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+The Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Charles Fourier
+ Sein Leben und seine Theorien.
+
+Author: August Bebel
+
+Release Date: October 21, 2006 [EBook #19596]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARLES FOURIER ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+Charles Fourier
+
+
+Sein Leben und seine Theorien.
+
+
+Von
+
+A. Bebel.
+
+
+
+
+Stuttgart
+Verlag von J. H. W. Diek
+1890
+
+
+
+
+Vorrede.
+
+Das achtzehnte Jahrhundert zählt in der Geschichte der Entwicklung
+der Menschheit zu jenen Perioden, auf denen der Blick des
+Kulturforschers und Fortschrittsfreundes mit besonderem Interesse
+ruht. Nach den religiösen, politischen und sozialen Kämpfen des
+Reformationszeitalters war, wie das stets nach großen Volks- und
+Massenbewegungen zu geschehen pflegt, eine Art Stillstand und
+Rückschlag für die Fortentwicklung eingetreten. Die durch die
+Reformationsbewegungen zur Geltung gekommenen Stände und Interessen
+suchten sich zu konsolidiren und die daraus hervorgehenden
+Reibungen führten wieder zu gewaltsamen Kämpfen und Erschütterungen
+von mehr oder weniger langer Dauer, die alle übrigen Interessen
+absorbirten, den materiellen wie den geistigen Fortschritt der
+Massen für lange Zeit hemmten.
+
+In Deutschland hatte die Reformation dem Landesfürstenthum
+Oberwasser verschafft. Die Landesfürsten hatten die Reformation
+benutzt, um unter dem Deckmantel der Religion die eigene Hausmacht
+nach Möglichkeit zu stärken dadurch, daß sie den kleinen Adel
+sich unterthänig und von sich abhängig machten, die Macht der
+Geistlichkeit brachen, sich selbst die bischöfliche Gewalt
+beilegten, Kloster und Kirchengut konfiszirten und die gewonnene
+Macht benutzten, sich immer mehr von der Kaisergewalt zu emanzipiren,
+diese zum bloßen Schatten zu degradiren. Aus diesem Interessenkampf
+der Fürsten entstanden die sogenannten Religionskriege, der
+schmalkaldische und der dreißigjährige Krieg, die Deutschlands
+politische Ohnmacht und Zerrissenheit auf Jahrhunderte besiegelten,
+seine ökonomische Schwächung -- die schon durch die Umgestaltung
+der Weltmarktsbeziehungen in Folge der Entdeckung von Amerika und
+des Seewegs nach Ostindien veranlaßt war -- noch vergrößerten und
+allgemeine Armuth, schweren geistigen und geistlichen Druck über
+Länder und Völker verbreiteten.
+
+In Frankreich erzeugte die Reformation die Kämpfe der Hugenotten,
+d.h. des hugenottisch gesinnten Bürgerthums und die des
+frondirenden Adels gegen das frühzeitig sich entwickelnde, alles
+zentralisirende absolute Königthum. Nach längeren Kämpfen siegte
+das letztere und fand in Ludwig XIV. seinen glänzendsten, aber auch
+seinen bedrückendsten und gewaltthätigsten Vertreter. Die inneren
+und äußeren Kämpfe Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert hemmten
+die freie Entwicklung des materiellen wie geistigen Fortschritts.
+Bürgerthum und Adel gegenseitig feindlich, das Land nach außen,
+namentlich unter dem erwähnten Ludwig, von einem Krieg in den
+anderen gestürzt, war schließlich erschöpft und verarmt. Solche
+Zeitalter sind nicht geeignet, große Ideen zu gebären, für geistige
+Kämpfe die Bahn frei zu machen. Dagegen zeigte das achtzehnte
+Jahrhundert in Frankreich ein ganz anderes Bild. Frankreich bildete
+für dieses Zeitalter die Wiege des menschlichen Fortschritts auf
+allen Gebieten; hier entwickelte sich allmälig eine Fülle von
+geistigem Glanz und Leben, wie sie bis dahin kein Volk und kein
+Zeitalter in gleichem Maße erlebte. Die Menschen wuchsen sozusagen
+über sich selbst hinaus und setzten alle Geister und Herzen in der
+ganzen Kulturwelt in Bewegung. Frankreich mag viel gesündigt haben,
+die Dienste, die es während des achtzehnten Jahrhunderts der
+Menschheit leistete, werden ihm, so lange Menschen leben,
+unvergessen bleiben.
+
+Die Fortschritte begannen unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XIV.,
+dessen Gewalt mit eisernem Drucke auf dem Lande gelastet, alle
+freie bürgerliche Regung erdrückt, alle freie geistige Bewegung
+erstickt hatte. Das Land stand nach seinem Tode am Rande des
+materiellen und geistigen Bankerotts. Allmälig erholte sich das
+Volk und arbeitete sich, wenigstens in den Städten, wo die feudale
+Macht des Adels und der Geistlichkeit am wenigsten sich fühlbar
+machen konnte, empor. Die Männer von Bildung und Geist, die nach
+der Entwicklung und Entfaltung der Kräfte des Landes strebten,
+eilten nach jenseits des Kanals, nach England, um dort, an den
+Quellen des öffentlichen Lebens, die Studien zu machen, zu denen
+ihnen im eigenen Lande die Gelegenheit und die Möglichkeit fehlte.
+Zurückgekehrt nach der Heimath, begannen sie die Arbeit, die
+langsam aber sicher den stolzen Bau des absoluten Staats und der
+feudalen Gesellschaft untergrub und unterhöhlte, bis zu Ende des
+Jahrhunderts in einem Riesenzusammenbruch Beides, Staat und
+Gesellschaft, zusammenstürzten, und durch ihren Fall ganz Europa
+aus den Fugen trieben.
+
+Das Königthum gerieth nach Ludwig XIV. in die Hände von
+Schwächlingen, die Geistlichkeit und der Adel waren verlottert und
+verweichlicht; eine Minorität unter den beiden Ständen war geneigt,
+angeekelt von dem Treiben der eigenen Klasse und den Zuständen um
+sich, neuen Ideen sich zugänglich zu erweisen und spielte mit dem
+Feuer, dessen Gefährlichkeit sie nicht kannte. So erklärt sich, daß
+die Männer der neuen Zeit mit ihren alles Alte angreifenden und
+erschütternden Ideen vielfach gerade dort einen bereiten Boden
+fanden, wo man ihn am wenigsten hätte erwarten sollen. Aber es
+hatte sich auch des Bürgerthums ein Drang nach Wissen und Bildung,
+nach politischen Rechten, ein Geist der Unzufriedenheit über das
+Bestehende bemächtigt, wodurch die Bewegung schließlich zum Alles
+niederreißenden Strom anschwoll.
+
+Das Bürgerthum, politisch so gut wie rechtlos und machtlos, die
+Vertretung seiner Magistrate in den alten ständischen Parlamenten
+mißachtet, mit Abgaben unangenehmster Art beschwert, durch Zunft-,
+Bann- und Höferechte in seiner materiellen Entwicklung behindert,
+von Adel und Geistlichkeit geringschätzig und verächtlich
+behandelt, aller persönlichen Rechte und der Garantien persönlicher
+Freiheit beraubt, sehend, wie die ungerecht vertheilten und
+gewaltsam beigetriebenen Steuern und Abgaben von einem in der
+Liederlichkeit verfaulenden Hof verschlemmt und verpraßt wurden,
+erfaßte mit Gier die neuen Ideen, welche die Rechtmäßigkeit der
+feudalen Vorrechte angriffen, die religiösen Vorurtheile, unter
+deren Druck es litt, in Zweifel zogen, die allgemeine Freiheit und
+Rechtsgleichheit lehrten. Der neue Staat und die neue Gesellschaft
+wurden in den verführerischsten Farben dargestellt, politische
+Macht, Reichthum, geistige Freiheit und Gleichheit Allen in
+Aussicht gestellt.
+
+Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit
+entwickelten, daß ein großer Theil der Betheiligten und
+Interessirten von Unzufriedenheit und Mißstimmung gegen das
+Bestehende und von Sehnsucht nach besseren Zuständen erfüllt ist,
+so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten können,
+was immer für Mittel und Praktiken in Anwendung kommen, ihn zu
+erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der Masse nach
+Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer Lage zunächst
+nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in dem thatsächlichen
+Zustand der Verhältnisse seine Begründung und seine Berechtigung
+findet. Mag diese Masse sich über den Weg wie über die Mittel,
+durch die ihr geholfen werden könnte, noch so unklar sein, der
+Moment kommt, wo sie mit elementarer Macht, _instinktiv stets
+richtig_, nach dem bestimmten Ziele drängt und die bewußten und
+wissenden Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mundstück
+und zu ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen
+und nach Lage der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten. Die
+Führer sind unter solchen Umständen stets Werkzeuge, nicht Macher,
+und sie werden bei Seite geworfen, sobald sie sich zu Machern
+aufwerfen, die Bewegung für sich und nach eigenem Gutdünken, statt
+im Interesse der Betheiligten zu benutzen suchen. Die rasche
+Abwirthschaftung der Führer in akut gewordenen Volksbewegungen hat
+in diesem Geheimniß ihren Grund, sie wollen Allesmacher sein, wo
+sie nur Werkzeuge sein sollen und können. Da man sich hüben wie
+drüben dieses Verhältnisses selten bewußt ist, schreien die Einen
+über Verrath, die Andern über Undankbarkeit der Masse; das Erstere
+ist selten wahr, das Letztere zu behaupten stets eine Narrheit, ein
+Verlangen, das nur Diejenigen stellen können, die sich über die
+Natur ihrer Stellung nie klar waren, Schieber zu sein glaubten, wo
+sie nur Geschobene sein konnten.
+
+Jeder großen Umgestaltung in der Gesellschaft geht zunächst eine
+Periode der Gährung voraus, eine Periode, die, je nach dem Stande
+der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der
+betheiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht der
+widerstrebenden Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit dauert,
+ehe die Bewegung zum offenen Ausbruch kommt und ihr Ziel in irgend
+einer Form, das wieder von dem mathematischen Kraftverhältniß der
+gegeneinander wirkenden Faktoren abhängt, erreicht. Geht eine
+Bewegung über ihr Ziel hinaus, d.h. erreicht sie mehr, als sie, in
+sich selbst zur Ruhe gekommen, im Interesse der nun in der Macht
+befindlichen Gewalten, die nunmehr den Schwerpunkt bilden, um den
+Alles gravitirt, erreichen _soll_ und, setzen wir hinzu, erreichen
+_darf_, so folgen die Rückschläge. Mit andern Worten, eine ihrem
+inneren Wesen nach selbst wieder auf Klassenherrschaft abzielende
+Bewegung darf nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der
+maßgebenden Interessirten findet.
+
+Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in
+Wahrheit wurde die Bewegung stets auf ihren _natürlichen_ Schwer-
+und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber hinaus ging. Dieser
+Zustand ist aber stets, auch wenn er durch eine gegen die weiter
+vorwärts drängenden Elemente gerichtete gewaltsame Reaktion
+herbeigeführt wurde, dem Zustande, der _vor_ der Bewegung bestand,
+weit voraus. Man hört z.B. so häufig die Bemerkung machen, daß die
+bürgerliche Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an
+der Macht der Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr.
+Die Bewegung hat erreicht, was sie nach ihrem _wahren innern
+Gehalt_ erreichen konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange
+mit einander, bis sie auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu
+verständigen vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkeit des
+Alten aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vornherein
+war ein großer Theil der anfangs revolutionären Kräfte, die das
+behäbige Bürgerthum umfaßten, entschlossen, über eine gewisse
+Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkt angekommen, trennten
+sich diese Kräfte von den weiter drängenden Elementen. Dadurch
+verlor die Bewegung einen Theil ihrer Kraft, sie war ohnmächtig,
+weiter zu gehen. Und wie immer nach 1849 die Reaktion in
+Deutschland hauste, das, was thatsächlich jetzt bestand, ging weit
+über das hinaus, was vor 1848 bestanden hatte. Die neuen Ideen
+hatten trotz alledem gesiegt und Alles, was seitdem in Deutschland
+geschah, ist nur durch diesen Sieg im »tollen Jahr« möglich
+geworden.
+
+Rückschläge werden nun nothwendig in jeder Bewegung kommen, die
+selbst wieder auf Klassenherrschaft, wenn auch sich selbst
+unbewußt, hinausläuft. Ein solcher Rückschlag kann erst dann
+unterbleiben, wenn eine Bewegung siegt, die in ihrem Wesen und
+Prinzip die Aufhebung _aller_ Klassenherrschaft _bedingt_ und daher
+_alle_ Formen sozialer und politischer Herrschaft _aufheben muß_.
+
+Bisher waren alle Bewegungen, die ihr Ziel erreichten, Bewegungen der
+ersteren Art, und so begreift sich von vornherein, daß auch _die_
+Bewegung, die gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich
+begann und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts zur Entscheidung
+kam, diesem Schicksal aller bisherigen großen Volksbewegungen nicht
+entgehen konnte. Ihr Charakter als Klassenbewegung des Bürgerthums,
+ihr Ziel, die Herrschaft desselben zu begründen, zwang sie
+schließlich, sich gegen die revolutionäreren Elemente in ihrer
+eignen Mitte zu richten, und, da man innerhalb der Bewegungselemente
+und nachdem die Bewegung absolut gesiegt hatte, weder hüben noch
+drüben diesen inneren Widerspruch, in dem man sich zu einander
+befand, begriff, mußte man sich gegenseitig bis zur Vernichtung
+bekämpfen und im Blute ersticken. Die Interessen des Großbürgerthums
+mußten, weil sie die entscheidenden waren, die Oberhand behalten,
+aber aus Furcht vor neuen inneren Gegensätzen und Kämpfen warf sich
+dieses der Militärdiktatur des Konsulats und des Kaiserreichs in
+die Arme, um sich, d.h. _die neue Gesellschaft_, zur Ruhe und zum
+Genuß des Errungenen kommen zu lassen.
+
+Der Kampf gegen das alte System richtete sich in Frankreich gegen
+alle bisherigen Grundlagen der alten Gesellschaft, gegen die Kirche,
+den Adel, die absolute Staatsgewalt, gegen die Besteuerungs-, die
+Eigenthumsformen, das Erziehungssystem, die sozialen Einrichtungen.
+Nichts blieb im Laufe der Jahrzehnte, die dieser zunächst rein
+literarische Kampf währte, unangetastet. Die Angriffe wurden immer
+kühner. Ganz neue Staats- und Gesellschaftssysteme (Condorcet,
+Morelli, Mably, Rousseau) tauchten auf und erklärten dem
+Bestehenden den Krieg; ebenso wurden fast alle Zweige der
+Naturwissenschaften und insbesondere auch die Philosophie in der
+radikalsten Weise behandelt. Die Verfolgungen, welche die
+Staatsgewalt und die Kirche gegen diese Feinde der alten Ordnung
+in Szene setzten, hatten so gut wie keine Wirkung, sie gossen nur
+Oel in's Feuer. Jahrelange Gefängnißstrafen, Verbannungen,
+Degradirungen, Ausweisungen gegen die Verfasser, Verbrennung
+ihrer Bücher und Schriften, Verbote gegen ihre Verbreitung,
+gesellschaftliche Aechtung der Autoren, Alles half nichts. Die
+Bewegung schwoll von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr an, sie
+ergriff Alles, was Kenntnisse und Intelligenz besaß, sie erfaßte
+sogar die Frauen und wuchs so, daß die Gewaltmittel des Staates
+versiegten und dieser wie die Kirche von einer Position in die
+andere zurück gedrängt wurden. Im vorletzten Jahrzehnt vor der
+Revolution gab es in Frankreich keinen Schriftsteller von einiger
+Bedeutung, der nicht im Gefängniß gesessen oder Verbannung
+erlitten, oder dessen Werke nicht verboten oder öffentlicht
+verbrannt worden, oder der nicht in irgend sonst einer Weise
+verfolgt, drangsalirt und geschädigt worden war. Voltaire,
+Montesquieu, Rousseau, Beaumarchais, Diderot, d'Alembert, La
+Mettrie, La Harpe, Marmontel, Morellet, Buffon, Linguet und viele,
+viele Andere verfielen der Verfolgung. Wenn Holbach und Helvetius,
+Turgot, Quesnay, Necker, Condillac, Laylain, Cuvier, Lavoisiers,
+Bichot, Mirabeau der Aeltere solchen Verfolgungen entgingen,
+geschah es, daß sie, wie die beiden Erstgenannten, anonym
+schrieben, oder daß sie zu einer Zeit schrieben, wo das System, von
+der Nutzlosigkeit der Verfolgungen betroffen, ermüdet war, oder daß
+sie wissenschaftliche Thematas behandelten, die dasselbe nicht
+direkt berührten. Und auch in letzterer Beziehung ging das
+Mißtrauen sehr weit; so mußte Buffon, als er 1751 seine
+Naturgeschichte veröffentlichte, der Pariser theologischen Fakultät
+ausdrücklich versprechen, daß Alles, was er in seinem Buche lehre,
+mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht in Widerspruch stehe.
+Die Enzyklopädie der d'Alembert, Diderot und Genossen aber wurde
+mit der Motivirung verboten, »daß sie Grundsätze enthalte, welche
+darauf hinzielten, den Geist der Unabhängigkeit und Empörung zu
+wecken und unter dunkeln und zweideutigen Ausdrücken den Grund zum
+Irrthum, zur Sittenverderbniß und zum Unglauben zu legen.« Doch
+alle diese Maßnahmen retteten das System nicht.
+
+Die Bewegung hatte endlich ihren Höhepunkt erreicht, die
+Gesellschaft wollte statt der Theorien Thaten sehen. Der Hof suchte
+durch halbe Konzessionen und kleinliche Maßregeln, die das
+Gegentheil erzeugten von dem, was sie bezweckten, dem Drängen
+nachzugeben. Der Sturm brach endlich los. Wir beschreiben nicht die
+französische Revolution, wir skizziren sie nur kurz, weil dies für
+unsern Zweck genügt. Die Nationalversammlung, anfangs den Bestand
+des Königthums als selbstverständlich ansehend, wurde im Laufe der
+Ereignisse über sich selbst hinaus getrieben. War die Konstituante
+noch königlich, der Konvent wurde republikanisch. Die zunehmende
+Noth der Massen, Mangel an Lebensmitteln, Mangel an Arbeit, Wucher,
+Mißtrauen gegen Oben schürten den Brand. Die royalistischen und
+pfäffischen Intriguen im In- und Ausland, die Alles beunruhigten,
+weil sie alles Gewonnene in Frage zu stellen schienen, verstärkten
+die schon vorhandene heftige Aufregung. Der Fluchtversuch des
+Königs, seine ganze zweideutige Haltung steigerten das Mißtrauen
+und den Haß gegen ihn und die alten Stände. Der Zustand der
+Staatsmaschinerie, die durch die Ereignisse in Unordnung gebracht,
+durch die Aufhebung der alten drückenden Steuerlasten und Abgaben
+der Mittel zur Funktionirung beraubt war, zwang zur Ausgabe von
+Massen Papiergeld (Assignaten), die als Zahlungsanweisungen auf die
+konfiszirten Kirchengüter und später auch auf die konfiszirten
+Güter der emigrirten Adeligen ausgegeben wurden. Aber da in dem
+allgemeinen Tohuwabohu der Verkauf dieser Güter sehr langsam vor
+sich ging und die Staatsbedürfnisse in's Riesenmäßige stiegen, als
+das Land gezwungen wurde, nach dem Sturz des Königthums und der
+Enthauptung des Trägers der Krone, gegen das ganze zivilisirte
+monarchische Europa Krieg zu führen, fielen die Assignaten sehr
+bedeutend im Werth. Ende 1790 schon 1200 Millionen betragend,
+stiegen sie im Laufe der Jahre auf 8, dann auf 12, endlich auf 24
+Milliarden. Ihre Vermehrung steigerte ihre Werthlosigkeit, die
+schließlich nur noch ein Hundertstel und weniger ihres Nennwerthes
+betrug, und dies erzeugte eine vollständige Revolution aller
+Preise. Zu den Kämpfen nach Außen kamen gewaltige Kämpfe im Innern.
+Adel und Geistlichkeit intriguirten und konspirirten in
+hunderterlei Formen, um wieder zur Herrschaft zu kommen. England,
+das unter dem Ministerium Pitt die inneren Kämpfe Frankreichs
+vortrefflich ausnutzte, um seine See- und Kolonialmacht auf Kosten
+Frankreichs zur allbeherrschenden zu machen, das jetzt Rache nahm
+für die Hülfe, die Frankreich anderthalb Jahrzehnte zuvor der
+Unabhängigkeitsmachung der Vereinigten Staaten von England
+geliehen, dieses England sandte geheime Agenten über geheime
+Agenten, die mit Geld reichlich ausgestattet den inneren Kampf
+schüren mußten. Im Westen des Reiches erhob sich, ebenfalls von
+England unterstützt, die streng konservativ und kirchlich
+gebliebene Bevölkerung der Vendee und Bretagne, im Süden erhoben
+sich die theils royalistisch, theils girondistisch gesinnten
+Städte, vor allem Lyon, dessen Luxusindustrie unter all diesen
+Ereignissen außerordentlich litt. Im Konvent brach nach dem Sturz
+des Königthums der Kampf der verschiedenen bürgerlichen Parteien
+unter sich aus. Die kleinbürgerlichen Massen, hauptsächlich in den
+Klubs und speziell in dem Jakobinerklub organisirt, nahmen
+thatsächlich die Leitung der Ereignisse in die Hand und drängten
+den Konvent von Handlung zu Handlung. Vergebens suchten die
+Vertreter der eigentlichen Bourgeoisie, die Girondisten, zu
+widerstehen, sie unterlagen und endeten durch Ausstoßung oder auf
+dem Schaffot.
+
+Die Schreckensherrschaft begann. Das in seinen tiefsten Tiefen
+aufgeregte Volk, im Inneren von den royalistischen Verschwörungen
+bedroht, an den Landesgrenzen die europäischen Heere erblickend,
+welche drohten als Hersteller des Alten das ganze Land zu
+überziehen, von Arbeits- und Verdienstlosigkeit heimgesucht, vom
+Hunger gepeinigt, rapide Entwerthung des Geldes, rapide Verteuerung
+der Lebensmittel sehend, ohne sich all dies genügend erklären zu
+können, gerieth in Raserei. Die Gewaltszenen häuften sich und das
+Blut der Feinde der Republik und Derer, die man als Feinde des
+Volks ansah, floß in Strömen. Um der zunehmenden Verzweiflung der
+Massen zu steuern, war der Konvent gezwungen, das sog. Maximum
+einzuführen, d.h. den Preis festzustellen, zu dem die nothwendigsten
+Lebensmittel abgegeben werden mußten; und als 1794 abermals eine
+Hungersnoth drohte, weil die Verkäufer der Lebensmittel allerorts
+mit ihren Waaren zurückhielten, mußte er sogar die Rationirung des
+Brotes für die pariser Bevölkerung einführen. Aber da alle diese
+Maßregeln den ersehnten Zustand nicht herbeiführen wollten,
+Arbeitslosigkeit, Wucher, Geldentwerthung, Beunruhigung fortdauerten,
+die schönste Verfassung, welche die Welt gesehen, mit all ihren
+Freiheiten und Rechten, weder die Freiheit, noch die Gleichheit,
+noch die Brüderlichkeit begründete, der ganze Zustand immer wirrer
+aber auch unfaßbarer wurde und Keiner die Lösung des Räthsels fand,
+_was war natürlicher, als daß man die Personen verantwortlich_
+machte _für die Dinge, deren Natur man nicht begreifen konnte_!
+Eine Partei klagte die andere an, suchte sie als die Ursache des
+allgemeinen Unglücks zu vernichten. Die Royalisten waren in
+Schaaren geopfert, proskribirt, eingekerkert, flüchtig, die
+Girondisten waren vernichtet. Jetzt traf die Reihe die Dantonisten,
+ihnen folgten die Hebertisten, schließlich kamen die, welche alle
+Andern geopfert, die Terroristen, die Robespierrianer selbst an die
+Reihe. Diese »Tugendhaften« hatten die Republik und das allgemeine
+Wohl nicht retten können; die ihnen jetzt in der Herrschaft
+folgten, die Männer der richtigen Mitte, des ehemaligen Sumpfes im
+Konvent, die Schlauberger, die es mit allen Parteien gehalten, um
+es mit keiner zu verderben, die keine Ideale und keine Leidenschaften
+besaßen, retteten auch weder die Republik, noch begründeten sie das
+allgemeine Wohl. An Beiden lag ihnen herzlich wenig, aber sie
+thaten etwas Besseres, sie retteten sich und das Wohl ihrer Klasse,
+und dies war schließlich das »allgemeine Wohl«.
+
+In allen Kämpfen und Wirrnissen der Revolution, als die
+Leidenschaften den höchsten Grad erreichten, andererseits die
+Begeisterung erglühte, die glänzendsten Gedanken, die bis dahin nur
+menschliche Hirne erfassen konnten, in Worte und Thaten sich
+umsetzten, gab es ein geheimnißvolles Etwas, das wie der Geist über
+den Wassern schwebte, mit dämonischer Kaltblütigkeit in alle Pläne
+und Projekte eingriff, sie förderte oder zerstörte, wie es seinem
+Interesse entsprach, dabei Allen sichtbar und doch unfaßbar war,
+diese Macht war -- _das Kapital_. Das Kapital hatte unter all den
+Ruinen und Zerstörungen, welche die Revolution geschaffen, allein
+die Beute eingeheimst und schließlich den Sieg davon getragen. Das
+Kapital hatte aus allen inneren und äußeren Verlegenheiten des
+Königthums und der Republik den alleinigen Nutzen gezogen; es hatte
+die Güterkonfiskationen, die Assignatenwirthschaft, das Maximum,
+die Rationirungen, die Feldzüge mit ihren Waffen-, Bekleidungs- und
+Lebensmittellieferungen, die Waareneinfuhrsperre gegen England,
+kurz alle und jede Maßregel, welche die Konstituante, dann der
+Konvent, dann der Wohlfahrtsausschuß, jetzt das Direktorium im
+Interesse des Landes vollzogen, in seinem Nutzen auszubeuten und
+auszuschlachten gewußt. Mitten unter den Blutszenen der Revolution
+saß es bei der Ernte und berechnete kaltblütig die Profite, die ihm
+diese oder jene Maßregel der Gewalthaber abwerfen werde. Ueberall
+seine Agenten habend, in den Klubs, im Konvent, im Wohlfahrts- und
+im Sicherheitsausschuß, unter den Konventsdelegationen in den
+Provinzen, in der Leitung und Verwaltung der Armeen, in den
+Zivilverwaltungen der eroberten Staaten, Städte und Provinzen,
+machte es ungeheuere Gewinne. Es feierte Orgien wie nie zuvor und
+kaum je nachher. Die großen Vermögen wuchsen wie Pilze aus dem
+Boden, der Spekulations- und der Handelsgeist griff immer weiter um
+sich und beherrschte das ganze öffentliche und private Leben, alle
+Beziehungen der Menschen. Die Lehren eines Adam Smith fanden ganz
+spontan, aus der Natur der Dinge heraus, ihre Anerkennung und ihre
+Verwirklichung, und es kamen die Lobredner der neuen Ordnung, wie
+sie immer sich finden, sobald eine neue Macht im Besitz der Gewalt
+und dadurch im Recht ist, und streuten den Weihrauch und priesen
+die neue Welt als die beste aller Welten.
+
+Und da man während der Revolution, wie es die »tugendhaften« Lehren
+eines Rousseau vorschrieben, äußerlich sehr einfach, sehr sparsam
+und sehr »tugendhaft« gelebt hatte, so brach jetzt die lange
+künstlich zurückgehaltene Genußsucht mit aller Gewalt hervor und
+überschritt alle Schranken. Man praßte und schwelgte und fröhnte
+exzentrisch der Liebe, wie es das »ancien regime« unter Ludwig XV,
+dem Vielgeliebten, und der Hof von Versailles kaum toller getrieben
+hatten. Die Masse aber war wieder in's alte Joch gespannt, ihre
+Söhne schlugen mit Begeisterung in aller Herren Länder die
+Schlachten und der freie Bauer und Bürger des beginnenden 19.
+Jahrhunderts sorgten neben der Blut- für die Geldsteuer, welche die
+neue bürgerlich-zäsarische Herrlichkeit unter dem »glorreichen«
+Szepter Napoleon's I. ihnen auferlegte.
+
+ * * * * *
+
+Unsere Vorrede ist etwas lang geworden, aber sie war nicht
+überflüssig zum Verständniß der Aussprüche und Theorien des Mannes,
+dessen Leben und Lehren diese Abhandlung gewidmet ist. Das Streben
+und der Ideengang eines Menschen von Bedeutung wird ja nur dann
+verständlich, wenn man die Zeitverhältnisse kennt, unter denen er
+geboren, und die auf seine Entwicklung, also auch auf seinen
+Ideengang eingewirkt haben. Wie weit ein Mensch auch über seine
+Zeit hinaus denken mag, loszulösen von ihr vermag er sich nicht, er
+wird von ihr beeinflußt und beherrscht, und so werden seine
+weitgehendsten Gedanken stets den Stempel des Zeitalters tragen, in
+dem er lebte und wirkte. Das ist schon oft gesagt worden, es kann
+aber nicht oft genug wiederholt werden, weil jeden Tag noch in der
+Beurtheilung des Wirkens von Persönlichkeiten gegen diese
+Auffassung gesündigt wird.
+
+François Marie Charles _Fourier_ wurde den 7. Februar 1772 zu
+Besançon als Sohn eines wohlhabenden Großhändlers geboren. Der
+Vater genoß in seiner Heimath eines ziemlichen Ansehens, er wurde
+1776 zum Handelsrichter gewählt. Charles (Karl) war das vierte
+Kind seiner Eltern, die drei älteren Geschwister waren Mädchen.
+Der Vater, der 1781 starb, hinterließ ein Vermögen von
+zweihunderttausend Livres, wovon laut Testament der Sohn zwei
+Fünftel, also 80.000 Livres, erbte.
+
+Fourier liebte es nie, über seine persönlichen Verhältnisse zu
+sprechen; geschah es dennoch, so nur, um eine seiner Theorien in
+dieser oder jener Weise damit zu unterstützen. Seine Schüler und
+selbst seine intimsten Freunde erfuhren erst nach seinem Tode, daß
+er in der Belagerung von Lyon, 1793, durch die Konventstruppen das
+ziemlich beträchtliche väterliche Vermögen vollständig eingebüßt
+hatte.
+
+Stoiker ohne Ziererei und Künstelei, sprach er nie von der ersten
+Ursache, die ihm ein Leben voll Entbehrungen und Einschränkungen
+auferlegte.
+
+Fourier zeigte von frühester Jugend einen entschiedenen Willen,
+eine unerschütterliche Rechtschaffenheit. Als einziger Sohn vom
+Vater für den Handel bestimmt, erzählt er selbst in einem seiner
+Werke, wie er frühzeitig gegen denselben eingenommen wurde. Da
+diese Stelle für den ganzen Mann charakteristisch ist, geben wir
+sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man muß den Handel als
+ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre ab im
+kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in diesem
+Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit kennen
+gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, nie
+zu lügen, dann führte man ihn in den Laden, um ihn frühzeitig in
+dem edlen Handwerk der Lüge oder der Kunst, wie man verkauft, zu
+üben. Betroffen über die Betrügereien und Schwindeleien, habe er
+Käufer, die betrogen werden sollten, bei Seite genommen und ihnen
+den Betrug entdeckt. Einer von diesen sei unanständig genug
+gewesen, ihn zu verrathen, was ihm eine Tracht Prügel einbrachte,
+und im Tone des Vorwurfs hätten seine Eltern erklärt: der Junge
+wird nie für den Handel taugen. In der That, er habe eine tiefe
+Abneigung gegen ihn empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen
+Eid gegen den Handel geschworen, wie ihn ähnlich Hannibal, neun
+Jahre alt, gegen Rom schwur: »Ich schwöre ewigen Haß dem Handel.«
+
+Fourier's Haß gegen Ungerechtigkeit veranlaßte, daß er schon als
+Knabe sich stets der schwachen unter seinen Gespielen gegen die
+stärkeren annahm, und obgleich er mehr schwächlich als robust war,
+fürchteten ihn die stärkeren und älteren seiner Gespielen. Dabei
+war er ein harter Kopf, aber ein vortrefflicher Kamerad und voll
+Zuneigung. Auch lernte er mit außerordentlicher Leichtigkeit und
+gewann mehrfach die ersten Preise, namentlich in lateinischer
+Poesie. Aelter geworden, wollte er nach Paris, um dort namentlich
+Logik und Physik zu studiren, aber ein Freund der Mutter, der um
+Rath gefragt wurde, rieth ab, ihn den Gefahren der Großstadt
+auszusetzen, auch seien die erwähnten Wissenschaften einem Kaufmann
+nicht vonnöthen; er setzte allerdings hinzu, er glaube, daß ihr
+Sohn am Handel keinen Geschmack habe und rieth, ihn nicht wider
+seinen Willen zu zwingen. Das Letztere geschah aber dennoch.
+Fourier sollte zunächst nach Lyon zu einem Bankier kommen, aber an
+dessen Thüre desertirte er, erklärend, daß er niemals Kaufmann
+werden wolle. Darauf kam er nach Rouen, wo er ein zweites Mal
+auskniff. Schließlich beugte er sich unter das Joch und trat in
+Lyon in die Lehre, und so habe er, wie er selbst sagt, die
+schönsten Jahre seines Lebens in den Werkstätten der Lüge
+zugebracht, überall und stets die Wahrsagung hörend: »Ein
+rechtschaffener junger Mann, aber er taugt nicht für den Handel.«
+
+Besondere Neigung besaß Fourier für die Geographie, und so
+verwandte er sein Taschengeld hauptsächlich für die Anschaffung von
+Karten und Atlanten; nächstdem liebte er außerordentlich die
+Blumenzucht und kultivirte solche in vielen Arten und Abarten;
+ferner hatte er großen Hang zur Musik und lernte mehrere
+Instrumente, und zwar ohne Lehrer, spielen.
+
+Ein hübscher Zug ist aus seinen Schuljahren bekannt geworden.
+Obgleich er kein starker Esser war, nahm er täglich ein tüchtiges
+Stück Brot mit kaltem Fleisch belegt, zur Schule mit. Als er sich
+eines Tages auf einer kleinen Reise befand, stellt sich ein armer
+Knabe im Laden ein, und frug, ob der kleine Herr krank sei. Als man
+dies verneinte und ihm mittheilte, er sei verreist, brach der
+Kleine in Weinen aus. Nach der Ursache befragt, antwortete er: daß
+er nunmehr sein Frühstück verloren habe, das ihm der junge Herr
+täglich gebracht habe. Er wurde getröstet und wurde ihm für Ersatz
+gesorgt.
+
+Fourier machte, bevor er sich dem Wunsche seiner Mutter, Kaufmann
+zu werden, fügte, noch einen Versuch, in die Militair-Ingenieurschule
+zu Mézieres aufgenommen zu werden, aber wegen seiner bürgerlichen
+Abkunft wurde er zurückgewiesen, worüber er sich in späteren Jahren
+selbst beglückwünschte, weil er sonst von seinen Studien über den
+sozialen Mechanismus würde abgezogen worden sein. So entscheidet
+das spätere Schicksal der Menschen meist der Zufall, und da spricht
+man beständig von den persönlichen Verdiensten. Wie viel bedeutende
+Männer hatten, als sie eine gewünschte Laufbahn verfehlten, eine
+Ahnung, daß gerade in diesem _Verfehlen_ die erste Ursache zu ihrer
+künftigen Berühmtheit lag? --
+
+Nachdem Fourier seine Lehrzeit in Lyon absolvirt hatte, kam er,
+1790 auf einer Reise nach Rouen begriffen, um dort eine Stellung
+als Reisender anzunehmen, ein Posten, der zu jener Zeit ein ganz
+besonderes Vertrauen voraussetzte, zum ersten Mal auf einige Zeit
+nach Paris, das ihm sehr gefiel. Mit Hülfe der Zuschüsse, die er
+aus seinem Vermögen besaß, besuchte er allmälig die meisten Städte
+Frankreichs, bereiste Deutschland, Holland und Belgien, überall
+sorgfältig beobachtend und studirend. Von den Deutschen empfing er
+eine sehr günstige Meinung, er nannte sie das unterrichtetste und
+vernünftigste Volk. Besonders imponirten ihm die vielen deutschen
+Städte, die Sitze von Kunstanstalten, Universitäten und höheren
+Bildungsanstalten waren -- die gute Seite und Wirkung der deutschen
+Kleinstaaterei. Er beklagte später tief, daß für Frankreich Alles
+in Paris konzentrirt wäre, und in Folge dessen alle übrigen Städte
+Frankreichs langweilige, monotone und versimpelte Orte seien, in
+denen jeder höhere geistige Flug fehle. Auf allen diesen Reisen
+studirte Fourier das Klima der verschiedenen Gegenden, ihre
+Bodenbeschaffenheit, die Gewerbe, die Bauart der Städte und Straßen
+und nicht zuletzt den Charakter der Bewohner. Es gab in keiner
+größeren Stadt, die er besucht hatte, ein hervorragendes Gebäude,
+dessen Architektur und Dimensionen er nicht genau kannte. Nur für
+die Sprachen hatte er wenig Sinn, daher auch sein Verlangen in
+seinem Hauptwerk, das schon im Titel seine Auffassung ausdrückt.
+»Theorie der universellen Einheit«, daß die Vielsprachigkeit eine
+der schlimmsten Fehler des Menschengeschlechts sei, und die
+Schaffung einer Weltsprache, wofür er die französische am
+geeignetsten hielt, eine der ersten Aufgaben einer neuen sozialen
+Ordnung der Dinge sein müsse. Den Deutschen machte er zum Vorwurf,
+daß sie mit Hartnäckigkeit an ihrer besonderen Schriftsprache
+festhielten, die doch andere germanische Völker, wie die Engländer
+und die Holländer, längst aufgegeben hätten. Bekanntlich ist heute,
+nach mehr als siebenzig Jahren, diese Frage in Deutschland noch
+kontrovers, wenn auch für wissenschaftliche Werke im Sinne
+Fourier's entschieden.
+
+Da Fourier durch sein Geschäft über Tag stets vollständig in
+Anspruch genommen war, benützte er, und namentlich dann, nachdem er
+sein Vermögen verloren und auf das Einkommen aus seiner
+kaufmännischen Stellung allein angewiesen war, die Nächte, um sich
+weiter zu bilden. Er befaßte sich hauptsächlich mit Anatomie,
+Physik, Chemie, Astronomie und Naturgeschichte. Sein Haß gegen den
+Handel steigerte sich mit den Jahren, je genauer er das Treiben in
+demselben kennen lernte, immer mehr und spornte ihn zu seinen
+sozialen Studien an. Namentlich machte es einen tiefen Eindruck auf
+ihn, als er 1799 in einer Stellung in Marseille seitens seines
+Chefs den Befehl erhielt, eine Schiffsladung Reis in's Meer zu
+versenken, damit die Waare im Preise steige.
+
+Mit dem Gang der Revolution konnte er sich nicht befreunden.
+
+Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch
+gewonnen, dahingegen hatte die Klasse, die er auf's Tiefste haßte.
+die handeltreibende Klasse, am meisten profitirt. Und daß die
+Schriftsteller und Verherrlicher der neuen Ordnung der Dinge das
+Lob des Handels in allen Tonarten priesen, die Handelsfreiheit als
+das Ei des Columbus rühmten, als die Einrichtung, aus welcher die
+allgemeine Wohlfahrt und das allgemeine Glück ersprießen werde,
+erbitterte ihn noch mehr. Auch war seine Abneigung gegen jede
+Gewaltthätigkeit, mochte sie von welcher Seite immer kommen, so
+ausgeprägt, daß er sich nie mit den Gewaltakten der Revolution,
+deren Nothwendigkeit er nicht einsehen konnte, zu befreunden
+vermochte, und namentlich haßte er die Jakobiner, als die Vertreter
+des Schreckensregiments und der Rousseau'schen Philosophie. Nichts
+konnte ihn später mehr in Aufregung und Zorn bringen, als wenn die
+Gegner ihm vorwarfen, daß seine sozialen Theorien nur auf dem
+von den Jakobinern eingeschlagenen Wege verwirklicht werden
+könnten; dann brach er heftig los. »Nein und tausendmal nein, meine
+Theorie hat nichts zu thun mit der jener Leute, noch mit ihren
+Umsturzprojekten.« Er hatte mit seinem kritischen Blick erkannt,
+daß in der Revolution trotz allem Heroismus und aller Aufopferung
+des Volkes, trotz einer idealen Verfassung, trotzdem Alles die
+Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit im Munde führte,
+die Ausbeutung, die Unterdrückung, die Demüthigung der Masse, Lug,
+Trug und Heuchelei nicht nur geblieben waren, sondern sich wo
+möglich noch gesteigert hatten. Er hatte gesehen, daß, während die
+Revolutionäre sich bemühten, mit größter Rücksichtslosigkeit Alles
+mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, was ihren Begriffen von
+gesellschaftlichem Glück entgegenstand, das Kapital im schreiendsten
+Widerspruch mit den gepredigten Grundsätzen agirte. Er sah, wie der
+Güterschacher, der Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien
+blühten und die neu emporgekommenen und plötzlich reich gewordenen
+Besitzer ihre Orgien feierten. Ihm war auch der Hunger und das
+Elend der Massen, ihre Begeisterung und ihre Opferwilligkeit bei
+der Verteidigung des Vaterlandes nicht entgangen, und alle diese
+Wahrnehmungen, verbunden mit denen, die er tagtäglich im kleineren
+Kreise um sich und im Geschäftsleben machte, waren es, die ihn auf
+den Gedanken brachten, daß die Gesellschaft unmöglich richtig
+organisirt sein könne, und es eine Ordnung der Dinge geben müsse,
+die alle diese Auswüchse und Uebel unmöglich mache. Ihm erschien es
+eine Ungeheuerlichkeit, daß die Revolutionäre und nach ihnen die
+Ordnungsmänner mit Menschenköpfen wie mit Kegelkugeln spielten; daß
+man in der gewaltsamen Vernichtung der Parteien das menschliche
+Glück zu begründen glauben könne. Er begriff nicht, daß alle diese
+Kämpfe nur stattfanden, weil man der wahren treibenden Kraft, jener
+geheimnißvollen unfaßbaren Macht, dem unpersönlichen Kapital, nicht
+auf die Spur kommen und seinen Einfluß nicht beseitigen konnte,
+noch viel weniger wollte, jenes Dinges, über dessen Definirung die
+bürgerlichen Ideologen sich bis heute die Köpfe zerbrachen, dessen
+Räthsel erst der moderne wissenschaftliche Sozialismus löste, der
+endlich auch diese moderne Sphinx in den Abgrund stürzen wird.
+
+Fourier, der von Natur für die politischen Kämpfe nicht inklinirte,
+der durch die vor seinen Augen sich abspielenden Ereignisse in
+dieser Abneigung noch bestärkt wurde, kam in Folge davon zu der
+vorgefaßten Meinung, daß die politische Verfassung der Gesellschaft
+überhaupt eine gleichgültige Sache sei, daß diese mit dem sozialen
+Zustand nichts zu schaffen habe, und daß es sich darum handele, den
+letzteren zu verbessern und die politischen Fragen ganz bei Seite
+zu lassen. Er verfiel also in den entgegengesetzten Fehler der
+bürgerlichen Ideologen. Diese glaubten durch die Beseitigung des
+Adels, der Priesterschaft und des Königthums, durch die Begründung
+der Republik, die Verkündigung der Menschenrechte, die Anstellung
+idealer Grundsätze Alles geleistet zu haben, was zu leisten möglich
+sei. Blieben dennoch die Zustände mangelhaft, so lag das nur an der
+Niederträchtigkeit der sogenannten Volksfeinde, der Aristokraten,
+der Pfaffen, der heimlichen Anhänger des Königthums, deren man
+trotz aller Gewaltmaßregeln nicht Herr werden konnte. Man mußte das
+Volk zur »Tugend« erziehen, zur Vaterlandsliebe, zur Opferwilligkeit,
+zur Arbeitsamkeit, zur Enthaltsamkeit. Wenn das geschah und Alle
+»tugendhaft« waren, so konnte der glückliche Zustand nicht fehlen.
+Die bürgerliche Welt ist am Ende des 19. Jahrhunderts den großen
+Begründern ihrer Herrlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts noch
+nicht um Vieles in der Erkenntniß der gesellschaftlichen
+Entwicklungsgesetze voraus gekommen, sie dreht sich noch immer in
+demselben Ideengang und sie wird darin stecken bleiben. Darüber
+hinauszugehen wäre ihr Tod.
+
+Nach Fourier besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen
+dem politischen und sozialen Zustand der Gesellschaft, der erstere
+ist willkürlich, wie auch der letztere mehr oder weniger
+willkürlich ist. Er hat zwar mit großem Scharfsinn verschiedene
+Stufen der menschlichen Entwicklung gekennzeichnet, die er als
+Edenismus, oder Zustand des primitiven Glücks, als Zustand der
+Wildheit, des Patriarchats oder der Halbbarbarei, der Barbarei und
+der Zivilisation charakterisirt; aber es unterliegt nach ihm keinem
+Zweifel, daß die Zivilisation, die er mit den Griechen beginnen
+läßt, schon längst in den nächst höheren Zustand der Entwicklung,
+den des Garantismus übergegangen wäre, wenn der richtige Mann sich
+fand, der den Ausgang aus der Zivilisation entdeckte. Dieser Mann
+fehlte bisher. Newton war durch die Entdeckung der Gesetze der
+Attraktion der Weltkörper hart an dem rechten Weg vorbeigestreift,
+aber er hatte das Bewegungsgesetz nur für die materielle Welt
+gefunden. Diese Entdeckung war also, so wichtig sie auch sein
+mochte, für das Glück der Menschheit die minder werthvolle. Die
+Gesetze der sozialen Attraktion zu entdecken und darauf die
+universelle Einheit des gesammten Weltalls, die Beziehungen
+zwischen den verschiedenen Naturreichen und dem Menschen, zwischen
+dem Menschen, der Entwicklung des Erdballs und des ganzen Planeten-
+und Weltsystems, und namentlich auch seine wahren Beziehungen zu
+dem Weltenschöpfer zu entdecken, dessen ermangelte Newton. Diese
+Gesetze zu entdecken und damit die wahre Bestimmung des Menschen,
+die Wege zu seinem Glück, das blieb ihm, Fourier, vorbehalten. Er
+hat das Mittel entdeckt, das die Menschheit aus Noth, Elend,
+Unterdrückung, Verkümmerung, Langeweile erlöst, den Menschen mit
+Gott und dem All in Harmonie setzt. Dieses Mittel ist die
+Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe,
+angewandt auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen, und
+ihre Bethätigung in der Assoziation durch die Bildung der Serien
+(Reihen) und Gruppen von Harmonisirenden.
+
+Daß er, Fourier, dieses Mittel für das Glück der Menschheit
+entdeckte, ist nach ihm reiner Zufall. Es hätte jeder Andere vor
+ihm und namentlich die Philosophen, die sich seit mehr als 2500
+Jahren bemühten, das Welträthsel zu lösen und das menschliche Glück
+zu suchen, es auch entdecken können. Sie haben aber immer nur damit
+sich begnügt, das Bestehende zu loben und haben jede Neuerung, wenn
+sie ihren Lehren gefährlich oder bedenklich schien, bekämpft und
+verfolgt. Darum sind auch die 400.000 Bände, die sie ihm zufolge im
+Laufe der Zeiten in den Bibliotheken, vollgepfropft mit ihren
+Theorien, aufgestapelt haben, von sehr zweifelhaftem Werth. Um so
+heftiger bekämpfen sie aber jede Neuerung, die, wie die seine, alle
+diese Werke über den Haufen wirft und sie nahezu werthlos macht.
+Diese Philosophen, unter welchen er, wie er wiederholt hervorhebt,
+die Moralisten, die Metaphysiker, die Politiker und die
+Oekonomisten _ausschließlich_ verstanden wissen will, weil sie ihm
+als Vertreter der unsicheren Wissenschaften (»sciences
+incertaines«) gelten, haben sich deshalb auch gegen ihn
+verschworen, seine Lehren nicht zur Geltung kommen zu lassen; sie
+treten ihm überall in den Weg und suchen die Besprechung, selbst
+die bloße Erwähnung seiner Schriften zu hintertreiben. Gegen sie
+richtet sich daher sein ganz besonderer Zorn, und er überschüttet
+sie mit seinem Witz, seiner Satyre und seinem Haß.
+
+Daß, einmal ganz abgesehen von der Frage der Ausführbarkeit seines
+Systems, seine Theorien, wie sich zeigen wird, im letzten Grunde
+darauf hinaus laufen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, und
+daß also das Klasseninteresse der Besitzenden und Herrschenden
+diese zwingt, seinen Ideen naturgemäß feindlich zu sein, sieht er
+trotz des außerordentlichen Scharfsinns, der ihm bei der
+Entwicklung seiner Ideen eigen ist, nicht ein. Er giebt sich
+allerdings die größte Mühe, die verschiedenen Klassen und
+Interessen auszusöhnen. Nicht nur sollen alle Regierungen, ohne
+Rücksicht auf das ihnen zu Grunde liegende politische System,
+bestehen bleiben, er läßt sogar noch eine große Zahl neuer Staaten
+und Reiche in den bis jetzt von den Wilden und Barbaren bewohnten
+Ländern und Erdtheilen sich bilden, wenn erst der ganze Erdball
+sein System angenommen haben wird, was nach Gründung der ersten
+Versuchsphalanx -- die Phalanx ist die Genossenschaft, in der sich
+sein System vollzieht[1] -- nur wenige Jahre dauern wird. Denn die
+Vortheile, die sein phalansteres System der Menschheit bietet, sind
+so in die Augen springende, so zur Nachahmung hinreißende, daß,
+nachdem die Neugierigen von allen Enden des Erdballs sich von den
+großartigen Vortheilen und Annehmlichkeiten dieses Systems durch
+den Besuch der Versuchsphalanx überzeugten, sie die größte Eile
+haben werden, desselben Glückes theilhaftig zu werden.
+
+[Fußnote 1: Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von
+Macedonien in seinem Heere eingeführten Schlachtordnung; die
+Phalanx war ein dichtgeschlossener, keilförmig geformter, mit
+Speeren bewaffneter Truppenkörper, der mit seiner Spitze in den
+Feind eindrang und ihn auseinander sprengte. Der Name für sein
+System ist also von Fourier nicht übel gewählt.]
+
+Indeß waren um das Jahr 1793, wo Fourier in Lyon lebte, diese Ideen
+bei ihm noch nicht zur Reife gekommen, obgleich die Keime dazu
+bereits bei ihm vorhanden waren und seine Denk- und Handlungsweise
+bestimmten. Es war in diesem Jahr, daß der Konvent das ihm
+oppositionell gesinnte Lyon belagern und nach der Eroberung in
+einem erheblichen Theil zerstören ließ, wobei auch Fourier sein
+Vermögen einbüßte. Fourier mußte zur Verteidigung der Stadt die
+Waffen ergreifen und entging bei einem Ausfall nur mit genauer Noth
+dem Tode. Nach Eroberung der Stadt wurde er gefangen genommen und
+sollte füsilirt werden; er wußte sich durch die Flucht zu retten.
+Man kann sich vorstellen, daß diese Vorgänge auf ihn einen tiefen
+Eindruck machten und sein späteres Denken und Urtheilen wesentlich
+beeinflußten. Kurze Zeit darnach mußte er sich in Folge der vom
+Konvent beorderten »levée en masse« (des Massenaufgebots) zur
+Vertheidigung der Grenzen stellen, und zwar war er als
+Unverheiratheter unter der ersten Portion der Ausgehobenen, die
+nach der nothdürftigsten Einübung zur Armee abgehen sollten. Er
+wurde unter die Jäger zu Pferde der Rhein- und Moselarmee rangirt,
+doch wurde er nach einigen Monaten auf ein Untauglichkeitszeugniß
+hin -- F. war klein und schwächlich von Körper -- vom Dienst
+befreit. Ein während seiner Dienstzeit an das Kriegsdepartement
+gerichteter Brief, in dem er der obersten militärischen Leitung
+Vorschläge bezüglich der Ueberschreitung des Rheins und der Alpen
+machte, verschaffte ihm seitens der genannten Behörde ein
+Dankschreiben, unterzeichnet von Carnot.
+
+In den nächsten Jahren beschäftigte sich Fourier -- neben seinem
+Beruf -- mit allerlei sozial-reformatorischen Vorschlägen, die er
+bald der Regierungsgewalt, bald einzelnen Deputaten unterbreitete,
+aber ohne Anklang damit zu finden. Zu Anfang dieses Jahrhunderts
+hatte er sich, um eine größere Freiheit und Selbständigkeit zu
+genießen, als Winkelmakler, wie er sich selbst nannte, etablirt,
+ein Beruf, den er mit seiner gewohnten Offenheit also
+charakterisirt. »Ein Makler ist ein Mensch, der mit den Lügen
+Anderer hausirt und diesen Lügen seine eignen hinzufügt.« Nebenbei
+veröffentlichte er ab und zu politische Artikel im »Bulletin de
+Lyon«. In einem solchen Artikel vom 25. Frimaire des Jahres XII.
+(17. Dezember 1803), betitelt. »Das kontinentale Triumvirat und ein
+dreißig Jahre dauernder Friede«, behandelte er die Frage der
+Theilung Europas. Bekanntlich hatte damals bereits der Ruhm
+Napoleon's eine außerordentliche Höhe erlangt, man stand kurz vor
+seiner Krönung zum Kaiser und alle Welt beschäftigte sich mit der
+Frage, ob endlich dauernd Frieden einkehren, oder welcher Staat das
+nächste Angriffsobjekt bilden werde. Fourier setzte auseinander,
+daß zunächst noch kein Friede kommen dürfe, daß unter den vier
+Staaten, die als selbstständige Reiche in Frage kämen. Frankreich,
+Rußland, Oesterreich, Preußen, letzteres, als das schwächste,
+zuerst an die Reihe kommen und verschwinden werde. Mit einer
+einzigen Schlacht sei es niedergeworfen -- was bekanntlich
+thatsächlich geschah -- und dann werde es das Schicksal Polens
+finden und unter die anderen drei getheilt werden. Jetzt sei das
+Triumvirat und ein längerer Friede möglich; einige man sich nicht,
+so komme Oesterreich an die Reihe, zuletzt entbrenne der Kampf
+zwischen Rußland und Frankreich um die Herrschaft der Welt. England
+ließ er außer Betracht, weil es als insularer Staat und einzige
+Alles beherrschende Seemacht zunächst unangreifbar war. Aber wer in
+Europa Sieger bleibe, werde Indien nehmen, die Häfen Asiens und
+Europas schließen und so England zu Grunde richten. Gegen England,
+in dem er die Stütze des Handelssystems und den Repräsentanten
+aller Niederträchtigkeiten des Handelsgutes sah, empfand er einen
+besonderen Haß, der häufig aus seinen Schriften hervorbricht. Der
+erwähnte Artikel erregte die Aufmerksamkeit Napoleon's und führte
+zu Untersuchungen über den Verfasser; dem Verleger wurde bedeutet,
+künftig ähnliche Artikel nicht wieder aufzunehmen.
