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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Charles Fourier + Sein Leben und seine Theorien. + +Author: August Bebel + +Release Date: October 21, 2006 [EBook #19596] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARLES FOURIER *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<CENTER> +<H1>Charles Fourier</H1> +<H2>Sein Leben und seine Theorien.</H2> +<PRE> + + +</PRE> +<H2>Von</H2> +<H1>A. Bebel</H1> +<PRE> + +</PRE> +<H5>Stuttgart<BR> +Verlag von J. H. W. Diek<BR> +1890 +</H5> +</CENTER> + +<BR /> +<HR class="full"> +<BR /> + +<H2>Vorrede.</H2><BR /> + +<P> + +Das achtzehnte Jahrhundert zählt in der Geschichte der +Entwicklung der Menschheit zu jenen Perioden, auf denen der Blick des +Kulturforschers und Fortschrittsfreundes mit besonderem Interesse +ruht. Nach den religiösen, politischen und sozialen Kämpfen +des Reformationszeitalters war, wie das stets nach großen Volks- +und Massenbewegungen zu geschehen pflegt, eine Art Stillstand und +Rückschlag für die Fortentwicklung eingetreten. Die durch +die Reformationsbewegungen zur Geltung gekommenen Stände und +Interessen suchten sich zu konsolidiren und die daraus hervorgehenden +Reibungen führten wieder zu gewaltsamen Kämpfen und +Erschütterungen von mehr oder weniger langer Dauer, die alle +übrigen Interessen absorbirten, den materiellen wie den geistigen +Fortschritt der Massen für lange Zeit hemmten. + +</P><P> + +In Deutschland hatte die Reformation dem Landesfürstenthum +Oberwasser verschafft. Die Landesfürsten hatten die Reformation +benutzt, um unter dem Deckmantel der Religion die eigene Hausmacht +nach Möglichkeit zu stärken dadurch, daß sie den +kleinen Adel sich unterthänig und von sich abhängig machten, +die Macht der Geistlichkeit brachen, sich selbst die bischöfliche +Gewalt beilegten, Kloster und Kirchengut konfiszirten und die +gewonnene Macht benutzten, sich immer mehr von der Kaisergewalt zu +emanzipiren, diese zum bloßen Schatten zu degradiren. Aus diesem +Interessenkampf der Fürsten entstanden die sogenannten +Religionskriege, der schmalkaldische und der dreißigjährige +Krieg, die Deutschlands politische Ohnmacht und Zerrissenheit auf +Jahrhunderte besiegelten, seine ökonomische Schwächung +— die schon durch die Umgestaltung der Weltmarktsbeziehungen in +Folge der Entdeckung von Amerika und des Seewegs nach Ostindien +veranlaßt war — noch vergrößerten und +allgemeine Armuth, schweren geistigen und geistlichen Druck über +Länder und Völker verbreiteten. + +</P><P> + +In Frankreich erzeugte die Reformation die Kämpfe der Hugenotten, +d. h. des hugenottisch gesinnten Bürgerthums und die des +frondirenden Adels gegen das frühzeitig sich entwickelnde, alles +zentralisirende absolute Königthum. Nach längeren +Kämpfen siegte das letztere und fand in Ludwig XIV. seinen +glänzendsten, aber auch seinen bedrückendsten und +gewaltthätigsten Vertreter. Die inneren und äußeren +Kämpfe Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert hemmten die freie +Entwicklung des materiellen wie geistigen Fortschritts. +Bürgerthum und Adel gegenseitig feindlich, das Land nach +außen, namentlich unter dem erwähnten Ludwig, von einem +Krieg in den anderen gestürzt, war schließlich +erschöpft und verarmt. Solche Zeitalter sind nicht geeignet, +große Ideen zu gebären, für geistige Kämpfe die +Bahn frei zu machen. Dagegen zeigte das achtzehnte Jahrhundert in +Frankreich ein ganz anderes Bild. Frankreich bildete für dieses +Zeitalter die Wiege des menschlichen Fortschritts auf allen Gebieten; +hier entwickelte sich allmälig eine Fülle von geistigem +Glanz und Leben, wie sie bis dahin kein Volk und kein Zeitalter in +gleichem Maße erlebte. Die Menschen wuchsen sozusagen über +sich selbst hinaus und setzten alle Geister und Herzen in der ganzen +Kulturwelt in Bewegung. Frankreich mag viel gesündigt haben, die +Dienste, die es während des achtzehnten Jahrhunderts der +Menschheit leistete, werden ihm, so lange Menschen leben, unvergessen +bleiben. + +</P><P> + +Die Fortschritte begannen unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XIV., +dessen Gewalt mit eisernem Drucke auf dem Lande gelastet, alle freie +bürgerliche Regung erdrückt, alle freie geistige Bewegung +erstickt hatte. Das Land stand nach seinem Tode am Rande des +materiellen und geistigen Bankerotts. Allmälig erholte sich das +Volk und arbeitete sich, wenigstens in den Städten, wo die +feudale Macht des Adels und der Geistlichkeit am wenigsten sich +fühlbar machen konnte, empor. Die Männer von Bildung und +Geist, die nach der Entwicklung und Entfaltung der Kräfte des +Landes strebten, eilten nach jenseits des Kanals, nach England, um +dort, an den Quellen des öffentlichen Lebens, die Studien zu +machen, zu denen ihnen im eigenen Lande die Gelegenheit und die +Möglichkeit fehlte. Zurückgekehrt nach der Heimath, begannen +sie die Arbeit, die langsam aber sicher den stolzen Bau des absoluten +Staats und der feudalen Gesellschaft untergrub und unterhöhlte, +bis zu Ende des Jahrhunderts in einem Riesenzusammenbruch Beides, +Staat und Gesellschaft, zusammenstürzten, und durch ihren Fall +ganz Europa aus den Fugen trieben. + +</P><P> + +Das Königthum gerieth nach Ludwig XIV. in die Hände von +Schwächlingen, die Geistlichkeit und der Adel waren verlottert +und verweichlicht; eine Minorität unter den beiden Ständen +war geneigt, angeekelt von dem Treiben der eigenen Klasse und den +Zuständen um sich, neuen Ideen sich zugänglich zu erweisen +und spielte mit dem Feuer, dessen Gefährlichkeit sie nicht +kannte. So erklärt sich, daß die Männer der neuen Zeit +mit ihren alles Alte angreifenden und erschütternden Ideen +vielfach gerade dort einen bereiten Boden fanden, wo man ihn am +wenigsten hätte erwarten sollen. Aber es hatte sich auch des +Bürgerthums ein Drang nach Wissen und Bildung, nach politischen +Rechten, ein Geist der Unzufriedenheit über das Bestehende +bemächtigt, wodurch die Bewegung schließlich zum Alles +niederreißenden Strom anschwoll. + +</P><P> + +Das Bürgerthum, politisch so gut wie rechtlos und machtlos, die +Vertretung seiner Magistrate in den alten ständischen Parlamenten +mißachtet, mit Abgaben unangenehmster Art beschwert, durch +Zunft-, Bann- und Höferechte in seiner materiellen Entwicklung +behindert, von Adel und Geistlichkeit geringschätzig und +verächtlich behandelt, aller persönlichen Rechte und der +Garantien persönlicher Freiheit beraubt, sehend, wie die +ungerecht vertheilten und gewaltsam beigetriebenen Steuern und Abgaben +von einem in der Liederlichkeit verfaulenden Hof verschlemmt und +verpraßt wurden, erfaßte mit Gier die neuen Ideen, welche +die Rechtmäßigkeit der feudalen Vorrechte angriffen, die +religiösen Vorurtheile, unter deren Druck es litt, in Zweifel +zogen, die allgemeine Freiheit und Rechtsgleichheit lehrten. Der neue +Staat und die neue Gesellschaft wurden in den verführerischsten +Farben dargestellt, politische Macht, Reichthum, geistige Freiheit und +Gleichheit Allen in Aussicht gestellt. + +</P><P> + +Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit +entwickelten, daß ein großer Theil der Betheiligten und +Interessirten von Unzufriedenheit und Mißstimmung gegen das +Bestehende und von Sehnsucht nach besseren Zuständen erfüllt +ist, so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten +können, was immer für Mittel und Praktiken in Anwendung +kommen, ihn zu erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der +Masse nach Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer +Lage zunächst nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in +dem thatsächlichen Zustand der Verhältnisse seine +Begründung und seine Berechtigung findet. Mag diese Masse sich +über den Weg wie über die Mittel, durch die ihr geholfen +werden könnte, noch so unklar sein, der Moment kommt, wo sie mit +elementarer Macht, <i>instinktiv stets richtig</i>, nach dem +bestimmten Ziele drängt und die bewußten und wissenden +Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mundstück und zu +ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen und nach +Lage der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten. Die +Führer sind unter solchen Umständen stets Werkzeuge, nicht +Macher, und sie werden bei Seite geworfen, sobald sie sich zu Machern +aufwerfen, die Bewegung für sich und nach eigenem Gutdünken, +statt im Interesse der Betheiligten zu benutzen suchen. Die rasche +Abwirthschaftung der Führer in akut gewordenen Volksbewegungen +hat in diesem Geheimniß ihren Grund, sie wollen Allesmacher +sein, wo sie nur Werkzeuge sein sollen und können. Da man sich +hüben wie drüben dieses Verhältnisses selten +bewußt ist, schreien die Einen über Verrath, die Andern +über Undankbarkeit der Masse; das Erstere ist selten wahr, das +Letztere zu behaupten stets eine Narrheit, ein Verlangen, das nur +Diejenigen stellen können, die sich über die Natur ihrer +Stellung nie klar waren, Schieber zu sein glaubten, wo sie nur +Geschobene sein konnten. + +</P><P> + +Jeder großen Umgestaltung in der Gesellschaft geht zunächst +eine Periode der Gährung voraus, eine Periode, die, je nach dem +Stande der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der +betheiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht der +widerstrebenden Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit +dauert, ehe die Bewegung zum offenen Ausbruch kommt und ihr Ziel in +irgend einer Form, das wieder von dem mathematischen +Kraftverhältniß der gegeneinander wirkenden Faktoren +abhängt, erreicht. Geht eine Bewegung über ihr Ziel hinaus, +d. h. erreicht sie mehr, als sie, in sich selbst zur Ruhe gekommen, im +Interesse der nun in der Macht befindlichen Gewalten, die nunmehr den +Schwerpunkt bilden, um den Alles gravitirt, erreichen <i>soll</i> und, +setzen wir hinzu, erreichen <i>darf</i>, so folgen die +Rückschläge. Mit andern Worten, eine ihrem inneren Wesen +nach selbst wieder auf Klassenherrschaft abzielende Bewegung darf +nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der +maßgebenden Interessirten findet. + +</P><P> + +Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in +Wahrheit wurde die Bewegung stets auf ihren <i>natürlichen</i> +Schwer- und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber +hinaus ging. Dieser Zustand ist aber stets, auch wenn er durch eine +gegen die weiter vorwärts drängenden Elemente gerichtete +gewaltsame Reaktion herbeigeführt wurde, dem Zustande, der +<i>vor</i> der Bewegung bestand, weit voraus. Man hört z. B. so +häufig die Bemerkung machen, daß die bürgerliche +Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an der Macht der +Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr. Die Bewegung hat +erreicht, was sie nach ihrem <i>wahren innern Gehalt</i> erreichen +konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange mit einander, bis sie +auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu verständigen +vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkeit des Alten +aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vornherein war +ein großer Theil der anfangs revolutionären Kräfte, +die das behäbige Bürgerthum umfaßten, entschlossen, +über eine gewisse Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkt +angekommen, trennten sich diese Kräfte von den weiter +drängenden Elementen. Dadurch verlor die Bewegung einen Theil +ihrer Kraft, sie war ohnmächtig, weiter zu gehen. Und wie immer +nach 1849 die Reaktion in Deutschland hauste, das, was +thatsächlich jetzt bestand, ging weit über das hinaus, was +vor 1848 bestanden hatte. Die neuen Ideen hatten trotz alledem gesiegt +und Alles, was seitdem in Deutschland geschah, ist nur durch diesen +Sieg im „tollen Jahr“ möglich geworden. + +</P><P> + +Rückschläge werden nun nothwendig in jeder Bewegung kommen, +die selbst wieder auf Klassenherrschaft, wenn auch sich selbst +unbewußt, hinausläuft. Ein solcher Rückschlag kann +erst dann unterbleiben, wenn eine Bewegung siegt, die in ihrem Wesen +und Prinzip die Aufhebung <i>aller</i> Klassenherrschaft +<i>bedingt</i> und daher <i>alle</i> Formen sozialer und politischer +Herrschaft <i>aufheben muß</i>. + +</P><P> + +Bisher waren alle Bewegungen, die ihr Ziel erreichten, Bewegungen der +ersteren Art, und so begreift sich von vornherein, daß auch +<i>die</i> Bewegung, die gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in +Frankreich begann und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts zur +Entscheidung kam, diesem Schicksal aller bisherigen großen +Volksbewegungen nicht entgehen konnte. Ihr Charakter als +Klassenbewegung des Bürgerthums, ihr Ziel, die Herrschaft +desselben zu begründen, zwang sie schließlich, sich gegen +die revolutionäreren Elemente in ihrer eignen Mitte zu richten, +und, da man innerhalb der Bewegungselemente und nachdem die Bewegung +absolut gesiegt hatte, weder hüben noch drüben diesen +inneren Widerspruch, in dem man sich zu einander befand, begriff, +mußte man sich gegenseitig bis zur Vernichtung bekämpfen +und im Blute ersticken. Die Interessen des Großbürgerthums +mußten, weil sie die entscheidenden waren, die Oberhand +behalten, aber aus Furcht vor neuen inneren Gegensätzen und +Kämpfen warf sich dieses der Militärdiktatur des Konsulats +und des Kaiserreichs in die Arme, um sich, d. h. <i>die neue +Gesellschaft</i>, zur Ruhe und zum Genuß des Errungenen kommen +zu lassen. + +</P><P> + +Der Kampf gegen das alte System richtete sich in Frankreich gegen alle +bisherigen Grundlagen der alten Gesellschaft, gegen die Kirche, den +Adel, die absolute Staatsgewalt, gegen die Besteuerungs-, die +Eigenthumsformen, das Erziehungssystem, die sozialen Einrichtungen. +Nichts blieb im Laufe der Jahrzehnte, die dieser zunächst rein +literarische Kampf währte, unangetastet. Die Angriffe wurden +immer kühner. Ganz neue Staats- und Gesellschaftssysteme +(Condorcet, Morelli, Mably, Rousseau) tauchten auf und erklärten +dem Bestehenden den Krieg; ebenso wurden fast alle Zweige der +Naturwissenschaften und insbesondere auch die Philosophie in der +radikalsten Weise behandelt. Die Verfolgungen, welche die Staatsgewalt +und die Kirche gegen diese Feinde der alten Ordnung in Szene setzten, +hatten so gut wie keine Wirkung, sie gossen nur Oel in's Feuer. +Jahrelange Gefängnißstrafen, Verbannungen, Degradirungen, +Ausweisungen gegen die Verfasser, Verbrennung ihrer Bücher und +Schriften, Verbote gegen ihre Verbreitung, gesellschaftliche Aechtung +der Autoren, Alles half nichts. Die Bewegung schwoll von Jahrzehnt zu +Jahrzehnt immer mehr an, sie ergriff Alles, was Kenntnisse und +Intelligenz besaß, sie erfaßte sogar die Frauen und wuchs +so, daß die Gewaltmittel des Staates versiegten und dieser wie +die Kirche von einer Position in die andere zurück gedrängt +wurden. Im vorletzten Jahrzehnt vor der Revolution gab es in +Frankreich keinen Schriftsteller von einiger Bedeutung, der nicht im +Gefängniß gesessen oder Verbannung erlitten, oder dessen +Werke nicht verboten oder öffentlicht verbrannt worden, oder der +nicht in irgend sonst einer Weise verfolgt, drangsalirt und +geschädigt worden war. Voltaire, Montesquieu, Rousseau, +Beaumarchais, Diderot, d'Alembert, La Mettrie, La Harpe, Marmontel, +Morellet, Buffon, Linguet und viele, viele Andere verfielen der +Verfolgung. Wenn Holbach und Helvetius, Turgot, Quesnay, Necker, +Condillac, Laylain, Cuvier, Lavoisiers, Bichot, Mirabeau der Aeltere +solchen Verfolgungen entgingen, geschah es, daß sie, wie die +beiden Erstgenannten, anonym schrieben, oder daß sie zu einer +Zeit schrieben, wo das System, von der Nutzlosigkeit der Verfolgungen +betroffen, ermüdet war, oder daß sie wissenschaftliche +Thematas behandelten, die dasselbe nicht direkt berührten. Und +auch in letzterer Beziehung ging das Mißtrauen sehr weit; so +mußte Buffon, als er 1751 seine Naturgeschichte +veröffentlichte, der Pariser theologischen Fakultät +ausdrücklich versprechen, daß Alles, was er in seinem Buche +lehre, mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht in +Widerspruch stehe. Die Enzyklopädie der d'Alembert, Diderot und +Genossen aber wurde mit der Motivirung verboten, „daß sie +Grundsätze enthalte, welche darauf hinzielten, den Geist der +Unabhängigkeit und Empörung zu wecken und unter dunkeln und +zweideutigen Ausdrücken den Grund zum Irrthum, zur +Sittenverderbniß und zum Unglauben zu legen.“ Doch alle diese +Maßnahmen retteten das System nicht. + +</P><P> + +Die Bewegung hatte endlich ihren Höhepunkt erreicht, die +Gesellschaft wollte statt der Theorien Thaten sehen. Der Hof suchte +durch halbe Konzessionen und kleinliche Maßregeln, die das +Gegentheil erzeugten von dem, was sie bezweckten, dem Drängen +nachzugeben. Der Sturm brach endlich los. Wir beschreiben nicht die +französische Revolution, wir skizziren sie nur kurz, weil dies +für unsern Zweck genügt. Die Nationalversammlung, anfangs +den Bestand des Königthums als selbstverständlich ansehend, +wurde im Laufe der Ereignisse über sich selbst hinaus getrieben. +War die Konstituante noch königlich, der Konvent wurde +republikanisch. Die zunehmende Noth der Massen, Mangel an +Lebensmitteln, Mangel an Arbeit, Wucher, Mißtrauen gegen Oben +schürten den Brand. Die royalistischen und pfäffischen +Intriguen im In- und Ausland, die Alles beunruhigten, weil sie alles +Gewonnene in Frage zu stellen schienen, verstärkten die schon +vorhandene heftige Aufregung. Der Fluchtversuch des Königs, seine +ganze zweideutige Haltung steigerten das Mißtrauen und den +Haß gegen ihn und die alten Stände. Der Zustand der +Staatsmaschinerie, die durch die Ereignisse in Unordnung gebracht, +durch die Aufhebung der alten drückenden Steuerlasten und Abgaben +der Mittel zur Funktionirung beraubt war, zwang zur Ausgabe von Massen +Papiergeld (Assignaten), die als Zahlungsanweisungen auf die +konfiszirten Kirchengüter und später auch auf die +konfiszirten Güter der emigrirten Adeligen ausgegeben wurden. +Aber da in dem allgemeinen Tohuwabohu der Verkauf dieser Güter +sehr langsam vor sich ging und die Staatsbedürfnisse in's +Riesenmäßige stiegen, als das Land gezwungen wurde, nach +dem Sturz des Königthums und der Enthauptung des Trägers der +Krone, gegen das ganze zivilisirte monarchische Europa Krieg zu +führen, fielen die Assignaten sehr bedeutend im Werth. Ende 1790 +schon 1200 Millionen betragend, stiegen sie im Laufe der Jahre auf 8, +dann auf 12, endlich auf 24 Milliarden. Ihre Vermehrung steigerte ihre +Werthlosigkeit, die schließlich nur noch ein Hundertstel und +weniger ihres Nennwerthes betrug, und dies erzeugte eine +vollständige Revolution aller Preise. Zu den Kämpfen nach +Außen kamen gewaltige Kämpfe im Innern. Adel und +Geistlichkeit intriguirten und konspirirten in hunderterlei Formen, um +wieder zur Herrschaft zu kommen. England, das unter dem Ministerium +Pitt die inneren Kämpfe Frankreichs vortrefflich ausnutzte, um +seine See- und Kolonialmacht auf Kosten Frankreichs zur +allbeherrschenden zu machen, das jetzt Rache nahm für die +Hülfe, die Frankreich anderthalb Jahrzehnte zuvor der +Unabhängigkeitsmachung der Vereinigten Staaten von England +geliehen, dieses England sandte geheime Agenten über geheime +Agenten, die mit Geld reichlich ausgestattet den inneren Kampf +schüren mußten. Im Westen des Reiches erhob sich, ebenfalls +von England unterstützt, die streng konservativ und kirchlich +gebliebene Bevölkerung der Vendee und Bretagne, im Süden +erhoben sich die theils royalistisch, theils girondistisch gesinnten +Städte, vor allem Lyon, dessen Luxusindustrie unter all diesen +Ereignissen außerordentlich litt. Im Konvent brach nach dem +Sturz des Königthums der Kampf der verschiedenen +bürgerlichen Parteien unter sich aus. Die kleinbürgerlichen +Massen, hauptsächlich in den Klubs und speziell in dem +Jakobinerklub organisirt, nahmen thatsächlich die Leitung der +Ereignisse in die Hand und drängten den Konvent von Handlung zu +Handlung. Vergebens suchten die Vertreter der eigentlichen +Bourgeoisie, die Girondisten, zu widerstehen, sie unterlagen und +endeten durch Ausstoßung oder auf dem Schaffot. + +</P><P> + +Die Schreckensherrschaft begann. Das in seinen tiefsten Tiefen +aufgeregte Volk, im Inneren von den royalistischen Verschwörungen +bedroht, an den Landesgrenzen die europäischen Heere erblickend, +welche drohten als Hersteller des Alten das ganze Land zu +überziehen, von Arbeits- und Verdienstlosigkeit heimgesucht, vom +Hunger gepeinigt, rapide Entwerthung des Geldes, rapide Verteuerung +der Lebensmittel sehend, ohne sich all dies genügend +erklären zu können, gerieth in Raserei. Die Gewaltszenen +häuften sich und das Blut der Feinde der Republik und Derer, die +man als Feinde des Volks ansah, floß in Strömen. Um der +zunehmenden Verzweiflung der Massen zu steuern, war der Konvent +gezwungen, das sog. Maximum einzuführen, d. h. den Preis +festzustellen, zu dem die nothwendigsten Lebensmittel abgegeben werden +mußten; und als 1794 abermals eine Hungersnoth drohte, weil die +Verkäufer der Lebensmittel allerorts mit ihren Waaren +zurückhielten, mußte er sogar die Rationirung des Brotes +für die pariser Bevölkerung einführen. Aber da alle +diese Maßregeln den ersehnten Zustand nicht herbeiführen +wollten, Arbeitslosigkeit, Wucher, Geldentwerthung, Beunruhigung +fortdauerten, die schönste Verfassung, welche die Welt gesehen, +mit all ihren Freiheiten und Rechten, weder die Freiheit, noch die +Gleichheit, noch die Brüderlichkeit begründete, der ganze +Zustand immer wirrer aber auch unfaßbarer wurde und Keiner die +Lösung des Räthsels fand, <i>was war natürlicher, als +daß man die Personen verantwortlich</i> machte <i>für die +Dinge, deren Natur man nicht begreifen konnte</i>! Eine Partei klagte +die andere an, suchte sie als die Ursache des allgemeinen +Unglücks zu vernichten. Die Royalisten waren in Schaaren +geopfert, proskribirt, eingekerkert, flüchtig, die Girondisten +waren vernichtet. Jetzt traf die Reihe die Dantonisten, ihnen folgten +die Hebertisten, schließlich kamen die, welche alle Andern +geopfert, die Terroristen, die Robespierrianer selbst an die Reihe. +Diese „Tugendhaften“ hatten die Republik und das allgemeine Wohl nicht +retten können; die ihnen jetzt in der Herrschaft folgten, die +Männer der richtigen Mitte, des ehemaligen Sumpfes im Konvent, +die Schlauberger, die es mit allen Parteien gehalten, um es mit keiner +zu verderben, die keine Ideale und keine Leidenschaften besaßen, +retteten auch weder die Republik, noch begründeten sie das +allgemeine Wohl. An Beiden lag ihnen herzlich wenig, aber sie thaten +etwas Besseres, sie retteten sich und das Wohl ihrer Klasse, und dies +war schließlich das „allgemeine Wohl“. + +</P><P> + +In allen Kämpfen und Wirrnissen der Revolution, als die +Leidenschaften den höchsten Grad erreichten, andererseits die +Begeisterung erglühte, die glänzendsten Gedanken, die bis +dahin nur menschliche Hirne erfassen konnten, in Worte und Thaten sich +umsetzten, gab es ein geheimnißvolles Etwas, das wie der Geist +über den Wassern schwebte, mit dämonischer +Kaltblütigkeit in alle Pläne und Projekte eingriff, sie +förderte oder zerstörte, wie es seinem Interesse entsprach, +dabei Allen sichtbar und doch unfaßbar war, diese Macht war +— <i>das Kapital</i>. Das Kapital hatte unter all den Ruinen und +Zerstörungen, welche die Revolution geschaffen, allein die Beute +eingeheimst und schließlich den Sieg davon getragen. Das Kapital +hatte aus allen inneren und äußeren Verlegenheiten des +Königthums und der Republik den alleinigen Nutzen gezogen; es +hatte die Güterkonfiskationen, die Assignatenwirthschaft, das +Maximum, die Rationirungen, die Feldzüge mit ihren Waffen-, +Bekleidungs- und Lebensmittellieferungen, die Waareneinfuhrsperre +gegen England, kurz alle und jede Maßregel, welche die +Konstituante, dann der Konvent, dann der Wohlfahrtsausschuß, +jetzt das Direktorium im Interesse des Landes vollzogen, in seinem +Nutzen auszubeuten und auszuschlachten gewußt. Mitten unter den +Blutszenen der Revolution saß es bei der Ernte und berechnete +kaltblütig die Profite, die ihm diese oder jene Maßregel +der Gewalthaber abwerfen werde. Ueberall seine Agenten habend, in den +Klubs, im Konvent, im Wohlfahrts- und im Sicherheitsausschuß, +unter den Konventsdelegationen in den Provinzen, in der Leitung und +Verwaltung der Armeen, in den Zivilverwaltungen der eroberten Staaten, +Städte und Provinzen, machte es ungeheuere Gewinne. Es feierte +Orgien wie nie zuvor und kaum je nachher. Die großen +Vermögen wuchsen wie Pilze aus dem Boden, der Spekulations- und +der Handelsgeist griff immer weiter um sich und beherrschte das ganze +öffentliche und private Leben, alle Beziehungen der Menschen. Die +Lehren eines Adam Smith fanden ganz spontan, aus der Natur der Dinge +heraus, ihre Anerkennung und ihre Verwirklichung, und es kamen die +Lobredner der neuen Ordnung, wie sie immer sich finden, sobald eine +neue Macht im Besitz der Gewalt und dadurch im Recht ist, und streuten +den Weihrauch und priesen die neue Welt als die beste aller Welten. + +</P><P> + +Und da man während der Revolution, wie es die „tugendhaften“ +Lehren eines Rousseau vorschrieben, äußerlich sehr einfach, +sehr sparsam und sehr „tugendhaft“ gelebt hatte, so brach jetzt die +lange künstlich zurückgehaltene Genußsucht mit aller +Gewalt hervor und überschritt alle Schranken. Man praßte +und schwelgte und fröhnte exzentrisch der Liebe, wie es das +<TT>ancien regime</TT> unter Ludwig XV, dem Vielgeliebten, und der Hof +von Versailles kaum toller getrieben hatten. Die Masse aber war wieder +in's alte Joch gespannt, ihre Söhne schlugen mit Begeisterung in +aller Herren Länder die Schlachten und der freie Bauer und +Bürger des beginnenden 19. Jahrhunderts sorgten neben der Blut- +für die Geldsteuer, welche die neue bürgerlich-zäsarische +Herrlichkeit unter dem „glorreichen“ Szepter Napoleon's I. ihnen +auferlegte. + +</P> +<BR /><HR class="full"><BR /> +<P> + +Unsere Vorrede ist etwas lang geworden, aber sie war nicht +überflüssig zum Verständniß der Aussprüche +und Theorien des Mannes, dessen Leben und Lehren diese Abhandlung +gewidmet ist. Das Streben und der Ideengang eines Menschen von +Bedeutung wird ja nur dann verständlich, wenn man die +Zeitverhältnisse kennt, unter denen er geboren, und die auf seine +Entwicklung, also auch auf seinen Ideengang eingewirkt haben. Wie weit +ein Mensch auch über seine Zeit hinaus denken mag, +loszulösen von ihr vermag er sich nicht, er wird von ihr +beeinflußt und beherrscht, und so werden seine weitgehendsten +Gedanken stets den Stempel des Zeitalters tragen, in dem er lebte und +wirkte. Das ist schon oft gesagt worden, es kann aber nicht oft genug +wiederholt werden, weil jeden Tag noch in der Beurtheilung des Wirkens +von Persönlichkeiten gegen diese Auffassung gesündigt wird. + +</P><P> + +François Marie Charles <i>Fourier</i> wurde den 7. Februar 1772 +zu Besançon als Sohn eines wohlhabenden Großhändlers +geboren. Der Vater genoß in seiner Heimath eines ziemlichen +Ansehens, er wurde 1776 zum Handelsrichter gewählt. Charles +(Karl) war das vierte Kind seiner Eltern, die drei älteren +Geschwister waren Mädchen. Der Vater, der 1781 starb, +hinterließ ein Vermögen von zweihunderttausend Livres, +wovon laut Testament der Sohn zwei Fünftel, also 80.000 Livres, +erbte. + +</P><P> + +Fourier liebte es nie, über seine persönlichen +Verhältnisse zu sprechen; geschah es dennoch, so nur, um eine +seiner Theorien in dieser oder jener Weise damit zu unterstützen. +Seine Schüler und selbst seine intimsten Freunde erfuhren erst +nach seinem Tode, daß er in der Belagerung von Lyon, 1793, durch +die Konventstruppen das ziemlich beträchtliche väterliche +Vermögen vollständig eingebüßt hatte. + +</P><P> + +Stoiker ohne Ziererei und Künstelei, sprach er nie von der ersten +Ursache, die ihm ein Leben voll Entbehrungen und Einschränkungen +auferlegte. + +</P><P> + +Fourier zeigte von frühester Jugend einen entschiedenen Willen, +eine unerschütterliche Rechtschaffenheit. Als einziger Sohn vom +Vater für den Handel bestimmt, erzählt er selbst in einem +seiner Werke, wie er frühzeitig gegen denselben eingenommen +wurde. Da diese Stelle für den ganzen Mann charakteristisch ist, +geben wir sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man muß +den Handel als ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre +ab im kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in +diesem Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit +kennen gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, +nie zu lügen, dann führte man ihn in den Laden, um ihn +frühzeitig in dem edlen Handwerk der Lüge oder der Kunst, +wie man verkauft, zu üben. Betroffen über die +Betrügereien und Schwindeleien, habe er Käufer, die betrogen +werden sollten, bei Seite genommen und ihnen den Betrug entdeckt. +Einer von diesen sei unanständig genug gewesen, ihn zu verrathen, +was ihm eine Tracht Prügel einbrachte, und im Tone des Vorwurfs +hätten seine Eltern erklärt: der Junge wird nie für den +Handel taugen. In der That, er habe eine tiefe Abneigung gegen ihn +empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen Eid gegen den Handel +geschworen, wie ihn ähnlich Hannibal, neun Jahre alt, gegen Rom +schwur: „Ich schwöre ewigen Haß dem Handel.“ + +</P><P> + +Fourier's Haß gegen Ungerechtigkeit veranlaßte, daß +er schon als Knabe sich stets der schwachen unter seinen Gespielen +gegen die stärkeren annahm, und obgleich er mehr schwächlich +als robust war, fürchteten ihn die stärkeren und +älteren seiner Gespielen. Dabei war er ein harter Kopf, aber ein +vortrefflicher Kamerad und voll Zuneigung. Auch lernte er mit +außerordentlicher Leichtigkeit und gewann mehrfach die ersten +Preise, namentlich in lateinischer Poesie. Aelter geworden, wollte er +nach Paris, um dort namentlich Logik und Physik zu studiren, aber ein +Freund der Mutter, der um Rath gefragt wurde, rieth ab, ihn den +Gefahren der Großstadt auszusetzen, auch seien die +erwähnten Wissenschaften einem Kaufmann nicht vonnöthen; er +setzte allerdings hinzu, er glaube, daß ihr Sohn am Handel +keinen Geschmack habe und rieth, ihn nicht wider seinen Willen zu +zwingen. Das Letztere geschah aber dennoch. Fourier sollte +zunächst nach Lyon zu einem Bankier kommen, aber an dessen +Thüre desertirte er, erklärend, daß er niemals +Kaufmann werden wolle. Darauf kam er nach Rouen, wo er ein zweites Mal +auskniff. Schließlich beugte er sich unter das Joch und trat in +Lyon in die Lehre, und so habe er, wie er selbst sagt, die +schönsten Jahre seines Lebens in den Werkstätten der +Lüge zugebracht, überall und stets die Wahrsagung +hörend: „Ein rechtschaffener junger Mann, aber er taugt nicht +für den Handel.“ + +</P><P> + +Besondere Neigung besaß Fourier für die Geographie, und so +verwandte er sein Taschengeld hauptsächlich für die +Anschaffung von Karten und Atlanten; nächstdem liebte er +außerordentlich die Blumenzucht und kultivirte solche in vielen +Arten und Abarten; ferner hatte er großen Hang zur Musik und +lernte mehrere Instrumente, und zwar ohne Lehrer, spielen. + +</P><P> + +Ein hübscher Zug ist aus seinen Schuljahren bekannt geworden. +Obgleich er kein starker Esser war, nahm er täglich ein +tüchtiges Stück Brot mit kaltem Fleisch belegt, zur Schule +mit. Als er sich eines Tages auf einer kleinen Reise befand, stellt +sich ein armer Knabe im Laden ein, und frug, ob der kleine Herr krank +sei. Als man dies verneinte und ihm mittheilte, er sei verreist, brach +der Kleine in Weinen aus. Nach der Ursache befragt, antwortete er: +daß er nunmehr sein Frühstück verloren habe, das ihm +der junge Herr täglich gebracht habe. Er wurde getröstet und +wurde ihm für Ersatz gesorgt. + +</P><P> + +Fourier machte, bevor er sich dem Wunsche seiner Mutter, Kaufmann zu +werden, fügte, noch einen Versuch, in die Militair-Ingenieurschule +zu Mézieres aufgenommen zu werden, aber wegen seiner +bürgerlichen Abkunft wurde er zurückgewiesen, worüber +er sich in späteren Jahren selbst beglückwünschte, weil +er sonst von seinen Studien über den sozialen Mechanismus +würde abgezogen worden sein. So entscheidet das spätere +Schicksal der Menschen meist der Zufall, und da spricht man +beständig von den persönlichen Verdiensten. Wie viel +bedeutende Männer hatten, als sie eine gewünschte Laufbahn +verfehlten, eine Ahnung, daß gerade in diesem <i>Verfehlen</i> +die erste Ursache zu ihrer künftigen Berühmtheit +lag? — + +</P><P> + +Nachdem Fourier seine Lehrzeit in Lyon absolvirt hatte, kam er, 1790 +auf einer Reise nach Rouen begriffen, um dort eine Stellung als +Reisender anzunehmen, ein Posten, der zu jener Zeit ein ganz +besonderes Vertrauen voraussetzte, zum ersten Mal auf einige Zeit nach +Paris, das ihm sehr gefiel. Mit Hülfe der Zuschüsse, die er +aus seinem Vermögen besaß, besuchte er allmälig die +meisten Städte Frankreichs, bereiste Deutschland, Holland und +Belgien, überall sorgfältig beobachtend und studirend. Von +den Deutschen empfing er eine sehr günstige Meinung, er nannte +sie das unterrichtetste und vernünftigste Volk. Besonders +imponirten ihm die vielen deutschen Städte, die Sitze von +Kunstanstalten, Universitäten und höheren Bildungsanstalten +waren — die gute Seite und Wirkung der deutschen Kleinstaaterei. +Er beklagte später tief, daß für Frankreich Alles in +Paris konzentrirt wäre, und in Folge dessen alle übrigen +Städte Frankreichs langweilige, monotone und versimpelte Orte +seien, in denen jeder höhere geistige Flug fehle. Auf allen +diesen Reisen studirte Fourier das Klima der verschiedenen Gegenden, +ihre Bodenbeschaffenheit, die Gewerbe, die Bauart der Städte und +Straßen und nicht zuletzt den Charakter der Bewohner. Es gab in +keiner größeren Stadt, die er besucht hatte, ein +hervorragendes Gebäude, dessen Architektur und Dimensionen er +nicht genau kannte. Nur für die Sprachen hatte er wenig Sinn, +daher auch sein Verlangen in seinem Hauptwerk, das schon im Titel +seine Auffassung ausdrückt. „Theorie der universellen Einheit“, +daß die Vielsprachigkeit eine der schlimmsten Fehler des +Menschengeschlechts sei, und die Schaffung einer Weltsprache, +wofür er die französische am geeignetsten hielt, eine der +ersten Aufgaben einer neuen sozialen Ordnung der Dinge sein +müsse. Den Deutschen machte er zum Vorwurf, daß sie mit +Hartnäckigkeit an ihrer besonderen Schriftsprache festhielten, +die doch andere germanische Völker, wie die Engländer und +die Holländer, längst aufgegeben hätten. Bekanntlich +ist heute, nach mehr als siebenzig Jahren, diese Frage in Deutschland +noch kontrovers, wenn auch für wissenschaftliche Werke im Sinne +Fourier's entschieden. + +</P><P> + +Da Fourier durch sein Geschäft über Tag stets +vollständig in Anspruch genommen war, benützte er, und +namentlich dann, nachdem er sein Vermögen verloren und auf das +Einkommen aus seiner kaufmännischen Stellung allein angewiesen +war, die Nächte, um sich weiter zu bilden. Er befaßte sich +hauptsächlich mit Anatomie, Physik, Chemie, Astronomie und +Naturgeschichte. Sein Haß gegen den Handel steigerte sich mit +den Jahren, je genauer er das Treiben in demselben kennen lernte, +immer mehr und spornte ihn zu seinen sozialen Studien an. Namentlich +machte es einen tiefen Eindruck auf ihn, als er 1799 in einer Stellung +in Marseille seitens seines Chefs den Befehl erhielt, eine +Schiffsladung Reis in's Meer zu versenken, damit die Waare im Preise +steige. + +</P><P> + +Mit dem Gang der Revolution konnte er sich nicht befreunden. + +</P><P> + +Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch +gewonnen, dahingegen hatte die Klasse, die er auf's Tiefste +haßte. die handeltreibende Klasse, am meisten profitirt. Und +daß die Schriftsteller und Verherrlicher der neuen Ordnung der +Dinge das Lob des Handels in allen Tonarten priesen, die +Handelsfreiheit als das Ei des Columbus rühmten, als die +Einrichtung, aus welcher die allgemeine Wohlfahrt und das allgemeine +Glück ersprießen werde, erbitterte ihn noch mehr. Auch war +seine Abneigung gegen jede Gewaltthätigkeit, mochte sie von +welcher Seite immer kommen, so ausgeprägt, daß er sich nie +mit den Gewaltakten der Revolution, deren Nothwendigkeit er nicht +einsehen konnte, zu befreunden vermochte, und namentlich haßte +er die Jakobiner, als die Vertreter des Schreckensregiments und der +Rousseau'schen Philosophie. Nichts konnte ihn später mehr in +Aufregung und Zorn bringen, als wenn die Gegner ihm vorwarfen, +daß seine sozialen Theorien nur auf dem von den Jakobinern +eingeschlagenen Wege verwirklicht werden könnten; dann brach er +heftig los. „Nein und tausendmal nein, meine Theorie hat nichts zu +thun mit der jener Leute, noch mit ihren Umsturzprojekten.“ Er hatte +mit seinem kritischen Blick erkannt, daß in der Revolution trotz +allem Heroismus und aller Aufopferung des Volkes, trotz einer idealen +Verfassung, trotzdem Alles die Freiheit, die Gleichheit und die +Brüderlichkeit im Munde führte, die Ausbeutung, die +Unterdrückung, die Demüthigung der Masse, Lug, Trug und +Heuchelei nicht nur geblieben waren, sondern sich wo möglich noch +gesteigert hatten. Er hatte gesehen, daß, während die +Revolutionäre sich bemühten, mit größter +Rücksichtslosigkeit Alles mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, +was ihren Begriffen von gesellschaftlichem Glück entgegenstand, +das Kapital im schreiendsten Widerspruch mit den gepredigten +Grundsätzen agirte. Er sah, wie der Güterschacher, der +Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien blühten und die +neu emporgekommenen und plötzlich reich gewordenen Besitzer ihre +Orgien feierten. Ihm war auch der Hunger und das Elend der Massen, +ihre Begeisterung und ihre Opferwilligkeit bei der Verteidigung des +Vaterlandes nicht entgangen, und alle diese Wahrnehmungen, verbunden +mit denen, die er tagtäglich im kleineren Kreise um sich und im +Geschäftsleben machte, waren es, die ihn auf den Gedanken +brachten, daß die Gesellschaft unmöglich richtig organisirt +sein könne, und es eine Ordnung der Dinge geben müsse, die +alle diese Auswüchse und Uebel unmöglich mache. Ihm erschien +es eine Ungeheuerlichkeit, daß die Revolutionäre und nach +ihnen die Ordnungsmänner mit Menschenköpfen wie mit +Kegelkugeln spielten; daß man in der gewaltsamen Vernichtung der +Parteien das menschliche Glück zu begründen glauben +könne. Er begriff nicht, daß alle diese Kämpfe nur +stattfanden, weil man der wahren treibenden Kraft, jener +geheimnißvollen unfaßbaren Macht, dem unpersönlichen +Kapital, nicht auf die Spur kommen und seinen Einfluß nicht +beseitigen konnte, noch viel weniger wollte, jenes Dinges, über +dessen Definirung die bürgerlichen Ideologen sich bis heute die +Köpfe zerbrachen, dessen Räthsel erst der moderne +wissenschaftliche Sozialismus löste, der endlich auch diese +moderne Sphinx in den Abgrund stürzen wird. + +</P><P> + +Fourier, der von Natur für die politischen Kämpfe nicht +inklinirte, der durch die vor seinen Augen sich abspielenden +Ereignisse in dieser Abneigung noch bestärkt wurde, kam in Folge +davon zu der vorgefaßten Meinung, daß die politische +Verfassung der Gesellschaft überhaupt eine gleichgültige +Sache sei, daß diese mit dem sozialen Zustand nichts zu schaffen +habe, und daß es sich darum handele, den letzteren zu verbessern +und die politischen Fragen ganz bei Seite zu lassen. Er verfiel also +in den entgegengesetzten Fehler der bürgerlichen Ideologen. Diese +glaubten durch die Beseitigung des Adels, der Priesterschaft und des +Königthums, durch die Begründung der Republik, die +Verkündigung der Menschenrechte, die Anstellung idealer +Grundsätze Alles geleistet zu haben, was zu leisten möglich +sei. Blieben dennoch die Zustände mangelhaft, so lag das nur an +der Niederträchtigkeit der sogenannten Volksfeinde, der +Aristokraten, der Pfaffen, der heimlichen Anhänger des +Königthums, deren man trotz aller Gewaltmaßregeln nicht +Herr werden konnte. Man mußte das Volk zur „Tugend“ erziehen, +zur Vaterlandsliebe, zur Opferwilligkeit, zur Arbeitsamkeit, zur +Enthaltsamkeit. Wenn das geschah und Alle „tugendhaft“ waren, so +konnte der glückliche Zustand nicht fehlen. Die bürgerliche +Welt ist am Ende des 19. Jahrhunderts den großen Begründern +ihrer Herrlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht um Vieles +in der Erkenntniß der gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze +voraus gekommen, sie dreht sich noch immer in demselben Ideengang und +sie wird darin stecken bleiben. Darüber hinauszugehen wäre +ihr Tod. + +</P><P> + +Nach Fourier besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen dem +politischen und sozialen Zustand der Gesellschaft, der erstere ist +willkürlich, wie auch der letztere mehr oder weniger +willkürlich ist. Er hat zwar mit großem Scharfsinn +verschiedene Stufen der menschlichen Entwicklung gekennzeichnet, die +er als Edenismus, oder Zustand des primitiven Glücks, als Zustand +der Wildheit, des Patriarchats oder der Halbbarbarei, der Barbarei und +der Zivilisation charakterisirt; aber es unterliegt nach ihm keinem +Zweifel, daß die Zivilisation, die er mit den Griechen beginnen +läßt, schon längst in den nächst höheren +Zustand der Entwicklung, den des Garantismus übergegangen +wäre, wenn der richtige Mann sich fand, der den Ausgang aus der +Zivilisation entdeckte. Dieser Mann fehlte bisher. Newton war durch +die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der Weltkörper hart an +dem rechten Weg vorbeigestreift, aber er hatte das Bewegungsgesetz nur +für die materielle Welt gefunden. Diese Entdeckung war also, so +wichtig sie auch sein mochte, für das Glück der Menschheit +die minder werthvolle. Die Gesetze der sozialen Attraktion zu +entdecken und darauf die universelle Einheit des gesammten Weltalls, +die Beziehungen zwischen den verschiedenen Naturreichen und dem +Menschen, zwischen dem Menschen, der Entwicklung des Erdballs und des +ganzen Planeten- und Weltsystems, und namentlich auch seine wahren +Beziehungen zu dem Weltenschöpfer zu entdecken, dessen ermangelte +Newton. Diese Gesetze zu entdecken und damit die wahre Bestimmung des +Menschen, die Wege zu seinem Glück, das blieb ihm, Fourier, +vorbehalten. Er hat das Mittel entdeckt, das die Menschheit aus Noth, +Elend, Unterdrückung, Verkümmerung, Langeweile erlöst, +den Menschen mit Gott und dem All in Harmonie setzt. Dieses Mittel ist +die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe, +angewandt auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen, und +ihre Bethätigung in der Assoziation durch die Bildung der Serien +(Reihen) und Gruppen von Harmonisirenden. + +</P><P> + +Daß er, Fourier, dieses Mittel für das Glück der +Menschheit entdeckte, ist nach ihm reiner Zufall. Es hätte jeder +Andere vor ihm und namentlich die Philosophen, die sich seit mehr als +2500 Jahren bemühten, das Welträthsel zu lösen und das +menschliche Glück zu suchen, es auch entdecken können. Sie +haben aber immer nur damit sich begnügt, das Bestehende zu loben +und haben jede Neuerung, wenn sie ihren Lehren gefährlich oder +bedenklich schien, bekämpft und verfolgt. Darum sind auch die +400.000 Bände, die sie ihm zufolge im Laufe der Zeiten in den +Bibliotheken, vollgepfropft mit ihren Theorien, aufgestapelt haben, +von sehr zweifelhaftem Werth. Um so heftiger bekämpfen sie aber +jede Neuerung, die, wie die seine, alle diese Werke über den +Haufen wirft und sie nahezu werthlos macht. Diese Philosophen, unter +welchen er, wie er wiederholt hervorhebt, die Moralisten, die +Metaphysiker, die Politiker und die Oekonomisten +<i>ausschließlich</i> verstanden wissen will, weil sie ihm als +Vertreter der unsicheren Wissenschaften <TT>(sciences +incertaines)</TT> gelten, haben sich deshalb auch gegen ihn +verschworen, seine Lehren nicht zur Geltung kommen zu lassen; sie +treten ihm überall in den Weg und suchen die Besprechung, selbst +die bloße Erwähnung seiner Schriften zu hintertreiben. +Gegen sie richtet sich daher sein ganz besonderer Zorn, und er +überschüttet sie mit seinem Witz, seiner Satyre und seinem +Haß. + +</P><P> + +Daß, einmal ganz abgesehen von der Frage der Ausführbarkeit +seines Systems, seine Theorien, wie sich zeigen wird, im letzten +Grunde darauf hinaus laufen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, +und daß also das Klasseninteresse der Besitzenden und +Herrschenden diese zwingt, seinen Ideen naturgemäß +feindlich zu sein, sieht er trotz des außerordentlichen +Scharfsinns, der ihm bei der Entwicklung seiner Ideen eigen ist, nicht +ein. Er giebt sich allerdings die größte Mühe, die +verschiedenen Klassen und Interessen auszusöhnen. Nicht nur +sollen alle Regierungen, ohne Rücksicht auf das ihnen zu Grunde +liegende politische System, bestehen bleiben, er läßt sogar +noch eine große Zahl neuer Staaten und Reiche in den bis jetzt +von den Wilden und Barbaren bewohnten Ländern und Erdtheilen sich +bilden, wenn erst der ganze Erdball sein System angenommen haben wird, +was nach Gründung der ersten Versuchsphalanx — die Phalanx +ist die Genossenschaft, in der sich sein System vollzieht<a href="#Footnote_1" +name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"><sup>1</sup></a> — +nur wenige Jahre dauern wird. Denn die Vortheile, die sein +phalansteres System der Menschheit bietet, sind so in die Augen +springende, so zur Nachahmung hinreißende, daß, nachdem +die Neugierigen von allen Enden des Erdballs sich von den +großartigen Vortheilen und Annehmlichkeiten dieses Systems durch +den Besuch der Versuchsphalanx überzeugten, sie die +größte Eile haben werden, desselben Glückes +theilhaftig zu werden. + +</P><P> + +Indeß waren um das Jahr 1793, wo Fourier in Lyon lebte, diese +Ideen bei ihm noch nicht zur Reife gekommen, obgleich die Keime dazu +bereits bei ihm vorhanden waren und seine Denk- und Handlungsweise +bestimmten. Es war in diesem Jahr, daß der Konvent das ihm +oppositionell gesinnte Lyon belagern und nach der Eroberung in einem +erheblichen Theil zerstören ließ, wobei auch Fourier sein +Vermögen einbüßte. Fourier mußte zur +Verteidigung der Stadt die Waffen ergreifen und entging bei einem +Ausfall nur mit genauer Noth dem Tode. Nach Eroberung der Stadt wurde +er gefangen genommen und sollte füsilirt werden; er wußte +sich durch die Flucht zu retten. Man kann sich vorstellen, daß +diese Vorgänge auf ihn einen tiefen Eindruck machten und sein +späteres Denken und Urtheilen wesentlich beeinflußten. +Kurze Zeit darnach mußte er sich in Folge der vom Konvent +beorderten <TT>levée en masse</TT> (des Massenaufgebots) zur +Vertheidigung der Grenzen stellen, und zwar war er als +Unverheiratheter unter der ersten Portion der Ausgehobenen, die nach +der nothdürftigsten Einübung zur Armee abgehen sollten. Er +wurde unter die Jäger zu Pferde der Rhein- und Moselarmee +rangirt, doch wurde er nach einigen Monaten auf ein +Untauglichkeitszeugniß hin — F. war klein und +schwächlich von Körper — vom Dienst befreit. Ein +während seiner Dienstzeit an das Kriegsdepartement gerichteter +Brief, in dem er der obersten militärischen Leitung +Vorschläge bezüglich der Ueberschreitung des Rheins und der +Alpen machte, verschaffte ihm seitens der genannten Behörde ein +Dankschreiben, unterzeichnet von Carnot. + +</P><P> + +In den nächsten Jahren beschäftigte sich Fourier — +neben seinem Beruf — mit allerlei sozial-reformatorischen +Vorschlägen, die er bald der Regierungsgewalt, bald einzelnen +Deputaten unterbreitete, aber ohne Anklang damit zu finden. Zu Anfang +dieses Jahrhunderts hatte er sich, um eine größere Freiheit +und Selbständigkeit zu genießen, als Winkelmakler, wie er +sich selbst nannte, etablirt, ein Beruf, den er mit seiner gewohnten +Offenheit also charakterisirt. „Ein Makler ist ein Mensch, der mit den +Lügen Anderer hausirt und diesen Lügen seine eignen +hinzufügt.“ Nebenbei veröffentlichte er ab und zu politische +Artikel im „Bulletin de Lyon“. In einem solchen Artikel vom 25. +Frimaire des Jahres XII. (17. Dezember 1803), betitelt. „Das +kontinentale Triumvirat und ein dreißig Jahre dauernder Friede“, +behandelte er die Frage der Theilung Europas. Bekanntlich hatte damals +bereits der Ruhm Napoleon's eine außerordentliche Höhe +erlangt, man stand kurz vor seiner Krönung zum Kaiser und alle +Welt beschäftigte sich mit der Frage, ob endlich dauernd Frieden +einkehren, oder welcher Staat das nächste Angriffsobjekt bilden +werde. Fourier setzte auseinander, daß zunächst noch kein +Friede kommen dürfe, daß unter den vier Staaten, die als +selbstständige Reiche in Frage kämen. Frankreich, +Rußland, Oesterreich, Preußen, letzteres, als das +schwächste, zuerst an die Reihe kommen und verschwinden werde. +Mit einer einzigen Schlacht sei es niedergeworfen — was +bekanntlich thatsächlich geschah — und dann werde es das +Schicksal Polens finden und unter die anderen drei getheilt werden. +Jetzt sei das Triumvirat und ein längerer Friede möglich; +einige man sich nicht, so komme Oesterreich an die Reihe, zuletzt +entbrenne der Kampf zwischen Rußland und Frankreich um die +Herrschaft der Welt. England ließ er außer Betracht, weil +es als insularer Staat und einzige Alles beherrschende Seemacht +zunächst unangreifbar war. Aber wer in Europa Sieger bleibe, +werde Indien nehmen, die Häfen Asiens und Europas schließen +und so England zu Grunde richten. Gegen England, in dem er die +Stütze des Handelssystems und den Repräsentanten aller +Niederträchtigkeiten des Handelsgutes sah, empfand er einen +besonderen Haß, der häufig aus seinen Schriften +hervorbricht. Der erwähnte Artikel erregte die Aufmerksamkeit +Napoleon's und führte zu Untersuchungen über den Verfasser; +dem Verleger wurde bedeutet, künftig ähnliche Artikel nicht +wieder aufzunehmen. + +</P><P> + +Im Jahre 1808 veröffentlichte Fourier sein erstes und +grundlegendes Werk unter dem Titel: <TT>„La Theorie des quatre +Mouvements et des destinées generales“</TT> („Die Lehre von den +vier Bewegungen und den allgemeinen Bestimmungen“). In diesem Werke +sind seine Ideen bereits vollkommen enthalten, obgleich es noch +vielfach der Klarheit und namentlich der logischen Entwicklung +entbehrt; dafür ist es aber mit dem ganzen Feuer der ersten +Begeisterung eines Mannes geschrieben, der an seine Mission und die +Unfehlbarkeit seiner Theorien glaubt. Fourier ließ das genannte +Werk allerdings zunächst nur als Prospekt seiner Entdeckung +erscheinen, dem später noch acht lange Abhandlungen über die +Gesammtheit seiner Theorien folgen sollten. Diese erschienen nun zwar +nicht, aber was erschien, enthielt im Grunde doch nur +umfänglichere Erläuterungen und größere +Detailschilderungen seines Systems, untermischt mit +philosophisch-polemischen Abhandlungen gegen seine Gegner, worin er +sich gegen die auf ihn und gegen seine Theorien gerichteten Angriffe +wandte, dabei immer dem Grundsatze folgend: die beste Taktik zur +Abwehr ist der Angriff. Auch liebte er es, in seinen Werken immer +wieder seine positiven Hauptgedanken, wie seine Hauptanklagen gegen +die bestehenden Zustände zu wiederholen, nachdrücklich +hervorhebend, daß dies nöthig sei, einestheils, um seine +Ideen, die dem Leser neu und fremd seien, besser und sicherer in +dessen Köpfe haften zu lassen, anderntheils, um die in den +Köpfen tief eingewurzelten Vorurtheile um so gründlicher zu +beseitigen. Eine unzweifelhaft sehr richtige Taktik, die auch die +Gegner alles Neuen bisher stets angewandt haben, wodurch sie es fertig +brachten, selbst die absurdesten Vorurtheile lange Zeit aufrecht zu +erhalten. + +</P><P> + +Die große Masse in allen Kreisen denkt nur +gewohnheitsmäßig, die einmal übernommenen Ideen +bewegen sich in gewissermaßen ausgefahrenen Hirngeleisen, und es +bedarf erst starker und wiederholter, durch greifbare Thatsachen und +fühlbare Uebel unterstützter Argumente, um sie aus der +gewohnten Denkbahn zu reißen. Und ist das Interesse nicht mit +den neuen Ideen verknüpft, so ist alle Arbeit vergebens, +vereinzelte Idealisten ausgenommen, die schließlich doch auch +nur aus Interesse geleitet werden, weil sie weiter blicken und das +Neue als das Zukünftige, als unabänderliche Nothwendigkeit +und Verbesserung für Alle ansehen und darum für +erstrebenswerth halten. + +</P><P> + +Der Gedankengang, den Fourier in seinem ersten Werk entwickelt, ist +kurz folgender: die Welt besteht aus drei ewigen, unerschaffenen und +unzerstörbaren Prinzipien: + +</P> + +<UL> +<LI>Gott, oder dem Geist, aktives und bewegendes Prinzip;</LI> +<LI>der Materie, passives und bewegtes Prinzip;</LI> +<LI>der Gerechtigkeit oder den mathematischen Gesetzen, regulirendes Prinzip.</LI> +</UL> + +<P> + +Analog dem Weltall besteht auch der Mensch aus drei Prinzipien: + +</P> + +<UL> +<LI>den Trieben, <TT>passions</TT>, aktives und bewegendes Prinzip;</LI> +<LI>dem Körper, passives und bewegtes Prinzip;</LI> +<LI>der Intelligenz, neutrales und regulirendes Prinizp.</LI> +</UL> + +<P> + +Gott, welcher der Leiter und Lenker des Weltalls ist, kann nur die +Einheit und Harmonie desselben wollen, weil sonst er mit sich selbst +in Widerspruch stünde. Daher existirt eine ununterbrochene Kette +von Beziehungen zwischen Allem, was vorhanden ist. Zwischen den drei +Reichen der Natur — Thieren, Pflanzen, Mineralien — und +dem Menschen, zwischen dem Menschen und Gott, wie zwischen dem +Menschen und dem Erdball, und dem ganzen Planeten- und Weltsystem.<a href="#Footnote_2" +name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"><sup>2</sup></a> Indem +Gott den Menschen schuf, ihn mit Trieben und Leidenschaften +ausstattete, wollte er, daß der Mensch damit glücklich sei. +Es ist also nicht anzunehmen, daß diese Triebe schädliche +sind, daß der eine oder der andere unterdrückt werde oder +unbefriedigt bleibe. Die Befriedigung seiner Triebe schafft vielmehr +die Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott. Wenn wir +trotzdem häufig sehen, daß diese Triebe des Menschen sich +oft nur in schädlicher Richtung oder gar nicht äußern +und nicht befriedigt werden können, so beweist dies nichts gegen +<i>die Triebe und die Ordnung Gottes, sondern spricht gegen die +soziale Organisation der Gesellschaft</i>, welche diese Triebe sich +falsch zu bethätigen zwingt oder sie gar unterdrückt. + +</P><P> + +Es sind nun vier Bewegungen, oder wie er später aufstellte, +fünf, welche die ganze Welt in Thätigkeit setzen und sie den +Bestimmungen entgegenführen. + +</P> +<OL> + +<LI> Die normale Bewegung; Gesetze der Anziehung für die +imponderablen (unwägbaren) Elemente, Elektrizität, +Magnetismus, Gerüche.</LI> + +<LI> Die thierische oder instinktuelle Bewegung; Gesetze der Anziehung +für die Triebe und Instinkte aller erschaffenen Wesen, wann und +wo immer sie waren, sind und sein werden. </LI> + +<LI> Die organische Bewegung. Gesetze der Anziehung für die +Eigenschaften der Körper: Form, Farbe, Geschmack, Geruch etc. +</LI> + +<LI> Die materielle Bewegung — bereits durch die Mathematiker +(Newton) entdeckt — Gesetze der Anziehung und Gravitation der +Weltkörper (Planeten Fixsterne). Die Kometen sind nach Fourier +irreguläre Weltraumbummler. </LI> + +<LI> Die soziale Bewegung — der eigentliche Angelpunkt (Pivot) +des Ganzen — die Gesetze, welche die Ordnung und +Aufeinanderfolge der verschiedenen sozialen Gestaltungen auf allen +Weltkörpern regeln. </LI> + +</OL><P> + +Der Mittelpunkt dieser sozialen Gesetze ist der Mensch, der im Grunde +damit zum Mittelpunkt des Ganzen wird um den sich Alles dreht. + +</P><P> + +Was hat die Welt überhaupt für einen Zweck, wenn sie nicht +für den Menschen geschaffen ist? Das ist der Hauptgedanke, der +seiner Weltauffassung zu Grunde liegt. + +</P><P> + +Die Bestimmung des Menschen ist das Glück, das in der Entwicklung +aller seiner Anlagen, der Befriedigung aller seiner Triebe liegt. Der +Mensch soll genießen und abermals genießen Alles, wonach +sein Herz ihn drängt, das ist das Fourier'sche Evangelium und +nach ihm die Bestimmung des Menschen durch Gott. Man sieht, dieser +Fourier'sche Gott ist ein sehr materialistischer Gott, der sich in +starkem Gegensatz zu dem Gott des Christenthums befindet, der die +Enthaltsamkeit, die Demuth, die Kreuzigung des Fleisches predigt. + +</P><P> + +Seiner Bestimmung gemäß strebt also der Mensch nach dem +Glück, und Reichthum und Gesundheit bilden sein Glück. Er +will Reichthum, um sich Genuß verschaffen zu können, und er +will Gesundheit, um sie genießen zu können. Den Reichthum +genießen nur Wenige, und meist Jene, die ihn am wenigsten +verdienen; die Gesundheit mangelt fast Allen. Den Einen in Folge von +Noth, Elend, Trübsal, Entbehrungen, den Anderen in Folge von +Ueberüppigkeit, Schwelgerei, Uebermaß der Genüsse. Das +Eine wie das Andere ist Folge unserer sozialen Einrichtungen, die +keinem Theil der Gesellschaft, weder dem Reichen noch dem Armen, die +vernünftige und gesunde Entwicklung aller seiner Kräfte und +Fähigkeiten, die Abwechslung und befriedigende Anwendung seiner +Triebe gestatten. Zwar will die Gesellschaft, und namentlich die +Zivilisation, das allgemeine Glück, aber was sie erstrebt, +schlägt stets in das Gegentheil um. Wir behaupten, die Wahrheit +zu wollen, und überall herrscht Lüge, Heuchelei, +Unterdrückung; wir wollen die Moral und es herrscht Diebstahl, +Betrug, Verführung, Ehebruch, Prostitution, kurz allgemeine +Sittenlosigkeit; wir erstreben das allgemeine Glück und sieben +Achtel bis acht Neuntel der Menschen sind unglücklich, weil sie +von Uebeln umgeben sind, die zu beseitigen nicht in ihrer Macht liegt. +So herrscht statt der Einheitlichkeit die Zweideutigkeit in allen +Beziehungen. Jede gute Seite hat ihre schlimme, und zwar ist die +schlimme die überwiegende. + +</P><P> + +Fourier nennt das Streben nach Glück streben nach innerem und +äußerem Luxus. Der innere Luxus ist die Gesundheit, der +äußere der Reichthum. Den inneren Luxus bilden die Triebe, +<i>die um so gesünder sind, je lebhafter sie sind,</i> und deren +es fünf sensuelle oder Sinne des Körpers giebt: Geruch, +Gesicht, Gehör, Geschmack und Gefühl, und vier Triebe der +Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz<a href="#Footnote_3" +name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"><sup>3</sup></a>, Familiensinn, die sämmtlich +alle neun von drei sie steuernden Trieben beherrscht werden. Diese +drei sind: Die Kabalist, Trieb der Intrigue, d. h. der Trieb, der +thätig ist, um die Neigungen zu theilen, die Willen zu bestimmen, +sich zu gemeinsamen Handlungen zu vereinigen; die Alternant oder +Papillone, Trieb, der nach beständiger Abwechslung, nach +Kontrasten, nach Veränderungen in der Handlung strebt; die +Komposit, Trieb, der die Begeisterung, den Enthusiasmus erregt, nach +dem Guten und Schönen strebt, alle Hindernisse überwindet. +Diese letzten drei Triebe wirken ihm zufolge auf die vier affektiven +und diese auf die fünf sensitiven. + +</P><P> + +Will aber der Mensch alle seine Triebe bethätigen und befriedigen +und den dazu nöthigen Reichthum erlangen, ein Streben, das seiner +Natur inhärent ist, so kann er dies nicht als isolirtes +Einzelwesen, er bedarf hierzu einer Organisation mit Seinesgleichen. +Diese Organisation, die Fourier entdeckte und als Heilmittel bietet, +ist — die ländliche und hauswirthschaftliche Assoziation, +die mit der industriellen zu verbinden und auf die Anwendung der +Serien (Reihen) und Gruppen der Triebe organisirt sein soll. + +</P><P> + +Fourier legt auf die Ackerbaugenossenschaft oder die agrikole +Assoziation das Hauptgewicht, er sieht sie als die eigentliche +Grundlage für die menschliche Existenz, als diejenige +Thätigkeit an, welche die meiste und angenehmste Abwechslung der +Verrichtungen bietet. Aber auch die ganze häusliche +Thätigkeit, die Hauswirthschaft im weitesten Umfang, Handel und +Gewerbe, die Erziehung, die Künste, die Wissenschaften sollen +sozietär betrieben werden. Die eigentliche Großindustrie +hatte im Zeitalter Fourier's noch wenig Bedeutung in Frankreich, sie +war hauptsächlich in der sog. Manufaktur organisirt, jener +höher entwickelten Theilung der Handarbeit, vereinigt in +großen Werkstätten, oder vertheilt in Hausbetrieben, die +für einen gemeinsamen Unternehmer arbeiten. Der große +Fabrikbetrieb entstand erst in einiger Bedeutung gegen das Lebensende +Fourier's. Der manufakturmäßige Großbetrieb wurde zu +Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich treibhausmäßig +durch die Zoll- und Gewerbepolitik Napoleon's begünstigt, dessen +Haß und Eifersucht, sowie Rachsucht gegen England ihn zur +Kontinentalsperre trieben und ihn die größten Anstrengungen +machen ließen, neben der Sperrung der seiner Machtsphäre +unterworfenen Häfen für englische Waaren, die +inländische Industrie vermittelst enormer Schutzzölle, +Staatsunterstützungen und Prämien künstlich +großzuziehen und dadurch England zu stürzen. Immerhin +würde sich auch unsere heutige Großindustrie in die +Fourier'sche phalanstere Organisation einreihen lassen. + +</P><P> + +Die Arbeit ist nach Fourier eine Nothwendigkeit für <i>Alle</i> +ohne Unterschied des Lebensalters und des Geschlechts, aber sie darf +keine Last, sondern sie muß eine Lust sein, mit anderen Worten: +sie muß anziehend sein. Das kann sie nur sein, wenn Jeder das +treibt, wozu seine Triebe ihn drängen, was ihm also +Vergnügen macht; dabei muß die Beschäftigung +häufig abwechseln und dürfen zu diesem Zwecke die einzelnen +Arbeitssitzungen nur kurze sein. Jede Beschäftigung wie jedes +Vergnügen darf nicht über ein und eine halbe bis zwei +Stunden währen, weil man sonst ermüdet. Um aber das +rivalisirende Element in die Beschäftigung zu bringen, muß +sie von einer Anzahl Gleichstrebenden zugleich geübt werden. Es +bilden sich also Gruppen von Gleichgesinnten für eine bestimmte +Thätigkeit. Jede dieser Gruppen muß der lebhafteren +Rivalität und der Ausgleichung halber mindestens sieben, +gewöhnlich neun Personen umfassen. Es bilden sich eben so viel +Gruppen, als Unterarten von Beschäftigungen bei einem bestimmten +Produktionszweig vorhanden sind; diese verschiedenen Gruppen bilden +eine Serie (Reihe). Es giebt z. B. eine Serie der Birnen- und eine +solche der Aepfelzüchter, aber für die Varietäten jeder +Obstart bestehen Gruppen. Es rivalisiren also die Serien, um die beste +Obstart, die Gruppen, um die besten Sorten (Varietäten) zu +züchten. Da ferner zwei Menschen nie in Allem den gleichen +Geschmack und die gleichen Triebe haben, so werden dieselben Personen, +die soeben in einer Gruppe zusammen wirkten, sich in den nachfolgenden +Arbeitssitzungen in rivalisirenden Gruppen oder Serien in anderen +Produktionszweigen gegenüberstehen. Es wechselt also nicht blos +die Beschäftigung, es wechselt auch beständig der +gesellschaftliche Umgang bei der Arbeit. Dieser immerwährende +Wechsel der Beschäftigung und der beschäftigten Personen, +und die daraus hervorgehenden, sich bald anziehenden, bald +abstoßenden Wechselbeziehungen bilden nach Fourier die +höchste Befriedigung, weil alle Triebe dabei in's Spiel kommen. +Aber die Befriedigung würde keine vollkommene sein, wenn nicht +der äußere Erfolg, also die Reichthumserzeugung, durch +diese Thätigkeitsweise auch erzielt würde. Diese +planmäßig organisirte, assoziirte Thätigkeit von +Hunderten von Familien in einer Phalanx wird, so behauptet Fourier, im +Gegensatz zur einzelnen Privatwirthschaft und Privatunternehmerschaft +eine große Menge von Ersparungen an Kraft, Zeit, Mittel, +Werkzeugen etc. einerseits, und durch die geschickt kombinirte und +rivalisirende Thätigkeit Aller andererseits eine +Reichthumsvermehrung zur Folge haben, die sich im Vergleich zu jetzt +verzehn-, verzwanzig-, selbst vervierzigfacht und dem Aermsten eine +Bedürfnißbefriedigung ermöglicht, wie sie heute kaum +ein reicher Mann sich verschaffen kann. + +</P><P> + +In der Fourier'schen Phalanx besteht der Unterschied des Besitzes +fort. Da der Genuß des Lebens auf Kontrastwirkungen beruht, ist +auch der Unterschied des Besitzes nothwendig. Je größer die +Verschiedenheiten an Besitz, Charaktereigenschaften, Trieben, also je +lebhafter die Kontraste sind, um so besser für die Phalanx. + +</P><P> + +Man sieht, Fourier ist der Begriff des <i>Klassengegensatzes</i> und +die Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsformationen aus +<i>Klassenkämpfen</i>, eine Grundanschauung des modernen +Sozialismus, fremd. Sein Sozialismus ist auf die Versöhnung, die +Harmonie der heute feindlichen Gegensätze, die nach seiner +Meinung nur aus Mißverstand oder mangelhafter Kenntniß der +wahren Bestimmung der menschlichen Gesellschaft feindliche wurden, +gerichtet. Sein Sozialismus paßt sich, wie er nicht müde +wird, immer wiederholt zu versichern, allen Regierungsformen und allen +Religionssystemen an, er hat weder mit politischen noch +religiösen Streitfragen das Geringste zu thun. Daher wendet er +sich in seinen Schriften nicht an die Arbeiter und die Masse der +Geringen, von denen die erstern zu seiner Zeit als Klasse noch wenig +entwickelt waren und öffentlich gar keine Rolle spielten, sondern +er wendet sich an die Einsicht der Großen und Reichen. Letztere +allein konnten ihm helfen, weil sie allein die Mittel zur +Gründung einer Versuchsphalanx besaßen, von deren +Zustandekommen nach ihm die Einführung seines Systems abhing. War +diese begründet, dann zog sie durch ihren Glanz und ihre +Vortheile nicht nur die Zivilisirten, sondern auch die noch im +Zustande der Barbarei und der Wildheit befindlichen Völker +— „die von der Zivilisation nichts wissen wollen“ — an, +eiligst in die neue Gesellschaftsorganisation einzutreten. Die Phalanx +ist das Zaubermittel, das die Entwicklungsperiode der Zivilisation, +wie der Barbarei und der Wildheit abkürzt, Barbaren und Wilden +das Durchgangsstadium durch die Zivilisation erspart und den +Aufschwung zu immer höherer Vollendung herbeiführt. + +</P><P> + +So wandte sich denn Fourier nacheinander bald direkt, bald indirekt an +alle ihm jeweilig zugängig erscheinenden Kreise und Personen, um +diese für sein System zu interessiren und von ihnen die Mittel +zur Begründung der Versuchsphalanx zu erlangen. Er schilderte +ihnen den eigenen materiellen Vortheil, wie die Ehren und den Ruhm, +den sie dadurch bei Mit- und Nachwelt erlangten, in den +glänzendsten, glühendsten Farben. So suchte er abwechselnd +und nacheinander Napoleon, französische Volksvertreter, den Adel +und Klerus der Restauration, die Bourbonen, die englischen +Großen, die sich für das gleichzeitig auftauchende Robert +Owen'sche Assoziationsprojekt in New-Lamark interessirten, die +Liberalen, ferner seine wüthendsten Gegner, die Philosophen, +Rothschild, dem er ein Königreich Jerusalem in Aussicht stellte, +Lord Byron, George Sand und nach der Julirevolution die Herren von +Lafitte und Thiers, die emigrirten Polen etc. zu gewinnen. Er +versuchte schließlich selbst mit den Saint Simonisten, +insbesondere mit Enfantin, Fühlung zu bekommen. Die Saint +Simonisten benutzten zwar theilweise seine Theorien, indem sie +dieselben mit ihren Lehren vermischten, aber auf Weiteres ließen +sie sich nicht ein. + +</P><P> + +Alles war also vergeblich. Die Einen fanden sich unter der bestehenden +Ordnung so wohl, daß sie keine Sehnsucht nach einer anderen +hatten, Andere, die Wohlwollenden, hielten seine Ideen für +unausführbar, sahen in denselben eine schöne Illusion oder +Vision, die Dritten zuckten die Achsel und lachten über ihn als +einen Träumer und Narren. Dieser Widerstand, diese +Ungläubigkeit, die Fourier unbegreiflich fand und auf bösen +Willen oder Vorurtheil zurückführte, denn er selbst glaubte +an sich und sein System wie je ein Neuerer daran geglaubt hat, wird +unser Zeitalter sehr natürlich finden. Wir wissen Alle, daß +Entwicklungsperioden, die Bestehendes von Grund aus umgestalten +sollen, nie durch noch so scharfsinnig und detaillirt ausgedachte, +fertige Pläne von einer Idealgesellschaft herbeigeführt +werden, auch nicht, wenn die größten finanziellen Mittel +und das größte Wohlwollen mächtiger +Persönlichkeiten dahinter steht, sondern daß die +Umgestaltung aus dem Entwicklungsprozeß der ganzen Gesellschaft +sich vollzieht und, wenn die Bedingungen einer neuen +Gesellschaftsformation vorhanden sind, diese sich mit elementarer +Gewalt auch Bahn bricht. Sie wird nicht gemacht, sie vollzieht sich, +und stets unter der Form von Klassenkämpfen, <i>gegen</i> den +Willen der alten Gesellschaftsschichten. + +</P><P> + +Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent +berücksichtigen und zwar in der Weise, daß die Arbeit +Fünfzwölftel, das Kapital Vierzwölftel, das Talent +Dreizwölftel des Ertrags zugewiesen erhält. Die beiden +Geschlechter sind vollkommen gleichberechtigt, sie arbeiten, +vergnügen und lieben sich miteinander, wie die Neigung sie zu +einander führt. Wie alle Thätigkeit und die Vergnügen +gemeinsam sind, so ist auch die Kindererziehung eine gemeinsame. Die +Kinder sind das dritte neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er +in seinen Werken einen breiten und hochinteressanten Raum. Es +existiren nicht viele Menschen, die, wie Fourier, die menschliche +Gesellschaft in allen Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten +und studirten, und so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer +Gründlichkeit und Tiefe erfaßt und darauf sein +Erziehungssystem begründet. Es wird keinen Pädagogen geben, +der nicht heute noch die bezüglichen Kapitel mit großem +Vergnügen und mit Nutzen liest. + +</P><P> + +Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in +großen, für diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste +eingerichteten Sälen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege +übernehmen Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich +freiwillig und aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, +diesem Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder +entwickelt, werden sie darnach in die verschiedenen Säle +vertheilt. Die Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie +sind Tag und Nacht zugegen und werden in den üblichen +Zwischenräumen abgelöst. Die Mütter können nach +Neigung unter den Pflegerinnen leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl +werde es vorziehen, ihren gewohnten Beschäftigungen und +Unterhaltungen nachzugehen und nur in den Stunden der Nahrung sich +einfinden, überzeugt, daß ihren Kleinen Nichts fehlt und +Nichts abgeht. Für Spielen und Unterhaltungen der Kleinen ist +reichlich gesorgt. Vom dritten Lebensjahre ab werden sie nach ihrem +Alter klassifizirt und spielend in die verschiedenen leichten +Beschäftigungen des Haushalts eingeführt und zu Handarbeiten +angehalten. <i>Jeder Zwang ist ausgeschlossen.</i> Zweckdienlich +eingerichtete Spielsäle, Küchen, kleine Werkstätten, +mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen, geben ihnen +Gelegenheit, ihre Triebe und Fähigkeiten zu bethätigen. Der +eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten Jahr, +nachdem inzwischen die körperliche Erziehung, die unter dem Namen +der „Oper“ Gesänge, Tänze, Musik, körperliche Uebungen +aller Art umfaßt, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem +Maß und Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu +erziehen, eine feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung währt +in verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollständigen +körperlichen Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und +selbst 20. Lebensjahr. Wir kommen bei der späteren Darlegung der +Fourier'schen Theorien auf diese Dinge ausführlicher zurück. + +</P><P> + +Das Verhältniß der beiden Geschlechter zueinander ist im +Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier an +die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die Form +der heutigen Ehe mit ihren Auswüchsen, ihrer Käuflichkeit, +ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder gegen +beide Theile, übt, gehört zu dem Schärfsten, was +hierüber geschrieben wurde. + +</P><P> + +Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die +Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm +hauptsächlich die Entrüstung und den Zorn der Gegner zu, +verletzten Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die +beste der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner +Darstellung der sechsunddreißig Arten der Hahnreischaft und des +Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu +vervollständigen sich anheischig machte; mit seiner +Bloßlegung der lügnerischen und gaunerhaften Praktiken des +Handels, des Geld- und Lebensmittelwuchers, des Schachers mit +Grundstücken und Effekten, der Börsenmanöver, hatte er +in verschiedene und sehr gefährliche Wespennester gestochen. Er +rief einen solchen Sturm gegen sich wach, daß er selbst +später für angemessen fand, zu erklären, Alles, was er +über die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften +ausgeführt habe, könne erst von der dritten Generation ab, +nach Gründung seines Systems, zur Durchführung kommen. Die +jetzt noch übermäßig herrschenden Vorurtheile, wie die +physischen Uebel und Gebrechen, die das gegenwärtige System +erzeugt habe, müßten erst allmälig ausgerottet werden. +Dagegen fuhr er fort, durch historische Darlegung und Kritik der +geschlechtlichen und der Eheverhältnisse bei den alten +Völkern, besonders an der Hand der Bibel, ihrer Erzählungen +über die Nachkommen der ersten Menschen, die Lebensweise der +Erzväter, dann David's, Salomo's u. s. w. nachzuweisen, welche +Phasen die Geschlechtsverhältnisse der Menschen durchgemacht und +wie wenig Anstoß selbst Gott daran genommen habe, indem er allen +diesen aus dem alten Testament angeführten Personen fortgesetzt +sein Wohlwollen und seine Gnade erhalten habe. + +</P><P> + +Unter den neuen Lebensverhältnissen, die Fourier erstrebt, +genießen die Menschen nicht nur das volle Glück, sie werden +auch bei ihrer gesunden und naturgemäßen Lebensweise ein +sehr viel höheres Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre +werden das Durchschnittsalter sein. Sie könnten also wenigstens +volle achtzig Jahre die Liebe genießen, was doch wohl, wie er +meint, eine zu lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau +ausschließlich leben zu sollen, „täglich von derselben +Platte zu essen“. Da ferner mit dieser längeren Lebensdauer auch +die Vermehrung der Menschen entsprechend wachse, sei Urbarmachung +neuen Bodens, Ansiedelung in bisher wenig bevölkerten +Ländern und Erdtheilen geboten. Aber auch dieses Hülfsmittel +werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn nicht gleichzeitig mit +der Entwicklung des Menschengeschlechts durch die neue soziale +Organisation unser Erdball in klimatischer Beziehung bis zum +höchsten Nord- und Südpol eine vollständige klimatische +Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen Planeten und +Fixsternen ähnlich sich vollziehen soll. + +</P><P> + +Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem +Phantastischsten gehört, das ein Mensch erdenken kann. Es ist +namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten +Spott, ihm hauptsächlich den Titel des „Visionärs“, des +„Narren“ eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und +hier beruft er sich auf Schelling, „das Spiegelbild der menschlichen +Seele“. + +</P><P> + +Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode +wandert er von Planet zu Planet zu immer höherer Vollkommenheit, +eine Idee, die freilich auch in anderen Köpfen, selbst heute +noch, spukt und nicht blos in den untern Schichten. — „Die +Kanaille will ewig leben.