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+The Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Strix
+ Die Geschichte eines Uhus
+
+Author: Svend Fleuron
+
+Translator: Mathilde Mann
+
+Release Date: October 13, 2006 [EBook #19530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Svend Fleuron
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+ S t r i x
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+ Die Geschichte eines Uhus
+
+
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+
+ [Illustration: Verlagssigel]
+
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+
+ Fünftes bis neuntes Tausend
+ Verlegt bei Eugen Diederichs Jena / 1921
+
+
+
+
+ Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen
+ von Mathilde Mann
+
+
+Alle Rechte insbesondere das
+Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vorbehalten.
+Copyright 1921 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
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+
+1. Das Ohr des Waldes
+
+
+In der fernen Tiefe der großen Föhrdenwälder, wo sich Licht- und
+Schattenbäume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hügelzug steil
+empor.
+
+Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so daß die Morgensonne
+seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint, während die
+Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen.
+
+An der Nordseite des Hügels, ganz hart an der Wand, steht zwischen
+Dornen und Gestrüpp eine alte, abgestorbene Eiche.
+
+Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Koloß von Baum; jetzt ist sie
+hohl -- der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so daß
+gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist.
+
+Es riecht säuerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken.
+
+... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und
+frißt, was die Zeit vor ihr übriggelassen hat.
+
+Ungefähr in halber Höhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche nach
+dem Moore zu, gähnt ein großes Loch aus dem Bauch des Baumes hervor.
+
+Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der
+Öffnung.
+
+Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt
+ist, wie der Hügel selbst --: die westliche Wand bekommt Morgensonne,
+die östliche Abendsonne, während die hintere Wand nie den Schimmer eines
+Strahles erhascht -- sitzt ein riesengroßer Vogel, und je nachdem die
+Sonne ihren Weg über den Himmel geht, rückt er aus dem einen Schatten in
+den andern.
+
+Es ist ein Nachtraubvogel --: ein großer, braungefiederter Uhu!
+
+Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwählt: hier
+sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von draußen her
+über den See hereindringt, fährt zwischen den Hügelwänden hin und her
+und bis zu ihm in das Loch hinein.
+
+Es ist ein dickes, kräftiges Uhuweibchen ...
+
+Sein Kopf ist so groß wie der der größten Wildkatze, nach vorn zu flach
+abgeschnitten, so daß er das schönste Gesicht bildet.
+
+Der Schnabel ist stark und gekrümmt, und die Schneiden sind so scharf
+wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen
+ein Stück Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch -- und sie haben selbst
+die Schenkelknochen eines zähen, alten Hasen durchgeschnitten.
+
+Er _fängt_ kein Tier, dieser große Uhu -- er _schlachtet_ es!
+
+Von den gelben Schnabelrändern steht ein Kranz von Federn wie ein
+brausender Schnurrbart ab. Er trägt sein Teil dazu bei, auf humane und
+rücksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu führen, wenn es im Kampf um
+sein Leben versucht, sich ein Urteil über den großen Schlund seines
+Gegners zu bilden.
+
+Der Schlund ist enorm -- aber erst wenn der Uhu ihn öffnet, kann man es
+sehen.
+
+Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den
+Ohren; sie erschließen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den
+verhältnismäßig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem
+eine ganze Stallratte verschwinden kann.
+
+Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlöcher, die ungeheuer sind im
+Verhältnis zu ihrer Größe bei andern Vögeln, sind die Federn sinnreich
+geordnet, so daß sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die
+Schallwellen anschlagen können.
+
+Das Gehör der großen Eule ist denn auch so fein, daß sie hören kann, wie
+die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden
+Flügelschlag des Nachtfalters hört sie!
+
+Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel
+eines Luchses, zwei wehende Federbüsche in die Höhe.
+
+Aber die Augen sind doch das Furchteinflößendste in diesem Gesicht! Sie
+sind prachtvoll gelb mit rötlichem Außenrand; die Eule kann gleichsam
+Feuer und Blut dahineinlegen, sie glühen und Funken sprühen lassen, so
+daß das Opfer gelähmt wird, wenn es seinen Blick plötzlich fängt.
+
+Sie ist so groß, daß sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie über die
+Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht -- einer Wolke, die
+schwarz ist und an den Rändern sonderbar faserig! Ihr Körper ist wie der
+einer Gans, und ihre Stärke gibt der eines Königsadlers nichts nach. Sie
+hat Flügel wie Schaufeln und so muskulöse Schenkel wie nur ein
+Fuchsrüde; die können ihren nächtlichen Wanderungen über den Waldboden
+Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fängt, Feuer verleihen.
+
+Ihre Fänge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen,
+sind fingerdick, und wenn sie sie völlig ausspreizt, haben sie fast die
+Spannweite einer Männerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen
+schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle,
+sichelförmige Kralle, wie ein kleiner türkischer Krummsäbel hervor.
+
+Sie sitzt förmlich in Daunen und Federn ...
+
+Die Dämmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die Nacht
+hat ihr mit schwarzem Pinsel über Flügel und Rücken gestrichen. Längs
+der Mitte der dicken, breiten Brust läuft ein weißlicher Strich, der
+sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das einzige
+wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den Glanz des
+Tages, an das Licht der Sonne -- ganz will es sie doch nicht lassen.
+
+
+Es ist sonnenwarm und mitten am Tage ...
+
+Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken über ihrem Stand,
+die langen Schwungfedern gleich einem wärmenden Unterrock über ihre
+Fänge gebreitet.
+
+Der große, runde Kopf mit den mächtigen Federbüscheln ist ganz nach dem
+Leib herabgezogen -- dadurch erhält das Gesicht etwas mürrisches,
+unzugängliches.
+
+Wie ein großer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor.
+
+Die Finken können piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch unter
+ihrem Baum schreien -- sie hört es nicht! Kläfft aber ein Hund in weiter
+Ferne, ertönt das Rollen eines Wagens oder der Klang einer Axt -- gleich
+zittert es in den Federbüscheln, sie sträuben sich drohend wie
+Bockshörner auf ihrem Kopf, werden nach und nach zu Hängeohren wie an
+einem melancholischen Schwein, um sich schließlich hintenüber zu legen,
+ganz an den Hals herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd.
+
+Draußen über dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so
+sonnenweiß da draußen, so voll von Tag und Leben.
+
+Feuerglänzende Stechfliegen treten plötzlich in die Erscheinung, stehen
+einen Augenblick still und glühen -- und verschwinden dann wie
+Sternschnuppen in den Schlagschatten. Große, schimmernde Libellen
+schwirren schaukelnd über den Wasserspiegel, schrauben sich im
+Spiralflug empor und fahren mit jähen Wendungen und unvorhergesehenen
+Bewegungen in Schwärme von Mücken hinein, so daß bei dem schnellen Flug
+ihre steifen, durchsichtigen Flügeldecken knistern.
+
+Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem Wasserrosenblatt
+auf. Gleich Blättern in einer Wolke von welkem Laub, das plötzlich vom
+Winde erfaßt wird, stehen sie über den Erderhöhungen hin ... der Staub
+auf ihren unberührten Schwingen glitzert und leuchtet, während sie in
+lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde treiben
+lassen, bis sie sich schließlich paaren, je zwei und zwei.
+
+Da mischt sich ein Flug weißer Schmetterlinge mit den roten und bringt
+Verwirrung in das so glücklich beendete Hochzeitsspiel. Nun schweben sie
+alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln ein jeder auf
+seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen auf einmal
+erblüht!
+
+Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schöpfstellen,
+und nachtschwarze Bläßhühner flattern bullernd über Wassertümpel,
+während taugraue junge Reiher zwischen dem Flimmern des Röhrichtsaums
+sich in der Geduld und dem Gewerbe des Fischens üben.
+
+Es ist Tag da draußen ... es liegt Leben über dem Waldmoor.
+
+Drinnen aber im Baumstamme ist es düster und kalt. Die gefurchten Wände,
+die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und die
+holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von
+Larvengängen und Wurmlöchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich
+angesammelt -- und dicke, wollstrumpfähnliche Spinngewebe, die sich in
+der Zugluft krümmen, verkleiden die Wände der Rinde wie geheimnisvolle
+Vorhänge.
+
+Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und
+zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand.
+Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte
+Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, während ein Bündel
+schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz
+angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals
+machen.
+
+Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche;
+er gönnt ihr den Frieden nicht, sondern fährt fort, sie zu quälen. Wenn
+dann der Baum so recht kläglich ächzt, reckt die Eule sich auf und
+schüttelt sich im Schlaf -- dies Knarren des alten Holzes tut ihr so
+innerlich gut.
+
+-- -- --
+
+Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch zu
+ihr herein.
+
+Der Laut nimmt zu -- -- --
+
+Dröhnen von Pfotenklatschen, Ritzen von Krallen, die sich in Rinde
+bohren, dumpfes Bumsen von losgerissenen Moosfladen, die in das Laub
+unter dem Baume herabfallen, jagen wie Hiebe gegen ihr Trommelfell.
+
+Da ist jemand auf dem Wege zu ihr herauf!
+
+Im selben Augenblicke ist die Eule wach.
+
+Es geht schnell zu ihr hinauf im runden Korkziehergang, ganz so, als
+statte der Specht vormittags ihrem Wohnbaum einen Besuch ab. Jetzt ist
+das Geräusch dicht hinter ihrem Rücken; sie hört das trockne Holz des
+Stammes ächzen, und es dröhnt in dem hohlen Baum wie in einer leeren
+Tonne.
+
+Die Eule richtet sich auf und wird zweimal so groß! Sie wirft gleichsam
+die Kissen ab und ihr vorhin so dicker, aufgeplusterter Körper wird
+schlank und lang.
+
+Plötzlich gleitet ein kleines, langgestrecktes, schlangengeschmeidiges
+Raubtier in kastanienbraunem Pelz lautlos durch das Eingangsloch ...
+
+Da leuchtet es unten aus dem Zunderdunkel wie Zauberglut auf. Ein
+elektrischer Strom, aus Spannung und Erregung geschaffen, entzündet
+magische Funken in den brandgelben Lichtern der Eule, sie sperrt ihren
+mächtigen Schlund auf und gibt plötzlich ein Furcht einflößendes Fauchen
+von sich.
+
+Das geschmeidige Raubtier fährt mit einem Satz zurück; in langen
+Sprüngen jagt es kopfüber am Stamm hinab und verschwindet in wilder
+Flucht.
+
+-- -- --
+
+Der Marder Taa ist der blutdürstigste Räuber des Waldes. Aber noch ist
+er so jung, daß er dergleichen Fehlgriffe begehen kann.
+
+Er hatte gehofft, ein Eichhörnchen in dem hohlen Stamm da oben zu
+treffen oder doch wenigstens einen kranken, alten Häher.
+
+Jetzt macht er sich schleunigst unsichtbar, ganz verwirrt infolge des
+Irrtums.
+
+
+Alle Bewohner des Waldes kennen ja den großen, braungefiederten
+Nachtvogel -- _den fliegenden Wolf_, mit dem menschlichen Gesicht und
+den geradeaus gerichteten Lichtern, die die Macht des Blickes besitzen.
+
+Sie ist der Tyrann des Hochwalds, der seine Steuer von allen erheischt,
+von den Hirschkälbern bis hinab zu den Mäusen.
+
+Sie scheuen sie, sie fürchten sie ... Strix Bubo, die große Horneule!
+
+
+
+
+2. Männchen und Junge
+
+
+Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres
+glücklichen Alters.
+
+Alles, wonach sie greift, fängt sie, und alles, was sie schlägt, fällt
+und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den Fängen und
+einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark. Wenn sie nur
+einen Hasen anrührt, spritzt das Blut gleich aus den zur Ader gelassenen
+Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den Jungen, sie besitzt
+alles, was reizt.
+
+Ihr Jagdgrund ist groß! Sie wohnt hier in den Hochwäldern, ganz am Ende
+der Förde und kann bis zum nächsten Nachbar jagen.
+
+Es sind alte, pfadlose Wälder, voll von Dickicht und sauren Erlenmooren,
+umgestürzte Bäume und herabgewehte Zweige liegen überall umher, und
+überall stehen zunderige, hohle Bäume und knarren. Unter der Geißel
+eines großen Wildbestandes sind die Wälder aufgewachsen: Urwald-,
+Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren
+Stand und haben sich den Winter über kümmerlich im Holz durchgeäst.
+Daher das viele verkrüppelte Eichen- und Buchengestrüpp, daher die
+vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldähnliche Gewirr, das
+einem großen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann.
+
+Aber der Lärm der Menschen rückt Strix näher und näher. Es werden
+häufiger Bäume im Walde gefällt, neue Menschenwege werden angelegt,
+kleine Steinhaufen und große Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und
+in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl längs des
+Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ändern und tiefer
+in den Wald hineinziehen müssen. Wo die Bäume am höchsten sind, wo der
+Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die härtesten Wunden schlagen
+kann, so daß große Löcher in das morsche Holz kommen -- da ist sie immer
+am besten gediehen.
+
+Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt, als
+auch schon der große Naturzerstörer mit Säge und Axt dorthin gelangt
+ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen,
+denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so
+ergeht, wie der großen Horneule selbst.
+
+Es sind Hirsche und Kahlwild, Hühnerhabichte und Wanderfalken,
+Edelmarder und Wildgänse -- alle fliehen sie vor den Axthieben, vor
+Hundegeläut und Schüssen und vor der scharfriechenden Fährte des
+arbeitstollen Menschen! Die ursprünglichen Bewohner des Waldes weichen
+dieser lärmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen,
+wo sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen
+finden -- in den öden Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen Heide-,
+Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf -- sie warten
+die Nacht ab!
+
+_Das mächtige Lichtgezücht_, das mit dem Tage erwacht und die Unruhe,
+den Lärm, die Veränderung und die Umbildung der Erde und der Natur
+schafft, die die Tiere scheuen, zwingt sie, sich zu verbergen, so lange
+es rast! Aber des Nachts kehren sie zurück zu den alten Stätten,
+verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf schleichenden Läufen über das
+Reich, das einstmals das ihre war. Die Hirsche und das Kahlwild äsen den
+Roggen der Ansiedler, die Dächse tummeln sich in den Saatfeldern, Marder
+und Fuchs stehlen Tauben und Hühner -- und Strix nimmt an Katzen und
+Ratten, was sie ergattern kann! In der Nacht gehört die Erde noch den
+Tieren!
+
+Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die
+Steinhöhlen der Menschen um die Hochwälder herum, daß stellenweise Tag
+und Nacht eine angsteinflößende Wolke ihres eigentümlichen Geruches
+aufsteigt.
+
+Eines schönen Abends merkt Strix, daß sie um der Nachbareule willen gern
+so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule läßt ihre
+Kampfstimme nicht mehr ertönen, sie muß wohl weiter weg bessere
+Jagdgründe gefunden haben!
+
+Die Nachbareule ist fort -- der große Moloch, das Götzenbild der
+Menschheit: die Zivilisation, hat sie getötet. Der Ausrottungskrieg
+gegen die Stämme des großen Uhus geht seinen fürchterlichen Gang.
+
+In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere
+Weise angreifend vorzugehen.
+
+Auf den Gütern jenseits der Förde tauchen plötzlich große, bunte,
+langschweifige Vögel in Mengen auf.
+
+Es sind Fasanen!
+
+Sie sind in kleinen Feldhölzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst im
+Überfluß vermehren. Es wimmelt von Ihnen am Waldboden und in den Bäumen.
+Sie sind so fett und gleichgültig, daß sie weder laufen noch fliegen
+mögen.
+
+Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den großen Uhus an; _hier_
+brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoßen, gleich haben sie die Fänge
+voll Nahrung.
+
+Rings um diese kleinen Gehölze, einladend über Dickicht und Gestrüpp
+aufragend, stehen hohe, schlanke Pfähle aufgepflanzt. Auf der Spitze
+eines jeden liegt -- so recht dazu gemacht, um sich darauf zu setzen --
+ein kleines strammgespanntes Tellereisen.
+
+Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum.
+
+
+Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Männchen.
+
+Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl -- da sind keine
+andern Männchen ihrer Art.
+
+Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betört sie
+fälschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten beständig mit Beute in
+den Klauen fliegt.
+
+Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trägt es solange, bis die Federn
+des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt der Fuß
+ab, und eines schönen Tages fällt er mit Eisen und Fang zu Boden.
+
+Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das --
+-- er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel!
+
+-- -- --
+
+Da thront er neben ihr ...
+
+Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie
+einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen großen, braunen Uhu mit
+Federbüscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer Mundspalte, die
+sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt ...
+
+Das ist der einklauige: UF!
+
+Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der
+Adler gewesen -- der letzte Überrest von Tieren, die noch etwas von der
+großen Zeit an sich haben.
+
+Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und würgen
+an ihrem Gewöll. In der Regel schlafen sie gut -- und erwachen sie
+zufällig, so haben sie genug zu tun.
+
+Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald
+wollen die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden,
+oder der Schnabelbart mit den vielen eingetrockneten Blut- und
+Fleischüberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, daß
+man ihn reinigt und bürstet.
+
+Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die possierlichsten
+Stellungen ein. Uf wird zu einem jämmerlichen Großvater in der
+Nachtmütze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur Furie; zu
+einem wilden Gespenst -- bereit zu kratzen und um sich zu schlagen!
+
+Aber zur Frühlingszeit, wenn die Märzstürme den Wald „stimmen“, wenn die
+Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter Hast
+anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hämmern zu beschleunigen, wenn die
+Träume, die sie träumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr an,
+nur zu schlafen und sich zu putzen! Da müssen sie auf -- auf und die
+Hörner sträuben und mit den Flügeln schlagen, während sie auf dem
+Zunder, auf dem sie sitzen, hüpfen und tanzen; da müssen sie schwänzeln
+und sich kröpfen und hu--u, hu--u heulen ...
+
+Und dann bauen sie ihren Horst.
+
+
+In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge!
+
+Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und häßlich für alle, nur
+nicht für Strix. Der Horst liegt in einer großen Vertiefung unter einem
+alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit hinein, so
+daß man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es ist ein ganz
+vorzügliches Nest, da ist ein Fußboden und da ist ein Dach -- auf dem
+Fußboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im Baumstumpf ist die
+Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhühner und Hasen -- und alle
+Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz kürzlich geschlagen. Aber vor
+dem Baumstumpf ist der Fußboden in weitem Umkreis mit Flügeln und
+Knochen übersät; da sieht es aus wie vor einer Räuberhöhle.
+
+Die Jungen sind noch klein. Vor zwölf Tagen erst sind sie aus dem Ei
+gekrochen, und Strix’ einkralliges, altes Männchen sitzt getreulich
+über ihnen, um durch die Wärme seines Körpers den Lebensfunken in ihnen
+zu erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum für den eigenen Bedarf,
+geschweige denn für den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen
+sind schwach -- da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr liegt es
+also ob, alle Vorräte zu beschaffen!
+
+Und sie ist zu allen Zeiten ein kühner Jäger gewesen. Gleich bei
+Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien
+Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenständen ihre richtige
+Größe verleiht, jagt sie am eifrigsten und fängt sie am besten. Da
+durchsucht sie den Wald, steigt über Mooren und kleinen Wiesen auf ...
+sie rüttelt wie ein Falke auf hastig klappenden Flügeln und späht hinab.
+Während die Holztauben gurren und die Drosseln singen, während die Hasen
+ganz davon in Anspruch genommen sind, auf Freiers Füßen zu gehen,
+während die Wasserhühner in den Moortümpeln sich um Männchen und
+Brutplätze balgen, kürt sie zwischen dem Überfluß und macht Beute.
+
+Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf Äcker und
+Heiden, und läßt, während das Tageslicht mehr und mehr Übermacht
+gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wälder weit da draußen
+fangen an zu winken, Anger mit Lämmern und Zicklein kommen verlockend
+nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nähe es
+von Wieseln und Ratten wimmelt.
+
+Rings umher unter ihr ertönt das Kullern des Birkhahns und das
+herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhähne ... abgezehrte und
+abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stöcken von Schwänzen anstelle der
+früher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen
+hat alle Haare mitgenommen.
+
+Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt
+glühende Luft vor ihrem Blick, scharfe, ätzende Strahlen beißen sie in
+die Augen -- und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr
+sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich -- und nun
+blinkt und flimmert und glitzert das Gras.
+
+Da nimmt sie mit dem fürlieb, was sie zwischen den Fängen hat, und
+fliegt schleunigst zurück nach ihrer Behausung, das rote Licht des
+Sonnenaufgangs über den Flügeln.
+
+So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Dörfern, Birkhühner aus der
+Heide, Hasen vom Felde, Krähen aus dem Walde -- sie müht sich getreulich
+ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden Hu-u
+bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat,
+sträubt er die Hörner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von
+sich --! Wieder ein Hase! sagt er überrascht in seiner Sprache! ja! sie
+strengt sich an!
+
+Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fängen; ihre
+unheimlichen, halbkahlen Köpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem
+mütterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will
+ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reißt sie ihr weg:
+sie soll nur fangen, nichts als fangen -- -- --!
+
+Doch Strix läßt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und weiß, daß er
+gern für seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das Wild
+nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zähe Muskeln weich;
+sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren
+heißhungrigen Kleinen in die Schnäbel.
+
+Uf sitzt da und schmollt -- --: sie soll nur fangen, nichts als fangen
+-- --
+
+
+Es dämmert ... es ist ein früher Morgen im Mai! Die Fledermäuse heben
+sich noch wie Möwen vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten,
+tastenden Schläge, nur ein ganz kurzes Flöten ohne Zusammenhang.
+
+Dann fängt ein Birkhahn draußen am Waldrand an zu kullern und zu
+schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunkönig piepst -- der
+ganze Wald erwacht und begrüßt den dämmernden Tag mit Gesang. Der
+Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen sind zu
+geschäftig, um zu lauschen -- sie sind ganz davon in Anspruch genommen,
+ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher, sie gucken in
+Astlöcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie flattern tief unten
+über Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen Schwänze streifen
+förmlich an den Kräutern entlang und jagen die brütenden kleinen Vögel
+auf.
+
+Strix ist auf Fang aus! Sie muß in der letzten Zeit immer weiter hinaus,
+die zunächst gelegenen Jagdgründe sind erschöpft.
+
+Von ihren früheren Ausflügen weiß sie, daß dort auf der andern Seite des
+Waldes unter einem mit Gestrüpp bestandenen Abhang eine große Herde
+Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glück
+hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein
+drücken sich neben der Mutter an deren Euter.