+
+Im Jahre 1808 veröffentlichte Fourier sein erstes und grundlegendes
+Werk unter dem Titel: »La Theorie des quatre Mouvements et des
+destinées generales« (»Die Lehre von den vier Bewegungen und den
+allgemeinen Bestimmungen«). In diesem Werke sind seine Ideen
+bereits vollkommen enthalten, obgleich es noch vielfach der
+Klarheit und namentlich der logischen Entwicklung entbehrt; dafür
+ist es aber mit dem ganzen Feuer der ersten Begeisterung eines
+Mannes geschrieben, der an seine Mission und die Unfehlbarkeit
+seiner Theorien glaubt. Fourier ließ das genannte Werk allerdings
+zunächst nur als Prospekt seiner Entdeckung erscheinen, dem später
+noch acht lange Abhandlungen über die Gesammtheit seiner Theorien
+folgen sollten. Diese erschienen nun zwar nicht, aber was erschien,
+enthielt im Grunde doch nur umfänglichere Erläuterungen und größere
+Detailschilderungen seines Systems, untermischt mit
+philosophisch-polemischen Abhandlungen gegen seine Gegner, worin er
+sich gegen die auf ihn und gegen seine Theorien gerichteten
+Angriffe wandte, dabei immer dem Grundsatze folgend: die beste
+Taktik zur Abwehr ist der Angriff. Auch liebte er es, in seinen
+Werken immer wieder seine positiven Hauptgedanken, wie seine
+Hauptanklagen gegen die bestehenden Zustände zu wiederholen,
+nachdrücklich hervorhebend, daß dies nöthig sei, einestheils, um
+seine Ideen, die dem Leser neu und fremd seien, besser und sicherer
+in dessen Köpfe haften zu lassen, anderntheils, um die in den
+Köpfen tief eingewurzelten Vorurtheile um so gründlicher zu
+beseitigen. Eine unzweifelhaft sehr richtige Taktik, die auch die
+Gegner alles Neuen bisher stets angewandt haben, wodurch sie es
+fertig brachten, selbst die absurdesten Vorurtheile lange Zeit
+aufrecht zu erhalten.
+
+Die große Masse in allen Kreisen denkt nur gewohnheitsmäßig, die
+einmal übernommenen Ideen bewegen sich in gewissermaßen
+ausgefahrenen Hirngeleisen, und es bedarf erst starker und
+wiederholter, durch greifbare Thatsachen und fühlbare Uebel
+unterstützter Argumente, um sie aus der gewohnten Denkbahn zu
+reißen. Und ist das Interesse nicht mit den neuen Ideen verknüpft,
+so ist alle Arbeit vergebens, vereinzelte Idealisten ausgenommen,
+die schließlich doch auch nur aus Interesse geleitet werden, weil
+sie weiter blicken und das Neue als das Zukünftige, als
+unabänderliche Nothwendigkeit und Verbesserung für Alle ansehen und
+darum für erstrebenswerth halten.
+
+Der Gedankengang, den Fourier in seinem ersten Werk entwickelt, ist
+kurz folgender: die Welt besteht aus drei ewigen, unerschaffenen
+und unzerstörbaren Prinzipien:
+
+-- Gott, oder dem Geist, aktives und bewegendes Prinzip;
+-- der Materie, passives und bewegtes Prinzip;
+-- der Gerechtigkeit oder den mathematischen Gesetzen, regulirendes
+Prinzip.
+
+Analog dem Weltall besteht auch der Mensch aus drei Prinzipien:
+
+-- den Trieben (»passions«), aktives und bewegendes Prinzip;
+-- dem Körper, passives und bewegtes Prinzip;
+-- der Intelligenz, neutrales und regulirendes Prinizp.
+
+Gott, welcher der Leiter und Lenker des Weltalls ist, kann nur die
+Einheit und Harmonie desselben wollen, weil sonst er mit sich
+selbst in Widerspruch stünde. Daher existirt eine ununterbrochene
+Kette von Beziehungen zwischen Allem, was vorhanden ist. Zwischen
+den drei Reichen der Natur -- Thieren, Pflanzen, Mineralien -- und
+dem Menschen, zwischen dem Menschen und Gott, wie zwischen dem
+Menschen und dem Erdball, und dem ganzen Planeten- und
+Weltsystem.[2] Indem Gott den Menschen schuf, ihn mit Trieben und
+Leidenschaften ausstattete, wollte er, daß der Mensch damit
+glücklich sei. Es ist also nicht anzunehmen, daß diese Triebe
+schädliche sind, daß der eine oder der andere unterdrückt werde
+oder unbefriedigt bleibe. Die Befriedigung seiner Triebe schafft
+vielmehr die Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott.
+Wenn wir trotzdem häufig sehen, daß diese Triebe des Menschen sich
+oft nur in schädlicher Richtung oder gar nicht äußern und nicht
+befriedigt werden können, so beweist dies nichts gegen _die Triebe
+und die Ordnung Gottes, sondern spricht gegen die soziale
+Organisation der Gesellschaft_, welche diese Triebe sich falsch zu
+bethätigen zwingt oder sie gar unterdrückt.
+
+[Fußnote 2: Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem
+Robinet in seinem 1766 in Amsterdam erschienenen Werke »Ueber die
+Natur« (»De la nature«) Ausdruck giebt: »Alles in der Natur steht
+miteinander in Verbindung«, und ebenso spricht R. einen Gedanken
+aus, den Fourier ähnlich wiederholt: »Daß die Natur mit möglichst
+sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite.« Holbach sagt
+im »Systeme de la nature«: »In der ganzen Schöpfung herrscht
+Wesenseinheit.« Die Ideenassoziation ist augenfällig.]
+
+Es sind nun vier Bewegungen, oder wie er später aufstellte, fünf,
+welche die ganze Welt in Thätigkeit setzen und sie den Bestimmungen
+entgegenführen.
+
+1. Die normale Bewegung; Gesetze der Anziehung für die imponderablen
+(unwägbaren) Elemente, Elektrizität, Magnetismus, Gerüche.
+
+2. Die thierische oder instinktuelle Bewegung; Gesetze der Anziehung
+für die Triebe und Instinkte aller erschaffenen Wesen, wann und wo
+immer sie waren, sind und sein werden.
+
+3. Die organische Bewegung. Gesetze der Anziehung für die
+Eigenschaften der Körper: Form, Farbe, Geschmack, Geruch etc.
+
+4. Die materielle Bewegung -- bereits durch die Mathematiker
+(Newton) entdeckt -- Gesetze der Anziehung und Gravitation der
+Weltkörper (Planeten Fixsterne). Die Kometen sind nach Fourier
+irreguläre Weltraumbummler.
+
+5. Die soziale Bewegung -- der eigentliche Angelpunkt (Pivot) des
+Ganzen -- die Gesetze, welche die Ordnung und Aufeinanderfolge der
+verschiedenen sozialen Gestaltungen auf allen Weltkörpern regeln.
+
+Der Mittelpunkt dieser sozialen Gesetze ist der Mensch, der im
+Grunde damit zum Mittelpunkt des Ganzen wird um den sich Alles
+dreht.
+
+Was hat die Welt überhaupt für einen Zweck, wenn sie nicht für den
+Menschen geschaffen ist? Das ist der Hauptgedanke, der seiner
+Weltauffassung zu Grunde liegt.
+
+Die Bestimmung des Menschen ist das Glück, das in der Entwicklung
+aller seiner Anlagen, der Befriedigung aller seiner Triebe liegt.
+Der Mensch soll genießen und abermals genießen Alles, wonach sein
+Herz ihn drängt, das ist das Fourier'sche Evangelium und nach ihm
+die Bestimmung des Menschen durch Gott. Man sieht, dieser
+Fourier'sche Gott ist ein sehr materialistischer Gott, der sich in
+starkem Gegensatz zu dem Gott des Christenthums befindet, der die
+Enthaltsamkeit, die Demuth, die Kreuzigung des Fleisches predigt.
+
+Seiner Bestimmung gemäß strebt also der Mensch nach dem Glück, und
+Reichthum und Gesundheit bilden sein Glück. Er will Reichthum, um
+sich Genuß verschaffen zu können, und er will Gesundheit, um sie
+genießen zu können. Den Reichthum genießen nur Wenige, und meist
+Jene, die ihn am wenigsten verdienen; die Gesundheit mangelt fast
+Allen. Den Einen in Folge von Noth, Elend, Trübsal, Entbehrungen,
+den Anderen in Folge von Ueberüppigkeit, Schwelgerei, Uebermaß der
+Genüsse. Das Eine wie das Andere ist Folge unserer sozialen
+Einrichtungen, die keinem Theil der Gesellschaft, weder dem Reichen
+noch dem Armen, die vernünftige und gesunde Entwicklung aller
+seiner Kräfte und Fähigkeiten, die Abwechslung und befriedigende
+Anwendung seiner Triebe gestatten. Zwar will die Gesellschaft, und
+namentlich die Zivilisation, das allgemeine Glück, aber was sie
+erstrebt, schlägt stets in das Gegentheil um. Wir behaupten, die
+Wahrheit zu wollen, und überall herrscht Lüge, Heuchelei,
+Unterdrückung; wir wollen die Moral und es herrscht Diebstahl,
+Betrug, Verführung, Ehebruch, Prostitution, kurz allgemeine
+Sittenlosigkeit; wir erstreben das allgemeine Glück und sieben
+Achtel bis acht Neuntel der Menschen sind unglücklich, weil sie von
+Uebeln umgeben sind, die zu beseitigen nicht in ihrer Macht liegt.
+So herrscht statt der Einheitlichkeit die Zweideutigkeit in allen
+Beziehungen. Jede gute Seite hat ihre schlimme, und zwar ist die
+schlimme die überwiegende.
+
+Fourier nennt das Streben nach Glück streben nach innerem und
+äußerem Luxus. Der innere Luxus ist die Gesundheit, der äußere der
+Reichthum. Den inneren Luxus bilden die Triebe, _die um so gesünder
+sind, je lebhafter sie sind_, und deren es fünf sensuelle oder
+Sinne des Körpers giebt: Geruch, Gesicht, Gehör, Geschmack und
+Gefühl, und vier Triebe der Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz,[3]
+Familiensinn, die sämmtlich alle neun von drei sie steuernden
+Trieben beherrscht werden. Diese drei sind: Die Kabalist, Trieb der
+Intrigue, d.h. der Trieb, der thätig ist, um die Neigungen zu
+theilen, die Willen zu bestimmen, sich zu gemeinsamen Handlungen zu
+vereinigen; die Alternant oder Papillone, Trieb, der nach
+beständiger Abwechslung, nach Kontrasten, nach Veränderungen in der
+Handlung strebt; die Komposit, Trieb, der die Begeisterung, den
+Enthusiasmus erregt, nach dem Guten und Schönen strebt, alle
+Hindernisse überwindet. Diese letzten drei Triebe wirken ihm
+zufolge auf die vier affektiven und diese auf die fünf sensitiven.
+
+[Fußnote 3: Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: »Karl
+Fourier, ein Vielverkannter« (Hottingen-Zürich, Volksbuchhandlung
+1881), den Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz
+einen häßlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewählte Ausdruck
+ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals
+ausdrücklich konstatiren, daß nach Fourier's Theorie _alle Triebe
+gut sind_ und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig anstößig sein darf,
+als die nach unserer landläufigen Auffassung von Fourier
+gebrauchten Ausdrücke Kabalist und Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch
+in der bürgerlichen Gesellschaft an sich eine ganz löbliche
+Eigenschaft, der nur unangenehm und schädlich wird, wenn er auf
+Kosten Anderer oder der Allgemeinheit sich Geltung verschaffen
+will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich in seiner Schrift, in
+dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung zu bringen, ihn ein
+wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache unserer Zeit reden
+lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen genügend Erwähnung
+zu thun. Ein solches Zugünstigfärben erklärt sich aus dem
+Bestreben, Fourier gegen die ungerechten und unqualifizirbaren
+Angriffe eines Dühring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu
+nehmen. Alle drei bezeichnen Fourier -- und Dühring und Most
+offenbar, ohne sich näher mit seinen Werken vertraut gemacht zu
+haben -- einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu
+haben. Ob dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner
+Gegner entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der
+Leser am Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir möchten aber
+schon jetzt konstatiren, daß Joh. Most, der sich heute als
+Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben
+scheint, daß er Fourier als _Vater des Anarchismus_ anzusehen hat
+-- das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und
+Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden
+Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt.
+Die Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d.h. der Erdball
+mit Phalanstèren bedeckt, machte jede Staatsorganisation
+überflüssig, es wäre die Föderation der Phalanxen, also
+produzirender und konsumirender Kommunen. Daß Fourier trotzdem
+nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend
+voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu gründen in
+Aussicht stellte, ist einer der Widersprüche seines Systems, die
+ihm nicht zum Bewußtsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der
+das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in
+seinem Wesen unberührt läßt.]
+
+Will aber der Mensch alle seine Triebe bethätigen und befriedigen
+und den dazu nöthigen Reichthum erlangen, ein Streben, das seiner
+Natur inhärent ist, so kann er dies nicht als isolirtes Einzelwesen,
+er bedarf hierzu einer Organisation mit Seinesgleichen. Diese
+Organisation, die Fourier entdeckte und als Heilmittel bietet, ist
+-- die ländliche und hauswirthschaftliche Assoziation, die mit der
+industriellen zu verbinden und auf die Anwendung der Serien
+(Reihen) und Gruppen der Triebe organisirt sein soll.
+
+Fourier legt auf die Ackerbaugenossenschaft oder die agrikole
+Assoziation das Hauptgewicht, er sieht sie als die eigentliche
+Grundlage für die menschliche Existenz, als diejenige Thätigkeit
+an, welche die meiste und angenehmste Abwechslung der Verrichtungen
+bietet. Aber auch die ganze häusliche Thätigkeit, die
+Hauswirthschaft im weitesten Umfang, Handel und Gewerbe, die
+Erziehung, die Künste, die Wissenschaften sollen sozietär betrieben
+werden. Die eigentliche Großindustrie hatte im Zeitalter Fourier's
+noch wenig Bedeutung in Frankreich, sie war hauptsächlich in der
+sog. Manufaktur organisirt, jener höher entwickelten Theilung der
+Handarbeit, vereinigt in großen Werkstätten, oder vertheilt in
+Hausbetrieben, die für einen gemeinsamen Unternehmer arbeiten. Der
+große Fabrikbetrieb entstand erst in einiger Bedeutung gegen das
+Lebensende Fourier's. Der manufakturmäßige Großbetrieb wurde zu
+Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich treibhausmäßig durch die
+Zoll- und Gewerbepolitik Napoleon's begünstigt, dessen Haß und
+Eifersucht, sowie Rachsucht gegen England ihn zur Kontinentalsperre
+trieben und ihn die größten Anstrengungen machen ließen, neben der
+Sperrung der seiner Machtsphäre unterworfenen Häfen für englische
+Waaren, die inländische Industrie vermittelst enormer Schutzzölle,
+Staatsunterstützungen und Prämien künstlich großzuziehen und
+dadurch England zu stürzen. Immerhin würde sich auch unsere heutige
+Großindustrie in die Fourier'sche phalanstere Organisation
+einreihen lassen.
+
+Die Arbeit ist nach Fourier eine Nothwendigkeit für _Alle_ ohne
+Unterschied des Lebensalters und des Geschlechts, aber sie darf
+keine Last, sondern sie muß eine Lust sein, mit anderen Worten: sie
+muß anziehend sein. Das kann sie nur sein, wenn Jeder das treibt,
+wozu seine Triebe ihn drängen, was ihm also Vergnügen macht; dabei
+muß die Beschäftigung häufig abwechseln und dürfen zu diesem Zwecke
+die einzelnen Arbeitssitzungen nur kurze sein. Jede Beschäftigung
+wie jedes Vergnügen darf nicht über ein und eine halbe bis zwei
+Stunden währen, weil man sonst ermüdet. Um aber das rivalisirende
+Element in die Beschäftigung zu bringen, muß sie von einer Anzahl
+Gleichstrebenden zugleich geübt werden. Es bilden sich also Gruppen
+von Gleichgesinnten für eine bestimmte Thätigkeit. Jede dieser
+Gruppen muß der lebhafteren Rivalität und der Ausgleichung halber
+mindestens sieben, gewöhnlich neun Personen umfassen. Es bilden
+sich eben so viel Gruppen, als Unterarten von Beschäftigungen bei
+einem bestimmten Produktionszweig vorhanden sind; diese
+verschiedenen Gruppen bilden eine Serie (Reihe). Es giebt z.B. eine
+Serie der Birnen- und eine solche der Aepfelzüchter, aber für die
+Varietäten jeder Obstart bestehen Gruppen. Es rivalisiren also die
+Serien, um die beste Obstart, die Gruppen, um die besten Sorten
+(Varietäten) zu züchten. Da ferner zwei Menschen nie in Allem den
+gleichen Geschmack und die gleichen Triebe haben, so werden
+dieselben Personen, die soeben in einer Gruppe zusammen wirkten,
+sich in den nachfolgenden Arbeitssitzungen in rivalisirenden
+Gruppen oder Serien in anderen Produktionszweigen gegenüberstehen.
+Es wechselt also nicht blos die Beschäftigung, es wechselt auch
+beständig der gesellschaftliche Umgang bei der Arbeit. Dieser
+immerwährende Wechsel der Beschäftigung und der beschäftigten
+Personen, und die daraus hervorgehenden, sich bald anziehenden,
+bald abstoßenden Wechselbeziehungen bilden nach Fourier die höchste
+Befriedigung, weil alle Triebe dabei in's Spiel kommen. Aber die
+Befriedigung würde keine vollkommene sein, wenn nicht der äußere
+Erfolg, also die Reichthumserzeugung, durch diese Thätigkeitsweise
+auch erzielt würde. Diese planmäßig organisirte, assoziirte
+Thätigkeit von Hunderten von Familien in einer Phalanx wird, so
+behauptet Fourier, im Gegensatz zur einzelnen Privatwirthschaft und
+Privatunternehmerschaft eine große Menge von Ersparungen an Kraft,
+Zeit, Mittel, Werkzeugen etc. einerseits, und durch die geschickt
+kombinirte und rivalisirende Thätigkeit Aller andererseits eine
+Reichthumsvermehrung zur Folge haben, die sich im Vergleich zu
+jetzt verzehn-, verzwanzig-, selbst vervierzigfacht und dem
+Aermsten eine Bedürfnißbefriedigung ermöglicht, wie sie heute kaum
+ein reicher Mann sich verschaffen kann.
+
+In der Fourier'schen Phalanx besteht der Unterschied des Besitzes
+fort. Da der Genuß des Lebens auf Kontrastwirkungen beruht, ist
+auch der Unterschied des Besitzes nothwendig. Je größer die
+Verschiedenheiten an Besitz, Charaktereigenschaften, Trieben, also
+je lebhafter die Kontraste sind, um so besser für die Phalanx.
+
+Man sieht, Fourier ist der Begriff des _Klassengegensatzes_ und die
+Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsformationen aus
+_Klassenkämpfen_, eine Grundanschauung des modernen Sozialismus,
+fremd. Sein Sozialismus ist auf die Versöhnung, die Harmonie der
+heute feindlichen Gegensätze, die nach seiner Meinung nur aus
+Mißverstand oder mangelhafter Kenntniß der wahren Bestimmung der
+menschlichen Gesellschaft feindliche wurden, gerichtet. Sein
+Sozialismus paßt sich, wie er nicht müde wird, immer wiederholt zu
+versichern, allen Regierungsformen und allen Religionssystemen an,
+er hat weder mit politischen noch religiösen Streitfragen das
+Geringste zu thun. Daher wendet er sich in seinen Schriften nicht
+an die Arbeiter und die Masse der Geringen, von denen die erstern
+zu seiner Zeit als Klasse noch wenig entwickelt waren und
+öffentlich gar keine Rolle spielten, sondern er wendet sich an die
+Einsicht der Großen und Reichen. Letztere allein konnten ihm
+helfen, weil sie allein die Mittel zur Gründung einer Versuchsphalanx
+besaßen, von deren Zustandekommen nach ihm die Einführung seines
+Systems abhing. War diese begründet, dann zog sie durch ihren Glanz
+und ihre Vortheile nicht nur die Zivilisirten, sondern auch die
+noch im Zustande der Barbarei und der Wildheit befindlichen Völker
+-- »die von der Zivilisation nichts wissen wollen« -- an, eiligst
+in die neue Gesellschaftsorganisation einzutreten. Die Phalanx ist
+das Zaubermittel, das die Entwicklungsperiode der Zivilisation, wie
+der Barbarei und der Wildheit abkürzt, Barbaren und Wilden das
+Durchgangsstadium durch die Zivilisation erspart und den Aufschwung
+zu immer höherer Vollendung herbeiführt.
+
+So wandte sich denn Fourier nacheinander bald direkt, bald indirekt
+an alle ihm jeweilig zugängig erscheinenden Kreise und Personen, um
+diese für sein System zu interessiren und von ihnen die Mittel zur
+Begründung der Versuchsphalanx zu erlangen. Er schilderte ihnen den
+eigenen materiellen Vortheil, wie die Ehren und den Ruhm, den sie
+dadurch bei Mit- und Nachwelt erlangten, in den glänzendsten,
+glühendsten Farben. So suchte er abwechselnd und nacheinander
+Napoleon, französische Volksvertreter, den Adel und Klerus der
+Restauration, die Bourbonen, die englischen Großen, die sich für
+das gleichzeitig auftauchende Robert Owen'sche Assoziationsprojekt
+in New-Lamark interessirten, die Liberalen, ferner seine wüthendsten
+Gegner, die Philosophen, Rothschild, dem er ein Königreich Jerusalem
+in Aussicht stellte, Lord Byron, George Sand und nach der
+Julirevolution die Herren von Lafitte und Thiers, die emigrirten
+Polen etc. zu gewinnen. Er versuchte schließlich selbst mit den
+Saint Simonisten, insbesondere mit Enfantin, Fühlung zu bekommen.
+Die Saint Simonisten benutzten zwar theilweise seine Theorien,
+indem sie dieselben mit ihren Lehren vermischten, aber auf Weiteres
+ließen sie sich nicht ein.
+
+Alles war also vergeblich. Die Einen fanden sich unter der
+bestehenden Ordnung so wohl, daß sie keine Sehnsucht nach einer
+anderen hatten, Andere, die Wohlwollenden, hielten seine Ideen für
+unausführbar, sahen in denselben eine schöne Illusion oder Vision,
+die Dritten zuckten die Achsel und lachten über ihn als einen
+Träumer und Narren. Dieser Widerstand, diese Ungläubigkeit, die
+Fourier unbegreiflich fand und auf bösen Willen oder Vorurtheil
+zurückführte, denn er selbst glaubte an sich und sein System wie je
+ein Neuerer daran geglaubt hat, wird unser Zeitalter sehr natürlich
+finden. Wir wissen Alle, daß Entwicklungsperioden, die Bestehendes
+von Grund aus umgestalten sollen, nie durch noch so scharfsinnig
+und detaillirt ausgedachte, fertige Pläne von einer Idealgesellschaft
+herbeigeführt werden, auch nicht, wenn die größten finanziellen
+Mittel und das größte Wohlwollen mächtiger Persönlichkeiten
+dahinter steht, sondern daß die Umgestaltung aus dem
+Entwicklungsprozeß der ganzen Gesellschaft sich vollzieht und, wenn
+die Bedingungen einer neuen Gesellschaftsformation vorhanden sind,
+diese sich mit elementarer Gewalt auch Bahn bricht. Sie wird nicht
+gemacht, sie vollzieht sich, und stets unter der Form von
+Klassenkämpfen, _gegen_ den Willen der alten
+Gesellschaftsschichten.
+
+Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent
+berücksichtigen und zwar in der Weise, daß die Arbeit Fünfzwölftel,
+das Kapital Vierzwölftel, das Talent Dreizwölftel des Ertrags
+zugewiesen erhält. Die beiden Geschlechter sind vollkommen
+gleichberechtigt, sie arbeiten, vergnügen und lieben sich
+miteinander, wie die Neigung sie zu einander führt. Wie alle
+Thätigkeit und die Vergnügen gemeinsam sind, so ist auch die
+Kindererziehung eine gemeinsame. Die Kinder sind das dritte
+neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er in seinen Werken
+einen breiten und hochinteressanten Raum. Es existiren nicht viele
+Menschen, die, wie Fourier, die menschliche Gesellschaft in allen
+Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten und studirten, und
+so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer Gründlichkeit
+und Tiefe erfaßt und darauf sein Erziehungssystem begründet. Es
+wird keinen Pädagogen geben, der nicht heute noch die bezüglichen
+Kapitel mit großem Vergnügen und mit Nutzen liest.
+
+Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in
+großen, für diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste
+eingerichteten Sälen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege übernehmen
+Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich freiwillig und
+aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, diesem
+Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder entwickelt,
+werden sie darnach in die verschiedenen Säle vertheilt. Die
+Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie sind Tag
+und Nacht zugegen und werden in den üblichen Zwischenräumen
+abgelöst. Die Mütter können nach Neigung unter den Pflegerinnen
+leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl werde es vorziehen, ihren
+gewohnten Beschäftigungen und Unterhaltungen nachzugehen und nur in
+den Stunden der Nahrung sich einfinden, überzeugt, daß ihren
+Kleinen Nichts fehlt und Nichts abgeht. Für Spielen und
+Unterhaltungen der Kleinen ist reichlich gesorgt. Vom dritten
+Lebensjahre ab werden sie nach ihrem Alter klassifizirt und
+spielend in die verschiedenen leichten Beschäftigungen des
+Haushalts eingeführt und zu Handarbeiten angehalten. _Jeder Zwang
+ist ausgeschlossen_. Zweckdienlich eingerichtete Spielsäle, Küchen,
+kleine Werkstätten, mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen,
+geben ihnen Gelegenheit, ihre Triebe und Fähigkeiten zu bethätigen.
+Der eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten
+Jahr, nachdem inzwischen die körperliche Erziehung, die unter dem
+Namen der »Oper« Gesänge, Tänze, Musik, körperliche Uebungen aller
+Art umfaßt, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem Maß und
+Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu erziehen, eine
+feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung währt in
+verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollständigen körperlichen
+Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und selbst 20.
+Lebensjahr. Wir kommen bei der späteren Darlegung der Fourier'schen
+Theorien auf diese Dinge ausführlicher zurück.
+
+Das Verhältniß der beiden Geschlechter zueinander ist im
+Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier
+an die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die
+Form der heutigen Ehe mit ihren Auswüchsen, ihrer Käuflichkeit,
+ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder
+gegen beide Theile, übt, gehört zu dem Schärfsten, was hierüber
+geschrieben wurde.
+
+Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die
+Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm
+hauptsächlich die Entrüstung und den Zorn der Gegner zu, verletzten
+Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die beste
+der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner
+Darstellung der sechsunddreißig Arten der Hahnreischaft und des
+Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu
+vervollständigen sich anheischig machte; mit seiner Bloßlegung der
+lügnerischen und gaunerhaften Praktiken des Handels, des Geld- und
+Lebensmittelwuchers, des Schachers mit Grundstücken und Effekten,
+der Börsenmanöver, hatte er in verschiedene und sehr gefährliche
+Wespennester gestochen. Er rief einen solchen Sturm gegen sich
+wach, daß er selbst später für angemessen fand, zu erklären, Alles,
+was er über die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften
+ausgeführt habe, könne erst von der dritten Generation ab, nach
+Gründung seines Systems, zur Durchführung kommen. Die jetzt noch
+übermäßig herrschenden Vorurtheile, wie die physischen Uebel und
+Gebrechen, die das gegenwärtige System erzeugt habe, müßten erst
+allmälig ausgerottet werden. Dagegen fuhr er fort, durch
+historische Darlegung und Kritik der geschlechtlichen und der
+Eheverhältnisse bei den alten Völkern, besonders an der Hand der
+Bibel, ihrer Erzählungen über die Nachkommen der ersten Menschen,
+die Lebensweise der Erzväter, dann David's, Salomo's u.s.w.
+nachzuweisen, welche Phasen die Geschlechtsverhältnisse der
+Menschen durchgemacht und wie wenig Anstoß selbst Gott daran
+genommen habe, indem er allen diesen aus dem alten Testament
+angeführten Personen fortgesetzt sein Wohlwollen und seine Gnade
+erhalten habe.
+
+Unter den neuen Lebensverhältnissen, die Fourier erstrebt, genießen
+die Menschen nicht nur das volle Glück, sie werden auch bei ihrer
+gesunden und naturgemäßen Lebensweise ein sehr viel höheres
+Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre werden das
+Durchschnittsalter sein. Sie könnten also wenigstens volle achtzig
+Jahre die Liebe genießen, was doch wohl, wie er meint, eine zu
+lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau ausschließlich
+leben zu sollen, »täglich von derselben Platte zu essen«. Da ferner
+mit dieser längeren Lebensdauer auch die Vermehrung der Menschen
+entsprechend wachse, sei Urbarmachung neuen Bodens, Ansiedelung in
+bisher wenig bevölkerten Ländern und Erdtheilen geboten. Aber auch
+dieses Hülfsmittel werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn
+nicht gleichzeitig mit der Entwicklung des Menschengeschlechts
+durch die neue soziale Organisation unser Erdball in klimatischer
+Beziehung bis zum höchsten Nord- und Südpol eine vollständige
+klimatische Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen
+Planeten und Fixsternen ähnlich sich vollziehen soll.
+
+Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem
+Phantastischsten gehört, das ein Mensch erdenken kann. Es ist
+namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten
+Spott, ihm hauptsächlich den Titel des »Visionärs«, des »Narren«
+eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und hier
+beruft er sich auf Schelling, »das Spiegelbild der menschlichen
+Seele«.
+
+Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode
+wandert er von Planet zu Planet zu immer höherer Vollkommenheit,
+eine Idee, die freilich auch in anderen Köpfen, selbst heute noch,
+spukt und nicht blos in den untern Schichten. -- »Die Kanaille will
+ewig leben.«
+
+Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der
+Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch
+die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von
+80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der
+Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000
+Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung währt 35.000 Jahre;
+die Phase des allmäligen Niedergangs ebenfalls 35.000 Jahre. Dann
+folgt die Phase der Altersschwäche wieder mit 5000 Jahren, worauf
+der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb des
+Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32
+Entwicklungsperioden -- wir befinden uns in der fünften, der
+Zivilisation --, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt es
+verschiedene Neuschöpfungen, durch welche auch die Thier- und
+Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der höheren Entwicklung
+des Menschen, sich in höherer Vollkommenheit entfalten werden. Mit
+der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des Glücks. Es
+wird die Nordpolkrone (»Couronne boréale«) geboren, die dann,
+gleich der Sonne, nicht blos Licht, sondern auch Wärme verbreitet
+und damit eine Reihe neuer Schöpfungen einleitet. Die Wirkung der
+Nordpolkrone wird sein, daß Petersburg und Ochotsk ein ähnliches
+Klima bekommen, wie Kadix und Konstantinopel, daß das Klima der
+sibirischen Eisküsten dem von Marseille und dem Golf von Genua
+gleicht, und daß eine Fruchtbarkeit dieser nördlichen Erdtheile
+beginnt, die mit jener der tropischen Länder wetteifert.
+Gleichzeitig wird durch die Einwirkung des Fluidums der
+Nordpolkrone und durch die Veränderung des Klimas das Meer sich
+umbilden und einen limonadeartigen Geschmack annehmen. Die
+jetzigen, den Menschen feindlichen und schädlichen Meerungeheuer,
+wie der Hai etc., werden zu Grunde gehen und durch neue
+Schöpfungen, wie Anti-Hai, Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere,
+die dem Menschen freundlich sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen
+der Schiffe etc. leihen werden. Alle _nützlichen_ Fische und
+Seethiere, wie der Hering, der Kabeljau, die Auster u.s.w., werden
+trotz der Veränderung des Meeres erhalten bleiben und sich
+wesentlich vermehren. Ganz ähnlich vollzieht sich die Umgestaltung
+auf dem Lande. Alle wilden Thiere (Löwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.)
+und alle giftigen Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die
+giftigen und schädlichen Pflanzen verschwinden und werden durch für
+den Menschen nützliche Neuschöpfungen ersetzt. So entsteht z.B. der
+Anti-Löwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als
+Reitthier anbietet.
+
+Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei
+Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann
+wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen
+Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz
+dort nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht,
+ist schwer zu sagen, darüber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der
+Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevölkerungsziffer
+erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so
+läßt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmälig und namentlich in
+dem Maße nach, wie neben den Männern insbesondere auch die Frauen
+größer und stärker werden, ihre geistige und körperliche
+Entwicklung und die opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt,
+schon jetzt in unserer Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu
+haben, daß Frauen von großer Körperkraft und Körperfülle und
+höherer geistiger Entwicklung und in günstigen materiellen
+Verhältnissen lebend, weniger Kinder gebären, als solche von
+schwächlicher, magerer Konstitution, so daß Erstere häufig sogar
+unfruchtbar seien.
+
+Aehnliche Umgestaltungen und Veränderungen, wie auf unserm Globus,
+vollziehen sich auf allen übrigen Planeten und geben dem Menschen
+die Gewähr, daß er auch nach seinem Tode auf der Erde in
+ungemessenen Zeiträumen von einem zum andern Planeten wandert, von
+denen immer einer vollkommener als der andere ist und immer höhere
+Genüsse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze Planetensysteme
+werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt dieselbe Harmonie,
+das obere Klavier (»clavier majeur«) herzustellen, wie diese
+Harmonie auf der Erde in dem Klavier der menschlichen Seele, das
+810 Charaktereigenschaften aufweist, sich hergestellt hat. Das
+Charakteristische in allen diesen Auseinandersetzungen Fourier's
+sind die bestimmten mathematischen Verhältnisse und die Analogien,
+mit denen er rechnet. Alles drückt sich bei ihm in bestimmten
+Zahlen aus. Alle Lebensäußerungen und Erscheinungen in der Welt
+lassen sich in bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen zum
+Ausdruck bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des
+Pythagoras (540-500 vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine
+Philosophie der Zahlenlehre für alle Erscheinungen begründete.
+
+Ebenso sieht Fourier überall Analogien; jede unserer Pflanzen,
+jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt
+er zu ergötzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zähne des
+Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32
+Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zählen muß.
+
+Die phantastischen Spekulationen Fourier's über die Entwicklung von
+Menschen und Welt waren es, die ihm im spottsüchtigen Frankreich am
+meisten schadeten. Später gab er auch diesen Theil seiner Ansichten
+ausdrücklich preis, sich damit entschuldigend, daß im Jahre 1808
+seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr mangelhaft gewesen
+seien, daß er für das Studium auf die Nächte angewiesen gewesen sei
+und er manche ihm nöthige Wissenschaft habe vernachlässigen müssen.
+Im Uebrigen aber hätten, meinte er, diese seine kosmogenetischen
+Ansichten mit seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun
+und schädigten und berührten dieses eben so wenig, als die
+Träumereien Newton's über die Auslegung der Apokalypse dessen
+Entdeckung über die Attraktion und Gravitation der Weltkörper
+geschädigt und berührt habe. Ueberdies erlebte Fourier die
+Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und
+damit war für ihn handgreiflich der Beweis geliefert, daß die
+Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden
+und Länder zu durcheilen vermochte, daß sie den Anti-Hai des Meeres
+und den Anti-Löwen des Landes sehr wohl entbehren konnte. Wer hatte
+überhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von bedeutenden Männern
+keine Träumereien? Schiller in seinen Räubern, Göthe in seinen
+Wilhelm Meister's Lehr- und Wanderjahren, Fichte in seinem
+»geschlossenen Handelsstaat« malten die Welt auch ganz anders, als
+sie der großen Mehrzahl der gleichzeitig mit ihnen lebenden
+»vernünftigen Leute« sich darstellte. Geniale Menschen haben das
+Recht, zu »träumen«, sie helfen mit ihren »Träumen« der Menschheit
+mehr, als der große Troß des Philisterthums mit seinen
+»vernünftigen« Gedanken.
+
+Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte
+mit dem Maßstab einer _späteren_ Zeit messen. Wie jeder Mensch, der
+bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, so wird
+er auch über seine Zeit nicht hinaus können; er kann der
+Vorgeschrittenste in ihr sein, außer ihr steht er nicht. Eine
+bewußte Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts nicht,
+konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse war
+erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am öffentlichen Leben
+sich betheiligten und sich dafür interessirten, bildeten sie die
+Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im Anfang
+der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die
+Verhältnisse noch ganz anders. Die Ideen der großen Revolution
+besaßen noch einen Glanz und hatten einen Enthusiasmus in den
+Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte.
+
+Warum jene glänzenden Ideen der bürgerlichen Ideologen in der
+Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen
+konnten, erwähnten wir schon. Dazu kam, daß die napoleonischen
+Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die öffentliche
+Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten zu jener
+Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch das
+bereits erwähnte gegen England gerichtete vollständige
+Abschließungssystem und die damit treibhausartig gezüchtete
+Großindustrie -- Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation,
+Seidenindustrie etc. -- in Verbindung mit der fortgesetzten
+Hinopferung von Hunderttausenden der besten Kräfte im Mannesalter,
+in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach Arbeitern
+groß, die Löhne standen hoch und die Arbeiter lernten erst jetzt
+eine Menge Bedürfnisse kennen und befriedigen, von denen sie früher
+keine Ahnung hatten. Da bekümmerten sie sich nicht um neue soziale
+Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so fremder, schwer
+verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, wie sie
+Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist überhaupt schwer
+verständlich, es mangelt ihm die logische Zusammenfassung und die
+klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine Nomenklatur gebildet
+und wendet diese mit Vorliebe an, die eine Verdeutlichung sehr
+schwer, manchmal fast unmöglich macht.
+
+Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der
+Beseitigung Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich
+selbst zu beschäftigen, traten andere Erscheinungen in den
+Vordergrund, die das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen.
+Gleichzeitig mit den Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette
+der heiligen Allianz war ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen
+und Adeliger mit ihrer Nachkommenschaft eingerückt, die jetzt wie
+ein Schwarm Heuschrecken sich über das Land ergossen, Ersatz für
+das einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung für das meist sehr
+zweifelhaft Geleistete aus öffentlichen Mitteln verlangten, und
+nach möglichster Wiederherstellung der Zustände des »ancien regime«
+sich sehnten und dazu drängten. Zwar hatte schon Napoleon versucht,
+seinen Frieden mit den alten Ständen zu machen; er hatte neben dem
+alten einen neuen Adel kreirt, weil er einsah, daß er seinen neu
+gezimmerten Thron nicht ohne solche Stützen auf die Länge zu halten
+vermochte, und mit dem Papst hatte er sich auch verständigt. Aber
+es war doch nur ein kleiner Theil des Adels, der von Napoleon
+befriedigt war, und der Herr und Meister zwang diesen Adel zur
+Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 anders. Jetzt brach der alte
+Adel in Schaaren in das Land, er hielt den Tag der Ernte nach so
+langer Entbehrung für gekommen. Die reaktionären Strebungen kamen
+überall zum Vorschein. Eine Reihe von Jahren ließ sich das
+niedergetretene Frankreich diesen Zustand gefallen, dann aber
+ermannte es sich allmälig. Die Bourgeoisie, die sich in erster
+Stelle zurückgedrängt und beunruhigt sah, wurde oppositionell, und
+Alles, was von den Ideen der großen Revolution erfüllt war, noch
+voll Begeisterung und Enthusiasmus glühte, erhob sich zum Kampf,
+der schließlich in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution
+zunächst sein Ende fand. Aber später dauerten die Kämpfe fort und
+führten namentlich zur Gründung der geheimen revolutionären
+Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in stärkerem Maße sich
+betheiligten. Das war keine Strömung, die den auf Aussöhnung und
+Ausgleichung der Gegensätze gerichteten Bestrebungen Fourier's
+günstig war. Dazu kam noch eine gewisse Zurückhaltung seinerseits,
+er blieb den politischen Kämpfen vollständig fern, seine Natur war
+nicht für die öffentliche Propaganda und die Agitation gemacht.
+
+Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: »Die Theorie der vier
+Bewegungen«, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch
+fand geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschöpft. Eine
+kleine Hülse, die ihn vor dem Mangel schützte, erhielt er durch ein
+Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jährlich
+900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in
+verschiedenen kaufmännischen Stellungen, dann zog er sich auf's
+Land zurück und widmete sich fünf Jahre gänzlich seinen Studien und
+Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein umfänglichstes
+Werk: »Die Theorie der universellen Einheit«, zwei starke Bände
+umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein Freund und
+Anhänger Just Muiron, der als städtischer Beamter in Besançon lebte
+und in leidlichen materiellen Verhältnissen war, unterstützte. Bei
+der zweiten Herausgabe (1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach
+seiner ersten Herausgabe geschriebene Abhandlung: »Summarisches«
+eingefügt und das Ganze unter dem ersterwähnten Titel in vier
+Bänden herausgegeben. Bei der ersten Ausgabe führte das Werk den
+Titel: »Abhandlung über die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche
+Assoziation«, obgleich Fourier ihm den späteren Titel von vornherein
+zugedacht, ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals
+»die erschreckte öffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme
+eingenommen gewesen sei.« In diesem Werk begründet Fourier in der
+ausführlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk aufgestellten
+Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien und
+Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes
+bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur -- in
+der Polemik war er überhaupt Meister -- in denen er die Systeme der
+Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit viel Witz
+und Satyre zurückwies.
+
+Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem
+Titel: »Die industrielle und sozietäre Neue Welt.« (»Le Nouveau
+Monde industriel et sociétaire.«) Dieses Werk umfaßt einen Band und
+ist von allen Schriften Fourier's das präziseste und am klarsten
+geschriebene; es vermeidet möglichst die spekulativen und
+kosmogenetischen Träumereien, befaßt sich dagegen um so mehr mit
+allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die
+eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich
+über Fourier's Ideen genügend orientiren will, ohne die fünf ersten
+Bände zu studiren, wird in »Der industriellen und sozietären Neuen
+Welt« alles Wünschbare finden. Sieben Jahre später erschien
+abermals eine größere Arbeit von ihm unter dem Titeln »Falsche
+Industrie«. Aber dieses Buch enthält keine irgendwie neuen Ideen,
+noch weniger zeichnet es sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist
+die letzte, aber auch geringwerthigste seiner größeren
+Abhandlungen. Neben diesen größeren Schriften erschienen von ihm
+eine Menge Aufsätze über die verschiedensten Fragen, die später
+ebenfalls gesammelt und von seinen Anhängern herausgegeben wurden.
+
+Allmälig hatte sich eine kleine Anhängerzahl um Fourier geschaart.
+Neben dem bereits erwähnten, ihm sehr ergebenen Muiron war es
+Victor Considérant, der als junger Mann und als Zögling der
+Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen Ideen hingab,
+unter seinen militärischen Genossen für dieselben Propaganda machte
+und auch später Fourier treu blieb, als er in der militärischen
+Karrière bis zum Hauptmann des Geniekorps emporstieg, noch später
+Mitglied des Generalraths der Seine und Volksvertreter wurde.
+Considérant wurde das eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des
+Fourierismus, der in Wort und Schrift unermüdlich für ihn wirkte.
+Doch da wir die ausschließliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken
+Fourier's zu beschäftigen, können wir nicht ausführlicher auf die
+Thätigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer schriftstellerischen
+Kräfte, und dem entsprechend auch die Zahl ihrer Schriften, wurde
+im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch hat sie nie einen
+großen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie die meisten der
+sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre Hauptstützen in den
+jugendlichen Kreisen der Gebildeten. Schriftsteller, Advokaten,
+Offiziere, Aerzte, Künstler bildeten den Kern. Im Jahre 1832 gelang
+es Kurier und seinen Schülern, eine Zeitschrift für die Verbreitung
+ihrer Lehren zu gründen, die unter dem Titel: »La Reforme
+industrielle ou le Phalanstère« (Die industrielle Reform oder das
+Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bänden groß Oktav
+erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836
+unter dem Titel: »La Phalange, journal de la science social« (Die
+Phalanx, Zeitschrift für die soziale Wissenschaft), welche in den
+Jahren 1836-1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von
+1840-1843 erschien sie wöchentlich drei Mal und ging 1843 in ein
+Tageblatt über unter dem Titel: »Democratie pacifique« (Friedliche
+Demokratie).
+
+Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften
+schriftstellerisch sehr eifrig und leistete zahlreiche Beiträge.
+Außerdem führte er auch den Kampf in der übrigen Presse, so weit
+diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er
+dauernd nach Paris übergesiedelt. Er hatte eingesehen, daß wenn er
+für seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in dem
+Zentralpunkt des öffentlichen Lebens von Frankreich sein mußte. Er
+hatte den durch die Zentralisation des Landes begründeten mächtigen
+Einfluß von Paris auf Frankreich für dessen ganzes öffentliches,
+wissenschaftliches, künstlerisches Leben entschieden bekämpft, ein
+Einfluß, der dazu führe, daß die größten Städte Frankreichs, wie
+Lyon, Bordeaux, Rouen u.s.w., in Bezug auf geistiges und
+künstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und bei der in
+Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit kleineren
+Städten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder beliebigen
+deutschen Universitätsstadt, überflügelt würden. Fourier
+beurtheilte überhaupt Paris, Frankreich und den Charakter seiner
+Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie wenige seiner
+Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner außerordentlichen scharfen
+Beobachtungsgabe. Aber der zentralisirenden Wirkung und dem Einfluß
+von Paris konnte er sich natürlich als Einzelner und als Mann, der
+auf seine Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so
+wählte er es zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Da ist es denn für
+den Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch,
+daß während der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9.
+Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag für Tag in
+der Mittagsstunde in seiner Wohnung den »Kandidaten«[4] erwartete,
+der ihm die Mittel für die Gründung einer Versuchsphalanx zur
+Verfügung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen wurde im Jahre 1832
+aus der Mitte seiner Anhänger heraus der Versuch, eine Phalanx zu
+gründen, gemacht, indem Einer derselben in der Nähe von Rambouillet
+500 Hektaren Land für diesen Zweck zur Verfügung stellte. Aber man
+kam über die ersten Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr
+bald ausgingen, ein Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende
+mit begreiflicher Bitterkeit erfüllte.
+
+[Fußnote 4: Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner
+Meinung die Mittel für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten
+und berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe.]
+
+ * * * * *
+
+Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begründers
+des Phalanstèren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten
+seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhältnisse kurz
+geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte.
+Es handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen
+nach seinen eigenen Ausführungen, wenn auch nur in knappster Form,
+zum Ausdruck zu bringen.
+
+Seine Schüler haben im Jahre 1848 ein zweibändiges Sammelwerk
+herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: »Die universelle
+Harmonie und das Phalansterium« (»L'harmonie Universelle et le
+Phalanstère«) eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, worin
+ausschließlich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben wir
+theilweise für Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier beginnt:
+
+»Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen über die
+Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht,
+welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die
+Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die
+Philosophen[5] in ihrem ersten Versuch (in der französischen
+Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit geliefert haben,
+betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als für immer abgethan. Die
+Ströme von politischer und moralischer Aufklärung erscheinen nur
+mehr als Illusionen. Nachdem diese Gelehrten seit fünfundzwanzig
+Jahrhunderten ihre Theorien vervollkommnet, alles alte und neue
+Wissen zusammengetragen haben, zeigt sich, daß sie uns statt der
+versprochenen Wohlthaten eben so viel Kalamitäten verschafften und
+daß die Zivilisation zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von
+1793 gab es keinerlei Glück von den erworbenen Aufklärungen mehr zu
+hoffen, man mußte das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu
+verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche
+mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen
+Wissenschaft vermuthen ließ und mich anregte, ihre Entdeckung zu
+versuchen. Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die
+Verirrungen der Vernunft und hauptsächlich durch den Anblick der
+schweren Geiseln, von denen unsere sozialen Zustände betroffen
+sind: Mangel, Entbehrungen, überall herrschender Betrug,
+Seeräuberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere Uebel.
+Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine von
+Gott erfundene Kalamität sei, um das Menschengeschlecht zu
+züchtigen. Ich schloß, daß in diesem sozialen Zustand eine
+Umkehrung der natürlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich dachte
+ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht
+Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkräftung, einem inneren
+Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein
+Heilmittel finden könne, wenn man die von unseren Philosophen
+bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner
+Untersuchungen: _den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung
+bisher beschrittener Wege_ ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen
+zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um
+so leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten
+mit Mißtrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung
+gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese
+Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war _zweifelhafter, als
+ihre Nothwendigkeit und künftige Dauer_? Wenn vor ihr schon drei
+andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat und
+die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil sie die
+vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, siebente soziale
+Ordnung entstehen, die weniger verhängnißvoll sind, als die
+Zivilisation, die aber noch unbekannt sind, weil Niemand sich die
+Mühe gab, sie zu entdecken? Man muß also die Nothwendigkeit,
+Vortrefflichkeit und stetige Dauer der Zivilisation in Zweifel
+stellen. Das haben die Philosophen nicht gewagt, weil sonst die
+Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, die alle die Zivilisation
+verherrlichen, an den Tag kommen würde.«
+
+[Fußnote 5: »Unter den Philosophen begreife ich«, sagt Fourier an
+einer Stelle, »nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften
+(»sciences incertaines«), die Politiker, Moralisten, Oekonomisten
+und Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen,
+sondern nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich
+also von Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser
+zweifelhaften Klasse, nicht von den Vertretern der bestimmten
+Wissenschaften (»sciences fixes«).« Fourier ging von der Ansicht
+aus, daß die französische Revolution nur ein Werk der Philosophen
+sei.]
+
+In diesen wenigen Sätzen steckt bereits die Utopie, von der er und
+alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist schlecht,
+kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen
+besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir
+einen besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier
+diese neue Gesellschaft keine willkürlich erfundene sein, sie
+sollte auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und
+stimmten diese Rechnungen, und das entschied natürlich er selbst,
+so war der neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen
+Entschluß der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar
+Handschuhe zu wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne
+Reibung. Denn wo Allen das Glück blüht, wie kann da Jemand zaudern?
+
+Er entschloß sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch
+nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunächst, wie er sagt, auf
+zwei sehr gewöhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren »die
+Ackerbaugesellschaft« (»association agricole«) und die indirecte
+Unterdrückung des Handelsmonopols der Insularen, der Engländer.
+
+England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der
+französischen Revolution einen gefährlichen Konkurrenten entstehen,
+dazu kam die Befürchtung wegen der Rückwirkung der revolutionären
+Ideen auf die eigene Bevölkerung und, wie schon bemerkt, der Haß,
+daß Frankreich die Unabhängigkeitsmachung seiner nordamerikanischen
+Kolonien, der späteren Vereinigten Staaten, unterstützt hatte. Mit
+seiner Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen
+Handel, und bei dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis
+gegen den Handel eingesogen hatte, mußte sich dieser Widerwille
+auch auf die größte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle
+diese perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch
+erzeugt hatte, wenden. Zunächst beschäftigte er sich mit der
+ländlichen Assoziation, und über dem Nachdenken über ihre
+Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die Lösung
+dieses Problems führt, nach ihm, zur Lösung aller politischen
+Probleme. »Die Philosophen hielten die Ackerbaugenossenschaft für
+ebenso unmöglich, wie die Abschaffung der Sklaverei, weil die
+Genossenschaft bisher nie existirte. Sehend, daß bei dem
+Dorfbewohner jede Haushaltung auf eigene Faust arbeitet, kannten
+sie keine Mittel, sie zu vereinigen, und doch würden unzählige
+Verbesserungen daraus entstehen, wenn man die Bewohner jedes
+Fleckens zu gemeinsamer Thätigkeit vereinigen könne, proportional
+ihrem Kapital und ihrer Thätigkeit. Also 2-300 Familien, ungleich
+an Vermögen, die einen Bezirk (»canton«) kultivirten. Das Hinderniß
+schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer
+Thätigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wären mindestens
+achthundert nöthig für eine natürliche und ihre Mitglieder
+anziehende Assoziation.«
+
+»Ich verstehe darunter«, sagt er, »eine Gesellschaft, deren
+Mitglieder durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die
+mit dem Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die
+Ordnung, um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben,
+anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der
+Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird aus
+Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint
+lächerlich, und doch ist sie möglich. Die landwirthschaftliche
+Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend Personen umfaßt,
+liefert so enorme Vortheile, daß sie im Vergleich zum heutigen
+Zustand als Zustand der Sorglosigkeit erscheint. Das hat selbst ein
+Theil der Oekonomen zugestanden, nur haben sie sich nicht die Mühe
+gegeben, die Ausführungsweise zu entdecken. Sie erkennen selbst an,
+daß z.B. dreihundert Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig
+erbauten und eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt
+300 meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein)
+anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger Unkenntniß
+behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit Milch nach der Stadt
+gehen und hundert halbe Tage versäumen, würde ein einziger genügen,
+der mit einem Wagen fährt. Das sind nur einige von den zunächst in
+die Augen fallenden Ersparnissen, und sie würden sich
+verzwanzigfachen lassen. Aber wie eine Gesellschaft verschmelzen,
+in der die eine Familie 10.000 Franken, die andere keinen Obolus
+besitzt? Wie alle die Eifersüchteleien vermeiden und zu _einem_
+Plan die Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel
+widerstreitende Interessen und so viel entgegenstrebende Willen
+versöhnen? Darauf antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und
+Vermögen. Der stärkste Trieb für den Landmann wie für den Städter
+ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß die sozietär
+organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal mehr Vortheile
+einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, daß allen
+Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert sind, so werden
+sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich beeilen, der
+Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über alle Regionen
+ausbreiten, denn überall haben die Menschen den Trieb nach
+Reichthum und Genüssen.«
+
+»Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche auszusprechen
+gestatteten, welches würden die einstimmigsten Wünsche sein, die
+der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, Gesundheit und Langlebigkeit;
+und damit wäre der vierte Wunsch eingeschlossen: genügend Klugheit,
+um diese Güter entsprechend zu benutzen«, so definirt er an einer
+andern Stelle das Streben der Menschen.
+
+»Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des
+Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen Trieben
+Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr anschließen, da
+die Triebe überall die gleichen sind. Dieser neuen Organisation
+gebe ich drei Namen: »progressive Serien« (Reihen) oder Serien »von
+Gruppen«, »Serien der Triebe«. Ich verstehe unter der Bezeichnung
+Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter Gruppen, welche sich
+den verschiedenen Zweigen ein und derselben Industrie -- das Wort
+»Industrie« bedeutet bei Fourier jede nützliche, menschliche
+Bethätigung -- »oder ein und desselben Triebes sich widmen.«
+
+»Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich
+eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien
+ist in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer
+Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den
+extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe
+harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen
+regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus sind sie
+entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum verlangen die
+Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe ist auch stets im
+Sinne von Leidenschaften, »passions«, zu verstehen. Anmerk. des
+Verf.) unterdrücken müsse. Das ist eine doppelte Absurdität. Man
+kann die Triebe nicht anders als durch Gewalt unterdrücken, oder
+dadurch, daß sie sich gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie
+aber, so muß der zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und
+in das Nomadenthum zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der
+Hirten, noch an diejenige ihrer Apologeten.«[6]
+
+[Fußnote 6: Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine
+Verehrer, die den »Naturzustand« als den glücklichsten,
+tugendhaftesten Zustand priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal
+sahen. Jahrzehnte vorher schon spielte die feudale Gesellschaft in
+ganz Europa, der französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre
+idyllischen Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen
+zum Vorschein kamen. Der Verfasser.]
