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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:00:35 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der goldene Spiegel + Erzählungen in einem Rahmen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: October 24, 2006 [EBook #19611] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Der + goldene Spiegel + + + Erzählungen in einem Rahmen + von + Jakob Wassermann + + + Achte Auflage + + S. Fischer * Verlag * Berlin + 1912 + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + +Kapitelfolge + +Franziska und die Freunde 1 +Was über den Spiegel beschlossen wurde 13 +Die Pest im Vintschgau 25 +Der Stationschef 47 +Geronimo de Aguilar 63 +Von Helden und ihrem Widerspiel 89 +Der Tempel von Apamea 107 +Die Gefangenen auf der Plassenburg 135 +Paterner 176 +Nimführ und Willenius 196 +Herr de Landa und Peter Hannibal Meier 212 +Begegnung 231 +Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz 242 +Franziskas Erzählung 275 +Aurora 291 +Der Affe und der Spiegel 323 + + + + _Ich widme dieses Buch meiner Frau._ + + O thou whose face hath felt the Winter’s wind + Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist, + And the black elm-tops ’mong the freezing stars, + To thee the Spring will be a harvest time. + O thou, whose only book has been the light + Of supreme darkness which thou feddest on + Night after night when Phoebus was away, + To thee the Spring shall be a triple morn, + O fret not after knowledge, I have none, + And yet my song comes native with the warmth. + O fret not after knowledge, I have none + And yet the evening listens. + He who saddens + At thought of idleness cannot be idle, + And he’s awake who thinks himself asleep. + _Keats._ + + + + +Franziska und die Freunde + + +Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im +Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend +war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte. +Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung, +in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen +Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers. + +Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und +geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen +dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen +ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft +mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur, +ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und +Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen +Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die +Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein +treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die +Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem +eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter, +passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas +Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und +entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter +ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen +Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis +voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der +Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl, +deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war +angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht +saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden +Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war +ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen +Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame +Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls +bemerkenswert war. + +Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska +Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres +Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie +einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre +Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier +persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter, +als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans +wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und +nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati +bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug, +und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis +und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens +weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als +ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer +fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen +Träume zu folgen. + +An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg +Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und +vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages +brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen +Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der +sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten +Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati, +daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur +desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen +Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der +neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes +Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen +eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und +vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer +beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte +einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission +freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien +geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach +großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein +Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte +nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne +Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte +und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen. + +Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu +werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen +beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im +Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine +schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein +rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er +Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er +naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden +Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe +lachte. + +Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende +Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu +den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie +durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte, +blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei +der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst +gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich +der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein +schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern +Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm, +führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein +Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an, +doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und +Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als +schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife +und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im +Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine +jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie +hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der +rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie +geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen. +Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie +umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter +verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als +ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne +Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern; +was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den +Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das +Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen +aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als +Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm, +daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es +der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor +Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die +Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch +sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele +und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein +dicht an den Fenstern lohte. + +So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr, +weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei +Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen, +schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes +Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit. + +Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern. +Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene +herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte +das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von +Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er +Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine +Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer +Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in +sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska. +Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und +philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg, +Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf +Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe. +Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran, +ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke +und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß +er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag +unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue +ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die +Spitze bieten zu können. + +Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte +Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen +und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann +sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um +so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,« +sagte Franziska; »vielleicht wollt’ ich mich nur überzeugen, ob ein +wirkliches Menschenherz in dir steckt.« – »Kann man davon Gewißheit +erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art. +Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie +spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so +stark wie du dich stellst.« + +Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann +auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von +andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch +eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte +seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften +Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke +nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter +Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches +Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde +versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen +übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu +seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen, +denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend +verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser, +Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die +sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre +verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der +von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die +Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften +konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen. + +Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers +vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land. +Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der +lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle +ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte +bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden +kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa +entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im +Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt, +daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg, +eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen +habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich +aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie +eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz, +begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die +innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns +also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska +erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« – »Wir haben es +immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick +in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir +haben.« + +Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu +fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr +heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann +verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert +an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, – also +übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr +mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir’s wie die +Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.« + +»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan. + +»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie. + +Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging. +Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast +fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten +Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten +alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin, +mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon +deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten +Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer +solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der +Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer +polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im +mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich +aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und +lebte einsam. + +Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen +Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung +mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich +gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und +zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und +nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon +erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das +wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem, +keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert +seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild +meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl, +vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure +Schwester, eure ewig getreue Franziska.« + +Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um +das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden +worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig +Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach +dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der +Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort +hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben. + +Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die +Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie +nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe +leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die +Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines +Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der +Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder +entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem +unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung +erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht +lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel +bedeutenden Pein. + +Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten +hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater +genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe +über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die +zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es +allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf +und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als +Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er +Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte +nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden. +Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der +Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht. + +So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg +seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen +verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem +holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war +ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben +hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier +erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich +selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist. + +In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan +ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan +nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen +ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim. + + + + +Was über den Spiegel beschlossen wurde + + +Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet die einen, im +Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, konnte das Auge des +Betrachters von jedem beherrschenden Gipfel aus erblicken. Wege zogen +hügelauf- und abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten +die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren sich in +Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege und klommen windungsreich an +den kraftvoll gestalteten Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine +Wildnis, da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden kahle +Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; so wurde das Bild +geschlossen, das harmonisch im einzelnen wie groß im ganzen war. + +Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines Tals, eines +ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung hinter dem Plateau von +ihm entfernt, lag die Villa Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und +durch die offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in die +Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden Linien der Nacht +geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen war vorüber, Borsati, +Cajetan und Lamberg saßen noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher +Aufregung hin und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so +gleichmütig waren, – denn heute war der Tag, für den Franziska sie alle +zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht gekommen, und es bestand +wenig Grund zu der Hoffnung, daß sie noch kommen würde, jetzt, in den +Stunden der Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte +er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es anfangen könnte, +um das Gespräch auf die Erwägungen zu lenken, die ihn so schmerzhaft +beschäftigten. Hatte er doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag +entgegengelebt, nichts weiter, und das Wort Franziskas war ihm für beide +Teile als so unwiderruflich erschienen, daß kein Zweifel sich in sein +Zutrauen mischte. Nun war es Abend, und es war ein Tag vergangen wie +viele andere Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte er; +ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung nennen oder jene +Herzensglätte, die sie mir oft so fremd macht? + +Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner Runde seit +einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt war, und betrachtete in dumpfer +Verlorenheit das Wunder aus alter Zeit. + +Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; sie wurde mit +hocherhobenen Armen von der Figur einer Göttin getragen, die auf einer +köstlich gearbeiteten Schildkröte stand. Die Rückseite der Scheibe +zeigte die Figur eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in +lässig schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im rechten +Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen Strichen graviertem Wasser +die Umrisse seines Bildes beschaute. Tief am Rand war in griechischen +Lettern das Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein +mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. Das ganze +Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch. + +Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den Arm mit jovialer +Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche Figur steht unvergleichlich +da«, sagte er. »Sie trägt wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers +trägt. Finden Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der +Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte erhöht.« + +»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um zu ermessen, wie +die Alten solche Dinge gearbeitet haben, muß man nur die Schildkröte +ansehn. Welche Feinheit! Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie +vor allem die Idee eines Postaments.« + +»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar nicht wiegt«, +versetzte Cajetan. + +»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich das Gesicht der +Aphrodite durch einen fahleren Glanz von der Färbung des übrigen Gusses +abhebt.« + +Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. »Nur weiß ich eben +nicht, was daran die Zeit verschuldet hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist +jedenfalls, daß der Bildhauer Silanion Silber in das Erz mischte, aus +dem das Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung +den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des Athanas auszudrücken, tat +Aristonidas Eisen in die Masse, wodurch er eine charakteristische +Rostfarbe erzeugte. Sieht es nicht aus, als ob die Züge der Venus von +einem imaginären Mond bestrahlt seien?« + +Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse bewies, sah nach +der Uhr. Lamberg fing den Blick auf und lächelte. »Warum lächeln Sie?« +fragte ihn Hadwiger stirnrunzelnd. – »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich +stets lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. – »Und Sie +empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte den Kopf. – +»Und ihr erwartet auch nichts?« wandte sich Hadwiger schüchtern und +erstaunt an die andern beiden. »Ich habe Franziskas Wunsch schon damals +für eine Laune gehalten«, bekannte Cajetan. – »Warum sind Sie dann +gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. – »Erstens, weil ich mit +Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein gegebenes Wort +genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, war die Erwiderung. – »Und Sie +auch, Rudolf?« – »Ich glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen +Verabredungen, weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, sagte +Borsati. + +Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er war dem +berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft begegnet und rühmte +ihn als einen Mann von großer Welt, der einer souveränen Macht über die +Menschen in jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er nun +geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen Besonderheit +so deutlich an sich trage, daß man sich seinem Einfluß nicht entziehen +könne. Borsati tadelte das Wort von der dämonischen Besonderheit als +einen jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die +sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, sonst nichts. +Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und sagte, er habe das Wesen nicht +begriffen, das um Franziskas letzte Liaison gemacht worden, zumal die +Ehe mit dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte führen +können. + +»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger aus. + +»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete Cajetan ernst +und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt untrüglichen Instinkten, und +selbst wenn sie den Weg ins Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin +als wir ahnen. Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich +hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine Treue gegen +das Gefühl, die von höherem Rang ist als die Treue gegen die Person.« + +Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner verabschiedeten sich +von Lamberg. Dieser stand auf dem Balkon und lauschte noch lange ihren +in der Nacht verhallenden Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße +rasselte ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte das Gras und, +da er es trocken fand, prophezeite er im stillen für den morgigen Tag +schlechtes Wetter. Er ging dann in das obere Stockwerk des Hauses, +öffnete die Tür zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war der +Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das Tier ließ einen +freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg riegelte den Käfig auf, und der +Affe folgte ihm aus dem Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete +Speisezimmer. Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte +lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf dem Tische +stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, ergriff eine Pflaume und +biß hinein. Indessen hatte sich das Rollen jenes fernen Wagens genähert, +Georg Vinzenz lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die +Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem Schlag. Georg +Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, und, nachdem er den +Diener gerufen, damit er das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus. +»Du bist pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd und +forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften Gesprächsbeginn +aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem Gespensterhaften trüge nur die +Eisenbahn schuld, und da sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es +unvermeidlich gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei. +»Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte er, und als sie +verwundert schien, fügte er rasch hinzu: »Ich hätte dich sonst am +Bahnhof erwartet.« + +Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser geworden, die Hand, +die sie beim ersten Gruß in die seine gelegt, schmaler, kälter und +schwerer. Der Mund sah wie von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus, +und unter den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle +Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie wich unter +seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige Tage in seinem Hause +bleiben könne, und nachdem er eifrig bejaht hatte, ergriff sie mit +beiden Händen seine Rechte und stammelte bittend: »Aber frag’ mich +nicht! Nur nicht fragen!« + +Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. Das war nicht +mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, sprühende Franziska, die +lebenshungrige. Es war eine Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine +mit letzten Kräften sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast +notwendig. Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme wühlte +und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska niemals geweint; +nicht durch Tränen, höchstens durch Lachen hätte sie Quäcola, den +Schimpansen, zu einer bestürzten Flucht in den Winkel des Zimmers +veranlaßt. + +Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer liegen dunkle +Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem Blick seines Auges. Es wird +die Stunde kommen, wo es ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte +er sich. Seinem sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen. + +Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der Heuduft von den +Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, das weitheraufklingende Rauschen +der Traun, all das trug dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen +konnte, denn sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht +ist. + +Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier seien, daß sie den +Abend bei ihm zugebracht. Franziska hatte den goldenen Spiegel von +seinem Gestell gehoben und blickte zerstreut auf das matte Metall der +Scheibe. Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, und +sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« Lamberg, der zum +offenen Fenster gegangen war, entgegnete, ohne sich umzukehren: »Nein, +Franzi, sie werden nicht fragen.« + +Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben sie eine Weile, +die Frau mit dem goldenen Spiegel, der junge Mann, in den Mond schauend, +und der Affe in taktvoll beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen +beiden. + +Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden ins Hotel, um sie von +der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen und was er an Aufklärung für +geboten hielt, mit der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und +Diskretion zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde erst am Abend +kommen sollten, damit Franziska den Tag über ruhen könne. Daß man sie zu +begrüßen hatte, als wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier +mit ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und Weise dem +Takt jedes Einzelnen überlassen. + +Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch der Dunkelheit +die drei zu Lamberg kamen, regnete es schon seit einigen Stunden. +Franziska spielte mit Quäcola Ball, der dabei eine erquickende Gravität +entfaltete; so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die Zähne +und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen an. »Wir lieben +uns, wir zwei«, sagte Franziska zu den Freunden, indes der Affe von +Lamberg aus dem Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter +Anbeter.« + +Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte Haltung +vermissen. Stumm saß er da und betrachtete das hingewelkte Geschöpf, ein +Opfer unbekannter Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt, +ihm einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm sie an dem +lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von Paris, von Marseille, +von Rom, als ob sie allein dort gewesen und eine mißlungene +Vergnügungsreise gemacht hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich +Franziska auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den +Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal. + +Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her Platz genommen, und +Borsati, der Franziskas Augen auf dem goldenen Spiegel ruhen sah, +bemerkte gegen sie scherzhaft übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt, +so wäre um das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das Thema +mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges +Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, die so oft ihre Hülle von +abgeklärter Mäßigung zerriß und Heinrich Hadwigers finstern Neid mit +vieler Laune, denn er war witzig wie Figaro. + +»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, »indem sie +fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. Wer war und ist am meisten in +den Spiegel verliebt, mein Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch +immer die, daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung zu +Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede Hausfrau wird +zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen Umzug beschädigt werden, und mich +dünkt, daß auch das schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht +nur geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe einem +Diamantring, der immer wieder an der Hand eines andern glänzt.« + +»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort, +das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden +andern anheimfiel. + +»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu +können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn. + +»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger +bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie +für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.« + +»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich +Borsati lächelnd. + +»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte +Cajetan. + +»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt, +soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati. + +»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt +die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt, +meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk +eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die +sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander +zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt +doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch +immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und +Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch +Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so +lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte +erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir +alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel +bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste +Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß, +vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt –« +Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor. + +Alle schwiegen. »Ich denk’ es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger +Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht +eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die +weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert +mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander, +überbietet einander, – laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!« + +Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes +Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen, +von dem Unmögliches gefordert wird. + +»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein; +»wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?« + +»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen haben«, +antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung hinzu: »Bei solchem Anlaß +darf man niemals an den Spiegel denken.« + +»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen schon Feuer. In +Ihren Augen malen sich schon die Bilder aus wundersamen Geschichten. +Nicht an den Spiegel denken, das ist es! Als Richter gleichen wir dann +nicht den Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen über +einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern wir krönen den +Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. Ich sehe keine +Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. Es wird vieles sein, was +uns aneifert; das Wort ist ja ein großer Verführer.« + + + + +Die Pest im Vintschgau + + +Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder seine Tasse +ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich im Geist zurückschaue, +fällt mir ja dies und jenes auf, was des Berichtens wert wäre, aber wo +ich selbst beteiligt bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall +ist, bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.« + +»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus unserm eigenen Leben +erzählen, um wie viel weniger, wenn es sich um fremde Erlebnisse +handelt«, erwiderte Lamberg. »Ja, man lügt mehr, wenn man über sich +selbst die Wahrheit sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke +stellt.« + +»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte Cajetan +mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie seine Augen oder sein +Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht größer als mein Wuchs. Wer sich +größer macht, wird ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand +erfüllt mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste wird wahr, +wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.« + +»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, sagte Franziska +und nahm eine Miene des Bereitseins an. + +»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern Schicksals, zu dem +sein Träger bestimmt ist«, entgegnete Lamberg. + +»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska wieder; »ich +finde, daß der Sinn für die Schönheit immer geringer wird; man sucht +stets noch etwas Anderes daneben, Seele oder Geist oder Genie, etwas, +das mit der Schönheit gar nichts zu schaffen hat und einem nur den +Geschmack verdirbt.« + +»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten die Schönheit mehr um +ihrer selbst willen geachtet hat«, antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr +eine höhere Wichtigkeit zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise +berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter von +siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, daß sie die letzten +Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett zubrachte und beständig einen +Spiegel in der Hand hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die +Krankheit in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster +dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und sie duldete kein +anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.« + +»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für die Schönheit +hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im Jahre 1750 verdiente sich ein +Londoner Schuster eine Menge Geld dadurch, daß er für einen Penny den +Schuh sehen ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte. +Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben vor einem +Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere hundert Menschen die +ganze Nacht über auf der Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre +Karosse steigen zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.« + +»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der Männer«, nahm +Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein Jüngling in einer burgundischen +Stadt war von der Schönheit seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach +dem ersten Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst +erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die Pilger von +Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal des Propheten gesehen haben, +um ihre Blicke von nun ab vor Entweihung zu schützen.« + +»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete Borsati; »ich glaube +ihm nicht eine Silbe.« + +»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum eine Vorstellung von +der Energie und Glut machen, mit denen man sich damals einer +Leidenschaft hingab.« + +Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er’s getan hätte«, sagte er, +»was wir erdenken können, kann auch geschehn. Ich wehre mich nur +dagegen, daß man aus unserer Zeit die großen Empfindungen hinausredet, +um eine nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen zu +schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren Zeugen wir selbst +werden, anders aus als die mit dem Galeriestaub der Überlieferung, und +ihre Verfeinerung oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein +finsteres und brutales Gegenspiel.« + +Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte. + + +»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut zu Gast. Man kannte +mich in der nahgelegenen Stadt, und weil der ansässige Arzt über Land +gefahren war, wurde ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus +gerufen, wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß in +die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war hoffnungslos, Linderung +der Schmerzen war alles, was zu tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß +ich lange an seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte +mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, fünfundzwanzig Jahre +alt, Sohn vermögender Eltern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte +er, ich gebrauche seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier; +leichtsinnig, verschwenderisch und in gewissenloser Verprassung von Zeit +und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen durchaus fähig, +war verhärtet und abgerieben durch den beständigen Umgang mit Dirnen. +Die Atmosphäre gemeiner Kneipen war ihm Bedürfnis und die +Zudringlichkeit käuflicher Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum, +wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung sah er in +diesem Treiben die Krone der Freiheit. Da geschah es, daß er auf einer +Ferienreise in ein vielbesuchtes Hotel kam und auf dem Schreibtisch +seines Zimmers einen Brief fand, der unter Löschblättern lag, +unvollendet und sicher dort vergessen worden war. Er gab mir den Brief +zu lesen, den er wie einen Talisman von der Stunde ab immer bei sich +getragen, der sein Leben verändert und zuletzt noch seinen Tod +verschuldet hatte. Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das +Schreiben von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. Man +kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht vor Armut und +Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung vergeblicher +Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, Härte und Niedertracht, +entdeckt von einem Wesen, das gläubig war und das noch immer, obwohl +mit schwindendem Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, das war +der Text in dürren Worten, die nichts von der tiefen und natürlichen +Beredsamkeit eines verzweifelnden Herzens ahnen lassen. Die Frage nach +der Unbekannten war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die +Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft geben und wiesen +auf den großen Verkehr nächtigender Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen +und Wohnort enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, als +hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren Stern vernommen. Es +ergriff ihn eine brennende Unruhe, und durch Sehnsucht wurde er geradezu +entnervt. Daß der Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und +Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, die so +beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, war ihm neu und +erschütterte die Fundamente seines Lebens. Er studierte den Brief wie +ein Egyptolog einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten +Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede Silbe, jeder +Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, daß sich ein Charakterbild +der Schreiberin immer fester gestaltete, daß er ein Antlitz sah, die +Geberde, das Auge, daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die +ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die andere, +wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter von Frauen und Mädchen zu +finden, die dem erträumten Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten, +ging zu Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate +in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, seinen Eltern, +seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem Wahn sagte er sich: unter +den Millionen, die diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist +meine Bestimmung, sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich alle +meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den Tausenden, an denen ich +täglich vorübergehe, weiß vielleicht einer von ihr; mein Wille muß so +stark, mein Gefühl so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß +ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen Weg zu ihr bahne; +mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding und nicht wert, geboren zu sein. +Im Verlauf der Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das +Ungestüm seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich die Natur +einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte widersetzt. Nur sein +Wandertrieb wurde nicht geringer, und so kam er denn auf einer Fahrt vom +Norden her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil ihm +plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen Stadt, vielem Licht, +vielem Lärm und vielen Menschen graute. Während er traurig und müde +durch die dunklen Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich +abgelegenen Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert hielt und ihn +einzutreten bat. Er folgte willenlos und ohne Bedacht, als sei er an dem +Punkt seines Lebenskreises angelangt, von dem er einst ausgegangen. In +der Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er ohne Anteil +beim Wein Gesellschaft leistete, und unter denen eine durch stumme +Lockung ihn seiner Apathie zu entreißen vermochte, so daß er mit ihr +ging. Es war alles so still in mir, sagte er, und als ich die elende +Treppe hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung sei +und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, immer tiefer bis ans +letzte Ende der Welt. Als er das Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner +Ledertasche der Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte, +das den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein +geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt den Brief in die +Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, stutzt, wiederholt den +Blick, schaut den jungen Mann an, eine Frage drängt sich auf ihre +Lippen, ein Schatten auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da +erweckt ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam wach, +erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die Schrift kenne, sie +entfaltet das Papier, liest, Erinnerung überzittert ihre Stirn, durch +Schminke, Elend und den Aufputz des Lasters hindurch zuckt eine Flamme +von Bewußtsein, sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme, +und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins schreit aus +einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter empor. Nur noch vier +Worte: Du bist’s? Ich bin’s! Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz +darauf fiel der tötende Schuß.« + + +Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile sagte Cajetan: +»Schade, daß ich den Brief auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Könnt’ +ich ihn lesen oder hören, so würde mir der junge Mensch verständlicher +werden. Es hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen +Dokumenten auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich bleibt ja +die Verkettung der Umstände noch immer erstaunlich genug –« + +»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn Franziska, »daß eine +Person, die einen derartigen Brief zu schreiben imstande ist, in drei +oder vier Jahren so tief sinken kann.« + +»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, Franzi, das +verwandelt! Ich habe in London eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre +Söhne und ihren Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte +sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, im Herbst +desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen Morphiumhöhle, einer +schauerlichen Katakombe des Lasters, erstochen.« + +»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« fragte Franziska +kopfschüttelnd. + +»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff. + +»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch doch nicht +gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd ein. »Es gibt –« + +»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn man hungert? In den großen +Städten nicht. In den Romanen vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es. +Aber sie bricht auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.« + +»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte Borsati ruhig. »Und +es muß sie geben, sonst würde ja die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.« + +Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes +Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden Stühlen und das dumpfe +Brummen einer Männerstimme folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg +lächelnd und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen. +Cajetan begleitete ihn aufregungslustig. + +Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und da er die Tür seines +Käfigs unversperrt fand, hatte er sich ins erleuchtete Badezimmer +begeben, war in die Wanne gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu +seinem Entsetzen eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit +dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend und zitternd +vor ihm geflohen, und nun standen Tier und Mensch einander gegenüber, +jenes zähnefletschend und schuldbewußt, die Backen in possierlicher +Schnellbewegung, dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes, +rachsüchtig und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte sich +der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener anklagenden +Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem Unwillen durch Worte Ausdruck. +»Gnädiger Herr, mit der Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. – +»Sie müssen ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. – »Da +ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der gnädige Herr so +verwöhnen«, war die Entgegnung. »’s ist ein falscher, treuloser Geselle, +das ist er, ich verstehe mich auf –« Schon wollte er sagen: auf +Menschen, verschluckte aber die unpassende Bezeichnung und starrte +melancholisch auf seinen Besen. + +Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, dem Diener die +Hand zu reichen, der aber wich zurück wie ein Offizier, dem man das +Ansinnen stellt, mit seinem Degen eine Maus aufzuspießen. Heftig +gestikulierend ließ sich der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde +mit Leintüchern trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war +Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, und Georg gab, +als sie zu den andern zurückgekehrt waren, eine so vortrefflich +nachahmende Schilderung von dem Benehmen des Tieres, daß alle in lautes +Gelächter ausbrachen. + +»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte Lamberg +schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche Dämonen zu +betrachten. Ich lebte einmal einige Sommerwochen auf der Malser Heide, +und ein junger Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte +mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, bei der ein Affe +zur Verkörperung des Fatums wurde.« + +»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann: + + +Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der Vintschgau ein nicht viel +einsameres und karger bevölkertes Tal als heute. Die begrenzenden +Bergwände sind steil und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler +blicken hochgetürmte Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- und +Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische Laaser Stock. +Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben emporgezackt, auf den +Hangwiesen leuchten die Blumensterne alpiner Flora, schwarze Ziegen +grasen bis hoch hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über +die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße Wasserfälle +donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel langer Engpässe und +gewundener Schluchten läßt im Innern der Gebirge tiefere +Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem zerklüfteten Gestein sieht man von +Meile zu Meile uralte Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und +die Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das +Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um die schwärzlichen +Moränen. Aber der Winter ist selbst im untern Tal hart; es heißt, daß +die krankhafte Langeweile vom Oktober bis zum April fast alle +Regierungsbeamten zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz +übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; nur nach Meran +führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt leichtes Volk, das viel lacht +und wenig denkt. Im Vintschgau denkt man viel; seine Menschen sind +hager, schweigsam, wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen +kaum verwandelt. + +Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht von Belang sind in +einer Welt, wo die herrische Natur während der längsten Dauer des Jahres +ihre Geschöpfe in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute +die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten, +vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, die damit verknüpft +waren. Die Geschichte spielt zwischen den feindlichen Familien Ladurner +und Tappeiner, die bei Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der +Etsch wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz und +Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der Mündung des reißenden +Plimabachs. Die Zwietracht bestand schon seit mehreren Geschlechtern und +niemand kannte die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte +Brücke sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten über +Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, jedenfalls war es +der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, wo Blut gegen Blut steht. + +Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, daß gerade die +überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden Familien +plötzlich und in natürlichem Widerpart gegen eingefleischte schlechte +Instinkte einen Bund zweier Herzen hervorbringt und das Element der +Liebe sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung der +Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen wurde, geschah es nicht, +weil die Liebe stärker war, sondern weil eine allgemeine Vernichtung den +Untergang der Liebenden begleitete. + +Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders +eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die +einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen +Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin +erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer +Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche +Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst +vor kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch +keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten. + +Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen und +der junge Franz Tappeiner, der sich in Gesellschaft einiger Kameraden +aus Morter befand, aneinandergeraten, und es sah aus, als ob es nicht +bei drohenden Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, als +die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf den Arm legte und +zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner das Mädchen gewahrte, das feste +Schultern und Zähne wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf +sie zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung rief +auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen hervor. Sie hielt +seinem Betrachten stand, und ihre Augen blickten starr wie die des +Adlers, bis sie der Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und +hinwegzog. Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, indem er sich +wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, und als er hinter Romild +wieder an dem Strick angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden +Volk trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand eines +vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf und ab und wehte mit einem +florentinischen Fächer ihrem haarigen Gesicht Kühlung zu. + +Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. Auf einmal hielt die +Äffin inne, ließ die glühend unruhigen Augen über die versammelten Köpfe +schweifen, und in ihren Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit +eines Wesens, das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, sich +in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre Blicke auf dem +Antlitz der jungen Romild haften; das zarte Menschengebild schien es ihr +anzutun, sie fletschte in grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ +mit einem Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem Nagel +hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den überlangen Arm aus, um +das Mädchen zu betasten. Mit einem einzigen Schreckensschrei wich die +ganze Menschenmasse zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf +der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem Handgelenk +des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz seiner knabenhaften Jugend +als ein Mensch von großer Stärke galt und den knöchern-schmächtigen Arm +des furchtbaren Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber +sogleich spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, daß er +stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer Raum um ihn und Romild +entstanden, den die Äffin durch heiser bellende Schreie vergrößerte, und +Männer und Weiber begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die +bestürzten Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht sahen, liefen +beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer hatte Geistesgegenwart +genug, den dicken Strick, der unter den Röcken der Äffin am Knöchel +eines Fußes befestigt war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen. +Aus einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das bleiche +Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die heillose Verwirrung. +Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes Zeichen, denn kaum hatte +sie den Mund zum Ruf geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um, +trottete wie ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit +gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer bewegend, in +boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der Häuser empor. Indessen +ging der Wunderdoktor auf Franz zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch +das Blut von der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und +schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild war +verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner Begleiter, die sich +wieder zu ihm gefunden hatten, hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf +eine Gelegenheit, um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich +gedulden, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er wie fliehend +an Gärten und Schänken vorüber, wo überall an rasch gezimmerten Tischen +und Bänken die Vintschgauer beim Wein saßen und das aufregende Ereignis +beredeten. Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, und +wie er dort am Tor stand und in die fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel +ein Schatten über ihn, und aufschauend sah er Romild neben sich. Das +glitzernde Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe verfolgte +die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend den Torweg verließen +und im Abend, rätselhaft gesellt, verschwanden. + +Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, Romilds Dorf +entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung von Gefahr, und als sich zur +Linken eine Schlucht öffnete, folgten sie ohne gegenseitige +Verständigung einwillig dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe +hellte sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes +Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte Fahne über ihren +Köpfen. Anrückende Felsen machten den Uferpfad ungangbar, und sie +schlugen die Richtung nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von +St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich nieder und +beteten, darnach küßten sie einander und nannten sich zum erstenmal bei +Namen. Statt ins Dorf zurück, marschierten sie tiefer ins Gebirge +hinein, um sich ein Hochzeitslager zu suchen, und Romilds stolzer Gang +und die gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend vom +Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten sich in frauenhafte +Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. Als die bläulichen Ferner des +Angelusgletschers über dem Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward +ihnen fast heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer Welt, +die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie selbst einander +waren. + +Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken trieben sie zur +Flucht vom Lager, und sie kamen zu einer Sennhütte, wo sie Milch und +Brot empfingen. Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends +stillten sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner gegeben, +und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. Wenn die Nacht kam, +glaubten sie Himmel und Sonne nur einen Augenblick gesehen zu haben, +weil ihnen die Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie, +ich weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander +geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne Erwägung der Zukunft, +leidenschaftlich in Trotz und Furcht, denn die Angst vor dem, was sie +bei den Menschen erwartete, hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines +Tages nun kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit +Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu vor ihnen +und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, was sich drunten im Gau +ereignet habe, und er erzählte, daß die Goldreiner schon am +Pfingstmontag über den Fluß gegangen seien, um die in Morter wegen der +entführten Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die +Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern verklagt, daß +sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen hätten. Die Redeschlacht habe +so lange gedauert, bis die von Morter zu Hirschfängern und Flinten +gegriffen, um die Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das +Gerücht gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders die Pest +ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen Gaukler mit sich geführt, +habe die Krankheit eingeschleppt. Ein großes Sterben habe begonnen; von +feindlichen Unternehmungen zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die +Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen Leute auf +geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem Rat«, so schloß der Alte, +»und geht hinunter zu den Euern, damit der Zauber geendet wird.« + +Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie sich auf, um +heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in Traurigkeit verkehrt, und das +längst; seit der ersten Umarmung hatten sie keine Freude genossen, aus +der nicht grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der +Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, ein Druck der +heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, dann ging jedes +seinen Weg. + +Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte Licht, und alle +Tore waren verschlossen. Als Franz das Dorf betrat, grüßte ihn kein +vertrautes Gesicht, überall war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er +klopfte ans Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff +erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster wurde +geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte ihn an. Ihr Schrei +rief Vater und Bruder herzu, man ließ ihn ein, aber da er auf alle +Fragen nur halbe Antwort gab und schließlich verstummte, betrachteten +sie ihn ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß die Äffin +den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal herumtreibe; wer ihr nah +komme, der werde von der Pest ergriffen, die von Naturns und Kastelbell +bis Eyrs hinauf Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe. +Schweigend lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende +Teilnahmslosigkeit brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm alle Schuld +zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, so wäre das Land verschont +geblieben«, rief er, »und weil du mit einer Ladurnerin davon gegangen +bist, darum ist ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich +stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, sie habe +die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, das noch offen war. Die +Mutter warf sich Franz zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu +lassen. Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, wollte +hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der Faust, da rief ihn die +Schwester fieberhaft bettelnd zurück, und er nahm wahr, daß die +Krankheit sie gepackt hatte, denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das +jenes Frauenzimmers, das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er setzte +sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie die Beulen unter den +Armen, das Fleisch zerging unter der Haut, und als sie starb, hatten +ihre Züge den Ausdruck der Gorilla-Äffin. + +In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll war der einzige +Laut des Lebens. Nachbarn hüteten sich, einander vor die Augen zu +kommen. Der Himmel schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war +der Tag, Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. Von +Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster in Neuratheis, +segneten die Leichen vor den Haustoren und trösteten die rasenden +Kranken. Es ging kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein +Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein Glockenecho brach +sich an den Bergen. Aus Furcht vor dem Affen wurden die Fenster verhängt +und die Türen verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche +doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz den Bruder +erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte der Vater den ersten +Frost. Als die Sonne untergegangen war, pochte es ans Fenster, die +Mutter schlug vor Grausen die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier! +Das Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden und erblickte +eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum am Brunnen stand. Er +erkannte Romild, die aus dem zinnernen Becher mit der Gier einer +Gehetzten Wasser trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund +winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß er noch lebte, +zog ihn das Mädchen bis zum Rand des ausgetrockneten Bachs. Sie hatte +noch immer die herrisch-gerade Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war +entfärbt von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten sie +beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, aber nun +kam sie von einem Haus der Toten und Todgeweihten; der Liebeswille hatte +sie getrieben, den schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand +sie, flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns ein +Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, steckst du eine +brennende Fackel übers Dach, ein gleiches will auch ich tun, so wissen +wir doch täglich voneinander, daß wir leben«. Franz war damit +einverstanden; die Häuser beider Familien waren so gelegen, daß ein +Feuersignal von einem zum andern wahrgenommen werden konnte. + +So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde flammte von Goldrein und +von Morter aus ein brennendes Scheit übers Tal: wie zwei irdische +Sterne, die einander grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz +sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, zwang er der +Mutter, deren Herz schon erstorben und hoffnungslos war, das Versprechen +ab, an seiner Statt das Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese +Pflicht treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr Gewissen zu +betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit und Entehrung. Aber +als der Einzige und Letzte des Stammes langsam zu genesen anfing, fand +sie sich belohnt, und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott diesen +Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, von der Pest einmal +erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. Am neunten Tag war er +imstande, das Bett zu verlassen; zwei Tage später versuchte er, nach +Goldrein zu wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende +Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben abstehen. +Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen Fackelbrandes vom +Ladurnerhof gewahrt, indes die Mutter willig über seinem Haupt die Lohe +hinausreckte, fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage +später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er wählte den Abend +hiezu, weil er sich bei hellem Licht der Beachtung der feindseligen +Sippe nicht aussetzen wollte. Er wußte nicht, daß es keine Feinde mehr +dort drüben gab und daß der Gau entvölkert war. + +Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die Brücke ging, und +er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels die Stunde. Noch sah er die +Fackel nicht, so daß er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie +seinem Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, der Platz, +und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst leise, dann laut. Da ihm +keine Stimme antwortete, auch kein Schritt hörbar wurde, öffnete er +ungeduldig die Türe und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn +zu einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite befand sich +ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster wurde die Fackel +hinausgehalten, und ihr Schein erhellte düster und mit beweglichen +Schatten rückstrahlend den Raum. Aber es war nicht Romild, in deren +Händen das Holz brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier +kauerte am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in gräßlicher +Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser Nachahmung, die sich +im Hinausstrecken des Armes mit dem brennenden Scheit kundgab, war noch +schrecklicher als der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp +vor den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet lag, die +Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige Haut blutbesudelt, der +Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, die toten Augen weit geöffnet und +von der Kohlenglut unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz +Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten wird. Der +Affe schleuderte die Fackel weg, packte den Wehrlosen und zerbrach ihm +mit einer spielenden Gleichgiltigkeit das Genick. Dann begann er +abermals, stumpfsinnig wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild +nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, im Fieber +vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete Zeichen gab. Es war +aber in seinen großen Urwaldaugen die instinktvolle Melancholie der +Kreatur, die von weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz +bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose Werkzeug eines +unerforschlichen Schicksals bleibt. + +Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben. + +Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse eintraten, +während welcher sie, von Bauern und Hirten verfolgt, durchs Martelltal +irrte, bei einem Ausbruch des Stausees am Zufallferner von den eisigen +Fluten erfaßt wurde und elend ersoff. + + + + +Der Stationschef + + +»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen +Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb, +»der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser +Philister wie gewisse Quäcolas.« + +»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen +gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe +ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild, +daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze +blickte.« + +»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich +Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche +Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das +mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die +erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht; +oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart +ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich +für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes +wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich +auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein +wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem +Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen. +So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er +hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht, +freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum +erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und +brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und +beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse; +seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu +verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn +ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie +führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um +Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur +wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von +seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für +Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die +ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht +mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt +hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich +überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und +in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den +Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den +Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig +vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.« + +»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich +würde sie ›der junge Hirt‹ nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich +hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes +Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering +wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung +werden.« + +Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«, +erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des +Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht, +können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.« + +»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan. +»Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol +für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine +fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen +armseligen Sinn sie nicht spüren.« + +»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu +grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger. + +»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen +werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie +enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie +eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten +unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte +und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der +Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um +uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen +Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den +Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln, +wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch. +Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es +passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines +bürgerlichen Nero zurückgeführt.« + +Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen. + + +Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der +Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein +gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende +Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal +innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan; +nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer +Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu +betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll +Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um +vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er +erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit +Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus +eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame +erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen +Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu +betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs +um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines +vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete +Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste +Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen +Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso +oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der +Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von +Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll +eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen +wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die +Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus +dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den +verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und +Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise +verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen +von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten +Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe, +die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und +durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er +bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit. + +Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren +versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu +befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so +tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit +verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die +menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die +Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins +Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung, +breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die +nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen +Schätzen und Wertpapieren sitzt. + +Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung +zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend +nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter +diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein +Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im +Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden +mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu +bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde. +Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden, +der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß +der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet +sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden, +wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten +geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und +seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es +zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und +Brotstelle gejagt wurde. + +Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines +pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er +glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens +war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von +Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht +bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in +der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd +fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der +Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen +Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen +Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich +erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und +schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an +Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder +in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an +ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und +die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an +ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt, +daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt +von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen, +so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr +vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet +eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein +totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam +der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und +da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio +Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation +gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken; +er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen +Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust +erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als +das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen +erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und +wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen +neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten +die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr +mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während +er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten +Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie +gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten +nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von +außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des +Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den +Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so +eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde +drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste +trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das +Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich, +gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut, +die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode +selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga +schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee +bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff +ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern +Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war, +entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging +in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich +pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der +Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie +sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch +klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil +sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich +ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu +verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein. + + +»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte +Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme +Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines +häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein +Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit +zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres +Frauentum darin liegt.« + +»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den +Engel erlöst.« + +»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich +die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache +bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem +Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und +Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher +geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder +ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen +derer, die eingreifen und zermalmt werden.« + +»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und +gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit +zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete +Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor, +daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da +im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße +Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich +die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste +ungehemmt sich betätigen dürften, – das Land würde rauchen von den +Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein +Fanatismus fordern würden.« + +»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen +Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d’Herbois war ein mittelmäßiger +Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater +spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten, +die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen +müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot +d’Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was +ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen +Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging +d’Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es +anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein +Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs +Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die +die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen +Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder +Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem +Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten, +der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und +nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung +der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine +Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er +gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.« + +»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre +geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend. + +»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska +traurig. + +»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist +jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine +Begabung, lasterhaft werden muß.« + +»Dieser Collot d’Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus +dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung +seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour +rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus +Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb +und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er +wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische +Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit +einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor +dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in +die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines +Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter, +der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder +anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt +verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden, +denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das +Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit +jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die +Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem +Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden +Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten +ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die +vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele +Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen, +als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich +glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der +Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.« + +Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den +Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln +abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da +Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema, +noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers +Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer +bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch +auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen +Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die +Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska +ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen +heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen, +ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den +Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben, +allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd. + +Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes +gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was +dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er +auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise +in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine +Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle +Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die +Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie +vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger +Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, – Verzeihung, auch +an die Frau.« + +Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe +die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht +selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es +verdient.« + +In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und +Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie +unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als +die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen, +welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte +Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und +es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des +Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne. +Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung +bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten, +der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da +vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für +Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine +ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse +man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch +zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man +wagen und wie weit man gehen dürfe. + +Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa +Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen +Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und +schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie +gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der +Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer +Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände +in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen, +woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern +fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein +mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das +mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum +wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab +dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er +sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte +den Ausdruck ungeheuchelten Kummers. + +Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit, +daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten +erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu +unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von +einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie +gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren +hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich +einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen +mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen +den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder +Wille könne da nur zerstörend eingreifen. + +Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen +an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der +Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden, +die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so +naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für +immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den +unfreundlichen Elementen zu überliefern. + + + + +Geronimo de Aguilar + + +Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als alle bei der +abendlichen Lampe wieder versammelt waren, begann Cajetan seine +versprochene Erzählung wie folgt. + + +Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die Geister des alten +Europa bewegte, lebte in Spanien ein verarmter Edelmann namens Geronimo +de Aguilar, ein ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph +Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur den einzigen +Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. Aber da war guter Rat teuer. +Als Matrose oder Soldat oder selbst als untergeordneter Offizier auf +einem Schiff zu dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die +Leitung auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte man +entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb nichts übrig, als +sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo sich mit Recht sagte, daß +jede Stunde kostbar sei und jeder verstrichene Tag ihn einer +unwiederbringlichen Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen +Nächte über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend vor +ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens bis abends +beschwatzte er Freunde und Bekannte, saß in den Vorzimmern hoher und +höchster Herren, reichte Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen +ein, und mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit +jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen. + +»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz Columbus erreicht +hat, ist noch nichts, und wenn man mich gewähren läßt, will ich zeigen, +daß es nichts ist; ich will euch die Atlantis der Alten wiederfinden, +will Länder erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns +Pflastersteine, und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück, +daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben könnt, wie sie jetzt im +königlichen Tresor bewacht werden. Aber säumt nicht länger, denn die +Zeit ist trächtig.« + +Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine schwarzen Augen +brannten, als ob der ganze Mensch mit Feuer angefüllt sei. Viele hielten +ihn natürlich für einen Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext, +aber es gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß es den +Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu schicken, und daß ein +Mann, der die Kraft zu großen Geschäften in sich spüre, nicht mit der +Bescheidenheit eines Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines +Tages ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der vom Hof +verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, zu sich kommen, und indem +er auf einen mit Goldstücken bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier +sind zehntausend Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen +und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu opfern. Rüsten +Sie damit die Brigantine Elena aus, die mein Eigentum ist und im Hafen +von Cadix vor Anker liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren. +Höre ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld und +Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter Dinge zurück, so +sind Sie durch den Verlauf des Unternehmens nicht nur als lächerlicher +Rodomont entlarvt, sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren +Übermut und Dünkel zu bestrafen.« + +Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos Blut in +Wallung versetzt; in diesem Augenblick empfand er nur überschwängliche +Freude; er nahm stumm die Hand des Grafen, beugte sich nieder und +drückte sie an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild +man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, gesammelt und +maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung und Befrachtung des +Schiffes wußte er zu nutzen, was seine Vorgänger durch Erfolge wie +Mißlingen ihn gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und +Tüchtigkeit, daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende war. Zu +Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen beendet, und an einem +klaren Oktobermorgen lichtete die Brigantine die Anker und stach in See, +begleitet von den Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo +stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine Flamme, als ihm +das Vaterland den letzten Gruß schickte. Er ließ kein Herz zurück, kein +Gut, keinen Freund, nicht einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es, +und er bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden Visionen, +hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen zärtlicher Art. + +Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung +lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen +Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne +niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer +Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen +Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken +lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo +dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas +des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen +und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann, +das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es +befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt +über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im +Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und +mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen +Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen +Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden +verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat, +Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als +verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse? + +Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder +einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine +Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese +Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der +Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die +leibhafte Erscheinung gebunden war. + +Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele +Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten +trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war +zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener +Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf +ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll +Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden +und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine +Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie +das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine +Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten +Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und +fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar +zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft +vom Meer verschlungen. + +Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den +selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus +Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde +von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen +geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen +Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen +umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer +half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf. +Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete +nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die +Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte, +die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie +ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen +Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen +Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren +prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme +sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder +Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten +Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit +Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger +Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm, +gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der +Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen +Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn +in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte. + +Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der +Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er +Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines +Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum, +unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl, +auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd, +die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten, +jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder +Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der +er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so +schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch +unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das +märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das +Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der +selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein +war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug +ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine +Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht +geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem, +was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine +Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher +Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen, +versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in +ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte, +die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten. + +Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine +Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er +sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde +sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden +durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen; +ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren, +erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche +Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte. + +Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung, +derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von +Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der +Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser +Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen +Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken +gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte. +Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit +Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in +jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser +hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des +Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester +beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines +unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen +Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen +Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert +und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt +werde. + +Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl +verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der +Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in +seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und +folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit +Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch +imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber, +denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich +denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt, +was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung +der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die +Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns +wohnen.« + +Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle +einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs +Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren +konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil +und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu +richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf +sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren +er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast +unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom +Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen +aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande +brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo +doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot +eine der neuspanischen Inseln zu erreichen. + +»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und +vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den +düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft +flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten. +– »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. – »Ein solches +Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge +Herrscher. – »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie +lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor +Erregung, zu verstehen. – »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«, +entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften +Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich +erneut.« + +Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die ihm verstattet war, +denn der Mond stand jetzt in seinem Anfang. Er bereitete sich zu +unablässiger Wachsamkeit vor, aber wer weiß, wie es ihm trotzdem +ergangen wäre, wenn er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn +bewachenden Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben aus +den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war ausgebrochen und +hatte den Knaben, der schon aus vielen Wunden blutete, überfallen. Mutig +stürzte Geronimo hinzu, ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu +gebrauchen und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern Tag kam +der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar gekleideter Mann, in +sein Haus, dankte ihm bewegt, sah ihn tief und lange an, neigte sich +plötzlich zu seinem Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst, +Fremdling, bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten +Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den Tod, weil er das +Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen Fürsten verraten zu haben. +Einige Tage später kam ein Abgesandter des Kaziken und fragte den +Geronimo im Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den +Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte eine tiefe +Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur ernst und verneinend den +Kopf. Wenige Stunden hernach stellte sich ein zweiter Sendbote ein und +verkündete, das schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von +reinen Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; der Fürst +werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre ausschlage. Durch die +offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit doppelt zur Vorsicht +gemahnt, wiederholte Geronimo seine Weigerung in gleicher Form. + +Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war er nicht wenig +erstaunt, sich in einem andern Raum zu finden als der war, worin er sich +zur Ruhe begeben. Es war ein von oben matt erhellter Saal, voll von +einer bläulichen Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren von einem +Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, den diese Blumen +ausströmten, hatte die eigentümliche Folge für Geronimo, daß er seine +Gedanken lähmte und zugleich eine fieberische Begehrlichkeit in ihm +aufregte. Die Mexikaner besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der +Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit Wirkungen hervor, +die sonst nur von Giften und narkotischen Getränken erzeugt werden. Auch +liebten sie die Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere +Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit Blumen geschmückt, in +Prozessionen durch die Landschaft zogen. + +Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete Portal +schritten und sich ihm näherten. Sie trugen schöne Gegenstände in den +Händen: goldgewirkte Stoffe, goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich +verziert waren, ein Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit +Perlen gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und aus +Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen Blättern +umgeben, und die beiden letzten stellten einen Springbrunnen vor ihn +hin, der einen funkelnden Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine +Vögel, ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem Staunen +betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm der älteste der +Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, sagte er sich, daß man +mit solchen Herrlichkeiten eine ganze spanische Provinz reich machen +könne. Dennoch verzog er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf +der Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach einer Weile +erhob er die Augen und sah an der Längswand des Raumes zwölf junge +Mädchen mit ebenholzschwarzen Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie +auf dem Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; dabei +lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung ziele. Es waren +drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, drei Stoffwirkerinnen und +drei Perlenputzerinnen. Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos +umher, entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten mit +falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im Chor beinahe +flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie im Wechsel den Namen Tochrua +gellend und sehnsüchtig hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die +ganze Schar kauerte sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger +Körper zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme +aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen Weise, und +die Leiber schienen sich den Gewändern wie einer neblig trüben +Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch leuchtete in sattem Karmin und +strömte einen rosenartigen Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben +und drängten sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an, +als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn wie weiche +kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte sich ab und wühlte das +Gesicht in die Kissen. So wollte er bleiben, was auch kommen mochte, und +da es nun ruhig ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er +wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und zerschlagen und +suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß er seine Gedanken +hartnäckig über den Ozean in die Heimat schickte. + +In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem Blumensaal. Er +begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, daß sie ihm betäubende +Mittel in die Speisen oder ins Wasser mischten. Während die Blumenwände +gestern hauptsächlich aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten, +waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte gelbe Dolden +blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich fernem Trommelwirbel, dann +erschallten die hellen Klänge eines Beckens, dann aufregende +Lustschreie, dann ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in +der Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. Geronimo +grübelte, wie er es anstellen könnte, sich zu schützen, da wurde es +hell, und fünf zierliche Mädchen traten an sein Lager. Jedes trug einen +Smaragd von märchenhafter Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste +Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die eines Horns, der +dritte stellte einen Fisch mit goldenen Augen dar, der vierte war höchst +kunstvoll zu einem Reif verarbeitet, der fünfte und schönste bildete +eine Schale mit goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm +knieend dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, und +das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt durch ihren Kreis eine in +purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. »Tochrua!« riefen ihr die +Mädchen zu, und sie grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme +voll Metall und an den Endungen der Worte austönend wie in einem +Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste hatte sie Perlenketten +geschlungen, die durch den Flor schimmerten, und sie kam nahe heran und +sagte zu Geronimo: »Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand es +wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. Sie breitete +die Arme aus und die Mädchen zogen ihr liebkosend den Schleier vom +Haupt, da gewahrte Geronimo, daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie +Zedernholz die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie ein +aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« sagte sie, und +immer wieder, in immer neuer Musik der Stimme. + +Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang dumpfer +Gesang von allen Seiten, von unten, von oben an sein Ohr. Er suchte sich +abzulenken mit Bildern, die ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den +Bildern seiner Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich +kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das wieder abnehmende +Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua als einen Schatten, jede ihrer +langsamen Geberden erweckte eine quälende Neugier in ihm, und fast +verlor er unter den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen, +Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf seinem gewöhnlichen +Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. Faul schlich der Tag dahin, +niemand besuchte ihn, schweigend eilten die Diener durch das Haus, +Markt- und Straßenlärm erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er +Tochruas Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst +begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es Abend wurde, +kam ein weißhaariger, magerer und finsterer Priester in sein Gemach, +starrte ihm eine Weile forschend ins Gesicht und sagte: »Merk auf, +Fremdling! Tochrua muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit +entfernte er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung. + +In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah nichts. +Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte die tiefe List darin, und +seine Ohnmacht verurteilte ihn zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte +er unter einer hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein +Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen hielt. +Die Kuppel stand auf Säulen in einem von blauen Flämmchen geisterhaft +erleuchteten Garten, von dem man nur schwarze Laubmauern sah, und im +Laub drinnen kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen +kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. Geronimo +gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und hinabtauchendes Gesicht, +das gleichsam mitten aus einer Verzückung geflohen war, dann nackte +flüchtige Körper, die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als +dies, und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern glühten, +eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, daß Tochrua käme, +rings um sein Lager häuften unsichtbare Hände Reichtümer über +Reichtümer, die Luft war voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich +zahllose Arme nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem +Zwitschern vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden, +und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des ganzen Treibens versetzte +Geronimo in feurigen Schrecken. Es fruchtete nicht, daß er die Lider +zudrückte, er spürte die Gestalten durch die Haut, er atmete den +verführenden Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten, +auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam der +Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, und so schaute er +denn. + +Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, Lende an Lende, +ungenügendes Licht machte sie wesenloser, und auf einmal erschien vor +den hold Zurückweichenden Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo +richtete sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern könne, +die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, ihr Antlitz +war ernst und betrübt; ein aufrichtiges Gefühl und edle Teilnahme war in +ihren Mienen und verkündeten dem erlahmenden Geronimo das nicht +abwendbare Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, wenn +er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen der Gefahr inne, +schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs Lager zurück und verblieb +regungslos. Als die Nacht zu Ende ging und er noch einmal mit +erleichtertem Sinn zu schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von +Mädchen und Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren, +durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite war, auch +sangen sie eine Weise, die einem Totenlied ähnelte, und klagende Stimmen +riefen: »O Malinche! O Malinche!« + +Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen preisgegeben, und +der aufgereizte Zustand seines Innern verwandelte sich in eisige +Erstarrung, als sie in der nächsten Nacht, diesmal hatten sie ihn in +seinem Haus gelassen, den Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein +Sklave hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, das noch +zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut auf dem glänzenden +Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen über Geronimos Wangen, und es war +ihm, als ob alle Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich +gebrochen wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die Wollust +des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihm +bisher erstrebenswert geschienen. Es kam ihm vor, als sei er nur ein +Ding, fern vom Leben und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die +vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele gerast war, und +daß er nichts auf der Welt besessen, weil er nichts auf der Welt +geliebt. Und welche Künste sie von nun ab ersannen, ob ihre biegsamen +Körper durch den duftenden Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische +in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft lockenden +Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine Begierde, weil der Tod +sich in das beziehungsvolle Spiel gemengt, und auch deshalb, weil sie +alle so lieblich waren, Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen +den Brand der Sinne auslöschte. + +In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn ins Freie. Alsbald +stand er am Fuß eines Treppenturmes, dessen breit ansteigende Stufen +sich erst im dunklen Äther zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan, +und wie er so die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein +befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, von einer +schweren Krankheit genesen zu sein, und das berückende Schauspiel, das +sich ihm bot, verwandelte vollends sein Herz. + +Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: einen Himmel von +überwältigender Sternenpracht, den Horizont beglüht vom Feuer der +Vulkane, in geahnter Nähe das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend, +den blaugrünen Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und Feuerkäfer +durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, aus den Wäldern die +Stimmen kreischender Vögel, das heisere Kläffen des Tukans, den Schrei +des Baumpanthers und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst +den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform des +Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten und sich vor ihm, +zum Zeichen, daß er die Probe bestanden, zur Erde beugten, da war es +unumstößlicher Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den +Europäern Kunde von diesem Land geben konnte. + +Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat mußte man +glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, und Jahrzehnte, +Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte er, bis ein anderer Seefahrer +an diese Küste verschlagen wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein +neues Land und faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob +es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank verschließen +kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau +gezwungen, plötzlich Vorzüge des Geistes und des Körpers an ihr findet, +die ihn veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr +aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. Nun +liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen Himmel mit einer nie +gekannten Inbrunst; er liebte die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut +schienen, die undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den +Heuschreckenbaum, den Armadill, das Jaguarrohr, das über vierzig Fuß +hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken von Wipfel zu Wipfel +schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen rührte ihn umso tiefer, wenn er +sie mit der Lasterhaftigkeit seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges +Schreiten, ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen Tier +und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und zweckbeladenen +Schwere, die er in der Heimat gewohnt war zu sehen. Er erinnerte sich +der Unbill, die er von Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß +verschlungenen Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; und daß er +dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine wunderlose Zeit und Natur +ihre Geschöpfe aus Krampf und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben +verdammte, dünkte ihn kaum noch begreiflich. + +Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art des Fremdlings +nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn mit Geschenken, und Geronimo +hinwiederum zeigte sich durch sinnreiche Ratschläge und allerlei +Unterweisungen des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche +Erscheinung unter ihnen genoß. So vergingen Monate und Jahre, in denen +Geronimo fast jedes Andenken an sein früheres Leben austilgte, als eines +Tages das Gerücht eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste +viele große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden Waffen, auf +grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt des Kaisers zu. +Geronimo erschrak, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner. +Er beschwor den Kaziken, ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu +bekämpfen. »Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte der Fürst, +»aber nun künde uns doch, ob diese Fremden deine Brüder, ob sie +gleichfalls Söhne der Sonne sind, und was es für Tiere sein mögen, mit +denen sie verwachsen scheinen.« + +Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, und besonders die +Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. Geronimo beruhigte sie nach +Kräften, aber es war ihm klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren, +diese lieblichen, ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt +in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat des +Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt er mit dem Heer +des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie noch von dem Tal trennte, in dem +die Spanier lagerten. Inzwischen hatte der Anführer der kleinen +spanischen Schar, Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine +Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer seiner +Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener oder als Gast +konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. Er sandte Botschaft und ließ +dem Fürsten ein Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden, +sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre Gewalt +geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er vor das Zelt des Fernando +Cortez gebracht, und dieser selbst trat auf ihn zu, ein mächtig +anzuschauender Mann, blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen +jeder begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich wieder +bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen und trotzigen +Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm den Mut. Er wußte nicht, wie ihm +geschah, plötzlich beugte er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder +und begrüßte seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen +Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden und darnach die +Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab und weinte. Cortez umarmte ihn +huldvoll, viele von den Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber +was sein eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht +wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab es keine Heilung +mehr. + +Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte er seine +merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu berichten. Um nicht das +Ziel des Neides zu werden, schenkte er den neuen Gefährten vieles von +seinen mitgebrachten Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur +ihre Habsucht an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt +werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh er den Einflüsterungen +Geronimos ein williges Ohr und zog mit seiner Mannschaft über das +Gebirge. Nun war er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes +und der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er das Heer des +Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt verlegte, unschädlich +machen könnte, wußte er unter der Maske des Wohlwollens für den jungen +Fürsten Geronimo dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte, +den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen Empfangs in +das spanische Lager zu führen. Geronimo ließ sich täuschen. Er +schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Cortez, wenn er die Feinde in +ihrer Übermacht erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde und +daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und mörderischen +Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er also zu den Mexikanern, und +seinem beteuernden Zuspruch, wobei er die eigene Person als Geisel +anbot, gelang es, den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und +Nützlichkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch war der +Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. Sein Zelt wurde +mit Wachen umgeben, und niemand durfte ihm nahen außer Cortez und +Geronimo, der bei den Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs +äußerste bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel +Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer wieder, daß es +nur eine einschüchternde Maßregel sei, um die Barbaren im Zaum zu +halten. In der Tat wagten die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange +ihr Herr in der Gewalt des Spaniers war. + +Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich in das Zelt des +Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. Der junge Fürst kauerte auf dem +Boden; seit zwei Tagen aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo +ermuntern wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein Reh, wenn der +Winter kommt. »Rede doch, Malinche, deinem Gebieter zu, daß er mir die +Freiheit gibt,« sagte er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines +Palastes dafür ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte +Geronimo noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem Erstaunen +völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er teilte ihm die Worte +des Gefangenen mit und flehte dringlich, Cortez möge den Fürsten +entlassen. »Eine solche Bitte ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don +Aguilar,« erwiderte Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter +hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn verloren und verdammt. +Zum zweiten Mal ging er in das Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm +nieder. Der unglückliche Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte +er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine nackte Haut +sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was könntet ihr billig +verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die wir bloß Menschen sind?« + +In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; Geronimo +eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt gegen das aztekische +Lager. Auf eine nächtliche Überrumpelung nicht gefaßt und durch das +Schnauben, Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten +Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos und wurden von den +Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. Als Geronimo zur Walstatt kam, +war alles schon entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an +Gold und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, die +Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt und Geronimo, +von einem leidenschaftlichen Gram überwältigt, verwünschte sich und sein +ganzes Leben. Als er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt +des gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem Teppich +hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz durchbohrt. + +Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo +durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen +Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem +Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun +erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden, +die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten, +um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde +geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe +durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und +bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise +verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine +Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen +Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend +Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies +Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen +Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser +Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster +Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine +solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter +ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.« + +Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den +Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos +lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern +unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge. +Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer +zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten +begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer +rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so +wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort +von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm +Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die +zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach +vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da +faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht +ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er +heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war, +löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem +Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig +mit den Rudern und fuhr hinaus. + +Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie +sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine +Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten +Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie +konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er +hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten +einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er +steuern?« + +Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach +einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins +Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem +einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß +niemand. + + + + +Von Helden und ihrem Widerspiel + + +Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der +Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den +Erzähler. + +»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg +Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von +Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die +Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch +traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die +Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche +Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents +erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder +wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine +der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß +diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß +sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.« + +Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«, +antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen, +sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich +poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es +keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer +und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie +bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.« + +»Trotzdem denk’ ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht +Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie +dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt, +satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der +Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen +westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen. +In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt +unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er +ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine +Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet +sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der +Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der +Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von +Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse +Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht +habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker +und in Ketten schmachtete.« + +»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati. +»Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es +Auffassung, scheint mir.« + +»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«, +versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß’ es mir nicht ausreden, daß die +meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen +Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum +der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu +erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?« + +»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf +Hadwiger hin. + +»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«, +sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit! +Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge +gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus +gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er +wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit +Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem +Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den +Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den +Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie +auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich +die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde +hingerichtet.« + +»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer +gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt, +während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«. + +»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das +Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts +anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich +vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry +Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze +von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika +samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an +Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.« + + +»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte +Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische +Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und +zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine +Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als +England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich +verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der +Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte, +griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser +Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem +Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei +Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um +in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund +gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der +grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in +aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord +wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts +ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die +Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich +wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes +Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten +Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu +retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu +bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch +erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den +andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert +oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid +und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte +sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar +bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in +Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in +unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen +Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die +Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen +sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken +entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen +unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche +Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und +endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der +Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne +Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört, +lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen +Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren +Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die +toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig +am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit +begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er +sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem +Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in +denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten, +und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner +ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das +seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und +küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur +Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser +Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat +kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und +versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es +dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines +Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und +haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein +gebrochenes Versprechen des Glücks.« + + +»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die +Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht +einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der +niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für +eine große Sache erfüllen.« + +»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch +verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften +gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte +Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?« + +»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung +erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die +ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ. +Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt +keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer +ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und +worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus, +Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht +als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und +Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt, +die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten +Georg nach England gebracht wurde.« + +»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele +und wir verzichten auf alle Argumente.« + + +»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der +Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor +den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig +erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr +ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer +liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in +ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den +Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den +seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin, +willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände +und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und +Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle, +der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der +italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach. +Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in +ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie +werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke, +Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen +Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor +sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht +kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend; +eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie +schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig +fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher +Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr +tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie +anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie +sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum +Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie +am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte: +dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen +die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus, +lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit +aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu +jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot +verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem +Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse +getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und +falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er +sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit +den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach +mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als +sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich +nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie +endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein +Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll, +und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die +Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen +herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr +besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so +schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der +sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts, +wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für +immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte +sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.« + + +»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene +Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war +der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine +Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.« + +»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«, +antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen +betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie +vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und +Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und +die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar +Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.« + +»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte +Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als +ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und +wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die +Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.« + +»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem +Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja +alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das +heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da +er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die +Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte +ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher +Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige +Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur +Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung +seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine +Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem +Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr +unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem +Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man +treffen kann.« + +»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte +Lamberg. + +»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich +Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit +der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich +erzählen will, eine recht eindringliche Lehre. + + +Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach +zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn +auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten +Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war +sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine +reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als +Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel, +und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann +gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn +übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit +ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie +beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde, +sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und +betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein. +Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er +brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges +Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume +hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts +fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche +Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es +war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von +schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und +Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter +Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war, +zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von +M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate. +Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in +der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper +und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der +Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen +einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen +verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des +Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren +Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte, +Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu +sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen +oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen +jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen +Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit +gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit +rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr +einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert +immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er +sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer +Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein +wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war. +Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für +allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens +stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner +künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das +ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß, +der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den +Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an +Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende +Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er +Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz +sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und +jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist +an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte +Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und +Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines +Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er +nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die +Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug +zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine +Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre +alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden +Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert +hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß +angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender +Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte +ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten +einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse +heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus +entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu +kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein. +Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling, +und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen +Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer, +in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie +lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war +ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch +immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit +schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war +wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So +erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der +Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie +über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer +erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er +nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch +knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter! +oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe +vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden. +So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb +wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an +der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.« + + +»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati +sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der +Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens +ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in +Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir +atmen eine unheroische Luft, Freunde.« + +Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden +Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz +der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster, +Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die +Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte +sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen +Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken. + +»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei +abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr +wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am +Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen +Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der +Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann, +ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu +geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos, +und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen +ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau +verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige +Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und +Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es +spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein +Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein +Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch +vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie +folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der +schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern +vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den +tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde +angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen +Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig +geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter +Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu +überzeugen.« + +»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und +Schwarz gewinnt.« + +»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn +nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der +Bankhalter diktiert die Einsätze.« + +Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf +einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für +vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war. +Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre +weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die +Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die +Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen +körperlichen Schmerz. + +Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig +pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde. + + + + +Der Tempel von Apamea + + +»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag +zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich +so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm +bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.« + +»Ich wußt’ es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er. + +»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska. + +»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge +weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust, +und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu +beichten.« + +»Zu beichten? Wie meinst du das?« + +»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren +sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht +denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.« + +Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an. + +»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg +das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so +rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen +die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man +sich und andern unbequem.« + +»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab, +und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.« + +»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt’ ich nichts dagegen, +und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.« + +»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska. + +»Vielleicht. Oder wenn _du_ reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor, +unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann +wollte ich –« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf +ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie +wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie +verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um +sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge +über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt +aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf; +ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte +Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug. + +Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit +Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier +guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es +ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er +spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg +wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche +Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es +kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine +Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar +alte Münzen.« – »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar +anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« – +»Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der +vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher +auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike +zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät +sich selber.« + +In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit +ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich +Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen, +schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul +kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur +wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, – +vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen +Inselstrand, – dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle +Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen +Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen +sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne. +Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen +ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen +Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die +lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem +höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte. + +»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte +heran. + +»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng. + +Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht +gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz. + +»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt. + +»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach +Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem +Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal +greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig +gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir’s.« + +Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht +Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung +geben, daß er Sie nicht versteht.« + +»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.« +Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn +Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir +ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska, +»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.« + +Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt +noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war +gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die +verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer. +Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze +Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie, +als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie +mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir +kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht +kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.« + +Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von +ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen +Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die +Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?« + +»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben +habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und +doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von +Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.« + +»Angenehm«, murmelte Borsati. + +»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr +das junge Weib fort. + +»Nun, – süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf +schüttelte. + +Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler, +erdig-keuscher Geruch.« + +»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska. + +Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte +plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich +fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal +traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er +so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen +Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen +über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns, +starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das +werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und +erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die +andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor +Erstaunen aufgewacht.« + +»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt +eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine +Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im +Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine +Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen +dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben +Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend +auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen. + +»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in +einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die +Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen +gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit +zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht +gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot +ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der +Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher +Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird. +Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander +die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich +eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin +ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren +Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der +mich mit verderbten Blicken anstarrt.« + +»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war +voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen +Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem +dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr +neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig +warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von +oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein? +Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst +um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.« + +»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«, +sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld; +Ungeduld ist Wollust.« + +»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden +Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da +stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig +wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in +einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich +sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften, +sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in +ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann, +ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und +widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden +zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter +Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie +stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich +plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt, +stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich +weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich +überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und +ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende +ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie +opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.« + +»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist +sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind +deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder +schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie +mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich +plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen +sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da +ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre +ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde +mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern +Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir +ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit +unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte, +war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel +herabnahm, um mich zu betrachten.« + +»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz, +»eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in +der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich +zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht +glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese +Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich +suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte +nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes +erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und +mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn +grenzt.« + +»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte +Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis. +Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann, +dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe +geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht +hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder, +jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf +einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern +ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet, +auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in +den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen +ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich +nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und +kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber +immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln +übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem +Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist +aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die +vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er +hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn, +daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.« + +»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich +Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch +ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art +wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am +Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber +ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus +einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen +vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die +Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte +stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich +den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich +von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen +den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten +schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche +Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad +nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich +kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie +bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und +alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich +hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt +hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.« + +»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber +vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt +geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter +und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner +Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich +kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie +wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum +sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man +ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur +das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je +dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und +Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der +tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze, +schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.« + +»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«, +versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der +Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der +Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und +ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das +Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber +traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so +geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild +hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und +wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum. +Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die +Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein +tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die +Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein +jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben +sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu +werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte +Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom +Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug’ in +Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor +geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an +Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie +sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam +schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille +entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die +Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das +einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum +Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so +plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die +Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der +körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen +aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm, +bis sie beide sterben.« + +»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte +Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der +Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.« + +»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief +Franziska. + +»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar, +und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon +Geschichte oder Gedicht.« + +Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne +fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von +Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen +sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und +keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat +war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle +Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die +man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war +gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie +stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie +an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt +verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und +schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und +postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend +nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl +geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise +gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn +vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.« + +»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht +merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser +Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein +Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete +ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch +nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen. +Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche +Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er +eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige +aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß +er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen +Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die +ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn +sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes +Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem +eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen +dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter +Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle +Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu +teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer +Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück +selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus, +um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ +er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig, +sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte +und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen +luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau +am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei +Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im +Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte, +tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste +in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten, +von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er +während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug +viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg, +und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit +und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich +eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein +großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit +sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die +Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine +Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen, +damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber +niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann, +dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder +aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war, +erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen +vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion +erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß +sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen +Juden versprach.« + +»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich +kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus +herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte. +Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre +hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und +Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien, +als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.« + +Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine +Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von +Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle +weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine +Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie +diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten, +so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte +sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in +ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren, +sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine +Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins +Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die +imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen +der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich +gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf +die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen +blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines +Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war +fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren +durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken +zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn; +plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was +die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich, +ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines +Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube +folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen +hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es +dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die +Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß +sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin +Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und +meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren +Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals +treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war +die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen +Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität +glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten +Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von +Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich +ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang +geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der +Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben +müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu +fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die +klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand, +und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend +vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das +Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge +mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren +alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt, +wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr +körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun +Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf +oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau, +bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich +zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.« + +»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«, +sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe +zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist +das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge +macht es stutzig.« + +»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«, +antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht +zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas +ärgerlich hinzu. + +»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender +Heiterkeit. + +»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von +Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.« + +»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte +Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten +aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister +zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst. +Stimmt die Gleichung?« + +»Also ein Wunder, Georg, erzähl’ uns von einem Wunder!« rief Franziska. + +Lamberg lachte. »Das nenn’ ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«, +entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden +wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie +ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein +Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.« + + +Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im +römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum +nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein +Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater, +seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von +den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich +dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und +mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein +Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die +Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im +Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der +Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion +des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig +im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er +war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts +von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie +ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im +innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das +Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte +ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der +Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten +erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den +Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der +Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern +des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das +Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung, +an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd, +entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst +verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des +götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer +Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank +jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in +einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von +mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut +versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der +sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten +Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und +Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war, +den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren +Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben, +und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die +Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert. +Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren +Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav +und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten +olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen +sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene +Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen +verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten +nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was +den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am +Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen +geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender +Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an +Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie +die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig +Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur +unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre +Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, – es war, als ob +Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam +Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem +Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, +denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs +Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die +prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung +Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der +Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele +von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß +sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt, +während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen +könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses +Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem +Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit +ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich +nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den +Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr +Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der +dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde +erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst +die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten +unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war +ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm +vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg +er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung +gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch +diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen +viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend +und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht +einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr +strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die +Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das +Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer +Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die +Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die +gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten. +Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese +Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert. +Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den +Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten, +und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den +Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen +Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie +zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres +blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu +sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen +zerfleischt worden wäre. + + +»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen, +die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist +einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten +konnte, still zu stehn.« + +»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu. + +»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie +kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der +täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein +Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr +belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um +sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß +er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen +Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch +allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und +was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr +dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht +oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das +Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten +immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu +schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat +zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.« + +»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan. +»Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele. +Nennt ihr die Erfahrung, so nenn’ ich die Halluzination und das Leben in +Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in +einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen +Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen +Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll +ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht +habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von +der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge +schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies +erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf +einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir +Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt +jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was +geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die +Natur gesetzt hat.« + +Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte +erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte +er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans +Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche, +die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden +können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst +Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr +vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte +einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise +mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von +Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr +bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der +markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als +das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte +Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg, +und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben +versuchen will.« + +»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil +Feuer machen; Franziska friert.« + +Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich +die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See +stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das +Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes +Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden. + +Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine +Erzählung an. + + + + +Die Gefangenen auf der Plassenburg + + +Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen +Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen +Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran +und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf +Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich +der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades +seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der +Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und +Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche, +nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den +fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen +und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach +den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz +andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute, +arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden +waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe, +Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der +Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume +sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt, +geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der +Seufzer und eine Stätte des Schweigens. + +Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der +Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung: +es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im +Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter +hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das +Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor +sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und +ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung +des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung +zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich +krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er +wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem +Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben +Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der +Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen +bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so +unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem +höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff +an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden. +Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein +allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam. + +An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten zwei wohlgekleidete +junge Leute auf der Straße von Bayreuth nach Kulmbach. Sie hatten in +ersterer Stadt ihr Gepäck mit dem Postwagen vorausgeschickt und +benutzten das schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung. +Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder gaben sie sich für +Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit miteinander. Der eine, +Alexander von Lobsien, war ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner +Jüngling, der andere, Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett, +sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, hatten Wien +und Prag besucht, wollten nach Weimar und von dort an den Rhein. Peter +Maritz, ein ruheloser Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die +damalige Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein Gefährte +besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu Gast geladen war. + +Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise nur die +vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie alle Jugend jener Tage, +von dem Drang nach Tat und Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten +sie sich der Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen zu +heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als gerade die +Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. Man war ihrer +Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. An der Grenze von Böhmen +hatten sie durch Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen +erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch das Bedauern +getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, als das Volk nach +langem Schmachten in Tyrannenfesseln – ich bediene mich der zeitgemäßen +Ausdrucksweise, – sich endlich anschickte, für seine Rechte in die +Schranken zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was nach +Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders für den +hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom Spiel zu sein. Er redete +fortwährend, lief seinem Genossen stets um fünf Schritte voraus, blieb +dann stehen, perorierte und fuchtelte mit den Händen wie ein +Tribünenredner. Ich sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein +harmloser Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem +Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten und Pfaffen je +unschädlicher ist, je geräuschvoller sie sich gebärdet; aber damals +waren auch die Fantasten, die aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen +Thron und Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz +zeichnete sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas +Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht ein wenig feig +war, ein wenig Prahler wie viele korpulente und rotbackige Menschen, das +will ich unentschieden lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er +sich ziemlich wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von +seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die mitunter etwas +Fertiges sehen wollten, als elende Philister brandmarkte, und alles, was +die Gleichstrebenden hervorbrachten, entweder mit kritischem Hohn +verfolgte oder durch den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder +verkleinerte. + +Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, der an sich +zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt ist, unbegrenzte +Freundschaft entgegenbringt, war es auch mit Alexander von Lobsien der +Fall. Er erblickte in Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich +selbst beargwöhnend, nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner +Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, in denen +mit jugendlichem Feuer die Revolution besungen wurde. Er hatte mit +seinem Gefährten noch nie davon gesprochen und hielt die Poesien +ängstlich verborgen, obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie +kennen möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, dessen +Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz entflammten und ihm mehr +bedeuteten als der Beifall der ganzen übrigen Welt. + +Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot ihnen bei jeder +Wendung einen neuen Ausblick auf das in schönen Spätnachmittagsfarben +glänzende Land, und von einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten +sie in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme von Kulmbach. +Versonnen schaute Alexander hinüber und sagte: Ȇberall da wohnen +Menschen, und wir wissen nichts von ihnen.