diff options
Diffstat (limited to '19530-0.txt')
| -rw-r--r-- | 19530-0.txt | 6316 |
1 files changed, 6316 insertions, 0 deletions
diff --git a/19530-0.txt b/19530-0.txt new file mode 100644 index 0000000..d804c8e --- /dev/null +++ b/19530-0.txt @@ -0,0 +1,6316 @@ +The Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Strix + Die Geschichte eines Uhus + +Author: Svend Fleuron + +Translator: Mathilde Mann + +Release Date: October 13, 2006 [EBook #19530] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX *** + + + + +Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + + Svend Fleuron + + S t r i x + + Die Geschichte eines Uhus + + + + + [Illustration: Verlagssigel] + + + + + Fünftes bis neuntes Tausend + Verlegt bei Eugen Diederichs Jena / 1921 + + + + + Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen + von Mathilde Mann + + +Alle Rechte insbesondere das +Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vorbehalten. +Copyright 1921 by Eugen Diederichs Verlag in Jena + + + * * * * * + + +1. Das Ohr des Waldes + + +In der fernen Tiefe der großen Föhrdenwälder, wo sich Licht- und +Schattenbäume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hügelzug steil +empor. + +Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so daß die Morgensonne +seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint, während die +Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen. + +An der Nordseite des Hügels, ganz hart an der Wand, steht zwischen +Dornen und Gestrüpp eine alte, abgestorbene Eiche. + +Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Koloß von Baum; jetzt ist sie +hohl -- der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so daß +gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist. + +Es riecht säuerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken. + +... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und +frißt, was die Zeit vor ihr übriggelassen hat. + +Ungefähr in halber Höhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche nach +dem Moore zu, gähnt ein großes Loch aus dem Bauch des Baumes hervor. + +Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der +Öffnung. + +Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt +ist, wie der Hügel selbst --: die westliche Wand bekommt Morgensonne, +die östliche Abendsonne, während die hintere Wand nie den Schimmer eines +Strahles erhascht -- sitzt ein riesengroßer Vogel, und je nachdem die +Sonne ihren Weg über den Himmel geht, rückt er aus dem einen Schatten in +den andern. + +Es ist ein Nachtraubvogel --: ein großer, braungefiederter Uhu! + +Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwählt: hier +sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von draußen her +über den See hereindringt, fährt zwischen den Hügelwänden hin und her +und bis zu ihm in das Loch hinein. + +Es ist ein dickes, kräftiges Uhuweibchen ... + +Sein Kopf ist so groß wie der der größten Wildkatze, nach vorn zu flach +abgeschnitten, so daß er das schönste Gesicht bildet. + +Der Schnabel ist stark und gekrümmt, und die Schneiden sind so scharf +wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen +ein Stück Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch -- und sie haben selbst +die Schenkelknochen eines zähen, alten Hasen durchgeschnitten. + +Er _fängt_ kein Tier, dieser große Uhu -- er _schlachtet_ es! + +Von den gelben Schnabelrändern steht ein Kranz von Federn wie ein +brausender Schnurrbart ab. Er trägt sein Teil dazu bei, auf humane und +rücksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu führen, wenn es im Kampf um +sein Leben versucht, sich ein Urteil über den großen Schlund seines +Gegners zu bilden. + +Der Schlund ist enorm -- aber erst wenn der Uhu ihn öffnet, kann man es +sehen. + +Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den +Ohren; sie erschließen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den +verhältnismäßig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem +eine ganze Stallratte verschwinden kann. + +Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlöcher, die ungeheuer sind im +Verhältnis zu ihrer Größe bei andern Vögeln, sind die Federn sinnreich +geordnet, so daß sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die +Schallwellen anschlagen können. + +Das Gehör der großen Eule ist denn auch so fein, daß sie hören kann, wie +die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden +Flügelschlag des Nachtfalters hört sie! + +Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel +eines Luchses, zwei wehende Federbüsche in die Höhe. + +Aber die Augen sind doch das Furchteinflößendste in diesem Gesicht! Sie +sind prachtvoll gelb mit rötlichem Außenrand; die Eule kann gleichsam +Feuer und Blut dahineinlegen, sie glühen und Funken sprühen lassen, so +daß das Opfer gelähmt wird, wenn es seinen Blick plötzlich fängt. + +Sie ist so groß, daß sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie über die +Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht -- einer Wolke, die +schwarz ist und an den Rändern sonderbar faserig! Ihr Körper ist wie der +einer Gans, und ihre Stärke gibt der eines Königsadlers nichts nach. Sie +hat Flügel wie Schaufeln und so muskulöse Schenkel wie nur ein +Fuchsrüde; die können ihren nächtlichen Wanderungen über den Waldboden +Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fängt, Feuer verleihen. + +Ihre Fänge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen, +sind fingerdick, und wenn sie sie völlig ausspreizt, haben sie fast die +Spannweite einer Männerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen +schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle, +sichelförmige Kralle, wie ein kleiner türkischer Krummsäbel hervor. + +Sie sitzt förmlich in Daunen und Federn ... + +Die Dämmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die Nacht +hat ihr mit schwarzem Pinsel über Flügel und Rücken gestrichen. Längs +der Mitte der dicken, breiten Brust läuft ein weißlicher Strich, der +sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das einzige +wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den Glanz des +Tages, an das Licht der Sonne -- ganz will es sie doch nicht lassen. + + +Es ist sonnenwarm und mitten am Tage ... + +Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken über ihrem Stand, +die langen Schwungfedern gleich einem wärmenden Unterrock über ihre +Fänge gebreitet. + +Der große, runde Kopf mit den mächtigen Federbüscheln ist ganz nach dem +Leib herabgezogen -- dadurch erhält das Gesicht etwas mürrisches, +unzugängliches. + +Wie ein großer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor. + +Die Finken können piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch unter +ihrem Baum schreien -- sie hört es nicht! Kläfft aber ein Hund in weiter +Ferne, ertönt das Rollen eines Wagens oder der Klang einer Axt -- gleich +zittert es in den Federbüscheln, sie sträuben sich drohend wie +Bockshörner auf ihrem Kopf, werden nach und nach zu Hängeohren wie an +einem melancholischen Schwein, um sich schließlich hintenüber zu legen, +ganz an den Hals herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd. + +Draußen über dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so +sonnenweiß da draußen, so voll von Tag und Leben. + +Feuerglänzende Stechfliegen treten plötzlich in die Erscheinung, stehen +einen Augenblick still und glühen -- und verschwinden dann wie +Sternschnuppen in den Schlagschatten. Große, schimmernde Libellen +schwirren schaukelnd über den Wasserspiegel, schrauben sich im +Spiralflug empor und fahren mit jähen Wendungen und unvorhergesehenen +Bewegungen in Schwärme von Mücken hinein, so daß bei dem schnellen Flug +ihre steifen, durchsichtigen Flügeldecken knistern. + +Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem Wasserrosenblatt +auf. Gleich Blättern in einer Wolke von welkem Laub, das plötzlich vom +Winde erfaßt wird, stehen sie über den Erderhöhungen hin ... der Staub +auf ihren unberührten Schwingen glitzert und leuchtet, während sie in +lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde treiben +lassen, bis sie sich schließlich paaren, je zwei und zwei. + +Da mischt sich ein Flug weißer Schmetterlinge mit den roten und bringt +Verwirrung in das so glücklich beendete Hochzeitsspiel. Nun schweben sie +alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln ein jeder auf +seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen auf einmal +erblüht! + +Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schöpfstellen, +und nachtschwarze Bläßhühner flattern bullernd über Wassertümpel, +während taugraue junge Reiher zwischen dem Flimmern des Röhrichtsaums +sich in der Geduld und dem Gewerbe des Fischens üben. + +Es ist Tag da draußen ... es liegt Leben über dem Waldmoor. + +Drinnen aber im Baumstamme ist es düster und kalt. Die gefurchten Wände, +die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und die +holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von +Larvengängen und Wurmlöchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich +angesammelt -- und dicke, wollstrumpfähnliche Spinngewebe, die sich in +der Zugluft krümmen, verkleiden die Wände der Rinde wie geheimnisvolle +Vorhänge. + +Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und +zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand. +Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte +Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, während ein Bündel +schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz +angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals +machen. + +Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche; +er gönnt ihr den Frieden nicht, sondern fährt fort, sie zu quälen. Wenn +dann der Baum so recht kläglich ächzt, reckt die Eule sich auf und +schüttelt sich im Schlaf -- dies Knarren des alten Holzes tut ihr so +innerlich gut. + +-- -- -- + +Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch zu +ihr herein. + +Der Laut nimmt zu -- -- -- + +Dröhnen von Pfotenklatschen, Ritzen von Krallen, die sich in Rinde +bohren, dumpfes Bumsen von losgerissenen Moosfladen, die in das Laub +unter dem Baume herabfallen, jagen wie Hiebe gegen ihr Trommelfell. + +Da ist jemand auf dem Wege zu ihr herauf! + +Im selben Augenblicke ist die Eule wach. + +Es geht schnell zu ihr hinauf im runden Korkziehergang, ganz so, als +statte der Specht vormittags ihrem Wohnbaum einen Besuch ab. Jetzt ist +das Geräusch dicht hinter ihrem Rücken; sie hört das trockne Holz des +Stammes ächzen, und es dröhnt in dem hohlen Baum wie in einer leeren +Tonne. + +Die Eule richtet sich auf und wird zweimal so groß! Sie wirft gleichsam +die Kissen ab und ihr vorhin so dicker, aufgeplusterter Körper wird +schlank und lang. + +Plötzlich gleitet ein kleines, langgestrecktes, schlangengeschmeidiges +Raubtier in kastanienbraunem Pelz lautlos durch das Eingangsloch ... + +Da leuchtet es unten aus dem Zunderdunkel wie Zauberglut auf. Ein +elektrischer Strom, aus Spannung und Erregung geschaffen, entzündet +magische Funken in den brandgelben Lichtern der Eule, sie sperrt ihren +mächtigen Schlund auf und gibt plötzlich ein Furcht einflößendes Fauchen +von sich. + +Das geschmeidige Raubtier fährt mit einem Satz zurück; in langen +Sprüngen jagt es kopfüber am Stamm hinab und verschwindet in wilder +Flucht. + +-- -- -- + +Der Marder Taa ist der blutdürstigste Räuber des Waldes. Aber noch ist +er so jung, daß er dergleichen Fehlgriffe begehen kann. + +Er hatte gehofft, ein Eichhörnchen in dem hohlen Stamm da oben zu +treffen oder doch wenigstens einen kranken, alten Häher. + +Jetzt macht er sich schleunigst unsichtbar, ganz verwirrt infolge des +Irrtums. + + +Alle Bewohner des Waldes kennen ja den großen, braungefiederten +Nachtvogel -- _den fliegenden Wolf_, mit dem menschlichen Gesicht und +den geradeaus gerichteten Lichtern, die die Macht des Blickes besitzen. + +Sie ist der Tyrann des Hochwalds, der seine Steuer von allen erheischt, +von den Hirschkälbern bis hinab zu den Mäusen. + +Sie scheuen sie, sie fürchten sie ... Strix Bubo, die große Horneule! + + + + +2. Männchen und Junge + + +Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres +glücklichen Alters. + +Alles, wonach sie greift, fängt sie, und alles, was sie schlägt, fällt +und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den Fängen und +einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark. Wenn sie nur +einen Hasen anrührt, spritzt das Blut gleich aus den zur Ader gelassenen +Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den Jungen, sie besitzt +alles, was reizt. + +Ihr Jagdgrund ist groß! Sie wohnt hier in den Hochwäldern, ganz am Ende +der Förde und kann bis zum nächsten Nachbar jagen. + +Es sind alte, pfadlose Wälder, voll von Dickicht und sauren Erlenmooren, +umgestürzte Bäume und herabgewehte Zweige liegen überall umher, und +überall stehen zunderige, hohle Bäume und knarren. Unter der Geißel +eines großen Wildbestandes sind die Wälder aufgewachsen: Urwald-, +Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren +Stand und haben sich den Winter über kümmerlich im Holz durchgeäst. +Daher das viele verkrüppelte Eichen- und Buchengestrüpp, daher die +vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldähnliche Gewirr, das +einem großen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann. + +Aber der Lärm der Menschen rückt Strix näher und näher. Es werden +häufiger Bäume im Walde gefällt, neue Menschenwege werden angelegt, +kleine Steinhaufen und große Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und +in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl längs des +Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ändern und tiefer +in den Wald hineinziehen müssen. Wo die Bäume am höchsten sind, wo der +Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die härtesten Wunden schlagen +kann, so daß große Löcher in das morsche Holz kommen -- da ist sie immer +am besten gediehen. + +Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt, als +auch schon der große Naturzerstörer mit Säge und Axt dorthin gelangt +ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen, +denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so +ergeht, wie der großen Horneule selbst. + +Es sind Hirsche und Kahlwild, Hühnerhabichte und Wanderfalken, +Edelmarder und Wildgänse -- alle fliehen sie vor den Axthieben, vor +Hundegeläut und Schüssen und vor der scharfriechenden Fährte des +arbeitstollen Menschen! Die ursprünglichen Bewohner des Waldes weichen +dieser lärmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen, +wo sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen +finden -- in den öden Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen Heide-, +Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf -- sie warten +die Nacht ab! + +_Das mächtige Lichtgezücht_, das mit dem Tage erwacht und die Unruhe, +den Lärm, die Veränderung und die Umbildung der Erde und der Natur +schafft, die die Tiere scheuen, zwingt sie, sich zu verbergen, so lange +es rast! Aber des Nachts kehren sie zurück zu den alten Stätten, +verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf schleichenden Läufen über das +Reich, das einstmals das ihre war. Die Hirsche und das Kahlwild äsen den +Roggen der Ansiedler, die Dächse tummeln sich in den Saatfeldern, Marder +und Fuchs stehlen Tauben und Hühner -- und Strix nimmt an Katzen und +Ratten, was sie ergattern kann! In der Nacht gehört die Erde noch den +Tieren! + +Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die +Steinhöhlen der Menschen um die Hochwälder herum, daß stellenweise Tag +und Nacht eine angsteinflößende Wolke ihres eigentümlichen Geruches +aufsteigt. + +Eines schönen Abends merkt Strix, daß sie um der Nachbareule willen gern +so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule läßt ihre +Kampfstimme nicht mehr ertönen, sie muß wohl weiter weg bessere +Jagdgründe gefunden haben! + +Die Nachbareule ist fort -- der große Moloch, das Götzenbild der +Menschheit: die Zivilisation, hat sie getötet. Der Ausrottungskrieg +gegen die Stämme des großen Uhus geht seinen fürchterlichen Gang. + +In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere +Weise angreifend vorzugehen. + +Auf den Gütern jenseits der Förde tauchen plötzlich große, bunte, +langschweifige Vögel in Mengen auf. + +Es sind Fasanen! + +Sie sind in kleinen Feldhölzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst im +Überfluß vermehren. Es wimmelt von Ihnen am Waldboden und in den Bäumen. +Sie sind so fett und gleichgültig, daß sie weder laufen noch fliegen +mögen. + +Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den großen Uhus an; _hier_ +brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoßen, gleich haben sie die Fänge +voll Nahrung. + +Rings um diese kleinen Gehölze, einladend über Dickicht und Gestrüpp +aufragend, stehen hohe, schlanke Pfähle aufgepflanzt. Auf der Spitze +eines jeden liegt -- so recht dazu gemacht, um sich darauf zu setzen -- +ein kleines strammgespanntes Tellereisen. + +Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum. + + +Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Männchen. + +Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl -- da sind keine +andern Männchen ihrer Art. + +Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betört sie +fälschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten beständig mit Beute in +den Klauen fliegt. + +Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trägt es solange, bis die Federn +des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt der Fuß +ab, und eines schönen Tages fällt er mit Eisen und Fang zu Boden. + +Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das -- +-- er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel! + +-- -- -- + +Da thront er neben ihr ... + +Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie +einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen großen, braunen Uhu mit +Federbüscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer Mundspalte, die +sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt ... + +Das ist der einklauige: UF! + +Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der +Adler gewesen -- der letzte Überrest von Tieren, die noch etwas von der +großen Zeit an sich haben. + +Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und würgen +an ihrem Gewöll. In der Regel schlafen sie gut -- und erwachen sie +zufällig, so haben sie genug zu tun. + +Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald +wollen die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden, +oder der Schnabelbart mit den vielen eingetrockneten Blut- und +Fleischüberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, daß +man ihn reinigt und bürstet. + +Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die possierlichsten +Stellungen ein. Uf wird zu einem jämmerlichen Großvater in der +Nachtmütze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur Furie; zu +einem wilden Gespenst -- bereit zu kratzen und um sich zu schlagen! + +Aber zur Frühlingszeit, wenn die Märzstürme den Wald „stimmen“, wenn die +Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter Hast +anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hämmern zu beschleunigen, wenn die +Träume, die sie träumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr an, +nur zu schlafen und sich zu putzen! Da müssen sie auf -- auf und die +Hörner sträuben und mit den Flügeln schlagen, während sie auf dem +Zunder, auf dem sie sitzen, hüpfen und tanzen; da müssen sie schwänzeln +und sich kröpfen und hu--u, hu--u heulen ... + +Und dann bauen sie ihren Horst. + + +In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge! + +Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und häßlich für alle, nur +nicht für Strix. Der Horst liegt in einer großen Vertiefung unter einem +alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit hinein, so +daß man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es ist ein ganz +vorzügliches Nest, da ist ein Fußboden und da ist ein Dach -- auf dem +Fußboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im Baumstumpf ist die +Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhühner und Hasen -- und alle +Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz kürzlich geschlagen. Aber vor +dem Baumstumpf ist der Fußboden in weitem Umkreis mit Flügeln und +Knochen übersät; da sieht es aus wie vor einer Räuberhöhle. + +Die Jungen sind noch klein. Vor zwölf Tagen erst sind sie aus dem Ei +gekrochen, und Strix’ einkralliges, altes Männchen sitzt getreulich +über ihnen, um durch die Wärme seines Körpers den Lebensfunken in ihnen +zu erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum für den eigenen Bedarf, +geschweige denn für den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen +sind schwach -- da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr liegt es +also ob, alle Vorräte zu beschaffen! + +Und sie ist zu allen Zeiten ein kühner Jäger gewesen. Gleich bei +Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien +Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenständen ihre richtige +Größe verleiht, jagt sie am eifrigsten und fängt sie am besten. Da +durchsucht sie den Wald, steigt über Mooren und kleinen Wiesen auf ... +sie rüttelt wie ein Falke auf hastig klappenden Flügeln und späht hinab. +Während die Holztauben gurren und die Drosseln singen, während die Hasen +ganz davon in Anspruch genommen sind, auf Freiers Füßen zu gehen, +während die Wasserhühner in den Moortümpeln sich um Männchen und +Brutplätze balgen, kürt sie zwischen dem Überfluß und macht Beute. + +Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf Äcker und +Heiden, und läßt, während das Tageslicht mehr und mehr Übermacht +gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wälder weit da draußen +fangen an zu winken, Anger mit Lämmern und Zicklein kommen verlockend +nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nähe es +von Wieseln und Ratten wimmelt. + +Rings umher unter ihr ertönt das Kullern des Birkhahns und das +herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhähne ... abgezehrte und +abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stöcken von Schwänzen anstelle der +früher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen +hat alle Haare mitgenommen. + +Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt +glühende Luft vor ihrem Blick, scharfe, ätzende Strahlen beißen sie in +die Augen -- und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr +sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich -- und nun +blinkt und flimmert und glitzert das Gras. + +Da nimmt sie mit dem fürlieb, was sie zwischen den Fängen hat, und +fliegt schleunigst zurück nach ihrer Behausung, das rote Licht des +Sonnenaufgangs über den Flügeln. + +So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Dörfern, Birkhühner aus der +Heide, Hasen vom Felde, Krähen aus dem Walde -- sie müht sich getreulich +ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden Hu-u +bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat, +sträubt er die Hörner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von +sich --! Wieder ein Hase! sagt er überrascht in seiner Sprache! ja! sie +strengt sich an! + +Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fängen; ihre +unheimlichen, halbkahlen Köpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem +mütterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will +ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reißt sie ihr weg: +sie soll nur fangen, nichts als fangen -- -- --! + +Doch Strix läßt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und weiß, daß er +gern für seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das Wild +nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zähe Muskeln weich; +sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren +heißhungrigen Kleinen in die Schnäbel. + +Uf sitzt da und schmollt -- --: sie soll nur fangen, nichts als fangen +-- -- + + +Es dämmert ... es ist ein früher Morgen im Mai! Die Fledermäuse heben +sich noch wie Möwen vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten, +tastenden Schläge, nur ein ganz kurzes Flöten ohne Zusammenhang. + +Dann fängt ein Birkhahn draußen am Waldrand an zu kullern und zu +schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunkönig piepst -- der +ganze Wald erwacht und begrüßt den dämmernden Tag mit Gesang. Der +Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen sind zu +geschäftig, um zu lauschen -- sie sind ganz davon in Anspruch genommen, +ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher, sie gucken in +Astlöcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie flattern tief unten +über Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen Schwänze streifen +förmlich an den Kräutern entlang und jagen die brütenden kleinen Vögel +auf. + +Strix ist auf Fang aus! Sie muß in der letzten Zeit immer weiter hinaus, +die zunächst gelegenen Jagdgründe sind erschöpft. + +Von ihren früheren Ausflügen weiß sie, daß dort auf der andern Seite des +Waldes unter einem mit Gestrüpp bestandenen Abhang eine große Herde +Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glück +hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein +drücken sich neben der Mutter an deren Euter. + +Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschütteln: alle kleinen +Niederungen zwischen den Hügeln stehen in einem Dampf, so daß es für +Strix ein leichtes ist, die Tiere zu überrumpeln. Keine von den vielen, +neidischen Krähen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat +durchfliegen müssen, hat sie eräugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie +sieht das Gestrüpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich +niederzustoßen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu +fangen! Die Beute muß mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in +den Fängen. + +So stürzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht +aufragt ... + +Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fänge, so daß +alle Ziegen spähen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt +hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewölbe und mit dem Abhang -- und die +Morgenschläfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In völliger +Ruhe kann sie ihre Beute auswählen: dasjenige der Zicklein das zu +äußerst liegt. + +Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkümmerten Landrasse, ein +Zicklein wird sie schon tragen können, wenn sie es nur richtig gefaßt +kriegt. Geduldig wartet sie den günstigen Augenblick ab. + +Auf einmal ist sie da! + +Die Fänge bereit, vorn unter der Brust, stürzt sie sich herab. Im +Vorübersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine +Ohrfeige, dann paßt sie es so ab, daß sie das Zicklein noch im Fliegen +packt. + +Sie hat es ... sie flattert damit über den Erdboden hin. + +Es ist schwer, sie merkt, daß es nicht so recht mit in die Luft hinauf +will -- es gehört mehr Aufstiegschwung unter die Flügeldecken dazu. + +Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch +ihr Kampfgeheul zu den äußersten Anstrengungen. Der Druck unter den +Flügeln wird stärker. Bald hebt sie es leicht über Gräben und +Erderhöhungen -- und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanspannung, nimmt +sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf. + +Sie hat die Fänge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in dem +zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz, schlaff +hängt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hälfte ihrer Flughöhe erreicht +hat. -- -- -- + +An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr +teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen +Schwanz von Krähen und kleinen Vögeln hinter sich, schwer durch die +Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, daß sie die Fänge +wirklich voll hat -- da vernimmt sie die zärtlichsten Liebeslaute seiner +alten Kehle: Wap, wap, wap! + +Das sind Zeiten für Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell +genug ... + +Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerührten +Tierleichen. Da sind Birkhühner und Rebhühner, Holztauben und Krähen, +Hasen und Rehkitzchen -- ein unvergleichlich anheimelnder, gedeckter +Tisch! Die Kleinen können nicht so schnell äsen, wie sie fangen kann, +aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, daß sie immer einen gewissen +Überfluß vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung erkennen. + +Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und +rundlich ist er geworden, und noch älter und bequemer. Längst hat er +aufgehört, Kinderwärterin zu sein und hat sich in seine eigene +Privathöhle zwischen einem Haufen großer Steine zurückgezogen. Aber +darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der +Nacht sein flehendes Rufen hört und begreift, daß er leidet, weil er +seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmäßig +mit seiner täglichen Nahrung zu ihm hinab. + +Dann aber ereignet sich etwas -- -- -- + +Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie +heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den +ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie ab; sie ist in allen +Löchern, Spalten, Öffnungen ... nein, die Jungen sind weg! + +War es der große Zerstörer? War es der Marder? Er, der Marder -- -- -- +neulich morgens, als sie lange weg war, hat _Taa_ die Gelegenheit +benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein Leichtes für ihn, da +sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war auch glücklich über die +Außenwerke des Horstes gelangt: über die großen Reisigpalisaden, den +abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und Aasteile, aber +_hinaus_gekommen war er nicht wieder so glimpflich. Die Jungen hatten +ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie hatten sich auf den Rücken +geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen Krallen zerfleischt. Sie +hielten ihn noch in ihren Fängen, als sie, die Alte, heimkehrte. Sie +entriß ihn ihnen und in dem Glauben, daß er tot sei, warf sie ihn weit +hinaus über den Rand des Horstes. + +Aber Taa war noch höchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben Rute, +die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete er sich +zwischen ein Gewirr von Knabenkraut. + +Ha, der Marder, -- -- nein, diese Baumratte ist es nicht gewesen! + +Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesänge, er bildet sich +Orgelpfeifen aus Astlöchern, Flöten aus Rindenspalten und gespannte +Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tönend etwas +vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat. + +Und Strix nimmt den Trost an -- und vergißt dann schließlich die Jungen! + +Als sie sich aber im nächsten Frühling auf ihre zwei rauhschaligen, +runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt +gesichert: diesmal brütet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten +Bussardhorst. + +Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald. + +Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die +wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden Augen. + +Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht. + +Er hat eine bunte Sportmütze auf dem Kopf und trägt eine dicke, +blauschimmernde Joppe. Über der Schulter hängt an einem dünnen Bindfaden +eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen, +nachlässig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und +aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten Strickleiter. + +Der Mann ist Leuchtturmwärter auf einem kleinen Leuchtturm weit draußen +am Auslauf der Förde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die Aufsicht +über den Leuchtturm seiner Frau übergeben kann, ist er ein eifriger +Trapper -- heute ist er auf dem Jagdpfad. + +Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist. + +Im Frühling durchpflügt er alle Wälder nach Raubvogeleiern und alle +umliegenden Heiden, Moore und Sümpfe nach andern Vogeleiern. Er begnügt +sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat +Verwendung für mehr und nimmt selten weniger als das vollzählige Gelege. +Im Sommer, wenn die Vögel ausgebrütet haben, findet man ihn wieder; +jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu +beschaffen. Er sammelt nicht für sich selbst, sondern für ein paar große +Geschäfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufällige Liebhaber +unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen. + +Die Natur soll in die Stube hinein -- tot oder lebendig -- aber +in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden und Bücherschränken, in +Naturaliensammlungen der Schulen oder in den Glaskästen der Museen +erblickt man die letzten Überreste der ursprünglichen Fauna des Landes; +hier steht sie ausgestopft mit starren Glasaugen. Jeder zweite, dritte +Vogel, der früher so allgemein war, daß er in die Sagen des Landes +verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur noch eine Sage. Sie werden zu +Geld gemacht, sie werden aus den Wolken und von den Baumwipfeln +herabgeholt, um die Taschen der Leute mit klingender Münze zu füllen, +der letzte Adler, wie die unverletzlich erklärten Störche! Die Menschen +wollen die seltenen Exemplare besitzen, wollen sie in die Hand nehmen +und vorzeigen können. + +„Vogelhansen“ oder ganz einfach „Vogel“, wie er genannt wird, hat sich +sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der +Hauptgeschäftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener +unermüdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach +schlägt -- er ruht nicht, bis er seine Beute in der Botanisiertrommel +hat. + +Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von Kindesbeinen +an gewöhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als Schiffsjunge +hatte er in seiner grünen Jugend das Unglück, vom Mast zu fallen und +einen häßlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was ihm in +späteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwärterstellung draußen am +Auslauf der Förde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner +unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den +Wipfel der unzugänglichsten Buche hinaufzugelangen. + +Im vergangenen Jahr, als er seinen großen Fang hier im Walde machte und +-- von den schreienden und fauchenden Hähern geleitet -- Strix’ zwei +possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der Nacht zuvor +einen Besuch auf ein paar Höfen abgestattet, die in einem kleinen +grünen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem +seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im +Hegemeisterhäuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht, +daß sich auf dem Scheunenflügel des südlich gelegenen Hofes ein +Storchennest befand. Das war genug für Vogelhansen. In der Dunkelheit +der Nacht radelte er die Meile über die Heide und traf um Mitternacht +an Ort und Stelle ein. + +Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf einem +Bein, den Kopf unter dem Flügel, auf dem Nestrande neben der brütenden +Störchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen, ist ein +Leichtes für „Vogel“, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei +zusammengebaute Flügel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf +das Strohdach hinaufzuklettern. + +Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Räuber, namentlich +die Störchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest fest und +will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand über den Rand des +Nestes zu gelangen. Sie schlägt und hackt ihn in Schulter und Arm, +so daß seine Kleider lange Risse davontragen. + +Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak +heraus und schleudert der Störchin ein paar gehörige Schüsse ins +Gesicht. Das hilft -- wenige Sekunden später liegt das Nest offen da. +Fünf glänzende weiße Eier schimmern ihm entgegen, ein volles Gelege! + +Schnell zieht „Vogel“ einen seiner Strümpfe aus, steckt vorsichtig die +Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund ... + +Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er fängt +an zu kläffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezündet und einen +Augenblick später klappern Holzschuhe über das Steinpflaster. + +Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier +Buchstaben, hält die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die +Höhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er +die Leiter, er muß der Sache ihren Lauf lassen -- und wie ein Schlitten +nach einem Luftsprung saust sein Körper in die Luft hinaus. Da hat er +das unverschämte Glück, daß der Düngerhaufen sich gerade unter ihm +befindet: er fällt weich -- in einen großen Haufen Streu hinein. Er +greift nach seinen Schuhen und nimmt Reißaus über die Heide. + +Alle Storcheneier waren heil geblieben -- er hatte für seine +Verhältnisse einen ungewöhnlichen Fang gemacht! + +-- -- -- + +Jetzt ist er wieder hier in der Gegend. + +Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis für die Beschaffung eines +vollen Geleges Eier von dem großen Uhu geboten. Für den Sammler gilt es, +die Eier zu erlangen, solange der Vogel überhaupt noch vorhanden ist. + +Aus seiner Knabenzeit und von seinen späteren zahlreichen Besuchen hier +ist der kleine Leuchtturmwärter mit sich im Klaren, wo ungefähr er +suchen muß. