliches&laquo;, entschied
+Cajetan; &raquo;ja, ja, &#8211; es gibt Tr&auml;nen und es gibt ein
+Schaudern, es gibt eine geistige und eine herzliche Ergriffenheit;
+machen wir uns nicht zu Splitterrichtern, indem
+wir w&auml;gen wollen, was gewichtlos und sondern, was unteilbar
+ist. Nerven! Was hei&szlig;t das nicht alles heutzutage.
+Was wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt?
+Ich habe Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn
+man auf mir zu spielen versteht. Und ich versage, wenn man
+mich in p&ouml;belhafter Weise ber&uuml;hren und r&uuml;hren will. Ich
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>halte nichts von der Sorte Gem&uuml;t, die sich ausbietet und
+billige Tr&auml;nen einsammelt. Eine wahrhafte Ersch&uuml;tterung
+braucht kein Taschentuch zum Trocknen der Augen, und
+so fass&#8217; ich es auch auf, wenn Beethoven einmal wundervoll
+bemerkt: &raquo;K&uuml;nstler weinen nicht, K&uuml;nstler sind feurig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was mich an Rudolfs Erz&auml;hlung gepackt hat&laquo;, lie&szlig;
+sich nun auch Hadwiger h&ouml;ren, &raquo;und was ich nicht sobald
+vergessen werde, ist das eine Wort: Wirklich leben hei&szlig;t
+zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch, wie
+wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!&laquo; Alle sahen nach
+ihm hin. Er war merklich bla&szlig; geworden, w&auml;hrend er dies
+sagte, und Franziska, auf beide Ellbogen gest&uuml;tzt, beugte
+sich weit vorn&uuml;ber, wie um ihn n&auml;her zu betrachten, oder
+wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die geschlossen
+blieben, war eine seltsam z&auml;rtliche Regung, in ihren Augen
+eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte,
+glaubte zu ahnen, was in ihr vorging. Sie f&uuml;hlte sich hinschwinden,
+und ihr erm&uuml;deter Arm verlangte nach einem
+Halt. Dieses Herz, das so gern und so jubelnd geliebt,
+konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut entz&uuml;nden,
+die in der k&ouml;rperlichen Ohnmacht nur umso reiner
+strahlte. Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies
+ein letztes Werben, ein letztes Vergessenwollen, ein letztes
+Anschmiegen, letzter Sturm und letzte Rast, bitter gemacht
+durch ein drohendes Zusp&auml;t und s&uuml;&szlig; durch die Illusion
+einer Dauer?</p>
+
+<p>Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen.
+Er war bei der Br&uuml;cke gewesen und &raquo;erlaubte
+sich zu melden&laquo;, da&szlig; es drunten schlimm aussehe; im Markt
+<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>habe der B&uuml;rgermeister telegraphisch um Entsendung eines
+Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine
+Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser.
+Bei dieser Nachricht r&uuml;steten sich Cajetan, Borsati und
+Hadwiger erschrocken zum Aufbruch. Lamberg schickte sich
+an, sie zu begleiten. &raquo;Wenn ihr die Zimmer verlassen
+m&uuml;&szlig;t&laquo;, sagte er, &raquo;k&ouml;nnt ihr euer Gep&auml;ck heraufschaffen;
+die Nacht &uuml;ber bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus
+und morgen werden wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen
+mit, Emil&laquo;, rief er dem Diener zu. Die Laternen wurden
+angez&uuml;ndet, und alsbald marschierten sie durch den Regen
+hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand
+das Wasser fu&szlig;tief; flachgelegene Wiesenst&uuml;cke waren &uuml;berschwemmt;
+der Traunbach, sonst nur mit schwachem Brausen
+vernehmbar, erf&uuml;llte mit seinem Donner die ganze
+Landschaft.</p>
+
+<p>An der Br&uuml;cke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt
+und blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete
+wie ein Klotz auf der Erde, und der Schein schwacher
+Lichter machte sie vollends undurchdringlich. Bauern in
+hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den H&auml;nden liefen
+am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen
+allerlei schwimmendes Hausger&auml;t, das sie erfassen konnten,
+ans Land. Die Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert
+Rinnsale fast ungangbar gemacht hatten, zur Seevilla.
+Der Wirt mu&szlig;te best&auml;tigen, da&szlig; Gefahr im Verzug sei,
+in den Kellern sei das Wasser vier Fu&szlig; hoch gestiegen,
+doch bef&uuml;rchte er nichts Schlimmeres, als da&szlig; das Haus
+von dem Verkehr mit der Au&szlig;enwelt abgeschnitten werde;
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>die Wirkung eines Wehrbruchs werde sich erst an den
+Ufern der Traun &auml;u&szlig;ern und am verderblichsten im Markt,
+wo sich die Abfl&uuml;sse dreier Seen vereinigen.</p>
+
+<p>Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde,
+bis zum andern Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu
+Bett, und die Nacht verlief ohne St&ouml;rung. Am Morgen
+teilte ihnen der Wirt mit, da&szlig; er gezwungen sei, das Haus
+zu schlie&szlig;en; er deutete in den Garten, dessen Beete schon
+unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Best&uuml;rzung
+von Abreise. Der Wirt sch&uuml;ttelte den Kopf und
+erwiderte, die Chaussee zum Markt und zur Station sei
+nicht mehr passierbar, au&szlig;erdem h&auml;tten die Eisenbahnz&uuml;ge
+seit gestern zu verkehren aufgeh&ouml;rt. &raquo;Demnach sind wir
+also richtig eingesperrt&laquo;, rief Borsati. &#8211; &raquo;Und wie steht
+es weiter oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?&laquo;
+fragte Cajetan unruhig. &#8211; &raquo;Droben ist man sicher, wenn
+es nicht solange regnet, da&szlig; der Wald entwurzelt wird&laquo;,
+war die Antwort.</p>
+
+<p>Mit vieler M&uuml;he wurde ein Wagen aufgetrieben; die
+Freunde hatten unterde&szlig; gepackt, und eine Stunde sp&auml;ter
+pl&auml;tscherten die Pferde mit der kofferbeladenen Kutsche
+durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und Borsati
+fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause,
+um bei den Arbeiten am Wehr wom&ouml;glich Hilfe zu leisten.
+Wie er vermutet hatte, fehlte es dort an einer sachgem&auml;&szlig;en
+F&uuml;hrung, denn der vom Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur
+war noch nicht eingetroffen, und die Pioniere konnten
+erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die Bauern
+unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>Fachmannes mu&szlig;te ihr Beginnen wesentlich f&ouml;rdern. Unter
+den Zuschauern befand sich auch der F&uuml;rst Armansperg;
+seine W&uuml;rde, sein Ansehen, seine dominierende Pers&ouml;nlichkeit
+verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung und des
+t&auml;tigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der F&uuml;rst
+kannte seinen Namen und war gl&uuml;cklich, die Unterst&uuml;tzung
+eines Berufenen zu gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers
+Befehlen willig, ja, im Bewu&szlig;tsein dessen, was auf dem
+Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen ab.
+Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der
+allenthalben die gr&ouml;&szlig;ten Schwierigkeiten gefunden hatte,
+um durch die &uuml;berschwemmten Gebiete ans Ziel zu gelangen;
+er war sichtlich gekr&auml;nkt, als er einen Kollegen am Werke
+traf, dank dessen Bem&uuml;hungen die gr&ouml;&szlig;te Gefahr einstweilen
+abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte
+und ihre enge Gesinnung, er l&auml;chelte nur heimlich vor sich
+hin. Der F&uuml;rst hatte ihn scharf beobachtet und zuckte kaum
+merklich die Achseln. Als Hadwiger ging, gesellte er sich an
+seine Seite. &raquo;Sie haben den gleichen Weg?&laquo; fragte er.
+Hadwiger erwiderte, da&szlig; er zur Villa Lamberg gehe und
+da&szlig; er von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten
+des Nachdenkens flog &uuml;ber das gelbliche Gesicht des F&uuml;rsten,
+und seine angespannte Miene verd&uuml;sterte sich f&uuml;r einen
+Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst des Wetters
+und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener Schnee
+eine Wendung zum Bessern verk&uuml;ndete. Hadwiger brachte
+die Rede auf den See-Abflu&szlig;, erkl&auml;rte die ganze Anlage
+f&uuml;r mangelhaft und hielt eine gr&uuml;ndliche Erneuerung f&uuml;r
+unerl&auml;&szlig;lich. Der F&uuml;rst stimmte ihm bei. Als er sich an der
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>Pfadkreuzung verabschiedete, dr&uuml;ckte er ihm die Hand,
+dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen
+schien fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt
+waren, verleugnen zu wollen. Doch war dies nur
+der Eindruck einer Sekunde, und vielleicht st&uuml;tzte er sich
+auf eine empfindsame T&auml;uschung.</p>
+
+<p>Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa
+nicht weit entfernten Bauernhause untergebracht, in welchem
+drei winzige St&uuml;bchen mit winzigen Betten zum
+Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen Mittagessen
+erstattete Hadwiger Bericht &uuml;ber seine Begegnung
+mit dem F&uuml;rsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan
+r&auml;usperte sich vergebens; da er nur auf Franziska acht
+hatte, &uuml;bersah er die abmahnenden Zeichen; erst als der neben
+ihm sitzende Borsati ihm etwas unsanft auf den Fu&szlig; trat,
+hielt er inne, schaute sich verwundert um und err&ouml;tete. Er
+bemerkte auch jetzt Franziskas ver&auml;nderte Miene; sie legte
+Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen
+die Z&auml;hne und sank f&ouml;rmlich in sich zusammen. W&auml;hrend
+Lamberg eilig das Thema zu wechseln versuchte, fa&szlig;te sie
+sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit schwacher
+Stimme: &raquo;Du hast dich also da unten n&uuml;tzlich gemacht,
+Heinrich? Man vergi&szlig;t eigentlich ganz, da&szlig; du dazu auf
+der Welt bist, um die Elemente zu b&auml;ndigen.&laquo; Alle atmeten
+schon erleichtert auf; pl&ouml;tzlich jedoch erhob sie sich
+und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr folgen,
+die Freunde hielten ihn zur&uuml;ck. Sie hatten Mitleid mit
+seiner Ratlosigkeit und zwangen sich &uuml;ber den Zwischenfall
+einige Scherze ab. Hadwiger aber sagte: &raquo;So kann dies
+<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>nicht weiter gehen. Was verheimlicht sie uns? Warum
+verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu
+schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen?
+Weshalb soll der F&uuml;rst nicht erw&auml;hnt werden, den sie doch
+w&auml;hrend des letzten Jahres nicht einmal gesehen hat? Liebt
+sie ihn? Keineswegs! Und wenn es blo&szlig; der Name ist,
+den sie nicht h&ouml;ren will, der Name eines Menschen, der
+ihr nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche
+geschah, weshalb ertr&auml;gt sie dann uns, unsere Gesichter
+und die Erinnerungen, die ihr unser Anblick immerfort wachrufen
+mu&szlig;? Ich verstehe nichts von alledem.&laquo;</p>
+
+<p>Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf
+ihre Teller. Nur Borsati murmelte nach einer Weile: &raquo;Zeit,
+Zeit, Zeit.&laquo; Doch Hadwiger fuhr fort: &raquo;Wir m&uuml;ssen und
+m&uuml;ssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin sicher, sie verachtet
+unsere Willf&auml;hrigkeit, und was wir f&uuml;r Takt und
+Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung,
+die sie gestellt hat. Es bedr&uuml;ckt sie, sie will den
+Alp von der Brust gew&auml;lzt haben, und was sie uns sagt,
+ist nicht das, was sie w&uuml;nscht. Wozu seid ihr denn so
+wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und m&auml;chtig
+in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt,
+so unternehm ich&#8217;s selber; diese Spannung, diese Vorsicht,
+dieses Zaudern, das ist ihrer und unserer nicht w&uuml;rdig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig
+nicht&laquo;, entgegnete Borsati. &raquo;Dessenungeachtet warne
+ich Sie vor einem &uuml;bereilten Schritt. Wir m&uuml;ssen Franziska
+schonen.&laquo; Er d&auml;mpfte seine Stimme zu einem Fl&uuml;stern und
+schlo&szlig;: &raquo;Ja, wir m&uuml;ssen sie schonen, denn ich habe Grund
+<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>zu schlimmen, zu sehr schlimmen Bef&uuml;rchtungen. Genug
+jetzt davon. Das Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk;
+freuen wir uns seiner, solang es m&ouml;glich ist, und profanieren
+wir es nicht durch Mi&szlig;laune und Sorge. So fa&szlig;t
+es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer,
+je unbefangener wir sind, je gl&uuml;cklicher wird sie sein, je
+dankbarer auch. Es schmeichelt ihr, in einem h&ouml;hern
+Sinn, in einem Sinn von Reinheit, Sch&ouml;nheit und Schmerzlosigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung
+und Zustimmung an. Was so selten ist unter M&auml;nnern,
+unter Menschen &uuml;berhaupt, sie lie&szlig;en sich von der
+besseren Einsicht &uuml;berzeugen und vermochten demgem&auml;&szlig; zu
+handeln. Hadwiger war jedoch kaum f&auml;hig, seine Trauer
+zu verbergen. Bald nachher nahm er Mantel und Hut und
+wanderte in die W&auml;lder. Erst als es dunkelte, kehrte er
+zur&uuml;ck. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen aufgeh&ouml;rt.
+Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der
+Schimpanse leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr
+sonores Lachen durch das ganze Haus. Schon gegen sieben
+Uhr kam sie herunter, im wei&szlig;en Kimono, und nahm ihren
+gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine
+freundlich-neugierige Miene und lie&szlig; eine Bernsteinkette,
+die sie um den Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten.
+Hadwiger k&uuml;&szlig;te ihr vor Freude die Hand, als er sie so
+frisch, so gegenw&auml;rtig sah.</p>
+
+<p>Cajetan sagte, er k&ouml;nne die Plassenburger Leute nicht
+los werden. &raquo;Die Geschichte hat etwas Hinterh&auml;ltiges&laquo;,
+meinte er, &raquo;das einen wie in Schuld verstrickt. Vor Jahren
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>h&ouml;rte ich einmal von einem M&ouml;rder, in dessen Zelle eine
+Schwalbe geflogen war. Er schlo&szlig; eilig das Fenster, um
+das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, f&uuml;tterte es tagelang
+mit Brotkrumen und fa&szlig;te eine heftige Zuneigung
+zu dem verirrten Gesch&ouml;pf, das sich seinerseits an den Menschen
+still zu gew&ouml;hnen schien und kein Verlangen &auml;u&szlig;erte,
+dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang beh&uuml;tete
+der Str&auml;fling seinen kleinen Freund, wu&szlig;te ihn vor
+den Augen des W&auml;rters zu verbergen und wenn er die
+Schwalbe in der Hand hielt und unter den Federn ihr
+klopfendes Herz sp&uuml;rte, hatte er eine Empfindung, die der
+Fr&ouml;mmigkeit sehr &auml;hnlich war. Eines Tages entdeckte der
+Aufseher den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe
+und t&ouml;tete sie mit einem einzigen rohen Griff. Der H&auml;ftling
+schrie auf wie ein Rasender, st&uuml;rzte sich blitzschnell auf
+den Mann und erdrosselte ihn. Diese Begebenheit verfolgte
+mich mit denselben Gef&uuml;hlen von Schuld und Verantwortung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Zeichen, da&szlig; der Mensch kein vereinzeltes Wesen
+ist, auch wenn er sich so gibt, sondern da&szlig; er seiner Zugeh&ouml;rigkeit
+zum Welt- und Menschheitsganzen tief innerlich
+bewu&szlig;t bleibt&laquo;, antwortete Borsati.</p>
+
+<p>&raquo;Der lustige Irrtum, der f&uuml;r die zwei Literaten so &uuml;bel
+ausfiel, erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter
+von mir in Br&uuml;ssel hatte, eine Art Philosoph, ein ziemlich
+vertr&auml;umter und weltfremder Mensch&laquo;, erz&auml;hlte Lamberg.
+&raquo;Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei einem
+Hutmacher eine Sportm&uuml;tze. Danach ging er in den Stra&szlig;en
+spazieren, und es ist nicht nebens&auml;chlich zu erw&auml;hnen, da&szlig;
+<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>er beim Gehen stets die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken zu halten
+pflegte. Ins Hotel zur&uuml;ckgekehrt, legte er den Mantel ab
+und langte zuvor in die Tasche, um ein Schnupftuch herauszunehmen.
+Er ri&szlig; Mund und Augen vor Erstaunen
+auf, als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft
+fand mit Schmuck und Geldb&ouml;rsen, mit Armb&auml;ndern,
+goldnen Uhren, Broschen, Brillantnadeln, Halsketten, kurz,
+mit einer Reihe von Gegenst&auml;nden, deren Wert er trotz
+seiner verwirrten Sinne auf f&uuml;nfzig- bis sechzigtausend
+Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an
+Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt
+hatte, zog er den Mantel wieder an und eilte neuerdings
+auf die Stra&szlig;e, um dem Geheimnis auf die Spur
+zu kommen. Es war Abend, er mu&szlig;te sich durch ein dichtes
+Menschengew&uuml;hl dr&auml;ngen und gab dabei, so gut es seine
+Erregung zulie&szlig;, auf seine Taschen acht. Und siehe da,
+nach wenigen Minuten sp&uuml;rte er abermals Kleinodien, Portefeuilles
+und Spitzent&uuml;cher drinnen. Ihm graute vor der
+Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein Quartier,
+bemerkte aber nicht, da&szlig; ihm ein Detektiv folgte, dessen
+Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn
+vor der T&uuml;re seines Zimmers anrief, sich legitimierte und
+sogleich ein Verh&ouml;r begann. Die Ratlosigkeit meines Vetters
+war jedoch so gro&szlig;, da&szlig; an seiner Unschuld von vornherein
+nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist fand auch
+bald die L&ouml;sung des R&auml;tsels. Jenem Hutmacher hatte ein
+unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff
+gebracht, aus dem er ein Dutzend M&uuml;tzen anfertigen sollte.
+Der Stoff hatte f&uuml;r dreizehn M&uuml;tzen gereicht, zw&ouml;lf waren
+<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>abgeliefert worden und die dreizehnte wurde als Extraprofit
+dem ersten Besten verkauft, der eine Reisekappe zu erstehen
+w&uuml;nschte. Der promenierte dann als Signalmann und unfreiwilliger
+Hehler einer Bande von Taschendieben auf den
+Boulevards. H&auml;tte er sich weniger exaltiert benommen, so
+h&auml;tte er durch blo&szlig;es Spazierengehen in einer Woche Besitzer
+von unerme&szlig;lichen Sch&auml;tzen werden k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So macht Gewissen Memmen aus uns allen&laquo;, zitierte
+Borsati lachend. &raquo;Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend
+bewiesen wird, da&szlig; Kleider Leute machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; wieder von den beiden Plassenburger Dichtern
+reden&laquo;, sagte Cajetan; &raquo;sie besch&auml;ftigen mich. Es ist etwas
+sehr Bedeutsames in der Rivalit&auml;t zwischen Alexander und
+dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon die Farben ein
+wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser
+Unf&auml;hige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse
+deklamiert, die er vorher verworfen hat, und wie er, durch
+den Beifall berauscht, pl&ouml;tzlich sich selbst als den Sch&ouml;pfer
+f&uuml;hlt, enth&auml;lt eine Wahrheit, die zugleich r&uuml;hrend und
+grausam ist. Wie wenig mu&szlig; ein solcher Mensch der eigenen
+Kraft gewi&szlig; sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Macht der Selbstt&auml;uschung ist eben unendlich&laquo;,
+entgegnete Lamberg. &raquo;Ich wei&szlig; nicht, ob ihr euch an den
+Fall jenes ber&uuml;hmten Schriftstellers erinnert, der das Buch
+eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm unter
+vielen Manuskripten zugesandt worden war, ver&ouml;ffentlichte
+und nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst,
+denn es war ihm zumute, als ob er das Werk geschaffen
+h&auml;tte, da es ganz aus der Stimmung seines Geistes war
+<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>und auch unter seinen Freunden und Anh&auml;ngern niemand
+eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre
+waren vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches
+gegen&uuml;ber und forderte Rechenschaft. Dieser Mann war
+eine Hy&auml;ne und sein Talent eine der teuflischen Erfindungen
+der Natur, die unsern Glauben an die Zweckm&auml;&szlig;igkeit
+des irdischen Getriebes ersch&uuml;ttern k&ouml;nnen. Der alternde
+Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Verm&ouml;gen,
+untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen
+Kritiker und Bearbeiter seiner B&uuml;cher auf und
+trieb ihn schlie&szlig;lich zum Selbstmord. &Uuml;ber dem Grab des
+Ungl&uuml;cklichen brach das niedrigste Gez&auml;nk aus, bei welchem
+die Ehre und der Ruf des Toten f&uuml;r immer vernichtet
+wurden und die Fr&uuml;chte eines inhaltvollen Lebens gleichsam
+verfaulten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ihr wi&szlig;t,&laquo; sagte Cajetan, &raquo;hat sich der ungl&uuml;ckliche
+Chatterton das Leben genommen, weil er beschuldigt
+worden war, die von ihm ver&ouml;ffentlichten Balladen seien
+fremde Erzeugnisse, er habe die Handschriften in einem
+Kloster gefunden und die Originale vernichtet. Sp&auml;ter hat
+sich freilich herausgestellt, da&szlig; diese von Feinden und Neidern
+verbreitete Anklage unbegr&uuml;ndet war und da&szlig; der
+junge, erst neunzehnj&auml;hrige Poet mit erstaunlicher und genialer
+Sicherheit den Ton und Rhythmus der vergangenen
+Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine Waffe gegen
+die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen
+sie. Denkt euch, eine sch&ouml;ne Frau reist allein in einem
+fremden fernen Land, und sie tritt mit einer Diamantkette
+um den Hals in eine Gesellschaft und man bezichtigt sie
+<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>pl&ouml;tzlich, da&szlig; sie die Juwelen gestohlen h&auml;tte, und sie hat
+kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre
+Beteuerung, &#8211; so werdet ihr noch lange nicht in die
+Qual von Chattertons Lage versetzt sein, denn im Lauf
+der Zeit wird die Frau ja doch nachweisen k&ouml;nnen, da&szlig;
+der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte dieses
+nicht; seine Wahrheit galt f&uuml;r L&uuml;ge; wie h&auml;tte er die
+Welt &uuml;berzeugen k&ouml;nnen? Der J&uuml;ngling brach zusammen
+unter den schmutzigen Wogen der Verleumdung. Sein inneres
+Feuer verlosch. Er war an der Menschheit und an
+sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine Stunde vor
+seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, da&szlig; ihm die
+eigene Sch&ouml;pfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er
+sich genarrt d&uuml;nkte wie einer, der nicht wei&szlig;, was er getan
+hat und was mit ihm geschehen ist. Vielleicht war
+ihm wie einem zu sp&auml;t Geborenen oder wie einem jener
+sagenhaften Schl&auml;fer, die erst nach Jahrhunderten erwachen
+und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation
+und an die Zeit kettet und die ihre Seele verlieren
+m&uuml;ssen, weil kein Bruderauge sie erkennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick
+in das D&auml;monische dieses Berufs gewinnen&laquo;, meinte
+Borsati. &raquo;Die gro&szlig;en Werke werden hingenommen, als
+ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune gespendet
+h&auml;tte, und was an Sch&ouml;pferschmerz dahinter steckt, ahnen
+nur wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut
+so, aber im allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig
+hin, und wo ein au&szlig;erordentlicher Mann pers&ouml;nlich
+auftritt, zeigt sich sofort das Element der frechen Gem&uuml;tlichkeit,
+<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>selbst in der Verehrung, die man ihm zollt.
+Bei Balzac hei&szlig;t es einmal k&ouml;stlich: der Kaufmann steht
+einem Schriftsteller immer mit gemischten Gef&uuml;hlen gegen&uuml;ber.
+Dieses instinktive Mi&szlig;trauen ist besonders dem Deutschen
+eigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld&laquo;, antwortete
+Lamberg, &raquo;und nicht blo&szlig; die mittelm&auml;&szlig;igen, deren
+Unzahl das Land allm&auml;hlig in eine Ablagerungsst&auml;tte von
+Makulatur verwandelt, sondern auch die besseren K&ouml;pfe.
+Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis verlassen,
+bieten dem B&uuml;rger das unerfreuliche Schauspiel einer
+schrullenhaften Lebensf&uuml;hrung und &uuml;berfl&uuml;ssiger Extravaganzen.
+In ihrem sozialen Dasein fehlt das Bindende
+und Verantwortliche, und da mu&szlig; eben der Mann aus
+dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht feindselig
+stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Ged&auml;chtnis?
+Ein Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig,
+aber er war ein Dichter. Sein Name war dem Bildungsp&ouml;bel
+gel&auml;ufig, nicht wegen seiner Leistungen, sondern
+weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen
+lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierb&auml;nken
+verbrachte Existenz eine f&uuml;r lustig geltende Herausforderung
+an den B&uuml;rger war. Der Alkohol richtete ihn zu
+grunde. In einem italienischen Nest starb er eines elenden
+Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten,
+da&szlig; sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt
+werden sollte; der &uuml;brige K&ouml;rper wurde an Ort
+und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine t&uuml;chtige und entschlossene
+Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde
+<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>gepflegt hatte, verpackte den pr&auml;parierten Kopf in einer
+Hutschachtel und fuhr damit zur n&auml;chsten Bahnstation.
+Dort mu&szlig;te sie mehrere Stunden auf den Zug warten, und
+sie begab sich in eine Kneipe, um ihr Mittagessen einzunehmen.
+Die Schachtel und mehreres andre Reisegep&auml;ck
+hatte sie neben sich auf St&uuml;hle verstaut. Pl&ouml;tzlich kam ein
+Facchino und trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die
+Schachtel vergessen. Nun sa&szlig;en in der elenden Osteria einige
+Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht recht schl&uuml;ssig
+werden, was mit dem zur&uuml;ckgelassenen Ding anzufangen
+sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich
+daran, die Schachtel zu &ouml;ffnen, und da zog ein junger
+Mensch das Haupt des Dichters bei den Haaren in die
+H&ouml;he und lie&szlig; es dann schreckerstarrt auf die Tischplatte
+fallen. Alle sprangen empor und flohen in abergl&auml;ubischem
+Entsetzen. Drau&szlig;en dr&uuml;ckten sie ihre Gesichter an die Fensterscheiben,
+M&auml;dchen und Frauen und viel Volk aus der
+Umgebung str&ouml;mte herzu und sie sp&uuml;rten ein verlockendes
+Grausen bei der Betrachtung des Sch&auml;dels, auf dessen
+wachsbleichem und melancholischem Petroniusgesicht ein kaum
+bemerkbares Spottl&auml;cheln zu schweben schien.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nein,&laquo; rief Franziska, &raquo;das will ich nicht
+h&ouml;ren, und wenn es passiert ist, erspart mir, darum zu
+wissen. Ach, wie machst du mich schaudern, Georg! Das
+ist wie ein Fieberbild.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,&laquo; sagte
+Cajetan, &raquo;und wenn sich auch unsere liebenswerte Dame
+entr&uuml;stet, hier ergreift mich etwas gleich einem Menetekel.
+Wie ja oft im Hintergrund dieser anscheinend schnurrigen
+<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>und barocken Schicksale die tiefste Finsternis g&auml;hnt und
+eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht
+h&auml;tte ersinnen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit
+dem Kometen Styriax zugeschrieben wird&laquo;, fuhr Lamberg
+fort, und seine heitere Miene versprach eine gutartige Wendung.</p>
+
+<p>&raquo;Paterner wohnte einmal f&uuml;r ein paar Monate in einer
+kleinen deutschen Stadt, und zwar in einem sogenannten
+Familienhotel, eine Bezeichnung, die schon allein seinen
+&Auml;rger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich vor, die
+Leutchen ein wenig durcheinanderzusch&uuml;tteln, und eines
+Abends, w&auml;hrend der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob
+er sich von seinem Sessel und hielt mit dem Gesicht
+eines Totengr&auml;bers folgende ernste Rede: &raquo;Meine Herrschaften,
+ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes,
+des Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord
+Lotterbeck ist, wie Sie wissen, der bedeutendste Astronom
+der Gegenwart und Teleskopist an der Licksternwarte. H&ouml;ren
+Sie den Wortlaut des Telegramms: &#8250;Komet Styriax seit
+dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammensto&szlig;
+mit unserem Erdball heute Nacht zw&ouml;lf Uhr, sieben
+Minuten. Ordne deine Angelegenheiten, bereue deine S&uuml;nden,
+um zw&ouml;lf Uhr acht Minuten bist du nur noch ein
+Liter Wasserdampf. Letzten Gru&szlig; vom festen Aggregatzustand,
+dein Cincinatti Lotterbeck.&#8249; Meine Herrschaften, es
+ist jetzt neun Uhr. Sie haben noch drei Stunden sieben
+Minuten zu leben. F&uuml;llen Sie die Galgenfrist mit dem
+kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit H&ouml;lle ist es
+<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.&laquo; Zuerst glaubten
+die erschrockenen Zuh&ouml;rer nat&uuml;rlich an einen &uuml;blen Spa&szlig;;
+als aber zwei Herren, es waren Freunde und Mitverschworene
+Paterners, Schmierenschauspieler aus der Nachbarschaft,
+ins Zimmer st&uuml;rzten, und mit dem Wehgeschrei:
+Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen,
+die Arme in die Luft streckten und sich so weltuntergangsm&auml;&szlig;ig
+verzweifelt geberdeten, da&szlig; sie daf&uuml;r auf dem Theater
+mit Beifall &uuml;bersch&uuml;ttet worden w&auml;ren, hatte es mit der
+Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen
+zu schluchzen, die M&auml;nner liefen unruhig auf die Stra&szlig;e
+und kehrten angstschlotternd zur&uuml;ck; indessen hatte Paterner
+Punsch bereitet, zum Leichenschmaus, wie er sagte, und
+verteilte die Portionen aus der gef&uuml;llten Terrine. Er verk&uuml;ndete,
+zwischen hundertachtzig Minuten und hundertachtzig
+Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein
+Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion
+w&auml;re, die beiden Schauspieler wu&szlig;ten auf eine raffinierte
+Weise die trockenen Gem&uuml;ter in Brand zu setzen, und nach
+kurzer Weile ging es &auml;hnlich zu wie unter den Losgelassenen
+auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen
+brach die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine
+Verwilderung, vor der selbst ein Paterner schamrot wurde,
+wenngleich er alle schlimme Meinung dadurch best&auml;tigt fand,
+die sich &uuml;ber die Geknechteten der sozialen Mittelschicht in
+ihm angesammelt hatte. &Uuml;ber der Stadt drau&szlig;en lastete
+ein dumpfes Schweigen; es war eine M&auml;rznacht, der Mond
+war von zwei violetten H&ouml;fen umgeben; die bet&ouml;rten Menschen
+zitterten vor der Drohung der Natur, haltlos schwankten
+<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>sie zwischen ihrem Jammer und dem tierischen Entz&uuml;cken
+&uuml;ber den Besitz einer wenn auch noch so kargen Gegenwart.
+Die Szene wurde gef&auml;hrlich; Hysterie und Furcht f&uuml;hren
+stets zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich
+selbst. Solche Zust&auml;nde kann man bei allen geistigen Epidemien
+beobachten, im Kleinen wie im Gro&szlig;en. Es ist als
+ob die eingesperrte Bestie im K&auml;fig nur darauf warte, da&szlig;
+die St&auml;be gesprengt w&uuml;rden, um die Ohnmacht seiner Lehrer,
+seiner Prediger, seiner B&auml;ndiger zu beweisen. Paterner hatte
+genug gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer
+Kom&ouml;die war er nicht gefa&szlig;t gewesen, und bis zum &auml;u&szlig;ersten
+wollte er es nicht treiben. Er erhob sein Glas und
+sprach: &#8250;teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, da&szlig; sich
+mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat.
+Ich erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Gl&uuml;cksfall
+zu gratulieren. Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie
+Sie die drei Stunden verwendet haben w&uuml;rden. Ich w&uuml;nsche
+eine angenehme Bettruhe.&#8249; Damit verbeugte er sich und
+verschwand. Die G&auml;ste des Familienhotels sollen am andern
+Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Hist&ouml;rchen ist nicht ohne Salz,&laquo; meinte Cajetan.
+&raquo;Aber ich mu&szlig; doch gestehen, da&szlig; mir Figuren vom Schlag
+dieses Paterner unbehaglich sind. Ich unterschreibe alles,
+was Georg vorhin &uuml;ber das schrullenhafte solcher Leute
+ge&auml;u&szlig;ert hat. Das wirkt im einzelnen Fall am&uuml;sant, als
+Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man
+braucht deswegen nicht f&uuml;r sauert&ouml;pfisch zu gelten. Ich
+sage mir, so lang der Deutsche in seinen K&uuml;nstlern immer
+<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere Geisteskultur
+nicht zu z&auml;hlen. Der Bohemien ist nicht Mitk&auml;mpfer, er
+ist ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zuf&auml;lliger. Wehe
+der Nation, die ihre K&uuml;nstler nur als pflichtenlose Genie&szlig;er
+einer gutm&uuml;tig zugestandenen Ungebundenheit betrachtet.
+Die Deutschen haben keine Ahnung, da&szlig; der
+echte K&uuml;nstler auch ein echter Arbeiter ist. Was f&uuml;r eine
+verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel
+in den meisten K&ouml;pfen erhalten? Freilich unter Beihilfe
+einer gewissen bl&uuml;meranten Literatur, in der noch heute
+jeder Maler ein Sammetr&ouml;ckchen, eine fliegende Krawatte
+und einen Schlapphut tr&auml;gt und auf seiner Palette das
+Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein,
+da ist nichts zu lachen; ich kenne M&auml;nner aus der Gesellschaft,
+die ganz insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei
+eigentlich doch nur eine Ausrede f&uuml;r M&uuml;&szlig;iggang und Donjuanerie.
+Welch ungeheure, ja tragische Konflikte gerade
+bei den bildenden K&uuml;nstlern das Handwerk als solches ins
+Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen.
+Ich habe den Bericht von einem genauen Freund
+des einen und glaube f&uuml;r seine Zuverl&auml;ssigkeit b&uuml;rgen zu
+k&ouml;nnen. &Uuml;brigens sprechen die Ereignisse f&uuml;r sich selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erz&auml;hlte
+die Geschichte der beiden Maler.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a></p>
+<h2><a name="Nimfuehr_und_Willenius" id="Nimfuehr_und_Willenius"></a><em class="gesperrt">Nimf&uuml;hr und Willenius</em></h2>
+
+
+<p>Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyl&auml;ensaal
+veranstaltete, war er dem engen Kreis von Fachgenossen,
+die in der Stille das Urteil &uuml;ber einen K&uuml;nstler pr&auml;gen,
+l&auml;ngst kein Unbekannter mehr. Das Publikum blieb der
+neuen Gr&ouml;&szlig;e gegen&uuml;ber frostig, aber die vom Handwerk
+gerieten aus dem H&auml;uschen und in den K&uuml;nstlerkneipen
+wurde von nichts anderem geredet. So hatte noch niemand
+einen Baum, eine Wiese, die Luft einer sommerlichen Mittagsstunde,
+den Schritt eines S&auml;ers, die Bewegung eines
+Holzhackers gesehen und gemalt. Man wu&szlig;te nicht, was
+mehr zu bestaunen sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung
+oder die asketische Strenge der Technik, die gestaltende
+Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste Linien zur&uuml;ckf&uuml;hrte,
+oder die K&uuml;hnheit, mit der ein hundertf&auml;ltiges Spiel
+des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren
+Kontur bezwungen wurde.</p>
+
+<p>Jahrelang geh&ouml;rte Willenius zu den t&auml;glichen Stammg&auml;sten
+eines kleinen Kaffeehauses hinter der Akademie; er
+hockte meist allein in einem Winkel, entweder mit dem
+Skizzenbuch besch&auml;ftigt oder stumm vor sich hinbr&uuml;tend,
+wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein
+langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem
+ein d&uuml;nner, greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose
+Augen sa&szlig;en. In seinen Manieren war etwas Geschraubtes,
+und er gr&uuml;&szlig;te die fl&uuml;chtigsten Bekannten mit
+einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb r&uuml;hrend
+war und auf viel erlittenes Elend schlie&szlig;en lie&szlig;. Eines
+<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Tages war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher
+erfuhr man, da&szlig; er sich irgendwo auf dem flachen
+Land niedergelassen habe. Dort lebte er mit den Bauern
+wie ein Bauer. Die Bed&uuml;rfnisse dieses Mannes waren
+primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr
+Geld zu verdienen als man unbedingt braucht, um zu
+vegetieren, schon deswegen nicht, weil ihm seine Bilder
+kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur als Merkzeichen
+auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen,
+Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.</p>
+
+<p>Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich
+selber nichts. Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols,
+eines Begriffs; eines D&auml;mons, der den Namen Kunst f&uuml;hrt
+und der seine freien Triebe und Neigungen verschlang.