+
+Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschütteln: alle kleinen
+Niederungen zwischen den Hügeln stehen in einem Dampf, so daß es für
+Strix ein leichtes ist, die Tiere zu überrumpeln. Keine von den vielen,
+neidischen Krähen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat
+durchfliegen müssen, hat sie eräugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie
+sieht das Gestrüpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich
+niederzustoßen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu
+fangen! Die Beute muß mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in
+den Fängen.
+
+So stürzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht
+aufragt ...
+
+Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fänge, so daß
+alle Ziegen spähen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt
+hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewölbe und mit dem Abhang -- und die
+Morgenschläfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In völliger
+Ruhe kann sie ihre Beute auswählen: dasjenige der Zicklein das zu
+äußerst liegt.
+
+Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkümmerten Landrasse, ein
+Zicklein wird sie schon tragen können, wenn sie es nur richtig gefaßt
+kriegt. Geduldig wartet sie den günstigen Augenblick ab.
+
+Auf einmal ist sie da!
+
+Die Fänge bereit, vorn unter der Brust, stürzt sie sich herab. Im
+Vorübersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine
+Ohrfeige, dann paßt sie es so ab, daß sie das Zicklein noch im Fliegen
+packt.
+
+Sie hat es ... sie flattert damit über den Erdboden hin.
+
+Es ist schwer, sie merkt, daß es nicht so recht mit in die Luft hinauf
+will -- es gehört mehr Aufstiegschwung unter die Flügeldecken dazu.
+
+Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch
+ihr Kampfgeheul zu den äußersten Anstrengungen. Der Druck unter den
+Flügeln wird stärker. Bald hebt sie es leicht über Gräben und
+Erderhöhungen -- und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanspannung, nimmt
+sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf.
+
+Sie hat die Fänge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in dem
+zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz, schlaff
+hängt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hälfte ihrer Flughöhe erreicht
+hat. -- -- --
+
+An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr
+teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen
+Schwanz von Krähen und kleinen Vögeln hinter sich, schwer durch die
+Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, daß sie die Fänge
+wirklich voll hat -- da vernimmt sie die zärtlichsten Liebeslaute seiner
+alten Kehle: Wap, wap, wap!
+
+Das sind Zeiten für Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell
+genug ...
+
+Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerührten
+Tierleichen. Da sind Birkhühner und Rebhühner, Holztauben und Krähen,
+Hasen und Rehkitzchen -- ein unvergleichlich anheimelnder, gedeckter
+Tisch! Die Kleinen können nicht so schnell äsen, wie sie fangen kann,
+aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, daß sie immer einen gewissen
+Überfluß vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung erkennen.
+
+Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und
+rundlich ist er geworden, und noch älter und bequemer. Längst hat er
+aufgehört, Kinderwärterin zu sein und hat sich in seine eigene
+Privathöhle zwischen einem Haufen großer Steine zurückgezogen. Aber
+darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der
+Nacht sein flehendes Rufen hört und begreift, daß er leidet, weil er
+seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmäßig
+mit seiner täglichen Nahrung zu ihm hinab.
+
+Dann aber ereignet sich etwas -- -- --
+
+Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie
+heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den
+ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie ab; sie ist in allen
+Löchern, Spalten, Öffnungen ... nein, die Jungen sind weg!
+
+War es der große Zerstörer? War es der Marder? Er, der Marder -- -- --
+neulich morgens, als sie lange weg war, hat _Taa_ die Gelegenheit
+benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein Leichtes für ihn, da
+sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war auch glücklich über die
+Außenwerke des Horstes gelangt: über die großen Reisigpalisaden, den
+abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und Aasteile, aber
+_hinaus_gekommen war er nicht wieder so glimpflich. Die Jungen hatten
+ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie hatten sich auf den Rücken
+geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen Krallen zerfleischt. Sie
+hielten ihn noch in ihren Fängen, als sie, die Alte, heimkehrte. Sie
+entriß ihn ihnen und in dem Glauben, daß er tot sei, warf sie ihn weit
+hinaus über den Rand des Horstes.
+
+Aber Taa war noch höchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben Rute,
+die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete er sich
+zwischen ein Gewirr von Knabenkraut.
+
+Ha, der Marder, -- -- nein, diese Baumratte ist es nicht gewesen!
+
+Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesänge, er bildet sich
+Orgelpfeifen aus Astlöchern, Flöten aus Rindenspalten und gespannte
+Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tönend etwas
+vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat.
+
+Und Strix nimmt den Trost an -- und vergißt dann schließlich die Jungen!
+
+Als sie sich aber im nächsten Frühling auf ihre zwei rauhschaligen,
+runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt
+gesichert: diesmal brütet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten
+Bussardhorst.
+
+Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald.
+
+Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die
+wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden Augen.
+
+Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht.
+
+Er hat eine bunte Sportmütze auf dem Kopf und trägt eine dicke,
+blauschimmernde Joppe. Über der Schulter hängt an einem dünnen Bindfaden
+eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen,
+nachlässig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und
+aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten Strickleiter.
+
+Der Mann ist Leuchtturmwärter auf einem kleinen Leuchtturm weit draußen
+am Auslauf der Förde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die Aufsicht
+über den Leuchtturm seiner Frau übergeben kann, ist er ein eifriger
+Trapper -- heute ist er auf dem Jagdpfad.
+
+Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist.
+
+Im Frühling durchpflügt er alle Wälder nach Raubvogeleiern und alle
+umliegenden Heiden, Moore und Sümpfe nach andern Vogeleiern. Er begnügt
+sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat
+Verwendung für mehr und nimmt selten weniger als das vollzählige Gelege.
+Im Sommer, wenn die Vögel ausgebrütet haben, findet man ihn wieder;
+jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu
+beschaffen. Er sammelt nicht für sich selbst, sondern für ein paar große
+Geschäfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufällige Liebhaber
+unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen.
+
+Die Natur soll in die Stube hinein -- tot oder lebendig -- aber
+in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden und Bücherschränken, in
+Naturaliensammlungen der Schulen oder in den Glaskästen der Museen
+erblickt man die letzten Überreste der ursprünglichen Fauna des Landes;
+hier steht sie ausgestopft mit starren Glasaugen. Jeder zweite, dritte
+Vogel, der früher so allgemein war, daß er in die Sagen des Landes
+verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur noch eine Sage. Sie werden zu
+Geld gemacht, sie werden aus den Wolken und von den Baumwipfeln
+herabgeholt, um die Taschen der Leute mit klingender Münze zu füllen,
+der letzte Adler, wie die unverletzlich erklärten Störche! Die Menschen
+wollen die seltenen Exemplare besitzen, wollen sie in die Hand nehmen
+und vorzeigen können.
+
+„Vogelhansen“ oder ganz einfach „Vogel“, wie er genannt wird, hat sich
+sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der
+Hauptgeschäftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener
+unermüdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach
+schlägt -- er ruht nicht, bis er seine Beute in der Botanisiertrommel
+hat.
+
+Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von Kindesbeinen
+an gewöhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als Schiffsjunge
+hatte er in seiner grünen Jugend das Unglück, vom Mast zu fallen und
+einen häßlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was ihm in
+späteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwärterstellung draußen am
+Auslauf der Förde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner
+unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den
+Wipfel der unzugänglichsten Buche hinaufzugelangen.
+
+Im vergangenen Jahr, als er seinen großen Fang hier im Walde machte und
+-- von den schreienden und fauchenden Hähern geleitet -- Strix’ zwei
+possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der Nacht zuvor
+einen Besuch auf ein paar Höfen abgestattet, die in einem kleinen
+grünen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem
+seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im
+Hegemeisterhäuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht,
+daß sich auf dem Scheunenflügel des südlich gelegenen Hofes ein
+Storchennest befand. Das war genug für Vogelhansen. In der Dunkelheit
+der Nacht radelte er die Meile über die Heide und traf um Mitternacht
+an Ort und Stelle ein.
+
+Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf einem
+Bein, den Kopf unter dem Flügel, auf dem Nestrande neben der brütenden
+Störchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen, ist ein
+Leichtes für „Vogel“, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei
+zusammengebaute Flügel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf
+das Strohdach hinaufzuklettern.
+
+Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Räuber, namentlich
+die Störchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest fest und
+will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand über den Rand des
+Nestes zu gelangen. Sie schlägt und hackt ihn in Schulter und Arm,
+so daß seine Kleider lange Risse davontragen.
+
+Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak
+heraus und schleudert der Störchin ein paar gehörige Schüsse ins
+Gesicht. Das hilft -- wenige Sekunden später liegt das Nest offen da.
+Fünf glänzende weiße Eier schimmern ihm entgegen, ein volles Gelege!
+
+Schnell zieht „Vogel“ einen seiner Strümpfe aus, steckt vorsichtig die
+Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund ...
+
+Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er fängt
+an zu kläffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezündet und einen
+Augenblick später klappern Holzschuhe über das Steinpflaster.
+
+Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier
+Buchstaben, hält die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die
+Höhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er
+die Leiter, er muß der Sache ihren Lauf lassen -- und wie ein Schlitten
+nach einem Luftsprung saust sein Körper in die Luft hinaus. Da hat er
+das unverschämte Glück, daß der Düngerhaufen sich gerade unter ihm
+befindet: er fällt weich -- in einen großen Haufen Streu hinein. Er
+greift nach seinen Schuhen und nimmt Reißaus über die Heide.
+
+Alle Storcheneier waren heil geblieben -- er hatte für seine
+Verhältnisse einen ungewöhnlichen Fang gemacht!
+
+-- -- --
+
+Jetzt ist er wieder hier in der Gegend.
+
+Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis für die Beschaffung eines
+vollen Geleges Eier von dem großen Uhu geboten. Für den Sammler gilt es,
+die Eier zu erlangen, solange der Vogel überhaupt noch vorhanden ist.
+
+Aus seiner Knabenzeit und von seinen späteren zahlreichen Besuchen hier
+ist der kleine Leuchtturmwärter mit sich im Klaren, wo ungefähr er
+suchen muß. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen
+Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in
+immer größeren Kreisen zu durchtraben.
+
+Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm
+muß mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen
+werden, dessen Krücke so gebogen ist, daß sich der Stock schnell in die
+Seitentasche einhaken läßt, wenn „Vogel“ die Hände frei haben will. Er
+klopft an die Stämme und guckt in die Wipfel hinauf, er kratzt an den
+alten Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krücke unter alle
+Wegüberführungen und in die alten, mit Laub angefüllten Fuchsröhren.
+
+Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt -- mit
+gesträubten Hörnern ...
+
+Schon aus weiter Ferne hört sie den eigenartigen Gang des Mannes.
+
+Kla--datsch, klingt es, kla--datsch, kla--datsch ...
+
+
+Als Strix eben flügge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie
+eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging
+auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die
+beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte
+es zurück, strich mit den Vorderpfoten an den Bäumen entlang und spähte
+wie ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, daß es eine
+ungewöhnliche Fähigkeit besaß, die Farbe zu wechseln; bald war der Pelz
+grau, bald schwarz, bald beides ... es war ein Mensch.
+
+Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag
+draußen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das
+Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen
+verschwinden.
+
+Lange Zeit blieb sie draußen sitzen und starrte das Loch an, durch das
+der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung, fand
+sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre
+ganze Neugier.
+
+Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der
+Entfernung zu folgen, sie fürchtete ihn instinktiv, ohne sich erklären
+zu können, weshalb, fühlte sich aber trotz alledem mächtig von ihm
+angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie plötzlich überraschend,
+wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kümmerte sich nur um
+sich selbst. Er knöhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund,
+er quakte im Grunde wie ein großer Frosch.
+
+Nur selten geschah es, daß der Mensch des nachts ausging; geschah es
+aber, so sah Strix, wie er auf seinen nächtlichen Wanderungen durch
+den stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und
+stolperte schwerfällig auf seinen Klumpfüßen und stieß bei jedem Schritt
+ein Stück Ast in die Erde -- kla-datsch klang es, kla-datsch -- während
+es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren wimmelte. Alle
+kannten sie seine Unterlegenheit!
+
+Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand
+nicht zwei Sprünge davon zwischen den Stämmen, der Marder guckte ruhig
+unter einem Stein hervor, und das Stachelschwein trabte in seinen
+Fußstapfen und schnüffelte an seinen klappernden Ballen.
+
+Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehört, ehe er vor ihnen
+stand; alle wußten sie, daß er in der Dunkelheit blind und taub war.
+Stand er aber plötzlich still, so erfaßte die ganze Schar ein Schrecken;
+Strix hörte sie davonstürzen, und sie empfand selbst ein sonderbar
+beklemmendes Gefühl im Halse.
+
+-- -- --
+
+Dasselbe beklemmende Gefühl stellt sich jetzt wieder ein, als sie
+plötzlich das Kla-datschen unter sich hört und den Menschen zwischen
+den Stämmen auftauchen sieht.
+
+Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum ...
+
+Aber was soll sie fürchten?
+
+Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge; noch nie
+haben diese beiden mächtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am
+Mann war; die Fänge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie
+anpacken -- und der Schnabel gibt den Fängen nichts nach.
+
+Und dann hat sie ja die Flügel.
+
+Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fühlt sie
+sich dem großen, lächerlichen Tier unendlich überlegen; sie kann sich ja
+von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden
+sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung!
+
+Nein, was soll sie fürchten! Sie hat den Übermut und die Sicherheit
+aller großen Vögel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das
+Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten und Kräften.
+
+Da auf einmal fängt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hört,
+wie sich große, gehörnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen.
+
+Sie preßt sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht wie
+eine Kröte.
+
+Die Krallen kommen näher und näher -- und machen dann plötzlich unter
+ihr Halt. Da fängt sie an zu jammern und zu klagen wie eine Bruthenne
+und stößt eine Reihe tieftönender Aah -- Aah aus ...
+
+Dem Leuchtturmwärter klingt es, als klage ein todkranker, leidender
+Mensch.
+
+Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest
+sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine
+Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig.
+
+Da tönt es plötzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mütze fällt ihm ab
+und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen ihm
+die Wange.
+
+Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre
+Geduld erschöpft.
+
+Aber da gibt’s kein Erbarmen! Auch auf diese Möglichkeit ist Vogelhansen
+vorbereitet; er wirft seinen Rock über den Kopf und zieht einen alten
+Fechthandschuh über die rechte Hand -- dann betäubt ein halber Liter
+Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest zu plündern.
+
+Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke über den Wald hin und fällt
+dann ohnmächtig zwischen den Bäumen nieder.
+
+Als sie aus der Betäubung erwacht und hustet und nach Atem ringt, steht
+das Hahnengesicht des Leuchtturmwärters mit den kleinen stechenden Augen
+noch immer vor ihrem inneren Blick. Die Augen starren sie gieriger an
+als die der Füchse, wenn sie, neidisch auf ihren Fang, geifernd um sie
+herum sitzen, und sie sind grausamer und berechnender kalt als der
+Blick, den ihr Taa an jenem Tage zuschleuderte, nachdem sie ihn
+unversehens aus den Klauen der Jungen errettet hatte. Und gegen ihr
+Trommelfell hämmert es: Kla-datsch, kla-datsch! ...
+
+Die Fußtritte kann sie nie wieder vergessen!
+
+Später legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brütend auf
+einem einzigen, erbärmlichen, kleinen Ei.
+
+Aber, woran es liegen mochte -- aus dem Ei wurde nie etwas anderes als
+die Schale.
+
+
+
+
+3. Der geflügelte Wolf
+
+
+Das Flammengelb des Sonnenuntergangs stand noch am Himmel! Es spannte
+seinen Brandgurt um die Erde und ließ ihre pechschwarzen Haarsträhnen
+sich sträuben. Es entschleierte am Horizont einen großen Wald, meißelte
+das Kuppelgewölbe der Buchen aus und schliff den Sägezahnrand der Tannen
+blank.
+
+Drinnen im Walde, tief unten zwischen dem welken Laub, sitzt Strix auf
+einem bemoosten, halbverfaulten Baumstumpf.
+
+Vor ihr, den Oberkörper halb auf den Baumstumpf hinauf, hält eine
+kleine, schreckgelähmte Maus sich in verzerrter Stellung, sie zittert
+und bebt am ganzen Leibe.
+
+In ihrem Kampf ums tägliche Brot ist die Maus in die Nähe des
+Baumstumpfes gekommen, und in der Hoffnung, in dem faulen Holz einen
+Käfer zu finden, ist sie, ohne Böses zu ahnen, hinaufgehuscht, als sie
+plötzlich, gerade glücklich über den Rand gelangt, einem Paar großer,
+rollender Lichter begegnete.
+
+Im selben Augenblick ist sie an den Fleck genagelt.
+
+Alle ihre Kräfte, all ihre Energie und ihr Wille haben sie verlassen;
+schreckgebannt und verloren sitzt sie da, zu regungslosem Verharren
+hypnotisiert.
+
+Der böse Zaubervogel sieht und sieht das erstaunte, kleine Wesen nur mit
+seinen glühenden Lichtern an, dann erhebt er ruhig seine Marterfänge und
+krallt sie um die Maus.
+
+Zappelndes Leben kommt in das dem Tode geweihte Tierchen, als die Fänge
+von allen Seiten ihre Hornmesser in seinen Leib hineintreiben.
+
+-- -- --
+
+Strix liebt Mäuse -- und jetzt, wo sie für den Rest des Sommers
+nur Uf und sich selbst zu versorgen hat, gibt sie sich gern dem
+zeiterfordernden Mäusefang hin. Nur auf diese Weise ist es ihr nämlich
+möglich, die kleinen Kerle zu fangen: die Leckerbissen verschwinden wie
+Krumen zwischen ihren groben Fängen.
+
+
+Die Frösche sangen ihre bubbelnden, quakenden Gesänge ... sangen so
+innig und mit einer eigenen überzeugenden Kraft! Sie brachten in ihrer
+Sprache das Lob des Mitsommerabends zum Ausdruck und wetteiferten, wer
+das am betörendsten zu tun vermochte.
+
+Einige knarrten wie altes Holz im Sturm, andere krachten wie das dürre
+Reisig des Waldes, wieder andere glucksten, gurgelten und bubbelten die
+Töne heraus -- es klang nach Eisschmelze und Platzregen, nach Rieseln in
+Entwässerungsröhren und Gräben.
+
+In den Pausen aber ließ die Rohrdommel sich hören! Eigentlich hatte
+sie die ganze Zeit gesungen, sie hatte sich nur kein Gehör verschaffen
+können -- jetzt dröhnte die Luft von ihren spröden, dünnen Tönen, bis
+die lebendigen kleinen Nußknacker von neuem begannen.
+
+Still! Still! Alle Frösche im Walde wurden auf einmal stumm --: ein
+großer Vogel strich mit weichem Flügelschlag lautlos über das Wasser.
+
+Strix untersucht den Saum des Röhrichts ...
+
+Langsam läßt sie sich über Wasserlachen und Wasserrosen dahingleiten,
+über die Schilfpflanzen im Sumpf, wie über das Wollgras am Ufer entlang;
+tief, mit hängenden Fängen flattert sie dahin und guckt zwischen die
+Erderhöhungen hinab. Wildenten und Bläßhühner suchen schleunigst ihr
+Versteck auf ... es plätschert und spritzt um sie her.
+
+Der Waldsee hat ihr nichts geliefert!
+
+So muss sie denn eine ihrer andern Fangstellen aufsuchen.
+
+-- -- --
+
+Weit draußen am Waldessaum, am Rain, steht eine kleine, verkrüppelte
+Eiche; ein dürrer Zweig ragt aus der Mitte ihres Stammes auf: dicht über
+dem Zweig bildet der Stamm einen Knick, biegt sonderbar ungeschickt ein
+und wird hohl im Rücken wie eine Elfe.
+
+Ein stark begangener Wildwechsel läuft gerade unter der Eiche hin. Zu
+beiden Seiten des Waldrains und an seinen Abhängen hinauf wächst dichtes
+Schlehdorngestrüpp, oben dahingegen ist er nackt und kahl.
+
+Der Wechsel führt das Wild nach dem Felde und wieder zurück. Er läuft
+erst durch den einen Schlehentunnel, dann über den Wall hinauf und
+weiter durch den zweiten Tunnel. Wenn nun der Hase oder das Rehkitz,
+das Wiesel oder der Marder dem Wechsel folgen und in das schirmende
+Dornengeflecht hineinschlüpfen, machen sie gern einen Augenblick halt,
+um zu verschnaufen.
+
+Aber sie nehmen sich nicht in acht vor dem kleinen Stück offenen Walles;
+die müden Wanderer trippeln noch, wenn sie gemächlich und sorglos über
+den Rand des Knicks gleiten.
+
+Dieser Umstand ist gerade die Pointe des Fangplatzes, er verleiht ihm
+Ruf und Anziehungskraft!
+
+Kein Habicht oder Bussard kann sich im Walde niederlassen, der nicht
+früher oder später den Weg zu diesem Lauerplatz findet. In früheren
+Zeiten ist hier manch’ ein Kampf zwischen Strix’ verblichenen Vorfahren
+ausgefochten. Die streitbaren Uhumännchen haben um ihr Leben gekämpft
+und die Fänge oft derartig ineinander geschlagen, daß sie zu einem
+Klumpen verfilzt tot unter dem Baum gelegen haben.
+
+Es ist schon spät am Abend, als der dürre Eichenzweig kracht unter
+den Fängen der großen Horneule! Sie faltet die weichen Daunenflügel
+zusammen, und verkriecht sich in die Krümmung des Stammes, so daß ihr
+Kopf die Höhlung ausfüllt. Sie ist ganz unsichtbar ...
+
+Das Flammengelb des Sonnenuntergangs ist nicht mehr am Himmel sichtbar!
+Die Kuppelwölbung der Buchen, den Sägezahnrand der Tannen hat die Nacht
+verschlungen; es ist düster und unheimlich im Wald wie in einer Höhle.
+
+Aber für Strix ist es noch heller Tag.
+
+Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon als
+ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft häßlich --
+da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag -- und es kann vorkommen, daß
+sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so daß sie sich verirrt, wenn
+sie in ihr Nestloch hineinfliegen will.