« – »Das ist richtig«, +antwortete Peter Maritz; »alles das ist Botukudenland für uns. Und warum +wissen wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu wenig +wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, so ganz zum Ertrinken +tief hineinstürzen, und wenn ich dann wieder auftauchte, wollt’ ich +Dinge machen, Dinge, sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust +alle viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander, +würd’ ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du verspinnst und +verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, du läßt dich von deinen +Träumen betrügen, das Leben fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde +Leben.« + +Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, senkte den Kopf. +»Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter Maritz begeistert fort. »Was weißt +du von den Millionen, die da unten in der Finsternis sich krümmen, +während du an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du +wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die Sonne nicht +verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark und Blut riecht, wie ich das +Menschheitsfieber spüre, wie mich verlangt, die Fäuste in den gärenden +Teig zu stemmen! Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich von +England aus die Peitsche über die dummen deutschen Köpfe sausen lasse! +Erleben will ich’s, das Ungetüm von Welt, erleben!« + +»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer Art?« +erwiderte Alexander zaghaft; »alles was das Auge hält, der Gedanke +berührt, Sehnsucht und Liebe, Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das +_nicht_ Erleben? Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer im +Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden Renner selbst zu reiten. +Schlimm, wenn ein Poet in der Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die +tätige Nation und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du +hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges Schleichen um +den Brei, seit langem spür ich’s, und mich zieht’s hinunter zu den +Dunklen und Unbekannten, nicht um zu schauen, genug ist geschaut, genug +gedacht. _Mit_ ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in +ihnen.« + +»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete Maritz mit der +Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz ist. »Wenn es dein Fatum ist, +geschieht’s. Doch es ist dein Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der +Kontemplation. Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen +Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur deine Feder gegen +sie, und nicht das Schwert.« – »Und du?« fragte Alexander. – »Ich? Ja, +bei mir, siehst du, ist es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir +das sagen, ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart. +Da wälz’ ich seit Monaten einen Stoff in mir herum, Mensch! wenn ich dir +den erzähle, da kniest du einfach.« + +Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden Suada seinen +Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch gestimmten Fürstensohn, der, +mit seinem Herzen ganz beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge +der Bedrückung eines despotischen Regiments ist. Während eines noch zu +erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und Felonie kommt es wie ein +Rausch über ihn, er tötet den Vater, reißt die Gewalt an sich und +verkündet seinen Untertanen die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß +er zu schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, ein +jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben aus, er vermag die +Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt hat und am Ende töten ihn +die, denen er die Luft zum Atmen erst gegeben. + +»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; »das ist ein +Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer zu haben ist.« +Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; aber er wagte den Einwand, daß +der Vatermord keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König +müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. Peter Maritz +war außer sich; er raufte sich die Haare; er erklärte dies für die +größte Tölpelei, die ihm überhaupt je ins Gesicht hinein gesagt worden +sei. Nichtsdestoweniger blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung, +und streitend rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand sich +schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte Wirt +begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den bei Dunkelheit eintreffenden +Fußgängern nicht erspart bleiben konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich +rasch, als sie sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da +auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers angedeutet +war. Er wies ihnen die besten Zimmer an und führte die Hungrigen hierauf +in ein Honoratiorenstübchen, das neben dem allgemeinen Gastraum lag. +Peter Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der Wirt +hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur mit frischem Bier +dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. Ohne eine Kraftprobe ließ es +aber Peter Maritz keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er +durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen will ich nicht +wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir den deutschen Wein!« worüber +ein paar ehrsame Beamte, die dort zum Abendschoppen versammelt saßen, +ein heftiger Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem +Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die Köpfe +gegeneinander. + +Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, jedoch beim Käse +schlug Peter Maritz ungestüm auf den Tisch und rief: »Ich kann mir nicht +helfen, Alexander, aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser +einleuchtet. Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten Wasser ist, +nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch des Prinzen nicht erhaben +genug. Wozu das ganze Brimborium, wenn alles ausgehn soll wie das +Hornberger Schießen? Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen +werden, sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.« + +»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander maßvoll, »aber +daß ihn der eigene Sohn töten soll, das wird den Prinzen in den Augen +des Volks nicht ins beste Licht setzen, fürchte ich.« + +»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch wird er +schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er muß ihn ermorden; wie könnte +ich besser die Sklaverei veranschaulichen, unter der das Land keucht? +Kann deine empfindsame Seele nicht begreifen, was für eine grandiose +Katastrophe das gibt?« + +Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. Der Lehrer, der +Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der Kreisphysikus, sie schauten +verstört vor sich hin, der Busen zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie +wagten nicht mehr, von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende +Wirt machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen die +heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Ein +paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, und es dauerte nicht lange, +so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, bis an die Zähne bewaffnete +Stadtsergeanten und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, wo die +beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer erdichteten Person +rauften. Auch die Bürger und der Wirt drängten sich neugierig und +schlotternd gegen die Schwelle. Das Donnerwort: verhaftet im Namen des +Königs! brachte eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor. +Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, fragte +nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß visierten Pässe. Der +Hinweis auf den mit seinem Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr +qualmenden Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit weit +entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten Leute in ihrem +Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die drei Gesetzesgewaltigen über +ihn her und legten ihm Handschellen an. + +Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz und +Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. Sein +bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der Obrigkeit, fruchtete +nicht. »Wir haben über eine Dichtung beraten«, sagte er höflich zu dem +Apotheker, der sich am eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete. +»Nichts da, solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die +grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge alles aufklären +würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun das Wirtshaus; Rede und Widerrede +floß leidenschaftlich. Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man +habe zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse war +auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten von Fürstenabdankung, +Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; so wurde man also, abends vor +dem Schlafengehen, in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, lief +herzu. + +Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem mädchenhaften +Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis und Verwunderung. Der Gang +zum Polizeihaus war der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes +Spektakel. Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem Hirschengasthof +geholt hatte, und der ein wenig angenebelt war, führte das erste Verhör. +Er schien nicht übel Lust zu haben, die beiden Leute für harmlos zu +erklären; da traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der +Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das in voriger Woche +zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende Sicherheit gebe, sowohl gegen die +Mordbuben, wie sie sich ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des +entrüsteten Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden +Demagogen-Gelächter zu: »Nur frisch drauf los! schließlich wird man auch +in Krähwinkel Genugtuung finden für die Niedertracht und die Dummheit +einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« Das war zu viel. Der Aktuar wiegte +sein Köpflein; mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu der +Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf der Plassenburg +internieren müsse, bis man der Regierung den Sachverhalt dargelegt und +Befehle eingefordert habe. + +Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation eines Revolvers aus +der Tasche von Peter Maritz. Alexander war froh, daß man sein dünnes +Manuskriptheftchen, das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht +entdeckt hatte und daß man mit der willigen Ablieferung seines +Kofferschlüssels zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der Gedanke, +daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten sich mancherlei +Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen konnten, ihre +verdrießliche Lage rasch zu bessern. + +Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, umwaldete Burg +glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte und fluchte unablässig, +aber als sie beim Schein eines Öllämpchens vor dem aktenbeladenen Tisch +des Wachoffiziers standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein +Letztes zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete wie ein +Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche und verschlafene Herr +hatte keine Ohren für einen Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero +sechzig.« Das war die einzige Antwort. + +Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens zu zweien und +nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel entledigt. Der Wärter +sagte ihnen, daß das Gebot des Schweigens, das hier waltete, für sie +nicht giltig sei, da sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie +sich hüten, einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum +erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden lief ein gelindes +Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, an eisernen Türen vorbei +kamen sie in den Raum, der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte +Wände, zwei Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger, +selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete auf den +Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie waren im Finstern. »Ach +was«, seufzte Alexander, »eine Nacht ist kurz.« – »Jawohl, wenn sie +vorüber ist«, brummte Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden +begann. – »Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht +werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften Ton, der echt +klang. – »Laß mich in Frieden«, wetterte der Dramatiker, »verdammter +Einfall, verdammtes Land.« – »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der +Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch zu dem großen +Leben gehören, das du mir so gepriesen hast?« – »Mensch, ich glaube, du +spottest meiner«, rief Peter Maritz wütend. – »Mit nichten, Freund. Ich +denke eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner hier sein +mögen, und von wem uns diese Mauern rechts und links scheiden. Ich komme +mir vor wie in die tiefste Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und +wenn ich mir gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller +Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will mich unser +Unglück nicht mehr so groß dünken.« – »Der Geschmack ist verschieden, +sagte der Hund, als er die Katze ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs, +worauf ich liege, ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich +sonst verrückt werden müßte vor Wut.« + +Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte Peter Maritz +schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des Neides und mit dem andern +Gefühl leiser, fast noch wohlwollender Geringschätzung gegen den Freund, +überließ sich seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen +Poetennaturen, denen Welt und Menschen im Guten wie im Bösen eigentlich +nie ganz nahe kommen können, als ob ein Abgrund des Erstaunens +dazwischen bliebe. Nur das Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die +Teilnahme über den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie +die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen und +entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger Ruhe auf das Kommende zu +blicken, das sich seiner Ahnung mehr als seiner Vernunft vorverkündigte. + +Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit wie die +hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß leibliche Augen gesehen hatten, +ohne zu wissen und empfunden zu haben, was das Schweigen hier bedeutete? +Die fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste waren, +hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit zu beklagen, hatten +die Übeltaten vergessen, durch die sie die Gemeinschaft mit freien +Menschen eingebüßt, und jeden erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu +dürfen. Nichts weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich +der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom Hitzigen, der +Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg Veranlagte nicht vom +Schwätzer, der Trotzige nicht vom Bereuenden. Der Neuling ertrug es +noch; im Anfang schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch von +gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes tönte noch in ihm. Drei +Tage, zehn Tage, zwanzig Tage vergingen; was er zuerst kaum bedacht, +dann nur als lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille +entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein Laut der +Liebe, das mächtige Wort eines Richters, die Mahnung eines Priesters, +die Bitte eines Opfers, all das gab dem Nachdenken Stoff, der +Dunkelheit einiges Licht. + +Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder beim Gottesdienst in +der Kapelle, was in den Zügen der Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit +den Genossen regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch +im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen an sein Ohr; er +durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige sühnte schwer, wenn er sich +vergaß. Die nicht gesprochenen Worte belasteten das Gedächtnis; wenn +einer den andern anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die +Luft, scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn, +blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale der Ungeduld +bildeten eine Sprache für sich. Lief eine Maus über den Boden des +Arbeitsraumes, so zitterten sie; die Lippen des einen rundeten sich zum +Ruf, die des andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure +Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren Stäben auf die Tische +schlugen und mit Blicken die Zungen bändigten, die sich regen wollten. + +In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere Nichts zu +murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer und befriedigte so wenig wie +den Durstigen die Feuchtigkeit des eigenen Gaumens labt. Mit dem +Fingernagel oder mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den +Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach dem Schall. Es +überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, und mancher meldete sich zu +einer Mitteilung. Gefragt, was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang +der Sprache entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und +bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, nannten +erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, die jeder +Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man war darauf gefaßt; das Abenteuerliche +wurde schnell durchschaut, dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht +und der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen dürfen, +daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, ihm geantwortet hatte. + +Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen und Monate +erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes Blatt, und alles rings um +ihn wurde grauenhaft lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die +Dinge laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich gewesen, +wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit und Zeitverlauf gebunden +hätte; nun war sie ein Schrecken. Wer kann es aushalten, immer bei sich +selbst zu weilen? Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im +Menschen innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch nur +Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, schuldig oder +minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde alles Leben zu einem +Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften und Geheimnisvollen, auch +ihre Laster und ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu. + +So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich vom Dorf zur +Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine finstere Höhle, erinnerte sich, +obwohl Jahre seitdem verflossen waren, an gewisse Bäume, glattrindige, +mit ausgebreiteten Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad waren wie +Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, auf dem sie geritten, +ein Hund, den sie abgerichtet, ein Vogelbauer vorm Fenster, eine +Tabakspfeife, die sie besessen, ein Becher aus dem sie getrunken, der +Winkel an einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm, +ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem Bild geworden, worin +sie sich verspannen, das ihnen Brücken schlug zum ungehörten Wort. Sie +versetzten sich in Räume, sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle +Gegenstände in den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur +vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, Tisch und +Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das erzählte, all dem +antworteten sie, jedes Dinges Form da draußen, in fern und naher +Vergangenheit, war Wort und Sprache. + +Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue keine Kraft mehr. +Deshalb dachten sie in verbissenem Haß der Umstände, die sie einst +überführt. Den einen hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf, +den dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den fünften ein +Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten der Schnaps. Nun +beschäftigte er sich tage- und nächtelang mit diesem Einzelnen, zog es +zur Rechenschaft, fluchte ihm, sah alle Gedanken davon regiert, +erblickte es in jedem Traum. Und die Träume waren angefüllt mit +Gesagtem, ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von +nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was einem Kaufmann seine +Unternehmungen, einem Seefahrer seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen +sind. Brach dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an, +die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so taumelte er +schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die Gewalt des Eigenlebens, das er +plötzlich zu verantworten hatte, erdrückte Hirn und Brust; die +Luftsäule, die Sonne, die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte +ihn nur so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, und +es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben freiwillig ein Ende +bereiteten, nur darum, weil sie nicht gleich einen Gefährten fanden, um +zu reden. + +In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer Art, die +beiden jungen Männer verschlagen worden. Als Peter Maritz am Morgen +erwachte, schlief Alexander noch, denn er hatte erst spät den Schlummer +finden können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die +Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen können. Hiezu +schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen machte er den Freund +lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, der neben dem Fenster an die Mauer +geschrieben war. Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich +leiten, er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« Darunter hatte +eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich einen Galgen seh, tut mir +gleich die Gurgel weh.« An einer anderen Stelle war ein Beil gezeichnet, +mit den Worten: »Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war +folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, laß mich nicht +so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, doch nicht so schmal bemessen +wie du dem Sünder gibst, den du so innig liebst.« + +»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, »und es ist +immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns unter Kollegen befinden.« Erst +nach einer Stunde erschien der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen +wollten, und nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch +und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter geführt zu +werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer Wutanfall packte ihn, als +die Tür wieder versperrt wurde; es dauerte lange, bis Alexander ihn +beschwichtigt hatte, und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen. +Alexander begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick auf +den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne von +Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter Aufseher geführt, +paarweise mit langsamen Schritten über das Steinpflaster wandelten. + +Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger Gestalten +erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit tiefen Kerben um die +Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln am Kinn, oder auch langbärtig, oder +auch ganz glatt, wie es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe +waren geschoren, die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme und +Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe über die +andern; er schien kaum zu atmen, seine Augen waren zugekniffen, der Mund +stand offen und hatte einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm +ging ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule glich, roh, +gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender fletschte die Zähne, +ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch Ungeschlachter hatte einen +Ausdruck idiotischer Schwermut, ein schlanker Kerl lächelte süß und +infam. Einer sah aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig, +breitgängerisch, ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein +Geistlicher, ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein +Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig und +geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen Schacht und nach außen +hin nur lauschend gleich Hunden, die sich schlafend stellen und schon +bei einem Windstoß die Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien +ihnen wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern hinzog, +schreckten die einen zusammen, die andern hefteten starr und finster die +Blicke empor. + +Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter Maritz runzelte die +Brauen und meinte, das sei eine schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das +Fenster war offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre +Gesichter wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, dann +drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher ballten drohend die +Faust hinauf und winkten, Alexander und Peter traten bestürzt zurück. +Lebhaft bewegt, schlug Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«, +murmelte er, »und doch Menschen!« – »Dich dauern sie wohl?« fragte Peter +zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht dich dort zum Schuldner, wo du +nicht handeln kannst. Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib’ sie +gegen das Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du +Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir hast.« + +Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine Augen brannten +und mit einer Geberde schönen Zorns warf er Peter Maritz die Blätter vor +die Füße. Ruhig bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu +lesen, schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, ein +gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches Gesicht, +und schließlich, dem Harrenden glühten schon die Sohlen, er schämte +sich, bereute schon, schließlich sagte Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht +artig. Eine gewandte Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher. +Aber was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. Wenn +du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du ein schlechtes Gewissen dabei +hast.« Alexander hätte weinen mögen; er verbiß seinen Schmerz, +entgegnete aber nichts. Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche, +reicher an Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer Stunde +gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor sich hin, während +Peters Ungeduld beständig wuchs. + +Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten aus +dem Reich halber in Angst und Aufregung geraten wäre, hätte sich wohl +unter den Beamten und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den +die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht hätte. Trotz der +verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern entdeckt hatte, ließ der +Aktuar den Wunsch verlauten, sie in eine minder entwürdigende Umgebung +zu bringen. Der Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß +die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden Nacht +verwickelt wurden. + +Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein Friseur namens +Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei Jahren verurteilt war. Er hatte +sich schon bei der Kopfschur ungeberdig benommen, und als die +Hausordnung verlesen wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot, +lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die Kameraden mit +flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch und untätig, rührte sich +erst nach dem dreimaligen Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er +in die Todenstille des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! wißt +ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und Herren massakriert? +Eine große Zeit bricht an. Es lebe die Freiheit!« Weiter kam er nicht, +drei Aufseher stürzten sich auf ihn, und obgleich er nur ein +schmächtiges Männchen war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er +wurde sofort in Eisen gelegt. + +Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus wie +Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen wird. Erst +allmählich wirkte das gehörte Wort; es gab also diese Möglichkeit, die +bisher nur wie Fantasmagorie und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln +ihres Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, dann +konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie mußte. Es ging eine +furchtbare Verständigung von Blick zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr +nachmittags; um halb sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die +Wärter, den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß, +beschlossen, die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando wurden +die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel, +Sackleinwand, auf das zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese, +Hennecke war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über den +ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu Boden. Im Nu +folgten die Gefährten seinem Beispiel; keuchend und dumpf jauchzend +schlugen sie ihre Peiniger nieder, banden sie mit Baststricken, stopften +ihnen Knebel zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze +des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig; +vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, fünf in Dunkelhaft. Die +Schar teilte sich; die größere Anzahl unter dem Befehl Woltrichs, eines +blatternarbigen Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die +Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache selbst zu +überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, der +verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. Der Gewehre hatten sich +die Meuterer mit umsichtiger Schnelligkeit versichert; das Haupttor +wurde zugeschlagen und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden +in einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke sämtliche +Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. Die ganze Horde +wälzte sich aus dem dunklen Eingang in den Schloßhof. Hennecke fragte, +ob einer von den Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane +nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht +erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg hinabrennen sehen. Es wurde +beschlossen, eine Wache auszustellen, und Hennecke kommandierte einen +Alten auf die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er sich +ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern trennte, welche die +Genossen aus der Kantine herzuschleppten. + +Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten +unter den Letzten in den Hof und duckten sich scheu in einen Winkel. Am +liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie +sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte +zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist +eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat umgesetzt werden, wenn man +gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt, +wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in +Gefahr geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; er +sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben +abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden, +Schicksal auf Schicksal gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine +zersprengte Tür. + +Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn, +Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe +Hahn geheißen, schlug vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden. +Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das +Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten +Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäuler +mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn +jetzt brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur allmählich +den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle +der Rausch. Sie schrieen und gellten durcheinander, lachten und tobten +grundlos, räkelten sich auf der Erde, patschten in die Hände, johlten +unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander, +zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten, +pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rachen. + +Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler, +sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: »Wie wir leben, so halten wir +Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen +und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen. +Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen +Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine +Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren. +Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch +in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere +Konrad genannt, redete mit Entzücken von der Brandstiftung, die er +begangen und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt. +Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren +verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war +immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest +von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte +alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte den +Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht +und einen Reichshofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich +auf Edelsteine und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu +werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum +Vorschein gekommen sei. + +Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in +den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild +geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat +gewesen, sondern Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig +Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers, +hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter +Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten hatte er ihre Ersparnisse mit +der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des +Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen +Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der +Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen Buche +wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar erschlagen hatte; seine Gedanken +hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter +seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er, +kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil +er die Frau verführt und der nicht müde wurde, zu schildern, wie er vom +Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe +hinaufgeschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt +und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie +er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern +herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie +mich,« sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen +Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« Der gelbe Hahn +erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein +Schwager an sich gerissen. Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der +Sterbestunde zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das +verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er +damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden +wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die +für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und +scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken +Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem +durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so +zugegangen: er hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen; da er +aber meist Leichname rasierte, so konnte er dies Geschäft an den +Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als +er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen +schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er den +verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze +seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen. + +Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige, +Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder +verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte. + +Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, saß Christian +Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch +Blick und Geberde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im +Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer +Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die +tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine. + +Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, um sich und den +Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder, +Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und +Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets +hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera +in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die +neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde +wertlos; kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren, +da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die +Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise; +bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine +entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im +Haus, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das +bißchen Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug keinen +Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und +endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei +jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht +beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu +sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den +Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist. +Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen +vertieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die +Lebensbeschreibungen seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha und +Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung +froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war, die Hälfte +des Gewinns, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert +Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen; +sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, das Geld war hin. Kein +Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen +tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das +Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde +Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die +Schwägerin. + +Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur +Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen +verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, für sie zitterte er +vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur noch ein einziger +preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die +Zeit selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege. +Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren +und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse +Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete +für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel +fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine. +Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie +vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um +den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er +zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. Eine +schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da, der +Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte +er nicht. Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der Bosheit, +dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal, +beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr +Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige, +vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich, +mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die +fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch, +ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre +Käufer finden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit +entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der +Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter! +Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als +das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des +Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen +Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die +Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein Weib mit einem +Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In +wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war +eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehren der alten +Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die +Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen +Eßwein im Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der +Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte +der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn auch nur der entfernteste +Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liebe +gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der +Schußwaffe an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal zu küssen, +bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos +hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende +mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank +nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst +nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es +in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen der Heilung; Haft, +Gericht, Verhör, das alles war ein einziger schwarzer Traum, bis endlich +das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht +finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei. +Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte er erschüttert, als ihm +der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief +er; »gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel +selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« Er +wollte sich durch Verhungern töten, aber die körperlichen +Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser +Absicht zu entsagen. + +Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze +Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die +andern gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas +Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht +fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das +Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des Lebens und daß er +kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge +beachteten ihn kaum; sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders +Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der wegen +Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so verzerrt und böse, +wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben +Stadt wie Eßwein und hatte alles sozusagen miterlebt. + +Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die Wahrheit hinter +dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn +nicht dazu da, sie zu empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der +schaut, mit tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not, +ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf +hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den +Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare +Verworrenheit eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt so den +Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der +Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will +und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie +leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese +und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre +Kinder, diese und die draußen, den Landmann am Pflug, den Drechsler an +seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg, +den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den +Uhrmacher, die Lupe am Aug’ und auf die Rädchen lugend, den Schlächter +und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den +Drucker am Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der +Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten +sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen, +nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen +deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten +trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen, +Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten Leben. Und diese +haben keine Worte, fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aber +besitze die Worte und bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich. +Doch nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter ihnen bin +ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für mich, was ich rede, +Stummheit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller +Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen +versagt hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich muß fern von +ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wirklich leben, heißt +zermalmt werden von denen, die stumm sind. + +Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm +war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht +lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem +versichert hatte, im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und +drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer +zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. In einen Ruf war +ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersichsein des Andern; +Prahlerei klang wie Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit +Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch einen +zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich; daß sie +hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den +Richter belogen, gezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger +Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll. +Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes +verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der dritte +plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen +und gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten +einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß +Gotteslästerungen aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart, +in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich +stich- und schußfest zu machen; der Schatzgräber sprach von der +Zauberblume Efdamanila, mit der man alles Gold in der Erde finden +könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener +Romanfloskeln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der +er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte +vielleicht zwanzigmal, ob jemand die Geschichte des Majors Knatterich +kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben. +Dazwischen hörte man Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie +Johannes dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann hab +ich einen glupischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch ’rum, +wenn er meinen Namen hört.« Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben; +Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte +er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, du ungeheures Meer! +Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm +Alexander Mut zu. Er erwiderte: »Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der +auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der +bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen. +Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut.« + +Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens Friseur wie +Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt, +seine Opfer zu frisieren, wenn sie tot vor ihm lagen, und der nur +deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer +also stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Geberden voll +Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« keuchte er, »der Eßwein.« + +Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte +seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge +erhoben sich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem +Feuerkreis, und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll, +was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in die Halle; der +Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte schluckend auf und ab. + +Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern +entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte +verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander, +als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und +feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren Halt, er +taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle. +Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand um seinen Arm, aber es war +schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres Blicks +und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als +Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen. +»Es sind Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen sie +her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten schoben sich gegen +sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. – +»Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und +Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« – »Die wollen +Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. – »Die kommen aus einer guten +Küche,« ein dritter. – »Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser +liegt,« ein vierter. »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief +Hennecke und ballte die Faust. + +Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein +abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle +näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und +brüllte mit Donnerstimme: »Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind +Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben +Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind, +verderblicher als Kanonenkugeln.« – »Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her +mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus +damit!« + +Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war +verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Übelkeit. +Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert, +Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich, +mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste +Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh +eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten +drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da +entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in +große Positur und las mit schmetternder Stimme: + + Ich richt euch einen Scheiterhaufen, + auf dem das Herz der Zeit erglüht, + mein Volk will ich im Blute taufen, + das sich umsonst im Staube müht. + Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen + und Kronen, die der Rost zerfraß, + euch müssen sich die Fürsten neigen + und wer im Gold sich frech vermaß. + + So öffnet denn die dunklen Kammern + und strömt hervor wie Gottes Schar, + es soll mich heute nicht mehr jammern, + daß gestern Nacht und Grausen war. + Auf denn, ihr Armen und Geschmähten, + du seufzend hingestrecktes Land, + genug der ungehörten Reden, + setzt nur das alte Haus in Brand. + + Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate, + von eurer Not klagt Dorf und Flur, + den stolzen Henkern keine Gnade, + zerschmettert Höfling und Pandur. + Der Feige mag vergebens zittern, + der Held macht seine Brüder kühn, + und aus zerbrochnen Kerkergittern + wird neue Welt und Zeit erblühn. + +Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum +erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die +Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der +Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings +ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg +davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige +Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.« +»Geschrieben hat er’s?« »Auf Papier steht’s geschrieben?« »Der Dicke +hat’s gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?« +»Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte, +antwortete es in allen Dialekten durcheinander. + +Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender +Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle +gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des +entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei +der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über +den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die +übrigen begriffen, was im Werke war; + + »Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate, + von eurer Not klagt Dorf und Flur; + den stolzen Henkern keine Gnade, + zerschmettert Höfling und Pandur!« + +sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder +Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den +hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander, +und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie. + +Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner +Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch +das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als +hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie +es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst +was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich +und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so +ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser +auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht +und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und +Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes +Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er, +doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des +Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn +vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite. + +Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen +Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg +lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich +mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von +Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren +Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem +Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört +hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert +seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht +blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht. +Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert +Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da +prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte +Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das +Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur +Flucht. + +Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem +Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft +und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod +bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit +das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder +niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das +Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt +die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt. + + + + +Paterner + + +Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr +schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins +Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«, +murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte +mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie +hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt +der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir +so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende +Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit +raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt +oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns +dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben +können.« + +»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte +Franziska. + +»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort. + +»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch +warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«, +wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die +dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern +doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel +noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen +Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein +Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen –« + +»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati. + +»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel +waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde +unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend +und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird +einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht +mehr an die Nerven als ans Gemüt.« + +»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch. +»Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter +Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?« + +»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den +Streit. + +»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja, +ja, – es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige +und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu +Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern, +was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was +wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe +Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht. +Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren +will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und +billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein +Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass’ ich es auch auf, wenn +Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler +sind feurig.« + +»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger +hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort: +Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch, +wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er +war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf +beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu +betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die +geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen +eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu +ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr +ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so +jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut +entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte. +Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein +letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und +letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die +Illusion einer Dauer? + +Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der +Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm +aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung +eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine +Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser +Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum +Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die +Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen; +die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden +wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu. +Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den +Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser +fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach, +sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner +die ganze Landschaft. + +An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und +blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der +Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends +undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den +Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen +allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die +Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar +gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im +Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch +befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit +der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde +sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt, +wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen. + +Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern +Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief +ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei, +das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon +unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von +Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum +Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die +Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir +also richtig eingesperrt«, rief Borsati. – »Und wie steht es weiter +oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. – +»Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald +entwurzelt wird«, war die Antwort. + +Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten +unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der +kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und +Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den +Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte, +fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom +Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und +die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die +Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines +Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern +befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine +dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung +und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte +seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu +gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein +dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen +ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben +die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten +Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen +Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr +einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre +enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte +ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger +ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?« +fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er +von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über +das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene +verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst +des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener +Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede +auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt +eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei. +Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die +Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien +fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren, +verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und +vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung. + +Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten +Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen +Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen +Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem +Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich +vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die +abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas +unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und +errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte +Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank +förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln +versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit +schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht, +Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um +die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich +jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr +folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner +Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab. +Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht +sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu +schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll +der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres +nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß +der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr +nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah, +weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die +ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von +alledem.« + +Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur +Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger +fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin +sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und +Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die +sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust +gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht. +Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und +mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so +unternehm ich’s selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern, +das ist ihrer und unserer nicht würdig.« + +»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«, +entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten +Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem +Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund +zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das +Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang +es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge. +So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je +unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch. +Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit, +Schönheit und Schmerzlosigkeit.« + +Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an. +Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen +sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu +handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald +nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es +dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen +aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse +leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das +ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono, +und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine +freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den +Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor +Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah. + +Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die +Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in +Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in +dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um +das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit +Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf, +das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein +Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang +behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen +des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und +unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung, +die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher +den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit +einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender, +stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese +Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und +Verantwortung.« + +»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er +sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und +Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati. + +»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel, +erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte, +eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«, +erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei +einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen +spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim +Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel +zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um +ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf, +als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit +Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen, +Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen, +deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis +sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an +Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog +er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem +Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein +dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung +zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten +spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen. +Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein +Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen +Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe +seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann. +Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner +Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist +fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein +unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus +dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für +dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die +dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine +Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und +unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards. +Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes +Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden +können.« + +»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend. +»Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider +Leute machen.« + +»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern reden«, sagte +Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas sehr Bedeutsames in der +Rivalität zwischen Alexander und dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon +die Farben ein wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser +Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse deklamiert, die +er vorher verworfen hat, und wie er, durch den Beifall berauscht, +plötzlich sich selbst als den Schöpfer fühlt, enthält eine Wahrheit, die +zugleich rührend und grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der +eigenen Kraft gewiß sein.« + +»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, entgegnete Lamberg. +»Ich weiß nicht, ob ihr euch an den Fall jenes berühmten Schriftstellers +erinnert, der das Buch eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm +unter vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte und +nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, denn es war ihm +zumute, als ob er das Werk geschaffen hätte, da es ganz aus der Stimmung +seines Geistes war und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand +eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre waren +vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches gegenüber und forderte +Rechenschaft. Dieser Mann war eine Hyäne und sein Talent eine der +teuflischen Erfindungen der Natur, die unsern Glauben an die +Zweckmäßigkeit des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde +Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen, +untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen Kritiker und +Bearbeiter seiner Bücher auf und trieb ihn schließlich zum Selbstmord. +Über dem Grab des Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei +welchem die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet wurden und +die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam verfaulten.« + +»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche Chatterton das +Leben genommen, weil er beschuldigt worden war, die von ihm +veröffentlichten Balladen seien fremde Erzeugnisse, er habe die +Handschriften in einem Kloster gefunden und die Originale vernichtet. +Später hat sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und +Neidern verbreitete Anklage unbegründet war und daß der junge, erst +neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer Sicherheit den Ton +und Rhythmus der vergangenen Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine +Waffe gegen die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen sie. +Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem fremden fernen Land, +und sie tritt mit einer Diamantkette um den Hals in eine Gesellschaft +und man bezichtigt sie plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte, +und sie hat kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre +Beteuerung, – so werdet ihr noch lange nicht in die Qual von Chattertons +Lage versetzt sein, denn im Lauf der Zeit wird die Frau ja doch +nachweisen können, daß der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte +dieses nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die Welt +überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen unter den schmutzigen +Wogen der Verleumdung. Sein inneres Feuer verlosch. Er war an der +Menschheit und an sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine +Stunde vor seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die +eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er sich genarrt +dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan hat und was mit ihm +geschehen ist. Vielleicht war ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie +einem jener sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen +und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation und an die +Zeit kettet und die ihre Seele verlieren müssen, weil kein Bruderauge +sie erkennt.« + +»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick in das +Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte Borsati. »Die großen Werke +werden hingenommen, als ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune +gespendet hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen nur +wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut so, aber im +allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig hin, und wo ein +außerordentlicher Mann persönlich auftritt, zeigt sich sofort das +Element der frechen Gemütlichkeit, selbst in der Verehrung, die man ihm +zollt. Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht einem +Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Dieses +instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen eigen.« + +»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete Lamberg, +»und nicht bloß die mittelmäßigen, deren Unzahl das Land allmählig in +eine Ablagerungsstätte von Makulatur verwandelt, sondern auch die +besseren Köpfe. Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis +verlassen, bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer +schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. In ihrem +sozialen Dasein fehlt das Bindende und Verantwortliche, und da muß eben +der Mann aus dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht +feindselig stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? Ein +Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, aber er war ein Dichter. Sein +Name war dem Bildungspöbel geläufig, nicht wegen seiner Leistungen, +sondern weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen +lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken verbrachte Existenz +eine für lustig geltende Herausforderung an den Bürger war. Der Alkohol +richtete ihn zu grunde. In einem italienischen Nest starb er eines +elenden Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, daß +sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt werden sollte; der +übrige Körper wurde an Ort und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine +tüchtige und entschlossene Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde +gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer Hutschachtel +und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. Dort mußte sie mehrere Stunden +auf den Zug warten, und sie begab sich in eine Kneipe, um ihr +Mittagessen einzunehmen. Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck +hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein Facchino und +trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die Schachtel vergessen. Nun saßen +in der elenden Osteria einige Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht +recht schlüssig werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen +sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich daran, +die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger Mensch das Haupt des +Dichters bei den Haaren in die Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf +die Tischplatte fallen. Alle sprangen empor und flohen in +abergläubischem Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die +Fensterscheiben, Mädchen und Frauen und viel Volk aus der Umgebung +strömte herzu und sie spürten ein verlockendes Grausen bei der +Betrachtung des Schädels, auf dessen wachsbleichem und melancholischem +Petroniusgesicht ein kaum bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.« + +»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht hören, und wenn +es passiert ist, erspart mir, darum zu wissen. Ach, wie machst du mich +schaudern, Georg! Das ist wie ein Fieberbild.« + +»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte Cajetan, »und +wenn sich auch unsere liebenswerte Dame entrüstet, hier ergreift mich +etwas gleich einem Menetekel. Wie ja oft im Hintergrund dieser +anscheinend schnurrigen und barocken Schicksale die tiefste Finsternis +gähnt und eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht +hätte ersinnen können.« + +»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit dem Kometen +Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg fort, und seine heitere Miene +versprach eine gutartige Wendung. + +»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer kleinen deutschen +Stadt, und zwar in einem sogenannten Familienhotel, eine Bezeichnung, +die schon allein seinen Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich +vor, die Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines Abends, +während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob er sich von seinem Sessel +und hielt mit dem Gesicht eines Totengräbers folgende ernste Rede: +»Meine Herrschaften, ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, des +Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord Lotterbeck ist, wie Sie +wissen, der bedeutendste Astronom der Gegenwart und Teleskopist an der +Licksternwarte. Hören Sie den Wortlaut des Telegramms: ›Komet Styriax +seit dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß mit +unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben Minuten. Ordne deine +Angelegenheiten, bereue deine Sünden, um zwölf Uhr acht Minuten bist du +nur noch ein Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand, +dein Cincinatti Lotterbeck.‹ Meine Herrschaften, es ist jetzt neun Uhr. +Sie haben noch drei Stunden sieben Minuten zu leben. Füllen Sie die +Galgenfrist mit dem kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle +ist es jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten die +erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; als aber zwei Herren, +es waren Freunde und Mitverschworene Paterners, Schmierenschauspieler +aus der Nachbarschaft, ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei: +Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, die Arme in die +Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig verzweifelt geberdeten, +daß sie dafür auf dem Theater mit Beifall überschüttet worden wären, +hatte es mit der Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen +zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße und kehrten +angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner Punsch bereitet, zum +Leichenschmaus, wie er sagte, und verteilte die Portionen aus der +gefüllten Terrine. Er verkündete, zwischen hundertachtzig Minuten und +hundertachtzig Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein +Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion wäre, die beiden +Schauspieler wußten auf eine raffinierte Weise die trockenen Gemüter in +Brand zu setzen, und nach kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den +Losgelassenen auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen brach +die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine Verwilderung, vor der +selbst ein Paterner schamrot wurde, wenngleich er alle schlimme Meinung +dadurch bestätigt fand, die sich über die Geknechteten der sozialen +Mittelschicht in ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete +ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond war von zwei +violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen zitterten vor der Drohung +der Natur, haltlos schwankten sie zwischen ihrem Jammer und dem +tierischen Entzücken über den Besitz einer wenn auch noch so kargen +Gegenwart. Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen stets +zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich selbst. Solche +Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien beobachten, im Kleinen +wie im Großen. Es ist als ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf +warte, daß die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer, +seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte genug +gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer Komödie war er nicht +gefaßt gewesen, und bis zum äußersten wollte er es nicht treiben. Er +erhob sein Glas und sprach: ›teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß +sich mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. Ich +erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall zu gratulieren. +Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie Sie die drei Stunden verwendet +haben würden. Ich wünsche eine angenehme Bettruhe.‹ Damit verbeugte er +sich und verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern +Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben sein.« + +»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. »Aber ich muß doch +gestehen, daß mir Figuren vom Schlag dieses Paterner unbehaglich sind. +Ich unterschreibe alles, was Georg vorhin über das schrullenhafte +solcher Leute geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als +Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man braucht deswegen +nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich sage mir, so lang der Deutsche in +seinen Künstlern immer noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere +Geisteskultur nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er ist +ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe der Nation, die +ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer einer gutmütig +zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. Die Deutschen haben keine +Ahnung, daß der echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für +eine verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel in den +meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe einer gewissen +blümeranten Literatur, in der noch heute jeder Maler ein Sammetröckchen, +eine fliegende Krawatte und einen Schlapphut trägt und auf seiner +Palette das Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, da +ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, die ganz +insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei eigentlich doch nur eine +Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. Welch ungeheure, ja tragische +Konflikte gerade bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches +ins Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. Ich +habe den Bericht von einem genauen Freund des einen und glaube für seine +Zuverlässigkeit bürgen zu können. Übrigens sprechen die Ereignisse für +sich selbst.« + +Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte die +Geschichte der beiden Maler. + + + + +Nimführ und Willenius + + +Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete, +war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil +über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum +blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten +aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem +geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer +sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines +Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen +sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge +der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste +Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges +Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur +bezwungen wurde. + +Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen +Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem +Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich +hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein +langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner, +greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen +Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten +Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb +rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages +war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er +sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er +mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren +primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu +verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen +nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur +als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen, +Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen. + +Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts. +Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons, +der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen +verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die +Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der +sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster +Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren +Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein +ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller +Nerven, das war die Existenz dieses Menschen. + +Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus. +Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll +aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser. +Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen, +sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus +Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben +könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er +von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es +vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus +einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die +Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt +der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich; +und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt +sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es +ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die +Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte +die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das +Verworfenste von allem: den Dilettantismus. + +Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs von +brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, die nun so verwegen +als selbstverständlich den tückisch verschleierten Halbtönen der Natur +Einheit und Glaubhaftigkeit verliehen, davon begriffen diejenigen +nichts, die von der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild +empfingen und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum erschien. +Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein Chaos ist, ein +Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß jenes Schauen, welches dem +Ungeformten eine Form abzwingt, der ungeistigen und toten Fülle durch +Abbreviatur und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und +heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder die Überwindung +eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte war die Natur; Feind und Geliebte +war, was Wirklichkeit hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen, +lügnerisch, schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes +unbesiegbar. Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge bohren, und +es durfte nicht die Epidermis beschädigen, während es das Geschäft des +Anatomen betrieb. + +Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit +gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt zu ziehen. Es hatte sich +ein reicher Kunstfreund für seine Produkte interessiert, der Verkauf +einiger Bilder sicherte ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein +geräumiges Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen +gedachte. + +Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte Willenius von einer +Ausstellung im Künstlerverein. Ein neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte +dort seine Arbeiten an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich +wunderliche Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer Insel im +Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie mit seinesgleichen verkehrt; +er sei unzugänglich wie der Dalailama und nähre sich bloß von Brot und +Äpfeln. Einige Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die +bengalische Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten +persönlich beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche +Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge verkündeten ihre +Begeisterung. + +Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die Bilder anzuschauen. +Erst schritt er langsam von Leinwand zu Leinwand, dann blieb er mit +hängenden Armen stehen, die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf +gierig vorgestreckt, die Lippe zitternd. + +Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; südliches Meer, und +am Strand nackte wilde Frauen; Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm +einer Palme lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels +und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles Leben in der +Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele und Symbol, alles in der +Farbe; keine Wirklichkeit mehr, nur Traum, und alle Wirklichkeit +hineingeschlüpft in den Traum, so daß es ein Spiel schien, die +Wiedergeburt einer Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des +Inner-Innersten, Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier, +Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe gefrorene Natur, +eine majestätische Synthese. + +Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den Verstand zu verlieren. +Nichts von Absicht auf Komposition und Wirkung, nirgends ein unreiner +Strich, ein Überbleibsel der Hand; keine Aufdringlichkeit der +Gegensätze, kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive. +Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender Verzicht auf +Hintergrund und Raumverhältnis geschehen, so daß der ungewohnte Blick es +lächerlich finden konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin +das Bild zu erfassen vermochte. + +Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere Nächte hindurch +schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Bekanntschaft +irgend eines Menschen zu machen; Nimführ zu sehen und zu sprechen war +jetzt sein ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, da er +täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem jungen Maler auf +Willenius aufmerksam gemacht, stellte sich ihm selbst vor. Er war ein +hünenhaft gebauter Mann, sehnig wie ein Lastträger, mit langem +gelblichem Gesicht, starken hohen Backenknochen und schütterem +Haarwuchs. + +Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr nachmittags begann +und um drei Uhr nachts in einer öden Vorstadtgasse endigte. Es war ein +zehnstündiges Einanderbelauern und -aushorchen. Die Sicherheit des +jüngeren Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere Künstler +kam aus den höchsten Regionen, wo nur die Eingeweihten sich durch +Geheimzeichen verstehen. Er kannte Willenius’ Arbeiten; daß er sie +schätzte, eröffnete er nur mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die +von der Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend +daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein Monument. Nichts kam der +überlegenen Ruhe gleich, mit der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte. +»Die Menschen sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist +das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden wird, muß +man ihr schon mißtrauen.« + +Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für Tag einander trafen. +Den Silvesterabend verbrachte Nimführ in Willenius’ Atelier, und als es +zwölf Uhr schlug, trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war +im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch zwei Jahre +ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann wolle er nach Mexiko +reisen. Willenius, vielfach angeregt durch die abendlichen +Unterhaltungen mit dem Freund, malte täglich acht bis neun Stunden. +Nimführ warnte ihn vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse +wollen gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer zu +schnell verdaut, zehrt ab.« + +Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das heißen? +Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war empfindlich wie alle in +sich selbst Verstrickten. Seine Liebe zu Nimführ, von Bewunderung und +Ehrfurcht gezeugt und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die +bloß unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit Angst und +Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu beobachten, der so herrisch +frei in seinem Bezirk waltete. Ihm waren Hand und Auge eins; was er +schuf, löste sich souverän vom Material; was er schaute, war sein +Eigentum. Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke reißen, bevor +sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war ein heimlicher Raub; er mußte +die Natur überlisten, beschleichen und verraten, denn sie gewährte ihm +von selber nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit wie vom +Paradies zur Hölle. + +Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem +Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu +grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die +Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier. +Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber +so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen +Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft. +Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher +machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit +seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund +zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel, +aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu +rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg, +und sei du froh, daß du fliegst.« + +Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus +seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose +Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über +den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel; +über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer +Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er +wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst +du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das +uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden +Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit +vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes +Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.« + +Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht. +Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu +fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell’ ich mich +selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig +gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch +zeigen.« + +Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein +Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter +nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war +wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne +eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die +Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte, +hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte +Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen: +überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht +doch kein Pfad. + +So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt +hat; Eifersucht – Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von +Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der +Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt, +von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das +Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich +gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der +Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl +er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse, +schamlos und kalt. + +Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes +Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter +dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer +niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd +mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet +roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren +Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau, +Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen +befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von +sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über +dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns +hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer +wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten, +der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend +darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des +Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und +mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht +gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in +fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er +den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der +tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen +menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob. + +Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er +wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in +äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und +Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas, +das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein +mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor +Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und +Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es +wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein +anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen +und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein +Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private +Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich +erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund +gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, – dieser Antipode, +dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das +verkörperte böse Gewissen. + +Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des +Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte, +hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe +Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und +wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte +er lieben, bewundern – und kämpfen. + +Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des +Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem +Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst +eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm +unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden +wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den +Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen +niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot +des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer +unreifer Zustände gerungen hatte. + +Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das +nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und +erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ +schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er +fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine +Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius +atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste +ihn. + +Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück, +neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander, +lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm +die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte +er voll Argwohn. + +Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem +Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er +eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus +wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er +kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher +Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild, +ich hab’s gleich gemerkt.« + +Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte: +Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen +mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm +zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen +konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er +diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung +aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens +satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es +satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus +Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze +Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht +erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in +seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe +aus wie Blut. + +Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn +gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen +Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle +fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung, +Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er +appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie +alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und +jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich +bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als +Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da +versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im +Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als +die Wege der Stümper –?« + +Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich +verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und +Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem +Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene +Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische +lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser +wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner +Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer +aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und +machte die Türe nicht lauter zu als sonst. + +Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen +war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein, +und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf +einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden +Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er +das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke +Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann +mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die +Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er +planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm +Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der +Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf +und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum. +Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die +schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen +Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein, +nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und +phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich +verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner +eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem +Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit +bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein +weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese +führten ihn zur Stadt. + +Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er +gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich +versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes +schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen +schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen +ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten +Himmel. + +»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt +hat?« fragte der Arzt draußen. + +Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit: +»Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit +einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte +seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen +will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.« + +Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch +unschuldige Menschen und reine Farben gab. + + + + +Herr de Landa und Peter Hannibal Meier + + +Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten sich die Freunde +hauptsächlich über die Hochwassergefahr. »Schade, wenn wir +gezwungenermaßen hier bleiben müßten, da wir es freiwillig doch so gerne +tun,« meinte Cajetan; »doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz +zufrieden, und kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung +der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.« + +Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke über die +Geschichte von Nimführ und Willenius ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte +Borsati, »daß in den Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch +die Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, die beiden.« + +»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon oft +konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied zwischen +Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius ist eine Ding-Natur, +trotz seines wunderbaren Talents. Ja, ich möchte ihn fast einen +Fetischisten nennen. Ich habe mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz +ähnlich veranlagt waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle +bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm borgen wollte. Das +Verhältnis zum Ding geht oft ins Sonderbare. Ich kannte einen +Lokomotivführer, der sich fest einbildete, seine Maschine scheue an +einer bestimmten Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer +Peitsche und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie und +lief ohne Stockung weiter.« + +»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte Franziska, +»und war völlig hingenommen von der Vorstellung, das glühende Eisen, das +sich unterm Hammer krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken, +die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.« + +»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines willensbegabten +Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in der Schweiz lebte ein Bauer, +von dem behauptet wurde, er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er +sich verpflichtet, kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen auf +der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein Mädchen aus einem +lichterloh brennenden Haus, ohne daß ein Haar auf seinem Haupt versengt +wurde. Da geschah es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne +küßte. Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt über einen +Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte ihn der Schwindel, er +wankte, er stürzte herab, unterhalb der Steinwand brannte ein großes +Feuer, er stürzte mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.« + +»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer Existenz irgendwie +teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch nie aufgefallen, wie rasch ein +Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer abbröckelt, wenn die Besitzer +gestorben sind? und es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die +Erhaltung verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät für +die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich von einem +verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit ist dafür nur ein +Wort, das wenig besagt.« + +Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort: +verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer und Sorgen kund.« + +»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte Borsati lächelnd. +»Einer meiner Bekannten hatte einen äußerst mageren Spitz. Eines Tages +wurde der Mensch krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab +wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer fetter, und +als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier eher einem Mastschwein +als einem Hund.« + +»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern schweizerischen +Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum Verhängnis wurde«, ergriff +Lamberg das Wort. + + +»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen Gütlers liebte. +Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei der Heimkehr von einem +Schützenfest, wo er den Preis errungen hatte, das stolze Mädchen sich +ihm zuneigte. In der Nacht, während er in ihrer Kammer weilte, brach auf +dem Hof, wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen +beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt waren. +Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes Betragen bestärkte den Verdacht, +den seine Abwesenheit erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer +gelegt zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo er die +Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld gezweifelt. Aber +er wollte den Ruf seiner Geliebten schonen, er wußte, wie sehr sie die +üble Nachrede fürchtete und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen +hätte. Seine Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber +verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, wo das Feuer +entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Er konnte +es kaum glauben, daß ihm dies geschehen, denn er war ein Mensch von +angeborener Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter +besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. Er saß nun im +Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung war, daß die Feuersbrunst +auf eine natürliche Ursache werde zurückgeführt werden können. Dies +geschah nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, vom +bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah auch nicht. Und +schließlich wagte er zu denken, daß die stolze Bauerntochter Mitleid +verspüren würde, daß sie so viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden +wollen, daß sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah am +allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam er als gebrochener +Mensch in das heimatliche Dorf und die erste Neuigkeit, die man ihm +mitteilte, war, daß seine Geliebte unterdessen längst geheiratet und +auch schon zwei Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in +Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat das Haus der +Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und sie ihn fragte, was er +begehre, denn sie erkannte ihn nicht, da überwältigte es ihn und mit +gehobenen Fäusten schritt er auf sie los. In dem Augenblick trat das +älteste Kind, ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen +die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff den +Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: schau ihn dir an. Und er sah, +daß der Knabe ihm ähnlich war an Gesicht und Haar und Augen und daß er +auf der Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend kehrte er +um und verließ das Haus. Von der Stunde ab war es aber um die Ruhe der +Bäuerin geschehen, sie konnte den Blick ihres ehemaligen Liebhabers +nicht vergessen. Haus und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging +einen schiefen Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer +mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein Jahr vergangen +war, lief von Brasilien aus ein Brief an die Gerichtsbehörde, worin die +seltsame Frau nicht etwa ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich +bezichtigte, daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht +keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer Tat, die sie +aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und Erregung erklärte, mit solcher +Genauigkeit an, daß man ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den +man gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden, +und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung entdeckt werden.« + + +»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie ist mir +unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife ich. Hat sie den +Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht lang lieben? Schämte sie sich +seiner? Und ist selbst dann eine solche Grausamkeit möglich? Unter +Bauern ist man doch sonst nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend +bedacht.« + +»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet man +zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, eine außerordentliche +Strenge der Lebensführung auch unter Bauern. Da ist dann ein ehernes +Festhalten an uralten Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter +Formen, der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und es läßt +sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, starr und +konservativ bis zum Äußersten, wie eben nur Frauen zu sein vermögen, +wenn sie einmal eine Überzeugung in sich tragen, daß ein solches Mädchen +ihr Glück und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle nicht +daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, daß sie ihm ihre +Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und darnach fand sie sich vielleicht +so gedemütigt, so heruntergezerrt, daß ihr keine Sühne groß genug +erschien für den Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange des +Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der Mutter.« + +»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die Frau anders zu +betrachten,« versetzte Franziska sinnend. »Freilich kann man alles das +aus den Geschehnissen heraushören, wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt +und möchten das Deutliche gleich überdeutlich, – wir Frauen nämlich«, +fügte sie entschuldigend hinzu. + +»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt hat«, fuhr +Lamberg fort, »und das Zusammenleben muß etwas Beängstigendes für ihn +gehabt haben. In dieser Sphäre sprechen sich die Menschen schwer +gegeneinander aus, und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit +ihnen.« + +»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, wie sie +unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht geeignet, das Leben zu +erleichtern«, wandte Cajetan ein. »Stillschweigen führt wenigstens zu +Entscheidungen, das viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt +eine gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. Dies +ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche Ehen gibt. +Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern mit Vergnügen im Element +des Wortes, im Mann ist Sehnsucht nach Stummheit.« + +»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau haben,« sagte +Franziska. »So hats der Graf von Gleichen gehalten, aber ich will darauf +schwören, daß die stumme öfter gesprochen und die redende öfter +geschwiegen hat als ihm lieb war.« + +»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein +Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im +lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle +eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den +Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet. + + +Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte in einem Villenort +nahe der Stadt ein vornehmes Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet, +die Ehe, aus der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche +genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen ruhigen, +gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens ging Herr de Landa im +Garten spazieren, und als er an das Gitter kam, das das +Nachbargrundstück von dem seinen trennte, sah er drüben eine junge +schöne Person, die seinem ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine +Erkundigung wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein +Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem Alter +eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter sei. Herr de Landa wandelte +nun täglich zu der Stelle, wo er das Fräulein zuerst gewahrt, es war +Sommer, das schöne Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen +Grüßen wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die Wege des +Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen erleichterte die +Zusammenkunft; Herr de Landa brachte Bücher, das Fräulein Josepha las +sie, Herr de Landa bot sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu +Anfang des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß seine +Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte sich einen +Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr de Landa, daß er seine +Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. Das Mädchen war sehr +bekümmert; nicht als ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte, +im Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, obwohl er +um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in ihrer Redlichkeit sträubte +sie sich dagegen, die Zerstörerin seines häuslichen Glücks zu sein, der +Frau den Gatten, den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein, +was du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin +an dir und den Deinen werden. Herr de Landa war jedoch ein zu gerader +Mensch, um das Zwieträchtige und Unbefriedigende eines solchen +Verhältnisses dauernd ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete +sein Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge stünden. +Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das Schlimme nahen gefühlt; +sie schwieg eine Weile, endlich sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich +mich nicht von dir, das kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber +nicht ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will mit +meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem Dach zu +wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht von diesem Vorschlag, er +verbarg seine Bewegung und ging ohne zu antworten hinweg. Seine +Verwunderung wuchs, als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt +war, als er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte +sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, begab sie sich zu +Frau de Landa, war betroffen von deren Güte und von einer Seelengröße +erobert, der sie nur durch Nacheiferung danken zu können glaubte. Der +Pakt war alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe +Schwierigkeit, – Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, die +Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa mehr der Erziehung der +Söhne widmete. Es gibt keine Leidenschaft, über die sich nicht endlich +das Grau der Alltäglichkeit breitete; was anfangs abenteuerlich, ja +gefährlich erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des +Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit verdrängt, +und so friedensvoll fügten sich die beiden Frauen in ihrem Wandel und in +ihren Gepflogenheiten ineinander, daß sie Abend für Abend in demselben +Zimmer an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche +ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft gegangen war +oder sich auf Reisen befand und den sie in all ihren Regungen, in Worten +und Gedanken treu begleiteten. Auch die Söhne nahmen die Ordnung des +Hauses als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten sie +wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, da starb Herr +de Landa eines plötzlichen Todes. Als die schmerzlichen Tage der ersten +Trauer vorüber waren und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen +über deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren Sohn +zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im Besitz gehabt, +und sagte, er möge nun nach seinem eigenen Ermessen darüber schalten, +sie erwarte seine Befehle. Der junge Mann wußte nichts zu antworten, +aber Frau de Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie +Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es bleibt alles beim +Alten. Und so führten die zwei Frauen ihr bisheriges Leben weiter, saßen +wie vorher bei der abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«, +der nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, von dem, +was er getan und was er gesprochen und wie mancher Charakterzug in den +Söhnen an ihn gemahne. Sie verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie +waren wie zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe +unverbrüchlich aneinander gebunden waren.« + + +Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich das Eheleben +des historischen oder vielmehr sagenhaften Grafen von Gleichen ziemlich +jammervoll gedacht. »Ich sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt +sich aus, welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der älteren +Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes Haar aneinander, das +Schloß wird für den Grafen der ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und +vielleicht wandert er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um +vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich bekehrt, lieber +Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften so famose Leute waren wie diese +de Landas, muß ich mich meiner Skepsis schämen.« + +»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht Frau de Landa doch +eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte Franziska. »Ich kann mich ja in +keine der beiden Frauen versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die +Lockung, die für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns +viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib ist darin noch +nicht so materiell wie der zarteste Mann.« + +»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg Vinzenz, »das läßt +nur darauf schließen, daß du die Männer besser kennst. Ich gebe zu, daß +der Mann die Sinnlichkeit sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer +befindet er sich im Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und +Verschnörkelung ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein muß. +Überhaupt, – die Männer, die Frauen, was heißt das? Ich kann mit den +Generalbegriffen nach dem Muster französischer Maximen-Sammlungen nichts +anfangen. Der Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.« + +»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska an Borsati, »an die +Geschichte eines gewissen Meier, der auch mit zwei Frauen lebte und der +so stolz auf seinen Sohn war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte? +Der Sohn aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und die Frau, +ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, hatte den Mann aus +Liebe hintergangen. Erinnerst du dich? Wir hörten die Geschichte vor +Jahren, als ich in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.« + +Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In der +Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand damit beweisen, +daß der moralische Geist des gegenwärtigen deutschen Bürgertums +gebrochen sei, und ich hatte beim besten Willen nichts anderes finden +können als daß ein aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert +worden war. + + +Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler und Besserwisser, +unverträglich wie ein Hamster und boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte +einen wohlhabenden Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn +ein für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit einem +netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. Peter Hannibal +Meier mißgönnte dem Vetter Julius das hübsche Frauenzimmer und entschloß +sich, sie ihm wegzuschnappen. Die gute Cilly, das war der Name des +Mädchens, wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers geblendet und +erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres Los als an der Seite des +biedern und bescheidenen Vetter Julius. Kurz nach der Hochzeit +entwickelte Peter Hannibal der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr, +daß er sich sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon zu +einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen Staatsmann, einen +Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und einen Superintendenten darunter. +»Wir gründen ein neues Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und +in dreißig oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort +einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen Regierungsrat +Meier geben; also spute dich, Cilly; du mußt nur wollen; wenn man +ernstlich will, kann einem nichts mißlingen.« Der Frau war es nicht +recht behaglich zumut, sie erkannte, daß der schwierigere Teil der +Aufgabe ihren Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der +liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren könne, ein +Argument, das Peter Hannibal geringschätzig abtat. »Ich bin mir selber +lieber Gott genug«, sagte er frech; »tue du deine Pflicht und laß den +lieben Gott zufrieden.« Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner +Zuversicht getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte sich; er +fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er fragte bitter, wann +sich die Gnädige endlich zu entschließen gedenke, und als zwei Jahre um +waren, verließ ihn die Geduld vollends, er jagte die alte häßliche +Köchin, die im Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches, +dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin wurde, während +Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück durch ihre +Dienstleistungen erhöhen mußte. Wieder vergingen viele Monate, ohne daß +sich Peter Hannibals Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen +faulenzte er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen Bismarck zu +politisieren, dessen geschworener Feind er war, und auch sonst die +Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das Kaufmannsgeschäft, das er +betrieb, brachte nichts ein, und er ging damit um, andere Quellen des +Reichtums zu finden. So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die +Hände, der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, in +dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen erwerben könne und +das für einen Spottpreis zu haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so +lecker er auf den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen +und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, richtete +er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. Er befahl seiner erschrockenen +Frau, zu dem ehemaligen Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu +bitten. Als sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu +lassen, und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde +vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. »Woher weißt +du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« fragte die geängstete und +gekränkte Frau, die sich selbst darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie +verstummte jedoch demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter +Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels stimmte ihn +geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, den Jungfernkranz +aus dem Freischütz. Cilly trat den sauern Gang an. Als es Abend wurde, +brachte sie die gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem +vergötterten Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige Wochen +später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem freudigen Ereignis +entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen war, erblickte Karl Theodor, +der erste Meier, das Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die +Glückwünsche seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem +siegreichen Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum mit einer +Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas so Wunderbares vollendet +hätte. Die Magd verlor an Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr +die Tugenden seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert und +neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen und schlich durch +das Haus wie Jemand, der die Ursache eines Brandgeruchs sucht. Peter +Hannibal kaufte das Stück Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag +stundenlang, in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen Boden +umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso stolz wie als Vater eines +verheißungsvollen Sprößlings. Die junge Magd wob indessen ihre Pläne. +Sie wußte Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle +von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, daß sie aus +Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung des Schweigens und des +Schlafes der Frau ihren Verdacht bald genug bestätigt fand. Nun begann +sie ihre Wissenschaft den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt und +geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, aber Peter Hannibal +steckte in seinem Dünkel und seiner Selbstverhimmelung wie in einem +unverletzbaren Panzer, er hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu +dem giftigen Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft +stets zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich +verschwistern, zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte geraume +Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im ersten Ausbruch der +Raserei zerschlug er in der Küche die Töpfe und Teller. Die Magd, unter +dem Vorwand, ihn zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die +Versicherung, daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen Gerüchte +sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock an, nahm eine +Hundspeitsche und begab sich zu Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter +Julius auf seinem Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle +stürmte. Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles +Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein gewichster +Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen mächtigen Lärm, und er +fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche so unbequem vor der Nase herum, +daß dieser lammfromme Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es +wäre ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte Cilly +bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor sich stehen sah, +dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, Ohnmacht und +Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß wie heißer Wein zu Kopf; er +vergaß Rücksicht und geleistetes Versprechen, er erinnerte sich nur der +niedergetretenen und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren Worten +stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er das Zimmer. Peter +Hannibal starrte wie geschlagen vor sich hin. Trotz des strömenden +Regens wanderte er zu seinem Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz +und quer gleich Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis +floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang darnieder, treu +gepflegt von Cilly und der jungen Magd. Als er das Bett wieder verlassen +konnte, zeigte er ein schweigsames und geheimnisvolles Betragen und +erschien wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen +vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; es handelte +sich gleichsam um die falsche Buchung auf einem Kontokorrent; ein Posten +war auf Soll geschrieben worden, der von rechtswegen auf Haben stehen +mußte. Lange erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue +Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit der +Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt wollte er eine +Zeitung gründen. Alle diese unruhigen Ideen hatten ein und dasselbe +Ziel. Da ereignete es sich, daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung +bisher nur von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten +Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag beschlossen +wurde und daß Peter Hannibals Grundstück wider Erwarten im Werte stieg. +Es handelte sich keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst +geträumt, doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er löste. An +einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock mit weißer Kravatte, +ein rundes Hütchen auf dem Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete +den elastischen Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«, +redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, an der +Legitimität meiner ehelichen und väterlichen Umstände Zweifel +auszusprechen, die –« – »Zweifel?« unterbrach ihn Vetter Julius +verwundert, »Zweifel waren es durchaus nicht –« – »Bitte schön«, fuhr +Peter Hannibal schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber +nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. Deine +Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen wie Butter in +der Pfanne. Was kannst du mir abstreiten? was kannst du mir beweisen? +Kannst du mir beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut +fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein eines +Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit hast du mich +vorübergehend irre machen können, die Zukunft kannst du mir nicht +rauben, die speist an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich +bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin gekommen, um +deine materiellen Ansprüche zu befriedigen und meine idealen gegen +fernere Ränke sicher zu stellen.« Damit entnahm Peter Hannibal seiner +Brieftasche sieben Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm +und dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine +spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen Hauptes. +Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund nach. Er ergriff einen der +Scheine, hielt ihn gegen das Licht und schüttelte den Kopf. Plötzlich +aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das ihm den Atem +versetzte und ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst als er +ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken hatte, milderte sich +die erstickende Heiterkeit. Auch in den nächsten Tagen passierte es ihm +noch zu öfteren Malen, daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein +ernsthaftes Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem +unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes zwischen +die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen bildet den Stolz der +Großen. Peter Hannibal spürte eine so wohltuende Wonne in seiner Brust, +daß er in einem Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand, +das der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um die Ohren +dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter Hannibal, »Lorbeer muß +dabei sein; Schwein und Lorbeer, das gehört zusammen.« Mit seiner +angenehmen Last kam er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor +stand, ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten Augen. +Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen Kopf und erschien mit +strahlendem Gesicht vor den beiden Frauen, das Schwein in der Linken, +den Sohn an der Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die +Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal die Gitarre von +der Wand und sang mit empfindsam tremolierender Stimme das Lied vom +Jungfernkranz. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor +er schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und habe sie +traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal Meier braucht die +Menschen nicht, er ist sich selber genug.« + + + + +Begegnung + + +»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte Franziska; »warum, +kann ich eigentlich kaum erklären.« + +»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung dermaßen anwächst, daß +sie die eigene Schwäche für Kraft erklärt und die Armseligkeit für +Würde«, entgegnete Borsati. + +»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat eine spitze Nase +und einen Mund mit feuchten, schmatzenden Lippen. Er schlenkert beim +Gehen die Füße nach auswärts, und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen +schimpft er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt +kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt ein Wollhemd mit +einer angebundenen Chemisette, und seine Großmannsucht verhindert ihn +nicht, vor reichen Leuten zu scharwenzeln.« + +»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus gelten zu lassen,« +fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen Wesen Unrecht tun. Gerade +Fleiß, Tüchtigkeit und selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland +haben so mächtig werden lassen.« + +»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es weht eine Luft +von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, die einem die Brust +beklemmt. Man ist so stolz auf das Erworbene, so sicher des Besitzes, so +fest in Meinungen, so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in +Profitwirtschaft, so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen die +Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort dafür scheint. +Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines Enthusiasten und eines +Träumers genießen, jetzt begnügt er sich mit dem eines in allen Sätteln +gerechten Praktikus. Nur ein innerlich freies Volk kann die Last +nationaler Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne Einbuße +an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist aber nicht frei; er ist +in so mannigfacher Beziehung gebunden, daß selbst die wenigen großen +Politiker, die die Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten +oder als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer +Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl formlos, sein +bürgerliches borniert und sein monarchisches servil wirkt. Bei einer +feudalen Familie in der Provinz hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als +Gast angesagt. Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des +Schlosses und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend +Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß und trank, jagte +und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem er der Hausfrau die Hand +geküßt, äußerte er: ›Ich habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und +was mich besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.‹ Dabei +war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der fürstliche Besuch +verursacht hatte, vollständig ruiniert. In England wäre dergleichen +nicht denkbar. Dort weiß der Geringste im Volk, was ihm der Herrscher +schuldet, und der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er +leben darf.« + +»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, erwiderte +Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat und Figur, seinem Handeln +Gewicht und Relief. Er ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen +anzugehören, das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche +Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die wir oder die +der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch bezeichnen. Was für +köstliche Sonderlinge! Da ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen +durch ganz Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um den Ort +nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; er ernährte die mageren +seiner Frauen nur mit Milchspeisen, die fetten nur mit Säuren. Ein Lord +Sandys lachte in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester +Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war so unwissend, daß er +einem Geistlichen namens Mathäus Decker ein großes Legat vermachte, weil +er glaubte, dieser habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord +Mountford berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, ob +seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein Wort, das weiß +ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. Lord Lovat sperrte zwei +Dienstboten, die ohne seine Bewilligung geheiratet hatten, mit den +Worten: »ihr sollt aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen +Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, hatte die +Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen zu halten. Sein +Sohn, der schon geraume Zeit mündig war und seinen eignen Kopf hatte, +fand oft für gut, nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch +herumtreiben wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete ihn stets +als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden Tag mit unbeweglichem +Ernst, Lord Herbert zum Essen zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er +mit fünfundsiebzig Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht. +Abends durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung eine +Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der Stunde, wo er zur Nacht +speiste. Einst geschah es, daß sie die Frist nicht einhielt. Als sie +nach Mitternacht erschien und sich voll Angst entschuldigen wollte, +unterbrach er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine +Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn Uhr, setzen wir +uns zu Tisch.« Unter den drakonischen Gesetzen, die in seinem Hause +galten, wurde am nachdrücklichsten das eine ausgeübt, daß jeder +Bediente, der sich betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter +Lakai, der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen, +ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich auf die Nachsicht +verließ, die in gewissen Fällen vorhandene Dinge als nicht vorhanden +ignorierte. Einmal hatte er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord +durch die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der nicht bloß +bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich nicht mehr auf den +Beinen halten konnte. Mylord näherte sich ihm und sagte: »Armer Bursche, +was fehlt dir? Du scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott +behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu Bett und holt +den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat zu erteilen, denn seine +Herrlichkeit war im Haus oberste Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu +vollziehen. Er mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein +gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken kleben und ein +tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die Behandlung nach einigen Tagen +gewirkt und der alte Sünder so bleich und mager zum Vorschein kam, wie +wenn er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der Lord zu: +»O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am Leben zu sehen. Du kannst +von Glück sagen, daß du so glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich +nicht zufällig vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst +du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem Finger drohend +hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert ist auch eine +Geschichte über den wunderlichen Lord Beckford. Lord Beckford empfing +niemals Besuche und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks +waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden fabelhafte +und die Neugier aufregende Dinge über den Luxus berichtet, mit dem sein +Haus eingerichtet sei. Einen jungen Dandy plagte die Neugier so sehr, +daß er in der Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen +ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den Lord gebracht, +der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte und sich ihm beim +Abschied auf das verbindlichste empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann +nach Hause eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und +niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren mußte und +sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, Lord Beckford ließe ihn +ersuchen, so hinauszugehen wie er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch +half, er mußte sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie +auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften +Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach diesem verbotenen +Paradies.« + +»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; »weder das +Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch das Weltmännische sind +deutsch. Dagegen zeichnet sich das deutsche Wesen durch einen Reichtum +an Gemütsbeziehungen aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten +unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur die Glücksgunst +fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches zu wirken. Irgendwie haftet +der Deutsche noch in verstörter Welt und bildloser Finsternis und der +tätige, in Heiterkeit gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner +Wiege erwürgt worden.« + +»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte Lamberg, »muß +man vorzüglich unter den Edelleuten des achtzehnten Jahrhunderts Umschau +halten. Wie in einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen, +sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, in +einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches geleistet hätten. +Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. Aber vielleicht ruht gerade im Leben +der Dunklen und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und ihre +Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, bereiten die +Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag der Geschichte geschlagen +werden, und ihr geheimnishaftes Einzelweben ist voll von der Bestimmung +des Ganzen, so wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt. +Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne aus Gräbern die +Schatten der Toten zu beschwören, heute, wo jede Zwiebel für eine +Ananas gelten will und das Herzgold unter den Füßen des Pöbels +zertrampelt wird.« + +»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog nehmen dürfen, ich +wünsche sehr, daß Sie uns das Bild zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan. + +»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe von Notizen +gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie aber erst noch ordnen, und +morgen bin ich bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu +spät.« + +Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen verriet keine +Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. Borsati, Hadwiger und +Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen Behausung auf. Draußen im Freien +jubelten sie, – der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre. +Freilich war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch strahlte +wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und traumhaft funkelte der +Neuschnee von den Häuptern der Berge. + +Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, sie am folgenden +Morgen zu einem Spazierweg abholen zu dürfen, falls es nicht regnete. +Zwar blieb der Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller +Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte sie zum Fluß +hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, die überschwemmten +Straßen, entwurzelten Bäume, verlassenen Häuser und Hütten und konnten +sich lange nicht von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten +losreißen, auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken und Bretter, +Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, lehnte sich Franziska matt +auf Hadwigers Arm. Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für +sie hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll +Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne Nein und ohne Ja,« +sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, das will ich nicht ergründen. +Ich kann es nicht ergründen, weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin +ich gehe. Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen mehr +schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich dich habe, das +darfst du mir glauben.« Er schwieg, und er schwieg so, daß Franziska +seine Hand ergriff und küßte. + +Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über ihr Gesicht. +Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst sahen seine Augen ohne +Teilnahme und ohne Ziel in die Ferne, dann erkannte er Franziska, und +über seine an Beherrschung sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich +eine Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs endlose +Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. Hierauf sagte Franziska +rasch, daß sie seit einigen Tagen hier sei, daß sie ihm schreiben +gewollt, daß es aber bei dem Vorsatz geblieben sei, vielleicht des +schlechten Wetters wegen, das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht +habe. Mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber +schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche und gütige +Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald ging er an ihrer Rechten, +und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem niemand hätte +anhören können, daß es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger +verwunderte sich im stillen; für ihn klang dies alles wie +Schauspielerei; maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit +und Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung und +an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle er Franziska verlieren, als +beginne sie schon jetzt in eine fremde Region zu schreiten; er hätte sie +auf die Arme heben und forttragen mögen. + +Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie dort anlangten, +verließen Lamberg, Borsati und Cajetan das Haus. Cajetan eilte auf den +Fürsten zu, um ihn zu begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska +vorgestellt. Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen erzählt, +die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen Wunsch aus, den zum +Preis gesetzten Spiegel sehen zu dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer +und vor den goldenen Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung +anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz für +nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine Zusage. + +Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen Eifersucht gegen +Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte den Dienst aufgekündigt. Er oder +ich, hatte Emil ausgerufen, und Lamberg hatte wider alle Gebote der +Menschenliebe erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht in +die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon und schnappte nach +Fliegen. Er trug rote Hosen und eine blaue Jacke mit silbernen Knöpfen, +an denen er beständig zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener +und Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte man mit +Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein Zauberer. Es hat den +Herrn verhext. Die Köchin: Passen Sie auf, es wird noch ein schlechtes +Ende nehmen. Emil: Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem +Kopf und frißt mir die Haare weg, als ob’s Gras wäre. Na, ich gehe eben, +man hat seine Würde. Die Köchin: Ach Gott! Daß es so weit mit den +Menschen gekommen ist. Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe +das Regiment führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit +weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer schiefen +Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt angebrochen ist. + +Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in einem der oberen +Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus nicht jene kühle +Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen Leuten befremdend und vorsichtig +stimmt. Seltsam, daß man keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem +alten Mann zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes seiner +Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, und die +Galanterie, die er gegen Franziska an den Tag legte, war ohne alle +Phrase, herzlich und delikat. Schon dies gewann ihm die Zuneigung der +Freunde, und im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren +Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, und von +seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung und Unruhe. + +Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den Hinterfüßen, +eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, wobei seine Miene die +kritische Besorgnis zeigte, die er seinem Herrn abgeguckt; er fing +Nüsse, die ihm zugeworfen wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde +fielen. Als das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg möge +doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend verheißen, sie +verspreche sich etwas Besonderes davon. Lamberg sah etwas verlegen +drein, aber da die Freunde ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst +sich in bescheidener Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft +mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges habe ich mir +aufgeschrieben und werde es lesen; es ist wie eine Chronik zu +betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis erzähle, ist nur die Verbindung +zwischen diesen Teilen.« + +Und er begann. + + + + +Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz + + +Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um Schlesien stritt, +blühte dortselbst noch das alte und angesehene Geschlecht derer von +Promnitz. Seit jenem Balthasar Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau, +der außer Pleß, der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau +und Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die Familie zum +höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, als sie schon ein +Haupthort des Protestantismus war, besaß sie auch Peterswalde, +Kreppelhof, Drehna und Wetschau, lauter große Gemarkungen mit +umfangreichem Ackerland und ausgedehnten Wäldern. + +Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als Kind für einen +ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein Vater, der sächsische +Kabinettsminister, einen förmlichen Hof hielt mit Jagdpagen, +Kammerhusaren, Zwergen und einer Leibgarde von hundert bärenmützigen +Riesen, gab er die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch, +verstockt, gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt es kein +Spielgenosse bei ihm aus. + +Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins Collobella +und seines herrnhutischen Erziehers von Wrech einen Ausflug nach dem +ländlichen und entlegenen Peterswalde. Die Collobella war eine immer +noch muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig Jahren aus +Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe zur Familie Promnitz +evangelisch geworden war. Ihr war das heimliche und heimtückische Gemüt +des Knaben ein Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit +Vorwürfen und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem starrte der +zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, und so oft die Collobella +einen ihrer frivolen Witze losließ, zuckte er zusammen wie ein Fisch, +wenn man mit dem Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten +machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende prophezeite, +lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von Wrech anbelangt, so huldigte er +wohl äußerlich den Grundsätzen seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter +Gewand mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur de +Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich war er ein Genüßling +und erwartete sehnsüchtig den Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche +europäische Tournee antreten durfte. + +In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand sich eine kleine +Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von Wrech Siesta hielten, +streunte Erdmann durch die verödeten und vernachlässigten Räume und +gelangte schließlich in jenes Kapellchen, in dem ein Bild, welches über +dem Altar hing, seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach +angetan, kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte ein +übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen lassen. Es +stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall dar, beide natürlich +splitternackt, das Weib mächtig dick, den Apfel hinhaltend, und Adam +halb weggewendet, als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich +vom Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel ein +kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und mochte die Kopie nach +dem guten Werk eines süddeutschen Meisters sein. + +Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher und +harmloser Beschauer. Zunächst schämte er sich vor der unanständigen +Nacktheit der beiden Personagen derart, daß ihm der Schweiß bei den +Haarwurzeln herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, kam +es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem Triumph schaute er in +das Gesicht der Eva und auf den Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu +sich selber: von daher stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so +schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen hab’ ich immer +ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche Mahlzeit verzehrt +habe. Ich merke schon, worauf das hinauswill mit den Zweien, dachte er +voll Haß; dieses fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild +beschwatzen; jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt weiß +ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für ein Narr und Dummkopf +gewesen, du Menschenvater Adam! + +Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. Da erschallte +ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es war die Collobella. Wütend +schritt er auf sie zu und fuhr sie an: »Geht nur allein zurück nach +Sorau, ihr beiden, ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das +Luderleben nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. Meine Mutter +ist unglücklich, das weiß ich längst; längst weiß ich, daß mein Vater +sie mit Huren betrügt. Mein Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen +sollen, denn was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an. +Insonderheit die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher +Haubenstock.« + +Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte Herrn von Wrech zur +Hilfe herbei. Aber Erdmann war schon wieder in seine Schweigsamkeit +versunken. Nur weigerte er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen. +Der Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte er im +Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, so gibts ein +Leben, wogegen das des heiligen Antonius eine babylonische Orgie war. +Und er beschloß, der Sache von innen her beizukommen. + +Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als er vernahm, sein +unfroher Sprößling wolle nicht mehr an den Hof zurück. »Laßt nur den +Hamster«, sagte er zur Collobella, »der wird schon wieder nach unserer +besetzten Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann +kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte zu ihm fahren, wenn +sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte die Gräfin auch ihre eigenen, +nicht sehr erbaulichen Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in +ungeschminkter Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der es +vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und jeden Monat einmal in +Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher zu inspizieren. Er +schweifwedelte vor dem Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb +ein Witzbold von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne zu +tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor nicht vertrug, +erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer Hof das Verslein in Umlauf +gebracht wurde: Herr von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo +beim Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, erstlich +wegen der schwarzen Kleidung, die er zu tragen pflegte, und dann wegen +seines schwarzen Geistes. + +Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für blöde zu nehmen, da +in diesem eckigen Schädel im Verfluß der Jahre ein paar Augen erwachten, +welche die Glut eines Jakobiners und die Melancholie einer Nonne +enthielten. Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen +ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer scheinheiligen Duldung, +ihm die Welt lecker zu machen. + +Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke des +Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne Kreatur keines Glückes +teilhaftig werden, da sie von Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe +auch das Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern +genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich entzog. Eine so +rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß den Herrnhuter, und er berief +sich auf das Erlösungswerk Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der +Junker bewies ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit +siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge gewachsen sei, +daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung nur mit einem allgemeinen +Untergang enden könne. Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb +näselnd, halb singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn: + + »Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn, + Alles würd’ von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt. + Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es täglich herrlicher, + Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch beschützt.« + +Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte triumphierend den +Schluß hinzu: + + »Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han, + Dann wirds bös mit uns aussehn, übel wird es mit uns gehn.« + +Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, der glatte +Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter der Frömmigkeit +verschanzte, daß seine heimliche Verräterei nicht zu merken war, und der +plumpe Jüngling mit dem dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden +Profil eines traurigen Schafes. + +Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen Stunden +beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es darauf hinaus, daß er +eine Eva malte; diese Eva trug ein züchtiges Gewand; sie streckte den +Arm lüstern nach den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen, +und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von sträflichen Begierden +erfüllte Weib. + +Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, der darnach +angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, der jetzt zwanzig Jahre alt +geworden war, vollends zu verdüstern. Die Gräfin Callenberg, seine +Tante, eine sechzigjährige Messalina, die die Gesellschaft der +Mannsleute noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen mehr +Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen ihres Geschlechts, +hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen namens Lefevre, aus +gemeiner Eifersucht bei Wasser und Brot in einem Verließ ihres Schlosses +eingemauert. Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem +Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. Die +entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen sie im Bett, banden sie mit +Stricken, warfen sie auf einen Leiterwagen und brachten sie nach Neiße, +wo sie vor Verdruß und Zorn alsbald der Schlag rührte. + +Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal, +daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch +seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte +es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden +Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß +mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste +und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem +gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden +müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche. +Der Graf war’s zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des +Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart +möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will +doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll +nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich +klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern +Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte +und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die +Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein +Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen. +Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.« + +Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald nach dem galanten +Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein genialischer Kopf, Junker«, +antwortete er; »entweder werdet ihr ein großer General wie Prinz Eugen, +oder ihr sterbt philosophisch wie Diogenes in einem Faß.« + +Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem Erzieher und +Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man sich damals ausdrückte, und wo +es allerwegen hoch herging mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen, +königlichen Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern. +Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit Anstand sein +Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch benahm er sich oft recht +sonderbar, und sein Wesen erregte die Spottlust der französischen Herren +und Damen. Eines Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini, +das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod verurteilt worden +war, auf dem Greveplatz hingerichtet. Sie hatten einen dreizehnjährigen +Sohn, der gut gestaltet war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und +trotz seiner Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater Furore +gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den Übermut meines Vaters zu +büßen, sagte der arme Knabe zu denen, die ihn ermahnten, seine +schreckliche Lage in Geduld zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen +Erdmann zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der Hinrichtung +seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen würde, ließ er sich bei +der Dame einführen und erschien gerade, als man dem Knaben Hut und +Mantel abnahm und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile +trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, der junge +Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu tanzen. Der Knabe war in +Verzweiflung, aber dem Wunsch der mächtigen Persönlichkeit mußte +willfahrt werden, und so tanzte Jean Concini, ein jammervolles +Schauspiel, während das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß. +Dies empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling beiseite, +unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja wissensdurstig, und es +berührte ihn eigentümlich, als ihm der Knabe im Verlauf des Gesprächs +bebend gestand, seine höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren. +Graf Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen Hallenser +Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und bat, er solle den Knaben +zu einem dortigen Professor geben und ihn auf seine Kosten für die +Universität vorbereiten lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte +er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung seines +ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung auf den +erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, und dieser Name verblieb dem +jungen Menschen, dem es beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in +das Leben seines Beschützers einzugreifen. + +Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung des deutschen Grafen +Gefallen, und sie zeigte ihm recht offensichtlich, daß es ihr nicht +unwillkommen sei, wenn er dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines +Abends behielt sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst +lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, denn er +glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, endlich wurde sie des +salbungsvollen Geschwätzes satt. Da schlüpfte eine Zofe ins Gemach und +überreichte der Herrin einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett +gelesen hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön war +und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was gibt es denn?« fragte +Graf Erdmann, dessen Sinne sich langsam zu umnebeln begannen, und da er +sich nicht getraute, das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen +Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne Zange, mit der man das +Holz ins Feuer tat, und wollte sich auf solche Art des Papiers +versichern. Die Dame schrie auf und schickte ihn halb lachend, halb +zornig von dannen. Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor +schritt, trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant auf +ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, und verstellte +ihm mit Woher, Wohin, wes Namens und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb +die Antworten nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog +vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, ein Schrei, ein +Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich am Boden. Im Nu war das Haus +lebendig, Mägde, Diener, Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und +das ganze Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz des +Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen Prinzen +Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von Hautfort erschien selbst, +und in ihrer Angst beschwor sie den Grafen, auf der Stelle zu fliehen, +denn diese Tat werde schrecklich bestraft. + +Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche zierliche Gestalt, +dachte er, den Toten anstarrend, welch anmutige Züge! Das Blut, langsam +fließend wie Oel, benetzte seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde +abgeführt, und am andern Morgen saß er in der Bastille. + +Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich Verbündete und +Freunde genug, um eine nicht gar zu wachsame Behörde zu hintergehen. Mit +Hülfe eines bestochenen Aufsehers wurde der Gefangene von einem +waghalsigen Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang durch den +Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um seinen Leib und zerrte ihn +durch den Schornstein aufs Dach. Von hier war der Weg vorbereitet; an +einer Straßenecke warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis, +daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern erschöpft, neben +dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten ein feierlicher Leichenzug +vorüberging. Erdmann fragte den Schlotfeger, wer da begraben würde, und +die Antwort war, es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell +erstochen worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen Kavalkade +und seiner und seines Führers rußgeschwärzter Erscheinung auf dem Dach +ihm ein Gefühl grausiger Komik erweckte, sei es, daß die beengte und +schuldbewußte Brust sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte, +genug, Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, das auf +keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die Leute aufmerksam. Um die +Gefahr abzuwenden, packte der athletisch starke Schornsteinfeger den +Grafen, den der Lachkrampf überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn +wie ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin hinein und +ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte der Junker, ob er mochte +oder nicht, Arme und Beine spreizen, und er gelangte neuerdings in sein +Gefängnis. Er streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert. +Er weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. Erst am +achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm mitteilte, man habe sich +an den König August gewandt, damit er bei der Majestät von Frankreich +Fürbitte tue, auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu Paris, +der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken werde. + +»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf Erdmann trübsinnig. + +»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. Der Graf +antwortete nicht. + +Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei Hofe vor, das +Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache schon in Vergessenheit, +Promnitzsches Geld tat ein übriges, und zu Ende Mai reiste Erdmann heim +nach Peterswalde. Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben. +Tagelang ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und tötete +alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine Art von Raubschütze +zog er weit über die Grenzen seines Gebiets, und er durfte von Glück +sagen, daß die Förster und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht +kannten, ihn mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau große +Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden ersetzen. + +Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis Herr von Wrech, der +sich die betrübtesten Gedanken machte, den Junker zur Rede stellte. Da +setzte Graf Erdmann dem Herrnhuter auseinander, daß nach seiner +Überzeugung alle Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für +begangene Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« fügte er +düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.« + +Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte Antwort +hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, so hoch wie gotische Spitzbögen: +»Verzeiht, Euer Gnaden, aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen, +daß Ihr, wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser spielen +wollt.« + +»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; »so seid Ihr wie +ein Windhund, der keine Spur halten kann. Was er aus dem Auge verliert, +ist dahin.« Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr der Graf +fort, mehr für sich redend als für den Andern: »Und ist eine Seele +sündenlos geworden, so brech’ ich den Zauber. Denn es könnte sein, daß +eine dahinirret und irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene, +eine Himmelsstumme, eine Gefährtin. Die will ich finden, die will ich +erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der erschrockene Herr +von Wrech schaudernd aus dem Zimmer und bekreuzigte sich, als er vor der +Türe war. + +Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß durch die Wälder +stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, den er meilenweit verfolgte. +Plötzlich tat sich eine Lichtung auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner +Weiher lag. Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade +aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, den schwarzseidenen +Mantel darüber, von einer Dienerin begleitet, nach dem Waldhaus am Rande +der Lichtung schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet, +trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den Verfolger im Rücken +wissend, machte er Miene, die Wehrlosen anzugreifen. Das schöne Mädchen +schrie angstvoll auf, bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in +Wurzelwerk und knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das +in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, Erdmann +hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. Der Graf stieg vom Pferd, +und als er bei dem Mädchen angelangt war, sank sie dem schwermütigen +blassen Retter, vor Erregung schluchzend, an die Brust. + +Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft Beuthen +geraten war, die dem Grafen Carolath gehörte; das Mädchen war die junge +Gräfin Caroline, Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde +heimgekehrt, erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen +geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. Es fröstelte ihn +in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren Malen nach Beuthen, er wurde mit +der jungen Gräfin vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten +nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien mit der +Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er konnte, scheinbar +widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig ließ er sich lieben, +scheinbar mit Angst sah er den Bund besiegelt, für jede Liebkosung +glaubte er sühnen zu müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war, +beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und schon im +Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert. + +Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz eines Abends +allein auf abgehetztem Gaul auf sein Gut Triebel geritten kam, in die +Vorhalle stürzte, die Türen verrammeln ließ und sich zitternd in den +oberen Gemächern verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten +das Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren +drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden Lakaien des +Grafen, dessen junges Weib der lüsterne Alte tags zuvor entehrt hatte. +Die wilde Horde eilte die Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des +gräflichen Schlafzimmers, und mit flachen Säbeln bläuten sie so +unbarmherzig auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den Folgen +der erlittenen Verletzungen starb. + +Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, wegen denen Graf +Erdmann die Chroniken zur Hand genommen hatte; er las sonst nur +Kochbücher und hatte davon eine große Sammlung, in Maroquin gebunden +und mit Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch +vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, über seinen +Gemütszustand zu täuschen. + +Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit hatte das +Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn mehr. War Erdmann nicht +mit der Kraft versehen, über so viele tausend Untertanen und ihre +Verhältnisse, ja, nur über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt +anzumaßen, die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem Manne +verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht als Herrn, weil sie +seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt waren? Und er, begriff er bei +der Huldigung, daß so viele ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter +die Beamten in respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn +standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und Plebanus, die +Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien beim Konsistorio, die +geheimen und offenbaren Schreiber, die Amtspfänder, Stallmeister, +Rendanten, Küchenverweser, Förster, Jagdpagen, Bürgermeister, +Stadtrichter, Senatoren, Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient –? + +Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er war doch der +große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel und Erde, Sühnebettler, +Liebesbettler. Und wieder täuschte er, indem er sein wahres Wesen durch +Habsucht verhüllte und auf nichts anderes erpicht schien als auf den +reinen Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten die +Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer sich die Füße +wund laufen, die wilden Schweine den Fronbauern die Ernte verwüsten, – +er war der Herr des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild +für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert und erjagt« +hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, zu menschenhaft. + +Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem Gemahl beschaffen +war. Als ein lebenslustiges Geschöpf war sie in die Ehe getreten und +hing an dem Mann mit großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu +haben, sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei den +Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott wie durch widerrufende +Verordnungen. Freilich hatte sie wenig Talent zur Hauswirtin, besser +verstand sie sich auf Geselligkeit und heitre Gespräche, auf +Unterhaltung mit gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die +Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles wohlbestellt. +Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er beleidigte Caroline, wenn +sie nur den kleinsten Fehler beging, und ihre Schwächen bauschte er zu +Lastern auf. Er würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich +ihm opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute +Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, was hab +ich vom Leben und Lieben, vom Mann und vom Weib gelernt und gelitten! +Wie oft bin ich mir inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die +Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! und liebte ihn! und +wurde verachtet! und sah seine Gier nach Erlösung und sah, daß er sich +hätte erlösen können, wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab. +Gott, wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen, +verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? weshalb ruht sein Blick oft +so fremd und fragend auf mir? als wartete er, etwas zu empfangen, was +ich nicht besitze. Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist +immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er ist immer umwölkt, +immer in Groll, immer in Melancholie, immer mißtrauisch, immer verzagt +und hat kein Auge, um die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch +einmal im Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt +stille.« + +Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und Graf Erdmann +erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. Bittere Worte flogen +hin und her, sie gruben einander die Brust auf, denn was so die rechte +Zwietracht und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig +einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger als die Hölle. Der +Graf wollte einige von seinem Vorfahr der Stadt und den Dörfern +verliehenen Rechte wieder einziehen und setzte zum Verdruß der Bürger +einen ungerechten Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein +mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline haßte den +duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im Hause weilte und durch +Flur und Gemächer schlich wie der lautlose Unfried; auch darüber wuchs +der Streit. Erdmann lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und +wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, so daß die +Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen oder tun sollte. Sie machte +ihm Vorwürfe, erst sanft, dann leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit +gegen sie rührte sie bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all +ihre Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer geben, +wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche Frau ertrüge es, daß +ein Mann sich zum Herrn und Verächter der Menschheit aufwirft und den +Willen Gottes erkannt zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß ein +anschmiegendes Herz zertritt? + +Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, das war es. Einen +Engel glauben, und nur die Eva finden, die Listige, die Überlisterin, +das hübschgestaltete Fleisch, von schlauer Grazie bewegt, das wurmte +ihn, verfinsterte ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau +seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr zufügte, fügte er +sich selber zu, aber er ward dessen nicht inne. Einst bei der +Mittagstafel beschimpfte er die Frau gröblich, weil eine Speise, die +gereicht wurde, verdorben war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich +erstaunt vor sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige +Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ das Gemach; an +der Schwelle konnte sie sich nicht mehr halten und weinte laut. Die +Gäste verabschiedeten sich bald, Graf Erdmann trieb sich in finstrer +Laune in den Wäldern herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine +Bibel und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende Stille +wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift brannte wie Feuer in +seinem Geist und ungefähr gegen Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen +in der Hand tragend, in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett +und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig wie ein +Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den dunklen Augenspalten glänzte +Feuchtigkeit. Da beugte sich Erdmann und berührte mit seinen Lippen +ihren Mund; und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und +blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken an. +Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres Bewußtseins, sein +seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, als hätte ihn die Frau nur +fangen und ertappen wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich +gehöhnt, genarrt und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie +aus dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und im Flur des +Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an die Wand und schlug im +Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, schaudernd vor Entsetzen, erhob sich +und flüchtete gegen die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde +anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. Da machte +sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in der Finsternis, koppelte die +Hunde los und fand ihre Spur, und als er sie im Hemde, wie sie war, +ohnmächtig neben einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und +blieb bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug er sie ins +Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich schmiegte sich ihr Haar um +seinen Hals, ihre Arme hingen schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner +gegen seines, das von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem +Schmerz erfüllt war. + +Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin die Scheidung durch, +Erdmann tat, als ob er damit zufrieden sei, und das Gericht zu Oppeln +bestätigte sie wegen unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was +anhängig«. Bis zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine +Klosterfrau, und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen Tags +auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. Erdmann Promnitz aber +wurde von der Stunde ab, wo sich die Gräfin von ihm trennte, immer +unruhiger und wilder. Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer +und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag war kaum +hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, und fragte ihn einer +seiner Vettern, was er treibe, so antwortete er, scharf skandierend: +»Essen, trinken, schlafen, sehen und hören.« Schreckliche Träume +zerrütteten sein Gemüt; war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er +den Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man eines Morgens +Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, – er hatte von der Tafel einen +halben Fisch in seine Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig +aufgewacht, hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte +erstickt, – da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, wo er fremd +sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben konnte. Gegen eine Leibrente +von zwölftausend Talern vergab er all seinen Besitz an verwandte +Geschlechter, und nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen +Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in die weite +Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte. + +Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen Hans Kosmisch, den +er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet hatte und der inzwischen ein +höchst gelehrter junger Mann geworden war, bei welchem das Promnitzsche +Geld einmal fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem Gönner +an, ihn nach England zu dem großen Astronomen Herschel zu schicken. Dies +gewährte der Graf, stattete ihn reichlich aus und versprach zudem, daß +er ihm nach seiner Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine +Sternwarte einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte er sich als +Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs Schüsseln zu Mittag, +freier Equipage und freier Jagd. + +Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline wiederzusehen, die +in der Nähe der Stadt Merseburg lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu +empfangen. Er fuhr in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das +Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück und eines +Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, in dem die Gräfin +Caroline wohnte, und schaute lange zu den Fenstern empor, und ging +endlich hinein und erfuhr von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben +war und daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann +Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne sich zu rühren. Sodann +ging er in den Merseburger Ratskeller und trank dreiundeinhalb Tage lang +ununterbrochen Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen +bleichen Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das Verslied +Numero eintausendachtzehn zu singen: + + »Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ + auf Erden stehn, bibi! + alles würd’ von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am + Kreuz ererbt, bibi!« + +Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und er ließ den +hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die Straße setzen. + +Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine Residenz zuerst in +Kehl, dann in Straßburg auf. Er war allen Menschen unheimlich; in einer +Nacht wurde er in Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden +Strolchen überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug er die +ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte ihn, warum er, der +doch so stark sei, immer furchtsam und gedrückt scheine. Er erwiderte: +»So ist es nun einmal. Ich kann mich und euch gegen jedermann in Schutz +nehmen, nur nicht gegen mich selbst.« + +Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige Leute seines +Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, der finstere und +ausschweifende deutsche Graf werde von der Erinnerung an eine Übeltat +gequält. Als er davon erfuhr, lachte er und sagte: »Man unterschätzt +mich; ein Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die +Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er das Gespräch +auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, aber wenn sie sich +dann nach ihrer Weise geäußert hatten, ging er unzufrieden von ihnen +hinweg, setzte sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige +Lieder und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. Zwei Jahre +hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über die Pyrenäen nach Spanien. +Zu Valladolid sprach er mit den Gelehrten der Universität lateinisch, +und in Escurial unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik, +und in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann fuhr er +übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der Wüste, nicht in den +bunten Städten der Mauren, reiste nach Malta, lebte in Syrakus, dann in +Rom, durchwanderte die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen +einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal in den Schriften des +Professors Kant und des Herrn von Voltaire, ein andermal im heiligen +Augustinus oder in einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der +Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und träumend schritt +er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer Eile ließ er seine +Kutsche über die Landstraße donnern, als ob der Teufel hinter ihm her +wäre. Bei Tag wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte +er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht verfaltet, seine +Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an Glut der Rastlosigkeit noch zu. +Zehn Jahre, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn +das Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große und kleine +Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter und dem Abgrund des +Todes zu, aber sie greifen auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit: +Gram und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen. + +Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch einen großen +Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das verzogene Antlitz des +hingerichteten Symmachus erinnert wurde. Die Augen starrten greulich, +die Lippe war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König überkam +das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ sich mit Decken +verhüllen, beweinte den Frevel und starb kurz darauf in tiefem Schmerz. +Für den Grafen Erdmann war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher +Fischkopf. In gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein +schlankes Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß er +hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, bist du bei Leichen +gelegen?