“ + +</P><P> + +Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der +Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch +die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von +80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der +Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000 +Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung währt 35.000 +Jahre; die Phase des allmäligen Niedergangs ebenfalls 35.000 +Jahre. Dann folgt die Phase der Altersschwäche wieder mit 5000 +Jahren, worauf der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb +des Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32 +Entwicklungsperioden — wir befinden uns in der fünften, der +Zivilisation —, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt +es verschiedene Neuschöpfungen, durch welche auch die Thier- und +Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der höheren Entwicklung +des Menschen, sich in höherer Vollkommenheit entfalten werden. +Mit der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des +Glücks. Es wird die Nordpolkrone <TT>(Couronne +boréale)</TT> geboren, die dann, gleich der Sonne, nicht blos +Licht, sondern auch Wärme verbreitet und damit eine Reihe neuer +Schöpfungen einleitet. Die Wirkung der Nordpolkrone wird sein, +daß Petersburg und Ochotsk ein ähnliches Klima bekommen, +wie Kadix und Konstantinopel, daß das Klima der sibirischen +Eisküsten dem von Marseille und dem Golf von Genua gleicht, und +daß eine Fruchtbarkeit dieser nördlichen Erdtheile beginnt, +die mit jener der tropischen Länder wetteifert. Gleichzeitig wird +durch die Einwirkung des Fluidums der Nordpolkrone und durch die +Veränderung des Klimas das Meer sich umbilden und einen +limonadeartigen Geschmack annehmen. Die jetzigen, den Menschen +feindlichen und schädlichen Meerungeheuer, wie der Hai etc., +werden zu Grunde gehen und durch neue Schöpfungen, wie Anti-Hai, +Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere, die dem Menschen freundlich +sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen der Schiffe etc. leihen werden. +Alle <i>nützlichen</i> Fische und Seethiere, wie der Hering, der +Kabeljau, die Auster u. s. w., werden trotz der Veränderung des +Meeres erhalten bleiben und sich wesentlich vermehren. Ganz +ähnlich vollzieht sich die Umgestaltung auf dem Lande. Alle +wilden Thiere (Löwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.) und alle giftigen +Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die giftigen und +schädlichen Pflanzen verschwinden und werden durch für den +Menschen nützliche Neuschöpfungen ersetzt. So entsteht z. B. +der Anti-Löwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als +Reitthier anbietet. + +</P><P> + +Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei +Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann +wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen +Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz dort +nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht, ist +schwer zu sagen, darüber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der +Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevölkerungsziffer +erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so +läßt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmälig und +namentlich in dem Maße nach, wie neben den Männern +insbesondere auch die Frauen größer und stärker +werden, ihre geistige und körperliche Entwicklung und die +opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt, schon jetzt in unserer +Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu haben, daß Frauen von +großer Körperkraft und Körperfülle und +höherer geistiger Entwicklung und in günstigen materiellen +Verhältnissen lebend, weniger Kinder gebären, als solche von +schwächlicher, magerer Konstitution, so daß Erstere +häufig sogar unfruchtbar seien. + +</P><P> + +Aehnliche Umgestaltungen und Veränderungen, wie auf unserm +Globus, vollziehen sich auf allen übrigen Planeten und geben dem +Menschen die Gewähr, daß er auch nach seinem Tode auf der +Erde in ungemessenen Zeiträumen von einem zum andern Planeten +wandert, von denen immer einer vollkommener als der andere ist und +immer höhere Genüsse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze +Planetensysteme werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt +dieselbe Harmonie, das obere Klavier <TT>(clavier majeur)</TT> +herzustellen, wie diese Harmonie auf der Erde in dem Klavier der +menschlichen Seele, das 810 Charaktereigenschaften aufweist, sich +hergestellt hat. Das Charakteristische in allen diesen +Auseinandersetzungen Fourier's sind die bestimmten mathematischen +Verhältnisse und die Analogien, mit denen er rechnet. Alles +drückt sich bei ihm in bestimmten Zahlen aus. Alle +Lebensäußerungen und Erscheinungen in der Welt lassen sich +in bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen zum Ausdruck +bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des Pythagoras (540-500 +vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine Philosophie der +Zahlenlehre für alle Erscheinungen begründete. + +</P><P> + +Ebenso sieht Fourier überall Analogien; jede unserer Pflanzen, +jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt er +zu ergötzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zähne +des Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32 +Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zählen +muß. + +</P><P> + +Die phantastischen Spekulationen Fourier's über die Entwicklung +von Menschen und Welt waren es, die ihm im spottsüchtigen +Frankreich am meisten schadeten. Später gab er auch diesen Theil +seiner Ansichten ausdrücklich preis, sich damit entschuldigend, +daß im Jahre 1808 seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr +mangelhaft gewesen seien, daß er für das Studium auf die +Nächte angewiesen gewesen sei und er manche ihm nöthige +Wissenschaft habe vernachlässigen müssen. Im Uebrigen aber +hätten, meinte er, diese seine kosmogenetischen Ansichten mit +seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun und schädigten +und berührten dieses eben so wenig, als die Träumereien +Newton's über die Auslegung der Apokalypse dessen Entdeckung +über die Attraktion und Gravitation der Weltkörper +geschädigt und berührt habe. Ueberdies erlebte Fourier die +Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und +damit war für ihn handgreiflich der Beweis geliefert, daß +die Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden +und Länder zu durcheilen vermochte, daß sie den Anti-Hai +des Meeres und den Anti-Löwen des Landes sehr wohl entbehren +konnte. Wer hatte überhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von +bedeutenden Männern keine Träumereien? Schiller in seinen +Räubern, Göthe in seinen Wilhelm Meister's Lehr- und +Wanderjahren, Fichte in seinem „geschlossenen Handelsstaat“ malten die +Welt auch ganz anders, als sie der großen Mehrzahl der +gleichzeitig mit ihnen lebenden „vernünftigen Leute“ sich +darstellte. Geniale Menschen haben das Recht, zu „träumen“, sie +helfen mit ihren „Träumen“ der Menschheit mehr, als der +große Troß des Philisterthums mit seinen +„vernünftigen“ Gedanken. + +</P><P> + +Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte mit +dem Maßstab einer <i>späteren</i> Zeit messen. Wie jeder +Mensch, der bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, +so wird er auch über seine Zeit nicht hinaus können; er kann +der Vorgeschrittenste in ihr sein, außer ihr steht er nicht. +Eine bewußte Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts +nicht, konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse +war erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am öffentlichen +Leben sich betheiligten und sich dafür interessirten, bildeten +sie die Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im +Anfang der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die +Verhältnisse noch ganz anders. Die Ideen der großen +Revolution besaßen noch einen Glanz und hatten einen +Enthusiasmus in den Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte. + +</P><P> + +Warum jene glänzenden Ideen der bürgerlichen Ideologen in +der Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen +konnten, erwähnten wir schon. Dazu kam, daß die +napoleonischen Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die +öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten +zu jener Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch +das bereits erwähnte gegen England gerichtete vollständige +Abschließungssystem und die damit treibhausartig gezüchtete +Großindustrie — Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation, +Seidenindustrie etc. — in Verbindung mit der fortgesetzten +Hinopferung von Hunderttausenden der besten Kräfte im +Mannesalter, in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach +Arbeitern groß, die Löhne standen hoch und die Arbeiter +lernten erst jetzt eine Menge Bedürfnisse kennen und befriedigen, +von denen sie früher keine Ahnung hatten. Da bekümmerten sie +sich nicht um neue soziale Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so +fremder, schwer verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, +wie sie Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist +überhaupt schwer verständlich, es mangelt ihm die logische +Zusammenfassung und die klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine +Nomenklatur gebildet und wendet diese mit Vorliebe an, die eine +Verdeutlichung sehr schwer, manchmal fast unmöglich macht. + +</P><P> + +Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der Beseitigung +Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich selbst zu +beschäftigen, traten andere Erscheinungen in den Vordergrund, die +das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen. Gleichzeitig mit den +Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette der heiligen Allianz war +ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen und Adeliger mit ihrer +Nachkommenschaft eingerückt, die jetzt wie ein Schwarm +Heuschrecken sich über das Land ergossen, Ersatz für das +einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung für das meist sehr +zweifelhaft Geleistete aus öffentlichen Mitteln verlangten, und +nach möglichster Wiederherstellung der Zustände des +<TT>ancien regime</TT> sich sehnten und dazu drängten. Zwar hatte +schon Napoleon versucht, seinen Frieden mit den alten Ständen zu +machen; er hatte neben dem alten einen neuen Adel kreirt, weil er +einsah, daß er seinen neu gezimmerten Thron nicht ohne solche +Stützen auf die Länge zu halten vermochte, und mit dem Papst +hatte er sich auch verständigt. Aber es war doch nur ein kleiner +Theil des Adels, der von Napoleon befriedigt war, und der Herr und +Meister zwang diesen Adel zur Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 +anders. Jetzt brach der alte Adel in Schaaren in das Land, er hielt +den Tag der Ernte nach so langer Entbehrung für gekommen. Die +reaktionären Strebungen kamen überall zum Vorschein. Eine +Reihe von Jahren ließ sich das niedergetretene Frankreich diesen +Zustand gefallen, dann aber ermannte es sich allmälig. Die +Bourgeoisie, die sich in erster Stelle zurückgedrängt und +beunruhigt sah, wurde oppositionell, und Alles, was von den Ideen der +großen Revolution erfüllt war, noch voll Begeisterung und +Enthusiasmus glühte, erhob sich zum Kampf, der schließlich +in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution zunächst sein +Ende fand. Aber später dauerten die Kämpfe fort und +führten namentlich zur Gründung der geheimen +revolutionären Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in +stärkerem Maße sich betheiligten. Das war keine +Strömung, die den auf Aussöhnung und Ausgleichung der +Gegensätze gerichteten Bestrebungen Fourier's günstig war. +Dazu kam noch eine gewisse Zurückhaltung seinerseits, er blieb +den politischen Kämpfen vollständig fern, seine Natur war +nicht für die öffentliche Propaganda und die Agitation +gemacht. + +</P><P> + +Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: „Die Theorie der vier +Bewegungen“, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch fand +geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschöpft. Eine kleine +Hülse, die ihn vor dem Mangel schützte, erhielt er durch ein +Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jährlich +900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in +verschiedenen kaufmännischen Stellungen, dann zog er sich auf's +Land zurück und widmete sich fünf Jahre gänzlich seinen +Studien und Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein +umfänglichstes Werk: „Die Theorie der universellen Einheit“, zwei +starke Bände umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein +Freund und Anhänger Just Muiron, der als städtischer Beamter +in Besançon lebte und in leidlichen materiellen +Verhältnissen war, unterstützte. Bei der zweiten Herausgabe +(1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach seiner ersten Herausgabe +geschriebene Abhandlung: „Summarisches“ eingefügt und das Ganze +unter dem ersterwähnten Titel in vier Bänden herausgegeben. +Bei der ersten Ausgabe führte das Werk den Titel: „Abhandlung +über die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche Assoziation“, +obgleich Fourier ihm den späteren Titel von vornherein zugedacht, +ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals „die erschreckte +öffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme eingenommen +gewesen sei.“ In diesem Werk begründet Fourier in der +ausführlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk +aufgestellten Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien +und Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes +bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur — in +der Polemik war er überhaupt Meister — in denen er die +Systeme der Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit +viel Witz und Satyre zurückwies. + +</P><P> + +Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem Titel: +„Die industrielle und sozietäre Neue Welt.“ <TT>(Le Nouveau Monde +industriel et sociétaire.)</TT> Dieses Werk umfaßt einen +Band und ist von allen Schriften Fourier's das präziseste und am +klarsten geschriebene; es vermeidet möglichst die spekulativen +und kosmogenetischen Träumereien, befaßt sich dagegen um so +mehr mit allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die +eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich +über Fourier's Ideen genügend orientiren will, ohne die +fünf ersten Bände zu studiren, wird in „Der industriellen +und sozietären Neuen Welt“ alles Wünschbare finden. Sieben +Jahre später erschien abermals eine größere Arbeit von +ihm unter dem Titeln „Falsche Industrie“. Aber dieses Buch +enthält keine irgendwie neuen Ideen, noch weniger zeichnet es +sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist die letzte, aber auch +geringwerthigste seiner größeren Abhandlungen. Neben diesen +größeren Schriften erschienen von ihm eine Menge +Aufsätze über die verschiedensten Fragen, die später +ebenfalls gesammelt und von seinen Anhängern herausgegeben +wurden. + +</P><P> + +Allmälig hatte sich eine kleine Anhängerzahl um Fourier +geschaart. Neben dem bereits erwähnten, ihm sehr ergebenen Muiron +war es Victor Considérant, der als junger Mann und als +Zögling der Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen +Ideen hingab, unter seinen militärischen Genossen für +dieselben Propaganda machte und auch später Fourier treu blieb, +als er in der militärischen Karrière bis zum Hauptmann des +Geniekorps emporstieg, noch später Mitglied des Generalraths der +Seine und Volksvertreter wurde. Considérant wurde das +eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des Fourierismus, der in Wort +und Schrift unermüdlich für ihn wirkte. Doch da wir die +ausschließliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken Fourier's zu +beschäftigen, können wir nicht ausführlicher auf die +Thätigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer +schriftstellerischen Kräfte, und dem entsprechend auch die Zahl +ihrer Schriften, wurde im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch +hat sie nie einen großen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie +die meisten der sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre +Hauptstützen in den jugendlichen Kreisen der Gebildeten. +Schriftsteller, Advokaten, Offiziere, Aerzte, Künstler bildeten +den Kern. Im Jahre 1832 gelang es Kurier und seinen Schülern, +eine Zeitschrift für die Verbreitung ihrer Lehren zu +gründen, die unter dem Titel: <TT>„La Reforme industrielle ou le +Phalanstère“</TT> (Die industrielle Reform oder das +Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bänden groß Oktav +erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836 unter +dem Titel: <TT>„La Phalange, journal de la science social“</TT> (Die +Phalanx, Zeitschrift für die soziale Wissenschaft), welche in den +Jahren 1836–1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von +1840–1843 erschien sie wöchentlich drei Mal und ging 1843 +in ein Tageblatt über unter dem Titel: <TT>„Democratie +pacifique“</TT> (Friedliche Demokratie). + +</P><P> + +Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften schriftstellerisch +sehr eifrig und leistete zahlreiche Beiträge. Außerdem +führte er auch den Kampf in der übrigen Presse, so weit +diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er +dauernd nach Paris übergesiedelt. Er hatte eingesehen, daß +wenn er für seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in +dem Zentralpunkt des öffentlichen Lebens von Frankreich sein +mußte. Er hatte den durch die Zentralisation des Landes +begründeten mächtigen Einfluß von Paris auf Frankreich +für dessen ganzes öffentliches, wissenschaftliches, +künstlerisches Leben entschieden bekämpft, ein +Einfluß, der dazu führe, daß die größten +Städte Frankreichs, wie Lyon, Bordeaux, Rouen u. s. w., in Bezug auf +geistiges und künstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und +bei der in Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit +kleineren Städten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder +beliebigen deutschen Universitätsstadt, überflügelt +würden. Fourier beurtheilte überhaupt Paris, Frankreich und +den Charakter seiner Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie +wenige seiner Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner +außerordentlichen scharfen Beobachtungsgabe. Aber der +zentralisirenden Wirkung und dem Einfluß von Paris konnte er +sich natürlich als Einzelner und als Mann, der auf seine +Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so wählte er es +zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Da ist es denn für den +Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch, daß +während der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9. +Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag für Tag in +der Mittagsstunde in seiner Wohnung den „Kandidaten“<a href="#Footnote_4" +name="FNanchor_4" id="FNanchor_4"><sup>4</sup></a> +erwartete, der ihm die Mittel für die Gründung einer +Versuchsphalanx zur Verfügung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen +wurde im Jahre 1832 aus der Mitte seiner Anhänger heraus der +Versuch, eine Phalanx zu gründen, gemacht, indem Einer derselben +in der Nähe von Rambouillet 500 Hektaren Land für diesen +Zweck zur Verfügung stellte. Aber man kam über die ersten +Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr bald ausgingen, ein +Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende mit begreiflicher +Bitterkeit erfüllte. + +</P> +<BR /><HR><BR /> +<P> + +Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begründers +des Phalanstèren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten +seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhältnisse kurz +geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte. Es +handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen nach +seinen eigenen Ausführungen, wenn auch nur in knappster Form, zum +Ausdruck zu bringen. + +</P><P> + +Seine Schüler haben im Jahre 1848 ein zweibändiges +Sammelwerk herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: „Die universelle +Harmonie und das Phalansterium“ <TT>(L'harmonie Universelle et le +Phalanstère)</TT> eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, +worin ausschließlich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben +wir theilweise für Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier +beginnt: + +</P><P> + +„Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen über die +Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht, +welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die +Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die +Philosophen<a href="#Footnote_5" +name="FNanchor_5" id="FNanchor_5"><sup>5</sup></a> in ihrem ersten Versuch (in der +französischen Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit +geliefert haben, betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als für immer +abgethan. Die Ströme von politischer und moralischer +Aufklärung erscheinen nur mehr als Illusionen. Nachdem diese +Gelehrten seit fünfundzwanzig Jahrhunderten ihre Theorien +vervollkommnet, alles alte und neue Wissen zusammengetragen haben, +zeigt sich, daß sie uns statt der versprochenen Wohlthaten eben +so viel Kalamitäten verschafften und daß die Zivilisation +zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von 1793 gab es keinerlei +Glück von den erworbenen Aufklärungen mehr zu hoffen, man +mußte das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu +verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche +mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen Wissenschaft +vermuthen ließ und mich anregte, ihre Entdeckung zu versuchen. +Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die Verirrungen der +Vernunft und hauptsächlich durch den Anblick der schweren +Geiseln, von denen unsere sozialen Zustände betroffen sind: +Mangel, Entbehrungen, überall herrschender Betrug, +Seeräuberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere +Uebel. Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine +von Gott erfundene Kalamität sei, um das Menschengeschlecht zu +züchtigen. Ich schloß, daß in diesem sozialen Zustand +eine Umkehrung der natürlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich +dachte ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht +Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkräftung, einem inneren +Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein +Heilmittel finden könne, wenn man die von unseren Philosophen +bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner +Untersuchungen: <i>den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung +bisher beschrittener Wege</i> ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen +zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um so +leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten mit +Mißtrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung +gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese +Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war <i>zweifelhafter, als +ihre Nothwendigkeit und künftige Dauer?</i> Wenn vor ihr schon +drei andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat +und die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil +sie die vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, +siebente soziale Ordnung entstehen, die weniger +verhängnißvoll sind, als die Zivilisation, die aber noch +unbekannt sind, weil Niemand sich die Mühe gab, sie zu entdecken? +Man muß also die Nothwendigkeit, Vortrefflichkeit und stetige +Dauer der Zivilisation in Zweifel stellen. Das haben die Philosophen +nicht gewagt, weil sonst die Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, +die alle die Zivilisation verherrlichen, an den Tag kommen +würde.“ + +</P><P> + +In diesen wenigen Sätzen steckt bereits die Utopie, von der er +und alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist +schlecht, kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen +besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir einen +besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier diese +neue Gesellschaft keine willkürlich erfundene sein, sie sollte +auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und stimmten diese +Rechnungen, und das entschied natürlich er selbst, so war der +neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen Entschluß +der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar Handschuhe zu +wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne Reibung. Denn wo Allen +das Glück blüht, wie kann da Jemand zaudern? + +</P><P> + +Er entschloß sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch +nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunächst, wie er sagt, auf +zwei sehr gewöhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren „die +Ackerbaugesellschaft“ <TT>(association agricole)</TT> und die +indirecte Unterdrückung des Handelsmonopols der Insularen, der +Engländer. + +</P><P> + +England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der +französischen Revolution einen gefährlichen Konkurrenten +entstehen, dazu kam die Befürchtung wegen der Rückwirkung +der revolutionären Ideen auf die eigene Bevölkerung und, wie +schon bemerkt, der Haß, daß Frankreich die +Unabhängigkeitsmachung seiner nordamerikanischen Kolonien, der +späteren Vereinigten Staaten, unterstützt hatte. Mit seiner +Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen Handel, und bei +dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis gegen den Handel +eingesogen hatte, mußte sich dieser Widerwille auch auf die +größte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle diese +perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch erzeugt +hatte, wenden. Zunächst beschäftigte er sich mit der +ländlichen Assoziation, und über dem Nachdenken über +ihre Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die +Lösung dieses Problems führt, nach ihm, zur Lösung +aller politischen Probleme. „Die Philosophen hielten die +Ackerbaugenossenschaft für ebenso unmöglich, wie die +Abschaffung der Sklaverei, weil die Genossenschaft bisher nie +existirte. Sehend, daß bei dem Dorfbewohner jede Haushaltung auf +eigene Faust arbeitet, kannten sie keine Mittel, sie zu vereinigen, +und doch würden unzählige Verbesserungen daraus entstehen, +wenn man die Bewohner jedes Fleckens zu gemeinsamer Thätigkeit +vereinigen könne, proportional ihrem Kapital und ihrer +Thätigkeit. Also 2–300 Familien, ungleich an Vermögen, +die einen Bezirk <TT>(canton)</TT> kultivirten. Das Hinderniß +schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer +Thätigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wären +mindestens achthundert nöthig für eine natürliche und +ihre Mitglieder anziehende Assoziation.“ + +</P><P> + +„Ich verstehe darunter“, sagt er, „eine Gesellschaft, deren Mitglieder +durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die mit dem +Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die Ordnung, +um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben, +anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der +Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird +aus Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint +lächerlich, und doch ist sie möglich. Die +landwirthschaftliche Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend +Personen umfaßt, liefert so enorme Vortheile, daß sie im +Vergleich zum heutigen Zustand als Zustand der Sorglosigkeit +erscheint. Das hat selbst ein Theil der Oekonomen zugestanden, nur +haben sie sich nicht die Mühe gegeben, die Ausführungsweise +zu entdecken. Sie erkennen selbst an, daß z. B. dreihundert +Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig erbauten und +eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt 300 +meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein) +anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger +Unkenntniß behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit +Milch nach der Stadt gehen und hundert halbe Tage versäumen, +würde ein einziger genügen, der mit einem Wagen fährt. +Das sind nur einige von den zunächst in die Augen fallenden +Ersparnissen, und sie würden sich verzwanzigfachen lassen. Aber +wie eine Gesellschaft verschmelzen, in der die eine Familie 10.000 +Franken, die andere keinen Obolus besitzt? Wie alle die +Eifersüchteleien vermeiden und zu <i>einem</i> Plan die +Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel widerstreitende +Interessen und so viel entgegenstrebende Willen versöhnen? Darauf +antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und Vermögen. Der +stärkste Trieb für den Landmann wie für den +Städter ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß +die sozietär organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal +mehr Vortheile einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, +daß allen Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert +sind, so werden sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich +beeilen, der Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über +alle Regionen ausbreiten, denn überall haben die Menschen den +Trieb nach Reichthum und Genüssen.“ + +</P><P> + +„Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche +auszusprechen gestatteten, welches würden die einstimmigsten +Wünsche sein, die der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, +Gesundheit und Langlebigkeit; und damit wäre der vierte Wunsch +eingeschlossen: genügend Klugheit, um diese Güter +entsprechend zu benutzen“, so definirt er an einer andern Stelle das +Streben der Menschen. + +</P><P> + +„Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des +Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen +Trieben Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr +anschließen, da die Triebe überall die gleichen sind. +Dieser neuen Organisation gebe ich drei Namen: „progressive Serien“ +(Reihen) oder Serien „von Gruppen“, „Serien der Triebe“. Ich verstehe +unter der Bezeichnung Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter +Gruppen, welche sich den verschiedenen Zweigen ein und derselben +Industrie — das Wort „Industrie“ bedeutet bei Fourier jede +nützliche, menschliche Bethätigung — „oder ein und +desselben Triebes sich widmen.“ + +</P><P> + +„Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich +eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien ist +in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer +Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den +extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe +harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen +regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus +sind sie entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum +verlangen die Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe +ist auch stets im Sinne von Leidenschaften, <TT>passions</TT>, zu +verstehen. Anmerk. des Verf.) unterdrücken müsse. Das ist +eine doppelte Absurdität. Man kann die Triebe nicht anders als +durch Gewalt unterdrücken, oder dadurch, daß sie sich +gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie aber, so muß der +zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und in das Nomadenthum +zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der Hirten, noch an +diejenige ihrer Apologeten.“<a href="#Footnote_6" +name="FNanchor_6" id="FNanchor_6"><sup>6</sup></a> + +</P><P> + +Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie +läßt weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere +Gesichtspunkte der Philosophen zu; je glühender und +geläuterter die Triebe, je lebhafter und zahlreicher sie sind, um +so leichter wird die Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur +der Triebe, die Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll +ihnen nur die rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt +sich auf die nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie +giebt und ohne sie zu ändern. Darin besteht das ganze +Geheimniß von der Berechnung über die Attraktionen der +Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht oder Unrecht hatte, +daß er dem Menschen so oder so die Triebe schenkte, die +sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab, ohne etwas +daran zu ändern.“ + +</P><P> + +„Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich +ändern, so z. B., daß die Menschen das Landleben der Stadt +vorziehen, so ändert sich <i>nur</i> der Geschmack, nicht die +Triebe. Die Liebe zum Reichthum und für die Vergnügungen +bleibt immer. Die Zivilisirten werden über den neuen +Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald sie sehen, daß z. B. +die Kinder, die heute nur schreien und sich zanken, Alles zerbrechen +und sich zu beschäftigen weigern, in der Serie von Gruppen sich +nur mit nützlichen Arbeiten aller Art beschäftigen, unter +sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie dazu anreizt; +daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die +Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und +Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile +schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die +Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein +Drittheil der Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der +Privatwirthschaft; daß man in der Serie dreimal angenehmer, +reichlicher bedient ist; daß man dreimal besser sich nährt +und dreimal weniger ausgiebt, als in der alten Ordnung und dabei all' +die Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten für die Vorbereitungen +und Anschaffungen erspart; wenn ferner bewiesen wird, daß die +Beziehungen in der Serie keinerlei Täuschungen zulassen; +daß bei dem Volk, heute so ungeschliffen und falsch, die +Wahrheit und Gesittung einkehren wird; wenn das Alles die Zivilisirten +sehen, so werden sie einen Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand +bekommen, sie werden sich beeilen, in die Assoziation einzutreten und +ihr Gebäude zu errichten.“ + +</P><P> + +Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen +Wissenschaft gekommen sei. „Das Erste, was ich entdeckte, war die +Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden +Serien den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen +Lebensaltern und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in +der neuen Ordnung man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen +werde, je mehr Triebe man habe und schloß, daß, <i>wenn +Gott so viel Einfluß</i> der <i>Anziehung der Triebe gegeben</i> +und <i>so wenig Einfluß der Vernunft, ihrem Feinde,</i> dieses +geschehen sei, um uns zur Organisation der fortschreitenden Serien zu +führen, welche in jedem Sinne die Anziehung befriedigen ... Die +Sophisten glauben das Problem, das daraus entsteht, daß unsere +Triebe scheinbar mit unserer Vernunft im Widerspruch stehen, dadurch +zu erklären, daß sie sagen: Gott gab die Vernunft, damit +wir den Trieben widerstehen. Es ist aber sicher, daß er sie dazu +<i>nicht</i> gab. Will man die Vernunft der Anziehung der Triebe +gegenüberstellen, so ist dies selbst von Seiten der Verherrlicher +der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen; die Vernunft hat +<i>nie</i> Bedeutung, sobald es sich darum handelt, unsere Neigungen +zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch Furcht, junge Leuten +nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren Neigungen zu +fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für +Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die wilden +Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten, aber +Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen die +Leidenschaften vermag.“ + +</P><P> + +„Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr +man den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles +in ihm auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf +seine Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und +damit die Attraktion um so mehr zu befriedigen.“ Gott hat also die +Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine Triebe +zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu verleihen. + +</P><P> + +„Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe +ist fixirt und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und +muß großer Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte +bald, daß die Gesetze der Attraktion der Triebe in jedem Punkt +den durch Newton und Leibnitz angewandten Gesetzen der materiellen +Anziehung konform seien und <i>daß es eine Einheit des Systems +der Bewegung für die materielle und geistige Welt gebe.</i> Ich +kam dann durch Untersuchungen zu der Ueberzeugung, daß die +Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die besonderen Gesetze +ausdehne, daß die Attraktion und die Eigenschaften der Thiere, +Pflanzen, Mineralien koordinirt seien nach demselben Plan, wie +diejenigen der Menschen und Gestirne. So kam ich zu der neuen +Wissenschaft: <i>der Analogie der vier Bewegungen,</i> der +materiellen, organischen, thierischen und sozialen, oder zur Analogie +der Modifikation der Materie mit der mathematischen Theorie der Triebe +des Menschen und der Thiere.“<a href="#Footnote_7" +name="FNanchor_7" id="FNanchor_7"><sup>7</sup></a> + +</P><P> + +Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die +Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der +Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des +Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner +Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch +auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der +Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben +glaubte, war ihm Alles klar; er begann „im Zauberbuch der Natur zu +lesen“. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung +der Bestimmungen, d. h. er kannte nunmehr das fundamentale System, +durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen +Gesetze geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die +der bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte +er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel +beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera, das +gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die +Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der +zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit +blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der +Selbsterkenntniß ausgerufen: „O! welch' dicke Finsterniß +verschleiert noch die Natur!“ Die Bibliotheken der Philosophen sollen +die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein +demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und +Irrthümer. Die neue sozietäre Ordnung wird also um so +glänzender sein, je länger sie bisher verzögert wurde, +denn eigentlich hätten sie schon die Griechen im Zeitalter des +Solon (639–559 vor unserer Zeitrechnung) begründen +können, da ihr „Luxus“ — Fourier versteht hierunter die +gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters — schon +genügend weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser „Luxus“ +mindestens doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete +jetzt mit um so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die +Früchte von den Fortschritten in den physikalischen +Wissenschaften, die das achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die +bis in diese Tage sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt +werden würden. Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung +zurück, aber sei es nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus +mit seiner Behauptung, daß es jenseits des Ozeans noch einen +Erdtheil geben müsse, verlacht, verspottet, mit seiner Lehre +selbst vom Papste verflucht worden, obgleich dieser am meisten dabei +interessirt war, weil er neue Gläubige unter seine Herrschaft +bekam? Man sei im neunzehnten Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder +neuen großen Entdeckung als im fünfzehnten. Die Philosophen +behaupteten, weil sie selbst nicht den Schleier zu lüpfen +vermochten, die Natur sei ein mit einem ehernen Schleier bedecktes +Schreckbild, ein undurchdringliches Heiligthum; warum habe denn Newton +wenigstens eine Ecke dieses Schleiers zu lüpfen vermocht? Man +sage auch, Gott sei nicht zu erkennen. Der gesunde Sinn sage das +Gegentheil, weil nichts leichter sei. Das Alterthum habe den +Schöpfer travestirt, indem es ihn unter einer Horde von 35.000 +Göttern vermengte und verdeckte; da sei es schwierig gewesen, +seine Meinung zu studiren, ihn aus dieser himmlischen Maskerade zu +entwirren. Sokrates und Cicero trennten sich von den Sottisen ihrer +Zeit, sie bewunderten den „unbekannten Gott“; Sokrates wurde ein Opfer +seiner Ueberzeugung. Heute sei dieser frühere Aberglaube +überwunden, das Christenthum führte uns zu gesunden Ideen +zurück, es brachte den Glauben an einen Gott. „Wir haben jetzt +einen Kompaß, der uns den Weg zum Studium der Natur zeigt.“ + +</P><P> + +Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften Gottes +zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlüssen führe. +„Dahin gehören: 1. die vollständige Leitung der Bewegung; 2. +die Oekonomie der Spannkräfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; +4. die Universalität der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.“ + +</P><P> + +Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als die +Philosophen; die Existenz Gottes ist für ihn unbestritten, er +setzt das Descartes'sche: „Ich denke, also bin ich“, einfach um in den +Satz: „Die Welt ist da, also besteht Gott.“ Und ist einmal dieser Gott +als Weltschöpfer anerkannt, so muß er natürlich auch +die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese +Eigenschaften wäre er nicht Gott. Er fährt nun weiter fort: + +</P><P> + +„Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des Weltalls +und sein Schöpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls zu +lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen: folglich ist +die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk Gottes und nicht +das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft dem Glück +zuzuführen, müssen wir das soziale Gesetz studiren, das er +für sie gebildet hat.“ Mit andern Worten heißt das: Gott +ist zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der +Bewegung für die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber +da er sich bei seinen vielen Geschäften um die Details und ihre +Ausführung nicht kümmern kann, muß der Mensch sie +entdecken und ausführen. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott +wird auf diese Weise vollständig deplazirt und es sind +schließlich die Menschen, die Alles allein besorgen; er hat die +Allmacht Gottes und den freien Willen des Menschen innerhalb der ihm +von Gott überlassenen Grenzen gerettet. Fourier kommt +schließlich auf dasselbe hinaus, was er den Philosophen +vorwirft, sie hätten die menschliche Vernunft auf den ersten Rang +und Gott auf den zweiten gesetzt. Genau so schließt er über +den zweiten Punkt. Ist Gott der höchste Verwalter der vorhandenen +Spannkräfte, so kann er doch nur mit den größten +gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschäftigen, die +kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei, ist +Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkürliche, +ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken. + +</P><P> + +Zum dritten Punkt bemerkt er: „Im Schatten der vorhandenen sozialen +Gesetzgebung sieht man nicht, <i>daß das Elend der Völker +mit dem sozialen Fortschritt wächst.</i> Wir sehen die +gefährliche Wirkung in dem Einfluß des Handelsgutes, der +dahin führt, die heiße Zone mit schwarzen Sklaven zu +bedecken, die man ihrem Heimathlande entreißt, und die +gemäßigte Zone mit weißen Sklaven, die man in die +industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich offenbart +und in allen Ländern Nachahmung finden wird. Kann man irgend +welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken, <i>wo der +Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die Arbeit +garantirt?“</i> + +</P><P> + +Die Universalität der Vorsehung muß viertens sich nach ihm +auf alle Völker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze +zivilisirte System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich +weigern, widerspricht den Wünschen Gottes. Den Zustand, den wir +ihnen bieten, die agrikole Zerstückelung und die +Einzelwirthschaft, befriedige nicht Menschen, die der Natur am +nächsten stehen. Unsere ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und +daher müsse ein anderer Zustand begründet werden, der alle +Kasten, alle Völker befriedige, wenn die Vorsehung universell +sein solle. Die Einheit des Systems endlich implizire fünftens +die Anwendung der Attraktion der Spannkräfte der sozialen +Harmonien des Weltalls, die sich von den Gestirnen bis zu den Insekten +erstreckten. Man müsse also im Studium der Attraktion das soziale +Gesetz zu entdecken suchen ... „Unsere Einrichtungen sind unsern +eigenen Völkern so verhaßt, daß sie in allen +Ländern sich erheben und sich davon zu befreien suchen +würden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie +zurückschreckte. Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht +zu vereinigen, weil die Barbaren für unsere Einrichtungen nur +eine tiefe Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie +derselben erregen. Es ist die stärkste Verwünschung, die sie +einem Feind entgegenschleudern: „Mögest du gezwungen sein, ein +Feld zu bebauen.“ Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie +von allen freien Völkern verabscheut, die sich in dem Augenblick +zu ihr drängen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich +in Uebereinstimmung setzt.“ + +</P><P> + +Fourier meint also, daß keine soziale Organisation die rechte +sein könne, die nicht von allen Menschen, ohne Rücksicht auf +ihre Kulturstufe, freudig begrüßt würde, so groß +müßten ihre Vortheile und ihre Annehmlichkeiten sein. „Es +gilt also eine soziale Ordnung zu finden, welche dem geringsten +Arbeiter ein genügendes Wohlsein sichert. Die Arbeiter +müssen den neuen Zustand dem Zustand der Trägheit und der +Straßenräuberei <TT>(brigandage)</TT>, nach dem sie heute +Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht +gelöst ist, werden die Reiche <i>beständigen Stürmen +ausgesetzt sein, werden sie von einer Revolution in die andere +stürzen;</i> die wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur +auf die Dürftigkeit der Masse und folglich auf den Umsturz +hinaus; die Helden, die Gesetzgeber stützen sich nur auf den +Säbel; aber alle Voraussicht eines Friedrich kann nicht +verhindern, daß schwache Nachfolger den Degen auf seinem Sarge +rauben lassen.<a href="#Footnote_8" +name="FNanchor_8" id="FNanchor_8"><sup>8</sup></a> Die zivilisirte Ordnung ist mehr +und mehr im Wanken, der <i>vulkanische Ausbruch von 1793 ist nur ihre +erste Eruption, andere werden folgen;</i> ein schwaches Regiment wird +sie begünstigen. Der Krieg der Armen gegen die Reichen hat so +glücklich begonnen, daß Ränkeschmiede in allen +Ländern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das +zu verhüten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer +Aufklärung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in +dem Maße gebären, wie wir die Ruhe gesichert zu haben +glauben. Und wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert +verlängert, wie viel Kinder werden, veranlaßt durch ihre +Väter, vor den Thüren der Reichen betteln? (In Folge von +Klassenelend.) Ich würde nicht wagen, diese schreckliche +Perspektive darzustellen, wenn ich nicht die Berechnungen +brächte, welche die Politik in dem Labyrinth der Triebe zurecht +weisen und die Zivilisation von ihrem Alp erlösen werden, diese +Zivilisation, die immer revolutionärer und +verhängnißvoller wird.“ + +</P><P> + +Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle +Ehre, sie sind überraschend. Man halte fest, daß Fourier +diese Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 veröffentlichte, wo +außer ihm nur sehr Wenige an eine soziale Frage überhaupt +dachten, und man wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner +Voraussagungen bewundern müssen. Er führt nun weiter aus, +wie viele Reiche bereits an innerer Zerrüttung zu Grunde gingen, +weil sie die sozialen Uebel nicht zu lösen vermochten. „Welche +Monumente diese Reiche immer überlebten, sie stehen da, eine +Schande ihrer Politik. Rom und Byzanz (Konstantinopel), ehemals die +Hauptstädte der größten Reiche, sind heute zwei +lächerlich gewordene Metropolen. Auf dem Kapitol sind die Tempel +Zäsar's durch obskure Götter aus Judäa verdrängt, +am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die Götter +der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das Piedestal von +Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den Altar von Jesu. Rom +und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der Verachtung der Nationen, +die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei Arenas politischer +Maskeraden, zwei Pandorabüchsen, die im Orient den Vandalismus +und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine Raserei +verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den Triumphwagen zu +schmücken und den modernen Hauptstädten einen Vorgeschmack +von dem Schicksal zu geben, das den Denkmälern und den Arbeiten der +Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die sozialen Uebel +des Menschengeschlechts und schafft Wandel!“ — + +</P><P> + +„Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die +Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist nothwendig +besser als die beiden andern, und die beiden unvollkommneren, die sich +nicht zur besseren erheben, sind von jener Krankheit der +Entkräftung erfaßt, von der nach Montesquieu das +Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche die +andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar unzureichend +für das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den +größeren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten +lassen. Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der +Lähmung betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der +politischen Ohnmacht; sie müssen also alle drei aus einem +krankhaften Zustand heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen +Mechanismus beunruhigt. Völker! eure sehnlichsten Wünsche +verwirklichen sich, die glänzendste Mission ist dem +größten der Helden aufbewahrt. Der soziale Kompaß ist +entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei und der Zivilisation +zur universellen Harmonie führen wird.“ + +</P><P> + +„Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer +behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklären, sie +haben aber nie ernste Studien über diesen Gegenstand gemacht und +man hat nie das Geringste über die allgemeine Einheit erfahren. +Sie bildet sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit +sich, mit Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des +Menschen mit sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im +Menschen, seine Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen +zu können, oder nicht befriedigen zu dürfen. Der Verf.) hat +die Wissenschaft der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit +<TT>(duplicité)</TT> der Handlung als wesentlichen Zustand und +unwandelbare Bestimmung des Menschen betrachtet. Sie lehrt: man +müsse seinen Trieben widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also +im Krieg mit sich selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in +den Kriegszustand mit Gott geräth, denn die Triebe und Instinkte +kommen von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum +Führer gab.“ + +</P><P> + +„Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Führer und +Mäßiger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. +daß Gott uns zwei unversöhnlichen und sich antipathischen +Führern, den Trieben und der Vernunft, überliefert hat; 2. +daß Gott gegen neunundneunzig Prozent der Menschen sehr +ungerecht handelte, weil er ihrer Vernunft nicht die Stärke +gewährte, ihre Triebe bekämpfen zu können; 3. daß +Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft gab, mit einem +untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist unzweifelhaft, +daß diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten Menschen, der +allein nur damit versehen ist, ohnmächtig ist, <i>wie ja die +Distributeure der Vernunft, z. B. ein Voltaire, am meisten von ihren +Trieben unterjocht wurden.</i>“ + +</P><P> + +„Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion der +Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft +und Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur +im heutigen sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der +Mensch sei für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, +daß es nur zwei Gesellschaftsordnungen giebt, die der +Privatwirthschaft und der Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und +der sozietäre Zustand. Der gegenwärtige Zustand setzt die +isolirte Familie voraus, der sozietäre die Arbeit und die +Lebensweise in zahlreichen Vereinigungen, welche nach einer bestimmten +Regel für Jeden sich theilen und ausgleichen, nach den drei +Eigenschaften: Arbeit, Kapital und Talent. Gott, als höchster +ökonomischer Leiter, muß nothwendig die Assoziation als den +besseren Zustand wollen.“ + +</P><P> + +„Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die +Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe und +die universelle Analogie.“ + +</P><P> + +Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale +oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also +über zum „Studium der Assoziation“. + +</P><P> + +„Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in dem +ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen +Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für +eine bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die +Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; +20–30 Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum +Fabrikanten und am Ende der Saison erhält jede ihren Theil an +Käse, entsprechend der Quantität Milch, die sie lieferte. +Wir haben überall im Kleinen wie im Großen diese Keime +für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe Diamanten, welche die +Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist, diese Fetzen einer +Assoziation, die in allen Zweigen der menschlichen Arbeit zerstreut +sind, zu einem Mechanismus, einer allgemeinen Einheit zu verbinden, wo +sie bisher nur mit Hülfe des Instinktes entstanden. Bisher hat +die Wissenschaft diese Studie vermieden, die allein wahrhaft dringlich +war. Ein Jahrhundert, das sich so vieler Vernachlässigungen in +wissenschaftlicher Ordnung und Erforschung schuldig machte, +mußte des Ueberblicks über das Ganze ermangeln; es hat +weder die Eintheilung des ganzen Systems der Bewegung, noch die drei +Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte schließen +müssen, daß die soziale und die materielle Welt im +Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit +organisirt sind.“<a href="#Footnote_9" +name="FNanchor_9" id="FNanchor_9"><sup>9</sup></a> + +</P><P> + +<i>„Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte +Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt +sich das persönliche Interesse in Gegensatz zu dem +Allgemeininteresse.</i> Der Arzt wünscht, daß seine +Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen, denn er würde zu +Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne Krankheit stürbe; +dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder Streit +schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist +interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche +Todte, Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt +jährlich wenigstens 45.000 Verbrechen, damit die +Gerichtshöfe stets beschäftigt, also nothwendig sind. Der +Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler Hagel; +Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So handeln in +diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die Theile gegen +das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze Ungeheuerlichkeit +eines solchen Zustandes wird man erst begreifen, wenn man die +sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen eine ganz +entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das Gesammtwohl +wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am meisten +entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit der +Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften +rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation +über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem +anderen Zustande empfinden muß, so heute, wo alle ihre +Illusionen zerstört sind; wo ihre Freiheit <i>als der Weg zur +Anarchie</i> erkannt ist, ihre Zerwürfnisse zum Despotismus +führen und ihre Handelsmaximen den Wucher, den Betrug, den +Bankerott begünstigen, <i>die Nationen schließlich unter +das Joch des Monopols beugen</i> und zur Dürftigkeit und +Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären +von der Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in +ihren Schafstall führte.“ + +</P><P> + +„Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende +Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen: + +</P><P> + +„Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und +muß festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas +zu thun übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie +zum Führer nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst +der Analogie vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese +übergehen; 5. nicht glauben, daß die Natur auf die uns +bekannten Mittel beschränkt ist; 6. die Spannkräfte im +ganzen sozialen und materiellen Mechanismus vereinfachen; 7. sich nur +an die durch das Experiment festgestellte Wahrheit halten; 8. sich an +die Natur schließen; 9. beachten, daß aus Irrthümern +entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10. die Thatsachen +beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich solche nicht +vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte +mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was +wir gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle +aufnehmen und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird +man zu der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur +verbunden ist, und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit +giebt. Der Mensch, als einer ihrer edelsten Theile, muß in +Uebereinstimmung sein mit den Harmonien des Weltalls, also mit der +mathematischen oder rationellen Harmonie, der planetären oder +sozialen, der musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, +Weltsprache.) Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu +assimiliren, so muß er das Band suchen, das ihn mit Allem +vereinigt, dieses Band ist die Synthese von der Attraktion der +Triebe.“ + +</P><P> + +Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien, +welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die Erforschung +der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie die Sophisten, +trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre Prinzipien, auf +alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur sieben +Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung, +Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von +Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische +Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede +soziale Periode ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu +einer höheren Stufe der Entwicklung führten; so +beschäftige man sich unter den Zivilisirten mit zwei Wegen, dem +Handelssystem und der Freiheit. Das seien die beiden Paradepferde der +Philosophen, die sie mit Vorliebe ritten. Man wolle die freie +Zirkulation im Handel und komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die +Meinungsfreiheit und komme zur Herrschaft der Denunzianten und des +Schaffots.<a href="#Footnote_10" +name="FNanchor_10" id="FNanchor_10"><sup>10</sup></a> + +</P><P> + +Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als die +Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale +Freiheit scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig +anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und +mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an +die körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. +Plato und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. +Letzterer erklärte sogar, „der Sklave sei der Tugend nicht +fähig“. Unter dem Christenthum wurde die körperliche +Freiheit allmälig durchgesetzt, aber noch existirte die Sklaverei +vielfach. + +</P><P> + +„Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale? +Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, +trotzdem genießt er größere Freiheit als der +Arbeiter, der, um leben zu können, an die Arbeit gefesselt ist. +Doch seine Triebe bleiben unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, +aber er hat kaum genug, um sich zu nähren, er möchte +Volksvertreter werden, aber dazu gehört ein großes +Vermögen.<a href="#Footnote_11" +name="FNanchor_11" id="FNanchor_11"><sup>11</sup></a> Mit dem stolzen Titel, ein +freier Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der +sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der Gesellschaft. +Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der Woche, den +Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage ist er +gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein +körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und +sozial aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt +über Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit +dies überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien +Aufschwung der Triebe seiner Seele, er genießt eine +Sorglosigkeit, die der Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar +jagen und fischen, um sich zu ernähren, aber das sind anziehende +Beschäftigungen, die ihm die körperliche aktive Freiheit +nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude macht, wird nicht als +drückende Verpflichtung empfunden. So geht's auch dem Kaufmann; +wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft und dabei seine +Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er würde sehr +mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme +und er weder lügen noch verkaufen könnte.“ + +</P><P> + +„Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache +Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit +verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nöthig. +Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die +persönliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, +die Verbindung aus Trieb für die Ausübung der Arbeit und die +Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung. Diese vollständig +freie Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung +des Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer +Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die +große Menge ist nur auf die körperliche Arbeit +beschränkt, ihre Beschäftigung ist indirekte Sklaverei, eine +Qual, von der sie sich zu befreien wünscht.“ + +</P><P> + +„Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Müßigen, oder +Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum +Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit +erreicht. Kann man also behaupten, daß die soziale Freiheit +besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brüderlichkeit nur +Chimäre. Die Brüderlichkeit sandte Einen nach dem Andern +ihrer Koryphäen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk +mit dem Titel Souverän, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; +es verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag<a href="#Footnote_12" +name="FNanchor_12" id="FNanchor_12"><sup>12</sup></a> und man schleift es, die Kette +am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit, +Brüderlichkeit nur Phantome.“ + +</P><P> + +„Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der +freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit +beschränkt ist, da giebt es nur Unterdrückung. Um aber der +Menge die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist +eine soziale Organisation nöthig, die drei Bedingungen +erfüllt. Man muß 1. ein Regime der industriellen Attraktion +suchen, entdecken und organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben +natürlichen Rechte des Wilden garantiren;<a href="#Footnote_13" +name="FNanchor_13" id="FNanchor_13"><sup>13</sup></a> 3. +die Interessen des Volks mit denjenigen der Großen verbinden, +denn das Volk wird auf sie eifersüchtig sein und sie hassen, so +lange es nicht an ihrem Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter +diesen drei Bedingungen kann man dem Volk ein Minimum an +Nahrungsmitteln, Bekleidung, Wohnung und hauptsächlich auch an +Vergnügungen sichern, denn ohne das Angenehme würde dem +Menschen auch der neue Zustand nicht genügen.“ + +</P><P> + +„Prüfen wir also, wie die sozietäre Ordnung dem Individuum +die freie Ausübung der erwähnten sieben Rechte, die mit dem +Mechanismus der Barbarei und der Zivilisation so unverträglich +sind, in entsprechender Form gewähren kann.“ + +</P><P> + +„Schreiten wir zunächst dazu, sie wie ihre Angelpunkte +<TT>(pivots)</TT> zu erklären.“ + +</P><P> + +Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei Analogien, +um Diejenigen zu enttäuschen, die es als ein von ihm systematisch +angewandtes Vorurtheil ansehen, daß er gewöhnlich den +Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er will +beweisen, daß diese Zahlenverhältnisse in der Natur der +Dinge liegen, also gegebene sind, nicht willkürlich erfundene. + +</P> + +<TABLE BORDER=1 CELLPADDING=10 ALIGN=center summary = "Rechte, Triebe, Fraben, Linien"> +<TR ALIGN=center> + <TD></TD> + <TH COLSPAN=2>Rechte</TH> + <TH COLSPAN=2>Triebe</TH> + <TH>Farben</TH> + <TH>geometrische Linien</TH> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>1.</TD> + <TD ROWSPAN=4>Kardinale<BR> oder <BR>industrielle<BR> Rechte</TD> + <TD>Sammelfreiheit</TD> + <TD ROWSPAN=4>Haupt-<BR>Triebe</TD> + <TD>Freundschaft</TD> + <TD>Violet</TD> + <TD>Kreis</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>2.</TD> + <TD>Weide</TD> + <TD>Liebe</TD> + <TD>Azur</TD> + <TD>Elipse</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>3.</TD> + <TD>Fischfang</TD> + <TD>Familiensinn</TD> + <TD>Gelb</TD> + <TD>Parabel</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>4.</TD> + <TD>Jagd</TD> + <TD>Ehrgeiz</TD> + <TD>Roth</TD> + <TD>Hyperbel</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>1.</TD> + <TD ROWSPAN=3> Distributive<BR> Rechte </TD> + <TD> Innere Verbindung </TD> + <TD ROWSPAN=3> Distributive<BR> Triebe </TD> + <TD> Kabaliste </TD> + <TD> Indigoblau </TD> + <TD> Spirale </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>2.</TD> + <TD> Sorglosigkeit </TD> + <TD> Papillone </TD> + <TD> Grün </TD> + <TD> Muschellinie </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>3.</TD> + <TD> Auswärtiger Raub </TD> + <TD> Komposite </TD> + <TD> Orangegelb </TD> + <TD> Logarithmus </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD COLSPAN=2 ROWSPAN=2> X. </TD> + <TH> Minimum </TH> + <TH COLSPAN=2> Einheitlichkeit </TH> + <TH> Weiß </TH> + <TD> </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD> Freiheit </TD> + <TD COLSPAN=2> Gunst </TD> + <TD> Schwarz </TD> + <TD> Nebenkreis </TD> +</TR> +</TABLE> + +<P> + + +Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist das +Resultat ihrer Verbindung, so wie Weiß oder Schwarz die +Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist. + +</P><P> + +Fourier führt dann weiter aus, daß aber die Freiheit nur +einfach oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem +Prinzipalen aller Rechte, dem <i>Minimum</i> begleitet sei, was die +Periode der Wildheit nicht biete. Auch genießen die Freiheit in +der Wildheit nur die Männer, die Frauen sind ausgeschlossen und +ist ihre Lage schlimmer, als in der Zivilisation. Es genügt weder +die Freiheit, wie sie die Zivilisation bietet, noch genügen die +sieben Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden +Zustand herzustellen. Der neue sozietäre Zustand müsse also +alle drei Geschlechter gleichmäßig berücksichtigen und +ihren Trieben Befriedigung gewähren. + +</P><P> + +Die bezügliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und +der Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier +ausführlicher folgen. + +</P><P> + +„Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des +Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz +großer Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit +entfernt, dem nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu +können, sind mit täglichen Sorgen überladen und +müssen eine widerwärtige und aufgezwungene Arbeit erledigen. +Den Sonntag eilen sie dann in die Schenken und an die +Vergnügungsorte, um wenigstens für einige Augenblicke eine +Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche, von der Unruhe +verfolgt, vergebens suchen.“ + +</P><P> + +„Die Rechthaber <TT>(ergoteurs)</TT> werden sagen, die Sorglosigkeit +sei eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht, +indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die +Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt. +Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater +sich mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und +verläßt er seine Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe +und die künftigen Bedürfnisse gesorgt zu haben, so belehrt +ihn die öffentliche Meinung durch ihre Kritiken und der +Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er kein Recht zur +Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs dazu, sich +derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die zivilisirte Erziehung +systematisch darauf bedacht, den Geschmack an der Sorglosigkeit zu +bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie Entfaltung in der +Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.“ + +</P><P> + +„Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht +über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er +daß seine Kinder, seine Horde Hunger litte, er würde die +Anerbietungen an Ackerbaugeräthen und den notwendigen +Gegenständen für die Kultur des Bodens, welche die +Regierungen der Zivilisirten ihm machen, annehmen. Aber er will keins +seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine Sorglosigkeit +auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle seine +Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht, aber die +Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den +rechten Weg, wie man später sehen wird.“ + +</P><P> + +„Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des +Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: +die Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie +haben bei den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.“ + +</P><P> + +„Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht +anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, +denn sie selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts +anzusehen. Von den drei Geschlechtern, aus denen das +Menschengeschlecht sich zusammensetzt, dem oberen, den Männern, +dem niederen, den Frauen, und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, +den Kindern, sehen sie nur <i>ein</i> Geschlecht und arbeiten nur +für dieses, für das obere oder männliche. Aber welches +Glück verschafften diesem die Philosophen? Statt der sieben +Rechte, aus welchen die Freiheit sich zusammensetzt, nur die sieben +Geißeln.