+Harmloser Genu&szlig; der Stunde, Atem und Herzschlag ohne
+die Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht
+einmal ein Traum, der sich seinem Bann entzog. Ein Impuls
+von geheimnisvollster Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht,
+ohne Eitelkeit, ohne Hang nach &auml;u&szlig;eren Beg&uuml;nstigungen;
+eine ununterbrochene Kette von Leiden und
+Opfern, ein ununterbrochenes Bereitsein, eine best&auml;ndige
+krampfhafte Spannung aller Nerven, das war die Existenz
+dieses Menschen.</p>
+
+<p>Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie
+aus sich heraus. Leichenbla&szlig; stand er vor der Staffelei;
+die Augen, gierig und angstvoll aufgerissen, erinnerten an
+die eines Sterbenden unterm Operationsmesser. Oft nahm
+er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen,
+sondern lie&szlig; sie aus der Tube gleich auf die Leinwand
+<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>laufen, aus Furcht, da&szlig; die Lebendigkeit der innerlichen
+Vorstellung sich tr&uuml;ben k&ouml;nnte, bevor er den Ton getroffen,
+den er sah und f&uuml;hlte. Dabei war er von geradezu fanatischer
+Ehrlichkeit gegen das Modell. Er h&auml;tte es vielleicht
+&uuml;ber sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus
+einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt
+durch die Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition,
+einem Weidenstrunk statt der vier Kr&uuml;mmungen, die er
+hatte, nur drei zu geben, das war unm&ouml;glich; und darin
+lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt
+sagte ihm, da&szlig; in der Kunst das Unscheinbare das
+Zeugende sei und da&szlig; es ebensowohl das Zerst&ouml;rende werden
+m&uuml;sse, wenn es sich nicht an die Wahrheit der einmaligen
+Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte
+die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur
+eines, das Verworfenste von allem: den Dilettantismus.</p>
+
+<p>Welche uns&auml;gliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs
+von brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten,
+die nun so verwegen als selbstverst&auml;ndlich den t&uuml;ckisch verschleierten
+Halbt&ouml;nen der Natur Einheit und Glaubhaftigkeit
+verliehen, davon begriffen diejenigen nichts, die von
+der Natur im Vor&uuml;bergehen Kleinbild um Kleinbild empfingen
+und denen die sinnlose Zerst&uuml;ckelung als Reichtum
+erschien. Die nicht sp&uuml;rten, da&szlig; die sogenannte Natur ein
+Chaos ist, ein Sammelsurium, ein W&ouml;rterbuch, und da&szlig;
+jenes Schauen, welches dem Ungeformten eine Form abzwingt,
+der ungeistigen und toten F&uuml;lle durch Abbreviatur
+und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und
+hei&szlig;er in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder
+<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>die &Uuml;berwindung eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte
+war die Natur; Feind und Geliebte war, was Wirklichkeit
+hie&szlig;, voller Finten und Schliche und Beirrungen, l&uuml;gnerisch,
+schmeichlerisch, verf&uuml;hrerisch und letzten Endes unbesiegbar.
+Das Auge mu&szlig;te sich bis ins Innerste der Dinge
+bohren, und es durfte nicht die Epidermis besch&auml;digen,
+w&auml;hrend es das Gesch&auml;ft des Anatomen betrieb.</p>
+
+<p>Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener d&ouml;rflichen Abgeschiedenheit
+gehaust hatte, beschlo&szlig; er, wieder in die Stadt
+zu ziehen. Es hatte sich ein reicher Kunstfreund f&uuml;r seine
+Produkte interessiert, der Verkauf einiger Bilder sicherte
+ein m&auml;&szlig;iges Auskommen, und er mietete ein ger&auml;umiges
+Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuf&uuml;hren gedachte.</p>
+
+<p>Es war im November. Schon in den ersten Tagen h&ouml;rte
+Willenius von einer Ausstellung im K&uuml;nstlerverein. Ein
+neuer Mann, Johannes Nimf&uuml;hr, hatte dort seine Arbeiten
+an die &Ouml;ffentlichkeit gebracht. Man erz&auml;hlte sich wunderliche
+Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer
+Insel im S&uuml;dmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie
+mit seinesgleichen verkehrt; er sei unzug&auml;nglich wie der Dalailama
+und n&auml;hre sich blo&szlig; von Brot und &Auml;pfeln. Einige
+Leute wollten sich halbtot gelacht haben &uuml;ber die bengalische
+Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten pers&ouml;nlich
+beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche
+Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge
+verk&uuml;ndeten ihre Begeisterung.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die
+Bilder anzuschauen. Erst schritt er langsam von Leinwand
+<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>zu Leinwand, dann blieb er mit h&auml;ngenden Armen stehen,
+die F&auml;uste geballt, den R&uuml;cken gebeugt, den Kopf gierig
+vorgestreckt, die Lippe zitternd.</p>
+
+<p>Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot;
+s&uuml;dliches Meer, und am Strand nackte wilde Frauen;
+Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm einer Palme
+lehnend, zu einem silbernen Fisch sich b&uuml;ckend; Wiese, Fels
+und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen w&uuml;rde; alles
+Leben in der Farbe; Licht, Bewegung, Umri&szlig;, Leib, Seele
+und Symbol, alles in der Farbe; keine Wirklichkeit mehr,
+nur Traum, und alle Wirklichkeit hineingeschl&uuml;pft in den
+Traum, so da&szlig; es ein Spiel schien, die Wiedergeburt einer
+Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des Inner-Innersten,
+Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier,
+Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe
+gefrorene Natur, eine majest&auml;tische Synthese.</p>
+
+<p>Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den
+Verstand zu verlieren. Nichts von Absicht auf Komposition
+und Wirkung, nirgends ein unreiner Strich, ein &Uuml;berbleibsel
+der Hand; keine Aufdringlichkeit der Gegens&auml;tze,
+kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive.
+Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender
+Verzicht auf Hintergrund und Raumverh&auml;ltnis
+geschehen, so da&szlig; der ungewohnte Blick es l&auml;cherlich finden
+konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin das
+Bild zu erfassen vermochte.</p>
+
+<p>Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere
+N&auml;chte hindurch schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch
+gehabt, die Bekanntschaft irgend eines Menschen zu machen;
+<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Nimf&uuml;hr zu sehen und zu sprechen war jetzt sein
+ungest&uuml;mstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald,
+da er t&auml;glich die Ausstellung besuchte. Nimf&uuml;hr, von einem
+jungen Maler auf Willenius aufmerksam gemacht, stellte
+sich ihm selbst vor. Er war ein h&uuml;nenhaft gebauter Mann,
+sehnig wie ein Lasttr&auml;ger, mit langem gelblichem Gesicht,
+starken hohen Backenknochen und sch&uuml;tterem Haarwuchs.</p>
+
+<p>Sie gerieten in ein Gespr&auml;ch, das um halb f&uuml;nf Uhr
+nachmittags begann und um drei Uhr nachts in einer &ouml;den
+Vorstadtgasse endigte. Es war ein zehnst&uuml;ndiges Einanderbelauern
+und -aushorchen. Die Sicherheit des j&uuml;ngeren
+Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil &uuml;ber andere
+K&uuml;nstler kam aus den h&ouml;chsten Regionen, wo nur die
+Eingeweihten sich durch Geheimzeichen verstehen. Er kannte
+Willenius&#8217; Arbeiten; da&szlig; er sie sch&auml;tzte, er&ouml;ffnete er nur
+mittelbar, indem er eine ber&uuml;hmte Gr&ouml;&szlig;e, die von der
+Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend
+daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein
+Monument. Nichts kam der &uuml;berlegenen Ruhe gleich, mit
+der er seinen eigenen Mi&szlig;erfolg behandelte. &raquo;Die Menschen
+sind dem K&uuml;nstler zu nichts nutze&laquo;, sagte er, &raquo;Kunst ist
+das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden
+wird, mu&szlig; man ihr schon mi&szlig;trauen.&laquo;</p>
+
+<p>Bald war es so weit, da&szlig; die beiden M&auml;nner Tag f&uuml;r
+Tag einander trafen. Den Silvesterabend verbrachte Nimf&uuml;hr
+in Willenius&#8217; Atelier, und als es zw&ouml;lf Uhr schlug,
+trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war
+im selben Hause frei, Nimf&uuml;hr bezog es. Er habe noch
+zwei Jahre ausf&uuml;hrender Arbeit vor sich, &auml;u&szlig;erte er, dann
+<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>wolle er nach Mexiko reisen. Willenius, vielfach angeregt
+durch die abendlichen Unterhaltungen mit dem Freund,
+malte t&auml;glich acht bis neun Stunden. Nimf&uuml;hr warnte ihn
+vor einem Mi&szlig;brauch seiner Kr&auml;fte. &raquo;Neue Einfl&uuml;sse wollen
+g&auml;ren, ehe sie sich in Gestalt umsetzen&laquo;, meinte er, &raquo;wer
+zu schnell verdaut, zehrt ab.&laquo;</p>
+
+<p>Willenius horchte auf. Neue Einfl&uuml;sse? Was sollte das
+hei&szlig;en? St&uuml;tzbalken an einem bauf&auml;lligen Haus? Er war
+empfindlich wie alle in sich selbst Verstrickten. Seine Liebe
+zu Nimf&uuml;hr, von Bewunderung und Ehrfurcht gezeugt
+und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die blo&szlig;
+unter Bauern und K&uuml;nstlern existiert, vermischte sich mit
+Angst und Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu
+beobachten, der so herrisch frei in seinem Bezirk waltete.
+Ihm waren Hand und Auge eins; was er schuf, l&ouml;ste sich
+souver&auml;n vom Material; was er schaute, war sein Eigentum.
+Willenius hingegen mu&szlig;te die Erde erst in St&uuml;cke
+rei&szlig;en, bevor sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war
+ein heimlicher Raub; er mu&szlig;te die Natur &uuml;berlisten, beschleichen
+und verraten, denn sie gew&auml;hrte ihm von selber
+nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit
+wie vom Paradies zur H&ouml;lle.</p>
+
+<p>Nimf&uuml;hr erblickte darin einen Krampf. Voll h&ouml;chsten
+Respektes vor dem K&ouml;nnen des Freundes glaubte er helfen
+zu m&uuml;ssen. &raquo;Du richtest dich zu grund, Menschenskind&laquo;,
+sagte er eines Tages, &raquo;du verbei&szlig;t dich in die Leinwand
+und l&auml;&szlig;t dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier.
+Schlie&szlig;lich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das
+ist wahr, aber so kann man nicht leben, dabei mu&szlig; man
+<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>verbluten. Und das macht einen Kerl von Genie klein, wenn
+er an den Dingen verblutet, die er schafft. F&uuml;ttern sollen
+uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher machen,
+unterkriegen m&uuml;ssen wir sie.&laquo; Willenius sah den Freund
+mit seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte:
+&raquo;Wenn der Hund zwei Fl&uuml;gel h&auml;tte, w&auml;r er ein
+Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel, aber er k&ouml;nnte
+fliegen. &Uuml;ber fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu
+rechten, ist m&uuml;&szlig;ig. La&szlig; mich nur laufen, la&szlig; mir meinen
+m&uuml;hseligen Weg, und sei du froh, da&szlig; du fliegst.&laquo;</p>
+
+<p>Es lie&szlig; aber Nimf&uuml;hr nicht; er wollte diesen unterirdischen
+Schmied aus seiner drangvollen Enge befreien. Sie
+kamen in Streit &uuml;ber die pastose Manier, in der eine sonnengrell
+beschienene Ziegelwand gemalt war; &uuml;ber den Eigensinn,
+der sich in der Durchf&uuml;hrung eines Wolkenkonturs
+gefiel; &uuml;ber das l&auml;rmende Nebeneinander von Farbenflecken
+auf einer Herbstlandschaft. Nimf&uuml;hr wollte dergleichen bescheidener
+haben, er wollte es ma&szlig;voller haben, kurzum, er
+wollte es anders haben. &raquo;Siehst du, Paul&laquo;, rief er einmal
+sp&auml;t in der Nacht, &raquo;das Pers&ouml;nliche ists, das uns Leuten,
+wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns
+jeden Gegenstand inbr&uuml;nstig an die Brust, und vor lauter
+Verliebtheit vergessen wir die Haltung, die G&ouml;tterhaltung,
+ohne die unser bestes Gesch&ouml;pf keine bessere Rolle spielt
+als ein verzogenes Kind.&laquo;</p>
+
+<p>Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Ha&szlig; zuckte in
+seinem Gesicht. Wer bist du und was wagst du? schien
+sein niedergeflammter Blick zu fragen. Stellst du ein Prinzip
+gegen meine Welt, so stell&#8217; ich mich selbst gegen dein
+<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>anma&szlig;endes Verdikt. &raquo;Hast du dein Bild heute fertig gemacht?&laquo;
+erkundigte er sich nach einer Weile; &raquo;du wolltest
+es mir noch zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>Als Willenius am n&auml;chsten Vormittag das Bild sah,
+&uuml;berlief ihn ein Schauder. Es war ein nackter Knabe, an
+einen Felsblock gekauert, weiter nichts. Der Knabe war
+h&auml;&szlig;lich, der Felsblock h&auml;&szlig;lich, doch das Ganze war wie
+Seele eines M&auml;rchens, das enth&uuml;llte Geheimnis der Atlantis,
+ohne eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius
+reichte Nimf&uuml;hr stumm die Hand. Nimf&uuml;hr l&auml;chelte ein
+bi&szlig;chen geschmeichelt, und wenn er l&auml;chelte, hatte er &Auml;hnlichkeit
+mit einer alten Frau. Dieses L&auml;cheln durchbohrte
+Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimf&uuml;hr
+damit sagen: &uuml;berspring die Kluft von einem Stern zum
+andern, von dir zu mir geht doch kein Pfad.</p>
+
+<p>So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz
+zerw&uuml;hlt hat; Eifersucht &#8211; Wetteifersucht. Vielleicht
+ist schon im Mythos von Kain und Abel etwas von der
+Sehnsucht und dem Ha&szlig;, dem Schmerz und der Liebe enthalten,
+aus denen sich die Eifersucht zwischen K&uuml;nstlern
+n&auml;hrt, von jener Qual haupts&auml;chlich, die eher das eigene
+Ungen&uuml;gen als das Verdienst des Andern zerst&ouml;rend f&uuml;hlbar
+macht. Willenius sp&uuml;rte sich gewachsen, als er begriff,
+da&szlig; er aus dem Kreis des Versuchens und der Vorbereitung
+treten m&uuml;sse, da&szlig; er endlich ein Werk schuldig sei,
+obwohl er erkannte, da&szlig; man, um ein Werk zu geben,
+schamlos sein m&uuml;sse, schamlos und kalt.</p>
+
+<p>Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war
+folgender: ein reifes Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie
+<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>an einem Tag nach Gewittern; hinter dem in der F&uuml;lle
+schwankenden Getreide zieht sich das wei&szlig;e Band einer
+niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine
+junge Magd mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der
+Vordergrund wird durch ein Beet roten Mohns gebildet,
+das die ganze Breite des Feldes bes&auml;umt. Es waren Gegens&auml;tze
+von &uuml;berraschender Verwegenheit, ein F&uuml;nfklang von
+Blau, Gold, Wei&szlig;, Braun und Purpur, der von allen
+unreinen Zwischent&ouml;nen befreit war. Wochen und Wochen
+hindurch stand Willenius t&auml;glich von sechs Uhr morgens
+bis zwei Uhr nachmittags drau&szlig;en und entwarf &uuml;ber drei&szlig;ig
+Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns
+hervorrief, &uuml;bertraf alle Erwartung und lie&szlig; fr&uuml;here Entw&uuml;rfe
+immer wieder verblassen. Wichtig war, den rasch
+abbl&uuml;henden Mohn festzuhalten, der sich nur in einem genau
+fixierten Fr&uuml;hlicht so sammetartig gl&auml;nzend darbot, wie
+ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung
+des K&ouml;rpers und Geistes ersch&ouml;pft, wurde Willenius Ende
+September krank und mu&szlig;te f&uuml;r dritthalb Monate jeder
+Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht gewarnt durch
+den Zusammenbruch, st&uuml;rzte er sich neuerdings in fieberhafte
+T&auml;tigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte
+er den Rest des Fr&uuml;hjahrs mit den Studien zu der wei&szlig;en
+Mauer und zu der tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller
+als ein ernstes Zeichen menschlichen Daseins
+&uuml;ber der farbenherrlichen Landschaft erhob.</p>
+
+<p>Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch
+hier. Obwohl er wu&szlig;te, da&szlig; dieses Werk sein Gipfel war,
+und da&szlig; mit wirklichem K&ouml;nnen in &auml;u&szlig;erster Sammlung
+<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und Vollendung
+hei&szlig;en durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen
+um etwas, das gleichsam von einem Menschen stammte
+und nicht von Gott. Ein mi&szlig;lungener Strich, ein Quadratmillimeter
+unbeseelter Fl&auml;che beschwor Anf&auml;lle von Melancholie
+und verzweifelte Skrupel &uuml;ber Endg&uuml;ltigkeit und Notwendigkeit
+des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er
+gew&ouml;hnt; es w&auml;re ihm nicht als Verh&auml;ngnis erschienen.
+Aber vordem hatte er kein anderes Tribunal gekannt als
+sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen und schmerzhaften
+Drang, das H&ouml;chste zu leisten, was ja schon ein
+Imperativ von qu&auml;lender und r&auml;tselhafter Art ist, der alles
+private Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel
+unaufh&ouml;rlich ersch&uuml;ttert sein und erzittern l&auml;&szlig;t.
+Nun war jedoch dieser Freund gekommen, dieser Feind;
+was sag ich, Freund, Feind, &#8211; dieser Antipode, dieser Aneiferer,
+Anstachler, dieser Unnahbare, Ungen&uuml;gsame; das
+verk&ouml;rperte b&ouml;se Gewissen.</p>
+
+<p>Willenius f&uuml;rchtete Nimf&uuml;hr, dessen Existenz ihn ein
+Racheakt des Schicksals gegen die seine d&uuml;nkte; die Sph&auml;re,
+in der Nimf&uuml;hr webte, hatte etwas Mysteri&ouml;ses f&uuml;r ihn,
+durch ihre Helligkeit und Ruhe Verd&auml;chtiges. Trotzdem
+f&uuml;hlte er sich als subalterner Geist darin, und wenn er sich
+nicht eine Kugel durch den Kopf schie&szlig;en wollte, so mu&szlig;te
+er lieben, bewundern &#8211; und k&auml;mpfen.</p>
+
+<p>Was Nimf&uuml;hr betrifft, so wu&szlig;te er nichts von der Aufgew&uuml;hltheit
+des Freundes. H&auml;tte er darum gewu&szlig;t, er
+h&auml;tte das Wesen mit einem Achselzucken, einem verwunderten
+Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst eine gerechte
+<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm
+unverst&auml;ndlich, wo er sie an andern sp&uuml;rte, konnte er zugekn&ouml;pft
+werden wie ein Geheimrat. Nur tr&uuml;be gestimmt
+fand er sich bisweilen durch den Umgang mit Willenius;
+dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen niederschlagenden
+und verzerrenden Einfl&uuml;ssen zu bewahren, war ein Gebot
+des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch
+das Fegefeuer unreifer Zust&auml;nde gerungen hatte.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein
+Atelier, wo das nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand,
+gut belichtet und erstaunlich aus der Farblosigkeit des
+Raumes hervorbrennend. Nimf&uuml;hr schaute und schaute;
+sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er fing ihn
+wieder hinter verkniffenen Lidern. &raquo;Donnerwetter, das ist
+eine Leistung&laquo;, sagte er endlich in einem fast best&uuml;rzten
+Ton. Willenius atmete hoch auf; die N&auml;sse scho&szlig; ihm in
+die Augen; dieses Wort erl&ouml;ste ihn.</p>
+
+<p>Abermals betrachtete Nimf&uuml;hr das Bild, trat n&auml;her,
+schritt zur&uuml;ck, neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte,
+zog die Lippen auseinander, l&auml;chelte, sagte &raquo;Teufel noch
+einmal&laquo;, dr&uuml;ckte endlich dem Freund warm die Hand und
+ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte
+er voll Argwohn.</p>
+
+<p>Am Abend kam Nimf&uuml;hr wie gew&ouml;hnlich her&uuml;ber, stand
+wieder lange vor dem Bild, sprach dann &uuml;ber gleichg&uuml;ltige
+Dinge, pl&ouml;tzlich aber, w&auml;hrend er eine Zigarre anz&uuml;ndete,
+meinte er obenhin: &raquo;Dein Mohn sieht garnicht aus wie
+Mohn, sondern wie Blut.&laquo; Willenius zuckte zusammen.
+&raquo;So?&laquo; sagte er kurz, &raquo;ich d&auml;chte doch.&laquo; Und als Nimf&uuml;hr
+<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>schwieg, fuhr er mit rauher Stimme fort: &raquo;Rede nur von
+der Leber weg; du hast was gegen das Bild, ich hab&#8217;s
+gleich gemerkt.&laquo;</p>
+
+<p>Nimf&uuml;hr sch&uuml;ttelte mit einer Miene den Kopf, als ob
+er sagen wollte: Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er
+das Werk als Maler anerkennen mu&szlig;te, so sehr ging es
+ihm in der Wirkung wider das Gef&uuml;hl. Es war ihm zu
+nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins
+Spiel kommen konnte, schlo&szlig; er, da&szlig; Willenius keine Phantasie
+besitze und da&szlig; er diesen Mangel durch &uuml;bergro&szlig;e
+Deutlichkeit und die gierige Preisgebung aller Kr&auml;fte unbewu&szlig;t
+verh&uuml;lle. Er war des prostituierenden Treibens
+satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault.
+Er war es satt, die Grenzen des Metiers verwischt
+zu sehen in diesen aus Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit
+erzeugten Produkten, in denen ganze Farbenknoten
+zur Plastik dr&auml;ngten. Er wollte, er konnte sich nicht erkl&auml;ren,
+aber Willenius bedurfte der Erkl&auml;rung nicht, er
+empfand sie in seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es
+hei&szlig;en sollte: der Mohn s&auml;he aus wie Blut.</p>
+
+<p>Mit gro&szlig;en Schritten ging er unaufh&ouml;rlich hin und her.
+Die nach vorn gebogene Gestalt schwankte auf den langen
+Beinen, die stumpfen Brombeeraugen irrten ruhelos hinter
+den Lidern. Aus geschn&uuml;rter Kehle fing er an zu sprechen.
+Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung, Verd&auml;chtigung
+folgten unerbittlich. Nimf&uuml;hr antwortete k&uuml;hl.
+Er appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit.
+Willenius, der wie alle sch&uuml;chternen und verschlossenen
+Menschen im Zorn jedes Ma&szlig; und jeden Halt verlor,
+<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>schrie: &raquo;Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich bin ich,
+wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir
+als Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, da&szlig; ich dir
+im Wege bin.&laquo; Da versetzte Nimf&uuml;hr mit furchtbarer Gelassenheit:
+&raquo;Wie kannst du mir im Wege sein, da ich deinen
+Weg f&uuml;r verderblich halte, verderblicher als die Wege
+der St&uuml;mper&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still.
+Er sah sich verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben
+voller M&uuml;hsal, Kampf und Entbehrung wertlos geworden.
+Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem Gaumen; uns&auml;glicher
+Ha&szlig; lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene
+Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das
+auf dem Tische lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte
+er auf Nimf&uuml;hr los. Dieser wurde kreidewei&szlig;. Zuerst wich
+er zur&uuml;ck, dann umschlo&szlig; er mit eiserner Faust das Handgelenk
+des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer
+aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf
+ging er und machte die T&uuml;re nicht lauter zu als sonst.</p>
+
+<p>Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin
+das Messer gefallen war, kauerte er sich nieder. Eine halbe
+Stunde mochte verflossen sein, und er hockte immer noch
+da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf einmal jedoch
+rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden
+Worte los: &raquo;Zum Malen braucht man keine Ohren&laquo;, und
+blitzschnell hob er das Messer auf und schnitt sich damit zuerst
+das rechte, dann das linke Ohr vom Haupt. Auf die Wundfl&auml;chen
+legte er Watte und verband sich dann mit einem
+gro&szlig;en roten Tuch. Er setzte eine M&uuml;tze auf, verl&ouml;schte
+<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>die Lampe und begab sich auf die Stra&szlig;e. Bis zum Morgengrauen
+irrte er planlos durch die Stadt, dann begab er
+sich wieder ins Atelier, nahm Bild, Kasten und Staffelei und
+machte sich auf den Weg hinaus, wo der Acker war mit
+der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand
+auf und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam
+im Kreis herum. Als er zur&uuml;ckkehrte, um zu malen,
+verlor er die M&uuml;tze. Die Sonne, die schon hochgestiegen
+war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen Leichnam
+in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm &uuml;ber;
+nein, nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl,
+bleiern und phantastisch, der Tod in einem Purpurbett.
+Mit jedem Pinselstrich verdarb er das herrliche Bild mehr;
+er malte die Zerst&ouml;rung seiner eigenen Seele, den Wahnsinn,
+das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem Blick der
+tiefe und str&ouml;mende Glanz, der den K&uuml;nstler bei der Arbeit
+bisweilen einem betenden Kind &auml;hnlich macht, dann
+brach er in ein weitschallendes Gel&auml;chter aus, das einige
+Landleute herbeilockte. Diese f&uuml;hrten ihn zur Stadt.</p>
+
+<p>Ein paar Tage sp&auml;ter besuchte ihn Nimf&uuml;hr in der Anstalt,
+in die er gebracht worden war. Welch ein Genie
+war das, dachte er schmerzlich versunken, als er in das
+kaum zu erkennende Antlitz des Freundes schaute. Willenius
+lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen
+schienen Nimf&uuml;hr zur&uuml;ckzuweisen und nach ihm zu verlangen,
+sie schienen ihn zu gr&uuml;&szlig;en wie zwei geheimnisvolle
+Flammen aus einem umw&ouml;lkten Himmel.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie etwas N&auml;heres &uuml;ber den Anla&szlig;, weshalb
+er sich so verst&uuml;mmelt hat?&laquo; fragte der Arzt drau&szlig;en.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Nimf&uuml;hr blickte zu Boden und erwiderte mit eigent&uuml;mlicher
+Bitterkeit: &raquo;Daf&uuml;r habe ich nur eine einzige
+Erkl&auml;rung; er liebte die Kunst mit einer verbrecherischen
+Leidenschaft. Er liebte die Kunst und ha&szlig;te seinen K&ouml;rper.
+Er verga&szlig;, da&szlig; man auch leben mu&szlig;, wenn man schaffen
+will, leben, f&uuml;hlen, tr&auml;umen und gegen sich selbst barmherzig
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Einen Monat darauf reiste Nimf&uuml;hr &uuml;bers Meer, nach
+L&auml;ndern, wo es noch unschuldige Menschen und reine
+Farben gab.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a></p>
+<h2><a name="Herr_de_Landa_und_Peter_Hannibal_Meier" id="Herr_de_Landa_und_Peter_Hannibal_Meier"></a><em class="gesperrt">Herr de Landa<br />
+und Peter Hannibal Meier</em></h2>
+
+
+<p>Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten
+sich die Freunde haupts&auml;chlich &uuml;ber die Hochwassergefahr.
+&raquo;Schade, wenn wir gezwungenerma&szlig;en hier bleiben m&uuml;&szlig;ten,
+da wir es freiwillig doch so gerne tun,&laquo; meinte Cajetan;
+&raquo;doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz zufrieden, und
+kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung
+der sch&ouml;nste Herbstbrand aus den W&auml;ldern leuchten.&laquo;</p>
+
+<p>Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindr&uuml;cke
+&uuml;ber die Geschichte von Nimf&uuml;hr und Willenius
+ausgetauscht. &raquo;Richtig ist&laquo;, sagte Borsati, &raquo;da&szlig; in den
+Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch die
+Liebe verw&auml;ssert werden. Es sind echte Malercharaktere,
+die beiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich finde hier einen Unterschied best&auml;tigt, den ich schon
+oft konstatiert habe,&laquo; bemerkte Hadwiger, &raquo;den Unterschied
+zwischen Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius
+ist eine Ding-Natur, trotz seines wunderbaren Talents.
+Ja, ich m&ouml;chte ihn fast einen Fetischisten nennen. Ich habe
+mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz &auml;hnlich veranlagt
+waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanf&auml;lle
+bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelma&szlig; von ihm
+borgen wollte. Das Verh&auml;ltnis zum Ding geht oft ins
+Sonderbare. Ich kannte einen Lokomotivf&uuml;hrer, der sich
+fest einbildete, seine Maschine scheue an einer bestimmten
+Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer Peitsche
+<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>und schlug sie wie man einen Esel schl&auml;gt, da parierte sie
+und lief ohne Stockung weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,&laquo; erz&auml;hlte
+Franziska, &raquo;und war v&ouml;llig hingenommen von der
+Vorstellung, das gl&uuml;hende Eisen, das sich unterm Hammer
+kr&uuml;mmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken,
+die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines
+willensbegabten Geistes&laquo;, sagte Borsati. &raquo;Zu Grenchen in
+der Schweiz lebte ein Bauer, von dem behauptet wurde,
+er sei mit dem Feuer im Bund; daf&uuml;r habe er sich verpflichtet,
+kein Weib zu ber&uuml;hren. Er konnte gl&uuml;hende Kohlen
+auf der Handfl&auml;che tragen, und eines Tags rettete er ein
+M&auml;dchen aus einem lichterloh brennenden Haus, ohne da&szlig;
+ein Haar auf seinem Haupt versengt wurde. Da geschah
+es, da&szlig; er in der Johannisnacht eine h&uuml;bsche Dirne k&uuml;&szlig;te.
+Die Scheiterhaufen waren im Tal angez&uuml;ndet, er schritt
+&uuml;ber einen Felsgrat, um Reisig zu sammeln, pl&ouml;tzlich erfa&szlig;te
+ihn der Schwindel, er wankte, er st&uuml;rzte herab, unterhalb
+der Steinwand brannte ein gro&szlig;es Feuer, er st&uuml;rzte
+mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer
+Existenz irgendwie teil h&auml;tten&laquo;, &auml;u&szlig;erte Cajetan. &raquo;Ist euch
+nie aufgefallen, wie rasch ein Zaun zerf&auml;llt oder eine Gartenmauer
+abbr&ouml;ckelt, wenn die Besitzer gestorben sind? und
+es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die Erhaltung
+verwendet worden. Es gibt Leute, die eine n&auml;rrische Piet&auml;t
+f&uuml;r die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich
+<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>von einem verschossenen Filzhut nicht trennen k&ouml;nnen. Gewohnheit
+ist daf&uuml;r nur ein Wort, das wenig besagt.&laquo;</p>
+
+<p>Franziska versetzte: &raquo;In meiner Heimat lautet ein Sprichwort:
+verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer
+und Sorgen kund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz&laquo;, meinte
+Borsati l&auml;chelnd. &raquo;Einer meiner Bekannten hatte einen
+&auml;u&szlig;erst mageren Spitz. Eines Tages wurde der Mensch
+krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab
+wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer
+fetter, und als der Herr starb, glich das r&auml;tselhafte Tier
+eher einem Mastschwein als einem Hund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern
+schweizerischen Bauern, f&uuml;r den ebenfalls das Feuer zum
+Verh&auml;ngnis wurde&laquo;, ergriff Lamberg das Wort.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen
+G&uuml;tlers liebte. Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei
+der Heimkehr von einem Sch&uuml;tzenfest, wo er den Preis errungen
+hatte, das stolze M&auml;dchen sich ihm zuneigte. In der Nacht,
+w&auml;hrend er in ihrer Kammer weilte, brach auf dem Hof,
+wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim L&ouml;schen
+beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt
+waren. Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes
+Betragen best&auml;rkte den Verdacht, den seine Abwesenheit
+erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer gelegt
+zu haben. H&auml;tte er sich entschlie&szlig;en k&ouml;nnen, anzugeben, wo
+er die Nacht &uuml;ber geweilt, so h&auml;tte niemand an seiner Unschuld
+gezweifelt. Aber er wollte den Ruf seiner Geliebten
+<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>schonen, er wu&szlig;te, wie sehr sie die &uuml;ble Nachrede f&uuml;rchtete
+und da&szlig; sie ihm den Verrat nicht verziehen h&auml;tte. Seine
+Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft dar&uuml;ber
+verweigerte, wo er sich aufgehalten w&auml;hrend der Zeit,
+wo das Feuer entstanden war, so wurde er zu f&uuml;nf Jahren
+Kerker verurteilt. Er konnte es kaum glauben, da&szlig; ihm
+dies geschehen, denn er war ein Mensch von angeborener
+Redlichkeit, und da&szlig; er einen m&auml;nnlichen und edlen Charakter
+besa&szlig;, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein.
+Er sa&szlig; nun im Zuchthaus und wartete. Seine st&auml;rkste Hoffnung
+war, da&szlig; die Feuersbrunst auf eine nat&uuml;rliche Ursache
+werde zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden k&ouml;nnen. Dies geschah
+nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich,
+vom b&ouml;sen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah
+auch nicht. Und schlie&szlig;lich wagte er zu denken, da&szlig; die
+stolze Bauerntochter Mitleid versp&uuml;ren w&uuml;rde, da&szlig; sie so
+viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden wollen, da&szlig;
+sie mutig sich zu ihm bekennen w&uuml;rde, aber dies geschah
+am allerwenigsten. Als nun die f&uuml;nf Jahre um waren, kam
+er als gebrochener Mensch in das heimatliche Dorf und
+die erste Neuigkeit, die man ihm mitteilte, war, da&szlig; seine
+Geliebte unterdessen l&auml;ngst geheiratet und auch schon zwei
+Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in
+Ha&szlig; und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat
+das Haus der B&auml;uerin und als er ihr gegen&uuml;berstand und
+sie ihn fragte, was er begehre, denn sie erkannte ihn nicht,
+da &uuml;berw&auml;ltigte es ihn und mit gehobenen F&auml;usten schritt
+er auf sie los. In dem Augenblick trat das &auml;lteste Kind,
+ein Knabe, zur T&uuml;r herein. Die B&auml;uerin war bleich gegen
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>die Schwelle gewichen, jetzt wu&szlig;te sie, wer er war; sie ergriff
+den Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte:
+schau ihn dir an. Und er sah, da&szlig; der Knabe ihm &auml;hnlich
+war an Gesicht und Haar und Augen und da&szlig; er auf der
+Wange ein gro&szlig;es blutiges Feuermal hatte. Schweigend
+kehrte er um und verlie&szlig; das Haus. Von der Stunde ab
+war es aber um die Ruhe der B&auml;uerin geschehen, sie konnte
+den Blick ihres ehemaligen Liebhabers nicht vergessen. Haus
+und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging einen schiefen
+Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererh&auml;nde, der Bauer
+mu&szlig;te sich entschlie&szlig;en auszuwandern und, nachdem ein
+Jahr vergangen war, lief von Brasilien aus ein Brief an
+die Gerichtsbeh&ouml;rde, worin die seltsame Frau nicht etwa
+ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich bezichtigte,
+da&szlig; sie die Brandstifterin gewesen sei und da&szlig; der Knecht
+keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umst&auml;nde ihrer
+Tat, die sie aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und
+Erregung erkl&auml;rte, mit solcher Genauigkeit an, da&szlig; man
+ihr Glauben schenken mu&szlig;te, aber der Knecht, den man
+gern f&uuml;r die erlittene Unbill entsch&auml;digt h&auml;tte, war verschwunden,
+und sein Aufenthalt konnte durch keine Bem&uuml;hung
+entdeckt werden.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein Weib!&laquo; rief Franziska verwundert. &raquo;Sie
+ist mir unverst&auml;ndlich. Nicht eine Regung von ihr begreife
+ich. Hat sie den Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht
+lang lieben? Sch&auml;mte sie sich seiner? Und ist selbst dann eine
+solche Grausamkeit m&ouml;glich? Unter Bauern ist man doch sonst
+nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend bedacht.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>&raquo;Im allgemeinen nicht,&laquo; antwortete Lamberg, &raquo;doch beobachtet
+man zuweilen, besonders in protestantischen L&auml;ndern,
+eine au&szlig;erordentliche Strenge der Lebensf&uuml;hrung auch
+unter Bauern. Da ist dann ein ehernes Festhalten an uralten
+&Uuml;berlieferungen, ein Puritanismus geheiligter Formen,
+der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und
+es l&auml;&szlig;t sich wohl denken, da&szlig; ein derart erzogenes M&auml;dchen,
+starr und konservativ bis zum &Auml;u&szlig;ersten, wie eben
+nur Frauen zu sein verm&ouml;gen, wenn sie einmal eine &Uuml;berzeugung
+in sich tragen, da&szlig; ein solches M&auml;dchen ihr Gl&uuml;ck
+und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle
+nicht daran, da&szlig; sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt,
+da&szlig; sie ihm ihre Jungfr&auml;ulichkeit zum Opfer brachte. Und
+darnach fand sie sich vielleicht so gedem&uuml;tigt, so heruntergezerrt,
+da&szlig; ihr keine S&uuml;hne gro&szlig; genug erschien f&uuml;r den
+Mann wie f&uuml;r sie selbst. Das Brandmal auf der Wange
+des Kindes verr&auml;t mir unerh&ouml;rte K&auml;mpfe in der Seele der
+Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die
+Frau anders zu betrachten,&laquo; versetzte Franziska sinnend.