« + +In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, der nun über +sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. Nachdem er von England +zurückgekehrt war, hatte ihm sein Beschützer fünftausend Dukaten für den +Ankauf eines Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem +sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm zugeworfenen +Menschenkind zu willen zu sein und damit einer Wissenschaft zu dienen, +die ihm unverständlich war wie das Hebräische und gespensterhaft wie das +Grauen auf dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen +entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer +Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich einer am Feuerwerk +der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; mit dem Manne muß ich reden. + +Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach Peterswalde zog. Eines +Nachmittags im Juni polterte sein Reisewagen durch die halbverfallene +Schloßpforte. Die Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein +müder Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile erschien +Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, doch ohne Perücke. Er +war ein kleiner Mann, der ungeachtet der herannahenden Fünfzig noch +immer knabenhaft aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers +hatte; sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen +Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn und Gönner gewahrte, +so abgerissen, wüst und fahl, zwei Orden auf der Brust, den Anzug +ausgefranst, mit suchenden Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr +verhehlend, da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte er +sich tief. + +Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und +als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine +uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte +Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte +er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte +schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die +Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des +Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem +rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop. + +»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«, +sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.« + +Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein +Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen +in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte +er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte +Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der +Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein +Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte +Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines +Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird. +Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben +gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich +von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die +Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn, +die Ewiggeplagten, die Erdmänner. + +Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des +Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für +einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für +Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig +ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie +das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt. + +»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist +auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es +rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die +Zahlen tyrannisieren den Kopf.« + +»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte, +wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin. +»Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du +ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im +Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir, +deinen Kometen.« + +»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom +mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen +zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.« + +»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen +Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.« + +»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«, +fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort. + +»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?« + +»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch Willkür scheint, +läßt sich berechnen, und durch das Teleskop läßt sich vieles sehen, was +in der Himmelsschwärze versunken ist.« Der Astronom wies auf das +Fernrohr, und als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben +für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das Mondhorn, das +gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines fernen Waldes tief gegen den +Horizont sank. Der Graf schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück. + +»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, »doch Ihr +werdet Euch bald gewöhnen.« + +Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, sagte er; +»oder sind es wahrhaftige Berge, die ich da sehe?« + +»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, eine gestorbene +Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht, +die Schatten sind Sonnenschatten –« + +»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? Und was ist +das für ein dunkler Fleck, seitlich vom hellen, grau wie Katzenfell –?« + +»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser Erdball wirft die +umgrenzte Finsternis dorthin.« + +»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es ist also keine +leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, mit ihren Ländern und Meeren +und Flüssen und Städten und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so +eine schwimmende Kugel wie die dort?« + +»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den kleinen, Euer +Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier am Himmelsbogen funkelt, +das ist jedes für sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr +auf einem von den Sternen weilen, so würden die andern und unser +irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh euer Auge ergötzen. +Das geschliffene Glas da löst euch den weißen Strom der Milchstraße zu +Punkten auf, und jeder Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen +Erden, und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen durch den +Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut empor, und zur selben +Frist entstehen Welten und vergehen Welten, schwingen sich Monde um ihre +Muttergestirne, stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine +Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. Richtet +Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden Stern zwei Hand +breit von der Deichsel des Wagens. Dieses Sternes Licht braucht +dreitausend Jahre, um zu Euch zu gelangen.« + +»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd wie ein Kind, dem +es gruselt. + +»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit etwas, das vor +dreitausend Jahren war, und wäret Ihr imstande, hinaufzufliegen, so +könntet Ihr, auf die Erde rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von +Folge zu Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren dahier +begeben hat.« + +Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,« +antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen +bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan, +aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein +Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung +älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...« + +»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit +listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben, +sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht +betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt +verschuldet.« + +Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte +empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine +Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich +weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein +Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir +zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den +Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig +bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?« + +Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit. +Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen, +und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar +und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich. +Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im +Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt +Schuld. Sündenschuld – Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans +Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust, +»wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne +wohlgefällig ist?« + +Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art +fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von +einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt +seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem +Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer. +Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.« + +Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach +Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten +Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger, +milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses +Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen +Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren +stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter, +kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und +gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei +alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im +Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn +entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt +zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet. + +Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht, +sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine +Traumvision festzuhalten bemüht ist, – ein über alle Worte erhaben +schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen, +unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es +fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar +umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger +Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild. +Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste +Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte +über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich +schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies +war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter +Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der +Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen +und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als +winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch, +irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und +als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten +und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber +prangten die triumphierenden Worte: + + #Ad astra.# + + + + +Franziskas Erzählung + + +Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von +dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die +Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien. +Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute +geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann +ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet, +warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der +schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung +ihr Weinen zu ersticken suchte. + +Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er +schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz +lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?« + +Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn +anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du +eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich +selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst. +Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich, +wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene +Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen +vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder +Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen: +es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.« + +Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen, +und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich +an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum +erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen, +dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt +nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein +Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch +kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was +wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis +zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem +eigentlich.« + +»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die +aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende +Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr +mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde; +ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper +war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir +erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die +Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und +nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz, +oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich +zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu +klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.« + +Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse +zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte, +die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können, +weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit +beeinträchtigen würde. + +Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder +neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat +gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die +Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen +Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem +rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein +Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die +Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer +auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder +Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die +Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier +sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da +ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ +sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung +oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren +Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um +sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter +den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des +Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der +für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben +geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche +Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem +schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts, +eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte +die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen, +ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten. + +Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe. +Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es +und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder +sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das +rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und +wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare +Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb +der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu +deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, – als +ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten +hindorren müsse. + +Er wurde zur Gestalt. + +Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat, +gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt. +Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden +hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu +erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges +Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild. +Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale, +ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren +dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war +dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz +auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am +Finger. + +Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte einen Klumpfuß, +und seltsam, gerade dieser Körperfehler war es, der in ihr das Gefühl +der Identität bestärkte. So wird ja oft ein Gleichnis eben durch das +Unerwartete zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte +Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese einander gegenüber +standen. Franziska hatte natürlich schon von Riccardo Troyer gehört, von +seinem Reichtum, von seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine +verführerische Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann fast wie +ein Prophet und nicht wie ein Reisender und Fremdling von unbekannter +Herkunft. All das bedeutete ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier +empfunden. + +Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es kaum. Sie +spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und von unwiderstehlicher +Gewalt Umschlungene. Es verlangte sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und +sie ersuchte die Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den +folgenden Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich in dem +Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, daß ihr Auge sie +nicht im geringsten betrogen hatte. Besonders wenn er den Blick +emporgeschlagen auf sie heftete, hatte sie Mühe, den Lebendigen von +seinem gemalten Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in +höchstem Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die unheimliche +Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg. + +Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute ihm +grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. Sie riß sich von allem +los, was sie kettete, von Menschen und von Dingen. Nachdem es +beschlossen war, daß sie mit ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie +zum letzten Mal den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg +aufhielten, war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den +Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff das +Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte und gab sie, in einer +ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis eines Zusammentreffens, und das Jahr, +das sie als Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen +Schicksalen zum voraus beschwert. + +In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt auf. Was sie an +Schmuck und barem Geld besaß, gab sie Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer +mitnehmen, ein Mädchen, das ihr seit langem sehr ergeben war, doch +Riccardo engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin +und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem Anlaß über +Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte Hingebung machte ihn +stutzig. Man ist fester an eine Sklavin gefesselt als an eine Geliebte. +Sie zu ernüchtern, fand er schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er +Übung darin besaß, Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. Er +war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, kein +Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer Schule. Seit zwanzig +Jahren zog er als Rattenfänger durch die Städte. Er hatte seine Agenten, +seine Herolde, seine bezahlten Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und +Kupplerinnen von den untersten bis in die obersten Schichten der +Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend wie die +eines Mannes der großen Politik, und meisterhaft war seine +Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, andererseits zu verbergen. +Er war fein und verschlagen, seine Menschenkenntnis war das Resultat der +Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen Literaten. Er +betörte durch eine vornehme und hintergründige Schweigsamkeit, durch +blendende Einfälle, durch eine edelgehaltene Melancholie. Was er trieb, +war Raub, Plünderung, Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn +der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph des Gesetzes +anwendbar war, da sie das Opfer in eine Schuldige und den Verbrecher +beinahe in einen Helden verwandelte. Sein Metier forderte von ihm +nichts, als daß er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig +Jahre wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, der +in stürmischen Erlebnissen gereift ist. + +Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, nichts +von seinem Charakter, nichts von seinem Leben, nicht, woher er stammte. +Der, den sie liebte, war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An +ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung und +übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte einer Fata morgana +des Herzens. Die Lust jedes Herzens ist Aufschwung. Einmal in jedem +Dasein erreicht das Herz seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden +eingeschläfert, war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre der großen +Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es der geknebelte Dämon, rasch +ehe der Tod der Jugend ihn ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung +getan. Der Sturz war gräßlich. + +Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, daß keine seiner +Künste ihm irgend welchen Vorschub bei ihr geleistet hatte, zerbrach +sich den Kopf über die Gründe ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war +es so leicht gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu +enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun Hilflose +preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres Jagdrevier zu +suchen. Mit Franziska lag der Fall umgekehrt. Sie betrachtete ihn +manchmal mit Blicken, als ob sie sich an einen wende, der hinter ihm +stand. Unwillkürlich suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die +Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was ihm je begegnet +war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut verließ. Der Nebel vor +ihren Augen zerstreute sich, es kam ein quälendes Besinnen und +Verwundern: bin ich es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit +beklagenswerter Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum +unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie einer sicheren +Verheißung; es wurde heller, glühender, wirkender in der Erinnerung, +sie klammerte sich daran als an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und +keine List, keine Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das +Geheimnis entreißen. + +Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, die sie ihm +entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre Verschlossenheit nicht. +Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten Augen weckten in ihm das böse +Gewissen. Um jeden Preis wollte er erfahren, was es damit für eine +Bewandnis hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn nicht, +auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, nur Hülle, Phantom. Der +Betrüger fühlte sich betrogen, der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er +sie von seiner Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich +war, bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen hing. +Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben tiefer sank als er +zu sinken wähnte, unter sich selbst hinab, daß sie es war, die ihn dazu +trieb, und ihre Verzweiflung war namenlos. Er wurde roh; er wurde +pöbelhaft. Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel war +es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von ihm zu trennen. Seine +grünen Augen erloschen für einen Moment. Es ist gut, antwortete er und +ging. Am selben Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach +Turin gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes bis zu +seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit ohnehin +benommen, willigte Franziska ein. Riccardo übergab ihr eine Kassette zur +Aufbewahrung, die mit den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er +nach drei Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den +Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da sie es forderte, +begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte den Schrank auf und griff +nach der Kassette. Die Sinne vergingen ihr; das Kästchen war so leicht, +daß sie sofort wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? was +war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die Wohnung nicht +verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte sie ihm die Kassette. +Riccardo blickte sie mit großen, starren Augen an, deren Brauen immer +höher wurden. Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein +Schlüsselchen aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; die +Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die Hände vor die Brust +und lehnte sich wortlos gegen die Wand. Indessen begab sich Riccardo +leise pfeifend ins andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie +vernichtet in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf und +packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, stammelte sie. +Er lachte ihr ins Gesicht. Seine Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich +für gewillt, meinen Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?« +fragte er höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, denkst +du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem Gut verhälfe? Gibt +es einen Weg, so bin ich Manns genug, ihn zu finden. Immerhin steht die +Sache so«, fuhr er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine +den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das Zehnfache übersteigt; +es handelt sich um eine Millionensumme. Ich bin ruiniert. Wundere dich +also nicht, wenn ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest, +und so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze sind.« +Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht aus diesen Worten; sie +entgegnete nichts; die Erstarrung ihres Herzens verhinderte sie am +Weinen. Ehe der Tag zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur +Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an Bord eines +Schiffes, das nach Marseille fuhr. + +Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem Haus außerhalb der +Stadt, in dem es bei Tage friedlich herging, aber in der Nacht kamen +Herren aus der Stadt und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel. +Riccardo mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt +wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne emporstieg, saß er allein +und überzählte gleichmütig seinen Gewinnst. Oft vernahm Franziska in +ihrem Gemach heiser streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens +zu mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag ein junger +Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der Gartenmauer, und sie sah, wie +seine Genossen ihn zu einem Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein +andermal hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie sich +seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte sich. Er riß sie +mit teuflischer Kraft vom Lager herunter und hob den Arm gegen sie. Sie +lächelte todessüchtig vor sich hin. In diesem Augenblick war die +Erkenntnis, daß die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals +empfunden, sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer als +alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. Sie tat ein +prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem Gesicht hinunter. Ihr +Anblick machte die Wüstlinge stutzig. Madame ist krank, hieß es, und +Riccardo raste, als sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache +führte er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien des +Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu sein er sie zwang. Eines +Nachts verließen sie fluchtartig diese Hölle und wandten sich nach +Paris. Er schleppte sie in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte +mit Menschen sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er +wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie in den +Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, weil er sich nicht von +ihr lösen konnte. Er genoß ihre Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel, +wenn sie neben einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände +faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er ihr auch die +ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, die in finsterer Kammer ihren +Anbeter erwartet hat und dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet; +sage mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören, +mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet hast, und ich gehe +meiner Wege, denn es wurmt mich schon, daß du mich so nackt gemacht +hast.« So redete er zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner +Existenz verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer +erniedrigen zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige und +furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit erschien ihr wie einem +Verbrecher die makellose Jugend erscheint. Sie war eines Entschlusses +nicht mehr fähig. Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat. +Vieler Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift; +einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit oder +Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem Nachtmar ihrer Seele; +sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet und ganz in seiner Gewalt. + +Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten das Auge leuchtete, +das sie verlockt, das Antlitz, das sie beglückt. Gab sie das Geheimnis +preis, so war sie selbst leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine +verschwunden waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es geschah +aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo erlauschte es. +Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner Brust. Es war als wollte er sie +auseinanderreißen, um es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus +dem Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese Zeit +nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa an der +bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. Und einmal fuhr er mit +ihr in einem Boot auf dem Meer; es kam ein Sturm, sie wurden +abgetrieben, sie schienen verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren +Häuptern, der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins Boot +gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das Gesicht und schweigend +heftete er den Blick auf Franziska. Den Tod vor Augen, dumpf und +willenlos, sagte sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe, +bevor ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest du alles +begreifen, mein Leben und vielleicht auch deines, und diese Stunde, und +was bis zu dieser Stunde geschehen ist.« Und mit kurzen Worten +berichtete sie noch, wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er +hatte sich dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das +Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er schüttelte den Kopf +und lachte spöttisch, dann griff er wieder zu dem Ruder und arbeitete +mit Riesenkraft; sie wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich +ihm langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach unsäglichen +Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen. + +Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische Dienerin sagte, er +sei abgereist. Franziska freute sich des Friedens nicht. Sie wandelte +ohne Rast durch die Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer. +Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und die Riccardo zu +sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge gegeben. Die Dienerin, der +Koch und der Gärtner verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen +gekündigt und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska war +allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, daß sie das Haus nach +Verlauf von drei Tagen räumen müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht +worauf. Am letzten Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt. +Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und verfiel in +schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze vor sich hingestellt, die +brannte langsam nieder und verlosch mit leisem Zischen. Der Schlag der +Wellen schallte durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am +Himmel. Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten hatte sie +des Schlafes entbehrt. + +War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den Riccardo genommen. Die +Neugier, die ihn trieb, hatte etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis +geeilt. Er wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet ging +er hin; sie sah ihn feilschen, hörte ihn lügen; man war froh, für das +obskure Gemälde einen nennenswerten Preis zu erhalten, man wunderte sich +über die Laune des Händlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel +und daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er grübelte, wie er +förmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie sich seine Neugier +in Spott verwandelte, und wie er hinübergrinste zum andern Pol der Welt, +ins Auge des großen Liebenden, er, der große Dieb, den eine Verirrte um +das eigene Ich bestohlen hatte. + +Jetzt aber öffnete sich die Tür, und er trat ein. Trug er nicht das +Gemälde? Stellte es auf das Tischchen und lehnte den Rahmen an die +Mauer? Er zündete eine Lampe an. Sein totenbleiches Gesicht war +triumphierend über sie geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand +umtastete sie, sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah +es, wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren häßlicher Sorgen +und allerlei Art von Angst und gemeiner Beflissenheit. Eine Kruste von +Anmut und Geist, dahinter Täuschung, Betrug und Lüge; eine Grimasse von +Leidenschaft; die reine Form zerstört, von niedrigen Gelüsten, wie +verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis zu einer Tiefe, in +der noch Schmerz um das verlorene Göttliche lag, kein Zug ähnlich jenem +Bilde, fremd, erbarmungswürdig fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches +Erstaunen wich einem Gefühl der Freiheit, das so lange umkrampfte Herz +konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel von den Gelenken, sie besaß +sich wieder, sie preßte die Stirn in die Hände und konnte weinen. Und er +blieb stumm wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen +braucht und der einen unabänderlichen Weg geht. + +Es war kein Schlaf; sie hörte das hohle Aufstoßen seines Klumpfußes, als +er sich entfernte, und später rollten draußen die Räder eines Wagens. +Sie kauerte auf dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gelösten +Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider öffnend, erblickte sie einen +leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer lehnte, und auf dem Boden +das zerfetzte Porträt des schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier +Teile, legte sie zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es +war Leinwand, mit Ölfarbe bemalt. Es glich einem Kleid, das einst von +einem geliebten Toten getragen worden war. + +Ein Bauer brachte ihr Gepäck zum Bahnhof. Sie hatte noch so viel Geld, +um in die Schweiz reisen zu können. Ein einziges Schmuckstück von +größerem Wert war ihr geblieben, ein Ring; diesen veräußerte sie in +Genf, und lebte zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und +damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie sich der +Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen aus einem Abgrund der +Vergessenheit Gestalten aus einer früheren Existenz empor. Die Mittel +zur Reise gewann sie durch den Verkauf einiger Toiletten. + +Und so war sie gekommen. + + + + +Aurora + + +Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuhörern wünschte das +Licht einer Lampe. Von den unteren Räumen herauf, – sie befanden sich in +einem Zimmer des ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach +stieß, – schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte +Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe zu gebieten, da trat er +schon herein und wollte sprechen. »Der Affe«, war sein monomanisch +erstes Wort, aber Lamberg unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen. +Er machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und der Blendung +ihrer Augen durch die jähe Helle fiel den Freunden das verlegene und +unruhige Gehaben des Mannes auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und +leisetreterisch, wie es seine Art war, denn er trieb die Rücksicht bis +an die Grenze der Untugend, verließ er das Zimmer. + +Fürst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt wanderte er einige +Male auf und ab; seine sonst etwas schlaffen Züge hatten einen +gespannteren Ausdruck, die Augen unter den lässig schweren Lidern +funkelten bisweilen hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas +leidenschaftlich Verhaltenes drückte sich auch in seinen Händen aus, die +auf dem Rücken lagen, und deren Finger nervös und fest ineinander +verflochten waren. Borsati saß ganz in sich geduckt auf seinem Stuhl. +Die Teilnahme auf seiner Miene hatte etwas Rührendes, weil kindlich +Befangenes; er gehörte zu jenen Naturen, denen das Mitleid für eine +ihnen teure Person unbehaglich, fast demütigend ist, und die daher +dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in Zorn, in Empörung +gegen die Welt umsetzen. Eine solche Verwandlung war hier gehemmt durch +das Gefühl eines kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das +von Wißbegier entfacht war. Denn was bedeuteten die Worte, die +Ereignisse? was erklärten sie? eines höchstens: daß die Möglichkeiten +des menschlichen Herzens ohne Grenzen seien. Und diese Franziska, die +aus den kleinen Umständen eines kleinen Bürgerhauses mutig und heiter +ihren vergnüglichen Gang in die Welt angetreten hatte, die zu genießen +und zu vergessen wußte, weil Genuß ihr Element und der beflügelte +Wechsel, dessen anderer Name Treulosigkeit heißt, ihre Kraft war, diese +Frau hatte im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels +verbluten müssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt? was so +in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben allein? Leben und Liebe? +Todesgewißheit? + +Von ähnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg bewegt, dessen +Gesicht eine ruhige und stolze Würde nie entbehrte, wo es sich darum +handelte, Schicksal und Menschheit vom einsamen Beobachterposten aus +aneinander zu messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar +abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine Dichtung vernommen. Das +Geschehene war so weit, Schmerz nur eine Kunde, die Hingeschleuderte +ergreifende Figur, Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie schön +zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche Gesetz zu +verehren, und Wege zu schauen, auf denen die Duldenden und die +Geopferten schritten, und andere Wege, wo die Priester und die Richter +gingen! Sein beschäftigter Blick streifte mehrmals das Gesicht +Hadwigers, der die Hand an der Stirn, die Lippen gepreßt, sehr bleich +und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und sich selbst +entzogen war, und immer wieder kehrte er dann den Blick ein wenig +erschrocken zur Erde. Franziska mochte nicht mehr länger unter dem Druck +des Schweigens bleiben. Sie richtete sich empor, und wie sie plötzlich +zu lächeln imstande war, erinnerte daran, daß sie eine Schauspielerin +gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und küßte ihr die +Hand. Sie blickte ihn prüfend an und schüttelte den Kopf, halb +verwundert, halb dankbar. »Jetzt, wo ich mich so sicher unter euch +fühle«, sagte sie, »wo jeder Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas +so Menschliches, kommt es mir vor, als hätt ich das Jahr garnicht +wirklich gelebt; ich spür es bloß, denken kann ichs nicht, freilich, +glauben muß ich es. Aber wir wollen nicht darüber sprechen«, fuhr sie +lebhafter fort, »ihr habt es hingenommen, und nun laßt es wegziehen wie +eine Wolke.« + +Die Freunde erwiderten nichts. Fürst Siegmund nickte, atmete tief auf, +vermied es aber, Franziska anzuschauen. Diese wandte den Blick gegen +Hadwiger, und ihre Stimme hatte einen bittenden Klang, als sie sagte: +»Heinrich, du weißt wohl nicht mehr, daß du mir einen Lohn schuldig +geworden bist?« + +Hadwiger zuckte zusammen. »Was für einen Lohn?« stieß er kurz und heiser +hervor. + +»Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?« entgegnete sie mit +erzwungener Leichtigkeit im Ton. + +»Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr«, murmelte +Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck auf das Anredewort legte. + +»Und doch bist du die Einlösung uns allen schuldig,« beharrte Franziska, +»denn du hast viel geschwiegen, während wir uns verschwenderisch +mitgeteilt haben.« + +»Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur verstecken wollen,« +gab Hadwiger unruhig zurück. + +»Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefaßt werden«, nahm +Cajetan Partei, »aber in jeder Gesellschaft und Geselligkeit errichtet +der Schweigende gewisse Schranken, auch genießt er dadurch, daß er sich +niemals bloßstellt, einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht +und Courtoisie überlassen werden muß.« + +»Na, so kritisch hab’ ich mir meine Situation nicht vorgestellt«, +erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug. »Ich begreife überhaupt +nicht, wie ihr auf den Verdacht kommt, daß ich etwas zu erzählen haben +könnte.« + +»Jetzt windet er sich schon«, bemerkte Borsati lächelnd, »gebt acht, daß +er nicht entschlüpft.« + +»Daß etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals sprichst, noch +gesprochen hast, das weiß ich, Heinrich«, sagte Franziska sanft. »Du +hast es oft angedeutet, und wider Willen, scheint mir. Wir verlangen ja +nicht ein Abenteuer, nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine +Enthüllung. Wir, oder wenigstens ich, ich möchte wissen, was es ist, +worüber du so stumm bist, daß es förmlich aus dir schreit. Sieh, wer +weiß, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen beieinander sind. Mir +kommt vor, heute ist ein Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich +nur, du sprichst zu Freunden.« + +»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung ausschließen«, +wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als flüchtiger Gast habe ich +allerdings keine Rechte, nicht einmal das Recht zu bitten, aber ich +würde es zu schätzen verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht +beengend oder störend erschiene.« + +»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte Lamberg, und etwas +spöttisch fügte er hinzu: »er wird umworben wie der große Medizinmann; +wäre er nicht er selbst, er müßte eifersüchtig werden.« + +Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für Neckereien, +schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen den Kopf gegen ihn, und +Lamberg verbeugte sich lächelnd, zum Beweis, daß er sie verstanden habe. +Hadwiger bemerkte das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die Enge +getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne des Sessels mit beiden +Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge scheu, und die Muskeln seiner +Wangen zuckten. Die alte Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen +Schlägen. Er wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an. + +»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte einer Nacht; +freilich einer Nacht, die länger als drei Monate dauerte. Was vorher +geschah, kann ich nicht übergehen, auch von meiner Jugend muß ich +einiges berichten. + +Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als +ob die Luft, die ich als Kind atmete, immer schwarz gewesen wäre. Wir +waren neun Geschwister; sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine +Mutter überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich eine +zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. Mein Vater war ein +Mittelding zwischen einem Spekulanten und einem Fantasten; je nach +seinen Projekten wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer +Blick der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger +standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem Streik der +Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer zu wirken und zu +vermitteln suchte, geriet er in ein Handgemenge und wurde von einem +Schlag so unglücklich getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte +einen Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich sah, daß +ich in der Heimat wenig Förderung erwarten konnte, und ich beschloß, +nach England zu gehen, ein Vorhaben, das unerschütterlich war, obwohl +ich nicht einmal die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete +ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, war Austräger bei +einer Zeitung und Gehilfe bei einem Photographen und legte Pfennig um +Pfennig beiseite, bis ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise +brauchte. Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir +angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos in London +herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte mir eine Empfehlung +mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; sie war mir von keinem Nutzen. + +Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders läßt es sich nicht +erklären, daß ich damals nicht versunken bin. Aber es ist nicht +entschieden, ob uns überstandene Not und Entbehrungen frommen. Manche +behaupten, es sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend +zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das Wort. Ich +sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde und habe kein Bett. Mit +verschlagener Freundlichkeit redet mich ein halbwüchsiger Bursche an; er +führt mich zu einem Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine +Münze, und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes +Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; dort sind fünf oder +sechs Lagerstätten und mehr als ein Dutzend Burschen und Mädchen, +darunter auch Kinder. Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich +falle auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir im +Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge geraten. Die fünf +Schillinge, die ich noch in der Tasche gehabt, sind am Morgen fort. Ich +sehe mich in einem Hof nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in +einem Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel +versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger Stoffe eine +Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer feuchten Wand und muß die +Gesellschaft eines delirierenden Mulatten und eines prahlenden Krüppels +aus Südafrika ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; sein +Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm’ ich im Halbschlaf ein +Schluchzen; ich finde in der Küche ein junges Mädchen. Sie liegt auf dem +Strohsack und weint sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus +Deutschland herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante +versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen aus dem Haus. Sie nennt +mir die Adresse einer Verwandten, die in Whitechapel wohnt, und von der +sie daheim als von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist +sich, daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, von +denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling hat eine frische, +hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl gewähren, wenn sie aufzutreten und +Lieder zu singen bereit ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll, +werde Türsteher bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang +defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an mir vorüber, +meine Augen sind voll von den Grimassen des lachenden Elends, meine +Ohren voll von herztötendem Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters, +die ich einatmen muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig. +Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche Mädchen, das +ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe. + +Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, um welch hohen +Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot erworben habe. Denk ich an die +Türen, vor denen ich gestanden, die Stuben, in denen ich gewohnt, die +Betten, in denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich +eingesargt in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter war; denk ich +daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, an die verzweifelte Plage, +an die Müdigkeit, an das hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an +den nervenzerrüttenden Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die +Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, deren +Opfer der Stumme wird, gegen die eigene Schwäche, die nicht so sehr +Unvermögen ist als Fesselung und der Mangel rettender Zufälle; denk ich +daran, daß ich zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten +Parks gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier im Käfig +tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir aufwuchs und meine zwanzig +Jahre gleich einem Aussatz zerstörte, – denk ich wieder daran, so will +ich kaum glauben, daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich, +der hier sitzt und es als etwas Fernes schildert. + +Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus und Furcht +gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, ihre Eile, ihr +Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, – sie erdrückten mich. Mir schien, daß +alle vorhandenen Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr finden +könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in der Welt sei und als ob +mich die Fülle der Dinge sozusagen bei lebendigem Leib begraben hätte. +Ich hatte keinen Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders +ausdrücken, und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach einer +bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die Menschen haßte ich, +sondern auch all ihre Einrichtungen, das Zwangvolle und mich +Erdrosselnde der gesellschaftlichen Ordnung, den Staat, die Kirche, die +Schule, die Zeitungen, sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug, +es weiter auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich zur +Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, und was noch an Kraft +und natürlichem Temperament in mir steckte, das faulte gleichsam ab, +verpestet von dem Anhauch meiner unterirdischen Existenz. + +Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war mir damals +gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf zu nähern; ich hatte die +Stelle eines zweiten Maschinisten auf einem der kleinen Themse-Dampfer. +Der Dienst verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt zu +sehen, und den Abend wie den größten Teil der Nacht verbrachte ich in +einer Taverne bei den East-India-Docks. Ich hatte um jene Zeit einen +jungen Russen kennen gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war +Rachotinsky. Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der Verbannung +am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der Schlüsselburg gestorben, zwei +Schwestern und ein Bruder hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein +Gemüt war düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren +Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. Ich wußte +nichts von seinen Plänen, er war trotz aller Beredsamkeit verschwiegen; +hätte er mich zu einer Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen +geopfert. In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit einigen +seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander russisch sprachen, +merkte ich an ihren Mienen, daß sie nicht leeres Stroh, sondern volle +Ähren droschen. Eines Abends geschah es, daß einer der russischen +Flüchtlinge mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in +dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender Körper +durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche Mischung von bleich und +schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, von Kraft und atemlosem +Gehetztsein hatte ich noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die +Frau als Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, was +eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin der Helden, die +Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine Idee, von der wußte ich +nichts. Es fiel mir auf, daß das herrliche Geschöpf tastend in den Raum +trat. Wir erfuhren, daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet +worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber und Bedrücker ihres +Vaterlands durch einen Revolverschuß getötet. Im Gefängnis hatte man sie +mißhandelt, ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und +ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, daß er sie durch +zwei seiner Kreaturen des Augenlichts berauben ließ. Das Verbrechen +wurde in der kleinen Gouvermentsstadt ruchbar, eine allgemeine Revolte +brach aus, ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es gelang, +sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden war sie in England +angekommen, aber die Polizei war ihr auf den Versen, die russische +Regierung forderte sie unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre +des politischen Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht +gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; die Russen waren +höchst erregt, und während sie Natalie Fedorowna wie eine Schutzgarde +umgaben, zeigten ihre Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky, +indem er auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen +Stillschweigen, jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares. +In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen zwei Männer, die durch +ihr Aussehen und ihre Mienen meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt +hatten. Ihre Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben +unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, die man +hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas an ihnen, der Blick +vielleicht, oder eine Geste und nicht zuletzt ein edler und geistiger +Ausdruck der Züge verkündeten Menschen aus einer fremden Welt. Und so +war es auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den Kreis um +Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in französischer Sprache an. +Ein tiefes Befremden und im Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe +Überraschung malten sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine +Leidensgenossen; diese verhielten sich gegen seine Worte stumm und sahen +zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände und ließ den Kopf sinken. +In diesem Augenblick erschien mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr +Leiden so über alles Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen +fühlte, ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang empor, ich +trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine Empfindungen müssen +derart gewesen sein, daß sie keinem verborgen bleiben konnten, denn ich +bemerkte viel Wohlwollen in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky +legte den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden weiter. +Indessen hatte sich auch der Genosse dieses Unbekannten zu der Gruppe +begeben, und als ich den näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein +Anzug nur eine Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut eine +angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare Allüren des Mannes von +Stand nicht verdeckt werden konnten. + +Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese beiden Männer zu +sagen ist, die in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielten. Sir +Allan Mirmell und sein Freund Trevanion waren Leute von großem Reichtum +und aus alten Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen +Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, sie war +von sublimer Art. Man findet ein so sensitives und zugleich +erleuchtetes, so umfassendes und zugleich beflügeltes Wesen des Geistes +fast nur bei jungen Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die +als Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen und so bar +der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten einen umso +bewunderungswerteren Schwung nehmen könnten. Allan Mirmell, in der Mitte +der Dreißig stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war +durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts verschmähte, +nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen geschwelgt, zu +denen das Gold, der Wille und die Passion führen. Er hatte verschwendet, +Mut verschwendet, Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. Er hatte +alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, die Gedanken- und +Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit und innere Anarchie zu +begehen vermögen. Ihm war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein +Frieden heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er plötzlich +müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein Ekel, den zu beschreiben +ich kaum wage; der das Himmelreich bespie und in der Menschenwelt eine +Kloake sah; der natürliche Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle +mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was brennen +wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom Tag und die Nacht +suchte, die Einsamkeit und das Grauen. In dieser Gemütsverfassung hatte +er den jungen Trevanion gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund +am Freund zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe +ätherisch. Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war eine +Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, ohne Windstoß. +Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt, +denn seine Seele war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war +er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende Echo aller +Anklagen und Verdammungen. + +Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins kamen, zu uns +herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem Schmerz, in ähnlichem +Haß, wenn schon aus anderer Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und +Überdruß, hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; die Endpunkte +der sozialen Welt. Sensationskitzel und Lust an der Selbsterniedrigung +treiben diese reichen und satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen +des Lasters und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in den +Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in vielen Fällen ihr +Leben riskieren, wenn sie nicht Meister in der Verkleidung und äußeren +Verwandlung sind. Aber nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch +einen Besuch in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells +Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er hatte +Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch von ihm gelesen. +Nächtelang beobachtete er ihn und seine Gefährten. Der Anblick dieser +Erniedrigten und Ausgestoßenen, von denen Jeder Freiheit, Vermögen, +Lebensgenuß und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm Vorwurf +und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie Fedorownas, die durch ihr +Wesen wie durch die Aufnahme, die sie fand, alles Geschehene erraten +ließ, bewog ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das +Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen in seinem Haus +aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen würde, sie zu suchen. Rachotinsky +und seine Freunde überlegten den Vorschlag, der unter der Bedingung +akzeptiert wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten und +zunächst bei ihr bleiben solle. + +Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur schlecht +unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord Natalie Fedorownas +zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky hatte mich zwei oder dreimal +nach dem Landhaus Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die +Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck auf mich; ich +gewahrte nur sie; Tag und Nacht war sie mein einziger Gedanke. Einer der +Russen sagte, daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky +gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen Zauber auf sie +geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren Kummer, ihre Besudelung, ihre +Blindheit quälend zu Bewußtsein gebracht. Aber was eigentlich +vorgegangen war, habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß +nach der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im Hause Mirmells +bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche Situation unhaltbar +wurde. Auf mich wirkte Natalie Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen +Dienst auf und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. Eines +Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, ob ich außer Landes gehen +wolle. Mirmell, Trevanion und er seien entschlossen, der Kulturwelt den +Rücken zu kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein zu +entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher gingen die Weltmüden in +ein Kloster«, sagte er, »wir wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die +Natur selbst ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden +Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod erleben, im Tode +leben und das Leben erkennen, Gott aufbauen in unserer Seele und nie +mehr nach den Menschen Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd +sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an einem Altar. Ich +werbe dich für unsern Bund, dies Recht habe ich mir ausbedungen, und ich +sehe nichts, was dich sonst retten könnte.« + +Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem Verhungern nahe, +eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen Sinn ich zunächst wenig +beachtete, doch die Möglichkeit zu existieren. Mirmells Schiff, eine +stattliche Yacht, lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß +dorthin. Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet hatte, führte +mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser begrüßte mich schweigend und +bemerkte dann gegen Rachotinsky, er möge Sorge tragen, daß ich an nichts +Mangel leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, und es +begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir unbekannt war. Von der +Seekrankheit verschont, wurde ich in anderer Art krank, und ich weiß +heute noch nicht, unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen +litt. Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es kommt ja vor, +daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch abgearbeitet haben, +plötzlich sterben, wenn Mühe und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in +die Luft. Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen +Rachotinsky und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich auf Deck in der +Sonne gebettet war oder bei schlechtem Wetter im Raum. Kraft seines +mystischen und durchdringenden Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten +Einfluß über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der +interessantesten Männergesichter, die ich je gesehen. Seine Züge waren +hager und von äußerster Feinheit; seine Haut war glatt und weiß wie +Email; das Kinn stark, die Lippen dünn wie ausgepreßte Früchte; die +allzuklaren Augen begegneten nie dem anschauenden Blick, obwohl sie +nicht zur Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf. +Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. Er war immer in +seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky trieb mit ihm geologische +Studien aus Büchern und Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes, +das wir an Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am +Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine Knabengestalt +ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell konnte ich mich ohne eine +knechtische Regung nähern, und dieses Überbleibsel meiner +proletarischen Vergangenheit schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame +Leiden erweckten kameradschaftliche Empfindungen. + +Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen Teil des +atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, lange westlich, dann wieder +südwärts. Wir liefen die am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel +an, aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, wurde +durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn Mirmell und +Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit zu fliehen. Wir suchten die +Nimrod-Insel, deren Existenz jedoch heute noch nicht sichergestellt ist, +und als dies erfolglos war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge +schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das Meer von Packeis +bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, in denen der Dampfer freie +Fahrt hatte. Wir überquerten den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald +auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der Antarktis. Ich +war um jene Zeit wieder gesund geworden. Ich wurde nicht müde, diese +neue Welt zu betrachten; der immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es +war Mitte Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging nicht +unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, und der Kapitän und der +erste Maat wagten es, auf die Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff, +das für solche Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell +blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in ihm ein Ingrimm und +eine Lethargie, die alle praktischen Maßregeln mißachteten. Er glich dem +Ritter der alten Sage, der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt +anschickt. Daß er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys +unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein Blick schien +zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, die ihn von allem trennte, +was ihn ehedem gefesselt hatte. Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte +an seine Worte: wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott +aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang ließ mich schaudern, +und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben. + +Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste Eis halt gebot, +und warteten, da wir der Küste näher zu kommen hofften. Am zweiten Tag +sprengte der Sturm die gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste +heran. Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und suchten einen +Platz für den Bau einer Hütte und eines Vorratshauses. Es erwies sich, +daß das Schiff mit allen Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt +in unzugänglicher Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten +transportierten die Matrosen Balken und Bretter an den Strand; darnach +die Betten, die Tische, die Stühle, die Bücher, die Kleidungsstücke, die +Hunderte von Kohlensäcken, die zahllosen Proviantkisten mit Konserven, +Früchten, Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen +Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch Steinblöcke und +Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän des Schiffes Sir Allan um +eine Unterredung. Der wackere Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte +warnen zu müssen; ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen +die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er beredt die +Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich nicht um eine +Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; er erteile ihm den Auftrag, +nicht früher als nach Verlauf von fünf Jahren wieder an diese Küste zu +kommen, um sich zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der +Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte diesen +Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft und verpflichtete sie +allesamt zum Stillschweigen; so lange keine Kunde in die Welt drang, +sollten Kapitän und Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern +Fall hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, sie zu +entlassen. In der zweiten Woche nach unserer Ankunft waren alle Arbeiten +beendigt, und das Schiff verließ uns. Wir standen am Rand des Eises und +blickten ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und seine +Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte. + +Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten in mir +erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung in mir zu erzeugen; die +Gegenwart bändigte mich, das Unentrinnliche umschlang mich wie ein +sichtbarer Kreis; es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu +verantworten, zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir +vorging, diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung gegen das +Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen Zustand; ich muß mich +damit begnügen, die folgenden Ereignisse zu erzählen. + +Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch Forschungen die +Überzeugung gewonnen, daß auf dem Kontinent der Antarktis ausgebreitete +Kohlenlager vorhanden seien, und er hatte die etwas fantastische +Absicht, diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für die +unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar zu machen. +Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen versehen, lange Wanderungen +und brachte allerlei Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die +Gefangenschaft in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung seiner +ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der freiwillig gewählten +Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung von der menschlichen +Gesellschaft auf eine wunderbare Weise erglüht, und ich fragte mich +umsonst, was es wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken +erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem Müßiggang +hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte Stunde erschöpfend für +Körper und Geist. Jeder hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter +war, für das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich +begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, und +Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, diese +gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen Wesen innerhalb der +gebundenen Ordnung ihres Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie +uns mit dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille glich, +ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit gröblichen +Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten mit zeremoniöser +Ehrfurcht gegeneinander verneigten, ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen +pflogen! Sie glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so +sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz von Verwandlung +gaben, etwas von Bann und Schuld und Harren auf Erlösung. Nicht selten +schloß ich mich auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen, +Diatomeen, Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, oder in die +kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, oder Wolken und Felsen +zeichnete oder mit der Spirituslampe in die stalaktitischen Eishöhlen +hinabstieg. Noch lieber wanderte ich allein über Schnee und Eis und +schaute zum bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, und +über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle stumpfte das Zeitgefühl +ab und man ging wie in der Ewigkeit, die auch keinen Wechsel von Tag und +Nacht hat. Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, und +die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen den Ozean +schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen zu bevölkern, und diese +gedehnten Laute klangen wie das Stöhnen eines Tieres in den Wehen der +Geburt. Fern über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich wie +ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; die Nähe der +mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen Erdflamme ließ mich +bisweilen vergessen, daß ich ein wollender und müssender Mensch war. Ich +erblickte den mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen langen +Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, und im +Süden, gegen das Ende der Welt, sah ich viele Berggipfel, zahllose +Kuppeln, die jungfräulichen Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen, +durchsichtigen Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und +stärksten Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur +hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu sein; sie sprach +nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie handelte nicht, sie _war_ +bloß. + +In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um unser gefrorenes +Reich; auch an dem Steigen der Kältegrade merkten wir, daß es Winter +wurde. Es kam die Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden +Horizont berührte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten in der +Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild übereinander geworfener +Purpurtücher. Das ganze Schneegefild hinter uns ward zum Spektrum, das +in Billionen Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft glühten die +seltenen Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden, und wir +standen vor der Hütte, frierend bis ins Mark, und warteten, bis die +letzten Protuberanzen der Sonne erloschen waren, – und damit alles +Leben. Es wurde Nacht. Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte +schon Übles, als, da ich Licht anzündete, Trevanion unablässig in die +Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen +werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und seelenvoller Besorgnis. + +Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich darf sagen, daß +wir einander lieb gewonnen hatten. Wir verstanden und achteten einander. +Es wurde über vieles lebhaft und gut gesprochen, und ich verdanke dieser +Zeit die reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und +Aufschlüsse. Tag um Tag, Stunde für Stunde mit denselben Menschen +dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein aller Lebensäußerungen, +Beobachter jedes Schweigens und jeder Geberde, das heißt einander kennen +lernen. Und schließlich kannten wir einander so genau, daß wir die Worte +hörten, ehe sie gesagt wurden, daß wir auf dem noch unbewegten Gesicht +die Stelle angeben konnten, wo ein Lächeln, eine Erinnerung, ein +Unbehagen die stereotypen Falten einkerben mußten, ja, daß wir die +Verschiedenheit in der Biegung und Länge einzelner Wimpernhaare +gewahrten, und häufig richtete man während eines Gesprächs das Augenmerk +gespannter auf gewisse Eigentümlichkeiten der Miene und Geste als auf +Frage und Antwort. Jeder war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen +und Überraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam in +stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die große Nacht einbrach, herrschte +oft ein bedrohliches Schweigen unter uns, aber wir konnten die +verwundeten Nerven durch Tätigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt +unmöglich. Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte, konnte +man draußen nicht weilen, und wenn der Schneesturm wütete, war man in +Gefahr zu ersticken, ehe man sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte. +Wir waren also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die +dauernde Dunkelheit verdüsterte das Gemüt nachhaltig. Das matt +schwelende Licht in unserm Wohnraum ward zu einem beständigen Druck auf +das Auge und das Gehirn. Die Kälte war so fürchterlich, daß wir trotz +unablässigen Heizens die Temperatur der Hütte nicht über drei Grad +Reaumur brachten. Unsere Ausdünstungen und die Dämpfe der Speisen hatten +sich an den Wänden als Eisverkleidung niedergeschlagen, und das oben +erwärmte Eis, das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der +infolgedessen ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken nicht unter +dem Anprall des Orkans ächzten und klapperten und die auf das Dach +geschleuderten kleinen Steine quälend und eintönig klopften, versetzte +uns die Stille der Natur in einen Zustand, daß wir hätten schreien +mögen, um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den Ohren, sie +ließ den eignen Herzschlag wie den Lärm aus einer Maschinenhalle +erscheinen, sie brüllte aus der Finsternis, sie verscheuchte den Schlaf +und verursachte angstvolle Einbildungen des Gehörs. Ich vermute, daß wir +nur aus Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollständig +sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anlässen böswillig in die +Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften, da hob Allan Mirmell +grimmig die Faust gegen mich, Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief +mit verschlungenen Händen und gefletschten Zähnen auf und ab. Und aus +welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht darüber einigen können, +ob der Kapitän von Mirmells Schiff blaue oder graue Augen besaß. Wir +konnten den Klang unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst +zitterte bei der gleichgültigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno +begann erst, als eines Abends, – es gab Abende, die letzten bleiernen +Stunden verwachter Nacht-Tage, – als eines Abends Trevanion, der lesend +am Tische saß, ein weißes Tuch über sein Gesicht hängte. Unser Anblick +erregte ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche Empfindung. +Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten, einander zu +zerfleischen. Täglich um dieselbe Zeit derselbe Vorgang in gesteigerter +Abscheulichkeit! In einer solchen Stunde wurde Trevanion von Grauen +überwältigt, er hüllte Kopf und Rumpf in den Pelz und stürzte hinaus. +Mich erfaßte Besorgnis um ihn und nachdem ich die nötige Schutzkleidung +ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische Spur vor der Hütte +zeigte, daß er gegen den Gletscher hinaufgegangen war. Über dem Schnee +lag eine schwache grünliche Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die +Kälte fraß wie ein Brand. + +Plötzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen von Licht +bewegten sich von Südost nach Südwest und schienen unablässig neue +Lichtstärken von Südost zu holen. Sie warfen blendende Strahlen zur +Erde, und die Farben wechselten von weiß zu grün und gelb. Ich spürte +nichts mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Phänomen gab +mir ein Gefühl des Schwebens. Da erblickte ich Trevanion. Er schaute +regungslos in das glühende Firmament. Mich überrieselte es eigen, als +ich den entgeisterten Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete +meine Nähe mehr als daß er mich sah; er streckte den Arm gegen das +Südlicht und fragte flüsternd, ob ich die Gestalt gewahre. Was für eine +Gestalt? flüsterte ich zurück. Mit ungestümer Geberde deutete er. Ich +folgte der Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er preßte die Hände +zusammen und drückte sie auf seine Brust. Natalie, hauchte er, Natalie +ist es. Wieder überlief es mich. Wir standen auf dem Kirchhof der Welt, +und er sah die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und +flehentlichen Stimme nannte er unaufhörlich den Namen Natalies. Der +Gletscher begann im Schein der Aurora rötlich zu leuchten. Und nun war +es mir selbst, als erblickte ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog +mich nur hin. In ihrem Körper rann durchsichtiges Blut. Aus dem +bläulichen Gewand erhoben sich mädchenhafte Schultern. Ihre Hände, +obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der Abwehr. Ihr Antlitz +enthüllte sich nur allmählich wie ein Stern aus Nebeln. Die Züge waren +leidend, aber voll von einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir können sie +nicht erreichen, sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat, +schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm zieht +auf, drängte ich ihn und wies auf einen weißlichen Dunst, der im Süden +lag und sich mit unheimlicher Schnelligkeit ausbreitete. + +Man mag die übernatürlichen Kräfte skeptisch beurteilen; Man leugne oder +erkläre sie; sicher ist, daß jeder Organismus unter bestimmten +Voraussetzungen ihrer Einwirkung unterliegt und dann gleich einem +Körper, der seinen Schwerpunkt verloren hat, der gewohnten Bahnen +spottet. Wir hatten die Gemeinschaft der Menschen aufgekündigt, des +Anrechts auf Liebe uns begeben; wir hatten nicht bedacht, daß dort, auch +wenn sich das Geschick in Bitterkeit und Haß erfüllt, dennoch ein Strom +schwebender Möglichkeiten den Einzelnen umgibt, Möglichkeiten der Liebe, +und daß magnetische Berührungen seine Seele ungewußt mit dunkler +Zuversicht nähren. Hier aber schuf ein tiefer Wille in uns das Phänomen +der Liebe aus dem Nichts; die Verzweiflung gebar ein Schemen, das über +uns Gericht hielt, die beleidigte Menschheit nahm Rache. Mirmell und +Rachotinsky waren verhältnismäßig nüchterne Charaktere, und gerade sie +wurden von der Frauengestalt im Feuerschein der Aurora australis am +unwiderstehlichsten gepackt, denn sie sahen, was Trevanion und ich +gesehen hatten, es brauchte kaum einen Hinweis, ihr Geist war +vorbereitet, ihre Fantasie durch peinigende Wünsche, Wünsche des +Schlafs, des Traums und des dumpfen Wachens, Wünsche, wie sie nur der +kasteite Leib hegen kann, längst entschlossen, das Unfaßliche zu +ergreifen. Es war ein erotischer Wahnsinn, der uns hintrieb. Mit Grauen +gestehe ich, daß wir eifersüchtig aufeinander waren. Bei den folgenden +Malen entfaltete sich der Glanz der Aurora immer glorioser. In einem +mächtigen Bogen flammte das Licht bis zum Zenit und erreichte im +Sternbild des Zentauren seine größte Intensität. In jeder Nacht gingen +wir aus, um die Aurora zu sehen; schweigend und vermummt marschierte +jeder seinen Weg. Aber allzuoft blieb das Firmament schwarz und nur das +ferne Feuer des Vulkans lohte rauchverdüstert. Bisweilen stand in +wolkenreiner Höhe der Mond wie eine Magnesiumlampe. Die ganze Landschaft +glich einer Mondlandschaft. Ich fühlte mich so unirdisch, so außer mir, +so nah den letzten Grenzen! Orion und der herrliche Sirius drehten sich +in großem Kreis. In der siebenten Nacht erblickten wir die Aurora zum +dritten mal. Es war milderes Wetter, und die Vision zeigte sich in +starkem Kontur. Wir wanderten keuchend den Gletscher hinan, Trevanion +allen voraus. Er schien mir das Wesen eines Somnambulen zu haben. Er war +in dieser Zeit so verinnerlicht, daß sein Lächeln wie ein flüchtiger +Aufenthalt zwischen Schlummer und Tod wirkte. In seinen Augen wohnten +eine Anbetung, eine transzendente Leidenschaft, daß ihn zu betrachten +schmerzlich war. Auch in den finstern Nächten suchte er weit draußen auf +dem heimtückischen Rücken des Gletschers; einmal hörte ich ihn laut, mit +erschütternden Tönen, schreien; er schrie nach ihr. Ihn verlangte nach +der Umarmung der Eisjungfrau, und am Morgen sagte er zu mir: wenn sie +nicht blind wäre, Henry, sie würde ein Mittel finden, daß ich zu ihr +gelangen könnte. Allan Mirmell verfiel auf eine besorgniserregende Art, +als ob ein Gift an ihm zehre. Er tappte wie ein Greis. Licht, Licht, +murmelte er oft, wenn er aus dem Schlaf emporschrak. Die anstrengenden +Märsche nach dem Wohnsitz der bleichen Aurora warfen ihn schließlich +entkräftet aufs Lager. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich auch an +Rachotinsky alle Anzeigen einer krankhaften Melancholie. Stundenlang +kauerte er betend auf den Knieen. Er wusch sich nicht mehr; Schmutz, Ruß +und Unrat bedeckten ihn. Wodurch ich mich aufrecht erhielt, kann ich nur +schwer sagen. Es war Hoffnung in mir. Diese Hoffnung wurde von Tag zu +Tag stärker. Und es war noch etwas anderes als Hoffnung, es war +Sehnsucht. Immer wenn ich die Aurora sah, schritt ich durch eine Halle +aus Eissäulen, an deren Ende mich die belebte Erde grüßte. Die Blinde, +die Unerreichbare, das zarte Gebild aus Strahlen und Kristall lehrte +mich, daß ich mich selbst lieben solle, mich in den Menschen, mich in +der Welt. Der Strahlenbogen, dessen eines Ende sie trug, erschien mir +wie eine meisterlich geschwungene Brücke, die den Abgrund der +Finsternis überwölbt. Da stand es fest in mir, daß ich Brücken über +Abgründe bauen wollte, wirkliche, ja, wirkliche Brücken. Und während ich +im Weglosen wanderte, dem blendenden Licht entgegen, wuchs in mir die +Lust, Wege anzulegen, denn daß ich ehemals keine Wege mehr für mich +gehabt, das lag daran, daß ich keine geschaffen. Das erkannte ich jetzt. +Wege überwinden die Trägheit; je mehr Wege desto mehr Bewegung, desto +mehr Wille, desto mehr Umwandlung. Auf den Wallfahrten zur Aurora habe +ich den Gedanken an Brücken und Wege lieben gelernt, und dies bewahrte +mich vor dem Verderben. + +In der letzten Nacht vor dem Aufgang der Sonne sah ich Trevanion zum +letztenmal. Dämmerung lag auf dem Eis. Der Gletscher zuckte, Krämpfe in +seinem Innern zerbogen seine kalte Hülle. Auch der Vulkan grollte, und +die Schwefelfumarolen auf dem Gipfel waren von gelben Dünsten umzogen. +Trevanion war an meiner Seite, als das Südlicht aufflammte, nur in +mattem Schein freilich, bloß wie zum Abschied. Noch ehe es verblaßt war, +rief ich Trevanion zu, wir müßten hinunter laufen, der Blizzard sei im +Anzug. Er schüttelte den Kopf und beachtete meine Warnung nicht. Er ging +weiter. Ich wußte nicht, ob ich ihm folgen oder mich in Sicherheit +bringen sollte, und blieb unentschieden stehen. Der Sturm fing an zu +brausen, da sah ich, daß Trevanion, der schon ziemlich weit oben war, +jählings verschwand. Offenbar war eine Schneebrücke geborsten, und er +war in die Spalte gestürzt. Ich suchte die Stelle im Gedächtnis zu +behalten, denn nacheilen konnte ich ihm nicht, die Atmosphäre +verfinsterte sich rasch, ich warf mich flach auf den Boden, und um nicht +fortgeschleudert zu werden, klammerte ich meine Arme um einen Eisblock. +Es war eine Raserei in den Elementen, die das Herz zum Stocken brachte. +Trotzdem waren meine Gedanken nur mit Trevanion beschäftigt; es war, als +ob sich ein Tor im geheimnisvollen Haus der Aurora geöffnet hätte, um +ihn einzulassen. Wie lange ich regungslos und mit Anspannung aller +Kräfte so lag, weiß ich nicht; als die Heftigkeit des Orkans geringer +wurde, kroch ich auf Händen und Füßen gegen die Hütte hinab, und erst +als ich den Schutz einer Felswand erreicht hatte, wagte ich mich zu +erheben. + +Rachotinsky, von einem mechanischen und beinahe verbissenen +Pflichtbewußtsein an das Lager Mirmells geschmiedet, der mit dem Tode +rang, war nur mühsam zu überreden, mich auf den Gletscher zu begleiten. +Wir warteten, bis der Sturm vorüber war, dann gingen wir, mit Stricken +versehen, hinauf. Meine lauten Rufe blieben unbeantwortet. Das +Schneetreiben hatte jede Spur verwischt. Wohl entdeckte ich in der +Richtung, in der Trevanion verschwunden war, eine offene Spalte, aber +sie war breit, ein bodenloser Schlund. Ich schrie hinab, ich warf den +Strick hinab, umsonst. Da sagte Rachotinsky, der an einer mächtigen +Eisplatte lehnte, mit heiserer Stimme: »Die Sonne«. Ein glühendes +Segment tauchte über dem Horizont empor. Alles Land war von einem +brennenden Scharlach übergossen. + +Wie viele Tage vergingen, bis das Schiff in Sicht kam, dessen entsinne +ich mich nicht mehr. Ich entsinne mich bloß, daß ich fest überzeugt +war, es müsse kommen, fest überzeugt, mein Schicksal sei an der Wende +angelangt. Eine zweite antarktische Nacht hätte ich nicht überlebt. Was +sich an Bereitschaft in mir gesammelt hatte, durfte und konnte nicht +betrogen werden. Das Geschick ist mir verschuldet, sagte ich mir, und +ich trotzte ihm die Entscheidung ab. Allan Mirmell war schon längst +unter die Erde gesenkt, als sein Schiff an der Küste anlegte. Der +Kapitän, tief besorgt um unser Los und den Entschluß seines Herrn als +eine traurige Verirrung betrachtend, hatte es einfach riskiert, den +erhaltenen Befehlen zuwider zu handeln. Es war hohe Zeit, daß sie kamen; +ich war nahe daran, in Gesellschaft des schwermütigen und schweigenden +Rachotinsky verrückt zu werden. Als ich das Deck des Schiffes betrat, +hatte ich das Gefühl von Auferstehung. Man fragte nach unseren +Erlebnissen. Rachotinsky konnte nicht antworten; er hatte den Verstand +verloren. Was mich betrifft, so war ich unfähig, etwas anderes +mitzuteilen als die äußerlichsten Vorgänge, die sich in drei Sätzen +wiedergeben lassen. Ich habe niemals und zu keinem Menschen darüber +gesprochen bis auf den heutigen Tag. Ich bat den Kapitän, mich in Sydney +in Australien ans Land zu setzen, und dort habe ich mein Leben von vorn +angefangen.« + + + + +Der Affe und der Spiegel + + +»Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe ich selten mit so +triftigem Grund gebrauchen hören«, sagte Cajetan, als Hadwiger geendet. + +»Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden sein«, fügte +Borsati hinzu, indem er einen langen milden Blick auf Hadwiger heftete. + +»Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich, wie reich, wie +groß ist doch das menschliche Dasein!« rief Cajetan ergriffen. »Ich +fühle mich in einer Stimmung wie jener Bramarbas auf der Plassenburg. +Man möchte sich manchmal wirklich zum Ertrinken tief hineinstürzen. Aber +man muß schwimmen können, das seh ich wohl ein. Und eine umpanzerte +Seele braucht man«. + +»Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz«, sagte Lamberg +ernst. + +Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar glänzenden Blick an, als wolle +er antworten: wißt ihr es denn? habt ihr es denn erfahren, ihr Reichen, +Reichgeborenen, Verwöhnten, ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum, +Freiheit und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken. »Es gibt +auch eine mittelbare Art zu leben und zu erleben«, meinte er; »obschon +sie nicht so zwingt, zum Entschluß nicht und zur Verwandlung nicht, ist +sie oft doch viel schmerzlicher, – dem unverschlossenen Herzen nämlich, +das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet, so +zerteilt in die wechselnden Lose, daß es nicht einmal zu einer Tat der +Selbstbewahrung mehr die Kraft hat. Das heißt mit gefesselten Gliedern +dem Moloch überliefert werden.« + +»Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein Märchen?« wendete sich Fürst +Siegmund an Hadwiger, »ist es nicht wunderbar, daß Sie hier, von einer +freundlicheren Natur umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie +zum erstenmal von jenen außerordentlichen und weittragenden +Begebenheiten erzählen? Ich täusche mich vielleicht, oder ich kann +meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck verleihen, aber für mich +hat dies etwas von einer Spiegelung, etwas, das sinn- und +bedeutungsvoller ist, als Sie selbst im Augenblick denken. Das Wort ist +nicht immer bloß ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol +der Erkenntnis und Erhöhung.« + +»Sie haben Recht, Fürst«, versetzte Cajetan, »und das ist auch weitaus +das Schönste, was man darüber sagen kann.« + +»Und das Schönste, was man dafür tun kann«, ließ sich jetzt Franziska +hören, die bis zu diesem Moment ganz verloren vor sich hingeschaut, +»ist, daß wir ihm den goldenen Spiegel geben«. + +»Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird«, erwiderte Lamberg +lächelnd und quittierte mit einer reizend chevaleresken Geberde die +stumme Zustimmung Cajetans und Borsatis. Hadwiger stand auf, errötend +wie ein Schuljunge. »Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich«, fuhr Georg +Vinzenz ermahnend fort, »wir lassen uns einen solchen Anlaß zur +Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie müssen warten, bis Ihnen die +Trophäe mit den gebührenden Zeremonien überreicht wird.« + +»Vortrefflich«, lachte der Fürst, »da bekommen wir am Ende gar noch eine +Rede zu hören«. + +»Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet«, fuhr Lamberg fort; +»wer von uns kann ihn von nun ab in die Hand nehmen, ohne eine Fülle von +Gesichten und Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und +wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie ist +matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, Schiffe +und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und +Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und +Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der +Traum und das Wunder, alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies +Gewebe von Schicksalen gesponnen haben, war bemüht, den Partner zu +übertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war die Rede. Es war +kein Werben, es war ein Verschenken. Und wir sprechen Ihnen, Heinrich, +den Spiegel zu, weil Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen +Innern geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch mein +Bedürfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.« + +Cajetan und der Fürst klatschten Beifall, Hadwiger blieb mit gesenktem +Kopf stehen. Lamberg schritt zur Türe und drückte auf den elektrischen +Knopf, um von Emil den Spiegel heraufholen zu lassen. Der Fürst +verabschiedete sich indessen von Franziska. Sie sprachen mit leiser +Stimme. Da der Diener nicht kam, läutete Lamberg noch einmal, und als +auch dies vergeblich war, öffnete er ungehalten die Türe, um zu rufen. +Nun erschien an Emils Statt die Köchin und teilte ihrem Herrn ziemlich +erregt mit, der Affe sei entflohen und Emil verfolge ihn. »Entflohen? es +ist ja Nacht«, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person +auszuforschen. Es stellte sich heraus, daß Quäcola schon am Nachmittag, +um die Zeit, da der Fürst gekommen, den goldenen Spiegel aus dem +Speisezimmer entwendet hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr +aufgebracht gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht, in allen +Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden, zwei Stunden lang und ohne eine +Spur von ihm zu finden. Schließlich sei er auf den Balkon +hinausgetreten, und da sei nun Quäcola in einem Winkel ganz +zusammengekauert unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den +er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil habe +versucht, ihm den Raub zu entreißen, doch der Affe habe ihn bösartig +angeknurrt und sich überhaupt so betragen, daß man sich habe fürchten +müssen. Da habe Emil die Peitsche geholt und habe die widerspenstige +Bestie geschlagen. Quäcola habe wütend gefaucht, sich über das Geländer +geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem Haus hinabgeklettert und gegen +den Wald hinauf gerannt. Und Emil sei nun hinter ihm her. + +»Jetzt? in der Finsternis? im Wald?« fragte Lamberg erstaunt. Die +Freunde, Franziska und der Fürst hatten dem Bericht mit Neugier und +Verwunderung gelauscht. Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg +meinte, es sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Flüchtling +heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Grütze im Kopf, +um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen. Die andern erklärten sich +bereit, ihm beizustehen. Fürst Siegmund äußerte lächelnd sein Bedauern +über den Zwischenfall; er fragte, ob er Leute herüberschicken solle, die +mit Fackeln den Wald absuchen könnten; Lamberg dankte und antwortete, er +hoffe, daß Quäcola den Aufenthalt unter den feuchten Bäumen von selbst +unbehaglich finden und zum Gehorsam zurückkehren werde. Voll +Herzlichkeit drückte der Fürst allen die Hand und ging. + +Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die drei Freunde auf den +Weg. Als sie sich fünfzig Schritte oberhalb der Villa befanden, kam +ihnen Emil aus dem dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder Mütze +und keuchte erschöpft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche, deren +Schnur an den Stiel gebunden war, augenscheinlich zu dem Zweck, um sie +als Lasso benutzen zu können. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht +des Dieners, und er sah, daß es voller Blut war; Zweige und Buschwerk +hatten ihm die Haut zerrissen. »Sie haben das Tier nicht gefunden?« +fragte Lamberg. Der unglückliche Mensch konnte nicht reden, er zuckte +verzweifelt die Achseln. »Und Sie wissen genau, daß Quäcola den Spiegel +bei sich gehabt hatte, als er entwischte?« Emil nickte. »Das ist es ja +eben«, stammelte er, »das ist ja die Niedertracht; er wollte mich in +Schuld bringen, er wollte mich dem gnädigen Herrn verhaßt machen. Die +Herren müssen das begreifen«, wandte er sich aufgeregt und fast +schreiend an die Freunde, »der Schabernak war auf mich gemünzt, mich +wollte das Vieh verderben ...« + +»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg mit Unwillen den +sich ausbreitenden Redeschwall. + +»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener zaghaft. + +»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere nächtliche +Unternehmung aussichtslos. Warten wir den morgigen Tag ab.« + +Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung zugab, wollte er noch +einen Gang in den Wald tun. Er rief den Namen Quäcola hundertmal, und +ein sanftes Echo antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch +pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft zu +haben wünschte. Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht um und +löschte am Waldrand die Laterne, da inzwischen der Mond aufgestiegen +war. Sehr verspätet nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es +wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska müde, die +andern überließen sich ihren Betrachtungen. Der Diener hatte sich zu +Bett begeben müssen; bei der Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet, +und ein Fieberfrost schüttelte den armen Affenhasser. + +Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über Waldpfade und +Felsensteige entdeckten die Freunde den Affen. Er lag am Ufer des Sees, +der Unterkörper im Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf +einem Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß er sich +oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden Wand herabgestürzt +war. Lamberg setzte sich an die Seite des Leichnams und sagte: »Schaut +doch nur sein verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher +Kummer drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter Quäcola! Auch +du hast unter der Dummheit leiden müssen, auch aus dir hat sie einen +Märtyrer gemacht. Deine roten Höschen und dein blauer Frack sehen +närrischer aus als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den +Affen, und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele +beherbergt hat.« + +Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert den Kopf. + +Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg ließ die ganze +Gegend durch Scharen von Bauernkindern absuchen, doch ohne Erfolg. Es +mußte angenommen werden, daß während seines Sturzes dem Affen der +Spiegel entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle +sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne Kostbarkeit dem +Bestand menschlicher Schätze für immer geraubt. + +Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben Abend in die Stadt +zurück, Cajetan und Borsati erst zwei Tage darnach. + + +Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der zwischen Weinbergen +sein herbstliches Laub aufflammen läßt. Es ist ein später Nachmittag, +und die Hügel flimmern im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine +leidenschaftlich klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen zwei +lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die einander die Hand +gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen Gemach liegt Franziska; +Hadwiger, das Gesicht in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom +umleuchteten Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die +Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich auf +ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen gestrebt. Vorüber, ach +vorüber! Sie aber empfindet die Stunde voll, nicht nur wegen der Musik, +die aus dem Nachbarzimmer klingt, – es ist, wie wenn ein Namenloser sie +spielte, – sondern auch wegen der Musik, die harmonisch ihrem Innern +entquillt. Denn es ist ihr bewußt, daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende +gelebt hat; so bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten +Hinüberbeugens bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen gleich einer +Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit beginnt. Auch ist ihr +bewußt, daß manche trauern werden, denen sie viel gewesen ist, und +einige weinen werden, die sie geliebt haben. + + + _Ende_ + + +Begonnen: April 1907 Beendet: Mai 1911 + + + + +_Werke von Jakob Wassermann_ + + +Die Juden von Zirndorf + +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in +Leinen 5 Mark. + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Roman. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen 7 Mark 50 Pfennig. + + +Der Moloch + +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in +Leinen 5 Mark. + + +Der niegeküßte Mund – Hilperich + +Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark. + + +Alexander in Babylon + +Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in Leinen 4 Mark 50 +Pfennig, in Leder 6 Mark. + + +Die Schwestern + +Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder 3 Mark, in +Leder 4 Mark. + + +Die Masken Erwin Reiners + +Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, in Leinen 6 Mark. + + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens + +Roman. Neunte Aufl. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.) + + +_S. Fischer, Verlag * Berlin_ + + +Die Juden von Zirndorf + +Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob +Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von +Zirndorf« in einer neu bearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die +Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, +diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen +Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere +und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die +besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst +verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst +nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, +jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in +dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem +Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. + +(Neue Zürcher Zeitung) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. – +Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + +(Die Zukunft) + + +Der Moloch + +Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde +liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, mit der +Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, lebensvollen +Gemälde gestaltet hat!... Man kann schon aus dieser gedrängten +Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein +psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der +Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch +behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß ist +des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die Vorgänge +mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet. + +(Berner Bund) + + +Der niegeküßte Mund – Hilperich + +In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als +respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer +so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen +Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist +ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in +den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie +fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, +Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in +Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In +dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß +man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der +Kenner, wird hier sein volles Genügen finden. + +(Die Zeit, Wien) + + +Alexander in Babylon + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende +Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch +pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum +genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten +deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen +zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und +beseelt. + +(Neue Freie Presse, Wien) + + +Die Schwestern + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, +ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem +Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus +dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. +Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem +Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues +Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? +Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist +das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, +von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. + +(Hannoverscher Kurier) + + +Die Masken Erwin Reiners + +Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, +die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. + +(Westermanns Monatshefte) + +Wassermanns Künstlertum wird immer geklärter und reifer. Der klangvolle +Fluß der Sätze, einer altgoethischen Prosa, hat in den »Masken Erwin +Reiners« eine souveräne Kraft und Freiheit. Die Linie der Handlung +erhebt sich planvoll und unverwirrt, wie noch in keinem Buche +Wassermanns. + +(Die Zeit, Wien) + + +Druck von Poeschel & Trepte in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1912 bei S. Fischer erschienenen achten Auflage erstellt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand +sich ursprünglich am Buchende. + +[Widmung]: And yet my songs comes native -> song +p 039: chmierte -> schmierte +p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten +p 063: von morens bis abends -> morgens +p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte +p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt +p 109: [Anführungszeichen ergänzt] wen haben Sie im Verdacht?« +p 136: [Trennung] die als Schall-loch diente. -> Schalloch +p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt +p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert +p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel +p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd +p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen +p 224/225: [Trennung] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte +p 232: [Anführungszeichen] äußerte er: »Ich habe ...«-> ›Ich habe ...‹ +p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ +p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter +p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich +p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung +p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach +p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung +p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst +p 335: [Punkt ergänzt] durch pragmatische Verwicklungen. +p 336: [Punkt ergänzt] zum realen Leben datieren. + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurden prinzipiell beibehalten. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the eighth +edition published in 1912 by S. Fischer. The table below lists all +corrections applied to the original text. The Table of Contents was +moved from the back of the book to the front. + +[Widmung]: And yet my songs comes native -> song +p 039: chmierte -> schmierte +p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten +p 063: von morens bis abends -> morgens +p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte +p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt +p 109: [added quotes] wen haben Sie im Verdacht?« +p 136: [hyphenation] die als Schall-loch diente. -> Schalloch +p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt +p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert +p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel +p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd +p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen +p 224/225: [hyphenation] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte +p 232: [nested quotes] äußerte er: »Ich habe ... «-> ›Ich habe ... ‹ +p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ +p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter +p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich +p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung +p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach +p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung +p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst +p 335: [added period] durch pragmatische Verwicklungen. +p 336: [added period] zum realen Leben datieren. + +The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have +been maintained. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL *** + +***** This file should be named 19611-0.txt or 19611-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/6/1/19611/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der goldene Spiegel + Erzählungen in einem Rahmen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: October 24, 2006 [EBook #19611] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Der + goldene Spiegel + + + Erzählungen in einem Rahmen + von + Jakob Wassermann + + + Achte Auflage + + S. Fischer * Verlag * Berlin + 1912 + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + +Kapitelfolge + +Franziska und die Freunde 1 +Was über den Spiegel beschlossen wurde 13 +Die Pest im Vintschgau 25 +Der Stationschef 47 +Geronimo de Aguilar 63 +Von Helden und ihrem Widerspiel 89 +Der Tempel von Apamea 107 +Die Gefangenen auf der Plassenburg 135 +Paterner 176 +Nimführ und Willenius 196 +Herr de Landa und Peter Hannibal Meier 212 +Begegnung 231 +Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz 242 +Franziskas Erzählung 275 +Aurora 291 +Der Affe und der Spiegel 323 + + + + _Ich widme dieses Buch meiner Frau._ + + O thou whose face hath felt the Winter's wind + Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist, + And the black elm-tops 'mong the freezing stars, + To thee the Spring will be a harvest time. + O thou, whose only book has been the light + Of supreme darkness which thou feddest on + Night after night when Phoebus was away, + To thee the Spring shall be a triple morn, + O fret not after knowledge, I have none, + And yet my song comes native with the warmth. + O fret not after knowledge, I have none + And yet the evening listens. + He who saddens + At thought of idleness cannot be idle, + And he's awake who thinks himself asleep. + _Keats._ + + + + +Franziska und die Freunde + + +Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im +Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend +war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte. +Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung, +in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen +Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers. + +Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und +geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen +dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen +ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft +mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur, +ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und +Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen +Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die +Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein +treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die +Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem +eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter, +passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas +Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und +entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter +ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen +Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis +voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der +Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl, +deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war +angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht +saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden +Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war +ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen +Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame +Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls +bemerkenswert war. + +Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska +Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres +Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie +einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre +Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier +persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter, +als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans +wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und +nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati +bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug, +und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis +und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens +weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als +ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer +fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen +Träume zu folgen. + +An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg +Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und +vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages +brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen +Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der +sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten +Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati, +daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur +desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen +Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der +neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes +Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen +eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und +vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer +beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte +einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission +freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien +geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach +großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein +Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte +nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne +Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte +und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen. + +Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu +werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen +beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im +Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine +schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein +rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er +Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er +naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden +Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe +lachte. + +Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende +Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu +den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie +durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte, +blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei +der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst +gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich +der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein +schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern +Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm, +führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein +Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an, +doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und +Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als +schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife +und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im +Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine +jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie +hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der +rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie +geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen. +Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie +umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter +verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als +ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne +Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern; +was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den +Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das +Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen +aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als +Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm, +daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es +der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor +Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die +Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch +sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele +und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein +dicht an den Fenstern lohte. + +So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr, +weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei +Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen, +schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes +Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit. + +Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern. +Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene +herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte +das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von +Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er +Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine +Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer +Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in +sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska. +Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und +philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg, +Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf +Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe. +Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran, +ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke +und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß +er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag +unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue +ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die +Spitze bieten zu können. + +Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte +Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen +und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann +sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um +so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,« +sagte Franziska; »vielleicht wollt' ich mich nur überzeugen, ob ein +wirkliches Menschenherz in dir steckt.« -- »Kann man davon Gewißheit +erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art. +Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie +spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so +stark wie du dich stellst.« + +Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann +auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von +andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch +eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte +seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften +Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke +nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter +Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches +Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde +versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen +übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu +seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen, +denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend +verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser, +Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die +sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre +verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der +von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die +Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften +konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen. + +Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers +vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land. +Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der +lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle +ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte +bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden +kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa +entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im +Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt, +daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg, +eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen +habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich +aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie +eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz, +begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die +innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns +also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska +erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« -- »Wir haben es +immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick +in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir +haben.« + +Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu +fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr +heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann +verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert +an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, -- also +übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr +mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir's wie die +Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.« + +»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan. + +»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie. + +Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging. +Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast +fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten +Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten +alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin, +mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon +deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten +Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer +solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der +Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer +polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im +mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich +aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und +lebte einsam. + +Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen +Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung +mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich +gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und +zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und +nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon +erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das +wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem, +keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert +seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild +meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl, +vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure +Schwester, eure ewig getreue Franziska.« + +Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um +das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden +worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig +Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach +dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der +Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort +hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben. + +Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die +Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie +nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe +leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die +Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines +Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der +Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder +entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem +unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung +erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht +lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel +bedeutenden Pein. + +Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten +hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater +genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe +über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die +zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es +allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf +und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als +Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er +Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte +nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden. +Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der +Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht. + +So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg +seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen +verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem +holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war +ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben +hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier +erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich +selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist. + +In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan +ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan +nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen +ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim. + + + + +Was über den Spiegel beschlossen wurde + + +Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet die einen, im +Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, konnte das Auge des +Betrachters von jedem beherrschenden Gipfel aus erblicken. Wege zogen +hügelauf- und abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten +die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren sich in +Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege und klommen windungsreich an +den kraftvoll gestalteten Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine +Wildnis, da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden kahle +Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; so wurde das Bild +geschlossen, das harmonisch im einzelnen wie groß im ganzen war. + +Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines Tals, eines +ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung hinter dem Plateau von +ihm entfernt, lag die Villa Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und +durch die offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in die +Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden Linien der Nacht +geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen war vorüber, Borsati, +Cajetan und Lamberg saßen noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher +Aufregung hin und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so +gleichmütig waren, -- denn heute war der Tag, für den Franziska sie alle +zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht gekommen, und es bestand +wenig Grund zu der Hoffnung, daß sie noch kommen würde, jetzt, in den +Stunden der Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte +er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es anfangen könnte, +um das Gespräch auf die Erwägungen zu lenken, die ihn so schmerzhaft +beschäftigten. Hatte er doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag +entgegengelebt, nichts weiter, und das Wort Franziskas war ihm für beide +Teile als so unwiderruflich erschienen, daß kein Zweifel sich in sein +Zutrauen mischte. Nun war es Abend, und es war ein Tag vergangen wie +viele andere Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte er; +ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung nennen oder jene +Herzensglätte, die sie mir oft so fremd macht? + +Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner Runde seit +einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt war, und betrachtete in dumpfer +Verlorenheit das Wunder aus alter Zeit. + +Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; sie wurde mit +hocherhobenen Armen von der Figur einer Göttin getragen, die auf einer +köstlich gearbeiteten Schildkröte stand. Die Rückseite der Scheibe +zeigte die Figur eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in +lässig schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im rechten +Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen Strichen graviertem Wasser +die Umrisse seines Bildes beschaute. Tief am Rand war in griechischen +Lettern das Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein +mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. Das ganze +Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch. + +Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den Arm mit jovialer +Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche Figur steht unvergleichlich +da«, sagte er. »Sie trägt wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers +trägt. Finden Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der +Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte erhöht.« + +»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um zu ermessen, wie +die Alten solche Dinge gearbeitet haben, muß man nur die Schildkröte +ansehn. Welche Feinheit! Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie +vor allem die Idee eines Postaments.« + +»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar nicht wiegt«, +versetzte Cajetan. + +»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich das Gesicht der +Aphrodite durch einen fahleren Glanz von der Färbung des übrigen Gusses +abhebt.« + +Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. »Nur weiß ich eben +nicht, was daran die Zeit verschuldet hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist +jedenfalls, daß der Bildhauer Silanion Silber in das Erz mischte, aus +dem das Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung +den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des Athanas auszudrücken, tat +Aristonidas Eisen in die Masse, wodurch er eine charakteristische +Rostfarbe erzeugte. Sieht es nicht aus, als ob die Züge der Venus von +einem imaginären Mond bestrahlt seien?« + +Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse bewies, sah nach +der Uhr. Lamberg fing den Blick auf und lächelte. »Warum lächeln Sie?« +fragte ihn Hadwiger stirnrunzelnd. -- »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich +stets lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. -- »Und Sie +empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte den Kopf. -- +»Und ihr erwartet auch nichts?« wandte sich Hadwiger schüchtern und +erstaunt an die andern beiden. »Ich habe Franziskas Wunsch schon damals +für eine Laune gehalten«, bekannte Cajetan. -- »Warum sind Sie dann +gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. -- »Erstens, weil ich mit +Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein gegebenes Wort +genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, war die Erwiderung. -- »Und Sie +auch, Rudolf?« -- »Ich glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen +Verabredungen, weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, sagte +Borsati. + +Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er war dem +berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft begegnet und rühmte +ihn als einen Mann von großer Welt, der einer souveränen Macht über die +Menschen in jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er nun +geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen Besonderheit +so deutlich an sich trage, daß man sich seinem Einfluß nicht entziehen +könne. Borsati tadelte das Wort von der dämonischen Besonderheit als +einen jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die +sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, sonst nichts. +Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und sagte, er habe das Wesen nicht +begriffen, das um Franziskas letzte Liaison gemacht worden, zumal die +Ehe mit dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte führen +können. + +»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger aus. + +»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete Cajetan ernst +und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt untrüglichen Instinkten, und +selbst wenn sie den Weg ins Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin +als wir ahnen. Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich +hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine Treue gegen +das Gefühl, die von höherem Rang ist als die Treue gegen die Person.« + +Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner verabschiedeten sich +von Lamberg. Dieser stand auf dem Balkon und lauschte noch lange ihren +in der Nacht verhallenden Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße +rasselte ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte das Gras und, +da er es trocken fand, prophezeite er im stillen für den morgigen Tag +schlechtes Wetter. Er ging dann in das obere Stockwerk des Hauses, +öffnete die Tür zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war der +Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das Tier ließ einen +freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg riegelte den Käfig auf, und der +Affe folgte ihm aus dem Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete +Speisezimmer. Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte +lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf dem Tische +stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, ergriff eine Pflaume und +biß hinein. Indessen hatte sich das Rollen jenes fernen Wagens genähert, +Georg Vinzenz lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die +Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem Schlag. Georg +Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, und, nachdem er den +Diener gerufen, damit er das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus. +»Du bist pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd und +forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften Gesprächsbeginn +aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem Gespensterhaften trüge nur die +Eisenbahn schuld, und da sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es +unvermeidlich gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei. +»Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte er, und als sie +verwundert schien, fügte er rasch hinzu: »Ich hätte dich sonst am +Bahnhof erwartet.« + +Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser geworden, die Hand, +die sie beim ersten Gruß in die seine gelegt, schmaler, kälter und +schwerer. Der Mund sah wie von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus, +und unter den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle +Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie wich unter +seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige Tage in seinem Hause +bleiben könne, und nachdem er eifrig bejaht hatte, ergriff sie mit +beiden Händen seine Rechte und stammelte bittend: »Aber frag' mich +nicht! Nur nicht fragen!« + +Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. Das war nicht +mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, sprühende Franziska, die +lebenshungrige. Es war eine Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine +mit letzten Kräften sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast +notwendig. Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme wühlte +und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska niemals geweint; +nicht durch Tränen, höchstens durch Lachen hätte sie Quäcola, den +Schimpansen, zu einer bestürzten Flucht in den Winkel des Zimmers +veranlaßt. + +Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer liegen dunkle +Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem Blick seines Auges. Es wird +die Stunde kommen, wo es ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte +er sich. Seinem sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen. + +Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der Heuduft von den +Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, das weitheraufklingende Rauschen +der Traun, all das trug dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen +konnte, denn sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht +ist. + +Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier seien, daß sie den +Abend bei ihm zugebracht. Franziska hatte den goldenen Spiegel von +seinem Gestell gehoben und blickte zerstreut auf das matte Metall der +Scheibe. Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, und +sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« Lamberg, der zum +offenen Fenster gegangen war, entgegnete, ohne sich umzukehren: »Nein, +Franzi, sie werden nicht fragen.« + +Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben sie eine Weile, +die Frau mit dem goldenen Spiegel, der junge Mann, in den Mond schauend, +und der Affe in taktvoll beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen +beiden. + +Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden ins Hotel, um sie von +der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen und was er an Aufklärung für +geboten hielt, mit der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und +Diskretion zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde erst am Abend +kommen sollten, damit Franziska den Tag über ruhen könne. Daß man sie zu +begrüßen hatte, als wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier +mit ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und Weise dem +Takt jedes Einzelnen überlassen. + +Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch der Dunkelheit +die drei zu Lamberg kamen, regnete es schon seit einigen Stunden. +Franziska spielte mit Quäcola Ball, der dabei eine erquickende Gravität +entfaltete; so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die Zähne +und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen an. »Wir lieben +uns, wir zwei«, sagte Franziska zu den Freunden, indes der Affe von +Lamberg aus dem Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter +Anbeter.« + +Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte Haltung +vermissen. Stumm saß er da und betrachtete das hingewelkte Geschöpf, ein +Opfer unbekannter Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt, +ihm einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm sie an dem +lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von Paris, von Marseille, +von Rom, als ob sie allein dort gewesen und eine mißlungene +Vergnügungsreise gemacht hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich +Franziska auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den +Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal. + +Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her Platz genommen, und +Borsati, der Franziskas Augen auf dem goldenen Spiegel ruhen sah, +bemerkte gegen sie scherzhaft übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt, +so wäre um das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das Thema +mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges +Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, die so oft ihre Hülle von +abgeklärter Mäßigung zerriß und Heinrich Hadwigers finstern Neid mit +vieler Laune, denn er war witzig wie Figaro. + +»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, »indem sie +fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. Wer war und ist am meisten in +den Spiegel verliebt, mein Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch +immer die, daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung zu +Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede Hausfrau wird +zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen Umzug beschädigt werden, und mich +dünkt, daß auch das schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht +nur geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe einem +Diamantring, der immer wieder an der Hand eines andern glänzt.« + +»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort, +das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden +andern anheimfiel. + +»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu +können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn. + +»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger +bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie +für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.« + +»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich +Borsati lächelnd. + +»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte +Cajetan. + +»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt, +soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati. + +»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt +die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt, +meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk +eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die +sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander +zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt +doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch +immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und +Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch +Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so +lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte +erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir +alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel +bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste +Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß, +vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt --« +Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor. + +Alle schwiegen. »Ich denk' es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger +Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht +eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die +weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert +mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander, +überbietet einander, -- laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!« + +Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes +Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen, +von dem Unmögliches gefordert wird. + +»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein; +»wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?« + +»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen haben«, +antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung hinzu: »Bei solchem Anlaß +darf man niemals an den Spiegel denken.« + +»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen schon Feuer. In +Ihren Augen malen sich schon die Bilder aus wundersamen Geschichten. +Nicht an den Spiegel denken, das ist es! Als Richter gleichen wir dann +nicht den Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen über +einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern wir krönen den +Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. Ich sehe keine +Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. Es wird vieles sein, was +uns aneifert; das Wort ist ja ein großer Verführer.« + + + + +Die Pest im Vintschgau + + +Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder seine Tasse +ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich im Geist zurückschaue, +fällt mir ja dies und jenes auf, was des Berichtens wert wäre, aber wo +ich selbst beteiligt bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall +ist, bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.« + +»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus unserm eigenen Leben +erzählen, um wie viel weniger, wenn es sich um fremde Erlebnisse +handelt«, erwiderte Lamberg. »Ja, man lügt mehr, wenn man über sich +selbst die Wahrheit sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke +stellt.« + +»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte Cajetan +mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie seine Augen oder sein +Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht größer als mein Wuchs. Wer sich +größer macht, wird ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand +erfüllt mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste wird wahr, +wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges Gesicht.« + +»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, sagte Franziska +und nahm eine Miene des Bereitseins an. + +»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern Schicksals, zu dem +sein Träger bestimmt ist«, entgegnete Lamberg. + +»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska wieder; »ich +finde, daß der Sinn für die Schönheit immer geringer wird; man sucht +stets noch etwas Anderes daneben, Seele oder Geist oder Genie, etwas, +das mit der Schönheit gar nichts zu schaffen hat und einem nur den +Geschmack verdirbt.« + +»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten die Schönheit mehr um +ihrer selbst willen geachtet hat«, antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr +eine höhere Wichtigkeit zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise +berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter von +siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, daß sie die letzten +Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett zubrachte und beständig einen +Spiegel in der Hand hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die +Krankheit in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster +dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und sie duldete kein +anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.« + +»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für die Schönheit +hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im Jahre 1750 verdiente sich ein +Londoner Schuster eine Menge Geld dadurch, daß er für einen Penny den +Schuh sehen ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte. +Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben vor einem +Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere hundert Menschen die +ganze Nacht über auf der Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre +Karosse steigen zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.« + +»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der Männer«, nahm +Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein Jüngling in einer burgundischen +Stadt war von der Schönheit seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach +dem ersten Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst +erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die Pilger von +Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal des Propheten gesehen haben, +um ihre Blicke von nun ab vor Entweihung zu schützen.« + +»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete Borsati; »ich glaube +ihm nicht eine Silbe.« + +»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum eine Vorstellung von +der Energie und Glut machen, mit denen man sich damals einer +Leidenschaft hingab.« + +Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er's getan hätte«, sagte er, +»was wir erdenken können, kann auch geschehn. Ich wehre mich nur +dagegen, daß man aus unserer Zeit die großen Empfindungen hinausredet, +um eine nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen zu +schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren Zeugen wir selbst +werden, anders aus als die mit dem Galeriestaub der Überlieferung, und +ihre Verfeinerung oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein +finsteres und brutales Gegenspiel.« + +Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte. + + +»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut zu Gast. Man kannte +mich in der nahgelegenen Stadt, und weil der ansässige Arzt über Land +gefahren war, wurde ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus +gerufen, wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß in +die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war hoffnungslos, Linderung +der Schmerzen war alles, was zu tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß +ich lange an seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte +mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, fünfundzwanzig Jahre +alt, Sohn vermögender Eltern. Bis zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte +er, ich gebrauche seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier; +leichtsinnig, verschwenderisch und in gewissenloser Verprassung von Zeit +und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen durchaus fähig, +war verhärtet und abgerieben durch den beständigen Umgang mit Dirnen. +Die Atmosphäre gemeiner Kneipen war ihm Bedürfnis und die +Zudringlichkeit käuflicher Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum, +wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung sah er in +diesem Treiben die Krone der Freiheit. Da geschah es, daß er auf einer +Ferienreise in ein vielbesuchtes Hotel kam und auf dem Schreibtisch +seines Zimmers einen Brief fand, der unter Löschblättern lag, +unvollendet und sicher dort vergessen worden war. Er gab mir den Brief +zu lesen, den er wie einen Talisman von der Stunde ab immer bei sich +getragen, der sein Leben verändert und zuletzt noch seinen Tod +verschuldet hatte. Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das +Schreiben von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. Man +kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht vor Armut und +Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung vergeblicher +Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, Härte und Niedertracht, +entdeckt von einem Wesen, das gläubig war und das noch immer, obwohl +mit schwindendem Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, das war +der Text in dürren Worten, die nichts von der tiefen und natürlichen +Beredsamkeit eines verzweifelnden Herzens ahnen lassen. Die Frage nach +der Unbekannten war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die +Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft geben und wiesen +auf den großen Verkehr nächtigender Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen +und Wohnort enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, als +hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren Stern vernommen. Es +ergriff ihn eine brennende Unruhe, und durch Sehnsucht wurde er geradezu +entnervt. Daß der Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und +Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, die so +beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, war ihm neu und +erschütterte die Fundamente seines Lebens. Er studierte den Brief wie +ein Egyptolog einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten +Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede Silbe, jeder +Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, daß sich ein Charakterbild +der Schreiberin immer fester gestaltete, daß er ein Antlitz sah, die +Geberde, das Auge, daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die +ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die andere, +wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter von Frauen und Mädchen zu +finden, die dem erträumten Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten, +ging zu Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate +in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, seinen Eltern, +seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem Wahn sagte er sich: unter +den Millionen, die diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist +meine Bestimmung, sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich alle +meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den Tausenden, an denen ich +täglich vorübergehe, weiß vielleicht einer von ihr; mein Wille muß so +stark, mein Gefühl so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß +ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen Weg zu ihr bahne; +mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding und nicht wert, geboren zu sein. +Im Verlauf der Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das +Ungestüm seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich die Natur +einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte widersetzt. Nur sein +Wandertrieb wurde nicht geringer, und so kam er denn auf einer Fahrt vom +Norden her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil ihm +plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen Stadt, vielem Licht, +vielem Lärm und vielen Menschen graute. Während er traurig und müde +durch die dunklen Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich +abgelegenen Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert hielt und ihn +einzutreten bat. Er folgte willenlos und ohne Bedacht, als sei er an dem +Punkt seines Lebenskreises angelangt, von dem er einst ausgegangen. In +der Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er ohne Anteil +beim Wein Gesellschaft leistete, und unter denen eine durch stumme +Lockung ihn seiner Apathie zu entreißen vermochte, so daß er mit ihr +ging. Es war alles so still in mir, sagte er, und als ich die elende +Treppe hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung sei +und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, immer tiefer bis ans +letzte Ende der Welt. Als er das Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner +Ledertasche der Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte, +das den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein +geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt den Brief in die +Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, stutzt, wiederholt den +Blick, schaut den jungen Mann an, eine Frage drängt sich auf ihre +Lippen, ein Schatten auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da +erweckt ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam wach, +erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die Schrift kenne, sie +entfaltet das Papier, liest, Erinnerung überzittert ihre Stirn, durch +Schminke, Elend und den Aufputz des Lasters hindurch zuckt eine Flamme +von Bewußtsein, sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme, +und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins schreit aus +einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter empor. Nur noch vier +Worte: Du bist's? Ich bin's! Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz +darauf fiel der tötende Schuß.« + + +Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile sagte Cajetan: +»Schade, daß ich den Brief auf Treu und Glauben hinnehmen muß. Könnt' +ich ihn lesen oder hören, so würde mir der junge Mensch verständlicher +werden. Es hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen +Dokumenten auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich bleibt ja +die Verkettung der Umstände noch immer erstaunlich genug --« + +»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn Franziska, »daß eine +Person, die einen derartigen Brief zu schreiben imstande ist, in drei +oder vier Jahren so tief sinken kann.« + +»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, Franzi, das +verwandelt! Ich habe in London eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre +Söhne und ihren Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte +sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, im Herbst +desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen Morphiumhöhle, einer +schauerlichen Katakombe des Lasters, erstochen.« + +»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« fragte Franziska +kopfschüttelnd. + +»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff. + +»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch doch nicht +gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd ein. »Es gibt --« + +»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn man hungert? In den großen +Städten nicht. In den Romanen vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es. +Aber sie bricht auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.« + +»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte Borsati ruhig. »Und +es muß sie geben, sonst würde ja die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.« + +Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes +Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden Stühlen und das dumpfe +Brummen einer Männerstimme folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg +lächelnd und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen. +Cajetan begleitete ihn aufregungslustig. + +Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und da er die Tür seines +Käfigs unversperrt fand, hatte er sich ins erleuchtete Badezimmer +begeben, war in die Wanne gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu +seinem Entsetzen eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit +dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend und zitternd +vor ihm geflohen, und nun standen Tier und Mensch einander gegenüber, +jenes zähnefletschend und schuldbewußt, die Backen in possierlicher +Schnellbewegung, dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes, +rachsüchtig und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte sich +der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener anklagenden +Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem Unwillen durch Worte Ausdruck. +»Gnädiger Herr, mit der Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. -- +»Sie müssen ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. -- »Da +ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der gnädige Herr so +verwöhnen«, war die Entgegnung. »'s ist ein falscher, treuloser Geselle, +das ist er, ich verstehe mich auf --« Schon wollte er sagen: auf +Menschen, verschluckte aber die unpassende Bezeichnung und starrte +melancholisch auf seinen Besen. + +Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, dem Diener die +Hand zu reichen, der aber wich zurück wie ein Offizier, dem man das +Ansinnen stellt, mit seinem Degen eine Maus aufzuspießen. Heftig +gestikulierend ließ sich der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde +mit Leintüchern trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war +Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, und Georg gab, +als sie zu den andern zurückgekehrt waren, eine so vortrefflich +nachahmende Schilderung von dem Benehmen des Tieres, daß alle in lautes +Gelächter ausbrachen. + +»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte Lamberg +schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche Dämonen zu +betrachten. Ich lebte einmal einige Sommerwochen auf der Malser Heide, +und ein junger Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte +mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, bei der ein Affe +zur Verkörperung des Fatums wurde.« + +»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann: + + +Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der Vintschgau ein nicht viel +einsameres und karger bevölkertes Tal als heute. Die begrenzenden +Bergwände sind steil und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler +blicken hochgetürmte Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- und +Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische Laaser Stock. +Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben emporgezackt, auf den +Hangwiesen leuchten die Blumensterne alpiner Flora, schwarze Ziegen +grasen bis hoch hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über +die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße Wasserfälle +donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel langer Engpässe und +gewundener Schluchten läßt im Innern der Gebirge tiefere +Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem zerklüfteten Gestein sieht man von +Meile zu Meile uralte Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und +die Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das +Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um die schwärzlichen +Moränen. Aber der Winter ist selbst im untern Tal hart; es heißt, daß +die krankhafte Langeweile vom Oktober bis zum April fast alle +Regierungsbeamten zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz +übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; nur nach Meran +führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt leichtes Volk, das viel lacht +und wenig denkt. Im Vintschgau denkt man viel; seine Menschen sind +hager, schweigsam, wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen +kaum verwandelt. + +Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht von Belang sind in +einer Welt, wo die herrische Natur während der längsten Dauer des Jahres +ihre Geschöpfe in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute +die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten, +vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, die damit verknüpft +waren. Die Geschichte spielt zwischen den feindlichen Familien Ladurner +und Tappeiner, die bei Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der +Etsch wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz und +Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der Mündung des reißenden +Plimabachs. Die Zwietracht bestand schon seit mehreren Geschlechtern und +niemand kannte die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte +Brücke sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten über +Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, jedenfalls war es +der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, wo Blut gegen Blut steht. + +Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, daß gerade die +überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden Familien +plötzlich und in natürlichem Widerpart gegen eingefleischte schlechte +Instinkte einen Bund zweier Herzen hervorbringt und das Element der +Liebe sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung der +Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen wurde, geschah es nicht, +weil die Liebe stärker war, sondern weil eine allgemeine Vernichtung den +Untergang der Liebenden begleitete. + +Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders +eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die +einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen +Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin +erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer +Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche +Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst +vor kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch +keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten. + +Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen und +der junge Franz Tappeiner, der sich in Gesellschaft einiger Kameraden +aus Morter befand, aneinandergeraten, und es sah aus, als ob es nicht +bei drohenden Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, als +die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf den Arm legte und +zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner das Mädchen gewahrte, das feste +Schultern und Zähne wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf +sie zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung rief +auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen hervor. Sie hielt +seinem Betrachten stand, und ihre Augen blickten starr wie die des +Adlers, bis sie der Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und +hinwegzog. Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, indem er sich +wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, und als er hinter Romild +wieder an dem Strick angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden +Volk trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand eines +vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf und ab und wehte mit einem +florentinischen Fächer ihrem haarigen Gesicht Kühlung zu. + +Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. Auf einmal hielt die +Äffin inne, ließ die glühend unruhigen Augen über die versammelten Köpfe +schweifen, und in ihren Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit +eines Wesens, das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, sich +in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre Blicke auf dem +Antlitz der jungen Romild haften; das zarte Menschengebild schien es ihr +anzutun, sie fletschte in grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ +mit einem Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem Nagel +hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den überlangen Arm aus, um +das Mädchen zu betasten. Mit einem einzigen Schreckensschrei wich die +ganze Menschenmasse zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf +der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem Handgelenk +des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz seiner knabenhaften Jugend +als ein Mensch von großer Stärke galt und den knöchern-schmächtigen Arm +des furchtbaren Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber +sogleich spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, daß er +stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer Raum um ihn und Romild +entstanden, den die Äffin durch heiser bellende Schreie vergrößerte, und +Männer und Weiber begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die +bestürzten Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht sahen, liefen +beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer hatte Geistesgegenwart +genug, den dicken Strick, der unter den Röcken der Äffin am Knöchel +eines Fußes befestigt war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen. +Aus einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das bleiche +Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die heillose Verwirrung. +Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes Zeichen, denn kaum hatte +sie den Mund zum Ruf geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um, +trottete wie ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit +gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer bewegend, in +boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der Häuser empor. Indessen +ging der Wunderdoktor auf Franz zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch +das Blut von der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und +schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild war +verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner Begleiter, die sich +wieder zu ihm gefunden hatten, hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf +eine Gelegenheit, um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich +gedulden, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er wie fliehend +an Gärten und Schänken vorüber, wo überall an rasch gezimmerten Tischen +und Bänken die Vintschgauer beim Wein saßen und das aufregende Ereignis +beredeten. Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, und +wie er dort am Tor stand und in die fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel +ein Schatten über ihn, und aufschauend sah er Romild neben sich. Das +glitzernde Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe verfolgte +die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend den Torweg verließen +und im Abend, rätselhaft gesellt, verschwanden. + +Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, Romilds Dorf +entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung von Gefahr, und als sich zur +Linken eine Schlucht öffnete, folgten sie ohne gegenseitige +Verständigung einwillig dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe +hellte sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes +Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte Fahne über ihren +Köpfen. Anrückende Felsen machten den Uferpfad ungangbar, und sie +schlugen die Richtung nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von +St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich nieder und +beteten, darnach küßten sie einander und nannten sich zum erstenmal bei +Namen. Statt ins Dorf zurück, marschierten sie tiefer ins Gebirge +hinein, um sich ein Hochzeitslager zu suchen, und Romilds stolzer Gang +und die gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend vom +Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten sich in frauenhafte +Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. Als die bläulichen Ferner des +Angelusgletschers über dem Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward +ihnen fast heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer Welt, +die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie selbst einander +waren. + +Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken trieben sie zur +Flucht vom Lager, und sie kamen zu einer Sennhütte, wo sie Milch und +Brot empfingen. Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends +stillten sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner gegeben, +und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. Wenn die Nacht kam, +glaubten sie Himmel und Sonne nur einen Augenblick gesehen zu haben, +weil ihnen die Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie, +ich weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander +geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne Erwägung der Zukunft, +leidenschaftlich in Trotz und Furcht, denn die Angst vor dem, was sie +bei den Menschen erwartete, hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines +Tages nun kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit +Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu vor ihnen +und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, was sich drunten im Gau +ereignet habe, und er erzählte, daß die Goldreiner schon am +Pfingstmontag über den Fluß gegangen seien, um die in Morter wegen der +entführten Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die +Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern verklagt, daß +sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen hätten. Die Redeschlacht habe +so lange gedauert, bis die von Morter zu Hirschfängern und Flinten +gegriffen, um die Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das +Gerücht gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders die Pest +ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen Gaukler mit sich geführt, +habe die Krankheit eingeschleppt. Ein großes Sterben habe begonnen; von +feindlichen Unternehmungen zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die +Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen Leute auf +geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem Rat«, so schloß der Alte, +»und geht hinunter zu den Euern, damit der Zauber geendet wird.« + +Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie sich auf, um +heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in Traurigkeit verkehrt, und das +längst; seit der ersten Umarmung hatten sie keine Freude genossen, aus +der nicht grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der +Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, ein Druck der +heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, dann ging jedes +seinen Weg. + +Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte Licht, und alle +Tore waren verschlossen. Als Franz das Dorf betrat, grüßte ihn kein +vertrautes Gesicht, überall war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er +klopfte ans Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff +erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster wurde +geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte ihn an. Ihr Schrei +rief Vater und Bruder herzu, man ließ ihn ein, aber da er auf alle +Fragen nur halbe Antwort gab und schließlich verstummte, betrachteten +sie ihn ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß die Äffin +den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal herumtreibe; wer ihr nah +komme, der werde von der Pest ergriffen, die von Naturns und Kastelbell +bis Eyrs hinauf Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe. +Schweigend lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende +Teilnahmslosigkeit brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm alle Schuld +zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, so wäre das Land verschont +geblieben«, rief er, »und weil du mit einer Ladurnerin davon gegangen +bist, darum ist ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich +stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, sie habe +die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, das noch offen war. Die +Mutter warf sich Franz zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu +lassen. Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, wollte +hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der Faust, da rief ihn die +Schwester fieberhaft bettelnd zurück, und er nahm wahr, daß die +Krankheit sie gepackt hatte, denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das +jenes Frauenzimmers, das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er setzte +sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie die Beulen unter den +Armen, das Fleisch zerging unter der Haut, und als sie starb, hatten +ihre Züge den Ausdruck der Gorilla-Äffin. + +In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll war der einzige +Laut des Lebens. Nachbarn hüteten sich, einander vor die Augen zu +kommen. Der Himmel schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war +der Tag, Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. Von +Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster in Neuratheis, +segneten die Leichen vor den Haustoren und trösteten die rasenden +Kranken. Es ging kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein +Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein Glockenecho brach +sich an den Bergen. Aus Furcht vor dem Affen wurden die Fenster verhängt +und die Türen verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche +doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz den Bruder +erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte der Vater den ersten +Frost. Als die Sonne untergegangen war, pochte es ans Fenster, die +Mutter schlug vor Grausen die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier! +Das Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden und erblickte +eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum am Brunnen stand. Er +erkannte Romild, die aus dem zinnernen Becher mit der Gier einer +Gehetzten Wasser trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund +winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß er noch lebte, +zog ihn das Mädchen bis zum Rand des ausgetrockneten Bachs. Sie hatte +noch immer die herrisch-gerade Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war +entfärbt von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten sie +beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, aber nun +kam sie von einem Haus der Toten und Todgeweihten; der Liebeswille hatte +sie getrieben, den schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand +sie, flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns ein +Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, steckst du eine +brennende Fackel übers Dach, ein gleiches will auch ich tun, so wissen +wir doch täglich voneinander, daß wir leben«. Franz war damit +einverstanden; die Häuser beider Familien waren so gelegen, daß ein +Feuersignal von einem zum andern wahrgenommen werden konnte. + +So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde flammte von Goldrein und +von Morter aus ein brennendes Scheit übers Tal: wie zwei irdische +Sterne, die einander grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz +sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, zwang er der +Mutter, deren Herz schon erstorben und hoffnungslos war, das Versprechen +ab, an seiner Statt das Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese +Pflicht treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr Gewissen zu +betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit und Entehrung. Aber +als der Einzige und Letzte des Stammes langsam zu genesen anfing, fand +sie sich belohnt, und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott diesen +Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, von der Pest einmal +erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. Am neunten Tag war er +imstande, das Bett zu verlassen; zwei Tage später versuchte er, nach +Goldrein zu wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende +Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben abstehen. +Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen Fackelbrandes vom +Ladurnerhof gewahrt, indes die Mutter willig über seinem Haupt die Lohe +hinausreckte, fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage +später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er wählte den Abend +hiezu, weil er sich bei hellem Licht der Beachtung der feindseligen +Sippe nicht aussetzen wollte. Er wußte nicht, daß es keine Feinde mehr +dort drüben gab und daß der Gau entvölkert war. + +Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die Brücke ging, und +er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels die Stunde. Noch sah er die +Fackel nicht, so daß er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie +seinem Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, der Platz, +und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst leise, dann laut. Da ihm +keine Stimme antwortete, auch kein Schritt hörbar wurde, öffnete er +ungeduldig die Türe und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn +zu einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite befand sich +ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster wurde die Fackel +hinausgehalten, und ihr Schein erhellte düster und mit beweglichen +Schatten rückstrahlend den Raum. Aber es war nicht Romild, in deren +Händen das Holz brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier +kauerte am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in gräßlicher +Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser Nachahmung, die sich +im Hinausstrecken des Armes mit dem brennenden Scheit kundgab, war noch +schrecklicher als der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp +vor den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet lag, die +Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige Haut blutbesudelt, der +Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, die toten Augen weit geöffnet und +von der Kohlenglut unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz +Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten wird. Der +Affe schleuderte die Fackel weg, packte den Wehrlosen und zerbrach ihm +mit einer spielenden Gleichgiltigkeit das Genick. Dann begann er +abermals, stumpfsinnig wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild +nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, im Fieber +vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete Zeichen gab. Es war +aber in seinen großen Urwaldaugen die instinktvolle Melancholie der +Kreatur, die von weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz +bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose Werkzeug eines +unerforschlichen Schicksals bleibt. + +Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben. + +Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse eintraten, +während welcher sie, von Bauern und Hirten verfolgt, durchs Martelltal +irrte, bei einem Ausbruch des Stausees am Zufallferner von den eisigen +Fluten erfaßt wurde und elend ersoff. + + + + +Der Stationschef + + +»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen +Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb, +»der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser +Philister wie gewisse Quäcolas.« + +»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen +gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe +ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild, +daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze +blickte.« + +»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich +Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche +Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das +mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die +erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht; +oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart +ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich +für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes +wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich +auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein +wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem +Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen. +So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er +hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht, +freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum +erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und +brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und +beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse; +seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu +verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn +ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie +führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um +Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur +wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von +seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für +Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die +ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht +mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt +hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich +überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und +in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den +Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den +Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig +vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.« + +»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich +würde sie 'der junge Hirt' nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich +hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes +Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering +wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung +werden.« + +Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«, +erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des +Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht, +können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.« + +»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan. +»Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol +für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine +fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen +armseligen Sinn sie nicht spüren.« + +»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu +grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger. + +»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen +werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie +enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie +eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten +unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte +und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der +Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um +uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen +Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den +Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln, +wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch. +Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es +passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines +bürgerlichen Nero zurückgeführt.« + +Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen. + + +Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der +Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein +gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende +Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal +innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan; +nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer +Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu +betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll +Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um +vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er +erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit +Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus +eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame +erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen +Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu +betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs +um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines +vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete +Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste +Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen +Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso +oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der +Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von +Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll +eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen +wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die +Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus +dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den +verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und +Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise +verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen +von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten +Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe, +die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und +durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er +bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit. + +Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren +versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu +befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so +tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit +verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die +menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die +Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins +Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung, +breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die +nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen +Schätzen und Wertpapieren sitzt. + +Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung +zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend +nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter +diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein +Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im +Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden +mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu +bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde. +Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden, +der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß +der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet +sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden, +wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten +geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und +seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es +zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und +Brotstelle gejagt wurde. + +Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines +pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er +glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens +war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von +Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht +bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in +der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd +fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der +Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen +Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen +Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich +erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und +schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an +Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder +in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an +ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und +die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an +ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt, +daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt +von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen, +so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr +vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet +eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein +totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam +der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und +da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio +Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation +gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken; +er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen +Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust +erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als +das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen +erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und +wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen +neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten +die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr +mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während +er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten +Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie +gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten +nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von +außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des +Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den +Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so +eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde +drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste +trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das +Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich, +gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut, +die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode +selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga +schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee +bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff +ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern +Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war, +entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging +in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich +pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der +Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie +sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch +klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil +sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich +ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu +verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein. + + +»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte +Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme +Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines +häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein +Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit +zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres +Frauentum darin liegt.« + +»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den +Engel erlöst.« + +»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich +die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache +bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem +Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und +Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher +geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder +ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen +derer, die eingreifen und zermalmt werden.« + +»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und +gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit +zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete +Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor, +daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da +im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße +Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich +die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste +ungehemmt sich betätigen dürften, -- das Land würde rauchen von den +Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein +Fanatismus fordern würden.« + +»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen +Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d'Herbois war ein mittelmäßiger +Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater +spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten, +die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen +müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot +d'Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was +ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen +Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging +d'Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es +anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein +Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs +Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die +die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen +Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder +Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem +Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten, +der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und +nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung +der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine +Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er +gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.« + +»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre +geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend. + +»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska +traurig. + +»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist +jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine +Begabung, lasterhaft werden muß.« + +»Dieser Collot d'Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus +dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung +seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour +rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus +Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb +und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er +wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische +Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit +einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor +dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in +die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines +Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter, +der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder +anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt +verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden, +denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das +Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit +jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die +Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem +Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden +Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten +ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die +vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele +Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen, +als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich +glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der +Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.