“ + +</P><P> + +„Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich +die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt bezeichnete; +sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch die +Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit +der industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch +Ausschließung des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar +nicht an den sieben natürlichen Rechten theilnimmt.“ + +</P><P> + +Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche +Wilde durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit +über der großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die +immense Mehrheit beider Geschlechter von diesen Vortheilen +ausschlösse. Die Zivilisation schulde für das Ausgeben +dieser natürlichen Rechte einem Jeden ein Minimum an +Lebensnothwendigkeiten, Kleidung, Wohnung, und zwar proportional der +sozialen Stellung, zu der er gehöre, denn <i>nothdürftig</i> +genährt, gekleidet und logirt werde man auch in den +Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein Gefangener und +sehr unglücklich sei. + +</P><P> + +Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben +natürlichen Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu +entschädigen, garantirten ihm unsere Publizisten einige +Träumereien und Gaskonnaden, wie: „daß er stolz sein +dürfe auf den Namen eines freien Mannes und das Glück habe, +unter einer Verfassung zu leben.“ Diese Lächerlichkeiten +verdienten nicht einmal den Namen der Illusion und befriedigten keinen +Arbeitenden, der vor Allem nach seinem Geschmack zu essen, sorglos und +vergnügt zu leben wünsche. + +</P><P> + +„Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des +Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent +bietet; er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß +z. B. Niemand mehr auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben +kann, oder daß er sich durch eine Handlung in der +öffentlichen Meinung mehr zu Grunde richtet, als er durch eine +schlechte Handlung zu gewinnen vermag. Schließlich werden alle +Kinder in den Begriffen der Ehre erzogen und können alle +Bequemlichkeiten des Lebens reichlich genießen. Es wird also +Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im Ueberfluß leben.“ + +</P><P> + +„Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des Wilden +beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente. Fragt +einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der keine +Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor +bedrängt wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der +Jagd und des Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide +seinem Zustand vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, +sich für den Wilden zu entscheiden. Was giebt ihm die +Zivilisation für seinen Verlust? Das Glück, unter der +Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht damit gedient, daß +er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die Verfassung lesen +kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend beleidigen, +wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.“ + +</P><P> + +„Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit +illusorisch und verhängnisvoll, wenn man sie nur in einfacher +Anwendung einführt.“ + +</P><P> + +Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die +Freiheit ohne Brot, ist für die große Menge der +Bevölkerung unter Umständen nur die Freiheit des +Verhungerns. Die Freiheit hat nur Werth, ja sie ist erst dann +vorhanden, wenn auch der Mensch zu leben hat, und diesen +Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation nicht. „So haben unsere +Träumereien von den Menschenrechten und der Freiheit, die man in +Versuch setzte, nichts als Täuschungen und +verhängnißvolle Erschütterungen erzeugt. Unsere +Gesellschaft hat zu ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der +Einheitlichkeit der Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum +des sozietären Zustandes schnurstracks gegenüberstehen: +allgemeiner Egoismus und Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese +beiderseitigen Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, +sie schließen sich aus.“ + +</P><P> + +„Volle einheitliche Freiheit und menschenwürdige Existenz lassen +sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe +erreichen, außerhalb desselben ist das ganze System der Triebe +im Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und +Zweideutigkeit.“ ... + +</P><P> + +Es gilt also für Fourier, eine entsprechende Organisation zu +schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmäßig, unter +voller Berücksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, +zufriedengestellt werden. + +</P><P> + +„Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der Niedere +an dem Wohlsein des Höheren interessirt; die gewohnte Begegnung +bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der verschiedenen Serien +dient als Kitt für die Einheitlichkeit. Man hat nichts mehr von +der vollen Freiheit des Volkes zu fürchten, das in dem +gegenwärtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen die +Höheren seine Unabhängigkeit nur zur Plünderung und +Erwürgung derselben benutzen würde.“ + +</P><P> + +„Aus dieser Darlegung resultirt, daß die Gewährung einer +auskömmlichen Lebenshaltung ausschließlich von der +Entdeckung des sozietären Regimes und der anziehenden Arbeit +abhängt. Wie kann man dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, +wenn man ihm selbst nicht einmal die widerwillige Arbeit, von der +heute seine Existenz abhängt, zu garantiren vermag? In einem +solchen Zustande der Dinge, wie dem gegenwärtigen, wird alle +Freiheit nur ein Keim des Aufruhrs. Die Agitatoren fühlen das +wohl und darum haben sie die Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge +ist, dem Volk den Maulkorb anzulegen und die philosophischen +Schwätzer, die Bonaparte knebelte und Robespierre in Masse auf's +Schaffot schickte, zu unterdrücken.“ + +</P><P> + +<i>„In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit +existiren</i>, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort +unvollständig und gefährlich, weil sie die Horde dem Hunger, +dem Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf +die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie unbrauchbar +werden.“ + +</P><P> + +„Obschon die Freiheit des männlichen Wilden dem Schicksal unserer +Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der +Vernunft unwürdiges Glück, weil die industrielle +Thätigkeit ihm fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends +und der Unterdrückung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die +Frucht des sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und +eine Schmach für die Wissenschaft. Weit entfernt, daß diese +verstand, uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu +definiren gewußt, noch vermochte sie ihre verschiedenen +Charaktereigenschaften darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die +Schande, unter dem Vorwand, uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie +selbst nicht kannte, tausend politische Stürme erregt zu haben. +Sie ist mit der Freiheit wie mit dem Handel verfahren, sie hat einen +Hebel zu literarischen Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, +einen Schatten von Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie +selbst weder die Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's +Lebhafteste die Anstrengungen des Genies herausfordern, nämlich: + +</P><P> + +„In Sachen des Handels: das Bedürfniß der Assoziation, die +Garantie der Wahrheit und die Unterdrückung der zahlreichen +Verbrechen der handeltreibenden Körperschaften: der Bankerotte, +des Wuchers, des Börsenspiels etc.“ + +</P><P> + +„In Sachen der Freiheit: das Bedürfniß der industriellen +Attraktion; ein Aequivalent für die natürlichen Rechte (die +der Wilde hat) und Garantien für ein gradweise abgestuftes +Minimum für die verschiedenen Klassen.“ ... + +</P><P> + +„Der Streit über die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen +Köpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der großen +Revolution folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der +Handelseifersucht geopfert wurden, genügend, um dieses Chaos von +irrigen Lehren über die Freiheit und den Handel zu entwirren.“ + +</P><P> + +„Es gehört zu den Gebräuchen der Zivilisirten, einem Dogma +zu Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt, +sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafür sind die +aus den Debatten über die Verwandlung <TT>(Transsubstantiation)</TT> +und die Wesenseinheit <TT>(Consubstantialité)</TT> +hervorgegangenen Kriege. Unser Jahrhundert hat ähnlich über +die Menschenrechte spekulirt; um sie zu erhalten, massakrirte man sich +und doch kannte man ihr wahres Wesen nicht.“ + +</P><P> + +Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung +„des Rechts auf Arbeit“, das „für den Armen allein werthvoll +ist.“ Die Erfahrung hat uns zur Genüge gelehrt, daß mit +dieser Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch über +dieses „Recht“ gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 +in Paris in den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit +steht in Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter +der „Freiheit“ und den „Menschenrechten“ zurück, Jeder legt sich +dieses „Recht“ zurecht, wie er es braucht und es seinem +Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten noch +heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage +löse; bei den Anhängern des preußischen Landrechts, +die dieses „Recht“ ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht +auf Armenhausarbeit und Armenunterstützung zusammen. Auch nach +der Junirevolution hat es noch die Köpfe in der +französischen Kammer erhitzt, man schlug große +Redeschlachten und dabei ist es bis heute geblieben. Schließlich +waren bei all diesen Schlagworten es immer und immer die Vertreter der +kleinbürgerlichen Demokratie, die sich am eifrigsten für sie +begeisterten und sich zu ihren Champions aufwarfen. Ganz begreiflich. +Diese Demokratie repräsentirt eine Gesellschaftsschicht, die +zwischen der großbürgerlichen und der proletarischen Klasse +mitten innesteht, in Folge davon ohnmächtig ist und in Bezug auf +die Heilung der sozialen Uebel an chronischer Impotenz leidet und +daher ihr Thatenbedürfniß in großen Worten und +Kraftphrasen zu verpuffen genöthigt ist. Die bürgerlichen +Ideologen lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind +aber allmälig sehr einflußlos und harmlos geworden. + +</P><P> + +Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und logisch +schließender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei Andern +klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es giebt +keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum; kein +Minimum ohne die industrielle Anziehung <TT>(attraction)</TT>; keine +industrielle Anziehung in der zerstückelten +<TT>(morcelé)</TT> Arbeit, womit er sagen will, in der auf +Privatwirthschaft beruhenden Arbeit. Die industrielle Anziehung kann +nur aus den Serien der Triebe geboren werden; also: + +</P><P> + +Das Minimum, gestützt auf die industrielle Anziehung, ist der +einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in +diesen Weg einzutreten, muß man die Zivilisation verlassen, +muß man ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da +es hierzu, nach ihm, zwölf Wege giebt, muß man den +günstigsten wählen, um zur Assoziation zu gelangen. + +</P><P> + +Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu +organisiren, daß folgende sieben Funktionen voll angewendet und +ausgeübt werden können: häusliche Arbeiten, +ländliche Arbeiten, industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, +Wissenschaften, schöne Künste. Es muß vorhanden sein: +Anziehung für alle Beschäftigungen, proportionale +Vertheilung des Erzeugten, Gleichgewicht der Bevölkerung, +Oekonomie in den Hülfsmitteln. + +</P><P> + +Die Anziehung an die Arbeiten kann nur vorhanden sein, wenn jede +Arbeit angenehm <i>und</i> lukrativ ist. Die Vertheilung findet statt +nach den drei industriellen Fähigkeiten: Arbeit, Kapital, Talent. +Die Bevölkerungszahl einer Phalanx darf 1800–2000 Personen +nicht überschreiten, weil in dieser Zahl, nach Fourier's +Berechnung, die verschiedenen Triebe und Charaktereigenschaften voll +und zweckmäßig vertheilt enthalten sind und eine +größere oder kleinere Zahl die Ausgleichung stören +würde. Die Oekonomie der Hülfsmittel ergiebt sich aus dem +möglichst zweckmäßigen Zusammenwirken aller mit +einander Operirenden, die alle gleichmäßig an der +Ersparniß von Materialien, Zeit und Kraft interessirt sind. So +wird man in einer Phalanx von 400 Familien nicht 400 Küchenfeuer, +400 Einzelwirthschaften erhalten, sondern man wird nur 4 oder 5 +große Küchenfeuer anlegen und die Bewohner in 4 oder 5 +Klassen, nach dem Stande ihres Vermögens, eintheilen und sie in +einem gemeinsamen Palast wohnen lassen. Der sozietäre Zustand +läßt keine Gleichheit zu. Ebenso werden bei dem Ackerbau +wie bei der Industrie die Vortheile in positiver Beziehung — +Erhöhung der Produkte durch zweckmäßigste Kombinirung +und Anwendung der Kräfte und Hülfsmittel — und in +negativer Beziehung — Ersparnisse an Kraft, Zeit, Materialien +— sehr bedeutende sein. Es entsteht wieder rationelle Waldzucht, +Quellenschonung, Klimaverbesserung. Ueber alle diese Vortheile, welche +die assoziirte Thätigkeit erzeugen müsse, äußert +sich Fourier wie folgt: + +</P><P> + +„Eine Phalanx, die sich z. B. mit Wein- oder Oelbau befaßt, wird +nur einen einzigen Werkraum für die Fertigstellung nöthig +haben, statt der vielen, die jetzt in einer Gemeinde von 15–1800 +Seelen nöthig sind; statt 300 Bottiche wird sie nur ein Dutzend +bedürfen. Man wird ferner für die Reben- und Oelbaumanlagen +die Ueberwachung, die Einfriedigungen und Ummauerungen ersparen. Man +wird die Lese nicht auf einmal vornehmen, wie dies jetzt der kleine +Privatbesitzer, um Kosten und Zeit zu ersparen, thun muß, +sondern in dem Maße, wie die Trauben reifen, und damit +große Verluste an Quantität oder Qualität +verhüten. Statt der 1000 Fässer, welche heute 300 Familien +benöthigen, werden 30 große Tonnen genügen. Man wird +neun Zehntel der Kosten für die Lagerräume, neunzehn +Zwanzigstel für das Faßwerk ersparen. Die richtige +Behandlung des Weins ist dem kleinen Besitzer unmöglich, weder +kann er ihm die nöthige Lagerung gewähren in trockenen gut +gelüfteten nach Norden gelegenen Lagerräumen, noch hat er +die Einrichtungen und Vorrichtungen für die tägliche +Kühlung der Keller und Fässer. Auch fehlt der Ueberzahl der +Besitzer die Möglichkeit, die Weine durch verschiedene +Füllungen zu verbessern, leichte mit schweren Qualitäten zu +schneiden, oder sich fremde wärmere Weine zu verschaffen. Ferner +wird heute der Wein, unmittelbar nach der Ernte, von vielen +Eigenthümern zum billigsten Preis verkauft, weil sie ihn +verkaufen müssen, sei es, daß sie Geld nöthig haben, +der Gläubiger schon wartet, oder daß es ihnen an geeigneten +Aufbewahrungsräumen fehlt, und sie der Mittel oder des +Verständnisses zur Pflege entbehren. In der Phalanx wird der Wein +in Folge guter Aufbewahrung und Pflege schon nach einem Jahre das +Fünffache des Preises werth sein und mit dem Alter entsprechend +im Preise steigen. Die Phalanx verkauft ihn, wie ihr Interesse +gebietet. Und so noch viele andere Vortheile, die aus der +Gemeinwirthschaft entspringen, stets Kosten ersparen und die Produkte +verbessern. Man wird bessern Saamen, bessere Pflanzen anschaffen, im +Ankauf nie betrogen werden; man wird für die verschiedenen +Pflanzungen die besten und geeignetsten Bodenarten aussuchen +können, Maschinen, Gebäude, Ställe, Lagerräume +werden die zweckmäßigsten sein, die verfügbaren +Kräfte werden jede Arbeit im richtigen Moment ermöglichen.“ + +</P><P> + +„Eine der glänzendsten Seiten der sozietären Arbeit wird die +Einführung der Wahrheit in Handel und Wandel werden. Indem die +Assoziation die kooperative, solidarische, sehr vereinfachte, auf +Wahrhaftigkeit und Garantie beruhende Konkurrenz an die Stelle der +individuellen, unsoliden, lügnerischen, verschlungenen und +willkürlichen Konkurrenz der Zivilisation setzt, wird sie nur ein +Zwanzigstel der Arme und der Kapitalien benöthigen. Man wird also +den heutigen Handel als parasitisch unterdrücken, denn +parasitisch ist Alles, was unterdrückt werden kann, ohne +daß der Zweck geschädigt wird. Man wird in der Phalanx +statt hunderter konkurrirender und gegen einander intriguirender +Kaufleute und Krämer mit ihren Verkaufshallen und Läden nur +ein großes Waarenlager und verhältnißmäßig +sehr wenig Personen brauchen, da alle Käufe und Verkäufe +nach außen die Phalanxen unter sich abschließen.“ + +</P><P> + +„In der Zivilisation ist der Mechanismus in jeder Art der +ruinöseste und falscheste. So giebt es außer im Handel noch +tausende und abertausende von parasitischen Existenzen, z. B. die in +der Rechtspflege beschäftigten Personen, eine Institution, die +nur auf den Fehlern der zivilisirten Ordnung beruht ... Andererseits +fehlen die Mittel für das Nöthigste. So mangeln Frankreich +heute einige hundert Millionen Franken für die Verbesserung der +Wege und Straßen; im sozietären Zustand, wo Phalanx an +Phalanx sich reiht, bestehen die ausgezeichneten Verbindungsmittel, +für die jedes Phalanstère (das Phalanstère ist der +ganze Bezirk [Kanton] inklusive der Gebäude. Der Kanton soll nach +Fourier eine Quadratstunde Flächeninhalt haben) aufzukommen hat, +ohne daß es der Staatssteuern dazu bedarf. Ebenso fällt die +kostspielige Katastrirung der Grundstücke für den Staat +fort. Eine Wahl, die heute unendlich viel Zeit und Geldopfer +erfordert, eine Menge der widerlichsten Kabalen erzeugt, wird in der +Phalanx dem Einzelnen kaum eine Minute Zeit kosten, eine Reise dazu +hat er nicht nöthig zu machen.“ ... + +</P><P> + +„Unter die Unproduktiven gehören ferner die Soldaten, die +Grenzwächter, die Steuerbeamten; auch sind ein großer Theil +der Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft +beschäftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald +Männer, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus +Anziehung thätig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, +der verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der +Handlungen, freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, höhere +Kraft und Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die +Arbeitsmittel und Kräfte in's Unberechenbare sich steigern und +wird das Produkt quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend +veredeln und vermehren.“ + +</P><P> + +„Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietären +Organisation sich verbessern. In der meist sehr übel und +mangelhaft geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren +Hütten, Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hülfsmittel, noch +die Belehrung, noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie +nöthig haben, um sich gehörig zu entwickeln. Dabei sterben +sie massenhaft in Folge ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder +sie siechen dahin. Im sozietären Zustand wird die Sterblichkeit +sich außerordentlich vermindern, die Kinder werden an +körperlicher und geistiger Gesundheit in heute ungeahnter Weise +zunehmen. Drohende Uebervölkerung wird die sozietäre +Organisation auszugleichen wissen.“ + +</P><P> + +Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenüber in +einem falschen Kreisschluß <TT>(cercle vicieux)</TT> und das +erkennt man allmälig. Man ist erstaunt, zu finden, daß +<i>in der Zivilisation die Armuth selbst den Ueberfluß +erzeugt.</i> Unser Zustand bringt nicht das Glück, sondern das +Nichtglück hervor; die Exzesse der Industrie führen zu den +größten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die +Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe +wandeln. Das zeigt sich überall. Wählen wir als Beispiel die +natürlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch +zu bringen. Ein Kärrner fährt Metall in eine +Gießerei.<a href="#Footnote_14" +name="FNanchor_14" id="FNanchor_14"><sup>14</sup></a> Bei dem Anblick ihrer +Einrichtungen erfaßt ihn die Neigung, als Lehrling einzutreten. +Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er, noch seine +Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und macht so +erstaunliche Fortschritte, daß er schon nach einem Jahre einen +sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken verdiente. +Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen unsere Arbeits- +und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der Vervollkommnung und +des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom jugendlichsten Alter an +Anlagen und Triebe verschiedenster Art, aber wie ermöglichen, +daß wir sie kennen lernen? Dazu ist die Zivilisation +unfähig. Uns mangelt der Kompaß, der Schlüssel, der +uns dieses Zauberbuch über die Anziehungen und die industriellen +und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur +durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den +Schlüssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und +hauptsächlich auch für die Erziehung. Das Problem, das es +hier zu lösen gilt, ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig +Anlagen zum Aufbruch zu bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre +alt ist. Vom vierten Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig +verschiedenen Serien industrieller Thätigkeit geschickt sein und +mehr gewinnen, als seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es +übt abwechselnd alle physischen und intellektuellen +Fähigkeiten, Alles mit Eifer ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im +Alter von vier Jahren finden wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine +im Alter von zwanzig Jahren, sie wurden unterdrückt, erstickt, +weil die Eltern arm waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen +verstanden, oder die Gelegenheit fehlte. So steht es ähnlich +selbst bei der wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die +man auf die Universitäten und Hochschulen schickt, ist öfter +kaum einer, der die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Die +Anlagen zum Aufbruch zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten +Lebensalter an zu entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere +Wissenschaften scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der +Agrikultur, woher es kommt, daß diese selbst unserer Dorfjugend +widerwärtig erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere +industrielle Erziehung steht, wie Alles, außerhalb der Natur, +außerhalb der Anziehung. Es ist klar, wir brauchen einen +Wegweiser, eine neue Wissenschaft und diese ist die Lehre von den +Serien der Triebe. Ohne sie werden die Nebel immer größer. +Man behauptet, die Menschen seien heute nicht falscher als +früher. Indeß vor einem halben Jahrhundert konnte man +für wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualität und +natürliche, d. h. unverfälschte Nahrungsmittel kaufen; heute +herrschen überall Verfälschung und Betrügerei. Der +Landmann selbst ist ein Fälscher geworden, wie es der Kaufmann +schon vor ihm war. Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, +Alles ist schamlos verfälscht. Die arme Menge kann sich keine +natürlichen Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr +langsam wirkende Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist +selbst bis in die entlegensten Dörfer. Seit fünfzig Jahren +hat sich die Zahl der Handeltreibenden vervierfacht, ohne daß +die Beschäftigung für sie sich entsprechend vermehrte, der +Schwindel ist in demselben Maße gewachsen und ebenso die +Aufsaugung der Kapitalien.“<a href="#Footnote_15" +name="FNanchor_15" id="FNanchor_15"><sup>15</sup></a> „Zu allen Zeiten und an allen +Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei Zielen zu kommen suchen: +Zum Luxus oder zur Befriedigung der fünf Sinne; zu +Gruppenbildungen und Serien der Gruppen — Bande der Zuneigung +—; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und Instinkte; +und durch sie alle drei zur universellen Einheitlichkeit.“ + +</P><P> + +„Der Luxus umfaßt alle sinnlichen Vergnügungen. Indem sich +die Triebe nach Befriedigung sehnen, wünschen wir uns implicite +Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir +wünschen uns inneren Luxus oder körperliche Kraft, +Verfeinerung und Stärke der Sinne, und äußeren Luxus +oder Reichthum. Man muß diese beiden Mittel besitzen, um den +ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu erreichen. Wir müssen +also befriedigen: Geschmack, Gefühl, Gesicht, Gehör, Geruch. +Für das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu bilden und +zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des Ehrgeizes, als +höhere; der Liebe, der Elternschaft oder der Familie, als niedere +Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller Freiheit und nach Neigung +bilden, beziehen sich auf eins dieser vier Ziele. Wird eine Gruppe +zahlreich, so theilt sie sich in Untergruppen, indem sie eine Serie +von Theilen bildet, abgestuft in Nuancen nach Neigungen und Geschmack. +Alle Gruppen suchen eine Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, +verschieden in Gattung und Art. Die Serien der Gruppen sind also +zweites Ziel der Anziehung, indem sie sich für alle Funktionen +der Sinne und der Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus +der Triebe oder der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der +fünf sinnlichen Triebe (1. Geschmack, 2. Gefühl, 3. Geruch, +4. Gesicht, 5. Gehör) mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, +7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9. Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. +Diese Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei +wenig bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb +durch Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der +Papillon, Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, +Trieb der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach +Vervollkommnung.“ + +</P><P> + +„Diese zwölf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der +Triebe her. Ein Jeder wünscht im Spiel seiner Triebe eine solche +Ausgleichung sich zu verschaffen, daß der Aufschwung des einen +Triebes den Aufschwung aller übrigen begünstigt. Z. B. Liebe, +Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttäuscht sein; die +Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht zu +schädigen ... Gegenwärtig ist der Mensch im Kriege mit sich +selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der Liebe, +die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden sich alle +Triebe beständig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der Triebe +entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle die +Triebe unterdrücken; aber unterdrücken heißt nicht +organisiren, harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander +greifenden Mechanismus der Triebe zu schaffen, <i>ohne einen zu +unterdrücken</i>. Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es +sein persönliches Interesse verfolgt, damit auch dem +Allgemeininteresse beständig dient. Heute ist das Gegentheil der +Fall. Die Zivilisation ist ein Krieg des Einen gegen Alle und Aller +gegen Einen; eine Ordnung, wo Jeder sein Interesse dabei findet, alle +Anderen zu täuschen, sie ist ein den Trieben fremder Diskord; +aber das Ziel der Triebe muß sein, zur inneren und +äußeren Harmonie zu kommen.“ + +</P><P> + +„Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien der +Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu +können, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein +sollen und angewendet werden auf die sieben bereits erwähnten +industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie, Handel +und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste ... +Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und +absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind durch +Uebereinstimmung des Geschmacks für irgend eine Thätigkeit, +wie den Anbau einer Frucht, und in welcher für jeden Zweig der +Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie +Hyazinthen oder Kartoffeln baut, muß sie eben so viel Gruppen +bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden +sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die für +eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45–50 Serien +nothwendig, wenn einigermaßen die nöthige Abwechslung und +Ausgleichung herbeigeführt werden soll. Die Serien benutzen die +Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte, der +Vermögen, der Ansprüche, der Bildungsstufen. Jede Serie +setzt sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten +zusammen, sie erheischt ebensoviel Gegensätze oder Antipathien +als Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein +Akkord dadurch sich herstellt, daß man ebensoviel Noten +ausfallen läßt, als man zusetzt. Die Kontraste der +Töne erzeugen den Akkord. Eine Vereinigung von Serien der Triebe +hat für die soziale Harmonie glänzende Eigenschaften, sie +erzeugt Bewegung, Wahrheit, Gerechtigkeit, direkte und indirekte +Uebereinstimmung, Einheitlichkeit. Die Zivilisation hat alle +entgegengesetzten Eigenschaften: Entkräftung, Ungerechtigkeit, +Betrug, Mißstimmung, Zweideutigkeit. Aber die Serie der Triebe +würde nicht richtig funktioniren, wenn sie nicht drei +Eigenschaften besäße. Die verschiedenen Gruppen müssen +miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung gerathen; das +ist nur möglich, wenn die Gruppen nicht grundverschiedene +Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise verschiedene, also z. B. +nicht verschiedene Arten von Obst, sondern verschiedene Sorten einer +Art bauen. Ferner müssen die einzelnen Sitzungen kurz sein, sie +dürfen sich nicht über zwei Stunden ausdehnen, weil sonst +die Ermüdung eintritt. Soll eine Arbeit anziehend sein, so +muß sie kurzzeitig sein und man muß dann zu einer andern +kontrastirenden Thätigkeit übergehen können. Endlich +muß Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im +Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die +Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe +genügt, wenn sie sieben Mitglieder zählt; sie ist +vollkommen, wenn sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkürlich +wieder in Untergruppen, in die beiden Flügel und das Zentrum. +Vierundzwanzig Gruppen ist die niedrigste Anzahl für eine Serie.“ + +</P> +<BR /><HR><BR /> +<P> + +„Die Zivilisirten treffen überall instinktiv das Falsche, sie +ziehen immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt +ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl, auf +zwei beschränkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe ist +falsch durch die Beschränkung der Zahl, falsch durch das Fehlen +der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen des +Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten Tagen +fühlbar; man differirt bezüglich der Gerichte, der ehelichen +Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer +Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die +ursprünglichste ihrer Gruppen harmonisiren können, dann +können sie dies noch weniger mit dem Ganzen. <i>Der Mensch ist +aus Instinkt Feind des Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder +Beziehung beständig nach Veränderung.“</i> + +</P><P> + +Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der +Gleichheit ist, weshalb auch die Vermögensunterschiede bestehen +bleiben müssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische +Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und sich +auch nur zum Besten des Ganzen bethätigen kann. Freund +militärischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung +und ihre regelmäßige Funktionirung imponiren — er +soll mit großer Vorliebe bis an sein Lebensende den +militärischen Uebungen und Paraden beigewohnt haben —, +giebt er seiner phalansteren Hierarchie einen +militärisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus ein +rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen werden +Offiziere genannt und haben militärische Grade. Es sind +Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stäbe in +der Phalanx und werden alle Würden ohne Rücksicht auf das +Geschlecht erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie +hauptsächlich Frauen, so werden die Offiziersstellen +hauptsächlich Frauen bekleiden. Dasselbe gilt von den Kindern, +Knaben wie Mädchen. Die Mitglieder der Serien und Gruppen +wählen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich innerhalb ihres +Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die Sympathien der Uebrigen +erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht, daß die Menschen, mit +sehr wenig Ausnahmen, an äußeren Auszeichnungen, an +schönen Farbenzusammenstellungen in ihrer Kleidung, an Uniformen, +glänzenden Schaustellungen und Festen, opulenten Einrichtungen, +prächtigen Denkmälern und Bauten ihre Freude haben. Nach all +diesen Richtungen soll die Phalanx das Höchste bieten. + +</P><P> + +Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewählt; die +Einen, welche die eigentliche geschäftliche Leitung haben, und +die Andern, welche den sogenannten äußeren Dienst versehen, +die für den Glanz und das würdige Auftreten der Gruppen und +Serien bei Festen, Aufzügen, Schaustellungen und für die +Ausschmückung sorgen. Auch in letzterer Beziehung wird ein +lebhafter Wetteifer zwischen den einzelnen Serien und Gruppen +entstehen. Man wird für die zuletzt erwähnten Funktionen +hauptsächlich solche Personen zu Offizieren erwählen, die +größeren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx das +Kapital fünf- und sechsfach höhere Zinsen erlangt, als in +der Zivilisation, ohne daß Arbeit und Talent dabei zu kurz +kommen, und die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger +und doch viel besser leben, als in unserer gegenwärtigen sozialen +Ordnung, werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst +gar nicht unterzubringenden Ueberfluß zum Besten des Ganzen +anzuwenden. Sie werden also öfter für ihre Serien- und +Gruppengenossen besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen +gar nicht so außergewöhnlich theuer kommen, weil sie nur +das Plus des Preises über die regelmäßige Mahlzeit, +deren Kosten Jedem Tag für Tag von der Phalanx angerechnet +werden, zu bezahlen haben; ferner werden sie den Bau prächtiger +Pavillons, die Aufstellung von Statuen, Altären und dergleichen in +dem Theile des Kantons, in dem die Serie oder Gruppe, in welcher sie +die hervorragende Rolle spielen, beschäftigt ist, auf ihre Kosten +betreiben. + +</P><P> + +Alle Arten von Serien und Gruppen, gebildet in Uebereinstimmung mit +den Trieben, deren Ordnung und Mechanismus der Zivilisation als ein +undurchdringliches Geheimniß erscheint, sind nach Fourier das +Ergebniß geometrischer Berechnungen auf Grund der Anziehungen +und der Bestimmungen. Die Richtigkeit dieser von ihm unternommenen +Berechnungen ist nach seiner Meinung unzweifelhaft. Er kennt das +Geheimniß des ganzen Mechanismus der Gesellschaft und von einem +guten Theil des Weltalls; Alles organisirt sich nach bestimmten +mathematischen Zahlenverhältnissen, die zunächst nur ihm +bekannt sind. + +</P><P> + +Wenn einmal Jemand sich im Besitz eines solchen Geheimnisses und +solcher Kenntnisse wähnt, so ist natürlich, daß jede +andere Theorie, die auf dasselbe Ziel hinaus läuft, ihm als eine +Art Profanation seiner eigenen Ideen, als eine Art Sakrilegium +erscheint, und daß er die fremden Theorien dementsprechend als +Charlatanerie behandelt und verurtheilt. Da nun um dieselbe Zeit, als +Fourier mit seinen Theorien vor die Oeffentlichkeit trat, Owen in +England mit seinen Assoziationsversuchen ebenfalls hervortrat und +großes Aufsehen erregte, später auch schriftstellerisch und +persönlich agitatorisch für dieselben wirkte, konnten diese +Bestrebungen Fourier nicht unbekannt bleiben. Er griff Owen heftig an, +als einen Mann, der vom Mechanismus der Assoziation nichts verstehe, +nur Sophismen verbreite und mit seinem Kommunismus und Atheismus das +größte Unheil anstifte. In ähnlicher Weise wandte er +sich später auch gegen die Saint Simonisten, die er mit ihrer +neuen Religionsgründung lächerlich machte. Unbegreiflich war +ihm nur, daß Beide, Owen und Saint Simon, mehr Beachtung und +Anhang fanden, als er. + +</P><P> + +Fourier fährt nun weiter fort: + +</P><P> + +„Das Bedürfniß nach periodischer Verschiedenheit, +kontrastirenden Situationen, Szenenveränderungen, nach pikanten +Zufällen, nach Neuigkeiten, welche die Illusion erregen, ist dem +Menschen eingeboren. Dieser Trieb ist die Papillon. Das +Bedürfniß nach Abwechslung macht sich bei dem Menschen von +Stunde zu Stunde, lebhaft von zwei zu zwei Stunden bemerkbar. Wird es +nicht befriedigt, so verfällt er der Lauheit und Langeweile. Auf +der Befriedigung dieses Triebes nach Veränderung beruht das +Glück der Pariser Sybariten. Es ist die Kunst, „gut und rasch zu +leben“. Verschiedenheit und Verkettung der Vergnügungen, +Raschheit der Bewegung ist nothwendig.“ + +</P><P> + +Indem nun im sozietären Zustand alle Beschäftigung in kurzen +Sitzungen von etwa einundeinhalbstündiger Dauer sich vollzieht, +kann Jeder im Laufe des Tages acht bis zehn ihn anziehende und seine +Triebe befriedigende verschiedene Thätigkeiten ausüben, die +durch die Art ihrer Ausübung ihm nur Vergnügen bereiten. Den +nächsten Tag besucht er Gruppen und Serien, die von denen des +vorhergehenden Tages in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer +Thätigkeit verschieden sind. So eilt der Mensch, entsprechend +seinen Trieben, selbst indem er nützlich thätig ist, von +Vergnügen zu Vergnügen, <i>ohne in Exzesse zu verfallen,</i> +denen der Zivilisirte nicht entgeht. Denn dieser widmet einer Arbeit +sechs Stunden und mehr, einem Fest sechs Stunden, einem Ball die ganze +Nacht auf Kosten seines Schlafes und seiner Gesundheit. Dann sind auch +die Vergnügungen der Zivilisirten immer unproduktiv, während +im sozietären Zustand die Arbeiten selbst zu Vergnügen und +also produktiv werden. Sehen wir zu, wie ein Unbemittelter und wie ein +Reicher in der Phalanx ihren Tag verbringen. Wir nehmen den Monat Juni +als Beispiel der Lebensweise für den Unbemittelten. + +</P><P> + +„Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Sitzung<a href="#Footnote_16" +name="FNanchor_16" id="FNanchor_16"><sup>16</sup></a> in +einer Gruppe für die Pflege der Thiere in den Stallungen; 5 Uhr +Sitzung in einer Gruppe der Gärtner; 7 Uhr Frühstück; +7½ Uhr Sitzung der Mäher; 9½ Uhr Sitzung der +Gemüsebauer, und zwar werden diese Gartenarbeiten bei +größerer Wärme unter künstlich konstruirten +transportablen Zelten vorgenommen; 11 Uhr zweite Sitzung in den +Stallungen; um 1 Uhr Mittagstisch; 2 Uhr Waldarbeiten; 4 Uhr +Beschäftigung in einer Manufaktur; 6 Uhr Bewässerung; 8 Uhr +Börse; 8½ Uhr Abendessen; 9 Uhr Unterhaltungen; 10 Uhr +Schlafengehen. + +</P><P> + +Die Börse der Phalanx beschäftigt sich nicht mit dem Handel +von Papieren und dem Schacher der Lebensmittel, sondern es werden hier +die Abmachungen für den nächsten Tag getroffen; es bilden +sich neue Gruppen und Serien. Auch wird später, wenn die Phalanx +in voller Wirksamkeit ist, die Zahl der Ruhepausen und Mahlzeiten sich +auf fünf erhöhen und werden die Sitzungen kürzer. Der +Reiche, dessen Tagesbeschäftigung wir nun folgen lassen, ist ein +Gutsbesitzer, der probeweise in die Phalanx trat. + +</P><P> + +Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Zusammenkunft im +Morgensaal, Unterhaltungen über die Nachterlebnisse; 4½ +Uhr erste Erholung, gefolgt von der industriellen Parade — +Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen ziehen mit Fahnen und +Emblemen unter Musik in ihren Gruppen und Serien auf das Feld —; +5½ Uhr Jagd; 7 Uhr Fischfang; 8 Uhr Frühstück; +Zeitungen; 9 Uhr Gartenkultur unter Zelten; 10½ Uhr Fasanerie; +11½ Uhr Bibliothek; 1 Uhr Mittagessen; 2½ Uhr +Gewächshäuser; 4 Uhr Pflege exotischer Pflanzen; 5 Uhr +Pflege der Fischteiche; 6 Uhr Vesperbrot auf dem Felde; 6½ Uhr +Schafzucht; 8 Uhr Börse; 8½ Uhr Abendessen; 9½ Uhr +Schaustellungen; 10½ Uhr Schlafengehen. + +</P><P> + +Die kurze Schlafzeit — sechs Stunden — erklärt +Fourier damit, daß die Harmonisten in Folge ihrer +vernünftigen und angenehmen Lebensweise, die Niemand +überanstrenge, weniger Schlaf brauchten, als die Zivilisirten, +auch würden sie von Kindheit an an diese Lebensweise +gewöhnt. Bei der minutiösen Ausarbeitung, die Fourier allen +Einrichtungen seiner Phalanx zu Theil werden läßt, hat er +sich auch ausführlich mit den baulichen Einrichtungen +befaßt und die entsprechenden Pläne seinen Werken +einverleibt. Die Phalanx ist eben ein Uhrwerk, das nach den +Plänen seines Erfinders konstruirt werden muß, wenn es den +beabsichtigten Zweck erreichen soll. Das Gebäude der Phalanx, das +Phalanstère, besitzt ringsum Gallerien, die im Winter +gleichmäßig durchwärmt, im Sommer von erfrischender +Kühle sind. Der Länge nach laufen durch das mächtige +Gebäude, in dem die 1800–2000 Angehörigen der Phalanx +wohnen, Säulenhallen, die nach allen Theilen führen, nach +den Sälen, den Wohnungen, der Börse. Verdeckte Gänge +stellen bequeme Verbindungen nach den Ateliers, Werkstätten und +Stallungen her. Man behaupte, meint F., durch die kurzen Sitzungen +werde viel Zeit verbraucht, um von einem Ort zum andern zu kommen. Das +sei indeß falsch, da das Gebäude mitten im Bezirk liege und +von allen Seiten in 5–10, höchstens 15 Minuten zu erreichen +sei. Auch kämen die Kosten des Baues nicht in Betracht, da die +Arbeitsweise in der Phalanx gegen diejenige in der Zivilisation +immense Vortheile biete, und der Eifer, mit dem Jedermann sich +betheilige, herbeiführe, daß in einer Stunde geleistet +werde, was in der Zivilisation kaum in drei Stunden geleistet werden +könne. Man betrachte nur einmal unsere Arbeiter auf dem Felde, +die, wenn ein Vogel vorüber fliege, sich hinstellten und ihm +nachsähen, die Hände auf die Hacke gestützt. Das komme +daher, weil unsere Arbeiten Ueberdruß erweckten und +ermüdeten und jeden Reizes entbehrten. + +</P><P> + +„Die Beschäftigung in der Phalanx erzeugt das die Gesundheit +fördernde körperliche Gleichgewicht. Die Gesundheit +muß nothwendig geschädigt werden, wenn der Mensch sich +zwölf Stunden einer gleichmäßigen Arbeit +überlassen muß, die, welcher Art sie immer ist, die +verschiedenen Glieder des Körpers und seinen Geist nicht +genügend beschäftigt. Dies wird noch schlimmer, wenn +dieselbe Arbeit Tag für Tag das ganze Jahr hindurch sich +wiederholt. Daraus entstehen neben dem allgemeinen Widerwillen an der +Arbeit die vielen Berufskrankheiten; so sind gewisse chemische +Fabriken wahre Mördergruben, in denen eine Beschäftigung von +zweistündigen Sitzungen, zwei- oder dreimal die Woche für +den Einzelnen, ohne jeden Nachtheil ertragen wird. Die reiche Klasse +verfällt wieder andern Krankheiten, der Gicht, der Apoplexie, dem +Podagra, Krankheiten, die dem Landmann fremd sind. Die Fettleibigkeit, +bei den Reichen so gewöhnlich, ist ein Zustand, der +körperliches Gleichgewicht und Wohlbefinden gröblich +stört. Fast alle Beschäftigungen und Vergnügungen der +Reichen stehen mit der Natur im Widerspruch. Die sanitäre +Bestimmung schreibt dem Menschen beständige Abwechslung in der +Thätigkeit sowohl für den Körper als für den Geist +vor, diese hält allein die Aktivität und das Gleichgewicht +aufrecht.“ + +</P><P> + +„Was vorzugsweise das körperliche Wohlbefinden fördert, wird +auch das seelische fördern. Vereinigt in der Zivilisation das +Interesse Freunde, so vereinigt es im sozietären Zustand sogar +die Feinde, es söhnt die antipathischen Charaktere durch +indirekte Kooperation aus, und zwar, weil in einer großen Reihe +von Serien und Gruppen, in die jeder Einzelne nach der Verschiedenheit +seiner Neigungen und Triebe nach und nach eintritt, er durch die +Berührung findet, daß Diejenigen, die ihm auf dem einen +Gebiet antipathisch waren, ihm auf anderen sympathisch sind. Auch wird +das Nebeneinanderarbeiten nach demselben Ziel unwiderstehlich seine +aussöhnende Wirkung üben.“ + +</P><P> + +„Die seelischen Triebe verlangen so gut wie die sensuellen +Abwechslung, um befriedigt zu werden; es sind also auch die Herzen der +großen Mehrheit der beiden Geschlechter dem Bedürfniß +nach Veränderung und Abwechslung unterworfen. Der Mann wie die +Frau wünschte sich ein Serail, wenn Abhängigkeit, Sitte und +Gesetz sich dem nicht widersetzten. Die ernsten Holländer, die in +Amsterdam so hoch moralisch scheinen, haben in Batavia ihre Serails, +gefüllt mit Frauen aller Hautfarben. Da haben wir das +Geheimniß unserer Moral; sie wird zur Heuchlerin, wenn die +Umstände es gebieten, und sie wirft die Maske ab, wenn sie dies +ungestraft thun kann.“ + +</P><P> + +„Pflanzen und Thiere haben das Bedürfniß nach Wechsel und +Kreuzung. Mangels eines solchen Wechsels arten sie aus. Ebenso hat der +Magen das Bedürfniß nach Wechsel; entsprechende +Veränderung in den Speisen erleichtert die Verdauung und +erhöht das Behagen und die Befriedigung; aber man gebe dem Magen +dieselbe ausgesuchteste Speise täglich und er wird sie mit +Widerwillen zurückweisen. Geist und Seele sind von dem Trieb nach +Veränderung beherrscht; oft wirken zwei und drei Triebe +gleichzeitig; so Liebe und Ehrgeiz.“ + +</P><P> + +„Die Erde selbst hat ihre internirenden Zeiten, die der Besaamung, der +Erzeugung. Der Boden bedarf alternirender Anwendung der Pflanzen; die +ganze Natur verlangt nach Wechsel. In der ganzen Welt existiren nur +die Moralisten und die Chinesen, welche die Einförmigkeit, die +Uniformität verlangen; aber die Chinesen sind auch die +falschesten, der Natur am meisten widerstrebenden Wesen.“ + +</P><P> + +Fourier, der, wie wiederholt hervorgehoben wurde, Alles haßte, +was mit dem Handel zu thun hatte, haßte die Chinesen besonders, +weil sie, nach dem Vorurtheil seiner Zeit, die größten +Diebe und Betrüger im Handel seien. Wir wissen heute, daß +dies eine falsche Ansicht ist, obgleich die Vorurtheile gegen die +Chinesen noch sehr stark in Europa sind. Ebenso wie die Chinesen waren +Fourier als hauptsächlich handeltreibendes Volk die Juden +verhaßt, die er unmittelbar den Chinesen in der Rangordnung +folgen ließ. Er war sehr unglücklich, als man in Frankreich +den Juden die vollen bürgerlichen Rechte einräumte, was ihn +freilich nicht abhielt, wie wir sahen, Herrn von Rothschild unter die +Kandidaten für seine Versuchsphalanx zu reihen und ihm ein +Königreich Jerusalem in Aussicht zu stellen. + +</P><P> + +„Die Moral“, führt Fourier weiter aus, „welche die drei Triebe: +Kabalist, Papillone, Komposit, am heftigsten kritisirt, ist selbst im +stärksten Widerspruch mit der Natur. Diese drei Triebe spielen +eine große Rolle im sozialen Mechanismus, wie die Natur es will; +sie haben die Herrschaft, denn sie dirigiren die Serien der Triebe; +jede Serie ist in ihrem Mechanismus gefälscht, wenn sie nicht den +kombinirten Schwung dieser drei Triebe begünstigt; sie bilden die +neutrale Gattung in der Tonleiter der zwölf Triebe.“ + +</P><P> + +„Aktiver Gattung sind die vier Triebe der Seele: Freundschaft, +Ehrgeiz, Liebe, Elternschaft; passiver Gattung die fünf +sensuellen Triebe: Gehör, Geruch, Geschmack, Gesicht, +Gefühl. Die neutrale Gattung — die mechanisirenden Triebe +— macht sich besonders bemerklich bei den Kindern, denen die +zwei affektiven Triebe — Geschlechtsliebe und Elternschaft +— noch fehlen; sie überlassen sich den mechanisirenden +Trieben in ihren Spielen am meisten, welche sie sehr selten über +zwei Stunden ausüben, ohne zu wechseln. + +</P><P> + +Diese Disposition wird man für sie bei der Organisation ihrer +Erziehung und Beschäftigung besonders in Anwendung bringen.“ + +</P><P> + +„Die Anziehung kann dreierlei Art sein: direkt oder übereinstimmend; +indirekt oder gemischt; verkehrt oder abweichend, d. h. gefälscht. +Direkt ist sie, wenn sie aus Freude an dem Gegenstand selbst die +Thätigkeit ausübt. So haben Archimedes in der Geometrie, +Linné in der Botanik, Lavoisier in der Chemie nicht des +Gewinnes wegen, sondern aus heißer Liebe zur Wissenschaft +gearbeitet. So kann ein Fürst aus Liebe an dem Gegenstand +Orangen- oder Nelkenzucht treiben, oder wie Ludwig XVI. die Schlosserei; +kann eine Fürstin Zeisige oder Fasanen pflegen. Hier herrscht +direkte Anziehung zur bestimmten Beschäftigung, und so werden in +der sozietären Gesellschaft sieben Achtel der Arbeiten beschaffen +sein.“ + +</P><P> + +„Die indirekte Anziehung ist vorhanden, wenn Jemand eine +Thätigkeit mehr des Gewinnes wegen, oder der Resultate seiner +Arbeit als des Gegenstandes selbst wegen ausübt. Zum Beispiel ein +Naturforscher, der widerliche Reptile oder Giftpflanzen unterhält. +Er liebt weder das Eine, noch das Andere an sich, aber er überwindet +seinen Widerwillen durch den Eifer, den die in Aussicht stehenden +wissenschaftlichen Resultate in ihm erwecken. Solche indirekte +Anziehung wird sozietäre Funktionen erregen, die einer besonderen +Anziehung beraubt sind, aber größeren Gewinn oder +größere Anerkennung finden. Dieser Art Arbeiten wird es ein +Achtel geben.“ + +</P><P> + +„Die verkehrte oder gefälschte Anziehung herrscht dort, wo die +Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der +Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist, wo +moralische Erwägungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit +für, noch Geschmack an der Thätigkeit vorhanden ist. Diese +Nichtattraktion kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber +in sieben Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese +Zivilisirten hassen ihre Thätigkeit, sie üben sie entweder +aus Hunger oder Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der +sie trägen Schrittes, mit trübsinnigem, +niedergedrücktem Aussehen gehen.“ + +</P><P> + +„Der Gewinnanreiz, der bei den für Lohn oder Gehalt Arbeitenden +nur eine divergirende Anziehung ausübt, kann in der Assoziation +oft ein edles Hülfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um +eine Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizuführen. Hier +handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt, +empfängt von der Phalanx fünf Franken, da aber eine Million +Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind, so +erhält er fünf Millionen Franken und empfängt +außerdem als Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des +Erdballs, wodurch er auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten +Ehrenbezeugungen empfängt.“ + +</P><P> + +„Durch diese Form der Belohnung für allgemein nützlich oder +angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der +Gewinn enorm sein. Wird für eine Ode oder Symphonie eine +Belohnung von zwei Sous gewährt und erklären sich bei der +Abstimmung 500.000 Phalanxen für dieselbe, so werden dem Dichter +oder Komponisten 50.000 Franken ausgezahlt. Er empfängt zu diesem +Zweck die entsprechende Anzeige von dem Weltkongreß, und wird +diese Summe ihm in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, +ausgehändigt. So wird Jeder für außergewöhnliche +Leistungen in demselben Verhältniß Belohnungen und Ehren +empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn nur diejenigen Phalanxen +steuern, die sich zu Gunsten einer Leistung aussprachen, sie also +für würdig erachteten und werthvoll fanden.“ + +</P><P> + +„Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten finden, +sie kann nur durch einen mächtigen Anstoß angeregt werden. +Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lüttich eine Kohlenmine +in Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben, +darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mußte in wenig Tagen +ein bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der +Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte +eine Ehre darein, das Höchste zu leisten, und nach vier Tagen war +eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig gebraucht +hätte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn die +Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurück, es +war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also +die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden, wenn +edle Impulse ihr zu Hülfe kommen.“ + +</P><P> + +Fourier erläutert nun weiter die innere Organisation und +Verwaltung der Phalanx. „In der Zivilisation kennt man keine andere +Rangordnung, als die nach Stand und Vermögen; die sozietäre +Ordnung dagegen wendet eine uns heute gänzlich unbekannte +Klassifikation an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und +nach Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an +bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stämme +<TT>(tribus)</TT> und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in +zweiunddreißig Chöre.“ Die Kinder vom frühesten +Lebensalter — bis zu einem Jahre Säuglinge, bis zum zweiten +Poupons und bis zum dritten Lutins genannt — zählen als +unentwickelt noch nicht mit. Jeder der sechzehn Stämme hat seine +besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1, 3–4½ Jahre +zählend, umfaßt die Bambins; Nr. 2, 4½–6½ +Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6½–9 Jahre, die Seraphins; +Nr. 4, 9–12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12–15½ +Jahre, die Gymnasiasten; Nr. 6, 15½–20 Jahre, die +Jugendlichen. Die weiter folgenden Stämme sind nicht streng nach +den Lebensaltern geregelt; die drei letzten, aus den höchsten +Lebensaltern gebildet, heißen: die Ehrwürdigen, die +Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den sechs ersten +Stämmen, für die eine besondere Organisation und ein +besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von einem +Stamm in den andern besondere Prüfungen verlangt werden, hat +diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens ist +er nicht zu erkennen. Nur die ältesten Stämme haben gewisse +Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen +Einfluß. + +</P><P> + +Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den +Kindern gemacht, sie soll die natürliche Erziehung erleichtern +und den Korpsgeist erzeugen, mit Hülfe dessen sie mit Eifer zu +den Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder +in das Reifealter übergetreten sind, besuchen sie wie die +älteren Lebensalter täglich die Börse, wo alle +Abmachungen für die Arbeiten und die Vergnügungen des +nächsten Tages besprochen und geordnet werden. + +</P><P> + +Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Händen der +Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags +gewählt, der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; +2. aus den drei ältesten Stämmen: den Ehrwürdigen, +Verehrten und Patriarchen; 3. aus den Aktionären und 4. aus den +Magnaten und Magnatinnen der Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, +da sich Alles durch Anziehung und den Korpsgeist der Stämme, +Chöre und Serien regelt; er giebt nur über wichtige +Geschäfte, wie die beste Erntezeit, die Weinlese, Neubauten etc., +seine Meinung kund, doch ist diese Meinung nicht verpflichtend. „Weder +sind der Areopag noch die Regentschaft mit lächerlichen +Verantwortlichkeiten belastet, wie z. B. ein Finanzminister in der +Zivilisation.“ Das Rechnungswesen ist Sache einer besonderen Serie, +welche die Bücher führt, die jedes Mitglied der Phalanx +einsehen kann. Ueberdies ist das Rechnungswesen so einfach wie +möglich. Tägliche Zahlungen giebt es nicht, jedes Mitglied +hat, entsprechend seinem Vermögensantheil und dem +voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die +verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit zu +Zeit miteinander ab. Die Rechnung für die Einzelnen wird am Ende +des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen +vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der +Phalanxen dem Fiskus gegenüber beobachtet, der +vierteljährlich seine Steuern für die Gesammtheit der +Mitglieder einer Phalanx pünktlich, und bei dem viel ergiebigeren +Ertrag aller Arbeit auch in entsprechend höheren Beträgen, +abgeführt erhält. Herr Fiskus erspart also seine gesammten +Steuerbeamten, Exekutoren und die für diesen Zweck in +Thätigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso geben die +industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der Phalanxen +verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger entfernten +Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer Phalanxen zu +gemeinsamen, besonders gearteten größeren Arbeitsleistungen +zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache Schuldverschreibungen ab, die +der betreffenden Phalanx präsentirt und von dieser berichtigt +werden. Da nun solche industriellen Armeen ziemlich oft zusammentreten +und Reisen unternehmen, ist jedes Phalansterium mit den entsprechenden +Unterkunftsräumen für Menschen und Thiere versehen. Ferner +haben die Kinder keinen Vormund mehr nöthig, das große Buch +der Phalanx hat für jedes derselben sein Konto und verwaltet +seinen Besitzstand und sein Einkommen. Die Kinder können sogar +vom fünften Lebensjahre ab schon über ihr Einkommen +verfügen. + +</P><P> + +Fourier geht nun über zur Kostenberechnung für die +Gründung einer Phalanx. Diese veranschlagt er auf fünfzehn +Millionen Franken. Das Hauptgebäude, ungefähr 500 Fuß +lang und 250 Fuß tief, bilden zwei hintereinander liegende, +durch Gallerien verbundene parallel laufende Bauten und besteht aus +Parterre, Entresol und vier Etagen. Das Zentrum des Gebäudes +tritt nach hinten zurück, wodurch ein großer freier Platz +zwischen den Flügeln entsteht, der als Paradeplatz Verwendung +findet. Der Raum zwischen den beiden parallel laufenden Bauten ist mit +Blumenparterren, Orangerien, Springbrunnen ausgefüllt. Der +große Mitteleingang führt in eine mächtige +Säulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen Theilen des +Gebäudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet sich der +große Wintergarten. Die Alten wohnen in den Parterreräumen, +die Kinder im Entresol. In den Flügeln der ersten Etage logiren +die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten Etage befindet +sich der Börsensaal, die Speise- und Vergnügungssäle. +Außerdem giebt es eine Menge Räume für kleine +Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt für die Fremden und die +Besucher reservirt. Küchen und Bäder befinden sich im +Souterrain. Die Werkstätten, Waaren- und Getreidelager und +Stallungen liegen symmetrisch geordnet dem Hauptgebäude +gegenüber, getrennt durch eine breite mit Bäumen und +Blumenbosquets bepflanzte Straße. Alle Passagen und +Uebergänge sind gegen die Unbilden der Witterung geschützt +und im Winter erwärmt. Hinter den beiden Flügeln des +Hauptgebäudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater, +beide ebenfalls durch verdeckte Gänge mit dem Wohngebäude in +Verbindung stehend. + +</P><P> + +Die Thätigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die +Vieh- und Geflügelzucht, eine Thätigkeit, die namentlich in +der ungünstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und +Feldbau wird im ausgedehnteren Maßstab betrieben, und wird +während der milden Jahreszeit die meisten Hände in Anspruch +nehmen. Die Küchenarbeiten mit ihren umfänglichen +Vorarbeiten erfordern Tag für Tag eine große Anzahl +verschiedener Kräfte. Der Küche werden die Phalansterianer +eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen betrachten sie als +eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird allen +Thätigkeitszweigen, die mit der Küche in Verbindung stehen, +eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu +gehören also insbesondere Gemüse und Obstzucht, Vieh- und +Geflügelzucht, Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. +Manufakturen und Gewerbe sollen nach Bedürfniß eingerichtet +und hauptsächlich im Winter betrieben werden. + +</P><P> + +Die Phalanx richtet ihre ganze Thätigkeit und ihr Bestreben +dahin, daß Alles, was sie leistet, sich durch Solidität wie +durch Schönheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem +Wort in Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich +zu der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitäten an +Produkten verbrauchen, z. B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Möbeln, +Werkzeugen. + +</P><P> + +In einer gut und voll eingerichteten Phalanx werden nach Fourier's +Berechnung nöthig sein: für Thier- und Geflügelzucht 30 +Serien; für Garten- und Landwirthschaft, inklusive Wiesenbau und +Waldbewirthschaftung, 50 Serien; für die Manufakturen 20 Serien; +für Hauswirthschaft und Erziehung 40 Serien; für Küche +und Kellerei 60 Serien; im Ganzen also 200. + +</P><P> + +In der Manufaktur wird man wieder diejenigen Beschäftigungen, die +täglich in Anspruch genommen werden, wie: Schneiderei, +Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Sattlerei u. s. w., von denen +unterscheiden, in denen eigentliche Massenfabrikation, wie die +Anfertigung der Halbfabrikate, Wäschefabrikation u. s. w., betrieben +wird. Diese Massenfabrikation läßt sich auf bestimmte +Zeiten beschränken. Die Anwendung in den verschiedenen +Thätigkeiten bleibt der freien Wahl der Geschlechter +überlassen, auch werden die rivalisirenden Serien nach den +verschiedensten Methoden thätig sein und immer neue Methoden zu +erfinden suchen. Manche Gewerbe werden besonderen Anklang finden, wie +die Kunsttischlerei, die Parfumerie — letztere +hauptsächlich bei den Frauen —, die Konditorei. Die +Geschlechter werden sich dabei die ihrer Natur besonders zusagenden +Thätigkeiten ganz von selbst auswählen. So wird in der +Konditorei das Anmachen des Teigs hauptsächlich Männerarbeit +sein, die Frauen werden sich mit der Herrichtung der Früchte und +Materialien beschäftigen, die Kinder werden bei dem Formen, dem +Auslesen und Einlegen in Anspruch genommen sein. Auch wird, weil alle +Einrichtungen auf das Beste und Zweckmäßigste getroffen +sind, die peinlichste Reinlichkeit in den Werkstätten und +Arbeitsräumen aufrecht erhalten werden können. Ist Butter- +und Käsefabrikation vorzugsweise Frauen- und +Kinderbeschäftigung, so die Fleischerei Männerarbeit. +Fourier führt dies Alles sehr im Detail aus, um zu zeigen, wie +alle Geschlechter in zweckmäßiger Weise ihrem Charakter und +ihren Anlagen entsprechend ihre Beschäftigungen zu finden +vermöchten. Der ganze Mechanismus der industriellen Anziehung +würde umgestürzt und die Phalanx unmöglich werden, wenn +man in der Assoziation, sowie heute in der Zivilisation, keine +Rücksicht auf die verschiedenen Triebe nehmen und die +Arbeitssitzungen über das zulässige Maß ausdehnen +wollte. + +</P><P> + +Die Fabriken werden aus den Städten allmälig auf das Land +verlegt, damit der Arbeiter die volle Abwechslung der +Beschäftigung, wie die Vortheile und Annehmlichkeiten des +Landlebens und der ländlichen Beschäftigung genießen +kann. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +„Für den neuen sozietären Zustand ist die Erziehung von der +größten Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle +körperlichen und geistigen Fähigkeiten zur vollen +Entwicklung zu bringen, und soll überall, selbst in den +Vergnügungen, produktiv angewendet werden. Unsere heutige +Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrückt und +verschlechtert die Fähigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend +im Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der +Anziehung ist der Luxus — körperliche Kraft und +Verfeinerung der Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte +Anziehung für produktive Thätigkeit, die ihm heute +verhaßt ist. Seine Entwicklung ist also eine falsche, die +heutige Erziehung schwächt seine Gesundheit. Man nehme hundert +Kinder, ganz nach Zufall, aus der reichen Klasse, die gute Pflege und +gute Nahrung haben, und man wird finden, daß sie weniger +kräftig sind, als hundert halbnackte Dorfkinder, die mit +Schwarzbrot genährt werden und wenig Pflege haben. Aber der +treffendste Beweis für unser falsches Erziehungssystem ist, +daß es die Anlagen des Kindes nicht zur Entfaltung bringt, +sondern dies dem Zufall überläßt. Abgesehen von den +verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstört die Anlagen, +sei es in der Häuslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend +ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende +Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue absorbiren. +Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt nennt. Ist ein +junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in die Welt ein, so +lehren ihn Väter, Verwandte, Nachbaren, Diener, Kameraden, sich +über die Lehren, die ihn im jüngeren Alter +einschüchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der +galanten Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, über die +Lehren der Moral, die den Vergnügungen feind sind, zu lachen und +sich darüber hinwegzusetzen, um später von den Liebeleien, +nachdem er sie genügend genossen, zu den Geschäften des +Ehrgeizes überzugehen. Welch eine Absurdität unserer +Erzieher, dem Kinde ein System von Ansichten einzutrichtern, die jetzt +bei ihm über den Haufen zu werfen alle Welt sich bemüht! Man +wird keinen jungen Mann von zwanzig Jahren treffen, der, eine +glückliche Gelegenheit zum Ehebruch findend, das Beispiel des +keuschen Joseph nachahmt, „der Moral und den gesunden Doktrinen“ +folgt. Fände man ihn, er würde dem Publikum und den +Moralisten selbst ein Räthsel sein. Ebenso würde sich die +ältere Welt über einen Finanzmann moquiren, der, obgleich er +es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die Taschen nicht +füllte: er würde als ein Dummkopf, ein Visionär +betrachtet, der nicht weiß, „daß, wenn man an der Krippe +sitzt, auch essen soll“. In welch falscher Stellung befinden sich da +nicht unsere Erziehungsdoktrinen.“ + +</P><P> + +„Der große Zweck und die Aufgabe der Erziehung muß sein, +Charaktere wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso nützlich +für die Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc +Aurelius, Heinrich IV.<a href="#Footnote_17" +name="FNanchor_17" id="FNanchor_17"><sup>17</sup></a> Um diesen Zweck zu erreichen, +muß von der Wiege an das Naturell des Kindes sich frei +entwickeln, während wir bemüht sind, von der Wiege an dieses +Naturell zu ersticken und zu verkünsteln. In der Zivilisation +denkt man bei dem niedrigsten Lebensalter nur an die rein physische +Sorge, wohingegen der sozietäre Zustand schon vom Alter von sechs +Monaten ab sehr wirksam auf die intellektuelle wie materiellen +Fähigkeiten des Kindes achtet.“ + +</P><P> + +„Zunächst sei festgestellt, daß in der Assoziation die +Pflege und Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei +Jahren und der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen +wird. (Man halte fest, daß nach Fourier vom dritten Jahre ab die +Kinder in der Phalanx sich schon so nützlich erweisen, daß +sie ihre Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip +in der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der +Assoziation. Man bildet Serien für die Funktionäre, wie +für die Funktionen.“ + +</P><P> + +„Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den +Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach ihrer +Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezüglichen +Säle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der +Widerspenstigen, der Verwüster oder Teufelchen. Die Bonnen, die +Tag und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen +übrigen Beschäftigungen alle ein und einhalb bis zwei +Stunden. Die Bonnen werden von Unterbonnen — jungen +Mädchen, die für die Pflege der Kleinen Neigung haben +— unterstützt. Die Mütter können — wie +schon erwähnt — ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen +Falles finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die +Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen. +Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mütter in der +Zivilisation — namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine +Pflegerin halten können —, Tag und Nacht an das Kind +gefesselt. + +</P><P> + +Die Bonnen wählen sich die Säle, in denen sie ihre Pflichten +versehen wollen; Jede ist bemüht, für ihr Verhalten und die +Pflege, die sie den Kindern zu Theil werden läßt, den +Beifall und den Dank der Mütter zu erwerben. Auch ist Tag und +Nacht ärztlicher Beistand vorhanden, sobald er gebraucht wird. +Die Aerzte nehmen in der Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in +der Zivilisation; sie erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der +Kranken, <i>sondern nach der Zahl der Gesunden;</i> sie sind also +dabei interessirt, daß die Phalansterianer möglichst gesund +bleiben, wohingegen heute sich die Aerzte recht viel Kranke, +namentlich reiche Kranke wünschen. + +</P><P> + +Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle +Einrichtungen für die Kleinen auf das denkbar Beste und +Zweckmäßigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer +Lage, wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern +zu schaffen vermögen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht +ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermüden. Sobald das +Kind sechs Monate alt ist, ist man bemüht, seine Sinne zu wecken. +Was es hört und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu +raffiniren: es hört nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur +die schönsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es +empfängt später die passende Unterweisung und freundliche +Belehrung. In Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation +mit drei Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit +sechs Jahren ist. In der Zivilisation trägt Alles dazu bei, Geist +und Sinne des Kindes zu fälschen, wenn sie nicht gar +unterdrückt werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben +durch ihr widersprechendes Verhalten und häufigen Unverstand den +Charakter des Kindes und hindern die Erziehung. + +</P><P> + +„In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich +zeigen, in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes +dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die +Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das +Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt +wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, +Alles zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die +Liebhaberei für lärmende Beschäftigung; die Sucht, +Alles nachzuahmen und selbst zu hantiren, und namentlich die Neigung, +sich den <i>Aelteren, Stärkeren und Geschickteren +anzuschließen und diese als seine Lehrer zu betrachten, in +ungeahnter Weise seine Entwicklung fördert.</i> Diese letztere +Eigenschaft ist die wesentlichste, weil sie am besten alle Anlagen im +Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer, es Seinesgleichen zuvor zu thun.“ + +</P><P> + +„Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und +anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören +also vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen +Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, +Fahnen, die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen +Geschmückten; passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack +geweckt wird; Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von +größerem Werth geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man +es bestärkt; der Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn +es von älteren Kindern für seine Leistungen Lob +empfängt; volle Freiheit in der Wahl seiner Beschäftigung, +es muß jeden Augenblick eine solche unterbrechen und zu einer +andern übergehen können; der Korpsgeist, der sich bei +Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen den einzelnen +Chören, Gruppen, Serien.“ + +</P><P> + +Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir +begnügen uns mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird +ferner mit der größten Wahrheitsliebe begegnet, Niemand +schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen Lehrer sind die älteren +und erfahreneren Kinder, denen sie mit großer +Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine +Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem +älteren Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird +ihm die härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will +das Kind in eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es +eine Prüfung seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall +derselben bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum +neunten Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann +beginnt auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die +nöthige Festigkeit erlangt haben, ehe die geistige +Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen kann. Trieb und Anlagen der +beiden Geschlechter werden später in Folge der verschiedenen +Natur ganz von selbst differiren. Man darf annehmen, daß +für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein Drittel +Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei +Drittel Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr +Neigung für die große Kultur und ein Drittel mehr für +die kleine haben, bei den Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die +Ausgleichungen auf allen Gebieten finden. + +</P><P> + +„In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf +Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum +Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der Agrikultur, +der Industrie, der Gewerbe, der Künste und Wissenschaften ihm +fremd sein; seine körperliche und geistige Erziehung ist dann +eine harmonische. Der Unterschied des Erziehungssystems in der +Zivilisation und der Assoziation ist: Dort wird die Erziehung auf der +kleinsten häuslichen Verbindung, der Familie, begründet, in +der Assoziation auf drei großen Gruppen: Chöre, Serien von +Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall Störungen, +Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung, Einseitigkeit, hier +volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel, Vielseitigkeit. Dort +Klassen- und Standesunterschied, hier Gleichberechtigung für +Alle, kein anderer Unterschied als der, welchen die natürlichen +Anlagen und Fähigkeiten ergeben.