+&raquo;Freilich kann man alles das aus den Geschehnissen heraush&ouml;ren,
+wir sind nur der Sparsamkeit entw&ouml;hnt und m&ouml;chten
+das Deutliche gleich &uuml;berdeutlich, &#8211; wir Frauen n&auml;mlich&laquo;,
+f&uuml;gte sie entschuldigend hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist klar, da&szlig; der Ehemann von alldem nichts gewu&szlig;t
+hat&laquo;, fuhr Lamberg fort, &raquo;und das Zusammenleben
+mu&szlig; etwas Be&auml;ngstigendes f&uuml;r ihn gehabt haben. In dieser
+Sph&auml;re sprechen sich die Menschen schwer gegeneinander aus,
+und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit ihnen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>&raquo;Andererseits ist eine zu gro&szlig;e Freiheit des Aussprechens,
+wie sie unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht
+geeignet, das Leben zu erleichtern&laquo;, wandte Cajetan ein.
+&raquo;Stillschweigen f&uuml;hrt wenigstens zu Entscheidungen, das
+viele Reden stumpft die Impulse ab und beg&uuml;nstigt eine
+gewisse Frivolit&auml;t, einen &uuml;berfl&uuml;ssigen Trotz des Handelns.
+Dies ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig gl&uuml;ckliche
+Ehen gibt. Die Frauen sp&uuml;ren es nicht so, sie pl&auml;tschern
+mit Vergn&uuml;gen im Element des Wortes, im Mann
+ist Sehnsucht nach Stummheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau
+haben,&laquo; sagte Franziska. &raquo;So hats der Graf von Gleichen
+gehalten, aber ich will darauf schw&ouml;ren, da&szlig; die stumme
+&ouml;fter gesprochen und die redende &ouml;fter geschwiegen hat als
+ihm lieb war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch mu&szlig; es nicht so sein,&laquo; sagte Borsati; &raquo;zumindest
+ist mir ein Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe
+stattgefunden hat und im lautersten Frieden durch viele
+Jahre gef&uuml;hrt wurde. Es ist eine Idylle eigener Art, und
+es mag selten vorkommen, da&szlig; das wirkliche Leben den
+Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Herr de Landa, ein Mann von gro&szlig;em Reichtum, bewohnte
+in einem Villenort nahe der Stadt ein vornehmes
+Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet, die Ehe, aus
+der zwei S&ouml;hne entsprossen waren, konnte eine gl&uuml;ckliche
+genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen
+ruhigen, gleichm&auml;&szlig;igen und heiteren Sinn. Eines Morgens
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>ging Herr de Landa im Garten spazieren, und als er an
+das Gitter kam, das das Nachbargrundst&uuml;ck von dem seinen
+trennte, sah er dr&uuml;ben eine junge sch&ouml;ne Person, die seinem
+ehrerbietigen Gru&szlig; l&auml;chelnd dankte. Auf seine Erkundigung
+wurde ihm berichtet, da&szlig; in jenes Haus vor kurzem ein
+Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorger&uuml;cktem
+Alter eingezogen und da&szlig; das M&auml;dchen seine Tochter
+sei. Herr de Landa wandelte nun t&auml;glich zu der Stelle, wo
+er das Fr&auml;ulein zuerst gewahrt, es war Sommer, das sch&ouml;ne
+Gesch&ouml;pf weilte tagelang im Garten, aus fl&uuml;chtigen Gr&uuml;&szlig;en
+wurden Gespr&auml;che, bald wandelte man gemeinsam &uuml;ber die
+Wege des Landaschen Parks, und ein stilles Pf&ouml;rtchen
+erleichterte die Zusammenkunft; Herr de Landa brachte
+B&uuml;cher, das Fr&auml;ulein Josepha las sie, Herr de Landa bot
+sein Herz an, das Fr&auml;ulein Josepha nahm es. Zu Anfang
+des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, da&szlig;
+seine Verm&ouml;gensumst&auml;nde zerr&uuml;ttet waren, und Josepha h&auml;tte
+sich einen Brotverdienst suchen m&uuml;ssen. Da erkl&auml;rte ihr Herr
+de Landa, da&szlig; er seine Familie verlassen wolle, um ihr anzugeh&ouml;ren.
+Das M&auml;dchen war sehr bek&uuml;mmert; nicht als
+ob sie das Gef&uuml;hl des Mannes nicht erwidert h&auml;tte, im
+Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend,
+obwohl er um f&uuml;nfzehn Jahre &auml;lter war als sie; aber in
+ihrer Redlichkeit str&auml;ubte sie sich dagegen, die Zerst&ouml;rerin
+seines h&auml;uslichen Gl&uuml;cks zu sein, der Frau den Gatten,
+den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein, was
+du von mir forderst, sagte sie, nur la&szlig; mich nicht zur Verbrecherin
+an dir und den Deinen werden. Herr de Landa
+war jedoch ein zu gerader Mensch, um das Zwietr&auml;chtige
+<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>und Unbefriedigende eines solchen Verh&auml;ltnisses dauernd
+ertragen zu k&ouml;nnen, ein j&auml;her Entschlu&szlig; beendete sein
+Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge
+st&uuml;nden. Diese hatte nat&uuml;rlich l&auml;ngst geahnt, l&auml;ngst das
+Schlimme nahen gef&uuml;hlt; sie schwieg eine Weile, endlich
+sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich mich nicht von dir, das
+kann ich nicht, das w&auml;re mein Tod; wenn du aber nicht
+ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will
+mit meinen besten Kr&auml;ften versuchen, mit ihr unter einem
+Dach zu wirtschaften. Herr de Landa war sehr &uuml;berrascht
+von diesem Vorschlag, er verbarg seine Bewegung und ging
+ohne zu antworten hinweg. Seine Verwunderung wuchs,
+als Josepha durchaus nicht entr&uuml;stet oder verletzt war, als
+er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erz&auml;hlte; tapfer blickte
+sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verflo&szlig;,
+begab sie sich zu Frau de Landa, war betroffen von deren
+G&uuml;te und von einer Seelengr&ouml;&szlig;e erobert, der sie nur durch
+Nacheiferung danken zu k&ouml;nnen glaubte. Der Pakt war
+alsbald geschlossen. Die &auml;u&szlig;ere Form machte geringe Schwierigkeit,
+&#8211; Josepha war die Vertrauensdame des Hauses,
+die Schl&uuml;sselbewahrerin, w&auml;hrend sich Frau de Landa
+mehr der Erziehung der S&ouml;hne widmete. Es gibt keine
+Leidenschaft, &uuml;ber die sich nicht endlich das Grau der Allt&auml;glichkeit
+breitete; was anfangs abenteuerlich, ja gef&auml;hrlich
+erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des
+Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit
+verdr&auml;ngt, und so friedensvoll f&uuml;gten sich die beiden
+Frauen in ihrem Wandel und in ihren Gepflogenheiten ineinander,
+da&szlig; sie Abend f&uuml;r Abend in demselben Zimmer
+<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>an demselben Tisch sa&szlig;en, Handarbeiten verfertigten, W&auml;sche
+ausbesserten, dabei von &raquo;ihm&laquo; sprachen, der in Gesellschaft
+gegangen war oder sich auf Reisen befand und den sie in
+all ihren Regungen, in Worten und Gedanken treu begleiteten.
+Auch die S&ouml;hne nahmen die Ordnung des Hauses
+als eine nat&uuml;rliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten
+sie wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren
+verflossen, da starb Herr de Landa eines pl&ouml;tzlichen Todes.
+Als die schmerzlichen Tage der ersten Trauer vor&uuml;ber waren
+und Frau de Landa eines Abends mit ihren S&ouml;hnen &uuml;ber
+deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den &auml;lteren
+Sohn zu, &uuml;berreichte ihm die Schl&uuml;ssel, die sie so lange im
+Besitz gehabt, und sagte, er m&ouml;ge nun nach seinem eigenen
+Ermessen dar&uuml;ber schalten, sie erwarte seine Befehle. Der
+junge Mann wu&szlig;te nichts zu antworten, aber Frau de
+Landa nahm die Schl&uuml;ssel aus seiner Hand und gab sie
+Josepha mit den Worten zur&uuml;ck: Nichts da, Josepha, es
+bleibt alles beim Alten. Und so f&uuml;hrten die zwei Frauen
+ihr bisheriges Leben weiter, sa&szlig;en wie vorher bei der
+abendlichen Lampe und unterhielten sich von &raquo;ihm&laquo;, der
+nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern,
+von dem, was er getan und was er gesprochen und wie
+mancher Charakterzug in den S&ouml;hnen an ihn gemahne. Sie
+verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie waren wie
+zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe unverbr&uuml;chlich
+aneinander gebunden waren.&laquo;</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Cajetan, entz&uuml;ckt von der Erz&auml;hlung, sagte, er habe sich
+das Eheleben des historischen oder vielmehr sagenhaften
+<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>Grafen von Gleichen ziemlich jammervoll gedacht. &raquo;Ich
+sehe zw&ouml;lf oder f&uuml;nfzehn Kinder, niemand kennt sich aus,
+welches die Spr&ouml;&szlig;linge der T&uuml;rkin und welches die der
+&auml;lteren Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes
+Haar aneinander, das Schlo&szlig; wird f&uuml;r den Grafen der
+ungem&uuml;tlichste Aufenthalt auf Erden und vielleicht wandert
+er als Greis noch einmal ins heilige Land, blo&szlig; um
+vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich
+bekehrt, lieber Rudolf. Wenn die gr&auml;flichen Herrschaften
+so famose Leute waren wie diese de Landas, mu&szlig; ich mich
+meiner Skepsis sch&auml;men.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte die Josepha Kinder gehabt, wer wei&szlig;, ob nicht
+Frau de Landa doch eifers&uuml;chtig geworden w&auml;re,&laquo; bemerkte
+Franziska. &raquo;Ich kann mich ja in keine der beiden Frauen
+versetzen, obwohl ich mir bewu&szlig;t bin, da&szlig; die Lockung, die
+f&uuml;r euch M&auml;nner die wesentlichste in der Liebe ist, f&uuml;r uns
+viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gr&ouml;bste Weib
+ist darin noch nicht so materiell wie der zarteste Mann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du lobst mir die Frauen zu sehr&laquo;, entgegnete Georg
+Vinzenz, &raquo;das l&auml;&szlig;t nur darauf schlie&szlig;en, da&szlig; du die M&auml;nner
+besser kennst. Ich gebe zu, da&szlig; der Mann die Sinnlichkeit
+sozusagen w&ouml;rtlicher nimmt; umso tiefer befindet er sich im
+Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und Verschn&ouml;rkelung
+ihrer einfachen Triebe eigentlich l&auml;stig sein
+mu&szlig;. &Uuml;berhaupt, &#8211; die M&auml;nner, die Frauen, was hei&szlig;t
+das? Ich kann mit den Generalbegriffen nach dem Muster
+franz&ouml;sischer Maximen-Sammlungen nichts anfangen. Der
+Soundso, die Soundso, dar&uuml;ber l&auml;&szlig;t sich reden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erinnerst du dich, Rudolf&laquo;, wandte sich Franziska
+<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>an Borsati, &raquo;an die Geschichte eines gewissen Meier, der
+auch mit zwei Frauen lebte und der so stolz auf seinen Sohn
+war, den er von der rechtm&auml;&szlig;igen Frau hatte? Der Sohn
+aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und
+die Frau, ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin,
+hatte den Mann aus Liebe hintergangen. Erinnerst
+du dich? Wir h&ouml;rten die Geschichte vor Jahren, als ich
+in N&uuml;rnberg gastierte und du mir nachgereist warst.&laquo;</p>
+
+<p>Borsati nickte. &raquo;Ich erinnere mich&laquo;, antwortete er. &raquo;In
+der Gesellschaft, in der sie erz&auml;hlt wurde, wollte jemand
+damit beweisen, da&szlig; der moralische Geist des gegenw&auml;rtigen
+deutschen B&uuml;rgertums gebrochen sei, und ich hatte beim
+besten Willen nichts anderes finden k&ouml;nnen als da&szlig; ein
+aufgeblasener Tropf vom Schicksal geb&uuml;hrend traktiert worden
+war.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Peter Hannibal Meier hie&szlig; der Mann; war ein Prahler
+und Besserwisser, unvertr&auml;glich wie ein Hamster und
+boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte einen wohlhabenden
+Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn ein
+f&uuml;r allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit
+einem netten, obschon nicht sehr geistreichen M&auml;dchen verlobt.
+Peter Hannibal Meier mi&szlig;g&ouml;nnte dem Vetter Julius
+das h&uuml;bsche Frauenzimmer und entschlo&szlig; sich, sie ihm wegzuschnappen.
+Die gute Cilly, das war der Name des M&auml;dchens,
+wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers
+geblendet und erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres
+Los als an der Seite des biedern und bescheidenen Vetter
+Julius. Kurz nach der Hochzeit entwickelte Peter Hannibal
+<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>der Frau sein Eheprogramm. Er erkl&auml;rte ihr, da&szlig; er sich
+sieben S&ouml;hne w&uuml;nsche. Jeden dieser S&ouml;hne hatte er schon
+zu einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen
+Staatsmann, einen Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und
+einen Superintendenten darunter. &raquo;Wir gr&uuml;nden ein neues
+Geschlecht&laquo;, sagte er, &raquo;eine Dynastie Meier, und in drei&szlig;ig
+oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort
+einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen
+Regierungsrat Meier geben; also spute dich, Cilly; du
+mu&szlig;t nur wollen; wenn man ernstlich will, kann einem nichts
+mi&szlig;lingen.&laquo; Der Frau war es nicht recht behaglich zumut,
+sie erkannte, da&szlig; der schwierigere Teil der Aufgabe ihren
+Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, da&szlig; einem der
+liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren
+k&ouml;nne, ein Argument, das Peter Hannibal geringsch&auml;tzig
+abtat. &raquo;Ich bin mir selber lieber Gott genug&laquo;, sagte er
+frech; &raquo;tue du deine Pflicht und la&szlig; den lieben Gott zufrieden.&laquo;
+Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner Zuversicht
+get&auml;uscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte
+sich; er fand sich beleidigt und mi&szlig;achtet; er h&ouml;hnte; er
+fragte bitter, wann sich die Gn&auml;dige endlich zu entschlie&szlig;en
+gedenke, und als zwei Jahre um waren, verlie&szlig; ihn die
+Geduld vollends, er jagte die alte h&auml;&szlig;liche K&ouml;chin, die im
+Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches,
+dralles M&auml;dchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin
+wurde, w&auml;hrend Cilly als Aschenbr&ouml;del das neue Flitterwochengl&uuml;ck
+durch ihre Dienstleistungen erh&ouml;hen mu&szlig;te.
+Wieder vergingen viele Monate, ohne da&szlig; sich Peter Hannibals
+Hoffnung auf Nachwuchs erf&uuml;llte. Inzwischen faulenzte
+<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen
+Bismarck zu politisieren, dessen geschworener Feind er war,
+und auch sonst die Weltzust&auml;nde kritisch zu beleuchten. Das
+Kaufmannsgesch&auml;ft, das er betrieb, brachte nichts ein, und er
+ging damit um, andere Quellen des Reichtums zu finden.
+So fiel er einem ber&uuml;chtigten Bauspekulanten in die H&auml;nde,
+der ihm in den verlockendsten T&ouml;nen ein Grundst&uuml;ck anpries,
+in dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Verm&ouml;gen
+erwerben k&ouml;nne und das f&uuml;r einen Spottpreis zu
+haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so lecker er auf
+den K&ouml;der war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen
+und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzur&auml;umen,
+richtete er sein Augenmerk auf den Vetter Julius.
+Er befahl seiner erschrockenen Frau, zu dem ehemaligen
+Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu bitten. Als
+sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu lassen,
+und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungss&uuml;nde
+vorzuwerfen, die sie ihm gegen&uuml;ber auf dem Gewissen hatte.
+&raquo;Woher wei&szlig;t du denn so genau, da&szlig; ich die Schuld trage?&laquo;
+fragte die ge&auml;ngstete und gekr&auml;nkte Frau, die sich selbst
+darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie verstummte jedoch
+dem&uuml;tig vor der Miene unerme&szlig;lichen Staunens in Peter
+Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels
+stimmte ihn geradezu froh, und er tr&auml;llerte sein Lieblingslied,
+den Jungfernkranz aus dem Freisch&uuml;tz. Cilly trat
+den sauern Gang an. Als es Abend wurde, brachte sie die
+gew&uuml;nschten siebentausend Mark und warf sich ihrem verg&ouml;tterten
+Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige
+Wochen sp&auml;ter teilte sie dem Gatten mit, da&szlig; sie einem
+<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>freudigen Ereignis entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen
+war, erblickte Karl Theodor, der erste Meier, das
+Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die Gl&uuml;ckw&uuml;nsche
+seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem siegreichen
+Helden geb&uuml;hrt, und wandelte in der Stadt herum
+mit einer Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas
+so Wunderbares vollendet h&auml;tte. Die Magd verlor an
+Gunst, Peter Hannibal wurde nicht m&uuml;de, ihr die Tugenden
+seiner Cilly zu r&uuml;hmen, aber die Person, ver&auml;rgert
+und neidisch, konnte einen b&ouml;sen Argwohn nicht verhehlen
+und schlich durch das Haus wie Jemand, der die Ursache
+eines Brandgeruchs sucht. Peter Hannibal kaufte das St&uuml;ck
+Land, lie&szlig; es einz&auml;unen, spazierte jeden Tag stundenlang,
+in gro&szlig;artige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen
+Boden umher und f&uuml;hlte sich als Grundbesitzer ebenso
+stolz wie als Vater eines verhei&szlig;ungsvollen Spr&ouml;&szlig;lings.
+Die junge Magd wob indessen ihre Pl&auml;ne. Sie wu&szlig;te
+Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer h&auml;ufigere Anf&auml;lle
+von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln,
+da&szlig; sie aus Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung
+des Schweigens und des Schlafes der Frau ihren Verdacht
+bald genug best&auml;tigt fand. Nun begann sie ihre Wissenschaft
+den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt
+und geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf,
+aber Peter Hannibal steckte in seinem D&uuml;nkel und seiner
+Selbstverhimmelung wie in einem unverletzbaren Panzer, er
+h&ouml;rte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu dem giftigen
+Mittel gegriffen, das in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft stets
+zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und T&uuml;cke sich verschwistern,
+<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte
+geraume Zeit, bis das Unfa&szlig;liche ihm bewu&szlig;t wurde. Im
+ersten Ausbruch der Raserei zerschlug er in der K&uuml;che die
+T&ouml;pfe und Teller. Die Magd, unter dem Vorwand, ihn
+zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die Versicherung,
+da&szlig; Vetter Julius der Urheber der schimpflichen
+Ger&uuml;chte sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock
+an, nahm eine Hundspeitsche und begab sich zu
+Vetter Julius. Geruhsam sa&szlig; Vetter Julius auf seinem
+Kontorsessel, als Peter Hannibal &uuml;ber die Schwelle st&uuml;rmte.
+Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles
+Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein
+gewichster Stiefel gl&auml;nzte. Peter Hannibal vollf&uuml;hrte einen
+m&auml;chtigen L&auml;rm, und er fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche
+so unbequem vor der Nase herum, da&szlig; dieser lammfromme
+Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es w&auml;re
+ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte
+Cilly blo&szlig;zustellen; wie er aber diesen Menschen so vor
+sich stehen sah, dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob,
+Ohnmacht und Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdru&szlig;
+wie hei&szlig;er Wein zu Kopf; er verga&szlig; R&uuml;cksicht und geleistetes
+Versprechen, er erinnerte sich nur der niedergetretenen
+und besudelten Seele jenes Weibes, und in d&uuml;rren
+Worten stellte er den Tatbestand fest; sodann verlie&szlig; er
+das Zimmer. Peter Hannibal starrte wie geschlagen vor sich
+hin. Trotz des str&ouml;menden Regens wanderte er zu seinem
+Grundst&uuml;ck hinaus, und irrte dort die kreuz und quer gleich
+Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis
+floh. Am n&auml;chsten Tag war er krank und lag monatelang
+<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>darnieder, treu gepflegt von Cilly und der jungen Magd.
+Als er das Bett wieder verlassen konnte, zeigte er ein
+schweigsames und geheimnisvolles Betragen und erschien
+wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen
+vorbereitet. Er f&uuml;hlte sich als das Opfer eines Betrugs;
+es handelte sich gleichsam um die falsche Buchung
+auf einem Kontokorrent; ein Posten war auf Soll geschrieben
+worden, der von rechtswegen auf Haben stehen mu&szlig;te. Lange
+erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue
+Diamantfelder zu entdecken; sp&auml;ter besch&auml;ftigte er sich mit
+der Erfindung einer Maschine zum Melken der K&uuml;he, zuletzt
+wollte er eine Zeitung gr&uuml;nden. Alle diese unruhigen
+Ideen hatten ein und dasselbe Ziel. Da ereignete es sich,
+da&szlig; eine Bahnbauanlage, deren Durchf&uuml;hrung bisher nur
+von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten
+Kleinb&uuml;rgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag
+beschlossen wurde und da&szlig; Peter Hannibals Grundst&uuml;ck
+wider Erwarten im Werte stieg. Es handelte sich
+keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst getr&auml;umt,
+doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er
+l&ouml;ste. An einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock
+mit wei&szlig;er Kravatte, ein rundes H&uuml;tchen auf dem
+Kopf l&auml;chelnd aus seinem Haus und richtete den elastischen
+Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. &raquo;Lieber Julius&laquo;,
+redete er den Vetter an, &raquo;du hast den traurigen Mut besessen,
+an der Legitimit&auml;t meiner ehelichen und v&auml;terlichen
+Umst&auml;nde Zweifel auszusprechen, die&nbsp;&#8211;&laquo; &#8211; &raquo;Zweifel?&laquo;
+unterbrach ihn Vetter Julius verwundert, &raquo;Zweifel waren
+es durchaus nicht&nbsp;&#8211;&laquo; &#8211; &raquo;Bitte sch&ouml;n&laquo;, fuhr Peter Hannibal
+<a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>schneidend fort, &raquo;du hast gezweifelt. Es ist dir aber
+nicht gelungen, meine felsenfeste &Uuml;berzeugung zu ersch&uuml;ttern.
+Deine Argumente sind vor meinem nachpr&uuml;fenden Urteil zerronnen
+wie Butter in der Pfanne. Was kannst du mir
+abstreiten? was kannst du mir beweisen? Kannst du mir
+beweisen, da&szlig; in den Adern meines Sohnes anderes Blut
+flie&szlig;t als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewu&szlig;tsein
+eines Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit
+hast du mich vor&uuml;bergehend irre machen k&ouml;nnen,
+die Zukunft kannst du mir nicht rauben, die speist
+an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich
+bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin
+gekommen, um deine materiellen Anspr&uuml;che zu befriedigen
+und meine idealen gegen fernere R&auml;nke sicher zu stellen.&laquo;
+Damit entnahm Peter Hannibal seiner Brieftasche sieben
+Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm und
+dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine
+sp&ouml;ttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen
+Hauptes. Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund
+nach. Er ergriff einen der Scheine, hielt ihn gegen das Licht
+und sch&uuml;ttelte den Kopf. Pl&ouml;tzlich aber brach er in ein dr&ouml;hnendes
+Gel&auml;chter aus, das ihm den Atem versetzte und
+ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzukn&ouml;pfen. Erst
+als er ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken
+hatte, milderte sich die erstickende Heiterkeit. Auch in den
+n&auml;chsten Tagen passierte es ihm noch zu &ouml;fteren Malen,
+da&szlig; sich, etwa w&auml;hrend eines Spaziergangs, sein ernsthaftes
+Nu&szlig;knackergesicht j&auml;h verzerrte, wobei er, um nicht einem
+unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes
+<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>zwischen die Z&auml;hne schob. Jedoch das Gel&auml;chter der Kleinen
+bildet den Stolz der Gro&szlig;en. Peter Hannibal sp&uuml;rte eine
+so wohltuende Wonne in seiner Brust, da&szlig; er in einem
+Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand, das
+der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um
+die Ohren dem K&auml;ufer &uuml;berreichte. &raquo;Bravo&laquo;, sagte Peter
+Hannibal, &raquo;Lorbeer mu&szlig; dabei sein; Schwein und Lorbeer,
+das geh&ouml;rt zusammen.&laquo; Mit seiner angenehmen Last kam
+er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor stand,
+ein spin&ouml;ser Bursche mit &uuml;berlangen Armen und entz&uuml;ndeten
+Augen. Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen
+Kopf und erschien mit strahlendem Gesicht vor den beiden
+Frauen, das Schwein in der Linken, den Sohn an der
+Rechten; Cilly dr&uuml;ckte ihm einen Ku&szlig; auf die Stirn, die
+Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal
+die Gitarre von der Wand und sang mit empfindsam tremolierender
+Stimme das Lied vom Jungfernkranz. &raquo;Ich
+f&uuml;hle mich wie neugeboren&laquo;, sagte er am Abend, bevor er
+schlafen ging; &raquo;ich habe die Menschen kennen gelernt und
+habe sie traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal
+Meier braucht die Menschen nicht, er ist sich selber genug.&laquo;</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a></p>
+<h2><a name="Begegnung" id="Begegnung"></a><em class="gesperrt">Begegnung</em></h2>
+
+
+<p>&raquo;Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal&laquo;, meinte
+Franziska; &raquo;warum, kann ich eigentlich kaum erkl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, es hat etwas R&uuml;hrendes, wenn die Verblendung
+derma&szlig;en anw&auml;chst, da&szlig; sie die eigene Schw&auml;che f&uuml;r Kraft
+erkl&auml;rt und die Armseligkeit f&uuml;r W&uuml;rde&laquo;, entgegnete Borsati.</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe ihn vor mir,&laquo; sagte Georg Vinzenz; &raquo;er hat
+eine spitze Nase und einen Mund mit feuchten, schmatzenden
+Lippen. Er schlenkert beim Gehen die F&uuml;&szlig;e nach ausw&auml;rts,
+und seine Stimme kr&auml;ht. Beim Fr&uuml;hschoppen schimpft
+er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt
+kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er tr&auml;gt
+ein Wollhemd mit einer angebundenen Chemisette, und seine
+Gro&szlig;mannsucht verhindert ihn nicht, vor reichen Leuten
+zu scharwenzeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trotzdem werde ich mich h&uuml;ten, ihn f&uuml;r einen Typus
+gelten zu lassen,&laquo; fiel Cajetan ein, &raquo;das hie&szlig;e dem deutschen
+Wesen Unrecht tun. Gerade Flei&szlig;, T&uuml;chtigkeit und
+selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland haben so
+m&auml;chtig werden lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;T&uuml;chtigkeit!&laquo; versetzte Lamberg rasch und bitter, &raquo;es
+weht eine Luft von T&uuml;chtigkeit im gegenw&auml;rtigen Deutschland,
+die einem die Brust beklemmt. Man ist so stolz auf
+das Erworbene, so sicher des Besitzes, so fest in Meinungen,
+so beweglich in Grunds&auml;tzen, so unverbl&uuml;mt in Profitwirtschaft,
+so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen
+die Malkontenten, da&szlig; mir T&uuml;chtigkeit just das rechte Wort
+daf&uuml;r scheint. Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines
+<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>Enthusiasten und eines Tr&auml;umers genie&szlig;en, jetzt begn&uuml;gt
+er sich mit dem eines in allen S&auml;tteln gerechten Praktikus.
+Nur ein innerlich freies Volk kann die Last nationaler
+Gr&ouml;&szlig;e und die Pflicht bedeutender Repr&auml;sentation ohne
+Einbu&szlig;e an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist
+aber nicht frei; er ist in so mannigfacher Beziehung gebunden,
+da&szlig; selbst die wenigen gro&szlig;en Politiker, die die
+Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten oder
+als einsame K&uuml;nstler denn als F&uuml;hrer und Vertreter einer
+Gesamtheit. Er ist so wenig frei, da&szlig; sein soziales Gef&uuml;hl
+formlos, sein b&uuml;rgerliches borniert und sein monarchisches
+servil wirkt. Bei einer feudalen Familie in der Provinz
+hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als Gast angesagt.
+Die Leute verwendeten f&uuml;r die Instandsetzung des Schlosses
+und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend
+Mark. Der hohe Herr kam, er lie&szlig; sichs wohl sein, er a&szlig;
+und trank, jagte und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem
+er der Hausfrau die Hand gek&uuml;&szlig;t, &auml;u&szlig;erte er: &#8250;Ich
+habe mich sehr behaglich bei Ihnen gef&uuml;hlt, und was mich
+besonders erfreut hat, ist, da&szlig; alles so einfach war.&#8249; Dabei
+war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der
+f&uuml;rstliche Besuch verursacht hatte, vollst&auml;ndig ruiniert. In
+England w&auml;re dergleichen nicht denkbar. Dort wei&szlig; der
+Geringste im Volk, was ihm der Herrscher schuldet, und
+der Herrscher wei&szlig;, wie der Geringste lebt und wie er
+leben darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied&laquo;,
+erwiderte Cajetan, &raquo;das gibt dem einzelnen R&uuml;ckgrat
+und Figur, seinem Handeln Gewicht und Relief. Er
+<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>ist sich stets und tief bewu&szlig;t, einem Ganzen anzugeh&ouml;ren,
+das verleiht ihm als Pers&ouml;nlichkeit eine au&szlig;erordentliche
+Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die
+wir oder die der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch
+bezeichnen. Was f&uuml;r k&ouml;stliche Sonderlinge! Da
+ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen durch ganz
+Europa zog und niemals aufh&ouml;ren wollte zu reisen, um
+den Ort nicht zu wissen, wo er begraben werden w&uuml;rde;
+er ern&auml;hrte die mageren seiner Frauen nur mit Milchspeisen,
+die fetten nur mit S&auml;uren. Ein Lord Sandys lachte
+in seinem Leben ein einziges Mal, n&auml;mlich als sein bester
+Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war
+so unwissend, da&szlig; er einem Geistlichen namens Math&auml;us
+Decker ein gro&szlig;es Legat vermachte, weil er glaubte, dieser
+habe das Evangelium Math&auml;i geschrieben. Ein Lord Mountford
+berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte,
+ob seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein
+Wort, das wei&szlig; ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet.
+Lord Lovat sperrte zwei Dienstboten, die ohne seine Bewilligung
+geheiratet hatten, mit den Worten: &raquo;ihr sollt
+aneinander genug bekommen,&laquo; drei Wochen lang in einen
+Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke,
+hatte die Seltsamkeit, alles was ihm mi&szlig;fiel, f&uuml;r ungeschehen
+zu halten. Sein Sohn, der schon geraume Zeit m&uuml;ndig
+war und seinen eignen Kopf hatte, fand oft f&uuml;r gut,
+nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch herumtreiben
+wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete
+ihn stets als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden
+Tag mit unbeweglichem Ernst, Lord Herbert zum Essen
+<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er mit f&uuml;nfundsiebzig
+Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht. Abends
+durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung
+eine Minute l&auml;nger ausbleiben als bis zehn Uhr, der
+Stunde, wo er zur Nacht speiste. Einst geschah es, da&szlig;
+sie die Frist nicht einhielt. Als sie nach Mitternacht erschien
+und sich voll Angst entschuldigen wollte, unterbrach
+er sie ganz ruhig mit den Worten: &raquo;Sie irren sich, meine
+Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn
+Uhr, setzen wir uns zu Tisch.&laquo; Unter den drakonischen
+Gesetzen, die in seinem Hause galten, wurde am nachdr&uuml;cklichsten
+das eine ausge&uuml;bt, da&szlig; jeder Bediente, der sich
+betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter Lakai,
+der schon viele Dienstjahre z&auml;hlte, erlaubte sich nun zuweilen,
+ein Glas &uuml;ber den Durst zu trinken, indem er sich
+auf die Nachsicht verlie&szlig;, die in gewissen F&auml;llen vorhandene
+Dinge als nicht vorhanden ignorierte. Einmal hatte
+er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord durch
+die Halle ging, mu&szlig;te sein Blick auf James fallen, der
+nicht blo&szlig; bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich
+nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Mylord n&auml;herte
+sich ihm und sagte: &raquo;Armer Bursche, was fehlt dir? Du
+scheinst sehr krank. La&szlig; mich deinen Puls f&uuml;hlen. Gott
+beh&uuml;te, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu
+Bett und holt den Arzt.&laquo; Der Arzt kam, nicht um Rat
+zu erteilen, denn seine Herrlichkeit war im Haus oberste
+Medizinalbeh&ouml;rde, sondern um Befehle zu vollziehen. Er
+mu&szlig;te dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein
+gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den R&uuml;cken
+<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>kleben und ein t&uuml;chtiges Purgirmittel einfl&ouml;&szlig;en. Als die
+Behandlung nach einigen Tagen gewirkt und der alte S&uuml;nder
+so bleich und mager zum Vorschein kam, wie wenn
+er die schwerste Krankheit &uuml;berstanden h&auml;tte, rief ihm der
+Lord zu: &raquo;O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am
+Leben zu sehen. Du kannst von Gl&uuml;ck sagen, da&szlig; du so
+glimpflich davon gekommen bist. W&auml;re ich nicht zuf&auml;llig
+vorbeigegangen und h&auml;tte deinen Zustand erkannt, so w&auml;rst
+du jetzt schon tot. Aber James! James!&laquo; f&uuml;gte er mit dem
+Finger drohend hinzu, &raquo;kein solches Fieber mehr!&laquo; Erz&auml;hlenswert
+ist auch eine Geschichte &uuml;ber den wunderlichen
+Lord Beckford. Lord Beckford empfing niemals Besuche
+und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks
+waren best&auml;ndig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden
+fabelhafte und die Neugier aufregende Dinge &uuml;ber den
+Luxus berichtet, mit dem sein Haus eingerichtet sei. Einen
+jungen Dandy plagte die Neugier so sehr, da&szlig; er in der
+Nacht eine Leiter an die zw&ouml;lf Fu&szlig; hohe Parkmauer legen
+lie&szlig; und so hin&uuml;berstieg. Er wurde entdeckt und vor den
+Lord gebracht, der ihn artig begr&uuml;&szlig;te, ihn &uuml;berall herumf&uuml;hrte
+und sich ihm beim Abschied auf das verbindlichste
+empfahl. Vergn&uuml;gt wollte der junge Mann nach Hause
+eilen, fand aber im Garten alle T&uuml;ren verschlossen und
+niemand war da, sie zu &ouml;ffnen. Als er deshalb zur&uuml;ckkehren
+mu&szlig;te und sich im Schlo&szlig; Hilfe erbat, sagte man ihm,
+Lord Beckford lie&szlig;e ihn ersuchen, so hinauszugehen wie
+er hereingekommen w&auml;re. Kein Widerspruch half, er mu&szlig;te
+sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie
+auf die andere Seite zu heben. Er verw&uuml;nschte den boshaften
+<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach
+diesem verbotenen Paradies.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,&laquo; sagte Borsati;
+&raquo;weder das Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch
+das Weltm&auml;nnische sind deutsch. Dagegen zeichnet sich das
+deutsche Wesen durch einen Reichtum an Gem&uuml;tsbeziehungen
+aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten
+unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur
+die Gl&uuml;cksgunst fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches
+zu wirken. Irgendwie haftet der Deutsche noch in verst&ouml;rter
+Welt und bildloser Finsternis und der t&auml;tige, in Heiterkeit
+gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner
+Wiege erw&uuml;rgt worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man von deutschen Charakteren spricht,&laquo; versetzte
+Lamberg, &raquo;mu&szlig; man vorz&uuml;glich unter den Edelleuten
+des achtzehnten Jahrhunderts Umschau halten. Wie in
+einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen,
+sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verh&auml;ltnissen,
+in einem zutr&auml;glichen Geistesklima Au&szlig;erordentliches
+geleistet h&auml;tten. Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf.