« + +Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den +Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln +abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da +Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema, +noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers +Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer +bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch +auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen +Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die +Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska +ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen +heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen, +ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den +Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben, +allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd. + +Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes +gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was +dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er +auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise +in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine +Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle +Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die +Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie +vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger +Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, -- Verzeihung, auch +an die Frau.« + +Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe +die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht +selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es +verdient.« + +In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und +Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie +unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als +die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen, +welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte +Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und +es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des +Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne. +Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung +bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten, +der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da +vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für +Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine +ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse +man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch +zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man +wagen und wie weit man gehen dürfe. + +Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa +Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen +Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und +schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie +gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der +Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer +Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände +in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen, +woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern +fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein +mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das +mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum +wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab +dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er +sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte +den Ausdruck ungeheuchelten Kummers. + +Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit, +daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten +erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu +unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von +einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie +gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren +hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich +einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen +mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen +den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder +Wille könne da nur zerstörend eingreifen. + +Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen +an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der +Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden, +die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so +naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für +immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den +unfreundlichen Elementen zu überliefern. + + + + +Geronimo de Aguilar + + +Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als alle bei der +abendlichen Lampe wieder versammelt waren, begann Cajetan seine +versprochene Erzählung wie folgt. + + +Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die Geister des alten +Europa bewegte, lebte in Spanien ein verarmter Edelmann namens Geronimo +de Aguilar, ein ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph +Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur den einzigen +Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. Aber da war guter Rat teuer. +Als Matrose oder Soldat oder selbst als untergeordneter Offizier auf +einem Schiff zu dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die +Leitung auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte man +entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb nichts übrig, als +sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo sich mit Recht sagte, daß +jede Stunde kostbar sei und jeder verstrichene Tag ihn einer +unwiederbringlichen Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen +Nächte über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend vor +ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens bis abends +beschwatzte er Freunde und Bekannte, saß in den Vorzimmern hoher und +höchster Herren, reichte Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen +ein, und mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit +jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen. + +»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz Columbus erreicht +hat, ist noch nichts, und wenn man mich gewähren läßt, will ich zeigen, +daß es nichts ist; ich will euch die Atlantis der Alten wiederfinden, +will Länder erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns +Pflastersteine, und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück, +daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben könnt, wie sie jetzt im +königlichen Tresor bewacht werden. Aber säumt nicht länger, denn die +Zeit ist trächtig.« + +Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine schwarzen Augen +brannten, als ob der ganze Mensch mit Feuer angefüllt sei. Viele hielten +ihn natürlich für einen Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext, +aber es gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß es den +Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu schicken, und daß ein +Mann, der die Kraft zu großen Geschäften in sich spüre, nicht mit der +Bescheidenheit eines Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines +Tages ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der vom Hof +verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, zu sich kommen, und indem +er auf einen mit Goldstücken bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier +sind zehntausend Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen +und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu opfern. Rüsten +Sie damit die Brigantine Elena aus, die mein Eigentum ist und im Hafen +von Cadix vor Anker liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren. +Höre ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld und +Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter Dinge zurück, so +sind Sie durch den Verlauf des Unternehmens nicht nur als lächerlicher +Rodomont entlarvt, sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren +Übermut und Dünkel zu bestrafen.« + +Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos Blut in +Wallung versetzt; in diesem Augenblick empfand er nur überschwängliche +Freude; er nahm stumm die Hand des Grafen, beugte sich nieder und +drückte sie an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild +man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, gesammelt und +maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung und Befrachtung des +Schiffes wußte er zu nutzen, was seine Vorgänger durch Erfolge wie +Mißlingen ihn gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und +Tüchtigkeit, daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende war. Zu +Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen beendet, und an einem +klaren Oktobermorgen lichtete die Brigantine die Anker und stach in See, +begleitet von den Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo +stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine Flamme, als ihm +das Vaterland den letzten Gruß schickte. Er ließ kein Herz zurück, kein +Gut, keinen Freund, nicht einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es, +und er bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden Visionen, +hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen zärtlicher Art. + +Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung +lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen +Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne +niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer +Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen +Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken +lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo +dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas +des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen +und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann, +das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es +befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt +über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im +Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und +mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen +Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen +Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden +verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat, +Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als +verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse? + +Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder +einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine +Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese +Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der +Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die +leibhafte Erscheinung gebunden war. + +Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele +Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten +trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war +zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener +Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf +ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll +Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden +und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine +Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie +das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine +Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten +Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und +fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar +zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft +vom Meer verschlungen. + +Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den +selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus +Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde +von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen +geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen +Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen +umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer +half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf. +Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete +nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die +Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte, +die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie +ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen +Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen +Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren +prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme +sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder +Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten +Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit +Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger +Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm, +gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der +Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen +Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn +in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte. + +Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der +Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er +Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines +Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum, +unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl, +auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd, +die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten, +jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder +Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der +er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so +schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch +unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das +märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das +Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der +selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein +war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug +ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine +Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht +geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem, +was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine +Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher +Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen, +versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in +ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte, +die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten. + +Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine +Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er +sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde +sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden +durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen; +ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren, +erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche +Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte. + +Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung, +derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von +Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der +Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser +Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen +Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken +gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte. +Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit +Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in +jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser +hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des +Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester +beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines +unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen +Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen +Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert +und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt +werde. + +Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl +verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der +Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in +seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und +folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit +Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch +imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber, +denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich +denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt, +was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung +der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die +Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns +wohnen.« + +Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle +einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs +Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren +konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil +und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu +richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf +sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren +er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast +unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom +Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen +aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande +brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo +doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot +eine der neuspanischen Inseln zu erreichen. + +»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und +vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den +düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft +flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten. +-- »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. -- »Ein solches +Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge +Herrscher. -- »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie +lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor +Erregung, zu verstehen. -- »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«, +entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften +Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich +erneut.« + +Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die ihm verstattet war, +denn der Mond stand jetzt in seinem Anfang. Er bereitete sich zu +unablässiger Wachsamkeit vor, aber wer weiß, wie es ihm trotzdem +ergangen wäre, wenn er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn +bewachenden Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben aus +den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war ausgebrochen und +hatte den Knaben, der schon aus vielen Wunden blutete, überfallen. Mutig +stürzte Geronimo hinzu, ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu +gebrauchen und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern Tag kam +der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar gekleideter Mann, in +sein Haus, dankte ihm bewegt, sah ihn tief und lange an, neigte sich +plötzlich zu seinem Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst, +Fremdling, bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten +Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den Tod, weil er das +Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen Fürsten verraten zu haben. +Einige Tage später kam ein Abgesandter des Kaziken und fragte den +Geronimo im Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den +Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte eine tiefe +Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur ernst und verneinend den +Kopf. Wenige Stunden hernach stellte sich ein zweiter Sendbote ein und +verkündete, das schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von +reinen Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; der Fürst +werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre ausschlage. Durch die +offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit doppelt zur Vorsicht +gemahnt, wiederholte Geronimo seine Weigerung in gleicher Form. + +Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war er nicht wenig +erstaunt, sich in einem andern Raum zu finden als der war, worin er sich +zur Ruhe begeben. Es war ein von oben matt erhellter Saal, voll von +einer bläulichen Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren von einem +Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, den diese Blumen +ausströmten, hatte die eigentümliche Folge für Geronimo, daß er seine +Gedanken lähmte und zugleich eine fieberische Begehrlichkeit in ihm +aufregte. Die Mexikaner besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der +Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit Wirkungen hervor, +die sonst nur von Giften und narkotischen Getränken erzeugt werden. Auch +liebten sie die Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere +Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit Blumen geschmückt, in +Prozessionen durch die Landschaft zogen. + +Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete Portal +schritten und sich ihm näherten. Sie trugen schöne Gegenstände in den +Händen: goldgewirkte Stoffe, goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich +verziert waren, ein Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit +Perlen gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und aus +Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen Blättern +umgeben, und die beiden letzten stellten einen Springbrunnen vor ihn +hin, der einen funkelnden Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine +Vögel, ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem Staunen +betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm der älteste der +Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, sagte er sich, daß man +mit solchen Herrlichkeiten eine ganze spanische Provinz reich machen +könne. Dennoch verzog er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf +der Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach einer Weile +erhob er die Augen und sah an der Längswand des Raumes zwölf junge +Mädchen mit ebenholzschwarzen Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie +auf dem Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; dabei +lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung ziele. Es waren +drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, drei Stoffwirkerinnen und +drei Perlenputzerinnen. Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos +umher, entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten mit +falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im Chor beinahe +flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie im Wechsel den Namen Tochrua +gellend und sehnsüchtig hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die +ganze Schar kauerte sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger +Körper zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme +aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen Weise, und +die Leiber schienen sich den Gewändern wie einer neblig trüben +Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch leuchtete in sattem Karmin und +strömte einen rosenartigen Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben +und drängten sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an, +als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn wie weiche +kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte sich ab und wühlte das +Gesicht in die Kissen. So wollte er bleiben, was auch kommen mochte, und +da es nun ruhig ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er +wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und zerschlagen und +suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß er seine Gedanken +hartnäckig über den Ozean in die Heimat schickte. + +In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem Blumensaal. Er +begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, daß sie ihm betäubende +Mittel in die Speisen oder ins Wasser mischten. Während die Blumenwände +gestern hauptsächlich aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten, +waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte gelbe Dolden +blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich fernem Trommelwirbel, dann +erschallten die hellen Klänge eines Beckens, dann aufregende +Lustschreie, dann ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in +der Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. Geronimo +grübelte, wie er es anstellen könnte, sich zu schützen, da wurde es +hell, und fünf zierliche Mädchen traten an sein Lager. Jedes trug einen +Smaragd von märchenhafter Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste +Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die eines Horns, der +dritte stellte einen Fisch mit goldenen Augen dar, der vierte war höchst +kunstvoll zu einem Reif verarbeitet, der fünfte und schönste bildete +eine Schale mit goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm +knieend dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, und +das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt durch ihren Kreis eine in +purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. »Tochrua!« riefen ihr die +Mädchen zu, und sie grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme +voll Metall und an den Endungen der Worte austönend wie in einem +Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste hatte sie Perlenketten +geschlungen, die durch den Flor schimmerten, und sie kam nahe heran und +sagte zu Geronimo: »Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand es +wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. Sie breitete +die Arme aus und die Mädchen zogen ihr liebkosend den Schleier vom +Haupt, da gewahrte Geronimo, daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie +Zedernholz die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie ein +aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« sagte sie, und +immer wieder, in immer neuer Musik der Stimme. + +Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang dumpfer +Gesang von allen Seiten, von unten, von oben an sein Ohr. Er suchte sich +abzulenken mit Bildern, die ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den +Bildern seiner Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich +kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das wieder abnehmende +Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua als einen Schatten, jede ihrer +langsamen Geberden erweckte eine quälende Neugier in ihm, und fast +verlor er unter den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen, +Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf seinem gewöhnlichen +Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. Faul schlich der Tag dahin, +niemand besuchte ihn, schweigend eilten die Diener durch das Haus, +Markt- und Straßenlärm erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er +Tochruas Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst +begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es Abend wurde, +kam ein weißhaariger, magerer und finsterer Priester in sein Gemach, +starrte ihm eine Weile forschend ins Gesicht und sagte: »Merk auf, +Fremdling! Tochrua muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit +entfernte er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung. + +In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah nichts. +Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte die tiefe List darin, und +seine Ohnmacht verurteilte ihn zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte +er unter einer hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein +Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen hielt. +Die Kuppel stand auf Säulen in einem von blauen Flämmchen geisterhaft +erleuchteten Garten, von dem man nur schwarze Laubmauern sah, und im +Laub drinnen kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen +kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. Geronimo +gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und hinabtauchendes Gesicht, +das gleichsam mitten aus einer Verzückung geflohen war, dann nackte +flüchtige Körper, die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als +dies, und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern glühten, +eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, daß Tochrua käme, +rings um sein Lager häuften unsichtbare Hände Reichtümer über +Reichtümer, die Luft war voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich +zahllose Arme nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem +Zwitschern vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden, +und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des ganzen Treibens versetzte +Geronimo in feurigen Schrecken. Es fruchtete nicht, daß er die Lider +zudrückte, er spürte die Gestalten durch die Haut, er atmete den +verführenden Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten, +auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam der +Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, und so schaute er +denn. + +Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, Lende an Lende, +ungenügendes Licht machte sie wesenloser, und auf einmal erschien vor +den hold Zurückweichenden Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo +richtete sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern könne, +die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, ihr Antlitz +war ernst und betrübt; ein aufrichtiges Gefühl und edle Teilnahme war in +ihren Mienen und verkündeten dem erlahmenden Geronimo das nicht +abwendbare Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, wenn +er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen der Gefahr inne, +schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs Lager zurück und verblieb +regungslos. Als die Nacht zu Ende ging und er noch einmal mit +erleichtertem Sinn zu schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von +Mädchen und Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren, +durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite war, auch +sangen sie eine Weise, die einem Totenlied ähnelte, und klagende Stimmen +riefen: »O Malinche! O Malinche!« + +Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen preisgegeben, und +der aufgereizte Zustand seines Innern verwandelte sich in eisige +Erstarrung, als sie in der nächsten Nacht, diesmal hatten sie ihn in +seinem Haus gelassen, den Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein +Sklave hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, das noch +zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut auf dem glänzenden +Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen über Geronimos Wangen, und es war +ihm, als ob alle Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich +gebrochen wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die Wollust +des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihm +bisher erstrebenswert geschienen. Es kam ihm vor, als sei er nur ein +Ding, fern vom Leben und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die +vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele gerast war, und +daß er nichts auf der Welt besessen, weil er nichts auf der Welt +geliebt. Und welche Künste sie von nun ab ersannen, ob ihre biegsamen +Körper durch den duftenden Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische +in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft lockenden +Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine Begierde, weil der Tod +sich in das beziehungsvolle Spiel gemengt, und auch deshalb, weil sie +alle so lieblich waren, Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen +den Brand der Sinne auslöschte. + +In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn ins Freie. Alsbald +stand er am Fuß eines Treppenturmes, dessen breit ansteigende Stufen +sich erst im dunklen Äther zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan, +und wie er so die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein +befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, von einer +schweren Krankheit genesen zu sein, und das berückende Schauspiel, das +sich ihm bot, verwandelte vollends sein Herz. + +Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: einen Himmel von +überwältigender Sternenpracht, den Horizont beglüht vom Feuer der +Vulkane, in geahnter Nähe das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend, +den blaugrünen Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und Feuerkäfer +durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, aus den Wäldern die +Stimmen kreischender Vögel, das heisere Kläffen des Tukans, den Schrei +des Baumpanthers und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst +den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform des +Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten und sich vor ihm, +zum Zeichen, daß er die Probe bestanden, zur Erde beugten, da war es +unumstößlicher Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den +Europäern Kunde von diesem Land geben konnte. + +Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat mußte man +glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, und Jahrzehnte, +Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte er, bis ein anderer Seefahrer +an diese Küste verschlagen wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein +neues Land und faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob +es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank verschließen +kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau +gezwungen, plötzlich Vorzüge des Geistes und des Körpers an ihr findet, +die ihn veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr +aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. Nun +liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen Himmel mit einer nie +gekannten Inbrunst; er liebte die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut +schienen, die undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den +Heuschreckenbaum, den Armadill, das Jaguarrohr, das über vierzig Fuß +hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken von Wipfel zu Wipfel +schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen rührte ihn umso tiefer, wenn er +sie mit der Lasterhaftigkeit seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges +Schreiten, ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen Tier +und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und zweckbeladenen +Schwere, die er in der Heimat gewohnt war zu sehen. Er erinnerte sich +der Unbill, die er von Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß +verschlungenen Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; und daß er +dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine wunderlose Zeit und Natur +ihre Geschöpfe aus Krampf und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben +verdammte, dünkte ihn kaum noch begreiflich. + +Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art des Fremdlings +nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn mit Geschenken, und Geronimo +hinwiederum zeigte sich durch sinnreiche Ratschläge und allerlei +Unterweisungen des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche +Erscheinung unter ihnen genoß. So vergingen Monate und Jahre, in denen +Geronimo fast jedes Andenken an sein früheres Leben austilgte, als eines +Tages das Gerücht eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste +viele große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden Waffen, auf +grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt des Kaisers zu. +Geronimo erschrak, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner. +Er beschwor den Kaziken, ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu +bekämpfen. »Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte der Fürst, +»aber nun künde uns doch, ob diese Fremden deine Brüder, ob sie +gleichfalls Söhne der Sonne sind, und was es für Tiere sein mögen, mit +denen sie verwachsen scheinen.« + +Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, und besonders die +Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. Geronimo beruhigte sie nach +Kräften, aber es war ihm klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren, +diese lieblichen, ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt +in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat des +Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt er mit dem Heer +des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie noch von dem Tal trennte, in dem +die Spanier lagerten. Inzwischen hatte der Anführer der kleinen +spanischen Schar, Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine +Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer seiner +Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener oder als Gast +konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. Er sandte Botschaft und ließ +dem Fürsten ein Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden, +sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre Gewalt +geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er vor das Zelt des Fernando +Cortez gebracht, und dieser selbst trat auf ihn zu, ein mächtig +anzuschauender Mann, blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen +jeder begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich wieder +bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen und trotzigen +Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm den Mut. Er wußte nicht, wie ihm +geschah, plötzlich beugte er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder +und begrüßte seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen +Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden und darnach die +Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab und weinte. Cortez umarmte ihn +huldvoll, viele von den Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber +was sein eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht +wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab es keine Heilung +mehr. + +Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte er seine +merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu berichten. Um nicht das +Ziel des Neides zu werden, schenkte er den neuen Gefährten vieles von +seinen mitgebrachten Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur +ihre Habsucht an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt +werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh er den Einflüsterungen +Geronimos ein williges Ohr und zog mit seiner Mannschaft über das +Gebirge. Nun war er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes +und der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er das Heer des +Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt verlegte, unschädlich +machen könnte, wußte er unter der Maske des Wohlwollens für den jungen +Fürsten Geronimo dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte, +den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen Empfangs in +das spanische Lager zu führen. Geronimo ließ sich täuschen. Er +schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Cortez, wenn er die Feinde in +ihrer Übermacht erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde und +daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und mörderischen +Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er also zu den Mexikanern, und +seinem beteuernden Zuspruch, wobei er die eigene Person als Geisel +anbot, gelang es, den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und +Nützlichkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch war der +Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. Sein Zelt wurde +mit Wachen umgeben, und niemand durfte ihm nahen außer Cortez und +Geronimo, der bei den Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs +äußerste bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel +Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer wieder, daß es +nur eine einschüchternde Maßregel sei, um die Barbaren im Zaum zu +halten. In der Tat wagten die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange +ihr Herr in der Gewalt des Spaniers war. + +Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich in das Zelt des +Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. Der junge Fürst kauerte auf dem +Boden; seit zwei Tagen aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo +ermuntern wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein Reh, wenn der +Winter kommt. »Rede doch, Malinche, deinem Gebieter zu, daß er mir die +Freiheit gibt,« sagte er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines +Palastes dafür ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte +Geronimo noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem Erstaunen +völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er teilte ihm die Worte +des Gefangenen mit und flehte dringlich, Cortez möge den Fürsten +entlassen. »Eine solche Bitte ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don +Aguilar,« erwiderte Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter +hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn verloren und verdammt. +Zum zweiten Mal ging er in das Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm +nieder. Der unglückliche Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte +er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine nackte Haut +sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was könntet ihr billig +verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die wir bloß Menschen sind?« + +In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; Geronimo +eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt gegen das aztekische +Lager. Auf eine nächtliche Überrumpelung nicht gefaßt und durch das +Schnauben, Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten +Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos und wurden von den +Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. Als Geronimo zur Walstatt kam, +war alles schon entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an +Gold und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, die +Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt und Geronimo, +von einem leidenschaftlichen Gram überwältigt, verwünschte sich und sein +ganzes Leben. Als er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt +des gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem Teppich +hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz durchbohrt. + +Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo +durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, warf er ihm einen +Blick zu, vor dem sich selbst dieser Eherne verfärbte. Er fing an, dem +Geronimo zu mißtrauen, und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun +erfuhr Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen zu senden, +die in möglichster Heimlichkeit und Stille das Land durchziehen sollten, +um das Ufer des jenseitigen Meeres zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde +geworden war. Geronimo machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe +durchzuführen, Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag ein und +bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am Tag vor seiner Abreise +verteilte Geronimo alles, was er noch an Schätzen besaß, unter seine +Kameraden. Einem gewissen Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen +Mann, vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend +Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien kommt, so gebt dies +Kleinod dem Grafen Callinjos in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen +Undankbaren gewählt hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser +Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare Land als erster +Spanier betreten habe, aber daß ich auf den Ruhm verzichte, der eine +solche Tat sonst krönt. Ja, ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter +ist als die Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.« + +Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez fand in den +Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den Tod, und der Graf Callinjos +lag längst unter der Erde. Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern +unverdrossen durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und Gebirge. +Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei Tag an schwer +zugänglichen Orten. Geronimo war stets schweigsam, und die Soldaten +begannen ihn dieser Schweigsamkeit wegen und weil er auf keinen ihrer +rohen Scherze, keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so +wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er sich weit fort +von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte und Geberden erweckten ihm +Ekel und Widerwillen, die andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die +zauberischen Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun nach +vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren Meeres kamen, da +faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, den er mit großer Vorsicht +ausführte. Gegen Abend, als seine Gefährten noch schliefen, stand er +heimlich auf, ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war, +löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten Kürbis und einem +Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug das brandende Wasser kräftig +mit den Rudern und fuhr hinaus. + +Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort war. Während sie +sich noch verwunderten, gewahrte einer das Boot, das höchstens eine +Meile entfernt war und auf den von der untergehenden Sonne geröteten +Wellen tanzte. Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut sie +konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, »Geronimo!« Er +hörte nicht und antwortete nicht. Bald wurde es dunkel, und sie fragten +einander mürrisch und bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er +steuern?« + +Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten Land? nach +einer glücklichen Insel? Oder nur ziellos in die Nacht und ins +Unbekannte? Er fuhr gegen Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem +einsamen Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß +niemand. + + + + +Von Helden und ihrem Widerspiel + + +Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der +Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den +Erzähler. + +»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg +Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von +Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die +Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch +traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die +Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche +Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents +erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder +wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine +der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß +diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß +sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.« + +Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«, +antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen, +sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich +poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es +keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer +und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie +bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.« + +»Trotzdem denk' ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht +Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie +dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt, +satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der +Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen +westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen. +In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt +unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er +ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine +Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet +sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der +Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der +Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von +Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse +Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht +habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker +und in Ketten schmachtete.« + +»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati. +»Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es +Auffassung, scheint mir.« + +»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«, +versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß' es mir nicht ausreden, daß die +meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen +Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum +der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu +erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?« + +»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf +Hadwiger hin. + +»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«, +sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit! +Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge +gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus +gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er +wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit +Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem +Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den +Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den +Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie +auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich +die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde +hingerichtet.« + +»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer +gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt, +während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«. + +»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das +Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts +anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich +vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry +Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze +von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika +samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an +Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.« + + +»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte +Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische +Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und +zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine +Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als +England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich +verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der +Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte, +griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser +Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem +Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei +Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um +in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund +gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der +grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in +aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord +wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts +ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die +Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich +wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes +Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten +Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu +retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu +bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch +erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den +andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert +oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid +und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte +sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar +bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in +Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in +unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen +Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die +Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen +sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken +entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen +unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche +Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und +endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der +Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne +Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört, +lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen +Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren +Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die +toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig +am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit +begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er +sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem +Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in +denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten, +und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner +ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das +seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und +küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur +Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser +Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat +kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und +versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es +dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines +Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und +haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein +gebrochenes Versprechen des Glücks.« + + +»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die +Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht +einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der +niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für +eine große Sache erfüllen.« + +»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch +verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften +gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte +Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?« + +»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung +erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die +ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ. +Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt +keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer +ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und +worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus, +Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht +als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und +Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt, +die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten +Georg nach England gebracht wurde.« + +»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele +und wir verzichten auf alle Argumente.« + + +»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der +Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor +den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig +erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr +ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer +liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in +ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den +Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den +seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin, +willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände +und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und +Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle, +der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der +italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach. +Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in +ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie +werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke, +Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen +Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor +sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht +kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend; +eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie +schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig +fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher +Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr +tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie +anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie +sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum +Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie +am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte: +dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen +die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus, +lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit +aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu +jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot +verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem +Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse +getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und +falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er +sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit +den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach +mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als +sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich +nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie +endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein +Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll, +und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die +Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen +herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr +besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so +schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der +sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts, +wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für +immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte +sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.« + + +»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene +Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war +der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine +Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.« + +»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«, +antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen +betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie +vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und +Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und +die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar +Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.« + +»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte +Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als +ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und +wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die +Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.« + +»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem +Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja +alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das +heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da +er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die +Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte +ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher +Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige +Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur +Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung +seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine +Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem +Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr +unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem +Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man +treffen kann.« + +»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte +Lamberg. + +»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich +Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit +der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich +erzählen will, eine recht eindringliche Lehre. + + +Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach +zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn +auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten +Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war +sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine +reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als +Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel, +und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann +gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn +übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit +ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie +beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde, +sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und +betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein. +Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er +brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges +Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume +hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts +fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche +Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es +war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von +schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und +Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter +Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war, +zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von +M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate. +Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in +der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper +und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der +Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen +einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen +verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des +Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren +Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte, +Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu +sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen +oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen +jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen +Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit +gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit +rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr +einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert +immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er +sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer +Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein +wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war. +Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für +allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens +stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner +künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das +ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß, +der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den +Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an +Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende +Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er +Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz +sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und +jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist +an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte +Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und +Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines +Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er +nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die +Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug +zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine +Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre +alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden +Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert +hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß +angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender +Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte +ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten +einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse +heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus +entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu +kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein. +Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling, +und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen +Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer, +in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie +lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war +ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch +immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit +schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war +wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So +erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der +Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie +über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer +erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er +nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch +knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter! +oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe +vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden. +So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb +wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an +der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.« + + +»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati +sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der +Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens +ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in +Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir +atmen eine unheroische Luft, Freunde.« + +Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden +Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz +der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster, +Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die +Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte +sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen +Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken. + +»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei +abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr +wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am +Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen +Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der +Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann, +ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu +geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos, +und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen +ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau +verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige +Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und +Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es +spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein +Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein +Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch +vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie +folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der +schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern +vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den +tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde +angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen +Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig +geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter +Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu +überzeugen.« + +»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und +Schwarz gewinnt.« + +»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn +nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der +Bankhalter diktiert die Einsätze.« + +Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf +einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für +vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war. +Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre +weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die +Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die +Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen +körperlichen Schmerz. + +Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig +pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde. + + + + +Der Tempel von Apamea + + +»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag +zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich +so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm +bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.« + +»Ich wußt' es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er. + +»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska. + +»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge +weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust, +und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu +beichten.« + +»Zu beichten? Wie meinst du das?« + +»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren +sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht +denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.« + +Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an. + +»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg +das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so +rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen +die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man +sich und andern unbequem.« + +»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab, +und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.« + +»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt' ich nichts dagegen, +und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.« + +»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska. + +»Vielleicht. Oder wenn _du_ reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor, +unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann +wollte ich --« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf +ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie +wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie +verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um +sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge +über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt +aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf; +ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte +Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug. + +Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit +Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier +guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es +ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er +spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg +wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche +Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es +kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine +Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar +alte Münzen.« -- »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar +anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« -- +»Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der +vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher +auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike +zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät +sich selber.« + +In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit +ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich +Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen, +schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul +kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur +wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, -- +vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen +Inselstrand, -- dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle +Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen +Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen +sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne. +Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen +ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen +Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die +lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem +höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte. + +»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte +heran. + +»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng. + +Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht +gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz. + +»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt. + +»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach +Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem +Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal +greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig +gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir's.« + +Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht +Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung +geben, daß er Sie nicht versteht.« + +»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.« +Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn +Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir +ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska, +»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.« + +Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt +noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war +gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die +verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer. +Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze +Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie, +als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie +mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir +kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht +kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.« + +Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von +ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen +Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die +Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?« + +»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben +habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und +doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von +Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.« + +»Angenehm«, murmelte Borsati. + +»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr +das junge Weib fort. + +»Nun, -- süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf +schüttelte. + +Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler, +erdig-keuscher Geruch.« + +»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska. + +Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte +plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich +fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal +traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er +so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen +Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen +über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns, +starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das +werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und +erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die +andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor +Erstaunen aufgewacht.« + +»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt +eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine +Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im +Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine +Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen +dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben +Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend +auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen. + +»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in +einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die +Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen +gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit +zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht +gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot +ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der +Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher +Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird. +Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander +die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich +eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin +ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren +Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der +mich mit verderbten Blicken anstarrt.« + +»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war +voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen +Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem +dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr +neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig +warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von +oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein? +Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst +um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.« + +»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«, +sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld; +Ungeduld ist Wollust.« + +»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden +Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da +stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig +wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in +einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich +sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften, +sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in +ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann, +ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und +widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden +zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter +Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie +stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich +plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt, +stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich +weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich +überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und +ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende +ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie +opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.« + +»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist +sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind +deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder +schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie +mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich +plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen +sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da +ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre +ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde +mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern +Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir +ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit +unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte, +war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel +herabnahm, um mich zu betrachten.« + +»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz, +»eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in +der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich +zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht +glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese +Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich +suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte +nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes +erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und +mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn +grenzt.« + +»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte +Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis. +Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann, +dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe +geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht +hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder, +jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf +einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern +ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet, +auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in +den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen +ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich +nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und +kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber +immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln +übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem +Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist +aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die +vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er +hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn, +daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.« + +»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich +Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch +ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art +wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am +Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber +ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus +einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen +vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die +Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte +stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich +den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich +von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen +den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten +schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche +Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad +nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich +kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie +bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und +alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich +hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt +hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.« + +»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber +vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt +geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter +und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner +Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich +kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie +wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum +sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man +ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur +das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je +dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und +Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der +tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze, +schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.« + +»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«, +versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der +Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der +Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und +ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das +Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber +traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so +geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild +hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und +wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum. +Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die +Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein +tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die +Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein +jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben +sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu +werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte +Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom +Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug' in +Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor +geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an +Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie +sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam +schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille +entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die +Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das +einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum +Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so +plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die +Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der +körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen +aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm, +bis sie beide sterben.« + +»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte +Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der +Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.« + +»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief +Franziska. + +»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar, +und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon +Geschichte oder Gedicht.« + +Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne +fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von +Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen +sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und +keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat +war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle +Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die +man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war +gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie +stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie +an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt +verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und +schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und +postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend +nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl +geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise +gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn +vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.« + +»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht +merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser +Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein +Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete +ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch +nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen. +Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche +Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er +eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige +aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß +er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen +Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die +ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn +sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes +Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem +eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen +dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter +Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle +Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu +teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer +Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück +selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus, +um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ +er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig, +sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte +und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen +luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau +am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei +Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im +Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte, +tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste +in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten, +von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er +während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug +viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg, +und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit +und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich +eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein +großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit +sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die +Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine +Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen, +damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber +niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann, +dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder +aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war, +erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen +vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion +erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß +sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen +Juden versprach.« + +»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich +kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus +herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte. +Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre +hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und +Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien, +als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.« + +Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine +Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von +Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle +weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine +Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie +diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten, +so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte +sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in +ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren, +sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine +Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins +Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die +imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen +der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich +gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf +die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen +blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines +Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war +fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren +durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken +zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn; +plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was +die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich, +ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines +Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube +folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen +hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es +dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die +Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß +sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin +Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und +meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren +Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals +treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war +die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen +Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität +glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten +Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von +Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich +ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang +geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der +Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben +müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu +fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die +klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand, +und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend +vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das +Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge +mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren +alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt, +wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr +körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun +Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf +oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau, +bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich +zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.« + +»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«, +sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe +zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist +das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge +macht es stutzig.« + +»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«, +antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht +zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas +ärgerlich hinzu. + +»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender +Heiterkeit. + +»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von +Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.« + +»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte +Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten +aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister +zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst. +Stimmt die Gleichung?« + +»Also ein Wunder, Georg, erzähl' uns von einem Wunder!« rief Franziska. + +Lamberg lachte. »Das nenn' ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«, +entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden +wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie +ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein +Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.« + + +Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im +römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum +nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein +Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater, +seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von +den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich +dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und +mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein +Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die +Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im +Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der +Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion +des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig +im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er +war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts +von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie +ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im +innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das +Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte +ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der +Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten +erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den +Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der +Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern +des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das +Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung, +an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd, +entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst +verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des +götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer +Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank +jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in +einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von +mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut +versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der +sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten +Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und +Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war, +den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren +Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben, +und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die +Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert. +Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren +Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav +und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten +olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen +sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene +Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen +verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten +nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was +den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am +Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen +geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender +Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an +Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie +die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig +Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur +unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre +Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, -- es war, als ob +Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam +Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem +Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, +denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs +Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die +prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung +Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der +Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele +von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß +sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt, +während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen +könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses +Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem +Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit +ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich +nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den +Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr +Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der +dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde +erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst +die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten +unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war +ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm +vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg +er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung +gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch +diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen +viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend +und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht +einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr +strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die +Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das +Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer +Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die +Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die +gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten. +Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese +Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert. +Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den +Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten, +und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den +Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen +Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie +zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres +blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu +sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen +zerfleischt worden wäre. + + +»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen, +die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist +einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten +konnte, still zu stehn.« + +»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu. + +»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie +kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der +täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein +Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr +belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um +sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß +er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen +Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch +allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und +was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr +dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht +oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das +Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten +immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu +schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat +zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.« + +»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan. +»Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele. +Nennt ihr die Erfahrung, so nenn' ich die Halluzination und das Leben in +Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in +einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen +Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen +Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll +ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht +habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von +der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge +schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies +erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf +einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir +Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt +jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was +geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die +Natur gesetzt hat.« + +Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte +erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte +er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans +Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche, +die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden +können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst +Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr +vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte +einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise +mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von +Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr +bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der +markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als +das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte +Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg, +und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben +versuchen will.« + +»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil +Feuer machen; Franziska friert.« + +Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich +die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See +stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das +Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes +Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden. + +Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine +Erzählung an. + + + + +Die Gefangenen auf der Plassenburg + + +Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen +Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen +Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran +und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf +Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich +der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades +seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der +Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und +Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche, +nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den +fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen +und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach +den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz +andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute, +arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden +waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe, +Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der +Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume +sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt, +geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der +Seufzer und eine Stätte des Schweigens. + +Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der +Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung: +es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im +Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter +hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das +Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor +sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und +ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung +des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung +zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich +krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er +wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem +Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben +Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der +Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen +bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so +unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem +höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff +an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden. +Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein +allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam. + +An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten zwei wohlgekleidete +junge Leute auf der Straße von Bayreuth nach Kulmbach. Sie hatten in +ersterer Stadt ihr Gepäck mit dem Postwagen vorausgeschickt und +benutzten das schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung. +Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder gaben sie sich für +Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit miteinander. Der eine, +Alexander von Lobsien, war ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner +Jüngling, der andere, Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett, +sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, hatten Wien +und Prag besucht, wollten nach Weimar und von dort an den Rhein. Peter +Maritz, ein ruheloser Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die +damalige Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein Gefährte +besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu Gast geladen war. + +Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise nur die +vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie alle Jugend jener Tage, +von dem Drang nach Tat und Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten +sie sich der Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen zu +heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als gerade die +Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. Man war ihrer +Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. An der Grenze von Böhmen +hatten sie durch Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen +erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch das Bedauern +getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, als das Volk nach +langem Schmachten in Tyrannenfesseln -- ich bediene mich der zeitgemäßen +Ausdrucksweise, -- sich endlich anschickte, für seine Rechte in die +Schranken zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was nach +Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders für den +hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom Spiel zu sein. Er redete +fortwährend, lief seinem Genossen stets um fünf Schritte voraus, blieb +dann stehen, perorierte und fuchtelte mit den Händen wie ein +Tribünenredner. Ich sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein +harmloser Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem +Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten und Pfaffen je +unschädlicher ist, je geräuschvoller sie sich gebärdet; aber damals +waren auch die Fantasten, die aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen +Thron und Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz +zeichnete sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas +Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht ein wenig feig +war, ein wenig Prahler wie viele korpulente und rotbackige Menschen, das +will ich unentschieden lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er +sich ziemlich wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von +seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die mitunter etwas +Fertiges sehen wollten, als elende Philister brandmarkte, und alles, was +die Gleichstrebenden hervorbrachten, entweder mit kritischem Hohn +verfolgte oder durch den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder +verkleinerte. + +Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, der an sich +zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt ist, unbegrenzte +Freundschaft entgegenbringt, war es auch mit Alexander von Lobsien der +Fall. Er erblickte in Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich +selbst beargwöhnend, nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner +Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, in denen +mit jugendlichem Feuer die Revolution besungen wurde. Er hatte mit +seinem Gefährten noch nie davon gesprochen und hielt die Poesien +ängstlich verborgen, obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie +kennen möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, dessen +Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz entflammten und ihm mehr +bedeuteten als der Beifall der ganzen übrigen Welt. + +Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot ihnen bei jeder +Wendung einen neuen Ausblick auf das in schönen Spätnachmittagsfarben +glänzende Land, und von einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten +sie in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme von Kulmbach. +Versonnen schaute Alexander hinüber und sagte: »Überall da wohnen +Menschen, und wir wissen nichts von ihnen.« -- »Das ist richtig«, +antwortete Peter Maritz; »alles das ist Botukudenland für uns. Und warum +wissen wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu wenig +wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, so ganz zum Ertrinken +tief hineinstürzen, und wenn ich dann wieder auftauchte, wollt' ich +Dinge machen, Dinge, sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust +alle viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander, +würd' ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du verspinnst und +verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, du läßt dich von deinen +Träumen betrügen, das Leben fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde +Leben.« + +Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, senkte den Kopf. +»Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter Maritz begeistert fort. »Was weißt +du von den Millionen, die da unten in der Finsternis sich krümmen, +während du an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du +wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die Sonne nicht +verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark und Blut riecht, wie ich das +Menschheitsfieber spüre, wie mich verlangt, die Fäuste in den gärenden +Teig zu stemmen! Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich von +England aus die Peitsche über die dummen deutschen Köpfe sausen lasse! +Erleben will ich's, das Ungetüm von Welt, erleben!« + +»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer Art?« +erwiderte Alexander zaghaft; »alles was das Auge hält, der Gedanke +berührt, Sehnsucht und Liebe, Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das +_nicht_ Erleben? Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer im +Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden Renner selbst zu reiten. +Schlimm, wenn ein Poet in der Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die +tätige Nation und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du +hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges Schleichen um +den Brei, seit langem spür ich's, und mich zieht's hinunter zu den +Dunklen und Unbekannten, nicht um zu schauen, genug ist geschaut, genug +gedacht. _Mit_ ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in +ihnen.« + +»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete Maritz mit der +Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz ist. »Wenn es dein Fatum ist, +geschieht's. Doch es ist dein Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der +Kontemplation. Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen +Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur deine Feder gegen +sie, und nicht das Schwert.« -- »Und du?« fragte Alexander. -- »Ich? Ja, +bei mir, siehst du, ist es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir +das sagen, ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart. +Da wälz' ich seit Monaten einen Stoff in mir herum, Mensch! wenn ich dir +den erzähle, da kniest du einfach.« + +Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden Suada seinen +Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch gestimmten Fürstensohn, der, +mit seinem Herzen ganz beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge +der Bedrückung eines despotischen Regiments ist. Während eines noch zu +erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und Felonie kommt es wie ein +Rausch über ihn, er tötet den Vater, reißt die Gewalt an sich und +verkündet seinen Untertanen die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß +er zu schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, ein +jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben aus, er vermag die +Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt hat und am Ende töten ihn +die, denen er die Luft zum Atmen erst gegeben. + +»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; »das ist ein +Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer zu haben ist.« +Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; aber er wagte den Einwand, daß +der Vatermord keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König +müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. Peter Maritz +war außer sich; er raufte sich die Haare; er erklärte dies für die +größte Tölpelei, die ihm überhaupt je ins Gesicht hinein gesagt worden +sei. Nichtsdestoweniger blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung, +und streitend rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand sich +schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte Wirt +begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den bei Dunkelheit eintreffenden +Fußgängern nicht erspart bleiben konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich +rasch, als sie sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da +auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers angedeutet +war. Er wies ihnen die besten Zimmer an und führte die Hungrigen hierauf +in ein Honoratiorenstübchen, das neben dem allgemeinen Gastraum lag. +Peter Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der Wirt +hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur mit frischem Bier +dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. Ohne eine Kraftprobe ließ es +aber Peter Maritz keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er +durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen will ich nicht +wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir den deutschen Wein!« worüber +ein paar ehrsame Beamte, die dort zum Abendschoppen versammelt saßen, +ein heftiger Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem +Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die Köpfe +gegeneinander. + +Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, jedoch beim Käse +schlug Peter Maritz ungestüm auf den Tisch und rief: »Ich kann mir nicht +helfen, Alexander, aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser +einleuchtet. Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten Wasser ist, +nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch des Prinzen nicht erhaben +genug. Wozu das ganze Brimborium, wenn alles ausgehn soll wie das +Hornberger Schießen? Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen +werden, sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.« + +»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander maßvoll, »aber +daß ihn der eigene Sohn töten soll, das wird den Prinzen in den Augen +des Volks nicht ins beste Licht setzen, fürchte ich.« + +»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch wird er +schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er muß ihn ermorden; wie könnte +ich besser die Sklaverei veranschaulichen, unter der das Land keucht? +Kann deine empfindsame Seele nicht begreifen, was für eine grandiose +Katastrophe das gibt?« + +Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. Der Lehrer, der +Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der Kreisphysikus, sie schauten +verstört vor sich hin, der Busen zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie +wagten nicht mehr, von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende +Wirt machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen die +heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Ein +paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, und es dauerte nicht lange, +so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, bis an die Zähne bewaffnete +Stadtsergeanten und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, wo die +beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer erdichteten Person +rauften. Auch die Bürger und der Wirt drängten sich neugierig und +schlotternd gegen die Schwelle. Das Donnerwort: verhaftet im Namen des +Königs! brachte eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor. +Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, fragte +nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß visierten Pässe. Der +Hinweis auf den mit seinem Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr +qualmenden Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit weit +entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten Leute in ihrem +Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die drei Gesetzesgewaltigen über +ihn her und legten ihm Handschellen an. + +Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz und +Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. Sein +bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der Obrigkeit, fruchtete +nicht. »Wir haben über eine Dichtung beraten«, sagte er höflich zu dem +Apotheker, der sich am eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete. +»Nichts da, solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die +grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge alles aufklären +würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun das Wirtshaus; Rede und Widerrede +floß leidenschaftlich. Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man +habe zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse war +auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten von Fürstenabdankung, +Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; so wurde man also, abends vor +dem Schlafengehen, in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, lief +herzu. + +Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem mädchenhaften +Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis und Verwunderung. Der Gang +zum Polizeihaus war der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes +Spektakel. Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem Hirschengasthof +geholt hatte, und der ein wenig angenebelt war, führte das erste Verhör. +Er schien nicht übel Lust zu haben, die beiden Leute für harmlos zu +erklären; da traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der +Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das in voriger Woche +zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende Sicherheit gebe, sowohl gegen die +Mordbuben, wie sie sich ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des +entrüsteten Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden +Demagogen-Gelächter zu: »Nur frisch drauf los! schließlich wird man auch +in Krähwinkel Genugtuung finden für die Niedertracht und die Dummheit +einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« Das war zu viel. Der Aktuar wiegte +sein Köpflein; mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu der +Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf der Plassenburg +internieren müsse, bis man der Regierung den Sachverhalt dargelegt und +Befehle eingefordert habe. + +Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation eines Revolvers aus +der Tasche von Peter Maritz. Alexander war froh, daß man sein dünnes +Manuskriptheftchen, das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht +entdeckt hatte und daß man mit der willigen Ablieferung seines +Kofferschlüssels zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der Gedanke, +daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten sich mancherlei +Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen konnten, ihre +verdrießliche Lage rasch zu bessern. + +Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, umwaldete Burg +glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte und fluchte unablässig, +aber als sie beim Schein eines Öllämpchens vor dem aktenbeladenen Tisch +des Wachoffiziers standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein +Letztes zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete wie ein +Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche und verschlafene Herr +hatte keine Ohren für einen Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero +sechzig.« Das war die einzige Antwort. + +Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens zu zweien und +nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel entledigt. Der Wärter +sagte ihnen, daß das Gebot des Schweigens, das hier waltete, für sie +nicht giltig sei, da sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie +sich hüten, einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum +erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden lief ein gelindes +Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, an eisernen Türen vorbei +kamen sie in den Raum, der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte +Wände, zwei Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger, +selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete auf den +Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie waren im Finstern. »Ach +was«, seufzte Alexander, »eine Nacht ist kurz.« -- »Jawohl, wenn sie +vorüber ist«, brummte Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden +begann. -- »Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht +werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften Ton, der echt +klang. -- »Laß mich in Frieden«, wetterte der Dramatiker, »verdammter +Einfall, verdammtes Land.« -- »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der +Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch zu dem großen +Leben gehören, das du mir so gepriesen hast?« -- »Mensch, ich glaube, du +spottest meiner«, rief Peter Maritz wütend. -- »Mit nichten, Freund. Ich +denke eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner hier sein +mögen, und von wem uns diese Mauern rechts und links scheiden. Ich komme +mir vor wie in die tiefste Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und +wenn ich mir gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller +Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will mich unser +Unglück nicht mehr so groß dünken.« -- »Der Geschmack ist verschieden, +sagte der Hund, als er die Katze ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs, +worauf ich liege, ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich +sonst verrückt werden müßte vor Wut.« + +Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte Peter Maritz +schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des Neides und mit dem andern +Gefühl leiser, fast noch wohlwollender Geringschätzung gegen den Freund, +überließ sich seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen +Poetennaturen, denen Welt und Menschen im Guten wie im Bösen eigentlich +nie ganz nahe kommen können, als ob ein Abgrund des Erstaunens +dazwischen bliebe. Nur das Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die +Teilnahme über den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie +die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen und +entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger Ruhe auf das Kommende zu +blicken, das sich seiner Ahnung mehr als seiner Vernunft vorverkündigte. + +Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit wie die +hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß leibliche Augen gesehen hatten, +ohne zu wissen und empfunden zu haben, was das Schweigen hier bedeutete? +Die fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste waren, +hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit zu beklagen, hatten +die Übeltaten vergessen, durch die sie die Gemeinschaft mit freien +Menschen eingebüßt, und jeden erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu +dürfen. Nichts weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich +der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom Hitzigen, der +Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg Veranlagte nicht vom +Schwätzer, der Trotzige nicht vom Bereuenden. Der Neuling ertrug es +noch; im Anfang schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch von +gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes tönte noch in ihm. Drei +Tage, zehn Tage, zwanzig Tage vergingen; was er zuerst kaum bedacht, +dann nur als lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille +entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein Laut der +Liebe, das mächtige Wort eines Richters, die Mahnung eines Priesters, +die Bitte eines Opfers, all das gab dem Nachdenken Stoff, der +Dunkelheit einiges Licht. + +Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder beim Gottesdienst in +der Kapelle, was in den Zügen der Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit +den Genossen regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch +im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen an sein Ohr; er +durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige sühnte schwer, wenn er sich +vergaß. Die nicht gesprochenen Worte belasteten das Gedächtnis; wenn +einer den andern anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die +Luft, scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn, +blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale der Ungeduld +bildeten eine Sprache für sich. Lief eine Maus über den Boden des +Arbeitsraumes, so zitterten sie; die Lippen des einen rundeten sich zum +Ruf, die des andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure +Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren Stäben auf die Tische +schlugen und mit Blicken die Zungen bändigten, die sich regen wollten. + +In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere Nichts zu +murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer und befriedigte so wenig wie +den Durstigen die Feuchtigkeit des eigenen Gaumens labt. Mit dem +Fingernagel oder mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den +Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach dem Schall. Es +überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, und mancher meldete sich zu +einer Mitteilung. Gefragt, was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang +der Sprache entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und +bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, nannten +erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, die jeder +Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man war darauf gefaßt; das Abenteuerliche +wurde schnell durchschaut, dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht +und der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen dürfen, +daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, ihm geantwortet hatte. + +Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen und Monate +erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes Blatt, und alles rings um +ihn wurde grauenhaft lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die +Dinge laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich gewesen, +wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit und Zeitverlauf gebunden +hätte; nun war sie ein Schrecken. Wer kann es aushalten, immer bei sich +selbst zu weilen? Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im +Menschen innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch nur +Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, schuldig oder +minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde alles Leben zu einem +Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften und Geheimnisvollen, auch +ihre Laster und ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu. + +So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich vom Dorf zur +Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine finstere Höhle, erinnerte sich, +obwohl Jahre seitdem verflossen waren, an gewisse Bäume, glattrindige, +mit ausgebreiteten Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad waren wie +Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, auf dem sie geritten, +ein Hund, den sie abgerichtet, ein Vogelbauer vorm Fenster, eine +Tabakspfeife, die sie besessen, ein Becher aus dem sie getrunken, der +Winkel an einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm, +ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem Bild geworden, worin +sie sich verspannen, das ihnen Brücken schlug zum ungehörten Wort. Sie +versetzten sich in Räume, sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle +Gegenstände in den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur +vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, Tisch und +Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das erzählte, all dem +antworteten sie, jedes Dinges Form da draußen, in fern und naher +Vergangenheit, war Wort und Sprache. + +Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue keine Kraft mehr. +Deshalb dachten sie in verbissenem Haß der Umstände, die sie einst +überführt. Den einen hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf, +den dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den fünften ein +Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten der Schnaps. Nun +beschäftigte er sich tage- und nächtelang mit diesem Einzelnen, zog es +zur Rechenschaft, fluchte ihm, sah alle Gedanken davon regiert, +erblickte es in jedem Traum. Und die Träume waren angefüllt mit +Gesagtem, ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von +nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was einem Kaufmann seine +Unternehmungen, einem Seefahrer seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen +sind. Brach dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an, +die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so taumelte er +schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die Gewalt des Eigenlebens, das er +plötzlich zu verantworten hatte, erdrückte Hirn und Brust; die +Luftsäule, die Sonne, die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte +ihn nur so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, und +es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben freiwillig ein Ende +bereiteten, nur darum, weil sie nicht gleich einen Gefährten fanden, um +zu reden. + +In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer Art, die +beiden jungen Männer verschlagen worden. Als Peter Maritz am Morgen +erwachte, schlief Alexander noch, denn er hatte erst spät den Schlummer +finden können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die +Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen können. Hiezu +schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen machte er den Freund +lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, der neben dem Fenster an die Mauer +geschrieben war. Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich +leiten, er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« Darunter hatte +eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich einen Galgen seh, tut mir +gleich die Gurgel weh.« An einer anderen Stelle war ein Beil gezeichnet, +mit den Worten: »Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war +folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, laß mich nicht +so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, doch nicht so schmal bemessen +wie du dem Sünder gibst, den du so innig liebst.« + +»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, »und es ist +immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns unter Kollegen befinden.« Erst +nach einer Stunde erschien der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen +wollten, und nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch +und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter geführt zu +werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer Wutanfall packte ihn, als +die Tür wieder versperrt wurde; es dauerte lange, bis Alexander ihn +beschwichtigt hatte, und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen. +Alexander begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick auf +den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne von +Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter Aufseher geführt, +paarweise mit langsamen Schritten über das Steinpflaster wandelten. + +Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger Gestalten +erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit tiefen Kerben um die +Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln am Kinn, oder auch langbärtig, oder +auch ganz glatt, wie es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe +waren geschoren, die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme und +Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe über die +andern; er schien kaum zu atmen, seine Augen waren zugekniffen, der Mund +stand offen und hatte einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm +ging ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule glich, roh, +gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender fletschte die Zähne, +ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch Ungeschlachter hatte einen +Ausdruck idiotischer Schwermut, ein schlanker Kerl lächelte süß und +infam. Einer sah aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig, +breitgängerisch, ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein +Geistlicher, ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein +Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig und +geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen Schacht und nach außen +hin nur lauschend gleich Hunden, die sich schlafend stellen und schon +bei einem Windstoß die Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien +ihnen wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern hinzog, +schreckten die einen zusammen, die andern hefteten starr und finster die +Blicke empor. + +Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter Maritz runzelte die +Brauen und meinte, das sei eine schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das +Fenster war offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre +Gesichter wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, dann +drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher ballten drohend die +Faust hinauf und winkten, Alexander und Peter traten bestürzt zurück. +Lebhaft bewegt, schlug Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«, +murmelte er, »und doch Menschen!« -- »Dich dauern sie wohl?« fragte Peter +zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht dich dort zum Schuldner, wo du +nicht handeln kannst. Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib' sie +gegen das Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du +Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir hast.« + +Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine Augen brannten +und mit einer Geberde schönen Zorns warf er Peter Maritz die Blätter vor +die Füße. Ruhig bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu +lesen, schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, ein +gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches Gesicht, +und schließlich, dem Harrenden glühten schon die Sohlen, er schämte +sich, bereute schon, schließlich sagte Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht +artig. Eine gewandte Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher. +Aber was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. Wenn +du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du ein schlechtes Gewissen dabei +hast.« Alexander hätte weinen mögen; er verbiß seinen Schmerz, +entgegnete aber nichts. Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche, +reicher an Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer Stunde +gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor sich hin, während +Peters Ungeduld beständig wuchs. + +Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten aus +dem Reich halber in Angst und Aufregung geraten wäre, hätte sich wohl +unter den Beamten und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den +die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht hätte. Trotz der +verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern entdeckt hatte, ließ der +Aktuar den Wunsch verlauten, sie in eine minder entwürdigende Umgebung +zu bringen. Der Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß +die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden Nacht +verwickelt wurden. + +Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein Friseur namens +Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei Jahren verurteilt war. Er hatte +sich schon bei der Kopfschur ungeberdig benommen, und als die +Hausordnung verlesen wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot, +lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die Kameraden mit +flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch und untätig, rührte sich +erst nach dem dreimaligen Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er +in die Todenstille des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! wißt +ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und Herren massakriert? +Eine große Zeit bricht an. Es lebe die Freiheit!« Weiter kam er nicht, +drei Aufseher stürzten sich auf ihn, und obgleich er nur ein +schmächtiges Männchen war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er +wurde sofort in Eisen gelegt. + +Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus wie +Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen wird. Erst +allmählich wirkte das gehörte Wort; es gab also diese Möglichkeit, die +bisher nur wie Fantasmagorie und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln +ihres Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, dann +konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie mußte. Es ging eine +furchtbare Verständigung von Blick zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr +nachmittags; um halb sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die +Wärter, den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß, +beschlossen, die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando wurden +die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel, +Sackleinwand, auf das zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese, +Hennecke war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über den +ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu Boden. Im Nu +folgten die Gefährten seinem Beispiel; keuchend und dumpf jauchzend +schlugen sie ihre Peiniger nieder, banden sie mit Baststricken, stopften +ihnen Knebel zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze +des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig; +vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, fünf in Dunkelhaft. Die +Schar teilte sich; die größere Anzahl unter dem Befehl Woltrichs, eines +blatternarbigen Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die +Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache selbst zu +überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, der +verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. Der Gewehre hatten sich +die Meuterer mit umsichtiger Schnelligkeit versichert; das Haupttor +wurde zugeschlagen und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden +in einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke sämtliche +Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. Die ganze Horde +wälzte sich aus dem dunklen Eingang in den Schloßhof. Hennecke fragte, +ob einer von den Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane +nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht +erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg hinabrennen sehen. Es wurde +beschlossen, eine Wache auszustellen, und Hennecke kommandierte einen +Alten auf die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er sich +ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern trennte, welche die +Genossen aus der Kantine herzuschleppten. + +Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten +unter den Letzten in den Hof und duckten sich scheu in einen Winkel. Am +liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie +sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte +zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist +eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat umgesetzt werden, wenn man +gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt, +wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in +Gefahr geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; er +sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben +abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden, +Schicksal auf Schicksal gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine +zersprengte Tür. + +Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn, +Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe +Hahn geheißen, schlug vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden. +Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das +Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten +Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäuler +mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn +jetzt brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur allmählich +den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle +der Rausch. Sie schrieen und gellten durcheinander, lachten und tobten +grundlos, räkelten sich auf der Erde, patschten in die Hände, johlten +unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander, +zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten, +pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rachen. + +Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler, +sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: »Wie wir leben, so halten wir +Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen +und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen. +Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen +Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine +Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren. +Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch +in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere +Konrad genannt, redete mit Entzücken von der Brandstiftung, die er +begangen und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt. +Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren +verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war +immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest +von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte +alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte den +Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht +und einen Reichshofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich +auf Edelsteine und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu +werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum +Vorschein gekommen sei. + +Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in +den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild +geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat +gewesen, sondern Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig +Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers, +hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter +Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten hatte er ihre Ersparnisse mit +der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des +Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen +Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der +Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen Buche +wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar erschlagen hatte; seine Gedanken +hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter +seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er, +kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil +er die Frau verführt und der nicht müde wurde, zu schildern, wie er vom +Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe +hinaufgeschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt +und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie +er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern +herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie +mich,« sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen +Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« Der gelbe Hahn +erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein +Schwager an sich gerissen. Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der +Sterbestunde zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das +verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er +damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden +wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die +für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und +scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken +Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem +durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so +zugegangen: er hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen; da er +aber meist Leichname rasierte, so konnte er dies Geschäft an den +Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als +er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen +schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er den +verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze +seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen. + +Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige, +Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder +verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte. + +Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, saß Christian +Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch +Blick und Geberde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im +Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer +Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die +tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine. + +Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, um sich und den +Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder, +Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und +Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets +hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera +in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die +neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde +wertlos; kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren, +da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die +Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise; +bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine +entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im +Haus, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das +bißchen Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug keinen +Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und +endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei +jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht +beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu +sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den +Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist. +Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen +vertieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die +Lebensbeschreibungen seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha und +Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung +froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war, die Hälfte +des Gewinns, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert +Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen; +sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, das Geld war hin. Kein +Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen +tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das +Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde +Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die +Schwägerin. + +Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur +Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen +verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, für sie zitterte er +vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur noch ein einziger +preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die +Zeit selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege. +Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren +und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse +Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete +für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel +fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine. +Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie +vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um +den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er +zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. Eine +schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da, der +Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte +er nicht. Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der Bosheit, +dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal, +beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr +Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige, +vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich, +mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die +fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch, +ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre +Käufer finden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit +entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der +Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter! +Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als +das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des +Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen +Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die +Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein Weib mit einem +Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In +wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war +eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehren der alten +Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die +Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen +Eßwein im Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der +Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte +der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn auch nur der entfernteste +Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liebe +gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der +Schußwaffe an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal zu küssen, +bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos +hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende +mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank +nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst +nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es +in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen der Heilung; Haft, +Gericht, Verhör, das alles war ein einziger schwarzer Traum, bis endlich +das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht +finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei. +Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte er erschüttert, als ihm +der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief +er; »gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel +selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« Er +wollte sich durch Verhungern töten, aber die körperlichen +Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser +Absicht zu entsagen. + +Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze +Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die +andern gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas +Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht +fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das +Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des Lebens und daß er +kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge +beachteten ihn kaum; sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders +Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der wegen +Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so verzerrt und böse, +wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben +Stadt wie Eßwein und hatte alles sozusagen miterlebt. + +Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die Wahrheit hinter +dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn +nicht dazu da, sie zu empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der +schaut, mit tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not, +ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf +hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den +Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare +Verworrenheit eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt so den +Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der +Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will +und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie +leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese +und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre +Kinder, diese und die draußen, den Landmann am Pflug, den Drechsler an +seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg, +den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den +Uhrmacher, die Lupe am Aug' und auf die Rädchen lugend, den Schlächter +und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den +Drucker am Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der +Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten +sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen, +nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen +deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten +trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen, +Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten Leben. Und diese +haben keine Worte, fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aber +besitze die Worte und bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich. +Doch nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter ihnen bin +ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für mich, was ich rede, +Stummheit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller +Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen +versagt hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich muß fern von +ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wirklich leben, heißt +zermalmt werden von denen, die stumm sind. + +Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm +war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht +lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem +versichert hatte, im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und +drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer +zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. In einen Ruf war +ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersichsein des Andern; +Prahlerei klang wie Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit +Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch einen +zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich; daß sie +hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den +Richter belogen, gezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger +Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll. +Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes +verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der dritte +plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen +und gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten +einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß +Gotteslästerungen aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart, +in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich +stich- und schußfest zu machen; der Schatzgräber sprach von der +Zauberblume Efdamanila, mit der man alles Gold in der Erde finden +könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener +Romanfloskeln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der +er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte +vielleicht zwanzigmal, ob jemand die Geschichte des Majors Knatterich +kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben. +Dazwischen hörte man Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie +Johannes dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann hab +ich einen glupischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch 'rum, +wenn er meinen Namen hört.« Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben; +Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte +er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, du ungeheures Meer! +Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm +Alexander Mut zu. Er erwiderte: »Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der +auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der +bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen. +Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut.« + +Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens Friseur wie +Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt, +seine Opfer zu frisieren, wenn sie tot vor ihm lagen, und der nur +deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer +also stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Geberden voll +Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« keuchte er, »der Eßwein.« + +Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte +seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge +erhoben sich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem +Feuerkreis, und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll, +was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in die Halle; der +Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte schluckend auf und ab. + +Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern +entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte +verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander, +als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und +feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren Halt, er +taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle. +Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand um seinen Arm, aber es war +schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres Blicks +und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als +Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen. +»Es sind Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen sie +her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten schoben sich gegen +sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. -- +»Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und +Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« -- »Die wollen +Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. -- »Die kommen aus einer guten +Küche,« ein dritter. -- »Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser +liegt,« ein vierter. »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief +Hennecke und ballte die Faust. + +Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein +abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle +näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und +brüllte mit Donnerstimme: »Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind +Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben +Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind, +verderblicher als Kanonenkugeln.« -- »Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her +mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus +damit!« + +Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war +verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Übelkeit. +Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert, +Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich, +mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste +Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh +eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten +drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da +entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in +große Positur und las mit schmetternder Stimme: + + Ich richt euch einen Scheiterhaufen, + auf dem das Herz der Zeit erglüht, + mein Volk will ich im Blute taufen, + das sich umsonst im Staube müht. + Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen + und Kronen, die der Rost zerfraß, + euch müssen sich die Fürsten neigen + und wer im Gold sich frech vermaß. + + So öffnet denn die dunklen Kammern + und strömt hervor wie Gottes Schar, + es soll mich heute nicht mehr jammern, + daß gestern Nacht und Grausen war. + Auf denn, ihr Armen und Geschmähten, + du seufzend hingestrecktes Land, + genug der ungehörten Reden, + setzt nur das alte Haus in Brand. + + Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate, + von eurer Not klagt Dorf und Flur, + den stolzen Henkern keine Gnade, + zerschmettert Höfling und Pandur. + Der Feige mag vergebens zittern, + der Held macht seine Brüder kühn, + und aus zerbrochnen Kerkergittern + wird neue Welt und Zeit erblühn. + +Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum +erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die +Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der +Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings +ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg +davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige +Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.« +»Geschrieben hat er's?« »Auf Papier steht's geschrieben?« »Der Dicke +hat's gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?« +»Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte, +antwortete es in allen Dialekten durcheinander. + +Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender +Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle +gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des +entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei +der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über +den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die +übrigen begriffen, was im Werke war; + + »Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate, + von eurer Not klagt Dorf und Flur; + den stolzen Henkern keine Gnade, + zerschmettert Höfling und Pandur!« + +sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder +Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den +hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander, +und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie. + +Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner +Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch +das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als +hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie +es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst +was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich +und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so +ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser +auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht +und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und +Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes +Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er, +doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des +Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn +vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite. + +Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen +Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg +lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich +mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von +Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren +Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem +Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört +hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert +seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht +blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht. +Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert +Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da +prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte +Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das +Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur +Flucht. + +Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem +Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft +und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod +bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit +das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder +niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das +Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt +die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt. + + + + +Paterner + + +Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, der zuletzt sehr +schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, beinahe voll Angst ins +Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen Leben etwas dergleichen nie gehört«, +murmelte sie, nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte +mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, wie +hier ein entlegener Winkel des menschlichen Daseins in den Mittelpunkt +der Dinge gerückt und gleichsam kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir +so tief bewußt, daß alles, was wir tun und treiben eine weitreichende +Verantwortung nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, der mit +raschen und wuchtigen Schritten umherging, wie stets, wenn er bewegt +oder erregt war, sagte: »Laßt uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns +dies aufbewahren, damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben +können.« + +»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« fragte +Franziska. + +»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur Antwort. + +»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls noch +warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre«, +wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter Hand an Borsati, die +dieser freundschaftlich ergriff und drückte, »aber ich möchte uns andern +doch nicht den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies Beispiel +noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort in unserer schönen +Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet Kraft. Und wenn ich nun mein +Gefühl überprüfe, so muß ich eines jetzt schon gestehen --« + +»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, neckte Borsati. + +»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden äußerst edel +waren, wenn er in ernstem Ton redete, »beileibe nicht Kritik, das würde +unsere famose Symphonie abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend +und aufwühlend die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, warm wird +einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, aber nicht warm. Es geht +mehr an die Nerven als ans Gemüt.« + +»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete Borsati ironisch. +»Es ist also eine lobenswerte Handlung, wenn ich jemand unter +Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit erschlage?« + +»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska in den +Streit. + +»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied Cajetan; »ja, +ja, -- es gibt Tränen und es gibt ein Schaudern, es gibt eine geistige +und eine herzliche Ergriffenheit; machen wir uns nicht zu +Splitterrichtern, indem wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern, +was unteilbar ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. Was +wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? Ich habe +Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn man auf mir zu spielen versteht. +Und ich versage, wenn man mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren +will. Ich halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und +billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung braucht kein +Taschentuch zum Trocknen der Augen, und so fass' ich es auch auf, wenn +Beethoven einmal wundervoll bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler +sind feurig.« + +»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ sich nun auch Hadwiger +hören, »und was ich nicht sobald vergessen werde, ist das eine Wort: +Wirklich leben heißt zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch, +wie wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach ihm hin. Er +war merklich blaß geworden, während er dies sagte, und Franziska, auf +beide Ellbogen gestützt, beugte sich weit vornüber, wie um ihn näher zu +betrachten, oder wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die +geschlossen blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen +eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, glaubte zu +ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, und ihr +ermüdeter Arm verlangte nach einem Halt. Dieses Herz, das so gern und so +jubelnd geliebt, konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut +entzünden, die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner strahlte. +Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies ein letztes Werben, ein +letztes Vergessenwollen, ein letztes Anschmiegen, letzter Sturm und +letzte Rast, bitter gemacht durch ein drohendes Zuspät und süß durch die +Illusion einer Dauer? + +Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. Er war bei der +Brücke gewesen und »erlaubte sich zu melden«, daß es drunten schlimm +aussehe; im Markt habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung +eines Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine +Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. Bei dieser +Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und Hadwiger erschrocken zum +Aufbruch. Lamberg schickte sich an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die +Zimmer verlassen müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen; +die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus und morgen werden +wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen mit, Emil«, rief er dem Diener zu. +Die Laternen wurden angezündet, und alsbald marschierten sie durch den +Regen hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand das Wasser +fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; der Traunbach, +sonst nur mit schwachem Brausen vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner +die ganze Landschaft. + +An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt und +blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete wie ein Klotz auf der +Erde, und der Schein schwacher Lichter machte sie vollends +undurchdringlich. Bauern in hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den +Händen liefen am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen +allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, ans Land. Die +Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert Rinnsale fast ungangbar +gemacht hatten, zur Seevilla. Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im +Verzug sei, in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, doch +befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus von dem Verkehr mit +der Außenwelt abgeschnitten werde; die Wirkung eines Wehrbruchs werde +sich erst an den Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt, +wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen. + +Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, bis zum andern +Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu Bett, und die Nacht verlief +ohne Störung. Am Morgen teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei, +das Haus zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon +unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung von +Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und erwiderte, die Chaussee zum +Markt und zur Station sei nicht mehr passierbar, außerdem hätten die +Eisenbahnzüge seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir +also richtig eingesperrt«, rief Borsati. -- »Und wie steht es weiter +oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« fragte Cajetan unruhig. -- +»Droben ist man sicher, wenn es nicht solange regnet, daß der Wald +entwurzelt wird«, war die Antwort. + +Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die Freunde hatten +unterdeß gepackt, und eine Stunde später plätscherten die Pferde mit der +kofferbeladenen Kutsche durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und +Borsati fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, um bei den +Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. Wie er vermutet hatte, +fehlte es dort an einer sachgemäßen Führung, denn der vom +Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur war noch nicht eingetroffen, und +die Pioniere konnten erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die +Bauern unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines +Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter den Zuschauern +befand sich auch der Fürst Armansperg; seine Würde, sein Ansehen, seine +dominierende Persönlichkeit verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung +und des tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst kannte +seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung eines Berufenen zu +gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers Befehlen willig, ja, im Bewußtsein +dessen, was auf dem Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen +ab. Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der allenthalben +die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, um durch die überschwemmten +Gebiete ans Ziel zu gelangen; er war sichtlich gekränkt, als er einen +Kollegen am Werke traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr +einstweilen abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte und ihre +enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich hin. Der Fürst hatte +ihn scharf beobachtet und zuckte kaum merklich die Achseln. Als Hadwiger +ging, gesellte er sich an seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?« +fragte er. Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und daß er +von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten des Nachdenkens flog über +das gelbliche Gesicht des Fürsten, und seine angespannte Miene +verdüsterte sich für einen Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst +des Wetters und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener +Schnee eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte die Rede +auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage für mangelhaft und hielt +eine gründliche Erneuerung für unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei. +Als er sich an der Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die +Hand, dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen schien +fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt waren, +verleugnen zu wollen. Doch war dies nur der Eindruck einer Sekunde, und +vielleicht stützte er sich auf eine empfindsame Täuschung. + +Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa nicht weit entfernten +Bauernhause untergebracht, in welchem drei winzige Stübchen mit winzigen +Betten zum Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen +Mittagessen erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung mit dem +Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan räusperte sich +vergebens; da er nur auf Franziska acht hatte, übersah er die +abmahnenden Zeichen; erst als der neben ihm sitzende Borsati ihm etwas +unsanft auf den Fuß trat, hielt er inne, schaute sich verwundert um und +errötete. Er bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte +Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und sank +förmlich in sich zusammen. Während Lamberg eilig das Thema zu wechseln +versuchte, faßte sie sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit +schwacher Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht, +Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf der Welt bist, um +die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten schon erleichtert auf; plötzlich +jedoch erhob sie sich und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr +folgen, die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit seiner +Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall einige Scherze ab. +Hadwiger aber sagte: »So kann dies nicht weiter gehen. Was verheimlicht +sie uns? Warum verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu +schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? Weshalb soll +der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch während des letzten Jahres +nicht einmal gesehen hat? Liebt sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß +der Name ist, den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der ihr +nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche geschah, +weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter und die Erinnerungen, die +ihr unser Anblick immerfort wachrufen muß? Ich verstehe nichts von +alledem.« + +Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf ihre Teller. Nur +Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger +fuhr fort: »Wir müssen und müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin +sicher, sie verachtet unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und +Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, die +sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den Alp von der Brust +gewälzt haben, und was sie uns sagt, ist nicht das, was sie wünscht. +Wozu seid ihr denn so wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und +mächtig in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, so +unternehm ich's selber; diese Spannung, diese Vorsicht, dieses Zaudern, +das ist ihrer und unserer nicht würdig.« + +»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig nicht«, +entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne ich Sie vor einem übereilten +Schritt. Wir müssen Franziska schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem +Flüstern und schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund +zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug jetzt davon. Das +Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; freuen wir uns seiner, solang +es möglich ist, und profanieren wir es nicht durch Mißlaune und Sorge. +So faßt es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, je +unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je dankbarer auch. +Es schmeichelt ihr, in einem höhern Sinn, in einem Sinn von Reinheit, +Schönheit und Schmerzlosigkeit.« + +Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung und Zustimmung an. +Was so selten ist unter Männern, unter Menschen überhaupt, sie ließen +sich von der besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu +handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer zu verbergen. Bald +nachher nahm er Mantel und Hut und wanderte in die Wälder. Erst als es +dunkelte, kehrte er zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen +aufgehört. Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der Schimpanse +leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr sonores Lachen durch das +ganze Haus. Schon gegen sieben Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono, +und nahm ihren gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine +freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, die sie um den +Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. Hadwiger küßte ihr vor +Freude die Hand, als er sie so frisch, so gegenwärtig sah. + +Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht los werden. »Die +Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, meinte er, »das einen wie in +Schuld verstrickt. Vor Jahren hörte ich einmal von einem Mörder, in +dessen Zelle eine Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um +das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang mit +Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung zu dem verirrten Geschöpf, +das sich seinerseits an den Menschen still zu gewöhnen schien und kein +Verlangen äußerte, dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang +behütete der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor den Augen +des Wärters zu verbergen und wenn er die Schwalbe in der Hand hielt und +unter den Federn ihr klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung, +die der Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der Aufseher +den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe und tötete sie mit +einem einzigen rohen Griff. Der Häftling schrie auf wie ein Rasender, +stürzte sich blitzschnell auf den Mann und erdrosselte ihn. Diese +Begebenheit verfolgte mich mit denselben Gefühlen von Schuld und +Verantwortung.« + +»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen ist, auch wenn er +sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit zum Welt- und +Menschheitsganzen tief innerlich bewußt bleibt«, antwortete Borsati. + +»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel ausfiel, +erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter von mir in Brüssel hatte, +eine Art Philosoph, ein ziemlich verträumter und weltfremder Mensch«, +erzählte Lamberg. »Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei +einem Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen +spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß er beim +Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten pflegte. Ins Hotel +zurückgekehrt, legte er den Mantel ab und langte zuvor in die Tasche, um +ein Schnupftuch herauszunehmen. Er riß Mund und Augen vor Erstaunen auf, +als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft fand mit +Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, goldnen Uhren, Broschen, +Brillantnadeln, Halsketten, kurz, mit einer Reihe von Gegenständen, +deren Wert er trotz seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis +sechzigtausend Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an +Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt hatte, zog +er den Mantel wieder an und eilte neuerdings auf die Straße, um dem +Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein +dichtes Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine Erregung +zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, nach wenigen Minuten +spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles und Spitzentücher drinnen. +Ihm graute vor der Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein +Quartier, bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen +Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn vor der Türe +seines Zimmers anrief, sich legitimierte und sogleich ein Verhör begann. +Die Ratlosigkeit meines Vetters war jedoch so groß, daß an seiner +Unschuld von vornherein nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist +fand auch bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein +unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff gebracht, aus +dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. Der Stoff hatte für +dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren abgeliefert worden und die +dreizehnte wurde als Extraprofit dem ersten Besten verkauft, der eine +Reisekappe zu erstehen wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und +unfreiwilliger Hehler einer Bande von Taschendieben auf den Boulevards. +Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so hätte er durch bloßes +Spazierengehen in einer Woche Besitzer von unermeßlichen Schätzen werden +können.« + +»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte Borsati lachend. +»Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend bewiesen wird, daß Kleider +Leute machen.« + +»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern reden«, sagte +Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas sehr Bedeutsames in der +Rivalität zwischen Alexander und dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon +die Farben ein wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser +Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse deklamiert, die +er vorher verworfen hat, und wie er, durch den Beifall berauscht, +plötzlich sich selbst als den Schöpfer fühlt, enthält eine Wahrheit, die +zugleich rührend und grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der +eigenen Kraft gewiß sein.« + +»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, entgegnete Lamberg. +»Ich weiß nicht, ob ihr euch an den Fall jenes berühmten Schriftstellers +erinnert, der das Buch eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm +unter vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte und +nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, denn es war ihm +zumute, als ob er das Werk geschaffen hätte, da es ganz aus der Stimmung +seines Geistes war und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand +eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre waren +vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches gegenüber und forderte +Rechenschaft. Dieser Mann war eine Hyäne und sein Talent eine der +teuflischen Erfindungen der Natur, die unsern Glauben an die +Zweckmäßigkeit des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde +Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen, +untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen Kritiker und +Bearbeiter seiner Bücher auf und trieb ihn schließlich zum Selbstmord. +Über dem Grab des Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei +welchem die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet wurden und +die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam verfaulten.« + +»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche Chatterton das +Leben genommen, weil er beschuldigt worden war, die von ihm +veröffentlichten Balladen seien fremde Erzeugnisse, er habe die +Handschriften in einem Kloster gefunden und die Originale vernichtet. +Später hat sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und +Neidern verbreitete Anklage unbegründet war und daß der junge, erst +neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer Sicherheit den Ton +und Rhythmus der vergangenen Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine +Waffe gegen die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen sie. +Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem fremden fernen Land, +und sie tritt mit einer Diamantkette um den Hals in eine Gesellschaft +und man bezichtigt sie plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte, +und sie hat kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre +Beteuerung, -- so werdet ihr noch lange nicht in die Qual von Chattertons +Lage versetzt sein, denn im Lauf der Zeit wird die Frau ja doch +nachweisen können, daß der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte +dieses nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die Welt +überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen unter den schmutzigen +Wogen der Verleumdung. Sein inneres Feuer verlosch. Er war an der +Menschheit und an sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine +Stunde vor seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die +eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er sich genarrt +dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan hat und was mit ihm +geschehen ist. Vielleicht war ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie +einem jener sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen +und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation und an die +Zeit kettet und die ihre Seele verlieren müssen, weil kein Bruderauge +sie erkennt.« + +»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick in das +Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte Borsati. »Die großen Werke +werden hingenommen, als ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune +gespendet hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen nur +wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut so, aber im +allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig hin, und wo ein +außerordentlicher Mann persönlich auftritt, zeigt sich sofort das +Element der frechen Gemütlichkeit, selbst in der Verehrung, die man ihm +zollt. Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht einem +Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Dieses +instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen eigen.« + +»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete Lamberg, +»und nicht bloß die mittelmäßigen, deren Unzahl das Land allmählig in +eine Ablagerungsstätte von Makulatur verwandelt, sondern auch die +besseren Köpfe. Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis +verlassen, bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer +schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. In ihrem +sozialen Dasein fehlt das Bindende und Verantwortliche, und da muß eben +der Mann aus dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht +feindselig stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? Ein +Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, aber er war ein Dichter. Sein +Name war dem Bildungspöbel geläufig, nicht wegen seiner Leistungen, +sondern weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen +lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken verbrachte Existenz +eine für lustig geltende Herausforderung an den Bürger war. Der Alkohol +richtete ihn zu grunde. In einem italienischen Nest starb er eines +elenden Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, daß +sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt werden sollte; der +übrige Körper wurde an Ort und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine +tüchtige und entschlossene Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde +gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer Hutschachtel +und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. Dort mußte sie mehrere Stunden +auf den Zug warten, und sie begab sich in eine Kneipe, um ihr +Mittagessen einzunehmen. Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck +hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein Facchino und +trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die Schachtel vergessen. Nun saßen +in der elenden Osteria einige Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht +recht schlüssig werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen +sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich daran, +die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger Mensch das Haupt des +Dichters bei den Haaren in die Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf +die Tischplatte fallen. Alle sprangen empor und flohen in +abergläubischem Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die +Fensterscheiben, Mädchen und Frauen und viel Volk aus der Umgebung +strömte herzu und sie spürten ein verlockendes Grausen bei der +Betrachtung des Schädels, auf dessen wachsbleichem und melancholischem +Petroniusgesicht ein kaum bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.« + +»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht hören, und wenn +es passiert ist, erspart mir, darum zu wissen. Ach, wie machst du mich +schaudern, Georg! Das ist wie ein Fieberbild.« + +»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte Cajetan, »und +wenn sich auch unsere liebenswerte Dame entrüstet, hier ergreift mich +etwas gleich einem Menetekel. Wie ja oft im Hintergrund dieser +anscheinend schnurrigen und barocken Schicksale die tiefste Finsternis +gähnt und eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht +hätte ersinnen können.« + +»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit dem Kometen +Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg fort, und seine heitere Miene +versprach eine gutartige Wendung. + +»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer kleinen deutschen +Stadt, und zwar in einem sogenannten Familienhotel, eine Bezeichnung, +die schon allein seinen Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich +vor, die Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines Abends, +während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob er sich von seinem Sessel +und hielt mit dem Gesicht eines Totengräbers folgende ernste Rede: +»Meine Herrschaften, ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, des +Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord Lotterbeck ist, wie Sie +wissen, der bedeutendste Astronom der Gegenwart und Teleskopist an der +Licksternwarte. Hören Sie den Wortlaut des Telegramms: 'Komet Styriax +seit dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß mit +unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben Minuten. Ordne deine +Angelegenheiten, bereue deine Sünden, um zwölf Uhr acht Minuten bist du +nur noch ein Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand, +dein Cincinatti Lotterbeck.' Meine Herrschaften, es ist jetzt neun Uhr. +Sie haben noch drei Stunden sieben Minuten zu leben. Füllen Sie die +Galgenfrist mit dem kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle +ist es jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten die +erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; als aber zwei Herren, +es waren Freunde und Mitverschworene Paterners, Schmierenschauspieler +aus der Nachbarschaft, ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei: +Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, die Arme in die +Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig verzweifelt geberdeten, +daß sie dafür auf dem Theater mit Beifall überschüttet worden wären, +hatte es mit der Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen +zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße und kehrten +angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner Punsch bereitet, zum +Leichenschmaus, wie er sagte, und verteilte die Portionen aus der +gefüllten Terrine. Er verkündete, zwischen hundertachtzig Minuten und +hundertachtzig Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein +Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion wäre, die beiden +Schauspieler wußten auf eine raffinierte Weise die trockenen Gemüter in +Brand zu setzen, und nach kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den +Losgelassenen auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen brach +die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine Verwilderung, vor der +selbst ein Paterner schamrot wurde, wenngleich er alle schlimme Meinung +dadurch bestätigt fand, die sich über die Geknechteten der sozialen +Mittelschicht in ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete +ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond war von zwei +violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen zitterten vor der Drohung +der Natur, haltlos schwankten sie zwischen ihrem Jammer und dem +tierischen Entzücken über den Besitz einer wenn auch noch so kargen +Gegenwart. Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen stets +zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich selbst. Solche +Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien beobachten, im Kleinen +wie im Großen. Es ist als ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf +warte, daß die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer, +seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte genug +gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer Komödie war er nicht +gefaßt gewesen, und bis zum äußersten wollte er es nicht treiben. Er +erhob sein Glas und sprach: 'teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß +sich mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. Ich +erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall zu gratulieren. +Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie Sie die drei Stunden verwendet +haben würden. Ich wünsche eine angenehme Bettruhe.' Damit verbeugte er +sich und verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern +Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben sein.« + +»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. »Aber ich muß doch +gestehen, daß mir Figuren vom Schlag dieses Paterner unbehaglich sind. +Ich unterschreibe alles, was Georg vorhin über das schrullenhafte +solcher Leute geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als +Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man braucht deswegen +nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich sage mir, so lang der Deutsche in +seinen Künstlern immer noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere +Geisteskultur nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er ist +ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe der Nation, die +ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer einer gutmütig +zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. Die Deutschen haben keine +Ahnung, daß der echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für +eine verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel in den +meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe einer gewissen +blümeranten Literatur, in der noch heute jeder Maler ein Sammetröckchen, +eine fliegende Krawatte und einen Schlapphut trägt und auf seiner +Palette das Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, da +ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, die ganz +insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei eigentlich doch nur eine +Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. Welch ungeheure, ja tragische +Konflikte gerade bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches +ins Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. Ich +habe den Bericht von einem genauen Freund des einen und glaube für seine +Zuverlässigkeit bürgen zu können. Übrigens sprechen die Ereignisse für +sich selbst.« + +Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte die +Geschichte der beiden Maler. + + + + +Nimführ und Willenius + + +Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete, +war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil +über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum +blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten +aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem +geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer +sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines +Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen +sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge +der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste +Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges +Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur +bezwungen wurde. + +Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen +Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem +Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich +hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein +langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner, +greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen +Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten +Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb +rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages +war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er +sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er +mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren +primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu +verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen +nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur +als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen, +Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen. + +Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts. +Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons, +der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen +verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die +Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der +sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster +Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren +Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein +ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller +Nerven, das war die Existenz dieses Menschen. + +Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus. +Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll +aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser. +Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen, +sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus +Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben +könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er +von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es +vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus +einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die +Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt +der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich; +und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt +sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es +ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die +Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte +die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das +Verworfenste von allem: den Dilettantismus. + +Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs von +brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, die nun so verwegen +als selbstverständlich den tückisch verschleierten Halbtönen der Natur +Einheit und Glaubhaftigkeit verliehen, davon begriffen diejenigen +nichts, die von der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild +empfingen und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum erschien. +Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein Chaos ist, ein +Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß jenes Schauen, welches dem +Ungeformten eine Form abzwingt, der ungeistigen und toten Fülle durch +Abbreviatur und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und +heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder die Überwindung +eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte war die Natur; Feind und Geliebte +war, was Wirklichkeit hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen, +lügnerisch, schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes +unbesiegbar. Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge bohren, und +es durfte nicht die Epidermis beschädigen, während es das Geschäft des +Anatomen betrieb. + +Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit +gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt zu ziehen. Es hatte sich +ein reicher Kunstfreund für seine Produkte interessiert, der Verkauf +einiger Bilder sicherte ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein +geräumiges Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen +gedachte. + +Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte Willenius von einer +Ausstellung im Künstlerverein. Ein neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte +dort seine Arbeiten an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich +wunderliche Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer Insel im +Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie mit seinesgleichen verkehrt; +er sei unzugänglich wie der Dalailama und nähre sich bloß von Brot und +Äpfeln. Einige Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die +bengalische Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten +persönlich beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche +Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge verkündeten ihre +Begeisterung. + +Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die Bilder anzuschauen. +Erst schritt er langsam von Leinwand zu Leinwand, dann blieb er mit +hängenden Armen stehen, die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf +gierig vorgestreckt, die Lippe zitternd. + +Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; südliches Meer, und +am Strand nackte wilde Frauen; Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm +einer Palme lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels +und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles Leben in der +Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele und Symbol, alles in der +Farbe; keine Wirklichkeit mehr, nur Traum, und alle Wirklichkeit +hineingeschlüpft in den Traum, so daß es ein Spiel schien, die +Wiedergeburt einer Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des +Inner-Innersten, Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier, +Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe gefrorene Natur, +eine majestätische Synthese. + +Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den Verstand zu verlieren. +Nichts von Absicht auf Komposition und Wirkung, nirgends ein unreiner +Strich, ein Überbleibsel der Hand; keine Aufdringlichkeit der +Gegensätze, kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive. +Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender Verzicht auf +Hintergrund und Raumverhältnis geschehen, so daß der ungewohnte Blick es +lächerlich finden konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin +das Bild zu erfassen vermochte. + +Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere Nächte hindurch +schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Bekanntschaft +irgend eines Menschen zu machen; Nimführ zu sehen und zu sprechen war +jetzt sein ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, da er +täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem jungen Maler auf +Willenius aufmerksam gemacht, stellte sich ihm selbst vor. Er war ein +hünenhaft gebauter Mann, sehnig wie ein Lastträger, mit langem +gelblichem Gesicht, starken hohen Backenknochen und schütterem +Haarwuchs. + +Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr nachmittags begann +und um drei Uhr nachts in einer öden Vorstadtgasse endigte. Es war ein +zehnstündiges Einanderbelauern und -aushorchen. Die Sicherheit des +jüngeren Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere Künstler +kam aus den höchsten Regionen, wo nur die Eingeweihten sich durch +Geheimzeichen verstehen. Er kannte Willenius' Arbeiten; daß er sie +schätzte, eröffnete er nur mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die +von der Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend +daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein Monument. Nichts kam der +überlegenen Ruhe gleich, mit der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte. +»Die Menschen sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist +das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden wird, muß +man ihr schon mißtrauen.« + +Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für Tag einander trafen. +Den Silvesterabend verbrachte Nimführ in Willenius' Atelier, und als es +zwölf Uhr schlug, trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war +im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch zwei Jahre +ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann wolle er nach Mexiko +reisen. Willenius, vielfach angeregt durch die abendlichen +Unterhaltungen mit dem Freund, malte täglich acht bis neun Stunden. +Nimführ warnte ihn vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse +wollen gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer zu +schnell verdaut, zehrt ab.« + +Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das heißen? +Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war empfindlich wie alle in +sich selbst Verstrickten. Seine Liebe zu Nimführ, von Bewunderung und +Ehrfurcht gezeugt und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die +bloß unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit Angst und +Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu beobachten, der so herrisch +frei in seinem Bezirk waltete. Ihm waren Hand und Auge eins; was er +schuf, löste sich souverän vom Material; was er schaute, war sein +Eigentum. Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke reißen, bevor +sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war ein heimlicher Raub; er mußte +die Natur überlisten, beschleichen und verraten, denn sie gewährte ihm +von selber nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit wie vom +Paradies zur Hölle. + +Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem +Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu +grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die +Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier. +Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber +so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen +Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft. +Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher +machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit +seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund +zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel, +aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu +rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg, +und sei du froh, daß du fliegst.« + +Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus +seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose +Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über +den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel; +über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer +Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er +wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst +du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das +uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden +Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit +vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes +Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.« + +Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht. +Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu +fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell' ich mich +selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig +gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch +zeigen.« + +Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein +Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter +nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war +wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne +eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die +Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte, +hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte +Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen: +überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht +doch kein Pfad. + +So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt +hat; Eifersucht -- Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von +Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der +Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt, +von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das +Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich +gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der +Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl +er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse, +schamlos und kalt. + +Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes +Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter +dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer +niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd +mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet +roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren +Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau, +Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen +befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von +sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über +dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns +hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer +wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten, +der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend +darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des +Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und +mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht +gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in +fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er +den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der +tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen +menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob. + +Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er +wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in +äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und +Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas, +das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein +mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor +Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und +Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es +wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein +anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen +und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein +Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private +Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich +erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund +gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, -- dieser Antipode, +dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das +verkörperte böse Gewissen. + +Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des +Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte, +hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe +Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und +wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte +er lieben, bewundern -- und kämpfen. + +Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des +Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem +Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst +eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm +unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden +wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den +Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen +niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot +des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer +unreifer Zustände gerungen hatte. + +Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das +nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und +erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ +schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er +fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine +Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius +atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste +ihn. + +Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück, +neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander, +lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm +die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte +er voll Argwohn. + +Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem +Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er +eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus +wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er +kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher +Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild, +ich hab's gleich gemerkt.« + +Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte: +Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen +mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm +zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen +konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er +diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung +aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens +satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es +satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus +Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze +Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht +erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in +seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe +aus wie Blut. + +Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn +gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen +Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle +fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung, +Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er +appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie +alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und +jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich +bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als +Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da +versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im +Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als +die Wege der Stümper --?« + +Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich +verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und +Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem +Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene +Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische +lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser +wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner +Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer +aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und +machte die Türe nicht lauter zu als sonst. + +Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen +war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein, +und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf +einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden +Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er +das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke +Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann +mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die +Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er +planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm +Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der +Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf +und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum. +Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die +schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen +Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein, +nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und +phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich +verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner +eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem +Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit +bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein +weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese +führten ihn zur Stadt. + +Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er +gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich +versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes +schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen +schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen +ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten +Himmel. + +»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt +hat?« fragte der Arzt draußen. + +Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit: +»Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit +einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte +seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen +will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.« + +Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch +unschuldige Menschen und reine Farben gab. + + + + +Herr de Landa und Peter Hannibal Meier + + +Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten sich die Freunde +hauptsächlich über die Hochwassergefahr. »Schade, wenn wir +gezwungenermaßen hier bleiben müßten, da wir es freiwillig doch so gerne +tun,« meinte Cajetan; »doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz +zufrieden, und kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung +der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.« + +Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke über die +Geschichte von Nimführ und Willenius ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte +Borsati, »daß in den Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch +die Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, die beiden.« + +»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon oft +konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied zwischen +Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius ist eine Ding-Natur, +trotz seines wunderbaren Talents. Ja, ich möchte ihn fast einen +Fetischisten nennen. Ich habe mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz +ähnlich veranlagt waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle +bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm borgen wollte. Das +Verhältnis zum Ding geht oft ins Sonderbare. Ich kannte einen +Lokomotivführer, der sich fest einbildete, seine Maschine scheue an +einer bestimmten Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer +Peitsche und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie und +lief ohne Stockung weiter.« + +»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte Franziska, +»und war völlig hingenommen von der Vorstellung, das glühende Eisen, das +sich unterm Hammer krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken, +die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.« + +»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines willensbegabten +Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in der Schweiz lebte ein Bauer, +von dem behauptet wurde, er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er +sich verpflichtet, kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen auf +der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein Mädchen aus einem +lichterloh brennenden Haus, ohne daß ein Haar auf seinem Haupt versengt +wurde. Da geschah es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne +küßte. Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt über einen +Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte ihn der Schwindel, er +wankte, er stürzte herab, unterhalb der Steinwand brannte ein großes +Feuer, er stürzte mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.« + +»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer Existenz irgendwie +teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch nie aufgefallen, wie rasch ein +Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer abbröckelt, wenn die Besitzer +gestorben sind? und es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die +Erhaltung verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät für +die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich von einem +verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit ist dafür nur ein +Wort, das wenig besagt.« + +Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort: +verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer und Sorgen kund.« + +»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte Borsati lächelnd. +»Einer meiner Bekannten hatte einen äußerst mageren Spitz. Eines Tages +wurde der Mensch krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab +wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer fetter, und +als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier eher einem Mastschwein +als einem Hund.« + +»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern schweizerischen +Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum Verhängnis wurde«, ergriff +Lamberg das Wort. + + +»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen Gütlers liebte. +Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei der Heimkehr von einem +Schützenfest, wo er den Preis errungen hatte, das stolze Mädchen sich +ihm zuneigte. In der Nacht, während er in ihrer Kammer weilte, brach auf +dem Hof, wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen +beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt waren. +Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes Betragen bestärkte den Verdacht, +den seine Abwesenheit erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer +gelegt zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo er die +Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld gezweifelt. Aber +er wollte den Ruf seiner Geliebten schonen, er wußte, wie sehr sie die +üble Nachrede fürchtete und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen +hätte. Seine Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber +verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, wo das Feuer +entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren Kerker verurteilt. Er konnte +es kaum glauben, daß ihm dies geschehen, denn er war ein Mensch von +angeborener Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter +besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. Er saß nun im +Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung war, daß die Feuersbrunst +auf eine natürliche Ursache werde zurückgeführt werden können. Dies +geschah nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, vom +bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah auch nicht. Und +schließlich wagte er zu denken, daß die stolze Bauerntochter Mitleid +verspüren würde, daß sie so viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden +wollen, daß sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah am +allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam er als gebrochener +Mensch in das heimatliche Dorf und die erste Neuigkeit, die man ihm +mitteilte, war, daß seine Geliebte unterdessen längst geheiratet und +auch schon zwei Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in +Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat das Haus der +Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und sie ihn fragte, was er +begehre, denn sie erkannte ihn nicht, da überwältigte es ihn und mit +gehobenen Fäusten schritt er auf sie los. In dem Augenblick trat das +älteste Kind, ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen +die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff den +Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: schau ihn dir an. Und er sah, +daß der Knabe ihm ähnlich war an Gesicht und Haar und Augen und daß er +auf der Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend kehrte er +um und verließ das Haus. Von der Stunde ab war es aber um die Ruhe der +Bäuerin geschehen, sie konnte den Blick ihres ehemaligen Liebhabers +nicht vergessen. Haus und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging +einen schiefen Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer +mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein Jahr vergangen +war, lief von Brasilien aus ein Brief an die Gerichtsbehörde, worin die +seltsame Frau nicht etwa ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich +bezichtigte, daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht +keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer Tat, die sie +aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und Erregung erklärte, mit solcher +Genauigkeit an, daß man ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den +man gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden, +und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung entdeckt werden.« + + +»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie ist mir +unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife ich. Hat sie den +Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht lang lieben? Schämte sie sich +seiner? Und ist selbst dann eine solche Grausamkeit möglich? Unter +Bauern ist man doch sonst nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend +bedacht.« + +»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet man +zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, eine außerordentliche +Strenge der Lebensführung auch unter Bauern. Da ist dann ein ehernes +Festhalten an uralten Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter +Formen, der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und es läßt +sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, starr und +konservativ bis zum Äußersten, wie eben nur Frauen zu sein vermögen, +wenn sie einmal eine Überzeugung in sich tragen, daß ein solches Mädchen +ihr Glück und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle nicht +daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, daß sie ihm ihre +Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und darnach fand sie sich vielleicht +so gedemütigt, so heruntergezerrt, daß ihr keine Sühne groß genug +erschien für den Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange des +Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der Mutter.« + +»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die Frau anders zu +betrachten,« versetzte Franziska sinnend. »Freilich kann man alles das +aus den Geschehnissen heraushören, wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt +und möchten das Deutliche gleich überdeutlich, -- wir Frauen nämlich«, +fügte sie entschuldigend hinzu. + +»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt hat«, fuhr +Lamberg fort, »und das Zusammenleben muß etwas Beängstigendes für ihn +gehabt haben. In dieser Sphäre sprechen sich die Menschen schwer +gegeneinander aus, und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit +ihnen.« + +»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, wie sie +unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht geeignet, das Leben zu +erleichtern«, wandte Cajetan ein. »Stillschweigen führt wenigstens zu +Entscheidungen, das viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt +eine gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. Dies +ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche Ehen gibt. +Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern mit Vergnügen im Element +des Wortes, im Mann ist Sehnsucht nach Stummheit.« + +»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau haben,« sagte +Franziska. »So hats der Graf von Gleichen gehalten, aber ich will darauf +schwören, daß die stumme öfter gesprochen und die redende öfter +geschwiegen hat als ihm lieb war.« + +»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest ist mir ein +Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe stattgefunden hat und im +lautersten Frieden durch viele Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle +eigener Art, und es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den +Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet. + + +Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte in einem Villenort +nahe der Stadt ein vornehmes Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet, +die Ehe, aus der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche +genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen ruhigen, +gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens ging Herr de Landa im +Garten spazieren, und als er an das Gitter kam, das das +Nachbargrundstück von dem seinen trennte, sah er drüben eine junge +schöne Person, die seinem ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine +Erkundigung wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein +Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem Alter +eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter sei. Herr de Landa wandelte +nun täglich zu der Stelle, wo er das Fräulein zuerst gewahrt, es war +Sommer, das schöne Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen +Grüßen wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die Wege des +Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen erleichterte die +Zusammenkunft; Herr de Landa brachte Bücher, das Fräulein Josepha las +sie, Herr de Landa bot sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu +Anfang des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß seine +Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte sich einen +Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr de Landa, daß er seine +Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. Das Mädchen war sehr +bekümmert; nicht als ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte, +im Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, obwohl er +um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in ihrer Redlichkeit sträubte +sie sich dagegen, die Zerstörerin seines häuslichen Glücks zu sein, der +Frau den Gatten, den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein, +was du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin +an dir und den Deinen werden. Herr de Landa war jedoch ein zu gerader +Mensch, um das Zwieträchtige und Unbefriedigende eines solchen +Verhältnisses dauernd ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete +sein Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge stünden. +Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das Schlimme nahen gefühlt; +sie schwieg eine Weile, endlich sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich +mich nicht von dir, das kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber +nicht ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will mit +meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem Dach zu +wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht von diesem Vorschlag, er +verbarg seine Bewegung und ging ohne zu antworten hinweg. Seine +Verwunderung wuchs, als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt +war, als er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte +sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, begab sie sich zu +Frau de Landa, war betroffen von deren Güte und von einer Seelengröße +erobert, der sie nur durch Nacheiferung danken zu können glaubte. Der +Pakt war alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe +Schwierigkeit, -- Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, die +Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa mehr der Erziehung der +Söhne widmete. Es gibt keine Leidenschaft, über die sich nicht endlich +das Grau der Alltäglichkeit breitete; was anfangs abenteuerlich, ja +gefährlich erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des +Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit verdrängt, +und so friedensvoll fügten sich die beiden Frauen in ihrem Wandel und in +ihren Gepflogenheiten ineinander, daß sie Abend für Abend in demselben +Zimmer an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche +ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft gegangen war +oder sich auf Reisen befand und den sie in all ihren Regungen, in Worten +und Gedanken treu begleiteten. Auch die Söhne nahmen die Ordnung des +Hauses als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten sie +wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren verflossen, da starb Herr +de Landa eines plötzlichen Todes. Als die schmerzlichen Tage der ersten +Trauer vorüber waren und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen +über deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren Sohn +zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im Besitz gehabt, +und sagte, er möge nun nach seinem eigenen Ermessen darüber schalten, +sie erwarte seine Befehle. Der junge Mann wußte nichts zu antworten, +aber Frau de Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie +Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es bleibt alles beim +Alten. Und so führten die zwei Frauen ihr bisheriges Leben weiter, saßen +wie vorher bei der abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«, +der nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, von dem, +was er getan und was er gesprochen und wie mancher Charakterzug in den +Söhnen an ihn gemahne. Sie verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie +waren wie zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe +unverbrüchlich aneinander gebunden waren.« + + +Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich das Eheleben +des historischen oder vielmehr sagenhaften Grafen von Gleichen ziemlich +jammervoll gedacht. »Ich sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt +sich aus, welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der älteren +Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes Haar aneinander, das +Schloß wird für den Grafen der ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und +vielleicht wandert er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um +vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich bekehrt, lieber +Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften so famose Leute waren wie diese +de Landas, muß ich mich meiner Skepsis schämen.« + +»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht Frau de Landa doch +eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte Franziska. »Ich kann mich ja in +keine der beiden Frauen versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die +Lockung, die für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns +viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib ist darin noch +nicht so materiell wie der zarteste Mann.« + +»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg Vinzenz, »das läßt +nur darauf schließen, daß du die Männer besser kennst. Ich gebe zu, daß +der Mann die Sinnlichkeit sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer +befindet er sich im Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und +Verschnörkelung ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein muß. +Überhaupt, -- die Männer, die Frauen, was heißt das? Ich kann mit den +Generalbegriffen nach dem Muster französischer Maximen-Sammlungen nichts +anfangen. Der Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.« + +»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska an Borsati, »an die +Geschichte eines gewissen Meier, der auch mit zwei Frauen lebte und der +so stolz auf seinen Sohn war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte? +Der Sohn aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und die Frau, +ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, hatte den Mann aus +Liebe hintergangen. Erinnerst du dich? Wir hörten die Geschichte vor +Jahren, als ich in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.« + +Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In der +Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand damit beweisen, +daß der moralische Geist des gegenwärtigen deutschen Bürgertums +gebrochen sei, und ich hatte beim besten Willen nichts anderes finden +können als daß ein aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert +worden war. + + +Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler und Besserwisser, +unverträglich wie ein Hamster und boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte +einen wohlhabenden Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn +ein für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit einem +netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. Peter Hannibal +Meier mißgönnte dem Vetter Julius das hübsche Frauenzimmer und entschloß +sich, sie ihm wegzuschnappen. Die gute Cilly, das war der Name des +Mädchens, wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers geblendet und +erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres Los als an der Seite des +biedern und bescheidenen Vetter Julius. Kurz nach der Hochzeit +entwickelte Peter Hannibal der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr, +daß er sich sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon zu +einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen Staatsmann, einen +Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und einen Superintendenten darunter. +»Wir gründen ein neues Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und +in dreißig oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort +einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen Regierungsrat +Meier geben; also spute dich, Cilly; du mußt nur wollen; wenn man +ernstlich will, kann einem nichts mißlingen.« Der Frau war es nicht +recht behaglich zumut, sie erkannte, daß der schwierigere Teil der +Aufgabe ihren Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der +liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren könne, ein +Argument, das Peter Hannibal geringschätzig abtat. »Ich bin mir selber +lieber Gott genug«, sagte er frech; »tue du deine Pflicht und laß den +lieben Gott zufrieden.« Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner +Zuversicht getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte sich; er +fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er fragte bitter, wann +sich die Gnädige endlich zu entschließen gedenke, und als zwei Jahre um +waren, verließ ihn die Geduld vollends, er jagte die alte häßliche +Köchin, die im Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches, +dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin wurde, während +Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück durch ihre +Dienstleistungen erhöhen mußte. Wieder vergingen viele Monate, ohne daß +sich Peter Hannibals Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen +faulenzte er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen Bismarck zu +politisieren, dessen geschworener Feind er war, und auch sonst die +Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das Kaufmannsgeschäft, das er +betrieb, brachte nichts ein, und er ging damit um, andere Quellen des +Reichtums zu finden. So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die +Hände, der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, in +dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen erwerben könne und +das für einen Spottpreis zu haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so +lecker er auf den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen +und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, richtete +er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. Er befahl seiner erschrockenen +Frau, zu dem ehemaligen Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu +bitten. Als sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu +lassen, und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde +vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. »Woher weißt +du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« fragte die geängstete und +gekränkte Frau, die sich selbst darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie +verstummte jedoch demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter +Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels stimmte ihn +geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, den Jungfernkranz +aus dem Freischütz. Cilly trat den sauern Gang an. Als es Abend wurde, +brachte sie die gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem +vergötterten Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige Wochen +später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem freudigen Ereignis +entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen war, erblickte Karl Theodor, +der erste Meier, das Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die +Glückwünsche seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem +siegreichen Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum mit einer +Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas so Wunderbares vollendet +hätte. Die Magd verlor an Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr +die Tugenden seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert und +neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen und schlich durch +das Haus wie Jemand, der die Ursache eines Brandgeruchs sucht. Peter +Hannibal kaufte das Stück Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag +stundenlang, in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen Boden +umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso stolz wie als Vater eines +verheißungsvollen Sprößlings. Die junge Magd wob indessen ihre Pläne. +Sie wußte Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle +von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, daß sie aus +Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung des Schweigens und des +Schlafes der Frau ihren Verdacht bald genug bestätigt fand. Nun begann +sie ihre Wissenschaft den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt und +geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, aber Peter Hannibal +steckte in seinem Dünkel und seiner Selbstverhimmelung wie in einem +unverletzbaren Panzer, er hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu +dem giftigen Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft +stets zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich +verschwistern, zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte geraume +Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im ersten Ausbruch der +Raserei zerschlug er in der Küche die Töpfe und Teller. Die Magd, unter +dem Vorwand, ihn zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die +Versicherung, daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen Gerüchte +sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock an, nahm eine +Hundspeitsche und begab sich zu Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter +Julius auf seinem Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle +stürmte. Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles +Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein gewichster +Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen mächtigen Lärm, und er +fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche so unbequem vor der Nase herum, +daß dieser lammfromme Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es +wäre ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte Cilly +bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor sich stehen sah, +dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, Ohnmacht und +Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß wie heißer Wein zu Kopf; er +vergaß Rücksicht und geleistetes Versprechen, er erinnerte sich nur der +niedergetretenen und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren Worten +stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er das Zimmer. Peter +Hannibal starrte wie geschlagen vor sich hin. Trotz des strömenden +Regens wanderte er zu seinem Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz +und quer gleich Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis +floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang darnieder, treu +gepflegt von Cilly und der jungen Magd. Als er das Bett wieder verlassen +konnte, zeigte er ein schweigsames und geheimnisvolles Betragen und +erschien wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen +vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; es handelte +sich gleichsam um die falsche Buchung auf einem Kontokorrent; ein Posten +war auf Soll geschrieben worden, der von rechtswegen auf Haben stehen +mußte. Lange erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue +Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit der +Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt wollte er eine +Zeitung gründen. Alle diese unruhigen Ideen hatten ein und dasselbe +Ziel. Da ereignete es sich, daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung +bisher nur von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten +Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag beschlossen +wurde und daß Peter Hannibals Grundstück wider Erwarten im Werte stieg. +Es handelte sich keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst +geträumt, doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er löste. An +einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock mit weißer Kravatte, +ein rundes Hütchen auf dem Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete +den elastischen Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«, +redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, an der +Legitimität meiner ehelichen und väterlichen Umstände Zweifel +auszusprechen, die --« -- »Zweifel?« unterbrach ihn Vetter Julius +verwundert, »Zweifel waren es durchaus nicht --« -- »Bitte schön«, fuhr +Peter Hannibal schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber +nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. Deine +Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen wie Butter in +der Pfanne. Was kannst du mir abstreiten? was kannst du mir beweisen? +Kannst du mir beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut +fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein eines +Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit hast du mich +vorübergehend irre machen können, die Zukunft kannst du mir nicht +rauben, die speist an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich +bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin gekommen, um +deine materiellen Ansprüche zu befriedigen und meine idealen gegen +fernere Ränke sicher zu stellen.« Damit entnahm Peter Hannibal seiner +Brieftasche sieben Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm +und dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine +spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen Hauptes. +Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund nach. Er ergriff einen der +Scheine, hielt ihn gegen das Licht und schüttelte den Kopf. Plötzlich +aber brach er in ein dröhnendes Gelächter aus, das ihm den Atem +versetzte und ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst als er +ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken hatte, milderte sich +die erstickende Heiterkeit. Auch in den nächsten Tagen passierte es ihm +noch zu öfteren Malen, daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein +ernsthaftes Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem +unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes zwischen +die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen bildet den Stolz der +Großen. Peter Hannibal spürte eine so wohltuende Wonne in seiner Brust, +daß er in einem Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand, +das der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um die Ohren +dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter Hannibal, »Lorbeer muß +dabei sein; Schwein und Lorbeer, das gehört zusammen.« Mit seiner +angenehmen Last kam er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor +stand, ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten Augen. +Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen Kopf und erschien mit +strahlendem Gesicht vor den beiden Frauen, das Schwein in der Linken, +den Sohn an der Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die +Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal die Gitarre von +der Wand und sang mit empfindsam tremolierender Stimme das Lied vom +Jungfernkranz. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor +er schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und habe sie +traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal Meier braucht die +Menschen nicht, er ist sich selber genug.« + + + + +Begegnung + + +»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte Franziska; »warum, +kann ich eigentlich kaum erklären.« + +»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung dermaßen anwächst, daß +sie die eigene Schwäche für Kraft erklärt und die Armseligkeit für +Würde«, entgegnete Borsati. + +»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat eine spitze Nase +und einen Mund mit feuchten, schmatzenden Lippen. Er schlenkert beim +Gehen die Füße nach auswärts, und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen +schimpft er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt +kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt ein Wollhemd mit +einer angebundenen Chemisette, und seine Großmannsucht verhindert ihn +nicht, vor reichen Leuten zu scharwenzeln.« + +»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus gelten zu lassen,« +fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen Wesen Unrecht tun. Gerade +Fleiß, Tüchtigkeit und selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland +haben so mächtig werden lassen.« + +»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es weht eine Luft +von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, die einem die Brust +beklemmt. Man ist so stolz auf das Erworbene, so sicher des Besitzes, so +fest in Meinungen, so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in +Profitwirtschaft, so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen die +Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort dafür scheint. +Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines Enthusiasten und eines +Träumers genießen, jetzt begnügt er sich mit dem eines in allen Sätteln +gerechten Praktikus. Nur ein innerlich freies Volk kann die Last +nationaler Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne Einbuße +an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist aber nicht frei; er ist +in so mannigfacher Beziehung gebunden, daß selbst die wenigen großen +Politiker, die die Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten +oder als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer +Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl formlos, sein +bürgerliches borniert und sein monarchisches servil wirkt. Bei einer +feudalen Familie in der Provinz hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als +Gast angesagt. Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des +Schlosses und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend +Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß und trank, jagte +und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem er der Hausfrau die Hand +geküßt, äußerte er: 'Ich habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und +was mich besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.' Dabei +war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der fürstliche Besuch +verursacht hatte, vollständig ruiniert. In England wäre dergleichen +nicht denkbar. Dort weiß der Geringste im Volk, was ihm der Herrscher +schuldet, und der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er +leben darf.« + +»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, erwiderte +Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat und Figur, seinem Handeln +Gewicht und Relief. Er ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen +anzugehören, das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche +Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die wir oder die +der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch bezeichnen. Was für +köstliche Sonderlinge! Da ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen +durch ganz Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um den Ort +nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; er ernährte die mageren +seiner Frauen nur mit Milchspeisen, die fetten nur mit Säuren. Ein Lord +Sandys lachte in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester +Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war so unwissend, daß er +einem Geistlichen namens Mathäus Decker ein großes Legat vermachte, weil +er glaubte, dieser habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord +Mountford berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, ob +seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein Wort, das weiß +ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. Lord Lovat sperrte zwei +Dienstboten, die ohne seine Bewilligung geheiratet hatten, mit den +Worten: »ihr sollt aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen +Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, hatte die +Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen zu halten. Sein +Sohn, der schon geraume Zeit mündig war und seinen eignen Kopf hatte, +fand oft für gut, nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch +herumtreiben wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete ihn stets +als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden Tag mit unbeweglichem +Ernst, Lord Herbert zum Essen zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er +mit fünfundsiebzig Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht. +Abends durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung eine +Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der Stunde, wo er zur Nacht +speiste. Einst geschah es, daß sie die Frist nicht einhielt. Als sie +nach Mitternacht erschien und sich voll Angst entschuldigen wollte, +unterbrach er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine +Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn Uhr, setzen wir +uns zu Tisch.« Unter den drakonischen Gesetzen, die in seinem Hause +galten, wurde am nachdrücklichsten das eine ausgeübt, daß jeder +Bediente, der sich betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter +Lakai, der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen, +ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich auf die Nachsicht +verließ, die in gewissen Fällen vorhandene Dinge als nicht vorhanden +ignorierte. Einmal hatte er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord +durch die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der nicht bloß +bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich nicht mehr auf den +Beinen halten konnte. Mylord näherte sich ihm und sagte: »Armer Bursche, +was fehlt dir? Du scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott +behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu Bett und holt +den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat zu erteilen, denn seine +Herrlichkeit war im Haus oberste Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu +vollziehen. Er mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein +gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken kleben und ein +tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die Behandlung nach einigen Tagen +gewirkt und der alte Sünder so bleich und mager zum Vorschein kam, wie +wenn er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der Lord zu: +»O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am Leben zu sehen. Du kannst +von Glück sagen, daß du so glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich +nicht zufällig vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst +du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem Finger drohend +hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert ist auch eine +Geschichte über den wunderlichen Lord Beckford. Lord Beckford empfing +niemals Besuche und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks +waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden fabelhafte +und die Neugier aufregende Dinge über den Luxus berichtet, mit dem sein +Haus eingerichtet sei. Einen jungen Dandy plagte die Neugier so sehr, +daß er in der Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen +ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den Lord gebracht, +der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte und sich ihm beim +Abschied auf das verbindlichste empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann +nach Hause eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und +niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren mußte und +sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, Lord Beckford ließe ihn +ersuchen, so hinauszugehen wie er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch +half, er mußte sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie +auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften +Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach diesem verbotenen +Paradies.« + +»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; »weder das +Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch das Weltmännische sind +deutsch. Dagegen zeichnet sich das deutsche Wesen durch einen Reichtum +an Gemütsbeziehungen aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten +unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur die Glücksgunst +fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches zu wirken. Irgendwie haftet +der Deutsche noch in verstörter Welt und bildloser Finsternis und der +tätige, in Heiterkeit gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner +Wiege erwürgt worden.« + +»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte Lamberg, »muß +man vorzüglich unter den Edelleuten des achtzehnten Jahrhunderts Umschau +halten. Wie in einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen, +sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, in +einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches geleistet hätten. +Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. Aber vielleicht ruht gerade im Leben +der Dunklen und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und ihre +Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, bereiten die +Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag der Geschichte geschlagen +werden, und ihr geheimnishaftes Einzelweben ist voll von der Bestimmung +des Ganzen, so wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt. +Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne aus Gräbern die +Schatten der Toten zu beschwören, heute, wo jede Zwiebel für eine +Ananas gelten will und das Herzgold unter den Füßen des Pöbels +zertrampelt wird.« + +»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog nehmen dürfen, ich +wünsche sehr, daß Sie uns das Bild zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan. + +»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe von Notizen +gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie aber erst noch ordnen, und +morgen bin ich bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu +spät.« + +Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen verriet keine +Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. Borsati, Hadwiger und +Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen Behausung auf. Draußen im Freien +jubelten sie, -- der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre. +Freilich war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch strahlte +wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und traumhaft funkelte der +Neuschnee von den Häuptern der Berge. + +Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, sie am folgenden +Morgen zu einem Spazierweg abholen zu dürfen, falls es nicht regnete. +Zwar blieb der Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller +Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte sie zum Fluß +hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, die überschwemmten +Straßen, entwurzelten Bäume, verlassenen Häuser und Hütten und konnten +sich lange nicht von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten +losreißen, auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken und Bretter, +Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, lehnte sich Franziska matt +auf Hadwigers Arm. Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für +sie hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll +Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne Nein und ohne Ja,« +sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, das will ich nicht ergründen. +Ich kann es nicht ergründen, weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin +ich gehe. Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen mehr +schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich dich habe, das +darfst du mir glauben.« Er schwieg, und er schwieg so, daß Franziska +seine Hand ergriff und küßte. + +Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über ihr Gesicht. +Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst sahen seine Augen ohne +Teilnahme und ohne Ziel in die Ferne, dann erkannte er Franziska, und +über seine an Beherrschung sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich +eine Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs endlose +Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. Hierauf sagte Franziska +rasch, daß sie seit einigen Tagen hier sei, daß sie ihm schreiben +gewollt, daß es aber bei dem Vorsatz geblieben sei, vielleicht des +schlechten Wetters wegen, das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht +habe. Mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber +schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche und gütige +Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald ging er an ihrer Rechten, +und es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem niemand hätte +anhören können, daß es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger +verwunderte sich im stillen; für ihn klang dies alles wie +Schauspielerei; maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit +und Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung und +an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle er Franziska verlieren, als +beginne sie schon jetzt in eine fremde Region zu schreiten; er hätte sie +auf die Arme heben und forttragen mögen. + +Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie dort anlangten, +verließen Lamberg, Borsati und Cajetan das Haus. Cajetan eilte auf den +Fürsten zu, um ihn zu begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska +vorgestellt. Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen erzählt, +die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen Wunsch aus, den zum +Preis gesetzten Spiegel sehen zu dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer +und vor den goldenen Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung +anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz für +nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine Zusage. + +Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen Eifersucht gegen +Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte den Dienst aufgekündigt. Er oder +ich, hatte Emil ausgerufen, und Lamberg hatte wider alle Gebote der +Menschenliebe erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht in +die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon und schnappte nach +Fliegen. Er trug rote Hosen und eine blaue Jacke mit silbernen Knöpfen, +an denen er beständig zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener +und Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte man mit +Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein Zauberer. Es hat den +Herrn verhext. Die Köchin: Passen Sie auf, es wird noch ein schlechtes +Ende nehmen. Emil: Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem +Kopf und frißt mir die Haare weg, als ob's Gras wäre. Na, ich gehe eben, +man hat seine Würde. Die Köchin: Ach Gott! Daß es so weit mit den +Menschen gekommen ist. Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe +das Regiment führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit +weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer schiefen +Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt angebrochen ist. + +Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in einem der oberen +Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus nicht jene kühle +Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen Leuten befremdend und vorsichtig +stimmt. Seltsam, daß man keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem +alten Mann zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes seiner +Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, und die +Galanterie, die er gegen Franziska an den Tag legte, war ohne alle +Phrase, herzlich und delikat. Schon dies gewann ihm die Zuneigung der +Freunde, und im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren +Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, und von +seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung und Unruhe. + +Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den Hinterfüßen, +eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, wobei seine Miene die +kritische Besorgnis zeigte, die er seinem Herrn abgeguckt; er fing +Nüsse, die ihm zugeworfen wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde +fielen. Als das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg möge +doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend verheißen, sie +verspreche sich etwas Besonderes davon. Lamberg sah etwas verlegen +drein, aber da die Freunde ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst +sich in bescheidener Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft +mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges habe ich mir +aufgeschrieben und werde es lesen; es ist wie eine Chronik zu +betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis erzähle, ist nur die Verbindung +zwischen diesen Teilen.« + +Und er begann. + + + + +Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz + + +Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um Schlesien stritt, +blühte dortselbst noch das alte und angesehene Geschlecht derer von +Promnitz. Seit jenem Balthasar Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau, +der außer Pleß, der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau +und Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die Familie zum +höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, als sie schon ein +Haupthort des Protestantismus war, besaß sie auch Peterswalde, +Kreppelhof, Drehna und Wetschau, lauter große Gemarkungen mit +umfangreichem Ackerland und ausgedehnten Wäldern. + +Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als Kind für einen +ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein Vater, der sächsische +Kabinettsminister, einen förmlichen Hof hielt mit Jagdpagen, +Kammerhusaren, Zwergen und einer Leibgarde von hundert bärenmützigen +Riesen, gab er die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch, +verstockt, gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt es kein +Spielgenosse bei ihm aus. + +Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins Collobella +und seines herrnhutischen Erziehers von Wrech einen Ausflug nach dem +ländlichen und entlegenen Peterswalde. Die Collobella war eine immer +noch muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig Jahren aus +Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe zur Familie Promnitz +evangelisch geworden war. Ihr war das heimliche und heimtückische Gemüt +des Knaben ein Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit +Vorwürfen und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem starrte der +zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, und so oft die Collobella +einen ihrer frivolen Witze losließ, zuckte er zusammen wie ein Fisch, +wenn man mit dem Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten +machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende prophezeite, +lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von Wrech anbelangt, so huldigte er +wohl äußerlich den Grundsätzen seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter +Gewand mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur de +Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich war er ein Genüßling +und erwartete sehnsüchtig den Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche +europäische Tournee antreten durfte. + +In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand sich eine kleine +Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von Wrech Siesta hielten, +streunte Erdmann durch die verödeten und vernachlässigten Räume und +gelangte schließlich in jenes Kapellchen, in dem ein Bild, welches über +dem Altar hing, seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach +angetan, kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte ein +übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen lassen. Es +stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall dar, beide natürlich +splitternackt, das Weib mächtig dick, den Apfel hinhaltend, und Adam +halb weggewendet, als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich +vom Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel ein +kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und mochte die Kopie nach +dem guten Werk eines süddeutschen Meisters sein. + +Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher und +harmloser Beschauer. Zunächst schämte er sich vor der unanständigen +Nacktheit der beiden Personagen derart, daß ihm der Schweiß bei den +Haarwurzeln herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, kam +es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem Triumph schaute er in +das Gesicht der Eva und auf den Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu +sich selber: von daher stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so +schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen hab' ich immer +ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche Mahlzeit verzehrt +habe. Ich merke schon, worauf das hinauswill mit den Zweien, dachte er +voll Haß; dieses fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild +beschwatzen; jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt weiß +ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für ein Narr und Dummkopf +gewesen, du Menschenvater Adam! + +Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. Da erschallte +ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es war die Collobella. Wütend +schritt er auf sie zu und fuhr sie an: »Geht nur allein zurück nach +Sorau, ihr beiden, ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das +Luderleben nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. Meine Mutter +ist unglücklich, das weiß ich längst; längst weiß ich, daß mein Vater +sie mit Huren betrügt. Mein Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen +sollen, denn was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an. +Insonderheit die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher +Haubenstock.« + +Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte Herrn von Wrech zur +Hilfe herbei. Aber Erdmann war schon wieder in seine Schweigsamkeit +versunken. Nur weigerte er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen. +Der Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte er im +Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, so gibts ein +Leben, wogegen das des heiligen Antonius eine babylonische Orgie war. +Und er beschloß, der Sache von innen her beizukommen. + +Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als er vernahm, sein +unfroher Sprößling wolle nicht mehr an den Hof zurück. »Laßt nur den +Hamster«, sagte er zur Collobella, »der wird schon wieder nach unserer +besetzten Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann +kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte zu ihm fahren, wenn +sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte die Gräfin auch ihre eigenen, +nicht sehr erbaulichen Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in +ungeschminkter Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der es +vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und jeden Monat einmal in +Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher zu inspizieren. Er +schweifwedelte vor dem Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb +ein Witzbold von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne zu +tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor nicht vertrug, +erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer Hof das Verslein in Umlauf +gebracht wurde: Herr von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo +beim Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, erstlich +wegen der schwarzen Kleidung, die er zu tragen pflegte, und dann wegen +seines schwarzen Geistes. + +Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für blöde zu nehmen, da +in diesem eckigen Schädel im Verfluß der Jahre ein paar Augen erwachten, +welche die Glut eines Jakobiners und die Melancholie einer Nonne +enthielten. Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen +ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer scheinheiligen Duldung, +ihm die Welt lecker zu machen. + +Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke des +Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne Kreatur keines Glückes +teilhaftig werden, da sie von Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe +auch das Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern +genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich entzog. Eine so +rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß den Herrnhuter, und er berief +sich auf das Erlösungswerk Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der +Junker bewies ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit +siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge gewachsen sei, +daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung nur mit einem allgemeinen +Untergang enden könne. Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb +näselnd, halb singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn: + + »Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn, + Alles würd' von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt. + Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es täglich herrlicher, + Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch beschützt.« + +Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte triumphierend den +Schluß hinzu: + + »Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han, + Dann wirds bös mit uns aussehn, übel wird es mit uns gehn.« + +Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, der glatte +Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter der Frömmigkeit +verschanzte, daß seine heimliche Verräterei nicht zu merken war, und der +plumpe Jüngling mit dem dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden +Profil eines traurigen Schafes. + +Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen Stunden +beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es darauf hinaus, daß er +eine Eva malte; diese Eva trug ein züchtiges Gewand; sie streckte den +Arm lüstern nach den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen, +und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von sträflichen Begierden +erfüllte Weib. + +Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, der darnach +angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, der jetzt zwanzig Jahre alt +geworden war, vollends zu verdüstern. Die Gräfin Callenberg, seine +Tante, eine sechzigjährige Messalina, die die Gesellschaft der +Mannsleute noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen mehr +Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen ihres Geschlechts, +hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen namens Lefevre, aus +gemeiner Eifersucht bei Wasser und Brot in einem Verließ ihres Schlosses +eingemauert. Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem +Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. Die +entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen sie im Bett, banden sie mit +Stricken, warfen sie auf einen Leiterwagen und brachten sie nach Neiße, +wo sie vor Verdruß und Zorn alsbald der Schlag rührte. + +Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses in solche Trübsal, +daß Herr von Wrech um seine Gesundheit besorgt wurde; dazu kam, daß auch +seine Mutter um jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte +es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen und jeden +Abend auf die Knie stürzte und in tiefer Schwermut ausrief: »O Gott, laß +mich ohne Schuld! bewahre mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste +und gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und gab dem +gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn auf Reisen senden +müsse, wenn er ihn vor verderblicher Geistesfäulnis zu bewahren wünsche. +Der Graf war's zufrieden und befahl, daß Erdmann in Begleitung des +Herrnhuters nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein Widerpart +möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter Sanftmut. »Ich will +doch sehen«, sagte er, »ob eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll +nicht heißen, daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich +klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach einem andern +Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf wie das Dach einer Köhlerhütte +und nach andern Menschen, denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die +Verba auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat früher ein +Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit ist bis zu den Mongolen. +Gefangen sind wir, und können nicht aus noch ein.« + +Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald nach dem galanten +Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein genialischer Kopf, Junker«, +antwortete er; »entweder werdet ihr ein großer General wie Prinz Eugen, +oder ihr sterbt philosophisch wie Diogenes in einem Faß.« + +Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem Erzieher und +Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man sich damals ausdrückte, und wo +es allerwegen hoch herging mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen, +königlichen Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern. +Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit Anstand sein +Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch benahm er sich oft recht +sonderbar, und sein Wesen erregte die Spottlust der französischen Herren +und Damen. Eines Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini, +das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod verurteilt worden +war, auf dem Greveplatz hingerichtet. Sie hatten einen dreizehnjährigen +Sohn, der gut gestaltet war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und +trotz seiner Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater Furore +gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den Übermut meines Vaters zu +büßen, sagte der arme Knabe zu denen, die ihn ermahnten, seine +schreckliche Lage in Geduld zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen +Erdmann zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der Hinrichtung +seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen würde, ließ er sich bei +der Dame einführen und erschien gerade, als man dem Knaben Hut und +Mantel abnahm und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile +trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, der junge +Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu tanzen. Der Knabe war in +Verzweiflung, aber dem Wunsch der mächtigen Persönlichkeit mußte +willfahrt werden, und so tanzte Jean Concini, ein jammervolles +Schauspiel, während das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß. +Dies empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling beiseite, +unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja wissensdurstig, und es +berührte ihn eigentümlich, als ihm der Knabe im Verlauf des Gesprächs +bebend gestand, seine höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren. +Graf Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen Hallenser +Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und bat, er solle den Knaben +zu einem dortigen Professor geben und ihn auf seine Kosten für die +Universität vorbereiten lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte +er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung seines +ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung auf den +erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, und dieser Name verblieb dem +jungen Menschen, dem es beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in +das Leben seines Beschützers einzugreifen. + +Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung des deutschen Grafen +Gefallen, und sie zeigte ihm recht offensichtlich, daß es ihr nicht +unwillkommen sei, wenn er dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines +Abends behielt sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst +lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, denn er +glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, endlich wurde sie des +salbungsvollen Geschwätzes satt. Da schlüpfte eine Zofe ins Gemach und +überreichte der Herrin einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett +gelesen hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön war +und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was gibt es denn?« fragte +Graf Erdmann, dessen Sinne sich langsam zu umnebeln begannen, und da er +sich nicht getraute, das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen +Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne Zange, mit der man das +Holz ins Feuer tat, und wollte sich auf solche Art des Papiers +versichern. Die Dame schrie auf und schickte ihn halb lachend, halb +zornig von dannen. Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor +schritt, trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant auf +ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, und verstellte +ihm mit Woher, Wohin, wes Namens und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb +die Antworten nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog +vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, ein Schrei, ein +Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich am Boden. Im Nu war das Haus +lebendig, Mägde, Diener, Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und +das ganze Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz des +Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen Prinzen +Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von Hautfort erschien selbst, +und in ihrer Angst beschwor sie den Grafen, auf der Stelle zu fliehen, +denn diese Tat werde schrecklich bestraft. + +Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche zierliche Gestalt, +dachte er, den Toten anstarrend, welch anmutige Züge! Das Blut, langsam +fließend wie Oel, benetzte seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde +abgeführt, und am andern Morgen saß er in der Bastille. + +Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich Verbündete und +Freunde genug, um eine nicht gar zu wachsame Behörde zu hintergehen. Mit +Hülfe eines bestochenen Aufsehers wurde der Gefangene von einem +waghalsigen Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang durch den +Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um seinen Leib und zerrte ihn +durch den Schornstein aufs Dach. Von hier war der Weg vorbereitet; an +einer Straßenecke warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis, +daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern erschöpft, neben +dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten ein feierlicher Leichenzug +vorüberging. Erdmann fragte den Schlotfeger, wer da begraben würde, und +die Antwort war, es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell +erstochen worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen Kavalkade +und seiner und seines Führers rußgeschwärzter Erscheinung auf dem Dach +ihm ein Gefühl grausiger Komik erweckte, sei es, daß die beengte und +schuldbewußte Brust sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte, +genug, Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, das auf +keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die Leute aufmerksam. Um die +Gefahr abzuwenden, packte der athletisch starke Schornsteinfeger den +Grafen, den der Lachkrampf überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn +wie ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin hinein und +ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte der Junker, ob er mochte +oder nicht, Arme und Beine spreizen, und er gelangte neuerdings in sein +Gefängnis. Er streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert. +Er weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. Erst am +achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm mitteilte, man habe sich +an den König August gewandt, damit er bei der Majestät von Frankreich +Fürbitte tue, auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu Paris, +der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken werde. + +»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf Erdmann trübsinnig. + +»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. Der Graf +antwortete nicht. + +Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei Hofe vor, das +Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache schon in Vergessenheit, +Promnitzsches Geld tat ein übriges, und zu Ende Mai reiste Erdmann heim +nach Peterswalde. Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben. +Tagelang ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und tötete +alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine Art von Raubschütze +zog er weit über die Grenzen seines Gebiets, und er durfte von Glück +sagen, daß die Förster und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht +kannten, ihn mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau große +Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden ersetzen. + +Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis Herr von Wrech, der +sich die betrübtesten Gedanken machte, den Junker zur Rede stellte. Da +setzte Graf Erdmann dem Herrnhuter auseinander, daß nach seiner +Überzeugung alle Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für +begangene Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« fügte er +düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.« + +Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte Antwort +hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, so hoch wie gotische Spitzbögen: +»Verzeiht, Euer Gnaden, aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen, +daß Ihr, wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser spielen +wollt.« + +»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; »so seid Ihr wie +ein Windhund, der keine Spur halten kann. Was er aus dem Auge verliert, +ist dahin.« Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr der Graf +fort, mehr für sich redend als für den Andern: »Und ist eine Seele +sündenlos geworden, so brech' ich den Zauber. Denn es könnte sein, daß +eine dahinirret und irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene, +eine Himmelsstumme, eine Gefährtin. Die will ich finden, die will ich +erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der erschrockene Herr +von Wrech schaudernd aus dem Zimmer und bekreuzigte sich, als er vor der +Türe war. + +Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß durch die Wälder +stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, den er meilenweit verfolgte. +Plötzlich tat sich eine Lichtung auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner +Weiher lag. Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade +aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, den schwarzseidenen +Mantel darüber, von einer Dienerin begleitet, nach dem Waldhaus am Rande +der Lichtung schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet, +trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den Verfolger im Rücken +wissend, machte er Miene, die Wehrlosen anzugreifen. Das schöne Mädchen +schrie angstvoll auf, bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in +Wurzelwerk und knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das +in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, Erdmann +hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. Der Graf stieg vom Pferd, +und als er bei dem Mädchen angelangt war, sank sie dem schwermütigen +blassen Retter, vor Erregung schluchzend, an die Brust. + +Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft Beuthen +geraten war, die dem Grafen Carolath gehörte; das Mädchen war die junge +Gräfin Caroline, Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde +heimgekehrt, erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen +geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. Es fröstelte ihn +in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren Malen nach Beuthen, er wurde mit +der jungen Gräfin vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten +nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien mit der +Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er konnte, scheinbar +widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig ließ er sich lieben, +scheinbar mit Angst sah er den Bund besiegelt, für jede Liebkosung +glaubte er sühnen zu müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war, +beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und schon im +Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert. + +Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz eines Abends +allein auf abgehetztem Gaul auf sein Gut Triebel geritten kam, in die +Vorhalle stürzte, die Türen verrammeln ließ und sich zitternd in den +oberen Gemächern verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten +das Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren +drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden Lakaien des +Grafen, dessen junges Weib der lüsterne Alte tags zuvor entehrt hatte. +Die wilde Horde eilte die Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des +gräflichen Schlafzimmers, und mit flachen Säbeln bläuten sie so +unbarmherzig auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den Folgen +der erlittenen Verletzungen starb. + +Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, wegen denen Graf +Erdmann die Chroniken zur Hand genommen hatte; er las sonst nur +Kochbücher und hatte davon eine große Sammlung, in Maroquin gebunden +und mit Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch +vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, über seinen +Gemütszustand zu täuschen. + +Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit hatte das +Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn mehr. War Erdmann nicht +mit der Kraft versehen, über so viele tausend Untertanen und ihre +Verhältnisse, ja, nur über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt +anzumaßen, die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem Manne +verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht als Herrn, weil sie +seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt waren? Und er, begriff er bei +der Huldigung, daß so viele ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter +die Beamten in respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn +standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und Plebanus, die +Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien beim Konsistorio, die +geheimen und offenbaren Schreiber, die Amtspfänder, Stallmeister, +Rendanten, Küchenverweser, Förster, Jagdpagen, Bürgermeister, +Stadtrichter, Senatoren, Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient --? + +Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er war doch der +große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel und Erde, Sühnebettler, +Liebesbettler. Und wieder täuschte er, indem er sein wahres Wesen durch +Habsucht verhüllte und auf nichts anderes erpicht schien als auf den +reinen Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten die +Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer sich die Füße +wund laufen, die wilden Schweine den Fronbauern die Ernte verwüsten, -- +er war der Herr des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild +für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert und erjagt« +hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, zu menschenhaft. + +Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem Gemahl beschaffen +war. Als ein lebenslustiges Geschöpf war sie in die Ehe getreten und +hing an dem Mann mit großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu +haben, sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei den +Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott wie durch widerrufende +Verordnungen. Freilich hatte sie wenig Talent zur Hauswirtin, besser +verstand sie sich auf Geselligkeit und heitre Gespräche, auf +Unterhaltung mit gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die +Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles wohlbestellt. +Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er beleidigte Caroline, wenn +sie nur den kleinsten Fehler beging, und ihre Schwächen bauschte er zu +Lastern auf. Er würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich +ihm opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute +Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, was hab +ich vom Leben und Lieben, vom Mann und vom Weib gelernt und gelitten! +Wie oft bin ich mir inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die +Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! und liebte ihn! und +wurde verachtet! und sah seine Gier nach Erlösung und sah, daß er sich +hätte erlösen können, wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab. +Gott, wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen, +verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? weshalb ruht sein Blick oft +so fremd und fragend auf mir? als wartete er, etwas zu empfangen, was +ich nicht besitze. Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist +immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er ist immer umwölkt, +immer in Groll, immer in Melancholie, immer mißtrauisch, immer verzagt +und hat kein Auge, um die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch +einmal im Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt +stille.« + +Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und Graf Erdmann +erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. Bittere Worte flogen +hin und her, sie gruben einander die Brust auf, denn was so die rechte +Zwietracht und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig +einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger als die Hölle. Der +Graf wollte einige von seinem Vorfahr der Stadt und den Dörfern +verliehenen Rechte wieder einziehen und setzte zum Verdruß der Bürger +einen ungerechten Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein +mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline haßte den +duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im Hause weilte und durch +Flur und Gemächer schlich wie der lautlose Unfried; auch darüber wuchs +der Streit. Erdmann lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und +wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, so daß die +Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen oder tun sollte. Sie machte +ihm Vorwürfe, erst sanft, dann leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit +gegen sie rührte sie bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all +ihre Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer geben, +wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche Frau ertrüge es, daß +ein Mann sich zum Herrn und Verächter der Menschheit aufwirft und den +Willen Gottes erkannt zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß ein +anschmiegendes Herz zertritt? + +Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, das war es. Einen +Engel glauben, und nur die Eva finden, die Listige, die Überlisterin, +das hübschgestaltete Fleisch, von schlauer Grazie bewegt, das wurmte +ihn, verfinsterte ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau +seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr zufügte, fügte er +sich selber zu, aber er ward dessen nicht inne. Einst bei der +Mittagstafel beschimpfte er die Frau gröblich, weil eine Speise, die +gereicht wurde, verdorben war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich +erstaunt vor sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige +Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ das Gemach; an +der Schwelle konnte sie sich nicht mehr halten und weinte laut. Die +Gäste verabschiedeten sich bald, Graf Erdmann trieb sich in finstrer +Laune in den Wäldern herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine +Bibel und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende Stille +wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift brannte wie Feuer in +seinem Geist und ungefähr gegen Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen +in der Hand tragend, in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett +und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig wie ein +Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den dunklen Augenspalten glänzte +Feuchtigkeit. Da beugte sich Erdmann und berührte mit seinen Lippen +ihren Mund; und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und +blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken an. +Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres Bewußtseins, sein +seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, als hätte ihn die Frau nur +fangen und ertappen wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich +gehöhnt, genarrt und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie +aus dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und im Flur des +Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an die Wand und schlug im +Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, schaudernd vor Entsetzen, erhob sich +und flüchtete gegen die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde +anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. Da machte +sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in der Finsternis, koppelte die +Hunde los und fand ihre Spur, und als er sie im Hemde, wie sie war, +ohnmächtig neben einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und +blieb bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug er sie ins +Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich schmiegte sich ihr Haar um +seinen Hals, ihre Arme hingen schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner +gegen seines, das von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem +Schmerz erfüllt war. + +Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin die Scheidung durch, +Erdmann tat, als ob er damit zufrieden sei, und das Gericht zu Oppeln +bestätigte sie wegen unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was +anhängig«. Bis zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine +Klosterfrau, und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen Tags +auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. Erdmann Promnitz aber +wurde von der Stunde ab, wo sich die Gräfin von ihm trennte, immer +unruhiger und wilder. Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer +und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag war kaum +hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, und fragte ihn einer +seiner Vettern, was er treibe, so antwortete er, scharf skandierend: +»Essen, trinken, schlafen, sehen und hören.« Schreckliche Träume +zerrütteten sein Gemüt; war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er +den Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man eines Morgens +Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, -- er hatte von der Tafel einen +halben Fisch in seine Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig +aufgewacht, hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte +erstickt, -- da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, wo er fremd +sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben konnte. Gegen eine Leibrente +von zwölftausend Talern vergab er all seinen Besitz an verwandte +Geschlechter, und nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen +Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in die weite +Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte. + +Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen Hans Kosmisch, den +er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet hatte und der inzwischen ein +höchst gelehrter junger Mann geworden war, bei welchem das Promnitzsche +Geld einmal fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem Gönner +an, ihn nach England zu dem großen Astronomen Herschel zu schicken. Dies +gewährte der Graf, stattete ihn reichlich aus und versprach zudem, daß +er ihm nach seiner Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine +Sternwarte einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte er sich als +Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs Schüsseln zu Mittag, +freier Equipage und freier Jagd. + +Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline wiederzusehen, die +in der Nähe der Stadt Merseburg lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu +empfangen. Er fuhr in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das +Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück und eines +Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, in dem die Gräfin +Caroline wohnte, und schaute lange zu den Fenstern empor, und ging +endlich hinein und erfuhr von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben +war und daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann +Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne sich zu rühren. Sodann +ging er in den Merseburger Ratskeller und trank dreiundeinhalb Tage lang +ununterbrochen Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen +bleichen Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das Verslied +Numero eintausendachtzehn zu singen: + + »Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ + auf Erden stehn, bibi! + alles würd' von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am + Kreuz ererbt, bibi!« + +Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und er ließ den +hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die Straße setzen. + +Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine Residenz zuerst in +Kehl, dann in Straßburg auf. Er war allen Menschen unheimlich; in einer +Nacht wurde er in Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden +Strolchen überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug er die +ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte ihn, warum er, der +doch so stark sei, immer furchtsam und gedrückt scheine. Er erwiderte: +»So ist es nun einmal. Ich kann mich und euch gegen jedermann in Schutz +nehmen, nur nicht gegen mich selbst.« + +Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige Leute seines +Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, der finstere und +ausschweifende deutsche Graf werde von der Erinnerung an eine Übeltat +gequält. Als er davon erfuhr, lachte er und sagte: »Man unterschätzt +mich; ein Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die +Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er das Gespräch +auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, aber wenn sie sich +dann nach ihrer Weise geäußert hatten, ging er unzufrieden von ihnen +hinweg, setzte sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige +Lieder und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. Zwei Jahre +hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über die Pyrenäen nach Spanien. +Zu Valladolid sprach er mit den Gelehrten der Universität lateinisch, +und in Escurial unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik, +und in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann fuhr er +übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der Wüste, nicht in den +bunten Städten der Mauren, reiste nach Malta, lebte in Syrakus, dann in +Rom, durchwanderte die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen +einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal in den Schriften des +Professors Kant und des Herrn von Voltaire, ein andermal im heiligen +Augustinus oder in einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der +Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und träumend schritt +er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer Eile ließ er seine +Kutsche über die Landstraße donnern, als ob der Teufel hinter ihm her +wäre. Bei Tag wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte +er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht verfaltet, seine +Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an Glut der Rastlosigkeit noch zu. +Zehn Jahre, fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn +das Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große und kleine +Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter und dem Abgrund des +Todes zu, aber sie greifen auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit: +Gram und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen. + +Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch einen großen +Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, an das verzogene Antlitz des +hingerichteten Symmachus erinnert wurde. Die Augen starrten greulich, +die Lippe war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König überkam +das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ sich mit Decken +verhüllen, beweinte den Frevel und starb kurz darauf in tiefem Schmerz. +Für den Grafen Erdmann war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher +Fischkopf. In gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein +schlankes Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß er +hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, bist du bei Leichen +gelegen?« + +In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, der nun über +sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. Nachdem er von England +zurückgekehrt war, hatte ihm sein Beschützer fünftausend Dukaten für den +Ankauf eines Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem +sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm zugeworfenen +Menschenkind zu willen zu sein und damit einer Wissenschaft zu dienen, +die ihm unverständlich war wie das Hebräische und gespensterhaft wie das +Grauen auf dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen +entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer +Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich einer am Feuerwerk +der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; mit dem Manne muß ich reden. + +Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach Peterswalde zog. Eines +Nachmittags im Juni polterte sein Reisewagen durch die halbverfallene +Schloßpforte. Die Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein +müder Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile erschien +Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, doch ohne Perücke. Er +war ein kleiner Mann, der ungeachtet der herannahenden Fünfzig noch +immer knabenhaft aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers +hatte; sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen +Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn und Gönner gewahrte, +so abgerissen, wüst und fahl, zwei Orden auf der Brust, den Anzug +ausgefranst, mit suchenden Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr +verhehlend, da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte er +sich tief. + +Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit genommen, und +als es dämmerte, verließen sie die Stube und setzten sich auf eine +uralte Steinbank im Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte +Hans Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller wurde, machte +er ihm den Vorschlag, das Observatorium zu besuchen. Der Alte willigte +schweigend ein, Hans Kosmisch nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die +Wendeltreppe des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube des +Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf die Plattform; in einem +rundlichen Bretterhaus daselbst befand sich das Teleskop. + +»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich bestirnt hat«, +sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch zu Ehren, wie mir scheint.« + +Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ sich auf ein +Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt zurück. Es war ein Ausruhen +in dieser Bewegung, und sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte +er damit dem Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte +Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein Schauder der +Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es fügt sich oft, daß ein +Mensch erst vor einem zufälligen Schauspiel, das seine zerstückte +Aufmerksamkeit zur Sammlung zwingt, eines Weges, eines Willens, eines +Traumes, ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne wird. +Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht den Blick nach oben +gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden Arm brauchen, um sich +von der verworrenen Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die +Zeitgefangenen, die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte des Herrn, +die Ewiggeplagten, die Erdmänner. + +Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete das Herz des +Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, sagte er endlich. »Was für +einem kuriosem Metier hast du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für +Nacht und beguckst den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein wenig +ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch Trauer glitzernd wie +das Lächeln eines Kranken, wenn der Arzt auf die Schwelle tritt. + +»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans Kosmisch; »ist +auch nicht gar so bequem. Das Begucken allein tuts nicht. Da heißt es +rechnen und aberrechnen, die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die +Zahlen tyrannisieren den Kopf.« + +»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle die Mägde küßte, +wie die Altvordern sagten,« murmelte der Graf gedankenvoll vor sich hin. +»Und was ist das für ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du +ihn zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln im +Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in der Falle? Zeig ihn mir, +deinen Kometen.« + +»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete der Astronom +mit seiner italienisch runden Stimme, »auch erscheint er erst zwischen +zwei und drei Uhr nachts im Bild der Kassiopeia.« + +»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf ihren schläfrigen +Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, will ich Trübsal benannt werden.« + +»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit zu Gesicht«, +fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem Lehrernst fort. + +»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau wissen?« + +»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch Willkür scheint, +läßt sich berechnen, und durch das Teleskop läßt sich vieles sehen, was +in der Himmelsschwärze versunken ist.« Der Astronom wies auf das +Fernrohr, und als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben +für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das Mondhorn, das +gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines fernen Waldes tief gegen den +Horizont sank. Der Graf schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück. + +»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, »doch Ihr +werdet Euch bald gewöhnen.« + +Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, sagte er; +»oder sind es wahrhaftige Berge, die ich da sehe?« + +»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, eine gestorbene +Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht, +die Schatten sind Sonnenschatten --« + +»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? Und was ist +das für ein dunkler Fleck, seitlich vom hellen, grau wie Katzenfell --?« + +»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser Erdball wirft die +umgrenzte Finsternis dorthin.« + +»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es ist also keine +leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, mit ihren Ländern und Meeren +und Flüssen und Städten und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so +eine schwimmende Kugel wie die dort?« + +»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den kleinen, Euer +Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier am Himmelsbogen funkelt, +das ist jedes für sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr +auf einem von den Sternen weilen, so würden die andern und unser +irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh euer Auge ergötzen. +Das geschliffene Glas da löst euch den weißen Strom der Milchstraße zu +Punkten auf, und jeder Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen +Erden, und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen durch den +Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut empor, und zur selben +Frist entstehen Welten und vergehen Welten, schwingen sich Monde um ihre +Muttergestirne, stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine +Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. Richtet +Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden Stern zwei Hand +breit von der Deichsel des Wagens. Dieses Sternes Licht braucht +dreitausend Jahre, um zu Euch zu gelangen.« + +»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd wie ein Kind, dem +es gruselt. + +»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit etwas, das vor +dreitausend Jahren war, und wäret Ihr imstande, hinaufzufliegen, so +könntet Ihr, auf die Erde rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von +Folge zu Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren dahier +begeben hat.« + +Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,« +antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen +bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan, +aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein +Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung +älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...« + +»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit +listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben, +sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht +betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt +verschuldet.« + +Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte +empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine +Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich +weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein +Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir +zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den +Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig +bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?« + +Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit. +Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen, +und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar +und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich. +Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im +Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt +Schuld. Sündenschuld -- Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans +Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust, +»wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne +wohlgefällig ist?« + +Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art +fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von +einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt +seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem +Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer. +Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.« + +Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach +Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten +Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger, +milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses +Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen +Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren +stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter, +kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und +gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei +alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im +Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn +entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt +zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet. + +Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht, +sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine +Traumvision festzuhalten bemüht ist, -- ein über alle Worte erhaben +schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen, +unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es +fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar +umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger +Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild. +Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste +Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte +über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich +schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies +war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter +Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der +Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen +und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als +winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch, +irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und +als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten +und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber +prangten die triumphierenden Worte: + + #Ad astra.# + + + + +Franziskas Erzählung + + +Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von +dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die +Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien. +Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute +geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann +ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet, +warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der +schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung +ihr Weinen zu ersticken suchte. + +Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er +schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz +lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?« + +Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn +anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du +eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich +selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst. +Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich, +wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene +Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen +vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder +Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen: +es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.« + +Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen, +und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich +an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum +erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen, +dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt +nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein +Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch +kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was +wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis +zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem +eigentlich.« + +»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die +aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende +Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr +mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde; +ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper +war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir +erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die +Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und +nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz, +oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich +zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu +klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.« + +Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse +zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte, +die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können, +weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit +beeinträchtigen würde. + +Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder +neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat +gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die +Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen +Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem +rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein +Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die +Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer +auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder +Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die +Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier +sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da +ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ +sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung +oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren +Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um +sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter +den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des +Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der +für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben +geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche +Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem +schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts, +eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte +die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen, +ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten. + +Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe. +Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es +und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder +sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das +rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und +wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare +Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb +der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu +deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, -- als +ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten +hindorren müsse. + +Er wurde zur Gestalt. + +Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat, +gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt. +Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden +hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu +erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges +Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild. +Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale, +ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren +dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war +dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz +auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am +Finger. + +Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte einen Klumpfuß, +und seltsam, gerade dieser Körperfehler war es, der in ihr das Gefühl +der Identität bestärkte. So wird ja oft ein Gleichnis eben durch das +Unerwartete zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte +Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese einander gegenüber +standen. Franziska hatte natürlich schon von Riccardo Troyer gehört, von +seinem Reichtum, von seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine +verführerische Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann fast wie +ein Prophet und nicht wie ein Reisender und Fremdling von unbekannter +Herkunft. All das bedeutete ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier +empfunden. + +Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es kaum. Sie +spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und von unwiderstehlicher +Gewalt Umschlungene. Es verlangte sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und +sie ersuchte die Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den +folgenden Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich in dem +Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, daß ihr Auge sie +nicht im geringsten betrogen hatte. Besonders wenn er den Blick +emporgeschlagen auf sie heftete, hatte sie Mühe, den Lebendigen von +seinem gemalten Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in +höchstem Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die unheimliche +Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg. + +Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute ihm +grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. Sie riß sich von allem +los, was sie kettete, von Menschen und von Dingen. Nachdem es +beschlossen war, daß sie mit ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie +zum letzten Mal den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg +aufhielten, war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den +Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff das +Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte und gab sie, in einer +ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis eines Zusammentreffens, und das Jahr, +das sie als Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen +Schicksalen zum voraus beschwert. + +In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt auf. Was sie an +Schmuck und barem Geld besaß, gab sie Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer +mitnehmen, ein Mädchen, das ihr seit langem sehr ergeben war, doch +Riccardo engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin +und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem Anlaß über +Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte Hingebung machte ihn +stutzig. Man ist fester an eine Sklavin gefesselt als an eine Geliebte. +Sie zu ernüchtern, fand er schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er +Übung darin besaß, Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. Er +war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, kein +Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer Schule. Seit zwanzig +Jahren zog er als Rattenfänger durch die Städte. Er hatte seine Agenten, +seine Herolde, seine bezahlten Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und +Kupplerinnen von den untersten bis in die obersten Schichten der +Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend wie die +eines Mannes der großen Politik, und meisterhaft war seine +Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, andererseits zu verbergen. +Er war fein und verschlagen, seine Menschenkenntnis war das Resultat der +Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen Literaten. Er +betörte durch eine vornehme und hintergründige Schweigsamkeit, durch +blendende Einfälle, durch eine edelgehaltene Melancholie. Was er trieb, +war Raub, Plünderung, Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn +der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph des Gesetzes +anwendbar war, da sie das Opfer in eine Schuldige und den Verbrecher +beinahe in einen Helden verwandelte. Sein Metier forderte von ihm +nichts, als daß er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig +Jahre wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, der +in stürmischen Erlebnissen gereift ist. + +Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, nichts +von seinem Charakter, nichts von seinem Leben, nicht, woher er stammte. +Der, den sie liebte, war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An +ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung und +übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte einer Fata morgana +des Herzens. Die Lust jedes Herzens ist Aufschwung. Einmal in jedem +Dasein erreicht das Herz seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden +eingeschläfert, war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre der großen +Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es der geknebelte Dämon, rasch +ehe der Tod der Jugend ihn ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung +getan. Der Sturz war gräßlich. + +Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, daß keine seiner +Künste ihm irgend welchen Vorschub bei ihr geleistet hatte, zerbrach +sich den Kopf über die Gründe ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war +es so leicht gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu +enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun Hilflose +preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres Jagdrevier zu +suchen. Mit Franziska lag der Fall umgekehrt. Sie betrachtete ihn +manchmal mit Blicken, als ob sie sich an einen wende, der hinter ihm +stand. Unwillkürlich suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die +Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was ihm je begegnet +war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut verließ. Der Nebel vor +ihren Augen zerstreute sich, es kam ein quälendes Besinnen und +Verwundern: bin ich es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit +beklagenswerter Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum +unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie einer sicheren +Verheißung; es wurde heller, glühender, wirkender in der Erinnerung, +sie klammerte sich daran als an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und +keine List, keine Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das +Geheimnis entreißen. + +Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, die sie ihm +entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre Verschlossenheit nicht. +Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten Augen weckten in ihm das böse +Gewissen. Um jeden Preis wollte er erfahren, was es damit für eine +Bewandnis hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn nicht, +auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, nur Hülle, Phantom. Der +Betrüger fühlte sich betrogen, der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er +sie von seiner Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich +war, bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen hing. +Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben tiefer sank als er +zu sinken wähnte, unter sich selbst hinab, daß sie es war, die ihn dazu +trieb, und ihre Verzweiflung war namenlos. Er wurde roh; er wurde +pöbelhaft. Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel war +es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von ihm zu trennen. Seine +grünen Augen erloschen für einen Moment. Es ist gut, antwortete er und +ging. Am selben Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach +Turin gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes bis zu +seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit ohnehin +benommen, willigte Franziska ein. Riccardo übergab ihr eine Kassette zur +Aufbewahrung, die mit den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er +nach drei Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den +Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da sie es forderte, +begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte den Schrank auf und griff +nach der Kassette. Die Sinne vergingen ihr; das Kästchen war so leicht, +daß sie sofort wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? was +war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die Wohnung nicht +verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte sie ihm die Kassette. +Riccardo blickte sie mit großen, starren Augen an, deren Brauen immer +höher wurden. Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein +Schlüsselchen aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; die +Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die Hände vor die Brust +und lehnte sich wortlos gegen die Wand. Indessen begab sich Riccardo +leise pfeifend ins andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie +vernichtet in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf und +packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, stammelte sie. +Er lachte ihr ins Gesicht. Seine Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich +für gewillt, meinen Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?« +fragte er höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, denkst +du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem Gut verhälfe? Gibt +es einen Weg, so bin ich Manns genug, ihn zu finden. Immerhin steht die +Sache so«, fuhr er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine +den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das Zehnfache übersteigt; +es handelt sich um eine Millionensumme. Ich bin ruiniert. Wundere dich +also nicht, wenn ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest, +und so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze sind.« +Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht aus diesen Worten; sie +entgegnete nichts; die Erstarrung ihres Herzens verhinderte sie am +Weinen. Ehe der Tag zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur +Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an Bord eines +Schiffes, das nach Marseille fuhr. + +Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem Haus außerhalb der +Stadt, in dem es bei Tage friedlich herging, aber in der Nacht kamen +Herren aus der Stadt und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel. +Riccardo mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt +wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne emporstieg, saß er allein +und überzählte gleichmütig seinen Gewinnst. Oft vernahm Franziska in +ihrem Gemach heiser streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens +zu mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag ein junger +Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der Gartenmauer, und sie sah, wie +seine Genossen ihn zu einem Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein +andermal hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie sich +seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte sich. Er riß sie +mit teuflischer Kraft vom Lager herunter und hob den Arm gegen sie. Sie +lächelte todessüchtig vor sich hin. In diesem Augenblick war die +Erkenntnis, daß die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals +empfunden, sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer als +alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. Sie tat ein +prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem Gesicht hinunter. Ihr +Anblick machte die Wüstlinge stutzig. Madame ist krank, hieß es, und +Riccardo raste, als sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache +führte er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien des +Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu sein er sie zwang. Eines +Nachts verließen sie fluchtartig diese Hölle und wandten sich nach +Paris. Er schleppte sie in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte +mit Menschen sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er +wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie in den +Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, weil er sich nicht von +ihr lösen konnte. Er genoß ihre Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel, +wenn sie neben einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände +faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er ihr auch die +ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, die in finsterer Kammer ihren +Anbeter erwartet hat und dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet; +sage mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören, +mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet hast, und ich gehe +meiner Wege, denn es wurmt mich schon, daß du mich so nackt gemacht +hast.« So redete er zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner +Existenz verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer +erniedrigen zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige und +furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit erschien ihr wie einem +Verbrecher die makellose Jugend erscheint. Sie war eines Entschlusses +nicht mehr fähig. Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat. +Vieler Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift; +einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit oder +Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem Nachtmar ihrer Seele; +sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet und ganz in seiner Gewalt. + +Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten das Auge leuchtete, +das sie verlockt, das Antlitz, das sie beglückt. Gab sie das Geheimnis +preis, so war sie selbst leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine +verschwunden waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es geschah +aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo erlauschte es. +Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner Brust. Es war als wollte er sie +auseinanderreißen, um es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus +dem Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese Zeit +nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa an der +bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. Und einmal fuhr er mit +ihr in einem Boot auf dem Meer; es kam ein Sturm, sie wurden +abgetrieben, sie schienen verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren +Häuptern, der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins Boot +gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das Gesicht und schweigend +heftete er den Blick auf Franziska. Den Tod vor Augen, dumpf und +willenlos, sagte sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe, +bevor ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest du alles +begreifen, mein Leben und vielleicht auch deines, und diese Stunde, und +was bis zu dieser Stunde geschehen ist.« Und mit kurzen Worten +berichtete sie noch, wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er +hatte sich dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das +Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er schüttelte den Kopf +und lachte spöttisch, dann griff er wieder zu dem Ruder und arbeitete +mit Riesenkraft; sie wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich +ihm langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach unsäglichen +Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen. + +Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische Dienerin sagte, er +sei abgereist. Franziska freute sich des Friedens nicht. Sie wandelte +ohne Rast durch die Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer. +Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und die Riccardo zu +sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge gegeben. Die Dienerin, der +Koch und der Gärtner verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen +gekündigt und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska war +allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, daß sie das Haus nach +Verlauf von drei Tagen räumen müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht +worauf. Am letzten Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt. +Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und verfiel in +schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze vor sich hingestellt, die +brannte langsam nieder und verlosch mit leisem Zischen. Der Schlag der +Wellen schallte durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am +Himmel. Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten hatte sie +des Schlafes entbehrt. + +War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den Riccardo genommen. Die +Neugier, die ihn trieb, hatte etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis +geeilt. Er wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet ging +er hin; sie sah ihn feilschen, hörte ihn lügen; man war froh, für das +obskure Gemälde einen nennenswerten Preis zu erhalten, man wunderte sich +über die Laune des Händlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel +und daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er grübelte, wie er +förmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie sich seine Neugier +in Spott verwandelte, und wie er hinübergrinste zum andern Pol der Welt, +ins Auge des großen Liebenden, er, der große Dieb, den eine Verirrte um +das eigene Ich bestohlen hatte. + +Jetzt aber öffnete sich die Tür, und er trat ein. Trug er nicht das +Gemälde? Stellte es auf das Tischchen und lehnte den Rahmen an die +Mauer? Er zündete eine Lampe an. Sein totenbleiches Gesicht war +triumphierend über sie geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand +umtastete sie, sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah +es, wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren häßlicher Sorgen +und allerlei Art von Angst und gemeiner Beflissenheit. Eine Kruste von +Anmut und Geist, dahinter Täuschung, Betrug und Lüge; eine Grimasse von +Leidenschaft; die reine Form zerstört, von niedrigen Gelüsten, wie +verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis zu einer Tiefe, in +der noch Schmerz um das verlorene Göttliche lag, kein Zug ähnlich jenem +Bilde, fremd, erbarmungswürdig fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches +Erstaunen wich einem Gefühl der Freiheit, das so lange umkrampfte Herz +konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel von den Gelenken, sie besaß +sich wieder, sie preßte die Stirn in die Hände und konnte weinen. Und er +blieb stumm wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen +braucht und der einen unabänderlichen Weg geht. + +Es war kein Schlaf; sie hörte das hohle Aufstoßen seines Klumpfußes, als +er sich entfernte, und später rollten draußen die Räder eines Wagens. +Sie kauerte auf dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gelösten +Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider öffnend, erblickte sie einen +leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer lehnte, und auf dem Boden +das zerfetzte Porträt des schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier +Teile, legte sie zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es +war Leinwand, mit Ölfarbe bemalt. Es glich einem Kleid, das einst von +einem geliebten Toten getragen worden war. + +Ein Bauer brachte ihr Gepäck zum Bahnhof. Sie hatte noch so viel Geld, +um in die Schweiz reisen zu können. Ein einziges Schmuckstück von +größerem Wert war ihr geblieben, ein Ring; diesen veräußerte sie in +Genf, und lebte zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und +damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie sich der +Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen aus einem Abgrund der +Vergessenheit Gestalten aus einer früheren Existenz empor. Die Mittel +zur Reise gewann sie durch den Verkauf einiger Toiletten. + +Und so war sie gekommen. + + + + +Aurora + + +Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuhörern wünschte das +Licht einer Lampe. Von den unteren Räumen herauf, -- sie befanden sich in +einem Zimmer des ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach +stieß, -- schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte +Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe zu gebieten, da trat er +schon herein und wollte sprechen. »Der Affe«, war sein monomanisch +erstes Wort, aber Lamberg unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen. +Er machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und der Blendung +ihrer Augen durch die jähe Helle fiel den Freunden das verlegene und +unruhige Gehaben des Mannes auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und +leisetreterisch, wie es seine Art war, denn er trieb die Rücksicht bis +an die Grenze der Untugend, verließ er das Zimmer. + +Fürst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt wanderte er einige +Male auf und ab; seine sonst etwas schlaffen Züge hatten einen +gespannteren Ausdruck, die Augen unter den lässig schweren Lidern +funkelten bisweilen hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas +leidenschaftlich Verhaltenes drückte sich auch in seinen Händen aus, die +auf dem Rücken lagen, und deren Finger nervös und fest ineinander +verflochten waren. Borsati saß ganz in sich geduckt auf seinem Stuhl. +Die Teilnahme auf seiner Miene hatte etwas Rührendes, weil kindlich +Befangenes; er gehörte zu jenen Naturen, denen das Mitleid für eine +ihnen teure Person unbehaglich, fast demütigend ist, und die daher +dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in Zorn, in Empörung +gegen die Welt umsetzen. Eine solche Verwandlung war hier gehemmt durch +das Gefühl eines kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das +von Wißbegier entfacht war. Denn was bedeuteten die Worte, die +Ereignisse? was erklärten sie? eines höchstens: daß die Möglichkeiten +des menschlichen Herzens ohne Grenzen seien. Und diese Franziska, die +aus den kleinen Umständen eines kleinen Bürgerhauses mutig und heiter +ihren vergnüglichen Gang in die Welt angetreten hatte, die zu genießen +und zu vergessen wußte, weil Genuß ihr Element und der beflügelte +Wechsel, dessen anderer Name Treulosigkeit heißt, ihre Kraft war, diese +Frau hatte im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels +verbluten müssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt? was so +in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben allein? Leben und Liebe? +Todesgewißheit? + +Von ähnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg bewegt, dessen +Gesicht eine ruhige und stolze Würde nie entbehrte, wo es sich darum +handelte, Schicksal und Menschheit vom einsamen Beobachterposten aus +aneinander zu messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar +abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine Dichtung vernommen. Das +Geschehene war so weit, Schmerz nur eine Kunde, die Hingeschleuderte +ergreifende Figur, Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie schön +zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche Gesetz zu +verehren, und Wege zu schauen, auf denen die Duldenden und die +Geopferten schritten, und andere Wege, wo die Priester und die Richter +gingen! Sein beschäftigter Blick streifte mehrmals das Gesicht +Hadwigers, der die Hand an der Stirn, die Lippen gepreßt, sehr bleich +und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und sich selbst +entzogen war, und immer wieder kehrte er dann den Blick ein wenig +erschrocken zur Erde. Franziska mochte nicht mehr länger unter dem Druck +des Schweigens bleiben. Sie richtete sich empor, und wie sie plötzlich +zu lächeln imstande war, erinnerte daran, daß sie eine Schauspielerin +gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und küßte ihr die +Hand. Sie blickte ihn prüfend an und schüttelte den Kopf, halb +verwundert, halb dankbar. »Jetzt, wo ich mich so sicher unter euch +fühle«, sagte sie, »wo jeder Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas +so Menschliches, kommt es mir vor, als hätt ich das Jahr garnicht +wirklich gelebt; ich spür es bloß, denken kann ichs nicht, freilich, +glauben muß ich es. Aber wir wollen nicht darüber sprechen«, fuhr sie +lebhafter fort, »ihr habt es hingenommen, und nun laßt es wegziehen wie +eine Wolke.« + +Die Freunde erwiderten nichts. Fürst Siegmund nickte, atmete tief auf, +vermied es aber, Franziska anzuschauen. Diese wandte den Blick gegen +Hadwiger, und ihre Stimme hatte einen bittenden Klang, als sie sagte: +»Heinrich, du weißt wohl nicht mehr, daß du mir einen Lohn schuldig +geworden bist?« + +Hadwiger zuckte zusammen. »Was für einen Lohn?« stieß er kurz und heiser +hervor. + +»Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?« entgegnete sie mit +erzwungener Leichtigkeit im Ton. + +»Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr«, murmelte +Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck auf das Anredewort legte. + +»Und doch bist du die Einlösung uns allen schuldig,« beharrte Franziska, +»denn du hast viel geschwiegen, während wir uns verschwenderisch +mitgeteilt haben.« + +»Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur verstecken wollen,« +gab Hadwiger unruhig zurück. + +»Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefaßt werden«, nahm +Cajetan Partei, »aber in jeder Gesellschaft und Geselligkeit errichtet +der Schweigende gewisse Schranken, auch genießt er dadurch, daß er sich +niemals bloßstellt, einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht +und Courtoisie überlassen werden muß.« + +»Na, so kritisch hab' ich mir meine Situation nicht vorgestellt«, +erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug. »Ich begreife überhaupt +nicht, wie ihr auf den Verdacht kommt, daß ich etwas zu erzählen haben +könnte.« + +»Jetzt windet er sich schon«, bemerkte Borsati lächelnd, »gebt acht, daß +er nicht entschlüpft.« + +»Daß etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals sprichst, noch +gesprochen hast, das weiß ich, Heinrich«, sagte Franziska sanft. »Du +hast es oft angedeutet, und wider Willen, scheint mir. Wir verlangen ja +nicht ein Abenteuer, nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine +Enthüllung. Wir, oder wenigstens ich, ich möchte wissen, was es ist, +worüber du so stumm bist, daß es förmlich aus dir schreit. Sieh, wer +weiß, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen beieinander sind. Mir +kommt vor, heute ist ein Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich +nur, du sprichst zu Freunden.« + +»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung ausschließen«, +wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als flüchtiger Gast habe ich +allerdings keine Rechte, nicht einmal das Recht zu bitten, aber ich +würde es zu schätzen verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht +beengend oder störend erschiene.« + +»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte Lamberg, und etwas +spöttisch fügte er hinzu: »er wird umworben wie der große Medizinmann; +wäre er nicht er selbst, er müßte eifersüchtig werden.« + +Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für Neckereien, +schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen den Kopf gegen ihn, und +Lamberg verbeugte sich lächelnd, zum Beweis, daß er sie verstanden habe. +Hadwiger bemerkte das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die Enge +getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne des Sessels mit beiden +Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge scheu, und die Muskeln seiner +Wangen zuckten. Die alte Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen +Schlägen. Er wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an. + +»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte einer Nacht; +freilich einer Nacht, die länger als drei Monate dauerte. Was vorher +geschah, kann ich nicht übergehen, auch von meiner Jugend muß ich +einiges berichten. + +Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als +ob die Luft, die ich als Kind atmete, immer schwarz gewesen wäre. Wir +waren neun Geschwister; sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine +Mutter überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich eine +zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. Mein Vater war ein +Mittelding zwischen einem Spekulanten und einem Fantasten; je nach +seinen Projekten wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer +Blick der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger +standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem Streik der +Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer zu wirken und zu +vermitteln suchte, geriet er in ein Handgemenge und wurde von einem +Schlag so unglücklich getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte +einen Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich sah, daß +ich in der Heimat wenig Förderung erwarten konnte, und ich beschloß, +nach England zu gehen, ein Vorhaben, das unerschütterlich war, obwohl +ich nicht einmal die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete +ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, war Austräger bei +einer Zeitung und Gehilfe bei einem Photographen und legte Pfennig um +Pfennig beiseite, bis ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise +brauchte. Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir +angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos in London +herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte mir eine Empfehlung +mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; sie war mir von keinem Nutzen. + +Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders läßt es sich nicht +erklären, daß ich damals nicht versunken bin. Aber es ist nicht +entschieden, ob uns überstandene Not und Entbehrungen frommen. Manche +behaupten, es sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend +zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das Wort. Ich +sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde und habe kein Bett. Mit +verschlagener Freundlichkeit redet mich ein halbwüchsiger Bursche an; er +führt mich zu einem Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine +Münze, und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes +Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; dort sind fünf oder +sechs Lagerstätten und mehr als ein Dutzend Burschen und Mädchen, +darunter auch Kinder. Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich +falle auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir im +Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge geraten. Die fünf +Schillinge, die ich noch in der Tasche gehabt, sind am Morgen fort. Ich +sehe mich in einem Hof nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in +einem Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel +versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger Stoffe eine +Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer feuchten Wand und muß die +Gesellschaft eines delirierenden Mulatten und eines prahlenden Krüppels +aus Südafrika ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; sein +Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm' ich im Halbschlaf ein +Schluchzen; ich finde in der Küche ein junges Mädchen. Sie liegt auf dem +Strohsack und weint sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus +Deutschland herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante +versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen aus dem Haus. Sie nennt +mir die Adresse einer Verwandten, die in Whitechapel wohnt, und von der +sie daheim als von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist +sich, daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, von +denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling hat eine frische, +hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl gewähren, wenn sie aufzutreten und +Lieder zu singen bereit ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll, +werde Türsteher bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang +defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an mir vorüber, +meine Augen sind voll von den Grimassen des lachenden Elends, meine +Ohren voll von herztötendem Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters, +die ich einatmen muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig. +Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche Mädchen, das +ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe. + +Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, um welch hohen +Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot erworben habe. Denk ich an die +Türen, vor denen ich gestanden, die Stuben, in denen ich gewohnt, die +Betten, in denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich +eingesargt in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter war; denk ich +daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, an die verzweifelte Plage, +an die Müdigkeit, an das hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an +den nervenzerrüttenden Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die +Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, deren +Opfer der Stumme wird, gegen die eigene Schwäche, die nicht so sehr +Unvermögen ist als Fesselung und der Mangel rettender Zufälle; denk ich +daran, daß ich zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten +Parks gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier im Käfig +tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir aufwuchs und meine zwanzig +Jahre gleich einem Aussatz zerstörte, -- denk ich wieder daran, so will +ich kaum glauben, daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich, +der hier sitzt und es als etwas Fernes schildert. + +Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus und Furcht +gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, ihre Eile, ihr +Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, -- sie erdrückten mich. Mir schien, daß +alle vorhandenen Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr finden +könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in der Welt sei und als ob +mich die Fülle der Dinge sozusagen bei lebendigem Leib begraben hätte. +Ich hatte keinen Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders +ausdrücken, und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach einer +bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die Menschen haßte ich, +sondern auch all ihre Einrichtungen, das Zwangvolle und mich +Erdrosselnde der gesellschaftlichen Ordnung, den Staat, die Kirche, die +Schule, die Zeitungen, sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug, +es weiter auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich zur +Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, und was noch an Kraft +und natürlichem Temperament in mir steckte, das faulte gleichsam ab, +verpestet von dem Anhauch meiner unterirdischen Existenz. + +Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war mir damals +gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf zu nähern; ich hatte die +Stelle eines zweiten Maschinisten auf einem der kleinen Themse-Dampfer. +Der Dienst verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt zu +sehen, und den Abend wie den größten Teil der Nacht verbrachte ich in +einer Taverne bei den East-India-Docks. Ich hatte um jene Zeit einen +jungen Russen kennen gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war +Rachotinsky. Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der Verbannung +am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der Schlüsselburg gestorben, zwei +Schwestern und ein Bruder hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein +Gemüt war düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren +Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. Ich wußte +nichts von seinen Plänen, er war trotz aller Beredsamkeit verschwiegen; +hätte er mich zu einer Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen +geopfert. In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit einigen +seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander russisch sprachen, +merkte ich an ihren Mienen, daß sie nicht leeres Stroh, sondern volle +Ähren droschen. Eines Abends geschah es, daß einer der russischen +Flüchtlinge mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in +dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender Körper +durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche Mischung von bleich und +schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, von Kraft und atemlosem +Gehetztsein hatte ich noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die +Frau als Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, was +eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin der Helden, die +Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine Idee, von der wußte ich +nichts. Es fiel mir auf, daß das herrliche Geschöpf tastend in den Raum +trat. Wir erfuhren, daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet +worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber und Bedrücker ihres +Vaterlands durch einen Revolverschuß getötet. Im Gefängnis hatte man sie +mißhandelt, ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und +ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, daß er sie durch +zwei seiner Kreaturen des Augenlichts berauben ließ. Das Verbrechen +wurde in der kleinen Gouvermentsstadt ruchbar, eine allgemeine Revolte +brach aus, ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es gelang, +sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden war sie in England +angekommen, aber die Polizei war ihr auf den Versen, die russische +Regierung forderte sie unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre +des politischen Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht +gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; die Russen waren +höchst erregt, und während sie Natalie Fedorowna wie eine Schutzgarde +umgaben, zeigten ihre Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky, +indem er auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen +Stillschweigen, jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares. +In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen zwei Männer, die durch +ihr Aussehen und ihre Mienen meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt +hatten. Ihre Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben +unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, die man +hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas an ihnen, der Blick +vielleicht, oder eine Geste und nicht zuletzt ein edler und geistiger +Ausdruck der Züge verkündeten Menschen aus einer fremden Welt. Und so +war es auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den Kreis um +Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in französischer Sprache an. +Ein tiefes Befremden und im Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe +Überraschung malten sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine +Leidensgenossen; diese verhielten sich gegen seine Worte stumm und sahen +zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände und ließ den Kopf sinken. +In diesem Augenblick erschien mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr +Leiden so über alles Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen +fühlte, ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang empor, ich +trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine Empfindungen müssen +derart gewesen sein, daß sie keinem verborgen bleiben konnten, denn ich +bemerkte viel Wohlwollen in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky +legte den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden weiter. +Indessen hatte sich auch der Genosse dieses Unbekannten zu der Gruppe +begeben, und als ich den näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein +Anzug nur eine Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut eine +angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare Allüren des Mannes von +Stand nicht verdeckt werden konnten. + +Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese beiden Männer zu +sagen ist, die in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielten. Sir +Allan Mirmell und sein Freund Trevanion waren Leute von großem Reichtum +und aus alten Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen +Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, sie war +von sublimer Art. Man findet ein so sensitives und zugleich +erleuchtetes, so umfassendes und zugleich beflügeltes Wesen des Geistes +fast nur bei jungen Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die +als Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen und so bar +der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten einen umso +bewunderungswerteren Schwung nehmen könnten. Allan Mirmell, in der Mitte +der Dreißig stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war +durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts verschmähte, +nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen geschwelgt, zu +denen das Gold, der Wille und die Passion führen. Er hatte verschwendet, +Mut verschwendet, Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. Er hatte +alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, die Gedanken- und +Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit und innere Anarchie zu +begehen vermögen. Ihm war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein +Frieden heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er plötzlich +müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein Ekel, den zu beschreiben +ich kaum wage; der das Himmelreich bespie und in der Menschenwelt eine +Kloake sah; der natürliche Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle +mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was brennen +wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom Tag und die Nacht +suchte, die Einsamkeit und das Grauen. In dieser Gemütsverfassung hatte +er den jungen Trevanion gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund +am Freund zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe +ätherisch. Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war eine +Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, ohne Windstoß. +Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt, +denn seine Seele war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war +er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende Echo aller +Anklagen und Verdammungen. + +Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins kamen, zu uns +herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem Schmerz, in ähnlichem +Haß, wenn schon aus anderer Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und +Überdruß, hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; die Endpunkte +der sozialen Welt. Sensationskitzel und Lust an der Selbsterniedrigung +treiben diese reichen und satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen +des Lasters und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in den +Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in vielen Fällen ihr +Leben riskieren, wenn sie nicht Meister in der Verkleidung und äußeren +Verwandlung sind. Aber nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch +einen Besuch in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells +Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er hatte +Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch von ihm gelesen. +Nächtelang beobachtete er ihn und seine Gefährten. Der Anblick dieser +Erniedrigten und Ausgestoßenen, von denen Jeder Freiheit, Vermögen, +Lebensgenuß und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm Vorwurf +und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie Fedorownas, die durch ihr +Wesen wie durch die Aufnahme, die sie fand, alles Geschehene erraten +ließ, bewog ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das +Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen in seinem Haus +aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen würde, sie zu suchen. Rachotinsky +und seine Freunde überlegten den Vorschlag, der unter der Bedingung +akzeptiert wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten und +zunächst bei ihr bleiben solle. + +Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur schlecht +unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord Natalie Fedorownas +zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky hatte mich zwei oder dreimal +nach dem Landhaus Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die +Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck auf mich; ich +gewahrte nur sie; Tag und Nacht war sie mein einziger Gedanke. Einer der +Russen sagte, daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky +gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen Zauber auf sie +geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren Kummer, ihre Besudelung, ihre +Blindheit quälend zu Bewußtsein gebracht. Aber was eigentlich +vorgegangen war, habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß +nach der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im Hause Mirmells +bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche Situation unhaltbar +wurde. Auf mich wirkte Natalie Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen +Dienst auf und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. Eines +Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, ob ich außer Landes gehen +wolle. Mirmell, Trevanion und er seien entschlossen, der Kulturwelt den +Rücken zu kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein zu +entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher gingen die Weltmüden in +ein Kloster«, sagte er, »wir wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die +Natur selbst ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden +Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod erleben, im Tode +leben und das Leben erkennen, Gott aufbauen in unserer Seele und nie +mehr nach den Menschen Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd +sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an einem Altar. Ich +werbe dich für unsern Bund, dies Recht habe ich mir ausbedungen, und ich +sehe nichts, was dich sonst retten könnte.« + +Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem Verhungern nahe, +eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen Sinn ich zunächst wenig +beachtete, doch die Möglichkeit zu existieren. Mirmells Schiff, eine +stattliche Yacht, lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß +dorthin. Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet hatte, führte +mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser begrüßte mich schweigend und +bemerkte dann gegen Rachotinsky, er möge Sorge tragen, daß ich an nichts +Mangel leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, und es +begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir unbekannt war. Von der +Seekrankheit verschont, wurde ich in anderer Art krank, und ich weiß +heute noch nicht, unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen +litt. Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es kommt ja vor, +daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch abgearbeitet haben, +plötzlich sterben, wenn Mühe und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in +die Luft. Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen +Rachotinsky und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich auf Deck in der +Sonne gebettet war oder bei schlechtem Wetter im Raum. Kraft seines +mystischen und durchdringenden Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten +Einfluß über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der +interessantesten Männergesichter, die ich je gesehen. Seine Züge waren +hager und von äußerster Feinheit; seine Haut war glatt und weiß wie +Email; das Kinn stark, die Lippen dünn wie ausgepreßte Früchte; die +allzuklaren Augen begegneten nie dem anschauenden Blick, obwohl sie +nicht zur Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf. +Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. Er war immer in +seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky trieb mit ihm geologische +Studien aus Büchern und Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes, +das wir an Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am +Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine Knabengestalt +ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell konnte ich mich ohne eine +knechtische Regung nähern, und dieses Überbleibsel meiner +proletarischen Vergangenheit schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame +Leiden erweckten kameradschaftliche Empfindungen. + +Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen Teil des +atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, lange westlich, dann wieder +südwärts. Wir liefen die am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel +an, aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, wurde +durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn Mirmell und +Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit zu fliehen. Wir suchten die +Nimrod-Insel, deren Existenz jedoch heute noch nicht sichergestellt ist, +und als dies erfolglos war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge +schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das Meer von Packeis +bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, in denen der Dampfer freie +Fahrt hatte. Wir überquerten den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald +auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der Antarktis. Ich +war um jene Zeit wieder gesund geworden. Ich wurde nicht müde, diese +neue Welt zu betrachten; der immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es +war Mitte Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging nicht +unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, und der Kapitän und der +erste Maat wagten es, auf die Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff, +das für solche Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell +blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in ihm ein Ingrimm und +eine Lethargie, die alle praktischen Maßregeln mißachteten. Er glich dem +Ritter der alten Sage, der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt +anschickt. Daß er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys +unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein Blick schien +zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, die ihn von allem trennte, +was ihn ehedem gefesselt hatte. Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte +an seine Worte: wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott +aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang ließ mich schaudern, +und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben. + +Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste Eis halt gebot, +und warteten, da wir der Küste näher zu kommen hofften. Am zweiten Tag +sprengte der Sturm die gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste +heran. Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und suchten einen +Platz für den Bau einer Hütte und eines Vorratshauses. Es erwies sich, +daß das Schiff mit allen Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt +in unzugänglicher Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten +transportierten die Matrosen Balken und Bretter an den Strand; darnach +die Betten, die Tische, die Stühle, die Bücher, die Kleidungsstücke, die +Hunderte von Kohlensäcken, die zahllosen Proviantkisten mit Konserven, +Früchten, Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen +Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch Steinblöcke und +Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän des Schiffes Sir Allan um +eine Unterredung. Der wackere Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte +warnen zu müssen; ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen +die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er beredt die +Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich nicht um eine +Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; er erteile ihm den Auftrag, +nicht früher als nach Verlauf von fünf Jahren wieder an diese Küste zu +kommen, um sich zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der +Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte diesen +Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft und verpflichtete sie +allesamt zum Stillschweigen; so lange keine Kunde in die Welt drang, +sollten Kapitän und Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern +Fall hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, sie zu +entlassen. In der zweiten Woche nach unserer Ankunft waren alle Arbeiten +beendigt, und das Schiff verließ uns. Wir standen am Rand des Eises und +blickten ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und seine +Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte. + +Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten in mir +erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung in mir zu erzeugen; die +Gegenwart bändigte mich, das Unentrinnliche umschlang mich wie ein +sichtbarer Kreis; es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu +verantworten, zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir +vorging, diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung gegen das +Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen Zustand; ich muß mich +damit begnügen, die folgenden Ereignisse zu erzählen. + +Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch Forschungen die +Überzeugung gewonnen, daß auf dem Kontinent der Antarktis ausgebreitete +Kohlenlager vorhanden seien, und er hatte die etwas fantastische +Absicht, diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für die +unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar zu machen. +Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen versehen, lange Wanderungen +und brachte allerlei Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die +Gefangenschaft in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung seiner +ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der freiwillig gewählten +Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung von der menschlichen +Gesellschaft auf eine wunderbare Weise erglüht, und ich fragte mich +umsonst, was es wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken +erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem Müßiggang +hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte Stunde erschöpfend für +Körper und Geist. Jeder hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter +war, für das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich +begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, und +Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, diese +gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen Wesen innerhalb der +gebundenen Ordnung ihres Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie +uns mit dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille glich, +ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit gröblichen +Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten mit zeremoniöser +Ehrfurcht gegeneinander verneigten, ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen +pflogen! Sie glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so +sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz von Verwandlung +gaben, etwas von Bann und Schuld und Harren auf Erlösung. Nicht selten +schloß ich mich auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen, +Diatomeen, Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, oder in die +kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, oder Wolken und Felsen +zeichnete oder mit der Spirituslampe in die stalaktitischen Eishöhlen +hinabstieg. Noch lieber wanderte ich allein über Schnee und Eis und +schaute zum bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, und +über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle stumpfte das Zeitgefühl +ab und man ging wie in der Ewigkeit, die auch keinen Wechsel von Tag und +Nacht hat. Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, und +die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen den Ozean +schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen zu bevölkern, und diese +gedehnten Laute klangen wie das Stöhnen eines Tieres in den Wehen der +Geburt. Fern über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich wie +ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; die Nähe der +mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen Erdflamme ließ mich +bisweilen vergessen, daß ich ein wollender und müssender Mensch war. Ich +erblickte den mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen langen +Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, und im +Süden, gegen das Ende der Welt, sah ich viele Berggipfel, zahllose +Kuppeln, die jungfräulichen Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen, +durchsichtigen Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und +stärksten Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur +hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu sein; sie sprach +nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie handelte nicht, sie _war_ +bloß. + +In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um unser gefrorenes +Reich; auch an dem Steigen der Kältegrade merkten wir, daß es Winter +wurde. Es kam die Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden +Horizont berührte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten in der +Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild übereinander geworfener +Purpurtücher. Das ganze Schneegefild hinter uns ward zum Spektrum, das +in Billionen Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft glühten die +seltenen Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden, und wir +standen vor der Hütte, frierend bis ins Mark, und warteten, bis die +letzten Protuberanzen der Sonne erloschen waren, -- und damit alles +Leben. Es wurde Nacht. Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte +schon Übles, als, da ich Licht anzündete, Trevanion unablässig in die +Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen +werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und seelenvoller Besorgnis. + +Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich darf sagen, daß +wir einander lieb gewonnen hatten. Wir verstanden und achteten einander. +Es wurde über vieles lebhaft und gut gesprochen, und ich verdanke dieser +Zeit die reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und +Aufschlüsse. Tag um Tag, Stunde für Stunde mit denselben Menschen +dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein aller Lebensäußerungen, +Beobachter jedes Schweigens und jeder Geberde, das heißt einander kennen +lernen. Und schließlich kannten wir einander so genau, daß wir die Worte +hörten, ehe sie gesagt wurden, daß wir auf dem noch unbewegten Gesicht +die Stelle angeben konnten, wo ein Lächeln, eine Erinnerung, ein +Unbehagen die stereotypen Falten einkerben mußten, ja, daß wir die +Verschiedenheit in der Biegung und Länge einzelner Wimpernhaare +gewahrten, und häufig richtete man während eines Gesprächs das Augenmerk +gespannter auf gewisse Eigentümlichkeiten der Miene und Geste als auf +Frage und Antwort. Jeder war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen +und Überraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam in +stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die große Nacht einbrach, herrschte +oft ein bedrohliches Schweigen unter uns, aber wir konnten die +verwundeten Nerven durch Tätigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt +unmöglich. Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte, konnte +man draußen nicht weilen, und wenn der Schneesturm wütete, war man in +Gefahr zu ersticken, ehe man sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte. +Wir waren also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die +dauernde Dunkelheit verdüsterte das Gemüt nachhaltig. Das matt +schwelende Licht in unserm Wohnraum ward zu einem beständigen Druck auf +das Auge und das Gehirn. Die Kälte war so fürchterlich, daß wir trotz +unablässigen Heizens die Temperatur der Hütte nicht über drei Grad +Reaumur brachten. Unsere Ausdünstungen und die Dämpfe der Speisen hatten +sich an den Wänden als Eisverkleidung niedergeschlagen, und das oben +erwärmte Eis, das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der +infolgedessen ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken nicht unter +dem Anprall des Orkans ächzten und klapperten und die auf das Dach +geschleuderten kleinen Steine quälend und eintönig klopften, versetzte +uns die Stille der Natur in einen Zustand, daß wir hätten schreien +mögen, um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den Ohren, sie +ließ den eignen Herzschlag wie den Lärm aus einer Maschinenhalle +erscheinen, sie brüllte aus der Finsternis, sie verscheuchte den Schlaf +und verursachte angstvolle Einbildungen des Gehörs. Ich vermute, daß wir +nur aus Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollständig +sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anlässen böswillig in die +Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften, da hob Allan Mirmell +grimmig die Faust gegen mich, Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief +mit verschlungenen Händen und gefletschten Zähnen auf und ab. Und aus +welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht darüber einigen können, +ob der Kapitän von Mirmells Schiff blaue oder graue Augen besaß. Wir +konnten den Klang unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst +zitterte bei der gleichgültigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno +begann erst, als eines Abends, -- es gab Abende, die letzten bleiernen +Stunden verwachter Nacht-Tage, -- als eines Abends Trevanion, der lesend +am Tische saß, ein weißes Tuch über sein Gesicht hängte. Unser Anblick +erregte ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche Empfindung. +Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten, einander zu +zerfleischen. Täglich um dieselbe Zeit derselbe Vorgang in gesteigerter +Abscheulichkeit! In einer solchen Stunde wurde Trevanion von Grauen +überwältigt, er hüllte Kopf und Rumpf in den Pelz und stürzte hinaus. +Mich erfaßte Besorgnis um ihn und nachdem ich die nötige Schutzkleidung +ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische Spur vor der Hütte +zeigte, daß er gegen den Gletscher hinaufgegangen war. Über dem Schnee +lag eine schwache grünliche Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die +Kälte fraß wie ein Brand. + +Plötzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen von Licht +bewegten sich von Südost nach Südwest und schienen unablässig neue +Lichtstärken von Südost zu holen. Sie warfen blendende Strahlen zur +Erde, und die Farben wechselten von weiß zu grün und gelb. Ich spürte +nichts mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Phänomen gab +mir ein Gefühl des Schwebens. Da erblickte ich Trevanion. Er schaute +regungslos in das glühende Firmament. Mich überrieselte es eigen, als +ich den entgeisterten Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete +meine Nähe mehr als daß er mich sah; er streckte den Arm gegen das +Südlicht und fragte flüsternd, ob ich die Gestalt gewahre. Was für eine +Gestalt? flüsterte ich zurück. Mit ungestümer Geberde deutete er. Ich +folgte der Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er preßte die Hände +zusammen und drückte sie auf seine Brust. Natalie, hauchte er, Natalie +ist es. Wieder überlief es mich. Wir standen auf dem Kirchhof der Welt, +und er sah die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und +flehentlichen Stimme nannte er unaufhörlich den Namen Natalies. Der +Gletscher begann im Schein der Aurora rötlich zu leuchten. Und nun war +es mir selbst, als erblickte ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog +mich nur hin. In ihrem Körper rann durchsichtiges Blut. Aus dem +bläulichen Gewand erhoben sich mädchenhafte Schultern. Ihre Hände, +obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der Abwehr. Ihr Antlitz +enthüllte sich nur allmählich wie ein Stern aus Nebeln. Die Züge waren +leidend, aber voll von einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir können sie +nicht erreichen, sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat, +schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm zieht +auf, drängte ich ihn und wies auf einen weißlichen Dunst, der im Süden +lag und sich mit unheimlicher Schnelligkeit ausbreitete. + +Man mag die übernatürlichen Kräfte skeptisch beurteilen; Man leugne oder +erkläre sie; sicher ist, daß jeder Organismus unter bestimmten +Voraussetzungen ihrer Einwirkung unterliegt und dann gleich einem +Körper, der seinen Schwerpunkt verloren hat, der gewohnten Bahnen +spottet. Wir hatten die Gemeinschaft der Menschen aufgekündigt, des +Anrechts auf Liebe uns begeben; wir hatten nicht bedacht, daß dort, auch +wenn sich das Geschick in Bitterkeit und Haß erfüllt, dennoch ein Strom +schwebender Möglichkeiten den Einzelnen umgibt, Möglichkeiten der Liebe, +und daß magnetische Berührungen seine Seele ungewußt mit dunkler +Zuversicht nähren. Hier aber schuf ein tiefer Wille in uns das Phänomen +der Liebe aus dem Nichts; die Verzweiflung gebar ein Schemen, das über +uns Gericht hielt, die beleidigte Menschheit nahm Rache. Mirmell und +Rachotinsky waren verhältnismäßig nüchterne Charaktere, und gerade sie +wurden von der Frauengestalt im Feuerschein der Aurora australis am +unwiderstehlichsten gepackt, denn sie sahen, was Trevanion und ich +gesehen hatten, es brauchte kaum einen Hinweis, ihr Geist war +vorbereitet, ihre Fantasie durch peinigende Wünsche, Wünsche des +Schlafs, des Traums und des dumpfen Wachens, Wünsche, wie sie nur der +kasteite Leib hegen kann, längst entschlossen, das Unfaßliche zu +ergreifen. Es war ein erotischer Wahnsinn, der uns hintrieb. Mit Grauen +gestehe ich, daß wir eifersüchtig aufeinander waren. Bei den folgenden +Malen entfaltete sich der Glanz der Aurora immer glorioser. In einem +mächtigen Bogen flammte das Licht bis zum Zenit und erreichte im +Sternbild des Zentauren seine größte Intensität. In jeder Nacht gingen +wir aus, um die Aurora zu sehen; schweigend und vermummt marschierte +jeder seinen Weg. Aber allzuoft blieb das Firmament schwarz und nur das +ferne Feuer des Vulkans lohte rauchverdüstert. Bisweilen stand in +wolkenreiner Höhe der Mond wie eine Magnesiumlampe. Die ganze Landschaft +glich einer Mondlandschaft. Ich fühlte mich so unirdisch, so außer mir, +so nah den letzten Grenzen! Orion und der herrliche Sirius drehten sich +in großem Kreis. In der siebenten Nacht erblickten wir die Aurora zum +dritten mal. Es war milderes Wetter, und die Vision zeigte sich in +starkem Kontur. Wir wanderten keuchend den Gletscher hinan, Trevanion +allen voraus. Er schien mir das Wesen eines Somnambulen zu haben. Er war +in dieser Zeit so verinnerlicht, daß sein Lächeln wie ein flüchtiger +Aufenthalt zwischen Schlummer und Tod wirkte. In seinen Augen wohnten +eine Anbetung, eine transzendente Leidenschaft, daß ihn zu betrachten +schmerzlich war. Auch in den finstern Nächten suchte er weit draußen auf +dem heimtückischen Rücken des Gletschers; einmal hörte ich ihn laut, mit +erschütternden Tönen, schreien; er schrie nach ihr. Ihn verlangte nach +der Umarmung der Eisjungfrau, und am Morgen sagte er zu mir: wenn sie +nicht blind wäre, Henry, sie würde ein Mittel finden, daß ich zu ihr +gelangen könnte. Allan Mirmell verfiel auf eine besorgniserregende Art, +als ob ein Gift an ihm zehre. Er tappte wie ein Greis. Licht, Licht, +murmelte er oft, wenn er aus dem Schlaf emporschrak. Die anstrengenden +Märsche nach dem Wohnsitz der bleichen Aurora warfen ihn schließlich +entkräftet aufs Lager. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich auch an +Rachotinsky alle Anzeigen einer krankhaften Melancholie. Stundenlang +kauerte er betend auf den Knieen. Er wusch sich nicht mehr; Schmutz, Ruß +und Unrat bedeckten ihn. Wodurch ich mich aufrecht erhielt, kann ich nur +schwer sagen. Es war Hoffnung in mir. Diese Hoffnung wurde von Tag zu +Tag stärker. Und es war noch etwas anderes als Hoffnung, es war +Sehnsucht. Immer wenn ich die Aurora sah, schritt ich durch eine Halle +aus Eissäulen, an deren Ende mich die belebte Erde grüßte. Die Blinde, +die Unerreichbare, das zarte Gebild aus Strahlen und Kristall lehrte +mich, daß ich mich selbst lieben solle, mich in den Menschen, mich in +der Welt. Der Strahlenbogen, dessen eines Ende sie trug, erschien mir +wie eine meisterlich geschwungene Brücke, die den Abgrund der +Finsternis überwölbt. Da stand es fest in mir, daß ich Brücken über +Abgründe bauen wollte, wirkliche, ja, wirkliche Brücken. Und während ich +im Weglosen wanderte, dem blendenden Licht entgegen, wuchs in mir die +Lust, Wege anzulegen, denn daß ich ehemals keine Wege mehr für mich +gehabt, das lag daran, daß ich keine geschaffen. Das erkannte ich jetzt. +Wege überwinden die Trägheit; je mehr Wege desto mehr Bewegung, desto +mehr Wille, desto mehr Umwandlung. Auf den Wallfahrten zur Aurora habe +ich den Gedanken an Brücken und Wege lieben gelernt, und dies bewahrte +mich vor dem Verderben. + +In der letzten Nacht vor dem Aufgang der Sonne sah ich Trevanion zum +letztenmal. Dämmerung lag auf dem Eis. Der Gletscher zuckte, Krämpfe in +seinem Innern zerbogen seine kalte Hülle. Auch der Vulkan grollte, und +die Schwefelfumarolen auf dem Gipfel waren von gelben Dünsten umzogen. +Trevanion war an meiner Seite, als das Südlicht aufflammte, nur in +mattem Schein freilich, bloß wie zum Abschied. Noch ehe es verblaßt war, +rief ich Trevanion zu, wir müßten hinunter laufen, der Blizzard sei im +Anzug. Er schüttelte den Kopf und beachtete meine Warnung nicht. Er ging +weiter. Ich wußte nicht, ob ich ihm folgen oder mich in Sicherheit +bringen sollte, und blieb unentschieden stehen. Der Sturm fing an zu +brausen, da sah ich, daß Trevanion, der schon ziemlich weit oben war, +jählings verschwand. Offenbar war eine Schneebrücke geborsten, und er +war in die Spalte gestürzt. Ich suchte die Stelle im Gedächtnis zu +behalten, denn nacheilen konnte ich ihm nicht, die Atmosphäre +verfinsterte sich rasch, ich warf mich flach auf den Boden, und um nicht +fortgeschleudert zu werden, klammerte ich meine Arme um einen Eisblock. +Es war eine Raserei in den Elementen, die das Herz zum Stocken brachte. +Trotzdem waren meine Gedanken nur mit Trevanion beschäftigt; es war, als +ob sich ein Tor im geheimnisvollen Haus der Aurora geöffnet hätte, um +ihn einzulassen. Wie lange ich regungslos und mit Anspannung aller +Kräfte so lag, weiß ich nicht; als die Heftigkeit des Orkans geringer +wurde, kroch ich auf Händen und Füßen gegen die Hütte hinab, und erst +als ich den Schutz einer Felswand erreicht hatte, wagte ich mich zu +erheben. + +Rachotinsky, von einem mechanischen und beinahe verbissenen +Pflichtbewußtsein an das Lager Mirmells geschmiedet, der mit dem Tode +rang, war nur mühsam zu überreden, mich auf den Gletscher zu begleiten. +Wir warteten, bis der Sturm vorüber war, dann gingen wir, mit Stricken +versehen, hinauf. Meine lauten Rufe blieben unbeantwortet. Das +Schneetreiben hatte jede Spur verwischt. Wohl entdeckte ich in der +Richtung, in der Trevanion verschwunden war, eine offene Spalte, aber +sie war breit, ein bodenloser Schlund. Ich schrie hinab, ich warf den +Strick hinab, umsonst. Da sagte Rachotinsky, der an einer mächtigen +Eisplatte lehnte, mit heiserer Stimme: »Die Sonne«. Ein glühendes +Segment tauchte über dem Horizont empor. Alles Land war von einem +brennenden Scharlach übergossen. + +Wie viele Tage vergingen, bis das Schiff in Sicht kam, dessen entsinne +ich mich nicht mehr. Ich entsinne mich bloß, daß ich fest überzeugt +war, es müsse kommen, fest überzeugt, mein Schicksal sei an der Wende +angelangt. Eine zweite antarktische Nacht hätte ich nicht überlebt. Was +sich an Bereitschaft in mir gesammelt hatte, durfte und konnte nicht +betrogen werden. Das Geschick ist mir verschuldet, sagte ich mir, und +ich trotzte ihm die Entscheidung ab. Allan Mirmell war schon längst +unter die Erde gesenkt, als sein Schiff an der Küste anlegte. Der +Kapitän, tief besorgt um unser Los und den Entschluß seines Herrn als +eine traurige Verirrung betrachtend, hatte es einfach riskiert, den +erhaltenen Befehlen zuwider zu handeln. Es war hohe Zeit, daß sie kamen; +ich war nahe daran, in Gesellschaft des schwermütigen und schweigenden +Rachotinsky verrückt zu werden. Als ich das Deck des Schiffes betrat, +hatte ich das Gefühl von Auferstehung. Man fragte nach unseren +Erlebnissen. Rachotinsky konnte nicht antworten; er hatte den Verstand +verloren. Was mich betrifft, so war ich unfähig, etwas anderes +mitzuteilen als die äußerlichsten Vorgänge, die sich in drei Sätzen +wiedergeben lassen. Ich habe niemals und zu keinem Menschen darüber +gesprochen bis auf den heutigen Tag. Ich bat den Kapitän, mich in Sydney +in Australien ans Land zu setzen, und dort habe ich mein Leben von vorn +angefangen.« + + + + +Der Affe und der Spiegel + + +»Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe ich selten mit so +triftigem Grund gebrauchen hören«, sagte Cajetan, als Hadwiger geendet. + +»Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden sein«, fügte +Borsati hinzu, indem er einen langen milden Blick auf Hadwiger heftete. + +»Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich, wie reich, wie +groß ist doch das menschliche Dasein!« rief Cajetan ergriffen. »Ich +fühle mich in einer Stimmung wie jener Bramarbas auf der Plassenburg. +Man möchte sich manchmal wirklich zum Ertrinken tief hineinstürzen. Aber +man muß schwimmen können, das seh ich wohl ein. Und eine umpanzerte +Seele braucht man«. + +»Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz«, sagte Lamberg +ernst. + +Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar glänzenden Blick an, als wolle +er antworten: wißt ihr es denn? habt ihr es denn erfahren, ihr Reichen, +Reichgeborenen, Verwöhnten, ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum, +Freiheit und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken. »Es gibt +auch eine mittelbare Art zu leben und zu erleben«, meinte er; »obschon +sie nicht so zwingt, zum Entschluß nicht und zur Verwandlung nicht, ist +sie oft doch viel schmerzlicher, -- dem unverschlossenen Herzen nämlich, +das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet, so +zerteilt in die wechselnden Lose, daß es nicht einmal zu einer Tat der +Selbstbewahrung mehr die Kraft hat. Das heißt mit gefesselten Gliedern +dem Moloch überliefert werden.« + +»Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein Märchen?« wendete sich Fürst +Siegmund an Hadwiger, »ist es nicht wunderbar, daß Sie hier, von einer +freundlicheren Natur umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie +zum erstenmal von jenen außerordentlichen und weittragenden +Begebenheiten erzählen? Ich täusche mich vielleicht, oder ich kann +meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck verleihen, aber für mich +hat dies etwas von einer Spiegelung, etwas, das sinn- und +bedeutungsvoller ist, als Sie selbst im Augenblick denken. Das Wort ist +nicht immer bloß ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol +der Erkenntnis und Erhöhung.« + +»Sie haben Recht, Fürst«, versetzte Cajetan, »und das ist auch weitaus +das Schönste, was man darüber sagen kann.« + +»Und das Schönste, was man dafür tun kann«, ließ sich jetzt Franziska +hören, die bis zu diesem Moment ganz verloren vor sich hingeschaut, +»ist, daß wir ihm den goldenen Spiegel geben«. + +»Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird«, erwiderte Lamberg +lächelnd und quittierte mit einer reizend chevaleresken Geberde die +stumme Zustimmung Cajetans und Borsatis. Hadwiger stand auf, errötend +wie ein Schuljunge. »Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich«, fuhr Georg +Vinzenz ermahnend fort, »wir lassen uns einen solchen Anlaß zur +Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie müssen warten, bis Ihnen die +Trophäe mit den gebührenden Zeremonien überreicht wird.« + +»Vortrefflich«, lachte der Fürst, »da bekommen wir am Ende gar noch eine +Rede zu hören«. + +»Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet«, fuhr Lamberg fort; +»wer von uns kann ihn von nun ab in die Hand nehmen, ohne eine Fülle von +Gesichten und Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und +wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie ist +matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, Schiffe +und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und +Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und +Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der +Traum und das Wunder, alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies +Gewebe von Schicksalen gesponnen haben, war bemüht, den Partner zu +übertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war die Rede. Es war +kein Werben, es war ein Verschenken. Und wir sprechen Ihnen, Heinrich, +den Spiegel zu, weil Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen +Innern geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch mein +Bedürfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.« + +Cajetan und der Fürst klatschten Beifall, Hadwiger blieb mit gesenktem +Kopf stehen. Lamberg schritt zur Türe und drückte auf den elektrischen +Knopf, um von Emil den Spiegel heraufholen zu lassen. Der Fürst +verabschiedete sich indessen von Franziska. Sie sprachen mit leiser +Stimme. Da der Diener nicht kam, läutete Lamberg noch einmal, und als +auch dies vergeblich war, öffnete er ungehalten die Türe, um zu rufen. +Nun erschien an Emils Statt die Köchin und teilte ihrem Herrn ziemlich +erregt mit, der Affe sei entflohen und Emil verfolge ihn. »Entflohen? es +ist ja Nacht«, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person +auszuforschen. Es stellte sich heraus, daß Quäcola schon am Nachmittag, +um die Zeit, da der Fürst gekommen, den goldenen Spiegel aus dem +Speisezimmer entwendet hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr +aufgebracht gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht, in allen +Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden, zwei Stunden lang und ohne eine +Spur von ihm zu finden. Schließlich sei er auf den Balkon +hinausgetreten, und da sei nun Quäcola in einem Winkel ganz +zusammengekauert unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den +er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil habe +versucht, ihm den Raub zu entreißen, doch der Affe habe ihn bösartig +angeknurrt und sich überhaupt so betragen, daß man sich habe fürchten +müssen. Da habe Emil die Peitsche geholt und habe die widerspenstige +Bestie geschlagen. Quäcola habe wütend gefaucht, sich über das Geländer +geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem Haus hinabgeklettert und gegen +den Wald hinauf gerannt. Und Emil sei nun hinter ihm her. + +»Jetzt? in der Finsternis? im Wald?« fragte Lamberg erstaunt. Die +Freunde, Franziska und der Fürst hatten dem Bericht mit Neugier und +Verwunderung gelauscht. Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg +meinte, es sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Flüchtling +heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Grütze im Kopf, +um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen. Die andern erklärten sich +bereit, ihm beizustehen. Fürst Siegmund äußerte lächelnd sein Bedauern +über den Zwischenfall; er fragte, ob er Leute herüberschicken solle, die +mit Fackeln den Wald absuchen könnten; Lamberg dankte und antwortete, er +hoffe, daß Quäcola den Aufenthalt unter den feuchten Bäumen von selbst +unbehaglich finden und zum Gehorsam zurückkehren werde. Voll +Herzlichkeit drückte der Fürst allen die Hand und ging. + +Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die drei Freunde auf den +Weg. Als sie sich fünfzig Schritte oberhalb der Villa befanden, kam +ihnen Emil aus dem dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder Mütze +und keuchte erschöpft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche, deren +Schnur an den Stiel gebunden war, augenscheinlich zu dem Zweck, um sie +als Lasso benutzen zu können. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht +des Dieners, und er sah, daß es voller Blut war; Zweige und Buschwerk +hatten ihm die Haut zerrissen. »Sie haben das Tier nicht gefunden?« +fragte Lamberg. Der unglückliche Mensch konnte nicht reden, er zuckte +verzweifelt die Achseln. »Und Sie wissen genau, daß Quäcola den Spiegel +bei sich gehabt hatte, als er entwischte?« Emil nickte. »Das ist es ja +eben«, stammelte er, »das ist ja die Niedertracht; er wollte mich in +Schuld bringen, er wollte mich dem gnädigen Herrn verhaßt machen. Die +Herren müssen das begreifen«, wandte er sich aufgeregt und fast +schreiend an die Freunde, »der Schabernak war auf mich gemünzt, mich +wollte das Vieh verderben ...« + +»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg mit Unwillen den +sich ausbreitenden Redeschwall. + +»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener zaghaft. + +»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere nächtliche +Unternehmung aussichtslos. Warten wir den morgigen Tag ab.« + +Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung zugab, wollte er noch +einen Gang in den Wald tun. Er rief den Namen Quäcola hundertmal, und +ein sanftes Echo antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch +pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft zu +haben wünschte. Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht um und +löschte am Waldrand die Laterne, da inzwischen der Mond aufgestiegen +war. Sehr verspätet nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es +wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska müde, die +andern überließen sich ihren Betrachtungen. Der Diener hatte sich zu +Bett begeben müssen; bei der Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet, +und ein Fieberfrost schüttelte den armen Affenhasser. + +Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über Waldpfade und +Felsensteige entdeckten die Freunde den Affen. Er lag am Ufer des Sees, +der Unterkörper im Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf +einem Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß er sich +oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden Wand herabgestürzt +war. Lamberg setzte sich an die Seite des Leichnams und sagte: »Schaut +doch nur sein verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher +Kummer drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter Quäcola! Auch +du hast unter der Dummheit leiden müssen, auch aus dir hat sie einen +Märtyrer gemacht. Deine roten Höschen und dein blauer Frack sehen +närrischer aus als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den +Affen, und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele +beherbergt hat.« + +Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert den Kopf. + +Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg ließ die ganze +Gegend durch Scharen von Bauernkindern absuchen, doch ohne Erfolg. Es +mußte angenommen werden, daß während seines Sturzes dem Affen der +Spiegel entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle +sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne Kostbarkeit dem +Bestand menschlicher Schätze für immer geraubt. + +Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben Abend in die Stadt +zurück, Cajetan und Borsati erst zwei Tage darnach. + + +Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der zwischen Weinbergen +sein herbstliches Laub aufflammen läßt. Es ist ein später Nachmittag, +und die Hügel flimmern im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine +leidenschaftlich klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen zwei +lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die einander die Hand +gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen Gemach liegt Franziska; +Hadwiger, das Gesicht in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom +umleuchteten Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die +Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich auf +ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen gestrebt. Vorüber, ach +vorüber! Sie aber empfindet die Stunde voll, nicht nur wegen der Musik, +die aus dem Nachbarzimmer klingt, -- es ist, wie wenn ein Namenloser sie +spielte, -- sondern auch wegen der Musik, die harmonisch ihrem Innern +entquillt. Denn es ist ihr bewußt, daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende +gelebt hat; so bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten +Hinüberbeugens bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen gleich einer +Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit beginnt. Auch ist ihr +bewußt, daß manche trauern werden, denen sie viel gewesen ist, und +einige weinen werden, die sie geliebt haben. + + + _Ende_ + + +Begonnen: April 1907 Beendet: Mai 1911 + + + + +_Werke von Jakob Wassermann_ + + +Die Juden von Zirndorf + +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in +Leinen 5 Mark. + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Roman. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen 7 Mark 50 Pfennig. + + +Der Moloch + +Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in +Leinen 5 Mark. + + +Der niegeküßte Mund -- Hilperich + +Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark. + + +Alexander in Babylon + +Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in Leinen 4 Mark 50 +Pfennig, in Leder 6 Mark. + + +Die Schwestern + +Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder 3 Mark, in +Leder 4 Mark. + + +Die Masken Erwin Reiners + +Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, in Leinen 6 Mark. + + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens + +Roman. Neunte Aufl. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.) + + +_S. Fischer, Verlag * Berlin_ + + +Die Juden von Zirndorf + +Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob +Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von +Zirndorf« in einer neu bearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die +Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, +diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen +Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere +und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die +besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst +verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst +nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, +jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in +dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem +Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. + +(Neue Zürcher Zeitung) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. -- +Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + +(Die Zukunft) + + +Der Moloch + +Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde +liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, mit der +Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, lebensvollen +Gemälde gestaltet hat!... Man kann schon aus dieser gedrängten +Inhaltsangabe ersehen, daß es sich hier vorwiegend um ein +psychologisches Problem handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der +Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch +behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß ist +des Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die Vorgänge +mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet. + +(Berner Bund) + + +Der niegeküßte Mund -- Hilperich + +In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als +respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer +so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen +Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist +ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in +den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie +fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, +Ausführung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrät einen in +Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In +dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß +man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der +Kenner, wird hier sein volles Genügen finden. + +(Die Zeit, Wien) + + +Alexander in Babylon + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende +Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch +pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum +genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten +deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen +zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und +beseelt. + +(Neue Freie Presse, Wien) + + +Die Schwestern + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, +ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem +Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus +dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. +Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem +Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues +Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? +Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist +das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, +von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. + +(Hannoverscher Kurier) + + +Die Masken Erwin Reiners + +Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, +die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. + +(Westermanns Monatshefte) + +Wassermanns Künstlertum wird immer geklärter und reifer. Der klangvolle +Fluß der Sätze, einer altgoethischen Prosa, hat in den »Masken Erwin +Reiners« eine souveräne Kraft und Freiheit. Die Linie der Handlung +erhebt sich planvoll und unverwirrt, wie noch in keinem Buche +Wassermanns. + +(Die Zeit, Wien) + + +Druck von Poeschel & Trepte in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1912 bei S. Fischer erschienenen achten Auflage erstellt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand +sich ursprünglich am Buchende. + +[Widmung]: And yet my songs comes native -> song +p 039: chmierte -> schmierte +p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten +p 063: von morens bis abends -> morgens +p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte +p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt +p 109: [Anführungszeichen ergänzt] wen haben Sie im Verdacht?« +p 136: [Trennung] die als Schall-loch diente. -> Schalloch +p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt +p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert +p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel +p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd +p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen +p 224/225: [Trennung] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte +p 232: [Anführungszeichen] äußerte er: »Ich habe ...«-> 'Ich habe ...' +p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ +p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter +p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich +p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung +p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach +p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung +p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst +p 335: [Punkt ergänzt] durch pragmatische Verwicklungen. +p 336: [Punkt ergänzt] zum realen Leben datieren. + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurden prinzipiell beibehalten. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the eighth +edition published in 1912 by S. Fischer. The table below lists all +corrections applied to the original text. The Table of Contents was +moved from the back of the book to the front. + +[Widmung]: And yet my songs comes native -> song +p 039: chmierte -> schmierte +p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten +p 063: von morens bis abends -> morgens +p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte +p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt +p 109: [added quotes] wen haben Sie im Verdacht?« +p 136: [hyphenation] die als Schall-loch diente. -> Schalloch +p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt +p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert +p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel +p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd +p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen +p 224/225: [hyphenation] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte +p 232: [nested quotes] äußerte er: »Ich habe ... «-> 'Ich habe ... ' +p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ +p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter +p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich +p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung +p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach +p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung +p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst +p 335: [added period] durch pragmatische Verwicklungen. +p 336: [added period] zum realen Leben datieren. + +The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have +been maintained. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL *** + +***** This file should be named 19611-8.txt or 19611-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/6/1/19611/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der goldene Spiegel + Erzählungen in einem Rahmen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: October 24, 2006 [EBook #19611] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<!-- <p>[Illustration: S. Fischer Verlag logo]</p> --> +<!-- <p>[Blank Page]</p> --> + + +<div class="titlepage"> +<h1>Der<br /> +goldene Spiegel</h1> + +<h3>Erzählungen in einem Rahmen</h3> +<h4>von</h4> +<h2>Jakob Wassermann</h2> + +<h6>Achte Auflage</h6> +<h5>S. Fischer ∗ Verlag ∗ Berlin<br /> +1912</h5> + + +<p class="copyright">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> +Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.</p> +</div> + + + +<table class="toc"> +<caption>Kapitelfolge</caption> + +<tr><td><a href="#Franziska_und_die_Freunde">Franziska und die Freunde</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_1">1</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Was_ueber_den_Spiegel_beschlossen_wurde">Was über den Spiegel beschlossen wurde</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_13">13</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Pest_im_Vintschgau">Die Pest im Vintschgau</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_25">25</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Stationschef">Der Stationschef</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_47">47</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Geronimo_de_Aguilar">Geronimo de Aguilar</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_63">63</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Von_Helden_und_ihrem_Widerspiel">Von Helden und ihrem Widerspiel</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_89">89</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Tempel_von_Apamea">Der Tempel von Apamea</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_107">107</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Gefangenen_auf_der_Plassenburg">Die Gefangenen auf der Plassenburg</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_135">135</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Paterner">Paterner</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_176">176</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Nimfuehr_und_Willenius">Nimführ und Willenius</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_196">196</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Herr_de_Landa_und_Peter_Hannibal_Meier">Herr de Landa und Peter Hannibal Meier</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_212">212</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Begegnung">Begegnung</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_231">231</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Geschichte_des_Grafen_Erdmann_Promnitz">Die Geschichte des Grafen Erdmann Promnitz</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_242">242</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Franziskas_Erzaehlung">Franziskas Erzählung</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_275">275</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Aurora">Aurora</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_291">291</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Affe_und_der_Spiegel">Der Affe und der Spiegel</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_323">323</a></td></tr> +</table> + + + +<div class="textbody"> +<p class="widmung"><em class="gesperrt">Ich widme dieses Buch +meiner Frau.</em></p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">O thou whose face hath felt the Winter’s wind<br /></span> +<span class="i0">Whose eye has seen the snow-clouds hung in mist,<br /></span> +<span class="i0">And the black elm-tops ’mong the freezing stars,<br /></span> +<span class="i0">To thee the Spring will be a harvest time.<br /></span> +<span class="i0">O thou, whose only book has been the light<br /></span> +<span class="i0">Of supreme darkness which thou feddest on<br /></span> +<span class="i0">Night after night when Phoebus was away,<br /></span> +<span class="i0">To thee the Spring shall be a triple morn,<br /></span> +<span class="i0">O fret not after knowledge, I have none,<br /></span> +<span class="i0">And yet my song comes native with the warmth.<br /></span> +<span class="i0">O fret not after knowledge, I have none<br /></span> +<span class="i0">And yet the evening listens.<br /></span> +<span class="i12">He who saddens<br /></span> +<span class="i0">At thought of idleness cannot be idle,<br /></span> +<span class="i0">And he’s awake who thinks himself asleep.<br /></span> +<span class="i15"><em class="gesperrt">Keats</em>.<br /></span> +</div></div> + +<!-- <p>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p> +<h2><a name="Franziska_und_die_Freunde" id="Franziska_und_die_Freunde"></a><em class="gesperrt">Franziska und die Freunde</em></h2> + + +<p>Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem +Ball im Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, +das sehr liebreizend war, Franziska hieß, die Schauspielkunst +studierte und das Leben liebte. Sie trug ihre Armut wie eine +vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung, in der sie sich +befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen +Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers.</p> + +<p>Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne +aus reichen und geehrten Familien, und sie standen in der +Reihenfolge der Jahre zwischen dreiundzwanzig und achtundzwanzig, +die der Freundschaft noch angemessen ist. Eine +Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft +mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, +mittelgroß von Figur, ziemlich fett, doch immerhin elegant +in der Erscheinung, von Bart und Haar blond wie türkischer +Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen +Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. +Die Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, +er selbst war sein treuester Patient, denn er beobachtete +mit aufmerksamer Hypochondrie die Entstehung +und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in +seinem eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, +<a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>brünetter, passioniert aussehender Mensch, der im +Gang und im Gehaben etwas Fürstliches hatte, eine rasche, +aufsammelnde, entscheidende und entschiedene Selbstherrlichkeit, +war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter ohne bestimmte +Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen +Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in +ein Verhältnis voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. +Am meisten auf das Äußere der Welt und das Tätige +des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl, deshalb +hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war +angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen +Gesicht saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem +starken und weithinausschauenden Blick eines zielgewissen +Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war ihm eigen, +die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen +Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame +Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls +bemerkenswert war.</p> + +<p>Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater +für Franziska Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein +Triumph. Die Poesie ihres Lächelns, ihrer Geberde, ihrer +Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie einen Schein +von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre Schönheit +auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß +hier persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein +Gemüt bewegter, als er dem jüngeren Freund gestehen +mochte, aber Cajetans wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst +für eine andere entzündet, und nachdem sich die Beiden +gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati bald, +<a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a>Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie +trug, und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein +zartes Verhältnis und voll Kameraderie, doch konnte es den +Lebensdurst des jungen Mädchens weder befriedigen, noch +verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als ob sie alles +versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer +fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber +feurigen Träume zu folgen.</p> + +<p>An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich +Cajetan und Georg Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, +und bei gutem Essen und vortrefflichen Weinen verplauderten +sie oft die halbe Nacht. Eines Tages brachte Borsati +einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, +einen Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und +eckigem Betragen, der sich Heinrich Hadwiger nannte und +Ingenieur war. Von den befremdeten Gefährten später +unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati, daß +er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung +nur desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner +Jugend und feindseligen Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger +den Auftrag erhalten, eine der neuen Gebirgsbahnen +im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes Projekt +bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen +eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war +alles was er besaß und vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren +Fleißes und einer beispiellosen Willenskraft. Anfänglich +der schlecht besoldete Beamte einer englischen Maschinenfabrik, +hatte er sich zu einer heiklen Mission freiwillig +gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien +<a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a>geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, +was erst nach großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen +Mühsalen gelang. Ein Brückenbau im Staate Illinois +hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte nun zu den Ersten +seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne Zweifel +war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen +mochte und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und +sein Schweigen.</p> + +<p>Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur +geduldet zu werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich +war sein Gefühl bisweilen beengt; ein Mensch, der einmal +ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im Gemüt, die im +Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine +schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, +sein rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. +Manchmal erregte er Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie +die meisten Emporkömmlinge war er naiv und selbstgefällig, +und er konnte sich in einer so umfassenden Weise loben, daß +den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe lachte.</p> + +<p>Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine +wachsende Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte +nach ihrer Meinung nicht zu den Männern, die man liebt; +seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie durch Vertrauen. Als +er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte, blieb +sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese +Zeit bei der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen +Vater unlängst gestorben war, ging für einige Monate auf +Reisen. Inzwischen löste sich der Bund Franziskas mit +Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein schöner +<a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a>Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der +andern Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften +teilnahm, führte sie ihr Leben fern von +ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein Ausruf, eine +Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an, +doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und +Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen +will, als schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, +Hand und Schritt, voll Reife und Bewußtsein; Eitelkeit +zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im Ganzen +Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. +Sie war eine jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne +das Herz still steht. Sie hatte etwas von der Wahrheit +der Elemente, und etwas vom Glanz und der rührenden Einsamkeit +der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte +sie geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben +und erniedrigen. Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß +vorbestimmt, genoß sie umsomehr, je mehr ein begierdevolles +Sinnenwesen sich ihr unter verführerischen Formen +nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als ob sie darin +geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne Geheimnis, +man erzählte sich von ihr in allen Salons und +Kaffeehäusern; was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, +in Atem hielt, war den Freunden, insbesondere Borsati +und Hadwiger, ein Rätsel und das Offensichtliche wie das +Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen aller Art, +zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. +Als Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte +sie ihm, daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben +<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>werde; vielleicht sei es der Tod; jeder Gedanke +an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor Jahren +habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf +die Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer +seien fortgeeilt, doch sie habe einem Geiger ein Goldstück +hingeworfen, damit er weiter spiele und mit ihrem Tänzer +sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein dicht an +den Fenstern lohte.</p> + +<p>So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger +ging von ihr, weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie +in der Pause zwischen zwei Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, +in der Pause zwischen zwei Tänzen, schloß schwesterlich ihr +Herz auf und nährte sein verschwiegenes Mitgefühl in ungewollter +Grausamkeit.</p> + +<p>Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes +Geschwistern. Lamberg war im Theater, und ihm schien +es, als rede sie von der Szene herab zu ihm allein. Eine +gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte das Liebliche +der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von +Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung +erwartete er Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes +Lächeln machte seine Strafpredigt überflüssig. Es +war etwas Trauriges an ihr wie an einer Winterrose, die +das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in +sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme +ergriff Franziska. Es war eine schöne Sommernacht, sie +wandelten im Garten, scherzten und philosophierten. Schließlich +erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg, Majoratsherr, +Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf +<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand +angehalten habe. Seine Angehörigen, trostlos über diesen +Entschluß, setzten alles daran, ihn an der Ausführung zu +hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke und Intrigen +zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, +daß er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen +Güter lag unweit von seinem Landhaus im Gebirge. +Er schätze ihn auf sechzig, traue ihm aber Entschiedenheit +genug zu, um einer Familien-Revolution die +Spitze bieten zu können.</p> + +<p>Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; +die unbeschwerte Seele dem Gott entgegentragen: kurze +Stunden. Er mag die Stunden zählen und sein heitres Antlitz +verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann sende +er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit +Trauer um so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob +ich dich überhaupt liebe,« sagte Franziska; »vielleicht wollt’ +ich mich nur überzeugen, ob ein wirkliches Menschenherz +in dir steckt.« – »Kann man davon Gewißheit erlangen?« +versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art. +Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, +wenn man sie spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, +denn du bist nicht so stark wie du dich stellst.«</p> + +<p>Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft +ein Mann auf, der sich Riccardo Troyer nannte, +von vielen als ein Däne, von andern als ein Italiener bezeichnet +wurde, und dessen Reichtum durch eine verschwenderische +Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte +seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines +<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>reckenhaften Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum +verringert, hieß es; er hinke nämlich, wie Lord Byron, sei aber, +wie Lord Byron, dabei ein vollendeter Reiter, Schwimmer +und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches Genie +von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem +wurde versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung +nichts zu wünschen übrig lasse, da er durch Börsen- +und Minenspekulationen großen Stils zu seinem Vermögen +gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen, +denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden +behend verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen +und Mädchen mittelst Wasser, Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, +und die obere Menschheitsregion, die sich so argwöhnisch +gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre +verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten +Mode, der von einem Zauberkünstler ohnegleichen +getragen wurde; nicht einmal die Kunde von allerlei verwegenen +Geldtransaktionen und Wechselgeschäften konnte die +Glorie des Fremdlings beeinträchtigen.</p> + +<p>Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit +dem des Abenteurers vorsichtig zu verbinden begann, weilte +Lamberg seit Wochen auf dem Land. Er hatte die Freunde +ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der +lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden +war, trafen alle ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, +aus Rom gekommen und wohnte bei Lamberg, Borsati +und Hadwiger logierten in einem entzückenden kleinen +Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs +Villa entfernt. Es war an einem Nachmittag, die +<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>Freunde saßen teetrinkend im Gartenhaus unter mächtigen +Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt, daß er bei +der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg, +eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und +flüchtig gesprochen habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, +in ihrer herrlich aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen +Überwurf und dem bunten Hut wie eine wandelnde +Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie +nahm Platz, begehrte Tee zu trinken und plauderte in der +lebhaft erregten Art, die innere Unruhe und Hast verbergen +will. »Wie steht es nun? wirst du uns also verlassen?« +fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska +erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« +– »Wir haben es immer,« versicherte Borsati galant. +Sie ließ den erinnerungsvollen Blick in seinen Augen ruhen +und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.«</p> + +<p>Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die +Gelegenheit zu fordern schien, da kehrte sie noch einmal +zurück und sagte: »Wollt ihr heute übers Jahr wieder +hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann verspreche +ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert +an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste +September, – also übers Jahr am gleichen Tage bin ich +wieder hier, und vorher werdet ihr mich wohl kaum sehen. +Halten wir die Verabredung, machen wir’s wie die Brüder +im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.«</p> + +<p>»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan.</p> + +<p>»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie.</p> + +<p>Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet +<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>und sie ging. Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll +nach, wie sie fast fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. +Sie fuhr am nächsten Tag in die Stadt zurück, +und kaum eine Woche war vergangen, so brachten alle +Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin, +mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht +verursachte schon deshalb Bestürzung, weil man die +Heirat Franziskas mit dem Fürsten Armansperg als nahe +bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer solchen +Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, +daß der Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert +worden sei, den Abenteurer polizeilich verfolgen zu lassen. +Er war auf das Ereignis nicht im mindesten gefaßt gewesen, +einzelne Warnungen hatte er verächtlich aufgenommen, +doch von der Stunde ab zog er sich von der +Welt zurück und lebte einsam.</p> + +<p>Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein +Paket und einen Brief Franziskas. Der Brief berührte +die eingetretene Schicksalswendung mit keiner Silbe und +war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich gebe +euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum +Abschied und zur Erinnerung den goldnen Spiegel der +Aphrodite, den mir ein teurer und nun verstorbener Freund +geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon erzählt, schlecht +wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das wunderbare +Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören +und jedem, keiner soll ein Vorrecht darauf haben, +weil ihr mir alle gleich wert seid und es eine frohe Empfindung +für mich ist, ihn als ein Sinnbild meiner Liebe +<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl, +vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an +euer Geschöpf, eure Schwester, eure ewig getreue Franziska.«</p> + +<p>Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. +Er war um das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen +Palastes aufgefunden worden, kam in die berühmte Sammlung +Diatopulos und gelangte fünfzig Jahre später in die +Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach dem +Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, +der Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris +versteigert, und dort hatte ihn der unbekannte Verehrer +Franziskas erworben.</p> + +<p>Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen +den Spiegel für die Dauer von drei Monaten unter seinem +Dach beherbergen sollte. Wären sie nicht Männer von Geschmack +und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe leicht +Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen +die Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die +Scheinhaftigkeit seines Rechts. Gemeinhin macht der Besitz +die Dinge fremder; hier, wo der Gewinn schon den +Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder entgleitende +Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk +einem unter ihnen zugesprochen, so wäre für die +andern keine Beunruhigung erwachsen, und der Erwählte +hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht lange entbehrt. +So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel +bedeutenden Pein.</p> + +<p>Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen +<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Bekannten hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, +den sie vom Theater genommen, war längst überschritten. +Es hieß, der Fürst Armansperg habe über Riccardo +Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, +die zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch +davon wurde es allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger +einige Zeit in Paris auf und hörte, daß Troyer +während des spanisch-marokkanischen Kriegs als Agent einer +englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er +Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. +Hadwiger konnte nicht vergessen; er war nicht fähig, sich +ins Unwiderrufliche zu finden. Er grollte der Fügung, sein +Gemüt war verdunkelt, und um der Gedankenspiele enthoben +zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.</p> + +<p>So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli +bezog Lamberg seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, +dem Diener Emil und einem Affen verließ er die Stadt. +Den Affen hatte er vor kurzem von einem holländischen +Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es +war ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe +eines achtjährigen Knaben hatte. Durch die Unterhaltungen +mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier erlangte er Einblick +in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich +selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.</p> + +<p>In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati +und Cajetan ein. Sie wohnten diesmal alle drei in +dem Gasthaus am See, da Cajetan nicht begünstigt zu sein +wünschte und das lieblich barocke Hotelchen ebensoviele Bequemlichkeiten +bot wie Lambergs Junggesellenheim.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a></p> +<h2><a name="Was_ueber_den_Spiegel_beschlossen_wurde" id="Was_ueber_den_Spiegel_beschlossen_wurde"></a><em class="gesperrt">Was +über den Spiegel beschlossen wurde</em></h2> + + +<p>Sieben Seen, zwischen Felsen und Wälder düster gebettet +die einen, im Schutz freundlicher Hänge leuchtend die andern, +konnte das Auge des Betrachters von jedem beherrschenden +Gipfel aus erblicken. Wege zogen hügelauf- und +abwärts; feste weiße Wege; durchschnitten und umgürteten +die langgestreckten Dörfer, begleiteten lärmende Bäche, verloren +sich in Wiesen, schlüpften über Brücken und Stege +und klommen windungsreich an den kraftvoll gestalteten +Bergen empor. Hier ein Garten, daneben eine Wildnis, +da eine Ruine, drüben eine gewaltige Wand, im Norden +kahle Steinriesen, im Süden ein erhabenes Gletscherhaupt; +so wurde das Bild geschlossen, das harmonisch im einzelnen +wie groß im ganzen war.</p> + +<p>Dem Gletscher fern gegenüber, um die ganze Weite eines +Tals, eines ausgedehnten Plateaus und einer tiefen Senkung +hinter dem Plateau von ihm entfernt, lag die Villa +Lambergs. Der Mond stand am Himmel, und durch die +offenen Fenster drangen die eifrig sprechenden Stimmen in +die Stille der Landschaft, die durch die vereinfachenden +Linien der Nacht geisterhaft entrückt schien. Das Abendessen +war vorüber, Borsati, Cajetan und Lamberg saßen +noch am Tisch, Hadwiger ging in sichtlicher Aufregung hin +und her. Er nahm es den Freunden übel, daß sie so gleichmütig +waren, – denn heute war der Tag, für den Franziska +sie alle zum Stelldichein gebeten hatte. Sie war nicht +<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>gekommen, und es bestand wenig Grund zu der Hoffnung, +daß sie noch kommen würde, jetzt, in den Stunden der +Nacht. Wer weiß, wo sie ist; wer weiß, ob sie lebt, dachte +er bekümmert. Dann grübelte er darüber nach, wie er es +anfangen könnte, um das Gespräch auf die Erwägungen +zu lenken, die ihn so schmerzhaft beschäftigten. Hatte er +doch während der Dauer eines Jahres diesem Tag entgegengelebt, +nichts weiter, und das Wort Franziskas war +ihm für beide Teile als so unwiderruflich erschienen, daß +kein Zweifel sich in sein Zutrauen mischte. Nun war es +Abend, und es war ein Tag vergangen wie viele andere +Tage vor ihm. Warum sprechen sie nicht von ihr? dachte +er; ist es Verstellung oder Kälte? Das, was sie Haltung +nennen oder jene Herzensglätte, die sie mir oft so fremd +macht?</p> + +<p>Er blieb vor dem goldenen Spiegel stehen, der auf seiner +Runde seit einigen Wochen zu Lamberg zurückgekehrt +war, und betrachtete in dumpfer Verlorenheit das Wunder +aus alter Zeit.</p> + +<p>Es war eine kreisrunde Scheibe aus ermattetem Gold; +sie wurde mit hocherhobenen Armen von der Figur einer +Göttin getragen, die auf einer köstlich gearbeiteten Schildkröte +stand. Die Rückseite der Scheibe zeigte die Figur +eines Jünglings, offenbar eines Narzissos, der in lässig +schöner Art auf einem Felsblock saß, zwei lange Stäbe im +rechten Arm und in kaum angedeutetem, nur mit wenigen +Strichen graviertem Wasser die Umrisse seines Bildes beschaute. +Tief am Rand war in griechischen Lettern das +Wort Leäna eingeritzt, welches der Name der Hetäre sein +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>mochte, die einst den Spiegel als Eigentum besessen hatte. +Das ganze Kunstwerk war ungefähr zwei Handlängen hoch.</p> + +<p>Cajetan erhob sich, trat zu Hadwiger und legte den +Arm mit jovialer Geberde auf dessen Schulter. »Die weibliche +Figur steht unvergleichlich da«, sagte er. »Sie trägt +wirklich; jeder einzelne Muskel ihres Körpers trägt. Finden +Sie nicht, Heinrich? Dabei ist doch Leichtigkeit in der +Bewegung, wie man etwas hält, dessen Besitz die Kräfte +erhöht.«</p> + +<p>»Es ist eine edle Form«, bestätigte Lamberg, »und um +zu ermessen, wie die Alten solche Dinge gearbeitet haben, +muß man nur die Schildkröte ansehn. Welche Feinheit! +Da fehlt kein Zug der Natur und doch gibt sie vor allem +die Idee eines Postaments.«</p> + +<p>»Man ist überzeugt, daß die Last für diesen Panzer gar +nicht wiegt«, versetzte Cajetan.</p> + +<p>»Mich dünkt bisweilen«, warf Borsati ein, »daß sich +das Gesicht der Aphrodite durch einen fahleren Glanz von +der Färbung des übrigen Gusses abhebt.«</p> + +<p>Lamberg erwiderte, er habe es auch schon beobachtet. +»Nur weiß ich eben nicht, was daran die Zeit verschuldet +hat«, fuhr er fort. »Bekannt ist jedenfalls, daß der Bildhauer +Silanion Silber in das Erz mischte, aus dem das +Antlitz der Jokaste bestand, um durch die bleichere Schattierung +den Tod anzudeuten. Und um die Raserei des +Athanas auszudrücken, tat Aristonidas Eisen in die Masse, +wodurch er eine charakteristische Rostfarbe erzeugte. Sieht +es nicht aus, als ob die Züge der Venus von einem imaginären +Mond bestrahlt seien?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Hadwiger, der für diese Erörterungen wenig Interesse +bewies, sah nach der Uhr. Lamberg fing den Blick auf +und lächelte. »Warum lächeln Sie?« fragte ihn Hadwiger +stirnrunzelnd. – »Wo ich Ungeduld bemerke, muß ich stets +lächeln«, antwortete Lamberg mit herzlichem Ton. – »Und +Sie empfinden keine? Sie erwarten nichts?« Lamberg schüttelte +den Kopf. – »Und ihr erwartet auch nichts?« wandte +sich Hadwiger schüchtern und erstaunt an die andern beiden. +»Ich habe Franziskas Wunsch schon damals für eine Laune +gehalten«, bekannte Cajetan. – »Warum sind Sie dann +gekommen?« fragte Hadwiger fast schroff. – »Erstens, weil +ich mit Vergnügen hier bin, zweitens, weil ich durch mein +gegebenes Wort genötigt war, die Laune ernst zu nehmen«, +war die Erwiderung. – »Und Sie auch, Rudolf?« – »Ich +glaube nie an Programme und bin mißtrauisch gegen Verabredungen, +weil sie fesseln und meist einseitig verpflichten«, +sagte Borsati.</p> + +<p>Cajetan brachte das Gespräch auf Riccardo Troyer. Er +war dem berüchtigten Ausländer mehrmals in der Gesellschaft +begegnet und rühmte ihn als einen Mann von großer +Welt, der einer souveränen Macht über die Menschen in +jedem Fall und bis zur Frivolität sicher sei und, ob er +nun geächtet oder bewundert werde, Merkmale einer dämonischen +Besonderheit so deutlich an sich trage, daß man +sich seinem Einfluß nicht entziehen könne. Borsati tadelte +das Wort von der dämonischen Besonderheit als einen +jugendlichen Galimathias; nach seiner Erfahrung seien die +sogenannten dämonischen Menschen unverschämte Komödianten, +sonst nichts. Aber Cajetan fuhr unbeirrt fort und +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>sagte, er habe das Wesen nicht begriffen, das um Franziskas +letzte Liaison gemacht worden, zumal die Ehe mit +dem alten Armansperg keineswegs zu gutem Ende hätte +führen können.</p> + +<p>»Aber nie zuvor hat sie sich weggeworfen«, rief Hadwiger +aus.</p> + +<p>»Sie hat es auch in diesem Fall nicht getan«, antwortete +Cajetan ernst und bestimmt. »Eine Frau wie sie folgt +untrüglichen Instinkten, und selbst wenn sie den Weg ins +Verderben wählt, liegt mehr Schicksal darin als wir ahnen. +Sie hat sich niemals weggeworfen, das ist wahr. Wer sich +hingibt, kann sich nicht wegwerfen, und es existiert eine +Treue gegen das Gefühl, die von höherem Rang ist als +die Treue gegen die Person.«</p> + +<p>Es war elf Uhr geworden, und die drei Hotelbewohner +verabschiedeten sich von Lamberg. Dieser stand auf dem +Balkon und lauschte noch lange ihren in der Nacht verhallenden +Stimmen. Weit drunten auf der Landstraße rasselte +ein Wagen. Georg Vinzenz trat ins Freie, befühlte +das Gras und, da er es trocken fand, prophezeite er im +stillen für den morgigen Tag schlechtes Wetter. Er ging +dann in das obere Stockwerk des Hauses, öffnete die Tür +zu einer dunklen Kammer und rief: »Quäcola!« Das war +der Name, den er dem Schimpansen gegeben hatte. Das +Tier ließ einen freudigen kleinen Schrei hören. Lamberg +riegelte den Käfig auf, und der Affe folgte ihm aus dem +Gemach, die Treppe hinab, in das beleuchtete Speisezimmer. +Er setzte sich mit schlau betonter Bravheit und blickte +lüstern nach einer mit Früchten gefüllten Schale, die auf +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>dem Tische stand. Lamberg nickte und der Affe langte zu, +ergriff eine Pflaume und biß hinein. Indessen hatte sich +das Rollen jenes fernen Wagens genähert, Georg Vinzenz +lauschte, eilte ans Fenster, hierauf vor die Türe, die +Kutsche hielt, und Franziskas bleiches Gesicht sah aus dem +Schlag. Georg Vinzenz begrüßte sie voll stummer Überraschung, +und, nachdem er den Diener gerufen, damit er +das Gepäck versorge, führte er sie ins Haus. »Du bist +pünktlich wie ein Mitternachtsgespenst«, sagte er lächelnd +und forschte in ihren Zügen, ob sie zu einem so scherzhaften +Gesprächsbeginn aufgelegt sei. Sie erwiderte, an dem +Gespensterhaften trüge nur die Eisenbahn schuld, und da +sie eine weite Reise hinter sich habe, sei es unvermeidlich +gewesen, daß sie erst in der Nacht ans Ziel gelangt sei. +»Aber warum hast du mich nicht benachrichtigt?« fragte +er, und als sie verwundert schien, fügte er rasch hinzu: +»Ich hätte dich sonst am Bahnhof erwartet.«</p> + +<p>Sie trug ein dunkles Gewand. Ihre Sprache war leiser +geworden, die Hand, die sie beim ersten Gruß in die seine +gelegt, schmaler, kälter und schwerer. Der Mund sah wie +von vielen vergeblichen Worten ermüdet aus, und unter +den übermäßig strahlenden Augen befanden sich zwei fahle +Schatten. Lamberg schaute sie immer aufmerksamer an, sie +wich unter seinem Blick, sie erkundigte sich, ob sie einige +Tage in seinem Hause bleiben könne, und nachdem er eifrig +bejaht hatte, ergriff sie mit beiden Händen seine Rechte +und stammelte bittend: »Aber frag’ mich nicht! Nur nicht +fragen!«</p> + +<p>Er merkte selbst, wie wichtig es sei, nicht zu fragen. +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Das war nicht mehr Franziska; nicht mehr die schalkhafte, +sprühende Franziska, die lebenshungrige. Es war eine +Satte, eine Sieche, eine Hinfällige, eine mit letzten Kräften +sich aufrecht Haltende, und ihr war eine Rast notwendig. +Wie sie auf das Sopha hinfiel, den Kopf in die Arme +wühlte und schluchzte! So hätte die unverwandelte Franziska +niemals geweint; nicht durch Tränen, höchstens durch +Lachen hätte sie Quäcola, den Schimpansen, zu einer bestürzten +Flucht in den Winkel des Zimmers veranlaßt.</p> + +<p>Lamberg ging umher und dachte: hinter diesem Jammer +liegen dunkle Wirklichkeiten. Aber er fragte mit keinem +Blick seines Auges. Es wird die Stunde kommen, wo es +ihr Herz zersprengt, wenn sie schweigt, sagte er sich. Seinem +sanften Zuspruch gelang es, sie zu beruhigen.</p> + +<p>Sie saßen noch lange beisammen in dieser Nacht. Der +Heuduft von den Wiesen, die Harzgerüche aus dem Wald, +das weitheraufklingende Rauschen der Traun, all das trug +dazu bei, daß sie sich sammeln und besinnen konnte, denn +sie glich einem Menschen, der aus schweren Träumen erwacht +ist.</p> + +<p>Lamberg teilte ihr mit, daß die andern Freunde hier +seien, daß sie den Abend bei ihm zugebracht. Franziska +hatte den goldenen Spiegel von seinem Gestell gehoben +und blickte zerstreut auf das matte Metall der Scheibe. +Plötzlich trat eine erschrockene Spannung auf ihre Züge, +und sie flüsterte beengt: »Werden sie mich nicht fragen?« +Lamberg, der zum offenen Fenster gegangen war, entgegnete, +ohne sich umzukehren: »Nein, Franzi, sie werden +nicht fragen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>Franziska seufzte und ließ den Kopf sinken. So blieben +sie eine Weile, die Frau mit dem goldenen Spiegel, der +junge Mann, in den Mond schauend, und der Affe in taktvoll +beflissener Aufmerksamkeit zwischen ihnen beiden.</p> + +<p>Am folgenden Morgen ging Lamberg zu den Freunden +ins Hotel, um sie von der Ankunft Franziskas zu benachrichtigen +und was er an Aufklärung für geboten hielt, mit +der ihm eigenen Mischung von Bestimmtheit und Diskretion +zu äußern. Es wurde vereinbart, daß die Freunde +erst am Abend kommen sollten, damit Franziska den Tag +über ruhen könne. Daß man sie zu begrüßen hatte, als +wenn nichts geschehen wäre, ohne fordernde Neugier mit +ihr sprechen müsse, war selbstverständlich und die Art und +Weise dem Takt jedes Einzelnen überlassen.</p> + +<p>Mittags umwölkte sich der Himmel, und als nach Anbruch +der Dunkelheit die drei zu Lamberg kamen, regnete +es schon seit einigen Stunden. Franziska spielte mit Quäcola +Ball, der dabei eine erquickende Gravität entfaltete; +so oft der Ball zu Boden fiel, fletschte er wütend die +Zähne und blickte seine Partnerin mit vorwurfsvollem Erstaunen +an. »Wir lieben uns, wir zwei«, sagte Franziska +zu den Freunden, indes der Affe von Lamberg aus dem +Zimmer geführt wurde; »Quäcola ist mein letzter Anbeter.«</p> + +<p>Während des Abendessens ließ nur Hadwiger die wünschenswerte +Haltung vermissen. Stumm saß er da und betrachtete +das hingewelkte Geschöpf, ein Opfer unbekannter +Schicksale, so daß Franziska, gerührt und verwirrt, ihm +einmal lächelnd die Hand reichte. Doch gleich darauf nahm +sie an dem lebhaften Gespräch der andern teil, sprach von +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Paris, von Marseille, von Rom, als ob sie allein dort +gewesen und eine mißlungene Vergnügungsreise gemacht +hätte. Als die Tafel aufgehoben war, legte sich Franziska +auf die Ottomane, und fröstelnd bedeckte sie sich von den +Füßen bis zum Hals mit einem dunkelhaarigen Schal.</p> + +<p>Die jungen Männer hatten im Halbkreis um sie her +Platz genommen, und Borsati, der Franziskas Augen auf +dem goldenen Spiegel ruhen sah, bemerkte gegen sie scherzhaft +übertreibend, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre um +das Geschenk Unfrieden entstanden. Lamberg griff das +Thema mit Behagen auf und schilderte Cajetans spitz-leutseliges +Diplomatenwesen, Rudolfs cholerische Ungeduld, +die so oft ihre Hülle von abgeklärter Mäßigung zerriß und +Heinrich Hadwigers finstern Neid mit vieler Laune, denn +er war witzig wie Figaro.</p> + +<p>»Georg macht es wie gewisse Diebe«, sagte Cajetan lachend, +»indem sie fliehen, schreien sie: haltet den Dieb. +Wer war und ist am meisten in den Spiegel verliebt, mein +Teurer? Im übrigen ist meine Meinung noch immer die, +daß es kindisch ist, eine solche Kostbarkeit von Wohnung +zu Wohnung zu schleppen,« fügte er ernst hinzu. »Jede +Hausfrau wird zugeben, daß ihre Möbel durch häufigen +Umzug beschädigt werden, und mich dünkt, daß auch das +schöne Kunstwerk davon Schaden erleidet, vielleicht nur +geistig, wenn ihr den Ausdruck erlaubt. Es gleicht beinahe +einem Diamantring, der immer wieder an der Hand eines +andern glänzt.«</p> + +<p>»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger +plump, ein Wort, das der Entrüstung Lambergs +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>und der schweigenden Verachtung der beiden andern anheimfiel.</p> + +<p>»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten +Besitzer werden zu können?« fragte Lamberg mit vernichtendem +Hohn.</p> + +<p>»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte +Hadwiger bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt +das? Soll der Spiegel eine Prämie für Leistungen werden? +Wir können uns aneinander nicht messen.«</p> + +<p>»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« +erkundigte sich Borsati lächelnd.</p> + +<p>»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den +Fall?« fragte Cajetan.</p> + +<p>»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer +mich am besten liebt, soll den Spiegel behalten«, entgegnete +Borsati.</p> + +<p>»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. +»Dabei kommt die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn +ihr euch in den Haaren liegt, meine lieben Freunde, so +muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk eine Torheit +war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die +sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich +miteinander zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag +machen? Nun gut. Ihr habt doch so manches erlebt, +so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch immer, +wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes +und Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! +Erzählt doch Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht +oder zehn Abende vor uns, so lang werdet ihr doch bleiben, +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>hoff ich, und wer die schönste Geschichte erzählt, oder die +sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir alle +fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den +Spiegel bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, +der die schönste Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, +eines Tages, wer weiß, vielleicht gibt es eine Geschichte, +die auch mich zum Erzählen bringt –« Sie hielt +inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.</p> + +<p>Alle schwiegen. »Ich denk’ es mir herrlich«, fuhr Franziska +mit einiger Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte +übertönen; »immer spricht eine Stimme, spricht von der +Welt, von den Menschen, von Dingen, die weit weg und +vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert +mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt +einander, überbietet einander, – laßt euch doch nicht bitten, +sagt ja! Fangt an!«</p> + +<p>Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein +verzweifeltes Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger +mit der Miene eines Menschen, von dem Unmögliches gefordert +wird.</p> + +<p>»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte +Borsati ein; »wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?«</p> + +<p>»Wer an den Spiegel denkt, kann uns nichts zu erzählen +haben«, antwortete Lamberg und fügte mit Bedeutung +hinzu: »Bei solchem Anlaß darf man niemals an +den Spiegel denken.«</p> + +<p>»Bravo, Georg!« rief Cajetan. »Ich sehe, Sie fangen +schon Feuer. In Ihren Augen malen sich schon die Bilder +aus wundersamen Geschichten. Nicht an den Spiegel denken, +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>das ist es! Als Richter gleichen wir dann nicht den +Zuhörern im Theater, denen ein müßiges Händeklatschen +über einen unklar gespürten Eindruck hinweghilft, sondern +wir krönen den Verkündiger eines Schicksals als Tatzeugen. +Ich sehe keine Schwierigkeit, nicht einmal eine Verlegenheit. +Es wird vieles sein, was uns aneifert; das Wort +ist ja ein großer Verführer.«</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a></p> +<h2><a name="Die_Pest_im_Vintschgau" id="Die_Pest_im_Vintschgau"></a><em class="gesperrt">Die Pest im Vintschgau</em></h2> + + +<p>Der Diener Emil brachte den Kaffee, und nachdem jeder +seine Tasse ausgetrunken hatte, sagte Borsati: »Wenn ich +im Geist zurückschaue, fällt mir ja dies und jenes auf, +was des Berichtens wert wäre, aber wo ich selbst beteiligt +bin, stört mich die Nähe, und wo es nicht der Fall ist, +bin ich ungewiß, ob ich überzeugend oder wahr sein kann.«</p> + +<p>»Wir sind nicht einmal wahr, wenn wir Vorfälle aus +unserm eigenen Leben erzählen, um wie viel weniger, wenn +es sich um fremde Erlebnisse handelt«, erwiderte Lamberg. +»Ja, man lügt mehr, wenn man über sich selbst die Wahrheit +sagt, als wenn man andere in erfundene Geschicke +stellt.«</p> + +<p>»Wir wollen Sachlichkeiten und keine Sentiments«, versetzte +Cajetan mißbilligend. »Jeder ist dann so wahr, wie +seine Augen oder sein Gedächtnis wahr sind. Ich bin nicht +größer als mein Wuchs. Wer sich größer macht, wird +ausgezischt. Die Welt ist vom Grund bis zum Rand erfüllt +mit den seltsamsten Begebenheiten, und die seltsamste +wird wahr, wenn man ein Gesicht sieht, ein lebendiges +Gesicht.«</p> + +<p>»Famos. Ich will möglichst viel schöne Gesichter sehn«, +sagte Franziska und nahm eine Miene des Bereitseins an.</p> + +<p>»Jedes Gesicht ist schön im Erleiden des besondern +Schicksals, zu dem sein Träger bestimmt ist«, entgegnete +Lamberg.</p> + +<p>»Darf ich etwas Ketzerisches sagen?« begann Franziska +wieder; »ich finde, daß der Sinn für die Schönheit immer +<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>geringer wird; man sucht stets noch etwas Anderes daneben, +Seele oder Geist oder Genie, etwas, das mit der Schönheit +gar nichts zu schaffen hat und einem nur den Geschmack +verdirbt.«</p> + +<p>»Es scheint in der Tat, daß man in früheren Zeiten +die Schönheit mehr um ihrer selbst willen geachtet hat«, +antwortete Lamberg. »Auch wurde ihr eine höhere Wichtigkeit +zuerkannt. So wird von einer vornehmen Marquise +berichtet, deren Name mir entfallen ist, und die im Alter +von siebenundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb, +daß sie die letzten Monate ihres Lebens auf einem Ruhebett +zubrachte und beständig einen Spiegel in der Hand +hielt, um die Verwüstungen zu beobachten, die die Krankheit +in ihrem Gesicht erzeugte. Schließlich ließ sie die Fenster +dicht verhängen, kein Mensch durfte mehr zu ihr, und +sie duldete kein anderes Licht als die Lampe eines Teekessels.«</p> + +<p>»Sogar das Volk besaß einen echten Enthusiasmus für +die Schönheit hochgestellter Frauen«, sagte Cajetan. »Im +Jahre 1750 verdiente sich ein Londoner Schuster eine Menge +Geld dadurch, daß er für einen Penny den Schuh sehen +ließ, den er für die Herzogin von Hamilton verfertigt hatte. +Und als dieselbe Herzogin auf ihre Güter reiste, blieben +vor einem Wirtshaus in Yorkshire, wo sie wohnte, mehrere +hundert Menschen die ganze Nacht über auf der +Straße, um sie am nächsten Morgen in ihre Karosse steigen +zu sehen und die besten Plätze dabei zu haben.«</p> + +<p>»Demgemäß äußerte sich dann auch die Verliebtheit der +Männer«, nahm Georg Vinzenz abermals das Wort; »ein +<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Jüngling in einer burgundischen Stadt war von der Schönheit +seiner Geliebten so hingerissen, daß er nach dem ersten +Stelldichein, das sie ihm bewilligt hatte, in allem Ernst +erklärte, er werde sich die Augen ausstechen, wie es die +Pilger von Mekka bisweilen tun, wenn sie das Grabmal +des Propheten gesehen haben, um ihre Blicke von nun +ab vor Entweihung zu schützen.«</p> + +<p>»Das muß ein Bramarbas gewesen sein«, behauptete +Borsati; »ich glaube ihm nicht eine Silbe.«</p> + +<p>»Warum?« versetzte Cajetan. »Wir können uns kaum +eine Vorstellung von der Energie und Glut machen, mit +denen man sich damals einer Leidenschaft hingab.«</p> + +<p>Borsati zuckte die Achseln. »Mag sein, daß er’s getan +hätte«, sagte er, »was wir erdenken können, kann auch +geschehn. Ich wehre mich nur dagegen, daß man aus unserer +Zeit die großen Empfindungen hinausredet, um eine +nur durch die Ferne reizvolle Vergangenheit mit ihnen +zu schmücken. Allerdings sehen die Leidenschaften, deren +Zeugen wir selbst werden, anders aus als die mit dem +Galeriestaub der Überlieferung, und ihre Verfeinerung +oder Verdünnung auf der einen Seite bedingt meist ein +finsteres und brutales Gegenspiel.«</p> + +<p>Zum Beweis erzählte er folgende Geschichte.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Vor zwei Jahren war ich auf einem mährischen Gut +zu Gast. Man kannte mich in der nahgelegenen Stadt, und +weil der ansässige Arzt über Land gefahren war, wurde +ich eines Abends, ziemlich spät, in das Wirtshaus gerufen, +wo ein junger Mann lag, der sich durch einen Pistolenschuß +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>in die Lunge tödlich verletzt hatte. Der Fall war +hoffnungslos, Linderung der Schmerzen war alles, was zu +tun übrig blieb. Am folgenden Morgen saß ich lange an +seinem Bett, er hatte Vertrauen zu mir gefaßt und enthüllte +mir, was ihn zu der Tat getrieben. Er war Student, +fünfundzwanzig Jahre alt, Sohn vermögender Eltern. Bis +zu seinem einundzwanzigsten Jahr hatte er, ich gebrauche +seine eigenen Worte, gelebt wie ein Tier; leichtsinnig, verschwenderisch +und in gewissenloser Verprassung von Zeit +und Kräften. Sein Gemüt, ursprünglich zarter Regungen +durchaus fähig, war verhärtet und abgerieben durch den +beständigen Umgang mit Dirnen. Die Atmosphäre gemeiner +Kneipen war ihm Bedürfnis und die Zudringlichkeit käuflicher +Weiber Gewohnheit geworden. Er wußte kaum, +wie anständige Frauen sprechen, und in unreifer Überhebung +sah er in diesem Treiben die Krone der Freiheit. +Da geschah es, daß er auf einer Ferienreise in ein vielbesuchtes +Hotel kam und auf dem Schreibtisch seines Zimmers +einen Brief fand, der unter Löschblättern lag, unvollendet +und sicher dort vergessen worden war. Er gab +mir den Brief zu lesen, den er wie einen Talisman von +der Stunde ab immer bei sich getragen, der sein Leben +verändert und zuletzt noch seinen Tod verschuldet hatte. +Wie der Inhalt zu schließen erlaubte, war das Schreiben +von einem jungen Mädchen und an einen Freund gerichtet. +Man kann sich etwas Ergreifenderes nicht denken. Furcht +vor Armut und Schande, vor völliger Verlassenheit, Beteuerung +vergeblicher Anstrengungen, Züge menschlicher Habsucht, +Härte und Niedertracht, entdeckt von einem Wesen, +<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>das gläubig war und das noch immer, obwohl mit schwindendem +Gefühl, auf eine wohlmeinende Vorsehung baute, +das war der Text in dürren Worten, die nichts von der +tiefen und natürlichen Beredsamkeit eines verzweifelnden +Herzens ahnen lassen. Die Frage nach der Unbekannten +war umsonst, sie war nicht einmal gemeldet worden, die +Bediensteten des Hauses konnten ihm keinerlei Auskunft +geben und wiesen auf den großen Verkehr nächtigender +Gäste hin. Anhaltspunkte über Namen und Wohnort +enthielt der Brief nicht, und dem jungen Mann war zumut, +als hätte er eine Stimme von einem unerreichbaren +Stern vernommen. Es ergriff ihn eine brennende Unruhe, +und durch Sehnsucht wurde er geradezu entnervt. Daß der +Brief zu ihm gelangt war, erschien ihm als Fügung und +Aufforderung zugleich; daß es eine Frau in der Welt gab, +die so beschaffen war, so zu empfinden, so zu leiden vermochte, +war ihm neu und erschütterte die Fundamente +seines Lebens. Er studierte den Brief wie ein Egyptolog +einen Papyrus, suchte Hindeutungen auf einen bestimmten +Dialekt, auf eine bestimmte Sphäre der Existenz. Jede +Silbe, jeder Federzug wurde ihm allmählich so vertraut, +daß sich ein Charakterbild der Schreiberin immer fester gestaltete, +daß er ein Antlitz sah, die Geberde, das Auge, +daß er die Stimme zu hören glaubte, eine Stimme, die +ihn ohne Unterlaß rief. Er reiste von einer Stadt in die +andere, wanderte tagelang durch Straßen, um Gesichter +von Frauen und Mädchen zu finden, die dem erträumten +Gesicht der Unbekannten ähnlich sein konnten, ging zu +Wahrsagerinnen und Kartenlegerinnen, veröffentlichte Inserate +<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>in den Zeitungen und entfremdete sich seinen Freunden, +seinen Eltern, seiner Heimat, seinem Beruf. In fatalistischem +Wahn sagte er sich: unter den Millionen, die +diesen Teil der Erde bevölkern, lebt sie; es ist meine Bestimmung, +sie zu treffen; warum sollte ich nicht, wenn ich +alle meine Sinne in der Begierde sammle? Unter den +Tausenden, an denen ich täglich vorübergehe, weiß vielleicht +einer von ihr; mein Wille muß so stark, mein Gefühl +so elementar, mein Instinkt so untrüglich werden, daß +ich den einen spüre und mir durch die Millionen einen +Weg zu ihr bahne; mißlingt es, so bin ich ein Zwitterding +und nicht wert, geboren zu sein. Im Verlauf der +Jahre wurde er schwermütig, auch ermattete wohl das Ungestüm +seines Verlangens; es läßt sich ja denken, daß sich +die Natur einer so beständigen Anspannung der Seelenkräfte +widersetzt. Nur sein Wandertrieb wurde nicht geringer, +und so kam er denn auf einer Fahrt vom Norden +her in jenen mährischen Ort, wo er den Zug verließ, weil +ihm plötzlich vor der abendlichen Ankunft in der großen +Stadt, vielem Licht, vielem Lärm und vielen Menschen +graute. Während er traurig und müde durch die dunklen +Gassen schlich, gewahrte er am Fenster eines ziemlich abgelegenen +Hauses ein altes Weib, das den Sims belagert +hielt und ihn einzutreten bat. Er folgte willenlos und +ohne Bedacht, als sei er an dem Punkt seines Lebenskreises +angelangt, von dem er einst ausgegangen. In der +Stube sah er sich einigen Mädchen gegenüber, denen er +ohne Anteil beim Wein Gesellschaft leistete, und unter +denen eine durch stumme Lockung ihn seiner Apathie zu +<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>entreißen vermochte, so daß er mit ihr ging. Es war alles +so still in mir, sagte er, und als ich die elende Treppe +hinaufstieg, war es, wie wenn dies nur eine Sinnestäuschung +sei und ich in Wirklichkeit hinuntergezogen würde, +immer tiefer bis ans letzte Ende der Welt. Als er das +Mädchen bezahlen wollte, entfiel seiner Ledertasche der +Brief; ein totes Ding, das leben und sprechen wollte, das +den Augenblick der Entscheidung abgewartet hatte wie ein +geheimnisvoller Richter. Das Mädchen bückt sich, nimmt +den Brief in die Hand, wirft einen neugierigen Blick darauf, +stutzt, wiederholt den Blick, schaut den jungen Mann +an, eine Frage drängt sich auf ihre Lippen, ein Schatten +auf ihre Stirn, er will ihr den Brief entreißen, da erweckt +ihr Benehmen seine Aufmerksamkeit, er wird gleichsam +wach, erkundigt sich in überstürzten Worten, ob sie die +Schrift kenne, sie entfaltet das Papier, liest, Erinnerung +überzittert ihre Stirn, durch Schminke, Elend und den Aufputz +des Lasters hindurch zuckt eine Flamme von Bewußtsein, +sie stürzt auf die Kniee, lachend ringt sie die Arme, +und die ganze Unwiederbringlichkeit eines reinen Daseins +schreit aus einem zertrümmerten und verfaulten als Gelächter +empor. Nur noch vier Worte: Du bist’s? Ich bin’s! +Dann eilte der junge Mensch hinweg und kurz darauf fiel +der tötende Schuß.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Die Zuhörer blickten vor sich nieder. Nach einer Weile +sagte Cajetan: »Schade, daß ich den Brief auf Treu und +Glauben hinnehmen muß. Könnt’ ich ihn lesen oder hören, +so würde mir der junge Mensch verständlicher werden. Es +<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>hat sein Mißliches, lieber Rudolf, bei so wichtigen Dokumenten +auf den Kredit zu bauen, den man genießt. Freilich +bleibt ja die Verkettung der Umstände noch immer +erstaunlich genug –«</p> + +<p>»Es will mir nur nicht in den Sinn«, unterbrach ihn +Franziska, »daß eine Person, die einen derartigen Brief +zu schreiben imstande ist, in drei oder vier Jahren so tief +sinken kann.«</p> + +<p>»Drei oder vier Jahre Not?« rief Hadwiger. »Das verwandelt, +Franzi, das verwandelt! Ich habe in London +eine Frau gekannt, die ihren Mann, ihre Söhne und ihren +Reichtum verloren hatte. Zu Anfang eines Jahres hatte +sie in einem der Paläste am Trafalgar-Square gewohnt, +im Herbst desselben Jahres wurde sie in einer unterirdischen +Morphiumhöhle, einer schauerlichen Katakombe des Lasters, +erstochen.«</p> + +<p>»Ja, was ist dann das, was man Charakter nennt?« +fragte Franziska kopfschüttelnd.</p> + +<p>»Die Tugend der Ungeprüften«, versetzte Hadwiger schroff.</p> + +<p>»Nun, so in Bausch und Bogen möcht ich diesen Ausspruch +doch nicht gelten lassen«, fiel Borsati vermittelnd +ein. »Es gibt –«</p> + +<p>»Was? Eine Tugend? Gibt es eine Tugend, wenn +man hungert? In den großen Städten nicht. In den Romanen +vielleicht. Not bricht Eisen, heißt es. Aber sie bricht +auch, und viel bälder noch, das Herz und den Verstand.«</p> + +<p>»Und doch gibt es Seelen, die sich bewahren«, sagte +Borsati ruhig. »Und es muß sie geben, sonst würde ja +die Idee der Sittlichkeit zur Lüge.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>Plötzlich erschallte aus dem oberen Stockwerk ein kreischendes +Geschrei, dem ein Gepolter wie von umstürzenden +Stühlen und das dumpfe Brummen einer Männerstimme +folgte. »Quäcola verübt Unfug«, sagte Lamberg lächelnd +und erhob sich, um der Ursache des Lärms nachzuforschen. +Cajetan begleitete ihn aufregungslustig.</p> + +<p>Dem Affen war es zur Nachtruhe zu früh gewesen, und +da er die Tür seines Käfigs unversperrt fand, hatte er sich +ins erleuchtete Badezimmer begeben, war in die Wanne +gestiegen, hatte den Hahn geöffnet und zu seinem Entsetzen +eine Wasserflut auf den Pelz bekommen. Emil eilte mit +dem Besen herbei, um ihn zu züchtigen, Quäcola war triefend +und zitternd vor ihm geflohen, und nun standen Tier +und Mensch einander gegenüber, jenes zähnefletschend und +schuldbewußt, die Backen in possierlicher Schnellbewegung, +dieser mit der Würde des gekränkten Hausgeistes, rachsüchtig +und entschlossen. Als Lamberg auf den Plan trat, wandte +sich der Schimpanse mit höchst entrüsteten und den Diener +anklagenden Gebärden zu ihm, Emil jedoch gab seinem +Unwillen durch Worte Ausdruck. »Gnädiger Herr, mit der +Bestie ist nicht zu wirtschaften«, sagte er. – »Sie müssen +ihn belehren und erziehen«, antwortete Lamberg gefaßt. +– »Da ist Hopfen und Malz verloren, so lang ihn der +gnädige Herr so verwöhnen«, war die Entgegnung. »’s ist +ein falscher, treuloser Geselle, das ist er, ich verstehe mich +auf –« Schon wollte er sagen: auf Menschen, verschluckte +aber die unpassende Bezeichnung und starrte melancholisch +auf seinen Besen.</p> + +<p>Lamberg schlichtete den Streit. Er überredete Quäcola, +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>dem Diener die Hand zu reichen, der aber wich zurück wie +ein Offizier, dem man das Ansinnen stellt, mit seinem Degen +eine Maus aufzuspießen. Heftig gestikulierend ließ sich +der Schimpanse in den Käfig führen; er wurde mit Leintüchern +trocken gerieben, und nach einer Viertelstunde war +Frieden. Cajetan hatte sich über die Szene sehr ergötzt, +und Georg gab, als sie zu den andern zurückgekehrt waren, +eine so vortrefflich nachahmende Schilderung von dem +Benehmen des Tieres, daß alle in lautes Gelächter ausbrachen.</p> + +<p>»Nicht immer spielen Affen eine so heitere Rolle«, sagte +Lamberg schließlich. »Das Volk scheint sie sogar als verderbliche +Dämonen zu betrachten. Ich lebte einmal einige +Sommerwochen auf der Malser Heide, und ein junger +Förster, mit dem ich häufig im Gebirg wanderte, erzählte +mir die Geschichte eines Liebespaares aus jener Gegend, +bei der ein Affe zur Verkörperung des Fatums wurde.«</p> + +<p>»Laß hören«, rief Franziska, und Lamberg begann:</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war der +Vintschgau ein nicht viel einsameres und karger bevölkertes +Tal als heute. Die begrenzenden Bergwände sind steil +und waldlos; durch die zahlreichen Seitentäler blicken hochgetürmte +Gipfel: Mut- und Rötelspitze, Texel, Schwarz- +und Trübwand, Lodner und Tschigat und der majestätische +Laaser Stock. Braunes und gelbes Felsgestein ist allenthalben +emporgezackt, auf den Hangwiesen leuchten die Blumensterne +alpiner Flora, schwarze Ziegen grasen bis hoch +hinauf in den Mulden, schmalhüftige Rinder brüllen über +<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>die ganze Weite der Senkung einander zu, gischtweiße +Wasserfälle donnern in die Etsch, das aufgerissene Dunkel +langer Engpässe und gewundener Schluchten läßt im Innern +der Gebirge tiefere Abgeschiedenheit ahnen, und auf dem +zerklüfteten Gestein sieht man von Meile zu Meile uralte +Schlösser. Der Sommer bringt den Mandelbaum und die +Edelkastanie zum Blühen, und bis zu der Stelle, wo das +Schlandernauntal mündet, schlingt sich die Weinrebe um +die schwärzlichen Moränen. Aber der Winter ist selbst im +untern Tal hart; es heißt, daß die krankhafte Langeweile +vom Oktober bis zum April fast alle Regierungsbeamten +zu Morphinisten macht. Die Poststraße von Finstermünz +übers Stilfser Joch ist acht Monate hindurch verschneit; +nur nach Meran führt ein bequemer Weg, aber dort wohnt +leichtes Volk, das viel lacht und wenig denkt. Im Vintschgau +denkt man viel; seine Menschen sind hager, schweigsam, +wachsam und seit dreihundert Jahren in ihrem Wesen +kaum verwandelt.</p> + +<p>Man sollte glauben, daß Jugend und Schönheit nicht +von Belang sind in einer Welt, wo die herrische Natur +während der längsten Dauer des Jahres ihre Geschöpfe +in so strenger Zucht bindet. Trotzdem hat sich bis heute +die Nachricht von einer leidenschaftlichen Begebenheit erhalten, +vielleicht der außerordentlichen Umstände wegen, +die damit verknüpft waren. Die Geschichte spielt zwischen +den feindlichen Familien Ladurner und Tappeiner, die bei +Schlanders in zwei Dörfern rechts und links der Etsch +wohnten, die Ladurner in Goldrein, unterhalb Kastell Schanz +und Schloß Annaberg, die Tappeiner in Morter an der +<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Mündung des reißenden Plimabachs. Die Zwietracht bestand +schon seit mehreren Geschlechtern und niemand kannte +die Ursache; einige sagten, eine böswillig zerstörte Brücke +sei der Anlaß gewesen, andere behaupteten, Uneinigkeiten +über Jagdbefugnisse. Ich will mich nicht dabei aufhalten, +jedenfalls war es der richtige scheele, eiserne Bauernhaß, +wo Blut gegen Blut steht.</p> + +<p>Man hat oft erfahren, auch die Dichtung bezeugt es, +daß gerade die überlieferte Feindseligkeit zwischen nah beieinanderwohnenden +Familien plötzlich und in natürlichem +Widerpart gegen eingefleischte schlechte Instinkte einen Bund +zweier Herzen hervorbringt und das Element der Liebe +sich gegen das des Hasses stellt. Und wenn hier die Lösung +der Geschehnisse den Hassern aus der Hand gerissen +wurde, geschah es nicht, weil die Liebe stärker war, sondern +weil eine allgemeine Vernichtung den Untergang der +Liebenden begleitete.</p> + +<p>Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz +in Schlanders eine Truppe von Gauklern ihr Zelt +aufgeschlagen. Es waren Italiener, die einen Taschenspieler, +einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen Athleten und +vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin +erregte teils Neugier, teils Furcht, da sie ungeachtet +ihrer Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen +doch eine unsägliche Wildheit merken ließ. Jene Leute +selbst waren des Tieres, das sie erst vor kurzem von maurischen +Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch keineswegs +sicher und legten es bei Nacht in Ketten.</p> + +<p>Im Gedränge um den abgesteckten Platz waren drei Ladurnerburschen +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>und der junge Franz Tappeiner, der sich +in Gesellschaft einiger Kameraden aus Morter befand, aneinandergeraten, +und es sah aus, als ob es nicht bei drohenden +Mienen und Augenblitzen sein Bewenden haben sollte, +als die junge Romild Ladurner ihrem Vetter die Hand auf +den Arm legte und zum Frieden mahnte. Als Franz Tappeiner +das Mädchen gewahrte, das feste Schultern und Zähne +wie ein junger Hund hatte, trat er einen Schritt auf sie +zu, denn er hatte sie vorher nie gesehen, und ihre Erscheinung +rief auf seinem frischen Gesicht ein unendliches Erstaunen +hervor. Sie hielt seinem Betrachten stand, und +ihre Augen blickten starr wie die des Adlers, bis sie der +Vetter, der Unheil witterte, bei der Hand packte und hinwegzog. +Der junge Tappeiner drängte den Ladurnern nach, +indem er sich wie ein Schwimmer durch die Menge arbeitete, +und als er hinter Romild wieder an dem Strick +angelangt war, der die Zuschauer von dem fahrenden Volk +trennte, produzierte sich gerade die Gorilla-Äffin im Gewand +eines vornehmen Fräuleins, wandelte knixend auf +und ab und wehte mit einem florentinischen Fächer ihrem +haarigen Gesicht Kühlung zu.</p> + +<p>Die Bauern kicherten und grinsten vor Verwunderung. +Auf einmal hielt die Äffin inne, ließ die glühend unruhigen +Augen über die versammelten Köpfe schweifen, und in ihren +Mienen war die diabolisch freche Überlegenheit eines Wesens, +das, einer Riesenkraft bewußt, es dennoch vorzieht, +sich in spielerischer Tücke zu verstellen. Da blieben ihre +Blicke auf dem Antlitz der jungen Romild haften; das +zarte Menschengebild schien es ihr anzutun, sie fletschte in +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>grauenhafter Zärtlichkeit die Zähne, verließ mit einem +Sprung das Podium, wobei der seidene Rock an einem +Nagel hängen blieb und zerfetzt wurde, und streckte den +überlangen Arm aus, um das Mädchen zu betasten. Mit +einem einzigen Schreckensschrei wich die ganze Menschenmasse +zurück, nur Romild verharrte wie eingewurzelt auf +der Stelle; in derselben Sekunde griff eine Faust nach dem +Handgelenk des Gorilla; es war Franz Tappeiner, der trotz +seiner knabenhaften Jugend als ein Mensch von großer Stärke +galt und den knöchern-schmächtigen Arm des furchtbaren +Tieres leichterdings meistern zu können glaubte. Aber sogleich +spürte er den eigenen Arm so gewaltig umklammert, +daß er stöhnend in die Kniee brach. Im Nu war ein leerer +Raum um ihn und Romild entstanden, den die Äffin durch +heiser bellende Schreie vergrößerte, und Männer und Weiber +begannen in fast lautlosem Gewühl zu fliehen. Die bestürzten +Gaukler, die sich um ihren Verdienst gebracht +sahen, liefen beschwörend hinterdrein, nur der Seiltänzer +hatte Geistesgegenwart genug, den dicken Strick, der unter +den Röcken der Äffin am Knöchel eines Fußes befestigt +war, zu packen und um einen Pflock zu schlingen. Aus +einem Fensterchen des Reisewagens der Bande schaute das +bleiche Gesicht eines jungen kranken Frauenzimmers in die +heillose Verwirrung. Wahrscheinlich kannte sie ein beeinflussendes +Zeichen, denn kaum hatte sie den Mund zum Ruf +geöffnet, so drehte sich das Gorillaweib um, trottete wie +ein gescholtener Hund auf die Estrade zurück, kauerte mit +gekreuzten Beinen nieder und stierte, die Kinnladen leer +bewegend, in boshafter Nachdenklichkeit am Firstkranz der +<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>Häuser empor. Indessen ging der Wunderdoktor auf Franz +zu, hieß ihn den Rock ausziehen, wusch das Blut von +der Wunde, die sich oberhalb des Ellenbogens zeigte und +schmierte eine nach Honig riechende Salbe darauf. Romild +war verschwunden. Das heftige Durcheinander-Reden seiner +Begleiter, die sich wieder zu ihm gefunden hatten, +hörte Franz kaum, sondern wartete nur auf eine Gelegenheit, +um sich ihrer zu entledigen. Doch mußte er sich gedulden, +bis die Dunkelheit angebrochen war, dann eilte er +wie fliehend an Gärten und Schänken vorüber, wo überall +an rasch gezimmerten Tischen und Bänken die Vintschgauer +beim Wein saßen und das aufregende Ereignis beredeten. +Die Goldreiner Leute waren gewöhnlich im Postwirtshaus, +und wie er dort am Tor stand und in die +fackelbeleuchtete Halle spähte, fiel ein Schatten über ihn, +und aufschauend sah er Romild neben sich. Das glitzernde +Augenpaar eines alten Bauern von der Ladurner Sippe +verfolgte die Beiden in blödem Entsetzen, als sie schweigend +den Torweg verließen und im Abend, rätselhaft gesellt, +verschwanden.</p> + +<p>Sie gingen am Hang der schwarzgeballten Berge talabwärts, +Romilds Dorf entgegen; sie hatten die gleiche Empfindung +von Gefahr, und als sich zur Linken eine Schlucht +öffnete, folgten sie ohne gegenseitige Verständigung einwillig +dem wirbelnden Bach nach oben. In der Höhe hellte +sich die Nacht, in der Tiefe versank die Etsch als schimmerndes +Band, und das Firmament wehte wie eine bestickte +Fahne über ihren Köpfen. Anrückende Felsen machten +den Uferpfad ungangbar, und sie schlugen die Richtung +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>nach einem kleinen Joch ein, wo das Kirchlein von +St. Martin am Kofl stand. Vor der Kapelle ließen sie sich +nieder und beteten, darnach küßten sie einander und nannten +sich zum erstenmal bei Namen. Statt ins Dorf zurück, +marschierten sie tiefer ins Gebirge hinein, um sich ein Hochzeitslager +zu suchen, und Romilds stolzer Gang und die +gerade Haupthaltung, die bei den Mädchen dieser Gegend +vom Tragen schwerer Wassergefäße herrührt, verwandelten +sich in frauenhafte Lässigkeit und lauschendes Anschmiegen. +Als die bläulichen Ferner des Angelusgletschers über dem +Tannen- und Felsendunkel aufrückten, ward ihnen fast +heimatfremd zumute, und sie schlossen ihre Augen einer +Welt, die so berückend und traumhaft sein wollte, wie sie +selbst einander waren.</p> + +<p>Die am Morgen aus dem Tal herauftönenden Kirchenglocken +trieben sie zur Flucht vom Lager, und sie kamen +zu einer Sennhütte, wo sie Milch und Brot empfingen. +Dann wanderten sie weiter, und mittags und abends stillten +sie den Hunger von dem Vorrat, den ihnen der Senner +gegeben, und den sie an den folgenden Tagen erneuerten. +Wenn die Nacht kam, glaubten sie Himmel und Sonne +nur einen Augenblick gesehen zu haben, weil ihnen die +Finsternis erwünscht und natürlich war. So lebten sie, ich +weiß nicht wie lange, gleich verirrten Kindern, völlig ineinander +geschmiedet, ohne Erinnerung an Vergangenes, ohne +Erwägung der Zukunft, leidenschaftlich in Trotz und Furcht, +denn die Angst vor dem, was sie bei den Menschen erwartete, +hielt sie in der Einsamkeit fest. Eines Tages nun +kam ein Hirt auf sie zu, der sie schon von weitem mit +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>Verwunderung betrachtet hatte. Er erkannte sie, stand scheu +vor ihnen und machte ein böses Gesicht. Sie fragten ihn, +was sich drunten im Gau ereignet habe, und er erzählte, +daß die Goldreiner schon am Pfingstmontag über den Fluß +gegangen seien, um die in Morter wegen der entführten +Jungfrau zur Rechenschaft zu ziehen. Die aber hätten die +Beschuldigung zurückgewiesen und im Gegenteil die andern +verklagt, daß sie an dem jungen Tappeiner sich vergangen +hätten. Die Redeschlacht habe so lange gedauert, bis die +von Morter zu Hirschfängern und Flinten gegriffen, um die +Eindringlinge zu verjagen. Am nächsten Tag sei das Gerücht +gegangen und wurde bald Gewißheit, daß zu Schlanders +die Pest ausgebrochen sei; der Affe, den die welschen +Gaukler mit sich geführt, habe die Krankheit eingeschleppt. +Ein großes Sterben habe begonnen; von feindlichen Unternehmungen +zwischen beiden Dörfern sei nicht mehr die +Rede, und man glaube, die Äffin habe die beiden jungen +Leute auf geheimnisvolle Weise verhext. »Folgt meinem +Rat«, so schloß der Alte, »und geht hinunter zu den +Euern, damit der Zauber geendet wird.«</p> + +<p>Franz und Romild gehorchten. Schaudernd machten sie +sich auf, um heimzuwandern. Alles Glück hatte sich in +Traurigkeit verkehrt, und das längst; seit der ersten Umarmung +hatten sie keine Freude genossen, aus der nicht +grauenhaft das Bild der Äffin aufgetaucht wäre. In der +Dämmerung langten sie unten an; noch ein Umschlingen, +ein Druck der heißen Hände, noch ein Anschauen und Zurückschauen, +dann ging jedes seinen Weg.</p> + +<p>Auf den Fluren war tiefe Stille. In keinem Haus brannte +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>Licht, und alle Tore waren verschlossen. Als Franz das +Dorf betrat, grüßte ihn kein vertrautes Gesicht, überall +war die gleiche Dunkelheit und Ruhe. Er klopfte ans +Haus, nichts rührte sich. Erst als er den bekannten Pfiff +erschallen ließ, raschelte es hinter den Läden. Das Fenster +wurde geöffnet, und das fahle Gesicht seiner Mutter blickte +ihn an. Ihr Schrei rief Vater und Bruder herzu, man +ließ ihn ein, aber da er auf alle Fragen nur halbe Antwort +gab und schließlich verstummte, betrachteten sie ihn +ängstlich wie ein Gespenst. Die neueste Kunde war, daß +die Äffin den Gauklern entlaufen sei, und sich im Tal +herumtreibe; wer ihr nah komme, der werde von der Pest +ergriffen, die von Naturns und Kastelbell bis Eyrs hinauf +Hunderte von Menschen schon hinweggerafft habe. Schweigend +lauschte der Heimgekehrte, und diese anscheinende Teilnahmslosigkeit +brachte den Bruder in Wut. Er schrieb ihm +alle Schuld zu; »hättest du das Affenweib nicht berührt, +so wäre das Land verschont geblieben«, rief er, »und weil +du mit einer Ladurnerin davon gegangen bist, darum ist +ein Fluch auf dir, und wir müssen verderben«. Plötzlich +stieß die Schwester einen gellenden Angstruf aus und stammelte, +sie habe die grinsende Affenfratze am Fenster gewahrt, +das noch offen war. Die Mutter warf sich Franz +zu Füßen und beschwor ihn, von dem Mädchen zu lassen. +Er wandte sich bebend ab, verstand kaum den Zusammenhang, +wollte hinwegeilen und hielt schon die Klinke in der +Faust, da rief ihn die Schwester fieberhaft bettelnd zurück, +und er nahm wahr, daß die Krankheit sie gepackt hatte, +denn ihr Gesicht sah bleiern aus wie das jenes Frauenzimmers, +<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>das aus dem Wagen der Gaukler geschaut. Er +setzte sich an den Tisch und weinte. Am Morgen hatte sie +die Beulen unter den Armen, das Fleisch zerging unter +der Haut, und als sie starb, hatten ihre Züge den Ausdruck +der Gorilla-Äffin.</p> + +<p>In den Ställen hungerten Kühe und Ochsen; ihr Gebrüll +war der einzige Laut des Lebens. Nachbarn hüteten +sich, einander vor die Augen zu kommen. Der Himmel +schien erblindet, die Luft verwest. Gefürchtet war der Tag, +Schatten und Abend gemieden, Wasser und Wind totbringend. +Von Dorf zu Dorf zogen die Mönche vom Karthäuserkloster +in Neuratheis, segneten die Leichen vor den +Haustoren und trösteten die rasenden Kranken. Es ging +kein Wanderer mehr auf der Landstraße, es tönte kein +Posthorn mehr, die Hirten blieben auf den Almen, kein +Glockenecho brach sich an den Bergen. Aus Furcht vor +dem Affen wurden die Fenster verhängt und die Türen +verriegelt, so daß in den ungelüfteten Stuben die Seuche +doppelt leichtes Spiel hatte. Nach der Schwester sah Franz +den Bruder erliegen, und am Dreifaltigkeitssonntag spürte +der Vater den ersten Frost. Als die Sonne untergegangen +war, pochte es ans Fenster, die Mutter schlug vor Grausen +die Hände zusammen und kreischte: »Das Tier! Das +Tier!« Es pochte abermals, da öffnete Franz den Laden +und erblickte eine Gestalt, die jetzt unter dem Ahornbaum +am Brunnen stand. Er erkannte Romild, die aus dem +zinnernen Becher mit der Gier einer Gehetzten Wasser +trank. Drei Sprünge, und er war draußen, der Hofhund +winselte matt um seine Knie. Schluchzend vor Jubel, daß +<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>er noch lebte, zog ihn das Mädchen bis zum Rand des +ausgetrockneten Bachs. Sie hatte noch immer die herrisch-gerade +Haltung, doch ihre azurgeäderte Haut war entfärbt +von überstandenen Leiden vieler Art. Die Ihrigen hatten +sie beschimpft wie eine Ehrlose, der Vater hatte sie geschlagen, +aber nun kam sie von einem Haus der Toten und +Todgeweihten; der Liebeswille hatte sie getrieben, den +schauerlichen Gang übers Tal zu wagen, und da stand sie, +flüchtig und zitternd, dennoch beglückt. »Wir wollen uns +ein Zeichen geben«, schlug sie vor; »wenn die Nacht kommt, +steckst du eine brennende Fackel übers Dach, ein gleiches +will auch ich tun, so wissen wir doch täglich voneinander, +daß wir leben«. Franz war damit einverstanden; die Häuser +beider Familien waren so gelegen, daß ein Feuersignal +von einem zum andern wahrgenommen werden konnte.</p> + +<p>So geschah es. Jeden Abend um die zehnte Stunde +flammte von Goldrein und von Morter aus ein brennendes +Scheit übers Tal: wie zwei irdische Sterne, die einander +grüßen. Aber schon am vierten Tag fühlte sich Franz +sterbensmatt, und bevor er im Fieber die Besinnung verlor, +zwang er der Mutter, deren Herz schon erstorben und +hoffnungslos war, das Versprechen ab, an seiner Statt das +Flammenzeichen zu geben. Die Greisin übte diese Pflicht +treu, und nur der Untergang einer Welt vermochte ihr +Gewissen zu betäuben, denn was lag jetzt noch an Zuchtlosigkeit +und Entehrung. Aber als der Einzige und Letzte +des Stammes langsam zu genesen anfing, fand sie sich belohnt, +und sie bekehrte sich zu der Meinung, daß Gott +diesen Bund begünstigte, denn es gab nur wenige, die, +<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>von der Pest einmal erfaßt, wieder ins Dasein treten durften. +Am neunten Tag war er imstande, das Bett zu verlassen; +zwei Tage später versuchte er, nach Goldrein zu +wandern, doch am Fluß überfiel ihn die wiederkehrende +Schwäche des Kränklings, und er mußte von seinem Vorhaben +abstehen. Nachdem er den ersten Schein des nächtlichen +Fackelbrandes vom Ladurnerhof gewahrt, indes die +Mutter willig über seinem Haupt die Lohe hinausreckte, +fiel er in einen gesundenden Schlaf. Und wieder zwei Tage +später machte er sich kraftvoller auf den Weg, und er +wählte den Abend hiezu, weil er sich bei hellem Licht der +Beachtung der feindseligen Sippe nicht aussetzen wollte. Er +wußte nicht, daß es keine Feinde mehr dort drüben gab +und daß der Gau entvölkert war.</p> + +<p>Die Dunkelheit war längst eingebrochen, als er über die +Brücke ging, und er entnahm dem Aussehn des Sternenhimmels +die Stunde. Noch sah er die Fackel nicht, so daß +er wähnte, die nahen Häuser des Dorfs entzögen sie seinem +Auge. Aber plötzlich flammte sie auf; die Straße noch, +der Platz, und nun das Haus. Er pochte; er rief, erst +leise, dann laut. Da ihm keine Stimme antwortete, auch +kein Schritt hörbar wurde, öffnete er ungeduldig die Türe +und eilte ermattend durch den finstern Gang, der ihn zu +einer niedrig gewölbten Küche führte. An der linken Seite +befand sich ein vergittertes Fenster; durch dieses Fenster +wurde die Fackel hinausgehalten, und ihr Schein erhellte +düster und mit beweglichen Schatten rückstrahlend den Raum. +Aber es war nicht Romild, in deren Händen das Holz +brannte, sondern es war die Gorilla-Äffin. Das Tier kauerte +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>am Fenster, zähnefletschend und mit den Lippen in +gräßlicher Possierlichkeit schmatzend. Die Gebärde sinnloser +Nachahmung, die sich im Hinausstrecken des Armes mit +dem brennenden Scheit kundgab, war noch schrecklicher als +der Anblick des entseelten Mädchenkörpers, der knapp vor +den Beinen des Gorilla über die Herdsteine hingebreitet +lag, die Gewänder halb vom Leib gerissen, die schneeige +Haut blutbesudelt, der Hals wie gebrochen zur Seite geneigt, +die toten Augen weit geöffnet und von der Kohlenglut +unterm Rost mit täuschendem Leben bestrahlt. Franz +Tappeiner stürzte nieder wie einer, dem der Schädel gespalten +wird. Der Affe schleuderte die Fackel weg, packte +den Wehrlosen und zerbrach ihm mit einer spielenden Gleichgiltigkeit +das Genick. Dann begann er abermals, stumpfsinnig +wie die Nacht, die Bewegungen der schönen Romild +nachzuahmen, die er überfallen haben mochte, während sie, +im Fieber vielleicht, dem Geliebten das sehnsüchtig erwartete +Zeichen gab. Es war aber in seinen großen Urwaldaugen +die instinktvolle Melancholie der Kreatur, die von +weiter Ferne ahnt, was Verhängnis und Menschenschmerz +bedeuten, jedoch in ihren Handlungen nur das willenlose +Werkzeug eines unerforschlichen Schicksals bleibt.</p> + +<p>Die Pestplage soll damit ihr Ende erreicht haben.</p> + +<p>Sicher ist, daß die Äffin, als kurz hernach Regengüsse +eintraten, während welcher sie, von Bauern und Hirten +verfolgt, durchs Martelltal irrte, bei einem Ausbruch +des Stausees am Zufallferner von den eisigen Fluten erfaßt +wurde und elend ersoff.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a></p> +<h2><a name="Der_Stationschef" id="Der_Stationschef"></a><em class="gesperrt">Der Stationschef</em></h2> + + +<p>»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem +Herzen, so einen Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, +indem er sich die Hände rieb, »der macht einen doch ordentlich +gruseln, ist nicht so harmloser Philister wie gewisse +Quäcolas.«</p> + +<p>»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß +man die Männchen gar nicht in der Gefangenschaft halten +kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe ein einziges Mal ein +gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild, daß +mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische +Fratze blickte.«</p> + +<p>»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein +Tier«, äußerte sich Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, +ist mir, als ob sämtliche Philosophen bloß Schwätzer +gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das mit einer +unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder +die erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch +vorüberschleicht; oder die Kuh, wie furchtlos verwundert +euch das braune Auge mißt! Wart ihr einmal Zeuge, wie +ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich für +das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte +kein anderes wählen als dieses Schauspiel. Während meiner +Studienjahre befand sich auf der psychiatrischen Klinik +ein Knabe namens Martin Egger, den ein wahrhaft indisches +Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem +Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen +müssen. So lange er das Fleisch nur auszutragen +<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>hatte, ging es leidlich; er hatte ein angenehmes Betragen, +ein frisches, rotbackiges Gesicht, freundliche blaue Augen, +und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum erstenmal +schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und +brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von +der Lehrstelle und beschwor den Vater, daß er ihn ein +anderes Handwerk treiben lasse; seinen Lieblingswunsch, +studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu verraten. Aber +er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn +ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen +zu schlagen. Sie führten ihm den Arm und er schlug zu, +ungeachtet ihn das Tier um Erbarmen flehte, denn er war +überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur wohne, und das +brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn +von seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe +vergönnt und Tag für Tag mußte er nun ausführen, was +so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die ganze Erde wurde +ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht +mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher +Knabenschritt hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst +berührte, dünkte sich überall verfolgt von dem vorwurfsvollen +Glanz brechender Tieraugen, und in seiner Bedrängnis +wußte er keine andere Hilfe mehr als den Branntwein. +Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den +Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, +bald trübsinnig vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für +immer umnachtet.«</p> + +<p>»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg +Vinzenz, »und ich würde sie ›der junge Hirt‹ nennen. Wie +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>rein und wie edel zeigt sich hier die Menschennatur! Vielleicht +hätte eine Belehrung, ein befreiendes Wort genügt, +um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie +gering wir auch sind, wir können immer noch für Geringere +zur Vorsehung werden.«</p> + +<p>Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne +weiteres nicht«, erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete +Weg uns nicht in die Existenz des Nebenmenschen führt +und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht, können wir +keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.«</p> + +<p>»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, +sagte Cajetan. »Studieren, das war für ihn doch keine +Wirklichkeit, sondern das Symbol für ein höheres Leben. +Ich denke mir in solchen Menschen eine fantastische Sehnsucht, +die in einem Begriff Ruhe findet, dessen armseligen +Sinn sie nicht spüren.«</p> + +<p>»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz +an dem Knaben zu grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger.</p> + +<p>»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf +den Acker geworfen werden? Die Natur verfährt darin +mit einer Willkür, deren Sinn uns nie enträtselt werden +wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie eine +Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt +sie mitten unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall +gibt es unentwickelte und im Ansatz verdorbene Eroberer, +Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der Irrungen +sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt +rings um uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. +Wer weiß, wie vielen Tamerlans und Attilas ich täglich +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>begegne. Dieselben Elemente, die den Helden erhaben machen +und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln, +wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch. +Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück +bei Porto-Clementino? Es passierte, während ich in Italien +war, und wurde auf die Tat eines bürgerlichen Nero +zurückgeführt.«</p> + +<p>Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan +zu erzählen.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und +Rom, an der Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen +Maremmen führt, lebte ein gewisser Antonio Varga als +Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende Protektion +eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er +ihn einmal innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater +war Türhüter im Vatikan; nicht einer von den strahlenden +Schweizern, sondern ein bescheidenerer Würdenträger, +obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu betrachten. +Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging +er voll Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor +den Portalen stehen, um vornehme Leute an sich vorüberwandeln +zu lassen, und einst wurde er erwischt, als er sich +in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit Entzücken +den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem +Haus eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr +oder die Dame erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er +sich in der Nähe der großen Hotels herum, auch vor den +Museen und Kirchen, um die Fremden zu betrachten, die +<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs +um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals +eines vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich +in eingebildete Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach +der er das glühendste Verlangen hegte. Ob es nun die +Säle des Vatikans oder die königlichen Gärten oder die +nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso oder +die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden +auf der Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er +beim Anblick von Dingen, die an Macht, Herrschaft und +Reichtum erinnerten, den Groll eines Menschen, der um +den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen wird. +Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die +Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm +die Mädchen aus dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich +waren und er sich in den verwegensten Träumen +gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und Herzoginnen, und +zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise verkehrte. +Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen +von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten +mit erlauchten Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern +und einzelne Handschuhe, die er vor einem +Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und +durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, +das er bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph +der Abgeschmacktheit.</p> + +<p>Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter +von dreißig Jahren versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, +seine bisherigen Neigungen zu befriedigen, und +<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so tief +in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit +verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte +die menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer +und heftete die Blicke, die voll von unerforschlichen +Wünschen und Vorsätzen waren, ins Weite hinaus. Abends +beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung, breitete +die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete +die nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, +der vor seinen Schätzen und Wertpapieren sitzt.</p> + +<p>Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der +eine Verbindung zwischen Paris und Neapel herstellt und +am Morgen nach Süden, am Abend nach Norden fährt. +Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter diesem +Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht +vorher ein Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, +und da meilenweit im Umkreis keine ärztliche Hilfe zu +haben war und der Posten behütet werden mußte, so griff +er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu +bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt +sein würde. Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste +durften nicht gestört werden, der Beunruhigung war ohnehin +schon zu viel, und es schien ein Glück, daß der Zugführer +eine menschliche Regung verspürte und es dabei +bewendet sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef +Varga zu melden, wobei er den Wächter, dessen Frau +nach einigen Stunden starb, am meisten geschont zu haben +wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und +seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde +<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>war es zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer +Frist von Haus und Brotstelle gejagt wurde.</p> + +<p>Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel +eines pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. +Solches konnte er glauben machen, aber der geheime und +schreckliche Grund seines Wütens war, daß der Wächter +etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von Tag zu Tag +unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht +bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte +er fern in der Ebene auf, die Schienen knatterten, der +Boden zitterte, donnernd fuhr er in einem Luftwirbel daher +und vorüber, um alsbald im Dunst der Ferne zu verschwinden. +Erregender war es am Abend; die gleißend +hellen Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden +den einsamen Perron und ließen die Öllampen in +den Laternen doppelt jämmerlich erscheinen; schwarze Menschenkörper +bewegten sich geisterhaft, träg und schnell zugleich, +hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an +Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden +Gewänder in ihren Koffern, an ihre hochmütigen +Blicke, ihre gepflegten Hände, an ihre Feste, ihre Liebeleien, +ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und die Erbitterung +über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar +an ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, +wuchs mit solcher Gewalt, daß er den Gedanken einer +Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt von seinem +düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen, +so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und +Bettler sollt ihr vor mir liegen. Eines Abends war der +<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>Güterzug aus Genua verspätet eingetroffen und mußte, +um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein totes +Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet +war, kam der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal +gestellt werden, und da die Hilfsbeamten auf dem +Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio Varga in das +Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation +gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ +ihn wieder sinken; er ward sich dessen bewußt, wie viel +Leben und Schicksal an der einzigen Bewegung seiner Hand +hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust erfüllte +ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und +als das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden +Wagen erschallte, verließ er den Raum, schritt durch +die fliehenden und wehklagenden Bediensteten und stand +alsbald mit verschränkten Armen neben dem ungeheuren +Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten die +letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr +um Jahr mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde +verfolgt hatte. Während er den Anblick genoß wie ein +Feldherr die Ruinen einer erstürmten Festung und drüben +beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie gelähmt +verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den +Lauten nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten +ein Mädchen von außerordentlicher Schönheit, das Gesicht +von jener Lieblichkeit des Schnitts und jener Zartheit der +Färbung, wie man es fast nur bei den Engländerinnen +findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so +eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>aus dem Munde drang und die schönen Augen bald gebrochen +sein mußten. Mit einer Geste trunkener Angst, in +einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das Mädchen +die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, +halte mich, gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; +in ihrem Blick war eine Glut, die die strengen Züge und +die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode selbst noch +ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga +schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft +auf seine Kniee bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung +nicht zu tun, ergriff ihn zum erstenmal in seinem +Leben ein Bedürfnis nach dem andern Menschen, nach Hingabe, +eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war, +entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten +Leute, ging in seine Stube, verfaßte eine Beichte +seiner Untat, ein ziemlich pedantisches Schriftstück, und +nachdem er die Rechnung mit der Menschheit in gewohnter +Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie sogleich und erhängte +sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch +klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, +nicht bloß, weil sie das irdische Gericht fürchten, sondern +weil ihr Geist zu schwächlich ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit +zu ertragen und ihre Seele zu verkümmert, um +einer Verantwortung gewachsen zu sein.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts +hören«, sagte Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu +in der Welt! Der arme Streckenwächter darf nicht den +Arzt finden, der ihm sein kleines häusliches Glück erhalten +<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein Werk des +Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit +zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil +soviel wahres Frauentum darin liegt.«</p> + +<p>»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer +wird durch den Engel erlöst.«</p> + +<p>»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und +wie unergründlich die Charaktere sind, die man in oberflächlichem +Sinn als einfache bezeichnet«, bemerkte Borsati. +»Der sogenannte einfache Mensch steht dem Schicksal am +nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und +Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. +Der höher geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet +durch Erkenntnis oder ermüdet durch seine Fähigkeit zum +Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen derer, die eingreifen +und zermalmt werden.«</p> + +<p>»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten +und gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche +Verworfenheit zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, +was für eine berechnete Tücke an manchem Gerichtsfunktionär +auf dem Land! Stellen wir uns vor, daß der +biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, +der da im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, +weil das bloße Saugen des Gifts ihm nicht genügt, +stellen wir uns vor, daß plötzlich die soziale Kette, die sich +um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste ungehemmt sich +betätigen dürften, – das Land würde rauchen von den +Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz +und sein Fanatismus fordern würden.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung +eines gemeinen Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d’Herbois +war ein mittelmäßiger Schauspieler in Lyon. Er wurde in +jeder Rolle, die er auf dem Theater spielte, erbarmungslos +ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten, die +ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten +Fällen müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen +lernen. Mit Collot d’Herbois aber wollte das Geschick +offenbar einmal demonstrieren, was ein durchgefallener +Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen Niederlagen +Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution +ging d’Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent +gewählt. Sobald es anging, ließ er sich nach +Lyon versetzen, und dort begann er nun sein Strafgericht. +Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs +Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine +Kollegen, die die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, +die einflußreichen Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm +irgend einmal durch Wort oder Blick ihr Mißfallen bezeigt +hatten, und mit dem Souffleur und dem Kassierer des +Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten, +der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge +erteilt und nützliche Winke gegeben hatte. Bei +den Sitzungen und der Verkündigung der Verdikte trug +er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine +Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, +nur war er gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.«</p> + +<p>»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst +<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Millionen ihre geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg +lachend.</p> + +<p>»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« +fragte Franziska traurig.</p> + +<p>»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. +»Zweifellos ist jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz +größer ist als seine Begabung, lasterhaft werden muß.«</p> + +<p>»Dieser Collot d’Herbois erinnert mich an die Rache +eines Invaliden aus dem deutsch-französischen Krieg, der +auch die erhoffte Anerkennung seiner Verdienste nicht finden +konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour rettete +er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr +aus Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange +wie toll um sich hieb und die Angreifer so lange in Schach +hielt, bis Verstärkung kam. Er wurde schwer verwundet, +und da seine Tat die höchste militärische Belohnung forderte, +wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind +mit einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß +alle Posten vor dem Träger salutieren und alle Wachen +ins Gewehr treten. Als Krüppel in die Heimat zurückgekehrt, +bewarb er sich um die Stelle eines Nachtwächters. +Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter, +der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte +ihm ein minder anstrengendes, ja sogar würdevolleres und +einträglicheres Amt verschaffen. Aber nein, er hatte den +Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden, denn er hatte eine schöne +Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das Liedchen +von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren +mit jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>Ärgerlich über die Verweigerung lag er tagsüber in den +Bierhäusern und zog zu allgemeinem Verdruß acht- bis +zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden +Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der +Posten die Soldaten ins Gewehr rufen mußte, um dem +hochdekorierten Querulanten die vorschriftsmäßige Ehrung +zu erweisen. Die Sache ging durch viele Instanzen, man +konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen, als +daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. +Und ich glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich +zum Vergnügen der Bürger und zur Zufriedenheit der +hohen Behörde.«</p> + +<p>Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, +vermochte den Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit +noch ein Lächeln abzuschmeicheln. Es kam dann +die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da Franziska, als +hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema, +noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen +fiel Hadwigers Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn +des Abends, und obwohl er in einer bescheidenen Haltung +schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch +auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, +einen stummen Kritiker fürchten zu müssen, als das +andere, daß er sich die Bequemlichkeit des Zuhörens gar +zu billig verschaffte. Nur Franziska ahnte in seinem Verhalten +achtenswertere Gründe, empfand einen heimlichen +Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen, +ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, +und sie faßte den Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus +<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>seiner Stille zu treiben, allerdings nicht mehr heute; heute +war sie müd.</p> + +<p>Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen +des Ehrgeizes gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften +waren für sein Auge, was dem Chemiker ein Präparat +unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er auf, +klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer +Reise in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten +aus unternommen, eine Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger +Charakter durch wundervolle Fügung zur Einsicht +in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die Geschichte, +die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, +nie vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er +mit drolliger Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann +bringen, – Verzeihung, auch an die Frau.«</p> + +<p>Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: +»Man lobe die Geschichte erst, nachdem sie erzählt +ist; man lobe sie auch nicht selbst, sondern lasse sie von +andern loben, vorausgesetzt, daß sie es verdient.«</p> + +<p>In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner +von Lamberg und Franziska, und da es inzwischen zu regnen +aufgehört hatte, tauschten sie unterwegs ihre Ansichten +über die Freundin aus. Keinem erschien sie als die, die +sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen, +welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller +Politik, meinte Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu +und Leiden beseitigt werden, und es gelte nur, den Augenblick +zu finden, in dessen Macht sie Herrin des Vergangenen +werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen +<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>könne. Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre +körperliche Verfassung bekümmere. Hierzu nickte Borsati +und fragte, ob man nicht den Fürsten, der doch am Ort +sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da vielleicht +die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für +Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige +Rückkehr in eine ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig +antwortete Cajetan, darin müsse man mit Vorsicht zu Werk +gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch zugedacht +und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen +Schritt man wagen und wie weit man gehen dürfe.</p> + +<p>Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als +Cajetan zur Villa Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, +die eben von einem kleinen Spaziergang aus dem +Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und schleppte +sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie +gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß +vor der Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen +Geberden in einer Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen +gerissenes Buch. Emil, die Hände in den Hosentaschen, betrachtete +das Tier mit ingrimmigem Mißfallen, woraus +sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, +sondern fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier +zu wenden. Ein mattes Lächeln erschien auf Franziskas +Gesicht, und sie sagte: »Wenn das mit den beiden +gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum +wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte +sich und gab dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung +zu verstehen, daß er sich entfernen solle. Emil +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte den Ausdruck +ungeheuchelten Kummers.</p> + +<p>Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan +dem Freund mit, daß er zu Armanspergs gehen wolle +und fragte, ob er vor dem Fürsten erwähnen solle, daß +Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu unterlassen. +Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, +sie habe von einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst +vor Monaten an sie gerichtet, als er durch geheime Sendlinge +ihren Aufenthalt erfahren hatte, und sie sei durch +den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich einst doch +noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen +mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen +glaubte. Es sei zwischen den beiden Menschen irgend etwas +Undurchschaubares, und ein fremder Wille könne da nur +zerstörend eingreifen.</p> + +<p>Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen +zu regnen an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm +die Häupter und Rücken der Berge, die harten +Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden, die +talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war +so klein, so naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk +und Feiertäglichkeit für immer hätte verzichten wollen, um +sich frierend und gleichgiltig den unfreundlichen Elementen +zu überliefern.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a></p> +<h2><a name="Geronimo_de_Aguilar" id="Geronimo_de_Aguilar"></a><em class="gesperrt">Geronimo de Aguilar</em></h2> + + +<p>Franziska erholte sich im Verlauf des Tages, und als +alle bei der abendlichen Lampe wieder versammelt waren, +begann Cajetan seine versprochene Erzählung wie folgt.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Zur Zeit, als das Auftauchen unbekannter Welten die +Geister des alten Europa bewegte, lebte in Spanien ein +verarmter Edelmann namens Geronimo de Aguilar, ein +ruheloser Charakter, der, seit die Taten des Christoph +Columbus und anderer Helden von sich reden gemacht, nur +den einzigen Willen hatte, es jenen Männern gleichzutun. +Aber da war guter Rat teuer. Als Matrose oder Soldat +oder selbst als untergeordneter Offizier auf einem Schiff zu +dienen, erlaubte Geronimos Stolz nicht, und um die Leitung +auch nur der kleinsten Expedition zu bekommen, mußte +man entweder Geld oder mächtige Gönner haben. So blieb +nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen, obgleich Geronimo +sich mit Recht sagte, daß jede Stunde kostbar sei +und jeder verstrichene Tag ihn einer unwiederbringlichen +Möglichkeit beraube. Er brachte seine schlaflosen Nächte +über alten Folianten und neuen Landkarten zu, halb rasend +vor ohnmächtiger Ruhmsucht und Tatbegier, und von morgens +bis abends beschwatzte er Freunde und Bekannte, +saß in den Vorzimmern hoher und höchster Herren, reichte +Bittschriften und gelehrte Auseinandersetzungen ein, und +mit jeder fehlgeschlagenen Hoffnung wurde er rabiater, mit +jeder lässigen Vertröstung um so leidenschaftlicher besessen.</p> + +<p>»Beim Herzen Marias«, sagte er, »was der Glückspilz +<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Columbus erreicht hat, ist noch nichts, und wenn man +mich gewähren läßt, will ich zeigen, daß es nichts ist; ich +will euch die Atlantis der Alten wiederfinden, will Länder +erobern, in denen es mehr Gold gibt als bei uns Pflastersteine, +und bringe eure Schiffe so mit Schätzen beladen zurück, +daß ihr den Kindern Kleinodien zum spielen geben +könnt, wie sie jetzt im königlichen Tresor bewacht werden. +Aber säumt nicht länger, denn die Zeit ist trächtig.«</p> + +<p>Derlei glühende Reden führte er häufig, bei denen seine +schwarzen Augen brannten, als ob der ganze Mensch mit +Feuer angefüllt sei. Viele hielten ihn natürlich für einen +Prahler, andere glaubten ihn vom Teufel behext, aber es +gab auch Leute, die der Meinung Ausdruck gaben, daß +es den Versuch wohl lohnen könnte, ihn übers Meer zu +schicken, und daß ein Mann, der die Kraft zu großen Geschäften +in sich spüre, nicht mit der Bescheidenheit eines +Schulmeisters davon zu sprechen nötig habe. Eines Tages +ließ ihn der Graf Callinjos, ein ehemaliger Kämmerer, der +vom Hof verbannt war, ein reicher Herr und Sonderling, +zu sich kommen, und indem er auf einen mit Goldstücken +bedeckten Tisch hinwies, sagte er: »Hier sind zehntausend +Pesetas. Ich habe, Sennor de Aguilar, von Ihren Plänen +und Absichten vernommen und bin gewillt, diese Summe zu +opfern. Rüsten Sie damit die Brigantine Elena aus, die +mein Eigentum ist und im Hafen von Cadix vor Anker +liegt. Ich gebe Ihnen eine Frist von drei Jahren. Höre +ich bis dahin nichts von Ihnen, so erachte ich Schiff, Geld +und Mannschaft für verloren. Kommen Sie aber unverrichteter +Dinge zurück, so sind Sie durch den Verlauf des +<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Unternehmens nicht nur als lächerlicher Rodomont entlarvt, +sondern ich werde auch Mittel finden, Sie für Ihren +Übermut und Dünkel zu bestrafen.«</p> + +<p>Bei jedem andern Anlaß hätte eine solche Sprache Geronimos +Blut in Wallung versetzt; in diesem Augenblick +empfand er nur überschwängliche Freude; er nahm stumm +die Hand des Grafen, beugte sich nieder und drückte sie +an seine Lippen. Und so redselig, aufgelöst, hitzig und wild +man Geronimo bisher gesehen hatte, so schweigsam, kalt, +gesammelt und maßvoll zeigte er sich jetzt. Bei der Bemannung +und Befrachtung des Schiffes wußte er zu nutzen, +was seine Vorgänger durch Erfolge wie Mißlingen ihn +gelehrt, und in allem bewies er so viel Vernunft und Tüchtigkeit, +daß des verwunderten Lobes über ihn kein Ende +war. Zu Anfang des Herbstes waren die Vorbereitungen +beendet, und an einem klaren Oktobermorgen lichtete die +Brigantine die Anker und stach in See, begleitet von den +Zurufen des am Hafen versammelten Volks. Geronimo +stand am Heck des Schiffes, und er zuckte auf wie eine +Flamme, als ihm das Vaterland den letzten Gruß schickte. +Er ließ kein Herz zurück, kein Gut, keinen Freund, nicht +einmal einen Hund. Er war allein, er wußte es, und er +bedauerte es nicht. Eingesponnen in seine berauschenden +Visionen, hatte er seit langem nichts mehr übrig für Beziehungen +zärtlicher Art.</p> + +<p>Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender +Erwartung lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen +Westen. Selbst die rohen Matrosen spürten einen +abergläubischen Schauder, als jene Sterne niedriger stiegen +<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer Kindheit +vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des +neuen Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden +Wolken lebhaft an die Gefahren ermahnt, +denen sie entgegengingen. Nur Geronimo dachte lediglich +an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas +des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich +seiner Ahnungen und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß +die Reichtümer, die er gewann, das einzige Mittel zum +Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es befand +sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal +die Fahrt über den Ozean machte, und auf der Insel +Hispaniola gewesen war, um im Auftrag seines Ordens +für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und mit +trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen +Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen +der unschuldigen Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter +Habgier blühende Gegenden verwüstet hätten. Was +könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat, Mord +und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als +verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?</p> + +<p>Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name +des Columbus oder einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer +genannt, so ballte sich seine Faust, und Blässe überzog +das lange Oval seines Gesichts. Denn diese Namen +hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und +der Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und +völlig an die leibhafte Erscheinung gebunden war.</p> + +<p>Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger +<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Sturm, der viele Tage lang anhielt und das Schiff aus +seinem Kurs weit nach Nordwesten trieb. Die Mastbäume +hatten gekappt werden müssen, das Steuer war zerbrochen, +hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener +Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten +Landmelderuf ausstieß, glaubten sie sich schon +gerettet, doch blickten sie voll Bangigkeit gegen die Küste, +da sie nicht wußten, wo sie sich befanden und welches Los +ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine +Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten +konnten, wie das drohende Verderben abzuwenden sei, +stieß das Schiff gegen eine Felsenklippe. Der Rumpf füllte +sich schnell mit Wasser, die meisten Leute wurden in der +ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und fortgespült, +andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot +klar zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg +samt ihrer Mannschaft vom Meer verschlungen.</p> + +<p>Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, +gegen den selbst die Elemente machtlos sind, der +solche Männer wie Geronimo aus Gefahren rettet, die +alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde von +einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen +geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen +Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten +Menschen umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen +Gefäß zu trinken, ein anderer half ihm, sich aufzurichten, +und sie führten ihn zu einem großen Dorf. Durch Geberden +erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete +nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>ihn zu, die Priester sein mußten, und mit Blumen und +kostbaren Stoffen geschmückte, die er für Häuptlinge halten +durfte. In melodischen Lauten sprachen sie ihn an. Er +antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen +Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf +seine abgerissenen Gewänder weisend. Am andern Tag wurde +er in eine Stadt gebracht, deren prächtige Straßen und +Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme sein +Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen +Fürsten oder Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, +mit Smaragden besäten Mantel und an den Füßen goldverzierte +Halbschuhe trug. Mit Freundlichkeit sah er sich +von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger Neugier +betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes +wahrnahm, gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, +des Reichtums und der Schönheit. Man ließ ihn verstehen, +daß man ihn nicht als einen Gefangenen, sondern als einen +Gast zu behandeln wünsche und führte ihn in ein neben +dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen +sollte.</p> + +<p>Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren +Reich der Azteken befand, von dem jede Provinz, +auch die, an deren Küste er Schiffbruch gelitten, ein +Königreich für sich bildete, denn keines Europäers Fuß +hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum, +unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte +er das Gefühl, auf einen andern Stern versetzt zu sein. +Alles war ihm neu und fremd, die Luft, die er atmete und +das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten, jeder Baum und +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder Laut, +den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, +der er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines +denkenden Menschen, so schien es ihm, unter Barbaren, +zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch unüberbrückbare +Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all +das märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, +beschaute das Wunderland mit den Sinnen und +Blicken von drüben, mit der selbstsüchtigen Genugtuung +des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein war es nichts, +ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug +ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, +war so lang eine Chimäre, bis er seinen Landsleuten und +seinem Kaiser davon Nachricht geben konnte. Er hielt sich +für den rechtmäßigen Eigentümer von allem, was er ringsum +sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine +Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher +Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit +abwarten zu sollen, versetzte ihn in solche Verzweiflung, +daß er sich ganze Nächte lang in ohnmächtiger Wut auf +seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte, die +mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten.</p> + +<p>Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein +Streit über seine Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, +die man ihm erwies, sah er sich doch ohne Unterlaß belauert, +und jeder Schritt, den er tat, wurde sorgsam überwacht. +Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden +durch die Not, lernte er manches von der Sprache des +Volks verstehen; ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung +<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>bestellt waren, erleichterten ihm dies, und eines +Tages entdeckte er, daß wunderliche Dinge im Werk waren +und ein Verhängnis über ihm schwebte.</p> + +<p>Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte +Weissagung, derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott +oder Halbgott also, dereinst von Osten kommen würde, um +das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der Ankunft +Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, +dieser Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher +hatte er in manchen Mienen eine Furcht und scheue +Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken gegeben hätten, +wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte. +Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen +mit Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund +war, daß der Sonnensohn in jedem Falle glänzender und +feierlicher aufgetreten wäre als dieser hilflos Verlassene. +Es wurde eingewandt, dies möge eine List des Göttlichen +sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester beharrten +bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines +unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich +und schönen Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten +müsse, von dessen Stammesbrüdern Gefahr drohe, und +sie forderten, daß der Mann geopfert und sein Herz auf +dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt werde.</p> + +<p>Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im +Gefühl verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer +Priester, und der Streit währte so lang, bis der Kazike +eine Anzahl von denen, die in seinem Machtbezirk Rang +und Stimme hatten, zu sich rief und folgendermaßen sprach: +<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>»Wir wollen über den Fremdling nicht mit Ungerechtigkeit +richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch +imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. +Was aber, denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften +eines Gottes? Ich denke, die Kraft ist es, womit +er dem gegenüber unempfindlich bleibt, was uns Menschliche +alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung +der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, +so sollen die Priester Recht behalten, bewährt er sich, so +laßt ihn friedlich bei uns wohnen.«</p> + +<p>Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten +sich alle einverstanden, und sie waren überzeugt, +daß er sein Vorhaben aufs Verständigste ausführen würde. +Geronimo, obgleich er nicht erfahren konnte, was man mit +ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil und seine +Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu +richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. +Er warf sich also dem Fürsten zu Füßen und bat +in den spärlichen Worten, deren er mächtig war, ein Schiff +bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast unmöglich war, +da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom Schiffsbauwesen +hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen +aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise +wahre Wunder zu stande brachten. Aber in seiner gesteigerten +Ungeduld und Pein dachte Geronimo doch bisweilen +daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen +Boot eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.</p> + +<p>»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte +der Fürst heiter und vertraut. Malinche war der Schmeichelname, +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>den die Mexikaner für den düstern Fremdling +erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft flehend +und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten. +– »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete +Geronimo. – »Ein solches Schiff können wir nicht +machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge Herrscher. +– »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich +sie lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, +bleich vor Erregung, zu verstehen. – »Vielleicht, +wenn der Mond sich erneut«, entgegnete der Fürst rätselvoll +und mit seiner mädchenhaften Liebenswürdigkeit; »heute +nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich erneut.«</p> + +<p>Daraus entnahm Geronimo von ungefähr die Frist, die +ihm verstattet war, denn der Mond stand jetzt in seinem +Anfang. Er bereitete sich zu unablässiger Wachsamkeit vor, +aber wer weiß, wie es ihm trotzdem ergangen wäre, wenn +er nicht eines Tages, als er mit zweien der ihn bewachenden +Diener durch die Gärten des Königs ging, einen Knaben +aus den Klauen eines Puma errettet hätte. Das Tier war +ausgebrochen und hatte den Knaben, der schon aus vielen +Wunden blutete, überfallen. Mutig stürzte Geronimo hinzu, +ermunterte seine Begleiter, ihre Waffen zu gebrauchen +und vertrieb den Puma durch sein Geschrei. Am andern +Tag kam der Vater des Knaben, ein alter und sehr kostbar +gekleideter Mann, in sein Haus, dankte ihm bewegt, +sah ihn tief und lange an, neigte sich plötzlich zu seinem +Ohr und flüsterte: »Wenn du ein Weib berührst, Fremdling, +bist du verloren.« Nachdem der Greis den also gewarnten +Geronimo verlassen hatte, gab er sich selbst den +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Tod, weil er das Bewußtsein nicht ertragen konnte, seinen +Fürsten verraten zu haben. Einige Tage später kam ein +Abgesandter des Kaziken und fragte den Geronimo im +Namen seines Herrn, ob er sich nicht mit einer von den +Töchtern des Landes verbinden wollte. Geronimo machte +eine tiefe Verbeugung und als Antwort schüttelte er nur +ernst und verneinend den Kopf. Wenige Stunden hernach +stellte sich ein zweiter Sendbote ein und verkündete, das +schönste und reichste Mädchen, edelgeboren und von reinen +Sitten, begehre, von ihm zum Weib genommen zu werden; +der Fürst werde sicherlich erzürnt sein, wenn er diese Ehre +ausschlage. Durch die offenbare Absichtlichkeit und Beharrlichkeit +doppelt zur Vorsicht gemahnt, wiederholte Geronimo +seine Weigerung in gleicher Form.</p> + +<p>Als er in der nächsten Nacht vom Schlaf erwachte, war +er nicht wenig erstaunt, sich in einem andern Raum zu +finden als der war, worin er sich zur Ruhe begeben. Es +war ein von oben matt erhellter Saal, voll von einer bläulichen +Dämmerung. Der Fußboden und die Wände waren +von einem Teppich lebendiger Blumen bedeckt. Der Geruch, +den diese Blumen ausströmten, hatte die eigentümliche Folge +für Geronimo, daß er seine Gedanken lähmte und zugleich +eine fieberische Begehrlichkeit in ihm aufregte. Die Mexikaner +besaßen eine der Magie verwandte Kunst in der +Vermischung der Blumendüfte, und sie brachten damit +Wirkungen hervor, die sonst nur von Giften und narkotischen +Getränken erzeugt werden. Auch liebten sie die +Blumen über alles, und sie veranstalteten besondere +Blumenfeste, wo Männer, Weiber und Kinder, mit +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Blumen geschmückt, in Prozessionen durch die Landschaft +zogen.</p> + +<p>Geronimo erblickte sechzehn Jünglinge, die durch das geweitete +Portal schritten und sich ihm näherten. Sie trugen +schöne Gegenstände in den Händen: goldgewirkte Stoffe, +goldgestickte Schuhe, Waffen, die reich verziert waren, ein +Gefäß voll farbiger Edelsteine, ein anderes, das mit Perlen +gefüllt war, ferner wunderbare Figürchen aus Achat und +aus Silber, eine goldene indianische Ähre, von breiten silbernen +Blättern umgeben, und die beiden letzten stellten +einen Springbrunnen vor ihn hin, der einen funkelnden +Goldstrahl emporwarf, während Tiere und kleine Vögel, +ebenfalls aus Gold, an seinem Rand saßen. In atemlosem +Staunen betrachtete Geronimo diese Dinge, und als ihm +der älteste der Schätzebringer bedeutete, daß alles ihm gehöre, +sagte er sich, daß man mit solchen Herrlichkeiten eine +ganze spanische Provinz reich machen könne. Dennoch verzog +er keine Miene; er hielt die geballten Fäuste auf der +Brust und spürte ahnungsvoll die verborgene Gefahr. Nach +einer Weile erhob er die Augen und sah an der Längswand +des Raumes zwölf junge Mädchen mit ebenholzschwarzen +Haaren; je zu dreien gesellt, kauerten sie auf dem +Boden, und ihre Hände waren in flinker Arbeit geschäftig; +dabei lächelten sie, als ob ihr Tun nur auf eine Täuschung +ziele. Es waren drei Korbflechterinnen, drei Kranzwinderinnen, +drei Stoffwirkerinnen und drei Perlenputzerinnen. +Bisweilen stand eine auf und tanzte lautlos umher, +entblößte die olivenfarbige Brust, und die andern schauten +mit falschem, lockendem Lächeln zu. Dann sangen sie im +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Chor beinahe flüsternd eine dumpfe Melodie, bei der sie +im Wechsel den Namen Tochrua gellend und sehnsüchtig +hinausschrieen. Plötzlich schwiegen sie, die ganze Schar kauerte +sich dicht zusammen und kroch wie ein einziger Körper +zu seinem Lager her und sie streckten schmeichlerisch die Arme +aus und zwölf Lippenpaare öffneten sich in einer sinnlichen +Weise, und die Leiber schienen sich den Gewändern wie +einer neblig trüben Flüssigkeit zu entwinden, das Fleisch +leuchtete in sattem Karmin und strömte einen rosenartigen +Geruch aus, und sie girrten wie die Tauben und drängten +sich immer enger aneinander und fingen leise zu lachen an, +als ob sie gekitzelt würden, und ihre Hände berührten ihn +wie weiche kleine Tiere, da schloß er die Augen, wandte +sich ab und wühlte das Gesicht in die Kissen. So wollte +er bleiben, was auch kommen mochte, und da es nun ruhig +ward, verfiel er in Schlaf. Als der Morgen kam, lag er +wieder im Gemach seines Hauses. Er fühlte sich matt und +zerschlagen und suchte der Schwäche dadurch Herr zu werden, +daß er seine Gedanken hartnäckig über den Ozean in +die Heimat schickte.</p> + +<p>In der folgenden Nacht erwachte er abermals in jenem +Blumensaal. Er begriff nicht, wie es zuging, und vermutete, +daß sie ihm betäubende Mittel in die Speisen oder ins +Wasser mischten. Während die Blumenwände gestern hauptsächlich +aus blauen und weißen Blüten bestanden hatten, +waren es heute dunkelrote, aus denen wie Augen vereinzelte +gelbe Dolden blickten. Er vernahm ein Geräusch, ähnlich +fernem Trommelwirbel, dann erschallten die hellen +Klänge eines Beckens, dann aufregende Lustschreie, dann +<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>ein Gelächter, dann ein gezogener Flötenton, alles in der +Finsternis, denn das Dämmerlicht von oben war erloschen. +Geronimo grübelte, wie er es anstellen könnte, sich +zu schützen, da wurde es hell, und fünf zierliche Mädchen +traten an sein Lager. Jedes trug einen Smaragd von märchenhafter +Größe und unvergleichlichem Glanz. Der erste +Smaragd hatte die Form einer Schnecke, der zweite die +eines Horns, der dritte stellte einen Fisch mit goldenen +Augen dar, der vierte war höchst kunstvoll zu einem Reif +verarbeitet, der fünfte und schönste bildete eine Schale mit +goldenen Füßen. Diese fünf Edelsteine boten sie ihm knieend +dar und sagten mit Zikadenstimmen: »Das schenkt dir Tochrua, +und das, und das, und das, und das.« Jetzt schritt +durch ihren Kreis eine in purpurne Schleier gehüllte Frauengestalt. +»Tochrua!« riefen ihr die Mädchen zu, und sie +grüßte die Knieenden mit einer bezaubernden Stimme voll +Metall und an den Endungen der Worte austönend wie +in einem Schluchzen. Um den Hals und um die Brüste +hatte sie Perlenketten geschlungen, die durch den Flor +schimmerten, und sie kam nahe heran und sagte zu Geronimo: +»Malinche, nimm mich zu dir.« Geronimo verstand +es wohl, aber er antwortete nicht, auch regte er sich nicht. +Sie breitete die Arme aus und die Mädchen zogen ihr +liebkosend den Schleier vom Haupt, da gewahrte Geronimo, +daß sie schön war wie ein Wunder, rot wie Zedernholz +die Haut, die Augen schwermütig flehend, der Mund wie +ein aufgeschnittener Pfirsich. »Malinche, nimm mich zu dir,« +sagte sie, und immer wieder, in immer neuer Musik der +Stimme.</p> + +<p><a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Geronimo kehrte sich erbleichend hinweg, doch jetzt drang +dumpfer Gesang von allen Seiten, von unten, von oben +an sein Ohr. Er suchte sich abzulenken mit Bildern, die +ihm seine Wünsche vorgaukelten, mit den Bildern seiner +Heimkehr und seines endlichen Triumphes, aber vergeblich +kämpfte der gebundene Wille gegen das Blutfieber. Das +wieder abnehmende Licht des Raumes zeigte ihm Tochrua +als einen Schatten, jede ihrer langsamen Geberden erweckte +eine quälende Neugier in ihm, und fast verlor er unter +den rätselhaften Lauten, die aus der Dunkelheit drangen, +Erinnerung und Besinnung. Der Morgen fand ihn auf +seinem gewöhnlichen Lager erschöpft, beunruhigt und traurig. +Faul schlich der Tag dahin, niemand besuchte ihn, schweigend +eilten die Diener durch das Haus, Markt- und Straßenlärm +erstickten auf der Schwelle, stets glaubte er Tochruas +Augen auf sich geheftet, und ein Verlangen, das von Angst +begleitet war, brannte unstillbar in seiner Brust. Als es +Abend wurde, kam ein weißhaariger, magerer und finsterer +Priester in sein Gemach, starrte ihm eine Weile forschend +ins Gesicht und sagte: »Merk auf, Fremdling! Tochrua +muß sterben, wenn du sie verschmähst.« Damit entfernte +er sich und überließ Geronimo seiner Bestürzung.</p> + +<p>In der folgenden und in der zweitfolgenden Nacht geschah +nichts. Geronimo wurde dessen nicht froh, er erkannte +die tiefe List darin, und seine Ohnmacht verurteilte ihn +zur Geduld. In der dritten Nacht erwachte er unter einer +hochgewölbten Kuppel, und sein erster Blick fiel auf ein +Liebespaar, das ganz oben zu schweben schien und sich umschlungen +hielt. Die Kuppel stand auf Säulen in einem von +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>blauen Flämmchen geisterhaft erleuchteten Garten, von dem +man nur schwarze Laubmauern sah, und im Laub drinnen +kauerten weiße stille Vögel, während auf den Wegen +kupferfarbene Schlangen krochen oder auch stille dalagen. +Geronimo gewahrte eine Frauenschulter, ein herauf- und +hinabtauchendes Gesicht, das gleichsam mitten aus einer +Verzückung geflohen war, dann nackte flüchtige Körper, +die vorüberwirbelten wie Fackeln. Nichts mehr als dies, +und es war eine stundenlang dauernde Pein. Seine Adern +glühten, eine seltsame Vergessenheit überfiel ihn, er wünschte, +daß Tochrua käme, rings um sein Lager häuften unsichtbare +Hände Reichtümer über Reichtümer, die Luft war +voll von Seufzern, aus der Tiefe streckten sich zahllose Arme +nach ihm, Tänzerinnen schwebten mit schwalbenhaftem Zwitschern +vorbei, Jünglinge huschten um die lautlos sich ergebenden, +und die Ungreifbarkeit und schwüle Hast des +ganzen Treibens versetzte Geronimo in feurigen Schrecken. +Es fruchtete nicht, daß er die Lider zudrückte, er spürte +die Gestalten durch die Haut, er atmete den verführenden +Dunst, ihre Tritte raschelten, ihre Gewänder knisterten, +auch ertönten karge Saiteninstrumente, seine Fantasie kam +der Wirklichkeit zuvor, er zitterte vor Grauen und Begier, +und so schaute er denn.</p> + +<p>Da war ein Kranz zuckender Figuren, Haupt an Haupt, +Lende an Lende, ungenügendes Licht machte sie wesenloser, +und auf einmal erschien vor den hold Zurückweichenden +Tochrua gewandlos und marmorhaft. Geronimo richtete +sich empor; es war, als ob nichts mehr ihn verhindern +könne, die herrliche Gestalt an sich zu reißen, doch wunderlich, +<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>ihr Antlitz war ernst und betrübt; ein aufrichtiges +Gefühl und edle Teilnahme war in ihren Mienen und verkündeten +dem erlahmenden Geronimo das nicht abwendbare +Verhängnis: Tod für ihn, wenn er sie nahm, Tod für sie, +wenn er sie ließ. Da wurde er in letztem Zusammenraffen +der Gefahr inne, schlug die Hände vors Gesicht, sank aufs +Lager zurück und verblieb regungslos. Als die Nacht zu +Ende ging und er noch einmal mit erleichtertem Sinn zu +schauen sich entschloß, wandelte ein Zug von Mädchen und +Knaben in weißen Gewändern, weiße Blumen in den Haaren, +durch den Raum. Nicht zu mißkennen, daß es ein Trauergeleite +war, auch sangen sie eine Weise, die einem Totenlied +ähnelte, und klagende Stimmen riefen: »O Malinche! +O Malinche!«</p> + +<p>Der unglückliche Geronimo sah sich dem Grenzenlosen +preisgegeben, und der aufgereizte Zustand seines Innern +verwandelte sich in eisige Erstarrung, als sie in der nächsten +Nacht, diesmal hatten sie ihn in seinem Haus gelassen, den +Leichnam der schönen Tochrua hereintrugen. Ein Sklave +hielt auf einer Schüssel aus blauem Stein Tochruas Herz, +das noch zu schlagen schien, und frisch leuchtete das Blut +auf dem glänzenden Mineral. Kaum gespürte Tränen flossen +über Geronimos Wangen, und es war ihm, als ob alle +Triebe seines leidenschaftlichen Willens plötzlich gebrochen +wären. Jede Wollust schwand aus seiner Brust, auch die +Wollust des Ehrgeizes, und er empfand Gleichgiltigkeit +gegen alles, was ihm bisher erstrebenswert geschienen. Es +kam ihm vor, als sei er nur ein Ding, fern vom Leben +und vom Tod. Es wurde ihm bewußt, daß er durch die +<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>vergangenen Tage und Jahre wie ein Mensch ohne Seele +gerast war, und daß er nichts auf der Welt besessen, weil +er nichts auf der Welt geliebt. Und welche Künste sie von +nun ab ersannen, ob ihre biegsamen Körper durch den duftenden +Opalschatten des Gemachs schwammen wie Fische +in lauer Flut, ob sie lautlos oder singend ihre elfenhaft +lockenden Tänze ausführten, es erregte mit nichten seine +Begierde, weil der Tod sich in das beziehungsvolle Spiel +gemengt, und auch deshalb, weil sie alle so lieblich waren, +Männer und Frauen, und das reine Wohlgefallen den +Brand der Sinne auslöschte.</p> + +<p>In einer Nacht weckten ihn Jünglinge und führten ihn +ins Freie. Alsbald stand er am Fuß eines Treppenturmes, +dessen breit ansteigende Stufen sich erst im dunklen Äther +zu verlieren schienen. Geronimo stieg hinan, und wie er so +die balsamische Nacht mit sich in die Höhe trug und sein +befreites Auge weitum schweifen ließ, da hatte er das Gefühl, +von einer schweren Krankheit genesen zu sein, und +das berückende Schauspiel, das sich ihm bot, verwandelte +vollends sein Herz.</p> + +<p>Nun müßt ihr euch eine mexikanische Nacht vorstellen: +einen Himmel von überwältigender Sternenpracht, den Horizont +beglüht vom Feuer der Vulkane, in geahnter Nähe +das Meer, Palmen, aus der Dunkelheit strebend, den blaugrünen +Schimmer des Kaktusgestrüpps, Feuerfliegen und +Feuerkäfer durch die Zweige des Mangodickichts schwirrend, +aus den Wäldern die Stimmen kreischender Vögel, das +heisere Kläffen des Tukans, den Schrei des Baumpanthers +und von den Tiefen der Selvas Töne kommend, die selbst +<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>den Eingeborenen fremdartig klingen. Als ihm auf der Plattform +des Turmes vor einem Tempel zwei Priester entgegentraten +und sich vor ihm, zum Zeichen, daß er die Probe +bestanden, zur Erde beugten, da war es unumstößlicher +Beschluß in Geronimo, nichts zu unternehmen, was den +Europäern Kunde von diesem Land geben konnte.</p> + +<p>Wer durfte ihn zur Rechenschaft fordern? In der Heimat +mußte man glauben, daß ihn das Meer verschlungen habe, +und Jahrzehnte, Jahrhunderte mochte es dauern, so dachte +er, bis ein anderer Seefahrer an diese Küste verschlagen +wurde. Wie sonderbar! Einer entdeckt ein neues Land und +faßt den Plan, seine Entdeckung zu verheimlichen, als ob +es sich um einen Gegenstand handle, den man im Schrank +verschließen kann. Geronimo glich einem Mann, der, zur +Ehe mit einer ungeliebten Frau gezwungen, plötzlich Vorzüge +des Geistes und des Körpers an ihr findet, die ihn +veranlassen, eine geheimnisvolle Abgeschiedenheit mit ihr +aufzusuchen, um sein unerwartetes Glück eifersüchtig zu verbergen. +Nun liebte er diese blühende Erde, diesen indigoblauen +Himmel mit einer nie gekannten Inbrunst; er liebte +die Berge, die aus gelbem Marmor gebaut schienen, die +undurchdringlichen Urwälder, den Bananenbaum, den Heuschreckenbaum, +den Armadill, das Jaguarrohr, das über +vierzig Fuß hoch wächst, und die Lianen, die ihre Ranken +von Wipfel zu Wipfel schlingen. Die Unschuld der Eingeborenen +rührte ihn umso tiefer, wenn er sie mit der Lasterhaftigkeit +seiner Landsleute verglich, ihr anmutiges Schreiten, +ihre Freundlichkeit und all das Triebhafte, das zwischen +Tier und Engel ist, mit der stolzen Verdrossenheit und +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>zweckbeladenen Schwere, die er in der Heimat gewohnt +war zu sehen. Er erinnerte sich der Unbill, die er von +Jugend auf in einem durch Neid, Ohnmacht und Haß verschlungenen +Gewebe der Existenzen hatte ertragen müssen; +und daß er dorthin hatte zurückkehren wollen, wo eine +wunderlose Zeit und Natur ihre Geschöpfe aus Krampf +und Fieber zeugte und zu unbeseeltem Halbleben verdammte, +dünkte ihn kaum noch begreiflich.</p> + +<p>Der Fürst und seine Edlen, die nun die göttliche Art +des Fremdlings nicht mehr bezweifelten, überhäuften ihn +mit Geschenken, und Geronimo hinwiederum zeigte sich +durch sinnreiche Ratschläge und allerlei Unterweisungen +des Rufes würdig, den er als eine ungewöhnliche Erscheinung +unter ihnen genoß. So vergingen Monate und +Jahre, in denen Geronimo fast jedes Andenken an sein +früheres Leben austilgte, als eines Tages das Gerücht +eintraf, es seien an einem fernen Punkt der Küste viele +große Schiffe gelandet und Männer mit feuerspeienden +Waffen, auf grauenhaften Untieren sitzend, zögen der Hauptstadt +des Kaisers zu. Geronimo erschrak, und eine tiefe +Traurigkeit bemächtigte sich seiner. Er beschwor den Kaziken, +ein Heer auszurüsten und die Eindringlinge zu bekämpfen. +»Ich danke dir für deinen Rat, Malinche,« sagte +der Fürst, »aber nun künde uns doch, ob diese Fremden +deine Brüder, ob sie gleichfalls Söhne der Sonne sind, und +was es für Tiere sein mögen, mit denen sie verwachsen +scheinen.«</p> + +<p>Den Mexikanern waren nämlich die Pferde unbekannt, +und besonders die Reiter darauf erregten ihr Entsetzen. +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Geronimo beruhigte sie nach Kräften, aber es war ihm +klar bewußt, daß sie allesamt Verlorene waren, diese lieblichen, +ängstlichen und abergläubischen Kinder, die bis jetzt +in einer Verborgenheit gewohnt, welche der Gartenheimat +des Menschengeschlechts glich. Acht Tage später überschritt +er mit dem Heer des Kaziken den Gebirgshochpaß, der sie +noch von dem Tal trennte, in dem die Spanier lagerten. +Inzwischen hatte der Anführer der kleinen spanischen Schar, +Don Fernando Cortez, von einigen Mexikanern, die seine +Bundesgenossen waren, die Nachricht erhalten, daß einer +seiner Landsleute bei dem Kaziken weilte, ob als ein Gefangener +oder als Gast konnte er der Mitteilung nicht entnehmen. +Er sandte Botschaft und ließ dem Fürsten ein +Lösegeld bieten. Da sagte Geronimo zu seinen Freunden, +sie möchten ihn ziehen lassen, er wolle die Spanier in ihre +Gewalt geben. Im spanischen Lager angelangt, wurde er +vor das Zelt des Fernando Cortez gebracht, und dieser +selbst trat auf ihn zu, ein mächtig anzuschauender Mann, +blond von Haar und Bart und mit Augen, in denen jeder +begegnende Blick zerbrach. Geronimo war erschüttert, sich +wieder bei den Seinen zu finden, und der Anblick der stolzen +und trotzigen Erscheinung ihm gegenüber benahm ihm +den Mut. Er wußte nicht, wie ihm geschah, plötzlich beugte +er sich in seinem mexikanischen Kleid nieder und begrüßte +seinen Landsmann so, wie es die mit ihm gekommenen +Eingeborenen taten, indem er mit der Hand den Erdboden +und darnach die Stirn berührte. Hierauf wandte er sich ab +und weinte. Cortez umarmte ihn huldvoll, viele von den +Rittern sprachen ihm kameradschaftlich zu, aber was sein +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>eigentliches Herzleid ausmachte, konnten sie natürlich nicht +wissen; für einen Zwiespalt wie den in seiner Brust gab +es keine Heilung mehr.</p> + +<p>Da er die Muttersprache fast vergessen hatte, vermochte +er seine merkwürdigen Erlebnisse anfangs nur stockend zu +berichten. Um nicht das Ziel des Neides zu werden, schenkte +er den neuen Gefährten vieles von seinen mitgebrachten +Reichtümern, indessen stachelte er damit doch nur ihre Habsucht +an, auch Cortez sagte sich wohl: wo Datteln verschenkt +werden, sind die Palmen nicht weit. Deshalb lieh +er den Einflüsterungen Geronimos ein williges Ohr und +zog mit seiner Mannschaft über das Gebirge. Nun war +er nebst allem andern ein Meister des listigen Wortes und +der umgarnenden Rede, und während er erwog, wie er +das Heer des Kaziken, das ihm den Weg nach der Hauptstadt +verlegte, unschädlich machen könnte, wußte er unter +der Maske des Wohlwollens für den jungen Fürsten Geronimo +dahin zu beschwatzen, daß dieser sich bereit erklärte, +den Kaziken bei Zusicherung freien Geleites und ehrenvollen +Empfangs in das spanische Lager zu führen. Geronimo +ließ sich täuschen. Er schmeichelte sich mit der Hoffnung, +daß Cortez, wenn er die Feinde in ihrer Übermacht +erblickte, der Vernunft gehorchen und umkehren würde +und daß ihm selbst die Verschuldung eines Blutbades und +mörderischen Anschlags am Ende erspart blieb. So ging er +also zu den Mexikanern, und seinem beteuernden Zuspruch, +wobei er die eigene Person als Geisel anbot, gelang es, +den zögernden Fürsten von der Gefahrlosigkeit und Nützlichkeit +eines solchen Schrittes zu überzeugen. Kaum jedoch +<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>war der Fürst bei den Spaniern, so enthüllte sich der Betrug. +Sein Zelt wurde mit Wachen umgeben, und niemand +durfte ihm nahen außer Cortez und Geronimo, der bei den +Gesprächen als Dolmetscher dienen mußte. Aufs äußerste +bestürzt, konnte sich Geronimo nicht entschließen, an so viel +Heimtücke zu glauben, auch versicherte ihm Cortez immer +wieder, daß es nur eine einschüchternde Maßregel sei, um +die Barbaren im Zaum zu halten. In der Tat wagten +die Mexikaner nichts zu unternehmen, solange ihr Herr in +der Gewalt des Spaniers war.</p> + +<p>Eines Abends zu später Stunde ging Geronimo heimlich +in das Zelt des Kaziken, den er wie einen Bruder liebte. +Der junge Fürst kauerte auf dem Boden; seit zwei Tagen +aß und sprach er nicht mehr, und als ihn Geronimo ermuntern +wollte, schaute er ihn nur kummervoll an wie ein +Reh, wenn der Winter kommt. »Rede doch, Malinche, +deinem Gebieter zu, daß er mir die Freiheit gibt,« sagte +er endlich, »ich will ihm alle Schätze meines Palastes dafür +ausliefern.« Trotz der vorgerückten Stunde suchte Geronimo +noch den Befehlshaber auf und fand ihn zu seinem +Erstaunen völlig geharnischt und zur Schlacht gerüstet. Er +teilte ihm die Worte des Gefangenen mit und flehte dringlich, +Cortez möge den Fürsten entlassen. »Eine solche Bitte +ist ein Verrat an Ihrem Vaterland, Don Aguilar,« erwiderte +Cortez hart. Da schwieg Geronimo betroffen. Verräter +hier, Verräter dort; kein Ausweg. So war er denn +verloren und verdammt. Zum zweiten Mal ging er in das +Zelt des Kaziken und warf sich vor ihm nieder. Der unglückliche +Fürst wußte nun genug. »Sieh, Malinche,« sagte +<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>er sanft und düster, indem er sein Kleid auftat und seine +nackte Haut sehen ließ, »ich bin doch nur ein Mensch, was +könntet ihr billig verlangen, ihr Göttlichen, von uns, die +wir bloß Menschen sind?«</p> + +<p>In diesem Augenblick erscholl die spanische Schlachttrompete; +Geronimo eilte hinaus, schon waren die Ritter hingestürmt +gegen das aztekische Lager. Auf eine nächtliche +Überrumpelung nicht gefaßt und durch das Schnauben, +Wiehern und Galoppieren der Pferde in den ungeheuersten +Schrecken versetzt, flohen die Mexikaner ordnungslos +und wurden von den Verfolgern zu Tausenden niedergemacht. +Als Geronimo zur Walstatt kam, war alles schon +entschieden, und die Ritter sammelten auf, was sie an Gold +und Kleinodien erraffen konnten. Die Erde troff von Blut, +die Leichen der Erschlagenen waren nur so ineinandergewühlt +und Geronimo, von einem leidenschaftlichen Gram +überwältigt, verwünschte sich und sein ganzes Leben. Als +er aber ins spanische Lager zurückkehrte und das Zelt des +gefangenen Fürsten betrat, da lag dieser tot auf einem +Teppich hingebreitet; ein langer Dolch hatte sein Herz +durchbohrt.</p> + +<p>Cortez stellte sich sehr erzürnt über diese Tat, doch Geronimo +durchschaute die Heuchelei und, vor Schmerz zitternd, +warf er ihm einen Blick zu, vor dem sich selbst dieser +Eherne verfärbte. Er fing an, dem Geronimo zu mißtrauen, +und hätte ihn gern aus seiner Nähe entfernt. Nun erfuhr +Geronimo, daß Cortez den Plan hegte, Leute nach Westen +zu senden, die in möglichster Heimlichkeit und Stille das +Land durchziehen sollten, um das Ufer des jenseitigen Meeres +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>zu suchen, von dem ihm dunkle Kunde geworden war. Geronimo +machte sich erbötig, die schwierige Aufgabe durchzuführen, +Cortez ging mit Freuden auf seinen Vorschlag +ein und bestimmte drei Söldner zu seiner Begleitung. Am +Tag vor seiner Abreise verteilte Geronimo alles, was er +noch an Schätzen besaß, unter seine Kameraden. Einem gewissen +Pedro de Alvarez aber, einem ritterlichen Mann, +vertraute er einen Edelstein im Wert von mehr als zwanzigtausend +Pesetas an und sprach: »Wenn ihr nach Spanien +kommt, so gebt dies Kleinod dem Grafen Callinjos +in Cordova. Sagt ihm, daß er keinen Undankbaren gewählt +hat. Sagt ihm, daß ich kein Verräter bin, wie unser +Führer argwöhnt. Sagt ihm, daß ich dieses wunderbare +Land als erster Spanier betreten habe, aber daß ich auf +den Ruhm verzichte, der eine solche Tat sonst krönt. Ja, +ich verachte den Ruhm, da er nichts weiter ist als die +Einbildung und Qual eines lieblosen Herzens.«</p> + +<p>Diese Botschaft gelangte nicht an ihr Ziel. Don Alvarez +fand in den Kämpfen der sogenannten traurigen Nacht den +Tod, und der Graf Callinjos lag längst unter der Erde. +Indessen zog Geronimo mit seinen Begleitern unverdrossen +durch das Land nach Westen, über Bäche, Flüsse und +Gebirge. Sie wanderten nur des Nachts und schliefen bei +Tag an schwer zugänglichen Orten. Geronimo war stets +schweigsam, und die Soldaten begannen ihn dieser Schweigsamkeit +wegen und weil er auf keinen ihrer rohen Scherze, +keine ihrer Prahlereien und Lügen einging, zu hassen, so +wie sie ihrerseits ihm so tief verächtlich wurden, daß er +sich weit fort von ihnen wünschte. Ihre Gesichter, Worte +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>und Geberden erweckten ihm Ekel und Widerwillen, die +andachtslose, augenlose Art, wie sie durch die zauberischen +Gegenden schritten, umdüsterte sein Gemüt. Als sie nun +nach vielen Wochen an die Küste eines neuen, ungeheuren +Meeres kamen, da faßte Geronimo einen seltsamen Entschluß, +den er mit großer Vorsicht ausführte. Gegen Abend, +als seine Gefährten noch schliefen, stand er heimlich auf, +ging ans Meeresufer, wo eine Siedlung von Fischern war, +löste ein Kanu los, belud es mit einem wassergefüllten +Kürbis und einem Säckchen voll Datteln, stieg hinein, schlug +das brandende Wasser kräftig mit den Rudern und fuhr +hinaus.</p> + +<p>Als die drei Spanier erwachten, sahen sie, daß er fort +war. Während sie sich noch verwunderten, gewahrte einer +das Boot, das höchstens eine Meile entfernt war und auf +den von der untergehenden Sonne geröteten Wellen tanzte. +Sie eilten an den Rand des Wassers und riefen so laut +sie konnten. »Geronimo!« riefen sie wohl ein dutzendmal, +»Geronimo!« Er hörte nicht und antwortete nicht. Bald +wurde es dunkel, und sie fragten einander mürrisch und +bestürzt: »Was mag das sein? wohin mag er steuern?«</p> + +<p>Ja, wohin mochte er steuern? Nach einem andern unentdeckten +Land? nach einer glücklichen Insel? Oder nur +ziellos in die Nacht und ins Unbekannte? Er fuhr gegen +Westen, der Sonne nach, ganz allein auf dem einsamen +Ozean. Wie lange und wie weit er gefahren ist, das weiß +niemand.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a></p> +<h2><a name="Von_Helden_und_ihrem_Widerspiel" id="Von_Helden_und_ihrem_Widerspiel"></a><em class="gesperrt">Von Helden und ihrem Widerspiel</em></h2> + + +<p>Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen +Augen der Freunde und die vor Mitgefühl feuchten +Franziskas belohnten den Erzähler.</p> + +<p>»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte +endlich Georg Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe +für alles, was von Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. +Man versetzt sich gern in die Zeit zurück, wo für +den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch traumhafte +Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die +Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens +das südliche Amerika umsegeln konnte und endlich den +Ozean jenseits des Kontinents erblickte. Welches Staunen, +welche Freude, welche mystische Furcht! Oder wie mag +dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal +eine der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie +riesenhaft geweitet muß diesen Männern das Bild der Erde +erschienen sein, und wie seltsam muß sich Ahnung und Gegenwart +in ihrer Phantasie verwoben haben.«</p> + +<p>Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen +sich«, antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart +sachlichen Naturen, sachlich im schlimmsten wie im besten +Sinn, so wenig wie möglich poetische Erregung zutraut. +Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es keinen Märchen- +oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer +und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern +so sein wie bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«</p> + +<p>»Trotzdem denk’ ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>»ob nicht Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung +erlitten haben kann wie dieser Geronimo de Aguilar; müde +und angeekelt von seiner Heimatwelt, satt der Kriege, des +Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der Ränke und +Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen +westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu +verheimlichen. In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich +ihn entzückt und schuldbewußt unter Basileen und Thalien +und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er ahnt alle +Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine +Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des +Goldes geblendet sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. +Doch über dem gemeinen Muß der Stunde erkennt er noch +eine höhere Notwendigkeit, und indem er der Pflicht gehorcht, +hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von +Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett +das böse Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, +beinahe wahnsinnig gemacht habe. So geschah es dem +Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker und in +Ketten schmachtete.«</p> + +<p>»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte +Borsati. »Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr +zeitgemäß. Man nennt es Auffassung, scheint mir.«</p> + +<p>»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind +Naturalisten«, versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß’ es mir +nicht ausreden, daß die meisten Tatmenschen heimliche +Schwärmer waren. Betrachtet doch einen Kerl wie den +Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum +der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>Reich der Inkas zu erobern. Wenn das nicht Schwärmerei +ist, was sonst?«</p> + +<p>»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei +zu sein«, warf Hadwiger hin.</p> + +<p>»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang +geweiht war«, sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten +das Gedächtnis der Menschheit! Gibt es eine Seelenwanderung, +so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge gewesen, +wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem +alten Haus gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück +ergeben, und wie er wartet, bis seine Untertanen als +Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit Schätzen angefüllt +haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem Metall +im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten +aus den Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, +Zieraten, die man von den Tempeln gerissen hatte, und so +wurde das Leben eines großen Fürsten wie auf einer Wage +abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich +die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und +der Inka wurde hingerichtet.«</p> + +<p>»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, +»wäre uns immer gegenwärtig, was vor uns geschehen ist +und was jetzt geschieht, jetzt, während wir sprechen, niemand +könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.</p> + +<p>»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, +nahm Borsati das Wort, »und dadurch wurde seine Tat +für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts anderes kann der +Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich vermöchte +sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry +<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 +an der Spitze von fünf- oder sechshundert Seeräubern das +ganze spanische Mittelamerika samt der befestigten Stadt +Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an Kraft und +Kühnheit seinesgleichen sucht.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, +erwiderte Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt +das Chaos ein. Die moralische Ordnung ist offenbar ein +Teil unseres Organismus, der erkranken und zusammenbrechen +muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir +eine Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet +hat, als England in seinen Kämpfen gegen Frankreich +sich auch der gesetzlich verschleierten Freibeuterei bediente. +Ein mit Kaperbriefen, also mit der Erlaubnis zum +Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte, +griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer +an. Dieser Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend +Gulden in barem Gold. Besatzung und Passagiere +wurden gefangen genommen und später bei Trinidad ans +Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um +in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, +ward in den Grund gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen +des Kaperschoners wegen der grausamen Behandlung, +die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in aufrührerischer +Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie +an Bord wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, +und eines Nachts ermordeten sie, vom Hochbootsmann +angeführt, den Kapitän und die Offiziere. Sie teilten +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>das Gold unter sich auf und überließen sich wüsten Ausschweifungen +der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes +Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer +unbewohnten Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten +sich alle zu retten, aber auf der Insel trafen sie +keinerlei Anstalten, ein Floß zu bauen oder ihr Leben erträglich +einzurichten, sondern der verbrecherisch erworbene +Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen +den andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht +den geringsten Wert oder Nutzen für sie hatte, waren sie +nur darauf bedacht, es vor dem Neid und der Habgier zu +bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte sich aber +auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar +bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff +gedient und in Not und Gefahr einander beigestanden hatten, +verwandelten sich in unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht +zu schlafen; an abgelegenen Orten wie in gegenseitiger +Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die Entbehrungen +verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen +sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus +bösen Blicken entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger +Kampf, die Toten lagen unbegraben an der Küste, +die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche Übereinkunft +zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und +endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des +Lauerns und der Verfolgung traten sie zum Kampf an, +und der Schwächere fiel. Ohne Hilfsmittel, ohne genügende +Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört, lebte +nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen +<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter +einer Palme, deren Stamm er durch ein Kreuzeszeichen +kenntlich machte und nachdem er die toten Körper seiner +Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig +am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser +Verlassenheit begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er +vorher nie kennen gelernt; er sehnte sich mit wachsender +Gewalt nach einem Menschen, nach einem Menschengesicht, +einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in denen +die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten, +und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen +und den Zurufen seiner ehemaligen Kameraden. Als nach +vielen Monaten ein Schiff anlief, das seine Wasserfässer +füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und küßte +ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus +Furcht, zur Verantwortung gezogen zu werden, nichts +verlauten, auch hatte zu dieser Zeit das Gold nichts +Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat +kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und +wieder scheu und versuchend von dem unter einer Palme +vergrabenen Schatz redete, glich es dem Stammeln eines +Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines Daseins +in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen +konnte und haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte +Erinnerung und gegen ein gebrochenes Versprechen des +Glücks.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und +Bestialität die Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold +<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>so wertlos wird, mit der Macht einer Idee wirkt. Die +meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der niedrigsten +Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer +für eine große Sache erfüllen.«</p> + +<p>»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir +der Schauder noch verständlicher, den die Mexikaner vor +den europäischen Herrschaften gehabt haben. Wo bleibt +denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte Kultur, +von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«</p> + +<p>»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte +dort keine Geltung erlangen, wo eine natürliche Ordnung +die Tugenden und Kenntnisse, die ihren Ursprung zumeist +einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ. Daß man +den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, +gibt keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, +mit dem die Eroberer ihre Raublust maskierten, drängte +edlere Einflüsse dauernd zurück, und worauf wir uns sonst +noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus, Kunst, Glätte +der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht als +Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und +Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin +bestätigt, die von einem Fregattenkapitän unter der +Regierungszeit des vierten Georg nach England gebracht +wurde.«</p> + +<p>»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man +gebe uns Beispiele und wir verzichten auf alle Argumente.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender +Schönheit der Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan +<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>fort, und seine Stimme verlor den schrillen Klang und +wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig erzählte. »Der +Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr +ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. +Ihr Beschützer liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung +für glücklich, denn in ihrer Heimat hatte sie zu den +Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den Namen Anima +und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und +den seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn +wie eine Sklavin, willfahrte seinen Wünschen, küßte den +Damen der Aristokratie die Hände und als sie eines Tages +an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und Frauen, +auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen +Säle, der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter +dem Eindruck der italienischen Musik lebhaft zu zittern +begann und in Tränen ausbrach. Obwohl sie die Sprache +erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in ihrem +Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns +meinte, sie werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, +Straßen, Fuhrwerke, Menschen, alles war in ihren +Augen wie tausend Bilder in einem zu engen Schrein, und +oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor +sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In +einer Nacht kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem +Teppich des Zimmers hockend; eine Kerze brannte vor +ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie schnitt sich +das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. +Zornig fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete +mit weher Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie +<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>könne ihn sonst nicht mehr tragen. Er schlug sie, und am +andern Tag ließ er eine Perücke für sie anfertigen und +drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie sich +ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der +Kapitän zum Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er +nahm Anima mit, und während sie am Hafen spazieren +gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte: dieses +Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das +Mädchen die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den +Schrei einer Wilden aus, lief zur Böschung, entledigte sich +mit unglaublicher Geschwindigkeit aller Gewänder und des +falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu jenem +Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein +Boot verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans +Land. Unter dem Gelächter eines elenden Pöbels wurde +Anima nackt über die Gasse getrieben, und der wütende +Kapitän trug ihre schönen Kleider und falschen Haare hinterdrein. +In einer nahegelegenen Schenke schleppte er sie in +eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen +mit den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und +nahm den Schlüssel mit. Nach mehreren Stunden kehrte +er zurück; streng rief er ihren Namen, und als sie still +blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich +nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, +da kam sie endlich, noch immer unbekleidet, auf allen +Vieren herangekrochen wie ein Hund. Was ist mit dir +geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll, und da +er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er +die Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie +<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>stürzten mit Laternen herauf, und nun erwies es sich, daß +die Tahitierin keine Augen mehr besaß. Vielleicht hatte sie +in der Dunkelheit drinnen eine so schmerzliche und beseligende +Vision der schönen Insel erblickt, auf der sie geboren +war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts, +wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient +hatte, dieses Bild für immer festhalten zu können glaubte. +Der Kapitän fühlte Reue und schickte sie mit dem im +Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie +man das eigene Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. +Aber was für ein Mensch war der Kapitän? Du +sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine Rarität +liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? +Unsinn.«</p> + +<p>»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie +hegte«, antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie +von vielen Menschen betrachtet und angestaunt wurde, nur +noch eitel war. Er hatte sie vielleicht erziehen wollen und +bemerkte dann, daß die Wildheit und Fremdheit ihr stärkster +Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und +die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist +ja Caspar Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam +entseelt worden.«</p> + +<p>»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer +verdächtig«, sagte Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht +alles schon wäre, was es wird! Als ob die Erfahrung +besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen +Teil wissen die Männer nicht zu nehmen, das steht einmal +fest.«</p> + +<p>»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist +auf einem Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete +Borsati. »Ihr habt ja alle den jungen Möllenhoff +gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das heißt, +er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, +und da er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, +verfiel er auf die Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin +aufzuziehen. Er adoptierte ein zehnjähriges Mädchen +von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher Abgeschiedenheit, +unterließ nichts, was die körperliche und geistige +Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen +Anlaß zur Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, +die ganze Stimmung seines Daseins auf das Gelingen dieses +Planes gesetzt, aber als seine Schutzbefohlene neunzehn +Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem Gärtnerburschen +und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr unzweifelhaften +Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr +von dem Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser +geworden, den man treffen kann.«</p> + +<p>»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, +bemerkte Lamberg.</p> + +<p>»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, +äußerte sich Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen +wird in jedem Fall mit der härtesten Strafe bedacht. +Dafür bietet eine Geschichte, die ich erzählen will, eine +recht eindringliche Lehre.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p><a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, +hatte nach zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren +und lebte mit ihrem einzigen Sohn auf einem Landgut +am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten Eigenschaften +als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; +sie war sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, +viel Geduld, eine reiche innere Erfahrung und eine imponierende +Überlegenheit als Gebieterin wie als Weltdame. +Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel, und es +war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem +Mann gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner +Form auf den Sohn übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn +selbst, sie las jedes Buch mit ihm, sie erforschte und kannte +seine heimlichsten Gedanken, sie beschäftigte sich gründlich +mit Medizin, um, wenn er krank würde, sorgfältiger als +jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und betrieb +sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu +sein. Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter +schwärmerisch; er brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen +entgegen; je mehr ein geistiges Bewußtsein in ihm erstarkte, +je mehr wurde er, und bis in die Träume hinein, von ihr +ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts +fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. +Aber welche Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, +welches Antlitz immer, es war Gestalt und Antlitz seiner +Mutter. In seinen Versen, die von schwermütigen Todesahnungen +erfüllt waren, und in denen sich Welt und Menschen +nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die +Mutter Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>alt geworden war, zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche +Zerstreutheit und Unruhe. Frau von M. wußte diesen Zustand +wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate. Im +vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein +Suchen in der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt +anerkennen, die Körper und Geist auch des Edelsten unterwirft +und unabwendbar ist wie der Frühlingssturm. Sie +fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen einer +Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte +Wesen verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es +nicht die Lauterkeit des Herzens vernichten sollte. Hier +war zu handeln schwer, den Dingen ihren Lauf zu lassen +noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte, +Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens +treten zu sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen +werden, es zu wünschen oder zu befördern, schien ein Verbrechen. +So führte Frau von M. einen jungen Menschen +ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen Eigenschaften +ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit +gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich +mit rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau +von M. die Gefahr einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr +die Genugtuung, daß Robert immer wieder zu ihr +zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er sagte +ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer +Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert +sein wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo +er bloß verbunden war. Gleichwohl begann Frau von M. +zu spüren, daß dieser Mensch ein für allemal zur Enttäuschung +<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens stand +eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form +seiner künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte +zu ihr zurück, das ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer +als vordem. Er sah den weiten Riß, der zwischen ihm und +der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den Menschen +zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, +an Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, +satte, lärmende Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß +zornig empfinden, und wenn er Frauen, wenn er junge +Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz sein +Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte +und jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, +so klammerte sich sein Geist an die Gestalt der Mutter, +und übertriebene Erwartung und überfeinerte Scheu hielten +ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und +Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah +eines Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus +seines Freundes kam, und daß er nur dessen Schwester antraf; +der Freund selbst, seine Eltern, sogar die Dienstleute +waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug +zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, +weil eine Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig +machte. Sie war siebzehn Jahre alt, eher dumpfen Gemüts +als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden Neigungen +berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert +hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte +ihn bloß angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend +und mit schwankender Meinung. Er wollte sich entfernen, +<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>doch etwas an ihrem Wesen bannte ihn. Sie saßen +einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten einander, +ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse +heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten +Magnetismus entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, +ohne einander zu kennen, ohne einander +zu lieben, ohne einander etwas zu sein. Unglücklich, ein Geschändeter, +ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling, und nachdem +er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen +Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht +das Zimmer, in welchem seine Mutter voll Beunruhigung +auf ihn gewartet hatte. Sie lag auf einem Sessel und schlief; +ein Buch, in dem sie gelesen, war ihrer Hand entfallen, ihre +noch immer dunklen Haare umrahmten das noch immer schöne, +äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit schimmerte +auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper +war wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des +Raums. So erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie +an wie einen Engel, der Vergeltung zu üben noch zögert. +Er fühlte sich wertlos werden und sie über alles Irdische +erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer erwachten +Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, +den er nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum +ihres Kleides; noch knieend riß er ein Blatt aus seinem +Taschenbuch und schrieb: »Mutter! oder wie darf ich dich +nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe vorgezeichnet, +und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich +zu laden. So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis +versöhnt folgen wird. Leb wohl«. Ich brauche nicht die +<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>Raserei der Frau zu schildern, als sie an der Leiche ihres +Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, +sagte Borsati sinnend, »die Konflikte, in denen +sie sich bewegen, sind wie aus der Geistersphäre. Solche +tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens ist +nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren +und in Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend +auf verschwistert. Wir atmen eine unheroische Luft, +Freunde.«</p> + +<p>Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete +in lärmenden Strömen herab, auch blitzte es und ferner +Donner rollte. Man mußte trotz der vorgerückten Stunde +noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster, Rudolf«, rief +Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die +Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das +Zimmer und setzte sich dicht neben sie. Da er es mit der +ihm eigenen mürrischen Ostentation tat, konnte niemand +ein Lächeln unterdrücken.</p> + +<p>»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, +»die zwei abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie +auch war, so sehr wurde sie von der Angst um das Leben +dieser Kinder gequält. Sie litt am Bazillenwahn und hatte +sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen Aberglaubens +zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen +der Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen +hatten. Ihr Mann, ein kräftiger und sicherer Charakter, +wünschte ihr bessere Einsichten zu geben, doch sein +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos, und +das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art +gegen ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, +und die Frau verbot ihm, den Kindern zu nahen, +was ohne Frage eine verständige Maßregel war. Aber der +Mann, schon eingesponnen in Hader und Unzufriedenheit, +lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es spottend +nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf +ein Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal +heraus, ein Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne +zu erwägen, daß seine Tat auch vor einem höheren Forum +nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie folgenlos blieb, +eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der +schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern +vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn +die Entscheidung den tückischen Mächten statt den wohlwollenden +zufällt. Das Kind wurde angesteckt und erlag +der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen Ursache +und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang +hochmütig geleugnet hat, und beruft er sich auf +die Erfahrung, so muß unter Umständen auch ein Wunder +dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu überzeugen.«</p> + +<p>»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt +auf Rot, und Schwarz gewinnt.«</p> + +<p>»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg +hinzu, »und wenn nicht, setzen soviel man Lust hat; +hier muß man verweilen, und der Bankhalter diktiert die +Einsätze.«</p> + +<p>Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>blickten sie auf einen gemalten Vorhang, auf dem das +Leben und Geschehen, welches sie für vergängliche Minuten +in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war. +Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen +Schal lagen ihre weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren +streng geschlossen, und die Augen, oben unter den Lidern +schwimmend, schauten gleichsam über die Stirn hinaus und +zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen körperlichen +Schmerz.</p> + +<p>Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er +war ein wenig pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a></p> +<h2><a name="Der_Tempel_von_Apamea" id="Der_Tempel_von_Apamea"></a><em class="gesperrt">Der Tempel von Apamea</em></h2> + + +<p>»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am +andern Vormittag zu Hadwiger, als dieser allein in die +Villa kam. »Warum sperrst du dich so zu? Aus Trotz? +Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm bleibst, +wirst du den Spiegel nicht bekommen.«</p> + +<p>»Ich wußt’ es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, +antwortete er.</p> + +<p>»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, +meinte Franziska.</p> + +<p>»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich +kann die Dinge weder zusammen- noch auseinander halten, +mir sitzt alles auf der Brust, und es gibt keine andre +Wahl für mich als zu schweigen oder zu beichten.«</p> + +<p>»Zu beichten? Wie meinst du das?«</p> + +<p>»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in +mir; von Jahren sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, +an die ich aber nicht denken kann, ohne daß mich eine +Gänsehaut überläuft.«</p> + +<p>Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.</p> + +<p>»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, +»und schlankweg das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es +paßt nicht her. Hier ist alles so rund, nur ich bin eckig, +alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen die Überlegenheit +hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man sich +und andern unbequem.«</p> + +<p>»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>einem das Herz ab, und doch macht es reich, davon zu +wissen, und arm, davon zu reden.«</p> + +<p>»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt’ ich +nichts dagegen, und ich könnte mich wenigstens aus dem +Zimmer schleichen.«</p> + +<p>»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.</p> + +<p>»Vielleicht. Oder wenn <em class="gesperrt">du</em> reden wolltest«, stieß er +plötzlich hervor, unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu +beherrschen, »du, Franzi, dann wollte ich –« Er brach +ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf ihn, und +eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. +Sie wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend +an, daß sie verblieb, die Arme auf die Kniee und den +Kopf in die Hände stützte. Um sie abzulenken, berichtete +Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge über ihre +Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt +aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte +unmutig den Kopf; ehe sie antworten konnte, kam +Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte Emil, der +einen Teller mit Äpfeln trug.</p> + +<p>Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und +verspeiste ihn mit Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger +die offene Hand hin; das Tier guckte ganz nahe +darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es ärgerlich. +Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger +wuchs, und er spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel +noch im Maul hatte. Lamberg wurde zornig und beschimpfte +ihn, und während Emil das verdrießliche Geschäft des +Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es kommen +<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin +fehlt eine Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend +Emailknöpfe und ein paar alte Münzen.« – »Ach, Sie +sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar anerkennend, +»Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im +Verdacht?« – »Man kann da nur ein einziges Individuum +im Verdacht haben«, sagte der vornehm sprechende Diener. +»Ich brauche mich ja nicht näher auszudrücken. Sehen Sie, +gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike zwischen den +Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät +sich selber.«</p> + +<p>In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen +und starrte mit ernsthaft gefalteter Stirn auf die +Platte, indem er offensichtlich Lambergs prüfende Kennermiene +nachahmte. Er kniff die Augen zusammen, schob den +Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul +kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische +Natur wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die +metallene Schildkröte, – vielleicht erwachten bei deren Anblick +Erinnerungen an seinen heimischen Inselstrand, – dann +stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle Viere +nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen +Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen +Gerät anzufangen sei und wie man sich in möglichst +ausgiebiger Art daran ergötzen könne. Als nun Emil bemerkte, +daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen +ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben +einem erhabenen Staunen über diese unbegreifliche menschliche +Verirrung auch die lebendigste Eifersucht, und es war +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>ihm anzusehen, daß er sich in seinem höheren Bewußtsein +schmählich zurückgesetzt fühlte.</p> + +<p>»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte +und hüpfte heran.</p> + +<p>»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.</p> + +<p>Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er +hat nicht gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.</p> + +<p>»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte +der Diener gepreßt.</p> + +<p>»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht +lügen«, sprach Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, +hielt ihn dem Schimpansen dicht vor die Nase und +sagte: »Wenn du darnach noch einmal greifst, mein lieber +Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig gesperrt, und +Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir’s.«</p> + +<p>Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: +»Er versteht Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, +ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er Sie nicht +versteht.«</p> + +<p>»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür +verstehe ich ihn.« Es war ein Glück, daß der larmoyante +Emil das Zimmer verließ, denn Franziska und Hadwiger +konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir ist immer, +als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska, +»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der +Affe so heißt.«</p> + +<p>Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es +regnete auch jetzt noch. Der Abfluß des Sees war zum +Strom geworden, alles Erdreich war gelockert, in allen +<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die verspäteten +Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer. +Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg +ließ ganze Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. +Den Nachmittag über ruhte sie, als gegen fünf Uhr Cajetan +von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie mit +allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. +»Mir kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem +ist mir nicht kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir +kalt.«</p> + +<p>Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan +sprach nicht von ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner +Verwunderung über die vielen Alpenrosen Ausdruck und +sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die Geschichte +des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«</p> + +<p>»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie +etwas nachgegeben habe?« antwortete sie. »Schade, daß die +Alpenrosen so wenig riechen. Und doch vertrag ich eigentlich +für längere Dauer nur den Geruch von Veilchen. Heute +Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«</p> + +<p>»Angenehm«, murmelte Borsati.</p> + +<p>»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie +Veilchen riechen?« fuhr das junge Weib fort.</p> + +<p>»Nun, – süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden +den Kopf schüttelte.</p> + +<p>Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, +kühler, erdig-keuscher Geruch.«</p> + +<p>»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.</p> + +<p>Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>lachte plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger +geträumt. Ich fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren +uns in der Steppe, auf einmal traf ich ihn wieder, +er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er so +finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen +Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. +Ich war sehr betroffen über diesen Ausspruch, und während +ich nachdenke, steht Lamberg vor uns, starrt Hadwiger +durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: +Das werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig +die Achseln und erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings +habe nur einen Hasen. Die andern zwei hat der Zar von +Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor Erstaunen aufgewacht.«</p> + +<p>»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an +irgend einem Punkt eine greifbare Wahrheit hat«, sagte +Cajetan, nachdem die allgemeine Heiterkeit sich gelegt hatte. +»Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im Traum erscheint, +ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder +eine Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. +Außer den Träumen dichtet nur noch Shakespeare so. Die +drei Hasen sind köstlich; das haben Sie brav gemacht, Heinrich«, +schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend auf die +Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.</p> + +<p>»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; +»ich liege in einem Zimmer über einem gewaltigen +Hammerwerk. Ich höre und spüre die Hammerschläge, ich +höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen gellende +Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen +<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>mit zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann +die Leute nicht gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, +ich weiß nur, daß sie tot ist, und mich durchdringt eine +atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der Toten. Da scheint +es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher Zeit +dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas +gefüllt wird. Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe +auf und schließe nacheinander die Türen. Es zeigen sich +mir immer mehr und mehr Türen, und während ich eine +zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld +bin ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die +weibliche Gestalt mit ihren Händen fest, und voll Abscheu +erkenne ich einen Jüngling in ihr, der mich mit verderbten +Blicken anstarrt.«</p> + +<p>»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; +»der Himmel war voller Feuer, ich war mit einer großen +Menschenmasse in einer engen Straße, und alles drängt zu +einer herrlichen Bronzetür an einem dunkelbraunen Marmorgebäude. +Ich wundere mich, daß die Menschen mehr +neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so +geduldig warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und +indes glühende Steine von oben herunterstürzen, frage ich: +warum geht man denn nicht hinein? Darauf antwortet +mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst um +zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«</p> + +<p>»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch +für Träume«, sagte Lamberg. »Verwunderung, +Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld; Ungeduld ist +Wollust.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer +von beiden Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, +berichtete Cajetan. »Da stürmt eine Herde von weißen und +braunen Pferden geisterhaft flüchtig wie Schmetterlinge vorüber. +Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in einiger +Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und +kehrt. Ich sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten +Leidenschaften, sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. +Plötzlich springt in ungeheuern Sätzen ein Tier +auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann, ein Mittelding +zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und +widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von +den Pferden zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen +mit fabelhafter Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, +und wiehern stolz. Sie stellen sich dem Ungeheuer +in den Weg und zwingen es in einer herrlich plastischen +Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt, +stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische +geflüchtet, und ich weiß, daß in der nächsten Minute +mein Kopf abgebissen sein wird. Ich überlege, wie ich +es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und ich +habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die +Frau zu Ende ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, +daß ich mich für sie opfere. So heftig wird meine Erbitterung, +daß ich darüber erwache.«</p> + +<p>»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder +das Wort, »sie ist sehr schön, nur ihre Hände sind aus +Terracotta. Ich frage: warum sind deine Hände aus Terracotta? +Sie antwortet: daran sind deine Brüder schuld. Ich +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt +sie mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort +grämt mich so, daß ich plötzlich graue Haare bekomme, +denn ich kann mich zugleich von außen sehen. Sie führt +mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. +Da ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es +selbst, erwidre ich. Sie lacht und wir gehen durch den +Spiegel durch, und ich befinde mich in einer Versammlung +zahlreicher Menschen. Da sind deine andern Brüder, sagte +die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir +ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von +Verlassenheit unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar +würde, und als ich erwachte, war meine erste instinktive +Handlung, daß ich einen Wandspiegel herabnahm, um mich +zu betrachten.«</p> + +<p>»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch +Georg Vinzenz, »eine purpurrote Landschaft mit einem +meergrünen Himmel darüber, und in der Mitte eine zu unermeßlicher +Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich zwischen +blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht +glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, +diese Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes +Erlebnis. Ich suchte die Verknüpfungen, die zeitlich +vor dem Traum lagen, und konnte nicht fassen, daß ich +etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes +erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber +fremd und mißtraute meiner Wahrnehmung in einer +Weise, die nah an Wahnsinn grenzt.«</p> + +<p>»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst +<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>zeichnen«, sagte Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer +meiner Patienten den Beweis. Er ist ein sehr beschränkter, +sehr geiziger und sehr neugieriger Mann, dies das +Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er +habe geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl +er sich nicht leicht hätte entschließen können, einen +Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder, jedoch eine kolossal +dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf einen +andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den +Traumtheatern ist den Menschen offenbar eine ungehemmte +Bewegungsfreiheit gestattet, auch müssen sie so hoch sein +wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in den vierten, in +den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen +ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch +zeigen, daß ich mich nicht lumpen lasse und daß ich auch +wer bin, geht an den Schalter und kauft sich eine Loge, +die er freudestrahlend betritt, dabei aber immerfort nachdenkt, +ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln übervorteilt +habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich +dem Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der +Vorhang und das Stück ist aus. Entzückend war in seiner +Schilderung der Ärger, den ihm die vergebliche Geldausgabe +im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er +hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen +eigenen Tiefsinn, daß er trotz seiner Neugier das Stück +nicht zu sehen bekam.«</p> + +<p>»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, +ließ sich Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte +ich einen Winter hindurch ungewöhnlich viel unter Menschen +<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>verkehrt, und Beziehungen allerlei Art wuchsen mir +über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab +mich am Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort +war ziemlich entlegen, aber ich traf doch Bekannte, und +da ich schon erregt wurde, wenn ich aus einem Nebenzimmer +oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen +vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein +paar Tage lang auf die Berge zu wandern. In einer Mondnacht +brach ich auf und marschierte stundenlang wie in +Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich den Gipfel +vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als +ich von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie +Schattenrisse gegen den geröteten Himmel gestellt waren +und sich eifrig zu unterhalten schienen. In der ersehnten +Einsamkeit wieder das unvermeidliche Geschwätz hören zu +sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad nicht abweichen +konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. +Ich kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber +keinen Laut. Sie bewegten die Arme, ihre Mienen waren +beredt, ihre Augen glänzten, und alles war totenstill. Mir +gruselte, als ich unter sie trat, und ich hatte das Gefühl, +als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt hätte. +Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«</p> + +<p>»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte +Lamberg, »aber vieles, was mit uns geschieht, und das +meiste von dem, was in der Welt geschieht, hat, für mich +wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter und sinnlich +wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb +meiner Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich +<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>dem Traum. Ich kannte eine Frau, die so selbstverständlich +von ihren Träumen sprach wie wir von unsern Eindrücken +bei einem Spaziergang oder in einem Museum +sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, +und man ist doch voll von Träumen, ja, was man +Seele nennt, ist vielleicht nur das Spiel der Träume in +uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je dünner die +Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt +und Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem +Belang. Der tiefste und mächtigste Traum mag +nur ein Chaos sein, eine schwarze, schwere Flut, die durch +die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«</p> + +<p>»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit +dieser Bemerkung«, versetzte Cajetan. »Auch was Sie von +dem Traumhaften der Weltbegebenheiten andeuten, scheint +mir richtig. Ich entsinne mich der Erzählung eines englischen +Diplomaten, wie die Kaiserin von China und ihr +Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert +und das Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen +hatte, einander gegenüber traten, um sich zu versöhnen. +Möglich, daß er es gar nicht so geschildert hat, wie ich +es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild hat sich +mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, +und wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen +Traum. Sie gehen durch verschiedene Türen +in ein Zimmer des Palastes; die Mutter wie auch der +Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein tödliches +Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt +worden war; die Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Mutter vergiften lassen, ein jedes auf Drängen und Anstiften +der Höflinge, von denen sie umgeben sind, weil die +Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform +zu werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge +Kaiser wie die alte Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander +erfüllt. Sie sind ermattet vom Kampf um die Herrschaft, +und es ist, als habe es nur des Aug’ in Augschauens +bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor geäußerte +menschliche Regung in ihnen zu wecken und das +Andenken an Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an +Verleumdungen zu ersticken. Sie sprechen nicht, sie blicken +wie über einen Abgrund, der sich langsam schließt, zu einander +hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille entronnen, +die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern +glimmt die Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein +Herrscher von China ist das einsamste Wesen auf der +Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum Kotau, +bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so +plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. +Die Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie +wird von der körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren +Sohn, sie bricht in Tränen aus, er umschlingt sie gleichfalls +weinend, und sie liegen Arm in Arm, bis sie beide sterben.«</p> + +<p>»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus +einer Mythe«, bemerkte Borsati; »ich bin sicher, hier war +schon ein stärkerer Genius an der Arbeit als die Wirklichkeit +einer ist.«</p> + +<p>»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« +rief Franziska.</p> + +<p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, +sie ist kaum faßbar, und indem man ihr Sinn und Bedeutung +unterschiebt, wird sie schon Geschichte oder Gedicht.«</p> + +<p>Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch +Nüchterne fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften +Fälle von Doppelexistenz eines Menschen auf den +Einfluß der Träume zurückzuführen sei. »Ich hatte eine +Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und keineswegs +extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in +jedem Monat war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. +Alle Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit +zu vereiteln, die man ihr kaum zutrauen wollte, +und Fragen an sie zu richten war gefährlich, denn sie versank +dann in eine Lethargie, aus der sie stundenlang nicht +zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie an den +geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der +Stadt verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, +legte zerrissene und schmutzige Kleider an, nahm einen +kranken Säugling auf den Arm und postierte sich als Bettlerin +vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend nicht genug +Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem +rohen Kerl geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und +Nächte in solcher Weise gelebt hatte, erwachte sie aus +ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn vollständig und kehrte +in ihre Häuslichkeit zurück.«</p> + +<p>»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, +aber recht merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, +sagte Lamberg. »Dieser Sinzenheim war Kaufmann gewesen +<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>und hatte bei vorgerückten Jahren sein Geschäft einem +Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete ihm, +mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, +doch nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine +Wünsche zu verwirklichen. Er kleidete sich wie ein Kavalier, +und seine hagere, nicht unansehnliche Gestalt wie auch +eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er eingeübt, +waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige +aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und +der Umstand, daß er Jude war und in seinem Judentum +ein Hindernis auf dem Weg zur großen Gesellschaft fand, +wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die ihn zur +christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, +wenn sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte +sich ein großes Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten +ihm nicht, in dem eroberten Bezirk dauernd so +zu leben, wie man um des Respekts willen dort leben muß, +wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter Rechner +war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle +Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in +zwei Teile zu teilen. In den ersten sechs Monaten des +Jahres hauste er in einer Mansarde am äußersten Rand +der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück selbst, briet sich +mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus, um in +einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, +ließ er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein +Gang schlotterig, sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn +aufrecht erhielt, beschäftigte und zerstreute, war die Erwartung +der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen luxuriöser +<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau +am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte +sich, schob zwei Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich +in heiterer Laune um, fuhr im Wagen vor das elegante +Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte, tauchte +plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, +reiste in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, +die es hören wollten, von Erlebnissen in Biarritz, an der +Riviera und in Ägypten, wo er während jener sechs Monate +gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug viel +Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und +Petersburg, und das Studium verläßlicher Handbücher war +belehrender als Wirklichkeit und Augenschein. So trieb +er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich eines Tages +während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein +großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen +Armseligkeit sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft +auf, nahm noch einmal die Verwandlung vor, begab +sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine Pflegerin +und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen, +damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen +sollten. Es kam aber niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, +und einem ruinierten Lebemann, dessen ehrwürdiges +Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder aufgeputzt +hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt +war, erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte +ihr Enkelkind mit, einen vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden +Knaben, der eben die Kommunion erhalten hatte, +und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß sie +<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den +ehemaligen Juden versprach.«</p> + +<p>»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. +Ich kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen +Greis, aus herabgekommenem Geschlecht, der +in den dürftigsten Verhältnissen lebte. Sein wertvollster +Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre hindurch +wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes +Herbstes und Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um +in den Häusern vornehmer Familien, als sein eigener Diener +maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«</p> + +<p>Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan +erzählte eine Episode aus dem Leben der verwitweten +Gräfin Siraly, Schloßherrin von Tarjan. »Die Gräfin war +eine sehr sittenstrenge Dame, und alle weiblichen Dienstboten +mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine Liebesverhältnisse +eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich +sie diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen +fügten, so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, +und einmal sperrte sie ein junges Geschöpf, das +sich vergessen hatte, drei Wochen lang in ein unterirdisches +Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren, sondern +vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen +eine Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt +zu reisen und sie ins Theater zu führen. Sie kamen eines +Sonntags in die Stadt, und die imponierend und entschlossen +aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen der +Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich +gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie +<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>eine Henne auf die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, +daß alle hübsch beisammen blieben und keine einen Schritt +vom Wege tat. In dem Garten eines Restaurants nahmen +sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war fortwährend +beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren +durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden +Blicken zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch +doppelten Argwohn; plötzlich trat ein polizeilicher +Funktionär an den Tisch und fragte, was die Dame mit +den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte +sich, ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich +in der Hoheit seines Amtes, die wütende Gräfin mußte +dem Ordnungsmann auf die Wachtstube folgen, und sämtliche +Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen hinterdrein. +Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, +aber es dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, +dem die Angelegenheit übergeben worden war. Dieser +erklärte der Gräfin kalt, daß sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel +zu treiben. Ich bin die Gräfin Siraly! schrie +die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und +meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die +Gräfin, deren Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir +die Zähne in den Hals treten, du bissiger Spitzbube, ist +das Beweis genug? Nein, Madame, war die Antwort. +Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen +Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und +ihre Identität glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende +unter vielen devoten Entschuldigungen entließ; +sie führte auch nachher eine Reihe von Prozessen, konnte +<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich ihrer +Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang +geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht +und in der Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht +über in Gefangenschaft bleiben müssen, in ein Tanzlokal +begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu fröhnen. Dabei +hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die +klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin +nicht Stand, und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, +nachdem sie bis zum Abend vergebliche Nachforschungen +angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das Schloß zurück, +und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge +mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach +Hause. Sie waren alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten +Pflaster in der Stadt, wie sie sagten; und einige +blieben auch bleich und müde, obwohl ihr körperlicher Umfang +in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun +Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um +vier oder um fünf oder vielleicht auch um mehr Insassen, +ich weiß es nicht genau, bereichert wurde. Die Gräfin erlitt +eine Gemütsstörung und mußte sich zur Heilung ihrer +Nerven in ein Seebad begeben.«</p> + +<p>»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb +ein wenig enttäuscht«, sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit +bleibt gewöhnlich um eine Pointe zurück, oder sie ist uns um +eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist das in mathematischer +Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge +macht es stutzig.«</p> + +<p>»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich +<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>so zugetragen«, antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal +gut daran tun, die Spitze nicht zu überspitzen und das +Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas ärgerlich hinzu.</p> + +<p>»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit +entwaffnender Heiterkeit.</p> + +<p>»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt +von Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den +Träumen zurück.«</p> + +<p>»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und +Magie verkünden«, sagte Cajetan versöhnt und zugleich +herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten aufzusuchen, +und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister +zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng +wird für seine Kunst. Stimmt die Gleichung?«</p> + +<p>»Also ein Wunder, Georg, erzähl’ uns von einem Wunder!« +rief Franziska.</p> + +<p>Lamberg lachte. »Das nenn’ ich einen Übermütigen aufs +Glatteis führen«, entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, +und ich soll die Enden wieder verknoten, damit +ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie ist es +möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? +Ein Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder +erzählen.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde +allenthalben im römischen Reich, namentlich aber in Syrien +und Kleinasien, das Heidentum nach Kräften ausgerottet. +Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein Jüngling +mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>Vater, seine Mutter und seine drei Brüder waren in +einem blutigen Gemetzel von den Christen erschlagen worden. +Er war noch ein Knabe gewesen, als sich dies ereignet +hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und +mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte +sich sein Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren +zu, und während er die Regeln des aufgedrungenen +Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im Geheimen +von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung +der Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was +er gegen die Religion des Heilands empfand, nicht als +Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig im Lande herumzuwandern +und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; +er war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem +Fanatiker, nichts von einem Prediger, er war ein einfacher +Mensch, schön allerdings wie ein Apoll, aber das Besondere +an ihm war, daß seine Seele gleichsam im innersten +Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit +Stimmen; das Wasser war ein Wesen, der Baum ein +fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte ein Gesicht für ihn, +und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der Ahnen, +die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten +erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch +und Fels, in den Blumen und in den Wolken. Sein liebster +Aufenthalt war der Zypressenhain, in welchem der Tempel +von Apamea lag; tausende von Adern des reinsten Wassers, +die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das Grün +der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von +Prophezeiung, an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen +<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>Orakel wetteifernd, entsprang der kastalischen Quelle +der Daphne. Der Tempel, obwohl längst verlassen und beraubt, +war eines der herrlichsten Gebilde des götterfrohen +Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer +Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend +belebt, dank jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, +die eine Steinmasse in einen Organismus zu verwandeln +wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von mehr als +fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut +versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon +nannte, und der sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert +hatte, den altberühmten Tempel von Apamea der Erde +gleich zu machen. Es waren Zönobiten und Anachoreten, +jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es +war, den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, +deren Glieder unter martervollen Gewichten +von Kreuzen und Ketten abstarben, und deren Sinne betäubt +waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die Luft von +unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert. +Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, +um deren Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit +schwirrten. Architrav und Fries waren einer riesigen +Stirn ähnlich, über die ein Schatten olympischen Unmuts +zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen +sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung +umflossene Statue im Portikus schaute verächtlich +nieder auf den Haufen verhungerter, bleicher, hohläugiger, +halbnackter Männer. Diese legten nach kurzer Beratung +Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was den +<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, +und am Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten +an vielen Stellen geschwärzt, aber der ganze Bau +stand noch in gleicher triumphierender Wucht. Die Mönche +zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an Statuen, +Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann +fällten sie die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, +um die vierundsechzig Säulen zu stürzen. Es war umsonst; +keine der Säulen zitterte auch nur unter ihren leidenschaftlichen +Bemühungen, vergeblich waren ihre Bannflüche, ihre +Gebete, das Schlagen mit den Äxten, – es war, als ob +Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der +Nacht kam Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des +Meeres her. Er hatte in einem Dorf den Fischern gesagt, +sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben, denn es drohe +ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten +aufs Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, +aber die prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, +seiner Warnung Gehör zu schenken. Schon aus weiter +Ferne vernahm er das Geschrei der Mönche und den Lärm +ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele von +Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, +daß sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, +aber jetzt, während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese +Kräfte zwingen könne, als harrten sie nur seines Willens +und seines Wortes. Dieses Bewußtsein rief eine stumme +Verzückung in ihm hervor, und er war von dem Glauben +durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen +Fähigkeit ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein +<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Ende zu machen, die sich nur noch im Leiden gefiel. Wie +Prometheus einst das Feuer zu den Menschen getragen +hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr Götter, +betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß +der dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum +zwischen Himmel und Erde erfüllt war. Doch regte sich +kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst die Mönche +waren still geworden, als er sich genaht und kauerten unheimlich +um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die +Säulen; es war ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl +war, auch der Zugang war ihm vertraut; er hob eine Platte +und verschwand unter dem Boden, dann stieg er eine Treppe +im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung gelangte, +die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch +diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die +Mönche, von denen viele bereits schliefen, erhoben sich und +folgten den Tönen, die lockend und traurig waren. Es war +ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht einmal über +die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr +strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken +auf die Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten +Finsternis, das Firmament schien zu bersten, die Säulen +schwankten, ein furchtbarer Schrei brach aus hunderten von +Kehlen, Quader um Quader löste sich, die Blöcke polterten +krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die gekommen +waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel +zu streiten. Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein +menschlicher Fuß diese Trümmerstätte, auch meilenweit im +Umkreis war das Land wie verzaubert. Die Wanderer, +<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den +Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie +schauderten, und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt +anzog, den Wolf, den Schakal, die Antilope und die wilde +Katze. Und über den gebrochenen Säulen entstand ein üppig +wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie zuvor und +an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des +Jahres blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem +Marmor nichts mehr zu sehen war und die Hand, die ihn +hätte entblößen wollen, von den Dornen zerfleischt worden +wäre.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten +sind die Rosen, die schließlich alles überdecken. Die +Geschichte ist übrigens dem Geist einer andern Welt nicht +fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten konnte, +still zu stehn.«</p> + +<p>»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg +hinzu.</p> + +<p>»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati +vernehmen, »sie kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet +vor gegen die Wunder der täglichen Erfahrung. Das +Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein Forschungsreisender +berichtet, daß er in Australien von den +Ameisen sehr belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate +zu zerstören drohten. Um sich ihrer zu entledigen, wußte +er sich nicht anders zu helfen, als daß er auf den Ameisenhaufen, +der sich unfern vom Lager befand, einen Brocken +Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt +er Nachschau, und was war geschehen? Das giftige Mineral, +das für die Ameisen ungefähr dieselbe Größe hatte +wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht oder +zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen +war das Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen +der Insekten. Sie hatten immer die toten Körper als +Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu schieben, +und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den +Staat zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares +Wunder.«</p> + +<p>»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete +Cajetan. »Ohne Wunder und Verwunderung entsteht +kein tieferes Leben der Seele. Nennt ihr die Erfahrung, +so nenn’ ich die Halluzination und das Leben in +Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. +Ich komme in einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und +die Tastatur eines offenen Klaviers grinst mir entgegen wie +die Zähne eines großen schwarzen Totenschädels. Ich bin +traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll ist, und weil +ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht +habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der +Ritter Kunz von der Rosen in der Finsternis über das +Wasser des Burggrabens von Brügge schwimmt und wie +er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. +Dies erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und +ich verstehe auf einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft +Fremde und zugleich mir Zugehörige des Gedichts +und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt jeder +<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was +geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, +die ihm die Natur gesetzt hat.«</p> + +<p>Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. +»Ihre Worte erinnern mich an eine seltsame Geschichte, +die ich erzählen will«, sagte er stehenbleibend; »es ist darin +von Dichtern die Rede und was sie ans Leben bindet und +vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche, +die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise +erfüllt werden können, und daß es in unserer sozialen Welt +Verkettungen gibt, die erst Wirklichkeit gewinnen mußten, +um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr vielleicht wißt, stammen +meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte einstmals +Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die +Reise mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines +Tages, als wir von Würzburg aus am Main hinauffuhren, +kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr bei dieser +Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der markgräfischen +Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. +Erst als das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste +in das berüchtigte Sträflingshaus umgewandelt. Am andern +Morgen besichtigten wir die Burg, und da erzählte mir +mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben versuchen +will.«</p> + +<p>»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, +soll Emil Feuer machen; Franziska friert.«</p> + +<p>Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er +zu melden, daß sich die Bauern am Fluß in großer Angst +vor einem Wehrbruch befänden. Der See stehe gefährlich +<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das +Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei +schon ein ganzes Haus herabgestürzt und von den Fluten +der Traun fortgetragen worden.</p> + +<p>Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati +seine Erzählung an.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a></p> +<h2><a name="Die_Gefangenen_auf_der_Plassenburg" id="Die_Gefangenen_auf_der_Plassenburg"></a><em class="gesperrt">Die Gefangenen auf der Plassenburg</em></h2> + + +<p>Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen +Mauern, schönen Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern +und Rundbögen einen stolzen Anblick. Es hausten in ihr +die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran und das +berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf +Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, +verübte Friedrich der Unsinnige seine Greuel, versammelte +der wilde Albrecht Alkibiades seine Söldnerscharen, hielt +sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der Flucht vor +dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und +Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche, +nordische, preußische und französische Generale ihr +Quartier in den fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach +all den Grafen und Baronen und Feldherren mit Dienertroß, +Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach den prächtigen +Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, +zogen ganz andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte +Leute, enterbte Leute, arme Teufel, die zwischen den Kiefern +des Schicksals zermalmt worden waren, Verführte, Beleidigte, +Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe, Bösewichter, +und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der +Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. +Die Prunkräume sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, +und wo man vordem gescherzt, geschmaust, getanzt und pokuliert +hatte, da ist jetzt eine Heimat der Seufzer und eine +Stätte des Schweigens.</p> + +<p>Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>Häftlinge der Plassenburg bestand eine eigentümliche und +furchtbare Strafverschärfung: es war ihnen aufs strengste +verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im Arbeitssaal, +als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die +Wärter hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener +an den andern das Wort richtete, und daß selbst +durch Zeichen keinerlei Verständigung vor sich gehe. Auch +in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und ein +beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der +Einhaltung des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein +Sträfling eine wichtige Meldung zu erstatten hatte, etwa +inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich krank fühlte, +so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; +er wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, +daß er von dem Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch +gemacht, so unterlag er derselben Ahndung, wie wenn er +unter seinen Genossen geredet hätte: der Kettenstrafe beim +ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen +bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert +eine so unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, +ist kaum zu fassen; unter ihrem höllischen Druck sammelte +sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff an, in den nur +ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden. +Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der +freilich ein allgemein empörerischer Geist dem besondern +Irrwesen zu Hilfe kam.</p> + +<p>An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten +zwei wohlgekleidete junge Leute auf der Straße von Bayreuth +nach Kulmbach. Sie hatten in ersterer Stadt ihr Gepäck +<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>mit dem Postwagen vorausgeschickt und benutzten das +schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung. +Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder +gaben sie sich für Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit +miteinander. Der eine, Alexander von Lobsien, war +ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner Jüngling, der andere, +Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett, +sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, +hatten Wien und Prag besucht, wollten nach Weimar +und von dort an den Rhein. Peter Maritz, ein ruheloser +Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die damalige +Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein +Gefährte besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu +Gast geladen war.</p> + +<p>Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise +nur die vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie +alle Jugend jener Tage, von dem Drang nach Tat und +Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten sie sich der +Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen +zu heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als +gerade die Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. +Man war ihrer Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. +An der Grenze von Böhmen hatten sie durch +Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen +erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch +das Bedauern getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, +als das Volk nach langem Schmachten in Tyrannenfesseln +– ich bediene mich der zeitgemäßen Ausdrucksweise, +– sich endlich anschickte, für seine Rechte in die Schranken +<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was +nach Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders +für den hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom +Spiel zu sein. Er redete fortwährend, lief seinem Genossen +stets um fünf Schritte voraus, blieb dann stehen, perorierte +und fuchtelte mit den Händen wie ein Tribünenredner. Ich +sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein harmloser +Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem +Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten +und Pfaffen je unschädlicher ist, je geräuschvoller sie +sich gebärdet; aber damals waren auch die Fantasten, die +aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen Thron und +Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz zeichnete +sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas +Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht +ein wenig feig war, ein wenig Prahler wie viele korpulente +und rotbackige Menschen, das will ich unentschieden +lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er sich ziemlich +wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von +seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die +mitunter etwas Fertiges sehen wollten, als elende Philister +brandmarkte, und alles, was die Gleichstrebenden hervorbrachten, +entweder mit kritischem Hohn verfolgte oder durch +den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder verkleinerte.</p> + +<p>Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, +der an sich zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt +ist, unbegrenzte Freundschaft entgegenbringt, war es +auch mit Alexander von Lobsien der Fall. Er erblickte in +Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich selbst beargwöhnend, +<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner +Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, +in denen mit jugendlichem Feuer die Revolution +besungen wurde. Er hatte mit seinem Gefährten noch nie +davon gesprochen und hielt die Poesien ängstlich verborgen, +obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie kennen +möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, +dessen Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz +entflammten und ihm mehr bedeuteten als der Beifall +der ganzen übrigen Welt.</p> + +<p>Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot +ihnen bei jeder Wendung einen neuen Ausblick auf das +in schönen Spätnachmittagsfarben glänzende Land, und von +einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten sie +in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme +von Kulmbach. Versonnen schaute Alexander hinüber und +sagte: »Überall da wohnen Menschen, und wir wissen nichts +von ihnen.« – »Das ist richtig«, antwortete Peter Maritz; +»alles das ist Botukudenland für uns. Und warum wissen +wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu +wenig wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, +so ganz zum Ertrinken tief hineinstürzen, und wenn ich +dann wieder auftauchte, wollt’ ich Dinge machen, Dinge, +sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust alle +viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander, +würd’ ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du +verspinnst und verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, +du läßt dich von deinen Träumen betrügen, das Leben +fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde Leben.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, +senkte den Kopf. »Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter +Maritz begeistert fort. »Was weißt du von den Millionen, +die da unten in der Finsternis sich krümmen, während du +an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du +wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die +Sonne nicht verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark +und Blut riecht, wie ich das Menschheitsfieber spüre, wie +mich verlangt, die Fäuste in den gärenden Teig zu stemmen! +Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich +von England aus die Peitsche über die dummen deutschen +Köpfe sausen lasse! Erleben will ich’s, das Ungetüm von +Welt, erleben!«</p> + +<p>»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer +Art?« erwiderte Alexander zaghaft; »alles was +das Auge hält, der Gedanke berührt, Sehnsucht und Liebe, +Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das <em class="gesperrt">nicht</em> Erleben? +Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer +im Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden +Renner selbst zu reiten. Schlimm, wenn ein Poet in der +Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die tätige Nation +und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du +hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges +Schleichen um den Brei, seit langem spür ich’s, und mich +zieht’s hinunter zu den Dunklen und Unbekannten, nicht +um zu schauen, genug ist geschaut, genug gedacht. <em class="gesperrt">Mit</em> +ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in ihnen.«</p> + +<p>»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete +Maritz mit der Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz +<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>ist. »Wenn es dein Fatum ist, geschieht’s. Doch es ist dein +Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der Kontemplation. +Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen +Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur +deine Feder gegen sie, und nicht das Schwert.« – »Und +du?« fragte Alexander. – »Ich? Ja, bei mir, siehst du, ist +es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir das sagen, +ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart. +Da wälz’ ich seit Monaten einen Stoff in mir +herum, Mensch! wenn ich dir den erzähle, da kniest du +einfach.«</p> + +<p>Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden +Suada seinen Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch +gestimmten Fürstensohn, der, mit seinem Herzen ganz +beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge der Bedrückung +eines despotischen Regiments ist. Während eines +noch zu erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und +Felonie kommt es wie ein Rausch über ihn, er tötet den +Vater, reißt die Gewalt an sich und verkündet seinen Untertanen +die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß er zu +schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, +ein jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben +aus, er vermag die Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt +hat und am Ende töten ihn die, denen er die Luft +zum Atmen erst gegeben.</p> + +<p>»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; +»das ist ein Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer +zu haben ist.« Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; +aber er wagte den Einwand, daß der Vatermord +<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König +müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. +Peter Maritz war außer sich; er raufte sich die Haare; +er erklärte dies für die größte Tölpelei, die ihm überhaupt +je ins Gesicht hinein gesagt worden sei. Nichtsdestoweniger +blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung, und streitend +rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand +sich schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte +Wirt begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den +bei Dunkelheit eintreffenden Fußgängern nicht erspart bleiben +konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich rasch, als sie +sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da +auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers +angedeutet war. Er wies ihnen die besten Zimmer +an und führte die Hungrigen hierauf in ein Honoratiorenstübchen, +das neben dem allgemeinen Gastraum lag. Peter +Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der +Wirt hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur +mit frischem Bier dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. +Ohne eine Kraftprobe ließ es aber Peter Maritz +keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er +durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen +will ich nicht wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir +den deutschen Wein!« worüber ein paar ehrsame Beamte, +die dort zum Abendschoppen versammelt saßen, ein heftiger +Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem +Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die +Köpfe gegeneinander.</p> + +<p>Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>jedoch beim Käse schlug Peter Maritz ungestüm auf den +Tisch und rief: »Ich kann mir nicht helfen, Alexander, +aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser einleuchtet. +Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten +Wasser ist, nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch +des Prinzen nicht erhaben genug. Wozu das ganze Brimborium, +wenn alles ausgehn soll wie das Hornberger Schießen? +Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen werden, +sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.«</p> + +<p>»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander +maßvoll, »aber daß ihn der eigene Sohn töten soll, +das wird den Prinzen in den Augen des Volks nicht ins +beste Licht setzen, fürchte ich.«</p> + +<p>»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch +wird er schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er +muß ihn ermorden; wie könnte ich besser die Sklaverei veranschaulichen, +unter der das Land keucht? Kann deine empfindsame +Seele nicht begreifen, was für eine grandiose +Katastrophe das gibt?«</p> + +<p>Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. +Der Lehrer, der Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der +Kreisphysikus, sie schauten verstört vor sich hin, der Busen +zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie wagten nicht mehr, +von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende Wirt +machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen +die heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen +das Zimmer. Ein paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, +und es dauerte nicht lange, so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, +bis an die Zähne bewaffnete Stadtsergeanten +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, +wo die beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer +erdichteten Person rauften. Auch die Bürger und der Wirt +drängten sich neugierig und schlotternd gegen die Schwelle. +Das Donnerwort: verhaftet im Namen des Königs! brachte +eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor. +Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, +fragte nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß +visierten Pässe. Der Hinweis auf den mit seinem +Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr qualmenden +Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit +weit entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten +Leute in ihrem Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die +drei Gesetzesgewaltigen über ihn her und legten ihm Handschellen +an.</p> + +<p>Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz +und Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. +Sein bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der +Obrigkeit, fruchtete nicht. »Wir haben über eine Dichtung +beraten«, sagte er höflich zu dem Apotheker, der sich am +eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete. »Nichts da, +solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die +grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge +alles aufklären würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun +das Wirtshaus; Rede und Widerrede floß leidenschaftlich. +Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man habe +zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse +war auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten +von Fürstenabdankung, Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; +<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>so wurde man also, abends vor dem Schlafengehen, +in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, +lief herzu.</p> + +<p>Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem +mädchenhaften Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis +und Verwunderung. Der Gang zum Polizeihaus war +der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes Spektakel. +Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem +Hirschengasthof geholt hatte, und der ein wenig angenebelt +war, führte das erste Verhör. Er schien nicht übel Lust +zu haben, die beiden Leute für harmlos zu erklären; da +traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der +Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das +in voriger Woche zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende +Sicherheit gebe, sowohl gegen die Mordbuben, wie sie sich +ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des entrüsteten +Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden Demagogen-Gelächter +zu: »Nur frisch drauf los! schließlich +wird man auch in Krähwinkel Genugtuung finden für die +Niedertracht und die Dummheit einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« +Das war zu viel. Der Aktuar wiegte sein Köpflein; +mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu +der Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf +der Plassenburg internieren müsse, bis man der Regierung +den Sachverhalt dargelegt und Befehle eingefordert habe.</p> + +<p>Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation +eines Revolvers aus der Tasche von Peter Maritz. Alexander +war froh, daß man sein dünnes Manuskriptheftchen, +das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht entdeckt hatte +<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>und daß man mit der willigen Ablieferung seines Kofferschlüssels +zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der +Gedanke, daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten +sich mancherlei Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen +konnten, ihre verdrießliche Lage rasch zu bessern.</p> + +<p>Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, +umwaldete Burg glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte +und fluchte unablässig, aber als sie beim Schein eines Öllämpchens +vor dem aktenbeladenen Tisch des Wachoffiziers +standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein Letztes +zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete +wie ein Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche +und verschlafene Herr hatte keine Ohren für einen +Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero sechzig.« Das +war die einzige Antwort.</p> + +<p>Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens +zu zweien und nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel +entledigt. Der Wärter sagte ihnen, daß das Gebot des +Schweigens, das hier waltete, für sie nicht giltig sei, da +sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie sich hüten, +einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum +erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden +lief ein gelindes Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, +an eisernen Türen vorbei kamen sie in den Raum, +der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte Wände, zwei +Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger, +selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete +auf den Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie +waren im Finstern. »Ach was«, seufzte Alexander, »eine +<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Nacht ist kurz.« – »Jawohl, wenn sie vorüber ist«, brummte +Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden begann. – +»Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht +werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften +Ton, der echt klang. – »Laß mich in Frieden«, +wetterte der Dramatiker, »verdammter Einfall, verdammtes +Land.« – »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der +Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch +zu dem großen Leben gehören, das du mir so gepriesen +hast?« – »Mensch, ich glaube, du spottest meiner«, rief +Peter Maritz wütend. – »Mit nichten, Freund. Ich denke +eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner +hier sein mögen, und von wem uns diese Mauern rechts +und links scheiden. Ich komme mir vor wie in die tiefste +Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und wenn ich mir +gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller +Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will +mich unser Unglück nicht mehr so groß dünken.« – »Der +Geschmack ist verschieden, sagte der Hund, als er die Katze +ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs, worauf ich liege, +ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich sonst verrückt +werden müßte vor Wut.«</p> + +<p>Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte +Peter Maritz schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des +Neides und mit dem andern Gefühl leiser, fast noch wohlwollender +Geringschätzung gegen den Freund, überließ sich +seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen Poetennaturen, +denen Welt und Menschen im Guten wie im +Bösen eigentlich nie ganz nahe kommen können, als ob +<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>ein Abgrund des Erstaunens dazwischen bliebe. Nur das +Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die Teilnahme über +den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie +die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen +und entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger +Ruhe auf das Kommende zu blicken, das sich seiner Ahnung +mehr als seiner Vernunft vorverkündigte.</p> + +<p>Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit +wie die hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß +leibliche Augen gesehen hatten, ohne zu wissen und empfunden +zu haben, was das Schweigen hier bedeutete? Die +fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste +waren, hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit +zu beklagen, hatten die Übeltaten vergessen, durch die sie +die Gemeinschaft mit freien Menschen eingebüßt, und jeden +erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu dürfen. Nichts +weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich +der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom +Hitzigen, der Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg +Veranlagte nicht vom Schwätzer, der Trotzige nicht vom +Bereuenden. Der Neuling ertrug es noch; im Anfang +schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch +von gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes +tönte noch in ihm. Drei Tage, zehn Tage, zwanzig Tage +vergingen; was er zuerst kaum bedacht, dann nur als +lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille +entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein +Laut der Liebe, das mächtige Wort eines Richters, +die Mahnung eines Priesters, die Bitte eines Opfers, all +<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>das gab dem Nachdenken Stoff, der Dunkelheit einiges +Licht.</p> + +<p>Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder +beim Gottesdienst in der Kapelle, was in den Zügen der +Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit den Genossen +regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch +im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen +an sein Ohr; er durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige +sühnte schwer, wenn er sich vergaß. Die nicht gesprochenen +Worte belasteten das Gedächtnis; wenn einer den andern +anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die Luft, +scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn, +blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale +der Ungeduld bildeten eine Sprache für sich. Lief eine +Maus über den Boden des Arbeitsraumes, so zitterten +sie; die Lippen des einen rundeten sich zum Ruf, die des +andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure +Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren +Stäben auf die Tische schlugen und mit Blicken die Zungen +bändigten, die sich regen wollten.</p> + +<p>In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere +Nichts zu murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer +und befriedigte so wenig wie den Durstigen die Feuchtigkeit +des eigenen Gaumens labt. Mit dem Fingernagel oder +mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den +Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach +dem Schall. Es überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, +und mancher meldete sich zu einer Mitteilung. Gefragt, +was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang der Sprache +<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und +bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, +nannten erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, +die jeder Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man +war darauf gefaßt; das Abenteuerliche wurde schnell durchschaut, +dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht und +der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen +dürfen, daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, +ihm geantwortet hatte.</p> + +<p>Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen +und Monate erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes +Blatt, und alles rings um ihn wurde grauenhaft +lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die Dinge +laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich +gewesen, wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit +und Zeitverlauf gebunden hätte; nun war sie ein Schrecken. +Wer kann es aushalten, immer bei sich selbst zu weilen? +Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im Menschen +innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch +nur Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, +schuldig oder minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde +alles Leben zu einem Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften +und Geheimnisvollen, auch ihre Laster und +ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu.</p> + +<p>So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich +vom Dorf zur Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine +finstere Höhle, erinnerte sich, obwohl Jahre seitdem verflossen +waren, an gewisse Bäume, glattrindige, mit ausgebreiteten +Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad +<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>waren wie Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, +auf dem sie geritten, ein Hund, den sie abgerichtet, ein +Vogelbauer vorm Fenster, eine Tabakspfeife, die sie besessen, +ein Becher aus dem sie getrunken, der Winkel an +einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm, +ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem +Bild geworden, worin sie sich verspannen, das ihnen Brücken +schlug zum ungehörten Wort. Sie versetzten sich in Räume, +sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle Gegenstände in +den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur +vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, +Tisch und Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das +erzählte, all dem antworteten sie, jedes Dinges Form da +draußen, in fern und naher Vergangenheit, war Wort +und Sprache.</p> + +<p>Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue +keine Kraft mehr. Deshalb dachten sie in verbissenem +Haß der Umstände, die sie einst überführt. Den einen +hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf, den +dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den +fünften ein Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten +der Schnaps. Nun beschäftigte er sich tage- und nächtelang +mit diesem Einzelnen, zog es zur Rechenschaft, fluchte ihm, +sah alle Gedanken davon regiert, erblickte es in jedem +Traum. Und die Träume waren angefüllt mit Gesagtem, +ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von +nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was +einem Kaufmann seine Unternehmungen, einem Seefahrer +seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen sind. Brach +<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an, +die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so +taumelte er schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die +Gewalt des Eigenlebens, das er plötzlich zu verantworten +hatte, erdrückte Hirn und Brust; die Luftsäule, die Sonne, +die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte ihn nur +so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, +und es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben +freiwillig ein Ende bereiteten, nur darum, weil sie nicht +gleich einen Gefährten fanden, um zu reden.</p> + +<p>In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer +Art, die beiden jungen Männer verschlagen worden. +Als Peter Maritz am Morgen erwachte, schlief Alexander +noch, denn er hatte erst spät den Schlummer finden +können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die +Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen +können. Hiezu schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen +machte er den Freund lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, +der neben dem Fenster an die Mauer geschrieben war. +Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich leiten, +er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« +Darunter hatte eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich +einen Galgen seh, tut mir gleich die Gurgel weh.« An einer +anderen Stelle war ein Beil gezeichnet, mit den Worten: +»Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war +folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, +laß mich nicht so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, +doch nicht so schmal bemessen wie du dem Sünder gibst, +den du so innig liebst.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, +»und es ist immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns +unter Kollegen befinden.« Erst nach einer Stunde erschien +der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen wollten, und +nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch +und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter +geführt zu werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer +Wutanfall packte ihn, als die Tür wieder versperrt wurde; +es dauerte lange, bis Alexander ihn beschwichtigt hatte, +und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen. Alexander +begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick +auf den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne +von Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter +Aufseher geführt, paarweise mit langsamen Schritten +über das Steinpflaster wandelten.</p> + +<p>Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger +Gestalten erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit +tiefen Kerben um die Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln +am Kinn, oder auch langbärtig, oder auch ganz glatt, wie +es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe waren geschoren, +die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme +und Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe +über die andern; er schien kaum zu atmen, seine +Augen waren zugekniffen, der Mund stand offen und hatte +einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm ging +ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule +glich, roh, gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender +fletschte die Zähne, ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch +Ungeschlachter hatte einen Ausdruck idiotischer Schwermut, +<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>ein schlanker Kerl lächelte süß und infam. Einer sah +aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig, breitgängerisch, +ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein Geistlicher, +ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein +Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig +und geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen +Schacht und nach außen hin nur lauschend gleich Hunden, +die sich schlafend stellen und schon bei einem Windstoß die +Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien ihnen +wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern +hinzog, schreckten die einen zusammen, die andern hefteten +starr und finster die Blicke empor.</p> + +<p>Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter +Maritz runzelte die Brauen und meinte, das sei eine +schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das Fenster war +offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre Gesichter +wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, +dann drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher +ballten drohend die Faust hinauf und winkten, Alexander +und Peter traten bestürzt zurück. Lebhaft bewegt, schlug +Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«, +murmelte er, »und doch Menschen!« – »Dich dauern sie +wohl?« fragte Peter zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht +dich dort zum Schuldner, wo du nicht handeln kannst. +Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib’ sie gegen das +Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du +Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir +hast.«</p> + +<p>Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine +<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>Augen brannten und mit einer Geberde schönen Zorns +warf er Peter Maritz die Blätter vor die Füße. Ruhig +bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu lesen, +schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, +ein gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches +Gesicht, und schließlich, dem Harrenden glühten schon +die Sohlen, er schämte sich, bereute schon, schließlich sagte +Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht artig. Eine gewandte +Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher. Aber +was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. +Wenn du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du +ein schlechtes Gewissen dabei hast.« Alexander hätte weinen +mögen; er verbiß seinen Schmerz, entgegnete aber nichts. +Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche, reicher an +Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer +Stunde gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor +sich hin, während Peters Ungeduld beständig wuchs.</p> + +<p>Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten +aus dem Reich halber in Angst und Aufregung +geraten wäre, hätte sich wohl unter den Beamten +und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den +die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht +hätte. Trotz der verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern +entdeckt hatte, ließ der Aktuar den Wunsch verlauten, sie +in eine minder entwürdigende Umgebung zu bringen. Der +Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß +die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden +Nacht verwickelt wurden.</p> + +<p>Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein +<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Friseur namens Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei +Jahren verurteilt war. Er hatte sich schon bei der Kopfschur +ungeberdig benommen, und als die Hausordnung verlesen +wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot, +lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die +Kameraden mit flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch +und untätig, rührte sich erst nach dem dreimaligen +Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er in die Todenstille +des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! +wißt ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und +Herren massakriert? Eine große Zeit bricht an. Es lebe +die Freiheit!« Weiter kam er nicht, drei Aufseher stürzten +sich auf ihn, und obgleich er nur ein schmächtiges Männchen +war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er wurde +sofort in Eisen gelegt.</p> + +<p>Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus +wie Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen +wird. Erst allmählich wirkte das gehörte Wort; +es gab also diese Möglichkeit, die bisher nur wie Fantasmagorie +und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln ihres +Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, +dann konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie +mußte. Es ging eine furchtbare Verständigung von Blick +zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr nachmittags; um halb +sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die Wärter, +den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß, beschlossen, +die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando +wurden die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, +Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel, Sackleinwand, auf das +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese, Hennecke +war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über +den ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu +Boden. Im Nu folgten die Gefährten seinem Beispiel; +keuchend und dumpf jauchzend schlugen sie ihre Peiniger +nieder, banden sie mit Baststricken, stopften ihnen Knebel +zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze +des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig; +vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, +fünf in Dunkelhaft. Die Schar teilte sich; die größere Anzahl +unter dem Befehl Woltrichs, eines blatternarbigen +Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die +Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache +selbst zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, +der verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. +Der Gewehre hatten sich die Meuterer mit umsichtiger +Schnelligkeit versichert; das Haupttor wurde zugeschlagen +und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden in +einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke +sämtliche Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. +Die ganze Horde wälzte sich aus dem dunklen Eingang +in den Schloßhof. Hennecke fragte, ob einer von den +Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane +nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht +erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg +hinabrennen sehen. Es wurde beschlossen, eine Wache +auszustellen, und Hennecke kommandierte einen Alten auf +die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er +sich ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern +<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>trennte, welche die Genossen aus der Kantine herzuschleppten.</p> + +<p>Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit +worden. Sie traten unter den Letzten in den Hof und +duckten sich scheu in einen Winkel. Am liebsten hätten sie +sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie sich wohler +befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte +zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und +Polizei; es ist eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat +umgesetzt werden, wenn man gerade dabei ist und mitspielen +soll. Alexander hingegen war so kalt, wie es die Leute von +Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in Gefahr +geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; +er sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden +ist, wo das Leben abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. +Hier drang Geschehen und Leiden, Schicksal auf Schicksal +gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine zersprengte Tür.</p> + +<p>Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. +Ein gewisser Hahn, Buchbinder seines Zeichens und wegen +seines Pergamentgesichts der gelbe Hahn geheißen, schlug +vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden. Die +Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald +flammte das Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, +die verwitterten Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel +und ununterbrochen sprechenden Mäuler mit schwarzen, +schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn jetzt +brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur +allmählich den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, +dann kam über alle der Rausch. Sie schrieen und gellten +<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>durcheinander, lachten und tobten grundlos, räkelten sich +auf der Erde, patschten in die Hände, johlten unflätige +Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander, +zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, +weinten, pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen +in den Rachen.</p> + +<p>Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter +Wildfrevler, sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: +»Wie wir leben, so halten wir Haus, morgen ziehn wir zum +Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen und langgezogenen +Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen. +Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem +letzten großen Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, +zwei Armbänder, eine Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene +Schaumünzen und vierzehn Uhren. Und strahlend rief er: +vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch in seinem +Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der +heitere Konrad genannt, redete mit Entzücken von der +Brandstiftung, die er begangen und wie er sich dadurch +an einem wucherischen Bauern gerächt. Der mit dem infamen +Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren +verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, +war immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, +und trug noch einen Rest von noblen Manieren +und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte alle +Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte +den Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse +abspenstig gemacht und einen Reichshofrat um zehntausend +Taler betrogen. Er verstand sich auf Edelsteine +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu werden, +einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie +mehr zum Vorschein gekommen sei.</p> + +<p>Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten +Gift in den Salat gemengt hatte. Er behauptete, +nicht er habe das Weibsbild geschwängert, sondern der +Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat gewesen, sondern +Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig Jahre +lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers, +hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung +eines unter Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten +hatte er ihre Ersparnisse mit der geheimnisvollen Phrase +entlockt, er müsse die bösen Geister des Schatzes besänftigen, +und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen Hokuspokus +hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie +der Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen +Buche wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar +erschlagen hatte; seine Gedanken hafteten noch immer an +dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter seinem +Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese +stand er, kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht +erstochen hatte, weil er die Frau verführt und der nicht +müde wurde, zu schildern, wie er vom Wirtshaus zu früherer +Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe hinaufgeschlichen +und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt +und wie das Kind geweint und wie der Schuft +entfliehen gewollt und wie er den Leichnam in den Bach +geworfen und wie er in den Wäldern herumgeirrt, sein +winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie mich,« +<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen +Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« +Der gelbe Hahn erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte +zukommen sollen und die sein Schwager an sich gerissen. +Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der Sterbestunde +zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um +das verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und +schwärmte, wie er damit hätte genießen können, wie er ein +schuldenfreier Mann geworden wäre, den Sohn hätte er +Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die für ihn +den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde +und scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse +und tranken Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus +dem Spessart, hatte einem durchreisenden Fremden den Hals +abgeschnitten, und das war so zugegangen: er hatte zugleich +den Beruf eines Barbiers versehen; da er aber meist Leichname +rasierte, so konnte er dies Geschäft an den Lebendigen +nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie +Tote; als er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte +er: was für einen schönen, glatten Hals der Mann hat, +und so schnitt er den verführerischen Hals durch und bemächtigte +sich der gefüllten Geldkatze seines Opfers, nur +um des schönen, glatten Halses willen.</p> + +<p>Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, +Meineidige, Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten +vom Geld, priesen oder verfluchten das Geld, das sie bezaubert, +berauscht und verraten hatte.</p> + +<p>Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, +saß Christian Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, +<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>mit langem grauem Bart, durch Blick und Geberde eine +stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im Strom der +bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer +Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund +führt, weil ihnen die tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit +bindet ans Gemeine.</p> + +<p>Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, +um sich und den Seinen Brot zu verschaffen. Er war +Schmelzer, Seifensieder, Oblatenbäcker, Handschuhmacher, +Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und Händler gewesen, +aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets +hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so +brach die Cholera in der Stadt aus; hatte er zweitausend +Oblaten gebacken, so kamen die neuen Blättchen mit der +Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde wertlos; +kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren, +da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so +hatten die Händler ebenfalls viele Schweine erworben und +verdarben ihm die Preise; bewahrte er Schinken und Würste +für den Sommer, so trat eine entsetzliche Hitze ein und verdarb +alles; waren einmal Ersparnisse im Haus, so erkrankte +die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das bißchen +Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit +trug keinen Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden +umstellt sei, und endlich lähmte ihn die Furcht vor +dem Verhängnis dermaßen, daß er bei jedem Beginnen +schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht beliebt; +er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes +und allzu sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn +<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>konnte von den Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In +seiner Familie war niemals Zwist. Am Abend saß er entweder +beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen vertieft, +oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die Lebensbeschreibungen +seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha +und Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und +in einer Anwandlung froher Laune versprach er seiner +Schwägerin, die dabei war, die Hälfte des Gewinns, wenn +das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert +Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das +Geld abzuholen; sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, +das Geld war hin. Kein Wort des Vorwurfs kam +aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen tröstete, +sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil +das Gewinnerglück bekannt geworden war und man den +Verlust als schnöde Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen +gemäß hundert Taler an die Schwägerin.</p> + +<p>Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte +sie nie zur Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. +In ihnen verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, +für sie zitterte er vor der Zukunft. Es war Weihnachten +vorüber, und nur noch ein einziger preußischer Taler war +im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die Zeit +selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle +Wege. Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose +Kampf hatte ihn verworren und verzweifelt gemacht, seine +Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse Ahnungen verfinsterten +seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete +für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war +<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>ein Wechsel fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld +für gelieferte Schweine. Frau und Töchter wollten leben; +wovon? Das Geschäft war so gut wie vernichtet, alle Vorräte +weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um den +einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er +zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. +Eine schlaflose Nacht folgte der andern, und nun +lagen noch drei Tage da, der Sonntag, der Montag und +der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte er nicht. +Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der +Bosheit, dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten +Schicksal, beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, +daß die Mutter ehrenhaft ihr Brot finden konnte, aber +die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige, vertrauende +Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich, +mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; +die fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, +ohne Falsch, ohne Wissen von der Welt, was sollte +aus ihnen werden? Sie werden ihre Käufer finden, sagte +sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit entwöhnen, sie +werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der +Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; +aber Töchter! Töchter! Es gibt einen Punkt, wo das +Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als das eines Verliebten, +noch angstvoller erregt von den Drohungen des +Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen +Fleisch, eigen Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach +die meine. So gab ihm die Liebe Kraft zu der furchtbaren +Tat. Er schickte sein Weib mit einem Auftrag in das nächste +<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In wunderlichen Gesprächen +verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er +war eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den +Lehren der alten Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden +Mädchen gingen zur Ruhe, für die Ewigkeit zur Ruhe. +Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen Eßwein im +Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der +Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, +die Kälte der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn +auch nur der entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, +und wenn es nicht ein Werk der Liebe gewesen wäre, so +hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der Schußwaffe +an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal +zu küssen, bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun +hinüber, schmerzlos hinüber, auch die andere, nicht minder +geliebte hinüber, dann zum Ende mit dem eigenen Dasein. +Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank nieder, er +atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst +nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, +schrie es in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen +der Heilung; Haft, Gericht, Verhör, das alles war ein einziger +schwarzer Traum, bis endlich das ersehnte Todesurteil +verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht finden, +aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner +Seele herbei. Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte +er erschüttert, als ihm der Richter die Begnadigung des +Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief er; »gezüchtigt +durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel selber +abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« +<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>Er wollte sich durch Verhungern töten, aber die +körperlichen Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, +zwangen ihn, dieser Absicht zu entsagen.</p> + +<p>Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug +er die ganze Beschwer und Finsternis der Vergangenheit +um sich, und während die andern gegeneinander sprachen, +redete es in ihm. Es war etwas Aufgerissenes in seinem +Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht fühlte er +in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte +das Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des +Lebens und daß er kein Recht besessen, den Fügungen +Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge beachteten ihn kaum; +sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders +Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der +wegen Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so +verzerrt und böse, wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, +denn er war aus derselben Stadt wie Eßwein und hatte +alles sozusagen miterlebt.</p> + +<p>Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die +Wahrheit hinter dem Gehechel. Schicksale haben ihren +Geruch wie Leiber. War er denn nicht dazu da, sie zu +empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der schaut, mit +tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre +Not, ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie +von unten auf hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? +Und was sie scheidet von den Oberen, nennt es Verbrechen, +diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare Verworrenheit +eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt +so den Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, +<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>den Irrtum der Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, +ist auch in mir, wächst, will und seufzt in mir, umflutet +mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie leben, dachte +Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese +und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre +Ahnen und ihre Kinder, diese und die draußen, den Landmann +am Pflug, den Drechsler an seiner Bank, den Schuster +vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg, den +Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, +den Uhrmacher, die Lupe am Aug’ und auf die Rädchen +lugend, den Schlächter und sein Beil, den Holzfäller im +Wald, den Boten, der Briefe bringt, den Drucker am +Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der +Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, +alle die unten sind, weil sie keine Worte haben, und die +nach den Oberen verlangen, nach den Mächtigen, die +mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen deswegen dienen, +weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten trachten, +weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen, +Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten +Leben. Und diese haben keine Worte, fuhr der junge +Dichter zu grübeln fort, ich aber besitze die Worte und +bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich. Doch +nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter +ihnen bin ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für +mich, was ich rede, Stummheit für sie. Verstünden wir +einander, es wäre der Schrecken aller Schrecken; sie würden +mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen versagt +hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich +<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>muß fern von ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. +Wirklich leben, heißt zermalmt werden von denen, die +stumm sind.</p> + +<p>Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. +Der Lärm war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten +sie, daß die Herrlichkeit nicht lange dauern könne, und wiewohl +ihnen Wengiersky immer von neuem versichert hatte, +im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und drüber, +auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer +zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. +In einen Ruf war ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte +sich am Außersichsein des Andern; Prahlerei klang wie +Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit Roheiten +und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch +einen zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten +sie sich; daß sie hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, +war heldenhaft; daß sie den Richter belogen, gezahlte +Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger Schurkenstreich nie +ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll. Der eine +schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes +verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der +dritte plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte +mit beiden Füßen und gluckste nach Hennenart; zwei, die +schon betrunken waren, hatten einander umhalst und wimmerten +dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß Gotteslästerungen +aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart, +in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am +Hals getragen, um sich stich- und schußfest zu machen; der +Schatzgräber sprach von der Zauberblume Efdamanila, mit +<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>der man alles Gold in der Erde finden könne; der Hochstapler, +dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener Romanfloskeln +war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer +Fürstin, der er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der +heitere Konrad fragte vielleicht zwanzigmal, ob jemand die +Geschichte des Majors Knatterich kenne, der sich in Sachsen +für den russischen Kaiser ausgegeben. Dazwischen hörte man +Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie Johannes +dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann +hab ich einen glupischen Streich angetan, der dreht +sich im Sarg noch ’rum, wenn er meinen Namen hört.« +Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben; Alexander Lobsien +gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd +dachte er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, +du ungeheures Meer! Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; +mit leiser Stimme sprach ihm Alexander Mut zu. Er erwiderte: +»Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der auf sich +hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit +der bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am +Körper wachsen. Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein +Hundsfott hat Mut.«</p> + +<p>Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens +Friseur wie Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, +der die Manie gehabt, seine Opfer zu frisieren, wenn +sie tot vor ihm lagen, und der nur deshalb, als kranker +Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer also +stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit +Geberden voll Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« +keuchte er, »der Eßwein.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung +leierte seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg +auch der. Die Sträflinge erhoben sich und drängten sich +zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem Feuerkreis, +und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll, +was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in +die Halle; der Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte +schluckend auf und ab.</p> + +<p>Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu +seinen Töchtern entronnen? Er, dem auch die Freiheit +Gefangenschaft war, der die Worte verschmähte, dem keine +Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander, als er +die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und +feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren +Halt, er taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei +entrang sich seiner Kehle. Peter Maritz packte ihn und +preßte die Hand um seinen Arm, aber es war schon zu +spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres +Blicks und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, +die sie auf einmal als Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen +und Haß sprühten aus ihren Mienen. »Es sind +Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen +sie her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten +schoben sich gegen sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine +drohende Stimme aus dem Haufen. – »Ja, wer seid ihr?« +wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und Käsebettler +vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« – »Die wollen +Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. – »Die kommen aus +einer guten Küche,« ein dritter. – »Die sind weich wie +<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Papier, wenns im Wasser liegt,« ein vierter. »Heraus mit der +Sprache, ihr Schweiger!« rief Hennecke und ballte die Faust.</p> + +<p>Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden +ihn nicht. Ein abscheuliches Durcheinanderschreien begann, +voller Wut drängten alle näher, da trat ihnen Peter Maritz +in seiner Herzensangst entgegen und brüllte mit Donnerstimme: +»Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind +Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! +Wir haben Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die +Fenster geflogen sind, verderblicher als Kanonenkugeln.« – +»Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her mit den Liedern! Zeigt +uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus damit!«</p> + +<p>Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders +Miene war verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden +verursachte ihm Übelkeit. Sie forderten stürmischer, +ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert, Alexander +schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch +für sich, mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, +schlug das erste Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte +widerten ihn an. Trotz jäh eingetretener Stille vermochte +ihn keiner zu hören; die hintersten drängten sich wütend +vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da entriß +Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, +stellte sich in große Positur und las mit schmetternder +Stimme:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich richt euch einen Scheiterhaufen,<br /></span> +<span class="i0">auf dem das Herz der Zeit erglüht,<br /></span> +<span class="i0">mein Volk will ich im Blute taufen,<br /></span> +<span class="i0">das sich umsonst im Staube müht.<br /></span> +<span class="i0"><a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen<br /></span> +<span class="i0">und Kronen, die der Rost zerfraß,<br /></span> +<span class="i0">euch müssen sich die Fürsten neigen<br /></span> +<span class="i0">und wer im Gold sich frech vermaß.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">So öffnet denn die dunklen Kammern<br /></span> +<span class="i0">und strömt hervor wie Gottes Schar,<br /></span> +<span class="i0">es soll mich heute nicht mehr jammern,<br /></span> +<span class="i0">daß gestern Nacht und Grausen war.<br /></span> +<span class="i0">Auf denn, ihr Armen und Geschmähten,<br /></span> +<span class="i0">du seufzend hingestrecktes Land,<br /></span> +<span class="i0">genug der ungehörten Reden,<br /></span> +<span class="i0">setzt nur das alte Haus in Brand.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,<br /></span> +<span class="i0">von eurer Not klagt Dorf und Flur,<br /></span> +<span class="i0">den stolzen Henkern keine Gnade,<br /></span> +<span class="i0">zerschmettert Höfling und Pandur.<br /></span> +<span class="i0">Der Feige mag vergebens zittern,<br /></span> +<span class="i0">der Held macht seine Brüder kühn,<br /></span> +<span class="i0">und aus zerbrochnen Kerkergittern<br /></span> +<span class="i0">wird neue Welt und Zeit erblühn.<br /></span> +</div></div> + +<p>Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, +der zum erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, +die Zuchtlosen, die Gemeinen, die Verräter am Eigentum, +am Leben, an sich selbst und an der Menschheit. +Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings +ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß +die Mauern der Burg davon erschüttert schienen. »Wer +<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>hat das gemacht?« »Eine tüchtige Chose.« »Ein wackeres +Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.« »Geschrieben +hat er’s?« »Auf Papier steht’s geschrieben?« »Der Dicke +hat’s gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« +»Der Kloane?« »Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So +johlte, schrie, gellte, fragte, antwortete es in allen Dialekten +durcheinander.</p> + +<p>Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit +triumphierender Miene herab, denn schon hatte er sich mit +Würde in seine Tyrtäos-Rolle gefunden, und es war ihm +etwas unbequem, daß sich der Beifall des entflammten +Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als +zwei der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, +und ihn über den vom Feuer lohenden Platz gegen +das geschlossene Burgtor trugen. Die übrigen begriffen, +was im Werke war;</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,<br /></span> +<span class="i0">von eurer Not klagt Dorf und Flur;<br /></span> +<span class="i0">den stolzen Henkern keine Gnade,<br /></span> +<span class="i0">zerschmettert Höfling und Pandur!«<br /></span> +</div></div> + +<p>sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- +oder Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle +rissen den hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten +sich weit auseinander, und der berauschte, gefährliche Haufe +wälzte sich ins Freie.</p> + +<p>Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den +Schultern seiner Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit +schwirrten ihm durch das Hirn. Schon beim Anhören +seiner Verse war es ihm zumut gewesen als hätte +<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, +schrie es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. +Jetzt weiß ich erst was ihr seid, und weiß was ich bin, +aber die falschen Worte werden mich und euch verderben. +Trug und Mißverständnis schienen ihm so ungeheuerlich, +daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser +auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. +Zwischen Furcht und Begreifen, zwischen Menschenliebe und +Menschenhaß, Dichtertraum und Erlebnisqual schwankte sein +zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes Herz, und ihm +wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er, +doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild +des Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens +hüllte und ihn vom Schmerz der Schuld und des Irrtums +befreite.</p> + +<p>Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die +Allee der blätterlosen Bäume funkelten die Lichter der +Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg lohte das halbverbrannte +Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich +mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall +von Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes +setzten sie ihren Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit +geschützt, war dem Sträflingshaufen vorausgeeilt, als +er das militärische Signal gehört hatte. Ihm bangte um +das Schicksal des Kameraden, und erleichtert seufzte er auf, +als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht +blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer +gedacht. Eine Kommandostimme befahl ihnen über +einen Zwischenraum von zweihundert Schritten, sich zu ergeben. +<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da prasselte +die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte +Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger +auf das Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge +wandten sich zur Flucht.</p> + +<p>Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus +neben dem Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen +waren sehr ernsthaft und nicht ohne Reue +und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod +bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem +Zufall, damit das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt +würde? War dies groß oder niedrig beschlossen? +häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das Auge +an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen +bleibt die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer +stummen Welt.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a></p> +<h2><a name="Paterner" id="Paterner"></a><em class="gesperrt">Paterner</em></h2> + + +<p>Franziska hatte sich aufgerichtet und schaute Borsati, +der zuletzt sehr schnell, sehr leidenschaftlich erzählt hatte, +beinahe voll Angst ins Gesicht. »Ich habe in meinem ganzen +Leben etwas dergleichen nie gehört«, murmelte sie, +nachdem Borsati geendet. Cajetan sprang empor und sagte +mit großer Lebhaftigkeit: »Außerordentlich! Es ist außerordentlich, +wie hier ein entlegener Winkel des menschlichen +Daseins in den Mittelpunkt der Dinge gerückt und gleichsam +kosmisch beleuchtet ist. Selten war mir so tief bewußt, daß +alles, was wir tun und treiben eine weitreichende Verantwortung +nach vorwärts und nach rückwärts hat.« Lamberg, +der mit raschen und wuchtigen Schritten umherging, +wie stets, wenn er bewegt oder erregt war, sagte: »Laßt +uns jetzt nicht darüber sprechen. Laßt uns dies aufbewahren, +damit wir uns von dem Eindruck Rechenschaft geben +können.«</p> + +<p>»Findet ihr nicht, daß er eigentlich den Spiegel verdient?« +fragte Franziska.</p> + +<p>»Das werden wir morgen entscheiden«, gab Cajetan zur +Antwort.</p> + +<p>»Ich glaube, was den Spiegel betrifft, können wir jedenfalls +noch warten«, fügte Lamberg hinzu. »Nicht, als ob +ich eifersüchtig wäre«, wandte er sich lächelnd und mit ausgestreckter +Hand an Borsati, die dieser freundschaftlich ergriff +und drückte, »aber ich möchte uns andern doch nicht +den Weg verrammelt sehen. Wer weiß, wohin uns dies +Beispiel noch treiben kann. Anfeuern ist ein schönes Wort +<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>in unserer schönen Sprache. Es bedeutet Licht und es bedeutet +Kraft. Und wenn ich nun mein Gefühl überprüfe, so +muß ich eines jetzt schon gestehen –«</p> + +<p>»Aha, nun kommt der kritische Pferdefuß zum Vorschein«, +neckte Borsati.</p> + +<p>»Nicht Kritik«, fuhr Lamberg fort, dessen Züge und Geberden +äußerst edel waren, wenn er in ernstem Ton redete, +»beileibe nicht Kritik, das würde unsere famose Symphonie +abscheulich stören, ich meine nur, so hinreißend und aufwühlend +die Geschehnisse auf der Plassenburg auch sind, +warm wird einem dabei nicht. Es kann einem heiß werden, +aber nicht warm. Es geht mehr an die Nerven als ans +Gemüt.«</p> + +<p>»Und der Mann sagt, er übe nicht Kritik«, antwortete +Borsati ironisch. »Es ist also eine lobenswerte Handlung, +wenn ich jemand unter Versicherung meiner Menschenfreundlichkeit +erschlage?«</p> + +<p>»Dennoch hat Georg so unrecht nicht«, mischte sich Franziska +in den Streit.</p> + +<p>»Solche Äußerungen haben etwas Gefährliches«, entschied +Cajetan; »ja, ja, – es gibt Tränen und es gibt ein +Schaudern, es gibt eine geistige und eine herzliche Ergriffenheit; +machen wir uns nicht zu Splitterrichtern, indem +wir wägen wollen, was gewichtlos und sondern, was unteilbar +ist. Nerven! Was heißt das nicht alles heutzutage. +Was wird nicht damit entschuldigt und was nicht herabgezerrt? +Ich habe Nerven, nun ja! Und ich klinge, wenn +man auf mir zu spielen versteht. Und ich versage, wenn man +mich in pöbelhafter Weise berühren und rühren will. Ich +<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>halte nichts von der Sorte Gemüt, die sich ausbietet und +billige Tränen einsammelt. Eine wahrhafte Erschütterung +braucht kein Taschentuch zum Trocknen der Augen, und +so fass’ ich es auch auf, wenn Beethoven einmal wundervoll +bemerkt: »Künstler weinen nicht, Künstler sind feurig.«</p> + +<p>»Was mich an Rudolfs Erzählung gepackt hat«, ließ +sich nun auch Hadwiger hören, »und was ich nicht sobald +vergessen werde, ist das eine Wort: Wirklich leben heißt +zermalmt werden von denen, die stumm sind. Mensch, wie +wahr ist das! wie unbeschreiblich wahr!« Alle sahen nach +ihm hin. Er war merklich blaß geworden, während er dies +sagte, und Franziska, auf beide Ellbogen gestützt, beugte +sich weit vornüber, wie um ihn näher zu betrachten, oder +wie um ihn zu suchen, und in ihren Lippen, die geschlossen +blieben, war eine seltsam zärtliche Regung, in ihren Augen +eine schmerzliche Trauer. Borsati, der sie am besten kannte, +glaubte zu ahnen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich hinschwinden, +und ihr ermüdeter Arm verlangte nach einem +Halt. Dieses Herz, das so gern und so jubelnd geliebt, +konnte sich auch in der Freundschaft zu einer Glut entzünden, +die in der körperlichen Ohnmacht nur umso reiner +strahlte. Oder befand er sich in einem Irrtum? War dies +ein letztes Werben, ein letztes Vergessenwollen, ein letztes +Anschmiegen, letzter Sturm und letzte Rast, bitter gemacht +durch ein drohendes Zuspät und süß durch die Illusion +einer Dauer?</p> + +<p>Das eingetretene Schweigen wurde durch Emil unterbrochen. +Er war bei der Brücke gewesen und »erlaubte +sich zu melden«, daß es drunten schlimm aussehe; im Markt +<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>habe der Bürgermeister telegraphisch um Entsendung eines +Pionierbataillons gebeten, auch stehe die Seevilla, das kleine +Hotel, in welchem die Freunde logierten, schon unter Wasser. +Bei dieser Nachricht rüsteten sich Cajetan, Borsati und +Hadwiger erschrocken zum Aufbruch. Lamberg schickte sich +an, sie zu begleiten. »Wenn ihr die Zimmer verlassen +müßt«, sagte er, »könnt ihr euer Gepäck heraufschaffen; +die Nacht über bleibt ihr dann jedenfalls hier im Haus +und morgen werden wir sehen, was zu tun ist. Sie gehen +mit, Emil«, rief er dem Diener zu. Die Laternen wurden +angezündet, und alsbald marschierten sie durch den Regen +hinunter zum See. Wo eine Mulde im Wege war, stand +das Wasser fußtief; flachgelegene Wiesenstücke waren überschwemmt; +der Traunbach, sonst nur mit schwachem Brausen +vernehmbar, erfüllte mit seinem Donner die ganze +Landschaft.</p> + +<p>An der Brücke hatten sich ziemlich viele Menschen angesammelt +und blickten besorgt drein. Die Finsternis lastete +wie ein Klotz auf der Erde, und der Schein schwacher +Lichter machte sie vollends undurchdringlich. Bauern in +hohen Wasserstiefeln und mit Fackeln in den Händen liefen +am Ufer des furchtbaren Stroms hin und her und zogen +allerlei schwimmendes Hausgerät, das sie erfassen konnten, +ans Land. Die Freunde eilten auf einem Pfad, den hundert +Rinnsale fast ungangbar gemacht hatten, zur Seevilla. +Der Wirt mußte bestätigen, daß Gefahr im Verzug sei, +in den Kellern sei das Wasser vier Fuß hoch gestiegen, +doch befürchte er nichts Schlimmeres, als daß das Haus +von dem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten werde; +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>die Wirkung eines Wehrbruchs werde sich erst an den +Ufern der Traun äußern und am verderblichsten im Markt, +wo sich die Abflüsse dreier Seen vereinigen.</p> + +<p>Trotzdem es Lamberg widerriet, beschlossen die Freunde, +bis zum andern Tag im Hotel zu bleiben. Sie gingen ruhig zu +Bett, und die Nacht verlief ohne Störung. Am Morgen +teilte ihnen der Wirt mit, daß er gezwungen sei, das Haus +zu schließen; er deutete in den Garten, dessen Beete schon +unter Wasser standen. Cajetan sprach in der ersten Bestürzung +von Abreise. Der Wirt schüttelte den Kopf und +erwiderte, die Chaussee zum Markt und zur Station sei +nicht mehr passierbar, außerdem hätten die Eisenbahnzüge +seit gestern zu verkehren aufgehört. »Demnach sind wir +also richtig eingesperrt«, rief Borsati. – »Und wie steht +es weiter oben? ist man in der Villa Lamberg sicher?« +fragte Cajetan unruhig. – »Droben ist man sicher, wenn +es nicht solange regnet, daß der Wald entwurzelt wird«, +war die Antwort.</p> + +<p>Mit vieler Mühe wurde ein Wagen aufgetrieben; die +Freunde hatten unterdeß gepackt, und eine Stunde später +plätscherten die Pferde mit der kofferbeladenen Kutsche +durchs Wasser bis zum Weganstieg. Cajetan und Borsati +fuhren zu Lamberg, Hadwiger begab sich zur Seeklause, +um bei den Arbeiten am Wehr womöglich Hilfe zu leisten. +Wie er vermutet hatte, fehlte es dort an einer sachgemäßen +Führung, denn der vom Bezirkskommando abgeschickte Ingenieur +war noch nicht eingetroffen, und die Pioniere konnten +erst am folgenden Tag zur Stelle sein. Was die Bauern +unternahmen, war zweckdienlich, aber die Leitung eines +<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>Fachmannes mußte ihr Beginnen wesentlich fördern. Unter +den Zuschauern befand sich auch der Fürst Armansperg; +seine Würde, sein Ansehen, seine dominierende Persönlichkeit +verliehen ihm das Recht der Beaufsichtigung und des +tätigen Anteils. Hadwiger stellte sich ihm vor; der Fürst +kannte seinen Namen und war glücklich, die Unterstützung +eines Berufenen zu gewinnen. Die Leute folgten Hadwigers +Befehlen willig, ja, im Bewußtsein dessen, was auf dem +Spiele stand, lasen sie ihm die Worte von den Augen ab. +Gegen Mittag kam endlich der Regierungs-Ingenieur, der +allenthalben die größten Schwierigkeiten gefunden hatte, +um durch die überschwemmten Gebiete ans Ziel zu gelangen; +er war sichtlich gekränkt, als er einen Kollegen am Werke +traf, dank dessen Bemühungen die größte Gefahr einstweilen +abgewendet worden war. Hadwiger kannte die Sorte +und ihre enge Gesinnung, er lächelte nur heimlich vor sich +hin. Der Fürst hatte ihn scharf beobachtet und zuckte kaum +merklich die Achseln. Als Hadwiger ging, gesellte er sich an +seine Seite. »Sie haben den gleichen Weg?« fragte er. +Hadwiger erwiderte, daß er zur Villa Lamberg gehe und +daß er von Freunden dort erwartet werde. Ein Schatten +des Nachdenkens flog über das gelbliche Gesicht des Fürsten, +und seine angespannte Miene verdüsterte sich für einen +Augenblick. Er sprach dann von der Ungunst des Wetters +und wies auf einige Gipfel, auf denen frischgefallener Schnee +eine Wendung zum Bessern verkündete. Hadwiger brachte +die Rede auf den See-Abfluß, erklärte die ganze Anlage +für mangelhaft und hielt eine gründliche Erneuerung für +unerläßlich. Der Fürst stimmte ihm bei. Als er sich an der +<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>Pfadkreuzung verabschiedete, drückte er ihm die Hand, +dankte noch einmal, und etwas in seinen stahlgrauen Augen +schien fragen zu wollen, die gleichgiltigen Worte, die gewechselt +waren, verleugnen zu wollen. Doch war dies nur +der Eindruck einer Sekunde, und vielleicht stützte er sich +auf eine empfindsame Täuschung.</p> + +<p>Lamberg hatte die Freunde in einem von der Villa +nicht weit entfernten Bauernhause untergebracht, in welchem +drei winzige Stübchen mit winzigen Betten zum +Schlafen Raum genug boten. Beim gemeinschaftlichen Mittagessen +erstattete Hadwiger Bericht über seine Begegnung +mit dem Fürsten. Lamberg winkte ihm vergebens zu, Cajetan +räusperte sich vergebens; da er nur auf Franziska acht +hatte, übersah er die abmahnenden Zeichen; erst als der neben +ihm sitzende Borsati ihm etwas unsanft auf den Fuß trat, +hielt er inne, schaute sich verwundert um und errötete. Er +bemerkte auch jetzt Franziskas veränderte Miene; sie legte +Messer und Gabel hin, klemmte die Unterlippe zwischen +die Zähne und sank förmlich in sich zusammen. Während +Lamberg eilig das Thema zu wechseln versuchte, faßte sie +sich rasch, und zu Hadwiger gewandt, sagte sie mit schwacher +Stimme: »Du hast dich also da unten nützlich gemacht, +Heinrich? Man vergißt eigentlich ganz, daß du dazu auf +der Welt bist, um die Elemente zu bändigen.« Alle atmeten +schon erleichtert auf; plötzlich jedoch erhob sie sich +und ging aus dem Zimmer. Hadwiger wollte ihr folgen, +die Freunde hielten ihn zurück. Sie hatten Mitleid mit +seiner Ratlosigkeit und zwangen sich über den Zwischenfall +einige Scherze ab. Hadwiger aber sagte: »So kann dies +<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>nicht weiter gehen. Was verheimlicht sie uns? Warum +verheimlicht sie es uns? Warum verpflichtet sie uns zu +schweigen und so zu tun als wollten wir von nichts wissen? +Weshalb soll der Fürst nicht erwähnt werden, den sie doch +während des letzten Jahres nicht einmal gesehen hat? Liebt +sie ihn? Keineswegs! Und wenn es bloß der Name ist, +den sie nicht hören will, der Name eines Menschen, der +ihr nahe gestanden ist, bevor das mir unbekannte Schreckliche +geschah, weshalb erträgt sie dann uns, unsere Gesichter +und die Erinnerungen, die ihr unser Anblick immerfort wachrufen +muß? Ich verstehe nichts von alledem.«</p> + +<p>Die Freunde antworteten nicht. Stumm blickten sie auf +ihre Teller. Nur Borsati murmelte nach einer Weile: »Zeit, +Zeit, Zeit.« Doch Hadwiger fuhr fort: »Wir müssen und +müssen sie zum Sprechen bringen. Ich bin sicher, sie verachtet +unsere Willfährigkeit, und was wir für Takt und +Diskretion halten, erscheint ihr als Feigheit trotz der Forderung, +die sie gestellt hat. Es bedrückt sie, sie will den +Alp von der Brust gewälzt haben, und was sie uns sagt, +ist nicht das, was sie wünscht. Wozu seid ihr denn so +wortgewandt? so verschlagen, so zart, erfahren und mächtig +in Worten? Da ist nichts unerreichbar, und wenn ihr wollt, +so unternehm ich’s selber; diese Spannung, diese Vorsicht, +dieses Zaudern, das ist ihrer und unserer nicht würdig.«</p> + +<p>»Nun, Heinrich, an Beredsamkeit fehlt es Ihnen wahrhaftig +nicht«, entgegnete Borsati. »Dessenungeachtet warne +ich Sie vor einem übereilten Schritt. Wir müssen Franziska +schonen.« Er dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern und +schloß: »Ja, wir müssen sie schonen, denn ich habe Grund +<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>zu schlimmen, zu sehr schlimmen Befürchtungen. Genug +jetzt davon. Das Leben dieser Frau gleicht einem Kunstwerk; +freuen wir uns seiner, solang es möglich ist, und profanieren +wir es nicht durch Mißlaune und Sorge. So faßt +es Franziska selbst auf, glaubt es mir, und je heiterer, +je unbefangener wir sind, je glücklicher wird sie sein, je +dankbarer auch. Es schmeichelt ihr, in einem höhern +Sinn, in einem Sinn von Reinheit, Schönheit und Schmerzlosigkeit.«</p> + +<p>Die Andern schauten Borsati mit Blicken voll Achtung +und Zustimmung an. Was so selten ist unter Männern, +unter Menschen überhaupt, sie ließen sich von der +besseren Einsicht überzeugen und vermochten demgemäß zu +handeln. Hadwiger war jedoch kaum fähig, seine Trauer +zu verbergen. Bald nachher nahm er Mantel und Hut und +wanderte in die Wälder. Erst als es dunkelte, kehrte er +zurück. Inzwischen hatte es endlich auch zu regnen aufgehört. +Franziska weilte noch in ihrem Zimmer, und der +Schimpanse leistete ihr Gesellschaft. Einigemal klang ihr +sonores Lachen durch das ganze Haus. Schon gegen sieben +Uhr kam sie herunter, im weißen Kimono, und nahm ihren +gewohnten Platz auf der Ottomane ein. Sie zeigte eine +freundlich-neugierige Miene und ließ eine Bernsteinkette, +die sie um den Hals trug, wohlig durch die Finger gleiten. +Hadwiger küßte ihr vor Freude die Hand, als er sie so +frisch, so gegenwärtig sah.</p> + +<p>Cajetan sagte, er könne die Plassenburger Leute nicht +los werden. »Die Geschichte hat etwas Hinterhältiges«, +meinte er, »das einen wie in Schuld verstrickt. Vor Jahren +<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>hörte ich einmal von einem Mörder, in dessen Zelle eine +Schwalbe geflogen war. Er schloß eilig das Fenster, um +das Tierchen am Fortfliegen zu hindern, fütterte es tagelang +mit Brotkrumen und faßte eine heftige Zuneigung +zu dem verirrten Geschöpf, das sich seinerseits an den Menschen +still zu gewöhnen schien und kein Verlangen äußerte, +dem traurigen Aufenthaltsort zu entkommen. Tagelang behütete +der Sträfling seinen kleinen Freund, wußte ihn vor +den Augen des Wärters zu verbergen und wenn er die +Schwalbe in der Hand hielt und unter den Federn ihr +klopfendes Herz spürte, hatte er eine Empfindung, die der +Frömmigkeit sehr ähnlich war. Eines Tages entdeckte der +Aufseher den kleinen Zellengenossen; er packte die Schwalbe +und tötete sie mit einem einzigen rohen Griff. Der Häftling +schrie auf wie ein Rasender, stürzte sich blitzschnell auf +den Mann und erdrosselte ihn. Diese Begebenheit verfolgte +mich mit denselben Gefühlen von Schuld und Verantwortung.«</p> + +<p>»Ein Zeichen, daß der Mensch kein vereinzeltes Wesen +ist, auch wenn er sich so gibt, sondern daß er seiner Zugehörigkeit +zum Welt- und Menschheitsganzen tief innerlich +bewußt bleibt«, antwortete Borsati.</p> + +<p>»Der lustige Irrtum, der für die zwei Literaten so übel +ausfiel, erinnert mich an ein Abenteuer, das ein Vetter +von mir in Brüssel hatte, eine Art Philosoph, ein ziemlich +verträumter und weltfremder Mensch«, erzählte Lamberg. +»Er hatte eine kleine Seereise vor und kaufte bei einem +Hutmacher eine Sportmütze. Danach ging er in den Straßen +spazieren, und es ist nicht nebensächlich zu erwähnen, daß +<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>er beim Gehen stets die Hände auf dem Rücken zu halten +pflegte. Ins Hotel zurückgekehrt, legte er den Mantel ab +und langte zuvor in die Tasche, um ein Schnupftuch herauszunehmen. +Er riß Mund und Augen vor Erstaunen +auf, als er erst die eine, dann die andre Manteltasche vollgepfropft +fand mit Schmuck und Geldbörsen, mit Armbändern, +goldnen Uhren, Broschen, Brillantnadeln, Halsketten, kurz, +mit einer Reihe von Gegenständen, deren Wert er trotz +seiner verwirrten Sinne auf fünfzig- bis sechzigtausend +Franken anschlug. Er war nicht weit davon entfernt, an +Zauberei zu glauben, und nachdem er sich der Sachen entledigt +hatte, zog er den Mantel wieder an und eilte neuerdings +auf die Straße, um dem Geheimnis auf die Spur +zu kommen. Es war Abend, er mußte sich durch ein dichtes +Menschengewühl drängen und gab dabei, so gut es seine +Erregung zuließ, auf seine Taschen acht. Und siehe da, +nach wenigen Minuten spürte er abermals Kleinodien, Portefeuilles +und Spitzentücher drinnen. Ihm graute vor der +Unheimlichkeit des Vorgangs, er rannte in sein Quartier, +bemerkte aber nicht, daß ihm ein Detektiv folgte, dessen +Aufmerksamkeit er durch sein Benehmen erweckt hatte, ihn +vor der Türe seines Zimmers anrief, sich legitimierte und +sogleich ein Verhör begann. Die Ratlosigkeit meines Vetters +war jedoch so groß, daß an seiner Unschuld von vornherein +nicht zu zweifeln war, und der kluge Polizist fand auch +bald die Lösung des Rätsels. Jenem Hutmacher hatte ein +unbekannter Besteller einen auffallend gemusterten Stoff +gebracht, aus dem er ein Dutzend Mützen anfertigen sollte. +Der Stoff hatte für dreizehn Mützen gereicht, zwölf waren +<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>abgeliefert worden und die dreizehnte wurde als Extraprofit +dem ersten Besten verkauft, der eine Reisekappe zu erstehen +wünschte. Der promenierte dann als Signalmann und unfreiwilliger +Hehler einer Bande von Taschendieben auf den +Boulevards. Hätte er sich weniger exaltiert benommen, so +hätte er durch bloßes Spazierengehen in einer Woche Besitzer +von unermeßlichen Schätzen werden können.«</p> + +<p>»So macht Gewissen Memmen aus uns allen«, zitierte +Borsati lachend. »Eine lehrreiche Anekdote, worin schlagend +bewiesen wird, daß Kleider Leute machen.«</p> + +<p>»Ich muß wieder von den beiden Plassenburger Dichtern +reden«, sagte Cajetan; »sie beschäftigen mich. Es ist etwas +sehr Bedeutsames in der Rivalität zwischen Alexander und +dem Bramarbas Peter Maritz, wennschon die Farben ein +wenig gar zu dick aufgetragen sind. Die Szene, wie dieser +Unfähige und wahrscheinlich auch Unfruchtbare die Verse +deklamiert, die er vorher verworfen hat, und wie er, durch +den Beifall berauscht, plötzlich sich selbst als den Schöpfer +fühlt, enthält eine Wahrheit, die zugleich rührend und +grausam ist. Wie wenig muß ein solcher Mensch der eigenen +Kraft gewiß sein.«</p> + +<p>»Die Macht der Selbsttäuschung ist eben unendlich«, +entgegnete Lamberg. »Ich weiß nicht, ob ihr euch an den +Fall jenes berühmten Schriftstellers erinnert, der das Buch +eines Unbekannten und Namenlosen, welches ihm unter +vielen Manuskripten zugesandt worden war, veröffentlichte +und nicht nur die Welt betrog, sondern auch sich selbst, +denn es war ihm zumute, als ob er das Werk geschaffen +hätte, da es ganz aus der Stimmung seines Geistes war +<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>und auch unter seinen Freunden und Anhängern niemand +eine Fremdartigkeit oder Verschiedenheit bemerkte. Jahre +waren vergangen, da trat ihm der Verfasser des Buches +gegenüber und forderte Rechenschaft. Dieser Mann war +eine Hyäne und sein Talent eine der teuflischen Erfindungen +der Natur, die unsern Glauben an die Zweckmäßigkeit +des irdischen Getriebes erschüttern können. Der alternde +Schriftsteller wurde sein Opfer. Er brandschatzte sein Vermögen, +untergrub seine Arbeitsfreude, warf sich zum tyrannischen +Kritiker und Bearbeiter seiner Bücher auf und +trieb ihn schließlich zum Selbstmord. Über dem Grab des +Unglücklichen brach das niedrigste Gezänk aus, bei welchem +die Ehre und der Ruf des Toten für immer vernichtet +wurden und die Früchte eines inhaltvollen Lebens gleichsam +verfaulten.«</p> + +<p>»Wie ihr wißt,« sagte Cajetan, »hat sich der unglückliche +Chatterton das Leben genommen, weil er beschuldigt +worden war, die von ihm veröffentlichten Balladen seien +fremde Erzeugnisse, er habe die Handschriften in einem +Kloster gefunden und die Originale vernichtet. Später hat +sich freilich herausgestellt, daß diese von Feinden und Neidern +verbreitete Anklage unbegründet war und daß der +junge, erst neunzehnjährige Poet mit erstaunlicher und genialer +Sicherheit den Ton und Rhythmus der vergangenen +Zeiten getroffen hatte. Aber er hatte keine Waffe gegen +die falsche Beschuldigung. Er hatte keinen Beweis gegen +sie. Denkt euch, eine schöne Frau reist allein in einem +fremden fernen Land, und sie tritt mit einer Diamantkette +um den Hals in eine Gesellschaft und man bezichtigt sie +<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>plötzlich, daß sie die Juwelen gestohlen hätte, und sie hat +kein Mittel, sich dagegen zu wehren als ihr Wort, ihre +Beteuerung, – so werdet ihr noch lange nicht in die +Qual von Chattertons Lage versetzt sein, denn im Lauf +der Zeit wird die Frau ja doch nachweisen können, daß +der Schmuck ihr Eigentum ist. Chatterton konnte dieses +nicht; seine Wahrheit galt für Lüge; wie hätte er die +Welt überzeugen können? Der Jüngling brach zusammen +unter den schmutzigen Wogen der Verleumdung. Sein inneres +Feuer verlosch. Er war an der Menschheit und an +sich selbst irre geworden. Vielleicht gab es eine Stunde vor +seinem Tode, wo er so tief an sich zweifelte, daß ihm die +eigene Schöpfung wirklich wie ein Trugbild vorkam und er +sich genarrt dünkte wie einer, der nicht weiß, was er getan +hat und was mit ihm geschehen ist. Vielleicht war +ihm wie einem zu spät Geborenen oder wie einem jener +sagenhaften Schläfer, die erst nach Jahrhunderten erwachen +und keine Heimat mehr haben, nichts was sie an die Nation +und an die Zeit kettet und die ihre Seele verlieren +müssen, weil kein Bruderauge sie erkennt.«</p> + +<p>»Es schadet nicht, wenn die Menschen hie und da Einblick +in das Dämonische dieses Berufs gewinnen«, meinte +Borsati. »Die großen Werke werden hingenommen, als +ob der Himmel sie in einer freigebigen Laune gespendet +hätte, und was an Schöpferschmerz dahinter steckt, ahnen +nur wenige. Vielleicht soll es so sein, vielleicht ist es gut +so, aber im allgemeinen nimmt man es doch zu seelenruhig +hin, und wo ein außerordentlicher Mann persönlich +auftritt, zeigt sich sofort das Element der frechen Gemütlichkeit, +<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>selbst in der Verehrung, die man ihm zollt. +Bei Balzac heißt es einmal köstlich: der Kaufmann steht +einem Schriftsteller immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. +Dieses instinktive Mißtrauen ist besonders dem Deutschen +eigen.«</p> + +<p>»Daran sind aber auch die Schriftsteller schuld«, antwortete +Lamberg, »und nicht bloß die mittelmäßigen, deren +Unzahl das Land allmählig in eine Ablagerungsstätte von +Makulatur verwandelt, sondern auch die besseren Köpfe. +Viele von ihnen, sobald sie ihren privaten Kreis verlassen, +bieten dem Bürger das unerfreuliche Schauspiel einer +schrullenhaften Lebensführung und überflüssiger Extravaganzen. +In ihrem sozialen Dasein fehlt das Bindende +und Verantwortliche, und da muß eben der Mann aus +dem Publikum zutraulich werden, wenn er sich nicht feindselig +stimmt. Ist euch der Name Hypolit Paterner im Gedächtnis? +Ein Dichter. Man sagt damit heutzutage wenig, +aber er war ein Dichter. Sein Name war dem Bildungspöbel +geläufig, nicht wegen seiner Leistungen, sondern +weil er in einer zynischen Opposition gegen alles Herkommen +lebte und seine in Weinbutiken und auf Bierbänken +verbrachte Existenz eine für lustig geltende Herausforderung +an den Bürger war. Der Alkohol richtete ihn zu +grunde. In einem italienischen Nest starb er eines elenden +Todes. In seinem Testament war die Bestimmung enthalten, +daß sein Kopf abgeschnitten und in Deutschland verbrannt +werden sollte; der übrige Körper wurde an Ort +und Stelle begraben. Seine Geliebte, eine tüchtige und entschlossene +Frauensperson, die ihn bis zur letzten Stunde +<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>gepflegt hatte, verpackte den präparierten Kopf in einer +Hutschachtel und fuhr damit zur nächsten Bahnstation. +Dort mußte sie mehrere Stunden auf den Zug warten, und +sie begab sich in eine Kneipe, um ihr Mittagessen einzunehmen. +Die Schachtel und mehreres andre Reisegepäck +hatte sie neben sich auf Stühle verstaut. Plötzlich kam ein +Facchino und trieb sie zur Eile. In der Hast wurde die +Schachtel vergessen. Nun saßen in der elenden Osteria einige +Fuhrleute und Knechte, die konnten nicht recht schlüssig +werden, was mit dem zurückgelassenen Ding anzufangen +sei; indes sie eifrig dem Chianti zusprachen, gingen sie endlich +daran, die Schachtel zu öffnen, und da zog ein junger +Mensch das Haupt des Dichters bei den Haaren in die +Höhe und ließ es dann schreckerstarrt auf die Tischplatte +fallen. Alle sprangen empor und flohen in abergläubischem +Entsetzen. Draußen drückten sie ihre Gesichter an die Fensterscheiben, +Mädchen und Frauen und viel Volk aus der +Umgebung strömte herzu und sie spürten ein verlockendes +Grausen bei der Betrachtung des Schädels, auf dessen +wachsbleichem und melancholischem Petroniusgesicht ein kaum +bemerkbares Spottlächeln zu schweben schien.«</p> + +<p>»Nein, nein, nein,« rief Franziska, »das will ich nicht +hören, und wenn es passiert ist, erspart mir, darum zu +wissen. Ach, wie machst du mich schaudern, Georg! Das +ist wie ein Fieberbild.«</p> + +<p>»Ein teuflisches Epigramm auf ein ganzes Leben,« sagte +Cajetan, »und wenn sich auch unsere liebenswerte Dame +entrüstet, hier ergreift mich etwas gleich einem Menetekel. +Wie ja oft im Hintergrund dieser anscheinend schnurrigen +<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>und barocken Schicksale die tiefste Finsternis gähnt und +eine Vergeltung sich erhebt, die keine menschliche Rachsucht +hätte ersinnen können.«</p> + +<p>»Derselbe Paterner ist es auch, dem die Geschichte mit +dem Kometen Styriax zugeschrieben wird«, fuhr Lamberg +fort, und seine heitere Miene versprach eine gutartige Wendung.</p> + +<p>»Paterner wohnte einmal für ein paar Monate in einer +kleinen deutschen Stadt, und zwar in einem sogenannten +Familienhotel, eine Bezeichnung, die schon allein seinen +Ärger und seinen Hohn wachrief. Er nahm sich vor, die +Leutchen ein wenig durcheinanderzuschütteln, und eines +Abends, während der gemeinschaftlichen Mahlzeit, erhob +er sich von seinem Sessel und hielt mit dem Gesicht +eines Totengräbers folgende ernste Rede: »Meine Herrschaften, +ich habe soeben ein Telegramm meines Freundes, +des Lord Lotterbeck in San Franzisko bekommen. Lord +Lotterbeck ist, wie Sie wissen, der bedeutendste Astronom +der Gegenwart und Teleskopist an der Licksternwarte. Hören +Sie den Wortlaut des Telegramms: ›Komet Styriax seit +dreiundzwanzig Stunden in Sicht. Unvermeidlicher Zusammenstoß +mit unserem Erdball heute Nacht zwölf Uhr, sieben +Minuten. Ordne deine Angelegenheiten, bereue deine Sünden, +um zwölf Uhr acht Minuten bist du nur noch ein +Liter Wasserdampf. Letzten Gruß vom festen Aggregatzustand, +dein Cincinatti Lotterbeck.‹ Meine Herrschaften, es +ist jetzt neun Uhr. Sie haben noch drei Stunden sieben +Minuten zu leben. Füllen Sie die Galgenfrist mit dem +kostbarsten Inhalt, denn mit Himmel und mit Hölle ist es +<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>jetzt vorbei, es erwartet Sie das Nichts.« Zuerst glaubten +die erschrockenen Zuhörer natürlich an einen üblen Spaß; +als aber zwei Herren, es waren Freunde und Mitverschworene +Paterners, Schmierenschauspieler aus der Nachbarschaft, +ins Zimmer stürzten, und mit dem Wehgeschrei: +Styriax kommt, wir sind verloren! die Fenster aufrissen, +die Arme in die Luft streckten und sich so weltuntergangsmäßig +verzweifelt geberdeten, daß sie dafür auf dem Theater +mit Beifall überschüttet worden wären, hatte es mit der +Fassung der Gesellschaft ein Ende. Die Frauen begannen +zu schluchzen, die Männer liefen unruhig auf die Straße +und kehrten angstschlotternd zurück; indessen hatte Paterner +Punsch bereitet, zum Leichenschmaus, wie er sagte, und +verteilte die Portionen aus der gefüllten Terrine. Er verkündete, +zwischen hundertachtzig Minuten und hundertachtzig +Monaten sei vom Standpunkt der Philosophie kein +Unterschied, da doch das ganze Leben nur eine Illusion +wäre, die beiden Schauspieler wußten auf eine raffinierte +Weise die trockenen Gemüter in Brand zu setzen, und nach +kurzer Weile ging es ähnlich zu wie unter den Losgelassenen +auf der Plassenburg. Aus stillen, tugendhaften Damen +brach die Lebensgier hervor, ehrsame Beamte zeigten eine +Verwilderung, vor der selbst ein Paterner schamrot wurde, +wenngleich er alle schlimme Meinung dadurch bestätigt fand, +die sich über die Geknechteten der sozialen Mittelschicht in +ihm angesammelt hatte. Über der Stadt draußen lastete +ein dumpfes Schweigen; es war eine Märznacht, der Mond +war von zwei violetten Höfen umgeben; die betörten Menschen +zitterten vor der Drohung der Natur, haltlos schwankten +<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>sie zwischen ihrem Jammer und dem tierischen Entzücken +über den Besitz einer wenn auch noch so kargen Gegenwart. +Die Szene wurde gefährlich; Hysterie und Furcht führen +stets zum Taumel der Sinne und steigern sich durch sich +selbst. Solche Zustände kann man bei allen geistigen Epidemien +beobachten, im Kleinen wie im Großen. Es ist als +ob die eingesperrte Bestie im Käfig nur darauf warte, daß +die Stäbe gesprengt würden, um die Ohnmacht seiner Lehrer, +seiner Prediger, seiner Bändiger zu beweisen. Paterner hatte +genug gesehen. Auf so reiche Belehrung innerhalb einer +Komödie war er nicht gefaßt gewesen, und bis zum äußersten +wollte er es nicht treiben. Er erhob sein Glas und +sprach: ›teure Erdgenossen! ich erfahre soeben, daß sich +mein Freund Lotterbeck um ein Jahrtausend verrechnet hat. +Ich erlaube mir, Ihnen zu diesem unerwarteten Glücksfall +zu gratulieren. Verwenden Sie diese tausend Jahre so, wie +Sie die drei Stunden verwendet haben würden. Ich wünsche +eine angenehme Bettruhe.‹ Damit verbeugte er sich und +verschwand. Die Gäste des Familienhotels sollen am andern +Morgen nach allen vier Himmelsgegenden auseinandergestoben +sein.«</p> + +<p>»Das Histörchen ist nicht ohne Salz,« meinte Cajetan. +»Aber ich muß doch gestehen, daß mir Figuren vom Schlag +dieses Paterner unbehaglich sind. Ich unterschreibe alles, +was Georg vorhin über das schrullenhafte solcher Leute +geäußert hat. Das wirkt im einzelnen Fall amüsant, als +Merkmal eines Lebensprinzips stimmt es mich herab. Man +braucht deswegen nicht für sauertöpfisch zu gelten. Ich +sage mir, so lang der Deutsche in seinen Künstlern immer +<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>noch Bohemiens sieht, ist auf eine edlere Geisteskultur +nicht zu zählen. Der Bohemien ist nicht Mitkämpfer, er +ist ein Ungesetzlicher, ein Freibeuter, ein Zufälliger. Wehe +der Nation, die ihre Künstler nur als pflichtenlose Genießer +einer gutmütig zugestandenen Ungebundenheit betrachtet. +Die Deutschen haben keine Ahnung, daß der +echte Künstler auch ein echter Arbeiter ist. Was für eine +verlogene Vorstellung des Malers hat sich zum Beispiel +in den meisten Köpfen erhalten? Freilich unter Beihilfe +einer gewissen blümeranten Literatur, in der noch heute +jeder Maler ein Sammetröckchen, eine fliegende Krawatte +und einen Schlapphut trägt und auf seiner Palette das +Blut zerrissener Frauenherzen in die Farben mischt. Nein, +da ist nichts zu lachen; ich kenne Männer aus der Gesellschaft, +die ganz insgeheim der Ansicht sind, die Kunst sei +eigentlich doch nur eine Ausrede für Müßiggang und Donjuanerie. +Welch ungeheure, ja tragische Konflikte gerade +bei den bildenden Künstlern das Handwerk als solches ins +Leben ruft, das kann ich am Schicksal zweier Maler darlegen. +Ich habe den Bericht von einem genauen Freund +des einen und glaube für seine Zuverlässigkeit bürgen zu +können. Übrigens sprechen die Ereignisse für sich selbst.«</p> + +<p>Alle setzten sich erwartungsvoll zurecht, und Cajetan erzählte +die Geschichte der beiden Maler.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a></p> +<h2><a name="Nimfuehr_und_Willenius" id="Nimfuehr_und_Willenius"></a><em class="gesperrt">Nimführ und Willenius</em></h2> + + +<p>Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal +veranstaltete, war er dem engen Kreis von Fachgenossen, +die in der Stille das Urteil über einen Künstler prägen, +längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum blieb der +neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk +gerieten aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen +wurde von nichts anderem geredet. So hatte noch niemand +einen Baum, eine Wiese, die Luft einer sommerlichen Mittagsstunde, +den Schritt eines Säers, die Bewegung eines +Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was +mehr zu bestaunen sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung +oder die asketische Strenge der Technik, die gestaltende +Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste Linien zurückführte, +oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges Spiel +des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren +Kontur bezwungen wurde.</p> + +<p>Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen +eines kleinen Kaffeehauses hinter der Akademie; er +hockte meist allein in einem Winkel, entweder mit dem +Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich hinbrütend, +wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein +langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem +ein dünner, greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose +Augen saßen. In seinen Manieren war etwas Geschraubtes, +und er grüßte die flüchtigsten Bekannten mit +einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb rührend +war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines +<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Tages war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher +erfuhr man, daß er sich irgendwo auf dem flachen +Land niedergelassen habe. Dort lebte er mit den Bauern +wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren +primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr +Geld zu verdienen als man unbedingt braucht, um zu +vegetieren, schon deswegen nicht, weil ihm seine Bilder +kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur als Merkzeichen +auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen, +Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.</p> + +<p>Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich +selber nichts. Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, +eines Begriffs; eines Dämons, der den Namen Kunst führt +und der seine freien Triebe und Neigungen verschlang. +Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne +die Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht +einmal ein Traum, der sich seinem Bann entzog. Ein Impuls +von geheimnisvollster Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, +ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren Begünstigungen; +eine ununterbrochene Kette von Leiden und +Opfern, ein ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige +krampfhafte Spannung aller Nerven, das war die Existenz +dieses Menschen.</p> + +<p>Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie +aus sich heraus. Leichenblaß stand er vor der Staffelei; +die Augen, gierig und angstvoll aufgerissen, erinnerten an +die eines Sterbenden unterm Operationsmesser. Oft nahm +er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen, +sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand +<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>laufen, aus Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen +Vorstellung sich trüben könnte, bevor er den Ton getroffen, +den er sah und fühlte. Dabei war er von geradezu fanatischer +Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es vielleicht +über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus +einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt +durch die Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, +einem Weidenstrunk statt der vier Krümmungen, die er +hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich; und darin +lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt +sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das +Zeugende sei und daß es ebensowohl das Zerstörende werden +müsse, wenn es sich nicht an die Wahrheit der einmaligen +Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte +die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur +eines, das Verworfenste von allem: den Dilettantismus.</p> + +<p>Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs +von brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, +die nun so verwegen als selbstverständlich den tückisch verschleierten +Halbtönen der Natur Einheit und Glaubhaftigkeit +verliehen, davon begriffen diejenigen nichts, die von +der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild empfingen +und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum +erschien. Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein +Chaos ist, ein Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß +jenes Schauen, welches dem Ungeformten eine Form abzwingt, +der ungeistigen und toten Fülle durch Abbreviatur +und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und +heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder +<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>die Überwindung eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte +war die Natur; Feind und Geliebte war, was Wirklichkeit +hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen, lügnerisch, +schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes unbesiegbar. +Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge +bohren, und es durfte nicht die Epidermis beschädigen, +während es das Geschäft des Anatomen betrieb.</p> + +<p>Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit +gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt +zu ziehen. Es hatte sich ein reicher Kunstfreund für seine +Produkte interessiert, der Verkauf einiger Bilder sicherte +ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein geräumiges +Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen gedachte.</p> + +<p>Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte +Willenius von einer Ausstellung im Künstlerverein. Ein +neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte dort seine Arbeiten +an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich wunderliche +Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer +Insel im Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie +mit seinesgleichen verkehrt; er sei unzugänglich wie der Dalailama +und nähre sich bloß von Brot und Äpfeln. Einige +Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die bengalische +Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten persönlich +beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche +Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge +verkündeten ihre Begeisterung.</p> + +<p>Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die +Bilder anzuschauen. Erst schritt er langsam von Leinwand +<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>zu Leinwand, dann blieb er mit hängenden Armen stehen, +die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf gierig +vorgestreckt, die Lippe zitternd.</p> + +<p>Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; +südliches Meer, und am Strand nackte wilde Frauen; +Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm einer Palme +lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels +und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles +Leben in der Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele +und Symbol, alles in der Farbe; keine Wirklichkeit mehr, +nur Traum, und alle Wirklichkeit hineingeschlüpft in den +Traum, so daß es ein Spiel schien, die Wiedergeburt einer +Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des Inner-Innersten, +Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier, +Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe +gefrorene Natur, eine majestätische Synthese.</p> + +<p>Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den +Verstand zu verlieren. Nichts von Absicht auf Komposition +und Wirkung, nirgends ein unreiner Strich, ein Überbleibsel +der Hand; keine Aufdringlichkeit der Gegensätze, +kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive. +Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender +Verzicht auf Hintergrund und Raumverhältnis +geschehen, so daß der ungewohnte Blick es lächerlich finden +konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin das +Bild zu erfassen vermochte.</p> + +<p>Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere +Nächte hindurch schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch +gehabt, die Bekanntschaft irgend eines Menschen zu machen; +<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Nimführ zu sehen und zu sprechen war jetzt sein +ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, +da er täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem +jungen Maler auf Willenius aufmerksam gemacht, stellte +sich ihm selbst vor. Er war ein hünenhaft gebauter Mann, +sehnig wie ein Lastträger, mit langem gelblichem Gesicht, +starken hohen Backenknochen und schütterem Haarwuchs.</p> + +<p>Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr +nachmittags begann und um drei Uhr nachts in einer öden +Vorstadtgasse endigte. Es war ein zehnstündiges Einanderbelauern +und -aushorchen. Die Sicherheit des jüngeren +Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere +Künstler kam aus den höchsten Regionen, wo nur die +Eingeweihten sich durch Geheimzeichen verstehen. Er kannte +Willenius’ Arbeiten; daß er sie schätzte, eröffnete er nur +mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die von der +Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend +daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein +Monument. Nichts kam der überlegenen Ruhe gleich, mit +der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte. »Die Menschen +sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist +das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden +wird, muß man ihr schon mißtrauen.«</p> + +<p>Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für +Tag einander trafen. Den Silvesterabend verbrachte Nimführ +in Willenius’ Atelier, und als es zwölf Uhr schlug, +trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war +im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch +zwei Jahre ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann +<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>wolle er nach Mexiko reisen. Willenius, vielfach angeregt +durch die abendlichen Unterhaltungen mit dem Freund, +malte täglich acht bis neun Stunden. Nimführ warnte ihn +vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse wollen +gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer +zu schnell verdaut, zehrt ab.«</p> + +<p>Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das +heißen? Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war +empfindlich wie alle in sich selbst Verstrickten. Seine Liebe +zu Nimführ, von Bewunderung und Ehrfurcht gezeugt +und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die bloß +unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit +Angst und Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu +beobachten, der so herrisch frei in seinem Bezirk waltete. +Ihm waren Hand und Auge eins; was er schuf, löste sich +souverän vom Material; was er schaute, war sein Eigentum. +Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke +reißen, bevor sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war +ein heimlicher Raub; er mußte die Natur überlisten, beschleichen +und verraten, denn sie gewährte ihm von selber +nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit +wie vom Paradies zur Hölle.</p> + +<p>Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten +Respektes vor dem Können des Freundes glaubte er helfen +zu müssen. »Du richtest dich zu grund, Menschenskind«, +sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die Leinwand +und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier. +Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das +ist wahr, aber so kann man nicht leben, dabei muß man +<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>verbluten. Und das macht einen Kerl von Genie klein, wenn +er an den Dingen verblutet, die er schafft. Füttern sollen +uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher machen, +unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund +mit seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: +»Wenn der Hund zwei Flügel hätte, wär er ein +Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel, aber er könnte +fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu +rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen +mühseligen Weg, und sei du froh, daß du fliegst.«</p> + +<p>Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen +Schmied aus seiner drangvollen Enge befreien. Sie +kamen in Streit über die pastose Manier, in der eine sonnengrell +beschienene Ziegelwand gemalt war; über den Eigensinn, +der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs +gefiel; über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken +auf einer Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener +haben, er wollte es maßvoller haben, kurzum, er +wollte es anders haben. »Siehst du, Paul«, rief er einmal +spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das uns Leuten, +wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns +jeden Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter +Verliebtheit vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, +ohne die unser bestes Geschöpf keine bessere Rolle spielt +als ein verzogenes Kind.«</p> + +<p>Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in +seinem Gesicht. Wer bist du und was wagst du? schien +sein niedergeflammter Blick zu fragen. Stellst du ein Prinzip +gegen meine Welt, so stell’ ich mich selbst gegen dein +<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig gemacht?« +erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest +es mir noch zeigen.«</p> + +<p>Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, +überlief ihn ein Schauder. Es war ein nackter Knabe, an +einen Felsblock gekauert, weiter nichts. Der Knabe war +häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war wie +Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, +ohne eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius +reichte Nimführ stumm die Hand. Nimführ lächelte ein +bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte, hatte er Ähnlichkeit +mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte +Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ +damit sagen: überspring die Kluft von einem Stern zum +andern, von dir zu mir geht doch kein Pfad.</p> + +<p>So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz +zerwühlt hat; Eifersucht – Wetteifersucht. Vielleicht +ist schon im Mythos von Kain und Abel etwas von der +Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der Liebe enthalten, +aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern +nährt, von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene +Ungenügen als das Verdienst des Andern zerstörend fühlbar +macht. Willenius spürte sich gewachsen, als er begriff, +daß er aus dem Kreis des Versuchens und der Vorbereitung +treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, +obwohl er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, +schamlos sein müsse, schamlos und kalt.</p> + +<p>Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war +folgender: ein reifes Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie +<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>an einem Tag nach Gewittern; hinter dem in der Fülle +schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer +niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine +junge Magd mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der +Vordergrund wird durch ein Beet roten Mohns gebildet, +das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren Gegensätze +von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von +Blau, Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen +unreinen Zwischentönen befreit war. Wochen und Wochen +hindurch stand Willenius täglich von sechs Uhr morgens +bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über dreißig +Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns +hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe +immer wieder verblassen. Wichtig war, den rasch +abblühenden Mohn festzuhalten, der sich nur in einem genau +fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend darbot, wie +ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung +des Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende +September krank und mußte für dritthalb Monate jeder +Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht gewarnt durch +den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in fieberhafte +Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte +er den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen +Mauer und zu der tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller +als ein ernstes Zeichen menschlichen Daseins +über der farbenherrlichen Landschaft erhob.</p> + +<p>Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch +hier. Obwohl er wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, +und daß mit wirklichem Können in äußerster Sammlung +<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und Vollendung +heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen +um etwas, das gleichsam von einem Menschen stammte +und nicht von Gott. Ein mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter +unbeseelter Fläche beschwor Anfälle von Melancholie +und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und Notwendigkeit +des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er +gewöhnt; es wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. +Aber vordem hatte er kein anderes Tribunal gekannt als +sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen und schmerzhaften +Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein +Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles +private Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel +unaufhörlich erschüttert sein und erzittern läßt. +Nun war jedoch dieser Freund gekommen, dieser Feind; +was sag ich, Freund, Feind, – dieser Antipode, dieser Aneiferer, +Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das +verkörperte böse Gewissen.</p> + +<p>Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein +Racheakt des Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, +in der Nimführ webte, hatte etwas Mysteriöses für ihn, +durch ihre Helligkeit und Ruhe Verdächtiges. Trotzdem +fühlte er sich als subalterner Geist darin, und wenn er sich +nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte +er lieben, bewundern – und kämpfen.</p> + +<p>Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit +des Freundes. Hätte er darum gewußt, er +hätte das Wesen mit einem Achselzucken, einem verwunderten +Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst eine gerechte +<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm +unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft +werden wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt +fand er sich bisweilen durch den Umgang mit Willenius; +dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen niederschlagenden +und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot +des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch +das Fegefeuer unreifer Zustände gerungen hatte.</p> + +<p>Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein +Atelier, wo das nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, +gut belichtet und erstaunlich aus der Farblosigkeit des +Raumes hervorbrennend. Nimführ schaute und schaute; +sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er fing ihn +wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist +eine Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten +Ton. Willenius atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in +die Augen; dieses Wort erlöste ihn.</p> + +<p>Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, +schritt zurück, neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, +zog die Lippen auseinander, lächelte, sagte »Teufel noch +einmal«, drückte endlich dem Freund warm die Hand und +ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte +er voll Argwohn.</p> + +<p>Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand +wieder lange vor dem Bild, sprach dann über gleichgültige +Dinge, plötzlich aber, während er eine Zigarre anzündete, +meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus wie +Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. +»So?« sagte er kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ +<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>schwieg, fuhr er mit rauher Stimme fort: »Rede nur von +der Leber weg; du hast was gegen das Bild, ich hab’s +gleich gemerkt.«</p> + +<p>Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob +er sagen wollte: Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er +das Werk als Maler anerkennen mußte, so sehr ging es +ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm zu +nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins +Spiel kommen konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie +besitze und daß er diesen Mangel durch übergroße +Deutlichkeit und die gierige Preisgebung aller Kräfte unbewußt +verhülle. Er war des prostituierenden Treibens +satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. +Er war es satt, die Grenzen des Metiers verwischt +zu sehen in diesen aus Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit +erzeugten Produkten, in denen ganze Farbenknoten +zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht erklären, +aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er +empfand sie in seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es +heißen sollte: der Mohn sähe aus wie Blut.</p> + +<p>Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. +Die nach vorn gebogene Gestalt schwankte auf den langen +Beinen, die stumpfen Brombeeraugen irrten ruhelos hinter +den Lidern. Aus geschnürter Kehle fing er an zu sprechen. +Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung, Verdächtigung +folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. +Er appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. +Willenius, der wie alle schüchternen und verschlossenen +Menschen im Zorn jedes Maß und jeden Halt verlor, +<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich bin ich, +wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir +als Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir +im Wege bin.« Da versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: +»Wie kannst du mir im Wege sein, da ich deinen +Weg für verderblich halte, verderblicher als die Wege +der Stümper –?«</p> + +<p>Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. +Er sah sich verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben +voller Mühsal, Kampf und Entbehrung wertlos geworden. +Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem Gaumen; unsäglicher +Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene +Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das +auf dem Tische lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte +er auf Nimführ los. Dieser wurde kreideweiß. Zuerst wich +er zurück, dann umschloß er mit eiserner Faust das Handgelenk +des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer +aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf +ging er und machte die Türe nicht lauter zu als sonst.</p> + +<p>Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin +das Messer gefallen war, kauerte er sich nieder. Eine halbe +Stunde mochte verflossen sein, und er hockte immer noch +da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf einmal jedoch +rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden +Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und +blitzschnell hob er das Messer auf und schnitt sich damit zuerst +das rechte, dann das linke Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen +legte er Watte und verband sich dann mit einem +großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte +<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>die Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen +irrte er planlos durch die Stadt, dann begab er +sich wieder ins Atelier, nahm Bild, Kasten und Staffelei und +machte sich auf den Weg hinaus, wo der Acker war mit +der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand +auf und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam +im Kreis herum. Als er zurückkehrte, um zu malen, +verlor er die Mütze. Die Sonne, die schon hochgestiegen +war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen Leichnam +in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; +nein, nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, +bleiern und phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. +Mit jedem Pinselstrich verdarb er das herrliche Bild mehr; +er malte die Zerstörung seiner eigenen Seele, den Wahnsinn, +das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem Blick der +tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit +bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann +brach er in ein weitschallendes Gelächter aus, das einige +Landleute herbeilockte. Diese führten ihn zur Stadt.</p> + +<p>Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, +in die er gebracht worden war. Welch ein Genie +war das, dachte er schmerzlich versunken, als er in das +kaum zu erkennende Antlitz des Freundes schaute. Willenius +lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen +schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, +sie schienen ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle +Flammen aus einem umwölkten Himmel.</p> + +<p>»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb +er sich so verstümmelt hat?« fragte der Arzt draußen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher +Bitterkeit: »Dafür habe ich nur eine einzige +Erklärung; er liebte die Kunst mit einer verbrecherischen +Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte seinen Körper. +Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen +will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig +sein.«</p> + +<p>Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach +Ländern, wo es noch unschuldige Menschen und reine +Farben gab.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a></p> +<h2><a name="Herr_de_Landa_und_Peter_Hannibal_Meier" id="Herr_de_Landa_und_Peter_Hannibal_Meier"></a><em class="gesperrt">Herr de Landa<br /> +und Peter Hannibal Meier</em></h2> + + +<p>Es war Essenszeit geworden, und bei Tisch unterhielten +sich die Freunde hauptsächlich über die Hochwassergefahr. +»Schade, wenn wir gezwungenermaßen hier bleiben müßten, +da wir es freiwillig doch so gerne tun,« meinte Cajetan; +»doch bin ich mit meiner Bauernstube ganz zufrieden, und +kommt jetzt die Sonne wieder, so wird uns zur Belohnung +der schönste Herbstbrand aus den Wäldern leuchten.«</p> + +<p>Erst nach Beendigung der Mahlzeit wurden die Eindrücke +über die Geschichte von Nimführ und Willenius +ausgetauscht. »Richtig ist«, sagte Borsati, »daß in den +Romanen und Novellen solche Konflikte immer durch die +Liebe verwässert werden. Es sind echte Malercharaktere, +die beiden.«</p> + +<p>»Ich finde hier einen Unterschied bestätigt, den ich schon +oft konstatiert habe,« bemerkte Hadwiger, »den Unterschied +zwischen Ding-Naturen und Idee-Naturen. Dieser Willenius +ist eine Ding-Natur, trotz seines wunderbaren Talents. +Ja, ich möchte ihn fast einen Fetischisten nennen. Ich habe +mit Arbeitern zu tun gehabt, die ganz ähnlich veranlagt +waren. Ich kannte einen, der vor Eifersucht Wutanfälle +bekam, wenn ein Kamerad Zirkel und Winkelmaß von ihm +borgen wollte. Das Verhältnis zum Ding geht oft ins +Sonderbare. Ich kannte einen Lokomotivführer, der sich +fest einbildete, seine Maschine scheue an einer bestimmten +Stelle vor einem Tunnel; er versah sich mit einer Peitsche +<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>und schlug sie wie man einen Esel schlägt, da parierte sie +und lief ohne Stockung weiter.«</p> + +<p>»Oft bin ich als Kind vor der Schmiede gestanden,« erzählte +Franziska, »und war völlig hingenommen von der +Vorstellung, das glühende Eisen, das sich unterm Hammer +krümmte, sei ein lebendiges Wesen, und die Funken, +die umherspritzten, schienen mir wie sichtbare Schmerzensseufzer.«</p> + +<p>»Im Volk spielt das Feuer nicht selten die Rolle eines +willensbegabten Geistes«, sagte Borsati. »Zu Grenchen in +der Schweiz lebte ein Bauer, von dem behauptet wurde, +er sei mit dem Feuer im Bund; dafür habe er sich verpflichtet, +kein Weib zu berühren. Er konnte glühende Kohlen +auf der Handfläche tragen, und eines Tags rettete er ein +Mädchen aus einem lichterloh brennenden Haus, ohne daß +ein Haar auf seinem Haupt versengt wurde. Da geschah +es, daß er in der Johannisnacht eine hübsche Dirne küßte. +Die Scheiterhaufen waren im Tal angezündet, er schritt +über einen Felsgrat, um Reisig zu sammeln, plötzlich erfaßte +ihn der Schwindel, er wankte, er stürzte herab, unterhalb +der Steinwand brannte ein großes Feuer, er stürzte +mitten in die Flammen und ging elend zugrunde.«</p> + +<p>»Bisweilen ist mir, als ob die toten Dinge an unserer +Existenz irgendwie teil hätten«, äußerte Cajetan. »Ist euch +nie aufgefallen, wie rasch ein Zaun zerfällt oder eine Gartenmauer +abbröckelt, wenn die Besitzer gestorben sind? und +es war vordem durchaus keine Sorgfalt auf die Erhaltung +verwendet worden. Es gibt Leute, die eine närrische Pietät +für die Stiefel hegen, die sie getragen, und andere, die sich +<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>von einem verschossenen Filzhut nicht trennen können. Gewohnheit +ist dafür nur ein Wort, das wenig besagt.«</p> + +<p>Franziska versetzte: »In meiner Heimat lautet ein Sprichwort: +verfallener Zaun und magerer Hund geben Kummer +und Sorgen kund.«</p> + +<p>»Na, mit den Hunden stimmt das nicht so ganz«, meinte +Borsati lächelnd. »Einer meiner Bekannten hatte einen +äußerst mageren Spitz. Eines Tages wurde der Mensch +krank und bekam die Auszehrung. Von dieser Stunde ab +wurde der Hund auf eine erstaunliche Weise fett und immer +fetter, und als der Herr starb, glich das rätselhafte Tier +eher einem Mastschwein als einem Hund.«</p> + +<p>»Der Bauer in Grenchen erinnert mich an einen andern +schweizerischen Bauern, für den ebenfalls das Feuer zum +Verhängnis wurde«, ergriff Lamberg das Wort.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Es war ein junger Knecht, der die Tochter eines reichen +Gütlers liebte. Jahrelang warb er hoffnungslos, bis endlich bei +der Heimkehr von einem Schützenfest, wo er den Preis errungen +hatte, das stolze Mädchen sich ihm zuneigte. In der Nacht, +während er in ihrer Kammer weilte, brach auf dem Hof, +wo er bedienstet war, Feuer aus. Alle waren beim Löschen +beteiligt, und er kam erst, als Scheune und Haus niedergebrannt +waren. Sein verwirrtes, ja beinahe berauschtes +Betragen bestärkte den Verdacht, den seine Abwesenheit +erregt hatte, und er wurde beschuldigt, das Feuer gelegt +zu haben. Hätte er sich entschließen können, anzugeben, wo +er die Nacht über geweilt, so hätte niemand an seiner Unschuld +gezweifelt. Aber er wollte den Ruf seiner Geliebten +<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>schonen, er wußte, wie sehr sie die üble Nachrede fürchtete +und daß sie ihm den Verrat nicht verziehen hätte. Seine +Beteuerungen waren umsonst, und da er die Auskunft darüber +verweigerte, wo er sich aufgehalten während der Zeit, +wo das Feuer entstanden war, so wurde er zu fünf Jahren +Kerker verurteilt. Er konnte es kaum glauben, daß ihm +dies geschehen, denn er war ein Mensch von angeborener +Redlichkeit, und daß er einen männlichen und edlen Charakter +besaß, leuchtet ja durch seine Handlungsweise ein. +Er saß nun im Zuchthaus und wartete. Seine stärkste Hoffnung +war, daß die Feuersbrunst auf eine natürliche Ursache +werde zurückgeführt werden können. Dies geschah +nicht. Sodann meinte er, der wahre Schuldige werde sich, +vom bösen Gewissen angetrieben, melden. Dies geschah +auch nicht. Und schließlich wagte er zu denken, daß die +stolze Bauerntochter Mitleid verspüren würde, daß sie so +viel Unheil nicht auf ihre Seele werde laden wollen, daß +sie mutig sich zu ihm bekennen würde, aber dies geschah +am allerwenigsten. Als nun die fünf Jahre um waren, kam +er als gebrochener Mensch in das heimatliche Dorf und +die erste Neuigkeit, die man ihm mitteilte, war, daß seine +Geliebte unterdessen längst geheiratet und auch schon zwei +Kinder habe. Da verwandelte sich sein stummer Gram in +Haß und Zorn, eines Morgens machte er sich auf, betrat +das Haus der Bäuerin und als er ihr gegenüberstand und +sie ihn fragte, was er begehre, denn sie erkannte ihn nicht, +da überwältigte es ihn und mit gehobenen Fäusten schritt +er auf sie los. In dem Augenblick trat das älteste Kind, +ein Knabe, zur Tür herein. Die Bäuerin war bleich gegen +<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>die Schwelle gewichen, jetzt wußte sie, wer er war; sie ergriff +den Knaben, hob ihn ein wenig empor und sagte: +schau ihn dir an. Und er sah, daß der Knabe ihm ähnlich +war an Gesicht und Haar und Augen und daß er auf der +Wange ein großes blutiges Feuermal hatte. Schweigend +kehrte er um und verließ das Haus. Von der Stunde ab +war es aber um die Ruhe der Bäuerin geschehen, sie konnte +den Blick ihres ehemaligen Liebhabers nicht vergessen. Haus +und Hof gerieten ihr in Unordnung, alles ging einen schiefen +Weg, der ganze Besitz kam in Wuchererhände, der Bauer +mußte sich entschließen auszuwandern und, nachdem ein +Jahr vergangen war, lief von Brasilien aus ein Brief an +die Gerichtsbehörde, worin die seltsame Frau nicht etwa +ihr wirkliches Vergehen bekannte, sondern sich bezichtigte, +daß sie die Brandstifterin gewesen sei und daß der Knecht +keine Schuld trage. Sie gab die einzelnen Umstände ihrer +Tat, die sie aus einem unsinnigen Trieb nach Licht und +Erregung erklärte, mit solcher Genauigkeit an, daß man +ihr Glauben schenken mußte, aber der Knecht, den man +gern für die erlittene Unbill entschädigt hätte, war verschwunden, +und sein Aufenthalt konnte durch keine Bemühung +entdeckt werden.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>»Was für ein Weib!« rief Franziska verwundert. »Sie +ist mir unverständlich. Nicht eine Regung von ihr begreife +ich. Hat sie den Knecht geliebt? Konnte sie nur eine Nacht +lang lieben? Schämte sie sich seiner? Und ist selbst dann eine +solche Grausamkeit möglich? Unter Bauern ist man doch sonst +nicht so furchtsam auf das Prestige der Tugend bedacht.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>»Im allgemeinen nicht,« antwortete Lamberg, »doch beobachtet +man zuweilen, besonders in protestantischen Ländern, +eine außerordentliche Strenge der Lebensführung auch +unter Bauern. Da ist dann ein ehernes Festhalten an uralten +Überlieferungen, ein Puritanismus geheiligter Formen, +der keinem Gebot der Leidenschaft unterzuordnen ist, und +es läßt sich wohl denken, daß ein derart erzogenes Mädchen, +starr und konservativ bis zum Äußersten, wie eben +nur Frauen zu sein vermögen, wenn sie einmal eine Überzeugung +in sich tragen, daß ein solches Mädchen ihr Glück +und ihr Herz eher preisgibt als jene Form. Ich zweifle +nicht daran, daß sie den Knecht geliebt hat, so tief geliebt, +daß sie ihm ihre Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und +darnach fand sie sich vielleicht so gedemütigt, so heruntergezerrt, +daß ihr keine Sühne groß genug erschien für den +Mann wie für sie selbst. Das Brandmal auf der Wange +des Kindes verrät mir unerhörte Kämpfe in der Seele der +Mutter.«</p> + +<p>»Wenn du es so darstellst, Georg, fange ich an, die +Frau anders zu betrachten,« versetzte Franziska sinnend. +»Freilich kann man alles das aus den Geschehnissen heraushören, +wir sind nur der Sparsamkeit entwöhnt und möchten +das Deutliche gleich überdeutlich, – wir Frauen nämlich«, +fügte sie entschuldigend hinzu.</p> + +<p>»Es ist klar, daß der Ehemann von alldem nichts gewußt +hat«, fuhr Lamberg fort, »und das Zusammenleben +muß etwas Beängstigendes für ihn gehabt haben. In dieser +Sphäre sprechen sich die Menschen schwer gegeneinander aus, +und ihre Geheimnisse wie ihre Sorgen versteinern mit ihnen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>»Andererseits ist eine zu große Freiheit des Aussprechens, +wie sie unter Gebildeten zu herrschen pflegt, auch nicht +geeignet, das Leben zu erleichtern«, wandte Cajetan ein. +»Stillschweigen führt wenigstens zu Entscheidungen, das +viele Reden stumpft die Impulse ab und begünstigt eine +gewisse Frivolität, einen überflüssigen Trotz des Handelns. +Dies ist eine der Hauptursachen, weshalb es so wenig glückliche +Ehen gibt. Die Frauen spüren es nicht so, sie plätschern +mit Vergnügen im Element des Wortes, im Mann +ist Sehnsucht nach Stummheit.«</p> + +<p>»Man sollte eben eine stumme und eine redende Frau +haben,« sagte Franziska. »So hats der Graf von Gleichen +gehalten, aber ich will darauf schwören, daß die stumme +öfter gesprochen und die redende öfter geschwiegen hat als +ihm lieb war.«</p> + +<p>»Und doch muß es nicht so sein,« sagte Borsati; »zumindest +ist mir ein Fall bekannt, wo eine solche Doppelehe +stattgefunden hat und im lautersten Frieden durch viele +Jahre geführt wurde. Es ist eine Idylle eigener Art, und +es mag selten vorkommen, daß das wirkliche Leben den +Verlauf von Schicksalen gleichsam einer alten Legende nachzeichnet.