“ + +</P><P> + +„In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den +Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als +Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von +Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß +die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb +den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres +Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit +des Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche +Gruppe leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die +Verschiedenheit der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern +Gruppen wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse +über einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden +der Köder, daß die Kinder in der Schule nach +bezüglichen Lehrbüchern verlangen, und so bilden sie sich +weiter.“ + +</P><P> + +„Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in der +Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind sich +weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften hingezogen +fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm schon +sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und +Unterweisung wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu +beibringt. Bei den Kindern in der Zivilisation finden wir überall +den Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in +der Harmonie überall Antrieb zu nützlicher +Beschäftigung und zu Studien. Das ist der Unterschied zwischen +den beiden Gesellschaftsformen. Die Zivilisation, die kleine Vandalen +züchtet, darf sich nicht wundern, wenn sie später so viele +erwachsene Vandalen besitzt.“ + +</P><P> + +Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade +für die Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der +Assoziation das Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so +auch die Erziehung. Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten +Stämme: die Cherubins und Seraphins, das Alter von +4½–9 Jahren, und die dritte Phase der Kindheit +umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im Alter +von 9–15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten +der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie +sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse +Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich +verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß +die Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die +Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der +Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese +sind die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu +verwerthen. Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel +und unter den Mädchen ein Drittel zu unsauberen +Beschäftigungen eine gewisse Neigung haben. Diese nennt er die +„kleinen Horden“. Umgekehrt sind zwei Drittel der Mädchen und ein +Drittel der Knaben für den Putz und die Reinlichkeit eingenommen, +diese nennt er die „kleinen Banden“. Die kleinen Horden und die +kleinen Banden setzen sich aus den 4 Stämmen im Alter von +4½–15½ Jahren zusammen. „Die kleinen Horden +streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die kleinen Banden +streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.“ + +</P><P> + +„Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit +Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme +Arbeit, für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind +überall, wo der Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung +Gefahr droht; sie stehen stets in der Bresche.“ (Fourier will hiermit +sagen, daß, ohne die Hingabe der kleinen Horden an die +unangenehmen Arbeiten, die Phalanx zum Zwang würde greifen +müssen, wodurch der auf voller Freiwilligkeit und Anziehung +beruhende Mechanismus der Phalanx tödtlichen Schaden erlitte. In +der Phalanx darf kein Schatten von Zwang vorhanden sein, wenn sie +ihren idealen Zweck erreichen soll.) + +</P><P> + +Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste beseitigt +den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die Küchen- +und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die +gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet +die kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo +große Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte +Klasse bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie +gebraucht wird. Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, +Unkrautjäten und die Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; +sie halten Straßen und Wege in Ordnung und legen großen +Werth darauf, von Fremden für ihre Ordnungsliebe belobt zu +werden. Um überall rasch bei der Hand zu sein, reiten sie auf +Zwergpferden. + +</P><P> + +Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter +Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien materiell +doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein Geschenk an, +selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte, ein +solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe +für die Assoziation, die für ihren Bestand so +nützlichen und notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre +freiwillige Hingebung tragen sie den Titel „Verbindung für +Verbesserungen“. + +</P><P> + +„Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller +bürgerlichen Tugenden; sie üben zur Ehre der Gesellschaft +die Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten +die Reichthümer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen +alle erträumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen +Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und +thatsächlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft +von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und +verhüten das Aufkommen des Kastengeistes.“ + +</P><P> + +Für alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie +hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an +der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu +erledigende Arbeiten — z. B. daß ein Gewitter Straßen +und Wege verletzt, Bäume und Sträucher schwer +beschädigte, oder daß eine Ueberschwemmung eingetreten ist +—, so versammeln sich die kleinen Horden von vier oder fünf +Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung; sie treffen Morgens gegen +fünf Uhr zusammen, und nachdem sie einer religiösen Hymne +beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung unter einem wahren +Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen +Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln, +die Hunde heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die +Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten, +zurück und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames +Frühstück. Nach demselben erhält jede der kleinen +Horden zur Belohnung einen Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, +darauf steigen sie zu Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren +Phalanxen zurück. + +</P><P> + +„Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, muß man +nach Ansicht der Zivilisirten zu übernatürlichen Mitteln +greifen, wie es in unsern Klöstern geschieht, wo durch ein sehr +strenges Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. +Die sozietäre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege +zum Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des +Vergnügens sich dienstbar macht. Analysiren wir die +Hülfsmittel für diese Tugenden. Es sind vier, die alle vier +unsere Moral verwirft: Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, +Unverschämtheit, Ungehorsam.“ + +</P><P> + +„Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern +überlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die +Theorie der Anziehung erfordert, daß alle Triebe, die Gott dem +Menschen gab, sich nützlich machen können, <i>ohne, +daß man die Triebe selbst ändert.</i> So sehen wir, +daß bei den jüngsten Kindern die Neugier und die +Unbeständigkeit sich nützlich erwies, weil sie das Kind zu +einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen sich +offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer nachzuahmen, +wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur Anziehung zu +nützlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen Eltern und +Erzieher, die nicht erziehen können. Die Erziehung muß +durch kabalistische Rivalitäten der Gruppen herbeigeführt +werden. So werden alle Impulse bei kleinen wie großen Kindern in +der Harmonie gut, vorausgesetzt, daß man sie durch Serien der +Triebe zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die +kleinen Horden an die widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt +zunächst ihren Stolz nach Rang. Jede Autorität, sogar der +Monarch, schuldet ihnen den ersten Gruß; keine industrielle +Armee rückt aus, ohne daß die kleinen Horden an der Spitze +marschiren; sie haben das Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit +(das sind große Arbeiten, welche die Phalanxen eines oder +mehrerer Reiche unternehmen, große Kanalbauten etc.) die erste +Hand an's Werk zu legen; sie sind die Ueberall und Nirgends, ohne +deren Mitwirkung nichts Bedeutendes geschieht. An ihrer Spitze stehen +die kleinen Kane (Kan und Kanin), die selbst gewählten Offiziere; +die kleinen Horden haben auch ihre besondere Kunstsprache und ihre +kleine Artillerie. Ferner wählen sie aus der Zahl der Alten +Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es ist, den Geschmack für +die Funktionen der kleinen Horden zu bewahren; sie haben ferner bei +allen religiösen Uebungen bestimmte Dienste zu versehen und +erhalten dafür besondere Abzeichen. Frühzeitig zu Bette +gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um drei Uhr Morgens und +geben die Initiative für alle Arbeiten der Phalanx. Es ist also +eine Korporation von Kindern, die, indem sie sich allen Neigungen, +welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter verbietet, +überläßt, alle Chimären der Tugend, an denen die +Moralisten sich ergötzen, verwirklicht. Die kleinen Horden +verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der Egoismus +Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres Besitzes zum Nutzen +der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle des Reichthums, die +industrielle Anziehung, die sich auf alle Klassen erstreckt. Die +Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den kleinen Horden hingezogen +fühlen, wie die Kinder der Geringen. Sie sind die +Repräsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr +entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die Tugend +der sozialen Liebe üben, reißen sie Jedermann zur +indirekten Ausübung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie +den Weg zur Edelmüthigkeit, durch welche die Reichen in der +Harmonie sich verbinden, um den Armen zu begünstigen, wogegen sie +heute übereinkommen, ihn zu plündern.“ + +</P><P> + +„Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten +Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein +können im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes +balanziren, dieses elenden Metalls, elend in den Augen der +Philosophen, das aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der +industriellen Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, +die sich auf den Reichthum stützen, als Leute <TT>„comme il +faut“</TT> bezeichnet werden, da ist das Geld die Klippe. Die es +besitzen, sind die Leute, „die nichts thun und zu nichts zu gebrauchen +sind.“ Leider ist der Beiname <TT>„comme il faut“</TT> (wie man sein +muß) in unserer Gesellschaft nur zu berechtigt, denn in der +Zivilisation gründet sich die Zirkulation auf die Phantasien der +Müßigen, sie sind in Wahrheit die Leute <TT>„comme il +faut“</TT> (wie man dazu sein muß), um die verkehrte Zirkulation +und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.“ + +</P><P> + +Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer +bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche +die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der Ansicht, +daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der +Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten. Es +ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen +Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach wiederholten +Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner +geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, +daß die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, „um +das Geschäft zu heben“, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man +macht es ihnen zu einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben +„Geld unter die Leute zu bringen“. + +</P><P> + +Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach diesem +Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das Mäntelchen +der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und +trinkt gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in +dem stolzen und befriedigenden Bewußtsein, „indem man seine +Triebe befriedigte“, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, +die so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach +Fourier, die bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir +wissen heute, daß diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein +Zwanzigstel der Gesellschaft bildet. + +</P><P> + +Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für +die Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für +Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft +kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher, +und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der +Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch +nachläßt, weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in +der Regel in den modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der +Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die +Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen weit +über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt +die Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der +Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch sein +Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches Merkmal +für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, „die +nichts thut und zu nichts nütze ist“, wie Fourier sich +ausdrückt, so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. +Welch geringe Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im +Verhältniß zum Verbrauch der Masse der Bevölkerung +spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse der indirekten Steuern. „Die +Steuer auf Luxusartikel der Reichen bringt nichts ein“, sagte +Fürst Bismarck in seiner berühmten Steuerprogrammrede im +Herbst 1876 im Reichstag; „was nützt die Steuer auf Austern, +Champagner, Equipagen, sie bringt nichts, nehmen wir dafür die +'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee, Branntwein, Tabak.“ +Unsere Steuertabellen geben ihm Recht. + +</P><P> + +Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der +bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter +noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der +Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen +erheblichen Theil des Arbeitsertrags — vier Zwölftel +— zuschrieb, entging ihm nicht, daß bei dem Reichthum, den +die Phalanx durch ihre Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das +Mißverhältniß im Vermögen und Einkommen der +verschiedenen Klassen sich in der Phalanx noch mehr steigern +müsse, als in der Zivilisation. Er mußte also ein Mittel +finden, um dieser klaffenden Ungleichheit einigermaßen +vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird, auf das +Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche die +reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für +die sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem +Grunde eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos +seien. Die Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze +Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und +für eine Berechtigung hat, wenn die <i>sozietäre Arbeit</i> +diesen Reichthum erzeugt und dieser so groß ist, daß er +allen Gliedern der Phalanx den größten Luxus gestattet und +selbst die verwöhntesten Geschmäcker zu befriedigen vermag. +Diesem Widerspruch sucht also Fourier durch das bezeichnete Mittel aus +dem Wege zu gehen, es soll der Wiederkehr „der verkehrten Zirkulation +nach den Phantasien der Müßigen begegnen“, und die Reichen +sollen durch das selbstlose Auftreten der kleinen Horden zu Akten der +Edelmüthigkeit gegen die Unbemittelten angeeifert werden. Das ist +die große moralische Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist. + +</P><P> + +Fourier fährt fort: + +</P><P> + +„Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich +verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen vorbehielt, +entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des Widerspruchs, der +darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder männlichen +Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur Wildheit neigen, +zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum Putz und zu guten +Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx ausgenutzt +werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und Hingebung sich +auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende Korporation +— müssen die kleinen Banden — Eigenschaften annehmen, +welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, +das Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der +sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener +der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein. +Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der +Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art +Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich; +sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und materielle +Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, Schaustellungen +auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in der Harmonie +an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um korporative +Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre Kostüme +und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die Modelle zu +liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen sich die kleinen +Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren aus. Der +männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die +jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die +frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen +Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen. Weniger +thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später +und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während +sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere +beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, +Hühner, Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die +Blumen- und Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder +zerstört werden. Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen +läßt, wird vor ihren Richterstuhl geführt und +gebüßt; sie üben ferner die Zensur über die +schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden ihre +Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus den +mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und Korybantinnen. +Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen Beziehungen auf +Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den großen Banden, +den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen Horden mit den +großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen. Die Natur +hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine Scheidung von +Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen, eine +Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in den +Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast ist es +auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und kleine Horden +naturgemäß herbeiführt.“ + +</P><P> + +„Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der +Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß +man die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel +setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen +Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die +Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu den +minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der +Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie +unsere Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem +gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die +Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu veranlassen, +die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch Raffinement der +Phantasien und durch Abstufungen die Geschlossenheit der Serien +herbeizuführen. So schöpft die Erziehung in der Harmonie +ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden entgegengesetzten +Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur Unsauberheit und zur Eleganz, +zwei Richtungen die beide heute verurtheilt werden. Die kleinen Horden +wirken negativ ebenso viel, wie die kleinen Banden positiv. Die einen +beseitigen die Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich +entgegenstellen, sie vernichten den Kastengeist, der aus den +unangenehmen Arbeiten leicht geboren wird; die anderen schaffen durch +ihre Gewandtheit die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren +die nüanzirten Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen +die kleinen Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen +Banden vom Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende +Handlung, die ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +„Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler, +daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen +nicht, das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind +genöthigt, es bis zum sechsten oder siebenten Jahre unthätig +zu lassen, ein Alter, in dem es schon ein geschickter Praktiker sein +könnte. Im siebenten Jahre wollen sie ihm dann Theorie, +Kenntnisse, Studien beibringen, für die sie den Wunsch bei ihm +nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in der Harmonie kann dieser +Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten Jahre bereits praktisch +thätig war und bis zum siebenten spielend eine Menge praktischer +Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das Bedürfniß, +sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu stützen ... +Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit der Natur des +Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes System, von dem ihre +Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist auf die Arbeit des +Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis Abend während +neun bis zehn Monate des Jahres über den Anfangsgründen und +der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der Widerwille gegen die +Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß, während +der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen sich +beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an +schönen wie an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine +Einheitlichkeit in der Handlung geben, wo es nur eine einfache +Funktion giebt.“ + +</P><P> + +„Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene +in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die Sottise +begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren, wobei es +sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und Moralisten +sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber keinen +Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien weilenden +Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im Heu kugeln, +vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und +Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. +anwenden, und würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke +einladen, zu ihren Studien zurückzukehren, so würden sie +beobachten können, ob es die Natur des Kindes ist, während +der schönen Jahreszeit in der Umgebung von Büchern und +Pedanten eingeschlossen zu werden. Man antwortet: Man muß im +jugendlichen Alter lernen, damit man sich des Namens eines freien +Mannes würdig macht, würdig des Handels und der Verfassung! +— Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und kabalistische +Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in hundert +Lektionen im <i>Winter,</i> beschränkt auf zweistündige +Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen +oder im Pensionat eingeschlossen hält. + +</P><P> + +Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, +Pensums, Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem +halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses +elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen; sie +versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu +enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den +Schülern, Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, +daß sie erkannt hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein +Mittel, ihre Gedanken zu verwirklichen. Die mit Zuneigung +verknüpfte Uebereinstimmung zwischen Lehrern und Kindern kann nur +in dem Fall einer als Gunst erscheinenden anregenden Unterweisung +erzeugt werden. Das wird in der Zivilisation, in welcher der ganze +Unterricht durch den Widersinn, die Theorie über die Praxis zu +stellen, gefälscht ist, nie geschehen. Der Unterricht ist ferner +gefälscht durch seine Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. +Man findet vielleicht ein Achtel unter den Kindern, die den +gegenwärtigen Unterricht mit Leichtigkeit, aber ohne davon +besonders angeregt zu sein, annehmen. Daraus schließen die +Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts taugen; sie +argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur Regel. Das ist die +gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf die Vollkommenheit. +Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen, aber sie darf man +nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die große Menge, +welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den berühmtesten +Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand stets nur einen +mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große +Unbekümmertheit für Studien und Lehrer. + +</P><P> + +„Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle +Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. +Ich kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es +ließen sich noch andere finden. Schließlich ist jede +Methode gut, wenn sie dem Charakter des Schülers entspricht. +D'Alembert ward ausgelacht, als er vorschlug, das Studium der +Geschichte im Gegensatz zur chronologischen Ordnung zu betreiben, +dergestalt, daß man nicht von der Vergangenheit zur Gegenwart, +sondern von der Gegenwart nach Rückwärts in die +Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz am Studium zu +zerstören und die mathematische Trockenheit in die Methode des +Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher Sophismus. Keine +Methode ist an sich trocken, sie sind alle fruchtbar, wenn man sie den +Charakteren anzupassen und schmackhaft zu machen versteht. Man gebe +den Kindern eine ganze Reihe von Methoden zur Auswahl, viele werden +doch keinen Geschmack am Studium finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln +nicht nur des aktiven Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der +materiellen Anziehung, als welche ich die Oper und die Gourmandis +betrachte.“ + +</P><P> + +„Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für +es eine Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie +verschafft ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches +der erste Zweck der Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von +frühester Jugend an in allen gymnastischen und choreographischen +Uebungen geschult. Die Anziehung ist darin sehr kräftig, es +erwirbt die nothwendige Gewandtheit für alle Arbeiten in den +Serien, wo Alles sich mit Sicherheit, Maß und Einheit, wie man +diese in der Oper herrschen sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt +also unter den Hülfsmitteln für die Erziehung vom niederen +Lebensalter an den ersten Rang ein. Unter der Oper sind alle +körperlichen Uebungen begriffen, sowohl die mit der Flinte als +mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen Evolutionen, werden +sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder in der Oper +vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie betrachten +es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde die Natur +des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper nicht in +erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom +frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen +Studien nur anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen +hin möglichst vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit +der Seele beginnt, zwei unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde +Hülfsmittel in's Spiel gesetzt werden: die Oper und die +Küche, oder die angewandte Gourmandis.“ + +</P><P> + +„Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und +zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, +und diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in +denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden +Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime +der Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper +ziehen das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen +der Phalanx die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den +Vorbereitungen für die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, +für welche es sich schon durch die Tischunterhaltungen +interessirte; es werden Pflanzen und Thiere besprochen, und so wird es +in Hof, Stallungen und Gärten eingeführt. Die Küche +wird das Band für diese Funktionen.“ + +</P><P> + +„Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung, +sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. +Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, +oder das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder +Ausdruck der Gedanken und Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder +Harmonie der Gesten; 5. Tanz, oder Bewegung nach Maß; 6. +Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7. Malerei und harmonische +Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem regelmäßigen +Mechanismus und in geometrischer Ausführung.“ + +</P><P> + +„Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung zu +Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen +und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie +ist sie eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei +bedenkliche Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die +sich jeden Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den +industriellen Serien begegnen.“ + +</P><P> + +„Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der Harmonie. +Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und +Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung +der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx +eine Auswahl von 12–1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise +sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser ausgestattete +Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.“ + +</P><P> + +Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer +Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in +derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in seinem +System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in der +Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre Zusammensetzung und +ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns hierüber kurz, da aus +dem bisher Gesagten der Leser wird beurtheilen können, wie auch +hier sich die verschiedenen Serien bethätigen. Die Kinder werden +zunächst an der Hand passend für sie eingerichteter +Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend eingeweiht, +Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig in die +großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die +Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter +Details kennen — das Einmachen, die Konservirung —, in +denen sie nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der +Materialien führt ganz von selbst dazu, auch das Werden und +Entwickeln der verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit +zunehmendem Alter wird das Kind mit der Geflügelzucht, der +Stallwirthschaft, der Obst- und Gemüsezucht bekannt und darin +eingeweiht. In allen diesen Bethätigungen kommt, wie im ganzen +Mechanismus der Phalanx, die Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, +die Abwechslung durch kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur +Geltung; die Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe +an. + +</P><P> + +Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die +Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall +entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der +Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt +und stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die +größte. Alles ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, +Zwang ist nirgends vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen +den beiden Geschlechtern gemacht. „Die Studien sollen nicht an zweiter +Stelle figuriren, aber das Interesse soll durch die physische +Bethätigung für die verschiedenen Zweige des Studiums +geweckt werden. Die Arbeiten der Schule sollen mit denen in den +Werkstätten und in den Gärten eng verbunden sein, die +letzteren sollen die ersteren unterstützen.“ + +</P><P> + +Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es beginnen +die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich +allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die +Aufgabe, die Erziehung entsprechend umzugestalten. + +</P><P> + +„Hier ist der Punkt“, fährt Fourier fort, „wo alle unsere auf die +Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in +den Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu +begründen wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von +hier ab im ganzen Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit +zeigt sich unsere Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als +hier. Für alle anderen Mißbräuche und Uebel haben +unsere Philosophen wenigstens die Anwendung einiger Gegenmittel +versucht, aber keine in Sachen der Liebe, von wo demnach ihr ganzes +Werk in Unordnung gestürzt wird, denn sie haben nur die +Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen die Natur und die Gesetze +begründet. Indem die Liebe keinen anderen Weg zur Befriedigung +findet, als mit Anwendung der Doppelzüngigkeit, wird sie ein +permanenter Verschwörer, der unaufhörlich daran arbeitet, +die Gesellschaft zu desorganisiren, alle ihre Regeln zu untergraben.“ + +</P><P> + +„Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe +nur unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die +Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr protegirt, +je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen Gesellschaft +sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten die +Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen +können, d. h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral +verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die +Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- +und Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die +Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser +Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt, +muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe +sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen +Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für +die guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung +dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der +Zivilisation getrennt sind.“ + +</P><P> + +„Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste Liebe +genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die +unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit +anziehen. Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen +bilden, die ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden +aufeinander wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, +bestehend aus zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und +des Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel +Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum +achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation des +Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen +Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die andere +Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu +einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln +derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat. Die +jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des +keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im Vestalat +in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen Charaktere +sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während die +milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden die +jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen +austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.“ ... + +</P><P> + +„Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen +von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie +besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen +— die sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den +Sälen zusammenfinden — und erheben sich in Folge dessen +auch später von der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat +mit den Kindern. Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern +wird das Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von +diesen behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen +mißachtet. Die älteren Stämme von zwanzig und mehr +Jahren haben wieder aus anderen Motiven für das Vestalat und die +Virginität eine tiefe Zuneigung. So vereinigt das Vestalat in +sich den höchsten Grad der Gunst der Kindheit und des +männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen und Vestalen +ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit haben, jederzeit +die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile der Rolle zu +verzichten.“ + +</P><P> + +„Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen nach +Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen, haben +sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten Beschäftigungen +in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie haben aber auch ihre +besonderen Sitzungen und gewähren den Besten unter sich den Titel +„Bewerber“ oder „Bewerberin“. Diejenigen, die diesen Titel +führen, haben den Vortheil, in der industriellen Armee, in der +sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit besonderen Ehren +empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat gehöriges +Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird dies +festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein +Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. +Nichts verschafft einem Mädchen von 16–18 Jahren mehr +Achtung, als eine nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an +die Arbeit und die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind +die Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im +Verzuge, handelt es sich z. B. darum, wegen drohenden Unwetters rasch +eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede Phalanx +wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen und +sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel +auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, +die Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die +präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen +besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs +macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns +beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm +über die Schönheiten der Verfassung und das Glück des +Handels peroriren, sondern man deputirt die liebenswürdigsten +Vestalinnen, die ihn an der Grenze begrüßen. Kommt eine +Fürstin, so wählt man Vestalen. Versammelt sich eine +industrielle Armee, so sind es die Vestalen, die ihr die Oriflamme +übergeben und die erste Rolle bei den Festen wie bei den Arbeiten +einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden durch die Anwesenheit der +Vestalen und Vestalinnen einen besonderen Reiz gewinnen und sie +werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß sie Ermüdung +verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen jeden Abend +glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der Kette +am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren jungen +Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen „freie +Männer“ sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel aus +Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so werden +mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man +nöthig hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese +Armeen besuchen, um sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder +ihren Gatten zu wählen, und es ist anzunehmen, daß eine +solche Wahl meist auf eine Vestalin oder einen Vestalen fällt. +Diese Herrschaften werden in der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, +wie in der Zivilisation, in welcher man ihnen nach chinesischer Manier +einen Mann oder eine Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen +haben.“ + +</P><P> + +„Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird +der vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, +eines halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich +Idole zu schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das +Vestalat ein Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht +der Erde den ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat +ihre Fahne neigen und ihm als Ehrengarde dienen.“ + +</P><P> + +Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, +ihre Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch +größerer Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen +bedeckt, so wird sich auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen +Eintheilung im Reiche verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei +ihm, geometrisch abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist +der Omniarch, der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen +Sitz hat; dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 +Kaiserinnen, 144 Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 +Kaziken u. s. w. Man fragt sich freilich vergeblich, was alle diese +Fürsten, Fürstinnen und hohen männlichen und weiblichen +Würdenträger in dieser sozialen Organisation für einen +Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern ihre Funktionen für das +Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft notwendig sind. Darüber +giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie gehören eben in sein +System, das bemüht ist, den Trieben und Neigungen, wir pflegen +auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach Titeln und +Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß sein +System in um so höherem Grade die Unterstützung der +höheren Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht +für die Erlangung von Titeln und Würden eröffnet. + +</P><P> + +Eine solche Schaar hoher Würdenträger und +Würdenträgerinnen bedarf entsprechender Frauen und +Männer, und da haben Vestalinnen und Vestalen in erster Linie die +schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu kommen. + +</P><P> + +„Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch +ein Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die +Virginität nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen +nur Denen zu Theil werden, die sich einen falschen Heiligenschein +für die Gaukeleien der Libertins zu geben wissen. Diese +Wüstlinge, die in ihren Liaisons die Kunst gelernt haben, die +Menschen zu betrügen und zu düpiren, werfen sich unter den +Spitzbuben, welche die öffentliche Meinung leiten, als Lobredner +der Tugend auf. Welche Ermuthigung findet unter uns ein junges, +schönes Mädchen, um ihre Virginität zu bewahren? Ist +sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner sind, nicht +bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen Lebensunterhalt +für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden gezwungen, auf +einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere Schamlosigkeit zu +spekuliren und sie wird durch diese Spekulation prostituirt; sie +findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der ihr eine +anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre Schönheit +ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird für die +Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist +sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen +Maklern Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem +durch Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit +mehr verdorbene als gute Ehemänner.“ + +</P><P> + +„Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten +Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig +zu machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. +Um den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem +Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit +der jedes alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine +der Zivilisation würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie +fordert erniedrigt sie; undankbar, wie sie ist, belohnt sie die +Hingebung der jungen Mädchen an ihre Morallehren mit +Beschimpfungen und Aergernissen. Da braucht man sich nicht zu wundern, +daß man bei jungen Mädchen, die nicht überwacht +werden, nur eine Maske der Keuschheit findet. Leistet ein junges +Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt geworden, von +derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es zwang, seine +schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es +Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine +Frucht, die man, statt sie zu genießen, verderben +läßt. Das sind Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen +würdig sind dieser zivilisirten Ordnung, welche stolz auf ihre +Weisheit und ihre Wissenschaft ist. Aber wenn man einem schönen +Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit zu bewahren, eine +Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr gewiß? Sie +läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen durch +Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen +oder brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein +anständiges Mädchen selten genug Finesse, um die +Heucheleien, die trügerischen Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu +erkennen, durch die eine ein wenig erfahrene Frau nicht mehr +getäuscht wird. Hat sie aber eine gute Partie in Aussicht, so +wird irgend eine Intriguantin, die in der Kunst zu bezaubern +geübt ist, sie ihr entfremden. Das anständige Mädchen +wird darum betrogen, es erhält nur einen unfruchtbaren Tribut der +Achtung und altert oft in der Ehelosigkeit.“ + +</P><P> + +„Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen, +weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil +zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die +Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der +Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter +betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie +mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden +aber alle Tugenden gebären, von denen sehr +überflüssiger Weise die Zivilisation nur träumt.“ + +</P><P> + +„Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der +Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah, +das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so +sollte und müßte es sein'; aber wenn ich es auch +unternehme, die Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen +Moralisten, daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden +über jede Parallele verwundert sein, die ich zwischen den +Gewohnheiten der beiden Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, +wenn ich die vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation +vergleiche, deren Moral nur unanständige und skandalöse +Gewohnheiten zu Grunde liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der +Verbindung des Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die +Trunkenheit der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten +Scherzen über die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann +einer dezenten Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht +gefallen; sie haben die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne +daß sie zuvor den Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt +sind, die den nächsten Morgen noch immer früh genug kommen. +Es bleibt weder Zeit für die ewigen zweideutigen Wortspiele, noch +für die moralischen Schlemmereien.“ + +</P><P> + +„Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz, +Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den Widerspruch +der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit +vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt, +d. h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet, eine +Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art +werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für +das Vestalat erklären? — Diejenigen, die, wie die +Söhne des Theseus, für aktive Thätigkeiten, aber wenig +für die Liebe neigen. Wenn Hippolyt die Jagd allein genügte, +um ihn von der Liebe abzuziehen, so wird eine soziale Ordnung, die +jedem Jugendlichen dreißig und mehr Gelegenheiten bietet, wo er +seine Kräfte üben und seinen Ehrgeiz befriedigen kann, +interessanter sein, als das mittelmäßige Vergnügen der +Jagd.“ + +</P><P> + +„Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese +anscheinend so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den +wirklichen Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in +allen ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der +Entwicklung nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben +Maße, wie allen Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es +wird geschehen, daß die Alten, die in der Harmonie den Reichthum +und die Vergnügungen mehr lieben werden, als man sie heute liebt, +die Ersten sein werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen +verlangen. Die nöthigen Gegengewichte werden sich in +genügender Zahl aus der Konkurrenz der Instinkte und der +Geschlechter ergeben.“ ... + +</P><P> + +„Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche +ist, alle Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, +freien Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: +geschlossene Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der +Ausübung aller Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen +(Komposit). Das ist die feste Regel für die Bildung und +Entwicklung der Serien; ihr Zweck muß sein, überall die +Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter und der Instinkte zu +begründen.“ + +</P><P> + +„Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein +Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um diese +Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr +weitläufigen Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht +geben kann; ich werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle +die Uebel erzeugt, die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, +daß aber diese Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe +angewandt, alle Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, +vermeidet. Wie es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen +einige Beweise folgen. Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein +Drittel der Väter ihre Kinder verlassen und verleugnen. Auf +27.000 Geburten rechnet man über 9000 Bastarde, und doch ist +Paris der Mittelpunkt der „moralischen Erleuchtung“ und die +„Vollendung der Vervollkommnung der Vervollkommnungsfähigkeit“. +Wenn überall ebenso viel Vollkommenheit existirt als in Paris, +ist ein Drittel der Kinder von ihren Vätern verlassen. Ferner +sind da die syphilitischen Krankheiten, die in unserer Ordnung +zahlreiche Opfer erfordern. Die Jugend wird bei unseren Sitten zur +Unaufrichtigkeit erzogen, sie macht sich ein Spiel daraus, diese +Krankheiten zu verbreiten, deren Gefahr jede kluge Person zwingt, sich +von der galanten Welt zu isoliren und so die unnatürliche +Befriedigung der Triebe herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen +Alter die Mädchen über die Treue getäuscht werden, so +täuschen später ihrerseits die Frauen; sie nehmen einfach +Repressalien. Wenn in Paris, „dem Hort der Moral“, man jährlich +über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder verlassen, so wird +die Rache der Mütter eine entsprechende sein. Auf 27.000 Geburten +schwören die Frauen 9000 Kinder ihren Ehemännern zu, die sie +von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist Reziprozität der +Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem +Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen +Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der +Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen +Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle diese +Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen. Um +sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den +Zusammenkünften beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre +Eltern glossiren. Sie werden als lächerliche Harpagons oder +unbequeme Argusse behandelt; man unterhält sich mit +Wünschen, wie, daß der Augenblick bald kommen möge, um +ein Vermögen genießen zu können, das nach der Meinung +der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man antwortet: +daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind. Ja, so +lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die +Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die +Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute +überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre +Töchter zu verführen, daß sie wahre Freunde der Moral +und der Verfassung sind, andererseits überzeugen sie die Mutter, +daß sie eben so hübsch wie die Tochter ist, „was manchmal +wahr ist“. Gestützt auf diese Argumente, organisiren sie im Hause +die maskirte Orgie. Der Vater gewahrt den Kniff und versucht +widerspenstig zu werden, aber die Frau beweist ihm, daß er nicht +die rechte Einsicht habe und er schweigt. Und selbst wenn die +Väter solche Fallen zu vermeiden wissen, gerathen sie nicht in +zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in einen wahren <TT>Cercle +vicieux</TT> von moralischen Sottisen? Hier fällt eine gehorsame +Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr versagt blieb, das +die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder schwanger und alle +väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und welch eine +Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich zu +erleichtern, schließt der Vater die Augen über die +Freiheiten der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres +Flitterstaats erspart bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in +ein ewiges Gefängniß,<a href="#Footnote_18" +name="FNanchor_18" id="FNanchor_18"><sup>18</sup></a> ihr sagend, daß sie +glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene. Oder er hat eine +Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu Grunde, und statt +eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie und ihre ruinirte +Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch viele Fälle +der Enttäuschung anführen.“ + +</P><P> + +„Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen, +welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe +unserer Zivilisation sei, aber die große Majorität, die +dieses Glückes beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück +nicht. Väter wie Kinder sind in falscher Position, die gute +Ordnung beruht auf einem mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser +Zwang erstickt die Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem +Trugbild. Die Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer +Ordnung, die den Wünschen der Natur entspricht, aber unsere +Moralisten haben nie eine Studie über die Beziehungen der Liebe +gemacht. Ein Beispiel lehrt dies.“ + +</P><P> + +Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner +Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge +im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein +soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive +Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr. Wie +weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können +wir nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge +auch heutzutage durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, +daß, während Pestalozzi in seinem Institut nach seiner +intuitiven Methode Jünglinge und junge Mädchen +unterrichtete, er gar nicht gewahr wurde, wie diese unter sich nach +der sensitiven Methode handelten. Daraus entstand denn eines Tages +eine schreckliche Entdeckung. Es gab ein fürchterliches +Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine Anzahl der +Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler +schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der +berühmte Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier +boshaft hinzusetzt, „bei dem Grübeln über seine intuitiven +Subtilitäten ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der +Liebe Rechnung zu tragen“. „Während so die Philosophen die Triebe +unterdrücken wollen, kommen diese und unterdrücken +unvermutheter Weise die arme Philosophie. Es zeigt sich hier, +daß, wie immer man sich in der Zivilisation der Freiheit +nähern will, sei es in Sachen der Liebe, sei es in Sachen der +anderen Triebe, man fällt stets in einen Abgrund von Sottisen, +weil die Freiheit nur im sozietären Zustand zur Geltung kommen +kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.“ + +</P><P> + +Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern, sei +der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht, +ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den +Mißbrauch der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher +der menschliche Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die +revolutionären Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi +und Owen und andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in +die Skilla. + +</P><P> + +Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das +Fourier über Kant und, indem er über die Methode +Pestalozzi's spricht, über die Deutschen überhaupt +fällt. Er sagt über Kant: Welches Wesen habe man von ihm +gemacht. Er sei der erste Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle +wie er mit analytischer Gründlichkeit über die Wahrnehmungen +der Anschauungen des Erkenntnißvermögens, die +Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit gebracht haben. +Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der das Angesicht +der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe zu +diesem Urtheil „Ja“ gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit +besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil +abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen, +was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der +vorliegenden <i>Resultate</i> zu urtheilen. Heute rangire man die +alten Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als +Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit +den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese +stützten sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht +ausgenommen, seien Schöngeister, Rechthaber <TT>(ergoteurs)</TT>, +die in einem Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, +neue Götzenbilder brauche. + +</P><P> + +Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier +zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, +sei auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte +man ihm Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, +die greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller +Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung +verfällt, eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine +Spekulation, die keine praktischen Resultate für das Leben +verspricht, verwirft er. Daß Kant mit Begriffen operirte, +über Begriffe spekulirte, scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; +eine solche Wissenschaft kann für die Menschen, die, nach ihm, +nur das Glück wollen und zwar sichtbar und greifbar, keine +Wissenschaft sein. Die Philosophie müht sich ab, den Begriff des +Glücks zu definiren, Fourier ist damit sehr rasch fertig: +Glück heißt volle Befriedigung aller Triebe des Menschen, +suchen wir also ihm diese Befriedigung zu verschaffen. Was nicht +darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung, vom Uebel, metaphysische +Spekulation ohne Werth; die Praxis und die Erfahrung entscheiden. + +</P><P> + +So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm +ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der theoretische. +Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste in Europa, es +werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne bis Jean Jacques +Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei renommirt, und die +Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der Soldat stolz sei, in +einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das Kind anzuregen, +seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als die intuitive +Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel. Pestalozzi gestehe +selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und daß zwei +Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß +er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft +ausstatten könne. „Man traktirt vergeblich die Kinder mit der +intuitiven Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu +trösten, sie wollen nicht die von diesem ideologischen Dunst +Getäuschten sein.“ Schließlich habe man die deutschen +Kinder an diesen metaphysischen Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu +verwundern. Deutsche Kinder seien sehr geschmeidig, man bringe +Tausende zum Gehorsam mit der Erklärung: „Es muß sein.“ Die +Deutschen seien eine Nation „von Freunden der Ordnung“, der Deutsche +sei ein Mechanismmus, den man jederzeit mit dem: „es muß sein“ +in Bewegung setzen könne, da sei es leicht, die Kinder nach +irgend welchen Zierereien der Metaphysik, wie diese intuitive Methode, +zu bilden, aber für die Vortrefflichkeit der Erziehung beweise +das nichts. + +</P><P> + +In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, +daß, bevor die Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten +Prinzipien freier Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere +Generationen im phalansteren System vergehen müßten. Das +Geschlecht müsse erst dazu gesund erzogen und vorbereitet sein. +Zunächst gelte es, die Syphilis, die ganze Geschlechter +geschwächt habe, vollständig auszurotten, dann die +politischen Hindernisse des Verkehrs der Geschlechter zu beseitigen; +das Schwierigste aber sei, zu verhindern, daß nicht in dem +Augenblick, wo man der Liebe größere Freiheit gebe, die +geheime und korporative Orgie — worunter Fourier den +ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe gezügelten +Geschlechtsgenuß versteht — hervorbreche. Die Orgie +könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, +sondern durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch +Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen. Er +glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe aus +dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, +die bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser +Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die +Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des +Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's Treffen +geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere Stellen des +neuen Testaments ebenso bekämpft wird. + +</P><P> + +Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien, +behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den +Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und +verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der +Harmonie die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer +dafür verdoppeln. + +</P><P> + +Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen +Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien +und wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste +Geschlecht seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter +und die Mütter und Kinder zusammen auf die Väter; einem +solchen Ansturm könnten letztere nicht widerstehen. Unter den +Klassen seien es die Reichen, die auf die niederen Klassen den +Einfluß hätten. Es gelte, die Reichen zu verführen, +denn bequemten diese sich zur Arbeit in der Serie, so würden die +übrigen Klassen, durch deren Beispiel angefeuert, erst recht +eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten würden es also sein, +die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt in die sozietäre +Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es handelt sich +nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den Verstand, sondern um +ein Verführen, ein Wirken auf die Leidenschaften und Triebe. Auf +die Kinder wird den größten Anreiz gutes Essen und Trinken +üben, also die Gourmandis. Eine Küche für sie und die +freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze Phantasie in +Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder in Serien und +Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der gewünschten +Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie die eifrigsten +Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon +erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge, +körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit +Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper. + +</P><P> + +Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in +diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit versuchen. +Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein reicher Mann, +Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten hat. Er +interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln der +Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders +Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet; auch +hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen. +Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt +einer Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese +Mondor ihr Lob zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. +Er tritt in die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren +Arbeiten, aber ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem +Engagement erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder +ihn mit einer Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt +und ihn zum Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine +Kenntnisse für diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt +eine Vestalin vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie +überreicht und ihn umarmt. Darauf empfängt er die +Beglückwünschungen der Chefs, die durch die Kinder mit einer +neuen Fanfare begleitet werden. All das gefällt Mondor so, +daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx einzutreten +und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend theilzunehmen. + +</P><P> + +„Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau“, +meint Fourier weiter, „nachdem sie einige Tage in der Phalanx +zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und +sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr +industrielle Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst +nicht kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der +Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß +dieser parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die +Wirkung haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die +verschiedensten Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, +die ihnen heute meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit +der Pflege kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe +eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei +befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen +eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die +Arbeiten der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, +was Jene verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr +Beschäftigungen finden, für die sie in der Zivilisation +nicht die Mittel und die Einrichtungen besaßen, oder die sie +ermüdeten und mißstimmten, weil sie dieselben ohne +Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer +Kräfte erfüllen mußten.“ + +</P><P> + +„Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in +der Ehe wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die +Frauen in der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die +Männer in der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei +finden. Der immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach +Wahl wird die Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus +werden andere Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer +Tafel der Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen +Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; +sie faßt eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben +zu besuchen, und was sie sieht und hört, gefällt ihr so, +daß sie beschließt, in die Serie der Lautenmacher +einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft kennen lernte und +ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und Trieb für +diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian, ein +junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem +Haken sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies +bei der Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und +diese bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche +Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr +passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit +Stolz als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, +dem sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, +begegnete und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also +diese Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, +indem sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die +Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der +Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche +Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in +Menge, die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.“ + +</P><P> + +„Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx +stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter der +rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt +für Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner +Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen +Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu +unterweisen, für die sie selbst ein lebhaftes Interesse +besaßen, oder noch besitzen; sie werden in diesen Kindern die +Erben und Nachfolger ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, +und ein Kind ohne Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt +oder mit Legaten bedacht werden. In der Phalanx hat Jeder die +Gewißheit, daß er in seinen Lieblingsvergnügen und +Beschäftigungen Nachfolger findet, in der Zivilisation nicht. Die +Natur scheint ein solches Verhältniß zwischen Eltern und +Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die Söhne +oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben, +worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.