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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:00:31 -0700 |
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Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + +Charles Fourier + + +Sein Leben und seine Theorien. + + +Von + +A. Bebel. + + + + +Stuttgart +Verlag von J. H. W. Diek +1890 + + + + +Vorrede. + +Das achtzehnte Jahrhundert zählt in der Geschichte der Entwicklung +der Menschheit zu jenen Perioden, auf denen der Blick des +Kulturforschers und Fortschrittsfreundes mit besonderem Interesse +ruht. Nach den religiösen, politischen und sozialen Kämpfen des +Reformationszeitalters war, wie das stets nach großen Volks- und +Massenbewegungen zu geschehen pflegt, eine Art Stillstand und +Rückschlag für die Fortentwicklung eingetreten. Die durch die +Reformationsbewegungen zur Geltung gekommenen Stände und Interessen +suchten sich zu konsolidiren und die daraus hervorgehenden +Reibungen führten wieder zu gewaltsamen Kämpfen und Erschütterungen +von mehr oder weniger langer Dauer, die alle übrigen Interessen +absorbirten, den materiellen wie den geistigen Fortschritt der +Massen für lange Zeit hemmten. + +In Deutschland hatte die Reformation dem Landesfürstenthum +Oberwasser verschafft. Die Landesfürsten hatten die Reformation +benutzt, um unter dem Deckmantel der Religion die eigene Hausmacht +nach Möglichkeit zu stärken dadurch, daß sie den kleinen Adel +sich unterthänig und von sich abhängig machten, die Macht der +Geistlichkeit brachen, sich selbst die bischöfliche Gewalt +beilegten, Kloster und Kirchengut konfiszirten und die gewonnene +Macht benutzten, sich immer mehr von der Kaisergewalt zu emanzipiren, +diese zum bloßen Schatten zu degradiren. Aus diesem Interessenkampf +der Fürsten entstanden die sogenannten Religionskriege, der +schmalkaldische und der dreißigjährige Krieg, die Deutschlands +politische Ohnmacht und Zerrissenheit auf Jahrhunderte besiegelten, +seine ökonomische Schwächung -- die schon durch die Umgestaltung +der Weltmarktsbeziehungen in Folge der Entdeckung von Amerika und +des Seewegs nach Ostindien veranlaßt war -- noch vergrößerten und +allgemeine Armuth, schweren geistigen und geistlichen Druck über +Länder und Völker verbreiteten. + +In Frankreich erzeugte die Reformation die Kämpfe der Hugenotten, +d.h. des hugenottisch gesinnten Bürgerthums und die des +frondirenden Adels gegen das frühzeitig sich entwickelnde, alles +zentralisirende absolute Königthum. Nach längeren Kämpfen siegte +das letztere und fand in Ludwig XIV. seinen glänzendsten, aber auch +seinen bedrückendsten und gewaltthätigsten Vertreter. Die inneren +und äußeren Kämpfe Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert hemmten +die freie Entwicklung des materiellen wie geistigen Fortschritts. +Bürgerthum und Adel gegenseitig feindlich, das Land nach außen, +namentlich unter dem erwähnten Ludwig, von einem Krieg in den +anderen gestürzt, war schließlich erschöpft und verarmt. Solche +Zeitalter sind nicht geeignet, große Ideen zu gebären, für geistige +Kämpfe die Bahn frei zu machen. Dagegen zeigte das achtzehnte +Jahrhundert in Frankreich ein ganz anderes Bild. Frankreich bildete +für dieses Zeitalter die Wiege des menschlichen Fortschritts auf +allen Gebieten; hier entwickelte sich allmälig eine Fülle von +geistigem Glanz und Leben, wie sie bis dahin kein Volk und kein +Zeitalter in gleichem Maße erlebte. Die Menschen wuchsen sozusagen +über sich selbst hinaus und setzten alle Geister und Herzen in der +ganzen Kulturwelt in Bewegung. Frankreich mag viel gesündigt haben, +die Dienste, die es während des achtzehnten Jahrhunderts der +Menschheit leistete, werden ihm, so lange Menschen leben, +unvergessen bleiben. + +Die Fortschritte begannen unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XIV., +dessen Gewalt mit eisernem Drucke auf dem Lande gelastet, alle +freie bürgerliche Regung erdrückt, alle freie geistige Bewegung +erstickt hatte. Das Land stand nach seinem Tode am Rande des +materiellen und geistigen Bankerotts. Allmälig erholte sich das +Volk und arbeitete sich, wenigstens in den Städten, wo die feudale +Macht des Adels und der Geistlichkeit am wenigsten sich fühlbar +machen konnte, empor. Die Männer von Bildung und Geist, die nach +der Entwicklung und Entfaltung der Kräfte des Landes strebten, +eilten nach jenseits des Kanals, nach England, um dort, an den +Quellen des öffentlichen Lebens, die Studien zu machen, zu denen +ihnen im eigenen Lande die Gelegenheit und die Möglichkeit fehlte. +Zurückgekehrt nach der Heimath, begannen sie die Arbeit, die +langsam aber sicher den stolzen Bau des absoluten Staats und der +feudalen Gesellschaft untergrub und unterhöhlte, bis zu Ende des +Jahrhunderts in einem Riesenzusammenbruch Beides, Staat und +Gesellschaft, zusammenstürzten, und durch ihren Fall ganz Europa +aus den Fugen trieben. + +Das Königthum gerieth nach Ludwig XIV. in die Hände von +Schwächlingen, die Geistlichkeit und der Adel waren verlottert und +verweichlicht; eine Minorität unter den beiden Ständen war geneigt, +angeekelt von dem Treiben der eigenen Klasse und den Zuständen um +sich, neuen Ideen sich zugänglich zu erweisen und spielte mit dem +Feuer, dessen Gefährlichkeit sie nicht kannte. So erklärt sich, daß +die Männer der neuen Zeit mit ihren alles Alte angreifenden und +erschütternden Ideen vielfach gerade dort einen bereiten Boden +fanden, wo man ihn am wenigsten hätte erwarten sollen. Aber es +hatte sich auch des Bürgerthums ein Drang nach Wissen und Bildung, +nach politischen Rechten, ein Geist der Unzufriedenheit über das +Bestehende bemächtigt, wodurch die Bewegung schließlich zum Alles +niederreißenden Strom anschwoll. + +Das Bürgerthum, politisch so gut wie rechtlos und machtlos, die +Vertretung seiner Magistrate in den alten ständischen Parlamenten +mißachtet, mit Abgaben unangenehmster Art beschwert, durch Zunft-, +Bann- und Höferechte in seiner materiellen Entwicklung behindert, +von Adel und Geistlichkeit geringschätzig und verächtlich +behandelt, aller persönlichen Rechte und der Garantien persönlicher +Freiheit beraubt, sehend, wie die ungerecht vertheilten und +gewaltsam beigetriebenen Steuern und Abgaben von einem in der +Liederlichkeit verfaulenden Hof verschlemmt und verpraßt wurden, +erfaßte mit Gier die neuen Ideen, welche die Rechtmäßigkeit der +feudalen Vorrechte angriffen, die religiösen Vorurtheile, unter +deren Druck es litt, in Zweifel zogen, die allgemeine Freiheit und +Rechtsgleichheit lehrten. Der neue Staat und die neue Gesellschaft +wurden in den verführerischsten Farben dargestellt, politische +Macht, Reichthum, geistige Freiheit und Gleichheit Allen in +Aussicht gestellt. + +Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit +entwickelten, daß ein großer Theil der Betheiligten und +Interessirten von Unzufriedenheit und Mißstimmung gegen das +Bestehende und von Sehnsucht nach besseren Zuständen erfüllt ist, +so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten können, +was immer für Mittel und Praktiken in Anwendung kommen, ihn zu +erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der Masse nach +Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer Lage zunächst +nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in dem thatsächlichen +Zustand der Verhältnisse seine Begründung und seine Berechtigung +findet. Mag diese Masse sich über den Weg wie über die Mittel, +durch die ihr geholfen werden könnte, noch so unklar sein, der +Moment kommt, wo sie mit elementarer Macht, _instinktiv stets +richtig_, nach dem bestimmten Ziele drängt und die bewußten und +wissenden Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mundstück +und zu ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen +und nach Lage der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten. Die +Führer sind unter solchen Umständen stets Werkzeuge, nicht Macher, +und sie werden bei Seite geworfen, sobald sie sich zu Machern +aufwerfen, die Bewegung für sich und nach eigenem Gutdünken, statt +im Interesse der Betheiligten zu benutzen suchen. Die rasche +Abwirthschaftung der Führer in akut gewordenen Volksbewegungen hat +in diesem Geheimniß ihren Grund, sie wollen Allesmacher sein, wo +sie nur Werkzeuge sein sollen und können. Da man sich hüben wie +drüben dieses Verhältnisses selten bewußt ist, schreien die Einen +über Verrath, die Andern über Undankbarkeit der Masse; das Erstere +ist selten wahr, das Letztere zu behaupten stets eine Narrheit, ein +Verlangen, das nur Diejenigen stellen können, die sich über die +Natur ihrer Stellung nie klar waren, Schieber zu sein glaubten, wo +sie nur Geschobene sein konnten. + +Jeder großen Umgestaltung in der Gesellschaft geht zunächst eine +Periode der Gährung voraus, eine Periode, die, je nach dem Stande +der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der +betheiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht der +widerstrebenden Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit dauert, +ehe die Bewegung zum offenen Ausbruch kommt und ihr Ziel in irgend +einer Form, das wieder von dem mathematischen Kraftverhältniß der +gegeneinander wirkenden Faktoren abhängt, erreicht. Geht eine +Bewegung über ihr Ziel hinaus, d.h. erreicht sie mehr, als sie, in +sich selbst zur Ruhe gekommen, im Interesse der nun in der Macht +befindlichen Gewalten, die nunmehr den Schwerpunkt bilden, um den +Alles gravitirt, erreichen _soll_ und, setzen wir hinzu, erreichen +_darf_, so folgen die Rückschläge. Mit andern Worten, eine ihrem +inneren Wesen nach selbst wieder auf Klassenherrschaft abzielende +Bewegung darf nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der +maßgebenden Interessirten findet. + +Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in +Wahrheit wurde die Bewegung stets auf ihren _natürlichen_ Schwer- +und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber hinaus ging. Dieser +Zustand ist aber stets, auch wenn er durch eine gegen die weiter +vorwärts drängenden Elemente gerichtete gewaltsame Reaktion +herbeigeführt wurde, dem Zustande, der _vor_ der Bewegung bestand, +weit voraus. Man hört z.B. so häufig die Bemerkung machen, daß die +bürgerliche Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an +der Macht der Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr. +Die Bewegung hat erreicht, was sie nach ihrem _wahren innern +Gehalt_ erreichen konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange +mit einander, bis sie auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu +verständigen vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkeit des +Alten aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vornherein +war ein großer Theil der anfangs revolutionären Kräfte, die das +behäbige Bürgerthum umfaßten, entschlossen, über eine gewisse +Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkt angekommen, trennten +sich diese Kräfte von den weiter drängenden Elementen. Dadurch +verlor die Bewegung einen Theil ihrer Kraft, sie war ohnmächtig, +weiter zu gehen. Und wie immer nach 1849 die Reaktion in +Deutschland hauste, das, was thatsächlich jetzt bestand, ging weit +über das hinaus, was vor 1848 bestanden hatte. Die neuen Ideen +hatten trotz alledem gesiegt und Alles, was seitdem in Deutschland +geschah, ist nur durch diesen Sieg im »tollen Jahr« möglich +geworden. + +Rückschläge werden nun nothwendig in jeder Bewegung kommen, die +selbst wieder auf Klassenherrschaft, wenn auch sich selbst +unbewußt, hinausläuft. Ein solcher Rückschlag kann erst dann +unterbleiben, wenn eine Bewegung siegt, die in ihrem Wesen und +Prinzip die Aufhebung _aller_ Klassenherrschaft _bedingt_ und daher +_alle_ Formen sozialer und politischer Herrschaft _aufheben muß_. + +Bisher waren alle Bewegungen, die ihr Ziel erreichten, Bewegungen der +ersteren Art, und so begreift sich von vornherein, daß auch _die_ +Bewegung, die gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich +begann und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts zur Entscheidung +kam, diesem Schicksal aller bisherigen großen Volksbewegungen nicht +entgehen konnte. Ihr Charakter als Klassenbewegung des Bürgerthums, +ihr Ziel, die Herrschaft desselben zu begründen, zwang sie +schließlich, sich gegen die revolutionäreren Elemente in ihrer +eignen Mitte zu richten, und, da man innerhalb der Bewegungselemente +und nachdem die Bewegung absolut gesiegt hatte, weder hüben noch +drüben diesen inneren Widerspruch, in dem man sich zu einander +befand, begriff, mußte man sich gegenseitig bis zur Vernichtung +bekämpfen und im Blute ersticken. Die Interessen des Großbürgerthums +mußten, weil sie die entscheidenden waren, die Oberhand behalten, +aber aus Furcht vor neuen inneren Gegensätzen und Kämpfen warf sich +dieses der Militärdiktatur des Konsulats und des Kaiserreichs in +die Arme, um sich, d.h. _die neue Gesellschaft_, zur Ruhe und zum +Genuß des Errungenen kommen zu lassen. + +Der Kampf gegen das alte System richtete sich in Frankreich gegen +alle bisherigen Grundlagen der alten Gesellschaft, gegen die Kirche, +den Adel, die absolute Staatsgewalt, gegen die Besteuerungs-, die +Eigenthumsformen, das Erziehungssystem, die sozialen Einrichtungen. +Nichts blieb im Laufe der Jahrzehnte, die dieser zunächst rein +literarische Kampf währte, unangetastet. Die Angriffe wurden immer +kühner. Ganz neue Staats- und Gesellschaftssysteme (Condorcet, +Morelli, Mably, Rousseau) tauchten auf und erklärten dem +Bestehenden den Krieg; ebenso wurden fast alle Zweige der +Naturwissenschaften und insbesondere auch die Philosophie in der +radikalsten Weise behandelt. Die Verfolgungen, welche die +Staatsgewalt und die Kirche gegen diese Feinde der alten Ordnung +in Szene setzten, hatten so gut wie keine Wirkung, sie gossen nur +Oel in's Feuer. Jahrelange Gefängnißstrafen, Verbannungen, +Degradirungen, Ausweisungen gegen die Verfasser, Verbrennung +ihrer Bücher und Schriften, Verbote gegen ihre Verbreitung, +gesellschaftliche Aechtung der Autoren, Alles half nichts. Die +Bewegung schwoll von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr an, sie +ergriff Alles, was Kenntnisse und Intelligenz besaß, sie erfaßte +sogar die Frauen und wuchs so, daß die Gewaltmittel des Staates +versiegten und dieser wie die Kirche von einer Position in die +andere zurück gedrängt wurden. Im vorletzten Jahrzehnt vor der +Revolution gab es in Frankreich keinen Schriftsteller von einiger +Bedeutung, der nicht im Gefängniß gesessen oder Verbannung +erlitten, oder dessen Werke nicht verboten oder öffentlicht +verbrannt worden, oder der nicht in irgend sonst einer Weise +verfolgt, drangsalirt und geschädigt worden war. Voltaire, +Montesquieu, Rousseau, Beaumarchais, Diderot, d'Alembert, La +Mettrie, La Harpe, Marmontel, Morellet, Buffon, Linguet und viele, +viele Andere verfielen der Verfolgung. Wenn Holbach und Helvetius, +Turgot, Quesnay, Necker, Condillac, Laylain, Cuvier, Lavoisiers, +Bichot, Mirabeau der Aeltere solchen Verfolgungen entgingen, +geschah es, daß sie, wie die beiden Erstgenannten, anonym +schrieben, oder daß sie zu einer Zeit schrieben, wo das System, von +der Nutzlosigkeit der Verfolgungen betroffen, ermüdet war, oder daß +sie wissenschaftliche Thematas behandelten, die dasselbe nicht +direkt berührten. Und auch in letzterer Beziehung ging das +Mißtrauen sehr weit; so mußte Buffon, als er 1751 seine +Naturgeschichte veröffentlichte, der Pariser theologischen Fakultät +ausdrücklich versprechen, daß Alles, was er in seinem Buche lehre, +mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht in Widerspruch stehe. +Die Enzyklopädie der d'Alembert, Diderot und Genossen aber wurde +mit der Motivirung verboten, »daß sie Grundsätze enthalte, welche +darauf hinzielten, den Geist der Unabhängigkeit und Empörung zu +wecken und unter dunkeln und zweideutigen Ausdrücken den Grund zum +Irrthum, zur Sittenverderbniß und zum Unglauben zu legen.« Doch +alle diese Maßnahmen retteten das System nicht. + +Die Bewegung hatte endlich ihren Höhepunkt erreicht, die +Gesellschaft wollte statt der Theorien Thaten sehen. Der Hof suchte +durch halbe Konzessionen und kleinliche Maßregeln, die das +Gegentheil erzeugten von dem, was sie bezweckten, dem Drängen +nachzugeben. Der Sturm brach endlich los. Wir beschreiben nicht die +französische Revolution, wir skizziren sie nur kurz, weil dies für +unsern Zweck genügt. Die Nationalversammlung, anfangs den Bestand +des Königthums als selbstverständlich ansehend, wurde im Laufe der +Ereignisse über sich selbst hinaus getrieben. War die Konstituante +noch königlich, der Konvent wurde republikanisch. Die zunehmende +Noth der Massen, Mangel an Lebensmitteln, Mangel an Arbeit, Wucher, +Mißtrauen gegen Oben schürten den Brand. Die royalistischen und +pfäffischen Intriguen im In- und Ausland, die Alles beunruhigten, +weil sie alles Gewonnene in Frage zu stellen schienen, verstärkten +die schon vorhandene heftige Aufregung. Der Fluchtversuch des +Königs, seine ganze zweideutige Haltung steigerten das Mißtrauen +und den Haß gegen ihn und die alten Stände. Der Zustand der +Staatsmaschinerie, die durch die Ereignisse in Unordnung gebracht, +durch die Aufhebung der alten drückenden Steuerlasten und Abgaben +der Mittel zur Funktionirung beraubt war, zwang zur Ausgabe von +Massen Papiergeld (Assignaten), die als Zahlungsanweisungen auf die +konfiszirten Kirchengüter und später auch auf die konfiszirten +Güter der emigrirten Adeligen ausgegeben wurden. Aber da in dem +allgemeinen Tohuwabohu der Verkauf dieser Güter sehr langsam vor +sich ging und die Staatsbedürfnisse in's Riesenmäßige stiegen, als +das Land gezwungen wurde, nach dem Sturz des Königthums und der +Enthauptung des Trägers der Krone, gegen das ganze zivilisirte +monarchische Europa Krieg zu führen, fielen die Assignaten sehr +bedeutend im Werth. Ende 1790 schon 1200 Millionen betragend, +stiegen sie im Laufe der Jahre auf 8, dann auf 12, endlich auf 24 +Milliarden. Ihre Vermehrung steigerte ihre Werthlosigkeit, die +schließlich nur noch ein Hundertstel und weniger ihres Nennwerthes +betrug, und dies erzeugte eine vollständige Revolution aller +Preise. Zu den Kämpfen nach Außen kamen gewaltige Kämpfe im Innern. +Adel und Geistlichkeit intriguirten und konspirirten in +hunderterlei Formen, um wieder zur Herrschaft zu kommen. England, +das unter dem Ministerium Pitt die inneren Kämpfe Frankreichs +vortrefflich ausnutzte, um seine See- und Kolonialmacht auf Kosten +Frankreichs zur allbeherrschenden zu machen, das jetzt Rache nahm +für die Hülfe, die Frankreich anderthalb Jahrzehnte zuvor der +Unabhängigkeitsmachung der Vereinigten Staaten von England +geliehen, dieses England sandte geheime Agenten über geheime +Agenten, die mit Geld reichlich ausgestattet den inneren Kampf +schüren mußten. Im Westen des Reiches erhob sich, ebenfalls von +England unterstützt, die streng konservativ und kirchlich +gebliebene Bevölkerung der Vendee und Bretagne, im Süden erhoben +sich die theils royalistisch, theils girondistisch gesinnten +Städte, vor allem Lyon, dessen Luxusindustrie unter all diesen +Ereignissen außerordentlich litt. Im Konvent brach nach dem Sturz +des Königthums der Kampf der verschiedenen bürgerlichen Parteien +unter sich aus. Die kleinbürgerlichen Massen, hauptsächlich in den +Klubs und speziell in dem Jakobinerklub organisirt, nahmen +thatsächlich die Leitung der Ereignisse in die Hand und drängten +den Konvent von Handlung zu Handlung. Vergebens suchten die +Vertreter der eigentlichen Bourgeoisie, die Girondisten, zu +widerstehen, sie unterlagen und endeten durch Ausstoßung oder auf +dem Schaffot. + +Die Schreckensherrschaft begann. Das in seinen tiefsten Tiefen +aufgeregte Volk, im Inneren von den royalistischen Verschwörungen +bedroht, an den Landesgrenzen die europäischen Heere erblickend, +welche drohten als Hersteller des Alten das ganze Land zu +überziehen, von Arbeits- und Verdienstlosigkeit heimgesucht, vom +Hunger gepeinigt, rapide Entwerthung des Geldes, rapide Verteuerung +der Lebensmittel sehend, ohne sich all dies genügend erklären zu +können, gerieth in Raserei. Die Gewaltszenen häuften sich und das +Blut der Feinde der Republik und Derer, die man als Feinde des +Volks ansah, floß in Strömen. Um der zunehmenden Verzweiflung der +Massen zu steuern, war der Konvent gezwungen, das sog. Maximum +einzuführen, d.h. den Preis festzustellen, zu dem die nothwendigsten +Lebensmittel abgegeben werden mußten; und als 1794 abermals eine +Hungersnoth drohte, weil die Verkäufer der Lebensmittel allerorts +mit ihren Waaren zurückhielten, mußte er sogar die Rationirung des +Brotes für die pariser Bevölkerung einführen. Aber da alle diese +Maßregeln den ersehnten Zustand nicht herbeiführen wollten, +Arbeitslosigkeit, Wucher, Geldentwerthung, Beunruhigung fortdauerten, +die schönste Verfassung, welche die Welt gesehen, mit all ihren +Freiheiten und Rechten, weder die Freiheit, noch die Gleichheit, +noch die Brüderlichkeit begründete, der ganze Zustand immer wirrer +aber auch unfaßbarer wurde und Keiner die Lösung des Räthsels fand, +_was war natürlicher, als daß man die Personen verantwortlich_ +machte _für die Dinge, deren Natur man nicht begreifen konnte_! +Eine Partei klagte die andere an, suchte sie als die Ursache des +allgemeinen Unglücks zu vernichten. Die Royalisten waren in +Schaaren geopfert, proskribirt, eingekerkert, flüchtig, die +Girondisten waren vernichtet. Jetzt traf die Reihe die Dantonisten, +ihnen folgten die Hebertisten, schließlich kamen die, welche alle +Andern geopfert, die Terroristen, die Robespierrianer selbst an die +Reihe. Diese »Tugendhaften« hatten die Republik und das allgemeine +Wohl nicht retten können; die ihnen jetzt in der Herrschaft +folgten, die Männer der richtigen Mitte, des ehemaligen Sumpfes im +Konvent, die Schlauberger, die es mit allen Parteien gehalten, um +es mit keiner zu verderben, die keine Ideale und keine Leidenschaften +besaßen, retteten auch weder die Republik, noch begründeten sie das +allgemeine Wohl. An Beiden lag ihnen herzlich wenig, aber sie +thaten etwas Besseres, sie retteten sich und das Wohl ihrer Klasse, +und dies war schließlich das »allgemeine Wohl«. + +In allen Kämpfen und Wirrnissen der Revolution, als die +Leidenschaften den höchsten Grad erreichten, andererseits die +Begeisterung erglühte, die glänzendsten Gedanken, die bis dahin nur +menschliche Hirne erfassen konnten, in Worte und Thaten sich +umsetzten, gab es ein geheimnißvolles Etwas, das wie der Geist über +den Wassern schwebte, mit dämonischer Kaltblütigkeit in alle Pläne +und Projekte eingriff, sie förderte oder zerstörte, wie es seinem +Interesse entsprach, dabei Allen sichtbar und doch unfaßbar war, +diese Macht war -- _das Kapital_. Das Kapital hatte unter all den +Ruinen und Zerstörungen, welche die Revolution geschaffen, allein +die Beute eingeheimst und schließlich den Sieg davon getragen. Das +Kapital hatte aus allen inneren und äußeren Verlegenheiten des +Königthums und der Republik den alleinigen Nutzen gezogen; es hatte +die Güterkonfiskationen, die Assignatenwirthschaft, das Maximum, +die Rationirungen, die Feldzüge mit ihren Waffen-, Bekleidungs- und +Lebensmittellieferungen, die Waareneinfuhrsperre gegen England, +kurz alle und jede Maßregel, welche die Konstituante, dann der +Konvent, dann der Wohlfahrtsausschuß, jetzt das Direktorium im +Interesse des Landes vollzogen, in seinem Nutzen auszubeuten und +auszuschlachten gewußt. Mitten unter den Blutszenen der Revolution +saß es bei der Ernte und berechnete kaltblütig die Profite, die ihm +diese oder jene Maßregel der Gewalthaber abwerfen werde. Ueberall +seine Agenten habend, in den Klubs, im Konvent, im Wohlfahrts- und +im Sicherheitsausschuß, unter den Konventsdelegationen in den +Provinzen, in der Leitung und Verwaltung der Armeen, in den +Zivilverwaltungen der eroberten Staaten, Städte und Provinzen, +machte es ungeheuere Gewinne. Es feierte Orgien wie nie zuvor und +kaum je nachher. Die großen Vermögen wuchsen wie Pilze aus dem +Boden, der Spekulations- und der Handelsgeist griff immer weiter um +sich und beherrschte das ganze öffentliche und private Leben, alle +Beziehungen der Menschen. Die Lehren eines Adam Smith fanden ganz +spontan, aus der Natur der Dinge heraus, ihre Anerkennung und ihre +Verwirklichung, und es kamen die Lobredner der neuen Ordnung, wie +sie immer sich finden, sobald eine neue Macht im Besitz der Gewalt +und dadurch im Recht ist, und streuten den Weihrauch und priesen +die neue Welt als die beste aller Welten. + +Und da man während der Revolution, wie es die »tugendhaften« Lehren +eines Rousseau vorschrieben, äußerlich sehr einfach, sehr sparsam +und sehr »tugendhaft« gelebt hatte, so brach jetzt die lange +künstlich zurückgehaltene Genußsucht mit aller Gewalt hervor und +überschritt alle Schranken. Man praßte und schwelgte und fröhnte +exzentrisch der Liebe, wie es das »ancien regime« unter Ludwig XV, +dem Vielgeliebten, und der Hof von Versailles kaum toller getrieben +hatten. Die Masse aber war wieder in's alte Joch gespannt, ihre +Söhne schlugen mit Begeisterung in aller Herren Länder die +Schlachten und der freie Bauer und Bürger des beginnenden 19. +Jahrhunderts sorgten neben der Blut- für die Geldsteuer, welche die +neue bürgerlich-zäsarische Herrlichkeit unter dem »glorreichen« +Szepter Napoleon's I. ihnen auferlegte. + + * * * * * + +Unsere Vorrede ist etwas lang geworden, aber sie war nicht +überflüssig zum Verständniß der Aussprüche und Theorien des Mannes, +dessen Leben und Lehren diese Abhandlung gewidmet ist. Das Streben +und der Ideengang eines Menschen von Bedeutung wird ja nur dann +verständlich, wenn man die Zeitverhältnisse kennt, unter denen er +geboren, und die auf seine Entwicklung, also auch auf seinen +Ideengang eingewirkt haben. Wie weit ein Mensch auch über seine +Zeit hinaus denken mag, loszulösen von ihr vermag er sich nicht, er +wird von ihr beeinflußt und beherrscht, und so werden seine +weitgehendsten Gedanken stets den Stempel des Zeitalters tragen, in +dem er lebte und wirkte. Das ist schon oft gesagt worden, es kann +aber nicht oft genug wiederholt werden, weil jeden Tag noch in der +Beurtheilung des Wirkens von Persönlichkeiten gegen diese +Auffassung gesündigt wird. + +François Marie Charles _Fourier_ wurde den 7. Februar 1772 zu +Besançon als Sohn eines wohlhabenden Großhändlers geboren. Der +Vater genoß in seiner Heimath eines ziemlichen Ansehens, er wurde +1776 zum Handelsrichter gewählt. Charles (Karl) war das vierte +Kind seiner Eltern, die drei älteren Geschwister waren Mädchen. +Der Vater, der 1781 starb, hinterließ ein Vermögen von +zweihunderttausend Livres, wovon laut Testament der Sohn zwei +Fünftel, also 80.000 Livres, erbte. + +Fourier liebte es nie, über seine persönlichen Verhältnisse zu +sprechen; geschah es dennoch, so nur, um eine seiner Theorien in +dieser oder jener Weise damit zu unterstützen. Seine Schüler und +selbst seine intimsten Freunde erfuhren erst nach seinem Tode, daß +er in der Belagerung von Lyon, 1793, durch die Konventstruppen das +ziemlich beträchtliche väterliche Vermögen vollständig eingebüßt +hatte. + +Stoiker ohne Ziererei und Künstelei, sprach er nie von der ersten +Ursache, die ihm ein Leben voll Entbehrungen und Einschränkungen +auferlegte. + +Fourier zeigte von frühester Jugend einen entschiedenen Willen, +eine unerschütterliche Rechtschaffenheit. Als einziger Sohn vom +Vater für den Handel bestimmt, erzählt er selbst in einem seiner +Werke, wie er frühzeitig gegen denselben eingenommen wurde. Da +diese Stelle für den ganzen Mann charakteristisch ist, geben wir +sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man muß den Handel als +ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre ab im +kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in diesem +Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit kennen +gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, nie +zu lügen, dann führte man ihn in den Laden, um ihn frühzeitig in +dem edlen Handwerk der Lüge oder der Kunst, wie man verkauft, zu +üben. Betroffen über die Betrügereien und Schwindeleien, habe er +Käufer, die betrogen werden sollten, bei Seite genommen und ihnen +den Betrug entdeckt. Einer von diesen sei unanständig genug +gewesen, ihn zu verrathen, was ihm eine Tracht Prügel einbrachte, +und im Tone des Vorwurfs hätten seine Eltern erklärt: der Junge +wird nie für den Handel taugen. In der That, er habe eine tiefe +Abneigung gegen ihn empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen +Eid gegen den Handel geschworen, wie ihn ähnlich Hannibal, neun +Jahre alt, gegen Rom schwur: »Ich schwöre ewigen Haß dem Handel.« + +Fourier's Haß gegen Ungerechtigkeit veranlaßte, daß er schon als +Knabe sich stets der schwachen unter seinen Gespielen gegen die +stärkeren annahm, und obgleich er mehr schwächlich als robust war, +fürchteten ihn die stärkeren und älteren seiner Gespielen. Dabei +war er ein harter Kopf, aber ein vortrefflicher Kamerad und voll +Zuneigung. Auch lernte er mit außerordentlicher Leichtigkeit und +gewann mehrfach die ersten Preise, namentlich in lateinischer +Poesie. Aelter geworden, wollte er nach Paris, um dort namentlich +Logik und Physik zu studiren, aber ein Freund der Mutter, der um +Rath gefragt wurde, rieth ab, ihn den Gefahren der Großstadt +auszusetzen, auch seien die erwähnten Wissenschaften einem Kaufmann +nicht vonnöthen; er setzte allerdings hinzu, er glaube, daß ihr +Sohn am Handel keinen Geschmack habe und rieth, ihn nicht wider +seinen Willen zu zwingen. Das Letztere geschah aber dennoch. +Fourier sollte zunächst nach Lyon zu einem Bankier kommen, aber an +dessen Thüre desertirte er, erklärend, daß er niemals Kaufmann +werden wolle. Darauf kam er nach Rouen, wo er ein zweites Mal +auskniff. Schließlich beugte er sich unter das Joch und trat in +Lyon in die Lehre, und so habe er, wie er selbst sagt, die +schönsten Jahre seines Lebens in den Werkstätten der Lüge +zugebracht, überall und stets die Wahrsagung hörend: »Ein +rechtschaffener junger Mann, aber er taugt nicht für den Handel.« + +Besondere Neigung besaß Fourier für die Geographie, und so +verwandte er sein Taschengeld hauptsächlich für die Anschaffung von +Karten und Atlanten; nächstdem liebte er außerordentlich die +Blumenzucht und kultivirte solche in vielen Arten und Abarten; +ferner hatte er großen Hang zur Musik und lernte mehrere +Instrumente, und zwar ohne Lehrer, spielen. + +Ein hübscher Zug ist aus seinen Schuljahren bekannt geworden. +Obgleich er kein starker Esser war, nahm er täglich ein tüchtiges +Stück Brot mit kaltem Fleisch belegt, zur Schule mit. Als er sich +eines Tages auf einer kleinen Reise befand, stellt sich ein armer +Knabe im Laden ein, und frug, ob der kleine Herr krank sei. Als man +dies verneinte und ihm mittheilte, er sei verreist, brach der +Kleine in Weinen aus. Nach der Ursache befragt, antwortete er: daß +er nunmehr sein Frühstück verloren habe, das ihm der junge Herr +täglich gebracht habe. Er wurde getröstet und wurde ihm für Ersatz +gesorgt. + +Fourier machte, bevor er sich dem Wunsche seiner Mutter, Kaufmann +zu werden, fügte, noch einen Versuch, in die Militair-Ingenieurschule +zu Mézieres aufgenommen zu werden, aber wegen seiner bürgerlichen +Abkunft wurde er zurückgewiesen, worüber er sich in späteren Jahren +selbst beglückwünschte, weil er sonst von seinen Studien über den +sozialen Mechanismus würde abgezogen worden sein. So entscheidet +das spätere Schicksal der Menschen meist der Zufall, und da spricht +man beständig von den persönlichen Verdiensten. Wie viel bedeutende +Männer hatten, als sie eine gewünschte Laufbahn verfehlten, eine +Ahnung, daß gerade in diesem _Verfehlen_ die erste Ursache zu ihrer +künftigen Berühmtheit lag? -- + +Nachdem Fourier seine Lehrzeit in Lyon absolvirt hatte, kam er, +1790 auf einer Reise nach Rouen begriffen, um dort eine Stellung +als Reisender anzunehmen, ein Posten, der zu jener Zeit ein ganz +besonderes Vertrauen voraussetzte, zum ersten Mal auf einige Zeit +nach Paris, das ihm sehr gefiel. Mit Hülfe der Zuschüsse, die er +aus seinem Vermögen besaß, besuchte er allmälig die meisten Städte +Frankreichs, bereiste Deutschland, Holland und Belgien, überall +sorgfältig beobachtend und studirend. Von den Deutschen empfing er +eine sehr günstige Meinung, er nannte sie das unterrichtetste und +vernünftigste Volk. Besonders imponirten ihm die vielen deutschen +Städte, die Sitze von Kunstanstalten, Universitäten und höheren +Bildungsanstalten waren -- die gute Seite und Wirkung der deutschen +Kleinstaaterei. Er beklagte später tief, daß für Frankreich Alles +in Paris konzentrirt wäre, und in Folge dessen alle übrigen Städte +Frankreichs langweilige, monotone und versimpelte Orte seien, in +denen jeder höhere geistige Flug fehle. Auf allen diesen Reisen +studirte Fourier das Klima der verschiedenen Gegenden, ihre +Bodenbeschaffenheit, die Gewerbe, die Bauart der Städte und Straßen +und nicht zuletzt den Charakter der Bewohner. Es gab in keiner +größeren Stadt, die er besucht hatte, ein hervorragendes Gebäude, +dessen Architektur und Dimensionen er nicht genau kannte. Nur für +die Sprachen hatte er wenig Sinn, daher auch sein Verlangen in +seinem Hauptwerk, das schon im Titel seine Auffassung ausdrückt. +»Theorie der universellen Einheit«, daß die Vielsprachigkeit eine +der schlimmsten Fehler des Menschengeschlechts sei, und die +Schaffung einer Weltsprache, wofür er die französische am +geeignetsten hielt, eine der ersten Aufgaben einer neuen sozialen +Ordnung der Dinge sein müsse. Den Deutschen machte er zum Vorwurf, +daß sie mit Hartnäckigkeit an ihrer besonderen Schriftsprache +festhielten, die doch andere germanische Völker, wie die Engländer +und die Holländer, längst aufgegeben hätten. Bekanntlich ist heute, +nach mehr als siebenzig Jahren, diese Frage in Deutschland noch +kontrovers, wenn auch für wissenschaftliche Werke im Sinne +Fourier's entschieden. + +Da Fourier durch sein Geschäft über Tag stets vollständig in +Anspruch genommen war, benützte er, und namentlich dann, nachdem er +sein Vermögen verloren und auf das Einkommen aus seiner +kaufmännischen Stellung allein angewiesen war, die Nächte, um sich +weiter zu bilden. Er befaßte sich hauptsächlich mit Anatomie, +Physik, Chemie, Astronomie und Naturgeschichte. Sein Haß gegen den +Handel steigerte sich mit den Jahren, je genauer er das Treiben in +demselben kennen lernte, immer mehr und spornte ihn zu seinen +sozialen Studien an. Namentlich machte es einen tiefen Eindruck auf +ihn, als er 1799 in einer Stellung in Marseille seitens seines +Chefs den Befehl erhielt, eine Schiffsladung Reis in's Meer zu +versenken, damit die Waare im Preise steige. + +Mit dem Gang der Revolution konnte er sich nicht befreunden. + +Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch +gewonnen, dahingegen hatte die Klasse, die er auf's Tiefste haßte. +die handeltreibende Klasse, am meisten profitirt. Und daß die +Schriftsteller und Verherrlicher der neuen Ordnung der Dinge das +Lob des Handels in allen Tonarten priesen, die Handelsfreiheit als +das Ei des Columbus rühmten, als die Einrichtung, aus welcher die +allgemeine Wohlfahrt und das allgemeine Glück ersprießen werde, +erbitterte ihn noch mehr. Auch war seine Abneigung gegen jede +Gewaltthätigkeit, mochte sie von welcher Seite immer kommen, so +ausgeprägt, daß er sich nie mit den Gewaltakten der Revolution, +deren Nothwendigkeit er nicht einsehen konnte, zu befreunden +vermochte, und namentlich haßte er die Jakobiner, als die Vertreter +des Schreckensregiments und der Rousseau'schen Philosophie. Nichts +konnte ihn später mehr in Aufregung und Zorn bringen, als wenn die +Gegner ihm vorwarfen, daß seine sozialen Theorien nur auf dem +von den Jakobinern eingeschlagenen Wege verwirklicht werden +könnten; dann brach er heftig los. »Nein und tausendmal nein, meine +Theorie hat nichts zu thun mit der jener Leute, noch mit ihren +Umsturzprojekten.« Er hatte mit seinem kritischen Blick erkannt, +daß in der Revolution trotz allem Heroismus und aller Aufopferung +des Volkes, trotz einer idealen Verfassung, trotzdem Alles die +Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit im Munde führte, +die Ausbeutung, die Unterdrückung, die Demüthigung der Masse, Lug, +Trug und Heuchelei nicht nur geblieben waren, sondern sich wo +möglich noch gesteigert hatten. Er hatte gesehen, daß, während die +Revolutionäre sich bemühten, mit größter Rücksichtslosigkeit Alles +mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, was ihren Begriffen von +gesellschaftlichem Glück entgegenstand, das Kapital im schreiendsten +Widerspruch mit den gepredigten Grundsätzen agirte. Er sah, wie der +Güterschacher, der Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien +blühten und die neu emporgekommenen und plötzlich reich gewordenen +Besitzer ihre Orgien feierten. Ihm war auch der Hunger und das +Elend der Massen, ihre Begeisterung und ihre Opferwilligkeit bei +der Verteidigung des Vaterlandes nicht entgangen, und alle diese +Wahrnehmungen, verbunden mit denen, die er tagtäglich im kleineren +Kreise um sich und im Geschäftsleben machte, waren es, die ihn auf +den Gedanken brachten, daß die Gesellschaft unmöglich richtig +organisirt sein könne, und es eine Ordnung der Dinge geben müsse, +die alle diese Auswüchse und Uebel unmöglich mache. Ihm erschien es +eine Ungeheuerlichkeit, daß die Revolutionäre und nach ihnen die +Ordnungsmänner mit Menschenköpfen wie mit Kegelkugeln spielten; daß +man in der gewaltsamen Vernichtung der Parteien das menschliche +Glück zu begründen glauben könne. Er begriff nicht, daß alle diese +Kämpfe nur stattfanden, weil man der wahren treibenden Kraft, jener +geheimnißvollen unfaßbaren Macht, dem unpersönlichen Kapital, nicht +auf die Spur kommen und seinen Einfluß nicht beseitigen konnte, +noch viel weniger wollte, jenes Dinges, über dessen Definirung die +bürgerlichen Ideologen sich bis heute die Köpfe zerbrachen, dessen +Räthsel erst der moderne wissenschaftliche Sozialismus löste, der +endlich auch diese moderne Sphinx in den Abgrund stürzen wird. + +Fourier, der von Natur für die politischen Kämpfe nicht inklinirte, +der durch die vor seinen Augen sich abspielenden Ereignisse in +dieser Abneigung noch bestärkt wurde, kam in Folge davon zu der +vorgefaßten Meinung, daß die politische Verfassung der Gesellschaft +überhaupt eine gleichgültige Sache sei, daß diese mit dem sozialen +Zustand nichts zu schaffen habe, und daß es sich darum handele, den +letzteren zu verbessern und die politischen Fragen ganz bei Seite +zu lassen. Er verfiel also in den entgegengesetzten Fehler der +bürgerlichen Ideologen. Diese glaubten durch die Beseitigung des +Adels, der Priesterschaft und des Königthums, durch die Begründung +der Republik, die Verkündigung der Menschenrechte, die Anstellung +idealer Grundsätze Alles geleistet zu haben, was zu leisten möglich +sei. Blieben dennoch die Zustände mangelhaft, so lag das nur an der +Niederträchtigkeit der sogenannten Volksfeinde, der Aristokraten, +der Pfaffen, der heimlichen Anhänger des Königthums, deren man +trotz aller Gewaltmaßregeln nicht Herr werden konnte. Man mußte das +Volk zur »Tugend« erziehen, zur Vaterlandsliebe, zur Opferwilligkeit, +zur Arbeitsamkeit, zur Enthaltsamkeit. Wenn das geschah und Alle +»tugendhaft« waren, so konnte der glückliche Zustand nicht fehlen. +Die bürgerliche Welt ist am Ende des 19. Jahrhunderts den großen +Begründern ihrer Herrlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts noch +nicht um Vieles in der Erkenntniß der gesellschaftlichen +Entwicklungsgesetze voraus gekommen, sie dreht sich noch immer in +demselben Ideengang und sie wird darin stecken bleiben. Darüber +hinauszugehen wäre ihr Tod. + +Nach Fourier besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen +dem politischen und sozialen Zustand der Gesellschaft, der erstere +ist willkürlich, wie auch der letztere mehr oder weniger +willkürlich ist. Er hat zwar mit großem Scharfsinn verschiedene +Stufen der menschlichen Entwicklung gekennzeichnet, die er als +Edenismus, oder Zustand des primitiven Glücks, als Zustand der +Wildheit, des Patriarchats oder der Halbbarbarei, der Barbarei und +der Zivilisation charakterisirt; aber es unterliegt nach ihm keinem +Zweifel, daß die Zivilisation, die er mit den Griechen beginnen +läßt, schon längst in den nächst höheren Zustand der Entwicklung, +den des Garantismus übergegangen wäre, wenn der richtige Mann sich +fand, der den Ausgang aus der Zivilisation entdeckte. Dieser Mann +fehlte bisher. Newton war durch die Entdeckung der Gesetze der +Attraktion der Weltkörper hart an dem rechten Weg vorbeigestreift, +aber er hatte das Bewegungsgesetz nur für die materielle Welt +gefunden. Diese Entdeckung war also, so wichtig sie auch sein +mochte, für das Glück der Menschheit die minder werthvolle. Die +Gesetze der sozialen Attraktion zu entdecken und darauf die +universelle Einheit des gesammten Weltalls, die Beziehungen +zwischen den verschiedenen Naturreichen und dem Menschen, zwischen +dem Menschen, der Entwicklung des Erdballs und des ganzen Planeten- +und Weltsystems, und namentlich auch seine wahren Beziehungen zu +dem Weltenschöpfer zu entdecken, dessen ermangelte Newton. Diese +Gesetze zu entdecken und damit die wahre Bestimmung des Menschen, +die Wege zu seinem Glück, das blieb ihm, Fourier, vorbehalten. Er +hat das Mittel entdeckt, das die Menschheit aus Noth, Elend, +Unterdrückung, Verkümmerung, Langeweile erlöst, den Menschen mit +Gott und dem All in Harmonie setzt. Dieses Mittel ist die +Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe, +angewandt auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen, und +ihre Bethätigung in der Assoziation durch die Bildung der Serien +(Reihen) und Gruppen von Harmonisirenden. + +Daß er, Fourier, dieses Mittel für das Glück der Menschheit +entdeckte, ist nach ihm reiner Zufall. Es hätte jeder Andere vor +ihm und namentlich die Philosophen, die sich seit mehr als 2500 +Jahren bemühten, das Welträthsel zu lösen und das menschliche Glück +zu suchen, es auch entdecken können. Sie haben aber immer nur damit +sich begnügt, das Bestehende zu loben und haben jede Neuerung, wenn +sie ihren Lehren gefährlich oder bedenklich schien, bekämpft und +verfolgt. Darum sind auch die 400.000 Bände, die sie ihm zufolge im +Laufe der Zeiten in den Bibliotheken, vollgepfropft mit ihren +Theorien, aufgestapelt haben, von sehr zweifelhaftem Werth. Um so +heftiger bekämpfen sie aber jede Neuerung, die, wie die seine, alle +diese Werke über den Haufen wirft und sie nahezu werthlos macht. +Diese Philosophen, unter welchen er, wie er wiederholt hervorhebt, +die Moralisten, die Metaphysiker, die Politiker und die +Oekonomisten _ausschließlich_ verstanden wissen will, weil sie ihm +als Vertreter der unsicheren Wissenschaften (»sciences +incertaines«) gelten, haben sich deshalb auch gegen ihn +verschworen, seine Lehren nicht zur Geltung kommen zu lassen; sie +treten ihm überall in den Weg und suchen die Besprechung, selbst +die bloße Erwähnung seiner Schriften zu hintertreiben. Gegen sie +richtet sich daher sein ganz besonderer Zorn, und er überschüttet +sie mit seinem Witz, seiner Satyre und seinem Haß. + +Daß, einmal ganz abgesehen von der Frage der Ausführbarkeit seines +Systems, seine Theorien, wie sich zeigen wird, im letzten Grunde +darauf hinaus laufen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, und +daß also das Klasseninteresse der Besitzenden und Herrschenden +diese zwingt, seinen Ideen naturgemäß feindlich zu sein, sieht er +trotz des außerordentlichen Scharfsinns, der ihm bei der +Entwicklung seiner Ideen eigen ist, nicht ein. Er giebt sich +allerdings die größte Mühe, die verschiedenen Klassen und +Interessen auszusöhnen. Nicht nur sollen alle Regierungen, ohne +Rücksicht auf das ihnen zu Grunde liegende politische System, +bestehen bleiben, er läßt sogar noch eine große Zahl neuer Staaten +und Reiche in den bis jetzt von den Wilden und Barbaren bewohnten +Ländern und Erdtheilen sich bilden, wenn erst der ganze Erdball +sein System angenommen haben wird, was nach Gründung der ersten +Versuchsphalanx -- die Phalanx ist die Genossenschaft, in der sich +sein System vollzieht[1] -- nur wenige Jahre dauern wird. Denn die +Vortheile, die sein phalansteres System der Menschheit bietet, sind +so in die Augen springende, so zur Nachahmung hinreißende, daß, +nachdem die Neugierigen von allen Enden des Erdballs sich von den +großartigen Vortheilen und Annehmlichkeiten dieses Systems durch +den Besuch der Versuchsphalanx überzeugten, sie die größte Eile +haben werden, desselben Glückes theilhaftig zu werden. + +[Fußnote 1: Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von +Macedonien in seinem Heere eingeführten Schlachtordnung; die +Phalanx war ein dichtgeschlossener, keilförmig geformter, mit +Speeren bewaffneter Truppenkörper, der mit seiner Spitze in den +Feind eindrang und ihn auseinander sprengte. Der Name für sein +System ist also von Fourier nicht übel gewählt.] + +Indeß waren um das Jahr 1793, wo Fourier in Lyon lebte, diese Ideen +bei ihm noch nicht zur Reife gekommen, obgleich die Keime dazu +bereits bei ihm vorhanden waren und seine Denk- und Handlungsweise +bestimmten. Es war in diesem Jahr, daß der Konvent das ihm +oppositionell gesinnte Lyon belagern und nach der Eroberung in +einem erheblichen Theil zerstören ließ, wobei auch Fourier sein +Vermögen einbüßte. Fourier mußte zur Verteidigung der Stadt die +Waffen ergreifen und entging bei einem Ausfall nur mit genauer Noth +dem Tode. Nach Eroberung der Stadt wurde er gefangen genommen und +sollte füsilirt werden; er wußte sich durch die Flucht zu retten. +Man kann sich vorstellen, daß diese Vorgänge auf ihn einen tiefen +Eindruck machten und sein späteres Denken und Urtheilen wesentlich +beeinflußten. Kurze Zeit darnach mußte er sich in Folge der vom +Konvent beorderten »levée en masse« (des Massenaufgebots) zur +Vertheidigung der Grenzen stellen, und zwar war er als +Unverheiratheter unter der ersten Portion der Ausgehobenen, die +nach der nothdürftigsten Einübung zur Armee abgehen sollten. Er +wurde unter die Jäger zu Pferde der Rhein- und Moselarmee rangirt, +doch wurde er nach einigen Monaten auf ein Untauglichkeitszeugniß +hin -- F. war klein und schwächlich von Körper -- vom Dienst +befreit. Ein während seiner Dienstzeit an das Kriegsdepartement +gerichteter Brief, in dem er der obersten militärischen Leitung +Vorschläge bezüglich der Ueberschreitung des Rheins und der Alpen +machte, verschaffte ihm seitens der genannten Behörde ein +Dankschreiben, unterzeichnet von Carnot. + +In den nächsten Jahren beschäftigte sich Fourier -- neben seinem +Beruf -- mit allerlei sozial-reformatorischen Vorschlägen, die er +bald der Regierungsgewalt, bald einzelnen Deputaten unterbreitete, +aber ohne Anklang damit zu finden. Zu Anfang dieses Jahrhunderts +hatte er sich, um eine größere Freiheit und Selbständigkeit zu +genießen, als Winkelmakler, wie er sich selbst nannte, etablirt, +ein Beruf, den er mit seiner gewohnten Offenheit also +charakterisirt. »Ein Makler ist ein Mensch, der mit den Lügen +Anderer hausirt und diesen Lügen seine eignen hinzufügt.« Nebenbei +veröffentlichte er ab und zu politische Artikel im »Bulletin de +Lyon«. In einem solchen Artikel vom 25. Frimaire des Jahres XII. +(17. Dezember 1803), betitelt. »Das kontinentale Triumvirat und ein +dreißig Jahre dauernder Friede«, behandelte er die Frage der +Theilung Europas. Bekanntlich hatte damals bereits der Ruhm +Napoleon's eine außerordentliche Höhe erlangt, man stand kurz vor +seiner Krönung zum Kaiser und alle Welt beschäftigte sich mit der +Frage, ob endlich dauernd Frieden einkehren, oder welcher Staat das +nächste Angriffsobjekt bilden werde. Fourier setzte auseinander, +daß zunächst noch kein Friede kommen dürfe, daß unter den vier +Staaten, die als selbstständige Reiche in Frage kämen. Frankreich, +Rußland, Oesterreich, Preußen, letzteres, als das schwächste, +zuerst an die Reihe kommen und verschwinden werde. Mit einer +einzigen Schlacht sei es niedergeworfen -- was bekanntlich +thatsächlich geschah -- und dann werde es das Schicksal Polens +finden und unter die anderen drei getheilt werden. Jetzt sei das +Triumvirat und ein längerer Friede möglich; einige man sich nicht, +so komme Oesterreich an die Reihe, zuletzt entbrenne der Kampf +zwischen Rußland und Frankreich um die Herrschaft der Welt. England +ließ er außer Betracht, weil es als insularer Staat und einzige +Alles beherrschende Seemacht zunächst unangreifbar war. Aber wer in +Europa Sieger bleibe, werde Indien nehmen, die Häfen Asiens und +Europas schließen und so England zu Grunde richten. Gegen England, +in dem er die Stütze des Handelssystems und den Repräsentanten +aller Niederträchtigkeiten des Handelsgutes sah, empfand er einen +besonderen Haß, der häufig aus seinen Schriften hervorbricht. Der +erwähnte Artikel erregte die Aufmerksamkeit Napoleon's und führte +zu Untersuchungen über den Verfasser; dem Verleger wurde bedeutet, +künftig ähnliche Artikel nicht wieder aufzunehmen. + +Im Jahre 1808 veröffentlichte Fourier sein erstes und grundlegendes +Werk unter dem Titel: »La Theorie des quatre Mouvements et des +destinées generales« (»Die Lehre von den vier Bewegungen und den +allgemeinen Bestimmungen«). In diesem Werke sind seine Ideen +bereits vollkommen enthalten, obgleich es noch vielfach der +Klarheit und namentlich der logischen Entwicklung entbehrt; dafür +ist es aber mit dem ganzen Feuer der ersten Begeisterung eines +Mannes geschrieben, der an seine Mission und die Unfehlbarkeit +seiner Theorien glaubt. Fourier ließ das genannte Werk allerdings +zunächst nur als Prospekt seiner Entdeckung erscheinen, dem später +noch acht lange Abhandlungen über die Gesammtheit seiner Theorien +folgen sollten. Diese erschienen nun zwar nicht, aber was erschien, +enthielt im Grunde doch nur umfänglichere Erläuterungen und größere +Detailschilderungen seines Systems, untermischt mit +philosophisch-polemischen Abhandlungen gegen seine Gegner, worin er +sich gegen die auf ihn und gegen seine Theorien gerichteten +Angriffe wandte, dabei immer dem Grundsatze folgend: die beste +Taktik zur Abwehr ist der Angriff. Auch liebte er es, in seinen +Werken immer wieder seine positiven Hauptgedanken, wie seine +Hauptanklagen gegen die bestehenden Zustände zu wiederholen, +nachdrücklich hervorhebend, daß dies nöthig sei, einestheils, um +seine Ideen, die dem Leser neu und fremd seien, besser und sicherer +in dessen Köpfe haften zu lassen, anderntheils, um die in den +Köpfen tief eingewurzelten Vorurtheile um so gründlicher zu +beseitigen. Eine unzweifelhaft sehr richtige Taktik, die auch die +Gegner alles Neuen bisher stets angewandt haben, wodurch sie es +fertig brachten, selbst die absurdesten Vorurtheile lange Zeit +aufrecht zu erhalten. + +Die große Masse in allen Kreisen denkt nur gewohnheitsmäßig, die +einmal übernommenen Ideen bewegen sich in gewissermaßen +ausgefahrenen Hirngeleisen, und es bedarf erst starker und +wiederholter, durch greifbare Thatsachen und fühlbare Uebel +unterstützter Argumente, um sie aus der gewohnten Denkbahn zu +reißen. Und ist das Interesse nicht mit den neuen Ideen verknüpft, +so ist alle Arbeit vergebens, vereinzelte Idealisten ausgenommen, +die schließlich doch auch nur aus Interesse geleitet werden, weil +sie weiter blicken und das Neue als das Zukünftige, als +unabänderliche Nothwendigkeit und Verbesserung für Alle ansehen und +darum für erstrebenswerth halten. + +Der Gedankengang, den Fourier in seinem ersten Werk entwickelt, ist +kurz folgender: die Welt besteht aus drei ewigen, unerschaffenen +und unzerstörbaren Prinzipien: + +-- Gott, oder dem Geist, aktives und bewegendes Prinzip; +-- der Materie, passives und bewegtes Prinzip; +-- der Gerechtigkeit oder den mathematischen Gesetzen, regulirendes +Prinzip. + +Analog dem Weltall besteht auch der Mensch aus drei Prinzipien: + +-- den Trieben (»passions«), aktives und bewegendes Prinzip; +-- dem Körper, passives und bewegtes Prinzip; +-- der Intelligenz, neutrales und regulirendes Prinizp. + +Gott, welcher der Leiter und Lenker des Weltalls ist, kann nur die +Einheit und Harmonie desselben wollen, weil sonst er mit sich +selbst in Widerspruch stünde. Daher existirt eine ununterbrochene +Kette von Beziehungen zwischen Allem, was vorhanden ist. Zwischen +den drei Reichen der Natur -- Thieren, Pflanzen, Mineralien -- und +dem Menschen, zwischen dem Menschen und Gott, wie zwischen dem +Menschen und dem Erdball, und dem ganzen Planeten- und +Weltsystem.[2] Indem Gott den Menschen schuf, ihn mit Trieben und +Leidenschaften ausstattete, wollte er, daß der Mensch damit +glücklich sei. Es ist also nicht anzunehmen, daß diese Triebe +schädliche sind, daß der eine oder der andere unterdrückt werde +oder unbefriedigt bleibe. Die Befriedigung seiner Triebe schafft +vielmehr die Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott. +Wenn wir trotzdem häufig sehen, daß diese Triebe des Menschen sich +oft nur in schädlicher Richtung oder gar nicht äußern und nicht +befriedigt werden können, so beweist dies nichts gegen _die Triebe +und die Ordnung Gottes, sondern spricht gegen die soziale +Organisation der Gesellschaft_, welche diese Triebe sich falsch zu +bethätigen zwingt oder sie gar unterdrückt. + +[Fußnote 2: Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem +Robinet in seinem 1766 in Amsterdam erschienenen Werke »Ueber die +Natur« (»De la nature«) Ausdruck giebt: »Alles in der Natur steht +miteinander in Verbindung«, und ebenso spricht R. einen Gedanken +aus, den Fourier ähnlich wiederholt: »Daß die Natur mit möglichst +sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite.« Holbach sagt +im »Systeme de la nature«: »In der ganzen Schöpfung herrscht +Wesenseinheit.« Die Ideenassoziation ist augenfällig.] + +Es sind nun vier Bewegungen, oder wie er später aufstellte, fünf, +welche die ganze Welt in Thätigkeit setzen und sie den Bestimmungen +entgegenführen. + +1. Die normale Bewegung; Gesetze der Anziehung für die imponderablen +(unwägbaren) Elemente, Elektrizität, Magnetismus, Gerüche. + +2. Die thierische oder instinktuelle Bewegung; Gesetze der Anziehung +für die Triebe und Instinkte aller erschaffenen Wesen, wann und wo +immer sie waren, sind und sein werden. + +3. Die organische Bewegung. Gesetze der Anziehung für die +Eigenschaften der Körper: Form, Farbe, Geschmack, Geruch etc. + +4. Die materielle Bewegung -- bereits durch die Mathematiker +(Newton) entdeckt -- Gesetze der Anziehung und Gravitation der +Weltkörper (Planeten Fixsterne). Die Kometen sind nach Fourier +irreguläre Weltraumbummler. + +5. Die soziale Bewegung -- der eigentliche Angelpunkt (Pivot) des +Ganzen -- die Gesetze, welche die Ordnung und Aufeinanderfolge der +verschiedenen sozialen Gestaltungen auf allen Weltkörpern regeln. + +Der Mittelpunkt dieser sozialen Gesetze ist der Mensch, der im +Grunde damit zum Mittelpunkt des Ganzen wird um den sich Alles +dreht. + +Was hat die Welt überhaupt für einen Zweck, wenn sie nicht für den +Menschen geschaffen ist? Das ist der Hauptgedanke, der seiner +Weltauffassung zu Grunde liegt. + +Die Bestimmung des Menschen ist das Glück, das in der Entwicklung +aller seiner Anlagen, der Befriedigung aller seiner Triebe liegt. +Der Mensch soll genießen und abermals genießen Alles, wonach sein +Herz ihn drängt, das ist das Fourier'sche Evangelium und nach ihm +die Bestimmung des Menschen durch Gott. Man sieht, dieser +Fourier'sche Gott ist ein sehr materialistischer Gott, der sich in +starkem Gegensatz zu dem Gott des Christenthums befindet, der die +Enthaltsamkeit, die Demuth, die Kreuzigung des Fleisches predigt. + +Seiner Bestimmung gemäß strebt also der Mensch nach dem Glück, und +Reichthum und Gesundheit bilden sein Glück. Er will Reichthum, um +sich Genuß verschaffen zu können, und er will Gesundheit, um sie +genießen zu können. Den Reichthum genießen nur Wenige, und meist +Jene, die ihn am wenigsten verdienen; die Gesundheit mangelt fast +Allen. Den Einen in Folge von Noth, Elend, Trübsal, Entbehrungen, +den Anderen in Folge von Ueberüppigkeit, Schwelgerei, Uebermaß der +Genüsse. Das Eine wie das Andere ist Folge unserer sozialen +Einrichtungen, die keinem Theil der Gesellschaft, weder dem Reichen +noch dem Armen, die vernünftige und gesunde Entwicklung aller +seiner Kräfte und Fähigkeiten, die Abwechslung und befriedigende +Anwendung seiner Triebe gestatten. Zwar will die Gesellschaft, und +namentlich die Zivilisation, das allgemeine Glück, aber was sie +erstrebt, schlägt stets in das Gegentheil um. Wir behaupten, die +Wahrheit zu wollen, und überall herrscht Lüge, Heuchelei, +Unterdrückung; wir wollen die Moral und es herrscht Diebstahl, +Betrug, Verführung, Ehebruch, Prostitution, kurz allgemeine +Sittenlosigkeit; wir erstreben das allgemeine Glück und sieben +Achtel bis acht Neuntel der Menschen sind unglücklich, weil sie von +Uebeln umgeben sind, die zu beseitigen nicht in ihrer Macht liegt. +So herrscht statt der Einheitlichkeit die Zweideutigkeit in allen +Beziehungen. Jede gute Seite hat ihre schlimme, und zwar ist die +schlimme die überwiegende. + +Fourier nennt das Streben nach Glück streben nach innerem und +äußerem Luxus. Der innere Luxus ist die Gesundheit, der äußere der +Reichthum. Den inneren Luxus bilden die Triebe, _die um so gesünder +sind, je lebhafter sie sind_, und deren es fünf sensuelle oder +Sinne des Körpers giebt: Geruch, Gesicht, Gehör, Geschmack und +Gefühl, und vier Triebe der Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz,[3] +Familiensinn, die sämmtlich alle neun von drei sie steuernden +Trieben beherrscht werden. Diese drei sind: Die Kabalist, Trieb der +Intrigue, d.h. der Trieb, der thätig ist, um die Neigungen zu +theilen, die Willen zu bestimmen, sich zu gemeinsamen Handlungen zu +vereinigen; die Alternant oder Papillone, Trieb, der nach +beständiger Abwechslung, nach Kontrasten, nach Veränderungen in der +Handlung strebt; die Komposit, Trieb, der die Begeisterung, den +Enthusiasmus erregt, nach dem Guten und Schönen strebt, alle +Hindernisse überwindet. Diese letzten drei Triebe wirken ihm +zufolge auf die vier affektiven und diese auf die fünf sensitiven. + +[Fußnote 3: Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: »Karl +Fourier, ein Vielverkannter« (Hottingen-Zürich, Volksbuchhandlung +1881), den Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz +einen häßlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewählte Ausdruck +ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals +ausdrücklich konstatiren, daß nach Fourier's Theorie _alle Triebe +gut sind_ und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig anstößig sein darf, +als die nach unserer landläufigen Auffassung von Fourier +gebrauchten Ausdrücke Kabalist und Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch +in der bürgerlichen Gesellschaft an sich eine ganz löbliche +Eigenschaft, der nur unangenehm und schädlich wird, wenn er auf +Kosten Anderer oder der Allgemeinheit sich Geltung verschaffen +will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich in seiner Schrift, in +dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung zu bringen, ihn ein +wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache unserer Zeit reden +lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen genügend Erwähnung +zu thun. Ein solches Zugünstigfärben erklärt sich aus dem +Bestreben, Fourier gegen die ungerechten und unqualifizirbaren +Angriffe eines Dühring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu +nehmen. Alle drei bezeichnen Fourier -- und Dühring und Most +offenbar, ohne sich näher mit seinen Werken vertraut gemacht zu +haben -- einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu +haben. Ob dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner +Gegner entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der +Leser am Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir möchten aber +schon jetzt konstatiren, daß Joh. Most, der sich heute als +Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben +scheint, daß er Fourier als _Vater des Anarchismus_ anzusehen hat +-- das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und +Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden +Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt. +Die Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d.h. der Erdball +mit Phalanstèren bedeckt, machte jede Staatsorganisation +überflüssig, es wäre die Föderation der Phalanxen, also +produzirender und konsumirender Kommunen. Daß Fourier trotzdem +nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend +voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu gründen in +Aussicht stellte, ist einer der Widersprüche seines Systems, die +ihm nicht zum Bewußtsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der +das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in +seinem Wesen unberührt läßt.] + +Will aber der Mensch alle seine Triebe bethätigen und befriedigen +und den dazu nöthigen Reichthum erlangen, ein Streben, das seiner +Natur inhärent ist, so kann er dies nicht als isolirtes Einzelwesen, +er bedarf hierzu einer Organisation mit Seinesgleichen. Diese +Organisation, die Fourier entdeckte und als Heilmittel bietet, ist +-- die ländliche und hauswirthschaftliche Assoziation, die mit der +industriellen zu verbinden und auf die Anwendung der Serien +(Reihen) und Gruppen der Triebe organisirt sein soll. + +Fourier legt auf die Ackerbaugenossenschaft oder die agrikole +Assoziation das Hauptgewicht, er sieht sie als die eigentliche +Grundlage für die menschliche Existenz, als diejenige Thätigkeit +an, welche die meiste und angenehmste Abwechslung der Verrichtungen +bietet. Aber auch die ganze häusliche Thätigkeit, die +Hauswirthschaft im weitesten Umfang, Handel und Gewerbe, die +Erziehung, die Künste, die Wissenschaften sollen sozietär betrieben +werden. Die eigentliche Großindustrie hatte im Zeitalter Fourier's +noch wenig Bedeutung in Frankreich, sie war hauptsächlich in der +sog. Manufaktur organisirt, jener höher entwickelten Theilung der +Handarbeit, vereinigt in großen Werkstätten, oder vertheilt in +Hausbetrieben, die für einen gemeinsamen Unternehmer arbeiten. Der +große Fabrikbetrieb entstand erst in einiger Bedeutung gegen das +Lebensende Fourier's. Der manufakturmäßige Großbetrieb wurde zu +Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich treibhausmäßig durch die +Zoll- und Gewerbepolitik Napoleon's begünstigt, dessen Haß und +Eifersucht, sowie Rachsucht gegen England ihn zur Kontinentalsperre +trieben und ihn die größten Anstrengungen machen ließen, neben der +Sperrung der seiner Machtsphäre unterworfenen Häfen für englische +Waaren, die inländische Industrie vermittelst enormer Schutzzölle, +Staatsunterstützungen und Prämien künstlich großzuziehen und +dadurch England zu stürzen. Immerhin würde sich auch unsere heutige +Großindustrie in die Fourier'sche phalanstere Organisation +einreihen lassen. + +Die Arbeit ist nach Fourier eine Nothwendigkeit für _Alle_ ohne +Unterschied des Lebensalters und des Geschlechts, aber sie darf +keine Last, sondern sie muß eine Lust sein, mit anderen Worten: sie +muß anziehend sein. Das kann sie nur sein, wenn Jeder das treibt, +wozu seine Triebe ihn drängen, was ihm also Vergnügen macht; dabei +muß die Beschäftigung häufig abwechseln und dürfen zu diesem Zwecke +die einzelnen Arbeitssitzungen nur kurze sein. Jede Beschäftigung +wie jedes Vergnügen darf nicht über ein und eine halbe bis zwei +Stunden währen, weil man sonst ermüdet. Um aber das rivalisirende +Element in die Beschäftigung zu bringen, muß sie von einer Anzahl +Gleichstrebenden zugleich geübt werden. Es bilden sich also Gruppen +von Gleichgesinnten für eine bestimmte Thätigkeit. Jede dieser +Gruppen muß der lebhafteren Rivalität und der Ausgleichung halber +mindestens sieben, gewöhnlich neun Personen umfassen. Es bilden +sich eben so viel Gruppen, als Unterarten von Beschäftigungen bei +einem bestimmten Produktionszweig vorhanden sind; diese +verschiedenen Gruppen bilden eine Serie (Reihe). Es giebt z.B. eine +Serie der Birnen- und eine solche der Aepfelzüchter, aber für die +Varietäten jeder Obstart bestehen Gruppen. Es rivalisiren also die +Serien, um die beste Obstart, die Gruppen, um die besten Sorten +(Varietäten) zu züchten. Da ferner zwei Menschen nie in Allem den +gleichen Geschmack und die gleichen Triebe haben, so werden +dieselben Personen, die soeben in einer Gruppe zusammen wirkten, +sich in den nachfolgenden Arbeitssitzungen in rivalisirenden +Gruppen oder Serien in anderen Produktionszweigen gegenüberstehen. +Es wechselt also nicht blos die Beschäftigung, es wechselt auch +beständig der gesellschaftliche Umgang bei der Arbeit. Dieser +immerwährende Wechsel der Beschäftigung und der beschäftigten +Personen, und die daraus hervorgehenden, sich bald anziehenden, +bald abstoßenden Wechselbeziehungen bilden nach Fourier die höchste +Befriedigung, weil alle Triebe dabei in's Spiel kommen. Aber die +Befriedigung würde keine vollkommene sein, wenn nicht der äußere +Erfolg, also die Reichthumserzeugung, durch diese Thätigkeitsweise +auch erzielt würde. Diese planmäßig organisirte, assoziirte +Thätigkeit von Hunderten von Familien in einer Phalanx wird, so +behauptet Fourier, im Gegensatz zur einzelnen Privatwirthschaft und +Privatunternehmerschaft eine große Menge von Ersparungen an Kraft, +Zeit, Mittel, Werkzeugen etc. einerseits, und durch die geschickt +kombinirte und rivalisirende Thätigkeit Aller andererseits eine +Reichthumsvermehrung zur Folge haben, die sich im Vergleich zu +jetzt verzehn-, verzwanzig-, selbst vervierzigfacht und dem +Aermsten eine Bedürfnißbefriedigung ermöglicht, wie sie heute kaum +ein reicher Mann sich verschaffen kann. + +In der Fourier'schen Phalanx besteht der Unterschied des Besitzes +fort. Da der Genuß des Lebens auf Kontrastwirkungen beruht, ist +auch der Unterschied des Besitzes nothwendig. Je größer die +Verschiedenheiten an Besitz, Charaktereigenschaften, Trieben, also +je lebhafter die Kontraste sind, um so besser für die Phalanx. + +Man sieht, Fourier ist der Begriff des _Klassengegensatzes_ und die +Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsformationen aus +_Klassenkämpfen_, eine Grundanschauung des modernen Sozialismus, +fremd. Sein Sozialismus ist auf die Versöhnung, die Harmonie der +heute feindlichen Gegensätze, die nach seiner Meinung nur aus +Mißverstand oder mangelhafter Kenntniß der wahren Bestimmung der +menschlichen Gesellschaft feindliche wurden, gerichtet. Sein +Sozialismus paßt sich, wie er nicht müde wird, immer wiederholt zu +versichern, allen Regierungsformen und allen Religionssystemen an, +er hat weder mit politischen noch religiösen Streitfragen das +Geringste zu thun. Daher wendet er sich in seinen Schriften nicht +an die Arbeiter und die Masse der Geringen, von denen die erstern +zu seiner Zeit als Klasse noch wenig entwickelt waren und +öffentlich gar keine Rolle spielten, sondern er wendet sich an die +Einsicht der Großen und Reichen. Letztere allein konnten ihm +helfen, weil sie allein die Mittel zur Gründung einer Versuchsphalanx +besaßen, von deren Zustandekommen nach ihm die Einführung seines +Systems abhing. War diese begründet, dann zog sie durch ihren Glanz +und ihre Vortheile nicht nur die Zivilisirten, sondern auch die +noch im Zustande der Barbarei und der Wildheit befindlichen Völker +-- »die von der Zivilisation nichts wissen wollen« -- an, eiligst +in die neue Gesellschaftsorganisation einzutreten. Die Phalanx ist +das Zaubermittel, das die Entwicklungsperiode der Zivilisation, wie +der Barbarei und der Wildheit abkürzt, Barbaren und Wilden das +Durchgangsstadium durch die Zivilisation erspart und den Aufschwung +zu immer höherer Vollendung herbeiführt. + +So wandte sich denn Fourier nacheinander bald direkt, bald indirekt +an alle ihm jeweilig zugängig erscheinenden Kreise und Personen, um +diese für sein System zu interessiren und von ihnen die Mittel zur +Begründung der Versuchsphalanx zu erlangen. Er schilderte ihnen den +eigenen materiellen Vortheil, wie die Ehren und den Ruhm, den sie +dadurch bei Mit- und Nachwelt erlangten, in den glänzendsten, +glühendsten Farben. So suchte er abwechselnd und nacheinander +Napoleon, französische Volksvertreter, den Adel und Klerus der +Restauration, die Bourbonen, die englischen Großen, die sich für +das gleichzeitig auftauchende Robert Owen'sche Assoziationsprojekt +in New-Lamark interessirten, die Liberalen, ferner seine wüthendsten +Gegner, die Philosophen, Rothschild, dem er ein Königreich Jerusalem +in Aussicht stellte, Lord Byron, George Sand und nach der +Julirevolution die Herren von Lafitte und Thiers, die emigrirten +Polen etc. zu gewinnen. Er versuchte schließlich selbst mit den +Saint Simonisten, insbesondere mit Enfantin, Fühlung zu bekommen. +Die Saint Simonisten benutzten zwar theilweise seine Theorien, +indem sie dieselben mit ihren Lehren vermischten, aber auf Weiteres +ließen sie sich nicht ein. + +Alles war also vergeblich. Die Einen fanden sich unter der +bestehenden Ordnung so wohl, daß sie keine Sehnsucht nach einer +anderen hatten, Andere, die Wohlwollenden, hielten seine Ideen für +unausführbar, sahen in denselben eine schöne Illusion oder Vision, +die Dritten zuckten die Achsel und lachten über ihn als einen +Träumer und Narren. Dieser Widerstand, diese Ungläubigkeit, die +Fourier unbegreiflich fand und auf bösen Willen oder Vorurtheil +zurückführte, denn er selbst glaubte an sich und sein System wie je +ein Neuerer daran geglaubt hat, wird unser Zeitalter sehr natürlich +finden. Wir wissen Alle, daß Entwicklungsperioden, die Bestehendes +von Grund aus umgestalten sollen, nie durch noch so scharfsinnig +und detaillirt ausgedachte, fertige Pläne von einer Idealgesellschaft +herbeigeführt werden, auch nicht, wenn die größten finanziellen +Mittel und das größte Wohlwollen mächtiger Persönlichkeiten +dahinter steht, sondern daß die Umgestaltung aus dem +Entwicklungsprozeß der ganzen Gesellschaft sich vollzieht und, wenn +die Bedingungen einer neuen Gesellschaftsformation vorhanden sind, +diese sich mit elementarer Gewalt auch Bahn bricht. Sie wird nicht +gemacht, sie vollzieht sich, und stets unter der Form von +Klassenkämpfen, _gegen_ den Willen der alten +Gesellschaftsschichten. + +Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent +berücksichtigen und zwar in der Weise, daß die Arbeit Fünfzwölftel, +das Kapital Vierzwölftel, das Talent Dreizwölftel des Ertrags +zugewiesen erhält. Die beiden Geschlechter sind vollkommen +gleichberechtigt, sie arbeiten, vergnügen und lieben sich +miteinander, wie die Neigung sie zu einander führt. Wie alle +Thätigkeit und die Vergnügen gemeinsam sind, so ist auch die +Kindererziehung eine gemeinsame. Die Kinder sind das dritte +neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er in seinen Werken +einen breiten und hochinteressanten Raum. Es existiren nicht viele +Menschen, die, wie Fourier, die menschliche Gesellschaft in allen +Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten und studirten, und +so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer Gründlichkeit +und Tiefe erfaßt und darauf sein Erziehungssystem begründet. Es +wird keinen Pädagogen geben, der nicht heute noch die bezüglichen +Kapitel mit großem Vergnügen und mit Nutzen liest. + +Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in +großen, für diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste +eingerichteten Sälen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege übernehmen +Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich freiwillig und +aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, diesem +Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder entwickelt, +werden sie darnach in die verschiedenen Säle vertheilt. Die +Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie sind Tag +und Nacht zugegen und werden in den üblichen Zwischenräumen +abgelöst. Die Mütter können nach Neigung unter den Pflegerinnen +leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl werde es vorziehen, ihren +gewohnten Beschäftigungen und Unterhaltungen nachzugehen und nur in +den Stunden der Nahrung sich einfinden, überzeugt, daß ihren +Kleinen Nichts fehlt und Nichts abgeht. Für Spielen und +Unterhaltungen der Kleinen ist reichlich gesorgt. Vom dritten +Lebensjahre ab werden sie nach ihrem Alter klassifizirt und +spielend in die verschiedenen leichten Beschäftigungen des +Haushalts eingeführt und zu Handarbeiten angehalten. _Jeder Zwang +ist ausgeschlossen_. Zweckdienlich eingerichtete Spielsäle, Küchen, +kleine Werkstätten, mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen, +geben ihnen Gelegenheit, ihre Triebe und Fähigkeiten zu bethätigen. +Der eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten +Jahr, nachdem inzwischen die körperliche Erziehung, die unter dem +Namen der »Oper« Gesänge, Tänze, Musik, körperliche Uebungen aller +Art umfaßt, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem Maß und +Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu erziehen, eine +feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung währt in +verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollständigen körperlichen +Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und selbst 20. +Lebensjahr. Wir kommen bei der späteren Darlegung der Fourier'schen +Theorien auf diese Dinge ausführlicher zurück. + +Das Verhältniß der beiden Geschlechter zueinander ist im +Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier +an die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die +Form der heutigen Ehe mit ihren Auswüchsen, ihrer Käuflichkeit, +ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder +gegen beide Theile, übt, gehört zu dem Schärfsten, was hierüber +geschrieben wurde. + +Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die +Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm +hauptsächlich die Entrüstung und den Zorn der Gegner zu, verletzten +Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die beste +der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner +Darstellung der sechsunddreißig Arten der Hahnreischaft und des +Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu +vervollständigen sich anheischig machte; mit seiner Bloßlegung der +lügnerischen und gaunerhaften Praktiken des Handels, des Geld- und +Lebensmittelwuchers, des Schachers mit Grundstücken und Effekten, +der Börsenmanöver, hatte er in verschiedene und sehr gefährliche +Wespennester gestochen. Er rief einen solchen Sturm gegen sich +wach, daß er selbst später für angemessen fand, zu erklären, Alles, +was er über die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften +ausgeführt habe, könne erst von der dritten Generation ab, nach +Gründung seines Systems, zur Durchführung kommen. Die jetzt noch +übermäßig herrschenden Vorurtheile, wie die physischen Uebel und +Gebrechen, die das gegenwärtige System erzeugt habe, müßten erst +allmälig ausgerottet werden. Dagegen fuhr er fort, durch +historische Darlegung und Kritik der geschlechtlichen und der +Eheverhältnisse bei den alten Völkern, besonders an der Hand der +Bibel, ihrer Erzählungen über die Nachkommen der ersten Menschen, +die Lebensweise der Erzväter, dann David's, Salomo's u.s.w. +nachzuweisen, welche Phasen die Geschlechtsverhältnisse der +Menschen durchgemacht und wie wenig Anstoß selbst Gott daran +genommen habe, indem er allen diesen aus dem alten Testament +angeführten Personen fortgesetzt sein Wohlwollen und seine Gnade +erhalten habe. + +Unter den neuen Lebensverhältnissen, die Fourier erstrebt, genießen +die Menschen nicht nur das volle Glück, sie werden auch bei ihrer +gesunden und naturgemäßen Lebensweise ein sehr viel höheres +Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre werden das +Durchschnittsalter sein. Sie könnten also wenigstens volle achtzig +Jahre die Liebe genießen, was doch wohl, wie er meint, eine zu +lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau ausschließlich +leben zu sollen, »täglich von derselben Platte zu essen«. Da ferner +mit dieser längeren Lebensdauer auch die Vermehrung der Menschen +entsprechend wachse, sei Urbarmachung neuen Bodens, Ansiedelung in +bisher wenig bevölkerten Ländern und Erdtheilen geboten. Aber auch +dieses Hülfsmittel werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn +nicht gleichzeitig mit der Entwicklung des Menschengeschlechts +durch die neue soziale Organisation unser Erdball in klimatischer +Beziehung bis zum höchsten Nord- und Südpol eine vollständige +klimatische Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen +Planeten und Fixsternen ähnlich sich vollziehen soll. + +Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem +Phantastischsten gehört, das ein Mensch erdenken kann. Es ist +namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten +Spott, ihm hauptsächlich den Titel des »Visionärs«, des »Narren« +eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und hier +beruft er sich auf Schelling, »das Spiegelbild der menschlichen +Seele«. + +Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode +wandert er von Planet zu Planet zu immer höherer Vollkommenheit, +eine Idee, die freilich auch in anderen Köpfen, selbst heute noch, +spukt und nicht blos in den untern Schichten. -- »Die Kanaille will +ewig leben.« + +Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der +Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch +die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von +80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der +Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000 +Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung währt 35.000 Jahre; +die Phase des allmäligen Niedergangs ebenfalls 35.000 Jahre. Dann +folgt die Phase der Altersschwäche wieder mit 5000 Jahren, worauf +der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb des +Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32 +Entwicklungsperioden -- wir befinden uns in der fünften, der +Zivilisation --, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt es +verschiedene Neuschöpfungen, durch welche auch die Thier- und +Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der höheren Entwicklung +des Menschen, sich in höherer Vollkommenheit entfalten werden. Mit +der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des Glücks. Es +wird die Nordpolkrone (»Couronne boréale«) geboren, die dann, +gleich der Sonne, nicht blos Licht, sondern auch Wärme verbreitet +und damit eine Reihe neuer Schöpfungen einleitet. Die Wirkung der +Nordpolkrone wird sein, daß Petersburg und Ochotsk ein ähnliches +Klima bekommen, wie Kadix und Konstantinopel, daß das Klima der +sibirischen Eisküsten dem von Marseille und dem Golf von Genua +gleicht, und daß eine Fruchtbarkeit dieser nördlichen Erdtheile +beginnt, die mit jener der tropischen Länder wetteifert. +Gleichzeitig wird durch die Einwirkung des Fluidums der +Nordpolkrone und durch die Veränderung des Klimas das Meer sich +umbilden und einen limonadeartigen Geschmack annehmen. Die +jetzigen, den Menschen feindlichen und schädlichen Meerungeheuer, +wie der Hai etc., werden zu Grunde gehen und durch neue +Schöpfungen, wie Anti-Hai, Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere, +die dem Menschen freundlich sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen +der Schiffe etc. leihen werden. Alle _nützlichen_ Fische und +Seethiere, wie der Hering, der Kabeljau, die Auster u.s.w., werden +trotz der Veränderung des Meeres erhalten bleiben und sich +wesentlich vermehren. Ganz ähnlich vollzieht sich die Umgestaltung +auf dem Lande. Alle wilden Thiere (Löwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.) +und alle giftigen Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die +giftigen und schädlichen Pflanzen verschwinden und werden durch für +den Menschen nützliche Neuschöpfungen ersetzt. So entsteht z.B. der +Anti-Löwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als +Reitthier anbietet. + +Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei +Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann +wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen +Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz +dort nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht, +ist schwer zu sagen, darüber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der +Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevölkerungsziffer +erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so +läßt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmälig und namentlich in +dem Maße nach, wie neben den Männern insbesondere auch die Frauen +größer und stärker werden, ihre geistige und körperliche +Entwicklung und die opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt, +schon jetzt in unserer Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu +haben, daß Frauen von großer Körperkraft und Körperfülle und +höherer geistiger Entwicklung und in günstigen materiellen +Verhältnissen lebend, weniger Kinder gebären, als solche von +schwächlicher, magerer Konstitution, so daß Erstere häufig sogar +unfruchtbar seien. + +Aehnliche Umgestaltungen und Veränderungen, wie auf unserm Globus, +vollziehen sich auf allen übrigen Planeten und geben dem Menschen +die Gewähr, daß er auch nach seinem Tode auf der Erde in +ungemessenen Zeiträumen von einem zum andern Planeten wandert, von +denen immer einer vollkommener als der andere ist und immer höhere +Genüsse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze Planetensysteme +werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt dieselbe Harmonie, +das obere Klavier (»clavier majeur«) herzustellen, wie diese +Harmonie auf der Erde in dem Klavier der menschlichen Seele, das +810 Charaktereigenschaften aufweist, sich hergestellt hat. Das +Charakteristische in allen diesen Auseinandersetzungen Fourier's +sind die bestimmten mathematischen Verhältnisse und die Analogien, +mit denen er rechnet. Alles drückt sich bei ihm in bestimmten +Zahlen aus. Alle Lebensäußerungen und Erscheinungen in der Welt +lassen sich in bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen zum +Ausdruck bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des +Pythagoras (540-500 vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine +Philosophie der Zahlenlehre für alle Erscheinungen begründete. + +Ebenso sieht Fourier überall Analogien; jede unserer Pflanzen, +jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt +er zu ergötzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zähne des +Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32 +Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zählen muß. + +Die phantastischen Spekulationen Fourier's über die Entwicklung von +Menschen und Welt waren es, die ihm im spottsüchtigen Frankreich am +meisten schadeten. Später gab er auch diesen Theil seiner Ansichten +ausdrücklich preis, sich damit entschuldigend, daß im Jahre 1808 +seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr mangelhaft gewesen +seien, daß er für das Studium auf die Nächte angewiesen gewesen sei +und er manche ihm nöthige Wissenschaft habe vernachlässigen müssen. +Im Uebrigen aber hätten, meinte er, diese seine kosmogenetischen +Ansichten mit seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun +und schädigten und berührten dieses eben so wenig, als die +Träumereien Newton's über die Auslegung der Apokalypse dessen +Entdeckung über die Attraktion und Gravitation der Weltkörper +geschädigt und berührt habe. Ueberdies erlebte Fourier die +Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und +damit war für ihn handgreiflich der Beweis geliefert, daß die +Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden +und Länder zu durcheilen vermochte, daß sie den Anti-Hai des Meeres +und den Anti-Löwen des Landes sehr wohl entbehren konnte. Wer hatte +überhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von bedeutenden Männern +keine Träumereien? Schiller in seinen Räubern, Göthe in seinen +Wilhelm Meister's Lehr- und Wanderjahren, Fichte in seinem +»geschlossenen Handelsstaat« malten die Welt auch ganz anders, als +sie der großen Mehrzahl der gleichzeitig mit ihnen lebenden +»vernünftigen Leute« sich darstellte. Geniale Menschen haben das +Recht, zu »träumen«, sie helfen mit ihren »Träumen« der Menschheit +mehr, als der große Troß des Philisterthums mit seinen +»vernünftigen« Gedanken. + +Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte +mit dem Maßstab einer _späteren_ Zeit messen. Wie jeder Mensch, der +bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, so wird +er auch über seine Zeit nicht hinaus können; er kann der +Vorgeschrittenste in ihr sein, außer ihr steht er nicht. Eine +bewußte Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts nicht, +konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse war +erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am öffentlichen Leben +sich betheiligten und sich dafür interessirten, bildeten sie die +Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im Anfang +der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die +Verhältnisse noch ganz anders. Die Ideen der großen Revolution +besaßen noch einen Glanz und hatten einen Enthusiasmus in den +Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte. + +Warum jene glänzenden Ideen der bürgerlichen Ideologen in der +Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen +konnten, erwähnten wir schon. Dazu kam, daß die napoleonischen +Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die öffentliche +Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten zu jener +Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch das +bereits erwähnte gegen England gerichtete vollständige +Abschließungssystem und die damit treibhausartig gezüchtete +Großindustrie -- Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation, +Seidenindustrie etc. -- in Verbindung mit der fortgesetzten +Hinopferung von Hunderttausenden der besten Kräfte im Mannesalter, +in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach Arbeitern +groß, die Löhne standen hoch und die Arbeiter lernten erst jetzt +eine Menge Bedürfnisse kennen und befriedigen, von denen sie früher +keine Ahnung hatten. Da bekümmerten sie sich nicht um neue soziale +Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so fremder, schwer +verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, wie sie +Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist überhaupt schwer +verständlich, es mangelt ihm die logische Zusammenfassung und die +klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine Nomenklatur gebildet +und wendet diese mit Vorliebe an, die eine Verdeutlichung sehr +schwer, manchmal fast unmöglich macht. + +Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der +Beseitigung Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich +selbst zu beschäftigen, traten andere Erscheinungen in den +Vordergrund, die das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen. +Gleichzeitig mit den Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette +der heiligen Allianz war ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen +und Adeliger mit ihrer Nachkommenschaft eingerückt, die jetzt wie +ein Schwarm Heuschrecken sich über das Land ergossen, Ersatz für +das einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung für das meist sehr +zweifelhaft Geleistete aus öffentlichen Mitteln verlangten, und +nach möglichster Wiederherstellung der Zustände des »ancien regime« +sich sehnten und dazu drängten. Zwar hatte schon Napoleon versucht, +seinen Frieden mit den alten Ständen zu machen; er hatte neben dem +alten einen neuen Adel kreirt, weil er einsah, daß er seinen neu +gezimmerten Thron nicht ohne solche Stützen auf die Länge zu halten +vermochte, und mit dem Papst hatte er sich auch verständigt. Aber +es war doch nur ein kleiner Theil des Adels, der von Napoleon +befriedigt war, und der Herr und Meister zwang diesen Adel zur +Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 anders. Jetzt brach der alte +Adel in Schaaren in das Land, er hielt den Tag der Ernte nach so +langer Entbehrung für gekommen. Die reaktionären Strebungen kamen +überall zum Vorschein. Eine Reihe von Jahren ließ sich das +niedergetretene Frankreich diesen Zustand gefallen, dann aber +ermannte es sich allmälig. Die Bourgeoisie, die sich in erster +Stelle zurückgedrängt und beunruhigt sah, wurde oppositionell, und +Alles, was von den Ideen der großen Revolution erfüllt war, noch +voll Begeisterung und Enthusiasmus glühte, erhob sich zum Kampf, +der schließlich in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution +zunächst sein Ende fand. Aber später dauerten die Kämpfe fort und +führten namentlich zur Gründung der geheimen revolutionären +Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in stärkerem Maße sich +betheiligten. Das war keine Strömung, die den auf Aussöhnung und +Ausgleichung der Gegensätze gerichteten Bestrebungen Fourier's +günstig war. Dazu kam noch eine gewisse Zurückhaltung seinerseits, +er blieb den politischen Kämpfen vollständig fern, seine Natur war +nicht für die öffentliche Propaganda und die Agitation gemacht. + +Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: »Die Theorie der vier +Bewegungen«, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch +fand geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschöpft. Eine +kleine Hülse, die ihn vor dem Mangel schützte, erhielt er durch ein +Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jährlich +900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in +verschiedenen kaufmännischen Stellungen, dann zog er sich auf's +Land zurück und widmete sich fünf Jahre gänzlich seinen Studien und +Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein umfänglichstes +Werk: »Die Theorie der universellen Einheit«, zwei starke Bände +umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein Freund und +Anhänger Just Muiron, der als städtischer Beamter in Besançon lebte +und in leidlichen materiellen Verhältnissen war, unterstützte. Bei +der zweiten Herausgabe (1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach +seiner ersten Herausgabe geschriebene Abhandlung: »Summarisches« +eingefügt und das Ganze unter dem ersterwähnten Titel in vier +Bänden herausgegeben. Bei der ersten Ausgabe führte das Werk den +Titel: »Abhandlung über die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche +Assoziation«, obgleich Fourier ihm den späteren Titel von vornherein +zugedacht, ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals +»die erschreckte öffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme +eingenommen gewesen sei.« In diesem Werk begründet Fourier in der +ausführlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk aufgestellten +Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien und +Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes +bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur -- in +der Polemik war er überhaupt Meister -- in denen er die Systeme der +Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit viel Witz +und Satyre zurückwies. + +Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem +Titel: »Die industrielle und sozietäre Neue Welt.« (»Le Nouveau +Monde industriel et sociétaire.«) Dieses Werk umfaßt einen Band und +ist von allen Schriften Fourier's das präziseste und am klarsten +geschriebene; es vermeidet möglichst die spekulativen und +kosmogenetischen Träumereien, befaßt sich dagegen um so mehr mit +allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die +eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich +über Fourier's Ideen genügend orientiren will, ohne die fünf ersten +Bände zu studiren, wird in »Der industriellen und sozietären Neuen +Welt« alles Wünschbare finden. Sieben Jahre später erschien +abermals eine größere Arbeit von ihm unter dem Titeln »Falsche +Industrie«. Aber dieses Buch enthält keine irgendwie neuen Ideen, +noch weniger zeichnet es sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist +die letzte, aber auch geringwerthigste seiner größeren +Abhandlungen. Neben diesen größeren Schriften erschienen von ihm +eine Menge Aufsätze über die verschiedensten Fragen, die später +ebenfalls gesammelt und von seinen Anhängern herausgegeben wurden. + +Allmälig hatte sich eine kleine Anhängerzahl um Fourier geschaart. +Neben dem bereits erwähnten, ihm sehr ergebenen Muiron war es +Victor Considérant, der als junger Mann und als Zögling der +Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen Ideen hingab, +unter seinen militärischen Genossen für dieselben Propaganda machte +und auch später Fourier treu blieb, als er in der militärischen +Karrière bis zum Hauptmann des Geniekorps emporstieg, noch später +Mitglied des Generalraths der Seine und Volksvertreter wurde. +Considérant wurde das eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des +Fourierismus, der in Wort und Schrift unermüdlich für ihn wirkte. +Doch da wir die ausschließliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken +Fourier's zu beschäftigen, können wir nicht ausführlicher auf die +Thätigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer schriftstellerischen +Kräfte, und dem entsprechend auch die Zahl ihrer Schriften, wurde +im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch hat sie nie einen +großen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie die meisten der +sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre Hauptstützen in den +jugendlichen Kreisen der Gebildeten. Schriftsteller, Advokaten, +Offiziere, Aerzte, Künstler bildeten den Kern. Im Jahre 1832 gelang +es Kurier und seinen Schülern, eine Zeitschrift für die Verbreitung +ihrer Lehren zu gründen, die unter dem Titel: »La Reforme +industrielle ou le Phalanstère« (Die industrielle Reform oder das +Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bänden groß Oktav +erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836 +unter dem Titel: »La Phalange, journal de la science social« (Die +Phalanx, Zeitschrift für die soziale Wissenschaft), welche in den +Jahren 1836-1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von +1840-1843 erschien sie wöchentlich drei Mal und ging 1843 in ein +Tageblatt über unter dem Titel: »Democratie pacifique« (Friedliche +Demokratie). + +Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften +schriftstellerisch sehr eifrig und leistete zahlreiche Beiträge. +Außerdem führte er auch den Kampf in der übrigen Presse, so weit +diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er +dauernd nach Paris übergesiedelt. Er hatte eingesehen, daß wenn er +für seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in dem +Zentralpunkt des öffentlichen Lebens von Frankreich sein mußte. Er +hatte den durch die Zentralisation des Landes begründeten mächtigen +Einfluß von Paris auf Frankreich für dessen ganzes öffentliches, +wissenschaftliches, künstlerisches Leben entschieden bekämpft, ein +Einfluß, der dazu führe, daß die größten Städte Frankreichs, wie +Lyon, Bordeaux, Rouen u.s.w., in Bezug auf geistiges und +künstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und bei der in +Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit kleineren +Städten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder beliebigen +deutschen Universitätsstadt, überflügelt würden. Fourier +beurtheilte überhaupt Paris, Frankreich und den Charakter seiner +Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie wenige seiner +Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner außerordentlichen scharfen +Beobachtungsgabe. Aber der zentralisirenden Wirkung und dem Einfluß +von Paris konnte er sich natürlich als Einzelner und als Mann, der +auf seine Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so +wählte er es zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Da ist es denn für +den Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch, +daß während der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9. +Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag für Tag in +der Mittagsstunde in seiner Wohnung den »Kandidaten«[4] erwartete, +der ihm die Mittel für die Gründung einer Versuchsphalanx zur +Verfügung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen wurde im Jahre 1832 +aus der Mitte seiner Anhänger heraus der Versuch, eine Phalanx zu +gründen, gemacht, indem Einer derselben in der Nähe von Rambouillet +500 Hektaren Land für diesen Zweck zur Verfügung stellte. Aber man +kam über die ersten Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr +bald ausgingen, ein Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende +mit begreiflicher Bitterkeit erfüllte. + +[Fußnote 4: Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner +Meinung die Mittel für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten +und berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe.] + + * * * * * + +Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begründers +des Phalanstèren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten +seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhältnisse kurz +geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte. +Es handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen +nach seinen eigenen Ausführungen, wenn auch nur in knappster Form, +zum Ausdruck zu bringen. + +Seine Schüler haben im Jahre 1848 ein zweibändiges Sammelwerk +herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: »Die universelle +Harmonie und das Phalansterium« (»L'harmonie Universelle et le +Phalanstère«) eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, worin +ausschließlich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben wir +theilweise für Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier beginnt: + +»Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen über die +Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht, +welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die +Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die +Philosophen[5] in ihrem ersten Versuch (in der französischen +Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit geliefert haben, +betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als für immer abgethan. Die +Ströme von politischer und moralischer Aufklärung erscheinen nur +mehr als Illusionen. Nachdem diese Gelehrten seit fünfundzwanzig +Jahrhunderten ihre Theorien vervollkommnet, alles alte und neue +Wissen zusammengetragen haben, zeigt sich, daß sie uns statt der +versprochenen Wohlthaten eben so viel Kalamitäten verschafften und +daß die Zivilisation zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von +1793 gab es keinerlei Glück von den erworbenen Aufklärungen mehr zu +hoffen, man mußte das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu +verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche +mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen +Wissenschaft vermuthen ließ und mich anregte, ihre Entdeckung zu +versuchen. Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die +Verirrungen der Vernunft und hauptsächlich durch den Anblick der +schweren Geiseln, von denen unsere sozialen Zustände betroffen +sind: Mangel, Entbehrungen, überall herrschender Betrug, +Seeräuberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere Uebel. +Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine von +Gott erfundene Kalamität sei, um das Menschengeschlecht zu +züchtigen. Ich schloß, daß in diesem sozialen Zustand eine +Umkehrung der natürlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich dachte +ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht +Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkräftung, einem inneren +Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein +Heilmittel finden könne, wenn man die von unseren Philosophen +bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner +Untersuchungen: _den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung +bisher beschrittener Wege_ ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen +zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um +so leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten +mit Mißtrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung +gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese +Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war _zweifelhafter, als +ihre Nothwendigkeit und künftige Dauer_? Wenn vor ihr schon drei +andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat und +die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil sie die +vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, siebente soziale +Ordnung entstehen, die weniger verhängnißvoll sind, als die +Zivilisation, die aber noch unbekannt sind, weil Niemand sich die +Mühe gab, sie zu entdecken? Man muß also die Nothwendigkeit, +Vortrefflichkeit und stetige Dauer der Zivilisation in Zweifel +stellen. Das haben die Philosophen nicht gewagt, weil sonst die +Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, die alle die Zivilisation +verherrlichen, an den Tag kommen würde.« + +[Fußnote 5: »Unter den Philosophen begreife ich«, sagt Fourier an +einer Stelle, »nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften +(»sciences incertaines«), die Politiker, Moralisten, Oekonomisten +und Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen, +sondern nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich +also von Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser +zweifelhaften Klasse, nicht von den Vertretern der bestimmten +Wissenschaften (»sciences fixes«).« Fourier ging von der Ansicht +aus, daß die französische Revolution nur ein Werk der Philosophen +sei.] + +In diesen wenigen Sätzen steckt bereits die Utopie, von der er und +alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist schlecht, +kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen +besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir +einen besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier +diese neue Gesellschaft keine willkürlich erfundene sein, sie +sollte auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und +stimmten diese Rechnungen, und das entschied natürlich er selbst, +so war der neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen +Entschluß der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar +Handschuhe zu wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne +Reibung. Denn wo Allen das Glück blüht, wie kann da Jemand zaudern? + +Er entschloß sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch +nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunächst, wie er sagt, auf +zwei sehr gewöhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren »die +Ackerbaugesellschaft« (»association agricole«) und die indirecte +Unterdrückung des Handelsmonopols der Insularen, der Engländer. + +England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der +französischen Revolution einen gefährlichen Konkurrenten entstehen, +dazu kam die Befürchtung wegen der Rückwirkung der revolutionären +Ideen auf die eigene Bevölkerung und, wie schon bemerkt, der Haß, +daß Frankreich die Unabhängigkeitsmachung seiner nordamerikanischen +Kolonien, der späteren Vereinigten Staaten, unterstützt hatte. Mit +seiner Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen +Handel, und bei dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis +gegen den Handel eingesogen hatte, mußte sich dieser Widerwille +auch auf die größte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle +diese perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch +erzeugt hatte, wenden. Zunächst beschäftigte er sich mit der +ländlichen Assoziation, und über dem Nachdenken über ihre +Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die Lösung +dieses Problems führt, nach ihm, zur Lösung aller politischen +Probleme. »Die Philosophen hielten die Ackerbaugenossenschaft für +ebenso unmöglich, wie die Abschaffung der Sklaverei, weil die +Genossenschaft bisher nie existirte. Sehend, daß bei dem +Dorfbewohner jede Haushaltung auf eigene Faust arbeitet, kannten +sie keine Mittel, sie zu vereinigen, und doch würden unzählige +Verbesserungen daraus entstehen, wenn man die Bewohner jedes +Fleckens zu gemeinsamer Thätigkeit vereinigen könne, proportional +ihrem Kapital und ihrer Thätigkeit. Also 2-300 Familien, ungleich +an Vermögen, die einen Bezirk (»canton«) kultivirten. Das Hinderniß +schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer +Thätigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wären mindestens +achthundert nöthig für eine natürliche und ihre Mitglieder +anziehende Assoziation.« + +»Ich verstehe darunter«, sagt er, »eine Gesellschaft, deren +Mitglieder durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die +mit dem Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die +Ordnung, um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben, +anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der +Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird aus +Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint +lächerlich, und doch ist sie möglich. Die landwirthschaftliche +Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend Personen umfaßt, +liefert so enorme Vortheile, daß sie im Vergleich zum heutigen +Zustand als Zustand der Sorglosigkeit erscheint. Das hat selbst ein +Theil der Oekonomen zugestanden, nur haben sie sich nicht die Mühe +gegeben, die Ausführungsweise zu entdecken. Sie erkennen selbst an, +daß z.B. dreihundert Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig +erbauten und eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt +300 meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein) +anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger Unkenntniß +behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit Milch nach der Stadt +gehen und hundert halbe Tage versäumen, würde ein einziger genügen, +der mit einem Wagen fährt. Das sind nur einige von den zunächst in +die Augen fallenden Ersparnissen, und sie würden sich +verzwanzigfachen lassen. Aber wie eine Gesellschaft verschmelzen, +in der die eine Familie 10.000 Franken, die andere keinen Obolus +besitzt? Wie alle die Eifersüchteleien vermeiden und zu _einem_ +Plan die Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel +widerstreitende Interessen und so viel entgegenstrebende Willen +versöhnen? Darauf antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und +Vermögen. Der stärkste Trieb für den Landmann wie für den Städter +ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß die sozietär +organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal mehr Vortheile +einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, daß allen +Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert sind, so werden +sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich beeilen, der +Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über alle Regionen +ausbreiten, denn überall haben die Menschen den Trieb nach +Reichthum und Genüssen.« + +»Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche auszusprechen +gestatteten, welches würden die einstimmigsten Wünsche sein, die +der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, Gesundheit und Langlebigkeit; +und damit wäre der vierte Wunsch eingeschlossen: genügend Klugheit, +um diese Güter entsprechend zu benutzen«, so definirt er an einer +andern Stelle das Streben der Menschen. + +»Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des +Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen Trieben +Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr anschließen, da +die Triebe überall die gleichen sind. Dieser neuen Organisation +gebe ich drei Namen: »progressive Serien« (Reihen) oder Serien »von +Gruppen«, »Serien der Triebe«. Ich verstehe unter der Bezeichnung +Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter Gruppen, welche sich +den verschiedenen Zweigen ein und derselben Industrie -- das Wort +»Industrie« bedeutet bei Fourier jede nützliche, menschliche +Bethätigung -- »oder ein und desselben Triebes sich widmen.« + +»Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich +eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien +ist in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer +Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den +extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe +harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen +regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus sind sie +entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum verlangen die +Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe ist auch stets im +Sinne von Leidenschaften, »passions«, zu verstehen. Anmerk. des +Verf.) unterdrücken müsse. Das ist eine doppelte Absurdität. Man +kann die Triebe nicht anders als durch Gewalt unterdrücken, oder +dadurch, daß sie sich gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie +aber, so muß der zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und +in das Nomadenthum zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der +Hirten, noch an diejenige ihrer Apologeten.«[6] + +[Fußnote 6: Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine +Verehrer, die den »Naturzustand« als den glücklichsten, +tugendhaftesten Zustand priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal +sahen. Jahrzehnte vorher schon spielte die feudale Gesellschaft in +ganz Europa, der französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre +idyllischen Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen +zum Vorschein kamen. Der Verfasser.] + +Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie läßt +weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere Gesichtspunkte der +Philosophen zu; je glühender und geläuterter die Triebe, je +lebhafter und zahlreicher sie sind, um so leichter wird die +Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur der Triebe, die +Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll ihnen nur die +rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt sich auf die +nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie giebt und ohne +sie zu ändern. Darin besteht das ganze Geheimniß von der Berechnung +über die Attraktionen der Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht +oder Unrecht hatte, daß er dem Menschen so oder so die Triebe +schenkte, die sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab, +ohne etwas daran zu ändern.« + +»Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich ändern, +so z.B., daß die Menschen das Landleben der Stadt vorziehen, so +ändert sich _nur_ der Geschmack, nicht die Triebe. Die Liebe zum +Reichthum und für die Vergnügungen bleibt immer. Die Zivilisirten +werden über den neuen Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald +sie sehen, daß z.B. die Kinder, die heute nur schreien und sich +zanken, Alles zerbrechen und sich zu beschäftigen weigern, in der +Serie von Gruppen sich nur mit nützlichen Arbeiten aller Art +beschäftigen, unter sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie +dazu anreizt; daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die +Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und +Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile +schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die +Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein Drittheil der +Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der Privatwirthschaft; +daß man in der Serie dreimal angenehmer, reichlicher bedient ist; +daß man dreimal besser sich nährt und dreimal weniger ausgiebt, als +in der alten Ordnung und dabei all' die Unannehmlichkeiten und +Verlegenheiten für die Vorbereitungen und Anschaffungen erspart; +wenn ferner bewiesen wird, daß die Beziehungen in der Serie +keinerlei Täuschungen zulassen; daß bei dem Volk, heute so +ungeschliffen und falsch, die Wahrheit und Gesittung einkehren +wird; wenn das Alles die Zivilisirten sehen, so werden sie einen +Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand bekommen, sie werden sich +beeilen, in die Assoziation einzutreten und ihr Gebäude zu +errichten.« + +Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen +Wissenschaft gekommen sei. »Das Erste, was ich entdeckte, war die +Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden Serien +den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen Lebensaltern +und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in der neuen Ordnung +man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen werde, je mehr Triebe +man habe und schloß, daß, _wenn Gott so viel Einfluß_ der +_Anziehung der Triebe gegeben_ und _so wenig Einfluß der Vernunft, +ihrem Feinde_, dieses geschehen sei, um uns zur Organisation der +fortschreitenden Serien zu führen, welche in jedem Sinne die +Anziehung befriedigen ... Die Sophisten glauben das Problem, das +daraus entsteht, daß unsere Triebe scheinbar mit unserer Vernunft +im Widerspruch stehen, dadurch zu erklären, daß sie sagen: Gott gab +die Vernunft, damit wir den Trieben widerstehen. Es ist aber +sicher, daß er sie dazu _nicht_ gab. Will man die Vernunft der +Anziehung der Triebe gegenüberstellen, so ist dies selbst von +Seiten der Verherrlicher der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen; +die Vernunft hat _nie_ Bedeutung, sobald es sich darum handelt, +unsere Neigungen zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch +Furcht, junge Leuten nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren +Neigungen zu fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für +Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die +wilden Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten, +aber Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen +die Leidenschaften vermag.« + +»Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr man +den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles in ihm +auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf seine +Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und damit +die Attraktion um so mehr zu befriedigen.« Gott hat also die +Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine +Triebe zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu +verleihen. + +»Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe ist fixirt +und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und muß großer +Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte bald, daß die Gesetze der +Attraktion der Triebe in jedem Punkt den durch Newton und Leibnitz +angewandten Gesetzen der materiellen Anziehung konform seien und +_daß es eine Einheit des Systems der Bewegung für die materielle +und geistige Welt gebe_. Ich kam dann durch Untersuchungen zu der +Ueberzeugung, daß die Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die +besonderen Gesetze ausdehne, daß die Attraktion und die +Eigenschaften der Thiere, Pflanzen, Mineralien koordinirt seien +nach demselben Plan, wie diejenigen der Menschen und Gestirne. So +kam ich zu der neuen Wissenschaft: _der Analogie der vier +Bewegungen_, der materiellen, organischen, thierischen und +sozialen, oder zur Analogie der Modifikation der Materie mit der +mathematischen Theorie der Triebe des Menschen und der Thiere.«[7] + +[Fußnote 7: Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen +und erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die +materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das +Wasser, 3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität, +Magnetismus), 4. die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die +soziale oder passionelle, welcher das Feuer entspricht. Die +eigentliche praktische Bedeutung dieser fünf Bewegungen oder +Antriebe wurde bereits weiter oben auseinandergesetzt.] + +Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die +Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der +Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des +Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner +Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch +auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der +Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben +glaubte, war ihm Alles klar; er begann »im Zauberbuch der Natur zu +lesen«. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung +der Bestimmungen, d.h. er kannte nunmehr das fundamentale System, +durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze +geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die der +bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte +er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel +beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera, +das gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die +Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der +zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit +blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der +Selbsterkenntniß ausgerufen: »O! welch' dicke Finsterniß +verschleiert noch die Natur!« Die Bibliotheken der Philosophen +sollen die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein +demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und Irrthümer. Die +neue sozietäre Ordnung wird also um so glänzender sein, je länger +sie bisher verzögert wurde, denn eigentlich hätten sie schon die +Griechen im Zeitalter des Solon (639-559 vor unserer Zeitrechnung) +begründen können, da ihr »Luxus« -- Fourier versteht hierunter die +gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters -- schon genügend +weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser »Luxus« mindestens +doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete jetzt mit um +so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die Früchte von +den Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften, die das +achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die bis in diese Tage +sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt werden würden. +Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung zurück, aber sei es +nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus mit seiner Behauptung, +daß es jenseits des Ozeans noch einen Erdtheil geben müsse, +verlacht, verspottet, mit seiner Lehre selbst vom Papste verflucht +worden, obgleich dieser am meisten dabei interessirt war, weil er +neue Gläubige unter seine Herrschaft bekam? Man sei im neunzehnten +Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder neuen großen Entdeckung als +im fünfzehnten. Die Philosophen behaupteten, weil sie selbst nicht +den Schleier zu lüpfen vermochten, die Natur sei ein mit einem +ehernen Schleier bedecktes Schreckbild, ein undurchdringliches +Heiligthum; warum habe denn Newton wenigstens eine Ecke dieses +Schleiers zu lüpfen vermocht? Man sage auch, Gott sei nicht zu +erkennen. Der gesunde Sinn sage das Gegentheil, weil nichts +leichter sei. Das Alterthum habe den Schöpfer travestirt, indem es +ihn unter einer Horde von 35.000 Göttern vermengte und verdeckte; +da sei es schwierig gewesen, seine Meinung zu studiren, ihn aus +dieser himmlischen Maskerade zu entwirren. Sokrates und Cicero +trennten sich von den Sottisen ihrer Zeit, sie bewunderten den +»unbekannten Gott«; Sokrates wurde ein Opfer seiner Ueberzeugung. +Heute sei dieser frühere Aberglaube überwunden, das Christenthum +führte uns zu gesunden Ideen zurück, es brachte den Glauben an +einen Gott. »Wir haben jetzt einen Kompaß, der uns den Weg zum +Studium der Natur zeigt.« + +Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften +Gottes zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlüssen führe. +»Dahin gehören: 1. die vollständige Leitung der Bewegung; 2. die +Oekonomie der Spannkräfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; 4. +die Universalität der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.« + +Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als +die Philosophen; die Existenz Gottes ist für ihn unbestritten, er +setzt das Descartes'sche: »Ich denke, also bin ich«, einfach um in +den Satz: »Die Welt ist da, also besteht Gott.« Und ist einmal +dieser Gott als Weltschöpfer anerkannt, so muß er natürlich auch +die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese +Eigenschaften wäre er nicht Gott. Er fährt nun weiter fort: + +»Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des +Weltalls und sein Schöpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls +zu lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen: +folglich ist die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk +Gottes und nicht das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft +dem Glück zuzuführen, müssen wir das soziale Gesetz studiren, das +er für sie gebildet hat.« Mit andern Worten heißt das: Gott ist +zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der +Bewegung für die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber da +er sich bei seinen vielen Geschäften um die Details und ihre +Ausführung nicht kümmern kann, muß der Mensch sie entdecken und +ausführen. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott wird auf diese +Weise vollständig deplazirt und es sind schließlich die Menschen, +die Alles allein besorgen; er hat die Allmacht Gottes und den +freien Willen des Menschen innerhalb der ihm von Gott überlassenen +Grenzen gerettet. Fourier kommt schließlich auf dasselbe hinaus, +was er den Philosophen vorwirft, sie hätten die menschliche +Vernunft auf den ersten Rang und Gott auf den zweiten gesetzt. +Genau so schließt er über den zweiten Punkt. Ist Gott der höchste +Verwalter der vorhandenen Spannkräfte, so kann er doch nur mit den +größten gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschäftigen, die +kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei, +ist Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkürliche, +ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken. + +Zum dritten Punkt bemerkt er: »Im Schatten der vorhandenen sozialen +Gesetzgebung sieht man nicht, _daß das Elend der Völker mit dem +sozialen Fortschritt wächst_. Wir sehen die gefährliche Wirkung in +dem Einfluß des Handelsgutes, der dahin führt, die heiße Zone mit +schwarzen Sklaven zu bedecken, die man ihrem Heimathlande entreißt, +und die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven, die man in die +industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich +offenbart und in allen Ländern Nachahmung finden wird. Kann man +irgend welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken, +_wo der Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die +Arbeit garantirt_?« + +Die Universalität der Vorsehung muß viertens sich nach ihm auf alle +Völker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze zivilisirte +System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich weigern, +widerspricht den Wünschen Gottes. Den Zustand, den wir ihnen +bieten, die agrikole Zerstückelung und die Einzelwirthschaft, +befriedige nicht Menschen, die der Natur am nächsten stehen. Unsere +ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und daher müsse ein anderer +Zustand begründet werden, der alle Kasten, alle Völker befriedige, +wenn die Vorsehung universell sein solle. Die Einheit des Systems +endlich implizire fünftens die Anwendung der Attraktion der +Spannkräfte der sozialen Harmonien des Weltalls, die sich von den +Gestirnen bis zu den Insekten erstreckten. Man müsse also im +Studium der Attraktion das soziale Gesetz zu entdecken suchen ... +»Unsere Einrichtungen sind unsern eigenen Völkern so verhaßt, daß +sie in allen Ländern sich erheben und sich davon zu befreien suchen +würden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie zurückschreckte. +Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht zu vereinigen, +weil die Barbaren für unsere Einrichtungen nur eine tiefe +Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie +derselben erregen. Es ist die stärkste Verwünschung, die sie einem +Feind entgegenschleudern: »Mögest du gezwungen sein, ein Feld zu +bebauen.« Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie von +allen freien Völkern verabscheut, die sich in dem Augenblick zu ihr +drängen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich in +Uebereinstimmung setzt.« + +Fourier meint also, daß keine soziale Organisation die rechte sein +könne, die nicht von allen Menschen, ohne Rücksicht auf ihre +Kulturstufe, freudig begrüßt würde, so groß müßten ihre Vortheile +und ihre Annehmlichkeiten sein. »Es gilt also eine soziale Ordnung +zu finden, welche dem geringsten Arbeiter ein genügendes Wohlsein +sichert. Die Arbeiter müssen den neuen Zustand dem Zustand der +Trägheit und der Straßenräuberei (»brigandage«), nach dem sie heute +Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht +gelöst ist, werden die Reiche _beständigen Stürmen ausgesetzt sein, +werden sie von einer Revolution in die andere stürzen_; die +wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur auf die Dürftigkeit +der Masse und folglich auf den Umsturz hinaus; die Helden, die +Gesetzgeber stützen sich nur auf den Säbel; aber alle Voraussicht +eines Friedrich kann nicht verhindern, daß schwache Nachfolger den +Degen auf seinem Sarge rauben lassen.[8] Die zivilisirte Ordnung +ist mehr und mehr im Wanken, der _vulkanische Ausbruch von 1793 ist +nur ihre erste Eruption, andere werden folgen_; ein schwaches +Regiment wird sie begünstigen. Der Krieg der Armen gegen die +Reichen hat so glücklich begonnen, daß Ränkeschmiede in allen +Ländern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das +zu verhüten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer +Aufklärung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in +dem Maße gebären, wie wir die Ruhe gesichert zu haben glauben. Und +wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert +verlängert, wie viel Kinder werden, veranlaßt durch ihre Väter, vor +den Thüren der Reichen betteln? (In Folge von Klassenelend.) Ich +würde nicht wagen, diese schreckliche Perspektive darzustellen, +wenn ich nicht die Berechnungen brächte, welche die Politik in dem +Labyrinth der Triebe zurecht weisen und die Zivilisation von ihrem +Alp erlösen werden, diese Zivilisation, die immer revolutionärer +und verhängnißvoller wird.« + +[Fußnote 8: Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des +Großen von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch +Napoleon I. 1806.] + +Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle +Ehre, sie sind überraschend. Man halte fest, daß Fourier diese +Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 veröffentlichte, wo außer ihm +nur sehr Wenige an eine soziale Frage überhaupt dachten, und man +wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner Voraussagungen +bewundern müssen. Er führt nun weiter aus, wie viele Reiche bereits +an innerer Zerrüttung zu Grunde gingen, weil sie die sozialen Uebel +nicht zu lösen vermochten. »Welche Monumente diese Reiche immer +überlebten, sie stehen da, eine Schande ihrer Politik. Rom und +Byzanz (Konstantinopel), ehemals die Hauptstädte der größten +Reiche, sind heute zwei lächerlich gewordene Metropolen. Auf dem +Kapitol sind die Tempel Zäsar's durch obskure Götter aus Judäa +verdrängt, am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die +Götter der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das +Piedestal von Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den +Altar von Jesu. Rom und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der +Verachtung der Nationen, die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei +Arenas politischer Maskeraden, zwei Pandorabüchsen, die im Orient +den Vandalismus und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine +Raserei verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den +Triumphwagen zu schmücken und den modernen Hauptstädten einen +Vorgeschmack von dem Schicksal zu geben, das den Denkmälern und den +Arbeiten der Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die +sozialen Uebel des Menschengeschlechts und schafft Wandel!« -- + +»Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die +Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist +nothwendig besser als die beiden andern, und die beiden +unvollkommneren, die sich nicht zur besseren erheben, sind von +jener Krankheit der Entkräftung erfaßt, von der nach Montesquieu +das Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche +die andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar +unzureichend für das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den +größeren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten lassen. +Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der Lähmung +betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der politischen +Ohnmacht; sie müssen also alle drei aus einem krankhaften Zustand +heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen Mechanismus +beunruhigt. Völker! eure sehnlichsten Wünsche verwirklichen sich, +die glänzendste Mission ist dem größten der Helden aufbewahrt. Der +soziale Kompaß ist entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei +und der Zivilisation zur universellen Harmonie führen wird.« + +»Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer +behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklären, sie haben +aber nie ernste Studien über diesen Gegenstand gemacht und man hat +nie das Geringste über die allgemeine Einheit erfahren. Sie bildet +sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit sich, mit +Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des Menschen mit +sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im Menschen, seine +Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen zu können, +oder nicht befriedigen zu dürfen. Der Verf.) hat die Wissenschaft +der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit (»duplicité«) der +Handlung als wesentlichen Zustand und unwandelbare Bestimmung des +Menschen betrachtet. Sie lehrt: man müsse seinen Trieben +widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also im Krieg mit sich +selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in den +Kriegszustand mit Gott geräth, denn die Triebe und Instinkte kommen +von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum Führer gab.« + +»Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Führer und +Mäßiger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. daß Gott uns +zwei unversöhnlichen und sich antipathischen Führern, den Trieben +und der Vernunft, überliefert hat; 2. daß Gott gegen neunundneunzig +Prozent der Menschen sehr ungerecht handelte, weil er ihrer +Vernunft nicht die Stärke gewährte, ihre Triebe bekämpfen zu +können; 3. daß Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft +gab, mit einem untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist +unzweifelhaft, daß diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten +Menschen, der allein nur damit versehen ist, ohnmächtig ist, _wie +ja die Distributeure der Vernunft, z.B. ein Voltaire, am meisten +von ihren Trieben unterjocht wurden_.« + +»Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion +der Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft und +Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur im heutigen +sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der Mensch sei +für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, daß es nur zwei +Gesellschaftsordnungen giebt, die der Privatwirthschaft und der +Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und der sozietäre Zustand. +Der gegenwärtige Zustand setzt die isolirte Familie voraus, der +sozietäre die Arbeit und die Lebensweise in zahlreichen +Vereinigungen, welche nach einer bestimmten Regel für Jeden sich +theilen und ausgleichen, nach den drei Eigenschaften: Arbeit, +Kapital und Talent. Gott, als höchster ökonomischer Leiter, muß +nothwendig die Assoziation als den besseren Zustand wollen.« + +»Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die +Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe +und die universelle Analogie.« + +Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale +oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also +über zum »Studium der Assoziation«. + +»Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in +dem ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen +Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für eine +bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die +Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; 20-30 +Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum Fabrikanten und am +Ende der Saison erhält jede ihren Theil an Käse, entsprechend der +Quantität Milch, die sie lieferte. Wir haben überall im Kleinen wie +im Großen diese Keime für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe +Diamanten, welche die Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist, +diese Fetzen einer Assoziation, die in allen Zweigen der +menschlichen Arbeit zerstreut sind, zu einem Mechanismus, einer +allgemeinen Einheit zu verbinden, wo sie bisher nur mit Hülfe des +Instinktes entstanden. Bisher hat die Wissenschaft diese Studie +vermieden, die allein wahrhaft dringlich war. Ein Jahrhundert, das +sich so vieler Vernachlässigungen in wissenschaftlicher Ordnung und +Erforschung schuldig machte, mußte des Ueberblicks über das Ganze +ermangeln; es hat weder die Eintheilung des ganzen Systems der +Bewegung, noch die drei Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte +schließen müssen, daß die soziale und die materielle Welt im +Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit +organisirt sind.«[9] + +[Fußnote 9: Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des +Urtheils Fourier's über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das +achtzehnte Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele +Jahrhunderte zusammengenommen.] + +»_Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte +Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt sich das +persönliche Interesse in Gegensatz zu dem Allgemeininteresse_. Der +Arzt wünscht, daß seine Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen, +denn er würde zu Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne +Krankheit stürbe; dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder +Streit schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist +interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche Todte, +Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt jährlich wenigstens +45.000 Verbrechen, damit die Gerichtshöfe stets beschäftigt, also +nothwendig sind. Der Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler +Hagel; Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So +handeln in diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die +Theile gegen das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze +Ungeheuerlichkeit eines solchen Zustandes wird man erst begreifen, +wenn man die sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen +eine ganz entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das +Gesammtwohl wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am +meisten entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit +der Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften +rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation +über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem anderen Zustande +empfinden muß, so heute, wo alle ihre Illusionen zerstört sind; wo +ihre Freiheit _als der Weg zur Anarchie_ erkannt ist, ihre +Zerwürfnisse zum Despotismus führen und ihre Handelsmaximen den +Wucher, den Betrug, den Bankerott begünstigen, _die Nationen +schließlich unter das Joch des Monopols beugen_ und zur Dürftigkeit +und Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären von der +Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in ihren +Schafstall führte.« + +»Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende +Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen: + +»Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und muß +festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas zu thun +übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie zum Führer +nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst der Analogie +vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese übergehen; 5. nicht +glauben, daß die Natur auf die uns bekannten Mittel beschränkt ist; +6. die Spannkräfte im ganzen sozialen und materiellen Mechanismus +vereinfachen; 7. sich nur an die durch das Experiment festgestellte +Wahrheit halten; 8. sich an die Natur schließen; 9. beachten, daß +aus Irrthümern entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10. +die Thatsachen beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich +solche nicht vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte +mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was wir +gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle aufnehmen +und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird man zu +der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur verbunden ist, +und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit giebt. Der Mensch, +als einer ihrer edelsten Theile, muß in Uebereinstimmung sein mit +den Harmonien des Weltalls, also mit der mathematischen oder +rationellen Harmonie, der planetären oder sozialen, der +musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, Weltsprache.) +Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu assimiliren, so +muß er das Band suchen, das ihn mit Allem vereinigt, dieses Band +ist die Synthese von der Attraktion der Triebe.« + +Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien, +welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die +Erforschung der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie +die Sophisten, trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre +Prinzipien, auf alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur +sieben Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung, +Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von +Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische +Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede soziale Periode +ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu einer höheren +Stufe der Entwicklung führten; so beschäftige man sich unter den +Zivilisirten mit zwei Wegen, dem Handelssystem und der Freiheit. +Das seien die beiden Paradepferde der Philosophen, die sie mit +Vorliebe ritten. Man wolle die freie Zirkulation im Handel und +komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die Meinungsfreiheit und +komme zur Herrschaft der Denunzianten und des Schaffots.[10] + +[Fußnote 10: Anspielung auf die Zustände in der französischen +Revolution während der Herrschaft des rothen und des weißen +Schreckens.] + +Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als +die Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale Freiheit +scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig +anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und +mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an die +körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. Plato +und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. Letzterer +erklärte sogar, »der Sklave sei der Tugend nicht fähig«. Unter dem +Christenthum wurde die körperliche Freiheit allmälig durchgesetzt, +aber noch existirte die Sklaverei vielfach. + +»Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale? +Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, trotzdem +genießt er größere Freiheit als der Arbeiter, der, um leben zu +können, an die Arbeit gefesselt ist. Doch seine Triebe bleiben +unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, aber er hat kaum genug, +um sich zu nähren, er möchte Volksvertreter werden, aber dazu +gehört ein großes Vermögen.[11] Mit dem stolzen Titel, ein freier +Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der +sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der +Gesellschaft. Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der +Woche, den Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage +ist er gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein +körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und sozial +aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt über +Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit dies +überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien Aufschwung der +Triebe seiner Seele, er genießt eine Sorglosigkeit, die der +Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar jagen und fischen, um sich zu +ernähren, aber das sind anziehende Beschäftigungen, die ihm die +körperliche aktive Freiheit nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude +macht, wird nicht als drückende Verpflichtung empfunden. So geht's +auch dem Kaufmann; wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft +und dabei seine Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er +würde sehr mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme und er +weder lügen noch verkaufen könnte.« + +[Fußnote 11: In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis +1848 herrschte in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur +die Wahl der Reichsten ermöglichte.] + +»Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache +Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit +verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nöthig. +Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die +persönliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, die +Verbindung aus Trieb für die Ausübung der Arbeit und die +Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung. Diese vollständig freie +Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung des +Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer +Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die große +Menge ist nur auf die körperliche Arbeit beschränkt, ihre +Beschäftigung ist indirekte Sklaverei, eine Qual, von der sie sich +zu befreien wünscht.« + +»Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Müßigen, oder +Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum +Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit +erreicht. Kann man also behaupten, daß die soziale Freiheit +besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brüderlichkeit nur +Chimäre. Die Brüderlichkeit sandte Einen nach dem Andern ihrer +Koryphäen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk mit dem +Titel Souverän, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; es +verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag[12] und man schleift es, die +Kette am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit, +Brüderlichkeit nur Phantome.« + +[Fußnote 12: Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit.] + +»Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der +freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit +beschränkt ist, da giebt es nur Unterdrückung. Um aber der Menge +die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist eine +soziale Organisation nöthig, die drei Bedingungen erfüllt. Man muß +1. ein Regime der industriellen Attraktion suchen, entdecken und +organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben natürlichen Rechte +des Wilden garantiren;[13] 3. die Interessen des Volks mit +denjenigen der Großen verbinden, denn das Volk wird auf sie +eifersüchtig sein und sie hassen, so lange es nicht an ihrem +Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter diesen drei Bedingungen +kann man dem Volk ein Minimum an Nahrungsmitteln, Bekleidung, +Wohnung und hauptsächlich auch an Vergnügungen sichern, denn ohne +das Angenehme würde dem Menschen auch der neue Zustand nicht +genügen.« + +[Fußnote 13: Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden +betrachtet Fourier: 1. Sammelfreiheit der Früchte; 2. +Weidefreiheit; 3. freien Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere +Verbindung der Horde; 6. Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub (»vol +exterieur«). Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht +Fourier das Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des +gemeinsamen Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung +werth findet, nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub +innerhalb der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt, +diesen Raub an der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht, +der innerhalb der Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und +dieses respektirt. In der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten +Stämmen in Feindschaft und so wird dieses Recht des »auswärtigen +Raubs« einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die +Rudimente ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der +Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die +Annexion fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher +angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen: +der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme +Zivilisirte, andererseits weit mehr _Solidaritätsgefühl_, als die +Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, das der Wilde in +der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu begründen, +brauchen wir eine ganz neue soziale Organisation.] + +»Prüfen wir also, wie die sozietäre Ordnung dem Individuum die +freie Ausübung der erwähnten sieben Rechte, die mit dem Mechanismus +der Barbarei und der Zivilisation so unverträglich sind, in +entsprechender Form gewähren kann.