+Aber vielleicht ruht gerade im Leben der Dunklen
+und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und
+ihre K&auml;mpfe, f&uuml;hren sie auch zu keinem sichtbaren Ziel,
+bereiten die Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag
+der Geschichte geschlagen werden, und ihr geheimnishaftes
+Einzelweben ist voll von der Bestimmung des Ganzen, so
+wie jeder Wassertropfen den Ozean enth&auml;lt und erkl&auml;rt.
+Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne
+aus Gr&auml;bern die Schatten der Toten zu beschw&ouml;ren, heute,
+<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>wo jede Zwiebel f&uuml;r eine Ananas gelten will und das
+Herzgold unter den F&uuml;&szlig;en des P&ouml;bels zertrampelt wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe, Georg, da&szlig; wir dies f&uuml;r eine Art Prolog
+nehmen d&uuml;rfen, ich w&uuml;nsche sehr, da&szlig; Sie uns das Bild
+zum Kommentar zeigen&laquo;, sagte Cajetan.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe &uuml;ber eine bestimmte Pers&ouml;nlichkeit eine Reihe
+von Notizen gesammelt,&laquo; gab Lamberg zu; &raquo;ich mu&szlig; sie
+aber erst noch ordnen, und morgen bin ich bereit, Ihren
+Wunsch zu erf&uuml;llen. Heut w&auml;re es ohnehin zu sp&auml;t.&laquo;</p>
+
+<p>Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen
+verriet keine M&uuml;digkeit, aber ihre Z&uuml;ge waren abgespannt.
+Borsati, Hadwiger und Cajetan brachen nach ihrer b&auml;uerlichen
+Behausung auf. Drau&szlig;en im Freien jubelten sie, &#8211;
+der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenfl&ouml;re. Freilich
+war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch
+strahlte wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgew&ouml;lbe, und
+traumhaft funkelte der Neuschnee von den H&auml;uptern der
+Berge.</p>
+
+<p>Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten,
+sie am folgenden Morgen zu einem Spazierweg abholen
+zu d&uuml;rfen, falls es nicht regnete. Zwar blieb der
+Himmel neblig tr&uuml;b, es war ein schwerm&uuml;tig-ahnungsvoller
+Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger f&uuml;hrte
+sie zum Flu&szlig; hinab. Sie beschauten die St&auml;tten der Zerst&ouml;rung,
+die &uuml;berschwemmten Stra&szlig;en, entwurzelten B&auml;ume,
+verlassenen H&auml;user und H&uuml;tten und konnten sich lange nicht
+von dem Anblick der braungelb hinst&uuml;rzenden Fluten losrei&szlig;en,
+auf denen St&auml;mme und B&uuml;sche schwammen, Balken
+und Bretter, Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten,
+<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>lehnte sich Franziska matt auf Hadwigers Arm.
+Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er f&uuml;r sie
+hegte. Sie l&auml;chelte; sie sch&uuml;ttelte den Kopf; sie sah ihn voll
+Bewegung an. &raquo;Wie du mich hier siehst, bin ich ohne
+Nein und ohne Ja,&laquo; sagte sie; &raquo;du bist mir viel; wie viel,
+das will ich nicht ergr&uuml;nden. Ich kann es nicht ergr&uuml;nden,
+wei&szlig; ich doch nicht, wo ich stehe und wohin ich gehe.
+Mit mir kann man keine Vertr&auml;ge, keine Abmachungen
+mehr schlie&szlig;en, Heinrich. Es macht mich gl&uuml;cklich, da&szlig; ich
+dich habe, das darfst du mir glauben.&laquo; Er schwieg, und
+er schwieg so, da&szlig; Franziska seine Hand ergriff und k&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte &uuml;ber
+ihr Gesicht. F&uuml;rst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst
+sahen seine Augen ohne Teilnahme und ohne Ziel in die
+Ferne, dann erkannte er Franziska, und &uuml;ber seine an Beherrschung
+sicherlich gew&ouml;hnten Z&uuml;ge verbreitete sich eine
+Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mu&szlig;te. F&uuml;nf, sechs
+endlose Sekunden standen sie einander stumm gegen&uuml;ber.
+Hierauf sagte Franziska rasch, da&szlig; sie seit einigen Tagen
+hier sei, da&szlig; sie ihm schreiben gewollt, da&szlig; es aber bei dem
+Vorsatz geblieben sei, vielleicht des schlechten Wetters wegen,
+das sie zu jedem Entschlu&szlig; unlustig gemacht habe. Mit
+sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber
+schlie&szlig;lich fand sie freieren Ton, die gemessene, h&ouml;fliche
+und g&uuml;tige Weise des F&uuml;rsten unterst&uuml;tzte sie darin, bald
+ging er an ihrer Rechten, und es entwickelte sich ein lebhaftes
+Gespr&auml;ch, dem niemand h&auml;tte anh&ouml;ren k&ouml;nnen, da&szlig;
+es eine Br&uuml;cke &uuml;ber eine Kluft war. Hadwiger verwunderte
+sich im stillen; f&uuml;r ihn klang dies alles wie Schauspielerei;
+<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>maskierte Zust&auml;nde ertrug er nicht; zwischen Offenheit und
+Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung
+und an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle
+er Franziska verlieren, als beginne sie schon jetzt in eine
+fremde Region zu schreiten; er h&auml;tte sie auf die Arme
+heben und forttragen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Der F&uuml;rst ging bis zur Villa mit und gerade als sie
+dort anlangten, verlie&szlig;en Lamberg, Borsati und Cajetan
+das Haus. Cajetan eilte auf den F&uuml;rsten zu, um ihn zu
+begr&uuml;&szlig;en, die beiden andern wurden von Franziska vorgestellt.
+Sie hatte eben von den t&auml;glichen Unterhaltungen
+erz&auml;hlt, die sie pflogen, und F&uuml;rst Siegmund dr&uuml;ckte seinen
+Wunsch aus, den zum Preis gesetzten Spiegel sehen zu
+d&uuml;rfen. Lamberg f&uuml;hrte ihn ins Zimmer und vor den goldenen
+Spiegel, den der F&uuml;rst lang und voll Bewunderung
+anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz
+f&uuml;r nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine
+Zusage.</p>
+
+<p>Lamberg hatte h&auml;uslichen &Auml;rger gehabt; Emil, dessen
+Eifersucht gegen Qu&auml;cola nicht mehr zu z&uuml;geln war, hatte
+den Dienst aufgek&uuml;ndigt. Er oder ich, hatte Emil ausgerufen,
+und Lamberg hatte wider alle Gebote der Menschenliebe
+erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht
+in die rauhe Welt sto&szlig;en. Qu&auml;cola hockte auf dem Balkon
+und schnappte nach Fliegen. Er trug rote Hosen und eine
+blaue Jacke mit silbernen Kn&ouml;pfen, an denen er best&auml;ndig
+zerrte. In der K&uuml;che fand indessen zwischen Diener und
+K&ouml;chin folgender Dialog statt: Die K&ouml;chin: Das Vieh m&uuml;&szlig;te
+man mit Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein
+<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>Zauberer. Es hat den Herrn verhext. Die K&ouml;chin: Passen
+Sie auf, es wird noch ein schlechtes Ende nehmen. Emil:
+Jede Nacht tr&auml;um ich von ihm; es sitzt mir auf dem Kopf
+und fri&szlig;t mir die Haare weg, als ob&#8217;s Gras w&auml;re. Na, ich
+gehe eben, man hat seine W&uuml;rde. Die K&ouml;chin: Ach
+Gott! Da&szlig; es so weit mit den Menschen gekommen ist.
+Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe das Regiment
+f&uuml;hrt. Wer wei&szlig;, was einem da zust&ouml;&szlig;t. Emil, mit
+weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer
+schiefen Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt
+angebrochen ist.</p>
+
+<p>Um f&uuml;nf Uhr kam der F&uuml;rst. Lamberg lie&szlig; den Tee in
+einem der oberen Zimmer servieren. Der F&uuml;rst hatte durchaus
+nicht jene k&uuml;hle Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen
+Leuten befremdend und vorsichtig stimmt. Seltsam, da&szlig; man
+keinen Augenblick das Gef&uuml;hl hatte, mit einem alten Mann
+zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes
+seiner Worte schien von einer gef&uuml;hlvollen Achtsamkeit beseelt,
+und die Galanterie, die er gegen Franziska an den
+Tag legte, war ohne alle Phrase, herzlich und delikat.
+Schon dies gewann ihm die Zuneigung der Freunde, und
+im Innern leisteten sie Franziska f&uuml;r manchen fr&uuml;heren
+Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schlo&szlig; sich auf,
+und von seiner Stirne schwand die Wolke der Mi&szlig;billigung
+und Unruhe.</p>
+
+<p>Qu&auml;cola durfte seine Kunstst&uuml;cke zeigen; er ging auf den
+Hinterf&uuml;&szlig;en, eitel und seri&ouml;s; er nahm ein Buch und las,
+wobei seine Miene die kritische Besorgnis zeigte, die er
+seinem Herrn abgeguckt; er fing N&uuml;sse, die ihm zugeworfen
+<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde fielen. Als
+das Repertorium ersch&ouml;pft war, sagte Franziska, Georg
+m&ouml;ge doch die Geschichte erz&auml;hlen, die er gestern Abend
+verhei&szlig;en, sie verspreche sich etwas Besonderes davon.
+Lamberg sah etwas verlegen drein, aber da die Freunde
+ihn ebenfalls darum ersuchten und der F&uuml;rst sich in bescheidener
+Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft
+mit losen Bl&auml;ttern aus dem Nebenzimmer und sagte: &raquo;Einiges
+habe ich mir aufgeschrieben und werde es lesen; es ist
+wie eine Chronik zu betrachten. Was ich aus dem Ged&auml;chtnis
+erz&auml;hle, ist nur die Verbindung zwischen diesen
+Teilen.&laquo;</p>
+
+<p>Und er begann.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a></p>
+<h2><a name="Die_Geschichte_des_Grafen_Erdmann_Promnitz" id="Die_Geschichte_des_Grafen_Erdmann_Promnitz"></a><em class="gesperrt">Die Geschichte<br />
+des Grafen Erdmann Promnitz</em></h2>
+
+
+<p>Als der gro&szlig;e Friedrich von Preu&szlig;en zum erstenmal um
+Schlesien stritt, bl&uuml;hte dortselbst noch das alte und angesehene
+Geschlecht derer von Promnitz. Seit jenem Balthasar
+Promnitz, dem F&uuml;rstbischof von Breslau, der au&szlig;er Ple&szlig;,
+der gr&ouml;&szlig;ten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau und
+Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, geh&ouml;rte die
+Familie zum h&ouml;chstbeg&uuml;terten Adel des Landes, und sp&auml;terhin,
+als sie schon ein Haupthort des Protestantismus war,
+besa&szlig; sie auch Peterswalde, Kreppelhof, Drehna und Wetschau,
+lauter gro&szlig;e Gemarkungen mit umfangreichem Ackerland
+und ausgedehnten W&auml;ldern.</p>
+
+<p>Graf Erdmann, der letzte Spro&szlig; der Promnitze, galt als
+Kind f&uuml;r einen ausgemachten T&ouml;lpel. Zu Sorau, wo sein
+Vater, der s&auml;chsische Kabinettsminister, einen f&ouml;rmlichen
+Hof hielt mit Jagdpagen, Kammerhusaren, Zwergen und
+einer Leibgarde von hundert b&auml;renm&uuml;tzigen Riesen, gab er
+die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mi&szlig;trauisch, verstockt,
+gefr&auml;&szlig;ig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt
+es kein Spielgenosse bei ihm aus.</p>
+
+<p>Eines sch&ouml;nen Tages machte er in Begleitung des Hoffr&auml;uleins
+Collobella und seines herrnhutischen Erziehers
+von Wrech einen Ausflug nach dem l&auml;ndlichen und entlegenen
+Peterswalde. Die Collobella war eine immer noch
+muntere Italienerin, die der regierende Graf vor drei&szlig;ig
+Jahren aus Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe
+<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>zur Familie Promnitz evangelisch geworden war. Ihr war
+das heimliche und heimt&uuml;ckische Gem&uuml;t des Knaben ein
+Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit Vorw&uuml;rfen
+und entr&uuml;steten Predigten zu Leibe. W&auml;hrenddem
+starrte der zw&ouml;lfj&auml;hrige Erdmann b&ouml;se in einen Winkel,
+und so oft die Collobella einen ihrer frivolen Witze loslie&szlig;,
+zuckte er zusammen wie ein Fisch, wenn man mit dem
+Stock ins Wasser f&auml;hrt. Aus den gr&ouml;beren Redensarten
+machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende
+prophezeite, lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von
+Wrech anbelangt, so huldigte er wohl &auml;u&szlig;erlich den Grunds&auml;tzen
+seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter Gewand
+mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur
+de Rohan den r&ouml;mischen Kardinalshut trug. Eigentlich
+war er ein Gen&uuml;&szlig;ling und erwartete sehns&uuml;chtig den
+Tag, wo er mit seinem Z&ouml;gling die &uuml;bliche europ&auml;ische
+Tournee antreten durfte.</p>
+
+<p>In einem Seitenfl&uuml;gel des Peterswalder Schlosses befand
+sich eine kleine Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von
+Wrech Siesta hielten, streunte Erdmann durch die ver&ouml;deten
+und vernachl&auml;ssigten R&auml;ume und gelangte schlie&szlig;lich in jenes
+Kapellchen, in dem ein Bild, welches &uuml;ber dem Altar hing,
+seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach angetan,
+kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte
+ein &uuml;bereifriger Verwalter es aus einem der S&auml;le hierherbringen
+lassen. Es stellte Adam und Eva vor dem S&uuml;ndenfall
+dar, beide nat&uuml;rlich splitternackt, das Weib m&auml;chtig
+dick, den Apfel hinhaltend, und Adam halb weggewendet,
+als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich vom
+<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>Baum herunterringelte, und hinter dem gr&uuml;nen Wipfel
+ein kobaltblauer Himmel. Es war keine &uuml;ble Arbeit und
+mochte die Kopie nach dem guten Werk eines s&uuml;ddeutschen
+Meisters sein.</p>
+
+<p>Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gew&ouml;hnlicher
+und harmloser Beschauer. Zun&auml;chst sch&auml;mte er
+sich vor der unanst&auml;ndigen Nacktheit der beiden Personagen
+derart, da&szlig; ihm der Schwei&szlig; bei den Haarwurzeln
+herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gew&ouml;hnt hatte,
+kam es wie eine Erleuchtung &uuml;ber ihn. Mit finsterem
+Triumph schaute er in das Gesicht der Eva und auf den
+Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu sich selber: von daher
+stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so
+schn&ouml;de zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen
+hab&#8217; ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche
+Mahlzeit verzehrt habe. Ich merke schon, worauf das
+hinauswill mit den Zweien, dachte er voll Ha&szlig;; dieses
+fette Frauenzimmer will das einf&auml;ltige Mannsbild beschwatzen;
+jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt
+wei&szlig; ich, was das ist: der S&uuml;ndenfall. Was bist du f&uuml;r
+ein Narr und Dummkopf gewesen, du Menschenvater Adam!</p>
+
+<p>Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin.
+Da erschallte ein klirrendes Spottgel&auml;chter hinter ihm. Es
+war die Collobella. W&uuml;tend schritt er auf sie zu und fuhr
+sie an: &raquo;Geht nur allein zur&uuml;ck nach Sorau, ihr beiden,
+ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das Luderleben
+nicht mehr mit ansehen, da&szlig; man dorten f&uuml;hrt.
+Meine Mutter ist ungl&uuml;cklich, das wei&szlig; ich l&auml;ngst; l&auml;ngst
+wei&szlig; ich, da&szlig; mein Vater sie mit Huren betr&uuml;gt. Mein
+<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>Vater h&auml;tte mich nicht auf die Welt setzen sollen, denn
+was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an. Insonderheit
+die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher
+Haubenstock.&laquo;</p>
+
+<p>Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte
+Herrn von Wrech zur Hilfe herbei. Aber Erdmann war
+schon wieder in seine Schweigsamkeit versunken. Nur weigerte
+er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen. Der
+Herrnhuter verbarg seinen &Auml;rger. Potz Wetter &uuml;berlegte
+er im Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festh&auml;lt,
+so gibts ein Leben, wogegen das des heiligen Antonius
+eine babylonische Orgie war. Und er beschlo&szlig;, der
+Sache von innen her beizukommen.</p>
+
+<p>Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als
+er vernahm, sein unfroher Spr&ouml;&szlig;ling wolle nicht mehr an
+den Hof zur&uuml;ck. &raquo;La&szlig;t nur den Hamster&laquo;, sagte er zur
+Collobella, &raquo;der wird schon wieder nach unserer besetzten
+Tafel jappen.&laquo; Darin t&auml;uschte sich der Graf. Junker Erdmann
+kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mu&szlig;te
+zu ihm fahren, wenn sie ihn sehen wollte. Allm&auml;hlich wandelte
+die Gr&auml;fin auch ihre eigenen, nicht sehr erbaulichen
+Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in ungeschminkter
+Weise durch Herrn von Zech, einen Empork&ouml;mmling, der
+es vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und
+jeden Monat einmal in Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsb&uuml;cher
+zu inspizieren. Er schweifwedelte vor dem
+Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb ein Witzbold
+von ihm bemerkte, er h&auml;tte best&auml;ndig hinten und vorne
+zu tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Pr&auml;zeptor
+<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>nicht vertrug, erlitt dieser die Unbill, da&szlig; am Sorauer
+Hof das Verslein in Umlauf gebracht wurde: Herr
+von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo beim
+Junker Pech. Junker Pech war der Spottname f&uuml;r Erdmann,
+erstlich wegen der schwarzen Kleidung, die er zu
+tragen pflegte, und dann wegen seines schwarzen Geistes.</p>
+
+<p>Der gute Wrech h&ouml;rte allm&auml;hlich auf, den Junker f&uuml;r
+bl&ouml;de zu nehmen, da in diesem eckigen Sch&auml;del im Verflu&szlig;
+der Jahre ein paar Augen erwachten, welche die Glut eines
+Jakobiners und die Melancholie einer Nonne enthielten.
+Er lie&szlig; sich mit ihm in profunde theologische Disputationen
+ein, bem&uuml;hte sich aber unter dem Mantel einer
+scheinheiligen Duldung, ihm die Welt lecker zu machen.</p>
+
+<p>Umsonst; der einsiedlerische J&uuml;ngling f&uuml;rchtete die Fallstricke
+des Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne
+Kreatur keines Gl&uuml;ckes teilhaftig werden, da sie von
+Adam und Evas Zeit an verdammt war, d&uuml;rfe auch das
+Gl&uuml;ck garnicht genie&szlig;en, weil sie damit die Leiden der Andern
+genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich
+entzog. Eine so rabulistische S&uuml;nden-Arithmetik verdro&szlig;
+den Herrnhuter, und er berief sich auf das Erl&ouml;sungswerk
+Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der Junker bewies
+ihm haarklein, da&szlig; das S&uuml;ndenregister der Menschheit seit
+siebzehnhundertsoundsoviel Jahren derma&szlig;en in die L&auml;nge
+gewachsen sei, da&szlig; eine demn&auml;chst zu erwartende Abrechnung
+nur mit einem allgemeinen Untergang enden k&ouml;nne.
+Herr von Wrech lie&szlig; sich nicht beirren; halb n&auml;selnd, halb
+singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>&raquo;Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn,<br /></span>
+<span class="i0">Alles w&uuml;rd&#8217; von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt.<br /></span>
+<span class="i0">Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es t&auml;glich herrlicher,<br /></span>
+<span class="i0">Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch besch&uuml;tzt.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann f&uuml;gte
+triumphierend den Schlu&szlig; hinzu:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han,<br /></span>
+<span class="i0">Dann wirds b&ouml;s mit uns aussehn, &uuml;bel wird es mit uns gehn.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Es war ein erg&ouml;tzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften,
+der glatte Epikur&auml;er, der sich nur gerade soviel hinter
+der Fr&ouml;mmigkeit verschanzte, da&szlig; seine heimliche Verr&auml;terei
+nicht zu merken war, und der plumpe J&uuml;ngling mit dem
+d&uuml;nngespaltenen Mund und dem zur&uuml;cktretenden Profil
+eines traurigen Schafes.</p>
+
+<p>Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in m&uuml;&szlig;igen
+Stunden besch&auml;ftigte er sich mit Malereien. Immer lief es
+darauf hinaus, da&szlig; er eine Eva malte; diese Eva trug
+ein z&uuml;chtiges Gewand; sie streckte den Arm l&uuml;stern nach
+den &Auml;pfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen,
+und eine giftgr&uuml;ne Schlange z&uuml;ngelte gegen das von
+str&auml;flichen Begierden erf&uuml;llte Weib.</p>
+
+<p>Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall,
+der darnach angetan war, das Gem&uuml;t des jungen Grafen,
+<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>der jetzt zwanzig Jahre alt geworden war, vollends zu verd&uuml;stern.
+Die Gr&auml;fin Callenberg, seine Tante, eine sechzigj&auml;hrige
+Messalina, die die Gesellschaft der Mannsleute
+noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen
+mehr Gr&uuml;ndliches fand, wie sie sagte, als bei Personen
+ihres Geschlechts, hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen
+namens Lefevre, aus gemeiner Eifersucht bei Wasser
+und Brot in einem Verlie&szlig; ihres Schlosses eingemauert.
+Preu&szlig;ische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem
+Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung.
+Die entr&uuml;steten Untertanen der Gr&auml;fin &uuml;berfielen
+sie im Bett, banden sie mit Stricken, warfen sie auf einen
+Leiterwagen und brachten sie nach Nei&szlig;e, wo sie vor Verdru&szlig;
+und Zorn alsbald der Schlag r&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses
+in solche Tr&uuml;bsal, da&szlig; Herr von Wrech um seine Gesundheit
+besorgt wurde; dazu kam, da&szlig; auch seine Mutter um
+jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte
+es nicht mehr mit ansehen, wenn der J&uuml;ngling jeden Morgen
+und jeden Abend auf die Knie st&uuml;rzte und in tiefer
+Schwermut ausrief: &raquo;O Gott, la&szlig; mich ohne Schuld! bewahre
+mich vor S&uuml;ndenschuld! Ersticke meine Gel&uuml;ste und
+gib mir Frieden!&laquo; Herr von Wrech machte sich auf und
+gab dem gr&auml;flichen Vater zu verstehen, da&szlig; er seinen Sohn
+auf Reisen senden m&uuml;sse, wenn er ihn vor verderblicher
+Geistesf&auml;ulnis zu bewahren w&uuml;nsche. Der Graf war&#8217;s zufrieden
+und befahl, da&szlig; Erdmann in Begleitung des Herrnhuters
+nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein
+Widerpart m&ouml;glich. Graf Erdmann f&uuml;gte sich mit unerwarteter
+<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>Sanftmut. &raquo;Ich will doch sehen&laquo;, sagte er, &raquo;ob
+eure gro&szlig;e Welt wirklich so gro&szlig; ist. Es soll nicht hei&szlig;en,
+da&szlig; ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich
+kl&uuml;ger d&uuml;nkt als die Weitgereisten. Mich gel&uuml;stet nach
+einem andern Himmel, denn unserer dr&uuml;ckt mir den Kopf
+wie das Dach einer K&ouml;hlerh&uuml;tte und nach andern Menschen,
+denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die Verba
+auf mi. Aber ich f&uuml;rchte, lieber Wrech, die Welt hat
+fr&uuml;her ein Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit
+ist bis zu den Mongolen. Gefangen sind wir, und k&ouml;nnen
+nicht aus noch ein.&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Wrech war entz&uuml;ckt &uuml;ber die Aussicht, so bald
+nach dem galanten Paris reisen zu d&uuml;rfen. &raquo;Ihr seid ein
+genialischer Kopf, Junker&laquo;, antwortete er; &raquo;entweder werdet
+ihr ein gro&szlig;er General wie Prinz Eugen, oder ihr sterbt
+philosophisch wie Diogenes in einem Fa&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Drei Wochen sp&auml;ter befand sich der Graf mit seinem
+Erzieher und Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man
+sich damals ausdr&uuml;ckte, und wo es allerwegen hoch herging
+mit Maskenb&auml;llen, Assembleen, Gl&uuml;cksspielen, k&ouml;niglichen
+Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern.
+Erdmann beschaute sich das gl&auml;nzende Getriebe; er gab mit
+Anstand sein Geld aus und wu&szlig;te Rede zu stehen. Doch
+benahm er sich oft recht sonderbar, und sein Wesen erregte
+die Spottlust der franz&ouml;sischen Herren und Damen. Eines
+Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini,
+das der Spionage &uuml;berf&uuml;hrt und vom Gericht zum Tod
+verurteilt worden war, auf dem Greveplatz hingerichtet.
+Sie hatten einen dreizehnj&auml;hrigen Sohn, der gut gestaltet
+<a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>war, einen liebensw&uuml;rdigen Charakter besa&szlig; und trotz seiner
+Jugend als ausgezeichneter T&auml;nzer auf dem Theater
+Furore gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um f&uuml;r den
+&Uuml;bermut meines Vaters zu b&uuml;&szlig;en, sagte der arme Knabe
+zu denen, die ihn ermahnten, seine schreckliche Lage in Geduld
+zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen Erdmann
+zu Ohren, und da er h&ouml;rte, da&szlig; der Knabe den Tag der
+Hinrichtung seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen
+w&uuml;rde, lie&szlig; er sich bei der Dame einf&uuml;hren und erschien
+gerade, als man dem Knaben Hut und Mantel abnahm
+und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile
+trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte,
+der junge Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu
+tanzen. Der Knabe war in Verzweiflung, aber dem Wunsch
+der m&auml;chtigen Pers&ouml;nlichkeit mu&szlig;te willfahrt werden, und
+so tanzte Jean Concini, ein jammervolles Schauspiel, w&auml;hrend
+das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch flo&szlig;. Dies
+emp&ouml;rte den Grafen Erdmann; er nahm den J&uuml;ngling
+beiseite, unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja
+wissensdurstig, und es ber&uuml;hrte ihn eigent&uuml;mlich, als ihm
+der Knabe im Verlauf des Gespr&auml;chs bebend gestand, seine
+h&ouml;chste Begierde sei, die Astronomie zu studieren. Graf
+Erdmann &uuml;berlegte sich die Sache, wandte sich an einen
+Hallenser Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und
+bat, er solle den Knaben zu einem dortigen Professor
+geben und ihn auf seine Kosten f&uuml;r die Universit&auml;t vorbereiten
+lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte
+er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung
+seines urspr&uuml;nglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung
+<a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>auf den erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch,
+und dieser Name verblieb dem jungen Menschen, dem es
+beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in das Leben
+seines Besch&uuml;tzers einzugreifen.</p>
+
+<p>Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung
+des deutschen Grafen Gefallen, und sie zeigte ihm recht
+offensichtlich, da&szlig; es ihr nicht unwillkommen sei, wenn er
+dieses Gefallen zu benutzen verst&uuml;nde. Eines Abends behielt
+sie ihn verr&auml;terisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst
+lachte sie sich toll beim Anh&ouml;ren seiner moralischen Predigten,
+denn er glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen,
+endlich wurde sie des salbungsvollen Geschw&auml;tzes satt. Da
+schl&uuml;pfte eine Zofe ins Gemach und &uuml;berreichte der Herrin
+einen Brief. Diese erbla&szlig;te, als sie das Billett gelesen
+hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr sch&ouml;n
+war und zu ihren vorz&uuml;glichsten Reizen geh&ouml;rte. &raquo;Was
+gibt es denn?&laquo; fragte Graf Erdmann, dessen Sinne sich
+langsam zu umnebeln begannen, und da er sich nicht getraute,
+das Billett mit der blo&szlig;en Hand aus seinem h&uuml;bschen
+Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne
+Zange, mit der man das Holz ins Feuer tat, und wollte
+sich auf solche Art des Papiers versichern. Die Dame schrie
+auf und schickte ihn halb lachend, halb zornig von dannen.
+Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor schritt,
+trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant
+auf ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff,
+und verstellte ihm mit Woher, Wohin, wes Namens
+und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb die Antworten
+nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog
+<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung,
+ein Schrei, ein Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich
+am Boden. Im Nu war das Haus lebendig, M&auml;gde, Diener,
+Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und das ganze
+Ungl&uuml;ck wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz
+des Get&ouml;teten fiel; es war einer der zahlreichen nat&uuml;rlichen
+Prinzen Frankreichs aus k&ouml;niglichem Gebl&uuml;t. Frau von
+Hautfort erschien selbst, und in ihrer Angst beschwor sie
+den Grafen, auf der Stelle zu fliehen, denn diese Tat
+werde schrecklich bestraft.</p>
+
+<p>Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche
+zierliche Gestalt, dachte er, den Toten anstarrend, welch
+anmutige Z&uuml;ge! Das Blut, langsam flie&szlig;end wie Oel, benetzte
+seine wei&szlig;en Schuhe. Die Wache kam, er wurde abgef&uuml;hrt,
+und am andern Morgen sa&szlig; er in der Bastille.</p>
+
+<p>Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich
+Verb&uuml;ndete und Freunde genug, um eine nicht gar zu
+wachsame Beh&ouml;rde zu hintergehen. Mit H&uuml;lfe eines bestochenen
+Aufsehers wurde der Gefangene von einem waghalsigen
+Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang
+durch den Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um
+seinen Leib und zerrte ihn durch den Schornstein aufs Dach.
+Von hier war der Weg vorbereitet; an einer Stra&szlig;enecke
+warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verh&auml;ngnis,
+da&szlig; zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern
+ersch&ouml;pft, neben dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten
+ein feierlicher Leichenzug vor&uuml;berging. Erdmann fragte den
+Schlotfeger, wer da begraben w&uuml;rde, und die Antwort war,
+es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell erstochen
+<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>worden. Sei es, da&szlig; das Widerspiel der schwarzen
+Kavalkade und seiner und seines F&uuml;hrers ru&szlig;geschw&auml;rzter
+Erscheinung auf dem Dach ihm ein Gef&uuml;hl grausiger Komik
+erweckte, sei es, da&szlig; die beengte und schuldbewu&szlig;te Brust
+sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wu&szlig;te, genug,
+Junker Erdmann brach in ein schallendes Gel&auml;chter aus,
+das auf keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die
+Leute aufmerksam. Um die Gefahr abzuwenden, packte der
+athletisch starke Schornsteinfeger den Grafen, den der Lachkrampf
+&uuml;berdies wehr- und willenlos machte, hob ihn wie
+ein Kleiderb&uuml;ndel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin
+hinein und lie&szlig; ihn am Seil hinunterrutschen. Da mu&szlig;te
+der Junker, ob er mochte oder nicht, Arme und Beine
+spreizen, und er gelangte neuerdings in sein Gef&auml;ngnis. Er
+streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert. Er
+weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen.
+Erst am achten Tag lie&szlig; er den Herrnhuter vor, der ihm
+mitteilte, man habe sich an den K&ouml;nig August gewandt,
+damit er bei der Majest&auml;t von Frankreich F&uuml;rbitte tue,
+auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu
+Paris, der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken
+werde.</p>
+
+<p>&raquo;Es kann mich keiner mehr befreien,&laquo; murmelte Graf
+Erdmann tr&uuml;bsinnig.</p>
+
+<p>&raquo;Wie das, Euer Gnaden?&laquo; fragte Herr von Wrech erstaunt.
+Der Graf antwortete nicht.</p>
+
+<p>Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei
+Hofe vor, das Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache
+schon in Vergessenheit, Promnitzsches Geld tat ein &uuml;briges,
+<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>und zu Ende Mai reiste Erdmann heim nach Peterswalde.
+Er f&uuml;hrte dortselbst das allerwunderlichste Leben. Tagelang
+ritt er auf seinem Ro&szlig; in den tiefen W&auml;ldern herum und
+t&ouml;tete alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine
+Art von Raubsch&uuml;tze zog er weit &uuml;ber die Grenzen seines
+Gebiets, und er durfte von Gl&uuml;ck sagen, da&szlig; die F&ouml;rster
+und H&uuml;ter, die den unheimlichen J&auml;ger nicht kannten, ihn
+mit dem Tod verschonten. Sp&auml;ter liefen dann in Sorau
+gro&szlig;e Rechnungen ein, und der alte Graf mu&szlig;te die Wildsch&auml;den
+ersetzen.</p>
+
+<p>Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis
+Herr von Wrech, der sich die betr&uuml;btesten Gedanken machte,
+den Junker zur Rede stellte. Da setzte Graf Erdmann dem
+Herrnhuter auseinander, da&szlig; nach seiner &Uuml;berzeugung alle
+Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe f&uuml;r begangene
+S&uuml;nden also verwandelt worden seien. &raquo;Und ich,&laquo;
+f&uuml;gte er d&uuml;ster hinzu, &raquo;ich erl&ouml;se sie durch den Tod.&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Wrech schluckte seinen Unmut &uuml;ber die verr&uuml;ckte
+Antwort hinunter und erwiderte mit Augenbrauen,
+so hoch wie gotische Spitzb&ouml;gen: &raquo;Verzeiht, Euer Gnaden,
+aber es d&uuml;nkt mich ein l&auml;sterliches Vermessen, da&szlig; Ihr,
+wenn auch blo&szlig; dem lieben Vieh gegen&uuml;ber, den Erl&ouml;ser
+spielen wollt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?&laquo; fragte Erdmann;
+&raquo;so seid Ihr wie ein Windhund, der keine Spur
+halten kann. Was er aus dem Auge verliert, ist dahin.&laquo;
+Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr
+der Graf fort, mehr f&uuml;r sich redend als f&uuml;r den Andern:
+&raquo;Und ist eine Seele s&uuml;ndenlos geworden, so brech&#8217; ich den
+<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>Zauber. Denn es k&ouml;nnte sein, da&szlig; eine dahinirret und
+irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene, eine Himmelsstumme,
+eine Gef&auml;hrtin. Die will ich finden, die will
+ich erjagen.&laquo; Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der
+erschrockene Herr von Wrech schaudernd aus dem Zimmer
+und bekreuzigte sich, als er vor der T&uuml;re war.</p>
+
+<p>Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Ro&szlig;
+durch die W&auml;lder st&uuml;rmte, wurde er eines Hirsches ansichtig,
+den er meilenweit verfolgte. Pl&ouml;tzlich tat sich eine Lichtung
+auf, in deren Mitte ein dunkelgr&uuml;ner Weiher lag.
+Er erblickte ein wunderbar liebliches M&auml;dchen, das gerade
+aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid,
+den schwarzseidenen Mantel dar&uuml;ber, von einer Dienerin
+begleitet, nach dem Waldhaus am Rande der Lichtung
+schritt. Da brach der Hirsch aus dem Geh&ouml;lz; sehr ermattet,
+trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den
+Verfolger im R&uuml;cken wissend, machte er Miene, die Wehrlosen
+anzugreifen. Das sch&ouml;ne M&auml;dchen schrie angstvoll auf,
+bei der Flucht verwickelte sich ihr Fu&szlig; in Wurzelwerk und
+knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das
+in seiner Verzweiflung gef&auml;hrlich war. Da krachte ein Schu&szlig;,
+Erdmann hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen.
+Der Graf stieg vom Pferd, und als er bei dem M&auml;dchen
+angelangt war, sank sie dem schwerm&uuml;tigen blassen Retter,
+vor Erregung schluchzend, an die Brust.</p>
+
+<p>Es erwies sich, da&szlig; Graf Erdmann auf die Standesherrschaft
+Beuthen geraten war, die dem Grafen Carolath
+geh&ouml;rte; das M&auml;dchen war die junge Gr&auml;fin Caroline,
+Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde heimgekehrt,
+<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>erscho&szlig; Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen
+gef&uuml;hrt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekr&auml;nzt hatte.