+
+Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig! Sie
+sieht das Spiel in den Augen der Mäuse, sie sieht die Kröte, wenn sie
+über den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich
+durch das Gras schleichen, sie sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie
+sieht deutlich die Mücke, die die Fledermaus fängt. -- In der Nacht
+beherrscht sie alles!
+
+Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und
+Wiesen, Moorstrecken und Heideflächen. Der Tau spielt über Gras und
+Kräutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen
+auf die Blumen.
+
+Es strahlt und schimmert da draußen! Aber das Grün ist nicht scharf wie
+am Tage und das Weiß und das Rot empfindet man nicht wie Wind im Auge
+... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde!
+
+Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke Laub
+der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, dürrer Zweig wiegt sich
+auf und nieder. Da unten wandern die Mäuse! Eine Ricke mit ihren Kitzen
+kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden -- setzen
+dann in ein paar Sprüngen über den Waldrain hinweg. Der Fuchs maust am
+Gehege entlang und äugt verstohlen nach den Rehkitzen; das hinterste,
+findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner Kerl!
+
+Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch
+andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht.
+
+Da hört sie Blätter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter
+ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein Hase ...
+
+Hasen waren in früheren Zeiten ihre tägliche Speise; damals, als der
+Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr;
+jetzt muß sie sich mit bedeutend weniger begnügen und Jungfüchse und
+Dachswelfen zur Aushilfe nehmen.
+
+Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt.
+
+Er setzt sich und lauscht -- er hebt sich ganz auf die Hinterläufe ...
+die Augen stehen ihm starr im Kopf, während der Windfang mit der tiefen
+Hasenscharte in der Lippe sich fortwährend rund herum bewegt. Strix kann
+mittels des Gehörs ihren kleinen Lampe auf der ganzen Reise verfolgen!
+Sie hört, wie er aus seiner aufgerichteten, kundschaftenden Stellung die
+spitzen Vorderläufe wieder an die Erde setzt, hört seine kräftigen
+Lungen arbeiten, seine Nüstern sich blähen -- o, wonniger Laut! -- hört
+seinen Magen schreien und die Gedärme vor Hunger rummeln. Da weiß sie,
+daß sie nicht vergeblich gelauert haben wird.
+
+Und dann geht es, wie es gehen soll!
+
+Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel --
+und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter über den Waldrain
+in seinem Tripp, Trapp-Gehüpfe, als sich plötzlich etwas wie eine
+schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der
+Finsternis auf; auf ihren Wollflügeln kommt sie -- von hinten.
+
+Sie kommt mit dem lähmenden Schrecken, der die Folge jeglicher
+Überrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer
+Entfernung von ihrer Beute befindet.
+
+Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das
+Hineinhauen, daß die Fänge der Eule sich in der Brust begegnen. Er
+stößt einen Schrei aus, im nächsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein
+Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken:
+So, da bist du offenbar auf die Dornen gelaufen! dann weiß er von nichts
+mehr, er zappelt mit den Hinterläufen und streckt die Drossel ... die
+gelben Lichter starren steif in den Raum hinein.
+
+Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit krummem
+Buckel und gesenkten Flügeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor
+Äsungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzförmigen
+Fänge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und öffnet ihren mächtigen
+Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt
+in dem Hasenleib; große Stücke gleiten mit Haut und Haar hinab, während
+lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren
+Schnabelwinkeln und in den gelben Fängen festsetzt.
+
+Sie ist ganz satt -- -- aber noch steht ihr der größte Genuß bevor. Sie
+fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und sieht auf den
+toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit Grauen erfüllen.
+Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals unverwandt und
+grübelnd auf ihren Überfluß hinabstarren -- bis sie dem herzzerreißenden
+Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung schreit, nicht länger
+widerstehen kann.
+
+Da ruft sie ihn -- und wollüstig schlingt Uf die blutigen Überbleibsel
+herunter.
+
+-- -- --
+
+Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung für sich und Uf an dieser
+alten Fangstätte. Dann, eines schönen Abends, versiegt plötzlich der
+Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf
+dieser Seite des Waldes herausgeht.
+
+Da muß sie eine neue Taktik versuchen -- oder sich auf lange Zeit
+anderswohin begeben.
+
+
+Es ist mondhell! Blaßgrün scheint die Strahlenfülle der Himmelslaterne
+auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem
+Werder draußen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen
+flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser -- der Rest des
+Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weißbirke tritt als Elfe
+aus dem Nebelgebräu der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den Baum.
+
+Ein Mensch würde das Bild so sehen -- -- und er würde sein Herz klopfen
+fühlen unter dem Druck seiner Phantasie; er würde sich erdrückt fühlen
+von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen Beleuchtung der einsamen
+Umgebung.
+
+Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kämpfen braucht; für
+sie ist der Wald zu nächtlicher Zeit eine Freistätte, ein Heim; sie ist
+vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut -- und verkrüppelte, rindenlose
+Aststücke oder verschleierte Birken haben, trotz der Gaukelkünste des
+Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben für sie.
+
+Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit
+einer Ahnung von Rot und Klarheit, hängt die Dämmerung schon über dem
+östlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der
+dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Mäusen wimmelt.
+
+Da kommen die Hasen mit Müdigkeit in den Augen, mit dem Bedürfnis
+nach Ruhe in den matten Gliedern; geräuschlos huschen sie auf ihren
+Hexensteigen durch das Korn, sie wollen in den Wald hinein und sich
+setzen. Sorglos hüpft Lampe auf seinen weichen Ballen und mit
+hochgekniffenem Bauch, um nicht naß zu werden, denn der Tau spritzt
+hoch von dem Grase.
+
+Strix thront auf dem Fangzweig. Sie saß dort gestern Abend und auch
+vorgestern Abend -- aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr nicht
+freigiebig.
+
+Die Hasen sind scheu und mißtrauisch geworden. Sie benutzen den
+hundertjährigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrügt, das haben sie
+entdeckt -- sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen.
+
+Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme!
+
+Sie beherrscht ein ganz ungewöhnliches Instrument! Sie kann die
+Stimme so tief tönen lassen wie nur ein Baß, und eine Reihe hohler,
+posaunenartiger Töne entsenden; aber sie kann auch in die Höhe gehen
+und ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen.
+
+Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende
+des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mächtige Stimme ertönen läßt ...
+die kleinen Vögel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts
+weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht
+und das Eichhörnchen ducken sich tief in ihre Astlöcher, ja, selbst der
+Marder hält inne in seiner nächtlichen Jagd, wenn er die unharmonische
+Verkündigung seines großen Nebenbuhlers hört. Den Fall gesetzt, die Eule
+wäre hungrig, und nähme, was ihr in den Weg käme, da würde Taa in ihrem
+Rachen verschwinden wie eine Ratte!
+
+Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben, die
+Farbe ihres Federkleides, ihr Bedürfnis nach Einsamkeit hat ihr seit
+undenklichen Zeiten das Mißtrauen der Menge zugezogen -- auch über ihrer
+Stimme liegt etwas, das mystisch und eigenartig wirkt.
+
+Es steckt ein Stück Bauchredner in Strix; wenn es ihr paßt, kann sie
+teuflisch mit ihrer Stimme täuschen -- niemand kann danach beurteilen,
+wo sie sitzt. Sie kann brüllen wie ein Stier, heulen wie ein Wolf,
+miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelächter ausbrechen wie
+ein wahnsinniger Mensch.
+
+Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und fern,
+als kämen die Töne von weit her.
+
+Der Hase auf dem Felde fühlt sich sicher und glücklich dabei und doch
+-- -- sitzt sie da, die große, rotäugige Fängerin, dicht hinter dem
+Waldessaum. Huu -- Huu -- Huu ... bis in die Unendlichkeit hinein kann
+sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr angeboren. Eine Viertelstunde nach
+der andern kann sie so dasitzen und vollkommen von ihrem Hinterhalt in
+Anspruch genommen sein. Huu -- Huu -- Huu ... eigentümlich hohl und
+dumpf klingt es; wer ihr etwas anhaben will, folgt dem Klange der Stimme
+und glaubt, daß er sie die ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und
+geht und ist ihr beständig gleich nahe.
+
+Huj -- Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und unerwartet
+nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den verwirrten Hasen
+dazu, angsterfüllt ein Versteck zu suchen. Bald brüllt sie, als sei sie
+hinter ihm, bald, als hinge sie gerade über ihm; der Hase gerät von
+Sinnen und schlüpft schleunigst auf den alten, lieben Weg -- auf den
+Todesweg -- um die Sicherheit und den Wald aufzusuchen.
+
+Da stößt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine Langohr,
+in demselben Augenblick, als es den Kamm des Walles erreicht. Aeee,
+klagt der Ärmste, Aeee, Aeee ... und wild und trübselig schreit der Hase
+sein Leben aus.
+
+Ungerufen erscheint Uf -- -- und hinter ihm drein wimmeln alle Füchse
+herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet Eisenteilchen anzieht.
+Sie kommen von weit her, wie an der Nase herbeigezogen und sitzen da und
+geifern, während die beiden großen Uhus in aller Ruhe ihre Mahlzeit
+verzehren.
+
+Es kommt wohl vor, daß ein heißhungriger, mutiger Reinecke sich mit den
+Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie sträubt jede
+Daune und wird unheimlich groß, dann knappt sie mit dem Schnabel und
+zündet Feuer in den roten Lichtern an.
+
+Hu -- u --, heult sie ... Nase weg!
+
+
+Strix ist ein großer Räuber, ein mächtiger Jäger! Sie ist ein Meister
+in allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig,
+verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darüber hinweg, oben in der
+Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden
+Hinterhalt-Verfahrens, hüllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder
+der Dämmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhöhung
+auf die Liebessteige oder die Futterplätze des Kleinwilds. Der jagende
+Fuchs knirscht oft mit den Zähnen vor Wut über sie; er nennt ihr
+Jagdverfahren, „dem Wild das Leben stehlen“. Hah! still dasitzen und
+lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende
+Beute, hah! das kann jeder! höhnt der Fuchs in seiner Sprache.
+
+Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fuß jagen! Fuchs und Marder,
+Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmäßig, fürchten aber ihre Fänge.
+
+
+
+
+4. Das neue Gelege
+
+
+Dicht fallen die Blätter im Herbst ...
+
+Dichter noch, als der Oktober herannaht ...
+
+Überall in den Wäldern wird es welk und kahl!
+
+Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das Regenwasser
+trieb in Strömen an den Stämmen herab. Die letzten Motten und
+Nachtschwärmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flügeln auf
+dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen.
+
+Der Dezember kam -- und der Schnee!
+
+Dann brütete der Winter über dem Lande --
+
+Jetzt haben die Märzstürme getobt und die Aprilschauer gespült --
+Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe ist hier
+gewesen, die Anemonen stehen in Blüte:
+
+Es ist Frühling und die Hochwälder strahlen von Mai!
+
+Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt
+unter einer kleinen Tanne an einem Hügelabhang.
+
+Uf hat die Stelle als Kinderwärterin noch nicht angetreten. Die Jungen,
+die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden vorläufig
+von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd unter ihr.
+Sie ist so zärtlich mit diesen Jungen, zärtlicher als sie je mit ihren
+früheren Jungen gewesen ist -- und sie bewacht sie mit nie ermüdender
+Fürsorge.
+
+Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken
+Fuchsrüden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die
+Menschen -- die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu betreten!
+
+Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehörigen
+Schrecken ein ...
+
+Er kommt in seinem Einspänner gefahren, um das Holz zu holen, das
+er im Walde gekauft hat. Während er gemütlich dahinzuckelt, sieht er
+plötzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der
+schmalspurige Weg führt. Der Vogel ist groß, und er setzt sich ohne
+weiteres auf das Pferd und fängt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren
+zu schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat
+seine liebe Mühe, es wieder zu bändigen, denn fortwährend streicht ein
+schwarzer, unheilverkündender Schatten über das Fuhrwerk hin und heult
+so bestialisch wie der Teufel in eigener Person.
+
+Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als
+die Daunen aus ihren weißspieligen Federposen herausquellen und sie
+anfangen, die nackten Hälse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als
+Wärmflasche angetreten, so daß Strix mehr Zeit zur Verfügung hat.
+
+Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel für die ganze Umgegend zu
+werden. Sie fängt wie gewöhnlich ... holt Ratten aus den Dörfern und
+Rebhühner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mühe, Futter
+für ihre heißhungrigen Jungen und ihren nicht minder heißhungrigen,
+alten Gatten zu schaffen. Ihr großes Bereich ist in den letzten Jahren
+merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhühner sind weniger -- nur
+die Menschen haben zugenommen.
+
+Dafür hat sich hier und da einer von den bunten Vögeln mit den langen
+Stößen von den Gütern drüben auf der andern Seite der Förde gezeigt --
+und eines Morgens taucht ein neuer, großer Auerhahn auf.
+
+
+Es dämmert am Horizont ... schüchtern schlägt der Zaunkönig seinen
+ersten, schmetternden Triller, dann hält er inne -- er ist zu früh
+aufgestanden!
+
+Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal draußen am Waldessaum -- und
+alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise seufzt und stöhnt
+in den Baumwipfeln ...
+
+Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein!
+
+Strix sträubt die Hörner.
+
+War das ein Traum, der Lenzruf des großen Hahns? Sie sieht diesen großen
+Vogel ja sonst nie.
+
+Von neuem ertönt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein
+Flöten, und doch schallt es weit durch den Wald.
+
+Strix verläßt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend.
+
+Bald ertönt der Kampfruf eines andern Auerhahns -- und nun kämpfen die
+beiden großen Hähne gleichzeitig mit einem Schwall von Kraft.
+
+Sie hört vor sich Flügel schlagen und krachen. Ausgebreitete Federfahnen
+in breiten Flügeln hauen mit donnerähnlichem Getöse gegeneinander. Sie
+ist früher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher Jäger gewesen und
+hat sich der Kämpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu Nutzen gemacht --
+lautlos schaukelt sie über dem Walplatz ...
+
+Es ist noch dunkel in der Kronenwölbung und dunkel ist es auf dem
+Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern der
+Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhähne. Hier drinnen bullern
+rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu!
+
+Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin, mit
+gesträubten Hörnern und funkelnden Lichtern.
+
+Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tönt es
+aus der Kehle und rollt in den dämmernden Morgen hinaus. Längst hat sie
+den Vogel entdeckt. Ihr scharfer Blick erkennt deutlich den Glanz seiner
+Federn und das rote Ebereschenbüschel über jedem Auge. Mit stolzer
+Haltung, mit gefächertem Stoß und gekrümmtem Hals stolziert der schwarze
+Hahn auf seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu
+übertrumpfen, ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen
+mächtigen Sprung, und indem er die Flügel krachend vor der Brust
+zusammenknallt, stößt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen
+Schlußgesang an, noch feuriger, als bisher.
+
+Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn,
+geht sie auf das Balzen ein.
+
+Mit gesträubten Halsfedern, mit schleifenden Flügeln, den Stoß gespreizt
+wie ein Rad, fährt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem Schnabel.
+Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glühen vor Wut.
+
+Da entdeckt er seinen Irrtum -- Strix läßt auch ihre Fanfaren ertönen!
+Er hätte sich verteidigen sollen, der schwarze Puter! Er hätte es wohl
+gekonnt! Er ist eben so groß wie der Uhu und hat Hiebkraft in seinem
+Schnabel und Kratzgewalt in seinen Krallen, aber Strix’ Heulen ist nicht
+auf _seinen_ Kammerton gestimmt -- der Auerhahn ist gleich bereit zur
+Flucht.
+
+Strix fährt ihm indessen an die Kehle, ehe er Kehrt gemacht hat -- und
+wie ein Federbündel rollen sie am Erdboden herum.
+
+-- -- --
+
+Strix machte reiche Beute an diesem Morgen!
+
+Aber sie war nicht imstande, den Hahn nach Hause zu schleppen; sie muß
+sich damit begnügen, große Stücke Brust zur Zeit zu nehmen.
+
+Uf schwelgte und schmatzte mit der Zunge ...
+
+
+Strix hätte sich ruhig verhalten sollen!
+
+Sie hätte nicht auf den Bauer einfahren und auf die alten, friedlichen
+Weiber, die Reisig im Walde sammelten -- als dergleichen wird ruchbar
+und kommt schnell einem kleinen, unternehmenden Waldhüter, _Pist Lak_ zu
+Ohren. Als dann der Waldhüter eines Nachmittags draußen in den Tannen
+auf den seiner Brust beraubten großen Auerhahn stößt -- ausgesetztes
+Wild, womit die Menschen sich bemühen, die Verheerungen wieder gut zu
+machen, die sie unter der Fauna des Landes anrichten -- da wird es ihm
+nicht schwer, zusammenzuzählen und auszurechnen.
+
+Er läßt „Vogel“, den großen Agenten benachrichtigen, dessen kleiner
+Unteragent er, Pist Lak, sein Lebelang gewesen ist -- und sobald der
+Leuchtturmwärter wieder einen freien Tag hat, macht er sich auf die
+Wanderschaft. In diesem Jahre will er Junge haben, und zwar am liebsten
+lebende. Er hat Bestellung auf so viele junge Uhus, wie er nur
+beschaffen kann, für Tiergruppen ringsumher in sogenannten „Zoologischen
+Gartenanlagen“, diesen modernen Naturparks, die reiche Leute zur
+Zerstreuung und Belehrung auf ihren Landsitzen einrichten lassen.
+Mindestens fünfzig Kronen sind dabei zu verdienen, d.h. Pist Lak soll ja
+zehn davon ab haben; aber die kann er ihm ja vorläufig schuldig bleiben!
+
+An dem Tage nach Feierabend, wo „Vogel“ und Pist Lak -- wohl ausgerüstet
+zu ihrem gefahrvollen Unternehmen, mit Pferdedecken und ein paar langen
+Stäben -- ausgezogen sind, um den Eulenhorst zu suchen und ihn auch
+_finden_, fügt es sich so, daß die beiden Alten abwesend sind. Strix
+besorgt die ihr obliegenden Geschäfte; sie ist auf Raub aus -- die
+Jungen, die jetzt fast flügge sind, belegen ihre Arbeitskraft voll mit
+Beschlag.
+
+Uf dahingegen ...
+
+Uf ist wohl niemals ein wirklich zärtlicher Vater seinen Kindern
+gegenüber gewesen, mag es nun sein, weil er alt ist, und es ihm an
+Körper- wie Herzenswärme gebricht, oder weil er seine unwirksame
+Kinderwärterinstellung satt hat. Ihm liegt es ja ob, die Kleinen zu
+füttern, den Marder fernzuhalten und sie von den großen, häßlichen
+Zecken zu befreien, die sich gern an ihren Augen festsaugen wollen.
+In diesem Jahr ist er aber auffallend nachlässig gewesen, hat seine
+Pflichten auf die leichte Achsel genommen und sich nicht gescheut, in
+seiner Gier und Eigenliebe, häufiger als sonst, den Löwenanteil des
+zugetragenen Fraßes an sich zu raffen.
+
+Strix liebt ja Mäuse -- und die Jungen sind natürlich ganz wild auf
+diesen Leckerbissen! Deswegen hat Strix dafür gesorgt, daß sie so viele
+Mäuse bekommen haben, wie sie nur in sich hineinpfropfen konnten. Sie
+haben Mäuse als Morgenimbiß, Mäuse als Mittagessen und Mäuse zur
+Abendmahlzeit bekommen -- Strix hat nicht begreifen können, daß nicht
+die Kleinen der Mäuse längst überdrüssig geworden sind, so wie das der
+Fall zu sein pflegte, wenn sie zuviel von anderem Raub bekamen. Da
+entdeckt sie eines schönen Nachts, daß Uf, wenn sie fortflog, alle Mäuse
+verzehrte. Das wäre allenfalls noch gegangen!
+
+Aber neulich Nachts, nachdem längere Zeit Schmalhans geherrscht hatte,
+überrascht sie ihn dabei, wie er einem seiner eigenen Kinder gegenüber
+die rauhe Seite herauskehrt. Ja, es konnte kein Zweifel darüber
+herrschen -- er wollte das Junge _kröpfen_!
+
+Da fuhr sie auf ihn los! Er wurde gerüttelt und verprügelt. Es sang in
+seinem alten, mürben Gerippe -- und wo Strix’ Flügelknochen hintrafen,
+entstanden blutunterlaufene Flecke.
+
+Als wollte er vortäuschen, daß er bei seiner schwarzen Missetat einen
+Augenblick des Verstandes beraubt gewesen sein müsse, starrte er sie
+mit einem erstaunten, halb blödsinnigen Ausdruck in den alten, listigen
+Augen an, aber Strix brachte ihn schnell auf andre Gedanken; er bekam
+noch eine Tracht Prügel, so daß er unter der gewaltsamen Behandlung
+seiner handfesten Eheliebsten ganz fürchterlich jammerte und klagte.
+
+Hinterher stellte er sich sehr zerknirscht und voller Reue und machte
+sich ganz klein und fuchsschwänzlerisch, während er um ihre Verzeihung
+bettelte. Aber es half alles nichts -- er wurde aus dem Horst verwiesen
+und hat sich seither selbst seine Nahrung suchen müssen.
+
+-- -- --
+
+Pist Lak und „Vogel“ wird es doch nicht so ganz leicht, die Jungen
+zu bewältigen. Die kleinen Teufel empfangen sie genau so, wie ihre
+Geschwister in früherer Zeit den Marder Taa empfingen; sie werfen
+sich auf den Rücken und reißen und kratzen mit den scharfen Hornkrallen
+um sich. Obwohl die Pferdedecken über sie geworfen werden, muß der
+stinkende Ammoniak mehrmals zu Hilfe genommen werden und seine
+betäubende Wirkung ausüben.
+
+Als Strix endlich mit einer fetten, braunen Ratte in den Fängen
+heimkehrt, wird ihr ganzer Kopf fast zu Augen. Uf kann sich glücklich
+preisen, daß er nicht in der Nähe ist, sonst würde die Reihe, gefressen
+zu werden, jetzt wohl an ihn kommen.
+
+Sie scharrt in dem Horst herum, wendet Reisig und trocknes Laub wieder
+und wieder um, bis ihr auf einmal ein eigentümlich ätzender Gestank in
+die Nase steigt. Ihre Lichter füllen sich mit Wasser -- sie schnappt
+nach Luft ... Da sieht sie vor sich den Anblick vom vergangenen Jahr:
+das hakennasige Gesicht des kleinen Leuchtturmwärters mit den stechenden
+Augen starrt sie wie durch einen Nebel an, und in ihren Ohren dröhnt es:
+Kla--datsch, kla--datsch ...