« + +»Schreiten wir zunächst dazu, sie wie ihre Angelpunkte (»pivots«) +zu erklären.« + +Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei +Analogien, um Diejenigen zu enttäuschen, die es als ein von ihm +systematisch angewandtes Vorurtheil ansehen, daß er gewöhnlich den +Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er +will beweisen, daß diese Zahlenverhältnisse in der Natur der Dinge +liegen, also gegebene sind, nicht willkürlich erfundene. + + | Rechte | Triebe | Farben | geometrische + | | | | Linien +---+-------------------+-----------------+------------+-------------- + | kardinale oder | Haupt- | | + | industrielle | Triebe | | + | | | | +1. | Sammelfreiheit | Freundschaft | Violet | Kreis +2. | Weide | Liebe | Azur | Elipse +3. | Fischfang | Familiensinn | Gelb | Parabel +4. | Jagd | Ehrgeiz | Roth | Hyperbel +---+-------------------+-----------------+------------+-------------- + | Distributive | Distributive | | + | | Triebe | | + | | | | +1. | Innere Verbindung | Kabaliste | Indigoblau | Spirale +2. | Sorglosigkeit | Papillone | Grün | Muschellinie +3. | Auswärtiger Raub | Komposite | Orangegelb | Logarithmus +---+-------------------+-----------------+------------+-------------- + | Minimum | Einheitlichkeit | Weiß | +X. | | | | + | Freiheit | Gunst | Schwarz | Nebenkreis + +Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist +das Resultat ihrer Verbindung, so wie Weiß oder Schwarz die +Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist. + +Fourier führt dann weiter aus, daß aber die Freiheit nur einfach +oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem Prinzipalen +aller Rechte, dem _Minimum_ begleitet sei, was die Periode der +Wildheit nicht biete. Auch genießen die Freiheit in der Wildheit +nur die Männer, die Frauen sind ausgeschlossen und ist ihre Lage +schlimmer, als in der Zivilisation. Es genügt weder die Freiheit, +wie sie die Zivilisation bietet, noch genügen die sieben +Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden Zustand +herzustellen. Der neue sozietäre Zustand müsse also alle drei +Geschlechter gleichmäßig berücksichtigen und ihren Trieben +Befriedigung gewähren. + +Die bezügliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und der +Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier +ausführlicher folgen. + +»Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des +Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz großer +Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit entfernt, dem +nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu können, sind mit +täglichen Sorgen überladen und müssen eine widerwärtige und +aufgezwungene Arbeit erledigen. Den Sonntag eilen sie dann in die +Schenken und an die Vergnügungsorte, um wenigstens für einige +Augenblicke eine Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche, +von der Unruhe verfolgt, vergebens suchen.« + +»Die Rechthaber (»ergoteurs«) werden sagen, die Sorglosigkeit sei +eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht, +indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die +Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt. +Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater sich +mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und verläßt er seine +Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe und die künftigen Bedürfnisse +gesorgt zu haben, so belehrt ihn die öffentliche Meinung durch ihre +Kritiken und der Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er +kein Recht zur Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs +dazu, sich derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die +zivilisirte Erziehung systematisch darauf bedacht, den Geschmack an +der Sorglosigkeit zu bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie +Entfaltung in der Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.« + +»Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht +über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er daß seine Kinder, +seine Horde Hunger litte, er würde die Anerbietungen an +Ackerbaugeräthen und den notwendigen Gegenständen für die Kultur +des Bodens, welche die Regierungen der Zivilisirten ihm machen, +annehmen. Aber er will keins seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine +Sorglosigkeit auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle +seine Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht, +aber die Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den +rechten Weg, wie man später sehen wird.« + +»Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des +Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: die +Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie haben bei +den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.« + +»Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht +anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, denn sie +selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts anzusehen. Von +den drei Geschlechtern, aus denen das Menschengeschlecht sich +zusammensetzt, dem oberen, den Männern, dem niederen, den Frauen, +und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, den Kindern, sehen sie +nur _ein_ Geschlecht und arbeiten nur für dieses, für das obere +oder männliche. Aber welches Glück verschafften diesem die +Philosophen? Statt der sieben Rechte, aus welchen die Freiheit sich +zusammensetzt, nur die sieben Geißeln.« + +»Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich +die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt +bezeichnete; sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch +die Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit der +industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch Ausschließung +des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar nicht an den sieben +natürlichen Rechten theilnimmt.« + +Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche Wilde +durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit über der +großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die immense Mehrheit +beider Geschlechter von diesen Vortheilen ausschlösse. Die +Zivilisation schulde für das Ausgeben dieser natürlichen Rechte +einem Jeden ein Minimum an Lebensnothwendigkeiten, Kleidung, +Wohnung, und zwar proportional der sozialen Stellung, zu der er +gehöre, denn _nothdürftig_ genährt, gekleidet und logirt werde man +auch in den Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein +Gefangener und sehr unglücklich sei. + +Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben natürlichen +Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu entschädigen, +garantirten ihm unsere Publizisten einige Träumereien und +Gaskonnaden, wie: »daß er stolz sein dürfe auf den Namen eines +freien Mannes und das Glück habe, unter einer Verfassung zu leben.« +Diese Lächerlichkeiten verdienten nicht einmal den Namen der +Illusion und befriedigten keinen Arbeitenden, der vor Allem nach +seinem Geschmack zu essen, sorglos und vergnügt zu leben wünsche. + +»Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des +Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent bietet; +er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß z.B. Niemand mehr +auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben kann, oder daß +er sich durch eine Handlung in der öffentlichen Meinung mehr zu +Grunde richtet, als er durch eine schlechte Handlung zu gewinnen +vermag. Schließlich werden alle Kinder in den Begriffen der Ehre +erzogen und können alle Bequemlichkeiten des Lebens reichlich +genießen. Es wird also Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im +Ueberfluß leben.« + +»Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des +Wilden beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente. +Fragt einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der +keine Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor bedrängt +wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der Jagd und des +Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide seinem Zustand +vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, sich für den Wilden +zu entscheiden. Was giebt ihm die Zivilisation für seinen Verlust? +Das Glück, unter der Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht +damit gedient, daß er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die +Verfassung lesen kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend +beleidigen, wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.« + +»Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit +illusorisch und verhängnisvoll, wenn man sie nur in einfacher +Anwendung einführt.« + +Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die +Freiheit ohne Brot, ist für die große Menge der Bevölkerung unter +Umständen nur die Freiheit des Verhungerns. Die Freiheit hat nur +Werth, ja sie ist erst dann vorhanden, wenn auch der Mensch zu +leben hat, und diesen Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation +nicht. »So haben unsere Träumereien von den Menschenrechten und der +Freiheit, die man in Versuch setzte, nichts als Täuschungen und +verhängnißvolle Erschütterungen erzeugt. Unsere Gesellschaft hat zu +ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der Einheitlichkeit der +Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum des sozietären +Zustandes schnurstracks gegenüberstehen: allgemeiner Egoismus und +Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese beiderseitigen +Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, sie schließen +sich aus.« + +»Volle einheitliche Freiheit und menschenwürdige Existenz lassen +sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe +erreichen, außerhalb desselben ist das ganze System der Triebe im +Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und Zweideutigkeit.« ... + +Es gilt also für Fourier, eine entsprechende Organisation zu +schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmäßig, unter voller +Berücksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, zufriedengestellt +werden. + +»Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der +Niedere an dem Wohlsein des Höheren interessirt; die gewohnte +Begegnung bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der +verschiedenen Serien dient als Kitt für die Einheitlichkeit. Man +hat nichts mehr von der vollen Freiheit des Volkes zu fürchten, das +in dem gegenwärtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen +die Höheren seine Unabhängigkeit nur zur Plünderung und Erwürgung +derselben benutzen würde.« + +»Aus dieser Darlegung resultirt, daß die Gewährung einer +auskömmlichen Lebenshaltung ausschließlich von der Entdeckung des +sozietären Regimes und der anziehenden Arbeit abhängt. Wie kann man +dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, wenn man ihm selbst nicht +einmal die widerwillige Arbeit, von der heute seine Existenz +abhängt, zu garantiren vermag? In einem solchen Zustande der Dinge, +wie dem gegenwärtigen, wird alle Freiheit nur ein Keim des +Aufruhrs. Die Agitatoren fühlen das wohl und darum haben sie die +Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge ist, dem Volk den Maulkorb +anzulegen und die philosophischen Schwätzer, die Bonaparte knebelte +und Robespierre in Masse auf's Schaffot schickte, zu unterdrücken.« + +»_In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit +existiren_, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort +unvollständig und gefährlich, weil sie die Horde dem Hunger, dem +Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf +die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie +unbrauchbar werden.« + +»Obschon die Freiheit des männlichen Wilden dem Schicksal unserer +Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der +Vernunft unwürdiges Glück, weil die industrielle Thätigkeit ihm +fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends und der +Unterdrückung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die Frucht des +sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und eine +Schmach für die Wissenschaft. Weit entfernt, daß diese verstand, +uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu definiren +gewußt, noch vermochte sie ihre verschiedenen Charaktereigenschaften +darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die Schande, unter dem Vorwand, +uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie selbst nicht kannte, tausend +politische Stürme erregt zu haben. Sie ist mit der Freiheit wie mit +dem Handel verfahren, sie hat einen Hebel zu literarischen +Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, einen Schatten von +Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie selbst weder die +Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's Lebhafteste die +Anstrengungen des Genies herausfordern, nämlich: + +»In Sachen des Handels: das Bedürfniß der Assoziation, die Garantie +der Wahrheit und die Unterdrückung der zahlreichen Verbrechen der +handeltreibenden Körperschaften: der Bankerotte, des Wuchers, des +Börsenspiels etc.« + +»In Sachen der Freiheit: das Bedürfniß der industriellen +Attraktion; ein Aequivalent für die natürlichen Rechte (die der +Wilde hat) und Garantien für ein gradweise abgestuftes Minimum für +die verschiedenen Klassen.« ... + +»Der Streit über die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen +Köpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der großen Revolution +folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der +Handelseifersucht geopfert wurden, genügend, um dieses Chaos von +irrigen Lehren über die Freiheit und den Handel zu entwirren.« + +»Es gehört zu den Gebräuchen der Zivilisirten, einem Dogma zu +Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt, +sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafür sind die aus +den Debatten über die Verwandlung (»Transsubstantiation«) und die +Wesenseinheit (»Consubstantialité«) hervorgegangenen Kriege. Unser +Jahrhundert hat ähnlich über die Menschenrechte spekulirt; um sie +zu erhalten, massakrirte man sich und doch kannte man ihr wahres +Wesen nicht.« + +Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung +»des Rechts auf Arbeit«, das »für den Armen allein werthvoll ist.« +Die Erfahrung hat uns zur Genüge gelehrt, daß mit dieser +Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch über dieses »Recht« +gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 in Paris in +den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit steht in +Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter der +»Freiheit« und den »Menschenrechten« zurück, Jeder legt sich dieses +»Recht« zurecht, wie er es braucht und es seinem +Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten +noch heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage +löse; bei den Anhängern des preußischen Landrechts, die dieses +»Recht« ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht auf +Armenhausarbeit und Armenunterstützung zusammen. Auch nach der +Junirevolution hat es noch die Köpfe in der französischen Kammer +erhitzt, man schlug große Redeschlachten und dabei ist es bis heute +geblieben. Schließlich waren bei all diesen Schlagworten es immer +und immer die Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich +am eifrigsten für sie begeisterten und sich zu ihren Champions +aufwarfen. Ganz begreiflich. Diese Demokratie repräsentirt eine +Gesellschaftsschicht, die zwischen der großbürgerlichen und der +proletarischen Klasse mitten innesteht, in Folge davon ohnmächtig +ist und in Bezug auf die Heilung der sozialen Uebel an chronischer +Impotenz leidet und daher ihr Thatenbedürfniß in großen Worten und +Kraftphrasen zu verpuffen genöthigt ist. Die bürgerlichen Ideologen +lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind aber +allmälig sehr einflußlos und harmlos geworden. + +Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und +logisch schließender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei +Andern klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es +giebt keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum; +kein Minimum ohne die industrielle Anziehung (»attraction«); keine +industrielle Anziehung in der zerstückelten (»morcelé«) Arbeit, +womit er sagen will, in der auf Privatwirthschaft beruhenden +Arbeit. Die industrielle Anziehung kann nur aus den Serien der +Triebe geboren werden; also: + +Das Minimum, gestützt auf die industrielle Anziehung, ist der +einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in +diesen Weg einzutreten, muß man die Zivilisation verlassen, muß man +ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da es hierzu, +nach ihm, zwölf Wege giebt, muß man den günstigsten wählen, um zur +Assoziation zu gelangen. + +Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu +organisiren, daß folgende sieben Funktionen voll angewendet und +ausgeübt werden können: häusliche Arbeiten, ländliche Arbeiten, +industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, Wissenschaften, +schöne Künste. Es muß vorhanden sein: Anziehung für alle +Beschäftigungen, proportionale Vertheilung des Erzeugten, +Gleichgewicht der Bevölkerung, Oekonomie in den Hülfsmitteln. + +Die Anziehung an die Arbeiten kann nur vorhanden sein, wenn jede +Arbeit angenehm _und_ lukrativ ist. Die Vertheilung findet statt +nach den drei industriellen Fähigkeiten: Arbeit, Kapital, Talent. +Die Bevölkerungszahl einer Phalanx darf 1800-2000 Personen nicht +überschreiten, weil in dieser Zahl, nach Fourier's Berechnung, die +verschiedenen Triebe und Charaktereigenschaften voll und zweckmäßig +vertheilt enthalten sind und eine größere oder kleinere Zahl die +Ausgleichung stören würde. Die Oekonomie der Hülfsmittel ergiebt +sich aus dem möglichst zweckmäßigen Zusammenwirken aller mit +einander Operirenden, die alle gleichmäßig an der Ersparniß von +Materialien, Zeit und Kraft interessirt sind. So wird man in einer +Phalanx von 400 Familien nicht 400 Küchenfeuer, 400 +Einzelwirthschaften erhalten, sondern man wird nur 4 oder 5 große +Küchenfeuer anlegen und die Bewohner in 4 oder 5 Klassen, nach dem +Stande ihres Vermögens, eintheilen und sie in einem gemeinsamen +Palast wohnen lassen. Der sozietäre Zustand läßt keine Gleichheit +zu. Ebenso werden bei dem Ackerbau wie bei der Industrie die +Vortheile in positiver Beziehung -- Erhöhung der Produkte durch +zweckmäßigste Kombinirung und Anwendung der Kräfte und Hülfsmittel +-- und in negativer Beziehung -- Ersparnisse an Kraft, Zeit, +Materialien -- sehr bedeutende sein. Es entsteht wieder rationelle +Waldzucht, Quellenschonung, Klimaverbesserung. Ueber alle diese +Vortheile, welche die assoziirte Thätigkeit erzeugen müsse, äußert +sich Fourier wie folgt: + +»Eine Phalanx, die sich z.B. mit Wein- oder Oelbau befaßt, wird nur +einen einzigen Werkraum für die Fertigstellung nöthig haben, statt +der vielen, die jetzt in einer Gemeinde von 15-1800 Seelen nöthig +sind; statt 300 Bottiche wird sie nur ein Dutzend bedürfen. Man +wird ferner für die Reben- und Oelbaumanlagen die Ueberwachung, die +Einfriedigungen und Ummauerungen ersparen. Man wird die Lese nicht +auf einmal vornehmen, wie dies jetzt der kleine Privatbesitzer, um +Kosten und Zeit zu ersparen, thun muß, sondern in dem Maße, wie die +Trauben reifen, und damit große Verluste an Quantität oder Qualität +verhüten. Statt der 1000 Fässer, welche heute 300 Familien +benöthigen, werden 30 große Tonnen genügen. Man wird neun Zehntel +der Kosten für die Lagerräume, neunzehn Zwanzigstel für das Faßwerk +ersparen. Die richtige Behandlung des Weins ist dem kleinen Besitzer +unmöglich, weder kann er ihm die nöthige Lagerung gewähren in +trockenen gut gelüfteten nach Norden gelegenen Lagerräumen, noch +hat er die Einrichtungen und Vorrichtungen für die tägliche Kühlung +der Keller und Fässer. Auch fehlt der Ueberzahl der Besitzer die +Möglichkeit, die Weine durch verschiedene Füllungen zu verbessern, +leichte mit schweren Qualitäten zu schneiden, oder sich fremde +wärmere Weine zu verschaffen. Ferner wird heute der Wein, +unmittelbar nach der Ernte, von vielen Eigenthümern zum billigsten +Preis verkauft, weil sie ihn verkaufen müssen, sei es, daß sie Geld +nöthig haben, der Gläubiger schon wartet, oder daß es ihnen an +geeigneten Aufbewahrungsräumen fehlt, und sie der Mittel oder des +Verständnisses zur Pflege entbehren. In der Phalanx wird der Wein +in Folge guter Aufbewahrung und Pflege schon nach einem Jahre das +Fünffache des Preises werth sein und mit dem Alter entsprechend im +Preise steigen. Die Phalanx verkauft ihn, wie ihr Interesse +gebietet. Und so noch viele andere Vortheile, die aus der +Gemeinwirthschaft entspringen, stets Kosten ersparen und die +Produkte verbessern. Man wird bessern Saamen, bessere Pflanzen +anschaffen, im Ankauf nie betrogen werden; man wird für die +verschiedenen Pflanzungen die besten und geeignetsten Bodenarten +aussuchen können, Maschinen, Gebäude, Ställe, Lagerräume werden die +zweckmäßigsten sein, die verfügbaren Kräfte werden jede Arbeit im +richtigen Moment ermöglichen.« + +»Eine der glänzendsten Seiten der sozietären Arbeit wird die +Einführung der Wahrheit in Handel und Wandel werden. Indem die +Assoziation die kooperative, solidarische, sehr vereinfachte, auf +Wahrhaftigkeit und Garantie beruhende Konkurrenz an die Stelle der +individuellen, unsoliden, lügnerischen, verschlungenen und +willkürlichen Konkurrenz der Zivilisation setzt, wird sie nur ein +Zwanzigstel der Arme und der Kapitalien benöthigen. Man wird also +den heutigen Handel als parasitisch unterdrücken, denn parasitisch +ist Alles, was unterdrückt werden kann, ohne daß der Zweck +geschädigt wird. Man wird in der Phalanx statt hunderter +konkurrirender und gegen einander intriguirender Kaufleute und +Krämer mit ihren Verkaufshallen und Läden nur ein großes +Waarenlager und verhältnißmäßig sehr wenig Personen brauchen, da +alle Käufe und Verkäufe nach außen die Phalanxen unter sich +abschließen.« + +»In der Zivilisation ist der Mechanismus in jeder Art der +ruinöseste und falscheste. So giebt es außer im Handel noch +tausende und abertausende von parasitischen Existenzen, z.B. die in +der Rechtspflege beschäftigten Personen, eine Institution, die nur +auf den Fehlern der zivilisirten Ordnung beruht ... Andererseits +fehlen die Mittel für das Nöthigste. So mangeln Frankreich heute +einige hundert Millionen Franken für die Verbesserung der Wege und +Straßen; im sozietären Zustand, wo Phalanx an Phalanx sich reiht, +bestehen die ausgezeichneten Verbindungsmittel, für die jedes +Phalanstère (das Phalanstère ist der ganze Bezirk [Kanton] +inklusive der Gebäude. Der Kanton soll nach Fourier eine +Quadratstunde Flächeninhalt haben) aufzukommen hat, ohne daß es der +Staatssteuern dazu bedarf. Ebenso fällt die kostspielige +Katastrirung der Grundstücke für den Staat fort. Eine Wahl, die +heute unendlich viel Zeit und Geldopfer erfordert, eine Menge der +widerlichsten Kabalen erzeugt, wird in der Phalanx dem Einzelnen +kaum eine Minute Zeit kosten, eine Reise dazu hat er nicht nöthig +zu machen.« ... + +»Unter die Unproduktiven gehören ferner die Soldaten, die +Grenzwächter, die Steuerbeamten; auch sind ein großer Theil der +Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft +beschäftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald +Männer, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus +Anziehung thätig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, der +verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der Handlungen, +freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, höhere Kraft und +Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die Arbeitsmittel +und Kräfte in's Unberechenbare sich steigern und wird das Produkt +quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend veredeln und +vermehren.« + +»Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietären +Organisation sich verbessern. In der meist sehr übel und mangelhaft +geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren Hütten, +Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hülfsmittel, noch die Belehrung, +noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie nöthig haben, um +sich gehörig zu entwickeln. Dabei sterben sie massenhaft in Folge +ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder sie siechen dahin. Im +sozietären Zustand wird die Sterblichkeit sich außerordentlich +vermindern, die Kinder werden an körperlicher und geistiger +Gesundheit in heute ungeahnter Weise zunehmen. Drohende +Uebervölkerung wird die sozietäre Organisation auszugleichen +wissen.« + +Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenüber in +einem falschen Kreisschluß (»cercle vicieux«) und das erkennt man +allmälig. Man ist erstaunt, zu finden, daß _in der Zivilisation die +Armuth selbst den Ueberfluß erzeugt_. Unser Zustand bringt nicht +das Glück, sondern das Nichtglück hervor; die Exzesse der Industrie +führen zu den größten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die +Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe +wandeln. Das zeigt sich überall. Wählen wir als Beispiel die +natürlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch zu +bringen. Ein Kärrner fährt Metall in eine Gießerei.[14] Bei dem +Anblick ihrer Einrichtungen erfaßt ihn die Neigung, als Lehrling +einzutreten. Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er, +noch seine Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und +macht so erstaunliche Fortschritte, daß er schon nach einem Jahre +einen sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken +verdiente. Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen +unsere Arbeits- und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der +Vervollkommnung und des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom +jugendlichsten Alter an Anlagen und Triebe verschiedenster Art, +aber wie ermöglichen, daß wir sie kennen lernen? Dazu ist die +Zivilisation unfähig. Uns mangelt der Kompaß, der Schlüssel, der +uns dieses Zauberbuch über die Anziehungen und die industriellen +und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur +durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den +Schlüssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und hauptsächlich +auch für die Erziehung. Das Problem, das es hier zu lösen gilt, +ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig Anlagen zum Aufbruch zu +bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre alt ist. Vom vierten +Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig verschiedenen Serien +industrieller Thätigkeit geschickt sein und mehr gewinnen, als +seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es übt abwechselnd alle +physischen und intellektuellen Fähigkeiten, Alles mit Eifer +ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im Alter von vier Jahren finden +wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine im Alter von zwanzig +Jahren, sie wurden unterdrückt, erstickt, weil die Eltern arm +waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen verstanden, oder +die Gelegenheit fehlte. So steht es ähnlich selbst bei der +wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die man auf die +Universitäten und Hochschulen schickt, ist öfter kaum einer, der +die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Die Anlagen zum Aufbruch +zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten Lebensalter an zu +entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere Wissenschaften +scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der Agrikultur, woher +es kommt, daß diese selbst unserer Dorfjugend widerwärtig +erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere industrielle Erziehung +steht, wie Alles, außerhalb der Natur, außerhalb der Anziehung. Es +ist klar, wir brauchen einen Wegweiser, eine neue Wissenschaft und +diese ist die Lehre von den Serien der Triebe. Ohne sie werden die +Nebel immer größer. Man behauptet, die Menschen seien heute nicht +falscher als früher. Indeß vor einem halben Jahrhundert konnte man +für wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualität und +natürliche, d.h. unverfälschte Nahrungsmittel kaufen; heute +herrschen überall Verfälschung und Betrügerei. Der Landmann selbst +ist ein Fälscher geworden, wie es der Kaufmann schon vor ihm war. +Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, Alles ist +schamlos verfälscht. Die arme Menge kann sich keine natürlichen +Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr langsam wirkende +Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist selbst bis in +die entlegensten Dörfer. Seit fünfzig Jahren hat sich die Zahl der +Handeltreibenden vervierfacht, ohne daß die Beschäftigung für sie +sich entsprechend vermehrte, der Schwindel ist in demselben Maße +gewachsen und ebenso die Aufsaugung der Kapitalien.«[15] »Zu allen +Zeiten und an allen Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei +Zielen zu kommen suchen: Zum Luxus oder zur Befriedigung der fünf +Sinne; zu Gruppenbildungen und Serien der Gruppen -- Bande der +Zuneigung --; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und +Instinkte; und durch sie alle drei zur universellen +Einheitlichkeit.« + +[Fußnote 14: Fourier erwähnt hier einen selbsterlebten Fall und +führt die Namen an, die wir als gleichgültig weglassen.] + +[Fußnote 15: Der Leser will nicht vergessen, daß das nicht heute, +sondern schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde.] + +»Der Luxus umfaßt alle sinnlichen Vergnügungen. Indem sich die +Triebe nach Befriedigung sehnen, wünschen wir uns implicite +Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir wünschen +uns inneren Luxus oder körperliche Kraft, Verfeinerung und Stärke +der Sinne, und äußeren Luxus oder Reichthum. Man muß diese beiden +Mittel besitzen, um den ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu +erreichen. Wir müssen also befriedigen: Geschmack, Gefühl, Gesicht, +Gehör, Geruch. Für das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu +bilden und zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des +Ehrgeizes, als höhere; der Liebe, der Elternschaft oder der +Familie, als niedere Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller +Freiheit und nach Neigung bilden, beziehen sich auf eins dieser +vier Ziele. Wird eine Gruppe zahlreich, so theilt sie sich in +Untergruppen, indem sie eine Serie von Theilen bildet, abgestuft in +Nuancen nach Neigungen und Geschmack. Alle Gruppen suchen eine +Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, verschieden in Gattung +und Art. Die Serien der Gruppen sind also zweites Ziel der +Anziehung, indem sie sich für alle Funktionen der Sinne und der +Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus der Triebe oder +der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der fünf sinnlichen +Triebe (1. Geschmack, 2. Gefühl, 3. Geruch, 4. Gesicht, 5. Gehör) +mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, 7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9. +Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. Diese +Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei wenig +bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb durch +Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der Papillon, +Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, Trieb +der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach +Vervollkommnung.« + +»Diese zwölf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der +Triebe her. Ein Jeder wünscht im Spiel seiner Triebe eine solche +Ausgleichung sich zu verschaffen, daß der Aufschwung des einen +Triebes den Aufschwung aller übrigen begünstigt. Z.B. Liebe, +Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttäuscht sein; die +Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht +zu schädigen ... Gegenwärtig ist der Mensch im Kriege mit sich +selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der +Liebe, die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden +sich alle Triebe beständig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der +Triebe entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle +die Triebe unterdrücken; aber unterdrücken heißt nicht organisiren, +harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander greifenden +Mechanismus der Triebe zu schaffen, _ohne einen zu unterdrücken_. +Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es sein persönliches +Interesse verfolgt, damit auch dem Allgemeininteresse beständig +dient. Heute ist das Gegentheil der Fall. Die Zivilisation ist ein +Krieg des Einen gegen Alle und Aller gegen Einen; eine Ordnung, wo +Jeder sein Interesse dabei findet, alle Anderen zu täuschen, sie +ist ein den Trieben fremder Diskord; aber das Ziel der Triebe muß +sein, zur inneren und äußeren Harmonie zu kommen.« + +»Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien +der Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu +können, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein sollen +und angewendet werden auf die sieben bereits erwähnten +industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie, +Handel und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste ... +Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und +absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind +durch Uebereinstimmung des Geschmacks für irgend eine Thätigkeit, +wie den Anbau einer Frucht, und in welcher für jeden Zweig der +Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie +Hyazinthen oder Kartoffeln baut, muß sie eben so viel Gruppen +bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden +sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die für +eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45-50 Serien +nothwendig, wenn einigermaßen die nöthige Abwechslung und +Ausgleichung herbeigeführt werden soll. Die Serien benutzen die +Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte, +der Vermögen, der Ansprüche, der Bildungsstufen. Jede Serie setzt +sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten zusammen, +sie erheischt ebensoviel Gegensätze oder Antipathien als +Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein +Akkord dadurch sich herstellt, daß man ebensoviel Noten ausfallen +läßt, als man zusetzt. Die Kontraste der Töne erzeugen den Akkord. +Eine Vereinigung von Serien der Triebe hat für die soziale Harmonie +glänzende Eigenschaften, sie erzeugt Bewegung, Wahrheit, +Gerechtigkeit, direkte und indirekte Uebereinstimmung, Einheitlichkeit. +Die Zivilisation hat alle entgegengesetzten Eigenschaften: +Entkräftung, Ungerechtigkeit, Betrug, Mißstimmung, Zweideutigkeit. +Aber die Serie der Triebe würde nicht richtig funktioniren, wenn +sie nicht drei Eigenschaften besäße. Die verschiedenen Gruppen +müssen miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung +gerathen; das ist nur möglich, wenn die Gruppen nicht +grundverschiedene Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise +verschiedene, also z.B. nicht verschiedene Arten von Obst, sondern +verschiedene Sorten einer Art bauen. Ferner müssen die einzelnen +Sitzungen kurz sein, sie dürfen sich nicht über zwei Stunden +ausdehnen, weil sonst die Ermüdung eintritt. Soll eine Arbeit +anziehend sein, so muß sie kurzzeitig sein und man muß dann zu +einer andern kontrastirenden Thätigkeit übergehen können. Endlich +muß Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im +Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die +Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe +genügt, wenn sie sieben Mitglieder zählt; sie ist vollkommen, wenn +sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkürlich wieder in +Untergruppen, in die beiden Flügel und das Zentrum. Vierundzwanzig +Gruppen ist die niedrigste Anzahl für eine Serie.« + + * * * * * + +»Die Zivilisirten treffen überall instinktiv das Falsche, sie ziehen +immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt +ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl, +auf zwei beschränkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe +ist falsch durch die Beschränkung der Zahl, falsch durch das Fehlen +der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen +des Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten +Tagen fühlbar; man differirt bezüglich der Gerichte, der ehelichen +Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer +Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die ursprünglichste +ihrer Gruppen harmonisiren können, dann können sie dies noch +weniger mit dem Ganzen. _Der Mensch ist aus Instinkt Feind des +Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder Beziehung beständig +nach Veränderung_.« + +Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der +Gleichheit ist, weshalb auch die Vermögensunterschiede bestehen +bleiben müssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische +Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und +sich auch nur zum Besten des Ganzen bethätigen kann. Freund +militärischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung +und ihre regelmäßige Funktionirung imponiren -- er soll mit großer +Vorliebe bis an sein Lebensende den militärischen Uebungen und +Paraden beigewohnt haben --, giebt er seiner phalansteren Hierarchie +einen militärisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus +ein rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen +werden Offiziere genannt und haben militärische Grade. Es sind +Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stäbe in der +Phalanx und werden alle Würden ohne Rücksicht auf das Geschlecht +erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie hauptsächlich Frauen, so +werden die Offiziersstellen hauptsächlich Frauen bekleiden. +Dasselbe gilt von den Kindern, Knaben wie Mädchen. Die Mitglieder +der Serien und Gruppen wählen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich +innerhalb ihres Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die +Sympathien der Uebrigen erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht, +daß die Menschen, mit sehr wenig Ausnahmen, an äußeren +Auszeichnungen, an schönen Farbenzusammenstellungen in ihrer +Kleidung, an Uniformen, glänzenden Schaustellungen und Festen, +opulenten Einrichtungen, prächtigen Denkmälern und Bauten ihre +Freude haben. Nach all diesen Richtungen soll die Phalanx das +Höchste bieten. + +Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewählt; die +Einen, welche die eigentliche geschäftliche Leitung haben, und die +Andern, welche den sogenannten äußeren Dienst versehen, die für den +Glanz und das würdige Auftreten der Gruppen und Serien bei Festen, +Aufzügen, Schaustellungen und für die Ausschmückung sorgen. Auch in +letzterer Beziehung wird ein lebhafter Wetteifer zwischen den +einzelnen Serien und Gruppen entstehen. Man wird für die zuletzt +erwähnten Funktionen hauptsächlich solche Personen zu Offizieren +erwählen, die größeren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx +das Kapital fünf- und sechsfach höhere Zinsen erlangt, als in der +Zivilisation, ohne daß Arbeit und Talent dabei zu kurz kommen, und +die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger und doch +viel besser leben, als in unserer gegenwärtigen sozialen Ordnung, +werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst gar +nicht unterzubringenden Ueberfluß zum Besten des Ganzen anzuwenden. +Sie werden also öfter für ihre Serien- und Gruppengenossen +besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen gar nicht so +außergewöhnlich theuer kommen, weil sie nur das Plus des Preises +über die regelmäßige Mahlzeit, deren Kosten Jedem Tag für Tag von +der Phalanx angerechnet werden, zu bezahlen haben; ferner werden +sie den Bau prächtiger Pavillons, die Aufstellung von Statuen, +Altären und dergleichen in dem Theile des Kantons, in dem die Serie +oder Gruppe, in welcher sie die hervorragende Rolle spielen, +beschäftigt ist, auf ihre Kosten betreiben. + +Alle Arten von Serien und Gruppen, gebildet in Uebereinstimmung mit +den Trieben, deren Ordnung und Mechanismus der Zivilisation als ein +undurchdringliches Geheimniß erscheint, sind nach Fourier das +Ergebniß geometrischer Berechnungen auf Grund der Anziehungen und +der Bestimmungen. Die Richtigkeit dieser von ihm unternommenen +Berechnungen ist nach seiner Meinung unzweifelhaft. Er kennt das +Geheimniß des ganzen Mechanismus der Gesellschaft und von einem +guten Theil des Weltalls; Alles organisirt sich nach bestimmten +mathematischen Zahlenverhältnissen, die zunächst nur ihm bekannt +sind. + +Wenn einmal Jemand sich im Besitz eines solchen Geheimnisses und +solcher Kenntnisse wähnt, so ist natürlich, daß jede andere +Theorie, die auf dasselbe Ziel hinaus läuft, ihm als eine Art +Profanation seiner eigenen Ideen, als eine Art Sakrilegium +erscheint, und daß er die fremden Theorien dementsprechend als +Charlatanerie behandelt und verurtheilt. Da nun um dieselbe Zeit, +als Fourier mit seinen Theorien vor die Oeffentlichkeit trat, Owen +in England mit seinen Assoziationsversuchen ebenfalls hervortrat +und großes Aufsehen erregte, später auch schriftstellerisch und +persönlich agitatorisch für dieselben wirkte, konnten diese +Bestrebungen Fourier nicht unbekannt bleiben. Er griff Owen heftig +an, als einen Mann, der vom Mechanismus der Assoziation nichts +verstehe, nur Sophismen verbreite und mit seinem Kommunismus und +Atheismus das größte Unheil anstifte. In ähnlicher Weise wandte er +sich später auch gegen die Saint Simonisten, die er mit ihrer neuen +Religionsgründung lächerlich machte. Unbegreiflich war ihm nur, daß +Beide, Owen und Saint Simon, mehr Beachtung und Anhang fanden, als +er. + +Fourier fährt nun weiter fort: + +»Das Bedürfniß nach periodischer Verschiedenheit, kontrastirenden +Situationen, Szenenveränderungen, nach pikanten Zufällen, nach +Neuigkeiten, welche die Illusion erregen, ist dem Menschen eingeboren. +Dieser Trieb ist die Papillon. Das Bedürfniß nach Abwechslung macht +sich bei dem Menschen von Stunde zu Stunde, lebhaft von zwei zu +zwei Stunden bemerkbar. Wird es nicht befriedigt, so verfällt er +der Lauheit und Langeweile. Auf der Befriedigung dieses Triebes +nach Veränderung beruht das Glück der Pariser Sybariten. Es ist die +Kunst, »gut und rasch zu leben«. Verschiedenheit und Verkettung der +Vergnügungen, Raschheit der Bewegung ist nothwendig.« + +Indem nun im sozietären Zustand alle Beschäftigung in kurzen +Sitzungen von etwa einundeinhalbstündiger Dauer sich vollzieht, +kann Jeder im Laufe des Tages acht bis zehn ihn anziehende und +seine Triebe befriedigende verschiedene Thätigkeiten ausüben, die +durch die Art ihrer Ausübung ihm nur Vergnügen bereiten. Den +nächsten Tag besucht er Gruppen und Serien, die von denen des +vorhergehenden Tages in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer Thätigkeit +verschieden sind. So eilt der Mensch, entsprechend seinen Trieben, +selbst indem er nützlich thätig ist, von Vergnügen zu Vergnügen, +_ohne in Exzesse zu verfallen_, denen der Zivilisirte nicht +entgeht. Denn dieser widmet einer Arbeit sechs Stunden und mehr, +einem Fest sechs Stunden, einem Ball die ganze Nacht auf Kosten +seines Schlafes und seiner Gesundheit. Dann sind auch die +Vergnügungen der Zivilisirten immer unproduktiv, während im +sozietären Zustand die Arbeiten selbst zu Vergnügen und also +produktiv werden. Sehen wir zu, wie ein Unbemittelter und wie ein +Reicher in der Phalanx ihren Tag verbringen. Wir nehmen den Monat +Juni als Beispiel der Lebensweise für den Unbemittelten. + +»Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Sitzung[16] in einer +Gruppe für die Pflege der Thiere in den Stallungen; 5 Uhr Sitzung +in einer Gruppe der Gärtner; 7 Uhr Frühstück; 7½ Uhr Sitzung der +Mäher; 9½ Uhr Sitzung der Gemüsebauer, und zwar werden diese +Gartenarbeiten bei größerer Wärme unter künstlich konstruirten +transportablen Zelten vorgenommen; 11 Uhr zweite Sitzung in den +Stallungen; um 1 Uhr Mittagstisch; 2 Uhr Waldarbeiten; 4 Uhr +Beschäftigung in einer Manufaktur; 6 Uhr Bewässerung; 8 Uhr Börse; +8½ Uhr Abendessen; 9 Uhr Unterhaltungen; 10 Uhr Schlafengehen.« + +[Fußnote 16: Jede dieser kurzzeitigen Beschäftigungen nennt +Fourier Sitzung (»séance«).] + +Die Börse der Phalanx beschäftigt sich nicht mit dem Handel von +Papieren und dem Schacher der Lebensmittel, sondern es werden hier +die Abmachungen für den nächsten Tag getroffen; es bilden sich neue +Gruppen und Serien. Auch wird später, wenn die Phalanx in voller +Wirksamkeit ist, die Zahl der Ruhepausen und Mahlzeiten sich auf +fünf erhöhen und werden die Sitzungen kürzer. Der Reiche, dessen +Tagesbeschäftigung wir nun folgen lassen, ist ein Gutsbesitzer, der +probeweise in die Phalanx trat. + +»Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Zusammenkunft im +Morgensaal, Unterhaltungen über die Nachterlebnisse; 4½ Uhr +erste Erholung, gefolgt von der industriellen Parade -- Kinder und +Erwachsene, Männer und Frauen ziehen mit Fahnen und Emblemen unter +Musik in ihren Gruppen und Serien auf das Feld --; 5½ Uhr Jagd; +7 Uhr Fischfang; 8 Uhr Frühstück; Zeitungen; 9 Uhr Gartenkultur +unter Zelten; 10½ Uhr Fasanerie; 11½ Uhr Bibliothek; 1 Uhr +Mittagessen; 2½ Uhr Gewächshäuser; 4 Uhr Pflege exotischer +Pflanzen; 5 Uhr Pflege der Fischteiche; 6 Uhr Vesperbrot auf dem +Felde; 6½ Uhr Schafzucht; 8 Uhr Börse; 8½ Uhr Abendessen; +9½ Uhr Schaustellungen; 10½ Uhr Schlafengehen.« + +Die kurze Schlafzeit -- sechs Stunden -- erklärt Fourier damit, daß +die Harmonisten in Folge ihrer vernünftigen und angenehmen +Lebensweise, die Niemand überanstrenge, weniger Schlaf brauchten, +als die Zivilisirten, auch würden sie von Kindheit an an diese +Lebensweise gewöhnt. Bei der minutiösen Ausarbeitung, die Fourier +allen Einrichtungen seiner Phalanx zu Theil werden läßt, hat er +sich auch ausführlich mit den baulichen Einrichtungen befaßt und +die entsprechenden Pläne seinen Werken einverleibt. Die Phalanx ist +eben ein Uhrwerk, das nach den Plänen seines Erfinders konstruirt +werden muß, wenn es den beabsichtigten Zweck erreichen soll. Das +Gebäude der Phalanx, das Phalanstère, besitzt ringsum Gallerien, +die im Winter gleichmäßig durchwärmt, im Sommer von erfrischender +Kühle sind. Der Länge nach laufen durch das mächtige Gebäude, in +dem die 1800-2000 Angehörigen der Phalanx wohnen, Säulenhallen, +die nach allen Theilen führen, nach den Sälen, den Wohnungen, der +Börse. Verdeckte Gänge stellen bequeme Verbindungen nach den +Ateliers, Werkstätten und Stallungen her. Man behaupte, meint F., +durch die kurzen Sitzungen werde viel Zeit verbraucht, um von einem +Ort zum andern zu kommen. Das sei indeß falsch, da das Gebäude +mitten im Bezirk liege und von allen Seiten in 5-10, höchstens 15 +Minuten zu erreichen sei. Auch kämen die Kosten des Baues nicht in +Betracht, da die Arbeitsweise in der Phalanx gegen diejenige in der +Zivilisation immense Vortheile biete, und der Eifer, mit dem +Jedermann sich betheilige, herbeiführe, daß in einer Stunde +geleistet werde, was in der Zivilisation kaum in drei Stunden +geleistet werden könne. Man betrachte nur einmal unsere Arbeiter +auf dem Felde, die, wenn ein Vogel vorüber fliege, sich hinstellten +und ihm nachsähen, die Hände auf die Hacke gestützt. Das komme +daher, weil unsere Arbeiten Ueberdruß erweckten und ermüdeten und +jeden Reizes entbehrten. + +»Die Beschäftigung in der Phalanx erzeugt das die Gesundheit +fördernde körperliche Gleichgewicht. Die Gesundheit muß nothwendig +geschädigt werden, wenn der Mensch sich zwölf Stunden einer +gleichmäßigen Arbeit überlassen muß, die, welcher Art sie immer +ist, die verschiedenen Glieder des Körpers und seinen Geist nicht +genügend beschäftigt. Dies wird noch schlimmer, wenn dieselbe +Arbeit Tag für Tag das ganze Jahr hindurch sich wiederholt. Daraus +entstehen neben dem allgemeinen Widerwillen an der Arbeit die +vielen Berufskrankheiten; so sind gewisse chemische Fabriken wahre +Mördergruben, in denen eine Beschäftigung von zweistündigen +Sitzungen, zwei- oder dreimal die Woche für den Einzelnen, ohne +jeden Nachtheil ertragen wird. Die reiche Klasse verfällt wieder +andern Krankheiten, der Gicht, der Apoplexie, dem Podagra, +Krankheiten, die dem Landmann fremd sind. Die Fettleibigkeit, bei +den Reichen so gewöhnlich, ist ein Zustand, der körperliches +Gleichgewicht und Wohlbefinden gröblich stört. Fast alle +Beschäftigungen und Vergnügungen der Reichen stehen mit der Natur +im Widerspruch. Die sanitäre Bestimmung schreibt dem Menschen +beständige Abwechslung in der Thätigkeit sowohl für den Körper als +für den Geist vor, diese hält allein die Aktivität und das +Gleichgewicht aufrecht.« + +»Was vorzugsweise das körperliche Wohlbefinden fördert, wird auch +das seelische fördern. Vereinigt in der Zivilisation das Interesse +Freunde, so vereinigt es im sozietären Zustand sogar die Feinde, es +söhnt die antipathischen Charaktere durch indirekte Kooperation +aus, und zwar, weil in einer großen Reihe von Serien und Gruppen, +in die jeder Einzelne nach der Verschiedenheit seiner Neigungen und +Triebe nach und nach eintritt, er durch die Berührung findet, daß +Diejenigen, die ihm auf dem einen Gebiet antipathisch waren, ihm +auf anderen sympathisch sind. Auch wird das Nebeneinanderarbeiten +nach demselben Ziel unwiderstehlich seine aussöhnende Wirkung +üben.« + +»Die seelischen Triebe verlangen so gut wie die sensuellen Abwechslung, +um befriedigt zu werden; es sind also auch die Herzen der großen +Mehrheit der beiden Geschlechter dem Bedürfniß nach Veränderung und +Abwechslung unterworfen. Der Mann wie die Frau wünschte sich ein +Serail, wenn Abhängigkeit, Sitte und Gesetz sich dem nicht +widersetzten. Die ernsten Holländer, die in Amsterdam so hoch +moralisch scheinen, haben in Batavia ihre Serails, gefüllt mit +Frauen aller Hautfarben. Da haben wir das Geheimniß unserer Moral; +sie wird zur Heuchlerin, wenn die Umstände es gebieten, und sie +wirft die Maske ab, wenn sie dies ungestraft thun kann.« + +»Pflanzen und Thiere haben das Bedürfniß nach Wechsel und Kreuzung. +Mangels eines solchen Wechsels arten sie aus. Ebenso hat der Magen +das Bedürfniß nach Wechsel; entsprechende Veränderung in den +Speisen erleichtert die Verdauung und erhöht das Behagen und die +Befriedigung; aber man gebe dem Magen dieselbe ausgesuchteste +Speise täglich und er wird sie mit Widerwillen zurückweisen. Geist +und Seele sind von dem Trieb nach Veränderung beherrscht; oft +wirken zwei und drei Triebe gleichzeitig; so Liebe und Ehrgeiz.« + +»Die Erde selbst hat ihre internirenden Zeiten, die der Besaamung, +der Erzeugung. Der Boden bedarf alternirender Anwendung der +Pflanzen; die ganze Natur verlangt nach Wechsel. In der ganzen Welt +existiren nur die Moralisten und die Chinesen, welche die +Einförmigkeit, die Uniformität verlangen; aber die Chinesen sind +auch die falschesten, der Natur am meisten widerstrebenden Wesen.« + +Fourier, der, wie wiederholt hervorgehoben wurde, Alles haßte, was +mit dem Handel zu thun hatte, haßte die Chinesen besonders, weil +sie, nach dem Vorurtheil seiner Zeit, die größten Diebe und +Betrüger im Handel seien. Wir wissen heute, daß dies eine falsche +Ansicht ist, obgleich die Vorurtheile gegen die Chinesen noch sehr +stark in Europa sind. Ebenso wie die Chinesen waren Fourier als +hauptsächlich handeltreibendes Volk die Juden verhaßt, die er +unmittelbar den Chinesen in der Rangordnung folgen ließ. Er war +sehr unglücklich, als man in Frankreich den Juden die vollen +bürgerlichen Rechte einräumte, was ihn freilich nicht abhielt, wie +wir sahen, Herrn von Rothschild unter die Kandidaten für seine +Versuchsphalanx zu reihen und ihm ein Königreich Jerusalem in +Aussicht zu stellen. + +»Die Moral«, führt Fourier weiter aus, »welche die drei Triebe: +Kabalist, Papillone, Komposit, am heftigsten kritisirt, ist selbst +im stärksten Widerspruch mit der Natur. Diese drei Triebe spielen +eine große Rolle im sozialen Mechanismus, wie die Natur es will; +sie haben die Herrschaft, denn sie dirigiren die Serien der Triebe; +jede Serie ist in ihrem Mechanismus gefälscht, wenn sie nicht den +kombinirten Schwung dieser drei Triebe begünstigt; sie bilden die +neutrale Gattung in der Tonleiter der zwölf Triebe.« + +»Aktiver Gattung sind die vier Triebe der Seele: Freundschaft, +Ehrgeiz, Liebe, Elternschaft; passiver Gattung die fünf sensuellen +Triebe: Gehör, Geruch, Geschmack, Gesicht, Gefühl. Die neutrale +Gattung -- die mechanisirenden Triebe -- macht sich besonders +bemerklich bei den Kindern, denen die zwei affektiven Triebe -- +Geschlechtsliebe und Elternschaft -- noch fehlen; sie überlassen +sich den mechanisirenden Trieben in ihren Spielen am meisten, +welche sie sehr selten über zwei Stunden ausüben, ohne zu wechseln. + +Diese Disposition wird man für sie bei der Organisation ihrer +Erziehung und Beschäftigung besonders in Anwendung bringen.« + +»Die Anziehung kann dreierlei Art sein: direkt oder +übereinstimmend; indirekt oder gemischt; verkehrt oder abweichend, +d.h. gefälscht. Direkt ist sie, wenn sie aus Freude an dem +Gegenstand selbst die Thätigkeit ausübt. So haben Archimedes in der +Geometrie, Linné in der Botanik, Lavoisier in der Chemie nicht des +Gewinnes wegen, sondern aus heißer Liebe zur Wissenschaft +gearbeitet. So kann ein Fürst aus Liebe an dem Gegenstand Orangen- +oder Nelkenzucht treiben, oder wie Ludwig XVI. die Schlosserei; +kann eine Fürstin Zeisige oder Fasanen pflegen. Hier herrscht +direkte Anziehung zur bestimmten Beschäftigung, und so werden in +der sozietären Gesellschaft sieben Achtel der Arbeiten beschaffen +sein.« + +»Die indirekte Anziehung ist vorhanden, wenn Jemand eine Thätigkeit +mehr des Gewinnes wegen, oder der Resultate seiner Arbeit als des +Gegenstandes selbst wegen ausübt. Zum Beispiel ein Naturforscher, +der widerliche Reptile oder Giftpflanzen unterhält. Er liebt weder +das Eine, noch das Andere an sich, aber er überwindet seinen +Widerwillen durch den Eifer, den die in Aussicht stehenden +wissenschaftlichen Resultate in ihm erwecken. Solche indirekte +Anziehung wird sozietäre Funktionen erregen, die einer besonderen +Anziehung beraubt sind, aber größeren Gewinn oder größere +Anerkennung finden. Dieser Art Arbeiten wird es ein Achtel geben.« + +»Die verkehrte oder gefälschte Anziehung herrscht dort, wo die +Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der +Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist, +wo moralische Erwägungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit für, +noch Geschmack an der Thätigkeit vorhanden ist. Diese Nichtattraktion +kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber in sieben +Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese Zivilisirten +hassen ihre Thätigkeit, sie üben sie entweder aus Hunger oder +Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der sie trägen +Schrittes, mit trübsinnigem, niedergedrücktem Aussehen gehen.« + +»Der Gewinnanreiz, der bei den für Lohn oder Gehalt Arbeitenden nur +eine divergirende Anziehung ausübt, kann in der Assoziation oft ein +edles Hülfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um eine +Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizuführen. Hier +handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt, +empfängt von der Phalanx fünf Franken, da aber eine Million +Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind, +so erhält er fünf Millionen Franken und empfängt außerdem als +Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des Erdballs, wodurch er +auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten Ehrenbezeugungen +empfängt.« + +»Durch diese Form der Belohnung für allgemein nützlich oder +angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der +Gewinn enorm sein. Wird für eine Ode oder Symphonie eine Belohnung +von zwei Sous gewährt und erklären sich bei der Abstimmung 500.000 +Phalanxen für dieselbe, so werden dem Dichter oder Komponisten +50.000 Franken ausgezahlt. Er empfängt zu diesem Zweck die +entsprechende Anzeige von dem Weltkongreß, und wird diese Summe ihm +in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, ausgehändigt. So wird +Jeder für außergewöhnliche Leistungen in demselben Verhältniß +Belohnungen und Ehren empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn +nur diejenigen Phalanxen steuern, die sich zu Gunsten einer +Leistung aussprachen, sie also für würdig erachteten und werthvoll +fanden.« + +»Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten +finden, sie kann nur durch einen mächtigen Anstoß angeregt werden. +Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lüttich eine Kohlenmine in +Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben, +darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mußte in wenig Tagen ein +bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der +Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte +eine Ehre darein, das Höchste zu leisten, und nach vier Tagen war +eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig +gebraucht hätte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn +die Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurück, es +war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also +die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden, +wenn edle Impulse ihr zu Hülfe kommen.« + +Fourier erläutert nun weiter die innere Organisation und Verwaltung +der Phalanx. »In der Zivilisation kennt man keine andere +Rangordnung, als die nach Stand und Vermögen; die sozietäre Ordnung +dagegen wendet eine uns heute gänzlich unbekannte Klassifikation +an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und nach +Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an +bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stämme (»tribus«) +und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in zweiunddreißig +Chöre.« Die Kinder vom frühesten Lebensalter -- bis zu einem Jahre +Säuglinge, bis zum zweiten Poupons und bis zum dritten Lutins +genannt -- zählen als unentwickelt noch nicht mit. Jeder der +sechzehn Stämme hat seine besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1, +3-4½ Jahre zählend, umfaßt die Bambins; Nr. 2, 4½-6½ +Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6½-9 Jahre, die Seraphins; Nr. 4, +9-12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12-15½ Jahre, die Gymnasiasten; +Nr. 6, 15½-20 Jahre, die Jugendlichen. Die weiter folgenden +Stämme sind nicht streng nach den Lebensaltern geregelt; die drei +letzten, aus den höchsten Lebensaltern gebildet, heißen: die +Ehrwürdigen, die Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den +sechs ersten Stämmen, für die eine besondere Organisation und ein +besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von +einem Stamm in den andern besondere Prüfungen verlangt werden, hat +diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens +ist er nicht zu erkennen. Nur die ältesten Stämme haben gewisse +Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen +Einfluß. + +Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den +Kindern gemacht, sie soll die natürliche Erziehung erleichtern und +den Korpsgeist erzeugen, mit Hülfe dessen sie mit Eifer zu den +Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder in +das Reifealter übergetreten sind, besuchen sie wie die älteren +Lebensalter täglich die Börse, wo alle Abmachungen für die Arbeiten +und die Vergnügungen des nächsten Tages besprochen und geordnet +werden. + +Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Händen der +Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags gewählt, +der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; 2. aus den +drei ältesten Stämmen: den Ehrwürdigen, Verehrten und Patriarchen; +3. aus den Aktionären und 4. aus den Magnaten und Magnatinnen der +Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, da sich Alles durch +Anziehung und den Korpsgeist der Stämme, Chöre und Serien regelt; +er giebt nur über wichtige Geschäfte, wie die beste Erntezeit, die +Weinlese, Neubauten etc., seine Meinung kund, doch ist diese +Meinung nicht verpflichtend. »Weder sind der Areopag noch die +Regentschaft mit lächerlichen Verantwortlichkeiten belastet, wie +z.B. ein Finanzminister in der Zivilisation.« Das Rechnungswesen +ist Sache einer besonderen Serie, welche die Bücher führt, die +jedes Mitglied der Phalanx einsehen kann. Ueberdies ist das +Rechnungswesen so einfach wie möglich. Tägliche Zahlungen giebt es +nicht, jedes Mitglied hat, entsprechend seinem Vermögensantheil und +dem voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die +verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit +zu Zeit miteinander ab. Die Rechnung für die Einzelnen wird am Ende +des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen +vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der +Phalanxen dem Fiskus gegenüber beobachtet, der vierteljährlich +seine Steuern für die Gesammtheit der Mitglieder einer Phalanx +pünktlich, und bei dem viel ergiebigeren Ertrag aller Arbeit auch +in entsprechend höheren Beträgen, abgeführt erhält. Herr Fiskus +erspart also seine gesammten Steuerbeamten, Exekutoren und die für +diesen Zweck in Thätigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso +geben die industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der +Phalanxen verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger +entfernten Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer +Phalanxen zu gemeinsamen, besonders gearteten größeren +Arbeitsleistungen zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache +Schuldverschreibungen ab, die der betreffenden Phalanx präsentirt +und von dieser berichtigt werden. Da nun solche industriellen +Armeen ziemlich oft zusammentreten und Reisen unternehmen, ist +jedes Phalansterium mit den entsprechenden Unterkunftsräumen für +Menschen und Thiere versehen. Ferner haben die Kinder keinen +Vormund mehr nöthig, das große Buch der Phalanx hat für jedes +derselben sein Konto und verwaltet seinen Besitzstand und sein +Einkommen. Die Kinder können sogar vom fünften Lebensjahre ab schon +über ihr Einkommen verfügen. + +Fourier geht nun über zur Kostenberechnung für die Gründung einer +Phalanx. Diese veranschlagt er auf fünfzehn Millionen Franken. Das +Hauptgebäude, ungefähr 500 Fuß lang und 250 Fuß tief, bilden zwei +hintereinander liegende, durch Gallerien verbundene parallel +laufende Bauten und besteht aus Parterre, Entresol und vier Etagen. +Das Zentrum des Gebäudes tritt nach hinten zurück, wodurch ein +großer freier Platz zwischen den Flügeln entsteht, der als +Paradeplatz Verwendung findet. Der Raum zwischen den beiden +parallel laufenden Bauten ist mit Blumenparterren, Orangerien, +Springbrunnen ausgefüllt. Der große Mitteleingang führt in eine +mächtige Säulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen +Theilen des Gebäudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet +sich der große Wintergarten. Die Alten wohnen in den +Parterreräumen, die Kinder im Entresol. In den Flügeln der ersten +Etage logiren die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten +Etage befindet sich der Börsensaal, die Speise- und +Vergnügungssäle. Außerdem giebt es eine Menge Räume für kleine +Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt für die Fremden und die +Besucher reservirt. Küchen und Bäder befinden sich im Souterrain. +Die Werkstätten, Waaren- und Getreidelager und Stallungen liegen +symmetrisch geordnet dem Hauptgebäude gegenüber, getrennt durch +eine breite mit Bäumen und Blumenbosquets bepflanzte Straße. Alle +Passagen und Uebergänge sind gegen die Unbilden der Witterung +geschützt und im Winter erwärmt. Hinter den beiden Flügeln des +Hauptgebäudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater, +beide ebenfalls durch verdeckte Gänge mit dem Wohngebäude in +Verbindung stehend. + +Die Thätigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die +Vieh- und Geflügelzucht, eine Thätigkeit, die namentlich in der +ungünstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und +Feldbau wird im ausgedehnteren Maßstab betrieben, und wird während +der milden Jahreszeit die meisten Hände in Anspruch nehmen. Die +Küchenarbeiten mit ihren umfänglichen Vorarbeiten erfordern Tag für +Tag eine große Anzahl verschiedener Kräfte. Der Küche werden die +Phalansterianer eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen +betrachten sie als eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird +allen Thätigkeitszweigen, die mit der Küche in Verbindung stehen, +eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu gehören +also insbesondere Gemüse und Obstzucht, Vieh- und Geflügelzucht, +Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. Manufakturen und +Gewerbe sollen nach Bedürfniß eingerichtet und hauptsächlich im +Winter betrieben werden. + +Die Phalanx richtet ihre ganze Thätigkeit und ihr Bestreben dahin, +daß Alles, was sie leistet, sich durch Solidität wie durch +Schönheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem Wort in +Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich zu +der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitäten an +Produkten verbrauchen, z.B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Möbeln, +Werkzeugen. + +In einer gut und voll eingerichteten Phalanx werden nach Fourier's +Berechnung nöthig sein: für Thier- und Geflügelzucht 30 Serien; für +Garten- und Landwirthschaft, inklusive Wiesenbau und +Waldbewirthschaftung, 50 Serien; für die Manufakturen 20 Serien; +für Hauswirthschaft und Erziehung 40 Serien; für Küche und Kellerei +60 Serien; im Ganzen also 200. + +In der Manufaktur wird man wieder diejenigen Beschäftigungen, die +täglich in Anspruch genommen werden, wie: Schneiderei, +Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Sattlerei u.s.w., von denen +unterscheiden, in denen eigentliche Massenfabrikation, wie die +Anfertigung der Halbfabrikate, Wäschefabrikation u.s.w., betrieben +wird. Diese Massenfabrikation läßt sich auf bestimmte Zeiten +beschränken. Die Anwendung in den verschiedenen Thätigkeiten bleibt +der freien Wahl der Geschlechter überlassen, auch werden die +rivalisirenden Serien nach den verschiedensten Methoden thätig sein +und immer neue Methoden zu erfinden suchen. Manche Gewerbe werden +besonderen Anklang finden, wie die Kunsttischlerei, die Parfumerie +-- letztere hauptsächlich bei den Frauen --, die Konditorei. Die +Geschlechter werden sich dabei die ihrer Natur besonders zusagenden +Thätigkeiten ganz von selbst auswählen. So wird in der Konditorei +das Anmachen des Teigs hauptsächlich Männerarbeit sein, die Frauen +werden sich mit der Herrichtung der Früchte und Materialien +beschäftigen, die Kinder werden bei dem Formen, dem Auslesen und +Einlegen in Anspruch genommen sein. Auch wird, weil alle Einrichtungen +auf das Beste und Zweckmäßigste getroffen sind, die peinlichste +Reinlichkeit in den Werkstätten und Arbeitsräumen aufrecht erhalten +werden können. Ist Butter- und Käsefabrikation vorzugsweise Frauen- +und Kinderbeschäftigung, so die Fleischerei Männerarbeit. Fourier +führt dies Alles sehr im Detail aus, um zu zeigen, wie alle +Geschlechter in zweckmäßiger Weise ihrem Charakter und ihren +Anlagen entsprechend ihre Beschäftigungen zu finden vermöchten. Der +ganze Mechanismus der industriellen Anziehung würde umgestürzt und +die Phalanx unmöglich werden, wenn man in der Assoziation, sowie +heute in der Zivilisation, keine Rücksicht auf die verschiedenen +Triebe nehmen und die Arbeitssitzungen über das zulässige Maß +ausdehnen wollte. + +Die Fabriken werden aus den Städten allmälig auf das Land verlegt, +damit der Arbeiter die volle Abwechslung der Beschäftigung, wie die +Vortheile und Annehmlichkeiten des Landlebens und der ländlichen +Beschäftigung genießen kann. + + * * * * * + +»Für den neuen sozietären Zustand ist die Erziehung von der größten +Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle körperlichen und geistigen +Fähigkeiten zur vollen Entwicklung zu bringen, und soll überall, +selbst in den Vergnügungen, produktiv angewendet werden. Unsere +heutige Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrückt und +verschlechtert die Fähigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend im +Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der +Anziehung ist der Luxus -- körperliche Kraft und Verfeinerung der +Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte Anziehung für +produktive Thätigkeit, die ihm heute verhaßt ist. Seine Entwicklung +ist also eine falsche, die heutige Erziehung schwächt seine +Gesundheit. Man nehme hundert Kinder, ganz nach Zufall, aus der +reichen Klasse, die gute Pflege und gute Nahrung haben, und man +wird finden, daß sie weniger kräftig sind, als hundert halbnackte +Dorfkinder, die mit Schwarzbrot genährt werden und wenig Pflege +haben. Aber der treffendste Beweis für unser falsches +Erziehungssystem ist, daß es die Anlagen des Kindes nicht zur +Entfaltung bringt, sondern dies dem Zufall überläßt. Abgesehen von +den verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstört die Anlagen, +sei es in der Häuslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend +ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende +Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue +absorbiren. Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt +nennt. Ist ein junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in +die Welt ein, so lehren ihn Väter, Verwandte, Nachbaren, Diener, +Kameraden, sich über die Lehren, die ihn im jüngeren Alter +einschüchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der galanten +Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, über die Lehren der +Moral, die den Vergnügungen feind sind, zu lachen und sich darüber +hinwegzusetzen, um später von den Liebeleien, nachdem er sie +genügend genossen, zu den Geschäften des Ehrgeizes überzugehen. +Welch eine Absurdität unserer Erzieher, dem Kinde ein System von +Ansichten einzutrichtern, die jetzt bei ihm über den Haufen zu +werfen alle Welt sich bemüht! Man wird keinen jungen Mann von +zwanzig Jahren treffen, der, eine glückliche Gelegenheit zum +Ehebruch findend, das Beispiel des keuschen Joseph nachahmt, »der +Moral und den gesunden Doktrinen« folgt. Fände man ihn, er würde +dem Publikum und den Moralisten selbst ein Räthsel sein. Ebenso +würde sich die ältere Welt über einen Finanzmann moquiren, der, +obgleich er es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die +Taschen nicht füllte: er würde als ein Dummkopf, ein Visionär +betrachtet, der nicht weiß, »daß, wenn man an der Krippe sitzt, +auch essen soll«. In welch falscher Stellung befinden sich da nicht +unsere Erziehungsdoktrinen.« + +»Der große Zweck und die Aufgabe der Erziehung muß sein, Charaktere +wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso nützlich für die +Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc Aurelius, +Heinrich IV.[17] Um diesen Zweck zu erreichen, muß von der Wiege an +das Naturell des Kindes sich frei entwickeln, während wir bemüht +sind, von der Wiege an dieses Naturell zu ersticken und zu +verkünsteln. In der Zivilisation denkt man bei dem niedrigsten +Lebensalter nur an die rein physische Sorge, wohingegen der +sozietäre Zustand schon vom Alter von sechs Monaten ab sehr wirksam +auf die intellektuelle wie materiellen Fähigkeiten des Kindes +achtet.« + +[Fußnote 17: Der Letztere dürfte wohl kein passend gewähltes +Muster sein, indeß man muß stets beachten, _wann_ das Gesagte +geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in +den Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil, +das zu Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf.] + +»Zunächst sei festgestellt, daß in der Assoziation die Pflege und +Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei Jahren und +der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen wird. +(Man halte fest, daß nach Fourier vom dritten Jahre ab die Kinder +in der Phalanx sich schon so nützlich erweisen, daß sie ihre +Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip in +der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der +Assoziation. Man bildet Serien für die Funktionäre, wie für die +Funktionen.« + +»Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den +Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach +ihrer Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezüglichen +Säle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der +Widerspenstigen, der Verwüster oder Teufelchen. Die Bonnen, die Tag +und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen +übrigen Beschäftigungen alle ein und einhalb bis zwei Stunden. Die +Bonnen werden von Unterbonnen -- jungen Mädchen, die für die Pflege +der Kleinen Neigung haben -- unterstützt. Die Mütter können -- wie +schon erwähnt -- ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen Falles +finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die +Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen. +Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mütter in der +Zivilisation -- namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine +Pflegerin halten können --, Tag und Nacht an das Kind gefesselt. + +Die Bonnen wählen sich die Säle, in denen sie ihre Pflichten +versehen wollen; Jede ist bemüht, für ihr Verhalten und die Pflege, +die sie den Kindern zu Theil werden läßt, den Beifall und den Dank +der Mütter zu erwerben. Auch ist Tag und Nacht ärztlicher Beistand +vorhanden, sobald er gebraucht wird. Die Aerzte nehmen in der +Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in der Zivilisation; sie +erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der Kranken, _sondern +nach der Zahl der Gesunden_; sie sind also dabei interessirt, daß +die Phalansterianer möglichst gesund bleiben, wohingegen heute sich +die Aerzte recht viel Kranke, namentlich reiche Kranke wünschen. + +Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle +Einrichtungen für die Kleinen auf das denkbar Beste und +Zweckmäßigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer Lage, +wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern zu +schaffen vermögen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht +ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermüden. Sobald das +Kind sechs Monate alt ist, ist man bemüht, seine Sinne zu wecken. +Was es hört und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu +raffiniren: es hört nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur +die schönsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es empfängt +später die passende Unterweisung und freundliche Belehrung. In +Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation mit drei +Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit sechs +Jahren ist. In der Zivilisation trägt Alles dazu bei, Geist und +Sinne des Kindes zu fälschen, wenn sie nicht gar unterdrückt +werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben durch ihr +widersprechendes Verhalten und häufigen Unverstand den Charakter +des Kindes und hindern die Erziehung.« + +»In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich zeigen, +in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes +dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die +Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das +Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt +wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, Alles +zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die Liebhaberei +für lärmende Beschäftigung; die Sucht, Alles nachzuahmen und selbst +zu hantiren, und namentlich die Neigung, sich den _Aelteren, +Stärkeren und Geschickteren anzuschließen und diese als seine +Lehrer zu betrachten, in ungeahnter Weise seine Entwicklung +fördert_. Diese letztere Eigenschaft ist die wesentlichste, weil +sie am besten alle Anlagen im Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer, +es Seinesgleichen zuvor zu thun.« + +»Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und +anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören also +vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen +Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, Fahnen, +die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen Geschmückten; +passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack geweckt wird; +Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von größerem Werth +geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man es bestärkt; der +Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn es von älteren Kindern +für seine Leistungen Lob empfängt; volle Freiheit in der Wahl +seiner Beschäftigung, es muß jeden Augenblick eine solche +unterbrechen und zu einer andern übergehen können; der Korpsgeist, +der sich bei Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen +den einzelnen Chören, Gruppen, Serien.« + +Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir begnügen uns +mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird ferner mit der größten +Wahrheitsliebe begegnet, Niemand schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen +Lehrer sind die älteren und erfahreneren Kinder, denen sie mit +großer Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine +Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem älteren +Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird ihm die +härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will das Kind in +eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es eine Prüfung +seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall derselben +bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum neunten +Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann beginnt +auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die nöthige Festigkeit +erlangt haben, ehe die geistige Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen +kann. Trieb und Anlagen der beiden Geschlechter werden später in +Folge der verschiedenen Natur ganz von selbst differiren. Man darf +annehmen, daß für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein +Drittel Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei Drittel +Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr Neigung für die +große Kultur und ein Drittel mehr für die kleine haben, bei den +Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die Ausgleichungen auf allen +Gebieten finden. + +»In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf +Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum +Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der +Agrikultur, der Industrie, der Gewerbe, der Künste und +Wissenschaften ihm fremd sein; seine körperliche und geistige +Erziehung ist dann eine harmonische. Der Unterschied des +Erziehungssystems in der Zivilisation und der Assoziation ist: Dort +wird die Erziehung auf der kleinsten häuslichen Verbindung, der +Familie, begründet, in der Assoziation auf drei großen Gruppen: +Chöre, Serien von Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall +Störungen, Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung, +Einseitigkeit, hier volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel, +Vielseitigkeit. Dort Klassen- und Standesunterschied, hier +Gleichberechtigung für Alle, kein anderer Unterschied als der, +welchen die natürlichen Anlagen und Fähigkeiten ergeben.« + +»In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den +Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als +Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von +Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß +die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb +den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres +Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit des +Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche Gruppe +leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die Verschiedenheit +der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern Gruppen +wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse über +einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden der +Köder, daß die Kinder in der Schule nach bezüglichen Lehrbüchern +verlangen, und so bilden sie sich weiter.« + +»Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in +der Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind +sich weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften +hingezogen fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm +schon sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und Unterweisung +wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu beibringt. Bei +den Kindern in der Zivilisation finden wir überall den +Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in der Harmonie +überall Antrieb zu nützlicher Beschäftigung und zu Studien. Das ist +der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen. Die +Zivilisation, die kleine Vandalen züchtet, darf sich nicht wundern, +wenn sie später so viele erwachsene Vandalen besitzt.« + +Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade für die +Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der Assoziation das +Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so auch die Erziehung. +Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten Stämme: die Cherubins +und Seraphins, das Alter von 4½-9 Jahren, und die dritte Phase +der Kindheit umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im +Alter von 9-15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten +der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie +sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse +Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich +verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die +Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die +Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der +Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese sind +die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu verwerthen. +Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel und unter den +Mädchen ein Drittel zu unsauberen Beschäftigungen eine gewisse +Neigung haben. Diese nennt er die »kleinen Horden«. Umgekehrt sind +zwei Drittel der Mädchen und ein Drittel der Knaben für den Putz +und die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt er die »kleinen +Banden«. Die kleinen Horden und die kleinen Banden setzen sich aus +den 4 Stämmen im Alter von 4½-15½ Jahren zusammen. »Die +kleinen Horden streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die +kleinen Banden streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.« + +»Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit +Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit, +für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind überall, wo der +Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie +stehen stets in der Bresche.« (Fourier will hiermit sagen, daß, +ohne die Hingabe der kleinen Horden an die unangenehmen Arbeiten, +die Phalanx zum Zwang würde greifen müssen, wodurch der auf voller +Freiwilligkeit und Anziehung beruhende Mechanismus der Phalanx +tödtlichen Schaden erlitte. In der Phalanx darf kein Schatten von +Zwang vorhanden sein, wenn sie ihren idealen Zweck erreichen soll.) + +Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste +beseitigt den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die +Küchen- und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die +gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet die +kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo große +Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte Klasse +bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie gebraucht wird. +Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjäten und die +Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten Straßen und +Wege in Ordnung und legen großen Werth darauf, von Fremden für ihre +Ordnungsliebe belobt zu werden. Um überall rasch bei der Hand zu +sein, reiten sie auf Zwergpferden. + +Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter +Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien +materiell doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein +Geschenk an, selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte, +ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe +für die Assoziation, die für ihren Bestand so nützlichen und +notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre freiwillige Hingebung +tragen sie den Titel »Verbindung für Verbesserungen«. + +»Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller +bürgerlichen Tugenden; sie üben zur Ehre der Gesellschaft die +Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten +die Reichthümer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen +alle erträumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen +Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und +thatsächlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft +von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und +verhüten das Aufkommen des Kastengeistes.« + +Für alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie +hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an +der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu +erledigende Arbeiten -- z.B. daß ein Gewitter Straßen und Wege +verletzt, Bäume und Sträucher schwer beschädigte, oder daß eine +Ueberschwemmung eingetreten ist --, so versammeln sich die kleinen +Horden von vier oder fünf Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung; +sie treffen Morgens gegen fünf Uhr zusammen, und nachdem sie einer +religiösen Hymne beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung +unter einem wahren Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen +Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln, +die Hunde heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die +Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten, +zurück und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames Frühstück. +Nach demselben erhält jede der kleinen Horden zur Belohnung einen +Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, darauf steigen sie zu +Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren Phalanxen zurück. + +»Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, muß man +nach Ansicht der Zivilisirten zu übernatürlichen Mitteln greifen, +wie es in unsern Klöstern geschieht, wo durch ein sehr strenges +Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. Die +sozietäre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege zum +Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des Vergnügens +sich dienstbar macht. Analysiren wir die Hülfsmittel für diese +Tugenden. Es sind vier, die alle vier unsere Moral verwirft: +Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, Unverschämtheit, Ungehorsam.« + +»Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern +überlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die +Theorie der Anziehung erfordert, daß alle Triebe, die Gott dem +Menschen gab, sich nützlich machen können, _ohne, daß man die +Triebe selbst ändert_. So sehen wir, daß bei den jüngsten Kindern +die Neugier und die Unbeständigkeit sich nützlich erwies, weil sie +das Kind zu einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen +sich offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer +nachzuahmen, wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur +Anziehung zu nützlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen +Eltern und Erzieher, die nicht erziehen können. Die Erziehung muß +durch kabalistische Rivalitäten der Gruppen herbeigeführt werden. +So werden alle Impulse bei kleinen wie großen Kindern in der +Harmonie gut, vorausgesetzt, daß man sie durch Serien der Triebe +zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die +kleinen Horden an die widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt +zunächst ihren Stolz nach Rang. Jede Autorität, sogar der Monarch, +schuldet ihnen den ersten Gruß; keine industrielle Armee rückt aus, +ohne daß die kleinen Horden an der Spitze marschiren; sie haben das +Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit (das sind große Arbeiten, +welche die Phalanxen eines oder mehrerer Reiche unternehmen, große +Kanalbauten etc.) die erste Hand an's Werk zu legen; sie sind die +Ueberall und Nirgends, ohne deren Mitwirkung nichts Bedeutendes +geschieht. An ihrer Spitze stehen die kleinen Kane (Kan und Kanin), +die selbst gewählten Offiziere; die kleinen Horden haben auch ihre +besondere Kunstsprache und ihre kleine Artillerie. Ferner wählen +sie aus der Zahl der Alten Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es +ist, den Geschmack für die Funktionen der kleinen Horden zu +bewahren; sie haben ferner bei allen religiösen Uebungen bestimmte +Dienste zu versehen und erhalten dafür besondere Abzeichen. +Frühzeitig zu Bette gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um +drei Uhr Morgens und geben die Initiative für alle Arbeiten der +Phalanx. Es ist also eine Korporation von Kindern, die, indem sie +sich allen Neigungen, welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter +verbietet, überläßt, alle Chimären der Tugend, an denen die +Moralisten sich ergötzen, verwirklicht. Die kleinen Horden +verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der +Egoismus Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres +Besitzes zum Nutzen der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle +des Reichthums, die industrielle Anziehung, die sich auf alle +Klassen erstreckt. Die Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den +kleinen Horden hingezogen fühlen, wie die Kinder der Geringen. Sie +sind die Repräsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr +entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die +Tugend der sozialen Liebe üben, reißen sie Jedermann zur indirekten +Ausübung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie den Weg zur +Edelmüthigkeit, durch welche die Reichen in der Harmonie sich +verbinden, um den Armen zu begünstigen, wogegen sie heute +übereinkommen, ihn zu plündern.« + +»Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten +Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein können +im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes balanziren, +dieses elenden Metalls, elend in den Augen der Philosophen, das +aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der industriellen +Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, die sich auf +den Reichthum stützen, als Leute »comme il faut« bezeichnet werden, +da ist das Geld die Klippe. Die es besitzen, sind die Leute, »die +nichts thun und zu nichts zu gebrauchen sind.« Leider ist der +Beiname »comme il faut« (wie man sein muß) in unserer Gesellschaft +nur zu berechtigt, denn in der Zivilisation gründet sich die +Zirkulation auf die Phantasien der Müßigen, sie sind in Wahrheit +die Leute »comme il faut« (wie man dazu sein muß), um die verkehrte +Zirkulation und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.« + +Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer +bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche +die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der +Ansicht, daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der +Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten. +Es ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen +Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach +wiederholten Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner +geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, daß +die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, »um das Geschäft zu +heben«, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man macht es ihnen zu +einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben »Geld unter die +Leute zu bringen«. + +Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach +diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das +Mäntelchen der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und trinkt +gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in dem +stolzen und befriedigenden Bewußtsein, »indem man seine Triebe +befriedigte«, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die +so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach Fourier, die +bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, daß +diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der +Gesellschaft bildet. + +Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für die +Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für +Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft +kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher, +und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der +Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachläßt, +weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in der Regel in den +modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der +Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die +Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen +weit über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt die +Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der +Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch +sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches +Merkmal für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, »die +nichts thut und zu nichts nütze ist«, wie Fourier sich ausdrückt, +so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe +Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhältniß zum Verbrauch +der Masse der Bevölkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse +der indirekten Steuern. »Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen +bringt nichts ein«, sagte Fürst Bismarck in seiner berühmten +Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; »was nützt die +Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts, +nehmen wir dafür die 'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee, +Branntwein, Tabak.« Unsere Steuertabellen geben ihm Recht. + +Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der +bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter +noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der +Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen erheblichen +Theil des Arbeitsertrags -- vier Zwölftel -- zuschrieb, entging ihm +nicht, daß bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre +Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Mißverhältniß im +Vermögen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der +Phalanx noch mehr steigern müsse, als in der Zivilisation. Er mußte +also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit +einigermaßen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird, +auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche +die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für die +sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem Grunde +eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos seien. Die +Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze +Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und für eine +Berechtigung hat, wenn die _sozietäre Arbeit_ diesen Reichthum +erzeugt und dieser so groß ist, daß er allen Gliedern der Phalanx +den größten Luxus gestattet und selbst die verwöhntesten +Geschmäcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also +Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll +der Wiederkehr »der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der +Müßigen begegnen«, und die Reichen sollen durch das selbstlose +Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmüthigkeit gegen die +Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die große moralische +Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist. + +Fourier fährt fort: + +»Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich +verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen +vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des +Widerspruchs, der darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder +männlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur +Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum +Putz und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx +ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und +Hingebung sich auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende +Korporation -- müssen die kleinen Banden -- Eigenschaften annehmen, +welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, das +Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der +sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener +der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein. +Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der +Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art +Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich; +sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und +materielle Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, +Schaustellungen auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in +der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um +korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre +Kostüme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die +Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen +sich die kleinen Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren +aus. Der männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die +jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die +frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen +Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen. +Weniger thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später +und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während +sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere +beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hühner, +Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die Blumen- und +Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden. +Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen läßt, wird vor ihren +Richterstuhl geführt und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über +die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden +ihre Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus +den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und +Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen +Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den +großen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen +Horden mit den großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen. +Die Natur hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine +Scheidung von Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen, +eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in +den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast +ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und +kleine Horden naturgemäß herbeiführt.« + +»Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der +Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß man +die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel +setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen +Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die +Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu +den minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der +Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie unsere +Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem +gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die +Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu +veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch +Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die +Geschlossenheit der Serien herbeizuführen. So schöpft die Erziehung +in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden +entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur +Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute +verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel, +wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die +Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen, +sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten +leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit +die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren die nüanzirten +Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen +Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen Banden vom +Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die +ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.« + + * * * * * + +»Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler, +daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen nicht, +das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind genöthigt, es bis zum +sechsten oder siebenten Jahre unthätig zu lassen, ein Alter, in dem +es schon ein geschickter Praktiker sein könnte. Im siebenten Jahre +wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, für +die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in +der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten +Jahre bereits praktisch thätig war und bis zum siebenten spielend +eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das +Bedürfniß, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu +stützen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit +der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes +System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist +auf die Arbeit des Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis +Abend während neun bis zehn Monate des Jahres über den +Anfangsgründen und der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der +Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß, +während der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen +sich beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an schönen wie +an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in +der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.« + +»Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene +in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die +Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren, +wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und +Moralisten sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber +keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien +weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im +Heu kugeln, vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und +Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. anwenden, und +würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu +ihren Studien zurückzukehren, so würden sie beobachten können, ob +es die Natur des Kindes ist, während der schönen Jahreszeit in der +Umgebung von Büchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man +antwortet: Man muß im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des +Namens eines freien Mannes würdig macht, würdig des Handels und der +Verfassung! -- Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und +kabalistische Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in +hundert Lektionen im _Winter_, beschränkt auf zweistündige +Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen +oder im Pensionat eingeschlossen hält. + +Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, Pensums, +Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem +halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses +elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen; +sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu +enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den Schülern, +Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, daß sie erkannt +hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu +verwirklichen. Die mit Zuneigung verknüpfte Uebereinstimmung +zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst +erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in +der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den +Widersinn, die Theorie über die Praxis zu stellen, gefälscht ist, +nie geschehen. Der Unterricht ist ferner gefälscht durch seine +Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein +Achtel unter den Kindern, die den gegenwärtigen Unterricht mit +Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen. +Daraus schließen die Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts +taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur +Regel. Das ist die gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf +die Vollkommenheit. Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen, +aber sie darf man nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die +große Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den +berühmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand +stets nur einen mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große +Unbekümmertheit für Studien und Lehrer.« + +»Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle +Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich +kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es ließen +sich noch andere finden. Schließlich ist jede Methode gut, wenn sie +dem Charakter des Schülers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht, +als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur +chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, daß man nicht von +der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach +Rückwärts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz +am Studium zu zerstören und die mathematische Trockenheit in die +Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher +Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle +fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft +zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von +Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium +finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven +Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als +welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.« + +»Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für es eine +Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft +ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches der erste Zweck der +Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frühester Jugend an +in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die +Anziehung ist darin sehr kräftig, es erwirbt die nothwendige +Gewandtheit für alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit +Sicherheit, Maß und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen +sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hülfsmitteln +für die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein. +Unter der Oper sind alle körperlichen Uebungen begriffen, sowohl +die mit der Flinte als mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen +Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder +in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie +betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde +die Natur des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper +nicht in erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom +frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen Studien nur +anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen hin möglichst +vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei +unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hülfsmittel in's +Spiel gesetzt werden: die Oper und die Küche, oder die angewandte +Gourmandis.« + +»Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und +zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, und +diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in +denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden +Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der +Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen +das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx +die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für +die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, für welche es sich schon +durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und +Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten +eingeführt. Die Küche wird das Band für diese Funktionen.« + +»Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung, +sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. +Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder +das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und +Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz, +oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7. +Malerei und harmonische Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem +regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer Ausführung.« + +»Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung +zu Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen +und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie ist sie +eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche +Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die sich jeden +Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen +Serien begegnen.« + +»Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der +Harmonie. Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und +Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung +der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx +eine Auswahl von 12-1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise +sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser +ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.« + +Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer +Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in +derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in +seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in +der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre +Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns +hierüber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird +beurtheilen können, wie auch hier sich die verschiedenen Serien +bethätigen. Die Kinder werden zunächst an der Hand passend für sie +eingerichteter Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend +eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig +in die großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die +Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter +Details kennen -- das Einmachen, die Konservirung --, in denen sie +nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien führt +ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der +verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird +das Kind mit der Geflügelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und +Gemüsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen +Bethätigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die +Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch +kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die +Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an. + +Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die +Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall +entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der +Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt und +stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die größte. Alles +ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends +vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden +Geschlechtern gemacht. »Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle +figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethätigung +für die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die +Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werkstätten und in den +Gärten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren +unterstützen.« + +Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es +beginnen die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich +allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die Aufgabe, +die Erziehung entsprechend umzugestalten. + +»Hier ist der Punkt«, fährt Fourier fort, »wo alle unsere auf die +Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den +Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begründen +wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen +Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere +Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als hier. Für alle anderen +Mißbräuche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die +Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der +Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestürzt wird, +denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen +die Natur und die Gesetze begründet. Indem die Liebe keinen anderen +Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der +Doppelzüngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwörer, der +unaufhörlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren, +alle ihre Regeln zu untergraben.« + +»Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe nur +unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die +Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr +protegirt, je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen +Gesellschaft sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten +die Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen +können, d.h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral +verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die +Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- und +Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die +Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser +Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt, +muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe +sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen +Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für die +guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung +dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der +Zivilisation getrennt sind.« + +»Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste +Liebe genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die +unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit anziehen. +Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen bilden, die +ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden aufeinander +wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, bestehend aus +zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und des +Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel +Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum +achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation +des Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen +Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die +andere Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu +einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln +derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat. +Die jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des +keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im +Vestalat in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen +Charaktere sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während +die milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden +die jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen +austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.« ... + +»Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen +von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie +besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen -- die +sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den Sälen +zusammenfinden -- und erheben sich in Folge dessen auch später von +der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat mit den Kindern. +Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern wird das +Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von diesen +behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen mißachtet. Die +älteren Stämme von zwanzig und mehr Jahren haben wieder aus anderen +Motiven für das Vestalat und die Virginität eine tiefe Zuneigung. +So vereinigt das Vestalat in sich den höchsten Grad der Gunst der +Kindheit und des männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen +und Vestalen ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit +haben, jederzeit die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile +der Rolle zu verzichten.« + +»Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen +nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen, +haben sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten +Beschäftigungen in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie +haben aber auch ihre besonderen Sitzungen und gewähren den Besten +unter sich den Titel »Bewerber« oder »Bewerberin«. Diejenigen, die +diesen Titel führen, haben den Vortheil, in der industriellen +Armee, in der sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit +besonderen Ehren empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat +gehöriges Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird +dies festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein +Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. Nichts +verschafft einem Mädchen von 16-18 Jahren mehr Achtung, als eine +nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an die Arbeit und +die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind die +Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im +Verzuge, handelt es sich z.B. darum, wegen drohenden Unwetters +rasch eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede +Phalanx wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen +und sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel +auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, die +Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die +präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen +besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs +macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns +beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm über die +Schönheiten der Verfassung und das Glück des Handels peroriren, +sondern man deputirt die liebenswürdigsten Vestalinnen, die ihn an +der Grenze begrüßen. Kommt eine Fürstin, so wählt man Vestalen. +Versammelt sich eine industrielle Armee, so sind es die Vestalen, +die ihr die Oriflamme übergeben und die erste Rolle bei den Festen +wie bei den Arbeiten einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden +durch die Anwesenheit der Vestalen und Vestalinnen einen besonderen +Reiz gewinnen und sie werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß +sie Ermüdung verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen +jeden Abend glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der +Kette am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren +jungen Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen +»freie Männer« sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel +aus Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so +werden mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man nöthig +hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese Armeen besuchen, um +sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder ihren Gatten zu +wählen, und es ist anzunehmen, daß eine solche Wahl meist auf eine +Vestalin oder einen Vestalen fällt. Diese Herrschaften werden in +der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, wie in der Zivilisation, +in welcher man ihnen nach chinesischer Manier einen Mann oder eine +Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen haben.« + +»Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird der +vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, eines +halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu +schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das Vestalat ein +Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den +ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen +und ihm als Ehrengarde dienen.« + +Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, ihre +Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch größerer +Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich +auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche +verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch +abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch, +der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat; +dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 Kaiserinnen, 144 +Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 Kaziken u.s.w. Man +fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Fürsten, Fürstinnen +und hohen männlichen und weiblichen Würdenträger in dieser sozialen +Organisation für einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern +ihre Funktionen für das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft +notwendig sind. Darüber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie +gehören eben in sein System, das bemüht ist, den Trieben und +Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach +Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß +sein System in um so höherem Grade die Unterstützung der höheren +Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht für die +Erlangung von Titeln und Würden eröffnet. + +Eine solche Schaar hoher Würdenträger und Würdenträgerinnen bedarf +entsprechender Frauen und Männer, und da haben Vestalinnen und +Vestalen in erster Linie die schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu +kommen. + +»Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch ein +Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginität +nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil +werden, die sich einen falschen Heiligenschein für die Gaukeleien +der Libertins zu geben wissen. Diese Wüstlinge, die in ihren +Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrügen und zu +düpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die öffentliche +Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung +findet unter uns ein junges, schönes Mädchen, um ihre Virginität zu +bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner +sind, nicht bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen +Lebensunterhalt für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden +gezwungen, auf einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere +Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation +prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der +ihr eine anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre +Schönheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird +für die Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist +sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen Maklern +Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch +Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit mehr +verdorbene als gute Ehemänner.« + +»Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten +Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig zu +machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. Um +den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem +Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes +alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine der Zivilisation +würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie; +undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen +Mädchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da +braucht man sich nicht zu wundern, daß man bei jungen Mädchen, die +nicht überwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet. +Leistet ein junges Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt +geworden, von derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es +zwang, seine schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es +Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine Frucht, +die man, statt sie zu genießen, verderben läßt. Das sind +Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen würdig sind dieser zivilisirten +Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist. +Aber wenn man einem schönen Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit +zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr +gewiß? Sie läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen +durch Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen oder +brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anständiges +Mädchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trügerischen +Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein +wenig erfahrene Frau nicht mehr getäuscht wird. Hat sie aber eine +gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in +der Kunst zu bezaubern geübt ist, sie ihr entfremden. Das +anständige Mädchen wird darum betrogen, es erhält nur einen +unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der +Ehelosigkeit.« + +»Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen, +weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil +zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die +Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der +Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter +betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie +mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden aber alle +Tugenden gebären, von denen sehr überflüssiger Weise die +Zivilisation nur träumt.« + +»Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der +Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah, +das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so sollte und +müßte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die +Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten, +daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden über jede Parallele +verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden +Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die +vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation vergleiche, +deren Moral nur unanständige und skandalöse Gewohnheiten zu Grunde +liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des +Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit +der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen über +die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten +Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben +die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne daß sie zuvor den +Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nächsten Morgen +noch immer früh genug kommen. Es bleibt weder Zeit für die ewigen +zweideutigen Wortspiele, noch für die moralischen Schlemmereien.« + +»Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz, +Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den +Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit +vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt, +d.h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet, +eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art +werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für das +Vestalat erklären? -- Diejenigen, die, wie die Söhne des Theseus, +für aktive Thätigkeiten, aber wenig für die Liebe neigen. Wenn +Hippolyt die Jagd allein genügte, um ihn von der Liebe abzuziehen, +so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreißig und +mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Kräfte üben und seinen +Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmäßige +Vergnügen der Jagd.« + +»Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese anscheinend +so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen +Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen +ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung +nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Maße, wie allen +Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, daß +die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergnügungen +mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein +werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die +nöthigen Gegengewichte werden sich in genügender Zahl aus der +Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben.« ... + +»Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche ist, alle +Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, freien +Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene +Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausübung aller +Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die +feste Regel für die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck +muß sein, überall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter +und der Instinkte zu begründen.« + +»Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein +Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um +diese Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr weitläufigen +Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht geben kann; ich +werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle die Uebel erzeugt, +die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, daß aber diese +Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe angewandt, alle +Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, vermeidet. Wie +es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen einige Beweise folgen. +Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein Drittel der Väter ihre +Kinder verlassen und verleugnen. Auf 27.000 Geburten rechnet man +über 9000 Bastarde, und doch ist Paris der Mittelpunkt der +»moralischen Erleuchtung« und die »Vollendung der Vervollkommnung +der Vervollkommnungsfähigkeit«. Wenn überall ebenso viel +Vollkommenheit existirt als in Paris, ist ein Drittel der Kinder +von ihren Vätern verlassen. Ferner sind da die syphilitischen +Krankheiten, die in unserer Ordnung zahlreiche Opfer erfordern. Die +Jugend wird bei unseren Sitten zur Unaufrichtigkeit erzogen, sie +macht sich ein Spiel daraus, diese Krankheiten zu verbreiten, deren +Gefahr jede kluge Person zwingt, sich von der galanten Welt zu +isoliren und so die unnatürliche Befriedigung der Triebe +herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen Alter die Mädchen über +die Treue getäuscht werden, so täuschen später ihrerseits die +Frauen; sie nehmen einfach Repressalien. Wenn in Paris, »dem Hort +der Moral«, man jährlich über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder +verlassen, so wird die Rache der Mütter eine entsprechende sein. +Auf 27.000 Geburten schwören die Frauen 9000 Kinder ihren +Ehemännern zu, die sie von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist +Reziprozität der Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem +Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen +Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der +Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen +Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle +diese Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen. +Um sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den Zusammenkünften +beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre Eltern glossiren. Sie +werden als lächerliche Harpagons oder unbequeme Argusse behandelt; +man unterhält sich mit Wünschen, wie, daß der Augenblick bald +kommen möge, um ein Vermögen genießen zu können, das nach der +Meinung der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man +antwortet: daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind. +Ja, so lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die +Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die +Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute +überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre Töchter zu +verführen, daß sie wahre Freunde der Moral und der Verfassung sind, +andererseits überzeugen sie die Mutter, daß sie eben so hübsch wie +die Tochter ist, »was manchmal wahr ist«. Gestützt auf diese +Argumente, organisiren sie im Hause die maskirte Orgie. Der Vater +gewahrt den Kniff und versucht widerspenstig zu werden, aber die +Frau beweist ihm, daß er nicht die rechte Einsicht habe und er +schweigt. Und selbst wenn die Väter solche Fallen zu vermeiden +wissen, gerathen sie nicht in zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in +einen wahren »Cercle vicieux« von moralischen Sottisen? Hier fällt +eine gehorsame Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr +versagt blieb, das die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder +schwanger und alle väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und +welch eine Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich +zu erleichtern, schließt der Vater die Augen über die Freiheiten +der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres Flitterstaats erspart +bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in ein ewiges Gefängniß,[18] +ihr sagend, daß sie glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene. +Oder er hat eine Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu +Grunde, und statt eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie +und ihre ruinirte Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch +viele Fälle der Enttäuschung anführen.« + +[Fußnote 18: Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten +besseren Familien, wo das nöthige Vermögen zu einer Aussteuer +fehlt, oft vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener +Töchter zu entledigen. Der Verfasser.] + +»Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen, +welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe unserer +Zivilisation sei, aber die große Majorität, die dieses Glückes +beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück nicht. Väter wie +Kinder sind in falscher Position, die gute Ordnung beruht auf einem +mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser Zwang erstickt die +Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem Trugbild. Die +Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer Ordnung, die den +Wünschen der Natur entspricht, aber unsere Moralisten haben nie +eine Studie über die Beziehungen der Liebe gemacht. Ein Beispiel +lehrt dies.« + +Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner +Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge +im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein +soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive +Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr. +Wie weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können wir +nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge auch heutzutage +durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, daß, während +Pestalozzi in seinem Institut nach seiner intuitiven Methode +Jünglinge und junge Mädchen unterrichtete, er gar nicht gewahr +wurde, wie diese unter sich nach der sensitiven Methode handelten. +Daraus entstand denn eines Tages eine schreckliche Entdeckung. Es +gab ein fürchterliches Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine +Anzahl der Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler +schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der berühmte +Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier boshaft +hinzusetzt, »bei dem Grübeln über seine intuitiven Subtilitäten +ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der Liebe Rechnung zu +tragen«. »Während so die Philosophen die Triebe unterdrücken +wollen, kommen diese und unterdrücken unvermutheter Weise die arme +Philosophie. Es zeigt sich hier, daß, wie immer man sich in der +Zivilisation der Freiheit nähern will, sei es in Sachen der Liebe, +sei es in Sachen der anderen Triebe, man fällt stets in einen +Abgrund von Sottisen, weil die Freiheit nur im sozietären Zustand +zur Geltung kommen kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.« + +Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern, +sei der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht, +ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den Mißbrauch +der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher der menschliche +Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die revolutionären +Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi und Owen und +andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in die +Skilla. + +Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das +Fourier über Kant und, indem er über die Methode Pestalozzi's +spricht, über die Deutschen überhaupt fällt. Er sagt über Kant: +Welches Wesen habe man von ihm gemacht. Er sei der erste +Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle wie er mit analytischer +Gründlichkeit über die Wahrnehmungen der Anschauungen des +Erkenntnißvermögens, die Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit +gebracht haben. Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der +das Angesicht der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe +zu diesem Urtheil »Ja« gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit +besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil +abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen, +was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der +vorliegenden _Resultate_ zu urtheilen. Heute rangire man die alten +Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als +Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit +den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese stützten +sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht ausgenommen, +seien Schöngeister, Rechthaber (»ergoteurs«), die in einem +Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, neue +Götzenbilder brauche. + +Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier +zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, sei +auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte man ihm +Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, die +greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller +Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung verfällt, +eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine Spekulation, +die keine praktischen Resultate für das Leben verspricht, verwirft +er. Daß Kant mit Begriffen operirte, über Begriffe spekulirte, +scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; eine solche Wissenschaft kann +für die Menschen, die, nach ihm, nur das Glück wollen und zwar +sichtbar und greifbar, keine Wissenschaft sein. Die Philosophie +müht sich ab, den Begriff des Glücks zu definiren, Fourier ist +damit sehr rasch fertig: Glück heißt volle Befriedigung aller +Triebe des Menschen, suchen wir also ihm diese Befriedigung zu +verschaffen. Was nicht darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung, +vom Uebel, metaphysische Spekulation ohne Werth; die Praxis und die +Erfahrung entscheiden. + +So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm +ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der +theoretische. Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste +in Europa, es werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne +bis Jean Jacques Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei +renommirt, und die Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der +Soldat stolz sei, in einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das +Kind anzuregen, seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als +die intuitive Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel. +Pestalozzi gestehe selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und +daß zwei Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß +er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft ausstatten +könne. »Man traktirt vergeblich die Kinder mit der intuitiven +Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu trösten, sie wollen +nicht die von diesem ideologischen Dunst Getäuschten sein.« +Schließlich habe man die deutschen Kinder an diesen metaphysischen +Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu verwundern. Deutsche Kinder seien +sehr geschmeidig, man bringe Tausende zum Gehorsam mit der +Erklärung: »Es muß sein.« Die Deutschen seien eine Nation »von +Freunden der Ordnung«, der Deutsche sei ein Mechanismmus, den man +jederzeit mit dem: »es muß sein« in Bewegung setzen könne, da sei +es leicht, die Kinder nach irgend welchen Zierereien der +Metaphysik, wie diese intuitive Methode, zu bilden, aber für die +Vortrefflichkeit der Erziehung beweise das nichts. + +In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, daß, bevor die +Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten Prinzipien freier +Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere Generationen im +phalansteren System vergehen müßten. Das Geschlecht müsse erst dazu +gesund erzogen und vorbereitet sein. Zunächst gelte es, die +Syphilis, die ganze Geschlechter geschwächt habe, vollständig +auszurotten, dann die politischen Hindernisse des Verkehrs der +Geschlechter zu beseitigen; das Schwierigste aber sei, zu +verhindern, daß nicht in dem Augenblick, wo man der Liebe größere +Freiheit gebe, die geheime und korporative Orgie -- worunter +Fourier den ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe +gezügelten Geschlechtsgenuß versteht -- hervorbreche. Die Orgie +könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, sondern +durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch +Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen. +Er glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe +aus dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, die +bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser +Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die +Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des +Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's +Treffen geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere +Stellen des neuen Testaments ebenso bekämpft wird. + +Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien, +behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den +Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und +verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der Harmonie +die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer dafür +verdoppeln. + +Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen +Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien und +wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste Geschlecht +seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter und die Mütter +und Kinder zusammen auf die Väter; einem solchen Ansturm könnten +letztere nicht widerstehen. Unter den Klassen seien es die Reichen, +die auf die niederen Klassen den Einfluß hätten. Es gelte, die +Reichen zu verführen, denn bequemten diese sich zur Arbeit in der +Serie, so würden die übrigen Klassen, durch deren Beispiel +angefeuert, erst recht eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten +würden es also sein, die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt +in die sozietäre Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es +handelt sich nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den +Verstand, sondern um ein Verführen, ein Wirken auf die +Leidenschaften und Triebe. Auf die Kinder wird den größten Anreiz +gutes Essen und Trinken üben, also die Gourmandis. Eine Küche für +sie und die freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze +Phantasie in Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder +in Serien und Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der +gewünschten Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie +die eifrigsten Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon +erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge, +körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit +Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper. + +Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in +diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit +versuchen. Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein +reicher Mann, Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten +hat. Er interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln +der Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders +Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet; +auch hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen. +Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt einer +Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese Mondor ihr Lob +zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Er tritt in +die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren Arbeiten, aber +ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem Engagement +erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder ihn mit einer +Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt und ihn zum +Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine Kenntnisse für +diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt eine Vestalin +vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie überreicht und ihn +umarmt. Darauf empfängt er die Beglückwünschungen der Chefs, die +durch die Kinder mit einer neuen Fanfare begleitet werden. All das +gefällt Mondor so, daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx +einzutreten und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend +theilzunehmen. + +»Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau«, +meint Fourier weiter, »nachdem sie einige Tage in der Phalanx +zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und +sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr industrielle +Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst nicht +kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der +Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß dieser +parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die Wirkung +haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die verschiedensten +Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, die ihnen heute +meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit der Pflege +kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe +eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei +befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen +eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die Arbeiten +der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, was Jene +verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr Beschäftigungen +finden, für die sie in der Zivilisation nicht die Mittel und die +Einrichtungen besaßen, oder die sie ermüdeten und mißstimmten, weil +sie dieselben ohne Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer +Kräfte erfüllen mußten.« + +»Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in der Ehe +wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die Frauen in +der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die Männer in +der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei finden. Der +immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach Wahl wird die +Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus werden andere +Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer Tafel der +Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen +Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; sie faßt +eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben zu besuchen, und +was sie sieht und hört, gefällt ihr so, daß sie beschließt, in die +Serie der Lautenmacher einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft +kennen lernte und ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und +Trieb für diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian, +ein junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem Haken +sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies bei der +Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und diese +bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche +Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr +passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit Stolz +als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, dem +sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, begegnete +und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also diese +Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, indem +sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die +Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der +Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche +Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in Menge, +die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.« + +»Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx +stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter +der rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt für +Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner +Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen +Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu unterweisen, +für die sie selbst ein lebhaftes Interesse besaßen, oder noch +besitzen; sie werden in diesen Kindern die Erben und Nachfolger +ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, und ein Kind ohne +Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt oder mit Legaten bedacht +werden. In der Phalanx hat Jeder die Gewißheit, daß er in seinen +Lieblingsvergnügen und Beschäftigungen Nachfolger findet, in der +Zivilisation nicht. Die Natur scheint ein solches Verhältniß +zwischen Eltern und Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die +Söhne oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben, +worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.« + +»Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung +berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf +hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu +überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene, +Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über +Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und +Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das persönliche +Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes willkürliche +Befehlen ist demüthigend für den, welcher gehorcht. Das persönliche +Regiment ist in der sozietären Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich +nach freier Uebereinkunft und passioneller Zustimmung. In einem +Solchen Zustande giebt es keine Willkür in der gegebenen Ordnung, +nichts Beleidigendes im freiwilligen Gehorchen. Da, wo die +zivilisirte Ordnung mit ihrer Privatwirthschaft und ihren +abhängigen Existenzen stets zwei- und dreifache Disharmonie und +Unordnung schafft, erzeugt der sozietäre Zustand drei- und +vierfache Freude, Bande der Uebereinstimmung jeder Art.« + +»Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten Gruppen +und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und von uns +verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine Verwendung +haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um +Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit handelt, +wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu krönen. +Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich aus Trieb mit der +ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte Serien, die +nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn man wird +Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man schickt +also zunächst die Beginner (»initiateurs«) in's Treffen, d.h. +Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber nichts zu Ende +bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen verraucht ist, die +aber überall, wo es einen gefährlichen oder unangenehmen Schritt zu +thun giebt, bei der Hand und darum sehr werthvoll sind. Es sind +Charaktere, die man leicht stimuliren kann und die vor keiner +Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie ermüdet sind, hat das Werk +ein anderes Angesicht gewonnen, und nun kommen die +_Gelegenheitscharaktere_ oder die _Wetterfahnen_ an die Reihe, +Leute, die sich mit jedem Winde drehen, immer die Ansicht des +zuletzt Gekommenen haben und für jede Neuheit, die Kredit erlangt +hat, zu gewinnen sind. Sie schwören, wenn sie das Unternehmen in +Angriff genommen sehen, daß es sehr plausibel sei, und werden sich +mit den Beginnern, die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf +folgen die Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in +Alles mischen, was _halb_ gethan ist, es modifiziren und umändern, +beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten für einen +schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre natürliche +Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, sobald sie +sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man wird ihnen +jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu streicheln. +Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit bei ihrer +Arbeit aushalten. Dann folgen die _Chamäleons_ oder +_Veränderlichen_, eine in der Zivilisation sehr zahlreiche Klasse, +die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie werden bei +einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei Dritteln +beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende führen, +aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo die +Fertigmacher (»finiteurs«) antreten können. Das sind die Leute, die +sich immer erst dann für ein Werk begeistern, wenn sie es fast +vollendet sehen. Niemals erhält man für einen Anfang ihre Stimme, +sie erklären jedes Unternehmen für unmöglich, für lächerlich und +ergehen sich in übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine +Verbesserung beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen +Neuerer Jeden, der etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu +drei Vierteln fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie +werden Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten, +daß sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre +Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz nicht +gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser +letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach geschehener +That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, die sie anfangs +verlachten.« + +Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text +zu lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung +behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung +ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d.h. Leute, +die zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie +haben begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu +beschimpfen, später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen, +dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx +vorschreiten sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und +schließlich in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und +vierfachen Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie +den Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in +seiner Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten, +so seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, die +Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu +beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu +ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen Sohn +einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen Architekten +einen Plan fortführen, den sein Vorgänger angefangen. Die Franzosen +seien Wetterfahnen, die sich nie an einen bestimmten Geschmack, nie +an eine Meinung bänden, plötzlich von einem Extrem in's andere +fielen und das Widerstreitendste zu verbinden suchten. Vor einem +halben Jahrhundert seien sie voll Verachtung für den Handel gewesen +und heute lägen sie voll kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem +Bauch; ehemals rühmten sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute +seien sie ebenso betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden. +Kurz, der nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung +ein Gemisch von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber, +in der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die +Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der +Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen. + +Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer +anderen Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei +Personen ein Zwiegespräch über sich und sein Werk führen läßt. +Wir lassen die amusante Stelle hier folgen: + +»Was steht in diesem Buch über die Anziehung? -- Bah! Narrheiten. +Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man bisher die +Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; daß dem +Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück vorbehalten sei; daß +eine Berechnung über die universelle Harmonie der Triebe existire; +daß diese strebten, eine neue soziale Ordnung zu gründen, welche +nichts mit der Unordnung der Zivilisation zu thun habe und ihr +entgegengesetzt sei; eine Ordnung, in der alle Völker in Freuden +schwämmen und trotz der Ungleichheit der Vermögen für Alle +Ueberfluß herrsche; eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde, +als unsere Bälle und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur +versuchsweise an einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der +Erde ohne Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen +werde! -- Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte; +großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere Philosophen +hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht hätte; so viel +wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka bis Montesquieu +und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; sicherlich träumt +dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, ein berühmter +Philosoph? -- Nein! es ist einer der unbekanntesten Provinzialen. +-- Bah, ihm mangelt der gesunde Verstand! Ja, ja, die Provinz +liefert solch originelle Käuze!« + + * * * * * + +Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die +These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die Quelle der +Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung werde und +begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also: + +Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise +(Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott als Laster +einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so große Herrschaft +gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. Andere Triebe, wie +Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und männliche Alter mehr +Einfluß, aber die Gourmandise verliere niemals ihre Herrschaft über +die verschiedensten Alter, Klassen und Völker, sie sei permanent +bis zum Lebensende; sie herrsche über die Kinder wie über die +Erwachsenen. Man habe Soldaten Revolutionen machen sehen, um sich +betrinken zu können, und der Wilde, der die Zivilisation +verabscheue, gebe sich für eine Flasche Branntwein zur Arbeit her +und verkaufe für eine Flasche starken Liqueurs seine Frau und +Tochter. Würde das Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb +unterworfen sein, wenn er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem +Mechanismus unserer Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser +Mechanismus die industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann +nicht innig mit diesem gastronomischen Trieb -- der Gourmandise -- +verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der +industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen +bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der +Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, was +er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der +Müßigen und dadurch _allein_ werde er lasterhaft, wenn er es nicht +schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, wäre. -- + +»In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle, +sie ist nicht Belohnung des Müßigganges, _sondern der Arbeit_, denn +der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten Genußartikeln. Sie +wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen bewahren, aber indem +sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der Produktion +verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die höchsten +Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich anstrengen, die +vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel zu erzeugen. Das +Mittelmäßige wird verschwinden und binnen wenig Jahren wird aller +Boden so kultivirt sein, daß er nur noch das Beste trägt. Man wird +die Eigenschaften des Bodens zur höchsten Vollkommenheit zu bringen +suchen; man wird gute Erde anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo +der Boden nicht zu verbessern ist, ihn aufforsten. Acker- und +Gartenbau müssen mit der Industrie wetteifern. In der ganzen +Phalanx muß das Prinzip herrschen, durch alle möglichen +Verbesserungen: Nahrungsmittel, Kleidung, Möbel und Alles, was zur +Erhöhung der Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender +Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die +Moralisten an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums +eifern. Aber in diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in +Widerspruch mit sich selbst; sie will Literatur und Künste heben +und verbessern, aber sie will uns in der _wesentlichsten_ Branche, +in der _materiellen Lebenshaltung_, im Zustand der Rohheit halten, +obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung +gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So wenden die +Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es _zuletzt_ angewandt +werden sollte.« + +»Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst die +bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke +natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton sich +schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche die +Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man ohne +Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die +Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein neunjähriges +Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum Trotz den Knoblauch. Man +spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein doppeltes +Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die Vermischung der +Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche zwiebelartige +Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, Schnittlauch, +Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. Man muß ihr also ein +Achtel Frauen zuführen, die man aber meist im jugendlichen Alter +wird suchen müssen, da selten ein Mädchen über 16 Jahren am +Knoblauch Geschmack finden dürfte. Man wird zweitens aber auch die +Vermischung der Arbeiten bei den Individuen herbeiführen müssen. +Ein junges Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das +Studium der Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den +Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe. +Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man +sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie +steht im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in +Beziehung, und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum +Lobe des Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer des +Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man benutzt +also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die Schönheiten der +lyrischen Poesie, des Versmaßes einzuführen; vielleicht kann sie +sich eher für die Poesie als für die Grammatik begeistern, und so +führt man sie von einem Studium zum andern. In dieser Weise +verbindet die sozietäre Erziehung den kabalistischen Geist und den +Hang zum Bizarren, um bei einem Kinde die Neigung für die Studien +zu wecken, es indirekt zu einem Studium zu führen, das es ohne +irgend eine stimulirende Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es +ist unzweifelhaft der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen +die Kinder zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt +die Gourmandise als Mittel zum Zweck.« + +Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier +Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit Gastronomie, +Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der Lebensmittel. In der +Zivilisation finde man es zwar häufig gerechtfertigt, die Kinder in +die drei letzteren Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen, +aber von der ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie +gelte als ein Uebel. Die Gastronomie werde allerdings erst dann als +Wissenschaft zu Ehren kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller +genüge. Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug +auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme +und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen sowohl +bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu wünschen übrig. +Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich den Bauch pflegen und am +Besten sich gütlich thun, aber Hunderttausende bekämen nicht einmal +eine natürliche Suppe. Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie +aus ranzigem Speck, Talg und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei +im Wachsen und die niederen Klassen würden mehr und mehr von seinen +Betrügereien erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei +Bedingungen lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven +Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens +und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der +Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein müsse; +dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in Anwendung komme +und so das Volk an den Raffinements eines guten Tisches Theil +nehme, der jetzt nur für die Müßiggänger vorhanden sei. Dieser +Zweck werde erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden +Funktionen sich so zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn +letztere werde stets anziehend bleiben; sie müsse also die Basis +des Gebäudes bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle. + +Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System der +Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei +nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die +Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch +Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, der +Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau führen. +Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des Geschmacks, um +ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten herbeizuführen; aber in der +Zivilisation arbeite man diesem Trieb am Heftigsten entgegen, und +zwar sei es hauptsächlich jene Verbindung, die ihrer Natur nach +stets nur die Beschränktheit und die Einseitigkeit aufrecht +erhalte: _das Familienband_. + + * * * * * + +Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der +Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute +allgemein getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die +Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau +abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der Frau +einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern +diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche Gesellschaft +scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die monogamische Ehe +mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer Gesellschaft ist, aber +dieser monogamischen Ehe _voraus_ geht das bürgerliche Eigenthum, +der Privatbesitz an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln. +Der Privateigentümer ist bestrebt, sein Eigenthum zusammenzuhalten, +auch über seinen Tod hinaus; er will in seinem Eigenthum +gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen Erben, der seinen +Intentionen gemäß sein Eigenthum verwaltet und wo möglich vermehrt. +Wo kann er diesen seinen Intentionen entsprechenden Erben besser +finden, als in dem von ihm selbst gezeugten Kinde, das vielleicht +auch der Erbe seiner Charaktereigenschaften ist und das er vor +allen Dingen durch die Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen +Absichten gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber +der Erbe auch sein wirklich _legitimer_ Erbe sei, muß er möglichst +sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden als die +seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe mit all +den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt. + +Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum innig +verwachsen, _sie geht daraus hervor_, und es ist ein ganz falscher +Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der bürgerlichen Ehe +das Hauptübel sehen zu müssen, das der Umwandlung des bürgerlichen +Zustandes in seinen sozietären sich entgegenstellt. Er ist von +seiner Ueberzeugung, daß nur die Einehe das Hinderniß für den +Ausgang aus der Zivilisation bilde, so durchdrungen, daß er dem +Konvent vorwirft, dadurch die Revolution in ihrer Wirkung +beschränkt zu haben, daß er vor der Ehe stehen geblieben sei. Wie +konnte er nur eine halbe Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen? +Es waren die Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen +nehmen ließ, sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können, +daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so +wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war. + +An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines +Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm +einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das +Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre ansieht. Das +Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen Urzustand +herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser +herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie +Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen +Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch +das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der Vater +des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die Eigenthumsverhältnisse +sich ändern, ändern sich auch die Beziehungen der Geschlechter. Mit +der Entstehung von persönlichem Eigenthum wird auch die Frau +persönliches Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird, +entsteht die Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen +Vater. Aber der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen +Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung unter +den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller Eigenthümer, +ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch größere Mitgift die +Befriedigung dieser Wünsche zu erleichtern. Das Heirathsgut ist der +Preis. Noch aber sind die Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des +Erbrechts beraubt. Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als +Kaufpreis neben dem Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine +konkurrirenden Brüder hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo +sie, statt der bevorzugten Frau, die _einzige_ Frau wird. Aus der +Polygamie wird allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in +ihrer weiteren Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe +zusammenhalten, und da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind, +wird die Einehe, ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen +Mitteln, der bei Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich +macht, mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch für +Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben haben. Die +hierarchische Ordnung und die Gesetze, d.h. der Zwang, kommen +stets von Oben, _sie sind die in Paragraphen formulirten Interessen +der herrschenden Klassen_. Der Kampf gegen diese Ordnung geht stets +von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf der +Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der +Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten +also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer +falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen +seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv +gewirkt. + +Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die er als +das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen zu +kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die +Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch gut +erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich selbst. Der +Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende Wesen, für den +er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben soll, diese Welt +erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, dem Willen +Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen sehen wir die +große Mehrzahl unglücklich, und zwar unglücklich, weil sie die +Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht befriedigen können. Aus +Unkenntniß ihrer Natur und ihres Zwecks haben sie sich eine Ordnung +gegeben, in der diese Triebe meist unterdrückt werden, zur +Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck verfehlten. Die +Einheitlichkeit, d.h. die volle Harmonie zwischen den Menschen und +der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große Zweck Gottes, +und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist die Vielseitigkeit +der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die einzige Lösung. +Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der Ausdehnung derselben +auf alle Menschen und die sie umgebende Natur steht die isolirte +Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte Wirthschaft ist +aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten Gruppenbandes, der +Ehe, resp. Familie, »ergo« müssen Ehe und Familie in ihrer heutigen +Gestalt verschwinden. + +In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem +Standpunkt aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser +beachten will, daß Fourier hauptsächlich Pariser und +großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er führt +weiter aus: + +»In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System +allgemeinen Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie +im Handel so sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln +(»prohibitions«) und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die Liebe +mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren allgemeine +Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle Familienbeziehungen +verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau betrogen, die +Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt zurück auf +seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller sozialen Perfidien +ist, daß er nicht selten über den Ursprung seiner Kinder getäuscht +wird, ein Vorkommniß, das auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes +und der Lächerlichmachung dient.« + +»Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen +Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen der +Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen +nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften +ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so genügt dies, um +durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen sozialen Systems zu +fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen zulassen zu können, handelt +wie eine Regierung, die um eine achtzig Meilen lange Grenze gegen +die Pest abzusperren, sich begnügt, sechzig Meilen durch einen +Truppenkordon zu besetzen und den Rest der freien Passage den +Pestkranken offen läßt ...« + +»Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man +annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug +ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im +Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute, +sie scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je +schlauer ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet, +um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die +öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in +Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt, +zu heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend. +Erwirbt Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, daß es ihm +gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist das ein der +öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, daß sie alle +Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als guten Ehemann, +guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und Nachbar, guten +Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier der Lobhudler, +sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen und im +Einzelnen.« + +»Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit, +mit welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen +Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre Söhne zu +unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen können, +einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist die wahre, +bürgerliche Taufe, welche in den Augen der Oeffentlichkeit alle +Sünden abwäscht. Dieselbe öffentliche Meinung hat lange nicht diese +Nachsicht mit den anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten, +durch die sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.« + +»Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein +Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und religiösen +Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend bis zum dreißigsten +Jahre bewahren wolle, um sie seiner künftigen Frau als Geschenk in +die Ehe zu bringen? Der, getreu den Lehren jenes vortrefflichen +Buches, das sich »Einführung in einen gottergebenen Lebenswandel« +betitelt, sich bis zum dreißigsten Jahre enthält »aus dem Becher +der Unzucht den Wein der Prostitution zu Babylon« zu trinken? +Welche Aussicht hat er? Und wenn es ihm einfällt, eine solche +Erklärung abzugeben, welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter +wie Töchter werden dies scherzhaft finden und bei gleichem +Vermögen, gleichem Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden +Mutter und Töchter einen »geübten« jungen Mann ihm, dem »Tölpel«, +der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und Moral +bewahrte, vorziehen.« + +»Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle +Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu +schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich persönlich zu +depraviren.« + +Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den +Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er auch von +den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der sie die +Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre Tugenden. + +»Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm +bald in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen +sein. Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine +Tugenden zu adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines +leichtfertigen Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft +der Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre +Tugenden mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der +Zivilisation 99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so +kann man nach diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit +schätzen, welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.« ... + +»Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, die +ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche ihre +Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt aus +anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, daß +der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich bemühen, ihre +Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, machen sie dieselben für +den Ehehandel habgierig und verschlagen.« + +»So kommt es, daß die »Dreißigjährigen« oder Ehestandskandidaten +sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum ersten Schritt sich +entschließen. Nichts spaßhafter, als die Unterweisungen zu hören, +die sie sich gegenseitig geben über die Art und Weise, der +künftigen Gattin das Joch aufzuerlegen und sie günstig für sich +einzunehmen. Nichts merkwürdiger, als diese vertraulichen +Zusammenkünfte (»consiliabules«) der Junggesellen, in welchen an +den zu heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird, +und zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer Töchter +entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, daß man auf Geld +sehen müsse, daß, wenn man das Risiko trage, von der Frau betrogen +zu werden, man wenigstens nicht auch mit dem Heirathsgut betrogen +sein wolle. Nehme man einmal eine Frau, so müsse man sich eine +Entschädigung für die Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit +sich bringe. Das nennt man nach einem Kunstausdruck »die +Anhaltseile (»les attrapes«) fassen«. + +Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren ähnlich die Frauen. +Fourier hebt dann die Widersprüche in dem ehelichen Zustande +hervor, daß der Mann, der sonst alle Freiheit für sich beanspruche +und die Frau unterdrücke, im wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche +Meinung und Gesetz gegen sich habe, wobei man wohl beachten will, +daß es sich um die Schilderung französischer Zustände handelt, +wonach noch bis in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung +über die Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt +zu ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier hier +im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus. + +Er sagt: »Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen +lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert +sein sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein +Kind, das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur +selbst den wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine +anzunehmen.« + +»In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld +beladet, genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen +Fall, wo der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die +öffentliche Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um +seine Schmach zu verschlimmern.« + +Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: »Oh!« ruft er. »Wie die +Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der +Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so +gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht +offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen +und ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der Philosophen +erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer wahrhaft »eine Familie +von Brüdern« werden, wo die Güter gemeinsam sind und das Kind des +Nachbaren auch das unsere ist. Die Edelmüthigkeit dieser braven +zivilisirten Ehemänner wird der Zukunft noch reichlich Gelegenheit +zu Gelächter geben, und man muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge +aufbewahren, um die sonst schale Lektüre der Geschichte der +Zivilisation etwas genießbar zu machen ...« + +»Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die +schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze über +das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung mit +anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die +Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine Kirche +und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in welchen +die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und +denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die +Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater +findet sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die +galanten Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine +junge Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung +vor dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine +Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu +empfangen, wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus +betrügt. Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf +den fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche genügen, +um den Werth unserer Theorien von der Einheit der Handlung im +sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.« + +Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die +Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit +ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen +und Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und +demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten +vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem +dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre heirathe, so +liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf Jahre des Zölibats +benutze, um alle möglichen illegitimen geschlechtlichen +Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr nur eine solche +Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur Prostitution, sechs +im Ehebruch, so gewähre dieses einen traurigen Einblick in die +Moral der Zustände, und man brauche nicht erstaunt zu sein, wenn +junge Männer im mittleren Alter sich rühmten, schon mit mehr als +zwanzig für anständig geltenden Frauen in intimsten Beziehungen +gestanden zu haben. + +»Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den guten +Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die Wahrheit +zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie müssen +Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner zugeben, daß +die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, wenn sie nicht +auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die Lobredner der +zivilisirten Ehe selbst, »daß das häusliche Glück unzertrennlich +von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und daß, wenn das +Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe mangelt, auch das +Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. Herrscht die +Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der Familie und +in der Häuslichkeit.« Wie verträgt sich aber das Eheglück mit dem +Bestand der Serails in allen zivilisirten Ländern? Die christlichen +Kolonisten haben diese überall aus Negerinnen gebildet; die +ernsten, so moralisch scheinenden Holländer bilden sie in Batavia +mit Frauen aller Farben. Und wie viele heimliche Häuser giebt es +bei uns, die, äußerlich anständig aussehend, in Wahrheit niedliche +Serails sind, die im Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne +offen stehen.« + +»Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu +bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die +ihm Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und +neben diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder +freie. Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. »Ich +bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu +Liebschaft. Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie +selten länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit, +vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn, +darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht +verlassen zu werden.« So stellt sich das Leben dar, das unsere +meisten reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind, +führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und +Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man antwortet: +Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese +Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten +nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die Einen +hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, der +Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln zurück. +Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, überlasse ihn der +gesunden Natur und man wird sehen, daß die größte Zahl sich beeilt, +das Beispiel von Salomo und Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge +mit Mitteln ausgestattete oder von der Natur ein wenig begünstigte +Stadtbewohner besucht dieses freie Serail, ohne wie die Barbaren +(die in der Polygamie leben) auch für die Kosten der Unterhaltung +sorgen zu müssen, es giebt sogar eine gute Zahl dieser Herrchen, +welche die Frauen plündern und arm essen.« + +»Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art +Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein +Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn +wir von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die +Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die Tarife, wie +die Preiskourante an der Börse. Man braucht darüber nicht erstaunt +zu sein, wenn Walpole sogar öffentlich erklären konnte, er habe in +seinem Portefeuille den Preiskourant für die Biederkeit des +englischen Parlaments.[19] Wie muß unter solchen Sitten das +häusliche Glück beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die +Wahrhaftigkeit in den gegenseitigen Beziehungen begründet sein +soll?« + +[Fußnote 19: Robert Walpole, berühmter englischer Staatsmann, von +1721-1742 Kanzler der Schatzkammer.] + +»Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr +umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke Bände füllen +würde. Alle diese Schliche sind nur Verletzungen der bürgerlichen, +religiösen und Moralgesetze. Welche Auflehnung, welche Rebellion in +dieser galanten Welt gegen Alles, was die Gesellschaft für +unverletzbar erklärt. Wie kann man beim Anblick von so viel offenen +und geheimen Verletzungen aller festgestellten Ordnung zögern, +anzuerkennen, daß entweder das Regime der Liebe bei uns im +Widerspruch mit der Wahrheit und der Moral organisirt ist, oder daß +ein solcher Zustand unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die +Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.« + +»In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort +existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die +religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die Hälfte der +weiblichen Bevölkerung unserer großen Städte. Ich will nicht unsere +Zofen und Zimmermädchen zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß +von den Gesetzen der Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln +sie, als hätten sie nie davon sprechen hören. Und wie in der +kleinen, so ist es in der großen Welt. Bei den Leuten »comme il +faut« hat der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom +Hause ihre anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der +Haushaltung und das heißt man: »man muß zu leben wissen« (»il faut +savoir vivre«). Manchmal entsteht allerdings eine kleine +Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater die +Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der +Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt +bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes +verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer Schwangerschaft +von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie betroffen worden +sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann schlechten Dank, wenn er +gegen den Wortlaut des Gesetzes und die Zeugenschaft des Arztes +aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie das Andere. Auch +gehört es in der guten Gesellschaft zum guten Ton, nicht +eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines guten +Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde darin +vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer Beziehung +nachsichtig sein, und schließlich heißt es: »was Dir recht ist, ist +mir billig.« + +»So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene. +Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und +Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen, +doch für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man +muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte ihres +Systems vor Augen hält.« + +»Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat +auch nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr +Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der +zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen in +Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß den +Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse fehlen, +wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des Vaters +stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an Andere +überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten gerathen in +Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des Büchertrödlers, +seine Gemälde in die des Händlers. Genau das Gegentheil hat in der +Phalanx statt. Alles wird erhalten und vervollkommnet, der Tod +eines Individuums beunruhigt in nichts die industriellen +Dispositionen und das Gemeinwesen.« + +»Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn ersetzt +und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt ihm nur +Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete Fortsetzer, +aber in Klassen, die durch Vermögen und Lebensstellung ihm nicht +zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder ihm zu folgen, oder +sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es wieder der überreiche +Kindersegen, der Erziehungsausgaben verursacht, welche die +Unternehmungen des Vaters schädigen; seine undankbare Arbeit genügt +kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen eine Existenz zu gründen, +und zum Dank für so viel Anstrengungen merkt er, daß dieses oder +jenes seiner Kinder ihm den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den +Besitz der Erbschaft zu kommen. Oefter treten andere eheliche und +häusliche Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist. +Ein Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen seiner +Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am Geschäft +Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner Neider, durch +den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung ruhte. Nicht +selten sieht man Eltern über den Verlust eines Lieblingskindes dem +Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht gegen solch ein +Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. Solch ein +Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine Pandorabüchse. Wie +kann man annehmen, daß Gott die Industrie und die menschliche +Thätigkeit auf einen so kritischen Boden für die, welche die Leiter +sind, und noch viel mehr für Diejenigen, welche die Untergebenen +sind und ausführen, hat gründen wollen?« + +»Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung +zu schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen die +Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr ganzes +soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er +unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu +fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben Achtel +dieser Väter rufen: »Oh! in welche Galeere bin ich gerathen.« Es +war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von der süßen +Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, daß sie einen +Ueberfluß an Rekruten für die Armee und an hungernden Arbeitern für +die Fabriken haben, die um niedrigen Preis arbeiten, damit die +Unternehmer sich bereichern können.« + +»Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen +die Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet +nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich in +dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein und +vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu +Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie der +Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das +Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen Hülfsmittels, den +industriellen Mechanismus verbessern, denn wo ein neuer Faktor +auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte vervollkommnen. Das +geschieht im sozietären Zustand, aber nicht in der Zivilisation. In +der Harmonie wird die Liebe die industrielle Anziehung verstärken, +durch sie wird der Jüngling wie die Jungfrau für die Vereinigungen +der beiden Geschlechter in den Ateliers, den Gärten, den +Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer neue Anreize finden. Die +Wirkung in der Zivilisation ist die entgegengesetzte, sie erzeugt +Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu fortgesetzter Ueberwachung, +verursacht Ausgaben für Putz und Geschenke und führt nicht selten +zu Schulden und anderen Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe +für die Väter zu einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit +wenig Ausnahmen für die Reichen, und die Erwachsenen werden durch +die Liebe nur verdorben.« + +»Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß sie keine +Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde, +Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den Banden +des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht wahrnahm +und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es aufhebende +Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter Anderem die industrielle +Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und die Theilnahme an der +Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, aber seine +Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar durch den +Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr erniedrigt +und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich waren. Die +Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur lasterhaft sei +und die meisten bejahen dies; man schließt also wie die +mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein unumgängliches +Uebel erklären, weil sie sich scheuen, Schutzmaßregeln gegen sie zu +ergreifen. Unsere Philosophen ziehen dieselbe Straße; um sich davon +zu befreien, ein Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als +unabwendbare Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend +eine Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein, +daß sie dieselbe in Unordnung bringen.« + +»In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der +Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen. +Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische +Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als Brüder +betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns mit den +Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, aber in +Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den +möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem +natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen zu +ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen Zahl +von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und daß +die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der Männer wird +haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist so natürlich, +daß selbst ein altersschwacher Sultan sich nie auf eine einzige +Frau beschränken läßt. In einem zukünftigen Zeitalter wird man +diese Freiheit der Liebeswahl ganz natürlich finden, und ein Greis +wird direkte und indirekte Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in +die hunderte haben. Dann wird das goldene Zeitalter der Vaterschaft +angebrochen sein und wird die Freuden genießen, die sie im +gegenwärtigen Zustand vergeblich sucht. Die Adoptionen und die +Legate werden in der Harmonie so zahlreich sein, wie sie in der +Zivilisation unmöglich sind; man wird die Fortsetzer +(»continuateurs«) aus Passion haben, die Mangels an eigenen, von +gleichen Trieben beseelten Kindern, das Begonnene weiter führen. +Außerdem, welcher Egoismus, welche Eifersucht herrscht in unseren +Familien, die nicht leiden, daß ein Außenstehender sich in die +Neigungen des Vaters theilt: gezwungen sich an die eigenen Kinder +zu halten, begegnet er nur zu oft in seinen Plänen und +Unternehmungen den Antipathien derselben, muß er in ihnen die +Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann also kein Zweifel sein, daß +das Familienband die antiökonomischste Verbindung ist und den +Wünschen Gottes, welcher der höchste Oekonom ist, und mit +Aufwendung der geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen +strebt, auf's Direkteste entgegensteht.« + + * * * * * + +Fourier erläutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen +Genüsse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung sei +garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als genügten, +in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die bei den +Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des +Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde +die Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite +Mittel, um das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizuführen, sei +die Generosität. Diese halte man wohl für unmöglich, sie sei aber +durchzuführen. + +Jeder, der sich mit Anderen geschäftlich verbinde, wolle daraus +Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, löse die Verbindung +sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die +Vortheile für das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und +dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreißig- und +vervierzigfache. Zwei Beispiele möchten dies beweisen. Eine +Familie, die in Paris 60.000 Franken jährlich ausgebe und dafür +Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem Lande +unterhalte, könne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe haben. +Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man erwäge, +welch große Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art man in der Phalanx +habe, daß man von den Streitereien mit Händlern und Kaufleuten, von +den Ausgaben für Lakaien und von ihren Diebereien und Betrügereien, +von der Spionage und anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu +einer Geißel der Großen machten, befreit sei. Man solle ferner an +die Verbesserung der Straßen und Wege denken, deren Zustand heute +auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen großen Theil +des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der Phalanx, +wo alle Straßen und Wege mit Trottoirs für Equipagen und leichte +Wagen, für Fußgänger wie für Pferde und Zebras versehen, die Wege +schattig und mit Fußsteigen, die man nach Bedürfniß besprenge, +ausgestattet seien. Dazu kämen die Annehmlichkeiten der überdeckten +Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, Werkstätten, +Stallungen; für Kirche, Theater, Ballsäle u.s.w., und daß alle +diese verdeckten Passagen im Winter erwärmt seien, so daß man kaum +wissen werde, ob es draußen warm oder kalt sei. Es seien dies alles +Erleichterungen und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation +selbst ein König sich nicht verschaffen könne. Das Wohlsein werde +sich also in der Phalanx in das unzählbar Vielfache steigern. +Dasselbe sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus +der stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung +und Keller hervorgingen, in der Küche durch die verbesserten +Methoden der Fertigstellung sich steigerten, könne kein Einzelner, +und sei er der Reichste, herbei- und durchführen. Und an alledem +nähme der Aermste in der Phalanx Theil. + +Fourier, der offenbar in den Dingen der Küche und was damit +zusammenhängt genaue Spezialstudien gemacht hat, führt dies im +Detail sehr anziehend und Lust erweckend aus; so wird es nach ihm +eine Kleinigkeit sein, daß man auf jeder Tafel bei jeder Mahlzeit +wenigstens dreierlei Arten Käse, jeden wieder in verschiedenen +Qualitäten, zum Nachtisch haben kann, so daß eine zwölffache +Auswahl gewöhnlich sei. Fleisch, Geflügel, Wild, Fische, Gemüse, +Kompots, Eier- und Mehlspeisen würden in einer Vielseitigkeit der +Herstellung und in einem Raffinement geliefert, von dem gegenwärtig +kaum Jemand eine Vorstellung habe. Die Tafel der Reichen in der +Phalanx sei täglich bei einer Mahlzeit mit mindestens dreißig +Gerichten bedeckt, und selbst die Armen dürften, wenn erst die +Phalanx in vollem Gange sei, auf mindestens zehn Gerichte zum +Mittagtisch rechnen. Es kann, ihm zufolge, daher auch gar nicht +fehlen, daß selbst die Könige, nachdem sie die Phalanx besucht und +sich von ihrer Opulenz nach allen Richtungen durch den Augenschein +überzeugt haben, sich beeilen werden, die Gründung der Phalanxen +nicht nur zu unterstützen, sondern selbst mit ihrem Hofstaat in +eine solche einzutreten. + +Die Phalanx verbindet also, nach F. Ansicht, die sensuellen +Vergnügungen mit der Abwesenheit aller materiellen Sorgen, die +heute Vätern und Müttern so viel Kopfschmerzen verursachen. Sie +findet rasch die Zustimmung der Väter, die von den Kosten der +Haushaltung, der Erziehung und der Ausstattung der Kinder befreit +sind; sie findet die Zustimmung der Frauen, welche alle der vielen +Widerwärtigkeiten der Haushaltung, wo die Mittel fehlen, los und +ledig sind; sie findet die Zustimmung der Kinder, denen nur +anziehende Beschäftigungen, Vergnügungen und die besten Mahlzeiten +in Aussicht stehen; und sie findet endlich auch die Zustimmung der +Reichen, die erhebliches Wachsthum ihres Vermögens und das +Verschwinden aller Risikos und die Beseitigung des Aergernisses, +von dem, wie Fourier behauptet, sie stets umgeben sein sollen, zu +erwarten haben. Der Arme kann natürlich gar nichts Besseres thun, +als sofort mit beiden Händen zugreifen, denn er hat Nichts zu +verlieren, aber Alles zu gewinnen. So werden die Serien, die +Gruppen, die Individuen in der Phalanx alle in den edelmüthigsten +Entschlüssen übereinstimmen und werden selbst zu materiellen Opfern +entschlossen sein, die aber nicht einmal nöthig sind. Bei dem +Gedanken, wieder in die Zivilisation zurückzufallen, wird Jeder +erschreckt sein, wie bei dem Gedanken, in die Arme des Teufels zu +stürzen; Jeder würde bereit sein, lieber sein halbes Vermögen zu +opfern. So wird sich die Uebereinstimmung und die Aufrechterhaltung +der Einheitlichkeit in allen materiellen Dingen auf die höchste +Stufe erheben. + +Wie nach Fourier in der Phalanx sich die materiellen Interessen zur +größten Zufriedenheit Aller ausgleichen, so wird auch die +Vermischung und aus Zuneigung entstehende Uebereinstimmung der drei +Klassen sich vollziehen. »Die reiche Klasse muß nur gewahr werden, +daß man sich ihr seitens der anderen Klassen höflich und ohne +persönliches Interesse und ohne Gefahr der Hintergehung nähert, und +sie wird bereitwilligst der Phalanx ihre Kräfte und ihr Vermögen +leihen. Damon, der ein großer Blumenfreund ist und in Paris wohnt, +macht jährlich bedeutende Ausgaben für seine Blumenbouquets, aber +er wird übel berathen und betrogen durch die Verkäufer, bestohlen +durch Gärtner und Diener. Dadurch wird ihm die Blumenzucht +verleidet und er entschließt sich, die Kultur derselben aufzugeben, +so sehr er sie liebt. Darauf besucht Damon die Versuchsphalanx, wo +er sieht, daß die Blumenzucht eifrig gepflegt wird und er +Unterstützung an Anderen findet, die gleich ihm dafür begeistert +sind. Statt Mißtrauen zu begegnen, sieht er, daß man seinen +Wünschen und Rathschlägen, als von einem Sachkenner kommend, +bereitwillig Folge leistet und alle Arbeiten ausführt. Ihn trennt +keine Verschiedenheit der Interessen von den Mitwirkenden, denn +alle Kosten trägt die Phalanx; er sieht sich geachtet und geliebt, +weil man seine Kenntnisse schätzt und ihn als eine Stütze der Serie +betrachtet. Namentlich sind es die Kinder, die sich um ihn drängen +und bei dem drohenden starken Regen Schutzzelte über die Beete +spannen. Er fühlt sich unter diesen Blumenfreunden wie in einer +zweiten Familie und entschließt sich zu mehreren Adoptionen. Da ist +Aminte, ein Mädchen ohne Vermögen, aber eine der geschicktesten +Seriesten, die für Damon begeistert ist; sie sieht in ihm, dem +Sechzigjährigen, die Stütze der ihr theuren Kultur; sie will sich +ihm erkenntlich zeigen, und da sie auch ein Mitglied einer Gruppe +der Zimmerordnerinnen ist, übernimmt sie die Sorge für Damon's +Zimmer und Garderobe. Sie dient Damon nicht aus materiellem +Interesse, denn er bezahlt sie nicht, und dies wäre überhaupt +unzulässig, sondern aus Dankbarkeit für seinen Eifer für die Kultur +der Blumen. Damon hat also doppelte Freude, er hat in Aminte eine +eifrige und gelehrige Schülerin und eine aufmerksame Gouvernante, +und zum Dank adoptirt er sie. Bei dieser industriellen Kooperation +war also die Freundschaft im Spiel, ein Trieb, der namentlich bei +den Kindern einen schönen Aufschwung nimmt, weil ihm weder durch +Liebe, noch durch Gewinnsucht, noch durch Familieninteresse +entgegengearbeitet wird.« + +»Im Jugendalter ist's hauptsächlich die Liebe, welche den +Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe +einer Schäferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben +also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden +selbst in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch. +Auch sehen wir, daß in Sachen des Ehrgeizes der Höhere den Niederen +unter Umständen nicht verschmäht. Zum Beispiel in Partei- und +Wahlkämpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, um +seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drücken. Aber +hier wirkt nur die Sucht nach persönlichem Gewinn und Befriedigung +persönlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese niederen Mittel schon +die Annäherung verschiedener Klassen, dann ist dies viel leichter +durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger Zuneigung, wie das +Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.« + +»Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thätigkeiten +beschäftigt, überall ähnliche Bande knüpfen. Alle Serien und +Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei einer +speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin +leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der +Genossen nicht fehlen. Der Reiche genießt aber doppelte +Anerkennung, einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich +in irgend welchen Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die +Munifizenz, die er den von ihm gewählten Industrien erweist. So +macht Damon Ausgaben für sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten +der Phalanx anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Für diese +Dienste wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurüstungen +gewählt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung +vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich +ihm dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen +und den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit +vollem Vertrauen der Phalanx überlassen, er hat keine Falle zu +fürchten, kein ungehöriges Verlangen wird ihn beunruhigen. Kein +Zweifel, daß in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht +verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Höflichkeit und +Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum +Eintritt in die Vereinigungen verführen, dazu kommen die +prunkvollen Zurüstungen für die Arbeiten der Phalanx und die +Einigkeit der Sozietäre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue +Lage und die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden +Alles aufbieten, der neuen Stellung würdig zu erscheinen. Unter +solchen Verhältnissen werden Alle bemüht sein, die gerechte +Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung +der sozietären Ordnung abhängt, zu erleichtern. Man frage wohl, wie +könne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der Phalanx +fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung ermöglichen? aber man +werde sehen, daß in den Serien der Triebe gerade die Liebe zum +Gelde der Weg zur Tugend und zur Gerechtigkeit sei, so sehr die +Moralisten die Liebe zum Gelde verurtheilten.« + +Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem +Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Maßstab des +eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, rein +arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu +honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die +Zivilisirten nicht verständen, und so beklagten sie sich beständig +über Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die Phalanx freilich +jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in vielleicht +dreißig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen Antheil +überweisen, so würde dies eine außerordentlich umständliche und +schwer zu lösende Aufgabe sein. Der Mechanismus der Vertheilung sei +nicht auf die Individuen, sondern auf die Serien berechnet, und +diese werden nicht nach ihrer speziellen Leistung, sondern nach +ihrer Bedeutung für die Phalanx in Betracht gezogen. Die Serien +gelten als die einzelnen Assoziés, und kraft des Rangs, den sie in +dem Tableau der Arbeiten einnehmen, wird die Dividende nach drei +Klassen vertheilt: 1. nach der Nothwendigkeit, 2. der Nützlichkeit +und 3. der Annehmlichkeit der Arbeit. Wird z.B. die Serie des +Wiesenbaues als solche von hoher Wichtigkeit anerkannt, so erhält +sie ein Loos erster Ordnung in der Klasse, in der sie figurirt. Die +Erzeugung von Körnerfrüchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber +die Serien darin bilden selbst wieder fünf Ordnungen, und so ist +wahrscheinlich, daß die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. auf +der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung +kommen. + +»Die höchste Dividende fällt den unangenehmsten Arbeiten zu und +diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die +Fleischerei in Rücksicht auf die damit verbundenen widerlichen und +übelriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernährung der Säuglinge und +Kinder in den niedersten Lebensaltern wird für eine schwerere +Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. Mediziner, +Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der ersten +Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der kleinen +Horden am höchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach dem Werth +bemessen, sondern nach dem Maß der Anziehung, das sie ausübt, je +höher die Anziehung, also auch die Annehmlichkeit, je geringer die +Belohnung.« + +»Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die höhere +Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzüchter oder die der +Blumenzüchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar hätten +diese in der Klasse der Nützlichkeiten, die Blumenzüchter in der +Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. Aber das ist ein ganz +falscher Schluß. Obgleich die Obstbaum- und Früchtezucht sehr +produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie in die Klasse der +Annehmlichkeiten, weil sie außerordentlich anziehend ist. Die +Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der reizvollsten Erholungen. +Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltären besäet, die von Zierstauden +umgeben sind; hier werden die Ruhepausen abgehalten, hier +vereinigen sich die Geschlechter, und so bietet diese Kultur neben +der Geflügelzucht die meiste Anziehung. Dadurch wird die Obstzucht +in die dritte Klasse, in die der Annehmlichkeiten gereiht, und +empfängt die niederste Belohnung. Was die Blumenzucht betrifft, die +im Allgemeinen in der Zivilisation nicht sehr geschätzt wird und +kaum die Kosten deckt, so erwecken zwar ihre Produkte Liebreiz, +aber die Arbeit erfordert große Pünktlichkeit, erhebliche +Kenntnisse und viele Sorgfalt und das Vergnügen ist von kurzer +Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um die Kinder zu bilden, als +um die Frauen für das Erforderniß der Kultur und das Studium +agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, sehr werthvoll. Auch +eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht immer für die Kinder, +wofür hingegen die Pflege der verschiedenen Blumensorten sehr +geeignet ist. Aus diesen Gründen werden die Serien der +Blumenzüchter in die zweite Klasse, die der Nützlichkeiten, +versetzt werden.« + +»Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch +wird, daß ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot, +Marmelade u.s.w. für die Ernährung und Verfeinerung der Lebensweise +die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des +Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir für rein +überflüssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung der +ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen, +Müller und Bäcker sind nützlicher, aber das kann nur von einem +Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung nicht +kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper für die +Harmonie sehr werthvoll, weil sie für die Kinder das mächtigste +Hülfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur Einheitlichkeit der +industriellen Thätigkeiten zu erziehen. Von diesem Standpunkt aus +gehört sie in die erste Klasse, die der Nothwendigkeiten, soweit +hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum Vergnügen dient, +rangirt sie in die dritte Klasse, die der Annehmlichkeiten.« + +»Maßstab der Vertheilung für die Arbeit ist also: 1. die direkte +Wirkung, die sie für die Bande der Einheitlichkeit der Phalanx im +Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den sie hat +für die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im umgekehrten +Verhältnisse steht zu der Stärke der Anziehung, die sie erweckt. +Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die Beschäftigung +der kleinen Horden, unter den dritten die Oper für die Erwachsenen, +unter den zweiten unter Anderem die Beschäftigung in den Minen und +Bergwerken zu zählen.« + +»In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thätigkeiten, deren +Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst +bestimmen. Die Verständigung ist um so leichter, da jedes Mitglied +in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch größeren Zahl +von Gruppen beschäftigt ist. Die Gunst, die ein Mitglied einer +Serie oder Gruppe in der Zubilligung der Dividende erwürbe, würde +es in den anderen Gruppen und Serien schädigen; sein eigenes +Interesse zwingt es also zur größten Objektivität; auch ist es +interessirt, daß die Harmonie nicht gestört wird, weil diese +Schädigung des Ganzen unfehlbar den größten Schaden für es selbst +brächte. Von diesen Gesichtspunkten aus vertheilt sich auch das +Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.« + +»Alippus ist ein reicher Aktionär, der bis dahin in der +Zivilisation für die Ausleihung seines Kapitals auf Güter 3-4 +Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, 12-15 +Prozent zu bekommen. Er ist sehr für gerechte Vertheilung des +Ertrages, doch drängt ihn seine Habsucht, als Kapitalist die Hälfte +der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er muß sich aber sagen, daß +dann die beiden anderen zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent +aufwandten, sehr unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen +wenig Jahren die Phalanx sich auflöse und dies sein größter Schade +sei. Diese Einsicht veranlaßt ihn, sich in seinem eigenen Interesse +mit weniger zu begnügen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem +Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat +nach diesem Maßstab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die +Zivilisation ihm gewährte, er lebt viel billiger in der Phalanx, +als in der Zivilisation, und er sieht außerdem die beiden anderen +Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der Gesellschaft. +Was ihn außerdem bestimmt, sich zufrieden zu geben, ist, daß er +gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl Serien, in denen er viel +Vergnügen genoß, freundschaftliche und Liebesbeziehungen anknüpfte, +seinen Antheil als Thätiger und, soweit er darin durch Talent sich +auszeichnete, auch dafür seinen Antheil erhält. Seine Habsucht +wurde also durch zwei Gegengewichte in der richtigen Mitte +gehalten, er hat die Ueberzeugung, daß im Interesse Aller er sein +eigenes Interesse wahrt und dafür die Zustimmung der Phalanx +findet, und daß der Fortschritt der industriellen Anziehung für ihn +zur Quelle großen Reichthums wird.« + +Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er +wäre also als Zivilisirter sehr dafür, daß die Arbeit auf Kosten +des Kapitals und Talents den Löwenantheil erlangt und rechnet 7/12 +für die Arbeit, 3/12 für das Kapital und 2/12 für das Talent. +Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt indeß anders. Wohl +hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den Hauptantheil zuzuweisen, +aber da er in einer Reihe von Serien und Gruppen durch Talent der +Erste ist, so verkennt er nicht, daß auch dem Talent sein +entsprechender Antheil gebühre. Außerdem begreift er als +einsichtiger Bürger die Bedeutung des Kapitals, welche Vortheile +der Arme aus den Ausgaben der Kapitalisten zieht, welche +Annehmlichkeiten reiche Angehörige ihren Serien und Gruppen +erweisen, endlich, daß seine Kinder Aussicht haben, mit Legaten +bedacht zu werden. Alles das genau erwogen, findet auch er, daß man +ein Einsehen haben und daß die Arbeit zu Gunsten von Kapital und +Talent ein wenig zurücktreten müsse. Er kämpft also auch gegen die +»unvernünftige Raubsucht« (»rapacité déraisonée«), deren ein +Zivilisirter fähig wäre und findet ebenfalls bei der Repartition +von 4/12 für das Kapital, 5/12 für die Arbeit und 3/12 für das +Talent seine Seele und sein Gewissen befriedigt. + +Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung +beharren zu müssen, was man bei seinem Bestreben und seinem festen +Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale +Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum +Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame +Erschütterungen begründen zu können, begreifen wird. Wäre die +Fourier'sche Phalanx überhaupt möglich und keine Utopie, so wäre +unfaßbar, warum das Kapital, bei all den sich ihm eröffnenden +glänzenden Aussichten, sich nicht beeilte, Hals über Kopf diesen +neuen Gesellschaftszustand zu begründen. Fourier glaubt felsenfest +an diese Möglichkeit und die Richtigkeit der von ihm gemachten +Aufstellungen; er konstruirt sich die Prämissen und da müssen die +Konklusionen stimmen. Falsch sind nicht seine Voraussetzungen, +sondern falsch ist die Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit +und Verblendung den Weg, der sich ihrem Glück öffnet, nicht sieht +oder zurückweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, daß der Arme +in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am +Ertrag bereitwillig unterstützen werde, weil ihm mit Hülfe des +Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermögen zu +kommen, sich darböten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht +entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht +habe, selbstständiger Unternehmer zu werden. »Seine Kinder können +durch Kenntnisse, Talent, Schönheit zu hohen Würden und Stellungen +kommen, auch kann er, da er stets mehr erwirbt als er ausgiebt, +Ersparnisse machen, und so selbst allmälig Aktionär werden.« Nährt +ihm doch die Phalanx die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab +bereits selbst voll verdienen, was sie brauchen und später mehr +verdienen, als sie nöthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle +Werkzeuge und nicht weniger als drei Paradeuniformen für die Feste +und Aufzüge; auch besucht er weder Kneipen noch Café's, da er nach +fünf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und +Vergnügungen, die ihm die tägliche Beschäftigung bietet, für solche +Orte kein Bedürfniß mehr empfindet; endlich besteht überall die +volle Gleichberechtigung: er nimmt an allen Berathungen Theil, hat +das gleiche Stimmrecht und somit nach keiner Richtung einen Grund, +gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. In der That, es gehört +viel Verbohrtheit dazu, all diesen Verlockungen zu widerstehen. + +Fourier kommt natürlich nicht im Traum der Gedanke, daß, wenn all +diese schönen Ausmalungen und scharfsinnigen mathematischen +Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das ganze System auf +falschen Voraussetzungen beruhen müsse, denn für ihr Interesse sind +die Menschen in allen Zeitaltern und bei allen Völkern sehr +empfänglich gewesen und namentlich die herrschenden Klassen. Aber +aller Widerstand und alle Feindseligkeit, die ihm begegneten, +machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und seiner +Berechnungen nicht irre, diese sind für ihn unbestreitbar, und so +ist selbstverständlich, daß der einmal begonnene Faden sich ruhig +bis zu Ende spinnt, und ein Gebäude entsteht, in dem jeder Stein +genau auf den anderen paßt, bei dem Alles auf's Genaueste und +Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber die +Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntniß der +eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die +Gesellschaft einst zu einem ähnlichen Zustande, wie ihn Fourier als +scharfsichtiger Seher voraussetzt, führen werden, aber auf anderem +Wege und durch andere Mittel und -- wann die Entwicklung reif ist, +-- die Erkenntniß ihrer Entwicklungsgesetze blieb ihm und seinem +Zeitalter fremd. + +Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau +so schließen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft +wünscht, so natürlich auch das Talent. Philint ist Mitglied von 36 +Serien. In zwölf zeichnet er sich als alter erfahrener Serist durch +große Geschicklichkeit und durch Talent aus, in zwölf anderen ist +er nur mittelmäßiger Arbeiter und in den zwölf letzten Neuling. +Nachdem beim Jahresschluß die Inventur gemacht wurde und die +Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung berufen werden, könnte er +in Anbetracht der Talente, die er in zwölf Serien entwickelte, sehr +geneigt sein, den Antheil des Talents besonders zu begünstigen. +Aber als überlegender Mann muß er sich sagen, daß damit weder sein +Interesse noch das der Phalanx gewahrt würde. Einmal stehen nicht +nur den 12 Serien, in denen er sich auszeichnet, 24 gegenüber, in +denen er nur mittelmäßiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet +sich auch, daß von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur +vier in die erste, also höchst belohnte Klasse, die der +Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten +vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich für ihn von selbst, +daß er den einseitigen Maßstab der Bevorzugung des Talents nicht +zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand tritt bei all +diesen Erwägungen über die Vertheilungen hinzu. Da die Interessen +aller Mitglieder in den dutzenden von Serien und hunderten von +Gruppen persönlich voneinander differiren, in einer Serie oder +Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder in allen +anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen auseinandergehen, +ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien oder Gruppen +unmöglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden und sich +kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und keine +Verbindung gleicher Interessen möglich ist, muß schließlich das +Allgemeininteresse, das damit das Interesse Aller wird, siegen. + +Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die +Richtigkeit der Vordersätze, von denen Fourier ausgeht, zugegeben, +hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, daß sowohl in den +Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die distributive +Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. »Das Regime der Serien der +Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche Laster, +den _Durst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit umwandelt_.« +Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der Zivilisation, +wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute als am +lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der sozietären +Ordnung nützlich und gut, wie es die von Gott gewollte Bestimmung +ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird nach der von +Schelling ausgesprochenen Idee »in jedem Sinn der Spiegel der +universellen Analogie«. Schließlich hat Fourier nichts dagegen +einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, daß die +Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 erhält. Das +ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: »Es müsse die +individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse jeder Serie und +der gesammten Phalanx und die kollektiven Ansprüche jeder Serie +durch das individuelle Interesse eines jeden Seristen, als +Angehöriger einer Menge anderer Serien, absorbirt werden.« Und +dieses Gesetz wird erreicht »durch das direkte Verhältniß der Zahl +der frequentirten Serien im umgekehrten Verhältniß zu der Dauer der +Arbeit in den einzelnen Serien«. Mit anderen Worten: Je mehr Serien +der Einzelne angehört und je kürzer in Folge dessen die einzelnen +Arbeitssitzungen werden, um so leichter wird die ausgleichende +Gerechtigkeit in der Vertheilung des Arbeitsertrags sich +herstellen. Mit der Zahl der differirenden Interessen des Einzelnen +wächst die Möglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die +Einheitlichkeit des Ganzen. + +Die Habsucht wirkt also schließlich ausgleichend in der Harmonie, +aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung gegenüber, +die Edelmüthigkeit. Erstere wirkt direkt, letztere indirekt. Zum +Beispiel: »Es handelt sich um die Vertheilung eines Ertrags von 216 +Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei sich zufällig +herausstellt, daß die Reichsten und Wohlhabendsten unter den neun +Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das Meiste erhalten. Darauf +erklären die beiden Ersten, daß sie in Anbetracht ihres +Kapitaleinkommens und des Vergnügens, das ihnen die Arbeit +gebracht, sich mit dem Minimum begnügen -- auf das Ganze dürfen sie +nicht verzichten -- was vier Franken beträgt. In Folge dessen +bleiben 52 Franken an die Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem +Beispiel der beiden Ersten folgen zwei Andere, nur daß diese +entsprechend ihrem geringeren Vermögen von dem ihnen zufallenden +Antheil nur auf die Hälfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu +vertheilen übrig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt +unter die fünf armen Sozietäre vertheilt, daß sie je 24, 18, 12, 9 +und 9 Franken erhalten, und zwar erhält davon eine schöne Vestalin, +nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den Gebern wie +bei den übrigen Mitgliedern in Gunst steht, den höchsten Satz. +Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, denn sie schädigt +Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der Harmonie eine +Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine große Zahl von +Würden und Szeptern, bis zu dem des Omniarchen des Erdballs, als +Gunstbezeugungen vergeben, weil alle diese Würden durch Wahl +erfolgen. + +Wenn nun hieraus sich ergiebt, daß die reichsten Sozietäre nur den +möglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen -- die +Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels +allgemeine Regel werden -- und den größten Theil ihres Einkommens +nur nach Maßgabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt +daraus, daß ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten +Verhältniß zu der Entfernung (»distance«) der Kapitalien von +einander steht, denn für Arbeit und Talent tendiren sie nur den +kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen steht ihr Antheil am +allgemeinen Benifizium bezüglich des Kapitalantheils im direkten +Verhältniß der Masse der Kapitalien. Es kommen also hier genau wie +in der physischen Welt zwei entgegenwirkende Kräfte in Betracht, +die zentripetale, welche hier die Habsucht ist, und die +zentrifugale, die Edelmüthigkeit. + +Der Leser wird bereits erkannt haben, daß Fourier hier das von +Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkörper, wonach diese +wirkt im graden Verhältniß zu ihrer Masse und im umgekehrten +Verhältniß zum Quadrat ihrer Entfernung, auf den Vertheilungsmodus +seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle Beziehungen der Menschen +unter sich und zum Weltall sind ja nach Fourier durch mathematische +Verhältnißzahlen zum Ausdruck zu bringen und nach Analogien +geordnet, also muß auch die Phalanx, welche im Kleinen das +Spiegelbild der Einheitlichkeit der Welt darstellt, diese +mathematischen Verhältnisse zum Ausdruck bringen. Freilich ist +dieser Versuch im vorliegenden Fall ein verunglückter, denn unter +dem Ausdruck Entfernung kann doch nichts Anderes als die Größe der +Kapitalien verstanden werden, und ihre Größe deckt sich wieder mit +ihrer Masse, mit dem Quadrat der Entfernung haperts überhaupt; und +was ist der Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im +bürgerlichen Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das +Kapital selbst, in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch +vergessen wir nicht, daß es sich hier um ein geistreiches, mit +großem Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt. + +Fourier ist nun weiter der Ansicht, daß in seiner Phalanx die +Generosität, welche die reichen Leute üben, wenigstens 7/8 des +Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hälfte +derselben umfassen werde, diese also den ärmeren Sozietären zu Gute +kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil man +sich in der Zivilisation ein solches Maß von Großmuth gar nicht +vorstellen könne. Mit den bereits hervorgehobenen Triebfedern für +eine solche Handlungsweise verbinden sich allerdings noch andere, +wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen resultiren. Doch bei +den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, was das Kapitel der +freien Liebe betreffe, sei er genöthigt, grade dieses für die +Harmonie so werthvolle und äußerst interessante Gebiet nicht weiter +zu berühren; so viel aber sei sicher, daß die freie Liebe und die +freie Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschließen +werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit +die glänzendsten Aussichten eröffneten. + +Was schließlich den Loosantheil betreffe, der dem Talent zufalle, +so gewähre dies besonders den unbemittelten Alten in der Phalanx, +die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten +Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten, +Aussicht auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des +Talents, die in der Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was +dem Kapital und dem, was der Arbeit zufalle, herbeiführen solle, +nur eine Art Fußschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des +Aermeren, dessen Kenntnisse er für sich ausbeute, in die Höhe +steige; der gesellschaftlich Begünstigte schmückte sich mit den +Federn des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien +es ferner, die hauptsächlich die Grenzen zwischen den Armen und +Reichen verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie +mitleidig lächeln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die +ihn umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung +ergeben, der Monarch genieße ohne alle Kosten eine Zuneigung, die +er sich in der Zivilisation nie zu erwerben vermöge, wo er seine +Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Söldlingen zu glauben +finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.[20] + +[Fußnote 20: Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche +und Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln Napoleon +I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt waren.] + +Die große Ungleichheit der Vermögen werde es gerade sein, die in +der sozietären Gesellschaft die Harmonie gebäre; nur ein Schatten +von Gleichheit hierin würde sie zerstören. Kein mittelreicher Mann +werde deshalb den Anstoß geben, mehr zu überlassen, als was das +Minimum überschreite. Es genüge, um einen solchen Akt des +Wohlwollens begehen zu können, den Sozietären das beträchtliche +Einkommen, das ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien +einbringe. So werde, den moralischen Diatriben gegen die großen +Vermögen zum Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermögens +die größte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, in +Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Großmuth, am +besten erreichen. »Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in +das Geheimniß der Harmonie der Vertheilung, die für alle anderen +Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen.« Und da griffen die +Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die doch +im Gegentheil gar nichts Willkürliches habe, sondern auf +unerschütterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man preise +Newton als das größte moderne Genie, weil er die Berechnung der +Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber nur auf +einen Zweig beschränkte; warum unterdrücke man da ihn, den Mann, +der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom materiellen auf das +passionelle Gebiet, ein Zweig, der für die Menschheit sehr viel +nützlicher sei, als den, welchen Newton behandelte, übertragen +habe. Es sei nichts, als die Furcht, daß diese von ihm begründete +neue Wissenschaft das Handelsgeschäft mit den philosophischen +Systemen und Büchern schädige. + +Neben den bisher angeführten Faktoren, die nach Fourier eingreifen, +um das Leben in der Phalanx zu einem möglichst angenehmen zu +gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige +Uebereinstimmung und die Versöhnung der Klassen und +Standesunterschiede herbeiführen, so die Beziehungen, welche die +Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen +Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar +auch ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen, +aber bei dem Mangel der Serien der Triebe könnten sie zu keinem +System werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der +Harmonie entstehen, ist schon ausgeführt worden. Die Beziehungen, +welche die freie Liebe hervorruft, müßten in Rücksicht auf die +ebenfalls schon erwähnten Vorurtheile der Zivilisirten unerörtert +bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der Vaterschaft sich +ergebenden Verhältnisse näher zu betrachten. + +»In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen +und Standesabstufungen überall nur Haß und Feindseligkeit oder +Geringschätzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel +überhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das Volk +mit mehr oder weniger großer Feindseligkeit oder Geringschätzung +herab, und diese Gefühle werden von unten nach oben erwidert. +Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es wieder +verschiedene Abstufungen, zwischen denen ähnliche Gefühle +herrschen. Kurz, mit der süßen Brüderlichkeit, welche die Moral und +die Philosophie predigen, sieht es in der Wirklichkeit recht windig +aus. Da verachtet der große Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den +Nichtgelehrten, der Bürger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das +Merkenlassen dieser Gefühle den Interessen schadet, versteckt man +sie, und das nennt man dann Gewandtheit oder Klugheit (»savoir +faire«). Wo in der Zivilisation sich der Höhere dem Niederen +scheinbar freundschaftlich nähert, sind in der Regel Hintergedanken +im Spiel und sie führen zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der +Große einer Frau aus dem Volke sich nähert, die Folge ist +gewöhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden, +führen sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen +Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen, +Parteistreitigkeiten, Bündnisse zur Unterdrückung. Und gleichwohl +ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, alle +widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er +habe in Moskau eine Medaille prägen lassen, welche die Inschrift +enthielt: »Der Himmel für Gott, die Erde für Napoleon.« Das ist +damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat +er damit eine sehr vernünftige Absicht, die Gründung einer +Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt +und es ist nur zu bedauern, daß Napoleon ihn nicht verwirklichen +konnte, er würde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich +Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche +Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Maß und Gewicht zu schaffen, +gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr, +Wissenschaft und Kunst zu begründen und zu vollbringen, einen +Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schädliche und +Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das höchste +Wohlsein durch die Gründung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden +herbeizuführen und damit auch die Aenderung und Verbesserung der +Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietären +Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die +Territorialmonarchien über den ganzen Erdboden begründet werden.« + +Künftig könnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf richten, +Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der +Territorialmonarchien zu werden, und für einen politischen Eunuchen +gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnüge. Diese Ansicht +scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei leichter in +der sozietären Ordnung, »als Cäsar und Pompejus zu versöhnen«. +Cäsar und Pompejus könnten an demselben Ort in ganz verschiedenen +Würden nebeneinander regieren. Giebt es doch nicht weniger als +sechszehn verschiedene Szepter und eine große Auswahl von Würden +und Titeln. Da giebt es Würden und Titel für die Erblichkeit, die +Adoption, den Favoritismus, das Vestalat u.s.w. Alle diese Szepter, +Würden, Titel, Grade, eröffnen sich Jedem. »Kennt der Monarch in +der Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er +auch das Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns +beraubt ist und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch +kann der Souverän wie die Souveränin, um der Erblichkeit zu +genügen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger wählen; ferner jeder +Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte +Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt überträgt. Die +Harmonisten können alle neu gegründeten Throne durch Wahl aus ihrer +Mitte besetzen, dagegen können die erblichen Throninhaber und +Throninhaberinnen ihre vollen oder Theilnachfolger, wie ihre +eigenen Gatten und Gattinnen nach Wahl sich aussuchen. Welche +Aussichten eröffnen sich da für Väter und Mütter, für junge Männer +und junge Mädchen! Und welcher Ausblick für schöne, liebenswürdige +Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, in unserer +Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in Anwendung +bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent, +Schönheit, Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, alles ist ihnen +erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mächtige Mittel, das Volk +an die Großen zum Anschluß zu bringen und alle Quellen des Hasses, +der Feindseligkeit, der Mißgunst zu verstopfen. + +»Zu diesen Anziehungs- und Aussöhnungsmitteln zwischen Hoch und +Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft, +ein Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich +empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen. +Man vergesse nicht, daß in Folge der vernünftigen und naturgemäßen +Lebensweise der Harmonisten auch die Langlebigkeit in der Phalanx +herrscht; unter je zwölf Personen giebt es _mindestens_ eine, +welche ein Alter von 150 Jahren erreicht. Nehmen wir des Beispiels +halber Einen dieser Aeltesten. Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der +150 Jahre zählt, sieht auf sieben Generationen herab. Er hat 120 +direkte Nachkommen, welche er in seinem Testament zu bedenken +gewillt ist. Die nächsten Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter, +welche schon reich sind, bedenkt er nur mit einem kleinen Theil +seines Vermögens, die nächstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er +giebt aber auch der sechsten und siebenten Generation erhebliche +Antheile, damit sie nicht in Versuchung kommen, den Tod älterer +Verwandten zu wünschen. Er verbraucht für diese Vermächtnisse die +Hälfte seines Vermögens. Die anderen beiden Viertel legirt er +dergestalt, daß ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das andere +Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fällt, darunter +seine Frauen, die selbst reich sind und keiner größeren Erbschaften +bedürfen. Diese einzige Erbschaft umfaßt also direkt und indirekt +einen großen Theil der Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und +Männer in der gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in +ähnlicher Weise testiren und es geht schließlich Niemand leer aus.« + +»Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine +Familie von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz. +Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen +Ithuriel als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation +auf ihn spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx +ist er vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein +Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich +nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu +begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der +Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und +Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu +kommen. Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein +Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen, +wie dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des +Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf +ein Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der +Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das +Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen zu +erregen?« + +»In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, wie +kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß hervorgerufen +werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser erhält, sie +veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens zu wünschen, dessen Ende +heute in den meisten Fällen ungeduldig erwartet wird.« + + * * * * * + +Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit +den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die +Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, so +auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen in's +kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die ganze +Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für alle +weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für die +Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner Prüfung +unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie in allen übrigen +Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen Weg. Seine +Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines ersten +schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus über die +Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro und kontra in +den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. Malthus stellte, +sich anlehnend an ältere Schriftsteller, bekanntlich die Theorie +auf, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer +Progression, also in dem Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u.s.w. +zu vermehren, dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich +in arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u.s.w. +Aus diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in +kurzer Zeit -- Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren voraus, +die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl herbeizuführen +-- die Erde so übervölkert sei, daß die Menschen an Nahrungsmangel +zu Grunde gehen müßten. Malthus betrachtete es als »göttliche +Bestimmung«, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz +fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche Lauf der +Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden geschaffen. +Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das Gewissen +erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, als bei +dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die Erfahrung die +Theorie nicht rechtfertige, weder habe die Bevölkerungszahl in dem +angegebenen Maßstab bisher sich vermehrt, noch sei nachzuweisen, +daß die Vermehrung der Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich +bewege. Trete überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es +in einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so +fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. U.s.w. + +Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst wirft er +den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre Inkonsequenzen +und Unbesonnenheiten überhaupt übersähen, das Verhältniß der +Bevölkerung als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven +Kräfte näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er +huldigt also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen +steigendes Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander. +»Vergebens werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine +vier- selbst hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn +die Menschen verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen +Zustand zu vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die +Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt +aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der verschiedenen +Klassen zu ermöglichen.« + +Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der +Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine der Klippen +der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so viel +unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung fähig +waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein anderes Mittel als +Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der überschüssigen Sklaven +gehabt. + +»Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus. +Die römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier Männer, +aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, vergnügten sich, +ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen zu sehen ... +Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus über die Frage +ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man auf einer Insel +die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die Bevölkerung von 1000 auf +10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, während die Insel gut +kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. Darauf hat man geantwortet: +man müsse alsdann den Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter +kolonisiren. Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der +ganze Globus so bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts mehr +zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin stimmen auch +die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht übervölkert sei und es +noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe dieser Zeitpunkt komme. Das +ist ein Irrthum, denn schon nach 150 Jahren ist die Erde +übervölkert. Auf alle Fälle ist nach 150 oder 300 Jahren die Frage +brennend und nicht gelöst, wenn man bei den jetzigen Anschauungen +und Mitteln bleibt. Nun, die sozietäre Ordnung hat sehr wirksame +Mittel, die Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten +Stande zu erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die +auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit Phalanxen +bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen +Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei +Milliarden.« + +»Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung +der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die größere Kraft +und Körperentwicklung der Frauen; 2. die üppige Lebensweise; 3. die +phanegoramischen Sitten; 4. die gleichmäßige körperliche Uebung +aller Kräfte. Was die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen +wir bei den starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die +überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die +zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man antwortet, +daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch fruchtbar seien. +Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, daß alle vier +Mittel kombinirt angewendet und miteinander verkettet werden +müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, weil sie mäßig +leben und eine grobe, hauptsächlich vegetabilische Nahrung zu sich +nehmen. Die Städterinnen leben üppiger und raffinirter und daher +kommt ihre größere Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der +Harmonie die körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger +Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der +Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.« + +Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt Fourier aus +naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte Mittel, die +gleichmäßige körperliche Uebung, werde durch den häufigen Wechsel +der Beschäftigungen und die kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße +bewirkt. Man habe nie beobachtet, wie auf Pubertät und +Fruchtbarkeit körperliche Uebungen einwirkten. Dies sei frappant. +Daher erlangten unsere Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als +die Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die +Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen gleichfalls +unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen gleichmäßig und würden +sie abwechselnd und proportionell auf alle Theile des Körpers +angewandt, so sei kein Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich +später entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung +vorzugsweise auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die +körperliche Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt +übten den Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre +geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und +frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife +erzeugten. + +In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten +würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre +Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden +körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange Zeit +die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den Augenblick +verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der Ueberschuß der +Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem von der Natur gewollten +Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden die gleichmäßig gehandhabten +gymnastischen Uebungen bei den Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und +zwar in solchem Maße, daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche, +sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und +größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand vorbereiten +müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in der Lebensweise der +heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, welche den +Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, es fehle das +Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und Uebungen. + +Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung +miteinander an, so würden die Chancen der Fruchtbarkeit im +Gegensatz zu heute sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses +eher ein Defizit in der Bevölkerungsentwicklung zu fürchten, man +werde mithin die Mittel anwenden, wie die Umstände sie erforderten. +Man sei also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen +der Menge der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizuführen. Der +vernünftige Mann habe nur so viel Kinder, daß er ihnen das nöthige +Vermögen sichern könne, ohne welches es kein Glück gebe, nur der +unvernünftige setze die Kinder zu Dutzenden in die Welt, sich +entschuldigend wie jener Schah von Persien: »Gott schickt sie und +es kann nie zu viel rechtschaffene Menschen geben.« Der soziale +Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, wenn er ameisenartig +Kinder zeuge, die schließlich in Folge ihrer Ueberzahl genöthigt +seien, sich gegenseitig aufzuzehren. Wenn sie dies nicht +buchstäblich wie die Insekten, Fische, wilden Thiere machten, so +zehrten sie sich politisch auf, durch Räubereien, Kriege und +Perfidien aller Art in der besten der Welten. Unter der +Zivilisation werde ein Land, wie bevölkert es auch sei, nie dazu +gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich an Frankreich, +dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, das zwar +nicht das bevölkertste Land, dessen Bevölkerung aber die ärmste und +verkommenste in Europa sei, trotzdem fruchtbares Land in Hülle und +Fülle vorhanden sei. + +So zeige sich überall, daß das Gleichgewicht auf umfassender +Entwicklung und nicht auf Erstickung begründet sein müsse, daß alle +Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach Befriedigung des +Ehrgeizes, Herrschaftsgelüste, Habsucht, Gier nach Erbschaft, +Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedürfnisse und was sonst +noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, welche die +Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu können, in der +Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des allgemeinen Glückes +würden. Das genüge wohl, um die sogenannten starken Geister, die +stets behaupteten, daß die Bewegung und die Triebe nur Wirkungen +des Zufalls seien, die man beliebig modeln und unterdrücken könne, +und die den Glauben erweckten, als bedürfe Gott der Unterweisungen +eines Plato und Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen +und die Triebe in Harmonie zu leiten habe, zu verwirren. + +Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das +Bevölkerungsgesetz eine großartige und fruchtbare Auffassung zu +Grunde. Er erklärt mit vollem Recht, daß die Zivilisation, in +unserer Sprache ausgedrückt die bürgerliche Gesellschaft, wie sie +überhaupt unfähig ist, die sozialen Gegensätze aufzuheben, auch +unfähig ist, die Bevölkerungsfrage zu lösen. Das zeigt sich nicht +nur an dem auch von Fourier angeführten klassischen Beispiel, an +Irland, dessen Bevölkerung in demselben Maße ärmer wird, als sie an +Zahl im Lande abnimmt, während die Zahl der unter den Pflug +genommenen Acker Landes und die Häupterzahl der Viehherden wächst; +wir sehen ganz Aehnliches gegenwärtig auch in Ungarn und in Rußland +sich vollziehen, wo die bürgerliche Raubwirthschaft an Grund und +Boden die Massenverarmung, die steigende Verschuldung und die +Verminderung der ackerbautreibenden Bevölkerung, verbunden mit +Massenbankerotten im Gefolge hat. Und geht die Entwicklung in der +gegenwärtigen Richtung noch einige Jahrzehnte weiter, so werden die +Vereinigten Staaten, Ostindien und Neuholland dasselbe Bild uns +bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und Boden begünstigt die +treibhausmäßige Entwicklung der Industrie und des Verkehrs, und so +erzeugt, wie Fourier vollkommen richtig und seiner Zeit weit +vorauseilend ausführte, »_die Zivilisation die Armuth aus dem +Ueberfluß_,« und macht »jedes Uebel und jedes Laster, das die +Barbarei nur auf einfache Weise ausübt, zu einem doppelseitigen,« +sie geht an ihrem »cercle vicieux«, an ihren inneren Widersprüchen +zu Grunde. Was Fourier vorausahnend in Bezug auf das +Bevölkerungsgesetz zu begründen versuchte, hat Karl Marx positiv in +den Satz formulirt: daß jede ökonomische Entwicklungsperiode auch +ihr besonderes, ihr eigenthümliches Bevölkerungsgesetz hat. + +In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in +ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaßen verfolgte -- +Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder +antiker, feudaler, bürgerlicher Staat -- bestreiten können, daß die +jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, der materiellen +Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder Periode +entsprechende Bevölkerungszustände schaffte. So wird auch eine +sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus veränderter +materieller Lage für die Gesammtheit und mit ihren Veränderungen in +den Beziehungen der Geschlechter ein von der bürgerlichen +Gesellschaft abweichendes Bevölkerungsgesetz für ihre Entwicklung +haben. Der Unterschied wird hauptsächlich sein, daß, während bisher +alle Gesellschaftsordnungen sich ihre Lebensbedingungen schufen, +ihrer eignen treibenden Gesetze unbewußt, aber auch die Bedingungen +ihres Untergangs unbewußt erzeugten, eine sozialistische +Gesellschaft sowohl ihr Entwicklungsgesetz wie ihr +Bevölkerungsgesetz erkennt und beide bewußt anwenden wird; sie wird +sich über ihre eigene Zukunft ebensowenig wie über den einstmaligen +Untergang des Menschengeschlechts täuschen. + + * * * * * + +Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt, +Alles verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schöpfer dieser +Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der +Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten +Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glück, das seine +Bestimmung ist, erreichen, muß er Gott als den obersten Leiter der +Welt anerkennen. Diese Erkenntniß hat man aber von Alters her zu +verhindern gesucht. Man hatte sich gewöhnt, die Welt mit 35.000 +Göttern zu bevölkern, statt den einen Gott anzuerkennen. Das war +eine himmlische Maskerade, unter welcher es schwierig war, die +wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst Sokrates und Cicero +beschränkten sich darauf, sich in ihrem Jahrhundert von diesen +Göttersottisen zu isoliren und den »unbekannten Gott« zu +verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen anzustellen, die dem +Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein Opfer seiner +Bekenntnisse. + +Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder +zurückgeführt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien jene +Superstitionen zerstört. Die menschliche Vernunft müsse anerkennen, +daß alle Erleuchtung von Gott komme, sie müsse sich seinem Geist +unterwerfen, und also bleibe nur übrig zu bestimmen, welch +wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, Ansichten und +Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls habe. + +Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: »Wer hat Gott geschaffen?«, +Antwort: »der Mensch«, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der +sich seinen Gott konstruirt, wie er ihn für sein soziales System +braucht. + +Dieser sein Gott hat fünf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu der +ihm zugedachten Stelle befähigen. Er ist alleiniger und +vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier, +wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des +Universums, der Schöpfer und Vertheiler von und für Alles ist, so +hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders die +_wichtigsten_, die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale +Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale +Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die +Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d.h. also die menschliche +Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute, +daß sie Gott von der Prärogative der Gesetzgebung in Sachen der +sozialen Ordnung ausschließe und sich an seine Stelle setze. Wem +leuchte nicht diese Anmaßung ein? Eine zweite Haupteigenschaft +Gottes sei, oberster Oekonom aller Hülfsmittel zu sein. Diese +Stellung erfordere, daß er die größten sozietären Vereinigungen den +kleinsten, wie der Familie und der isolirten Privatwirthschaft +vorziehe, daß er ferner als Motor die Anziehung der Triebe anwende, +welche zwölf große Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der +Einschränkung und des Zwangs, wie es die Zivilisation besitze, +ermögliche. Diese zwölf Ersparungen zählt er auf. Die dritte +Haupteigenschaft Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon +sehe man nicht einmal einen Schatten in der Zivilisation, _wo das +Elend der Völker in demselben Maße wachse, wie die Industrie +zunehme_. Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation +solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein. +Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist führe +dahin, die heiße Zone mit ihren den Heimathländern entrissenen +schwarzen Sklaven, die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven zu +bedecken, die man in die industriellen Bagnos (die Fabriken) +zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, wenn +trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht einmal die +Möglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo diese Zustände +hintrieben, sehe man an England. Die distributive Gerechtigkeit, +die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie. + +Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der +Vorsehung. Sie müsse sich auf alle Völker, Wilde wie Zivilisirte, +ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung von Wilden +und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, daß diese +Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher ein System +wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. Jede +Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der menschlichen +Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das heutige System +direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrückt würde, sei der +Stütze der Vorsehung beraubt, die auf der Erde durch die Anziehung +der Triebe in den industriellen Anwendungen allein zur Geltung +komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, sei den Ansichten +Gottes entgegen, es müsse also eine soziale Ordnung hergestellt +werden, vor der alle Völker und alle Klassen sich neigten, wenn die +Vorsehung universell sein solle. Endlich, die fünfte +Haupteigenschaft Gottes sei, als Schöpfer des Weltalls auch die +Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die Anwendung der +Anziehung als Triebfeder für alle sozialen Harmonien und alle +Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den Insekten. Es sei +also das Studium der Anziehung, in dem man das göttliche, das ganze +All beherrschende Gesetz zu suchen habe. Weder Voltaire noch +Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale Gesetz zu +entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen Redensarten) +sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen Obskurantismus die +Wege gebahnt, Beide hätten das Ziel verfehlt. + +Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der französischen +Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche +wie kein Zweiter untergrub und erschütterte, und Rousseau, der das +sozial-philosophische Lehrgebäude errichtete, dessen Theorien das +französische Bürgerthum in der großen Revolution in die Praxis +umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, als dies +die Praxis des Lebens, d.h. die materiellen Interessen der nunmehr +in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse +zuließen. In der Selbsttäuschung befangen, nagelte man als +Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an, +jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und +deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kämpfe in +der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die +Schreckensherrschaft der »Tugendhaftesten«, der blindesten Verehrer +Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen +gebaren und schließlich mit der Diktatur eines Napoleon Bonaparte +endeten und enden mußten. Diesen Widerspruch zwischen den Theorien +und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch Einer, St. +Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein ätzender Spott +gegen die Philosophen, die Moralisten, die Metaphysiker, die +Politiker und Oekonomen, die geistigen Träger und Lobredner, die +Ideologen des bürgerlichen Systems. + +Wie nun Fourier das Bedürfniß empfand, sein soziales System als mit +den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich selbst +als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung anzusehen, +so versuchte er auch den Nachweis, daß seine Theorien mit der Lehre +Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang ständen. Nach +der Revolution war man in Frankreich wieder sehr fromm geworden, +Napoleon hatte sich schließlich mit dem Papstthum ausgesöhnt und es +als Vorspann für seine Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der +Weizen der Kirche blühte erst recht, als nach dem Sturze +Bonaparte's die Restauration, gestützt auf die Bajonette der +heiligen Allianz, in Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also +die Berufung auf die Aussprüche Christi unter keinen Umständen +schaden, namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die +Unterstützung für sein soziales System zu nehmen, wo man sie fand, +und die er, wenn überhaupt, nur in den Kreisen der Großen und +Reichen finden konnte. Er war daher sehr ärgerlich und sogar +überrascht -- letzteres ein Beweis dafür, daß Ueberzeugung und +nicht blos Berechnung im Spiele war -- als er erfuhr, daß der Papst +seine Werke gleich denen von Owen und Lamartine auf den Index +gesetzt habe. Er, der scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen, +daß der Gott, dem er huldigte, der Schützer und Begünstiger aller +sinnlichen Triebe, dessen Kredo lautete: »Mensch genieße, und je +mehr du genießest, um so besser entsprichst du dir selbst als +Mensch, deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem +Schöpfer,« wir sagen, er konnte nicht fassen, daß dieser Gott ein +ganz anderer Gott war, als jener der christlichen Askese, der die +Verachtung des Reichthums, der irdischen Güter, der fleischlichen +Genüsse und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte. +Fourier legte ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen +Schriften nachdrücklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der +Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit +Christus übereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprüche Jesu im +Neuen Testamente stützt, bricht um so heftiger sein Zorn gegen die +Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen, +egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekämpfen, daß +er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine wissenschaftlichen +Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht habe, die bestimmt +sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das Aussehen des +Erdballs zu verändern. + +Wie er die Aussprüche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu +Angriffen auf seine ihm verhaßtesten Gegner zu verwenden sucht, +dafür mögen die folgenden Beispiele zeugen: + +»'Glücklich die Armen am Geist, denn das himmlische Königreich ist +ihnen.' Kein Gleichniß ist bekannter, keins weniger begriffen. Wer +sind die Armen am Geiste, die Christus hier rühmt? Es sind +Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der zweifelhaften +Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist für das Genie die +Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, der zu allen +nützlichen Studien führt, aus denen die sozietäre Harmonie, das +himmlische Königreich und die Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen +befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor dem Mißbrauch unseres Geistes, +vor dem Labyrinth dieser durch ihre eigenen Autoren verurtheilten +Philosophie, die wie Voltaire zu ihrer eigenen Schmach sagen: Oh! +welch dicke Finsterniß bedeckt noch die Natur! muß man uns +schützen. Die wahre Erleuchtung bringt Jesus. Die Entdeckung des +sozietären Mechanismus und des Studiums der Anziehung ist den +geraden Geistern vorbehalten, welche die Sophismen verabscheuen. +Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich preise Dich Vater und Herr +des Himmels und der Erde, daß Du solches den Weisen und Klugen +verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret.' Die +Erkenntniß ist also den einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen +können sie nicht entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste +spricht, will er der Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Spötter +ihm unterschieben, er bezeugt damit nur seine Verachtung für die +hartnäckig gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.« + +»Die soziale Welt kann das Geheimniß der Bestimmungen nur erfassen, +wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die Erkenntniß +wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. Das sagt +Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so werdet +ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. XII): +'Glaubt ihr, daß Gott für euch weniger als für die Vögel unter dem +Himmel sorgt?' Was würde das Suchen nützen, wenn man keinen anderen +Ausgang fände, als die Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der +immer dieselben Geißeln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt? +Zweifellos bleibt also eine glücklichere Gesellschaft zu entdecken +übrig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber warum +hat er nicht selbst uns über diese aufgeklärt? Kannte er nach +seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze der +Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine Hände +gegeben', konnte er uns da nicht über unsere sozietäre Bestimmung +belehren, anstatt uns zu veranlassen, die Entdeckung zu machen, die +dann durch unser blindes Vertrauen in die Philosophen so viele +Jahrhunderte verzögert wurde?« Fourier, der diese Fragen stellt, +ist natürlich um die Antwort nicht verlegen, er antwortet: »Da +Jesus von seinem Vater mit der religiösen Offenbarung beauftragt +war, konnte er nicht noch mit der sozialen belastet werden, sie war +vielmehr ausdrücklich ausgenommen, wie er selbst in den Worten +ausspricht: 'Gebt Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes +ist.' Er trennte also die Funktionen streng, je nachdem sie der +Autorität oder der sozialen Politik zufielen. Er that also nicht, +was nicht seine Aufgabe war, aber er kannte die glückliche +Bestimmung des Menschengeschlechts, denn er sagt: 'Gott hat seinen +Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß +die Welt durch ihn selig werde.' Seine Mission beschränkte sich auf +das Wohl der Seelen und das ist der edelste Theil unserer +Bestimmung, dagegen bleibt der untergeordnete Theil, der über das +politische Wohl der Gesellschaften, der menschlichen Vernunft +vorbehalten, und demzufolge auch die Untersuchung des sozialen +Mechanismus nach den Wünschen Gottes; ein Weg, welcher durch die +Berechnung der Anziehung entdeckt wurde.« + +»Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glückliche +Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er +uns im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die +Körper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im +Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie +darin; es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen: +'Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider +zwei und zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der +Sohn wider den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die +Tochter wider die Mutter etc.' Genöthigt, auch den Ausgang aus +dieser sozialen Hölle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein +Feuer auf Erden anzuzünden; was wollte ich lieber, denn es brennte +schon.' (St. Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, daß es schon brenne, +ist weit entfernt, ein übelwollender zu sein, es spricht vielmehr +aus ihm die edle Ungeduld, das Maß der Irrthümer der Philosophie +gefüllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu +heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das +wir in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem +politischen Labyrinth, in das sie uns geführt, zu suchen. Darum +erhebt er auch mit Wärme gegen die Sophisten, die uns vom rechten +Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend +sagt: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß +ihr seid, wie die verdeckten Todtengräber, darüber die Leute +laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, die ihr +die Menschen mit unerträglichen Lasten beladet und rühret sie nicht +mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den Schlüssel der +Erkenntniß weggenommen habt; ihr kommt nicht hinein, und wehret +denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die Philosophen wehren +uns den Eintritt, indem sie sich bemühen, mit metaphysischen +Subtilitäten das Studium des Menschen zu verbarrikadiren, das +einfachste Studium von allen, das nichts als eine von Vorurtheilen +freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung wie die Kinder. +Darum sagt auch Jesu: 'Laßt die Kindlein zu mir kommen und wehret +ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: 'Wer das Reich +Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht +hineinkommen.'« + +Das größte Hinderniß, daß die Philosophen nicht den rechten Weg für +ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, den sie unter der Maske +der Philanthropie versteckten, darum ruft ihnen Jesu mit Heftigkeit +zu: 'Ihr, die ihr böse seid von Jugend auf, könnt ihr sagen, daß +ihr irgend etwas Gutes thatet?' Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten +und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid übertünchten +Gräbern, die auswendig hübsch scheinen, aber inwendig voller +Todtenbeine und Unflaths sind. Von außen scheint ihr den Menschen +fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der +niedrigste Egoismus habe die Philosophie auch verhindert, dem Volke +das einfachste und natürlichste Recht, das Recht auf ein Minimum +des Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den +Pharisäern gegenüber ausdrücklich in den Worten anerkannt habe: +'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth war, und ihn +hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das Haus Gottes +ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, +die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er gab sie auch +denen, die bei ihm waren?' _Jesus hat also damit das Recht, zu +nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses Recht +schließt implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum zu +sichern_; so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht für +das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot der +christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnäckig, dieses +Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht weiß, durch welche Mittel +sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch unmöglich, +so lange man nicht weiß die Zivilisation zu einer höheren +Gesellschaftsordnung zu erheben.« + +Fourier sieht aber nicht blos sein System an und für sich durch die +Aussprüche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet sogar +einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die +Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen +Sünderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem +Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung +zu tragen vermögen. Er (Fourier) führt Folgendes an: »Auf den +Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben, +antwortete er: 'Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot +und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des +Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe +der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder +Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird gerechtfertigt +sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus beurtheilte +also die Weisheit als sehr verträglich mit den Genüssen. Und um dem +vorgeführten Beispiel zu entsprechen, setzt er sich an die reich +bedeckte Tafel eines Pharisäers, der ihn eingeladen hatte. Da kommt +eine Kourtisane, wäscht ihm die Füße und salbt ihn mit +wohlriechender Salbe. Der Pharisäer hält sich darüber auf, daß er +sich von einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber +antwortete ihm: »Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel +geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.« +Voll Mitleid für das unterdrückte Geschlecht, verzeiht er der +Sünderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: »Mein +Joch ist süß und meine Last leicht.« + +»Christus will also, daß man weder Feind des Reichthums noch der +Vergnügungen sei, er fordert nur, daß man mit dem Genießen des +Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, der uns zur +Entdeckung des sozietären Regimes, des himmlischen Königreichs +führt, 'wo alle Güter im Uebermaß vorhanden sein werden'. (St. Luc. +XII.) Den Reichthum tadelt er nur rücksichtlich der Laster, zu +denen er in der Zivilisation verführt, weshalb er sagt: »Es ist +leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein +Reicher in's Himmelreich kommt.'« + +Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, daß man die Worte +Jesu erst dann richtig fassen könne, wenn man die Bestimmung der +Menschheit kenne, denn hierfür enthielten sie die verschleierten +Vorhersagungen. Wohl beachten möge man, was Jesus gegen die +Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: »Sehet euch vor, vor den +falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig +aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie +erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von +den Disteln?« (Matth. VII.) Man müßte nach alledem fragen, wie es +komme, daß die Kirche, die doch sehr bedeutende Männer, wie +Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu keinem Zweig des +Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da heiße es von ihr wie +im Kap. XXIII von Matth.: »Sie sagen wohl, was man thun soll, aber +sie thun es nicht.« Er greift dann auf's Neue die Philosophen, +namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich wiederholt +gegen Owen und seine Anhänger, jene Sektirer, die unter dem Namen +der Assoziation anti-sozietäre Vereinigungen bildeten und die +Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der Triebe und die +Anziehung der Arbeit erzeugt werden könne, zurückwiesen. Außerdem, +was könne man von einer Sekte, wie die Owen'sche, erwarten, die +darauf ausgehe, Gott zu leugnen und ihm die Huldigung zu +verweigern? Owen habe es sorgfältig vermieden, seine Assoziation +auf der Grundlage des sozietären Regimes zu begründen, das habe +seinen Stolz verwundet. Owen sei nur ein mittelmäßiger Sophist, +welcher G. Penn (den Gründer der Sekte der Quäker) kopirt habe. +Darauf wendet sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen +Theorien in Paris gefunden. Es scheine, daß das neunzehnte +Jahrhundert dasselbe Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter +eines Kolumbus und Galilei der Nachwelt geboten; allen voran gehe +Paris, in welchem der satanische Geist, der Geist des fünfzehnten +Jahrhunderts, noch heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon +und von ihm gelte, was Jesu über Jerusalem ausgerufen: »Jerusalem! +Jerusalem! die du tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir +gesandt wurden.« Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern, +die Jesu kennzeichnete, als er sagte: »Wehe euch Schriftgelehrten +und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet, +und schmücket der Gerechten Gräber. Und sprecht: Wären wir zu +unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig +sein, mit ihnen an der Propheten Blut.« Was seien die +Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der +Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Löhne den Völkern +die Eisen verniete, und durch Einschließung der armen Klasse in die +modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder Wohlsein noch +Rückkehr gestatte. Diese merkantilen Bedrückungen seien durch Jesu +wie die Kirchenväter genügend gekennzeichnet. Chrisostomus erkläre: +»ein Kaufmann kann Gott nicht angenehm sein«, und Christus habe sie +mit Ruthenhieben aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: »Ihr +habt mein Haus zu einer Diebshöhle gemacht.« Endlich sende die +Vorsehung einen Führer, welcher die schwachen Seiten der +merkantilen Hydra zu fassen wisse, und der, indem er das wahre und +allein heilbringende soziale System inaugurire, die Welt von dem +goldenen Kalb, »dem würdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde +führt«, befreie. + +So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott +gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus, +seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger Knechtschaft war. Die +Utopisten und die Propheten rangiren in derselben Klasse, beide +glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, d.h. also an ihre +eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, »der Berge versetzt«, +macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, womit sie +allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, und wenn die +Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer ihrer Ueberzeugungen +werden. Indem Fourier die geistige Macht der herrschenden Klassen +auf's wuchtigste angriff, die erfahrungsgemäß und +selbstverständlich sich auch mit seinem System nicht befreundet und +es bekämpft haben würden, wenn er in seiner Kritik weniger scharf +und bitter, in seinen Angriffen maßvoller und wenn er sein System +mehr mit den herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben +würde, suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine +Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die +Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine +bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch +erkannten, daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der +Aeste absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit +gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier, +mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in +so fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen +Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, zur +Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre Resultate +unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, aufforderte, der +mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung tragen. So handelte also +Fourier vollkommen logisch. Er that, was allen sozialen Neuerer das +ganze Mittelalter hindurch auch gethan hatten. Allerdings ist er +mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er ragt eben so weit über +sie hinaus, als ein genial angelegter Geist zu Beginn des +neunzehnten Jahrhunderts über einen fanatischen Mönch des zwölften +oder sechszehnten Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß +der Bibel und den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen +konnte. Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten, +dessen System sich auf die religiösen Lehren der herrschenden +Kirche zu stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte. +Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein +religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die meisten +Geschichtsschreiber _nur_ den religiösen Charakter der Bewegungen +sahen, den sozialen -- der mehr oder weniger auf einem rohen, auf +die entsprechenden Aussprüche des Alten und Neuen Testaments +gestützten Kommunismus beruhte -- aber gänzlich übersahen. Unter +dem geistigen Druck der Kirche und bei der Beschränktheit der +Geister war im Mittelalter keine soziale Bewegung ohne ausgeprägt +religiösen Charakter denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war, +wurde natürlich bei einem Fourier zu Beginn des neunzehnten +Jahrhunderts mehr Nebensache, es war eine Waffe und eine Stütze, +die er glaubte nicht entbehren zu können. So erklärt sich die sehr +gezwungene Auslegung, die er den meisten der zitirten Stellen geben +mußte, wobei wir keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs +bewußt war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in einer +späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit leben, leicht, +die Mängel in den Systemen und Lehren vorangegangener bedeutender +Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu schließen, daß das, was +sie erkannten, auch Jene leicht erkennen mußten, ist falsch. +Andererseits läßt sich nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen +Widersprüchen eines Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog. +Klugheit, Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug +beginnt. Der Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo +offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier +wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist ein +streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen Vorzügen und +Schwächen. Ein System, das in seiner Geschlossenheit selbst den +Keim einer Religion enthält, weshalb nur eine Schule, keine Partei +sich aus ihm entwickelte. Man kann eben so gut von einer +Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und stets mit +großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder St. +Simonistischen Sekte sprach. + + * * * * * + +Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche den +Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue Testament für seine +Theorien sprächen, so geht er nunmehr dazu über, auch den +Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu erbringen, d.h. er sucht +nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich die Modernen über +Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der Zivilisation befänden, +von der sie immer noch leichtgläubig genug die Vervollkommnung +hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, welche Wege sie betreten +müßten, um allmälig in die sechste Entwicklungsperiode, die des +Garantismus, zu gelangen. Daß die Zivilisation überhaupt sich zu +vervollkommnen suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst +hinaus zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige +Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese +Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie +mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft. + +Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des Geldes als +Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem ansieht, aber +auszusetzen hat, daß es »individuelles« Geld sei, wie er es +bezeichnet, also in den Händen des Privateigenthümers Mittel der +Ausbeutung, des Betrugs und der Unterdrückung werde. Das Geld soll +nach ihm gesellschaftliches Besitzthum sein, es würde also in +seinem System Besitzthum der Phalanxen werden. Daß das Geld seinen +Zweck nur erfüllt, wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes +Tauschmittel für alle Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz +ist, weil es _nur_ in einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion +beruhenden Gesellschaft einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz +hat, entging ihm. Mit der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch +der Privatwirthschaft und mit der Einführung gesellschaftlicher +Produktion fällt der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die +Geldwirthschaft, von selbst, der Boden seiner Existenz, allgemein +anerkanntes Tauschmittel für alle Waarenaustausche zu sein, wird +ihm entzogen. Da wo Produkt gegen Produkt, richtiger Arbeit gegen +Arbeit gesellschaftlicher Vereinigungen sich austauscht, wird der +Austausch ein einfaches Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung +der austauschenden Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer +auf Millionen Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das +Produkt als Waare den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die +Hände seines Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen +die verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation +ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers gelangt, wir +sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich anerkanntes +Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen vorhanden +sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter besitzt, +gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu sein. + +Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche +Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der +lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich habe sie +den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die Assoziation +anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der sozialen +Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses politische +Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der Zivilisation und +ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich bisher die +Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer entzogen hätten. +Man glaube noch an die Vervollkommnung, _während die Zivilisation +bereits rapide ihrem Untergang entgegeneile_. + +Wie der menschliche Körper so besäßen auch die Gesellschaften ihre +vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich unterscheidenden +Lebensalter, die einander sich folgten. Man könne weder den +Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft beurtheilen, so +lange man nicht die sehr unterscheidenden Charaktereigenschaften zu +bezeichnen vermöge, die eine bestimmte Gesellschaft besitze. Unsere +Naturwissenschaftler seien, wenn es sich um die Unterscheidung +ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr skrupulös, warum seien +dies nicht auch unsere Politiker und Oekonomisten? Warum folgten +sie nicht dieser naturwissenschaftlichen Methode, wenn es sich um +die ihnen so theure Zivilisation handele, um die von jeder der vier +Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? Es sei dies das +einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch vorwärts schreite oder +im Niedergang sich befinde. + +Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die +einer jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende: + + / 1. Phase: KINDHEIT. + | Einfacher Keim . . . . . . . Monogamie. + | Zusammengesetzter Keim . . . Patriarchalische oder + | adelige Feudalität. + | Angelpunkt der Periode: . Bürgerliche Rechte + | der Frau. + Auf- | Gegengewicht . . . . . . . . Föderation der großen +steigende / Vasallen. + \ Ton oder Stimmung . . . . . Ritterliche Illusionen. +Schwingung | + | 2. Phase: JUGEND. + | Einfacher Keim . . . . . . . Städtische Privilegien. + | Zusammengesetzter Keim . . . Pflege der Wissenschaften + | und Künste. + | Angelpunkt der Periode: . Befreiung der Arbeit. + | Gegengewicht . . . . . . . . Repräsentativsystem. + \ Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über Freiheit. + + MITTAGSPHASE +Keim . . . . . . . . . . Seeschiffahrtskunst, experimentale Chemie. +Charakter- + eigenthümlichkeiten . . Enttäuschungen, Staatsanleihen. + + / 3. Phase: MANNBARKEIT. + | Einfacher Keim . . . . . . . Handelsgeist, Fiskalismus. + | Zusammengesetzter Keim . . . Aktien-Gesellschaften. + | Angelpunkt der Periode: . Monopol der Seeherrschaft. + | Gegengewicht . . . . . . . . Handels-Anarchie. + Ab- | Ton oder Stimmung . . . . . Oekonomische Illusionen. +steigende / + \ 4. Phase: ALTERSSCHWÄCHE. +Schwingung | Einfacher Keim . . . . . . . Leihhäuser. + | Zusammengesetzter Keim . . . Unternehmerschaft in + | bestimmter Anzahl. + | Angelpunkt der Periode: . Industrielle Feudalität. + | Gegengewicht . . . . . . . . Monopolwirthschaft. + | Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über + \ Assoziationen. + +Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der +Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen +können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der +zivilisirten Gesellschaft sehr treffend. + +Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen +Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen +gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere +auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt +seien. So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine +unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der +Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten +Phase, die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und +Frankreich befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der +dritten Phase und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie +bereits besitze. Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene +Stagnation; das Genie fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit +wie ein Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine +neue Idee zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere +aber der fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die +vierte Phase zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht +zum Guten sei. Es handele sich darum, einen Zwischenzustand zu +schaffen, der die Zivilisation in den Garantismus überleite und +diesen dem Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären +Geist, der sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere +der zweiten Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine +Republik, nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich +sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit +begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während das +wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte +Phase, die Altersschwäche, risse. + +Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau +prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft befinde +sich in einem »erhabenen Flug«, eine Illusion sei, denn in Wahrheit +befänden wir uns auf dem Krebsgang. »Es ist der Fortschritt nach +abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre weißen Haare, die +sie mit sechzig Jahren besitzt, als Vervollkommnung der +Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. Darüber wird +Jeder mitleidig lächeln. _Wie der menschliche Körper so +vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn sie altert_.« + +Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie +sich dem Wucherer überließen, _und es sei die That unseres +Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen_. + +Man sage, »das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine bleibende +Form angenommen.« Das gelte auch von den fiskalischen Anleihen. Sie +blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn »man muß essen, +wenn man an der Krippe sitzt.« _Welche Partei auch immer herrsche, +die Finanz halte stets die Zügel des Gefährtes, damit der Marsch +nicht gegen ihr Wirthschaftssystem sich richte_. Was werde also das +Ende sein, dem alle unsere mit Schulden überladenen Reiche zueilen, +wohin uns die Oekonomisten geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man +könne unsere Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen, +von dem die Spötter sagten: »Er führt nicht das Pferd, das Pferd +führt ihn.« + +Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner +Zeit vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr +richtig erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht, +ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden kann, +muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe wird ihm +der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die +Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen Finanzmächte, +die schließlich weit mehr als die Minister selbst die +Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze dekretiren, +Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse paßt. Und +damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die Regierung jeder Zeit +durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung bewußt bleibe, damit +ferner die nöthigen Einnahmequellen in Form von Steuern aller Art +zur Verzinsung und Amortisirung der Schulden vorhanden seien, +bedarf man des Repräsentativsystems, durch welches die Drahtzieher +der hohen Finanz den noch fehlenden Einfluß auf die ganze +Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen und den Staat zu einer +melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch solche Manipulationen +ist heute die Regierung und Verwaltung Frankreichs in den Händen +der großen Finanzmächte, die es in die Abenteuer von Tunis und +Tonkin stürzten, durch Privilegien und Staatssubventionen an die +großen Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften das Volk berauben, +durch die Ueberlast der indirekten Steuern es brandschatzen und +plündern. Durch die gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin +gekommen, wo es heute steht, hat man die Türkei zu Grunde +gerichtet, Ungarn binnen zwei Jahrzehnten an den Rand des +finanziellen Untergangs gebracht, Egypten ruinirt. Wie der kleine +Bauer und der in die Klemme gerathene Grundbesitzer die +finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen gegen genügende +hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld zu borgen, oft +mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des Gläubigers +rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf ihre Ernten legt, +ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie zwingt, das ganze +Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, zu verrichten, so +sind die Staatsangehörigen überschuldeter Reiche die Bienen, die +durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der Finanzaristokratie die +Kisten und Kasten füllen müssen. Das ist heute, wo die +Staatsschulden in fast allen Staaten in die Milliarden gewachsen +sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht aufdrängende +Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das Staatsschuldenwesen noch in +den Kinderschuhen und es war ungleich schwerer, seinen Charakter zu +erkennen als heute. + +Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier +denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort +ausdrückt: »Die großen Diebe läßt man laufen, die kleinen hängt +man.« Aehnliche Charaktereigenschaften könne man noch eine Menge +anführen. So überlasse man sich bitteren Klagen über auffällige +Thatsachen wie die, daß die Tugend und das Gute stets lächerlich +gemacht, übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die +Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig die +Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen Resultate +zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, damit man +einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte dieser +abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte. + +Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil +man sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine +von diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die +Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der +Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein +ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein +Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der +industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel +erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die +Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer erlaube +sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem +öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch stünden, er +erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der »Freiheit«. Das +komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien keine Ahnung +habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei die +indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der Arme +könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, wenn er die +Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den gerechtesten +Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch Appellation und +Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben gezwungen. Man +gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, aber nicht dem Armen, +denn »er könnte zu viele Prozesse haben«. Die Gesellschaft sei +überfüllt mit Armen, die unter dieser Handhabung der Gerechtigkeit +litten. Aber diese Gesellschaft sei eben ein falscher Kreisschluß +(»cercle vicieux«), das sei ihr wesentlichster Charakter. Die +Mängel der Zivilisation ließen sich in zwölf Hauptpunkte +zusammenfassen. 1. Eine Minorität, die Herrschenden, bewaffnet +Sklaven, die eine Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten. +2. Mangel an Solidarität der Massen und dadurch erzwungener +Egoismus. 3. Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und +ihrer sozialen Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich +selbst. 5. Die Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik +wird die Ausnahme als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste +und hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8. +Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige +Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges +Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer +wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12. +Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der +Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen herbeigeführt, +müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende des Jahrhunderts +klimatische Exzesse erzeugen. + +Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu erörtern. Er +fragt: »Woher kommt diese Bewunderung der Modernen für den Handel, +welchen doch im Geheimen alle Klassen außer den Handeltreibenden +verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil für die Kaufleute, +die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? Die Antwort ist: sie +besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht (England) übt über +die industrielle Welt die Tyrannei des Handels-Monopols aus.« Auch +habe die politische Oekonomie die Analyse des Handels nicht zu +machen gewagt und so komme es, daß die soziale Welt nicht wisse, +was eigentlich das Wesen des Handels sei. »Der Handel ist die +schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf dem man sie +angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den Regierungen wie +von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen weder der Adel noch die +Grundeigentümer die Handeltreibenden mit günstigen Augen an, diese +Parvenüs, die in Holzschuhen angekommen sind und bald mit einem +Vermögen von Millionen prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer +begreift nicht die Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern +vermag; welche Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes +widmet, es gelingt ihm schwer, sein Einkommen um einige Tausend +Franken zu steigern. Er wird perplex über die großen Profite dieser +Agioteure, er möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese +ihm fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber +da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern +ihr Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel +und die Großartigkeit des Handels (»le commerce immence et +l'immense commerce«) zu verdächtigen. Welch schöne Phrasen sind +nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht man mit +Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, dem +Gleichgewicht des großartigen Handels und der Großartigkeit des +Handels, von den Freunden des Handels, von dem Wohl des Handels'.« +Für einen unglücklichen Philosophen gebe es nichts Imposanteres, +als wenn eine Kohorte von Millionären mit tiefsinnigem Aussehen zur +Börse wandelten. Man glaube die römischen Patrizier über dem +Schicksal Karthagos brüten zu sehen. Speichellecker der Agiotage +malten die Kaufleute und Börsenmänner als eine Legion von +Halbgöttern; Jeder, der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine +Legion von Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie +hätten allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen +zu Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen +Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten +gegebenen Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale +Körper den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und +wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den +Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde +richten. + +Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des +Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen +losmachen müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer +unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse liefere. Man +dürfe die Handeltreibenden nicht mit den Manufakturisten +verwechseln.[21] Die Hauptschacherer, die Rohmaterialienhändler +sännen nur, wie sie Manufakturisten und Konsumenten plündern +könnten. Zu diesem Zwecke unterrichteten sie sich über die +vorhandenen Vorräthe, kauften sie auf, hielten die Waaren zurück +und verteuerten sie, um so auf Fabrikant und Bürger den Druck +auszuüben. Die sog. Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und +Wucherer als tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende +Schwätzer, abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien. +Den schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in +der tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an +Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar +zuvor auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen, +welche die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun, +welches sei die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war +die Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer +Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit +(»refoulement pléthorique«) und eines Gegenschlags durch verfehlte +Spekulation. + +[Fußnote 21: Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die +Fabrikanten wie diejenigen Handeltreibenden verstanden, die +entweder in eigener Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung, +aber ohne Anwendung von Dampf und Maschinenkräften -- die damals +erst im Entstehen waren -- oder, wie dies heute noch in manchen +Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z.B. in der +Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der +Hausweberei, Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc., +auf dem Wege der Hausindustrie produziren lassen, wobei der +Kaufmann die Rohmaterialien liefert. So weit Massenerzeugung in +Betracht kam, war zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich die +Manufaktur die maßgebende Produktionsform. Unter den +Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits erkannt +haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, sondern +auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- und +Bodenwucherer etc., kurz Alle, »welche ohne zu säen ernten«.] + +Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier +der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, würden +viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt aufnehmen könne. So +sei es auch hier gewesen. Wenn man die Wilden, die Neger und die +spanische Bettelbevölkerung in Abzug bringe, zählten die beiden +(Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 Millionen konsumtionsfähiger +Bewohner, man habe aber für 200 Millionen konsumtionsfähiger +Menschen Waaren zugeführt. Daher die Stockung und der Rückschlag. +Im Jahre 1825 hätten die französischen und englischen Hosenhändler +Waarenmassen zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten, +so entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe, +Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser +Ueberfülle (»pléthore«), verursacht durch die Unklugheiten des +Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets über das Quantum +der absatzfähigen Produkte den größten Illusionen überlasse. Was +könne man auch von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier +verblendeter Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die +Grenzen der Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen? + +»Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die +äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken hervorzurufen, so +trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand dazwischen, um das +Uebel zu vervielfachen. Die Baumwollenaufkäufer in New-York, +Philadelphia, Baltimore, Charleston etc. hatten im Einverständniß +mit ihren Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und +Paris sich aller Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten +und andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die +Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier +Amerikas wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß. +Die durch die »Crise pléthorique« verursachte Preisschleuderei +zwang die Fabriken zu feiern und brachte die Baumwollenspekulanten, +die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen Baisse sich +gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten Machinationen in +Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in Europa. Das ist +der einfache Hergang der so räthselhaft erschienenen Ereignisse. +Journale und Schriften, die darüber sich äußerten, verfielen alle +in denselben Irrthum. Nach ihnen war nur eine Ursache vorhanden: +die Unordnung, welche durch die beiden gleichzeitig sich +vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden war. Niemand +gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte sich vielmehr, +die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, als +unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen durch +Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, noch daß +die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen Rohmaterials die +Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte verrückte +Verschwendung, auf der anderen vexatorische Unterschlagung. Es gab +also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im Mechanismus. Das ist +der Handel, das Ideal der Dummköpfe.« + +Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so +wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen, +und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so +habe er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten +aufgestellt. Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte +zeichnen, man müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, die +der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil +ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: Börsenspiel, +Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, Parasitenthum, Mangel an +Solidarität, fallendes Gehalt und fallende Löhne, Theuerung, +Verletzungen der Gesundheit,[22] willkürliche Festsetzung der +Preise, legalisirte Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles +Geld. + +[Fußnote 22: Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und +Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und +Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft und +Licht der Bevölkerung schmälere.] + +Fourier spricht dann von der »Absonderung« der Kapitalien, worunter +er die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden +Kapitalmangel auf der anderen Seite versteht. Die +Kapitalkonzentration erzeuge auch den Ueberfluß -- an +Bodenerzeugnissen durch den Handel --, der den Preisdruck für die +Erzeugnisse des Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften +sich nur auf Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und +Kaufleute beklagten sich häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren +Fonds beginnen sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der +Landmann es kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5 +Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die +damit verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser +Vampyr, der das Blut aus dem industriellen Körper sauge, +konzentrire Alles in seine Taschen und zwinge die produktive +Klasse, sich dem Wucherer zu überliefern. Selbst die Jahre des +Ueberflusses würden für die Agrikultur eine Geißel, wie man das +1816 und 1817 gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und +zwang den Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr +reiche Ernte brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in +Folge dessen zum niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger +zu bezahlen. So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen +Kapitalien, um sie in den Händen der Handeltreibenden zu +konzentriren. Der Ackerbauer seufze, gebrochen durch den +Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der Ernten, deren Werth weder bei +dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm gehöre, weil die Konsumtion +auf umgestürzter Basis ruhe, »_denn die Klasse, die produzirt, +nimmt an der Konsumtion nicht Theil_«. So würden Eigentümer wie +Bodenbebauer oft gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel, +herbeizuwünschen. Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im +Juni in allen weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit +erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.[23] + +[Fußnote 23: Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute +geschrieben sein. Sprach doch im Herbste 1885 die königl. +sächsische »Leipz. Zeitung« es offen aus, daß man heut zu Tage im +Zweifel sei, ob man eine gute Ernte wünschen dürfe. Und doch +veranstaltet man jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete +und feiert Dankfeste.] + +»Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, daß das +gegenwärtige System des Handels, wie der ganze Mechanismus der +Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie will man sich +in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die +Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt? +Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren +alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels +zu beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses lügnerischen +Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß man so lange sich von +einem System dupiren ließ, das schon der Instinkt uns denunzirt, +denn alle anderen Klassen hassen den Handel.« + +»Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen +ist, genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die Betrügerei +und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine Höhe erreicht, daß +man die Einführung des Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel +gegen _diesen_ Handel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde viel +weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie würde zu +einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche Produkte geben, +während es heute fast unmöglich ist, im Handel etwas natürlich zu +erhalten.« + +»In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben +gefälscht ist,[24] keine Tasse reiner Milch oder ein Glas reinen +Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind auf die Spitze +getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt nichts übrig, +als das Monopol.« Fourier setzt freilich hinzu, daß dies durch +Entdeckung seines sozietären Systems und dessen Einführung unnütz +werde. + +[Fußnote 24: Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus +Runkelrüben, den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis +dahin nur Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des +Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr +englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung +aus Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker bürgerte +sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die +Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine Fälschung des +natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute fast nur aus Runkelrüben +bereiteten Zucker kennen, denken darüber anders. Schließlich ist +kein auf künstlichem Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog. +Naturprodukt gegenüber als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt, +daß über die Art seiner Entstehung kein Zweifel besteht und es dem +sog. Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist. +Wir werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile +ablegen müssen. Der Verfasser.] + +Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über die Art, wie die +öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und wie der Bankerott +selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf der Bühne werde ein +Falliment mit fünfzig Prozent als Lustspiel behandelt. Wenn aber +ein Bankier die anvertrauten Depots von Ersparnissen zahlreicher +Dienstboten veruntreue, die diese während zwanzig Jahren mühselig +zusammengescharrt, so sei das sicherlich keine lächerliche Sache, +sondern ein Verbrechen, das zu bestrafen sei. + +»Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur +ist eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster +auf's Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben, +damit die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine +in Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen +straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie +speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der +nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster +als unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner +Favoriten, der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran, +ihre Aufgabe, die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen +nach einem Heilmittel, zu erfüllen.« + +Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt, +nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei +denen die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die +Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete +Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, bei +dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten Neigungen, +bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum Geschäft unbrauchbar +machen u.s.w., die Ursachen, welche die Katastrophen erzeugen. Er +könne, setzt er weiter hinzu, recht amüsante Kapitel zu den Details +aller Arten von Bankerotten liefern, er treibe das Geschäft seines +Vaters und sei im Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen +Augen die Infamien des Handels gesehen und beschreibe ihn nicht, +wie die Moralisten vom Hörensagen, die den Handel nur in den Salons +der Agioteure kennen lernten und einen Bankerott als etwas ansähen, +das man sich in guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott, +namentlich wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe, +werde unter ihrer Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den +die Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß er +sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den +Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, eine +unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der Zeiten, +widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall herbeigeführt +sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der Briefe, mit welchen ein +Fallissement angezeigt werde. + +»Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen +ihre Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert +sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so +würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle ihrer +Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur +Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals +würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden ihrer +Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein Ungeheuer sein, +wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um sie wieder +zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede rechtschaffene +Seele. Dazwischen interveniren einige moralische Spitzbuben, die +man bestochen hat, und die gegen Jedermann hervorheben, wie schön +es sei, in einem solchen Falle seine Gefühle walten zu lassen und +daß man dem Unglück Erbarmen schulde. Diese werden durch einige +hübsche Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die +Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese +Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr bewegt +und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen einen +Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er wieder +ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die geheiligten +Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten beraube. Ist die +Situation günstig, so schlägt man den Gläubigern weiter vor, daß +sie, um ihr Gewissen zu befriedigen und um der edlen Eigenschaften +einer Familie willen, die so würdig der Achtung und so eifrig für +die Interessen ihrer Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung +bringen und statt auf siebzig auf achtzig Prozent verzichten. +Einige Barbaren wollen widerstehen, aber die im Saale geschickt +vertheilten Vertrauten übernehmen das Geschäft der heimlichen +Anschwärzung der Widerstrebenden, die sie als unmoralisch +bezeichnen. Dieser, tuscheln sie, besucht nie die Kirche und hat +folglich kein Erbarmen; Jener unterhält eine Maitresse; der Dritte +ist ein Geizhals und Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal +fallirt und besitzt ein Herz von Stein, das für seine unglücklichen +Mitmenschen ohne Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die +so bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den +Vertrag. Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß +man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die +Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben sein und +dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven Familie +geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung für die Tugenden +dieser würdigen Familie, die man als ein Muster betrachten müsse, +nach Hause.« + +So vollziehe sich ein »gefühlvoller Bankerott«, bei dem die +Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; werde +mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies ein +rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß wer sich mit +einer so mäßigen Brandschatzung seiner Gläubiger begnüge, nicht +nöthig habe, außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in +Bewegung zu setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele, +so sei ein Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent +einstreichen wolle, stets sicher. + +Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten sich +die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen über die +Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das Wesen der freien +Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht gehabt, zu sagen: +Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. Napoleon sei +eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, daß jede Schädigung, +die eine Regierung gegen den Handel versuche, von diesem auf die +arbeitenden Klassen abgewälzt werde. Sobald der Handel bedroht +würde, zöge er die Kapitalien zurück, säe er Mißtrauen, hemme er +die Zirkulation. Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an +keinem Punkte fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle +Regierungen quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu +beugen. Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs +(1810) gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht, +indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen wollte; er +sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und habe schmählich +seinen Platz räumen müssen. Man müsse also Entdeckungen machen, um +gegen diese kommerzielle Hydra kämpfen zu können. Schließlich sei +nichts leichter, als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man +die Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal +Widerstand versuchen. + +Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung für die +Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen des +kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das +System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier, +der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel +vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung gemacht +worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so unmöglich ist, wie +alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. Scholz und Herrn v. +Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu krümmen. Der Kapitalismus +mag einwilligen, diesen oder jenen Industriezweig verstaatlichen zu +lassen, und er wird dies thun, wenn er dabei seine Rechnung findet, +aber nur dann: doch den Versuch der Monopolisirung eines Gebietes, +wie es der Handel ist, würde er ebenso auf Tod und Leben bekämpfen +wie eine Verstaatlichung der gesammten Industrie, und er würde +siegreich bleiben. Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen +Organisation und Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden +Faktoren, den Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der +kapitalistischen Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter +gehen, als sein _fiskalisches Interesse_ ihn nöthigt, und was immer +er verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form +verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen +gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den +leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der +alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von 1789 +und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien +die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand +kein Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur +der Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller +Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und handeltreibende +Bourgeoisie die Staatsgewalt und die Staatsgesetzgebung für ihre +spezifischen Interessen auszunutzen suchen. Diese Differenzen +werden dauern, so lange es eine bürgerliche Gesellschaft giebt, sie +werden immer nur quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller +Natur sein. _Die Existenz des Staats erfordert die +Aufrechterhaltung der Klassengegensätze_; er kann sie -- und das +liegt in seinem Interesse -- zu mildern versuchen, aufzuheben +vermag er sie nicht, _weil er sich selbst damit aufheben würde_. +Die Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft _erzeugte +den Staat_, die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn +verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den +Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets +vorhanden, _ist das Gesetz der Existenz des Staates_. Wir hoben +bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen +Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste, +Monarchen u.s.w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen +Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr -- also +ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, überflüssig. +Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten auch nicht mehr -- also +wären Justiz, Polizei, Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die +Steuerbehörden wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos. +Die Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx +ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich wären sehr +einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen Austausch und die +gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung großer gemeinsamer +Unternehmungen, auf die Mittheilung und Unterstützung von +Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen aller Art für das +praktische Leben, für Wissenschaften und Künste. Das sind Dinge, +wozu schließlich eine Staatsgewalt in unserem Sinne nicht nöthig +wäre. Denn diese Staatsgewalt ist eine repressive und befehlende +Gewalt und nicht eine blos ausführende und anordnende Instanz; ihre +Hauptaufgabe besteht darin, den Gegensatz innerhalb der +Gesellschaft niederzuhalten, Ausbrüche nationaler Streitigkeiten +niederschlagen und alle Diejenigen, welche, sei es individuell, sei +es korporativ, die bestehenden Staatsnormen verletzen, zur +Verantwortung zu ziehen. Für alle diese Leistungen braucht die +Staatsgewalt die nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee, +Gerichte, Polizei, Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck +fielen auch die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx +regieren wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren +Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das +bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter +konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur +wenige -- England, Italien, Belgien -- haben, anweist; ihre +Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System +unmöglich sein. + + * * * * * + +Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier +auf diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt +streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft +(»greffée«) sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum Niedergang +der dritten Phase treiben. + +Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit +erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und +Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und +den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde weder +ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte +Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf +das neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu +pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und +eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte +beherrschen zu können. + +Andererseits seien die Champions des »erhabenen Flugs« unserer +Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von +Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der Römer +stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen Menschenrechte, in +Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte Jahrhundert +Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem Mischmasch +der zweiten und der dritten Phase machten. + +Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach der +vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht rückwärts gehe. +Wenn beide Parteien sich auszusöhnen und zu vereinigen vermöchten, +könnte die Zivilisation in die vierte Phase aufrücken, die, wenn +sie auch nicht das eigentliche Glück bringe, doch gegen die +früheren große Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen, +beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, um die +öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege restauriren. + +Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus +welcher der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze +sich mit Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln +zur Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus, +der ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen +Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht +durch die Chimären, welche wir uns über das Repräsentativsystem +machten, was selbst Lobredner des Liberalismus, wie Benjamin +Constant, anerkannt hätten. Solche Uebel seien: die Korruption der +Volksvertreter durch die Bestechungen; die Aufschreckung der Höfe, +die von Sinnen kämen durch die Angst, die ihnen der falsche +Liberalismus einflöße; das Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden +ihrer Unabhängigkeit aus Furcht vor dem Liberalismus, »diesem +Schlimmsten, was ihnen begegnen könne«; (heilige Allianz, Kongresse +von Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf +diese und ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die +Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger in Folge +der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in Folge des +Kampfes der Regierungen gegen die Völker u.s.w. + +Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des +Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems +bloslege; er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch +das Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, daß +man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen müsse. Er +nenne den Liberalismus falsch, weil er einen politischen +Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die Herrschaft der +Oligarchie erstrebe _und immer die seinen Versprechungen +entgegengesetzten Wirkungen erzeuge_. Die Liberalen suchten sich zu +rechtfertigen, indem sie sagten: »Seht Ihr nicht, daß wir ohne das +Repräsentativsystem und ohne unsere Opposition in den drückendsten +Despotismus fielen?« Das gebe er zu, aber es sei nicht weniger +gewiß, daß, indem die Liberalen durch ihre Taktik den +Rückschrittlern vor den Kopf stießen und sie immer mehr +erbitterten, sie diese immer mehr dem Obskurantismus in die Arme +trieben. So arbeiteten die Liberalen indirekt gegen sich selbst. +Ueberdies sei sicher, daß dieses sogenannte liberale System +keineswegs sehr positiv operire, _der liberale Geist sei für alle +großen Probleme sozialer Verbesserung durchaus steril, er bringe +immer nur Debatten zur Welt, nie eine neue Idee_. + +Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend +gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht. +Er hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst, +weil er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen +vor den Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit +die vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann +aber keine Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und +Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen +der Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und +einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende +Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten Parteien eine +Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die Verdrängung der alten +Parteien und ihre Hinauswerfung aus der innegehabten Position +bedeutet. Darüber täuscht sich keine Partei, die an der Herrschaft +ist, und namentlich dann nicht, wenn ein unversöhnlicher +prinzipieller Gegensatz zwischen den kämpfenden Parteien besteht. +Es ist daher thöricht, dem Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu +machen, denn nicht um diese, sondern um seine wahren Bestrebungen +handelt es sich. + +Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein Bündniß des +Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus ein günstigeres +Resultat für den Fortschritt der Gesellschaft ergeben hätte. +Deutschland, das heute ähnliche Kämpfe der herrschenden Klassen +unter sich durchzumachen hat, wie das Frankreich der zwanziger und +dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge +dafür, wohin der Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft +kommt, wenn der Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet. +Indessen wir wissen heute, daß _alle_ wie immer gearteten +politischen Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind, +und daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten verbünden, sie +selbst nur einen Waffenstillstand schließen, weil ihnen der dritte +die streitige gemeinsame Beute zu entreißen droht. Es ist der alte +Kampf um das bevorzugte Dasein, den die Menschen im Gegensatz zu +den »unvernünftigen« Thieren führen, indem jeder sich selbst und +alle sich gegenseitig zu belügen und zu betrügen suchen, sich +vorredend, es seien die »Ideen« und nur die »Ideen«, für die sie +stritten und kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit, +daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und Interessenkämpfe +immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es der moderne +Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt. + +Fourier fährt fort: + +Die Stehenbleibenden (»immobilistes«) seien eine ebenso lächerliche +Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die soziale Bewegung weise jeden +Stillstand zurück; sie strebe zum Fortschritt, dies sei ebenso ihr +Bedürfniß wie, daß Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu +verderben. Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei, +vorwärts zu marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer +höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur +Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren +Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer +Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in +ihr, wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir +befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in +dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen +Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute +strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir besäßen zu +viel Lebensmittel für eine auf der sozialen Stufenleiter +gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene Gesellschaft, und +dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im sozialen Mechanismus keine +natürliche Anwendung findend, überlaste und verderbe ihn. Daraus +resultire eine zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große +Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der +Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das zwischen +den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen Stufenleiter +stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir besäßen zu viel +Industrie für eine zu wenig vorgeschrittene noch in der dritten +Phase zurückgehaltene Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß +gedrängt werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese +Erscheinungen des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen +er die schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien +von der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu +Tage liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen +zeigen. + +Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von +vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der +Gesellschaft zur Folge haben müßten. + +Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte würden zu +Abgründen, die alle Hülfsmittel verschlängen, welche die Reichen +zur Agiotage verleiteten, so daß diese mehr und mehr die Agrikultur +verschmähten. Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es +entwickele sich ein System der Erpressung und es entstünden die +indirekten Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der +Zukunft den Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein +jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute +reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen. +Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch +mit England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es +ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung einer +wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende Angriffe auf +das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese durch die +Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese Angriffe würden für +alle Parteien zur Regel. Nachdem Frankreich -- in der großen +Revolution und unter Napoleon -- konfiszirt habe, ahmten Spanien +und Portugal das Beispiel nach und das werde immer schlimmer +werden, weil es heute nur Fortschritt in der Unordnung gäbe. Es sei +eine Charaktereigenschaft der Gesellschaft, die in die Barbarei +zurückgreife. Fünftens: Beseitigung der Zwischenkörperschaften; +also derjenigen Institutionen, welche durch die straffe +Zentralisation, die der Konvent schuf, beseitigt wurden: +Provinzialstände, Parlamente, Magistrate und Korporationen. Dank +ihrem Sturze befinde man sich vor der jährlichen Vergrößerung des +Budgets um fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune +an Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die +Lebensmittelsteuern (»octrois«), welche die Industrie schädigten, +die Bevölkerung mißstimmten, zu Steuerhinterziehungen provozirten +und den ganzen legalen Handel vergifteten, zu entschädigen +versuche. Siebentens: Verdorbenheit der Rechtsprechung; man +vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache es ihm unmöglich, +und gleichzeitig rufe man, durch die immer größer werdende Theilung +des Eigenthums und die Häufung immer ohnmächtiger werdender +Gesetze, das Wachsthum der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben +todte Buchstaben für einen plündernden Lieferanten, der 76 +Millionen gestohlen habe, und verurtheilten einen armen Teufel, der +einen Kohlkopf stehle, zum Tode. + +Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den Ausgang +zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im südlichen +Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch betrügerische +Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen ergaunerte, wurde +freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, der Kohl +gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt. + +Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle +besserer Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den +Mangel gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft +das Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man +könne keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen +basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine +Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu seiner +Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen der +großen Kosten, theils wegen des Streits über die unterzulegenden +Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Neuntens: +Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege hervorzurufen drohten. +Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs innerer Kämpfe, die Folge +des Nährens der Unzufriedenheit durch die Unwissenheit der sozialen +Politiker, die kein Mittel der Aussöhnung und des wirklichen +sozialen Fortschritts zu entdecken vermöchten. Elftens: Die +Vererbung; die Gewohnheit, die durch die besiegte Partei einmal +eingeführten Uebel beizubehalten: Lotterien, öffentliche Spiele und +andere verhängnißvolle Mittel der Fiskalität. + +Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen +Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles +Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den Seeräubern, um sie zu +beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und den Negerhandel +unterstützte, betrachtete Fourier als die zwölfte verhängnißvolle +Charaktereigenschaft der Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die +Dinge noch so, daß die meisten europäischen Mächte, Mangels der +nöthigen maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der +nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines +jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen +suchten. Einen solchen Vertrag schloß z.B. Oesterreich mit der +Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen Seeräuberstaaten, +ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von Venedig auch dessen +Flotte erhielt, -- 8 Linienschiffe, 7 Fregatten etc. -- ließ diese +buchstäblich verfaulen und die im Bau begriffenen Fregatten +unvollendet. Der bankerotte Staat hatte keine Mittel, eine +Kriegsflotte unterhalten zu können. Der Sklavenhandel, durch +christliche Mächte begünstigt, blieb noch bis in unser Zeitalter +ein gewinnbringendes Geschäft und eine Schmach unserer Kultur. + +Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des +Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der Industrie an +sich reiße, die Autorität mit den Regierungen theile und überall +die Raserei für das Spiel verbreite. Vierzehntens: Begünstigung des +Handels trotz seiner Verschlimmerung. Marseille baue für die +Seeräuber Schiffe zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den +gefangenen Christen die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes +besitze Fabriken in denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der +Neger hergestellt und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt +würden; andere Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos +(Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich +schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit zunehme, um so +mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: Industrielle Skandale: +Fortschritte in der Art der Verfälschungen und der Tolerirung der +Verfälschung der Lebensbedürfnisse; Zunahme der aus drückendem +Ueberfluß entstehenden Krisen; unterwerthige Ueberlassung der +Ernten unmittelbar nach ihrer Einbringung gegen vorausgegangene +Lieferung anderer Bedürfnisse, also zunehmende Abhängigkeit des +Bodenbebauers vom Kapitalisten. Sechszehntens: Handel mit weißen +Favoritinnen. Man lasse eine solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst +solchen Mächten zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher +nicht hatten, und widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten. +Siebzehntes: Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende +Spionage, die bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime +Angeberei; augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der +niedrigen Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel. +Achtzehntens: Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn +bekämpften, adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen +anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein +geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das wenige +von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch +gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der +Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die +Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und +verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische +Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner +ihres Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum +Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung +beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche +Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu +unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen Tugenden +geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der +Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes +Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung +gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche +und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme; +Guerillakampf, Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern. +(Erinnerungen an Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.) +Zweiundzwanzigstens: Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die +allgemeine Wehrpflicht und das Massenaufgebot, wie es Preußen +bereits besitze und es Rußland in höherem Maße nachzuahmen +versuche, einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen +Reichen eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus +Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls +anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die +Taktik der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die +Räubereien der Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei +nahezulegen, diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den +Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen +Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu +der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der +Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus +Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier +wachsenden Vervollkommnungen. + +Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig +Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder +Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder +nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine +Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind +verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf unserem +Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck gewachsen. +Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der scharfen +Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier aber ist +die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die er getrennt +von den übrigen hervorhebt und als die »schmachvollste« aller +bezeichnet: »die Zulassung der Juden zu den bürgerlichen Rechten«. + +Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des +Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die unproduktiven +Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische Nation sei nicht +zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen Souverän, +erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden Betrug für +lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu täuschen, +die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese Prinzipien +nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden verdankten ihre +Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den Philosophen. Man +sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen er sich noch +weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den Angriffen +unserer heutigen Antisemiten. + +Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht +unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur +Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen sein, wenn +sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig sich von der +dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre Organisation auf +der sozialen Stufenleiter um so viel höher ausgebildet hätte als +ihre Industrie sich steigerte; so habe sie für die dritte Phase zu +viel und für die vierte zu wenig Entwicklung. Die Vollsaftigkeit +(»pléthore«) sei nur ein Zufälliges, die durch eine andere +Organisation der sozialen Ordnung eine andere und gesundere +Vertheilung erlangte. Es handele sich also darum, daß wachsende +Industrie und Verbesserung der sozialen Organisation Hand in Hand +gingen, damit diese kolossale Industrie regulirt und ausgeglichen +werden könne, eine Industrie, die zu einem politischen Fleischbruch +(»sarcocéle politique«) geworden sei und es bliebe, so lange wir in +der dritten Phase verharrten. + +Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich +die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt, +welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde +entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten +einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die +Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, _daß sie aber in +demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie der +Fortschritt der Industrie sich entwickelte_. Darum gelte es, einen +anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten +(»moeurs«) gemäß operire und aus dem Fortschritt der Industrie die +Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu diesem Ziel zu +streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung zuzulassen, +behauptend: »der natürliche Sinn des Wortes Zivilisation ist die +Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es setzt ein Volk voraus, +das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung des bürgerlichen +Lebens und der sozialen Beziehungen, die billigste Vertheilung der +Gewalt und des Glücks aller Glieder der Gesellschaft.« + +Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser +Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei, +ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und +ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen die +»billige Vertheilung« und das »Glück« der Arbeiter sehen könne; +jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, aus denen sich das +Auditorium des Professors zusammensetze, als Vorwurf dienten. Wäre +es wahr, daß die Zivilisation jede Vervollkommnung, jeden +Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, dann wären auch die +Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in China, Japan, Persien, +Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber zwischen diesen +beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie analysire, einen +mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt dürfe aber nicht +blos die Industrie betreffen, er müsse auch die Sitten und den +ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft umfassen, zwei +Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu verschlechtern wisse. +So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, Künste, Industrie, +Studien, welche auch die Barbaren begonnen und sehr weit getrieben +hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung zu bringen. Habe die +Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann bleibe ihr nichts anderes +übrig, als zu verschwinden und einer anderen Gesellschaft Platz zu +machen, welche, indem sie Sitten, sozialen Mechanismus, Industrie +und Wissenschaft immer mehr vervollkommne und verfeinere, sie auf +eine Höhe bringe, deren die Zivilisation nicht zur Hälfte fähig +sei. + +»Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen und +Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das in seinem +Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.« + + * * * * * + +Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die +Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere +Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen +Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein +Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der +selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze. + +Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit +ihren enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei +Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen sanft +zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch +ließen sich beide Methoden vereinigen. + +Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und +rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan von +1808-1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die ganze +arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in Staatsfarmen +organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl der ganz Mittellosen +ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung betrage und auf je vierhundert +Familien vierzig arme Familien kämen. Es bildeten also je +zweihundert Personen die Bewohner einer Staatsfarm, die ihre +nöthigen Gebäude, Stallungen, Vieh, Gärten, Werkzeuge u.s.w. +erhielten. Diese Zahl sei groß genug, um eine zweckmäßige und wenig +kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives +Unternehmen zu begründen. + +Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution der +fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht +Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern +eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie eine +von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat leistet, +eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: dem Staat +eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten die +Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe +derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle in die +Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber neben der +Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden verwendet +werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen allmälig sehr +hoch werden und einen erheblichen Theil des Unternehmergewinns +absorbiren würden. Sicher ist von allen utopistischen Vorschlägen +Fourier's dieser Vorschlag der utopischste. + +Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer vorzüglichere +Produkte lieferten, auch industrielle, würden sie durch die Güte +ihrer Waaren, wie die Reellität der Preise die private Konkurrenz +immer mehr in's Gedränge bringen und einen Unternehmer nach dem +andern zur Geschäftsaufgabe zwingen. Damit dehnten sich die Farmen +immer mehr aus, die Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien +zufließen, ein Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch +Verkauf oder durch Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden +schließlich selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß +führe dann zur Bildung der Phalanxen. + +Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem +von Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle +mit der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die +Ackerbaugenossenschaft legt. + +Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu +kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die Gründung der +Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die Herrscher und die +Klassen müßten noch geboren werden, die im Besitz der Macht und +aller Genüsse freiwillig aus rein philanthropischen Gründen, um der +Masse der Unbemittelten und Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte +Stellung opferten. Wer in der Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm +leuchtet nicht ein, daß seine Stellung eine ungerechte sein könne. +Ein Vorschlag, wie der Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum +Selbstmord gleich; diesen begeht nicht einmal der Einzelne +freiwillig, wie viel weniger eine Klasse, die sich im Besitz der +Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr Recht befindet. -- + +Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und +Spekulationen über Einrichtungen und Zustände der +Entwicklungsperioden, welche der Zivilisation vorausgegangen sind, +um an der Hand derselben nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen +über die Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere +und Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie +unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der +ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus +durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen -- woher er +diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er --, aber heute auf +durchschnittlich 63 pariser Zoll zurückgekommen sei, werde in der +Harmonie sich wieder zur Höhe von 73½-84 pariser Zoll entwickeln. +Alle dem Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in +demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der Barbarei +sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der +Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation +nehme jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein +Beispiel möge dies beweisen. + +»Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach, +weil es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es fällt ihm +nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der Griechen oder +Römer nach den Theorien über die Rechte und Pflichten der +Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt sich, die Steuer zu +verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im Nichtzahlungsfalle den +Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es also, um zum Zweck zu +gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist eine einfache +Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für denselben Zweck +verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten und Soldaten zur +Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser Hülfe das +philosophische Handwerkszeug von moralischen Subtilitäten über das +Glück, Abgaben zum Wohl des Handels und der Verfassung zahlen zu +dürfen, hinzu. Tugendhafte Finanziers übernehmen, damit wir unsere +unverjährbaren Rechte genießen können, bereitwillig die +Ueberwachung der Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie +fordert, erscheint dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht, +seine Unterthanen zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um +den unsterblichen Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben +bewilligten; in Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu +bezahlen _wünscht_. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß er seine +Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern vermehrten, +aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten der Verfassung +studiren, die ihn lehre, daß die Würde freier Männer darin bestehe, +zu bezahlen oder -- in's Gefängniß zu wandern.« + +Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung +vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in +Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich mit +der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung die +Lacher auf seiner Seite. + +In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan +Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir +ihm nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die +Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von +Planet zu Planet, nach dem System immer größerer Vervollkommnung, +vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er ausführt, warum die +Menschen über das zukünftige Leben nichts Bestimmtes wissen. Er +sagt: »Erstaunen wir nicht über die Unkenntniß, welche über unsere +Unsterblichkeit herrscht, noch über die Unzulänglichkeit unseres +Wissens über das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des +gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf Gott +die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem künftigen +Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, sämmtliche Arme der +Zivilisation würden Selbstmord üben, um dieses künftige Glück so +rasch als möglich zu genießen; aber die Reichen, die zurückblieben, +hätten weder die Fähigkeit, noch die Neigung, die Armen in ihren +undankbaren Beschäftigungen zu ersetzen. Die Wirkung würde also +sein, daß durch das Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten +tragen, die Industrie der Zivilisirten zu Grunde ginge und der +Globus im Zustand beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die +sichere Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer +Herrlichkeit sein.« Originell ist diese Begründung auf alle Fälle. + +Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des Interesses +halber wollen wir hier ferner einige der Analogien erwähnen, die +Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und Thieren und den +verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen Beziehungen +nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien erfüllen nach ihm das +ganze Universum, wobei er sich auf die Worte Schellings -- eines +der sonst von ihm so gehaßten metaphysischen Philosophen -- immer +wieder bezieht: »Die menschliche Seele ist das Modell des Weltalls, +es widerspiegelt sich die Idee des Ganzen in jedem Theil.« Nach +Fourier ist also die große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des +Unbemittelten und unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen +Spiegelbild; im Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem +gebildeten Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die +Carotte ist das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden +Agronomen. Der Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack +entspricht den Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist +das Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die +gewaltsame Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht +ihr Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird. +Dagegen gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde +der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren +zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß für die +Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das Sinnbild der +Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der Justiz, +der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der Koketterie, +der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, die +Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald +das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner +Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird +die Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten +der Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie (»iris +perpillon«) repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder +Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer +Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen Bürgers; die +gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe reicher Liebender; +die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit Schwarz +durchschossenen Blume einer großen Trauerblume ähnlich sieht, +entspricht der fürstlichen Ehe, wie überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz +oder Politik. Die Blume zeigt an, daß diese Ehen meist ohne Liebe, +oft ohne daß man sich zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und +ihres eigentlichen Reizes und der wahren Natur des Menschen, die +nach Liebe dürstet, entbehren. Schließlich bedauert Fourier +lebhaft, daß er zu wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese +Analogien, die eine der interessantesten Studien darböten, nach +allen Richtungen verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im +sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung +schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen Annehmlichkeiten +und Reize habe. + + * * * * * + +Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien +Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen +Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle in seinen +Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel an Raum +übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen Umfang seiner Werke +natürlich. Es ist andererseits keine leichte Aufgabe, sich in der +Menge des Materials und in dem oft krausen Stil und abrupten +Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium seiner +Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine erstaunliche Fülle +origineller Gedanken und Ideen, die zu einem erheblichen Theil auch +für die heutige Zeit, wie für die zukünftige Entwicklung der +Gesellschaft von großer Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der +menschlichen Triebe und die daraus hervorgehenden Schlüsse sind +eine Arbeit, wie sie unseres Wissens nicht zum zweiten Male +existirt. Die Art, wie er die menschlichen Triebe für eine neue +Gesellschaftsorganisation zu verwenden beabsichtigte, ist so tief +gedacht und erfaßt, daß die Zukunft in der Richtung der von ihm +erfaßten Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht. +Großartig ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen +von Fach eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und +das zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste +Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm +begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so +merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und keine +Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser Mann, der einsam +durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der Liebe jenen +Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine intimsten +Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm beobachtet. +Das ist nicht überflüssig zu bemerken in Anbetracht der Angriffe, +welchen gerade die Abschnitte über die Liebe in seinen Werken +ausgesetzt waren. + +Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen +verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie nehmen aber einen +ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein und umfassen eine +Menge interessanter Details, die wir übergehen mußten, die aber +neben der denkenden Beobachtung, die Fourier den Kindern widmete, +auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die Zukunft der +Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß. + +Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will, +dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben +vielem Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich +erscheint, weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre +älter wurden und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und +Erfahrungen aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter +fremd und unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine +erhebliche Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und +Ideen kennen lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche +in seinen Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man +es mit Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem +genialen Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und +Menschen und Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der +Menschheit und der Welt widerspiegelte. Wer Goethe's »Wilhelm +Meisters Lehr- und Wanderjahre« und »Wahrheit und Dichtung« gelesen +hat und erwägt, daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und +wenige Jahre von einander getrennt starben, wird in den Phantasien +Beider über menschliches Glück manches Verwandte finden. Der +Fourier'sche Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in +den Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft +Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der Lebenslage der +Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der Gesellschaft. + +Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich unberücksichtigt, +und mußten und konnten dies auch, Fourier's sehr polemisch +abgefaßte Abhandlungen gegen die Philosophen, die er so gründlich +haßte und, wie es immer geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die +Feder führt, auch schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte +fest, daß es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und +Metaphysiker waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu +Leibe ging. Man beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie +daher kam, daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand, +daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen sie den +Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das Glück +versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im grellsten +Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen Zustand +der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, schönen und +glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's und der +Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der verschiedenen +politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der Sieyés und +Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der Robespierrianer +u.s.w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer gesehen, wie dem rothen +der weiße Schrecken folgte, dann die Bourgeoisie das Heft in die +Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie immer, allen ihren +großen schönen Worten und erhabenen Phrasen zum Trotz, nur daran +dachte, das Volk zu unterdrücken und es um die Früchte seiner +Arbeit zu bringen; wie dann statt des verheißenen Glücks das +Massenelend sich einstellte, sich sichtbar vermehrte; wir sagen, +wer das Alles vom Standpunkt Fourier's gesehen und erlebte und +dabei glaubte, sich über die Natur der Dinge und der Menschen nicht +zu täuschen, dessen Herz durfte mit Haß und Zorn erfüllt werden. +Aber er besaß in hohem Grade auch die Waffen des Witzes und des +beißenden Spottes, womit er seine Angriffe würzte, und dies +erbitterte besonders seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit, +und die überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte +Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von +Fourier's Charakter erbitterte dies noch mehr. + +Sein System war nicht für das Verständniß der Massen berechnet, +wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die Zustimmung und +Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese Kreise konnten, wenn +überhaupt, nur gewonnen werden, wenn namentlich die vornehmeren +Journale sich seinen Ideen und seinen Werken freundlich +gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller dieser Kreise mußten +sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt seiner Gedanken, durch +seine Kritik am meisten getroffen und verletzt fühlen. Es gehörte +der kindliche Glaube eines Fourier dazu, daß die Gegner seine +Kritik nicht als eine persönliche, sondern als rein sachliche +auffassen sollten, das hieß in der That ihrer Natur zu viel +zumuthen und der Macht seiner Gründe zu sehr vertrauen. Aber +abgesehen von dieser Art seiner Polemik würden die herrschenden +Klassen schon aus den mehrfach hervorgehobenen, im Wesen der +Klassenherrschaft und des Klassengegensatzes liegenden Gründen, +sich zu keiner freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie +behandelten ihn, und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als +»Narren«. Wie kann man auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden? +Oder verlangen, von den Disteln Trauben zu lesen? + +Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn +heraus, schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen +Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm boten. +Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in +seiner Schrift »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft« +aus, daß wenn selbst die Fourier'schen Systemausführungen keinen +Werth besäßen, eine Ansicht, die Engels nicht hat, Fourier durch +die Form seiner Kritiken zu den größten Satirikern aller Zeiten +gehöre. + +Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen +Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe und +Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im +Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der +Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen +konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten +es sich katholische Organe seiner Zeit, wie »Gazette de France« und +»L'Univers« zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen, +welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle schießen +lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren der Moral antaste, +die heiligsten und intimsten Beziehungen der Geschlechter in der +Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch alles dies und +seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde rein +atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral +umzustürzen versuche. + +So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich +insbesondere gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie +wir sahen, besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die +Vertreter der kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch +neben bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer +längeren Abhandlung: »Ueber den freien Willen« lehrt, und über die +Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die geeignet sind, +die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn auf's Höchste +aufzubringen. + +Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz zusammengefaßt +also: + +»Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über +den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein +herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen +bestimmen; für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur +Vernunft gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln, +wie die Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze +seiner Natur und den Willen Gottes.« + +»Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein +entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich +seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch macht- +und willenlos.« + +Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt, +sie sind Extreme, aber Extreme, die sich berühren und die in +Gemeinschaft mit einander handeln müssen, um sich gegenseitig zu +befriedigen. Gott will, daß der Mensch ihm hilft, gewissermaßen +sein Assozié sei. Um aber diese Hülfe leisten zu können, muß der +Mensch die Naturgesetze und die Gesetze der Anziehung studiren. +Sobald er diese begriffen hat, ist er in der Lage, mit Gott +gemeinsam zu operiren. Das Gefühl, das Beide verbindet, soll +Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die Philosophen lehren, +und nicht blinde, demüthige Unterwerfung, wie die Theologen +predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann weder Gott +noch der Mensch glücklich sein und können sie ihren Zweck nicht +erreichen. + +Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie +weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat, +unmöglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben. + +Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein +System, an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers +hing, wie er von Tag zu Tag während Jahrzehnten gehofft, +verwirklicht zu sehen, war gleich Null. Vielleicht dämmerte ihm +auch die Ueberzeugung, daß die Entwicklung der Zivilisation doch +auf wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich +vorgestellt, und alle diese Enttäuschungen verbitterten ihm seinen +Lebensabend. Am 10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine +Jünger, nachdem er schon längere Zeit vorher gekränkelt, früh +Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der größten +Menschenfreunde hatte für immer die Augen geschlossen. + +Die Fourier'sche Schule hat keine maßgebende Bedeutung und keinen +entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Frankreichs erlangt. Wohl +besaß sie eine nicht kleine Anzahl von Anhängern, die sich meist +aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich aus den Kreisen der +Studirenden, der Künstler, der Techniker und selbst der Militärs +rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen mit Geist und Geschick +schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, die in den +politisch-sozialen Kämpfen des modernen Frankreich eine +hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die +zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres +Hauptrekrutirungsfeldes für ihre Anhänger, aus den ideologisch +angelegten Köpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, schufen auch +eine verhältnißmäßig reiche Literatur, aber die Zahl der Schriften +stand in starkem Mißverhältniß zu ihrem Einfluß auf die Massen. + +Auch der Umstand, daß mehrere ihrer Hauptwortführer, so Victor +Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der Schule, +und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre +Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmälige Erlöschen des +Fourierismus nicht verhindern können. In seinem Bestreben auf +Aussöhnung der Klassengegensätze durch freiwilliges Entgegenkommen +der Besitzenden mußte der Fourierismus immer mehr zu einer reinen +Humanitätsduselei verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstère zu +Guise, als Deckmantel mißbraucht, um unter sozialistischer Flagge +großbürgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise müssen +alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der bürgerlichen +Welt versucht werden und naturgemäß auf die Aussöhnung sich +gegenseitig ausschließender Gegensätze gerichtet sind, zu Grunde +gehen. Wo solche Experimente sich längere Zeit halten, wie in +einzelnen kommunistisch organisirten kleinen Gemeinwesen in den +Vereinigten Staaten, vermögen sie dies nur durch fast vollkommene +Isolirung von der übrigen Welt und nur unter einer +Wirthschaftsweise, die ihre Anhänger zu spartanischer Einfachheit +zwingt und ihnen patriarchalische Verhältnisse aufnöthigt. + +Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt. +Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen +Anlagen und Fähigkeiten und vollen Genuß an allen +Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der +Kulturmittel auf höchster technischer und wissenschaftlicher +Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines, +isolirtes, in seinen Kräften und Mitteln beschränktes Gemeinwesen, +mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu schaffen. Es +wird gestört durch jeden fremden Einfluß, der von außen auf es +einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr vorhanden sein, je +lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne zum Ganzen für +nothwendig erachtet. Entweder heißt es also mit dem Ganzen gehen +und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben und verknöchern, +ein Drittes giebt es nicht. + +In der bürgerlichen Welt sind nur bürgerlich handelnde Menschen +denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zähnchen +an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von Rädern mit +ihren Tausenden von Zähnen und Zähnchen in gesetzmäßiger Ordnung +ineinandergreifen. Die Wirkung des Einzelnen liegt in der Wirkung +auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den +Einzelnen. Beides ergänzt, beides bedingt sich. + +Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt +gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle +gebannt sind, willkürlich durchbrechen zu können, wer wähnt, sein +besonderes soziales Himmelreich begründen zu können, der wird, +durch die harten Thatsachen rasch eines andern belehrt, seine +Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen. Daher ist alle sozialistische +Experimentirerei mitten in der bürgerlichen Welt, gehe sie nun von +einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als bürgerlicher +Unternehmer sozialistisch produziren und distributiren zu können, +oder von einer kleinen Gesammtheit, die dasselbe für sich und unter +sich versucht: Utopisterei, Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch +ist ein Zeichen geistiger Unreife, der nur die Wirkung haben kann, +Enttäuschungen hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Köpfen zu +diskreditiren und den Gegnern die gewünschte Waffe gegen die von +ihnen gefürchteten Bestrebungen zu liefern. + +Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die Utopisten +ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse finden +sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der +einfachste Arbeiter fühlt, daß sich _künstlich_ nichts schaffen +läßt, daß das, was werden soll, sich _entwickeln_ muß und zwar mit +dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isolirt von ihm. + +Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen, +alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende +zu erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde überall +eintreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik +anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel erzeugten. +Aus der Erkenntniß der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von +selbst. + +In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu +falschen Schlüssen führte, waren die falschen Voraussetzungen, die +er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er vortrefflich und +schilderte sie großartig, aber in der Untersuchung der _Ursachen_, +die diese Uebel erzeugten, ging er von Auffassungen über das Wesen +der Gesellschaft aus, die ihn nothwendig zu falschen Ergebnissen +führen mußten. Wer wie er die Ansicht vertrat -- und sie theilte +sein Zeitalter --, daß der Entwicklungsgang, den die Menschheit +genommen, nicht die gesetzmäßige Wirkung der Existenz- und +Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden +gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zufälligen und +willkürlichen Umständen abhängig, von dem Dichten und Denken dieses +oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung mächtiger +Personen, wer also nicht Gesetzmäßigkeit, sondern Zufall und +Willkür annahm, mußte auch glauben, daß Zufall und Willkür die +Zustände ändern könne. Für Fourier war der Wille des Menschen nicht +durch die Umstände bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse +beherrschten, für ihn war der Wille des Menschen eine selbständige +Macht, die von den sozialen Verhältnissen nicht beherrscht wurde, +sondern diese willkürlich erzeugte. Er erkannte nicht den +Klassencharakter der Gesellschaft, für ihn war jede Meinung nur +eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte allgemeine +Vernunftgründe zu Gunsten einer Idee, die das allgemeine Glück +bezweckte, gewinnen ließ. Darum wandte er sich auch hauptsächlich +an Diejenigen, die ihrer sozialen Stellung nach zu allerletzt ein +Interesse, richtiger gar kein Interesse hatten, den bestehenden +Zustand zu ändern. Fourier steckte also, ohne es zu wissen, selbst +tief noch in den Ideen der bürgerlichen Philosophen, die er sonst +so sehr bekämpfte und die auch alle von der Ansicht ausgingen, es +bedürfe nur der Erkenntniß einer »Idee« des Guten, Gerechten, +Vernünftigen, um diese »Idee« zur Geltung und Herrschaft zu +bringen. Fourier verspottete die Philosophen, daß sie beständig +Ideen verherrlichten und als Grundsätze in die Gesetze eingeführt +hätten, die mit der Thatsächlichkeit der Dinge im Widerspruch +blieben. Schließlich predigte er aber selbst Ideen, die an der +Hartnäckigkeit der Thatsachen scheiterten. + +Fourier's großes Verdienst besteht darin, daß, wenn er auch nicht +erkannte, _warum_ und _wodurch_ die bürgerliche Gesellschaft so +war, wie sie war, er sich über ihren Charakter nicht täuschen ließ, +daß er ihre Hohlheit und ihre Widersprüche erkannte und ihr +schonungslos die Maske vom Angesicht riß. Niemand vor ihm hat wie +er die bürgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und +zweideutigen Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt, +allen ihren Kundgebungen und Handlungen ausprägt, erkannt und +Niemand nach ihm hat sie schärfer kritisirt. Hierin hat er +Unübertroffenes geleistet. + +Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine +Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und +großherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn als +einen Meister der Beobachtung erscheinen läßt. Seine Auffassung der +menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch mit jener der +Theologen und Moralphilosophen stand und steht, daß alle Triebe +natürlich und darum nützlich und vernünftig, zum menschlichen +Glücke nothwendig seien, und es nur der soziale Zustand der +Gesellschaft sei, der sie unterdrücke oder fälsche, und daher diese +Triebe sowohl für das Individuum, wie für die Gesellschaft +schädlich erscheinen ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge +Ketzerei, als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar +geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner +Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche +Revolutionär. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und mit +Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen müssen, +das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur Fälschung, +Verkümmerung und Unterdrückung der menschlichen Triebe führt und +dadurch das wahre Wesen der menschlichen Natur aufhebt. Man kann +sich daher wohl vorstellen, welch grimmigen Widerspruch diese Ideen +bei den Lobrednern einer Gesellschaft finden mußten, die eben erst +nach den schwersten und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution +sich konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war, +die beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung +gekommen, kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend, +tritt ihr in Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit, +Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und enthüllt alle ihre +Blößen. Diese Gesellschaft, die eben erst die alte feudale +Gesellschaft gestürzt, nachdem sie dieselbe vorher durch die Waffen +der Kritik schon moralisch vernichtet hatte, erfährt, kaum zur +Macht gekommen, an ihrem eignen Leib dasselbe. Eben erst der +Babeuf'schen Verschwörung durch Anwendung brutaler Gewalt Herr +geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein neuer Gegner, der +sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen Waffen bekämpft. +Doch es war nur ein Einzelner, der zunächst keinen Anhang hinter +sich hatte, der auch weit entfernt war, mit denselben Mitteln, mit +denen das Bürgerthum die Gewalt an sich gerissen hatte, die +Befreiung der Unterdrückten zu erstreben. So waren die +Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit dem neuen +Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle würden +in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden Kampfe, wo er, der +mittel- und namenlose Kommis, einer Welt mächtiger Gegner +gegenüberstand, den Muth haben sinken lassen. Fourier that das +nicht. Männer, die unumstößlich an die Richtigkeit und +Gerechtigkeit des von ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker, +die sich durch nichts erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier. +Die bittersten Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten +Angriffe, Spott und Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn +nicht irre. Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er +sein System auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach +unsäglichen Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis +ergebener Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl +abging, durch Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten. + +Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach +keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große +Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Maße an +Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der +Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den Fortschritt +der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. Fourier'sche +Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung der +gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als ihr +Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine Kritik der +bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt wird, die +nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt sich +die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er +verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie +erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung +erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen +anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses Zeugniß +muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute +noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler +seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen +Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre +Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil. +Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen +für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das +Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild +hebt, längst verblaßt ist. + +Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl +versprengter, meist den besitzenden Klassen angehöriger Anhänger in +Frankreich, die mit Hartnäckigkeit dem Traum ihrer Jugend +nachhängen. Das ist Alles, was von ihr übrig blieb. Der +Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen +sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen +wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begründern auch +den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, vertreten +werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie Fourier +wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefaßt. Die alten +Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflösung +begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der +sozialen Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten +Bette fließen und die Bewegung immer mehr zur Erfüllung ihrer +Mission befähigen. + +Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der +Dichter Berangér, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn im +Leben verfolgte, der »Narr«, besingt, nur daß er das Gedicht allen +»Narren« widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der +Menschheit neue Bahnen zu eröffnen. + +Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der +Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen, +lautet: + + Les fous + + Vieux soldats de plomb que nous sommes, + Au cordeau nous alignant tous, + Si des rangs sortent quelques hommes, + Nous crions tous: A bas les fous! + On les persécute, on les tue, + Sauf, après un lent examen, + A leur dresser une statue + Pour la gloire du genre humain. + + Fourier nous dit: Sors de la fange, + Peuble en proie aux déceptions, + Travaille, groupé par phalange, + Dans un cercle d'attractions; + La terre, après tant de désastres, + Forme avec le ciel un hymen, + Et la loi, qui régit les astres, + Donne la paix au genre humain. + + Qui découvrit un nouveau monde? + Un fou qu'on raillait en tout lieu; + Sur la croix que son sang inonde, + Un fou qui meurt nous lèque un Dieu. + Si demain, oubliant d'éclore, + Le jour manquait, eh bien! Demain + Quelque fou trouverait encore + Un flambeau pour le genre humain. + + * * * * * + + Die Narren + + Wir lassen richten, drillen uns und kneten, + Soldaten nur, die des Kommandos harren; + Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten, + Es schreit die Menge: »Nieder mit dem Narren!« + Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet, + Bis man zuletzt, als würde etwas Rechtes + Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet, + Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes. + + Dem Volk ruft Fourier zu: »Im Schlamme heute, + Entwinde dich dem Truge deiner Feinde + Und schaare dich, daß Keiner aus dich beute, + Zur brüderlichen, schaffenden Gemeinde. + Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet, + Willkür und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte, + Und das Gesetz, das über Sternen waltet, + Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.« + + Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden? + Ein »Narr«, verfallen afterweisem Spotte. + Am Kreuz erliegend seinen Nägelwunden, + Wird uns ein »Narr«, der elend stirbt, zum Gotte. + Versänk' die Sonne in des Dunkels Schlünden, + Daß uns das morgen keinen Morgen brächte, + So würde morgen eine Fackel zünden + Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte. + + * * * * * + +Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung, +welche die Fourier'schen Ideen über die Grenzen Frankreichs und +speziell auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung, +die Frankreich seit der großen Revolution für alle +vorwärtsstrebenden Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte, +mußten auch die Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die +namentlich nach der Restauration mit der Entwicklung der +ökonomischen Verhältnisse immer mehr in den Vordergrund trat, +lebhafte Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Ländern +Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem +auszubreiten. Damit kamen selbst für den oberflächlichen Beobachter +eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die Selbstzufriedenen +beunruhigten, die Vertreter und Anhänger der kleinbürgerlichen +Wirthschaftsform aber in größte Aufregung versetzten. Man sah +vielfach schwärzer in die Zukunft, als es durch den Gang der Dinge +sich rechtfertigte. Der pessimistischen Schwarzseherei der Einen +stand die optimistische Schönfärberei der Anderen gegenüber. +Zwischen diesen beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen +aber ideal angelegten Geistern, welche weder dem »Kreuzige« der +einen Seite, noch dem »Hosianna« der anderen Seite zustimmen +konnten; sie sahen, daß das alte ökonomische System verrottet, +unhaltbar und unmöglich geworden war, aber sie konnten auch vor den +Uebeln, die das neue in seinem Gefolge führte, nicht die Augen +verschließen. Diese bemächtigten sich jetzt mit Gier der neuen +sozialen Ideen, die in dem ökonomisch und politisch +vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort +die ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in +England, in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich +auftauchenden utopistischen Ideen für Gründung einer auf +friedlicher Verständigung aller Klassen der Gesellschaft basirten +neuen Gesellschaftsordnung begeisterte Anhänger und die bezüglichen +Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Für die praktische +Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in +Frankreich in diesen Ländern aus schon angeführten Gründen die +Massen zu gewinnen. + +Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgänge in +Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur +zahlreiche Anregungen zu ähnlichem Vorgehen schöpften, ward so +ebenfalls im Beginn seiner großbürgerlichen Entwicklung mit einer +sozialistischen Literatur bedacht. Während Karl Marx und Friedrich +Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr praktisch, ihre +ökonomischen Studien begannen und die ersten Bausteine zu dem +Lehrgebäude des auf rein materialistischer Grundlage beruhenden +wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die Geister +beherrscht, herbeischafften, begnügten sich Andere, die Lehren und +Ideen der französischen Utopisten und Sozialisten, mit +deutsch-philosophischem Geist durchtränkt, in die deutsche Sprache +zu übertragen. Das geschah insbesondere dem Begründer der +sozietären Schule, Fourier, und dem kleinbürgerlichen Sozialisten +Proudhon. Neben verschiedenen kleineren Schriften, die in Zürich in +den vierziger und fünfziger Jahren hauptsächlich auf Veranlassung +Karl Bürkli's, eines alten Schülers von Fourier, herauskamen, +liegen mehrere größere Bearbeitungen des Fourier'schen Systems in +deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz +Stromeyer vor.[25] Ferner erschien 1845 in Kolmar eine im +Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: »Die Welt, wie +sie ist und wie sie sein soll«, aus dem Französischen von Math. +Briancourt. Karl Scholl ließ 1855 in Zürich eine Schrift +erscheinen, betitelt: »Viktor Considerant über die Erlösung der +Menschheit in ihrem wahren Sinn.« Auch erschienen in demselben +Jahre in Zürich eine Anzahl Schriften, in welchen für die +Auswanderung nach Texas zur Gründung von Phalanstèren im +Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. Diese Versuche sind +kläglich mißlungen. + +[Fußnote 25: Die Titel dieser Schriften sind: »Der Sozialismus in +seiner Anwendung auf Kredit und Handel« von Franz Coignet, Zürich +1851; »Bank- und Handelsreform« von F. Coignet, aus dem Französischen +von Karl Bürkli, Zürich 1855; »Solidarität«, kurzgefaßte +Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch +bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; »Kritische +Darstellung der Sozialtheorie Fourier's« von A. L. Churoa, +Braunschweig 1840; »Organisation der Arbeit« von Franz Stromeyer, +Bellevue bei Konstanz 1844; »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit +und Zukunft« von Michael *****, Stuttgart 1846.] + +Interessant für die Geschichtsauffassung, welche die Schüler nach +den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die seitens +eines Deutschen in dem Buche: »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit +und Zukunft« von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser +erläutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, die +wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anführten und bei dem +Interesse, das diese Erläuterung nach unserer Auffassung verdient, +geben wir sie ausführlich wieder. Es heißt da: + +»Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation; +die Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist +aus dem Gynäceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat +ihre bürgerlichen Rechte erlangt _Mit der Verleihung der +bürgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem +Zustand der Barbarei in die Zivilisation übergegangen_. + +»Diese Veränderung im Zustande einer Hälfte des Menschengeschlechts +giebt den Sitten eine ganz neue Färbung, indem sie dieselben +verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der Künste und +Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik begünstigt. + +»In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der +Gesellschaft eine unumschränkte; in der ersten Phase der +Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbündung +(Föderation) der großen Vasallen der königlichen Gewalt Schranken +setzt. + +»Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe, +Künste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mächtig: Die +_Gemeinden_ erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, freie +Städte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines willkürlichen +Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem Staatsoberhaupt +beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, weil sie sich +bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte Macht sie +faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der Zeit, so +ist es gerade, als wären sie nicht da, und der Feudalismus bleibt +zum deutlichen Beweise, _daß Verfassungen bloße Chroniken +vollendeter Thatsachen sind_, daß sie die Geschichte der +Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich so ausdrücken +darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen. + +»Mit der steigenden Aufklärung der früheren Leibeigenen, mit ihrem +steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und +Gewerbefleiße wächst auch ihre Macht in demselben Maße, in welchem +das Feudal-Element geschwächt wird. + +»Die alten Leibeigenen sind Bürger und Volk geworden. Bürger und +Volk verbünden sich miteinander gegen den Feudalismus, und der Sieg +ist ihnen gewiß. + +»In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von +steten Stürmen und Umwälzungen bedroht. Die Zähigkeit des +Feudal-Elements kann das volksthümliche Element zu Gewaltthaten +treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik +liegt mit den alten religiösen Anschauungen im Kampfe; die +Philosophie stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenüber dem +alten auf. + +»Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe +und des Ackerbaues spielt das _Repräsentativ-System_ der Gewalt +gegenüber dieselbe Rolle, die früher die großen Vasallen gespielt +hatten. + +»Der Bürger braucht nun den Schutz des Ritters nicht länger: schon +hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getödtet. Der +Bürger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz verkündet, und +so folgen die _Freiheits-Illusionen_ auf die Illusionen des +Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie in der +Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die Bedingungen, +unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch nicht +erfüllt sind. + +»Unterdessen hat die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht, sie hat +die Schifffahrt, überhaupt erleichterte Verbindungswege, Eisenbahnen, +Kanäle u.s.w., sowie die Experimental-Chemie in's Leben gerufen, +und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu Hülfe kommt, zu +einer höheren Periode aufsteigen, die wir, mit Fourier, +_Garantismus_ nennen wollen, da sie die Verwirklichung eines +Systems von Garantien wäre, wovon die jetzige Gesellschaft einige +bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.« + +Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche +Einheit, die Quarantänen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen etc. + +»Mit der Experimental-Chemie tritt die große Industrie in's Leben; +die kleine Industrie geht in der großen auf. Neue Verfahrungsarten +verdrängen die alten, eine ganz neue industrielle Welt ist im +Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden von Arbeitern schießen +wie Pilze aus dem Boden hervor und versetzen den in altherkömmlicher +Weise betriebenen Gewerben den Todesstoß. + +»Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung +der Produktion genügen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf, +diese Verfahrungsarten überall hin zu verbreiten und so die +Möglichkeit der Erreichung einer höheren gesellschaftlichen Stufe +anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der Eisenbahnen, +des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der Verbindungsmittel +überhaupt. + +»Indessen hat die Zivilisation -- als Entwicklungsphase der +Menschheit betrachtet -- in Folge eines inneren, in ihrem Wesen +begründeten Zwiespalts die große Industrie nicht in's Leben zu +rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu +erzeugen, die unter dem Titel _Entwaldungen und Fiskalanleihen_ +aufgeführt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden +Phasen sind. In der That fällt auch der Boden im Ganzen genommen +immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je größer der +Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird. +Die Entwaldung der Anhöhen, welche die Ausmergelung der Berge und +die Entblößung der Abhänge mit sich führt, ist der höchste Ausdruck +des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur unausbleiblichen Folge +haben, daß in der Vertheilung der Wasser nach und nach eine +gänzliche Veränderung eintritt. Werden die Entwaldungen bis zum +Uebermaß ausgedehnt, so wird am Ende selbst das Klima ernstlich +Noth leiden: die schroffsten Uebergänge werden nichts +Ungewöhnliches sein; heute eine afrikanische Hitze, morgen eine +sibirische Kälte. Die Wissenschaft hat in der Person ihrer +würdigsten Vertreter angefangen, auf die üblen klimatischen Folgen +der planlosen Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise, +_daß die Atmosphäre für den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das +er durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann_. + +»Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem +Höhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der Völker hat +gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element hat seine +letzten Kräfte zusammengerafft, um das neue volksthümliche Element +zu erdrücken. Daher der lästige Kriegsfuß, daher der fast ebenso +lästige Friedensfuß. Die edelsten Kräfte der Nation werden in +soldatischen Spielen vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver +Ausgaben vergrößern das Uebel fortwährend, bis endlich das +thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstürzt.« + +Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des +Höhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres +Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer höheren Stufe +enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen +Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die +Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem +sie die Ausbildung des _industriellen Feudalismus_ mächtig +förderten. Ebenso könnten die neugeschaffenen Verbindungswege in +den Händen von Aktiengesellschaften die Rolle einer Saugpumpe +spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt der dritten +Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen könne. Endlich gab die +Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten von Produkten +zu fälschen, und der lügnerische Handel gewann so eine Ausdehnung, +welche die ernstlichsten Besorgnisse einflößen mußte. + +Zwar könne die nun beginnende absteigende Periode ein natürlicher +Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei eine Reihe von +Klippen und Schändlichkeiten. Unterliege die Zivilisation auf ihrem +Wege den ihr gegenübertretenden Einflüssen, so falle sie in eine +niedere Periode zurück, um den alten Kampf von Neuem zu beginnen. +Glücklicherweise sei das Leben der Menschheit ein vielfaches; falle +eine Zivilisation, so sei bei den vielen Nationen und mancherlei +Gesellschaften immer die Hoffnung da, daß eine derselben das Erbe +der fallenden Gesellschaft übernehme. + +Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem +ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendämmerung und +Abenddämmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, der +Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, ohne +identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der +Bewegung abgeleiteten Grundsatze ließe sich erwarten, daß die +Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem +Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die +vor unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer +mathematischen Wahrheit. + +»Der steigende Reichthum des Bürgerthums hat den Adels-Feudalismus +getödtet: Pergamente und Wappen haben aufgehört, die Herrschaft zu +verleihen, und das Geld ist an ihre Stelle getreten. Wege zum +Reichthum sind Industrie, Handel und Beamtenstellen. Der +herrschende Geist wird demnach der _kaufmännische_ und +_fiskalische_ sein. Er ist in der Tabelle als einfacher Keim der +dritten Phase bezeichnet, weil er einen neuen Feudalismus, nämlich +den industriellen, den wir auch Handels- oder Geldfeudalismus +nennen können, im Keim enthält. Von nun an muß sich Alles dem neuen +Prinzipe unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der +Zivilisation werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten +Phase, sondern die untersten Schichten der Gesellschaft bildenden +Proletarier sein. Der Hunger und das Elend werden sie faktisch +denjenigen überantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die +Werkzeuge der Arbeit in Händen haben.« + +»Die große Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und +Spekulationen macht die kleine, mit mäßigen Geldmitteln betriebene, +unmöglich. Der große Handel unterdrückt den kleinen, und diese +Bewegung gestaltet sich immer großartiger, je mehr das Kapital +durch glückliche Spekulationen oder durch Gründung von +Aktiengesellschaften sich konzentrirt. In demselben Maße, wie das +Kapital sich konzentrirt, wächst auch der Pauperismus und das +Proletariat, und da die großen Kapitalien sich am liebsten in den +großen Städten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in +größerem Maßstabe betrieben. Allmälig sammeln sich da Heere von +Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und somit viel +schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten Periode. _Diese +Arbeiter-Heere sind für die Zivilisation das Schwert des Damokles_. +Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr von inneren Kämpfen +und Bürgerkriegen bedroht als die zweite. Nur sind die nun +ausbrechenden Revolutionen nicht länger _politischer_, sondern +_sozialer_ Natur; die Insurrektion nimmt einen industriellen +Charakter an.« + +»Der Handelsgeist und der mächtige Hebel der Kapitalien-Konzentration, +welche den großen Kapitalisten das Monopol der Industrie nach und +nach in die Hände spielt, sind die Elemente des See-Monopols oder +Großhandels-Monopols, wodurch der Geist und die Bestrebungen der +ganzen Phase angedeutet werden. Die Politik tritt in die Dienste +des Monopols und erhält so eine ganz eigentümliche Färbung, bis sie +endlich nur noch das kaufmännische Element vertritt. Diplomatie, +Kriege, Kammern, Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich +verschiedenen Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus +gebrochenen Zeitgeist zurück. _Alles ist käuflich_; der Durst nach +Gold hat die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich +in seiner ganzen Scheußlichkeit. + +»Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das »laisser faire laisser +passer«, erzeugt zugleich den _anarchischen Handel_, der unter dem +Titel »Gegengewicht« in der Tabelle aufgeführt ist. Da die großen +Handelsoperationen von dem großen Kapital monopolisirt sind, so +bleibt dem kleinen Kapital nur noch der Kleinhandel. In Folge des +herrschenden merkantilischen Geistes wirft er sich auch auf +denselben mit einer wahren Wuth -- ein Verhältniß, das sich in der +großen Menge schmarotzerischer Zwischenhändler und Mäkler am Besten +zu erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser +Zwischenhändler entbrennt, um so großartiger gestalten sich die +Betrügereien und Fälschungen jeder Art, wodurch die Gesellschaft +systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein aber +verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet noch +einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also +ein natürliches Gegengewicht des großen Kapitals. Von dem Tage an, +wo das große Kapital an den Hauptplätzen große Niederlagen für den +Detailverkauf gründet, wie dies schon jetzt mancher Orten +geschieht, von diesem Tage an muß der kleine und mittlere Handel +das Gewehr strecken. Von dem Tage an wird aber auch die Anarchie im +Handel und Wandel aufhören, und die Regelung des Handels wird immer +leichter werden, je deutlicher die Charaktere des industriellen +Feudalismus hervortreten. + +»Wie ließe sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als +mit dem Ausdruck »_ökonomische Illusionen_«? Die politische +Oekonomie, ein Erzeugniß des merkantilen Geistes, verhält sich zu +der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, wie +die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur +zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des +Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf +dem Wege, den Liberalismus durch die _Politik der materiellen +Interessen_ zu tödten, eine Politik, die den reinen, uneigennützigen +Liberalismus bereits in einem ziemlich lächerlichen Lichte +erscheinen läßt.« + +»Der industrielle Feudalismus wäre eine vollendete Thatsache, sobald +das große Kapital nicht allein die Fabrikation und den Handel, +sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben würde. + +»Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen +Betrügereien, Bankerotten und Fälschungen nicht allein zur Folge +haben, daß die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes immer +kritischer wird, sondern es wird sie auch die öffentliche Stimmung +nachgerade so energisch verdammen, daß das große Kapital darin eine +Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel zu absorbiren. +Und so wird sich dann dieser gewaltsam rückwirkende Geist politisch +dadurch bethätigen, daß er _Meisterschaften in bestimmter Anzahl_ +und privilegirte Körperschaften in's Leben ruft. + +»Die _Leihhäuser_ oder _Leihkassen_ für Landwirthe haben zum Zweck, +dem bedrängten Ackerbau zu Hülfe zu kommen. Während die Kapitalien +der Spekulation und den Banken zuströmen, leidet der Ackerbau an +solchen Noth, so daß er dem Wucher in die Hände fällt. Schlechte +Ernten, eine schlechte Bewirthschaftung des zerstückelten +Grundbesitzes und ähnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis +endlich ein großer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen +anheimfällt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich +wieder zusammenfügen; der kleine Besitz wird vom großen +verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das +kleine Kapital von dem großen. + +»Während alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft +in einer wahrhaft fürchterlichen Lage. Nichts als Krisen und +Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein +unermeßliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die +frühere _individuelle_ Leibeigenschaft ist eine _kollektive_ +geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu Zeit aus ihren +Bagnos stürmen und ein Spartakus wird sie führen. + +»Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt +eine eigene Gewalt bilden und so für die vierte Phase das sein, was +der Feudaladel für die erste war. Und gleichwie die nationale +Einheit erst dann begründet werden konnte, als das monarchische +Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zügeln +und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher +zum Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das +industrielle Element zu lenken wissen wird. + +»Uebrigens keine Burgen, die zerstört, keine hochmütigen Vasallen, +die geköpft oder gemeuchelt werden müßten. Die Aufgabe der +Regierung wird darin bestehen, daß sie die Rolle einer Vermittlerin +zwischen den einander feindselig gegenüberstehenden Interessen +übernimmt, daß sie den Waarenaustausch regulirt, die Einheit der +Maße, Gewichte u.s.w. herstellt, mit einem Wort, daß sie in +sämmtlichen industriellen und kommerziellen Verhältnissen die +nöthig gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die +Zivilisation, wie sie in der Tabelle geschildert worden, schon +überholt. + +»Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die +_Assoziations-Illusionen_. Wir sagen Illusionen, weil die +Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft +zu vermehren, blos das häßliche Zerrbild der _wahren_ Assoziation +ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt. + +»Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, daß die +aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation +sich zueinander verhalten, wie die beiden Hälften des Menschenlebens, +d.h. daß sie in Beziehung auf den Höhepunkt oder die Mittelstufe +miteinander symmetrisch sind; + +daß die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt; + +daß die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine +Verminderung der _persönlichen_ oder _direkten_ Dienstbarkeit zur +Folge hat, während in der Phase der absteigenden Bewegung die +_kollektive_ oder _indirekte_ Dienstbarkeit sich befestigt; + +daß die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur +sind, während die der beiden letzten einen _sozialen_ oder +industriellen Charakter annehmen; + +daß das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten Gleichgewichte +ein unstätes soziales Gleichgewicht begründet; + +daß die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas Ritterliches, +Edles haben, während denen der absteigenden Bewegung nichts als der +gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; endlich + +daß, während der Fortschritt in den beiden ersten Phasen sich nach +den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, nach +der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen läßt, +der Maßstab für den Fortschritt in der absteigenden Bewegung, die +Auffindung derjenigen Institutionen ist, welche die Zivilisation +ihrem natürlichen Tode zuführen und so der Gesellschaft die +Ersteigung einer höheren Bildungsstufe möglich machen.« + +Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem +Untergang der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser +deutscher Autor darlegt. Bei ihm tritt in schärferem Maße als bei +Fourier das Gesetzmäßige in der Entwicklung, unbeeinflußt von dem +Wirken der einzelnen Person, in den Vordergrund. Wir haben es, +scheint's, mit einem Schüler der Hegel'schen Schule zu thun, der +die Lehre von den Gegensätzen in der Gesellschaft dialektisch +auffaßt und behandelt. Fragt man nun nach der praktischen Wirkung +dieser Anhänger Fourier's in Deutschland und ihrer Bedeutung für +die Bewegung, so weiß Niemand davon zu melden. Die sozialistischen +und kommunistischen Ideen, die meist sehr verschwommen im »tollen +Jahr« in den verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der +vorgeschritteneren Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen +nirgends Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und +Engels nichts die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren +beeinflußten, waren es wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang +fanden. Die Mehrzahl der Arbeiter, die sich an der Bewegung +betheiligten, war von den unklarsten sozialen und politischen Ideen +beherrscht. Woher sollte die Einsicht in die Arbeiterklasse kommen, +wenn die höher stehende Klasse, das Bürgerthum, in allen ihren +öffentlichen Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit +an den Tag legte. Bot doch auch die damals viel weiter +vorgeschrittene französische Arbeiterklasse ein keineswegs +erfreuliches kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in +Schulen und Sekten, die sich gegenseitig bekämpften. Es war daher +auch kein Wunder, daß diese in Deutschland eben erst aufkeimende +soziale Bewegung durch die Reaktion der fünfziger Jahre bis auf die +Erinnerung ausgetilgt wurde. + +Die dann im Laufe der fünfziger Jahre in Deutschland sich +vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmälig auch eine +Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgängerin aus den vierziger +Jahren für ihren Befreiungskampf ausgerüstet war. Und nun zeigten +sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen +Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der +Arbeiterklasse anderer Länder voraus war. Sie erfaßte mit scharfem +Verständniß die Theorien und Grundanschauungen ihrer großen Lehrer; +der eigentliche Schulstreit, der die französischen Arbeiter +Jahrzehnte lang zerklüftete, blieb ihr erspart, und so wuchs die +Bewegung, begünstigt durch die politische und soziale Umgestaltung +Deutschlands, so, daß sie heute als die vorgeschrittenste in allen +Kulturstaaten betrachtet werden darf. Keinem Personenkultus +huldigend, nimmt sie dankbar die guten Lehren an, welche die großen +Vorkämpfer und Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend +einem Lande der Welt hinterließen. + +Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung +eine eminent kosmopolitische. Zunächst innerhalb des nationalen +Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die +zahllosen Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung, +Literatur, Güteraustausch etc. in früher ungeahntem Maßstab dazu +bei, den Ideenaustausch zu fördern, den Nationalitäten- und +Racenhaß zu ertödten, die Interessensolidarität immer inniger zu +verknüpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die Fourier +befürwortete, rückt ihrer Verwirklichung, wenn auch anders als er +gedacht, immer näher, und die Zeit wird auch nicht mehr fern sein, +wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der ganzen Kulturwelt +eine neue soziale Organisation entsteht, die weder nach Landes- +noch nach Sprachgrenzen fragt und den Bürger zum Menschen macht. + + * * * * * + + + + +Skizze eines Phalanx-Gebäudes (»Phlanstère«) + +[Abbildung] + +Wie das Kreuz der Typus der mittelalterlichen Dome und Kirchen ist, +so ist die Serie der Typus des Wohn- und Arbeitsgebäudes einer +Phalanx, d.h. ein Zentrum mit zwei mittleren oder Haupt-Flügeln und +zwei äußersten oder Neben-Flügeln. Die jeweilige Architektur ist +immer nur das äußere Abbild der sozialen Verhältnisse, und ein +Kenner wird immer an der Architektur auf die Gesellschaftsform +einer Zeitepoche schließen können. -- _Die Gemeinwirthschaft_, in +welcher Form immer, bedingt natürlich auch ganz andere +Gebäulichkeiten, als die _Privatwirthschaft_. -- Das Zentrum soll +diejenigen Räumlichkeiten enthalten, wo die ca. 2000 Personen +mehrmals des Tages verkehren, wie Speisesäle, Versammlungslokale, +Bureaux, Bazare, Bibliotheken etc.; die zwei Hauptflügel, welche +perpendikulär vom Zentrum abzweigen und so den Zentralplatz der +Phalanx bilden, sowie die zwei äußersten Flügel, welche nach links +und rechts abbiegen und an der Hauptstraße liegen, würden die +verschiedenen Werkstätten, die geräuschvollsten am äußersten Ende, +enthalten. Die Wohnräume würden die oberen Stockwerke des +Gesammtgebäudes in Anspruch nehmen. -- Gegenüber der Phalanx, dem +Zentralplatz und der Hauptstraße entlang, kämen die Oekonomie- und +Maschinengebäude, Ställe etc., welche man hier nicht sieht, zu +liegen. -- Das Phalanxgebäude ist ca. 2000 Fuß oder 600 Meter lang +vom äußersten linken zum äußersten rechten Flügelende gemessen. Um +eine allzugroße Ausdehnung zu vermeiden, ist die Reihe der Gebäude +doppelt und parallel laufend mit dazwischen liegenden Hofgärten. -- +Eine breite, gedeckte Galerie verbindet im Innern, gegen die +Hofseite hin, alle Theile des Gebäudes und fungirt als Hauptarterie +der Zirkulation. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARLES FOURIER *** + +***** This file should be named 19596-8.txt or 19596-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/5/9/19596/ + +Produced by richyfourtytwo, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/19596-8.zip b/19596-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..924aad7 --- /dev/null +++ b/19596-8.zip diff --git a/19596-h.zip b/19596-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..099db85 --- /dev/null +++ b/19596-h.zip diff --git a/19596-h/19596-h.htm b/19596-h/19596-h.htm new file mode 100644 index 0000000..18e56cb --- /dev/null +++ b/19596-h/19596-h.htm @@ -0,0 +1,11611 @@ +<?xml version="1.0" encoding="us-ascii"?> +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> + +<HTML> +<HEAD> +<TITLE>August Bebel: Charles Fourier</TITLE> + + <style type="text/css"> + /*<![CDATA[*/ + + <!-- + body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} + p {text-align: justify;} + blockquote {text-align: justify;} + h1,h2,h3,h4,h5,h6 {text-align: center;} + pre {font-size: 0.7em;} + + tt {font-size: 100%;} + .sn {text-align: center; vertical-align: top; padding-right: .5em;} + .snt {padding-bottom: 1em; text-align: justify; } + + hr {text-align: center; width: 50%;} + html>body hr {margin-right: 25%; margin-left: 25%; width: 50%;} + hr.full {width: 100%;} + html>body hr.full {margin-right: 0%; margin-left: 0%; width: 100%;} + hr.short {text-align: center; width: 20%;} + html>body hr.short {margin-right: 40%; margin-left: 40%; width: 20%;} + + .note, .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} + + span.pagenum + {position: absolute; left: 1%; right: 91%; font-size: 8pt;} + + .poem + {margin-left:10%; margin-right:10%; margin-bottom: 1em; text-align: left;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem p {margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + + .figcenter {margin: auto;} + + --> + /*]]>*/ + </style> + +</HEAD> + +<BODY> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Charles Fourier + Sein Leben und seine Theorien. + +Author: August Bebel + +Release Date: October 21, 2006 [EBook #19596] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARLES FOURIER *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<CENTER> +<H1>Charles Fourier</H1> +<H2>Sein Leben und seine Theorien.</H2> +<PRE> + + +</PRE> +<H2>Von</H2> +<H1>A. Bebel</H1> +<PRE> + +</PRE> +<H5>Stuttgart<BR> +Verlag von J. H. W. Diek<BR> +1890 +</H5> +</CENTER> + +<BR /> +<HR class="full"> +<BR /> + +<H2>Vorrede.