“ + +</P><P> + +„Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung +berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf +hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu +überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene, +Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über +Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und +Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das +persönliche Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes +willkürliche Befehlen ist demüthigend für den, welcher +gehorcht. Das persönliche Regiment ist in der sozietären +Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich nach freier Uebereinkunft +und passioneller Zustimmung. In einem Solchen Zustande giebt es keine +Willkür in der gegebenen Ordnung, nichts Beleidigendes im +freiwilligen Gehorchen. Da, wo die zivilisirte Ordnung mit ihrer +Privatwirthschaft und ihren abhängigen Existenzen stets zwei- und +dreifache Disharmonie und Unordnung schafft, erzeugt der +sozietäre Zustand drei- und vierfache Freude, Bande der +Uebereinstimmung jeder Art.“ + +</P><P> + +„Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten +Gruppen und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und +von uns verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine +Verwendung haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um +Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit +handelt, wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu +krönen. Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich +aus Trieb mit der ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte +Serien, die nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn +man wird Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man +schickt also zunächst die Beginner <TT>(initiateurs)</TT> in's +Treffen, d. h. Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber +nichts zu Ende bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen +verraucht ist, die aber überall, wo es einen gefährlichen +oder unangenehmen Schritt zu thun giebt, bei der Hand und darum sehr +werthvoll sind. Es sind Charaktere, die man leicht stimuliren kann und +die vor keiner Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie +ermüdet sind, hat das Werk ein anderes Angesicht gewonnen, und +nun kommen die <i>Gelegenheitscharaktere</i> oder die +<i>Wetterfahnen</i> an die Reihe, Leute, die sich mit jedem Winde +drehen, immer die Ansicht des zuletzt Gekommenen haben und für +jede Neuheit, die Kredit erlangt hat, zu gewinnen sind. Sie +schwören, wenn sie das Unternehmen in Angriff genommen sehen, +daß es sehr plausibel sei, und werden sich mit den Beginnern, +die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf folgen die +Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in Alles mischen, +was <i>halb</i> gethan ist, es modifiziren und umändern, +beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten +für einen schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre +natürliche Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, +sobald sie sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man +wird ihnen jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu +streicheln. Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit +bei ihrer Arbeit aushalten. Dann folgen die <i>Chamäleons</i> +oder <i>Veränderlichen,</i> eine in der Zivilisation sehr +zahlreiche Klasse, die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie +werden bei einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei +Dritteln beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende +führen, aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, +wo die Fertigmacher <TT>(finiteurs)</TT> antreten können. Das +sind die Leute, die sich immer erst dann für ein Werk begeistern, +wenn sie es fast vollendet sehen. Niemals erhält man für +einen Anfang ihre Stimme, sie erklären jedes Unternehmen für +unmöglich, für lächerlich und ergehen sich in +übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine Verbesserung +beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen Neuerer Jeden, der +etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu drei Vierteln +fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie werden +Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten, daß +sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre +Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz +nicht gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser +letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach +geschehener That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, +die sie anfangs verlachten.“ + +</P><P> + +Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text zu +lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung +behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung +ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d. h. Leute, die +zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie haben +begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu beschimpfen, +später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen, +dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx vorschreiten +sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und schließlich +in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und vierfachen +Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie den +Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in seiner +Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten, so +seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, +die Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu +beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu +ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen +Sohn einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen +Architekten einen Plan fortführen, den sein Vorgänger +angefangen. Die Franzosen seien Wetterfahnen, die sich nie an einen +bestimmten Geschmack, nie an eine Meinung bänden, plötzlich +von einem Extrem in's andere fielen und das Widerstreitendste zu +verbinden suchten. Vor einem halben Jahrhundert seien sie voll +Verachtung für den Handel gewesen und heute lägen sie voll +kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem Bauch; ehemals rühmten +sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute seien sie ebenso +betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden. Kurz, der +nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung ein Gemisch +von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber, in +der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die +Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der +Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen. + +</P><P> + +Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer anderen +Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei Personen ein +Zwiegespräch über sich und sein Werk führen +läßt. Wir lassen die amusante Stelle hier folgen: + +</P><P> + +„Was steht in diesem Buch über die Anziehung? — Bah! +Narrheiten. Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man +bisher die Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; +daß dem Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück +vorbehalten sei; daß eine Berechnung über die universelle +Harmonie der Triebe existire; daß diese strebten, eine neue +soziale Ordnung zu gründen, welche nichts mit der Unordnung der +Zivilisation zu thun habe und ihr entgegengesetzt sei; eine Ordnung, +in der alle Völker in Freuden schwämmen und trotz der +Ungleichheit der Vermögen für Alle Ueberfluß herrsche; +eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde, als unsere Bälle +und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur versuchsweise an +einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der Erde ohne +Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen werde! +— Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte; +großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere +Philosophen hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht +hätte; so viel wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka +bis Montesquieu und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; +sicherlich träumt dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, +ein berühmter Philosoph? — Nein! es ist einer der +unbekanntesten Provinzialen. — Bah, ihm mangelt der gesunde +Verstand! Ja, ja, die Provinz liefert solch originelle Käuze!“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die +These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die +Quelle der Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung +werde und begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also: + +</P><P> + +Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise +(Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott +als Laster einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so +große Herrschaft gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. +Andere Triebe, wie Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und +männliche Alter mehr Einfluß, aber die Gourmandise verliere +niemals ihre Herrschaft über die verschiedensten Alter, Klassen +und Völker, sie sei permanent bis zum Lebensende; sie herrsche +über die Kinder wie über die Erwachsenen. Man habe Soldaten +Revolutionen machen sehen, um sich betrinken zu können, und der +Wilde, der die Zivilisation verabscheue, gebe sich für eine +Flasche Branntwein zur Arbeit her und verkaufe für eine Flasche +starken Liqueurs seine Frau und Tochter. Würde das +Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb unterworfen sein, wenn +er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem Mechanismus unserer +Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser Mechanismus die +industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann nicht innig +mit diesem gastronomischen Trieb — der Gourmandise — +verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der +industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen +bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der +Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, +was er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der +Müßigen und dadurch <i>allein</i> werde er lasterhaft, wenn +er es nicht schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, +wäre. — + +</P><P> + +„In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle, +sie ist nicht Belohnung des Müßigganges, <i>sondern der +Arbeit,</i> denn der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten +Genußartikeln. Sie wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen +bewahren, aber indem sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der +Produktion verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die +höchsten Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich +anstrengen, die vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel +zu erzeugen. Das Mittelmäßige wird verschwinden und binnen +wenig Jahren wird aller Boden so kultivirt sein, daß er nur noch +das Beste trägt. Man wird die Eigenschaften des Bodens zur +höchsten Vollkommenheit zu bringen suchen; man wird gute Erde +anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo der Boden nicht zu verbessern +ist, ihn aufforsten. Acker- und Gartenbau müssen mit der +Industrie wetteifern. In der ganzen Phalanx muß das Prinzip +herrschen, durch alle möglichen Verbesserungen: Nahrungsmittel, +Kleidung, Möbel und Alles, was zur Erhöhung der +Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender +Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die Moralisten +an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums eifern. Aber in +diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in Widerspruch mit sich +selbst; sie will Literatur und Künste heben und verbessern, aber +sie will uns in der <i>wesentlichsten</i> Branche, in der +<i>materiellen Lebenshaltung,</i> im Zustand der Rohheit halten, +obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung +gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So +wenden die Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es <i>zuletzt</i> +angewandt werden sollte.“ + +</P><P> + +„Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst +die bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke +natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton +sich schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche +die Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man +ohne Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die +Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein +neunjähriges Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum +Trotz den Knoblauch. Man spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein +doppeltes Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die +Vermischung der Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche +zwiebelartige Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, +Schnittlauch, Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. +Man muß ihr also ein Achtel Frauen zuführen, die man aber +meist im jugendlichen Alter wird suchen müssen, da selten ein +Mädchen über 16 Jahren am Knoblauch Geschmack finden +dürfte. Man wird zweitens aber auch die Vermischung der Arbeiten +bei den Individuen herbeiführen müssen. Ein junges +Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das Studium der +Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den +Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe. +Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man +sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie steht +im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in Beziehung, +und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum Lobe des +Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer +des Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man +benutzt also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die +Schönheiten der lyrischen Poesie, des Versmaßes +einzuführen; vielleicht kann sie sich eher für die Poesie +als für die Grammatik begeistern, und so führt man sie von +einem Studium zum andern. In dieser Weise verbindet die sozietäre +Erziehung den kabalistischen Geist und den Hang zum Bizarren, um bei +einem Kinde die Neigung für die Studien zu wecken, es indirekt zu +einem Studium zu führen, das es ohne irgend eine stimulirende +Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es ist unzweifelhaft +der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen die Kinder +zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt die +Gourmandise als Mittel zum Zweck.“ + +</P><P> + +Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier +Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit +Gastronomie, Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der +Lebensmittel. In der Zivilisation finde man es zwar häufig +gerechtfertigt, die Kinder in die drei letzteren +Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen, aber von der +ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie gelte als ein Uebel. +Die Gastronomie werde allerdings erst dann als Wissenschaft zu Ehren +kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller genüge. +Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug +auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme +und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen +sowohl bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu +wünschen übrig. Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich +den Bauch pflegen und am Besten sich gütlich thun, aber +Hunderttausende bekämen nicht einmal eine natürliche Suppe. +Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie aus ranzigem Speck, Talg +und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei im Wachsen und die niederen +Klassen würden mehr und mehr von seinen Betrügereien +erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei Bedingungen +lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven +Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens +und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der +Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein +müsse; dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in +Anwendung komme und so das Volk an den Raffinements eines guten +Tisches Theil nehme, der jetzt nur für die +Müßiggänger vorhanden sei. Dieser Zweck werde +erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden Funktionen sich so +zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn letztere werde stets +anziehend bleiben; sie müsse also die Basis des Gebäudes +bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle. + +</P><P> + +Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System +der Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei +nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die +Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch +Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, +der Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau +führen. Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des +Geschmacks, um ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten +herbeizuführen; aber in der Zivilisation arbeite man diesem Trieb +am Heftigsten entgegen, und zwar sei es hauptsächlich jene +Verbindung, die ihrer Natur nach stets nur die Beschränktheit und +die Einseitigkeit aufrecht erhalte: <i>das Familienband.</i> + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der +Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute allgemein +getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die +Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau +abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der +Frau einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern +diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche +Gesellschaft scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die +monogamische Ehe mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer +Gesellschaft ist, aber dieser monogamischen Ehe <i>voraus</i> geht das +bürgerliche Eigenthum, der Privatbesitz an Grund und Boden und an +den Produktionsmitteln. Der Privateigentümer ist bestrebt, sein +Eigenthum zusammenzuhalten, auch über seinen Tod hinaus; er will +in seinem Eigenthum gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen +Erben, der seinen Intentionen gemäß sein Eigenthum +verwaltet und wo möglich vermehrt. Wo kann er diesen seinen +Intentionen entsprechenden Erben besser finden, als in dem von ihm +selbst gezeugten Kinde, das vielleicht auch der Erbe seiner +Charaktereigenschaften ist und das er vor allen Dingen durch die +Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen Absichten +gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber der +Erbe auch sein wirklich <i>legitimer</i> Erbe sei, muß er +möglichst sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden +als die seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe +mit all den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt. + +</P><P> + +Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum +innig verwachsen, <i>sie geht daraus hervor,</i> und es ist ein ganz +falscher Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der +bürgerlichen Ehe das Hauptübel sehen zu müssen, das der +Umwandlung des bürgerlichen Zustandes in seinen sozietären +sich entgegenstellt. Er ist von seiner Ueberzeugung, daß nur die +Einehe das Hinderniß für den Ausgang aus der Zivilisation +bilde, so durchdrungen, daß er dem Konvent vorwirft, dadurch die +Revolution in ihrer Wirkung beschränkt zu haben, daß er vor +der Ehe stehen geblieben sei. Wie konnte er nur eine halbe +Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen? Es waren die +Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen nehmen ließ, +sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können, +daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so +wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war. + +</P><P> + +An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines +Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm +einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das +Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre +ansieht. Das Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen +Urzustand herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser +herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie +Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen +Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch +das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der +Vater des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die +Eigenthumsverhältnisse sich ändern, ändern sich auch +die Beziehungen der Geschlechter. Mit der Entstehung von +persönlichem Eigenthum wird auch die Frau persönliches +Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird, entsteht die +Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen Vater. Aber +der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen +Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung +unter den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller +Eigenthümer, ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch +größere Mitgift die Befriedigung dieser Wünsche zu +erleichtern. Das Heirathsgut ist der Preis. Noch aber sind die +Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des Erbrechts beraubt. +Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als Kaufpreis neben dem +Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine konkurrirenden Brüder +hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo sie, statt der bevorzugten +Frau, die <i>einzige</i> Frau wird. Aus der Polygamie wird +allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in ihrer weiteren +Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe zusammenhalten, und +da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind, wird die Einehe, +ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen Mitteln, der bei +Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich macht, +mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch +für Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben +haben. Die hierarchische Ordnung und die Gesetze, d. h. der Zwang, +kommen stets von Oben, <i>sie sind die in Paragraphen formulirten +Interessen der herrschenden Klassen.</i> Der Kampf gegen diese Ordnung +geht stets von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf +der Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der +Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten +also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer +falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen +seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv +gewirkt. + +</P><P> + +Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die +er als das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen +zu kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die +Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch +gut erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich +selbst. Der Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende +Wesen, für den er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben +soll, diese Welt erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, +dem Willen Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen +sehen wir die große Mehrzahl unglücklich, und zwar +unglücklich, weil sie die Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht +befriedigen können. Aus Unkenntniß ihrer Natur und ihres +Zwecks haben sie sich eine Ordnung gegeben, in der diese Triebe meist +unterdrückt werden, zur Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck +verfehlten. Die Einheitlichkeit, d. h. die volle Harmonie zwischen den +Menschen und der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große +Zweck Gottes, und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist +die Vielseitigkeit der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die +einzige Lösung. Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der +Ausdehnung derselben auf alle Menschen und die sie umgebende Natur +steht die isolirte Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte +Wirthschaft ist aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten +Gruppenbandes, der Ehe, resp. Familie, <TT>ergo</TT> müssen Ehe +und Familie in ihrer heutigen Gestalt verschwinden. + +</P><P> + +In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem Standpunkt +aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser beachten will, +daß Fourier hauptsächlich Pariser und +großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er +führt weiter aus: + +</P><P> + +„In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System allgemeinen +Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie im Handel so +sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln +<TT>(prohibitions)</TT> und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die +Liebe mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren +allgemeine Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle +Familienbeziehungen verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau +betrogen, die Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt +zurück auf seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller +sozialen Perfidien ist, daß er nicht selten über den +Ursprung seiner Kinder getäuscht wird, ein Vorkommniß, das +auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes und der +Lächerlichmachung dient.“ + +</P><P> + +„Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen +Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen +der Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen +nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften +ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so +genügt dies, um durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen +sozialen Systems zu fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen +zulassen zu können, handelt wie eine Regierung, die um eine +achtzig Meilen lange Grenze gegen die Pest abzusperren, sich +begnügt, sechzig Meilen durch einen Truppenkordon zu besetzen und +den Rest der freien Passage den Pestkranken offen +läßt ...“ + +</P><P> + +„Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man +annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug +ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im +Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute, sie +scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je schlauer +ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet, +um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die +öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in +Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt, zu +heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend. Erwirbt +Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, +daß es ihm gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist +das ein der öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, +daß sie alle Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als +guten Ehemann, guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und +Nachbar, guten Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier +der Lobhudler, sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen +und im Einzelnen.“ + +</P><P> + +„Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit, mit +welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen +Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre +Söhne zu unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen +können, einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist +die wahre, bürgerliche Taufe, welche in den Augen der +Oeffentlichkeit alle Sünden abwäscht. Dieselbe +öffentliche Meinung hat lange nicht diese Nachsicht mit den +anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten, durch die +sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.“ + +</P><P> + +„Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein +Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und +religiösen Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend +bis zum dreißigsten Jahre bewahren wolle, um sie seiner +künftigen Frau als Geschenk in die Ehe zu bringen? Der, getreu +den Lehren jenes vortrefflichen Buches, das sich „Einführung in +einen gottergebenen Lebenswandel“ betitelt, sich bis zum +dreißigsten Jahre enthält „aus dem Becher der Unzucht den +Wein der Prostitution zu Babylon“ zu trinken? Welche Aussicht hat er? +Und wenn es ihm einfällt, eine solche Erklärung abzugeben, +welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter wie Töchter +werden dies scherzhaft finden und bei gleichem Vermögen, gleichem +Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden Mutter +und Töchter einen „geübten“ jungen Mann ihm, dem +„Tölpel“, der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und +Moral bewahrte, vorziehen.“ + +</P><P> + +„Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle +Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu +schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich +persönlich zu depraviren.“ + +</P><P> + +Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den +Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er +auch von den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der +sie die Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre +Tugenden. + +</P><P> + +„Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm bald +in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen sein. +Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine Tugenden zu +adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines leichtfertigen +Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft der +Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre Tugenden +mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der Zivilisation +99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so kann man nach +diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit schätzen, +welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.“ ... + +</P><P> + +„Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, +die ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche +ihre Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt +aus anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, +daß der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich +bemühen, ihre Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, +machen sie dieselben für den Ehehandel habgierig und +verschlagen.“ + +</P><P> + +„So kommt es, daß die „Dreißigjährigen“ oder +Ehestandskandidaten sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum +ersten Schritt sich entschließen. Nichts spaßhafter, als +die Unterweisungen zu hören, die sie sich gegenseitig geben +über die Art und Weise, der künftigen Gattin das Joch +aufzuerlegen und sie günstig für sich einzunehmen. Nichts +merkwürdiger, als diese vertraulichen Zusammenkünfte +<TT>(consiliabules)</TT> der Junggesellen, in welchen an den zu +heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird, und +zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer +Töchter entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, +daß man auf Geld sehen müsse, daß, wenn man das +Risiko trage, von der Frau betrogen zu werden, man wenigstens nicht +auch mit dem Heirathsgut betrogen sein wolle. Nehme man einmal eine +Frau, so müsse man sich eine Entschädigung für die +Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit sich bringe. Das +nennt man nach einem Kunstausdruck „die Anhaltseile <TT>(les +attrapes)</TT> fassen“. + +</P><P> + +Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren +ähnlich die Frauen. Fourier hebt dann die Widersprüche in +dem ehelichen Zustande hervor, daß der Mann, der sonst alle +Freiheit für sich beanspruche und die Frau unterdrücke, im +wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche Meinung und Gesetz gegen +sich habe, wobei man wohl beachten will, daß es sich um die +Schilderung französischer Zustände handelt, wonach noch bis +in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung über die +Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt zu +ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier +hier im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus. + +</P><P> + +Er sagt: „Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen +lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert sein +sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein Kind, +das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur selbst den +wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine anzunehmen.“ + +</P><P> + +„In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld beladet, +genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen Fall, wo +der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die öffentliche +Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um seine +Schmach zu verschlimmern.“ + +</P><P> + +Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: „Oh!“ ruft er. +„Wie die Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der +Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so +gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht +offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen und +ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der +Philosophen erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer +wahrhaft „eine Familie von Brüdern“ werden, wo die Güter +gemeinsam sind und das Kind des Nachbaren auch das unsere ist. Die +Edelmüthigkeit dieser braven zivilisirten Ehemänner wird der +Zukunft noch reichlich Gelegenheit zu Gelächter geben, und man +muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge aufbewahren, +um die sonst schale Lektüre der Geschichte der Zivilisation etwas +genießbar zu machen ...“ + +</P><P> + +„Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die +schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze +über das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung +mit anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die +Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine +Kirche und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in +welchen die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und +denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die +Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater findet +sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die galanten +Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine junge +Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung vor +dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine +Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu empfangen, +wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus betrügt. +Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf den +fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche +genügen, um den Werth unserer Theorien von der Einheit der +Handlung im sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.“ + +</P><P> + +Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die +Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit +ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen und +Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und +demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten +vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem +dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre +heirathe, so liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf +Jahre des Zölibats benutze, um alle möglichen illegitimen +geschlechtlichen Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr +nur eine solche Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur +Prostitution, sechs im Ehebruch, so gewähre dieses einen +traurigen Einblick in die Moral der Zustände, und man brauche +nicht erstaunt zu sein, wenn junge Männer im mittleren Alter sich +rühmten, schon mit mehr als zwanzig für anständig +geltenden Frauen in intimsten Beziehungen gestanden zu haben. + +</P><P> + +„Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den +guten Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die +Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie +müssen Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner +zugeben, daß die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, +wenn sie nicht auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die +Lobredner der zivilisirten Ehe selbst, „daß das häusliche +Glück unzertrennlich von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und +daß, wenn das Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe +mangelt, auch das Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. +Herrscht die Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der +Familie und in der Häuslichkeit.“ Wie verträgt sich aber das +Eheglück mit dem Bestand der Serails in allen zivilisirten +Ländern? Die christlichen Kolonisten haben diese überall aus +Negerinnen gebildet; die ernsten, so moralisch scheinenden +Holländer bilden sie in Batavia mit Frauen aller Farben. Und wie +viele heimliche Häuser giebt es bei uns, die, äußerlich +anständig aussehend, in Wahrheit niedliche Serails sind, die im +Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne offen stehen.“ + +</P><P> + +„Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu +bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die ihm +Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und neben +diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder freie. +Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. „Ich +bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu Liebschaft. +Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie selten +länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit, +vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn, +darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht +verlassen zu werden.“ So stellt sich das Leben dar, das unsere meisten +reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind, +führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und +Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man +antwortet: Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese +Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten +nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die +Einen hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, +der Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln +zurück. Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, +überlasse ihn der gesunden Natur und man wird sehen, daß +die größte Zahl sich beeilt, das Beispiel von Salomo und +Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge mit Mitteln ausgestattete oder +von der Natur ein wenig begünstigte Stadtbewohner besucht dieses +freie Serail, ohne wie die Barbaren (die in der Polygamie leben) auch +für die Kosten der Unterhaltung sorgen zu müssen, es giebt +sogar eine gute Zahl dieser Herrchen, welche die Frauen plündern +und arm essen.“ + +</P><P> + +„Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art +Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein +Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn wir +von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die +Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die +Tarife, wie die Preiskourante an der Börse. Man braucht +darüber nicht erstaunt zu sein, wenn Walpole sogar +öffentlich erklären konnte, er habe in seinem Portefeuille +den Preiskourant für die Biederkeit des englischen Parlaments.<a href="#Footnote_19" +name="FNanchor_19" id="FNanchor_19"><sup>19</sup></a> Wie +muß unter solchen Sitten das häusliche Glück +beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die Wahrhaftigkeit in +den gegenseitigen Beziehungen begründet sein soll?“ + +</P><P> + +„Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr +umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke +Bände füllen würde. Alle diese Schliche sind nur +Verletzungen der bürgerlichen, religiösen und Moralgesetze. +Welche Auflehnung, welche Rebellion in dieser galanten Welt gegen +Alles, was die Gesellschaft für unverletzbar erklärt. Wie +kann man beim Anblick von so viel offenen und geheimen Verletzungen +aller festgestellten Ordnung zögern, anzuerkennen, daß +entweder das Regime der Liebe bei uns im Widerspruch mit der Wahrheit +und der Moral organisirt ist, oder daß ein solcher Zustand +unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die +Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.“ + +</P><P> + +„In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort +existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die +religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die +Hälfte der weiblichen Bevölkerung unserer großen +Städte. Ich will nicht unsere Zofen und Zimmermädchen +zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß von den Gesetzen der +Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln sie, als hätten +sie nie davon sprechen hören. Und wie in der kleinen, so ist es +in der großen Welt. Bei den Leuten <TT>comme il faut</TT> hat +der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom Hause ihre +anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der Haushaltung +und das heißt man: „man muß zu leben wissen“ <TT>(il faut +savoir vivre)</TT>. Manchmal entsteht allerdings eine kleine +Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater +die Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der +Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt +bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes +verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer +Schwangerschaft von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie +betroffen worden sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann +schlechten Dank, wenn er gegen den Wortlaut des Gesetzes und die +Zeugenschaft des Arztes aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie +das Andere. Auch gehört es in der guten Gesellschaft zum guten +Ton, nicht eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines +guten Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde +darin vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer +Beziehung nachsichtig sein, und schließlich heißt es: „was +Dir recht ist, ist mir billig.“ + +</P><P> + +„So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene. +Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und +Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen, doch +für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man +muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte +ihres Systems vor Augen hält.“ + +</P><P> + +„Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat auch +nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr +Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der +zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen +in Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß +den Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse +fehlen, wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des +Vaters stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an +Andere überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten +gerathen in Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des +Büchertrödlers, seine Gemälde in die des Händlers. +Genau das Gegentheil hat in der Phalanx statt. Alles wird erhalten und +vervollkommnet, der Tod eines Individuums beunruhigt in nichts die +industriellen Dispositionen und das Gemeinwesen.“ + +</P><P> + +„Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn +ersetzt und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt +ihm nur Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete +Fortsetzer, aber in Klassen, die durch Vermögen und +Lebensstellung ihm nicht zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder +ihm zu folgen, oder sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es +wieder der überreiche Kindersegen, der Erziehungsausgaben +verursacht, welche die Unternehmungen des Vaters schädigen; seine +undankbare Arbeit genügt kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen +eine Existenz zu gründen, und zum Dank für so viel +Anstrengungen merkt er, daß dieses oder jenes seiner Kinder ihm +den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den Besitz der Erbschaft zu +kommen. Oefter treten andere eheliche und häusliche +Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist. Ein +Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen +seiner Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am +Geschäft Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner +Neider, durch den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung +ruhte. Nicht selten sieht man Eltern über den Verlust eines +Lieblingskindes dem Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht +gegen solch ein Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. +Solch ein Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine +Pandorabüchse. Wie kann man annehmen, daß Gott die +Industrie und die menschliche Thätigkeit auf einen so kritischen +Boden für die, welche die Leiter sind, und noch viel mehr +für Diejenigen, welche die Untergebenen sind und ausführen, +hat gründen wollen?“ + +</P><P> + +„Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung zu +schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen +die Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr +ganzes soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er +unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu +fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben +Achtel dieser Väter rufen: „Oh! in welche Galeere bin ich +gerathen.“ Es war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von +der süßen Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, +daß sie einen Ueberfluß an Rekruten für die Armee und +an hungernden Arbeitern für die Fabriken haben, die um niedrigen +Preis arbeiten, damit die Unternehmer sich bereichern können.“ + +</P><P> + +„Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen die +Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet +nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich +in dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein +und vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu +Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie +der Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das +Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen +Hülfsmittels, den industriellen Mechanismus verbessern, denn wo +ein neuer Faktor auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte +vervollkommnen. Das geschieht im sozietären Zustand, aber nicht +in der Zivilisation. In der Harmonie wird die Liebe die industrielle +Anziehung verstärken, durch sie wird der Jüngling wie die +Jungfrau für die Vereinigungen der beiden Geschlechter in den +Ateliers, den Gärten, den Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer +neue Anreize finden. Die Wirkung in der Zivilisation ist die +entgegengesetzte, sie erzeugt Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu +fortgesetzter Ueberwachung, verursacht Ausgaben für Putz und +Geschenke und führt nicht selten zu Schulden und anderen +Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe für die Väter zu +einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit wenig Ausnahmen für +die Reichen, und die Erwachsenen werden durch die Liebe nur +verdorben.“ + +</P><P> + +„Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß +sie keine Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde, +Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den +Banden des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht +wahrnahm und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es +aufhebende Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter +Anderem die industrielle Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und +die Theilnahme an der Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, +aber seine Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar +durch den Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr +erniedrigt und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich +waren. Die Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur +lasterhaft sei und die meisten bejahen dies; man schließt also +wie die mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein +unumgängliches Uebel erklären, weil sie sich scheuen, +Schutzmaßregeln gegen sie zu ergreifen. Unsere Philosophen +ziehen dieselbe Straße; um sich davon zu befreien, ein +Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als unabwendbare +Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend eine +Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein, daß +sie dieselbe in Unordnung bringen.“ + +</P><P> + +„In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der +Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen. +Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische +Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als +Brüder betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns +mit den Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, +aber in Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den +möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem +natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen +zu ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen +Zahl von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und +daß die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der +Männer wird haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist +so natürlich, daß selbst ein altersschwacher Sultan sich +nie auf eine einzige Frau beschränken läßt. In einem +zukünftigen Zeitalter wird man diese Freiheit der Liebeswahl ganz +natürlich finden, und ein Greis wird direkte und indirekte +Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in die hunderte haben. Dann wird +das goldene Zeitalter der Vaterschaft angebrochen sein und wird die +Freuden genießen, die sie im gegenwärtigen Zustand +vergeblich sucht. Die Adoptionen und die Legate werden in der Harmonie +so zahlreich sein, wie sie in der Zivilisation unmöglich sind; +man wird die Fortsetzer <TT>(continuateurs)</TT> aus Passion haben, +die Mangels an eigenen, von gleichen Trieben beseelten Kindern, das +Begonnene weiter führen. Außerdem, welcher Egoismus, welche +Eifersucht herrscht in unseren Familien, die nicht leiden, daß +ein Außenstehender sich in die Neigungen des Vaters theilt: +gezwungen sich an die eigenen Kinder zu halten, begegnet er nur zu oft +in seinen Plänen und Unternehmungen den Antipathien derselben, +muß er in ihnen die Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann +also kein Zweifel sein, daß das Familienband die +antiökonomischste Verbindung ist und den Wünschen Gottes, +welcher der höchste Oekonom ist, und mit Aufwendung der +geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen strebt, auf's +Direkteste entgegensteht.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier erläutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen +Genüsse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung +sei garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als +genügten, in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die +bei den Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des +Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde die +Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite Mittel, um +das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizuführen, sei die +Generosität. Diese halte man wohl für unmöglich, sie +sei aber durchzuführen. + +</P><P> + +Jeder, der sich mit Anderen geschäftlich verbinde, wolle daraus +Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, löse die Verbindung +sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die +Vortheile für das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und +dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreißig- und +vervierzigfache. Zwei Beispiele möchten dies beweisen. Eine +Familie, die in Paris 60.000 Franken jährlich ausgebe und +dafür Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem +Lande unterhalte, könne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe +haben. Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man +erwäge, welch große Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art +man in der Phalanx habe, daß man von den Streitereien mit +Händlern und Kaufleuten, von den Ausgaben für Lakaien und +von ihren Diebereien und Betrügereien, von der Spionage und +anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu einer Geißel der +Großen machten, befreit sei. Man solle ferner an die +Verbesserung der Straßen und Wege denken, deren Zustand heute +auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen großen +Theil des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der +Phalanx, wo alle Straßen und Wege mit Trottoirs für +Equipagen und leichte Wagen, für Fußgänger wie +für Pferde und Zebras versehen, die Wege schattig und mit +Fußsteigen, die man nach Bedürfniß besprenge, +ausgestattet seien. Dazu kämen die Annehmlichkeiten der +überdeckten Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, +Werkstätten, Stallungen; für Kirche, Theater, Ballsäle +u. s. w., und daß alle diese verdeckten Passagen im Winter +erwärmt seien, so daß man kaum wissen werde, ob es +draußen warm oder kalt sei. Es seien dies alles Erleichterungen +und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation selbst ein +König sich nicht verschaffen könne. Das Wohlsein werde sich +also in der Phalanx in das unzählbar Vielfache steigern. Dasselbe +sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus der +stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung und +Keller hervorgingen, in der Küche durch die verbesserten Methoden +der Fertigstellung sich steigerten, könne kein Einzelner, und sei +er der Reichste, herbei- und durchführen. Und an alledem +nähme der Aermste in der Phalanx Theil. + +</P><P> + +Fourier, der offenbar in den Dingen der Küche und was damit +zusammenhängt genaue Spezialstudien gemacht hat, führt dies +im Detail sehr anziehend und Lust erweckend aus; so wird es nach ihm +eine Kleinigkeit sein, daß man auf jeder Tafel bei jeder +Mahlzeit wenigstens dreierlei Arten Käse, jeden wieder in +verschiedenen Qualitäten, zum Nachtisch haben kann, so daß +eine zwölffache Auswahl gewöhnlich sei. Fleisch, +Geflügel, Wild, Fische, Gemüse, Kompots, Eier- und +Mehlspeisen würden in einer Vielseitigkeit der Herstellung und in +einem Raffinement geliefert, von dem gegenwärtig kaum Jemand eine +Vorstellung habe. Die Tafel der Reichen in der Phalanx sei +täglich bei einer Mahlzeit mit mindestens dreißig Gerichten +bedeckt, und selbst die Armen dürften, wenn erst die Phalanx in +vollem Gange sei, auf mindestens zehn Gerichte zum Mittagtisch +rechnen. Es kann, ihm zufolge, daher auch gar nicht fehlen, daß +selbst die Könige, nachdem sie die Phalanx besucht und sich von +ihrer Opulenz nach allen Richtungen durch den Augenschein +überzeugt haben, sich beeilen werden, die Gründung der +Phalanxen nicht nur zu unterstützen, sondern selbst mit ihrem +Hofstaat in eine solche einzutreten. + +</P><P> + +Die Phalanx verbindet also, nach F. Ansicht, die sensuellen +Vergnügungen mit der Abwesenheit aller materiellen Sorgen, die +heute Vätern und Müttern so viel Kopfschmerzen verursachen. +Sie findet rasch die Zustimmung der Väter, die von den Kosten der +Haushaltung, der Erziehung und der Ausstattung der Kinder befreit +sind; sie findet die Zustimmung der Frauen, welche alle der vielen +Widerwärtigkeiten der Haushaltung, wo die Mittel fehlen, los und +ledig sind; sie findet die Zustimmung der Kinder, denen nur anziehende +Beschäftigungen, Vergnügungen und die besten Mahlzeiten in +Aussicht stehen; und sie findet endlich auch die Zustimmung der +Reichen, die erhebliches Wachsthum ihres Vermögens und das +Verschwinden aller Risikos und die Beseitigung des Aergernisses, von +dem, wie Fourier behauptet, sie stets umgeben sein sollen, zu erwarten +haben. Der Arme kann natürlich gar nichts Besseres thun, als +sofort mit beiden Händen zugreifen, denn er hat Nichts zu +verlieren, aber Alles zu gewinnen. So werden die Serien, die Gruppen, +die Individuen in der Phalanx alle in den edelmüthigsten +Entschlüssen übereinstimmen und werden selbst zu materiellen +Opfern entschlossen sein, die aber nicht einmal nöthig sind. Bei +dem Gedanken, wieder in die Zivilisation zurückzufallen, wird +Jeder erschreckt sein, wie bei dem Gedanken, in die Arme des Teufels +zu stürzen; Jeder würde bereit sein, lieber sein halbes +Vermögen zu opfern. So wird sich die Uebereinstimmung und die +Aufrechterhaltung der Einheitlichkeit in allen materiellen Dingen auf +die höchste Stufe erheben. + +</P><P> + +Wie nach Fourier in der Phalanx sich die materiellen Interessen zur +größten Zufriedenheit Aller ausgleichen, so wird auch die +Vermischung und aus Zuneigung entstehende Uebereinstimmung der drei +Klassen sich vollziehen. „Die reiche Klasse muß nur gewahr +werden, daß man sich ihr seitens der anderen Klassen +höflich und ohne persönliches Interesse und ohne Gefahr der +Hintergehung nähert, und sie wird bereitwilligst der Phalanx ihre +Kräfte und ihr Vermögen leihen. Damon, der ein großer +Blumenfreund ist und in Paris wohnt, macht jährlich bedeutende +Ausgaben für seine Blumenbouquets, aber er wird übel +berathen und betrogen durch die Verkäufer, bestohlen durch +Gärtner und Diener. Dadurch wird ihm die Blumenzucht verleidet +und er entschließt sich, die Kultur derselben aufzugeben, so +sehr er sie liebt. Darauf besucht Damon die Versuchsphalanx, wo er +sieht, daß die Blumenzucht eifrig gepflegt wird und er +Unterstützung an Anderen findet, die gleich ihm dafür +begeistert sind. Statt Mißtrauen zu begegnen, sieht er, +daß man seinen Wünschen und Rathschlägen, als von +einem Sachkenner kommend, bereitwillig Folge leistet und alle Arbeiten +ausführt. Ihn trennt keine Verschiedenheit der Interessen von den +Mitwirkenden, denn alle Kosten trägt die Phalanx; er sieht sich +geachtet und geliebt, weil man seine Kenntnisse schätzt und ihn +als eine Stütze der Serie betrachtet. Namentlich sind es die +Kinder, die sich um ihn drängen und bei dem drohenden starken +Regen Schutzzelte über die Beete spannen. Er fühlt sich +unter diesen Blumenfreunden wie in einer zweiten Familie und +entschließt sich zu mehreren Adoptionen. Da ist Aminte, ein +Mädchen ohne Vermögen, aber eine der geschicktesten +Seriesten, die für Damon begeistert ist; sie sieht in ihm, dem +Sechzigjährigen, die Stütze der ihr theuren Kultur; sie will +sich ihm erkenntlich zeigen, und da sie auch ein Mitglied einer Gruppe +der Zimmerordnerinnen ist, übernimmt sie die Sorge für +Damon's Zimmer und Garderobe. Sie dient Damon nicht aus materiellem +Interesse, denn er bezahlt sie nicht, und dies wäre +überhaupt unzulässig, sondern aus Dankbarkeit für +seinen Eifer für die Kultur der Blumen. Damon hat also doppelte +Freude, er hat in Aminte eine eifrige und gelehrige Schülerin und +eine aufmerksame Gouvernante, und zum Dank adoptirt er sie. Bei dieser +industriellen Kooperation war also die Freundschaft im Spiel, ein +Trieb, der namentlich bei den Kindern einen schönen Aufschwung +nimmt, weil ihm weder durch Liebe, noch durch Gewinnsucht, noch durch +Familieninteresse entgegengearbeitet wird.“ + +</P><P> + +„Im Jugendalter ist's hauptsächlich die Liebe, welche den +Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe +einer Schäferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben +also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden selbst +in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch. Auch sehen +wir, daß in Sachen des Ehrgeizes der Höhere den Niederen +unter Umständen nicht verschmäht. Zum Beispiel in Partei- +und Wahlkämpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, +um seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drücken. +Aber hier wirkt nur die Sucht nach persönlichem Gewinn und +Befriedigung persönlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese +niederen Mittel schon die Annäherung verschiedener Klassen, dann +ist dies viel leichter durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger +Zuneigung, wie das Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.“ + +</P><P> + +„Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thätigkeiten +beschäftigt, überall ähnliche Bande knüpfen. Alle +Serien und Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei +einer speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin +leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der Genossen +nicht fehlen. Der Reiche genießt aber doppelte Anerkennung, +einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich in irgend welchen +Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die Munifizenz, die er den von +ihm gewählten Industrien erweist. So macht Damon Ausgaben +für sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten der Phalanx +anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Für diese Dienste +wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurüstungen +gewählt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung +vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich ihm +dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen und +den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit vollem +Vertrauen der Phalanx überlassen, er hat keine Falle zu +fürchten, kein ungehöriges Verlangen wird ihn beunruhigen. +Kein Zweifel, daß in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht +verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Höflichkeit und +Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum Eintritt +in die Vereinigungen verführen, dazu kommen die prunkvollen +Zurüstungen für die Arbeiten der Phalanx und die Einigkeit +der Sozietäre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue Lage und +die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden Alles +aufbieten, der neuen Stellung würdig zu erscheinen. Unter solchen +Verhältnissen werden Alle bemüht sein, die gerechte +Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung +der sozietären Ordnung abhängt, zu erleichtern. Man frage +wohl, wie könne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der +Phalanx fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung +ermöglichen? aber man werde sehen, daß in den Serien der +Triebe gerade die Liebe zum Gelde der Weg zur Tugend und zur +Gerechtigkeit sei, so sehr die Moralisten die Liebe zum Gelde +verurtheilten.“ + +</P><P> + +Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem +Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Maßstab +des eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, +rein arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu +honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die +Zivilisirten nicht verständen, und so beklagten sie sich +beständig über Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die +Phalanx freilich jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in +vielleicht dreißig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen +Antheil überweisen, so würde dies eine außerordentlich +umständliche und schwer zu lösende Aufgabe sein. Der +Mechanismus der Vertheilung sei nicht auf die Individuen, sondern auf +die Serien berechnet, und diese werden nicht nach ihrer speziellen +Leistung, sondern nach ihrer Bedeutung für die Phalanx in +Betracht gezogen. Die Serien gelten als die einzelnen Assoziés, +und kraft des Rangs, den sie in dem Tableau der Arbeiten einnehmen, +wird die Dividende nach drei Klassen vertheilt: 1. nach der +Nothwendigkeit, 2. der Nützlichkeit und 3. der Annehmlichkeit der +Arbeit. Wird z. B. die Serie des Wiesenbaues als solche von hoher +Wichtigkeit anerkannt, so erhält sie ein Loos erster Ordnung in +der Klasse, in der sie figurirt. Die Erzeugung von +Körnerfrüchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber die +Serien darin bilden selbst wieder fünf Ordnungen, und so ist +wahrscheinlich, daß die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. +auf der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung +kommen. + +</P><P> + +„Die höchste Dividende fällt den unangenehmsten Arbeiten zu +und diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die +Fleischerei in Rücksicht auf die damit verbundenen widerlichen +und übelriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernährung der +Säuglinge und Kinder in den niedersten Lebensaltern wird für +eine schwerere Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. +Mediziner, Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der +ersten Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der +kleinen Horden am höchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach +dem Werth bemessen, sondern nach dem Maß der Anziehung, das sie +ausübt, je höher die Anziehung, also auch die +Annehmlichkeit, je geringer die Belohnung.“ + +</P><P> + +„Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die höhere +Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzüchter oder die der +Blumenzüchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar +hätten diese in der Klasse der Nützlichkeiten, die +Blumenzüchter in der Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. +Aber das ist ein ganz falscher Schluß. Obgleich die Obstbaum- +und Früchtezucht sehr produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie +in die Klasse der Annehmlichkeiten, weil sie außerordentlich +anziehend ist. Die Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der +reizvollsten Erholungen. Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltären +besäet, die von Zierstauden umgeben sind; hier werden die +Ruhepausen abgehalten, hier vereinigen sich die Geschlechter, und so +bietet diese Kultur neben der Geflügelzucht die meiste Anziehung. +Dadurch wird die Obstzucht in die dritte Klasse, in die der +Annehmlichkeiten gereiht, und empfängt die niederste Belohnung. +Was die Blumenzucht betrifft, die im Allgemeinen in der Zivilisation +nicht sehr geschätzt wird und kaum die Kosten deckt, so erwecken +zwar ihre Produkte Liebreiz, aber die Arbeit erfordert große +Pünktlichkeit, erhebliche Kenntnisse und viele Sorgfalt und das +Vergnügen ist von kurzer Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um +die Kinder zu bilden, als um die Frauen für das Erforderniß +der Kultur und das Studium agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, +sehr werthvoll. Auch eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht +immer für die Kinder, wofür hingegen die Pflege der +verschiedenen Blumensorten sehr geeignet ist. Aus diesen Gründen +werden die Serien der Blumenzüchter in die zweite Klasse, die der +Nützlichkeiten, versetzt werden.“ + +</P><P> + +„Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch +wird, daß ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot, +Marmelade u. s. w. für die Ernährung und Verfeinerung der +Lebensweise die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des +Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir für rein +überflüssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung +der ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen, +Müller und Bäcker sind nützlicher, aber das kann nur +von einem Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung +nicht kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper für +die Harmonie sehr werthvoll, weil sie für die Kinder das +mächtigste Hülfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur +Einheitlichkeit der industriellen Thätigkeiten zu erziehen. Von +diesem Standpunkt aus gehört sie in die erste Klasse, die der +Nothwendigkeiten, soweit hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum +Vergnügen dient, rangirt sie in die dritte Klasse, die der +Annehmlichkeiten.“ + +</P><P> + +„Maßstab der Vertheilung für die Arbeit ist also: 1. die +direkte Wirkung, die sie für die Bande der Einheitlichkeit der +Phalanx im Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den +sie hat für die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im +umgekehrten Verhältnisse steht zu der Stärke der Anziehung, +die sie erweckt. Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die +Beschäftigung der kleinen Horden, unter den dritten die Oper +für die Erwachsenen, unter den zweiten unter Anderem die +Beschäftigung in den Minen und Bergwerken zu zählen.“ + +</P><P> + +„In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thätigkeiten, +deren Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst +bestimmen. Die Verständigung ist um so leichter, da jedes +Mitglied in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch +größeren Zahl von Gruppen beschäftigt ist. Die Gunst, +die ein Mitglied einer Serie oder Gruppe in der Zubilligung der +Dividende erwürbe, würde es in den anderen Gruppen und +Serien schädigen; sein eigenes Interesse zwingt es also zur +größten Objektivität; auch ist es interessirt, +daß die Harmonie nicht gestört wird, weil diese +Schädigung des Ganzen unfehlbar den größten Schaden +für es selbst brächte. Von diesen Gesichtspunkten aus +vertheilt sich auch das Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.“ + +</P><P> + +„Alippus ist ein reicher Aktionär, der bis dahin in der +Zivilisation für die Ausleihung seines Kapitals auf Güter +3–4 Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, +12–15 Prozent zu bekommen. Er ist sehr für gerechte +Vertheilung des Ertrages, doch drängt ihn seine Habsucht, als +Kapitalist die Hälfte der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er +muß sich aber sagen, daß dann die beiden anderen +zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent aufwandten, sehr +unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen wenig Jahren die +Phalanx sich auflöse und dies sein größter Schade sei. +Diese Einsicht veranlaßt ihn, sich in seinem eigenen Interesse +mit weniger zu begnügen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem +Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat nach +diesem Maßstab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die +Zivilisation ihm gewährte, er lebt viel billiger in der Phalanx, +als in der Zivilisation, und er sieht außerdem die beiden +anderen Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der +Gesellschaft. Was ihn außerdem bestimmt, sich zufrieden zu +geben, ist, daß er gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl +Serien, in denen er viel Vergnügen genoß, freundschaftliche +und Liebesbeziehungen anknüpfte, seinen Antheil als Thätiger +und, soweit er darin durch Talent sich auszeichnete, auch dafür +seinen Antheil erhält. Seine Habsucht wurde also durch zwei +Gegengewichte in der richtigen Mitte gehalten, er hat die +Ueberzeugung, daß im Interesse Aller er sein eigenes Interesse +wahrt und dafür die Zustimmung der Phalanx findet, und daß +der Fortschritt der industriellen Anziehung für ihn zur Quelle +großen Reichthums wird.“ + +</P><P> + +Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er +wäre also als Zivilisirter sehr dafür, daß die Arbeit +auf Kosten des Kapitals und Talents den Löwenantheil erlangt und +rechnet 7/12 für die Arbeit, 3/12 für das Kapital und 2/12 +für das Talent. Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt +indeß anders. Wohl hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den +Hauptantheil zuzuweisen, aber da er in einer Reihe von Serien und +Gruppen durch Talent der Erste ist, so verkennt er nicht, daß +auch dem Talent sein entsprechender Antheil gebühre. +Außerdem begreift er als einsichtiger Bürger die Bedeutung +des Kapitals, welche Vortheile der Arme aus den Ausgaben der +Kapitalisten zieht, welche Annehmlichkeiten reiche Angehörige +ihren Serien und Gruppen erweisen, endlich, daß seine Kinder +Aussicht haben, mit Legaten bedacht zu werden. Alles das genau +erwogen, findet auch er, daß man ein Einsehen haben und +daß die Arbeit zu Gunsten von Kapital und Talent ein wenig +zurücktreten müsse. Er kämpft also auch gegen die +„unvernünftige Raubsucht“ <TT>(rapacité +déraisonée)</TT>, deren ein Zivilisirter fähig +wäre und findet ebenfalls bei der Repartition von 4/12 für +das Kapital, 5/12 für die Arbeit und 3/12 für das Talent +seine Seele und sein Gewissen befriedigt. + +</P><P> + +Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung +beharren zu müssen, was man bei seinem Bestreben und seinem +festen Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale +Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum +Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame +Erschütterungen begründen zu können, begreifen wird. +Wäre die Fourier'sche Phalanx überhaupt möglich und +keine Utopie, so wäre unfaßbar, warum das Kapital, bei all +den sich ihm eröffnenden glänzenden Aussichten, sich nicht +beeilte, Hals über Kopf diesen neuen Gesellschaftszustand zu +begründen. Fourier glaubt felsenfest an diese Möglichkeit +und die Richtigkeit der von ihm gemachten Aufstellungen; er konstruirt +sich die Prämissen und da müssen die Konklusionen stimmen. +Falsch sind nicht seine Voraussetzungen, sondern falsch ist die +Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit und Verblendung den Weg, +der sich ihrem Glück öffnet, nicht sieht oder +zurückweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, daß der +Arme in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am +Ertrag bereitwillig unterstützen werde, weil ihm mit Hülfe +des Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermögen zu +kommen, sich darböten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht +entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht +habe, selbstständiger Unternehmer zu werden. „Seine Kinder +können durch Kenntnisse, Talent, Schönheit zu hohen +Würden und Stellungen kommen, auch kann er, da er stets mehr +erwirbt als er ausgiebt, Ersparnisse machen, und so selbst +allmälig Aktionär werden.