+
+Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie läßt
+weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere Gesichtspunkte der
+Philosophen zu; je glühender und geläuterter die Triebe, je
+lebhafter und zahlreicher sie sind, um so leichter wird die
+Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur der Triebe, die
+Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll ihnen nur die
+rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt sich auf die
+nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie giebt und ohne
+sie zu ändern. Darin besteht das ganze Geheimniß von der Berechnung
+über die Attraktionen der Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht
+oder Unrecht hatte, daß er dem Menschen so oder so die Triebe
+schenkte, die sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab,
+ohne etwas daran zu ändern.«
+
+»Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich ändern,
+so z.B., daß die Menschen das Landleben der Stadt vorziehen, so
+ändert sich _nur_ der Geschmack, nicht die Triebe. Die Liebe zum
+Reichthum und für die Vergnügungen bleibt immer. Die Zivilisirten
+werden über den neuen Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald
+sie sehen, daß z.B. die Kinder, die heute nur schreien und sich
+zanken, Alles zerbrechen und sich zu beschäftigen weigern, in der
+Serie von Gruppen sich nur mit nützlichen Arbeiten aller Art
+beschäftigen, unter sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie
+dazu anreizt; daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die
+Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und
+Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile
+schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die
+Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein Drittheil der
+Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der Privatwirthschaft;
+daß man in der Serie dreimal angenehmer, reichlicher bedient ist;
+daß man dreimal besser sich nährt und dreimal weniger ausgiebt, als
+in der alten Ordnung und dabei all' die Unannehmlichkeiten und
+Verlegenheiten für die Vorbereitungen und Anschaffungen erspart;
+wenn ferner bewiesen wird, daß die Beziehungen in der Serie
+keinerlei Täuschungen zulassen; daß bei dem Volk, heute so
+ungeschliffen und falsch, die Wahrheit und Gesittung einkehren
+wird; wenn das Alles die Zivilisirten sehen, so werden sie einen
+Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand bekommen, sie werden sich
+beeilen, in die Assoziation einzutreten und ihr Gebäude zu
+errichten.«
+
+Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen
+Wissenschaft gekommen sei. »Das Erste, was ich entdeckte, war die
+Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden Serien
+den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen Lebensaltern
+und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in der neuen Ordnung
+man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen werde, je mehr Triebe
+man habe und schloß, daß, _wenn Gott so viel Einfluß_ der
+_Anziehung der Triebe gegeben_ und _so wenig Einfluß der Vernunft,
+ihrem Feinde_, dieses geschehen sei, um uns zur Organisation der
+fortschreitenden Serien zu führen, welche in jedem Sinne die
+Anziehung befriedigen ... Die Sophisten glauben das Problem, das
+daraus entsteht, daß unsere Triebe scheinbar mit unserer Vernunft
+im Widerspruch stehen, dadurch zu erklären, daß sie sagen: Gott gab
+die Vernunft, damit wir den Trieben widerstehen. Es ist aber
+sicher, daß er sie dazu _nicht_ gab. Will man die Vernunft der
+Anziehung der Triebe gegenüberstellen, so ist dies selbst von
+Seiten der Verherrlicher der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen;
+die Vernunft hat _nie_ Bedeutung, sobald es sich darum handelt,
+unsere Neigungen zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch
+Furcht, junge Leuten nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren
+Neigungen zu fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für
+Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die
+wilden Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten,
+aber Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen
+die Leidenschaften vermag.«
+
+»Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr man
+den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles in ihm
+auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf seine
+Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und damit
+die Attraktion um so mehr zu befriedigen.« Gott hat also die
+Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine
+Triebe zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu
+verleihen.
+
+»Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe ist fixirt
+und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und muß großer
+Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte bald, daß die Gesetze der
+Attraktion der Triebe in jedem Punkt den durch Newton und Leibnitz
+angewandten Gesetzen der materiellen Anziehung konform seien und
+_daß es eine Einheit des Systems der Bewegung für die materielle
+und geistige Welt gebe_. Ich kam dann durch Untersuchungen zu der
+Ueberzeugung, daß die Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die
+besonderen Gesetze ausdehne, daß die Attraktion und die
+Eigenschaften der Thiere, Pflanzen, Mineralien koordinirt seien
+nach demselben Plan, wie diejenigen der Menschen und Gestirne. So
+kam ich zu der neuen Wissenschaft: _der Analogie der vier
+Bewegungen_, der materiellen, organischen, thierischen und
+sozialen, oder zur Analogie der Modifikation der Materie mit der
+mathematischen Theorie der Triebe des Menschen und der Thiere.«[7]
+
+[Fußnote 7: Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen
+und erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die
+materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das
+Wasser, 3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität,
+Magnetismus), 4. die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die
+soziale oder passionelle, welcher das Feuer entspricht. Die
+eigentliche praktische Bedeutung dieser fünf Bewegungen oder
+Antriebe wurde bereits weiter oben auseinandergesetzt.]
+
+Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die
+Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der
+Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des
+Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner
+Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch
+auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der
+Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben
+glaubte, war ihm Alles klar; er begann »im Zauberbuch der Natur zu
+lesen«. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung
+der Bestimmungen, d.h. er kannte nunmehr das fundamentale System,
+durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze
+geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die der
+bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte
+er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel
+beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera,
+das gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die
+Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der
+zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit
+blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der
+Selbsterkenntniß ausgerufen: »O! welch' dicke Finsterniß
+verschleiert noch die Natur!« Die Bibliotheken der Philosophen
+sollen die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein
+demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und Irrthümer. Die
+neue sozietäre Ordnung wird also um so glänzender sein, je länger
+sie bisher verzögert wurde, denn eigentlich hätten sie schon die
+Griechen im Zeitalter des Solon (639-559 vor unserer Zeitrechnung)
+begründen können, da ihr »Luxus« -- Fourier versteht hierunter die
+gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters -- schon genügend
+weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser »Luxus« mindestens
+doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete jetzt mit um
+so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die Früchte von
+den Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften, die das
+achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die bis in diese Tage
+sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt werden würden.
+Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung zurück, aber sei es
+nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus mit seiner Behauptung,
+daß es jenseits des Ozeans noch einen Erdtheil geben müsse,
+verlacht, verspottet, mit seiner Lehre selbst vom Papste verflucht
+worden, obgleich dieser am meisten dabei interessirt war, weil er
+neue Gläubige unter seine Herrschaft bekam? Man sei im neunzehnten
+Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder neuen großen Entdeckung als
+im fünfzehnten. Die Philosophen behaupteten, weil sie selbst nicht
+den Schleier zu lüpfen vermochten, die Natur sei ein mit einem
+ehernen Schleier bedecktes Schreckbild, ein undurchdringliches
+Heiligthum; warum habe denn Newton wenigstens eine Ecke dieses
+Schleiers zu lüpfen vermocht? Man sage auch, Gott sei nicht zu
+erkennen. Der gesunde Sinn sage das Gegentheil, weil nichts
+leichter sei. Das Alterthum habe den Schöpfer travestirt, indem es
+ihn unter einer Horde von 35.000 Göttern vermengte und verdeckte;
+da sei es schwierig gewesen, seine Meinung zu studiren, ihn aus
+dieser himmlischen Maskerade zu entwirren. Sokrates und Cicero
+trennten sich von den Sottisen ihrer Zeit, sie bewunderten den
+»unbekannten Gott«; Sokrates wurde ein Opfer seiner Ueberzeugung.
+Heute sei dieser frühere Aberglaube überwunden, das Christenthum
+führte uns zu gesunden Ideen zurück, es brachte den Glauben an
+einen Gott. »Wir haben jetzt einen Kompaß, der uns den Weg zum
+Studium der Natur zeigt.«
+
+Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften
+Gottes zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlüssen führe.
+»Dahin gehören: 1. die vollständige Leitung der Bewegung; 2. die
+Oekonomie der Spannkräfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; 4.
+die Universalität der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.«
+
+Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als
+die Philosophen; die Existenz Gottes ist für ihn unbestritten, er
+setzt das Descartes'sche: »Ich denke, also bin ich«, einfach um in
+den Satz: »Die Welt ist da, also besteht Gott.« Und ist einmal
+dieser Gott als Weltschöpfer anerkannt, so muß er natürlich auch
+die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese
+Eigenschaften wäre er nicht Gott. Er fährt nun weiter fort:
+
+»Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des
+Weltalls und sein Schöpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls
+zu lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen:
+folglich ist die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk
+Gottes und nicht das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft
+dem Glück zuzuführen, müssen wir das soziale Gesetz studiren, das
+er für sie gebildet hat.« Mit andern Worten heißt das: Gott ist
+zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der
+Bewegung für die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber da
+er sich bei seinen vielen Geschäften um die Details und ihre
+Ausführung nicht kümmern kann, muß der Mensch sie entdecken und
+ausführen. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott wird auf diese
+Weise vollständig deplazirt und es sind schließlich die Menschen,
+die Alles allein besorgen; er hat die Allmacht Gottes und den
+freien Willen des Menschen innerhalb der ihm von Gott überlassenen
+Grenzen gerettet. Fourier kommt schließlich auf dasselbe hinaus,
+was er den Philosophen vorwirft, sie hätten die menschliche
+Vernunft auf den ersten Rang und Gott auf den zweiten gesetzt.
+Genau so schließt er über den zweiten Punkt. Ist Gott der höchste
+Verwalter der vorhandenen Spannkräfte, so kann er doch nur mit den
+größten gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschäftigen, die
+kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei,
+ist Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkürliche,
+ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken.
+
+Zum dritten Punkt bemerkt er: »Im Schatten der vorhandenen sozialen
+Gesetzgebung sieht man nicht, _daß das Elend der Völker mit dem
+sozialen Fortschritt wächst_. Wir sehen die gefährliche Wirkung in
+dem Einfluß des Handelsgutes, der dahin führt, die heiße Zone mit
+schwarzen Sklaven zu bedecken, die man ihrem Heimathlande entreißt,
+und die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven, die man in die
+industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich
+offenbart und in allen Ländern Nachahmung finden wird. Kann man
+irgend welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken,
+_wo der Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die
+Arbeit garantirt_?«
+
+Die Universalität der Vorsehung muß viertens sich nach ihm auf alle
+Völker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze zivilisirte
+System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich weigern,
+widerspricht den Wünschen Gottes. Den Zustand, den wir ihnen
+bieten, die agrikole Zerstückelung und die Einzelwirthschaft,
+befriedige nicht Menschen, die der Natur am nächsten stehen. Unsere
+ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und daher müsse ein anderer
+Zustand begründet werden, der alle Kasten, alle Völker befriedige,
+wenn die Vorsehung universell sein solle. Die Einheit des Systems
+endlich implizire fünftens die Anwendung der Attraktion der
+Spannkräfte der sozialen Harmonien des Weltalls, die sich von den
+Gestirnen bis zu den Insekten erstreckten. Man müsse also im
+Studium der Attraktion das soziale Gesetz zu entdecken suchen ...
+»Unsere Einrichtungen sind unsern eigenen Völkern so verhaßt, daß
+sie in allen Ländern sich erheben und sich davon zu befreien suchen
+würden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie zurückschreckte.
+Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht zu vereinigen,
+weil die Barbaren für unsere Einrichtungen nur eine tiefe
+Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie
+derselben erregen. Es ist die stärkste Verwünschung, die sie einem
+Feind entgegenschleudern: »Mögest du gezwungen sein, ein Feld zu
+bebauen.« Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie von
+allen freien Völkern verabscheut, die sich in dem Augenblick zu ihr
+drängen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich in
+Uebereinstimmung setzt.«
+
+Fourier meint also, daß keine soziale Organisation die rechte sein
+könne, die nicht von allen Menschen, ohne Rücksicht auf ihre
+Kulturstufe, freudig begrüßt würde, so groß müßten ihre Vortheile
+und ihre Annehmlichkeiten sein. »Es gilt also eine soziale Ordnung
+zu finden, welche dem geringsten Arbeiter ein genügendes Wohlsein
+sichert. Die Arbeiter müssen den neuen Zustand dem Zustand der
+Trägheit und der Straßenräuberei (»brigandage«), nach dem sie heute
+Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht
+gelöst ist, werden die Reiche _beständigen Stürmen ausgesetzt sein,
+werden sie von einer Revolution in die andere stürzen_; die
+wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur auf die Dürftigkeit
+der Masse und folglich auf den Umsturz hinaus; die Helden, die
+Gesetzgeber stützen sich nur auf den Säbel; aber alle Voraussicht
+eines Friedrich kann nicht verhindern, daß schwache Nachfolger den
+Degen auf seinem Sarge rauben lassen.[8] Die zivilisirte Ordnung
+ist mehr und mehr im Wanken, der _vulkanische Ausbruch von 1793 ist
+nur ihre erste Eruption, andere werden folgen_; ein schwaches
+Regiment wird sie begünstigen. Der Krieg der Armen gegen die
+Reichen hat so glücklich begonnen, daß Ränkeschmiede in allen
+Ländern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das
+zu verhüten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer
+Aufklärung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in
+dem Maße gebären, wie wir die Ruhe gesichert zu haben glauben. Und
+wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert
+verlängert, wie viel Kinder werden, veranlaßt durch ihre Väter, vor
+den Thüren der Reichen betteln? (In Folge von Klassenelend.) Ich
+würde nicht wagen, diese schreckliche Perspektive darzustellen,
+wenn ich nicht die Berechnungen brächte, welche die Politik in dem
+Labyrinth der Triebe zurecht weisen und die Zivilisation von ihrem
+Alp erlösen werden, diese Zivilisation, die immer revolutionärer
+und verhängnißvoller wird.«
+
+[Fußnote 8: Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des
+Großen von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch
+Napoleon I. 1806.]
+
+Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle
+Ehre, sie sind überraschend. Man halte fest, daß Fourier diese
+Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 veröffentlichte, wo außer ihm
+nur sehr Wenige an eine soziale Frage überhaupt dachten, und man
+wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner Voraussagungen
+bewundern müssen. Er führt nun weiter aus, wie viele Reiche bereits
+an innerer Zerrüttung zu Grunde gingen, weil sie die sozialen Uebel
+nicht zu lösen vermochten. »Welche Monumente diese Reiche immer
+überlebten, sie stehen da, eine Schande ihrer Politik. Rom und
+Byzanz (Konstantinopel), ehemals die Hauptstädte der größten
+Reiche, sind heute zwei lächerlich gewordene Metropolen. Auf dem
+Kapitol sind die Tempel Zäsar's durch obskure Götter aus Judäa
+verdrängt, am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die
+Götter der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das
+Piedestal von Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den
+Altar von Jesu. Rom und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der
+Verachtung der Nationen, die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei
+Arenas politischer Maskeraden, zwei Pandorabüchsen, die im Orient
+den Vandalismus und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine
+Raserei verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den
+Triumphwagen zu schmücken und den modernen Hauptstädten einen
+Vorgeschmack von dem Schicksal zu geben, das den Denkmälern und den
+Arbeiten der Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die
+sozialen Uebel des Menschengeschlechts und schafft Wandel!« --
+
+»Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die
+Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist
+nothwendig besser als die beiden andern, und die beiden
+unvollkommneren, die sich nicht zur besseren erheben, sind von
+jener Krankheit der Entkräftung erfaßt, von der nach Montesquieu
+das Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche
+die andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar
+unzureichend für das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den
+größeren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten lassen.
+Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der Lähmung
+betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der politischen
+Ohnmacht; sie müssen also alle drei aus einem krankhaften Zustand
+heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen Mechanismus
+beunruhigt. Völker! eure sehnlichsten Wünsche verwirklichen sich,
+die glänzendste Mission ist dem größten der Helden aufbewahrt. Der
+soziale Kompaß ist entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei
+und der Zivilisation zur universellen Harmonie führen wird.«
+
+»Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer
+behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklären, sie haben
+aber nie ernste Studien über diesen Gegenstand gemacht und man hat
+nie das Geringste über die allgemeine Einheit erfahren. Sie bildet
+sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit sich, mit
+Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des Menschen mit
+sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im Menschen, seine
+Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen zu können,
+oder nicht befriedigen zu dürfen. Der Verf.) hat die Wissenschaft
+der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit (»duplicité«) der
+Handlung als wesentlichen Zustand und unwandelbare Bestimmung des
+Menschen betrachtet. Sie lehrt: man müsse seinen Trieben
+widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also im Krieg mit sich
+selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in den
+Kriegszustand mit Gott geräth, denn die Triebe und Instinkte kommen
+von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum Führer gab.«
+
+»Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Führer und
+Mäßiger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. daß Gott uns
+zwei unversöhnlichen und sich antipathischen Führern, den Trieben
+und der Vernunft, überliefert hat; 2. daß Gott gegen neunundneunzig
+Prozent der Menschen sehr ungerecht handelte, weil er ihrer
+Vernunft nicht die Stärke gewährte, ihre Triebe bekämpfen zu
+können; 3. daß Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft
+gab, mit einem untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist
+unzweifelhaft, daß diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten
+Menschen, der allein nur damit versehen ist, ohnmächtig ist, _wie
+ja die Distributeure der Vernunft, z.B. ein Voltaire, am meisten
+von ihren Trieben unterjocht wurden_.«
+
+»Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion
+der Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft und
+Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur im heutigen
+sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der Mensch sei
+für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, daß es nur zwei
+Gesellschaftsordnungen giebt, die der Privatwirthschaft und der
+Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und der sozietäre Zustand.
+Der gegenwärtige Zustand setzt die isolirte Familie voraus, der
+sozietäre die Arbeit und die Lebensweise in zahlreichen
+Vereinigungen, welche nach einer bestimmten Regel für Jeden sich
+theilen und ausgleichen, nach den drei Eigenschaften: Arbeit,
+Kapital und Talent. Gott, als höchster ökonomischer Leiter, muß
+nothwendig die Assoziation als den besseren Zustand wollen.«
+
+»Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die
+Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe
+und die universelle Analogie.«
+
+Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale
+oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also
+über zum »Studium der Assoziation«.
+
+»Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in
+dem ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen
+Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für eine
+bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die
+Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; 20-30
+Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum Fabrikanten und am
+Ende der Saison erhält jede ihren Theil an Käse, entsprechend der
+Quantität Milch, die sie lieferte. Wir haben überall im Kleinen wie
+im Großen diese Keime für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe
+Diamanten, welche die Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist,
+diese Fetzen einer Assoziation, die in allen Zweigen der
+menschlichen Arbeit zerstreut sind, zu einem Mechanismus, einer
+allgemeinen Einheit zu verbinden, wo sie bisher nur mit Hülfe des
+Instinktes entstanden. Bisher hat die Wissenschaft diese Studie
+vermieden, die allein wahrhaft dringlich war. Ein Jahrhundert, das
+sich so vieler Vernachlässigungen in wissenschaftlicher Ordnung und
+Erforschung schuldig machte, mußte des Ueberblicks über das Ganze
+ermangeln; es hat weder die Eintheilung des ganzen Systems der
+Bewegung, noch die drei Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte
+schließen müssen, daß die soziale und die materielle Welt im
+Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit
+organisirt sind.«[9]
+
+[Fußnote 9: Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des
+Urtheils Fourier's über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das
+achtzehnte Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele
+Jahrhunderte zusammengenommen.]
+
+»_Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte
+Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt sich das
+persönliche Interesse in Gegensatz zu dem Allgemeininteresse_. Der
+Arzt wünscht, daß seine Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen,
+denn er würde zu Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne
+Krankheit stürbe; dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder
+Streit schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist
+interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche Todte,
+Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt jährlich wenigstens
+45.000 Verbrechen, damit die Gerichtshöfe stets beschäftigt, also
+nothwendig sind. Der Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler
+Hagel; Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So
+handeln in diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die
+Theile gegen das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze
+Ungeheuerlichkeit eines solchen Zustandes wird man erst begreifen,
+wenn man die sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen
+eine ganz entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das
+Gesammtwohl wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am
+meisten entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit
+der Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften
+rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation
+über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem anderen Zustande
+empfinden muß, so heute, wo alle ihre Illusionen zerstört sind; wo
+ihre Freiheit _als der Weg zur Anarchie_ erkannt ist, ihre
+Zerwürfnisse zum Despotismus führen und ihre Handelsmaximen den
+Wucher, den Betrug, den Bankerott begünstigen, _die Nationen
+schließlich unter das Joch des Monopols beugen_ und zur Dürftigkeit
+und Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären von der
+Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in ihren
+Schafstall führte.«
+
+»Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende
+Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen:
+
+»Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und muß
+festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas zu thun
+übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie zum Führer
+nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst der Analogie
+vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese übergehen; 5. nicht
+glauben, daß die Natur auf die uns bekannten Mittel beschränkt ist;
+6. die Spannkräfte im ganzen sozialen und materiellen Mechanismus
+vereinfachen; 7. sich nur an die durch das Experiment festgestellte
+Wahrheit halten; 8. sich an die Natur schließen; 9. beachten, daß
+aus Irrthümern entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10.
+die Thatsachen beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich
+solche nicht vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte
+mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was wir
+gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle aufnehmen
+und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird man zu
+der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur verbunden ist,
+und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit giebt. Der Mensch,
+als einer ihrer edelsten Theile, muß in Uebereinstimmung sein mit
+den Harmonien des Weltalls, also mit der mathematischen oder
+rationellen Harmonie, der planetären oder sozialen, der
+musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, Weltsprache.)
+Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu assimiliren, so
+muß er das Band suchen, das ihn mit Allem vereinigt, dieses Band
+ist die Synthese von der Attraktion der Triebe.«
+
+Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien,
+welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die
+Erforschung der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie
+die Sophisten, trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre
+Prinzipien, auf alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur
+sieben Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung,
+Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von
+Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische
+Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede soziale Periode
+ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu einer höheren
+Stufe der Entwicklung führten; so beschäftige man sich unter den
+Zivilisirten mit zwei Wegen, dem Handelssystem und der Freiheit.
+Das seien die beiden Paradepferde der Philosophen, die sie mit
+Vorliebe ritten. Man wolle die freie Zirkulation im Handel und
+komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die Meinungsfreiheit und
+komme zur Herrschaft der Denunzianten und des Schaffots.[10]
+
+[Fußnote 10: Anspielung auf die Zustände in der französischen
+Revolution während der Herrschaft des rothen und des weißen
+Schreckens.]
+
+Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als
+die Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale Freiheit
+scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig
+anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und
+mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an die
+körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. Plato
+und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. Letzterer
+erklärte sogar, »der Sklave sei der Tugend nicht fähig«. Unter dem
+Christenthum wurde die körperliche Freiheit allmälig durchgesetzt,
+aber noch existirte die Sklaverei vielfach.
+
+»Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale?
+Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, trotzdem
+genießt er größere Freiheit als der Arbeiter, der, um leben zu
+können, an die Arbeit gefesselt ist. Doch seine Triebe bleiben
+unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, aber er hat kaum genug,
+um sich zu nähren, er möchte Volksvertreter werden, aber dazu
+gehört ein großes Vermögen.[11] Mit dem stolzen Titel, ein freier
+Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der
+sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der
+Gesellschaft. Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der
+Woche, den Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage
+ist er gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein
+körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und sozial
+aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt über
+Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit dies
+überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien Aufschwung der
+Triebe seiner Seele, er genießt eine Sorglosigkeit, die der
+Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar jagen und fischen, um sich zu
+ernähren, aber das sind anziehende Beschäftigungen, die ihm die
+körperliche aktive Freiheit nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude
+macht, wird nicht als drückende Verpflichtung empfunden. So geht's
+auch dem Kaufmann; wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft
+und dabei seine Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er
+würde sehr mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme und er
+weder lügen noch verkaufen könnte.«
+
+[Fußnote 11: In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis
+1848 herrschte in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur
+die Wahl der Reichsten ermöglichte.]
+
+»Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache
+Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit
+verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nöthig.
+Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die
+persönliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, die
+Verbindung aus Trieb für die Ausübung der Arbeit und die
+Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung. Diese vollständig freie
+Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung des
+Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer
+Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die große
+Menge ist nur auf die körperliche Arbeit beschränkt, ihre
+Beschäftigung ist indirekte Sklaverei, eine Qual, von der sie sich
+zu befreien wünscht.«
+
+»Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Müßigen, oder
+Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum
+Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit
+erreicht. Kann man also behaupten, daß die soziale Freiheit
+besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brüderlichkeit nur
+Chimäre. Die Brüderlichkeit sandte Einen nach dem Andern ihrer
+Koryphäen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk mit dem
+Titel Souverän, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; es
+verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag[12] und man schleift es, die
+Kette am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit,
+Brüderlichkeit nur Phantome.«
+
+[Fußnote 12: Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit.]
+
+»Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der
+freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit
+beschränkt ist, da giebt es nur Unterdrückung. Um aber der Menge
+die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist eine
+soziale Organisation nöthig, die drei Bedingungen erfüllt. Man muß
+1. ein Regime der industriellen Attraktion suchen, entdecken und
+organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben natürlichen Rechte
+des Wilden garantiren;[13] 3. die Interessen des Volks mit
+denjenigen der Großen verbinden, denn das Volk wird auf sie
+eifersüchtig sein und sie hassen, so lange es nicht an ihrem
+Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter diesen drei Bedingungen
+kann man dem Volk ein Minimum an Nahrungsmitteln, Bekleidung,
+Wohnung und hauptsächlich auch an Vergnügungen sichern, denn ohne
+das Angenehme würde dem Menschen auch der neue Zustand nicht
+genügen.«
+
+[Fußnote 13: Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden
+betrachtet Fourier: 1. Sammelfreiheit der Früchte; 2.
+Weidefreiheit; 3. freien Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere
+Verbindung der Horde; 6. Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub (»vol
+exterieur«). Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht
+Fourier das Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des
+gemeinsamen Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung
+werth findet, nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub
+innerhalb der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt,
+diesen Raub an der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht,
+der innerhalb der Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und
+dieses respektirt. In der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten
+Stämmen in Feindschaft und so wird dieses Recht des »auswärtigen
+Raubs« einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die
+Rudimente ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der
+Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die
+Annexion fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher
+angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen:
+der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme
+Zivilisirte, andererseits weit mehr _Solidaritätsgefühl_, als die
+Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, das der Wilde in
+der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu begründen,
+brauchen wir eine ganz neue soziale Organisation.]
+
+»Prüfen wir also, wie die sozietäre Ordnung dem Individuum die
+freie Ausübung der erwähnten sieben Rechte, die mit dem Mechanismus
+der Barbarei und der Zivilisation so unverträglich sind, in
+entsprechender Form gewähren kann.«
+
+»Schreiten wir zunächst dazu, sie wie ihre Angelpunkte (»pivots«)
+zu erklären.«
+
+Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei
+Analogien, um Diejenigen zu enttäuschen, die es als ein von ihm
+systematisch angewandtes Vorurtheil ansehen, daß er gewöhnlich den
+Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er
+will beweisen, daß diese Zahlenverhältnisse in der Natur der Dinge
+liegen, also gegebene sind, nicht willkürlich erfundene.
+
+ | Rechte | Triebe | Farben | geometrische
+ | | | | Linien
+---+-------------------+-----------------+------------+--------------
+ | kardinale oder | Haupt- | |
+ | industrielle | Triebe | |
+ | | | |
+1. | Sammelfreiheit | Freundschaft | Violet | Kreis
+2. | Weide | Liebe | Azur | Elipse
+3. | Fischfang | Familiensinn | Gelb | Parabel
+4. | Jagd | Ehrgeiz | Roth | Hyperbel
+---+-------------------+-----------------+------------+--------------
+ | Distributive | Distributive | |
+ | | Triebe | |
+ | | | |
+1. | Innere Verbindung | Kabaliste | Indigoblau | Spirale
+2. | Sorglosigkeit | Papillone | Grün | Muschellinie
+3. | Auswärtiger Raub | Komposite | Orangegelb | Logarithmus
+---+-------------------+-----------------+------------+--------------
+ | Minimum | Einheitlichkeit | Weiß |
+X. | | | |
+ | Freiheit | Gunst | Schwarz | Nebenkreis
+
+Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist
+das Resultat ihrer Verbindung, so wie Weiß oder Schwarz die
+Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist.
+
+Fourier führt dann weiter aus, daß aber die Freiheit nur einfach
+oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem Prinzipalen
+aller Rechte, dem _Minimum_ begleitet sei, was die Periode der
+Wildheit nicht biete. Auch genießen die Freiheit in der Wildheit
+nur die Männer, die Frauen sind ausgeschlossen und ist ihre Lage
+schlimmer, als in der Zivilisation. Es genügt weder die Freiheit,
+wie sie die Zivilisation bietet, noch genügen die sieben
+Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden Zustand
+herzustellen. Der neue sozietäre Zustand müsse also alle drei
+Geschlechter gleichmäßig berücksichtigen und ihren Trieben
+Befriedigung gewähren.
+
+Die bezügliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und der
+Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier
+ausführlicher folgen.
+
+»Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des
+Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz großer
+Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit entfernt, dem
+nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu können, sind mit
+täglichen Sorgen überladen und müssen eine widerwärtige und
+aufgezwungene Arbeit erledigen. Den Sonntag eilen sie dann in die
+Schenken und an die Vergnügungsorte, um wenigstens für einige
+Augenblicke eine Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche,
+von der Unruhe verfolgt, vergebens suchen.«
+
+»Die Rechthaber (»ergoteurs«) werden sagen, die Sorglosigkeit sei
+eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht,
+indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die
+Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt.
+Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater sich
+mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und verläßt er seine
+Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe und die künftigen Bedürfnisse
+gesorgt zu haben, so belehrt ihn die öffentliche Meinung durch ihre
+Kritiken und der Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er
+kein Recht zur Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs
+dazu, sich derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die
+zivilisirte Erziehung systematisch darauf bedacht, den Geschmack an
+der Sorglosigkeit zu bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie
+Entfaltung in der Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.«
+
+»Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht
+über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er daß seine Kinder,
+seine Horde Hunger litte, er würde die Anerbietungen an
+Ackerbaugeräthen und den notwendigen Gegenständen für die Kultur
+des Bodens, welche die Regierungen der Zivilisirten ihm machen,
+annehmen. Aber er will keins seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine
+Sorglosigkeit auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle
+seine Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht,
+aber die Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den
+rechten Weg, wie man später sehen wird.«
+
+»Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des
+Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: die
+Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie haben bei
+den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.«
+
+»Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht
+anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, denn sie
+selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts anzusehen. Von
+den drei Geschlechtern, aus denen das Menschengeschlecht sich
+zusammensetzt, dem oberen, den Männern, dem niederen, den Frauen,
+und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, den Kindern, sehen sie
+nur _ein_ Geschlecht und arbeiten nur für dieses, für das obere
+oder männliche. Aber welches Glück verschafften diesem die
+Philosophen? Statt der sieben Rechte, aus welchen die Freiheit sich
+zusammensetzt, nur die sieben Geißeln.«
+
+»Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich
+die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt
+bezeichnete; sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch
+die Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit der
+industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch Ausschließung
+des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar nicht an den sieben
+natürlichen Rechten theilnimmt.«
+
+Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche Wilde
+durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit über der
+großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die immense Mehrheit
+beider Geschlechter von diesen Vortheilen ausschlösse. Die
+Zivilisation schulde für das Ausgeben dieser natürlichen Rechte
+einem Jeden ein Minimum an Lebensnothwendigkeiten, Kleidung,
+Wohnung, und zwar proportional der sozialen Stellung, zu der er
+gehöre, denn _nothdürftig_ genährt, gekleidet und logirt werde man
+auch in den Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein
+Gefangener und sehr unglücklich sei.
+
+Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben natürlichen
+Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu entschädigen,
+garantirten ihm unsere Publizisten einige Träumereien und
+Gaskonnaden, wie: »daß er stolz sein dürfe auf den Namen eines
+freien Mannes und das Glück habe, unter einer Verfassung zu leben.«
+Diese Lächerlichkeiten verdienten nicht einmal den Namen der
+Illusion und befriedigten keinen Arbeitenden, der vor Allem nach
+seinem Geschmack zu essen, sorglos und vergnügt zu leben wünsche.
+
+»Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des
+Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent bietet;
+er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß z.B. Niemand mehr
+auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben kann, oder daß
+er sich durch eine Handlung in der öffentlichen Meinung mehr zu
+Grunde richtet, als er durch eine schlechte Handlung zu gewinnen
+vermag. Schließlich werden alle Kinder in den Begriffen der Ehre
+erzogen und können alle Bequemlichkeiten des Lebens reichlich
+genießen. Es wird also Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im
+Ueberfluß leben.«
+
+»Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des
+Wilden beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente.
+Fragt einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der
+keine Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor bedrängt
+wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der Jagd und des
+Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide seinem Zustand
+vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, sich für den Wilden
+zu entscheiden. Was giebt ihm die Zivilisation für seinen Verlust?
+Das Glück, unter der Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht
+damit gedient, daß er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die
+Verfassung lesen kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend
+beleidigen, wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.«
+
+»Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit
+illusorisch und verhängnisvoll, wenn man sie nur in einfacher
+Anwendung einführt.«
+
+Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die
+Freiheit ohne Brot, ist für die große Menge der Bevölkerung unter
+Umständen nur die Freiheit des Verhungerns. Die Freiheit hat nur
+Werth, ja sie ist erst dann vorhanden, wenn auch der Mensch zu
+leben hat, und diesen Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation
+nicht. »So haben unsere Träumereien von den Menschenrechten und der
+Freiheit, die man in Versuch setzte, nichts als Täuschungen und
+verhängnißvolle Erschütterungen erzeugt. Unsere Gesellschaft hat zu
+ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der Einheitlichkeit der
+Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum des sozietären
+Zustandes schnurstracks gegenüberstehen: allgemeiner Egoismus und
+Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese beiderseitigen
+Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, sie schließen
+sich aus.«
+
+»Volle einheitliche Freiheit und menschenwürdige Existenz lassen
+sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe
+erreichen, außerhalb desselben ist das ganze System der Triebe im
+Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und Zweideutigkeit.« ...
+
+Es gilt also für Fourier, eine entsprechende Organisation zu
+schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmäßig, unter voller
+Berücksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, zufriedengestellt
+werden.
+
+»Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der
+Niedere an dem Wohlsein des Höheren interessirt; die gewohnte
+Begegnung bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der
+verschiedenen Serien dient als Kitt für die Einheitlichkeit. Man
+hat nichts mehr von der vollen Freiheit des Volkes zu fürchten, das
+in dem gegenwärtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen
+die Höheren seine Unabhängigkeit nur zur Plünderung und Erwürgung
+derselben benutzen würde.«
+
+»Aus dieser Darlegung resultirt, daß die Gewährung einer
+auskömmlichen Lebenshaltung ausschließlich von der Entdeckung des
+sozietären Regimes und der anziehenden Arbeit abhängt. Wie kann man
+dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, wenn man ihm selbst nicht
+einmal die widerwillige Arbeit, von der heute seine Existenz
+abhängt, zu garantiren vermag? In einem solchen Zustande der Dinge,
+wie dem gegenwärtigen, wird alle Freiheit nur ein Keim des
+Aufruhrs. Die Agitatoren fühlen das wohl und darum haben sie die
+Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge ist, dem Volk den Maulkorb
+anzulegen und die philosophischen Schwätzer, die Bonaparte knebelte
+und Robespierre in Masse auf's Schaffot schickte, zu unterdrücken.«
+
+»_In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit
+existiren_, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort
+unvollständig und gefährlich, weil sie die Horde dem Hunger, dem
+Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf
+die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie
+unbrauchbar werden.«
+
+»Obschon die Freiheit des männlichen Wilden dem Schicksal unserer
+Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der
+Vernunft unwürdiges Glück, weil die industrielle Thätigkeit ihm
+fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends und der
+Unterdrückung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die Frucht des
+sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und eine
+Schmach für die Wissenschaft. Weit entfernt, daß diese verstand,
+uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu definiren
+gewußt, noch vermochte sie ihre verschiedenen Charaktereigenschaften
+darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die Schande, unter dem Vorwand,
+uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie selbst nicht kannte, tausend
+politische Stürme erregt zu haben. Sie ist mit der Freiheit wie mit
+dem Handel verfahren, sie hat einen Hebel zu literarischen
+Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, einen Schatten von
+Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie selbst weder die
+Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's Lebhafteste die
+Anstrengungen des Genies herausfordern, nämlich:
+
+»In Sachen des Handels: das Bedürfniß der Assoziation, die Garantie
+der Wahrheit und die Unterdrückung der zahlreichen Verbrechen der
+handeltreibenden Körperschaften: der Bankerotte, des Wuchers, des
+Börsenspiels etc.«
+
+»In Sachen der Freiheit: das Bedürfniß der industriellen
+Attraktion; ein Aequivalent für die natürlichen Rechte (die der
+Wilde hat) und Garantien für ein gradweise abgestuftes Minimum für
+die verschiedenen Klassen.« ...
+
+»Der Streit über die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen
+Köpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der großen Revolution
+folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der
+Handelseifersucht geopfert wurden, genügend, um dieses Chaos von
+irrigen Lehren über die Freiheit und den Handel zu entwirren.«
+
+»Es gehört zu den Gebräuchen der Zivilisirten, einem Dogma zu
+Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt,
+sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafür sind die aus
+den Debatten über die Verwandlung (»Transsubstantiation«) und die
+Wesenseinheit (»Consubstantialité«) hervorgegangenen Kriege. Unser
+Jahrhundert hat ähnlich über die Menschenrechte spekulirt; um sie
+zu erhalten, massakrirte man sich und doch kannte man ihr wahres
+Wesen nicht.«
+
+Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung
+»des Rechts auf Arbeit«, das »für den Armen allein werthvoll ist.«
+Die Erfahrung hat uns zur Genüge gelehrt, daß mit dieser
+Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch über dieses »Recht«
+gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 in Paris in
+den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit steht in
+Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter der
+»Freiheit« und den »Menschenrechten« zurück, Jeder legt sich dieses
+»Recht« zurecht, wie er es braucht und es seinem
+Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten
+noch heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage
+löse; bei den Anhängern des preußischen Landrechts, die dieses
+»Recht« ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht auf
+Armenhausarbeit und Armenunterstützung zusammen. Auch nach der
+Junirevolution hat es noch die Köpfe in der französischen Kammer
+erhitzt, man schlug große Redeschlachten und dabei ist es bis heute
+geblieben. Schließlich waren bei all diesen Schlagworten es immer
+und immer die Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich
+am eifrigsten für sie begeisterten und sich zu ihren Champions
+aufwarfen. Ganz begreiflich. Diese Demokratie repräsentirt eine
+Gesellschaftsschicht, die zwischen der großbürgerlichen und der
+proletarischen Klasse mitten innesteht, in Folge davon ohnmächtig
+ist und in Bezug auf die Heilung der sozialen Uebel an chronischer
+Impotenz leidet und daher ihr Thatenbedürfniß in großen Worten und
+Kraftphrasen zu verpuffen genöthigt ist. Die bürgerlichen Ideologen
+lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind aber
+allmälig sehr einflußlos und harmlos geworden.
+
+Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und
+logisch schließender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei
+Andern klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es
+giebt keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum;
+kein Minimum ohne die industrielle Anziehung (»attraction«); keine
+industrielle Anziehung in der zerstückelten (»morcelé«) Arbeit,
+womit er sagen will, in der auf Privatwirthschaft beruhenden
+Arbeit. Die industrielle Anziehung kann nur aus den Serien der
+Triebe geboren werden; also:
+
+Das Minimum, gestützt auf die industrielle Anziehung, ist der
+einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in
+diesen Weg einzutreten, muß man die Zivilisation verlassen, muß man
+ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da es hierzu,
+nach ihm, zwölf Wege giebt, muß man den günstigsten wählen, um zur
+Assoziation zu gelangen.
+
+Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu
+organisiren, daß folgende sieben Funktionen voll angewendet und
+ausgeübt werden können: häusliche Arbeiten, ländliche Arbeiten,
+industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, Wissenschaften,
+schöne Künste. Es muß vorhanden sein: Anziehung für alle
+Beschäftigungen, proportionale Vertheilung des Erzeugten,
+Gleichgewicht der Bevölkerung, Oekonomie in den Hülfsmitteln.
+
+Die Anziehung an die Arbeiten kann nur vorhanden sein, wenn jede
+Arbeit angenehm _und_ lukrativ ist. Die Vertheilung findet statt
+nach den drei industriellen Fähigkeiten: Arbeit, Kapital, Talent.
+Die Bevölkerungszahl einer Phalanx darf 1800-2000 Personen nicht
+überschreiten, weil in dieser Zahl, nach Fourier's Berechnung, die
+verschiedenen Triebe und Charaktereigenschaften voll und zweckmäßig
+vertheilt enthalten sind und eine größere oder kleinere Zahl die
+Ausgleichung stören würde. Die Oekonomie der Hülfsmittel ergiebt
+sich aus dem möglichst zweckmäßigen Zusammenwirken aller mit
+einander Operirenden, die alle gleichmäßig an der Ersparniß von
+Materialien, Zeit und Kraft interessirt sind. So wird man in einer
+Phalanx von 400 Familien nicht 400 Küchenfeuer, 400
+Einzelwirthschaften erhalten, sondern man wird nur 4 oder 5 große
+Küchenfeuer anlegen und die Bewohner in 4 oder 5 Klassen, nach dem
+Stande ihres Vermögens, eintheilen und sie in einem gemeinsamen
+Palast wohnen lassen. Der sozietäre Zustand läßt keine Gleichheit
+zu. Ebenso werden bei dem Ackerbau wie bei der Industrie die
+Vortheile in positiver Beziehung -- Erhöhung der Produkte durch
+zweckmäßigste Kombinirung und Anwendung der Kräfte und Hülfsmittel
+-- und in negativer Beziehung -- Ersparnisse an Kraft, Zeit,
+Materialien -- sehr bedeutende sein. Es entsteht wieder rationelle
+Waldzucht, Quellenschonung, Klimaverbesserung. Ueber alle diese
+Vortheile, welche die assoziirte Thätigkeit erzeugen müsse, äußert
+sich Fourier wie folgt:
+
+»Eine Phalanx, die sich z.B. mit Wein- oder Oelbau befaßt, wird nur
+einen einzigen Werkraum für die Fertigstellung nöthig haben, statt
+der vielen, die jetzt in einer Gemeinde von 15-1800 Seelen nöthig
+sind; statt 300 Bottiche wird sie nur ein Dutzend bedürfen. Man
+wird ferner für die Reben- und Oelbaumanlagen die Ueberwachung, die
+Einfriedigungen und Ummauerungen ersparen. Man wird die Lese nicht
+auf einmal vornehmen, wie dies jetzt der kleine Privatbesitzer, um
+Kosten und Zeit zu ersparen, thun muß, sondern in dem Maße, wie die
+Trauben reifen, und damit große Verluste an Quantität oder Qualität
+verhüten. Statt der 1000 Fässer, welche heute 300 Familien
+benöthigen, werden 30 große Tonnen genügen. Man wird neun Zehntel
+der Kosten für die Lagerräume, neunzehn Zwanzigstel für das Faßwerk
+ersparen. Die richtige Behandlung des Weins ist dem kleinen Besitzer
+unmöglich, weder kann er ihm die nöthige Lagerung gewähren in
+trockenen gut gelüfteten nach Norden gelegenen Lagerräumen, noch
+hat er die Einrichtungen und Vorrichtungen für die tägliche Kühlung
+der Keller und Fässer. Auch fehlt der Ueberzahl der Besitzer die
+Möglichkeit, die Weine durch verschiedene Füllungen zu verbessern,
+leichte mit schweren Qualitäten zu schneiden, oder sich fremde
+wärmere Weine zu verschaffen. Ferner wird heute der Wein,
+unmittelbar nach der Ernte, von vielen Eigenthümern zum billigsten
+Preis verkauft, weil sie ihn verkaufen müssen, sei es, daß sie Geld
+nöthig haben, der Gläubiger schon wartet, oder daß es ihnen an
+geeigneten Aufbewahrungsräumen fehlt, und sie der Mittel oder des
+Verständnisses zur Pflege entbehren. In der Phalanx wird der Wein
+in Folge guter Aufbewahrung und Pflege schon nach einem Jahre das
+Fünffache des Preises werth sein und mit dem Alter entsprechend im
+Preise steigen. Die Phalanx verkauft ihn, wie ihr Interesse
+gebietet. Und so noch viele andere Vortheile, die aus der
+Gemeinwirthschaft entspringen, stets Kosten ersparen und die
+Produkte verbessern. Man wird bessern Saamen, bessere Pflanzen
+anschaffen, im Ankauf nie betrogen werden; man wird für die
+verschiedenen Pflanzungen die besten und geeignetsten Bodenarten
+aussuchen können, Maschinen, Gebäude, Ställe, Lagerräume werden die
+zweckmäßigsten sein, die verfügbaren Kräfte werden jede Arbeit im
+richtigen Moment ermöglichen.«
+
+»Eine der glänzendsten Seiten der sozietären Arbeit wird die
+Einführung der Wahrheit in Handel und Wandel werden. Indem die
+Assoziation die kooperative, solidarische, sehr vereinfachte, auf
+Wahrhaftigkeit und Garantie beruhende Konkurrenz an die Stelle der
+individuellen, unsoliden, lügnerischen, verschlungenen und
+willkürlichen Konkurrenz der Zivilisation setzt, wird sie nur ein
+Zwanzigstel der Arme und der Kapitalien benöthigen. Man wird also
+den heutigen Handel als parasitisch unterdrücken, denn parasitisch
+ist Alles, was unterdrückt werden kann, ohne daß der Zweck
+geschädigt wird. Man wird in der Phalanx statt hunderter
+konkurrirender und gegen einander intriguirender Kaufleute und
+Krämer mit ihren Verkaufshallen und Läden nur ein großes
+Waarenlager und verhältnißmäßig sehr wenig Personen brauchen, da
+alle Käufe und Verkäufe nach außen die Phalanxen unter sich
+abschließen.«
+
+»In der Zivilisation ist der Mechanismus in jeder Art der
+ruinöseste und falscheste. So giebt es außer im Handel noch
+tausende und abertausende von parasitischen Existenzen, z.B. die in
+der Rechtspflege beschäftigten Personen, eine Institution, die nur
+auf den Fehlern der zivilisirten Ordnung beruht ... Andererseits
+fehlen die Mittel für das Nöthigste. So mangeln Frankreich heute
+einige hundert Millionen Franken für die Verbesserung der Wege und
+Straßen; im sozietären Zustand, wo Phalanx an Phalanx sich reiht,
+bestehen die ausgezeichneten Verbindungsmittel, für die jedes
+Phalanstère (das Phalanstère ist der ganze Bezirk [Kanton]
+inklusive der Gebäude. Der Kanton soll nach Fourier eine
+Quadratstunde Flächeninhalt haben) aufzukommen hat, ohne daß es der
+Staatssteuern dazu bedarf. Ebenso fällt die kostspielige
+Katastrirung der Grundstücke für den Staat fort. Eine Wahl, die
+heute unendlich viel Zeit und Geldopfer erfordert, eine Menge der
+widerlichsten Kabalen erzeugt, wird in der Phalanx dem Einzelnen
+kaum eine Minute Zeit kosten, eine Reise dazu hat er nicht nöthig
+zu machen.« ...
+
+»Unter die Unproduktiven gehören ferner die Soldaten, die
+Grenzwächter, die Steuerbeamten; auch sind ein großer Theil der
+Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft
+beschäftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald
+Männer, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus
+Anziehung thätig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, der
+verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der Handlungen,
+freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, höhere Kraft und
+Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die Arbeitsmittel
+und Kräfte in's Unberechenbare sich steigern und wird das Produkt
+quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend veredeln und
+vermehren.«
+
+»Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietären
+Organisation sich verbessern. In der meist sehr übel und mangelhaft
+geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren Hütten,
+Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hülfsmittel, noch die Belehrung,
+noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie nöthig haben, um
+sich gehörig zu entwickeln. Dabei sterben sie massenhaft in Folge
+ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder sie siechen dahin. Im
+sozietären Zustand wird die Sterblichkeit sich außerordentlich
+vermindern, die Kinder werden an körperlicher und geistiger
+Gesundheit in heute ungeahnter Weise zunehmen. Drohende
+Uebervölkerung wird die sozietäre Organisation auszugleichen
+wissen.«
+
+Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenüber in
+einem falschen Kreisschluß (»cercle vicieux«) und das erkennt man
+allmälig. Man ist erstaunt, zu finden, daß _in der Zivilisation die
+Armuth selbst den Ueberfluß erzeugt_. Unser Zustand bringt nicht
+das Glück, sondern das Nichtglück hervor; die Exzesse der Industrie
+führen zu den größten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die
+Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe
+wandeln. Das zeigt sich überall. Wählen wir als Beispiel die
+natürlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch zu
+bringen. Ein Kärrner fährt Metall in eine Gießerei.[14] Bei dem
+Anblick ihrer Einrichtungen erfaßt ihn die Neigung, als Lehrling
+einzutreten. Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er,
+noch seine Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und
+macht so erstaunliche Fortschritte, daß er schon nach einem Jahre
+einen sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken
+verdiente. Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen
+unsere Arbeits- und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der
+Vervollkommnung und des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom
+jugendlichsten Alter an Anlagen und Triebe verschiedenster Art,
+aber wie ermöglichen, daß wir sie kennen lernen? Dazu ist die
+Zivilisation unfähig. Uns mangelt der Kompaß, der Schlüssel, der
+uns dieses Zauberbuch über die Anziehungen und die industriellen
+und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur
+durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den
+Schlüssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und hauptsächlich
+auch für die Erziehung. Das Problem, das es hier zu lösen gilt,
+ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig Anlagen zum Aufbruch zu
+bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre alt ist. Vom vierten
+Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig verschiedenen Serien
+industrieller Thätigkeit geschickt sein und mehr gewinnen, als
+seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es übt abwechselnd alle
+physischen und intellektuellen Fähigkeiten, Alles mit Eifer
+ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im Alter von vier Jahren finden
+wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine im Alter von zwanzig
+Jahren, sie wurden unterdrückt, erstickt, weil die Eltern arm
+waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen verstanden, oder
+die Gelegenheit fehlte. So steht es ähnlich selbst bei der
+wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die man auf die
+Universitäten und Hochschulen schickt, ist öfter kaum einer, der
+die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Die Anlagen zum Aufbruch
+zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten Lebensalter an zu
+entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere Wissenschaften
+scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der Agrikultur, woher
+es kommt, daß diese selbst unserer Dorfjugend widerwärtig
+erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere industrielle Erziehung
+steht, wie Alles, außerhalb der Natur, außerhalb der Anziehung. Es
+ist klar, wir brauchen einen Wegweiser, eine neue Wissenschaft und
+diese ist die Lehre von den Serien der Triebe. Ohne sie werden die
+Nebel immer größer. Man behauptet, die Menschen seien heute nicht
+falscher als früher. Indeß vor einem halben Jahrhundert konnte man
+für wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualität und
+natürliche, d.h. unverfälschte Nahrungsmittel kaufen; heute
+herrschen überall Verfälschung und Betrügerei. Der Landmann selbst
+ist ein Fälscher geworden, wie es der Kaufmann schon vor ihm war.
+Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, Alles ist
+schamlos verfälscht. Die arme Menge kann sich keine natürlichen
+Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr langsam wirkende
+Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist selbst bis in
+die entlegensten Dörfer. Seit fünfzig Jahren hat sich die Zahl der
+Handeltreibenden vervierfacht, ohne daß die Beschäftigung für sie
+sich entsprechend vermehrte, der Schwindel ist in demselben Maße
+gewachsen und ebenso die Aufsaugung der Kapitalien.«[15] »Zu allen
+Zeiten und an allen Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei
+Zielen zu kommen suchen: Zum Luxus oder zur Befriedigung der fünf
+Sinne; zu Gruppenbildungen und Serien der Gruppen -- Bande der
+Zuneigung --; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und
+Instinkte; und durch sie alle drei zur universellen
+Einheitlichkeit.«
+
+[Fußnote 14: Fourier erwähnt hier einen selbsterlebten Fall und
+führt die Namen an, die wir als gleichgültig weglassen.]
+
+[Fußnote 15: Der Leser will nicht vergessen, daß das nicht heute,
+sondern schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde.]
+
+»Der Luxus umfaßt alle sinnlichen Vergnügungen. Indem sich die
+Triebe nach Befriedigung sehnen, wünschen wir uns implicite
+Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir wünschen
+uns inneren Luxus oder körperliche Kraft, Verfeinerung und Stärke
+der Sinne, und äußeren Luxus oder Reichthum. Man muß diese beiden
+Mittel besitzen, um den ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu
+erreichen. Wir müssen also befriedigen: Geschmack, Gefühl, Gesicht,
+Gehör, Geruch. Für das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu
+bilden und zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des
+Ehrgeizes, als höhere; der Liebe, der Elternschaft oder der
+Familie, als niedere Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller
+Freiheit und nach Neigung bilden, beziehen sich auf eins dieser
+vier Ziele. Wird eine Gruppe zahlreich, so theilt sie sich in
+Untergruppen, indem sie eine Serie von Theilen bildet, abgestuft in
+Nuancen nach Neigungen und Geschmack. Alle Gruppen suchen eine
+Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, verschieden in Gattung
+und Art. Die Serien der Gruppen sind also zweites Ziel der
+Anziehung, indem sie sich für alle Funktionen der Sinne und der
+Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus der Triebe oder
+der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der fünf sinnlichen
+Triebe (1. Geschmack, 2. Gefühl, 3. Geruch, 4. Gesicht, 5. Gehör)
+mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, 7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9.
+Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. Diese
+Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei wenig
+bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb durch
+Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der Papillon,
+Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, Trieb
+der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach
+Vervollkommnung.«
+
+»Diese zwölf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der
+Triebe her. Ein Jeder wünscht im Spiel seiner Triebe eine solche
+Ausgleichung sich zu verschaffen, daß der Aufschwung des einen
+Triebes den Aufschwung aller übrigen begünstigt. Z.B. Liebe,
+Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttäuscht sein; die
+Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht
+zu schädigen ... Gegenwärtig ist der Mensch im Kriege mit sich
+selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der
+Liebe, die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden
+sich alle Triebe beständig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der
+Triebe entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle
+die Triebe unterdrücken; aber unterdrücken heißt nicht organisiren,
+harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander greifenden
+Mechanismus der Triebe zu schaffen, _ohne einen zu unterdrücken_.
+Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es sein persönliches
+Interesse verfolgt, damit auch dem Allgemeininteresse beständig
+dient. Heute ist das Gegentheil der Fall. Die Zivilisation ist ein
+Krieg des Einen gegen Alle und Aller gegen Einen; eine Ordnung, wo
+Jeder sein Interesse dabei findet, alle Anderen zu täuschen, sie
+ist ein den Trieben fremder Diskord; aber das Ziel der Triebe muß
+sein, zur inneren und äußeren Harmonie zu kommen.«
+
+»Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien
+der Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu
+können, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein sollen
+und angewendet werden auf die sieben bereits erwähnten
+industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie,
+Handel und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste ...
+Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und
+absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind
+durch Uebereinstimmung des Geschmacks für irgend eine Thätigkeit,
+wie den Anbau einer Frucht, und in welcher für jeden Zweig der
+Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie
+Hyazinthen oder Kartoffeln baut, muß sie eben so viel Gruppen
+bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden
+sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die für
+eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45-50 Serien
+nothwendig, wenn einigermaßen die nöthige Abwechslung und
+Ausgleichung herbeigeführt werden soll. Die Serien benutzen die
+Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte,
+der Vermögen, der Ansprüche, der Bildungsstufen. Jede Serie setzt
+sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten zusammen,
+sie erheischt ebensoviel Gegensätze oder Antipathien als
+Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein
+Akkord dadurch sich herstellt, daß man ebensoviel Noten ausfallen
+läßt, als man zusetzt. Die Kontraste der Töne erzeugen den Akkord.
+Eine Vereinigung von Serien der Triebe hat für die soziale Harmonie
+glänzende Eigenschaften, sie erzeugt Bewegung, Wahrheit,
+Gerechtigkeit, direkte und indirekte Uebereinstimmung, Einheitlichkeit.
+Die Zivilisation hat alle entgegengesetzten Eigenschaften:
+Entkräftung, Ungerechtigkeit, Betrug, Mißstimmung, Zweideutigkeit.
+Aber die Serie der Triebe würde nicht richtig funktioniren, wenn
+sie nicht drei Eigenschaften besäße. Die verschiedenen Gruppen
+müssen miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung
+gerathen; das ist nur möglich, wenn die Gruppen nicht
+grundverschiedene Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise
+verschiedene, also z.B. nicht verschiedene Arten von Obst, sondern
+verschiedene Sorten einer Art bauen. Ferner müssen die einzelnen
+Sitzungen kurz sein, sie dürfen sich nicht über zwei Stunden
+ausdehnen, weil sonst die Ermüdung eintritt. Soll eine Arbeit
+anziehend sein, so muß sie kurzzeitig sein und man muß dann zu
+einer andern kontrastirenden Thätigkeit übergehen können. Endlich
+muß Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im
+Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die
+Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe
+genügt, wenn sie sieben Mitglieder zählt; sie ist vollkommen, wenn
+sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkürlich wieder in
+Untergruppen, in die beiden Flügel und das Zentrum. Vierundzwanzig
+Gruppen ist die niedrigste Anzahl für eine Serie.«
+
+ * * * * *
+
+»Die Zivilisirten treffen überall instinktiv das Falsche, sie ziehen
+immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt
+ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl,
+auf zwei beschränkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe
+ist falsch durch die Beschränkung der Zahl, falsch durch das Fehlen
+der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen
+des Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten
+Tagen fühlbar; man differirt bezüglich der Gerichte, der ehelichen
+Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer
+Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die ursprünglichste
+ihrer Gruppen harmonisiren können, dann können sie dies noch
+weniger mit dem Ganzen. _Der Mensch ist aus Instinkt Feind des
+Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder Beziehung beständig
+nach Veränderung_.«
+
+Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der
+Gleichheit ist, weshalb auch die Vermögensunterschiede bestehen
+bleiben müssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische
+Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und
+sich auch nur zum Besten des Ganzen bethätigen kann. Freund
+militärischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung
+und ihre regelmäßige Funktionirung imponiren -- er soll mit großer
+Vorliebe bis an sein Lebensende den militärischen Uebungen und
+Paraden beigewohnt haben --, giebt er seiner phalansteren Hierarchie
+einen militärisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus
+ein rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen
+werden Offiziere genannt und haben militärische Grade. Es sind
+Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stäbe in der
+Phalanx und werden alle Würden ohne Rücksicht auf das Geschlecht
+erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie hauptsächlich Frauen, so
+werden die Offiziersstellen hauptsächlich Frauen bekleiden.
+Dasselbe gilt von den Kindern, Knaben wie Mädchen. Die Mitglieder
+der Serien und Gruppen wählen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich
+innerhalb ihres Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die
+Sympathien der Uebrigen erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht,
+daß die Menschen, mit sehr wenig Ausnahmen, an äußeren
+Auszeichnungen, an schönen Farbenzusammenstellungen in ihrer
+Kleidung, an Uniformen, glänzenden Schaustellungen und Festen,
+opulenten Einrichtungen, prächtigen Denkmälern und Bauten ihre
+Freude haben. Nach all diesen Richtungen soll die Phalanx das
+Höchste bieten.
+
+Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewählt; die
+Einen, welche die eigentliche geschäftliche Leitung haben, und die
+Andern, welche den sogenannten äußeren Dienst versehen, die für den
+Glanz und das würdige Auftreten der Gruppen und Serien bei Festen,
+Aufzügen, Schaustellungen und für die Ausschmückung sorgen. Auch in
+letzterer Beziehung wird ein lebhafter Wetteifer zwischen den
+einzelnen Serien und Gruppen entstehen. Man wird für die zuletzt
+erwähnten Funktionen hauptsächlich solche Personen zu Offizieren
+erwählen, die größeren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx
+das Kapital fünf- und sechsfach höhere Zinsen erlangt, als in der
+Zivilisation, ohne daß Arbeit und Talent dabei zu kurz kommen, und
+die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger und doch
+viel besser leben, als in unserer gegenwärtigen sozialen Ordnung,
+werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst gar
+nicht unterzubringenden Ueberfluß zum Besten des Ganzen anzuwenden.
+Sie werden also öfter für ihre Serien- und Gruppengenossen
+besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen gar nicht so
+außergewöhnlich theuer kommen, weil sie nur das Plus des Preises
+über die regelmäßige Mahlzeit, deren Kosten Jedem Tag für Tag von
+der Phalanx angerechnet werden, zu bezahlen haben; ferner werden
+sie den Bau prächtiger Pavillons, die Aufstellung von Statuen,
+Altären und dergleichen in dem Theile des Kantons, in dem die Serie
+oder Gruppe, in welcher sie die hervorragende Rolle spielen,
+beschäftigt ist, auf ihre Kosten betreiben.
+
+Alle Arten von Serien und Gruppen, gebildet in Uebereinstimmung mit
+den Trieben, deren Ordnung und Mechanismus der Zivilisation als ein
+undurchdringliches Geheimniß erscheint, sind nach Fourier das
+Ergebniß geometrischer Berechnungen auf Grund der Anziehungen und
+der Bestimmungen. Die Richtigkeit dieser von ihm unternommenen
+Berechnungen ist nach seiner Meinung unzweifelhaft. Er kennt das
+Geheimniß des ganzen Mechanismus der Gesellschaft und von einem
+guten Theil des Weltalls; Alles organisirt sich nach bestimmten
+mathematischen Zahlenverhältnissen, die zunächst nur ihm bekannt
+sind.
+
+Wenn einmal Jemand sich im Besitz eines solchen Geheimnisses und
+solcher Kenntnisse wähnt, so ist natürlich, daß jede andere
+Theorie, die auf dasselbe Ziel hinaus läuft, ihm als eine Art
+Profanation seiner eigenen Ideen, als eine Art Sakrilegium
+erscheint, und daß er die fremden Theorien dementsprechend als
+Charlatanerie behandelt und verurtheilt. Da nun um dieselbe Zeit,
+als Fourier mit seinen Theorien vor die Oeffentlichkeit trat, Owen
+in England mit seinen Assoziationsversuchen ebenfalls hervortrat
+und großes Aufsehen erregte, später auch schriftstellerisch und
+persönlich agitatorisch für dieselben wirkte, konnten diese
+Bestrebungen Fourier nicht unbekannt bleiben. Er griff Owen heftig
+an, als einen Mann, der vom Mechanismus der Assoziation nichts
+verstehe, nur Sophismen verbreite und mit seinem Kommunismus und
+Atheismus das größte Unheil anstifte. In ähnlicher Weise wandte er
+sich später auch gegen die Saint Simonisten, die er mit ihrer neuen
+Religionsgründung lächerlich machte. Unbegreiflich war ihm nur, daß
+Beide, Owen und Saint Simon, mehr Beachtung und Anhang fanden, als
+er.
+
+Fourier fährt nun weiter fort:
+
+»Das Bedürfniß nach periodischer Verschiedenheit, kontrastirenden
+Situationen, Szenenveränderungen, nach pikanten Zufällen, nach
+Neuigkeiten, welche die Illusion erregen, ist dem Menschen eingeboren.
+Dieser Trieb ist die Papillon. Das Bedürfniß nach Abwechslung macht
+sich bei dem Menschen von Stunde zu Stunde, lebhaft von zwei zu
+zwei Stunden bemerkbar. Wird es nicht befriedigt, so verfällt er
+der Lauheit und Langeweile. Auf der Befriedigung dieses Triebes
+nach Veränderung beruht das Glück der Pariser Sybariten. Es ist die
+Kunst, »gut und rasch zu leben«. Verschiedenheit und Verkettung der
+Vergnügungen, Raschheit der Bewegung ist nothwendig.«
+
+Indem nun im sozietären Zustand alle Beschäftigung in kurzen
+Sitzungen von etwa einundeinhalbstündiger Dauer sich vollzieht,
+kann Jeder im Laufe des Tages acht bis zehn ihn anziehende und
+seine Triebe befriedigende verschiedene Thätigkeiten ausüben, die
+durch die Art ihrer Ausübung ihm nur Vergnügen bereiten. Den
+nächsten Tag besucht er Gruppen und Serien, die von denen des
+vorhergehenden Tages in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer Thätigkeit
+verschieden sind. So eilt der Mensch, entsprechend seinen Trieben,
+selbst indem er nützlich thätig ist, von Vergnügen zu Vergnügen,
+_ohne in Exzesse zu verfallen_, denen der Zivilisirte nicht
+entgeht. Denn dieser widmet einer Arbeit sechs Stunden und mehr,
+einem Fest sechs Stunden, einem Ball die ganze Nacht auf Kosten
+seines Schlafes und seiner Gesundheit. Dann sind auch die
+Vergnügungen der Zivilisirten immer unproduktiv, während im
+sozietären Zustand die Arbeiten selbst zu Vergnügen und also
+produktiv werden. Sehen wir zu, wie ein Unbemittelter und wie ein
+Reicher in der Phalanx ihren Tag verbringen. Wir nehmen den Monat
+Juni als Beispiel der Lebensweise für den Unbemittelten.
+
+»Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Sitzung[16] in einer
+Gruppe für die Pflege der Thiere in den Stallungen; 5 Uhr Sitzung
+in einer Gruppe der Gärtner; 7 Uhr Frühstück; 7½ Uhr Sitzung der
+Mäher; 9½ Uhr Sitzung der Gemüsebauer, und zwar werden diese
+Gartenarbeiten bei größerer Wärme unter künstlich konstruirten
+transportablen Zelten vorgenommen; 11 Uhr zweite Sitzung in den
+Stallungen; um 1 Uhr Mittagstisch; 2 Uhr Waldarbeiten; 4 Uhr
+Beschäftigung in einer Manufaktur; 6 Uhr Bewässerung; 8 Uhr Börse;
+8½ Uhr Abendessen; 9 Uhr Unterhaltungen; 10 Uhr Schlafengehen.«
+
+[Fußnote 16: Jede dieser kurzzeitigen Beschäftigungen nennt
+Fourier Sitzung (»séance«).]
+
+Die Börse der Phalanx beschäftigt sich nicht mit dem Handel von
+Papieren und dem Schacher der Lebensmittel, sondern es werden hier
+die Abmachungen für den nächsten Tag getroffen; es bilden sich neue
+Gruppen und Serien. Auch wird später, wenn die Phalanx in voller
+Wirksamkeit ist, die Zahl der Ruhepausen und Mahlzeiten sich auf
+fünf erhöhen und werden die Sitzungen kürzer. Der Reiche, dessen
+Tagesbeschäftigung wir nun folgen lassen, ist ein Gutsbesitzer, der
+probeweise in die Phalanx trat.
+
+»Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Zusammenkunft im
+Morgensaal, Unterhaltungen über die Nachterlebnisse; 4½ Uhr
+erste Erholung, gefolgt von der industriellen Parade -- Kinder und
+Erwachsene, Männer und Frauen ziehen mit Fahnen und Emblemen unter
+Musik in ihren Gruppen und Serien auf das Feld --; 5½ Uhr Jagd;
+7 Uhr Fischfang; 8 Uhr Frühstück; Zeitungen; 9 Uhr Gartenkultur
+unter Zelten; 10½ Uhr Fasanerie; 11½ Uhr Bibliothek; 1 Uhr
+Mittagessen; 2½ Uhr Gewächshäuser; 4 Uhr Pflege exotischer
+Pflanzen; 5 Uhr Pflege der Fischteiche; 6 Uhr Vesperbrot auf dem
+Felde; 6½ Uhr Schafzucht; 8 Uhr Börse; 8½ Uhr Abendessen;
+9½ Uhr Schaustellungen; 10½ Uhr Schlafengehen.«
+
+Die kurze Schlafzeit -- sechs Stunden -- erklärt Fourier damit, daß
+die Harmonisten in Folge ihrer vernünftigen und angenehmen
+Lebensweise, die Niemand überanstrenge, weniger Schlaf brauchten,
+als die Zivilisirten, auch würden sie von Kindheit an an diese
+Lebensweise gewöhnt. Bei der minutiösen Ausarbeitung, die Fourier
+allen Einrichtungen seiner Phalanx zu Theil werden läßt, hat er
+sich auch ausführlich mit den baulichen Einrichtungen befaßt und
+die entsprechenden Pläne seinen Werken einverleibt. Die Phalanx ist
+eben ein Uhrwerk, das nach den Plänen seines Erfinders konstruirt
+werden muß, wenn es den beabsichtigten Zweck erreichen soll. Das
+Gebäude der Phalanx, das Phalanstère, besitzt ringsum Gallerien,
+die im Winter gleichmäßig durchwärmt, im Sommer von erfrischender
+Kühle sind. Der Länge nach laufen durch das mächtige Gebäude, in
+dem die 1800-2000 Angehörigen der Phalanx wohnen, Säulenhallen,
+die nach allen Theilen führen, nach den Sälen, den Wohnungen, der
+Börse. Verdeckte Gänge stellen bequeme Verbindungen nach den
+Ateliers, Werkstätten und Stallungen her. Man behaupte, meint F.,
+durch die kurzen Sitzungen werde viel Zeit verbraucht, um von einem
+Ort zum andern zu kommen. Das sei indeß falsch, da das Gebäude
+mitten im Bezirk liege und von allen Seiten in 5-10, höchstens 15
+Minuten zu erreichen sei. Auch kämen die Kosten des Baues nicht in
+Betracht, da die Arbeitsweise in der Phalanx gegen diejenige in der
+Zivilisation immense Vortheile biete, und der Eifer, mit dem
+Jedermann sich betheilige, herbeiführe, daß in einer Stunde
+geleistet werde, was in der Zivilisation kaum in drei Stunden
+geleistet werden könne. Man betrachte nur einmal unsere Arbeiter
+auf dem Felde, die, wenn ein Vogel vorüber fliege, sich hinstellten
+und ihm nachsähen, die Hände auf die Hacke gestützt. Das komme
+daher, weil unsere Arbeiten Ueberdruß erweckten und ermüdeten und
+jeden Reizes entbehrten.
+
+»Die Beschäftigung in der Phalanx erzeugt das die Gesundheit
+fördernde körperliche Gleichgewicht. Die Gesundheit muß nothwendig
+geschädigt werden, wenn der Mensch sich zwölf Stunden einer
+gleichmäßigen Arbeit überlassen muß, die, welcher Art sie immer
+ist, die verschiedenen Glieder des Körpers und seinen Geist nicht
+genügend beschäftigt. Dies wird noch schlimmer, wenn dieselbe
+Arbeit Tag für Tag das ganze Jahr hindurch sich wiederholt. Daraus
+entstehen neben dem allgemeinen Widerwillen an der Arbeit die
+vielen Berufskrankheiten; so sind gewisse chemische Fabriken wahre
+Mördergruben, in denen eine Beschäftigung von zweistündigen
+Sitzungen, zwei- oder dreimal die Woche für den Einzelnen, ohne
+jeden Nachtheil ertragen wird. Die reiche Klasse verfällt wieder
+andern Krankheiten, der Gicht, der Apoplexie, dem Podagra,
+Krankheiten, die dem Landmann fremd sind. Die Fettleibigkeit, bei
+den Reichen so gewöhnlich, ist ein Zustand, der körperliches
+Gleichgewicht und Wohlbefinden gröblich stört. Fast alle
+Beschäftigungen und Vergnügungen der Reichen stehen mit der Natur
+im Widerspruch. Die sanitäre Bestimmung schreibt dem Menschen
+beständige Abwechslung in der Thätigkeit sowohl für den Körper als
+für den Geist vor, diese hält allein die Aktivität und das
+Gleichgewicht aufrecht.«
+
+»Was vorzugsweise das körperliche Wohlbefinden fördert, wird auch
+das seelische fördern. Vereinigt in der Zivilisation das Interesse
+Freunde, so vereinigt es im sozietären Zustand sogar die Feinde, es
+söhnt die antipathischen Charaktere durch indirekte Kooperation
+aus, und zwar, weil in einer großen Reihe von Serien und Gruppen,
+in die jeder Einzelne nach der Verschiedenheit seiner Neigungen und
+Triebe nach und nach eintritt, er durch die Berührung findet, daß
+Diejenigen, die ihm auf dem einen Gebiet antipathisch waren, ihm
+auf anderen sympathisch sind. Auch wird das Nebeneinanderarbeiten
+nach demselben Ziel unwiderstehlich seine aussöhnende Wirkung
+üben.«
+
+»Die seelischen Triebe verlangen so gut wie die sensuellen Abwechslung,
+um befriedigt zu werden; es sind also auch die Herzen der großen
+Mehrheit der beiden Geschlechter dem Bedürfniß nach Veränderung und
+Abwechslung unterworfen. Der Mann wie die Frau wünschte sich ein
+Serail, wenn Abhängigkeit, Sitte und Gesetz sich dem nicht
+widersetzten. Die ernsten Holländer, die in Amsterdam so hoch
+moralisch scheinen, haben in Batavia ihre Serails, gefüllt mit
+Frauen aller Hautfarben. Da haben wir das Geheimniß unserer Moral;
+sie wird zur Heuchlerin, wenn die Umstände es gebieten, und sie
+wirft die Maske ab, wenn sie dies ungestraft thun kann.«
+
+»Pflanzen und Thiere haben das Bedürfniß nach Wechsel und Kreuzung.
+Mangels eines solchen Wechsels arten sie aus. Ebenso hat der Magen
+das Bedürfniß nach Wechsel; entsprechende Veränderung in den
+Speisen erleichtert die Verdauung und erhöht das Behagen und die
+Befriedigung; aber man gebe dem Magen dieselbe ausgesuchteste
+Speise täglich und er wird sie mit Widerwillen zurückweisen. Geist
+und Seele sind von dem Trieb nach Veränderung beherrscht; oft
+wirken zwei und drei Triebe gleichzeitig; so Liebe und Ehrgeiz.«
+
+»Die Erde selbst hat ihre internirenden Zeiten, die der Besaamung,
+der Erzeugung. Der Boden bedarf alternirender Anwendung der
+Pflanzen; die ganze Natur verlangt nach Wechsel. In der ganzen Welt
+existiren nur die Moralisten und die Chinesen, welche die
+Einförmigkeit, die Uniformität verlangen; aber die Chinesen sind
+auch die falschesten, der Natur am meisten widerstrebenden Wesen.«
+
+Fourier, der, wie wiederholt hervorgehoben wurde, Alles haßte, was
+mit dem Handel zu thun hatte, haßte die Chinesen besonders, weil
+sie, nach dem Vorurtheil seiner Zeit, die größten Diebe und
+Betrüger im Handel seien. Wir wissen heute, daß dies eine falsche
+Ansicht ist, obgleich die Vorurtheile gegen die Chinesen noch sehr
+stark in Europa sind. Ebenso wie die Chinesen waren Fourier als
+hauptsächlich handeltreibendes Volk die Juden verhaßt, die er
+unmittelbar den Chinesen in der Rangordnung folgen ließ. Er war
+sehr unglücklich, als man in Frankreich den Juden die vollen
+bürgerlichen Rechte einräumte, was ihn freilich nicht abhielt, wie
+wir sahen, Herrn von Rothschild unter die Kandidaten für seine
+Versuchsphalanx zu reihen und ihm ein Königreich Jerusalem in
+Aussicht zu stellen.
+
+»Die Moral«, führt Fourier weiter aus, »welche die drei Triebe:
+Kabalist, Papillone, Komposit, am heftigsten kritisirt, ist selbst
+im stärksten Widerspruch mit der Natur. Diese drei Triebe spielen
+eine große Rolle im sozialen Mechanismus, wie die Natur es will;
+sie haben die Herrschaft, denn sie dirigiren die Serien der Triebe;
+jede Serie ist in ihrem Mechanismus gefälscht, wenn sie nicht den
+kombinirten Schwung dieser drei Triebe begünstigt; sie bilden die
+neutrale Gattung in der Tonleiter der zwölf Triebe.«
+
+»Aktiver Gattung sind die vier Triebe der Seele: Freundschaft,
+Ehrgeiz, Liebe, Elternschaft; passiver Gattung die fünf sensuellen
+Triebe: Gehör, Geruch, Geschmack, Gesicht, Gefühl. Die neutrale
+Gattung -- die mechanisirenden Triebe -- macht sich besonders
+bemerklich bei den Kindern, denen die zwei affektiven Triebe --
+Geschlechtsliebe und Elternschaft -- noch fehlen; sie überlassen
+sich den mechanisirenden Trieben in ihren Spielen am meisten,
+welche sie sehr selten über zwei Stunden ausüben, ohne zu wechseln.
+
+Diese Disposition wird man für sie bei der Organisation ihrer
+Erziehung und Beschäftigung besonders in Anwendung bringen.«
+
+»Die Anziehung kann dreierlei Art sein: direkt oder
+übereinstimmend; indirekt oder gemischt; verkehrt oder abweichend,
+d.h. gefälscht. Direkt ist sie, wenn sie aus Freude an dem
+Gegenstand selbst die Thätigkeit ausübt. So haben Archimedes in der
+Geometrie, Linné in der Botanik, Lavoisier in der Chemie nicht des
+Gewinnes wegen, sondern aus heißer Liebe zur Wissenschaft
+gearbeitet. So kann ein Fürst aus Liebe an dem Gegenstand Orangen-
+oder Nelkenzucht treiben, oder wie Ludwig XVI. die Schlosserei;
+kann eine Fürstin Zeisige oder Fasanen pflegen. Hier herrscht
+direkte Anziehung zur bestimmten Beschäftigung, und so werden in
+der sozietären Gesellschaft sieben Achtel der Arbeiten beschaffen
+sein.«
+
+»Die indirekte Anziehung ist vorhanden, wenn Jemand eine Thätigkeit
+mehr des Gewinnes wegen, oder der Resultate seiner Arbeit als des
+Gegenstandes selbst wegen ausübt. Zum Beispiel ein Naturforscher,
+der widerliche Reptile oder Giftpflanzen unterhält. Er liebt weder
+das Eine, noch das Andere an sich, aber er überwindet seinen
+Widerwillen durch den Eifer, den die in Aussicht stehenden
+wissenschaftlichen Resultate in ihm erwecken. Solche indirekte
+Anziehung wird sozietäre Funktionen erregen, die einer besonderen
+Anziehung beraubt sind, aber größeren Gewinn oder größere
+Anerkennung finden. Dieser Art Arbeiten wird es ein Achtel geben.«
+
+»Die verkehrte oder gefälschte Anziehung herrscht dort, wo die
+Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der
+Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist,
+wo moralische Erwägungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit für,
+noch Geschmack an der Thätigkeit vorhanden ist. Diese Nichtattraktion
+kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber in sieben
+Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese Zivilisirten
+hassen ihre Thätigkeit, sie üben sie entweder aus Hunger oder
+Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der sie trägen
+Schrittes, mit trübsinnigem, niedergedrücktem Aussehen gehen.«
+
+»Der Gewinnanreiz, der bei den für Lohn oder Gehalt Arbeitenden nur
+eine divergirende Anziehung ausübt, kann in der Assoziation oft ein
+edles Hülfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um eine
+Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizuführen. Hier
+handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt,
+empfängt von der Phalanx fünf Franken, da aber eine Million
+Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind,
+so erhält er fünf Millionen Franken und empfängt außerdem als
+Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des Erdballs, wodurch er
+auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten Ehrenbezeugungen
+empfängt.«
+
+»Durch diese Form der Belohnung für allgemein nützlich oder
+angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der
+Gewinn enorm sein. Wird für eine Ode oder Symphonie eine Belohnung
+von zwei Sous gewährt und erklären sich bei der Abstimmung 500.000
+Phalanxen für dieselbe, so werden dem Dichter oder Komponisten
+50.000 Franken ausgezahlt. Er empfängt zu diesem Zweck die
+entsprechende Anzeige von dem Weltkongreß, und wird diese Summe ihm
+in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, ausgehändigt. So wird
+Jeder für außergewöhnliche Leistungen in demselben Verhältniß
+Belohnungen und Ehren empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn
+nur diejenigen Phalanxen steuern, die sich zu Gunsten einer
+Leistung aussprachen, sie also für würdig erachteten und werthvoll
+fanden.«
+
+»Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten
+finden, sie kann nur durch einen mächtigen Anstoß angeregt werden.
+Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lüttich eine Kohlenmine in
+Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben,
+darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mußte in wenig Tagen ein
+bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der
+Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte
+eine Ehre darein, das Höchste zu leisten, und nach vier Tagen war
+eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig
+gebraucht hätte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn
+die Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurück, es
+war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also
+die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden,
+wenn edle Impulse ihr zu Hülfe kommen.«
+
+Fourier erläutert nun weiter die innere Organisation und Verwaltung
+der Phalanx. »In der Zivilisation kennt man keine andere
+Rangordnung, als die nach Stand und Vermögen; die sozietäre Ordnung
+dagegen wendet eine uns heute gänzlich unbekannte Klassifikation
+an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und nach
+Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an
+bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stämme (»tribus«)
+und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in zweiunddreißig
+Chöre.« Die Kinder vom frühesten Lebensalter -- bis zu einem Jahre
+Säuglinge, bis zum zweiten Poupons und bis zum dritten Lutins
+genannt -- zählen als unentwickelt noch nicht mit. Jeder der
+sechzehn Stämme hat seine besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1,
+3-4½ Jahre zählend, umfaßt die Bambins; Nr. 2, 4½-6½
+Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6½-9 Jahre, die Seraphins; Nr. 4,
+9-12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12-15½ Jahre, die Gymnasiasten;
+Nr. 6, 15½-20 Jahre, die Jugendlichen. Die weiter folgenden
+Stämme sind nicht streng nach den Lebensaltern geregelt; die drei
+letzten, aus den höchsten Lebensaltern gebildet, heißen: die
+Ehrwürdigen, die Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den
+sechs ersten Stämmen, für die eine besondere Organisation und ein
+besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von
+einem Stamm in den andern besondere Prüfungen verlangt werden, hat
+diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens
+ist er nicht zu erkennen. Nur die ältesten Stämme haben gewisse
+Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen
+Einfluß.
+
+Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den
+Kindern gemacht, sie soll die natürliche Erziehung erleichtern und
+den Korpsgeist erzeugen, mit Hülfe dessen sie mit Eifer zu den
+Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder in
+das Reifealter übergetreten sind, besuchen sie wie die älteren
+Lebensalter täglich die Börse, wo alle Abmachungen für die Arbeiten
+und die Vergnügungen des nächsten Tages besprochen und geordnet
+werden.
+
+Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Händen der
+Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags gewählt,
+der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; 2. aus den
+drei ältesten Stämmen: den Ehrwürdigen, Verehrten und Patriarchen;
+3. aus den Aktionären und 4. aus den Magnaten und Magnatinnen der
+Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, da sich Alles durch
+Anziehung und den Korpsgeist der Stämme, Chöre und Serien regelt;
+er giebt nur über wichtige Geschäfte, wie die beste Erntezeit, die
+Weinlese, Neubauten etc., seine Meinung kund, doch ist diese
+Meinung nicht verpflichtend. »Weder sind der Areopag noch die
+Regentschaft mit lächerlichen Verantwortlichkeiten belastet, wie
+z.B. ein Finanzminister in der Zivilisation.« Das Rechnungswesen
+ist Sache einer besonderen Serie, welche die Bücher führt, die
+jedes Mitglied der Phalanx einsehen kann. Ueberdies ist das
+Rechnungswesen so einfach wie möglich. Tägliche Zahlungen giebt es
+nicht, jedes Mitglied hat, entsprechend seinem Vermögensantheil und
+dem voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die
+verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit
+zu Zeit miteinander ab. Die Rechnung für die Einzelnen wird am Ende
+des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen
+vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der
+Phalanxen dem Fiskus gegenüber beobachtet, der vierteljährlich
+seine Steuern für die Gesammtheit der Mitglieder einer Phalanx
+pünktlich, und bei dem viel ergiebigeren Ertrag aller Arbeit auch
+in entsprechend höheren Beträgen, abgeführt erhält. Herr Fiskus
+erspart also seine gesammten Steuerbeamten, Exekutoren und die für
+diesen Zweck in Thätigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso
+geben die industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der
+Phalanxen verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger
+entfernten Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer
+Phalanxen zu gemeinsamen, besonders gearteten größeren
+Arbeitsleistungen zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache
+Schuldverschreibungen ab, die der betreffenden Phalanx präsentirt
+und von dieser berichtigt werden. Da nun solche industriellen
+Armeen ziemlich oft zusammentreten und Reisen unternehmen, ist
+jedes Phalansterium mit den entsprechenden Unterkunftsräumen für
+Menschen und Thiere versehen. Ferner haben die Kinder keinen
+Vormund mehr nöthig, das große Buch der Phalanx hat für jedes
+derselben sein Konto und verwaltet seinen Besitzstand und sein
+Einkommen. Die Kinder können sogar vom fünften Lebensjahre ab schon
+über ihr Einkommen verfügen.
+
+Fourier geht nun über zur Kostenberechnung für die Gründung einer
+Phalanx. Diese veranschlagt er auf fünfzehn Millionen Franken. Das
+Hauptgebäude, ungefähr 500 Fuß lang und 250 Fuß tief, bilden zwei
+hintereinander liegende, durch Gallerien verbundene parallel
+laufende Bauten und besteht aus Parterre, Entresol und vier Etagen.
+Das Zentrum des Gebäudes tritt nach hinten zurück, wodurch ein
+großer freier Platz zwischen den Flügeln entsteht, der als
+Paradeplatz Verwendung findet. Der Raum zwischen den beiden
+parallel laufenden Bauten ist mit Blumenparterren, Orangerien,
+Springbrunnen ausgefüllt. Der große Mitteleingang führt in eine
+mächtige Säulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen
+Theilen des Gebäudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet
+sich der große Wintergarten. Die Alten wohnen in den
+Parterreräumen, die Kinder im Entresol. In den Flügeln der ersten
+Etage logiren die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten
+Etage befindet sich der Börsensaal, die Speise- und
+Vergnügungssäle. Außerdem giebt es eine Menge Räume für kleine
+Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt für die Fremden und die
+Besucher reservirt. Küchen und Bäder befinden sich im Souterrain.
+Die Werkstätten, Waaren- und Getreidelager und Stallungen liegen
+symmetrisch geordnet dem Hauptgebäude gegenüber, getrennt durch
+eine breite mit Bäumen und Blumenbosquets bepflanzte Straße. Alle
+Passagen und Uebergänge sind gegen die Unbilden der Witterung
+geschützt und im Winter erwärmt. Hinter den beiden Flügeln des
+Hauptgebäudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater,
+beide ebenfalls durch verdeckte Gänge mit dem Wohngebäude in
+Verbindung stehend.
+
+Die Thätigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die
+Vieh- und Geflügelzucht, eine Thätigkeit, die namentlich in der
+ungünstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und
+Feldbau wird im ausgedehnteren Maßstab betrieben, und wird während
+der milden Jahreszeit die meisten Hände in Anspruch nehmen. Die
+Küchenarbeiten mit ihren umfänglichen Vorarbeiten erfordern Tag für
+Tag eine große Anzahl verschiedener Kräfte. Der Küche werden die
+Phalansterianer eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen
+betrachten sie als eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird
+allen Thätigkeitszweigen, die mit der Küche in Verbindung stehen,
+eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu gehören
+also insbesondere Gemüse und Obstzucht, Vieh- und Geflügelzucht,
+Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. Manufakturen und
+Gewerbe sollen nach Bedürfniß eingerichtet und hauptsächlich im
+Winter betrieben werden.
+
+Die Phalanx richtet ihre ganze Thätigkeit und ihr Bestreben dahin,
+daß Alles, was sie leistet, sich durch Solidität wie durch
+Schönheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem Wort in
+Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich zu
+der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitäten an
+Produkten verbrauchen, z.B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Möbeln,
+Werkzeugen.
+
+In einer gut und voll eingerichteten Phalanx werden nach Fourier's
+Berechnung nöthig sein: für Thier- und Geflügelzucht 30 Serien; für
+Garten- und Landwirthschaft, inklusive Wiesenbau und
+Waldbewirthschaftung, 50 Serien; für die Manufakturen 20 Serien;
+für Hauswirthschaft und Erziehung 40 Serien; für Küche und Kellerei
+60 Serien; im Ganzen also 200.
+
+In der Manufaktur wird man wieder diejenigen Beschäftigungen, die
+täglich in Anspruch genommen werden, wie: Schneiderei,
+Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Sattlerei u.s.w., von denen
+unterscheiden, in denen eigentliche Massenfabrikation, wie die
+Anfertigung der Halbfabrikate, Wäschefabrikation u.s.w., betrieben
+wird. Diese Massenfabrikation läßt sich auf bestimmte Zeiten
+beschränken. Die Anwendung in den verschiedenen Thätigkeiten bleibt
+der freien Wahl der Geschlechter überlassen, auch werden die
+rivalisirenden Serien nach den verschiedensten Methoden thätig sein
+und immer neue Methoden zu erfinden suchen. Manche Gewerbe werden
+besonderen Anklang finden, wie die Kunsttischlerei, die Parfumerie
+-- letztere hauptsächlich bei den Frauen --, die Konditorei. Die
+Geschlechter werden sich dabei die ihrer Natur besonders zusagenden
+Thätigkeiten ganz von selbst auswählen. So wird in der Konditorei
+das Anmachen des Teigs hauptsächlich Männerarbeit sein, die Frauen
+werden sich mit der Herrichtung der Früchte und Materialien
+beschäftigen, die Kinder werden bei dem Formen, dem Auslesen und
+Einlegen in Anspruch genommen sein. Auch wird, weil alle Einrichtungen
+auf das Beste und Zweckmäßigste getroffen sind, die peinlichste
+Reinlichkeit in den Werkstätten und Arbeitsräumen aufrecht erhalten
+werden können. Ist Butter- und Käsefabrikation vorzugsweise Frauen-
+und Kinderbeschäftigung, so die Fleischerei Männerarbeit. Fourier
+führt dies Alles sehr im Detail aus, um zu zeigen, wie alle
+Geschlechter in zweckmäßiger Weise ihrem Charakter und ihren
+Anlagen entsprechend ihre Beschäftigungen zu finden vermöchten. Der
+ganze Mechanismus der industriellen Anziehung würde umgestürzt und
+die Phalanx unmöglich werden, wenn man in der Assoziation, sowie
+heute in der Zivilisation, keine Rücksicht auf die verschiedenen
+Triebe nehmen und die Arbeitssitzungen über das zulässige Maß
+ausdehnen wollte.
+
+Die Fabriken werden aus den Städten allmälig auf das Land verlegt,
+damit der Arbeiter die volle Abwechslung der Beschäftigung, wie die
+Vortheile und Annehmlichkeiten des Landlebens und der ländlichen
+Beschäftigung genießen kann.
+
+ * * * * *
+
+»Für den neuen sozietären Zustand ist die Erziehung von der größten
+Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle körperlichen und geistigen
+Fähigkeiten zur vollen Entwicklung zu bringen, und soll überall,
+selbst in den Vergnügungen, produktiv angewendet werden. Unsere
+heutige Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrückt und
+verschlechtert die Fähigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend im
+Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der
+Anziehung ist der Luxus -- körperliche Kraft und Verfeinerung der
+Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte Anziehung für
+produktive Thätigkeit, die ihm heute verhaßt ist. Seine Entwicklung
+ist also eine falsche, die heutige Erziehung schwächt seine
+Gesundheit. Man nehme hundert Kinder, ganz nach Zufall, aus der
+reichen Klasse, die gute Pflege und gute Nahrung haben, und man
+wird finden, daß sie weniger kräftig sind, als hundert halbnackte
+Dorfkinder, die mit Schwarzbrot genährt werden und wenig Pflege
+haben. Aber der treffendste Beweis für unser falsches
+Erziehungssystem ist, daß es die Anlagen des Kindes nicht zur
+Entfaltung bringt, sondern dies dem Zufall überläßt. Abgesehen von
+den verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstört die Anlagen,
+sei es in der Häuslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend
+ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende
+Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue
+absorbiren. Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt
+nennt. Ist ein junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in
+die Welt ein, so lehren ihn Väter, Verwandte, Nachbaren, Diener,
+Kameraden, sich über die Lehren, die ihn im jüngeren Alter
+einschüchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der galanten
+Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, über die Lehren der
+Moral, die den Vergnügungen feind sind, zu lachen und sich darüber
+hinwegzusetzen, um später von den Liebeleien, nachdem er sie
+genügend genossen, zu den Geschäften des Ehrgeizes überzugehen.
+Welch eine Absurdität unserer Erzieher, dem Kinde ein System von
+Ansichten einzutrichtern, die jetzt bei ihm über den Haufen zu
+werfen alle Welt sich bemüht! Man wird keinen jungen Mann von
+zwanzig Jahren treffen, der, eine glückliche Gelegenheit zum
+Ehebruch findend, das Beispiel des keuschen Joseph nachahmt, »der
+Moral und den gesunden Doktrinen« folgt. Fände man ihn, er würde
+dem Publikum und den Moralisten selbst ein Räthsel sein. Ebenso
+würde sich die ältere Welt über einen Finanzmann moquiren, der,
+obgleich er es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die
+Taschen nicht füllte: er würde als ein Dummkopf, ein Visionär
+betrachtet, der nicht weiß, »daß, wenn man an der Krippe sitzt,
+auch essen soll«. In welch falscher Stellung befinden sich da nicht
+unsere Erziehungsdoktrinen.«
+
+»Der große Zweck und die Aufgabe der Erziehung muß sein, Charaktere
+wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso nützlich für die
+Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc Aurelius,
+Heinrich IV.[17] Um diesen Zweck zu erreichen, muß von der Wiege an
+das Naturell des Kindes sich frei entwickeln, während wir bemüht
+sind, von der Wiege an dieses Naturell zu ersticken und zu
+verkünsteln. In der Zivilisation denkt man bei dem niedrigsten
+Lebensalter nur an die rein physische Sorge, wohingegen der
+sozietäre Zustand schon vom Alter von sechs Monaten ab sehr wirksam
+auf die intellektuelle wie materiellen Fähigkeiten des Kindes
+achtet.«
+
+[Fußnote 17: Der Letztere dürfte wohl kein passend gewähltes
+Muster sein, indeß man muß stets beachten, _wann_ das Gesagte
+geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in
+den Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil,
+das zu Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf.]
+
+»Zunächst sei festgestellt, daß in der Assoziation die Pflege und
+Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei Jahren und
+der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen wird.
+(Man halte fest, daß nach Fourier vom dritten Jahre ab die Kinder
+in der Phalanx sich schon so nützlich erweisen, daß sie ihre
+Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip in
+der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der
+Assoziation. Man bildet Serien für die Funktionäre, wie für die
+Funktionen.«
+
+»Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den
+Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach
+ihrer Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezüglichen
+Säle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der
+Widerspenstigen, der Verwüster oder Teufelchen. Die Bonnen, die Tag
+und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen
+übrigen Beschäftigungen alle ein und einhalb bis zwei Stunden. Die
+Bonnen werden von Unterbonnen -- jungen Mädchen, die für die Pflege
+der Kleinen Neigung haben -- unterstützt. Die Mütter können -- wie
+schon erwähnt -- ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen Falles
+finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die
+Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen.
+Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mütter in der
+Zivilisation -- namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine
+Pflegerin halten können --, Tag und Nacht an das Kind gefesselt.
+
+Die Bonnen wählen sich die Säle, in denen sie ihre Pflichten
+versehen wollen; Jede ist bemüht, für ihr Verhalten und die Pflege,
+die sie den Kindern zu Theil werden läßt, den Beifall und den Dank
+der Mütter zu erwerben. Auch ist Tag und Nacht ärztlicher Beistand
+vorhanden, sobald er gebraucht wird. Die Aerzte nehmen in der
+Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in der Zivilisation; sie
+erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der Kranken, _sondern
+nach der Zahl der Gesunden_; sie sind also dabei interessirt, daß
+die Phalansterianer möglichst gesund bleiben, wohingegen heute sich
+die Aerzte recht viel Kranke, namentlich reiche Kranke wünschen.
+
+Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle
+Einrichtungen für die Kleinen auf das denkbar Beste und
+Zweckmäßigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer Lage,
+wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern zu
+schaffen vermögen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht
+ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermüden. Sobald das
+Kind sechs Monate alt ist, ist man bemüht, seine Sinne zu wecken.
+Was es hört und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu
+raffiniren: es hört nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur
+die schönsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es empfängt
+später die passende Unterweisung und freundliche Belehrung. In
+Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation mit drei
+Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit sechs
+Jahren ist. In der Zivilisation trägt Alles dazu bei, Geist und
+Sinne des Kindes zu fälschen, wenn sie nicht gar unterdrückt
+werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben durch ihr
+widersprechendes Verhalten und häufigen Unverstand den Charakter
+des Kindes und hindern die Erziehung.«
+
+»In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich zeigen,
+in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes
+dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die
+Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das
+Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt
+wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, Alles
+zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die Liebhaberei
+für lärmende Beschäftigung; die Sucht, Alles nachzuahmen und selbst
+zu hantiren, und namentlich die Neigung, sich den _Aelteren,
+Stärkeren und Geschickteren anzuschließen und diese als seine
+Lehrer zu betrachten, in ungeahnter Weise seine Entwicklung
+fördert_. Diese letztere Eigenschaft ist die wesentlichste, weil
+sie am besten alle Anlagen im Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer,
+es Seinesgleichen zuvor zu thun.«
+
+»Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und
+anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören also
+vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen
+Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, Fahnen,
+die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen Geschmückten;
+passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack geweckt wird;
+Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von größerem Werth
+geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man es bestärkt; der
+Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn es von älteren Kindern
+für seine Leistungen Lob empfängt; volle Freiheit in der Wahl
+seiner Beschäftigung, es muß jeden Augenblick eine solche
+unterbrechen und zu einer andern übergehen können; der Korpsgeist,
+der sich bei Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen
+den einzelnen Chören, Gruppen, Serien.«
+
+Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir begnügen uns
+mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird ferner mit der größten
+Wahrheitsliebe begegnet, Niemand schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen
+Lehrer sind die älteren und erfahreneren Kinder, denen sie mit
+großer Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine
+Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem älteren
+Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird ihm die
+härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will das Kind in
+eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es eine Prüfung
+seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall derselben
+bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum neunten
+Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann beginnt
+auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die nöthige Festigkeit
+erlangt haben, ehe die geistige Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen
+kann. Trieb und Anlagen der beiden Geschlechter werden später in
+Folge der verschiedenen Natur ganz von selbst differiren. Man darf
+annehmen, daß für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein
+Drittel Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei Drittel
+Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr Neigung für die
+große Kultur und ein Drittel mehr für die kleine haben, bei den
+Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die Ausgleichungen auf allen
+Gebieten finden.
+
+»In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf
+Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum
+Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der
+Agrikultur, der Industrie, der Gewerbe, der Künste und
+Wissenschaften ihm fremd sein; seine körperliche und geistige
+Erziehung ist dann eine harmonische. Der Unterschied des
+Erziehungssystems in der Zivilisation und der Assoziation ist: Dort
+wird die Erziehung auf der kleinsten häuslichen Verbindung, der
+Familie, begründet, in der Assoziation auf drei großen Gruppen:
+Chöre, Serien von Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall
+Störungen, Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung,
+Einseitigkeit, hier volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel,
+Vielseitigkeit. Dort Klassen- und Standesunterschied, hier
+Gleichberechtigung für Alle, kein anderer Unterschied als der,
+welchen die natürlichen Anlagen und Fähigkeiten ergeben.«
+
+»In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den
+Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als
+Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von
+Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß
+die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb
+den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres
+Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit des
+Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche Gruppe
+leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die Verschiedenheit
+der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern Gruppen
+wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse über
+einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden der
+Köder, daß die Kinder in der Schule nach bezüglichen Lehrbüchern
+verlangen, und so bilden sie sich weiter.«
+
+»Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in
+der Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind
+sich weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften
+hingezogen fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm
+schon sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und Unterweisung
+wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu beibringt. Bei
+den Kindern in der Zivilisation finden wir überall den
+Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in der Harmonie
+überall Antrieb zu nützlicher Beschäftigung und zu Studien. Das ist
+der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen. Die
+Zivilisation, die kleine Vandalen züchtet, darf sich nicht wundern,
+wenn sie später so viele erwachsene Vandalen besitzt.«
+
+Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade für die
+Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der Assoziation das
+Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so auch die Erziehung.
+Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten Stämme: die Cherubins
+und Seraphins, das Alter von 4½-9 Jahren, und die dritte Phase
+der Kindheit umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im
+Alter von 9-15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten
+der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie
+sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse
+Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich
+verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die
+Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die
+Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der
+Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese sind
+die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu verwerthen.
+Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel und unter den
+Mädchen ein Drittel zu unsauberen Beschäftigungen eine gewisse
+Neigung haben. Diese nennt er die »kleinen Horden«. Umgekehrt sind
+zwei Drittel der Mädchen und ein Drittel der Knaben für den Putz
+und die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt er die »kleinen
+Banden«. Die kleinen Horden und die kleinen Banden setzen sich aus
+den 4 Stämmen im Alter von 4½-15½ Jahren zusammen. »Die
+kleinen Horden streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die
+kleinen Banden streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.«
+
+»Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit
+Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit,
+für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind überall, wo der
+Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie
+stehen stets in der Bresche.« (Fourier will hiermit sagen, daß,
+ohne die Hingabe der kleinen Horden an die unangenehmen Arbeiten,
+die Phalanx zum Zwang würde greifen müssen, wodurch der auf voller
+Freiwilligkeit und Anziehung beruhende Mechanismus der Phalanx
+tödtlichen Schaden erlitte. In der Phalanx darf kein Schatten von
+Zwang vorhanden sein, wenn sie ihren idealen Zweck erreichen soll.)
+
+Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste
+beseitigt den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die
+Küchen- und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die
+gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet die
+kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo große
+Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte Klasse
+bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie gebraucht wird.
+Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjäten und die
+Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten Straßen und
+Wege in Ordnung und legen großen Werth darauf, von Fremden für ihre
+Ordnungsliebe belobt zu werden. Um überall rasch bei der Hand zu
+sein, reiten sie auf Zwergpferden.
+
+Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter
+Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien
+materiell doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein
+Geschenk an, selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte,
+ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe
+für die Assoziation, die für ihren Bestand so nützlichen und
+notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre freiwillige Hingebung
+tragen sie den Titel »Verbindung für Verbesserungen«.
+
+»Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller
+bürgerlichen Tugenden; sie üben zur Ehre der Gesellschaft die
+Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten
+die Reichthümer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen
+alle erträumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen
+Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und
+thatsächlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft
+von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und
+verhüten das Aufkommen des Kastengeistes.«
+
+Für alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie
+hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an
+der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu
+erledigende Arbeiten -- z.B. daß ein Gewitter Straßen und Wege
+verletzt, Bäume und Sträucher schwer beschädigte, oder daß eine
+Ueberschwemmung eingetreten ist --, so versammeln sich die kleinen
+Horden von vier oder fünf Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung;
+sie treffen Morgens gegen fünf Uhr zusammen, und nachdem sie einer
+religiösen Hymne beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung
+unter einem wahren Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen
+Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln,
+die Hunde heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die
+Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten,
+zurück und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames Frühstück.
+Nach demselben erhält jede der kleinen Horden zur Belohnung einen
+Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, darauf steigen sie zu
+Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren Phalanxen zurück.
+
+»Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, muß man
+nach Ansicht der Zivilisirten zu übernatürlichen Mitteln greifen,
+wie es in unsern Klöstern geschieht, wo durch ein sehr strenges
+Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. Die
+sozietäre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege zum
+Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des Vergnügens
+sich dienstbar macht. Analysiren wir die Hülfsmittel für diese
+Tugenden. Es sind vier, die alle vier unsere Moral verwirft:
+Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, Unverschämtheit, Ungehorsam.«
+
+»Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern
+überlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die
+Theorie der Anziehung erfordert, daß alle Triebe, die Gott dem
+Menschen gab, sich nützlich machen können, _ohne, daß man die
+Triebe selbst ändert_. So sehen wir, daß bei den jüngsten Kindern
+die Neugier und die Unbeständigkeit sich nützlich erwies, weil sie
+das Kind zu einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen
+sich offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer
+nachzuahmen, wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur
+Anziehung zu nützlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen
+Eltern und Erzieher, die nicht erziehen können. Die Erziehung muß
+durch kabalistische Rivalitäten der Gruppen herbeigeführt werden.
+So werden alle Impulse bei kleinen wie großen Kindern in der
+Harmonie gut, vorausgesetzt, daß man sie durch Serien der Triebe
+zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die
+kleinen Horden an die widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt
+zunächst ihren Stolz nach Rang. Jede Autorität, sogar der Monarch,
+schuldet ihnen den ersten Gruß; keine industrielle Armee rückt aus,
+ohne daß die kleinen Horden an der Spitze marschiren; sie haben das
+Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit (das sind große Arbeiten,
+welche die Phalanxen eines oder mehrerer Reiche unternehmen, große
+Kanalbauten etc.) die erste Hand an's Werk zu legen; sie sind die
+Ueberall und Nirgends, ohne deren Mitwirkung nichts Bedeutendes
+geschieht. An ihrer Spitze stehen die kleinen Kane (Kan und Kanin),
+die selbst gewählten Offiziere; die kleinen Horden haben auch ihre
+besondere Kunstsprache und ihre kleine Artillerie. Ferner wählen
+sie aus der Zahl der Alten Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es
+ist, den Geschmack für die Funktionen der kleinen Horden zu
+bewahren; sie haben ferner bei allen religiösen Uebungen bestimmte
+Dienste zu versehen und erhalten dafür besondere Abzeichen.
+Frühzeitig zu Bette gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um
+drei Uhr Morgens und geben die Initiative für alle Arbeiten der
+Phalanx. Es ist also eine Korporation von Kindern, die, indem sie
+sich allen Neigungen, welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter
+verbietet, überläßt, alle Chimären der Tugend, an denen die
+Moralisten sich ergötzen, verwirklicht. Die kleinen Horden
+verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der
+Egoismus Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres
+Besitzes zum Nutzen der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle
+des Reichthums, die industrielle Anziehung, die sich auf alle
+Klassen erstreckt. Die Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den
+kleinen Horden hingezogen fühlen, wie die Kinder der Geringen. Sie
+sind die Repräsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr
+entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die
+Tugend der sozialen Liebe üben, reißen sie Jedermann zur indirekten
+Ausübung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie den Weg zur
+Edelmüthigkeit, durch welche die Reichen in der Harmonie sich
+verbinden, um den Armen zu begünstigen, wogegen sie heute
+übereinkommen, ihn zu plündern.«
+
+»Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten
+Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein können
+im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes balanziren,
+dieses elenden Metalls, elend in den Augen der Philosophen, das
+aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der industriellen
+Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, die sich auf
+den Reichthum stützen, als Leute »comme il faut« bezeichnet werden,
+da ist das Geld die Klippe. Die es besitzen, sind die Leute, »die
+nichts thun und zu nichts zu gebrauchen sind.« Leider ist der
+Beiname »comme il faut« (wie man sein muß) in unserer Gesellschaft
+nur zu berechtigt, denn in der Zivilisation gründet sich die
+Zirkulation auf die Phantasien der Müßigen, sie sind in Wahrheit
+die Leute »comme il faut« (wie man dazu sein muß), um die verkehrte
+Zirkulation und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.«
+
+Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer
+bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche
+die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der
+Ansicht, daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der
+Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten.
+Es ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen
+Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach
+wiederholten Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner
+geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, daß
+die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, »um das Geschäft zu
+heben«, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man macht es ihnen zu
+einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben »Geld unter die
+Leute zu bringen«.
+
+Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach
+diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das
+Mäntelchen der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und trinkt
+gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in dem
+stolzen und befriedigenden Bewußtsein, »indem man seine Triebe
+befriedigte«, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die
+so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach Fourier, die
+bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, daß
+diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der
+Gesellschaft bildet.
+
+Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für die
+Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für
+Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft
+kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher,
+und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der
+Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachläßt,
+weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in der Regel in den
+modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der
+Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die
+Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen
+weit über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt die
+Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der
+Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch
+sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches
+Merkmal für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, »die
+nichts thut und zu nichts nütze ist«, wie Fourier sich ausdrückt,
+so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe
+Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhältniß zum Verbrauch
+der Masse der Bevölkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse
+der indirekten Steuern. »Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen
+bringt nichts ein«, sagte Fürst Bismarck in seiner berühmten
+Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; »was nützt die
+Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts,
+nehmen wir dafür die 'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee,
+Branntwein, Tabak.« Unsere Steuertabellen geben ihm Recht.
+
+Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der
+bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter
+noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der
+Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen erheblichen
+Theil des Arbeitsertrags -- vier Zwölftel -- zuschrieb, entging ihm
+nicht, daß bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre
+Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Mißverhältniß im
+Vermögen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der
+Phalanx noch mehr steigern müsse, als in der Zivilisation. Er mußte
+also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit
+einigermaßen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird,
+auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche
+die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für die
+sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem Grunde
+eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos seien. Die
+Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze
+Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und für eine
+Berechtigung hat, wenn die _sozietäre Arbeit_ diesen Reichthum
+erzeugt und dieser so groß ist, daß er allen Gliedern der Phalanx
+den größten Luxus gestattet und selbst die verwöhntesten
+Geschmäcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also
+Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll
+der Wiederkehr »der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der
+Müßigen begegnen«, und die Reichen sollen durch das selbstlose
+Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmüthigkeit gegen die
+Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die große moralische
+Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist.
+
+Fourier fährt fort:
+
+»Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich
+verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen
+vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des
+Widerspruchs, der darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder
+männlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur
+Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum
+Putz und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx
+ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und
+Hingebung sich auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende
+Korporation -- müssen die kleinen Banden -- Eigenschaften annehmen,
+welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, das
+Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der
+sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener
+der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein.
+Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der
+Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art
+Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich;
+sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und
+materielle Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen,
+Schaustellungen auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in
+der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um
+korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre
+Kostüme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die
+Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen
+sich die kleinen Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren
+aus. Der männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die
+jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die
+frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen
+Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen.