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen +Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in +immer größeren Kreisen zu durchtraben. + +Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm +muß mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen +werden, dessen Krücke so gebogen ist, daß sich der Stock schnell in die +Seitentasche einhaken läßt, wenn „Vogel“ die Hände frei haben will. Er +klopft an die Stämme und guckt in die Wipfel hinauf, er kratzt an den +alten Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krücke unter alle +Wegüberführungen und in die alten, mit Laub angefüllten Fuchsröhren. + +Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt -- mit +gesträubten Hörnern ... + +Schon aus weiter Ferne hört sie den eigenartigen Gang des Mannes. + +Kla--datsch, klingt es, kla--datsch, kla--datsch ... + + +Als Strix eben flügge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie +eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging +auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die +beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte +es zurück, strich mit den Vorderpfoten an den Bäumen entlang und spähte +wie ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, daß es eine +ungewöhnliche Fähigkeit besaß, die Farbe zu wechseln; bald war der Pelz +grau, bald schwarz, bald beides ... es war ein Mensch. + +Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag +draußen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das +Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen +verschwinden. + +Lange Zeit blieb sie draußen sitzen und starrte das Loch an, durch das +der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung, fand +sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre +ganze Neugier. + +Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der +Entfernung zu folgen, sie fürchtete ihn instinktiv, ohne sich erklären +zu können, weshalb, fühlte sich aber trotz alledem mächtig von ihm +angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie plötzlich überraschend, +wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kümmerte sich nur um +sich selbst. Er knöhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund, +er quakte im Grunde wie ein großer Frosch. + +Nur selten geschah es, daß der Mensch des nachts ausging; geschah es +aber, so sah Strix, wie er auf seinen nächtlichen Wanderungen durch +den stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und +stolperte schwerfällig auf seinen Klumpfüßen und stieß bei jedem Schritt +ein Stück Ast in die Erde -- kla-datsch klang es, kla-datsch -- während +es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren wimmelte. Alle +kannten sie seine Unterlegenheit! + +Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand +nicht zwei Sprünge davon zwischen den Stämmen, der Marder guckte ruhig +unter einem Stein hervor, und das Stachelschwein trabte in seinen +Fußstapfen und schnüffelte an seinen klappernden Ballen. + +Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehört, ehe er vor ihnen +stand; alle wußten sie, daß er in der Dunkelheit blind und taub war. +Stand er aber plötzlich still, so erfaßte die ganze Schar ein Schrecken; +Strix hörte sie davonstürzen, und sie empfand selbst ein sonderbar +beklemmendes Gefühl im Halse. + +-- -- -- + +Dasselbe beklemmende Gefühl stellt sich jetzt wieder ein, als sie +plötzlich das Kla-datschen unter sich hört und den Menschen zwischen +den Stämmen auftauchen sieht. + +Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum ... + +Aber was soll sie fürchten? + +Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge; noch nie +haben diese beiden mächtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am +Mann war; die Fänge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie +anpacken -- und der Schnabel gibt den Fängen nichts nach. + +Und dann hat sie ja die Flügel. + +Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fühlt sie +sich dem großen, lächerlichen Tier unendlich überlegen; sie kann sich ja +von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden +sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung! + +Nein, was soll sie fürchten! Sie hat den Übermut und die Sicherheit +aller großen Vögel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das +Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten und Kräften. + +Da auf einmal fängt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hört, +wie sich große, gehörnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen. + +Sie preßt sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht wie +eine Kröte. + +Die Krallen kommen näher und näher -- und machen dann plötzlich unter +ihr Halt. Da fängt sie an zu jammern und zu klagen wie eine Bruthenne +und stößt eine Reihe tieftönender Aah -- Aah aus ... + +Dem Leuchtturmwärter klingt es, als klage ein todkranker, leidender +Mensch. + +Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest +sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine +Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig. + +Da tönt es plötzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mütze fällt ihm ab +und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen ihm +die Wange. + +Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre +Geduld erschöpft. + +Aber da gibt’s kein Erbarmen! Auch auf diese Möglichkeit ist Vogelhansen +vorbereitet; er wirft seinen Rock über den Kopf und zieht einen alten +Fechthandschuh über die rechte Hand -- dann betäubt ein halber Liter +Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest zu plündern. + +Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke über den Wald hin und fällt +dann ohnmächtig zwischen den Bäumen nieder. + +Als sie aus der Betäubung erwacht und hustet und nach Atem ringt, steht +das Hahnengesicht des Leuchtturmwärters mit den kleinen stechenden Augen +noch immer vor ihrem inneren Blick. Die Augen starren sie gieriger an +als die der Füchse, wenn sie, neidisch auf ihren Fang, geifernd um sie +herum sitzen, und sie sind grausamer und berechnender kalt als der +Blick, den ihr Taa an jenem Tage zuschleuderte, nachdem sie ihn +unversehens aus den Klauen der Jungen errettet hatte. Und gegen ihr +Trommelfell hämmert es: Kla-datsch, kla-datsch! ... + +Die Fußtritte kann sie nie wieder vergessen! + +Später legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brütend auf +einem einzigen, erbärmlichen, kleinen Ei. + +Aber, woran es liegen mochte -- aus dem Ei wurde nie etwas anderes als +die Schale. + + + + +3. Der geflügelte Wolf + + +Das Flammengelb des Sonnenuntergangs stand noch am Himmel! Es spannte +seinen Brandgurt um die Erde und ließ ihre pechschwarzen Haarsträhnen +sich sträuben. Es entschleierte am Horizont einen großen Wald, meißelte +das Kuppelgewölbe der Buchen aus und schliff den Sägezahnrand der Tannen +blank. + +Drinnen im Walde, tief unten zwischen dem welken Laub, sitzt Strix auf +einem bemoosten, halbverfaulten Baumstumpf. + +Vor ihr, den Oberkörper halb auf den Baumstumpf hinauf, hält eine +kleine, schreckgelähmte Maus sich in verzerrter Stellung, sie zittert +und bebt am ganzen Leibe. + +In ihrem Kampf ums tägliche Brot ist die Maus in die Nähe des +Baumstumpfes gekommen, und in der Hoffnung, in dem faulen Holz einen +Käfer zu finden, ist sie, ohne Böses zu ahnen, hinaufgehuscht, als sie +plötzlich, gerade glücklich über den Rand gelangt, einem Paar großer, +rollender Lichter begegnete. + +Im selben Augenblick ist sie an den Fleck genagelt. + +Alle ihre Kräfte, all ihre Energie und ihr Wille haben sie verlassen; +schreckgebannt und verloren sitzt sie da, zu regungslosem Verharren +hypnotisiert. + +Der böse Zaubervogel sieht und sieht das erstaunte, kleine Wesen nur mit +seinen glühenden Lichtern an, dann erhebt er ruhig seine Marterfänge und +krallt sie um die Maus. + +Zappelndes Leben kommt in das dem Tode geweihte Tierchen, als die Fänge +von allen Seiten ihre Hornmesser in seinen Leib hineintreiben. + +-- -- -- + +Strix liebt Mäuse -- und jetzt, wo sie für den Rest des Sommers +nur Uf und sich selbst zu versorgen hat, gibt sie sich gern dem +zeiterfordernden Mäusefang hin. Nur auf diese Weise ist es ihr nämlich +möglich, die kleinen Kerle zu fangen: die Leckerbissen verschwinden wie +Krumen zwischen ihren groben Fängen. + + +Die Frösche sangen ihre bubbelnden, quakenden Gesänge ... sangen so +innig und mit einer eigenen überzeugenden Kraft! Sie brachten in ihrer +Sprache das Lob des Mitsommerabends zum Ausdruck und wetteiferten, wer +das am betörendsten zu tun vermochte. + +Einige knarrten wie altes Holz im Sturm, andere krachten wie das dürre +Reisig des Waldes, wieder andere glucksten, gurgelten und bubbelten die +Töne heraus -- es klang nach Eisschmelze und Platzregen, nach Rieseln in +Entwässerungsröhren und Gräben. + +In den Pausen aber ließ die Rohrdommel sich hören! Eigentlich hatte +sie die ganze Zeit gesungen, sie hatte sich nur kein Gehör verschaffen +können -- jetzt dröhnte die Luft von ihren spröden, dünnen Tönen, bis +die lebendigen kleinen Nußknacker von neuem begannen. + +Still! Still! Alle Frösche im Walde wurden auf einmal stumm --: ein +großer Vogel strich mit weichem Flügelschlag lautlos über das Wasser. + +Strix untersucht den Saum des Röhrichts ... + +Langsam läßt sie sich über Wasserlachen und Wasserrosen dahingleiten, +über die Schilfpflanzen im Sumpf, wie über das Wollgras am Ufer entlang; +tief, mit hängenden Fängen flattert sie dahin und guckt zwischen die +Erderhöhungen hinab. Wildenten und Bläßhühner suchen schleunigst ihr +Versteck auf ... es plätschert und spritzt um sie her. + +Der Waldsee hat ihr nichts geliefert! + +So muss sie denn eine ihrer andern Fangstellen aufsuchen. + +-- -- -- + +Weit draußen am Waldessaum, am Rain, steht eine kleine, verkrüppelte +Eiche; ein dürrer Zweig ragt aus der Mitte ihres Stammes auf: dicht über +dem Zweig bildet der Stamm einen Knick, biegt sonderbar ungeschickt ein +und wird hohl im Rücken wie eine Elfe. + +Ein stark begangener Wildwechsel läuft gerade unter der Eiche hin. Zu +beiden Seiten des Waldrains und an seinen Abhängen hinauf wächst dichtes +Schlehdorngestrüpp, oben dahingegen ist er nackt und kahl. + +Der Wechsel führt das Wild nach dem Felde und wieder zurück. Er läuft +erst durch den einen Schlehentunnel, dann über den Wall hinauf und +weiter durch den zweiten Tunnel. Wenn nun der Hase oder das Rehkitz, +das Wiesel oder der Marder dem Wechsel folgen und in das schirmende +Dornengeflecht hineinschlüpfen, machen sie gern einen Augenblick halt, +um zu verschnaufen. + +Aber sie nehmen sich nicht in acht vor dem kleinen Stück offenen Walles; +die müden Wanderer trippeln noch, wenn sie gemächlich und sorglos über +den Rand des Knicks gleiten. + +Dieser Umstand ist gerade die Pointe des Fangplatzes, er verleiht ihm +Ruf und Anziehungskraft! + +Kein Habicht oder Bussard kann sich im Walde niederlassen, der nicht +früher oder später den Weg zu diesem Lauerplatz findet. In früheren +Zeiten ist hier manch’ ein Kampf zwischen Strix’ verblichenen Vorfahren +ausgefochten. Die streitbaren Uhumännchen haben um ihr Leben gekämpft +und die Fänge oft derartig ineinander geschlagen, daß sie zu einem +Klumpen verfilzt tot unter dem Baum gelegen haben. + +Es ist schon spät am Abend, als der dürre Eichenzweig kracht unter +den Fängen der großen Horneule! Sie faltet die weichen Daunenflügel +zusammen, und verkriecht sich in die Krümmung des Stammes, so daß ihr +Kopf die Höhlung ausfüllt. Sie ist ganz unsichtbar ... + +Das Flammengelb des Sonnenuntergangs ist nicht mehr am Himmel sichtbar! +Die Kuppelwölbung der Buchen, den Sägezahnrand der Tannen hat die Nacht +verschlungen; es ist düster und unheimlich im Wald wie in einer Höhle. + +Aber für Strix ist es noch heller Tag. + +Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon als +ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft häßlich -- +da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag -- und es kann vorkommen, daß +sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so daß sie sich verirrt, wenn +sie in ihr Nestloch hineinfliegen will. + +Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig! Sie +sieht das Spiel in den Augen der Mäuse, sie sieht die Kröte, wenn sie +über den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich +durch das Gras schleichen, sie sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie +sieht deutlich die Mücke, die die Fledermaus fängt. -- In der Nacht +beherrscht sie alles! + +Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und +Wiesen, Moorstrecken und Heideflächen. Der Tau spielt über Gras und +Kräutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen +auf die Blumen. + +Es strahlt und schimmert da draußen! Aber das Grün ist nicht scharf wie +am Tage und das Weiß und das Rot empfindet man nicht wie Wind im Auge +... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde! + +Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke Laub +der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, dürrer Zweig wiegt sich +auf und nieder. Da unten wandern die Mäuse! Eine Ricke mit ihren Kitzen +kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden -- setzen +dann in ein paar Sprüngen über den Waldrain hinweg. Der Fuchs maust am +Gehege entlang und äugt verstohlen nach den Rehkitzen; das hinterste, +findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner Kerl! + +Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch +andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht. + +Da hört sie Blätter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter +ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein Hase ... + +Hasen waren in früheren Zeiten ihre tägliche Speise; damals, als der +Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr; +jetzt muß sie sich mit bedeutend weniger begnügen und Jungfüchse und +Dachswelfen zur Aushilfe nehmen. + +Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt. + +Er setzt sich und lauscht -- er hebt sich ganz auf die Hinterläufe ... +die Augen stehen ihm starr im Kopf, während der Windfang mit der tiefen +Hasenscharte in der Lippe sich fortwährend rund herum bewegt. Strix kann +mittels des Gehörs ihren kleinen Lampe auf der ganzen Reise verfolgen! +Sie hört, wie er aus seiner aufgerichteten, kundschaftenden Stellung die +spitzen Vorderläufe wieder an die Erde setzt, hört seine kräftigen +Lungen arbeiten, seine Nüstern sich blähen -- o, wonniger Laut! -- hört +seinen Magen schreien und die Gedärme vor Hunger rummeln. Da weiß sie, +daß sie nicht vergeblich gelauert haben wird. + +Und dann geht es, wie es gehen soll! + +Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel -- +und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter über den Waldrain +in seinem Tripp, Trapp-Gehüpfe, als sich plötzlich etwas wie eine +schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der +Finsternis auf; auf ihren Wollflügeln kommt sie -- von hinten. + +Sie kommt mit dem lähmenden Schrecken, der die Folge jeglicher +Überrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer +Entfernung von ihrer Beute befindet. + +Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das +Hineinhauen, daß die Fänge der Eule sich in der Brust begegnen. Er +stößt einen Schrei aus, im nächsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein +Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken: +So, da bist du offenbar auf die Dornen gelaufen! dann weiß er von nichts +mehr, er zappelt mit den Hinterläufen und streckt die Drossel ... die +gelben Lichter starren steif in den Raum hinein. + +Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit krummem +Buckel und gesenkten Flügeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor +Äsungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzförmigen +Fänge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und öffnet ihren mächtigen +Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt +in dem Hasenleib; große Stücke gleiten mit Haut und Haar hinab, während +lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren +Schnabelwinkeln und in den gelben Fängen festsetzt. + +Sie ist ganz satt -- -- aber noch steht ihr der größte Genuß bevor. Sie +fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und sieht auf den +toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit Grauen erfüllen. +Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals unverwandt und +grübelnd auf ihren Überfluß hinabstarren -- bis sie dem herzzerreißenden +Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung schreit, nicht länger +widerstehen kann. + +Da ruft sie ihn -- und wollüstig schlingt Uf die blutigen Überbleibsel +herunter. + +-- -- -- + +Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung für sich und Uf an dieser +alten Fangstätte. Dann, eines schönen Abends, versiegt plötzlich der +Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf +dieser Seite des Waldes herausgeht. + +Da muß sie eine neue Taktik versuchen -- oder sich auf lange Zeit +anderswohin begeben. + + +Es ist mondhell! Blaßgrün scheint die Strahlenfülle der Himmelslaterne +auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem +Werder draußen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen +flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser -- der Rest des +Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weißbirke tritt als Elfe +aus dem Nebelgebräu der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den Baum. + +Ein Mensch würde das Bild so sehen -- -- und er würde sein Herz klopfen +fühlen unter dem Druck seiner Phantasie; er würde sich erdrückt fühlen +von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen Beleuchtung der einsamen +Umgebung. + +Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kämpfen braucht; für +sie ist der Wald zu nächtlicher Zeit eine Freistätte, ein Heim; sie ist +vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut -- und verkrüppelte, rindenlose +Aststücke oder verschleierte Birken haben, trotz der Gaukelkünste des +Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben für sie. + +Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit +einer Ahnung von Rot und Klarheit, hängt die Dämmerung schon über dem +östlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der +dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Mäusen wimmelt. + +Da kommen die Hasen mit Müdigkeit in den Augen, mit dem Bedürfnis +nach Ruhe in den matten Gliedern; geräuschlos huschen sie auf ihren +Hexensteigen durch das Korn, sie wollen in den Wald hinein und sich +setzen. Sorglos hüpft Lampe auf seinen weichen Ballen und mit +hochgekniffenem Bauch, um nicht naß zu werden, denn der Tau spritzt +hoch von dem Grase. + +Strix thront auf dem Fangzweig. Sie saß dort gestern Abend und auch +vorgestern Abend -- aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr nicht +freigiebig. + +Die Hasen sind scheu und mißtrauisch geworden. Sie benutzen den +hundertjährigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrügt, das haben sie +entdeckt -- sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen. + +Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme! + +Sie beherrscht ein ganz ungewöhnliches Instrument! Sie kann die +Stimme so tief tönen lassen wie nur ein Baß, und eine Reihe hohler, +posaunenartiger Töne entsenden; aber sie kann auch in die Höhe gehen +und ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen. + +Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende +des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mächtige Stimme ertönen läßt ... +die kleinen Vögel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts +weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht +und das Eichhörnchen ducken sich tief in ihre Astlöcher, ja, selbst der +Marder hält inne in seiner nächtlichen Jagd, wenn er die unharmonische +Verkündigung seines großen Nebenbuhlers hört. Den Fall gesetzt, die Eule +wäre hungrig, und nähme, was ihr in den Weg käme, da würde Taa in ihrem +Rachen verschwinden wie eine Ratte! + +Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben, die +Farbe ihres Federkleides, ihr Bedürfnis nach Einsamkeit hat ihr seit +undenklichen Zeiten das Mißtrauen der Menge zugezogen -- auch über ihrer +Stimme liegt etwas, das mystisch und eigenartig wirkt. + +Es steckt ein Stück Bauchredner in Strix; wenn es ihr paßt, kann sie +teuflisch mit ihrer Stimme täuschen -- niemand kann danach beurteilen, +wo sie sitzt. Sie kann brüllen wie ein Stier, heulen wie ein Wolf, +miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelächter ausbrechen wie +ein wahnsinniger Mensch. + +Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und fern, +als kämen die Töne von weit her. + +Der Hase auf dem Felde fühlt sich sicher und glücklich dabei und doch +-- -- sitzt sie da, die große, rotäugige Fängerin, dicht hinter dem +Waldessaum. Huu -- Huu -- Huu ... bis in die Unendlichkeit hinein kann +sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr angeboren. Eine Viertelstunde nach +der andern kann sie so dasitzen und vollkommen von ihrem Hinterhalt in +Anspruch genommen sein. Huu -- Huu -- Huu ... eigentümlich hohl und +dumpf klingt es; wer ihr etwas anhaben will, folgt dem Klange der Stimme +und glaubt, daß er sie die ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und +geht und ist ihr beständig gleich nahe. + +Huj -- Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und unerwartet +nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den verwirrten Hasen +dazu, angsterfüllt ein Versteck zu suchen. Bald brüllt sie, als sei sie +hinter ihm, bald, als hinge sie gerade über ihm; der Hase gerät von +Sinnen und schlüpft schleunigst auf den alten, lieben Weg -- auf den +Todesweg -- um die Sicherheit und den Wald aufzusuchen. + +Da stößt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine Langohr, +in demselben Augenblick, als es den Kamm des Walles erreicht. Aeee, +klagt der Ärmste, Aeee, Aeee ... und wild und trübselig schreit der Hase +sein Leben aus. + +Ungerufen erscheint Uf -- -- und hinter ihm drein wimmeln alle Füchse +herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet Eisenteilchen anzieht. +Sie kommen von weit her, wie an der Nase herbeigezogen und sitzen da und +geifern, während die beiden großen Uhus in aller Ruhe ihre Mahlzeit +verzehren. + +Es kommt wohl vor, daß ein heißhungriger, mutiger Reinecke sich mit den +Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie sträubt jede +Daune und wird unheimlich groß, dann knappt sie mit dem Schnabel und +zündet Feuer in den roten Lichtern an. + +Hu -- u --, heult sie ... Nase weg! + + +Strix ist ein großer Räuber, ein mächtiger Jäger! Sie ist ein Meister +in allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig, +verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darüber hinweg, oben in der +Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden +Hinterhalt-Verfahrens, hüllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder +der Dämmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhöhung +auf die Liebessteige oder die Futterplätze des Kleinwilds. Der jagende +Fuchs knirscht oft mit den Zähnen vor Wut über sie; er nennt ihr +Jagdverfahren, „dem Wild das Leben stehlen“. Hah! still dasitzen und +lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende +Beute, hah! das kann jeder! höhnt der Fuchs in seiner Sprache. + +Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fuß jagen! Fuchs und Marder, +Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmäßig, fürchten aber ihre Fänge. + + + + +4. Das neue Gelege + + +Dicht fallen die Blätter im Herbst ... + +Dichter noch, als der Oktober herannaht ... + +Überall in den Wäldern wird es welk und kahl! + +Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das Regenwasser +trieb in Strömen an den Stämmen herab. Die letzten Motten und +Nachtschwärmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flügeln auf +dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen. + +Der Dezember kam -- und der Schnee! + +Dann brütete der Winter über dem Lande -- + +Jetzt haben die Märzstürme getobt und die Aprilschauer gespült -- +Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe ist hier +gewesen, die Anemonen stehen in Blüte: + +Es ist Frühling und die Hochwälder strahlen von Mai! + +Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt +unter einer kleinen Tanne an einem Hügelabhang. + +Uf hat die Stelle als Kinderwärterin noch nicht angetreten. Die Jungen, +die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden vorläufig +von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd unter ihr. +Sie ist so zärtlich mit diesen Jungen, zärtlicher als sie je mit ihren +früheren Jungen gewesen ist -- und sie bewacht sie mit nie ermüdender +Fürsorge. + +Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken +Fuchsrüden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die +Menschen -- die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu betreten! + +Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehörigen +Schrecken ein ... + +Er kommt in seinem Einspänner gefahren, um das Holz zu holen, das +er im Walde gekauft hat. Während er gemütlich dahinzuckelt, sieht er +plötzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der +schmalspurige Weg führt. Der Vogel ist groß, und er setzt sich ohne +weiteres auf das Pferd und fängt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren +zu schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat +seine liebe Mühe, es wieder zu bändigen, denn fortwährend streicht ein +schwarzer, unheilverkündender Schatten über das Fuhrwerk hin und heult +so bestialisch wie der Teufel in eigener Person. + +Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als +die Daunen aus ihren weißspieligen Federposen herausquellen und sie +anfangen, die nackten Hälse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als +Wärmflasche angetreten, so daß Strix mehr Zeit zur Verfügung hat. + +Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel für die ganze Umgegend zu +werden. Sie fängt wie gewöhnlich ... holt Ratten aus den Dörfern und +Rebhühner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mühe, Futter +für ihre heißhungrigen Jungen und ihren nicht minder heißhungrigen, +alten Gatten zu schaffen. Ihr großes Bereich ist in den letzten Jahren +merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhühner sind weniger -- nur +die Menschen haben zugenommen. + +Dafür hat sich hier und da einer von den bunten Vögeln mit den langen +Stößen von den Gütern drüben auf der andern Seite der Förde gezeigt -- +und eines Morgens taucht ein neuer, großer Auerhahn auf. + + +Es dämmert am Horizont ... schüchtern schlägt der Zaunkönig seinen +ersten, schmetternden Triller, dann hält er inne -- er ist zu früh +aufgestanden! + +Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal draußen am Waldessaum -- und +alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise seufzt und stöhnt +in den Baumwipfeln ... + +Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein! + +Strix sträubt die Hörner. + +War das ein Traum, der Lenzruf des großen Hahns? Sie sieht diesen großen +Vogel ja sonst nie. + +Von neuem ertönt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein +Flöten, und doch schallt es weit durch den Wald. + +Strix verläßt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend. + +Bald ertönt der Kampfruf eines andern Auerhahns -- und nun kämpfen die +beiden großen Hähne gleichzeitig mit einem Schwall von Kraft. + +Sie hört vor sich Flügel schlagen und krachen. Ausgebreitete Federfahnen +in breiten Flügeln hauen mit donnerähnlichem Getöse gegeneinander. Sie +ist früher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher Jäger gewesen und +hat sich der Kämpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu Nutzen gemacht -- +lautlos schaukelt sie über dem Walplatz ... + +Es ist noch dunkel in der Kronenwölbung und dunkel ist es auf dem +Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern der +Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhähne. Hier drinnen bullern +rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu! + +Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin, mit +gesträubten Hörnern und funkelnden Lichtern. + +Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tönt es +aus der Kehle und rollt in den dämmernden Morgen hinaus. Längst hat sie +den Vogel entdeckt. Ihr scharfer Blick erkennt deutlich den Glanz seiner +Federn und das rote Ebereschenbüschel über jedem Auge. Mit stolzer +Haltung, mit gefächertem Stoß und gekrümmtem Hals stolziert der schwarze +Hahn auf seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu +übertrumpfen, ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen +mächtigen Sprung, und indem er die Flügel krachend vor der Brust +zusammenknallt, stößt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen +Schlußgesang an, noch feuriger, als bisher. + +Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn, +geht sie auf das Balzen ein. + +Mit gesträubten Halsfedern, mit schleifenden Flügeln, den Stoß gespreizt +wie ein Rad, fährt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem Schnabel. +Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glühen vor Wut. + +Da entdeckt er seinen Irrtum -- Strix läßt auch ihre Fanfaren ertönen! +Er hätte sich verteidigen sollen, der schwarze Puter! Er hätte es wohl +gekonnt! Er ist eben so groß wie der Uhu und hat Hiebkraft in seinem +Schnabel und Kratzgewalt in seinen Krallen, aber Strix’ Heulen ist nicht +auf _seinen_ Kammerton gestimmt -- der Auerhahn ist gleich bereit zur +Flucht. + +Strix fährt ihm indessen an die Kehle, ehe er Kehrt gemacht hat -- und +wie ein Federbündel rollen sie am Erdboden herum. + +-- -- -- + +Strix machte reiche Beute an diesem Morgen! + +Aber sie war nicht imstande, den Hahn nach Hause zu schleppen; sie muß +sich damit begnügen, große Stücke Brust zur Zeit zu nehmen. + +Uf schwelgte und schmatzte mit der Zunge ... + + +Strix hätte sich ruhig verhalten sollen! + +Sie hätte nicht auf den Bauer einfahren und auf die alten, friedlichen +Weiber, die Reisig im Walde sammelten -- als dergleichen wird ruchbar +und kommt schnell einem kleinen, unternehmenden Waldhüter, _Pist Lak_ zu +Ohren. Als dann der Waldhüter eines Nachmittags draußen in den Tannen +auf den seiner Brust beraubten großen Auerhahn stößt -- ausgesetztes +Wild, womit die Menschen sich bemühen, die Verheerungen wieder gut zu +machen, die sie unter der Fauna des Landes anrichten -- da wird es ihm +nicht schwer, zusammenzuzählen und auszurechnen. + +Er läßt „Vogel“, den großen Agenten benachrichtigen, dessen kleiner +Unteragent er, Pist Lak, sein Lebelang gewesen ist -- und sobald der +Leuchtturmwärter wieder einen freien Tag hat, macht er sich auf die +Wanderschaft. In diesem Jahre will er Junge haben, und zwar am liebsten +lebende. Er hat Bestellung auf so viele junge Uhus, wie er nur +beschaffen kann, für Tiergruppen ringsumher in sogenannten „Zoologischen +Gartenanlagen“, diesen modernen Naturparks, die reiche Leute zur +Zerstreuung und Belehrung auf ihren Landsitzen einrichten lassen. +Mindestens fünfzig Kronen sind dabei zu verdienen, d.h. Pist Lak soll ja +zehn davon ab haben; aber die kann er ihm ja vorläufig schuldig bleiben! + +An dem Tage nach Feierabend, wo „Vogel“ und Pist Lak -- wohl ausgerüstet +zu ihrem gefahrvollen Unternehmen, mit Pferdedecken und ein paar langen +Stäben -- ausgezogen sind, um den Eulenhorst zu suchen und ihn auch +_finden_, fügt es sich so, daß die beiden Alten abwesend