</H2><BR /> + +<P> + +Das achtzehnte Jahrhundert zählt in der Geschichte der +Entwicklung der Menschheit zu jenen Perioden, auf denen der Blick des +Kulturforschers und Fortschrittsfreundes mit besonderem Interesse +ruht. Nach den religiösen, politischen und sozialen Kämpfen +des Reformationszeitalters war, wie das stets nach großen Volks- +und Massenbewegungen zu geschehen pflegt, eine Art Stillstand und +Rückschlag für die Fortentwicklung eingetreten. Die durch +die Reformationsbewegungen zur Geltung gekommenen Stände und +Interessen suchten sich zu konsolidiren und die daraus hervorgehenden +Reibungen führten wieder zu gewaltsamen Kämpfen und +Erschütterungen von mehr oder weniger langer Dauer, die alle +übrigen Interessen absorbirten, den materiellen wie den geistigen +Fortschritt der Massen für lange Zeit hemmten. + +</P><P> + +In Deutschland hatte die Reformation dem Landesfürstenthum +Oberwasser verschafft. Die Landesfürsten hatten die Reformation +benutzt, um unter dem Deckmantel der Religion die eigene Hausmacht +nach Möglichkeit zu stärken dadurch, daß sie den +kleinen Adel sich unterthänig und von sich abhängig machten, +die Macht der Geistlichkeit brachen, sich selbst die bischöfliche +Gewalt beilegten, Kloster und Kirchengut konfiszirten und die +gewonnene Macht benutzten, sich immer mehr von der Kaisergewalt zu +emanzipiren, diese zum bloßen Schatten zu degradiren. Aus diesem +Interessenkampf der Fürsten entstanden die sogenannten +Religionskriege, der schmalkaldische und der dreißigjährige +Krieg, die Deutschlands politische Ohnmacht und Zerrissenheit auf +Jahrhunderte besiegelten, seine ökonomische Schwächung +— die schon durch die Umgestaltung der Weltmarktsbeziehungen in +Folge der Entdeckung von Amerika und des Seewegs nach Ostindien +veranlaßt war — noch vergrößerten und +allgemeine Armuth, schweren geistigen und geistlichen Druck über +Länder und Völker verbreiteten. + +</P><P> + +In Frankreich erzeugte die Reformation die Kämpfe der Hugenotten, +d. h. des hugenottisch gesinnten Bürgerthums und die des +frondirenden Adels gegen das frühzeitig sich entwickelnde, alles +zentralisirende absolute Königthum. Nach längeren +Kämpfen siegte das letztere und fand in Ludwig XIV. seinen +glänzendsten, aber auch seinen bedrückendsten und +gewaltthätigsten Vertreter. Die inneren und äußeren +Kämpfe Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert hemmten die freie +Entwicklung des materiellen wie geistigen Fortschritts. +Bürgerthum und Adel gegenseitig feindlich, das Land nach +außen, namentlich unter dem erwähnten Ludwig, von einem +Krieg in den anderen gestürzt, war schließlich +erschöpft und verarmt. Solche Zeitalter sind nicht geeignet, +große Ideen zu gebären, für geistige Kämpfe die +Bahn frei zu machen. Dagegen zeigte das achtzehnte Jahrhundert in +Frankreich ein ganz anderes Bild. Frankreich bildete für dieses +Zeitalter die Wiege des menschlichen Fortschritts auf allen Gebieten; +hier entwickelte sich allmälig eine Fülle von geistigem +Glanz und Leben, wie sie bis dahin kein Volk und kein Zeitalter in +gleichem Maße erlebte. Die Menschen wuchsen sozusagen über +sich selbst hinaus und setzten alle Geister und Herzen in der ganzen +Kulturwelt in Bewegung. Frankreich mag viel gesündigt haben, die +Dienste, die es während des achtzehnten Jahrhunderts der +Menschheit leistete, werden ihm, so lange Menschen leben, unvergessen +bleiben. + +</P><P> + +Die Fortschritte begannen unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XIV., +dessen Gewalt mit eisernem Drucke auf dem Lande gelastet, alle freie +bürgerliche Regung erdrückt, alle freie geistige Bewegung +erstickt hatte. Das Land stand nach seinem Tode am Rande des +materiellen und geistigen Bankerotts. Allmälig erholte sich das +Volk und arbeitete sich, wenigstens in den Städten, wo die +feudale Macht des Adels und der Geistlichkeit am wenigsten sich +fühlbar machen konnte, empor. Die Männer von Bildung und +Geist, die nach der Entwicklung und Entfaltung der Kräfte des +Landes strebten, eilten nach jenseits des Kanals, nach England, um +dort, an den Quellen des öffentlichen Lebens, die Studien zu +machen, zu denen ihnen im eigenen Lande die Gelegenheit und die +Möglichkeit fehlte. Zurückgekehrt nach der Heimath, begannen +sie die Arbeit, die langsam aber sicher den stolzen Bau des absoluten +Staats und der feudalen Gesellschaft untergrub und unterhöhlte, +bis zu Ende des Jahrhunderts in einem Riesenzusammenbruch Beides, +Staat und Gesellschaft, zusammenstürzten, und durch ihren Fall +ganz Europa aus den Fugen trieben. + +</P><P> + +Das Königthum gerieth nach Ludwig XIV. in die Hände von +Schwächlingen, die Geistlichkeit und der Adel waren verlottert +und verweichlicht; eine Minorität unter den beiden Ständen +war geneigt, angeekelt von dem Treiben der eigenen Klasse und den +Zuständen um sich, neuen Ideen sich zugänglich zu erweisen +und spielte mit dem Feuer, dessen Gefährlichkeit sie nicht +kannte. So erklärt sich, daß die Männer der neuen Zeit +mit ihren alles Alte angreifenden und erschütternden Ideen +vielfach gerade dort einen bereiten Boden fanden, wo man ihn am +wenigsten hätte erwarten sollen. Aber es hatte sich auch des +Bürgerthums ein Drang nach Wissen und Bildung, nach politischen +Rechten, ein Geist der Unzufriedenheit über das Bestehende +bemächtigt, wodurch die Bewegung schließlich zum Alles +niederreißenden Strom anschwoll. + +</P><P> + +Das Bürgerthum, politisch so gut wie rechtlos und machtlos, die +Vertretung seiner Magistrate in den alten ständischen Parlamenten +mißachtet, mit Abgaben unangenehmster Art beschwert, durch +Zunft-, Bann- und Höferechte in seiner materiellen Entwicklung +behindert, von Adel und Geistlichkeit geringschätzig und +verächtlich behandelt, aller persönlichen Rechte und der +Garantien persönlicher Freiheit beraubt, sehend, wie die +ungerecht vertheilten und gewaltsam beigetriebenen Steuern und Abgaben +von einem in der Liederlichkeit verfaulenden Hof verschlemmt und +verpraßt wurden, erfaßte mit Gier die neuen Ideen, welche +die Rechtmäßigkeit der feudalen Vorrechte angriffen, die +religiösen Vorurtheile, unter deren Druck es litt, in Zweifel +zogen, die allgemeine Freiheit und Rechtsgleichheit lehrten. Der neue +Staat und die neue Gesellschaft wurden in den verführerischsten +Farben dargestellt, politische Macht, Reichthum, geistige Freiheit und +Gleichheit Allen in Aussicht gestellt. + +</P><P> + +Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit +entwickelten, daß ein großer Theil der Betheiligten und +Interessirten von Unzufriedenheit und Mißstimmung gegen das +Bestehende und von Sehnsucht nach besseren Zuständen erfüllt +ist, so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten +können, was immer für Mittel und Praktiken in Anwendung +kommen, ihn zu erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der +Masse nach Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer +Lage zunächst nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in +dem thatsächlichen Zustand der Verhältnisse seine +Begründung und seine Berechtigung findet. Mag diese Masse sich +über den Weg wie über die Mittel, durch die ihr geholfen +werden könnte, noch so unklar sein, der Moment kommt, wo sie mit +elementarer Macht, <i>instinktiv stets richtig</i>, nach dem +bestimmten Ziele drängt und die bewußten und wissenden +Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mundstück und zu +ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen und nach +Lage der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten. Die +Führer sind unter solchen Umständen stets Werkzeuge, nicht +Macher, und sie werden bei Seite geworfen, sobald sie sich zu Machern +aufwerfen, die Bewegung für sich und nach eigenem Gutdünken, +statt im Interesse der Betheiligten zu benutzen suchen. Die rasche +Abwirthschaftung der Führer in akut gewordenen Volksbewegungen +hat in diesem Geheimniß ihren Grund, sie wollen Allesmacher +sein, wo sie nur Werkzeuge sein sollen und können. Da man sich +hüben wie drüben dieses Verhältnisses selten +bewußt ist, schreien die Einen über Verrath, die Andern +über Undankbarkeit der Masse; das Erstere ist selten wahr, das +Letztere zu behaupten stets eine Narrheit, ein Verlangen, das nur +Diejenigen stellen können, die sich über die Natur ihrer +Stellung nie klar waren, Schieber zu sein glaubten, wo sie nur +Geschobene sein konnten. + +</P><P> + +Jeder großen Umgestaltung in der Gesellschaft geht zunächst +eine Periode der Gährung voraus, eine Periode, die, je nach dem +Stande der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der +betheiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht der +widerstrebenden Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit +dauert, ehe die Bewegung zum offenen Ausbruch kommt und ihr Ziel in +irgend einer Form, das wieder von dem mathematischen +Kraftverhältniß der gegeneinander wirkenden Faktoren +abhängt, erreicht. Geht eine Bewegung über ihr Ziel hinaus, +d. h. erreicht sie mehr, als sie, in sich selbst zur Ruhe gekommen, im +Interesse der nun in der Macht befindlichen Gewalten, die nunmehr den +Schwerpunkt bilden, um den Alles gravitirt, erreichen <i>soll</i> und, +setzen wir hinzu, erreichen <i>darf</i>, so folgen die +Rückschläge. Mit andern Worten, eine ihrem inneren Wesen +nach selbst wieder auf Klassenherrschaft abzielende Bewegung darf +nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der +maßgebenden Interessirten findet. + +</P><P> + +Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in +Wahrheit wurde die Bewegung stets auf ihren <i>natürlichen</i> +Schwer- und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber +hinaus ging. Dieser Zustand ist aber stets, auch wenn er durch eine +gegen die weiter vorwärts drängenden Elemente gerichtete +gewaltsame Reaktion herbeigeführt wurde, dem Zustande, der +<i>vor</i> der Bewegung bestand, weit voraus. Man hört z. B. so +häufig die Bemerkung machen, daß die bürgerliche +Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an der Macht der +Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr. Die Bewegung hat +erreicht, was sie nach ihrem <i>wahren innern Gehalt</i> erreichen +konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange mit einander, bis sie +auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu verständigen +vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkeit des Alten +aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vornherein war +ein großer Theil der anfangs revolutionären Kräfte, +die das behäbige Bürgerthum umfaßten, entschlossen, +über eine gewisse Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkt +angekommen, trennten sich diese Kräfte von den weiter +drängenden Elementen. Dadurch verlor die Bewegung einen Theil +ihrer Kraft, sie war ohnmächtig, weiter zu gehen. Und wie immer +nach 1849 die Reaktion in Deutschland hauste, das, was +thatsächlich jetzt bestand, ging weit über das hinaus, was +vor 1848 bestanden hatte. Die neuen Ideen hatten trotz alledem gesiegt +und Alles, was seitdem in Deutschland geschah, ist nur durch diesen +Sieg im „tollen Jahr“ möglich geworden. + +</P><P> + +Rückschläge werden nun nothwendig in jeder Bewegung kommen, +die selbst wieder auf Klassenherrschaft, wenn auch sich selbst +unbewußt, hinausläuft. Ein solcher Rückschlag kann +erst dann unterbleiben, wenn eine Bewegung siegt, die in ihrem Wesen +und Prinzip die Aufhebung <i>aller</i> Klassenherrschaft +<i>bedingt</i> und daher <i>alle</i> Formen sozialer und politischer +Herrschaft <i>aufheben muß</i>. + +</P><P> + +Bisher waren alle Bewegungen, die ihr Ziel erreichten, Bewegungen der +ersteren Art, und so begreift sich von vornherein, daß auch +<i>die</i> Bewegung, die gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in +Frankreich begann und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts zur +Entscheidung kam, diesem Schicksal aller bisherigen großen +Volksbewegungen nicht entgehen konnte. Ihr Charakter als +Klassenbewegung des Bürgerthums, ihr Ziel, die Herrschaft +desselben zu begründen, zwang sie schließlich, sich gegen +die revolutionäreren Elemente in ihrer eignen Mitte zu richten, +und, da man innerhalb der Bewegungselemente und nachdem die Bewegung +absolut gesiegt hatte, weder hüben noch drüben diesen +inneren Widerspruch, in dem man sich zu einander befand, begriff, +mußte man sich gegenseitig bis zur Vernichtung bekämpfen +und im Blute ersticken. Die Interessen des Großbürgerthums +mußten, weil sie die entscheidenden waren, die Oberhand +behalten, aber aus Furcht vor neuen inneren Gegensätzen und +Kämpfen warf sich dieses der Militärdiktatur des Konsulats +und des Kaiserreichs in die Arme, um sich, d. h. <i>die neue +Gesellschaft</i>, zur Ruhe und zum Genuß des Errungenen kommen +zu lassen. + +</P><P> + +Der Kampf gegen das alte System richtete sich in Frankreich gegen alle +bisherigen Grundlagen der alten Gesellschaft, gegen die Kirche, den +Adel, die absolute Staatsgewalt, gegen die Besteuerungs-, die +Eigenthumsformen, das Erziehungssystem, die sozialen Einrichtungen. +Nichts blieb im Laufe der Jahrzehnte, die dieser zunächst rein +literarische Kampf währte, unangetastet. Die Angriffe wurden +immer kühner. Ganz neue Staats- und Gesellschaftssysteme +(Condorcet, Morelli, Mably, Rousseau) tauchten auf und erklärten +dem Bestehenden den Krieg; ebenso wurden fast alle Zweige der +Naturwissenschaften und insbesondere auch die Philosophie in der +radikalsten Weise behandelt. Die Verfolgungen, welche die Staatsgewalt +und die Kirche gegen diese Feinde der alten Ordnung in Szene setzten, +hatten so gut wie keine Wirkung, sie gossen nur Oel in's Feuer. +Jahrelange Gefängnißstrafen, Verbannungen, Degradirungen, +Ausweisungen gegen die Verfasser, Verbrennung ihrer Bücher und +Schriften, Verbote gegen ihre Verbreitung, gesellschaftliche Aechtung +der Autoren, Alles half nichts. Die Bewegung schwoll von Jahrzehnt zu +Jahrzehnt immer mehr an, sie ergriff Alles, was Kenntnisse und +Intelligenz besaß, sie erfaßte sogar die Frauen und wuchs +so, daß die Gewaltmittel des Staates versiegten und dieser wie +die Kirche von einer Position in die andere zurück gedrängt +wurden. Im vorletzten Jahrzehnt vor der Revolution gab es in +Frankreich keinen Schriftsteller von einiger Bedeutung, der nicht im +Gefängniß gesessen oder Verbannung erlitten, oder dessen +Werke nicht verboten oder öffentlicht verbrannt worden, oder der +nicht in irgend sonst einer Weise verfolgt, drangsalirt und +geschädigt worden war. Voltaire, Montesquieu, Rousseau, +Beaumarchais, Diderot, d'Alembert, La Mettrie, La Harpe, Marmontel, +Morellet, Buffon, Linguet und viele, viele Andere verfielen der +Verfolgung. Wenn Holbach und Helvetius, Turgot, Quesnay, Necker, +Condillac, Laylain, Cuvier, Lavoisiers, Bichot, Mirabeau der Aeltere +solchen Verfolgungen entgingen, geschah es, daß sie, wie die +beiden Erstgenannten, anonym schrieben, oder daß sie zu einer +Zeit schrieben, wo das System, von der Nutzlosigkeit der Verfolgungen +betroffen, ermüdet war, oder daß sie wissenschaftliche +Thematas behandelten, die dasselbe nicht direkt berührten. Und +auch in letzterer Beziehung ging das Mißtrauen sehr weit; so +mußte Buffon, als er 1751 seine Naturgeschichte +veröffentlichte, der Pariser theologischen Fakultät +ausdrücklich versprechen, daß Alles, was er in seinem Buche +lehre, mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht in +Widerspruch stehe. Die Enzyklopädie der d'Alembert, Diderot und +Genossen aber wurde mit der Motivirung verboten, „daß sie +Grundsätze enthalte, welche darauf hinzielten, den Geist der +Unabhängigkeit und Empörung zu wecken und unter dunkeln und +zweideutigen Ausdrücken den Grund zum Irrthum, zur +Sittenverderbniß und zum Unglauben zu legen.“ Doch alle diese +Maßnahmen retteten das System nicht. + +</P><P> + +Die Bewegung hatte endlich ihren Höhepunkt erreicht, die +Gesellschaft wollte statt der Theorien Thaten sehen. Der Hof suchte +durch halbe Konzessionen und kleinliche Maßregeln, die das +Gegentheil erzeugten von dem, was sie bezweckten, dem Drängen +nachzugeben. Der Sturm brach endlich los. Wir beschreiben nicht die +französische Revolution, wir skizziren sie nur kurz, weil dies +für unsern Zweck genügt. Die Nationalversammlung, anfangs +den Bestand des Königthums als selbstverständlich ansehend, +wurde im Laufe der Ereignisse über sich selbst hinaus getrieben. +War die Konstituante noch königlich, der Konvent wurde +republikanisch. Die zunehmende Noth der Massen, Mangel an +Lebensmitteln, Mangel an Arbeit, Wucher, Mißtrauen gegen Oben +schürten den Brand. Die royalistischen und pfäffischen +Intriguen im In- und Ausland, die Alles beunruhigten, weil sie alles +Gewonnene in Frage zu stellen schienen, verstärkten die schon +vorhandene heftige Aufregung. Der Fluchtversuch des Königs, seine +ganze zweideutige Haltung steigerten das Mißtrauen und den +Haß gegen ihn und die alten Stände. Der Zustand der +Staatsmaschinerie, die durch die Ereignisse in Unordnung gebracht, +durch die Aufhebung der alten drückenden Steuerlasten und Abgaben +der Mittel zur Funktionirung beraubt war, zwang zur Ausgabe von Massen +Papiergeld (Assignaten), die als Zahlungsanweisungen auf die +konfiszirten Kirchengüter und später auch auf die +konfiszirten Güter der emigrirten Adeligen ausgegeben wurden. +Aber da in dem allgemeinen Tohuwabohu der Verkauf dieser Güter +sehr langsam vor sich ging und die Staatsbedürfnisse in's +Riesenmäßige stiegen, als das Land gezwungen wurde, nach +dem Sturz des Königthums und der Enthauptung des Trägers der +Krone, gegen das ganze zivilisirte monarchische Europa Krieg zu +führen, fielen die Assignaten sehr bedeutend im Werth. Ende 1790 +schon 1200 Millionen betragend, stiegen sie im Laufe der Jahre auf 8, +dann auf 12, endlich auf 24 Milliarden. Ihre Vermehrung steigerte ihre +Werthlosigkeit, die schließlich nur noch ein Hundertstel und +weniger ihres Nennwerthes betrug, und dies erzeugte eine +vollständige Revolution aller Preise. Zu den Kämpfen nach +Außen kamen gewaltige Kämpfe im Innern. Adel und +Geistlichkeit intriguirten und konspirirten in hunderterlei Formen, um +wieder zur Herrschaft zu kommen. England, das unter dem Ministerium +Pitt die inneren Kämpfe Frankreichs vortrefflich ausnutzte, um +seine See- und Kolonialmacht auf Kosten Frankreichs zur +allbeherrschenden zu machen, das jetzt Rache nahm für die +Hülfe, die Frankreich anderthalb Jahrzehnte zuvor der +Unabhängigkeitsmachung der Vereinigten Staaten von England +geliehen, dieses England sandte geheime Agenten über geheime +Agenten, die mit Geld reichlich ausgestattet den inneren Kampf +schüren mußten. Im Westen des Reiches erhob sich, ebenfalls +von England unterstützt, die streng konservativ und kirchlich +gebliebene Bevölkerung der Vendee und Bretagne, im Süden +erhoben sich die theils royalistisch, theils girondistisch gesinnten +Städte, vor allem Lyon, dessen Luxusindustrie unter all diesen +Ereignissen außerordentlich litt. Im Konvent brach nach dem +Sturz des Königthums der Kampf der verschiedenen +bürgerlichen Parteien unter sich aus. Die kleinbürgerlichen +Massen, hauptsächlich in den Klubs und speziell in dem +Jakobinerklub organisirt, nahmen thatsächlich die Leitung der +Ereignisse in die Hand und drängten den Konvent von Handlung zu +Handlung. Vergebens suchten die Vertreter der eigentlichen +Bourgeoisie, die Girondisten, zu widerstehen, sie unterlagen und +endeten durch Ausstoßung oder auf dem Schaffot. + +</P><P> + +Die Schreckensherrschaft begann. Das in seinen tiefsten Tiefen +aufgeregte Volk, im Inneren von den royalistischen Verschwörungen +bedroht, an den Landesgrenzen die europäischen Heere erblickend, +welche drohten als Hersteller des Alten das ganze Land zu +überziehen, von Arbeits- und Verdienstlosigkeit heimgesucht, vom +Hunger gepeinigt, rapide Entwerthung des Geldes, rapide Verteuerung +der Lebensmittel sehend, ohne sich all dies genügend +erklären zu können, gerieth in Raserei. Die Gewaltszenen +häuften sich und das Blut der Feinde der Republik und Derer, die +man als Feinde des Volks ansah, floß in Strömen. Um der +zunehmenden Verzweiflung der Massen zu steuern, war der Konvent +gezwungen, das sog. Maximum einzuführen, d. h. den Preis +festzustellen, zu dem die nothwendigsten Lebensmittel abgegeben werden +mußten; und als 1794 abermals eine Hungersnoth drohte, weil die +Verkäufer der Lebensmittel allerorts mit ihren Waaren +zurückhielten, mußte er sogar die Rationirung des Brotes +für die pariser Bevölkerung einführen. Aber da alle +diese Maßregeln den ersehnten Zustand nicht herbeiführen +wollten, Arbeitslosigkeit, Wucher, Geldentwerthung, Beunruhigung +fortdauerten, die schönste Verfassung, welche die Welt gesehen, +mit all ihren Freiheiten und Rechten, weder die Freiheit, noch die +Gleichheit, noch die Brüderlichkeit begründete, der ganze +Zustand immer wirrer aber auch unfaßbarer wurde und Keiner die +Lösung des Räthsels fand, <i>was war natürlicher, als +daß man die Personen verantwortlich</i> machte <i>für die +Dinge, deren Natur man nicht begreifen konnte</i>! Eine Partei klagte +die andere an, suchte sie als die Ursache des allgemeinen +Unglücks zu vernichten. Die Royalisten waren in Schaaren +geopfert, proskribirt, eingekerkert, flüchtig, die Girondisten +waren vernichtet. Jetzt traf die Reihe die Dantonisten, ihnen folgten +die Hebertisten, schließlich kamen die, welche alle Andern +geopfert, die Terroristen, die Robespierrianer selbst an die Reihe. +Diese „Tugendhaften“ hatten die Republik und das allgemeine Wohl nicht +retten können; die ihnen jetzt in der Herrschaft folgten, die +Männer der richtigen Mitte, des ehemaligen Sumpfes im Konvent, +die Schlauberger, die es mit allen Parteien gehalten, um es mit keiner +zu verderben, die keine Ideale und keine Leidenschaften besaßen, +retteten auch weder die Republik, noch begründeten sie das +allgemeine Wohl. An Beiden lag ihnen herzlich wenig, aber sie thaten +etwas Besseres, sie retteten sich und das Wohl ihrer Klasse, und dies +war schließlich das „allgemeine Wohl“. + +</P><P> + +In allen Kämpfen und Wirrnissen der Revolution, als die +Leidenschaften den höchsten Grad erreichten, andererseits die +Begeisterung erglühte, die glänzendsten Gedanken, die bis +dahin nur menschliche Hirne erfassen konnten, in Worte und Thaten sich +umsetzten, gab es ein geheimnißvolles Etwas, das wie der Geist +über den Wassern schwebte, mit dämonischer +Kaltblütigkeit in alle Pläne und Projekte eingriff, sie +förderte oder zerstörte, wie es seinem Interesse entsprach, +dabei Allen sichtbar und doch unfaßbar war, diese Macht war +— <i>das Kapital</i>. Das Kapital hatte unter all den Ruinen und +Zerstörungen, welche die Revolution geschaffen, allein die Beute +eingeheimst und schließlich den Sieg davon getragen. Das Kapital +hatte aus allen inneren und äußeren Verlegenheiten des +Königthums und der Republik den alleinigen Nutzen gezogen; es +hatte die Güterkonfiskationen, die Assignatenwirthschaft, das +Maximum, die Rationirungen, die Feldzüge mit ihren Waffen-, +Bekleidungs- und Lebensmittellieferungen, die Waareneinfuhrsperre +gegen England, kurz alle und jede Maßregel, welche die +Konstituante, dann der Konvent, dann der Wohlfahrtsausschuß, +jetzt das Direktorium im Interesse des Landes vollzogen, in seinem +Nutzen auszubeuten und auszuschlachten gewußt. Mitten unter den +Blutszenen der Revolution saß es bei der Ernte und berechnete +kaltblütig die Profite, die ihm diese oder jene Maßregel +der Gewalthaber abwerfen werde. Ueberall seine Agenten habend, in den +Klubs, im Konvent, im Wohlfahrts- und im Sicherheitsausschuß, +unter den Konventsdelegationen in den Provinzen, in der Leitung und +Verwaltung der Armeen, in den Zivilverwaltungen der eroberten Staaten, +Städte und Provinzen, machte es ungeheuere Gewinne. Es feierte +Orgien wie nie zuvor und kaum je nachher. Die großen +Vermögen wuchsen wie Pilze aus dem Boden, der Spekulations- und +der Handelsgeist griff immer weiter um sich und beherrschte das ganze +öffentliche und private Leben, alle Beziehungen der Menschen. Die +Lehren eines Adam Smith fanden ganz spontan, aus der Natur der Dinge +heraus, ihre Anerkennung und ihre Verwirklichung, und es kamen die +Lobredner der neuen Ordnung, wie sie immer sich finden, sobald eine +neue Macht im Besitz der Gewalt und dadurch im Recht ist, und streuten +den Weihrauch und priesen die neue Welt als die beste aller Welten. + +</P><P> + +Und da man während der Revolution, wie es die „tugendhaften“ +Lehren eines Rousseau vorschrieben, äußerlich sehr einfach, +sehr sparsam und sehr „tugendhaft“ gelebt hatte, so brach jetzt die +lange künstlich zurückgehaltene Genußsucht mit aller +Gewalt hervor und überschritt alle Schranken. Man praßte +und schwelgte und fröhnte exzentrisch der Liebe, wie es das +<TT>ancien regime</TT> unter Ludwig XV, dem Vielgeliebten, und der Hof +von Versailles kaum toller getrieben hatten. Die Masse aber war wieder +in's alte Joch gespannt, ihre Söhne schlugen mit Begeisterung in +aller Herren Länder die Schlachten und der freie Bauer und +Bürger des beginnenden 19. Jahrhunderts sorgten neben der Blut- +für die Geldsteuer, welche die neue bürgerlich-zäsarische +Herrlichkeit unter dem „glorreichen“ Szepter Napoleon's I. ihnen +auferlegte. + +</P> +<BR /><HR class="full"><BR /> +<P> + +Unsere Vorrede ist etwas lang geworden, aber sie war nicht +überflüssig zum Verständniß der Aussprüche +und Theorien des Mannes, dessen Leben und Lehren diese Abhandlung +gewidmet ist. Das Streben und der Ideengang eines Menschen von +Bedeutung wird ja nur dann verständlich, wenn man die +Zeitverhältnisse kennt, unter denen er geboren, und die auf seine +Entwicklung, also auch auf seinen Ideengang eingewirkt haben. Wie weit +ein Mensch auch über seine Zeit hinaus denken mag, +loszulösen von ihr vermag er sich nicht, er wird von ihr +beeinflußt und beherrscht, und so werden seine weitgehendsten +Gedanken stets den Stempel des Zeitalters tragen, in dem er lebte und +wirkte. Das ist schon oft gesagt worden, es kann aber nicht oft genug +wiederholt werden, weil jeden Tag noch in der Beurtheilung des Wirkens +von Persönlichkeiten gegen diese Auffassung gesündigt wird. + +</P><P> + +François Marie Charles <i>Fourier</i> wurde den 7. Februar 1772 +zu Besançon als Sohn eines wohlhabenden Großhändlers +geboren. Der Vater genoß in seiner Heimath eines ziemlichen +Ansehens, er wurde 1776 zum Handelsrichter gewählt. Charles +(Karl) war das vierte Kind seiner Eltern, die drei älteren +Geschwister waren Mädchen. Der Vater, der 1781 starb, +hinterließ ein Vermögen von zweihunderttausend Livres, +wovon laut Testament der Sohn zwei Fünftel, also 80.000 Livres, +erbte. + +</P><P> + +Fourier liebte es nie, über seine persönlichen +Verhältnisse zu sprechen; geschah es dennoch, so nur, um eine +seiner Theorien in dieser oder jener Weise damit zu unterstützen. +Seine Schüler und selbst seine intimsten Freunde erfuhren erst +nach seinem Tode, daß er in der Belagerung von Lyon, 1793, durch +die Konventstruppen das ziemlich beträchtliche väterliche +Vermögen vollständig eingebüßt hatte. + +</P><P> + +Stoiker ohne Ziererei und Künstelei, sprach er nie von der ersten +Ursache, die ihm ein Leben voll Entbehrungen und Einschränkungen +auferlegte. + +</P><P> + +Fourier zeigte von frühester Jugend einen entschiedenen Willen, +eine unerschütterliche Rechtschaffenheit. Als einziger Sohn vom +Vater für den Handel bestimmt, erzählt er selbst in einem +seiner Werke, wie er frühzeitig gegen denselben eingenommen +wurde. Da diese Stelle für den ganzen Mann charakteristisch ist, +geben wir sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man muß +den Handel als ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre +ab im kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in +diesem Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit +kennen gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, +nie zu lügen, dann führte man ihn in den Laden, um ihn +frühzeitig in dem edlen Handwerk der Lüge oder der Kunst, +wie man verkauft, zu üben. Betroffen über die +Betrügereien und Schwindeleien, habe er Käufer, die betrogen +werden sollten, bei Seite genommen und ihnen den Betrug entdeckt. +Einer von diesen sei unanständig genug gewesen, ihn zu verrathen, +was ihm eine Tracht Prügel einbrachte, und im Tone des Vorwurfs +hätten seine Eltern erklärt: der Junge wird nie für den +Handel taugen. In der That, er habe eine tiefe Abneigung gegen ihn +empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen Eid gegen den Handel +geschworen, wie ihn ähnlich Hannibal, neun Jahre alt, gegen Rom +schwur: „Ich schwöre ewigen Haß dem Handel.“ + +</P><P> + +Fourier's Haß gegen Ungerechtigkeit veranlaßte, daß +er schon als Knabe sich stets der schwachen unter seinen Gespielen +gegen die stärkeren annahm, und obgleich er mehr schwächlich +als robust war, fürchteten ihn die stärkeren und +älteren seiner Gespielen. Dabei war er ein harter Kopf, aber ein +vortrefflicher Kamerad und voll Zuneigung. Auch lernte er mit +außerordentlicher Leichtigkeit und gewann mehrfach die ersten +Preise, namentlich in lateinischer Poesie. Aelter geworden, wollte er +nach Paris, um dort namentlich Logik und Physik zu studiren, aber ein +Freund der Mutter, der um Rath gefragt wurde, rieth ab, ihn den +Gefahren der Großstadt auszusetzen, auch seien die +erwähnten Wissenschaften einem Kaufmann nicht vonnöthen; er +setzte allerdings hinzu, er glaube, daß ihr Sohn am Handel +keinen Geschmack habe und rieth, ihn nicht wider seinen Willen zu +zwingen. Das Letztere geschah aber dennoch. Fourier sollte +zunächst nach Lyon zu einem Bankier kommen, aber an dessen +Thüre desertirte er, erklärend, daß er niemals +Kaufmann werden wolle. Darauf kam er nach Rouen, wo er ein zweites Mal +auskniff. Schließlich beugte er sich unter das Joch und trat in +Lyon in die Lehre, und so habe er, wie er selbst sagt, die +schönsten Jahre seines Lebens in den Werkstätten der +Lüge zugebracht, überall und stets die Wahrsagung +hörend: „Ein rechtschaffener junger Mann, aber er taugt nicht +für den Handel.“ + +</P><P> + +Besondere Neigung besaß Fourier für die Geographie, und so +verwandte er sein Taschengeld hauptsächlich für die +Anschaffung von Karten und Atlanten; nächstdem liebte er +außerordentlich die Blumenzucht und kultivirte solche in vielen +Arten und Abarten; ferner hatte er großen Hang zur Musik und +lernte mehrere Instrumente, und zwar ohne Lehrer, spielen. + +</P><P> + +Ein hübscher Zug ist aus seinen Schuljahren bekannt geworden. +Obgleich er kein starker Esser war, nahm er täglich ein +tüchtiges Stück Brot mit kaltem Fleisch belegt, zur Schule +mit. Als er sich eines Tages auf einer kleinen Reise befand, stellt +sich ein armer Knabe im Laden ein, und frug, ob der kleine Herr krank +sei. Als man dies verneinte und ihm mittheilte, er sei verreist, brach +der Kleine in Weinen aus. Nach der Ursache befragt, antwortete er: +daß er nunmehr sein Frühstück verloren habe, das ihm +der junge Herr täglich gebracht habe. Er wurde getröstet und +wurde ihm für Ersatz gesorgt. + +</P><P> + +Fourier machte, bevor er sich dem Wunsche seiner Mutter, Kaufmann zu +werden, fügte, noch einen Versuch, in die Militair-Ingenieurschule +zu Mézieres aufgenommen zu werden, aber wegen seiner +bürgerlichen Abkunft wurde er zurückgewiesen, worüber +er sich in späteren Jahren selbst beglückwünschte, weil +er sonst von seinen Studien über den sozialen Mechanismus +würde abgezogen worden sein. So entscheidet das spätere +Schicksal der Menschen meist der Zufall, und da spricht man +beständig von den persönlichen Verdiensten. Wie viel +bedeutende Männer hatten, als sie eine gewünschte Laufbahn +verfehlten, eine Ahnung, daß gerade in diesem <i>Verfehlen</i> +die erste Ursache zu ihrer künftigen Berühmtheit +lag? — + +</P><P> + +Nachdem Fourier seine Lehrzeit in Lyon absolvirt hatte, kam er, 1790 +auf einer Reise nach Rouen begriffen, um dort eine Stellung als +Reisender anzunehmen, ein Posten, der zu jener Zeit ein ganz +besonderes Vertrauen voraussetzte, zum ersten Mal auf einige Zeit nach +Paris, das ihm sehr gefiel. Mit Hülfe der Zuschüsse, die er +aus seinem Vermögen besaß, besuchte er allmälig die +meisten Städte Frankreichs, bereiste Deutschland, Holland und +Belgien, überall sorgfältig beobachtend und studirend. Von +den Deutschen empfing er eine sehr günstige Meinung, er nannte +sie das unterrichtetste und vernünftigste Volk. Besonders +imponirten ihm die vielen deutschen Städte, die Sitze von +Kunstanstalten, Universitäten und höheren Bildungsanstalten +waren — die gute Seite und Wirkung der deutschen Kleinstaaterei. +Er beklagte später tief, daß für Frankreich Alles in +Paris konzentrirt wäre, und in Folge dessen alle übrigen +Städte Frankreichs langweilige, monotone und versimpelte Orte +seien, in denen jeder höhere geistige Flug fehle. Auf allen +diesen Reisen studirte Fourier das Klima der verschiedenen Gegenden, +ihre Bodenbeschaffenheit, die Gewerbe, die Bauart der Städte und +Straßen und nicht zuletzt den Charakter der Bewohner. Es gab in +keiner größeren Stadt, die er besucht hatte, ein +hervorragendes Gebäude, dessen Architektur und Dimensionen er +nicht genau kannte. Nur für die Sprachen hatte er wenig Sinn, +daher auch sein Verlangen in seinem Hauptwerk, das schon im Titel +seine Auffassung ausdrückt. „Theorie der universellen Einheit“, +daß die Vielsprachigkeit eine der schlimmsten Fehler des +Menschengeschlechts sei, und die Schaffung einer Weltsprache, +wofür er die französische am geeignetsten hielt, eine der +ersten Aufgaben einer neuen sozialen Ordnung der Dinge sein +müsse. Den Deutschen machte er zum Vorwurf, daß sie mit +Hartnäckigkeit an ihrer besonderen Schriftsprache festhielten, +die doch andere germanische Völker, wie die Engländer und +die Holländer, längst aufgegeben hätten. Bekanntlich +ist heute, nach mehr als siebenzig Jahren, diese Frage in Deutschland +noch kontrovers, wenn auch für wissenschaftliche Werke im Sinne +Fourier's entschieden. + +</P><P> + +Da Fourier durch sein Geschäft über Tag stets +vollständig in Anspruch genommen war, benützte er, und +namentlich dann, nachdem er sein Vermögen verloren und auf das +Einkommen aus seiner kaufmännischen Stellung allein angewiesen +war, die Nächte, um sich weiter zu bilden. Er befaßte sich +hauptsächlich mit Anatomie, Physik, Chemie, Astronomie und +Naturgeschichte. Sein Haß gegen den Handel steigerte sich mit +den Jahren, je genauer er das Treiben in demselben kennen lernte, +immer mehr und spornte ihn zu seinen sozialen Studien an. Namentlich +machte es einen tiefen Eindruck auf ihn, als er 1799 in einer Stellung +in Marseille seitens seines Chefs den Befehl erhielt, eine +Schiffsladung Reis in's Meer zu versenken, damit die Waare im Preise +steige. + +</P><P> + +Mit dem Gang der Revolution konnte er sich nicht befreunden. + +</P><P> + +Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch +gewonnen, dahingegen hatte die Klasse, die er auf's Tiefste +haßte. die handeltreibende Klasse, am meisten profitirt. Und +daß die Schriftsteller und Verherrlicher der neuen Ordnung der +Dinge das Lob des Handels in allen Tonarten priesen, die +Handelsfreiheit als das Ei des Columbus rühmten, als die +Einrichtung, aus welcher die allgemeine Wohlfahrt und das allgemeine +Glück ersprießen werde, erbitterte ihn noch mehr. Auch war +seine Abneigung gegen jede Gewaltthätigkeit, mochte sie von +welcher Seite immer kommen, so ausgeprägt, daß er sich nie +mit den Gewaltakten der Revolution, deren Nothwendigkeit er nicht +einsehen konnte, zu befreunden vermochte, und namentlich haßte +er die Jakobiner, als die Vertreter des Schreckensregiments und der +Rousseau'schen Philosophie. Nichts konnte ihn später mehr in +Aufregung und Zorn bringen, als wenn die Gegner ihm vorwarfen, +daß seine sozialen Theorien nur auf dem von den Jakobinern +eingeschlagenen Wege verwirklicht werden könnten; dann brach er +heftig los. „Nein und tausendmal nein, meine Theorie hat nichts zu +thun mit der jener Leute, noch mit ihren Umsturzprojekten.“ Er hatte +mit seinem kritischen Blick erkannt, daß in der Revolution trotz +allem Heroismus und aller Aufopferung des Volkes, trotz einer idealen +Verfassung, trotzdem Alles die Freiheit, die Gleichheit und die +Brüderlichkeit im Munde führte, die Ausbeutung, die +Unterdrückung, die Demüthigung der Masse, Lug, Trug und +Heuchelei nicht nur geblieben waren, sondern sich wo möglich noch +gesteigert hatten. Er hatte gesehen, daß, während die +Revolutionäre sich bemühten, mit größter +Rücksichtslosigkeit Alles mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, +was ihren Begriffen von gesellschaftlichem Glück entgegenstand, +das Kapital im schreiendsten Widerspruch mit den gepredigten +Grundsätzen agirte. Er sah, wie der Güterschacher, der +Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien blühten und die +neu emporgekommenen und plötzlich reich gewordenen Besitzer ihre +Orgien feierten. Ihm war auch der Hunger und das Elend der Massen, +ihre Begeisterung und ihre Opferwilligkeit bei der Verteidigung des +Vaterlandes nicht entgangen, und alle diese Wahrnehmungen, verbunden +mit denen, die er tagtäglich im kleineren Kreise um sich und im +Geschäftsleben machte, waren es, die ihn auf den Gedanken +brachten, daß die Gesellschaft unmöglich richtig organisirt +sein könne, und es eine Ordnung der Dinge geben müsse, die +alle diese Auswüchse und Uebel unmöglich mache. Ihm erschien +es eine Ungeheuerlichkeit, daß die Revolutionäre und nach +ihnen die Ordnungsmänner mit Menschenköpfen wie mit +Kegelkugeln spielten; daß man in der gewaltsamen Vernichtung der +Parteien das menschliche Glück zu begründen glauben +könne. Er begriff nicht, daß alle diese Kämpfe nur +stattfanden, weil man der wahren treibenden Kraft, jener +geheimnißvollen unfaßbaren Macht, dem unpersönlichen +Kapital, nicht auf die Spur kommen und seinen Einfluß nicht +beseitigen konnte, noch viel weniger wollte, jenes Dinges, über +dessen Definirung die bürgerlichen Ideologen sich bis heute die +Köpfe zerbrachen, dessen Räthsel erst der moderne +wissenschaftliche Sozialismus löste, der endlich auch diese +moderne Sphinx in den Abgrund stürzen wird. + +</P><P> + +Fourier, der von Natur für die politischen Kämpfe nicht +inklinirte, der durch die vor seinen Augen sich abspielenden +Ereignisse in dieser Abneigung noch bestärkt wurde, kam in Folge +davon zu der vorgefaßten Meinung, daß die politische +Verfassung der Gesellschaft überhaupt eine gleichgültige +Sache sei, daß diese mit dem sozialen Zustand nichts zu schaffen +habe, und daß es sich darum handele, den letzteren zu verbessern +und die politischen Fragen ganz bei Seite zu lassen. Er verfiel also +in den entgegengesetzten Fehler der bürgerlichen Ideologen. Diese +glaubten durch die Beseitigung des Adels, der Priesterschaft und des +Königthums, durch die Begründung der Republik, die +Verkündigung der Menschenrechte, die Anstellung idealer +Grundsätze Alles geleistet zu haben, was zu leisten möglich +sei. Blieben dennoch die Zustände mangelhaft, so lag das nur an +der Niederträchtigkeit der sogenannten Volksfeinde, der +Aristokraten, der Pfaffen, der heimlichen Anhänger des +Königthums, deren man trotz aller Gewaltmaßregeln nicht +Herr werden konnte. Man mußte das Volk zur „Tugend“ erziehen, +zur Vaterlandsliebe, zur Opferwilligkeit, zur Arbeitsamkeit, zur +Enthaltsamkeit. Wenn das geschah und Alle „tugendhaft“ waren, so +konnte der glückliche Zustand nicht fehlen. Die bürgerliche +Welt ist am Ende des 19. Jahrhunderts den großen Begründern +ihrer Herrlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht um Vieles +in der Erkenntniß der gesellschaftlichen Entwicklungsgesetze +voraus gekommen, sie dreht sich noch immer in demselben Ideengang und +sie wird darin stecken bleiben. Darüber hinauszugehen wäre +ihr Tod. + +</P><P> + +Nach Fourier besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen dem +politischen und sozialen Zustand der Gesellschaft, der erstere ist +willkürlich, wie auch der letztere mehr oder weniger +willkürlich ist. Er hat zwar mit großem Scharfsinn +verschiedene Stufen der menschlichen Entwicklung gekennzeichnet, die +er als Edenismus, oder Zustand des primitiven Glücks, als Zustand +der Wildheit, des Patriarchats oder der Halbbarbarei, der Barbarei und +der Zivilisation charakterisirt; aber es unterliegt nach ihm keinem +Zweifel, daß die Zivilisation, die er mit den Griechen beginnen +läßt, schon längst in den nächst höheren +Zustand der Entwicklung, den des Garantismus übergegangen +wäre, wenn der richtige Mann sich fand, der den Ausgang aus der +Zivilisation entdeckte. Dieser Mann fehlte bisher. Newton war durch +die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der Weltkörper hart an +dem rechten Weg vorbeigestreift, aber er hatte das Bewegungsgesetz nur +für die materielle Welt gefunden. Diese Entdeckung war also, so +wichtig sie auch sein mochte, für das Glück der Menschheit +die minder werthvolle. Die Gesetze der sozialen Attraktion zu +entdecken und darauf die universelle Einheit des gesammten Weltalls, +die Beziehungen zwischen den verschiedenen Naturreichen und dem +Menschen, zwischen dem Menschen, der Entwicklung des Erdballs und des +ganzen Planeten- und Weltsystems, und namentlich auch seine wahren +Beziehungen zu dem Weltenschöpfer zu entdecken, dessen ermangelte +Newton. Diese Gesetze zu entdecken und damit die wahre Bestimmung des +Menschen, die Wege zu seinem Glück, das blieb ihm, Fourier, +vorbehalten. Er hat das Mittel entdeckt, das die Menschheit aus Noth, +Elend, Unterdrückung, Verkümmerung, Langeweile erlöst, +den Menschen mit Gott und dem All in Harmonie setzt. Dieses Mittel ist +die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe, +angewandt auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen, und +ihre Bethätigung in der Assoziation durch die Bildung der Serien +(Reihen) und Gruppen von Harmonisirenden. + +</P><P> + +Daß er, Fourier, dieses Mittel für das Glück der +Menschheit entdeckte, ist nach ihm reiner Zufall. Es hätte jeder +Andere vor ihm und namentlich die Philosophen, die sich seit mehr als +2500 Jahren bemühten, das Welträthsel zu lösen und das +menschliche Glück zu suchen, es auch entdecken können. Sie +haben aber immer nur damit sich begnügt, das Bestehende zu loben +und haben jede Neuerung, wenn sie ihren Lehren gefährlich oder +bedenklich schien, bekämpft und verfolgt. Darum sind auch die +400.000 Bände, die sie ihm zufolge im Laufe der Zeiten in den +Bibliotheken, vollgepfropft mit ihren Theorien, aufgestapelt haben, +von sehr zweifelhaftem Werth. Um so heftiger bekämpfen sie aber +jede Neuerung, die, wie die seine, alle diese Werke über den +Haufen wirft und sie nahezu werthlos macht. Diese Philosophen, unter +welchen er, wie er wiederholt hervorhebt, die Moralisten, die +Metaphysiker, die Politiker und die Oekonomisten +<i>ausschließlich</i> verstanden wissen will, weil sie ihm als +Vertreter der unsicheren Wissenschaften <TT>(sciences +incertaines)</TT> gelten, haben sich deshalb auch gegen ihn +verschworen, seine Lehren nicht zur Geltung kommen zu lassen; sie +treten ihm überall in den Weg und suchen die Besprechung, selbst +die bloße Erwähnung seiner Schriften zu hintertreiben. +Gegen sie richtet sich daher sein ganz besonderer Zorn, und er +überschüttet sie mit seinem Witz, seiner Satyre und seinem +Haß. + +</P><P> + +Daß, einmal ganz abgesehen von der Frage der Ausführbarkeit +seines Systems, seine Theorien, wie sich zeigen wird, im letzten +Grunde darauf hinaus laufen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, +und daß also das Klasseninteresse der Besitzenden und +Herrschenden diese zwingt, seinen Ideen naturgemäß +feindlich zu sein, sieht er trotz des außerordentlichen +Scharfsinns, der ihm bei der Entwicklung seiner Ideen eigen ist, nicht +ein. Er giebt sich allerdings die größte Mühe, die +verschiedenen Klassen und Interessen auszusöhnen. Nicht nur +sollen alle Regierungen, ohne Rücksicht auf das ihnen zu Grunde +liegende politische System, bestehen bleiben, er läßt sogar +noch eine große Zahl neuer Staaten und Reiche in den bis jetzt +von den Wilden und Barbaren bewohnten Ländern und Erdtheilen sich +bilden, wenn erst der ganze Erdball sein System angenommen haben wird, +was nach Gründung der ersten Versuchsphalanx — die Phalanx +ist die Genossenschaft, in der sich sein System vollzieht<a href="#Footnote_1" +name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"><sup>1</sup></a> — +nur wenige Jahre dauern wird. Denn die Vortheile, die sein +phalansteres System der Menschheit bietet, sind so in die Augen +springende, so zur Nachahmung hinreißende, daß, nachdem +die Neugierigen von allen Enden des Erdballs sich von den +großartigen Vortheilen und Annehmlichkeiten dieses Systems durch +den Besuch der Versuchsphalanx überzeugten, sie die +größte Eile haben werden, desselben Glückes +theilhaftig zu werden. + +</P><P> + +Indeß waren um das Jahr 1793, wo Fourier in Lyon lebte, diese +Ideen bei ihm noch nicht zur Reife gekommen, obgleich die Keime dazu +bereits bei ihm vorhanden waren und seine Denk- und Handlungsweise +bestimmten. Es war in diesem Jahr, daß der Konvent das ihm +oppositionell gesinnte Lyon belagern und nach der Eroberung in einem +erheblichen Theil zerstören ließ, wobei auch Fourier sein +Vermögen einbüßte. Fourier mußte zur +Verteidigung der Stadt die Waffen ergreifen und entging bei einem +Ausfall nur mit genauer Noth dem Tode. Nach Eroberung der Stadt wurde +er gefangen genommen und sollte füsilirt werden; er wußte +sich durch die Flucht zu retten. Man kann sich vorstellen, daß +diese Vorgänge auf ihn einen tiefen Eindruck machten und sein +späteres Denken und Urtheilen wesentlich beeinflußten. +Kurze Zeit darnach mußte er sich in Folge der vom Konvent +beorderten <TT>levée en masse</TT> (des Massenaufgebots) zur +Vertheidigung der Grenzen stellen, und zwar war er als +Unverheiratheter unter der ersten Portion der Ausgehobenen, die nach +der nothdürftigsten Einübung zur Armee abgehen sollten. Er +wurde unter die Jäger zu Pferde der Rhein- und Moselarmee +rangirt, doch wurde er nach einigen Monaten auf ein +Untauglichkeitszeugniß hin — F. war klein und +schwächlich von Körper — vom Dienst befreit. Ein +während seiner Dienstzeit an das Kriegsdepartement gerichteter +Brief, in dem er der obersten militärischen Leitung +Vorschläge bezüglich der Ueberschreitung des Rheins und der +Alpen machte, verschaffte ihm seitens der genannten Behörde ein +Dankschreiben, unterzeichnet von Carnot. + +</P><P> + +In den nächsten Jahren beschäftigte sich Fourier — +neben seinem Beruf — mit allerlei sozial-reformatorischen +Vorschlägen, die er bald der Regierungsgewalt, bald einzelnen +Deputaten unterbreitete, aber ohne Anklang damit zu finden. Zu Anfang +dieses Jahrhunderts hatte er sich, um eine größere Freiheit +und Selbständigkeit zu genießen, als Winkelmakler, wie er +sich selbst nannte, etablirt, ein Beruf, den er mit seiner gewohnten +Offenheit also charakterisirt. „Ein Makler ist ein Mensch, der mit den +Lügen Anderer hausirt und diesen Lügen seine eignen +hinzufügt.“ Nebenbei veröffentlichte er ab und zu politische +Artikel im „Bulletin de Lyon“. In einem solchen Artikel vom 25. +Frimaire des Jahres XII. (17. Dezember 1803), betitelt. „Das +kontinentale Triumvirat und ein dreißig Jahre dauernder Friede“, +behandelte er die Frage der Theilung Europas. Bekanntlich hatte damals +bereits der Ruhm Napoleon's eine außerordentliche Höhe +erlangt, man stand kurz vor seiner Krönung zum Kaiser und alle +Welt beschäftigte sich mit der Frage, ob endlich dauernd Frieden +einkehren, oder welcher Staat das nächste Angriffsobjekt bilden +werde. Fourier setzte auseinander, daß zunächst noch kein +Friede kommen dürfe, daß unter den vier Staaten, die als +selbstständige Reiche in Frage kämen. Frankreich, +Rußland, Oesterreich, Preußen, letzteres, als das +schwächste, zuerst an die Reihe kommen und verschwinden werde. +Mit einer einzigen Schlacht sei es niedergeworfen — was +bekanntlich thatsächlich geschah — und dann werde es das +Schicksal Polens finden und unter die anderen drei getheilt werden. +Jetzt sei das Triumvirat und ein längerer Friede möglich; +einige man sich nicht, so komme Oesterreich an die Reihe, zuletzt +entbrenne der Kampf zwischen Rußland und Frankreich um die +Herrschaft der Welt. England ließ er außer Betracht, weil +es als insularer Staat und einzige Alles beherrschende Seemacht +zunächst unangreifbar war. Aber wer in Europa Sieger bleibe, +werde Indien nehmen, die Häfen Asiens und Europas schließen +und so England zu Grunde richten. Gegen England, in dem er die +Stütze des Handelssystems und den Repräsentanten aller +Niederträchtigkeiten des Handelsgutes sah, empfand er einen +besonderen Haß, der häufig aus seinen Schriften +hervorbricht. Der erwähnte Artikel erregte die Aufmerksamkeit +Napoleon's und führte zu Untersuchungen über den Verfasser; +dem Verleger wurde bedeutet, künftig ähnliche Artikel nicht +wieder aufzunehmen. + +</P><P> + +Im Jahre 1808 veröffentlichte Fourier sein erstes und +grundlegendes Werk unter dem Titel: <TT>„La Theorie des quatre +Mouvements et des destinées generales“</TT> („Die Lehre von den +vier Bewegungen und den allgemeinen Bestimmungen“). In diesem Werke +sind seine Ideen bereits vollkommen enthalten, obgleich es noch +vielfach der Klarheit und namentlich der logischen Entwicklung +entbehrt; dafür ist es aber mit dem ganzen Feuer der ersten +Begeisterung eines Mannes geschrieben, der an seine Mission und die +Unfehlbarkeit seiner Theorien glaubt. Fourier ließ das genannte +Werk allerdings zunächst nur als Prospekt seiner Entdeckung +erscheinen, dem später noch acht lange Abhandlungen über die +Gesammtheit seiner Theorien folgen sollten. Diese erschienen nun zwar +nicht, aber was erschien, enthielt im Grunde doch nur +umfänglichere Erläuterungen und größere +Detailschilderungen seines Systems, untermischt mit +philosophisch-polemischen Abhandlungen gegen seine Gegner, worin er +sich gegen die auf ihn und gegen seine Theorien gerichteten Angriffe +wandte, dabei immer dem Grundsatze folgend: die beste Taktik zur +Abwehr ist der Angriff. Auch liebte er es, in seinen Werken immer +wieder seine positiven Hauptgedanken, wie seine Hauptanklagen gegen +die bestehenden Zustände zu wiederholen, nachdrücklich +hervorhebend, daß dies nöthig sei, einestheils, um seine +Ideen, die dem Leser neu und fremd seien, besser und sicherer in +dessen Köpfe haften zu lassen, anderntheils, um die in den +Köpfen tief eingewurzelten Vorurtheile um so gründlicher zu +beseitigen. Eine unzweifelhaft sehr richtige Taktik, die auch die +Gegner alles Neuen bisher stets angewandt haben, wodurch sie es fertig +brachten, selbst die absurdesten Vorurtheile lange Zeit aufrecht zu +erhalten. + +</P><P> + +Die große Masse in allen Kreisen denkt nur +gewohnheitsmäßig, die einmal übernommenen Ideen +bewegen sich in gewissermaßen ausgefahrenen Hirngeleisen, und es +bedarf erst starker und wiederholter, durch greifbare Thatsachen und +fühlbare Uebel unterstützter Argumente, um sie aus der +gewohnten Denkbahn zu reißen. Und ist das Interesse nicht mit +den neuen Ideen verknüpft, so ist alle Arbeit vergebens, +vereinzelte Idealisten ausgenommen, die schließlich doch auch +nur aus Interesse geleitet werden, weil sie weiter blicken und das +Neue als das Zukünftige, als unabänderliche Nothwendigkeit +und Verbesserung für Alle ansehen und darum für +erstrebenswerth halten. + +</P><P> + +Der Gedankengang, den Fourier in seinem ersten Werk entwickelt, ist +kurz folgender: die Welt besteht aus drei ewigen, unerschaffenen und +unzerstörbaren Prinzipien: + +</P> + +<UL> +<LI>Gott, oder dem Geist, aktives und bewegendes Prinzip;</LI> +<LI>der Materie, passives und bewegtes Prinzip;</LI> +<LI>der Gerechtigkeit oder den mathematischen Gesetzen, regulirendes Prinzip.</LI> +</UL> + +<P> + +Analog dem Weltall besteht auch der Mensch aus drei Prinzipien: + +</P> + +<UL> +<LI>den Trieben, <TT>passions</TT>, aktives und bewegendes Prinzip;</LI> +<LI>dem Körper, passives und bewegtes Prinzip;</LI> +<LI>der Intelligenz, neutrales und regulirendes Prinizp.</LI> +</UL> + +<P> + +Gott, welcher der Leiter und Lenker des Weltalls ist, kann nur die +Einheit und Harmonie desselben wollen, weil sonst er mit sich selbst +in Widerspruch stünde. Daher existirt eine ununterbrochene Kette +von Beziehungen zwischen Allem, was vorhanden ist. Zwischen den drei +Reichen der Natur — Thieren, Pflanzen, Mineralien — und +dem Menschen, zwischen dem Menschen und Gott, wie zwischen dem +Menschen und dem Erdball, und dem ganzen Planeten- und Weltsystem.<a href="#Footnote_2" +name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"><sup>2</sup></a> Indem +Gott den Menschen schuf, ihn mit Trieben und Leidenschaften +ausstattete, wollte er, daß der Mensch damit glücklich sei. +Es ist also nicht anzunehmen, daß diese Triebe schädliche +sind, daß der eine oder der andere unterdrückt werde oder +unbefriedigt bleibe. Die Befriedigung seiner Triebe schafft vielmehr +die Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott. Wenn wir +trotzdem häufig sehen, daß diese Triebe des Menschen sich +oft nur in schädlicher Richtung oder gar nicht äußern +und nicht befriedigt werden können, so beweist dies nichts gegen +<i>die Triebe und die Ordnung Gottes, sondern spricht gegen die +soziale Organisation der Gesellschaft</i>, welche diese Triebe sich +falsch zu bethätigen zwingt oder sie gar unterdrückt. + +</P><P> + +Es sind nun vier Bewegungen, oder wie er später aufstellte, +fünf, welche die ganze Welt in Thätigkeit setzen und sie den +Bestimmungen entgegenführen. + +</P> +<OL> + +<LI> Die normale Bewegung; Gesetze der Anziehung für die +imponderablen (unwägbaren) Elemente, Elektrizität, +Magnetismus, Gerüche.</LI> + +<LI> Die thierische oder instinktuelle Bewegung; Gesetze der Anziehung +für die Triebe und Instinkte aller erschaffenen Wesen, wann und +wo immer sie waren, sind und sein werden. </LI> + +<LI> Die organische Bewegung. Gesetze der Anziehung für die +Eigenschaften der Körper: Form, Farbe, Geschmack, Geruch etc. +</LI> + +<LI> Die materielle Bewegung — bereits durch die Mathematiker +(Newton) entdeckt — Gesetze der Anziehung und Gravitation der +Weltkörper (Planeten Fixsterne). Die Kometen sind nach Fourier +irreguläre Weltraumbummler. </LI> + +<LI> Die soziale Bewegung — der eigentliche Angelpunkt (Pivot) +des Ganzen — die Gesetze, welche die Ordnung und +Aufeinanderfolge der verschiedenen sozialen Gestaltungen auf allen +Weltkörpern regeln. </LI> + +</OL><P> + +Der Mittelpunkt dieser sozialen Gesetze ist der Mensch, der im Grunde +damit zum Mittelpunkt des Ganzen wird um den sich Alles dreht. + +</P><P> + +Was hat die Welt überhaupt für einen Zweck, wenn sie nicht +für den Menschen geschaffen ist? Das ist der Hauptgedanke, der +seiner Weltauffassung zu Grunde liegt. + +</P><P> + +Die Bestimmung des Menschen ist das Glück, das in der Entwicklung +aller seiner Anlagen, der Befriedigung aller seiner Triebe liegt. Der +Mensch soll genießen und abermals genießen Alles, wonach +sein Herz ihn drängt, das ist das Fourier'sche Evangelium und +nach ihm die Bestimmung des Menschen durch Gott. Man sieht, dieser +Fourier'sche Gott ist ein sehr materialistischer Gott, der sich in +starkem Gegensatz zu dem Gott des Christenthums befindet, der die +Enthaltsamkeit, die Demuth, die Kreuzigung des Fleisches predigt. + +</P><P> + +Seiner Bestimmung gemäß strebt also der Mensch nach dem +Glück, und Reichthum und Gesundheit bilden sein Glück. Er +will Reichthum, um sich Genuß verschaffen zu können, und er +will Gesundheit, um sie genießen zu können. Den Reichthum +genießen nur Wenige, und meist Jene, die ihn am wenigsten +verdienen; die Gesundheit mangelt fast Allen. Den Einen in Folge von +Noth, Elend, Trübsal, Entbehrungen, den Anderen in Folge von +Ueberüppigkeit, Schwelgerei, Uebermaß der Genüsse. Das +Eine wie das Andere ist Folge unserer sozialen Einrichtungen, die +keinem Theil der Gesellschaft, weder dem Reichen noch dem Armen, die +vernünftige und gesunde Entwicklung aller seiner Kräfte und +Fähigkeiten, die Abwechslung und befriedigende Anwendung seiner +Triebe gestatten. Zwar will die Gesellschaft, und namentlich die +Zivilisation, das allgemeine Glück, aber was sie erstrebt, +schlägt stets in das Gegentheil um. Wir behaupten, die Wahrheit +zu wollen, und überall herrscht Lüge, Heuchelei, +Unterdrückung; wir wollen die Moral und es herrscht Diebstahl, +Betrug, Verführung, Ehebruch, Prostitution, kurz allgemeine +Sittenlosigkeit; wir erstreben das allgemeine Glück und sieben +Achtel bis acht Neuntel der Menschen sind unglücklich, weil sie +von Uebeln umgeben sind, die zu beseitigen nicht in ihrer Macht liegt. +So herrscht statt der Einheitlichkeit die Zweideutigkeit in allen +Beziehungen. Jede gute Seite hat ihre schlimme, und zwar ist die +schlimme die überwiegende. + +</P><P> + +Fourier nennt das Streben nach Glück streben nach innerem und +äußerem Luxus. Der innere Luxus ist die Gesundheit, der +äußere der Reichthum. Den inneren Luxus bilden die Triebe, +<i>die um so gesünder sind, je lebhafter sie sind,</i> und deren +es fünf sensuelle oder Sinne des Körpers giebt: Geruch, +Gesicht, Gehör, Geschmack und Gefühl, und vier Triebe der +Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz<a href="#Footnote_3" +name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"><sup>3</sup></a>, Familiensinn, die sämmtlich +alle neun von drei sie steuernden Trieben beherrscht werden. Diese +drei sind: Die Kabalist, Trieb der Intrigue, d. h. der Trieb, der +thätig ist, um die Neigungen zu theilen, die Willen zu bestimmen, +sich zu gemeinsamen Handlungen zu vereinigen; die Alternant oder +Papillone, Trieb, der nach beständiger Abwechslung, nach +Kontrasten, nach Veränderungen in der Handlung strebt; die +Komposit, Trieb, der die Begeisterung, den Enthusiasmus erregt, nach +dem Guten und Schönen strebt, alle Hindernisse überwindet. +Diese letzten drei Triebe wirken ihm zufolge auf die vier affektiven +und diese auf die fünf sensitiven. + +</P><P> + +Will aber der Mensch alle seine Triebe bethätigen und befriedigen +und den dazu nöthigen Reichthum erlangen, ein Streben, das seiner +Natur inhärent ist, so kann er dies nicht als isolirtes +Einzelwesen, er bedarf hierzu einer Organisation mit Seinesgleichen. +Diese Organisation, die Fourier entdeckte und als Heilmittel bietet, +ist — die ländliche und hauswirthschaftliche Assoziation, +die mit der industriellen zu verbinden und auf die Anwendung der +Serien (Reihen) und Gruppen der Triebe organisirt sein soll. + +</P><P> + +Fourier legt auf die Ackerbaugenossenschaft oder die agrikole +Assoziation das Hauptgewicht, er sieht sie als die eigentliche +Grundlage für die menschliche Existenz, als diejenige +Thätigkeit an, welche die meiste und angenehmste Abwechslung der +Verrichtungen bietet. Aber auch die ganze häusliche +Thätigkeit, die Hauswirthschaft im weitesten Umfang, Handel und +Gewerbe, die Erziehung, die Künste, die Wissenschaften sollen +sozietär betrieben werden. Die eigentliche Großindustrie +hatte im Zeitalter Fourier's noch wenig Bedeutung in Frankreich, sie +war hauptsächlich in der sog. Manufaktur organisirt, jener +höher entwickelten Theilung der Handarbeit, vereinigt in +großen Werkstätten, oder vertheilt in Hausbetrieben, die +für einen gemeinsamen Unternehmer arbeiten. Der große +Fabrikbetrieb entstand erst in einiger Bedeutung gegen das Lebensende +Fourier's. Der manufakturmäßige Großbetrieb wurde zu +Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich treibhausmäßig +durch die Zoll- und Gewerbepolitik Napoleon's begünstigt, dessen +Haß und Eifersucht, sowie Rachsucht gegen England ihn zur +Kontinentalsperre trieben und ihn die größten Anstrengungen +machen ließen, neben der Sperrung der seiner Machtsphäre +unterworfenen Häfen für englische Waaren, die +inländische Industrie vermittelst enormer Schutzzölle, +Staatsunterstützungen und Prämien künstlich +großzuziehen und dadurch England zu stürzen. Immerhin +würde sich auch unsere heutige Großindustrie in die +Fourier'sche phalanstere Organisation einreihen lassen. + +</P><P> + +Die Arbeit ist nach Fourier eine Nothwendigkeit für <i>Alle</i> +ohne Unterschied des Lebensalters und des Geschlechts, aber sie darf +keine Last, sondern sie muß eine Lust sein, mit anderen Worten: +sie muß anziehend sein. Das kann sie nur sein, wenn Jeder das +treibt, wozu seine Triebe ihn drängen, was ihm also +Vergnügen macht; dabei muß die Beschäftigung +häufig abwechseln und dürfen zu diesem Zwecke die einzelnen +Arbeitssitzungen nur kurze sein. Jede Beschäftigung wie jedes +Vergnügen darf nicht über ein und eine halbe bis zwei +Stunden währen, weil man sonst ermüdet. Um aber das +rivalisirende Element in die Beschäftigung zu bringen, muß +sie von einer Anzahl Gleichstrebenden zugleich geübt werden. Es +bilden sich also Gruppen von Gleichgesinnten für eine bestimmte +Thätigkeit. Jede dieser Gruppen muß der lebhafteren +Rivalität und der Ausgleichung halber mindestens sieben, +gewöhnlich neun Personen umfassen. Es bilden sich eben so viel +Gruppen, als Unterarten von Beschäftigungen bei einem bestimmten +Produktionszweig vorhanden sind; diese verschiedenen Gruppen bilden +eine Serie (Reihe). Es giebt z. B. eine Serie der Birnen- und eine +solche der Aepfelzüchter, aber für die Varietäten jeder +Obstart bestehen Gruppen. Es rivalisiren also die Serien, um die beste +Obstart, die Gruppen, um die besten Sorten (Varietäten) zu +züchten. Da ferner zwei Menschen nie in Allem den gleichen +Geschmack und die gleichen Triebe haben, so werden dieselben Personen, +die soeben in einer Gruppe zusammen wirkten, sich in den nachfolgenden +Arbeitssitzungen in rivalisirenden Gruppen oder Serien in anderen +Produktionszweigen gegenüberstehen. Es wechselt also nicht blos +die Beschäftigung, es wechselt auch beständig der +gesellschaftliche Umgang bei der Arbeit. Dieser immerwährende +Wechsel der Beschäftigung und der beschäftigten Personen, +und die daraus hervorgehenden, sich bald anziehenden, bald +abstoßenden Wechselbeziehungen bilden nach Fourier die +höchste Befriedigung, weil alle Triebe dabei in's Spiel kommen. +Aber die Befriedigung würde keine vollkommene sein, wenn nicht +der äußere Erfolg, also die Reichthumserzeugung, durch +diese Thätigkeitsweise auch erzielt würde. Diese +planmäßig organisirte, assoziirte Thätigkeit von +Hunderten von Familien in einer Phalanx wird, so behauptet Fourier, im +Gegensatz zur einzelnen Privatwirthschaft und Privatunternehmerschaft +eine große Menge von Ersparungen an Kraft, Zeit, Mittel, +Werkzeugen etc. einerseits, und durch die geschickt kombinirte und +rivalisirende Thätigkeit Aller andererseits eine +Reichthumsvermehrung zur Folge haben, die sich im Vergleich zu jetzt +verzehn-, verzwanzig-, selbst vervierzigfacht und dem Aermsten eine +Bedürfnißbefriedigung ermöglicht, wie sie heute kaum +ein reicher Mann sich verschaffen kann. + +</P><P> + +In der Fourier'schen Phalanx besteht der Unterschied des Besitzes +fort. Da der Genuß des Lebens auf Kontrastwirkungen beruht, ist +auch der Unterschied des Besitzes nothwendig. Je größer die +Verschiedenheiten an Besitz, Charaktereigenschaften, Trieben, also je +lebhafter die Kontraste sind, um so besser für die Phalanx. + +</P><P> + +Man sieht, Fourier ist der Begriff des <i>Klassengegensatzes</i> und +die Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsformationen aus +<i>Klassenkämpfen</i>, eine Grundanschauung des modernen +Sozialismus, fremd. Sein Sozialismus ist auf die Versöhnung, die +Harmonie der heute feindlichen Gegensätze, die nach seiner +Meinung nur aus Mißverstand oder mangelhafter Kenntniß der +wahren Bestimmung der menschlichen Gesellschaft feindliche wurden, +gerichtet. Sein Sozialismus paßt sich, wie er nicht müde +wird, immer wiederholt zu versichern, allen Regierungsformen und allen +Religionssystemen an, er hat weder mit politischen noch +religiösen Streitfragen das Geringste zu thun. Daher wendet er +sich in seinen Schriften nicht an die Arbeiter und die Masse der +Geringen, von denen die erstern zu seiner Zeit als Klasse noch wenig +entwickelt waren und öffentlich gar keine Rolle spielten, sondern +er wendet sich an die Einsicht der Großen und Reichen. Letztere +allein konnten ihm helfen, weil sie allein die Mittel zur +Gründung einer Versuchsphalanx besaßen, von deren +Zustandekommen nach ihm die Einführung seines Systems abhing. War +diese begründet, dann zog sie durch ihren Glanz und ihre +Vortheile nicht nur die Zivilisirten, sondern auch die noch im +Zustande der Barbarei und der Wildheit befindlichen Völker +— „die von der Zivilisation nichts wissen wollen“ — an, +eiligst in die neue Gesellschaftsorganisation einzutreten. Die Phalanx +ist das Zaubermittel, das die Entwicklungsperiode der Zivilisation, +wie der Barbarei und der Wildheit abkürzt, Barbaren und Wilden +das Durchgangsstadium durch die Zivilisation erspart und den +Aufschwung zu immer höherer Vollendung herbeiführt. + +</P><P> + +So wandte sich denn Fourier nacheinander bald direkt, bald indirekt an +alle ihm jeweilig zugängig erscheinenden Kreise und Personen, um +diese für sein System zu interessiren und von ihnen die Mittel +zur Begründung der Versuchsphalanx zu erlangen. Er schilderte +ihnen den eigenen materiellen Vortheil, wie die Ehren und den Ruhm, +den sie dadurch bei Mit- und Nachwelt erlangten, in den +glänzendsten, glühendsten Farben. So suchte er abwechselnd +und nacheinander Napoleon, französische Volksvertreter, den Adel +und Klerus der Restauration, die Bourbonen, die englischen +Großen, die sich für das gleichzeitig auftauchende Robert +Owen'sche Assoziationsprojekt in New-Lamark interessirten, die +Liberalen, ferner seine wüthendsten Gegner, die Philosophen, +Rothschild, dem er ein Königreich Jerusalem in Aussicht stellte, +Lord Byron, George Sand und nach der Julirevolution die Herren von +Lafitte und Thiers, die emigrirten Polen etc. zu gewinnen. Er +versuchte schließlich selbst mit den Saint Simonisten, +insbesondere mit Enfantin, Fühlung zu bekommen. Die Saint +Simonisten benutzten zwar theilweise seine Theorien, indem sie +dieselben mit ihren Lehren vermischten, aber auf Weiteres ließen +sie sich nicht ein. + +</P><P> + +Alles war also vergeblich. Die Einen fanden sich unter der bestehenden +Ordnung so wohl, daß sie keine Sehnsucht nach einer anderen +hatten, Andere, die Wohlwollenden, hielten seine Ideen für +unausführbar, sahen in denselben eine schöne Illusion oder +Vision, die Dritten zuckten die Achsel und lachten über ihn als +einen Träumer und Narren. Dieser Widerstand, diese +Ungläubigkeit, die Fourier unbegreiflich fand und auf bösen +Willen oder Vorurtheil zurückführte, denn er selbst glaubte +an sich und sein System wie je ein Neuerer daran geglaubt hat, wird +unser Zeitalter sehr natürlich finden. Wir wissen Alle, daß +Entwicklungsperioden, die Bestehendes von Grund aus umgestalten +sollen, nie durch noch so scharfsinnig und detaillirt ausgedachte, +fertige Pläne von einer Idealgesellschaft herbeigeführt +werden, auch nicht, wenn die größten finanziellen Mittel +und das größte Wohlwollen mächtiger +Persönlichkeiten dahinter steht, sondern daß die +Umgestaltung aus dem Entwicklungsprozeß der ganzen Gesellschaft +sich vollzieht und, wenn die Bedingungen einer neuen +Gesellschaftsformation vorhanden sind, diese sich mit elementarer +Gewalt auch Bahn bricht. Sie wird nicht gemacht, sie vollzieht sich, +und stets unter der Form von Klassenkämpfen, <i>gegen</i> den +Willen der alten Gesellschaftsschichten. + +</P><P> + +Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent +berücksichtigen und zwar in der Weise, daß die Arbeit +Fünfzwölftel, das Kapital Vierzwölftel, das Talent +Dreizwölftel des Ertrags zugewiesen erhält. Die beiden +Geschlechter sind vollkommen gleichberechtigt, sie arbeiten, +vergnügen und lieben sich miteinander, wie die Neigung sie zu +einander führt. Wie alle Thätigkeit und die Vergnügen +gemeinsam sind, so ist auch die Kindererziehung eine gemeinsame. Die +Kinder sind das dritte neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er +in seinen Werken einen breiten und hochinteressanten Raum. Es +existiren nicht viele Menschen, die, wie Fourier, die menschliche +Gesellschaft in allen Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten +und studirten, und so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer +Gründlichkeit und Tiefe erfaßt und darauf sein +Erziehungssystem begründet. Es wird keinen Pädagogen geben, +der nicht heute noch die bezüglichen Kapitel mit großem +Vergnügen und mit Nutzen liest. + +</P><P> + +Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in +großen, für diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste +eingerichteten Sälen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege +übernehmen Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich +freiwillig und aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, +diesem Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder +entwickelt, werden sie darnach in die verschiedenen Säle +vertheilt. Die Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie +sind Tag und Nacht zugegen und werden in den üblichen +Zwischenräumen abgelöst. Die Mütter können nach +Neigung unter den Pflegerinnen leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl +werde es vorziehen, ihren gewohnten Beschäftigungen und +Unterhaltungen nachzugehen und nur in den Stunden der Nahrung sich +einfinden, überzeugt, daß ihren Kleinen Nichts fehlt und +Nichts abgeht. Für Spielen und Unterhaltungen der Kleinen ist +reichlich gesorgt. Vom dritten Lebensjahre ab werden sie nach ihrem +Alter klassifizirt und spielend in die verschiedenen leichten +Beschäftigungen des Haushalts eingeführt und zu Handarbeiten +angehalten. <i>Jeder Zwang ist ausgeschlossen.</i> Zweckdienlich +eingerichtete Spielsäle, Küchen, kleine Werkstätten, +mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen, geben ihnen +Gelegenheit, ihre Triebe und Fähigkeiten zu bethätigen. Der +eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten Jahr, +nachdem inzwischen die körperliche Erziehung, die unter dem Namen +der „Oper“ Gesänge, Tänze, Musik, körperliche Uebungen +aller Art umfaßt, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem +Maß und Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu +erziehen, eine feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung währt +in verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollständigen +körperlichen Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und +selbst 20. Lebensjahr. Wir kommen bei der späteren Darlegung der +Fourier'schen Theorien auf diese Dinge ausführlicher zurück. + +</P><P> + +Das Verhältniß der beiden Geschlechter zueinander ist im +Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier an +die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die Form +der heutigen Ehe mit ihren Auswüchsen, ihrer Käuflichkeit, +ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder gegen +beide Theile, übt, gehört zu dem Schärfsten, was +hierüber geschrieben wurde. + +</P><P> + +Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die +Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm +hauptsächlich die Entrüstung und den Zorn der Gegner zu, +verletzten Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die +beste der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner +Darstellung der sechsunddreißig Arten der Hahnreischaft und des +Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu +vervollständigen sich anheischig machte; mit seiner +Bloßlegung der lügnerischen und gaunerhaften Praktiken des +Handels, des Geld- und Lebensmittelwuchers, des Schachers mit +Grundstücken und Effekten, der Börsenmanöver, hatte er +in verschiedene und sehr gefährliche Wespennester gestochen. Er +rief einen solchen Sturm gegen sich wach, daß er selbst +später für angemessen fand, zu erklären, Alles, was er +über die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften +ausgeführt habe, könne erst von der dritten Generation ab, +nach Gründung seines Systems, zur Durchführung kommen. Die +jetzt noch übermäßig herrschenden Vorurtheile, wie die +physischen Uebel und Gebrechen, die das gegenwärtige System +erzeugt habe, müßten erst allmälig ausgerottet werden. +Dagegen fuhr er fort, durch historische Darlegung und Kritik der +geschlechtlichen und der Eheverhältnisse bei den alten +Völkern, besonders an der Hand der Bibel, ihrer Erzählungen +über die Nachkommen der ersten Menschen, die Lebensweise der +Erzväter, dann David's, Salomo's u. s. w. nachzuweisen, welche +Phasen die Geschlechtsverhältnisse der Menschen durchgemacht und +wie wenig Anstoß selbst Gott daran genommen habe, indem er allen +diesen aus dem alten Testament angeführten Personen fortgesetzt +sein Wohlwollen und seine Gnade erhalten habe. + +</P><P> + +Unter den neuen Lebensverhältnissen, die Fourier erstrebt, +genießen die Menschen nicht nur das volle Glück, sie werden +auch bei ihrer gesunden und naturgemäßen Lebensweise ein +sehr viel höheres Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre +werden das Durchschnittsalter sein. Sie könnten also wenigstens +volle achtzig Jahre die Liebe genießen, was doch wohl, wie er +meint, eine zu lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau +ausschließlich leben zu sollen, „täglich von derselben +Platte zu essen“. Da ferner mit dieser längeren Lebensdauer auch +die Vermehrung der Menschen entsprechend wachse, sei Urbarmachung +neuen Bodens, Ansiedelung in bisher wenig bevölkerten +Ländern und Erdtheilen geboten. Aber auch dieses Hülfsmittel +werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn nicht gleichzeitig mit +der Entwicklung des Menschengeschlechts durch die neue soziale +Organisation unser Erdball in klimatischer Beziehung bis zum +höchsten Nord- und Südpol eine vollständige klimatische +Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen Planeten und +Fixsternen ähnlich sich vollziehen soll. + +</P><P> + +Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem +Phantastischsten gehört, das ein Mensch erdenken kann. Es ist +namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten +Spott, ihm hauptsächlich den Titel des „Visionärs“, des +„Narren“ eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und +hier beruft er sich auf Schelling, „das Spiegelbild der menschlichen +Seele“. + +</P><P> + +Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode +wandert er von Planet zu Planet zu immer höherer Vollkommenheit, +eine Idee, die freilich auch in anderen Köpfen, selbst heute +noch, spukt und nicht blos in den untern Schichten. — „Die +Kanaille will ewig leben.“ + +</P><P> + +Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der +Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch +die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von +80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der +Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000 +Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung währt 35.000 +Jahre; die Phase des allmäligen Niedergangs ebenfalls 35.000 +Jahre. Dann folgt die Phase der Altersschwäche wieder mit 5000 +Jahren, worauf der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb +des Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32 +Entwicklungsperioden — wir befinden uns in der fünften, der +Zivilisation —, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt +es verschiedene Neuschöpfungen, durch welche auch die Thier- und +Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der höheren Entwicklung +des Menschen, sich in höherer Vollkommenheit entfalten werden. +Mit der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des +Glücks. Es wird die Nordpolkrone <TT>(Couronne +boréale)</TT> geboren, die dann, gleich der Sonne, nicht blos +Licht, sondern auch Wärme verbreitet und damit eine Reihe neuer +Schöpfungen einleitet. Die Wirkung der Nordpolkrone wird sein, +daß Petersburg und Ochotsk ein ähnliches Klima bekommen, +wie Kadix und Konstantinopel, daß das Klima der sibirischen +Eisküsten dem von Marseille und dem Golf von Genua gleicht, und +daß eine Fruchtbarkeit dieser nördlichen Erdtheile beginnt, +die mit jener der tropischen Länder wetteifert. Gleichzeitig wird +durch die Einwirkung des Fluidums der Nordpolkrone und durch die +Veränderung des Klimas das Meer sich umbilden und einen +limonadeartigen Geschmack annehmen. Die jetzigen, den Menschen +feindlichen und schädlichen Meerungeheuer, wie der Hai etc., +werden zu Grunde gehen und durch neue Schöpfungen, wie Anti-Hai, +Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere, die dem Menschen freundlich +sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen der Schiffe etc. leihen werden. +Alle <i>nützlichen</i> Fische und Seethiere, wie der Hering, der +Kabeljau, die Auster u. s. w., werden trotz der Veränderung des +Meeres erhalten bleiben und sich wesentlich vermehren. Ganz +ähnlich vollzieht sich die Umgestaltung auf dem Lande. Alle +wilden Thiere (Löwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.) und alle giftigen +Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die giftigen und +schädlichen Pflanzen verschwinden und werden durch für den +Menschen nützliche Neuschöpfungen ersetzt. So entsteht z. B. +der Anti-Löwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als +Reitthier anbietet. + +</P><P> + +Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei +Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann +wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen +Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz dort +nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht, ist +schwer zu sagen, darüber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der +Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevölkerungsziffer +erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so +läßt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmälig und +namentlich in dem Maße nach, wie neben den Männern +insbesondere auch die Frauen größer und stärker +werden, ihre geistige und körperliche Entwicklung und die +opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt, schon jetzt in unserer +Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu haben, daß Frauen von +großer Körperkraft und Körperfülle und +höherer geistiger Entwicklung und in günstigen materiellen +Verhältnissen lebend, weniger Kinder gebären, als solche von +schwächlicher, magerer Konstitution, so daß Erstere +häufig sogar unfruchtbar seien. + +</P><P> + +Aehnliche Umgestaltungen und Veränderungen, wie auf unserm +Globus, vollziehen sich auf allen übrigen Planeten und geben dem +Menschen die Gewähr, daß er auch nach seinem Tode auf der +Erde in ungemessenen Zeiträumen von einem zum andern Planeten +wandert, von denen immer einer vollkommener als der andere ist und +immer höhere Genüsse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze +Planetensysteme werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt +dieselbe Harmonie, das obere Klavier <TT>(clavier majeur)</TT> +herzustellen, wie diese Harmonie auf der Erde in dem Klavier der +menschlichen Seele, das 810 Charaktereigenschaften aufweist, sich +hergestellt hat. Das Charakteristische in allen diesen +Auseinandersetzungen Fourier's sind die bestimmten mathematischen +Verhältnisse und die Analogien, mit denen er rechnet. Alles +drückt sich bei ihm in bestimmten Zahlen aus. Alle +Lebensäußerungen und Erscheinungen in der Welt lassen sich +in bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen zum Ausdruck +bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des Pythagoras (540-500 +vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine Philosophie der +Zahlenlehre für alle Erscheinungen begründete. + +</P><P> + +Ebenso sieht Fourier überall Analogien; jede unserer Pflanzen, +jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt er +zu ergötzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zähne +des Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32 +Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zählen +muß. + +</P><P> + +Die phantastischen Spekulationen Fourier's über die Entwicklung +von Menschen und Welt waren es, die ihm im spottsüchtigen +Frankreich am meisten schadeten. Später gab er auch diesen Theil +seiner Ansichten ausdrücklich preis, sich damit entschuldigend, +daß im Jahre 1808 seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr +mangelhaft gewesen seien, daß er für das Studium auf die +Nächte angewiesen gewesen sei und er manche ihm nöthige +Wissenschaft habe vernachlässigen müssen. Im Uebrigen aber +hätten, meinte er, diese seine kosmogenetischen Ansichten mit +seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun und schädigten +und berührten dieses eben so wenig, als die Träumereien +Newton's über die Auslegung der Apokalypse dessen Entdeckung +über die Attraktion und Gravitation der Weltkörper +geschädigt und berührt habe. Ueberdies erlebte Fourier die +Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und +damit war für ihn handgreiflich der Beweis geliefert, daß +die Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden +und Länder zu durcheilen vermochte, daß sie den Anti-Hai +des Meeres und den Anti-Löwen des Landes sehr wohl entbehren +konnte. Wer hatte überhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von +bedeutenden Männern keine Träumereien? Schiller in seinen +Räubern, Göthe in seinen Wilhelm Meister's Lehr- und +Wanderjahren, Fichte in seinem „geschlossenen Handelsstaat“ malten die +Welt auch ganz anders, als sie der großen Mehrzahl der +gleichzeitig mit ihnen lebenden „vernünftigen Leute“ sich +darstellte. Geniale Menschen haben das Recht, zu „träumen“, sie +helfen mit ihren „Träumen“ der Menschheit mehr, als der +große Troß des Philisterthums mit seinen +„vernünftigen“ Gedanken. + +</P><P> + +Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte mit +dem Maßstab einer <i>späteren</i> Zeit messen. Wie jeder +Mensch, der bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, +so wird er auch über seine Zeit nicht hinaus können; er kann +der Vorgeschrittenste in ihr sein, außer ihr steht er nicht. +Eine bewußte Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts +nicht, konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse +war erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am öffentlichen +Leben sich betheiligten und sich dafür interessirten, bildeten +sie die Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im +Anfang der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die +Verhältnisse noch ganz anders. Die Ideen der großen +Revolution besaßen noch einen Glanz und hatten einen +Enthusiasmus in den Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte. + +</P><P> + +Warum jene glänzenden Ideen der bürgerlichen Ideologen in +der Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen +konnten, erwähnten wir schon. Dazu kam, daß die +napoleonischen Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die +öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten +zu jener Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch +das bereits erwähnte gegen England gerichtete vollständige +Abschließungssystem und die damit treibhausartig gezüchtete +Großindustrie — Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation, +Seidenindustrie etc. — in Verbindung mit der fortgesetzten +Hinopferung von Hunderttausenden der besten Kräfte im +Mannesalter, in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach +Arbeitern groß, die Löhne standen hoch und die Arbeiter +lernten erst jetzt eine Menge Bedürfnisse kennen und befriedigen, +von denen sie früher keine Ahnung hatten. Da bekümmerten sie +sich nicht um neue soziale Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so +fremder, schwer verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, +wie sie Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist +überhaupt schwer verständlich, es mangelt ihm die logische +Zusammenfassung und die klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine +Nomenklatur gebildet und wendet diese mit Vorliebe an, die eine +Verdeutlichung sehr schwer, manchmal fast unmöglich macht. + +</P><P> + +Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der Beseitigung +Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich selbst zu +beschäftigen, traten andere Erscheinungen in den Vordergrund, die +das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen. Gleichzeitig mit den +Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette der heiligen Allianz war +ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen und Adeliger mit ihrer +Nachkommenschaft eingerückt, die jetzt wie ein Schwarm +Heuschrecken sich über das Land ergossen, Ersatz für das +einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung für das meist sehr +zweifelhaft Geleistete aus öffentlichen Mitteln verlangten, und +nach möglichster Wiederherstellung der Zustände des +<TT>ancien regime</TT> sich sehnten und dazu drängten. Zwar hatte +schon Napoleon versucht, seinen Frieden mit den alten Ständen zu +machen; er hatte neben dem alten einen neuen Adel kreirt, weil er +einsah, daß er seinen neu gezimmerten Thron nicht ohne solche +Stützen auf die Länge zu halten vermochte, und mit dem Papst +hatte er sich auch verständigt. Aber es war doch nur ein kleiner +Theil des Adels, der von Napoleon befriedigt war, und der Herr und +Meister zwang diesen Adel zur Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 +anders. Jetzt brach der alte Adel in Schaaren in das Land, er hielt +den Tag der Ernte nach so langer Entbehrung für gekommen. Die +reaktionären Strebungen kamen überall zum Vorschein. Eine +Reihe von Jahren ließ sich das niedergetretene Frankreich diesen +Zustand gefallen, dann aber ermannte es sich allmälig. Die +Bourgeoisie, die sich in erster Stelle zurückgedrängt und +beunruhigt sah, wurde oppositionell, und Alles, was von den Ideen der +großen Revolution erfüllt war, noch voll Begeisterung und +Enthusiasmus glühte, erhob sich zum Kampf, der schließlich +in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution zunächst sein +Ende fand. Aber später dauerten die Kämpfe fort und +führten namentlich zur Gründung der geheimen +revolutionären Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in +stärkerem Maße sich betheiligten. Das war keine +Strömung, die den auf Aussöhnung und Ausgleichung der +Gegensätze gerichteten Bestrebungen Fourier's günstig war. +Dazu kam noch eine gewisse Zurückhaltung seinerseits, er blieb +den politischen Kämpfen vollständig fern, seine Natur war +nicht für die öffentliche Propaganda und die Agitation +gemacht. + +</P><P> + +Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: „Die Theorie der vier +Bewegungen“, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch fand +geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschöpft. Eine kleine +Hülse, die ihn vor dem Mangel schützte, erhielt er durch ein +Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jährlich +900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in +verschiedenen kaufmännischen Stellungen, dann zog er sich auf's +Land zurück und widmete sich fünf Jahre gänzlich seinen +Studien und Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein +umfänglichstes Werk: „Die Theorie der universellen Einheit“, zwei +starke Bände umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein +Freund und Anhänger Just Muiron, der als städtischer Beamter +in Besançon lebte und in leidlichen materiellen +Verhältnissen war, unterstützte. Bei der zweiten Herausgabe +(1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach seiner ersten Herausgabe +geschriebene Abhandlung: „Summarisches“ eingefügt und das Ganze +unter dem ersterwähnten Titel in vier Bänden herausgegeben. +Bei der ersten Ausgabe führte das Werk den Titel: „Abhandlung +über die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche Assoziation“, +obgleich Fourier ihm den späteren Titel von vornherein zugedacht, +ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals „die erschreckte +öffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme eingenommen +gewesen sei.“ In diesem Werk begründet Fourier in der +ausführlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk +aufgestellten Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien +und Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes +bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur — in +der Polemik war er überhaupt Meister — in denen er die +Systeme der Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit +viel Witz und Satyre zurückwies. + +</P><P> + +Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem Titel: +„Die industrielle und sozietäre Neue Welt.“ <TT>(Le Nouveau Monde +industriel et sociétaire.)</TT> Dieses Werk umfaßt einen +Band und ist von allen Schriften Fourier's das präziseste und am +klarsten geschriebene; es vermeidet möglichst die spekulativen +und kosmogenetischen Träumereien, befaßt sich dagegen um so +mehr mit allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die +eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich +über Fourier's Ideen genügend orientiren will, ohne die +fünf ersten Bände zu studiren, wird in „Der industriellen +und sozietären Neuen Welt“ alles Wünschbare finden. Sieben +Jahre später erschien abermals eine größere Arbeit von +ihm unter dem Titeln „Falsche Industrie“. Aber dieses Buch +enthält keine irgendwie neuen Ideen, noch weniger zeichnet es +sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist die letzte, aber auch +geringwerthigste seiner größeren Abhandlungen. Neben diesen +größeren Schriften erschienen von ihm eine Menge +Aufsätze über die verschiedensten Fragen, die später +ebenfalls gesammelt und von seinen Anhängern herausgegeben +wurden. + +</P><P> + +Allmälig hatte sich eine kleine Anhängerzahl um Fourier +geschaart. Neben dem bereits erwähnten, ihm sehr ergebenen Muiron +war es Victor Considérant, der als junger Mann und als +Zögling der Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen +Ideen hingab, unter seinen militärischen Genossen für +dieselben Propaganda machte und auch später Fourier treu blieb, +als er in der militärischen Karrière bis zum Hauptmann des +Geniekorps emporstieg, noch später Mitglied des Generalraths der +Seine und Volksvertreter wurde. Considérant wurde das +eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des Fourierismus, der in Wort +und Schrift unermüdlich für ihn wirkte. Doch da wir die +ausschließliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken Fourier's zu +beschäftigen, können wir nicht ausführlicher auf die +Thätigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer +schriftstellerischen Kräfte, und dem entsprechend auch die Zahl +ihrer Schriften, wurde im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch +hat sie nie einen großen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie +die meisten der sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre +Hauptstützen in den jugendlichen Kreisen der Gebildeten. +Schriftsteller, Advokaten, Offiziere, Aerzte, Künstler bildeten +den Kern. Im Jahre 1832 gelang es Kurier und seinen Schülern, +eine Zeitschrift für die Verbreitung ihrer Lehren zu +gründen, die unter dem Titel: <TT>„La Reforme industrielle ou le +Phalanstère“</TT> (Die industrielle Reform oder das +Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bänden groß Oktav +erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836 unter +dem Titel: <TT>„La Phalange, journal de la science social“</TT> (Die +Phalanx, Zeitschrift für die soziale Wissenschaft), welche in den +Jahren 1836–1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von +1840–1843 erschien sie wöchentlich drei Mal und ging 1843 +in ein Tageblatt über unter dem Titel: <TT>„Democratie +pacifique“</TT> (Friedliche Demokratie). + +</P><P> + +Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften schriftstellerisch +sehr eifrig und leistete zahlreiche Beiträge. Außerdem +führte er auch den Kampf in der übrigen Presse, so weit +diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er +dauernd nach Paris übergesiedelt. Er hatte eingesehen, daß +wenn er für seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in +dem Zentralpunkt des öffentlichen Lebens von Frankreich sein +mußte. Er hatte den durch die Zentralisation des Landes +begründeten mächtigen Einfluß von Paris auf Frankreich +für dessen ganzes öffentliches, wissenschaftliches, +künstlerisches Leben entschieden bekämpft, ein +Einfluß, der dazu führe, daß die größten +Städte Frankreichs, wie Lyon, Bordeaux, Rouen u. s. w., in Bezug auf +geistiges und künstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und +bei der in Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit +kleineren Städten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder +beliebigen deutschen Universitätsstadt, überflügelt +würden. Fourier beurtheilte überhaupt Paris, Frankreich und +den Charakter seiner Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie +wenige seiner Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner +außerordentlichen scharfen Beobachtungsgabe. Aber der +zentralisirenden Wirkung und dem Einfluß von Paris konnte er +sich natürlich als Einzelner und als Mann, der auf seine +Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so wählte er es +zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Da ist es denn für den +Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch, daß +während der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9. +Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag für Tag in +der Mittagsstunde in seiner Wohnung den „Kandidaten“<a href="#Footnote_4" +name="FNanchor_4" id="FNanchor_4"><sup>4</sup></a> +erwartete, der ihm die Mittel für die Gründung einer +Versuchsphalanx zur Verfügung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen +wurde im Jahre 1832 aus der Mitte seiner Anhänger heraus der +Versuch, eine Phalanx zu gründen, gemacht, indem Einer derselben +in der Nähe von Rambouillet 500 Hektaren Land für diesen +Zweck zur Verfügung stellte. Aber man kam über die ersten +Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr bald ausgingen, ein +Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende mit begreiflicher +Bitterkeit erfüllte. + +</P> +<BR /><HR><BR /> +<P> + +Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begründers +des Phalanstèren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten +seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhältnisse kurz +geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte. Es +handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen nach +seinen eigenen Ausführungen, wenn auch nur in knappster Form, zum +Ausdruck zu bringen. + +</P><P> + +Seine Schüler haben im Jahre 1848 ein zweibändiges +Sammelwerk herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: „Die universelle +Harmonie und das Phalansterium“ <TT>(L'harmonie Universelle et le +Phalanstère)</TT> eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, +worin ausschließlich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben +wir theilweise für Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier +beginnt: + +</P><P> + +„Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen über die +Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht, +welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die +Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die +Philosophen<a href="#Footnote_5" +name="FNanchor_5" id="FNanchor_5"><sup>5</sup></a> in ihrem ersten Versuch (in der +französischen Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit +geliefert haben, betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als für immer +abgethan. Die Ströme von politischer und moralischer +Aufklärung erscheinen nur mehr als Illusionen. Nachdem diese +Gelehrten seit fünfundzwanzig Jahrhunderten ihre Theorien +vervollkommnet, alles alte und neue Wissen zusammengetragen haben, +zeigt sich, daß sie uns statt der versprochenen Wohlthaten eben +so viel Kalamitäten verschafften und daß die Zivilisation +zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von 1793 gab es keinerlei +Glück von den erworbenen Aufklärungen mehr zu hoffen, man +mußte das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu +verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche +mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen Wissenschaft +vermuthen ließ und mich anregte, ihre Entdeckung zu versuchen. +Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die Verirrungen der +Vernunft und hauptsächlich durch den Anblick der schweren +Geiseln, von denen unsere sozialen Zustände betroffen sind: +Mangel, Entbehrungen, überall herrschender Betrug, +Seeräuberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere +Uebel. Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine +von Gott erfundene Kalamität sei, um das Menschengeschlecht zu +züchtigen. Ich schloß, daß in diesem sozialen Zustand +eine Umkehrung der natürlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich +dachte ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht +Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkräftung, einem inneren +Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein +Heilmittel finden könne, wenn man die von unseren Philosophen +bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner +Untersuchungen: <i>den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung +bisher beschrittener Wege</i> ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen +zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um so +leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten mit +Mißtrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung +gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese +Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war <i>zweifelhafter, als +ihre Nothwendigkeit und künftige Dauer?</i> Wenn vor ihr schon +drei andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat +und die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil +sie die vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, +siebente soziale Ordnung entstehen, die weniger +verhängnißvoll sind, als die Zivilisation, die aber noch +unbekannt sind, weil Niemand sich die Mühe gab, sie zu entdecken? +Man muß also die Nothwendigkeit, Vortrefflichkeit und stetige +Dauer der Zivilisation in Zweifel stellen. Das haben die Philosophen +nicht gewagt, weil sonst die Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, +die alle die Zivilisation verherrlichen, an den Tag kommen +würde.“ + +</P><P> + +In diesen wenigen Sätzen steckt bereits die Utopie, von der er +und alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist +schlecht, kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen +besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir einen +besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier diese +neue Gesellschaft keine willkürlich erfundene sein, sie sollte +auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und stimmten diese +Rechnungen, und das entschied natürlich er selbst, so war der +neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen Entschluß +der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar Handschuhe zu +wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne Reibung. Denn wo Allen +das Glück blüht, wie kann da Jemand zaudern? + +</P><P> + +Er entschloß sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch +nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunächst, wie er sagt, auf +zwei sehr gewöhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren „die +Ackerbaugesellschaft“ <TT>(association agricole)</TT> und die +indirecte Unterdrückung des Handelsmonopols der Insularen, der +Engländer. + +</P><P> + +England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der +französischen Revolution einen gefährlichen Konkurrenten +entstehen, dazu kam die Befürchtung wegen der Rückwirkung +der revolutionären Ideen auf die eigene Bevölkerung und, wie +schon bemerkt, der Haß, daß Frankreich die +Unabhängigkeitsmachung seiner nordamerikanischen Kolonien, der +späteren Vereinigten Staaten, unterstützt hatte. Mit seiner +Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen Handel, und bei +dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis gegen den Handel +eingesogen hatte, mußte sich dieser Widerwille auch auf die +größte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle diese +perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch erzeugt +hatte, wenden. Zunächst beschäftigte er sich mit der +ländlichen Assoziation, und über dem Nachdenken über +ihre Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die +Lösung dieses Problems führt, nach ihm, zur Lösung +aller politischen Probleme. „Die Philosophen hielten die +Ackerbaugenossenschaft für ebenso unmöglich, wie die +Abschaffung der Sklaverei, weil die Genossenschaft bisher nie +existirte. Sehend, daß bei dem Dorfbewohner jede Haushaltung auf +eigene Faust arbeitet, kannten sie keine Mittel, sie zu vereinigen, +und doch würden unzählige Verbesserungen daraus entstehen, +wenn man die Bewohner jedes Fleckens zu gemeinsamer Thätigkeit +vereinigen könne, proportional ihrem Kapital und ihrer +Thätigkeit. Also 2–300 Familien, ungleich an Vermögen, +die einen Bezirk <TT>(canton)</TT> kultivirten. Das Hinderniß +schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer +Thätigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wären +mindestens achthundert nöthig für eine natürliche und +ihre Mitglieder anziehende Assoziation.“ + +</P><P> + +„Ich verstehe darunter“, sagt er, „eine Gesellschaft, deren Mitglieder +durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die mit dem +Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die Ordnung, +um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben, +anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der +Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird +aus Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint +lächerlich, und doch ist sie möglich. Die +landwirthschaftliche Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend +Personen umfaßt, liefert so enorme Vortheile, daß sie im +Vergleich zum heutigen Zustand als Zustand der Sorglosigkeit +erscheint. Das hat selbst ein Theil der Oekonomen zugestanden, nur +haben sie sich nicht die Mühe gegeben, die Ausführungsweise +zu entdecken. Sie erkennen selbst an, daß z. B. dreihundert +Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig erbauten und +eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt 300 +meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein) +anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger +Unkenntniß behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit +Milch nach der Stadt gehen und hundert halbe Tage versäumen, +würde ein einziger genügen, der mit einem Wagen fährt. +Das sind nur einige von den zunächst in die Augen fallenden +Ersparnissen, und sie würden sich verzwanzigfachen lassen. Aber +wie eine Gesellschaft verschmelzen, in der die eine Familie 10.000 +Franken, die andere keinen Obolus besitzt? Wie alle die +Eifersüchteleien vermeiden und zu <i>einem</i> Plan die +Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel widerstreitende +Interessen und so viel entgegenstrebende Willen versöhnen? Darauf +antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und Vermögen. Der +stärkste Trieb für den Landmann wie für den +Städter ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß +die sozietär organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal +mehr Vortheile einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, +daß allen Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert +sind, so werden sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich +beeilen, der Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über +alle Regionen ausbreiten, denn überall haben die Menschen den +Trieb nach Reichthum und Genüssen.“ + +</P><P> + +„Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche +auszusprechen gestatteten, welches würden die einstimmigsten +Wünsche sein, die der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, +Gesundheit und Langlebigkeit; und damit wäre der vierte Wunsch +eingeschlossen: genügend Klugheit, um diese Güter +entsprechend zu benutzen“, so definirt er an einer andern Stelle das +Streben der Menschen. + +</P><P> + +„Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des +Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen +Trieben Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr +anschließen, da die Triebe überall die gleichen sind. +Dieser neuen Organisation gebe ich drei Namen: „progressive Serien“ +(Reihen) oder Serien „von Gruppen“, „Serien der Triebe“. Ich verstehe +unter der Bezeichnung Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter +Gruppen, welche sich den verschiedenen Zweigen ein und derselben +Industrie — das Wort „Industrie“ bedeutet bei Fourier jede +nützliche, menschliche Bethätigung — „oder ein und +desselben Triebes sich widmen.“ + +</P><P> + +„Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich +eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien ist +in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer +Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den +extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe +harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen +regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus +sind sie entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum +verlangen die Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe +ist auch stets im Sinne von Leidenschaften, <TT>passions</TT>, zu +verstehen. Anmerk. des Verf.) unterdrücken müsse. Das ist +eine doppelte Absurdität. Man kann die Triebe nicht anders als +durch Gewalt unterdrücken, oder dadurch, daß sie sich +gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie aber, so muß der +zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und in das Nomadenthum +zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der Hirten, noch an +diejenige ihrer Apologeten.“<a href="#Footnote_6" +name="FNanchor_6" id="FNanchor_6"><sup>6</sup></a> + +</P><P> + +Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie +läßt weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere +Gesichtspunkte der Philosophen zu; je glühender und +geläuterter die Triebe, je lebhafter und zahlreicher sie sind, um +so leichter wird die Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur +der Triebe, die Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll +ihnen nur die rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt +sich auf die nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie +giebt und ohne sie zu ändern. Darin besteht das ganze +Geheimniß von der Berechnung über die Attraktionen der +Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht oder Unrecht hatte, +daß er dem Menschen so oder so die Triebe schenkte, die +sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab, ohne etwas +daran zu ändern.“ + +</P><P> + +„Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich +ändern, so z. B., daß die Menschen das Landleben der Stadt +vorziehen, so ändert sich <i>nur</i> der Geschmack, nicht die +Triebe. Die Liebe zum Reichthum und für die Vergnügungen +bleibt immer. Die Zivilisirten werden über den neuen +Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald sie sehen, daß z. B. +die Kinder, die heute nur schreien und sich zanken, Alles zerbrechen +und sich zu beschäftigen weigern, in der Serie von Gruppen sich +nur mit nützlichen Arbeiten aller Art beschäftigen, unter +sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie dazu anreizt; +daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die +Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und +Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile +schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die +Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein +Drittheil der Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der +Privatwirthschaft; daß man in der Serie dreimal angenehmer, +reichlicher bedient ist; daß man dreimal besser sich nährt +und dreimal weniger ausgiebt, als in der alten Ordnung und dabei all' +die Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten für die Vorbereitungen +und Anschaffungen erspart; wenn ferner bewiesen wird, daß die +Beziehungen in der Serie keinerlei Täuschungen zulassen; +daß bei dem Volk, heute so ungeschliffen und falsch, die +Wahrheit und Gesittung einkehren wird; wenn das Alles die Zivilisirten +sehen, so werden sie einen Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand +bekommen, sie werden sich beeilen, in die Assoziation einzutreten und +ihr Gebäude zu errichten.“ + +</P><P> + +Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen +Wissenschaft gekommen sei. „Das Erste, was ich entdeckte, war die +Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden +Serien den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen +Lebensaltern und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in +der neuen Ordnung man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen +werde, je mehr Triebe man habe und schloß, daß, <i>wenn +Gott so viel Einfluß</i> der <i>Anziehung der Triebe gegeben</i> +und <i>so wenig Einfluß der Vernunft, ihrem Feinde,</i> dieses +geschehen sei, um uns zur Organisation der fortschreitenden Serien zu +führen, welche in jedem Sinne die Anziehung befriedigen ... Die +Sophisten glauben das Problem, das daraus entsteht, daß unsere +Triebe scheinbar mit unserer Vernunft im Widerspruch stehen, dadurch +zu erklären, daß sie sagen: Gott gab die Vernunft, damit +wir den Trieben widerstehen. Es ist aber sicher, daß er sie dazu +<i>nicht</i> gab. Will man die Vernunft der Anziehung der Triebe +gegenüberstellen, so ist dies selbst von Seiten der Verherrlicher +der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen; die Vernunft hat +<i>nie</i> Bedeutung, sobald es sich darum handelt, unsere Neigungen +zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch Furcht, junge Leuten +nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren Neigungen zu +fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für +Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die wilden +Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten, aber +Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen die +Leidenschaften vermag.“ + +</P><P> + +„Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr +man den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles +in ihm auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf +seine Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und +damit die Attraktion um so mehr zu befriedigen.“ Gott hat also die +Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine Triebe +zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu verleihen. + +</P><P> + +„Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe +ist fixirt und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und +muß großer Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte +bald, daß die Gesetze der Attraktion der Triebe in jedem Punkt +den durch Newton und Leibnitz angewandten Gesetzen der materiellen +Anziehung konform seien und <i>daß es eine Einheit des Systems +der Bewegung für die materielle und geistige Welt gebe.</i> Ich +kam dann durch Untersuchungen zu der Ueberzeugung, daß die +Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die besonderen Gesetze +ausdehne, daß die Attraktion und die Eigenschaften der Thiere, +Pflanzen, Mineralien koordinirt seien nach demselben Plan, wie +diejenigen der Menschen und Gestirne. So kam ich zu der neuen +Wissenschaft: <i>der Analogie der vier Bewegungen,</i> der +materiellen, organischen, thierischen und sozialen, oder zur Analogie +der Modifikation der Materie mit der mathematischen Theorie der Triebe +des Menschen und der Thiere.“<a href="#Footnote_7" +name="FNanchor_7" id="FNanchor_7"><sup>7</sup></a> + +</P><P> + +Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die +Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der +Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des +Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner +Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch +auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der +Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben +glaubte, war ihm Alles klar; er begann „im Zauberbuch der Natur zu +lesen“. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung +der Bestimmungen, d. h. er kannte nunmehr das fundamentale System, +durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen +Gesetze geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die +der bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte +er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel +beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera, das +gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die +Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der +zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit +blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der +Selbsterkenntniß ausgerufen: „O! welch' dicke Finsterniß +verschleiert noch die Natur!“ Die Bibliotheken der Philosophen sollen +die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein +demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und +Irrthümer. Die neue sozietäre Ordnung wird also um so +glänzender sein, je länger sie bisher verzögert wurde, +denn eigentlich hätten sie schon die Griechen im Zeitalter des +Solon (639–559 vor unserer Zeitrechnung) begründen +können, da ihr „Luxus“ — Fourier versteht hierunter die +gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters — schon +genügend weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser „Luxus“ +mindestens doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete +jetzt mit um so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die +Früchte von den Fortschritten in den physikalischen +Wissenschaften, die das achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die +bis in diese Tage sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt +werden würden. Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung +zurück, aber sei es nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus +mit seiner Behauptung, daß es jenseits des Ozeans noch einen +Erdtheil geben müsse, verlacht, verspottet, mit seiner Lehre +selbst vom Papste verflucht worden, obgleich dieser am meisten dabei +interessirt war, weil er neue Gläubige unter seine Herrschaft +bekam? Man sei im neunzehnten Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder +neuen großen Entdeckung als im fünfzehnten. Die Philosophen +behaupteten, weil sie selbst nicht den Schleier zu lüpfen +vermochten, die Natur sei ein mit einem ehernen Schleier bedecktes +Schreckbild, ein undurchdringliches Heiligthum; warum habe denn Newton +wenigstens eine Ecke dieses Schleiers zu lüpfen vermocht? Man +sage auch, Gott sei nicht zu erkennen. Der gesunde Sinn sage das +Gegentheil, weil nichts leichter sei. Das Alterthum habe den +Schöpfer travestirt, indem es ihn unter einer Horde von 35.000 +Göttern vermengte und verdeckte; da sei es schwierig gewesen, +seine Meinung zu studiren, ihn aus dieser himmlischen Maskerade zu +entwirren. Sokrates und Cicero trennten sich von den Sottisen ihrer +Zeit, sie bewunderten den „unbekannten Gott“; Sokrates wurde ein Opfer +seiner Ueberzeugung. Heute sei dieser frühere Aberglaube +überwunden, das Christenthum führte uns zu gesunden Ideen +zurück, es brachte den Glauben an einen Gott. „Wir haben jetzt +einen Kompaß, der uns den Weg zum Studium der Natur zeigt.“ + +</P><P> + +Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften Gottes +zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlüssen führe. +„Dahin gehören: 1. die vollständige Leitung der Bewegung; 2. +die Oekonomie der Spannkräfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; +4. die Universalität der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.“ + +</P><P> + +Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als die +Philosophen; die Existenz Gottes ist für ihn unbestritten, er +setzt das Descartes'sche: „Ich denke, also bin ich“, einfach um in den +Satz: „Die Welt ist da, also besteht Gott.“ Und ist einmal dieser Gott +als Weltschöpfer anerkannt, so muß er natürlich auch +die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese +Eigenschaften wäre er nicht Gott. Er fährt nun weiter fort: + +</P><P> + +„Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des Weltalls +und sein Schöpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls zu +lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen: folglich ist +die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk Gottes und nicht +das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft dem Glück +zuzuführen, müssen wir das soziale Gesetz studiren, das er +für sie gebildet hat.“ Mit andern Worten heißt das: Gott +ist zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der +Bewegung für die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber +da er sich bei seinen vielen Geschäften um die Details und ihre +Ausführung nicht kümmern kann, muß der Mensch sie +entdecken und ausführen. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott +wird auf diese Weise vollständig deplazirt und es sind +schließlich die Menschen, die Alles allein besorgen; er hat die +Allmacht Gottes und den freien Willen des Menschen innerhalb der ihm +von Gott überlassenen Grenzen gerettet. Fourier kommt +schließlich auf dasselbe hinaus, was er den Philosophen +vorwirft, sie hätten die menschliche Vernunft auf den ersten Rang +und Gott auf den zweiten gesetzt. Genau so schließt er über +den zweiten Punkt. Ist Gott der höchste Verwalter der vorhandenen +Spannkräfte, so kann er doch nur mit den größten +gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschäftigen, die +kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei, ist +Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkürliche, +ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken. + +</P><P> + +Zum dritten Punkt bemerkt er: „Im Schatten der vorhandenen sozialen +Gesetzgebung sieht man nicht, <i>daß das Elend der Völker +mit dem sozialen Fortschritt wächst.</i> Wir sehen die +gefährliche Wirkung in dem Einfluß des Handelsgutes, der +dahin führt, die heiße Zone mit schwarzen Sklaven zu +bedecken, die man ihrem Heimathlande entreißt, und die +gemäßigte Zone mit weißen Sklaven, die man in die +industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich offenbart +und in allen Ländern Nachahmung finden wird. Kann man irgend +welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken, <i>wo der +Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die Arbeit +garantirt?“</i> + +</P><P> + +Die Universalität der Vorsehung muß viertens sich nach ihm +auf alle Völker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze +zivilisirte System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich +weigern, widerspricht den Wünschen Gottes. Den Zustand, den wir +ihnen bieten, die agrikole Zerstückelung und die +Einzelwirthschaft, befriedige nicht Menschen, die der Natur am +nächsten stehen. Unsere ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und +daher müsse ein anderer Zustand begründet werden, der alle +Kasten, alle Völker befriedige, wenn die Vorsehung universell +sein solle. Die Einheit des Systems endlich implizire fünftens +die Anwendung der Attraktion der Spannkräfte der sozialen +Harmonien des Weltalls, die sich von den Gestirnen bis zu den Insekten +erstreckten. Man müsse also im Studium der Attraktion das soziale +Gesetz zu entdecken suchen ... „Unsere Einrichtungen sind unsern +eigenen Völkern so verhaßt, daß sie in allen +Ländern sich erheben und sich davon zu befreien suchen +würden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie +zurückschreckte. Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht +zu vereinigen, weil die Barbaren für unsere Einrichtungen nur +eine tiefe Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie +derselben erregen. Es ist die stärkste Verwünschung, die sie +einem Feind entgegenschleudern: „Mögest du gezwungen sein, ein +Feld zu bebauen.“ Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie +von allen freien Völkern verabscheut, die sich in dem Augenblick +zu ihr drängen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich +in Uebereinstimmung setzt.“ + +</P><P> + +Fourier meint also, daß keine soziale Organisation die rechte +sein könne, die nicht von allen Menschen, ohne Rücksicht auf +ihre Kulturstufe, freudig begrüßt würde, so groß +müßten ihre Vortheile und ihre Annehmlichkeiten sein. „Es +gilt also eine soziale Ordnung zu finden, welche dem geringsten +Arbeiter ein genügendes Wohlsein sichert. Die Arbeiter +müssen den neuen Zustand dem Zustand der Trägheit und der +Straßenräuberei <TT>(brigandage)</TT>, nach dem sie heute +Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht +gelöst ist, werden die Reiche <i>beständigen Stürmen +ausgesetzt sein, werden sie von einer Revolution in die andere +stürzen;</i> die wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur +auf die Dürftigkeit der Masse und folglich auf den Umsturz +hinaus; die Helden, die Gesetzgeber stützen sich nur auf den +Säbel; aber alle Voraussicht eines Friedrich kann nicht +verhindern, daß schwache Nachfolger den Degen auf seinem Sarge +rauben lassen.<a href="#Footnote_8" +name="FNanchor_8" id="FNanchor_8"><sup>8</sup></a> Die zivilisirte Ordnung ist mehr +und mehr im Wanken, der <i>vulkanische Ausbruch von 1793 ist nur ihre +erste Eruption, andere werden folgen;</i> ein schwaches Regiment wird +sie begünstigen. Der Krieg der Armen gegen die Reichen hat so +glücklich begonnen, daß Ränkeschmiede in allen +Ländern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das +zu verhüten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer +Aufklärung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in +dem Maße gebären, wie wir die Ruhe gesichert zu haben +glauben. Und wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert +verlängert, wie viel Kinder werden, veranlaßt durch ihre +Väter, vor den Thüren der Reichen betteln? (In Folge von +Klassenelend.) Ich würde nicht wagen, diese schreckliche +Perspektive darzustellen, wenn ich nicht die Berechnungen +brächte, welche die Politik in dem Labyrinth der Triebe zurecht +weisen und die Zivilisation von ihrem Alp erlösen werden, diese +Zivilisation, die immer revolutionärer und +verhängnißvoller wird.“ + +</P><P> + +Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle +Ehre, sie sind überraschend. Man halte fest, daß Fourier +diese Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 veröffentlichte, wo +außer ihm nur sehr Wenige an eine soziale Frage überhaupt +dachten, und man wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner +Voraussagungen bewundern müssen. Er führt nun weiter aus, +wie viele Reiche bereits an innerer Zerrüttung zu Grunde gingen, +weil sie die sozialen Uebel nicht zu lösen vermochten. „Welche +Monumente diese Reiche immer überlebten, sie stehen da, eine +Schande ihrer Politik. Rom und Byzanz (Konstantinopel), ehemals die +Hauptstädte der größten Reiche, sind heute zwei +lächerlich gewordene Metropolen. Auf dem Kapitol sind die Tempel +Zäsar's durch obskure Götter aus Judäa verdrängt, +am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die Götter +der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das Piedestal von +Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den Altar von Jesu. Rom +und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der Verachtung der Nationen, +die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei Arenas politischer +Maskeraden, zwei Pandorabüchsen, die im Orient den Vandalismus +und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine Raserei +verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den Triumphwagen zu +schmücken und den modernen Hauptstädten einen Vorgeschmack +von dem Schicksal zu geben, das den Denkmälern und den Arbeiten der +Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die sozialen Uebel +des Menschengeschlechts und schafft Wandel!“ — + +</P><P> + +„Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die +Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist nothwendig +besser als die beiden andern, und die beiden unvollkommneren, die sich +nicht zur besseren erheben, sind von jener Krankheit der +Entkräftung erfaßt, von der nach Montesquieu das +Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche die +andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar unzureichend +für das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den +größeren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten +lassen. Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der +Lähmung betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der +politischen Ohnmacht; sie müssen also alle drei aus einem +krankhaften Zustand heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen +Mechanismus beunruhigt. Völker! eure sehnlichsten Wünsche +verwirklichen sich, die glänzendste Mission ist dem +größten der Helden aufbewahrt. Der soziale Kompaß ist +entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei und der Zivilisation +zur universellen Harmonie führen wird.“ + +</P><P> + +„Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer +behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklären, sie +haben aber nie ernste Studien über diesen Gegenstand gemacht und +man hat nie das Geringste über die allgemeine Einheit erfahren. +Sie bildet sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit +sich, mit Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des +Menschen mit sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im +Menschen, seine Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen +zu können, oder nicht befriedigen zu dürfen. Der Verf.) hat +die Wissenschaft der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit +<TT>(duplicité)</TT> der Handlung als wesentlichen Zustand und +unwandelbare Bestimmung des Menschen betrachtet. Sie lehrt: man +müsse seinen Trieben widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also +im Krieg mit sich selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in +den Kriegszustand mit Gott geräth, denn die Triebe und Instinkte +kommen von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum +Führer gab.“ + +</P><P> + +„Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Führer und +Mäßiger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. +daß Gott uns zwei unversöhnlichen und sich antipathischen +Führern, den Trieben und der Vernunft, überliefert hat; 2. +daß Gott gegen neunundneunzig Prozent der Menschen sehr +ungerecht handelte, weil er ihrer Vernunft nicht die Stärke +gewährte, ihre Triebe bekämpfen zu können; 3. daß +Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft gab, mit einem +untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist unzweifelhaft, +daß diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten Menschen, der +allein nur damit versehen ist, ohnmächtig ist, <i>wie ja die +Distributeure der Vernunft, z. B. ein Voltaire, am meisten von ihren +Trieben unterjocht wurden.</i>“ + +</P><P> + +„Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion der +Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft +und Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur +im heutigen sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der +Mensch sei für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, +daß es nur zwei Gesellschaftsordnungen giebt, die der +Privatwirthschaft und der Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und +der sozietäre Zustand. Der gegenwärtige Zustand setzt die +isolirte Familie voraus, der sozietäre die Arbeit und die +Lebensweise in zahlreichen Vereinigungen, welche nach einer bestimmten +Regel für Jeden sich theilen und ausgleichen, nach den drei +Eigenschaften: Arbeit, Kapital und Talent. Gott, als höchster +ökonomischer Leiter, muß nothwendig die Assoziation als den +besseren Zustand wollen.“ + +</P><P> + +„Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die +Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe und +die universelle Analogie.“ + +</P><P> + +Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale +oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also +über zum „Studium der Assoziation“. + +</P><P> + +„Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in dem +ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen +Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für +eine bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die +Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; +20–30 Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum +Fabrikanten und am Ende der Saison erhält jede ihren Theil an +Käse, entsprechend der Quantität Milch, die sie lieferte. +Wir haben überall im Kleinen wie im Großen diese Keime +für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe Diamanten, welche die +Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist, diese Fetzen einer +Assoziation, die in allen Zweigen der menschlichen Arbeit zerstreut +sind, zu einem Mechanismus, einer allgemeinen Einheit zu verbinden, wo +sie bisher nur mit Hülfe des Instinktes entstanden. Bisher hat +die Wissenschaft diese Studie vermieden, die allein wahrhaft dringlich +war. Ein Jahrhundert, das sich so vieler Vernachlässigungen in +wissenschaftlicher Ordnung und Erforschung schuldig machte, +mußte des Ueberblicks über das Ganze ermangeln; es hat +weder die Eintheilung des ganzen Systems der Bewegung, noch die drei +Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte schließen +müssen, daß die soziale und die materielle Welt im +Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit +organisirt sind.“<a href="#Footnote_9" +name="FNanchor_9" id="FNanchor_9"><sup>9</sup></a> + +</P><P> + +<i>„Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte +Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt +sich das persönliche Interesse in Gegensatz zu dem +Allgemeininteresse.</i> Der Arzt wünscht, daß seine +Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen, denn er würde zu +Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne Krankheit stürbe; +dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder Streit +schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist +interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche +Todte, Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt +jährlich wenigstens 45.000 Verbrechen, damit die +Gerichtshöfe stets beschäftigt, also nothwendig sind. Der +Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler Hagel; +Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So handeln in +diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die Theile gegen +das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze Ungeheuerlichkeit +eines solchen Zustandes wird man erst begreifen, wenn man die +sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen eine ganz +entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das Gesammtwohl +wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am meisten +entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit der +Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften +rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation +über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem +anderen Zustande empfinden muß, so heute, wo alle ihre +Illusionen zerstört sind; wo ihre Freiheit <i>als der Weg zur +Anarchie</i> erkannt ist, ihre Zerwürfnisse zum Despotismus +führen und ihre Handelsmaximen den Wucher, den Betrug, den +Bankerott begünstigen, <i>die Nationen schließlich unter +das Joch des Monopols beugen</i> und zur Dürftigkeit und +Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären +von der Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in +ihren Schafstall führte.“ + +</P><P> + +„Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende +Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen: + +</P><P> + +„Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und +muß festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas +zu thun übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie +zum Führer nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst +der Analogie vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese +übergehen; 5. nicht glauben, daß die Natur auf die uns +bekannten Mittel beschränkt ist; 6. die Spannkräfte im +ganzen sozialen und materiellen Mechanismus vereinfachen; 7. sich nur +an die durch das Experiment festgestellte Wahrheit halten; 8. sich an +die Natur schließen; 9. beachten, daß aus Irrthümern +entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10. die Thatsachen +beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich solche nicht +vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte +mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was +wir gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle +aufnehmen und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird +man zu der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur +verbunden ist, und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit +giebt. Der Mensch, als einer ihrer edelsten Theile, muß in +Uebereinstimmung sein mit den Harmonien des Weltalls, also mit der +mathematischen oder rationellen Harmonie, der planetären oder +sozialen, der musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, +Weltsprache.) Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu +assimiliren, so muß er das Band suchen, das ihn mit Allem +vereinigt, dieses Band ist die Synthese von der Attraktion der +Triebe.“ + +</P><P> + +Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien, +welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die Erforschung +der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie die Sophisten, +trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre Prinzipien, auf +alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur sieben +Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung, +Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von +Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische +Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede +soziale Periode ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu +einer höheren Stufe der Entwicklung führten; so +beschäftige man sich unter den Zivilisirten mit zwei Wegen, dem +Handelssystem und der Freiheit. Das seien die beiden Paradepferde der +Philosophen, die sie mit Vorliebe ritten. Man wolle die freie +Zirkulation im Handel und komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die +Meinungsfreiheit und komme zur Herrschaft der Denunzianten und des +Schaffots.<a href="#Footnote_10" +name="FNanchor_10" id="FNanchor_10"><sup>10</sup></a> + +</P><P> + +Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als die +Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale +Freiheit scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig +anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und +mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an +die körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. +Plato und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. +Letzterer erklärte sogar, „der Sklave sei der Tugend nicht +fähig“. Unter dem Christenthum wurde die körperliche +Freiheit allmälig durchgesetzt, aber noch existirte die Sklaverei +vielfach. + +</P><P> + +„Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale? +Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, +trotzdem genießt er größere Freiheit als der +Arbeiter, der, um leben zu können, an die Arbeit gefesselt ist. +Doch seine Triebe bleiben unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, +aber er hat kaum genug, um sich zu nähren, er möchte +Volksvertreter werden, aber dazu gehört ein großes +Vermögen.<a href="#Footnote_11" +name="FNanchor_11" id="FNanchor_11"><sup>11</sup></a> Mit dem stolzen Titel, ein +freier Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der +sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der Gesellschaft. +Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der Woche, den +Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage ist er +gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein +körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und +sozial aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt +über Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit +dies überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien +Aufschwung der Triebe seiner Seele, er genießt eine +Sorglosigkeit, die der Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar +jagen und fischen, um sich zu ernähren, aber das sind anziehende +Beschäftigungen, die ihm die körperliche aktive Freiheit +nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude macht, wird nicht als +drückende Verpflichtung empfunden. So geht's auch dem Kaufmann; +wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft und dabei seine +Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er würde sehr +mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme +und er weder lügen noch verkaufen könnte.“ + +</P><P> + +„Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache +Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit +verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nöthig. +Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die +persönliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, +die Verbindung aus Trieb für die Ausübung der Arbeit und die +Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung. Diese vollständig +freie Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung +des Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer +Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die +große Menge ist nur auf die körperliche Arbeit +beschränkt, ihre Beschäftigung ist indirekte Sklaverei, eine +Qual, von der sie sich zu befreien wünscht.“ + +</P><P> + +„Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Müßigen, oder +Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum +Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit +erreicht. Kann man also behaupten, daß die soziale Freiheit +besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brüderlichkeit nur +Chimäre. Die Brüderlichkeit sandte Einen nach dem Andern +ihrer Koryphäen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk +mit dem Titel Souverän, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; +es verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag<a href="#Footnote_12" +name="FNanchor_12" id="FNanchor_12"><sup>12</sup></a> und man schleift es, die Kette +am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit, +Brüderlichkeit nur Phantome.“ + +</P><P> + +„Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der +freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit +beschränkt ist, da giebt es nur Unterdrückung. Um aber der +Menge die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist +eine soziale Organisation nöthig, die drei Bedingungen +erfüllt. Man muß 1. ein Regime der industriellen Attraktion +suchen, entdecken und organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben +natürlichen Rechte des Wilden garantiren;<a href="#Footnote_13" +name="FNanchor_13" id="FNanchor_13"><sup>13</sup></a> 3. +die Interessen des Volks mit denjenigen der Großen verbinden, +denn das Volk wird auf sie eifersüchtig sein und sie hassen, so +lange es nicht an ihrem Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter +diesen drei Bedingungen kann man dem Volk ein Minimum an +Nahrungsmitteln, Bekleidung, Wohnung und hauptsächlich auch an +Vergnügungen sichern, denn ohne das Angenehme würde dem +Menschen auch der neue Zustand nicht genügen.“ + +</P><P> + +„Prüfen wir also, wie die sozietäre Ordnung dem Individuum +die freie Ausübung der erwähnten sieben Rechte, die mit dem +Mechanismus der Barbarei und der Zivilisation so unverträglich +sind, in entsprechender Form gewähren kann.“ + +</P><P> + +„Schreiten wir zunächst dazu, sie wie ihre Angelpunkte +<TT>(pivots)</TT> zu erklären.“ + +</P><P> + +Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei Analogien, +um Diejenigen zu enttäuschen, die es als ein von ihm systematisch +angewandtes Vorurtheil ansehen, daß er gewöhnlich den +Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er will +beweisen, daß diese Zahlenverhältnisse in der Natur der +Dinge liegen, also gegebene sind, nicht willkürlich erfundene. + +</P> + +<TABLE BORDER=1 CELLPADDING=10 ALIGN=center summary = "Rechte, Triebe, Fraben, Linien"> +<TR ALIGN=center> + <TD></TD> + <TH COLSPAN=2>Rechte</TH> + <TH COLSPAN=2>Triebe</TH> + <TH>Farben</TH> + <TH>geometrische Linien</TH> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>1.</TD> + <TD ROWSPAN=4>Kardinale<BR> oder <BR>industrielle<BR> Rechte</TD> + <TD>Sammelfreiheit</TD> + <TD ROWSPAN=4>Haupt-<BR>Triebe</TD> + <TD>Freundschaft</TD> + <TD>Violet</TD> + <TD>Kreis</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>2.</TD> + <TD>Weide</TD> + <TD>Liebe</TD> + <TD>Azur</TD> + <TD>Elipse</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>3.</TD> + <TD>Fischfang</TD> + <TD>Familiensinn</TD> + <TD>Gelb</TD> + <TD>Parabel</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>4.</TD> + <TD>Jagd</TD> + <TD>Ehrgeiz</TD> + <TD>Roth</TD> + <TD>Hyperbel</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>1.</TD> + <TD ROWSPAN=3> Distributive<BR> Rechte </TD> + <TD> Innere Verbindung </TD> + <TD ROWSPAN=3> Distributive<BR> Triebe </TD> + <TD> Kabaliste </TD> + <TD> Indigoblau </TD> + <TD> Spirale </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>2.</TD> + <TD> Sorglosigkeit </TD> + <TD> Papillone </TD> + <TD> Grün </TD> + <TD> Muschellinie </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD>3.</TD> + <TD> Auswärtiger Raub </TD> + <TD> Komposite </TD> + <TD> Orangegelb </TD> + <TD> Logarithmus </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD COLSPAN=2 ROWSPAN=2> X. </TD> + <TH> Minimum </TH> + <TH COLSPAN=2> Einheitlichkeit </TH> + <TH> Weiß </TH> + <TD> </TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD> Freiheit </TD> + <TD COLSPAN=2> Gunst </TD> + <TD> Schwarz </TD> + <TD> Nebenkreis </TD> +</TR> +</TABLE> + +<P> + + +Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist das +Resultat ihrer Verbindung, so wie Weiß oder Schwarz die +Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist. + +</P><P> + +Fourier führt dann weiter aus, daß aber die Freiheit nur +einfach oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem +Prinzipalen aller Rechte, dem <i>Minimum</i> begleitet sei, was die +Periode der Wildheit nicht biete. Auch genießen die Freiheit in +der Wildheit nur die Männer, die Frauen sind ausgeschlossen und +ist ihre Lage schlimmer, als in der Zivilisation. Es genügt weder +die Freiheit, wie sie die Zivilisation bietet, noch genügen die +sieben Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden +Zustand herzustellen. Der neue sozietäre Zustand müsse also +alle drei Geschlechter gleichmäßig berücksichtigen und +ihren Trieben Befriedigung gewähren. + +</P><P> + +Die bezügliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und +der Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier +ausführlicher folgen. + +</P><P> + +„Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des +Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz +großer Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit +entfernt, dem nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu +können, sind mit täglichen Sorgen überladen und +müssen eine widerwärtige und aufgezwungene Arbeit erledigen. +Den Sonntag eilen sie dann in die Schenken und an die +Vergnügungsorte, um wenigstens für einige Augenblicke eine +Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche, von der Unruhe +verfolgt, vergebens suchen.“ + +</P><P> + +„Die Rechthaber <TT>(ergoteurs)</TT> werden sagen, die Sorglosigkeit +sei eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht, +indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die +Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt. +Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater +sich mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und +verläßt er seine Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe +und die künftigen Bedürfnisse gesorgt zu haben, so belehrt +ihn die öffentliche Meinung durch ihre Kritiken und der +Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er kein Recht zur +Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs dazu, sich +derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die zivilisirte Erziehung +systematisch darauf bedacht, den Geschmack an der Sorglosigkeit zu +bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie Entfaltung in der +Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.“ + +</P><P> + +„Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht +über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er +daß seine Kinder, seine Horde Hunger litte, er würde die +Anerbietungen an Ackerbaugeräthen und den notwendigen +Gegenständen für die Kultur des Bodens, welche die +Regierungen der Zivilisirten ihm machen, annehmen. Aber er will keins +seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine Sorglosigkeit +auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle seine +Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht, aber die +Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den +rechten Weg, wie man später sehen wird.“ + +</P><P> + +„Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des +Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: +die Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie +haben bei den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.“ + +</P><P> + +„Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht +anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, +denn sie selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts +anzusehen. Von den drei Geschlechtern, aus denen das +Menschengeschlecht sich zusammensetzt, dem oberen, den Männern, +dem niederen, den Frauen, und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, +den Kindern, sehen sie nur <i>ein</i> Geschlecht und arbeiten nur +für dieses, für das obere oder männliche. Aber welches +Glück verschafften diesem die Philosophen? Statt der sieben +Rechte, aus welchen die Freiheit sich zusammensetzt, nur die sieben +Geißeln.“ + +</P><P> + +„Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich +die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt bezeichnete; +sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch die +Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit +der industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch +Ausschließung des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar +nicht an den sieben natürlichen Rechten theilnimmt.“ + +</P><P> + +Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche +Wilde durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit +über der großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die +immense Mehrheit beider Geschlechter von diesen Vortheilen +ausschlösse. Die Zivilisation schulde für das Ausgeben +dieser natürlichen Rechte einem Jeden ein Minimum an +Lebensnothwendigkeiten, Kleidung, Wohnung, und zwar proportional der +sozialen Stellung, zu der er gehöre, denn <i>nothdürftig</i> +genährt, gekleidet und logirt werde man auch in den +Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein Gefangener und +sehr unglücklich sei. + +</P><P> + +Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben +natürlichen Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu +entschädigen, garantirten ihm unsere Publizisten einige +Träumereien und Gaskonnaden, wie: „daß er stolz sein +dürfe auf den Namen eines freien Mannes und das Glück habe, +unter einer Verfassung zu leben.“ Diese Lächerlichkeiten +verdienten nicht einmal den Namen der Illusion und befriedigten keinen +Arbeitenden, der vor Allem nach seinem Geschmack zu essen, sorglos und +vergnügt zu leben wünsche. + +</P><P> + +„Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des +Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent +bietet; er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß +z. B. Niemand mehr auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben +kann, oder daß er sich durch eine Handlung in der +öffentlichen Meinung mehr zu Grunde richtet, als er durch eine +schlechte Handlung zu gewinnen vermag. Schließlich werden alle +Kinder in den Begriffen der Ehre erzogen und können alle +Bequemlichkeiten des Lebens reichlich genießen. Es wird also +Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im Ueberfluß leben.“ + +</P><P> + +„Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des Wilden +beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente. Fragt +einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der keine +Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor +bedrängt wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der +Jagd und des Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide +seinem Zustand vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, +sich für den Wilden zu entscheiden. Was giebt ihm die +Zivilisation für seinen Verlust? Das Glück, unter der +Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht damit gedient, daß +er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die Verfassung lesen +kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend beleidigen, +wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.“ + +</P><P> + +„Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit +illusorisch und verhängnisvoll, wenn man sie nur in einfacher +Anwendung einführt.“ + +</P><P> + +Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die +Freiheit ohne Brot, ist für die große Menge der +Bevölkerung unter Umständen nur die Freiheit des +Verhungerns. Die Freiheit hat nur Werth, ja sie ist erst dann +vorhanden, wenn auch der Mensch zu leben hat, und diesen +Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation nicht. „So haben unsere +Träumereien von den Menschenrechten und der Freiheit, die man in +Versuch setzte, nichts als Täuschungen und +verhängnißvolle Erschütterungen erzeugt. Unsere +Gesellschaft hat zu ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der +Einheitlichkeit der Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum +des sozietären Zustandes schnurstracks gegenüberstehen: +allgemeiner Egoismus und Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese +beiderseitigen Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, +sie schließen sich aus.“ + +</P><P> + +„Volle einheitliche Freiheit und menschenwürdige Existenz lassen +sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe +erreichen, außerhalb desselben ist das ganze System der Triebe +im Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und +Zweideutigkeit.“ ... + +</P><P> + +Es gilt also für Fourier, eine entsprechende Organisation zu +schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmäßig, unter +voller Berücksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, +zufriedengestellt werden. + +</P><P> + +„Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der Niedere +an dem Wohlsein des Höheren interessirt; die gewohnte Begegnung +bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der verschiedenen Serien +dient als Kitt für die Einheitlichkeit. Man hat nichts mehr von +der vollen Freiheit des Volkes zu fürchten, das in dem +gegenwärtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen die +Höheren seine Unabhängigkeit nur zur Plünderung und +Erwürgung derselben benutzen würde.