“ Nährt ihm doch die Phalanx +die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab bereits selbst voll +verdienen, was sie brauchen und später mehr verdienen, als sie +nöthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle Werkzeuge und +nicht weniger als drei Paradeuniformen für die Feste und +Aufzüge; auch besucht er weder Kneipen noch Café's, da er +nach fünf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und +Vergnügungen, die ihm die tägliche Beschäftigung +bietet, für solche Orte kein Bedürfniß mehr empfindet; +endlich besteht überall die volle Gleichberechtigung: er nimmt an +allen Berathungen Theil, hat das gleiche Stimmrecht und somit nach +keiner Richtung einen Grund, gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. +In der That, es gehört viel Verbohrtheit dazu, all diesen +Verlockungen zu widerstehen. + +</P><P> + +Fourier kommt natürlich nicht im Traum der Gedanke, daß, +wenn all diese schönen Ausmalungen und scharfsinnigen +mathematischen Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das +ganze System auf falschen Voraussetzungen beruhen müsse, denn +für ihr Interesse sind die Menschen in allen Zeitaltern und bei +allen Völkern sehr empfänglich gewesen und namentlich die +herrschenden Klassen. Aber aller Widerstand und alle Feindseligkeit, +die ihm begegneten, machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und +seiner Berechnungen nicht irre, diese sind für ihn unbestreitbar, +und so ist selbstverständlich, daß der einmal begonnene +Faden sich ruhig bis zu Ende spinnt, und ein Gebäude entsteht, in +dem jeder Stein genau auf den anderen paßt, bei dem Alles auf's +Genaueste und Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber +die Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntniß der +eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die +Gesellschaft einst zu einem ähnlichen Zustande, wie ihn Fourier +als scharfsichtiger Seher voraussetzt, führen werden, aber auf +anderem Wege und durch andere Mittel und — wann die Entwicklung +reif ist, — die Erkenntniß ihrer Entwicklungsgesetze blieb +ihm und seinem Zeitalter fremd. + +</P><P> + +Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau so +schließen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft +wünscht, so natürlich auch das Talent. Philint ist Mitglied +von 36 Serien. In zwölf zeichnet er sich als alter erfahrener +Serist durch große Geschicklichkeit und durch Talent aus, in +zwölf anderen ist er nur mittelmäßiger Arbeiter und in +den zwölf letzten Neuling. Nachdem beim Jahresschluß die +Inventur gemacht wurde und die Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung +berufen werden, könnte er in Anbetracht der Talente, die er in +zwölf Serien entwickelte, sehr geneigt sein, den Antheil des +Talents besonders zu begünstigen. Aber als überlegender Mann +muß er sich sagen, daß damit weder sein Interesse noch das +der Phalanx gewahrt würde. Einmal stehen nicht nur den 12 Serien, +in denen er sich auszeichnet, 24 gegenüber, in denen er nur +mittelmäßiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet sich +auch, daß von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur +vier in die erste, also höchst belohnte Klasse, die der +Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten +vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich für ihn von +selbst, daß er den einseitigen Maßstab der Bevorzugung des +Talents nicht zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand +tritt bei all diesen Erwägungen über die Vertheilungen +hinzu. Da die Interessen aller Mitglieder in den dutzenden von Serien +und hunderten von Gruppen persönlich voneinander differiren, in +einer Serie oder Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder +in allen anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen +auseinandergehen, ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien +oder Gruppen unmöglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden +und sich kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und +keine Verbindung gleicher Interessen möglich ist, muß +schließlich das Allgemeininteresse, das damit das Interesse +Aller wird, siegen. + +</P><P> + +Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die +Richtigkeit der Vordersätze, von denen Fourier ausgeht, +zugegeben, hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, daß +sowohl in den Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die +distributive Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. „Das Regime der +Serien der Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche +Laster, den <i>Durst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit +umwandelt.</i>“ Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der +Zivilisation, wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute +als am lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der +sozietären Ordnung nützlich und gut, wie es die von Gott +gewollte Bestimmung ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird +nach der von Schelling ausgesprochenen Idee „in jedem Sinn der Spiegel +der universellen Analogie“. Schließlich hat Fourier nichts +dagegen einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, +daß die Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 +erhält. Das ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: „Es +müsse die individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse +jeder Serie und der gesammten Phalanx und die kollektiven +Ansprüche jeder Serie durch das individuelle Interesse eines +jeden Seristen, als Angehöriger einer Menge anderer Serien, +absorbirt werden.“ Und dieses Gesetz wird erreicht „durch das direkte +Verhältniß der Zahl der frequentirten Serien im umgekehrten +Verhältniß zu der Dauer der Arbeit in den einzelnen +Serien“. Mit anderen Worten: Je mehr Serien der Einzelne angehört +und je kürzer in Folge dessen die einzelnen Arbeitssitzungen +werden, um so leichter wird die ausgleichende Gerechtigkeit in der +Vertheilung des Arbeitsertrags sich herstellen. Mit der Zahl der +differirenden Interessen des Einzelnen wächst die +Möglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die Einheitlichkeit +des Ganzen. + +</P><P> + +Die Habsucht wirkt also schließlich ausgleichend in der +Harmonie, aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung +gegenüber, die Edelmüthigkeit. Erstere wirkt direkt, +letztere indirekt. Zum Beispiel: „Es handelt sich um die Vertheilung +eines Ertrags von 216 Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei +sich zufällig herausstellt, daß die Reichsten und +Wohlhabendsten unter den neun Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das +Meiste erhalten. Darauf erklären die beiden Ersten, daß sie +in Anbetracht ihres Kapitaleinkommens und des Vergnügens, das +ihnen die Arbeit gebracht, sich mit dem Minimum begnügen — +auf das Ganze dürfen sie nicht verzichten — was vier +Franken beträgt. In Folge dessen bleiben 52 Franken an die +Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem Beispiel der beiden Ersten +folgen zwei Andere, nur daß diese entsprechend ihrem geringeren +Vermögen von dem ihnen zufallenden Antheil nur auf die +Hälfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu vertheilen +übrig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt unter die +fünf armen Sozietäre vertheilt, daß sie je 24, 18, 12, +9 und 9 Franken erhalten, und zwar erhält davon eine schöne +Vestalin, nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den +Gebern wie bei den übrigen Mitgliedern in Gunst steht, den +höchsten Satz. Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, +denn sie schädigt Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der +Harmonie eine Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine +große Zahl von Würden und Szeptern, bis zu dem des +Omniarchen des Erdballs, als Gunstbezeugungen vergeben, weil alle +diese Würden durch Wahl erfolgen. + +</P><P> + +Wenn nun hieraus sich ergiebt, daß die reichsten Sozietäre +nur den möglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen — die +Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels allgemeine +Regel werden — und den größten Theil ihres Einkommens +nur nach Maßgabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt +daraus, daß ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten +Verhältniß zu der Entfernung <TT>(distance)</TT> der +Kapitalien von einander steht, denn für Arbeit und Talent +tendiren sie nur den kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen +steht ihr Antheil am allgemeinen Benifizium bezüglich des +Kapitalantheils im direkten Verhältniß der Masse der +Kapitalien. Es kommen also hier genau wie in der physischen Welt zwei +entgegenwirkende Kräfte in Betracht, die zentripetale, welche +hier die Habsucht ist, und die zentrifugale, die Edelmüthigkeit. + +</P><P> + +Der Leser wird bereits erkannt haben, daß Fourier hier das von +Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkörper, wonach +diese wirkt im graden Verhältniß zu ihrer Masse und im +umgekehrten Verhältniß zum Quadrat ihrer Entfernung, auf +den Vertheilungsmodus seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle +Beziehungen der Menschen unter sich und zum Weltall sind ja nach +Fourier durch mathematische Verhältnißzahlen zum Ausdruck +zu bringen und nach Analogien geordnet, also muß auch die +Phalanx, welche im Kleinen das Spiegelbild der Einheitlichkeit der +Welt darstellt, diese mathematischen Verhältnisse zum Ausdruck +bringen. Freilich ist dieser Versuch im vorliegenden Fall ein +verunglückter, denn unter dem Ausdruck Entfernung kann doch +nichts Anderes als die Größe der Kapitalien verstanden +werden, und ihre Größe deckt sich wieder mit ihrer Masse, +mit dem Quadrat der Entfernung haperts überhaupt; und was ist der +Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im bürgerlichen +Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das Kapital selbst, +in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch vergessen wir nicht, +daß es sich hier um ein geistreiches, mit großem +Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt. + +</P><P> + +Fourier ist nun weiter der Ansicht, daß in seiner Phalanx die +Generosität, welche die reichen Leute üben, wenigstens 7/8 +des Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hälfte +derselben umfassen werde, diese also den ärmeren Sozietären +zu Gute kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil +man sich in der Zivilisation ein solches Maß von Großmuth +gar nicht vorstellen könne. Mit den bereits hervorgehobenen +Triebfedern für eine solche Handlungsweise verbinden sich +allerdings noch andere, wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen +resultiren. Doch bei den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, +was das Kapitel der freien Liebe betreffe, sei er genöthigt, +grade dieses für die Harmonie so werthvolle und +äußerst interessante Gebiet nicht weiter zu berühren; +so viel aber sei sicher, daß die freie Liebe und die freie +Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschließen +werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit +die glänzendsten Aussichten eröffneten. + +</P><P> + +Was schließlich den Loosantheil betreffe, der dem Talent +zufalle, so gewähre dies besonders den unbemittelten Alten in der +Phalanx, die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten +Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten, Aussicht +auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des Talents, die in der +Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was dem Kapital und dem, was +der Arbeit zufalle, herbeiführen solle, nur eine Art +Fußschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des Aermeren, dessen +Kenntnisse er für sich ausbeute, in die Höhe steige; der +gesellschaftlich Begünstigte schmückte sich mit den Federn +des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien es ferner, +die hauptsächlich die Grenzen zwischen den Armen und Reichen +verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie mitleidig +lächeln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die ihn +umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung ergeben, +der Monarch genieße ohne alle Kosten eine Zuneigung, die er sich +in der Zivilisation nie zu erwerben vermöge, wo er seine +Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Söldlingen zu +glauben finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.<a href="#Footnote_20" +name="FNanchor_20" id="FNanchor_20"><sup>20</sup></a> + +</P><P> + +Die große Ungleichheit der Vermögen werde es gerade sein, +die in der sozietären Gesellschaft die Harmonie gebäre; nur +ein Schatten von Gleichheit hierin würde sie zerstören. Kein +mittelreicher Mann werde deshalb den Anstoß geben, mehr zu +überlassen, als was das Minimum überschreite. Es +genüge, um einen solchen Akt des Wohlwollens begehen zu +können, den Sozietären das beträchtliche Einkommen, das +ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien einbringe. So werde, +den moralischen Diatriben gegen die großen Vermögen zum +Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermögens die +größte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, +in Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Großmuth, +am besten erreichen. „Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in +das Geheimniß der Harmonie der Vertheilung, die für alle +anderen Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen.“ Und da griffen +die Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die +doch im Gegentheil gar nichts Willkürliches habe, sondern auf +unerschütterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man +preise Newton als das größte moderne Genie, weil er die +Berechnung der Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber +nur auf einen Zweig beschränkte; warum unterdrücke man da +ihn, den Mann, der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom +materiellen auf das passionelle Gebiet, ein Zweig, der für die +Menschheit sehr viel nützlicher sei, als den, welchen Newton +behandelte, übertragen habe. Es sei nichts, als die Furcht, +daß diese von ihm begründete neue Wissenschaft das +Handelsgeschäft mit den philosophischen Systemen und Büchern +schädige. + +</P><P> + +Neben den bisher angeführten Faktoren, die nach Fourier +eingreifen, um das Leben in der Phalanx zu einem möglichst +angenehmen zu gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige +Uebereinstimmung und die Versöhnung der Klassen und +Standesunterschiede herbeiführen, so die Beziehungen, welche die +Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen +Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar auch +ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen, aber bei +dem Mangel der Serien der Triebe könnten sie zu keinem System +werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der Harmonie +entstehen, ist schon ausgeführt worden. Die Beziehungen, welche +die freie Liebe hervorruft, müßten in Rücksicht auf +die ebenfalls schon erwähnten Vorurtheile der Zivilisirten +unerörtert bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der +Vaterschaft sich ergebenden Verhältnisse näher zu +betrachten. + +</P><P> + +„In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen und +Standesabstufungen überall nur Haß und Feindseligkeit oder +Geringschätzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel +überhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das +Volk mit mehr oder weniger großer Feindseligkeit oder +Geringschätzung herab, und diese Gefühle werden von unten +nach oben erwidert. Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es +wieder verschiedene Abstufungen, zwischen denen ähnliche +Gefühle herrschen. Kurz, mit der süßen +Brüderlichkeit, welche die Moral und die Philosophie predigen, +sieht es in der Wirklichkeit recht windig aus. Da verachtet der +große Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den Nichtgelehrten, der +Bürger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das Merkenlassen dieser +Gefühle den Interessen schadet, versteckt man sie, und das nennt +man dann Gewandtheit oder Klugheit <TT>(savoir faire)</TT>. Wo in der +Zivilisation sich der Höhere dem Niederen scheinbar +freundschaftlich nähert, sind in der Regel Hintergedanken im +Spiel und sie führen zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der +Große einer Frau aus dem Volke sich nähert, die Folge ist +gewöhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden, +führen sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen +Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen, +Parteistreitigkeiten, Bündnisse zur Unterdrückung. Und +gleichwohl ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, +alle widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er +habe in Moskau eine Medaille prägen lassen, welche die Inschrift +enthielt: „Der Himmel für Gott, die Erde für Napoleon.“ Das +ist damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat +er damit eine sehr vernünftige Absicht, die Gründung einer +Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt und +es ist nur zu bedauern, daß Napoleon ihn nicht verwirklichen +konnte, er würde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich +Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche +Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Maß und Gewicht zu +schaffen, gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr, +Wissenschaft und Kunst zu begründen und zu vollbringen, einen +Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schädliche und +Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das höchste +Wohlsein durch die Gründung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden +herbeizuführen und damit auch die Aenderung und Verbesserung der +Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietären +Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die +Territorialmonarchien über den ganzen Erdboden begründet +werden.“ + +</P><P> + +Künftig könnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf +richten, Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der +Territorialmonarchien zu werden, und für einen politischen +Eunuchen gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnüge. Diese +Ansicht scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei +leichter in der sozietären Ordnung, „als Cäsar und Pompejus +zu versöhnen“. Cäsar und Pompejus könnten an demselben +Ort in ganz verschiedenen Würden nebeneinander regieren. Giebt es +doch nicht weniger als sechszehn verschiedene Szepter und eine +große Auswahl von Würden und Titeln. Da giebt es +Würden und Titel für die Erblichkeit, die Adoption, den +Favoritismus, das Vestalat u. s. w. Alle diese Szepter, Würden, +Titel, Grade, eröffnen sich Jedem. „Kennt der Monarch in der +Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er auch das +Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns beraubt ist +und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch kann der +Souverän wie die Souveränin, um der Erblichkeit zu +genügen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger wählen; ferner +jeder Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte +Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt +überträgt. Die Harmonisten können alle neu +gegründeten Throne durch Wahl aus ihrer Mitte besetzen, dagegen +können die erblichen Throninhaber und Throninhaberinnen ihre +vollen oder Theilnachfolger, wie ihre eigenen Gatten und Gattinnen +nach Wahl sich aussuchen. Welche Aussichten eröffnen sich da +für Väter und Mütter, für junge Männer und +junge Mädchen! Und welcher Ausblick für schöne, +liebenswürdige Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, +in unserer Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in +Anwendung bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent, +Schönheit, Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, alles ist +ihnen erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mächtige Mittel, +das Volk an die Großen zum Anschluß zu bringen und alle +Quellen des Hasses, der Feindseligkeit, der Mißgunst zu +verstopfen. + +</P><P> + +„Zu diesen Anziehungs- und Aussöhnungsmitteln zwischen Hoch und +Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft, ein +Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich +empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen. Man +vergesse nicht, daß in Folge der vernünftigen und +naturgemäßen Lebensweise der Harmonisten auch die +Langlebigkeit in der Phalanx herrscht; unter je zwölf Personen +giebt es <TT>mindestens</TT> eine, welche ein Alter von 150 Jahren +erreicht. Nehmen wir des Beispiels halber Einen dieser Aeltesten. +Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der 150 Jahre zählt, sieht auf +sieben Generationen herab. Er hat 120 direkte Nachkommen, welche er in +seinem Testament zu bedenken gewillt ist. Die nächsten +Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter, welche schon reich sind, +bedenkt er nur mit einem kleinen Theil seines Vermögens, die +nächstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er giebt aber auch der +sechsten und siebenten Generation erhebliche Antheile, damit sie nicht +in Versuchung kommen, den Tod älterer Verwandten zu +wünschen. Er verbraucht für diese Vermächtnisse die +Hälfte seines Vermögens. Die anderen beiden Viertel legirt +er dergestalt, daß ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das +andere Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fällt, +darunter seine Frauen, die selbst reich sind und keiner +größeren Erbschaften bedürfen. Diese einzige Erbschaft +umfaßt also direkt und indirekt einen großen Theil der +Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und Männer in der +gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in ähnlicher Weise +testiren und es geht schließlich Niemand leer aus.“ + +</P><P> + +„Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine Familie +von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz. +Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen Ithuriel +als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation auf ihn +spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx ist er +vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein +Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich +nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu +begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der +Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und +Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu kommen. +Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein +Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen, wie +dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des +Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf ein +Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der +Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das +Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen +zu erregen?“ + +</P><P> + +„In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, +wie kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß +hervorgerufen werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser +erhält, sie veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens +zu wünschen, dessen Ende heute in den meisten Fällen +ungeduldig erwartet wird.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit +den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die +Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, +so auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen +in's kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die +ganze Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für +alle weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für +die Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner +Prüfung unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie +in allen übrigen Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen +Weg. Seine Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines +ersten schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus +über die Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro +und kontra in den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. +Malthus stellte, sich anlehnend an ältere Schriftsteller, +bekanntlich die Theorie auf, daß die Menschheit die Tendenz +habe, sich in geometrischer Progression, also in dem +Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u. s. w. zu vermehren, +dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich in +arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u. s. w. Aus +diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in +kurzer Zeit — Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren +voraus, die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl +herbeizuführen — die Erde so übervölkert sei, +daß die Menschen an Nahrungsmangel zu Grunde gehen +müßten. Malthus betrachtete es als „göttliche +Bestimmung“, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz +fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche +Lauf der Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden +geschaffen. Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das +Gewissen erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, +als bei dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die +Erfahrung die Theorie nicht rechtfertige, weder habe die +Bevölkerungszahl in dem angegebenen Maßstab bisher sich +vermehrt, noch sei nachzuweisen, daß die Vermehrung der +Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich bewege. Trete +überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es in +einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so +fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. +U. s. w. + +</P><P> + +Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst +wirft er den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre +Inkonsequenzen und Unbesonnenheiten überhaupt +übersähen, das Verhältniß der Bevölkerung +als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven Kräfte +näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er huldigt +also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen steigendes +Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander. „Vergebens +werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine vier- selbst +hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn die Menschen +verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen Zustand zu +vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die +Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt +aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der +verschiedenen Klassen zu ermöglichen.“ + +</P><P> + +Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der +Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine +der Klippen der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so +viel unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung +fähig waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein +anderes Mittel als Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der +überschüssigen Sklaven gehabt. + +</P><P> + +„Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus. Die +römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier +Männer, aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, +vergnügten sich, ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen +zu sehen ... Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus +über die Frage ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man +auf einer Insel die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die +Bevölkerung von 1000 auf 10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, +während die Insel gut kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. +Darauf hat man geantwortet: man müsse alsdann den +Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter kolonisiren. +Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der ganze Globus so +bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts +mehr zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin +stimmen auch die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht +übervölkert sei und es noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe +dieser Zeitpunkt komme. Das ist ein Irrthum, denn schon nach 150 +Jahren ist die Erde übervölkert. Auf alle Fälle ist +nach 150 oder 300 Jahren die Frage brennend und nicht gelöst, +wenn man bei den jetzigen Anschauungen und Mitteln bleibt. Nun, die +sozietäre Ordnung hat sehr wirksame Mittel, die +Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten Stande zu +erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die +auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit +Phalanxen bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen +Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei +Milliarden.“ + +</P><P> + +„Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung +der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die +größere Kraft und Körperentwicklung der Frauen; 2. die +üppige Lebensweise; 3. die phanegoramischen Sitten; 4. die +gleichmäßige körperliche Uebung aller Kräfte. Was +die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen wir bei den +starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die +überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die +zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man +antwortet, daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch +fruchtbar seien. Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, +daß alle vier Mittel kombinirt angewendet und miteinander +verkettet werden müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, +weil sie mäßig leben und eine grobe, hauptsächlich +vegetabilische Nahrung zu sich nehmen. Die Städterinnen leben +üppiger und raffinirter und daher kommt ihre größere +Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der Harmonie die +körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger +Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der +Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.“ + +</P><P> + +Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt +Fourier aus naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte +Mittel, die gleichmäßige körperliche Uebung, werde +durch den häufigen Wechsel der Beschäftigungen und die +kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße bewirkt. Man habe nie +beobachtet, wie auf Pubertät und Fruchtbarkeit körperliche +Uebungen einwirkten. Dies sei frappant. Daher erlangten unsere +Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als die +Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die +Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen +gleichfalls unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen +gleichmäßig und würden sie abwechselnd und +proportionell auf alle Theile des Körpers angewandt, so sei kein +Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich später +entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung vorzugsweise +auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die körperliche +Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt übten den +Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre +geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und +frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife +erzeugten. + +</P><P> + +In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten +würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre +Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden +körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange +Zeit die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den +Augenblick verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der +Ueberschuß der Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem +von der Natur gewollten Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden +die gleichmäßig gehandhabten gymnastischen Uebungen bei den +Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und zwar in solchem Maße, +daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche, +sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und +größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand +vorbereiten müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in +der Lebensweise der heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, +welche den Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, +es fehle das Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und +Uebungen. + +</P><P> + +Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung miteinander +an, so würden die Chancen der Fruchtbarkeit im Gegensatz zu heute +sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses eher ein Defizit in +der Bevölkerungsentwicklung zu fürchten, man werde mithin +die Mittel anwenden, wie die Umstände sie erforderten. Man sei +also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen der Menge +der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizuführen. Der +vernünftige Mann habe nur so viel Kinder, daß er ihnen das +nöthige Vermögen sichern könne, ohne welches es kein +Glück gebe, nur der unvernünftige setze die Kinder zu +Dutzenden in die Welt, sich entschuldigend wie jener Schah von +Persien: „Gott schickt sie und es kann nie zu viel rechtschaffene +Menschen geben.“ Der soziale Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, +wenn er ameisenartig Kinder zeuge, die schließlich in Folge +ihrer Ueberzahl genöthigt seien, sich gegenseitig aufzuzehren. +Wenn sie dies nicht buchstäblich wie die Insekten, Fische, wilden +Thiere machten, so zehrten sie sich politisch auf, durch +Räubereien, Kriege und Perfidien aller Art in der besten der +Welten. Unter der Zivilisation werde ein Land, wie bevölkert es +auch sei, nie dazu gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich +an Frankreich, dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, +das zwar nicht das bevölkertste Land, dessen Bevölkerung +aber die ärmste und verkommenste in Europa sei, trotzdem +fruchtbares Land in Hülle und Fülle vorhanden sei. + +</P><P> + +So zeige sich überall, daß das Gleichgewicht auf +umfassender Entwicklung und nicht auf Erstickung begründet sein +müsse, daß alle Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach +Befriedigung des Ehrgeizes, Herrschaftsgelüste, Habsucht, Gier +nach Erbschaft, Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedürfnisse +und was sonst noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, +welche die Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu +können, in der Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des +allgemeinen Glückes würden. Das genüge wohl, um die +sogenannten starken Geister, die stets behaupteten, daß die +Bewegung und die Triebe nur Wirkungen des Zufalls seien, die man +beliebig modeln und unterdrücken könne, und die den Glauben +erweckten, als bedürfe Gott der Unterweisungen eines Plato und +Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen und die Triebe in +Harmonie zu leiten habe, zu verwirren. + +</P><P> + +Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das +Bevölkerungsgesetz eine großartige und fruchtbare +Auffassung zu Grunde. Er erklärt mit vollem Recht, daß die +Zivilisation, in unserer Sprache ausgedrückt die bürgerliche +Gesellschaft, wie sie überhaupt unfähig ist, die sozialen +Gegensätze aufzuheben, auch unfähig ist, die +Bevölkerungsfrage zu lösen. Das zeigt sich nicht nur an dem +auch von Fourier angeführten klassischen Beispiel, an Irland, +dessen Bevölkerung in demselben Maße ärmer wird, als +sie an Zahl im Lande abnimmt, während die Zahl der unter den +Pflug genommenen Acker Landes und die Häupterzahl der Viehherden +wächst; wir sehen ganz Aehnliches gegenwärtig auch in Ungarn +und in Rußland sich vollziehen, wo die bürgerliche +Raubwirthschaft an Grund und Boden die Massenverarmung, die steigende +Verschuldung und die Verminderung der ackerbautreibenden +Bevölkerung, verbunden mit Massenbankerotten im Gefolge hat. Und +geht die Entwicklung in der gegenwärtigen Richtung noch einige +Jahrzehnte weiter, so werden die Vereinigten Staaten, Ostindien und +Neuholland dasselbe Bild uns bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und +Boden begünstigt die treibhausmäßige Entwicklung der +Industrie und des Verkehrs, und so erzeugt, wie Fourier vollkommen +richtig und seiner Zeit weit vorauseilend ausführte, <i>„die +Zivilisation die Armuth aus dem Ueberfluß,“</i> und macht „jedes +Uebel und jedes Laster, das die Barbarei nur auf einfache Weise +ausübt, zu einem doppelseitigen,“ sie geht an ihrem <TT>cercle +vicieux</TT>, an ihren inneren Widersprüchen zu Grunde. Was +Fourier vorausahnend in Bezug auf das Bevölkerungsgesetz zu +begründen versuchte, hat Karl Marx positiv in den Satz formulirt: +daß jede ökonomische Entwicklungsperiode auch ihr +besonderes, ihr eigenthümliches Bevölkerungsgesetz hat. + +</P><P> + +In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in +ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaßen verfolgte +— Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder +antiker, feudaler, bürgerlicher Staat — bestreiten +können, daß die jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, +der materiellen Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder +Periode entsprechende Bevölkerungszustände schaffte. So wird +auch eine sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus +veränderter materieller Lage für die Gesammtheit und mit +ihren Veränderungen in den Beziehungen der Geschlechter ein von +der bürgerlichen Gesellschaft abweichendes Bevölkerungsgesetz +für ihre Entwicklung haben. Der Unterschied wird hauptsächlich +sein, daß, während bisher alle Gesellschaftsordnungen sich +ihre Lebensbedingungen schufen, ihrer eignen treibenden Gesetze +unbewußt, aber auch die Bedingungen ihres Untergangs +unbewußt erzeugten, eine sozialistische Gesellschaft sowohl ihr +Entwicklungsgesetz wie ihr Bevölkerungsgesetz erkennt und beide +bewußt anwenden wird; sie wird sich über ihre eigene +Zukunft ebensowenig wie über den einstmaligen Untergang des +Menschengeschlechts täuschen. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt, Alles +verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schöpfer dieser +Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der +Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten +Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glück, das seine +Bestimmung ist, erreichen, muß er Gott als den obersten Leiter +der Welt anerkennen. Diese Erkenntniß hat man aber von Alters +her zu verhindern gesucht. Man hatte sich gewöhnt, die Welt mit +35.000 Göttern zu bevölkern, statt den einen Gott +anzuerkennen. Das war eine himmlische Maskerade, unter welcher es +schwierig war, die wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst +Sokrates und Cicero beschränkten sich darauf, sich in ihrem +Jahrhundert von diesen Göttersottisen zu isoliren und den +„unbekannten Gott“ zu verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen +anzustellen, die dem Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein +Opfer seiner Bekenntnisse. + +</P><P> + +Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder +zurückgeführt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien +jene Superstitionen zerstört. Die menschliche Vernunft müsse +anerkennen, daß alle Erleuchtung von Gott komme, sie müsse +sich seinem Geist unterwerfen, und also bleibe nur übrig zu +bestimmen, welch wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, +Ansichten und Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls +habe. + +</P><P> + +Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: „Wer hat Gott geschaffen?“, +Antwort: „der Mensch“, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der sich +seinen Gott konstruirt, wie er ihn für sein soziales System +braucht. + +</P><P> + +Dieser sein Gott hat fünf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu +der ihm zugedachten Stelle befähigen. Er ist alleiniger und +vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier, +wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des Universums, +der Schöpfer und Vertheiler von und für Alles ist, so hat er +auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders die +<i>wichtigsten,</i> die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale +Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale +Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die +Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d. h. also die menschliche +Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute, +daß sie Gott von der Prärogative der Gesetzgebung in Sachen +der sozialen Ordnung ausschließe und sich an seine Stelle setze. +Wem leuchte nicht diese Anmaßung ein? Eine zweite +Haupteigenschaft Gottes sei, oberster Oekonom aller Hülfsmittel +zu sein. Diese Stellung erfordere, daß er die größten +sozietären Vereinigungen den kleinsten, wie der Familie und der +isolirten Privatwirthschaft vorziehe, daß er ferner als Motor +die Anziehung der Triebe anwende, welche zwölf große +Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der Einschränkung und des +Zwangs, wie es die Zivilisation besitze, ermögliche. Diese +zwölf Ersparungen zählt er auf. Die dritte Haupteigenschaft +Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon sehe man nicht +einmal einen Schatten in der Zivilisation, <i>wo das Elend der +Völker in demselben Maße wachse, wie die Industrie +zunehme.</i> Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation +solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein. +Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist führe +dahin, die heiße Zone mit ihren den Heimathländern +entrissenen schwarzen Sklaven, die gemäßigte Zone mit +weißen Sklaven zu bedecken, die man in die industriellen Bagnos +(die Fabriken) zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit +vorhanden, wenn trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht +einmal die Möglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo +diese Zustände hintrieben, sehe man an England. Die distributive +Gerechtigkeit, die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie. + +</P><P> + +Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der +Vorsehung. Sie müsse sich auf alle Völker, Wilde wie +Zivilisirte, ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung +von Wilden und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, +daß diese Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher +ein System wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. +Jede Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der +menschlichen Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das +heutige System direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrückt +würde, sei der Stütze der Vorsehung beraubt, die auf der +Erde durch die Anziehung der Triebe in den industriellen Anwendungen +allein zur Geltung komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, +sei den Ansichten Gottes entgegen, es müsse also eine soziale +Ordnung hergestellt werden, vor der alle Völker und alle Klassen +sich neigten, wenn die Vorsehung universell sein solle. Endlich, die +fünfte Haupteigenschaft Gottes sei, als Schöpfer des +Weltalls auch die Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die +Anwendung der Anziehung als Triebfeder für alle sozialen +Harmonien und alle Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den +Insekten. Es sei also das Studium der Anziehung, in dem man das +göttliche, das ganze All beherrschende Gesetz zu suchen habe. +Weder Voltaire noch Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale +Gesetz zu entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen +Redensarten) sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen +Obskurantismus die Wege gebahnt, Beide hätten das Ziel verfehlt. + +</P><P> + +Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der französischen +Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche wie +kein Zweiter untergrub und erschütterte, und Rousseau, der das +sozial-philosophische Lehrgebäude errichtete, dessen Theorien das +französische Bürgerthum in der großen Revolution in +die Praxis umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, +als dies die Praxis des Lebens, d. h. die materiellen Interessen der +nunmehr in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse +zuließen. In der Selbsttäuschung befangen, nagelte man als +Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an, +jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und +deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kämpfe +in der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die +Schreckensherrschaft der „Tugendhaftesten“, der blindesten Verehrer +Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen +gebaren und schließlich mit der Diktatur eines Napoleon +Bonaparte endeten und enden mußten. Diesen Widerspruch zwischen +den Theorien und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch +Einer, St. Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein +ätzender Spott gegen die Philosophen, die Moralisten, die +Metaphysiker, die Politiker und Oekonomen, die geistigen Träger +und Lobredner, die Ideologen des bürgerlichen Systems. + +</P><P> + +Wie nun Fourier das Bedürfniß empfand, sein soziales System +als mit den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich +selbst als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung +anzusehen, so versuchte er auch den Nachweis, daß seine Theorien +mit der Lehre Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang +ständen. Nach der Revolution war man in Frankreich wieder sehr +fromm geworden, Napoleon hatte sich schließlich mit dem +Papstthum ausgesöhnt und es als Vorspann für seine +Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der Weizen der Kirche +blühte erst recht, als nach dem Sturze Bonaparte's die +Restauration, gestützt auf die Bajonette der heiligen Allianz, in +Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also die Berufung auf die +Aussprüche Christi unter keinen Umständen schaden, +namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die +Unterstützung für sein soziales System zu nehmen, wo man sie +fand, und die er, wenn überhaupt, nur in den Kreisen der +Großen und Reichen finden konnte. Er war daher sehr +ärgerlich und sogar überrascht — letzteres ein Beweis +dafür, daß Ueberzeugung und nicht blos Berechnung im Spiele +war — als er erfuhr, daß der Papst seine Werke gleich +denen von Owen und Lamartine auf den Index gesetzt habe. Er, der +scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen, daß der Gott, dem er +huldigte, der Schützer und Begünstiger aller sinnlichen +Triebe, dessen Kredo lautete: „Mensch genieße, und je mehr du +genießest, um so besser entsprichst du dir selbst als Mensch, +deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem Schöpfer,“ wir +sagen, er konnte nicht fassen, daß dieser Gott ein ganz anderer +Gott war, als jener der christlichen Askese, der die Verachtung des +Reichthums, der irdischen Güter, der fleischlichen Genüsse +und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte. Fourier legte +ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen Schriften +nachdrücklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der +Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit +Christus übereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprüche +Jesu im Neuen Testamente stützt, bricht um so heftiger sein Zorn +gegen die Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen, +egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekämpfen, +daß er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine +wissenschaftlichen Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht +habe, die bestimmt sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das +Aussehen des Erdballs zu verändern. + +</P><P> + +Wie er die Aussprüche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu +Angriffen auf seine ihm verhaßtesten Gegner zu verwenden sucht, +dafür mögen die folgenden Beispiele zeugen: + +</P><P> + +„'Glücklich die Armen am Geist, denn das himmlische +Königreich ist ihnen.' Kein Gleichniß ist bekannter, keins +weniger begriffen. Wer sind die Armen am Geiste, die Christus hier +rühmt? Es sind Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der +zweifelhaften Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist für +das Genie die Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, +der zu allen nützlichen Studien führt, aus denen die +sozietäre Harmonie, das himmlische Königreich und die +Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor +dem Mißbrauch unseres Geistes, vor dem Labyrinth dieser durch +ihre eigenen Autoren verurtheilten Philosophie, die wie Voltaire zu +ihrer eigenen Schmach sagen: Oh! welch dicke Finsterniß bedeckt +noch die Natur! muß man uns schützen. Die wahre Erleuchtung +bringt Jesus. Die Entdeckung des sozietären Mechanismus und des +Studiums der Anziehung ist den geraden Geistern vorbehalten, welche +die Sophismen verabscheuen. Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich +preise Dich Vater und Herr des Himmels und der Erde, daß Du +solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den +Unmündigen geoffenbaret.' Die Erkenntniß ist also den +einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen können sie nicht +entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste spricht, will er der +Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Spötter ihm unterschieben, +er bezeugt damit nur seine Verachtung für die hartnäckig +gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.“ + +</P><P> + +„Die soziale Welt kann das Geheimniß der Bestimmungen nur +erfassen, wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die +Erkenntniß wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. +Das sagt Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so +werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. +XII): 'Glaubt ihr, daß Gott für euch weniger als für +die Vögel unter dem Himmel sorgt?' Was würde das Suchen +nützen, wenn man keinen anderen Ausgang fände, als die +Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der immer dieselben +Geißeln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt? Zweifellos +bleibt also eine glücklichere Gesellschaft zu entdecken +übrig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber +warum hat er nicht selbst uns über diese aufgeklärt? Kannte +er nach seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze +der Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine +Hände gegeben', konnte er uns da nicht über unsere +sozietäre Bestimmung belehren, anstatt uns zu veranlassen, die +Entdeckung zu machen, die dann durch unser blindes Vertrauen in die +Philosophen so viele Jahrhunderte verzögert wurde?“ Fourier, der +diese Fragen stellt, ist natürlich um die Antwort nicht verlegen, +er antwortet: „Da Jesus von seinem Vater mit der religiösen +Offenbarung beauftragt war, konnte er nicht noch mit der sozialen +belastet werden, sie war vielmehr ausdrücklich ausgenommen, wie +er selbst in den Worten ausspricht: 'Gebt Cäsar, was des +Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.' Er trennte also die +Funktionen streng, je nachdem sie der Autorität oder der sozialen +Politik zufielen. Er that also nicht, was nicht seine Aufgabe war, +aber er kannte die glückliche Bestimmung des Menschengeschlechts, +denn er sagt: 'Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, +daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn +selig werde.' Seine Mission beschränkte sich auf das Wohl der +Seelen und das ist der edelste Theil unserer Bestimmung, dagegen +bleibt der untergeordnete Theil, der über das politische Wohl der +Gesellschaften, der menschlichen Vernunft vorbehalten, und demzufolge +auch die Untersuchung des sozialen Mechanismus nach den Wünschen +Gottes; ein Weg, welcher durch die Berechnung der Anziehung entdeckt +wurde.“ + +</P><P> + +„Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glückliche +Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er uns +im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die +Körper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im +Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie darin; +es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen: 'Denn von nun +an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei und +zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der Sohn wider +den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die Tochter wider die +Mutter etc.' Genöthigt, auch den Ausgang aus dieser sozialen +Hölle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein Feuer auf Erden +anzuzünden; was wollte ich lieber, denn es brennte schon.' (St. +Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, daß es schon brenne, ist weit +entfernt, ein übelwollender zu sein, es spricht vielmehr aus ihm +die edle Ungeduld, das Maß der Irrthümer der Philosophie +gefüllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu +heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das wir +in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem +politischen Labyrinth, in das sie uns geführt, zu suchen. Darum +erhebt er auch mit Wärme gegen die Sophisten, die uns vom rechten +Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend sagt: +'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, +daß ihr seid, wie die verdeckten Todtengräber, darüber +die Leute laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, +die ihr die Menschen mit unerträglichen Lasten beladet und +rühret sie nicht mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den +Schlüssel der Erkenntniß weggenommen habt; ihr kommt nicht +hinein, und wehret denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die +Philosophen wehren uns den Eintritt, indem sie sich bemühen, mit +metaphysischen Subtilitäten das Studium des Menschen zu +verbarrikadiren, das einfachste Studium von allen, das nichts als eine +von Vorurtheilen freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung +wie die Kinder. Darum sagt auch Jesu: 'Laßt die Kindlein zu mir +kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: +'Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird +nicht hineinkommen.'“ + +</P><P> + +Das größte Hinderniß, daß die Philosophen nicht +den rechten Weg für ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, +den sie unter der Maske der Philanthropie versteckten, darum ruft +ihnen Jesu mit Heftigkeit zu: 'Ihr, die ihr böse seid von Jugend +auf, könnt ihr sagen, daß ihr irgend etwas Gutes thatet?' +Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, +die ihr gleich seid übertünchten Gräbern, die auswendig +hübsch scheinen, aber inwendig voller Todtenbeine und Unflaths +sind. Von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig +seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der niedrigste Egoismus habe +die Philosophie auch verhindert, dem Volke das einfachste und +natürlichste Recht, das Recht auf ein Minimum des +Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den +Pharisäern gegenüber ausdrücklich in den Worten +anerkannt habe: 'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth +war, und ihn hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das +Haus Gottes ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und aß +die Schaubrote, die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er +gab sie auch denen, die bei ihm waren?' <i>Jesus hat also damit das +Recht, zu nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses +Recht schließt implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum +zu sichern;</i> so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht +für das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot +der christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnäckig, +dieses Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht weiß, durch +welche Mittel sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch +unmöglich, so lange man nicht weiß die Zivilisation zu +einer höheren Gesellschaftsordnung zu erheben.„ + +</P><P> + +Fourier sieht aber nicht blos sein System an und für sich durch +die Aussprüche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet +sogar einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die +Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen +Sünderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem +Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung zu +tragen vermögen. Er (Fourier) führt Folgendes an: „Auf den +Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben, +antwortete er: 'Johannes der Täufer ist gekommen und aß +kein Brot und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des +Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe der +Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und +Sünder Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird +gerechtfertigt sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus +beurtheilte also die Weisheit als sehr verträglich mit den +Genüssen. Und um dem vorgeführten Beispiel zu entsprechen, +setzt er sich an die reich bedeckte Tafel eines Pharisäers, der +ihn eingeladen hatte. Da kommt eine Kourtisane, wäscht ihm die +Füße und salbt ihn mit wohlriechender Salbe. Der +Pharisäer hält sich darüber auf, daß er sich von +einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber antwortete ihm: +„Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; +welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.“ Voll Mitleid +für das unterdrückte Geschlecht, verzeiht er der +Sünderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: „Mein +Joch ist süß und meine Last leicht.“ + +</P><P> + +„Christus will also, daß man weder Feind des Reichthums noch der +Vergnügungen sei, er fordert nur, daß man mit dem +Genießen des Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, +der uns zur Entdeckung des sozietären Regimes, des himmlischen +Königreichs führt, 'wo alle Güter im Uebermaß +vorhanden sein werden'. (St. Luc. XII.) Den Reichthum tadelt er nur +rücksichtlich der Laster, zu denen er in der Zivilisation +verführt, weshalb er sagt: „Es ist leichter, daß ein Kameel +durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in's +Himmelreich kommt.'“ + +</P><P> + +Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, daß man die Worte +Jesu erst dann richtig fassen könne, wenn man die Bestimmung der +Menschheit kenne, denn hierfür enthielten sie die verschleierten +Vorhersagungen. Wohl beachten möge man, was Jesus gegen die +Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: „Sehet euch vor, vor den +falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig +aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt +ihr sie erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen +von den Disteln?“ (Matth. VII.) Man müßte nach alledem +fragen, wie es komme, daß die Kirche, die doch sehr bedeutende +Männer, wie Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu +keinem Zweig des Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da +heiße es von ihr wie im Kap. XXIII von Matth.: „Sie sagen wohl, +was man thun soll, aber sie thun es nicht.“ Er greift dann auf's Neue +die Philosophen, namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich +wiederholt gegen Owen und seine Anhänger, jene Sektirer, die +unter dem Namen der Assoziation anti-sozietäre Vereinigungen +bildeten und die Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der +Triebe und die Anziehung der Arbeit erzeugt werden könne, +zurückwiesen. Außerdem, was könne man von einer Sekte, +wie die Owen'sche, erwarten, die darauf ausgehe, Gott zu leugnen und +ihm die Huldigung zu verweigern? Owen habe es sorgfältig +vermieden, seine Assoziation auf der Grundlage des sozietären +Regimes zu begründen, das habe seinen Stolz verwundet. Owen sei +nur ein mittelmäßiger Sophist, welcher G. Penn (den +Gründer der Sekte der Quäker) kopirt habe. Darauf wendet +sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen Theorien in Paris +gefunden. Es scheine, daß das neunzehnte Jahrhundert dasselbe +Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter eines Kolumbus und Galilei +der Nachwelt geboten; allen voran gehe Paris, in welchem der +satanische Geist, der Geist des fünfzehnten Jahrhunderts, noch +heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon und von ihm gelte, was +Jesu über Jerusalem ausgerufen: „Jerusalem! Jerusalem! die du +tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt wurden.“ +Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern, die Jesu +kennzeichnete, als er sagte: „Wehe euch Schriftgelehrten und +Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber +bauet, und schmücket der Gerechten Gräber. Und sprecht: +Wären wir zu unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir +nicht theilhaftig sein, mit ihnen an der Propheten Blut.“ Was seien +die Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der +Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Löhne den +Völkern die Eisen verniete, und durch Einschließung der +armen Klasse in die modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder +Wohlsein noch Rückkehr gestatte. Diese merkantilen +Bedrückungen seien durch Jesu wie die Kirchenväter +genügend gekennzeichnet. Chrisostomus erkläre: „ein Kaufmann +kann Gott nicht angenehm sein“, und Christus habe sie mit Ruthenhieben +aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: „Ihr habt mein Haus zu einer +Diebshöhle gemacht.“ Endlich sende die Vorsehung einen +Führer, welcher die schwachen Seiten der merkantilen Hydra zu +fassen wisse, und der, indem er das wahre und allein heilbringende +soziale System inaugurire, die Welt von dem goldenen Kalb, „dem +würdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde führt“, +befreie. + +</P><P> + +So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott +gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus, +seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger +Knechtschaft war. Die Utopisten und die Propheten rangiren in +derselben Klasse, beide glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, +d. h. also an ihre eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, „der Berge +versetzt“, macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, +womit sie allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, +und wenn die Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer +ihrer Ueberzeugungen werden. Indem Fourier die geistige Macht der +herrschenden Klassen auf's wuchtigste angriff, die +erfahrungsgemäß und selbstverständlich sich auch mit +seinem System nicht befreundet und es bekämpft haben würden, +wenn er in seiner Kritik weniger scharf und bitter, in seinen +Angriffen maßvoller und wenn er sein System mehr mit den +herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben würde, +suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine +Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die +Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine +bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch erkannten, +daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der Aeste +absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit +gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier, +mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in so +fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen +Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, +zur Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre +Resultate unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, +aufforderte, der mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung +tragen. So handelte also Fourier vollkommen logisch. Er that, was +allen sozialen Neuerer das ganze Mittelalter hindurch auch gethan +hatten. Allerdings ist er mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er +ragt eben so weit über sie hinaus, als ein genial angelegter +Geist zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts über einen +fanatischen Mönch des zwölften oder sechszehnten +Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß der Bibel und +den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen konnte. +Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten, dessen System +sich auf die religiösen Lehren der herrschenden Kirche zu +stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte. +Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein +religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die +meisten Geschichtsschreiber <i>nur</i> den religiösen Charakter +der Bewegungen sahen, den sozialen — der mehr oder weniger auf +einem rohen, auf die entsprechenden Aussprüche des Alten und +Neuen Testaments gestützten Kommunismus beruhte — aber +gänzlich übersahen. Unter dem geistigen Druck der Kirche und +bei der Beschränktheit der Geister war im Mittelalter keine +soziale Bewegung ohne ausgeprägt religiösen Charakter +denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war, wurde natürlich bei +einem Fourier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mehr Nebensache, +es war eine Waffe und eine Stütze, die er glaubte nicht entbehren +zu können. So erklärt sich die sehr gezwungene Auslegung, +die er den meisten der zitirten Stellen geben mußte, wobei wir +keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs bewußt +war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in +einer späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit +leben, leicht, die Mängel in den Systemen und Lehren +vorangegangener bedeutender Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu +schließen, daß das, was sie erkannten, auch Jene leicht +erkennen mußten, ist falsch. Andererseits läßt sich +nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen Widersprüchen eines +Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog. Klugheit, +Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug beginnt. Der +Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo +offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier +wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist +ein streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen +Vorzügen und Schwächen. Ein System, das in seiner +Geschlossenheit selbst den Keim einer Religion enthält, weshalb +nur eine Schule, keine Partei sich aus ihm entwickelte. Man kann eben +so gut von einer Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und +stets mit großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder +St. Simonistischen Sekte sprach. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche +den Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue +Testament für seine Theorien sprächen, so geht er nunmehr +dazu über, auch den Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu +erbringen, d. h. er sucht nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich +die Modernen über Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der +Zivilisation befänden, von der sie immer noch leichtgläubig +genug die Vervollkommnung hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, +welche Wege sie betreten müßten, um allmälig in die +sechste Entwicklungsperiode, die des Garantismus, zu gelangen. +Daß die Zivilisation überhaupt sich zu vervollkommnen +suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst hinaus +zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige +Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese +Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie +mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft. + +</P><P> + +Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des +Geldes als Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem +ansieht, aber auszusetzen hat, daß es „individuelles“ Geld sei, +wie er es bezeichnet, also in den Händen des +Privateigenthümers Mittel der Ausbeutung, des Betrugs und der +Unterdrückung werde. Das Geld soll nach ihm gesellschaftliches +Besitzthum sein, es würde also in seinem System Besitzthum der +Phalanxen werden. Daß das Geld seinen Zweck nur erfüllt, +wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes Tauschmittel für alle +Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz ist, weil es <i>nur</i> in +einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion beruhenden Gesellschaft +einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz hat, entging ihm. Mit +der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch der Privatwirthschaft +und mit der Einführung gesellschaftlicher Produktion fällt +der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die Geldwirthschaft, von selbst, +der Boden seiner Existenz, allgemein anerkanntes Tauschmittel für +alle Waarenaustausche zu sein, wird ihm entzogen. Da wo Produkt gegen +Produkt, richtiger Arbeit gegen Arbeit gesellschaftlicher +Vereinigungen sich austauscht, wird der Austausch ein einfaches +Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung der austauschenden +Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer auf Millionen +Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das Produkt als Waare +den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die Hände seines +Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen die +verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation +ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers +gelangt, wir sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich +anerkanntes Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen +vorhanden sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter +besitzt, gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu +sein. + +</P><P> + +Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche +Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der +lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich +habe sie den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die +Assoziation anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der +sozialen Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses +politische Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der +Zivilisation und ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich +bisher die Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer +entzogen hätten. Man glaube noch an die Vervollkommnung, +<i>während die Zivilisation bereits rapide ihrem Untergang +entgegeneile.</i> + +</P><P> + +Wie der menschliche Körper so besäßen auch die +Gesellschaften ihre vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich +unterscheidenden Lebensalter, die einander sich folgten. Man +könne weder den Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft +beurtheilen, so lange man nicht die sehr unterscheidenden +Charaktereigenschaften zu bezeichnen vermöge, die eine bestimmte +Gesellschaft besitze. Unsere Naturwissenschaftler seien, wenn es sich +um die Unterscheidung ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr +skrupulös, warum seien dies nicht auch unsere Politiker und +Oekonomisten? Warum folgten sie nicht dieser naturwissenschaftlichen +Methode, wenn es sich um die ihnen so theure Zivilisation handele, um +die von jeder der vier Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? +Es sei dies das einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch +vorwärts schreite oder im Niedergang sich befinde. + +</P><P> + +Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die einer +jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende: + +</P> + +<TABLE BORDER=1 CELLPADDING=10 ALIGN=center summary = "Phasen der Zivilisation"> +<TR ALIGN=center> + <TD ROWSPAN=12>Aufsteigende<BR> Schwingung</TD> + <TH COLSPAN=2>1. Phase: Kindheit.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Monogamie.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Patriarchalische oder adelige Feudalität.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Bürgerliche Rechte der Frau.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Föderation der großen Vasallen.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Ritterliche Illusionen.</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TH COLSPAN=2>2. Phase: Jugend.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Städtische Privilegien.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Pflege der Wissenschaften und Künste.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Befreiung der Arbeit.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Repräsentativsystem.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Illusionen über Freiheit.</TD> +</TR> +<TR> + <TH COLSPAN=3>Mittagsphase.</TH> +</TR> +<TR> + <TD COLSPAN=2>Keim</TD> + <TD>Seeschifffahrtskunst, experimentale Chemie.</TD> +</TR> +<TR> + <TD COLSPAN=2>Charaktereigenthümlichkeiten</TD> + <TD>Enttäuschungen, Staatsanleihen.</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD ROWSPAN=12>Absteigende<BR> Schwingung</TD> + <TH COLSPAN=2>3. Phase: Mannbarkeit.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Handelsgeist, Fiskalismus.