+Weniger thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später
+und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während
+sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere
+beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hühner,
+Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die Blumen- und
+Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden.
+Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen läßt, wird vor ihren
+Richterstuhl geführt und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über
+die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden
+ihre Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus
+den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und
+Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen
+Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den
+großen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen
+Horden mit den großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen.
+Die Natur hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine
+Scheidung von Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen,
+eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in
+den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast
+ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und
+kleine Horden naturgemäß herbeiführt.«
+
+»Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der
+Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß man
+die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel
+setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen
+Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die
+Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu
+den minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der
+Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie unsere
+Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem
+gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die
+Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu
+veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch
+Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die
+Geschlossenheit der Serien herbeizuführen. So schöpft die Erziehung
+in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden
+entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur
+Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute
+verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel,
+wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die
+Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen,
+sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten
+leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit
+die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren die nüanzirten
+Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen
+Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen Banden vom
+Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die
+ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.«
+
+ * * * * *
+
+»Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler,
+daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen nicht,
+das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind genöthigt, es bis zum
+sechsten oder siebenten Jahre unthätig zu lassen, ein Alter, in dem
+es schon ein geschickter Praktiker sein könnte. Im siebenten Jahre
+wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, für
+die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in
+der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten
+Jahre bereits praktisch thätig war und bis zum siebenten spielend
+eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das
+Bedürfniß, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu
+stützen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit
+der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes
+System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist
+auf die Arbeit des Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis
+Abend während neun bis zehn Monate des Jahres über den
+Anfangsgründen und der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der
+Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß,
+während der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen
+sich beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an schönen wie
+an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in
+der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.«
+
+»Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene
+in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die
+Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren,
+wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und
+Moralisten sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber
+keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien
+weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im
+Heu kugeln, vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und
+Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. anwenden, und
+würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu
+ihren Studien zurückzukehren, so würden sie beobachten können, ob
+es die Natur des Kindes ist, während der schönen Jahreszeit in der
+Umgebung von Büchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man
+antwortet: Man muß im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des
+Namens eines freien Mannes würdig macht, würdig des Handels und der
+Verfassung! -- Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und
+kabalistische Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in
+hundert Lektionen im _Winter_, beschränkt auf zweistündige
+Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen
+oder im Pensionat eingeschlossen hält.
+
+Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, Pensums,
+Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem
+halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses
+elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen;
+sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu
+enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den Schülern,
+Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, daß sie erkannt
+hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu
+verwirklichen. Die mit Zuneigung verknüpfte Uebereinstimmung
+zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst
+erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in
+der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den
+Widersinn, die Theorie über die Praxis zu stellen, gefälscht ist,
+nie geschehen. Der Unterricht ist ferner gefälscht durch seine
+Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein
+Achtel unter den Kindern, die den gegenwärtigen Unterricht mit
+Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen.
+Daraus schließen die Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts
+taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur
+Regel. Das ist die gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf
+die Vollkommenheit. Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen,
+aber sie darf man nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die
+große Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den
+berühmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand
+stets nur einen mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große
+Unbekümmertheit für Studien und Lehrer.«
+
+»Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle
+Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich
+kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es ließen
+sich noch andere finden. Schließlich ist jede Methode gut, wenn sie
+dem Charakter des Schülers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht,
+als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur
+chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, daß man nicht von
+der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach
+Rückwärts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz
+am Studium zu zerstören und die mathematische Trockenheit in die
+Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher
+Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle
+fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft
+zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von
+Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium
+finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven
+Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als
+welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.«
+
+»Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für es eine
+Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft
+ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches der erste Zweck der
+Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frühester Jugend an
+in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die
+Anziehung ist darin sehr kräftig, es erwirbt die nothwendige
+Gewandtheit für alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit
+Sicherheit, Maß und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen
+sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hülfsmitteln
+für die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein.
+Unter der Oper sind alle körperlichen Uebungen begriffen, sowohl
+die mit der Flinte als mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen
+Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder
+in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie
+betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde
+die Natur des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper
+nicht in erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom
+frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen Studien nur
+anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen hin möglichst
+vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei
+unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hülfsmittel in's
+Spiel gesetzt werden: die Oper und die Küche, oder die angewandte
+Gourmandis.«
+
+»Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und
+zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, und
+diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in
+denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden
+Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der
+Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen
+das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx
+die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für
+die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, für welche es sich schon
+durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und
+Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten
+eingeführt. Die Küche wird das Band für diese Funktionen.«
+
+»Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung,
+sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1.
+Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder
+das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und
+Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz,
+oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7.
+Malerei und harmonische Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem
+regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer Ausführung.«
+
+»Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung
+zu Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen
+und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie ist sie
+eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche
+Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die sich jeden
+Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen
+Serien begegnen.«
+
+»Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der
+Harmonie. Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und
+Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung
+der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx
+eine Auswahl von 12-1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise
+sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser
+ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.«
+
+Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer
+Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in
+derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in
+seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in
+der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre
+Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns
+hierüber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird
+beurtheilen können, wie auch hier sich die verschiedenen Serien
+bethätigen. Die Kinder werden zunächst an der Hand passend für sie
+eingerichteter Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend
+eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig
+in die großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die
+Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter
+Details kennen -- das Einmachen, die Konservirung --, in denen sie
+nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien führt
+ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der
+verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird
+das Kind mit der Geflügelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und
+Gemüsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen
+Bethätigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die
+Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch
+kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die
+Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an.
+
+Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die
+Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall
+entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der
+Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt und
+stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die größte. Alles
+ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends
+vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden
+Geschlechtern gemacht. »Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle
+figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethätigung
+für die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die
+Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werkstätten und in den
+Gärten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren
+unterstützen.«
+
+Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es
+beginnen die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich
+allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die Aufgabe,
+die Erziehung entsprechend umzugestalten.
+
+»Hier ist der Punkt«, fährt Fourier fort, »wo alle unsere auf die
+Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den
+Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begründen
+wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen
+Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere
+Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als hier. Für alle anderen
+Mißbräuche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die
+Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der
+Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestürzt wird,
+denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen
+die Natur und die Gesetze begründet. Indem die Liebe keinen anderen
+Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der
+Doppelzüngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwörer, der
+unaufhörlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren,
+alle ihre Regeln zu untergraben.«
+
+»Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe nur
+unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die
+Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr
+protegirt, je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen
+Gesellschaft sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten
+die Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen
+können, d.h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral
+verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die
+Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- und
+Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die
+Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser
+Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt,
+muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe
+sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen
+Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für die
+guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung
+dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der
+Zivilisation getrennt sind.«
+
+»Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste
+Liebe genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die
+unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit anziehen.
+Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen bilden, die
+ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden aufeinander
+wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, bestehend aus
+zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und des
+Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel
+Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum
+achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation
+des Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen
+Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die
+andere Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu
+einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln
+derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat.
+Die jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des
+keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im
+Vestalat in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen
+Charaktere sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während
+die milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden
+die jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen
+austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.« ...
+
+»Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen
+von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie
+besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen -- die
+sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den Sälen
+zusammenfinden -- und erheben sich in Folge dessen auch später von
+der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat mit den Kindern.
+Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern wird das
+Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von diesen
+behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen mißachtet. Die
+älteren Stämme von zwanzig und mehr Jahren haben wieder aus anderen
+Motiven für das Vestalat und die Virginität eine tiefe Zuneigung.
+So vereinigt das Vestalat in sich den höchsten Grad der Gunst der
+Kindheit und des männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen
+und Vestalen ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit
+haben, jederzeit die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile
+der Rolle zu verzichten.«
+
+»Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen
+nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen,
+haben sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten
+Beschäftigungen in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie
+haben aber auch ihre besonderen Sitzungen und gewähren den Besten
+unter sich den Titel »Bewerber« oder »Bewerberin«. Diejenigen, die
+diesen Titel führen, haben den Vortheil, in der industriellen
+Armee, in der sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit
+besonderen Ehren empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat
+gehöriges Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird
+dies festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein
+Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. Nichts
+verschafft einem Mädchen von 16-18 Jahren mehr Achtung, als eine
+nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an die Arbeit und
+die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind die
+Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im
+Verzuge, handelt es sich z.B. darum, wegen drohenden Unwetters
+rasch eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede
+Phalanx wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen
+und sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel
+auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, die
+Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die
+präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen
+besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs
+macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns
+beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm über die
+Schönheiten der Verfassung und das Glück des Handels peroriren,
+sondern man deputirt die liebenswürdigsten Vestalinnen, die ihn an
+der Grenze begrüßen. Kommt eine Fürstin, so wählt man Vestalen.
+Versammelt sich eine industrielle Armee, so sind es die Vestalen,
+die ihr die Oriflamme übergeben und die erste Rolle bei den Festen
+wie bei den Arbeiten einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden
+durch die Anwesenheit der Vestalen und Vestalinnen einen besonderen
+Reiz gewinnen und sie werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß
+sie Ermüdung verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen
+jeden Abend glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der
+Kette am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren
+jungen Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen
+»freie Männer« sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel
+aus Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so
+werden mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man nöthig
+hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese Armeen besuchen, um
+sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder ihren Gatten zu
+wählen, und es ist anzunehmen, daß eine solche Wahl meist auf eine
+Vestalin oder einen Vestalen fällt. Diese Herrschaften werden in
+der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, wie in der Zivilisation,
+in welcher man ihnen nach chinesischer Manier einen Mann oder eine
+Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen haben.«
+
+»Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird der
+vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, eines
+halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu
+schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das Vestalat ein
+Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den
+ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen
+und ihm als Ehrengarde dienen.«
+
+Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, ihre
+Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch größerer
+Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich
+auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche
+verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch
+abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch,
+der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat;
+dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 Kaiserinnen, 144
+Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 Kaziken u.s.w. Man
+fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Fürsten, Fürstinnen
+und hohen männlichen und weiblichen Würdenträger in dieser sozialen
+Organisation für einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern
+ihre Funktionen für das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft
+notwendig sind. Darüber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie
+gehören eben in sein System, das bemüht ist, den Trieben und
+Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach
+Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß
+sein System in um so höherem Grade die Unterstützung der höheren
+Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht für die
+Erlangung von Titeln und Würden eröffnet.
+
+Eine solche Schaar hoher Würdenträger und Würdenträgerinnen bedarf
+entsprechender Frauen und Männer, und da haben Vestalinnen und
+Vestalen in erster Linie die schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu
+kommen.
+
+»Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch ein
+Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginität
+nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil
+werden, die sich einen falschen Heiligenschein für die Gaukeleien
+der Libertins zu geben wissen. Diese Wüstlinge, die in ihren
+Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrügen und zu
+düpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die öffentliche
+Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung
+findet unter uns ein junges, schönes Mädchen, um ihre Virginität zu
+bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner
+sind, nicht bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen
+Lebensunterhalt für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden
+gezwungen, auf einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere
+Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation
+prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der
+ihr eine anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre
+Schönheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird
+für die Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist
+sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen Maklern
+Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch
+Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit mehr
+verdorbene als gute Ehemänner.«
+
+»Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten
+Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig zu
+machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. Um
+den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem
+Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes
+alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine der Zivilisation
+würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie;
+undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen
+Mädchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da
+braucht man sich nicht zu wundern, daß man bei jungen Mädchen, die
+nicht überwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet.
+Leistet ein junges Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt
+geworden, von derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es
+zwang, seine schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es
+Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine Frucht,
+die man, statt sie zu genießen, verderben läßt. Das sind
+Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen würdig sind dieser zivilisirten
+Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist.
+Aber wenn man einem schönen Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit
+zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr
+gewiß? Sie läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen
+durch Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen oder
+brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anständiges
+Mädchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trügerischen
+Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein
+wenig erfahrene Frau nicht mehr getäuscht wird. Hat sie aber eine
+gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in
+der Kunst zu bezaubern geübt ist, sie ihr entfremden. Das
+anständige Mädchen wird darum betrogen, es erhält nur einen
+unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der
+Ehelosigkeit.«
+
+»Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen,
+weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil
+zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die
+Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der
+Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter
+betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie
+mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden aber alle
+Tugenden gebären, von denen sehr überflüssiger Weise die
+Zivilisation nur träumt.«
+
+»Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der
+Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah,
+das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so sollte und
+müßte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die
+Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten,
+daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden über jede Parallele
+verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden
+Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die
+vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation vergleiche,
+deren Moral nur unanständige und skandalöse Gewohnheiten zu Grunde
+liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des
+Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit
+der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen über
+die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten
+Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben
+die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne daß sie zuvor den
+Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nächsten Morgen
+noch immer früh genug kommen. Es bleibt weder Zeit für die ewigen
+zweideutigen Wortspiele, noch für die moralischen Schlemmereien.«
+
+»Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz,
+Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den
+Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit
+vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt,
+d.h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet,
+eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art
+werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für das
+Vestalat erklären? -- Diejenigen, die, wie die Söhne des Theseus,
+für aktive Thätigkeiten, aber wenig für die Liebe neigen. Wenn
+Hippolyt die Jagd allein genügte, um ihn von der Liebe abzuziehen,
+so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreißig und
+mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Kräfte üben und seinen
+Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmäßige
+Vergnügen der Jagd.«
+
+»Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese anscheinend
+so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen
+Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen
+ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung
+nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Maße, wie allen
+Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, daß
+die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergnügungen
+mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein
+werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die
+nöthigen Gegengewichte werden sich in genügender Zahl aus der
+Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben.« ...
+
+»Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche ist, alle
+Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, freien
+Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene
+Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausübung aller
+Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die
+feste Regel für die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck
+muß sein, überall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter
+und der Instinkte zu begründen.«
+
+»Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein
+Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um
+diese Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr weitläufigen
+Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht geben kann; ich
+werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle die Uebel erzeugt,
+die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, daß aber diese
+Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe angewandt, alle
+Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, vermeidet. Wie
+es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen einige Beweise folgen.
+Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein Drittel der Väter ihre
+Kinder verlassen und verleugnen. Auf 27.000 Geburten rechnet man
+über 9000 Bastarde, und doch ist Paris der Mittelpunkt der
+»moralischen Erleuchtung« und die »Vollendung der Vervollkommnung
+der Vervollkommnungsfähigkeit«. Wenn überall ebenso viel
+Vollkommenheit existirt als in Paris, ist ein Drittel der Kinder
+von ihren Vätern verlassen. Ferner sind da die syphilitischen
+Krankheiten, die in unserer Ordnung zahlreiche Opfer erfordern. Die
+Jugend wird bei unseren Sitten zur Unaufrichtigkeit erzogen, sie
+macht sich ein Spiel daraus, diese Krankheiten zu verbreiten, deren
+Gefahr jede kluge Person zwingt, sich von der galanten Welt zu
+isoliren und so die unnatürliche Befriedigung der Triebe
+herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen Alter die Mädchen über
+die Treue getäuscht werden, so täuschen später ihrerseits die
+Frauen; sie nehmen einfach Repressalien. Wenn in Paris, »dem Hort
+der Moral«, man jährlich über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder
+verlassen, so wird die Rache der Mütter eine entsprechende sein.
+Auf 27.000 Geburten schwören die Frauen 9000 Kinder ihren
+Ehemännern zu, die sie von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist
+Reziprozität der Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem
+Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen
+Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der
+Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen
+Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle
+diese Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen.
+Um sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den Zusammenkünften
+beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre Eltern glossiren. Sie
+werden als lächerliche Harpagons oder unbequeme Argusse behandelt;
+man unterhält sich mit Wünschen, wie, daß der Augenblick bald
+kommen möge, um ein Vermögen genießen zu können, das nach der
+Meinung der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man
+antwortet: daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind.
+Ja, so lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die
+Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die
+Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute
+überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre Töchter zu
+verführen, daß sie wahre Freunde der Moral und der Verfassung sind,
+andererseits überzeugen sie die Mutter, daß sie eben so hübsch wie
+die Tochter ist, »was manchmal wahr ist«. Gestützt auf diese
+Argumente, organisiren sie im Hause die maskirte Orgie. Der Vater
+gewahrt den Kniff und versucht widerspenstig zu werden, aber die
+Frau beweist ihm, daß er nicht die rechte Einsicht habe und er
+schweigt. Und selbst wenn die Väter solche Fallen zu vermeiden
+wissen, gerathen sie nicht in zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in
+einen wahren »Cercle vicieux« von moralischen Sottisen? Hier fällt
+eine gehorsame Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr
+versagt blieb, das die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder
+schwanger und alle väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und
+welch eine Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich
+zu erleichtern, schließt der Vater die Augen über die Freiheiten
+der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres Flitterstaats erspart
+bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in ein ewiges Gefängniß,[18]
+ihr sagend, daß sie glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene.
+Oder er hat eine Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu
+Grunde, und statt eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie
+und ihre ruinirte Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch
+viele Fälle der Enttäuschung anführen.«
+
+[Fußnote 18: Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten
+besseren Familien, wo das nöthige Vermögen zu einer Aussteuer
+fehlt, oft vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener
+Töchter zu entledigen. Der Verfasser.]
+
+»Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen,
+welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe unserer
+Zivilisation sei, aber die große Majorität, die dieses Glückes
+beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück nicht. Väter wie
+Kinder sind in falscher Position, die gute Ordnung beruht auf einem
+mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser Zwang erstickt die
+Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem Trugbild. Die
+Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer Ordnung, die den
+Wünschen der Natur entspricht, aber unsere Moralisten haben nie
+eine Studie über die Beziehungen der Liebe gemacht. Ein Beispiel
+lehrt dies.«
+
+Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner
+Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge
+im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein
+soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive
+Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr.
+Wie weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können wir
+nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge auch heutzutage
+durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, daß, während
+Pestalozzi in seinem Institut nach seiner intuitiven Methode
+Jünglinge und junge Mädchen unterrichtete, er gar nicht gewahr
+wurde, wie diese unter sich nach der sensitiven Methode handelten.
+Daraus entstand denn eines Tages eine schreckliche Entdeckung. Es
+gab ein fürchterliches Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine
+Anzahl der Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler
+schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der berühmte
+Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier boshaft
+hinzusetzt, »bei dem Grübeln über seine intuitiven Subtilitäten
+ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der Liebe Rechnung zu
+tragen«. »Während so die Philosophen die Triebe unterdrücken
+wollen, kommen diese und unterdrücken unvermutheter Weise die arme
+Philosophie. Es zeigt sich hier, daß, wie immer man sich in der
+Zivilisation der Freiheit nähern will, sei es in Sachen der Liebe,
+sei es in Sachen der anderen Triebe, man fällt stets in einen
+Abgrund von Sottisen, weil die Freiheit nur im sozietären Zustand
+zur Geltung kommen kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.«
+
+Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern,
+sei der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht,
+ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den Mißbrauch
+der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher der menschliche
+Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die revolutionären
+Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi und Owen und
+andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in die
+Skilla.
+
+Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das
+Fourier über Kant und, indem er über die Methode Pestalozzi's
+spricht, über die Deutschen überhaupt fällt. Er sagt über Kant:
+Welches Wesen habe man von ihm gemacht. Er sei der erste
+Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle wie er mit analytischer
+Gründlichkeit über die Wahrnehmungen der Anschauungen des
+Erkenntnißvermögens, die Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit
+gebracht haben. Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der
+das Angesicht der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe
+zu diesem Urtheil »Ja« gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit
+besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil
+abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen,
+was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der
+vorliegenden _Resultate_ zu urtheilen. Heute rangire man die alten
+Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als
+Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit
+den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese stützten
+sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht ausgenommen,
+seien Schöngeister, Rechthaber (»ergoteurs«), die in einem
+Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, neue
+Götzenbilder brauche.
+
+Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier
+zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, sei
+auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte man ihm
+Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, die
+greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller
+Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung verfällt,
+eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine Spekulation,
+die keine praktischen Resultate für das Leben verspricht, verwirft
+er. Daß Kant mit Begriffen operirte, über Begriffe spekulirte,
+scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; eine solche Wissenschaft kann
+für die Menschen, die, nach ihm, nur das Glück wollen und zwar
+sichtbar und greifbar, keine Wissenschaft sein. Die Philosophie
+müht sich ab, den Begriff des Glücks zu definiren, Fourier ist
+damit sehr rasch fertig: Glück heißt volle Befriedigung aller
+Triebe des Menschen, suchen wir also ihm diese Befriedigung zu
+verschaffen. Was nicht darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung,
+vom Uebel, metaphysische Spekulation ohne Werth; die Praxis und die
+Erfahrung entscheiden.
+
+So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm
+ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der
+theoretische. Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste
+in Europa, es werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne
+bis Jean Jacques Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei
+renommirt, und die Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der
+Soldat stolz sei, in einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das
+Kind anzuregen, seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als
+die intuitive Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel.
+Pestalozzi gestehe selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und
+daß zwei Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß
+er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft ausstatten
+könne. »Man traktirt vergeblich die Kinder mit der intuitiven
+Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu trösten, sie wollen
+nicht die von diesem ideologischen Dunst Getäuschten sein.«
+Schließlich habe man die deutschen Kinder an diesen metaphysischen
+Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu verwundern. Deutsche Kinder seien
+sehr geschmeidig, man bringe Tausende zum Gehorsam mit der
+Erklärung: »Es muß sein.« Die Deutschen seien eine Nation »von
+Freunden der Ordnung«, der Deutsche sei ein Mechanismmus, den man
+jederzeit mit dem: »es muß sein« in Bewegung setzen könne, da sei
+es leicht, die Kinder nach irgend welchen Zierereien der
+Metaphysik, wie diese intuitive Methode, zu bilden, aber für die
+Vortrefflichkeit der Erziehung beweise das nichts.
+
+In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, daß, bevor die
+Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten Prinzipien freier
+Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere Generationen im
+phalansteren System vergehen müßten. Das Geschlecht müsse erst dazu
+gesund erzogen und vorbereitet sein. Zunächst gelte es, die
+Syphilis, die ganze Geschlechter geschwächt habe, vollständig
+auszurotten, dann die politischen Hindernisse des Verkehrs der
+Geschlechter zu beseitigen; das Schwierigste aber sei, zu
+verhindern, daß nicht in dem Augenblick, wo man der Liebe größere
+Freiheit gebe, die geheime und korporative Orgie -- worunter
+Fourier den ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe
+gezügelten Geschlechtsgenuß versteht -- hervorbreche. Die Orgie
+könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, sondern
+durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch
+Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen.
+Er glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe
+aus dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, die
+bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser
+Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die
+Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des
+Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's
+Treffen geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere
+Stellen des neuen Testaments ebenso bekämpft wird.
+
+Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien,
+behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den
+Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und
+verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der Harmonie
+die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer dafür
+verdoppeln.
+
+Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen
+Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien und
+wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste Geschlecht
+seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter und die Mütter
+und Kinder zusammen auf die Väter; einem solchen Ansturm könnten
+letztere nicht widerstehen. Unter den Klassen seien es die Reichen,
+die auf die niederen Klassen den Einfluß hätten. Es gelte, die
+Reichen zu verführen, denn bequemten diese sich zur Arbeit in der
+Serie, so würden die übrigen Klassen, durch deren Beispiel
+angefeuert, erst recht eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten
+würden es also sein, die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt
+in die sozietäre Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es
+handelt sich nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den
+Verstand, sondern um ein Verführen, ein Wirken auf die
+Leidenschaften und Triebe. Auf die Kinder wird den größten Anreiz
+gutes Essen und Trinken üben, also die Gourmandis. Eine Küche für
+sie und die freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze
+Phantasie in Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder
+in Serien und Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der
+gewünschten Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie
+die eifrigsten Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon
+erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge,
+körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit
+Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper.
+
+Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in
+diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit
+versuchen. Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein
+reicher Mann, Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten
+hat. Er interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln
+der Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders
+Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet;
+auch hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen.
+Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt einer
+Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese Mondor ihr Lob
+zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Er tritt in
+die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren Arbeiten, aber
+ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem Engagement
+erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder ihn mit einer
+Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt und ihn zum
+Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine Kenntnisse für
+diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt eine Vestalin
+vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie überreicht und ihn
+umarmt. Darauf empfängt er die Beglückwünschungen der Chefs, die
+durch die Kinder mit einer neuen Fanfare begleitet werden. All das
+gefällt Mondor so, daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx
+einzutreten und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend
+theilzunehmen.
+
+»Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau«,
+meint Fourier weiter, »nachdem sie einige Tage in der Phalanx
+zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und
+sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr industrielle
+Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst nicht
+kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der
+Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß dieser
+parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die Wirkung
+haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die verschiedensten
+Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, die ihnen heute
+meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit der Pflege
+kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe
+eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei
+befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen
+eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die Arbeiten
+der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, was Jene
+verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr Beschäftigungen
+finden, für die sie in der Zivilisation nicht die Mittel und die
+Einrichtungen besaßen, oder die sie ermüdeten und mißstimmten, weil
+sie dieselben ohne Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer
+Kräfte erfüllen mußten.«
+
+»Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in der Ehe
+wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die Frauen in
+der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die Männer in
+der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei finden. Der
+immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach Wahl wird die
+Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus werden andere
+Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer Tafel der
+Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen
+Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; sie faßt
+eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben zu besuchen, und
+was sie sieht und hört, gefällt ihr so, daß sie beschließt, in die
+Serie der Lautenmacher einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft
+kennen lernte und ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und
+Trieb für diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian,
+ein junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem Haken
+sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies bei der
+Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und diese
+bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche
+Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr
+passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit Stolz
+als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, dem
+sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, begegnete
+und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also diese
+Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, indem
+sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die
+Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der
+Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche
+Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in Menge,
+die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.«
+
+»Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx
+stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter
+der rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt für
+Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner
+Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen
+Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu unterweisen,
+für die sie selbst ein lebhaftes Interesse besaßen, oder noch
+besitzen; sie werden in diesen Kindern die Erben und Nachfolger
+ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, und ein Kind ohne
+Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt oder mit Legaten bedacht
+werden. In der Phalanx hat Jeder die Gewißheit, daß er in seinen
+Lieblingsvergnügen und Beschäftigungen Nachfolger findet, in der
+Zivilisation nicht. Die Natur scheint ein solches Verhältniß
+zwischen Eltern und Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die
+Söhne oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben,
+worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.«
+
+»Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung
+berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf
+hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu
+überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene,
+Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über
+Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und
+Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das persönliche
+Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes willkürliche
+Befehlen ist demüthigend für den, welcher gehorcht. Das persönliche
+Regiment ist in der sozietären Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich
+nach freier Uebereinkunft und passioneller Zustimmung. In einem
+Solchen Zustande giebt es keine Willkür in der gegebenen Ordnung,
+nichts Beleidigendes im freiwilligen Gehorchen. Da, wo die
+zivilisirte Ordnung mit ihrer Privatwirthschaft und ihren
+abhängigen Existenzen stets zwei- und dreifache Disharmonie und
+Unordnung schafft, erzeugt der sozietäre Zustand drei- und
+vierfache Freude, Bande der Uebereinstimmung jeder Art.«
+
+»Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten Gruppen
+und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und von uns
+verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine Verwendung
+haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um
+Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit handelt,
+wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu krönen.
+Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich aus Trieb mit der
+ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte Serien, die
+nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn man wird
+Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man schickt
+also zunächst die Beginner (»initiateurs«) in's Treffen, d.h.
+Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber nichts zu Ende
+bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen verraucht ist, die
+aber überall, wo es einen gefährlichen oder unangenehmen Schritt zu
+thun giebt, bei der Hand und darum sehr werthvoll sind. Es sind
+Charaktere, die man leicht stimuliren kann und die vor keiner
+Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie ermüdet sind, hat das Werk
+ein anderes Angesicht gewonnen, und nun kommen die
+_Gelegenheitscharaktere_ oder die _Wetterfahnen_ an die Reihe,
+Leute, die sich mit jedem Winde drehen, immer die Ansicht des
+zuletzt Gekommenen haben und für jede Neuheit, die Kredit erlangt
+hat, zu gewinnen sind. Sie schwören, wenn sie das Unternehmen in
+Angriff genommen sehen, daß es sehr plausibel sei, und werden sich
+mit den Beginnern, die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf
+folgen die Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in
+Alles mischen, was _halb_ gethan ist, es modifiziren und umändern,
+beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten für einen
+schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre natürliche
+Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, sobald sie
+sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man wird ihnen
+jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu streicheln.
+Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit bei ihrer
+Arbeit aushalten. Dann folgen die _Chamäleons_ oder
+_Veränderlichen_, eine in der Zivilisation sehr zahlreiche Klasse,
+die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie werden bei
+einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei Dritteln
+beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende führen,
+aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo die
+Fertigmacher (»finiteurs«) antreten können. Das sind die Leute, die
+sich immer erst dann für ein Werk begeistern, wenn sie es fast
+vollendet sehen. Niemals erhält man für einen Anfang ihre Stimme,
+sie erklären jedes Unternehmen für unmöglich, für lächerlich und
+ergehen sich in übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine
+Verbesserung beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen
+Neuerer Jeden, der etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu
+drei Vierteln fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie
+werden Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten,
+daß sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre
+Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz nicht
+gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser
+letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach geschehener
+That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, die sie anfangs
+verlachten.«
+
+Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text
+zu lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung
+behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung
+ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d.h. Leute,
+die zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie
+haben begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu
+beschimpfen, später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen,
+dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx
+vorschreiten sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und
+schließlich in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und
+vierfachen Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie
+den Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in
+seiner Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten,
+so seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, die
+Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu
+beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu
+ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen Sohn
+einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen Architekten
+einen Plan fortführen, den sein Vorgänger angefangen. Die Franzosen
+seien Wetterfahnen, die sich nie an einen bestimmten Geschmack, nie
+an eine Meinung bänden, plötzlich von einem Extrem in's andere
+fielen und das Widerstreitendste zu verbinden suchten. Vor einem
+halben Jahrhundert seien sie voll Verachtung für den Handel gewesen
+und heute lägen sie voll kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem
+Bauch; ehemals rühmten sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute
+seien sie ebenso betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden.
+Kurz, der nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung
+ein Gemisch von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber,
+in der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die
+Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der
+Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen.
+
+Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer
+anderen Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei
+Personen ein Zwiegespräch über sich und sein Werk führen läßt.
+Wir lassen die amusante Stelle hier folgen:
+
+»Was steht in diesem Buch über die Anziehung? -- Bah! Narrheiten.
+Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man bisher die
+Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; daß dem
+Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück vorbehalten sei; daß
+eine Berechnung über die universelle Harmonie der Triebe existire;
+daß diese strebten, eine neue soziale Ordnung zu gründen, welche
+nichts mit der Unordnung der Zivilisation zu thun habe und ihr
+entgegengesetzt sei; eine Ordnung, in der alle Völker in Freuden
+schwämmen und trotz der Ungleichheit der Vermögen für Alle
+Ueberfluß herrsche; eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde,
+als unsere Bälle und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur
+versuchsweise an einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der
+Erde ohne Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen
+werde! -- Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte;
+großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere Philosophen
+hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht hätte; so viel
+wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka bis Montesquieu
+und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; sicherlich träumt
+dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, ein berühmter
+Philosoph? -- Nein! es ist einer der unbekanntesten Provinzialen.
+-- Bah, ihm mangelt der gesunde Verstand! Ja, ja, die Provinz
+liefert solch originelle Käuze!«
+
+ * * * * *
+
+Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die
+These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die Quelle der
+Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung werde und
+begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also:
+
+Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise
+(Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott als Laster
+einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so große Herrschaft
+gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. Andere Triebe, wie
+Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und männliche Alter mehr
+Einfluß, aber die Gourmandise verliere niemals ihre Herrschaft über
+die verschiedensten Alter, Klassen und Völker, sie sei permanent
+bis zum Lebensende; sie herrsche über die Kinder wie über die
+Erwachsenen. Man habe Soldaten Revolutionen machen sehen, um sich
+betrinken zu können, und der Wilde, der die Zivilisation
+verabscheue, gebe sich für eine Flasche Branntwein zur Arbeit her
+und verkaufe für eine Flasche starken Liqueurs seine Frau und
+Tochter. Würde das Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb
+unterworfen sein, wenn er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem
+Mechanismus unserer Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser
+Mechanismus die industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann
+nicht innig mit diesem gastronomischen Trieb -- der Gourmandise --
+verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der
+industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen
+bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der
+Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, was
+er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der
+Müßigen und dadurch _allein_ werde er lasterhaft, wenn er es nicht
+schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, wäre. --
+
+»In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle,
+sie ist nicht Belohnung des Müßigganges, _sondern der Arbeit_, denn
+der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten Genußartikeln. Sie
+wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen bewahren, aber indem
+sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der Produktion
+verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die höchsten
+Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich anstrengen, die
+vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel zu erzeugen. Das
+Mittelmäßige wird verschwinden und binnen wenig Jahren wird aller
+Boden so kultivirt sein, daß er nur noch das Beste trägt. Man wird
+die Eigenschaften des Bodens zur höchsten Vollkommenheit zu bringen
+suchen; man wird gute Erde anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo
+der Boden nicht zu verbessern ist, ihn aufforsten. Acker- und
+Gartenbau müssen mit der Industrie wetteifern. In der ganzen
+Phalanx muß das Prinzip herrschen, durch alle möglichen
+Verbesserungen: Nahrungsmittel, Kleidung, Möbel und Alles, was zur
+Erhöhung der Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender
+Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die
+Moralisten an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums
+eifern. Aber in diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in
+Widerspruch mit sich selbst; sie will Literatur und Künste heben
+und verbessern, aber sie will uns in der _wesentlichsten_ Branche,
+in der _materiellen Lebenshaltung_, im Zustand der Rohheit halten,
+obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung
+gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So wenden die
+Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es _zuletzt_ angewandt
+werden sollte.«
+
+»Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst die
+bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke
+natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton sich
+schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche die
+Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man ohne
+Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die
+Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein neunjähriges
+Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum Trotz den Knoblauch. Man
+spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein doppeltes
+Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die Vermischung der
+Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche zwiebelartige
+Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, Schnittlauch,
+Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. Man muß ihr also ein
+Achtel Frauen zuführen, die man aber meist im jugendlichen Alter
+wird suchen müssen, da selten ein Mädchen über 16 Jahren am
+Knoblauch Geschmack finden dürfte. Man wird zweitens aber auch die
+Vermischung der Arbeiten bei den Individuen herbeiführen müssen.
+Ein junges Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das
+Studium der Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den
+Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe.
+Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man
+sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie
+steht im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in
+Beziehung, und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum
+Lobe des Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer des
+Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man benutzt
+also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die Schönheiten der
+lyrischen Poesie, des Versmaßes einzuführen; vielleicht kann sie
+sich eher für die Poesie als für die Grammatik begeistern, und so
+führt man sie von einem Studium zum andern. In dieser Weise
+verbindet die sozietäre Erziehung den kabalistischen Geist und den
+Hang zum Bizarren, um bei einem Kinde die Neigung für die Studien
+zu wecken, es indirekt zu einem Studium zu führen, das es ohne
+irgend eine stimulirende Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es
+ist unzweifelhaft der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen
+die Kinder zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt
+die Gourmandise als Mittel zum Zweck.«
+
+Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier
+Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit Gastronomie,
+Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der Lebensmittel. In der
+Zivilisation finde man es zwar häufig gerechtfertigt, die Kinder in
+die drei letzteren Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen,
+aber von der ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie
+gelte als ein Uebel. Die Gastronomie werde allerdings erst dann als
+Wissenschaft zu Ehren kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller
+genüge. Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug
+auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme
+und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen sowohl
+bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu wünschen übrig.
+Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich den Bauch pflegen und am
+Besten sich gütlich thun, aber Hunderttausende bekämen nicht einmal
+eine natürliche Suppe. Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie
+aus ranzigem Speck, Talg und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei
+im Wachsen und die niederen Klassen würden mehr und mehr von seinen
+Betrügereien erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei
+Bedingungen lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven
+Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens
+und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der
+Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein müsse;
+dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in Anwendung komme
+und so das Volk an den Raffinements eines guten Tisches Theil
+nehme, der jetzt nur für die Müßiggänger vorhanden sei. Dieser
+Zweck werde erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden
+Funktionen sich so zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn
+letztere werde stets anziehend bleiben; sie müsse also die Basis
+des Gebäudes bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle.
+
+Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System der
+Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei
+nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die
+Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch
+Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, der
+Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau führen.
+Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des Geschmacks, um
+ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten herbeizuführen; aber in der
+Zivilisation arbeite man diesem Trieb am Heftigsten entgegen, und
+zwar sei es hauptsächlich jene Verbindung, die ihrer Natur nach
+stets nur die Beschränktheit und die Einseitigkeit aufrecht
+erhalte: _das Familienband_.
+
+ * * * * *
+
+Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der
+Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute
+allgemein getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die
+Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau
+abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der Frau
+einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern
+diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche Gesellschaft
+scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die monogamische Ehe
+mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer Gesellschaft ist, aber
+dieser monogamischen Ehe _voraus_ geht das bürgerliche Eigenthum,
+der Privatbesitz an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln.
+Der Privateigentümer ist bestrebt, sein Eigenthum zusammenzuhalten,
+auch über seinen Tod hinaus; er will in seinem Eigenthum
+gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen Erben, der seinen
+Intentionen gemäß sein Eigenthum verwaltet und wo möglich vermehrt.
+Wo kann er diesen seinen Intentionen entsprechenden Erben besser
+finden, als in dem von ihm selbst gezeugten Kinde, das vielleicht
+auch der Erbe seiner Charaktereigenschaften ist und das er vor
+allen Dingen durch die Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen
+Absichten gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber
+der Erbe auch sein wirklich _legitimer_ Erbe sei, muß er möglichst
+sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden als die
+seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe mit all
+den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt.
+
+Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum innig
+verwachsen, _sie geht daraus hervor_, und es ist ein ganz falscher
+Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der bürgerlichen Ehe
+das Hauptübel sehen zu müssen, das der Umwandlung des bürgerlichen
+Zustandes in seinen sozietären sich entgegenstellt. Er ist von
+seiner Ueberzeugung, daß nur die Einehe das Hinderniß für den
+Ausgang aus der Zivilisation bilde, so durchdrungen, daß er dem
+Konvent vorwirft, dadurch die Revolution in ihrer Wirkung
+beschränkt zu haben, daß er vor der Ehe stehen geblieben sei. Wie
+konnte er nur eine halbe Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen?
+Es waren die Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen
+nehmen ließ, sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können,
+daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so
+wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war.
+
+An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines
+Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm
+einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das
+Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre ansieht. Das
+Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen Urzustand
+herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser
+herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie
+Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen
+Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch
+das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der Vater
+des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die Eigenthumsverhältnisse
+sich ändern, ändern sich auch die Beziehungen der Geschlechter. Mit
+der Entstehung von persönlichem Eigenthum wird auch die Frau
+persönliches Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird,
+entsteht die Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen
+Vater. Aber der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen
+Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung unter
+den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller Eigenthümer,
+ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch größere Mitgift die
+Befriedigung dieser Wünsche zu erleichtern. Das Heirathsgut ist der
+Preis. Noch aber sind die Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des
+Erbrechts beraubt. Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als
+Kaufpreis neben dem Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine
+konkurrirenden Brüder hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo
+sie, statt der bevorzugten Frau, die _einzige_ Frau wird. Aus der
+Polygamie wird allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in
+ihrer weiteren Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe
+zusammenhalten, und da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind,
+wird die Einehe, ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen
+Mitteln, der bei Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich
+macht, mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch für
+Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben haben. Die
+hierarchische Ordnung und die Gesetze, d.h. der Zwang, kommen
+stets von Oben, _sie sind die in Paragraphen formulirten Interessen
+der herrschenden Klassen_. Der Kampf gegen diese Ordnung geht stets
+von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf der
+Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der
+Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten
+also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer
+falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen
+seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv
+gewirkt.
+
+Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die er als
+das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen zu
+kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die
+Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch gut
+erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich selbst. Der
+Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende Wesen, für den
+er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben soll, diese Welt
+erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, dem Willen
+Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen sehen wir die
+große Mehrzahl unglücklich, und zwar unglücklich, weil sie die
+Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht befriedigen können. Aus
+Unkenntniß ihrer Natur und ihres Zwecks haben sie sich eine Ordnung
+gegeben, in der diese Triebe meist unterdrückt werden, zur
+Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck verfehlten. Die
+Einheitlichkeit, d.h. die volle Harmonie zwischen den Menschen und
+der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große Zweck Gottes,
+und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist die Vielseitigkeit
+der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die einzige Lösung.
+Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der Ausdehnung derselben
+auf alle Menschen und die sie umgebende Natur steht die isolirte
+Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte Wirthschaft ist
+aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten Gruppenbandes, der
+Ehe, resp. Familie, »ergo« müssen Ehe und Familie in ihrer heutigen
+Gestalt verschwinden.
+
+In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem
+Standpunkt aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser
+beachten will, daß Fourier hauptsächlich Pariser und
+großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er führt
+weiter aus:
+
+»In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System
+allgemeinen Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie
+im Handel so sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln
+(»prohibitions«) und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die Liebe
+mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren allgemeine
+Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle Familienbeziehungen
+verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau betrogen, die
+Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt zurück auf
+seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller sozialen Perfidien
+ist, daß er nicht selten über den Ursprung seiner Kinder getäuscht
+wird, ein Vorkommniß, das auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes
+und der Lächerlichmachung dient.«
+
+»Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen
+Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen der
+Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen
+nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften
+ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so genügt dies, um
+durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen sozialen Systems zu
+fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen zulassen zu können, handelt
+wie eine Regierung, die um eine achtzig Meilen lange Grenze gegen
+die Pest abzusperren, sich begnügt, sechzig Meilen durch einen
+Truppenkordon zu besetzen und den Rest der freien Passage den
+Pestkranken offen läßt ...«
+
+»Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man
+annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug
+ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im
+Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute,
+sie scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je
+schlauer ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet,
+um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die
+öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in
+Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt,
+zu heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend.
+Erwirbt Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, daß es ihm
+gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist das ein der
+öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, daß sie alle
+Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als guten Ehemann,
+guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und Nachbar, guten
+Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier der Lobhudler,
+sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen und im
+Einzelnen.«
+
+»Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit,
+mit welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen
+Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre Söhne zu
+unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen können,
+einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist die wahre,
+bürgerliche Taufe, welche in den Augen der Oeffentlichkeit alle
+Sünden abwäscht. Dieselbe öffentliche Meinung hat lange nicht diese
+Nachsicht mit den anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten,
+durch die sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.«
+
+»Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein
+Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und religiösen
+Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend bis zum dreißigsten
+Jahre bewahren wolle, um sie seiner künftigen Frau als Geschenk in
+die Ehe zu bringen? Der, getreu den Lehren jenes vortrefflichen
+Buches, das sich »Einführung in einen gottergebenen Lebenswandel«
+betitelt, sich bis zum dreißigsten Jahre enthält »aus dem Becher
+der Unzucht den Wein der Prostitution zu Babylon« zu trinken?
+Welche Aussicht hat er? Und wenn es ihm einfällt, eine solche
+Erklärung abzugeben, welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter
+wie Töchter werden dies scherzhaft finden und bei gleichem
+Vermögen, gleichem Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden
+Mutter und Töchter einen »geübten« jungen Mann ihm, dem »Tölpel«,
+der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und Moral
+bewahrte, vorziehen.«
+
+»Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle
+Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu
+schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich persönlich zu
+depraviren.«
+
+Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den
+Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er auch von
+den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der sie die
+Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre Tugenden.
+
+»Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm
+bald in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen
+sein. Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine
+Tugenden zu adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines
+leichtfertigen Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft
+der Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre
+Tugenden mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der
+Zivilisation 99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so
+kann man nach diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit
+schätzen, welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.« ...
+
+»Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, die
+ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche ihre
+Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt aus
+anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, daß
+der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich bemühen, ihre
+Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, machen sie dieselben für
+den Ehehandel habgierig und verschlagen.«
+
+»So kommt es, daß die »Dreißigjährigen« oder Ehestandskandidaten
+sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum ersten Schritt sich
+entschließen. Nichts spaßhafter, als die Unterweisungen zu hören,
+die sie sich gegenseitig geben über die Art und Weise, der
+künftigen Gattin das Joch aufzuerlegen und sie günstig für sich
+einzunehmen. Nichts merkwürdiger, als diese vertraulichen
+Zusammenkünfte (»consiliabules«) der Junggesellen, in welchen an
+den zu heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird,
+und zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer Töchter
+entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, daß man auf Geld
+sehen müsse, daß, wenn man das Risiko trage, von der Frau betrogen
+zu werden, man wenigstens nicht auch mit dem Heirathsgut betrogen
+sein wolle. Nehme man einmal eine Frau, so müsse man sich eine
+Entschädigung für die Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit
+sich bringe. Das nennt man nach einem Kunstausdruck »die
+Anhaltseile (»les attrapes«) fassen«.
+
+Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren ähnlich die Frauen.
+Fourier hebt dann die Widersprüche in dem ehelichen Zustande
+hervor, daß der Mann, der sonst alle Freiheit für sich beanspruche
+und die Frau unterdrücke, im wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche
+Meinung und Gesetz gegen sich habe, wobei man wohl beachten will,
+daß es sich um die Schilderung französischer Zustände handelt,
+wonach noch bis in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung
+über die Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt
+zu ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier hier
+im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus.
+
+Er sagt: »Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen
+lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert
+sein sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein
+Kind, das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur
+selbst den wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine
+anzunehmen.«
+
+»In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld
+beladet, genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen
+Fall, wo der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die
+öffentliche Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um
+seine Schmach zu verschlimmern.«
+
+Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: »Oh!« ruft er. »Wie die
+Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der
+Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so
+gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht
+offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen
+und ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der Philosophen
+erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer wahrhaft »eine Familie
+von Brüdern« werden, wo die Güter gemeinsam sind und das Kind des
+Nachbaren auch das unsere ist. Die Edelmüthigkeit dieser braven
+zivilisirten Ehemänner wird der Zukunft noch reichlich Gelegenheit
+zu Gelächter geben, und man muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge
+aufbewahren, um die sonst schale Lektüre der Geschichte der
+Zivilisation etwas genießbar zu machen ...«
+
+»Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die
+schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze über
+das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung mit
+anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die
+Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine Kirche
+und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in welchen
+die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und
+denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die
+Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater
+findet sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die
+galanten Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine
+junge Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung
+vor dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine
+Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu
+empfangen, wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus
+betrügt. Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf
+den fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche genügen,
+um den Werth unserer Theorien von der Einheit der Handlung im
+sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.«
+
+Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die
+Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit
+ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen
+und Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und
+demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten
+vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem
+dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre heirathe, so
+liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf Jahre des Zölibats
+benutze, um alle möglichen illegitimen geschlechtlichen
+Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr nur eine solche
+Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur Prostitution, sechs
+im Ehebruch, so gewähre dieses einen traurigen Einblick in die
+Moral der Zustände, und man brauche nicht erstaunt zu sein, wenn
+junge Männer im mittleren Alter sich rühmten, schon mit mehr als
+zwanzig für anständig geltenden Frauen in intimsten Beziehungen
+gestanden zu haben.
+
+»Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den guten
+Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die Wahrheit
+zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie müssen
+Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner zugeben, daß
+die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, wenn sie nicht
+auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die Lobredner der
+zivilisirten Ehe selbst, »daß das häusliche Glück unzertrennlich
+von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und daß, wenn das
+Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe mangelt, auch das
+Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. Herrscht die
+Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der Familie und
+in der Häuslichkeit.« Wie verträgt sich aber das Eheglück mit dem
+Bestand der Serails in allen zivilisirten Ländern? Die christlichen
+Kolonisten haben diese überall aus Negerinnen gebildet; die
+ernsten, so moralisch scheinenden Holländer bilden sie in Batavia
+mit Frauen aller Farben. Und wie viele heimliche Häuser giebt es
+bei uns, die, äußerlich anständig aussehend, in Wahrheit niedliche
+Serails sind, die im Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne
+offen stehen.«
+
+»Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu
+bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die
+ihm Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und
+neben diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder
+freie. Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. »Ich
+bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu
+Liebschaft. Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie
+selten länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit,
+vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn,
+darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht
+verlassen zu werden.« So stellt sich das Leben dar, das unsere
+meisten reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind,
+führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und
+Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man antwortet:
+Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese
+Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten
+nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die Einen
+hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, der
+Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln zurück.
+Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, überlasse ihn der
+gesunden Natur und man wird sehen, daß die größte Zahl sich beeilt,
+das Beispiel von Salomo und Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge
+mit Mitteln ausgestattete oder von der Natur ein wenig begünstigte
+Stadtbewohner besucht dieses freie Serail, ohne wie die Barbaren
+(die in der Polygamie leben) auch für die Kosten der Unterhaltung
+sorgen zu müssen, es giebt sogar eine gute Zahl dieser Herrchen,
+welche die Frauen plündern und arm essen.«
+
+»Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art
+Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein
+Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn
+wir von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die
+Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die Tarife, wie
+die Preiskourante an der Börse. Man braucht darüber nicht erstaunt
+zu sein, wenn Walpole sogar öffentlich erklären konnte, er habe in
+seinem Portefeuille den Preiskourant für die Biederkeit des
+englischen Parlaments.[19] Wie muß unter solchen Sitten das
+häusliche Glück beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die
+Wahrhaftigkeit in den gegenseitigen Beziehungen begründet sein
+soll?«
+
+[Fußnote 19: Robert Walpole, berühmter englischer Staatsmann, von
+1721-1742 Kanzler der Schatzkammer.]
+
+»Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr
+umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke Bände füllen
+würde. Alle diese Schliche sind nur Verletzungen der bürgerlichen,
+religiösen und Moralgesetze. Welche Auflehnung, welche Rebellion in
+dieser galanten Welt gegen Alles, was die Gesellschaft für
+unverletzbar erklärt. Wie kann man beim Anblick von so viel offenen
+und geheimen Verletzungen aller festgestellten Ordnung zögern,
+anzuerkennen, daß entweder das Regime der Liebe bei uns im
+Widerspruch mit der Wahrheit und der Moral organisirt ist, oder daß
+ein solcher Zustand unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die
+Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.«
+
+»In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort
+existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die
+religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die Hälfte der
+weiblichen Bevölkerung unserer großen Städte. Ich will nicht unsere
+Zofen und Zimmermädchen zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß
+von den Gesetzen der Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln
+sie, als hätten sie nie davon sprechen hören. Und wie in der
+kleinen, so ist es in der großen Welt. Bei den Leuten »comme il
+faut« hat der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom
+Hause ihre anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der
+Haushaltung und das heißt man: »man muß zu leben wissen« (»il faut
+savoir vivre«). Manchmal entsteht allerdings eine kleine
+Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater die
+Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der
+Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt
+bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes
+verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer Schwangerschaft
+von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie betroffen worden
+sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann schlechten Dank, wenn er
+gegen den Wortlaut des Gesetzes und die Zeugenschaft des Arztes
+aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie das Andere. Auch
+gehört es in der guten Gesellschaft zum guten Ton, nicht
+eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines guten
+Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde darin
+vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer Beziehung
+nachsichtig sein, und schließlich heißt es: »was Dir recht ist, ist
+mir billig.«
+
+»So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene.
+Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und
+Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen,
+doch für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man
+muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte ihres
+Systems vor Augen hält.«
+
+»Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat
+auch nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr
+Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der
+zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen in
+Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß den
+Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse fehlen,
+wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des Vaters
+stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an Andere
+überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten gerathen in
+Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des Büchertrödlers,
+seine Gemälde in die des Händlers. Genau das Gegentheil hat in der
+Phalanx statt. Alles wird erhalten und vervollkommnet, der Tod
+eines Individuums beunruhigt in nichts die industriellen
+Dispositionen und das Gemeinwesen.«
+
+»Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn ersetzt
+und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt ihm nur
+Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete Fortsetzer,
+aber in Klassen, die durch Vermögen und Lebensstellung ihm nicht
+zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder ihm zu folgen, oder
+sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es wieder der überreiche
+Kindersegen, der Erziehungsausgaben verursacht, welche die
+Unternehmungen des Vaters schädigen; seine undankbare Arbeit genügt
+kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen eine Existenz zu gründen,
+und zum Dank für so viel Anstrengungen merkt er, daß dieses oder
+jenes seiner Kinder ihm den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den
+Besitz der Erbschaft zu kommen. Oefter treten andere eheliche und
+häusliche Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist.
+Ein Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen seiner
+Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am Geschäft
+Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner Neider, durch
+den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung ruhte. Nicht
+selten sieht man Eltern über den Verlust eines Lieblingskindes dem
+Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht gegen solch ein
+Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. Solch ein
+Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine Pandorabüchse. Wie
+kann man annehmen, daß Gott die Industrie und die menschliche
+Thätigkeit auf einen so kritischen Boden für die, welche die Leiter
+sind, und noch viel mehr für Diejenigen, welche die Untergebenen
+sind und ausführen, hat gründen wollen?«
+
+»Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung
+zu schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen die
+Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr ganzes
+soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er
+unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu
+fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben Achtel
+dieser Väter rufen: »Oh! in welche Galeere bin ich gerathen.« Es
+war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von der süßen
+Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, daß sie einen
+Ueberfluß an Rekruten für die Armee und an hungernden Arbeitern für
+die Fabriken haben, die um niedrigen Preis arbeiten, damit die
+Unternehmer sich bereichern können.«
+
+»Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen
+die Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet
+nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich in
+dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein und
+vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu
+Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie der
+Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das
+Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen Hülfsmittels, den
+industriellen Mechanismus verbessern, denn wo ein neuer Faktor
+auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte vervollkommnen. Das
+geschieht im sozietären Zustand, aber nicht in der Zivilisation. In
+der Harmonie wird die Liebe die industrielle Anziehung verstärken,
+durch sie wird der Jüngling wie die Jungfrau für die Vereinigungen
+der beiden Geschlechter in den Ateliers, den Gärten, den
+Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer neue Anreize finden. Die
+Wirkung in der Zivilisation ist die entgegengesetzte, sie erzeugt
+Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu fortgesetzter Ueberwachung,
+verursacht Ausgaben für Putz und Geschenke und führt nicht selten
+zu Schulden und anderen Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe
+für die Väter zu einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit
+wenig Ausnahmen für die Reichen, und die Erwachsenen werden durch
+die Liebe nur verdorben.«
+
+»Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß sie keine
+Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde,
+Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den Banden
+des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht wahrnahm
+und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es aufhebende
+Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter Anderem die industrielle
+Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und die Theilnahme an der
+Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, aber seine
+Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar durch den
+Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr erniedrigt
+und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich waren. Die
+Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur lasterhaft sei
+und die meisten bejahen dies; man schließt also wie die
+mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein unumgängliches
+Uebel erklären, weil sie sich scheuen, Schutzmaßregeln gegen sie zu
+ergreifen. Unsere Philosophen ziehen dieselbe Straße; um sich davon
+zu befreien, ein Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als
+unabwendbare Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend
+eine Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein,
+daß sie dieselbe in Unordnung bringen.«
+
+»In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der
+Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen.
+Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische
+Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als Brüder
+betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns mit den
+Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, aber in
+Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den
+möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem
+natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen zu
+ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen Zahl
+von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und daß
+die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der Männer wird
+haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist so natürlich,
+daß selbst ein altersschwacher Sultan sich nie auf eine einzige
+Frau beschränken läßt. In einem zukünftigen Zeitalter wird man
+diese Freiheit der Liebeswahl ganz natürlich finden, und ein Greis
+wird direkte und indirekte Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in
+die hunderte haben. Dann wird das goldene Zeitalter der Vaterschaft
+angebrochen sein und wird die Freuden genießen, die sie im
+gegenwärtigen Zustand vergeblich sucht. Die Adoptionen und die
+Legate werden in der Harmonie so zahlreich sein, wie sie in der
+Zivilisation unmöglich sind; man wird die Fortsetzer
+(»continuateurs«) aus Passion haben, die Mangels an eigenen, von
+gleichen Trieben beseelten Kindern, das Begonnene weiter führen.
+Außerdem, welcher Egoismus, welche Eifersucht herrscht in unseren
+Familien, die nicht leiden, daß ein Außenstehender sich in die
+Neigungen des Vaters theilt: gezwungen sich an die eigenen Kinder
+zu halten, begegnet er nur zu oft in seinen Plänen und
+Unternehmungen den Antipathien derselben, muß er in ihnen die
+Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann also kein Zweifel sein, daß
+das Familienband die antiökonomischste Verbindung ist und den
+Wünschen Gottes, welcher der höchste Oekonom ist, und mit
+Aufwendung der geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen
+strebt, auf's Direkteste entgegensteht.«
+
+ * * * * *
+
+Fourier erläutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen
+Genüsse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung sei
+garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als genügten,
+in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die bei den
+Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des
+Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde
+die Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite
+Mittel, um das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizuführen, sei
+die Generosität. Diese halte man wohl für unmöglich, sie sei aber
+durchzuführen.
+
+Jeder, der sich mit Anderen geschäftlich verbinde, wolle daraus
+Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, löse die Verbindung
+sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die
+Vortheile für das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und
+dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreißig- und
+vervierzigfache. Zwei Beispiele möchten dies beweisen. Eine
+Familie, die in Paris 60.000 Franken jährlich ausgebe und dafür
+Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem Lande
+unterhalte, könne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe haben.
+Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man erwäge,
+welch große Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art man in der Phalanx
+habe, daß man von den Streitereien mit Händlern und Kaufleuten, von
+den Ausgaben für Lakaien und von ihren Diebereien und Betrügereien,
+von der Spionage und anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu
+einer Geißel der Großen machten, befreit sei. Man solle ferner an
+die Verbesserung der Straßen und Wege denken, deren Zustand heute
+auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen großen Theil
+des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der Phalanx,
+wo alle Straßen und Wege mit Trottoirs für Equipagen und leichte
+Wagen, für Fußgänger wie für Pferde und Zebras versehen, die Wege
+schattig und mit Fußsteigen, die man nach Bedürfniß besprenge,
+ausgestattet seien. Dazu kämen die Annehmlichkeiten der überdeckten
+Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, Werkstätten,
+Stallungen; für Kirche, Theater, Ballsäle u.s.w., und daß alle
+diese verdeckten Passagen im Winter erwärmt seien, so daß man kaum
+wissen werde, ob es draußen warm oder kalt sei. Es seien dies alles
+Erleichterungen und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation
+selbst ein König sich nicht verschaffen könne. Das Wohlsein werde
+sich also in der Phalanx in das unzählbar Vielfache steigern.
+Dasselbe sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus
+der stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung
+und Keller hervorgingen, in der Küche durch die verbesserten
+Methoden der Fertigstellung sich steigerten, könne kein Einzelner,
+und sei er der Reichste, herbei- und durchführen. Und an alledem
+nähme der Aermste in der Phalanx Theil.
+
+Fourier, der offenbar in den Dingen der Küche und was damit
+zusammenhängt genaue Spezialstudien gemacht hat, führt dies im
+Detail sehr anziehend und Lust erweckend aus; so wird es nach ihm
+eine Kleinigkeit sein, daß man auf jeder Tafel bei jeder Mahlzeit
+wenigstens dreierlei Arten Käse, jeden wieder in verschiedenen
+Qualitäten, zum Nachtisch haben kann, so daß eine zwölffache
+Auswahl gewöhnlich sei. Fleisch, Geflügel, Wild, Fische, Gemüse,
+Kompots, Eier- und Mehlspeisen würden in einer Vielseitigkeit der
+Herstellung und in einem Raffinement geliefert, von dem gegenwärtig
+kaum Jemand eine Vorstellung habe. Die Tafel der Reichen in der
+Phalanx sei täglich bei einer Mahlzeit mit mindestens dreißig
+Gerichten bedeckt, und selbst die Armen dürften, wenn erst die
+Phalanx in vollem Gange sei, auf mindestens zehn Gerichte zum
+Mittagtisch rechnen. Es kann, ihm zufolge, daher auch gar nicht
+fehlen, daß selbst die Könige, nachdem sie die Phalanx besucht und
+sich von ihrer Opulenz nach allen Richtungen durch den Augenschein
+überzeugt haben, sich beeilen werden, die Gründung der Phalanxen
+nicht nur zu unterstützen, sondern selbst mit ihrem Hofstaat in
+eine solche einzutreten.
+
+Die Phalanx verbindet also, nach F. Ansicht, die sensuellen
+Vergnügungen mit der Abwesenheit aller materiellen Sorgen, die
+heute Vätern und Müttern so viel Kopfschmerzen verursachen. Sie
+findet rasch die Zustimmung der Väter, die von den Kosten der
+Haushaltung, der Erziehung und der Ausstattung der Kinder befreit
+sind; sie findet die Zustimmung der Frauen, welche alle der vielen
+Widerwärtigkeiten der Haushaltung, wo die Mittel fehlen, los und
+ledig sind; sie findet die Zustimmung der Kinder, denen nur
+anziehende Beschäftigungen, Vergnügungen und die besten Mahlzeiten
+in Aussicht stehen; und sie findet endlich auch die Zustimmung der
+Reichen, die erhebliches Wachsthum ihres Vermögens und das
+Verschwinden aller Risikos und die Beseitigung des Aergernisses,
+von dem, wie Fourier behauptet, sie stets umgeben sein sollen, zu
+erwarten haben. Der Arme kann natürlich gar nichts Besseres thun,
+als sofort mit beiden Händen zugreifen, denn er hat Nichts zu
+verlieren, aber Alles zu gewinnen. So werden die Serien, die
+Gruppen, die Individuen in der Phalanx alle in den edelmüthigsten
+Entschlüssen übereinstimmen und werden selbst zu materiellen Opfern
+entschlossen sein, die aber nicht einmal nöthig sind. Bei dem
+Gedanken, wieder in die Zivilisation zurückzufallen, wird Jeder
+erschreckt sein, wie bei dem Gedanken, in die Arme des Teufels zu
+stürzen; Jeder würde bereit sein, lieber sein halbes Vermögen zu
+opfern. So wird sich die Uebereinstimmung und die Aufrechterhaltung
+der Einheitlichkeit in allen materiellen Dingen auf die höchste
+Stufe erheben.
+
+Wie nach Fourier in der Phalanx sich die materiellen Interessen zur
+größten Zufriedenheit Aller ausgleichen, so wird auch die
+Vermischung und aus Zuneigung entstehende Uebereinstimmung der drei
+Klassen sich vollziehen. »Die reiche Klasse muß nur gewahr werden,
+daß man sich ihr seitens der anderen Klassen höflich und ohne
+persönliches Interesse und ohne Gefahr der Hintergehung nähert, und
+sie wird bereitwilligst der Phalanx ihre Kräfte und ihr Vermögen
+leihen. Damon, der ein großer Blumenfreund ist und in Paris wohnt,
+macht jährlich bedeutende Ausgaben für seine Blumenbouquets, aber
+er wird übel berathen und betrogen durch die Verkäufer, bestohlen
+durch Gärtner und Diener. Dadurch wird ihm die Blumenzucht
+verleidet und er entschließt sich, die Kultur derselben aufzugeben,
+so sehr er sie liebt. Darauf besucht Damon die Versuchsphalanx, wo
+er sieht, daß die Blumenzucht eifrig gepflegt wird und er
+Unterstützung an Anderen findet, die gleich ihm dafür begeistert
+sind. Statt Mißtrauen zu begegnen, sieht er, daß man seinen
+Wünschen und Rathschlägen, als von einem Sachkenner kommend,
+bereitwillig Folge leistet und alle Arbeiten ausführt. Ihn trennt
+keine Verschiedenheit der Interessen von den Mitwirkenden, denn
+alle Kosten trägt die Phalanx; er sieht sich geachtet und geliebt,
+weil man seine Kenntnisse schätzt und ihn als eine Stütze der Serie
+betrachtet. Namentlich sind es die Kinder, die sich um ihn drängen
+und bei dem drohenden starken Regen Schutzzelte über die Beete
+spannen. Er fühlt sich unter diesen Blumenfreunden wie in einer
+zweiten Familie und entschließt sich zu mehreren Adoptionen. Da ist
+Aminte, ein Mädchen ohne Vermögen, aber eine der geschicktesten
+Seriesten, die für Damon begeistert ist; sie sieht in ihm, dem
+Sechzigjährigen, die Stütze der ihr theuren Kultur; sie will sich
+ihm erkenntlich zeigen, und da sie auch ein Mitglied einer Gruppe
+der Zimmerordnerinnen ist, übernimmt sie die Sorge für Damon's
+Zimmer und Garderobe. Sie dient Damon nicht aus materiellem
+Interesse, denn er bezahlt sie nicht, und dies wäre überhaupt
+unzulässig, sondern aus Dankbarkeit für seinen Eifer für die Kultur
+der Blumen. Damon hat also doppelte Freude, er hat in Aminte eine
+eifrige und gelehrige Schülerin und eine aufmerksame Gouvernante,
+und zum Dank adoptirt er sie. Bei dieser industriellen Kooperation
+war also die Freundschaft im Spiel, ein Trieb, der namentlich bei
+den Kindern einen schönen Aufschwung nimmt, weil ihm weder durch
+Liebe, noch durch Gewinnsucht, noch durch Familieninteresse
+entgegengearbeitet wird.«
+
+»Im Jugendalter ist's hauptsächlich die Liebe, welche den
+Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe
+einer Schäferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben
+also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden
+selbst in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch.
+Auch sehen wir, daß in Sachen des Ehrgeizes der Höhere den Niederen
+unter Umständen nicht verschmäht. Zum Beispiel in Partei- und
+Wahlkämpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, um
+seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drücken. Aber
+hier wirkt nur die Sucht nach persönlichem Gewinn und Befriedigung
+persönlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese niederen Mittel schon
+die Annäherung verschiedener Klassen, dann ist dies viel leichter
+durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger Zuneigung, wie das
+Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.«
+
+»Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thätigkeiten
+beschäftigt, überall ähnliche Bande knüpfen. Alle Serien und
+Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei einer
+speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin
+leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der
+Genossen nicht fehlen. Der Reiche genießt aber doppelte
+Anerkennung, einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich
+in irgend welchen Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die
+Munifizenz, die er den von ihm gewählten Industrien erweist. So
+macht Damon Ausgaben für sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten
+der Phalanx anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Für diese
+Dienste wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurüstungen
+gewählt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung
+vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich
+ihm dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen
+und den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit
+vollem Vertrauen der Phalanx überlassen, er hat keine Falle zu
+fürchten, kein ungehöriges Verlangen wird ihn beunruhigen. Kein
+Zweifel, daß in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht
+verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Höflichkeit und
+Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum
+Eintritt in die Vereinigungen verführen, dazu kommen die
+prunkvollen Zurüstungen für die Arbeiten der Phalanx und die
+Einigkeit der Sozietäre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue
+Lage und die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden
+Alles aufbieten, der neuen Stellung würdig zu erscheinen. Unter
+solchen Verhältnissen werden Alle bemüht sein, die gerechte
+Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung
+der sozietären Ordnung abhängt, zu erleichtern. Man frage wohl, wie
+könne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der Phalanx
+fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung ermöglichen? aber man
+werde sehen, daß in den Serien der Triebe gerade die Liebe zum
+Gelde der Weg zur Tugend und zur Gerechtigkeit sei, so sehr die
+Moralisten die Liebe zum Gelde verurtheilten.«
+
+Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem
+Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Maßstab des
+eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, rein
+arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu
+honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die
+Zivilisirten nicht verständen, und so beklagten sie sich beständig
+über Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die Phalanx freilich
+jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in vielleicht
+dreißig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen Antheil
+überweisen, so würde dies eine außerordentlich umständliche und
+schwer zu lösende Aufgabe sein. Der Mechanismus der Vertheilung sei
+nicht auf die Individuen, sondern auf die Serien berechnet, und
+diese werden nicht nach ihrer speziellen Leistung, sondern nach
+ihrer Bedeutung für die Phalanx in Betracht gezogen. Die Serien
+gelten als die einzelnen Assoziés, und kraft des Rangs, den sie in
+dem Tableau der Arbeiten einnehmen, wird die Dividende nach drei
+Klassen vertheilt: 1. nach der Nothwendigkeit, 2. der Nützlichkeit
+und 3. der Annehmlichkeit der Arbeit. Wird z.B. die Serie des
+Wiesenbaues als solche von hoher Wichtigkeit anerkannt, so erhält
+sie ein Loos erster Ordnung in der Klasse, in der sie figurirt. Die
+Erzeugung von Körnerfrüchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber
+die Serien darin bilden selbst wieder fünf Ordnungen, und so ist
+wahrscheinlich, daß die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. auf
+der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung
+kommen.
+
+»Die höchste Dividende fällt den unangenehmsten Arbeiten zu und
+diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die
+Fleischerei in Rücksicht auf die damit verbundenen widerlichen und
+übelriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernährung der Säuglinge und
+Kinder in den niedersten Lebensaltern wird für eine schwerere
+Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. Mediziner,
+Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der ersten
+Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der kleinen
+Horden am höchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach dem Werth
+bemessen, sondern nach dem Maß der Anziehung, das sie ausübt, je
+höher die Anziehung, also auch die Annehmlichkeit, je geringer die
+Belohnung.«
+
+»Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die höhere
+Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzüchter oder die der
+Blumenzüchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar hätten
+diese in der Klasse der Nützlichkeiten, die Blumenzüchter in der
+Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. Aber das ist ein ganz
+falscher Schluß. Obgleich die Obstbaum- und Früchtezucht sehr
+produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie in die Klasse der
+Annehmlichkeiten, weil sie außerordentlich anziehend ist. Die
+Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der reizvollsten Erholungen.
+Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltären besäet, die von Zierstauden
+umgeben sind; hier werden die Ruhepausen abgehalten, hier
+vereinigen sich die Geschlechter, und so bietet diese Kultur neben
+der Geflügelzucht die meiste Anziehung. Dadurch wird die Obstzucht
+in die dritte Klasse, in die der Annehmlichkeiten gereiht, und
+empfängt die niederste Belohnung. Was die Blumenzucht betrifft, die
+im Allgemeinen in der Zivilisation nicht sehr geschätzt wird und
+kaum die Kosten deckt, so erwecken zwar ihre Produkte Liebreiz,
+aber die Arbeit erfordert große Pünktlichkeit, erhebliche
+Kenntnisse und viele Sorgfalt und das Vergnügen ist von kurzer
+Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um die Kinder zu bilden, als
+um die Frauen für das Erforderniß der Kultur und das Studium
+agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, sehr werthvoll. Auch
+eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht immer für die Kinder,
+wofür hingegen die Pflege der verschiedenen Blumensorten sehr
+geeignet ist. Aus diesen Gründen werden die Serien der
+Blumenzüchter in die zweite Klasse, die der Nützlichkeiten,
+versetzt werden.«
+
+»Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch
+wird, daß ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot,
+Marmelade u.s.w. für die Ernährung und Verfeinerung der Lebensweise
+die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des
+Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir für rein
+überflüssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung der
+ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen,
+Müller und Bäcker sind nützlicher, aber das kann nur von einem
+Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung nicht
+kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper für die
+Harmonie sehr werthvoll, weil sie für die Kinder das mächtigste
+Hülfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur Einheitlichkeit der
+industriellen Thätigkeiten zu erziehen. Von diesem Standpunkt aus
+gehört sie in die erste Klasse, die der Nothwendigkeiten, soweit
+hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum Vergnügen dient,
+rangirt sie in die dritte Klasse, die der Annehmlichkeiten.«
+
+»Maßstab der Vertheilung für die Arbeit ist also: 1. die direkte
+Wirkung, die sie für die Bande der Einheitlichkeit der Phalanx im
+Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den sie hat
+für die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im umgekehrten
+Verhältnisse steht zu der Stärke der Anziehung, die sie erweckt.
+Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die Beschäftigung
+der kleinen Horden, unter den dritten die Oper für die Erwachsenen,
+unter den zweiten unter Anderem die Beschäftigung in den Minen und
+Bergwerken zu zählen.«
+
+»In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thätigkeiten, deren
+Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst
+bestimmen. Die Verständigung ist um so leichter, da jedes Mitglied
+in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch größeren Zahl
+von Gruppen beschäftigt ist. Die Gunst, die ein Mitglied einer
+Serie oder Gruppe in der Zubilligung der Dividende erwürbe, würde
+es in den anderen Gruppen und Serien schädigen; sein eigenes
+Interesse zwingt es also zur größten Objektivität; auch ist es
+interessirt, daß die Harmonie nicht gestört wird, weil diese
+Schädigung des Ganzen unfehlbar den größten Schaden für es selbst
+brächte. Von diesen Gesichtspunkten aus vertheilt sich auch das
+Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.«
+
+»Alippus ist ein reicher Aktionär, der bis dahin in der
+Zivilisation für die Ausleihung seines Kapitals auf Güter 3-4
+Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, 12-15
+Prozent zu bekommen. Er ist sehr für gerechte Vertheilung des
+Ertrages, doch drängt ihn seine Habsucht, als Kapitalist die Hälfte
+der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er muß sich aber sagen, daß
+dann die beiden anderen zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent
+aufwandten, sehr unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen
+wenig Jahren die Phalanx sich auflöse und dies sein größter Schade
+sei. Diese Einsicht veranlaßt ihn, sich in seinem eigenen Interesse
+mit weniger zu begnügen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem
+Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat
+nach diesem Maßstab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die
+Zivilisation ihm gewährte, er lebt viel billiger in der Phalanx,
+als in der Zivilisation, und er sieht außerdem die beiden anderen
+Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der Gesellschaft.
+Was ihn außerdem bestimmt, sich zufrieden zu geben, ist, daß er
+gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl Serien, in denen er viel
+Vergnügen genoß, freundschaftliche und Liebesbeziehungen anknüpfte,
+seinen Antheil als Thätiger und, soweit er darin durch Talent sich
+auszeichnete, auch dafür seinen Antheil erhält. Seine Habsucht
+wurde also durch zwei Gegengewichte in der richtigen Mitte
+gehalten, er hat die Ueberzeugung, daß im Interesse Aller er sein
+eigenes Interesse wahrt und dafür die Zustimmung der Phalanx
+findet, und daß der Fortschritt der industriellen Anziehung für ihn
+zur Quelle großen Reichthums wird.«
+
+Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er
+wäre also als Zivilisirter sehr dafür, daß die Arbeit auf Kosten
+des Kapitals und Talents den Löwenantheil erlangt und rechnet 7/12
+für die Arbeit, 3/12 für das Kapital und 2/12 für das Talent.
+Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt indeß anders. Wohl
+hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den Hauptantheil zuzuweisen,
+aber da er in einer Reihe von Serien und Gruppen durch Talent der
+Erste ist, so verkennt er nicht, daß auch dem Talent sein
+entsprechender Antheil gebühre. Außerdem begreift er als
+einsichtiger Bürger die Bedeutung des Kapitals, welche Vortheile
+der Arme aus den Ausgaben der Kapitalisten zieht, welche
+Annehmlichkeiten reiche Angehörige ihren Serien und Gruppen
+erweisen, endlich, daß seine Kinder Aussicht haben, mit Legaten
+bedacht zu werden. Alles das genau erwogen, findet auch er, daß man
+ein Einsehen haben und daß die Arbeit zu Gunsten von Kapital und
+Talent ein wenig zurücktreten müsse. Er kämpft also auch gegen die
+»unvernünftige Raubsucht« (»rapacité déraisonée«), deren ein
+Zivilisirter fähig wäre und findet ebenfalls bei der Repartition
+von 4/12 für das Kapital, 5/12 für die Arbeit und 3/12 für das
+Talent seine Seele und sein Gewissen befriedigt.
+
+Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung
+beharren zu müssen, was man bei seinem Bestreben und seinem festen
+Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale
+Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum
+Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame
+Erschütterungen begründen zu können, begreifen wird. Wäre die
+Fourier'sche Phalanx überhaupt möglich und keine Utopie, so wäre
+unfaßbar, warum das Kapital, bei all den sich ihm eröffnenden
+glänzenden Aussichten, sich nicht beeilte, Hals über Kopf diesen
+neuen Gesellschaftszustand zu begründen. Fourier glaubt felsenfest
+an diese Möglichkeit und die Richtigkeit der von ihm gemachten
+Aufstellungen; er konstruirt sich die Prämissen und da müssen die
+Konklusionen stimmen. Falsch sind nicht seine Voraussetzungen,
+sondern falsch ist die Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit
+und Verblendung den Weg, der sich ihrem Glück öffnet, nicht sieht
+oder zurückweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, daß der Arme
+in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am
+Ertrag bereitwillig unterstützen werde, weil ihm mit Hülfe des
+Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermögen zu
+kommen, sich darböten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht
+entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht
+habe, selbstständiger Unternehmer zu werden. »Seine Kinder können
+durch Kenntnisse, Talent, Schönheit zu hohen Würden und Stellungen
+kommen, auch kann er, da er stets mehr erwirbt als er ausgiebt,
+Ersparnisse machen, und so selbst allmälig Aktionär werden.« Nährt
+ihm doch die Phalanx die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab
+bereits selbst voll verdienen, was sie brauchen und später mehr
+verdienen, als sie nöthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle
+Werkzeuge und nicht weniger als drei Paradeuniformen für die Feste
+und Aufzüge; auch besucht er weder Kneipen noch Café's, da er nach
+fünf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und
+Vergnügungen, die ihm die tägliche Beschäftigung bietet, für solche
+Orte kein Bedürfniß mehr empfindet; endlich besteht überall die
+volle Gleichberechtigung: er nimmt an allen Berathungen Theil, hat
+das gleiche Stimmrecht und somit nach keiner Richtung einen Grund,
+gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. In der That, es gehört
+viel Verbohrtheit dazu, all diesen Verlockungen zu widerstehen.
+
+Fourier kommt natürlich nicht im Traum der Gedanke, daß, wenn all
+diese schönen Ausmalungen und scharfsinnigen mathematischen
+Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das ganze System auf
+falschen Voraussetzungen beruhen müsse, denn für ihr Interesse sind
+die Menschen in allen Zeitaltern und bei allen Völkern sehr
+empfänglich gewesen und namentlich die herrschenden Klassen. Aber
+aller Widerstand und alle Feindseligkeit, die ihm begegneten,
+machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und seiner
+Berechnungen nicht irre, diese sind für ihn unbestreitbar, und so
+ist selbstverständlich, daß der einmal begonnene Faden sich ruhig
+bis zu Ende spinnt, und ein Gebäude entsteht, in dem jeder Stein
+genau auf den anderen paßt, bei dem Alles auf's Genaueste und
+Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber die
+Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntniß der
+eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die
+Gesellschaft einst zu einem ähnlichen Zustande, wie ihn Fourier als
+scharfsichtiger Seher voraussetzt, führen werden, aber auf anderem
+Wege und durch andere Mittel und -- wann die Entwicklung reif ist,
+-- die Erkenntniß ihrer Entwicklungsgesetze blieb ihm und seinem
+Zeitalter fremd.
+
+Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau
+so schließen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft
+wünscht, so natürlich auch das Talent. Philint ist Mitglied von 36
+Serien. In zwölf zeichnet er sich als alter erfahrener Serist durch
+große Geschicklichkeit und durch Talent aus, in zwölf anderen ist
+er nur mittelmäßiger Arbeiter und in den zwölf letzten Neuling.
+Nachdem beim Jahresschluß die Inventur gemacht wurde und die
+Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung berufen werden, könnte er
+in Anbetracht der Talente, die er in zwölf Serien entwickelte, sehr
+geneigt sein, den Antheil des Talents besonders zu begünstigen.
+Aber als überlegender Mann muß er sich sagen, daß damit weder sein
+Interesse noch das der Phalanx gewahrt würde. Einmal stehen nicht
+nur den 12 Serien, in denen er sich auszeichnet, 24 gegenüber, in
+denen er nur mittelmäßiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet
+sich auch, daß von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur
+vier in die erste, also höchst belohnte Klasse, die der
+Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten
+vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich für ihn von selbst,
+daß er den einseitigen Maßstab der Bevorzugung des Talents nicht
+zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand tritt bei all
+diesen Erwägungen über die Vertheilungen hinzu. Da die Interessen
+aller Mitglieder in den dutzenden von Serien und hunderten von
+Gruppen persönlich voneinander differiren, in einer Serie oder
+Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder in allen
+anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen auseinandergehen,
+ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien oder Gruppen
+unmöglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden und sich
+kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und keine
+Verbindung gleicher Interessen möglich ist, muß schließlich das
+Allgemeininteresse, das damit das Interesse Aller wird, siegen.
+
+Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die
+Richtigkeit der Vordersätze, von denen Fourier ausgeht, zugegeben,
+hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, daß sowohl in den
+Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die distributive
+Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. »Das Regime der Serien der
+Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche Laster,
+den _Durst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit umwandelt_.«
+Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der Zivilisation,
+wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute als am
+lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der sozietären
+Ordnung nützlich und gut, wie es die von Gott gewollte Bestimmung
+ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird nach der von
+Schelling ausgesprochenen Idee »in jedem Sinn der Spiegel der
+universellen Analogie«. Schließlich hat Fourier nichts dagegen
+einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, daß die
+Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 erhält. Das
+ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: »Es müsse die
+individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse jeder Serie und
+der gesammten Phalanx und die kollektiven Ansprüche jeder Serie
+durch das individuelle Interesse eines jeden Seristen, als
+Angehöriger einer Menge anderer Serien, absorbirt werden.« Und
+dieses Gesetz wird erreicht »durch das direkte Verhältniß der Zahl
+der frequentirten Serien im umgekehrten Verhältniß zu der Dauer der
+Arbeit in den einzelnen Serien«. Mit anderen Worten: Je mehr Serien
+der Einzelne angehört und je kürzer in Folge dessen die einzelnen
+Arbeitssitzungen werden, um so leichter wird die ausgleichende
+Gerechtigkeit in der Vertheilung des Arbeitsertrags sich
+herstellen. Mit der Zahl der differirenden Interessen des Einzelnen
+wächst die Möglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die
+Einheitlichkeit des Ganzen.
+
+Die Habsucht wirkt also schließlich ausgleichend in der Harmonie,
+aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung gegenüber,
+die Edelmüthigkeit. Erstere wirkt direkt, letztere indirekt. Zum
+Beispiel: »Es handelt sich um die Vertheilung eines Ertrags von 216
+Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei sich zufällig
+herausstellt, daß die Reichsten und Wohlhabendsten unter den neun
+Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das Meiste erhalten. Darauf
+erklären die beiden Ersten, daß sie in Anbetracht ihres
+Kapitaleinkommens und des Vergnügens, das ihnen die Arbeit
+gebracht, sich mit dem Minimum begnügen -- auf das Ganze dürfen sie
+nicht verzichten -- was vier Franken beträgt. In Folge dessen
+bleiben 52 Franken an die Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem
+Beispiel der beiden Ersten folgen zwei Andere, nur daß diese
+entsprechend ihrem geringeren Vermögen von dem ihnen zufallenden
+Antheil nur auf die Hälfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu
+vertheilen übrig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt
+unter die fünf armen Sozietäre vertheilt, daß sie je 24, 18, 12, 9
+und 9 Franken erhalten, und zwar erhält davon eine schöne Vestalin,
+nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den Gebern wie
+bei den übrigen Mitgliedern in Gunst steht, den höchsten Satz.
+Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, denn sie schädigt
+Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der Harmonie eine
+Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine große Zahl von
+Würden und Szeptern, bis zu dem des Omniarchen des Erdballs, als
+Gunstbezeugungen vergeben, weil alle diese Würden durch Wahl
+erfolgen.
+
+Wenn nun hieraus sich ergiebt, daß die reichsten Sozietäre nur den
+möglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen -- die
+Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels
+allgemeine Regel werden -- und den größten Theil ihres Einkommens
+nur nach Maßgabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt
+daraus, daß ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten
+Verhältniß zu der Entfernung (»distance«) der Kapitalien von
+einander steht, denn für Arbeit und Talent tendiren sie nur den
+kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen steht ihr Antheil am
+allgemeinen Benifizium bezüglich des Kapitalantheils im direkten
+Verhältniß der Masse der Kapitalien. Es kommen also hier genau wie
+in der physischen Welt zwei entgegenwirkende Kräfte in Betracht,
+die zentripetale, welche hier die Habsucht ist, und die
+zentrifugale, die Edelmüthigkeit.
+
+Der Leser wird bereits erkannt haben, daß Fourier hier das von
+Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkörper, wonach diese
+wirkt im graden Verhältniß zu ihrer Masse und im umgekehrten
+Verhältniß zum Quadrat ihrer Entfernung, auf den Vertheilungsmodus
+seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle Beziehungen der Menschen
+unter sich und zum Weltall sind ja nach Fourier durch mathematische
+Verhältnißzahlen zum Ausdruck zu bringen und nach Analogien
+geordnet, also muß auch die Phalanx, welche im Kleinen das
+Spiegelbild der Einheitlichkeit der Welt darstellt, diese
+mathematischen Verhältnisse zum Ausdruck bringen. Freilich ist
+dieser Versuch im vorliegenden Fall ein verunglückter, denn unter
+dem Ausdruck Entfernung kann doch nichts Anderes als die Größe der
+Kapitalien verstanden werden, und ihre Größe deckt sich wieder mit
+ihrer Masse, mit dem Quadrat der Entfernung haperts überhaupt; und
+was ist der Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im
+bürgerlichen Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das
+Kapital selbst, in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch
+vergessen wir nicht, daß es sich hier um ein geistreiches, mit
+großem Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt.
+
+Fourier ist nun weiter der Ansicht, daß in seiner Phalanx die
+Generosität, welche die reichen Leute üben, wenigstens 7/8 des
+Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hälfte
+derselben umfassen werde, diese also den ärmeren Sozietären zu Gute
+kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil man
+sich in der Zivilisation ein solches Maß von Großmuth gar nicht
+vorstellen könne. Mit den bereits hervorgehobenen Triebfedern für
+eine solche Handlungsweise verbinden sich allerdings noch andere,
+wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen resultiren. Doch bei
+den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, was das Kapitel der
+freien Liebe betreffe, sei er genöthigt, grade dieses für die
+Harmonie so werthvolle und äußerst interessante Gebiet nicht weiter
+zu berühren; so viel aber sei sicher, daß die freie Liebe und die
+freie Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschließen
+werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit
+die glänzendsten Aussichten eröffneten.
+
+Was schließlich den Loosantheil betreffe, der dem Talent zufalle,
+so gewähre dies besonders den unbemittelten Alten in der Phalanx,
+die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten
+Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten,
+Aussicht auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des
+Talents, die in der Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was
+dem Kapital und dem, was der Arbeit zufalle, herbeiführen solle,
+nur eine Art Fußschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des
+Aermeren, dessen Kenntnisse er für sich ausbeute, in die Höhe
+steige; der gesellschaftlich Begünstigte schmückte sich mit den
+Federn des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien
+es ferner, die hauptsächlich die Grenzen zwischen den Armen und
+Reichen verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie
+mitleidig lächeln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die
+ihn umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung
+ergeben, der Monarch genieße ohne alle Kosten eine Zuneigung, die
+er sich in der Zivilisation nie zu erwerben vermöge, wo er seine
+Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Söldlingen zu glauben
+finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.[20]
+
+[Fußnote 20: Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche
+und Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln Napoleon
+I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt waren.]
+
+Die große Ungleichheit der Vermögen werde es gerade sein, die in
+der sozietären Gesellschaft die Harmonie gebäre; nur ein Schatten
+von Gleichheit hierin würde sie zerstören. Kein mittelreicher Mann
+werde deshalb den Anstoß geben, mehr zu überlassen, als was das
+Minimum überschreite. Es genüge, um einen solchen Akt des
+Wohlwollens begehen zu können, den Sozietären das beträchtliche
+Einkommen, das ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien
+einbringe. So werde, den moralischen Diatriben gegen die großen
+Vermögen zum Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermögens
+die größte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, in
+Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Großmuth, am
+besten erreichen. »Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in
+das Geheimniß der Harmonie der Vertheilung, die für alle anderen
+Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen.« Und da griffen die
+Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die doch
+im Gegentheil gar nichts Willkürliches habe, sondern auf
+unerschütterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man preise
+Newton als das größte moderne Genie, weil er die Berechnung der
+Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber nur auf
+einen Zweig beschränkte; warum unterdrücke man da ihn, den Mann,
+der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom materiellen auf das
+passionelle Gebiet, ein Zweig, der für die Menschheit sehr viel
+nützlicher sei, als den, welchen Newton behandelte, übertragen
+habe. Es sei nichts, als die Furcht, daß diese von ihm begründete
+neue Wissenschaft das Handelsgeschäft mit den philosophischen
+Systemen und Büchern schädige.
+
+Neben den bisher angeführten Faktoren, die nach Fourier eingreifen,
+um das Leben in der Phalanx zu einem möglichst angenehmen zu
+gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige
+Uebereinstimmung und die Versöhnung der Klassen und
+Standesunterschiede herbeiführen, so die Beziehungen, welche die
+Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen
+Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar
+auch ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen,
+aber bei dem Mangel der Serien der Triebe könnten sie zu keinem
+System werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der
+Harmonie entstehen, ist schon ausgeführt worden. Die Beziehungen,
+welche die freie Liebe hervorruft, müßten in Rücksicht auf die
+ebenfalls schon erwähnten Vorurtheile der Zivilisirten unerörtert
+bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der Vaterschaft sich
+ergebenden Verhältnisse näher zu betrachten.
+
+»In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen
+und Standesabstufungen überall nur Haß und Feindseligkeit oder
+Geringschätzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel
+überhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das Volk
+mit mehr oder weniger großer Feindseligkeit oder Geringschätzung
+herab, und diese Gefühle werden von unten nach oben erwidert.
+Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es wieder
+verschiedene Abstufungen, zwischen denen ähnliche Gefühle
+herrschen. Kurz, mit der süßen Brüderlichkeit, welche die Moral und
+die Philosophie predigen, sieht es in der Wirklichkeit recht windig
+aus. Da verachtet der große Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den
+Nichtgelehrten, der Bürger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das
+Merkenlassen dieser Gefühle den Interessen schadet, versteckt man
+sie, und das nennt man dann Gewandtheit oder Klugheit (»savoir
+faire«). Wo in der Zivilisation sich der Höhere dem Niederen
+scheinbar freundschaftlich nähert, sind in der Regel Hintergedanken
+im Spiel und sie führen zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der
+Große einer Frau aus dem Volke sich nähert, die Folge ist
+gewöhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden,
+führen sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen
+Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen,
+Parteistreitigkeiten, Bündnisse zur Unterdrückung. Und gleichwohl
+ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, alle
+widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er
+habe in Moskau eine Medaille prägen lassen, welche die Inschrift
+enthielt: »Der Himmel für Gott, die Erde für Napoleon.« Das ist
+damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat
+er damit eine sehr vernünftige Absicht, die Gründung einer
+Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt
+und es ist nur zu bedauern, daß Napoleon ihn nicht verwirklichen
+konnte, er würde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich
+Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche
+Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Maß und Gewicht zu schaffen,
+gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr,
+Wissenschaft und Kunst zu begründen und zu vollbringen, einen
+Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schädliche und
+Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das höchste
+Wohlsein durch die Gründung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden
+herbeizuführen und damit auch die Aenderung und Verbesserung der
+Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietären
+Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die
+Territorialmonarchien über den ganzen Erdboden begründet werden.«
+
+Künftig könnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf richten,
+Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der
+Territorialmonarchien zu werden, und für einen politischen Eunuchen
+gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnüge. Diese Ansicht
+scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei leichter in
+der sozietären Ordnung, »als Cäsar und Pompejus zu versöhnen«.
+Cäsar und Pompejus könnten an demselben Ort in ganz verschiedenen
+Würden nebeneinander regieren. Giebt es doch nicht weniger als
+sechszehn verschiedene Szepter und eine große Auswahl von Würden
+und Titeln. Da giebt es Würden und Titel für die Erblichkeit, die
+Adoption, den Favoritismus, das Vestalat u.s.w. Alle diese Szepter,
+Würden, Titel, Grade, eröffnen sich Jedem. »Kennt der Monarch in
+der Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er
+auch das Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns
+beraubt ist und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch
+kann der Souverän wie die Souveränin, um der Erblichkeit zu
+genügen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger wählen; ferner jeder
+Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte
+Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt überträgt. Die
+Harmonisten können alle neu gegründeten Throne durch Wahl aus ihrer
+Mitte besetzen, dagegen können die erblichen Throninhaber und
+Throninhaberinnen ihre vollen oder Theilnachfolger, wie ihre
+eigenen Gatten und Gattinnen nach Wahl sich aussuchen. Welche
+Aussichten eröffnen sich da für Väter und Mütter, für junge Männer
+und junge Mädchen! Und welcher Ausblick für schöne, liebenswürdige
+Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, in unserer
+Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in Anwendung
+bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent,
+Schönheit, Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, alles ist ihnen
+erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mächtige Mittel, das Volk
+an die Großen zum Anschluß zu bringen und alle Quellen des Hasses,
+der Feindseligkeit, der Mißgunst zu verstopfen.
+
+»Zu diesen Anziehungs- und Aussöhnungsmitteln zwischen Hoch und
+Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft,
+ein Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich
+empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen.
+Man vergesse nicht, daß in Folge der vernünftigen und naturgemäßen
+Lebensweise der Harmonisten auch die Langlebigkeit in der Phalanx
+herrscht; unter je zwölf Personen giebt es _mindestens_ eine,
+welche ein Alter von 150 Jahren erreicht. Nehmen wir des Beispiels
+halber Einen dieser Aeltesten. Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der
+150 Jahre zählt, sieht auf sieben Generationen herab. Er hat 120
+direkte Nachkommen, welche er in seinem Testament zu bedenken
+gewillt ist. Die nächsten Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter,
+welche schon reich sind, bedenkt er nur mit einem kleinen Theil
+seines Vermögens, die nächstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er
+giebt aber auch der sechsten und siebenten Generation erhebliche
+Antheile, damit sie nicht in Versuchung kommen, den Tod älterer
+Verwandten zu wünschen. Er verbraucht für diese Vermächtnisse die
+Hälfte seines Vermögens. Die anderen beiden Viertel legirt er
+dergestalt, daß ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das andere
+Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fällt, darunter
+seine Frauen, die selbst reich sind und keiner größeren Erbschaften
+bedürfen. Diese einzige Erbschaft umfaßt also direkt und indirekt
+einen großen Theil der Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und
+Männer in der gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in
+ähnlicher Weise testiren und es geht schließlich Niemand leer aus.«
+
+»Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine
+Familie von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz.
+Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen
+Ithuriel als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation
+auf ihn spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx
+ist er vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein
+Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich
+nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu
+begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der
+Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und
+Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu
+kommen. Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein
+Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen,
+wie dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des
+Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf
+ein Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der
+Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das
+Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen zu
+erregen?«
+
+»In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, wie
+kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß hervorgerufen
+werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser erhält, sie
+veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens zu wünschen, dessen Ende
+heute in den meisten Fällen ungeduldig erwartet wird.«
+
+ * * * * *
+
+Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit
+den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die
+Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, so
+auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen in's
+kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die ganze
+Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für alle
+weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für die
+Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner Prüfung
+unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie in allen übrigen
+Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen Weg. Seine
+Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines ersten
+schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus über die
+Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro und kontra in
+den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. Malthus stellte,
+sich anlehnend an ältere Schriftsteller, bekanntlich die Theorie
+auf, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer
+Progression, also in dem Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u.s.w.
+zu vermehren, dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich
+in arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u.s.w.
+Aus diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in
+kurzer Zeit -- Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren voraus,
+die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl herbeizuführen
+-- die Erde so übervölkert sei, daß die Menschen an Nahrungsmangel
+zu Grunde gehen müßten. Malthus betrachtete es als »göttliche
+Bestimmung«, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz
+fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche Lauf der
+Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden geschaffen.
+Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das Gewissen
+erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, als bei
+dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die Erfahrung die
+Theorie nicht rechtfertige, weder habe die Bevölkerungszahl in dem
+angegebenen Maßstab bisher sich vermehrt, noch sei nachzuweisen,
+daß die Vermehrung der Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich
+bewege. Trete überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es
+in einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so
+fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. U.s.w.
+
+Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst wirft er
+den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre Inkonsequenzen
+und Unbesonnenheiten überhaupt übersähen, das Verhältniß der
+Bevölkerung als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven
+Kräfte näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er
+huldigt also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen
+steigendes Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander.
+»Vergebens werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine
+vier- selbst hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn
+die Menschen verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen
+Zustand zu vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die
+Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt
+aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der verschiedenen
+Klassen zu ermöglichen.«
+
+Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der
+Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine der Klippen
+der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so viel
+unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung fähig
+waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein anderes Mittel als
+Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der überschüssigen Sklaven
+gehabt.
+
+»Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus.
+Die römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier Männer,
+aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, vergnügten sich,
+ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen zu sehen ...
+Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus über die Frage
+ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man auf einer Insel
+die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die Bevölkerung von 1000 auf
+10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, während die Insel gut
+kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. Darauf hat man geantwortet:
+man müsse alsdann den Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter
+kolonisiren. Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der
+ganze Globus so bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts mehr
+zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin stimmen auch
+die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht übervölkert sei und es
+noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe dieser Zeitpunkt komme. Das
+ist ein Irrthum, denn schon nach 150 Jahren ist die Erde
+übervölkert. Auf alle Fälle ist nach 150 oder 300 Jahren die Frage
+brennend und nicht gelöst, wenn man bei den jetzigen Anschauungen
+und Mitteln bleibt. Nun, die sozietäre Ordnung hat sehr wirksame
+Mittel, die Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten
+Stande zu erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die
+auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit Phalanxen
+bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen
+Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei
+Milliarden.«
+
+»Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung
+der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die größere Kraft
+und Körperentwicklung der Frauen; 2. die üppige Lebensweise; 3. die
+phanegoramischen Sitten; 4. die gleichmäßige körperliche Uebung
+aller Kräfte. Was die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen
+wir bei den starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die
+überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die
+zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man antwortet,
+daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch fruchtbar seien.
+Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, daß alle vier
+Mittel kombinirt angewendet und miteinander verkettet werden
+müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, weil sie mäßig
+leben und eine grobe, hauptsächlich vegetabilische Nahrung zu sich
+nehmen. Die Städterinnen leben üppiger und raffinirter und daher
+kommt ihre größere Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der
+Harmonie die körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger
+Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der
+Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.«
+
+Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt Fourier aus
+naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte Mittel, die
+gleichmäßige körperliche Uebung, werde durch den häufigen Wechsel
+der Beschäftigungen und die kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße
+bewirkt. Man habe nie beobachtet, wie auf Pubertät und
+Fruchtbarkeit körperliche Uebungen einwirkten. Dies sei frappant.
+Daher erlangten unsere Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als
+die Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die
+Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen gleichfalls
+unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen gleichmäßig und würden
+sie abwechselnd und proportionell auf alle Theile des Körpers
+angewandt, so sei kein Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich
+später entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung
+vorzugsweise auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die
+körperliche Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt
+übten den Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre
+geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und
+frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife
+erzeugten.
+
+In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten
+würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre
+Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden
+körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange Zeit
+die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den Augenblick
+verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der Ueberschuß der
+Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem von der Natur gewollten
+Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden die gleichmäßig gehandhabten
+gymnastischen Uebungen bei den Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und
+zwar in solchem Maße, daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche,
+sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und
+größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand vorbereiten
+müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in der Lebensweise der
+heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, welche den
+Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, es fehle das
+Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und Uebungen.
+
+Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung
+miteinander an, so würden die Chancen der Fruchtbarkeit im
+Gegensatz zu heute sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses
+eher ein Defizit in der Bevölkerungsentwicklung zu fürchten, man
+werde mithin die Mittel anwenden, wie die Umstände sie erforderten.
+Man sei also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen
+der Menge der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizuführen. Der
+vernünftige Mann habe nur so viel Kinder, daß er ihnen das nöthige
+Vermögen sichern könne, ohne welches es kein Glück gebe, nur der
+unvernünftige setze die Kinder zu Dutzenden in die Welt, sich
+entschuldigend wie jener Schah von Persien: »Gott schickt sie und
+es kann nie zu viel rechtschaffene Menschen geben.« Der soziale
+Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, wenn er ameisenartig
+Kinder zeuge, die schließlich in Folge ihrer Ueberzahl genöthigt
+seien, sich gegenseitig aufzuzehren. Wenn sie dies nicht
+buchstäblich wie die Insekten, Fische, wilden Thiere machten, so
+zehrten sie sich politisch auf, durch Räubereien, Kriege und
+Perfidien aller Art in der besten der Welten. Unter der
+Zivilisation werde ein Land, wie bevölkert es auch sei, nie dazu
+gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich an Frankreich,
+dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, das zwar
+nicht das bevölkertste Land, dessen Bevölkerung aber die ärmste und
+verkommenste in Europa sei, trotzdem fruchtbares Land in Hülle und
+Fülle vorhanden sei.
+
+So zeige sich überall, daß das Gleichgewicht auf umfassender
+Entwicklung und nicht auf Erstickung begründet sein müsse, daß alle
+Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach Befriedigung des
+Ehrgeizes, Herrschaftsgelüste, Habsucht, Gier nach Erbschaft,
+Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedürfnisse und was sonst
+noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, welche die
+Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu können, in der
+Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des allgemeinen Glückes
+würden. Das genüge wohl, um die sogenannten starken Geister, die
+stets behaupteten, daß die Bewegung und die Triebe nur Wirkungen
+des Zufalls seien, die man beliebig modeln und unterdrücken könne,
+und die den Glauben erweckten, als bedürfe Gott der Unterweisungen
+eines Plato und Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen
+und die Triebe in Harmonie zu leiten habe, zu verwirren.
+
+Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das
+Bevölkerungsgesetz eine großartige und fruchtbare Auffassung zu
+Grunde. Er erklärt mit vollem Recht, daß die Zivilisation, in
+unserer Sprache ausgedrückt die bürgerliche Gesellschaft, wie sie
+überhaupt unfähig ist, die sozialen Gegensätze aufzuheben, auch
+unfähig ist, die Bevölkerungsfrage zu lösen. Das zeigt sich nicht
+nur an dem auch von Fourier angeführten klassischen Beispiel, an
+Irland, dessen Bevölkerung in demselben Maße ärmer wird, als sie an
+Zahl im Lande abnimmt, während die Zahl der unter den Pflug
+genommenen Acker Landes und die Häupterzahl der Viehherden wächst;
+wir sehen ganz Aehnliches gegenwärtig auch in Ungarn und in Rußland
+sich vollziehen, wo die bürgerliche Raubwirthschaft an Grund und
+Boden die Massenverarmung, die steigende Verschuldung und die
+Verminderung der ackerbautreibenden Bevölkerung, verbunden mit
+Massenbankerotten im Gefolge hat. Und geht die Entwicklung in der
+gegenwärtigen Richtung noch einige Jahrzehnte weiter, so werden die
+Vereinigten Staaten, Ostindien und Neuholland dasselbe Bild uns
+bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und Boden begünstigt die
+treibhausmäßige Entwicklung der Industrie und des Verkehrs, und so
+erzeugt, wie Fourier vollkommen richtig und seiner Zeit weit
+vorauseilend ausführte, »_die Zivilisation die Armuth aus dem
+Ueberfluß_,« und macht »jedes Uebel und jedes Laster, das die
+Barbarei nur auf einfache Weise ausübt, zu einem doppelseitigen,«
+sie geht an ihrem »cercle vicieux«, an ihren inneren Widersprüchen
+zu Grunde. Was Fourier vorausahnend in Bezug auf das
+Bevölkerungsgesetz zu begründen versuchte, hat Karl Marx positiv in
+den Satz formulirt: daß jede ökonomische Entwicklungsperiode auch
+ihr besonderes, ihr eigenthümliches Bevölkerungsgesetz hat.
+
+In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in
+ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaßen verfolgte --
+Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder
+antiker, feudaler, bürgerlicher Staat -- bestreiten können, daß die
+jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, der materiellen
+Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder Periode
+entsprechende Bevölkerungszustände schaffte. So wird auch eine
+sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus veränderter
+materieller Lage für die Gesammtheit und mit ihren Veränderungen in
+den Beziehungen der Geschlechter ein von der bürgerlichen
+Gesellschaft abweichendes Bevölkerungsgesetz für ihre Entwicklung
+haben. Der Unterschied wird hauptsächlich sein, daß, während bisher
+alle Gesellschaftsordnungen sich ihre Lebensbedingungen schufen,
+ihrer eignen treibenden Gesetze unbewußt, aber auch die Bedingungen
+ihres Untergangs unbewußt erzeugten, eine sozialistische
+Gesellschaft sowohl ihr Entwicklungsgesetz wie ihr
+Bevölkerungsgesetz erkennt und beide bewußt anwenden wird; sie wird
+sich über ihre eigene Zukunft ebensowenig wie über den einstmaligen
+Untergang des Menschengeschlechts täuschen.
+
+ * * * * *
+
+Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt,
+Alles verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schöpfer dieser
+Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der
+Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten
+Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glück, das seine
+Bestimmung ist, erreichen, muß er Gott als den obersten Leiter der
+Welt anerkennen. Diese Erkenntniß hat man aber von Alters her zu
+verhindern gesucht. Man hatte sich gewöhnt, die Welt mit 35.000
+Göttern zu bevölkern, statt den einen Gott anzuerkennen. Das war
+eine himmlische Maskerade, unter welcher es schwierig war, die
+wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst Sokrates und Cicero
+beschränkten sich darauf, sich in ihrem Jahrhundert von diesen
+Göttersottisen zu isoliren und den »unbekannten Gott« zu
+verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen anzustellen, die dem
+Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein Opfer seiner
+Bekenntnisse.
+
+Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder
+zurückgeführt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien jene
+Superstitionen zerstört. Die menschliche Vernunft müsse anerkennen,
+daß alle Erleuchtung von Gott komme, sie müsse sich seinem Geist
+unterwerfen, und also bleibe nur übrig zu bestimmen, welch
+wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, Ansichten und
+Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls habe.
+
+Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: »Wer hat Gott geschaffen?«,
+Antwort: »der Mensch«, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der
+sich seinen Gott konstruirt, wie er ihn für sein soziales System
+braucht.
+
+Dieser sein Gott hat fünf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu der
+ihm zugedachten Stelle befähigen. Er ist alleiniger und
+vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier,
+wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des
+Universums, der Schöpfer und Vertheiler von und für Alles ist, so
+hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders die
+_wichtigsten_, die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale
+Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale
+Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die
+Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d.h. also die menschliche
+Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute,
+daß sie Gott von der Prärogative der Gesetzgebung in Sachen der
+sozialen Ordnung ausschließe und sich an seine Stelle setze. Wem
+leuchte nicht diese Anmaßung ein? Eine zweite Haupteigenschaft
+Gottes sei, oberster Oekonom aller Hülfsmittel zu sein. Diese
+Stellung erfordere, daß er die größten sozietären Vereinigungen den
+kleinsten, wie der Familie und der isolirten Privatwirthschaft
+vorziehe, daß er ferner als Motor die Anziehung der Triebe anwende,
+welche zwölf große Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der
+Einschränkung und des Zwangs, wie es die Zivilisation besitze,
+ermögliche. Diese zwölf Ersparungen zählt er auf. Die dritte
+Haupteigenschaft Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon
+sehe man nicht einmal einen Schatten in der Zivilisation, _wo das
+Elend der Völker in demselben Maße wachse, wie die Industrie
+zunehme_. Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation
+solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein.
+Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist führe
+dahin, die heiße Zone mit ihren den Heimathländern entrissenen
+schwarzen Sklaven, die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven zu
+bedecken, die man in die industriellen Bagnos (die Fabriken)
+zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, wenn
+trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht einmal die
+Möglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo diese Zustände
+hintrieben, sehe man an England. Die distributive Gerechtigkeit,
+die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie.
+
+Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der
+Vorsehung. Sie müsse sich auf alle Völker, Wilde wie Zivilisirte,
+ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung von Wilden
+und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, daß diese
+Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher ein System
+wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. Jede
+Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der menschlichen
+Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das heutige System
+direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrückt würde, sei der
+Stütze der Vorsehung beraubt, die auf der Erde durch die Anziehung
+der Triebe in den industriellen Anwendungen allein zur Geltung
+komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, sei den Ansichten
+Gottes entgegen, es müsse also eine soziale Ordnung hergestellt
+werden, vor der alle Völker und alle Klassen sich neigten, wenn die
+Vorsehung universell sein solle. Endlich, die fünfte
+Haupteigenschaft Gottes sei, als Schöpfer des Weltalls auch die
+Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die Anwendung der
+Anziehung als Triebfeder für alle sozialen Harmonien und alle
+Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den Insekten. Es sei
+also das Studium der Anziehung, in dem man das göttliche, das ganze
+All beherrschende Gesetz zu suchen habe. Weder Voltaire noch
+Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale Gesetz zu
+entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen Redensarten)
+sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen Obskurantismus die
+Wege gebahnt, Beide hätten das Ziel verfehlt.
+
+Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der französischen
+Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche
+wie kein Zweiter untergrub und erschütterte, und Rousseau, der das
+sozial-philosophische Lehrgebäude errichtete, dessen Theorien das
+französische Bürgerthum in der großen Revolution in die Praxis
+umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, als dies
+die Praxis des Lebens, d.h. die materiellen Interessen der nunmehr
+in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse
+zuließen. In der Selbsttäuschung befangen, nagelte man als
+Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an,
+jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und
+deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kämpfe in
+der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die
+Schreckensherrschaft der »Tugendhaftesten«, der blindesten Verehrer
+Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen
+gebaren und schließlich mit der Diktatur eines Napoleon Bonaparte
+endeten und enden mußten. Diesen Widerspruch zwischen den Theorien
+und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch Einer, St.
+Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein ätzender Spott
+gegen die Philosophen, die Moralisten, die Metaphysiker, die
+Politiker und Oekonomen, die geistigen Träger und Lobredner, die
+Ideologen des bürgerlichen Systems.