“ + +</P><P> + +„Aus dieser Darlegung resultirt, daß die Gewährung einer +auskömmlichen Lebenshaltung ausschließlich von der +Entdeckung des sozietären Regimes und der anziehenden Arbeit +abhängt. Wie kann man dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, +wenn man ihm selbst nicht einmal die widerwillige Arbeit, von der +heute seine Existenz abhängt, zu garantiren vermag? In einem +solchen Zustande der Dinge, wie dem gegenwärtigen, wird alle +Freiheit nur ein Keim des Aufruhrs. Die Agitatoren fühlen das +wohl und darum haben sie die Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge +ist, dem Volk den Maulkorb anzulegen und die philosophischen +Schwätzer, die Bonaparte knebelte und Robespierre in Masse auf's +Schaffot schickte, zu unterdrücken.“ + +</P><P> + +<i>„In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit +existiren</i>, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort +unvollständig und gefährlich, weil sie die Horde dem Hunger, +dem Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf +die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie unbrauchbar +werden.“ + +</P><P> + +„Obschon die Freiheit des männlichen Wilden dem Schicksal unserer +Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der +Vernunft unwürdiges Glück, weil die industrielle +Thätigkeit ihm fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends +und der Unterdrückung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die +Frucht des sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und +eine Schmach für die Wissenschaft. Weit entfernt, daß diese +verstand, uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu +definiren gewußt, noch vermochte sie ihre verschiedenen +Charaktereigenschaften darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die +Schande, unter dem Vorwand, uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie +selbst nicht kannte, tausend politische Stürme erregt zu haben. +Sie ist mit der Freiheit wie mit dem Handel verfahren, sie hat einen +Hebel zu literarischen Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, +einen Schatten von Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie +selbst weder die Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's +Lebhafteste die Anstrengungen des Genies herausfordern, nämlich: + +</P><P> + +„In Sachen des Handels: das Bedürfniß der Assoziation, die +Garantie der Wahrheit und die Unterdrückung der zahlreichen +Verbrechen der handeltreibenden Körperschaften: der Bankerotte, +des Wuchers, des Börsenspiels etc.“ + +</P><P> + +„In Sachen der Freiheit: das Bedürfniß der industriellen +Attraktion; ein Aequivalent für die natürlichen Rechte (die +der Wilde hat) und Garantien für ein gradweise abgestuftes +Minimum für die verschiedenen Klassen.“ ... + +</P><P> + +„Der Streit über die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen +Köpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der großen +Revolution folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der +Handelseifersucht geopfert wurden, genügend, um dieses Chaos von +irrigen Lehren über die Freiheit und den Handel zu entwirren.“ + +</P><P> + +„Es gehört zu den Gebräuchen der Zivilisirten, einem Dogma +zu Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt, +sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafür sind die +aus den Debatten über die Verwandlung <TT>(Transsubstantiation)</TT> +und die Wesenseinheit <TT>(Consubstantialité)</TT> +hervorgegangenen Kriege. Unser Jahrhundert hat ähnlich über +die Menschenrechte spekulirt; um sie zu erhalten, massakrirte man sich +und doch kannte man ihr wahres Wesen nicht.“ + +</P><P> + +Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung +„des Rechts auf Arbeit“, das „für den Armen allein werthvoll +ist.“ Die Erfahrung hat uns zur Genüge gelehrt, daß mit +dieser Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch über +dieses „Recht“ gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 +in Paris in den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit +steht in Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter +der „Freiheit“ und den „Menschenrechten“ zurück, Jeder legt sich +dieses „Recht“ zurecht, wie er es braucht und es seinem +Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten noch +heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage +löse; bei den Anhängern des preußischen Landrechts, +die dieses „Recht“ ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht +auf Armenhausarbeit und Armenunterstützung zusammen. Auch nach +der Junirevolution hat es noch die Köpfe in der +französischen Kammer erhitzt, man schlug große +Redeschlachten und dabei ist es bis heute geblieben. Schließlich +waren bei all diesen Schlagworten es immer und immer die Vertreter der +kleinbürgerlichen Demokratie, die sich am eifrigsten für sie +begeisterten und sich zu ihren Champions aufwarfen. Ganz begreiflich. +Diese Demokratie repräsentirt eine Gesellschaftsschicht, die +zwischen der großbürgerlichen und der proletarischen Klasse +mitten innesteht, in Folge davon ohnmächtig ist und in Bezug auf +die Heilung der sozialen Uebel an chronischer Impotenz leidet und +daher ihr Thatenbedürfniß in großen Worten und +Kraftphrasen zu verpuffen genöthigt ist. Die bürgerlichen +Ideologen lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind +aber allmälig sehr einflußlos und harmlos geworden. + +</P><P> + +Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und logisch +schließender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei Andern +klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es giebt +keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum; kein +Minimum ohne die industrielle Anziehung <TT>(attraction)</TT>; keine +industrielle Anziehung in der zerstückelten +<TT>(morcelé)</TT> Arbeit, womit er sagen will, in der auf +Privatwirthschaft beruhenden Arbeit. Die industrielle Anziehung kann +nur aus den Serien der Triebe geboren werden; also: + +</P><P> + +Das Minimum, gestützt auf die industrielle Anziehung, ist der +einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in +diesen Weg einzutreten, muß man die Zivilisation verlassen, +muß man ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da +es hierzu, nach ihm, zwölf Wege giebt, muß man den +günstigsten wählen, um zur Assoziation zu gelangen. + +</P><P> + +Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu +organisiren, daß folgende sieben Funktionen voll angewendet und +ausgeübt werden können: häusliche Arbeiten, +ländliche Arbeiten, industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, +Wissenschaften, schöne Künste. Es muß vorhanden sein: +Anziehung für alle Beschäftigungen, proportionale +Vertheilung des Erzeugten, Gleichgewicht der Bevölkerung, +Oekonomie in den Hülfsmitteln. + +</P><P> + +Die Anziehung an die Arbeiten kann nur vorhanden sein, wenn jede +Arbeit angenehm <i>und</i> lukrativ ist. Die Vertheilung findet statt +nach den drei industriellen Fähigkeiten: Arbeit, Kapital, Talent. +Die Bevölkerungszahl einer Phalanx darf 1800–2000 Personen +nicht überschreiten, weil in dieser Zahl, nach Fourier's +Berechnung, die verschiedenen Triebe und Charaktereigenschaften voll +und zweckmäßig vertheilt enthalten sind und eine +größere oder kleinere Zahl die Ausgleichung stören +würde. Die Oekonomie der Hülfsmittel ergiebt sich aus dem +möglichst zweckmäßigen Zusammenwirken aller mit +einander Operirenden, die alle gleichmäßig an der +Ersparniß von Materialien, Zeit und Kraft interessirt sind. So +wird man in einer Phalanx von 400 Familien nicht 400 Küchenfeuer, +400 Einzelwirthschaften erhalten, sondern man wird nur 4 oder 5 +große Küchenfeuer anlegen und die Bewohner in 4 oder 5 +Klassen, nach dem Stande ihres Vermögens, eintheilen und sie in +einem gemeinsamen Palast wohnen lassen. Der sozietäre Zustand +läßt keine Gleichheit zu. Ebenso werden bei dem Ackerbau +wie bei der Industrie die Vortheile in positiver Beziehung — +Erhöhung der Produkte durch zweckmäßigste Kombinirung +und Anwendung der Kräfte und Hülfsmittel — und in +negativer Beziehung — Ersparnisse an Kraft, Zeit, Materialien +— sehr bedeutende sein. Es entsteht wieder rationelle Waldzucht, +Quellenschonung, Klimaverbesserung. Ueber alle diese Vortheile, welche +die assoziirte Thätigkeit erzeugen müsse, äußert +sich Fourier wie folgt: + +</P><P> + +„Eine Phalanx, die sich z. B. mit Wein- oder Oelbau befaßt, wird +nur einen einzigen Werkraum für die Fertigstellung nöthig +haben, statt der vielen, die jetzt in einer Gemeinde von 15–1800 +Seelen nöthig sind; statt 300 Bottiche wird sie nur ein Dutzend +bedürfen. Man wird ferner für die Reben- und Oelbaumanlagen +die Ueberwachung, die Einfriedigungen und Ummauerungen ersparen. Man +wird die Lese nicht auf einmal vornehmen, wie dies jetzt der kleine +Privatbesitzer, um Kosten und Zeit zu ersparen, thun muß, +sondern in dem Maße, wie die Trauben reifen, und damit +große Verluste an Quantität oder Qualität +verhüten. Statt der 1000 Fässer, welche heute 300 Familien +benöthigen, werden 30 große Tonnen genügen. Man wird +neun Zehntel der Kosten für die Lagerräume, neunzehn +Zwanzigstel für das Faßwerk ersparen. Die richtige +Behandlung des Weins ist dem kleinen Besitzer unmöglich, weder +kann er ihm die nöthige Lagerung gewähren in trockenen gut +gelüfteten nach Norden gelegenen Lagerräumen, noch hat er +die Einrichtungen und Vorrichtungen für die tägliche +Kühlung der Keller und Fässer. Auch fehlt der Ueberzahl der +Besitzer die Möglichkeit, die Weine durch verschiedene +Füllungen zu verbessern, leichte mit schweren Qualitäten zu +schneiden, oder sich fremde wärmere Weine zu verschaffen. Ferner +wird heute der Wein, unmittelbar nach der Ernte, von vielen +Eigenthümern zum billigsten Preis verkauft, weil sie ihn +verkaufen müssen, sei es, daß sie Geld nöthig haben, +der Gläubiger schon wartet, oder daß es ihnen an geeigneten +Aufbewahrungsräumen fehlt, und sie der Mittel oder des +Verständnisses zur Pflege entbehren. In der Phalanx wird der Wein +in Folge guter Aufbewahrung und Pflege schon nach einem Jahre das +Fünffache des Preises werth sein und mit dem Alter entsprechend +im Preise steigen. Die Phalanx verkauft ihn, wie ihr Interesse +gebietet. Und so noch viele andere Vortheile, die aus der +Gemeinwirthschaft entspringen, stets Kosten ersparen und die Produkte +verbessern. Man wird bessern Saamen, bessere Pflanzen anschaffen, im +Ankauf nie betrogen werden; man wird für die verschiedenen +Pflanzungen die besten und geeignetsten Bodenarten aussuchen +können, Maschinen, Gebäude, Ställe, Lagerräume +werden die zweckmäßigsten sein, die verfügbaren +Kräfte werden jede Arbeit im richtigen Moment ermöglichen.“ + +</P><P> + +„Eine der glänzendsten Seiten der sozietären Arbeit wird die +Einführung der Wahrheit in Handel und Wandel werden. Indem die +Assoziation die kooperative, solidarische, sehr vereinfachte, auf +Wahrhaftigkeit und Garantie beruhende Konkurrenz an die Stelle der +individuellen, unsoliden, lügnerischen, verschlungenen und +willkürlichen Konkurrenz der Zivilisation setzt, wird sie nur ein +Zwanzigstel der Arme und der Kapitalien benöthigen. Man wird also +den heutigen Handel als parasitisch unterdrücken, denn +parasitisch ist Alles, was unterdrückt werden kann, ohne +daß der Zweck geschädigt wird. Man wird in der Phalanx +statt hunderter konkurrirender und gegen einander intriguirender +Kaufleute und Krämer mit ihren Verkaufshallen und Läden nur +ein großes Waarenlager und verhältnißmäßig +sehr wenig Personen brauchen, da alle Käufe und Verkäufe +nach außen die Phalanxen unter sich abschließen.“ + +</P><P> + +„In der Zivilisation ist der Mechanismus in jeder Art der +ruinöseste und falscheste. So giebt es außer im Handel noch +tausende und abertausende von parasitischen Existenzen, z. B. die in +der Rechtspflege beschäftigten Personen, eine Institution, die +nur auf den Fehlern der zivilisirten Ordnung beruht ... Andererseits +fehlen die Mittel für das Nöthigste. So mangeln Frankreich +heute einige hundert Millionen Franken für die Verbesserung der +Wege und Straßen; im sozietären Zustand, wo Phalanx an +Phalanx sich reiht, bestehen die ausgezeichneten Verbindungsmittel, +für die jedes Phalanstère (das Phalanstère ist der +ganze Bezirk [Kanton] inklusive der Gebäude. Der Kanton soll nach +Fourier eine Quadratstunde Flächeninhalt haben) aufzukommen hat, +ohne daß es der Staatssteuern dazu bedarf. Ebenso fällt die +kostspielige Katastrirung der Grundstücke für den Staat +fort. Eine Wahl, die heute unendlich viel Zeit und Geldopfer +erfordert, eine Menge der widerlichsten Kabalen erzeugt, wird in der +Phalanx dem Einzelnen kaum eine Minute Zeit kosten, eine Reise dazu +hat er nicht nöthig zu machen.“ ... + +</P><P> + +„Unter die Unproduktiven gehören ferner die Soldaten, die +Grenzwächter, die Steuerbeamten; auch sind ein großer Theil +der Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft +beschäftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald +Männer, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus +Anziehung thätig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, +der verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der +Handlungen, freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, höhere +Kraft und Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die +Arbeitsmittel und Kräfte in's Unberechenbare sich steigern und +wird das Produkt quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend +veredeln und vermehren.“ + +</P><P> + +„Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietären +Organisation sich verbessern. In der meist sehr übel und +mangelhaft geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren +Hütten, Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hülfsmittel, noch +die Belehrung, noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie +nöthig haben, um sich gehörig zu entwickeln. Dabei sterben +sie massenhaft in Folge ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder +sie siechen dahin. Im sozietären Zustand wird die Sterblichkeit +sich außerordentlich vermindern, die Kinder werden an +körperlicher und geistiger Gesundheit in heute ungeahnter Weise +zunehmen. Drohende Uebervölkerung wird die sozietäre +Organisation auszugleichen wissen.“ + +</P><P> + +Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenüber in +einem falschen Kreisschluß <TT>(cercle vicieux)</TT> und das +erkennt man allmälig. Man ist erstaunt, zu finden, daß +<i>in der Zivilisation die Armuth selbst den Ueberfluß +erzeugt.</i> Unser Zustand bringt nicht das Glück, sondern das +Nichtglück hervor; die Exzesse der Industrie führen zu den +größten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die +Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe +wandeln. Das zeigt sich überall. Wählen wir als Beispiel die +natürlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch +zu bringen. Ein Kärrner fährt Metall in eine +Gießerei.<a href="#Footnote_14" +name="FNanchor_14" id="FNanchor_14"><sup>14</sup></a> Bei dem Anblick ihrer +Einrichtungen erfaßt ihn die Neigung, als Lehrling einzutreten. +Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er, noch seine +Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und macht so +erstaunliche Fortschritte, daß er schon nach einem Jahre einen +sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken verdiente. +Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen unsere Arbeits- +und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der Vervollkommnung und +des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom jugendlichsten Alter an +Anlagen und Triebe verschiedenster Art, aber wie ermöglichen, +daß wir sie kennen lernen? Dazu ist die Zivilisation +unfähig. Uns mangelt der Kompaß, der Schlüssel, der +uns dieses Zauberbuch über die Anziehungen und die industriellen +und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur +durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den +Schlüssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und +hauptsächlich auch für die Erziehung. Das Problem, das es +hier zu lösen gilt, ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig +Anlagen zum Aufbruch zu bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre +alt ist. Vom vierten Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig +verschiedenen Serien industrieller Thätigkeit geschickt sein und +mehr gewinnen, als seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es +übt abwechselnd alle physischen und intellektuellen +Fähigkeiten, Alles mit Eifer ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im +Alter von vier Jahren finden wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine +im Alter von zwanzig Jahren, sie wurden unterdrückt, erstickt, +weil die Eltern arm waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen +verstanden, oder die Gelegenheit fehlte. So steht es ähnlich +selbst bei der wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die +man auf die Universitäten und Hochschulen schickt, ist öfter +kaum einer, der die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Die +Anlagen zum Aufbruch zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten +Lebensalter an zu entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere +Wissenschaften scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der +Agrikultur, woher es kommt, daß diese selbst unserer Dorfjugend +widerwärtig erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere +industrielle Erziehung steht, wie Alles, außerhalb der Natur, +außerhalb der Anziehung. Es ist klar, wir brauchen einen +Wegweiser, eine neue Wissenschaft und diese ist die Lehre von den +Serien der Triebe. Ohne sie werden die Nebel immer größer. +Man behauptet, die Menschen seien heute nicht falscher als +früher. Indeß vor einem halben Jahrhundert konnte man +für wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualität und +natürliche, d. h. unverfälschte Nahrungsmittel kaufen; heute +herrschen überall Verfälschung und Betrügerei. Der +Landmann selbst ist ein Fälscher geworden, wie es der Kaufmann +schon vor ihm war. Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, +Alles ist schamlos verfälscht. Die arme Menge kann sich keine +natürlichen Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr +langsam wirkende Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist +selbst bis in die entlegensten Dörfer. Seit fünfzig Jahren +hat sich die Zahl der Handeltreibenden vervierfacht, ohne daß +die Beschäftigung für sie sich entsprechend vermehrte, der +Schwindel ist in demselben Maße gewachsen und ebenso die +Aufsaugung der Kapitalien.“<a href="#Footnote_15" +name="FNanchor_15" id="FNanchor_15"><sup>15</sup></a> „Zu allen Zeiten und an allen +Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei Zielen zu kommen suchen: +Zum Luxus oder zur Befriedigung der fünf Sinne; zu +Gruppenbildungen und Serien der Gruppen — Bande der Zuneigung +—; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und Instinkte; +und durch sie alle drei zur universellen Einheitlichkeit.“ + +</P><P> + +„Der Luxus umfaßt alle sinnlichen Vergnügungen. Indem sich +die Triebe nach Befriedigung sehnen, wünschen wir uns implicite +Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir +wünschen uns inneren Luxus oder körperliche Kraft, +Verfeinerung und Stärke der Sinne, und äußeren Luxus +oder Reichthum. Man muß diese beiden Mittel besitzen, um den +ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu erreichen. Wir müssen +also befriedigen: Geschmack, Gefühl, Gesicht, Gehör, Geruch. +Für das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu bilden und +zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des Ehrgeizes, als +höhere; der Liebe, der Elternschaft oder der Familie, als niedere +Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller Freiheit und nach Neigung +bilden, beziehen sich auf eins dieser vier Ziele. Wird eine Gruppe +zahlreich, so theilt sie sich in Untergruppen, indem sie eine Serie +von Theilen bildet, abgestuft in Nuancen nach Neigungen und Geschmack. +Alle Gruppen suchen eine Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, +verschieden in Gattung und Art. Die Serien der Gruppen sind also +zweites Ziel der Anziehung, indem sie sich für alle Funktionen +der Sinne und der Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus +der Triebe oder der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der +fünf sinnlichen Triebe (1. Geschmack, 2. Gefühl, 3. Geruch, +4. Gesicht, 5. Gehör) mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, +7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9. Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. +Diese Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei +wenig bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb +durch Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der +Papillon, Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, +Trieb der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach +Vervollkommnung.“ + +</P><P> + +„Diese zwölf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der +Triebe her. Ein Jeder wünscht im Spiel seiner Triebe eine solche +Ausgleichung sich zu verschaffen, daß der Aufschwung des einen +Triebes den Aufschwung aller übrigen begünstigt. Z. B. Liebe, +Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttäuscht sein; die +Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht zu +schädigen ... Gegenwärtig ist der Mensch im Kriege mit sich +selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der Liebe, +die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden sich alle +Triebe beständig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der Triebe +entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle die +Triebe unterdrücken; aber unterdrücken heißt nicht +organisiren, harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander +greifenden Mechanismus der Triebe zu schaffen, <i>ohne einen zu +unterdrücken</i>. Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es +sein persönliches Interesse verfolgt, damit auch dem +Allgemeininteresse beständig dient. Heute ist das Gegentheil der +Fall. Die Zivilisation ist ein Krieg des Einen gegen Alle und Aller +gegen Einen; eine Ordnung, wo Jeder sein Interesse dabei findet, alle +Anderen zu täuschen, sie ist ein den Trieben fremder Diskord; +aber das Ziel der Triebe muß sein, zur inneren und +äußeren Harmonie zu kommen.“ + +</P><P> + +„Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien der +Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu +können, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein +sollen und angewendet werden auf die sieben bereits erwähnten +industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie, Handel +und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste ... +Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und +absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind durch +Uebereinstimmung des Geschmacks für irgend eine Thätigkeit, +wie den Anbau einer Frucht, und in welcher für jeden Zweig der +Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie +Hyazinthen oder Kartoffeln baut, muß sie eben so viel Gruppen +bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden +sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die für +eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45–50 Serien +nothwendig, wenn einigermaßen die nöthige Abwechslung und +Ausgleichung herbeigeführt werden soll. Die Serien benutzen die +Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte, der +Vermögen, der Ansprüche, der Bildungsstufen. Jede Serie +setzt sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten +zusammen, sie erheischt ebensoviel Gegensätze oder Antipathien +als Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein +Akkord dadurch sich herstellt, daß man ebensoviel Noten +ausfallen läßt, als man zusetzt. Die Kontraste der +Töne erzeugen den Akkord. Eine Vereinigung von Serien der Triebe +hat für die soziale Harmonie glänzende Eigenschaften, sie +erzeugt Bewegung, Wahrheit, Gerechtigkeit, direkte und indirekte +Uebereinstimmung, Einheitlichkeit. Die Zivilisation hat alle +entgegengesetzten Eigenschaften: Entkräftung, Ungerechtigkeit, +Betrug, Mißstimmung, Zweideutigkeit. Aber die Serie der Triebe +würde nicht richtig funktioniren, wenn sie nicht drei +Eigenschaften besäße. Die verschiedenen Gruppen müssen +miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung gerathen; das +ist nur möglich, wenn die Gruppen nicht grundverschiedene +Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise verschiedene, also z. B. +nicht verschiedene Arten von Obst, sondern verschiedene Sorten einer +Art bauen. Ferner müssen die einzelnen Sitzungen kurz sein, sie +dürfen sich nicht über zwei Stunden ausdehnen, weil sonst +die Ermüdung eintritt. Soll eine Arbeit anziehend sein, so +muß sie kurzzeitig sein und man muß dann zu einer andern +kontrastirenden Thätigkeit übergehen können. Endlich +muß Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im +Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die +Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe +genügt, wenn sie sieben Mitglieder zählt; sie ist +vollkommen, wenn sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkürlich +wieder in Untergruppen, in die beiden Flügel und das Zentrum. +Vierundzwanzig Gruppen ist die niedrigste Anzahl für eine Serie.“ + +</P> +<BR /><HR><BR /> +<P> + +„Die Zivilisirten treffen überall instinktiv das Falsche, sie +ziehen immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt +ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl, auf +zwei beschränkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe ist +falsch durch die Beschränkung der Zahl, falsch durch das Fehlen +der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen des +Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten Tagen +fühlbar; man differirt bezüglich der Gerichte, der ehelichen +Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer +Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die +ursprünglichste ihrer Gruppen harmonisiren können, dann +können sie dies noch weniger mit dem Ganzen. <i>Der Mensch ist +aus Instinkt Feind des Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder +Beziehung beständig nach Veränderung.“</i> + +</P><P> + +Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der +Gleichheit ist, weshalb auch die Vermögensunterschiede bestehen +bleiben müssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische +Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und sich +auch nur zum Besten des Ganzen bethätigen kann. Freund +militärischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung +und ihre regelmäßige Funktionirung imponiren — er +soll mit großer Vorliebe bis an sein Lebensende den +militärischen Uebungen und Paraden beigewohnt haben —, +giebt er seiner phalansteren Hierarchie einen +militärisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus ein +rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen werden +Offiziere genannt und haben militärische Grade. Es sind +Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stäbe in +der Phalanx und werden alle Würden ohne Rücksicht auf das +Geschlecht erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie +hauptsächlich Frauen, so werden die Offiziersstellen +hauptsächlich Frauen bekleiden. Dasselbe gilt von den Kindern, +Knaben wie Mädchen. Die Mitglieder der Serien und Gruppen +wählen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich innerhalb ihres +Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die Sympathien der Uebrigen +erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht, daß die Menschen, mit +sehr wenig Ausnahmen, an äußeren Auszeichnungen, an +schönen Farbenzusammenstellungen in ihrer Kleidung, an Uniformen, +glänzenden Schaustellungen und Festen, opulenten Einrichtungen, +prächtigen Denkmälern und Bauten ihre Freude haben. Nach all +diesen Richtungen soll die Phalanx das Höchste bieten. + +</P><P> + +Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewählt; die +Einen, welche die eigentliche geschäftliche Leitung haben, und +die Andern, welche den sogenannten äußeren Dienst versehen, +die für den Glanz und das würdige Auftreten der Gruppen und +Serien bei Festen, Aufzügen, Schaustellungen und für die +Ausschmückung sorgen. Auch in letzterer Beziehung wird ein +lebhafter Wetteifer zwischen den einzelnen Serien und Gruppen +entstehen. Man wird für die zuletzt erwähnten Funktionen +hauptsächlich solche Personen zu Offizieren erwählen, die +größeren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx das +Kapital fünf- und sechsfach höhere Zinsen erlangt, als in +der Zivilisation, ohne daß Arbeit und Talent dabei zu kurz +kommen, und die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger +und doch viel besser leben, als in unserer gegenwärtigen sozialen +Ordnung, werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst +gar nicht unterzubringenden Ueberfluß zum Besten des Ganzen +anzuwenden. Sie werden also öfter für ihre Serien- und +Gruppengenossen besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen +gar nicht so außergewöhnlich theuer kommen, weil sie nur +das Plus des Preises über die regelmäßige Mahlzeit, +deren Kosten Jedem Tag für Tag von der Phalanx angerechnet +werden, zu bezahlen haben; ferner werden sie den Bau prächtiger +Pavillons, die Aufstellung von Statuen, Altären und dergleichen in +dem Theile des Kantons, in dem die Serie oder Gruppe, in welcher sie +die hervorragende Rolle spielen, beschäftigt ist, auf ihre Kosten +betreiben. + +</P><P> + +Alle Arten von Serien und Gruppen, gebildet in Uebereinstimmung mit +den Trieben, deren Ordnung und Mechanismus der Zivilisation als ein +undurchdringliches Geheimniß erscheint, sind nach Fourier das +Ergebniß geometrischer Berechnungen auf Grund der Anziehungen +und der Bestimmungen. Die Richtigkeit dieser von ihm unternommenen +Berechnungen ist nach seiner Meinung unzweifelhaft. Er kennt das +Geheimniß des ganzen Mechanismus der Gesellschaft und von einem +guten Theil des Weltalls; Alles organisirt sich nach bestimmten +mathematischen Zahlenverhältnissen, die zunächst nur ihm +bekannt sind. + +</P><P> + +Wenn einmal Jemand sich im Besitz eines solchen Geheimnisses und +solcher Kenntnisse wähnt, so ist natürlich, daß jede +andere Theorie, die auf dasselbe Ziel hinaus läuft, ihm als eine +Art Profanation seiner eigenen Ideen, als eine Art Sakrilegium +erscheint, und daß er die fremden Theorien dementsprechend als +Charlatanerie behandelt und verurtheilt. Da nun um dieselbe Zeit, als +Fourier mit seinen Theorien vor die Oeffentlichkeit trat, Owen in +England mit seinen Assoziationsversuchen ebenfalls hervortrat und +großes Aufsehen erregte, später auch schriftstellerisch und +persönlich agitatorisch für dieselben wirkte, konnten diese +Bestrebungen Fourier nicht unbekannt bleiben. Er griff Owen heftig an, +als einen Mann, der vom Mechanismus der Assoziation nichts verstehe, +nur Sophismen verbreite und mit seinem Kommunismus und Atheismus das +größte Unheil anstifte. In ähnlicher Weise wandte er +sich später auch gegen die Saint Simonisten, die er mit ihrer +neuen Religionsgründung lächerlich machte. Unbegreiflich war +ihm nur, daß Beide, Owen und Saint Simon, mehr Beachtung und +Anhang fanden, als er. + +</P><P> + +Fourier fährt nun weiter fort: + +</P><P> + +„Das Bedürfniß nach periodischer Verschiedenheit, +kontrastirenden Situationen, Szenenveränderungen, nach pikanten +Zufällen, nach Neuigkeiten, welche die Illusion erregen, ist dem +Menschen eingeboren. Dieser Trieb ist die Papillon. Das +Bedürfniß nach Abwechslung macht sich bei dem Menschen von +Stunde zu Stunde, lebhaft von zwei zu zwei Stunden bemerkbar. Wird es +nicht befriedigt, so verfällt er der Lauheit und Langeweile. Auf +der Befriedigung dieses Triebes nach Veränderung beruht das +Glück der Pariser Sybariten. Es ist die Kunst, „gut und rasch zu +leben“. Verschiedenheit und Verkettung der Vergnügungen, +Raschheit der Bewegung ist nothwendig.“ + +</P><P> + +Indem nun im sozietären Zustand alle Beschäftigung in kurzen +Sitzungen von etwa einundeinhalbstündiger Dauer sich vollzieht, +kann Jeder im Laufe des Tages acht bis zehn ihn anziehende und seine +Triebe befriedigende verschiedene Thätigkeiten ausüben, die +durch die Art ihrer Ausübung ihm nur Vergnügen bereiten. Den +nächsten Tag besucht er Gruppen und Serien, die von denen des +vorhergehenden Tages in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer +Thätigkeit verschieden sind. So eilt der Mensch, entsprechend +seinen Trieben, selbst indem er nützlich thätig ist, von +Vergnügen zu Vergnügen, <i>ohne in Exzesse zu verfallen,</i> +denen der Zivilisirte nicht entgeht. Denn dieser widmet einer Arbeit +sechs Stunden und mehr, einem Fest sechs Stunden, einem Ball die ganze +Nacht auf Kosten seines Schlafes und seiner Gesundheit. Dann sind auch +die Vergnügungen der Zivilisirten immer unproduktiv, während +im sozietären Zustand die Arbeiten selbst zu Vergnügen und +also produktiv werden. Sehen wir zu, wie ein Unbemittelter und wie ein +Reicher in der Phalanx ihren Tag verbringen. Wir nehmen den Monat Juni +als Beispiel der Lebensweise für den Unbemittelten. + +</P><P> + +„Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Sitzung<a href="#Footnote_16" +name="FNanchor_16" id="FNanchor_16"><sup>16</sup></a> in +einer Gruppe für die Pflege der Thiere in den Stallungen; 5 Uhr +Sitzung in einer Gruppe der Gärtner; 7 Uhr Frühstück; +7½ Uhr Sitzung der Mäher; 9½ Uhr Sitzung der +Gemüsebauer, und zwar werden diese Gartenarbeiten bei +größerer Wärme unter künstlich konstruirten +transportablen Zelten vorgenommen; 11 Uhr zweite Sitzung in den +Stallungen; um 1 Uhr Mittagstisch; 2 Uhr Waldarbeiten; 4 Uhr +Beschäftigung in einer Manufaktur; 6 Uhr Bewässerung; 8 Uhr +Börse; 8½ Uhr Abendessen; 9 Uhr Unterhaltungen; 10 Uhr +Schlafengehen. + +</P><P> + +Die Börse der Phalanx beschäftigt sich nicht mit dem Handel +von Papieren und dem Schacher der Lebensmittel, sondern es werden hier +die Abmachungen für den nächsten Tag getroffen; es bilden +sich neue Gruppen und Serien. Auch wird später, wenn die Phalanx +in voller Wirksamkeit ist, die Zahl der Ruhepausen und Mahlzeiten sich +auf fünf erhöhen und werden die Sitzungen kürzer. Der +Reiche, dessen Tagesbeschäftigung wir nun folgen lassen, ist ein +Gutsbesitzer, der probeweise in die Phalanx trat. + +</P><P> + +Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Zusammenkunft im +Morgensaal, Unterhaltungen über die Nachterlebnisse; 4½ +Uhr erste Erholung, gefolgt von der industriellen Parade — +Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen ziehen mit Fahnen und +Emblemen unter Musik in ihren Gruppen und Serien auf das Feld —; +5½ Uhr Jagd; 7 Uhr Fischfang; 8 Uhr Frühstück; +Zeitungen; 9 Uhr Gartenkultur unter Zelten; 10½ Uhr Fasanerie; +11½ Uhr Bibliothek; 1 Uhr Mittagessen; 2½ Uhr +Gewächshäuser; 4 Uhr Pflege exotischer Pflanzen; 5 Uhr +Pflege der Fischteiche; 6 Uhr Vesperbrot auf dem Felde; 6½ Uhr +Schafzucht; 8 Uhr Börse; 8½ Uhr Abendessen; 9½ Uhr +Schaustellungen; 10½ Uhr Schlafengehen. + +</P><P> + +Die kurze Schlafzeit — sechs Stunden — erklärt +Fourier damit, daß die Harmonisten in Folge ihrer +vernünftigen und angenehmen Lebensweise, die Niemand +überanstrenge, weniger Schlaf brauchten, als die Zivilisirten, +auch würden sie von Kindheit an an diese Lebensweise +gewöhnt. Bei der minutiösen Ausarbeitung, die Fourier allen +Einrichtungen seiner Phalanx zu Theil werden läßt, hat er +sich auch ausführlich mit den baulichen Einrichtungen +befaßt und die entsprechenden Pläne seinen Werken +einverleibt. Die Phalanx ist eben ein Uhrwerk, das nach den +Plänen seines Erfinders konstruirt werden muß, wenn es den +beabsichtigten Zweck erreichen soll. Das Gebäude der Phalanx, das +Phalanstère, besitzt ringsum Gallerien, die im Winter +gleichmäßig durchwärmt, im Sommer von erfrischender +Kühle sind. Der Länge nach laufen durch das mächtige +Gebäude, in dem die 1800–2000 Angehörigen der Phalanx +wohnen, Säulenhallen, die nach allen Theilen führen, nach +den Sälen, den Wohnungen, der Börse. Verdeckte Gänge +stellen bequeme Verbindungen nach den Ateliers, Werkstätten und +Stallungen her. Man behaupte, meint F., durch die kurzen Sitzungen +werde viel Zeit verbraucht, um von einem Ort zum andern zu kommen. Das +sei indeß falsch, da das Gebäude mitten im Bezirk liege und +von allen Seiten in 5–10, höchstens 15 Minuten zu erreichen +sei. Auch kämen die Kosten des Baues nicht in Betracht, da die +Arbeitsweise in der Phalanx gegen diejenige in der Zivilisation +immense Vortheile biete, und der Eifer, mit dem Jedermann sich +betheilige, herbeiführe, daß in einer Stunde geleistet +werde, was in der Zivilisation kaum in drei Stunden geleistet werden +könne. Man betrachte nur einmal unsere Arbeiter auf dem Felde, +die, wenn ein Vogel vorüber fliege, sich hinstellten und ihm +nachsähen, die Hände auf die Hacke gestützt. Das komme +daher, weil unsere Arbeiten Ueberdruß erweckten und +ermüdeten und jeden Reizes entbehrten. + +</P><P> + +„Die Beschäftigung in der Phalanx erzeugt das die Gesundheit +fördernde körperliche Gleichgewicht. Die Gesundheit +muß nothwendig geschädigt werden, wenn der Mensch sich +zwölf Stunden einer gleichmäßigen Arbeit +überlassen muß, die, welcher Art sie immer ist, die +verschiedenen Glieder des Körpers und seinen Geist nicht +genügend beschäftigt. Dies wird noch schlimmer, wenn +dieselbe Arbeit Tag für Tag das ganze Jahr hindurch sich +wiederholt. Daraus entstehen neben dem allgemeinen Widerwillen an der +Arbeit die vielen Berufskrankheiten; so sind gewisse chemische +Fabriken wahre Mördergruben, in denen eine Beschäftigung von +zweistündigen Sitzungen, zwei- oder dreimal die Woche für +den Einzelnen, ohne jeden Nachtheil ertragen wird. Die reiche Klasse +verfällt wieder andern Krankheiten, der Gicht, der Apoplexie, dem +Podagra, Krankheiten, die dem Landmann fremd sind. Die Fettleibigkeit, +bei den Reichen so gewöhnlich, ist ein Zustand, der +körperliches Gleichgewicht und Wohlbefinden gröblich +stört. Fast alle Beschäftigungen und Vergnügungen der +Reichen stehen mit der Natur im Widerspruch. Die sanitäre +Bestimmung schreibt dem Menschen beständige Abwechslung in der +Thätigkeit sowohl für den Körper als für den Geist +vor, diese hält allein die Aktivität und das Gleichgewicht +aufrecht.“ + +</P><P> + +„Was vorzugsweise das körperliche Wohlbefinden fördert, wird +auch das seelische fördern. Vereinigt in der Zivilisation das +Interesse Freunde, so vereinigt es im sozietären Zustand sogar +die Feinde, es söhnt die antipathischen Charaktere durch +indirekte Kooperation aus, und zwar, weil in einer großen Reihe +von Serien und Gruppen, in die jeder Einzelne nach der Verschiedenheit +seiner Neigungen und Triebe nach und nach eintritt, er durch die +Berührung findet, daß Diejenigen, die ihm auf dem einen +Gebiet antipathisch waren, ihm auf anderen sympathisch sind. Auch wird +das Nebeneinanderarbeiten nach demselben Ziel unwiderstehlich seine +aussöhnende Wirkung üben.“ + +</P><P> + +„Die seelischen Triebe verlangen so gut wie die sensuellen +Abwechslung, um befriedigt zu werden; es sind also auch die Herzen der +großen Mehrheit der beiden Geschlechter dem Bedürfniß +nach Veränderung und Abwechslung unterworfen. Der Mann wie die +Frau wünschte sich ein Serail, wenn Abhängigkeit, Sitte und +Gesetz sich dem nicht widersetzten. Die ernsten Holländer, die in +Amsterdam so hoch moralisch scheinen, haben in Batavia ihre Serails, +gefüllt mit Frauen aller Hautfarben. Da haben wir das +Geheimniß unserer Moral; sie wird zur Heuchlerin, wenn die +Umstände es gebieten, und sie wirft die Maske ab, wenn sie dies +ungestraft thun kann.“ + +</P><P> + +„Pflanzen und Thiere haben das Bedürfniß nach Wechsel und +Kreuzung. Mangels eines solchen Wechsels arten sie aus. Ebenso hat der +Magen das Bedürfniß nach Wechsel; entsprechende +Veränderung in den Speisen erleichtert die Verdauung und +erhöht das Behagen und die Befriedigung; aber man gebe dem Magen +dieselbe ausgesuchteste Speise täglich und er wird sie mit +Widerwillen zurückweisen. Geist und Seele sind von dem Trieb nach +Veränderung beherrscht; oft wirken zwei und drei Triebe +gleichzeitig; so Liebe und Ehrgeiz.“ + +</P><P> + +„Die Erde selbst hat ihre internirenden Zeiten, die der Besaamung, der +Erzeugung. Der Boden bedarf alternirender Anwendung der Pflanzen; die +ganze Natur verlangt nach Wechsel. In der ganzen Welt existiren nur +die Moralisten und die Chinesen, welche die Einförmigkeit, die +Uniformität verlangen; aber die Chinesen sind auch die +falschesten, der Natur am meisten widerstrebenden Wesen.“ + +</P><P> + +Fourier, der, wie wiederholt hervorgehoben wurde, Alles haßte, +was mit dem Handel zu thun hatte, haßte die Chinesen besonders, +weil sie, nach dem Vorurtheil seiner Zeit, die größten +Diebe und Betrüger im Handel seien. Wir wissen heute, daß +dies eine falsche Ansicht ist, obgleich die Vorurtheile gegen die +Chinesen noch sehr stark in Europa sind. Ebenso wie die Chinesen waren +Fourier als hauptsächlich handeltreibendes Volk die Juden +verhaßt, die er unmittelbar den Chinesen in der Rangordnung +folgen ließ. Er war sehr unglücklich, als man in Frankreich +den Juden die vollen bürgerlichen Rechte einräumte, was ihn +freilich nicht abhielt, wie wir sahen, Herrn von Rothschild unter die +Kandidaten für seine Versuchsphalanx zu reihen und ihm ein +Königreich Jerusalem in Aussicht zu stellen. + +</P><P> + +„Die Moral“, führt Fourier weiter aus, „welche die drei Triebe: +Kabalist, Papillone, Komposit, am heftigsten kritisirt, ist selbst im +stärksten Widerspruch mit der Natur. Diese drei Triebe spielen +eine große Rolle im sozialen Mechanismus, wie die Natur es will; +sie haben die Herrschaft, denn sie dirigiren die Serien der Triebe; +jede Serie ist in ihrem Mechanismus gefälscht, wenn sie nicht den +kombinirten Schwung dieser drei Triebe begünstigt; sie bilden die +neutrale Gattung in der Tonleiter der zwölf Triebe.“ + +</P><P> + +„Aktiver Gattung sind die vier Triebe der Seele: Freundschaft, +Ehrgeiz, Liebe, Elternschaft; passiver Gattung die fünf +sensuellen Triebe: Gehör, Geruch, Geschmack, Gesicht, +Gefühl. Die neutrale Gattung — die mechanisirenden Triebe +— macht sich besonders bemerklich bei den Kindern, denen die +zwei affektiven Triebe — Geschlechtsliebe und Elternschaft +— noch fehlen; sie überlassen sich den mechanisirenden +Trieben in ihren Spielen am meisten, welche sie sehr selten über +zwei Stunden ausüben, ohne zu wechseln. + +</P><P> + +Diese Disposition wird man für sie bei der Organisation ihrer +Erziehung und Beschäftigung besonders in Anwendung bringen.“ + +</P><P> + +„Die Anziehung kann dreierlei Art sein: direkt oder übereinstimmend; +indirekt oder gemischt; verkehrt oder abweichend, d. h. gefälscht. +Direkt ist sie, wenn sie aus Freude an dem Gegenstand selbst die +Thätigkeit ausübt. So haben Archimedes in der Geometrie, +Linné in der Botanik, Lavoisier in der Chemie nicht des +Gewinnes wegen, sondern aus heißer Liebe zur Wissenschaft +gearbeitet. So kann ein Fürst aus Liebe an dem Gegenstand +Orangen- oder Nelkenzucht treiben, oder wie Ludwig XVI. die Schlosserei; +kann eine Fürstin Zeisige oder Fasanen pflegen. Hier herrscht +direkte Anziehung zur bestimmten Beschäftigung, und so werden in +der sozietären Gesellschaft sieben Achtel der Arbeiten beschaffen +sein.“ + +</P><P> + +„Die indirekte Anziehung ist vorhanden, wenn Jemand eine +Thätigkeit mehr des Gewinnes wegen, oder der Resultate seiner +Arbeit als des Gegenstandes selbst wegen ausübt. Zum Beispiel ein +Naturforscher, der widerliche Reptile oder Giftpflanzen unterhält. +Er liebt weder das Eine, noch das Andere an sich, aber er überwindet +seinen Widerwillen durch den Eifer, den die in Aussicht stehenden +wissenschaftlichen Resultate in ihm erwecken. Solche indirekte +Anziehung wird sozietäre Funktionen erregen, die einer besonderen +Anziehung beraubt sind, aber größeren Gewinn oder +größere Anerkennung finden. Dieser Art Arbeiten wird es ein +Achtel geben.“ + +</P><P> + +„Die verkehrte oder gefälschte Anziehung herrscht dort, wo die +Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der +Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist, wo +moralische Erwägungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit +für, noch Geschmack an der Thätigkeit vorhanden ist. Diese +Nichtattraktion kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber +in sieben Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese +Zivilisirten hassen ihre Thätigkeit, sie üben sie entweder +aus Hunger oder Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der +sie trägen Schrittes, mit trübsinnigem, +niedergedrücktem Aussehen gehen.“ + +</P><P> + +„Der Gewinnanreiz, der bei den für Lohn oder Gehalt Arbeitenden +nur eine divergirende Anziehung ausübt, kann in der Assoziation +oft ein edles Hülfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um +eine Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizuführen. Hier +handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt, +empfängt von der Phalanx fünf Franken, da aber eine Million +Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind, so +erhält er fünf Millionen Franken und empfängt +außerdem als Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des +Erdballs, wodurch er auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten +Ehrenbezeugungen empfängt.“ + +</P><P> + +„Durch diese Form der Belohnung für allgemein nützlich oder +angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der +Gewinn enorm sein. Wird für eine Ode oder Symphonie eine +Belohnung von zwei Sous gewährt und erklären sich bei der +Abstimmung 500.000 Phalanxen für dieselbe, so werden dem Dichter +oder Komponisten 50.000 Franken ausgezahlt. Er empfängt zu diesem +Zweck die entsprechende Anzeige von dem Weltkongreß, und wird +diese Summe ihm in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, +ausgehändigt. So wird Jeder für außergewöhnliche +Leistungen in demselben Verhältniß Belohnungen und Ehren +empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn nur diejenigen Phalanxen +steuern, die sich zu Gunsten einer Leistung aussprachen, sie also +für würdig erachteten und werthvoll fanden.“ + +</P><P> + +„Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten finden, +sie kann nur durch einen mächtigen Anstoß angeregt werden. +Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lüttich eine Kohlenmine +in Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben, +darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mußte in wenig Tagen +ein bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der +Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte +eine Ehre darein, das Höchste zu leisten, und nach vier Tagen war +eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig gebraucht +hätte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn die +Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurück, es +war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also +die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden, wenn +edle Impulse ihr zu Hülfe kommen.“ + +</P><P> + +Fourier erläutert nun weiter die innere Organisation und +Verwaltung der Phalanx. „In der Zivilisation kennt man keine andere +Rangordnung, als die nach Stand und Vermögen; die sozietäre +Ordnung dagegen wendet eine uns heute gänzlich unbekannte +Klassifikation an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und +nach Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an +bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stämme +<TT>(tribus)</TT> und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in +zweiunddreißig Chöre.“ Die Kinder vom frühesten +Lebensalter — bis zu einem Jahre Säuglinge, bis zum zweiten +Poupons und bis zum dritten Lutins genannt — zählen als +unentwickelt noch nicht mit. Jeder der sechzehn Stämme hat seine +besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1, 3–4½ Jahre +zählend, umfaßt die Bambins; Nr. 2, 4½–6½ +Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6½–9 Jahre, die Seraphins; +Nr. 4, 9–12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12–15½ +Jahre, die Gymnasiasten; Nr. 6, 15½–20 Jahre, die +Jugendlichen. Die weiter folgenden Stämme sind nicht streng nach +den Lebensaltern geregelt; die drei letzten, aus den höchsten +Lebensaltern gebildet, heißen: die Ehrwürdigen, die +Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den sechs ersten +Stämmen, für die eine besondere Organisation und ein +besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von einem +Stamm in den andern besondere Prüfungen verlangt werden, hat +diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens ist +er nicht zu erkennen. Nur die ältesten Stämme haben gewisse +Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen +Einfluß. + +</P><P> + +Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den +Kindern gemacht, sie soll die natürliche Erziehung erleichtern +und den Korpsgeist erzeugen, mit Hülfe dessen sie mit Eifer zu +den Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder +in das Reifealter übergetreten sind, besuchen sie wie die +älteren Lebensalter täglich die Börse, wo alle +Abmachungen für die Arbeiten und die Vergnügungen des +nächsten Tages besprochen und geordnet werden. + +</P><P> + +Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Händen der +Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags +gewählt, der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; +2. aus den drei ältesten Stämmen: den Ehrwürdigen, +Verehrten und Patriarchen; 3. aus den Aktionären und 4. aus den +Magnaten und Magnatinnen der Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, +da sich Alles durch Anziehung und den Korpsgeist der Stämme, +Chöre und Serien regelt; er giebt nur über wichtige +Geschäfte, wie die beste Erntezeit, die Weinlese, Neubauten etc., +seine Meinung kund, doch ist diese Meinung nicht verpflichtend. „Weder +sind der Areopag noch die Regentschaft mit lächerlichen +Verantwortlichkeiten belastet, wie z. B. ein Finanzminister in der +Zivilisation.“ Das Rechnungswesen ist Sache einer besonderen Serie, +welche die Bücher führt, die jedes Mitglied der Phalanx +einsehen kann. Ueberdies ist das Rechnungswesen so einfach wie +möglich. Tägliche Zahlungen giebt es nicht, jedes Mitglied +hat, entsprechend seinem Vermögensantheil und dem +voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die +verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit zu +Zeit miteinander ab. Die Rechnung für die Einzelnen wird am Ende +des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen +vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der +Phalanxen dem Fiskus gegenüber beobachtet, der +vierteljährlich seine Steuern für die Gesammtheit der +Mitglieder einer Phalanx pünktlich, und bei dem viel ergiebigeren +Ertrag aller Arbeit auch in entsprechend höheren Beträgen, +abgeführt erhält. Herr Fiskus erspart also seine gesammten +Steuerbeamten, Exekutoren und die für diesen Zweck in +Thätigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso geben die +industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der Phalanxen +verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger entfernten +Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer Phalanxen zu +gemeinsamen, besonders gearteten größeren Arbeitsleistungen +zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache Schuldverschreibungen ab, die +der betreffenden Phalanx präsentirt und von dieser berichtigt +werden. Da nun solche industriellen Armeen ziemlich oft zusammentreten +und Reisen unternehmen, ist jedes Phalansterium mit den entsprechenden +Unterkunftsräumen für Menschen und Thiere versehen. Ferner +haben die Kinder keinen Vormund mehr nöthig, das große Buch +der Phalanx hat für jedes derselben sein Konto und verwaltet +seinen Besitzstand und sein Einkommen. Die Kinder können sogar +vom fünften Lebensjahre ab schon über ihr Einkommen +verfügen. + +</P><P> + +Fourier geht nun über zur Kostenberechnung für die +Gründung einer Phalanx. Diese veranschlagt er auf fünfzehn +Millionen Franken. Das Hauptgebäude, ungefähr 500 Fuß +lang und 250 Fuß tief, bilden zwei hintereinander liegende, +durch Gallerien verbundene parallel laufende Bauten und besteht aus +Parterre, Entresol und vier Etagen. Das Zentrum des Gebäudes +tritt nach hinten zurück, wodurch ein großer freier Platz +zwischen den Flügeln entsteht, der als Paradeplatz Verwendung +findet. Der Raum zwischen den beiden parallel laufenden Bauten ist mit +Blumenparterren, Orangerien, Springbrunnen ausgefüllt. Der +große Mitteleingang führt in eine mächtige +Säulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen Theilen des +Gebäudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet sich der +große Wintergarten. Die Alten wohnen in den Parterreräumen, +die Kinder im Entresol. In den Flügeln der ersten Etage logiren +die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten Etage befindet +sich der Börsensaal, die Speise- und Vergnügungssäle. +Außerdem giebt es eine Menge Räume für kleine +Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt für die Fremden und die +Besucher reservirt. Küchen und Bäder befinden sich im +Souterrain. Die Werkstätten, Waaren- und Getreidelager und +Stallungen liegen symmetrisch geordnet dem Hauptgebäude +gegenüber, getrennt durch eine breite mit Bäumen und +Blumenbosquets bepflanzte Straße. Alle Passagen und +Uebergänge sind gegen die Unbilden der Witterung geschützt +und im Winter erwärmt. Hinter den beiden Flügeln des +Hauptgebäudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater, +beide ebenfalls durch verdeckte Gänge mit dem Wohngebäude in +Verbindung stehend. + +</P><P> + +Die Thätigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die +Vieh- und Geflügelzucht, eine Thätigkeit, die namentlich in +der ungünstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und +Feldbau wird im ausgedehnteren Maßstab betrieben, und wird +während der milden Jahreszeit die meisten Hände in Anspruch +nehmen. Die Küchenarbeiten mit ihren umfänglichen +Vorarbeiten erfordern Tag für Tag eine große Anzahl +verschiedener Kräfte. Der Küche werden die Phalansterianer +eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen betrachten sie als +eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird allen +Thätigkeitszweigen, die mit der Küche in Verbindung stehen, +eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu +gehören also insbesondere Gemüse und Obstzucht, Vieh- und +Geflügelzucht, Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. +Manufakturen und Gewerbe sollen nach Bedürfniß eingerichtet +und hauptsächlich im Winter betrieben werden. + +</P><P> + +Die Phalanx richtet ihre ganze Thätigkeit und ihr Bestreben +dahin, daß Alles, was sie leistet, sich durch Solidität wie +durch Schönheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem +Wort in Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich +zu der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitäten an +Produkten verbrauchen, z. B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Möbeln, +Werkzeugen. + +</P><P> + +In einer gut und voll eingerichteten Phalanx werden nach Fourier's +Berechnung nöthig sein: für Thier- und Geflügelzucht 30 +Serien; für Garten- und Landwirthschaft, inklusive Wiesenbau und +Waldbewirthschaftung, 50 Serien; für die Manufakturen 20 Serien; +für Hauswirthschaft und Erziehung 40 Serien; für Küche +und Kellerei 60 Serien; im Ganzen also 200. + +</P><P> + +In der Manufaktur wird man wieder diejenigen Beschäftigungen, die +täglich in Anspruch genommen werden, wie: Schneiderei, +Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Sattlerei u. s. w., von denen +unterscheiden, in denen eigentliche Massenfabrikation, wie die +Anfertigung der Halbfabrikate, Wäschefabrikation u. s. w., betrieben +wird. Diese Massenfabrikation läßt sich auf bestimmte +Zeiten beschränken. Die Anwendung in den verschiedenen +Thätigkeiten bleibt der freien Wahl der Geschlechter +überlassen, auch werden die rivalisirenden Serien nach den +verschiedensten Methoden thätig sein und immer neue Methoden zu +erfinden suchen. Manche Gewerbe werden besonderen Anklang finden, wie +die Kunsttischlerei, die Parfumerie — letztere +hauptsächlich bei den Frauen —, die Konditorei. Die +Geschlechter werden sich dabei die ihrer Natur besonders zusagenden +Thätigkeiten ganz von selbst auswählen. So wird in der +Konditorei das Anmachen des Teigs hauptsächlich Männerarbeit +sein, die Frauen werden sich mit der Herrichtung der Früchte und +Materialien beschäftigen, die Kinder werden bei dem Formen, dem +Auslesen und Einlegen in Anspruch genommen sein. Auch wird, weil alle +Einrichtungen auf das Beste und Zweckmäßigste getroffen +sind, die peinlichste Reinlichkeit in den Werkstätten und +Arbeitsräumen aufrecht erhalten werden können. Ist Butter- +und Käsefabrikation vorzugsweise Frauen- und +Kinderbeschäftigung, so die Fleischerei Männerarbeit. +Fourier führt dies Alles sehr im Detail aus, um zu zeigen, wie +alle Geschlechter in zweckmäßiger Weise ihrem Charakter und +ihren Anlagen entsprechend ihre Beschäftigungen zu finden +vermöchten. Der ganze Mechanismus der industriellen Anziehung +würde umgestürzt und die Phalanx unmöglich werden, wenn +man in der Assoziation, sowie heute in der Zivilisation, keine +Rücksicht auf die verschiedenen Triebe nehmen und die +Arbeitssitzungen über das zulässige Maß ausdehnen +wollte. + +</P><P> + +Die Fabriken werden aus den Städten allmälig auf das Land +verlegt, damit der Arbeiter die volle Abwechslung der +Beschäftigung, wie die Vortheile und Annehmlichkeiten des +Landlebens und der ländlichen Beschäftigung genießen +kann. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +„Für den neuen sozietären Zustand ist die Erziehung von der +größten Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle +körperlichen und geistigen Fähigkeiten zur vollen +Entwicklung zu bringen, und soll überall, selbst in den +Vergnügungen, produktiv angewendet werden. Unsere heutige +Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrückt und +verschlechtert die Fähigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend +im Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der +Anziehung ist der Luxus — körperliche Kraft und +Verfeinerung der Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte +Anziehung für produktive Thätigkeit, die ihm heute +verhaßt ist. Seine Entwicklung ist also eine falsche, die +heutige Erziehung schwächt seine Gesundheit. Man nehme hundert +Kinder, ganz nach Zufall, aus der reichen Klasse, die gute Pflege und +gute Nahrung haben, und man wird finden, daß sie weniger +kräftig sind, als hundert halbnackte Dorfkinder, die mit +Schwarzbrot genährt werden und wenig Pflege haben. Aber der +treffendste Beweis für unser falsches Erziehungssystem ist, +daß es die Anlagen des Kindes nicht zur Entfaltung bringt, +sondern dies dem Zufall überläßt. Abgesehen von den +verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstört die Anlagen, +sei es in der Häuslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend +ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende +Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue absorbiren. +Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt nennt. Ist ein +junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in die Welt ein, so +lehren ihn Väter, Verwandte, Nachbaren, Diener, Kameraden, sich +über die Lehren, die ihn im jüngeren Alter +einschüchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der +galanten Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, über die +Lehren der Moral, die den Vergnügungen feind sind, zu lachen und +sich darüber hinwegzusetzen, um später von den Liebeleien, +nachdem er sie genügend genossen, zu den Geschäften des +Ehrgeizes überzugehen. Welch eine Absurdität unserer +Erzieher, dem Kinde ein System von Ansichten einzutrichtern, die jetzt +bei ihm über den Haufen zu werfen alle Welt sich bemüht! Man +wird keinen jungen Mann von zwanzig Jahren treffen, der, eine +glückliche Gelegenheit zum Ehebruch findend, das Beispiel des +keuschen Joseph nachahmt, „der Moral und den gesunden Doktrinen“ +folgt. Fände man ihn, er würde dem Publikum und den +Moralisten selbst ein Räthsel sein. Ebenso würde sich die +ältere Welt über einen Finanzmann moquiren, der, obgleich er +es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die Taschen nicht +füllte: er würde als ein Dummkopf, ein Visionär +betrachtet, der nicht weiß, „daß, wenn man an der Krippe +sitzt, auch essen soll“. In welch falscher Stellung befinden sich da +nicht unsere Erziehungsdoktrinen.“ + +</P><P> + +„Der große Zweck und die Aufgabe der Erziehung muß sein, +Charaktere wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso nützlich +für die Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc +Aurelius, Heinrich IV.<a href="#Footnote_17" +name="FNanchor_17" id="FNanchor_17"><sup>17</sup></a> Um diesen Zweck zu erreichen, +muß von der Wiege an das Naturell des Kindes sich frei +entwickeln, während wir bemüht sind, von der Wiege an dieses +Naturell zu ersticken und zu verkünsteln. In der Zivilisation +denkt man bei dem niedrigsten Lebensalter nur an die rein physische +Sorge, wohingegen der sozietäre Zustand schon vom Alter von sechs +Monaten ab sehr wirksam auf die intellektuelle wie materiellen +Fähigkeiten des Kindes achtet.“ + +</P><P> + +„Zunächst sei festgestellt, daß in der Assoziation die +Pflege und Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei +Jahren und der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen +wird. (Man halte fest, daß nach Fourier vom dritten Jahre ab die +Kinder in der Phalanx sich schon so nützlich erweisen, daß +sie ihre Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip +in der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der +Assoziation. Man bildet Serien für die Funktionäre, wie +für die Funktionen.“ + +</P><P> + +„Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den +Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach ihrer +Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezüglichen +Säle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der +Widerspenstigen, der Verwüster oder Teufelchen. Die Bonnen, die +Tag und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen +übrigen Beschäftigungen alle ein und einhalb bis zwei +Stunden. Die Bonnen werden von Unterbonnen — jungen +Mädchen, die für die Pflege der Kleinen Neigung haben +— unterstützt. Die Mütter können — wie +schon erwähnt — ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen +Falles finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die +Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen. +Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mütter in der +Zivilisation — namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine +Pflegerin halten können —, Tag und Nacht an das Kind +gefesselt. + +</P><P> + +Die Bonnen wählen sich die Säle, in denen sie ihre Pflichten +versehen wollen; Jede ist bemüht, für ihr Verhalten und die +Pflege, die sie den Kindern zu Theil werden läßt, den +Beifall und den Dank der Mütter zu erwerben. Auch ist Tag und +Nacht ärztlicher Beistand vorhanden, sobald er gebraucht wird. +Die Aerzte nehmen in der Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in +der Zivilisation; sie erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der +Kranken, <i>sondern nach der Zahl der Gesunden;</i> sie sind also +dabei interessirt, daß die Phalansterianer möglichst gesund +bleiben, wohingegen heute sich die Aerzte recht viel Kranke, +namentlich reiche Kranke wünschen. + +</P><P> + +Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle +Einrichtungen für die Kleinen auf das denkbar Beste und +Zweckmäßigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer +Lage, wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern +zu schaffen vermögen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht +ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermüden. Sobald das +Kind sechs Monate alt ist, ist man bemüht, seine Sinne zu wecken. +Was es hört und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu +raffiniren: es hört nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur +die schönsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es +empfängt später die passende Unterweisung und freundliche +Belehrung. In Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation +mit drei Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit +sechs Jahren ist. In der Zivilisation trägt Alles dazu bei, Geist +und Sinne des Kindes zu fälschen, wenn sie nicht gar +unterdrückt werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben +durch ihr widersprechendes Verhalten und häufigen Unverstand den +Charakter des Kindes und hindern die Erziehung. + +</P><P> + +„In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich +zeigen, in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes +dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die +Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das +Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt +wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, +Alles zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die +Liebhaberei für lärmende Beschäftigung; die Sucht, +Alles nachzuahmen und selbst zu hantiren, und namentlich die Neigung, +sich den <i>Aelteren, Stärkeren und Geschickteren +anzuschließen und diese als seine Lehrer zu betrachten, in +ungeahnter Weise seine Entwicklung fördert.</i> Diese letztere +Eigenschaft ist die wesentlichste, weil sie am besten alle Anlagen im +Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer, es Seinesgleichen zuvor zu thun.“ + +</P><P> + +„Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und +anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören +also vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen +Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, +Fahnen, die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen +Geschmückten; passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack +geweckt wird; Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von +größerem Werth geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man +es bestärkt; der Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn +es von älteren Kindern für seine Leistungen Lob +empfängt; volle Freiheit in der Wahl seiner Beschäftigung, +es muß jeden Augenblick eine solche unterbrechen und zu einer +andern übergehen können; der Korpsgeist, der sich bei +Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen den einzelnen +Chören, Gruppen, Serien.“ + +</P><P> + +Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir +begnügen uns mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird +ferner mit der größten Wahrheitsliebe begegnet, Niemand +schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen Lehrer sind die älteren +und erfahreneren Kinder, denen sie mit großer +Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine +Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem +älteren Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird +ihm die härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will +das Kind in eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es +eine Prüfung seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall +derselben bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum +neunten Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann +beginnt auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die +nöthige Festigkeit erlangt haben, ehe die geistige +Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen kann. Trieb und Anlagen der +beiden Geschlechter werden später in Folge der verschiedenen +Natur ganz von selbst differiren. Man darf annehmen, daß +für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein Drittel +Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei +Drittel Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr +Neigung für die große Kultur und ein Drittel mehr für +die kleine haben, bei den Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die +Ausgleichungen auf allen Gebieten finden. + +</P><P> + +„In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf +Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum +Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der Agrikultur, +der Industrie, der Gewerbe, der Künste und Wissenschaften ihm +fremd sein; seine körperliche und geistige Erziehung ist dann +eine harmonische. Der Unterschied des Erziehungssystems in der +Zivilisation und der Assoziation ist: Dort wird die Erziehung auf der +kleinsten häuslichen Verbindung, der Familie, begründet, in +der Assoziation auf drei großen Gruppen: Chöre, Serien von +Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall Störungen, +Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung, Einseitigkeit, hier +volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel, Vielseitigkeit. Dort +Klassen- und Standesunterschied, hier Gleichberechtigung für +Alle, kein anderer Unterschied als der, welchen die natürlichen +Anlagen und Fähigkeiten ergeben.“ + +</P><P> + +„In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den +Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als +Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von +Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß +die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb +den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres +Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit +des Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche +Gruppe leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die +Verschiedenheit der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern +Gruppen wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse +über einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden +der Köder, daß die Kinder in der Schule nach +bezüglichen Lehrbüchern verlangen, und so bilden sie sich +weiter.“ + +</P><P> + +„Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in der +Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind sich +weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften hingezogen +fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm schon +sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und +Unterweisung wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu +beibringt. Bei den Kindern in der Zivilisation finden wir überall +den Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in +der Harmonie überall Antrieb zu nützlicher +Beschäftigung und zu Studien. Das ist der Unterschied zwischen +den beiden Gesellschaftsformen. Die Zivilisation, die kleine Vandalen +züchtet, darf sich nicht wundern, wenn sie später so viele +erwachsene Vandalen besitzt.“ + +</P><P> + +Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade +für die Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der +Assoziation das Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so +auch die Erziehung. Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten +Stämme: die Cherubins und Seraphins, das Alter von +4½–9 Jahren, und die dritte Phase der Kindheit +umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im Alter +von 9–15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten +der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie +sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse +Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich +verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß +die Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die +Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der +Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese +sind die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu +verwerthen. Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel +und unter den Mädchen ein Drittel zu unsauberen +Beschäftigungen eine gewisse Neigung haben. Diese nennt er die +„kleinen Horden“. Umgekehrt sind zwei Drittel der Mädchen und ein +Drittel der Knaben für den Putz und die Reinlichkeit eingenommen, +diese nennt er die „kleinen Banden“. Die kleinen Horden und die +kleinen Banden setzen sich aus den 4 Stämmen im Alter von +4½–15½ Jahren zusammen. „Die kleinen Horden +streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die kleinen Banden +streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.“ + +</P><P> + +„Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit +Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme +Arbeit, für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind +überall, wo der Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung +Gefahr droht; sie stehen stets in der Bresche.“ (Fourier will hiermit +sagen, daß, ohne die Hingabe der kleinen Horden an die +unangenehmen Arbeiten, die Phalanx zum Zwang würde greifen +müssen, wodurch der auf voller Freiwilligkeit und Anziehung +beruhende Mechanismus der Phalanx tödtlichen Schaden erlitte. In +der Phalanx darf kein Schatten von Zwang vorhanden sein, wenn sie +ihren idealen Zweck erreichen soll.) + +</P><P> + +Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste beseitigt +den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die Küchen- +und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die +gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet +die kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo +große Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte +Klasse bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie +gebraucht wird. Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, +Unkrautjäten und die Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; +sie halten Straßen und Wege in Ordnung und legen großen +Werth darauf, von Fremden für ihre Ordnungsliebe belobt zu +werden. Um überall rasch bei der Hand zu sein, reiten sie auf +Zwergpferden. + +</P><P> + +Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter +Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien materiell +doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein Geschenk an, +selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte, ein +solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe +für die Assoziation, die für ihren Bestand so +nützlichen und notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre +freiwillige Hingebung tragen sie den Titel „Verbindung für +Verbesserungen“. + +</P><P> + +„Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller +bürgerlichen Tugenden; sie üben zur Ehre der Gesellschaft +die Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten +die Reichthümer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen +alle erträumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen +Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und +thatsächlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft +von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und +verhüten das Aufkommen des Kastengeistes.“ + +</P><P> + +Für alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie +hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an +der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu +erledigende Arbeiten — z. B. daß ein Gewitter Straßen +und Wege verletzt, Bäume und Sträucher schwer +beschädigte, oder daß eine Ueberschwemmung eingetreten ist +—, so versammeln sich die kleinen Horden von vier oder fünf +Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung; sie treffen Morgens gegen +fünf Uhr zusammen, und nachdem sie einer religiösen Hymne +beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung unter einem wahren +Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen +Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln, +die Hunde heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die +Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten, +zurück und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames +Frühstück. Nach demselben erhält jede der kleinen +Horden zur Belohnung einen Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, +darauf steigen sie zu Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren +Phalanxen zurück. + +</P><P> + +„Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, muß man +nach Ansicht der Zivilisirten zu übernatürlichen Mitteln +greifen, wie es in unsern Klöstern geschieht, wo durch ein sehr +strenges Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. +Die sozietäre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege +zum Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des +Vergnügens sich dienstbar macht. Analysiren wir die +Hülfsmittel für diese Tugenden. Es sind vier, die alle vier +unsere Moral verwirft: Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, +Unverschämtheit, Ungehorsam.“ + +</P><P> + +„Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern +überlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die +Theorie der Anziehung erfordert, daß alle Triebe, die Gott dem +Menschen gab, sich nützlich machen können, <i>ohne, +daß man die Triebe selbst ändert.</i> So sehen wir, +daß bei den jüngsten Kindern die Neugier und die +Unbeständigkeit sich nützlich erwies, weil sie das Kind zu +einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen sich +offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer nachzuahmen, +wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur Anziehung zu +nützlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen Eltern und +Erzieher, die nicht erziehen können. Die Erziehung muß +durch kabalistische Rivalitäten der Gruppen herbeigeführt +werden. So werden alle Impulse bei kleinen wie großen Kindern in +der Harmonie gut, vorausgesetzt, daß man sie durch Serien der +Triebe zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die +kleinen Horden an die widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt +zunächst ihren Stolz nach Rang. Jede Autorität, sogar der +Monarch, schuldet ihnen den ersten Gruß; keine industrielle +Armee rückt aus, ohne daß die kleinen Horden an der Spitze +marschiren; sie haben das Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit +(das sind große Arbeiten, welche die Phalanxen eines oder +mehrerer Reiche unternehmen, große Kanalbauten etc.) die erste +Hand an's Werk zu legen; sie sind die Ueberall und Nirgends, ohne +deren Mitwirkung nichts Bedeutendes geschieht. An ihrer Spitze stehen +die kleinen Kane (Kan und Kanin), die selbst gewählten Offiziere; +die kleinen Horden haben auch ihre besondere Kunstsprache und ihre +kleine Artillerie. Ferner wählen sie aus der Zahl der Alten +Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es ist, den Geschmack für +die Funktionen der kleinen Horden zu bewahren; sie haben ferner bei +allen religiösen Uebungen bestimmte Dienste zu versehen und +erhalten dafür besondere Abzeichen. Frühzeitig zu Bette +gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um drei Uhr Morgens und +geben die Initiative für alle Arbeiten der Phalanx. Es ist also +eine Korporation von Kindern, die, indem sie sich allen Neigungen, +welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter verbietet, +überläßt, alle Chimären der Tugend, an denen die +Moralisten sich ergötzen, verwirklicht. Die kleinen Horden +verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der Egoismus +Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres Besitzes zum Nutzen +der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle des Reichthums, die +industrielle Anziehung, die sich auf alle Klassen erstreckt. Die +Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den kleinen Horden hingezogen +fühlen, wie die Kinder der Geringen. Sie sind die +Repräsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr +entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die Tugend +der sozialen Liebe üben, reißen sie Jedermann zur +indirekten Ausübung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie +den Weg zur Edelmüthigkeit, durch welche die Reichen in der +Harmonie sich verbinden, um den Armen zu begünstigen, wogegen sie +heute übereinkommen, ihn zu plündern.“ + +</P><P> + +„Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten +Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein +können im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes +balanziren, dieses elenden Metalls, elend in den Augen der +Philosophen, das aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der +industriellen Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, +die sich auf den Reichthum stützen, als Leute <TT>„comme il +faut“</TT> bezeichnet werden, da ist das Geld die Klippe. Die es +besitzen, sind die Leute, „die nichts thun und zu nichts zu gebrauchen +sind.“ Leider ist der Beiname <TT>„comme il faut“</TT> (wie man sein +muß) in unserer Gesellschaft nur zu berechtigt, denn in der +Zivilisation gründet sich die Zirkulation auf die Phantasien der +Müßigen, sie sind in Wahrheit die Leute <TT>„comme il +faut“</TT> (wie man dazu sein muß), um die verkehrte Zirkulation +und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.“ + +</P><P> + +Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer +bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche +die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der Ansicht, +daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der +Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten. Es +ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen +Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach wiederholten +Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner +geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, +daß die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, „um +das Geschäft zu heben“, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man +macht es ihnen zu einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben +„Geld unter die Leute zu bringen“. + +</P><P> + +Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach diesem +Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das Mäntelchen +der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und +trinkt gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in +dem stolzen und befriedigenden Bewußtsein, „indem man seine +Triebe befriedigte“, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, +die so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach +Fourier, die bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir +wissen heute, daß diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein +Zwanzigstel der Gesellschaft bildet. + +</P><P> + +Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für +die Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für +Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft +kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher, +und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der +Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch +nachläßt, weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in +der Regel in den modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der +Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die +Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen weit +über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt +die Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der +Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch sein +Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches Merkmal +für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, „die +nichts thut und zu nichts nütze ist“, wie Fourier sich +ausdrückt, so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. +Welch geringe Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im +Verhältniß zum Verbrauch der Masse der Bevölkerung +spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse der indirekten Steuern. „Die +Steuer auf Luxusartikel der Reichen bringt nichts ein“, sagte +Fürst Bismarck in seiner berühmten Steuerprogrammrede im +Herbst 1876 im Reichstag; „was nützt die Steuer auf Austern, +Champagner, Equipagen, sie bringt nichts, nehmen wir dafür die +'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee, Branntwein, Tabak.“ +Unsere Steuertabellen geben ihm Recht. + +</P><P> + +Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der +bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter +noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der +Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen +erheblichen Theil des Arbeitsertrags — vier Zwölftel +— zuschrieb, entging ihm nicht, daß bei dem Reichthum, den +die Phalanx durch ihre Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das +Mißverhältniß im Vermögen und Einkommen der +verschiedenen Klassen sich in der Phalanx noch mehr steigern +müsse, als in der Zivilisation. Er mußte also ein Mittel +finden, um dieser klaffenden Ungleichheit einigermaßen +vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird, auf das +Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche die +reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für +die sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem +Grunde eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos +seien. Die Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze +Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und +für eine Berechtigung hat, wenn die <i>sozietäre Arbeit</i> +diesen Reichthum erzeugt und dieser so groß ist, daß er +allen Gliedern der Phalanx den größten Luxus gestattet und +selbst die verwöhntesten Geschmäcker zu befriedigen vermag. +Diesem Widerspruch sucht also Fourier durch das bezeichnete Mittel aus +dem Wege zu gehen, es soll der Wiederkehr „der verkehrten Zirkulation +nach den Phantasien der Müßigen begegnen“, und die Reichen +sollen durch das selbstlose Auftreten der kleinen Horden zu Akten der +Edelmüthigkeit gegen die Unbemittelten angeeifert werden. Das ist +die große moralische Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist. + +</P><P> + +Fourier fährt fort: + +</P><P> + +„Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich +verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen vorbehielt, +entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des Widerspruchs, der +darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder männlichen +Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur Wildheit neigen, +zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum Putz und zu guten +Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx ausgenutzt +werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und Hingebung sich +auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende Korporation +— müssen die kleinen Banden — Eigenschaften annehmen, +welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, +das Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der +sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener +der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein. +Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der +Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art +Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich; +sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und materielle +Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, Schaustellungen +auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in der Harmonie +an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um korporative +Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre Kostüme +und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die Modelle zu +liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen sich die kleinen +Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren aus. Der +männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die +jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die +frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen +Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen. Weniger +thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später +und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während +sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere +beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, +Hühner, Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die +Blumen- und Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder +zerstört werden. Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen +läßt, wird vor ihren Richterstuhl geführt und +gebüßt; sie üben ferner die Zensur über die +schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden ihre +Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus den +mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und Korybantinnen. +Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen Beziehungen auf +Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den großen Banden, +den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen Horden mit den +großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen. Die Natur +hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine Scheidung von +Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen, eine +Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in den +Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast ist es +auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und kleine Horden +naturgemäß herbeiführt.“ + +</P><P> + +„Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der +Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß +man die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel +setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen +Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die +Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu den +minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der +Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie +unsere Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem +gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die +Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu veranlassen, +die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch Raffinement der +Phantasien und durch Abstufungen die Geschlossenheit der Serien +herbeizuführen. So schöpft die Erziehung in der Harmonie +ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden entgegengesetzten +Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur Unsauberheit und zur Eleganz, +zwei Richtungen die beide heute verurtheilt werden. Die kleinen Horden +wirken negativ ebenso viel, wie die kleinen Banden positiv. Die einen +beseitigen die Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich +entgegenstellen, sie vernichten den Kastengeist, der aus den +unangenehmen Arbeiten leicht geboren wird; die anderen schaffen durch +ihre Gewandtheit die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren +die nüanzirten Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen +die kleinen Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen +Banden vom Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende +Handlung, die ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +„Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler, +daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen +nicht, das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind +genöthigt, es bis zum sechsten oder siebenten Jahre unthätig +zu lassen, ein Alter, in dem es schon ein geschickter Praktiker sein +könnte. Im siebenten Jahre wollen sie ihm dann Theorie, +Kenntnisse, Studien beibringen, für die sie den Wunsch bei ihm +nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in der Harmonie kann dieser +Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten Jahre bereits praktisch +thätig war und bis zum siebenten spielend eine Menge praktischer +Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das Bedürfniß, +sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu stützen ... +Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit der Natur des +Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes System, von dem ihre +Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist auf die Arbeit des +Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis Abend während +neun bis zehn Monate des Jahres über den Anfangsgründen und +der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der Widerwille gegen die +Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß, während +der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen sich +beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an +schönen wie an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine +Einheitlichkeit in der Handlung geben, wo es nur eine einfache +Funktion giebt.“ + +</P><P> + +„Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene +in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die Sottise +begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren, wobei es +sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und Moralisten +sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber keinen +Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien weilenden +Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im Heu kugeln, +vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und +Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. +anwenden, und würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke +einladen, zu ihren Studien zurückzukehren, so würden sie +beobachten können, ob es die Natur des Kindes ist, während +der schönen Jahreszeit in der Umgebung von Büchern und +Pedanten eingeschlossen zu werden. Man antwortet: Man muß im +jugendlichen Alter lernen, damit man sich des Namens eines freien +Mannes würdig macht, würdig des Handels und der Verfassung! +— Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und kabalistische +Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in hundert +Lektionen im <i>Winter,</i> beschränkt auf zweistündige +Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen +oder im Pensionat eingeschlossen hält. + +</P><P> + +Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, +Pensums, Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem +halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses +elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen; sie +versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu +enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den +Schülern, Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, +daß sie erkannt hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein +Mittel, ihre Gedanken zu verwirklichen. Die mit Zuneigung +verknüpfte Uebereinstimmung zwischen Lehrern und Kindern kann nur +in dem Fall einer als Gunst erscheinenden anregenden Unterweisung +erzeugt werden. Das wird in der Zivilisation, in welcher der ganze +Unterricht durch den Widersinn, die Theorie über die Praxis zu +stellen, gefälscht ist, nie geschehen. Der Unterricht ist ferner +gefälscht durch seine Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. +Man findet vielleicht ein Achtel unter den Kindern, die den +gegenwärtigen Unterricht mit Leichtigkeit, aber ohne davon +besonders angeregt zu sein, annehmen. Daraus schließen die +Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts taugen; sie +argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur Regel. Das ist die +gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf die Vollkommenheit. +Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen, aber sie darf man +nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die große Menge, +welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den berühmtesten +Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand stets nur einen +mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große +Unbekümmertheit für Studien und Lehrer. + +</P><P> + +„Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle +Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. +Ich kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es +ließen sich noch andere finden. Schließlich ist jede +Methode gut, wenn sie dem Charakter des Schülers entspricht. +D'Alembert ward ausgelacht, als er vorschlug, das Studium der +Geschichte im Gegensatz zur chronologischen Ordnung zu betreiben, +dergestalt, daß man nicht von der Vergangenheit zur Gegenwart, +sondern von der Gegenwart nach Rückwärts in die +Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz am Studium zu +zerstören und die mathematische Trockenheit in die Methode des +Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher Sophismus. Keine +Methode ist an sich trocken, sie sind alle fruchtbar, wenn man sie den +Charakteren anzupassen und schmackhaft zu machen versteht. Man gebe +den Kindern eine ganze Reihe von Methoden zur Auswahl, viele werden +doch keinen Geschmack am Studium finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln +nicht nur des aktiven Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der +materiellen Anziehung, als welche ich die Oper und die Gourmandis +betrachte.“ + +</P><P> + +„Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für +es eine Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie +verschafft ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches +der erste Zweck der Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von +frühester Jugend an in allen gymnastischen und choreographischen +Uebungen geschult. Die Anziehung ist darin sehr kräftig, es +erwirbt die nothwendige Gewandtheit für alle Arbeiten in den +Serien, wo Alles sich mit Sicherheit, Maß und Einheit, wie man +diese in der Oper herrschen sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt +also unter den Hülfsmitteln für die Erziehung vom niederen +Lebensalter an den ersten Rang ein. Unter der Oper sind alle +körperlichen Uebungen begriffen, sowohl die mit der Flinte als +mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen Evolutionen, werden +sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder in der Oper +vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie betrachten +es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde die Natur +des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper nicht in +erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom +frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen +Studien nur anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen +hin möglichst vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit +der Seele beginnt, zwei unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde +Hülfsmittel in's Spiel gesetzt werden: die Oper und die +Küche, oder die angewandte Gourmandis.“ + +</P><P> + +„Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und +zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, +und diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in +denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden +Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime +der Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper +ziehen das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen +der Phalanx die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den +Vorbereitungen für die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, +für welche es sich schon durch die Tischunterhaltungen +interessirte; es werden Pflanzen und Thiere besprochen, und so wird es +in Hof, Stallungen und Gärten eingeführt. Die Küche +wird das Band für diese Funktionen.“ + +</P><P> + +„Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung, +sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. +Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, +oder das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder +Ausdruck der Gedanken und Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder +Harmonie der Gesten; 5. Tanz, oder Bewegung nach Maß; 6. +Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7. Malerei und harmonische +Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem regelmäßigen +Mechanismus und in geometrischer Ausführung.“ + +</P><P> + +„Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung zu +Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen +und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie +ist sie eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei +bedenkliche Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die +sich jeden Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den +industriellen Serien begegnen.“ + +</P><P> + +„Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der Harmonie. +Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und +Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung +der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx +eine Auswahl von 12–1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise +sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser ausgestattete +Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.“ + +</P><P> + +Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer +Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in +derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in seinem +System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in der +Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre Zusammensetzung und +ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns hierüber kurz, da aus +dem bisher Gesagten der Leser wird beurtheilen können, wie auch +hier sich die verschiedenen Serien bethätigen. Die Kinder werden +zunächst an der Hand passend für sie eingerichteter +Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend eingeweiht, +Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig in die +großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die +Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter +Details kennen — das Einmachen, die Konservirung —, in +denen sie nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der +Materialien führt ganz von selbst dazu, auch das Werden und +Entwickeln der verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit +zunehmendem Alter wird das Kind mit der Geflügelzucht, der +Stallwirthschaft, der Obst- und Gemüsezucht bekannt und darin +eingeweiht. In allen diesen Bethätigungen kommt, wie im ganzen +Mechanismus der Phalanx, die Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, +die Abwechslung durch kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur +Geltung; die Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe +an. + +</P><P> + +Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die +Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall +entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der +Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt +und stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die +größte. Alles ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, +Zwang ist nirgends vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen +den beiden Geschlechtern gemacht. „Die Studien sollen nicht an zweiter +Stelle figuriren, aber das Interesse soll durch die physische +Bethätigung für die verschiedenen Zweige des Studiums +geweckt werden. Die Arbeiten der Schule sollen mit denen in den +Werkstätten und in den Gärten eng verbunden sein, die +letzteren sollen die ersteren unterstützen.“ + +</P><P> + +Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es beginnen +die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich +allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die +Aufgabe, die Erziehung entsprechend umzugestalten. + +</P><P> + +„Hier ist der Punkt“, fährt Fourier fort, „wo alle unsere auf die +Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in +den Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu +begründen wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von +hier ab im ganzen Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit +zeigt sich unsere Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als +hier. Für alle anderen Mißbräuche und Uebel haben +unsere Philosophen wenigstens die Anwendung einiger Gegenmittel +versucht, aber keine in Sachen der Liebe, von wo demnach ihr ganzes +Werk in Unordnung gestürzt wird, denn sie haben nur die +Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen die Natur und die Gesetze +begründet. Indem die Liebe keinen anderen Weg zur Befriedigung +findet, als mit Anwendung der Doppelzüngigkeit, wird sie ein +permanenter Verschwörer, der unaufhörlich daran arbeitet, +die Gesellschaft zu desorganisiren, alle ihre Regeln zu untergraben.“ + +</P><P> + +„Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe +nur unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die +Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr protegirt, +je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen Gesellschaft +sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten die +Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen +können, d. h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral +verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die +Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- +und Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die +Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser +Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt, +muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe +sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen +Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für +die guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung +dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der +Zivilisation getrennt sind.“ + +</P><P> + +„Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste Liebe +genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die +unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit +anziehen. Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen +bilden, die ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden +aufeinander wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, +bestehend aus zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und +des Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel +Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum +achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation des +Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen +Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die andere +Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu +einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln +derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat. Die +jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des +keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im Vestalat +in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen Charaktere +sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während die +milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden die +jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen +austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.“ ... + +</P><P> + +„Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen +von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie +besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen +— die sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den +Sälen zusammenfinden — und erheben sich in Folge dessen +auch später von der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat +mit den Kindern. Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern +wird das Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von +diesen behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen +mißachtet. Die älteren Stämme von zwanzig und mehr +Jahren haben wieder aus anderen Motiven für das Vestalat und die +Virginität eine tiefe Zuneigung. So vereinigt das Vestalat in +sich den höchsten Grad der Gunst der Kindheit und des +männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen und Vestalen +ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit haben, jederzeit +die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile der Rolle zu +verzichten.“ + +</P><P> + +„Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen nach +Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen, haben +sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten Beschäftigungen +in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie haben aber auch ihre +besonderen Sitzungen und gewähren den Besten unter sich den Titel +„Bewerber“ oder „Bewerberin“. Diejenigen, die diesen Titel +führen, haben den Vortheil, in der industriellen Armee, in der +sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit besonderen Ehren +empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat gehöriges +Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird dies +festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein +Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. +Nichts verschafft einem Mädchen von 16–18 Jahren mehr +Achtung, als eine nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an +die Arbeit und die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind +die Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im +Verzuge, handelt es sich z. B. darum, wegen drohenden Unwetters rasch +eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede Phalanx +wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen und +sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel +auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, +die Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die +präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen +besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs +macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns +beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm +über die Schönheiten der Verfassung und das Glück des +Handels peroriren, sondern man deputirt die liebenswürdigsten +Vestalinnen, die ihn an der Grenze begrüßen. Kommt eine +Fürstin, so wählt man Vestalen. Versammelt sich eine +industrielle Armee, so sind es die Vestalen, die ihr die Oriflamme +übergeben und die erste Rolle bei den Festen wie bei den Arbeiten +einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden durch die Anwesenheit der +Vestalen und Vestalinnen einen besonderen Reiz gewinnen und sie +werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß sie Ermüdung +verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen jeden Abend +glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der Kette +am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren jungen +Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen „freie +Männer“ sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel aus +Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so werden +mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man +nöthig hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese +Armeen besuchen, um sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder +ihren Gatten zu wählen, und es ist anzunehmen, daß eine +solche Wahl meist auf eine Vestalin oder einen Vestalen fällt. +Diese Herrschaften werden in der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, +wie in der Zivilisation, in welcher man ihnen nach chinesischer Manier +einen Mann oder eine Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen +haben.“ + +</P><P> + +„Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird +der vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, +eines halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich +Idole zu schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das +Vestalat ein Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht +der Erde den ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat +ihre Fahne neigen und ihm als Ehrengarde dienen.“ + +</P><P> + +Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, +ihre Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch +größerer Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen +bedeckt, so wird sich auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen +Eintheilung im Reiche verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei +ihm, geometrisch abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist +der Omniarch, der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen +Sitz hat; dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 +Kaiserinnen, 144 Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 +Kaziken u. s. w. Man fragt sich freilich vergeblich, was alle diese +Fürsten, Fürstinnen und hohen männlichen und weiblichen +Würdenträger in dieser sozialen Organisation für einen +Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern ihre Funktionen für das +Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft notwendig sind. Darüber +giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie gehören eben in sein +System, das bemüht ist, den Trieben und Neigungen, wir pflegen +auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach Titeln und +Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß sein +System in um so höherem Grade die Unterstützung der +höheren Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht +für die Erlangung von Titeln und Würden eröffnet. + +</P><P> + +Eine solche Schaar hoher Würdenträger und +Würdenträgerinnen bedarf entsprechender Frauen und +Männer, und da haben Vestalinnen und Vestalen in erster Linie die +schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu kommen. + +</P><P> + +„Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch +ein Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die +Virginität nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen +nur Denen zu Theil werden, die sich einen falschen Heiligenschein +für die Gaukeleien der Libertins zu geben wissen. Diese +Wüstlinge, die in ihren Liaisons die Kunst gelernt haben, die +Menschen zu betrügen und zu düpiren, werfen sich unter den +Spitzbuben, welche die öffentliche Meinung leiten, als Lobredner +der Tugend auf. Welche Ermuthigung findet unter uns ein junges, +schönes Mädchen, um ihre Virginität zu bewahren? Ist +sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner sind, nicht +bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen Lebensunterhalt +für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden gezwungen, auf +einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere Schamlosigkeit zu +spekuliren und sie wird durch diese Spekulation prostituirt; sie +findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der ihr eine +anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre Schönheit +ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird für die +Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist +sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen +Maklern Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem +durch Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit +mehr verdorbene als gute Ehemänner.“ + +</P><P> + +„Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten +Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig +zu machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. +Um den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem +Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit +der jedes alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine +der Zivilisation würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie +fordert erniedrigt sie; undankbar, wie sie ist, belohnt sie die +Hingebung der jungen Mädchen an ihre Morallehren mit +Beschimpfungen und Aergernissen. Da braucht man sich nicht zu wundern, +daß man bei jungen Mädchen, die nicht überwacht +werden, nur eine Maske der Keuschheit findet. Leistet ein junges +Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt geworden, von +derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es zwang, seine +schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es +Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine +Frucht, die man, statt sie zu genießen, verderben +läßt. Das sind Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen +würdig sind dieser zivilisirten Ordnung, welche stolz auf ihre +Weisheit und ihre Wissenschaft ist. Aber wenn man einem schönen +Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit zu bewahren, eine +Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr gewiß? Sie +läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen durch +Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen +oder brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein +anständiges Mädchen selten genug Finesse, um die +Heucheleien, die trügerischen Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu +erkennen, durch die eine ein wenig erfahrene Frau nicht mehr +getäuscht wird. Hat sie aber eine gute Partie in Aussicht, so +wird irgend eine Intriguantin, die in der Kunst zu bezaubern +geübt ist, sie ihr entfremden. Das anständige Mädchen +wird darum betrogen, es erhält nur einen unfruchtbaren Tribut der +Achtung und altert oft in der Ehelosigkeit.“ + +</P><P> + +„Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen, +weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil +zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die +Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der +Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter +betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie +mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden +aber alle Tugenden gebären, von denen sehr +überflüssiger Weise die Zivilisation nur träumt.“ + +</P><P> + +„Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der +Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah, +das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so +sollte und müßte es sein'; aber wenn ich es auch +unternehme, die Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen +Moralisten, daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden +über jede Parallele verwundert sein, die ich zwischen den +Gewohnheiten der beiden Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, +wenn ich die vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation +vergleiche, deren Moral nur unanständige und skandalöse +Gewohnheiten zu Grunde liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der +Verbindung des Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die +Trunkenheit der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten +Scherzen über die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann +einer dezenten Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht +gefallen; sie haben die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne +daß sie zuvor den Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt +sind, die den nächsten Morgen noch immer früh genug kommen. +Es bleibt weder Zeit für die ewigen zweideutigen Wortspiele, noch +für die moralischen Schlemmereien.“ + +</P><P> + +„Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz, +Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den Widerspruch +der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit +vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt, +d. h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet, eine +Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art +werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für +das Vestalat erklären? — Diejenigen, die, wie die +Söhne des Theseus, für aktive Thätigkeiten, aber wenig +für die Liebe neigen. Wenn Hippolyt die Jagd allein genügte, +um ihn von der Liebe abzuziehen, so wird eine soziale Ordnung, die +jedem Jugendlichen dreißig und mehr Gelegenheiten bietet, wo er +seine Kräfte üben und seinen Ehrgeiz befriedigen kann, +interessanter sein, als das mittelmäßige Vergnügen der +Jagd.“ + +</P><P> + +„Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese +anscheinend so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den +wirklichen Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in +allen ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der +Entwicklung nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben +Maße, wie allen Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es +wird geschehen, daß die Alten, die in der Harmonie den Reichthum +und die Vergnügungen mehr lieben werden, als man sie heute liebt, +die Ersten sein werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen +verlangen. Die nöthigen Gegengewichte werden sich in +genügender Zahl aus der Konkurrenz der Instinkte und der +Geschlechter ergeben.“ ... + +</P><P> + +„Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche +ist, alle Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, +freien Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: +geschlossene Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der +Ausübung aller Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen +(Komposit). Das ist die feste Regel für die Bildung und +Entwicklung der Serien; ihr Zweck muß sein, überall die +Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter und der Instinkte zu +begründen.“ + +</P><P> + +„Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein +Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um diese +Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr +weitläufigen Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht +geben kann; ich werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle +die Uebel erzeugt, die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, +daß aber diese Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe +angewandt, alle Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, +vermeidet. Wie es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen +einige Beweise folgen. Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein +Drittel der Väter ihre Kinder verlassen und verleugnen. Auf +27.000 Geburten rechnet man über 9000 Bastarde, und doch ist +Paris der Mittelpunkt der „moralischen Erleuchtung“ und die +„Vollendung der Vervollkommnung der Vervollkommnungsfähigkeit“. +Wenn überall ebenso viel Vollkommenheit existirt als in Paris, +ist ein Drittel der Kinder von ihren Vätern verlassen. Ferner +sind da die syphilitischen Krankheiten, die in unserer Ordnung +zahlreiche Opfer erfordern. Die Jugend wird bei unseren Sitten zur +Unaufrichtigkeit erzogen, sie macht sich ein Spiel daraus, diese +Krankheiten zu verbreiten, deren Gefahr jede kluge Person zwingt, sich +von der galanten Welt zu isoliren und so die unnatürliche +Befriedigung der Triebe herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen +Alter die Mädchen über die Treue getäuscht werden, so +täuschen später ihrerseits die Frauen; sie nehmen einfach +Repressalien. Wenn in Paris, „dem Hort der Moral“, man jährlich +über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder verlassen, so wird +die Rache der Mütter eine entsprechende sein. Auf 27.000 Geburten +schwören die Frauen 9000 Kinder ihren Ehemännern zu, die sie +von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist Reziprozität der +Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem +Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen +Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der +Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen +Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle diese +Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen. Um +sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den +Zusammenkünften beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre +Eltern glossiren. Sie werden als lächerliche Harpagons oder +unbequeme Argusse behandelt; man unterhält sich mit +Wünschen, wie, daß der Augenblick bald kommen möge, um +ein Vermögen genießen zu können, das nach der Meinung +der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man antwortet: +daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind. Ja, so +lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die +Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die +Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute +überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre +Töchter zu verführen, daß sie wahre Freunde der Moral +und der Verfassung sind, andererseits überzeugen sie die Mutter, +daß sie eben so hübsch wie die Tochter ist, „was manchmal +wahr ist“. Gestützt auf diese Argumente, organisiren sie im Hause +die maskirte Orgie. Der Vater gewahrt den Kniff und versucht +widerspenstig zu werden, aber die Frau beweist ihm, daß er nicht +die rechte Einsicht habe und er schweigt. Und selbst wenn die +Väter solche Fallen zu vermeiden wissen, gerathen sie nicht in +zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in einen wahren <TT>Cercle +vicieux</TT> von moralischen Sottisen? Hier fällt eine gehorsame +Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr versagt blieb, das +die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder schwanger und alle +väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und welch eine +Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich zu +erleichtern, schließt der Vater die Augen über die +Freiheiten der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres +Flitterstaats erspart bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in +ein ewiges Gefängniß,<a href="#Footnote_18" +name="FNanchor_18" id="FNanchor_18"><sup>18</sup></a> ihr sagend, daß sie +glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene. Oder er hat eine +Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu Grunde, und statt +eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie und ihre ruinirte +Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch viele Fälle +der Enttäuschung anführen.“ + +</P><P> + +„Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen, +welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe +unserer Zivilisation sei, aber die große Majorität, die +dieses Glückes beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück +nicht. Väter wie Kinder sind in falscher Position, die gute +Ordnung beruht auf einem mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser +Zwang erstickt die Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem +Trugbild. Die Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer +Ordnung, die den Wünschen der Natur entspricht, aber unsere +Moralisten haben nie eine Studie über die Beziehungen der Liebe +gemacht. Ein Beispiel lehrt dies.“ + +</P><P> + +Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner +Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge +im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein +soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive +Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr. Wie +weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können +wir nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge +auch heutzutage durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, +daß, während Pestalozzi in seinem Institut nach seiner +intuitiven Methode Jünglinge und junge Mädchen +unterrichtete, er gar nicht gewahr wurde, wie diese unter sich nach +der sensitiven Methode handelten. Daraus entstand denn eines Tages +eine schreckliche Entdeckung. Es gab ein fürchterliches +Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine Anzahl der +Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler +schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der +berühmte Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier +boshaft hinzusetzt, „bei dem Grübeln über seine intuitiven +Subtilitäten ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der +Liebe Rechnung zu tragen“. „Während so die Philosophen die Triebe +unterdrücken wollen, kommen diese und unterdrücken +unvermutheter Weise die arme Philosophie. Es zeigt sich hier, +daß, wie immer man sich in der Zivilisation der Freiheit +nähern will, sei es in Sachen der Liebe, sei es in Sachen der +anderen Triebe, man fällt stets in einen Abgrund von Sottisen, +weil die Freiheit nur im sozietären Zustand zur Geltung kommen +kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.“ + +</P><P> + +Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern, sei +der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht, +ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den +Mißbrauch der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher +der menschliche Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die +revolutionären Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi +und Owen und andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in +die Skilla. + +</P><P> + +Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das +Fourier über Kant und, indem er über die Methode +Pestalozzi's spricht, über die Deutschen überhaupt +fällt. Er sagt über Kant: Welches Wesen habe man von ihm +gemacht. Er sei der erste Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle +wie er mit analytischer Gründlichkeit über die Wahrnehmungen +der Anschauungen des Erkenntnißvermögens, die +Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit gebracht haben. +Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der das Angesicht +der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe zu +diesem Urtheil „Ja“ gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit +besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil +abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen, +was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der +vorliegenden <i>Resultate</i> zu urtheilen. Heute rangire man die +alten Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als +Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit +den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese +stützten sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht +ausgenommen, seien Schöngeister, Rechthaber <TT>(ergoteurs)</TT>, +die in einem Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, +neue Götzenbilder brauche. + +</P><P> + +Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier +zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, +sei auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte +man ihm Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, +die greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller +Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung +verfällt, eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine +Spekulation, die keine praktischen Resultate für das Leben +verspricht, verwirft er. Daß Kant mit Begriffen operirte, +über Begriffe spekulirte, scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; +eine solche Wissenschaft kann für die Menschen, die, nach ihm, +nur das Glück wollen und zwar sichtbar und greifbar, keine +Wissenschaft sein. Die Philosophie müht sich ab, den Begriff des +Glücks zu definiren, Fourier ist damit sehr rasch fertig: +Glück heißt volle Befriedigung aller Triebe des Menschen, +suchen wir also ihm diese Befriedigung zu verschaffen. Was nicht +darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung, vom Uebel, metaphysische +Spekulation ohne Werth; die Praxis und die Erfahrung entscheiden. + +</P><P> + +So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm +ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der theoretische. +Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste in Europa, es +werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne bis Jean Jacques +Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei renommirt, und die +Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der Soldat stolz sei, in +einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das Kind anzuregen, +seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als die intuitive +Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel. Pestalozzi gestehe +selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und daß zwei +Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß +er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft +ausstatten könne. „Man traktirt vergeblich die Kinder mit der +intuitiven Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu +trösten, sie wollen nicht die von diesem ideologischen Dunst +Getäuschten sein.“ Schließlich habe man die deutschen +Kinder an diesen metaphysischen Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu +verwundern. Deutsche Kinder seien sehr geschmeidig, man bringe +Tausende zum Gehorsam mit der Erklärung: „Es muß sein.“ Die +Deutschen seien eine Nation „von Freunden der Ordnung“, der Deutsche +sei ein Mechanismmus, den man jederzeit mit dem: „es muß sein“ +in Bewegung setzen könne, da sei es leicht, die Kinder nach +irgend welchen Zierereien der Metaphysik, wie diese intuitive Methode, +zu bilden, aber für die Vortrefflichkeit der Erziehung beweise +das nichts. + +</P><P> + +In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, +daß, bevor die Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten +Prinzipien freier Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere +Generationen im phalansteren System vergehen müßten. Das +Geschlecht müsse erst dazu gesund erzogen und vorbereitet sein. +Zunächst gelte es, die Syphilis, die ganze Geschlechter +geschwächt habe, vollständig auszurotten, dann die +politischen Hindernisse des Verkehrs der Geschlechter zu beseitigen; +das Schwierigste aber sei, zu verhindern, daß nicht in dem +Augenblick, wo man der Liebe größere Freiheit gebe, die +geheime und korporative Orgie — worunter Fourier den +ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe gezügelten +Geschlechtsgenuß versteht — hervorbreche. Die Orgie +könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, +sondern durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch +Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen. Er +glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe aus +dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, +die bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser +Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die +Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des +Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's Treffen +geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere Stellen des +neuen Testaments ebenso bekämpft wird. + +</P><P> + +Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien, +behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den +Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und +verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der +Harmonie die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer +dafür verdoppeln. + +</P><P> + +Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen +Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien +und wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste +Geschlecht seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter +und die Mütter und Kinder zusammen auf die Väter; einem +solchen Ansturm könnten letztere nicht widerstehen. Unter den +Klassen seien es die Reichen, die auf die niederen Klassen den +Einfluß hätten. Es gelte, die Reichen zu verführen, +denn bequemten diese sich zur Arbeit in der Serie, so würden die +übrigen Klassen, durch deren Beispiel angefeuert, erst recht +eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten würden es also sein, +die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt in die sozietäre +Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es handelt sich +nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den Verstand, sondern um +ein Verführen, ein Wirken auf die Leidenschaften und Triebe. Auf +die Kinder wird den größten Anreiz gutes Essen und Trinken +üben, also die Gourmandis. Eine Küche für sie und die +freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze Phantasie in +Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder in Serien und +Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der gewünschten +Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie die eifrigsten +Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon +erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge, +körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit +Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper. + +</P><P> + +Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in +diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit versuchen. +Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein reicher Mann, +Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten hat. Er +interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln der +Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders +Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet; auch +hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen. +Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt +einer Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese +Mondor ihr Lob zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. +Er tritt in die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren +Arbeiten, aber ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem +Engagement erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder +ihn mit einer Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt +und ihn zum Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine +Kenntnisse für diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt +eine Vestalin vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie +überreicht und ihn umarmt. Darauf empfängt er die +Beglückwünschungen der Chefs, die durch die Kinder mit einer +neuen Fanfare begleitet werden. All das gefällt Mondor so, +daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx einzutreten +und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend theilzunehmen. + +</P><P> + +„Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau“, +meint Fourier weiter, „nachdem sie einige Tage in der Phalanx +zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und +sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr +industrielle Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst +nicht kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der +Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß +dieser parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die +Wirkung haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die +verschiedensten Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, +die ihnen heute meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit +der Pflege kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe +eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei +befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen +eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die +Arbeiten der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, +was Jene verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr +Beschäftigungen finden, für die sie in der Zivilisation +nicht die Mittel und die Einrichtungen besaßen, oder die sie +ermüdeten und mißstimmten, weil sie dieselben ohne +Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer +Kräfte erfüllen mußten.“ + +</P><P> + +„Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in +der Ehe wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die +Frauen in der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die +Männer in der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei +finden. Der immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach +Wahl wird die Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus +werden andere Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer +Tafel der Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen +Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; +sie faßt eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben +zu besuchen, und was sie sieht und hört, gefällt ihr so, +daß sie beschließt, in die Serie der Lautenmacher +einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft kennen lernte und +ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und Trieb für +diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian, ein +junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem +Haken sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies +bei der Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und +diese bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche +Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr +passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit +Stolz als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, +dem sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, +begegnete und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also +diese Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, +indem sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die +Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der +Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche +Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in +Menge, die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.“ + +</P><P> + +„Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx +stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter der +rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt +für Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner +Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen +Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu +unterweisen, für die sie selbst ein lebhaftes Interesse +besaßen, oder noch besitzen; sie werden in diesen Kindern die +Erben und Nachfolger ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, +und ein Kind ohne Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt +oder mit Legaten bedacht werden. In der Phalanx hat Jeder die +Gewißheit, daß er in seinen Lieblingsvergnügen und +Beschäftigungen Nachfolger findet, in der Zivilisation nicht. Die +Natur scheint ein solches Verhältniß zwischen Eltern und +Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die Söhne +oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben, +worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.“ + +</P><P> + +„Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung +berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf +hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu +überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene, +Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über +Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und +Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das +persönliche Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes +willkürliche Befehlen ist demüthigend für den, welcher +gehorcht. Das persönliche Regiment ist in der sozietären +Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich nach freier Uebereinkunft +und passioneller Zustimmung. In einem Solchen Zustande giebt es keine +Willkür in der gegebenen Ordnung, nichts Beleidigendes im +freiwilligen Gehorchen. Da, wo die zivilisirte Ordnung mit ihrer +Privatwirthschaft und ihren abhängigen Existenzen stets zwei- und +dreifache Disharmonie und Unordnung schafft, erzeugt der +sozietäre Zustand drei- und vierfache Freude, Bande der +Uebereinstimmung jeder Art.“ + +</P><P> + +„Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten +Gruppen und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und +von uns verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine +Verwendung haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um +Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit +handelt, wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu +krönen. Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich +aus Trieb mit der ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte +Serien, die nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn +man wird Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man +schickt also zunächst die Beginner <TT>(initiateurs)</TT> in's +Treffen, d. h. Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber +nichts zu Ende bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen +verraucht ist, die aber überall, wo es einen gefährlichen +oder unangenehmen Schritt zu thun giebt, bei der Hand und darum sehr +werthvoll sind. Es sind Charaktere, die man leicht stimuliren kann und +die vor keiner Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie +ermüdet sind, hat das Werk ein anderes Angesicht gewonnen, und +nun kommen die <i>Gelegenheitscharaktere</i> oder die +<i>Wetterfahnen</i> an die Reihe, Leute, die sich mit jedem Winde +drehen, immer die Ansicht des zuletzt Gekommenen haben und für +jede Neuheit, die Kredit erlangt hat, zu gewinnen sind. Sie +schwören, wenn sie das Unternehmen in Angriff genommen sehen, +daß es sehr plausibel sei, und werden sich mit den Beginnern, +die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf folgen die +Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in Alles mischen, +was <i>halb</i> gethan ist, es modifiziren und umändern, +beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten +für einen schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre +natürliche Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, +sobald sie sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man +wird ihnen jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu +streicheln. Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit +bei ihrer Arbeit aushalten. Dann folgen die <i>Chamäleons</i> +oder <i>Veränderlichen,</i> eine in der Zivilisation sehr +zahlreiche Klasse, die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie +werden bei einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei +Dritteln beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende +führen, aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, +wo die Fertigmacher <TT>(finiteurs)</TT> antreten können. Das +sind die Leute, die sich immer erst dann für ein Werk begeistern, +wenn sie es fast vollendet sehen. Niemals erhält man für +einen Anfang ihre Stimme, sie erklären jedes Unternehmen für +unmöglich, für lächerlich und ergehen sich in +übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine Verbesserung +beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen Neuerer Jeden, der +etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu drei Vierteln +fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie werden +Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten, daß +sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre +Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz +nicht gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser +letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach +geschehener That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, +die sie anfangs verlachten.“ + +</P><P> + +Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text zu +lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung +behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung +ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d. h. Leute, die +zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie haben +begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu beschimpfen, +später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen, +dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx vorschreiten +sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und schließlich +in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und vierfachen +Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie den +Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in seiner +Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten, so +seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, +die Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu +beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu +ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen +Sohn einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen +Architekten einen Plan fortführen, den sein Vorgänger +angefangen. Die Franzosen seien Wetterfahnen, die sich nie an einen +bestimmten Geschmack, nie an eine Meinung bänden, plötzlich +von einem Extrem in's andere fielen und das Widerstreitendste zu +verbinden suchten. Vor einem halben Jahrhundert seien sie voll +Verachtung für den Handel gewesen und heute lägen sie voll +kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem Bauch; ehemals rühmten +sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute seien sie ebenso +betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden. Kurz, der +nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung ein Gemisch +von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber, in +der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die +Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der +Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen. + +</P><P> + +Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer anderen +Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei Personen ein +Zwiegespräch über sich und sein Werk führen +läßt. Wir lassen die amusante Stelle hier folgen: + +</P><P> + +„Was steht in diesem Buch über die Anziehung? — Bah! +Narrheiten. Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man +bisher die Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; +daß dem Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück +vorbehalten sei; daß eine Berechnung über die universelle +Harmonie der Triebe existire; daß diese strebten, eine neue +soziale Ordnung zu gründen, welche nichts mit der Unordnung der +Zivilisation zu thun habe und ihr entgegengesetzt sei; eine Ordnung, +in der alle Völker in Freuden schwämmen und trotz der +Ungleichheit der Vermögen für Alle Ueberfluß herrsche; +eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde, als unsere Bälle +und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur versuchsweise an +einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der Erde ohne +Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen werde! +— Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte; +großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere +Philosophen hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht +hätte; so viel wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka +bis Montesquieu und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; +sicherlich träumt dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, +ein berühmter Philosoph? — Nein! es ist einer der +unbekanntesten Provinzialen. — Bah, ihm mangelt der gesunde +Verstand! Ja, ja, die Provinz liefert solch originelle Käuze!“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die +These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die +Quelle der Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung +werde und begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also: + +</P><P> + +Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise +(Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott +als Laster einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so +große Herrschaft gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. +Andere Triebe, wie Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und +männliche Alter mehr Einfluß, aber die Gourmandise verliere +niemals ihre Herrschaft über die verschiedensten Alter, Klassen +und Völker, sie sei permanent bis zum Lebensende; sie herrsche +über die Kinder wie über die Erwachsenen. Man habe Soldaten +Revolutionen machen sehen, um sich betrinken zu können, und der +Wilde, der die Zivilisation verabscheue, gebe sich für eine +Flasche Branntwein zur Arbeit her und verkaufe für eine Flasche +starken Liqueurs seine Frau und Tochter. Würde das +Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb unterworfen sein, wenn +er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem Mechanismus unserer +Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser Mechanismus die +industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann nicht innig +mit diesem gastronomischen Trieb — der Gourmandise — +verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der +industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen +bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der +Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, +was er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der +Müßigen und dadurch <i>allein</i> werde er lasterhaft, wenn +er es nicht schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, +wäre. — + +</P><P> + +„In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle, +sie ist nicht Belohnung des Müßigganges, <i>sondern der +Arbeit,</i> denn der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten +Genußartikeln. Sie wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen +bewahren, aber indem sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der +Produktion verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die +höchsten Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich +anstrengen, die vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel +zu erzeugen. Das Mittelmäßige wird verschwinden und binnen +wenig Jahren wird aller Boden so kultivirt sein, daß er nur noch +das Beste trägt. Man wird die Eigenschaften des Bodens zur +höchsten Vollkommenheit zu bringen suchen; man wird gute Erde +anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo der Boden nicht zu verbessern +ist, ihn aufforsten. Acker- und Gartenbau müssen mit der +Industrie wetteifern. In der ganzen Phalanx muß das Prinzip +herrschen, durch alle möglichen Verbesserungen: Nahrungsmittel, +Kleidung, Möbel und Alles, was zur Erhöhung der +Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender +Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die Moralisten +an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums eifern. Aber in +diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in Widerspruch mit sich +selbst; sie will Literatur und Künste heben und verbessern, aber +sie will uns in der <i>wesentlichsten</i> Branche, in der +<i>materiellen Lebenshaltung,</i> im Zustand der Rohheit halten, +obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung +gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So +wenden die Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es <i>zuletzt</i> +angewandt werden sollte.“ + +</P><P> + +„Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst +die bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke +natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton +sich schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche +die Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man +ohne Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die +Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein +neunjähriges Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum +Trotz den Knoblauch. Man spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein +doppeltes Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die +Vermischung der Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche +zwiebelartige Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, +Schnittlauch, Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. +Man muß ihr also ein Achtel Frauen zuführen, die man aber +meist im jugendlichen Alter wird suchen müssen, da selten ein +Mädchen über 16 Jahren am Knoblauch Geschmack finden +dürfte. Man wird zweitens aber auch die Vermischung der Arbeiten +bei den Individuen herbeiführen müssen. Ein junges +Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das Studium der +Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den +Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe. +Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man +sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie steht +im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in Beziehung, +und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum Lobe des +Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer +des Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man +benutzt also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die +Schönheiten der lyrischen Poesie, des Versmaßes +einzuführen; vielleicht kann sie sich eher für die Poesie +als für die Grammatik begeistern, und so führt man sie von +einem Studium zum andern. In dieser Weise verbindet die sozietäre +Erziehung den kabalistischen Geist und den Hang zum Bizarren, um bei +einem Kinde die Neigung für die Studien zu wecken, es indirekt zu +einem Studium zu führen, das es ohne irgend eine stimulirende +Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es ist unzweifelhaft +der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen die Kinder +zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt die +Gourmandise als Mittel zum Zweck.“ + +</P><P> + +Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier +Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit +Gastronomie, Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der +Lebensmittel. In der Zivilisation finde man es zwar häufig +gerechtfertigt, die Kinder in die drei letzteren +Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen, aber von der +ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie gelte als ein Uebel. +Die Gastronomie werde allerdings erst dann als Wissenschaft zu Ehren +kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller genüge. +Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug +auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme +und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen +sowohl bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu +wünschen übrig. Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich +den Bauch pflegen und am Besten sich gütlich thun, aber +Hunderttausende bekämen nicht einmal eine natürliche Suppe. +Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie aus ranzigem Speck, Talg +und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei im Wachsen und die niederen +Klassen würden mehr und mehr von seinen Betrügereien +erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei Bedingungen +lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven +Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens +und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der +Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein +müsse; dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in +Anwendung komme und so das Volk an den Raffinements eines guten +Tisches Theil nehme, der jetzt nur für die +Müßiggänger vorhanden sei. Dieser Zweck werde +erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden Funktionen sich so +zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn letztere werde stets +anziehend bleiben; sie müsse also die Basis des Gebäudes +bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle. + +</P><P> + +Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System +der Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei +nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die +Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch +Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, +der Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau +führen. Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des +Geschmacks, um ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten +herbeizuführen; aber in der Zivilisation arbeite man diesem Trieb +am Heftigsten entgegen, und zwar sei es hauptsächlich jene +Verbindung, die ihrer Natur nach stets nur die Beschränktheit und +die Einseitigkeit aufrecht erhalte: <i>das Familienband.</i> + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der +Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute allgemein +getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die +Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau +abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der +Frau einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern +diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche +Gesellschaft scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die +monogamische Ehe mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer +Gesellschaft ist, aber dieser monogamischen Ehe <i>voraus</i> geht das +bürgerliche Eigenthum, der Privatbesitz an Grund und Boden und an +den Produktionsmitteln. Der Privateigentümer ist bestrebt, sein +Eigenthum zusammenzuhalten, auch über seinen Tod hinaus; er will +in seinem Eigenthum gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen +Erben, der seinen Intentionen gemäß sein Eigenthum +verwaltet und wo möglich vermehrt. Wo kann er diesen seinen +Intentionen entsprechenden Erben besser finden, als in dem von ihm +selbst gezeugten Kinde, das vielleicht auch der Erbe seiner +Charaktereigenschaften ist und das er vor allen Dingen durch die +Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen Absichten +gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber der +Erbe auch sein wirklich <i>legitimer</i> Erbe sei, muß er +möglichst sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden +als die seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe +mit all den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt. + +</P><P> + +Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum +innig verwachsen, <i>sie geht daraus hervor,</i> und es ist ein ganz +falscher Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der +bürgerlichen Ehe das Hauptübel sehen zu müssen, das der +Umwandlung des bürgerlichen Zustandes in seinen sozietären +sich entgegenstellt. Er ist von seiner Ueberzeugung, daß nur die +Einehe das Hinderniß für den Ausgang aus der Zivilisation +bilde, so durchdrungen, daß er dem Konvent vorwirft, dadurch die +Revolution in ihrer Wirkung beschränkt zu haben, daß er vor +der Ehe stehen geblieben sei. Wie konnte er nur eine halbe +Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen? Es waren die +Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen nehmen ließ, +sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können, +daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so +wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war. + +</P><P> + +An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines +Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm +einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das +Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre +ansieht. Das Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen +Urzustand herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser +herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie +Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen +Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch +das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der +Vater des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die +Eigenthumsverhältnisse sich ändern, ändern sich auch +die Beziehungen der Geschlechter. Mit der Entstehung von +persönlichem Eigenthum wird auch die Frau persönliches +Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird, entsteht die +Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen Vater. Aber +der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen +Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung +unter den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller +Eigenthümer, ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch +größere Mitgift die Befriedigung dieser Wünsche zu +erleichtern. Das Heirathsgut ist der Preis. Noch aber sind die +Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des Erbrechts beraubt. +Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als Kaufpreis neben dem +Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine konkurrirenden Brüder +hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo sie, statt der bevorzugten +Frau, die <i>einzige</i> Frau wird. Aus der Polygamie wird +allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in ihrer weiteren +Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe zusammenhalten, und +da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind, wird die Einehe, +ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen Mitteln, der bei +Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich macht, +mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch +für Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben +haben. Die hierarchische Ordnung und die Gesetze, d. h. der Zwang, +kommen stets von Oben, <i>sie sind die in Paragraphen formulirten +Interessen der herrschenden Klassen.</i> Der Kampf gegen diese Ordnung +geht stets von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf +der Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der +Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten +also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer +falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen +seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv +gewirkt. + +</P><P> + +Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die +er als das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen +zu kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die +Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch +gut erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich +selbst. Der Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende +Wesen, für den er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben +soll, diese Welt erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, +dem Willen Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen +sehen wir die große Mehrzahl unglücklich, und zwar +unglücklich, weil sie die Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht +befriedigen können. Aus Unkenntniß ihrer Natur und ihres +Zwecks haben sie sich eine Ordnung gegeben, in der diese Triebe meist +unterdrückt werden, zur Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck +verfehlten. Die Einheitlichkeit, d. h. die volle Harmonie zwischen den +Menschen und der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große +Zweck Gottes, und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist +die Vielseitigkeit der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die +einzige Lösung. Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der +Ausdehnung derselben auf alle Menschen und die sie umgebende Natur +steht die isolirte Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte +Wirthschaft ist aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten +Gruppenbandes, der Ehe, resp. Familie, <TT>ergo</TT> müssen Ehe +und Familie in ihrer heutigen Gestalt verschwinden. + +</P><P> + +In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem Standpunkt +aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser beachten will, +daß Fourier hauptsächlich Pariser und +großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er +führt weiter aus: + +</P><P> + +„In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System allgemeinen +Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie im Handel so +sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln +<TT>(prohibitions)</TT> und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die +Liebe mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren +allgemeine Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle +Familienbeziehungen verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau +betrogen, die Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt +zurück auf seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller +sozialen Perfidien ist, daß er nicht selten über den +Ursprung seiner Kinder getäuscht wird, ein Vorkommniß, das +auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes und der +Lächerlichmachung dient.“ + +</P><P> + +„Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen +Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen +der Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen +nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften +ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so +genügt dies, um durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen +sozialen Systems zu fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen +zulassen zu können, handelt wie eine Regierung, die um eine +achtzig Meilen lange Grenze gegen die Pest abzusperren, sich +begnügt, sechzig Meilen durch einen Truppenkordon zu besetzen und +den Rest der freien Passage den Pestkranken offen +läßt ...“ + +</P><P> + +„Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man +annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug +ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im +Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute, sie +scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je schlauer +ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet, +um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die +öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in +Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt, zu +heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend. Erwirbt +Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, +daß es ihm gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist +das ein der öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, +daß sie alle Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als +guten Ehemann, guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und +Nachbar, guten Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier +der Lobhudler, sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen +und im Einzelnen.“ + +</P><P> + +„Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit, mit +welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen +Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre +Söhne zu unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen +können, einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist +die wahre, bürgerliche Taufe, welche in den Augen der +Oeffentlichkeit alle Sünden abwäscht. Dieselbe +öffentliche Meinung hat lange nicht diese Nachsicht mit den +anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten, durch die +sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.“ + +</P><P> + +„Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein +Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und +religiösen Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend +bis zum dreißigsten Jahre bewahren wolle, um sie seiner +künftigen Frau als Geschenk in die Ehe zu bringen? Der, getreu +den Lehren jenes vortrefflichen Buches, das sich „Einführung in +einen gottergebenen Lebenswandel“ betitelt, sich bis zum +dreißigsten Jahre enthält „aus dem Becher der Unzucht den +Wein der Prostitution zu Babylon“ zu trinken? Welche Aussicht hat er? +Und wenn es ihm einfällt, eine solche Erklärung abzugeben, +welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter wie Töchter +werden dies scherzhaft finden und bei gleichem Vermögen, gleichem +Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden Mutter +und Töchter einen „geübten“ jungen Mann ihm, dem +„Tölpel“, der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und +Moral bewahrte, vorziehen.“ + +</P><P> + +„Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle +Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu +schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich +persönlich zu depraviren.“ + +</P><P> + +Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den +Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er +auch von den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der +sie die Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre +Tugenden. + +</P><P> + +„Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm bald +in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen sein. +Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine Tugenden zu +adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines leichtfertigen +Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft der +Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre Tugenden +mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der Zivilisation +99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so kann man nach +diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit schätzen, +welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.“ ... + +</P><P> + +„Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, +die ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche +ihre Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt +aus anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, +daß der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich +bemühen, ihre Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, +machen sie dieselben für den Ehehandel habgierig und +verschlagen.“ + +</P><P> + +„So kommt es, daß die „Dreißigjährigen“ oder +Ehestandskandidaten sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum +ersten Schritt sich entschließen. Nichts spaßhafter, als +die Unterweisungen zu hören, die sie sich gegenseitig geben +über die Art und Weise, der künftigen Gattin das Joch +aufzuerlegen und sie günstig für sich einzunehmen. Nichts +merkwürdiger, als diese vertraulichen Zusammenkünfte +<TT>(consiliabules)</TT> der Junggesellen, in welchen an den zu +heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird, und +zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer +Töchter entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, +daß man auf Geld sehen müsse, daß, wenn man das +Risiko trage, von der Frau betrogen zu werden, man wenigstens nicht +auch mit dem Heirathsgut betrogen sein wolle. Nehme man einmal eine +Frau, so müsse man sich eine Entschädigung für die +Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit sich bringe. Das +nennt man nach einem Kunstausdruck „die Anhaltseile <TT>(les +attrapes)</TT> fassen“. + +</P><P> + +Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren +ähnlich die Frauen. Fourier hebt dann die Widersprüche in +dem ehelichen Zustande hervor, daß der Mann, der sonst alle +Freiheit für sich beanspruche und die Frau unterdrücke, im +wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche Meinung und Gesetz gegen +sich habe, wobei man wohl beachten will, daß es sich um die +Schilderung französischer Zustände handelt, wonach noch bis +in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung über die +Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt zu +ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier +hier im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus. + +</P><P> + +Er sagt: „Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen +lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert sein +sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein Kind, +das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur selbst den +wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine anzunehmen.“ + +</P><P> + +„In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld beladet, +genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen Fall, wo +der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die öffentliche +Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um seine +Schmach zu verschlimmern.“ + +</P><P> + +Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: „Oh!“ ruft er. +„Wie die Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der +Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so +gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht +offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen und +ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der +Philosophen erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer +wahrhaft „eine Familie von Brüdern“ werden, wo die Güter +gemeinsam sind und das Kind des Nachbaren auch das unsere ist. Die +Edelmüthigkeit dieser braven zivilisirten Ehemänner wird der +Zukunft noch reichlich Gelegenheit zu Gelächter geben, und man +muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge aufbewahren, +um die sonst schale Lektüre der Geschichte der Zivilisation etwas +genießbar zu machen ...“ + +</P><P> + +„Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die +schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze +über das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung +mit anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die +Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine +Kirche und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in +welchen die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und +denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die +Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater findet +sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die galanten +Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine junge +Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung vor +dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine +Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu empfangen, +wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus betrügt. +Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf den +fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche +genügen, um den Werth unserer Theorien von der Einheit der +Handlung im sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.“ + +</P><P> + +Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die +Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit +ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen und +Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und +demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten +vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem +dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre +heirathe, so liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf +Jahre des Zölibats benutze, um alle möglichen illegitimen +geschlechtlichen Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr +nur eine solche Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur +Prostitution, sechs im Ehebruch, so gewähre dieses einen +traurigen Einblick in die Moral der Zustände, und man brauche +nicht erstaunt zu sein, wenn junge Männer im mittleren Alter sich +rühmten, schon mit mehr als zwanzig für anständig +geltenden Frauen in intimsten Beziehungen gestanden zu haben. + +</P><P> + +„Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den +guten Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die +Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie +müssen Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner +zugeben, daß die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, +wenn sie nicht auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die +Lobredner der zivilisirten Ehe selbst, „daß das häusliche +Glück unzertrennlich von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und +daß, wenn das Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe +mangelt, auch das Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. +Herrscht die Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der +Familie und in der Häuslichkeit.“ Wie verträgt sich aber das +Eheglück mit dem Bestand der Serails in allen zivilisirten +Ländern? Die christlichen Kolonisten haben diese überall aus +Negerinnen gebildet; die ernsten, so moralisch scheinenden +Holländer bilden sie in Batavia mit Frauen aller Farben. Und wie +viele heimliche Häuser giebt es bei uns, die, äußerlich +anständig aussehend, in Wahrheit niedliche Serails sind, die im +Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne offen stehen.“ + +</P><P> + +„Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu +bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die ihm +Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und neben +diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder freie. +Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. „Ich +bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu Liebschaft. +Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie selten +länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit, +vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn, +darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht +verlassen zu werden.“ So stellt sich das Leben dar, das unsere meisten +reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind, +führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und +Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man +antwortet: Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese +Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten +nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die +Einen hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, +der Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln +zurück. Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, +überlasse ihn der gesunden Natur und man wird sehen, daß +die größte Zahl sich beeilt, das Beispiel von Salomo und +Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge mit Mitteln ausgestattete oder +von der Natur ein wenig begünstigte Stadtbewohner besucht dieses +freie Serail, ohne wie die Barbaren (die in der Polygamie leben) auch +für die Kosten der Unterhaltung sorgen zu müssen, es giebt +sogar eine gute Zahl dieser Herrchen, welche die Frauen plündern +und arm essen.“ + +</P><P> + +„Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art +Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein +Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn wir +von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die +Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die +Tarife, wie die Preiskourante an der Börse. Man braucht +darüber nicht erstaunt zu sein, wenn Walpole sogar +öffentlich erklären konnte, er habe in seinem Portefeuille +den Preiskourant für die Biederkeit des englischen Parlaments.<a href="#Footnote_19" +name="FNanchor_19" id="FNanchor_19"><sup>19</sup></a> Wie +muß unter solchen Sitten das häusliche Glück +beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die Wahrhaftigkeit in +den gegenseitigen Beziehungen begründet sein soll?“ + +</P><P> + +„Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr +umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke +Bände füllen würde. Alle diese Schliche sind nur +Verletzungen der bürgerlichen, religiösen und Moralgesetze. +Welche Auflehnung, welche Rebellion in dieser galanten Welt gegen +Alles, was die Gesellschaft für unverletzbar erklärt. Wie +kann man beim Anblick von so viel offenen und geheimen Verletzungen +aller festgestellten Ordnung zögern, anzuerkennen, daß +entweder das Regime der Liebe bei uns im Widerspruch mit der Wahrheit +und der Moral organisirt ist, oder daß ein solcher Zustand +unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die +Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.“ + +</P><P> + +„In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort +existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die +religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die +Hälfte der weiblichen Bevölkerung unserer großen +Städte. Ich will nicht unsere Zofen und Zimmermädchen +zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß von den Gesetzen der +Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln sie, als hätten +sie nie davon sprechen hören. Und wie in der kleinen, so ist es +in der großen Welt. Bei den Leuten <TT>comme il faut</TT> hat +der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom Hause ihre +anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der Haushaltung +und das heißt man: „man muß zu leben wissen“ <TT>(il faut +savoir vivre)</TT>. Manchmal entsteht allerdings eine kleine +Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater +die Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der +Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt +bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes +verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer +Schwangerschaft von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie +betroffen worden sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann +schlechten Dank, wenn er gegen den Wortlaut des Gesetzes und die +Zeugenschaft des Arztes aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie +das Andere. Auch gehört es in der guten Gesellschaft zum guten +Ton, nicht eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines +guten Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde +darin vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer +Beziehung nachsichtig sein, und schließlich heißt es: „was +Dir recht ist, ist mir billig.“ + +</P><P> + +„So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene. +Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und +Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen, doch +für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man +muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte +ihres Systems vor Augen hält.“ + +</P><P> + +„Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat auch +nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr +Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der +zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen +in Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß +den Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse +fehlen, wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des +Vaters stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an +Andere überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten +gerathen in Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des +Büchertrödlers, seine Gemälde in die des Händlers. +Genau das Gegentheil hat in der Phalanx statt. Alles wird erhalten und +vervollkommnet, der Tod eines Individuums beunruhigt in nichts die +industriellen Dispositionen und das Gemeinwesen.“ + +</P><P> + +„Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn +ersetzt und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt +ihm nur Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete +Fortsetzer, aber in Klassen, die durch Vermögen und +Lebensstellung ihm nicht zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder +ihm zu folgen, oder sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es +wieder der überreiche Kindersegen, der Erziehungsausgaben +verursacht, welche die Unternehmungen des Vaters schädigen; seine +undankbare Arbeit genügt kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen +eine Existenz zu gründen, und zum Dank für so viel +Anstrengungen merkt er, daß dieses oder jenes seiner Kinder ihm +den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den Besitz der Erbschaft zu +kommen. Oefter treten andere eheliche und häusliche +Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist. Ein +Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen +seiner Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am +Geschäft Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner +Neider, durch den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung +ruhte. Nicht selten sieht man Eltern über den Verlust eines +Lieblingskindes dem Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht +gegen solch ein Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. +Solch ein Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine +Pandorabüchse. Wie kann man annehmen, daß Gott die +Industrie und die menschliche Thätigkeit auf einen so kritischen +Boden für die, welche die Leiter sind, und noch viel mehr +für Diejenigen, welche die Untergebenen sind und ausführen, +hat gründen wollen?“ + +</P><P> + +„Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung zu +schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen +die Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr +ganzes soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er +unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu +fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben +Achtel dieser Väter rufen: „Oh! in welche Galeere bin ich +gerathen.“ Es war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von +der süßen Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, +daß sie einen Ueberfluß an Rekruten für die Armee und +an hungernden Arbeitern für die Fabriken haben, die um niedrigen +Preis arbeiten, damit die Unternehmer sich bereichern können.“ + +</P><P> + +„Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen die +Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet +nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich +in dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein +und vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu +Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie +der Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das +Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen +Hülfsmittels, den industriellen Mechanismus verbessern, denn wo +ein neuer Faktor auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte +vervollkommnen. Das geschieht im sozietären Zustand, aber nicht +in der Zivilisation. In der Harmonie wird die Liebe die industrielle +Anziehung verstärken, durch sie wird der Jüngling wie die +Jungfrau für die Vereinigungen der beiden Geschlechter in den +Ateliers, den Gärten, den Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer +neue Anreize finden. Die Wirkung in der Zivilisation ist die +entgegengesetzte, sie erzeugt Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu +fortgesetzter Ueberwachung, verursacht Ausgaben für Putz und +Geschenke und führt nicht selten zu Schulden und anderen +Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe für die Väter zu +einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit wenig Ausnahmen für +die Reichen, und die Erwachsenen werden durch die Liebe nur +verdorben.“ + +</P><P> + +„Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß +sie keine Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde, +Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den +Banden des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht +wahrnahm und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es +aufhebende Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter +Anderem die industrielle Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und +die Theilnahme an der Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, +aber seine Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar +durch den Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr +erniedrigt und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich +waren. Die Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur +lasterhaft sei und die meisten bejahen dies; man schließt also +wie die mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein +unumgängliches Uebel erklären, weil sie sich scheuen, +Schutzmaßregeln gegen sie zu ergreifen. Unsere Philosophen +ziehen dieselbe Straße; um sich davon zu befreien, ein +Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als unabwendbare +Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend eine +Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein, daß +sie dieselbe in Unordnung bringen.“ + +</P><P> + +„In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der +Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen. +Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische +Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als +Brüder betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns +mit den Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, +aber in Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den +möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem +natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen +zu ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen +Zahl von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und +daß die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der +Männer wird haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist +so natürlich, daß selbst ein altersschwacher Sultan sich +nie auf eine einzige Frau beschränken läßt. In einem +zukünftigen Zeitalter wird man diese Freiheit der Liebeswahl ganz +natürlich finden, und ein Greis wird direkte und indirekte +Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in die hunderte haben. Dann wird +das goldene Zeitalter der Vaterschaft angebrochen sein und wird die +Freuden genießen, die sie im gegenwärtigen Zustand +vergeblich sucht. Die Adoptionen und die Legate werden in der Harmonie +so zahlreich sein, wie sie in der Zivilisation unmöglich sind; +man wird die Fortsetzer <TT>(continuateurs)</TT> aus Passion haben, +die Mangels an eigenen, von gleichen Trieben beseelten Kindern, das +Begonnene weiter führen. Außerdem, welcher Egoismus, welche +Eifersucht herrscht in unseren Familien, die nicht leiden, daß +ein Außenstehender sich in die Neigungen des Vaters theilt: +gezwungen sich an die eigenen Kinder zu halten, begegnet er nur zu oft +in seinen Plänen und Unternehmungen den Antipathien derselben, +muß er in ihnen die Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann +also kein Zweifel sein, daß das Familienband die +antiökonomischste Verbindung ist und den Wünschen Gottes, +welcher der höchste Oekonom ist, und mit Aufwendung der +geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen strebt, auf's +Direkteste entgegensteht.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier erläutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen +Genüsse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung +sei garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als +genügten, in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die +bei den Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des +Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde die +Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite Mittel, um +das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizuführen, sei die +Generosität. Diese halte man wohl für unmöglich, sie +sei aber durchzuführen. + +</P><P> + +Jeder, der sich mit Anderen geschäftlich verbinde, wolle daraus +Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, löse die Verbindung +sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die +Vortheile für das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und +dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreißig- und +vervierzigfache. Zwei Beispiele möchten dies beweisen. Eine +Familie, die in Paris 60.000 Franken jährlich ausgebe und +dafür Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem +Lande unterhalte, könne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe +haben. Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man +erwäge, welch große Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art +man in der Phalanx habe, daß man von den Streitereien mit +Händlern und Kaufleuten, von den Ausgaben für Lakaien und +von ihren Diebereien und Betrügereien, von der Spionage und +anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu einer Geißel der +Großen machten, befreit sei. Man solle ferner an die +Verbesserung der Straßen und Wege denken, deren Zustand heute +auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen großen +Theil des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der +Phalanx, wo alle Straßen und Wege mit Trottoirs für +Equipagen und leichte Wagen, für Fußgänger wie +für Pferde und Zebras versehen, die Wege schattig und mit +Fußsteigen, die man nach Bedürfniß besprenge, +ausgestattet seien. Dazu kämen die Annehmlichkeiten der +überdeckten Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, +Werkstätten, Stallungen; für Kirche, Theater, Ballsäle +u. s. w., und daß alle diese verdeckten Passagen im Winter +erwärmt seien, so daß man kaum wissen werde, ob es +draußen warm oder kalt sei. Es seien dies alles Erleichterungen +und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation selbst ein +König sich nicht verschaffen könne. Das Wohlsein werde sich +also in der Phalanx in das unzählbar Vielfache steigern. Dasselbe +sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus der +stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung und +Keller hervorgingen, in der Küche durch die verbesserten Methoden +der Fertigstellung sich steigerten, könne kein Einzelner, und sei +er der Reichste, herbei- und durchführen. Und an alledem +nähme der Aermste in der Phalanx Theil. + +</P><P> + +Fourier, der offenbar in den Dingen der Küche und was damit +zusammenhängt genaue Spezialstudien gemacht hat, führt dies +im Detail sehr anziehend und Lust erweckend aus; so wird es nach ihm +eine Kleinigkeit sein, daß man auf jeder Tafel bei jeder +Mahlzeit wenigstens dreierlei Arten Käse, jeden wieder in +verschiedenen Qualitäten, zum Nachtisch haben kann, so daß +eine zwölffache Auswahl gewöhnlich sei. Fleisch, +Geflügel, Wild, Fische, Gemüse, Kompots, Eier- und +Mehlspeisen würden in einer Vielseitigkeit der Herstellung und in +einem Raffinement geliefert, von dem gegenwärtig kaum Jemand eine +Vorstellung habe. Die Tafel der Reichen in der Phalanx sei +täglich bei einer Mahlzeit mit mindestens dreißig Gerichten +bedeckt, und selbst die Armen dürften, wenn erst die Phalanx in +vollem Gange sei, auf mindestens zehn Gerichte zum Mittagtisch +rechnen. Es kann, ihm zufolge, daher auch gar nicht fehlen, daß +selbst die Könige, nachdem sie die Phalanx besucht und sich von +ihrer Opulenz nach allen Richtungen durch den Augenschein +überzeugt haben, sich beeilen werden, die Gründung der +Phalanxen nicht nur zu unterstützen, sondern selbst mit ihrem +Hofstaat in eine solche einzutreten. + +</P><P> + +Die Phalanx verbindet also, nach F. Ansicht, die sensuellen +Vergnügungen mit der Abwesenheit aller materiellen Sorgen, die +heute Vätern und Müttern so viel Kopfschmerzen verursachen. +Sie findet rasch die Zustimmung der Väter, die von den Kosten der +Haushaltung, der Erziehung und der Ausstattung der Kinder befreit +sind; sie findet die Zustimmung der Frauen, welche alle der vielen +Widerwärtigkeiten der Haushaltung, wo die Mittel fehlen, los und +ledig sind; sie findet die Zustimmung der Kinder, denen nur anziehende +Beschäftigungen, Vergnügungen und die besten Mahlzeiten in +Aussicht stehen; und sie findet endlich auch die Zustimmung der +Reichen, die erhebliches Wachsthum ihres Vermögens und das +Verschwinden aller Risikos und die Beseitigung des Aergernisses, von +dem, wie Fourier behauptet, sie stets umgeben sein sollen, zu erwarten +haben. Der Arme kann natürlich gar nichts Besseres thun, als +sofort mit beiden Händen zugreifen, denn er hat Nichts zu +verlieren, aber Alles zu gewinnen. So werden die Serien, die Gruppen, +die Individuen in der Phalanx alle in den edelmüthigsten +Entschlüssen übereinstimmen und werden selbst zu materiellen +Opfern entschlossen sein, die aber nicht einmal nöthig sind. Bei +dem Gedanken, wieder in die Zivilisation zurückzufallen, wird +Jeder erschreckt sein, wie bei dem Gedanken, in die Arme des Teufels +zu stürzen; Jeder würde bereit sein, lieber sein halbes +Vermögen zu opfern. So wird sich die Uebereinstimmung und die +Aufrechterhaltung der Einheitlichkeit in allen materiellen Dingen auf +die höchste Stufe erheben. + +</P><P> + +Wie nach Fourier in der Phalanx sich die materiellen Interessen zur +größten Zufriedenheit Aller ausgleichen, so wird auch die +Vermischung und aus Zuneigung entstehende Uebereinstimmung der drei +Klassen sich vollziehen. „Die reiche Klasse muß nur gewahr +werden, daß man sich ihr seitens der anderen Klassen +höflich und ohne persönliches Interesse und ohne Gefahr der +Hintergehung nähert, und sie wird bereitwilligst der Phalanx ihre +Kräfte und ihr Vermögen leihen. Damon, der ein großer +Blumenfreund ist und in Paris wohnt, macht jährlich bedeutende +Ausgaben für seine Blumenbouquets, aber er wird übel +berathen und betrogen durch die Verkäufer, bestohlen durch +Gärtner und Diener. Dadurch wird ihm die Blumenzucht verleidet +und er entschließt sich, die Kultur derselben aufzugeben, so +sehr er sie liebt. Darauf besucht Damon die Versuchsphalanx, wo er +sieht, daß die Blumenzucht eifrig gepflegt wird und er +Unterstützung an Anderen findet, die gleich ihm dafür +begeistert sind. Statt Mißtrauen zu begegnen, sieht er, +daß man seinen Wünschen und Rathschlägen, als von +einem Sachkenner kommend, bereitwillig Folge leistet und alle Arbeiten +ausführt. Ihn trennt keine Verschiedenheit der Interessen von den +Mitwirkenden, denn alle Kosten trägt die Phalanx; er sieht sich +geachtet und geliebt, weil man seine Kenntnisse schätzt und ihn +als eine Stütze der Serie betrachtet. Namentlich sind es die +Kinder, die sich um ihn drängen und bei dem drohenden starken +Regen Schutzzelte über die Beete spannen. Er fühlt sich +unter diesen Blumenfreunden wie in einer zweiten Familie und +entschließt sich zu mehreren Adoptionen. Da ist Aminte, ein +Mädchen ohne Vermögen, aber eine der geschicktesten +Seriesten, die für Damon begeistert ist; sie sieht in ihm, dem +Sechzigjährigen, die Stütze der ihr theuren Kultur; sie will +sich ihm erkenntlich zeigen, und da sie auch ein Mitglied einer Gruppe +der Zimmerordnerinnen ist, übernimmt sie die Sorge für +Damon's Zimmer und Garderobe. Sie dient Damon nicht aus materiellem +Interesse, denn er bezahlt sie nicht, und dies wäre +überhaupt unzulässig, sondern aus Dankbarkeit für +seinen Eifer für die Kultur der Blumen. Damon hat also doppelte +Freude, er hat in Aminte eine eifrige und gelehrige Schülerin und +eine aufmerksame Gouvernante, und zum Dank adoptirt er sie. Bei dieser +industriellen Kooperation war also die Freundschaft im Spiel, ein +Trieb, der namentlich bei den Kindern einen schönen Aufschwung +nimmt, weil ihm weder durch Liebe, noch durch Gewinnsucht, noch durch +Familieninteresse entgegengearbeitet wird.“ + +</P><P> + +„Im Jugendalter ist's hauptsächlich die Liebe, welche den +Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe +einer Schäferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben +also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden selbst +in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch. Auch sehen +wir, daß in Sachen des Ehrgeizes der Höhere den Niederen +unter Umständen nicht verschmäht. Zum Beispiel in Partei- +und Wahlkämpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, +um seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drücken. +Aber hier wirkt nur die Sucht nach persönlichem Gewinn und +Befriedigung persönlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese +niederen Mittel schon die Annäherung verschiedener Klassen, dann +ist dies viel leichter durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger +Zuneigung, wie das Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.“ + +</P><P> + +„Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thätigkeiten +beschäftigt, überall ähnliche Bande knüpfen. Alle +Serien und Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei +einer speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin +leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der Genossen +nicht fehlen. Der Reiche genießt aber doppelte Anerkennung, +einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich in irgend welchen +Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die Munifizenz, die er den von +ihm gewählten Industrien erweist. So macht Damon Ausgaben +für sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten der Phalanx +anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Für diese Dienste +wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurüstungen +gewählt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung +vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich ihm +dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen und +den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit vollem +Vertrauen der Phalanx überlassen, er hat keine Falle zu +fürchten, kein ungehöriges Verlangen wird ihn beunruhigen. +Kein Zweifel, daß in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht +verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Höflichkeit und +Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum Eintritt +in die Vereinigungen verführen, dazu kommen die prunkvollen +Zurüstungen für die Arbeiten der Phalanx und die Einigkeit +der Sozietäre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue Lage und +die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden Alles +aufbieten, der neuen Stellung würdig zu erscheinen. Unter solchen +Verhältnissen werden Alle bemüht sein, die gerechte +Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung +der sozietären Ordnung abhängt, zu erleichtern. Man frage +wohl, wie könne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der +Phalanx fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung +ermöglichen? aber man werde sehen, daß in den Serien der +Triebe gerade die Liebe zum Gelde der Weg zur Tugend und zur +Gerechtigkeit sei, so sehr die Moralisten die Liebe zum Gelde +verurtheilten.“ + +</P><P> + +Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem +Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Maßstab +des eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, +rein arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu +honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die +Zivilisirten nicht verständen, und so beklagten sie sich +beständig über Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die +Phalanx freilich jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in +vielleicht dreißig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen +Antheil überweisen, so würde dies eine außerordentlich +umständliche und schwer zu lösende Aufgabe sein. Der +Mechanismus der Vertheilung sei nicht auf die Individuen, sondern auf +die Serien berechnet, und diese werden nicht nach ihrer speziellen +Leistung, sondern nach ihrer Bedeutung für die Phalanx in +Betracht gezogen. Die Serien gelten als die einzelnen Assoziés, +und kraft des Rangs, den sie in dem Tableau der Arbeiten einnehmen, +wird die Dividende nach drei Klassen vertheilt: 1. nach der +Nothwendigkeit, 2. der Nützlichkeit und 3. der Annehmlichkeit der +Arbeit. Wird z. B. die Serie des Wiesenbaues als solche von hoher +Wichtigkeit anerkannt, so erhält sie ein Loos erster Ordnung in +der Klasse, in der sie figurirt. Die Erzeugung von +Körnerfrüchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber die +Serien darin bilden selbst wieder fünf Ordnungen, und so ist +wahrscheinlich, daß die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. +auf der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung +kommen. + +</P><P> + +„Die höchste Dividende fällt den unangenehmsten Arbeiten zu +und diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die +Fleischerei in Rücksicht auf die damit verbundenen widerlichen +und übelriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernährung der +Säuglinge und Kinder in den niedersten Lebensaltern wird für +eine schwerere Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. +Mediziner, Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der +ersten Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der +kleinen Horden am höchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach +dem Werth bemessen, sondern nach dem Maß der Anziehung, das sie +ausübt, je höher die Anziehung, also auch die +Annehmlichkeit, je geringer die Belohnung.“ + +</P><P> + +„Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die höhere +Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzüchter oder die der +Blumenzüchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar +hätten diese in der Klasse der Nützlichkeiten, die +Blumenzüchter in der Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. +Aber das ist ein ganz falscher Schluß. Obgleich die Obstbaum- +und Früchtezucht sehr produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie +in die Klasse der Annehmlichkeiten, weil sie außerordentlich +anziehend ist. Die Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der +reizvollsten Erholungen. Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltären +besäet, die von Zierstauden umgeben sind; hier werden die +Ruhepausen abgehalten, hier vereinigen sich die Geschlechter, und so +bietet diese Kultur neben der Geflügelzucht die meiste Anziehung. +Dadurch wird die Obstzucht in die dritte Klasse, in die der +Annehmlichkeiten gereiht, und empfängt die niederste Belohnung. +Was die Blumenzucht betrifft, die im Allgemeinen in der Zivilisation +nicht sehr geschätzt wird und kaum die Kosten deckt, so erwecken +zwar ihre Produkte Liebreiz, aber die Arbeit erfordert große +Pünktlichkeit, erhebliche Kenntnisse und viele Sorgfalt und das +Vergnügen ist von kurzer Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um +die Kinder zu bilden, als um die Frauen für das Erforderniß +der Kultur und das Studium agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, +sehr werthvoll. Auch eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht +immer für die Kinder, wofür hingegen die Pflege der +verschiedenen Blumensorten sehr geeignet ist. Aus diesen Gründen +werden die Serien der Blumenzüchter in die zweite Klasse, die der +Nützlichkeiten, versetzt werden.“ + +</P><P> + +„Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch +wird, daß ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot, +Marmelade u. s. w. für die Ernährung und Verfeinerung der +Lebensweise die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des +Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir für rein +überflüssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung +der ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen, +Müller und Bäcker sind nützlicher, aber das kann nur +von einem Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung +nicht kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper für +die Harmonie sehr werthvoll, weil sie für die Kinder das +mächtigste Hülfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur +Einheitlichkeit der industriellen Thätigkeiten zu erziehen. Von +diesem Standpunkt aus gehört sie in die erste Klasse, die der +Nothwendigkeiten, soweit hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum +Vergnügen dient, rangirt sie in die dritte Klasse, die der +Annehmlichkeiten.“ + +</P><P> + +„Maßstab der Vertheilung für die Arbeit ist also: 1. die +direkte Wirkung, die sie für die Bande der Einheitlichkeit der +Phalanx im Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den +sie hat für die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im +umgekehrten Verhältnisse steht zu der Stärke der Anziehung, +die sie erweckt. Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die +Beschäftigung der kleinen Horden, unter den dritten die Oper +für die Erwachsenen, unter den zweiten unter Anderem die +Beschäftigung in den Minen und Bergwerken zu zählen.“ + +</P><P> + +„In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thätigkeiten, +deren Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst +bestimmen. Die Verständigung ist um so leichter, da jedes +Mitglied in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch +größeren Zahl von Gruppen beschäftigt ist. Die Gunst, +die ein Mitglied einer Serie oder Gruppe in der Zubilligung der +Dividende erwürbe, würde es in den anderen Gruppen und +Serien schädigen; sein eigenes Interesse zwingt es also zur +größten Objektivität; auch ist es interessirt, +daß die Harmonie nicht gestört wird, weil diese +Schädigung des Ganzen unfehlbar den größten Schaden +für es selbst brächte. Von diesen Gesichtspunkten aus +vertheilt sich auch das Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.“ + +</P><P> + +„Alippus ist ein reicher Aktionär, der bis dahin in der +Zivilisation für die Ausleihung seines Kapitals auf Güter +3–4 Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, +12–15 Prozent zu bekommen. Er ist sehr für gerechte +Vertheilung des Ertrages, doch drängt ihn seine Habsucht, als +Kapitalist die Hälfte der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er +muß sich aber sagen, daß dann die beiden anderen +zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent aufwandten, sehr +unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen wenig Jahren die +Phalanx sich auflöse und dies sein größter Schade sei. +Diese Einsicht veranlaßt ihn, sich in seinem eigenen Interesse +mit weniger zu begnügen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem +Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat nach +diesem Maßstab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die +Zivilisation ihm gewährte, er lebt viel billiger in der Phalanx, +als in der Zivilisation, und er sieht außerdem die beiden +anderen Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der +Gesellschaft. Was ihn außerdem bestimmt, sich zufrieden zu +geben, ist, daß er gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl +Serien, in denen er viel Vergnügen genoß, freundschaftliche +und Liebesbeziehungen anknüpfte, seinen Antheil als Thätiger +und, soweit er darin durch Talent sich auszeichnete, auch dafür +seinen Antheil erhält. Seine Habsucht wurde also durch zwei +Gegengewichte in der richtigen Mitte gehalten, er hat die +Ueberzeugung, daß im Interesse Aller er sein eigenes Interesse +wahrt und dafür die Zustimmung der Phalanx findet, und daß +der Fortschritt der industriellen Anziehung für ihn zur Quelle +großen Reichthums wird.“ + +</P><P> + +Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er +wäre also als Zivilisirter sehr dafür, daß die Arbeit +auf Kosten des Kapitals und Talents den Löwenantheil erlangt und +rechnet 7/12 für die Arbeit, 3/12 für das Kapital und 2/12 +für das Talent. Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt +indeß anders. Wohl hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den +Hauptantheil zuzuweisen, aber da er in einer Reihe von Serien und +Gruppen durch Talent der Erste ist, so verkennt er nicht, daß +auch dem Talent sein entsprechender Antheil gebühre. +Außerdem begreift er als einsichtiger Bürger die Bedeutung +des Kapitals, welche Vortheile der Arme aus den Ausgaben der +Kapitalisten zieht, welche Annehmlichkeiten reiche Angehörige +ihren Serien und Gruppen erweisen, endlich, daß seine Kinder +Aussicht haben, mit Legaten bedacht zu werden. Alles das genau +erwogen, findet auch er, daß man ein Einsehen haben und +daß die Arbeit zu Gunsten von Kapital und Talent ein wenig +zurücktreten müsse. Er kämpft also auch gegen die +„unvernünftige Raubsucht“ <TT>(rapacité +déraisonée)</TT>, deren ein Zivilisirter fähig +wäre und findet ebenfalls bei der Repartition von 4/12 für +das Kapital, 5/12 für die Arbeit und 3/12 für das Talent +seine Seele und sein Gewissen befriedigt. + +</P><P> + +Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung +beharren zu müssen, was man bei seinem Bestreben und seinem +festen Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale +Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum +Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame +Erschütterungen begründen zu können, begreifen wird. +Wäre die Fourier'sche Phalanx überhaupt möglich und +keine Utopie, so wäre unfaßbar, warum das Kapital, bei all +den sich ihm eröffnenden glänzenden Aussichten, sich nicht +beeilte, Hals über Kopf diesen neuen Gesellschaftszustand zu +begründen. Fourier glaubt felsenfest an diese Möglichkeit +und die Richtigkeit der von ihm gemachten Aufstellungen; er konstruirt +sich die Prämissen und da müssen die Konklusionen stimmen. +Falsch sind nicht seine Voraussetzungen, sondern falsch ist die +Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit und Verblendung den Weg, +der sich ihrem Glück öffnet, nicht sieht oder +zurückweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, daß der +Arme in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am +Ertrag bereitwillig unterstützen werde, weil ihm mit Hülfe +des Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermögen zu +kommen, sich darböten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht +entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht +habe, selbstständiger Unternehmer zu werden. „Seine Kinder +können durch Kenntnisse, Talent, Schönheit zu hohen +Würden und Stellungen kommen, auch kann er, da er stets mehr +erwirbt als er ausgiebt, Ersparnisse machen, und so selbst +allmälig Aktionär werden.“ Nährt ihm doch die Phalanx +die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab bereits selbst voll +verdienen, was sie brauchen und später mehr verdienen, als sie +nöthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle Werkzeuge und +nicht weniger als drei Paradeuniformen für die Feste und +Aufzüge; auch besucht er weder Kneipen noch Café's, da er +nach fünf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und +Vergnügungen, die ihm die tägliche Beschäftigung +bietet, für solche Orte kein Bedürfniß mehr empfindet; +endlich besteht überall die volle Gleichberechtigung: er nimmt an +allen Berathungen Theil, hat das gleiche Stimmrecht und somit nach +keiner Richtung einen Grund, gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. +In der That, es gehört viel Verbohrtheit dazu, all diesen +Verlockungen zu widerstehen. + +</P><P> + +Fourier kommt natürlich nicht im Traum der Gedanke, daß, +wenn all diese schönen Ausmalungen und scharfsinnigen +mathematischen Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das +ganze System auf falschen Voraussetzungen beruhen müsse, denn +für ihr Interesse sind die Menschen in allen Zeitaltern und bei +allen Völkern sehr empfänglich gewesen und namentlich die +herrschenden Klassen. Aber aller Widerstand und alle Feindseligkeit, +die ihm begegneten, machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und +seiner Berechnungen nicht irre, diese sind für ihn unbestreitbar, +und so ist selbstverständlich, daß der einmal begonnene +Faden sich ruhig bis zu Ende spinnt, und ein Gebäude entsteht, in +dem jeder Stein genau auf den anderen paßt, bei dem Alles auf's +Genaueste und Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber +die Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntniß der +eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die +Gesellschaft einst zu einem ähnlichen Zustande, wie ihn Fourier +als scharfsichtiger Seher voraussetzt, führen werden, aber auf +anderem Wege und durch andere Mittel und — wann die Entwicklung +reif ist, — die Erkenntniß ihrer Entwicklungsgesetze blieb +ihm und seinem Zeitalter fremd. + +</P><P> + +Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau so +schließen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft +wünscht, so natürlich auch das Talent. Philint ist Mitglied +von 36 Serien. In zwölf zeichnet er sich als alter erfahrener +Serist durch große Geschicklichkeit und durch Talent aus, in +zwölf anderen ist er nur mittelmäßiger Arbeiter und in +den zwölf letzten Neuling. Nachdem beim Jahresschluß die +Inventur gemacht wurde und die Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung +berufen werden, könnte er in Anbetracht der Talente, die er in +zwölf Serien entwickelte, sehr geneigt sein, den Antheil des +Talents besonders zu begünstigen. Aber als überlegender Mann +muß er sich sagen, daß damit weder sein Interesse noch das +der Phalanx gewahrt würde. Einmal stehen nicht nur den 12 Serien, +in denen er sich auszeichnet, 24 gegenüber, in denen er nur +mittelmäßiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet sich +auch, daß von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur +vier in die erste, also höchst belohnte Klasse, die der +Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten +vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich für ihn von +selbst, daß er den einseitigen Maßstab der Bevorzugung des +Talents nicht zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand +tritt bei all diesen Erwägungen über die Vertheilungen +hinzu. Da die Interessen aller Mitglieder in den dutzenden von Serien +und hunderten von Gruppen persönlich voneinander differiren, in +einer Serie oder Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder +in allen anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen +auseinandergehen, ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien +oder Gruppen unmöglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden +und sich kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und +keine Verbindung gleicher Interessen möglich ist, muß +schließlich das Allgemeininteresse, das damit das Interesse +Aller wird, siegen. + +</P><P> + +Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die +Richtigkeit der Vordersätze, von denen Fourier ausgeht, +zugegeben, hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, daß +sowohl in den Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die +distributive Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. „Das Regime der +Serien der Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche +Laster, den <i>Durst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit +umwandelt.</i>“ Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der +Zivilisation, wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute +als am lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der +sozietären Ordnung nützlich und gut, wie es die von Gott +gewollte Bestimmung ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird +nach der von Schelling ausgesprochenen Idee „in jedem Sinn der Spiegel +der universellen Analogie“. Schließlich hat Fourier nichts +dagegen einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, +daß die Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 +erhält. Das ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: „Es +müsse die individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse +jeder Serie und der gesammten Phalanx und die kollektiven +Ansprüche jeder Serie durch das individuelle Interesse eines +jeden Seristen, als Angehöriger einer Menge anderer Serien, +absorbirt werden.“ Und dieses Gesetz wird erreicht „durch das direkte +Verhältniß der Zahl der frequentirten Serien im umgekehrten +Verhältniß zu der Dauer der Arbeit in den einzelnen +Serien“. Mit anderen Worten: Je mehr Serien der Einzelne angehört +und je kürzer in Folge dessen die einzelnen Arbeitssitzungen +werden, um so leichter wird die ausgleichende Gerechtigkeit in der +Vertheilung des Arbeitsertrags sich herstellen. Mit der Zahl der +differirenden Interessen des Einzelnen wächst die +Möglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die Einheitlichkeit +des Ganzen. + +</P><P> + +Die Habsucht wirkt also schließlich ausgleichend in der +Harmonie, aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung +gegenüber, die Edelmüthigkeit. Erstere wirkt direkt, +letztere indirekt. Zum Beispiel: „Es handelt sich um die Vertheilung +eines Ertrags von 216 Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei +sich zufällig herausstellt, daß die Reichsten und +Wohlhabendsten unter den neun Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das +Meiste erhalten. Darauf erklären die beiden Ersten, daß sie +in Anbetracht ihres Kapitaleinkommens und des Vergnügens, das +ihnen die Arbeit gebracht, sich mit dem Minimum begnügen — +auf das Ganze dürfen sie nicht verzichten — was vier +Franken beträgt. In Folge dessen bleiben 52 Franken an die +Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem Beispiel der beiden Ersten +folgen zwei Andere, nur daß diese entsprechend ihrem geringeren +Vermögen von dem ihnen zufallenden Antheil nur auf die +Hälfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu vertheilen +übrig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt unter die +fünf armen Sozietäre vertheilt, daß sie je 24, 18, 12, +9 und 9 Franken erhalten, und zwar erhält davon eine schöne +Vestalin, nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den +Gebern wie bei den übrigen Mitgliedern in Gunst steht, den +höchsten Satz. Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, +denn sie schädigt Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der +Harmonie eine Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine +große Zahl von Würden und Szeptern, bis zu dem des +Omniarchen des Erdballs, als Gunstbezeugungen vergeben, weil alle +diese Würden durch Wahl erfolgen. + +</P><P> + +Wenn nun hieraus sich ergiebt, daß die reichsten Sozietäre +nur den möglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen — die +Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels allgemeine +Regel werden — und den größten Theil ihres Einkommens +nur nach Maßgabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt +daraus, daß ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten +Verhältniß zu der Entfernung <TT>(distance)</TT> der +Kapitalien von einander steht, denn für Arbeit und Talent +tendiren sie nur den kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen +steht ihr Antheil am allgemeinen Benifizium bezüglich des +Kapitalantheils im direkten Verhältniß der Masse der +Kapitalien. Es kommen also hier genau wie in der physischen Welt zwei +entgegenwirkende Kräfte in Betracht, die zentripetale, welche +hier die Habsucht ist, und die zentrifugale, die Edelmüthigkeit. + +</P><P> + +Der Leser wird bereits erkannt haben, daß Fourier hier das von +Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkörper, wonach +diese wirkt im graden Verhältniß zu ihrer Masse und im +umgekehrten Verhältniß zum Quadrat ihrer Entfernung, auf +den Vertheilungsmodus seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle +Beziehungen der Menschen unter sich und zum Weltall sind ja nach +Fourier durch mathematische Verhältnißzahlen zum Ausdruck +zu bringen und nach Analogien geordnet, also muß auch die +Phalanx, welche im Kleinen das Spiegelbild der Einheitlichkeit der +Welt darstellt, diese mathematischen Verhältnisse zum Ausdruck +bringen. Freilich ist dieser Versuch im vorliegenden Fall ein +verunglückter, denn unter dem Ausdruck Entfernung kann doch +nichts Anderes als die Größe der Kapitalien verstanden +werden, und ihre Größe deckt sich wieder mit ihrer Masse, +mit dem Quadrat der Entfernung haperts überhaupt; und was ist der +Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im bürgerlichen +Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das Kapital selbst, +in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch vergessen wir nicht, +daß es sich hier um ein geistreiches, mit großem +Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt. + +</P><P> + +Fourier ist nun weiter der Ansicht, daß in seiner Phalanx die +Generosität, welche die reichen Leute üben, wenigstens 7/8 +des Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hälfte +derselben umfassen werde, diese also den ärmeren Sozietären +zu Gute kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil +man sich in der Zivilisation ein solches Maß von Großmuth +gar nicht vorstellen könne. Mit den bereits hervorgehobenen +Triebfedern für eine solche Handlungsweise verbinden sich +allerdings noch andere, wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen +resultiren. Doch bei den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, +was das Kapitel der freien Liebe betreffe, sei er genöthigt, +grade dieses für die Harmonie so werthvolle und +äußerst interessante Gebiet nicht weiter zu berühren; +so viel aber sei sicher, daß die freie Liebe und die freie +Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschließen +werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit +die glänzendsten Aussichten eröffneten. + +</P><P> + +Was schließlich den Loosantheil betreffe, der dem Talent +zufalle, so gewähre dies besonders den unbemittelten Alten in der +Phalanx, die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten +Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten, Aussicht +auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des Talents, die in der +Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was dem Kapital und dem, was +der Arbeit zufalle, herbeiführen solle, nur eine Art +Fußschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des Aermeren, dessen +Kenntnisse er für sich ausbeute, in die Höhe steige; der +gesellschaftlich Begünstigte schmückte sich mit den Federn +des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien es ferner, +die hauptsächlich die Grenzen zwischen den Armen und Reichen +verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie mitleidig +lächeln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die ihn +umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung ergeben, +der Monarch genieße ohne alle Kosten eine Zuneigung, die er sich +in der Zivilisation nie zu erwerben vermöge, wo er seine +Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Söldlingen zu +glauben finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.<a href="#Footnote_20" +name="FNanchor_20" id="FNanchor_20"><sup>20</sup></a> + +</P><P> + +Die große Ungleichheit der Vermögen werde es gerade sein, +die in der sozietären Gesellschaft die Harmonie gebäre; nur +ein Schatten von Gleichheit hierin würde sie zerstören. Kein +mittelreicher Mann werde deshalb den Anstoß geben, mehr zu +überlassen, als was das Minimum überschreite. Es +genüge, um einen solchen Akt des Wohlwollens begehen zu +können, den Sozietären das beträchtliche Einkommen, das +ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien einbringe. So werde, +den moralischen Diatriben gegen die großen Vermögen zum +Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermögens die +größte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, +in Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Großmuth, +am besten erreichen. „Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in +das Geheimniß der Harmonie der Vertheilung, die für alle +anderen Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen.“ Und da griffen +die Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die +doch im Gegentheil gar nichts Willkürliches habe, sondern auf +unerschütterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man +preise Newton als das größte moderne Genie, weil er die +Berechnung der Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber +nur auf einen Zweig beschränkte; warum unterdrücke man da +ihn, den Mann, der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom +materiellen auf das passionelle Gebiet, ein Zweig, der für die +Menschheit sehr viel nützlicher sei, als den, welchen Newton +behandelte, übertragen habe. Es sei nichts, als die Furcht, +daß diese von ihm begründete neue Wissenschaft das +Handelsgeschäft mit den philosophischen Systemen und Büchern +schädige. + +</P><P> + +Neben den bisher angeführten Faktoren, die nach Fourier +eingreifen, um das Leben in der Phalanx zu einem möglichst +angenehmen zu gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige +Uebereinstimmung und die Versöhnung der Klassen und +Standesunterschiede herbeiführen, so die Beziehungen, welche die +Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen +Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar auch +ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen, aber bei +dem Mangel der Serien der Triebe könnten sie zu keinem System +werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der Harmonie +entstehen, ist schon ausgeführt worden. Die Beziehungen, welche +die freie Liebe hervorruft, müßten in Rücksicht auf +die ebenfalls schon erwähnten Vorurtheile der Zivilisirten +unerörtert bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der +Vaterschaft sich ergebenden Verhältnisse näher zu +betrachten. + +</P><P> + +„In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen und +Standesabstufungen überall nur Haß und Feindseligkeit oder +Geringschätzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel +überhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das +Volk mit mehr oder weniger großer Feindseligkeit oder +Geringschätzung herab, und diese Gefühle werden von unten +nach oben erwidert. Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es +wieder verschiedene Abstufungen, zwischen denen ähnliche +Gefühle herrschen. Kurz, mit der süßen +Brüderlichkeit, welche die Moral und die Philosophie predigen, +sieht es in der Wirklichkeit recht windig aus. Da verachtet der +große Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den Nichtgelehrten, der +Bürger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das Merkenlassen dieser +Gefühle den Interessen schadet, versteckt man sie, und das nennt +man dann Gewandtheit oder Klugheit <TT>(savoir faire)</TT>. Wo in der +Zivilisation sich der Höhere dem Niederen scheinbar +freundschaftlich nähert, sind in der Regel Hintergedanken im +Spiel und sie führen zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der +Große einer Frau aus dem Volke sich nähert, die Folge ist +gewöhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden, +führen sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen +Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen, +Parteistreitigkeiten, Bündnisse zur Unterdrückung. Und +gleichwohl ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, +alle widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er +habe in Moskau eine Medaille prägen lassen, welche die Inschrift +enthielt: „Der Himmel für Gott, die Erde für Napoleon.“ Das +ist damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat +er damit eine sehr vernünftige Absicht, die Gründung einer +Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt und +es ist nur zu bedauern, daß Napoleon ihn nicht verwirklichen +konnte, er würde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich +Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche +Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Maß und Gewicht zu +schaffen, gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr, +Wissenschaft und Kunst zu begründen und zu vollbringen, einen +Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schädliche und +Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das höchste +Wohlsein durch die Gründung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden +herbeizuführen und damit auch die Aenderung und Verbesserung der +Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietären +Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die +Territorialmonarchien über den ganzen Erdboden begründet +werden.“ + +</P><P> + +Künftig könnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf +richten, Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der +Territorialmonarchien zu werden, und für einen politischen +Eunuchen gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnüge. Diese +Ansicht scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei +leichter in der sozietären Ordnung, „als Cäsar und Pompejus +zu versöhnen“. Cäsar und Pompejus könnten an demselben +Ort in ganz verschiedenen Würden nebeneinander regieren. Giebt es +doch nicht weniger als sechszehn verschiedene Szepter und eine +große Auswahl von Würden und Titeln. Da giebt es +Würden und Titel für die Erblichkeit, die Adoption, den +Favoritismus, das Vestalat u. s. w. Alle diese Szepter, Würden, +Titel, Grade, eröffnen sich Jedem. „Kennt der Monarch in der +Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er auch das +Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns beraubt ist +und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch kann der +Souverän wie die Souveränin, um der Erblichkeit zu +genügen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger wählen; ferner +jeder Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte +Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt +überträgt. Die Harmonisten können alle neu +gegründeten Throne durch Wahl aus ihrer Mitte besetzen, dagegen +können die erblichen Throninhaber und Throninhaberinnen ihre +vollen oder Theilnachfolger, wie ihre eigenen Gatten und Gattinnen +nach Wahl sich aussuchen. Welche Aussichten eröffnen sich da +für Väter und Mütter, für junge Männer und +junge Mädchen! Und welcher Ausblick für schöne, +liebenswürdige Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, +in unserer Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in +Anwendung bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent, +Schönheit, Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, alles ist +ihnen erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mächtige Mittel, +das Volk an die Großen zum Anschluß zu bringen und alle +Quellen des Hasses, der Feindseligkeit, der Mißgunst zu +verstopfen. + +</P><P> + +„Zu diesen Anziehungs- und Aussöhnungsmitteln zwischen Hoch und +Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft, ein +Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich +empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen. Man +vergesse nicht, daß in Folge der vernünftigen und +naturgemäßen Lebensweise der Harmonisten auch die +Langlebigkeit in der Phalanx herrscht; unter je zwölf Personen +giebt es <TT>mindestens</TT> eine, welche ein Alter von 150 Jahren +erreicht. Nehmen wir des Beispiels halber Einen dieser Aeltesten. +Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der 150 Jahre zählt, sieht auf +sieben Generationen herab. Er hat 120 direkte Nachkommen, welche er in +seinem Testament zu bedenken gewillt ist. Die nächsten +Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter, welche schon reich sind, +bedenkt er nur mit einem kleinen Theil seines Vermögens, die +nächstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er giebt aber auch der +sechsten und siebenten Generation erhebliche Antheile, damit sie nicht +in Versuchung kommen, den Tod älterer Verwandten zu +wünschen. Er verbraucht für diese Vermächtnisse die +Hälfte seines Vermögens. Die anderen beiden Viertel legirt +er dergestalt, daß ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das +andere Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fällt, +darunter seine Frauen, die selbst reich sind und keiner +größeren Erbschaften bedürfen. Diese einzige Erbschaft +umfaßt also direkt und indirekt einen großen Theil der +Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und Männer in der +gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in ähnlicher Weise +testiren und es geht schließlich Niemand leer aus.“ + +</P><P> + +„Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine Familie +von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz. +Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen Ithuriel +als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation auf ihn +spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx ist er +vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein +Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich +nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu +begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der +Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und +Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu kommen. +Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein +Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen, wie +dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des +Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf ein +Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der +Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das +Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen +zu erregen?“ + +</P><P> + +„In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, +wie kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß +hervorgerufen werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser +erhält, sie veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens +zu wünschen, dessen Ende heute in den meisten Fällen +ungeduldig erwartet wird.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit +den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die +Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, +so auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen +in's kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die +ganze Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für +alle weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für +die Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner +Prüfung unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie +in allen übrigen Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen +Weg. Seine Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines +ersten schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus +über die Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro +und kontra in den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. +Malthus stellte, sich anlehnend an ältere Schriftsteller, +bekanntlich die Theorie auf, daß die Menschheit die Tendenz +habe, sich in geometrischer Progression, also in dem +Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u. s. w. zu vermehren, +dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich in +arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u. s. w. Aus +diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in +kurzer Zeit — Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren +voraus, die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl +herbeizuführen — die Erde so übervölkert sei, +daß die Menschen an Nahrungsmangel zu Grunde gehen +müßten. Malthus betrachtete es als „göttliche +Bestimmung“, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz +fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche +Lauf der Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden +geschaffen. Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das +Gewissen erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, +als bei dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die +Erfahrung die Theorie nicht rechtfertige, weder habe die +Bevölkerungszahl in dem angegebenen Maßstab bisher sich +vermehrt, noch sei nachzuweisen, daß die Vermehrung der +Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich bewege. Trete +überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es in +einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so +fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. +U. s. w. + +</P><P> + +Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst +wirft er den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre +Inkonsequenzen und Unbesonnenheiten überhaupt +übersähen, das Verhältniß der Bevölkerung +als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven Kräfte +näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er huldigt +also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen steigendes +Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander. „Vergebens +werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine vier- selbst +hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn die Menschen +verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen Zustand zu +vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die +Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt +aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der +verschiedenen Klassen zu ermöglichen.“ + +</P><P> + +Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der +Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine +der Klippen der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so +viel unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung +fähig waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein +anderes Mittel als Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der +überschüssigen Sklaven gehabt. + +</P><P> + +„Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus. Die +römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier +Männer, aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, +vergnügten sich, ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen +zu sehen ... Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus +über die Frage ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man +auf einer Insel die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die +Bevölkerung von 1000 auf 10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, +während die Insel gut kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. +Darauf hat man geantwortet: man müsse alsdann den +Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter kolonisiren. +Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der ganze Globus so +bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts +mehr zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin +stimmen auch die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht +übervölkert sei und es noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe +dieser Zeitpunkt komme. Das ist ein Irrthum, denn schon nach 150 +Jahren ist die Erde übervölkert. Auf alle Fälle ist +nach 150 oder 300 Jahren die Frage brennend und nicht gelöst, +wenn man bei den jetzigen Anschauungen und Mitteln bleibt. Nun, die +sozietäre Ordnung hat sehr wirksame Mittel, die +Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten Stande zu +erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die +auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit +Phalanxen bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen +Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei +Milliarden.“ + +</P><P> + +„Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung +der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die +größere Kraft und Körperentwicklung der Frauen; 2. die +üppige Lebensweise; 3. die phanegoramischen Sitten; 4. die +gleichmäßige körperliche Uebung aller Kräfte. Was +die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen wir bei den +starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die +überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die +zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man +antwortet, daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch +fruchtbar seien. Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, +daß alle vier Mittel kombinirt angewendet und miteinander +verkettet werden müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, +weil sie mäßig leben und eine grobe, hauptsächlich +vegetabilische Nahrung zu sich nehmen. Die Städterinnen leben +üppiger und raffinirter und daher kommt ihre größere +Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der Harmonie die +körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger +Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der +Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.“ + +</P><P> + +Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt +Fourier aus naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte +Mittel, die gleichmäßige körperliche Uebung, werde +durch den häufigen Wechsel der Beschäftigungen und die +kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße bewirkt. Man habe nie +beobachtet, wie auf Pubertät und Fruchtbarkeit körperliche +Uebungen einwirkten. Dies sei frappant. Daher erlangten unsere +Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als die +Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die +Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen +gleichfalls unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen +gleichmäßig und würden sie abwechselnd und +proportionell auf alle Theile des Körpers angewandt, so sei kein +Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich später +entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung vorzugsweise +auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die körperliche +Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt übten den +Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre +geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und +frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife +erzeugten. + +</P><P> + +In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten +würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre +Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden +körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange +Zeit die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den +Augenblick verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der +Ueberschuß der Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem +von der Natur gewollten Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden +die gleichmäßig gehandhabten gymnastischen Uebungen bei den +Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und zwar in solchem Maße, +daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche, +sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und +größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand +vorbereiten müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in +der Lebensweise der heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, +welche den Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, +es fehle das Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und +Uebungen. + +</P><P> + +Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung miteinander +an, so würden die Chancen der Fruchtbarkeit im Gegensatz zu heute +sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses eher ein Defizit in +der Bevölkerungsentwicklung zu fürchten, man werde mithin +die Mittel anwenden, wie die Umstände sie erforderten. Man sei +also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen der Menge +der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizuführen. Der +vernünftige Mann habe nur so viel Kinder, daß er ihnen das +nöthige Vermögen sichern könne, ohne welches es kein +Glück gebe, nur der unvernünftige setze die Kinder zu +Dutzenden in die Welt, sich entschuldigend wie jener Schah von +Persien: „Gott schickt sie und es kann nie zu viel rechtschaffene +Menschen geben.“ Der soziale Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, +wenn er ameisenartig Kinder zeuge, die schließlich in Folge +ihrer Ueberzahl genöthigt seien, sich gegenseitig aufzuzehren. +Wenn sie dies nicht buchstäblich wie die Insekten, Fische, wilden +Thiere machten, so zehrten sie sich politisch auf, durch +Räubereien, Kriege und Perfidien aller Art in der besten der +Welten. Unter der Zivilisation werde ein Land, wie bevölkert es +auch sei, nie dazu gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich +an Frankreich, dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, +das zwar nicht das bevölkertste Land, dessen Bevölkerung +aber die ärmste und verkommenste in Europa sei, trotzdem +fruchtbares Land in Hülle und Fülle vorhanden sei. + +</P><P> + +So zeige sich überall, daß das Gleichgewicht auf +umfassender Entwicklung und nicht auf Erstickung begründet sein +müsse, daß alle Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach +Befriedigung des Ehrgeizes, Herrschaftsgelüste, Habsucht, Gier +nach Erbschaft, Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedürfnisse +und was sonst noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, +welche die Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu +können, in der Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des +allgemeinen Glückes würden. Das genüge wohl, um die +sogenannten starken Geister, die stets behaupteten, daß die +Bewegung und die Triebe nur Wirkungen des Zufalls seien, die man +beliebig modeln und unterdrücken könne, und die den Glauben +erweckten, als bedürfe Gott der Unterweisungen eines Plato und +Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen und die Triebe in +Harmonie zu leiten habe, zu verwirren. + +</P><P> + +Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das +Bevölkerungsgesetz eine großartige und fruchtbare +Auffassung zu Grunde. Er erklärt mit vollem Recht, daß die +Zivilisation, in unserer Sprache ausgedrückt die bürgerliche +Gesellschaft, wie sie überhaupt unfähig ist, die sozialen +Gegensätze aufzuheben, auch unfähig ist, die +Bevölkerungsfrage zu lösen. Das zeigt sich nicht nur an dem +auch von Fourier angeführten klassischen Beispiel, an Irland, +dessen Bevölkerung in demselben Maße ärmer wird, als +sie an Zahl im Lande abnimmt, während die Zahl der unter den +Pflug genommenen Acker Landes und die Häupterzahl der Viehherden +wächst; wir sehen ganz Aehnliches gegenwärtig auch in Ungarn +und in Rußland sich vollziehen, wo die bürgerliche +Raubwirthschaft an Grund und Boden die Massenverarmung, die steigende +Verschuldung und die Verminderung der ackerbautreibenden +Bevölkerung, verbunden mit Massenbankerotten im Gefolge hat. Und +geht die Entwicklung in der gegenwärtigen Richtung noch einige +Jahrzehnte weiter, so werden die Vereinigten Staaten, Ostindien und +Neuholland dasselbe Bild uns bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und +Boden begünstigt die treibhausmäßige Entwicklung der +Industrie und des Verkehrs, und so erzeugt, wie Fourier vollkommen +richtig und seiner Zeit weit vorauseilend ausführte, <i>„die +Zivilisation die Armuth aus dem Ueberfluß,“</i> und macht „jedes +Uebel und jedes Laster, das die Barbarei nur auf einfache Weise +ausübt, zu einem doppelseitigen,“ sie geht an ihrem <TT>cercle +vicieux</TT>, an ihren inneren Widersprüchen zu Grunde. Was +Fourier vorausahnend in Bezug auf das Bevölkerungsgesetz zu +begründen versuchte, hat Karl Marx positiv in den Satz formulirt: +daß jede ökonomische Entwicklungsperiode auch ihr +besonderes, ihr eigenthümliches Bevölkerungsgesetz hat. + +</P><P> + +In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in +ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaßen verfolgte +— Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder +antiker, feudaler, bürgerlicher Staat — bestreiten +können, daß die jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, +der materiellen Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder +Periode entsprechende Bevölkerungszustände schaffte. So wird +auch eine sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus +veränderter materieller Lage für die Gesammtheit und mit +ihren Veränderungen in den Beziehungen der Geschlechter ein von +der bürgerlichen Gesellschaft abweichendes Bevölkerungsgesetz +für ihre Entwicklung haben. Der Unterschied wird hauptsächlich +sein, daß, während bisher alle Gesellschaftsordnungen sich +ihre Lebensbedingungen schufen, ihrer eignen treibenden Gesetze +unbewußt, aber auch die Bedingungen ihres Untergangs +unbewußt erzeugten, eine sozialistische Gesellschaft sowohl ihr +Entwicklungsgesetz wie ihr Bevölkerungsgesetz erkennt und beide +bewußt anwenden wird; sie wird sich über ihre eigene +Zukunft ebensowenig wie über den einstmaligen Untergang des +Menschengeschlechts täuschen. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt, Alles +verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schöpfer dieser +Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der +Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten +Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glück, das seine +Bestimmung ist, erreichen, muß er Gott als den obersten Leiter +der Welt anerkennen. Diese Erkenntniß hat man aber von Alters +her zu verhindern gesucht. Man hatte sich gewöhnt, die Welt mit +35.000 Göttern zu bevölkern, statt den einen Gott +anzuerkennen. Das war eine himmlische Maskerade, unter welcher es +schwierig war, die wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst +Sokrates und Cicero beschränkten sich darauf, sich in ihrem +Jahrhundert von diesen Göttersottisen zu isoliren und den +„unbekannten Gott“ zu verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen +anzustellen, die dem Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein +Opfer seiner Bekenntnisse. + +</P><P> + +Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder +zurückgeführt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien +jene Superstitionen zerstört. Die menschliche Vernunft müsse +anerkennen, daß alle Erleuchtung von Gott komme, sie müsse +sich seinem Geist unterwerfen, und also bleibe nur übrig zu +bestimmen, welch wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, +Ansichten und Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls +habe. + +</P><P> + +Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: „Wer hat Gott geschaffen?“, +Antwort: „der Mensch“, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der sich +seinen Gott konstruirt, wie er ihn für sein soziales System +braucht. + +</P><P> + +Dieser sein Gott hat fünf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu +der ihm zugedachten Stelle befähigen. Er ist alleiniger und +vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier, +wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des Universums, +der Schöpfer und Vertheiler von und für Alles ist, so hat er +auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders die +<i>wichtigsten,</i> die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale +Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale +Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die +Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d. h. also die menschliche +Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute, +daß sie Gott von der Prärogative der Gesetzgebung in Sachen +der sozialen Ordnung ausschließe und sich an seine Stelle setze. +Wem leuchte nicht diese Anmaßung ein? Eine zweite +Haupteigenschaft Gottes sei, oberster Oekonom aller Hülfsmittel +zu sein. Diese Stellung erfordere, daß er die größten +sozietären Vereinigungen den kleinsten, wie der Familie und der +isolirten Privatwirthschaft vorziehe, daß er ferner als Motor +die Anziehung der Triebe anwende, welche zwölf große +Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der Einschränkung und des +Zwangs, wie es die Zivilisation besitze, ermögliche. Diese +zwölf Ersparungen zählt er auf. Die dritte Haupteigenschaft +Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon sehe man nicht +einmal einen Schatten in der Zivilisation, <i>wo das Elend der +Völker in demselben Maße wachse, wie die Industrie +zunehme.</i> Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation +solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein. +Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist führe +dahin, die heiße Zone mit ihren den Heimathländern +entrissenen schwarzen Sklaven, die gemäßigte Zone mit +weißen Sklaven zu bedecken, die man in die industriellen Bagnos +(die Fabriken) zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit +vorhanden, wenn trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht +einmal die Möglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo +diese Zustände hintrieben, sehe man an England. Die distributive +Gerechtigkeit, die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie. + +</P><P> + +Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der +Vorsehung. Sie müsse sich auf alle Völker, Wilde wie +Zivilisirte, ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung +von Wilden und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, +daß diese Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher +ein System wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. +Jede Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der +menschlichen Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das +heutige System direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrückt +würde, sei der Stütze der Vorsehung beraubt, die auf der +Erde durch die Anziehung der Triebe in den industriellen Anwendungen +allein zur Geltung komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, +sei den Ansichten Gottes entgegen, es müsse also eine soziale +Ordnung hergestellt werden, vor der alle Völker und alle Klassen +sich neigten, wenn die Vorsehung universell sein solle. Endlich, die +fünfte Haupteigenschaft Gottes sei, als Schöpfer des +Weltalls auch die Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die +Anwendung der Anziehung als Triebfeder für alle sozialen +Harmonien und alle Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den +Insekten. Es sei also das Studium der Anziehung, in dem man das +göttliche, das ganze All beherrschende Gesetz zu suchen habe. +Weder Voltaire noch Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale +Gesetz zu entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen +Redensarten) sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen +Obskurantismus die Wege gebahnt, Beide hätten das Ziel verfehlt. + +</P><P> + +Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der französischen +Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche wie +kein Zweiter untergrub und erschütterte, und Rousseau, der das +sozial-philosophische Lehrgebäude errichtete, dessen Theorien das +französische Bürgerthum in der großen Revolution in +die Praxis umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, +als dies die Praxis des Lebens, d. h. die materiellen Interessen der +nunmehr in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse +zuließen. In der Selbsttäuschung befangen, nagelte man als +Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an, +jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und +deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kämpfe +in der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die +Schreckensherrschaft der „Tugendhaftesten“, der blindesten Verehrer +Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen +gebaren und schließlich mit der Diktatur eines Napoleon +Bonaparte endeten und enden mußten. Diesen Widerspruch zwischen +den Theorien und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch +Einer, St. Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein +ätzender Spott gegen die Philosophen, die Moralisten, die +Metaphysiker, die Politiker und Oekonomen, die geistigen Träger +und Lobredner, die Ideologen des bürgerlichen Systems. + +</P><P> + +Wie nun Fourier das Bedürfniß empfand, sein soziales System +als mit den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich +selbst als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung +anzusehen, so versuchte er auch den Nachweis, daß seine Theorien +mit der Lehre Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang +ständen. Nach der Revolution war man in Frankreich wieder sehr +fromm geworden, Napoleon hatte sich schließlich mit dem +Papstthum ausgesöhnt und es als Vorspann für seine +Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der Weizen der Kirche +blühte erst recht, als nach dem Sturze Bonaparte's die +Restauration, gestützt auf die Bajonette der heiligen Allianz, in +Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also die Berufung auf die +Aussprüche Christi unter keinen Umständen schaden, +namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die +Unterstützung für sein soziales System zu nehmen, wo man sie +fand, und die er, wenn überhaupt, nur in den Kreisen der +Großen und Reichen finden konnte. Er war daher sehr +ärgerlich und sogar überrascht — letzteres ein Beweis +dafür, daß Ueberzeugung und nicht blos Berechnung im Spiele +war — als er erfuhr, daß der Papst seine Werke gleich +denen von Owen und Lamartine auf den Index gesetzt habe. Er, der +scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen, daß der Gott, dem er +huldigte, der Schützer und Begünstiger aller sinnlichen +Triebe, dessen Kredo lautete: „Mensch genieße, und je mehr du +genießest, um so besser entsprichst du dir selbst als Mensch, +deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem Schöpfer,“ wir +sagen, er konnte nicht fassen, daß dieser Gott ein ganz anderer +Gott war, als jener der christlichen Askese, der die Verachtung des +Reichthums, der irdischen Güter, der fleischlichen Genüsse +und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte. Fourier legte +ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen Schriften +nachdrücklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der +Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit +Christus übereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprüche +Jesu im Neuen Testamente stützt, bricht um so heftiger sein Zorn +gegen die Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen, +egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekämpfen, +daß er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine +wissenschaftlichen Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht +habe, die bestimmt sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das +Aussehen des Erdballs zu verändern. + +</P><P> + +Wie er die Aussprüche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu +Angriffen auf seine ihm verhaßtesten Gegner zu verwenden sucht, +dafür mögen die folgenden Beispiele zeugen: + +</P><P> + +„'Glücklich die Armen am Geist, denn das himmlische +Königreich ist ihnen.' Kein Gleichniß ist bekannter, keins +weniger begriffen. Wer sind die Armen am Geiste, die Christus hier +rühmt? Es sind Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der +zweifelhaften Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist für +das Genie die Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, +der zu allen nützlichen Studien führt, aus denen die +sozietäre Harmonie, das himmlische Königreich und die +Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor +dem Mißbrauch unseres Geistes, vor dem Labyrinth dieser durch +ihre eigenen Autoren verurtheilten Philosophie, die wie Voltaire zu +ihrer eigenen Schmach sagen: Oh! welch dicke Finsterniß bedeckt +noch die Natur! muß man uns schützen. Die wahre Erleuchtung +bringt Jesus. Die Entdeckung des sozietären Mechanismus und des +Studiums der Anziehung ist den geraden Geistern vorbehalten, welche +die Sophismen verabscheuen. Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich +preise Dich Vater und Herr des Himmels und der Erde, daß Du +solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den +Unmündigen geoffenbaret.' Die Erkenntniß ist also den +einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen können sie nicht +entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste spricht, will er der +Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Spötter ihm unterschieben, +er bezeugt damit nur seine Verachtung für die hartnäckig +gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.“ + +</P><P> + +„Die soziale Welt kann das Geheimniß der Bestimmungen nur +erfassen, wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die +Erkenntniß wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. +Das sagt Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so +werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. +XII): 'Glaubt ihr, daß Gott für euch weniger als für +die Vögel unter dem Himmel sorgt?' Was würde das Suchen +nützen, wenn man keinen anderen Ausgang fände, als die +Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der immer dieselben +Geißeln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt? Zweifellos +bleibt also eine glücklichere Gesellschaft zu entdecken +übrig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber +warum hat er nicht selbst uns über diese aufgeklärt? Kannte +er nach seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze +der Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine +Hände gegeben', konnte er uns da nicht über unsere +sozietäre Bestimmung belehren, anstatt uns zu veranlassen, die +Entdeckung zu machen, die dann durch unser blindes Vertrauen in die +Philosophen so viele Jahrhunderte verzögert wurde?“ Fourier, der +diese Fragen stellt, ist natürlich um die Antwort nicht verlegen, +er antwortet: „Da Jesus von seinem Vater mit der religiösen +Offenbarung beauftragt war, konnte er nicht noch mit der sozialen +belastet werden, sie war vielmehr ausdrücklich ausgenommen, wie +er selbst in den Worten ausspricht: 'Gebt Cäsar, was des +Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.' Er trennte also die +Funktionen streng, je nachdem sie der Autorität oder der sozialen +Politik zufielen. Er that also nicht, was nicht seine Aufgabe war, +aber er kannte die glückliche Bestimmung des Menschengeschlechts, +denn er sagt: 'Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, +daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn +selig werde.' Seine Mission beschränkte sich auf das Wohl der +Seelen und das ist der edelste Theil unserer Bestimmung, dagegen +bleibt der untergeordnete Theil, der über das politische Wohl der +Gesellschaften, der menschlichen Vernunft vorbehalten, und demzufolge +auch die Untersuchung des sozialen Mechanismus nach den Wünschen +Gottes; ein Weg, welcher durch die Berechnung der Anziehung entdeckt +wurde.“ + +</P><P> + +„Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glückliche +Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er uns +im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die +Körper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im +Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie darin; +es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen: 'Denn von nun +an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei und +zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der Sohn wider +den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die Tochter wider die +Mutter etc.' Genöthigt, auch den Ausgang aus dieser sozialen +Hölle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein Feuer auf Erden +anzuzünden; was wollte ich lieber, denn es brennte schon.' (St. +Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, daß es schon brenne, ist weit +entfernt, ein übelwollender zu sein, es spricht vielmehr aus ihm +die edle Ungeduld, das Maß der Irrthümer der Philosophie +gefüllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu +heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das wir +in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem +politischen Labyrinth, in das sie uns geführt, zu suchen. Darum +erhebt er auch mit Wärme gegen die Sophisten, die uns vom rechten +Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend sagt: +'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, +daß ihr seid, wie die verdeckten Todtengräber, darüber +die Leute laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, +die ihr die Menschen mit unerträglichen Lasten beladet und +rühret sie nicht mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den +Schlüssel der Erkenntniß weggenommen habt; ihr kommt nicht +hinein, und wehret denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die +Philosophen wehren uns den Eintritt, indem sie sich bemühen, mit +metaphysischen Subtilitäten das Studium des Menschen zu +verbarrikadiren, das einfachste Studium von allen, das nichts als eine +von Vorurtheilen freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung +wie die Kinder. Darum sagt auch Jesu: 'Laßt die Kindlein zu mir +kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: +'Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird +nicht hineinkommen.'“ + +</P><P> + +Das größte Hinderniß, daß die Philosophen nicht +den rechten Weg für ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, +den sie unter der Maske der Philanthropie versteckten, darum ruft +ihnen Jesu mit Heftigkeit zu: 'Ihr, die ihr böse seid von Jugend +auf, könnt ihr sagen, daß ihr irgend etwas Gutes thatet?' +Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, +die ihr gleich seid übertünchten Gräbern, die auswendig +hübsch scheinen, aber inwendig voller Todtenbeine und Unflaths +sind. Von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig +seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der niedrigste Egoismus habe +die Philosophie auch verhindert, dem Volke das einfachste und +natürlichste Recht, das Recht auf ein Minimum des +Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den +Pharisäern gegenüber ausdrücklich in den Worten +anerkannt habe: 'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth +war, und ihn hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das +Haus Gottes ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und aß +die Schaubrote, die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er +gab sie auch denen, die bei ihm waren?' <i>Jesus hat also damit das +Recht, zu nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses +Recht schließt implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum +zu sichern;</i> so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht +für das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot +der christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnäckig, +dieses Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht weiß, durch +welche Mittel sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch +unmöglich, so lange man nicht weiß die Zivilisation zu +einer höheren Gesellschaftsordnung zu erheben.„ + +</P><P> + +Fourier sieht aber nicht blos sein System an und für sich durch +die Aussprüche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet +sogar einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die +Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen +Sünderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem +Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung zu +tragen vermögen. Er (Fourier) führt Folgendes an: „Auf den +Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben, +antwortete er: 'Johannes der Täufer ist gekommen und aß +kein Brot und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des +Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe der +Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und +Sünder Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird +gerechtfertigt sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus +beurtheilte also die Weisheit als sehr verträglich mit den +Genüssen. Und um dem vorgeführten Beispiel zu entsprechen, +setzt er sich an die reich bedeckte Tafel eines Pharisäers, der +ihn eingeladen hatte. Da kommt eine Kourtisane, wäscht ihm die +Füße und salbt ihn mit wohlriechender Salbe. Der +Pharisäer hält sich darüber auf, daß er sich von +einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber antwortete ihm: +„Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; +welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.“ Voll Mitleid +für das unterdrückte Geschlecht, verzeiht er der +Sünderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: „Mein +Joch ist süß und meine Last leicht.“ + +</P><P> + +„Christus will also, daß man weder Feind des Reichthums noch der +Vergnügungen sei, er fordert nur, daß man mit dem +Genießen des Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, +der uns zur Entdeckung des sozietären Regimes, des himmlischen +Königreichs führt, 'wo alle Güter im Uebermaß +vorhanden sein werden'. (St. Luc. XII.) Den Reichthum tadelt er nur +rücksichtlich der Laster, zu denen er in der Zivilisation +verführt, weshalb er sagt: „Es ist leichter, daß ein Kameel +durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in's +Himmelreich kommt.'“ + +</P><P> + +Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, daß man die Worte +Jesu erst dann richtig fassen könne, wenn man die Bestimmung der +Menschheit kenne, denn hierfür enthielten sie die verschleierten +Vorhersagungen. Wohl beachten möge man, was Jesus gegen die +Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: „Sehet euch vor, vor den +falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig +aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt +ihr sie erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen +von den Disteln?“ (Matth. VII.) Man müßte nach alledem +fragen, wie es komme, daß die Kirche, die doch sehr bedeutende +Männer, wie Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu +keinem Zweig des Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da +heiße es von ihr wie im Kap. XXIII von Matth.: „Sie sagen wohl, +was man thun soll, aber sie thun es nicht.“ Er greift dann auf's Neue +die Philosophen, namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich +wiederholt gegen Owen und seine Anhänger, jene Sektirer, die +unter dem Namen der Assoziation anti-sozietäre Vereinigungen +bildeten und die Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der +Triebe und die Anziehung der Arbeit erzeugt werden könne, +zurückwiesen. Außerdem, was könne man von einer Sekte, +wie die Owen'sche, erwarten, die darauf ausgehe, Gott zu leugnen und +ihm die Huldigung zu verweigern? Owen habe es sorgfältig +vermieden, seine Assoziation auf der Grundlage des sozietären +Regimes zu begründen, das habe seinen Stolz verwundet. Owen sei +nur ein mittelmäßiger Sophist, welcher G. Penn (den +Gründer der Sekte der Quäker) kopirt habe. Darauf wendet +sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen Theorien in Paris +gefunden. Es scheine, daß das neunzehnte Jahrhundert dasselbe +Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter eines Kolumbus und Galilei +der Nachwelt geboten; allen voran gehe Paris, in welchem der +satanische Geist, der Geist des fünfzehnten Jahrhunderts, noch +heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon und von ihm gelte, was +Jesu über Jerusalem ausgerufen: „Jerusalem! Jerusalem! die du +tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt wurden.“ +Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern, die Jesu +kennzeichnete, als er sagte: „Wehe euch Schriftgelehrten und +Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber +bauet, und schmücket der Gerechten Gräber. Und sprecht: +Wären wir zu unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir +nicht theilhaftig sein, mit ihnen an der Propheten Blut.“ Was seien +die Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der +Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Löhne den +Völkern die Eisen verniete, und durch Einschließung der +armen Klasse in die modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder +Wohlsein noch Rückkehr gestatte. Diese merkantilen +Bedrückungen seien durch Jesu wie die Kirchenväter +genügend gekennzeichnet. Chrisostomus erkläre: „ein Kaufmann +kann Gott nicht angenehm sein“, und Christus habe sie mit Ruthenhieben +aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: „Ihr habt mein Haus zu einer +Diebshöhle gemacht.“ Endlich sende die Vorsehung einen +Führer, welcher die schwachen Seiten der merkantilen Hydra zu +fassen wisse, und der, indem er das wahre und allein heilbringende +soziale System inaugurire, die Welt von dem goldenen Kalb, „dem +würdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde führt“, +befreie. + +</P><P> + +So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott +gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus, +seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger +Knechtschaft war. Die Utopisten und die Propheten rangiren in +derselben Klasse, beide glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, +d. h. also an ihre eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, „der Berge +versetzt“, macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, +womit sie allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, +und wenn die Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer +ihrer Ueberzeugungen werden. Indem Fourier die geistige Macht der +herrschenden Klassen auf's wuchtigste angriff, die +erfahrungsgemäß und selbstverständlich sich auch mit +seinem System nicht befreundet und es bekämpft haben würden, +wenn er in seiner Kritik weniger scharf und bitter, in seinen +Angriffen maßvoller und wenn er sein System mehr mit den +herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben würde, +suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine +Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die +Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine +bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch erkannten, +daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der Aeste +absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit +gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier, +mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in so +fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen +Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, +zur Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre +Resultate unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, +aufforderte, der mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung +tragen. So handelte also Fourier vollkommen logisch. Er that, was +allen sozialen Neuerer das ganze Mittelalter hindurch auch gethan +hatten. Allerdings ist er mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er +ragt eben so weit über sie hinaus, als ein genial angelegter +Geist zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts über einen +fanatischen Mönch des zwölften oder sechszehnten +Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß der Bibel und +den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen konnte. +Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten, dessen System +sich auf die religiösen Lehren der herrschenden Kirche zu +stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte. +Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein +religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die +meisten Geschichtsschreiber <i>nur</i> den religiösen Charakter +der Bewegungen sahen, den sozialen — der mehr oder weniger auf +einem rohen, auf die entsprechenden Aussprüche des Alten und +Neuen Testaments gestützten Kommunismus beruhte — aber +gänzlich übersahen. Unter dem geistigen Druck der Kirche und +bei der Beschränktheit der Geister war im Mittelalter keine +soziale Bewegung ohne ausgeprägt religiösen Charakter +denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war, wurde natürlich bei +einem Fourier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mehr Nebensache, +es war eine Waffe und eine Stütze, die er glaubte nicht entbehren +zu können. So erklärt sich die sehr gezwungene Auslegung, +die er den meisten der zitirten Stellen geben mußte, wobei wir +keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs bewußt +war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in +einer späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit +leben, leicht, die Mängel in den Systemen und Lehren +vorangegangener bedeutender Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu +schließen, daß das, was sie erkannten, auch Jene leicht +erkennen mußten, ist falsch. Andererseits läßt sich +nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen Widersprüchen eines +Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog. Klugheit, +Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug beginnt. Der +Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo +offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier +wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist +ein streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen +Vorzügen und Schwächen. Ein System, das in seiner +Geschlossenheit selbst den Keim einer Religion enthält, weshalb +nur eine Schule, keine Partei sich aus ihm entwickelte. Man kann eben +so gut von einer Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und +stets mit großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder +St. Simonistischen Sekte sprach. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche +den Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue +Testament für seine Theorien sprächen, so geht er nunmehr +dazu über, auch den Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu +erbringen, d. h. er sucht nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich +die Modernen über Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der +Zivilisation befänden, von der sie immer noch leichtgläubig +genug die Vervollkommnung hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, +welche Wege sie betreten müßten, um allmälig in die +sechste Entwicklungsperiode, die des Garantismus, zu gelangen. +Daß die Zivilisation überhaupt sich zu vervollkommnen +suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst hinaus +zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige +Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese +Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie +mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft. + +</P><P> + +Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des +Geldes als Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem +ansieht, aber auszusetzen hat, daß es „individuelles“ Geld sei, +wie er es bezeichnet, also in den Händen des +Privateigenthümers Mittel der Ausbeutung, des Betrugs und der +Unterdrückung werde. Das Geld soll nach ihm gesellschaftliches +Besitzthum sein, es würde also in seinem System Besitzthum der +Phalanxen werden. Daß das Geld seinen Zweck nur erfüllt, +wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes Tauschmittel für alle +Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz ist, weil es <i>nur</i> in +einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion beruhenden Gesellschaft +einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz hat, entging ihm. Mit +der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch der Privatwirthschaft +und mit der Einführung gesellschaftlicher Produktion fällt +der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die Geldwirthschaft, von selbst, +der Boden seiner Existenz, allgemein anerkanntes Tauschmittel für +alle Waarenaustausche zu sein, wird ihm entzogen. Da wo Produkt gegen +Produkt, richtiger Arbeit gegen Arbeit gesellschaftlicher +Vereinigungen sich austauscht, wird der Austausch ein einfaches +Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung der austauschenden +Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer auf Millionen +Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das Produkt als Waare +den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die Hände seines +Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen die +verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation +ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers +gelangt, wir sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich +anerkanntes Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen +vorhanden sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter +besitzt, gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu +sein. + +</P><P> + +Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche +Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der +lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich +habe sie den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die +Assoziation anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der +sozialen Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses +politische Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der +Zivilisation und ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich +bisher die Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer +entzogen hätten. Man glaube noch an die Vervollkommnung, +<i>während die Zivilisation bereits rapide ihrem Untergang +entgegeneile.</i> + +</P><P> + +Wie der menschliche Körper so besäßen auch die +Gesellschaften ihre vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich +unterscheidenden Lebensalter, die einander sich folgten. Man +könne weder den Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft +beurtheilen, so lange man nicht die sehr unterscheidenden +Charaktereigenschaften zu bezeichnen vermöge, die eine bestimmte +Gesellschaft besitze. Unsere Naturwissenschaftler seien, wenn es sich +um die Unterscheidung ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr +skrupulös, warum seien dies nicht auch unsere Politiker und +Oekonomisten? Warum folgten sie nicht dieser naturwissenschaftlichen +Methode, wenn es sich um die ihnen so theure Zivilisation handele, um +die von jeder der vier Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? +Es sei dies das einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch +vorwärts schreite oder im Niedergang sich befinde. + +</P><P> + +Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die einer +jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende: + +</P> + +<TABLE BORDER=1 CELLPADDING=10 ALIGN=center summary = "Phasen der Zivilisation"> +<TR ALIGN=center> + <TD ROWSPAN=12>Aufsteigende<BR> Schwingung</TD> + <TH COLSPAN=2>1. Phase: Kindheit.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Monogamie.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Patriarchalische oder adelige Feudalität.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Bürgerliche Rechte der Frau.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Föderation der großen Vasallen.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Ritterliche Illusionen.</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TH COLSPAN=2>2. Phase: Jugend.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Städtische Privilegien.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Pflege der Wissenschaften und Künste.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Befreiung der Arbeit.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Repräsentativsystem.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Illusionen über Freiheit.</TD> +</TR> +<TR> + <TH COLSPAN=3>Mittagsphase.</TH> +</TR> +<TR> + <TD COLSPAN=2>Keim</TD> + <TD>Seeschifffahrtskunst, experimentale Chemie.</TD> +</TR> +<TR> + <TD COLSPAN=2>Charaktereigenthümlichkeiten</TD> + <TD>Enttäuschungen, Staatsanleihen.</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TD ROWSPAN=12>Absteigende<BR> Schwingung</TD> + <TH COLSPAN=2>3. Phase: Mannbarkeit.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Handelsgeist, Fiskalismus.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Aktien-Gesellschaften.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Monopol der Seeherrschaft.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Handels-Anarchie.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Oekonomische Illusionen.</TD> +</TR> +<TR ALIGN=center> + <TH COLSPAN=2>4. Phase: Altersschwäche.</TH> +</TR> +<TR> + <TD>Einfacher Keim</TD> + <TD>Leihhäuser.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Zusammengesetzter Keim</TD> + <TD>Unternehmerschaft in bestimmter Anzahl.</TD> +</TR> +<TR> + <TH>Angelpunkt der Periode</TH> + <TD>Industrielle Feudalität.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Gegengewicht</TD> + <TD>Monopolwirthschaft.</TD> +</TR> +<TR> + <TD>Ton oder Stimmung</TD> + <TD>Illusionen über Assoziationen.