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Aktien-Gesellschaften.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Monopol der Seeherrschaft.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Handels-Anarchie.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Oekonomische Illusionen.</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TH COLSPAN=2>4. Phase: Altersschwäche.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Leihhäuser.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Unternehmerschaft in bestimmter Anzahl.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Industrielle Feudalität.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Monopolwirthschaft.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Illusionen über Assoziationen.</TD> +</TR> +</TABLE> + +<P> + +Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der +Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen +können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der +zivilisirten Gesellschaft sehr treffend. + +</P><P> + +Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen +Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen +gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere +auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt seien. +So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine +unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der +Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten Phase, +die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und Frankreich +befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der dritten Phase +und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie bereits besitze. +Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene Stagnation; das Genie +fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit wie ein +Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine neue Idee +zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere aber der +fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die vierte Phase +zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht zum Guten sei. Es +handele sich darum, einen Zwischenzustand zu schaffen, der die +Zivilisation in den Garantismus überleite und diesen dem +Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären Geist, der +sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere der zweiten +Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine Republik, +nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich +sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit +begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während +das wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte +Phase, die Altersschwäche, risse. + +</P><P> + +Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau +prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft +befinde sich in einem „erhabenen Flug“, eine Illusion sei, denn in +Wahrheit befänden wir uns auf dem Krebsgang. „Es ist der +Fortschritt nach abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre +weißen Haare, die sie mit sechzig Jahren besitzt, als +Vervollkommnung der Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. +Darüber wird Jeder mitleidig lächeln. <i>Wie der menschliche +Körper so vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn +sie altert.</i>“ + +</P><P> + +Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie sich +dem Wucherer überließen, <i>und es sei die That unseres +Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen.</i> + +</P><P> + +Man sage, „das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine +bleibende Form angenommen.“ Das gelte auch von den fiskalischen +Anleihen. Sie blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn „man +muß essen, wenn man an der Krippe sitzt.“ <i>Welche Partei auch +immer herrsche,</i> <i>die Finanz halte stets die Zügel des +Gefährtes, damit der Marsch nicht gegen ihr Wirthschaftssystem +sich richte.</i> Was werde also das Ende sein, dem alle unsere mit +Schulden überladenen Reiche zueilen, wohin uns die Oekonomisten +geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man könne unsere +Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen, von dem die +Spötter sagten: „Er führt nicht das Pferd, das Pferd +führt ihn.“ + +</P><P> + +Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner Zeit +vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr richtig +erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht, +ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden +kann, muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe +wird ihm der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die +Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen +Finanzmächte, die schließlich weit mehr als die Minister +selbst die Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze +dekretiren, Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse +paßt. Und damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die +Regierung jeder Zeit durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung +bewußt bleibe, damit ferner die nöthigen Einnahmequellen in +Form von Steuern aller Art zur Verzinsung und Amortisirung der +Schulden vorhanden seien, bedarf man des Repräsentativsystems, +durch welches die Drahtzieher der hohen Finanz den noch fehlenden +Einfluß auf die ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen +und den Staat zu einer melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch +solche Manipulationen ist heute die Regierung und Verwaltung +Frankreichs in den Händen der großen Finanzmächte, die +es in die Abenteuer von Tunis und Tonkin stürzten, durch +Privilegien und Staatssubventionen an die großen Eisenbahn- und +Verkehrsgesellschaften das Volk berauben, durch die Ueberlast der +indirekten Steuern es brandschatzen und plündern. Durch die +gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin gekommen, wo es heute +steht, hat man die Türkei zu Grunde gerichtet, Ungarn binnen zwei +Jahrzehnten an den Rand des finanziellen Untergangs gebracht, Egypten +ruinirt. Wie der kleine Bauer und der in die Klemme gerathene +Grundbesitzer die finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen +gegen genügende hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld +zu borgen, oft mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des +Gläubigers rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf +ihre Ernten legt, ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie +zwingt, das ganze Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, +zu verrichten, so sind die Staatsangehörigen überschuldeter +Reiche die Bienen, die durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der +Finanzaristokratie die Kisten und Kasten füllen müssen. Das +ist heute, wo die Staatsschulden in fast allen Staaten in die +Milliarden gewachsen sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht +aufdrängende Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das +Staatsschuldenwesen noch in den Kinderschuhen und es war ungleich +schwerer, seinen Charakter zu erkennen als heute. + +</P><P> + +Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier +denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort +ausdrückt: „Die großen Diebe läßt man laufen, +die kleinen hängt man.“ Aehnliche Charaktereigenschaften +könne man noch eine Menge anführen. So überlasse man +sich bitteren Klagen über auffällige Thatsachen wie die, +daß die Tugend und das Gute stets lächerlich gemacht, +übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die +Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig +die Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen +Resultate zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, +damit man einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte +dieser abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte. + +</P><P> + +Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil man +sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine von +diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die +Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der +Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein +ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein +Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der +industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel +erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die +Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer +erlaube sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem +öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch +stünden, er erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der +„Freiheit“. Das komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien +keine Ahnung habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei +die indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der +Arme könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, +wenn er die Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den +gerechtesten Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch +Appellation und Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben +gezwungen. Man gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, +aber nicht dem Armen, denn „er könnte zu viele Prozesse haben“. +Die Gesellschaft sei überfüllt mit Armen, die unter dieser +Handhabung der Gerechtigkeit litten. Aber diese Gesellschaft sei eben +ein falscher Kreisschluß <TT>(cercle vicieux)</TT>, das sei ihr +wesentlichster Charakter. Die Mängel der Zivilisation +ließen sich in zwölf Hauptpunkte zusammenfassen. 1. Eine +Minorität, die Herrschenden, bewaffnet Sklaven, die eine +Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten. 2. Mangel an +Solidarität der Massen und dadurch erzwungener Egoismus. 3. +Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und ihrer sozialen +Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich selbst. 5. Die +Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik wird die Ausnahme +als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste und +hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8. +Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige +Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges +Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer +wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12. +Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der +Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen +herbeigeführt, müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende +des Jahrhunderts klimatische Exzesse erzeugen. + +</P><P> + +Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu +erörtern. Er fragt: „Woher kommt diese Bewunderung der Modernen +für den Handel, welchen doch im Geheimen alle Klassen außer +den Handeltreibenden verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil +für die Kaufleute, die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? +Die Antwort ist: sie besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht +(England) übt über die industrielle Welt die Tyrannei des +Handels-Monopols aus.“ Auch habe die politische Oekonomie die Analyse +des Handels nicht zu machen gewagt und so komme es, daß die +soziale Welt nicht wisse, was eigentlich das Wesen des Handels sei. +„Der Handel ist die schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf +dem man sie angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den +Regierungen wie von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen +weder der Adel noch die Grundeigentümer die Handeltreibenden mit +günstigen Augen an, diese Parvenüs, die in Holzschuhen +angekommen sind und bald mit einem Vermögen von Millionen +prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer begreift nicht die +Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern vermag; welche +Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes widmet, es gelingt ihm +schwer, sein Einkommen um einige Tausend Franken zu steigern. Er wird +perplex über die großen Profite dieser Agioteure, er +möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese ihm +fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber +da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern ihr +Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel und +die Großartigkeit des Handels <TT>(le commerce immence et +l'immense commerce)</TT> zu verdächtigen. Welch schöne +Phrasen sind nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht +man mit Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, +dem Gleichgewicht des großartigen Handels und der +Großartigkeit des Handels, von den Freunden des Handels, von dem +Wohl des Handels'.“ Für einen unglücklichen Philosophen gebe +es nichts Imposanteres, als wenn eine Kohorte von Millionären mit +tiefsinnigem Aussehen zur Börse wandelten. Man glaube die +römischen Patrizier über dem Schicksal Karthagos brüten +zu sehen. Speichellecker der Agiotage malten die Kaufleute und +Börsenmänner als eine Legion von Halbgöttern; Jeder, +der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine Legion von +Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie hätten +allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen zu +Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen +Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten gegebenen +Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale Körper +den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und +wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den +Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde +richten. + +</P><P> + +Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des +Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen losmachen +müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer +unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse +liefere. Man dürfe die Handeltreibenden nicht mit den +Manufakturisten verwechseln.<a href="#Footnote_21" +name="FNanchor_21" id="FNanchor_21"><sup>21</sup></a> Die Hauptschacherer, die +Rohmaterialienhändler sännen nur, wie sie Manufakturisten +und Konsumenten plündern könnten. Zu diesem Zwecke +unterrichteten sie sich über die vorhandenen Vorräthe, +kauften sie auf, hielten die Waaren zurück und verteuerten sie, +um so auf Fabrikant und Bürger den Druck auszuüben. Die sog. +Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und Wucherer als +tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende Schwätzer, +abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien. Den +schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in der +tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an +Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar zuvor +auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen, welche +die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun, welches sei +die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war die +Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer +Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit +<TT>(refoulement pléthorique)</TT> und eines Gegenschlags durch +verfehlte Spekulation. + +</P><P> + +Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier +der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, +würden viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt +aufnehmen könne. So sei es auch hier gewesen. Wenn man die +Wilden, die Neger und die spanische Bettelbevölkerung in Abzug +bringe, zählten die beiden (Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 +Millionen konsumtionsfähiger Bewohner, man habe aber für 200 +Millionen konsumtionsfähiger Menschen Waaren zugeführt. +Daher die Stockung und der Rückschlag. Im Jahre 1825 hätten +die französischen und englischen Hosenhändler Waarenmassen +zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten, so +entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe, +Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser +Ueberfülle <TT>(pléthore)</TT>, verursacht durch die +Unklugheiten des Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets +über das Quantum der absatzfähigen Produkte den +größten Illusionen überlasse. Was könne man auch +von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier verblendeter +Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die Grenzen der +Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen? + +</P><P> + +„Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die +äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken +hervorzurufen, so trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand +dazwischen, um das Uebel zu vervielfachen. Die +Baumwollenaufkäufer in New-York, Philadelphia, Baltimore, +Charleston etc. hatten im Einverständniß mit ihren +Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und Paris sich aller +Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten und +andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die +Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier Amerikas +wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß. Die +durch die <TT>Crise pléthorique</TT> verursachte +Preisschleuderei zwang die Fabriken zu feiern und brachte die +Baumwollenspekulanten, die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen +Baisse sich gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten +Machinationen in Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in +Europa. Das ist der einfache Hergang der so räthselhaft +erschienenen Ereignisse. Journale und Schriften, die darüber sich +äußerten, verfielen alle in denselben Irrthum. Nach ihnen +war nur eine Ursache vorhanden: die Unordnung, welche durch die beiden +gleichzeitig sich vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden +war. Niemand gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte +sich vielmehr, die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, +als unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen +durch Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, +noch daß die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen +Rohmaterials die Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte +verrückte Verschwendung, auf der anderen vexatorische +Unterschlagung. Es gab also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im +Mechanismus. Das ist der Handel, das Ideal der Dummköpfe.“ + +</P><P> + +Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so +wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen, +und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so habe +er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten aufgestellt. +Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte zeichnen, man +müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, +die der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil +ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: +Börsenspiel, Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, +Parasitenthum, Mangel an Solidarität, fallendes Gehalt und +fallende Löhne, Theuerung, Verletzungen der Gesundheit,<a href="#Footnote_22" +name="FNanchor_22" id="FNanchor_22"><sup>22</sup></a> +willkürliche Festsetzung der Preise, legalisirte +Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles Geld. + +</P><P> + +Fourier spricht dann von der „Absonderung“ der Kapitalien, worunter er +die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden Kapitalmangel +auf der anderen Seite versteht. Die Kapitalkonzentration erzeuge auch +den Ueberfluß — an Bodenerzeugnissen durch den Handel +—, der den Preisdruck für die Erzeugnisse des +Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften sich nur auf +Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und Kaufleute beklagten sich +häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren Fonds beginnen +sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der Landmann es +kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5 +Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die damit +verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser Vampyr, der das +Blut aus dem industriellen Körper sauge, konzentrire Alles in +seine Taschen und zwinge die produktive Klasse, sich dem Wucherer zu +überliefern. Selbst die Jahre des Ueberflusses würden +für die Agrikultur eine Geißel, wie man das 1816 und 1817 +gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und zwang den +Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr reiche Ernte +brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in Folge dessen zum +niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger zu bezahlen. +So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen Kapitalien, um sie in +den Händen der Handeltreibenden zu konzentriren. Der Ackerbauer +seufze, gebrochen durch den Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der +Ernten, deren Werth weder bei dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm +gehöre, weil die Konsumtion auf umgestürzter Basis ruhe, +<i>„denn die Klasse, die produzirt, nimmt an der Konsumtion nicht +Theil“.</i> So würden Eigentümer wie Bodenbebauer oft +gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel, herbeizuwünschen. +Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im Juni in allen +weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit +erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.<a href="#Footnote_23" +name="FNanchor_23" id="FNanchor_23"><sup>23</sup></a> + +</P><P> + +„Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, +daß das gegenwärtige System des Handels, wie der ganze +Mechanismus der Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie +will man sich in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die +Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt? +Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren +alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels zu +beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses +lügnerischen Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß +man so lange sich von einem System dupiren ließ, das schon der +Instinkt uns denunzirt, denn alle anderen Klassen hassen den Handel.“ + +</P><P> + +„Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen ist, +genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die +Betrügerei und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine +Höhe erreicht, daß man die Einführung des +Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel gegen <i>diesen</i> +Handel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde +viel weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie +würde zu einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche +Produkte geben, während es heute fast unmöglich ist, im +Handel etwas natürlich zu erhalten.“ + +</P><P> + +„In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben +gefälscht ist,<a href="#Footnote_24" +name="FNanchor_24" id="FNanchor_24"><sup>24</sup></a> keine Tasse reiner Milch oder +ein Glas reinen Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind +auf die Spitze getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt +nichts übrig, als das Monopol.“ Fourier setzt freilich hinzu, +daß dies durch Entdeckung seines sozietären Systems und +dessen Einführung unnütz werde. + +</P><P> + +Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über +die Art, wie die öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und +wie der Bankerott selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf +der Bühne werde ein Falliment mit fünfzig Prozent als +Lustspiel behandelt. Wenn aber ein Bankier die anvertrauten Depots von +Ersparnissen zahlreicher Dienstboten veruntreue, die diese +während zwanzig Jahren mühselig zusammengescharrt, so sei +das sicherlich keine lächerliche Sache, sondern ein Verbrechen, +das zu bestrafen sei. + +</P><P> + +„Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur ist +eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster auf's +Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben, damit +die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine in +Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen +straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie +speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der +nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster als +unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner Favoriten, +der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran, ihre Aufgabe, +die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen nach einem +Heilmittel, zu erfüllen.“ + +</P><P> + +Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt, +nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei denen +die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die +Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete +Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, +bei dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten +Neigungen, bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum +Geschäft unbrauchbar machen u. s. w., die Ursachen, welche die +Katastrophen erzeugen. Er könne, setzt er weiter hinzu, recht +amüsante Kapitel zu den Details aller Arten von Bankerotten +liefern, er treibe das Geschäft seines Vaters und sei im +Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen Augen die Infamien des +Handels gesehen und beschreibe ihn nicht, wie die Moralisten vom +Hörensagen, die den Handel nur in den Salons der Agioteure kennen +lernten und einen Bankerott als etwas ansähen, das man sich in +guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott, namentlich +wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe, werde unter ihrer +Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den die +Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß +er sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den +Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, +eine unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der +Zeiten, widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall +herbeigeführt sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der +Briefe, mit welchen ein Fallissement angezeigt werde. + +</P><P> + +„Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen ihre +Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert +sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so +würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle +ihrer Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur +Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals +würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden +ihrer Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein +Ungeheuer sein, wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um +sie wieder zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede +rechtschaffene Seele. Dazwischen interveniren einige moralische +Spitzbuben, die man bestochen hat, und die gegen Jedermann +hervorheben, wie schön es sei, in einem solchen Falle seine +Gefühle walten zu lassen und daß man dem Unglück +Erbarmen schulde. Diese werden durch einige hübsche +Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die +Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese +Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr +bewegt und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen +einen Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er +wieder ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die +geheiligten Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten +beraube. Ist die Situation günstig, so schlägt man den +Gläubigern weiter vor, daß sie, um ihr Gewissen zu +befriedigen und um der edlen Eigenschaften einer Familie willen, die +so würdig der Achtung und so eifrig für die Interessen ihrer +Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung bringen und statt auf +siebzig auf achtzig Prozent verzichten. Einige Barbaren wollen +widerstehen, aber die im Saale geschickt vertheilten Vertrauten +übernehmen das Geschäft der heimlichen Anschwärzung der +Widerstrebenden, die sie als unmoralisch bezeichnen. Dieser, tuscheln +sie, besucht nie die Kirche und hat folglich kein Erbarmen; Jener +unterhält eine Maitresse; der Dritte ist ein Geizhals und +Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal fallirt und besitzt ein +Herz von Stein, das für seine unglücklichen Mitmenschen ohne +Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die so +bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den Vertrag. +Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß +man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die +Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben +sein und dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven +Familie geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung +für die Tugenden dieser würdigen Familie, die man als ein +Muster betrachten müsse, nach Hause.“ + +</P><P> + +So vollziehe sich ein „gefühlvoller Bankerott“, bei dem die +Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; +werde mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies +ein rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß +wer sich mit einer so mäßigen Brandschatzung seiner +Gläubiger begnüge, nicht nöthig habe, +außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in Bewegung zu +setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele, so sei ein +Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent +einstreichen wolle, stets sicher. + +</P><P> + +Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten +sich die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen +über die Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das +Wesen der freien Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht +gehabt, zu sagen: Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. +Napoleon sei eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, +daß jede Schädigung, die eine Regierung gegen den Handel +versuche, von diesem auf die arbeitenden Klassen abgewälzt werde. +Sobald der Handel bedroht würde, zöge er die Kapitalien +zurück, säe er Mißtrauen, hemme er die Zirkulation. +Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an keinem Punkte +fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle Regierungen +quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu beugen. +Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs (1810) +gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht, +indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen +wollte; er sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und +habe schmählich seinen Platz räumen müssen. Man +müsse also Entdeckungen machen, um gegen diese kommerzielle Hydra +kämpfen zu können. Schließlich sei nichts leichter, +als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man die +Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal Widerstand +versuchen. + +</P><P> + +Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung +für die Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen +des kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das +System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier, +der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel +vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung +gemacht worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so +unmöglich ist, wie alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. +Scholz und Herrn v. Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu +krümmen. Der Kapitalismus mag einwilligen, diesen oder jenen +Industriezweig verstaatlichen zu lassen, und er wird dies thun, wenn +er dabei seine Rechnung findet, aber nur dann: doch den Versuch der +Monopolisirung eines Gebietes, wie es der Handel ist, würde er +ebenso auf Tod und Leben bekämpfen wie eine Verstaatlichung der +gesammten Industrie, und er würde siegreich bleiben. +Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen Organisation und +Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden Faktoren, den +Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der kapitalistischen +Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter gehen, als sein +<i>fiskalisches Interesse</i> ihn nöthigt, und was immer er +verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form +verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen +gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den +leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der +alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von +1789 und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien +die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand kein +Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur der +Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller +Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und +handeltreibende Bourgeoisie die Staatsgewalt und die +Staatsgesetzgebung für ihre spezifischen Interessen auszunutzen +suchen. Diese Differenzen werden dauern, so lange es eine +bürgerliche Gesellschaft giebt, sie werden immer nur +quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller Natur sein. <i>Die +Existenz des Staats erfordert die Aufrechterhaltung der +Klassengegensätze;</i> er kann sie — und das liegt in +seinem Interesse — zu mildern versuchen, aufzuheben vermag er +sie nicht, <i>weil er sich selbst damit aufheben würde.</i> Die +Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft <i>erzeugte den +Staat,</i> die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn +verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den +Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets +vorhanden, <i>ist das Gesetz der Existenz des Staates.</i> Wir hoben +bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen +Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste, +Monarchen u. s. w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen +Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr +— also ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, +überflüssig. Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten +auch nicht mehr — also wären Justiz, Polizei, +Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die Steuerbehörden +wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos. Die +Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx +ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich +wären sehr einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen +Austausch und die gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung +großer gemeinsamer Unternehmungen, auf die Mittheilung und +Unterstützung von Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen +aller Art für das praktische Leben, für Wissenschaften und +Künste. Das sind Dinge, wozu schließlich eine Staatsgewalt +in unserem Sinne nicht nöthig wäre. Denn diese Staatsgewalt +ist eine repressive und befehlende Gewalt und nicht eine blos +ausführende und anordnende Instanz; ihre Hauptaufgabe besteht +darin, den Gegensatz innerhalb der Gesellschaft niederzuhalten, +Ausbrüche nationaler Streitigkeiten niederschlagen und alle +Diejenigen, welche, sei es individuell, sei es korporativ, die +bestehenden Staatsnormen verletzen, zur Verantwortung zu ziehen. +Für alle diese Leistungen braucht die Staatsgewalt die +nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee, Gerichte, Polizei, +Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck fielen auch +die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx regieren +wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren +Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das +bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter +konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur wenige +— England, Italien, Belgien — haben, anweist; ihre +Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System +unmöglich sein. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier auf +diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt +streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft +<TT>(greffée)</TT> sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum +Niedergang der dritten Phase treiben. + +</P><P> + +Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit +erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und +Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und +den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde +weder ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte +Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf das +neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu +pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und +eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte +beherrschen zu können. + +</P><P> + +Andererseits seien die Champions des „erhabenen Flugs“ unserer +Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von +Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der +Römer stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen +Menschenrechte, in Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte +Jahrhundert Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem +Mischmasch der zweiten und der dritten Phase machten. + +</P><P> + +Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach +der vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht +rückwärts gehe. Wenn beide Parteien sich auszusöhnen +und zu vereinigen vermöchten, könnte die Zivilisation in die +vierte Phase aufrücken, die, wenn sie auch nicht das eigentliche +Glück bringe, doch gegen die früheren große +Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen, +beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, +um die öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege +restauriren. + +</P><P> + +Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus welcher +der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze sich mit +Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln zur +Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus, der +ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen +Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht +durch die Chimären, welche wir uns über das +Repräsentativsystem machten, was selbst Lobredner des +Liberalismus, wie Benjamin Constant, anerkannt hätten. Solche +Uebel seien: die Korruption der Volksvertreter durch die Bestechungen; +die Aufschreckung der Höfe, die von Sinnen kämen durch die +Angst, die ihnen der falsche Liberalismus einflöße; das +Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden ihrer Unabhängigkeit +aus Furcht vor dem Liberalismus, „diesem Schlimmsten, was ihnen +begegnen könne“; (heilige Allianz, Kongresse von Aachen, Troppau, +Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf diese und +ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die +Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger +in Folge der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in +Folge des Kampfes der Regierungen gegen die Völker u. s. w. + +</P><P> + +Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des +Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems bloslege; +er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch das +Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, +daß man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen +müsse. Er nenne den Liberalismus falsch, weil er einen +politischen Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die +Herrschaft der Oligarchie erstrebe <i>und immer die seinen +Versprechungen entgegengesetzten Wirkungen erzeuge.</i> Die Liberalen +suchten sich zu rechtfertigen, indem sie sagten: „Seht Ihr nicht, +daß wir ohne das Repräsentativsystem und ohne unsere +Opposition in den drückendsten Despotismus fielen?“ Das gebe er +zu, aber es sei nicht weniger gewiß, daß, indem die +Liberalen durch ihre Taktik den Rückschrittlern vor den Kopf +stießen und sie immer mehr erbitterten, sie diese immer mehr dem +Obskurantismus in die Arme trieben. So arbeiteten die Liberalen +indirekt gegen sich selbst. Ueberdies sei sicher, daß dieses +sogenannte liberale System keineswegs sehr positiv operire, <i>der +liberale Geist sei für alle großen Probleme sozialer +Verbesserung durchaus steril, er bringe immer nur Debatten zur Welt, +nie eine neue Idee.</i> + +</P><P> + +Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend +gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht. Er +hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst, weil +er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen vor den +Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit die +vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann aber keine +Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und +Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen der +Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und +einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende +Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten +Parteien eine Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die +Verdrängung der alten Parteien und ihre Hinauswerfung aus der +innegehabten Position bedeutet. Darüber täuscht sich keine +Partei, die an der Herrschaft ist, und namentlich dann nicht, wenn ein +unversöhnlicher prinzipieller Gegensatz zwischen den +kämpfenden Parteien besteht. Es ist daher thöricht, dem +Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu machen, denn nicht um diese, +sondern um seine wahren Bestrebungen handelt es sich. + +</P><P> + +Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein +Bündniß des Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus +ein günstigeres Resultat für den Fortschritt der +Gesellschaft ergeben hätte. Deutschland, das heute ähnliche +Kämpfe der herrschenden Klassen unter sich durchzumachen hat, wie +das Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre dieses +Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge dafür, wohin der +Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft kommt, wenn der +Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet. Indessen wir +wissen heute, daß <i>alle</i> wie immer gearteten politischen +Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind, und +daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten +verbünden, sie selbst nur einen Waffenstillstand schließen, +weil ihnen der dritte die streitige gemeinsame Beute zu +entreißen droht. Es ist der alte Kampf um das bevorzugte Dasein, +den die Menschen im Gegensatz zu den „unvernünftigen“ Thieren +führen, indem jeder sich selbst und alle sich gegenseitig zu +belügen und zu betrügen suchen, sich vorredend, es seien die +„Ideen“ und nur die „Ideen“, für die sie stritten und +kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit, +daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und +Interessenkämpfe immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es +der moderne Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt. + +</P><P> + +Fourier fährt fort: + +</P><P> + +Die Stehenbleibenden <TT>(immobilistes)</TT> seien eine ebenso +lächerliche Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die +soziale Bewegung weise jeden Stillstand zurück; sie strebe zum +Fortschritt, dies sei ebenso ihr Bedürfniß wie, daß +Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu verderben. +Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei, vorwärts zu +marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer +höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur +Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren +Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer +Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in ihr, +wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir +befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in +dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen +Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute +strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir +besäßen zu viel Lebensmittel für eine auf der sozialen +Stufenleiter gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene +Gesellschaft, und dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im +sozialen Mechanismus keine natürliche Anwendung findend, +überlaste und verderbe ihn. Daraus resultire eine +zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große +Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der +Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das +zwischen den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen +Stufenleiter stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir +besäßen zu viel Industrie für eine zu wenig +vorgeschrittene noch in der dritten Phase zurückgehaltene +Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß gedrängt +werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese Erscheinungen +des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen er die +schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien von +der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu Tage +liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen zeigen. + +</P><P> + +Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von +vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der +Gesellschaft zur Folge haben müßten. + +</P><P> + +Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte +würden zu Abgründen, die alle Hülfsmittel +verschlängen, welche die Reichen zur Agiotage verleiteten, so +daß diese mehr und mehr die Agrikultur verschmähten. +Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es entwickele sich ein +System der Erpressung und es entstünden die indirekten +Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der Zukunft den +Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein +jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute +reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen. +Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch mit +England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es +ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung +einer wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende +Angriffe auf das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese +durch die Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese +Angriffe würden für alle Parteien zur Regel. Nachdem +Frankreich — in der großen Revolution und unter Napoleon +— konfiszirt habe, ahmten Spanien und Portugal das Beispiel nach +und das werde immer schlimmer werden, weil es heute nur Fortschritt in +der Unordnung gäbe. Es sei eine Charaktereigenschaft der +Gesellschaft, die in die Barbarei zurückgreife. Fünftens: +Beseitigung der Zwischenkörperschaften; also derjenigen +Institutionen, welche durch die straffe Zentralisation, die der +Konvent schuf, beseitigt wurden: Provinzialstände, Parlamente, +Magistrate und Korporationen. Dank ihrem Sturze befinde man sich vor +der jährlichen Vergrößerung des Budgets um +fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune an +Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die +Lebensmittelsteuern <TT>(octrois)</TT>, welche die Industrie +schädigten, die Bevölkerung mißstimmten, zu +Steuerhinterziehungen provozirten und den ganzen legalen Handel +vergifteten, zu entschädigen versuche. Siebentens: Verdorbenheit +der Rechtsprechung; man vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache +es ihm unmöglich, und gleichzeitig rufe man, durch die immer +größer werdende Theilung des Eigenthums und die +Häufung immer ohnmächtiger werdender Gesetze, das Wachsthum +der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben todte Buchstaben für +einen plündernden Lieferanten, der 76 Millionen gestohlen habe, +und verurtheilten einen armen Teufel, der einen Kohlkopf stehle, zum +Tode. + +</P><P> + +Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den +Ausgang zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im +südlichen Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch +betrügerische Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen +ergaunerte, wurde freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, +der Kohl gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt. + +</P><P> + +Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle besserer +Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den Mangel +gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft das +Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man könne +keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen +basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine +Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu +seiner Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen +der großen Kosten, theils wegen des Streits über die +unterzulegenden Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben +wurde. Neuntens: Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege +hervorzurufen drohten. Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs +innerer Kämpfe, die Folge des Nährens der Unzufriedenheit +durch die Unwissenheit der sozialen Politiker, die kein Mittel der +Aussöhnung und des wirklichen sozialen Fortschritts zu entdecken +vermöchten. Elftens: Die Vererbung; die Gewohnheit, die durch die +besiegte Partei einmal eingeführten Uebel beizubehalten: +Lotterien, öffentliche Spiele und andere +verhängnißvolle Mittel der Fiskalität. + +</P><P> + +Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen +Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles +Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den +Seeräubern, um sie zu beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und +den Negerhandel unterstützte, betrachtete Fourier als die +zwölfte verhängnißvolle Charaktereigenschaft der +Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die Dinge noch so, daß die +meisten europäischen Mächte, Mangels der nöthigen +maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der +nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines +jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen +suchten. Einen solchen Vertrag schloß z. B. Oesterreich mit der +Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen +Seeräuberstaaten, ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von +Venedig auch dessen Flotte erhielt, — 8 Linienschiffe, 7 +Fregatten etc. — ließ diese buchstäblich verfaulen +und die im Bau begriffenen Fregatten unvollendet. Der bankerotte Staat +hatte keine Mittel, eine Kriegsflotte unterhalten zu können. Der +Sklavenhandel, durch christliche Mächte begünstigt, blieb +noch bis in unser Zeitalter ein gewinnbringendes Geschäft und +eine Schmach unserer Kultur. + +</P><P> + +Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des +Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der +Industrie an sich reiße, die Autorität mit den Regierungen +theile und überall die Raserei für das Spiel verbreite. +Vierzehntens: Begünstigung des Handels trotz seiner +Verschlimmerung. Marseille baue für die Seeräuber Schiffe +zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den gefangenen Christen +die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes besitze Fabriken in +denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der Neger hergestellt +und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt würden; andere +Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos +(Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich +schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit +zunehme, um so mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: +Industrielle Skandale: Fortschritte in der Art der Verfälschungen +und der Tolerirung der Verfälschung der Lebensbedürfnisse; +Zunahme der aus drückendem Ueberfluß entstehenden Krisen; +unterwerthige Ueberlassung der Ernten unmittelbar nach ihrer +Einbringung gegen vorausgegangene Lieferung anderer Bedürfnisse, +also zunehmende Abhängigkeit des Bodenbebauers vom Kapitalisten. +Sechszehntens: Handel mit weißen Favoritinnen. Man lasse eine +solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst solchen Mächten +zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher nicht hatten, und +widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten. Siebzehntes: +Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende Spionage, die +bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime Angeberei; +augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der niedrigen +Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel. Achtzehntens: +Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn bekämpften, +adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen +anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein +geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das +wenige von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch +gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der +Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die +Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und +verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische +Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner ihres +Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum +Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung +beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche +Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu +unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen +Tugenden geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der +Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes +Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung +gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche +und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme; Guerillakampf, +Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern. (Erinnerungen an +Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.) Zweiundzwanzigstens: +Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die allgemeine Wehrpflicht +und das Massenaufgebot, wie es Preußen bereits besitze und es +Rußland in höherem Maße nachzuahmen versuche, +einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen Reichen +eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus +Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls +anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die Taktik +der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die Räubereien der +Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei nahezulegen, +diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den +Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen +Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu +der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der +Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus +Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier +wachsenden Vervollkommnungen. + +</P><P> + +Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig +Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder +Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder +nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine +Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind +verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf +unserem Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck +gewachsen. Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der +scharfen Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier +aber ist die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die +er getrennt von den übrigen hervorhebt und als die +„schmachvollste“ aller bezeichnet: „die Zulassung der Juden zu den +bürgerlichen Rechten“. + +</P><P> + +Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des +Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die +unproduktiven Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische +Nation sei nicht zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen +Souverän, erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden +Betrug für lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu +täuschen, die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese +Prinzipien nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden +verdankten ihre Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den +Philosophen. Man sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen +er sich noch weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den +Angriffen unserer heutigen Antisemiten. + +</P><P> + +Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht +unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur +Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen +sein, wenn sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig +sich von der dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre +Organisation auf der sozialen Stufenleiter um so viel höher +ausgebildet hätte als ihre Industrie sich steigerte; so habe sie +für die dritte Phase zu viel und für die vierte zu wenig +Entwicklung. Die Vollsaftigkeit <TT>(pléthore)</TT> sei nur ein +Zufälliges, die durch eine andere Organisation der sozialen +Ordnung eine andere und gesundere Vertheilung erlangte. Es handele +sich also darum, daß wachsende Industrie und Verbesserung der +sozialen Organisation Hand in Hand gingen, damit diese kolossale +Industrie regulirt und ausgeglichen werden könne, eine Industrie, +die zu einem politischen Fleischbruch <TT>(sarcocéle +politique)</TT> geworden sei und es bliebe, so lange wir in der +dritten Phase verharrten. + +</P><P> + +Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich +die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt, +welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde +entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten +einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die +Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, <i>daß sie aber +in demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie +der Fortschritt der Industrie sich entwickelte.</i> Darum gelte es, +einen anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten +<TT>(moeurs)</TT> gemäß operire und aus dem Fortschritt der +Industrie die Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu +diesem Ziel zu streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung +zuzulassen, behauptend: „der natürliche Sinn des Wortes +Zivilisation ist die Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es +setzt ein Volk voraus, das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung +des bürgerlichen Lebens und der sozialen Beziehungen, die +billigste Vertheilung der Gewalt und des Glücks aller Glieder der +Gesellschaft.“ + +</P><P> + +Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser +Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei, +ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und +ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen +die „billige Vertheilung“ und das „Glück“ der Arbeiter sehen +könne; jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, +aus denen sich das Auditorium des Professors zusammensetze, als +Vorwurf dienten. Wäre es wahr, daß die Zivilisation jede +Vervollkommnung, jeden Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, +dann wären auch die Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in +China, Japan, Persien, Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber +zwischen diesen beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie +analysire, einen mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt +dürfe aber nicht blos die Industrie betreffen, er müsse auch +die Sitten und den ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft +umfassen, zwei Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu +verschlechtern wisse. So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, +Künste, Industrie, Studien, welche auch die Barbaren begonnen und +sehr weit getrieben hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung +zu bringen. Habe die Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann +bleibe ihr nichts anderes übrig, als zu verschwinden und einer +anderen Gesellschaft Platz zu machen, welche, indem sie Sitten, +sozialen Mechanismus, Industrie und Wissenschaft immer mehr +vervollkommne und verfeinere, sie auf eine Höhe bringe, deren die +Zivilisation nicht zur Hälfte fähig sei. + +</P><P> + +„Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen +und Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das +in seinem Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die +Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere +Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen +Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein +Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der +selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze. + +</P><P> + +Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit ihren +enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei +Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen +sanft zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch +ließen sich beide Methoden vereinigen. + +</P><P> + +Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und +rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan +von 1808–1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die +ganze arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in +Staatsfarmen organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl +der ganz Mittellosen ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung +betrage und auf je vierhundert Familien vierzig arme Familien +kämen. Es bildeten also je zweihundert Personen die Bewohner +einer Staatsfarm, die ihre nöthigen Gebäude, Stallungen, +Vieh, Gärten, Werkzeuge u. s. w. erhielten. Diese Zahl sei +groß genug, um eine zweckmäßige und wenig +kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives +Unternehmen zu begründen. + +</P><P> + +Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution +der fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht +Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern +eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie +eine von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat +leistet, eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: +dem Staat eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten +die Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe +derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle +in die Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber +neben der Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden +verwendet werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen +allmälig sehr hoch werden und einen erheblichen Theil des +Unternehmergewinns absorbiren würden. Sicher ist von allen +utopistischen Vorschlägen Fourier's dieser Vorschlag der +utopischste. + +</P><P> + +Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer +vorzüglichere Produkte lieferten, auch industrielle, würden +sie durch die Güte ihrer Waaren, wie die Reellität der +Preise die private Konkurrenz immer mehr in's Gedränge bringen +und einen Unternehmer nach dem andern zur Geschäftsaufgabe +zwingen. Damit dehnten sich die Farmen immer mehr aus, die +Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien zufließen, ein +Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch Verkauf oder durch +Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden schließlich +selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß +führe dann zur Bildung der Phalanxen. + +</P><P> + +Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem von +Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle mit +der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die +Ackerbaugenossenschaft legt. + +</P><P> + +Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu +kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die +Gründung der Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die +Herrscher und die Klassen müßten noch geboren werden, die +im Besitz der Macht und aller Genüsse freiwillig aus rein +philanthropischen Gründen, um der Masse der Unbemittelten und +Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte Stellung opferten. Wer in der +Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm leuchtet nicht ein, daß +seine Stellung eine ungerechte sein könne. Ein Vorschlag, wie der +Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum Selbstmord gleich; diesen +begeht nicht einmal der Einzelne freiwillig, wie viel weniger eine +Klasse, die sich im Besitz der Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr +Recht befindet. — + +</P><P> + +Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und Spekulationen +über Einrichtungen und Zustände der Entwicklungsperioden, +welche der Zivilisation vorausgegangen sind, um an der Hand derselben +nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen über die +Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere und +Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie +unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der +ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus +durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen — +woher er diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er +—, aber heute auf durchschnittlich 63 pariser Zoll +zurückgekommen sei, werde in der Harmonie sich wieder zur +Höhe von 73½–84 pariser Zoll entwickeln. Alle dem +Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in +demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der +Barbarei sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der +Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation nehme +jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein Beispiel +möge dies beweisen. + +</P><P> + +„Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach, weil +es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es +fällt ihm nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der +Griechen oder Römer nach den Theorien über die Rechte und +Pflichten der Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt +sich, die Steuer zu verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im +Nichtzahlungsfalle den Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es +also, um zum Zweck zu gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist +eine einfache Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für +denselben Zweck verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten +und Soldaten zur Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser +Hülfe das philosophische Handwerkszeug von moralischen +Subtilitäten über das Glück, Abgaben zum Wohl des +Handels und der Verfassung zahlen zu dürfen, hinzu. Tugendhafte +Finanziers übernehmen, damit wir unsere unverjährbaren +Rechte genießen können, bereitwillig die Ueberwachung der +Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie fordert, erscheint +dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht, seine Unterthanen +zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um den unsterblichen +Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben bewilligten; in +Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu bezahlen +<i>wünscht</i>. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß +er seine Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern +vermehrten, aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten +der Verfassung studiren, die ihn lehre, daß die Würde +freier Männer darin bestehe, zu bezahlen oder — in's +Gefängniß zu wandern.“ + +</P><P> + +Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung +vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in +Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich +mit der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung +die Lacher auf seiner Seite. + +</P><P> + +In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan +Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir ihm +nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die +Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von +Planet zu Planet, nach dem System immer größerer +Vervollkommnung, vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er +ausführt, warum die Menschen über das zukünftige Leben +nichts Bestimmtes wissen. Er sagt: „Erstaunen wir nicht über die +Unkenntniß, welche über unsere Unsterblichkeit herrscht, +noch über die Unzulänglichkeit unseres Wissens über +das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des +gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf +Gott die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem +künftigen Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, +sämmtliche Arme der Zivilisation würden Selbstmord +üben, um dieses künftige Glück so rasch als +möglich zu genießen; aber die Reichen, die +zurückblieben, hätten weder die Fähigkeit, noch die +Neigung, die Armen in ihren undankbaren Beschäftigungen zu +ersetzen. Die Wirkung würde also sein, daß durch das +Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten tragen, die Industrie +der Zivilisirten zu Grunde ginge und der Globus im Zustand +beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die sichere +Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer Herrlichkeit +sein.“ Originell ist diese Begründung auf alle Fälle. + +</P><P> + +Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des +Interesses halber wollen wir hier ferner einige der Analogien +erwähnen, die Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und +Thieren und den verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen +Beziehungen nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien +erfüllen nach ihm das ganze Universum, wobei er sich auf die +Worte Schellings — eines der sonst von ihm so gehaßten +metaphysischen Philosophen — immer wieder bezieht: „Die +menschliche Seele ist das Modell des Weltalls, es widerspiegelt sich +die Idee des Ganzen in jedem Theil.“ Nach Fourier ist also die +große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des Unbemittelten und +unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen Spiegelbild; im +Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem gebildeten +Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die Carotte ist +das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden Agronomen. Der +Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack entspricht den +Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist das +Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die gewaltsame +Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht ihr +Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird. Dagegen +gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde +der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren +zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß +für die Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das +Sinnbild der Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der +Justiz, der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der +Koketterie, der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, +die Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald +das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner +Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird die +Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten der +Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie <TT>(iris +perpillon)</TT> repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder +Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer +Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen +Bürgers; die gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe +reicher Liebender; die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit +Schwarz durchschossenen Blume einer großen Trauerblume +ähnlich sieht, entspricht der fürstlichen Ehe, wie +überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz oder Politik. Die Blume zeigt an, +daß diese Ehen meist ohne Liebe, oft ohne daß man sich +zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und ihres eigentlichen Reizes +und der wahren Natur des Menschen, die nach Liebe dürstet, +entbehren. Schließlich bedauert Fourier lebhaft, daß er zu +wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese Analogien, die eine +der interessantesten Studien darböten, nach allen Richtungen +verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im +sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung +schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen +Annehmlichkeiten und Reize habe. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien +Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen +Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle +in seinen Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel +an Raum übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen +Umfang seiner Werke natürlich. Es ist andererseits keine leichte +Aufgabe, sich in der Menge des Materials und in dem oft krausen Stil +und abrupten Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium +seiner Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine +erstaunliche Fülle origineller Gedanken und Ideen, die zu einem +erheblichen Theil auch für die heutige Zeit, wie für die +zukünftige Entwicklung der Gesellschaft von großer +Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der menschlichen Triebe und die +daraus hervorgehenden Schlüsse sind eine Arbeit, wie sie unseres +Wissens nicht zum zweiten Male existirt. Die Art, wie er die +menschlichen Triebe für eine neue Gesellschaftsorganisation zu +verwenden beabsichtigte, ist so tief gedacht und erfaßt, +daß die Zukunft in der Richtung der von ihm erfaßten +Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht. Großartig +ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen von Fach +eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und das +zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste +Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm +begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so +merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und +keine Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser +Mann, der einsam durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der +Liebe jenen Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine +intimsten Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm +beobachtet. Das ist nicht überflüssig zu bemerken in +Anbetracht der Angriffe, welchen gerade die Abschnitte über die +Liebe in seinen Werken ausgesetzt waren. + +</P><P> + +Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen +verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie +nehmen aber einen ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein +und umfassen eine Menge interessanter Details, die wir übergehen +mußten, die aber neben der denkenden Beobachtung, die Fourier +den Kindern widmete, auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die +Zukunft der Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß. + +</P><P> + +Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will, +dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben vielem +Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich erscheint, +weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre älter wurden +und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und Erfahrungen +aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter fremd und +unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine erhebliche +Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und Ideen kennen +lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche in seinen +Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man es mit +Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem genialen +Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und Menschen und +Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der Menschheit und der +Welt widerspiegelte. Wer Goethe's „Wilhelm Meisters Lehr- und +Wanderjahre“ und „Wahrheit und Dichtung“ gelesen hat und erwägt, +daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und wenige Jahre von +einander getrennt starben, wird in den Phantasien Beider über +menschliches Glück manches Verwandte finden. Der Fourier'sche +Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in den +Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft +Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der +Lebenslage der Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der +Gesellschaft. + +</P><P> + +Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich +unberücksichtigt, und mußten und konnten dies auch, +Fourier's sehr polemisch abgefaßte Abhandlungen gegen die +Philosophen, die er so gründlich haßte und, wie es immer +geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die Feder führt, auch +schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte fest, daß +es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und Metaphysiker +waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu Leibe ging. Man +beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie daher kam, +daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand, +daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen +sie den Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das +Glück versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im +grellsten Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen +Zustand der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, +schönen und glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's +und der Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der +verschiedenen politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der +Sieyés und Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der +Robespierrianer u. s. w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer +gesehen, wie dem rothen der weiße Schrecken folgte, dann die +Bourgeoisie das Heft in die Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie +immer, allen ihren großen schönen Worten und erhabenen +Phrasen zum Trotz, nur daran dachte, das Volk zu unterdrücken und +es um die Früchte seiner Arbeit zu bringen; wie dann statt des +verheißenen Glücks das Massenelend sich einstellte, sich +sichtbar vermehrte; wir sagen, wer das Alles vom Standpunkt Fourier's +gesehen und erlebte und dabei glaubte, sich über die Natur der +Dinge und der Menschen nicht zu täuschen, dessen Herz durfte mit +Haß und Zorn erfüllt werden. Aber er besaß in hohem +Grade auch die Waffen des Witzes und des beißenden Spottes, +womit er seine Angriffe würzte, und dies erbitterte besonders +seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit, und die +überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte +Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von Fourier's +Charakter erbitterte dies noch mehr. + +</P><P> + +Sein System war nicht für das Verständniß der Massen +berechnet, wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die +Zustimmung und Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese +Kreise konnten, wenn überhaupt, nur gewonnen werden, wenn +namentlich die vornehmeren Journale sich seinen Ideen und seinen +Werken freundlich gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller +dieser Kreise mußten sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt +seiner Gedanken, durch seine Kritik am meisten getroffen und verletzt +fühlen. Es gehörte der kindliche Glaube eines Fourier dazu, +daß die Gegner seine Kritik nicht als eine persönliche, +sondern als rein sachliche auffassen sollten, das hieß in der +That ihrer Natur zu viel zumuthen und der Macht seiner Gründe zu +sehr vertrauen. Aber abgesehen von dieser Art seiner Polemik +würden die herrschenden Klassen schon aus den mehrfach +hervorgehobenen, im Wesen der Klassenherrschaft und des +Klassengegensatzes liegenden Gründen, sich zu keiner +freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie behandelten ihn, +und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als „Narren“. Wie kann man +auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden? Oder verlangen, von den +Disteln Trauben zu lesen? + +</P><P> + +Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn heraus, +schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen +Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm +boten. Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in +seiner Schrift „Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der +Wissenschaft“ aus, daß wenn selbst die Fourier'schen +Systemausführungen keinen Werth besäßen, eine Ansicht, +die Engels nicht hat, Fourier durch die Form seiner Kritiken zu den +größten Satirikern aller Zeiten gehöre. + +</P><P> + +Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen +Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe +und Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im +Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der +Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen +konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten es +sich katholische Organe seiner Zeit, wie „Gazette de France“ und +„L'Univers“ zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen, +welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle +schießen lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren +der Moral antaste, die heiligsten und intimsten Beziehungen der +Geschlechter in der Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch +alles dies und seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde +rein atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral +umzustürzen versuche. + +</P><P> + +So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich insbesondere +gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie wir sahen, +besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die Vertreter der +kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch neben +bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer +längeren Abhandlung: „Ueber den freien Willen“ lehrt, und +über die Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die +geeignet sind, die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn +auf's Höchste aufzubringen. + +</P><P> + +Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz +zusammengefaßt also: + +</P><P> + +„Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über +den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein +herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen bestimmen; +für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur Vernunft +gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln, wie die +Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner +Natur und den Willen Gottes.“ + +</P><P> + +„Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein +entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich +seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch +macht- und willenlos.“ + +</P><P> + +Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt, sie +sind Extreme, aber Extreme, die sich berühren und die in +Gemeinschaft mit einander handeln müssen, um sich gegenseitig zu +befriedigen. Gott will, daß der Mensch ihm hilft, +gewissermaßen sein Assozié sei. Um aber diese Hülfe +leisten zu können, muß der Mensch die Naturgesetze und die +Gesetze der Anziehung studiren. Sobald er diese begriffen hat, ist er +in der Lage, mit Gott gemeinsam zu operiren. Das Gefühl, das +Beide verbindet, soll Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die +Philosophen lehren, und nicht blinde, demüthige Unterwerfung, wie +die Theologen predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann +weder Gott noch der Mensch glücklich sein und können sie +ihren Zweck nicht erreichen. + +</P><P> + +Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie +weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat, +unmöglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben. + +</P><P> + +Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein System, +an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers hing, wie +er von Tag zu Tag während Jahrzehnten gehofft, verwirklicht zu +sehen, war gleich Null. Vielleicht dämmerte ihm auch die +Ueberzeugung, daß die Entwicklung der Zivilisation doch auf +wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich vorgestellt, und +alle diese Enttäuschungen verbitterten ihm seinen Lebensabend. Am +10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine Jünger, +nachdem er schon längere Zeit vorher gekränkelt, früh +Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der größten +Menschenfreunde hatte für immer die Augen geschlossen. + +</P><P> + +Die Fourier'sche Schule hat keine maßgebende Bedeutung und +keinen entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Frankreichs +erlangt. Wohl besaß sie eine nicht kleine Anzahl von +Anhängern, die sich meist aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich +aus den Kreisen der Studirenden, der Künstler, der Techniker und +selbst der Militärs rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen +mit Geist und Geschick schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, +die in den politisch-sozialen Kämpfen des modernen Frankreich +eine hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die +zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres +Hauptrekrutirungsfeldes für ihre Anhänger, aus den +ideologisch angelegten Köpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, +schufen auch eine verhältnißmäßig reiche +Literatur, aber die Zahl der Schriften stand in starkem +Mißverhältniß zu ihrem Einfluß auf die Massen. + +</P><P> + +Auch der Umstand, daß mehrere ihrer Hauptwortführer, so +Victor Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der +Schule, und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre +Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmälige +Erlöschen des Fourierismus nicht verhindern können. In +seinem Bestreben auf Aussöhnung der Klassengegensätze durch +freiwilliges Entgegenkommen der Besitzenden mußte der +Fourierismus immer mehr zu einer reinen Humanitätsduselei +verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstère zu Guise, als +Deckmantel mißbraucht, um unter sozialistischer Flagge +großbürgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise +müssen alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der +bürgerlichen Welt versucht werden und naturgemäß auf +die Aussöhnung sich gegenseitig ausschließender +Gegensätze gerichtet sind, zu Grunde gehen. Wo solche Experimente +sich längere Zeit halten, wie in einzelnen kommunistisch +organisirten kleinen Gemeinwesen in den Vereinigten Staaten, +vermögen sie dies nur durch fast vollkommene Isolirung von der +übrigen Welt und nur unter einer Wirthschaftsweise, die ihre +Anhänger zu spartanischer Einfachheit zwingt und ihnen +patriarchalische Verhältnisse aufnöthigt. + +</P><P> + +Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt. +Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen +Anlagen und Fähigkeiten und vollen Genuß an allen +Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der +Kulturmittel auf höchster technischer und wissenschaftlicher +Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines, +isolirtes, in seinen Kräften und Mitteln beschränktes +Gemeinwesen, mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu +schaffen. Es wird gestört durch jeden fremden Einfluß, der +von außen auf es einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr +vorhanden sein, je lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne +zum Ganzen für nothwendig erachtet. Entweder heißt es also +mit dem Ganzen gehen und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben +und verknöchern, ein Drittes giebt es nicht. + +</P><P> + +In der bürgerlichen Welt sind nur bürgerlich handelnde +Menschen denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines +Zähnchen an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von +Rädern mit ihren Tausenden von Zähnen und Zähnchen in +gesetzmäßiger Ordnung ineinandergreifen. Die Wirkung des +Einzelnen liegt in der Wirkung auf das Ganze und umgekehrt in der +Wirkung des Ganzen auf den Einzelnen. Beides ergänzt, beides +bedingt sich. + +</P><P> + +Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt +gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle +gebannt sind, willkürlich durchbrechen zu können, wer +wähnt, sein besonderes soziales Himmelreich begründen zu +können, der wird, durch die harten Thatsachen rasch eines andern +belehrt, seine Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen. Daher ist alle +sozialistische Experimentirerei mitten in der bürgerlichen Welt, +gehe sie nun von einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als +bürgerlicher Unternehmer sozialistisch produziren und +distributiren zu können, oder von einer kleinen Gesammtheit, die +dasselbe für sich und unter sich versucht: Utopisterei, +Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch ist ein Zeichen geistiger +Unreife, der nur die Wirkung haben kann, Enttäuschungen +hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Köpfen zu diskreditiren und +den Gegnern die gewünschte Waffe gegen die von ihnen +gefürchteten Bestrebungen zu liefern. + +</P><P> + +Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die +Utopisten ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse +finden sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der +einfachste Arbeiter fühlt, daß sich <i>künstlich</i> +nichts schaffen läßt, daß das, was werden soll, sich +<i>entwickeln</i> muß und zwar mit dem Ganzen durch das Ganze, +nicht getrennt und isolirt von ihm. + +</P><P> + +Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen, alles +Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende zu +erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde überall +eintreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik +anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel +erzeugten. Aus der Erkenntniß der Ursachen ergeben sich die +Heilmittel von selbst. + +</P><P> + +In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu +falschen Schlüssen führte, waren die falschen +Voraussetzungen, die er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er +vortrefflich und schilderte sie großartig, aber in der +Untersuchung der <i>Ursachen</i>, die diese Uebel erzeugten, ging er +von Auffassungen über das Wesen der Gesellschaft aus, die ihn +nothwendig zu falschen Ergebnissen führen mußten. Wer wie +er die Ansicht vertrat — und sie theilte sein Zeitalter —, +daß der Entwicklungsgang, den die Menschheit genommen, nicht die +gesetzmäßige Wirkung der Existenz- und +Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden +gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zufälligen +und willkürlichen Umständen abhängig, von dem Dichten +und Denken dieses oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung +mächtiger Personen, wer also nicht Gesetzmäßigkeit, +sondern Zufall und Willkür annahm, mußte auch glauben, +daß Zufall und Willkür die Zustände ändern +könne. Für Fourier war der Wille des Menschen nicht durch +die Umstände bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse +beherrschten, für ihn war der Wille des Menschen eine +selbständige Macht, die von den sozialen Verhältnissen nicht +beherrscht wurde, sondern diese willkürlich erzeugte. Er erkannte +nicht den Klassencharakter der Gesellschaft, für ihn war jede +Meinung nur eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte +allgemeine Vernunftgründe zu Gunsten einer Idee, die das +allgemeine Glück bezweckte, gewinnen ließ. Darum wandte er +sich auch hauptsächlich an Diejenigen, die ihrer sozialen +Stellung nach zu allerletzt ein Interesse, richtiger gar kein +Interesse hatten, den bestehenden Zustand zu ändern. Fourier +steckte also, ohne es zu wissen, selbst tief noch in den Ideen der +bürgerlichen Philosophen, die er sonst so sehr bekämpfte und +die auch alle von der Ansicht ausgingen, es bedürfe nur der +Erkenntniß einer „Idee“ des Guten, Gerechten, Vernünftigen, +um diese „Idee“ zur Geltung und Herrschaft zu bringen. Fourier +verspottete die Philosophen, daß sie beständig Ideen +verherrlichten und als Grundsätze in die Gesetze eingeführt +hätten, die mit der Thatsächlichkeit der Dinge im +Widerspruch blieben. Schließlich predigte er aber selbst Ideen, +die an der Hartnäckigkeit der Thatsachen scheiterten. + +</P><P> + +Fourier's großes Verdienst besteht darin, daß, wenn er +auch nicht erkannte, <i>warum</i> und <i>wodurch</i> die +bürgerliche Gesellschaft so war, wie sie war, er sich über +ihren Charakter nicht täuschen ließ, daß er ihre +Hohlheit und ihre Widersprüche erkannte und ihr schonungslos die +Maske vom Angesicht riß. Niemand vor ihm hat wie er die +bürgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und zweideutigen +Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt, allen ihren +Kundgebungen und Handlungen ausprägt, erkannt und Niemand nach +ihm hat sie schärfer kritisirt. Hierin hat er +Unübertroffenes geleistet. + +</P><P> + +Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine +Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und +großherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn +als einen Meister der Beobachtung erscheinen läßt. Seine +Auffassung der menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch +mit jener der Theologen und Moralphilosophen stand und steht, +daß alle Triebe natürlich und darum nützlich und +vernünftig, zum menschlichen Glücke nothwendig seien, und es +nur der soziale Zustand der Gesellschaft sei, der sie unterdrücke +oder fälsche, und daher diese Triebe sowohl für das +Individuum, wie für die Gesellschaft schädlich erscheinen +ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge Ketzerei, +als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar +geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner +Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche +Revolutionär. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und +mit Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen +müssen, das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur +Fälschung, Verkümmerung und Unterdrückung der +menschlichen Triebe führt und dadurch das wahre Wesen der +menschlichen Natur aufhebt. Man kann sich daher wohl vorstellen, welch +grimmigen Widerspruch diese Ideen bei den Lobrednern einer +Gesellschaft finden mußten, die eben erst nach den schwersten +und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution sich +konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war, die +beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung gekommen, +kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend, tritt ihr in +Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit, +Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und +enthüllt alle ihre Blößen. Diese Gesellschaft, die +eben erst die alte feudale Gesellschaft gestürzt, nachdem sie +dieselbe vorher durch die Waffen der Kritik schon moralisch vernichtet +hatte, erfährt, kaum zur Macht gekommen, an ihrem eignen Leib +dasselbe. Eben erst der Babeuf'schen Verschwörung durch Anwendung +brutaler Gewalt Herr geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein +neuer Gegner, der sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen +Waffen bekämpft. Doch es war nur ein Einzelner, der zunächst +keinen Anhang hinter sich hatte, der auch weit entfernt war, mit +denselben Mitteln, mit denen das Bürgerthum die Gewalt an sich +gerissen hatte, die Befreiung der Unterdrückten zu erstreben. So +waren die Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit +dem neuen Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle +würden in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden +Kampfe, wo er, der mittel- und namenlose Kommis, einer Welt +mächtiger Gegner gegenüberstand, den Muth haben sinken +lassen. Fourier that das nicht. Männer, die +unumstößlich an die Richtigkeit und Gerechtigkeit des von +ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker, die sich durch nichts +erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier. Die bittersten +Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten Angriffe, Spott und +Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn nicht irre. +Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er sein System +auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach unsäglichen +Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis ergebener +Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl abging, durch +Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten. + +</P><P> + +Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach +keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große +Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Maße +an Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der +Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den +Fortschritt der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. +Fourier'sche Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung +der gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als +ihr Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine +Kritik der bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt +wird, die nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt +sich die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren +er verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er +nie erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung +erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen +anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses +Zeugniß muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und +wenn es heute noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige +vieler seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das +in seinen Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur +ihre Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem +Urtheil. Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem +wärmsten Herzen für die Menschheit; sein Name wird erst zu +Ehren kommen, wenn das Andenken an Andere, die heute noch der +große Haufe auf den Schild hebt, längst verblaßt ist. + +</P><P> + +Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl +versprengter, meist den besitzenden Klassen angehöriger +Anhänger in Frankreich, die mit Hartnäckigkeit dem Traum +ihrer Jugend nachhängen. Das ist Alles, was von ihr übrig +blieb. Der Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen +sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen +wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begründern +auch den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, +vertreten werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie +Fourier wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefaßt. Die +alten Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflösung +begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der sozialen +Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten Bette +fließen und die Bewegung immer mehr zur Erfüllung ihrer +Mission befähigen. + +</P><P> + +Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der +Dichter Berangér, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn +im Leben verfolgte, der „Narr“, besingt, nur daß er das Gedicht +allen „Narren“ widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der +Menschheit neue Bahnen zu eröffnen. + +</P><P> + +Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der +Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen, +lautet: + +</P> + + +<h4>Les fous</h4> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p> Vieux soldats de plomb que nous sommes, </p> + <p> Au cordeau nous alignant tous, </p> + <p> Si des rangs sortent quelques hommes, </p> + <p> Nous crions tous: A bas les fous! </p> + <p> On les persécute, on les tue, </p> + <p> Sauf, après un lent examen, </p> + <p> A leur dresser une statue </p> + <p> Pour la gloire du genre humain. </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Fourier nous dit: Sors de la fange, </p> + <p> Peuble en proie aux déceptions, </p> + <p> Travaille, groupé par phalange, </p> + <p> Dans un cercle d'attractions; </p> + <p> La terre, après tant de désastres, </p> + <p> Forme avec le ciel un hymen, </p> + <p> Et la loi, qui régit les astres, </p> + <p> Donne la paix au genre humain. </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Qui découvrit un nouveau monde? </p> + <p> Un fou qu'on raillait en tout lieu; </p> + <p> Sur la croix que son sang inonde, </p> + <p> Un fou qui meurt nous lèque un Dieu. </p> + <p> Si demain, oubliant d'éclore, </p> + <p> Le jour manquait, eh bien! Demain </p> + <p> Quelque fou trouverait encore </p> + <p> Un flambeau pour le genre humain. </p> + </div> +</div> + +<h4>Die Narren</h4> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p> Wir lassen richten, drillen uns und kneten, </p> + <p> Soldaten nur, die des Kommandos harren; </p> + <p> Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten, </p> + <p> Es schreit die Menge: „Nieder mit dem Narren!“ </p> + <p> Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet, </p> + <p> Bis man zuletzt, als würde etwas Rechtes </p> + <p> Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet, </p> + <p> Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes. </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Dem Volk ruft Fourier zu: „Im Schlamme heute, </p> + <p> Entwinde dich dem Truge deiner Feinde </p> + <p> Und schaare dich, daß Keiner aus dich beute, </p> + <p> Zur brüderlichen, schaffenden Gemeinde. </p> + <p> Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet, </p> + <p> Willkür und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte, </p> + <p> Und das Gesetz, das über Sternen waltet, </p> + <p> Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.“ </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden? </p> + <p> Ein „Narr“, verfallen afterweisem Spotte. </p> + <p> Am Kreuz erliegend seinen Nägelwunden, </p> + <p> Wird uns ein „Narr“, der elend stirbt, zum Gotte. </p> + <p> Versänk' die Sonne in des Dunkels Schlünden, </p> + <p> Daß uns das morgen keinen Morgen brächte, </p> + <p> So würde morgen eine Fackel zünden </p> + <p> Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte. </p> + <p> </div> +</div> + +<BR /><HR><BR /> +<P> + +Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung, welche +die Fourier'schen Ideen über die Grenzen Frankreichs und speziell +auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung, die Frankreich +seit der großen Revolution für alle vorwärtsstrebenden +Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte, mußten auch die +Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die namentlich nach der +Restauration mit der Entwicklung der ökonomischen +Verhältnisse immer mehr in den Vordergrund trat, lebhafte +Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Ländern +Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem +auszubreiten. Damit kamen selbst für den oberflächlichen +Beobachter eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die +Selbstzufriedenen beunruhigten, die Vertreter und Anhänger der +kleinbürgerlichen Wirthschaftsform aber in größte +Aufregung versetzten. Man sah vielfach schwärzer in die Zukunft, +als es durch den Gang der Dinge sich rechtfertigte. Der +pessimistischen Schwarzseherei der Einen stand die optimistische +Schönfärberei der Anderen gegenüber. Zwischen diesen +beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen aber ideal +angelegten Geistern, welche weder dem „Kreuzige“ der einen Seite, noch +dem „Hosianna“ der anderen Seite zustimmen konnten; sie sahen, +daß das alte ökonomische System verrottet, unhaltbar und +unmöglich geworden war, aber sie konnten auch vor den Uebeln, die +das neue in seinem Gefolge führte, nicht die Augen +verschließen. Diese bemächtigten sich jetzt mit Gier der +neuen sozialen Ideen, die in dem ökonomisch und politisch +vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort die +ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in England, +in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich auftauchenden +utopistischen Ideen für Gründung einer auf friedlicher +Verständigung aller Klassen der Gesellschaft basirten neuen +Gesellschaftsordnung begeisterte Anhänger und die +bezüglichen Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Für die +praktische Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in +Frankreich in diesen Ländern aus schon angeführten +Gründen die Massen zu gewinnen. + +</P><P> + +Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgänge in +Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur zahlreiche +Anregungen zu ähnlichem Vorgehen schöpften, ward so +ebenfalls im Beginn seiner großbürgerlichen Entwicklung mit +einer sozialistischen Literatur bedacht. Während Karl Marx und +Friedrich Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr +praktisch, ihre ökonomischen Studien begannen und die ersten +Bausteine zu dem Lehrgebäude des auf rein materialistischer +Grundlage beruhenden wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die +Geister beherrscht, herbeischafften, begnügten sich Andere, die +Lehren und Ideen der französischen Utopisten und Sozialisten, mit +deutsch-philosophischem Geist durchtränkt, in die deutsche +Sprache zu übertragen. Das geschah insbesondere dem +Begründer der sozietären Schule, Fourier, und dem +kleinbürgerlichen Sozialisten Proudhon. Neben verschiedenen +kleineren Schriften, die in Zürich in den vierziger und +fünfziger Jahren hauptsächlich auf Veranlassung Karl +Bürkli's, eines alten Schülers von Fourier, herauskamen, +liegen mehrere größere Bearbeitungen des Fourier'schen +Systems in deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz +Stromeyer vor.<a href="#Footnote_25" +name="FNanchor_25" id="FNanchor_25"><sup>25</sup></a> Ferner erschien 1845 in Kolmar +eine im Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: „Die Welt, +wie sie ist und wie sie sein soll“, aus dem Französischen von +Math. Briancourt. Karl Scholl ließ 1855 in Zürich eine +Schrift erscheinen, betitelt: „Viktor Considerant über die +Erlösung der Menschheit in ihrem wahren Sinn.“ Auch erschienen in +demselben Jahre in Zürich eine Anzahl Schriften, in welchen +für die Auswanderung nach Texas zur Gründung von +Phalanstèren im Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. +Diese Versuche sind kläglich mißlungen. + +</P><P> + +Interessant für die Geschichtsauffassung, welche die Schüler +nach den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die +seitens eines Deutschen in dem Buche: „Abbruch und Neubau“ oder +„Jetztzeit und Zukunft“ von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser +erläutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, +die wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anführten und bei +dem Interesse, das diese Erläuterung nach unserer Auffassung +verdient, geben wir sie ausführlich wieder. Es heißt da: + +</P><P> + +„Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation; die +Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist aus dem +Gynäceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat ihre +bürgerlichen Rechte erlangt <i>Mit der Verleihung der +bürgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem +Zustand der Barbarei in die Zivilisation übergegangen.</i> + +</P><P> + +„Diese Veränderung im Zustande einer Hälfte des +Menschengeschlechts giebt den Sitten eine ganz neue Färbung, +indem sie dieselben verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der +Künste und Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik +begünstigt. + +</P><P> + +„In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der +Gesellschaft eine unumschränkte; in der ersten Phase der +Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbündung +(Föderation) der großen Vasallen der königlichen +Gewalt Schranken setzt. + +</P><P> + +„Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe, +Künste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mächtig: +Die <i>Gemeinden</i> erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, +freie Städte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines +willkürlichen Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem +Staatsoberhaupt beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, +weil sie sich bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte +Macht sie faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der +Zeit, so ist es gerade, als wären sie nicht da, und der +Feudalismus bleibt zum deutlichen Beweise, <i>daß Verfassungen +bloße Chroniken vollendeter Thatsachen sind,</i> daß sie +die Geschichte der Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich +so ausdrücken darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen. + +</P><P> + +„Mit der steigenden Aufklärung der früheren Leibeigenen, mit +ihrem steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und +Gewerbefleiße wächst auch ihre Macht in demselben +Maße, in welchem das Feudal-Element geschwächt wird. + +</P><P> + +„Die alten Leibeigenen sind Bürger und Volk geworden. Bürger +und Volk verbünden sich miteinander gegen den Feudalismus, und +der Sieg ist ihnen gewiß. + +</P><P> + +„In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von steten +Stürmen und Umwälzungen bedroht. Die Zähigkeit des +Feudal-Elements kann das volksthümliche Element zu Gewaltthaten +treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik liegt +mit den alten religiösen Anschauungen im Kampfe; die Philosophie +stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenüber dem alten auf. + +</P><P> + +„Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe und +des Ackerbaues spielt das <i>Repräsentativ-System</i> der Gewalt +gegenüber dieselbe Rolle, die früher die großen +Vasallen gespielt hatten. + +</P><P> + +„Der Bürger braucht nun den Schutz des Ritters nicht länger: +schon hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getödtet. +Der Bürger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz +verkündet, und so folgen die <i>Freiheits-Illusionen</i> auf die +Illusionen des Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie +in der Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die +Bedingungen, unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch +nicht erfüllt sind. + +</P><P> + +„Unterdessen hat die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht, sie +hat die Schifffahrt, überhaupt erleichterte Verbindungswege, +Eisenbahnen, Kanäle u. s. w., sowie die Experimental-Chemie in's +Leben gerufen, und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu +Hülfe kommt, zu einer höheren Periode aufsteigen, die wir, +mit Fourier, <i>Garantismus</i> nennen wollen, da sie die +Verwirklichung eines Systems von Garantien wäre, wovon die +jetzige Gesellschaft einige bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.“ + +</P><P> + +Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche +Einheit, die Quarantänen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen +etc. + +</P><P> + +„Mit der Experimental-Chemie tritt die große Industrie in's +Leben; die kleine Industrie geht in der großen auf. Neue +Verfahrungsarten verdrängen die alten, eine ganz neue +industrielle Welt ist im Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden +von Arbeitern schießen wie Pilze aus dem Boden hervor und +versetzen den in altherkömmlicher Weise betriebenen Gewerben den +Todesstoß. + +</P><P> + +„Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung der +Produktion genügen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf, +diese Verfahrungsarten überall hin zu verbreiten und so die +Möglichkeit der Erreichung einer höheren gesellschaftlichen +Stufe anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der +Eisenbahnen, des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der +Verbindungsmittel überhaupt. + +</P><P> + +„Indessen hat die Zivilisation — als Entwicklungsphase der +Menschheit betrachtet — in Folge eines inneren, in ihrem Wesen +begründeten Zwiespalts die große Industrie nicht in's Leben +zu rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu +erzeugen, die unter dem Titel <i>Entwaldungen und Fiskalanleihen</i> +aufgeführt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden +Phasen sind. In der That fällt auch der Boden im Ganzen genommen +immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je größer der +Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird. +Die Entwaldung der Anhöhen, welche die Ausmergelung der Berge und +die Entblößung der Abhänge mit sich führt, ist +der höchste Ausdruck des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur +unausbleiblichen Folge haben, daß in der Vertheilung der Wasser +nach und nach eine gänzliche Veränderung eintritt. Werden +die Entwaldungen bis zum Uebermaß ausgedehnt, so wird am Ende +selbst das Klima ernstlich Noth leiden: die schroffsten +Uebergänge werden nichts Ungewöhnliches sein; heute eine +afrikanische Hitze, morgen eine sibirische Kälte. Die +Wissenschaft hat in der Person ihrer würdigsten Vertreter +angefangen, auf die üblen klimatischen Folgen der planlosen +Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise, <i>daß die +Atmosphäre für den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das er +durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann.</i> + +</P><P> + +„Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem +Höhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der +Völker hat gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element +hat seine letzten Kräfte zusammengerafft, um das neue +volksthümliche Element zu erdrücken. Daher der lästige +Kriegsfuß, daher der fast ebenso lästige Friedensfuß. +Die edelsten Kräfte der Nation werden in soldatischen Spielen +vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver Ausgaben +vergrößern das Uebel fortwährend, bis endlich das +thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstürzt.“ + +</P><P> + +Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des +Höhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres +Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer höheren Stufe +enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen +Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die +Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem sie +die Ausbildung des <i>industriellen Feudalismus</i> mächtig +förderten. Ebenso könnten die neugeschaffenen +Verbindungswege in den Händen von Aktiengesellschaften die Rolle +einer Saugpumpe spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt +der dritten Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen könne. +Endlich gab die Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten +von Produkten zu fälschen, und der lügnerische Handel gewann +so eine Ausdehnung, welche die ernstlichsten Besorgnisse +einflößen mußte. + +</P><P> + +Zwar könne die nun beginnende absteigende Periode ein +natürlicher Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei +eine Reihe von Klippen und Schändlichkeiten. Unterliege die +Zivilisation auf ihrem Wege den ihr gegenübertretenden +Einflüssen, so falle sie in eine niedere Periode zurück, um +den alten Kampf von Neuem zu beginnen. Glücklicherweise sei das +Leben der Menschheit ein vielfaches; falle eine Zivilisation, so sei +bei den vielen Nationen und mancherlei Gesellschaften immer die +Hoffnung da, daß eine derselben das Erbe der fallenden +Gesellschaft übernehme. + +</P><P> + +Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem +ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendämmerung und +Abenddämmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, +der Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, +ohne identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der +Bewegung abgeleiteten Grundsatze ließe sich erwarten, daß +die Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem +Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die vor +unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer +mathematischen Wahrheit. + +</P><P> + +„Der steigende Reichthum des Bürgerthums hat den +Adels-Feudalismus getödtet: Pergamente und Wappen haben +aufgehört, die Herrschaft zu verleihen, und das Geld ist an ihre +Stelle getreten. Wege zum Reichthum sind Industrie, Handel und +Beamtenstellen. Der herrschende Geist wird demnach der +<i>kaufmännische</i> und <i>fiskalische</i> sein. Er ist in der +Tabelle als einfacher Keim der dritten Phase bezeichnet, weil er einen +neuen Feudalismus, nämlich den industriellen, den wir auch +Handels- oder Geldfeudalismus nennen können, im Keim +enthält. Von nun an muß sich Alles dem neuen Prinzipe +unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der Zivilisation +werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten Phase, sondern die +untersten Schichten der Gesellschaft bildenden Proletarier sein. Der +Hunger und das Elend werden sie faktisch denjenigen +überantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die Werkzeuge +der Arbeit in Händen haben.“ + +</P><P> + +„Die große Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und +Spekulationen macht die kleine, mit mäßigen Geldmitteln +betriebene, unmöglich. Der große Handel unterdrückt +den kleinen, und diese Bewegung gestaltet sich immer +großartiger, je mehr das Kapital durch glückliche +Spekulationen oder durch Gründung von Aktiengesellschaften sich +konzentrirt. In demselben Maße, wie das Kapital sich +konzentrirt, wächst auch der Pauperismus und das Proletariat, und +da die großen Kapitalien sich am liebsten in den großen +Städten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in +größerem Maßstabe betrieben. Allmälig sammeln +sich da Heere von Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und +somit viel schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten +Periode. <i>Diese Arbeiter-Heere sind für die Zivilisation das +Schwert des Damokles.</i> Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr +von inneren Kämpfen und Bürgerkriegen bedroht als die +zweite. Nur sind die nun ausbrechenden Revolutionen nicht länger +<i>politischer</i>, sondern <i>sozialer</i> Natur; die Insurrektion +nimmt einen industriellen Charakter an.“ + +</P><P> + +„Der Handelsgeist und der mächtige Hebel der +Kapitalien-Konzentration, welche den großen Kapitalisten das +Monopol der Industrie nach und nach in die Hände spielt, sind die +Elemente des See-Monopols oder Großhandels-Monopols, wodurch der +Geist und die Bestrebungen der ganzen Phase angedeutet werden. Die +Politik tritt in die Dienste des Monopols und erhält so eine ganz +eigentümliche Färbung, bis sie endlich nur noch das +kaufmännische Element vertritt. Diplomatie, Kriege, Kammern, +Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich verschiedenen +Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus gebrochenen Zeitgeist +zurück. <i>Alles ist käuflich;</i> der Durst nach Gold hat +die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich in seiner +ganzen Scheußlichkeit. + +</P><P> + +„Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das <TT>laisser faire laisser +passer</TT>, erzeugt zugleich den <i>anarchischen Handel,</i> der +unter dem Titel „Gegengewicht“ in der Tabelle aufgeführt ist. Da +die großen Handelsoperationen von dem großen Kapital +monopolisirt sind, so bleibt dem kleinen Kapital nur noch der +Kleinhandel. In Folge des herrschenden merkantilischen Geistes wirft +er sich auch auf denselben mit einer wahren Wuth — ein +Verhältniß, das sich in der großen Menge +schmarotzerischer Zwischenhändler und Mäkler am Besten zu +erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser +Zwischenhändler entbrennt, um so großartiger gestalten sich +die Betrügereien und Fälschungen jeder Art, wodurch die +Gesellschaft systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein +aber verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet +noch einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also +ein natürliches Gegengewicht des großen Kapitals. Von dem +Tage an, wo das große Kapital an den Hauptplätzen +große Niederlagen für den Detailverkauf gründet, wie +dies schon jetzt mancher Orten geschieht, von diesem Tage an muß +der kleine und mittlere Handel das Gewehr strecken. Von dem Tage an +wird aber auch die Anarchie im Handel und Wandel aufhören, und +die Regelung des Handels wird immer leichter werden, je deutlicher die +Charaktere des industriellen Feudalismus hervortreten. + +</P><P> + +„Wie ließe sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als +mit dem Ausdruck <i>„ökonomische Illusionen“</i>? Die politische +Oekonomie, ein Erzeugniß des merkantilen Geistes, verhält +sich zu der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, +wie die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur +zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des +Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf dem +Wege, den Liberalismus durch die <i>Politik der materiellen +Interessen</i> zu tödten, eine Politik, die den reinen, +uneigennützigen Liberalismus bereits in einem ziemlich +lächerlichen Lichte erscheinen läßt.“ + +</P><P> + +„Der industrielle Feudalismus wäre eine vollendete Thatsache, +sobald das große Kapital nicht allein die Fabrikation und den +Handel, sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben +würde. + +</P><P> + +„Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen +Betrügereien, Bankerotten und Fälschungen nicht allein zur +Folge haben, daß die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes +immer kritischer wird, sondern es wird sie auch die öffentliche +Stimmung nachgerade so energisch verdammen, daß das große +Kapital darin eine Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel +zu absorbiren. Und so wird sich dann dieser gewaltsam +rückwirkende Geist politisch dadurch bethätigen, daß +er <i>Meisterschaften in bestimmter Anzahl</i> und privilegirte +Körperschaften in's Leben ruft. + +</P><P> + +„Die <i>Leihhäuser</i> oder <i>Leihkassen</i> für Landwirthe +haben zum Zweck, dem bedrängten Ackerbau zu Hülfe zu kommen. +Während die Kapitalien der Spekulation und den Banken +zuströmen, leidet der Ackerbau an solchen Noth, so daß er +dem Wucher in die Hände fällt. Schlechte Ernten, eine +schlechte Bewirthschaftung des zerstückelten Grundbesitzes und +ähnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis endlich ein +großer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen +anheimfällt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich +wieder zusammenfügen; der kleine Besitz wird vom großen +verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das +kleine Kapital von dem großen. + +</P><P> + +„Während alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft +in einer wahrhaft fürchterlichen Lage. Nichts als Krisen und +Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein +unermeßliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die +frühere <i>individuelle</i> Leibeigenschaft ist eine +<i>kollektive</i> geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu +Zeit aus ihren Bagnos stürmen und ein Spartakus wird sie +führen. + +</P><P> + +„Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt +eine eigene Gewalt bilden und so für die vierte Phase das sein, +was der Feudaladel für die erste war. Und gleichwie die nationale +Einheit erst dann begründet werden konnte, als das monarchische +Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zügeln +und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher zum +Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das industrielle +Element zu lenken wissen wird. + +</P><P> + +„Uebrigens keine Burgen, die zerstört, keine hochmütigen +Vasallen, die geköpft oder gemeuchelt werden müßten. +Die Aufgabe der Regierung wird darin bestehen, daß sie die Rolle +einer Vermittlerin zwischen den einander feindselig +gegenüberstehenden Interessen übernimmt, daß sie den +Waarenaustausch regulirt, die Einheit der Maße, Gewichte u. s. w. +herstellt, mit einem Wort, daß sie in sämmtlichen +industriellen und kommerziellen Verhältnissen die nöthig +gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die Zivilisation, wie +sie in der Tabelle geschildert worden, schon überholt. + +</P><P> + +„Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die +<i>Assoziations-Illusionen</i>. Wir sagen Illusionen, weil die +Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft zu +vermehren, blos das häßliche Zerrbild der <i>wahren</i> +Assoziation ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt. + +</P><P> + +„Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, daß die +aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation +sich zueinander verhalten, wie die beiden Hälften des +Menschenlebens, d. h. daß sie in Beziehung auf den Höhepunkt +oder die Mittelstufe miteinander symmetrisch sind; + +</P><P> + +daß die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt; + +</P><P> + +daß die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine +Verminderung der <i>persönlichen</i> oder <i>direkten</i> +Dienstbarkeit zur Folge hat, während in der Phase der +absteigenden Bewegung die <i>kollektive</i> oder <i>indirekte</i> +Dienstbarkeit sich befestigt; + +</P><P> + +daß die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur +sind, während die der beiden letzten einen <i>sozialen</i> oder +industriellen Charakter annehmen; + +</P><P> + +daß das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten +Gleichgewichte ein unstätes soziales Gleichgewicht +begründet; + +</P><P> + +daß die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas +Ritterliches, Edles haben, während denen der absteigenden +Bewegung nichts als der gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; +endlich + +</P><P> + +daß, während der Fortschritt in den beiden ersten Phasen +sich nach den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, +nach der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen +läßt, der Maßstab für den Fortschritt in der +absteigenden Bewegung, die Auffindung derjenigen Institutionen ist, +welche die Zivilisation ihrem natürlichen Tode zuführen und +so der Gesellschaft die Ersteigung einer höheren Bildungsstufe +möglich machen.“ + +</P><P> + +Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem Untergang +der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser deutscher +Autor darlegt. Bei ihm tritt in schärferem Maße als bei +Fourier das Gesetzmäßige in der Entwicklung, +unbeeinflußt von dem Wirken der einzelnen Person, in den +Vordergrund. Wir haben es, scheint's, mit einem Schüler der +Hegel'schen Schule zu thun, der die Lehre von den Gegensätzen in +der Gesellschaft dialektisch auffaßt und behandelt. Fragt man +nun nach der praktischen Wirkung dieser Anhänger Fourier's in +Deutschland und ihrer Bedeutung für die Bewegung, so weiß +Niemand davon zu melden. Die sozialistischen und kommunistischen +Ideen, die meist sehr verschwommen im „tollen Jahr“ in den +verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der vorgeschritteneren +Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen nirgends +Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und Engels nichts +die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren beeinflußten, waren es +wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang fanden. Die Mehrzahl der +Arbeiter, die sich an der Bewegung betheiligten, war von den +unklarsten sozialen und politischen Ideen beherrscht. Woher sollte die +Einsicht in die Arbeiterklasse kommen, wenn die höher stehende +Klasse, das Bürgerthum, in allen ihren öffentlichen +Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit an den Tag +legte. Bot doch auch die damals viel weiter vorgeschrittene +französische Arbeiterklasse ein keineswegs erfreuliches +kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in Schulen und Sekten, +die sich gegenseitig bekämpften. Es war daher auch kein Wunder, +daß diese in Deutschland eben erst aufkeimende soziale Bewegung +durch die Reaktion der fünfziger Jahre bis auf die Erinnerung +ausgetilgt wurde. + +</P><P> + +Die dann im Laufe der fünfziger Jahre in Deutschland sich +vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmälig auch eine +Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgängerin aus den vierziger +Jahren für ihren Befreiungskampf ausgerüstet war. Und nun +zeigten sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen +Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der +Arbeiterklasse anderer Länder voraus war. Sie erfaßte mit +scharfem Verständniß die Theorien und Grundanschauungen +ihrer großen Lehrer; der eigentliche Schulstreit, der die +französischen Arbeiter Jahrzehnte lang zerklüftete, blieb +ihr erspart, und so wuchs die Bewegung, begünstigt durch die +politische und soziale Umgestaltung Deutschlands, so, daß sie +heute als die vorgeschrittenste in allen Kulturstaaten betrachtet +werden darf. Keinem Personenkultus huldigend, nimmt sie dankbar die +guten Lehren an, welche die großen Vorkämpfer und +Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend einem Lande der Welt +hinterließen. + +</P><P> + +Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung +eine eminent kosmopolitische. Zunächst innerhalb des nationalen +Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die zahllosen +Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung, Literatur, +Güteraustausch etc. in früher ungeahntem Maßstab dazu +bei, den Ideenaustausch zu fördern, den Nationalitäten- und +Racenhaß zu ertödten, die Interessensolidarität immer +inniger zu verknüpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die +Fourier befürwortete, rückt ihrer Verwirklichung, wenn auch +anders als er gedacht, immer näher, und die Zeit wird auch nicht +mehr fern sein, wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der +ganzen Kulturwelt eine neue soziale Organisation entsteht, die weder +nach Landes- noch nach Sprachgrenzen fragt und den Bürger zum +Menschen macht. + +</P><BR /><HR class="full"><BR /> + + +<h2>Skizze eines Phalanx-Gebäudes <TT>(Phlanstère)</TT></h2> + + +<div class="figcenter" style="text-align: center;"> +<img width = "418" height = "221" src="images/phalanstere.jpg" alt="Skizze eines Phalanx-Gebaeudes"> +</div> + +<P> + +Wie das Kreuz der Typus der mittelalterlichen Dome und Kirchen ist, so +ist die Serie der Typus des Wohn- und Arbeitsgebäudes einer +Phalanx, d. h. ein Zentrum mit zwei mittleren oder Haupt-Flügeln +und zwei äußersten oder Neben-Flügeln. Die jeweilige +Architektur ist immer nur das äußere Abbild der sozialen +Verhältnisse, und ein Kenner wird immer an der Architektur auf +die Gesellschaftsform einer Zeitepoche schließen können. +— <i>Die Gemein</i>wirthschaft, in welcher Form immer, bedingt +natürlich auch ganz andere Gebäulichkeiten, als die +<i>Privat</i>wirthschaft. — Das Zentrum soll diejenigen +Räumlichkeiten enthalten, wo die ca. 2000 Personen mehrmals des +Tages verkehren, wie Speisesäle, Versammlungslokale, Bureaux, +Bazare, Bibliotheken etc.; die zwei Hauptflügel, welche +perpendikulär vom Zentrum abzweigen und so den Zentralplatz der +Phalanx bilden, sowie die zwei äußersten Flügel, +welche nach links und rechts abbiegen und an der Hauptstraße +liegen, würden die verschiedenen Werkstätten, die +geräuschvollsten am äußersten Ende, enthalten. Die +Wohnräume würden die oberen Stockwerke des +Gesammtgebäudes in Anspruch nehmen. — Gegenüber der +Phalanx, dem Zentralplatz und der Hauptstraße entlang, +kämen die Oekonomie- und Maschinengebäude, Ställe etc., +welche man hier nicht sieht, zu liegen. — Das +Phalanxgebäude ist ca. 2000 Fuß oder 600 Meter lang vom +äußersten linken zum äußersten rechten +Flügelende gemessen. Um eine allzugroße Ausdehnung zu +vermeiden, ist die Reihe der Gebäude doppelt und parallel laufend +mit dazwischen liegenden Hofgärten. — Eine breite, gedeckte +Galerie verbindet im Innern, gegen die Hofseite hin, alle Theile des +Gebäudes und fungirt als Hauptarterie der Zirkulation. + +</P> +<BR /><HR class="full"><BR /> + +<H2>Anmerkungen</H2> + +<table summary = "Anmerkungen"> + +<tr> +<td class="sn">[<a href="#FNanchor_1" name="Footnote_1" id="Footnote_1">1</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von Macedonien in seinem +Heere eingeführten Schlachtordnung; die Phalanx war ein +dichtgeschlossener, keilförmig geformter, mit Speeren bewaffneter +Truppenkörper, der mit seiner Spitze in den Feind eindrang und +ihn auseinander sprengte. Der Name für sein System ist also von +Fourier nicht übel gewählt.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_2" name="Footnote_2" id="Footnote_2">2</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem Robinet in seinem +1766 in Amsterdam erschienenen Werke „Ueber die Natur“ <TT>(De la +nature)</TT> Ausdruck giebt: „Alles in der Natur steht miteinander in +Verbindung“, und ebenso spricht R. einen Gedanken aus, den Fourier +ähnlich wiederholt: „Daß die Natur mit möglichst +sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite.“ Holbach sagt im +<TT>Systeme de la nature</TT>: „In der ganzen Schöpfung herrscht +Wesenseinheit.“ Die Ideenassoziation ist augenfällig.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_3" name="Footnote_3" id="Footnote_3">3</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: „Karl Fourier, ein +Vielverkannter“ (Hottingen-Zürich, Volksbuchhandlung 1881), den +Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz einen +häßlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewählte +Ausdruck ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals +ausdrücklich konstatiren, daß nach Fourier's Theorie +<i>alle Triebe gut sind</i> und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig +anstößig sein darf, als die nach unserer landläufigen +Auffassung von Fourier gebrauchten Ausdrücke Kabalist und +Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch in der bürgerlichen Gesellschaft +an sich eine ganz löbliche Eigenschaft, der nur unangenehm und +schädlich wird, wenn er auf Kosten Anderer oder der Allgemeinheit +sich Geltung verschaffen will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich +in seiner Schrift, in dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung +zu bringen, ihn ein wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache +unserer Zeit reden lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen +genügend Erwähnung zu thun. Ein solches +Zugünstigfärben erklärt sich aus dem Bestreben, Fourier +gegen die ungerechten und unqualifizirbaren Angriffe eines +Dühring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu nehmen. Alle drei +bezeichnen Fourier — und Dühring und Most offenbar, ohne +sich näher mit seinen Werken vertraut gemacht zu haben — +einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu haben. Ob +dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner Gegner +entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der Leser am +Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir möchten aber schon +jetzt konstatiren, daß Joh. Most, der sich heute als +Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben scheint, +daß er Fourier als <i>Vater des Anarchismus</i> anzusehen hat +— das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und +Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden +Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt. Die +Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d. h. der Erdball mit +Phalanstèren bedeckt, machte jede Staatsorganisation +überflüssig, es wäre die Föderation der Phalanxen, +also produzirender und konsumirender Kommunen. Daß Fourier +trotzdem nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend +voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu gründen in +Aussicht stellte, ist einer der Widersprüche seines Systems, die +ihm nicht zum Bewußtsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der +das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in +seinem Wesen unberührt läßt.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_4" name="Footnote_4" id="Footnote_4">4</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner Meinung die Mittel +für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten und +berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_5" name="Footnote_5" id="Footnote_5">5</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +„Unter den Philosophen begreife ich“, sagt Fourier an einer Stelle, +„nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften <TT>(sciences +incertaines)</TT>, die Politiker, Moralisten, Oekonomisten und +Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen, sondern +nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich also von +Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser zweifelhaften Klasse, +nicht von den Vertretern der bestimmten Wissenschaften <TT>(sciences +fixes)</TT>.“ Fourier ging von der Ansicht aus, daß die +französische Revolution nur ein Werk der Philosophen +sei.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_6" name="Footnote_6" id="Footnote_6">6</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine Verehrer, die den +„Naturzustand“ als den glücklichsten, tugendhaftesten Zustand +priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal sahen. Jahrzehnte vorher +schon spielte die feudale Gesellschaft in ganz Europa, der +französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre idyllischen +Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen +zum Vorschein kamen. Der Verfasser.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_7" name="Footnote_7" id="Footnote_7">7</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen und +erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die +materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das Wasser, +3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität, Magnetismus), 4. +die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die soziale oder passionelle, +welcher das Feuer entspricht. Die eigentliche praktische Bedeutung +dieser fünf Bewegungen oder Antriebe wurde bereits weiter oben +auseinandergesetzt.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_8" name="Footnote_8" id="Footnote_8">8</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des Großen +von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch +Napoleon I. 1806.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_9" name="Footnote_9" id="Footnote_9">9</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des Urtheils Fourier's +über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das achtzehnte +Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele Jahrhunderte +zusammengenommen.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_10" name="Footnote_10" id="Footnote_10">10</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Anspielung auf die Zustände in der französischen Revolution +während der Herrschaft des rothen und des weißen +Schreckens.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_11" name="Footnote_11" id="Footnote_11">11</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis 1848 herrschte +in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur die Wahl der +Reichsten ermöglichte.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_12" name="Footnote_12" id="Footnote_12">12</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_13" name="Footnote_13" id="Footnote_13">13</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden betrachtet Fourier: +1. Sammelfreiheit der Früchte; 2. Weidefreiheit; 3. freien +Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere Verbindung der Horde; 6. +Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub <TT>(vol exterieur)</TT>. +Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht Fourier das +Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des gemeinsamen +Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung werth findet, +nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub innerhalb +der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt, diesen Raub an +der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht, der innerhalb der +Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und dieses respektirt. In +der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten Stämmen in +Feindschaft und so wird dieses Recht des „auswärtigen Raubs“ +einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die Rudimente +ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der +Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die Annexion +fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher +angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen: +der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme +Zivilisirte, andererseits weit mehr <i>Solidaritätsgefühl</i>, +als die Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, +das der Wilde in der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu +begründen, brauchen wir eine ganz neue soziale +Organisation.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_14" name="Footnote_14" id="Footnote_14">14</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier erwähnt hier einen selbsterlebten Fall und führt die +Namen an, die wir als gleichgültig weglassen.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_15" name="Footnote_15" id="Footnote_15">15</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Der Leser will nicht vergessen, daß das nicht heute, sondern +schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_16" name="Footnote_16" id="Footnote_16">16</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Jede dieser kurzzeitigen Beschäftigungen nennt Fourier Sitzung +<TT>(séance)</TT>.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_17" name="Footnote_17" id="Footnote_17">17</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Der Letztere dürfte wohl kein passend gewähltes Muster sein, +indeß man muß stets beachten, <i>wann</i> das Gesagte +geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in den +Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil, das zu +Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_18" name="Footnote_18" id="Footnote_18">18</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten besseren Familien, wo +das nöthige Vermögen zu einer Aussteuer fehlt, oft +vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener Töchter zu +entledigen. Der Verfasser.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_19" name="Footnote_19" id="Footnote_19">19</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Robert Walpole, berühmter englischer Staatsmann, von +1721–1742 Kanzler der Schatzkammer.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_20" name="Footnote_20" id="Footnote_20">20</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche und +Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln +Napoleon I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt +waren.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_21" name="Footnote_21" id="Footnote_21">21</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die Fabrikanten wie +diejenigen Handeltreibenden verstanden, die entweder in eigener +Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung, aber ohne Anwendung +von Dampf und Maschinenkräften — die damals erst im +Entstehen waren — oder, wie dies heute noch in manchen +Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z. B. in der +Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der Hausweberei, +Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc., auf dem Wege der +Hausindustrie produziren lassen, wobei der Kaufmann die Rohmaterialien +liefert. So weit Massenerzeugung in Betracht kam, war zu Anfang dieses +Jahrhunderts in Frankreich die Manufaktur die maßgebende +Produktionsform. + +</P><P> + +Unter den Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits +erkannt haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, +sondern auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- +und Bodenwucherer etc., kurz Alle, „welche ohne zu säen +ernten“.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_22" name="Footnote_22" id="Footnote_22">22</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und +Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und +Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft +und Licht der Bevölkerung schmälere.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_23" name="Footnote_23" id="Footnote_23">23</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute geschrieben sein. Sprach +doch im Herbste 1885 die königl. sächsische „Leipz. Zeitung“ +es offen aus, daß man heut zu Tage im Zweifel sei, ob man eine +gute Ernte wünschen dürfe. Und doch veranstaltet man +jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete und feiert +Dankfeste.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_24" name="Footnote_24" id="Footnote_24">24</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus Runkelrüben, +den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis dahin nur +Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des +Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr +englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung aus +Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker +bürgerte sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die +Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine +Fälschung des natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute +fast nur aus Runkelrüben bereiteten Zucker kennen, denken +darüber anders. Schließlich ist kein auf künstlichem +Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog. Naturprodukt gegenüber +als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt, daß über +die Art seiner Entstehung kein Zweifel begeht und es dem sog. +Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist. Wir +werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile ablegen +müssen. Der Verfasser.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_25" name="Footnote_25" id="Footnote_25">25</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Die Titel dieser Schriften sind: „Der Sozialismus in seiner Anwendung +auf Kredit und Handel“ von Franz Coignet, Zürich 1851; „Bank- und +Handelsreform“ von F. Coignet, aus dem Französischen von Karl +Bürkli, Zürich 1855; „Solidarität“, kurzgefaßte +Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch +bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; +„Kritische Darstellung der Sozialtheorie Fourier's“ von A. L. Churoa, +Braunschweig 1840; „Organisation der Arbeit“ von Franz Stromeyer, +Bellevue bei Konstanz 1844; „Abbruch und Neubau“ oder „Jetztzeit und +Zukunft“ von Michael *****, Stuttgart 1846.</P> + +</td></tr></table> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARLES FOURIER *** + +***** This file should be named 19596-h.htm or 19596-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/5/9/19596/ + +Produced by richyfourtytwo, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/19596-h/images/phalanstere.jpg b/19596-h/images/phalanstere.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b171983 --- /dev/null +++ b/19596-h/images/phalanstere.jpg |