+Es fr&ouml;stelte ihn in seiner Einsamkeit; er kam zu &ouml;fteren
+Malen nach Beuthen, er wurde mit der jungen Gr&auml;fin
+vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten
+nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien
+mit der Leidenschaft zu ringen, er schlo&szlig; sich zu, wo er
+konnte, scheinbar widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig
+lie&szlig; er sich lieben, scheinbar mit Angst sah er den
+Bund besiegelt, f&uuml;r jede Liebkosung glaubte er s&uuml;hnen zu
+m&uuml;ssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war,
+beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und
+schon im Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert.</p>
+
+<p>Kurz darauf ereignete es sich, da&szlig; der alte Graf Promnitz
+eines Abends allein auf abgehetztem Gaul auf sein
+Gut Triebel geritten kam, in die Vorhalle st&uuml;rzte, die T&uuml;ren
+verrammeln lie&szlig; und sich zitternd in den oberen Gem&auml;chern
+verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten das
+Geklirr zerbrochener Fenster, und f&uuml;nf &ouml;sterreichische Husaren
+drangen ins Haus, gef&uuml;hrt von einem racheschnaubenden
+Lakaien des Grafen, dessen junges Weib der l&uuml;sterne
+Alte tags zuvor entehrt hatte. Die wilde Horde eilte die
+Treppe hinauf, zertr&uuml;mmerte die T&uuml;r des gr&auml;flichen Schlafzimmers,
+und mit flachen S&auml;beln bl&auml;uten sie so unbarmherzig
+auf seiner Gnaden herum, da&szlig; H&ouml;chstderselbe an den
+Folgen der erlittenen Verletzungen starb.</p>
+
+<p>Erst zwei Monate sp&auml;ter fanden die Exequien statt,
+wegen denen Graf Erdmann die Chroniken zur Hand genommen
+hatte; er las sonst nur Kochb&uuml;cher und hatte davon
+<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>eine gro&szlig;e Sammlung, in Maroquin gebunden und mit
+Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch
+vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten,
+&uuml;ber seinen Gem&uuml;tszustand zu t&auml;uschen.</p>
+
+<p>Er &uuml;bernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit
+hatte das Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn
+mehr. War Erdmann nicht mit der Kraft versehen, &uuml;ber
+so viele tausend Untertanen und ihre Verh&auml;ltnisse, ja, nur
+&uuml;ber die Schafe und Rinder sich jene Gewalt anzuma&szlig;en,
+die blo&szlig; die herzliche Neigung f&uuml;r Gottes Welt einem
+Manne verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht
+als Herrn, weil sie seiner nicht zu bed&uuml;rfen fest &uuml;berzeugt
+waren? Und er, begriff er bei der Huldigung, da&szlig; so viele
+ihn bed&uuml;rfen sollten, als deren Vertreter die Beamten in
+respektvoller Haltung und mit gl&uuml;henden Gesichtern um ihn
+standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und
+Plebanus, die Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien
+beim Konsistorio, die geheimen und offenbaren Schreiber,
+die Amtspf&auml;nder, Stallmeister, Rendanten, K&uuml;chenverweser,
+F&ouml;rster, Jagdpagen, B&uuml;rgermeister, Stadtrichter, Senatoren,
+Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p>Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er
+war doch der gro&szlig;e Bettelmann aller, Bettler vor Himmel
+und Erde, S&uuml;hnebettler, Liebesbettler. Und wieder t&auml;uschte
+er, indem er sein wahres Wesen durch Habsucht verh&uuml;llte
+und auf nichts anderes erpicht schien als auf den reinen
+Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten
+die Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heidel&auml;ufer
+sich die F&uuml;&szlig;e wund laufen, die wilden Schweine
+<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>den Fronbauern die Ernte verw&uuml;sten, &#8211; er war der Herr
+des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild
+f&uuml;r seinen Kummer um ein Weib, um die, die er &raquo;entzaubert
+und erjagt&laquo; hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergr&uuml;ndbar,
+zu menschenhaft.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem
+Gemahl beschaffen war. Als ein lebenslustiges Gesch&ouml;pf
+war sie in die Ehe getreten und hing an dem Mann mit
+gro&szlig;er Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu haben,
+sie zu dem&uuml;tigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei
+den Dienstleuten gew&auml;rtigen mu&szlig;te, sowohl durch Spott
+wie durch widerrufende Verordnungen. Freilich hatte sie
+wenig Talent zur Hauswirtin, besser verstand sie sich auf
+Geselligkeit und heitre Gespr&auml;che, auf Unterhaltung mit
+gebildeten M&auml;nnern, aber redliche Bem&uuml;hung ersetzte die
+Gabe, und unter ihren flei&szlig;igen H&auml;nden war stets alles
+wohlbestellt. Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er
+beleidigte Caroline, wenn sie nur den kleinsten Fehler beging,
+und ihre Schw&auml;chen bauschte er zu Lastern auf. Er
+w&uuml;rdigte ihr Gef&uuml;hl nicht, er stie&szlig; die Seele, die sich ihm
+opferte, zur&uuml;ck. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute
+Freundin dies: &raquo;Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer,
+was hab ich vom Leben und Lieben, vom Mann
+und vom Weib gelernt und gelitten! Wie oft bin ich mir
+inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die
+Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib!
+und liebte ihn! und wurde verachtet! und sah seine Gier
+nach Erl&ouml;sung und sah, da&szlig; er sich h&auml;tte erl&ouml;sen k&ouml;nnen,
+wenn sein Herz zur&uuml;ckschenkte, was man ihm gab. Gott,
+<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>wie viel m&ouml;gen die tausend und abertausend Frauen verschweigen,
+verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm?
+weshalb ruht sein Blick oft so fremd und fragend auf mir?
+als wartete er, etwas zu empfangen, was ich nicht besitze.
+Er ist immer in Eile und niemand wei&szlig;, warum. Er ist
+immer in Gedanken und niemand wei&szlig;, was er denkt. Er
+ist immer umw&ouml;lkt, immer in Groll, immer in Melancholie,
+immer mi&szlig;trauisch, immer verzagt und hat kein Auge, um
+die zu sehen, die f&uuml;r ihn zittert. Hab ich noch einmal im
+Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir h&ouml;ren, jetzt
+stille.&laquo;</p>
+
+<p>Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und
+Graf Erdmann erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals.
+Bittere Worte flogen hin und her, sie gruben einander
+die Brust auf, denn was so die rechte Zwietracht
+und mi&szlig;verstehender Ha&szlig; zwischen Eheleuten ist, die best&auml;ndig
+einander nahe sind, einander atmen, das ist &auml;rger
+als die H&ouml;lle. Der Graf wollte einige von seinem Vorfahr
+der Stadt und den D&ouml;rfern verliehenen Rechte wieder einziehen
+und setzte zum Verdru&szlig; der B&uuml;rger einen ungerechten
+Bierproze&szlig; fort, den sein Vater begonnen. Darein
+mischte sich die Gr&auml;fin, und es entstand Streit. Caroline
+ha&szlig;te den duckm&auml;userischen Herrnhuter, der noch immer im
+Hause weilte und durch Flur und Gem&auml;cher schlich wie
+der lautlose Unfried; auch dar&uuml;ber wuchs der Streit. Erdmann
+lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und
+wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken,
+so da&szlig; die Gr&auml;fin vor Scham nicht wu&szlig;te, was sie sagen
+oder tun sollte. Sie machte ihm Vorw&uuml;rfe, erst sanft, dann
+<a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit gegen sie r&uuml;hrte sie
+bis zu Tr&auml;nen auf, es zerri&szlig; ihr das Gem&uuml;t, da&szlig; all ihre
+Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer
+geben, wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche
+Frau ertr&uuml;ge es, da&szlig; ein Mann sich zum Herrn und Ver&auml;chter
+der Menschheit aufwirft und den Willen Gottes erkannt
+zu haben meint und da&szlig; er dabei mit rohem Fu&szlig;
+ein anschmiegendes Herz zertritt?</p>
+
+<p>Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt,
+das war es. Einen Engel glauben, und nur die Eva finden,
+die Listige, die &Uuml;berlisterin, das h&uuml;bschgestaltete Fleisch,
+von schlauer Grazie bewegt, das wurmte ihn, verfinsterte
+ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau
+seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr
+zuf&uuml;gte, f&uuml;gte er sich selber zu, aber er ward dessen nicht
+inne. Einst bei der Mittagstafel beschimpfte er die Frau
+gr&ouml;blich, weil eine Speise, die gereicht wurde, verdorben
+war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich erstaunt vor
+sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine dem&uuml;tige
+Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verlie&szlig;
+das Gemach; an der Schwelle konnte sie sich nicht mehr
+halten und weinte laut. Die G&auml;ste verabschiedeten sich bald,
+Graf Erdmann trieb sich in finstrer Laune in den W&auml;ldern
+herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine Bibel
+und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schlo&szlig; herrschende
+Stille w&uuml;hlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift
+brannte wie Feuer in seinem Geist und ungef&auml;hr gegen
+Mitternacht begab er sich, ein L&auml;mpchen in der Hand tragend,
+in das Zimmer der Gr&auml;fin. Sie lag auf ihrem Bett
+<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig
+wie ein Kind, ihre Wangen waren ger&ouml;tet, und in den
+dunklen Augenspalten gl&auml;nzte Feuchtigkeit. Da beugte sich
+Erdmann und ber&uuml;hrte mit seinen Lippen ihren Mund;
+und kaum da&szlig; dies geschehen war, erwachte Caroline und
+blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken
+an. Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres
+Bewu&szlig;tseins, sein seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn,
+als h&auml;tte ihn die Frau nur fangen und ertappen
+wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich geh&ouml;hnt, genarrt
+und verraten, er packte sie an den Haaren und ri&szlig; sie aus
+dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die S&auml;le, und
+im Flur des Hauses lie&szlig; er sie, pre&szlig;te sich keuchend an
+die Wand und schlug im Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber,
+schaudernd vor Entsetzen, erhob sich und fl&uuml;chtete gegen
+die T&uuml;r des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde
+anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre F&uuml;&szlig;e sie trugen.
+Da machte sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in
+der Finsternis, koppelte die Hunde los und fand ihre Spur,
+und als er sie im Hemde, wie sie war, ohnm&auml;chtig neben
+einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und blieb
+bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug
+er sie ins Haus zur&uuml;ck. Ihr Blut erw&auml;rmte ihn, z&auml;rtlich
+schmiegte sich ihr Haar um seinen Hals, ihre Arme hingen
+schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner gegen seines, das
+von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem Schmerz
+erf&uuml;llt war.</p>
+
+<p>Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gr&auml;fin
+die Scheidung durch, Erdmann tat, als ob er damit zufrieden
+<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>sei, und das Gericht zu Oppeln best&auml;tigte sie wegen
+unvers&ouml;hnlicher Feindschaft, &raquo;samt dem was anh&auml;ngig&laquo;. Bis
+zu ihrem Tod lebte die Gr&auml;fin Caroline wie eine Klosterfrau,
+und so ist sie, reizend und wehm&uuml;tig, noch heutigen
+Tags auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen.
+Erdmann Promnitz aber wurde von der Stunde ab, wo
+sich die Gr&auml;fin von ihm trennte, immer unruhiger und wilder.
+Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer
+und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag
+war kaum hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten,
+und fragte ihn einer seiner Vettern, was er treibe, so antwortete
+er, scharf skandierend: &raquo;Essen, trinken, schlafen,
+sehen und h&ouml;ren.&laquo; Schreckliche Tr&auml;ume zerr&uuml;tteten sein Gem&uuml;t;
+war es Reue, was so tief sich einfra&szlig;, da&szlig; er den
+Wurm gleichsam im Innersten der Brust sp&uuml;rte? Als man
+eines Morgens Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand,
+&#8211; er hatte von der Tafel einen halben Fisch in seine
+Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig aufgewacht,
+hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gr&auml;te
+erstickt, &#8211; da beschlo&szlig; der Graf, in die Fremde zu ziehen,
+wo er fremd sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben
+konnte. Gegen eine Leibrente von zw&ouml;lftausend Talern vergab
+er all seinen Besitz an verwandte Geschlechter, und
+nachdem er einen im Schlo&szlig;keller von Sorau vergrabenen
+Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in
+die weite Welt, in des Herrgotts Gef&auml;ngnis, wie er sagte.</p>
+
+<p>Zu Halle sah er nun seinen Sch&uuml;tzling wieder, jenen
+Hans Kosmisch, den er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet
+hatte und der inzwischen ein h&ouml;chst gelehrter junger Mann
+<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>geworden war, bei welchem das Promnitzsche Geld einmal
+fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem
+G&ouml;nner an, ihn nach England zu dem gro&szlig;en Astronomen
+Herschel zu schicken. Dies gew&auml;hrte der Graf, stattete ihn
+reichlich aus und versprach zudem, da&szlig; er ihm nach seiner
+R&uuml;ckkehr auf dem Schlo&szlig;turm von Peterswalde eine Sternwarte
+einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte
+er sich als Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs
+Sch&uuml;sseln zu Mittag, freier Equipage und freier Jagd.</p>
+
+<p>Zweimal unternahm er den Versuch, die Gr&auml;fin Caroline
+wiederzusehen, die in der N&auml;he der Stadt Merseburg
+lebte. Die Gr&auml;fin weigerte sich, ihn zu empfangen. Er fuhr
+in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das
+Schiff scheiterte an der irischen K&uuml;ste, und er kehrte zur&uuml;ck
+und eines Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus,
+in dem die Gr&auml;fin Caroline wohnte, und schaute lange zu
+den Fenstern empor, und ging endlich hinein und erfuhr
+von einem alten Weibe, da&szlig; Caroline gestorben war und
+da&szlig; man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann
+Promnitz &uuml;ber sieben Wochen im Bette, fast ohne
+sich zu r&uuml;hren. Sodann ging er in den Merseburger Ratskeller
+und trank dreiundeinhalb Tage lang ununterbrochen
+Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen bleichen
+Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das
+Verslied Numero eintausendachtzehn zu singen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ auf Erden stehn, bibi!<br /></span>
+<span class="i0">alles w&uuml;rd&#8217; von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am Kreuz ererbt, bibi!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Da &auml;ngstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und
+er lie&szlig; den hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die
+Stra&szlig;e setzen.</p>
+
+<p>Bald darauf wanderte er au&szlig;er Landes und schlug seine
+Residenz zuerst in Kehl, dann in Stra&szlig;burg auf. Er war
+allen Menschen unheimlich; in einer Nacht wurde er in
+Begleitung mehrerer Herren von f&uuml;nf wegelagernden Strolchen
+&uuml;berfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug
+er die ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte
+ihn, warum er, der doch so stark sei, immer furchtsam und
+gedr&uuml;ckt scheine. Er erwiderte: &raquo;So ist es nun einmal. Ich
+kann mich und euch gegen jedermann in Schutz nehmen,
+nur nicht gegen mich selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige
+Leute seines Namens, und sie verbreiteten das Ger&uuml;cht,
+der finstere und ausschweifende deutsche Graf werde von
+der Erinnerung an eine &Uuml;beltat gequ&auml;lt. Als er davon erfuhr,
+lachte er und sagte: &raquo;Man untersch&auml;tzt mich; ein
+K&ouml;rnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.&laquo; Er suchte die
+Gesellschaft ber&uuml;hmter Philosophen, und stets brachte er
+das Gespr&auml;ch auf Schuld und S&uuml;nde und moralische Verantwortung,
+aber wenn sie sich dann nach ihrer Weise ge&auml;u&szlig;ert
+hatten, ging er unzufrieden von ihnen hinweg, setzte
+sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anst&ouml;&szlig;ige Lieder
+und machte sich mit allerlei w&uuml;stem Volk vertraut.
+Zwei Jahre hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er &uuml;ber
+die Pyren&auml;en nach Spanien. Zu Valladolid sprach er mit
+den Gelehrten der Universit&auml;t lateinisch, und in Escurial
+unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik, und
+<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann
+fuhr er &uuml;bers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der
+W&uuml;ste, nicht in den bunten St&auml;dten der Mauren, reiste
+nach Malta, lebte in Syrakus, dann in Rom, durchwanderte
+die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen
+einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal
+in den Schriften des Professors Kant und des Herrn von
+Voltaire, ein andermal im heiligen Augustinus oder in
+einem seiner Kochb&uuml;cher. Gr&uuml;belnd sa&szlig; er an Bord der
+Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und
+tr&auml;umend schritt er durch die vielen St&auml;dte, und mit wunderbarer
+Eile lie&szlig; er seine Kutsche &uuml;ber die Landstra&szlig;e
+donnern, als ob der Teufel hinter ihm her w&auml;re. Bei Tag
+w&uuml;nschte er, da&szlig; es Nacht sein m&ouml;ge, im Fr&uuml;hling w&uuml;nschte
+er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht
+verfaltet, seine Gestalt geb&uuml;ckt, nur sein Auge nahm an
+Glut der Rastlosigkeit noch zu. Zehn Jahre, f&uuml;nfzehn
+Jahre, zwanzig Jahre, f&uuml;nfundzwanzig Jahre, wenn das
+Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie gro&szlig;e
+und kleine Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter
+und dem Abgrund des Todes zu, aber sie greifen
+auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit: Gram
+und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen.</p>
+
+<p>Es wird erz&auml;hlt, da&szlig; der Ostgote Theoderich durch
+einen gro&szlig;en Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand,
+an das verzogene Antlitz des hingerichteten Symmachus
+erinnert wurde. Die Augen starrten greulich, die Lippe
+war dem Schreckbild in die Z&auml;hne gekniffen. Den K&ouml;nig
+&uuml;berkam das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, lie&szlig;
+<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>sich mit Decken verh&uuml;llen, beweinte den Frevel und starb
+kurz darauf in tiefem Schmerz. F&uuml;r den Grafen Erdmann
+war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher Fischkopf. In
+gewissen stillen N&auml;chten des S&uuml;dens stieg ihm ein schlankes
+Frauenfig&uuml;rchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so da&szlig;
+er h&auml;tte fragen m&ouml;gen: &raquo;Du bist so bleich um die Nase,
+bist du bei Leichen gelegen?&laquo;</p>
+
+<p>In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch,
+der nun &uuml;ber sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste.
+Nachdem er von England zur&uuml;ckgekehrt war, hatte ihm
+sein Besch&uuml;tzer f&uuml;nftausend Dukaten f&uuml;r den Ankauf eines
+Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem
+sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm
+zugeworfenen Menschenkind zu willen zu sein und damit
+einer Wissenschaft zu dienen, die ihm unverst&auml;ndlich war
+wie das Hebr&auml;ische und gespensterhaft wie das Grauen auf
+dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen
+entdeckt und teilte dies seiner gr&auml;flichen Gnaden voll stolzer
+Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergn&uuml;gt sich
+einer am Feuerwerk der Sph&auml;ren wie ein Kind am Fackelzug;
+mit dem Manne mu&szlig; ich reden.</p>
+
+<p>Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach
+Peterswalde zog. Eines Nachmittags im Juni polterte sein
+Reisewagen durch die halbverfallene Schlo&szlig;pforte. Die
+H&uuml;hner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein m&uuml;der
+Hofhund umschlich Rosse und R&auml;der. Nach geraumer Weile
+erschien Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot,
+doch ohne Per&uuml;cke. Er war ein kleiner Mann, der ungeachtet
+der herannahenden F&uuml;nfzig noch immer knabenhaft
+<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>aussah, noch immer den leichten Gang eines T&auml;nzers hatte;
+sein Gesicht war seltsam wei&szlig; und glatt, mit durchsichtigen
+Augen, die Haare wei&szlig; wie Mehl. Als er seinen Herrn
+und G&ouml;nner gewahrte, so abgerissen, w&uuml;st und fahl, zwei
+Orden auf der Brust, den Anzug ausgefranst, mit suchenden
+Blicken die Wehmut und R&uuml;hrung der Heimkehr verhehlend,
+da lief ein Sch&uuml;ttern &uuml;ber seine Z&uuml;ge, jedoch verbeugte
+er sich tief.</p>
+
+<p>Bei k&auml;rglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit
+genommen, und als es d&auml;mmerte, verlie&szlig;en sie
+die Stube und setzten sich auf eine uralte Steinbank im
+Garten. &raquo;Es wird eine sch&ouml;ne Nacht heute&laquo;, sagte Hans
+Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller
+wurde, machte er ihm den Vorschlag, das Observatorium
+zu besuchen. Der Alte willigte schweigend ein, Hans Kosmisch
+nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die Wendeltreppe
+des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube
+des Astronomen f&uuml;hrte eine gel&auml;nderlose Leiter auf
+die Plattform; in einem rundlichen Bretterhaus daselbst
+befand sich das Teleskop.</p>
+
+<p>&raquo;Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich
+bestirnt hat&laquo;, sagte Hans Kosmisch emporweisend, &raquo;Euch
+zu Ehren, wie mir scheint.&laquo;</p>
+
+<p>Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er lie&szlig;
+sich auf ein Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt
+zur&uuml;ck. Es war ein Ausruhen in dieser Bewegung, und
+sie schien unwillk&uuml;rlich, gleichwohl gehorchte er damit dem
+Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das &uuml;berflammte
+Himmelsgew&ouml;lbe traf, seufzte er pl&ouml;tzlich, und ein
+<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Schauder der &Uuml;berraschung durchrieselte seinen K&ouml;rper. Es
+f&uuml;gt sich oft, da&szlig; ein Mensch erst vor einem zuf&auml;lligen
+Schauspiel, das seine zerst&uuml;ckte Aufmerksamkeit zur Sammlung
+zwingt, eines Weges, eines Willens, eines Traumes,
+ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender R&auml;tsel inne
+wird. Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht
+den Blick nach oben gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden
+Arm brauchen, um sich von der verworrenen
+F&uuml;lle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die Zeitgefangenen,
+die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte
+des Herrn, die Ewiggeplagten, die Erdm&auml;nner.</p>
+
+<p>Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete
+das Herz des Grafen. &raquo;Gott gr&uuml;&szlig; dich, Hans Kosmisch&laquo;,
+sagte er endlich. &raquo;Was f&uuml;r einem kuriosem Metier hast
+du dich da verschrieben! Sitzest Nacht f&uuml;r Nacht und beguckst
+den lebendigen Teppich. Mu&szlig; auf die Dauer ein
+wenig ennuyant sein, d&uuml;nkt mich.&laquo; Der alte Spott, durch
+Trauer glitzernd wie das L&auml;cheln eines Kranken, wenn der
+Arzt auf die Schwelle tritt.</p>
+
+<p>&raquo;Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,&laquo; versicherte Hans
+Kosmisch; &raquo;ist auch nicht gar so bequem. Das Begucken
+allein tuts nicht. Da hei&szlig;t es rechnen und aberrechnen,
+die Mathematik qu&auml;lt Euch um den Schlaf, die Zahlen
+tyrannisieren den Kopf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du hast Aare ges&auml;ttiget, w&auml;hrend ich in der M&uuml;hle
+die M&auml;gde k&uuml;&szlig;te, wie die Altvordern sagten,&laquo; murmelte
+der Graf gedankenvoll vor sich hin. &raquo;Und was ist das f&uuml;r
+ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du ihn
+zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln
+<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>im S&uuml;dmeer, oder f&auml;ngt man sie ein wie F&uuml;chse in
+der Falle? Zeig ihn mir, deinen Kometen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnt ihn mit blo&szlig;em Auge nicht gewahren,&laquo; entgegnete
+der Astronom mit seiner italienisch runden Stimme,
+&raquo;auch erscheint er erst zwischen zwei und drei Uhr nachts
+im Bild der Kassiopeia.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und so mu&szlig;t du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf
+ihren schl&auml;frigen Mann? Wenn das nicht Ennui hei&szlig;t,
+will ich Tr&uuml;bsal benannt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit
+zu Gesicht&laquo;, fuhr Hans Kosmisch mit unersch&uuml;tterlichem
+Lehrernst fort.</p>
+
+<p>&raquo;Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau
+wissen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es l&auml;&szlig;t sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch
+Willk&uuml;r scheint, l&auml;&szlig;t sich berechnen, und durch das Teleskop
+l&auml;&szlig;t sich vieles sehen, was in der Himmelsschw&auml;rze
+versunken ist.&laquo; Der Astronom wies auf das Fernrohr, und
+als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben
+f&uuml;r das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das
+Mondhorn, das gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines
+fernen Waldes tief gegen den Horizont sank. Der Graf
+schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Es blendet Euer Gnaden,&laquo; meinte Hans Kosmisch vers&ouml;hnlich,
+&raquo;doch Ihr werdet Euch bald gew&ouml;hnen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Graf schaute wieder ins Rohr. &raquo;Verteufelte Zauberei&laquo;,
+sagte er; &raquo;oder sind es wahrhaftige Berge, die ich
+da sehe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane,
+<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>eine gestorbene Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das
+Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht, die Schatten sind Sonnenschatten&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher get&auml;uscht?
+Und was ist das f&uuml;r ein dunkler Fleck, seitlich
+vom hellen, grau wie Katzenfell&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser
+Erdball wirft die umgrenzte Finsternis dorthin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es
+ist also keine leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe,
+mit ihren L&auml;ndern und Meeren und Fl&uuml;ssen und St&auml;dten
+und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so eine schwimmende
+Kugel wie die dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den
+kleinen, Euer Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier
+am Himmelsbogen funkelt, das ist jedes f&uuml;r
+sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und k&ouml;nntet Ihr auf
+einem von den Sternen weilen, so w&uuml;rden die andern und
+unser irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gespr&uuml;h
+euer Auge erg&ouml;tzen. Das geschliffene Glas da l&ouml;st euch den
+wei&szlig;en Strom der Milchstra&szlig;e zu Punkten auf, und jeder
+Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen Erden,
+und jeder h&auml;lt den andern im Raum, und alle fliehen
+durch den Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut
+empor, und zur selben Frist entstehen Welten und vergehen
+Welten, schwingen sich Monde um ihre Muttergestirne,
+st&uuml;rzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine
+Unendlichkeit, f&uuml;r die der Menschengeist keine Begriffe hat.
+Richtet Euer Augenmerk gn&auml;digst auf den gr&uuml;nlich funkelnden
+<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Stern zwei Hand breit von der Deichsel des Wagens.
+Dieses Sternes Licht braucht dreitausend Jahre, um
+zu Euch zu gelangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dreitausend Jahre&laquo;, wiederholte der Graf, fl&uuml;sternd
+wie ein Kind, dem es gruselt.</p>
+
+<p>&raquo;Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit
+etwas, das vor dreitausend Jahren war, und w&auml;ret Ihr
+imstande, hinaufzufliegen, so k&ouml;nntet Ihr, auf die Erde
+r&uuml;ckschauend, mit sonderlich begabtem Auge von Folge zu
+Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren
+dahier begeben hat.&laquo;</p>
+
+<p>Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. &raquo;Wenn
+dem so ist,&laquo; antwortete er stotternd, &raquo;wenn dem so ist, so kann
+ja nichts verborgen bleiben. Dann ist jedes meiner Worte
+und jede Tat, die ich getan, aufbewahrt. Ist es dann nicht
+ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein Jetzt? Dann wird
+ja alles so ungeheuer, dann mu&szlig; doch die Sch&ouml;pfung &auml;lter
+sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,&laquo; fiel Hans Kosmisch
+mit listig-mildem L&auml;cheln ein; &raquo;was Euch Religion
+und Bibel an Ma&szlig;en geben, sind Verk&uuml;rzungen symbolischer
+Art. Der Geist will die Seele nicht betr&uuml;gen, er macht
+sie nur den g&ouml;ttlichen Geheimnissen doppelt verschuldet.&laquo;</p>
+
+<p>Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben
+und blickte empor. &raquo;Das alles &uuml;ber mir ist Raum,&laquo; begann
+er wieder, und seine Greisenstimme klang ersch&uuml;ttert;
+&raquo;so gro&szlig;, so endlos frei und herrlich weit, da&szlig; die Zeit,
+die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein Name
+wie ein Gleichnis; und meine Qual und S&uuml;nde schrumpft
+<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>mir zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und
+Sommer unter den Millionen, und wie k&ouml;nnte der Herr
+&uuml;ber eine solche Gro&szlig;welt es fertig bringen, Gut und B&ouml;se
+kr&auml;merhaft zu w&auml;gen?&laquo;</p>
+
+<p>Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg
+lange Zeit. Pl&ouml;tzlich rollten ihm zwei gro&szlig;e Z&auml;hren &uuml;ber
+die verwitterten Backen, und er sagte dumpf und langsam
+vor sich hin: &raquo;Sie hatte kornblondes Haar und Augen wie
+das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war z&auml;rtlich.
+Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch
+weilen mag da oben im Raum, ich bin bei ihr, und was
+ich als Schuld gegen sie trage, bleibt Schuld. S&uuml;ndenschuld
+&#8211; Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans Kosmisch,&laquo;
+rief er auf einmal laut und schlug beide H&auml;nde vor die Brust,
+&raquo;wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem
+Herrn der Sterne wohlgef&auml;llig ist?&laquo;</p>
+
+<p>Hans Kosmisch senkte still den Kopf. F&uuml;r Gespr&auml;che so
+intimer Art fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen
+nur von fern, nur von einer n&auml;chtlichen Warte aus,
+und Gef&uuml;hle kundzugeben war ihm versagt seit den Pariser
+Zeiten. &raquo;Geleit mich hinunter aus deinem Sph&auml;renpalast,&laquo;
+fuhr Graf Erdmann fort, &raquo;und leuchte mir in die Kammer.
+Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne b&ouml;se
+Tr&auml;ume.&laquo;</p>
+
+<p>Der Graf verlie&szlig; wenige Tage sp&auml;ter Peterswalde und
+begab sich nach Osnabr&uuml;ck, wo er seines Zipperleins halber
+einen dort s&auml;ssigen bekannten Arzt zu Rate zog. Er war
+ein anderer Mann geworden, ein gef&uuml;giger, milder, heiterer,
+obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteri&ouml;ses
+<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>Werk besch&auml;ftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in
+sternenhellen N&auml;chten stieg er auf den Turm des M&uuml;nsters,
+den er seinen wunderbaren stummen Professor nannte. Nach
+einem halben Jahr, im tiefen Winter, kehrte er nach Peterswalde
+zur&uuml;ck und lebte da friedsam weiter, ganz und
+gar mit seinem mysteri&ouml;sen Werk besch&auml;ftigt. Sehr mit Grund
+ist bei alten Menschen der M&auml;rz als Todbringer verrufen.
+Eines Morgens im Mittm&auml;rz betrat Hans Kosmisch die
+Stube seines Herrn und fand ihn entseelt im Bette liegen.
+Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt zur Schau,
+war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.</p>
+
+<p>Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der
+die Kunst versteht, sondern von einem, der mit unbeholfener
+und doch sicherer Hand eine Traumvision festzuhalten
+bem&uuml;ht ist, &#8211; ein &uuml;ber alle Worte erhaben sch&ouml;nes
+Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit gro&szlig;en,
+reinen, unaussprechlich g&uuml;tigen Augen, aus denen die ergebenste
+Liebe quoll. Es fehlten nicht die Gr&uuml;bchen in den
+Wangen, die von weichem Haupthaar umflossen waren, und
+das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger Bart, der in
+einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild. Dieses
+&uuml;berirdisch g&ouml;ttliche Gesicht, das trotz des Bartes die
+genaueste &Auml;hnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gr&auml;fin
+Caroline, umrahmte &uuml;ber den Scheitel hinweg, an den
+Haaren herab und unter dem Bart sich schlie&szlig;end, ein
+Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies
+war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in
+der Weise punktierter Kupferstiche die Augenbrauen, die
+Aug&auml;pfel, die Stirne, die Lippen, der Bart und die Locken
+<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen und
+Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die
+Sonne und als winziger Goldpunkt die Erde. Es war als
+ob ein tr&auml;umender Mensch, irgendwo im Raume ruhend,
+das Weltall als Gesicht begriffen h&auml;tte und als ob Sonne,
+Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten
+und geheimnisvollen Einheit gelangt w&auml;ren. &Uuml;ber
+dem Bildnis aber prangten die triumphierenden Worte:</p>
+
+<p class="center"><em class="antiqua">Ad astra.</em></p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a></p>
+<h2><a name="Franziskas_Erzaehlung" id="Franziskas_Erzaehlung"></a><em class="gesperrt">Franziskas Erz&auml;hlung</em></h2>
+
+
+<p>Die Teilnahme, mit der die Freunde und F&uuml;rst Siegmund
+der Geschichte von dem wunderlichen Edelmann gelauscht,
+hatte sie nicht verhindert, die Erregung zu bemerken,
+von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien.
+Beim Verlesen des Briefes, den die Gr&auml;fin Caroline an
+eine Vertraute geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet,
+und unabl&auml;ssig hingen dann ihre Augen an den Lippen
+Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet, warf
+sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben
+der schlanken Gestalt verriet, da&szlig; sie mit bemitleidenswerter
+Anstrengung ihr Weinen zu ersticken suchte.</p>
+
+<p>Der F&uuml;rst ging zu ihr, setzte sich neben sie und fa&szlig;te
+ihre Hand. Er schwieg. Borsati aber sagte: &raquo;Kann Erdmann
+Promnitz deinen Schmerz l&ouml;sen, Franzi, warum sollten
+wir es nicht k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>F&uuml;rst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und
+bat, sie m&ouml;ge ihn anschauen. Sie sch&uuml;ttelte den Kopf.
+&raquo;Keiner unter uns w&uuml;nscht, da&szlig; du eine Wunde aufrei&szlig;en
+sollst,&laquo; sagte der F&uuml;rst g&uuml;tig und ruhig, &raquo;und mich selbst
+verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem
+warst. Ist es dir nicht m&ouml;glich zu vergessen, so d&uuml;nkt es
+mich doch gef&auml;hrlich, wenn dich fremde Geschicke immer
+wieder mahnend in die eigene Vergangenheit zerren, und
+deinen Freunden hier sind diese Tr&auml;nen vielleicht ein unverdienter
+Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder
+Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem
+<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>Lebensmenschen: es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht
+fromm. Es verengert das Herz.&laquo;</p>
+
+<p>Da kehrte sich Franziska um, lie&szlig; den Blick sinnend
+&uuml;ber alle schweifen, und mit blassem Gesicht antwortete
+sie: &raquo;Ihr sollt es wissen. Was mich an der Geschichte vom
+Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum erkl&auml;ren.
+Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen
+m&uuml;ssen, dergleichen ist ja h&auml;ufig, es best&auml;tigt nur die Erfahrungen
+und w&uuml;hlt nicht so unerwartet auf. Es ist etwas
+Anderes; es ist da eine Luft, ein Ton, eine Folge, etwas
+wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch kaum
+anzudeuten, etwas &uuml;ber die Wahrheit der Worte hinaus,
+etwas, was wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne!
+und dieser Tod! Und das Bildnis zuletzt! Auch ich habe
+von einem Bildnis zu erz&auml;hlen, von nichts anderem
+eigentlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie soll ich sprechen?&laquo; fuhr sie hastiger fort, betrachtete
+die aufmerksamen Gesichter der Freunde und lie&szlig;
+das Haupt auf die st&uuml;tzende Hand sinken, &raquo;wie soll ich das
+Unglaubliche schildern, euch, die ihr mich so gut kennt und
+doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals m&uuml;de; ja, in
+jeder Hinsicht m&uuml;de. Ich hielt nichts mehr von mir, mein
+K&ouml;rper war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein
+Dasein kam mir erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar
+einsam, und die Gleichg&uuml;ltigkeit, die einen erf&uuml;llt,
+wenn man stets getragen wurde und nie gegangen ist, war
+das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz, oder
+nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war,
+war ich zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir
+<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>gewu&szlig;t; ihr wart zu klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beil&auml;ufig.&laquo;</p>
+
+<p>Sie seufzte, und nach einer bedr&uuml;ckenden Pause begann
+sie die Ereignisse zu erz&auml;hlen, auf die sie in so ungew&ouml;hnlicher
+Weise vorbereitet hatte, die aber mit ihren eigenen
+Worten nicht gut wiedergegeben werden k&ouml;nnen, weil das
+Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Fa&szlig;lichkeit beeintr&auml;chtigen
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin,
+die acht oder neun Jahre zuvor vom Theater weg
+eine gl&auml;nzende aristokratische Heirat gemacht hatte und
+deren Mann im Ausland gestorben war. Die Zur&uuml;ckgekehrte
+w&uuml;nschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen
+Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in
+einem rondellartigen Raum einander gegen&uuml;ber sa&szlig;en, erblickte
+Franziska ein Portr&auml;t, von dem sie aufs Wunderbarste
+ber&uuml;hrt wurde. Sie konnte die Augen nicht von dem
+Gem&auml;lde losrei&szlig;en, und da bisher Bilder nie tiefer auf
+sie gewirkt hatten als etwa sch&ouml;ne Stoffe oder Teppiche
+oder Geschmeide, geriet sie selbst in Best&uuml;rzung &uuml;ber den
+Eindruck. Auch die Freundin erstaunte, als Franziska sie
+um die Erlaubnis bat, &ouml;fter hier sitzen zu d&uuml;rfen, um das
+Bild betrachten zu k&ouml;nnen. Franziska kam von da ab jeden
+Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann
+lie&szlig; sie sie h&auml;ufig allein. Sie war der Ansicht, da&szlig; eine
+tr&uuml;be Erinnerung oder ein k&uuml;rzlich erlittener Seelenschmerz
+Ursache des sonderbaren Benehmens sei, und vielleicht um
+Franziska auszuforschen, vielleicht um sie zu zerstreuen,
+teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter den
+<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen &uuml;ber die Pers&ouml;nlichkeit
+des Portr&auml;tierten gefunden; es sei ein schottischer
+Edelmann gewesen, der f&uuml;r den Gemahl einer von ihm
+hoffnungslos geliebten Dame sein Leben geopfert habe;
+dieser n&auml;mlich war wegen Rebellion gegen das k&ouml;nigliche
+Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau
+vor dem schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der
+Liebende des Nachts, eine Stunde vor der Exekution, Eingang
+in die Zelle verschafft, hatte die Kleider mit dem
+Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen, ohne da&szlig;
+weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.</p>
+
+<p>Dies Tats&auml;chliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend
+nicht nahe. Es war sogar, als h&auml;tte sie eine Abneigung
+dagegen. Zu wirklich war es und als Wirkliches
+zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder sieht
+noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unl&ouml;slich in das
+r&auml;tselhafte Weben ihrer Seele versenkt, da&szlig; es immer gegenw&auml;rtiger
+und wahrer wurde, je &ouml;fter sie es sah. Niemals
+kam ihr der furchtbare Gedanke, da&szlig; sie sich an ein
+Gespenst verliere, da&szlig; ihr Gem&uuml;t au&szlig;erhalb der Ordnung
+der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht
+zu deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewu&szlig;tsein von
+Folge war darin, &#8211; als ob der Schatten zur Gestalt werden
+oder sie selbst zu einem Schatten hindorren m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Er wurde zur Gestalt.</p>
+
+<p>Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten
+zur&uuml;cktrat, gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska
+eine Einladung erhielt. Obwohl sie seit Wochen solche
+Festlichkeiten zu besuchen vermieden hatte, folgte sie diesmal
+<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu erw&auml;gen.