+
+
+_Die Nacht_ hat in den Tannen gelegen und in den Tag hinein geschlafen.
+Sie hat Ihre ganze Energie nötig gehabt, um die Augen geschlossen zu
+halten, denn die Sonne, die seit Tagesgrauen gebrannt hat, rumort auch
+hier und peinigt und plagt sie mit ihren Lichtstrahlen.
+
+Aber die Nacht ist wie ein Mann mit Willenskraft. Schlafe nur! hat sie
+gesagt -- und geschlummert.
+
+Jetzt ist die Sonne in einem Sack untergegangen; die mächtige
+Wolkenschicht am Alkoven des Horizonts hat sie wie eine Ratte
+eingefangen -- sie ist weg, weg!
+
+Dann schüttelt und schuddert die Nacht sich, behutsam streichelt sie
+die Drossel, die im Begriff ist, sich zur Ruhe zu begeben -- und dann
+schleicht sie hinaus, sie umfängt das Dickicht und die Waldwiesen und
+den Saum der Lichtungen und löscht den Unterschied aus zwischen Kraut
+und Unkraut, zwischen Nutzholz und Kümmerling, zwischen des Försters
+Lieblingsschonung und dem Anflug, der sich aus dem Humus hervorstiehlt.
+
+Die Nacht nimmt den Wald in Besitz, entreißt ihn dem Licht, das in der
+Ferne entweicht; sie hüllt die Millionen von Blättern in ihre schwarze,
+eintönige Finsternis. Und nun schleicht sie sich über den Waldraum,
+_tritt aus_, wie es von dem Wild des Waldes heißt -- tritt aus, an
+Hecken und Gräben entlang, schiebt sich vor über Äcker und Wiesen,
+wo der Widerschein des Sonnenunterganges noch liegt und als letzte
+Rückzugsstellung Wachedienst tut.
+
+Und so umfängt sie das Grundstück jedes Bauern, die Felder jedes
+Kirchspiels, die Äcker jedes Gutes; sie erobert das ganze Land zurück
+von dem Licht und gibt es ihrem großen Finsterniskind, der Eule.
+
+Aber was hilft das dem Kinde? Von der ganzen Erde begehrt es nur _seine
+Jungen_.
+
+-- -- --
+
+Die Nacht wird tiefer und tiefer ...
+
+Und Strix, die seit der Dämmerung gesucht hat, gelangt allmählich weit
+umher im Umkreis.
+
+Da, um die Morgenstunde, als sie in die Gegend der Menschennester
+hinauskommt, hört sie von einem kleinen Haus, das einsam und im Versteck
+unter einigen hohen Tannen liegt, den schwachen, heißersehnten Laut.
+
+Sie fängt ihn in ihren Ohren auf, betastet ihn gleichsam mit ihren
+Federhörnern und läßt ihn sich mittels heftiger Pulsschläge in die Brust
+hineinhämmern. Ihr wird auf einmal so leicht zumute: da sind ja die
+Jungen!
+
+Sie stehen in einem Gitterkasten auf dem Hofe.
+
+Jäh fliegt sie gegen den Käfig, so daß der Kasten erbebt -- und sie und
+die Jungen vereinen lange ihre Klage.
+
+Wu--hu! Wu--hu! heulen die Kleinen. Und Strix stimmt ein ermunterndes
+Knappen mit dem Schnabel an. Sie glaubt, daß sie hungrig sind und fliegt
+davon, um einen Augenblick später mit vollen Fängen zurückzukehren --
+dann füttert sie ihre Jungen, obwohl diese im Überfluß schwelgen.
+
+Sie will sie mitnehmen, will sie heraushaben -- sie zerrt an dem Käfig
+und reißt an den Gitterstäben.
+
+Da stürzt der Kasten, der auf einem Haublock an der Mauer aufgestellt
+ist, um und fällt mit lautem Getöse in ein offenstehendes Kellerfenster
+hinein.
+
+Es ist schon halbhell, und nach einer Weile kommt der Waldhüter Pist
+heraus. Er glaubt, daß sich die Katze mit dem Kasten zu schaffen gemacht
+hat, und preßt mit banger Ahnung die Nase gegen die Gitterstäbe. Ein
+rasendes Fauchen -- und beruhigt trägt er den Käfig in die Stube hinein.
+
+Strix sitzt in einer der Tannen und sieht den Menschen herausstürzen und
+wieder in sein Nest verschwinden. Sie heult -- sie ruft -- aber niemand
+antwortet ihr mehr. Da fliegt sie einmal rund im Hofe herum -- die
+Jungen sind weg!
+
+Die nächste Nacht sitzt sie wieder in den Tannen. Sie erblickt den
+Kasten, der an seinem alten Platz steht -- und sie umschwebt ihn voll
+Wonne, ja, sie wagt sich sogar ganz hinein durch die offenstehende
+Klappe.
+
+Ach, das Bauer ist leer -- die Jungen sind weg!
+
+Einen ganzen Monat lang besucht sie allnächtlich das Menschennest und
+sitzt da und heult von einer der hohen Tannen am Hause herab; aber
+niemand antwortet ihr außer einer schwarz und weiß gescheckten Katze.
+
+-- -- --
+
+Da nimmt sie Uf wieder in Gnaden auf und zieht mit ihm noch tiefer in
+den Hochwald hinein.
+
+
+Der Sommer geht zur Rüste ...
+
+Herber Duft von abgefallenem Laub und aufschießenden Pilzen mischt sich
+mit dem würzigen Brodem der Waldmoose. Die Ebereschen erröten, aber die
+Becher der Adlerfarnen werden braun und häufen sich zu großen Schanzen
+unter den Birken auf, deren erste vergilbende Blätter in dem funkelnden
+Gespinst der Spinne baumeln.
+
+Eine eigenartige Rastlosigkeit ist in die Ameisen gefahren, sie küren
+nicht mehr zwischen den Insekten und den dürren Zweigen, sondern nehmen
+mit Fieberhast, was ihnen in den Weg kommt: magere, langbeinige Schnaken
+und eingetrocknete Blattrippen. Kleine Froschkinder sind überall in
+Bewegung und spielen den großen schnüffelnden jungen Füchsen manch einen
+Schabernack.
+
+Da summt eine Biene ... die jungen Füchse schnappen danach, es ist
+unwiderruflich die letzte Biene des Jahres!
+
+Die Tiere haben Junge geworfen, die Vögel haben ihre Eier ausgebrütet
+und die Pflanzen haben Samen angesetzt; jetzt ist der große Erneuerer,
+der _Winter_, im Anzug.
+
+-- -- --
+
+Als es rauh und kalt geworden, und als es mit dem Futter knapp wird,
+besuchen die beiden alten Eulen ein Aas, das am Rande eines kleinen Sees
+jenseits der Förde liegt.
+
+Und dann eines Abends, als sie sich eben gesetzt haben, hören sie die
+Unruhe aus einer Tanne herausbrüllen.
+
+Es ist ein Schuß -- und die Federn stehen Uf um die Ohren. Er wird ganz
+verwirrt und gerät von Sinn und Verstand, er klappert mit dem Schnabel
+und dreht sich auf demselben Fleck rund herum, wieviel Strix auch ruft.
+
+Ein kleines kurzbeiniges, rotbraunes Ding, das wie ein Fuchs bellt,
+fährt auf ihn ein -- und stimmt dann plötzlich ein gottserbärmliches
+Geheul an.
+
+Den hat er doch wenigstens gefaßt! denkt Strix.
+
+-- -- --
+
+Aber seither ist auch Uf weg gewesen.
+
+Er hatte wohl Wandergelüste bekommen und war von ihr weg geflogen --
+über alle Berge!
+
+
+
+
+5. Strix und die Menschen
+
+
+Es ist wieder Frühling in den großen Wäldern an der Förde.
+
+Die blankschwarzen Wasserflächen der Waldseen liegen mit Vögeln übersät
+da ...
+
+Auf den kleinen Tümpeln schießen die Bläßhühner hitzig und paarungstoll
+aus dem schimmernden Versteck des Röhrichtsaumes heraus; sie gleichen
+Maulwurfshaufen, die auf dem Wasser schwimmen. Auf den großen führen die
+Schwäne Krieg, blendend weiß und mit Federgebrause um den gekrümmten
+Hals. Und in den kleinen Löchern, wo es friedlich und warm ist, liegen
+stumme, gepaarte Enten.
+
+Hin und wieder breitet ein Schwanenpaar die Flügel aus und flattert von
+einem Gewässer zum andern, da stiebt dann das kleine Getier verwirrt
+nach allen Seiten auseinander ...
+
+An den Ufern entlang schleichen Marder und Wiesel; der Fuchs aber liegt
+im Schilf und lauert auf die Wildgänse, die an Land gegangen sind, um
+zu grasen. Mitten in dem Idyll kann man eine Häsin auf einem Wechsel in
+voller Flucht sehen, drei, vier zerzauste Rammler hinter ihr her. Da
+macht Reinecke ein paar Sprünge, besinnt sich dann aber ... nein, er mag
+nicht rennen!
+
+Es gibt jetzt Äsung genug! Die Paarungskämpfe zwischen den großen Tieren
+und den Vögeln machen viele Invaliden!
+
+Durch die Baumkronen zieht das kreischende Gelichter der Häher. Scharen
+von fünf bis zehn unbeweibten Männchen verfolgen mit Geschrei und
+Gekrächze ein glückliches Paar oder machen einem alten ledigen Weibchen
+stürmisch den Hof. Überall, wohin sie kommen, schweigen die Drosseln,
+und der Rabe stimmt den Frühlingsruf an, um sein Weibchen zu warnen,
+das schon Eier gelegt hat; aber der Häher, der in seinem abgestorbenen
+Baumwipfel sitzt und lauert, streicht augenblicklich von dem Zweig ab
+und fliegt in der Richtung der nächsten lärmenden Schar.
+
+Aus dem Gestrüpp schießen die Amseln, den Stoß in die Höhe, über die
+Lichtungen hin -- und wo viele alte Bäume stehen, schallt das Konzert
+der Stare und Dohlen ohrenbetäubend.
+
+Strix stimmt in den Frühlingsjubel ein.
+
+Sie heult und heult ... nicht klagend, wie nach den Jungen, sondern
+hohl, tief und klangvoll.
+
+Nacht für Nacht, vom späten Abend bis zum frühen Morgen ruft sie
+nach ihrem alten einfängigen Männchen; sie sucht alle ihre früheren
+Horstplätze ab und zieht weit über das Land hinaus, jenseits der
+Menschennester; aber nirgends sieht oder hört sie das geringste von
+Uf, so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art.
+
+Sie fühlt sich immer einsamer und verlassener.
+
+In den milden, feuchten Nächten geht Zug auf Zug von starken, feurigen
+Lenzvögeln über ihren Kopf hin, und tausende und abertausende von
+fröhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab.
+
+Sie grüßt die Reisenden mit ihrem tieftönenden Ho--oo, sie schießt aus
+den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht sie, schreckerfüllt über
+ihr Erscheinen, nach allen Seiten auseinanderstieben -- und sie zieht
+eine lange Strecke mit ihnen, bis sie, deren Flügel dem pfeilschnellen
+Flug nicht gewachsen sind, zurückbleibt wie ein Hund, der einem
+dahineilenden Zuge zu folgen sucht.
+
+Und je weiter der Frühling fortschreitet, um so tiefer krallt sich
+der herannahende Schluß der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und
+Unbändigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und
+reizbarer. Ihr feines Gehör, das es ihr ermöglicht, in großem Umkreise
+an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit;
+Krähengekrächz und Hähergelächter, Hundegebell und Lärm der
+arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie
+grimmig und streitlustig.
+
+Diese Laute erwecken in ihr fortwährend Erinnerungen an die große
+Heerschar ihrer Feinde!
+
+Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald
+gerät in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und
+Überlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vögel
+und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brütet, müssen sie
+notgedrungen fürchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der
+Nacht, sie ist ihr verkörpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die
+Finsternis selbst kommt sie lautlos und überraschend, und wie das Wetter
+der Nacht kann sie plötzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes
+Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen
+sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das
+eigene, hoch betraute Kind der Nacht.
+
+Sie wohnt beständig in den Hochwäldern, aber draußen in einer Einöde,
+in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren Luftwechsel,
+ihre Tunnel und geheimen Gänge durch Kronengewölbe und Laubgehänge.
+Da hindurch kann sie aus dem überwucherten Baum, in dem sie wohnt,
+ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt über Lichtungen und
+Unterwald hin gelangen.
+
+Aber einmal, als sie in der Dämmerung ihren Lieblingspfad -- einen
+langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weißdorn und kätzchengelbe
+Haselbüsche -- entlangstreicht, findet sie ihren Luftweg zerstört. Das
+schützende Versteck, das sich so innig fest und dicht um ihn geschlossen
+hatte, ist umgerissen, liegt bunt durcheinander in einem großen Berg.
+Wo früher Bäume standen und wilde Schößlinge wuchsen, breitet sich jetzt
+ein offener Platz aus, über den sie hinjagen kann, ohne den Zweig eines
+Wipfels mit den Flügeln zu berühren.
+
+Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes
+Hack--Hack gehört, als arbeite tief drinnen im Wald ein Riesenspecht.
+Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von allen haßt ...
+es ist der Schlag der _Axt_!
+
+Die Axt macht licht, und sie haßt das Licht-machen. Sie will Dichtigkeit
+von Zweigen und Stämmen, von allen Stämmen, rings um sich haben. Sie
+will Waldesdunkel haben! Aber die Axt macht die Bäume bis in die Wipfel
+erbeben, kippen und sich plötzlich legen.
+
+Am nächsten Morgen ist der Laut wieder da!
+
+Und er hält den ganzen Tag an. Sie sitzt in ihrem Versteck und schneidet
+Gesichter, sie fühlt jeden Hieb wie einen Stich in ihrem Fleisch. Hu,
+diese Laute, diese verdammten, menschengeschaffenen Laute, sie rauben
+ihr das Verweilen im Verdauungswohlsein und erfüllen sie statt dessen
+mit aufregender Unruhe.
+
+Als dann der Abend kommt und die im Laufe des Tages angehauenen Bäume
+anfangen zu fallen, als das Krachen und Poltern und Dröhnen seinen
+Höhepunkt erreicht, da fliegt sie einem Waldarbeiter in den Nacken.
+
+Die Waldarbeiter pflegten sonst nie etwas von Strix zu sehen; sie hörten
+sie nur. Oh, oh! klagte etwas in der Tiefe; uh, uh! antwortete es von
+weit her. Das war zu der Zeit, als Uf noch lebte. Da hatten sie in den
+frühen Abendstunden, namentlich in der Paarungszeit, ihre feurigen
+Wechselgesänge angestimmt; _sie_ hatte laut gerufen, scharf und
+innig begehrend, und _er_ hatte geantwortet, tief, hohl, mit einem
+unheimlichen Uhuu, das aber für ihr Ohr so wild und aufreizend klang.
+
+Die ganze voraufgegangene Nacht hatte Strix nach Uf gerufen, aber
+vergebens ... auch das hat dazu beigetragen, sie aufzuregen.
+
+Sie bedient sich ihrer bekannten, unfehlbaren Überrumpelungstaktik.
+Ungeahnt taucht sie auf aus dem flockigen Versteck der Dunkelheit,
+wirft sich über den Waldarbeiter, packt ihn mit beiden Fängen bei den
+Schultern und wärmt ihm die Ohren mit den Flügeln. Mit ihren scharfen
+Ellbogenknochen schlägt sie ihn in die Schläfen und macht ihm ein paar
+blaue, blutunterlaufene Augen, dann greift sie ihm in die Haarbüschel
+und schüttelt ihn. Der Holzhauer wirft sich auf die Nase und schlägt die
+Hände vor seine Augen; aber jetzt erst nimmt Strix ihn als rechtmäßige
+Beute in Besitz. Sie hakt die Fänge in seinen Körper und reißt ihm den
+Hintern auf ...
+
+Es ist Pist Lak, den sie gefaßt hat, aber sie ahnt es nicht. In diesem
+Augenblick sind ihr alle Menschen gleich!
+
+Pist, der im ersten Nu, ehe er noch die Fänge der Eule zu kosten bekam,
+ganz entzückt war, jetzt endlich die Gewißheit zu erlangen, daß dieser
+Geldvogel noch immer hier ist, hat plötzlich seine Ansicht geändert ...
+er brüllt wie ein Stier.
+
+Da erdröhnt der Erdboden, da trampelt es im Laub: kla-datsch, klingt es
+... kla-datsch, kla-datsch ...
+
+Ein Zucken durchfährt Strix!
+
+Ihr Gesicht kann sie täuschen, kann vergessen; ihr Gehör nie. Sie weiß
+es schon lange, bevor sie die Gestalt erblickt: jetzt kommt er, der
+lahme Kerl mit dem stinkenden Atem!
+
+Ein mehr als instinktmäßiges Rachegefühl ergreift sie ...
+
+-- -- --
+
+Wie gewöhnlich ist der kleine Leuchtturmwärter auf seinem Frühlingszug
+nach Raubvogeleiern aus! Raubvogeleier hatten stets ihren Wert, denn
+sie wurden immer seltener. Krähen-, Bläßhuhn- und Elstereier dahingegen
+wollte niemand mehr haben, die waren jetzt zu gewöhnlich.
+
+Den ganzen Nachmittag hat er sich in der Nähe von Holzwärter Pist’s
+Arbeitsplatz aufgehalten, war mehrmals bei ihm gewesen und hatte ihn
+gequält, er möge ihm doch den Horst des großen Uhus zeigen. Pist hat
+immer geantwortet, so wie es war: daß er den Horst gar nicht _wisse_,
+ja, in diesem Jahre die Vögel nicht einmal _gesehen_ habe. Aber der gute
+Leuchtturmwärter, der nicht ohne Grund ein schlechtes Gewissen in bezug
+auf gewisse sieben Kronen hat, die er seinem kleinen Unteragenten noch
+vom vergangenen Jahre her schuldet --, hat im Stillen gemeint, daß _die_
+wohl Schuld daran seien.
+
+Da hört er auf einmal das fürchterliche Gebrüll ...
+
+Mit Sturmeseile kommt er gelaufen und sieht zu seinem ungeheuren
+Erstaunen, zugleich aber mit geheimer Freude, den großen Uhu auf
+Pist’s Rücken reiten. Im ersten Augenblick ist er ganz überwältigt von
+seinem Glück -- dann ergreift er seinen schweren, eisenbeschlagenen
+Eichenknittel und haut auf die Eule ein, die sich aufgeblasen hat und
+ihm ins Gesicht fahren will. Der Schlag trifft Strix an den Kopf, sie
+verliert die Besinnung ... und als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie
+hinter Schloß und Riegel.
+
+Sie ist in einem Kükenbauer untergebracht -- in demselben hölzernen
+Kasten, der vor einem halben Jahre ihre Jungen beherbergt hat. Er ist
+gründlich nachgesehen und frisch genagelt.
+
+Ihr wird etwas schwammige Lunge durch das Gitter gesteckt. Da sprühen
+ihre Lichter Funken, und sie faucht wie eine Katze. Der Leuchtturmwärter
+tritt unwillkürlich einen Schritt zurück --: Du großer Zerstörer! sagen
+die Lichter ... könnte ich dich nur auffressen!
+
+Strix rührt die Lunge nicht an. Gefräßig starrt sie dem
+hahnenschnäbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht
+drei lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann
+ihr bißchen Eulenverstand fassen, daß diese Fratze alles erwägt, was
+ihrem Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem
+Vollmond-Kälteglanz umgeben!
+
+Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht, um
+aus dem Bauer zu entkommen ...
+
+Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem Schnabel
+an den Gitterstäben auf und nieder kratzt, und sie schlägt sich den
+starken Ellbogen blutig durch ihr ständiges Stoßen. Aber das Bauer ist
+solide, es hält!
+
+Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so daß sie
+gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurückzuziehen,
+fängt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte
+kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden
+Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt
+vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen
+zu wühlen. Sie schlägt ihren Fang in den Stock und fährt auf ihn los, so
+daß das Blut aus dem verletzten Flügelknochen ihm ins Gesicht spritzt --
+und sie hört da draußen ein mächtiges Krähen.
+
+Ihre Federn sträuben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da und
+faucht, die Flügel wie einen Schild vorn über dem Kopf erhoben.
+
+Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen
+herangeschlichen; sie öffnen sich und schließen sich am Ende ihrer
+dünnen, storchähnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift,
+nimmt die andere die Gelegenheit wahr -- und dann auf einmal beißen sie
+sich in ihre beiden Ständer fest. Sie schlägt mit den Flügeln um sich
+und fällt hin ...
+
+Da spürt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn bläst ihr
+seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust,
+benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beißt blindlings um sich. Ein
+Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschläfernde Wolke senkt sich
+über sie -- sie muß schlafen, sie mag wollen oder nicht.
+
+Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm, nur daß er
+ganz eng ist, und er schaukelt, als sei der Baum während eines Orkans im
+Begriff umzufallen.
+
+Sie ist an den Gutsförster verkauft, an einen kleinen Teufel von Mann,
+eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemüt wie hart von Händen. Es
+ist dem Förster endlich -- dank Vogelhansens nie versagendem Ammoniak
+und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange -- gelungen, Strix in
+seine Gewalt zu bekommen und sie in den großen, einem Rucksack ähnelnden
+Eulenkorb zu sperren, der auf seinem Rücken schlingert. Jetzt radelt er
+mit ihr nach Hause. Strix soll als „Auf“ gebraucht werden!
+
+Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mürbe wird und mit sich
+„reden läßt“. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach
+mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat,
+dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewöhnt werden,
+sich um einen der Ständer fassen zu lassen, um mit dem Rücken am Boden
+des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden.
+Sie soll daran gewöhnt werden, wie eine brütende Henne angebunden zu
+sein und wie ein Piepvogel auf der Hütte zu sitzen, während die Krähen
+sie umlärmen und ausschimpfen, und er, der Förster, im Hinterhalt liegt
+und eine Krähe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald
+sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erlös
+soll zwischen ihre drei Aktionäre verteilt werden.