+
+Wie nun Fourier das Bedürfniß empfand, sein soziales System als mit
+den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich selbst
+als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung anzusehen,
+so versuchte er auch den Nachweis, daß seine Theorien mit der Lehre
+Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang ständen. Nach
+der Revolution war man in Frankreich wieder sehr fromm geworden,
+Napoleon hatte sich schließlich mit dem Papstthum ausgesöhnt und es
+als Vorspann für seine Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der
+Weizen der Kirche blühte erst recht, als nach dem Sturze
+Bonaparte's die Restauration, gestützt auf die Bajonette der
+heiligen Allianz, in Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also
+die Berufung auf die Aussprüche Christi unter keinen Umständen
+schaden, namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die
+Unterstützung für sein soziales System zu nehmen, wo man sie fand,
+und die er, wenn überhaupt, nur in den Kreisen der Großen und
+Reichen finden konnte. Er war daher sehr ärgerlich und sogar
+überrascht -- letzteres ein Beweis dafür, daß Ueberzeugung und
+nicht blos Berechnung im Spiele war -- als er erfuhr, daß der Papst
+seine Werke gleich denen von Owen und Lamartine auf den Index
+gesetzt habe. Er, der scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen,
+daß der Gott, dem er huldigte, der Schützer und Begünstiger aller
+sinnlichen Triebe, dessen Kredo lautete: »Mensch genieße, und je
+mehr du genießest, um so besser entsprichst du dir selbst als
+Mensch, deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem
+Schöpfer,« wir sagen, er konnte nicht fassen, daß dieser Gott ein
+ganz anderer Gott war, als jener der christlichen Askese, der die
+Verachtung des Reichthums, der irdischen Güter, der fleischlichen
+Genüsse und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte.
+Fourier legte ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen
+Schriften nachdrücklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der
+Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit
+Christus übereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprüche Jesu im
+Neuen Testamente stützt, bricht um so heftiger sein Zorn gegen die
+Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen,
+egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekämpfen, daß
+er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine wissenschaftlichen
+Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht habe, die bestimmt
+sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das Aussehen des
+Erdballs zu verändern.
+
+Wie er die Aussprüche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu
+Angriffen auf seine ihm verhaßtesten Gegner zu verwenden sucht,
+dafür mögen die folgenden Beispiele zeugen:
+
+»'Glücklich die Armen am Geist, denn das himmlische Königreich ist
+ihnen.' Kein Gleichniß ist bekannter, keins weniger begriffen. Wer
+sind die Armen am Geiste, die Christus hier rühmt? Es sind
+Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der zweifelhaften
+Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist für das Genie die
+Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, der zu allen
+nützlichen Studien führt, aus denen die sozietäre Harmonie, das
+himmlische Königreich und die Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen
+befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor dem Mißbrauch unseres Geistes,
+vor dem Labyrinth dieser durch ihre eigenen Autoren verurtheilten
+Philosophie, die wie Voltaire zu ihrer eigenen Schmach sagen: Oh!
+welch dicke Finsterniß bedeckt noch die Natur! muß man uns
+schützen. Die wahre Erleuchtung bringt Jesus. Die Entdeckung des
+sozietären Mechanismus und des Studiums der Anziehung ist den
+geraden Geistern vorbehalten, welche die Sophismen verabscheuen.
+Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich preise Dich Vater und Herr
+des Himmels und der Erde, daß Du solches den Weisen und Klugen
+verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret.' Die
+Erkenntniß ist also den einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen
+können sie nicht entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste
+spricht, will er der Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Spötter
+ihm unterschieben, er bezeugt damit nur seine Verachtung für die
+hartnäckig gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.«
+
+»Die soziale Welt kann das Geheimniß der Bestimmungen nur erfassen,
+wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die Erkenntniß
+wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. Das sagt
+Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so werdet
+ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. XII):
+'Glaubt ihr, daß Gott für euch weniger als für die Vögel unter dem
+Himmel sorgt?' Was würde das Suchen nützen, wenn man keinen anderen
+Ausgang fände, als die Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der
+immer dieselben Geißeln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt?
+Zweifellos bleibt also eine glücklichere Gesellschaft zu entdecken
+übrig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber warum
+hat er nicht selbst uns über diese aufgeklärt? Kannte er nach
+seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze der
+Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine Hände
+gegeben', konnte er uns da nicht über unsere sozietäre Bestimmung
+belehren, anstatt uns zu veranlassen, die Entdeckung zu machen, die
+dann durch unser blindes Vertrauen in die Philosophen so viele
+Jahrhunderte verzögert wurde?« Fourier, der diese Fragen stellt,
+ist natürlich um die Antwort nicht verlegen, er antwortet: »Da
+Jesus von seinem Vater mit der religiösen Offenbarung beauftragt
+war, konnte er nicht noch mit der sozialen belastet werden, sie war
+vielmehr ausdrücklich ausgenommen, wie er selbst in den Worten
+ausspricht: 'Gebt Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes
+ist.' Er trennte also die Funktionen streng, je nachdem sie der
+Autorität oder der sozialen Politik zufielen. Er that also nicht,
+was nicht seine Aufgabe war, aber er kannte die glückliche
+Bestimmung des Menschengeschlechts, denn er sagt: 'Gott hat seinen
+Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß
+die Welt durch ihn selig werde.' Seine Mission beschränkte sich auf
+das Wohl der Seelen und das ist der edelste Theil unserer
+Bestimmung, dagegen bleibt der untergeordnete Theil, der über das
+politische Wohl der Gesellschaften, der menschlichen Vernunft
+vorbehalten, und demzufolge auch die Untersuchung des sozialen
+Mechanismus nach den Wünschen Gottes; ein Weg, welcher durch die
+Berechnung der Anziehung entdeckt wurde.«
+
+»Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glückliche
+Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er
+uns im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die
+Körper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im
+Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie
+darin; es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen:
+'Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider
+zwei und zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der
+Sohn wider den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die
+Tochter wider die Mutter etc.' Genöthigt, auch den Ausgang aus
+dieser sozialen Hölle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein
+Feuer auf Erden anzuzünden; was wollte ich lieber, denn es brennte
+schon.' (St. Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, daß es schon brenne,
+ist weit entfernt, ein übelwollender zu sein, es spricht vielmehr
+aus ihm die edle Ungeduld, das Maß der Irrthümer der Philosophie
+gefüllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu
+heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das
+wir in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem
+politischen Labyrinth, in das sie uns geführt, zu suchen. Darum
+erhebt er auch mit Wärme gegen die Sophisten, die uns vom rechten
+Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend
+sagt: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß
+ihr seid, wie die verdeckten Todtengräber, darüber die Leute
+laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, die ihr
+die Menschen mit unerträglichen Lasten beladet und rühret sie nicht
+mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den Schlüssel der
+Erkenntniß weggenommen habt; ihr kommt nicht hinein, und wehret
+denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die Philosophen wehren
+uns den Eintritt, indem sie sich bemühen, mit metaphysischen
+Subtilitäten das Studium des Menschen zu verbarrikadiren, das
+einfachste Studium von allen, das nichts als eine von Vorurtheilen
+freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung wie die Kinder.
+Darum sagt auch Jesu: 'Laßt die Kindlein zu mir kommen und wehret
+ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: 'Wer das Reich
+Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht
+hineinkommen.'«
+
+Das größte Hinderniß, daß die Philosophen nicht den rechten Weg für
+ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, den sie unter der Maske
+der Philanthropie versteckten, darum ruft ihnen Jesu mit Heftigkeit
+zu: 'Ihr, die ihr böse seid von Jugend auf, könnt ihr sagen, daß
+ihr irgend etwas Gutes thatet?' Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten
+und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid übertünchten
+Gräbern, die auswendig hübsch scheinen, aber inwendig voller
+Todtenbeine und Unflaths sind. Von außen scheint ihr den Menschen
+fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der
+niedrigste Egoismus habe die Philosophie auch verhindert, dem Volke
+das einfachste und natürlichste Recht, das Recht auf ein Minimum
+des Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den
+Pharisäern gegenüber ausdrücklich in den Worten anerkannt habe:
+'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth war, und ihn
+hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das Haus Gottes
+ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote,
+die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er gab sie auch
+denen, die bei ihm waren?' _Jesus hat also damit das Recht, zu
+nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses Recht
+schließt implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum zu
+sichern_; so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht für
+das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot der
+christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnäckig, dieses
+Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht weiß, durch welche Mittel
+sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch unmöglich,
+so lange man nicht weiß die Zivilisation zu einer höheren
+Gesellschaftsordnung zu erheben.«
+
+Fourier sieht aber nicht blos sein System an und für sich durch die
+Aussprüche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet sogar
+einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die
+Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen
+Sünderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem
+Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung
+zu tragen vermögen. Er (Fourier) führt Folgendes an: »Auf den
+Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben,
+antwortete er: 'Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot
+und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des
+Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe
+der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder
+Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird gerechtfertigt
+sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus beurtheilte
+also die Weisheit als sehr verträglich mit den Genüssen. Und um dem
+vorgeführten Beispiel zu entsprechen, setzt er sich an die reich
+bedeckte Tafel eines Pharisäers, der ihn eingeladen hatte. Da kommt
+eine Kourtisane, wäscht ihm die Füße und salbt ihn mit
+wohlriechender Salbe. Der Pharisäer hält sich darüber auf, daß er
+sich von einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber
+antwortete ihm: »Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel
+geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.«
+Voll Mitleid für das unterdrückte Geschlecht, verzeiht er der
+Sünderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: »Mein
+Joch ist süß und meine Last leicht.«
+
+»Christus will also, daß man weder Feind des Reichthums noch der
+Vergnügungen sei, er fordert nur, daß man mit dem Genießen des
+Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, der uns zur
+Entdeckung des sozietären Regimes, des himmlischen Königreichs
+führt, 'wo alle Güter im Uebermaß vorhanden sein werden'. (St. Luc.
+XII.) Den Reichthum tadelt er nur rücksichtlich der Laster, zu
+denen er in der Zivilisation verführt, weshalb er sagt: »Es ist
+leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein
+Reicher in's Himmelreich kommt.'«
+
+Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, daß man die Worte
+Jesu erst dann richtig fassen könne, wenn man die Bestimmung der
+Menschheit kenne, denn hierfür enthielten sie die verschleierten
+Vorhersagungen. Wohl beachten möge man, was Jesus gegen die
+Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: »Sehet euch vor, vor den
+falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig
+aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie
+erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von
+den Disteln?« (Matth. VII.) Man müßte nach alledem fragen, wie es
+komme, daß die Kirche, die doch sehr bedeutende Männer, wie
+Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu keinem Zweig des
+Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da heiße es von ihr wie
+im Kap. XXIII von Matth.: »Sie sagen wohl, was man thun soll, aber
+sie thun es nicht.« Er greift dann auf's Neue die Philosophen,
+namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich wiederholt
+gegen Owen und seine Anhänger, jene Sektirer, die unter dem Namen
+der Assoziation anti-sozietäre Vereinigungen bildeten und die
+Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der Triebe und die
+Anziehung der Arbeit erzeugt werden könne, zurückwiesen. Außerdem,
+was könne man von einer Sekte, wie die Owen'sche, erwarten, die
+darauf ausgehe, Gott zu leugnen und ihm die Huldigung zu
+verweigern? Owen habe es sorgfältig vermieden, seine Assoziation
+auf der Grundlage des sozietären Regimes zu begründen, das habe
+seinen Stolz verwundet. Owen sei nur ein mittelmäßiger Sophist,
+welcher G. Penn (den Gründer der Sekte der Quäker) kopirt habe.
+Darauf wendet sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen
+Theorien in Paris gefunden. Es scheine, daß das neunzehnte
+Jahrhundert dasselbe Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter
+eines Kolumbus und Galilei der Nachwelt geboten; allen voran gehe
+Paris, in welchem der satanische Geist, der Geist des fünfzehnten
+Jahrhunderts, noch heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon
+und von ihm gelte, was Jesu über Jerusalem ausgerufen: »Jerusalem!
+Jerusalem! die du tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir
+gesandt wurden.« Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern,
+die Jesu kennzeichnete, als er sagte: »Wehe euch Schriftgelehrten
+und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet,
+und schmücket der Gerechten Gräber. Und sprecht: Wären wir zu
+unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig
+sein, mit ihnen an der Propheten Blut.« Was seien die
+Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der
+Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Löhne den Völkern
+die Eisen verniete, und durch Einschließung der armen Klasse in die
+modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder Wohlsein noch
+Rückkehr gestatte. Diese merkantilen Bedrückungen seien durch Jesu
+wie die Kirchenväter genügend gekennzeichnet. Chrisostomus erkläre:
+»ein Kaufmann kann Gott nicht angenehm sein«, und Christus habe sie
+mit Ruthenhieben aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: »Ihr
+habt mein Haus zu einer Diebshöhle gemacht.« Endlich sende die
+Vorsehung einen Führer, welcher die schwachen Seiten der
+merkantilen Hydra zu fassen wisse, und der, indem er das wahre und
+allein heilbringende soziale System inaugurire, die Welt von dem
+goldenen Kalb, »dem würdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde
+führt«, befreie.
+
+So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott
+gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus,
+seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger Knechtschaft war. Die
+Utopisten und die Propheten rangiren in derselben Klasse, beide
+glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, d.h. also an ihre
+eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, »der Berge versetzt«,
+macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, womit sie
+allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, und wenn die
+Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer ihrer Ueberzeugungen
+werden. Indem Fourier die geistige Macht der herrschenden Klassen
+auf's wuchtigste angriff, die erfahrungsgemäß und
+selbstverständlich sich auch mit seinem System nicht befreundet und
+es bekämpft haben würden, wenn er in seiner Kritik weniger scharf
+und bitter, in seinen Angriffen maßvoller und wenn er sein System
+mehr mit den herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben
+würde, suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine
+Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die
+Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine
+bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch
+erkannten, daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der
+Aeste absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit
+gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier,
+mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in
+so fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen
+Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, zur
+Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre Resultate
+unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, aufforderte, der
+mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung tragen. So handelte also
+Fourier vollkommen logisch. Er that, was allen sozialen Neuerer das
+ganze Mittelalter hindurch auch gethan hatten. Allerdings ist er
+mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er ragt eben so weit über
+sie hinaus, als ein genial angelegter Geist zu Beginn des
+neunzehnten Jahrhunderts über einen fanatischen Mönch des zwölften
+oder sechszehnten Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß
+der Bibel und den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen
+konnte. Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten,
+dessen System sich auf die religiösen Lehren der herrschenden
+Kirche zu stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte.
+Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein
+religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die meisten
+Geschichtsschreiber _nur_ den religiösen Charakter der Bewegungen
+sahen, den sozialen -- der mehr oder weniger auf einem rohen, auf
+die entsprechenden Aussprüche des Alten und Neuen Testaments
+gestützten Kommunismus beruhte -- aber gänzlich übersahen. Unter
+dem geistigen Druck der Kirche und bei der Beschränktheit der
+Geister war im Mittelalter keine soziale Bewegung ohne ausgeprägt
+religiösen Charakter denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war,
+wurde natürlich bei einem Fourier zu Beginn des neunzehnten
+Jahrhunderts mehr Nebensache, es war eine Waffe und eine Stütze,
+die er glaubte nicht entbehren zu können. So erklärt sich die sehr
+gezwungene Auslegung, die er den meisten der zitirten Stellen geben
+mußte, wobei wir keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs
+bewußt war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in einer
+späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit leben, leicht,
+die Mängel in den Systemen und Lehren vorangegangener bedeutender
+Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu schließen, daß das, was
+sie erkannten, auch Jene leicht erkennen mußten, ist falsch.
+Andererseits läßt sich nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen
+Widersprüchen eines Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog.
+Klugheit, Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug
+beginnt. Der Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo
+offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier
+wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist ein
+streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen Vorzügen und
+Schwächen. Ein System, das in seiner Geschlossenheit selbst den
+Keim einer Religion enthält, weshalb nur eine Schule, keine Partei
+sich aus ihm entwickelte. Man kann eben so gut von einer
+Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und stets mit
+großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder St.
+Simonistischen Sekte sprach.
+
+ * * * * *
+
+Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche den
+Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue Testament für seine
+Theorien sprächen, so geht er nunmehr dazu über, auch den
+Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu erbringen, d.h. er sucht
+nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich die Modernen über
+Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der Zivilisation befänden,
+von der sie immer noch leichtgläubig genug die Vervollkommnung
+hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, welche Wege sie betreten
+müßten, um allmälig in die sechste Entwicklungsperiode, die des
+Garantismus, zu gelangen. Daß die Zivilisation überhaupt sich zu
+vervollkommnen suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst
+hinaus zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige
+Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese
+Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie
+mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft.
+
+Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des Geldes als
+Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem ansieht, aber
+auszusetzen hat, daß es »individuelles« Geld sei, wie er es
+bezeichnet, also in den Händen des Privateigenthümers Mittel der
+Ausbeutung, des Betrugs und der Unterdrückung werde. Das Geld soll
+nach ihm gesellschaftliches Besitzthum sein, es würde also in
+seinem System Besitzthum der Phalanxen werden. Daß das Geld seinen
+Zweck nur erfüllt, wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes
+Tauschmittel für alle Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz
+ist, weil es _nur_ in einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion
+beruhenden Gesellschaft einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz
+hat, entging ihm. Mit der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch
+der Privatwirthschaft und mit der Einführung gesellschaftlicher
+Produktion fällt der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die
+Geldwirthschaft, von selbst, der Boden seiner Existenz, allgemein
+anerkanntes Tauschmittel für alle Waarenaustausche zu sein, wird
+ihm entzogen. Da wo Produkt gegen Produkt, richtiger Arbeit gegen
+Arbeit gesellschaftlicher Vereinigungen sich austauscht, wird der
+Austausch ein einfaches Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung
+der austauschenden Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer
+auf Millionen Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das
+Produkt als Waare den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die
+Hände seines Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen
+die verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation
+ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers gelangt, wir
+sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich anerkanntes
+Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen vorhanden
+sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter besitzt,
+gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu sein.
+
+Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche
+Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der
+lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich habe sie
+den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die Assoziation
+anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der sozialen
+Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses politische
+Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der Zivilisation und
+ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich bisher die
+Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer entzogen hätten.
+Man glaube noch an die Vervollkommnung, _während die Zivilisation
+bereits rapide ihrem Untergang entgegeneile_.
+
+Wie der menschliche Körper so besäßen auch die Gesellschaften ihre
+vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich unterscheidenden
+Lebensalter, die einander sich folgten. Man könne weder den
+Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft beurtheilen, so
+lange man nicht die sehr unterscheidenden Charaktereigenschaften zu
+bezeichnen vermöge, die eine bestimmte Gesellschaft besitze. Unsere
+Naturwissenschaftler seien, wenn es sich um die Unterscheidung
+ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr skrupulös, warum seien
+dies nicht auch unsere Politiker und Oekonomisten? Warum folgten
+sie nicht dieser naturwissenschaftlichen Methode, wenn es sich um
+die ihnen so theure Zivilisation handele, um die von jeder der vier
+Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? Es sei dies das
+einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch vorwärts schreite oder
+im Niedergang sich befinde.
+
+Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die
+einer jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende:
+
+ / 1. Phase: KINDHEIT.
+ | Einfacher Keim . . . . . . . Monogamie.
+ | Zusammengesetzter Keim . . . Patriarchalische oder
+ | adelige Feudalität.
+ | Angelpunkt der Periode: . Bürgerliche Rechte
+ | der Frau.
+ Auf- | Gegengewicht . . . . . . . . Föderation der großen
+steigende / Vasallen.
+ \ Ton oder Stimmung . . . . . Ritterliche Illusionen.
+Schwingung |
+ | 2. Phase: JUGEND.
+ | Einfacher Keim . . . . . . . Städtische Privilegien.
+ | Zusammengesetzter Keim . . . Pflege der Wissenschaften
+ | und Künste.
+ | Angelpunkt der Periode: . Befreiung der Arbeit.
+ | Gegengewicht . . . . . . . . Repräsentativsystem.
+ \ Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über Freiheit.
+
+ MITTAGSPHASE
+Keim . . . . . . . . . . Seeschiffahrtskunst, experimentale Chemie.
+Charakter-
+ eigenthümlichkeiten . . Enttäuschungen, Staatsanleihen.
+
+ / 3. Phase: MANNBARKEIT.
+ | Einfacher Keim . . . . . . . Handelsgeist, Fiskalismus.
+ | Zusammengesetzter Keim . . . Aktien-Gesellschaften.
+ | Angelpunkt der Periode: . Monopol der Seeherrschaft.
+ | Gegengewicht . . . . . . . . Handels-Anarchie.
+ Ab- | Ton oder Stimmung . . . . . Oekonomische Illusionen.
+steigende /
+ \ 4. Phase: ALTERSSCHWÄCHE.
+Schwingung | Einfacher Keim . . . . . . . Leihhäuser.
+ | Zusammengesetzter Keim . . . Unternehmerschaft in
+ | bestimmter Anzahl.
+ | Angelpunkt der Periode: . Industrielle Feudalität.
+ | Gegengewicht . . . . . . . . Monopolwirthschaft.
+ | Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über
+ \ Assoziationen.
+
+Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der
+Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen
+können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der
+zivilisirten Gesellschaft sehr treffend.
+
+Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen
+Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen
+gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere
+auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt
+seien. So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine
+unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der
+Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten
+Phase, die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und
+Frankreich befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der
+dritten Phase und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie
+bereits besitze. Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene
+Stagnation; das Genie fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit
+wie ein Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine
+neue Idee zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere
+aber der fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die
+vierte Phase zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht
+zum Guten sei. Es handele sich darum, einen Zwischenzustand zu
+schaffen, der die Zivilisation in den Garantismus überleite und
+diesen dem Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären
+Geist, der sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere
+der zweiten Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine
+Republik, nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich
+sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit
+begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während das
+wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte
+Phase, die Altersschwäche, risse.
+
+Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau
+prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft befinde
+sich in einem »erhabenen Flug«, eine Illusion sei, denn in Wahrheit
+befänden wir uns auf dem Krebsgang. »Es ist der Fortschritt nach
+abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre weißen Haare, die
+sie mit sechzig Jahren besitzt, als Vervollkommnung der
+Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. Darüber wird
+Jeder mitleidig lächeln. _Wie der menschliche Körper so
+vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn sie altert_.«
+
+Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie
+sich dem Wucherer überließen, _und es sei die That unseres
+Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen_.
+
+Man sage, »das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine bleibende
+Form angenommen.« Das gelte auch von den fiskalischen Anleihen. Sie
+blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn »man muß essen,
+wenn man an der Krippe sitzt.« _Welche Partei auch immer herrsche,
+die Finanz halte stets die Zügel des Gefährtes, damit der Marsch
+nicht gegen ihr Wirthschaftssystem sich richte_. Was werde also das
+Ende sein, dem alle unsere mit Schulden überladenen Reiche zueilen,
+wohin uns die Oekonomisten geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man
+könne unsere Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen,
+von dem die Spötter sagten: »Er führt nicht das Pferd, das Pferd
+führt ihn.«
+
+Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner
+Zeit vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr
+richtig erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht,
+ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden kann,
+muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe wird ihm
+der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die
+Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen Finanzmächte,
+die schließlich weit mehr als die Minister selbst die
+Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze dekretiren,
+Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse paßt. Und
+damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die Regierung jeder Zeit
+durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung bewußt bleibe, damit
+ferner die nöthigen Einnahmequellen in Form von Steuern aller Art
+zur Verzinsung und Amortisirung der Schulden vorhanden seien,
+bedarf man des Repräsentativsystems, durch welches die Drahtzieher
+der hohen Finanz den noch fehlenden Einfluß auf die ganze
+Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen und den Staat zu einer
+melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch solche Manipulationen
+ist heute die Regierung und Verwaltung Frankreichs in den Händen
+der großen Finanzmächte, die es in die Abenteuer von Tunis und
+Tonkin stürzten, durch Privilegien und Staatssubventionen an die
+großen Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften das Volk berauben,
+durch die Ueberlast der indirekten Steuern es brandschatzen und
+plündern. Durch die gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin
+gekommen, wo es heute steht, hat man die Türkei zu Grunde
+gerichtet, Ungarn binnen zwei Jahrzehnten an den Rand des
+finanziellen Untergangs gebracht, Egypten ruinirt. Wie der kleine
+Bauer und der in die Klemme gerathene Grundbesitzer die
+finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen gegen genügende
+hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld zu borgen, oft
+mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des Gläubigers
+rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf ihre Ernten legt,
+ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie zwingt, das ganze
+Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, zu verrichten, so
+sind die Staatsangehörigen überschuldeter Reiche die Bienen, die
+durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der Finanzaristokratie die
+Kisten und Kasten füllen müssen. Das ist heute, wo die
+Staatsschulden in fast allen Staaten in die Milliarden gewachsen
+sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht aufdrängende
+Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das Staatsschuldenwesen noch in
+den Kinderschuhen und es war ungleich schwerer, seinen Charakter zu
+erkennen als heute.
+
+Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier
+denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort
+ausdrückt: »Die großen Diebe läßt man laufen, die kleinen hängt
+man.« Aehnliche Charaktereigenschaften könne man noch eine Menge
+anführen. So überlasse man sich bitteren Klagen über auffällige
+Thatsachen wie die, daß die Tugend und das Gute stets lächerlich
+gemacht, übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die
+Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig die
+Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen Resultate
+zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, damit man
+einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte dieser
+abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte.
+
+Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil
+man sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine
+von diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die
+Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der
+Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein
+ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein
+Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der
+industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel
+erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die
+Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer erlaube
+sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem
+öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch stünden, er
+erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der »Freiheit«. Das
+komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien keine Ahnung
+habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei die
+indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der Arme
+könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, wenn er die
+Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den gerechtesten
+Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch Appellation und
+Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben gezwungen. Man
+gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, aber nicht dem Armen,
+denn »er könnte zu viele Prozesse haben«. Die Gesellschaft sei
+überfüllt mit Armen, die unter dieser Handhabung der Gerechtigkeit
+litten. Aber diese Gesellschaft sei eben ein falscher Kreisschluß
+(»cercle vicieux«), das sei ihr wesentlichster Charakter. Die
+Mängel der Zivilisation ließen sich in zwölf Hauptpunkte
+zusammenfassen. 1. Eine Minorität, die Herrschenden, bewaffnet
+Sklaven, die eine Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten.
+2. Mangel an Solidarität der Massen und dadurch erzwungener
+Egoismus. 3. Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und
+ihrer sozialen Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich
+selbst. 5. Die Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik
+wird die Ausnahme als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste
+und hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8.
+Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige
+Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges
+Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer
+wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12.
+Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der
+Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen herbeigeführt,
+müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende des Jahrhunderts
+klimatische Exzesse erzeugen.
+
+Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu erörtern. Er
+fragt: »Woher kommt diese Bewunderung der Modernen für den Handel,
+welchen doch im Geheimen alle Klassen außer den Handeltreibenden
+verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil für die Kaufleute,
+die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? Die Antwort ist: sie
+besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht (England) übt über
+die industrielle Welt die Tyrannei des Handels-Monopols aus.« Auch
+habe die politische Oekonomie die Analyse des Handels nicht zu
+machen gewagt und so komme es, daß die soziale Welt nicht wisse,
+was eigentlich das Wesen des Handels sei. »Der Handel ist die
+schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf dem man sie
+angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den Regierungen wie
+von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen weder der Adel noch die
+Grundeigentümer die Handeltreibenden mit günstigen Augen an, diese
+Parvenüs, die in Holzschuhen angekommen sind und bald mit einem
+Vermögen von Millionen prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer
+begreift nicht die Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern
+vermag; welche Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes
+widmet, es gelingt ihm schwer, sein Einkommen um einige Tausend
+Franken zu steigern. Er wird perplex über die großen Profite dieser
+Agioteure, er möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese
+ihm fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber
+da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern
+ihr Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel
+und die Großartigkeit des Handels (»le commerce immence et
+l'immense commerce«) zu verdächtigen. Welch schöne Phrasen sind
+nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht man mit
+Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, dem
+Gleichgewicht des großartigen Handels und der Großartigkeit des
+Handels, von den Freunden des Handels, von dem Wohl des Handels'.«
+Für einen unglücklichen Philosophen gebe es nichts Imposanteres,
+als wenn eine Kohorte von Millionären mit tiefsinnigem Aussehen zur
+Börse wandelten. Man glaube die römischen Patrizier über dem
+Schicksal Karthagos brüten zu sehen. Speichellecker der Agiotage
+malten die Kaufleute und Börsenmänner als eine Legion von
+Halbgöttern; Jeder, der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine
+Legion von Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie
+hätten allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen
+zu Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen
+Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten
+gegebenen Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale
+Körper den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und
+wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den
+Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde
+richten.
+
+Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des
+Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen
+losmachen müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer
+unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse liefere. Man
+dürfe die Handeltreibenden nicht mit den Manufakturisten
+verwechseln.[21] Die Hauptschacherer, die Rohmaterialienhändler
+sännen nur, wie sie Manufakturisten und Konsumenten plündern
+könnten. Zu diesem Zwecke unterrichteten sie sich über die
+vorhandenen Vorräthe, kauften sie auf, hielten die Waaren zurück
+und verteuerten sie, um so auf Fabrikant und Bürger den Druck
+auszuüben. Die sog. Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und
+Wucherer als tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende
+Schwätzer, abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien.
+Den schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in
+der tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an
+Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar
+zuvor auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen,
+welche die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun,
+welches sei die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war
+die Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer
+Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit
+(»refoulement pléthorique«) und eines Gegenschlags durch verfehlte
+Spekulation.
+
+[Fußnote 21: Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die
+Fabrikanten wie diejenigen Handeltreibenden verstanden, die
+entweder in eigener Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung,
+aber ohne Anwendung von Dampf und Maschinenkräften -- die damals
+erst im Entstehen waren -- oder, wie dies heute noch in manchen
+Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z.B. in der
+Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der
+Hausweberei, Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc.,
+auf dem Wege der Hausindustrie produziren lassen, wobei der
+Kaufmann die Rohmaterialien liefert. So weit Massenerzeugung in
+Betracht kam, war zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich die
+Manufaktur die maßgebende Produktionsform. Unter den
+Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits erkannt
+haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, sondern
+auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- und
+Bodenwucherer etc., kurz Alle, »welche ohne zu säen ernten«.]
+
+Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier
+der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, würden
+viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt aufnehmen könne. So
+sei es auch hier gewesen. Wenn man die Wilden, die Neger und die
+spanische Bettelbevölkerung in Abzug bringe, zählten die beiden
+(Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 Millionen konsumtionsfähiger
+Bewohner, man habe aber für 200 Millionen konsumtionsfähiger
+Menschen Waaren zugeführt. Daher die Stockung und der Rückschlag.
+Im Jahre 1825 hätten die französischen und englischen Hosenhändler
+Waarenmassen zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten,
+so entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe,
+Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser
+Ueberfülle (»pléthore«), verursacht durch die Unklugheiten des
+Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets über das Quantum
+der absatzfähigen Produkte den größten Illusionen überlasse. Was
+könne man auch von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier
+verblendeter Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die
+Grenzen der Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen?
+
+»Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die
+äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken hervorzurufen, so
+trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand dazwischen, um das
+Uebel zu vervielfachen. Die Baumwollenaufkäufer in New-York,
+Philadelphia, Baltimore, Charleston etc. hatten im Einverständniß
+mit ihren Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und
+Paris sich aller Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten
+und andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die
+Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier
+Amerikas wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß.
+Die durch die »Crise pléthorique« verursachte Preisschleuderei
+zwang die Fabriken zu feiern und brachte die Baumwollenspekulanten,
+die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen Baisse sich
+gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten Machinationen in
+Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in Europa. Das ist
+der einfache Hergang der so räthselhaft erschienenen Ereignisse.
+Journale und Schriften, die darüber sich äußerten, verfielen alle
+in denselben Irrthum. Nach ihnen war nur eine Ursache vorhanden:
+die Unordnung, welche durch die beiden gleichzeitig sich
+vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden war. Niemand
+gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte sich vielmehr,
+die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, als
+unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen durch
+Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, noch daß
+die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen Rohmaterials die
+Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte verrückte
+Verschwendung, auf der anderen vexatorische Unterschlagung. Es gab
+also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im Mechanismus. Das ist
+der Handel, das Ideal der Dummköpfe.«
+
+Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so
+wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen,
+und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so
+habe er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten
+aufgestellt. Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte
+zeichnen, man müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, die
+der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil
+ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: Börsenspiel,
+Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, Parasitenthum, Mangel an
+Solidarität, fallendes Gehalt und fallende Löhne, Theuerung,
+Verletzungen der Gesundheit,[22] willkürliche Festsetzung der
+Preise, legalisirte Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles
+Geld.
+
+[Fußnote 22: Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und
+Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und
+Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft und
+Licht der Bevölkerung schmälere.]
+
+Fourier spricht dann von der »Absonderung« der Kapitalien, worunter
+er die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden
+Kapitalmangel auf der anderen Seite versteht. Die
+Kapitalkonzentration erzeuge auch den Ueberfluß -- an
+Bodenerzeugnissen durch den Handel --, der den Preisdruck für die
+Erzeugnisse des Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften
+sich nur auf Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und
+Kaufleute beklagten sich häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren
+Fonds beginnen sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der
+Landmann es kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5
+Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die
+damit verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser
+Vampyr, der das Blut aus dem industriellen Körper sauge,
+konzentrire Alles in seine Taschen und zwinge die produktive
+Klasse, sich dem Wucherer zu überliefern. Selbst die Jahre des
+Ueberflusses würden für die Agrikultur eine Geißel, wie man das
+1816 und 1817 gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und
+zwang den Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr
+reiche Ernte brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in
+Folge dessen zum niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger
+zu bezahlen. So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen
+Kapitalien, um sie in den Händen der Handeltreibenden zu
+konzentriren. Der Ackerbauer seufze, gebrochen durch den
+Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der Ernten, deren Werth weder bei
+dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm gehöre, weil die Konsumtion
+auf umgestürzter Basis ruhe, »_denn die Klasse, die produzirt,
+nimmt an der Konsumtion nicht Theil_«. So würden Eigentümer wie
+Bodenbebauer oft gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel,
+herbeizuwünschen. Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im
+Juni in allen weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit
+erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.[23]
+
+[Fußnote 23: Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute
+geschrieben sein. Sprach doch im Herbste 1885 die königl.
+sächsische »Leipz. Zeitung« es offen aus, daß man heut zu Tage im
+Zweifel sei, ob man eine gute Ernte wünschen dürfe. Und doch
+veranstaltet man jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete
+und feiert Dankfeste.]
+
+»Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, daß das
+gegenwärtige System des Handels, wie der ganze Mechanismus der
+Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie will man sich
+in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die
+Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt?
+Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren
+alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels
+zu beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses lügnerischen
+Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß man so lange sich von
+einem System dupiren ließ, das schon der Instinkt uns denunzirt,
+denn alle anderen Klassen hassen den Handel.«
+
+»Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen
+ist, genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die Betrügerei
+und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine Höhe erreicht, daß
+man die Einführung des Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel
+gegen _diesen_ Handel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde viel
+weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie würde zu
+einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche Produkte geben,
+während es heute fast unmöglich ist, im Handel etwas natürlich zu
+erhalten.«
+
+»In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben
+gefälscht ist,[24] keine Tasse reiner Milch oder ein Glas reinen
+Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind auf die Spitze
+getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt nichts übrig,
+als das Monopol.« Fourier setzt freilich hinzu, daß dies durch
+Entdeckung seines sozietären Systems und dessen Einführung unnütz
+werde.
+
+[Fußnote 24: Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus
+Runkelrüben, den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis
+dahin nur Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des
+Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr
+englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung
+aus Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker bürgerte
+sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die
+Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine Fälschung des
+natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute fast nur aus Runkelrüben
+bereiteten Zucker kennen, denken darüber anders. Schließlich ist
+kein auf künstlichem Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog.
+Naturprodukt gegenüber als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt,
+daß über die Art seiner Entstehung kein Zweifel besteht und es dem
+sog. Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist.
+Wir werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile
+ablegen müssen. Der Verfasser.]
+
+Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über die Art, wie die
+öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und wie der Bankerott
+selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf der Bühne werde ein
+Falliment mit fünfzig Prozent als Lustspiel behandelt. Wenn aber
+ein Bankier die anvertrauten Depots von Ersparnissen zahlreicher
+Dienstboten veruntreue, die diese während zwanzig Jahren mühselig
+zusammengescharrt, so sei das sicherlich keine lächerliche Sache,
+sondern ein Verbrechen, das zu bestrafen sei.
+
+»Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur
+ist eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster
+auf's Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben,
+damit die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine
+in Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen
+straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie
+speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der
+nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster
+als unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner
+Favoriten, der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran,
+ihre Aufgabe, die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen
+nach einem Heilmittel, zu erfüllen.«
+
+Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt,
+nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei
+denen die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die
+Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete
+Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, bei
+dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten Neigungen,
+bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum Geschäft unbrauchbar
+machen u.s.w., die Ursachen, welche die Katastrophen erzeugen. Er
+könne, setzt er weiter hinzu, recht amüsante Kapitel zu den Details
+aller Arten von Bankerotten liefern, er treibe das Geschäft seines
+Vaters und sei im Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen
+Augen die Infamien des Handels gesehen und beschreibe ihn nicht,
+wie die Moralisten vom Hörensagen, die den Handel nur in den Salons
+der Agioteure kennen lernten und einen Bankerott als etwas ansähen,
+das man sich in guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott,
+namentlich wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe,
+werde unter ihrer Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den
+die Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß er
+sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den
+Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, eine
+unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der Zeiten,
+widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall herbeigeführt
+sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der Briefe, mit welchen ein
+Fallissement angezeigt werde.
+
+»Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen
+ihre Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert
+sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so
+würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle ihrer
+Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur
+Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals
+würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden ihrer
+Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein Ungeheuer sein,
+wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um sie wieder
+zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede rechtschaffene
+Seele. Dazwischen interveniren einige moralische Spitzbuben, die
+man bestochen hat, und die gegen Jedermann hervorheben, wie schön
+es sei, in einem solchen Falle seine Gefühle walten zu lassen und
+daß man dem Unglück Erbarmen schulde. Diese werden durch einige
+hübsche Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die
+Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese
+Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr bewegt
+und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen einen
+Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er wieder
+ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die geheiligten
+Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten beraube. Ist die
+Situation günstig, so schlägt man den Gläubigern weiter vor, daß
+sie, um ihr Gewissen zu befriedigen und um der edlen Eigenschaften
+einer Familie willen, die so würdig der Achtung und so eifrig für
+die Interessen ihrer Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung
+bringen und statt auf siebzig auf achtzig Prozent verzichten.
+Einige Barbaren wollen widerstehen, aber die im Saale geschickt
+vertheilten Vertrauten übernehmen das Geschäft der heimlichen
+Anschwärzung der Widerstrebenden, die sie als unmoralisch
+bezeichnen. Dieser, tuscheln sie, besucht nie die Kirche und hat
+folglich kein Erbarmen; Jener unterhält eine Maitresse; der Dritte
+ist ein Geizhals und Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal
+fallirt und besitzt ein Herz von Stein, das für seine unglücklichen
+Mitmenschen ohne Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die
+so bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den
+Vertrag. Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß
+man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die
+Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben sein und
+dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven Familie
+geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung für die Tugenden
+dieser würdigen Familie, die man als ein Muster betrachten müsse,
+nach Hause.«
+
+So vollziehe sich ein »gefühlvoller Bankerott«, bei dem die
+Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; werde
+mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies ein
+rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß wer sich mit
+einer so mäßigen Brandschatzung seiner Gläubiger begnüge, nicht
+nöthig habe, außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in
+Bewegung zu setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele,
+so sei ein Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent
+einstreichen wolle, stets sicher.
+
+Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten sich
+die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen über die
+Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das Wesen der freien
+Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht gehabt, zu sagen:
+Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. Napoleon sei
+eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, daß jede Schädigung,
+die eine Regierung gegen den Handel versuche, von diesem auf die
+arbeitenden Klassen abgewälzt werde. Sobald der Handel bedroht
+würde, zöge er die Kapitalien zurück, säe er Mißtrauen, hemme er
+die Zirkulation. Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an
+keinem Punkte fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle
+Regierungen quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu
+beugen. Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs
+(1810) gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht,
+indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen wollte; er
+sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und habe schmählich
+seinen Platz räumen müssen. Man müsse also Entdeckungen machen, um
+gegen diese kommerzielle Hydra kämpfen zu können. Schließlich sei
+nichts leichter, als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man
+die Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal
+Widerstand versuchen.
+
+Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung für die
+Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen des
+kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das
+System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier,
+der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel
+vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung gemacht
+worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so unmöglich ist, wie
+alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. Scholz und Herrn v.
+Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu krümmen. Der Kapitalismus
+mag einwilligen, diesen oder jenen Industriezweig verstaatlichen zu
+lassen, und er wird dies thun, wenn er dabei seine Rechnung findet,
+aber nur dann: doch den Versuch der Monopolisirung eines Gebietes,
+wie es der Handel ist, würde er ebenso auf Tod und Leben bekämpfen
+wie eine Verstaatlichung der gesammten Industrie, und er würde
+siegreich bleiben. Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen
+Organisation und Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden
+Faktoren, den Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der
+kapitalistischen Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter
+gehen, als sein _fiskalisches Interesse_ ihn nöthigt, und was immer
+er verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form
+verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen
+gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den
+leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der
+alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von 1789
+und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien
+die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand
+kein Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur
+der Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller
+Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und handeltreibende
+Bourgeoisie die Staatsgewalt und die Staatsgesetzgebung für ihre
+spezifischen Interessen auszunutzen suchen. Diese Differenzen
+werden dauern, so lange es eine bürgerliche Gesellschaft giebt, sie
+werden immer nur quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller
+Natur sein. _Die Existenz des Staats erfordert die
+Aufrechterhaltung der Klassengegensätze_; er kann sie -- und das
+liegt in seinem Interesse -- zu mildern versuchen, aufzuheben
+vermag er sie nicht, _weil er sich selbst damit aufheben würde_.
+Die Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft _erzeugte
+den Staat_, die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn
+verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den
+Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets
+vorhanden, _ist das Gesetz der Existenz des Staates_. Wir hoben
+bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen
+Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste,
+Monarchen u.s.w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen
+Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr -- also
+ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, überflüssig.
+Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten auch nicht mehr -- also
+wären Justiz, Polizei, Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die
+Steuerbehörden wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos.
+Die Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx
+ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich wären sehr
+einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen Austausch und die
+gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung großer gemeinsamer
+Unternehmungen, auf die Mittheilung und Unterstützung von
+Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen aller Art für das
+praktische Leben, für Wissenschaften und Künste. Das sind Dinge,
+wozu schließlich eine Staatsgewalt in unserem Sinne nicht nöthig
+wäre. Denn diese Staatsgewalt ist eine repressive und befehlende
+Gewalt und nicht eine blos ausführende und anordnende Instanz; ihre
+Hauptaufgabe besteht darin, den Gegensatz innerhalb der
+Gesellschaft niederzuhalten, Ausbrüche nationaler Streitigkeiten
+niederschlagen und alle Diejenigen, welche, sei es individuell, sei
+es korporativ, die bestehenden Staatsnormen verletzen, zur
+Verantwortung zu ziehen. Für alle diese Leistungen braucht die
+Staatsgewalt die nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee,
+Gerichte, Polizei, Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck
+fielen auch die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx
+regieren wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren
+Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das
+bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter
+konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur
+wenige -- England, Italien, Belgien -- haben, anweist; ihre
+Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System
+unmöglich sein.
+
+ * * * * *
+
+Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier
+auf diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt
+streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft
+(»greffée«) sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum Niedergang
+der dritten Phase treiben.
+
+Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit
+erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und
+Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und
+den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde weder
+ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte
+Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf
+das neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu
+pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und
+eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte
+beherrschen zu können.
+
+Andererseits seien die Champions des »erhabenen Flugs« unserer
+Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von
+Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der Römer
+stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen Menschenrechte, in
+Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte Jahrhundert
+Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem Mischmasch
+der zweiten und der dritten Phase machten.
+
+Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach der
+vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht rückwärts gehe.
+Wenn beide Parteien sich auszusöhnen und zu vereinigen vermöchten,
+könnte die Zivilisation in die vierte Phase aufrücken, die, wenn
+sie auch nicht das eigentliche Glück bringe, doch gegen die
+früheren große Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen,
+beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, um die
+öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege restauriren.
+
+Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus
+welcher der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze
+sich mit Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln
+zur Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus,
+der ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen
+Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht
+durch die Chimären, welche wir uns über das Repräsentativsystem
+machten, was selbst Lobredner des Liberalismus, wie Benjamin
+Constant, anerkannt hätten. Solche Uebel seien: die Korruption der
+Volksvertreter durch die Bestechungen; die Aufschreckung der Höfe,
+die von Sinnen kämen durch die Angst, die ihnen der falsche
+Liberalismus einflöße; das Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden
+ihrer Unabhängigkeit aus Furcht vor dem Liberalismus, »diesem
+Schlimmsten, was ihnen begegnen könne«; (heilige Allianz, Kongresse
+von Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf
+diese und ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die
+Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger in Folge
+der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in Folge des
+Kampfes der Regierungen gegen die Völker u.s.w.
+
+Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des
+Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems
+bloslege; er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch
+das Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, daß
+man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen müsse. Er
+nenne den Liberalismus falsch, weil er einen politischen
+Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die Herrschaft der
+Oligarchie erstrebe _und immer die seinen Versprechungen
+entgegengesetzten Wirkungen erzeuge_. Die Liberalen suchten sich zu
+rechtfertigen, indem sie sagten: »Seht Ihr nicht, daß wir ohne das
+Repräsentativsystem und ohne unsere Opposition in den drückendsten
+Despotismus fielen?« Das gebe er zu, aber es sei nicht weniger
+gewiß, daß, indem die Liberalen durch ihre Taktik den
+Rückschrittlern vor den Kopf stießen und sie immer mehr
+erbitterten, sie diese immer mehr dem Obskurantismus in die Arme
+trieben. So arbeiteten die Liberalen indirekt gegen sich selbst.
+Ueberdies sei sicher, daß dieses sogenannte liberale System
+keineswegs sehr positiv operire, _der liberale Geist sei für alle
+großen Probleme sozialer Verbesserung durchaus steril, er bringe
+immer nur Debatten zur Welt, nie eine neue Idee_.
+
+Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend
+gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht.
+Er hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst,
+weil er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen
+vor den Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit
+die vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann
+aber keine Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und
+Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen
+der Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und
+einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende
+Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten Parteien eine
+Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die Verdrängung der alten
+Parteien und ihre Hinauswerfung aus der innegehabten Position
+bedeutet. Darüber täuscht sich keine Partei, die an der Herrschaft
+ist, und namentlich dann nicht, wenn ein unversöhnlicher
+prinzipieller Gegensatz zwischen den kämpfenden Parteien besteht.
+Es ist daher thöricht, dem Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu
+machen, denn nicht um diese, sondern um seine wahren Bestrebungen
+handelt es sich.
+
+Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein Bündniß des
+Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus ein günstigeres
+Resultat für den Fortschritt der Gesellschaft ergeben hätte.
+Deutschland, das heute ähnliche Kämpfe der herrschenden Klassen
+unter sich durchzumachen hat, wie das Frankreich der zwanziger und
+dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge
+dafür, wohin der Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft
+kommt, wenn der Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet.
+Indessen wir wissen heute, daß _alle_ wie immer gearteten
+politischen Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind,
+und daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten verbünden, sie
+selbst nur einen Waffenstillstand schließen, weil ihnen der dritte
+die streitige gemeinsame Beute zu entreißen droht. Es ist der alte
+Kampf um das bevorzugte Dasein, den die Menschen im Gegensatz zu
+den »unvernünftigen« Thieren führen, indem jeder sich selbst und
+alle sich gegenseitig zu belügen und zu betrügen suchen, sich
+vorredend, es seien die »Ideen« und nur die »Ideen«, für die sie
+stritten und kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit,
+daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und Interessenkämpfe
+immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es der moderne
+Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt.
+
+Fourier fährt fort:
+
+Die Stehenbleibenden (»immobilistes«) seien eine ebenso lächerliche
+Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die soziale Bewegung weise jeden
+Stillstand zurück; sie strebe zum Fortschritt, dies sei ebenso ihr
+Bedürfniß wie, daß Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu
+verderben. Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei,
+vorwärts zu marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer
+höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur
+Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren
+Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer
+Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in
+ihr, wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir
+befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in
+dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen
+Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute
+strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir besäßen zu
+viel Lebensmittel für eine auf der sozialen Stufenleiter
+gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene Gesellschaft, und
+dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im sozialen Mechanismus keine
+natürliche Anwendung findend, überlaste und verderbe ihn. Daraus
+resultire eine zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große
+Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der
+Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das zwischen
+den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen Stufenleiter
+stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir besäßen zu viel
+Industrie für eine zu wenig vorgeschrittene noch in der dritten
+Phase zurückgehaltene Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß
+gedrängt werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese
+Erscheinungen des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen
+er die schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien
+von der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu
+Tage liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen
+zeigen.
+
+Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von
+vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der
+Gesellschaft zur Folge haben müßten.
+
+Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte würden zu
+Abgründen, die alle Hülfsmittel verschlängen, welche die Reichen
+zur Agiotage verleiteten, so daß diese mehr und mehr die Agrikultur
+verschmähten. Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es
+entwickele sich ein System der Erpressung und es entstünden die
+indirekten Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der
+Zukunft den Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein
+jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute
+reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen.
+Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch
+mit England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es
+ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung einer
+wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende Angriffe auf
+das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese durch die
+Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese Angriffe würden für
+alle Parteien zur Regel. Nachdem Frankreich -- in der großen
+Revolution und unter Napoleon -- konfiszirt habe, ahmten Spanien
+und Portugal das Beispiel nach und das werde immer schlimmer
+werden, weil es heute nur Fortschritt in der Unordnung gäbe. Es sei
+eine Charaktereigenschaft der Gesellschaft, die in die Barbarei
+zurückgreife. Fünftens: Beseitigung der Zwischenkörperschaften;
+also derjenigen Institutionen, welche durch die straffe
+Zentralisation, die der Konvent schuf, beseitigt wurden:
+Provinzialstände, Parlamente, Magistrate und Korporationen. Dank
+ihrem Sturze befinde man sich vor der jährlichen Vergrößerung des
+Budgets um fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune
+an Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die
+Lebensmittelsteuern (»octrois«), welche die Industrie schädigten,
+die Bevölkerung mißstimmten, zu Steuerhinterziehungen provozirten
+und den ganzen legalen Handel vergifteten, zu entschädigen
+versuche. Siebentens: Verdorbenheit der Rechtsprechung; man
+vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache es ihm unmöglich,
+und gleichzeitig rufe man, durch die immer größer werdende Theilung
+des Eigenthums und die Häufung immer ohnmächtiger werdender
+Gesetze, das Wachsthum der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben
+todte Buchstaben für einen plündernden Lieferanten, der 76
+Millionen gestohlen habe, und verurtheilten einen armen Teufel, der
+einen Kohlkopf stehle, zum Tode.
+
+Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den Ausgang
+zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im südlichen
+Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch betrügerische
+Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen ergaunerte, wurde
+freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, der Kohl
+gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt.
+
+Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle
+besserer Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den
+Mangel gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft
+das Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man
+könne keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen
+basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine
+Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu seiner
+Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen der
+großen Kosten, theils wegen des Streits über die unterzulegenden
+Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Neuntens:
+Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege hervorzurufen drohten.
+Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs innerer Kämpfe, die Folge
+des Nährens der Unzufriedenheit durch die Unwissenheit der sozialen
+Politiker, die kein Mittel der Aussöhnung und des wirklichen
+sozialen Fortschritts zu entdecken vermöchten. Elftens: Die
+Vererbung; die Gewohnheit, die durch die besiegte Partei einmal
+eingeführten Uebel beizubehalten: Lotterien, öffentliche Spiele und
+andere verhängnißvolle Mittel der Fiskalität.
+
+Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen
+Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles
+Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den Seeräubern, um sie zu
+beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und den Negerhandel
+unterstützte, betrachtete Fourier als die zwölfte verhängnißvolle
+Charaktereigenschaft der Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die
+Dinge noch so, daß die meisten europäischen Mächte, Mangels der
+nöthigen maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der
+nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines
+jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen
+suchten. Einen solchen Vertrag schloß z.B. Oesterreich mit der
+Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen Seeräuberstaaten,
+ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von Venedig auch dessen
+Flotte erhielt, -- 8 Linienschiffe, 7 Fregatten etc. -- ließ diese
+buchstäblich verfaulen und die im Bau begriffenen Fregatten
+unvollendet. Der bankerotte Staat hatte keine Mittel, eine
+Kriegsflotte unterhalten zu können. Der Sklavenhandel, durch
+christliche Mächte begünstigt, blieb noch bis in unser Zeitalter
+ein gewinnbringendes Geschäft und eine Schmach unserer Kultur.
+
+Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des
+Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der Industrie an
+sich reiße, die Autorität mit den Regierungen theile und überall
+die Raserei für das Spiel verbreite. Vierzehntens: Begünstigung des
+Handels trotz seiner Verschlimmerung. Marseille baue für die
+Seeräuber Schiffe zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den
+gefangenen Christen die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes
+besitze Fabriken in denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der
+Neger hergestellt und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt
+würden; andere Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos
+(Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich
+schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit zunehme, um so
+mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: Industrielle Skandale:
+Fortschritte in der Art der Verfälschungen und der Tolerirung der
+Verfälschung der Lebensbedürfnisse; Zunahme der aus drückendem
+Ueberfluß entstehenden Krisen; unterwerthige Ueberlassung der
+Ernten unmittelbar nach ihrer Einbringung gegen vorausgegangene
+Lieferung anderer Bedürfnisse, also zunehmende Abhängigkeit des
+Bodenbebauers vom Kapitalisten. Sechszehntens: Handel mit weißen
+Favoritinnen. Man lasse eine solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst
+solchen Mächten zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher
+nicht hatten, und widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten.
+Siebzehntes: Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende
+Spionage, die bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime
+Angeberei; augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der
+niedrigen Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel.
+Achtzehntens: Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn
+bekämpften, adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen
+anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein
+geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das wenige
+von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch
+gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der
+Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die
+Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und
+verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische
+Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner
+ihres Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum
+Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung
+beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche
+Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu
+unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen Tugenden
+geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der
+Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes
+Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung
+gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche
+und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme;
+Guerillakampf, Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern.
+(Erinnerungen an Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.)
+Zweiundzwanzigstens: Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die
+allgemeine Wehrpflicht und das Massenaufgebot, wie es Preußen
+bereits besitze und es Rußland in höherem Maße nachzuahmen
+versuche, einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen
+Reichen eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus
+Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls
+anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die
+Taktik der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die
+Räubereien der Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei
+nahezulegen, diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den
+Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen
+Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu
+der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der
+Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus
+Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier
+wachsenden Vervollkommnungen.
+
+Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig
+Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder
+Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder
+nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine
+Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind
+verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf unserem
+Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck gewachsen.
+Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der scharfen
+Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier aber ist
+die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die er getrennt
+von den übrigen hervorhebt und als die »schmachvollste« aller
+bezeichnet: »die Zulassung der Juden zu den bürgerlichen Rechten«.
+
+Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des
+Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die unproduktiven
+Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische Nation sei nicht
+zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen Souverän,
+erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden Betrug für
+lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu täuschen,
+die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese Prinzipien
+nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden verdankten ihre
+Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den Philosophen. Man
+sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen er sich noch
+weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den Angriffen
+unserer heutigen Antisemiten.