+Als sie in den Salon getreten war, sah sie blo&szlig; ein einziges
+Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht
+wie auf dem Bild. Es war, sie zweifelte nicht daran,
+dasselbe wei&szlig;e, glatte, schmale, ruhige und vollkommene
+Antlitz mit Augen wie aus gr&uuml;nem Eis; es waren dieselben
+ver&auml;chtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es
+war dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende
+Glanz auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand,
+sogar mit demselben Smaragd am Finger.</p>
+
+<p>Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte
+einen Klumpfu&szlig;, und seltsam, gerade dieser K&ouml;rperfehler
+war es, der in ihr das Gef&uuml;hl der Identit&auml;t best&auml;rkte. So
+wird ja oft ein Gleichnis eben durch das Unerwartete
+zwingend. Manche der Anwesenden sp&uuml;rten die gewitterhafte
+Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese
+einander gegen&uuml;ber standen. Franziska hatte nat&uuml;rlich schon
+von Riccardo Troyer geh&ouml;rt, von seinem Reichtum, von
+seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine verf&uuml;hrerische
+Kraft in ihm, durch welche er Anh&auml;nger gewann
+fast wie ein Prophet und nicht wie ein Reisender
+und Fremdling von unbekannter Herkunft. All das bedeutete
+ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier empfunden.</p>
+
+<p>Ihre Sch&ouml;nheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie sp&uuml;rte es
+kaum. Sie sp&uuml;rte sich selbst nur als eine Hingerissene und
+von unwiderstehlicher Gewalt Umschlungene. Es verlangte
+sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und sie ersuchte die
+Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn f&uuml;r den folgenden
+Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich
+<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>in dem Rondell, und Franziska war begl&uuml;ckt, als sie wahrnahm,
+da&szlig; ihr Auge sie nicht im geringsten betrogen hatte.
+Besonders wenn er den Blick emporgeschlagen auf sie heftete,
+hatte sie M&uuml;he, den Lebendigen von seinem gemalten
+Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in h&ouml;chstem
+Ma&szlig;, da&szlig; weder die Baronin noch Riccardo Troyer die
+unheimliche &Auml;hnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg.</p>
+
+<p>Es war kein Zaudern in ihr, kein Zur&uuml;ckbeben. Sie vertraute
+ihm grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind.
+Sie ri&szlig; sich von allem los, was sie kettete, von Menschen
+und von Dingen. Nachdem es beschlossen war, da&szlig; sie mit
+ihm ins Ausland reisen w&uuml;rde, besuchte sie zum letzten Mal
+den F&uuml;rsten. Da&szlig; die Freunde sich bei Lamberg aufhielten,
+war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den
+Genossen ihrer fr&uuml;heren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff
+das Verbot nicht, aber sie f&uuml;gte sich; nur forderte
+und gab sie, in einer ersten tr&uuml;ben Ahnung, das Gel&ouml;bnis
+eines Zusammentreffens, und das Jahr, das sie als
+Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen Schicksalen
+zum voraus beschwert.</p>
+
+<p>In die Stadt zur&uuml;ckgekommen, l&ouml;ste sie ihren Haushalt
+auf. Was sie an Schmuck und barem Geld besa&szlig;, gab sie
+Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer mitnehmen, ein M&auml;dchen,
+das ihr seit langem sehr ergeben war, doch Riccardo
+engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin
+und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem
+Anla&szlig; &uuml;ber Franziskas Willf&auml;hrigkeit, ja, ihre unbedingte
+Hingebung machte ihn stutzig. Man ist fester an eine Sklavin
+gefesselt als an eine Geliebte. Sie zu ern&uuml;chtern, fand er
+<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er &Uuml;bung darin besa&szlig;,
+Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen.
+Er war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher,
+kein Falschspieler; sein Betr&uuml;gertum war von h&ouml;herer
+Schule. Seit zwanzig Jahren zog er als Rattenf&auml;nger durch
+die St&auml;dte. Er hatte seine Agenten, seine Herolde, seine bezahlten
+Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und Kupplerinnen
+von den untersten bis in die obersten Schichten der
+Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend
+wie die eines Mannes der gro&szlig;en Politik, und
+meisterhaft war seine Geschicklichkeit, sie einerseits auszun&uuml;tzen,
+andererseits zu verbergen. Er war fein und verschlagen,
+seine Menschenkenntnis war das Resultat der
+Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen
+Literaten. Er bet&ouml;rte durch eine vornehme und hintergr&uuml;ndige
+Schweigsamkeit, durch blendende Einf&auml;lle, durch eine
+edelgehaltene Melancholie. Was er trieb, war Raub, Pl&uuml;nderung,
+Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn
+der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph
+des Gesetzes anwendbar war, da sie das Opfer in
+eine Schuldige und den Verbrecher beinahe in einen Helden
+verwandelte. Sein Metier forderte von ihm nichts, als da&szlig;
+er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner f&uuml;nfzig Jahre
+wie ein Mann von drei&szlig;ig aus, ja bisweilen wie ein J&uuml;ngling,
+der in st&uuml;rmischen Erlebnissen gereift ist.</p>
+
+<p>Franziska wu&szlig;te nichts von seinen Gesch&auml;ften und Unternehmungen,
+nichts von seinem Charakter, nichts von seinem
+Leben, nicht, woher er stammte. Der, den sie liebte,
+war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Gesch&ouml;pf. An
+<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung
+und &uuml;bersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte
+einer Fata morgana des Herzens. Die Lust jedes Herzens
+ist Aufschwung. Einmal in jedem Dasein erreicht das Herz
+seinen Gipfel. Ihres, von gleichm&auml;&szlig;igen Freuden eingeschl&auml;fert,
+war auf nat&uuml;rlichem Wege nicht in die Sph&auml;re
+der gro&szlig;en Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es
+der geknebelte D&auml;mon, rasch ehe der Tod der Jugend ihn
+ohnm&auml;chtig werden lie&szlig;, durch Bezauberung getan. Der
+Sturz war gr&auml;&szlig;lich.</p>
+
+<p>Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren,
+da&szlig; keine seiner K&uuml;nste ihm irgend welchen Vorschub bei
+ihr geleistet hatte, zerbrach sich den Kopf &uuml;ber die Gr&uuml;nde
+ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war es so leicht
+gewesen zu t&auml;uschen, desto leichter stets, die Kom&ouml;die zu
+enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun
+Hilflose preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres
+Jagdrevier zu suchen. Mit Franziska lag der Fall
+umgekehrt. Sie betrachtete ihn manchmal mit Blicken, als
+ob sie sich an einen wende, der hinter ihm stand. Unwillk&uuml;rlich
+suchte er, unwillk&uuml;rlich schaute er zur&uuml;ck, in die
+Luft. Es war das Merkw&uuml;rdigste und Aufr&uuml;ttelndste, was
+ihm je begegnet war. Franziska f&uuml;hlte, da&szlig; ihn sein Gleichmut
+verlie&szlig;. Der Nebel vor ihren Augen zerstreute sich,
+es kam ein qu&auml;lendes Besinnen und Verwundern: bin ich
+es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit beklagenswerter
+Hartn&auml;ckigkeit &uuml;berredete sie sich, da&szlig; ein Irrtum
+unm&ouml;glich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie
+einer sicheren Verhei&szlig;ung; es wurde heller, gl&uuml;hender,
+<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>wirkender in der Erinnerung, sie klammerte sich daran als
+an den letzten Halt, die letzte Gew&auml;hr, und keine List, keine
+Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das Geheimnis
+entrei&szlig;en.</p>
+
+<p>Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld,
+die sie ihm entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre
+Verschlossenheit nicht. Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten
+Augen weckten in ihm das b&ouml;se Gewissen. Um jeden
+Preis wollte er erfahren, was es damit f&uuml;r eine Bewandnis
+hatte. Auch ihre K&ouml;rper- und Atemn&auml;he beruhigte ihn
+nicht, auch die lie&szlig; ihn sp&uuml;ren, da&szlig; er nur Gef&auml;&szlig; war,
+nur H&uuml;lle, Phantom. Der Betr&uuml;ger f&uuml;hlte sich betrogen,
+der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er sie von seiner
+Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich war,
+bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen
+hing. Schaudernd sah Franziska, da&szlig; er in diesem Bestreben
+tiefer sank als er zu sinken w&auml;hnte, unter sich selbst
+hinab, da&szlig; sie es war, die ihn dazu trieb, und ihre Verzweiflung
+war namenlos. Er wurde roh; er wurde p&ouml;belhaft.
+Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel
+war es, als sie ihren Entschlu&szlig; kundgab, sich von
+ihm zu trennen. Seine gr&uuml;nen Augen erloschen f&uuml;r einen
+Moment. Es ist gut, antwortete er und ging. Am selben
+Abend teilte er ihr mit, da&szlig; ihn ein Telegramm nach Turin
+gerufen habe, sie m&ouml;ge die Ausf&uuml;hrung ihres Vorsatzes
+bis zu seiner R&uuml;ckkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit
+ohnehin benommen, willigte Franziska ein. Riccardo
+&uuml;bergab ihr eine Kassette zur Aufbewahrung, die mit
+den herrlichsten Diamanten gef&uuml;llt war. Als er nach drei
+<a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er m&ouml;ge sie von den
+Juwelen befreien, deren Beh&uuml;tung ihr dr&uuml;ckend sei. Da
+sie es forderte, begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte
+den Schrank auf und griff nach der Kassette. Die Sinne
+vergingen ihr; das K&auml;stchen war so leicht, da&szlig; sie sofort
+wu&szlig;te, es war seines Inhalts beraubt. Was war das?
+was war geschehen? wie war es m&ouml;glich? sie hatte die
+Wohnung nicht verlassen. An allen Gliedern zitternd &uuml;berreichte
+sie ihm die Kassette. Riccardo blickte sie mit gro&szlig;en,
+starren Augen an, deren Brauen immer h&ouml;her wurden.
+Er pr&uuml;fte das Schlo&szlig; und die Scharniere, er zog ein Schl&uuml;sselchen
+aus der Tasche und &ouml;ffnete den Ebenholzdeckel;
+die Diamanten waren verschwunden. Franziska pre&szlig;te die
+H&auml;nde vor die Brust und lehnte sich wortlos gegen die
+Wand. Indessen begab sich Riccardo leise pfeifend ins
+andere Zimmer. Als sie ihm folgte, sa&szlig; er wie vernichtet
+in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf
+und packte ihren Arm. &raquo;Man mu&szlig; die Polizei benachrichtigen&laquo;,
+stammelte sie. Er lachte ihr ins Gesicht. Seine
+Augen durchbohrten sie. &raquo;H&auml;ltst du mich f&uuml;r gewillt, meinen
+Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?&laquo; fragte er
+h&ouml;hnisch; und wenn ich mich dazu entschlie&szlig;en k&ouml;nnte,
+denkst du, da&szlig; der Ruf in die &Ouml;ffentlichkeit mir zu meinem
+Gut verh&auml;lfe? Gibt es einen Weg, so bin ich Manns
+genug, ihn zu finden. Immerhin steht die Sache so&laquo;, fuhr
+er kalt fort, &raquo;da&szlig; der Wert der gestohlenen Edelsteine
+den Wert deines mir anvertrauten Verm&ouml;gens um das
+Zehnfache &uuml;bersteigt; es handelt sich um eine Millionensumme.
+Ich bin ruiniert. Wundere dich also nicht, wenn
+<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>ich dir erkl&auml;re, da&szlig; du mir mit deiner Person haftest, und
+so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze
+sind.&laquo; Franziska h&ouml;rte den zerschmetternden Verdacht
+aus diesen Worten; sie entgegnete nichts; die Erstarrung
+ihres Herzens verhinderte sie am Weinen. Ehe der Tag
+zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur
+Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an
+Bord eines Schiffes, das nach Marseille fuhr.</p>
+
+<p>Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem
+Haus au&szlig;erhalb der Stadt, in dem es bei Tage friedlich
+herging, aber in der Nacht kamen Herren aus der Stadt
+und blieben bis zum Morgengrauen beim Gl&uuml;cksspiel. Riccardo
+mu&szlig;te Anla&szlig; haben, sich zu verbergen, denn er &uuml;berschritt
+wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne
+emporstieg, sa&szlig; er allein und &uuml;berz&auml;hlte gleichm&uuml;tig seinen
+Gewinnst. Oft vernahm Franziska in ihrem Gemach heiser
+streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens zu
+mindern, w&uuml;hlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag
+ein junger Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der
+Gartenmauer, und sie sah, wie seine Genossen ihn zu einem
+Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein andermal
+hinkte Riccardo zur T&uuml;r herein und befahl ihr, da&szlig; sie
+sich seinen Freunden als Wirtin pr&auml;sentiere. Sie weigerte
+sich. Er ri&szlig; sie mit teuflischer Kraft vom Lager herunter
+und hob den Arm gegen sie. Sie l&auml;chelte todess&uuml;chtig vor
+sich hin. In diesem Augenblick war die Erkenntnis, da&szlig;
+die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals empfunden,
+sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer
+als alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr.
+<a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>Sie tat ein prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem
+Gesicht hinunter. Ihr Anblick machte die W&uuml;stlinge
+stutzig. Madame ist krank, hie&szlig; es, und Riccardo raste, als
+sich alle G&auml;ste nach und nach entfernten. Aus Rache f&uuml;hrte
+er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien
+des Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu
+sein er sie zwang. Eines Nachts verlie&szlig;en sie fluchtartig
+diese H&ouml;lle und wandten sich nach Paris. Er schleppte sie
+in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mu&szlig;te mit Menschen
+sprechen, deren blo&szlig;e N&auml;he sie mit Grauen erf&uuml;llte. Er
+wu&szlig;te, da&szlig; er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie
+in den Abgrund des Daseins hinuntersto&szlig;en. Er ha&szlig;te sie,
+weil er sich nicht von ihr l&ouml;sen konnte. Er geno&szlig; ihre
+Schw&auml;che. Er weidete sich an ihrem Adel, wenn sie neben
+einer Dirne sa&szlig;. Er liebte es, wenn sie bittend die H&auml;nde
+faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, ma&szlig; er
+ihr auch die ganze Schuld daran bei. &raquo;Du bist wie eine,
+die in finsterer Kammer ihren Anbeter erwartet hat und
+dem, der kommt, &uuml;berschw&auml;ngliche Wonne spendet; sage
+mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufh&ouml;ren,
+mich und dich zu qu&auml;len; sag mir, wen du erwartet
+hast, und ich gehe meiner Wege, denn es wurmt mich
+schon, da&szlig; du mich so nackt gemacht hast.&laquo; So redete er
+zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner Existenz
+verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer erniedrigen
+zu m&uuml;ssen. Was h&auml;tte sie tun sollen, um ihre unw&uuml;rdige
+und furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit
+erschien ihr wie einem Verbrecher die makellose Jugend
+erscheint. Sie war eines Entschlusses nicht mehr f&auml;hig.
+<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat. Vieler
+Menschen Geschick wird von ihrem b&ouml;sen D&auml;mon nur gestreift;
+einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit
+oder Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem
+Nachtmar ihrer Seele; sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet
+und ganz in seiner Gewalt.</p>
+
+<p>Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten
+das Auge leuchtete, das sie verlockt, das Antlitz, das sie
+begl&uuml;ckt. Gab sie das Geheimnis preis, so war sie selbst
+leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine verschwunden
+waren, so war jenes besudelt und wurde zur L&uuml;ge. Es
+geschah aber, da&szlig; sie im Schlummer davon sprach. Riccardo
+erlauschte es. Mysteri&ouml;se Eifersucht tobte in seiner
+Brust. Es war als wollte er sie auseinanderrei&szlig;en, um
+es zu erfahren. Nacht f&uuml;r Nacht weckte er sie aus dem
+Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese
+Zeit nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa
+an der bretonischen K&uuml;ste, in der N&auml;he einer Hafenstadt.
+Und einmal fuhr er mit ihr in einem Boot auf dem Meer;
+es kam ein Sturm, sie wurden abgetrieben, sie schienen
+verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren H&auml;uptern,
+der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins
+Boot gezogen, seine durchn&auml;&szlig;ten Haare hingen &uuml;ber das
+Gesicht und schweigend heftete er den Blick auf Franziska.
+Den Tod vor Augen, dumpf und willenlos, sagte
+sie: &raquo;Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe, bevor
+ich dich selber sah; wenn du es sehen k&ouml;nntest, w&uuml;rdest
+du alles begreifen, mein Leben und vielleicht auch
+deines, und diese Stunde, und was bis zu dieser Stunde
+<a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>geschehen ist.&laquo; Und mit kurzen Worten berichtete sie noch,
+wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er hatte sich
+dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das
+Br&uuml;llen der Wogen nicht ihre Stimme verschl&auml;nge. Er
+sch&uuml;ttelte den Kopf und lachte sp&ouml;ttisch, dann griff er
+wieder zu dem Ruder und arbeitete mit Riesenkraft; sie
+wurden eines Fischerbootes ansichtig, n&auml;herten sich ihm
+langsam, die Fischer warfen ein Seil her&uuml;ber, und nach
+uns&auml;glichen Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen.</p>
+
+<p>Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische
+Dienerin sagte, er sei abgereist. Franziska freute sich
+des Friedens nicht. Sie wandelte ohne Rast durch die
+Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer.
+Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und
+die Riccardo zu sprechen w&uuml;nschten. Er hatte keine Auftr&auml;ge
+gegeben. Die Dienerin, der Koch und der G&auml;rtner
+verlie&szlig;en das Haus, denn Riccardo hatte ihnen gek&uuml;ndigt
+und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska
+war allein. Der Eigent&uuml;mer der Villa schrieb ihr,
+da&szlig; sie das Haus nach Verlauf von drei Tagen r&auml;umen
+m&uuml;sse. Sie wartete, aber sie wu&szlig;te nicht worauf. Am letzten
+Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt.
+Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und
+verfiel in schwerm&uuml;tige Gedanken. Sie hatte eine Kerze
+vor sich hingestellt, die brannte langsam nieder und verlosch
+mit leisem Zischen. Der Schlag der Wellen schallte
+durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am Himmel.
+Sie entschlummerte. Sie war m&uuml;de. Seit vielen N&auml;chten
+hatte sie des Schlafes entbehrt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den
+Riccardo genommen. Die Neugier, die ihn trieb, hatte
+etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis geeilt. Er
+wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet
+ging er hin; sie sah ihn feilschen, h&ouml;rte ihn l&uuml;gen; man
+war froh, f&uuml;r das obskure Gem&auml;lde einen nennenswerten
+Preis zu erhalten, man wunderte sich &uuml;ber die Laune des
+H&auml;ndlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel und
+daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er gr&uuml;belte,
+wie er f&ouml;rmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie
+sich seine Neugier in Spott verwandelte, und wie er hin&uuml;bergrinste
+zum andern Pol der Welt, ins Auge des gro&szlig;en
+Liebenden, er, der gro&szlig;e Dieb, den eine Verirrte um
+das eigene Ich bestohlen hatte.</p>
+
+<p>Jetzt aber &ouml;ffnete sich die T&uuml;r, und er trat ein. Trug
+er nicht das Gem&auml;lde? Stellte es auf das Tischchen und
+lehnte den Rahmen an die Mauer? Er z&uuml;ndete eine Lampe
+an. Sein totenbleiches Gesicht war triumphierend &uuml;ber sie
+geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand umtastete sie,
+sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah es,
+wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren h&auml;&szlig;licher
+Sorgen und allerlei Art von Angst und gemeiner
+Beflissenheit. Eine Kruste von Anmut und Geist, dahinter
+T&auml;uschung, Betrug und L&uuml;ge; eine Grimasse von Leidenschaft;
+die reine Form zerst&ouml;rt, von niedrigen Gel&uuml;sten,
+wie verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis
+zu einer Tiefe, in der noch Schmerz um das verlorene
+G&ouml;ttliche lag, kein Zug &auml;hnlich jenem Bilde, fremd, erbarmungsw&uuml;rdig
+fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches
+<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>Erstaunen wich einem Gef&uuml;hl der Freiheit, das so lange
+umkrampfte Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel
+von den Gelenken, sie besa&szlig; sich wieder, sie pre&szlig;te die Stirn
+in die H&auml;nde und konnte weinen. Und er blieb stumm
+wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen braucht
+und der einen unab&auml;nderlichen Weg geht.</p>
+
+<p>Es war kein Schlaf; sie h&ouml;rte das hohle Aufsto&szlig;en
+seines Klumpfu&szlig;es, als er sich entfernte, und sp&auml;ter rollten
+drau&szlig;en die R&auml;der eines Wagens. Sie kauerte auf
+dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gel&ouml;sten
+Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider &ouml;ffnend, erblickte
+sie einen leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer
+lehnte, und auf dem Boden das zerfetzte Portr&auml;t des
+schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier Teile, legte sie
+zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es
+war Leinwand, mit &Ouml;lfarbe bemalt. Es glich einem Kleid,
+das einst von einem geliebten Toten getragen worden war.</p>
+
+<p>Ein Bauer brachte ihr Gep&auml;ck zum Bahnhof. Sie hatte
+noch so viel Geld, um in die Schweiz reisen zu k&ouml;nnen.
+Ein einziges Schmuckst&uuml;ck von gr&ouml;&szlig;erem Wert war ihr geblieben,
+ein Ring; diesen ver&auml;u&szlig;erte sie in Genf, und lebte
+zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und
+damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie
+sich der Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen
+aus einem Abgrund der Vergessenheit Gestalten aus
+einer fr&uuml;heren Existenz empor. Die Mittel zur Reise gewann
+sie durch den Verkauf einiger Toiletten.</p>
+
+<p>Und so war sie gekommen.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a></p>
+<h2><a name="Aurora" id="Aurora"></a><em class="gesperrt">Aurora</em></h2>
+
+
+<p>Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuh&ouml;rern
+w&uuml;nschte das Licht einer Lampe. Von den unteren
+R&auml;umen herauf, &#8211; sie befanden sich in einem Zimmer des
+ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach stie&szlig;,
+&#8211; schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte
+Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe
+zu gebieten, da trat er schon herein und wollte sprechen.
+&raquo;Der Affe&laquo;, war sein monomanisch erstes Wort, aber Lamberg
+unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen. Er
+machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und
+der Blendung ihrer Augen durch die j&auml;he Helle fiel den
+Freunden das verlegene und unruhige Gehaben des Mannes
+auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und leisetreterisch,
+wie es seine Art war, denn er trieb die R&uuml;cksicht bis an
+die Grenze der Untugend, verlie&szlig; er das Zimmer.</p>
+
+<p>F&uuml;rst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt
+wanderte er einige Male auf und ab; seine sonst etwas
+schlaffen Z&uuml;ge hatten einen gespannteren Ausdruck, die Augen
+unter den l&auml;ssig schweren Lidern funkelten bisweilen
+hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas leidenschaftlich
+Verhaltenes dr&uuml;ckte sich auch in seinen H&auml;nden aus, die
+auf dem R&uuml;cken lagen, und deren Finger nerv&ouml;s und fest
+ineinander verflochten waren. Borsati sa&szlig; ganz in sich geduckt
+auf seinem Stuhl. Die Teilnahme auf seiner Miene
+hatte etwas R&uuml;hrendes, weil kindlich Befangenes; er geh&ouml;rte
+zu jenen Naturen, denen das Mitleid f&uuml;r eine ihnen
+teure Person unbehaglich, fast dem&uuml;tigend ist, und die daher
+<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in
+Zorn, in Emp&ouml;rung gegen die Welt umsetzen. Eine solche
+Verwandlung war hier gehemmt durch das Gef&uuml;hl eines
+kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das
+von Wi&szlig;begier entfacht war. Denn was bedeuteten die
+Worte, die Ereignisse? was erkl&auml;rten sie? eines h&ouml;chstens:
+da&szlig; die M&ouml;glichkeiten des menschlichen Herzens ohne
+Grenzen seien. Und diese Franziska, die aus den kleinen
+Umst&auml;nden eines kleinen B&uuml;rgerhauses mutig und heiter
+ihren vergn&uuml;glichen Gang in die Welt angetreten hatte, die
+zu genie&szlig;en und zu vergessen wu&szlig;te, weil Genu&szlig; ihr Element
+und der befl&uuml;gelte Wechsel, dessen anderer Name
+Treulosigkeit hei&szlig;t, ihre Kraft war, diese Frau hatte
+im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels verbluten
+m&uuml;ssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt?
+was so in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben
+allein? Leben und Liebe? Todesgewi&szlig;heit?</p>
+
+<p>Von &auml;hnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg
+bewegt, dessen Gesicht eine ruhige und stolze W&uuml;rde nie
+entbehrte, wo es sich darum handelte, Schicksal und Menschheit
+vom einsamen Beobachterposten aus aneinander zu
+messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar
+abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine
+Dichtung vernommen. Das Geschehene war so weit, Schmerz
+nur eine Kunde, die Hingeschleuderte ergreifende Figur,
+Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie sch&ouml;n
+zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche
+Gesetz zu verehren, und Wege zu schauen, auf denen
+die Duldenden und die Geopferten schritten, und andere
+<a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>Wege, wo die Priester und die Richter gingen! Sein besch&auml;ftigter
+Blick streifte mehrmals das Gesicht Hadwigers,
+der die Hand an der Stirn, die Lippen gepre&szlig;t, sehr bleich
+und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und
+sich selbst entzogen war, und immer wieder kehrte er dann
+den Blick ein wenig erschrocken zur Erde. Franziska mochte
+nicht mehr l&auml;nger unter dem Druck des Schweigens bleiben.
+Sie richtete sich empor, und wie sie pl&ouml;tzlich zu l&auml;cheln
+imstande war, erinnerte daran, da&szlig; sie eine Schauspielerin
+gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und
+k&uuml;&szlig;te ihr die Hand. Sie blickte ihn pr&uuml;fend an und sch&uuml;ttelte
+den Kopf, halb verwundert, halb dankbar. &raquo;Jetzt, wo
+ich mich so sicher unter euch f&uuml;hle&laquo;, sagte sie, &raquo;wo jeder
+Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas so Menschliches,
+kommt es mir vor, als h&auml;tt ich das Jahr garnicht
+wirklich gelebt; ich sp&uuml;r es blo&szlig;, denken kann ichs nicht,
+freilich, glauben mu&szlig; ich es. Aber wir wollen nicht dar&uuml;ber
+sprechen&laquo;, fuhr sie lebhafter fort, &raquo;ihr habt es hingenommen,
+und nun la&szlig;t es wegziehen wie eine Wolke.&laquo;</p>
+
+<p>Die Freunde erwiderten nichts. F&uuml;rst Siegmund nickte,
+atmete tief auf, vermied es aber, Franziska anzuschauen.
+Diese wandte den Blick gegen Hadwiger, und ihre Stimme
+hatte einen bittenden Klang, als sie sagte: &raquo;Heinrich, du
+wei&szlig;t wohl nicht mehr, da&szlig; du mir einen Lohn schuldig
+geworden bist?&laquo;</p>
+
+<p>Hadwiger zuckte zusammen. &raquo;Was f&uuml;r einen Lohn?&laquo;
+stie&szlig; er kurz und heiser hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?&laquo; entgegnete
+sie mit erzwungener Leichtigkeit im Ton.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a>&raquo;Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr&laquo;,
+murmelte Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck
+auf das Anredewort legte.</p>
+
+<p>&raquo;Und doch bist du die Einl&ouml;sung uns allen schuldig,&laquo;
+beharrte Franziska, &raquo;denn du hast viel geschwiegen, w&auml;hrend
+wir uns verschwenderisch mitgeteilt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur
+verstecken wollen,&laquo; gab Hadwiger unruhig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefa&szlig;t
+werden&laquo;, nahm Cajetan Partei, &raquo;aber in jeder Gesellschaft
+und Geselligkeit errichtet der Schweigende gewisse Schranken,
+auch genie&szlig;t er dadurch, da&szlig; er sich niemals blo&szlig;stellt,
+einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht und Courtoisie
+&uuml;berlassen werden mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, so kritisch hab&#8217; ich mir meine Situation nicht vorgestellt&laquo;,
+erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug.
+&raquo;Ich begreife &uuml;berhaupt nicht, wie ihr auf den Verdacht
+kommt, da&szlig; ich etwas zu erz&auml;hlen haben k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt windet er sich schon&laquo;, bemerkte Borsati l&auml;chelnd,
+&raquo;gebt acht, da&szlig; er nicht entschl&uuml;pft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals
+sprichst, noch gesprochen hast, das wei&szlig; ich, Heinrich&laquo;, sagte
+Franziska sanft. &raquo;Du hast es oft angedeutet, und wider
+Willen, scheint mir. Wir verlangen ja nicht ein Abenteuer,
+nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine Enth&uuml;llung.
+Wir, oder wenigstens ich, ich m&ouml;chte wissen, was es ist,
+wor&uuml;ber du so stumm bist, da&szlig; es f&ouml;rmlich aus dir schreit.
+Sieh, wer wei&szlig;, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen
+beieinander sind. Mir kommt vor, heute ist ein
+<a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a>Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich nur, du sprichst
+zu Freunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe nicht, da&szlig; Sie mich von dieser Bezeichnung
+ausschlie&szlig;en&laquo;, wandte sich der F&uuml;rst an Hadwiger; &raquo;als
+fl&uuml;chtiger Gast habe ich allerdings keine Rechte, nicht einmal
+das Recht zu bitten, aber ich w&uuml;rde es zu sch&auml;tzen
+verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht beengend
+oder st&ouml;rend erschiene.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Davon kann sicher nicht die Rede sein, F&uuml;rst&laquo;, sagte
+Lamberg, und etwas sp&ouml;ttisch f&uuml;gte er hinzu: &raquo;er wird
+umworben wie der gro&szlig;e Medizinmann; w&auml;re er nicht er
+selbst, er m&uuml;&szlig;te eifers&uuml;chtig werden.&laquo;</p>
+
+<p>Franziska, die den Augenblick nicht g&uuml;nstig fand f&uuml;r
+Neckereien, sch&uuml;ttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen
+den Kopf gegen ihn, und Lamberg verbeugte sich l&auml;chelnd,
+zum Beweis, da&szlig; er sie verstanden habe. Hadwiger bemerkte
+das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die
+Enge getrieben, k&auml;mpfte er noch. W&auml;hrend er die Lehne
+des Sessels mit beiden H&auml;nden umfa&szlig;t hielt, irrte sein Auge
+scheu, und die Muskeln seiner Wangen zuckten. Die alte
+Wanduhr schlug siebenmal mit kr&auml;ftigen Schl&auml;gen. Er
+wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an.</p>
+
+<p>&raquo;Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte
+einer Nacht; freilich einer Nacht, die l&auml;nger als
+drei Monate dauerte. Was vorher geschah, kann ich nicht
+&uuml;bergehen, auch von meiner Jugend mu&szlig; ich einiges berichten.</p>
+
+<p>Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zur&uuml;ckdenke,
+scheint es mir, als ob die Luft, die ich als Kind atmete,
+<a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>immer schwarz gewesen w&auml;re. Wir waren neun Geschwister;
+sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine Mutter
+&uuml;berlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich
+eine zweite Frau, die ihm und uns die H&ouml;lle hei&szlig; machte.
+Mein Vater war ein Mittelding zwischen einem Spekulanten
+und einem Fantasten; je nach seinen Projekten
+wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer Blick
+der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger
+standhalten konnte, litten wir gro&szlig;e Not. Bei einem
+Streik der Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer
+zu wirken und zu vermitteln suchte, geriet er in
+ein Handgemenge und wurde von einem Schlag so ungl&uuml;cklich
+getroffen, da&szlig; er nicht mehr aufkam. Ich hatte einen
+Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich
+sah, da&szlig; ich in der Heimat wenig F&ouml;rderung erwarten
+konnte, und ich beschlo&szlig;, nach England zu gehen, ein Vorhaben,
+das unersch&uuml;tterlich war, obwohl ich nicht einmal
+die Mittel zur &Uuml;berfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete
+ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupl&auml;ne,
+war Austr&auml;ger bei einer Zeitung und Gehilfe bei einem
+Photographen und legte Pfennig um Pfennig beiseite, bis
+ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise brauchte.
+Auch eine notd&uuml;rftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir
+angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos
+in London herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte
+mir eine Empfehlung mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut;
+sie war mir von keinem Nutzen.</p>
+
+<p>Die Jugend mu&szlig; ihren besonderen Gott haben, anders
+l&auml;&szlig;t es sich nicht erkl&auml;ren, da&szlig; ich damals nicht versunken
+<a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>bin. Aber es ist nicht entschieden, ob uns &uuml;berstandene
+Not und Entbehrungen frommen. Manche behaupten, es
+sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so w&auml;re der Abend
+zu kurz f&uuml;r den Bericht, auch str&auml;ubt sich vieles gegen das
+Wort. Ich sehe mich in nebligen Gassen; ich bin m&uuml;de
+und habe kein Bett. Mit verschlagener Freundlichkeit redet
+mich ein halbw&uuml;chsiger Bursche an; er f&uuml;hrt mich zu einem
+Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine M&uuml;nze,
+und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein &uuml;belriechendes
+Stiegenhaus in eine noch &uuml;bler riechende Kammer;
+dort sind f&uuml;nf oder sechs Lagerst&auml;tten und mehr als ein
+Dutzend Burschen und M&auml;dchen, darunter auch Kinder.
+Ich h&ouml;re nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich falle
+auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir
+im Schlaf das Bewu&szlig;tsein. Ich bin in eine Diebsherberge
+geraten. Die f&uuml;nf Schillinge, die ich noch in der Tasche
+gehabt, sind am Morgen fort. Ich sehe mich in einem Hof
+n&auml;chtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in einem
+Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel
+versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger
+Stoffe eine Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer
+feuchten Wand und mu&szlig; die Gesellschaft eines delirierenden
+Mulatten und eines prahlenden Kr&uuml;ppels aus S&uuml;dafrika
+ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf;
+sein Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm&#8217; ich
+im Halbschlaf ein Schluchzen; ich finde in der K&uuml;che ein
+junges M&auml;dchen. Sie liegt auf dem Strohsack und weint
+sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus Deutschland
+her&uuml;bergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante
+<a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>versprochen hat. Ich f&uuml;hre sie beim Tagesgrauen
+aus dem Haus. Sie nennt mir die Adresse einer Verwandten,
+die in Whitechapel wohnt, und von der sie daheim als
+von einer respektablen Person geh&ouml;rt hat. Es erweist sich,
+da&szlig; sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist,
+von denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Sch&uuml;tzling
+hat eine frische, h&uuml;bsche Stimme; man will ihr ein Asyl
+gew&auml;hren, wenn sie aufzutreten und Lieder zu singen bereit
+ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll, werde T&uuml;rsteher
+bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang
+defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an
+mir vor&uuml;ber, meine Augen sind voll von den Grimassen
+des lachenden Elends, meine Ohren voll von herzt&ouml;tendem
+L&auml;rm, und die s&uuml;&szlig;lichen Parf&uuml;ms des Lasters, die ich einatmen
+mu&szlig;, machen mich nach starken Spirituosen bed&uuml;rftig.
+Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche
+M&auml;dchen, das ich hergef&uuml;hrt, verwelken und verkommen sehe.</p>
+
+<p>La&szlig;t mich nicht sagen, wo ich dann &uuml;berall gewesen bin,
+um welch hohen Preis ich den j&auml;mmerlichen Bissen Brot
+erworben habe. Denk ich an die T&uuml;ren, vor denen ich gestanden,
+die Stuben, in denen ich gewohnt, die Betten, in
+denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft gl&uuml;cklich eingesargt
+in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter
+war; denk ich daran, aus welchen H&auml;nden ich Lohn empfing,
+an die verzweifelte Plage, an die M&uuml;digkeit, an das
+hoffnungslose Hinflie&szlig;en der vielen Tage, an den nervenzerr&uuml;ttenden
+Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die
+Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit,
+deren Opfer der Stumme wird, gegen die eigene
+<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>Schw&auml;che, die nicht so sehr Unverm&ouml;gen ist als Fesselung
+und der Mangel rettender Zuf&auml;lle; denk ich daran, da&szlig; ich
+z&auml;hneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten Parks
+gelehnt, die Finger um die St&auml;be geklammert wie ein Tier
+im K&auml;fig tut, da&szlig; endlich Ha&szlig;, unsagbarer Ha&szlig; in mir
+aufwuchs und meine zwanzig Jahre gleich einem Aussatz
+zerst&ouml;rte, &#8211; denk ich wieder daran, so will ich kaum glauben,
+da&szlig; ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich, der
+hier sitzt und es als etwas Fernes schildert.</p>
+
+<p>Ja, ich ha&szlig;te die Menschen mit einem aus Nihilismus
+und Furcht gemischten Gef&uuml;hl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen,
+ihre Eile, ihr Wetteifer, ihre rasenden Gel&uuml;ste,
+&#8211; sie erdr&uuml;ckten mich. Mir schien, da&szlig; alle vorhandenen
+Wege besetzt seien und da&szlig; ich keinen Weg mehr
+finden k&ouml;nne. Es war mir, als ob f&uuml;r mich kein Platz in
+der Welt sei und als ob mich die F&uuml;lle der Dinge sozusagen
+bei lebendigem Leib begraben h&auml;tte. Ich hatte keinen
+Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders ausdr&uuml;cken,
+und so war ich nur unter dem Gesetz der Tr&auml;gheit nach
+einer bestimmten Richtung hin t&auml;tig. Und nicht nur die
+Menschen ha&szlig;te ich, sondern auch all ihre Einrichtungen,
+das Zwangvolle und mich Erdrosselnde der gesellschaftlichen
+Ordnung, den Staat, die Kirche, die Schule, die Zeitungen,
+sogar die B&uuml;cher. Dies klingt entsetzlich genug, es weiter
+auszumalen, w&auml;re vom &Uuml;bel, meine Bahn schien unab&auml;nderlich
+zur Tiefe zu f&uuml;hren, ich war ein verlorener Mensch,
+und was noch an Kraft und nat&uuml;rlichem Temperament in
+mir steckte, das faulte gleichsam ab, verpestet von dem Anhauch
+meiner unterirdischen Existenz.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war
+mir damals gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf
+zu n&auml;hern; ich hatte die Stelle eines zweiten Maschinisten
+auf einem der kleinen Themse-Dampfer. Der Dienst
+verhinderte mich, w&auml;hrend des Tages das Licht der Oberwelt
+zu sehen, und den Abend wie den gr&ouml;&szlig;ten Teil der
+Nacht verbrachte ich in einer Taverne bei den East-India-Docks.
+Ich hatte um jene Zeit einen jungen Russen kennen
+gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war Rachotinsky.
+Er war Arzt gewesen und hatte f&uuml;nf Jahre in der
+Verbannung am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der
+Schl&uuml;sselburg gestorben, zwei Schwestern und ein Bruder
+hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein Gem&uuml;t war
+d&uuml;ster; sein Geist war von einer Rachsucht erf&uuml;llt, deren
+&Uuml;berma&szlig; ihn l&auml;hmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff.
+Ich wu&szlig;te nichts von seinen Pl&auml;nen, er war trotz
+aller Beredsamkeit verschwiegen; h&auml;tte er mich zu einer
+Tat aufgefordert, ich h&auml;tte mich ohne Besinnen geopfert.
+In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er h&auml;ufig mit
+einigen seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander
+russisch sprachen, merkte ich an ihren Mienen, da&szlig;
+sie nicht leeres Stroh, sondern volle &Auml;hren droschen. Eines
+Abends geschah es, da&szlig; einer der russischen Fl&uuml;chtlinge
+mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Sch&ouml;nheit in
+dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein gl&uuml;hender
+K&ouml;rper durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche
+Mischung von bleich und schwarz, von Hoheit und Verzweiflung,
+von Kraft und atemlosem Gehetztsein hatte ich
+noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die Frau als
+<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen,
+was eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gef&auml;hrtin
+der Helden, die Opferfrohe, die ihr Blut vergie&szlig;t f&uuml;r eine
+Idee, von der wu&szlig;te ich nichts. Es fiel mir auf, da&szlig; das
+herrliche Gesch&ouml;pf tastend in den Raum trat. Wir erfuhren,
+da&szlig; sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet
+worden. Sie hatte einen der t&uuml;ckischen Machthaber
+und Bedr&uuml;cker ihres Vaterlands durch einen Revolverschu&szlig;
+get&ouml;tet. Im Gef&auml;ngnis hatte man sie mi&szlig;handelt,
+ein betrunkener Offizier hatte sie zu sch&auml;nden versucht und
+ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert,
+da&szlig; er sie durch zwei seiner Kreaturen des Augenlichts
+berauben lie&szlig;. Das Verbrechen wurde in der kleinen Gouvermentsstadt
+ruchbar, eine allgemeine Revolte brach aus,
+ergebene Freunde befreiten das junge M&auml;dchen, und es
+gelang, sie &uuml;ber die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden
+war sie in England angekommen, aber die Polizei war
+ihr auf den Versen, die russische Regierung forderte sie
+unter der Behauptung zur&uuml;ck, ihre Tat entbehre des politischen
+Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht
+gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchst&uuml;cken;
+die Russen waren h&ouml;chst erregt, und w&auml;hrend sie Natalie
+Fedorowna wie eine Schutzgarde umgaben, zeigten ihre
+Mienen &auml;u&szlig;erste Entschlossenheit. Rachotinsky, indem er
+auf einige verd&auml;chtige Gestalten hinwies, gebot ihnen Stillschweigen,
+jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares.
+In einem verr&auml;ucherten Winkel der Taverne sa&szlig;en
+zwei M&auml;nner, die durch ihr Aussehen und ihre Mienen
+meine Aufmerksamkeit schon l&auml;ngst erweckt hatten. Ihre
+<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben
+unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten,
+die man hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas
+an ihnen, der Blick vielleicht, oder eine Geste und nicht
+zuletzt ein edler und geistiger Ausdruck der Z&uuml;ge verk&uuml;ndeten
+Menschen aus einer fremden Welt. Und so war es
+auch. Der eine von den beiden M&auml;nnern begab sich in den
+Kreis um Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in
+franz&ouml;sischer Sprache an. Ein tiefes Befremden und im
+Verfolg des Zwiegespr&auml;chs eine tiefe &Uuml;berraschung malten
+sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine Leidensgenossen;
+diese verhielten sich gegen seine Worte stumm
+und sahen zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die H&auml;nde
+und lie&szlig; den Kopf sinken. In diesem Augenblick erschien
+mir ihre Sch&ouml;nheit so hinrei&szlig;end, ihr Leiden so &uuml;ber alles
+Ma&szlig; ersch&uuml;tternd, da&szlig; ich mein Herz aufquellen f&uuml;hlte,
+ja das Herz tat mir weh wie ein Geschw&uuml;r. Ich sprang
+empor, ich trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine
+Empfindungen m&uuml;ssen derart gewesen sein, da&szlig; sie keinem
+verborgen bleiben konnten, denn ich bemerkte viel Wohlwollen
+in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky legte
+den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden
+weiter. Indessen hatte sich auch der Genosse dieses
+Unbekannten zu der Gruppe begeben, und als ich den
+n&auml;her ansah, gewahrte ich sofort, da&szlig; sein Anzug nur eine
+Verkleidung war, und da&szlig; durch diese H&uuml;lle der Armut
+eine angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare
+All&uuml;ren des Mannes von Stand nicht verdeckt werden
+konnten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>Ich will ohne Umschweife berichten, was &uuml;ber diese
+beiden M&auml;nner zu sagen ist, die in meinem Leben eine so
+wichtige Rolle spielten. Sir Allan Mirmell und sein Freund
+Trevanion waren Leute von gro&szlig;em Reichtum und aus alten
+Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen
+Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltm&auml;nnisch,
+sie war von sublimer Art. Man findet ein so
+sensitives und zugleich erleuchtetes, so umfassendes und
+zugleich befl&uuml;geltes Wesen des Geistes fast nur bei jungen
+Engl&auml;ndern von Rang, als ob in dieser Nation, die als
+Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen
+und so bar der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erw&auml;hlten
+einen umso bewunderungswerteren Schwung nehmen
+k&ouml;nnten. Allan Mirmell, in der Mitte der Drei&szlig;ig
+stehend, war um zw&ouml;lf Jahre &auml;lter als Trevanion. Er war
+durch das Leben gest&uuml;rmt mit einer Begier, die nichts
+verschm&auml;hte, nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen
+geschwelgt, zu denen das Gold, der Wille
+und die Passion f&uuml;hren. Er hatte verschwendet, Mut verschwendet,
+Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet.
+Er hatte alle die &Uuml;beltaten begangen, die der Leichtsinn,
+die Gedanken- und Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit
+und innere Anarchie zu begehen verm&ouml;gen. Ihm
+war kein Gl&uuml;ck fremd; auch kein Laster; kein Frieden
+heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er
+pl&ouml;tzlich m&uuml;de geworden. Aus der M&uuml;digkeit ward Ekel; ein
+Ekel, den zu beschreiben ich kaum wage; der das Himmelreich
+bespie und in der Menschenwelt eine Kloake sah; der nat&uuml;rliche
+Bande mit Hohn zerri&szlig;, urspr&uuml;ngliche Gef&uuml;hle
+<a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>mit K&auml;lte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was
+brennen wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom
+Tag und die Nacht suchte, die Einsamkeit und das Grauen.
+In dieser Gem&uuml;tsverfassung hatte er den jungen Trevanion
+gefunden; ungl&uuml;ckselige F&uuml;gung, die den Freund am Freund
+zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe &auml;therisch.
+Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war
+eine Herzogin gewesen. Er hatte in einer d&uuml;nnen Luft gelebt,
+ohne Windsto&szlig;. F&auml;hig, jede Krankheit aufzunehmen,
+den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt, denn seine Seele
+war ein leeres Gef&auml;&szlig;, das auf den Tr&auml;ger wartete, war
+er f&uuml;r Mirmell nur der geleitende Schatten und das r&uuml;hrende
+Echo aller Anklagen und Verdammungen.</p>
+
+<p>Seltsam wie diese beiden von der H&ouml;he des Daseins
+kamen, zu uns herunter, die in &auml;hnlichem Trotz, in &auml;hnlichem
+Schmerz, in &auml;hnlichem Ha&szlig;, wenn schon aus anderer
+Ursache, gefangen waren. Dort &Uuml;berflu&szlig; und &Uuml;berdru&szlig;,
+hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts;
+die Endpunkte der sozialen Welt. Sensationskitzel und
+Lust an der Selbsterniedrigung treiben diese reichen und
+satten jungen Leute h&auml;ufig zu den Schaupl&auml;tzen des Lasters
+und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in
+den Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, da&szlig; sie in
+vielen F&auml;llen ihr Leben riskieren, wenn sie nicht Meister
+in der Verkleidung und &auml;u&szlig;eren Verwandlung sind. Aber
+nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch einen Besuch
+in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells
+Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er
+hatte Nachforschungen anstellen lassen, hatte sp&auml;ter auch
+<a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>von ihm gelesen. N&auml;chtelang beobachtete er ihn und seine
+Gef&auml;hrten. Der Anblick dieser Erniedrigten und Ausgesto&szlig;enen,
+von denen Jeder Freiheit, Verm&ouml;gen, Lebensgenu&szlig;
+und Zukunft f&uuml;r eine Idee hingegeben hatte, war ihm
+Vorwurf und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie
+Fedorownas, die durch ihr Wesen wie durch die Aufnahme,
+die sie fand, alles Geschehene erraten lie&szlig;, bewog
+ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das
+Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende M&auml;dchen
+in seinem Haus aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen
+w&uuml;rde, sie zu suchen. Rachotinsky und seine Freunde &uuml;berlegten
+den Vorschlag, der unter der Bedingung akzeptiert
+wurde, da&szlig; Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten
+und zun&auml;chst bei ihr bleiben solle.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur
+schlecht unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord
+Natalie Fedorownas zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky
+hatte mich zwei oder dreimal nach dem Landhaus
+Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die
+Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck
+auf mich; ich gewahrte nur sie; Tag und Nacht
+war sie mein einziger Gedanke. Einer der Russen sagte,
+da&szlig; der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky
+gestand mir, da&szlig; Trevanions Stimme einen unheilvollen
+Zauber auf sie ge&uuml;bt habe, ihr alles Vergangene, ihren
+Kummer, ihre Besudelung, ihre Blindheit qu&auml;lend zu Bewu&szlig;tsein
+gebracht. Aber was eigentlich vorgegangen war,
+habe ich nicht erfahren k&ouml;nnen. Sicher ist nur, da&szlig; nach
+der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im
+<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>Hause Mirmells bekannt und da&szlig; dadurch seine gesellschaftliche
+Situation unhaltbar wurde. Auf mich wirkte Natalie
+Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen Dienst auf
+und lie&szlig; mich treiben wie ein St&uuml;ck Holz im Wasser.
+Eines Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich,
+ob ich au&szlig;er Landes gehen wolle. Mirmell, Trevanion
+und er seien entschlossen, der Kulturwelt den R&uuml;cken zu
+kehren; wenn ich Lust h&auml;tte, meinem entw&uuml;rdigenden Dasein
+zu entfliehen, brauche er nur mein Jawort. &raquo;Fr&uuml;her
+gingen die Weltm&uuml;den in ein Kloster&laquo;, sagte er, &raquo;wir
+wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die Natur selbst
+ein Bollwerk gegen den zerst&ouml;renden, frechen und l&auml;rmenden
+Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod
+erleben, im Tode leben und das Leben erkennen, Gott
+aufbauen in unserer Seele und nie mehr nach den Menschen
+Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd
+sein, unser Vorsatz unverbr&uuml;chlicher als das Gel&uuml;bde an
+einem Altar. Ich werbe dich f&uuml;r unsern Bund, dies Recht
+habe ich mir ausbedungen, und ich sehe nichts, was dich
+sonst retten k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem
+Verhungern nahe, er&ouml;ffneten mir diese Worte, deren mysteri&ouml;sen
+Sinn ich zun&auml;chst wenig beachtete, doch die M&ouml;glichkeit
+zu existieren. Mirmells Schiff, eine stattliche Yacht,
+lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fu&szlig; dorthin.
+Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet
+hatte, f&uuml;hrte mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser
+begr&uuml;&szlig;te mich schweigend und bemerkte dann gegen Rachotinsky,
+er m&ouml;ge Sorge tragen, da&szlig; ich an nichts Mangel
+<a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a>leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker,
+und es begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir
+unbekannt war. Von der Seekrankheit verschont, wurde
+ich in anderer Art krank, und ich wei&szlig; heute noch nicht,
+unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen litt.
+Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich geno&szlig;. Es
+kommt ja vor, da&szlig; Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch
+abgearbeitet haben, pl&ouml;tzlich sterben, wenn M&uuml;he
+und Sorgen aufh&ouml;ren. Ich lag und schaute in die Luft.
+Hin und wieder sp&uuml;rte ich, da&szlig; ich weinte. Oft sa&szlig;en Rachotinsky
+und Mirmell neben mir, sei es nun, da&szlig; ich
+auf Deck in der Sonne gebettet war oder bei schlechtem
+Wetter im Raum. Kraft seines mystischen und durchdringenden
+Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten Einflu&szlig;
+&uuml;ber Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der interessantesten
+M&auml;nnergesichter, die ich je gesehen. Seine
+Z&uuml;ge waren hager und von &auml;u&szlig;erster Feinheit; seine Haut
+war glatt und wei&szlig; wie Email; das Kinn stark, die Lippen
+d&uuml;nn wie ausgepre&szlig;te Fr&uuml;chte; die allzuklaren Augen begegneten
+nie dem anschauenden Blick, obwohl sie nicht zur
+Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf.
+Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten.
+Er war immer in seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky
+trieb mit ihm geologische Studien aus B&uuml;chern und
+Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes, das wir an
+Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am
+Kompa&szlig;h&auml;uschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine
+Knabengestalt ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell
+konnte ich mich ohne eine knechtische Regung n&auml;hern, und
+<a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a>dieses &Uuml;berbleibsel meiner proletarischen Vergangenheit
+schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame Leiden erweckten
+kameradschaftliche Empfindungen.</p>
+
+<p>Wir waren durch die Tropenmeere und durch den s&uuml;dlichen
+Teil des atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich,
+lange westlich, dann wieder s&uuml;dw&auml;rts. Wir liefen die
+am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel an,
+aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten,
+wurde durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn
+Mirmell und Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit
+zu fliehen. Wir suchten die Nimrod-Insel, deren Existenz
+jedoch heute noch nicht sichergestellt ist, und als dies erfolglos
+war, steuerten wir in das Ro&szlig;-Meer. Eisberge
+schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das
+Meer von Packeis bedeckt. Es &ouml;ffneten sich schmale Stra&szlig;en,
+in denen der Dampfer freie Fahrt hatte. Wir &uuml;berquerten
+den f&uuml;nfundsiebzigsten Grad und sahen bald
+auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der
+Antarktis. Ich war um jene Zeit wieder gesund geworden.
+Ich wurde nicht m&uuml;de, diese neue Welt zu betrachten; der
+immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es war Mitte
+Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging
+nicht unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren,
+und der Kapit&auml;n und der erste Maat wagten es, auf die
+Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff, das f&uuml;r solche
+Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell
+blieb ihren Vorstellungen gegen&uuml;ber taub. Es war in
+ihm ein Ingrimm und eine Lethargie, die alle praktischen
+Ma&szlig;regeln mi&szlig;achteten. Er glich dem Ritter der alten Sage,
+<a class="page" name="Page_309" id="Page_309" title="309"></a>der sich stumm und trotzig zur H&ouml;llenfahrt anschickt. Da&szlig;
+er unbewu&szlig;t dem hypnotisierenden Einflu&szlig; Rachotinskys
+unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein
+Blick schien zu triumphieren, wenn er die Entfernung ma&szlig;,
+die ihn von allem trennte, was ihn ehedem gefesselt hatte.
+Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte an seine Worte:
+wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott
+aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang
+lie&szlig; mich schaudern, und mein Gem&uuml;t fing an, dem entgegenzustreben.</p>
+
+<p>Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste
+Eis halt gebot, und warteten, da wir der K&uuml;ste n&auml;her zu
+kommen hofften. Am zweiten Tag sprengte der Sturm die
+gefrorene See, und wir fuhren nahe an die K&uuml;ste heran.
+Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und
+suchten einen Platz f&uuml;r den Bau einer H&uuml;tte und eines
+Vorratshauses. Es erwies sich, da&szlig; das Schiff mit allen
+Bed&uuml;rfnissen f&uuml;r einen jahrelangen Aufenthalt in unzug&auml;nglicher
+Eis&ouml;de befrachtet war. Unter vielen M&uuml;hseligkeiten
+transportierten die Matrosen Balken und Bretter
+an den Strand; darnach die Betten, die Tische, die St&uuml;hle,
+die B&uuml;cher, die Kleidungsst&uuml;cke, die Hunderte von Kohlens&auml;cken,
+die zahllosen Proviantkisten mit Konserven, Fr&uuml;chten,
+Tee, Salz, Mehl, Gl&auml;sern und Flaschen. Als die h&ouml;lzernen
+Geb&auml;ude standen und gegen die schwersten St&uuml;rme durch
+Steinbl&ouml;cke und Drahtseile befestigt waren, bat der Kapit&auml;n
+des Schiffes Sir Allan um eine Unterredung. Der wackere
+Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte warnen zu m&uuml;ssen;
+ohne nach den Gr&uuml;nden unseres Vorhabens zu forschen
+<a class="page" name="Page_310" id="Page_310" title="310"></a>die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er
+beredt die Schrecken einer &Uuml;berwinterung. Es handle sich
+nicht um eine &Uuml;berwinterung, antwortete Mirmell schroff;
+er erteile ihm den Auftrag, nicht fr&uuml;her als nach Verlauf
+von f&uuml;nf Jahren wieder an diese K&uuml;ste zu kommen, um sich
+zu &uuml;berzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der
+Kapit&auml;n war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte
+diesen Entschlu&szlig; noch einmal vor der ganzen Mannschaft
+und verpflichtete sie allesamt zum Stillschweigen; so
+lange keine Kunde in die Welt drang, sollten Kapit&auml;n und
+Schiffsvolk die L&ouml;hnung weiter beziehen, im andern Fall
+hatte der Verm&ouml;gensverwalter Sir Allans die genaue Weisung,
+sie zu entlassen. In der zweiten Woche nach unserer
+Ankunft waren alle Arbeiten beendigt, und das Schiff verlie&szlig;
+uns. Wir standen am Rand des Eises und blickten
+ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und
+seine Dampfs&auml;ule sich mit den Wolken vermischt hatte.</p>
+
+<p>Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gef&uuml;hl des Unerwarteten
+in mir erloschen; alles das h&ouml;rte auf, Verwunderung
+in mir zu erzeugen; die Gegenwart b&auml;ndigte mich,
+das Unentrinnliche umschlang mich wie ein sichtbarer Kreis;
+es galt zu k&auml;mpfen, sich zu wehren, sich zu verantworten,
+zu leben. Unm&ouml;glich kann ich schildern, was in mir vorging,
+diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung
+gegen das Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen
+Zustand; ich mu&szlig; mich damit begn&uuml;gen, die folgenden
+Ereignisse zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch
+Forschungen die &Uuml;berzeugung gewonnen, da&szlig; auf dem
+<a class="page" name="Page_311" id="Page_311" title="311"></a>Kontinent der Antarktis ausgebreitete Kohlenlager vorhanden
+seien, und er hatte die etwas fantastische Absicht,
+diese noch verborgenen Reicht&uuml;mer aufzufinden und sie f&uuml;r
+die ungl&uuml;cklichen, bedr&uuml;ckten S&ouml;hne seines Vaterlands nutzbar
+zu machen. T&auml;glich unternahm er, mit seinem H&auml;mmerchen
+versehen, lange Wanderungen und brachte allerlei
+Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die Gefangenschaft
+in den sibirischen Ein&ouml;den nur mit Aufbietung
+seiner ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der
+freiwillig gew&auml;hlten Abgeschiedenheit und vollkommenen Losl&ouml;sung
+von der menschlichen Gesellschaft auf eine wunderbare
+Weise ergl&uuml;ht, und ich fragte mich umsonst, was es
+wohl sein m&ouml;ge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken
+erschimmern lie&szlig;. Eindringlich widerriet er mir, mich dem
+M&uuml;&szlig;iggang hinzugeben, und in der Tat war jede unausgef&uuml;llte
+Stunde ersch&ouml;pfend f&uuml;r K&ouml;rper und Geist. Jeder
+hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufw&auml;rter war, f&uuml;r
+das Feuer sorgen und die H&uuml;tte rein erhalten mu&szlig;te. Ich
+begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten,
+und Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenv&ouml;gel,
+diese gravit&auml;tischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen
+Wesen innerhalb der gebundenen Ordnung ihres
+Brutstaates. Wie sie uns mi&szlig;billigen, wie sie uns mit
+dem breiten wei&szlig;en Rand um ihre Augen, der einer Brille
+glich, ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit
+gr&ouml;blichen Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten
+mit zeremoni&ouml;ser Ehrfurcht gegeneinander verneigten,
+ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen pflogen! Sie
+glichen den verzauberten Gesch&ouml;pfen in einem M&auml;rchen so
+<a class="page" name="Page_312" id="Page_312" title="312"></a>sehr, da&szlig; sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz
+von Verwandlung gaben, etwas von Bann und Schuld
+und Harren auf Erl&ouml;sung. Nicht selten schlo&szlig; ich mich
+auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen, Diatomeen,
+Polypen und Schw&auml;mme aus dem Meerwasser fischte,
+oder in die kleinen vereisten Binnenseen Bohrl&ouml;cher grub,
+oder Wolken und Felsen zeichnete oder mit der Spirituslampe
+in die stalaktitischen Eish&ouml;hlen hinabstieg. Noch lieber
+wanderte ich allein &uuml;ber Schnee und Eis und schaute zum
+bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand,
+und &uuml;ber die bleiche wei&szlig;e Erde. Die dauernde Helle
+stumpfte das Zeitgef&uuml;hl ab und man ging wie in der Ewigkeit,
+die auch keinen Wechsel von Tag und Nacht hat.
+Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer,
+und die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen
+den Ozean schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen
+zu bev&ouml;lkern, und diese gedehnten Laute klangen wie das
+St&ouml;hnen eines Tieres in den Wehen der Geburt. Fern
+&uuml;ber mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich
+wie ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund;
+die N&auml;he der m&uuml;tterlichen Weltenglut, der sch&ouml;pferischen
+Erdflamme lie&szlig; mich bisweilen vergessen, da&szlig; ich ein
+wollender und m&uuml;ssender Mensch war. Ich erblickte den
+mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen
+langen Eisbarre, die gr&uuml;n schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte,
+und im S&uuml;den, gegen das Ende der Welt, sah
+ich viele Berggipfel, zahllose Kuppeln, die jungfr&auml;ulichen
+Br&uuml;sten glichen, bedeckt von dem blauen, durchsichtigen
+Schleier der Atmosph&auml;re. Die klarsten, zartesten und st&auml;rksten
+<a class="page" name="Page_313" id="Page_313" title="313"></a>Gedanken stiegen empor wie selbst&auml;ndige Gesch&ouml;pfe; Natur
+h&ouml;rte auf, ein Wort zu sein, h&ouml;rte auf, das Andere zu
+sein; sie sprach nicht, sie gab nicht, sie beh&uuml;tete nicht, sie
+handelte nicht, sie <em class="gesperrt">war</em> blo&szlig;.</p>
+
+<p>In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um
+unser gefrorenes Reich; auch an dem Steigen der K&auml;ltegrade
+merkten wir, da&szlig; es Winter wurde. Es kam die
+Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden Horizont
+ber&uuml;hrte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten
+in der Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild
+&uuml;bereinander geworfener Purpurt&uuml;cher. Das ganze Schneegefild
+hinter uns ward zum Spektrum, das in Billionen
+Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft gl&uuml;hten die seltenen
+Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden,
+und wir standen vor der H&uuml;tte, frierend bis ins Mark,
+und warteten, bis die letzten Protuberanzen der Sonne erloschen
+waren, &#8211; und damit alles Leben. Es wurde Nacht.
+Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte schon &Uuml;bles,
+als, da ich Licht anz&uuml;ndete, Trevanion unabl&auml;ssig in die
+Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich
+nie vergessen werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und
+seelenvoller Besorgnis.</p>
+
+<p>Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich
+darf sagen, da&szlig; wir einander lieb gewonnen hatten. Wir
+verstanden und achteten einander. Es wurde &uuml;ber vieles lebhaft
+und gut gesprochen, und ich verdanke dieser Zeit die
+reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und
+Aufschl&uuml;sse. Tag um Tag, Stunde f&uuml;r Stunde mit denselben
+Menschen dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein
+<a class="page" name="Page_314" id="Page_314" title="314"></a>aller Lebens&auml;u&szlig;erungen, Beobachter jedes Schweigens und
+jeder Geberde, das hei&szlig;t einander kennen lernen. Und
+schlie&szlig;lich kannten wir einander so genau, da&szlig; wir die
+Worte h&ouml;rten, ehe sie gesagt wurden, da&szlig; wir auf dem
+noch unbewegten Gesicht die Stelle angeben konnten, wo
+ein L&auml;cheln, eine Erinnerung, ein Unbehagen die stereotypen
+Falten einkerben mu&szlig;ten, ja, da&szlig; wir die Verschiedenheit
+in der Biegung und L&auml;nge einzelner Wimpernhaare
+gewahrten, und h&auml;ufig richtete man w&auml;hrend eines Gespr&auml;chs
+das Augenmerk gespannter auf gewisse Eigent&uuml;mlichkeiten
+der Miene und Geste als auf Frage und Antwort. Jeder
+war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen und
+&Uuml;berraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam
+in stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die gro&szlig;e
+Nacht einbrach, herrschte oft ein bedrohliches Schweigen
+unter uns, aber wir konnten die verwundeten Nerven durch
+T&auml;tigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt unm&ouml;glich.
+Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte,
+konnte man drau&szlig;en nicht weilen, und wenn der Schneesturm
+w&uuml;tete, war man in Gefahr zu ersticken, ehe man
+sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte. Wir waren
+also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die
+dauernde Dunkelheit verd&uuml;sterte das Gem&uuml;t nachhaltig.
+Das matt schwelende Licht in unserm Wohnraum ward
+zu einem best&auml;ndigen Druck auf das Auge und das Gehirn.
+Die K&auml;lte war so f&uuml;rchterlich, da&szlig; wir trotz unabl&auml;ssigen
+Heizens die Temperatur der H&uuml;tte nicht &uuml;ber drei
+Grad Reaumur brachten. Unsere Ausd&uuml;nstungen und die
+D&auml;mpfe der Speisen hatten sich an den W&auml;nden als Eisverkleidung
+<a class="page" name="Page_315" id="Page_315" title="315"></a>niedergeschlagen, und das oben erw&auml;rmte Eis,
+das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der infolgedessen
+ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken
+nicht unter dem Anprall des Orkans &auml;chzten und klapperten
+und die auf das Dach geschleuderten kleinen Steine
+qu&auml;lend und eint&ouml;nig klopften, versetzte uns die Stille der
+Natur in einen Zustand, da&szlig; wir h&auml;tten schreien m&ouml;gen,
+um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den
+Ohren, sie lie&szlig; den eignen Herzschlag wie den L&auml;rm aus
+einer Maschinenhalle erscheinen, sie br&uuml;llte aus der Finsternis,
+sie verscheuchte den Schlaf und verursachte angstvolle
+Einbildungen des Geh&ouml;rs. Ich vermute, da&szlig; wir nur aus
+Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollst&auml;ndig
+sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anl&auml;ssen b&ouml;swillig
+in die Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften,
+da hob Allan Mirmell grimmig die Faust gegen mich,
+Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief mit verschlungenen
+H&auml;nden und gefletschten Z&auml;hnen auf und ab. Und
+aus welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht dar&uuml;ber
+einigen k&ouml;nnen, ob der Kapit&auml;n von Mirmells Schiff
+blaue oder graue Augen besa&szlig;. Wir konnten den Klang
+unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst zitterte bei
+der gleichg&uuml;ltigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno
+begann erst, als eines Abends, &#8211; es gab Abende, die
+letzten bleiernen Stunden verwachter Nacht-Tage, &#8211; als
+eines Abends Trevanion, der lesend am Tische sa&szlig;, ein
+wei&szlig;es Tuch &uuml;ber sein Gesicht h&auml;ngte. Unser Anblick erregte
+ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche
+Empfindung. Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten,
+<a class="page" name="Page_316" id="Page_316" title="316"></a>einander zu zerfleischen. T&auml;glich um dieselbe Zeit derselbe
+Vorgang in gesteigerter Abscheulichkeit! In einer solchen
+Stunde wurde Trevanion von Grauen &uuml;berw&auml;ltigt, er h&uuml;llte
+Kopf und Rumpf in den Pelz und st&uuml;rzte hinaus. Mich
+erfa&szlig;te Besorgnis um ihn und nachdem ich die n&ouml;tige
+Schutzkleidung ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische
+Spur vor der H&uuml;tte zeigte, da&szlig; er gegen den Gletscher hinaufgegangen
+war. &Uuml;ber dem Schnee lag eine schwache gr&uuml;nliche
+Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die K&auml;lte fra&szlig;
+wie ein Brand.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen
+von Licht bewegten sich von S&uuml;dost nach S&uuml;dwest und
+schienen unabl&auml;ssig neue Lichtst&auml;rken von S&uuml;dost zu holen.
+Sie warfen blendende Strahlen zur Erde, und die Farben
+wechselten von wei&szlig; zu gr&uuml;n und gelb. Ich sp&uuml;rte nichts
+mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Ph&auml;nomen
+gab mir ein Gef&uuml;hl des Schwebens. Da erblickte
+ich Trevanion. Er schaute regungslos in das gl&uuml;hende
+Firmament. Mich &uuml;berrieselte es eigen, als ich den entgeisterten
+Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete
+meine N&auml;he mehr als da&szlig; er mich sah; er streckte den
+Arm gegen das S&uuml;dlicht und fragte fl&uuml;sternd, ob ich die
+Gestalt gewahre. Was f&uuml;r eine Gestalt? fl&uuml;sterte ich zur&uuml;ck.
+Mit ungest&uuml;mer Geberde deutete er. Ich folgte der
+Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er pre&szlig;te die
+H&auml;nde zusammen und dr&uuml;ckte sie auf seine Brust. Natalie,
+hauchte er, Natalie ist es. Wieder &uuml;berlief es mich.
+Wir standen auf dem Kirchhof der Welt, und er sah
+die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und
+<a class="page" name="Page_317" id="Page_317" title="317"></a>flehentlichen Stimme nannte er unaufh&ouml;rlich den Namen
+Natalies. Der Gletscher begann im Schein der Aurora r&ouml;tlich
+zu leuchten. Und nun war es mir selbst, als erblickte
+ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog mich nur hin.
+In ihrem K&ouml;rper rann durchsichtiges Blut. Aus dem bl&auml;ulichen
+Gewand erhoben sich m&auml;dchenhafte Schultern. Ihre
+H&auml;nde, obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der
+Abwehr. Ihr Antlitz enth&uuml;llte sich nur allm&auml;hlich wie ein
+Stern aus Nebeln. Die Z&uuml;ge waren leidend, aber voll von
+einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir k&ouml;nnen sie nicht erreichen,
+sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat,
+schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm
+zieht auf, dr&auml;ngte ich ihn und wies auf einen wei&szlig;lichen
+Dunst, der im S&uuml;den lag und sich mit unheimlicher
+Schnelligkeit ausbreitete.</p>
+
+<p>Man mag die &uuml;bernat&uuml;rlichen Kr&auml;fte skeptisch beurteilen;
+Man leugne oder erkl&auml;re sie; sicher ist, da&szlig; jeder Organismus
+unter bestimmten Voraussetzungen ihrer Einwirkung
+unterliegt und dann gleich einem K&ouml;rper, der seinen
+Schwerpunkt verloren hat, der gewohnten Bahnen spottet.