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Herr de Landa, ein Mann von großem Reichtum, bewohnte +in einem Villenort nahe der Stadt ein vornehmes +Haus. Er war seit zehn Jahren verheiratet, die Ehe, aus +der zwei Söhne entsprossen waren, konnte eine glückliche +genannt werden, die Frau war ihm ergeben und hatte einen +ruhigen, gleichmäßigen und heiteren Sinn. Eines Morgens +<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>ging Herr de Landa im Garten spazieren, und als er an +das Gitter kam, das das Nachbargrundstück von dem seinen +trennte, sah er drüben eine junge schöne Person, die seinem +ehrerbietigen Gruß lächelnd dankte. Auf seine Erkundigung +wurde ihm berichtet, daß in jenes Haus vor kurzem ein +Witwer, ein pensionierter Oberst, ein Mann in vorgerücktem +Alter eingezogen und daß das Mädchen seine Tochter +sei. Herr de Landa wandelte nun täglich zu der Stelle, wo +er das Fräulein zuerst gewahrt, es war Sommer, das schöne +Geschöpf weilte tagelang im Garten, aus flüchtigen Grüßen +wurden Gespräche, bald wandelte man gemeinsam über die +Wege des Landaschen Parks, und ein stilles Pförtchen +erleichterte die Zusammenkunft; Herr de Landa brachte +Bücher, das Fräulein Josepha las sie, Herr de Landa bot +sein Herz an, das Fräulein Josepha nahm es. Zu Anfang +des Herbstes starb der Oberst, es stellte sich heraus, daß +seine Vermögensumstände zerrüttet waren, und Josepha hätte +sich einen Brotverdienst suchen müssen. Da erklärte ihr Herr +de Landa, daß er seine Familie verlassen wolle, um ihr anzugehören. +Das Mädchen war sehr bekümmert; nicht als +ob sie das Gefühl des Mannes nicht erwidert hätte, im +Gegenteil, sie liebte ihn mit der ganzen Glut ihrer Jugend, +obwohl er um fünfzehn Jahre älter war als sie; aber in +ihrer Redlichkeit sträubte sie sich dagegen, die Zerstörerin +seines häuslichen Glücks zu sein, der Frau den Gatten, +den Kindern ihren Vater zu rauben. Ich will dir sein, was +du von mir forderst, sagte sie, nur laß mich nicht zur Verbrecherin +an dir und den Deinen werden. Herr de Landa +war jedoch ein zu gerader Mensch, um das Zwieträchtige +<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>und Unbefriedigende eines solchen Verhältnisses dauernd +ertragen zu können, ein jäher Entschluß beendete sein +Schwanken, und er teilte seiner Frau mit, wie die Dinge +stünden. Diese hatte natürlich längst geahnt, längst das +Schlimme nahen gefühlt; sie schwieg eine Weile, endlich +sagte sie zu ihm: scheiden lasse ich mich nicht von dir, das +kann ich nicht, das wäre mein Tod; wenn du aber nicht +ohne Josepha leben kannst, so nimm sie ins Haus, ich will +mit meinen besten Kräften versuchen, mit ihr unter einem +Dach zu wirtschaften. Herr de Landa war sehr überrascht +von diesem Vorschlag, er verbarg seine Bewegung und ging +ohne zu antworten hinweg. Seine Verwunderung wuchs, +als Josepha durchaus nicht entrüstet oder verletzt war, als +er ihr von dem sonderbaren Ansinnen erzählte; tapfer blickte +sie dem Ungemeinen ins Auge, ehe noch der Tag verfloß, +begab sie sich zu Frau de Landa, war betroffen von deren +Güte und von einer Seelengröße erobert, der sie nur durch +Nacheiferung danken zu können glaubte. Der Pakt war +alsbald geschlossen. Die äußere Form machte geringe Schwierigkeit, +– Josepha war die Vertrauensdame des Hauses, +die Schlüsselbewahrerin, während sich Frau de Landa +mehr der Erziehung der Söhne widmete. Es gibt keine +Leidenschaft, über die sich nicht endlich das Grau der Alltäglichkeit +breitete; was anfangs abenteuerlich, ja gefährlich +erschienen war, wurde Gewohnheit, die Empfindung des +Problematischen wurde durch stetige und herzliche Einigkeit +verdrängt, und so friedensvoll fügten sich die beiden +Frauen in ihrem Wandel und in ihren Gepflogenheiten ineinander, +daß sie Abend für Abend in demselben Zimmer +<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>an demselben Tisch saßen, Handarbeiten verfertigten, Wäsche +ausbesserten, dabei von »ihm« sprachen, der in Gesellschaft +gegangen war oder sich auf Reisen befand und den sie in +all ihren Regungen, in Worten und Gedanken treu begleiteten. +Auch die Söhne nahmen die Ordnung des Hauses +als eine natürliche hin, sie dutzten Josepha und behandelten +sie wie eine Freundin. Einundzwanzig Jahre waren +verflossen, da starb Herr de Landa eines plötzlichen Todes. +Als die schmerzlichen Tage der ersten Trauer vorüber waren +und Frau de Landa eines Abends mit ihren Söhnen über +deren Zukunft sprach, kam Josepha herein, trat auf den älteren +Sohn zu, überreichte ihm die Schlüssel, die sie so lange im +Besitz gehabt, und sagte, er möge nun nach seinem eigenen +Ermessen darüber schalten, sie erwarte seine Befehle. Der +junge Mann wußte nichts zu antworten, aber Frau de +Landa nahm die Schlüssel aus seiner Hand und gab sie +Josepha mit den Worten zurück: Nichts da, Josepha, es +bleibt alles beim Alten. Und so führten die zwei Frauen +ihr bisheriges Leben weiter, saßen wie vorher bei der +abendlichen Lampe und unterhielten sich von »ihm«, der +nun gestorben war, von seinen Tugenden und seinen Fehlern, +von dem, was er getan und was er gesprochen und wie +mancher Charakterzug in den Söhnen an ihn gemahne. Sie +verstanden sich in jedem Blick und Laut, sie waren wie +zwei Schwestern, die durch gemeinsam erprobte Liebe unverbrüchlich +aneinander gebunden waren.«</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Cajetan, entzückt von der Erzählung, sagte, er habe sich +das Eheleben des historischen oder vielmehr sagenhaften +<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>Grafen von Gleichen ziemlich jammervoll gedacht. »Ich +sehe zwölf oder fünfzehn Kinder, niemand kennt sich aus, +welches die Sprößlinge der Türkin und welches die der +älteren Gemahlin sind, die zwei Frauen lassen kein gutes +Haar aneinander, das Schloß wird für den Grafen der +ungemütlichste Aufenthalt auf Erden und vielleicht wandert +er als Greis noch einmal ins heilige Land, bloß um +vor seiner Familie Ruhe zu finden. Aber Sie haben mich +bekehrt, lieber Rudolf. Wenn die gräflichen Herrschaften +so famose Leute waren wie diese de Landas, muß ich mich +meiner Skepsis schämen.«</p> + +<p>»Hätte die Josepha Kinder gehabt, wer weiß, ob nicht +Frau de Landa doch eifersüchtig geworden wäre,« bemerkte +Franziska. »Ich kann mich ja in keine der beiden Frauen +versetzen, obwohl ich mir bewußt bin, daß die Lockung, die +für euch Männer die wesentlichste in der Liebe ist, für uns +viel geringer ist als ihr alle vermutet. Das gröbste Weib +ist darin noch nicht so materiell wie der zarteste Mann.«</p> + +<p>»Du lobst mir die Frauen zu sehr«, entgegnete Georg +Vinzenz, »das läßt nur darauf schließen, daß du die Männer +besser kennst. Ich gebe zu, daß der Mann die Sinnlichkeit +sozusagen wörtlicher nimmt; umso tiefer befindet er sich im +Einklang mit der Natur, der jede Aufbauschung und Verschnörkelung +ihrer einfachen Triebe eigentlich lästig sein +muß. Überhaupt, – die Männer, die Frauen, was heißt +das? Ich kann mit den Generalbegriffen nach dem Muster +französischer Maximen-Sammlungen nichts anfangen. Der +Soundso, die Soundso, darüber läßt sich reden.«</p> + +<p>»Erinnerst du dich, Rudolf«, wandte sich Franziska +<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>an Borsati, »an die Geschichte eines gewissen Meier, der +auch mit zwei Frauen lebte und der so stolz auf seinen Sohn +war, den er von der rechtmäßigen Frau hatte? Der Sohn +aber war nicht von ihm, sondern von einem Vetter, und +die Frau, ein wunderliches Gemisch von Heldin und Sklavin, +hatte den Mann aus Liebe hintergangen. Erinnerst +du dich? Wir hörten die Geschichte vor Jahren, als ich +in Nürnberg gastierte und du mir nachgereist warst.«</p> + +<p>Borsati nickte. »Ich erinnere mich«, antwortete er. »In +der Gesellschaft, in der sie erzählt wurde, wollte jemand +damit beweisen, daß der moralische Geist des gegenwärtigen +deutschen Bürgertums gebrochen sei, und ich hatte beim +besten Willen nichts anderes finden können als daß ein +aufgeblasener Tropf vom Schicksal gebührend traktiert worden +war.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Peter Hannibal Meier hieß der Mann; war ein Prahler +und Besserwisser, unverträglich wie ein Hamster und +boshaft wie ein Irrwisch. Er hatte einen wohlhabenden +Vetter in der Stadt, den Vetter Julius, wie ich ihn ein +für allemal nennen will, und dieser Vetter Julius war mit +einem netten, obschon nicht sehr geistreichen Mädchen verlobt. +Peter Hannibal Meier mißgönnte dem Vetter Julius +das hübsche Frauenzimmer und entschloß sich, sie ihm wegzuschnappen. +Die gute Cilly, das war der Name des Mädchens, +wurde von den Eigenschaften des neuen Bewerbers +geblendet und erhoffte sich mit ihm ein weit erhabeneres +Los als an der Seite des biedern und bescheidenen Vetter +Julius. Kurz nach der Hochzeit entwickelte Peter Hannibal +<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>der Frau sein Eheprogramm. Er erklärte ihr, daß er sich +sieben Söhne wünsche. Jeden dieser Söhne hatte er schon +zu einem Beruf bestimmt und es gab einen Offizier, einen +Staatsmann, einen Gutsbesitzer, einen Schiffsreeder und +einen Superintendenten darunter. »Wir gründen ein neues +Geschlecht«, sagte er, »eine Dynastie Meier, und in dreißig +oder vierzig Jahren wird es hier eine Exzellenz Meier, dort +einen Baron Meier, hier einen General Meier, dort einen +Regierungsrat Meier geben; also spute dich, Cilly; du +mußt nur wollen; wenn man ernstlich will, kann einem nichts +mißlingen.« Der Frau war es nicht recht behaglich zumut, +sie erkannte, daß der schwierigere Teil der Aufgabe ihren +Schultern zufiel, und sie meinte treuherzig, daß einem der +liebe Gott anstatt eines Sohnes auch eine Tochter bescheren +könne, ein Argument, das Peter Hannibal geringschätzig +abtat. »Ich bin mir selber lieber Gott genug«, sagte er +frech; »tue du deine Pflicht und laß den lieben Gott zufrieden.« +Aber Peter Hannibal Meier wurde in seiner Zuversicht +getäuscht. Frist auf Frist verstrich; er wunderte +sich; er fand sich beleidigt und mißachtet; er höhnte; er +fragte bitter, wann sich die Gnädige endlich zu entschließen +gedenke, und als zwei Jahre um waren, verließ ihn die +Geduld vollends, er jagte die alte häßliche Köchin, die im +Haus war, eines Tages davon und machte ein frisches, +dralles Mädchen vom Land ausfindig, die seine Favoritin +wurde, während Cilly als Aschenbrödel das neue Flitterwochenglück +durch ihre Dienstleistungen erhöhen mußte. +Wieder vergingen viele Monate, ohne daß sich Peter Hannibals +Hoffnung auf Nachwuchs erfüllte. Inzwischen faulenzte +<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>er und lief in die Bierkneipen, um mit Wut gegen +Bismarck zu politisieren, dessen geschworener Feind er war, +und auch sonst die Weltzustände kritisch zu beleuchten. Das +Kaufmannsgeschäft, das er betrieb, brachte nichts ein, und er +ging damit um, andere Quellen des Reichtums zu finden. +So fiel er einem berüchtigten Bauspekulanten in die Hände, +der ihm in den verlockendsten Tönen ein Grundstück anpries, +in dessen Besitz man innerhalb kurzer Zeit ein Vermögen +erwerben könne und das für einen Spottpreis zu +haben sei. Doch Peter Hannibal Meier, so lecker er auf +den Köder war, vermochte das Kapital nicht aufzubringen +und da kein Mensch sonst gewillt war, ihm Kredit einzuräumen, +richtete er sein Augenmerk auf den Vetter Julius. +Er befahl seiner erschrockenen Frau, zu dem ehemaligen +Verlobten zu gehen und ihn um das Geld zu bitten. Als +sie sich weigerte, drohte er, sich von ihr scheiden zu lassen, +und verfehlte nicht, ihr die schwere Unterlassungssünde +vorzuwerfen, die sie ihm gegenüber auf dem Gewissen hatte. +»Woher weißt du denn so genau, daß ich die Schuld trage?« +fragte die geängstete und gekränkte Frau, die sich selbst +darnach sehnte, Mutter zu werden. Sie verstummte jedoch +demütig vor der Miene unermeßlichen Staunens in Peter +Hannibals Gesicht. Die Verwegenheit eines solchen Zweifels +stimmte ihn geradezu froh, und er trällerte sein Lieblingslied, +den Jungfernkranz aus dem Freischütz. Cilly trat +den sauern Gang an. Als es Abend wurde, brachte sie die +gewünschten siebentausend Mark und warf sich ihrem vergötterten +Peter Hannibal schluchzend an die Brust. Einige +Wochen später teilte sie dem Gatten mit, daß sie einem +<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>freudigen Ereignis entgegensehe, und ehe das Jahr verflossen +war, erblickte Karl Theodor, der erste Meier, das +Licht der Welt. Peter Hannibal nahm die Glückwünsche +seiner Bekannten als den Dankeszoll auf, der einem siegreichen +Helden gebührt, und wandelte in der Stadt herum +mit einer Miene, als ob noch nie zuvor ein Mann etwas +so Wunderbares vollendet hätte. Die Magd verlor an +Gunst, Peter Hannibal wurde nicht müde, ihr die Tugenden +seiner Cilly zu rühmen, aber die Person, verärgert +und neidisch, konnte einen bösen Argwohn nicht verhehlen +und schlich durch das Haus wie Jemand, der die Ursache +eines Brandgeruchs sucht. Peter Hannibal kaufte das Stück +Land, ließ es einzäunen, spazierte jeden Tag stundenlang, +in großartige Berechnungen vertieft, auf dem sandigen +Boden umher und fühlte sich als Grundbesitzer ebenso +stolz wie als Vater eines verheißungsvollen Sprößlings. +Die junge Magd wob indessen ihre Pläne. Sie wußte +Cilly, die seit der Geburt des Kindes immer häufigere Anfälle +von Melancholie hatte, so geschickt zu umschmeicheln, +daß sie aus Hindeutungen, verlorenen Worten, Belauschung +des Schweigens und des Schlafes der Frau ihren Verdacht +bald genug bestätigt fand. Nun begann sie ihre Wissenschaft +den Nachbarn anzuvertrauen, es wurde gemunkelt +und geraunt, Scherzreden und Sticheleien schwirrten auf, +aber Peter Hannibal steckte in seinem Dünkel und seiner +Selbstverhimmelung wie in einem unverletzbaren Panzer, er +hörte nichts und merkte nichts. Jetzt wurde zu dem giftigen +Mittel gegriffen, das in der bürgerlichen Gesellschaft stets +zur Anwendung gelangt, wenn Feigheit und Tücke sich verschwistern, +<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>zu anonymen Briefen. Peter Hannibal brauchte +geraume Zeit, bis das Unfaßliche ihm bewußt wurde. Im +ersten Ausbruch der Raserei zerschlug er in der Küche die +Töpfe und Teller. Die Magd, unter dem Vorwand, ihn +zu beruhigen, stachelte ihn noch mehr auf durch die Versicherung, +daß Vetter Julius der Urheber der schimpflichen +Gerüchte sei. Da zog der ergrimmte Mann seinen Sonntagsrock +an, nahm eine Hundspeitsche und begab sich zu +Vetter Julius. Geruhsam saß Vetter Julius auf seinem +Kontorsessel, als Peter Hannibal über die Schwelle stürmte. +Er war eine stattliche Erscheinung, hatte ein rundes, volles +Gesicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, der wie ein +gewichster Stiefel glänzte. Peter Hannibal vollführte einen +mächtigen Lärm, und er fuchtelte dem Vetter mit der Peitsche +so unbequem vor der Nase herum, daß dieser lammfromme +Herr endlich etwas wie Zorn zu zeigen anfing. Es wäre +ihm niemals eingefallen, die von ihm noch immer geliebte +Cilly bloßzustellen; wie er aber diesen Menschen so vor +sich stehen sah, dieses Sammelsurium von Prahlerei, Eigenlob, +Ohnmacht und Selbstsicherheit, stieg ihm der Verdruß +wie heißer Wein zu Kopf; er vergaß Rücksicht und geleistetes +Versprechen, er erinnerte sich nur der niedergetretenen +und besudelten Seele jenes Weibes, und in dürren +Worten stellte er den Tatbestand fest; sodann verließ er +das Zimmer. Peter Hannibal starrte wie geschlagen vor sich +hin. Trotz des strömenden Regens wanderte er zu seinem +Grundstück hinaus, und irrte dort die kreuz und quer gleich +Timon, der von allen Freunden verraten in die Wildnis +floh. Am nächsten Tag war er krank und lag monatelang +<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>darnieder, treu gepflegt von Cilly und der jungen Magd. +Als er das Bett wieder verlassen konnte, zeigte er ein +schweigsames und geheimnisvolles Betragen und erschien +wie einer, der mit tiefem Bedacht wichtige Unternehmungen +vorbereitet. Er fühlte sich als das Opfer eines Betrugs; +es handelte sich gleichsam um die falsche Buchung +auf einem Kontokorrent; ein Posten war auf Soll geschrieben +worden, der von rechtswegen auf Haben stehen mußte. Lange +erwog er das Projekt, nach Afrika zu reisen, um neue +Diamantfelder zu entdecken; später beschäftigte er sich mit +der Erfindung einer Maschine zum Melken der Kühe, zuletzt +wollte er eine Zeitung gründen. Alle diese unruhigen +Ideen hatten ein und dasselbe Ziel. Da ereignete es sich, +daß eine Bahnbauanlage, deren Durchführung bisher nur +von einigen im Zauber des Spekulantenwesens verstrickten +Kleinbürgern ernst genommen worden, auf einmal im Landtag +beschlossen wurde und daß Peter Hannibals Grundstück +wider Erwarten im Werte stieg. Es handelte sich +keineswegs um die fabelhafte Summe, die er einst geträumt, +doch es war immerhin ein ansehnlicher Gewinn, den er +löste. An einem strahlenden Sommertag trat er im Bratenrock +mit weißer Kravatte, ein rundes Hütchen auf dem +Kopf lächelnd aus seinem Haus und richtete den elastischen +Schritt zur Wohnung des Vetters Julius. »Lieber Julius«, +redete er den Vetter an, »du hast den traurigen Mut besessen, +an der Legitimität meiner ehelichen und väterlichen +Umstände Zweifel auszusprechen, die –« – »Zweifel?« +unterbrach ihn Vetter Julius verwundert, »Zweifel waren +es durchaus nicht –« – »Bitte schön«, fuhr Peter Hannibal +<a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>schneidend fort, »du hast gezweifelt. Es ist dir aber +nicht gelungen, meine felsenfeste Überzeugung zu erschüttern. +Deine Argumente sind vor meinem nachprüfenden Urteil zerronnen +wie Butter in der Pfanne. Was kannst du mir +abstreiten? was kannst du mir beweisen? Kannst du mir +beweisen, daß in den Adern meines Sohnes anderes Blut +fließt als das meine? Nein! Also Respekt vor dem Bewußtsein +eines Vaters, mein lieber Julius! An der Vergangenheit +hast du mich vorübergehend irre machen können, +die Zukunft kannst du mir nicht rauben, die speist +an meinem Tisch, die wohnt in meinem Haus. Aber ich +bin nicht gekommen, um mit dir zu philosophieren, ich bin +gekommen, um deine materiellen Ansprüche zu befriedigen +und meine idealen gegen fernere Ränke sicher zu stellen.« +Damit entnahm Peter Hannibal seiner Brieftasche sieben +Tausendmarkscheine, legte sie auf das zwischen ihm und +dem sprachlosen Vetter Julius befindliche Pult, machte eine +spöttisch-artige Verbeugung und entfernte sich hocherhobenen +Hauptes. Vetter Julius schaute ihm mit offenem Mund +nach. Er ergriff einen der Scheine, hielt ihn gegen das Licht +und schüttelte den Kopf. Plötzlich aber brach er in ein dröhnendes +Gelächter aus, das ihm den Atem versetzte und +ihn zwang, Weste und Hemdkragen aufzuknöpfen. Erst +als er ein Glas mit Kognak vermischten Wassers getrunken +hatte, milderte sich die erstickende Heiterkeit. Auch in den +nächsten Tagen passierte es ihm noch zu öfteren Malen, +daß sich, etwa während eines Spaziergangs, sein ernsthaftes +Nußknackergesicht jäh verzerrte, wobei er, um nicht einem +unwiderstehlichen Kitzel nachzugeben, den Knauf des Stockes +<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>zwischen die Zähne schob. Jedoch das Gelächter der Kleinen +bildet den Stolz der Großen. Peter Hannibal spürte eine +so wohltuende Wonne in seiner Brust, daß er in einem +Fleischerladen ein frisch abgestochenes Ferkel erstand, das +der Lehrling ausweidete und mit einem Lorbeergewinde um +die Ohren dem Käufer überreichte. »Bravo«, sagte Peter +Hannibal, »Lorbeer muß dabei sein; Schwein und Lorbeer, +das gehört zusammen.« Mit seiner angenehmen Last kam +er zum Tor des Hauses, wo der kleine Karl Theodor stand, +ein spinöser Bursche mit überlangen Armen und entzündeten +Augen. Er setzte ihm den Lorbeer auf den glattgeschornen +Kopf und erschien mit strahlendem Gesicht vor den beiden +Frauen, das Schwein in der Linken, den Sohn an der +Rechten; Cilly drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, die +Magd versorgte das Ferkel, dann langte Peter Hannibal +die Gitarre von der Wand und sang mit empfindsam tremolierender +Stimme das Lied vom Jungfernkranz. »Ich +fühle mich wie neugeboren«, sagte er am Abend, bevor er +schlafen ging; »ich habe die Menschen kennen gelernt und +habe sie traktiert wie sie es verdienen. Peter Hannibal +Meier braucht die Menschen nicht, er ist sich selber genug.«</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a></p> +<h2><a name="Begegnung" id="Begegnung"></a><em class="gesperrt">Begegnung</em></h2> + + +<p>»Mir tut er doch leid, dieser Peter Hannibal«, meinte +Franziska; »warum, kann ich eigentlich kaum erklären.«</p> + +<p>»Ja, es hat etwas Rührendes, wenn die Verblendung +dermaßen anwächst, daß sie die eigene Schwäche für Kraft +erklärt und die Armseligkeit für Würde«, entgegnete Borsati.</p> + +<p>»Ich sehe ihn vor mir,« sagte Georg Vinzenz; »er hat +eine spitze Nase und einen Mund mit feuchten, schmatzenden +Lippen. Er schlenkert beim Gehen die Füße nach auswärts, +und seine Stimme kräht. Beim Frühschoppen schimpft +er auf die Regierung, aber wenn ein Minister in die Stadt +kommt, steht er am Bahnhof und schreit Hurra. Er trägt +ein Wollhemd mit einer angebundenen Chemisette, und seine +Großmannsucht verhindert ihn nicht, vor reichen Leuten +zu scharwenzeln.«</p> + +<p>»Trotzdem werde ich mich hüten, ihn für einen Typus +gelten zu lassen,« fiel Cajetan ein, »das hieße dem deutschen +Wesen Unrecht tun. Gerade Fleiß, Tüchtigkeit und +selbstsichere Kraft sind es ja, die Deutschland haben so +mächtig werden lassen.«</p> + +<p>»Tüchtigkeit!« versetzte Lamberg rasch und bitter, »es +weht eine Luft von Tüchtigkeit im gegenwärtigen Deutschland, +die einem die Brust beklemmt. Man ist so stolz auf +das Erworbene, so sicher des Besitzes, so fest in Meinungen, +so beweglich in Grundsätzen, so unverblümt in Profitwirtschaft, +so grausam in der Steuertaxe, so wachsam gegen +die Malkontenten, daß mir Tüchtigkeit just das rechte Wort +dafür scheint. Ehemals konnte der Deutsche den Ruf eines +<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>Enthusiasten und eines Träumers genießen, jetzt begnügt +er sich mit dem eines in allen Sätteln gerechten Praktikus. +Nur ein innerlich freies Volk kann die Last nationaler +Größe und die Pflicht bedeutender Repräsentation ohne +Einbuße an innerlicher Arbeit tragen. Der Deutsche ist +aber nicht frei; er ist in so mannigfacher Beziehung gebunden, +daß selbst die wenigen großen Politiker, die die +Nation hervorgebracht hat, eher als Rebellen wirkten oder +als einsame Künstler denn als Führer und Vertreter einer +Gesamtheit. Er ist so wenig frei, daß sein soziales Gefühl +formlos, sein bürgerliches borniert und sein monarchisches +servil wirkt. Bei einer feudalen Familie in der Provinz +hatte sich vor Jahren ein hoher Herr als Gast angesagt. +Die Leute verwendeten für die Instandsetzung des Schlosses +und sonstige Vorbereitungen eine Summe von achtzigtausend +Mark. Der hohe Herr kam, er ließ sichs wohl sein, er aß +und trank, jagte und hielt Cercle, und beim Abschied, nachdem +er der Hausfrau die Hand geküßt, äußerte er: ›Ich +habe mich sehr behaglich bei Ihnen gefühlt, und was mich +besonders erfreut hat, ist, daß alles so einfach war.‹ Dabei +war die Familie durch die Ausgaben, die ihnen der +fürstliche Besuch verursacht hatte, vollständig ruiniert. In +England wäre dergleichen nicht denkbar. Dort weiß der +Geringste im Volk, was ihm der Herrscher schuldet, und +der Herrscher weiß, wie der Geringste lebt und wie er +leben darf.«</p> + +<p>»England hat eine Gesellschaft, das macht den Unterschied«, +erwiderte Cajetan, »das gibt dem einzelnen Rückgrat +und Figur, seinem Handeln Gewicht und Relief. Er +<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>ist sich stets und tief bewußt, einem Ganzen anzugehören, +das verleiht ihm als Persönlichkeit eine außerordentliche +Konzentration, und gerade diese Konzentration ist es, die +wir oder die der Sprachgebrauch sonderbarerweise als exzentrisch +bezeichnen. Was für köstliche Sonderlinge! Da +ist Lord Cecil Baltimore, der mit acht Frauen durch ganz +Europa zog und niemals aufhören wollte zu reisen, um +den Ort nicht zu wissen, wo er begraben werden würde; +er ernährte die mageren seiner Frauen nur mit Milchspeisen, +die fetten nur mit Säuren. Ein Lord Sandys lachte +in seinem Leben ein einziges Mal, nämlich als sein bester +Freund den Schenkel brach. Ein Sir John Germain war +so unwissend, daß er einem Geistlichen namens Mathäus +Decker ein großes Legat vermachte, weil er glaubte, dieser +habe das Evangelium Mathäi geschrieben. Ein Lord Mountford +berechnete alles nach Wetten; als man ihn einst fragte, +ob seine Tochter guter Hoffnung sei, entgegnete er: auf mein +Wort, das weiß ich nicht, ich habe nicht darauf gewettet. +Lord Lovat sperrte zwei Dienstboten, die ohne seine Bewilligung +geheiratet hatten, mit den Worten: »ihr sollt +aneinander genug bekommen,« drei Wochen lang in einen +Brunnenschacht. Lord Thomas, der achte Graf Pembroke, +hatte die Seltsamkeit, alles was ihm mißfiel, für ungeschehen +zu halten. Sein Sohn, der schon geraume Zeit mündig +war und seinen eignen Kopf hatte, fand oft für gut, +nicht nach Hause zu kommen. Mochte er sich jedoch herumtreiben +wo und so lange er wollte, der Vater betrachtete +ihn stets als anwesend und befahl dem Kellermeister jeden +Tag mit unbeweglichem Ernst, Lord Herbert zum Essen +<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>zu rufen. Seine dritte Gemahlin, die er mit fünfundsiebzig +Jahren geheiratet hatte, hielt er in strenger Zucht. Abends +durfte sie Besuche machen, allein unter keiner Bedingung +eine Minute länger ausbleiben als bis zehn Uhr, der +Stunde, wo er zur Nacht speiste. Einst geschah es, daß +sie die Frist nicht einhielt. Als sie nach Mitternacht erschien +und sich voll Angst entschuldigen wollte, unterbrach +er sie ganz ruhig mit den Worten: »Sie irren sich, meine +Teure, blicken Sie auf die Uhr dort, es ist genau zehn +Uhr, setzen wir uns zu Tisch.« Unter den drakonischen +Gesetzen, die in seinem Hause galten, wurde am nachdrücklichsten +das eine ausgeübt, daß jeder Bediente, der sich +betrank, sofort entlassen werden sollte. Ein alter Lakai, +der schon viele Dienstjahre zählte, erlaubte sich nun zuweilen, +ein Glas über den Durst zu trinken, indem er sich +auf die Nachsicht verließ, die in gewissen Fällen vorhandene +Dinge als nicht vorhanden ignorierte. Einmal hatte +er des Guten gar zu viel getan, und als Mylord durch +die Halle ging, mußte sein Blick auf James fallen, der +nicht bloß bespitzt oder leicht benebelt war, sondern sich +nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Mylord näherte +sich ihm und sagte: »Armer Bursche, was fehlt dir? Du +scheinst sehr krank. Laß mich deinen Puls fühlen. Gott +behüte, er hat ein hitziges Fieber, bringt ihn sogleich zu +Bett und holt den Arzt.« Der Arzt kam, nicht um Rat +zu erteilen, denn seine Herrlichkeit war im Haus oberste +Medizinalbehörde, sondern um Befehle zu vollziehen. Er +mußte dem Patienten reichlich zu Ader lassen, ihm ein +gewaltiges und schmerzhaftes Pflaster auf den Rücken +<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>kleben und ein tüchtiges Purgirmittel einflößen. Als die +Behandlung nach einigen Tagen gewirkt und der alte Sünder +so bleich und mager zum Vorschein kam, wie wenn +er die schwerste Krankheit überstanden hätte, rief ihm der +Lord zu: »O, ehrlicher James, ich freue mich, dich am +Leben zu sehen. Du kannst von Glück sagen, daß du so +glimpflich davon gekommen bist. Wäre ich nicht zufällig +vorbeigegangen und hätte deinen Zustand erkannt, so wärst +du jetzt schon tot. Aber James! James!« fügte er mit dem +Finger drohend hinzu, »kein solches Fieber mehr!« Erzählenswert +ist auch eine Geschichte über den wunderlichen +Lord Beckford. Lord Beckford empfing niemals Besuche +und nahm keine Einladungen an. Die Tore seines Parks +waren beständig abgesperrt, und in der Nachbarschaft wurden +fabelhafte und die Neugier aufregende Dinge über den +Luxus berichtet, mit dem sein Haus eingerichtet sei. Einen +jungen Dandy plagte die Neugier so sehr, daß er in der +Nacht eine Leiter an die zwölf Fuß hohe Parkmauer legen +ließ und so hinüberstieg. Er wurde entdeckt und vor den +Lord gebracht, der ihn artig begrüßte, ihn überall herumführte +und sich ihm beim Abschied auf das verbindlichste +empfahl. Vergnügt wollte der junge Mann nach Hause +eilen, fand aber im Garten alle Türen verschlossen und +niemand war da, sie zu öffnen. Als er deshalb zurückkehren +mußte und sich im Schloß Hilfe erbat, sagte man ihm, +Lord Beckford ließe ihn ersuchen, so hinauszugehen wie +er hereingekommen wäre. Kein Widerspruch half, er mußte +sich bequemen, die Leiter wieder emporzuklettern und sie +auf die andere Seite zu heben. Er verwünschte den boshaften +<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>Menschenfeind und hatte kein Verlangen mehr nach +diesem verbotenen Paradies.«</p> + +<p>»Es ist wahr, deutsch ist all das nicht,« sagte Borsati; +»weder das Leidenschaftliche, noch das Problematische, noch +das Weltmännische sind deutsch. Dagegen zeichnet sich das +deutsche Wesen durch einen Reichtum an Gemütsbeziehungen +aus, der keinem andern Volk eigen ist. Auch lebten +unter den Deutschen zu jeder Zeit Charaktere, denen nur +die Glücksgunst fehlte, um in weiterem Kreis Vortreffliches +zu wirken. Irgendwie haftet der Deutsche noch in verstörter +Welt und bildloser Finsternis und der tätige, in Heiterkeit +gebundene Geist ist wie durch Ahnenfluch an seiner +Wiege erwürgt worden.«</p> + +<p>»Wenn man von deutschen Charakteren spricht,« versetzte +Lamberg, »muß man vorzüglich unter den Edelleuten +des achtzehnten Jahrhunderts Umschau halten. Wie in +einem verwilderten Garten oft zauberhafte Blumen stehen, +sind da Menschen emporgewachsen, die unter anderen Verhältnissen, +in einem zuträglichen Geistesklima Außerordentliches +geleistet hätten. Darin stimme ich Ihnen bei, Rudolf. +Aber vielleicht ruht gerade im Leben der Dunklen +und Halbdunklen die Kraft eines Volkes. Ihre Not und +ihre Kämpfe, führen sie auch zu keinem sichtbaren Ziel, +bereiten die Entscheidungsschlachten vor, die am hellen Tag +der Geschichte geschlagen werden, und ihr geheimnishaftes +Einzelweben ist voll von der Bestimmung des Ganzen, so +wie jeder Wassertropfen den Ozean enthält und erklärt. +Man kann nicht von deutschen Charakteren sprechen, ohne +aus Gräbern die Schatten der Toten zu beschwören, heute, +<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>wo jede Zwiebel für eine Ananas gelten will und das +Herzgold unter den Füßen des Pöbels zertrampelt wird.«</p> + +<p>»Ich hoffe, Georg, daß wir dies für eine Art Prolog +nehmen dürfen, ich wünsche sehr, daß Sie uns das Bild +zum Kommentar zeigen«, sagte Cajetan.</p> + +<p>»Ich habe über eine bestimmte Persönlichkeit eine Reihe +von Notizen gesammelt,« gab Lamberg zu; »ich muß sie +aber erst noch ordnen, und morgen bin ich bereit, Ihren +Wunsch zu erfüllen. Heut wäre es ohnehin zu spät.«</p> + +<p>Franziska nickte. Der tiefdunkelblaue Glanz ihrer Augen +verriet keine Müdigkeit, aber ihre Züge waren abgespannt. +Borsati, Hadwiger und Cajetan brachen nach ihrer bäuerlichen +Behausung auf. Draußen im Freien jubelten sie, – +der Mond leuchtete durch zerrissene Wolkenflöre. Freilich +war die Luft feucht und der Boden schwammweich, doch +strahlte wieder einmal ein Gestirn am Himmelsgewölbe, und +traumhaft funkelte der Neuschnee von den Häuptern der +Berge.</p> + +<p>Hadwiger hatte sich von Franziska die Erlaubnis erbeten, +sie am folgenden Morgen zu einem Spazierweg abholen +zu dürfen, falls es nicht regnete. Zwar blieb der +Himmel neblig trüb, es war ein schwermütig-ahnungsvoller +Tag, aber Franziska wollte gehen, und Hadwiger führte +sie zum Fluß hinab. Sie beschauten die Stätten der Zerstörung, +die überschwemmten Straßen, entwurzelten Bäume, +verlassenen Häuser und Hütten und konnten sich lange nicht +von dem Anblick der braungelb hinstürzenden Fluten losreißen, +auf denen Stämme und Büsche schwammen, Balken +und Bretter, Hausrat und tote Tiere. Als sie umkehrten, +<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>lehnte sich Franziska matt auf Hadwigers Arm. +Er sprach leise; er sprach von der Liebe, die er für sie +hegte. Sie lächelte; sie schüttelte den Kopf; sie sah ihn voll +Bewegung an. »Wie du mich hier siehst, bin ich ohne +Nein und ohne Ja,« sagte sie; »du bist mir viel; wie viel, +das will ich nicht ergründen. Ich kann es nicht ergründen, +weiß ich doch nicht, wo ich stehe und wohin ich gehe. +Mit mir kann man keine Verträge, keine Abmachungen +mehr schließen, Heinrich. Es macht mich glücklich, daß ich +dich habe, das darfst du mir glauben.« Er schwieg, und +er schwieg so, daß Franziska seine Hand ergriff und küßte.</p> + +<p>Plötzlich blieb sie stehen. Purpurne Glut flammte über +ihr Gesicht. Fürst Armansperg kam ihnen entgegen. Erst +sahen seine Augen ohne Teilnahme und ohne Ziel in die +Ferne, dann erkannte er Franziska, und über seine an Beherrschung +sicherlich gewöhnten Züge verbreitete sich eine +Fassungslosigkeit, die Mitleid erwecken mußte. Fünf, sechs +endlose Sekunden standen sie einander stumm gegenüber. +Hierauf sagte Franziska rasch, daß sie seit einigen Tagen +hier sei, daß sie ihm schreiben gewollt, daß es aber bei dem +Vorsatz geblieben sei, vielleicht des schlechten Wetters wegen, +das sie zu jedem Entschluß unlustig gemacht habe. Mit +sichtlicher Anstrengung gelang es ihr zu plaudern, aber +schließlich fand sie freieren Ton, die gemessene, höfliche +und gütige Weise des Fürsten unterstützte sie darin, bald +ging er an ihrer Rechten, und es entwickelte sich ein lebhaftes +Gespräch, dem niemand hätte anhören können, daß +es eine Brücke über eine Kluft war. Hadwiger verwunderte +sich im stillen; für ihn klang dies alles wie Schauspielerei; +<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>maskierte Zustände ertrug er nicht; zwischen Offenheit und +Verstellung kannte er kein Mittleres, weil es ihm an Erziehung +und an Milde gebrach. Auch war es ihm, als solle +er Franziska verlieren, als beginne sie schon jetzt in eine +fremde Region zu schreiten; er hätte sie auf die Arme +heben und forttragen mögen.</p> + +<p>Der Fürst ging bis zur Villa mit und gerade als sie +dort anlangten, verließen Lamberg, Borsati und Cajetan +das Haus. Cajetan eilte auf den Fürsten zu, um ihn zu +begrüßen, die beiden andern wurden von Franziska vorgestellt. +Sie hatte eben von den täglichen Unterhaltungen +erzählt, die sie pflogen, und Fürst Siegmund drückte seinen +Wunsch aus, den zum Preis gesetzten Spiegel sehen zu +dürfen. Lamberg führte ihn ins Zimmer und vor den goldenen +Spiegel, den der Fürst lang und voll Bewunderung +anschaute. Ehe er sich verabschiedete, lud ihn Georg Vinzenz +für nachmittags zum Tee ein, und er gab erfreut seine +Zusage.</p> + +<p>Lamberg hatte häuslichen Ärger gehabt; Emil, dessen +Eifersucht gegen Quäcola nicht mehr zu zügeln war, hatte +den Dienst aufgekündigt. Er oder ich, hatte Emil ausgerufen, +und Lamberg hatte wider alle Gebote der Menschenliebe +erwidert: er, denn einen Affen konnte man doch nicht +in die rauhe Welt stoßen. Quäcola hockte auf dem Balkon +und schnappte nach Fliegen. Er trug rote Hosen und eine +blaue Jacke mit silbernen Knöpfen, an denen er beständig +zerrte. In der Küche fand indessen zwischen Diener und +Köchin folgender Dialog statt: Die Köchin: Das Vieh müßte +man mit Arsenik vergeben. Emil: Hilft nichts. Es ist ein +<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>Zauberer. Es hat den Herrn verhext. Die Köchin: Passen +Sie auf, es wird noch ein schlechtes Ende nehmen. Emil: +Jede Nacht träum ich von ihm; es sitzt mir auf dem Kopf +und frißt mir die Haare weg, als ob’s Gras wäre. Na, ich +gehe eben, man hat seine Würde. Die Köchin: Ach +Gott! Daß es so weit mit den Menschen gekommen ist. +Ich bleib auch nicht in einem Haus, wo ein Affe das Regiment +führt. Wer weiß, was einem da zustößt. Emil, mit +weissagender Miene: Die Menschheit befindet sich auf einer +schiefen Ebene, und so deut ich auch die Sintflut, die jetzt +angebrochen ist.</p> + +<p>Um fünf Uhr kam der Fürst. Lamberg ließ den Tee in +einem der oberen Zimmer servieren. Der Fürst hatte durchaus +nicht jene kühle Geschmeidigkeit, die sonst bei solchen +Leuten befremdend und vorsichtig stimmt. Seltsam, daß man +keinen Augenblick das Gefühl hatte, mit einem alten Mann +zu sprechen; er hatte etwas Scheues und Zartes, jedes +seiner Worte schien von einer gefühlvollen Achtsamkeit beseelt, +und die Galanterie, die er gegen Franziska an den +Tag legte, war ohne alle Phrase, herzlich und delikat. +Schon dies gewann ihm die Zuneigung der Freunde, und +im Innern leisteten sie Franziska für manchen früheren +Zweifel und Tadel Abbitte. Sogar Hadwiger schloß sich auf, +und von seiner Stirne schwand die Wolke der Mißbilligung +und Unruhe.</p> + +<p>Quäcola durfte seine Kunststücke zeigen; er ging auf den +Hinterfüßen, eitel und seriös; er nahm ein Buch und las, +wobei seine Miene die kritische Besorgnis zeigte, die er +seinem Herrn abgeguckt; er fing Nüsse, die ihm zugeworfen +<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>wurden, und heuchelte Zorn, wenn sie zur Erde fielen. Als +das Repertorium erschöpft war, sagte Franziska, Georg +möge doch die Geschichte erzählen, die er gestern Abend +verheißen, sie verspreche sich etwas Besonderes davon. +Lamberg sah etwas verlegen drein, aber da die Freunde +ihn ebenfalls darum ersuchten und der Fürst sich in bescheidener +Erwartung schon zurechtsetzte, holte er ein Heft +mit losen Blättern aus dem Nebenzimmer und sagte: »Einiges +habe ich mir aufgeschrieben und werde es lesen; es ist +wie eine Chronik zu betrachten. Was ich aus dem Gedächtnis +erzähle, ist nur die Verbindung zwischen diesen +Teilen.«</p> + +<p>Und er begann.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a></p> +<h2><a name="Die_Geschichte_des_Grafen_Erdmann_Promnitz" id="Die_Geschichte_des_Grafen_Erdmann_Promnitz"></a><em class="gesperrt">Die Geschichte<br /> +des Grafen Erdmann Promnitz</em></h2> + + +<p>Als der große Friedrich von Preußen zum erstenmal um +Schlesien stritt, blühte dortselbst noch das alte und angesehene +Geschlecht derer von Promnitz. Seit jenem Balthasar +Promnitz, dem Fürstbischof von Breslau, der außer Pleß, +der größten schlesischen Standesherrschaft, auch Sorau und +Triebel in der Niederlausitz erworben hatte, gehörte die +Familie zum höchstbegüterten Adel des Landes, und späterhin, +als sie schon ein Haupthort des Protestantismus war, +besaß sie auch Peterswalde, Kreppelhof, Drehna und Wetschau, +lauter große Gemarkungen mit umfangreichem Ackerland +und ausgedehnten Wäldern.</p> + +<p>Graf Erdmann, der letzte Sproß der Promnitze, galt als +Kind für einen ausgemachten Tölpel. Zu Sorau, wo sein +Vater, der sächsische Kabinettsminister, einen förmlichen +Hof hielt mit Jagdpagen, Kammerhusaren, Zwergen und +einer Leibgarde von hundert bärenmützigen Riesen, gab er +die denkbar schlechteste Figur ab. Er war mißtrauisch, verstockt, +gefräßig und faul. Wegen seiner Streitsucht hielt +es kein Spielgenosse bei ihm aus.</p> + +<p>Eines schönen Tages machte er in Begleitung des Hoffräuleins +Collobella und seines herrnhutischen Erziehers +von Wrech einen Ausflug nach dem ländlichen und entlegenen +Peterswalde. Die Collobella war eine immer noch +muntere Italienerin, die der regierende Graf vor dreißig +Jahren aus Florenz mitgebracht hatte und die aus Liebe +<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>zur Familie Promnitz evangelisch geworden war. Ihr war +das heimliche und heimtückische Gemüt des Knaben ein +Greuel, und sie ging ihm bei jeder Gelegenheit mit Vorwürfen +und entrüsteten Predigten zu Leibe. Währenddem +starrte der zwölfjährige Erdmann böse in einen Winkel, +und so oft die Collobella einen ihrer frivolen Witze losließ, +zuckte er zusammen wie ein Fisch, wenn man mit dem +Stock ins Wasser fährt. Aus den gröberen Redensarten +machte er sich wenig, und wenn sie ihm ein schlimmes Ende +prophezeite, lachte er ihr ins Gesicht. Was Herrn von +Wrech anbelangt, so huldigte er wohl äußerlich den Grundsätzen +seiner Sekte, doch trug er das Herrnhuter Gewand +mit der unverpflichtenden Sachlichkeit, mit der etwa Monsieur +de Rohan den römischen Kardinalshut trug. Eigentlich +war er ein Genüßling und erwartete sehnsüchtig den +Tag, wo er mit seinem Zögling die übliche europäische +Tournee antreten durfte.</p> + +<p>In einem Seitenflügel des Peterswalder Schlosses befand +sich eine kleine Kapelle. Indes die Italienerin und Herr von +Wrech Siesta hielten, streunte Erdmann durch die verödeten +und vernachlässigten Räume und gelangte schließlich in jenes +Kapellchen, in dem ein Bild, welches über dem Altar hing, +seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war kaum darnach angetan, +kirchliche Empfindungen zu wecken; wahrscheinlich hatte +ein übereifriger Verwalter es aus einem der Säle hierherbringen +lassen. Es stellte Adam und Eva vor dem Sündenfall +dar, beide natürlich splitternackt, das Weib mächtig +dick, den Apfel hinhaltend, und Adam halb weggewendet, +als lausche er, zwischen beiden die Schlange, die sich vom +<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>Baum herunterringelte, und hinter dem grünen Wipfel +ein kobaltblauer Himmel. Es war keine üble Arbeit und +mochte die Kopie nach dem guten Werk eines süddeutschen +Meisters sein.</p> + +<p>Graf Erdmann ward davon anders getroffen als ein gewöhnlicher +und harmloser Beschauer. Zunächst schämte er +sich vor der unanständigen Nacktheit der beiden Personagen +derart, daß ihm der Schweiß bei den Haarwurzeln +herausbrach. Nachdem sich sein Auge daran gewöhnt hatte, +kam es wie eine Erleuchtung über ihn. Mit finsterem +Triumph schaute er in das Gesicht der Eva und auf den +Apfel in ihrer Hand, und er sagte zu sich selber: von daher +stammt also das ganze Elend; deswegen ist mir so +schnöde zumut in dieser schuldbeladenen Welt; deswegen +hab’ ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine reichliche +Mahlzeit verzehrt habe. Ich merke schon, worauf das +hinauswill mit den Zweien, dachte er voll Haß; dieses +fette Frauenzimmer will das einfältige Mannsbild beschwatzen; +jetzt begreif ich erst, was die Bibel meint, jetzt +weiß ich, was das ist: der Sündenfall. Was bist du für +ein Narr und Dummkopf gewesen, du Menschenvater Adam!</p> + +<p>Diese letzten Worte rief er ziemlich laut vor sich hin. +Da erschallte ein klirrendes Spottgelächter hinter ihm. Es +war die Collobella. Wütend schritt er auf sie zu und fuhr +sie an: »Geht nur allein zurück nach Sorau, ihr beiden, +ich will hier auf Peterswalde bleiben. Ich mag das Luderleben +nicht mehr mit ansehen, daß man dorten führt. +Meine Mutter ist unglücklich, das weiß ich längst; längst +weiß ich, daß mein Vater sie mit Huren betrügt. Mein +<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>Vater hätte mich nicht auf die Welt setzen sollen, denn +was ich von dieser Welt erfahre, ekelt mich an. Insonderheit +die Weiber ekeln mich an, drum fort mit dir, du welscher +Haubenstock.«</p> + +<p>Die Dame Collobella lief schreiend davon und holte +Herrn von Wrech zur Hilfe herbei. Aber Erdmann war +schon wieder in seine Schweigsamkeit versunken. Nur weigerte +er sich heharrlich, Peterswalde zu verlassen. Der +Herrnhuter verbarg seinen Ärger. Potz Wetter überlegte +er im Stillen, wenn mich der idiotische Teufel hier festhält, +so gibts ein Leben, wogegen das des heiligen Antonius +eine babylonische Orgie war. Und er beschloß, der +Sache von innen her beizukommen.</p> + +<p>Dem Grafen Promnitz fiel ein Stein vom Herzen, als +er vernahm, sein unfroher Sprößling wolle nicht mehr an +den Hof zurück. »Laßt nur den Hamster«, sagte er zur +Collobella, »der wird schon wieder nach unserer besetzten +Tafel jappen.« Darin täuschte sich der Graf. Junker Erdmann +kam nicht mehr nach Sorau, und seine Mutter mußte +zu ihm fahren, wenn sie ihn sehen wollte. Allmählich wandelte +die Gräfin auch ihre eigenen, nicht sehr erbaulichen +Wege. Junker Erdmann erfuhr dies in ungeschminkter +Weise durch Herrn von Zech, einen Emporkömmling, der +es vom Schreiber zum geheimen Rat gebracht hatte und +jeden Monat einmal in Peterswalde erschien, um die Wirtschaftsbücher +zu inspizieren. Er schweifwedelte vor dem +Vater und speichelleckte vor dem Sohn, weshalb ein Witzbold +von ihm bemerkte, er hätte beständig hinten und vorne +zu tun, und obwohl er sich mit dem herrnhutischen Präzeptor +<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>nicht vertrug, erlitt dieser die Unbill, daß am Sorauer +Hof das Verslein in Umlauf gebracht wurde: Herr +von Wrech und Herr von Zech schmarotzen all zwo beim +Junker Pech. Junker Pech war der Spottname für Erdmann, +erstlich wegen der schwarzen Kleidung, die er zu +tragen pflegte, und dann wegen seines schwarzen Geistes.</p> + +<p>Der gute Wrech hörte allmählich auf, den Junker für +blöde zu nehmen, da in diesem eckigen Schädel im Verfluß +der Jahre ein paar Augen erwachten, welche die Glut eines +Jakobiners und die Melancholie einer Nonne enthielten. +Er ließ sich mit ihm in profunde theologische Disputationen +ein, bemühte sich aber unter dem Mantel einer +scheinheiligen Duldung, ihm die Welt lecker zu machen.</p> + +<p>Umsonst; der einsiedlerische Jüngling fürchtete die Fallstricke +des Lasters. Nach seiner Meinung konnte die einzelne +Kreatur keines Glückes teilhaftig werden, da sie von +Adam und Evas Zeit an verdammt war, dürfe auch das +Glück garnicht genießen, weil sie damit die Leiden der Andern +genau um jene Summe vermehrte, der sie sich freventlich +entzog. Eine so rabulistische Sünden-Arithmetik verdroß +den Herrnhuter, und er berief sich auf das Erlösungswerk +Jesu Christi. Da aber fuhr er schlecht; der Junker bewies +ihm haarklein, daß das Sündenregister der Menschheit seit +siebzehnhundertsoundsoviel Jahren dermaßen in die Länge +gewachsen sei, daß eine demnächst zu erwartende Abrechnung +nur mit einem allgemeinen Untergang enden könne. +Herr von Wrech ließ sich nicht beirren; halb näselnd, halb +singend rezitierte er das Lied Numero eintausendundachtzehn:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>»Wenn es sollt der Welt nach gehn, blieb kein Christ auf Erden stehn,<br /></span> +<span class="i0">Alles würd’ von ihr verderbt, was das Lamm am Kreuz vererbt.<br /></span> +<span class="i0">Doch weil Jesus bleibt der Herr, wird es täglich herrlicher,<br /></span> +<span class="i0">Weil der Herr zur Rechten sitzt, ist die Sache auch beschützt.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Damit brach er listig ab; jedoch Junker Erdmann fügte +triumphierend den Schluß hinzu:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Aber wenn sie diesen Mann erst herabgerissen han,<br /></span> +<span class="i0">Dann wirds bös mit uns aussehn, übel wird es mit uns gehn.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Es war ein ergötzlicher Anblick, wie die beiden sich rauften, +der glatte Epikuräer, der sich nur gerade soviel hinter +der Frömmigkeit verschanzte, daß seine heimliche Verräterei +nicht zu merken war, und der plumpe Jüngling mit dem +dünngespaltenen Mund und dem zurücktretenden Profil +eines traurigen Schafes.</p> + +<p>Graf Erdmann hatte einen Farbenkasten, und in müßigen +Stunden beschäftigte er sich mit Malereien. Immer lief es +darauf hinaus, daß er eine Eva malte; diese Eva trug +ein züchtiges Gewand; sie streckte den Arm lüstern nach +den Äpfeln aus, die an den Zweigen eines Baumes hingen, +und eine giftgrüne Schlange züngelte gegen das von +sträflichen Begierden erfüllte Weib.</p> + +<p>Nun ereignete sich in der Familie Promnitz ein Vorfall, +der darnach angetan war, das Gemüt des jungen Grafen, +<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>der jetzt zwanzig Jahre alt geworden war, vollends zu verdüstern. +Die Gräfin Callenberg, seine Tante, eine sechzigjährige +Messalina, die die Gesellschaft der Mannsleute +noch immer nicht entbehren mochte, weil sie bei ihnen +mehr Gründliches fand, wie sie sagte, als bei Personen +ihres Geschlechts, hatte ihren letzten Liebhaber, einen Franzosen +namens Lefevre, aus gemeiner Eifersucht bei Wasser +und Brot in einem Verließ ihres Schlosses eingemauert. +Preußische Soldaten entdeckten ihn verhungert, mit langem +Bart und irrsinnig; er starb wenige Tage nach seiner Befreiung. +Die entrüsteten Untertanen der Gräfin überfielen +sie im Bett, banden sie mit Stricken, warfen sie auf einen +Leiterwagen und brachten sie nach Neiße, wo sie vor Verdruß +und Zorn alsbald der Schlag rührte.</p> + +<p>Graf Erdmann verfiel bei der Kunde des Geschehnisses +in solche Trübsal, daß Herr von Wrech um seine Gesundheit +besorgt wurde; dazu kam, daß auch seine Mutter um +jene Zeit aus Herzenskummer starb. Herr von Wrech konnte +es nicht mehr mit ansehen, wenn der Jüngling jeden Morgen +und jeden Abend auf die Knie stürzte und in tiefer +Schwermut ausrief: »O Gott, laß mich ohne Schuld! bewahre +mich vor Sündenschuld! Ersticke meine Gelüste und +gib mir Frieden!« Herr von Wrech machte sich auf und +gab dem gräflichen Vater zu verstehen, daß er seinen Sohn +auf Reisen senden müsse, wenn er ihn vor verderblicher +Geistesfäulnis zu bewahren wünsche. Der Graf war’s zufrieden +und befahl, daß Erdmann in Begleitung des Herrnhuters +nach Paris aufbrechen solle. Dagegen war kein +Widerpart möglich. Graf Erdmann fügte sich mit unerwarteter +<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>Sanftmut. »Ich will doch sehen«, sagte er, »ob +eure große Welt wirklich so groß ist. Es soll nicht heißen, +daß ein Promnitz hinterm Ofen sitzen bleibt, weil er sich +klüger dünkt als die Weitgereisten. Mich gelüstet nach +einem andern Himmel, denn unserer drückt mir den Kopf +wie das Dach einer Köhlerhütte und nach andern Menschen, +denn unsere sind mir so wohlbekannt, wie die Verba +auf mi. Aber ich fürchte, lieber Wrech, die Welt hat +früher ein Ende, als ihr alle glaubt, wennschon es weit +ist bis zu den Mongolen. Gefangen sind wir, und können +nicht aus noch ein.«</p> + +<p>Herr von Wrech war entzückt über die Aussicht, so bald +nach dem galanten Paris reisen zu dürfen. »Ihr seid ein +genialischer Kopf, Junker«, antwortete er; »entweder werdet +ihr ein großer General wie Prinz Eugen, oder ihr sterbt +philosophisch wie Diogenes in einem Faß.«</p> + +<p>Drei Wochen später befand sich der Graf mit seinem +Erzieher und Reisemarschall in dem Seinebabel, wie man +sich damals ausdrückte, und wo es allerwegen hoch herging +mit Maskenbällen, Assembleen, Glücksspielen, königlichen +Levers, Spazierfahrten, Jagden und amorosen Abenteuern. +Erdmann beschaute sich das glänzende Getriebe; er gab mit +Anstand sein Geld aus und wußte Rede zu stehen. Doch +benahm er sich oft recht sonderbar, und sein Wesen erregte +die Spottlust der französischen Herren und Damen. Eines +Tages wurde ein italienisches Ehepaar namens Concini, +das der Spionage überführt und vom Gericht zum Tod +verurteilt worden war, auf dem Greveplatz hingerichtet. +Sie hatten einen dreizehnjährigen Sohn, der gut gestaltet +<a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>war, einen liebenswürdigen Charakter besaß und trotz seiner +Jugend als ausgezeichneter Tänzer auf dem Theater +Furore gemacht hatte. Ich bin auf der Welt, um für den +Übermut meines Vaters zu büßen, sagte der arme Knabe +zu denen, die ihn ermahnten, seine schreckliche Lage in Geduld +zu tragen. Dieses Wort kam dem Grafen Erdmann +zu Ohren, und da er hörte, daß der Knabe den Tag der +Hinrichtung seiner Eltern bei Frau von Hautfort verbringen +würde, ließ er sich bei der Dame einführen und erschien +gerade, als man dem Knaben Hut und Mantel abnahm +und ihm zu essen und zu trinken bot. Nach kurzer Weile +trat eine Prinzessin vom Hof ein, und als man ihr sagte, +der junge Concini sei anwesend, forderte sie ihn auf zu +tanzen. Der Knabe war in Verzweiflung, aber dem Wunsch +der mächtigen Persönlichkeit mußte willfahrt werden, und +so tanzte Jean Concini, ein jammervolles Schauspiel, während +das Blut seines Vaters und seiner Mutter noch floß. Dies +empörte den Grafen Erdmann; er nahm den Jüngling +beiseite, unterhielt sich mit ihm, fand ihn aufgeweckt, ja +wissensdurstig, und es berührte ihn eigentümlich, als ihm +der Knabe im Verlauf des Gesprächs bebend gestand, seine +höchste Begierde sei, die Astronomie zu studieren. Graf +Erdmann überlegte sich die Sache, wandte sich an einen +Hallenser Kaufherrn, der von Paris nach Hause reiste, und +bat, er solle den Knaben zu einem dortigen Professor +geben und ihn auf seine Kosten für die Universität vorbereiten +lassen. In seinen Briefen an den Knaben nannte +er ihn von da ab, halb in eigenwilliger Verballhornung +seines ursprünglichen Namens, halb in kaustischer Anspielung +<a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>auf den erstrebten Beruf, nur noch Hans Kosmisch, +und dieser Name verblieb dem jungen Menschen, dem es +beschieden war, dereinst in ungeahnter Weise in das Leben +seines Beschützers einzugreifen.</p> + +<p>Die Frau von Hautfort hatte an der edlen Handlung +des deutschen Grafen Gefallen, und sie zeigte ihm recht +offensichtlich, daß es ihr nicht unwillkommen sei, wenn er +dieses Gefallen zu benutzen verstünde. Eines Abends behielt +sie ihn verräterisch lange in ihrem Boudoir. Zuerst +lachte sie sich toll beim Anhören seiner moralischen Predigten, +denn er glaubte sie zur Tugend bekehren zu sollen, +endlich wurde sie des salbungsvollen Geschwätzes satt. Da +schlüpfte eine Zofe ins Gemach und überreichte der Herrin +einen Brief. Diese erblaßte, als sie das Billett gelesen +hatte, und steckte es rasch in ihren Busen, der sehr schön +war und zu ihren vorzüglichsten Reizen gehörte. »Was +gibt es denn?« fragte Graf Erdmann, dessen Sinne sich +langsam zu umnebeln begannen, und da er sich nicht getraute, +das Billett mit der bloßen Hand aus seinem hübschen +Asyl zu ziehen, nahm er vom Kamin die silberne +Zange, mit der man das Holz ins Feuer tat, und wollte +sich auf solche Art des Papiers versichern. Die Dame schrie +auf und schickte ihn halb lachend, halb zornig von dannen. +Indes er durch den matterhellten Flur zum Haustor schritt, +trat wie aus der Erde gestiegen ein reichgekleideter Fant +auf ihn zu, das Gesicht maskiert, die Faust am Degengriff, +und verstellte ihm mit Woher, Wohin, wes Namens +und Zwecks den Weg. Graf Erdmann blieb die Antworten +nicht schuldig; zwei Worte, zwei Beschimpfungen, man zog +<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>vom Leder, kreuzte die Degen, ein Ausfall, ein Sprung, +ein Schrei, ein Seufzer, und der Unbekannte krampfte sich +am Boden. Im Nu war das Haus lebendig, Mägde, Diener, +Kammerfrauen polterten die Stiegen herab, und das ganze +Unglück wurde erst offenbar, als die Maske vom Antlitz +des Getöteten fiel; es war einer der zahlreichen natürlichen +Prinzen Frankreichs aus königlichem Geblüt. Frau von +Hautfort erschien selbst, und in ihrer Angst beschwor sie +den Grafen, auf der Stelle zu fliehen, denn diese Tat +werde schrecklich bestraft.</p> + +<p>Aber Erdmann Promnitz war wie versteinert. Welche +zierliche Gestalt, dachte er, den Toten anstarrend, welch +anmutige Züge! Das Blut, langsam fließend wie Oel, benetzte +seine weißen Schuhe. Die Wache kam, er wurde abgeführt, +und am andern Morgen saß er in der Bastille.</p> + +<p>Als ein reicher Herr, obwohl vom Ausland, fanden sich +Verbündete und Freunde genug, um eine nicht gar zu +wachsame Behörde zu hintergehen. Mit Hülfe eines bestochenen +Aufsehers wurde der Gefangene von einem waghalsigen +Fluchtplan unterrichtet. Ein Kaminfeger drang +durch den Schlot zu Erdmann, befestigte einen Strick um +seinen Leib und zerrte ihn durch den Schornstein aufs Dach. +Von hier war der Weg vorbereitet; an einer Straßenecke +warteten die Postpferde. Nun wollte es das Verhängnis, +daß zur selben Zeit, wo der Junker, vom Emporklettern +erschöpft, neben dem Rauchfang ausruhend kauerte, unten +ein feierlicher Leichenzug vorüberging. Erdmann fragte den +Schlotfeger, wer da begraben würde, und die Antwort war, +es sei der junge Prinz, der vor drei Tagen im Duell erstochen +<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>worden. Sei es, daß das Widerspiel der schwarzen +Kavalkade und seiner und seines Führers rußgeschwärzter +Erscheinung auf dem Dach ihm ein Gefühl grausiger Komik +erweckte, sei es, daß die beengte und schuldbewußte Brust +sich ihres Druckes nicht anders zu entledigen wußte, genug, +Junker Erdmann brach in ein schallendes Gelächter aus, +das auf keine Weise zu hemmen war. Drunten wurden die +Leute aufmerksam. Um die Gefahr abzuwenden, packte der +athletisch starke Schornsteinfeger den Grafen, den der Lachkrampf +überdies wehr- und willenlos machte, hob ihn wie +ein Kleiderbündel auf, stopfte ihn wieder in den Kamin +hinein und ließ ihn am Seil hinunterrutschen. Da mußte +der Junker, ob er mochte oder nicht, Arme und Beine +spreizen, und er gelangte neuerdings in sein Gefängnis. Er +streckte sich aufs Lager und blieb still und entgeistert. Er +weigerte sich, Besuche zu empfangen oder Briefe zu lesen. +Erst am achten Tag ließ er den Herrnhuter vor, der ihm +mitteilte, man habe sich an den König August gewandt, +damit er bei der Majestät von Frankreich Fürbitte tue, +auch erwarte man einen Abgesandten seines Vaters zu +Paris, der mit Gold die Befreiung aus der Bastille erwirken +werde.</p> + +<p>»Es kann mich keiner mehr befreien,« murmelte Graf +Erdmann trübsinnig.</p> + +<p>»Wie das, Euer Gnaden?« fragte Herr von Wrech erstaunt. +Der Graf antwortete nicht.</p> + +<p>Was vorausgesagt war, geschah; ein Diplomat sprach bei +Hofe vor, das Blut des Prinzen war vertrocknet, die Sache +schon in Vergessenheit, Promnitzsches Geld tat ein übriges, +<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>und zu Ende Mai reiste Erdmann heim nach Peterswalde. +Er führte dortselbst das allerwunderlichste Leben. Tagelang +ritt er auf seinem Roß in den tiefen Wäldern herum und +tötete alles Getier, das ihm vor die Flinte kam. Als eine +Art von Raubschütze zog er weit über die Grenzen seines +Gebiets, und er durfte von Glück sagen, daß die Förster +und Hüter, die den unheimlichen Jäger nicht kannten, ihn +mit dem Tod verschonten. Später liefen dann in Sorau +große Rechnungen ein, und der alte Graf mußte die Wildschäden +ersetzen.</p> + +<p>Niemand begriff solchen Treibens Kern und Ziel, bis +Herr von Wrech, der sich die betrübtesten Gedanken machte, +den Junker zur Rede stellte. Da setzte Graf Erdmann dem +Herrnhuter auseinander, daß nach seiner Überzeugung alle +Tiere einmal Menschen gewesen und zur Strafe für begangene +Sünden also verwandelt worden seien. »Und ich,« +fügte er düster hinzu, »ich erlöse sie durch den Tod.«</p> + +<p>Herr von Wrech schluckte seinen Unmut über die verrückte +Antwort hinunter und erwiderte mit Augenbrauen, +so hoch wie gotische Spitzbögen: »Verzeiht, Euer Gnaden, +aber es dünkt mich ein lästerliches Vermessen, daß Ihr, +wenn auch bloß dem lieben Vieh gegenüber, den Erlöser +spielen wollt.«</p> + +<p>»Verachtet Ihr die Tierheit am Ende?« fragte Erdmann; +»so seid Ihr wie ein Windhund, der keine Spur +halten kann. Was er aus dem Auge verliert, ist dahin.« +Und wie aus einem geheimnisvollen Traum heraus fuhr +der Graf fort, mehr für sich redend als für den Andern: +»Und ist eine Seele sündenlos geworden, so brech’ ich den +<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>Zauber. Denn es könnte sein, daß eine dahinirret und +irret, unschuldig und herzensrein, eine Verlassene, eine Himmelsstumme, +eine Gefährtin. Die will ich finden, die will +ich erjagen.« Bei diesen sonderbaren Worten stahl sich der +erschrockene Herr von Wrech schaudernd aus dem Zimmer +und bekreuzigte sich, als er vor der Türe war.</p> + +<p>Eines Morgens, da der Graf wieder auf seinem Roß +durch die Wälder stürmte, wurde er eines Hirsches ansichtig, +den er meilenweit verfolgte. Plötzlich tat sich eine Lichtung +auf, in deren Mitte ein dunkelgrüner Weiher lag. +Er erblickte ein wunderbar liebliches Mädchen, das gerade +aus dem Bad gestiegen war und im leichten Badekleid, +den schwarzseidenen Mantel darüber, von einer Dienerin +begleitet, nach dem Waldhaus am Rande der Lichtung +schritt. Da brach der Hirsch aus dem Gehölz; sehr ermattet, +trabte er auf die beiden Frauen zu, stutzte und, den +Verfolger im Rücken wissend, machte er Miene, die Wehrlosen +anzugreifen. Das schöne Mädchen schrie angstvoll auf, +bei der Flucht verwickelte sich ihr Fuß in Wurzelwerk und +knieend streckte sie die Arme gegen das nahende Tier, das +in seiner Verzweiflung gefährlich war. Da krachte ein Schuß, +Erdmann hatte gut gezielt, der Hirsch brach zusammen. +Der Graf stieg vom Pferd, und als er bei dem Mädchen +angelangt war, sank sie dem schwermütigen blassen Retter, +vor Erregung schluchzend, an die Brust.</p> + +<p>Es erwies sich, daß Graf Erdmann auf die Standesherrschaft +Beuthen geraten war, die dem Grafen Carolath +gehörte; das Mädchen war die junge Gräfin Caroline, +Erbin und einzige Tochter. Nach Peterswalde heimgekehrt, +<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>erschoß Junker Erdmann das Pferd, das ihn gen Beuthen +geführt, nachdem er es zuvor mit Lilien bekränzt hatte. +Es fröstelte ihn in seiner Einsamkeit; er kam zu öfteren +Malen nach Beuthen, er wurde mit der jungen Gräfin +vertraut, ehe sie es mit Worten waren. Worte sagten +nichts, Erdmanns Augen sagten nichts, sein Herz schien +mit der Leidenschaft zu ringen, er schloß sich zu, wo er +konnte, scheinbar widerwillig gab er sich, scheinbar widerwillig +ließ er sich lieben, scheinbar mit Angst sah er den +Bund besiegelt, für jede Liebkosung glaubte er sühnen zu +müssen. Als man zu Sorau vernahm, was im Werke war, +beeilte sich der alte Graf, den Freiwerber zu machen, und +schon im Herbst wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert.</p> + +<p>Kurz darauf ereignete es sich, daß der alte Graf Promnitz +eines Abends allein auf abgehetztem Gaul auf sein +Gut Triebel geritten kam, in die Vorhalle stürzte, die Türen +verrammeln ließ und sich zitternd in den oberen Gemächern +verbarg. Es dauerte nicht lange, so erscholl drunten das +Geklirr zerbrochener Fenster, und fünf österreichische Husaren +drangen ins Haus, geführt von einem racheschnaubenden +Lakaien des Grafen, dessen junges Weib der lüsterne +Alte tags zuvor entehrt hatte. Die wilde Horde eilte die +Treppe hinauf, zertrümmerte die Tür des gräflichen Schlafzimmers, +und mit flachen Säbeln bläuten sie so unbarmherzig +auf seiner Gnaden herum, daß Höchstderselbe an den +Folgen der erlittenen Verletzungen starb.</p> + +<p>Erst zwei Monate später fanden die Exequien statt, +wegen denen Graf Erdmann die Chroniken zur Hand genommen +hatte; er las sonst nur Kochbücher und hatte davon +<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>eine große Sammlung, in Maroquin gebunden und mit +Goldschnitt, zu seiner Magenerbauung, wie er sagte, doch +vielleicht mehr, um die Menschen, alle, die mit ihm lebten, +über seinen Gemütszustand zu täuschen.</p> + +<p>Er übernahm nun die Regentschaft, aber in Wahrheit +hatte das Promnitzsche Land von dem Tag ab keinen Herrn +mehr. War Erdmann nicht mit der Kraft versehen, über +so viele tausend Untertanen und ihre Verhältnisse, ja, nur +über die Schafe und Rinder sich jene Gewalt anzumaßen, +die bloß die herzliche Neigung für Gottes Welt einem +Manne verleiht? Oder begriffen die Menschen ihn nicht +als Herrn, weil sie seiner nicht zu bedürfen fest überzeugt +waren? Und er, begriff er bei der Huldigung, daß so viele +ihn bedürfen sollten, als deren Vertreter die Beamten in +respektvoller Haltung und mit glühenden Gesichtern um ihn +standen: der Hofrat, der Kanzler, der Oberhofprediger und +Plebanus, die Diakonen, die Steuereinnehmer, die Aktuarien +beim Konsistorio, die geheimen und offenbaren Schreiber, +die Amtspfänder, Stallmeister, Rendanten, Küchenverweser, +Förster, Jagdpagen, Bürgermeister, Stadtrichter, Senatoren, +Schatzmeister und alles, was dem Herrn dient –?</p> + +<p>Er begriff sie nicht, es waren lauter Fordernde, und er +war doch der große Bettelmann aller, Bettler vor Himmel +und Erde, Sühnebettler, Liebesbettler. Und wieder täuschte +er, indem er sein wahres Wesen durch Habsucht verhüllte +und auf nichts anderes erpicht schien als auf den reinen +Ertrag. Darum mochten sich so viele schinden, darum mochten +die Hammerschmiede am Kupferhammer stehen, die Heideläufer +sich die Füße wund laufen, die wilden Schweine +<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>den Fronbauern die Ernte verwüsten, – er war der Herr +des reinen Ertrags, und der reine Ertrag war der Schild +für seinen Kummer um ein Weib, um die, die er »entzaubert +und erjagt« hatte, und die ihm zu irdisch war, zu ergründbar, +zu menschenhaft.</p> + +<p>Die Gräfin Caroline sah wohl, wie schlimm es mit ihrem +Gemahl beschaffen war. Als ein lebenslustiges Geschöpf +war sie in die Ehe getreten und hing an dem Mann mit +großer Liebe. Er aber schien es darauf abgesehen zu haben, +sie zu demütigen. Er untergrub den Respekt, den sie bei +den Dienstleuten gewärtigen mußte, sowohl durch Spott +wie durch widerrufende Verordnungen. Freilich hatte sie +wenig Talent zur Hauswirtin, besser verstand sie sich auf +Geselligkeit und heitre Gespräche, auf Unterhaltung mit +gebildeten Männern, aber redliche Bemühung ersetzte die +Gabe, und unter ihren fleißigen Händen war stets alles +wohlbestellt. Dieses mochte der Graf nicht anerkennen; er +beleidigte Caroline, wenn sie nur den kleinsten Fehler beging, +und ihre Schwächen bauschte er zu Lastern auf. Er +würdigte ihr Gefühl nicht, er stieß die Seele, die sich ihm +opferte, zurück. Einstmals schrieb Caroline an eine vertraute +Freundin dies: »Seit dem Fackelgeleit in die Hochzeitskammer, +was hab ich vom Leben und Lieben, vom Mann +und vom Weib gelernt und gelitten! Wie oft bin ich mir +inwendig zum Traum verschwunden! Aber wenn ich die +Augen aufschlug, war ich wieder ein Weib, sein Weib! +und liebte ihn! und wurde verachtet! und sah seine Gier +nach Erlösung und sah, daß er sich hätte erlösen können, +wenn sein Herz zurückschenkte, was man ihm gab. Gott, +<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>wie viel mögen die tausend und abertausend Frauen verschweigen, +verweinen, verschmerzen! Was ist nur in ihm? +weshalb ruht sein Blick oft so fremd und fragend auf mir? +als wartete er, etwas zu empfangen, was ich nicht besitze. +Er ist immer in Eile und niemand weiß, warum. Er ist +immer in Gedanken und niemand weiß, was er denkt. Er +ist immer umwölkt, immer in Groll, immer in Melancholie, +immer mißtrauisch, immer verzagt und hat kein Auge, um +die zu sehen, die für ihn zittert. Hab ich noch einmal im +Leben eine bessere Zeit, dann sollst du von mir hören, jetzt +stille.«</p> + +<p>Es kam keine bessere Zeit. Die Ehe war kinderlos, und +Graf Erdmann erblickte darin einen Fingerzeig des Schicksals. +Bittere Worte flogen hin und her, sie gruben einander +die Brust auf, denn was so die rechte Zwietracht +und mißverstehender Haß zwischen Eheleuten ist, die beständig +einander nahe sind, einander atmen, das ist ärger +als die Hölle. Der Graf wollte einige von seinem Vorfahr +der Stadt und den Dörfern verliehenen Rechte wieder einziehen +und setzte zum Verdruß der Bürger einen ungerechten +Bierprozeß fort, den sein Vater begonnen. Darein +mischte sich die Gräfin, und es entstand Streit. Caroline +haßte den duckmäuserischen Herrnhuter, der noch immer im +Hause weilte und durch Flur und Gemächer schlich wie +der lautlose Unfried; auch darüber wuchs der Streit. Erdmann +lud Kavaliere zu sich auf Jagden und Feste ein, und +wenn sie kamen, war er fortgeritten oder gar betrunken, +so daß die Gräfin vor Scham nicht wußte, was sie sagen +oder tun sollte. Sie machte ihm Vorwürfe, erst sanft, dann +<a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>leidenschaftlich; seine Ungerechtigkeit gegen sie rührte sie +bis zu Tränen auf, es zerriß ihr das Gemüt, daß all ihre +Liebe verschwendet sein sollte, denn geben, geben und immer +geben, wer hat so viel, wer, der kein Engel ist? Welche +Frau ertrüge es, daß ein Mann sich zum Herrn und Verächter +der Menschheit aufwirft und den Willen Gottes erkannt +zu haben meint und daß er dabei mit rohem Fuß +ein anschmiegendes Herz zertritt?</p> + +<p>Er aber hatte einen Engel in ihr zu erringen geglaubt, +das war es. Einen Engel glauben, und nur die Eva finden, +die Listige, die Überlisterin, das hübschgestaltete Fleisch, +von schlauer Grazie bewegt, das wurmte ihn, verfinsterte +ihn, und er ward in seinen Handlungen gegen die Frau +seiner wahren Empfindung nicht mehr inne. Was er ihr +zufügte, fügte er sich selber zu, aber er ward dessen nicht +inne. Einst bei der Mittagstafel beschimpfte er die Frau +gröblich, weil eine Speise, die gereicht wurde, verdorben +war. Zwei Fremde waren zugegen, die peinlich erstaunt vor +sich hinblickten, und Herr von Wrech, der eine demütige +Fassung zur Schau trug. Caroline erhob sich und verließ +das Gemach; an der Schwelle konnte sie sich nicht mehr +halten und weinte laut. Die Gäste verabschiedeten sich bald, +Graf Erdmann trieb sich in finstrer Laune in den Wäldern +herum; als es Nacht war, kehrte er heim, nahm eine Bibel +und versuchte zu lesen. Jedoch die im Schloß herrschende +Stille wühlte ihn noch tiefer auf, das Wort der Schrift +brannte wie Feuer in seinem Geist und ungefähr gegen +Mitternacht begab er sich, ein Lämpchen in der Hand tragend, +in das Zimmer der Gräfin. Sie lag auf ihrem Bett +<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>und schlief, und lange schaute er sie an. Sie schlief ruhig +wie ein Kind, ihre Wangen waren gerötet, und in den +dunklen Augenspalten glänzte Feuchtigkeit. Da beugte sich +Erdmann und berührte mit seinen Lippen ihren Mund; +und kaum daß dies geschehen war, erwachte Caroline und +blickte das Antlitz dicht vor sich voll geisterhaftem Schrecken +an. Dieser Ausdruck, die unerwartete Wiederkehr ihres +Bewußtseins, sein seltsam heimliches Beginnen, der Argwohn, +als hätte ihn die Frau nur fangen und ertappen +wollen, all das erhitzte ihn, er erschien sich gehöhnt, genarrt +und verraten, er packte sie an den Haaren und riß sie aus +dem Bett, er schleifte die Wimmernde durch die Säle, und +im Flur des Hauses ließ er sie, preßte sich keuchend an +die Wand und schlug im Dunkeln ein Kreuz. Caroline aber, +schaudernd vor Entsetzen, erhob sich und flüchtete gegen +die Tür des Hauses, rannte in den Hof, wo die Hunde +anschlugen, und weiter lief sie, so weit ihre Füße sie trugen. +Da machte sich Graf Erdmann auf und verfolgte sie in +der Finsternis, koppelte die Hunde los und fand ihre Spur, +und als er sie im Hemde, wie sie war, ohnmächtig neben +einer Kotlache liegen sah, kauerte er sich nieder und blieb +bei der Regungslosen, bis der Morgen graute, dann trug +er sie ins Haus zurück. Ihr Blut erwärmte ihn, zärtlich +schmiegte sich ihr Haar um seinen Hals, ihre Arme hingen +schlaff, ihr Herz klopfte wie ein Mahner gegen seines, das +von Finsternis, von Irrung und von unbegreiflichem Schmerz +erfüllt war.</p> + +<p>Wenige Wochen darauf setzte der Bruder der Gräfin +die Scheidung durch, Erdmann tat, als ob er damit zufrieden +<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>sei, und das Gericht zu Oppeln bestätigte sie wegen +unversöhnlicher Feindschaft, »samt dem was anhängig«. Bis +zu ihrem Tod lebte die Gräfin Caroline wie eine Klosterfrau, +und so ist sie, reizend und wehmütig, noch heutigen +Tags auf dem Schlosse zu Carolath im Bilde zu sehen. +Erdmann Promnitz aber wurde von der Stunde ab, wo +sich die Gräfin von ihm trennte, immer unruhiger und wilder. +Es umgaben ihn Schmeichler, Schmauser, Schmarotzer +und lauernde Erben. Das viele Geld vom reinen Ertrag +war kaum hinreichend, den Verschwendungen stand zu halten, +und fragte ihn einer seiner Vettern, was er treibe, so antwortete +er, scharf skandierend: »Essen, trinken, schlafen, +sehen und hören.« Schreckliche Träume zerrütteten sein Gemüt; +war es Reue, was so tief sich einfraß, daß er den +Wurm gleichsam im Innersten der Brust spürte? Als man +eines Morgens Herrn von Wrech tot in seinem Bett fand, +– er hatte von der Tafel einen halben Fisch in seine +Kammer mitgenommen, war des Nachts hungrig aufgewacht, +hatte ihn ohne Licht verzehrt und war an einer Gräte +erstickt, – da beschloß der Graf, in die Fremde zu ziehen, +wo er fremd sein und Jedermann mit Ehren fremd bleiben +konnte. Gegen eine Leibrente von zwölftausend Talern vergab +er all seinen Besitz an verwandte Geschlechter, und +nachdem er einen im Schloßkeller von Sorau vergrabenen +Schatz von hunderttausend Gulden an sich gebracht, zog er in +die weite Welt, in des Herrgotts Gefängnis, wie er sagte.</p> + +<p>Zu Halle sah er nun seinen Schützling wieder, jenen +Hans Kosmisch, den er aus dem Pariser Lasterpfuhl gerettet +hatte und der inzwischen ein höchst gelehrter junger Mann +<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>geworden war, bei welchem das Promnitzsche Geld einmal +fruchtbaren Boden gefunden. Hans Kosmisch lag seinem +Gönner an, ihn nach England zu dem großen Astronomen +Herschel zu schicken. Dies gewährte der Graf, stattete ihn +reichlich aus und versprach zudem, daß er ihm nach seiner +Rückkehr auf dem Schloßturm von Peterswalde eine Sternwarte +einrichten wollte, denn das Gut Peterswalde hatte +er sich als Reservat ausbedungen, mit freiem Tisch, sechs +Schüsseln zu Mittag, freier Equipage und freier Jagd.</p> + +<p>Zweimal unternahm er den Versuch, die Gräfin Caroline +wiederzusehen, die in der Nähe der Stadt Merseburg +lebte. Die Gräfin weigerte sich, ihn zu empfangen. Er fuhr +in den Norden und begab sich auf ein Schiff, und das +Schiff scheiterte an der irischen Küste, und er kehrte zurück +und eines Abends im Herbst stand er wieder vor dem Haus, +in dem die Gräfin Caroline wohnte, und schaute lange zu +den Fenstern empor, und ging endlich hinein und erfuhr +von einem alten Weibe, daß Caroline gestorben war und +daß man sie am Allerseelentag begraben hatte. Da lag Erdmann +Promnitz über sieben Wochen im Bette, fast ohne +sich zu rühren. Sodann ging er in den Merseburger Ratskeller +und trank dreiundeinhalb Tage lang ununterbrochen +Burgunderwein. In seiner Trunkenheit sah er einen bleichen +Schatten neben sich, und ingrimmig begann er das +Verslied Numero eintausendachtzehn zu singen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wenn es sollt der Welt nachgehn, bebe! blieb kein Christ auf Erden stehn, bibi!<br /></span> +<span class="i0">alles würd’ von ihr verderbt, bebe! was das Lamm am Kreuz ererbt, bibi!«<br /></span> +</div></div> + +<p><a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Da ängstete den Wirt das blasphemische Gebaren, und +er ließ den hochgebornen Herrn in aller Devotion auf die +Straße setzen.</p> + +<p>Bald darauf wanderte er außer Landes und schlug seine +Residenz zuerst in Kehl, dann in Straßburg auf. Er war +allen Menschen unheimlich; in einer Nacht wurde er in +Begleitung mehrerer Herren von fünf wegelagernden Strolchen +überfallen; mit wahrer Berserkerwut und -kraft schlug +er die ganze Bande in die Flucht. Einer der Herren fragte +ihn, warum er, der doch so stark sei, immer furchtsam und +gedrückt scheine. Er erwiderte: »So ist es nun einmal. Ich +kann mich und euch gegen jedermann in Schutz nehmen, +nur nicht gegen mich selbst.«</p> + +<p>Er reiste nach Paris. Dort erinnerten sich noch einige +Leute seines Namens, und sie verbreiteten das Gerücht, +der finstere und ausschweifende deutsche Graf werde von +der Erinnerung an eine Übeltat gequält. Als er davon erfuhr, +lachte er und sagte: »Man unterschätzt mich; ein +Körnchen Kaviar gibt noch keine Mahlzeit.« Er suchte die +Gesellschaft berühmter Philosophen, und stets brachte er +das Gespräch auf Schuld und Sünde und moralische Verantwortung, +aber wenn sie sich dann nach ihrer Weise geäußert +hatten, ging er unzufrieden von ihnen hinweg, setzte +sich eine Nacht lang in eine Spelunke, sang anstößige Lieder +und machte sich mit allerlei wüstem Volk vertraut. +Zwei Jahre hielt es ihn in Paris, dann pilgerte er über +die Pyrenäen nach Spanien. Zu Valladolid sprach er mit +den Gelehrten der Universität lateinisch, und in Escurial +unterhielt er sich mit den Granden von hoher Politik, und +<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>in Cadix hockte er in Matrosenkneipen am Hafen, und dann +fuhr er übers Meer nach Afrika, fand nicht Ruhe in der +Wüste, nicht in den bunten Städten der Mauren, reiste +nach Malta, lebte in Syrakus, dann in Rom, durchwanderte +die Schweiz, war heute geizig mit Gold, warf morgen +einem Bettler zwei Dukaten in den Hut, las einmal +in den Schriften des Professors Kant und des Herrn von +Voltaire, ein andermal im heiligen Augustinus oder in +einem seiner Kochbücher. Grübelnd saß er an Bord der +Schiffe, den Blick ins Wasser geheftet, schweigend und +träumend schritt er durch die vielen Städte, und mit wunderbarer +Eile ließ er seine Kutsche über die Landstraße +donnern, als ob der Teufel hinter ihm her wäre. Bei Tag +wünschte er, daß es Nacht sein möge, im Frühling wünschte +er den Herbst. Dabei ward sein Kopf grau, sein Gesicht +verfaltet, seine Gestalt gebückt, nur sein Auge nahm an +Glut der Rastlosigkeit noch zu. Zehn Jahre, fünfzehn +Jahre, zwanzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre, wenn das +Alter kommt, rollen die Tage, Monate und Jahre wie große +und kleine Kugeln in beschleunigtem Fall den Berg hinunter +und dem Abgrund des Todes zu, aber sie greifen +auf, was am Wege liegt, und nehmen alles mit: Gram +und Reue und Sehnsucht und schlechtes Gewissen.</p> + +<p>Es wird erzählt, daß der Ostgote Theoderich durch +einen großen Fischkopf, der vor ihm auf der Tafel stand, +an das verzogene Antlitz des hingerichteten Symmachus +erinnert wurde. Die Augen starrten greulich, die Lippe +war dem Schreckbild in die Zähne gekniffen. Den König +überkam das Fieber, er eilte in sein Schlafgemach, ließ +<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>sich mit Decken verhüllen, beweinte den Frevel und starb +kurz darauf in tiefem Schmerz. Für den Grafen Erdmann +war jegliches Ding zu jeglicher Zeit ein solcher Fischkopf. In +gewissen stillen Nächten des Südens stieg ihm ein schlankes +Frauenfigürchen vor Augen, ein sanftes Gesicht, so daß +er hätte fragen mögen: »Du bist so bleich um die Nase, +bist du bei Leichen gelegen?«</p> + +<p>In Basel erhielt der Graf einen Brief von Hans Kosmisch, +der nun über sechzehn Jahre zu Peterswalde hauste. +Nachdem er von England zurückgekehrt war, hatte ihm +sein Beschützer fünftausend Dukaten für den Ankauf eines +Teleskops geschenkt, trotz seines Geizes, nur um diesem +sonderbar geliebten, durch eine Laune des Schicksals ihm +zugeworfenen Menschenkind zu willen zu sein und damit +einer Wissenschaft zu dienen, die ihm unverständlich war +wie das Hebräische und gespensterhaft wie das Grauen auf +dem Kirchhof. Hans Kosmisch hatte einen neuen Kometen +entdeckt und teilte dies seiner gräflichen Gnaden voll stolzer +Genugtuung mit. Ha, dachte der Graf, da vergnügt sich +einer am Feuerwerk der Sphären wie ein Kind am Fackelzug; +mit dem Manne muß ich reden.</p> + +<p>Es war wohl auch Heimweh, was den Grafen nach +Peterswalde zog. Eines Nachmittags im Juni polterte sein +Reisewagen durch die halbverfallene Schloßpforte. Die +Hühner stoben von dannen, Fasanen flogen auf, ein müder +Hofhund umschlich Rosse und Räder. Nach geraumer Weile +erschien Hans Kosmisch, im braunen spitzenbesetzten Jabot, +doch ohne Perücke. Er war ein kleiner Mann, der ungeachtet +der herannahenden Fünfzig noch immer knabenhaft +<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>aussah, noch immer den leichten Gang eines Tänzers hatte; +sein Gesicht war seltsam weiß und glatt, mit durchsichtigen +Augen, die Haare weiß wie Mehl. Als er seinen Herrn +und Gönner gewahrte, so abgerissen, wüst und fahl, zwei +Orden auf der Brust, den Anzug ausgefranst, mit suchenden +Blicken die Wehmut und Rührung der Heimkehr verhehlend, +da lief ein Schüttern über seine Züge, jedoch verbeugte +er sich tief.</p> + +<p>Bei kärglichem Plaudern wurde eine frugale Abendmahlzeit +genommen, und als es dämmerte, verließen sie +die Stube und setzten sich auf eine uralte Steinbank im +Garten. »Es wird eine schöne Nacht heute«, sagte Hans +Kosmisch. Wie dann der Graf immer stiller und stiller +wurde, machte er ihm den Vorschlag, das Observatorium +zu besuchen. Der Alte willigte schweigend ein, Hans Kosmisch +nahm eine Handlaterne, und sie stiegen die Wendeltreppe +des Turmes empor. Von der Studier- und Wohnstube +des Astronomen führte eine geländerlose Leiter auf +die Plattform; in einem rundlichen Bretterhaus daselbst +befand sich das Teleskop.</p> + +<p>»Seht, Euer Gnaden, wie feierlich das Firmament sich +bestirnt hat«, sagte Hans Kosmisch emporweisend, »Euch +zu Ehren, wie mir scheint.«</p> + +<p>Erdmann Promnitz blickte um sich, dann hinauf. Er ließ +sich auf ein Sesselchen nieder und beugte Rumpf und Haupt +zurück. Es war ein Ausruhen in dieser Bewegung, und +sie schien unwillkürlich, gleichwohl gehorchte er damit dem +Hinweis des Astronomen. Aber wie sein Auge das überflammte +Himmelsgewölbe traf, seufzte er plötzlich, und ein +<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Schauder der Überraschung durchrieselte seinen Körper. Es +fügt sich oft, daß ein Mensch erst vor einem zufälligen +Schauspiel, das seine zerstückte Aufmerksamkeit zur Sammlung +zwingt, eines Weges, eines Willens, eines Traumes, +ja endlich des bedeutsamen Sinnes schwebender Rätsel inne +wird. Es gibt Menschen, die niemals in einer reinen Nacht +den Blick nach oben gelenkt haben, und die erst einen hinaufzeigenden +Arm brauchen, um sich von der verworrenen +Fülle irdischer Visionen abzukehren. Dieses sind die Zeitgefangenen, +die Fliehenden, die Gerichteten, die Knechte +des Herrn, die Ewiggeplagten, die Erdmänner.</p> + +<p>Ein gleichsam von fernher gleitender Strahl umleuchtete +das Herz des Grafen. »Gott grüß dich, Hans Kosmisch«, +sagte er endlich. »Was für einem kuriosem Metier hast +du dich da verschrieben! Sitzest Nacht für Nacht und beguckst +den lebendigen Teppich. Muß auf die Dauer ein +wenig ennuyant sein, dünkt mich.« Der alte Spott, durch +Trauer glitzernd wie das Lächeln eines Kranken, wenn der +Arzt auf die Schwelle tritt.</p> + +<p>»Ist niemals ennuyant, Euer Gnaden,« versicherte Hans +Kosmisch; »ist auch nicht gar so bequem. Das Begucken +allein tuts nicht. Da heißt es rechnen und aberrechnen, +die Mathematik quält Euch um den Schlaf, die Zahlen +tyrannisieren den Kopf.«</p> + +<p>»Und du hast Aare gesättiget, während ich in der Mühle +die Mägde küßte, wie die Altvordern sagten,« murmelte +der Graf gedankenvoll vor sich hin. »Und was ist das für +ein Ding, der Komet, den du entdeckt? Wie hast du ihn +zur Strecke gebracht? Findet man Gestirne wie neue Inseln +<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>im Südmeer, oder fängt man sie ein wie Füchse in +der Falle? Zeig ihn mir, deinen Kometen.«</p> + +<p>»Ihr könnt ihn mit bloßem Auge nicht gewahren,« entgegnete +der Astronom mit seiner italienisch runden Stimme, +»auch erscheint er erst zwischen zwei und drei Uhr nachts +im Bild der Kassiopeia.«</p> + +<p>»Und so mußt du auf ihn warten wie eine Ehefrau auf +ihren schläfrigen Mann? Wenn das nicht Ennui heißt, +will ich Trübsal benannt werden.«</p> + +<p>»Er kommt nur alle siebenundzwanzig Jahre der Menschheit +zu Gesicht«, fuhr Hans Kosmisch mit unerschütterlichem +Lehrernst fort.</p> + +<p>»Larifari, Hans Kosmisch, wie willst du das so genau +wissen?«</p> + +<p>»Es läßt sich alles berechnen, Euer Gnaden. Was Euch +Willkür scheint, läßt sich berechnen, und durch das Teleskop +läßt sich vieles sehen, was in der Himmelsschwärze +versunken ist.« Der Astronom wies auf das Fernrohr, und +als der Graf sich erhoben hatte, richtete er die Schrauben +für das Auge des Laien und zielte mit dem Rohr auf das +Mondhorn, das gerade zwischen zwei Baumwipfeln eines +fernen Waldes tief gegen den Horizont sank. Der Graf +schaute hinein, fuhr aber gleich wieder zurück.</p> + +<p>»Es blendet Euer Gnaden,« meinte Hans Kosmisch versöhnlich, +»doch Ihr werdet Euch bald gewöhnen.«</p> + +<p>Der Graf schaute wieder ins Rohr. »Verteufelte Zauberei«, +sagte er; »oder sind es wahrhaftige Berge, die ich +da sehe?«</p> + +<p>»Wahrhaftige Berge, Euer Gnaden, erloschene Vulkane, +<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>eine gestorbene Welt, eine Zwillingserde. Das Licht, das +Ihr wahrnehmt, ist Sonnenlicht, die Schatten sind Sonnenschatten –«</p> + +<p>»So hat mich das Diebsgesicht des Monds bisher getäuscht? +Und was ist das für ein dunkler Fleck, seitlich +vom hellen, grau wie Katzenfell –?«</p> + +<p>»Es ist die Nacht des unbeleuchteten Planeten. Unser +Erdball wirft die umgrenzte Finsternis dorthin.«</p> + +<p>»Unser Erdball, sagst du ... Ball! Wie das klingt. Es +ist also keine leere Fabel? Die Welt, auf der ich stehe, +mit ihren Ländern und Meeren und Flüssen und Städten +und Kirchen und Menschen ist wirklich nur so eine schwimmende +Kugel wie die dort?«</p> + +<p>»Wie die dort und wie viele, eine kleine nur unter den +kleinen, Euer Gnaden. Seht, alles was so wie Leuchtwurmgetier +am Himmelsbogen funkelt, das ist jedes für +sich ein Einzelnes und Gestaltetes, und könntet Ihr auf +einem von den Sternen weilen, so würden die andern und +unser irdischer dazu auch wieder nur als feuriges Gesprüh +euer Auge ergötzen. Das geschliffene Glas da löst euch den +weißen Strom der Milchstraße zu Punkten auf, und jeder +Punkt ist eine Sonne, und um jede Sonne kreisen Erden, +und jeder hält den andern im Raum, und alle fliehen +durch den Raum, nach geheimnisvollen Gesetzen. Ihr schaut +empor, und zur selben Frist entstehen Welten und vergehen +Welten, schwingen sich Monde um ihre Muttergestirne, +stürzen Meteore aus der Bahn, rasen Kometen durch eine +Unendlichkeit, für die der Menschengeist keine Begriffe hat. +Richtet Euer Augenmerk gnädigst auf den grünlich funkelnden +<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Stern zwei Hand breit von der Deichsel des Wagens. +Dieses Sternes Licht braucht dreitausend Jahre, um +zu Euch zu gelangen.«</p> + +<p>»Dreitausend Jahre«, wiederholte der Graf, flüsternd +wie ein Kind, dem es gruselt.</p> + +<p>»Indem Ihr sein Feuer seht, seht Ihr in Wahrheit +etwas, das vor dreitausend Jahren war, und wäret Ihr +imstande, hinaufzufliegen, so könntet Ihr, auf die Erde +rückschauend, mit sonderlich begabtem Auge von Folge zu +Folge alles wahrnehmen, was sich seit dreitausend Jahren +dahier begeben hat.«</p> + +<p>Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn +dem so ist,« antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann +ja nichts verborgen bleiben. Dann ist jedes meiner Worte +und jede Tat, die ich getan, aufbewahrt. Ist es dann nicht +ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein Jetzt? Dann wird +ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung älter +sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...«</p> + +<p>»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch +mit listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion +und Bibel an Maßen geben, sind Verkürzungen symbolischer +Art. Der Geist will die Seele nicht betrügen, er macht +sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt verschuldet.«</p> + +<p>Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben +und blickte empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann +er wieder, und seine Greisenstimme klang erschüttert; +»so groß, so endlos frei und herrlich weit, daß die Zeit, +die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein Name +wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft +<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>mir zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und +Sommer unter den Millionen, und wie könnte der Herr +über eine solche Großwelt es fertig bringen, Gut und Böse +krämerhaft zu wägen?«</p> + +<p>Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg +lange Zeit. Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über +die verwitterten Backen, und er sagte dumpf und langsam +vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar und Augen wie +das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich. +Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch +weilen mag da oben im Raum, ich bin bei ihr, und was +ich als Schuld gegen sie trage, bleibt Schuld. Sündenschuld +– Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans Kosmisch,« +rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust, +»wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem +Herrn der Sterne wohlgefällig ist?«</p> + +<p>Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so +intimer Art fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen +nur von fern, nur von einer nächtlichen Warte aus, +und Gefühle kundzugeben war ihm versagt seit den Pariser +Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem Sphärenpalast,« +fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer. +Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse +Träume.«</p> + +<p>Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und +begab sich nach Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber +einen dort sässigen bekannten Arzt zu Rate zog. Er war +ein anderer Mann geworden, ein gefügiger, milder, heiterer, +obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses +<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in +sternenhellen Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, +den er seinen wunderbaren stummen Professor nannte. Nach +einem halben Jahr, im tiefen Winter, kehrte er nach Peterswalde +zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und +gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund +ist bei alten Menschen der März als Todbringer verrufen. +Eines Morgens im Mittmärz betrat Hans Kosmisch die +Stube seines Herrn und fand ihn entseelt im Bette liegen. +Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt zur Schau, +war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.</p> + +<p>Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der +die Kunst versteht, sondern von einem, der mit unbeholfener +und doch sicherer Hand eine Traumvision festzuhalten +bemüht ist, – ein über alle Worte erhaben schönes +Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, +reinen, unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste +Liebe quoll. Es fehlten nicht die Grübchen in den +Wangen, die von weichem Haupthaar umflossen waren, und +das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger Bart, der in +einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild. Dieses +überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die +genaueste Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin +Caroline, umrahmte über den Scheitel hinweg, an den +Haaren herab und unter dem Bart sich schließend, ein +Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies +war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in +der Weise punktierter Kupferstiche die Augenbrauen, die +Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der Bart und die Locken +<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen und +Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die +Sonne und als winziger Goldpunkt die Erde. Es war als +ob ein träumender Mensch, irgendwo im Raume ruhend, +das Weltall als Gesicht begriffen hätte und als ob Sonne, +Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten +und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über +dem Bildnis aber prangten die triumphierenden Worte:</p> + +<p class="center"><em class="antiqua">Ad astra.</em></p> + + + +<p><a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a></p> +<h2><a name="Franziskas_Erzaehlung" id="Franziskas_Erzaehlung"></a><em class="gesperrt">Franziskas Erzählung</em></h2> + + +<p>Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund +der Geschichte von dem wunderlichen Edelmann gelauscht, +hatte sie nicht verhindert, die Erregung zu bemerken, +von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien. +Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an +eine Vertraute geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, +und unablässig hingen dann ihre Augen an den Lippen +Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet, warf +sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben +der schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter +Anstrengung ihr Weinen zu ersticken suchte.</p> + +<p>Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte +ihre Hand. Er schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann +Promnitz deinen Schmerz lösen, Franzi, warum sollten +wir es nicht können?«</p> + +<p>Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und +bat, sie möge ihn anschauen. Sie schüttelte den Kopf. +»Keiner unter uns wünscht, daß du eine Wunde aufreißen +sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich selbst +verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem +warst. Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es +mich doch gefährlich, wenn dich fremde Geschicke immer +wieder mahnend in die eigene Vergangenheit zerren, und +deinen Freunden hier sind diese Tränen vielleicht ein unverdienter +Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder +Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem +<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>Lebensmenschen: es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht +fromm. Es verengert das Herz.«</p> + +<p>Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend +über alle schweifen, und mit blassem Gesicht antwortete +sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich an der Geschichte vom +Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum erklären. +Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen +müssen, dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen +und wühlt nicht so unerwartet auf. Es ist etwas +Anderes; es ist da eine Luft, ein Ton, eine Folge, etwas +wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch kaum +anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, +etwas, was wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! +und dieser Tod! Und das Bildnis zuletzt! Auch ich habe +von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem +eigentlich.«</p> + +<p>»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete +die aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ +das Haupt auf die stützende Hand sinken, »wie soll ich das +Unglaubliche schildern, euch, die ihr mich so gut kennt und +doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde; ja, in +jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein +Körper war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein +Dasein kam mir erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar +einsam, und die Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, +wenn man stets getragen wurde und nie gegangen ist, war +das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz, oder +nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, +war ich zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir +<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>gewußt; ihr wart zu klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.«</p> + +<p>Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann +sie die Ereignisse zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher +Weise vorbereitet hatte, die aber mit ihren eigenen +Worten nicht gut wiedergegeben werden können, weil das +Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit beeinträchtigen +würde.</p> + +<p>Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, +die acht oder neun Jahre zuvor vom Theater weg +eine glänzende aristokratische Heirat gemacht hatte und +deren Mann im Ausland gestorben war. Die Zurückgekehrte +wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen +Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in +einem rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte +Franziska ein Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste +berührt wurde. Sie konnte die Augen nicht von dem +Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer auf +sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche +oder Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den +Eindruck. Auch die Freundin erstaunte, als Franziska sie +um die Erlaubnis bat, öfter hier sitzen zu dürfen, um das +Bild betrachten zu können. Franziska kam von da ab jeden +Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann +ließ sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine +trübe Erinnerung oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz +Ursache des sonderbaren Benehmens sei, und vielleicht um +Franziska auszuforschen, vielleicht um sie zu zerstreuen, +teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter den +<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit +des Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer +Edelmann gewesen, der für den Gemahl einer von ihm +hoffnungslos geliebten Dame sein Leben geopfert habe; +dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche +Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau +vor dem schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der +Liebende des Nachts, eine Stunde vor der Exekution, Eingang +in die Zelle verschafft, hatte die Kleider mit dem +Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen, ohne daß +weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.</p> + +<p>Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend +nicht nahe. Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung +dagegen. Zu wirklich war es und als Wirkliches +zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder sieht +noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das +rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger +und wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals +kam ihr der furchtbare Gedanke, daß sie sich an ein +Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb der Ordnung +der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht +zu deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von +Folge war darin, – als ob der Schatten zur Gestalt werden +oder sie selbst zu einem Schatten hindorren müsse.</p> + +<p>Er wurde zur Gestalt.</p> + +<p>Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten +zurücktrat, gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska +eine Einladung erhielt. Obwohl sie seit Wochen solche +Festlichkeiten zu besuchen vermieden hatte, folgte sie diesmal +<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu erwägen. +Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges +Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht +wie auf dem Bild. Es war, sie zweifelte nicht daran, +dasselbe weiße, glatte, schmale, ruhige und vollkommene +Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren dieselben +verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es +war dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende +Glanz auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, +sogar mit demselben Smaragd am Finger.</p> + +<p>Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte +einen Klumpfuß, und seltsam, gerade dieser Körperfehler +war es, der in ihr das Gefühl der Identität bestärkte. So +wird ja oft ein Gleichnis eben durch das Unerwartete +zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte +Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese +einander gegenüber standen. Franziska hatte natürlich schon +von Riccardo Troyer gehört, von seinem Reichtum, von +seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine verführerische +Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann +fast wie ein Prophet und nicht wie ein Reisender +und Fremdling von unbekannter Herkunft. All das bedeutete +ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier empfunden.</p> + +<p>Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es +kaum. Sie spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und +von unwiderstehlicher Gewalt Umschlungene. Es verlangte +sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und sie ersuchte die +Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den folgenden +Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich +<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>in dem Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, +daß ihr Auge sie nicht im geringsten betrogen hatte. +Besonders wenn er den Blick emporgeschlagen auf sie heftete, +hatte sie Mühe, den Lebendigen von seinem gemalten +Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in höchstem +Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die +unheimliche Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg.</p> + +<p>Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute +ihm grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. +Sie riß sich von allem los, was sie kettete, von Menschen +und von Dingen. Nachdem es beschlossen war, daß sie mit +ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie zum letzten Mal +den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg aufhielten, +war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den +Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff +das Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte +und gab sie, in einer ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis +eines Zusammentreffens, und das Jahr, das sie als +Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen Schicksalen +zum voraus beschwert.</p> + +<p>In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt +auf. Was sie an Schmuck und barem Geld besaß, gab sie +Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer mitnehmen, ein Mädchen, +das ihr seit langem sehr ergeben war, doch Riccardo +engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin +und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem +Anlaß über Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte +Hingebung machte ihn stutzig. Man ist fester an eine Sklavin +gefesselt als an eine Geliebte. Sie zu ernüchtern, fand er +<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er Übung darin besaß, +Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. +Er war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, +kein Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer +Schule. Seit zwanzig Jahren zog er als Rattenfänger durch +die Städte. Er hatte seine Agenten, seine Herolde, seine bezahlten +Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und Kupplerinnen +von den untersten bis in die obersten Schichten der +Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend +wie die eines Mannes der großen Politik, und +meisterhaft war seine Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, +andererseits zu verbergen. Er war fein und verschlagen, +seine Menschenkenntnis war das Resultat der +Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen +Literaten. Er betörte durch eine vornehme und hintergründige +Schweigsamkeit, durch blendende Einfälle, durch eine +edelgehaltene Melancholie. Was er trieb, war Raub, Plünderung, +Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn +der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph +des Gesetzes anwendbar war, da sie das Opfer in +eine Schuldige und den Verbrecher beinahe in einen Helden +verwandelte. Sein Metier forderte von ihm nichts, als daß +er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig Jahre +wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, +der in stürmischen Erlebnissen gereift ist.</p> + +<p>Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, +nichts von seinem Charakter, nichts von seinem +Leben, nicht, woher er stammte. Der, den sie liebte, +war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An +<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung +und übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte +einer Fata morgana des Herzens. Die Lust jedes Herzens +ist Aufschwung. Einmal in jedem Dasein erreicht das Herz +seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden eingeschläfert, +war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre +der großen Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es +der geknebelte Dämon, rasch ehe der Tod der Jugend ihn +ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung getan. Der +Sturz war gräßlich.</p> + +<p>Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, +daß keine seiner Künste ihm irgend welchen Vorschub bei +ihr geleistet hatte, zerbrach sich den Kopf über die Gründe +ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war es so leicht +gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu +enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun +Hilflose preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres +Jagdrevier zu suchen. Mit Franziska lag der Fall +umgekehrt. Sie betrachtete ihn manchmal mit Blicken, als +ob sie sich an einen wende, der hinter ihm stand. Unwillkürlich +suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die +Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was +ihm je begegnet war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut +verließ. Der Nebel vor ihren Augen zerstreute sich, +es kam ein quälendes Besinnen und Verwundern: bin ich +es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit beklagenswerter +Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum +unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie +einer sicheren Verheißung; es wurde heller, glühender, +<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>wirkender in der Erinnerung, sie klammerte sich daran als +an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und keine List, keine +Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das Geheimnis +entreißen.</p> + +<p>Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, +die sie ihm entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre +Verschlossenheit nicht. Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten +Augen weckten in ihm das böse Gewissen. Um jeden +Preis wollte er erfahren, was es damit für eine Bewandnis +hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn +nicht, auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, +nur Hülle, Phantom. Der Betrüger fühlte sich betrogen, +der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er sie von seiner +Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich war, +bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen +hing. Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben +tiefer sank als er zu sinken wähnte, unter sich selbst +hinab, daß sie es war, die ihn dazu trieb, und ihre Verzweiflung +war namenlos. Er wurde roh; er wurde pöbelhaft. +Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel +war es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von +ihm zu trennen. Seine grünen Augen erloschen für einen +Moment. Es ist gut, antwortete er und ging. Am selben +Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach Turin +gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes +bis zu seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit +ohnehin benommen, willigte Franziska ein. Riccardo +übergab ihr eine Kassette zur Aufbewahrung, die mit +den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er nach drei +<a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den +Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da +sie es forderte, begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte +den Schrank auf und griff nach der Kassette. Die Sinne +vergingen ihr; das Kästchen war so leicht, daß sie sofort +wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? +was war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die +Wohnung nicht verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte +sie ihm die Kassette. Riccardo blickte sie mit großen, +starren Augen an, deren Brauen immer höher wurden. +Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein Schlüsselchen +aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; +die Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die +Hände vor die Brust und lehnte sich wortlos gegen die +Wand. Indessen begab sich Riccardo leise pfeifend ins +andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie vernichtet +in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf +und packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, +stammelte sie. Er lachte ihr ins Gesicht. Seine +Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich für gewillt, meinen +Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?« fragte er +höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, +denkst du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem +Gut verhälfe? Gibt es einen Weg, so bin ich Manns +genug, ihn zu finden. Immerhin steht die Sache so«, fuhr +er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine +den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das +Zehnfache übersteigt; es handelt sich um eine Millionensumme. +Ich bin ruiniert. Wundere dich also nicht, wenn +<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest, und +so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze +sind.« Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht +aus diesen Worten; sie entgegnete nichts; die Erstarrung +ihres Herzens verhinderte sie am Weinen. Ehe der Tag +zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur +Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an +Bord eines Schiffes, das nach Marseille fuhr.</p> + +<p>Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem +Haus außerhalb der Stadt, in dem es bei Tage friedlich +herging, aber in der Nacht kamen Herren aus der Stadt +und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel. Riccardo +mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt +wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne +emporstieg, saß er allein und überzählte gleichmütig seinen +Gewinnst. Oft vernahm Franziska in ihrem Gemach heiser +streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens zu +mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag +ein junger Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der +Gartenmauer, und sie sah, wie seine Genossen ihn zu einem +Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein andermal +hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie +sich seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte +sich. Er riß sie mit teuflischer Kraft vom Lager herunter +und hob den Arm gegen sie. Sie lächelte todessüchtig vor +sich hin. In diesem Augenblick war die Erkenntnis, daß +die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals empfunden, +sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer +als alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. +<a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>Sie tat ein prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem +Gesicht hinunter. Ihr Anblick machte die Wüstlinge +stutzig. Madame ist krank, hieß es, und Riccardo raste, als +sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache führte +er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien +des Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu +sein er sie zwang. Eines Nachts verließen sie fluchtartig +diese Hölle und wandten sich nach Paris. Er schleppte sie +in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte mit Menschen +sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er +wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie +in den Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, +weil er sich nicht von ihr lösen konnte. Er genoß ihre +Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel, wenn sie neben +einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände +faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er +ihr auch die ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, +die in finsterer Kammer ihren Anbeter erwartet hat und +dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet; sage +mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören, +mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet +hast, und ich gehe meiner Wege, denn es wurmt mich +schon, daß du mich so nackt gemacht hast.« So redete er +zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner Existenz +verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer erniedrigen +zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige +und furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit +erschien ihr wie einem Verbrecher die makellose Jugend +erscheint. Sie war eines Entschlusses nicht mehr fähig. +<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat. Vieler +Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift; +einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit +oder Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem +Nachtmar ihrer Seele; sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet +und ganz in seiner Gewalt.</p> + +<p>Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten +das Auge leuchtete, das sie verlockt, das Antlitz, das sie +beglückt. Gab sie das Geheimnis preis, so war sie selbst +leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine verschwunden +waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es +geschah aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo +erlauschte es. Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner +Brust. Es war als wollte er sie auseinanderreißen, um +es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus dem +Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese +Zeit nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa +an der bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. +Und einmal fuhr er mit ihr in einem Boot auf dem Meer; +es kam ein Sturm, sie wurden abgetrieben, sie schienen +verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren Häuptern, +der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins +Boot gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das +Gesicht und schweigend heftete er den Blick auf Franziska. +Den Tod vor Augen, dumpf und willenlos, sagte +sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe, bevor +ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest +du alles begreifen, mein Leben und vielleicht auch +deines, und diese Stunde, und was bis zu dieser Stunde +<a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>geschehen ist.« Und mit kurzen Worten berichtete sie noch, +wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er hatte sich +dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das +Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er +schüttelte den Kopf und lachte spöttisch, dann griff er +wieder zu dem Ruder und arbeitete mit Riesenkraft; sie +wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich ihm +langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach +unsäglichen Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen.</p> + +<p>Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische +Dienerin sagte, er sei abgereist. Franziska freute sich +des Friedens nicht. Sie wandelte ohne Rast durch die +Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer. +Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und +die Riccardo zu sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge +gegeben. Die Dienerin, der Koch und der Gärtner +verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen gekündigt +und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska +war allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, +daß sie das Haus nach Verlauf von drei Tagen räumen +müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht worauf. Am letzten +Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt. +Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und +verfiel in schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze +vor sich hingestellt, die brannte langsam nieder und verlosch +mit leisem Zischen. Der Schlag der Wellen schallte +durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am Himmel. +Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten +hatte sie des Schlafes entbehrt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>War es denn ein Schlaf? Sie sah den Weg, den +Riccardo genommen. Die Neugier, die ihn trieb, hatte +etwas Geisterhaftes. Er war zu dem Bildnis geeilt. Er +wollte das Bildnis in seinen Besitz bringen. Verkleidet +ging er hin; sie sah ihn feilschen, hörte ihn lügen; man +war froh, für das obskure Gemälde einen nennenswerten +Preis zu erhalten, man wunderte sich über die Laune des +Händlers. Dann stand er irgendwo vor einem Spiegel und +daneben das Bild. Sie sah, wie er suchte, wie er grübelte, +wie er förmlich hineinkroch in das fremde Antlitz, und wie +sich seine Neugier in Spott verwandelte, und wie er hinübergrinste +zum andern Pol der Welt, ins Auge des großen +Liebenden, er, der große Dieb, den eine Verirrte um +das eigene Ich bestohlen hatte.</p> + +<p>Jetzt aber öffnete sich die Tür, und er trat ein. Trug +er nicht das Gemälde? Stellte es auf das Tischchen und +lehnte den Rahmen an die Mauer? Er zündete eine Lampe +an. Sein totenbleiches Gesicht war triumphierend über sie +geneigt. Sein Hauch umwehte sie, seine Hand umtastete sie, +sie schlug die Augen auf. Sie sah sein Gesicht, sie sah es, +wie es wirklich war. Es war alt, es trug die Spuren häßlicher +Sorgen und allerlei Art von Angst und gemeiner +Beflissenheit. Eine Kruste von Anmut und Geist, dahinter +Täuschung, Betrug und Lüge; eine Grimasse von Leidenschaft; +die reine Form zerstört, von niedrigen Gelüsten, +wie verbrannt, wandelvoll im Schlechten, aufgerissen bis +zu einer Tiefe, in der noch Schmerz um das verlorene +Göttliche lag, kein Zug ähnlich jenem Bilde, fremd, erbarmungswürdig +fremd. Ihr Kummer, ihr nachdenkliches +<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>Erstaunen wich einem Gefühl der Freiheit, das so lange +umkrampfte Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette fiel +von den Gelenken, sie besaß sich wieder, sie preßte die Stirn +in die Hände und konnte weinen. Und er blieb stumm +wie einer, der gerichtet ist, der nicht mehr zu fragen braucht +und der einen unabänderlichen Weg geht.</p> + +<p>Es war kein Schlaf; sie hörte das hohle Aufstoßen +seines Klumpfußes, als er sich entfernte, und später rollten +draußen die Räder eines Wagens. Sie kauerte auf +dem Teppich, und ihre Wange ruhte auf den gelösten +Haaren. Es war kein Schlaf; die Lider öffnend, erblickte +sie einen leeren goldenen Rahmen, der gegen die Mauer +lehnte, und auf dem Boden das zerfetzte Porträt des +schottischen Edelmanns. Sie nahm die vier Teile, legte sie +zusammen und betrachtete sinnend das entseelte Bild. Es +war Leinwand, mit Ölfarbe bemalt. Es glich einem Kleid, +das einst von einem geliebten Toten getragen worden war.</p> + +<p>Ein Bauer brachte ihr Gepäck zum Bahnhof. Sie hatte +noch so viel Geld, um in die Schweiz reisen zu können. +Ein einziges Schmuckstück von größerem Wert war ihr geblieben, +ein Ring; diesen veräußerte sie in Genf, und lebte +zwei Monate in einem Dorf am See. Als der Sommer und +damit das schicksalsvolle Jahr zu Ende ging, erinnerte sie +sich der Verabredung mit den Freunden. Es war, als stiegen +aus einem Abgrund der Vergessenheit Gestalten aus +einer früheren Existenz empor. Die Mittel zur Reise gewann +sie durch den Verkauf einiger Toiletten.</p> + +<p>Und so war sie gekommen.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a></p> +<h2><a name="Aurora" id="Aurora"></a><em class="gesperrt">Aurora</em></h2> + + +<p>Es war dunkel geworden, aber keiner unter den Zuhörern +wünschte das Licht einer Lampe. Von den unteren +Räumen herauf, – sie befanden sich in einem Zimmer des +ersten Stockwerks, das an Franziskas Schlafgemach stieß, +– schallte die gemessene, doch wie es schien, ziemlich erregte +Stimme Emils. Lamberg erhob sich, um ihm Ruhe +zu gebieten, da trat er schon herein und wollte sprechen. +»Der Affe«, war sein monomanisch erstes Wort, aber Lamberg +unterbrach ihn und verwies ihn zum Schweigen. Er +machte Licht, und trotz ihrer inneren Benommenheit und +der Blendung ihrer Augen durch die jähe Helle fiel den +Freunden das verlegene und unruhige Gehaben des Mannes +auf. Emil wagte nichts mehr zu sagen, und leisetreterisch, +wie es seine Art war, denn er trieb die Rücksicht bis an +die Grenze der Untugend, verließ er das Zimmer.</p> + +<p>Fürst Siegmund hatte sich erhoben; merklich erregt +wanderte er einige Male auf und ab; seine sonst etwas +schlaffen Züge hatten einen gespannteren Ausdruck, die Augen +unter den lässig schweren Lidern funkelten bisweilen +hastig ins Unbestimmte hinein, und etwas leidenschaftlich +Verhaltenes drückte sich auch in seinen Händen aus, die +auf dem Rücken lagen, und deren Finger nervös und fest +ineinander verflochten waren. Borsati saß ganz in sich geduckt +auf seinem Stuhl. Die Teilnahme auf seiner Miene +hatte etwas Rührendes, weil kindlich Befangenes; er gehörte +zu jenen Naturen, denen das Mitleid für eine ihnen +teure Person unbehaglich, fast demütigend ist, und die daher +<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>dieses Mitleid auf irgend eine Weise in Trotz, in +Zorn, in Empörung gegen die Welt umsetzen. Eine solche +Verwandlung war hier gehemmt durch das Gefühl eines +kaum zu besiegenden Erstaunens, eines Erstaunens, das +von Wißbegier entfacht war. Denn was bedeuteten die +Worte, die Ereignisse? was erklärten sie? eines höchstens: +daß die Möglichkeiten des menschlichen Herzens ohne +Grenzen seien. Und diese Franziska, die aus den kleinen +Umständen eines kleinen Bürgerhauses mutig und heiter +ihren vergnüglichen Gang in die Welt angetreten hatte, die +zu genießen und zu vergessen wußte, weil Genuß ihr Element +und der beflügelte Wechsel, dessen anderer Name +Treulosigkeit heißt, ihre Kraft war, diese Frau hatte +im schall- und lichtlosen Bezirk eines Geisterspiels verbluten +müssen? Was hatte sie so verfeinert? was so entherzt? +was so in die Tiefe gezerrt? was so geadelt? Leben +allein? Leben und Liebe? Todesgewißheit?</p> + +<p>Von ähnlichen Gedanken war sicherlich auch Lamberg +bewegt, dessen Gesicht eine ruhige und stolze Würde nie +entbehrte, wo es sich darum handelte, Schicksal und Menschheit +vom einsamen Beobachterposten aus aneinander zu +messen. Cajetan starrte mit seinen dumpfen Augen sonderbar +abwesend vor sich hin. Ihm war, als habe er eine +Dichtung vernommen. Das Geschehene war so weit, Schmerz +nur eine Kunde, die Hingeschleuderte ergreifende Figur, +Bericht von alledem Rhythmus und Melodie; wie schön +zu wissen, im Verborgenen und Offenbaren das unerbittliche +Gesetz zu verehren, und Wege zu schauen, auf denen +die Duldenden und die Geopferten schritten, und andere +<a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>Wege, wo die Priester und die Richter gingen! Sein beschäftigter +Blick streifte mehrmals das Gesicht Hadwigers, +der die Hand an der Stirn, die Lippen gepreßt, sehr bleich +und gleichsam im Innersten verstummt, den Freunden und +sich selbst entzogen war, und immer wieder kehrte er dann +den Blick ein wenig erschrocken zur Erde. Franziska mochte +nicht mehr länger unter dem Druck des Schweigens bleiben. +Sie richtete sich empor, und wie sie plötzlich zu lächeln +imstande war, erinnerte daran, daß sie eine Schauspielerin +gewesen. Cajetan sprang auf, ging rasch zu ihr hin und +küßte ihr die Hand. Sie blickte ihn prüfend an und schüttelte +den Kopf, halb verwundert, halb dankbar. »Jetzt, wo +ich mich so sicher unter euch fühle«, sagte sie, »wo jeder +Tag etwas so Wahres hat, jedes Wort etwas so Menschliches, +kommt es mir vor, als hätt ich das Jahr garnicht +wirklich gelebt; ich spür es bloß, denken kann ichs nicht, +freilich, glauben muß ich es. Aber wir wollen nicht darüber +sprechen«, fuhr sie lebhafter fort, »ihr habt es hingenommen, +und nun laßt es wegziehen wie eine Wolke.«</p> + +<p>Die Freunde erwiderten nichts. Fürst Siegmund nickte, +atmete tief auf, vermied es aber, Franziska anzuschauen. +Diese wandte den Blick gegen Hadwiger, und ihre Stimme +hatte einen bittenden Klang, als sie sagte: »Heinrich, du +weißt wohl nicht mehr, daß du mir einen Lohn schuldig +geworden bist?«</p> + +<p>Hadwiger zuckte zusammen. »Was für einen Lohn?« +stieß er kurz und heiser hervor.</p> + +<p>»Soll ich dir dein Versprechen vorhalten?« entgegnete +sie mit erzwungener Leichtigkeit im Ton.</p> + +<p><a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a>»Ich habe dir ein Versprechen gegeben, das ist wahr«, +murmelte Hadwiger, indem er unwillig einen Nachdruck +auf das Anredewort legte.</p> + +<p>»Und doch bist du die Einlösung uns allen schuldig,« +beharrte Franziska, »denn du hast viel geschwiegen, während +wir uns verschwenderisch mitgeteilt haben.«</p> + +<p>»Ich habe ja nicht herausfordern, ich habe mich nur +verstecken wollen,« gab Hadwiger unruhig zurück.</p> + +<p>»Als Herausforderung konnte es auch nicht aufgefaßt +werden«, nahm Cajetan Partei, »aber in jeder Gesellschaft +und Geselligkeit errichtet der Schweigende gewisse Schranken, +auch genießt er dadurch, daß er sich niemals bloßstellt, +einen Vorteil, den zu rechtfertigen seiner Einsicht und Courtoisie +überlassen werden muß.«</p> + +<p>»Na, so kritisch hab’ ich mir meine Situation nicht vorgestellt«, +erwiderte Hadwiger mit humoristischem Anflug. +»Ich begreife überhaupt nicht, wie ihr auf den Verdacht +kommt, daß ich etwas zu erzählen haben könnte.«</p> + +<p>»Jetzt windet er sich schon«, bemerkte Borsati lächelnd, +»gebt acht, daß er nicht entschlüpft.«</p> + +<p>»Daß etwas in deinem Leben ist, wovon du niemals +sprichst, noch gesprochen hast, das weiß ich, Heinrich«, sagte +Franziska sanft. »Du hast es oft angedeutet, und wider +Willen, scheint mir. Wir verlangen ja nicht ein Abenteuer, +nicht eine beliebige Geschichte, auch nicht eine Enthüllung. +Wir, oder wenigstens ich, ich möchte wissen, was es ist, +worüber du so stumm bist, daß es förmlich aus dir schreit. +Sieh, wer weiß, wann und ob wir je wieder so aufgeschlossen +beieinander sind. Mir kommt vor, heute ist ein +<a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a>Abend, wie sie selten sind im Leben. Sprich nur, du sprichst +zu Freunden.«</p> + +<p>»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung +ausschließen«, wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als +flüchtiger Gast habe ich allerdings keine Rechte, nicht einmal +das Recht zu bitten, aber ich würde es zu schätzen +verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht beengend +oder störend erschiene.«</p> + +<p>»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte +Lamberg, und etwas spöttisch fügte er hinzu: »er wird +umworben wie der große Medizinmann; wäre er nicht er +selbst, er müßte eifersüchtig werden.«</p> + +<p>Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für +Neckereien, schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen +den Kopf gegen ihn, und Lamberg verbeugte sich lächelnd, +zum Beweis, daß er sie verstanden habe. Hadwiger bemerkte +das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die +Enge getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne +des Sessels mit beiden Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge +scheu, und die Muskeln seiner Wangen zuckten. Die alte +Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen Schlägen. Er +wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an.</p> + +<p>»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte +einer Nacht; freilich einer Nacht, die länger als +drei Monate dauerte. Was vorher geschah, kann ich nicht +übergehen, auch von meiner Jugend muß ich einiges berichten.</p> + +<p>Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, +scheint es mir, als ob die Luft, die ich als Kind atmete, +<a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>immer schwarz gewesen wäre. Wir waren neun Geschwister; +sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine Mutter +überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich +eine zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. +Mein Vater war ein Mittelding zwischen einem Spekulanten +und einem Fantasten; je nach seinen Projekten +wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer Blick +der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger +standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem +Streik der Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer +zu wirken und zu vermitteln suchte, geriet er in +ein Handgemenge und wurde von einem Schlag so unglücklich +getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte einen +Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich +sah, daß ich in der Heimat wenig Förderung erwarten +konnte, und ich beschloß, nach England zu gehen, ein Vorhaben, +das unerschütterlich war, obwohl ich nicht einmal +die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete +ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, +war Austräger bei einer Zeitung und Gehilfe bei einem +Photographen und legte Pfennig um Pfennig beiseite, bis +ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise brauchte. +Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir +angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos +in London herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte +mir eine Empfehlung mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; +sie war mir von keinem Nutzen.</p> + +<p>Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders +läßt es sich nicht erklären, daß ich damals nicht versunken +<a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>bin. Aber es ist nicht entschieden, ob uns überstandene +Not und Entbehrungen frommen. Manche behaupten, es +sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend +zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das +Wort. Ich sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde +und habe kein Bett. Mit verschlagener Freundlichkeit redet +mich ein halbwüchsiger Bursche an; er führt mich zu einem +Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine Münze, +und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes +Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; +dort sind fünf oder sechs Lagerstätten und mehr als ein +Dutzend Burschen und Mädchen, darunter auch Kinder. +Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich falle +auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir +im Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge +geraten. Die fünf Schillinge, die ich noch in der Tasche +gehabt, sind am Morgen fort. Ich sehe mich in einem Hof +nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in einem +Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel +versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger +Stoffe eine Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer +feuchten Wand und muß die Gesellschaft eines delirierenden +Mulatten und eines prahlenden Krüppels aus Südafrika +ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; +sein Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm’ ich +im Halbschlaf ein Schluchzen; ich finde in der Küche ein +junges Mädchen. Sie liegt auf dem Strohsack und weint +sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus Deutschland +herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante +<a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen +aus dem Haus. Sie nennt mir die Adresse einer Verwandten, +die in Whitechapel wohnt, und von der sie daheim als +von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist sich, +daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, +von denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling +hat eine frische, hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl +gewähren, wenn sie aufzutreten und Lieder zu singen bereit +ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll, werde Türsteher +bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang +defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an +mir vorüber, meine Augen sind voll von den Grimassen +des lachenden Elends, meine Ohren voll von herztötendem +Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters, die ich einatmen +muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig. +Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche +Mädchen, das ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe.</p> + +<p>Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, +um welch hohen Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot +erworben habe. Denk ich an die Türen, vor denen ich gestanden, +die Stuben, in denen ich gewohnt, die Betten, in +denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich eingesargt +in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter +war; denk ich daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, +an die verzweifelte Plage, an die Müdigkeit, an das +hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an den nervenzerrüttenden +Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die +Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, +deren Opfer der Stumme wird, gegen die eigene +<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>Schwäche, die nicht so sehr Unvermögen ist als Fesselung +und der Mangel rettender Zufälle; denk ich daran, daß ich +zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten Parks +gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier +im Käfig tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir +aufwuchs und meine zwanzig Jahre gleich einem Aussatz +zerstörte, – denk ich wieder daran, so will ich kaum glauben, +daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich, der +hier sitzt und es als etwas Fernes schildert.</p> + +<p>Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus +und Furcht gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, +ihre Eile, ihr Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, +– sie erdrückten mich. Mir schien, daß alle vorhandenen +Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr +finden könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in +der Welt sei und als ob mich die Fülle der Dinge sozusagen +bei lebendigem Leib begraben hätte. Ich hatte keinen +Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders ausdrücken, +und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach +einer bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die +Menschen haßte ich, sondern auch all ihre Einrichtungen, +das Zwangvolle und mich Erdrosselnde der gesellschaftlichen +Ordnung, den Staat, die Kirche, die Schule, die Zeitungen, +sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug, es weiter +auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich +zur Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, +und was noch an Kraft und natürlichem Temperament in +mir steckte, das faulte gleichsam ab, verpestet von dem Anhauch +meiner unterirdischen Existenz.</p> + +<p><a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war +mir damals gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf +zu nähern; ich hatte die Stelle eines zweiten Maschinisten +auf einem der kleinen Themse-Dampfer. Der Dienst +verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt +zu sehen, und den Abend wie den größten Teil der +Nacht verbrachte ich in einer Taverne bei den East-India-Docks. +Ich hatte um jene Zeit einen jungen Russen kennen +gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war Rachotinsky. +Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der +Verbannung am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der +Schlüsselburg gestorben, zwei Schwestern und ein Bruder +hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein Gemüt war +düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren +Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. +Ich wußte nichts von seinen Plänen, er war trotz +aller Beredsamkeit verschwiegen; hätte er mich zu einer +Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen geopfert. +In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit +einigen seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander +russisch sprachen, merkte ich an ihren Mienen, daß +sie nicht leeres Stroh, sondern volle Ähren droschen. Eines +Abends geschah es, daß einer der russischen Flüchtlinge +mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in +dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender +Körper durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche +Mischung von bleich und schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, +von Kraft und atemlosem Gehetztsein hatte ich +noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die Frau als +<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, +was eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin +der Helden, die Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine +Idee, von der wußte ich nichts. Es fiel mir auf, daß das +herrliche Geschöpf tastend in den Raum trat. Wir erfuhren, +daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet +worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber +und Bedrücker ihres Vaterlands durch einen Revolverschuß +getötet. Im Gefängnis hatte man sie mißhandelt, +ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und +ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, +daß er sie durch zwei seiner Kreaturen des Augenlichts +berauben ließ. Das Verbrechen wurde in der kleinen Gouvermentsstadt +ruchbar, eine allgemeine Revolte brach aus, +ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es +gelang, sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden +war sie in England angekommen, aber die Polizei war +ihr auf den Versen, die russische Regierung forderte sie +unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre des politischen +Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht +gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; +die Russen waren höchst erregt, und während sie Natalie +Fedorowna wie eine Schutzgarde umgaben, zeigten ihre +Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky, indem er +auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen Stillschweigen, +jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares. +In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen +zwei Männer, die durch ihr Aussehen und ihre Mienen +meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt hatten. Ihre +<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben +unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, +die man hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas +an ihnen, der Blick vielleicht, oder eine Geste und nicht +zuletzt ein edler und geistiger Ausdruck der Züge verkündeten +Menschen aus einer fremden Welt. Und so war es +auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den +Kreis um Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in +französischer Sprache an. Ein tiefes Befremden und im +Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe Überraschung malten +sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine Leidensgenossen; +diese verhielten sich gegen seine Worte stumm +und sahen zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände +und ließ den Kopf sinken. In diesem Augenblick erschien +mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr Leiden so über alles +Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen fühlte, +ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang +empor, ich trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine +Empfindungen müssen derart gewesen sein, daß sie keinem +verborgen bleiben konnten, denn ich bemerkte viel Wohlwollen +in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky legte +den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden +weiter. Indessen hatte sich auch der Genosse dieses +Unbekannten zu der Gruppe begeben, und als ich den +näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein Anzug nur eine +Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut +eine angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare +Allüren des Mannes von Stand nicht verdeckt werden +konnten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese +beiden Männer zu sagen ist, die in meinem Leben eine so +wichtige Rolle spielten. Sir Allan Mirmell und sein Freund +Trevanion waren Leute von großem Reichtum und aus alten +Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen +Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, +sie war von sublimer Art. Man findet ein so +sensitives und zugleich erleuchtetes, so umfassendes und +zugleich beflügeltes Wesen des Geistes fast nur bei jungen +Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die als +Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen +und so bar der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten +einen umso bewunderungswerteren Schwung nehmen +könnten. Allan Mirmell, in der Mitte der Dreißig +stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war +durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts +verschmähte, nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen +geschwelgt, zu denen das Gold, der Wille +und die Passion führen. Er hatte verschwendet, Mut verschwendet, +Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. +Er hatte alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, +die Gedanken- und Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit +und innere Anarchie zu begehen vermögen. Ihm +war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein Frieden +heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er +plötzlich müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein +Ekel, den zu beschreiben ich kaum wage; der das Himmelreich +bespie und in der Menschenwelt eine Kloake sah; der natürliche +Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle +<a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was +brennen wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom +Tag und die Nacht suchte, die Einsamkeit und das Grauen. +In dieser Gemütsverfassung hatte er den jungen Trevanion +gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund am Freund +zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe ätherisch. +Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war +eine Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, +ohne Windstoß. Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, +den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt, denn seine Seele +war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war +er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende +Echo aller Anklagen und Verdammungen.</p> + +<p>Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins +kamen, zu uns herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem +Schmerz, in ähnlichem Haß, wenn schon aus anderer +Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und Überdruß, +hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; +die Endpunkte der sozialen Welt. Sensationskitzel und +Lust an der Selbsterniedrigung treiben diese reichen und +satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen des Lasters +und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in +den Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in +vielen Fällen ihr Leben riskieren, wenn sie nicht Meister +in der Verkleidung und äußeren Verwandlung sind. Aber +nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch einen Besuch +in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells +Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er +hatte Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch +<a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>von ihm gelesen. Nächtelang beobachtete er ihn und seine +Gefährten. Der Anblick dieser Erniedrigten und Ausgestoßenen, +von denen Jeder Freiheit, Vermögen, Lebensgenuß +und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm +Vorwurf und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie +Fedorownas, die durch ihr Wesen wie durch die Aufnahme, +die sie fand, alles Geschehene erraten ließ, bewog +ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das +Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen +in seinem Haus aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen +würde, sie zu suchen. Rachotinsky und seine Freunde überlegten +den Vorschlag, der unter der Bedingung akzeptiert +wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten +und zunächst bei ihr bleiben solle.</p> + +<p>Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur +schlecht unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord +Natalie Fedorownas zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky +hatte mich zwei oder dreimal nach dem Landhaus +Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die +Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck +auf mich; ich gewahrte nur sie; Tag und Nacht +war sie mein einziger Gedanke. Einer der Russen sagte, +daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky +gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen +Zauber auf sie geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren +Kummer, ihre Besudelung, ihre Blindheit quälend zu Bewußtsein +gebracht. Aber was eigentlich vorgegangen war, +habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß nach +der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im +<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>Hause Mirmells bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche +Situation unhaltbar wurde. Auf mich wirkte Natalie +Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen Dienst auf +und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. +Eines Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, +ob ich außer Landes gehen wolle. Mirmell, Trevanion +und er seien entschlossen, der Kulturwelt den Rücken zu +kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein +zu entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher +gingen die Weltmüden in ein Kloster«, sagte er, »wir +wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die Natur selbst +ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden +Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod +erleben, im Tode leben und das Leben erkennen, Gott +aufbauen in unserer Seele und nie mehr nach den Menschen +Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd +sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an +einem Altar. Ich werbe dich für unsern Bund, dies Recht +habe ich mir ausbedungen, und ich sehe nichts, was dich +sonst retten könnte.«</p> + +<p>Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem +Verhungern nahe, eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen +Sinn ich zunächst wenig beachtete, doch die Möglichkeit +zu existieren. Mirmells Schiff, eine stattliche Yacht, +lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß dorthin. +Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet +hatte, führte mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser +begrüßte mich schweigend und bemerkte dann gegen Rachotinsky, +er möge Sorge tragen, daß ich an nichts Mangel +<a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a>leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, +und es begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir +unbekannt war. Von der Seekrankheit verschont, wurde +ich in anderer Art krank, und ich weiß heute noch nicht, +unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen litt. +Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es +kommt ja vor, daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch +abgearbeitet haben, plötzlich sterben, wenn Mühe +und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in die Luft. +Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen Rachotinsky +und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich +auf Deck in der Sonne gebettet war oder bei schlechtem +Wetter im Raum. Kraft seines mystischen und durchdringenden +Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten Einfluß +über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der interessantesten +Männergesichter, die ich je gesehen. Seine +Züge waren hager und von äußerster Feinheit; seine Haut +war glatt und weiß wie Email; das Kinn stark, die Lippen +dünn wie ausgepreßte Früchte; die allzuklaren Augen begegneten +nie dem anschauenden Blick, obwohl sie nicht zur +Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf. +Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. +Er war immer in seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky +trieb mit ihm geologische Studien aus Büchern und +Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes, das wir an +Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am +Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine +Knabengestalt ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell +konnte ich mich ohne eine knechtische Regung nähern, und +<a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a>dieses Überbleibsel meiner proletarischen Vergangenheit +schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame Leiden erweckten +kameradschaftliche Empfindungen.</p> + +<p>Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen +Teil des atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, +lange westlich, dann wieder südwärts. Wir liefen die +am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel an, +aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, +wurde durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn +Mirmell und Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit +zu fliehen. Wir suchten die Nimrod-Insel, deren Existenz +jedoch heute noch nicht sichergestellt ist, und als dies erfolglos +war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge +schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das +Meer von Packeis bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, +in denen der Dampfer freie Fahrt hatte. Wir überquerten +den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald +auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der +Antarktis. Ich war um jene Zeit wieder gesund geworden. +Ich wurde nicht müde, diese neue Welt zu betrachten; der +immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es war Mitte +Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging +nicht unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, +und der Kapitän und der erste Maat wagten es, auf die +Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff, das für solche +Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell +blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in +ihm ein Ingrimm und eine Lethargie, die alle praktischen +Maßregeln mißachteten. Er glich dem Ritter der alten Sage, +<a class="page" name="Page_309" id="Page_309" title="309"></a>der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt anschickt. Daß +er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys +unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein +Blick schien zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, +die ihn von allem trennte, was ihn ehedem gefesselt hatte. +Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte an seine Worte: +wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott +aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang +ließ mich schaudern, und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben.</p> + +<p>Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste +Eis halt gebot, und warteten, da wir der Küste näher zu +kommen hofften. Am zweiten Tag sprengte der Sturm die +gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste heran. +Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und +suchten einen Platz für den Bau einer Hütte und eines +Vorratshauses. Es erwies sich, daß das Schiff mit allen +Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt in unzugänglicher +Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten +transportierten die Matrosen Balken und Bretter +an den Strand; darnach die Betten, die Tische, die Stühle, +die Bücher, die Kleidungsstücke, die Hunderte von Kohlensäcken, +die zahllosen Proviantkisten mit Konserven, Früchten, +Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen +Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch +Steinblöcke und Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän +des Schiffes Sir Allan um eine Unterredung. Der wackere +Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte warnen zu müssen; +ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen +<a class="page" name="Page_310" id="Page_310" title="310"></a>die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er +beredt die Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich +nicht um eine Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; +er erteile ihm den Auftrag, nicht früher als nach Verlauf +von fünf Jahren wieder an diese Küste zu kommen, um sich +zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der +Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte +diesen Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft +und verpflichtete sie allesamt zum Stillschweigen; so +lange keine Kunde in die Welt drang, sollten Kapitän und +Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern Fall +hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, +sie zu entlassen. In der zweiten Woche nach unserer +Ankunft waren alle Arbeiten beendigt, und das Schiff verließ +uns. Wir standen am Rand des Eises und blickten +ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und +seine Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte.</p> + +<p>Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten +in mir erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung +in mir zu erzeugen; die Gegenwart bändigte mich, +das Unentrinnliche umschlang mich wie ein sichtbarer Kreis; +es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu verantworten, +zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir vorging, +diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung +gegen das Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen +Zustand; ich muß mich damit begnügen, die folgenden +Ereignisse zu erzählen.</p> + +<p>Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch +Forschungen die Überzeugung gewonnen, daß auf dem +<a class="page" name="Page_311" id="Page_311" title="311"></a>Kontinent der Antarktis ausgebreitete Kohlenlager vorhanden +seien, und er hatte die etwas fantastische Absicht, +diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für +die unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar +zu machen. Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen +versehen, lange Wanderungen und brachte allerlei +Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die Gefangenschaft +in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung +seiner ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der +freiwillig gewählten Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung +von der menschlichen Gesellschaft auf eine wunderbare +Weise erglüht, und ich fragte mich umsonst, was es +wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken +erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem +Müßiggang hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte +Stunde erschöpfend für Körper und Geist. Jeder +hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter war, für +das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich +begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, +und Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, +diese gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen +Wesen innerhalb der gebundenen Ordnung ihres +Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie uns mit +dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille +glich, ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit +gröblichen Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten +mit zeremoniöser Ehrfurcht gegeneinander verneigten, +ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen pflogen! Sie +glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so +<a class="page" name="Page_312" id="Page_312" title="312"></a>sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz +von Verwandlung gaben, etwas von Bann und Schuld +und Harren auf Erlösung. Nicht selten schloß ich mich +auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen, Diatomeen, +Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, +oder in die kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, +oder Wolken und Felsen zeichnete oder mit der Spirituslampe +in die stalaktitischen Eishöhlen hinabstieg. Noch lieber +wanderte ich allein über Schnee und Eis und schaute zum +bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, +und über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle +stumpfte das Zeitgefühl ab und man ging wie in der Ewigkeit, +die auch keinen Wechsel von Tag und Nacht hat. +Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, +und die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen +den Ozean schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen +zu bevölkern, und diese gedehnten Laute klangen wie das +Stöhnen eines Tieres in den Wehen der Geburt. Fern +über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich +wie ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; +die Nähe der mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen +Erdflamme ließ mich bisweilen vergessen, daß ich ein +wollender und müssender Mensch war. Ich erblickte den +mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen +langen Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, +und im Süden, gegen das Ende der Welt, sah +ich viele Berggipfel, zahllose Kuppeln, die jungfräulichen +Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen, durchsichtigen +Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und stärksten +<a class="page" name="Page_313" id="Page_313" title="313"></a>Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur +hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu +sein; sie sprach nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie +handelte nicht, sie <em class="gesperrt">war</em> bloß.</p> + +<p>In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um +unser gefrorenes Reich; auch an dem Steigen der Kältegrade +merkten wir, daß es Winter wurde. Es kam die +Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden Horizont +berührte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten +in der Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild +übereinander geworfener Purpurtücher. Das ganze Schneegefild +hinter uns ward zum Spektrum, das in Billionen +Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft glühten die seltenen +Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden, +und wir standen vor der Hütte, frierend bis ins Mark, +und warteten, bis die letzten Protuberanzen der Sonne erloschen +waren, – und damit alles Leben. Es wurde Nacht. +Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte schon Übles, +als, da ich Licht anzündete, Trevanion unablässig in die +Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich +nie vergessen werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und +seelenvoller Besorgnis.</p> + +<p>Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich +darf sagen, daß wir einander lieb gewonnen hatten. Wir +verstanden und achteten einander. Es wurde über vieles lebhaft +und gut gesprochen, und ich verdanke dieser Zeit die +reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und +Aufschlüsse. Tag um Tag, Stunde für Stunde mit denselben +Menschen dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein +<a class="page" name="Page_314" id="Page_314" title="314"></a>aller Lebensäußerungen, Beobachter jedes Schweigens und +jeder Geberde, das heißt einander kennen lernen. Und +schließlich kannten wir einander so genau, daß wir die +Worte hörten, ehe sie gesagt wurden, daß wir auf dem +noch unbewegten Gesicht die Stelle angeben konnten, wo +ein Lächeln, eine Erinnerung, ein Unbehagen die stereotypen +Falten einkerben mußten, ja, daß wir die Verschiedenheit +in der Biegung und Länge einzelner Wimpernhaare +gewahrten, und häufig richtete man während eines Gesprächs +das Augenmerk gespannter auf gewisse Eigentümlichkeiten +der Miene und Geste als auf Frage und Antwort. Jeder +war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen und +Überraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam +in stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die große +Nacht einbrach, herrschte oft ein bedrohliches Schweigen +unter uns, aber wir konnten die verwundeten Nerven durch +Tätigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt unmöglich. +Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte, +konnte man draußen nicht weilen, und wenn der Schneesturm +wütete, war man in Gefahr zu ersticken, ehe man +sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte. Wir waren +also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die +dauernde Dunkelheit verdüsterte das Gemüt nachhaltig. +Das matt schwelende Licht in unserm Wohnraum ward +zu einem beständigen Druck auf das Auge und das Gehirn. +Die Kälte war so fürchterlich, daß wir trotz unablässigen +Heizens die Temperatur der Hütte nicht über drei +Grad Reaumur brachten. Unsere Ausdünstungen und die +Dämpfe der Speisen hatten sich an den Wänden als Eisverkleidung +<a class="page" name="Page_315" id="Page_315" title="315"></a>niedergeschlagen, und das oben erwärmte Eis, +das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der infolgedessen +ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken +nicht unter dem Anprall des Orkans ächzten und klapperten +und die auf das Dach geschleuderten kleinen Steine +quälend und eintönig klopften, versetzte uns die Stille der +Natur in einen Zustand, daß wir hätten schreien mögen, +um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den +Ohren, sie ließ den eignen Herzschlag wie den Lärm aus +einer Maschinenhalle erscheinen, sie brüllte aus der Finsternis, +sie verscheuchte den Schlaf und verursachte angstvolle +Einbildungen des Gehörs. Ich vermute, daß wir nur aus +Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollständig +sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anlässen böswillig +in die Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften, +da hob Allan Mirmell grimmig die Faust gegen mich, +Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief mit verschlungenen +Händen und gefletschten Zähnen auf und ab. Und +aus welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht darüber +einigen können, ob der Kapitän von Mirmells Schiff +blaue oder graue Augen besaß. Wir konnten den Klang +unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst zitterte bei +der gleichgültigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno +begann erst, als eines Abends, – es gab Abende, die +letzten bleiernen Stunden verwachter Nacht-Tage, – als +eines Abends Trevanion, der lesend am Tische saß, ein +weißes Tuch über sein Gesicht hängte. Unser Anblick erregte +ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche +Empfindung. Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten, +<a class="page" name="Page_316" id="Page_316" title="316"></a>einander zu zerfleischen. Täglich um dieselbe Zeit derselbe +Vorgang in gesteigerter Abscheulichkeit! In einer solchen +Stunde wurde Trevanion von Grauen überwältigt, er hüllte +Kopf und Rumpf in den Pelz und stürzte hinaus. Mich +erfaßte Besorgnis um ihn und nachdem ich die nötige +Schutzkleidung ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische +Spur vor der Hütte zeigte, daß er gegen den Gletscher hinaufgegangen +war. Über dem Schnee lag eine schwache grünliche +Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die Kälte fraß +wie ein Brand.</p> + +<p>Plötzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen +von Licht bewegten sich von Südost nach Südwest und +schienen unablässig neue Lichtstärken von Südost zu holen. +Sie warfen blendende Strahlen zur Erde, und die Farben +wechselten von weiß zu grün und gelb. Ich spürte nichts +mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Phänomen +gab mir ein Gefühl des Schwebens. Da erblickte +ich Trevanion. Er schaute regungslos in das glühende +Firmament. Mich überrieselte es eigen, als ich den entgeisterten +Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete +meine Nähe mehr als daß er mich sah; er streckte den +Arm gegen das Südlicht und fragte flüsternd, ob ich die +Gestalt gewahre. Was für eine Gestalt? flüsterte ich zurück. +Mit ungestümer Geberde deutete er. Ich folgte der +Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er preßte die +Hände zusammen und drückte sie auf seine Brust. Natalie, +hauchte er, Natalie ist es. Wieder überlief es mich. +Wir standen auf dem Kirchhof der Welt, und er sah +die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und +<a class="page" name="Page_317" id="Page_317" title="317"></a>flehentlichen Stimme nannte er unaufhörlich den Namen +Natalies. Der Gletscher begann im Schein der Aurora rötlich +zu leuchten. Und nun war es mir selbst, als erblickte +ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog mich nur hin. +In ihrem Körper rann durchsichtiges Blut. Aus dem bläulichen +Gewand erhoben sich mädchenhafte Schultern. Ihre +Hände, obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der +Abwehr. Ihr Antlitz enthüllte sich nur allmählich wie ein +Stern aus Nebeln. Die Züge waren leidend, aber voll von +einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir können sie nicht erreichen, +sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat, +schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm +zieht auf, drängte ich ihn und wies auf einen weißlichen +Dunst, der im Süden lag und sich mit unheimlicher +Schnelligkeit ausbreitete.</p> + +<p>Man mag die übernatürlichen Kräfte skeptisch beurteilen; +Man leugne oder erkläre sie; sicher ist, daß jeder Organismus +unter bestimmten Voraussetzungen ihrer Einwirkung +unterliegt und dann gleich einem Körper, der seinen +Schwerpunkt verloren hat, der gewohnten Bahnen spottet. +Wir hatten die Gemeinschaft der Menschen aufgekündigt, +des Anrechts auf Liebe uns begeben; wir hatten nicht bedacht, +daß dort, auch wenn sich das Geschick in Bitterkeit +und Haß erfüllt, dennoch ein Strom schwebender Möglichkeiten +den Einzelnen umgibt, Möglichkeiten der Liebe, +und daß magnetische Berührungen seine Seele ungewußt +mit dunkler Zuversicht nähren. Hier aber schuf ein tiefer +Wille in uns das Phänomen der Liebe aus dem Nichts; +die Verzweiflung gebar ein Schemen, das über uns Gericht +<a class="page" name="Page_318" id="Page_318" title="318"></a>hielt, die beleidigte Menschheit nahm Rache. Mirmell +und Rachotinsky waren verhältnismäßig nüchterne +Charaktere, und gerade sie wurden von der Frauengestalt +im Feuerschein der Aurora australis am unwiderstehlichsten +gepackt, denn sie sahen, was Trevanion und ich gesehen +hatten, es brauchte kaum einen Hinweis, ihr Geist war +vorbereitet, ihre Fantasie durch peinigende Wünsche, Wünsche +des Schlafs, des Traums und des dumpfen Wachens, +Wünsche, wie sie nur der kasteite Leib hegen kann, längst +entschlossen, das Unfaßliche zu ergreifen. Es war ein erotischer +Wahnsinn, der uns hintrieb. Mit Grauen gestehe +ich, daß wir eifersüchtig aufeinander waren. Bei den folgenden +Malen entfaltete sich der Glanz der Aurora immer +glorioser. In einem mächtigen Bogen flammte das +Licht bis zum Zenit und erreichte im Sternbild des Zentauren +seine größte Intensität. In jeder Nacht gingen wir +aus, um die Aurora zu sehen; schweigend und vermummt +marschierte jeder seinen Weg. Aber allzuoft blieb das Firmament +schwarz und nur das ferne Feuer des Vulkans +lohte rauchverdüstert. Bisweilen stand in wolkenreiner +Höhe der Mond wie eine Magnesiumlampe. Die ganze +Landschaft glich einer Mondlandschaft. Ich fühlte mich so +unirdisch, so außer mir, so nah den letzten Grenzen! Orion +und der herrliche Sirius drehten sich in großem Kreis. In +der siebenten Nacht erblickten wir die Aurora zum dritten +mal. Es war milderes Wetter, und die Vision zeigte sich +in starkem Kontur. Wir wanderten keuchend den Gletscher +hinan, Trevanion allen voraus. Er schien mir das Wesen +eines Somnambulen zu haben. Er war in dieser Zeit so +<a class="page" name="Page_319" id="Page_319" title="319"></a>verinnerlicht, daß sein Lächeln wie ein flüchtiger Aufenthalt +zwischen Schlummer und Tod wirkte. In seinen Augen +wohnten eine Anbetung, eine transzendente Leidenschaft, +daß ihn zu betrachten schmerzlich war. Auch in den finstern +Nächten suchte er weit draußen auf dem heimtückischen +Rücken des Gletschers; einmal hörte ich ihn laut, mit erschütternden +Tönen, schreien; er schrie nach ihr. Ihn verlangte +nach der Umarmung der Eisjungfrau, und am Morgen +sagte er zu mir: wenn sie nicht blind wäre, Henry, +sie würde ein Mittel finden, daß ich zu ihr gelangen könnte. +Allan Mirmell verfiel auf eine besorgniserregende Art, als +ob ein Gift an ihm zehre. Er tappte wie ein Greis. Licht, +Licht, murmelte er oft, wenn er aus dem Schlaf emporschrak. +Die anstrengenden Märsche nach dem Wohnsitz der +bleichen Aurora warfen ihn schließlich entkräftet aufs Lager. +Zu meinem Entsetzen bemerkte ich auch an Rachotinsky +alle Anzeigen einer krankhaften Melancholie. Stundenlang +kauerte er betend auf den Knieen. Er wusch sich +nicht mehr; Schmutz, Ruß und Unrat bedeckten ihn. Wodurch +ich mich aufrecht erhielt, kann ich nur schwer sagen. +Es war Hoffnung in mir. Diese Hoffnung wurde von Tag +zu Tag stärker. Und es war noch etwas anderes als Hoffnung, +es war Sehnsucht. Immer wenn ich die Aurora sah, +schritt ich durch eine Halle aus Eissäulen, an deren Ende +mich die belebte Erde grüßte. Die Blinde, die Unerreichbare, +das zarte Gebild aus Strahlen und Kristall lehrte +mich, daß ich mich selbst lieben solle, mich in den Menschen, +mich in der Welt. Der Strahlenbogen, dessen eines +Ende sie trug, erschien mir wie eine meisterlich geschwungene +<a class="page" name="Page_320" id="Page_320" title="320"></a>Brücke, die den Abgrund der Finsternis überwölbt. +Da stand es fest in mir, daß ich Brücken über Abgründe +bauen wollte, wirkliche, ja, wirkliche Brücken. Und während +ich im Weglosen wanderte, dem blendenden Licht +entgegen, wuchs in mir die Lust, Wege anzulegen, denn +daß ich ehemals keine Wege mehr für mich gehabt, das +lag daran, daß ich keine geschaffen. Das erkannte ich jetzt. +Wege überwinden die Trägheit; je mehr Wege desto mehr +Bewegung, desto mehr Wille, desto mehr Umwandlung. +Auf den Wallfahrten zur Aurora habe ich den Gedanken +an Brücken und Wege lieben gelernt, und dies bewahrte +mich vor dem Verderben.</p> + +<p>In der letzten Nacht vor dem Aufgang der Sonne sah +ich Trevanion zum letztenmal. Dämmerung lag auf dem +Eis. Der Gletscher zuckte, Krämpfe in seinem Innern zerbogen +seine kalte Hülle. Auch der Vulkan grollte, und die +Schwefelfumarolen auf dem Gipfel waren von gelben Dünsten +umzogen. Trevanion war an meiner Seite, als das +Südlicht aufflammte, nur in mattem Schein freilich, bloß +wie zum Abschied. Noch ehe es verblaßt war, rief ich +Trevanion zu, wir müßten hinunter laufen, der Blizzard +sei im Anzug. Er schüttelte den Kopf und beachtete meine +Warnung nicht. Er ging weiter. Ich wußte nicht, ob ich +ihm folgen oder mich in Sicherheit bringen sollte, und blieb +unentschieden stehen. Der Sturm fing an zu brausen, da +sah ich, daß Trevanion, der schon ziemlich weit oben war, +jählings verschwand. Offenbar war eine Schneebrücke geborsten, +und er war in die Spalte gestürzt. Ich suchte die +Stelle im Gedächtnis zu behalten, denn nacheilen konnte +<a class="page" name="Page_321" id="Page_321" title="321"></a>ich ihm nicht, die Atmosphäre verfinsterte sich rasch, ich +warf mich flach auf den Boden, und um nicht fortgeschleudert +zu werden, klammerte ich meine Arme um einen +Eisblock. Es war eine Raserei in den Elementen, die das +Herz zum Stocken brachte. Trotzdem waren meine Gedanken +nur mit Trevanion beschäftigt; es war, als ob sich ein Tor +im geheimnisvollen Haus der Aurora geöffnet hätte, um +ihn einzulassen. Wie lange ich regungslos und mit Anspannung +aller Kräfte so lag, weiß ich nicht; als die Heftigkeit +des Orkans geringer wurde, kroch ich auf Händen und +Füßen gegen die Hütte hinab, und erst als ich den Schutz +einer Felswand erreicht hatte, wagte ich mich zu erheben.</p> + +<p>Rachotinsky, von einem mechanischen und beinahe verbissenen +Pflichtbewußtsein an das Lager Mirmells geschmiedet, +der mit dem Tode rang, war nur mühsam zu +überreden, mich auf den Gletscher zu begleiten. Wir warteten, +bis der Sturm vorüber war, dann gingen wir, mit +Stricken versehen, hinauf. Meine lauten Rufe blieben unbeantwortet. +Das Schneetreiben hatte jede Spur verwischt. +Wohl entdeckte ich in der Richtung, in der Trevanion +verschwunden war, eine offene Spalte, aber sie war breit, +ein bodenloser Schlund. Ich schrie hinab, ich warf den +Strick hinab, umsonst. Da sagte Rachotinsky, der an einer +mächtigen Eisplatte lehnte, mit heiserer Stimme: »Die +Sonne«. Ein glühendes Segment tauchte über dem Horizont +empor. Alles Land war von einem brennenden Scharlach +übergossen.</p> + +<p>Wie viele Tage vergingen, bis das Schiff in Sicht kam, +dessen entsinne ich mich nicht mehr. Ich entsinne mich bloß, +<a class="page" name="Page_322" id="Page_322" title="322"></a>daß ich fest überzeugt war, es müsse kommen, fest überzeugt, +mein Schicksal sei an der Wende angelangt. Eine +zweite antarktische Nacht hätte ich nicht überlebt. Was +sich an Bereitschaft in mir gesammelt hatte, durfte und +konnte nicht betrogen werden. Das Geschick ist mir verschuldet, +sagte ich mir, und ich trotzte ihm die Entscheidung +ab. Allan Mirmell war schon längst unter die Erde +gesenkt, als sein Schiff an der Küste anlegte. Der Kapitän, +tief besorgt um unser Los und den Entschluß seines Herrn +als eine traurige Verirrung betrachtend, hatte es einfach +riskiert, den erhaltenen Befehlen zuwider zu handeln. Es +war hohe Zeit, daß sie kamen; ich war nahe daran, in +Gesellschaft des schwermütigen und schweigenden Rachotinsky +verrückt zu werden. Als ich das Deck des Schiffes +betrat, hatte ich das Gefühl von Auferstehung. Man fragte +nach unseren Erlebnissen. Rachotinsky konnte nicht antworten; +er hatte den Verstand verloren. Was mich betrifft, +so war ich unfähig, etwas anderes mitzuteilen als die +äußerlichsten Vorgänge, die sich in drei Sätzen wiedergeben +lassen. Ich habe niemals und zu keinem Menschen darüber +gesprochen bis auf den heutigen Tag. Ich bat den Kapitän, +mich in Sydney in Australien ans Land zu setzen, und dort +habe ich mein Leben von vorn angefangen.«</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_323" id="Page_323" title="323"></a></p> +<h2><a name="Der_Affe_und_der_Spiegel" id="Der_Affe_und_der_Spiegel"></a><em class="gesperrt">Der Affe und der Spiegel</em></h2> + + +<p>»Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe +ich selten mit so triftigem Grund gebrauchen hören«, sagte +Cajetan, als Hadwiger geendet.</p> + +<p>»Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden +sein«, fügte Borsati hinzu, indem er einen langen milden +Blick auf Hadwiger heftete.</p> + +<p>»Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich, wie +reich, wie groß ist doch das menschliche Dasein!« rief Cajetan +ergriffen. »Ich fühle mich in einer Stimmung wie jener +Bramarbas auf der Plassenburg. Man möchte sich manchmal +wirklich zum Ertrinken tief hineinstürzen. Aber man +muß schwimmen können, das seh ich wohl ein. Und eine +umpanzerte Seele braucht man«.</p> + +<p>»Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz«, +sagte Lamberg ernst.</p> + +<p>Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar glänzenden +Blick an, als wolle er antworten: wißt ihr es denn? habt +ihr es denn erfahren, ihr Reichen, Reichgeborenen, Verwöhnten, +ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum, Freiheit +und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken. +»Es gibt auch eine mittelbare Art zu leben und +zu erleben«, meinte er; »obschon sie nicht so zwingt, zum +Entschluß nicht und zur Verwandlung nicht, ist sie oft doch +viel schmerzlicher, – dem unverschlossenen Herzen nämlich, +das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet, +so zerteilt in die wechselnden Lose, daß es nicht einmal +<a class="page" name="Page_324" id="Page_324" title="324"></a>zu einer Tat der Selbstbewahrung mehr die Kraft hat. +Das heißt mit gefesselten Gliedern dem Moloch überliefert +werden.«</p> + +<p>»Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein Märchen?« +wendete sich Fürst Siegmund an Hadwiger, »ist es nicht +wunderbar, daß Sie hier, von einer freundlicheren Natur +umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie zum +erstenmal von jenen außerordentlichen und weittragenden +Begebenheiten erzählen? Ich täusche mich vielleicht, oder +ich kann meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck +verleihen, aber für mich hat dies etwas von einer Spiegelung, +etwas, das sinn- und bedeutungsvoller ist, als Sie +selbst im Augenblick denken. Das Wort ist nicht immer +bloß ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol +der Erkenntnis und Erhöhung.«</p> + +<p>»Sie haben Recht, Fürst«, versetzte Cajetan, »und das +ist auch weitaus das Schönste, was man darüber sagen +kann.«</p> + +<p>»Und das Schönste, was man dafür tun kann«, ließ +sich jetzt Franziska hören, die bis zu diesem Moment ganz +verloren vor sich hingeschaut, »ist, daß wir ihm den goldenen +Spiegel geben«.</p> + +<p>»Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird«, +erwiderte Lamberg lächelnd und quittierte mit einer reizend +chevaleresken Geberde die stumme Zustimmung Cajetans +und Borsatis. Hadwiger stand auf, errötend wie ein Schuljunge. +»Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich«, fuhr Georg +Vinzenz ermahnend fort, »wir lassen uns einen solchen +Anlaß zur Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie müssen +<a class="page" name="Page_325" id="Page_325" title="325"></a>warten, bis Ihnen die Trophäe mit den gebührenden Zeremonien +überreicht wird.«</p> + +<p>»Vortrefflich«, lachte der Fürst, »da bekommen wir am +Ende gar noch eine Rede zu hören«.</p> + +<p>»Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet«, +fuhr Lamberg fort; »wer von uns kann ihn von nun ab +in die Hand nehmen, ohne eine Fülle von Gesichten und +Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und +wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. +Sie ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen +und Männer, Tiere, Schiffe und Häuser, Seefahrer und +Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und Bauern, +Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge +und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler +und Dulder, der Zufall, der Traum und das Wunder, +alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies Gewebe +von Schicksalen gesponnen haben, war bemüht, den Partner +zu übertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war +die Rede. Es war kein Werben, es war ein Verschenken. +Und wir sprechen Ihnen, Heinrich, den Spiegel zu, weil +Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen Innern +geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch +mein Bedürfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.«</p> + +<p>Cajetan und der Fürst klatschten Beifall, Hadwiger blieb +mit gesenktem Kopf stehen. Lamberg schritt zur Türe und +drückte auf den elektrischen Knopf, um von Emil den Spiegel +heraufholen zu lassen. Der Fürst verabschiedete sich indessen +von Franziska. Sie sprachen mit leiser Stimme. Da der +<a class="page" name="Page_326" id="Page_326" title="326"></a>Diener nicht kam, läutete Lamberg noch einmal, und als +auch dies vergeblich war, öffnete er ungehalten die Türe, +um zu rufen. Nun erschien an Emils Statt die Köchin +und teilte ihrem Herrn ziemlich erregt mit, der Affe sei +entflohen und Emil verfolge ihn. »Entflohen? es ist ja +Nacht«, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person +auszuforschen. Es stellte sich heraus, daß Quäcola +schon am Nachmittag, um die Zeit, da der Fürst gekommen, +den goldenen Spiegel aus dem Speisezimmer entwendet +hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr aufgebracht +gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht, +in allen Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden, +zwei Stunden lang und ohne eine Spur von ihm zu finden. +Schließlich sei er auf den Balkon hinausgetreten, und da +sei nun Quäcola in einem Winkel ganz zusammengekauert +unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den +er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil +habe versucht, ihm den Raub zu entreißen, doch der Affe +habe ihn bösartig angeknurrt und sich überhaupt so betragen, +daß man sich habe fürchten müssen. Da habe Emil +die Peitsche geholt und habe die widerspenstige Bestie geschlagen. +Quäcola habe wütend gefaucht, sich über das +Geländer geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem +Haus hinabgeklettert und gegen den Wald hinauf gerannt. +Und Emil sei nun hinter ihm her.</p> + +<p>»Jetzt? in der Finsternis? im Wald?« fragte Lamberg +erstaunt. Die Freunde, Franziska und der Fürst hatten +dem Bericht mit Neugier und Verwunderung gelauscht. +Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg meinte, es +<a class="page" name="Page_327" id="Page_327" title="327"></a>sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Flüchtling +heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Grütze +im Kopf, um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen. +Die andern erklärten sich bereit, ihm beizustehen. Fürst +Siegmund äußerte lächelnd sein Bedauern über den Zwischenfall; +er fragte, ob er Leute herüberschicken solle, die mit +Fackeln den Wald absuchen könnten; Lamberg dankte und +antwortete, er hoffe, daß Quäcola den Aufenthalt unter +den feuchten Bäumen von selbst unbehaglich finden und +zum Gehorsam zurückkehren werde. Voll Herzlichkeit drückte +der Fürst allen die Hand und ging.</p> + +<p>Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die +drei Freunde auf den Weg. Als sie sich fünfzig Schritte +oberhalb der Villa befanden, kam ihnen Emil aus dem +dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder Mütze +und keuchte erschöpft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche, +deren Schnur an den Stiel gebunden war, +augenscheinlich zu dem Zweck, um sie als Lasso benutzen +zu können. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht +des Dieners, und er sah, daß es voller Blut war; Zweige +und Buschwerk hatten ihm die Haut zerrissen. »Sie haben +das Tier nicht gefunden?« fragte Lamberg. Der unglückliche +Mensch konnte nicht reden, er zuckte verzweifelt die +Achseln. »Und Sie wissen genau, daß Quäcola den Spiegel +bei sich gehabt hatte, als er entwischte?« Emil nickte. +»Das ist es ja eben«, stammelte er, »das ist ja die Niedertracht; +er wollte mich in Schuld bringen, er wollte mich +dem gnädigen Herrn verhaßt machen. Die Herren müssen +das begreifen«, wandte er sich aufgeregt und fast schreiend +<a class="page" name="Page_328" id="Page_328" title="328"></a>an die Freunde, »der Schabernak war auf mich gemünzt, +mich wollte das Vieh verderben ...«</p> + +<p>»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg +mit Unwillen den sich ausbreitenden Redeschwall.</p> + +<p>»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener +zaghaft.</p> + +<p>»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere +nächtliche Unternehmung aussichtslos. Warten wir den +morgigen Tag ab.«</p> + +<p>Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung +zugab, wollte er noch einen Gang in den Wald tun. Er +rief den Namen Quäcola hundertmal, und ein sanftes Echo +antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch +pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft +zu haben wünschte. Nach einer halben Stunde +kehrte er enttäuscht um und löschte am Waldrand die Laterne, +da inzwischen der Mond aufgestiegen war. Sehr verspätet +nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es +wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska +müde, die andern überließen sich ihren Betrachtungen. +Der Diener hatte sich zu Bett begeben müssen; bei der +Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet, und ein Fieberfrost +schüttelte den armen Affenhasser.</p> + +<p>Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über +Waldpfade und Felsensteige entdeckten die Freunde den +Affen. Er lag am Ufer des Sees, der Unterkörper im +Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf einem +Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß +er sich oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden +<a class="page" name="Page_329" id="Page_329" title="329"></a>Wand herabgestürzt war. Lamberg setzte sich an die +Seite des Leichnams und sagte: »Schaut doch nur sein +verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher Kummer +drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter +Quäcola! Auch du hast unter der Dummheit leiden müssen, +auch aus dir hat sie einen Märtyrer gemacht. Deine +roten Höschen und dein blauer Frack sehen närrischer aus +als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den Affen, +und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele +beherbergt hat.«</p> + +<p>Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert +den Kopf.</p> + +<p>Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg +ließ die ganze Gegend durch Scharen von Bauernkindern +absuchen, doch ohne Erfolg. Es mußte angenommen werden, +daß während seines Sturzes dem Affen der Spiegel +entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle +sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne +Kostbarkeit dem Bestand menschlicher Schätze für immer +geraubt.</p> + +<p>Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben +Abend in die Stadt zurück, Cajetan und Borsati erst zwei +Tage darnach.</p> + +<hr class="thoughtbreak" /> + +<p>Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der +zwischen Weinbergen sein herbstliches Laub aufflammen +läßt. Es ist ein später Nachmittag, und die Hügel flimmern +im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine leidenschaftlich +klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen +<a class="page" name="Page_330" id="Page_330" title="330"></a>zwei lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die +einander die Hand gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen +Gemach liegt Franziska; Hadwiger, das Gesicht +in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom umleuchteten +Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die +Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich +auf ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen +gestrebt. Vorüber, ach vorüber! Sie aber empfindet die +Stunde voll, nicht nur wegen der Musik, die aus dem +Nachbarzimmer klingt, – es ist, wie wenn ein Namenloser +sie spielte, – sondern auch wegen der Musik, die harmonisch +ihrem Innern entquillt. Denn es ist ihr bewußt, +daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende gelebt hat; so +bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten Hinüberbeugens +bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen +gleich einer Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit +beginnt. Auch ist ihr bewußt, daß manche trauern werden, +denen sie viel gewesen ist, und einige weinen werden, die +sie geliebt haben.</p> + +<p class="ende"> +<em class="gesperrt">Ende</em> +</p> + +<div class="column_left"><p>Begonnen: April 1907</p></div> +<div class="column_right"><p class="right">Beendet: Mai 1911</p></div> +<div class="clear" /> +</div> + + + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_331" id="Page_331" title="331"></a>[Kapitelfolge]</p> --> +<!-- <p><a class="page" name="Page_332" id="Page_332" title="332"></a>[Blank Page]</p> --> + + +<div class="advertisements"> + +<p><a class="page" name="Page_333" id="Page_333" title="333"></a></p> +<h1><em class="gesperrt">Werke von Jakob Wassermann</em></h1> + + +<h3>Die Juden von Zirndorf</h3> + +<p>Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet +4 Mark, in Leinen 5 Mark.</p> + + +<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3> + +<p>Roman. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen +7 Mark 50 Pfennig.</p> + + +<h3>Der Moloch</h3> + +<p>Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet +4 Mark, in Leinen 5 Mark.</p> + + +<h3>Der niegeküßte Mund – Hilperich</h3> + +<p>Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.</p> + + +<h3>Alexander in Babylon</h3> + +<p>Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfennig, in +Leinen 4 Mark 50 Pfennig, in Leder 6 Mark.</p> + + +<h3>Die Schwestern</h3> + +<p>Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder +3 Mark, in Leder 4 Mark.</p> + + +<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3> + +<p>Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, in Leinen +6 Mark.</p> + + +<h3>Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens</h3> + +<p>Roman. Neunte Aufl. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.)</p> + + +<p class="publisher"><em class="gesperrt">S. Fischer, Verlag ∗ Berlin</em></p> + + +<p><a class="page" name="Page_334" id="Page_334" title="334"></a></p> +<h2>Die Juden von Zirndorf</h2> + +<p>Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, +Jakob Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman +»Die Juden von Zirndorf« in einer neu bearbeiteten Ausgabe +herausgegeben, der die Kürzungen trefflich zustatten gekommen +sind. Ein merkwürdiger Roman, diese »Juden von Zirndorf«. +Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen +und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und +zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. +Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm +selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch +sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann +eine starke, jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, +der namentlich in dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, +welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen Messias +Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert +behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen +ist.</p> + +<p class="right">(Neue Zürcher Zeitung)</p> + + +<h2>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h2> + +<p>Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung +und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung +der Frauen, »die alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, +die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal, erleben und nicht +länger leibeigen sein wollen«. – Seit dem »Grünen Heinrich« +Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter und tiefsinniger +Roman erschienen.</p> + +<p class="right">(Die Zukunft)</p> + + +<h2>Der Moloch</h2> + +<p>Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, +die ihm zugrunde liegt, bedeutend durch die psychologische und +gestaltende Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß +und breit angelegten, lebensvollen Gemälde gestaltet hat!... +Man kann schon aus dieser gedrängten Inhaltsangabe ersehen, +daß es sich hier vorwiegend um ein psychologisches Problem +handelt; der Verfasser hat dieses Problem in der Tat auch vollständig, +<a class="page" name="Page_335" id="Page_335" title="335"></a>seinem Wesen entsprechend, psychologisch behandelt, und +zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Ja, so groß ist des +Autors Kunst seelischer Schilderung, daß der Leser alle die Vorgänge +mitzuerleben glaubt und sie in Wahrheit mitempfindet.</p> + +<p class="right">(Berner Bund)</p> + + +<h2>Der niegeküßte Mund – Hilperich</h2> + +<p>In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst +eine mehr als respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische +Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit, wie wir +ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele besitzen. +Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute Haltung im Sinne +der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in den Verhältnissen abgewogen +ist, wie anmutig und doch streng die Linie fließt, wie +der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, Ausführung +und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät +einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein +viel Talent. In dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen +zu machen, so wenige, daß man sie verschweigen darf +und erklären: der künstlerisch Genießende, der Kenner, wird hier +sein volles Genügen finden.</p> + +<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p> + + +<h2>Alexander in Babylon</h2> + +<p>Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von +Alexanders Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode +wird uns erzählt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer +Ausmalung und mit ebenso kühner als intensiver Psychologie. +So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman, +und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der Geschichte +als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische +Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, sowohl +durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch +seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört +zu unsern schönsten deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel +verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf solche +Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.</p> + +<p class="right">(Neue Freie Presse, Wien)</p> + + +<p><a class="page" name="Page_336" id="Page_336" title="336"></a></p> +<h2>Die Schwestern</h2> + +<p>Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine +Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und +zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind +es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten +Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Glänzen uns hier nicht +Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem Lebenswege +vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues +Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir +tragen? Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine +holde Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst +gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten +und Ahnungen durchzuckt.</p> + +<p class="right">(Hannoverscher Kurier)</p> + + +<h2>Die Masken Erwin Reiners</h2> + +<p>Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte +der modernen Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man +wird ihn als einen alles Wesentliche zusammenfassenden und +reflektierenden Spiegel des zügellosen Individualitätsstrebens +betrachten, das doch das entscheidende Merkmal unserer modernen +Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel +in dem Roman, die wie das Morgenrot einer neuen Klassik +anmuten.</p> + +<p class="right">(Westermanns Monatshefte)</p> + +<p>Wassermanns Künstlertum wird immer geklärter und reifer. +Der klangvolle Fluß der Sätze, einer altgoethischen Prosa, hat +in den »Masken Erwin Reiners« eine souveräne Kraft und Freiheit. +Die Linie der Handlung erhebt sich planvoll und unverwirrt, +wie noch in keinem Buche Wassermanns.</p> + +<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p> + + +<p class="printer">Druck von Poeschel & Trepte in Leipzig</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1912 bei S. Fischer erschienenen achten Auflage erstellt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand +sich ursprünglich am Buchende.</p> + +<p> +[Widmung]: And yet my songs comes native -> song<br /> +p 039: chmierte -> schmierte<br /> +p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten<br /> +p 063: von morens bis abends -> morgens<br /> +p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte<br /> +p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt<br /> +p 109: [Anführungszeichen ergänzt] wen haben Sie im Verdacht?«<br /> +p 136: [Trennung] die als Schall-loch diente. -> Schalloch<br /> +p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt<br /> +p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert<br /> +p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel<br /> +p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd<br /> +p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen<br /> +p 224/225: [Trennung] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte<br /> +p 232: [Anführungszeichen] äußerte er: »Ich habe ...«-> ›Ich habe ...‹<br /> +p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ<br /> +p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter<br /> +p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich<br /> +p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung<br /> +p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach<br /> +p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung<br /> +p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst<br /> +p 335: [Punkt ergänzt] durch pragmatische Verwicklungen.<br /> +p 336: [Punkt ergänzt] zum realen Leben datieren.<br /> +</p> + +<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurden prinzipiell beibehalten.</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the eighth +edition published in 1912 by S. Fischer. The table below lists all +corrections applied to the original text. The Table of Contents was +moved from the back of the book to the front.</p> + +<p> +[Widmung]: And yet my songs comes native -> song<br /> +p 039: chmierte -> schmierte<br /> +p 040: ließen sie sich nieder und beten -> beteten<br /> +p 063: von morens bis abends -> morgens<br /> +p 063: beschwatzte er Freunde und Bekannten -> Bekannte<br /> +p 064: mit Feuer angefülllt sei -> angefüllt<br /> +p 109: [added quotes] wen haben Sie im Verdacht?«<br /> +p 136: [hyphenation] die als Schall-loch diente. -> Schalloch<br /> +p 155: Wenn du ehrlich bist, muß du -> mußt<br /> +p 185: erinnnert mich an ein Abenteuer -> erinnert<br /> +p 206: wie eine Magnetnagel -> Magnetnadel<br /> +p 219: Gruß lächend dankte -> lächelnd<br /> +p 221: Einundzwanzig Jahre waren verfloßen -> verflossen<br /> +p 224/225: [hyphenation] Inzwischen faul-lenzte er -> faulenzte<br /> +p 232: [nested quotes] äußerte er: »Ich habe ... «-> ›Ich habe ... ‹<br /> +p 246: Herr von Wrech lies sich nicht beirren -> ließ<br /> +p 253: ließ er den Hernhuter vor -> Herrnhuter<br /> +p 274: so dünkt es es mich -> dünkt es mich<br /> +p 310: nicht um eine Uberwinterung -> Überwinterung<br /> +p 316: bewegten sich von Südost noch Südwest -> nach<br /> +p 324: etwas von einer Spiegesung -> Spiegelung<br /> +p 324: als Sie lelbst im Augenblick denken -> selbst<br /> +p 335: [added period] durch pragmatische Verwicklungen.<br /> +p 336: [added period] zum realen Leben datieren.<br /> +</p> + +<p>The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have +been maintained.</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der goldene Spiegel, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE SPIEGEL *** + +***** This file should be named 19611-h.htm or 19611-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/6/1/19611/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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