+
+Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht
+unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur
+Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen sein, wenn
+sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig sich von der
+dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre Organisation auf
+der sozialen Stufenleiter um so viel höher ausgebildet hätte als
+ihre Industrie sich steigerte; so habe sie für die dritte Phase zu
+viel und für die vierte zu wenig Entwicklung. Die Vollsaftigkeit
+(»pléthore«) sei nur ein Zufälliges, die durch eine andere
+Organisation der sozialen Ordnung eine andere und gesundere
+Vertheilung erlangte. Es handele sich also darum, daß wachsende
+Industrie und Verbesserung der sozialen Organisation Hand in Hand
+gingen, damit diese kolossale Industrie regulirt und ausgeglichen
+werden könne, eine Industrie, die zu einem politischen Fleischbruch
+(»sarcocéle politique«) geworden sei und es bliebe, so lange wir in
+der dritten Phase verharrten.
+
+Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich
+die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt,
+welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde
+entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten
+einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die
+Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, _daß sie aber in
+demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie der
+Fortschritt der Industrie sich entwickelte_. Darum gelte es, einen
+anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten
+(»moeurs«) gemäß operire und aus dem Fortschritt der Industrie die
+Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu diesem Ziel zu
+streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung zuzulassen,
+behauptend: »der natürliche Sinn des Wortes Zivilisation ist die
+Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es setzt ein Volk voraus,
+das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung des bürgerlichen
+Lebens und der sozialen Beziehungen, die billigste Vertheilung der
+Gewalt und des Glücks aller Glieder der Gesellschaft.«
+
+Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser
+Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei,
+ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und
+ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen die
+»billige Vertheilung« und das »Glück« der Arbeiter sehen könne;
+jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, aus denen sich das
+Auditorium des Professors zusammensetze, als Vorwurf dienten. Wäre
+es wahr, daß die Zivilisation jede Vervollkommnung, jeden
+Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, dann wären auch die
+Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in China, Japan, Persien,
+Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber zwischen diesen
+beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie analysire, einen
+mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt dürfe aber nicht
+blos die Industrie betreffen, er müsse auch die Sitten und den
+ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft umfassen, zwei
+Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu verschlechtern wisse.
+So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, Künste, Industrie,
+Studien, welche auch die Barbaren begonnen und sehr weit getrieben
+hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung zu bringen. Habe die
+Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann bleibe ihr nichts anderes
+übrig, als zu verschwinden und einer anderen Gesellschaft Platz zu
+machen, welche, indem sie Sitten, sozialen Mechanismus, Industrie
+und Wissenschaft immer mehr vervollkommne und verfeinere, sie auf
+eine Höhe bringe, deren die Zivilisation nicht zur Hälfte fähig
+sei.
+
+»Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen und
+Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das in seinem
+Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.«
+
+ * * * * *
+
+Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die
+Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere
+Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen
+Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein
+Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der
+selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze.
+
+Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit
+ihren enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei
+Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen sanft
+zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch
+ließen sich beide Methoden vereinigen.
+
+Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und
+rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan von
+1808-1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die ganze
+arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in Staatsfarmen
+organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl der ganz Mittellosen
+ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung betrage und auf je vierhundert
+Familien vierzig arme Familien kämen. Es bildeten also je
+zweihundert Personen die Bewohner einer Staatsfarm, die ihre
+nöthigen Gebäude, Stallungen, Vieh, Gärten, Werkzeuge u.s.w.
+erhielten. Diese Zahl sei groß genug, um eine zweckmäßige und wenig
+kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives
+Unternehmen zu begründen.
+
+Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution der
+fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht
+Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern
+eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie eine
+von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat leistet,
+eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: dem Staat
+eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten die
+Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe
+derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle in die
+Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber neben der
+Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden verwendet
+werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen allmälig sehr
+hoch werden und einen erheblichen Theil des Unternehmergewinns
+absorbiren würden. Sicher ist von allen utopistischen Vorschlägen
+Fourier's dieser Vorschlag der utopischste.
+
+Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer vorzüglichere
+Produkte lieferten, auch industrielle, würden sie durch die Güte
+ihrer Waaren, wie die Reellität der Preise die private Konkurrenz
+immer mehr in's Gedränge bringen und einen Unternehmer nach dem
+andern zur Geschäftsaufgabe zwingen. Damit dehnten sich die Farmen
+immer mehr aus, die Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien
+zufließen, ein Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch
+Verkauf oder durch Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden
+schließlich selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß
+führe dann zur Bildung der Phalanxen.
+
+Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem
+von Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle
+mit der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die
+Ackerbaugenossenschaft legt.
+
+Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu
+kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die Gründung der
+Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die Herrscher und die
+Klassen müßten noch geboren werden, die im Besitz der Macht und
+aller Genüsse freiwillig aus rein philanthropischen Gründen, um der
+Masse der Unbemittelten und Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte
+Stellung opferten. Wer in der Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm
+leuchtet nicht ein, daß seine Stellung eine ungerechte sein könne.
+Ein Vorschlag, wie der Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum
+Selbstmord gleich; diesen begeht nicht einmal der Einzelne
+freiwillig, wie viel weniger eine Klasse, die sich im Besitz der
+Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr Recht befindet. --
+
+Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und
+Spekulationen über Einrichtungen und Zustände der
+Entwicklungsperioden, welche der Zivilisation vorausgegangen sind,
+um an der Hand derselben nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen
+über die Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere
+und Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie
+unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der
+ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus
+durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen -- woher er
+diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er --, aber heute auf
+durchschnittlich 63 pariser Zoll zurückgekommen sei, werde in der
+Harmonie sich wieder zur Höhe von 73½-84 pariser Zoll entwickeln.
+Alle dem Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in
+demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der Barbarei
+sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der
+Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation
+nehme jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein
+Beispiel möge dies beweisen.
+
+»Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach,
+weil es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es fällt ihm
+nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der Griechen oder
+Römer nach den Theorien über die Rechte und Pflichten der
+Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt sich, die Steuer zu
+verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im Nichtzahlungsfalle den
+Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es also, um zum Zweck zu
+gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist eine einfache
+Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für denselben Zweck
+verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten und Soldaten zur
+Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser Hülfe das
+philosophische Handwerkszeug von moralischen Subtilitäten über das
+Glück, Abgaben zum Wohl des Handels und der Verfassung zahlen zu
+dürfen, hinzu. Tugendhafte Finanziers übernehmen, damit wir unsere
+unverjährbaren Rechte genießen können, bereitwillig die
+Ueberwachung der Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie
+fordert, erscheint dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht,
+seine Unterthanen zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um
+den unsterblichen Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben
+bewilligten; in Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu
+bezahlen _wünscht_. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß er seine
+Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern vermehrten,
+aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten der Verfassung
+studiren, die ihn lehre, daß die Würde freier Männer darin bestehe,
+zu bezahlen oder -- in's Gefängniß zu wandern.«
+
+Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung
+vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in
+Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich mit
+der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung die
+Lacher auf seiner Seite.
+
+In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan
+Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir
+ihm nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die
+Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von
+Planet zu Planet, nach dem System immer größerer Vervollkommnung,
+vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er ausführt, warum die
+Menschen über das zukünftige Leben nichts Bestimmtes wissen. Er
+sagt: »Erstaunen wir nicht über die Unkenntniß, welche über unsere
+Unsterblichkeit herrscht, noch über die Unzulänglichkeit unseres
+Wissens über das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des
+gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf Gott
+die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem künftigen
+Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, sämmtliche Arme der
+Zivilisation würden Selbstmord üben, um dieses künftige Glück so
+rasch als möglich zu genießen; aber die Reichen, die zurückblieben,
+hätten weder die Fähigkeit, noch die Neigung, die Armen in ihren
+undankbaren Beschäftigungen zu ersetzen. Die Wirkung würde also
+sein, daß durch das Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten
+tragen, die Industrie der Zivilisirten zu Grunde ginge und der
+Globus im Zustand beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die
+sichere Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer
+Herrlichkeit sein.« Originell ist diese Begründung auf alle Fälle.
+
+Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des Interesses
+halber wollen wir hier ferner einige der Analogien erwähnen, die
+Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und Thieren und den
+verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen Beziehungen
+nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien erfüllen nach ihm das
+ganze Universum, wobei er sich auf die Worte Schellings -- eines
+der sonst von ihm so gehaßten metaphysischen Philosophen -- immer
+wieder bezieht: »Die menschliche Seele ist das Modell des Weltalls,
+es widerspiegelt sich die Idee des Ganzen in jedem Theil.« Nach
+Fourier ist also die große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des
+Unbemittelten und unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen
+Spiegelbild; im Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem
+gebildeten Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die
+Carotte ist das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden
+Agronomen. Der Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack
+entspricht den Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist
+das Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die
+gewaltsame Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht
+ihr Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird.
+Dagegen gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde
+der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren
+zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß für die
+Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das Sinnbild der
+Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der Justiz,
+der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der Koketterie,
+der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, die
+Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald
+das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner
+Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird
+die Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten
+der Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie (»iris
+perpillon«) repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder
+Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer
+Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen Bürgers; die
+gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe reicher Liebender;
+die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit Schwarz
+durchschossenen Blume einer großen Trauerblume ähnlich sieht,
+entspricht der fürstlichen Ehe, wie überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz
+oder Politik. Die Blume zeigt an, daß diese Ehen meist ohne Liebe,
+oft ohne daß man sich zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und
+ihres eigentlichen Reizes und der wahren Natur des Menschen, die
+nach Liebe dürstet, entbehren. Schließlich bedauert Fourier
+lebhaft, daß er zu wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese
+Analogien, die eine der interessantesten Studien darböten, nach
+allen Richtungen verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im
+sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung
+schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen Annehmlichkeiten
+und Reize habe.
+
+ * * * * *
+
+Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien
+Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen
+Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle in seinen
+Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel an Raum
+übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen Umfang seiner Werke
+natürlich. Es ist andererseits keine leichte Aufgabe, sich in der
+Menge des Materials und in dem oft krausen Stil und abrupten
+Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium seiner
+Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine erstaunliche Fülle
+origineller Gedanken und Ideen, die zu einem erheblichen Theil auch
+für die heutige Zeit, wie für die zukünftige Entwicklung der
+Gesellschaft von großer Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der
+menschlichen Triebe und die daraus hervorgehenden Schlüsse sind
+eine Arbeit, wie sie unseres Wissens nicht zum zweiten Male
+existirt. Die Art, wie er die menschlichen Triebe für eine neue
+Gesellschaftsorganisation zu verwenden beabsichtigte, ist so tief
+gedacht und erfaßt, daß die Zukunft in der Richtung der von ihm
+erfaßten Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht.
+Großartig ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen
+von Fach eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und
+das zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste
+Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm
+begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so
+merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und keine
+Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser Mann, der einsam
+durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der Liebe jenen
+Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine intimsten
+Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm beobachtet.
+Das ist nicht überflüssig zu bemerken in Anbetracht der Angriffe,
+welchen gerade die Abschnitte über die Liebe in seinen Werken
+ausgesetzt waren.
+
+Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen
+verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie nehmen aber einen
+ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein und umfassen eine
+Menge interessanter Details, die wir übergehen mußten, die aber
+neben der denkenden Beobachtung, die Fourier den Kindern widmete,
+auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die Zukunft der
+Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß.
+
+Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will,
+dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben
+vielem Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich
+erscheint, weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre
+älter wurden und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und
+Erfahrungen aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter
+fremd und unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine
+erhebliche Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und
+Ideen kennen lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche
+in seinen Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man
+es mit Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem
+genialen Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und
+Menschen und Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der
+Menschheit und der Welt widerspiegelte. Wer Goethe's »Wilhelm
+Meisters Lehr- und Wanderjahre« und »Wahrheit und Dichtung« gelesen
+hat und erwägt, daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und
+wenige Jahre von einander getrennt starben, wird in den Phantasien
+Beider über menschliches Glück manches Verwandte finden. Der
+Fourier'sche Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in
+den Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft
+Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der Lebenslage der
+Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der Gesellschaft.
+
+Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich unberücksichtigt,
+und mußten und konnten dies auch, Fourier's sehr polemisch
+abgefaßte Abhandlungen gegen die Philosophen, die er so gründlich
+haßte und, wie es immer geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die
+Feder führt, auch schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte
+fest, daß es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und
+Metaphysiker waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu
+Leibe ging. Man beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie
+daher kam, daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand,
+daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen sie den
+Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das Glück
+versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im grellsten
+Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen Zustand
+der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, schönen und
+glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's und der
+Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der verschiedenen
+politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der Sieyés und
+Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der Robespierrianer
+u.s.w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer gesehen, wie dem rothen
+der weiße Schrecken folgte, dann die Bourgeoisie das Heft in die
+Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie immer, allen ihren
+großen schönen Worten und erhabenen Phrasen zum Trotz, nur daran
+dachte, das Volk zu unterdrücken und es um die Früchte seiner
+Arbeit zu bringen; wie dann statt des verheißenen Glücks das
+Massenelend sich einstellte, sich sichtbar vermehrte; wir sagen,
+wer das Alles vom Standpunkt Fourier's gesehen und erlebte und
+dabei glaubte, sich über die Natur der Dinge und der Menschen nicht
+zu täuschen, dessen Herz durfte mit Haß und Zorn erfüllt werden.
+Aber er besaß in hohem Grade auch die Waffen des Witzes und des
+beißenden Spottes, womit er seine Angriffe würzte, und dies
+erbitterte besonders seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit,
+und die überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte
+Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von
+Fourier's Charakter erbitterte dies noch mehr.
+
+Sein System war nicht für das Verständniß der Massen berechnet,
+wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die Zustimmung und
+Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese Kreise konnten, wenn
+überhaupt, nur gewonnen werden, wenn namentlich die vornehmeren
+Journale sich seinen Ideen und seinen Werken freundlich
+gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller dieser Kreise mußten
+sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt seiner Gedanken, durch
+seine Kritik am meisten getroffen und verletzt fühlen. Es gehörte
+der kindliche Glaube eines Fourier dazu, daß die Gegner seine
+Kritik nicht als eine persönliche, sondern als rein sachliche
+auffassen sollten, das hieß in der That ihrer Natur zu viel
+zumuthen und der Macht seiner Gründe zu sehr vertrauen. Aber
+abgesehen von dieser Art seiner Polemik würden die herrschenden
+Klassen schon aus den mehrfach hervorgehobenen, im Wesen der
+Klassenherrschaft und des Klassengegensatzes liegenden Gründen,
+sich zu keiner freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie
+behandelten ihn, und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als
+»Narren«. Wie kann man auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden?
+Oder verlangen, von den Disteln Trauben zu lesen?
+
+Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn
+heraus, schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen
+Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm boten.
+Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in
+seiner Schrift »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft«
+aus, daß wenn selbst die Fourier'schen Systemausführungen keinen
+Werth besäßen, eine Ansicht, die Engels nicht hat, Fourier durch
+die Form seiner Kritiken zu den größten Satirikern aller Zeiten
+gehöre.
+
+Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen
+Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe und
+Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im
+Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der
+Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen
+konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten
+es sich katholische Organe seiner Zeit, wie »Gazette de France« und
+»L'Univers« zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen,
+welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle schießen
+lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren der Moral antaste,
+die heiligsten und intimsten Beziehungen der Geschlechter in der
+Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch alles dies und
+seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde rein
+atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral
+umzustürzen versuche.
+
+So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich
+insbesondere gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie
+wir sahen, besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die
+Vertreter der kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch
+neben bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer
+längeren Abhandlung: »Ueber den freien Willen« lehrt, und über die
+Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die geeignet sind,
+die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn auf's Höchste
+aufzubringen.
+
+Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz zusammengefaßt
+also:
+
+»Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über
+den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein
+herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen
+bestimmen; für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur
+Vernunft gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln,
+wie die Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze
+seiner Natur und den Willen Gottes.«
+
+»Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein
+entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich
+seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch macht-
+und willenlos.«
+
+Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt,
+sie sind Extreme, aber Extreme, die sich berühren und die in
+Gemeinschaft mit einander handeln müssen, um sich gegenseitig zu
+befriedigen. Gott will, daß der Mensch ihm hilft, gewissermaßen
+sein Assozié sei. Um aber diese Hülfe leisten zu können, muß der
+Mensch die Naturgesetze und die Gesetze der Anziehung studiren.
+Sobald er diese begriffen hat, ist er in der Lage, mit Gott
+gemeinsam zu operiren. Das Gefühl, das Beide verbindet, soll
+Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die Philosophen lehren,
+und nicht blinde, demüthige Unterwerfung, wie die Theologen
+predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann weder Gott
+noch der Mensch glücklich sein und können sie ihren Zweck nicht
+erreichen.
+
+Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie
+weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat,
+unmöglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben.
+
+Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein
+System, an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers
+hing, wie er von Tag zu Tag während Jahrzehnten gehofft,
+verwirklicht zu sehen, war gleich Null. Vielleicht dämmerte ihm
+auch die Ueberzeugung, daß die Entwicklung der Zivilisation doch
+auf wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich
+vorgestellt, und alle diese Enttäuschungen verbitterten ihm seinen
+Lebensabend. Am 10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine
+Jünger, nachdem er schon längere Zeit vorher gekränkelt, früh
+Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der größten
+Menschenfreunde hatte für immer die Augen geschlossen.
+
+Die Fourier'sche Schule hat keine maßgebende Bedeutung und keinen
+entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Frankreichs erlangt. Wohl
+besaß sie eine nicht kleine Anzahl von Anhängern, die sich meist
+aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich aus den Kreisen der
+Studirenden, der Künstler, der Techniker und selbst der Militärs
+rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen mit Geist und Geschick
+schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, die in den
+politisch-sozialen Kämpfen des modernen Frankreich eine
+hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die
+zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres
+Hauptrekrutirungsfeldes für ihre Anhänger, aus den ideologisch
+angelegten Köpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, schufen auch
+eine verhältnißmäßig reiche Literatur, aber die Zahl der Schriften
+stand in starkem Mißverhältniß zu ihrem Einfluß auf die Massen.
+
+Auch der Umstand, daß mehrere ihrer Hauptwortführer, so Victor
+Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der Schule,
+und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre
+Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmälige Erlöschen des
+Fourierismus nicht verhindern können. In seinem Bestreben auf
+Aussöhnung der Klassengegensätze durch freiwilliges Entgegenkommen
+der Besitzenden mußte der Fourierismus immer mehr zu einer reinen
+Humanitätsduselei verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstère zu
+Guise, als Deckmantel mißbraucht, um unter sozialistischer Flagge
+großbürgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise müssen
+alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der bürgerlichen
+Welt versucht werden und naturgemäß auf die Aussöhnung sich
+gegenseitig ausschließender Gegensätze gerichtet sind, zu Grunde
+gehen. Wo solche Experimente sich längere Zeit halten, wie in
+einzelnen kommunistisch organisirten kleinen Gemeinwesen in den
+Vereinigten Staaten, vermögen sie dies nur durch fast vollkommene
+Isolirung von der übrigen Welt und nur unter einer
+Wirthschaftsweise, die ihre Anhänger zu spartanischer Einfachheit
+zwingt und ihnen patriarchalische Verhältnisse aufnöthigt.
+
+Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt.
+Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen
+Anlagen und Fähigkeiten und vollen Genuß an allen
+Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der
+Kulturmittel auf höchster technischer und wissenschaftlicher
+Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines,
+isolirtes, in seinen Kräften und Mitteln beschränktes Gemeinwesen,
+mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu schaffen. Es
+wird gestört durch jeden fremden Einfluß, der von außen auf es
+einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr vorhanden sein, je
+lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne zum Ganzen für
+nothwendig erachtet. Entweder heißt es also mit dem Ganzen gehen
+und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben und verknöchern,
+ein Drittes giebt es nicht.
+
+In der bürgerlichen Welt sind nur bürgerlich handelnde Menschen
+denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zähnchen
+an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von Rädern mit
+ihren Tausenden von Zähnen und Zähnchen in gesetzmäßiger Ordnung
+ineinandergreifen. Die Wirkung des Einzelnen liegt in der Wirkung
+auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den
+Einzelnen. Beides ergänzt, beides bedingt sich.
+
+Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt
+gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle
+gebannt sind, willkürlich durchbrechen zu können, wer wähnt, sein
+besonderes soziales Himmelreich begründen zu können, der wird,
+durch die harten Thatsachen rasch eines andern belehrt, seine
+Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen. Daher ist alle sozialistische
+Experimentirerei mitten in der bürgerlichen Welt, gehe sie nun von
+einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als bürgerlicher
+Unternehmer sozialistisch produziren und distributiren zu können,
+oder von einer kleinen Gesammtheit, die dasselbe für sich und unter
+sich versucht: Utopisterei, Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch
+ist ein Zeichen geistiger Unreife, der nur die Wirkung haben kann,
+Enttäuschungen hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Köpfen zu
+diskreditiren und den Gegnern die gewünschte Waffe gegen die von
+ihnen gefürchteten Bestrebungen zu liefern.
+
+Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die Utopisten
+ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse finden
+sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der
+einfachste Arbeiter fühlt, daß sich _künstlich_ nichts schaffen
+läßt, daß das, was werden soll, sich _entwickeln_ muß und zwar mit
+dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isolirt von ihm.
+
+Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen,
+alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende
+zu erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde überall
+eintreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik
+anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel erzeugten.
+Aus der Erkenntniß der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von
+selbst.
+
+In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu
+falschen Schlüssen führte, waren die falschen Voraussetzungen, die
+er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er vortrefflich und
+schilderte sie großartig, aber in der Untersuchung der _Ursachen_,
+die diese Uebel erzeugten, ging er von Auffassungen über das Wesen
+der Gesellschaft aus, die ihn nothwendig zu falschen Ergebnissen
+führen mußten. Wer wie er die Ansicht vertrat -- und sie theilte
+sein Zeitalter --, daß der Entwicklungsgang, den die Menschheit
+genommen, nicht die gesetzmäßige Wirkung der Existenz- und
+Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden
+gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zufälligen und
+willkürlichen Umständen abhängig, von dem Dichten und Denken dieses
+oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung mächtiger
+Personen, wer also nicht Gesetzmäßigkeit, sondern Zufall und
+Willkür annahm, mußte auch glauben, daß Zufall und Willkür die
+Zustände ändern könne. Für Fourier war der Wille des Menschen nicht
+durch die Umstände bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse
+beherrschten, für ihn war der Wille des Menschen eine selbständige
+Macht, die von den sozialen Verhältnissen nicht beherrscht wurde,
+sondern diese willkürlich erzeugte. Er erkannte nicht den
+Klassencharakter der Gesellschaft, für ihn war jede Meinung nur
+eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte allgemeine
+Vernunftgründe zu Gunsten einer Idee, die das allgemeine Glück
+bezweckte, gewinnen ließ. Darum wandte er sich auch hauptsächlich
+an Diejenigen, die ihrer sozialen Stellung nach zu allerletzt ein
+Interesse, richtiger gar kein Interesse hatten, den bestehenden
+Zustand zu ändern. Fourier steckte also, ohne es zu wissen, selbst
+tief noch in den Ideen der bürgerlichen Philosophen, die er sonst
+so sehr bekämpfte und die auch alle von der Ansicht ausgingen, es
+bedürfe nur der Erkenntniß einer »Idee« des Guten, Gerechten,
+Vernünftigen, um diese »Idee« zur Geltung und Herrschaft zu
+bringen. Fourier verspottete die Philosophen, daß sie beständig
+Ideen verherrlichten und als Grundsätze in die Gesetze eingeführt
+hätten, die mit der Thatsächlichkeit der Dinge im Widerspruch
+blieben. Schließlich predigte er aber selbst Ideen, die an der
+Hartnäckigkeit der Thatsachen scheiterten.
+
+Fourier's großes Verdienst besteht darin, daß, wenn er auch nicht
+erkannte, _warum_ und _wodurch_ die bürgerliche Gesellschaft so
+war, wie sie war, er sich über ihren Charakter nicht täuschen ließ,
+daß er ihre Hohlheit und ihre Widersprüche erkannte und ihr
+schonungslos die Maske vom Angesicht riß. Niemand vor ihm hat wie
+er die bürgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und
+zweideutigen Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt,
+allen ihren Kundgebungen und Handlungen ausprägt, erkannt und
+Niemand nach ihm hat sie schärfer kritisirt. Hierin hat er
+Unübertroffenes geleistet.
+
+Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine
+Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und
+großherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn als
+einen Meister der Beobachtung erscheinen läßt. Seine Auffassung der
+menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch mit jener der
+Theologen und Moralphilosophen stand und steht, daß alle Triebe
+natürlich und darum nützlich und vernünftig, zum menschlichen
+Glücke nothwendig seien, und es nur der soziale Zustand der
+Gesellschaft sei, der sie unterdrücke oder fälsche, und daher diese
+Triebe sowohl für das Individuum, wie für die Gesellschaft
+schädlich erscheinen ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge
+Ketzerei, als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar
+geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner
+Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche
+Revolutionär. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und mit
+Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen müssen,
+das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur Fälschung,
+Verkümmerung und Unterdrückung der menschlichen Triebe führt und
+dadurch das wahre Wesen der menschlichen Natur aufhebt. Man kann
+sich daher wohl vorstellen, welch grimmigen Widerspruch diese Ideen
+bei den Lobrednern einer Gesellschaft finden mußten, die eben erst
+nach den schwersten und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution
+sich konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war,
+die beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung
+gekommen, kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend,
+tritt ihr in Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit,
+Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und enthüllt alle ihre
+Blößen. Diese Gesellschaft, die eben erst die alte feudale
+Gesellschaft gestürzt, nachdem sie dieselbe vorher durch die Waffen
+der Kritik schon moralisch vernichtet hatte, erfährt, kaum zur
+Macht gekommen, an ihrem eignen Leib dasselbe. Eben erst der
+Babeuf'schen Verschwörung durch Anwendung brutaler Gewalt Herr
+geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein neuer Gegner, der
+sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen Waffen bekämpft.
+Doch es war nur ein Einzelner, der zunächst keinen Anhang hinter
+sich hatte, der auch weit entfernt war, mit denselben Mitteln, mit
+denen das Bürgerthum die Gewalt an sich gerissen hatte, die
+Befreiung der Unterdrückten zu erstreben. So waren die
+Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit dem neuen
+Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle würden
+in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden Kampfe, wo er, der
+mittel- und namenlose Kommis, einer Welt mächtiger Gegner
+gegenüberstand, den Muth haben sinken lassen. Fourier that das
+nicht. Männer, die unumstößlich an die Richtigkeit und
+Gerechtigkeit des von ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker,
+die sich durch nichts erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier.
+Die bittersten Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten
+Angriffe, Spott und Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn
+nicht irre. Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er
+sein System auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach
+unsäglichen Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis
+ergebener Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl
+abging, durch Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten.
+
+Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach
+keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große
+Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Maße an
+Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der
+Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den Fortschritt
+der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. Fourier'sche
+Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung der
+gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als ihr
+Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine Kritik der
+bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt wird, die
+nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt sich
+die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er
+verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie
+erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung
+erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen
+anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses Zeugniß
+muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute
+noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler
+seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen
+Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre
+Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil.
+Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen
+für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das
+Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild
+hebt, längst verblaßt ist.
+
+Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl
+versprengter, meist den besitzenden Klassen angehöriger Anhänger in
+Frankreich, die mit Hartnäckigkeit dem Traum ihrer Jugend
+nachhängen. Das ist Alles, was von ihr übrig blieb. Der
+Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen
+sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen
+wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begründern auch
+den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, vertreten
+werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie Fourier
+wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefaßt. Die alten
+Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflösung
+begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der
+sozialen Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten
+Bette fließen und die Bewegung immer mehr zur Erfüllung ihrer
+Mission befähigen.
+
+Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der
+Dichter Berangér, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn im
+Leben verfolgte, der »Narr«, besingt, nur daß er das Gedicht allen
+»Narren« widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der
+Menschheit neue Bahnen zu eröffnen.
+
+Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der
+Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen,
+lautet:
+
+ Les fous
+
+ Vieux soldats de plomb que nous sommes,
+ Au cordeau nous alignant tous,
+ Si des rangs sortent quelques hommes,
+ Nous crions tous: A bas les fous!
+ On les persécute, on les tue,
+ Sauf, après un lent examen,
+ A leur dresser une statue
+ Pour la gloire du genre humain.
+
+ Fourier nous dit: Sors de la fange,
+ Peuble en proie aux déceptions,
+ Travaille, groupé par phalange,
+ Dans un cercle d'attractions;
+ La terre, après tant de désastres,
+ Forme avec le ciel un hymen,
+ Et la loi, qui régit les astres,
+ Donne la paix au genre humain.
+
+ Qui découvrit un nouveau monde?
+ Un fou qu'on raillait en tout lieu;
+ Sur la croix que son sang inonde,
+ Un fou qui meurt nous lèque un Dieu.
+ Si demain, oubliant d'éclore,
+ Le jour manquait, eh bien! Demain
+ Quelque fou trouverait encore
+ Un flambeau pour le genre humain.
+
+ * * * * *
+
+ Die Narren
+
+ Wir lassen richten, drillen uns und kneten,
+ Soldaten nur, die des Kommandos harren;
+ Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten,
+ Es schreit die Menge: »Nieder mit dem Narren!«
+ Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet,
+ Bis man zuletzt, als würde etwas Rechtes
+ Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet,
+ Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes.
+
+ Dem Volk ruft Fourier zu: »Im Schlamme heute,
+ Entwinde dich dem Truge deiner Feinde
+ Und schaare dich, daß Keiner aus dich beute,
+ Zur brüderlichen, schaffenden Gemeinde.
+ Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet,
+ Willkür und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte,
+ Und das Gesetz, das über Sternen waltet,
+ Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.«
+
+ Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden?
+ Ein »Narr«, verfallen afterweisem Spotte.
+ Am Kreuz erliegend seinen Nägelwunden,
+ Wird uns ein »Narr«, der elend stirbt, zum Gotte.
+ Versänk' die Sonne in des Dunkels Schlünden,
+ Daß uns das morgen keinen Morgen brächte,
+ So würde morgen eine Fackel zünden
+ Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte.
+
+ * * * * *
+
+Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung,
+welche die Fourier'schen Ideen über die Grenzen Frankreichs und
+speziell auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung,
+die Frankreich seit der großen Revolution für alle
+vorwärtsstrebenden Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte,
+mußten auch die Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die
+namentlich nach der Restauration mit der Entwicklung der
+ökonomischen Verhältnisse immer mehr in den Vordergrund trat,
+lebhafte Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Ländern
+Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem
+auszubreiten. Damit kamen selbst für den oberflächlichen Beobachter
+eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die Selbstzufriedenen
+beunruhigten, die Vertreter und Anhänger der kleinbürgerlichen
+Wirthschaftsform aber in größte Aufregung versetzten. Man sah
+vielfach schwärzer in die Zukunft, als es durch den Gang der Dinge
+sich rechtfertigte. Der pessimistischen Schwarzseherei der Einen
+stand die optimistische Schönfärberei der Anderen gegenüber.
+Zwischen diesen beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen
+aber ideal angelegten Geistern, welche weder dem »Kreuzige« der
+einen Seite, noch dem »Hosianna« der anderen Seite zustimmen
+konnten; sie sahen, daß das alte ökonomische System verrottet,
+unhaltbar und unmöglich geworden war, aber sie konnten auch vor den
+Uebeln, die das neue in seinem Gefolge führte, nicht die Augen
+verschließen. Diese bemächtigten sich jetzt mit Gier der neuen
+sozialen Ideen, die in dem ökonomisch und politisch
+vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort
+die ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in
+England, in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich
+auftauchenden utopistischen Ideen für Gründung einer auf
+friedlicher Verständigung aller Klassen der Gesellschaft basirten
+neuen Gesellschaftsordnung begeisterte Anhänger und die bezüglichen
+Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Für die praktische
+Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in
+Frankreich in diesen Ländern aus schon angeführten Gründen die
+Massen zu gewinnen.
+
+Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgänge in
+Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur
+zahlreiche Anregungen zu ähnlichem Vorgehen schöpften, ward so
+ebenfalls im Beginn seiner großbürgerlichen Entwicklung mit einer
+sozialistischen Literatur bedacht. Während Karl Marx und Friedrich
+Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr praktisch, ihre
+ökonomischen Studien begannen und die ersten Bausteine zu dem
+Lehrgebäude des auf rein materialistischer Grundlage beruhenden
+wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die Geister
+beherrscht, herbeischafften, begnügten sich Andere, die Lehren und
+Ideen der französischen Utopisten und Sozialisten, mit
+deutsch-philosophischem Geist durchtränkt, in die deutsche Sprache
+zu übertragen. Das geschah insbesondere dem Begründer der
+sozietären Schule, Fourier, und dem kleinbürgerlichen Sozialisten
+Proudhon. Neben verschiedenen kleineren Schriften, die in Zürich in
+den vierziger und fünfziger Jahren hauptsächlich auf Veranlassung
+Karl Bürkli's, eines alten Schülers von Fourier, herauskamen,
+liegen mehrere größere Bearbeitungen des Fourier'schen Systems in
+deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz
+Stromeyer vor.[25] Ferner erschien 1845 in Kolmar eine im
+Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: »Die Welt, wie
+sie ist und wie sie sein soll«, aus dem Französischen von Math.
+Briancourt. Karl Scholl ließ 1855 in Zürich eine Schrift
+erscheinen, betitelt: »Viktor Considerant über die Erlösung der
+Menschheit in ihrem wahren Sinn.« Auch erschienen in demselben
+Jahre in Zürich eine Anzahl Schriften, in welchen für die
+Auswanderung nach Texas zur Gründung von Phalanstèren im
+Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. Diese Versuche sind
+kläglich mißlungen.
+
+[Fußnote 25: Die Titel dieser Schriften sind: »Der Sozialismus in
+seiner Anwendung auf Kredit und Handel« von Franz Coignet, Zürich
+1851; »Bank- und Handelsreform« von F. Coignet, aus dem Französischen
+von Karl Bürkli, Zürich 1855; »Solidarität«, kurzgefaßte
+Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch
+bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; »Kritische
+Darstellung der Sozialtheorie Fourier's« von A. L. Churoa,
+Braunschweig 1840; »Organisation der Arbeit« von Franz Stromeyer,
+Bellevue bei Konstanz 1844; »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit
+und Zukunft« von Michael *****, Stuttgart 1846.]
+
+Interessant für die Geschichtsauffassung, welche die Schüler nach
+den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die seitens
+eines Deutschen in dem Buche: »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit
+und Zukunft« von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser
+erläutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, die
+wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anführten und bei dem
+Interesse, das diese Erläuterung nach unserer Auffassung verdient,
+geben wir sie ausführlich wieder. Es heißt da:
+
+»Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation;
+die Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist
+aus dem Gynäceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat
+ihre bürgerlichen Rechte erlangt _Mit der Verleihung der
+bürgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem
+Zustand der Barbarei in die Zivilisation übergegangen_.
+
+»Diese Veränderung im Zustande einer Hälfte des Menschengeschlechts
+giebt den Sitten eine ganz neue Färbung, indem sie dieselben
+verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der Künste und
+Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik begünstigt.
+
+»In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der
+Gesellschaft eine unumschränkte; in der ersten Phase der
+Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbündung
+(Föderation) der großen Vasallen der königlichen Gewalt Schranken
+setzt.
+
+»Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe,
+Künste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mächtig: Die
+_Gemeinden_ erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, freie
+Städte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines willkürlichen
+Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem Staatsoberhaupt
+beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, weil sie sich
+bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte Macht sie
+faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der Zeit, so
+ist es gerade, als wären sie nicht da, und der Feudalismus bleibt
+zum deutlichen Beweise, _daß Verfassungen bloße Chroniken
+vollendeter Thatsachen sind_, daß sie die Geschichte der
+Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich so ausdrücken
+darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen.
+
+»Mit der steigenden Aufklärung der früheren Leibeigenen, mit ihrem
+steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und
+Gewerbefleiße wächst auch ihre Macht in demselben Maße, in welchem
+das Feudal-Element geschwächt wird.
+
+»Die alten Leibeigenen sind Bürger und Volk geworden. Bürger und
+Volk verbünden sich miteinander gegen den Feudalismus, und der Sieg
+ist ihnen gewiß.
+
+»In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von
+steten Stürmen und Umwälzungen bedroht. Die Zähigkeit des
+Feudal-Elements kann das volksthümliche Element zu Gewaltthaten
+treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik
+liegt mit den alten religiösen Anschauungen im Kampfe; die
+Philosophie stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenüber dem
+alten auf.
+
+»Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe
+und des Ackerbaues spielt das _Repräsentativ-System_ der Gewalt
+gegenüber dieselbe Rolle, die früher die großen Vasallen gespielt
+hatten.
+
+»Der Bürger braucht nun den Schutz des Ritters nicht länger: schon
+hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getödtet. Der
+Bürger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz verkündet, und
+so folgen die _Freiheits-Illusionen_ auf die Illusionen des
+Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie in der
+Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die Bedingungen,
+unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch nicht
+erfüllt sind.
+
+»Unterdessen hat die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht, sie hat
+die Schifffahrt, überhaupt erleichterte Verbindungswege, Eisenbahnen,
+Kanäle u.s.w., sowie die Experimental-Chemie in's Leben gerufen,
+und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu Hülfe kommt, zu
+einer höheren Periode aufsteigen, die wir, mit Fourier,
+_Garantismus_ nennen wollen, da sie die Verwirklichung eines
+Systems von Garantien wäre, wovon die jetzige Gesellschaft einige
+bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.«
+
+Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche
+Einheit, die Quarantänen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen etc.
+
+»Mit der Experimental-Chemie tritt die große Industrie in's Leben;
+die kleine Industrie geht in der großen auf. Neue Verfahrungsarten
+verdrängen die alten, eine ganz neue industrielle Welt ist im
+Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden von Arbeitern schießen
+wie Pilze aus dem Boden hervor und versetzen den in altherkömmlicher
+Weise betriebenen Gewerben den Todesstoß.
+
+»Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung
+der Produktion genügen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf,
+diese Verfahrungsarten überall hin zu verbreiten und so die
+Möglichkeit der Erreichung einer höheren gesellschaftlichen Stufe
+anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der Eisenbahnen,
+des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der Verbindungsmittel
+überhaupt.
+
+»Indessen hat die Zivilisation -- als Entwicklungsphase der
+Menschheit betrachtet -- in Folge eines inneren, in ihrem Wesen
+begründeten Zwiespalts die große Industrie nicht in's Leben zu
+rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu
+erzeugen, die unter dem Titel _Entwaldungen und Fiskalanleihen_
+aufgeführt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden
+Phasen sind. In der That fällt auch der Boden im Ganzen genommen
+immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je größer der
+Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird.
+Die Entwaldung der Anhöhen, welche die Ausmergelung der Berge und
+die Entblößung der Abhänge mit sich führt, ist der höchste Ausdruck
+des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur unausbleiblichen Folge
+haben, daß in der Vertheilung der Wasser nach und nach eine
+gänzliche Veränderung eintritt. Werden die Entwaldungen bis zum
+Uebermaß ausgedehnt, so wird am Ende selbst das Klima ernstlich
+Noth leiden: die schroffsten Uebergänge werden nichts
+Ungewöhnliches sein; heute eine afrikanische Hitze, morgen eine
+sibirische Kälte. Die Wissenschaft hat in der Person ihrer
+würdigsten Vertreter angefangen, auf die üblen klimatischen Folgen
+der planlosen Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise,
+_daß die Atmosphäre für den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das
+er durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann_.
+
+»Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem
+Höhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der Völker hat
+gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element hat seine
+letzten Kräfte zusammengerafft, um das neue volksthümliche Element
+zu erdrücken. Daher der lästige Kriegsfuß, daher der fast ebenso
+lästige Friedensfuß. Die edelsten Kräfte der Nation werden in
+soldatischen Spielen vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver
+Ausgaben vergrößern das Uebel fortwährend, bis endlich das
+thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstürzt.«
+
+Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des
+Höhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres
+Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer höheren Stufe
+enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen
+Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die
+Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem
+sie die Ausbildung des _industriellen Feudalismus_ mächtig
+förderten. Ebenso könnten die neugeschaffenen Verbindungswege in
+den Händen von Aktiengesellschaften die Rolle einer Saugpumpe
+spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt der dritten
+Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen könne. Endlich gab die
+Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten von Produkten
+zu fälschen, und der lügnerische Handel gewann so eine Ausdehnung,
+welche die ernstlichsten Besorgnisse einflößen mußte.
+
+Zwar könne die nun beginnende absteigende Periode ein natürlicher
+Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei eine Reihe von
+Klippen und Schändlichkeiten. Unterliege die Zivilisation auf ihrem
+Wege den ihr gegenübertretenden Einflüssen, so falle sie in eine
+niedere Periode zurück, um den alten Kampf von Neuem zu beginnen.
+Glücklicherweise sei das Leben der Menschheit ein vielfaches; falle
+eine Zivilisation, so sei bei den vielen Nationen und mancherlei
+Gesellschaften immer die Hoffnung da, daß eine derselben das Erbe
+der fallenden Gesellschaft übernehme.
+
+Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem
+ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendämmerung und
+Abenddämmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, der
+Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, ohne
+identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der
+Bewegung abgeleiteten Grundsatze ließe sich erwarten, daß die
+Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem
+Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die
+vor unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer
+mathematischen Wahrheit.
+
+»Der steigende Reichthum des Bürgerthums hat den Adels-Feudalismus
+getödtet: Pergamente und Wappen haben aufgehört, die Herrschaft zu
+verleihen, und das Geld ist an ihre Stelle getreten. Wege zum
+Reichthum sind Industrie, Handel und Beamtenstellen. Der
+herrschende Geist wird demnach der _kaufmännische_ und
+_fiskalische_ sein. Er ist in der Tabelle als einfacher Keim der
+dritten Phase bezeichnet, weil er einen neuen Feudalismus, nämlich
+den industriellen, den wir auch Handels- oder Geldfeudalismus
+nennen können, im Keim enthält. Von nun an muß sich Alles dem neuen
+Prinzipe unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der
+Zivilisation werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten
+Phase, sondern die untersten Schichten der Gesellschaft bildenden
+Proletarier sein. Der Hunger und das Elend werden sie faktisch
+denjenigen überantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die
+Werkzeuge der Arbeit in Händen haben.«
+
+»Die große Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und
+Spekulationen macht die kleine, mit mäßigen Geldmitteln betriebene,
+unmöglich. Der große Handel unterdrückt den kleinen, und diese
+Bewegung gestaltet sich immer großartiger, je mehr das Kapital
+durch glückliche Spekulationen oder durch Gründung von
+Aktiengesellschaften sich konzentrirt. In demselben Maße, wie das
+Kapital sich konzentrirt, wächst auch der Pauperismus und das
+Proletariat, und da die großen Kapitalien sich am liebsten in den
+großen Städten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in
+größerem Maßstabe betrieben. Allmälig sammeln sich da Heere von
+Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und somit viel
+schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten Periode. _Diese
+Arbeiter-Heere sind für die Zivilisation das Schwert des Damokles_.
+Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr von inneren Kämpfen
+und Bürgerkriegen bedroht als die zweite. Nur sind die nun
+ausbrechenden Revolutionen nicht länger _politischer_, sondern
+_sozialer_ Natur; die Insurrektion nimmt einen industriellen
+Charakter an.«
+
+»Der Handelsgeist und der mächtige Hebel der Kapitalien-Konzentration,
+welche den großen Kapitalisten das Monopol der Industrie nach und
+nach in die Hände spielt, sind die Elemente des See-Monopols oder
+Großhandels-Monopols, wodurch der Geist und die Bestrebungen der
+ganzen Phase angedeutet werden. Die Politik tritt in die Dienste
+des Monopols und erhält so eine ganz eigentümliche Färbung, bis sie
+endlich nur noch das kaufmännische Element vertritt. Diplomatie,
+Kriege, Kammern, Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich
+verschiedenen Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus
+gebrochenen Zeitgeist zurück. _Alles ist käuflich_; der Durst nach
+Gold hat die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich
+in seiner ganzen Scheußlichkeit.
+
+»Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das »laisser faire laisser
+passer«, erzeugt zugleich den _anarchischen Handel_, der unter dem
+Titel »Gegengewicht« in der Tabelle aufgeführt ist. Da die großen
+Handelsoperationen von dem großen Kapital monopolisirt sind, so
+bleibt dem kleinen Kapital nur noch der Kleinhandel. In Folge des
+herrschenden merkantilischen Geistes wirft er sich auch auf
+denselben mit einer wahren Wuth -- ein Verhältniß, das sich in der
+großen Menge schmarotzerischer Zwischenhändler und Mäkler am Besten
+zu erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser
+Zwischenhändler entbrennt, um so großartiger gestalten sich die
+Betrügereien und Fälschungen jeder Art, wodurch die Gesellschaft
+systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein aber
+verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet noch
+einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also
+ein natürliches Gegengewicht des großen Kapitals. Von dem Tage an,
+wo das große Kapital an den Hauptplätzen große Niederlagen für den
+Detailverkauf gründet, wie dies schon jetzt mancher Orten
+geschieht, von diesem Tage an muß der kleine und mittlere Handel
+das Gewehr strecken. Von dem Tage an wird aber auch die Anarchie im
+Handel und Wandel aufhören, und die Regelung des Handels wird immer
+leichter werden, je deutlicher die Charaktere des industriellen
+Feudalismus hervortreten.
+
+»Wie ließe sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als
+mit dem Ausdruck »_ökonomische Illusionen_«? Die politische
+Oekonomie, ein Erzeugniß des merkantilen Geistes, verhält sich zu
+der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, wie
+die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur
+zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des
+Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf
+dem Wege, den Liberalismus durch die _Politik der materiellen
+Interessen_ zu tödten, eine Politik, die den reinen, uneigennützigen
+Liberalismus bereits in einem ziemlich lächerlichen Lichte
+erscheinen läßt.«
+
+»Der industrielle Feudalismus wäre eine vollendete Thatsache, sobald
+das große Kapital nicht allein die Fabrikation und den Handel,
+sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben würde.
+
+»Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen
+Betrügereien, Bankerotten und Fälschungen nicht allein zur Folge
+haben, daß die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes immer
+kritischer wird, sondern es wird sie auch die öffentliche Stimmung
+nachgerade so energisch verdammen, daß das große Kapital darin eine
+Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel zu absorbiren.
+Und so wird sich dann dieser gewaltsam rückwirkende Geist politisch
+dadurch bethätigen, daß er _Meisterschaften in bestimmter Anzahl_
+und privilegirte Körperschaften in's Leben ruft.
+
+»Die _Leihhäuser_ oder _Leihkassen_ für Landwirthe haben zum Zweck,
+dem bedrängten Ackerbau zu Hülfe zu kommen. Während die Kapitalien
+der Spekulation und den Banken zuströmen, leidet der Ackerbau an
+solchen Noth, so daß er dem Wucher in die Hände fällt. Schlechte
+Ernten, eine schlechte Bewirthschaftung des zerstückelten
+Grundbesitzes und ähnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis
+endlich ein großer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen
+anheimfällt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich
+wieder zusammenfügen; der kleine Besitz wird vom großen
+verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das
+kleine Kapital von dem großen.
+
+»Während alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft
+in einer wahrhaft fürchterlichen Lage. Nichts als Krisen und
+Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein
+unermeßliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die
+frühere _individuelle_ Leibeigenschaft ist eine _kollektive_
+geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu Zeit aus ihren
+Bagnos stürmen und ein Spartakus wird sie führen.
+
+»Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt
+eine eigene Gewalt bilden und so für die vierte Phase das sein, was
+der Feudaladel für die erste war. Und gleichwie die nationale
+Einheit erst dann begründet werden konnte, als das monarchische
+Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zügeln
+und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher
+zum Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das
+industrielle Element zu lenken wissen wird.
+
+»Uebrigens keine Burgen, die zerstört, keine hochmütigen Vasallen,
+die geköpft oder gemeuchelt werden müßten. Die Aufgabe der
+Regierung wird darin bestehen, daß sie die Rolle einer Vermittlerin
+zwischen den einander feindselig gegenüberstehenden Interessen
+übernimmt, daß sie den Waarenaustausch regulirt, die Einheit der
+Maße, Gewichte u.s.w. herstellt, mit einem Wort, daß sie in
+sämmtlichen industriellen und kommerziellen Verhältnissen die
+nöthig gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die
+Zivilisation, wie sie in der Tabelle geschildert worden, schon
+überholt.
+
+»Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die
+_Assoziations-Illusionen_. Wir sagen Illusionen, weil die
+Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft
+zu vermehren, blos das häßliche Zerrbild der _wahren_ Assoziation
+ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt.
+
+»Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, daß die
+aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation
+sich zueinander verhalten, wie die beiden Hälften des Menschenlebens,
+d.h. daß sie in Beziehung auf den Höhepunkt oder die Mittelstufe
+miteinander symmetrisch sind;
+
+daß die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt;
+
+daß die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine
+Verminderung der _persönlichen_ oder _direkten_ Dienstbarkeit zur
+Folge hat, während in der Phase der absteigenden Bewegung die
+_kollektive_ oder _indirekte_ Dienstbarkeit sich befestigt;
+
+daß die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur
+sind, während die der beiden letzten einen _sozialen_ oder
+industriellen Charakter annehmen;
+
+daß das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten Gleichgewichte
+ein unstätes soziales Gleichgewicht begründet;
+
+daß die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas Ritterliches,
+Edles haben, während denen der absteigenden Bewegung nichts als der
+gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; endlich
+
+daß, während der Fortschritt in den beiden ersten Phasen sich nach
+den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, nach
+der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen läßt,
+der Maßstab für den Fortschritt in der absteigenden Bewegung, die
+Auffindung derjenigen Institutionen ist, welche die Zivilisation
+ihrem natürlichen Tode zuführen und so der Gesellschaft die
+Ersteigung einer höheren Bildungsstufe möglich machen.«
+
+Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem
+Untergang der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser
+deutscher Autor darlegt. Bei ihm tritt in schärferem Maße als bei
+Fourier das Gesetzmäßige in der Entwicklung, unbeeinflußt von dem
+Wirken der einzelnen Person, in den Vordergrund. Wir haben es,
+scheint's, mit einem Schüler der Hegel'schen Schule zu thun, der
+die Lehre von den Gegensätzen in der Gesellschaft dialektisch
+auffaßt und behandelt. Fragt man nun nach der praktischen Wirkung
+dieser Anhänger Fourier's in Deutschland und ihrer Bedeutung für
+die Bewegung, so weiß Niemand davon zu melden. Die sozialistischen
+und kommunistischen Ideen, die meist sehr verschwommen im »tollen
+Jahr« in den verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der
+vorgeschritteneren Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen
+nirgends Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und
+Engels nichts die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren
+beeinflußten, waren es wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang
+fanden. Die Mehrzahl der Arbeiter, die sich an der Bewegung
+betheiligten, war von den unklarsten sozialen und politischen Ideen
+beherrscht. Woher sollte die Einsicht in die Arbeiterklasse kommen,
+wenn die höher stehende Klasse, das Bürgerthum, in allen ihren
+öffentlichen Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit
+an den Tag legte. Bot doch auch die damals viel weiter
+vorgeschrittene französische Arbeiterklasse ein keineswegs
+erfreuliches kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in
+Schulen und Sekten, die sich gegenseitig bekämpften. Es war daher
+auch kein Wunder, daß diese in Deutschland eben erst aufkeimende
+soziale Bewegung durch die Reaktion der fünfziger Jahre bis auf die
+Erinnerung ausgetilgt wurde.
+
+Die dann im Laufe der fünfziger Jahre in Deutschland sich
+vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmälig auch eine
+Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgängerin aus den vierziger
+Jahren für ihren Befreiungskampf ausgerüstet war. Und nun zeigten
+sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen
+Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der
+Arbeiterklasse anderer Länder voraus war. Sie erfaßte mit scharfem
+Verständniß die Theorien und Grundanschauungen ihrer großen Lehrer;
+der eigentliche Schulstreit, der die französischen Arbeiter
+Jahrzehnte lang zerklüftete, blieb ihr erspart, und so wuchs die
+Bewegung, begünstigt durch die politische und soziale Umgestaltung
+Deutschlands, so, daß sie heute als die vorgeschrittenste in allen
+Kulturstaaten betrachtet werden darf. Keinem Personenkultus
+huldigend, nimmt sie dankbar die guten Lehren an, welche die großen
+Vorkämpfer und Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend
+einem Lande der Welt hinterließen.
+
+Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung
+eine eminent kosmopolitische. Zunächst innerhalb des nationalen
+Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die
+zahllosen Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung,
+Literatur, Güteraustausch etc. in früher ungeahntem Maßstab dazu
+bei, den Ideenaustausch zu fördern, den Nationalitäten- und
+Racenhaß zu ertödten, die Interessensolidarität immer inniger zu
+verknüpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die Fourier
+befürwortete, rückt ihrer Verwirklichung, wenn auch anders als er
+gedacht, immer näher, und die Zeit wird auch nicht mehr fern sein,
+wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der ganzen Kulturwelt
+eine neue soziale Organisation entsteht, die weder nach Landes-
+noch nach Sprachgrenzen fragt und den Bürger zum Menschen macht.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Skizze eines Phalanx-Gebäudes (»Phlanstère«)
+
+[Abbildung]
+
+Wie das Kreuz der Typus der mittelalterlichen Dome und Kirchen ist,
+so ist die Serie der Typus des Wohn- und Arbeitsgebäudes einer
+Phalanx, d.h. ein Zentrum mit zwei mittleren oder Haupt-Flügeln und
+zwei äußersten oder Neben-Flügeln. Die jeweilige Architektur ist
+immer nur das äußere Abbild der sozialen Verhältnisse, und ein
+Kenner wird immer an der Architektur auf die Gesellschaftsform
+einer Zeitepoche schließen können. -- _Die Gemeinwirthschaft_, in
+welcher Form immer, bedingt natürlich auch ganz andere
+Gebäulichkeiten, als die _Privatwirthschaft_. -- Das Zentrum soll
+diejenigen Räumlichkeiten enthalten, wo die ca. 2000 Personen
+mehrmals des Tages verkehren, wie Speisesäle, Versammlungslokale,
+Bureaux, Bazare, Bibliotheken etc.; die zwei Hauptflügel, welche
+perpendikulär vom Zentrum abzweigen und so den Zentralplatz der
+Phalanx bilden, sowie die zwei äußersten Flügel, welche nach links
+und rechts abbiegen und an der Hauptstraße liegen, würden die
+verschiedenen Werkstätten, die geräuschvollsten am äußersten Ende,
+enthalten. Die Wohnräume würden die oberen Stockwerke des
+Gesammtgebäudes in Anspruch nehmen. -- Gegenüber der Phalanx, dem
+Zentralplatz und der Hauptstraße entlang, kämen die Oekonomie- und
+Maschinengebäude, Ställe etc., welche man hier nicht sieht, zu
+liegen. -- Das Phalanxgebäude ist ca. 2000 Fuß oder 600 Meter lang
+vom äußersten linken zum äußersten rechten Flügelende gemessen. Um
+eine allzugroße Ausdehnung zu vermeiden, ist die Reihe der Gebäude
+doppelt und parallel laufend mit dazwischen liegenden Hofgärten. --
+Eine breite, gedeckte Galerie verbindet im Innern, gegen die
+Hofseite hin, alle Theile des Gebäudes und fungirt als Hauptarterie
+der Zirkulation.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARLES FOURIER ***
+
+***** This file should be named 19596-8.txt or 19596-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/5/9/19596/
+
+Produced by richyfourtytwo, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
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+electronic works
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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+
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
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+
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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