+Wir hatten die Gemeinschaft der Menschen aufgek&uuml;ndigt,
+des Anrechts auf Liebe uns begeben; wir hatten nicht bedacht,
+da&szlig; dort, auch wenn sich das Geschick in Bitterkeit
+und Ha&szlig; erf&uuml;llt, dennoch ein Strom schwebender M&ouml;glichkeiten
+den Einzelnen umgibt, M&ouml;glichkeiten der Liebe,
+und da&szlig; magnetische Ber&uuml;hrungen seine Seele ungewu&szlig;t
+mit dunkler Zuversicht n&auml;hren. Hier aber schuf ein tiefer
+Wille in uns das Ph&auml;nomen der Liebe aus dem Nichts;
+die Verzweiflung gebar ein Schemen, das &uuml;ber uns Gericht
+<a class="page" name="Page_318" id="Page_318" title="318"></a>hielt, die beleidigte Menschheit nahm Rache. Mirmell
+und Rachotinsky waren verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig n&uuml;chterne
+Charaktere, und gerade sie wurden von der Frauengestalt
+im Feuerschein der Aurora australis am unwiderstehlichsten
+gepackt, denn sie sahen, was Trevanion und ich gesehen
+hatten, es brauchte kaum einen Hinweis, ihr Geist war
+vorbereitet, ihre Fantasie durch peinigende W&uuml;nsche, W&uuml;nsche
+des Schlafs, des Traums und des dumpfen Wachens,
+W&uuml;nsche, wie sie nur der kasteite Leib hegen kann, l&auml;ngst
+entschlossen, das Unfa&szlig;liche zu ergreifen. Es war ein erotischer
+Wahnsinn, der uns hintrieb. Mit Grauen gestehe
+ich, da&szlig; wir eifers&uuml;chtig aufeinander waren. Bei den folgenden
+Malen entfaltete sich der Glanz der Aurora immer
+glorioser. In einem m&auml;chtigen Bogen flammte das
+Licht bis zum Zenit und erreichte im Sternbild des Zentauren
+seine gr&ouml;&szlig;te Intensit&auml;t. In jeder Nacht gingen wir
+aus, um die Aurora zu sehen; schweigend und vermummt
+marschierte jeder seinen Weg. Aber allzuoft blieb das Firmament
+schwarz und nur das ferne Feuer des Vulkans
+lohte rauchverd&uuml;stert. Bisweilen stand in wolkenreiner
+H&ouml;he der Mond wie eine Magnesiumlampe. Die ganze
+Landschaft glich einer Mondlandschaft. Ich f&uuml;hlte mich so
+unirdisch, so au&szlig;er mir, so nah den letzten Grenzen! Orion
+und der herrliche Sirius drehten sich in gro&szlig;em Kreis. In
+der siebenten Nacht erblickten wir die Aurora zum dritten
+mal. Es war milderes Wetter, und die Vision zeigte sich
+in starkem Kontur. Wir wanderten keuchend den Gletscher
+hinan, Trevanion allen voraus. Er schien mir das Wesen
+eines Somnambulen zu haben. Er war in dieser Zeit so
+<a class="page" name="Page_319" id="Page_319" title="319"></a>verinnerlicht, da&szlig; sein L&auml;cheln wie ein fl&uuml;chtiger Aufenthalt
+zwischen Schlummer und Tod wirkte. In seinen Augen
+wohnten eine Anbetung, eine transzendente Leidenschaft,
+da&szlig; ihn zu betrachten schmerzlich war. Auch in den finstern
+N&auml;chten suchte er weit drau&szlig;en auf dem heimt&uuml;ckischen
+R&uuml;cken des Gletschers; einmal h&ouml;rte ich ihn laut, mit ersch&uuml;tternden
+T&ouml;nen, schreien; er schrie nach ihr. Ihn verlangte
+nach der Umarmung der Eisjungfrau, und am Morgen
+sagte er zu mir: wenn sie nicht blind w&auml;re, Henry,
+sie w&uuml;rde ein Mittel finden, da&szlig; ich zu ihr gelangen k&ouml;nnte.
+Allan Mirmell verfiel auf eine besorgniserregende Art, als
+ob ein Gift an ihm zehre. Er tappte wie ein Greis. Licht,
+Licht, murmelte er oft, wenn er aus dem Schlaf emporschrak.
+Die anstrengenden M&auml;rsche nach dem Wohnsitz der
+bleichen Aurora warfen ihn schlie&szlig;lich entkr&auml;ftet aufs Lager.
+Zu meinem Entsetzen bemerkte ich auch an Rachotinsky
+alle Anzeigen einer krankhaften Melancholie. Stundenlang
+kauerte er betend auf den Knieen. Er wusch sich
+nicht mehr; Schmutz, Ru&szlig; und Unrat bedeckten ihn. Wodurch
+ich mich aufrecht erhielt, kann ich nur schwer sagen.
+Es war Hoffnung in mir. Diese Hoffnung wurde von Tag
+zu Tag st&auml;rker. Und es war noch etwas anderes als Hoffnung,
+es war Sehnsucht. Immer wenn ich die Aurora sah,
+schritt ich durch eine Halle aus Eiss&auml;ulen, an deren Ende
+mich die belebte Erde gr&uuml;&szlig;te. Die Blinde, die Unerreichbare,
+das zarte Gebild aus Strahlen und Kristall lehrte
+mich, da&szlig; ich mich selbst lieben solle, mich in den Menschen,
+mich in der Welt. Der Strahlenbogen, dessen eines
+Ende sie trug, erschien mir wie eine meisterlich geschwungene
+<a class="page" name="Page_320" id="Page_320" title="320"></a>Br&uuml;cke, die den Abgrund der Finsternis &uuml;berw&ouml;lbt.
+Da stand es fest in mir, da&szlig; ich Br&uuml;cken &uuml;ber Abgr&uuml;nde
+bauen wollte, wirkliche, ja, wirkliche Br&uuml;cken. Und w&auml;hrend
+ich im Weglosen wanderte, dem blendenden Licht
+entgegen, wuchs in mir die Lust, Wege anzulegen, denn
+da&szlig; ich ehemals keine Wege mehr f&uuml;r mich gehabt, das
+lag daran, da&szlig; ich keine geschaffen. Das erkannte ich jetzt.
+Wege &uuml;berwinden die Tr&auml;gheit; je mehr Wege desto mehr
+Bewegung, desto mehr Wille, desto mehr Umwandlung.
+Auf den Wallfahrten zur Aurora habe ich den Gedanken
+an Br&uuml;cken und Wege lieben gelernt, und dies bewahrte
+mich vor dem Verderben.</p>
+
+<p>In der letzten Nacht vor dem Aufgang der Sonne sah
+ich Trevanion zum letztenmal. D&auml;mmerung lag auf dem
+Eis. Der Gletscher zuckte, Kr&auml;mpfe in seinem Innern zerbogen
+seine kalte H&uuml;lle. Auch der Vulkan grollte, und die
+Schwefelfumarolen auf dem Gipfel waren von gelben D&uuml;nsten
+umzogen. Trevanion war an meiner Seite, als das
+S&uuml;dlicht aufflammte, nur in mattem Schein freilich, blo&szlig;
+wie zum Abschied. Noch ehe es verbla&szlig;t war, rief ich
+Trevanion zu, wir m&uuml;&szlig;ten hinunter laufen, der Blizzard
+sei im Anzug. Er sch&uuml;ttelte den Kopf und beachtete meine
+Warnung nicht. Er ging weiter. Ich wu&szlig;te nicht, ob ich
+ihm folgen oder mich in Sicherheit bringen sollte, und blieb
+unentschieden stehen. Der Sturm fing an zu brausen, da
+sah ich, da&szlig; Trevanion, der schon ziemlich weit oben war,
+j&auml;hlings verschwand. Offenbar war eine Schneebr&uuml;cke geborsten,
+und er war in die Spalte gest&uuml;rzt. Ich suchte die
+Stelle im Ged&auml;chtnis zu behalten, denn nacheilen konnte
+<a class="page" name="Page_321" id="Page_321" title="321"></a>ich ihm nicht, die Atmosph&auml;re verfinsterte sich rasch, ich
+warf mich flach auf den Boden, und um nicht fortgeschleudert
+zu werden, klammerte ich meine Arme um einen
+Eisblock. Es war eine Raserei in den Elementen, die das
+Herz zum Stocken brachte. Trotzdem waren meine Gedanken
+nur mit Trevanion besch&auml;ftigt; es war, als ob sich ein Tor
+im geheimnisvollen Haus der Aurora ge&ouml;ffnet h&auml;tte, um
+ihn einzulassen. Wie lange ich regungslos und mit Anspannung
+aller Kr&auml;fte so lag, wei&szlig; ich nicht; als die Heftigkeit
+des Orkans geringer wurde, kroch ich auf H&auml;nden und
+F&uuml;&szlig;en gegen die H&uuml;tte hinab, und erst als ich den Schutz
+einer Felswand erreicht hatte, wagte ich mich zu erheben.</p>
+
+<p>Rachotinsky, von einem mechanischen und beinahe verbissenen
+Pflichtbewu&szlig;tsein an das Lager Mirmells geschmiedet,
+der mit dem Tode rang, war nur m&uuml;hsam zu
+&uuml;berreden, mich auf den Gletscher zu begleiten. Wir warteten,
+bis der Sturm vor&uuml;ber war, dann gingen wir, mit
+Stricken versehen, hinauf. Meine lauten Rufe blieben unbeantwortet.
+Das Schneetreiben hatte jede Spur verwischt.
+Wohl entdeckte ich in der Richtung, in der Trevanion
+verschwunden war, eine offene Spalte, aber sie war breit,
+ein bodenloser Schlund. Ich schrie hinab, ich warf den
+Strick hinab, umsonst. Da sagte Rachotinsky, der an einer
+m&auml;chtigen Eisplatte lehnte, mit heiserer Stimme: &raquo;Die
+Sonne&laquo;. Ein gl&uuml;hendes Segment tauchte &uuml;ber dem Horizont
+empor. Alles Land war von einem brennenden Scharlach
+&uuml;bergossen.</p>
+
+<p>Wie viele Tage vergingen, bis das Schiff in Sicht kam,
+dessen entsinne ich mich nicht mehr. Ich entsinne mich blo&szlig;,
+<a class="page" name="Page_322" id="Page_322" title="322"></a>da&szlig; ich fest &uuml;berzeugt war, es m&uuml;sse kommen, fest &uuml;berzeugt,
+mein Schicksal sei an der Wende angelangt. Eine
+zweite antarktische Nacht h&auml;tte ich nicht &uuml;berlebt. Was
+sich an Bereitschaft in mir gesammelt hatte, durfte und
+konnte nicht betrogen werden. Das Geschick ist mir verschuldet,
+sagte ich mir, und ich trotzte ihm die Entscheidung
+ab. Allan Mirmell war schon l&auml;ngst unter die Erde
+gesenkt, als sein Schiff an der K&uuml;ste anlegte. Der Kapit&auml;n,
+tief besorgt um unser Los und den Entschlu&szlig; seines Herrn
+als eine traurige Verirrung betrachtend, hatte es einfach
+riskiert, den erhaltenen Befehlen zuwider zu handeln. Es
+war hohe Zeit, da&szlig; sie kamen; ich war nahe daran, in
+Gesellschaft des schwerm&uuml;tigen und schweigenden Rachotinsky
+verr&uuml;ckt zu werden. Als ich das Deck des Schiffes
+betrat, hatte ich das Gef&uuml;hl von Auferstehung. Man fragte
+nach unseren Erlebnissen. Rachotinsky konnte nicht antworten;
+er hatte den Verstand verloren. Was mich betrifft,
+so war ich unf&auml;hig, etwas anderes mitzuteilen als die
+&auml;u&szlig;erlichsten Vorg&auml;nge, die sich in drei S&auml;tzen wiedergeben
+lassen. Ich habe niemals und zu keinem Menschen dar&uuml;ber
+gesprochen bis auf den heutigen Tag. Ich bat den Kapit&auml;n,
+mich in Sydney in Australien ans Land zu setzen, und dort
+habe ich mein Leben von vorn angefangen.&laquo;</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_323" id="Page_323" title="323"></a></p>
+<h2><a name="Der_Affe_und_der_Spiegel" id="Der_Affe_und_der_Spiegel"></a><em class="gesperrt">Der Affe und der Spiegel</em></h2>
+
+
+<p>&raquo;Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe
+ich selten mit so triftigem Grund gebrauchen h&ouml;ren&laquo;, sagte
+Cajetan, als Hadwiger geendet.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden
+sein&laquo;, f&uuml;gte Borsati hinzu, indem er einen langen milden
+Blick auf Hadwiger heftete.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kompliziert, wie vielf&auml;ltig, wie unersch&ouml;pflich, wie
+reich, wie gro&szlig; ist doch das menschliche Dasein!&laquo; rief Cajetan
+ergriffen. &raquo;Ich f&uuml;hle mich in einer Stimmung wie jener
+Bramarbas auf der Plassenburg. Man m&ouml;chte sich manchmal
+wirklich zum Ertrinken tief hineinst&uuml;rzen. Aber man
+mu&szlig; schwimmen k&ouml;nnen, das seh ich wohl ein. Und eine
+umpanzerte Seele braucht man&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz&laquo;,
+sagte Lamberg ernst.</p>
+
+<p>Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar gl&auml;nzenden
+Blick an, als wolle er antworten: wi&szlig;t ihr es denn? habt
+ihr es denn erfahren, ihr Reichen, Reichgeborenen, Verw&ouml;hnten,
+ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum, Freiheit
+und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken.
+&raquo;Es gibt auch eine mittelbare Art zu leben und
+zu erleben&laquo;, meinte er; &raquo;obschon sie nicht so zwingt, zum
+Entschlu&szlig; nicht und zur Verwandlung nicht, ist sie oft doch
+viel schmerzlicher, &#8211; dem unverschlossenen Herzen n&auml;mlich,
+das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet,
+so zerteilt in die wechselnden Lose, da&szlig; es nicht einmal
+<a class="page" name="Page_324" id="Page_324" title="324"></a>zu einer Tat der Selbstbewahrung mehr die Kraft hat.
+Das hei&szlig;t mit gefesselten Gliedern dem Moloch &uuml;berliefert
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein M&auml;rchen?&laquo;
+wendete sich F&uuml;rst Siegmund an Hadwiger, &raquo;ist es nicht
+wunderbar, da&szlig; Sie hier, von einer freundlicheren Natur
+umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie zum
+erstenmal von jenen au&szlig;erordentlichen und weittragenden
+Begebenheiten erz&auml;hlen? Ich t&auml;usche mich vielleicht, oder
+ich kann meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck
+verleihen, aber f&uuml;r mich hat dies etwas von einer Spiegelung,
+etwas, das sinn- und bedeutungsvoller ist, als Sie
+selbst im Augenblick denken. Das Wort ist nicht immer
+blo&szlig; ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol
+der Erkenntnis und Erh&ouml;hung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben Recht, F&uuml;rst&laquo;, versetzte Cajetan, &raquo;und das
+ist auch weitaus das Sch&ouml;nste, was man dar&uuml;ber sagen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das Sch&ouml;nste, was man daf&uuml;r tun kann&laquo;, lie&szlig;
+sich jetzt Franziska h&ouml;ren, die bis zu diesem Moment ganz
+verloren vor sich hingeschaut, &raquo;ist, da&szlig; wir ihm den goldenen
+Spiegel geben&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird&laquo;,
+erwiderte Lamberg l&auml;chelnd und quittierte mit einer reizend
+chevaleresken Geberde die stumme Zustimmung Cajetans
+und Borsatis. Hadwiger stand auf, err&ouml;tend wie ein Schuljunge.
+&raquo;Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich&laquo;, fuhr Georg
+Vinzenz ermahnend fort, &raquo;wir lassen uns einen solchen
+Anla&szlig; zur Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie m&uuml;ssen
+<a class="page" name="Page_325" id="Page_325" title="325"></a>warten, bis Ihnen die Troph&auml;e mit den geb&uuml;hrenden Zeremonien
+&uuml;berreicht wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vortrefflich&laquo;, lachte der F&uuml;rst, &raquo;da bekommen wir am
+Ende gar noch eine Rede zu h&ouml;ren&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet&laquo;,
+fuhr Lamberg fort; &raquo;wer von uns kann ihn von nun ab
+in die Hand nehmen, ohne eine F&uuml;lle von Gesichten und
+Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und
+wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut.
+Sie ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen
+und M&auml;nner, Tiere, Schiffe und H&auml;user, Seefahrer und
+Landfl&uuml;chtige, Ritter und Knechte, B&uuml;rger und Bauern,
+Eroberer und K&uuml;nstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge
+und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler
+und Dulder, der Zufall, der Traum und das Wunder,
+alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies Gewebe
+von Schicksalen gesponnen haben, war bem&uuml;ht, den Partner
+zu &uuml;bertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war
+die Rede. Es war kein Werben, es war ein Verschenken.
+Und wir sprechen Ihnen, Heinrich, den Spiegel zu, weil
+Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen Innern
+geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch
+mein Bed&uuml;rfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.&laquo;</p>
+
+<p>Cajetan und der F&uuml;rst klatschten Beifall, Hadwiger blieb
+mit gesenktem Kopf stehen. Lamberg schritt zur T&uuml;re und
+dr&uuml;ckte auf den elektrischen Knopf, um von Emil den Spiegel
+heraufholen zu lassen. Der F&uuml;rst verabschiedete sich indessen
+von Franziska. Sie sprachen mit leiser Stimme. Da der
+<a class="page" name="Page_326" id="Page_326" title="326"></a>Diener nicht kam, l&auml;utete Lamberg noch einmal, und als
+auch dies vergeblich war, &ouml;ffnete er ungehalten die T&uuml;re,
+um zu rufen. Nun erschien an Emils Statt die K&ouml;chin
+und teilte ihrem Herrn ziemlich erregt mit, der Affe sei
+entflohen und Emil verfolge ihn. &raquo;Entflohen? es ist ja
+Nacht&laquo;, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person
+auszuforschen. Es stellte sich heraus, da&szlig; Qu&auml;cola
+schon am Nachmittag, um die Zeit, da der F&uuml;rst gekommen,
+den goldenen Spiegel aus dem Speisezimmer entwendet
+hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr aufgebracht
+gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht,
+in allen Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden,
+zwei Stunden lang und ohne eine Spur von ihm zu finden.
+Schlie&szlig;lich sei er auf den Balkon hinausgetreten, und da
+sei nun Qu&auml;cola in einem Winkel ganz zusammengekauert
+unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den
+er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil
+habe versucht, ihm den Raub zu entrei&szlig;en, doch der Affe
+habe ihn b&ouml;sartig angeknurrt und sich &uuml;berhaupt so betragen,
+da&szlig; man sich habe f&uuml;rchten m&uuml;ssen. Da habe Emil
+die Peitsche geholt und habe die widerspenstige Bestie geschlagen.
+Qu&auml;cola habe w&uuml;tend gefaucht, sich &uuml;ber das
+Gel&auml;nder geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem
+Haus hinabgeklettert und gegen den Wald hinauf gerannt.
+Und Emil sei nun hinter ihm her.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt? in der Finsternis? im Wald?&laquo; fragte Lamberg
+erstaunt. Die Freunde, Franziska und der F&uuml;rst hatten
+dem Bericht mit Neugier und Verwunderung gelauscht.
+Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg meinte, es
+<a class="page" name="Page_327" id="Page_327" title="327"></a>sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Fl&uuml;chtling
+heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Gr&uuml;tze
+im Kopf, um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen.
+Die andern erkl&auml;rten sich bereit, ihm beizustehen. F&uuml;rst
+Siegmund &auml;u&szlig;erte l&auml;chelnd sein Bedauern &uuml;ber den Zwischenfall;
+er fragte, ob er Leute her&uuml;berschicken solle, die mit
+Fackeln den Wald absuchen k&ouml;nnten; Lamberg dankte und
+antwortete, er hoffe, da&szlig; Qu&auml;cola den Aufenthalt unter
+den feuchten B&auml;umen von selbst unbehaglich finden und
+zum Gehorsam zur&uuml;ckkehren werde. Voll Herzlichkeit dr&uuml;ckte
+der F&uuml;rst allen die Hand und ging.</p>
+
+<p>Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die
+drei Freunde auf den Weg. Als sie sich f&uuml;nfzig Schritte
+oberhalb der Villa befanden, kam ihnen Emil aus dem
+dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder M&uuml;tze
+und keuchte ersch&ouml;pft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche,
+deren Schnur an den Stiel gebunden war,
+augenscheinlich zu dem Zweck, um sie als Lasso benutzen
+zu k&ouml;nnen. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht
+des Dieners, und er sah, da&szlig; es voller Blut war; Zweige
+und Buschwerk hatten ihm die Haut zerrissen. &raquo;Sie haben
+das Tier nicht gefunden?&laquo; fragte Lamberg. Der ungl&uuml;ckliche
+Mensch konnte nicht reden, er zuckte verzweifelt die
+Achseln. &raquo;Und Sie wissen genau, da&szlig; Qu&auml;cola den Spiegel
+bei sich gehabt hatte, als er entwischte?&laquo; Emil nickte.
+&raquo;Das ist es ja eben&laquo;, stammelte er, &raquo;das ist ja die Niedertracht;
+er wollte mich in Schuld bringen, er wollte mich
+dem gn&auml;digen Herrn verha&szlig;t machen. Die Herren m&uuml;ssen
+das begreifen&laquo;, wandte er sich aufgeregt und fast schreiend
+<a class="page" name="Page_328" id="Page_328" title="328"></a>an die Freunde, &raquo;der Schabernak war auf mich gem&uuml;nzt,
+mich wollte das Vieh verderben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?&laquo; unterbrach Lamberg
+mit Unwillen den sich ausbreitenden Redeschwall.</p>
+
+<p>&raquo;Bis an die Trisselwand hin&uuml;ber&laquo;, erwiderte der Diener
+zaghaft.</p>
+
+<p>&raquo;So weit?&laquo; rief Cajetan betroffen; &raquo;dann ist unsere
+n&auml;chtliche Unternehmung aussichtslos. Warten wir den
+morgigen Tag ab.&laquo;</p>
+
+<p>Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung
+zugab, wollte er noch einen Gang in den Wald tun. Er
+rief den Namen Qu&auml;cola hundertmal, und ein sanftes Echo
+antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch
+pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft
+zu haben w&uuml;nschte. Nach einer halben Stunde
+kehrte er entt&auml;uscht um und l&ouml;schte am Waldrand die Laterne,
+da inzwischen der Mond aufgestiegen war. Sehr versp&auml;tet
+nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es
+wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska
+m&uuml;de, die andern &uuml;berlie&szlig;en sich ihren Betrachtungen.
+Der Diener hatte sich zu Bett begeben m&uuml;ssen; bei der
+Jagd im nassen Wald hatte er sich erk&auml;ltet, und ein Fieberfrost
+sch&uuml;ttelte den armen Affenhasser.</p>
+
+<p>Am andern Morgen, nach weitl&auml;ufigem Marsch &uuml;ber
+Waldpfade und Felsensteige entdeckten die Freunde den
+Affen. Er lag am Ufer des Sees, der Unterk&ouml;rper im
+Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf einem
+Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel dar&uuml;ber, da&szlig;
+er sich oben in den Felsen verirrt und an der &uuml;berh&auml;ngenden
+<a class="page" name="Page_329" id="Page_329" title="329"></a>Wand herabgest&uuml;rzt war. Lamberg setzte sich an die
+Seite des Leichnams und sagte: &raquo;Schaut doch nur sein
+verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher Kummer
+drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter
+Qu&auml;cola! Auch du hast unter der Dummheit leiden m&uuml;ssen,
+auch aus dir hat sie einen M&auml;rtyrer gemacht. Deine
+roten H&ouml;schen und dein blauer Frack sehen n&auml;rrischer aus
+als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den Affen,
+und wer wei&szlig;, was f&uuml;r erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele
+beherbergt hat.&laquo;</p>
+
+<p>Borsati und Cajetan l&auml;chelten, Hadwiger sch&uuml;ttelte verwundert
+den Kopf.</p>
+
+<p>Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg
+lie&szlig; die ganze Gegend durch Scharen von Bauernkindern
+absuchen, doch ohne Erfolg. Es mu&szlig;te angenommen werden,
+da&szlig; w&auml;hrend seines Sturzes dem Affen der Spiegel
+entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle
+sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die sch&ouml;ne
+Kostbarkeit dem Bestand menschlicher Sch&auml;tze f&uuml;r immer
+geraubt.</p>
+
+<p>Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben
+Abend in die Stadt zur&uuml;ck, Cajetan und Borsati erst zwei
+Tage darnach.</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der
+zwischen Weinbergen sein herbstliches Laub aufflammen
+l&auml;&szlig;t. Es ist ein sp&auml;ter Nachmittag, und die H&uuml;gel flimmern
+im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause t&ouml;nt eine leidenschaftlich
+klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen
+<a class="page" name="Page_330" id="Page_330" title="330"></a>zwei lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die
+einander die Hand gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen
+Gemach liegt Franziska; Hadwiger, das Gesicht
+in die D&auml;mmerung des Raums gewandt, blickt vom umleuchteten
+Fenster aus nach ihr hin. Sie mu&szlig; sterben, die
+Liebreizende. Er wei&szlig; es. Ihm ist, als h&auml;tte sie stets vergeblich
+auf ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen
+gestrebt. Vor&uuml;ber, ach vor&uuml;ber! Sie aber empfindet die
+Stunde voll, nicht nur wegen der Musik, die aus dem
+Nachbarzimmer klingt, &#8211; es ist, wie wenn ein Namenloser
+sie spielte, &#8211; sondern auch wegen der Musik, die harmonisch
+ihrem Innern entquillt. Denn es ist ihr bewu&szlig;t,
+da&szlig; sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende gelebt hat; so
+bis an den letzten Rand, da&szlig; es nur eines leichten Hin&uuml;berbeugens
+bedarf, und das Herz h&ouml;rt auf zu schlagen
+gleich einer Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit
+beginnt. Auch ist ihr bewu&szlig;t, da&szlig; manche trauern werden,
+denen sie viel gewesen ist, und einige weinen werden, die
+sie geliebt haben.</p>
+
+<p class="ende">
+<em class="gesperrt">Ende</em>
+</p>
+
+<div class="column_left"><p>Begonnen: April 1907</p></div>
+<div class="column_right"><p class="right">Beendet: Mai 1911</p></div>
+<div class="clear" />
+</div>
+
+
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_331" id="Page_331" title="331"></a>[Kapitelfolge]</p> -->
+<!-- <p><a class="page" name="Page_332" id="Page_332" title="332"></a>[Blank Page]</p> -->
+
+
+<div class="advertisements">
+
+<p><a class="page" name="Page_333" id="Page_333" title="333"></a></p>
+<h1><em class="gesperrt">Werke von Jakob Wassermann</em></h1>
+
+
+<h3>Die Juden von Zirndorf</h3>
+
+<p>Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet
+4 Mark, in Leinen 5 Mark.</p>
+
+
+<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3>
+
+<p>Roman. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen
+7 Mark 50 Pfennig.</p>
+
+
+<h3>Der Moloch</h3>
+
+<p>Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet
+4 Mark, in Leinen 5 Mark.</p>
+
+
+<h3>Der niegek&uuml;&szlig;te Mund &#8211; Hilperich</h3>
+
+<p>Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.</p>
+
+
+<h3>Alexander in Babylon</h3>
+
+<p>Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in
+Leinen 4 Mark 50 Pfennig, in Leder 6 Mark.</p>
+
+
+<h3>Die Schwestern</h3>
+
+<p>Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder
+3 Mark, in Leder 4 Mark.</p>
+
+
+<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3>
+
+<p>Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, in Leinen
+6 Mark.</p>
+
+
+<h3>Caspar Hauser oder die Tr&auml;gheit des Herzens</h3>
+
+<p>Roman. Neunte Aufl. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.)</p>
+
+
+<p class="publisher"><em class="gesperrt">S. Fischer, Verlag &#8727; Berlin</em></p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_334" id="Page_334" title="334"></a></p>
+<h2>Die Juden von Zirndorf</h2>
+
+<p>Der Verfasser der &raquo;Geschichte der jungen Renate Fuchs&laquo;,
+Jakob Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman
+&raquo;Die Juden von Zirndorf&laquo; in einer neu bearbeiteten Ausgabe
+herausgegeben, der die K&uuml;rzungen trefflich zustatten gekommen
+sind. Ein merkw&uuml;rdiger Roman, diese &raquo;Juden von Zirndorf&laquo;.
+Kaum je hat ein j&uuml;discher Poet seinen Glaubensgenossen
+und &uuml;ber das Judentum der Gegenwart &uuml;berhaupt sch&auml;rfere und
+zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche.
+Die besten Eigenschaften des j&uuml;dischen Volkes erscheinen in ihm
+selbst verk&ouml;rpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch
+sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann
+eine starke, jedoch mehr mystisch als sinnlich gl&uuml;hende Phantasie,
+der namentlich in dem phantastischen &raquo;Vorspiel&laquo; des Romans,
+welches eine mit dem Erscheinen des merkw&uuml;rdigen Messias
+Sabbatai Zewi verkn&uuml;pfte Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert
+behandelt, eine gl&auml;nzende poetische Leistung gelungen
+ist.</p>
+
+<p class="right">(Neue Z&uuml;rcher Zeitung)</p>
+
+
+<h2>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h2>
+
+<p>Jedes gro&szlig;e, befreiende Buch mu&szlig; ein Buch der Erl&ouml;sung
+und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erl&ouml;sung
+der Frauen, &raquo;die alten sinnlichen Vorurteilen zu mi&szlig;trauen beginnen,
+die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal, erleben und nicht
+l&auml;nger leibeigen sein wollen&laquo;. &#8211; Seit dem &raquo;Gr&uuml;nen Heinrich&laquo;
+Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter und tiefsinniger
+Roman erschienen.</p>
+
+<p class="right">(Die Zukunft)</p>
+
+
+<h2>Der Moloch</h2>
+
+<p>Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee,
+die ihm zugrunde liegt, bedeutend durch die psychologische und
+gestaltende Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem gro&szlig;
+und breit angelegten, lebensvollen Gem&auml;lde gestaltet hat!...
+Man kann schon aus dieser gedr&auml;ngten Inhaltsangabe ersehen,
+da&szlig; es sich hier vorwiegend um ein psychologisches Problem
+handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der Tat auch vollst&auml;ndig,
+<a class="page" name="Page_335" id="Page_335" title="335"></a>seinem Wesen entsprechend, psychologisch behandelt, und
+zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so gro&szlig; ist des
+Autors Kunst seelischer Schilderung, da&szlig; der Leser alle die Vorg&auml;nge
+mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet.</p>
+
+<p class="right">(Berner Bund)</p>
+
+
+<h2>Der niegek&uuml;&szlig;te Mund &#8211; Hilperich</h2>
+
+<p>In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erz&auml;hlungskunst
+eine mehr als respektable H&ouml;he erreicht. Es sind belletristische
+Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit, wie wir
+ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele besitzen.
+Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute Haltung im Sinne
+der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in den Verh&auml;ltnissen abgewogen
+ist, wie anmutig und doch streng die Linie flie&szlig;t, wie
+der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, Ausf&uuml;hrung
+und Andeutung zueinander stehen &#8211; alles das verr&auml;t
+einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein
+viel Talent. In dieser Hinsicht w&auml;ren nur wenig Aussetzungen
+zu machen, so wenige, da&szlig; man sie verschweigen darf
+und erkl&auml;ren: der k&uuml;nstlerisch Genie&szlig;ende, der Kenner, wird hier
+sein volles Gen&uuml;gen finden.</p>
+
+<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p>
+
+
+<h2>Alexander in Babylon</h2>
+
+<p>Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von
+Alexanders R&uuml;ckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode
+wird uns erz&auml;hlt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer
+Ausmalung und mit ebenso k&uuml;hner als intensiver Psychologie.
+So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman,
+und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der Geschichte
+als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische
+Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, sowohl
+durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch
+seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es geh&ouml;rt
+zu unsern sch&ouml;nsten deutschen Prosab&uuml;chern. Manche Kapitel
+verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf solche
+Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.</p>
+
+<p class="right">(Neue Freie Presse, Wien)</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_336" id="Page_336" title="336"></a></p>
+<h2>Die Schwestern</h2>
+
+<p>Die Heldinnen dieser Novellen geh&ouml;ren zu jenen gl&uuml;cklichen,
+ungl&uuml;cklichen Gesch&ouml;pfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine
+Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und
+zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind
+es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten
+Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Gl&auml;nzen uns hier nicht
+Sch&ouml;nheiten entgegen, die wir sonst an unserem Lebenswege
+vergeblich suchen? &Ouml;ffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
+Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir
+tragen? Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine
+holde Schw&auml;rmerei ist das Buch, in den T&ouml;nen lieblicher Inbrunst
+gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehns&uuml;chten
+und Ahnungen durchzuckt.</p>
+
+<p class="right">(Hannoverscher Kurier)</p>
+
+
+<h2>Die Masken Erwin Reiners</h2>
+
+<p>Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte
+der modernen Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man
+wird ihn als einen alles Wesentliche zusammenfassenden und
+reflektierenden Spiegel des z&uuml;gellosen Individualit&auml;tsstrebens
+betrachten, das doch das entscheidende Merkmal unserer modernen
+Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel
+in dem Roman, die wie das Morgenrot einer neuen Klassik
+anmuten.</p>
+
+<p class="right">(Westermanns Monatshefte)</p>
+
+<p>Wassermanns K&uuml;nstlertum wird immer gekl&auml;rter und reifer.
+Der klangvolle Flu&szlig; der S&auml;tze, einer altgoethischen Prosa, hat
+in den &raquo;Masken Erwin Reiners&laquo; eine souver&auml;ne Kraft und Freiheit.
+Die Linie der Handlung erhebt sich planvoll und unverwirrt,
+wie noch in keinem Buche Wassermanns.</p>
+
+<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p>
+
+
+<p class="printer">Druck von Poeschel &amp; Trepte in Leipzig</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1912 bei S. Fischer erschienenen achten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand
+sich urspr&uuml;nglich am Buchende.</p>
+
+<p>
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song<br />
+p 039: chmierte -> schmierte<br />
+p 040: lie&szlig;en sie sich nieder und beten -> beteten<br />
+p 063: von morens bis abends -> morgens<br />
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte<br />
+p 064: mit Feuer angef&uuml;lllt sei -> angef&uuml;llt<br />
+p 109: [Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt] wen haben Sie im Verdacht?&laquo;<br />
+p 136: [Trennung] die als Schall-loch diente. -> Schalloch<br />
+p 155: Wenn du ehrlich bist, mu&szlig; du -> mu&szlig;t<br />
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert<br />
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel<br />
+p 219: Gru&szlig; l&auml;chend dankte -> l&auml;chelnd<br />
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verflo&szlig;en -> verflossen<br />
+p 224/225: [Trennung] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte<br />
+p 232: [Anf&uuml;hrungszeichen] &auml;u&szlig;erte er: &raquo;Ich habe ...&laquo;-> &#8250;Ich habe ...&#8249;<br />
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> lie&szlig;<br />
+p 253: lie&szlig; er den Hernhuter vor -> Herrnhuter<br />
+p 274: so d&uuml;nkt es es mich -> d&uuml;nkt es mich<br />
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> &Uuml;berwinterung<br />
+p 316: bewegten sich von S&uuml;dost noch S&uuml;dwest -> nach<br />
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung<br />
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst<br />
+p 335: [Punkt erg&auml;nzt] durch pragmatische Verwicklungen.<br />
+p 336: [Punkt erg&auml;nzt] zum realen Leben datieren.<br />
+</p>
+
+<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten.</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Transcriber&#8217;s Notes: This ebook has been prepared from the eighth
+edition published in 1912 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text. The Table of Contents was
+moved from the back of the book to the front.</p>
+
+<p>
+[Widmung]: And yet my songs comes native -> song<br />
+p 039: chmierte -> schmierte<br />
+p 040: lie&szlig;en sie sich nieder und beten -> beteten<br />
+p 063: von morens bis abends -> morgens<br />
+p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte<br />
+p 064: mit Feuer angef&uuml;lllt sei -> angef&uuml;llt<br />
+p 109: [added quotes] wen haben Sie im Verdacht?&laquo;<br />
+p 136: [hyphenation] die als Schall-loch diente. -> Schalloch<br />
+p 155: Wenn du ehrlich bist, mu&szlig; du -> mu&szlig;t<br />
+p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert<br />
+p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel<br />
+p 219: Gru&szlig; l&auml;chend dankte -> l&auml;chelnd<br />
+p 221: Einundzwanzig Jahre waren verflo&szlig;en -> verflossen<br />
+p 224/225: [hyphenation] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte<br />
+p 232: [nested quotes] &auml;u&szlig;erte er: &raquo;Ich habe ... &laquo;-> &#8250;Ich habe ... &#8249;<br />
+p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> lie&szlig;<br />
+p 253: lie&szlig; er den Hernhuter vor -> Herrnhuter<br />
+p 274: so d&uuml;nkt es es mich -> d&uuml;nkt es mich<br />
+p 310: nicht um eine Uberwinterung -> &Uuml;berwinterung<br />
+p 316: bewegten sich von S&uuml;dost noch S&uuml;dwest -> nach<br />
+p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung<br />
+p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst<br />
+p 335: [added period] durch pragmatische Verwicklungen.<br />
+p 336: [added period] zum realen Leben datieren.<br />
+</p>
+
+<p>The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL ***
+
+***** This file should be named 19611-h.htm or 19611-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/6/1/19611/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
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+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
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+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
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+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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