sind. Strix +besorgt die ihr obliegenden Geschäfte; sie ist auf Raub aus -- die +Jungen, die jetzt fast flügge sind, belegen ihre Arbeitskraft voll mit +Beschlag. + +Uf dahingegen ... + +Uf ist wohl niemals ein wirklich zärtlicher Vater seinen Kindern +gegenüber gewesen, mag es nun sein, weil er alt ist, und es ihm an +Körper- wie Herzenswärme gebricht, oder weil er seine unwirksame +Kinderwärterinstellung satt hat. Ihm liegt es ja ob, die Kleinen zu +füttern, den Marder fernzuhalten und sie von den großen, häßlichen +Zecken zu befreien, die sich gern an ihren Augen festsaugen wollen. +In diesem Jahr ist er aber auffallend nachlässig gewesen, hat seine +Pflichten auf die leichte Achsel genommen und sich nicht gescheut, in +seiner Gier und Eigenliebe, häufiger als sonst, den Löwenanteil des +zugetragenen Fraßes an sich zu raffen. + +Strix liebt ja Mäuse -- und die Jungen sind natürlich ganz wild auf +diesen Leckerbissen! Deswegen hat Strix dafür gesorgt, daß sie so viele +Mäuse bekommen haben, wie sie nur in sich hineinpfropfen konnten. Sie +haben Mäuse als Morgenimbiß, Mäuse als Mittagessen und Mäuse zur +Abendmahlzeit bekommen -- Strix hat nicht begreifen können, daß nicht +die Kleinen der Mäuse längst überdrüssig geworden sind, so wie das der +Fall zu sein pflegte, wenn sie zuviel von anderem Raub bekamen. Da +entdeckt sie eines schönen Nachts, daß Uf, wenn sie fortflog, alle Mäuse +verzehrte. Das wäre allenfalls noch gegangen! + +Aber neulich Nachts, nachdem längere Zeit Schmalhans geherrscht hatte, +überrascht sie ihn dabei, wie er einem seiner eigenen Kinder gegenüber +die rauhe Seite herauskehrt. Ja, es konnte kein Zweifel darüber +herrschen -- er wollte das Junge _kröpfen_! + +Da fuhr sie auf ihn los! Er wurde gerüttelt und verprügelt. Es sang in +seinem alten, mürben Gerippe -- und wo Strix’ Flügelknochen hintrafen, +entstanden blutunterlaufene Flecke. + +Als wollte er vortäuschen, daß er bei seiner schwarzen Missetat einen +Augenblick des Verstandes beraubt gewesen sein müsse, starrte er sie +mit einem erstaunten, halb blödsinnigen Ausdruck in den alten, listigen +Augen an, aber Strix brachte ihn schnell auf andre Gedanken; er bekam +noch eine Tracht Prügel, so daß er unter der gewaltsamen Behandlung +seiner handfesten Eheliebsten ganz fürchterlich jammerte und klagte. + +Hinterher stellte er sich sehr zerknirscht und voller Reue und machte +sich ganz klein und fuchsschwänzlerisch, während er um ihre Verzeihung +bettelte. Aber es half alles nichts -- er wurde aus dem Horst verwiesen +und hat sich seither selbst seine Nahrung suchen müssen. + +-- -- -- + +Pist Lak und „Vogel“ wird es doch nicht so ganz leicht, die Jungen +zu bewältigen. Die kleinen Teufel empfangen sie genau so, wie ihre +Geschwister in früherer Zeit den Marder Taa empfingen; sie werfen +sich auf den Rücken und reißen und kratzen mit den scharfen Hornkrallen +um sich. Obwohl die Pferdedecken über sie geworfen werden, muß der +stinkende Ammoniak mehrmals zu Hilfe genommen werden und seine +betäubende Wirkung ausüben. + +Als Strix endlich mit einer fetten, braunen Ratte in den Fängen +heimkehrt, wird ihr ganzer Kopf fast zu Augen. Uf kann sich glücklich +preisen, daß er nicht in der Nähe ist, sonst würde die Reihe, gefressen +zu werden, jetzt wohl an ihn kommen. + +Sie scharrt in dem Horst herum, wendet Reisig und trocknes Laub wieder +und wieder um, bis ihr auf einmal ein eigentümlich ätzender Gestank in +die Nase steigt. Ihre Lichter füllen sich mit Wasser -- sie schnappt +nach Luft ... Da sieht sie vor sich den Anblick vom vergangenen Jahr: +das hakennasige Gesicht des kleinen Leuchtturmwärters mit den stechenden +Augen starrt sie wie durch einen Nebel an, und in ihren Ohren dröhnt es: +Kla--datsch, kla--datsch ... + + +_Die Nacht_ hat in den Tannen gelegen und in den Tag hinein geschlafen. +Sie hat Ihre ganze Energie nötig gehabt, um die Augen geschlossen zu +halten, denn die Sonne, die seit Tagesgrauen gebrannt hat, rumort auch +hier und peinigt und plagt sie mit ihren Lichtstrahlen. + +Aber die Nacht ist wie ein Mann mit Willenskraft. Schlafe nur! hat sie +gesagt -- und geschlummert. + +Jetzt ist die Sonne in einem Sack untergegangen; die mächtige +Wolkenschicht am Alkoven des Horizonts hat sie wie eine Ratte +eingefangen -- sie ist weg, weg! + +Dann schüttelt und schuddert die Nacht sich, behutsam streichelt sie +die Drossel, die im Begriff ist, sich zur Ruhe zu begeben -- und dann +schleicht sie hinaus, sie umfängt das Dickicht und die Waldwiesen und +den Saum der Lichtungen und löscht den Unterschied aus zwischen Kraut +und Unkraut, zwischen Nutzholz und Kümmerling, zwischen des Försters +Lieblingsschonung und dem Anflug, der sich aus dem Humus hervorstiehlt. + +Die Nacht nimmt den Wald in Besitz, entreißt ihn dem Licht, das in der +Ferne entweicht; sie hüllt die Millionen von Blättern in ihre schwarze, +eintönige Finsternis. Und nun schleicht sie sich über den Waldraum, +_tritt aus_, wie es von dem Wild des Waldes heißt -- tritt aus, an +Hecken und Gräben entlang, schiebt sich vor über Äcker und Wiesen, +wo der Widerschein des Sonnenunterganges noch liegt und als letzte +Rückzugsstellung Wachedienst tut. + +Und so umfängt sie das Grundstück jedes Bauern, die Felder jedes +Kirchspiels, die Äcker jedes Gutes; sie erobert das ganze Land zurück +von dem Licht und gibt es ihrem großen Finsterniskind, der Eule. + +Aber was hilft das dem Kinde? Von der ganzen Erde begehrt es nur _seine +Jungen_. + +-- -- -- + +Die Nacht wird tiefer und tiefer ... + +Und Strix, die seit der Dämmerung gesucht hat, gelangt allmählich weit +umher im Umkreis. + +Da, um die Morgenstunde, als sie in die Gegend der Menschennester +hinauskommt, hört sie von einem kleinen Haus, das einsam und im Versteck +unter einigen hohen Tannen liegt, den schwachen, heißersehnten Laut. + +Sie fängt ihn in ihren Ohren auf, betastet ihn gleichsam mit ihren +Federhörnern und läßt ihn sich mittels heftiger Pulsschläge in die Brust +hineinhämmern. Ihr wird auf einmal so leicht zumute: da sind ja die +Jungen! + +Sie stehen in einem Gitterkasten auf dem Hofe. + +Jäh fliegt sie gegen den Käfig, so daß der Kasten erbebt -- und sie und +die Jungen vereinen lange ihre Klage. + +Wu--hu! Wu--hu! heulen die Kleinen. Und Strix stimmt ein ermunterndes +Knappen mit dem Schnabel an. Sie glaubt, daß sie hungrig sind und fliegt +davon, um einen Augenblick später mit vollen Fängen zurückzukehren -- +dann füttert sie ihre Jungen, obwohl diese im Überfluß schwelgen. + +Sie will sie mitnehmen, will sie heraushaben -- sie zerrt an dem Käfig +und reißt an den Gitterstäben. + +Da stürzt der Kasten, der auf einem Haublock an der Mauer aufgestellt +ist, um und fällt mit lautem Getöse in ein offenstehendes Kellerfenster +hinein. + +Es ist schon halbhell, und nach einer Weile kommt der Waldhüter Pist +heraus. Er glaubt, daß sich die Katze mit dem Kasten zu schaffen gemacht +hat, und preßt mit banger Ahnung die Nase gegen die Gitterstäbe. Ein +rasendes Fauchen -- und beruhigt trägt er den Käfig in die Stube hinein. + +Strix sitzt in einer der Tannen und sieht den Menschen herausstürzen und +wieder in sein Nest verschwinden. Sie heult -- sie ruft -- aber niemand +antwortet ihr mehr. Da fliegt sie einmal rund im Hofe herum -- die +Jungen sind weg! + +Die nächste Nacht sitzt sie wieder in den Tannen. Sie erblickt den +Kasten, der an seinem alten Platz steht -- und sie umschwebt ihn voll +Wonne, ja, sie wagt sich sogar ganz hinein durch die offenstehende +Klappe. + +Ach, das Bauer ist leer -- die Jungen sind weg! + +Einen ganzen Monat lang besucht sie allnächtlich das Menschennest und +sitzt da und heult von einer der hohen Tannen am Hause herab; aber +niemand antwortet ihr außer einer schwarz und weiß gescheckten Katze. + +-- -- -- + +Da nimmt sie Uf wieder in Gnaden auf und zieht mit ihm noch tiefer in +den Hochwald hinein. + + +Der Sommer geht zur Rüste ... + +Herber Duft von abgefallenem Laub und aufschießenden Pilzen mischt sich +mit dem würzigen Brodem der Waldmoose. Die Ebereschen erröten, aber die +Becher der Adlerfarnen werden braun und häufen sich zu großen Schanzen +unter den Birken auf, deren erste vergilbende Blätter in dem funkelnden +Gespinst der Spinne baumeln. + +Eine eigenartige Rastlosigkeit ist in die Ameisen gefahren, sie küren +nicht mehr zwischen den Insekten und den dürren Zweigen, sondern nehmen +mit Fieberhast, was ihnen in den Weg kommt: magere, langbeinige Schnaken +und eingetrocknete Blattrippen. Kleine Froschkinder sind überall in +Bewegung und spielen den großen schnüffelnden jungen Füchsen manch einen +Schabernack. + +Da summt eine Biene ... die jungen Füchse schnappen danach, es ist +unwiderruflich die letzte Biene des Jahres! + +Die Tiere haben Junge geworfen, die Vögel haben ihre Eier ausgebrütet +und die Pflanzen haben Samen angesetzt; jetzt ist der große Erneuerer, +der _Winter_, im Anzug. + +-- -- -- + +Als es rauh und kalt geworden, und als es mit dem Futter knapp wird, +besuchen die beiden alten Eulen ein Aas, das am Rande eines kleinen Sees +jenseits der Förde liegt. + +Und dann eines Abends, als sie sich eben gesetzt haben, hören sie die +Unruhe aus einer Tanne herausbrüllen. + +Es ist ein Schuß -- und die Federn stehen Uf um die Ohren. Er wird ganz +verwirrt und gerät von Sinn und Verstand, er klappert mit dem Schnabel +und dreht sich auf demselben Fleck rund herum, wieviel Strix auch ruft. + +Ein kleines kurzbeiniges, rotbraunes Ding, das wie ein Fuchs bellt, +fährt auf ihn ein -- und stimmt dann plötzlich ein gottserbärmliches +Geheul an. + +Den hat er doch wenigstens gefaßt! denkt Strix. + +-- -- -- + +Aber seither ist auch Uf weg gewesen. + +Er hatte wohl Wandergelüste bekommen und war von ihr weg geflogen -- +über alle Berge! + + + + +5. Strix und die Menschen + + +Es ist wieder Frühling in den großen Wäldern an der Förde. + +Die blankschwarzen Wasserflächen der Waldseen liegen mit Vögeln übersät +da ... + +Auf den kleinen Tümpeln schießen die Bläßhühner hitzig und paarungstoll +aus dem schimmernden Versteck des Röhrichtsaumes heraus; sie gleichen +Maulwurfshaufen, die auf dem Wasser schwimmen. Auf den großen führen die +Schwäne Krieg, blendend weiß und mit Federgebrause um den gekrümmten +Hals. Und in den kleinen Löchern, wo es friedlich und warm ist, liegen +stumme, gepaarte Enten. + +Hin und wieder breitet ein Schwanenpaar die Flügel aus und flattert von +einem Gewässer zum andern, da stiebt dann das kleine Getier verwirrt +nach allen Seiten auseinander ... + +An den Ufern entlang schleichen Marder und Wiesel; der Fuchs aber liegt +im Schilf und lauert auf die Wildgänse, die an Land gegangen sind, um +zu grasen. Mitten in dem Idyll kann man eine Häsin auf einem Wechsel in +voller Flucht sehen, drei, vier zerzauste Rammler hinter ihr her. Da +macht Reinecke ein paar Sprünge, besinnt sich dann aber ... nein, er mag +nicht rennen! + +Es gibt jetzt Äsung genug! Die Paarungskämpfe zwischen den großen Tieren +und den Vögeln machen viele Invaliden! + +Durch die Baumkronen zieht das kreischende Gelichter der Häher. Scharen +von fünf bis zehn unbeweibten Männchen verfolgen mit Geschrei und +Gekrächze ein glückliches Paar oder machen einem alten ledigen Weibchen +stürmisch den Hof. Überall, wohin sie kommen, schweigen die Drosseln, +und der Rabe stimmt den Frühlingsruf an, um sein Weibchen zu warnen, +das schon Eier gelegt hat; aber der Häher, der in seinem abgestorbenen +Baumwipfel sitzt und lauert, streicht augenblicklich von dem Zweig ab +und fliegt in der Richtung der nächsten lärmenden Schar. + +Aus dem Gestrüpp schießen die Amseln, den Stoß in die Höhe, über die +Lichtungen hin -- und wo viele alte Bäume stehen, schallt das Konzert +der Stare und Dohlen ohrenbetäubend. + +Strix stimmt in den Frühlingsjubel ein. + +Sie heult und heult ... nicht klagend, wie nach den Jungen, sondern +hohl, tief und klangvoll. + +Nacht für Nacht, vom späten Abend bis zum frühen Morgen ruft sie +nach ihrem alten einfängigen Männchen; sie sucht alle ihre früheren +Horstplätze ab und zieht weit über das Land hinaus, jenseits der +Menschennester; aber nirgends sieht oder hört sie das geringste von +Uf, so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art. + +Sie fühlt sich immer einsamer und verlassener. + +In den milden, feuchten Nächten geht Zug auf Zug von starken, feurigen +Lenzvögeln über ihren Kopf hin, und tausende und abertausende von +fröhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab. + +Sie grüßt die Reisenden mit ihrem tieftönenden Ho--oo, sie schießt aus +den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht sie, schreckerfüllt über +ihr Erscheinen, nach allen Seiten auseinanderstieben -- und sie zieht +eine lange Strecke mit ihnen, bis sie, deren Flügel dem pfeilschnellen +Flug nicht gewachsen sind, zurückbleibt wie ein Hund, der einem +dahineilenden Zuge zu folgen sucht. + +Und je weiter der Frühling fortschreitet, um so tiefer krallt sich +der herannahende Schluß der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und +Unbändigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und +reizbarer. Ihr feines Gehör, das es ihr ermöglicht, in großem Umkreise +an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit; +Krähengekrächz und Hähergelächter, Hundegebell und Lärm der +arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie +grimmig und streitlustig. + +Diese Laute erwecken in ihr fortwährend Erinnerungen an die große +Heerschar ihrer Feinde! + +Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald +gerät in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und +Überlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vögel +und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brütet, müssen sie +notgedrungen fürchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der +Nacht, sie ist ihr verkörpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die +Finsternis selbst kommt sie lautlos und überraschend, und wie das Wetter +der Nacht kann sie plötzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes +Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen +sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das +eigene, hoch betraute Kind der Nacht. + +Sie wohnt beständig in den Hochwäldern, aber draußen in einer Einöde, +in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren Luftwechsel, +ihre Tunnel und geheimen Gänge durch Kronengewölbe und Laubgehänge. +Da hindurch kann sie aus dem überwucherten Baum, in dem sie wohnt, +ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt über Lichtungen und +Unterwald hin gelangen. + +Aber einmal, als sie in der Dämmerung ihren Lieblingspfad -- einen +langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weißdorn und kätzchengelbe +Haselbüsche -- entlangstreicht, findet sie ihren Luftweg zerstört. Das +schützende Versteck, das sich so innig fest und dicht um ihn geschlossen +hatte, ist umgerissen, liegt bunt durcheinander in einem großen Berg. +Wo früher Bäume standen und wilde Schößlinge wuchsen, breitet sich jetzt +ein offener Platz aus, über den sie hinjagen kann, ohne den Zweig eines +Wipfels mit den Flügeln zu berühren. + +Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes +Hack--Hack gehört, als arbeite tief drinnen im Wald ein Riesenspecht. +Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von allen haßt ... +es ist der Schlag der _Axt_! + +Die Axt macht licht, und sie haßt das Licht-machen. Sie will Dichtigkeit +von Zweigen und Stämmen, von allen Stämmen, rings um sich haben. Sie +will Waldesdunkel haben! Aber die Axt macht die Bäume bis in die Wipfel +erbeben, kippen und sich plötzlich legen. + +Am nächsten Morgen ist der Laut wieder da! + +Und er hält den ganzen Tag an. Sie sitzt in ihrem Versteck und schneidet +Gesichter, sie fühlt jeden Hieb wie einen Stich in ihrem Fleisch. Hu, +diese Laute, diese verdammten, menschengeschaffenen Laute, sie rauben +ihr das Verweilen im Verdauungswohlsein und erfüllen sie statt dessen +mit aufregender Unruhe. + +Als dann der Abend kommt und die im Laufe des Tages angehauenen Bäume +anfangen zu fallen, als das Krachen und Poltern und Dröhnen seinen +Höhepunkt erreicht, da fliegt sie einem Waldarbeiter in den Nacken. + +Die Waldarbeiter pflegten sonst nie etwas von Strix zu sehen; sie hörten +sie nur. Oh, oh! klagte etwas in der Tiefe; uh, uh! antwortete es von +weit her. Das war zu der Zeit, als Uf noch lebte. Da hatten sie in den +frühen Abendstunden, namentlich in der Paarungszeit, ihre feurigen +Wechselgesänge angestimmt; _sie_ hatte laut gerufen, scharf und +innig begehrend, und _er_ hatte geantwortet, tief, hohl, mit einem +unheimlichen Uhuu, das aber für ihr Ohr so wild und aufreizend klang. + +Die ganze voraufgegangene Nacht hatte Strix nach Uf gerufen, aber +vergebens ... auch das hat dazu beigetragen, sie aufzuregen. + +Sie bedient sich ihrer bekannten, unfehlbaren Überrumpelungstaktik. +Ungeahnt taucht sie auf aus dem flockigen Versteck der Dunkelheit, +wirft sich über den Waldarbeiter, packt ihn mit beiden Fängen bei den +Schultern und wärmt ihm die Ohren mit den Flügeln. Mit ihren scharfen +Ellbogenknochen schlägt sie ihn in die Schläfen und macht ihm ein paar +blaue, blutunterlaufene Augen, dann greift sie ihm in die Haarbüschel +und schüttelt ihn. Der Holzhauer wirft sich auf die Nase und schlägt die +Hände vor seine Augen; aber jetzt erst nimmt Strix ihn als rechtmäßige +Beute in Besitz. Sie hakt die Fänge in seinen Körper und reißt ihm den +Hintern auf ... + +Es ist Pist Lak, den sie gefaßt hat, aber sie ahnt es nicht. In diesem +Augenblick sind ihr alle Menschen gleich! + +Pist, der im ersten Nu, ehe er noch die Fänge der Eule zu kosten bekam, +ganz entzückt war, jetzt endlich die Gewißheit zu erlangen, daß dieser +Geldvogel noch immer hier ist, hat plötzlich seine Ansicht geändert ... +er brüllt wie ein Stier. + +Da erdröhnt der Erdboden, da trampelt es im Laub: kla-datsch, klingt es +... kla-datsch, kla-datsch ... + +Ein Zucken durchfährt Strix! + +Ihr Gesicht kann sie täuschen, kann vergessen; ihr Gehör nie. Sie weiß +es schon lange, bevor sie die Gestalt erblickt: jetzt kommt er, der +lahme Kerl mit dem stinkenden Atem! + +Ein mehr als instinktmäßiges Rachegefühl ergreift sie ... + +-- -- -- + +Wie gewöhnlich ist der kleine Leuchtturmwärter auf seinem Frühlingszug +nach Raubvogeleiern aus! Raubvogeleier hatten stets ihren Wert, denn +sie wurden immer seltener. Krähen-, Bläßhuhn- und Elstereier dahingegen +wollte niemand mehr haben, die waren jetzt zu gewöhnlich. + +Den ganzen Nachmittag hat er sich in der Nähe von Holzwärter Pist’s +Arbeitsplatz aufgehalten, war mehrmals bei ihm gewesen und hatte ihn +gequält, er möge ihm doch den Horst des großen Uhus zeigen. Pist hat +immer geantwortet, so wie es war: daß er den Horst gar nicht _wisse_, +ja, in diesem Jahre die Vögel nicht einmal _gesehen_ habe. Aber der gute +Leuchtturmwärter, der nicht ohne Grund ein schlechtes Gewissen in bezug +auf gewisse sieben Kronen hat, die er seinem kleinen Unteragenten noch +vom vergangenen Jahre her schuldet --, hat im Stillen gemeint, daß _die_ +wohl Schuld daran seien. + +Da hört er auf einmal das fürchterliche Gebrüll ... + +Mit Sturmeseile kommt er gelaufen und sieht zu seinem ungeheuren +Erstaunen, zugleich aber mit geheimer Freude, den großen Uhu auf +Pist’s Rücken reiten. Im ersten Augenblick ist er ganz überwältigt von +seinem Glück -- dann ergreift er seinen schweren, eisenbeschlagenen +Eichenknittel und haut auf die Eule ein, die sich aufgeblasen hat und +ihm ins Gesicht fahren will. Der Schlag trifft Strix an den Kopf, sie +verliert die Besinnung ... und als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie +hinter Schloß und Riegel. + +Sie ist in einem Kükenbauer untergebracht -- in demselben hölzernen +Kasten, der vor einem halben Jahre ihre Jungen beherbergt hat. Er ist +gründlich nachgesehen und frisch genagelt. + +Ihr wird etwas schwammige Lunge durch das Gitter gesteckt. Da sprühen +ihre Lichter Funken, und sie faucht wie eine Katze. Der Leuchtturmwärter +tritt unwillkürlich einen Schritt zurück --: Du großer Zerstörer! sagen +die Lichter ... könnte ich dich nur auffressen! + +Strix rührt die Lunge nicht an. Gefräßig starrt sie dem +hahnenschnäbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht +drei lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann +ihr bißchen Eulenverstand fassen, daß diese Fratze alles erwägt, was +ihrem Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem +Vollmond-Kälteglanz umgeben! + +Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht, um +aus dem Bauer zu entkommen ... + +Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem Schnabel +an den Gitterstäben auf und nieder kratzt, und sie schlägt sich den +starken Ellbogen blutig durch ihr ständiges Stoßen. Aber das Bauer ist +solide, es hält! + +Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so daß sie +gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurückzuziehen, +fängt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte +kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden +Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt +vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen +zu wühlen. Sie schlägt ihren Fang in den Stock und fährt auf ihn los, so +daß das Blut aus dem verletzten Flügelknochen ihm ins Gesicht spritzt -- +und sie hört da draußen ein mächtiges Krähen. + +Ihre Federn sträuben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da und +faucht, die Flügel wie einen Schild vorn über dem Kopf erhoben. + +Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen +herangeschlichen; sie öffnen sich und schließen sich am Ende ihrer +dünnen, storchähnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift, +nimmt die andere die Gelegenheit wahr -- und dann auf einmal beißen sie +sich in ihre beiden Ständer fest. Sie schlägt mit den Flügeln um sich +und fällt hin ... + +Da spürt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn bläst ihr +seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust, +benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beißt blindlings um sich. Ein +Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschläfernde Wolke senkt sich +über sie -- sie muß schlafen, sie mag wollen oder nicht. + +Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm, nur daß er +ganz eng ist, und er schaukelt, als sei der Baum während eines Orkans im +Begriff umzufallen. + +Sie ist an den Gutsförster verkauft, an einen kleinen Teufel von Mann, +eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemüt wie hart von Händen. Es +ist dem Förster endlich -- dank Vogelhansens nie versagendem Ammoniak +und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange -- gelungen, Strix in +seine Gewalt zu bekommen und sie in den großen, einem Rucksack ähnelnden +Eulenkorb zu sperren, der auf seinem Rücken schlingert. Jetzt radelt er +mit ihr nach Hause. Strix soll als „Auf“ gebraucht werden! + +Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mürbe wird und mit sich +„reden läßt“. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach +mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat, +dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewöhnt werden, +sich um einen der Ständer fassen zu lassen, um mit dem Rücken am Boden +des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden. +Sie soll daran gewöhnt werden, wie eine brütende Henne angebunden zu +sein und wie ein Piepvogel auf der Hütte zu sitzen, während die Krähen +sie umlärmen und ausschimpfen, und er, der Förster, im Hinterhalt liegt +und eine Krähe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald +sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erlös +soll zwischen ihre drei Aktionäre verteilt werden. + +-- -- -- + +Bei der Ankunft in der Försterwohnung des Gutes jenseits der Förde wird +plötzlich „der Orkan“ so stark, daß der hohle Stamm, in dem Strix sitzt, +den Boden in die Höhe kehrt. Sie wird kopfüber in ein Bauer geschüttet. + +Das Bauer ist alt und mürbe. Es hat ein paar Jahre lang einen kleinen +Krüppel von Hütten-Eule beherbergt, aber die machte keine Faxen. Die +hat da gesessen von dem Tage an, da sie als junger Vogel von einem +kleinen stinkenden Menschen im Walde geraubt und von seinen großen, +rotgefrorenen Händen dahineingesetzt wurde. Der Förster hatte sie +allmählich so weit gezähmt, daß sie von selbst herausflog und sich auf +den Deckel des Eulenkorbes setzte. + +Es riecht noch nach ihr im Bauer und da liegen eine Menge Federn und +Überreste von Geschmeiß. Da liegt auch eine halb gekröpfte magere Taube +-- dem kleinen Krüppel, der übrigens eben erst eingegangen ist, hat es +offenbar an Appetit gefehlt. + +Es ist eine gefährliche Taube! Wäre Strix nicht ein wilder Vogel gewesen +und hätte die Äsung verachtet, in die sie nicht selbst ihre Fänge +geschlagen hat, so wäre es mit ihr aus gewesen. Die Taube ist eines +natürlichen Todes gestorben ... an Hühnerdiphteritis. Der Förster hat +keine Ahnung davon gehabt -- eine Hütteneule bekommt ja alles: von im +Hause gefangenen Ratten bis zu abgebalgten Füchsen! + +Strix sitzt da und schlingert; ihr ist noch etwas unklar nach der +Betäubung. Sie starrt durch das halbverrostete Drahtgewebe und sieht vor +sich, auf der Tür ausgespannt, gleichsam einen Schatten von sich selbst: +einen großen, braunfederigen Riesenuhu mit einer Schnabelspalte, die bis +weit unter die Ohren reicht. Er hat nur einen Fang. + +Strix meint, sie müsse den Fang kennen! + +Dann kühlt die Luft um sie her allmählich ab; lange schwarze Schatten +schleichen sich über den Hof hin -- -- der Tag geht zur Rüste. + +Gleich einem großen Vogelzug mit Wildrosenschimmer über den flimmernden +Flügeln sieht sie die Wolken dem fernen, roten Abendland entgegeneilen. + +Und der Wind folgt hinterdrein, so schnell er nur kann ... es wird +geräuschleer, fast waldeinsam um sie her. + +Bald jagt die erste kleine behende Fledermaus an ihrem Bauer vorbei. +Es folgen mehrere -- und dann auf einmal wimmelt es von Fledermäusen. +In unbeständigem Zickzackfluge huschen sie über den Hof, aus und ein, +wenden in rechten Winkeln oder schaukeln in langen anmutigen Zirkelbogen +herum, um dann wieder wegzuflimmern und zu Punkten in der Luft zu +werden. + +Große, schwerbelastete Nachtschwärmer mit dem fetten, plumpen +Hinterkörper, der unter ihren hastig schwirrenden Flügeln herabbaumelt, +schrauben sich mühsam vor ihr in die Luft empor, während ungeschlachte, +brummende Maikäfer mit einer Geschwindigkeit, die sie veranlaßt, lange +Striche die Kreuz und die Quer durch die Luft zu ziehen, klatsch, +klatsch gegen das Bauer schlagen und krabbelnd herunterfallen. + +Die Finsternis verdichtet sich um Strix ... in dem tiefen Blau oben über +den Baumwipfeln funkelt der Abendstern, gelb und groß, als einziges, +schimmerndes Loch in der Himmelskuppel ... + +Die treuen Tiere der Nacht sind alle ausgegangen! + +Sie ist nun wieder ganz zu Kräften gelangt und rumort in ihrem Gefängnis +herum, während sie mit Schnabel und Fängen an dem Drahtgewebe zerrt. Sie +zieht es auseinander, sie holt es zu sich heran, sie rüttelt und reißt +-- und das Drahtgewebe zerspringt. + +Es hat Jahre lang gehalten; jetzt kann es keine Stunde mehr halten! + +Sie bekommt den Kopf heraus und den halben Körper, aber die beiden +großen Flügel bleiben hängen. Sie muß wieder zurück, wieder hinein und +weiter an den zähen Strängen zerren; ihre Zunge blutet, ihr Schnabel +schmerzt -- aber endlich gelingt es ihr doch das ganze Drahtgewebe +aufzureißen. + +Als sie sich auf der Schwelle zur Freiheit befindet, fährt plötzlich ein +kleines, schiefbeiniges, rotbraunes Ding kläffend auf sie ein. Es ist +der Nachtwächter und Gefängniswärter hier auf dem Forsthofe, der alle +die verschlossenen Türen und Luken unter seiner Aufsicht hat. Das +fürchterliche Rumoren dort im Eulenbauer hat ihn schon lange darauf +aufmerksam gemacht, daß da etwas los ist; nun will er aber die neue Eule +lehren, daß er sich dergleichen gründlich verbitten muß. + +Der wachsame kleine Gefängniswärter hat indessen kein Glück. Strix +schlägt die Fänge in seinen Rücken ... er fängt an, gottsjämmerlich zu +heulen und stürzt schreckerfüllt ins Haus hinein. + +Es ist sonderbar ... aber das Geheul erinnert sie auf einmal wieder an +Uf! + +Im selben Augenblick schreitet ein kleiner schwarz- und weißgefleckter +Kater mit steifem Schwanz und eifrig windenden Nüstern auf den Hofplatz. +Er gehört eigentlich zu einem Forsthaus weit drüben auf der andern Seite +der Förde, aber der Frühling zerrt auch in ihm! Des Fressens halber +kommt er nicht, doch ... wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt er +gern einen Bissen mit. Jetzt wittert er plötzlich Vögel und sieht eine +Chance ... + +Er verrechnet sich, armer Kerl -- und es geht ihm schlimmer als dem +kleinen, schiefbeinigen Gefängniswärter. Strix, die nun glücklich dem +Bauer entronnen ist, nimmt ihn als ihre rechtmäßige Gefangenenkost und +hält eine wohlverdiente Mahlzeit an ihm. + +Noch in derselben Nacht findet sie sich über die Förde zurück und in +ihre Einöde in dem trauten Hochwald. Sie versteckt sich in ihrem hohlen +Baumstamm ... da sitzt sie und denkt das _ihre_ über das Dasein. + + +Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und +mit Macht begegnet! + +Was sollte sie wohl fürchten? + +Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge, und sie +hatte ihre großen, starken Flügel; sie besaß Selbstvertrauen und +Zutrauen zu ihren Fähigkeiten und Kräften -- was sollte sie wohl +fürchten! + +Aber ihr häufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung, +die sie daraus schöpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermögen +einen Stoß versetzt; hier hatte sie ja einmal über das andere ihren +Meister gefunden --; einen Gegner, den sie nicht hatte in die Flucht +schlagen können! + +Daß der Mensch gefährlich war -- das begriff sie jetzt. + +Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am Abend +bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und sich +anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und Äxteschlagen hören. + +Ihr großes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt hatte, +war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz weit draußen, wo einst ihr +Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus neben dem andern, Gitter und +Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und Zäunen; Motorräder surrten +umher, Telephondrähte durchwebten die Luft, lange Schornsteine spien die +Eingeweide der Erde aus, und heulende Eisenbahnzüge fauchten überall. +Die Menschen breiteten sich aus wie die Wanderratten in gewissen Jahren +auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix wollte es scheinen, als müßten sie +vorwärts über ihre Leichen! + +-- -- -- + +Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht. + +Es ist Jagd im Tierwald, dem letzten der einstmals so ausgedehnten +Hochwälder am innersten Ende der Förde, dort, wo Strix ihre +jubelerfüllten Tage gelebt hat -- und die Hunde hetzen einen Hasen. Sie +wird von dem Gekläff geweckt, und als sie den Hasen vorüberschlüpfen +sieht, kann sie nicht widerstehen; sie muß der Bande folgen. + +Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der +sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet -- nun holen die +meutestarken Teufel ihn! + +Ihr gehören alle Hasen, das ist doch ganz selbstverständlich; so lange +sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehört! + +Strix setzt von ihrem Zweig aus den Spürhunden nach ... + +Sie streicht lautlos über ihnen und wirft sich mit einem Brausen dicht +vor der Nase des ersten nieder. Im Vorüberflug gibt sie ihm einen Fang, +der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund stößt ein +durchdringendes Geheul aus ... + +Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen. + +Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei große Spürhunde nahen. +Mit dem dicken Ende des Flügelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen +Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fängen das Ohr des andern. + +Nach einer Weile erscheint einer von den Jägern. + +Er ist wie gelähmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen +großen Vogel sitzen sieht -- und er bleibt schleunigst stehen und macht +sich schußbereit. + +Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix ... na, versuch’ es nur mal! + +Da entsendet der Jäger ein Brüllen in den Wald hinaus, sein Atem geht +von ihm aus wie ein heißer Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fängen +zerrt er an ihrer Haut. + +Das war unergründlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie! + +Aber nun hatte Strix genug -- seit dieser Zeit hielt sie sich den +Menschen fern. + + +Der große Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden. + +Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Füchse und +Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen +Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden +unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der +stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten. +Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krähe und Elster; die wuchsen förmlich aus +dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix +Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles +das, was aufräumte und licht machte, war ihr ein Greuel; es tötete die +Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie denken konnte, +ununterbrochen in die Flucht getrieben. + +Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie nun +weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie schließlich +wegfliegen muß -- hinweg über die Menschennester, hinweg über das +Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren, +ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen und +Heidemooren liegt. + +In einer wilden Hügelschlucht -- _Teufelshöhle_ genannt -- vor einem +öden, düstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer +alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes +Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt. + +Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff -- und Axthiebe und +Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur +niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die +selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, +herumhuschen. + +Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage -- und des Nachts +geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar machen. Dann +heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann +ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den