+
+-- -- --
+
+Bei der Ankunft in der Försterwohnung des Gutes jenseits der Förde wird
+plötzlich „der Orkan“ so stark, daß der hohle Stamm, in dem Strix sitzt,
+den Boden in die Höhe kehrt. Sie wird kopfüber in ein Bauer geschüttet.
+
+Das Bauer ist alt und mürbe. Es hat ein paar Jahre lang einen kleinen
+Krüppel von Hütten-Eule beherbergt, aber die machte keine Faxen. Die
+hat da gesessen von dem Tage an, da sie als junger Vogel von einem
+kleinen stinkenden Menschen im Walde geraubt und von seinen großen,
+rotgefrorenen Händen dahineingesetzt wurde. Der Förster hatte sie
+allmählich so weit gezähmt, daß sie von selbst herausflog und sich auf
+den Deckel des Eulenkorbes setzte.
+
+Es riecht noch nach ihr im Bauer und da liegen eine Menge Federn und
+Überreste von Geschmeiß. Da liegt auch eine halb gekröpfte magere Taube
+-- dem kleinen Krüppel, der übrigens eben erst eingegangen ist, hat es
+offenbar an Appetit gefehlt.
+
+Es ist eine gefährliche Taube! Wäre Strix nicht ein wilder Vogel gewesen
+und hätte die Äsung verachtet, in die sie nicht selbst ihre Fänge
+geschlagen hat, so wäre es mit ihr aus gewesen. Die Taube ist eines
+natürlichen Todes gestorben ... an Hühnerdiphteritis. Der Förster hat
+keine Ahnung davon gehabt -- eine Hütteneule bekommt ja alles: von im
+Hause gefangenen Ratten bis zu abgebalgten Füchsen!
+
+Strix sitzt da und schlingert; ihr ist noch etwas unklar nach der
+Betäubung. Sie starrt durch das halbverrostete Drahtgewebe und sieht vor
+sich, auf der Tür ausgespannt, gleichsam einen Schatten von sich selbst:
+einen großen, braunfederigen Riesenuhu mit einer Schnabelspalte, die bis
+weit unter die Ohren reicht. Er hat nur einen Fang.
+
+Strix meint, sie müsse den Fang kennen!
+
+Dann kühlt die Luft um sie her allmählich ab; lange schwarze Schatten
+schleichen sich über den Hof hin -- -- der Tag geht zur Rüste.
+
+Gleich einem großen Vogelzug mit Wildrosenschimmer über den flimmernden
+Flügeln sieht sie die Wolken dem fernen, roten Abendland entgegeneilen.
+
+Und der Wind folgt hinterdrein, so schnell er nur kann ... es wird
+geräuschleer, fast waldeinsam um sie her.
+
+Bald jagt die erste kleine behende Fledermaus an ihrem Bauer vorbei.
+Es folgen mehrere -- und dann auf einmal wimmelt es von Fledermäusen.
+In unbeständigem Zickzackfluge huschen sie über den Hof, aus und ein,
+wenden in rechten Winkeln oder schaukeln in langen anmutigen Zirkelbogen
+herum, um dann wieder wegzuflimmern und zu Punkten in der Luft zu
+werden.
+
+Große, schwerbelastete Nachtschwärmer mit dem fetten, plumpen
+Hinterkörper, der unter ihren hastig schwirrenden Flügeln herabbaumelt,
+schrauben sich mühsam vor ihr in die Luft empor, während ungeschlachte,
+brummende Maikäfer mit einer Geschwindigkeit, die sie veranlaßt, lange
+Striche die Kreuz und die Quer durch die Luft zu ziehen, klatsch,
+klatsch gegen das Bauer schlagen und krabbelnd herunterfallen.
+
+Die Finsternis verdichtet sich um Strix ... in dem tiefen Blau oben über
+den Baumwipfeln funkelt der Abendstern, gelb und groß, als einziges,
+schimmerndes Loch in der Himmelskuppel ...
+
+Die treuen Tiere der Nacht sind alle ausgegangen!
+
+Sie ist nun wieder ganz zu Kräften gelangt und rumort in ihrem Gefängnis
+herum, während sie mit Schnabel und Fängen an dem Drahtgewebe zerrt. Sie
+zieht es auseinander, sie holt es zu sich heran, sie rüttelt und reißt
+-- und das Drahtgewebe zerspringt.
+
+Es hat Jahre lang gehalten; jetzt kann es keine Stunde mehr halten!
+
+Sie bekommt den Kopf heraus und den halben Körper, aber die beiden
+großen Flügel bleiben hängen. Sie muß wieder zurück, wieder hinein und
+weiter an den zähen Strängen zerren; ihre Zunge blutet, ihr Schnabel
+schmerzt -- aber endlich gelingt es ihr doch das ganze Drahtgewebe
+aufzureißen.
+
+Als sie sich auf der Schwelle zur Freiheit befindet, fährt plötzlich ein
+kleines, schiefbeiniges, rotbraunes Ding kläffend auf sie ein. Es ist
+der Nachtwächter und Gefängniswärter hier auf dem Forsthofe, der alle
+die verschlossenen Türen und Luken unter seiner Aufsicht hat. Das
+fürchterliche Rumoren dort im Eulenbauer hat ihn schon lange darauf
+aufmerksam gemacht, daß da etwas los ist; nun will er aber die neue Eule
+lehren, daß er sich dergleichen gründlich verbitten muß.
+
+Der wachsame kleine Gefängniswärter hat indessen kein Glück. Strix
+schlägt die Fänge in seinen Rücken ... er fängt an, gottsjämmerlich zu
+heulen und stürzt schreckerfüllt ins Haus hinein.
+
+Es ist sonderbar ... aber das Geheul erinnert sie auf einmal wieder an
+Uf!
+
+Im selben Augenblick schreitet ein kleiner schwarz- und weißgefleckter
+Kater mit steifem Schwanz und eifrig windenden Nüstern auf den Hofplatz.
+Er gehört eigentlich zu einem Forsthaus weit drüben auf der andern Seite
+der Förde, aber der Frühling zerrt auch in ihm! Des Fressens halber
+kommt er nicht, doch ... wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt er
+gern einen Bissen mit. Jetzt wittert er plötzlich Vögel und sieht eine
+Chance ...
+
+Er verrechnet sich, armer Kerl -- und es geht ihm schlimmer als dem
+kleinen, schiefbeinigen Gefängniswärter. Strix, die nun glücklich dem
+Bauer entronnen ist, nimmt ihn als ihre rechtmäßige Gefangenenkost und
+hält eine wohlverdiente Mahlzeit an ihm.
+
+Noch in derselben Nacht findet sie sich über die Förde zurück und in
+ihre Einöde in dem trauten Hochwald. Sie versteckt sich in ihrem hohlen
+Baumstamm ... da sitzt sie und denkt das _ihre_ über das Dasein.
+
+
+Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und
+mit Macht begegnet!
+
+Was sollte sie wohl fürchten?
+
+Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge, und sie
+hatte ihre großen, starken Flügel; sie besaß Selbstvertrauen und
+Zutrauen zu ihren Fähigkeiten und Kräften -- was sollte sie wohl
+fürchten!
+
+Aber ihr häufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung,
+die sie daraus schöpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermögen
+einen Stoß versetzt; hier hatte sie ja einmal über das andere ihren
+Meister gefunden --; einen Gegner, den sie nicht hatte in die Flucht
+schlagen können!
+
+Daß der Mensch gefährlich war -- das begriff sie jetzt.
+
+Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am Abend
+bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und sich
+anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und Äxteschlagen hören.
+
+Ihr großes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt hatte,
+war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz weit draußen, wo einst ihr
+Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus neben dem andern, Gitter und
+Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und Zäunen; Motorräder surrten
+umher, Telephondrähte durchwebten die Luft, lange Schornsteine spien die
+Eingeweide der Erde aus, und heulende Eisenbahnzüge fauchten überall.
+Die Menschen breiteten sich aus wie die Wanderratten in gewissen Jahren
+auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix wollte es scheinen, als müßten sie
+vorwärts über ihre Leichen!
+
+-- -- --
+
+Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht.
+
+Es ist Jagd im Tierwald, dem letzten der einstmals so ausgedehnten
+Hochwälder am innersten Ende der Förde, dort, wo Strix ihre
+jubelerfüllten Tage gelebt hat -- und die Hunde hetzen einen Hasen. Sie
+wird von dem Gekläff geweckt, und als sie den Hasen vorüberschlüpfen
+sieht, kann sie nicht widerstehen; sie muß der Bande folgen.
+
+Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der
+sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet -- nun holen die
+meutestarken Teufel ihn!
+
+Ihr gehören alle Hasen, das ist doch ganz selbstverständlich; so lange
+sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehört!
+
+Strix setzt von ihrem Zweig aus den Spürhunden nach ...
+
+Sie streicht lautlos über ihnen und wirft sich mit einem Brausen dicht
+vor der Nase des ersten nieder. Im Vorüberflug gibt sie ihm einen Fang,
+der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund stößt ein
+durchdringendes Geheul aus ...
+
+Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen.
+
+Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei große Spürhunde nahen.
+Mit dem dicken Ende des Flügelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen
+Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fängen das Ohr des andern.
+
+Nach einer Weile erscheint einer von den Jägern.
+
+Er ist wie gelähmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen
+großen Vogel sitzen sieht -- und er bleibt schleunigst stehen und macht
+sich schußbereit.
+
+Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix ... na, versuch’ es nur mal!
+
+Da entsendet der Jäger ein Brüllen in den Wald hinaus, sein Atem geht
+von ihm aus wie ein heißer Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fängen
+zerrt er an ihrer Haut.
+
+Das war unergründlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie!
+
+Aber nun hatte Strix genug -- seit dieser Zeit hielt sie sich den
+Menschen fern.
+
+
+Der große Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden.
+
+Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Füchse und
+Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen
+Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden
+unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der
+stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten.
+Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krähe und Elster; die wuchsen förmlich aus
+dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix
+Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles
+das, was aufräumte und licht machte, war ihr ein Greuel; es tötete die
+Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie denken konnte,
+ununterbrochen in die Flucht getrieben.
+
+Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie nun
+weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie schließlich
+wegfliegen muß -- hinweg über die Menschennester, hinweg über das
+Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren,
+ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen und
+Heidemooren liegt.
+
+In einer wilden Hügelschlucht -- _Teufelshöhle_ genannt -- vor einem
+öden, düstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer
+alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes
+Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt.
+
+Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff -- und Axthiebe und
+Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur
+niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die
+selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit,
+herumhuschen.
+
+Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage -- und des Nachts
+geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar machen. Dann
+heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann
+ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den bekannten Wiesen und
+Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in aller Ruh rings umher
+auf dem Waldboden unternehmen.
+
+Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem
+Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder ...
+
+Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst
+nachgeflogen -- über alle Berge!
+
+
+
+
+6. Winterleben im entlegenen Walde
+
+
+Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem
+Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die
+bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln
+der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind
+hellwach!
+
+Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem,
+regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und
+drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte
+des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt
+ist der Frost gekommen!
+
+Überall liegt Schnee.
+
+In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln,
+wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und
+Geißblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen --
+schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees.
+Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!
+
+Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der
+weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont
+brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...
+
+Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres
+hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind
+und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat
+zurückziehen müssen -- ist schon auf Jagd aus.
+
+Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen
+Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt
+über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer
+zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben
+sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden
+-- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.
+
+Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich
+schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den
+Raub, dessen sie bedürfen.
+
+Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen:
+er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen großen Zug Eichhörnchen
+gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die
+behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag
+belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix
+pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der
+Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung
+stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere
+schon an, auf die Neige zu gehen.
+
+Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters
+macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in
+den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht
+weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein
+Eichhörnchen zu überraschen.
+
+Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer
+kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten
+Tannenzapfen.
+
+Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät
+einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat
+Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem
+kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!
+
+Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch --
+steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die
+tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf
+den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des
+Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich
+mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es
+dahin über den Schnee ...
+
+Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und
+Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er
+gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald
+schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden
+Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe,
+ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.
+
+Das Eichhörnchen saust in die Höhe -- und Taa ihr nach; und dann geht
+es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen
+Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt
+den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten
+Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten
+Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.
+
+Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ...
+unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden
+fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und
+rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen
+und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel,
+aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.
+
+Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat
+herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze
+angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen
+Flocken begraben.
+
+Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen,
+streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in
+sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag.
+Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt
+-- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.
+
+
+In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit
+blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.
+
+Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und
+hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!
+
+Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die
+Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die
+Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer
+an ihrem Innern.
+
+Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder
+Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten
+Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam
+und rachedürstig.
+
+Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...
+
+Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft
+fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem
+Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis
+ankämpfen.
+
+Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich
+nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die
+ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das
+sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand
+angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.
+
+Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und
+verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub
+auszugehen.
+
+Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen
+Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne
+Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen
+Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine
+Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit
+erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man
+verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.
+
+Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben
+Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase -- und
+plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus
+dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die
+Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als
+schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen
+Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als
+er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht
+zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen
+Rücken.
+
+Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von
+einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein
+heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark
+und Bein geht.
+
+Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder
+Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die
+Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich
+mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im
+Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu
+nehmen und dem Wild zu folgen.
+
+Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder
+Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie
+ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!
+
+Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes
+aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet
+die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!
+
+Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er
+eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war
+der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte
+sie angeführt.
+
+Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner
+Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote
+Waldkatze ihr gehört ...
+
+Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee
+zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich -- der Marder wird in der
+letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt
+er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und
+nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.
+
+Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis
+auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich,
+aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in
+Sicherheit.
+
+Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie
+auf einen Zweig hinauf und kröpft ...
+
+Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine
+Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so
+angenehm!
+
+Aber _ein_ Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix.
+Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen
+-- und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe
+des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald.
+Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie
+versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort
+verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört,
+sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.
+
+Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit
+wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten
+Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird
+sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden.
+Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter
+Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich
+sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhörnchen
+schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.
+
+Das Eichhörnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten
+grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge
+in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.
+
+In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel,
+saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.
+
+Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her,
+sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit
+schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen
+Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des
+Eichhörnchens.
+
+Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...
+
+Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren
+Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist
+dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die
+zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.
+
+Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter
+Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat -- er
+weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.
+
+Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...
+
+Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten.
+Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit draußen am
+Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich
+gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen
+herab ...
+
+Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht
+auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.
+
+-- -- --
+
+Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen
+Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.
+
+Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie
+hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den
+Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht
+gehabt!
+
+Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich
+ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...
+
+Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,
+_morgenverdrießliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen
+umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein
+gellendes Gelächter aus.
+
+Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...
+
+Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich’s versieht. Sie erhaschen
+einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie
+zwischen den Bäumen aus und ein fliegt -- und nun stürzen sie sich über
+sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben
+etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein
+Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher
+Gewalttat her!
+
+Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie
+Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen
+stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und
+aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im
+Herbst durch den Wald ...
+
+Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit
+Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht,
+sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre
+gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor
+so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig
+hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet,
+ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu
+dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den
+Gesellen mit ihren Fängen erhascht.
+
+Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen -- und jetzt sind da
+Hunderte und aber Hunderte!
+
+Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst
+geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und
+verschnauft. Auch Strix’ Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als
+um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald
+ist in Aufruhr ...
+
+Da ist das Glück ihr hold.
+
+Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter
+einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es
+scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in
+einen tiefen Spalt hinab ...
+
+Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich
+wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren.
+Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das
+Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein
+gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und
+flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht
+gewesen, die tief wie ein Abgrund war.
+
+Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten
+und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich
+gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs
+ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.
+
+-- -- --
+
+Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam
+zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.
+
+Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!
+
+-- -- --
+
+Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist
+hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über
+der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen
+klirren.
+
+In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die
+höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht
+zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von
+acht bis zwanzig heranziehen ...
+
+Sie versammeln sich heute abend früh -- und wie sie sich in
+schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten,
+dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von
+Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.
+
+Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie
+will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des
+Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber
+heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch
+ist nur halb gestillt.
+
+Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel -- und es liegt etwas
+bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer
+kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen
+anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und
+vermehrt seine Stärke.
+
+Und dann schwindet das Licht -- --
+
+Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den
+emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in
+die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den
+Körper unter den warmen Kissen zu bergen. -- -- --
+
+Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.
+
+Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.
+
+Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel
+verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung
+ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der
+lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen,
+wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten
+Schwungfedern dröhnte.
+
+Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die
+zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie
+es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre
+Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.
+
+-- -- --
+
+Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.
+
+Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das
+regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik.
+
+Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt
+hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend,
+zurückgelegt.
+
+Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde
+schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen
+hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann
+schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit
+zu Zeit und windet lange.
+
+Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein,
+aber es eilt ja auch nicht!
+
+Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so
+ungewöhnlich gut zum Lauern eignet.
+
+Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so daß
+er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen ...
+ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.
+
+Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo
+hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so
+zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch
+von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in
+dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den
+Krähen und Holztauben den nötigen Einflug.
+
+In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der
+alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat
+unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um
+einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden
+Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht
+gestellt haben.
+
+Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher
+sind nur knapp bemessen gewesen; bei _einer_ Gelegenheit ist er sogar
+hindurch geplumpst -- bis hinab auf den Erdboden.
+
+Er ist halbwegs müde und schlapp ...
+
+Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter
+wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche
+Knorren hat ja jeder zweite alte Baum, und die greisenhafte Tanne hier
+ist voll davon. Zum Überfluß kommt der Wind gerade von der verkehrten
+Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen
+Schornstein.
+
+Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig
+und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam
+Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den
+Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen
+schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene,
+das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben
+Unachtsamkeit bewußt wird.
+
+Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und
+frechen Räuber -- und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge in
+seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock
+ihrer Schneiden fangen -- dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem
+Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und sie unbändig
+macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn! gelüstet es
+sie nicht.
+
+Und Taa seinerseits wird sich schon hüten!
+
+Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen Gegner
+sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein Laut
+dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die
+Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze.
+
+Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die Höhe
+schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel zwischen
+ihnen wie im Grabe.
+
+Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmel speit Schnee,
+und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen
+die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.
+
+Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen
+Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die
+Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze
+Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den Zweigen.
+
+Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht!
+
+Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der Ärmste
+erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt.
+
+Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das
+Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz.
+
+Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich
+großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die
+Luft hinaus.
+
+Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das Grauen
+und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvögel,
+über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier saßen wir
+so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da -- --
+
+Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch
+einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt
+eine neue und noch eine -- gar viele schlägt sie nieder in der Schlacht.
+
+Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf ...
+
+Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten!
+
+
+
+
+7. Der neue Wald rückt vor
+
+
+Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.
+
+Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister
+und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der
+Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend,
+um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf
+fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter
+dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit
+einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen
+oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war
+hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt,
+der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des
+Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier
+unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da,
+zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im
+Winter war fast jede Niederung überschwemmt.
+
+Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar
+gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der
+Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.
+
+Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit
+weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und
+Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote
+im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und
+glitzerte in Wellen und Kräuselungen.
+
+Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im
+Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme
+häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der
+Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer;
+stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen
+Abgrund -- so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel,
+in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.
+
+In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der
+Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen
+Wesen auf Zehen, zumute war, als _schwebe_ er, und wo er deswegen oft
+schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen
+sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald
+versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.
+
+Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege --
+aus und ein -- zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben
+Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu
+überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten,
+daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern
+gegangen, wie es zu gehen pflegte -- im Sommer Überfluß: Birkhähne,
+Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhörnchen
+und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.
+
+Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt.
+
+Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn
+schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten
+Erinnerungen in ihrem Innern auf.
+
+Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen
+von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten
+sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.
+
+Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur
+diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu
+fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der
+Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier;
+er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich
+finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten
+mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen
+Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan
+hatte.
+
+Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln
+durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie
+hauen, sie fällen ...
+
+Wer?
+
+„Die Zweibeine“, „die Gesichter“, „die großen Zerstörer“ oder welche
+Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen,
+die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. -- -- --
+
+Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises
+gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der
+Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches
+Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die
+Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und
+so stehen ...
+
+Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit
+Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und
+da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen,
+und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des
+großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.
+
+Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen
+werden, _geschossen_, und es sollte gefällt werden, _gefällt_ ... ein
+ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete
+der neue „Meister“.
+
+Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie
+hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern
+Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue
+Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und
+überlebt war, mußte sich beugen -- und mit den Tagen, die gingen, und
+dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.
+
+Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am
+Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und
+geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so
+wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.
+
+Eines Tages kommt ein Fuß um die alte hohle Buche herum. --
+
+Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß -- --
+
+Und Strix sträubt die Hörner.
+
+Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war sie
+gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis vor
+wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die eigene
+Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein
+brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem Moor in
+die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren
+Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden
+-- --
+
+Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger
+Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der _Mensch_!
+
+Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt
+am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor,
+auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.
+
+Herr du meines Lebens! -- entfährt es seinem Munde, und er reißt ein
+gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!
+
+Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen
+wiederholt sich.
+
+Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stören,
+ihr Mißtrauen ist erwacht -- wie ungern sie es auch tut, sie muß aus
+ihrer alten Wohnung ausziehen.
+
+Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes,
+lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem
+alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt
+und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel
+erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen -- da erst streicht
+sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber
+schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz
+regelrecht auch Tannen!
+
+Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche,
+der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein
+enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch
+faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch
+unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist
+der Spalt doch!
+
+Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die
+Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen
+andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre
+Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine
+fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß
+aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm
+roch es den ganzen Sommer.
+
+Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen
+kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als
+daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster
+machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.
+
+Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken
+und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde
+der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von
+denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den
+sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den
+allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie
+draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den
+kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und
+ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte -- und diese
+Laubhütte benutzte Strix oft und lange.
+
+Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und
+Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren
+Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten,
+zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen
+Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die
+Lumpen des Waldes -- die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln
+-- die wachsamen Schutzleute des Waldes -- da wußte sie, daß die
+Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen
+kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und
+flog hinauf durch das Laubdach, flog davon -- um sich wieder tief in
+ihrem Spalt zu verstecken.
+
+Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen
+die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch
+die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht,
+auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu
+sagen!
+
+In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer -- schwül und zum
+Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im
+Schnabelbart -- in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch
+und kühl gewesen!
+
+Der Sommer verging --
+
+Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu
+finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen
+sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz
+umgewandelt.
+
+Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern hinzogen,
+wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen
+breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und Heideebenen
+und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien
+Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne Miniaturwälder auf.
+Selbst Strix’ kleiner Waldsee zwischen den Hügeln war verschwunden.
+Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün und herrliche
+Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit
+lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen Zügen nur noch ein leeres
+Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der
+Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der
+Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der
+Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte -- dort rumorte
+jetzt der Menschengeist.
+
+Es wurde Winter -- und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter ihr
+einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ...
+
+-- -- --
+
+Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig, wie
+er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des
+großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des
+Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle
+und tiefe Kastanienbraun.
+
+Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch
+die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und
+seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte
+er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen
+konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem,
+was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen vermochte.
+
+Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein
+Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote, Springen im Lauf und
+einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün
+und unerfahren ...
+
+Er ließ sich indessen gut an!
+
+An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater -- und
+so jung er war, ließ _er_ sich kein Eichhörnchen nehmen, das er mühsam
+gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür eingesetzt zu
+haben.
+
+Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das
+konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit
+Weissagungen abgegeben.
+
+Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das war
+so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem großen
+Taa gegenüber.
+
+Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich
+von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu teilen.
+
+So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen,
+daß er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen
+kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen.
+
+Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden
+war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für
+einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine
+Klette an seinen Sohn und wich nie -- auch nicht am Tage -- von seiner
+Seite.
+
+Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide
+am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für
+Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu
+spüren war, fand er sich darein.
+
+Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim.
+Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich
+in ihrer luftigen Stube zu putzen.
+
+Strix sitzt in der ihren über ihnen.
+
+An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind
+überall auf den Beinen.
+
+Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden
+den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da
+zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins
+an. Das „Schwein“ wird gebraten -- und es schwält häßlich durch den
+ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und Klein-Taa niest,
+und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß es ihm gilt.
+
+Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die Jäger
+schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht.
+
+Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?
+
+Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um
+ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit
+Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile
+übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald
+breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen
+Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie
+von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?
+
+Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen.
+Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große
+Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes
+gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder
+sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten
+Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde
+es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen.
+
+Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!
+
+In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich
+zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach
+Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht
+viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.
+
+Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.
+
+Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere
+Gegend suchen!
+
+-- -- --
+
+Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von
+Jahren wieder lebendig in Strix -- in einer schönen Nacht überkommen sie
+sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.
+
+Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es
+ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge
+befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf
+eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht
+still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen
+zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst
+und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so
+steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht
+grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den
+Waldeswipfeln auf und verschwindet.
+
+Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von
+den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach
+denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den
+ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe,
+dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.
+
+Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als
+wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie -- die letzte -- noch
+weniger umgänglich gemacht hat.
+
+Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen
+eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo
+wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel
+erschallt, und Menschen und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen
+Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie
+muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach
+dem Licht krümmen und strecken sieht.
+
+Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und
+verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten,
+in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen.
+Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre
+Anwesenheit -- groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur!
+Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen
+großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine
+Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.
+
+Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt,
+sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren
+Sitzplatz verbreiten muß.
+
+Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen
+wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen
+Taa zu teilen.
+
+
+
+
+8. Auf der Heide
+
+
+Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen
+und schaukelt über der Erde draußen am östlichen Horizont.
+
+Strix ist geflogen und geflogen --
+
+Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen und
+zahllose Anläufe zu Wipfeln -- ein mächtiger Hochwald mit einer Wölbung
+neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor.
+
+Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und
+Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist.
+
+Bald löst die ferne Fata morgana sich auf -- und das ungeheure,
+schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.
+
+Noch ein Kilometer -- und als die Sonne aufsteigt, wird das
+Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem
+Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die
+unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten
+hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter
+Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige
+recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der
+moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit
+seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das
+alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend -- und sie
+fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar
+hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf
+den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.
+
+Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem
+mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild
+vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit
+und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der
+Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur
+breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den
+vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!
+
+Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit
+den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf
+zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch
+bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten
+Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel
+thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über
+ihr neues Heim.
+
+Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.
+
+Es ist ein kleines Birkkücken ...
+
+Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam
+und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.
+
+Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise -- und
+schlägt deswegen auf das Kücken nieder.
+
+Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam lebendig;
+es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will
+natürlich alles fangen, was kriecht -- und sie greift wild und gierig
+nach alten Seiten um sich.
+
+Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe --
+da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.
+
+-- -- --
+
+Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht
+wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen
+Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange
+der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um
+ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!
+
+Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet
+das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten
+Willkomm.
+
+Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.
+
+Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren
+unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln
+zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht.
+
+Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist, als
+erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er
+sich in aller Eile fertig macht.
+
+Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus
+Neugier dahin -- und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch
+herauskrabbeln.
+
+Hu -- Hu -- Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und
+honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg.
+
+Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der
+Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja
+nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und
+scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und
+reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder.
+
+Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd.
+Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das, was _er_ unter
+einem Gespenst versteht.
+
+Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe
+leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt
+ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben
+einen eigenen melancholischen Ausdruck.
+
+Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten -- von der Art,
+die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen.
+
+Der Fuchs ist abgelebt -- das ist die Sache! Die Eckzähne im Unterkiefer
+sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine Krallen sind
+eckig und stumpf -- er kann nicht mehr fangen.
+
+So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. „Das Gespenst“ ist
+standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch
+Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen, perlenden
+Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache
+entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da!
+
+Und dann geht Reinecke durch die Hintertür.
+
+-- -- --
+
+Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie
+sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt
+gegen das blendende Tageslicht.
+
+Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat,
+wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es
+sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt ihm
+einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem Gedächtnis
+für eine Woche auf.
+
+Auf der Heide findet Strix Ruhe -- der Kampf um ihre Ernährung fordert
+alle ihre Kräfte.
+
+Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im
+August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr
+Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt
+sie mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu
+nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der
+Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der
+Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen
+nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich
+schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen,
+einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise.
+
+Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre Gewänder --:
+Frauenhemden und Strümpfe, Socken und Männerhemden, die zum Trocknen
+hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf.
+
+Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult es
+in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen
+fett gemachten Ratten kröpft.
+
+Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht
+Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und
+im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank
+ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen kann.
+
+Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide ...
+
+Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch
+den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter sich
+einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene
+Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in die Tiefe hinab,
+kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so daß der Bach
+schäumt.
+
+Es sind zwei Ottern im Kampf.
+
+Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort weiter ...
+
+Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und _dem_ gilt der Kampf.
+
+Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch.
+Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern
+an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre fauchenden
+Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.
+
+Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!
+
+Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie
+springen hoch in die Luft empor, ihr nach.
+
+-- -- --
+
+Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem
+Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, in dem sich der Fuchsbau
+befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten
+Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf. Aber die Knirpse
+sind trotzig -- sie krümmen sich zu einer dichten und umfangreichen
+Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den
+Zweigen wachsen Blätter -- und dieser Sonnenschirm benimmt dem
+Heidekraut den Mut.
+
+Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und
+durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut damit
+begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden.
+
+Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast
+Manneshöhe erreichen.
+
+Diese Bäume nennen die Heidebauern „Wald!“
+
+Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden
+sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne
+zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und
+Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling
+kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine,
+verkrüppelte Eicheln.
+
+Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp -- ein
+Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers
+und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines
+vornehmen Europäers.
+
+In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!
+
+
+Es ist ein holdseliger Morgen!
+
+Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp zwischen
+blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine
+Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.
+
+Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen
+einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der
+Eichenschößlinge versteckt.
+
+Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...
+
+Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus
+den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und
+selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem
+einen Auge nach der Richtung hin -- ja, da gewahrt sie den Ton! Eine
+Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade
+über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört
+ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei
+Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und
+spinnt sich vorwärts.
+
+Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen
+graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem
+Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen
+Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein
+Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen
+Küchlein.
+
+Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab,
+es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und
+zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den
+Haufen der weißen Ameisen auf ...
+
+Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer
+brauner Pilz auf.
+
+Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe,
+die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das
+Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus --
+und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.
+
+Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in
+den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt --: ehe sie sich
+freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet!
+
+Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo
+Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort
+vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt -- und mit
+einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.
+
+Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, -- und
+im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren
+schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.
+
+Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!
+
+Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und
+pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.
+
+Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über
+die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft
+in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen
+zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich
+gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei
+war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und
+das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und kratzte sie mit
+seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge
+spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch.
+
+Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden;
+das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es
+und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem
+Heidekraut -- und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier
+hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.
+
+Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den
+Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des
+einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne
+gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so
+schlank im Leibe -- sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben!
+
+Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den
+Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte
+sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem
+rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich
+in ihrer Jagd gestört wurde.
+
+Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen
+Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist
+stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks
+hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat,
+rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten,
+eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der
+bebenden Körperringe erhoben.
+
+Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen
+blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die
+Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der
+unsanften Behandlung in Strix’ Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz,
+der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt
+ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.
+
+Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein
+kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange,
+dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung
+getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten
+Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum
+herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus
+den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf.
+Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix,
+sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes
+umgekehrtes Fragezeichen.
+
+Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie
+ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen
+Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.
+
+Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten,
+nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis
+auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen
+das Gift strömen.
+
+Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern,
+die die Schlange füllt -- und sie schüttelt sie schnell ab.
+
+Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf -- und diesmal bis zu zwei
+Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch,
+wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht
+vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden.
+Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix’ Kopf
+gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen
+Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen,
+tiefgespaltenen Zunge entsendet.
+
+Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher
+beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und
+sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt
+sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und
+Ausfall.
+
+Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen
+gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht
+auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat
+decken können -- und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die
+feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon
+einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie --
+zum Glück für Strix -- den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.
+
+Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz -- und bis zur
+Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die
+Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift
+sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken -- und sie breitet
+die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem
+langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter
+ihr drein ...
+
+Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt
+ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß
+der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen
+Körper in die Höhe -- und nun schlingt sie sich um den Leib ihres
+fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte -- und schwer ist sie!
+Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja
+früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht
+gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit
+Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können;
+mit der Schlange wird sie schon fertig werden -- wenigstens vorläufig
+noch!
+
+Es ist Strix’ Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt;
+von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die
+Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht
+bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel
+nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf
+plötzlich herabfallen zu lassen -- so kennt auch Strix _ihr_ Gesetz
+der Schwerkraft.
+
+Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen!
+Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten,
+geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und
+mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.
+
+Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie
+beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die
+Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald
+mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu
+befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen
+Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der
+Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben
+wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen.
+
+Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen,
+kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu
+winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.
+
+Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß
+es durch Strix’ Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin,
+wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der
+Erde gefangenen Gondel kämpft.
+
+Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken!
+
+Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen.
+Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken
+in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das
+angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange
+gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.
+
+Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie
+umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die
+Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch
+unter ihrer Umklammerung aufschwillt.
+
+Da läßt die Kreuzotter los.
+
+Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um
+Strix’ Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die
+eine von Strix’ Tragflächen immer kleiner wird -- sie hat schon lange
+mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern.
+
+Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!
+
+Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge
+werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um
+sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen
+übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.
+
+Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute,
+als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten
+lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich
+nie wieder befreien kann -- und sie windet und verrückt sie und bohrt
+in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen
+Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter.
+Es quillt heraus und siedet um sie auf.
+
+Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende
+Junge ab!
+
+Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker,
+geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der
+lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab
+-- eine langes Tauende baumelt leblos herunter.
+
+-- -- --
+
+Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
+in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und
+schlief damit.
+
+Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!
+
+
+ _Die Heide blüht!_
+
+Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf
+einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen -- und so gewaltsam
+ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln
+und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die
+Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein
+Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp
+seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den
+Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem
+Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine
+Insektenfresser -- und jede Pflanze klemmt eine schwarze,
+zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.
+
+Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie
+hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen.
+
+Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die
+Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr
+den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich
+reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.
+
+Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller
+Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr
+Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde geschlagen und gleich bis
+auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem
+Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft -- und ohne
+weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug
+ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und
+sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf
+ihren Flügeln in die Luft empor.
+
+Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren
+Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.
+
+Plötzlich aber war er -- stöhnend, hustend und röchelnd -- vor ihre
+Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl
+gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.
+
+Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie
+versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. --
+
+Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen -- und
+kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte.
+
+Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und
+sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und
+Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste
+störten sie im Schlafe -- so war sie denn ausgezogen.
+
+Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht
+imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft
+mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel,
+die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und
+schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.
+
+Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum
+Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das
+Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine
+lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln.
+Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker,
+übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem
+Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.
+
+Wohin geht ihr Flug? -- Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb
+färbende Wälder.
+
+Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören,
+schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.
+
+Der Herbst ist im Anmarsch.
+
+Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen
+Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von
+Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und
+ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und
+die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und
+heimgetragen -- hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach
+einer Ähre suchen, lange Wege laufen -- und findet man sie, so ist man
+glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst
+gekeimt hat.
+
+Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher
+gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.
+
+Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gänge
+und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren
+Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht
+es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus
+herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig
+nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu
+müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden -- dann kommt der
+Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie
+selbst darunter geraten.
+
+Und nun beginnt die Not -- und damit die große, alljährliche
+Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht
+ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber.
+Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das
+kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren
+kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und
+wandern ...
+
+In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp „Eulenbrot“.
+
+Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen.
+Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und
+setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt
+die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie,
+wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat -- und nun kann sie nur zulangen
+und in sich hineinstopfen.
+
+-- -- --
+
+Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer gehen nieder
+-- der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die
+Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer
+aus Zweigen um sie her.
+
+Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor
+und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden
+Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit
+ihrer Streu und ihrem Dünger.
+
+Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch -- recht lange, das
+fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden
+Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt,
+steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.
+
+Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem
+Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die
+Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer
+des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das
+Plätschern nur weich und sanft empfindet.
+
+Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen
+zu spuken.
+
+Ho--o, heult sie, ho--o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch
+geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie:
+Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das
+Unterhaltendste, was sie sich denken kann!
+
+Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem
+Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefühl,
+welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein
+Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer
+weiter, weiter -- in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim
+und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde.
+
+Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem
+Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter
+Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich
+dreinzieht.
+
+Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft
+des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt -- es ist, als wenn ein
+verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und
+regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner
+geliebten Großstadt.
+
+
+
+
+9. Im Kampf mit einem Adler
+
+
+Es ist spät am Nachmittage.
+
+Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung quillt
+förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der
+seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu.
+
+Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer
+alten Esche ...
+
+Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und
+ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen
+Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide
+hin -- und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt,
+braust das Meer.
+
+Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein
+großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf
+hört sie und hat zuverlässige Empfindungen.
+
+Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender,
+orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf
+getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.
+
+Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der
+Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird
+stärker und stärker -- und wie es zunimmt, während der Abend zur Rüste
+geht, werden alle andern Laute gedämpft; ihre Klangfarbe wird ihnen
+genommen. Selbst die nächsten werden gleichsam von weitem weggezogen und
+klingen schließlich ganz fern. Das Bum-Bum der großen Wassermühle, das
+Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das
+sie zu hören gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwächer und
+schwächer; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen
+und Knarren der Bäume ist ohne tönenden Schallboden; jegliches Geräusch
+und Getöse wird gleichsam von Federn aufgefangen.
+
+Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor hin,
+verkittet und löscht aus -- nur die rinnenden Gewässer liegen wie vorher
+da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den stillen
+Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das
+Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich aufgewirbelt
+und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht.
+
+Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen
+können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter
+fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt
+sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so
+sehr liebt, naht.
+
+Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die
+Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur
+ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der
+Winter -- das Weißwetter -- ist gekommen! Mit einem Satz fliegt sie
+hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich
+darin wie eine Ente im Wasser!
+
+-- -- --
+
+Der Schneesturm aber nimmt zu.
+
+Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt vom
+Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der
+Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein
+Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält!
+
+In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen
+schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle
+Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen
+werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre
+gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren
+ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den
+Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen
+eigenartig brennenden Durst nach Blut.
+
+Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.
+
+Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert und
+mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus -- großartig
+phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.
+
+Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen
+Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus
+denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn
+-- ohne ihn zu sehen -- im Traume!
+
+Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt --
+und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der
+wundervolle Mitwintertraum der Erde!
+
+Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem schneebewölkten
+Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen ist, ward schon
+längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und beißender Atem
+weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon stundenlang auf
+ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten Hauch bis auf ihren
+Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da.
+
+Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der
+Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie
+es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das
+Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund
+gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem
+Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein
+Moorschwein niederzuschlagen -- jedoch alles ist vergeblich gewesen.
+
+Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind gleich
+leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers.
+
+Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt sie
+blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!
+
+-- -- --
+
+Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt,
+sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler.
+
+Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine Landschaft
+nach der andern unter sich wechseln sehen; zuerst vom Meer zu Land,
+dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag --
+Städte der Menschen -- zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren
+schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen
+aufragte.
+
+Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze,
+schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter
+Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ...
+dort lag ja Wald, sein lieber Wald!
+
+Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln
+hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich
+tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt.
+
+Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete sich
+zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus,
+sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken
+von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd -- die lag da
+wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf dem Schnee.
+
+Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig einen
+Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen und
+legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu sitzen!
+
+Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte.
+Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu dem
+Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den
+Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie ein
+Pferd nach langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die
+Federn und gähnte müde.
+
+Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig
+zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen
+Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden --
+jetzt endlich _saß_ er -- jetzt endlich saß er gut!
+
+Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien
+diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu fürchten
+brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte und
+Schüsse.
+
+Der reisemüde Adler schläft und schläft ...
+
+Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und
+fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald -- ein
+wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam
+verstärkt wird.
+
+Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen
+Geschnarch geweckt werden, das zu _einem_ langen, bullernden Schnarchen
+anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann
+hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt
+-- und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen.
+
+Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen -- jedes
+dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die
+nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in
+Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener
+Klecks auf allen Knorren und Narben.
+
+Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem Orkan
+steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen
+das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und
+bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.
+
+Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe,
+während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen
+Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er
+da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen
+um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils
+um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten,
+halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald
+oben in den Baumkronen.
+
+Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast
+heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende
+Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß.
+Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein
+Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm
+um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß.
+
+Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die
+Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in
+dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind
+schon _ein_ blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt
+sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der
+Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel
+-- und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem
+Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.
+
+Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine
+sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer
+Flügelarme und Schlagfedern bedienen.
+
+Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe,
+wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann
+mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht
+plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix
+sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen
+und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.
+
+Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen Vögel,
+er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden Körpern
+seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie
+kämpfen -- und begräbt sie.
+
+Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar
+Schlagfedern ist sichtbar.
+
+Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem
+Untertauchen wieder auf: _ein_ Vogel scheinbar, mit _einem_ Kopf und
+_einem_ Hals, aber mit vier Flügeln.
+
+Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und
+ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben,
+Brust gegen Brust.
+
+Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt
+nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat -- --
+
+Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm
+schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch gleich
+ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen
+haben -- und er langt mit seinem mächtigen Raubvogelfuß -- er hat die
+Spannweite einer ausgewachsenen Männerhand -- nach dem Eulenleib hinauf.
+Aber die Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt
+ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen.
+
+Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die
+beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und
+das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man.
+
+Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen,
+spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu
+bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt.
+
+Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine
+Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden
+Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den
+Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge
+feiern aufs neue einen Triumpf -- ohne jegliche Kraftanstrengung, als
+glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf
+des Gegners.
+
+Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß nicht
+mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine Fänge,
+seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf
+zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre
+wohlverdiente Mahlzeit.
+
+-- -- --
+
+„Ein herrlicher Auerhahn“, fand Strix. Aber es war ja auch lange her,
+seit sie Auerhahn bekommen hatte.
+
+Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!
+
+Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem Geschmack.
+Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten
+die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen.
+
+Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde.
+
+Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an
+schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller
+Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz
+stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte
+schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit
+gegen die moderne Zivilisation.
+
+Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten
+sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus
+wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs
+nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus,
+frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große
+scharlachrote Mohnblüte. Dann kam „die Pflanze“ allmählich häufiger
+vor, sie füllte Flecken und ganze Strecken -- und ihr folgten Pflug
+und Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und
+Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten.
+
+Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von dem
+Gipfel seiner Waldhügel über lauter Moore und Heidehöhen, über niedriges
+Gesträuch und Sümpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und Eintönige
+allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel verschwanden, die
+schwarzen Heidehügel schrumpften ein -- und Strix sah lange, weiße
+Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die Kreuz
+und die Quer durch die Landschaft ziehen.
+
+Wie einstmals im dichten Wald ertönte jetzt auch hier der Ruf: hört, sie
+pflügen, sie graben, sie schaufeln, sie entwässern -- der Wasserspiegel
+wird zu Morast, das Röhricht zu Gras, Inseln und Werder zu landfestem
+Boden, die Katze geht trocknen Fußes, wo einst der Otter schwamm ...
+
+Regenpfeifer und Brachvögel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und
+Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich
+trommelten rauschende Birkhähne es heraus.
+
+Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte -- ach, nun waren die
+Menschen dahinein gekommen!
+
+Es schritt rüstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den
+einst ein alter Fuchs, ein großer Marder oder Uhu inne hatte, um sich
+darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner.
+
+Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt,
+sich vor seinen Nachstellern in ein letztes Überbleibsel von Dickung im
+Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem großen
+Platz, wo die schönste Zierblüte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich
+entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befürwortete den Bau
+einer Lokalbahn.
+
+Da hatte aber Strix den Westerwald schon längst verlassen.
+
+
+
+
+10. Der Leuchtturmwärter
+
+
+Am Auslauf der Förde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das Meer
+schäumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bäumen.
+
+Sie waren zum größten Teil im Laufe der Zeiten von selber gekommen.
+
+Die Vögel hatten sie gesäet und die Tiere hatten sie gepflanzt ... wenn
+Fuchs und Dachs nach Mäusen stachen, wenn das umherziehende Rehwild
+nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewußt Bäume in die
+Erde gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nüsse von der
+Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das großblumige
+Geißblatt.
+
+Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen waren
+die Bäume so winzig klein, daß sie den Namen „Baum“ kaum verdienten.
+Dann stiegen sie an Höhe, je weiter landeinwärts man kam.
+
+Aber mehr als zweimal Manneshöhe erreichte kein Baum. Selbst einen
+halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer
+schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis,
+die einmal festgesetzte Höchstleistung zu überschreiten; der Sturm von
+der See her war eine Riesenschere, die beständig schnitt und schnitt ...
+
+Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen Schuppen
+senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den
+Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach über einem
+eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen -- und doch, wenn
+man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein
+Gefühl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause
+angelangt.
+
+Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald -- da kehrte der
+Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lärmte diese
+ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte und schuf die
+unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach,
+das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es
+nicht in den Schuppen hinabgelangen könne.
+
+-- -- --
+
+Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte Sonderling,
+die Eule.