</TD> +</TR> +</TABLE> + +<P> + +Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der +Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen +können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der +zivilisirten Gesellschaft sehr treffend. + +</P><P> + +Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen +Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen +gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere +auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt seien. +So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine +unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der +Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten Phase, +die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und Frankreich +befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der dritten Phase +und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie bereits besitze. +Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene Stagnation; das Genie +fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit wie ein +Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine neue Idee +zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere aber der +fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die vierte Phase +zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht zum Guten sei. Es +handele sich darum, einen Zwischenzustand zu schaffen, der die +Zivilisation in den Garantismus überleite und diesen dem +Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären Geist, der +sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere der zweiten +Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine Republik, +nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich +sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit +begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während +das wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte +Phase, die Altersschwäche, risse. + +</P><P> + +Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau +prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft +befinde sich in einem „erhabenen Flug“, eine Illusion sei, denn in +Wahrheit befänden wir uns auf dem Krebsgang. „Es ist der +Fortschritt nach abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre +weißen Haare, die sie mit sechzig Jahren besitzt, als +Vervollkommnung der Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. +Darüber wird Jeder mitleidig lächeln. <i>Wie der menschliche +Körper so vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn +sie altert.</i>“ + +</P><P> + +Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie sich +dem Wucherer überließen, <i>und es sei die That unseres +Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen.</i> + +</P><P> + +Man sage, „das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine +bleibende Form angenommen.“ Das gelte auch von den fiskalischen +Anleihen. Sie blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn „man +muß essen, wenn man an der Krippe sitzt.“ <i>Welche Partei auch +immer herrsche,</i> <i>die Finanz halte stets die Zügel des +Gefährtes, damit der Marsch nicht gegen ihr Wirthschaftssystem +sich richte.</i> Was werde also das Ende sein, dem alle unsere mit +Schulden überladenen Reiche zueilen, wohin uns die Oekonomisten +geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man könne unsere +Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen, von dem die +Spötter sagten: „Er führt nicht das Pferd, das Pferd +führt ihn.“ + +</P><P> + +Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner Zeit +vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr richtig +erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht, +ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden +kann, muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe +wird ihm der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die +Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen +Finanzmächte, die schließlich weit mehr als die Minister +selbst die Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze +dekretiren, Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse +paßt. Und damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die +Regierung jeder Zeit durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung +bewußt bleibe, damit ferner die nöthigen Einnahmequellen in +Form von Steuern aller Art zur Verzinsung und Amortisirung der +Schulden vorhanden seien, bedarf man des Repräsentativsystems, +durch welches die Drahtzieher der hohen Finanz den noch fehlenden +Einfluß auf die ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen +und den Staat zu einer melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch +solche Manipulationen ist heute die Regierung und Verwaltung +Frankreichs in den Händen der großen Finanzmächte, die +es in die Abenteuer von Tunis und Tonkin stürzten, durch +Privilegien und Staatssubventionen an die großen Eisenbahn- und +Verkehrsgesellschaften das Volk berauben, durch die Ueberlast der +indirekten Steuern es brandschatzen und plündern. Durch die +gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin gekommen, wo es heute +steht, hat man die Türkei zu Grunde gerichtet, Ungarn binnen zwei +Jahrzehnten an den Rand des finanziellen Untergangs gebracht, Egypten +ruinirt. Wie der kleine Bauer und der in die Klemme gerathene +Grundbesitzer die finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen +gegen genügende hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld +zu borgen, oft mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des +Gläubigers rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf +ihre Ernten legt, ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie +zwingt, das ganze Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, +zu verrichten, so sind die Staatsangehörigen überschuldeter +Reiche die Bienen, die durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der +Finanzaristokratie die Kisten und Kasten füllen müssen. Das +ist heute, wo die Staatsschulden in fast allen Staaten in die +Milliarden gewachsen sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht +aufdrängende Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das +Staatsschuldenwesen noch in den Kinderschuhen und es war ungleich +schwerer, seinen Charakter zu erkennen als heute. + +</P><P> + +Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier +denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort +ausdrückt: „Die großen Diebe läßt man laufen, +die kleinen hängt man.“ Aehnliche Charaktereigenschaften +könne man noch eine Menge anführen. So überlasse man +sich bitteren Klagen über auffällige Thatsachen wie die, +daß die Tugend und das Gute stets lächerlich gemacht, +übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die +Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig +die Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen +Resultate zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, +damit man einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte +dieser abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte. + +</P><P> + +Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil man +sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine von +diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die +Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der +Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein +ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein +Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der +industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel +erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die +Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer +erlaube sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem +öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch +stünden, er erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der +„Freiheit“. Das komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien +keine Ahnung habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei +die indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der +Arme könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, +wenn er die Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den +gerechtesten Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch +Appellation und Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben +gezwungen. Man gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, +aber nicht dem Armen, denn „er könnte zu viele Prozesse haben“. +Die Gesellschaft sei überfüllt mit Armen, die unter dieser +Handhabung der Gerechtigkeit litten. Aber diese Gesellschaft sei eben +ein falscher Kreisschluß <TT>(cercle vicieux)</TT>, das sei ihr +wesentlichster Charakter. Die Mängel der Zivilisation +ließen sich in zwölf Hauptpunkte zusammenfassen. 1. Eine +Minorität, die Herrschenden, bewaffnet Sklaven, die eine +Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten. 2. Mangel an +Solidarität der Massen und dadurch erzwungener Egoismus. 3. +Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und ihrer sozialen +Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich selbst. 5. Die +Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik wird die Ausnahme +als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste und +hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8. +Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige +Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges +Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer +wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12. +Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der +Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen +herbeigeführt, müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende +des Jahrhunderts klimatische Exzesse erzeugen. + +</P><P> + +Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu +erörtern. Er fragt: „Woher kommt diese Bewunderung der Modernen +für den Handel, welchen doch im Geheimen alle Klassen außer +den Handeltreibenden verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil +für die Kaufleute, die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? +Die Antwort ist: sie besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht +(England) übt über die industrielle Welt die Tyrannei des +Handels-Monopols aus.“ Auch habe die politische Oekonomie die Analyse +des Handels nicht zu machen gewagt und so komme es, daß die +soziale Welt nicht wisse, was eigentlich das Wesen des Handels sei. +„Der Handel ist die schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf +dem man sie angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den +Regierungen wie von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen +weder der Adel noch die Grundeigentümer die Handeltreibenden mit +günstigen Augen an, diese Parvenüs, die in Holzschuhen +angekommen sind und bald mit einem Vermögen von Millionen +prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer begreift nicht die +Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern vermag; welche +Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes widmet, es gelingt ihm +schwer, sein Einkommen um einige Tausend Franken zu steigern. Er wird +perplex über die großen Profite dieser Agioteure, er +möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese ihm +fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber +da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern ihr +Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel und +die Großartigkeit des Handels <TT>(le commerce immence et +l'immense commerce)</TT> zu verdächtigen. Welch schöne +Phrasen sind nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht +man mit Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, +dem Gleichgewicht des großartigen Handels und der +Großartigkeit des Handels, von den Freunden des Handels, von dem +Wohl des Handels'.“ Für einen unglücklichen Philosophen gebe +es nichts Imposanteres, als wenn eine Kohorte von Millionären mit +tiefsinnigem Aussehen zur Börse wandelten. Man glaube die +römischen Patrizier über dem Schicksal Karthagos brüten +zu sehen. Speichellecker der Agiotage malten die Kaufleute und +Börsenmänner als eine Legion von Halbgöttern; Jeder, +der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine Legion von +Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie hätten +allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen zu +Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen +Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten gegebenen +Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale Körper +den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und +wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den +Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde +richten. + +</P><P> + +Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des +Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen losmachen +müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer +unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse +liefere. Man dürfe die Handeltreibenden nicht mit den +Manufakturisten verwechseln.<a href="#Footnote_21" +name="FNanchor_21" id="FNanchor_21"><sup>21</sup></a> Die Hauptschacherer, die +Rohmaterialienhändler sännen nur, wie sie Manufakturisten +und Konsumenten plündern könnten. Zu diesem Zwecke +unterrichteten sie sich über die vorhandenen Vorräthe, +kauften sie auf, hielten die Waaren zurück und verteuerten sie, +um so auf Fabrikant und Bürger den Druck auszuüben. Die sog. +Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und Wucherer als +tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende Schwätzer, +abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien. Den +schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in der +tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an +Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar zuvor +auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen, welche +die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun, welches sei +die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war die +Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer +Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit +<TT>(refoulement pléthorique)</TT> und eines Gegenschlags durch +verfehlte Spekulation. + +</P><P> + +Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier +der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, +würden viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt +aufnehmen könne. So sei es auch hier gewesen. Wenn man die +Wilden, die Neger und die spanische Bettelbevölkerung in Abzug +bringe, zählten die beiden (Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 +Millionen konsumtionsfähiger Bewohner, man habe aber für 200 +Millionen konsumtionsfähiger Menschen Waaren zugeführt. +Daher die Stockung und der Rückschlag. Im Jahre 1825 hätten +die französischen und englischen Hosenhändler Waarenmassen +zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten, so +entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe, +Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser +Ueberfülle <TT>(pléthore)</TT>, verursacht durch die +Unklugheiten des Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets +über das Quantum der absatzfähigen Produkte den +größten Illusionen überlasse. Was könne man auch +von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier verblendeter +Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die Grenzen der +Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen? + +</P><P> + +„Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die +äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken +hervorzurufen, so trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand +dazwischen, um das Uebel zu vervielfachen. Die +Baumwollenaufkäufer in New-York, Philadelphia, Baltimore, +Charleston etc. hatten im Einverständniß mit ihren +Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und Paris sich aller +Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten und +andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die +Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier Amerikas +wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß. Die +durch die <TT>Crise pléthorique</TT> verursachte +Preisschleuderei zwang die Fabriken zu feiern und brachte die +Baumwollenspekulanten, die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen +Baisse sich gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten +Machinationen in Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in +Europa. Das ist der einfache Hergang der so räthselhaft +erschienenen Ereignisse. Journale und Schriften, die darüber sich +äußerten, verfielen alle in denselben Irrthum. Nach ihnen +war nur eine Ursache vorhanden: die Unordnung, welche durch die beiden +gleichzeitig sich vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden +war. Niemand gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte +sich vielmehr, die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, +als unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen +durch Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, +noch daß die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen +Rohmaterials die Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte +verrückte Verschwendung, auf der anderen vexatorische +Unterschlagung. Es gab also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im +Mechanismus. Das ist der Handel, das Ideal der Dummköpfe.“ + +</P><P> + +Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so +wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen, +und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so habe +er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten aufgestellt. +Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte zeichnen, man +müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, +die der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil +ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: +Börsenspiel, Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, +Parasitenthum, Mangel an Solidarität, fallendes Gehalt und +fallende Löhne, Theuerung, Verletzungen der Gesundheit,<a href="#Footnote_22" +name="FNanchor_22" id="FNanchor_22"><sup>22</sup></a> +willkürliche Festsetzung der Preise, legalisirte +Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles Geld. + +</P><P> + +Fourier spricht dann von der „Absonderung“ der Kapitalien, worunter er +die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden Kapitalmangel +auf der anderen Seite versteht. Die Kapitalkonzentration erzeuge auch +den Ueberfluß — an Bodenerzeugnissen durch den Handel +—, der den Preisdruck für die Erzeugnisse des +Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften sich nur auf +Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und Kaufleute beklagten sich +häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren Fonds beginnen +sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der Landmann es +kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5 +Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die damit +verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser Vampyr, der das +Blut aus dem industriellen Körper sauge, konzentrire Alles in +seine Taschen und zwinge die produktive Klasse, sich dem Wucherer zu +überliefern. Selbst die Jahre des Ueberflusses würden +für die Agrikultur eine Geißel, wie man das 1816 und 1817 +gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und zwang den +Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr reiche Ernte +brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in Folge dessen zum +niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger zu bezahlen. +So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen Kapitalien, um sie in +den Händen der Handeltreibenden zu konzentriren. Der Ackerbauer +seufze, gebrochen durch den Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der +Ernten, deren Werth weder bei dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm +gehöre, weil die Konsumtion auf umgestürzter Basis ruhe, +<i>„denn die Klasse, die produzirt, nimmt an der Konsumtion nicht +Theil“.</i> So würden Eigentümer wie Bodenbebauer oft +gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel, herbeizuwünschen. +Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im Juni in allen +weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit +erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.<a href="#Footnote_23" +name="FNanchor_23" id="FNanchor_23"><sup>23</sup></a> + +</P><P> + +„Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, +daß das gegenwärtige System des Handels, wie der ganze +Mechanismus der Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie +will man sich in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die +Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt? +Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren +alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels zu +beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses +lügnerischen Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß +man so lange sich von einem System dupiren ließ, das schon der +Instinkt uns denunzirt, denn alle anderen Klassen hassen den Handel.“ + +</P><P> + +„Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen ist, +genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die +Betrügerei und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine +Höhe erreicht, daß man die Einführung des +Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel gegen <i>diesen</i> +Handel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde +viel weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie +würde zu einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche +Produkte geben, während es heute fast unmöglich ist, im +Handel etwas natürlich zu erhalten.“ + +</P><P> + +„In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben +gefälscht ist,<a href="#Footnote_24" +name="FNanchor_24" id="FNanchor_24"><sup>24</sup></a> keine Tasse reiner Milch oder +ein Glas reinen Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind +auf die Spitze getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt +nichts übrig, als das Monopol.“ Fourier setzt freilich hinzu, +daß dies durch Entdeckung seines sozietären Systems und +dessen Einführung unnütz werde. + +</P><P> + +Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über +die Art, wie die öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und +wie der Bankerott selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf +der Bühne werde ein Falliment mit fünfzig Prozent als +Lustspiel behandelt. Wenn aber ein Bankier die anvertrauten Depots von +Ersparnissen zahlreicher Dienstboten veruntreue, die diese +während zwanzig Jahren mühselig zusammengescharrt, so sei +das sicherlich keine lächerliche Sache, sondern ein Verbrechen, +das zu bestrafen sei. + +</P><P> + +„Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur ist +eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster auf's +Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben, damit +die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine in +Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen +straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie +speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der +nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster als +unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner Favoriten, +der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran, ihre Aufgabe, +die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen nach einem +Heilmittel, zu erfüllen.“ + +</P><P> + +Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt, +nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei denen +die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die +Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete +Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, +bei dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten +Neigungen, bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum +Geschäft unbrauchbar machen u. s. w., die Ursachen, welche die +Katastrophen erzeugen. Er könne, setzt er weiter hinzu, recht +amüsante Kapitel zu den Details aller Arten von Bankerotten +liefern, er treibe das Geschäft seines Vaters und sei im +Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen Augen die Infamien des +Handels gesehen und beschreibe ihn nicht, wie die Moralisten vom +Hörensagen, die den Handel nur in den Salons der Agioteure kennen +lernten und einen Bankerott als etwas ansähen, das man sich in +guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott, namentlich +wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe, werde unter ihrer +Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den die +Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß +er sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den +Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, +eine unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der +Zeiten, widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall +herbeigeführt sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der +Briefe, mit welchen ein Fallissement angezeigt werde. + +</P><P> + +„Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen ihre +Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert +sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so +würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle +ihrer Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur +Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals +würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden +ihrer Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein +Ungeheuer sein, wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um +sie wieder zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede +rechtschaffene Seele. Dazwischen interveniren einige moralische +Spitzbuben, die man bestochen hat, und die gegen Jedermann +hervorheben, wie schön es sei, in einem solchen Falle seine +Gefühle walten zu lassen und daß man dem Unglück +Erbarmen schulde. Diese werden durch einige hübsche +Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die +Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese +Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr +bewegt und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen +einen Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er +wieder ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die +geheiligten Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten +beraube. Ist die Situation günstig, so schlägt man den +Gläubigern weiter vor, daß sie, um ihr Gewissen zu +befriedigen und um der edlen Eigenschaften einer Familie willen, die +so würdig der Achtung und so eifrig für die Interessen ihrer +Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung bringen und statt auf +siebzig auf achtzig Prozent verzichten. Einige Barbaren wollen +widerstehen, aber die im Saale geschickt vertheilten Vertrauten +übernehmen das Geschäft der heimlichen Anschwärzung der +Widerstrebenden, die sie als unmoralisch bezeichnen. Dieser, tuscheln +sie, besucht nie die Kirche und hat folglich kein Erbarmen; Jener +unterhält eine Maitresse; der Dritte ist ein Geizhals und +Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal fallirt und besitzt ein +Herz von Stein, das für seine unglücklichen Mitmenschen ohne +Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die so +bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den Vertrag. +Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß +man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die +Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben +sein und dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven +Familie geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung +für die Tugenden dieser würdigen Familie, die man als ein +Muster betrachten müsse, nach Hause.“ + +</P><P> + +So vollziehe sich ein „gefühlvoller Bankerott“, bei dem die +Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; +werde mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies +ein rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß +wer sich mit einer so mäßigen Brandschatzung seiner +Gläubiger begnüge, nicht nöthig habe, +außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in Bewegung zu +setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele, so sei ein +Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent +einstreichen wolle, stets sicher. + +</P><P> + +Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten +sich die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen +über die Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das +Wesen der freien Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht +gehabt, zu sagen: Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. +Napoleon sei eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, +daß jede Schädigung, die eine Regierung gegen den Handel +versuche, von diesem auf die arbeitenden Klassen abgewälzt werde. +Sobald der Handel bedroht würde, zöge er die Kapitalien +zurück, säe er Mißtrauen, hemme er die Zirkulation. +Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an keinem Punkte +fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle Regierungen +quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu beugen. +Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs (1810) +gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht, +indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen +wollte; er sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und +habe schmählich seinen Platz räumen müssen. Man +müsse also Entdeckungen machen, um gegen diese kommerzielle Hydra +kämpfen zu können. Schließlich sei nichts leichter, +als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man die +Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal Widerstand +versuchen. + +</P><P> + +Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung +für die Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen +des kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das +System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier, +der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel +vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung +gemacht worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so +unmöglich ist, wie alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. +Scholz und Herrn v. Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu +krümmen. Der Kapitalismus mag einwilligen, diesen oder jenen +Industriezweig verstaatlichen zu lassen, und er wird dies thun, wenn +er dabei seine Rechnung findet, aber nur dann: doch den Versuch der +Monopolisirung eines Gebietes, wie es der Handel ist, würde er +ebenso auf Tod und Leben bekämpfen wie eine Verstaatlichung der +gesammten Industrie, und er würde siegreich bleiben. +Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen Organisation und +Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden Faktoren, den +Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der kapitalistischen +Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter gehen, als sein +<i>fiskalisches Interesse</i> ihn nöthigt, und was immer er +verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form +verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen +gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den +leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der +alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von +1789 und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien +die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand kein +Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur der +Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller +Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und +handeltreibende Bourgeoisie die Staatsgewalt und die +Staatsgesetzgebung für ihre spezifischen Interessen auszunutzen +suchen. Diese Differenzen werden dauern, so lange es eine +bürgerliche Gesellschaft giebt, sie werden immer nur +quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller Natur sein. <i>Die +Existenz des Staats erfordert die Aufrechterhaltung der +Klassengegensätze;</i> er kann sie — und das liegt in +seinem Interesse — zu mildern versuchen, aufzuheben vermag er +sie nicht, <i>weil er sich selbst damit aufheben würde.</i> Die +Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft <i>erzeugte den +Staat,</i> die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn +verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den +Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets +vorhanden, <i>ist das Gesetz der Existenz des Staates.</i> Wir hoben +bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen +Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste, +Monarchen u. s. w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen +Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr +— also ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, +überflüssig. Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten +auch nicht mehr — also wären Justiz, Polizei, +Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die Steuerbehörden +wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos. Die +Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx +ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich +wären sehr einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen +Austausch und die gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung +großer gemeinsamer Unternehmungen, auf die Mittheilung und +Unterstützung von Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen +aller Art für das praktische Leben, für Wissenschaften und +Künste. Das sind Dinge, wozu schließlich eine Staatsgewalt +in unserem Sinne nicht nöthig wäre. Denn diese Staatsgewalt +ist eine repressive und befehlende Gewalt und nicht eine blos +ausführende und anordnende Instanz; ihre Hauptaufgabe besteht +darin, den Gegensatz innerhalb der Gesellschaft niederzuhalten, +Ausbrüche nationaler Streitigkeiten niederschlagen und alle +Diejenigen, welche, sei es individuell, sei es korporativ, die +bestehenden Staatsnormen verletzen, zur Verantwortung zu ziehen. +Für alle diese Leistungen braucht die Staatsgewalt die +nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee, Gerichte, Polizei, +Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck fielen auch +die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx regieren +wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren +Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das +bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter +konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur wenige +— England, Italien, Belgien — haben, anweist; ihre +Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System +unmöglich sein. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier auf +diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt +streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft +<TT>(greffée)</TT> sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum +Niedergang der dritten Phase treiben. + +</P><P> + +Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit +erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und +Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und +den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde +weder ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte +Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf das +neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu +pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und +eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte +beherrschen zu können. + +</P><P> + +Andererseits seien die Champions des „erhabenen Flugs“ unserer +Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von +Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der +Römer stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen +Menschenrechte, in Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte +Jahrhundert Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem +Mischmasch der zweiten und der dritten Phase machten. + +</P><P> + +Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach +der vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht +rückwärts gehe. Wenn beide Parteien sich auszusöhnen +und zu vereinigen vermöchten, könnte die Zivilisation in die +vierte Phase aufrücken, die, wenn sie auch nicht das eigentliche +Glück bringe, doch gegen die früheren große +Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen, +beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, +um die öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege +restauriren. + +</P><P> + +Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus welcher +der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze sich mit +Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln zur +Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus, der +ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen +Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht +durch die Chimären, welche wir uns über das +Repräsentativsystem machten, was selbst Lobredner des +Liberalismus, wie Benjamin Constant, anerkannt hätten. Solche +Uebel seien: die Korruption der Volksvertreter durch die Bestechungen; +die Aufschreckung der Höfe, die von Sinnen kämen durch die +Angst, die ihnen der falsche Liberalismus einflöße; das +Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden ihrer Unabhängigkeit +aus Furcht vor dem Liberalismus, „diesem Schlimmsten, was ihnen +begegnen könne“; (heilige Allianz, Kongresse von Aachen, Troppau, +Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf diese und +ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die +Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger +in Folge der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in +Folge des Kampfes der Regierungen gegen die Völker u. s. w. + +</P><P> + +Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des +Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems bloslege; +er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch das +Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, +daß man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen +müsse. Er nenne den Liberalismus falsch, weil er einen +politischen Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die +Herrschaft der Oligarchie erstrebe <i>und immer die seinen +Versprechungen entgegengesetzten Wirkungen erzeuge.</i> Die Liberalen +suchten sich zu rechtfertigen, indem sie sagten: „Seht Ihr nicht, +daß wir ohne das Repräsentativsystem und ohne unsere +Opposition in den drückendsten Despotismus fielen?“ Das gebe er +zu, aber es sei nicht weniger gewiß, daß, indem die +Liberalen durch ihre Taktik den Rückschrittlern vor den Kopf +stießen und sie immer mehr erbitterten, sie diese immer mehr dem +Obskurantismus in die Arme trieben. So arbeiteten die Liberalen +indirekt gegen sich selbst. Ueberdies sei sicher, daß dieses +sogenannte liberale System keineswegs sehr positiv operire, <i>der +liberale Geist sei für alle großen Probleme sozialer +Verbesserung durchaus steril, er bringe immer nur Debatten zur Welt, +nie eine neue Idee.</i> + +</P><P> + +Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend +gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht. Er +hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst, weil +er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen vor den +Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit die +vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann aber keine +Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und +Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen der +Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und +einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende +Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten +Parteien eine Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die +Verdrängung der alten Parteien und ihre Hinauswerfung aus der +innegehabten Position bedeutet. Darüber täuscht sich keine +Partei, die an der Herrschaft ist, und namentlich dann nicht, wenn ein +unversöhnlicher prinzipieller Gegensatz zwischen den +kämpfenden Parteien besteht. Es ist daher thöricht, dem +Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu machen, denn nicht um diese, +sondern um seine wahren Bestrebungen handelt es sich. + +</P><P> + +Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein +Bündniß des Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus +ein günstigeres Resultat für den Fortschritt der +Gesellschaft ergeben hätte. Deutschland, das heute ähnliche +Kämpfe der herrschenden Klassen unter sich durchzumachen hat, wie +das Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre dieses +Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge dafür, wohin der +Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft kommt, wenn der +Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet. Indessen wir +wissen heute, daß <i>alle</i> wie immer gearteten politischen +Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind, und +daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten +verbünden, sie selbst nur einen Waffenstillstand schließen, +weil ihnen der dritte die streitige gemeinsame Beute zu +entreißen droht. Es ist der alte Kampf um das bevorzugte Dasein, +den die Menschen im Gegensatz zu den „unvernünftigen“ Thieren +führen, indem jeder sich selbst und alle sich gegenseitig zu +belügen und zu betrügen suchen, sich vorredend, es seien die +„Ideen“ und nur die „Ideen“, für die sie stritten und +kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit, +daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und +Interessenkämpfe immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es +der moderne Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt. + +</P><P> + +Fourier fährt fort: + +</P><P> + +Die Stehenbleibenden <TT>(immobilistes)</TT> seien eine ebenso +lächerliche Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die +soziale Bewegung weise jeden Stillstand zurück; sie strebe zum +Fortschritt, dies sei ebenso ihr Bedürfniß wie, daß +Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu verderben. +Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei, vorwärts zu +marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer +höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur +Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren +Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer +Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in ihr, +wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir +befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in +dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen +Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute +strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir +besäßen zu viel Lebensmittel für eine auf der sozialen +Stufenleiter gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene +Gesellschaft, und dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im +sozialen Mechanismus keine natürliche Anwendung findend, +überlaste und verderbe ihn. Daraus resultire eine +zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große +Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der +Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das +zwischen den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen +Stufenleiter stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir +besäßen zu viel Industrie für eine zu wenig +vorgeschrittene noch in der dritten Phase zurückgehaltene +Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß gedrängt +werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese Erscheinungen +des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen er die +schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien von +der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu Tage +liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen zeigen. + +</P><P> + +Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von +vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der +Gesellschaft zur Folge haben müßten. + +</P><P> + +Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte +würden zu Abgründen, die alle Hülfsmittel +verschlängen, welche die Reichen zur Agiotage verleiteten, so +daß diese mehr und mehr die Agrikultur verschmähten. +Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es entwickele sich ein +System der Erpressung und es entstünden die indirekten +Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der Zukunft den +Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein +jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute +reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen. +Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch mit +England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es +ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung +einer wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende +Angriffe auf das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese +durch die Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese +Angriffe würden für alle Parteien zur Regel. Nachdem +Frankreich — in der großen Revolution und unter Napoleon +— konfiszirt habe, ahmten Spanien und Portugal das Beispiel nach +und das werde immer schlimmer werden, weil es heute nur Fortschritt in +der Unordnung gäbe. Es sei eine Charaktereigenschaft der +Gesellschaft, die in die Barbarei zurückgreife. Fünftens: +Beseitigung der Zwischenkörperschaften; also derjenigen +Institutionen, welche durch die straffe Zentralisation, die der +Konvent schuf, beseitigt wurden: Provinzialstände, Parlamente, +Magistrate und Korporationen. Dank ihrem Sturze befinde man sich vor +der jährlichen Vergrößerung des Budgets um +fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune an +Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die +Lebensmittelsteuern <TT>(octrois)</TT>, welche die Industrie +schädigten, die Bevölkerung mißstimmten, zu +Steuerhinterziehungen provozirten und den ganzen legalen Handel +vergifteten, zu entschädigen versuche. Siebentens: Verdorbenheit +der Rechtsprechung; man vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache +es ihm unmöglich, und gleichzeitig rufe man, durch die immer +größer werdende Theilung des Eigenthums und die +Häufung immer ohnmächtiger werdender Gesetze, das Wachsthum +der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben todte Buchstaben für +einen plündernden Lieferanten, der 76 Millionen gestohlen habe, +und verurtheilten einen armen Teufel, der einen Kohlkopf stehle, zum +Tode. + +</P><P> + +Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den +Ausgang zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im +südlichen Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch +betrügerische Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen +ergaunerte, wurde freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, +der Kohl gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt. + +</P><P> + +Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle besserer +Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den Mangel +gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft das +Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man könne +keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen +basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine +Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu +seiner Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen +der großen Kosten, theils wegen des Streits über die +unterzulegenden Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben +wurde. Neuntens: Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege +hervorzurufen drohten. Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs +innerer Kämpfe, die Folge des Nährens der Unzufriedenheit +durch die Unwissenheit der sozialen Politiker, die kein Mittel der +Aussöhnung und des wirklichen sozialen Fortschritts zu entdecken +vermöchten. Elftens: Die Vererbung; die Gewohnheit, die durch die +besiegte Partei einmal eingeführten Uebel beizubehalten: +Lotterien, öffentliche Spiele und andere +verhängnißvolle Mittel der Fiskalität. + +</P><P> + +Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen +Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles +Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den +Seeräubern, um sie zu beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und +den Negerhandel unterstützte, betrachtete Fourier als die +zwölfte verhängnißvolle Charaktereigenschaft der +Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die Dinge noch so, daß die +meisten europäischen Mächte, Mangels der nöthigen +maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der +nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines +jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen +suchten. Einen solchen Vertrag schloß z. B. Oesterreich mit der +Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen +Seeräuberstaaten, ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von +Venedig auch dessen Flotte erhielt, — 8 Linienschiffe, 7 +Fregatten etc. — ließ diese buchstäblich verfaulen +und die im Bau begriffenen Fregatten unvollendet. Der bankerotte Staat +hatte keine Mittel, eine Kriegsflotte unterhalten zu können. Der +Sklavenhandel, durch christliche Mächte begünstigt, blieb +noch bis in unser Zeitalter ein gewinnbringendes Geschäft und +eine Schmach unserer Kultur. + +</P><P> + +Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des +Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der +Industrie an sich reiße, die Autorität mit den Regierungen +theile und überall die Raserei für das Spiel verbreite. +Vierzehntens: Begünstigung des Handels trotz seiner +Verschlimmerung. Marseille baue für die Seeräuber Schiffe +zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den gefangenen Christen +die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes besitze Fabriken in +denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der Neger hergestellt +und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt würden; andere +Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos +(Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich +schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit +zunehme, um so mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: +Industrielle Skandale: Fortschritte in der Art der Verfälschungen +und der Tolerirung der Verfälschung der Lebensbedürfnisse; +Zunahme der aus drückendem Ueberfluß entstehenden Krisen; +unterwerthige Ueberlassung der Ernten unmittelbar nach ihrer +Einbringung gegen vorausgegangene Lieferung anderer Bedürfnisse, +also zunehmende Abhängigkeit des Bodenbebauers vom Kapitalisten. +Sechszehntens: Handel mit weißen Favoritinnen. Man lasse eine +solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst solchen Mächten +zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher nicht hatten, und +widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten. Siebzehntes: +Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende Spionage, die +bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime Angeberei; +augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der niedrigen +Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel. Achtzehntens: +Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn bekämpften, +adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen +anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein +geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das +wenige von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch +gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der +Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die +Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und +verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische +Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner ihres +Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum +Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung +beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche +Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu +unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen +Tugenden geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der +Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes +Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung +gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche +und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme; Guerillakampf, +Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern. (Erinnerungen an +Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.) Zweiundzwanzigstens: +Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die allgemeine Wehrpflicht +und das Massenaufgebot, wie es Preußen bereits besitze und es +Rußland in höherem Maße nachzuahmen versuche, +einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen Reichen +eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus +Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls +anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die Taktik +der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die Räubereien der +Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei nahezulegen, +diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den +Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen +Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu +der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der +Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus +Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier +wachsenden Vervollkommnungen. + +</P><P> + +Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig +Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder +Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder +nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine +Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind +verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf +unserem Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck +gewachsen. Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der +scharfen Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier +aber ist die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die +er getrennt von den übrigen hervorhebt und als die +„schmachvollste“ aller bezeichnet: „die Zulassung der Juden zu den +bürgerlichen Rechten“. + +</P><P> + +Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des +Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die +unproduktiven Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische +Nation sei nicht zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen +Souverän, erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden +Betrug für lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu +täuschen, die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese +Prinzipien nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden +verdankten ihre Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den +Philosophen. Man sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen +er sich noch weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den +Angriffen unserer heutigen Antisemiten. + +</P><P> + +Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht +unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur +Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen +sein, wenn sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig +sich von der dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre +Organisation auf der sozialen Stufenleiter um so viel höher +ausgebildet hätte als ihre Industrie sich steigerte; so habe sie +für die dritte Phase zu viel und für die vierte zu wenig +Entwicklung. Die Vollsaftigkeit <TT>(pléthore)</TT> sei nur ein +Zufälliges, die durch eine andere Organisation der sozialen +Ordnung eine andere und gesundere Vertheilung erlangte. Es handele +sich also darum, daß wachsende Industrie und Verbesserung der +sozialen Organisation Hand in Hand gingen, damit diese kolossale +Industrie regulirt und ausgeglichen werden könne, eine Industrie, +die zu einem politischen Fleischbruch <TT>(sarcocéle +politique)</TT> geworden sei und es bliebe, so lange wir in der +dritten Phase verharrten. + +</P><P> + +Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich +die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt, +welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde +entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten +einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die +Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, <i>daß sie aber +in demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie +der Fortschritt der Industrie sich entwickelte.</i> Darum gelte es, +einen anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten +<TT>(moeurs)</TT> gemäß operire und aus dem Fortschritt der +Industrie die Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu +diesem Ziel zu streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung +zuzulassen, behauptend: „der natürliche Sinn des Wortes +Zivilisation ist die Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es +setzt ein Volk voraus, das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung +des bürgerlichen Lebens und der sozialen Beziehungen, die +billigste Vertheilung der Gewalt und des Glücks aller Glieder der +Gesellschaft.“ + +</P><P> + +Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser +Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei, +ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und +ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen +die „billige Vertheilung“ und das „Glück“ der Arbeiter sehen +könne; jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, +aus denen sich das Auditorium des Professors zusammensetze, als +Vorwurf dienten. Wäre es wahr, daß die Zivilisation jede +Vervollkommnung, jeden Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, +dann wären auch die Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in +China, Japan, Persien, Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber +zwischen diesen beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie +analysire, einen mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt +dürfe aber nicht blos die Industrie betreffen, er müsse auch +die Sitten und den ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft +umfassen, zwei Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu +verschlechtern wisse. So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, +Künste, Industrie, Studien, welche auch die Barbaren begonnen und +sehr weit getrieben hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung +zu bringen. Habe die Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann +bleibe ihr nichts anderes übrig, als zu verschwinden und einer +anderen Gesellschaft Platz zu machen, welche, indem sie Sitten, +sozialen Mechanismus, Industrie und Wissenschaft immer mehr +vervollkommne und verfeinere, sie auf eine Höhe bringe, deren die +Zivilisation nicht zur Hälfte fähig sei. + +</P><P> + +„Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen +und Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das +in seinem Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.“ + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die +Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere +Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen +Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein +Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der +selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze. + +</P><P> + +Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit ihren +enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei +Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen +sanft zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch +ließen sich beide Methoden vereinigen. + +</P><P> + +Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und +rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan +von 1808–1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die +ganze arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in +Staatsfarmen organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl +der ganz Mittellosen ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung +betrage und auf je vierhundert Familien vierzig arme Familien +kämen. Es bildeten also je zweihundert Personen die Bewohner +einer Staatsfarm, die ihre nöthigen Gebäude, Stallungen, +Vieh, Gärten, Werkzeuge u. s. w. erhielten. Diese Zahl sei +groß genug, um eine zweckmäßige und wenig +kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives +Unternehmen zu begründen. + +</P><P> + +Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution +der fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht +Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern +eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie +eine von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat +leistet, eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: +dem Staat eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten +die Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe +derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle +in die Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber +neben der Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden +verwendet werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen +allmälig sehr hoch werden und einen erheblichen Theil des +Unternehmergewinns absorbiren würden. Sicher ist von allen +utopistischen Vorschlägen Fourier's dieser Vorschlag der +utopischste. + +</P><P> + +Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer +vorzüglichere Produkte lieferten, auch industrielle, würden +sie durch die Güte ihrer Waaren, wie die Reellität der +Preise die private Konkurrenz immer mehr in's Gedränge bringen +und einen Unternehmer nach dem andern zur Geschäftsaufgabe +zwingen. Damit dehnten sich die Farmen immer mehr aus, die +Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien zufließen, ein +Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch Verkauf oder durch +Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden schließlich +selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß +führe dann zur Bildung der Phalanxen. + +</P><P> + +Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem von +Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle mit +der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die +Ackerbaugenossenschaft legt. + +</P><P> + +Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu +kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die +Gründung der Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die +Herrscher und die Klassen müßten noch geboren werden, die +im Besitz der Macht und aller Genüsse freiwillig aus rein +philanthropischen Gründen, um der Masse der Unbemittelten und +Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte Stellung opferten. Wer in der +Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm leuchtet nicht ein, daß +seine Stellung eine ungerechte sein könne. Ein Vorschlag, wie der +Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum Selbstmord gleich; diesen +begeht nicht einmal der Einzelne freiwillig, wie viel weniger eine +Klasse, die sich im Besitz der Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr +Recht befindet. — + +</P><P> + +Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und Spekulationen +über Einrichtungen und Zustände der Entwicklungsperioden, +welche der Zivilisation vorausgegangen sind, um an der Hand derselben +nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen über die +Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere und +Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie +unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der +ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus +durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen — +woher er diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er +—, aber heute auf durchschnittlich 63 pariser Zoll +zurückgekommen sei, werde in der Harmonie sich wieder zur +Höhe von 73½–84 pariser Zoll entwickeln. Alle dem +Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in +demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der +Barbarei sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der +Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation nehme +jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein Beispiel +möge dies beweisen. + +</P><P> + +„Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach, weil +es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es +fällt ihm nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der +Griechen oder Römer nach den Theorien über die Rechte und +Pflichten der Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt +sich, die Steuer zu verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im +Nichtzahlungsfalle den Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es +also, um zum Zweck zu gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist +eine einfache Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für +denselben Zweck verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten +und Soldaten zur Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser +Hülfe das philosophische Handwerkszeug von moralischen +Subtilitäten über das Glück, Abgaben zum Wohl des +Handels und der Verfassung zahlen zu dürfen, hinzu. Tugendhafte +Finanziers übernehmen, damit wir unsere unverjährbaren +Rechte genießen können, bereitwillig die Ueberwachung der +Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie fordert, erscheint +dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht, seine Unterthanen +zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um den unsterblichen +Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben bewilligten; in +Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu bezahlen +<i>wünscht</i>. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß +er seine Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern +vermehrten, aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten +der Verfassung studiren, die ihn lehre, daß die Würde +freier Männer darin bestehe, zu bezahlen oder — in's +Gefängniß zu wandern.“ + +</P><P> + +Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung +vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in +Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich +mit der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung +die Lacher auf seiner Seite. + +</P><P> + +In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan +Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir ihm +nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die +Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von +Planet zu Planet, nach dem System immer größerer +Vervollkommnung, vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er +ausführt, warum die Menschen über das zukünftige Leben +nichts Bestimmtes wissen. Er sagt: „Erstaunen wir nicht über die +Unkenntniß, welche über unsere Unsterblichkeit herrscht, +noch über die Unzulänglichkeit unseres Wissens über +das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des +gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf +Gott die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem +künftigen Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, +sämmtliche Arme der Zivilisation würden Selbstmord +üben, um dieses künftige Glück so rasch als +möglich zu genießen; aber die Reichen, die +zurückblieben, hätten weder die Fähigkeit, noch die +Neigung, die Armen in ihren undankbaren Beschäftigungen zu +ersetzen. Die Wirkung würde also sein, daß durch das +Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten tragen, die Industrie +der Zivilisirten zu Grunde ginge und der Globus im Zustand +beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die sichere +Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer Herrlichkeit +sein.“ Originell ist diese Begründung auf alle Fälle. + +</P><P> + +Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des +Interesses halber wollen wir hier ferner einige der Analogien +erwähnen, die Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und +Thieren und den verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen +Beziehungen nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien +erfüllen nach ihm das ganze Universum, wobei er sich auf die +Worte Schellings — eines der sonst von ihm so gehaßten +metaphysischen Philosophen — immer wieder bezieht: „Die +menschliche Seele ist das Modell des Weltalls, es widerspiegelt sich +die Idee des Ganzen in jedem Theil.“ Nach Fourier ist also die +große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des Unbemittelten und +unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen Spiegelbild; im +Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem gebildeten +Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die Carotte ist +das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden Agronomen. Der +Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack entspricht den +Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist das +Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die gewaltsame +Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht ihr +Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird. Dagegen +gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde +der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren +zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß +für die Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das +Sinnbild der Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der +Justiz, der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der +Koketterie, der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, +die Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald +das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner +Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird die +Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten der +Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie <TT>(iris +perpillon)</TT> repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder +Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer +Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen +Bürgers; die gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe +reicher Liebender; die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit +Schwarz durchschossenen Blume einer großen Trauerblume +ähnlich sieht, entspricht der fürstlichen Ehe, wie +überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz oder Politik. Die Blume zeigt an, +daß diese Ehen meist ohne Liebe, oft ohne daß man sich +zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und ihres eigentlichen Reizes +und der wahren Natur des Menschen, die nach Liebe dürstet, +entbehren. Schließlich bedauert Fourier lebhaft, daß er zu +wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese Analogien, die eine +der interessantesten Studien darböten, nach allen Richtungen +verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im +sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung +schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen +Annehmlichkeiten und Reize habe. + +</P><BR /><HR><BR /> +<P> + +Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien +Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen +Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle +in seinen Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel +an Raum übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen +Umfang seiner Werke natürlich. Es ist andererseits keine leichte +Aufgabe, sich in der Menge des Materials und in dem oft krausen Stil +und abrupten Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium +seiner Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine +erstaunliche Fülle origineller Gedanken und Ideen, die zu einem +erheblichen Theil auch für die heutige Zeit, wie für die +zukünftige Entwicklung der Gesellschaft von großer +Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der menschlichen Triebe und die +daraus hervorgehenden Schlüsse sind eine Arbeit, wie sie unseres +Wissens nicht zum zweiten Male existirt. Die Art, wie er die +menschlichen Triebe für eine neue Gesellschaftsorganisation zu +verwenden beabsichtigte, ist so tief gedacht und erfaßt, +daß die Zukunft in der Richtung der von ihm erfaßten +Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht. Großartig +ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen von Fach +eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und das +zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste +Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm +begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so +merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und +keine Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser +Mann, der einsam durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der +Liebe jenen Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine +intimsten Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm +beobachtet. Das ist nicht überflüssig zu bemerken in +Anbetracht der Angriffe, welchen gerade die Abschnitte über die +Liebe in seinen Werken ausgesetzt waren. + +</P><P> + +Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen +verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie +nehmen aber einen ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein +und umfassen eine Menge interessanter Details, die wir übergehen +mußten, die aber neben der denkenden Beobachtung, die Fourier +den Kindern widmete, auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die +Zukunft der Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß. + +</P><P> + +Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will, +dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben vielem +Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich erscheint, +weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre älter wurden +und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und Erfahrungen +aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter fremd und +unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine erhebliche +Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und Ideen kennen +lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche in seinen +Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man es mit +Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem genialen +Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und Menschen und +Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der Menschheit und der +Welt widerspiegelte. Wer Goethe's „Wilhelm Meisters Lehr- und +Wanderjahre“ und „Wahrheit und Dichtung“ gelesen hat und erwägt, +daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und wenige Jahre von +einander getrennt starben, wird in den Phantasien Beider über +menschliches Glück manches Verwandte finden. Der Fourier'sche +Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in den +Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft +Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der +Lebenslage der Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der +Gesellschaft. + +</P><P> + +Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich +unberücksichtigt, und mußten und konnten dies auch, +Fourier's sehr polemisch abgefaßte Abhandlungen gegen die +Philosophen, die er so gründlich haßte und, wie es immer +geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die Feder führt, auch +schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte fest, daß +es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und Metaphysiker +waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu Leibe ging. Man +beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie daher kam, +daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand, +daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen +sie den Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das +Glück versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im +grellsten Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen +Zustand der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, +schönen und glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's +und der Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der +verschiedenen politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der +Sieyés und Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der +Robespierrianer u. s. w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer +gesehen, wie dem rothen der weiße Schrecken folgte, dann die +Bourgeoisie das Heft in die Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie +immer, allen ihren großen schönen Worten und erhabenen +Phrasen zum Trotz, nur daran dachte, das Volk zu unterdrücken und +es um die Früchte seiner Arbeit zu bringen; wie dann statt des +verheißenen Glücks das Massenelend sich einstellte, sich +sichtbar vermehrte; wir sagen, wer das Alles vom Standpunkt Fourier's +gesehen und erlebte und dabei glaubte, sich über die Natur der +Dinge und der Menschen nicht zu täuschen, dessen Herz durfte mit +Haß und Zorn erfüllt werden. Aber er besaß in hohem +Grade auch die Waffen des Witzes und des beißenden Spottes, +womit er seine Angriffe würzte, und dies erbitterte besonders +seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit, und die +überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte +Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von Fourier's +Charakter erbitterte dies noch mehr. + +</P><P> + +Sein System war nicht für das Verständniß der Massen +berechnet, wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die +Zustimmung und Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese +Kreise konnten, wenn überhaupt, nur gewonnen werden, wenn +namentlich die vornehmeren Journale sich seinen Ideen und seinen +Werken freundlich gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller +dieser Kreise mußten sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt +seiner Gedanken, durch seine Kritik am meisten getroffen und verletzt +fühlen. Es gehörte der kindliche Glaube eines Fourier dazu, +daß die Gegner seine Kritik nicht als eine persönliche, +sondern als rein sachliche auffassen sollten, das hieß in der +That ihrer Natur zu viel zumuthen und der Macht seiner Gründe zu +sehr vertrauen. Aber abgesehen von dieser Art seiner Polemik +würden die herrschenden Klassen schon aus den mehrfach +hervorgehobenen, im Wesen der Klassenherrschaft und des +Klassengegensatzes liegenden Gründen, sich zu keiner +freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie behandelten ihn, +und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als „Narren“. Wie kann man +auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden? Oder verlangen, von den +Disteln Trauben zu lesen? + +</P><P> + +Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn heraus, +schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen +Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm +boten. Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in +seiner Schrift „Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der +Wissenschaft“ aus, daß wenn selbst die Fourier'schen +Systemausführungen keinen Werth besäßen, eine Ansicht, +die Engels nicht hat, Fourier durch die Form seiner Kritiken zu den +größten Satirikern aller Zeiten gehöre. + +</P><P> + +Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen +Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe +und Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im +Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der +Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen +konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten es +sich katholische Organe seiner Zeit, wie „Gazette de France“ und +„L'Univers“ zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen, +welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle +schießen lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren +der Moral antaste, die heiligsten und intimsten Beziehungen der +Geschlechter in der Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch +alles dies und seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde +rein atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral +umzustürzen versuche. + +</P><P> + +So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich insbesondere +gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie wir sahen, +besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die Vertreter der +kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch neben +bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer +längeren Abhandlung: „Ueber den freien Willen“ lehrt, und +über die Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die +geeignet sind, die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn +auf's Höchste aufzubringen. + +</P><P> + +Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz +zusammengefaßt also: + +</P><P> + +„Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über +den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein +herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen bestimmen; +für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur Vernunft +gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln, wie die +Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner +Natur und den Willen Gottes.“ + +</P><P> + +„Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein +entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich +seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch +macht- und willenlos.“ + +</P><P> + +Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt, sie +sind Extreme, aber Extreme, die sich berühren und die in +Gemeinschaft mit einander handeln müssen, um sich gegenseitig zu +befriedigen. Gott will, daß der Mensch ihm hilft, +gewissermaßen sein Assozié sei. Um aber diese Hülfe +leisten zu können, muß der Mensch die Naturgesetze und die +Gesetze der Anziehung studiren. Sobald er diese begriffen hat, ist er +in der Lage, mit Gott gemeinsam zu operiren. Das Gefühl, das +Beide verbindet, soll Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die +Philosophen lehren, und nicht blinde, demüthige Unterwerfung, wie +die Theologen predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann +weder Gott noch der Mensch glücklich sein und können sie +ihren Zweck nicht erreichen. + +</P><P> + +Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie +weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat, +unmöglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben. + +</P><P> + +Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein System, +an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers hing, wie +er von Tag zu Tag während Jahrzehnten gehofft, verwirklicht zu +sehen, war gleich Null. Vielleicht dämmerte ihm auch die +Ueberzeugung, daß die Entwicklung der Zivilisation doch auf +wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich vorgestellt, und +alle diese Enttäuschungen verbitterten ihm seinen Lebensabend. Am +10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine Jünger, +nachdem er schon längere Zeit vorher gekränkelt, früh +Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der größten +Menschenfreunde hatte für immer die Augen geschlossen. + +</P><P> + +Die Fourier'sche Schule hat keine maßgebende Bedeutung und +keinen entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Frankreichs +erlangt. Wohl besaß sie eine nicht kleine Anzahl von +Anhängern, die sich meist aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich +aus den Kreisen der Studirenden, der Künstler, der Techniker und +selbst der Militärs rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen +mit Geist und Geschick schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, +die in den politisch-sozialen Kämpfen des modernen Frankreich +eine hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die +zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres +Hauptrekrutirungsfeldes für ihre Anhänger, aus den +ideologisch angelegten Köpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, +schufen auch eine verhältnißmäßig reiche +Literatur, aber die Zahl der Schriften stand in starkem +Mißverhältniß zu ihrem Einfluß auf die Massen. + +</P><P> + +Auch der Umstand, daß mehrere ihrer Hauptwortführer, so +Victor Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der +Schule, und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre +Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmälige +Erlöschen des Fourierismus nicht verhindern können. In +seinem Bestreben auf Aussöhnung der Klassengegensätze durch +freiwilliges Entgegenkommen der Besitzenden mußte der +Fourierismus immer mehr zu einer reinen Humanitätsduselei +verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstère zu Guise, als +Deckmantel mißbraucht, um unter sozialistischer Flagge +großbürgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise +müssen alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der +bürgerlichen Welt versucht werden und naturgemäß auf +die Aussöhnung sich gegenseitig ausschließender +Gegensätze gerichtet sind, zu Grunde gehen. Wo solche Experimente +sich längere Zeit halten, wie in einzelnen kommunistisch +organisirten kleinen Gemeinwesen in den Vereinigten Staaten, +vermögen sie dies nur durch fast vollkommene Isolirung von der +übrigen Welt und nur unter einer Wirthschaftsweise, die ihre +Anhänger zu spartanischer Einfachheit zwingt und ihnen +patriarchalische Verhältnisse aufnöthigt. + +</P><P> + +Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt. +Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen +Anlagen und Fähigkeiten und vollen Genuß an allen +Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der +Kulturmittel auf höchster technischer und wissenschaftlicher +Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines, +isolirtes, in seinen Kräften und Mitteln beschränktes +Gemeinwesen, mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu +schaffen. Es wird gestört durch jeden fremden Einfluß, der +von außen auf es einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr +vorhanden sein, je lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne +zum Ganzen für nothwendig erachtet. Entweder heißt es also +mit dem Ganzen gehen und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben +und verknöchern, ein Drittes giebt es nicht. + +</P><P> + +In der bürgerlichen Welt sind nur bürgerlich handelnde +Menschen denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines +Zähnchen an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von +Rädern mit ihren Tausenden von Zähnen und Zähnchen in +gesetzmäßiger Ordnung ineinandergreifen. Die Wirkung des +Einzelnen liegt in der Wirkung auf das Ganze und umgekehrt in der +Wirkung des Ganzen auf den Einzelnen. Beides ergänzt, beides +bedingt sich. + +</P><P> + +Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt +gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle +gebannt sind, willkürlich durchbrechen zu können, wer +wähnt, sein besonderes soziales Himmelreich begründen zu +können, der wird, durch die harten Thatsachen rasch eines andern +belehrt, seine Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen. Daher ist alle +sozialistische Experimentirerei mitten in der bürgerlichen Welt, +gehe sie nun von einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als +bürgerlicher Unternehmer sozialistisch produziren und +distributiren zu können, oder von einer kleinen Gesammtheit, die +dasselbe für sich und unter sich versucht: Utopisterei, +Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch ist ein Zeichen geistiger +Unreife, der nur die Wirkung haben kann, Enttäuschungen +hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Köpfen zu diskreditiren und +den Gegnern die gewünschte Waffe gegen die von ihnen +gefürchteten Bestrebungen zu liefern. + +</P><P> + +Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die +Utopisten ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse +finden sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der +einfachste Arbeiter fühlt, daß sich <i>künstlich</i> +nichts schaffen läßt, daß das, was werden soll, sich +<i>entwickeln</i> muß und zwar mit dem Ganzen durch das Ganze, +nicht getrennt und isolirt von ihm. + +</P><P> + +Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen, alles +Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende zu +erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde überall +eintreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik +anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel +erzeugten. Aus der Erkenntniß der Ursachen ergeben sich die +Heilmittel von selbst. + +</P><P> + +In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu +falschen Schlüssen führte, waren die falschen +Voraussetzungen, die er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er +vortrefflich und schilderte sie großartig, aber in der +Untersuchung der <i>Ursachen</i>, die diese Uebel erzeugten, ging er +von Auffassungen über das Wesen der Gesellschaft aus, die ihn +nothwendig zu falschen Ergebnissen führen mußten. Wer wie +er die Ansicht vertrat — und sie theilte sein Zeitalter —, +daß der Entwicklungsgang, den die Menschheit genommen, nicht die +gesetzmäßige Wirkung der Existenz- und +Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden +gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zufälligen +und willkürlichen Umständen abhängig, von dem Dichten +und Denken dieses oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung +mächtiger Personen, wer also nicht Gesetzmäßigkeit, +sondern Zufall und Willkür annahm, mußte auch glauben, +daß Zufall und Willkür die Zustände ändern +könne. Für Fourier war der Wille des Menschen nicht durch +die Umstände bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse +beherrschten, für ihn war der Wille des Menschen eine +selbständige Macht, die von den sozialen Verhältnissen nicht +beherrscht wurde, sondern diese willkürlich erzeugte. Er erkannte +nicht den Klassencharakter der Gesellschaft, für ihn war jede +Meinung nur eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte +allgemeine Vernunftgründe zu Gunsten einer Idee, die das +allgemeine Glück bezweckte, gewinnen ließ. Darum wandte er +sich auch hauptsächlich an Diejenigen, die ihrer sozialen +Stellung nach zu allerletzt ein Interesse, richtiger gar kein +Interesse hatten, den bestehenden Zustand zu ändern. Fourier +steckte also, ohne es zu wissen, selbst tief noch in den Ideen der +bürgerlichen Philosophen, die er sonst so sehr bekämpfte und +die auch alle von der Ansicht ausgingen, es bedürfe nur der +Erkenntniß einer „Idee“ des Guten, Gerechten, Vernünftigen, +um diese „Idee“ zur Geltung und Herrschaft zu bringen. Fourier +verspottete die Philosophen, daß sie beständig Ideen +verherrlichten und als Grundsätze in die Gesetze eingeführt +hätten, die mit der Thatsächlichkeit der Dinge im +Widerspruch blieben. Schließlich predigte er aber selbst Ideen, +die an der Hartnäckigkeit der Thatsachen scheiterten. + +</P><P> + +Fourier's großes Verdienst besteht darin, daß, wenn er +auch nicht erkannte, <i>warum</i> und <i>wodurch</i> die +bürgerliche Gesellschaft so war, wie sie war, er sich über +ihren Charakter nicht täuschen ließ, daß er ihre +Hohlheit und ihre Widersprüche erkannte und ihr schonungslos die +Maske vom Angesicht riß. Niemand vor ihm hat wie er die +bürgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und zweideutigen +Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt, allen ihren +Kundgebungen und Handlungen ausprägt, erkannt und Niemand nach +ihm hat sie schärfer kritisirt. Hierin hat er +Unübertroffenes geleistet. + +</P><P> + +Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine +Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und +großherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn +als einen Meister der Beobachtung erscheinen läßt. Seine +Auffassung der menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch +mit jener der Theologen und Moralphilosophen stand und steht, +daß alle Triebe natürlich und darum nützlich und +vernünftig, zum menschlichen Glücke nothwendig seien, und es +nur der soziale Zustand der Gesellschaft sei, der sie unterdrücke +oder fälsche, und daher diese Triebe sowohl für das +Individuum, wie für die Gesellschaft schädlich erscheinen +ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge Ketzerei, +als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar +geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner +Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche +Revolutionär. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und +mit Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen +müssen, das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur +Fälschung, Verkümmerung und Unterdrückung der +menschlichen Triebe führt und dadurch das wahre Wesen der +menschlichen Natur aufhebt. Man kann sich daher wohl vorstellen, welch +grimmigen Widerspruch diese Ideen bei den Lobrednern einer +Gesellschaft finden mußten, die eben erst nach den schwersten +und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution sich +konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war, die +beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung gekommen, +kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend, tritt ihr in +Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit, +Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und +enthüllt alle ihre Blößen. Diese Gesellschaft, die +eben erst die alte feudale Gesellschaft gestürzt, nachdem sie +dieselbe vorher durch die Waffen der Kritik schon moralisch vernichtet +hatte, erfährt, kaum zur Macht gekommen, an ihrem eignen Leib +dasselbe. Eben erst der Babeuf'schen Verschwörung durch Anwendung +brutaler Gewalt Herr geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein +neuer Gegner, der sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen +Waffen bekämpft. Doch es war nur ein Einzelner, der zunächst +keinen Anhang hinter sich hatte, der auch weit entfernt war, mit +denselben Mitteln, mit denen das Bürgerthum die Gewalt an sich +gerissen hatte, die Befreiung der Unterdrückten zu erstreben. So +waren die Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit +dem neuen Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle +würden in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden +Kampfe, wo er, der mittel- und namenlose Kommis, einer Welt +mächtiger Gegner gegenüberstand, den Muth haben sinken +lassen. Fourier that das nicht. Männer, die +unumstößlich an die Richtigkeit und Gerechtigkeit des von +ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker, die sich durch nichts +erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier. Die bittersten +Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten Angriffe, Spott und +Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn nicht irre. +Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er sein System +auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach unsäglichen +Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis ergebener +Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl abging, durch +Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten. + +</P><P> + +Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach +keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große +Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Maße +an Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der +Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den +Fortschritt der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. +Fourier'sche Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung +der gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als +ihr Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine +Kritik der bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt +wird, die nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt +sich die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren +er verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er +nie erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung +erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen +anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses +Zeugniß muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und +wenn es heute noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige +vieler seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das +in seinen Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur +ihre Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem +Urtheil. Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem +wärmsten Herzen für die Menschheit; sein Name wird erst zu +Ehren kommen, wenn das Andenken an Andere, die heute noch der +große Haufe auf den Schild hebt, längst verblaßt ist. + +</P><P> + +Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl +versprengter, meist den besitzenden Klassen angehöriger +Anhänger in Frankreich, die mit Hartnäckigkeit dem Traum +ihrer Jugend nachhängen. Das ist Alles, was von ihr übrig +blieb. Der Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen +sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen +wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begründern +auch den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, +vertreten werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie +Fourier wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefaßt. Die +alten Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflösung +begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der sozialen +Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten Bette +fließen und die Bewegung immer mehr zur Erfüllung ihrer +Mission befähigen. + +</P><P> + +Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der +Dichter Berangér, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn +im Leben verfolgte, der „Narr“, besingt, nur daß er das Gedicht +allen „Narren“ widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der +Menschheit neue Bahnen zu eröffnen. + +</P><P> + +Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der +Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen, +lautet: + +</P> + + +<h4>Les fous</h4> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p> Vieux soldats de plomb que nous sommes, </p> + <p> Au cordeau nous alignant tous, </p> + <p> Si des rangs sortent quelques hommes, </p> + <p> Nous crions tous: A bas les fous! </p> + <p> On les persécute, on les tue, </p> + <p> Sauf, après un lent examen, </p> + <p> A leur dresser une statue </p> + <p> Pour la gloire du genre humain. </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Fourier nous dit: Sors de la fange, </p> + <p> Peuble en proie aux déceptions, </p> + <p> Travaille, groupé par phalange, </p> + <p> Dans un cercle d'attractions; </p> + <p> La terre, après tant de désastres, </p> + <p> Forme avec le ciel un hymen, </p> + <p> Et la loi, qui régit les astres, </p> + <p> Donne la paix au genre humain. </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Qui découvrit un nouveau monde? </p> + <p> Un fou qu'on raillait en tout lieu; </p> + <p> Sur la croix que son sang inonde, </p> + <p> Un fou qui meurt nous lèque un Dieu. </p> + <p> Si demain, oubliant d'éclore, </p> + <p> Le jour manquait, eh bien! Demain </p> + <p> Quelque fou trouverait encore </p> + <p> Un flambeau pour le genre humain. </p> + </div> +</div> + +<h4>Die Narren</h4> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p> Wir lassen richten, drillen uns und kneten, </p> + <p> Soldaten nur, die des Kommandos harren; </p> + <p> Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten, </p> + <p> Es schreit die Menge: „Nieder mit dem Narren!“ </p> + <p> Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet, </p> + <p> Bis man zuletzt, als würde etwas Rechtes </p> + <p> Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet, </p> + <p> Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes. </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Dem Volk ruft Fourier zu: „Im Schlamme heute, </p> + <p> Entwinde dich dem Truge deiner Feinde </p> + <p> Und schaare dich, daß Keiner aus dich beute, </p> + <p> Zur brüderlichen, schaffenden Gemeinde. </p> + <p> Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet, </p> + <p> Willkür und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte, </p> + <p> Und das Gesetz, das über Sternen waltet, </p> + <p> Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.“ </p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p> Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden? </p> + <p> Ein „Narr“, verfallen afterweisem Spotte. </p> + <p> Am Kreuz erliegend seinen Nägelwunden, </p> + <p> Wird uns ein „Narr“, der elend stirbt, zum Gotte. </p> + <p> Versänk' die Sonne in des Dunkels Schlünden, </p> + <p> Daß uns das morgen keinen Morgen brächte, </p> + <p> So würde morgen eine Fackel zünden </p> + <p> Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte. </p> + <p> </div> +</div> + +<BR /><HR><BR /> +<P> + +Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung, welche +die Fourier'schen Ideen über die Grenzen Frankreichs und speziell +auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung, die Frankreich +seit der großen Revolution für alle vorwärtsstrebenden +Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte, mußten auch die +Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die namentlich nach der +Restauration mit der Entwicklung der ökonomischen +Verhältnisse immer mehr in den Vordergrund trat, lebhafte +Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Ländern +Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem +auszubreiten. Damit kamen selbst für den oberflächlichen +Beobachter eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die +Selbstzufriedenen beunruhigten, die Vertreter und Anhänger der +kleinbürgerlichen Wirthschaftsform aber in größte +Aufregung versetzten. Man sah vielfach schwärzer in die Zukunft, +als es durch den Gang der Dinge sich rechtfertigte. Der +pessimistischen Schwarzseherei der Einen stand die optimistische +Schönfärberei der Anderen gegenüber. Zwischen diesen +beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen aber ideal +angelegten Geistern, welche weder dem „Kreuzige“ der einen Seite, noch +dem „Hosianna“ der anderen Seite zustimmen konnten; sie sahen, +daß das alte ökonomische System verrottet, unhaltbar und +unmöglich geworden war, aber sie konnten auch vor den Uebeln, die +das neue in seinem Gefolge führte, nicht die Augen +verschließen. Diese bemächtigten sich jetzt mit Gier der +neuen sozialen Ideen, die in dem ökonomisch und politisch +vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort die +ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in England, +in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich auftauchenden +utopistischen Ideen für Gründung einer auf friedlicher +Verständigung aller Klassen der Gesellschaft basirten neuen +Gesellschaftsordnung begeisterte Anhänger und die +bezüglichen Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Für die +praktische Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in +Frankreich in diesen Ländern aus schon angeführten +Gründen die Massen zu gewinnen. + +</P><P> + +Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgänge in +Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur zahlreiche +Anregungen zu ähnlichem Vorgehen schöpften, ward so +ebenfalls im Beginn seiner großbürgerlichen Entwicklung mit +einer sozialistischen Literatur bedacht. Während Karl Marx und +Friedrich Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr +praktisch, ihre ökonomischen Studien begannen und die ersten +Bausteine zu dem Lehrgebäude des auf rein materialistischer +Grundlage beruhenden wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die +Geister beherrscht, herbeischafften, begnügten sich Andere, die +Lehren und Ideen der französischen Utopisten und Sozialisten, mit +deutsch-philosophischem Geist durchtränkt, in die deutsche +Sprache zu übertragen. Das geschah insbesondere dem +Begründer der sozietären Schule, Fourier, und dem +kleinbürgerlichen Sozialisten Proudhon. Neben verschiedenen +kleineren Schriften, die in Zürich in den vierziger und +fünfziger Jahren hauptsächlich auf Veranlassung Karl +Bürkli's, eines alten Schülers von Fourier, herauskamen, +liegen mehrere größere Bearbeitungen des Fourier'schen +Systems in deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz +Stromeyer vor.<a href="#Footnote_25" +name="FNanchor_25" id="FNanchor_25"><sup>25</sup></a> Ferner erschien 1845 in Kolmar +eine im Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: „Die Welt, +wie sie ist und wie sie sein soll“, aus dem Französischen von +Math. Briancourt. Karl Scholl ließ 1855 in Zürich eine +Schrift erscheinen, betitelt: „Viktor Considerant über die +Erlösung der Menschheit in ihrem wahren Sinn.“ Auch erschienen in +demselben Jahre in Zürich eine Anzahl Schriften, in welchen +für die Auswanderung nach Texas zur Gründung von +Phalanstèren im Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. +Diese Versuche sind kläglich mißlungen. + +</P><P> + +Interessant für die Geschichtsauffassung, welche die Schüler +nach den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die +seitens eines Deutschen in dem Buche: „Abbruch und Neubau“ oder +„Jetztzeit und Zukunft“ von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser +erläutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, +die wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anführten und bei +dem Interesse, das diese Erläuterung nach unserer Auffassung +verdient, geben wir sie ausführlich wieder. Es heißt da: + +</P><P> + +„Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation; die +Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist aus dem +Gynäceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat ihre +bürgerlichen Rechte erlangt <i>Mit der Verleihung der +bürgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem +Zustand der Barbarei in die Zivilisation übergegangen.</i> + +</P><P> + +„Diese Veränderung im Zustande einer Hälfte des +Menschengeschlechts giebt den Sitten eine ganz neue Färbung, +indem sie dieselben verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der +Künste und Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik +begünstigt. + +</P><P> + +„In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der +Gesellschaft eine unumschränkte; in der ersten Phase der +Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbündung +(Föderation) der großen Vasallen der königlichen +Gewalt Schranken setzt. + +</P><P> + +„Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe, +Künste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mächtig: +Die <i>Gemeinden</i> erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, +freie Städte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines +willkürlichen Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem +Staatsoberhaupt beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, +weil sie sich bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte +Macht sie faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der +Zeit, so ist es gerade, als wären sie nicht da, und der +Feudalismus bleibt zum deutlichen Beweise, <i>daß Verfassungen +bloße Chroniken vollendeter Thatsachen sind,</i> daß sie +die Geschichte der Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich +so ausdrücken darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen. + +</P><P> + +„Mit der steigenden Aufklärung der früheren Leibeigenen, mit +ihrem steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und +Gewerbefleiße wächst auch ihre Macht in demselben +Maße, in welchem das Feudal-Element geschwächt wird. + +</P><P> + +„Die alten Leibeigenen sind Bürger und Volk geworden. Bürger +und Volk verbünden sich miteinander gegen den Feudalismus, und +der Sieg ist ihnen gewiß. + +</P><P> + +„In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von steten +Stürmen und Umwälzungen bedroht. Die Zähigkeit des +Feudal-Elements kann das volksthümliche Element zu Gewaltthaten +treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik liegt +mit den alten religiösen Anschauungen im Kampfe; die Philosophie +stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenüber dem alten auf. + +</P><P> + +„Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe und +des Ackerbaues spielt das <i>Repräsentativ-System</i> der Gewalt +gegenüber dieselbe Rolle, die früher die großen +Vasallen gespielt hatten. + +</P><P> + +„Der Bürger braucht nun den Schutz des Ritters nicht länger: +schon hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getödtet. +Der Bürger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz +verkündet, und so folgen die <i>Freiheits-Illusionen</i> auf die +Illusionen des Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie +in der Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die +Bedingungen, unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch +nicht erfüllt sind. + +</P><P> + +„Unterdessen hat die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht, sie +hat die Schifffahrt, überhaupt erleichterte Verbindungswege, +Eisenbahnen, Kanäle u. s. w., sowie die Experimental-Chemie in's +Leben gerufen, und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu +Hülfe kommt, zu einer höheren Periode aufsteigen, die wir, +mit Fourier, <i>Garantismus</i> nennen wollen, da sie die +Verwirklichung eines Systems von Garantien wäre, wovon die +jetzige Gesellschaft einige bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.“ + +</P><P> + +Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche +Einheit, die Quarantänen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen +etc. + +</P><P> + +„Mit der Experimental-Chemie tritt die große Industrie in's +Leben; die kleine Industrie geht in der großen auf. Neue +Verfahrungsarten verdrängen die alten, eine ganz neue +industrielle Welt ist im Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden +von Arbeitern schießen wie Pilze aus dem Boden hervor und +versetzen den in altherkömmlicher Weise betriebenen Gewerben den +Todesstoß. + +</P><P> + +„Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung der +Produktion genügen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf, +diese Verfahrungsarten überall hin zu verbreiten und so die +Möglichkeit der Erreichung einer höheren gesellschaftlichen +Stufe anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der +Eisenbahnen, des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der +Verbindungsmittel überhaupt. + +</P><P> + +„Indessen hat die Zivilisation — als Entwicklungsphase der +Menschheit betrachtet — in Folge eines inneren, in ihrem Wesen +begründeten Zwiespalts die große Industrie nicht in's Leben +zu rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu +erzeugen, die unter dem Titel <i>Entwaldungen und Fiskalanleihen</i> +aufgeführt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden +Phasen sind. In der That fällt auch der Boden im Ganzen genommen +immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je größer der +Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird. +Die Entwaldung der Anhöhen, welche die Ausmergelung der Berge und +die Entblößung der Abhänge mit sich führt, ist +der höchste Ausdruck des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur +unausbleiblichen Folge haben, daß in der Vertheilung der Wasser +nach und nach eine gänzliche Veränderung eintritt. Werden +die Entwaldungen bis zum Uebermaß ausgedehnt, so wird am Ende +selbst das Klima ernstlich Noth leiden: die schroffsten +Uebergänge werden nichts Ungewöhnliches sein; heute eine +afrikanische Hitze, morgen eine sibirische Kälte. Die +Wissenschaft hat in der Person ihrer würdigsten Vertreter +angefangen, auf die üblen klimatischen Folgen der planlosen +Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise, <i>daß die +Atmosphäre für den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das er +durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann.</i> + +</P><P> + +„Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem +Höhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der +Völker hat gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element +hat seine letzten Kräfte zusammengerafft, um das neue +volksthümliche Element zu erdrücken. Daher der lästige +Kriegsfuß, daher der fast ebenso lästige Friedensfuß. +Die edelsten Kräfte der Nation werden in soldatischen Spielen +vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver Ausgaben +vergrößern das Uebel fortwährend, bis endlich das +thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstürzt.“ + +</P><P> + +Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des +Höhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres +Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer höheren Stufe +enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen +Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die +Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem sie +die Ausbildung des <i>industriellen Feudalismus</i> mächtig +förderten. Ebenso könnten die neugeschaffenen +Verbindungswege in den Händen von Aktiengesellschaften die Rolle +einer Saugpumpe spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt +der dritten Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen könne. +Endlich gab die Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten +von Produkten zu fälschen, und der lügnerische Handel gewann +so eine Ausdehnung, welche die ernstlichsten Besorgnisse +einflößen mußte. + +</P><P> + +Zwar könne die nun beginnende absteigende Periode ein +natürlicher Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei +eine Reihe von Klippen und Schändlichkeiten. Unterliege die +Zivilisation auf ihrem Wege den ihr gegenübertretenden +Einflüssen, so falle sie in eine niedere Periode zurück, um +den alten Kampf von Neuem zu beginnen. Glücklicherweise sei das +Leben der Menschheit ein vielfaches; falle eine Zivilisation, so sei +bei den vielen Nationen und mancherlei Gesellschaften immer die +Hoffnung da, daß eine derselben das Erbe der fallenden +Gesellschaft übernehme. + +</P><P> + +Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem +ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendämmerung und +Abenddämmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, +der Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, +ohne identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der +Bewegung abgeleiteten Grundsatze ließe sich erwarten, daß +die Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem +Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die vor +unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer +mathematischen Wahrheit. + +</P><P> + +„Der steigende Reichthum des Bürgerthums hat den +Adels-Feudalismus getödtet: Pergamente und Wappen haben +aufgehört, die Herrschaft zu verleihen, und das Geld ist an ihre +Stelle getreten. Wege zum Reichthum sind Industrie, Handel und +Beamtenstellen. Der herrschende Geist wird demnach der +<i>kaufmännische</i> und <i>fiskalische</i> sein. Er ist in der +Tabelle als einfacher Keim der dritten Phase bezeichnet, weil er einen +neuen Feudalismus, nämlich den industriellen, den wir auch +Handels- oder Geldfeudalismus nennen können, im Keim +enthält. Von nun an muß sich Alles dem neuen Prinzipe +unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der Zivilisation +werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten Phase, sondern die +untersten Schichten der Gesellschaft bildenden Proletarier sein. Der +Hunger und das Elend werden sie faktisch denjenigen +überantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die Werkzeuge +der Arbeit in Händen haben.“ + +</P><P> + +„Die große Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und +Spekulationen macht die kleine, mit mäßigen Geldmitteln +betriebene, unmöglich. Der große Handel unterdrückt +den kleinen, und diese Bewegung gestaltet sich immer +großartiger, je mehr das Kapital durch glückliche +Spekulationen oder durch Gründung von Aktiengesellschaften sich +konzentrirt. In demselben Maße, wie das Kapital sich +konzentrirt, wächst auch der Pauperismus und das Proletariat, und +da die großen Kapitalien sich am liebsten in den großen +Städten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in +größerem Maßstabe betrieben. Allmälig sammeln +sich da Heere von Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und +somit viel schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten +Periode. <i>Diese Arbeiter-Heere sind für die Zivilisation das +Schwert des Damokles.</i> Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr +von inneren Kämpfen und Bürgerkriegen bedroht als die +zweite. Nur sind die nun ausbrechenden Revolutionen nicht länger +<i>politischer</i>, sondern <i>sozialer</i> Natur; die Insurrektion +nimmt einen industriellen Charakter an.“ + +</P><P> + +„Der Handelsgeist und der mächtige Hebel der +Kapitalien-Konzentration, welche den großen Kapitalisten das +Monopol der Industrie nach und nach in die Hände spielt, sind die +Elemente des See-Monopols oder Großhandels-Monopols, wodurch der +Geist und die Bestrebungen der ganzen Phase angedeutet werden. Die +Politik tritt in die Dienste des Monopols und erhält so eine ganz +eigentümliche Färbung, bis sie endlich nur noch das +kaufmännische Element vertritt. Diplomatie, Kriege, Kammern, +Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich verschiedenen +Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus gebrochenen Zeitgeist +zurück. <i>Alles ist käuflich;</i> der Durst nach Gold hat +die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich in seiner +ganzen Scheußlichkeit. + +</P><P> + +„Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das <TT>laisser faire laisser +passer</TT>, erzeugt zugleich den <i>anarchischen Handel,</i> der +unter dem Titel „Gegengewicht“ in der Tabelle aufgeführt ist. Da +die großen Handelsoperationen von dem großen Kapital +monopolisirt sind, so bleibt dem kleinen Kapital nur noch der +Kleinhandel. In Folge des herrschenden merkantilischen Geistes wirft +er sich auch auf denselben mit einer wahren Wuth — ein +Verhältniß, das sich in der großen Menge +schmarotzerischer Zwischenhändler und Mäkler am Besten zu +erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser +Zwischenhändler entbrennt, um so großartiger gestalten sich +die Betrügereien und Fälschungen jeder Art, wodurch die +Gesellschaft systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein +aber verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet +noch einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also +ein natürliches Gegengewicht des großen Kapitals. Von dem +Tage an, wo das große Kapital an den Hauptplätzen +große Niederlagen für den Detailverkauf gründet, wie +dies schon jetzt mancher Orten geschieht, von diesem Tage an muß +der kleine und mittlere Handel das Gewehr strecken. Von dem Tage an +wird aber auch die Anarchie im Handel und Wandel aufhören, und +die Regelung des Handels wird immer leichter werden, je deutlicher die +Charaktere des industriellen Feudalismus hervortreten. + +</P><P> + +„Wie ließe sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als +mit dem Ausdruck <i>„ökonomische Illusionen“</i>? Die politische +Oekonomie, ein Erzeugniß des merkantilen Geistes, verhält +sich zu der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, +wie die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur +zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des +Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf dem +Wege, den Liberalismus durch die <i>Politik der materiellen +Interessen</i> zu tödten, eine Politik, die den reinen, +uneigennützigen Liberalismus bereits in einem ziemlich +lächerlichen Lichte erscheinen läßt.“ + +</P><P> + +„Der industrielle Feudalismus wäre eine vollendete Thatsache, +sobald das große Kapital nicht allein die Fabrikation und den +Handel, sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben +würde. + +</P><P> + +„Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen +Betrügereien, Bankerotten und Fälschungen nicht allein zur +Folge haben, daß die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes +immer kritischer wird, sondern es wird sie auch die öffentliche +Stimmung nachgerade so energisch verdammen, daß das große +Kapital darin eine Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel +zu absorbiren. Und so wird sich dann dieser gewaltsam +rückwirkende Geist politisch dadurch bethätigen, daß +er <i>Meisterschaften in bestimmter Anzahl</i> und privilegirte +Körperschaften in's Leben ruft. + +</P><P> + +„Die <i>Leihhäuser</i> oder <i>Leihkassen</i> für Landwirthe +haben zum Zweck, dem bedrängten Ackerbau zu Hülfe zu kommen. +Während die Kapitalien der Spekulation und den Banken +zuströmen, leidet der Ackerbau an solchen Noth, so daß er +dem Wucher in die Hände fällt. Schlechte Ernten, eine +schlechte Bewirthschaftung des zerstückelten Grundbesitzes und +ähnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis endlich ein +großer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen +anheimfällt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich +wieder zusammenfügen; der kleine Besitz wird vom großen +verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das +kleine Kapital von dem großen. + +</P><P> + +„Während alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft +in einer wahrhaft fürchterlichen Lage. Nichts als Krisen und +Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein +unermeßliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die +frühere <i>individuelle</i> Leibeigenschaft ist eine +<i>kollektive</i> geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu +Zeit aus ihren Bagnos stürmen und ein Spartakus wird sie +führen. + +</P><P> + +„Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt +eine eigene Gewalt bilden und so für die vierte Phase das sein, +was der Feudaladel für die erste war. Und gleichwie die nationale +Einheit erst dann begründet werden konnte, als das monarchische +Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zügeln +und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher zum +Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das industrielle +Element zu lenken wissen wird. + +</P><P> + +„Uebrigens keine Burgen, die zerstört, keine hochmütigen +Vasallen, die geköpft oder gemeuchelt werden müßten. +Die Aufgabe der Regierung wird darin bestehen, daß sie die Rolle +einer Vermittlerin zwischen den einander feindselig +gegenüberstehenden Interessen übernimmt, daß sie den +Waarenaustausch regulirt, die Einheit der Maße, Gewichte u. s. w. +herstellt, mit einem Wort, daß sie in sämmtlichen +industriellen und kommerziellen Verhältnissen die nöthig +gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die Zivilisation, wie +sie in der Tabelle geschildert worden, schon überholt. + +</P><P> + +„Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die +<i>Assoziations-Illusionen</i>. Wir sagen Illusionen, weil die +Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft zu +vermehren, blos das häßliche Zerrbild der <i>wahren</i> +Assoziation ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt. + +</P><P> + +„Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, daß die +aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation +sich zueinander verhalten, wie die beiden Hälften des +Menschenlebens, d. h. daß sie in Beziehung auf den Höhepunkt +oder die Mittelstufe miteinander symmetrisch sind; + +</P><P> + +daß die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt; + +</P><P> + +daß die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine +Verminderung der <i>persönlichen</i> oder <i>direkten</i> +Dienstbarkeit zur Folge hat, während in der Phase der +absteigenden Bewegung die <i>kollektive</i> oder <i>indirekte</i> +Dienstbarkeit sich befestigt; + +</P><P> + +daß die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur +sind, während die der beiden letzten einen <i>sozialen</i> oder +industriellen Charakter annehmen; + +</P><P> + +daß das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten +Gleichgewichte ein unstätes soziales Gleichgewicht +begründet; + +</P><P> + +daß die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas +Ritterliches, Edles haben, während denen der absteigenden +Bewegung nichts als der gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; +endlich + +</P><P> + +daß, während der Fortschritt in den beiden ersten Phasen +sich nach den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, +nach der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen +läßt, der Maßstab für den Fortschritt in der +absteigenden Bewegung, die Auffindung derjenigen Institutionen ist, +welche die Zivilisation ihrem natürlichen Tode zuführen und +so der Gesellschaft die Ersteigung einer höheren Bildungsstufe +möglich machen.“ + +</P><P> + +Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem Untergang +der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser deutscher +Autor darlegt. Bei ihm tritt in schärferem Maße als bei +Fourier das Gesetzmäßige in der Entwicklung, +unbeeinflußt von dem Wirken der einzelnen Person, in den +Vordergrund. Wir haben es, scheint's, mit einem Schüler der +Hegel'schen Schule zu thun, der die Lehre von den Gegensätzen in +der Gesellschaft dialektisch auffaßt und behandelt. Fragt man +nun nach der praktischen Wirkung dieser Anhänger Fourier's in +Deutschland und ihrer Bedeutung für die Bewegung, so weiß +Niemand davon zu melden. Die sozialistischen und kommunistischen +Ideen, die meist sehr verschwommen im „tollen Jahr“ in den +verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der vorgeschritteneren +Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen nirgends +Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und Engels nichts +die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren beeinflußten, waren es +wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang fanden. Die Mehrzahl der +Arbeiter, die sich an der Bewegung betheiligten, war von den +unklarsten sozialen und politischen Ideen beherrscht. Woher sollte die +Einsicht in die Arbeiterklasse kommen, wenn die höher stehende +Klasse, das Bürgerthum, in allen ihren öffentlichen +Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit an den Tag +legte. Bot doch auch die damals viel weiter vorgeschrittene +französische Arbeiterklasse ein keineswegs erfreuliches +kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in Schulen und Sekten, +die sich gegenseitig bekämpften. Es war daher auch kein Wunder, +daß diese in Deutschland eben erst aufkeimende soziale Bewegung +durch die Reaktion der fünfziger Jahre bis auf die Erinnerung +ausgetilgt wurde. + +</P><P> + +Die dann im Laufe der fünfziger Jahre in Deutschland sich +vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmälig auch eine +Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgängerin aus den vierziger +Jahren für ihren Befreiungskampf ausgerüstet war. Und nun +zeigten sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen +Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der +Arbeiterklasse anderer Länder voraus war. Sie erfaßte mit +scharfem Verständniß die Theorien und Grundanschauungen +ihrer großen Lehrer; der eigentliche Schulstreit, der die +französischen Arbeiter Jahrzehnte lang zerklüftete, blieb +ihr erspart, und so wuchs die Bewegung, begünstigt durch die +politische und soziale Umgestaltung Deutschlands, so, daß sie +heute als die vorgeschrittenste in allen Kulturstaaten betrachtet +werden darf. Keinem Personenkultus huldigend, nimmt sie dankbar die +guten Lehren an, welche die großen Vorkämpfer und +Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend einem Lande der Welt +hinterließen. + +</P><P> + +Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung +eine eminent kosmopolitische. Zunächst innerhalb des nationalen +Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die zahllosen +Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung, Literatur, +Güteraustausch etc. in früher ungeahntem Maßstab dazu +bei, den Ideenaustausch zu fördern, den Nationalitäten- und +Racenhaß zu ertödten, die Interessensolidarität immer +inniger zu verknüpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die +Fourier befürwortete, rückt ihrer Verwirklichung, wenn auch +anders als er gedacht, immer näher, und die Zeit wird auch nicht +mehr fern sein, wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der +ganzen Kulturwelt eine neue soziale Organisation entsteht, die weder +nach Landes- noch nach Sprachgrenzen fragt und den Bürger zum +Menschen macht. + +</P><BR /><HR class="full"><BR /> + + +<h2>Skizze eines Phalanx-Gebäudes <TT>(Phlanstère)</TT></h2> + + +<div class="figcenter" style="text-align: center;"> +<img width = "418" height = "221" src="images/phalanstere.jpg" alt="Skizze eines Phalanx-Gebaeudes"> +</div> + +<P> + +Wie das Kreuz der Typus der mittelalterlichen Dome und Kirchen ist, so +ist die Serie der Typus des Wohn- und Arbeitsgebäudes einer +Phalanx, d. h. ein Zentrum mit zwei mittleren oder Haupt-Flügeln +und zwei äußersten oder Neben-Flügeln. Die jeweilige +Architektur ist immer nur das äußere Abbild der sozialen +Verhältnisse, und ein Kenner wird immer an der Architektur auf +die Gesellschaftsform einer Zeitepoche schließen können. +— <i>Die Gemein</i>wirthschaft, in welcher Form immer, bedingt +natürlich auch ganz andere Gebäulichkeiten, als die +<i>Privat</i>wirthschaft. — Das Zentrum soll diejenigen +Räumlichkeiten enthalten, wo die ca. 2000 Personen mehrmals des +Tages verkehren, wie Speisesäle, Versammlungslokale, Bureaux, +Bazare, Bibliotheken etc.; die zwei Hauptflügel, welche +perpendikulär vom Zentrum abzweigen und so den Zentralplatz der +Phalanx bilden, sowie die zwei äußersten Flügel, +welche nach links und rechts abbiegen und an der Hauptstraße +liegen, würden die verschiedenen Werkstätten, die +geräuschvollsten am äußersten Ende, enthalten. Die +Wohnräume würden die oberen Stockwerke des +Gesammtgebäudes in Anspruch nehmen. — Gegenüber der +Phalanx, dem Zentralplatz und der Hauptstraße entlang, +kämen die Oekonomie- und Maschinengebäude, Ställe etc., +welche man hier nicht sieht, zu liegen. — Das +Phalanxgebäude ist ca. 2000 Fuß oder 600 Meter lang vom +äußersten linken zum äußersten rechten +Flügelende gemessen. Um eine allzugroße Ausdehnung zu +vermeiden, ist die Reihe der Gebäude doppelt und parallel laufend +mit dazwischen liegenden Hofgärten. — Eine breite, gedeckte +Galerie verbindet im Innern, gegen die Hofseite hin, alle Theile des +Gebäudes und fungirt als Hauptarterie der Zirkulation. + +</P> +<BR /><HR class="full"><BR /> + +<H2>Anmerkungen</H2> + +<table summary = "Anmerkungen"> + +<tr> +<td class="sn">[<a href="#FNanchor_1" name="Footnote_1" id="Footnote_1">1</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von Macedonien in seinem +Heere eingeführten Schlachtordnung; die Phalanx war ein +dichtgeschlossener, keilförmig geformter, mit Speeren bewaffneter +Truppenkörper, der mit seiner Spitze in den Feind eindrang und +ihn auseinander sprengte. Der Name für sein System ist also von +Fourier nicht übel gewählt.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_2" name="Footnote_2" id="Footnote_2">2</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem Robinet in seinem +1766 in Amsterdam erschienenen Werke „Ueber die Natur“ <TT>(De la +nature)</TT> Ausdruck giebt: „Alles in der Natur steht miteinander in +Verbindung“, und ebenso spricht R. einen Gedanken aus, den Fourier +ähnlich wiederholt: „Daß die Natur mit möglichst +sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite.“ Holbach sagt im +<TT>Systeme de la nature</TT>: „In der ganzen Schöpfung herrscht +Wesenseinheit.“ Die Ideenassoziation ist augenfällig.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_3" name="Footnote_3" id="Footnote_3">3</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: „Karl Fourier, ein +Vielverkannter“ (Hottingen-Zürich, Volksbuchhandlung 1881), den +Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz einen +häßlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewählte +Ausdruck ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals +ausdrücklich konstatiren, daß nach Fourier's Theorie +<i>alle Triebe gut sind</i> und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig +anstößig sein darf, als die nach unserer landläufigen +Auffassung von Fourier gebrauchten Ausdrücke Kabalist und +Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch in der bürgerlichen Gesellschaft +an sich eine ganz löbliche Eigenschaft, der nur unangenehm und +schädlich wird, wenn er auf Kosten Anderer oder der Allgemeinheit +sich Geltung verschaffen will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich +in seiner Schrift, in dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung +zu bringen, ihn ein wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache +unserer Zeit reden lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen +genügend Erwähnung zu thun. Ein solches +Zugünstigfärben erklärt sich aus dem Bestreben, Fourier +gegen die ungerechten und unqualifizirbaren Angriffe eines +Dühring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu nehmen. Alle drei +bezeichnen Fourier — und Dühring und Most offenbar, ohne +sich näher mit seinen Werken vertraut gemacht zu haben — +einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu haben. Ob +dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner Gegner +entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der Leser am +Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir möchten aber schon +jetzt konstatiren, daß Joh. Most, der sich heute als +Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben scheint, +daß er Fourier als <i>Vater des Anarchismus</i> anzusehen hat +— das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und +Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden +Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt. Die +Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d. h. der Erdball mit +Phalanstèren bedeckt, machte jede Staatsorganisation +überflüssig, es wäre die Föderation der Phalanxen, +also produzirender und konsumirender Kommunen. Daß Fourier +trotzdem nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend +voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu gründen in +Aussicht stellte, ist einer der Widersprüche seines Systems, die +ihm nicht zum Bewußtsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der +das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in +seinem Wesen unberührt läßt.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_4" name="Footnote_4" id="Footnote_4">4</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner Meinung die Mittel +für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten und +berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_5" name="Footnote_5" id="Footnote_5">5</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +„Unter den Philosophen begreife ich“, sagt Fourier an einer Stelle, +„nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften <TT>(sciences +incertaines)</TT>, die Politiker, Moralisten, Oekonomisten und +Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen, sondern +nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich also von +Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser zweifelhaften Klasse, +nicht von den Vertretern der bestimmten Wissenschaften <TT>(sciences +fixes)</TT>.“ Fourier ging von der Ansicht aus, daß die +französische Revolution nur ein Werk der Philosophen +sei.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_6" name="Footnote_6" id="Footnote_6">6</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine Verehrer, die den +„Naturzustand“ als den glücklichsten, tugendhaftesten Zustand +priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal sahen. Jahrzehnte vorher +schon spielte die feudale Gesellschaft in ganz Europa, der +französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre idyllischen +Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen +zum Vorschein kamen. Der Verfasser.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_7" name="Footnote_7" id="Footnote_7">7</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen und +erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die +materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das Wasser, +3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität, Magnetismus), 4. +die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die soziale oder passionelle, +welcher das Feuer entspricht. Die eigentliche praktische Bedeutung +dieser fünf Bewegungen oder Antriebe wurde bereits weiter oben +auseinandergesetzt.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_8" name="Footnote_8" id="Footnote_8">8</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des Großen +von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch +Napoleon I. 1806.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_9" name="Footnote_9" id="Footnote_9">9</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des Urtheils Fourier's +über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das achtzehnte +Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele Jahrhunderte +zusammengenommen.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_10" name="Footnote_10" id="Footnote_10">10</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Anspielung auf die Zustände in der französischen Revolution +während der Herrschaft des rothen und des weißen +Schreckens.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_11" name="Footnote_11" id="Footnote_11">11</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis 1848 herrschte +in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur die Wahl der +Reichsten ermöglichte.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_12" name="Footnote_12" id="Footnote_12">12</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_13" name="Footnote_13" id="Footnote_13">13</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden betrachtet Fourier: +1. Sammelfreiheit der Früchte; 2. Weidefreiheit; 3. freien +Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere Verbindung der Horde; 6. +Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub <TT>(vol exterieur)</TT>. +Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht Fourier das +Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des gemeinsamen +Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung werth findet, +nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub innerhalb +der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt, diesen Raub an +der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht, der innerhalb der +Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und dieses respektirt. In +der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten Stämmen in +Feindschaft und so wird dieses Recht des „auswärtigen Raubs“ +einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die Rudimente +ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der +Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die Annexion +fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher +angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen: +der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme +Zivilisirte, andererseits weit mehr <i>Solidaritätsgefühl</i>, +als die Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, +das der Wilde in der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu +begründen, brauchen wir eine ganz neue soziale +Organisation.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_14" name="Footnote_14" id="Footnote_14">14</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier erwähnt hier einen selbsterlebten Fall und führt die +Namen an, die wir als gleichgültig weglassen.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_15" name="Footnote_15" id="Footnote_15">15</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Der Leser will nicht vergessen, daß das nicht heute, sondern +schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_16" name="Footnote_16" id="Footnote_16">16</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Jede dieser kurzzeitigen Beschäftigungen nennt Fourier Sitzung +<TT>(séance)</TT>.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_17" name="Footnote_17" id="Footnote_17">17</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Der Letztere dürfte wohl kein passend gewähltes Muster sein, +indeß man muß stets beachten, <i>wann</i> das Gesagte +geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in den +Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil, das zu +Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_18" name="Footnote_18" id="Footnote_18">18</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten besseren Familien, wo +das nöthige Vermögen zu einer Aussteuer fehlt, oft +vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener Töchter zu +entledigen. Der Verfasser.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_19" name="Footnote_19" id="Footnote_19">19</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Robert Walpole, berühmter englischer Staatsmann, von +1721–1742 Kanzler der Schatzkammer.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_20" name="Footnote_20" id="Footnote_20">20</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche und +Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln +Napoleon I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt +waren.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_21" name="Footnote_21" id="Footnote_21">21</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die Fabrikanten wie +diejenigen Handeltreibenden verstanden, die entweder in eigener +Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung, aber ohne Anwendung +von Dampf und Maschinenkräften — die damals erst im +Entstehen waren — oder, wie dies heute noch in manchen +Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z. B. in der +Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der Hausweberei, +Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc., auf dem Wege der +Hausindustrie produziren lassen, wobei der Kaufmann die Rohmaterialien +liefert. So weit Massenerzeugung in Betracht kam, war zu Anfang dieses +Jahrhunderts in Frankreich die Manufaktur die maßgebende +Produktionsform. + +</P><P> + +Unter den Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits +erkannt haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, +sondern auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- +und Bodenwucherer etc., kurz Alle, „welche ohne zu säen +ernten“.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_22" name="Footnote_22" id="Footnote_22">22</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und +Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und +Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft +und Licht der Bevölkerung schmälere.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_23" name="Footnote_23" id="Footnote_23">23</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute geschrieben sein. Sprach +doch im Herbste 1885 die königl. sächsische „Leipz. Zeitung“ +es offen aus, daß man heut zu Tage im Zweifel sei, ob man eine +gute Ernte wünschen dürfe. Und doch veranstaltet man +jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete und feiert +Dankfeste.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_24" name="Footnote_24" id="Footnote_24">24</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus Runkelrüben, +den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis dahin nur +Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des +Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr +englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung aus +Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker +bürgerte sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die +Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine +Fälschung des natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute +fast nur aus Runkelrüben bereiteten Zucker kennen, denken +darüber anders. Schließlich ist kein auf künstlichem +Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog. Naturprodukt gegenüber +als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt, daß über +die Art seiner Entstehung kein Zweifel begeht und es dem sog. +Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist. Wir +werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile ablegen +müssen. Der Verfasser.</P> + +<tr><td class="sn">[<a href="#FNanchor_25" name="Footnote_25" id="Footnote_25">25</a>]</td> +<td class="snt"><P> + +Die Titel dieser Schriften sind: „Der Sozialismus in seiner Anwendung +auf Kredit und Handel“ von Franz Coignet, Zürich 1851; „Bank- und +Handelsreform“ von F. Coignet, aus dem Französischen von Karl +Bürkli, Zürich 1855; „Solidarität“, kurzgefaßte +Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch +bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; +„Kritische Darstellung der Sozialtheorie Fourier's“ von A. L. Churoa, +Braunschweig 1840; „Organisation der Arbeit“ von Franz Stromeyer, +Bellevue bei Konstanz 1844; „Abbruch und Neubau“ oder „Jetztzeit und +Zukunft“ von Michael *****, Stuttgart 1846.</P> + +</td></tr></table> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARLES FOURIER *** + +***** This file should be named 19596-h.htm or 19596-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/5/9/19596/ + +Produced by richyfourtytwo, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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