bekannten Wiesen und +Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in aller Ruh rings umher +auf dem Waldboden unternehmen. + +Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem +Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder ... + +Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst +nachgeflogen -- über alle Berge! + + + + +6. Winterleben im entlegenen Walde + + +Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem +Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die +bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln +der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind +hellwach! + +Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem, +regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und +drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte +des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt +ist der Frost gekommen! + +Überall liegt Schnee. + +In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln, +wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und +Geißblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen -- +schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees. +Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt! + +Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der +weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont +brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ... + +Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres +hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind +und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat +zurückziehen müssen -- ist schon auf Jagd aus. + +Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen +Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt +über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer +zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben +sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden +-- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten. + +Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich +schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den +Raub, dessen sie bedürfen. + +Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen: +er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen großen Zug Eichhörnchen +gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die +behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag +belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix +pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der +Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung +stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere +schon an, auf die Neige zu gehen. + +Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters +macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in +den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht +weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein +Eichhörnchen zu überraschen. + +Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer +kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten +Tannenzapfen. + +Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät +einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat +Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem +kleinen Springer überlegen sein, das weiß er! + +Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch -- +steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die +tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf +den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des +Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich +mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es +dahin über den Schnee ... + +Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und +Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er +gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald +schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden +Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe, +ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist. + +Das Eichhörnchen saust in die Höhe -- und Taa ihr nach; und dann geht +es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen +Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt +den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten +Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten +Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels. + +Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ... +unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden +fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und +rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen +und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel, +aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln. + +Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat +herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze +angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen +Flocken begraben. + +Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen, +streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in +sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag. +Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt +-- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange. + + +In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit +blinzelnden Lichtern in ihrer Tür. + +Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und +hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge! + +Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die +Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die +Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer +an ihrem Innern. + +Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder +Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten +Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam +und rachedürstig. + +Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ... + +Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft +fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem +Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis +ankämpfen. + +Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich +nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die +ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das +sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand +angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht. + +Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und +verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub +auszugehen. + +Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen +Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne +Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen +Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine +Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit +erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man +verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt. + +Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben +Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase -- und +plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus +dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die +Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als +schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen +Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als +er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht +zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen +Rücken. + +Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von +einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein +heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark +und Bein geht. + +Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder +Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die +Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich +mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im +Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu +nehmen und dem Wild zu folgen. + +Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder +Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie +ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst! + +Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes +aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet +die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange! + +Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er +eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war +der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte +sie angeführt. + +Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner +Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote +Waldkatze ihr gehört ... + +Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee +zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich -- der Marder wird in der +letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt +er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und +nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält. + +Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis +auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich, +aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in +Sicherheit. + +Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie +auf einen Zweig hinauf und kröpft ... + +Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine +Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so +angenehm! + +Aber _ein_ Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix. +Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen +-- und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe +des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald. +Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie +versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort +verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört, +sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht. + +Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit +wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten +Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird +sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden. +Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter +Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich +sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhörnchen +schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang. + +Das Eichhörnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten +grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge +in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß. + +In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel, +saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern. + +Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her, +sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit +schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen +Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des +Eichhörnchens. + +Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ... + +Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren +Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist +dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die +zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen. + +Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter +Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat -- er +weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist. + +Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ... + +Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten. +Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit draußen am +Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich +gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen +herab ... + +Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht +auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht. + +-- -- -- + +Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen +Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen. + +Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie +hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den +Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht +gehabt! + +Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich +ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ... + +Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte, +_morgenverdrießliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen +umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein +gellendes Gelächter aus. + +Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ... + +Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich’s versieht. Sie erhaschen +einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie +zwischen den Bäumen aus und ein fliegt -- und nun stürzen sie sich über +sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben +etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein +Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher +Gewalttat her! + +Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie +Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen +stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und +aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im +Herbst durch den Wald ... + +Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit +Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht, +sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre +gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor +so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig +hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet, +ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu +dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den +Gesellen mit ihren Fängen erhascht. + +Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen -- und jetzt sind da +Hunderte und aber Hunderte! + +Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst +geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und +verschnauft. Auch Strix’ Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als +um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald +ist in Aufruhr ... + +Da ist das Glück ihr hold. + +Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter +einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es +scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in +einen tiefen Spalt hinab ... + +Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich +wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren. +Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das +Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein +gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und +flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht +gewesen, die tief wie ein Abgrund war. + +Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten +und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich +gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs +ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft. + +-- -- -- + +Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam +zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um. + +Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick! + +-- -- -- + +Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist +hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über +der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen +klirren. + +In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die +höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht +zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von +acht bis zwanzig heranziehen ... + +Sie versammeln sich heute abend früh -- und wie sie sich in +schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten, +dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von +Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot. + +Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie +will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des +Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber +heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch +ist nur halb gestillt. + +Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel -- und es liegt etwas +bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer +kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen +anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und +vermehrt seine Stärke. + +Und dann schwindet das Licht -- -- + +Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den +emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in +die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den +Körper unter den warmen Kissen zu bergen. -- -- -- + +Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix. + +Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren. + +Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel +verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung +ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der +lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen, +wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten +Schwungfedern dröhnte. + +Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die +zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie +es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre +Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar. + +-- -- -- + +Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix. + +Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das +regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik. + +Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt +hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend, +zurückgelegt. + +Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde +schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen +hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann +schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit +zu Zeit und windet lange. + +Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein, +aber es eilt ja auch nicht! + +Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so +ungewöhnlich gut zum Lauern eignet. + +Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so daß +er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen ... +ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf. + +Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo +hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so +zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch +von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in +dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den +Krähen und Holztauben den nötigen Einflug. + +In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der +alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat +unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um +einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden +Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht +gestellt haben. + +Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher +sind nur knapp bemessen gewesen; bei _einer_ Gelegenheit ist er sogar +hindurch geplumpst -- bis hinab auf den Erdboden. + +Er ist halbwegs müde und schlapp ... + +Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter +wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche +Knorren hat ja jeder zweite alte Baum, und die greisenhafte Tanne hier +ist voll davon. Zum Überfluß kommt der Wind gerade von der verkehrten +Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen +Schornstein. + +Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig +und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam +Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den +Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen +schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene, +das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben +Unachtsamkeit bewußt wird. + +Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und +frechen Räuber -- und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge in +seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock +ihrer Schneiden fangen -- dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem +Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und sie unbändig +macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn! gelüstet es +sie nicht. + +Und Taa seinerseits wird sich schon hüten! + +Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen Gegner +sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein Laut +dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die +Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze. + +Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die Höhe +schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel zwischen +ihnen wie im Grabe. + +Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmel speit Schnee, +und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen +die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden. + +Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen +Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die +Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze +Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den Zweigen. + +Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht! + +Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der Ärmste +erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt. + +Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das +Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz. + +Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich +großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die +Luft hinaus. + +Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das Grauen +und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvögel, +über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier saßen wir +so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da -- -- + +Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch +einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt +eine neue und noch eine -- gar viele schlägt sie nieder in der Schlacht. + +Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf ... + +Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten! + + + + +7. Der neue Wald rückt vor + + +Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde. + +Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister +und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der +Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend, +um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf +fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter +dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit +einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen +oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war +hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt, +der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des +Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier +unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da, +zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im +Winter war fast jede Niederung überschwemmt. + +Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar +gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der +Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen. + +Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit +weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und +Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote +im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und +glitzerte in Wellen und Kräuselungen. + +Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im +Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme +häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der +Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer; +stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen +Abgrund -- so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel, +in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten. + +In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der +Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen +Wesen auf Zehen, zumute war, als _schwebe_ er, und wo er deswegen oft +schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen +sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald +versteckt sich Dänemarks letzte große Eule. + +Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege -- +aus und ein -- zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben +Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu +überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten, +daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern +gegangen, wie es zu gehen pflegte -- im Sommer Überfluß: Birkhähne, +Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhörnchen +und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder. + +Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt. + +Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn +schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten +Erinnerungen in ihrem Innern auf. + +Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen +von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten +sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen. + +Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur +diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu +fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der +Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier; +er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich +finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten +mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen +Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan +hatte. + +Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln +durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie +hauen, sie fällen ... + +Wer? + +„Die Zweibeine“, „die Gesichter“, „die großen Zerstörer“ oder welche +Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen, +die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. -- -- -- + +Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises +gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der +Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches +Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die +Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und +so stehen ... + +Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit +Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und +da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen, +und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des +großen, flüggen Habichtjungen verschlossen. + +Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen +werden, _geschossen_, und es sollte gefällt werden, _gefällt_ ... ein +ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete +der neue „Meister“. + +Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie +hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern +Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue +Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und +überlebt war, mußte sich beugen -- und mit den Tagen, die gingen, und +dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde. + +Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am +Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und +geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so +wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm. + +Eines Tages kommt ein Fuß um die alte hohle Buche herum. -- + +Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß -- -- + +Und Strix sträubt die Hörner. + +Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war sie +gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis vor +wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die eigene +Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein +brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem Moor in +die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren +Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden +-- -- + +Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger +Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der _Mensch_! + +Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt +am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor, +auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche. + +Herr du meines Lebens! -- entfährt es seinem Munde, und er reißt ein +gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm! + +Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen +wiederholt sich. + +Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stören, +ihr Mißtrauen ist erwacht -- wie ungern sie es auch tut, sie muß aus +ihrer alten Wohnung ausziehen. + +Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes, +lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem +alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt +und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel +erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen -- da erst streicht +sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber +schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz +regelrecht auch Tannen! + +Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche, +der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein +enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch +faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch +unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist +der Spalt doch! + +Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die +Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen +andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre +Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine +fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß +aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm +roch es den ganzen Sommer. + +Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen +kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als +daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster +machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen. + +Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken +und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde +der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von +denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den +sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den +allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie +draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den +kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und +ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte -- und diese +Laubhütte benutzte Strix oft und lange. + +Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und +Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren +Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten, +zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen +Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die +Lumpen des Waldes -- die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln +-- die wachsamen Schutzleute des Waldes -- da wußte sie, daß die +Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen +kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und +flog hinauf durch das Laubdach, flog davon -- um sich wieder tief in +ihrem Spalt zu verstecken. + +Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen +die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch +die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht, +auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu +sagen! + +In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer -- schwül und zum +Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im +Schnabelbart -- in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch +und kühl gewesen! + +Der Sommer verging -- + +Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu +finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen +sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz +umgewandelt. + +Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern hinzogen, +wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen +breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und Heideebenen +und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien +Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne Miniaturwälder auf. +Selbst Strix’ kleiner Waldsee zwischen den Hügeln war verschwunden. +Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün und herrliche +Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit +lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen Zügen nur noch ein leeres +Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der +Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der +Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der +Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte -- dort rumorte +jetzt der Menschengeist. + +Es wurde Winter -- und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter ihr +einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ... + +-- -- -- + +Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig, wie +er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des +großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des +Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle +und tiefe Kastanienbraun. + +Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch +die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und +seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte +er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen +konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem, +was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen vermochte. + +Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein +Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote, Springen im Lauf und +einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün +und unerfahren ... + +Er ließ sich indessen gut an! + +An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater -- und +so jung er war, ließ _er_ sich kein Eichhörnchen nehmen, das er mühsam +gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür eingesetzt zu +haben. + +Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das +konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit +Weissagungen abgegeben. + +Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das war +so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem großen +Taa gegenüber. + +Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich +von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu teilen. + +So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen, +daß er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen +kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen. + +Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden +war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für +einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine +Klette an seinen Sohn und wich nie -- auch nicht am Tage -- von seiner +Seite. + +Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide +am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für +Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu +spüren war, fand er sich darein. + +Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim. +Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich +in ihrer luftigen Stube zu putzen. + +Strix sitzt in der ihren über ihnen. + +An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind +überall auf den Beinen. + +Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden +den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da +zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins +an. Das „Schwein“ wird gebraten -- und es schwält häßlich durch den +ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und Klein-Taa niest, +und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß es ihm gilt. + +Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die Jäger +schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht. + +Wo sollte Strix jetzt nur bleiben? + +Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um +ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit +Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile +übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald +breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen +Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie +von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben? + +Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen. +Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große +Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes +gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder +sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten +Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde +es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen. + +Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte! + +In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich +zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach +Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht +viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war. + +Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem. + +Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere +Gegend suchen! + +-- -- -- + +Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von +Jahren wieder lebendig in Strix -- in einer schönen Nacht überkommen sie +sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers. + +Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es +ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge +befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf +eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht +still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen +zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst +und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so +steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht +grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den +Waldeswipfeln auf und verschwindet. + +Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von +den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach +denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den +ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe, +dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren. + +Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als +wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie -- die letzte -- noch +weniger umgänglich gemacht hat. + +Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen +eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo +wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel +erschallt, und Menschen und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen +Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie +muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach +dem Licht krümmen und strecken sieht. + +Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und +verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten, +in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen. +Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre +Anwesenheit -- groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur! +Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen +großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine +Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert. + +Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt, +sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren +Sitzplatz verbreiten muß. + +Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen +wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen +Taa zu teilen. + + + + +8. Auf der Heide + + +Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen +und schaukelt über der Erde draußen am östlichen Horizont. + +Strix ist geflogen und geflogen -- + +Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen und +zahllose Anläufe zu Wipfeln -- ein mächtiger Hochwald mit einer Wölbung +neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor. + +Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und +Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist. + +Bald löst die ferne Fata morgana sich auf -- und das ungeheure, +schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen. + +Noch ein Kilometer -- und als die Sonne aufsteigt, wird das +Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem +Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die +unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten +hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter +Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige +recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der +moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit +seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das +alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend -- und sie +fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar +hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf +den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden. + +Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem +mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild +vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit +und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der +Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur +breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den +vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg! + +Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit +den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf +zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch +bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten +Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel +thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über +ihr neues Heim. + +Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern. + +Es ist ein kleines Birkkücken ... + +Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam +und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet. + +Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise -- und +schlägt deswegen auf das Kücken nieder. + +Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam lebendig; +es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will +natürlich alles fangen, was kriecht -- und sie greift wild und gierig +nach alten Seiten um sich. + +Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe -- +da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen. + +-- -- -- + +Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht +wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen +Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange +der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um +ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht! + +Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet +das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten +Willkomm. + +Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen. + +Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren +unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln +zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht. + +Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist, als +erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er +sich in aller Eile fertig macht. + +Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus +Neugier dahin -- und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch +herauskrabbeln. + +Hu -- Hu -- Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und +honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg. + +Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der +Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja +nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und +scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und +reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder. + +Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd. +Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das, was _er_ unter +einem Gespenst versteht. + +Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe +leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt +ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben +einen eigenen melancholischen Ausdruck. + +Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten -- von der Art, +die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen. + +Der Fuchs ist abgelebt -- das ist die Sache! Die Eckzähne im Unterkiefer +sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine Krallen sind +eckig und stumpf -- er kann nicht mehr fangen. + +So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. „Das Gespenst“ ist +standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch +Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen, perlenden +Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache +entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da! + +Und dann geht Reinecke durch die Hintertür. + +-- -- -- + +Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie +sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt +gegen das blendende Tageslicht. + +Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat, +wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es +sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt ihm +einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem Gedächtnis +für eine Woche auf. + +Auf der Heide findet Strix Ruhe -- der Kampf um ihre Ernährung fordert +alle ihre Kräfte. + +Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im +August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr +Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt +sie mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu +nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der +Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der +Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen +nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich +schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen, +einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise. + +Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre Gewänder --: +Frauenhemden und Strümpfe, Socken und Männerhemden, die zum Trocknen +hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf. + +Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult es +in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen +fett gemachten Ratten kröpft. + +Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht +Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und +im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank +ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen kann. + +Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide ... + +Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch +den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter sich +einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene +Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in die Tiefe hinab, +kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so daß der Bach +schäumt. + +Es sind zwei Ottern im Kampf. + +Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort weiter ... + +Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und _dem_ gilt der Kampf. + +Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch. +Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern +an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre fauchenden +Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen. + +Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf! + +Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie +springen hoch in die Luft empor, ihr nach. + +-- -- -- + +Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem +Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, in dem sich der Fuchsbau +befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten +Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf. Aber die Knirpse +sind trotzig -- sie krümmen sich zu einer dichten und umfangreichen +Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den +Zweigen wachsen Blätter -- und dieser Sonnenschirm benimmt dem +Heidekraut den Mut. + +Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und +durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut damit +begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden. + +Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast +Manneshöhe erreichen. + +Diese Bäume nennen die Heidebauern „Wald!“ + +Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden +sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne +zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und +Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling +kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine, +verkrüppelte Eicheln. + +Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp -- ein +Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers +und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines +vornehmen Europäers. + +In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub! + + +Es ist ein holdseliger Morgen! + +Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp zwischen +blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine +Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt. + +Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen +einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der +Eichenschößlinge versteckt. + +Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ... + +Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus +den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und +selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem +einen Auge nach der Richtung hin -- ja, da gewahrt sie den Ton! Eine +Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade +über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört +ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei +Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und +spinnt sich vorwärts. + +Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen +graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem +Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen +Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein +Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen +Küchlein. + +Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab, +es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und +zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den +Haufen der weißen Ameisen auf ... + +Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer +brauner Pilz auf. + +Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe, +die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das +Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus -- +und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen. + +Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in +den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt --: ehe sie sich +freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet! + +Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo +Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort +vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt -- und mit +einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel. + +Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, -- und +im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren +schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe. + +Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus! + +Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und +pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben. + +Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über +die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft +in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen +zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich +gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei +war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und +das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und kratzte sie mit +seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge +spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch. + +Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden; +das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es +und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem +Heidekraut -- und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier +hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt. + +Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den +Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des +einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne +gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so +schlank im Leibe -- sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben! + +Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den +Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte +sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem +rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich +in ihrer Jagd gestört wurde. + +Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen +Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist +stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks +hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat, +rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten, +eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der +bebenden Körperringe erhoben. + +Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen +blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die +Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der +unsanften Behandlung in Strix’ Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz, +der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt +ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her. + +Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein +kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange, +dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung +getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten +Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum +herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus +den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf. +Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix, +sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes +umgekehrtes Fragezeichen. + +Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie +ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen +Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm. + +Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten, +nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis +auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen +das Gift strömen. + +Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern, +die die Schlange füllt -- und sie schüttelt sie schnell ab. + +Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf -- und diesmal bis zu zwei +Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch, +wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht +vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden. +Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix’ Kopf +gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen +Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen, +tiefgespaltenen Zunge entsendet. + +Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher +beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und +sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt +sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und +Ausfall. + +Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen +gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht +auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat +decken können -- und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die +feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon +einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie -- +zum Glück für Strix -- den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen. + +Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz -- und bis zur +Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die +Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift +sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken -- und sie breitet +die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem +langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter +ihr drein ... + +Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt +ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß +der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen +Körper in die Höhe -- und nun schlingt sie sich um den Leib ihres +fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte -- und schwer ist sie! +Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja +früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht +gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit +Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können; +mit der Schlange wird sie schon fertig werden -- wenigstens vorläufig +noch! + +Es ist Strix’ Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt; +von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die +Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht +bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel +nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf +plötzlich herabfallen zu lassen -- so kennt auch Strix _ihr_ Gesetz +der Schwerkraft. + +Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen! +Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten, +geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und +mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln. + +Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie +beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die +Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald +mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu +befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen +Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der +Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben +wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen. + +Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen, +kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu +winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut. + +Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß +es durch Strix’ Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin, +wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der +Erde gefangenen Gondel kämpft. + +Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken! + +Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen. +Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken +in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das +angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange +gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten. + +Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie +umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die +Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch +unter ihrer Umklammerung aufschwillt. + +Da läßt die Kreuzotter los. + +Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um +Strix’ Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die +eine von Strix’ Tragflächen immer kleiner wird -- sie hat schon lange +mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern. + +Überwunden ist die Schlange jedoch nicht! + +Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge +werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um +sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen +übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse. + +Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute, +als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten +lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich +nie wieder befreien kann -- und sie windet und verrückt sie und bohrt +in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen +Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter. +Es quillt heraus und siedet um sie auf. + +Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende +Junge ab! + +Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker, +geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der +lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab +-- eine langes Tauende baumelt leblos herunter. + +-- -- -- + +Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht +in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und +schlief damit. + +Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit! + + + _Die Heide blüht!_ + +Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf +einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen -- und so gewaltsam +ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln +und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die +Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein +Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp +seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den +Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem +Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine +Insektenfresser -- und jede Pflanze klemmt eine schwarze, +zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß. + +Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie +hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen. + +Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die +Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr +den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich +reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig. + +Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller +Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr +Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde geschlagen und gleich bis +auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem +Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft -- und ohne +weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug +ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und +sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf +ihren Flügeln in die Luft empor. + +Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren +Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt. + +Plötzlich aber war er -- stöhnend, hustend und röchelnd -- vor ihre +Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl +gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt. + +Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie +versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. -- + +Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen -- und +kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte. + +Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und +sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und +Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste +störten sie im Schlafe -- so war sie denn ausgezogen. + +Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht +imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft +mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel, +die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und +schwarzgrünem Moos dicht bepelzt. + +Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum +Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das +Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine +lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln. +Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker, +übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem +Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin. + +Wohin geht ihr Flug? -- Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb +färbende Wälder. + +Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören, +schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner. + +Der Herbst ist im Anmarsch. + +Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen +Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von +Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und +ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und +die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und +heimgetragen -- hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach +einer Ähre suchen, lange Wege laufen -- und findet man sie, so ist man +glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst +gekeimt hat. + +Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher +gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen. + +Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gänge +und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren +Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht +es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus +herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig +nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu +müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden -- dann kommt der +Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie +selbst darunter geraten. + +Und nun beginnt die Not -- und damit die große, alljährliche +Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht +ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber. +Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das +kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren +kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und +wandern ... + +In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp „Eulenbrot“. + +Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen. +Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und +setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt +die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie, +wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat -- und nun kann sie nur zulangen +und in sich hineinstopfen. + +-- -- -- + +Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer gehen nieder +-- der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die +Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer +aus Zweigen um sie her. + +Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor +und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden +Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit +ihrer Streu und ihrem Dünger. + +Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch -- recht lange, das +fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden +Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt, +steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf. + +Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem +Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die +Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer +des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das +Plätschern nur weich und sanft empfindet. + +Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen +zu spuken. + +Ho--o, heult sie, ho--o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch +geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie: +Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das +Unterhaltendste, was sie sich denken kann! + +Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem +Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefühl, +welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein +Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer +weiter, weiter -- in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim +und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde. + +Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem +Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter +Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich +dreinzieht. + +Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft +des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt -- es ist, als wenn ein +verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und +regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner +geliebten Großstadt. + + + + +9. Im Kampf mit einem Adler + + +Es ist spät am Nachmittage. + +Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung quillt +förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der +seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu. + +Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer +alten Esche ... + +Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und +ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen +Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide +hin -- und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt, +braust das Meer. + +Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein +großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf +hört sie und hat zuverlässige Empfindungen. + +Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender, +orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf +getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses. + +Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der +Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird +stärker und stärker -- und wie es zunimmt, während der Abend zur Rüste +geht, werden alle andern Laute gedämpft; ihre Klangfarbe wird ihnen +genommen. Selbst die nächsten werden gleichsam von weitem weggezogen und +klingen schließlich ganz fern. Das Bum-Bum der großen Wassermühle, das +Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das +sie zu hören gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwächer und +schwächer; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen +und Knarren der Bäume ist ohne tönenden Schallboden; jegliches Geräusch +und Getöse wird gleichsam von Federn aufgefangen. + +Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor hin, +verkittet und löscht aus -- nur die rinnenden Gewässer liegen wie vorher +da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den stillen +Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das +Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich aufgewirbelt +und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht. + +Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen +können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter +fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt +sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so +sehr liebt, naht. + +Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die +Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur +ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der +Winter -- das Weißwetter -- ist gekommen! Mit einem Satz fliegt sie +hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich +darin wie eine Ente im Wasser! + +-- -- -- + +Der Schneesturm aber nimmt zu. + +Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt vom +Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der +Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein +Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält! + +In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen +schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle +Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen +werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre +gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren +ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den +Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen +eigenartig brennenden Durst nach Blut. + +Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage. + +Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert und +mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus -- großartig +phantastisch erscheint er in der Dunkelheit. + +Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen +Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus +denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn +-- ohne ihn zu sehen -- im Traume! + +Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt -- +und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der +wundervolle Mitwintertraum der Erde! + +Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem schneebewölkten +Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen ist, ward schon +längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und beißender Atem +weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon stundenlang auf +ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten Hauch bis auf ihren +Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da. + +Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der +Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie +es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das +Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund +gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem +Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein +Moorschwein niederzuschlagen -- jedoch alles ist vergeblich gewesen. + +Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind gleich +leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers. + +Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt sie +blindlings drauf los, nur um Beute zu machen! + +-- -- -- + +Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt, +sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler. + +Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine Landschaft +nach der andern unter sich wechseln sehen; zuerst vom Meer zu Land, +dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag -- +Städte der Menschen -- zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren +schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen +aufragte. + +Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze, +schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter +Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ... +dort lag ja Wald, sein lieber Wald! + +Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln +hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich +tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt. + +Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete sich +zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus, +sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken +von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd -- die lag da +wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf dem Schnee. + +Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig einen +Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen und +legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu sitzen! + +Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte. +Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu dem +Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den +Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie ein +Pferd nach langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die +Federn und gähnte müde. + +Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig +zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen +Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden -- +jetzt endlich _saß_ er -- jetzt endlich saß er gut! + +Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien +diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu fürchten +brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte und +Schüsse. + +Der reisemüde Adler schläft und schläft ... + +Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und +fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald -- ein +wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam +verstärkt wird. + +Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen +Geschnarch geweckt werden, das zu _einem_ langen, bullernden Schnarchen +anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann +hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt +-- und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen. + +Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen -- jedes +dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die +nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in +Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener +Klecks auf allen Knorren und Narben. + +Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem Orkan +steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen +das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und +bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee. + +Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe, +während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen +Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er +da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen +um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils +um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten, +halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald +oben in den Baumkronen. + +Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast +heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende +Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß. +Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein +Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm +um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß. + +Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die +Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in +dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind +schon _ein_ blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt +sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der +Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel +-- und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem +Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen. + +Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine +sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer +Flügelarme und Schlagfedern bedienen. + +Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe, +wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann +mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht +plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix +sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen +und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht. + +Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen Vögel, +er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden Körpern +seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie +kämpfen -- und begräbt sie. + +Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar +Schlagfedern ist sichtbar. + +Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem +Untertauchen wieder auf: _ein_ Vogel scheinbar, mit _einem_ Kopf und +_einem_ Hals, aber mit vier Flügeln. + +Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und +ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben, +Brust gegen Brust. + +Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt +nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat -- -- + +Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm +schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch gleich +ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen +haben -- und er langt mit seinem mächtigen Raubvogelfuß -- er hat die +Spannweite einer ausgewachsenen Männerhand -- nach dem Eulenleib hinauf. +Aber die Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt +ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen. + +Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die +beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und +das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man. + +Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen, +spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu +bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt. + +Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine +Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden +Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den +Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge +feiern aufs neue einen Triumpf -- ohne jegliche Kraftanstrengung, als +glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf +des Gegners. + +Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß nicht +mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine Fänge, +seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf +zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre +wohlverdiente Mahlzeit. + +-- -- -- + +„Ein herrlicher Auerhahn“, fand Strix. Aber es war ja auch lange her, +seit sie Auerhahn bekommen hatte. + +Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald! + +Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem Geschmack. +Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten +die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen. + +Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde. + +Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an +schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller +Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz +stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte +schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit +gegen die moderne Zivilisation. + +Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten +sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus +wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs +nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus, +frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große +scharlachrote Mohnblüte. Dann kam „die Pflanze“ allmählich häufiger +vor, sie füllte Flecken und ganze Strecken -- und ihr folgten Pflug +und Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und +Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten. + +Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von dem +Gipfel seiner Waldhügel über lauter Moore und Heidehöhen, über niedriges +Gesträuch und Sümpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und Eintönige +allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel verschwanden, die +schwarzen Heidehügel schrumpften ein -- und Strix sah lange, weiße +Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die Kreuz +und die Quer durch die Landschaft ziehen. + +Wie einstmals im dichten Wald ertönte jetzt auch hier der Ruf: hört, sie +pflügen, sie graben, sie schaufeln, sie entwässern -- der Wasserspiegel +wird zu Morast, das Röhricht zu Gras, Inseln und Werder zu landfestem +Boden, die Katze geht trocknen Fußes, wo einst der Otter schwamm ... + +Regenpfeifer und Brachvögel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und +Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich +trommelten rauschende Birkhähne es heraus. + +Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte -- ach, nun waren die +Menschen dahinein gekommen! + +Es schritt rüstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den +einst ein alter Fuchs, ein großer Marder oder Uhu inne hatte, um sich +darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner. + +Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt, +sich vor seinen Nachstellern in ein letztes Überbleibsel von Dickung im +Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem großen +Platz, wo die schönste Zierblüte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich +entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befürwortete den Bau +einer Lokalbahn. + +Da hatte aber Strix den Westerwald schon längst verlassen. + + + + +10. Der Leuchtturmwärter + + +Am Auslauf der Förde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das Meer +schäumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bäumen. + +Sie waren zum größten Teil im Laufe der Zeiten von selber gekommen. + +Die Vögel hatten sie gesäet und die Tiere hatten sie gepflanzt ... wenn +Fuchs und Dachs nach Mäusen stachen, wenn das umherziehende Rehwild +nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewußt Bäume in die +Erde gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nüsse von der +Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das großblumige +Geißblatt. + +Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen waren +die Bäume so winzig klein, daß sie den Namen „Baum“ kaum verdienten. +Dann stiegen sie an Höhe, je weiter landeinwärts man kam. + +Aber mehr als zweimal Manneshöhe erreichte kein Baum. Selbst einen +halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer +schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis, +die einmal festgesetzte Höchstleistung zu überschreiten; der Sturm von +der See her war eine Riesenschere, die beständig schnitt und schnitt ... + +Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen Schuppen +senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den +Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach über einem +eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen -- und doch, wenn +man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein +Gefühl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause +angelangt. + +Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald -- da kehrte der +Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lärmte diese +ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte und schuf die +unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach, +das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es +nicht in den Schuppen hinabgelangen könne. + +-- -- -- + +Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte Sonderling, +die Eule. + +Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit +blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen, +und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine +Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem +Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung. + +Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt, +wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer, +reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem +lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise +knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer +Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar +Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein +Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich +erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen. + +An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und +die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen, +wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem +roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von +ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen +Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde +auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des +Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen +vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes +schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine +fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der +Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse +heraushängen! + +Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das +Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von +dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen +darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme. + +Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix’ eigene Art ist +dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und +Weihe hört sie kaum je mehr -- sie weiß nur noch von Meeresbrausen und +Waldessausen wie von einem Wesen _ihrer_ Art. -- + +Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche, +menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten +Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert. + + +Das Meer, das Meer ... + +Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte +Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von +einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land: +Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr +oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen, +seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines +Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim. +Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten +mit Einfahrten, Förden und Buchten. + +Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und Regen +richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrüne +Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde. Dann trat +eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken, wild und +zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und +es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg plötzlich +zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in +die Tiefe versank. + +Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen auf +... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann veranstalteten +sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben +zwischen den Steinen aus. -- -- -- + +An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die +Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur +bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der +Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des +Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden +groß und der Blick scharf und ätzend. + +Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in +sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur, +tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten, +fest überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf +einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern, +die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie +eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe +ab. + +Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden +Geheul --: Ho--o! Hu--u! Ha--Ha--Ha! + +Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre. + +Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu bergen. + +Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter alles +in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene Seevögel +niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich mächtig; +die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen Tribut +zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des großen +Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister +Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden +ein. + +Sie lebt glücklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und genießt ihre +Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt +ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke +klingt um ihr dickichtumkränztes, sturmzerzaustes Haus. + +Und dann eines Abends, als sie ausfliegt, scheint ihr aus weiter Ferne, +oben von dem östlichen Ende einer Anpflanzung, ein ziegelgedecktes Dach +in die Augen. + +Es schießt aus einigen Tannenwipfeln auf wie ein feuerroter Fliegenpilz +über grünem Moos ... die untergehende Sonne macht es erglühen und Funken +sprühen. + +Es ist ein Menschennest, das dort aufgeschossen ist -- eine Villa! + +Die Bahn ist eine Tatsache geworden. Aus der großen Provinzstadt am Ende +der Förde geht sie durch den Westerwald bis hier hinaus an die Küste. +Die Spekulation hat auch dies Ende des Landes erfaßt; man hat ein Auge +auf den Strandwald geworfen, auf die Abhänge, die Aussicht und den guten +Badestrand; eine große Genossenschaft hat den ganzen „Dreck“ gekauft und +zerstückelt ihn jetzt in lange Streifen; jeder Streif erhält sein Stück +Wald, sein Stück Strand, sein Stück Wasser ... + +Die Einsamkeit verschwindet schneller als die Buchenblätter gebrauchen, +um zu grünen und gelb zu werden; kleine überfüllte Dampfboote fangen an +zu pfeifen und herumzuplätschern, kleine Hunde bellen, Wagen mit Müttern +und Kindern kommen dahergehumpelt -- und fast jeden zweiten Abend, wenn +Strix aufwacht, ist ein neues, pilzähnliches Menschennest aufgeschossen. + +Sie weicht und weicht, fliegt ein oder gar zwei lange Nachtflüge am +Strande entlang, aber dann kann sie plötzlich nicht weiter kommen, sie +ist hart an der Landspitze -- am Meer. + +Da draußen liegt der kleine Leuchtturm ... + +An einem dunklen und späten Herbstabend ... die See tost, und die +Bäume in dem letzten Streifen Strandwald klatschen die kahlen Zweige +gegeneinander ... ist ein Fischerjunge aus dem kleinen Dorf draußen an +der Landspitze, auf der der Leuchtturm liegt, auf dem Heimwege +begriffen. + +Der Junge folgt dem Pfade auf dem Abhang oben am Waldessaum entlang und +sieht ängstlich in die Finsternis hinein, die dick zwischen den Stämmen +liegt. + +Da hört er auf einmal ein wunderliches Hallo an sich vorübersausen und +weiter durch den Strandwald jagen ... + +Es durchschauert ihn eisig. Mit offenem Munde und pochendem Herzen +bleibt er stehen. + +Einen Augenblick später ist das Hallo wieder da! + +Er glaubt, Pferdegetrappel und ein gewaltiges Bellen und Kläffen von +Hunden zu vernehmen -- und er schlägt die Hände kreuzweise vor die +Brust. Ob dies wohl das ist, was Großvater Pibe „König Waldemars wilde +Jagd“ nennt? + +Die Haare sträuben sich ihm auf dem Kopf, er will davonrennen, da fällt +ihm ein, daß das ja das Schlimmste ist, was er tun kann. Er muß nur +gehen, gehen -- und er eilt dahin, mit hastigen Schritten. + + +Am nächsten Tage sprach das ganze Dorf von dem Erlebnis des Jungen! + +Auf der Bank unter dem kleinen Leuchtturm, wo die alten Seebären +bei Sonnenuntergang zusammen kamen und ein Garn spannen, hörte der +Leuchtturmwärter eines Abends, daß von Spuk geredet wurde. + +-- Wo ist der Spuk? -- fragte „Vogel“. + +Ja, es war hier ganz in der Nähe des Strandwaldes. Kristian Lars’ Sohn, +erzählte einer der Fischer, hatte es gehört, und nun vorgestern hatte +auch er es gehört. Es war ein eklicher Kram; es heulte und miaute und +bellte und kläffte und röchelte wie ein sterbender Mensch. Der alte +Niels Pibe, der ja nun nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte, +behauptete, es wäre „König Waldemars wilde Jagd“; er sagte, solche +nächtliche Jagd habe er, als er ein Junge gewesen war, fast in allen +Fördenwäldern gehört, nur viel schlimmer. Da jagte der König mit großem +Gefolge und vielen Hunden; jetzt habe sich die Teufelsmusik wohl +vermindert. + +-- Daran sind gewiß die vielen Kirchen Schuld --, fügte der Erzähler +gottesfürchtig hinzu. + +Der Leuchtturmwärter spitzte die Ohren. + +Aus seiner Kindheit draußen im Waldwärterhause dicht vor den Hochwäldern +war er gar wohl bekannt mit der Musik des großen Uhus ... sollte es +möglich sein, dachte er, lebte wirklich noch eine von den großen Bubos, +und zwar so nahe an seinem Gebiet! Das mußte ein Zugvogel sein, einer +aus dem nördlichen Skandinavien, der auf seiner Winterreise hierher +verschlagen war ... + +Und Vogelhansens alte Leidenschaft stieg mit einem Brausen in ihm +auf ... + +Im nächsten Augenblick gaukelte er sich vor, daß, wenn da ein Vogel sei, +auch zweie da sein müßten ... es erging dem großen Uhu wohl so, wie man +sich von der Bekassine erzählte, daß sie nie allein liegt. Dann konnte +er am Ende wieder ein Gelege Eier bekommen oder eine Brut Junge fangen; +alles Einheimische von der Art stand jetzt fabelhaft hoch im Preise! + +Es erging ihm fast so wie der Frau mit dem Milchtopf, aber dann besann +er sich -- nun, er mußte ja erst einmal sehen! + +_Eine_ Eule mußte auf alle Fälle da sein -- und wenn die nur da war, +hatte er auch sichere Hoffnung auf einen guten Gewinst. Der große Uhu +war immer zu verkaufen, wenn man ihn nur, tot oder lebend, in Händen +hatte. + +Der kleine Leuchtturmwärter hatte sich freilich Zeit seines Lebens Jäger +genannt, aber es war nicht mehr vom Jäger in ihm als auf dem Rücken +einer Hand Platz hat. Er war „Schießer“ schlecht und recht, er schoß nur +für den Kochtopf und für die Tasche -- und am liebsten für die letztere! +Denn das, was da hinein kam, konnte verkauft und in geliebtes Geld +umgesetzt werden! + +Er war ein Aasjäger, wie er sein Leben lang ein Nesträuber gewesen war; +aber den Trost hatte er, daß leidenschaftliche Sammler und andre brave +Männer, die Schulen und Museen mit Vertretern der Fauna des Landes +versorgten, sein Treiben in Briefen oft eine „sehr gemeinnützige Tat“ +genannt hatten. + +Nun war er bejahrt und nicht mehr imstande, in eine Buche hinauf zu +klettern; aber das konnte auch einerlei sein, es gab nichts mehr, was +sich des Hinaufkletterns verlohnte. Schon seit Jahr und Tag hatten ihn +die Verhältnisse gezwungen, damit aufzuhören. + +Um so eifriger brauchte er nun die Flinte! Die Flinte war der lange Arm, +womit er noch etwas an sich raffen und einem steifen Rücken und einem +stocklahmen Bein abhelfen konnte. + +-- -- -- + +Und die Flinte wurde an diesem Abend von ihrem Platze über dem +Herde heruntergenommen, wo sie sonst immer bereit lag, um gegen die +vorüberstreichenden Möwen verwendet zu werden -- er hatte die alleinige +Lieferung von Möwen für eine Modewarenhandlung -- und mit großem, grobem +Schrot klar gemacht. + +Tag für Tag schlich er in seiner Freizeit im Strandwalde herum. Er +durchwanderte ihn die Kreuz und die Quer, ja, er ging ganz bis an den +Badeort hinunter und frech durch alle Gärten der jetzt mit geschlossenen +Läden daliegenden Sommervillen. Aber er konnte nichts von dem großen Uhu +entdecken außer einer vereinzelten braunen Feder. + +Diese Feder genügte ihm jedoch; nun wußte er, daß der Vogel wirklich +vorhanden war. + +Strix saß in einem Fuchsbau tief unter der Erde, da war es ja kein +Wunder, daß der Leuchtturmwärter jedesmal vergebens ging. + +Er ruhte jedoch nicht: er blieb seiner Natur und seinem Wahlspruch +getreu: -- niemals etwas aufgeben, ehe du nicht die Beute im Kasten +hast! + + +Es dämmert eines Abends ... + +Die Farben entweichen von der Erde und steigen zum Himmel empor; der +wird im Westen rotglühend und schwefelgelb. + +Die Steine am Strande entlang, alle die weißen, alle die grauen, die +roten Taschenkrebsschalen, wie die blauen Muscheln, verschwinden für das +Auge und werden zu einem dicken, wolligen Streif. + +Und der Streifen zerbröckelt gleichsam, wird zu Sand, zu schwarzer Erde +-- die Dämmerung nimmt auch ihn. + +Nur der kleine Leuchtturm draußen auf der Landzunge bleibt übrig. + +Über die See weht ein wahrer Orkan aus Westnordwest ... + +Düstre schwarze Wolfen, wild zerfetzt an den Rändern, jagen über den +Horizont. Sie kämpfen mit funkensprühenden Feuerschlangen, die sich um +ihren Rücken geschlungen haben, so daß rings umher in der Luft blutige +Risse klaffen. + +Das Meer tost und schäumt ... sein Brausen ist in den Strandwald +gefahren, der siedet und brodelt, er kocht vom äußersten Rande bis ins +innerste Dickicht. In seiner dicht verfilzten Kronenwölbung gehen tiefe, +mächtige Windwellen, die vom Wipfelast bis ganz hinab zur Wurzel +reichen. + +Der Sturm treibt selbst mit den innersten Bäumen Kurzweil; er knechtet +sie, die verwachsenen, kaum zwei Mann hohen Baumkrüppel, so daß die +wilden Schüsse des Unterwaldes sich vor Wonne schütteln, wenn sie hören, +wie schwer die großen Baume kämpfen müssen. + +Man krümmt den Rücken da oben an Land! Steht demütig da und dienert, wo +es sonst gilt, den besten Platz an der Sonne zu erhaschen; man schmeißt +Äste, Zweige und die letzten lieben Blätter ab -- und ist froh, wenn man +nur damit davon kommt. + +Der ganze Waldboden ist bedeckt von abgerissenen Reisern und +Tannennadeln; er sieht aus wie ein Weg, der zu einer Beerdigung mit Grün +bestreut ist. Da ist nicht gespart, nicht gegeizt, Vogelbeeren, Schlehen +und Hagebutten liegen da -- und gleich willig und verschwenderisch +streut der Sturm noch immer drauflos. + +Der kleine Leuchtturmwärter ist auf dem Jagdpfade; er schleicht in der +Dunkelheit herum, die Flinte bereit. Ist die Eule am Tage nicht zu +sprechen, wohlan -- dann muß er versuchen, ob er sie nicht des Nachts +treffen kann. + +Dichter und dichter drückt sich die Finsternis um ihn, sie guckt hervor +aus Gestrüpp- und Baumstammzwischenräumen, sie faucht ihm ihre schwarzen +Tupfen ins Gesicht und macht seine weiße Hand, die das Flintenrohr +umfaßt, dick und schwarz. + +Heulen, Jammern und Seufzen erfüllt den Strandwald. Töne, bald so +herzzerreißend, daß man glauben sollte, ein Mensch sei in Not, und Töne, +bald so überirdisch, als kämen sie vom Himmel, strömen ununterbrochen +seinem aufmerksamen Ohre entgegen. + +Aber nicht nach ihnen lauscht er ... die Laute kennt er von seinen +vielen Wachen oben im Leuchtturm. Er wartet auf das Halloh und fragt +sich mit einem Fluch, wo es nur abgeblieben sein kann. + +Ha, ha, ha, daran sind die vielen Kirchen schuld! höhnt er im Stillen, +als er wieder eine Viertelstunde vergeblich umhergeschlichen ist ... +nein, die großen Horneulen haben sich an Zahl vermindert, ihrer sind +weniger und weniger geworden -- das ist die Sache! Der Sturm ist wohl +derselbe, der er immer gewesen ist, und auch das Klipp-Klapp der +klappernden Zweigspitzen, aber „die Hunde“ scheuchen wohl seltener als +früher Wild auf. + +Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ... + +Und es ist Fahrt im Treiben und Kläffen in der Meute, es dröhnt, es +rasselt, es bellt, faucht und klagt um ihn herum; er muß sich auf seinen +Stock stützen -- er entsinnt sich nicht, den hochseligen König jemals so +wild jagen gehört zu haben! + +Strix hat nämlich einen leckern Bissen gefangen; es ist ein Hase, den +sie in den Fängen hält, während sie vorüberfliegt. Sie hat indessen +keine Ruhe, ihn zu verzehren, denn eine Schar kleiner Eulen, die ihr +Glück entdeckt haben, verfolgt sie und mischt ihre hohlen, schnarrenden +Hornlaute in ihr düsteres, durchdringendes Fauchen. Sie neiden ihr den +Fang und lästern laut darüber. + +Die Sturmstöße kommen und gehen durch den Wald und zerren und ziehen an +den Wipfeln. Plötzlich und überraschend, mit der Geschwindigkeit eines +Habichts, schlagen sie nieder, wirbeln das Laub auf und schleudern es +dem Leuchtturmwärter ins Gesicht. Er muß den Rockkragen aufklappen und +den Knoten des Halstuches fester binden. Er zittert am ganzen Leibe vor +Eifer und Spannung und starrt sich fast die Augen aus dem Kopf ... wo +schrie es doch?... wo heulte es eben? + +Auf den Zehenspitzen schleicht er umher, bewegt sich so lautlos wie sein +lahmer Fuß es gestattet. Er bleibt oft stehen und lauscht mit offenem +Munde, die Handfläche hinterm Ohre ... war das nicht das Fauchen eines +Uhus?... ja, jetzt hat er es ... es kommt aus der Anpflanzung ... da +drinnen zwischen den Fichten, da heult es! + +Der Leuchtturmwärter hat Glück: auf einem schmalen Pfad stößt er auf die +sonderbare Versammlung. Er sieht etwas Schwarzes, das sich im Dunkeln +bewegt, legt die Flinte an die Wange und zielt in der Finsternis, so gut +er vermag ... Strix’ Leben hängt an einem Faden! + +Sie sitzt über ihrem Opfer und klemmt es fest gegen den Erdboden, rollt +Feuer aus den Augen und knappt mit dem Schnabel. Die kleinen, fliegenden +Katzen umschwirren sie wie Elstern. + +Der Leuchtturmwärter zittert förmlich, die Beine wollen ihm versagen; er +kann die Flinte nicht ruhig halten, er muß auf die Knie nieder. + +Da ertönt endlich der Schuß ... + +Aber in der Erregung und in der Dunkelheit schießt der Leuchtturmwärter +zu hoch; zwei behende kleine Eulen fallen wie zwei Bündel Kleider zur +Erde. + +Strix macht sich aus dem Staube und nimmt obendrein ihren Hasenbraten +mit. + +Aber in dem Augenblick, wo sie, von dem Sausen des Sturmes getragen, +über die Fichtenwipfel dahinsegelt, ruckt es in ihr. Sie ist in den Wind +vom Leuchtturmwärter gekommen, und der beeilt sich und stürmt vorwärts, +um seine Beute zu sichern -- sie aber öffnet die Fänge und gibt +freiwillig ihren leckern Braten preis ... Kladatsch, klingt es, +Kladatsch, Kladatsch, so schnell, daß die Kladatsche fast übereinander +stolpern. + +Und dann ist sie im Sturmgebraus verschwunden. + +-- -- -- + +Das ist Tag und Jahr her -- und vergessen; vergessen war das Ganze. +Nicht einmal Erinnerungen an ihre jubelerfüllten Tage waren +zurückgeblieben. Nur der Kampf um die Nahrung und der Kampf um das Leben +haben sie jetzt seit Jahren in Anspruch genommen; sie ist ein einsamer +Vogel und hat sich daran gewöhnt, als sei sie es ihr Leben lang gewesen. + +Jetzt plötzlich taucht es alles wieder auf ... + +Nicht leibhaftig und in Gestalten geformt, so wie das Menschengehirn es +vermag ... nein, nur in fernen unbestimmten Ahnungen. Ihr Gesicht kann +täuschen und ihr Gesicht kann vergessen, ihr Gehör nie -- und diese, +eines Menschen eigentümliche Art zu gehen, hat sich ihr nun einmal unter +Umständen, wo ihre Nerven bis aufs äußerste angespannt waren, +unauslöschlich eingeprägt. + +Ist er es, der lahme Hahn mit dem stinkenden Atem, der ihre Jungen +geraubt und sie in einen Bauer gesetzt hat?... + +Sie ahnt es und fühlt dasselbe unwiderstehliche Kribbeln in ihren +Fängen, wie wenn eine plötzliche Lust, etwas Lebendem die Haut +abzuziehen, sie anwandelt. Der Kampfesmut aus alten Zeiten fährt in +sie, der Haß, die Wildheit, die Bosheit flammen auf. + +Aus der Fichtenanpflanzung heraus hinkt der ein wenig niedergeschlagene +kleine Leuchtturmwärter, seine beiden kleinen Eulen in der Hand. Seine +erste Eingebung ist, sie wegzuwerfen; aber dann fällt ihm ein, daß er +sie dem „Ausstopfer“ in der nächsten Stadt ja anschnacken kann. + +Da hat er wieder das wilde Halloh um die Ohren! + +Diese neue Möglichkeit erfüllt augenblicklich seine ganzen Gedanken. +Schnell steckt er eine frische Patrone in die Flinte -- und eilt davon, +dem Geräusch nach. + +Aber nun läßt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertönen. + +Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen Hahn +... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hört, meint er noch nie +zuvor vernommen zu haben. -- + +Huu -- Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als sie +den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwärter rennt +dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, daß er die große Eule im +Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer +gleich nahe. + +Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hämmert aufreizend +und anfeuernd in Strix’ Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn +niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den +Menschen ist noch immer zu groß. Sie muß sich damit begnügen, ihn zu +foppen und sich ihrer Überlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da +geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfällig auf seinen +Klumpfüßen -- und sie ändert ihren Platz wieder und wieder und saust von +allen Seiten über ihm, während sie ihm ihr Geheul in die Ohren gellt. +Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann spürt sie das alte, +beklemmende Gefühl im Halse. + +Huu -- Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den Strandwald +geht es, dann über die Abhänge hinaus und auf und ab an den langen +Dünenwänden, unter denen das Meer siedet und schäumt. + +Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt ihn, +und das Halstuch hat er schon längst in die Tasche gesteckt; er fühlt +sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch +gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den +offenen Dünenhängen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat, +scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht +so leicht durch ihr Geheul täuschen, hier kann er den großen Vogel +ja sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal aus dem Schlehengestrüpp +aufschießt, befreit von den Schlagschatten und der Erddunkelheit. Er +_will_ sie haben; er kann es an ihrem Heulen hören, daß es eine alte, +mächtige Eule ist; sie muß viel wert sein, und es gibt ja nicht mehr von +der Art .... Huu -- Huu ... und beständig erschallen vor ihm die +verwirrenden Töne. -- + +Ein paarmal schon hat er sich an dem Dünenhang hinauf und wieder hinab +gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten, +sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hört er sie wieder, +sie ist hoch oben über seinem Kopf, gerade unter dem Rande des Abhanges. + +Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entführt seiner +großen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltönend +in den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden +Ton aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Füßen +rasseln. + +Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhöhle geklemmt, kommt +er heraufgeklettert ... + +Ganz zufällig flattert Strix im selben Augenblick von einem +Schlehdorngestrüpp auf und schwingt sich über den Abhang hinaus, wodurch +sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor +einem Absatz an der Dünenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht +blindlings drauf los und vergißt, sich in acht zu nehmen; jetzt will er +einen Schnappschuß versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehör +zu schießen; aber in der Eile tritt er fehl und hält einen großen +Schlagschatten am Ende des Absatzes für festen Boden, er strauchelt, +will mit der Flinte vor sich fassen, die Schüsse gehen ab, der rechte, +als das Rohr gerade über dem Boden ist, der linke, als das Rohr schon in +der Erde ist. Der Lauf zerspringt ihm zwischen den Händen und reißt ihm +die rechte Hand ab, er kann sich nicht festhalten, er gleitet und stürzt +in die Tiefe. + +Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht! + +Sie glaubt, daß er hinter ihr drein ist -- bis sie von einem neuen +Sturmstoß wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt, wie er +ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif in die +Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein Antlitz +nieder und faßt im Vorübersausen nach seinen wehenden Haarsträhnen -- +und dabei heult sie und schleudert ihm ihr krächzendes, übermütiges +Hohngelächter ins Gesicht, während der Sturm im Riedgras seufzt und +pfeift. + +Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dünenhanges; dort sitzt +sie lange stumm und starrt grübelnd und unverwandt auf ihren toten Feind +hinab. Es ist das erste Mal, daß sie einen Menschen so still sieht ... +der Mensch -- die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestört hat -- nun +liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden. + +Da schreit sie häßlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im Walde +-- es hallt wieder von den Dünenhängen --: + +-- Qui -- witt, quiwitt -- komm mit! komm mit! ... ha, ha, haaa! + + +-- Es heult in der Nacht. + +Seit jener Nacht waren Strix’ Tage am Strande gezählt. + +Es verlautete gar bald, daß Leuchtturmwärter Hansen auf nächtlicher +Jagd auf einen großen Uhu umgekommen sei. Die Strandzeitung schlug Lärm +und der Bericht ging durch das ganze Land -- und obwohl es keineswegs +stimmte und auch nicht weiter verlockend war, und obwohl es ganz +außerhalb der Jagd- und Badesaison war, benutzte doch ein gewiegter +Hotelpächter die Gelegenheit, mächtige Reklame für sein neues, großes +Badehotel mit dazu gehörigem „Jagdwald“ zu machen. + + + + +11. Klein-Taa + + +Der Winter verging leidlich für Strix. + +Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kämpfen. + +Das Los des Leuchtturmwärters wirkte gerade nicht verlockend auf die +in der Gegend ansässigen Jäger; sie erblickten darin eine weitere +Bestätigung für die Annahme, daß die große Eule ein Zaubervogel sei, +den man am besten in Ruhe ließ. + +Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte +die Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder +aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, daß die Eule Böses ansagt -- +und daß, wenn man sie schießt, dies den Tod bedeutet. + +Eifrige Sammler ließen sich freilich nicht von diesen Ammenmärchen +abschrecken, und als der Frühling sich näherte und das Wetter weniger +rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpächter in der Tat Anfragen in +bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel. + +Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor. + + +Es ist an einem Abend, Ende März, bei heftigem Seesturm ... + +Das Meer schäumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen +Regenschauer und die graue See gehen ineinander über. Nur eine +vereinzelte, große Möwe mit einer unverhältnismäßig großen Flügelweite +für den kleinen, leichten Körper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt +sich hin und her über dem einsamen Horizont. + +Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt +nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln ... + +Strix tanzt nicht mehr an dem Dünenhang, sie hat zurzeit anderes zu tun. + +Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden +Wurzelhälsen einer kleinen verkrüppelten Erle zusammengetragen und +liegt und brütet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter +Gewohnheit gelegten Ei! + +Und die Regenschauer kommen in Zwischenräumen, aber regelmäßig wie +die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da draußen nimmt die +trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strömt +und strömt, so daß auch oben in der Luft See und Meer entstehen. + +Strix drückt sich tief in ihr schützendes Nest unter dem Erlenstamm und +läßt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brütet und +gibt acht ... auf die Erde, das weiß sie ja, ist kein Verlaß. + +Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein +langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen +blanken Pelz aus dem Grau der Dämmerung heraus. + +Es ist auch einer von den alten Feinden -- ein guter Bekannter aus +Strix’ jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder +geworden ist, ähnelt er noch immer seinem Vater so aufs Haar, daß ihm +eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt. + +Klein-Taa ist auf der Frühlingswanderung; auf der Suche nach einem +Weibchen -- sonst käme er nie in diese rauhe Gegend. + +Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem Wasser. +Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp -- ins Trockne hinein, am Eulenbaum +entlang. + +Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute +sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer +zufälligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter +schuld daran? + +Sie fährt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten +Augenblick der Überrumpelung, daß er einem Truthahn geradeswegs in +die Arme läuft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und +Überraschung über dies unerhörte Glück zuckt in den kleinen, listigen +Lichtern des behenden Raubmörders auf -- da pflanzt Strix ihre acht +Fänge in seinen Hinterkörper. + +Äh! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell reißt +er seinen kurzen, kräftigen Katzenschlund auf -- Strix sieht wie in +einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und die +weißen Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich +über die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die +Lauscher zurück und windet sich mit einer Kraftanspannung plötzlich +in eine kauernde Stellung. + +Strix will sich das Tier mit ihren Fängen vom Leibe halten, aber +Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm, seine +Vorderläufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf beiden +Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen Schmerzes seine +Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr Fleisch. + +Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen. + +Sie muß den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flügelspitzen und +den Stoß als Stützstäbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit der +vollen Unbändigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos. + +Vergebens preßt Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und läßt +ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert sie +ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der +aufgeregte Taa läßt sich nicht einschüchtern, es handelt sich um Leben +oder Tod -- Strix muß entweder weichen oder sich ergeben. + +Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die +langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen +Bissen des Marders abgehalten haben, wählt das erstere und reißt sich +mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hält fest und geht +mit. + +Da kommt ein Orkanstoß! Er schlägt plötzlich wie ein Vogel Greif nach +Beute in die Waldestiefe hinab, fällt ein paar Bäume und erhascht einen +Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flügel zur Flucht aus -- und +leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fängen, braust sie durch +die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glück, beim Aufflug, wo Klein-Taa +endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Körper fest zu +umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell hinein, +gerade unter den Schulterblättern zwischen den Rippen. + +Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit +der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix +mit ihrem bißchen Beute in seine mächtigen Klauen und streicht mit +rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen, +wirbelt sie in großen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den +Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Kräfte nötig, um die Flügel +gespannt zu halten. + +Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks unter +ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu +eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist +sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp +noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den +schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und +Zweigegeklapper hören kann -- und es durchschaudert sie, trotzdem sie +den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie, +nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln; +alles, was sie berührt, wird sie umrennen. + +Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein Flug +in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie +-- sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt, +hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst +für sie wahnsinnigen Eile. + +Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich +auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals +Platz, und während alledem kämpft sie -- _sie_, der lebende Ballon -- +mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel. + +Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix’ Klauen durch die Eingeweide +gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken +herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine Bisse +gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel Federn und +Hautstreifen aus. + +Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des +Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche +tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner +Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert. + +Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn +des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt +während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch +gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen. + +Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen und +die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und +sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil +einer Sekunde schwindelt es sie -- dann läßt sie plötzlich, zuerst mit +den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich +und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweißen Geschmeißes +mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen +Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft +Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und +er in der Nacht verschwindet. + +Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem +Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen +den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund +herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen, +weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte +Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn +aus ihrem Kleide -- dann ergießen sie sich in reißenden Regenströmen +über sie. + +Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen +droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hügelabhang, den +sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst, +dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet +glatt auf einem Fels im Talgrunde. + +Sie ist entsetzlich zugerichtet. + +Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt es +darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den +langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur +noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht +aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper, +im Nacken, in den Flügeln -- und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den +Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie +jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der +Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das +Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf +schreit nach Pflege und Säuberung. + +Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen -- und sie hinkt davon, +hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brücke. + +Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege +ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu laufen. + +-- -- -- + +Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein +Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken Patienten! + + + + +12. Zurück + + +Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix’ letzte Heldentat. Die Kämpfe +des Lebens hatten sie allmählich arg mitgenommen. + + +Als sie wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist und ihre Wundflächen +sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter +der Brücke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern +aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine +Arbeit auf den Feldern. + +Wochenlang fliegt sie herum und sucht -- sucht nach großen Wäldern mit +hohlen Bäumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach Ruhe und +Frieden, nach der großen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen kann, +ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der Menschen +verjüngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo niemand +außer _ihr_ sich in die Weltenordnung einmischt -- da will sie sein, da +will sie hin ... + +Während sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem +uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer +Flügel wie in dem Bedürfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und +landet in einer schönen Mitternacht in heimischen Gegenden. + +Während ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen Fluge +eine Wegeslänge zurückgelegt, zu der sie in früheren Zeiten Jahre und +Tage gebraucht hat. Sie ist über den Westerwald dahingeflogen und über +seine jetzt so kultivierten Sümpfe und Moore; sie ist über ihre +einstmals so große Heide geflogen, die jetzt zum größten Teil umgepflügt +und bepflanzt ist. Der Hügelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete, +liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden +Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hält, ist -- wilder +Wald. + +Aber sie kennt ihren großen wilden Wald nicht wieder! + +Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf der +Hügelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen wuchsen, +wo es selbst an glühenden Sommertagen dunkel und kühl war, ragen jetzt +lange, gestengelte Stöcke in die Höhe. Und da ist immer Spektakel! Die +Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so daß nur die steifsten +von den Stöcken übrig bleiben. + +Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras. + +Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind fast +immer an den Wipfeln; die Bäume ihrer Kindheit standen frei und offen, +sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und biegen. + +Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Löchern, die +_sie_ Bäume zu nennen pflegte und nicht Gras -- die sind weg. Die Axt +hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen mögen. + +In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche läßt sie sich nieder! + +Es ist eine Krüppel-Buche -- einigen Bäumen ergeht es nämlich wie +einigen Menschen: je mehr sie in Regelmäßigkeit und Schemaform +hineingezwängt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum +Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich -- und wollen nicht gut +tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen, hochkultivierten +Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und Vögeln über das +umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im geringsten nach +seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig, treibt Zweige +in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhält, lange genug +zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner Kronenwölbung. Die +Forstleute haben geradezu neue Namen für diese Sonderlinge; sie nennen +sie Krüppel. + +In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krüppelbuche haust Strix +fast einen ganzen Monat. + +Aber was hilft es ihr, daß sie endlich Häusung gefunden hat -- Tagesruhe +und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden. + +In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die +Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem +hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im +Walde gehört: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst +den Regen und den Tropfenfall und das Plätschern. Im Frühling das +Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes +aus Wurzel und Faser. + +Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Blätter, das Summen +der Insekten, den Diskant der Mönchgrasmücke und das Gurren der +Holztaube gehört, alles das, was naturgemäß mit zu dem Waldfrieden +gehörte und gleichsam die Stille verdoppelte. + +Jetzt dahingegen -- nein, sie gewöhnt sich niemals daran, sondern +fährt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt +dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertönt; dann bellt ein +Hund, ein Schuß knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das +aufgeschreckte Gebrüll von Waldhörnern. Der Wald hat sich verändert; der +neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte -- und die sind ihrem +Wesen und ihrer Natur ganz zuwider. + +So muß sie denn weiter, -- nach nur ein paar Monaten! Sie muß den Kreis +schließen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen Kurve +zurücklegen, in der sie seit ihren frühesten Tagen vorwärts getrieben +wurde. + +Gewandert ist sie auf ihre Weise -- und nun geschieht es, daß der +Instinkt und die neuen Verhältnisse in den Gegenden, aus denen sie +kommt, sie nach den großen Fördenwäldern zurückziehen, wo sie einstmals +gebrütet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt +erblickte. + +Der große Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr erstes +Gelege Junge mit Uf ausgebrütet hat, ist nicht mehr da, und alles, was +dunkel und urwäldlich war, -- was sie schön genannt hat -- ist weg ... +nur draußen in einer Einöde, in einem sumpfigen, tiefgelegenen Winkel, +den die Menschen jetzt die _Urwaldecke_ nennen, stehen auf einigen +kleinen Inseln in einem schlammigen, noch unentwässerten Waldmoor ein +paar alte, geschonte Rieseneichen. + + +Jahrhunderte und Jahrhunderte sind über die Eichen dahingegangen! Winter +auf Winter, Frühling auf Frühling haben sie erlebt, haben sie genossen. +Sie kennen den Himmel in Frostkälte mit Schneegestöber, in Lenzesblau +mit Schneewolken, in Sommersonne und Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch +und Wildsau, Wolf und Bär -- und sie kennen den Menschen! + +Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung, +Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich +emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkämpft, auf dem sie +stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblüht +und die Wonne der Bestäubung genossen; vor hunderten und aber hunderten +von Jahren haben sie schwere, langapfelige Früchte um sich gestreut. +Sie haben Generationen von Tieren und Generationen von Vögeln gefüttert, +haben das Sonnenlicht von über tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt +verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurückgeben, was sie +einstmals empfangen haben. + +Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine jede +von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind vor +fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den Hügeln +rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt lebender +Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldkönige zwischen +Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages immer das +stolze Bild. Da ist sie Nacht für Nacht über den kleinen Tannen +hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz +geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen. + +Die eine von den Eichen -- die älteste -- ist überall geborsten und +gerissen, und es sind große Stücke aus ihrem Stamm gefallen. Man hat +Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd in der Eiche hält! Um sie zu +bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe eingeschlossen und es sind starke +Stützen unter ihre Äste gestellt. So geborsten und zerrissen ist sie, +daß die Leute gar nicht mehr glauben wollen, daß es _ein_ Baum mit +_einem_ Stamm gewesen ist. Nein, den Ärger muß sie nun erdulden, daß +kluge Köpfe unter den Forsteleven behaupten, es sei ursprünglich ein +ganzes Bündel von Eichen gewesen, deren Stämme dann allmählich +zusammengewachsen seien. + +Die andere Eiche, die am weitesten draußen im Moore steht, umgeben von +dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen, hat +noch ihre ganze äußere Rinde bewahrt. So mächtig ist ihr Stamm, daß +zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken, +knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, daß ein vierspänniger Wagen +im Kreise um sie herumfahren könnte. Es ist ein Anblick aus der +Vergangenheit! + +Wer sich allmählich durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hat, und nun +plötzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, stutzt +ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar +moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewältigen vermögen! + +Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt. Hier +ist die Rinde abgefallen, und ein großes Loch klafft aus der nackten +Holzschale heraus. + +Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und läßt sich auf den +Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch -- +sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlöchern, ohne +andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine große +Hummel im Winterschlaf. + +Als der Frühling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den +Baum hinein und läßt sich häuslich nieder in dem faulen Holz über ihr. +Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast +eine ganze Stiege Eier! + +Und dann, eines Morgens, als Strix von der nächtlichen Jagd heimkehrt, +sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren großen +Gewöllklößen die letzten traurigen Überreste des Meisenweibchens liegen. +Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen. + +Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit einem +neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der ersten +Frau fortsetzt. Längst hat der arme Mann die Stiege voll, aber das Ende +ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule hören. + +Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als das +Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das Geschrei +und Gepiepse fast unerträglich. Mehrmals versucht Strix, all das +schreiende Leben mit den Fängen herauszuziehen -- es ist ja doch Nahrung +und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fänge sind nicht mehr kräftig und +nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die großen Horndolche +sich nicht mehr in Winkel biegen lassen. + +So gewöhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemütliches hat dies +Lärmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben -- und sie +entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schönen Tages erwachsen +sind und sich auf und davon machen. + +Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvögeln meldet sich das Alter +ungestüm und plötzlich. + +Ihre starken geschmeidigen Flügel fangen an, steif zu werden, ihre Fänge +sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermögen ist nicht mehr +wie in alten Zeiten, wo sie in der Dämmerung des Zwielichts die Motte am +Stamm erkennen konnte. + +So ist ihr kürzlich ein wahrer Skandal passiert -- sie hält einen großen +Auswuchs an einem Stamm für einen Vogel! + +Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und +zwischen dem Maskenspiel der Blätter wird es zu einem Birkhahn. + +Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet hat, +und es hungert sie förmlich danach, wieder einmal einen ordentlichen +Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres früher so glücklichen +Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und -- schlägt mit allen ihren acht +Fängen in eine wunderlich schwammige Zundermasse. Sie hat sich geirrt, +das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen ihrer Natur; es schreit +nicht, es summt -- und die Daunen, die sie losreißt, sind lebendig und +stechen. + +Für einen Wespenbussard würde diese Begebenheit ein wahrer Götterbissen +gewesen sein; der Vogel würde die Waben geschätzt haben, er hätte es +verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung herauszuschälen. +Strix dahingegen wird nur gequält und zerstochen, obwohl sie nicht +zaudert, die Flucht zu ergreifen. + +Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen geblieben +und hat über ihr Schicksal gejammert; sie begreift nicht, warum das +Glück sie so plötzlich im Stich läßt ... + +Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing, so +selbstverständlich für Strix gegangen! Sie hatte immer fangen können und +selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte sich +aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden können, +kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller Widerwärtigkeiten +leicht für sie gewesen. + +Sie wird ganz melancholisch! + +Und während der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht das +Alter mehr und mehr sein Recht geltend. + +Die ehemals so selbstverständlichen kleinen Glückszufälle werden zu +ebenso selbstverständlichen kleinen Unglücksfällen; sie fliegt immer +häufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schläge von den Zweigen ins +Auge und stößt die Flügel und den Kopf gegen Äste und Baumstümpfe. +Eines Abends auf der Jagd verwickelt sie sich -- bei den wütenden +Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen -- in ein niedriges +Eisengespinst, das die großen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung +gezogen haben. Um ein Haar hätte sie ihr Leben dabei eingebüßt. + +Die Arbeit der Nacht wird schwer für sie; sie geht ihr nicht mehr wie +ein Spiel von der Hand, sondern verursacht ihr große Anstrengungen und +tausende von Qualen. + +Das alles altert sie; sie büßt mehr und mehr von dem ein, was wir +Menschen Lebenskraft nennen: Mut und gute Laune. + +-- -- -- + +Es wird wieder Winter -- und Strix hat sehr zu leiden. Namentlich +peinigen ihre Erbfeinde -- die Krähen und Elstern -- sie schrecklich. + +Eines Tages wird sie von einer ganzen Schar Elstern entdeckt; es sind +ihrer zwölf -- zwei ganze Familien -- Hauskrähen, mit langen Schwänzen +und mit Weiß an den Flügeln, ihre Federn glänzen wie Metall; sie +sind eingebildet und sagen, daß sie, wenn sie fliegen, sehr wohl mit +Fasanenhähnen verwechselt werden können. Sie foppen die Alte, ziehen sie +auf. Sie sitzt da, verzweifelt vor Wut, und schneidet Gesichter. + +Aber was soll sie tun? Mit ihrem Sehvermögen ist es schlecht bestellt, +namentlich am hellen Tage, und sie kann nicht mehr, wie in ihren jungen +Tagen, herausfahren und eine mit jedem Fang fassen und sie mit sich in +den hohlen Baum schleppen. Sie muß den Hohn leiden und die Qual +aushalten. Aber allein das Bewußtsein davon macht sie noch hinfälliger. + +Es ist unter den Tieren nicht wie unter den Menschen. Unter den Tieren +muß ein jeder für sich selbst sorgen, und nur selten hilft eins dem +andern beim Fang, wenn die Fänge abgegriffen und die scharfen Zahnränder +oder Schneiden zu Zahnfleisch werden. Daher kommen auch in diesem Winter +für Strix Zeiten wo sie Aas fressen und noch dankbar dafür sein muß. + +In ihrem langen Leben hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, das +nächtliche Leben der Raubtiere aus der Nähe zu beobachten und ihr Tun +und Lassen zu erspähen. + +Sie sieht die Füchse in großem Umfang ihre verschiedenen Speisekammern +rings umher im Erdboden versorgen. Die Kerle machen es gerade so wie +der Hund, sie vergraben alles, was sie nicht auf einmal fressen können. +Rings umher in den Mooren, unter Grasbüscheln und in verlassenen +Ameisenhaufen verstecken sie ihren Raub -- und finden ihn mit Sicherheit +selbst nach Verlauf langer Zeiten wieder. + +So legt sich denn Strix darauf, ihnen ihren Wechsel abzulauern und +die Gelegenheit wahrzunehmen, in ungestörter Ruhe sich die Niederlagen +zunutze zu machen. Aber das Leichengift des Aases ist keine stärkende +Medizin -- sie wird schwach und altert in beständig zunehmendem Grade. + +-- -- -- + +Strix hat jetzt die längste Zeit gelebt. + +Sie hat alle Qualen des Lebens erduldet -- + +Der Nachtfrost und der Lenzschnee löschten den Lebensfunken in +ihrem ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten +Eierschalen gesessen; einige spätausgefallene Junge, die nicht flügge +waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen +glücklichen, die lebten, abgeblieben? + +Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres +eigenen Ichs belästigt. Andere Vögel brüteten zweimal im Jahre und +setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war +mäßig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begnügt. + +-- -- -- + +Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und +Strix leidet Not -- schlimmer denn je. + +Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine Ausflüge; +sie hat keine Kräfte dazu und fühlt auch nicht das Bedürfnis. Sie bleibt +lieber in der Urwaldecke und hungert. + +Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus +da draußen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, daß Larve und Wurm +im Holz um sie her in Ruhe frieren und nicht den leisesten Laut mehr +telegraphieren -- dann schließt sie die Augen und sitzt in sich +versunken da, während sie den dänischen Frühling vor sich sieht. + +Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Kätzchen, und Schwärme von +lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her, während ein warmer und +wachstumverheißender Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken +sind draußen, und mitten im Sonnenschein zwischen den grünen +Wildkerbelbüschen thront eine große, leckere Kröte. Sie sitzt da und +verzehrt Mücken, die sie in einem dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal, +wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit die Zunge herausgeschnellt und sie +wieder hineingezogen hat, zwinkert sie wohlbefriedigt mit den Augen. + +Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige +von den „Schnelläufern“, mit dem sie am besten fertig werden kann -- da +erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen +den hohlen Baumstamm stößt. + +Ja, Strix war alt geworden, uralt -- und das war gerade der Segen beim +Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die +Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen +in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen, +man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der +Erinnerung vor sich. + +Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen! + +Aber _sehnen_ tat sich Strix doch -- sie sehnte sich, sehnte sich -- +sie konnte sich nur nicht klar darüber werden, wonach. Es lag wie ein +beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt, +Wohnung hat ... + +Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten, +Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten, +traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die +Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen +und wieder Menschen. + +Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene +Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen. +Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und +Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher +Wildnis herrschte. Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in +beschnittene Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus +ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie +um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem +andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die +beiden alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte +es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos +und verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war. + +Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein Unwetterschaudern +durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklärlich Unheimliches in +ihrem einsamen nächtlichen Heulen. + + + + +13. Strix schafft sich einen Sklaven an + + +In der Urwaldecke -- um die alten Eichen herum -- traf man eine Menge +hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem Neuwuchs an. + +Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die _kleinen_ Eulen, +deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre +Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt. + +Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes, +wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und +machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam +Fleisch von ihrem Fleisch und redeten _ihre_ Sprache. + +Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine +Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die +Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das +Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den +schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von +den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern +Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische +Sprachenverwirrung. + +Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte +Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und +Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit geboren, sich in mehrere +Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht +alle aus diesen Familien bringen es gleich weit -- und nur ein einzelner +alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen! + +Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter +der Tribüne dem Vortrag eines solchen „Professors“ beigewohnt. Das +meiste klang in Strix’ Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein +paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und +machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise +in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute +hören. + +Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren +Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer +Zunge, nur weicher und sanfter. + +Von ihnen sagte sie auch, daß sie _zwitscherten_. + +-- -- -- + +In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben +war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte, +suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen. + +Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit +blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten +hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann, +und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten +jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank +in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mußte, +nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglühter +Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um sich schlug -- da +hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenüber äußerst +angenehm gemacht. + +Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie +Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten kröpfen, +während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine Kropftaube um +sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre Aufwartung zu machen. +Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt gefühlt, sich näher mit ihr +einzulassen. + +Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem +Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut +reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt +durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer +schwer zu fangen -- da nahm Strix eine überraschend blutige Rache. Sie +tat es nicht bewußt, _das_ muß man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus +Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen Magens. + +Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen +plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht +auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen +Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen. +Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr +gewesen. + + +Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber! + +Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen. + +Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt +dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die +haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind +steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm. + +Sie ist keine große Eule mehr. + +Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr +die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind +so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang +erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist +zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt +einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner +vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterblätter. + +Strix ist abgelebt -- die Greisin der Einöde heult aus dem letzten Loch. + +-- -- -- + +Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr. + +Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden. Jeden +Augenblick sträuben sich ihre Hörner, und die Augen öffnen sich; dann +erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hört sie die +große Botschaft, die das Märzsausen und die Aprilschauer verkünden. + +Aber was geht das sie an -- und sie lauert wieder in sich hinein ... + +Bis neue Botschaften so überaus stark werden, daß sie in ihrem Ohr +rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber Zitronenfalter, der in +einem Spalt überwintert hat und während eines Sonnenstreifens durchaus +hinaus will, oder auch nur die Fäden in einem Kokon, die während der +unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe zu bersten anfangen. +Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhörbaren Laute dringen auf sie +ein und wecken sie ununterbrochen. + +Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hämmert und +pocht, es beißt und nagt, sie muß aufbrechen und sich auf den Rand des +Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen. + +Die bisher so weiße Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie +sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es +plätschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weiße mehr und +mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos. + +Bläulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von +Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald +schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr +und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an. +Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit +ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als läge ein großer +Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fährt deswegen +herum und stemmt die Rückenflosse gegen die Eiskruste -- überall +entstehen Risse und gurgelndes Geräusch. + +Dann fangen die Hügelwände von ihrem Baum an zu glucksen; kleine +Rinnsäle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, stürzen sich +kopfüber den Abhang hinunter und bohren sich in den Talboden. Es summt +da unten, es singt, es braust es strömt -- ein Wildbach ist plötzlich +entstanden. + +Winzig kleine, grüne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der +Lichtung zwischen den Bäumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her +schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grünes, sie kann schon +Blätter sehen ... der welke Wald legt wieder sein Frühlingskleid an! + +Und während die Tage dahingehen, fährt eine Redseligkeit in alle die +Strandvögel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich +auszudrücken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann +eines Morgens hört sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen +sind. Das sind alle die Zugvögel, Drossel und Holztaube, Star und +Rotkehlchen, die heimgekehrt sind. + +Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben viel +gesehen, sie haben Eindrücke gesammelt und können erzählen -- und alle +lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke, diesen +unermeßlichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen zundrigen +Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das reiche +Insektenleben, das die modernen Wälder der Gegenwart nicht zu bieten +vermögen. + +Ein ohrenbetäubender Spektakel erfüllt die Luft. Es heult und pfeift, es +tutet und schreit ... Strix muß wieder hinab in ihr dunkles Loch; übel +ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es hier +oben. + +Und die Laute strömen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber es +sind auch einige tief empörte und gehässige darunter, einige, die Fang +und Schnabel ahnen lassen, obwohl sie von winzig kleinen Singvögeln +abstammen. Strix hört sie, faßt sie auf und läßt sie durch sich +hindurchspülen, ohne sie auch nur mit einem Gedanken zu verfolgen -- +dies alles ist ja nur der gewöhnliche Weltrummel! + + +Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend! + +Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwölbung der Buchen +singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der große, rote Frühlingsmond +hängt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Während die +Dämmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vögel +dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel. +Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und +überall -- Pan bläst: der Zapfenstreich geht durch den Wald. + +Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen. + +Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprüche. Aber die +Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beißen, und die Flügel, +die ihr mühseliges Sichhinaufschleppen zu unterstützen pflegen, lassen +sich nicht heben. Die Kräfte haben sie plötzlich ganz verlassen. + +Sie ist trübselig, die alte Strix. + +Während sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen Stamm +abmüht, klagt sie vor sich hin. + +Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho--o--o, das andere Lenzabende +gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der Paarungslust, mit +verheißungsvollen breiten Flügeln und einem Übermaß von Kraft, nein es +ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur bis ins Unendliche +wiederholt, eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit, +oder möglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe. + +Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel Ähnlichkeit mit den +Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem +kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im +Walde herumgeflogen ist. Er gehört zu der Rasse +asio otus+ und ist +auch eine Horneule mit sich sträubenden Federbüscheln und gelben +Kugellichtern; aber das ganze Persönchen ist keine drei Käse hoch, +und Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem +Federklumpen zusammenrollen. + +Trotz seines eifrigsten Suchens hat _Glip_ -- so heißt die kleine +Horneule -- kein Weibchen finden können, und dies Unglück ist ihm nun im +dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr aufgelegt zu freien, und +sei es auch um seine alte Großtante! + +Der Grund für seinen beständigen Mißerfolg liegt auf der Hand: + +Die Zeit der Bedrängnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten +hat, beginnt nun auch für die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer +stärkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre +Waldestiefe und haut ihre hohlen Bäume um. + +An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu! + +Die Vorliebe für Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von +dem, was die Menschen das _Nutzwild_ nennen, ist verschärft, kein +Raubvogel, er mag noch so klein und unschädlich sein, ist mehr sicher. + +Das mögen die Götter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf +ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen, so ist es Glip. Er +kann mit gutem Gewissen behaupten, daß er weder zu bescheiden, noch zu +unnatürlich wählerisch gewesen ist. Aber Verhältnisse, über die er, wie +erwähnt, nicht Herr ist, haben ihn zum Verzicht gezwungen. + +Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht für ihn aus. Es +war ihm gelungen, einen jungfräulichen Vogel zu finden, ein ganz freies, +ungepaartes Eulenfräulein. Es bewarben sich freilich noch dreizehn +Herren außer ihm um sie, aber was machte das -- der Schatz war ja da. +Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen würde. + +Es war drüben auf der andern Seite der Förde, draußen in einem dichten +Tannenwald, wo er die Schöne traf. Sie saß in einer kleinen Tanne, und +die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her. + +So war auf alle Fälle die Sachlage am Tage. + +Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter, da +kämpfte man wie die jungen Hähne und umschwärmte die Zuckertaube wie +zudringliche Fliegen, so daß sie zu nichts in der Welt mehr Frieden +hatte. + +Leider lenkte der Förster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise seine +Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an, die, +ermattet von den nächtlichen Ausschreitungen, in sich selbst versunken +da saß wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief gesträubten +Hörnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein weißes +Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann, +späterhin am Tage, ertönen kleine, kurze Schüsse -- und einer nach dem +andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenüber von dem Zweig herab. + +Der Förster war schleunigst zurückgeradelt und hatte sein Tesching +geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache, +wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule, +die mitten in dem Klumpen saß, nicht zu treffen, würden die andern schon +festsitzen wie die Kletten. + +Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer +glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenüber, und nun zerstob der +Rest in alle Winde. + +Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bäume von oben bis +unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf +Paare an, die in glücklicher Ehe lebten, mit Kindern bis über die Ohren. +Wohl strengte er sich an, hier, wenn möglich, Eindruck zu machen, war +sowohl äußerst grob wie auch äußerst liebenswürdig. Aber er erreichte +nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein +aufdringlicher Kavalier! + +So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen betrogen. + +In diesem Frühling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit und +breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Töne erklingen lassen. Bei +jedem glücklich brütenden Paar, von dem er gehört hat, ist er offen und +mit Gewalt eingebrochen ... + +In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art gegeben, +und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weißblanke, zertrampelte +Eier. Glip hat aus dem Wege räumen wollen, um später entführen zu +können, aber er ist überall der Kleine geblieben und hat mörderliche +Prügel bekommen. + +Da lächelt ihm endlich eines Abends das Glück; er ist plötzlich auf +seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoßen. + +Er spitzt die Ohren --! + +Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein +ungepaartes. Das kann er an der Weise hören, wie sie ruft. Er kauert +sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurück ... hu, hu, hu, +hu! + +Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort. + +Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr +freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort +bekommt er doch -- und er ist ja nicht verwöhnt. + +Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es währt auch nicht lange, +bis er ausfindig gemacht hat, daß seine vermeintliche Anbeterin unten in +dem Bauch der großen Eiche sitzt. + +Mit schnellen, weichen Flügelschlägen ist er dort. + +Er erreicht das große Eingangsloch unter eifrigem Scharren und Kratzen +seiner Fänge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von Ho-Rufen +gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht er -- so +daß ihm einen Augenblick der Atem ausgeht -- ein paar rote Lichter unten +auf dem Grunde funkeln. Er begrüßt sie mit Kaskaden seines wildesten +Geheuls. + +Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest, das +kann er hören; sie wühlt da unten herum und legt die Unterlage zurecht +-- und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklärung zu bringen: ein +trocknes -- und knorrenloses Reis. + +Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch -- eine schwache +Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit +hinabwagen, daß sie ihn fassen kann, da hätte sie doch endlich einen +Bissen. + +Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge der +Engigkeit des hohlen Baumes die Größe des alten Uhus nicht erkennen +kann, faßt die Ablehnung des Reises als ganz selbstverständliche +Sprödigkeit auf. Sie verlangt natürlich mehr! + +Da fängt die kleine Horneule an, sich mit Mäusen für Strix einzustellen. +Sie macht große Augen und entreißt ihrem verliebten Anbeter die ersten +leckern Fleischstücke; er hätte sie ja für den eigenen Schnabel +bestimmen können -- und sie beeilt sich, ihm zuvor zu kommen. Sie +kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf, sobald er sich +zeigt -- und der verliebte Bursche kann so vielem Entgegenkommen nicht +widerstehen. + +Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natürlich nur gerade +vor das Eingangsloch -- und ein ganzes Ende von Strix entfernt. Es will +ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art Ungeheuer, aber gleich +darauf macht ihn die Liebe wieder blind. + +Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen. +Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer, +Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße +alte Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz +bange machten, wenn er in sie hineinstarrte -- siehe, das sind ja in +Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen +Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als +wolle sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt +daher, weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst, +er umfaßt alles, alles -- um Einen und hinter Einem! + +Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf +bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins +Ohr zu tuten! + +Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch +hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen +Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten +Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig +und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder +und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren +Federhörnern hinaufgleiten läßt. + +Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur, +auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer. + +Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen +Raubzügen. + +-- -- -- + +Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen +Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der +Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie +auf und ab, ab und auf schweben sehen. + +Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber +wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja +zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen, und dann stimmen sie ein +sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit. +Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er blitzschnell auf sie ein -- er +zielt auf die zunächst fliegende und schlägt die Fänge in der Luft um +sie zusammen. + +Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist leider +nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande +darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix’ kleiner, dummdreister +Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im +Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der +Sperber auftaucht, -- nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur des +Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen +Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen, +da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht. +Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann -- ihr +Sklave ist ein tüchtiger Sklave! + +Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er +muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im +Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast, +gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam +genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald +ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter +Vögeln her. + +So überraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhüter, als er im +Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine +Eule an ein Nestloch anklammert und hineinguckt, aber die alten Dohlen +umflattern das Nest. + +Der eine von den Waldhütern will sich bücken und einen Stein aufnehmen, +aber der andre hält ihn zurück. + +-- Nein, laß das, Pist Lak! Bedenke, wie es „Vogel“ erging ... es bringt +immer Unglück, wenn man eine Eule totschlägt. + +Glip läßt sich nicht im mindesten stören. Mit der einen Klaue greift er +in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix. +Zehn Minuten später ist er wieder bei dem Nest -- eine nach der andern +holt er alle die jungen Dohlen. + +Sie kamen durch einen Unglücksfall ums Leben -- so etwas geschieht auch +tagtäglich im Walde! + +Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendämmerung läßt er +sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das +Holzwerk. Dann glauben die Jungen, daß es die Starenmutter ist -- sie +stecken den Kopf heraus, und -- wupp hat Glip sie im Nacken gefaßt. + +Es gehört etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen -- +aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl bald! + +Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem großen, +gefürchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck, der Tag +und Nacht gefüttert werden muß. Es wird Glip schwer, alle die kostbaren +Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermüden -- und läßt nach +in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in den Weg kommt und +bringt Frösche und Kröten statt warmer, leckerer Spatzen. Strix muß ihre +schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben und Eidechsen, Schlangen +und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem warmen Abend wird ihr sogar +eine dicke, schleimige Waldschnecke präsentiert. + +Es wird Strix schwer, den schwarzen Kloß zu verschlucken, und sie rollt +schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten Lichtern, +obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverächter gewesen ist. + + +Es ist leicht, das Ende vorauszusagen --: + +Eines schönen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen ist, +erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, daß er ein Sklave war. Da +hob er die Verlobung auf -- und machte sich aus dem Staube. + + + + +14. Strix Bubos Tod + + +Glip kehrte nicht wieder. + +Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fraß bekommen, sie ist +matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im +stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche +kriecht sie auf dem Bauch zusammen. + +Sie ist halb von Verstand, hat fortwährend Visionen und sitzt da und +heult ihren eigenen Namen. + +Schu--hu! seufzt sie ... Schu--hu! + +-- -- -- + +Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben, +lebensmüde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon längst +ein Fremdling in der Zeit gewesen. + +Sie haßt die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lärm und den Überfluß an Menschen +überall; sie trägt Urzeit in sich, und der sind die Menschen entwachsen. + +Das dumpfe Brummen des Bären, das Gebrüll des Elchhirsches, das Heulen +des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das waren +Laute, die für sie paßten. Sie hat dasselbe Wilde und Dämonische in +ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verständlicher Sprache +geantwortet. + +Sie sind dahin, alle die ursprünglichen Mitgeschöpfe ihrer Sippe, sie, +in denen, o wie in ihr, das Großzügige wohnte. Die Menschen haben sie +genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an ihre Stelle +gesetzt. + +Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre. + +Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind, wie +das Gewitter über die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und gehofft, +gekröpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergötzt. Dann kamen andre +Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flüchten und +wandern müssen, wo sie kaum eine Maus für ihren Schlund hat finden +können. + +Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger +Nebelschleier vor fernen Wäldern; sie weiß, die Wälder liegen dahinter +-- viel mehr weiß sie nicht. + +Das Leben ist dahingeschwunden -- für Strix wie für den Eichenriesen, +in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist plötzlich zu etwas +unfaßlich Kurzem zusammengeschrumpft. + +Auf einmal zuckt sie zusammen -- ihre matten, ausgebrannten Lichter +werden so groß wie Teetassen. + +Da senkt sie die Hörner und wirft den Kopf zurück und bewegt den +Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf +mich zu! + +Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ... + +Sie sieht, wie damals, als sie eben flügge geworden und auf dem Zweig +saß, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen +Kante und gleicht einer Rieseneidechse, -- selbst der Schwanz fehlt +nicht. + +Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich +sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefällt hat. + +Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstörer, der Mensch, dem sie nie +hat widerstehen können, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das +Lebensglück mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnstätten vernichtet, +ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat. + +Sie wird blutgierig und böse, sie fühlt die Wildheit wie mit der +Unbändigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlägt ihre Fänge in +den Kopf und den Hals des Menschen. + +Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu kröpfen; aber plötzlich kommt +es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren +Schlund hinunter will. + +Todesschwindel hat Strix schon längst befallen, sie haut und zerrt in +dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn über und liegt auf der Brust, +sie streckt die eingeschrumpften Fänge nach hinten unter sich, rüttelt +mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf +und zu, während sie mit bebenden Flügeln das Leben von sich abschüttelt. + + +Der Herbst verging und der Winter kam -- + +Und neue welke Blätter; neue zundrige Erde und Wurmmehl aus der alten +Eiche sickerten herab und füllten den hohlen Boden aus. Strix’ irdische +Überreste wurden zugedeckt wie die so manch eines andern Vogels, denn +hier in den hohlen Stamm der Eiche hatte sich im Laufe der Zeiten die +Fauna des Waldes zurückgezogen, um in Frieden den Strohtod zu sterben. +Schicht auf Schicht lagen die Skelette übereinander, wie auf einem +überfüllten Friedhof, wohlbewahrt von der Eichensäure. + +Da waren Skelette von Fledermäusen und Mardern und Spechten, von andern +großen Uhus lange vor Strix, von Eichhörnchen und Sperbern und von einer +kleinen, goldbusigen Frau Meise mit einem großen Loch im Kopf. + +Eine ganze Geschichte des Waldes lag hier als Mumien aufbewahrt. + +Aber als das Beben des Lenzes von neuem herannahte, als der brandgelbe +Zitronenfalter sich anschickte auszufliegen, ließ sich eines Abends +eine kleine Horneule in den hohlen Stamm hinab. Sie setzte sich in +Balzstellung, fegte mit dem Schwanz und ließ die Flügel schleppen. + +Er benahm sich ganz, als sei er hier zu Hause, näherte sich aber doch +nur mit einer gewissen Vorsicht dem unheimlichen Dunkel auf dem Boden. +Lange saß er da, reckte den Hals und starrte hinab. + +Da erschien die entzückendste kleine Chinesin von einer Eule mit langen, +gesträubten Hörnern, flachem Antlitz und schiefen, zwinkernden Augen +oben im Eingang -- und die kleine Horneule wurde Feuer und Flamme. + +Er ließ sich schnell entschlossen hinabplumpsen -- + +Es war leer in dem Stamm! + +Da scharrte er wie ein Hahn und gluckste seine kleine Henne hinab, und +beide machten sie sich nun auf das eifrigste daran, das Loch mit Reisern +zu umkränzen. + +Und dann, eines schönen Tages, lagen fünf kleine, kugelrunde, +kreideweiße Eier und leuchteten in der Dunkelheit wie mit Phosphorglanz. + +Sie ruhten so sicher und ließen sich so leicht ausbrüten -- sie lagen +auf einer alten, weichen Matratze -- -- -- + +Glip hatte glücklich eine Frau gefunden. + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + Seite + +1. Das Ohr des Waldes 1 +2. Männchen und Junge 9 +3. Der geflügelte Wolf 30 +4. Das neue Gelege 41 +5. Strix und die Menschen 53 +6. Winterleben im entlegenen Walde 69 +7. Der neue Wald rückt vor 85 +8. Auf der Heide 98 +9. Im Kampf mit einem Adler 119 +10. Der Leuchtturmwärter 130 +11. Klein-Taa 149 +12. Zurück 157 +13. Strix schafft sich einen Sklaven an 170 +14. Strix Bubos Tod 186 + + + [Illustration: Verlagssigel] + +_Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig_ + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + +Druckfehler: + +mit den vielen eingetrockneten Blut- und Fleischüberbleibseln + _mit dem vielen_ +Die Fledermäuse heben sich noch wie Möwen + _Möven_ +und guckt in die Wipfel hinauf + _in der Wipfel_ +Ihr scharfer Blick + _charfer_ +Uf schwelgte und schmatzte + _schmatze_ +Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix + _denckt_ +Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt + _Er sitzt_ +Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe + _„krasselt“: dänisches Wort?_ +mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf + _hocher / hobenem (als ob zwei Wörte am Linienende)_ +Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt + _sei ihrem Ausfall_ +feiern aufs neue einen Triumpf + _Originaltext ungeändert: Triumf oder Triumph?_ +Über die See + _Uber_ +Er gehört zu der Rasse +asio otus+ + _Originaltext ungeändert: richtige Form +Asio otus+_ +fünf kleine, kugelrunde, kreideweiße Eier + _kreideweise_ + +Unsichtbare Satzzeichen: + +und die Federn stehen Uf um die Ohren[.] +Das schützende Versteck ... ist umgerissen[,] liegt bunt durcheinander +sitzt sie wie in einem hohlen Stamm[,] nur daß er ganz eng ist +Es ist Jagd im Tierwald[,] dem letzten +voll Schlüpfen in der Pfote[,] Springen im Lauf und +hängt sie vor Strix[,] sie siedet wie ein Teekessel +streicht sie dahin, quer zum Winde[.] +Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ..[.] +sie begreift nicht[,] warum das Glück +fliegen hin und her[,] während +wo früher Wildnis herrschte[.] +der Zapfenstreich geht durch den Wald[.] +Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ..[.] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX *** + +***** This file should be named 19530-0.txt or 19530-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/5/3/19530/ + +Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