+
+Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit
+blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen,
+und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine
+Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem
+Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.
+
+Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt,
+wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer,
+reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem
+lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise
+knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer
+Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar
+Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein
+Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich
+erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen.
+
+An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und
+die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen,
+wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem
+roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von
+ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen
+Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde
+auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des
+Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen
+vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes
+schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine
+fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der
+Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse
+heraushängen!
+
+Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das
+Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von
+dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen
+darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme.
+
+Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix’ eigene Art ist
+dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und
+Weihe hört sie kaum je mehr -- sie weiß nur noch von Meeresbrausen und
+Waldessausen wie von einem Wesen _ihrer_ Art. --
+
+Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche,
+menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten
+Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.
+
+
+Das Meer, das Meer ...
+
+Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte
+Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von
+einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land:
+Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr
+oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen,
+seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines
+Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim.
+Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten
+mit Einfahrten, Förden und Buchten.
+
+Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und Regen
+richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrüne
+Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde. Dann trat
+eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken, wild und
+zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und
+es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg plötzlich
+zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in
+die Tiefe versank.
+
+Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen auf
+... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann veranstalteten
+sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben
+zwischen den Steinen aus. -- -- --
+
+An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die
+Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur
+bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der
+Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des
+Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden
+groß und der Blick scharf und ätzend.
+
+Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in
+sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur,
+tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten,
+fest überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf
+einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern,
+die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie
+eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe
+ab.
+
+Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden
+Geheul --: Ho--o! Hu--u! Ha--Ha--Ha!
+
+Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.
+
+Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu bergen.
+
+Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter alles
+in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene Seevögel
+niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich mächtig;
+die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen Tribut
+zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des großen
+Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister
+Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden
+ein.
+
+Sie lebt glücklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und genießt ihre
+Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt
+ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke
+klingt um ihr dickichtumkränztes, sturmzerzaustes Haus.
+
+Und dann eines Abends, als sie ausfliegt, scheint ihr aus weiter Ferne,
+oben von dem östlichen Ende einer Anpflanzung, ein ziegelgedecktes Dach
+in die Augen.
+
+Es schießt aus einigen Tannenwipfeln auf wie ein feuerroter Fliegenpilz
+über grünem Moos ... die untergehende Sonne macht es erglühen und Funken
+sprühen.
+
+Es ist ein Menschennest, das dort aufgeschossen ist -- eine Villa!
+
+Die Bahn ist eine Tatsache geworden. Aus der großen Provinzstadt am Ende
+der Förde geht sie durch den Westerwald bis hier hinaus an die Küste.
+Die Spekulation hat auch dies Ende des Landes erfaßt; man hat ein Auge
+auf den Strandwald geworfen, auf die Abhänge, die Aussicht und den guten
+Badestrand; eine große Genossenschaft hat den ganzen „Dreck“ gekauft und
+zerstückelt ihn jetzt in lange Streifen; jeder Streif erhält sein Stück
+Wald, sein Stück Strand, sein Stück Wasser ...
+
+Die Einsamkeit verschwindet schneller als die Buchenblätter gebrauchen,
+um zu grünen und gelb zu werden; kleine überfüllte Dampfboote fangen an
+zu pfeifen und herumzuplätschern, kleine Hunde bellen, Wagen mit Müttern
+und Kindern kommen dahergehumpelt -- und fast jeden zweiten Abend, wenn
+Strix aufwacht, ist ein neues, pilzähnliches Menschennest aufgeschossen.
+
+Sie weicht und weicht, fliegt ein oder gar zwei lange Nachtflüge am
+Strande entlang, aber dann kann sie plötzlich nicht weiter kommen, sie
+ist hart an der Landspitze -- am Meer.
+
+Da draußen liegt der kleine Leuchtturm ...
+
+An einem dunklen und späten Herbstabend ... die See tost, und die
+Bäume in dem letzten Streifen Strandwald klatschen die kahlen Zweige
+gegeneinander ... ist ein Fischerjunge aus dem kleinen Dorf draußen an
+der Landspitze, auf der der Leuchtturm liegt, auf dem Heimwege
+begriffen.
+
+Der Junge folgt dem Pfade auf dem Abhang oben am Waldessaum entlang und
+sieht ängstlich in die Finsternis hinein, die dick zwischen den Stämmen
+liegt.
+
+Da hört er auf einmal ein wunderliches Hallo an sich vorübersausen und
+weiter durch den Strandwald jagen ...
+
+Es durchschauert ihn eisig. Mit offenem Munde und pochendem Herzen
+bleibt er stehen.
+
+Einen Augenblick später ist das Hallo wieder da!
+
+Er glaubt, Pferdegetrappel und ein gewaltiges Bellen und Kläffen von
+Hunden zu vernehmen -- und er schlägt die Hände kreuzweise vor die
+Brust. Ob dies wohl das ist, was Großvater Pibe „König Waldemars wilde
+Jagd“ nennt?
+
+Die Haare sträuben sich ihm auf dem Kopf, er will davonrennen, da fällt
+ihm ein, daß das ja das Schlimmste ist, was er tun kann. Er muß nur
+gehen, gehen -- und er eilt dahin, mit hastigen Schritten.
+
+
+Am nächsten Tage sprach das ganze Dorf von dem Erlebnis des Jungen!
+
+Auf der Bank unter dem kleinen Leuchtturm, wo die alten Seebären
+bei Sonnenuntergang zusammen kamen und ein Garn spannen, hörte der
+Leuchtturmwärter eines Abends, daß von Spuk geredet wurde.
+
+-- Wo ist der Spuk? -- fragte „Vogel“.
+
+Ja, es war hier ganz in der Nähe des Strandwaldes. Kristian Lars’ Sohn,
+erzählte einer der Fischer, hatte es gehört, und nun vorgestern hatte
+auch er es gehört. Es war ein eklicher Kram; es heulte und miaute und
+bellte und kläffte und röchelte wie ein sterbender Mensch. Der alte
+Niels Pibe, der ja nun nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte,
+behauptete, es wäre „König Waldemars wilde Jagd“; er sagte, solche
+nächtliche Jagd habe er, als er ein Junge gewesen war, fast in allen
+Fördenwäldern gehört, nur viel schlimmer. Da jagte der König mit großem
+Gefolge und vielen Hunden; jetzt habe sich die Teufelsmusik wohl
+vermindert.
+
+-- Daran sind gewiß die vielen Kirchen Schuld --, fügte der Erzähler
+gottesfürchtig hinzu.
+
+Der Leuchtturmwärter spitzte die Ohren.
+
+Aus seiner Kindheit draußen im Waldwärterhause dicht vor den Hochwäldern
+war er gar wohl bekannt mit der Musik des großen Uhus ... sollte es
+möglich sein, dachte er, lebte wirklich noch eine von den großen Bubos,
+und zwar so nahe an seinem Gebiet! Das mußte ein Zugvogel sein, einer
+aus dem nördlichen Skandinavien, der auf seiner Winterreise hierher
+verschlagen war ...
+
+Und Vogelhansens alte Leidenschaft stieg mit einem Brausen in ihm
+auf ...
+
+Im nächsten Augenblick gaukelte er sich vor, daß, wenn da ein Vogel sei,
+auch zweie da sein müßten ... es erging dem großen Uhu wohl so, wie man
+sich von der Bekassine erzählte, daß sie nie allein liegt. Dann konnte
+er am Ende wieder ein Gelege Eier bekommen oder eine Brut Junge fangen;
+alles Einheimische von der Art stand jetzt fabelhaft hoch im Preise!
+
+Es erging ihm fast so wie der Frau mit dem Milchtopf, aber dann besann
+er sich -- nun, er mußte ja erst einmal sehen!
+
+_Eine_ Eule mußte auf alle Fälle da sein -- und wenn die nur da war,
+hatte er auch sichere Hoffnung auf einen guten Gewinst. Der große Uhu
+war immer zu verkaufen, wenn man ihn nur, tot oder lebend, in Händen
+hatte.
+
+Der kleine Leuchtturmwärter hatte sich freilich Zeit seines Lebens Jäger
+genannt, aber es war nicht mehr vom Jäger in ihm als auf dem Rücken
+einer Hand Platz hat. Er war „Schießer“ schlecht und recht, er schoß nur
+für den Kochtopf und für die Tasche -- und am liebsten für die letztere!
+Denn das, was da hinein kam, konnte verkauft und in geliebtes Geld
+umgesetzt werden!
+
+Er war ein Aasjäger, wie er sein Leben lang ein Nesträuber gewesen war;
+aber den Trost hatte er, daß leidenschaftliche Sammler und andre brave
+Männer, die Schulen und Museen mit Vertretern der Fauna des Landes
+versorgten, sein Treiben in Briefen oft eine „sehr gemeinnützige Tat“
+genannt hatten.
+
+Nun war er bejahrt und nicht mehr imstande, in eine Buche hinauf zu
+klettern; aber das konnte auch einerlei sein, es gab nichts mehr, was
+sich des Hinaufkletterns verlohnte. Schon seit Jahr und Tag hatten ihn
+die Verhältnisse gezwungen, damit aufzuhören.
+
+Um so eifriger brauchte er nun die Flinte! Die Flinte war der lange Arm,
+womit er noch etwas an sich raffen und einem steifen Rücken und einem
+stocklahmen Bein abhelfen konnte.
+
+-- -- --
+
+Und die Flinte wurde an diesem Abend von ihrem Platze über dem
+Herde heruntergenommen, wo sie sonst immer bereit lag, um gegen die
+vorüberstreichenden Möwen verwendet zu werden -- er hatte die alleinige
+Lieferung von Möwen für eine Modewarenhandlung -- und mit großem, grobem
+Schrot klar gemacht.
+
+Tag für Tag schlich er in seiner Freizeit im Strandwalde herum. Er
+durchwanderte ihn die Kreuz und die Quer, ja, er ging ganz bis an den
+Badeort hinunter und frech durch alle Gärten der jetzt mit geschlossenen
+Läden daliegenden Sommervillen. Aber er konnte nichts von dem großen Uhu
+entdecken außer einer vereinzelten braunen Feder.
+
+Diese Feder genügte ihm jedoch; nun wußte er, daß der Vogel wirklich
+vorhanden war.
+
+Strix saß in einem Fuchsbau tief unter der Erde, da war es ja kein
+Wunder, daß der Leuchtturmwärter jedesmal vergebens ging.
+
+Er ruhte jedoch nicht: er blieb seiner Natur und seinem Wahlspruch
+getreu: -- niemals etwas aufgeben, ehe du nicht die Beute im Kasten
+hast!
+
+
+Es dämmert eines Abends ...
+
+Die Farben entweichen von der Erde und steigen zum Himmel empor; der
+wird im Westen rotglühend und schwefelgelb.
+
+Die Steine am Strande entlang, alle die weißen, alle die grauen, die
+roten Taschenkrebsschalen, wie die blauen Muscheln, verschwinden für das
+Auge und werden zu einem dicken, wolligen Streif.
+
+Und der Streifen zerbröckelt gleichsam, wird zu Sand, zu schwarzer Erde
+-- die Dämmerung nimmt auch ihn.
+
+Nur der kleine Leuchtturm draußen auf der Landzunge bleibt übrig.
+
+Über die See weht ein wahrer Orkan aus Westnordwest ...
+
+Düstre schwarze Wolfen, wild zerfetzt an den Rändern, jagen über den
+Horizont. Sie kämpfen mit funkensprühenden Feuerschlangen, die sich um
+ihren Rücken geschlungen haben, so daß rings umher in der Luft blutige
+Risse klaffen.
+
+Das Meer tost und schäumt ... sein Brausen ist in den Strandwald
+gefahren, der siedet und brodelt, er kocht vom äußersten Rande bis ins
+innerste Dickicht. In seiner dicht verfilzten Kronenwölbung gehen tiefe,
+mächtige Windwellen, die vom Wipfelast bis ganz hinab zur Wurzel
+reichen.
+
+Der Sturm treibt selbst mit den innersten Bäumen Kurzweil; er knechtet
+sie, die verwachsenen, kaum zwei Mann hohen Baumkrüppel, so daß die
+wilden Schüsse des Unterwaldes sich vor Wonne schütteln, wenn sie hören,
+wie schwer die großen Baume kämpfen müssen.
+
+Man krümmt den Rücken da oben an Land! Steht demütig da und dienert, wo
+es sonst gilt, den besten Platz an der Sonne zu erhaschen; man schmeißt
+Äste, Zweige und die letzten lieben Blätter ab -- und ist froh, wenn man
+nur damit davon kommt.
+
+Der ganze Waldboden ist bedeckt von abgerissenen Reisern und
+Tannennadeln; er sieht aus wie ein Weg, der zu einer Beerdigung mit Grün
+bestreut ist. Da ist nicht gespart, nicht gegeizt, Vogelbeeren, Schlehen
+und Hagebutten liegen da -- und gleich willig und verschwenderisch
+streut der Sturm noch immer drauflos.
+
+Der kleine Leuchtturmwärter ist auf dem Jagdpfade; er schleicht in der
+Dunkelheit herum, die Flinte bereit. Ist die Eule am Tage nicht zu
+sprechen, wohlan -- dann muß er versuchen, ob er sie nicht des Nachts
+treffen kann.
+
+Dichter und dichter drückt sich die Finsternis um ihn, sie guckt hervor
+aus Gestrüpp- und Baumstammzwischenräumen, sie faucht ihm ihre schwarzen
+Tupfen ins Gesicht und macht seine weiße Hand, die das Flintenrohr
+umfaßt, dick und schwarz.
+
+Heulen, Jammern und Seufzen erfüllt den Strandwald. Töne, bald so
+herzzerreißend, daß man glauben sollte, ein Mensch sei in Not, und Töne,
+bald so überirdisch, als kämen sie vom Himmel, strömen ununterbrochen
+seinem aufmerksamen Ohre entgegen.
+
+Aber nicht nach ihnen lauscht er ... die Laute kennt er von seinen
+vielen Wachen oben im Leuchtturm. Er wartet auf das Halloh und fragt
+sich mit einem Fluch, wo es nur abgeblieben sein kann.
+
+Ha, ha, ha, daran sind die vielen Kirchen schuld! höhnt er im Stillen,
+als er wieder eine Viertelstunde vergeblich umhergeschlichen ist ...
+nein, die großen Horneulen haben sich an Zahl vermindert, ihrer sind
+weniger und weniger geworden -- das ist die Sache! Der Sturm ist wohl
+derselbe, der er immer gewesen ist, und auch das Klipp-Klapp der
+klappernden Zweigspitzen, aber „die Hunde“ scheuchen wohl seltener als
+früher Wild auf.
+
+Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ...
+
+Und es ist Fahrt im Treiben und Kläffen in der Meute, es dröhnt, es
+rasselt, es bellt, faucht und klagt um ihn herum; er muß sich auf seinen
+Stock stützen -- er entsinnt sich nicht, den hochseligen König jemals so
+wild jagen gehört zu haben!
+
+Strix hat nämlich einen leckern Bissen gefangen; es ist ein Hase, den
+sie in den Fängen hält, während sie vorüberfliegt. Sie hat indessen
+keine Ruhe, ihn zu verzehren, denn eine Schar kleiner Eulen, die ihr
+Glück entdeckt haben, verfolgt sie und mischt ihre hohlen, schnarrenden
+Hornlaute in ihr düsteres, durchdringendes Fauchen. Sie neiden ihr den
+Fang und lästern laut darüber.
+
+Die Sturmstöße kommen und gehen durch den Wald und zerren und ziehen an
+den Wipfeln. Plötzlich und überraschend, mit der Geschwindigkeit eines
+Habichts, schlagen sie nieder, wirbeln das Laub auf und schleudern es
+dem Leuchtturmwärter ins Gesicht. Er muß den Rockkragen aufklappen und
+den Knoten des Halstuches fester binden. Er zittert am ganzen Leibe vor
+Eifer und Spannung und starrt sich fast die Augen aus dem Kopf ... wo
+schrie es doch?... wo heulte es eben?
+
+Auf den Zehenspitzen schleicht er umher, bewegt sich so lautlos wie sein
+lahmer Fuß es gestattet. Er bleibt oft stehen und lauscht mit offenem
+Munde, die Handfläche hinterm Ohre ... war das nicht das Fauchen eines
+Uhus?... ja, jetzt hat er es ... es kommt aus der Anpflanzung ... da
+drinnen zwischen den Fichten, da heult es!
+
+Der Leuchtturmwärter hat Glück: auf einem schmalen Pfad stößt er auf die
+sonderbare Versammlung. Er sieht etwas Schwarzes, das sich im Dunkeln
+bewegt, legt die Flinte an die Wange und zielt in der Finsternis, so gut
+er vermag ... Strix’ Leben hängt an einem Faden!
+
+Sie sitzt über ihrem Opfer und klemmt es fest gegen den Erdboden, rollt
+Feuer aus den Augen und knappt mit dem Schnabel. Die kleinen, fliegenden
+Katzen umschwirren sie wie Elstern.
+
+Der Leuchtturmwärter zittert förmlich, die Beine wollen ihm versagen; er
+kann die Flinte nicht ruhig halten, er muß auf die Knie nieder.
+
+Da ertönt endlich der Schuß ...
+
+Aber in der Erregung und in der Dunkelheit schießt der Leuchtturmwärter
+zu hoch; zwei behende kleine Eulen fallen wie zwei Bündel Kleider zur
+Erde.
+
+Strix macht sich aus dem Staube und nimmt obendrein ihren Hasenbraten
+mit.
+
+Aber in dem Augenblick, wo sie, von dem Sausen des Sturmes getragen,
+über die Fichtenwipfel dahinsegelt, ruckt es in ihr. Sie ist in den Wind
+vom Leuchtturmwärter gekommen, und der beeilt sich und stürmt vorwärts,
+um seine Beute zu sichern -- sie aber öffnet die Fänge und gibt
+freiwillig ihren leckern Braten preis ... Kladatsch, klingt es,
+Kladatsch, Kladatsch, so schnell, daß die Kladatsche fast übereinander
+stolpern.
+
+Und dann ist sie im Sturmgebraus verschwunden.
+
+-- -- --
+
+Das ist Tag und Jahr her -- und vergessen; vergessen war das Ganze.
+Nicht einmal Erinnerungen an ihre jubelerfüllten Tage waren
+zurückgeblieben. Nur der Kampf um die Nahrung und der Kampf um das Leben
+haben sie jetzt seit Jahren in Anspruch genommen; sie ist ein einsamer
+Vogel und hat sich daran gewöhnt, als sei sie es ihr Leben lang gewesen.
+
+Jetzt plötzlich taucht es alles wieder auf ...
+
+Nicht leibhaftig und in Gestalten geformt, so wie das Menschengehirn es
+vermag ... nein, nur in fernen unbestimmten Ahnungen. Ihr Gesicht kann
+täuschen und ihr Gesicht kann vergessen, ihr Gehör nie -- und diese,
+eines Menschen eigentümliche Art zu gehen, hat sich ihr nun einmal unter
+Umständen, wo ihre Nerven bis aufs äußerste angespannt waren,
+unauslöschlich eingeprägt.
+
+Ist er es, der lahme Hahn mit dem stinkenden Atem, der ihre Jungen
+geraubt und sie in einen Bauer gesetzt hat?...
+
+Sie ahnt es und fühlt dasselbe unwiderstehliche Kribbeln in ihren
+Fängen, wie wenn eine plötzliche Lust, etwas Lebendem die Haut
+abzuziehen, sie anwandelt. Der Kampfesmut aus alten Zeiten fährt in
+sie, der Haß, die Wildheit, die Bosheit flammen auf.
+
+Aus der Fichtenanpflanzung heraus hinkt der ein wenig niedergeschlagene
+kleine Leuchtturmwärter, seine beiden kleinen Eulen in der Hand. Seine
+erste Eingebung ist, sie wegzuwerfen; aber dann fällt ihm ein, daß er
+sie dem „Ausstopfer“ in der nächsten Stadt ja anschnacken kann.
+
+Da hat er wieder das wilde Halloh um die Ohren!
+
+Diese neue Möglichkeit erfüllt augenblicklich seine ganzen Gedanken.
+Schnell steckt er eine frische Patrone in die Flinte -- und eilt davon,
+dem Geräusch nach.
+
+Aber nun läßt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertönen.
+
+Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen Hahn
+... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hört, meint er noch nie
+zuvor vernommen zu haben. --
+
+Huu -- Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als sie
+den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwärter rennt
+dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, daß er die große Eule im
+Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer
+gleich nahe.
+
+Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hämmert aufreizend
+und anfeuernd in Strix’ Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn
+niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den
+Menschen ist noch immer zu groß. Sie muß sich damit begnügen, ihn zu
+foppen und sich ihrer Überlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da
+geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfällig auf seinen
+Klumpfüßen -- und sie ändert ihren Platz wieder und wieder und saust von
+allen Seiten über ihm, während sie ihm ihr Geheul in die Ohren gellt.
+Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann spürt sie das alte,
+beklemmende Gefühl im Halse.
+
+Huu -- Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den Strandwald
+geht es, dann über die Abhänge hinaus und auf und ab an den langen
+Dünenwänden, unter denen das Meer siedet und schäumt.
+
+Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt ihn,
+und das Halstuch hat er schon längst in die Tasche gesteckt; er fühlt
+sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch
+gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den
+offenen Dünenhängen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat,
+scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht
+so leicht durch ihr Geheul täuschen, hier kann er den großen Vogel
+ja sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal aus dem Schlehengestrüpp
+aufschießt, befreit von den Schlagschatten und der Erddunkelheit. Er
+_will_ sie haben; er kann es an ihrem Heulen hören, daß es eine alte,
+mächtige Eule ist; sie muß viel wert sein, und es gibt ja nicht mehr von
+der Art .... Huu -- Huu ... und beständig erschallen vor ihm die
+verwirrenden Töne. --
+
+Ein paarmal schon hat er sich an dem Dünenhang hinauf und wieder hinab
+gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten,
+sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hört er sie wieder,
+sie ist hoch oben über seinem Kopf, gerade unter dem Rande des Abhanges.
+
+Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entführt seiner
+großen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltönend
+in den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden
+Ton aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Füßen
+rasseln.
+
+Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhöhle geklemmt, kommt
+er heraufgeklettert ...
+
+Ganz zufällig flattert Strix im selben Augenblick von einem
+Schlehdorngestrüpp auf und schwingt sich über den Abhang hinaus, wodurch
+sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor
+einem Absatz an der Dünenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht
+blindlings drauf los und vergißt, sich in acht zu nehmen; jetzt will er
+einen Schnappschuß versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehör
+zu schießen; aber in der Eile tritt er fehl und hält einen großen
+Schlagschatten am Ende des Absatzes für festen Boden, er strauchelt,
+will mit der Flinte vor sich fassen, die Schüsse gehen ab, der rechte,
+als das Rohr gerade über dem Boden ist, der linke, als das Rohr schon in
+der Erde ist. Der Lauf zerspringt ihm zwischen den Händen und reißt ihm
+die rechte Hand ab, er kann sich nicht festhalten, er gleitet und stürzt
+in die Tiefe.
+
+Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht!
+
+Sie glaubt, daß er hinter ihr drein ist -- bis sie von einem neuen
+Sturmstoß wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt, wie er
+ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif in die
+Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein Antlitz
+nieder und faßt im Vorübersausen nach seinen wehenden Haarsträhnen --
+und dabei heult sie und schleudert ihm ihr krächzendes, übermütiges
+Hohngelächter ins Gesicht, während der Sturm im Riedgras seufzt und
+pfeift.
+
+Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dünenhanges; dort sitzt
+sie lange stumm und starrt grübelnd und unverwandt auf ihren toten Feind
+hinab. Es ist das erste Mal, daß sie einen Menschen so still sieht ...
+der Mensch -- die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestört hat -- nun
+liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden.
+
+Da schreit sie häßlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im Walde
+-- es hallt wieder von den Dünenhängen --:
+
+-- Qui -- witt, quiwitt -- komm mit! komm mit! ... ha, ha, haaa!
+
+
+-- Es heult in der Nacht.
+
+Seit jener Nacht waren Strix’ Tage am Strande gezählt.
+
+Es verlautete gar bald, daß Leuchtturmwärter Hansen auf nächtlicher
+Jagd auf einen großen Uhu umgekommen sei. Die Strandzeitung schlug Lärm
+und der Bericht ging durch das ganze Land -- und obwohl es keineswegs
+stimmte und auch nicht weiter verlockend war, und obwohl es ganz
+außerhalb der Jagd- und Badesaison war, benutzte doch ein gewiegter
+Hotelpächter die Gelegenheit, mächtige Reklame für sein neues, großes
+Badehotel mit dazu gehörigem „Jagdwald“ zu machen.
+
+
+
+
+11. Klein-Taa
+
+
+Der Winter verging leidlich für Strix.
+
+Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kämpfen.
+
+Das Los des Leuchtturmwärters wirkte gerade nicht verlockend auf die
+in der Gegend ansässigen Jäger; sie erblickten darin eine weitere
+Bestätigung für die Annahme, daß die große Eule ein Zaubervogel sei,
+den man am besten in Ruhe ließ.
+
+Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte
+die Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder
+aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, daß die Eule Böses ansagt --
+und daß, wenn man sie schießt, dies den Tod bedeutet.
+
+Eifrige Sammler ließen sich freilich nicht von diesen Ammenmärchen
+abschrecken, und als der Frühling sich näherte und das Wetter weniger
+rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpächter in der Tat Anfragen in
+bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel.
+
+Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor.
+
+
+Es ist an einem Abend, Ende März, bei heftigem Seesturm ...
+
+Das Meer schäumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen
+Regenschauer und die graue See gehen ineinander über. Nur eine
+vereinzelte, große Möwe mit einer unverhältnismäßig großen Flügelweite
+für den kleinen, leichten Körper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt
+sich hin und her über dem einsamen Horizont.
+
+Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt
+nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln ...
+
+Strix tanzt nicht mehr an dem Dünenhang, sie hat zurzeit anderes zu tun.
+
+Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden
+Wurzelhälsen einer kleinen verkrüppelten Erle zusammengetragen und
+liegt und brütet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter
+Gewohnheit gelegten Ei!
+
+Und die Regenschauer kommen in Zwischenräumen, aber regelmäßig wie
+die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da draußen nimmt die
+trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strömt
+und strömt, so daß auch oben in der Luft See und Meer entstehen.
+
+Strix drückt sich tief in ihr schützendes Nest unter dem Erlenstamm und
+läßt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brütet und
+gibt acht ... auf die Erde, das weiß sie ja, ist kein Verlaß.
+
+Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein
+langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen
+blanken Pelz aus dem Grau der Dämmerung heraus.
+
+Es ist auch einer von den alten Feinden -- ein guter Bekannter aus
+Strix’ jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder
+geworden ist, ähnelt er noch immer seinem Vater so aufs Haar, daß ihm
+eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt.
+
+Klein-Taa ist auf der Frühlingswanderung; auf der Suche nach einem
+Weibchen -- sonst käme er nie in diese rauhe Gegend.
+
+Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem Wasser.
+Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp -- ins Trockne hinein, am Eulenbaum
+entlang.
+
+Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute
+sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer
+zufälligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter
+schuld daran?
+
+Sie fährt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten
+Augenblick der Überrumpelung, daß er einem Truthahn geradeswegs in
+die Arme läuft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und
+Überraschung über dies unerhörte Glück zuckt in den kleinen, listigen
+Lichtern des behenden Raubmörders auf -- da pflanzt Strix ihre acht
+Fänge in seinen Hinterkörper.
+
+Äh! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell reißt
+er seinen kurzen, kräftigen Katzenschlund auf -- Strix sieht wie in
+einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und die
+weißen Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich
+über die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die
+Lauscher zurück und windet sich mit einer Kraftanspannung plötzlich
+in eine kauernde Stellung.
+
+Strix will sich das Tier mit ihren Fängen vom Leibe halten, aber
+Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm, seine
+Vorderläufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf beiden
+Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen Schmerzes seine
+Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr Fleisch.
+
+Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen.
+
+Sie muß den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flügelspitzen und
+den Stoß als Stützstäbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit der
+vollen Unbändigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos.
+
+Vergebens preßt Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und läßt
+ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert sie
+ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der
+aufgeregte Taa läßt sich nicht einschüchtern, es handelt sich um Leben
+oder Tod -- Strix muß entweder weichen oder sich ergeben.
+
+Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die
+langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen
+Bissen des Marders abgehalten haben, wählt das erstere und reißt sich
+mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hält fest und geht
+mit.
+
+Da kommt ein Orkanstoß! Er schlägt plötzlich wie ein Vogel Greif nach
+Beute in die Waldestiefe hinab, fällt ein paar Bäume und erhascht einen
+Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flügel zur Flucht aus -- und
+leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fängen, braust sie durch
+die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glück, beim Aufflug, wo Klein-Taa
+endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Körper fest zu
+umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell hinein,
+gerade unter den Schulterblättern zwischen den Rippen.
+
+Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit
+der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix
+mit ihrem bißchen Beute in seine mächtigen Klauen und streicht mit
+rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen,
+wirbelt sie in großen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den
+Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Kräfte nötig, um die Flügel
+gespannt zu halten.
+
+Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks unter
+ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu
+eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist
+sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp
+noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den
+schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und
+Zweigegeklapper hören kann -- und es durchschaudert sie, trotzdem sie
+den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie,
+nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln;
+alles, was sie berührt, wird sie umrennen.
+
+Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein Flug
+in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie
+-- sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt,
+hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst
+für sie wahnsinnigen Eile.
+
+Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich
+auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals
+Platz, und während alledem kämpft sie -- _sie_, der lebende Ballon --
+mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.
+
+Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix’ Klauen durch die Eingeweide
+gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken
+herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine Bisse
+gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel Federn und
+Hautstreifen aus.
+
+Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des
+Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche
+tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner
+Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.
+
+Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn
+des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt
+während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch
+gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen.
+
+Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen und
+die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und
+sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil
+einer Sekunde schwindelt es sie -- dann läßt sie plötzlich, zuerst mit
+den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich
+und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweißen Geschmeißes
+mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen
+Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft
+Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und
+er in der Nacht verschwindet.
+
+Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem
+Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen
+den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund
+herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen,
+weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte
+Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn
+aus ihrem Kleide -- dann ergießen sie sich in reißenden Regenströmen
+über sie.
+
+Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen
+droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hügelabhang, den
+sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst,
+dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet
+glatt auf einem Fels im Talgrunde.
+
+Sie ist entsetzlich zugerichtet.
+
+Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt es
+darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den
+langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur
+noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht
+aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper,
+im Nacken, in den Flügeln -- und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den
+Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie
+jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der
+Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das
+Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf
+schreit nach Pflege und Säuberung.
+
+Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen -- und sie hinkt davon,
+hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brücke.
+
+Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege
+ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu laufen.
+
+-- -- --
+
+Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein
+Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken Patienten!
+
+
+
+
+12. Zurück
+
+
+Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix’ letzte Heldentat. Die Kämpfe
+des Lebens hatten sie allmählich arg mitgenommen.
+
+
+Als sie wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist und ihre Wundflächen
+sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter
+der Brücke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern
+aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine
+Arbeit auf den Feldern.
+
+Wochenlang fliegt sie herum und sucht -- sucht nach großen Wäldern mit
+hohlen Bäumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach Ruhe und
+Frieden, nach der großen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen kann,
+ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der Menschen
+verjüngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo niemand
+außer _ihr_ sich in die Weltenordnung einmischt -- da will sie sein, da
+will sie hin ...
+
+Während sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem
+uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer
+Flügel wie in dem Bedürfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und
+landet in einer schönen Mitternacht in heimischen Gegenden.
+
+Während ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen Fluge
+eine Wegeslänge zurückgelegt, zu der sie in früheren Zeiten Jahre und
+Tage gebraucht hat. Sie ist über den Westerwald dahingeflogen und über
+seine jetzt so kultivierten Sümpfe und Moore; sie ist über ihre
+einstmals so große Heide geflogen, die jetzt zum größten Teil umgepflügt
+und bepflanzt ist. Der Hügelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete,
+liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden
+Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hält, ist -- wilder
+Wald.
+
+Aber sie kennt ihren großen wilden Wald nicht wieder!
+
+Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf der
+Hügelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen wuchsen,
+wo es selbst an glühenden Sommertagen dunkel und kühl war, ragen jetzt
+lange, gestengelte Stöcke in die Höhe. Und da ist immer Spektakel! Die
+Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so daß nur die steifsten
+von den Stöcken übrig bleiben.
+
+Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras.
+
+Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind fast
+immer an den Wipfeln; die Bäume ihrer Kindheit standen frei und offen,
+sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und biegen.
+
+Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Löchern, die
+_sie_ Bäume zu nennen pflegte und nicht Gras -- die sind weg. Die Axt
+hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen mögen.
+
+In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche läßt sie sich nieder!
+
+Es ist eine Krüppel-Buche -- einigen Bäumen ergeht es nämlich wie
+einigen Menschen: je mehr sie in Regelmäßigkeit und Schemaform
+hineingezwängt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum
+Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich -- und wollen nicht gut
+tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen, hochkultivierten
+Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und Vögeln über das
+umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im geringsten nach
+seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig, treibt Zweige
+in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhält, lange genug
+zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner Kronenwölbung. Die
+Forstleute haben geradezu neue Namen für diese Sonderlinge; sie nennen
+sie Krüppel.
+
+In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krüppelbuche haust Strix
+fast einen ganzen Monat.
+
+Aber was hilft es ihr, daß sie endlich Häusung gefunden hat -- Tagesruhe
+und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden.
+
+In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die
+Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem
+hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im
+Walde gehört: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst
+den Regen und den Tropfenfall und das Plätschern. Im Frühling das
+Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes
+aus Wurzel und Faser.
+
+Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Blätter, das Summen
+der Insekten, den Diskant der Mönchgrasmücke und das Gurren der
+Holztaube gehört, alles das, was naturgemäß mit zu dem Waldfrieden
+gehörte und gleichsam die Stille verdoppelte.
+
+Jetzt dahingegen -- nein, sie gewöhnt sich niemals daran, sondern
+fährt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt
+dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertönt; dann bellt ein
+Hund, ein Schuß knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das
+aufgeschreckte Gebrüll von Waldhörnern. Der Wald hat sich verändert; der
+neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte -- und die sind ihrem
+Wesen und ihrer Natur ganz zuwider.
+
+So muß sie denn weiter, -- nach nur ein paar Monaten! Sie muß den Kreis
+schließen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen Kurve
+zurücklegen, in der sie seit ihren frühesten Tagen vorwärts getrieben
+wurde.
+
+Gewandert ist sie auf ihre Weise -- und nun geschieht es, daß der
+Instinkt und die neuen Verhältnisse in den Gegenden, aus denen sie
+kommt, sie nach den großen Fördenwäldern zurückziehen, wo sie einstmals
+gebrütet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt
+erblickte.
+
+Der große Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr erstes
+Gelege Junge mit Uf ausgebrütet hat, ist nicht mehr da, und alles, was
+dunkel und urwäldlich war, -- was sie schön genannt hat -- ist weg ...
+nur draußen in einer Einöde, in einem sumpfigen, tiefgelegenen Winkel,
+den die Menschen jetzt die _Urwaldecke_ nennen, stehen auf einigen
+kleinen Inseln in einem schlammigen, noch unentwässerten Waldmoor ein
+paar alte, geschonte Rieseneichen.
+
+
+Jahrhunderte und Jahrhunderte sind über die Eichen dahingegangen! Winter
+auf Winter, Frühling auf Frühling haben sie erlebt, haben sie genossen.
+Sie kennen den Himmel in Frostkälte mit Schneegestöber, in Lenzesblau
+mit Schneewolken, in Sommersonne und Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch
+und Wildsau, Wolf und Bär -- und sie kennen den Menschen!
+
+Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung,
+Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich
+emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkämpft, auf dem sie
+stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblüht
+und die Wonne der Bestäubung genossen; vor hunderten und aber hunderten
+von Jahren haben sie schwere, langapfelige Früchte um sich gestreut.
+Sie haben Generationen von Tieren und Generationen von Vögeln gefüttert,
+haben das Sonnenlicht von über tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt
+verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurückgeben, was sie
+einstmals empfangen haben.
+
+Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine jede
+von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind vor
+fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den Hügeln
+rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt lebender
+Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldkönige zwischen
+Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages immer das
+stolze Bild. Da ist sie Nacht für Nacht über den kleinen Tannen
+hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz
+geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen.
+
+Die eine von den Eichen -- die älteste -- ist überall geborsten und
+gerissen, und es sind große Stücke aus ihrem Stamm gefallen. Man hat
+Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd in der Eiche hält! Um sie zu
+bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe eingeschlossen und es sind starke
+Stützen unter ihre Äste gestellt. So geborsten und zerrissen ist sie,
+daß die Leute gar nicht mehr glauben wollen, daß es _ein_ Baum mit
+_einem_ Stamm gewesen ist. Nein, den Ärger muß sie nun erdulden, daß
+kluge Köpfe unter den Forsteleven behaupten, es sei ursprünglich ein
+ganzes Bündel von Eichen gewesen, deren Stämme dann allmählich
+zusammengewachsen seien.
+
+Die andere Eiche, die am weitesten draußen im Moore steht, umgeben von
+dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen, hat
+noch ihre ganze äußere Rinde bewahrt. So mächtig ist ihr Stamm, daß
+zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken,
+knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, daß ein vierspänniger Wagen
+im Kreise um sie herumfahren könnte. Es ist ein Anblick aus der
+Vergangenheit!
+
+Wer sich allmählich durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hat, und nun
+plötzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, stutzt
+ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar
+moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewältigen vermögen!
+
+Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt. Hier
+ist die Rinde abgefallen, und ein großes Loch klafft aus der nackten
+Holzschale heraus.
+
+Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und läßt sich auf den
+Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch --
+sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlöchern, ohne
+andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine große
+Hummel im Winterschlaf.
+
+Als der Frühling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den
+Baum hinein und läßt sich häuslich nieder in dem faulen Holz über ihr.
+Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast
+eine ganze Stiege Eier!
+
+Und dann, eines Morgens, als Strix von der nächtlichen Jagd heimkehrt,
+sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren großen
+Gewöllklößen die letzten traurigen Überreste des Meisenweibchens liegen.
+Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen.
+
+Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit einem
+neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der ersten
+Frau fortsetzt. Längst hat der arme Mann die Stiege voll, aber das Ende
+ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule hören.
+
+Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als das
+Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das Geschrei
+und Gepiepse fast unerträglich. Mehrmals versucht Strix, all das
+schreiende Leben mit den Fängen herauszuziehen -- es ist ja doch Nahrung
+und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fänge sind nicht mehr kräftig und
+nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die großen Horndolche
+sich nicht mehr in Winkel biegen lassen.
+
+So gewöhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemütliches hat dies
+Lärmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben -- und sie
+entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schönen Tages erwachsen
+sind und sich auf und davon machen.
+
+Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvögeln meldet sich das Alter
+ungestüm und plötzlich.
+
+Ihre starken geschmeidigen Flügel fangen an, steif zu werden, ihre Fänge
+sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermögen ist nicht mehr
+wie in alten Zeiten, wo sie in der Dämmerung des Zwielichts die Motte am
+Stamm erkennen konnte.
+
+So ist ihr kürzlich ein wahrer Skandal passiert -- sie hält einen großen
+Auswuchs an einem Stamm für einen Vogel!
+
+Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und
+zwischen dem Maskenspiel der Blätter wird es zu einem Birkhahn.
+
+Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet hat,
+und es hungert sie förmlich danach, wieder einmal einen ordentlichen
+Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres früher so glücklichen
+Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und -- schlägt mit allen ihren acht
+Fängen in eine wunderlich schwammige Zundermasse. Sie hat sich geirrt,
+das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen ihrer Natur; es schreit
+nicht, es summt -- und die Daunen, die sie losreißt, sind lebendig und
+stechen.
+
+Für einen Wespenbussard würde diese Begebenheit ein wahrer Götterbissen
+gewesen sein; der Vogel würde die Waben geschätzt haben, er hätte es
+verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung herauszuschälen.
+Strix dahingegen wird nur gequält und zerstochen, obwohl sie nicht
+zaudert, die Flucht zu ergreifen.
+
+Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen geblieben
+und hat über ihr Schicksal gejammert; sie begreift nicht, warum das
+Glück sie so plötzlich im Stich läßt ...
+
+Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing, so
+selbstverständlich für Strix gegangen! Sie hatte immer fangen können und
+selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte sich
+aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden können,
+kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller Widerwärtigkeiten
+leicht für sie gewesen.
+
+Sie wird ganz melancholisch!
+
+Und während der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht das
+Alter mehr und mehr sein Recht geltend.
+
+Die ehemals so selbstverständlichen kleinen Glückszufälle werden zu
+ebenso selbstverständlichen kleinen Unglücksfällen; sie fliegt immer
+häufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schläge von den Zweigen ins
+Auge und stößt die Flügel und den Kopf gegen Äste und Baumstümpfe.
+Eines Abends auf der Jagd verwickelt sie sich -- bei den wütenden
+Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen -- in ein niedriges
+Eisengespinst, das die großen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung
+gezogen haben. Um ein Haar hätte sie ihr Leben dabei eingebüßt.
+
+Die Arbeit der Nacht wird schwer für sie; sie geht ihr nicht mehr wie
+ein Spiel von der Hand, sondern verursacht ihr große Anstrengungen und
+tausende von Qualen.
+
+Das alles altert sie; sie büßt mehr und mehr von dem ein, was wir
+Menschen Lebenskraft nennen: Mut und gute Laune.
+
+-- -- --
+
+Es wird wieder Winter -- und Strix hat sehr zu leiden. Namentlich
+peinigen ihre Erbfeinde -- die Krähen und Elstern -- sie schrecklich.
+
+Eines Tages wird sie von einer ganzen Schar Elstern entdeckt; es sind
+ihrer zwölf -- zwei ganze Familien -- Hauskrähen, mit langen Schwänzen
+und mit Weiß an den Flügeln, ihre Federn glänzen wie Metall; sie
+sind eingebildet und sagen, daß sie, wenn sie fliegen, sehr wohl mit
+Fasanenhähnen verwechselt werden können. Sie foppen die Alte, ziehen sie
+auf. Sie sitzt da, verzweifelt vor Wut, und schneidet Gesichter.
+
+Aber was soll sie tun? Mit ihrem Sehvermögen ist es schlecht bestellt,
+namentlich am hellen Tage, und sie kann nicht mehr, wie in ihren jungen
+Tagen, herausfahren und eine mit jedem Fang fassen und sie mit sich in
+den hohlen Baum schleppen. Sie muß den Hohn leiden und die Qual
+aushalten. Aber allein das Bewußtsein davon macht sie noch hinfälliger.
+
+Es ist unter den Tieren nicht wie unter den Menschen. Unter den Tieren
+muß ein jeder für sich selbst sorgen, und nur selten hilft eins dem
+andern beim Fang, wenn die Fänge abgegriffen und die scharfen Zahnränder
+oder Schneiden zu Zahnfleisch werden. Daher kommen auch in diesem Winter
+für Strix Zeiten wo sie Aas fressen und noch dankbar dafür sein muß.
+
+In ihrem langen Leben hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, das
+nächtliche Leben der Raubtiere aus der Nähe zu beobachten und ihr Tun
+und Lassen zu erspähen.
+
+Sie sieht die Füchse in großem Umfang ihre verschiedenen Speisekammern
+rings umher im Erdboden versorgen. Die Kerle machen es gerade so wie
+der Hund, sie vergraben alles, was sie nicht auf einmal fressen können.
+Rings umher in den Mooren, unter Grasbüscheln und in verlassenen
+Ameisenhaufen verstecken sie ihren Raub -- und finden ihn mit Sicherheit
+selbst nach Verlauf langer Zeiten wieder.
+
+So legt sich denn Strix darauf, ihnen ihren Wechsel abzulauern und
+die Gelegenheit wahrzunehmen, in ungestörter Ruhe sich die Niederlagen
+zunutze zu machen. Aber das Leichengift des Aases ist keine stärkende
+Medizin -- sie wird schwach und altert in beständig zunehmendem Grade.
+
+-- -- --
+
+Strix hat jetzt die längste Zeit gelebt.
+
+Sie hat alle Qualen des Lebens erduldet --
+
+Der Nachtfrost und der Lenzschnee löschten den Lebensfunken in
+ihrem ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten
+Eierschalen gesessen; einige spätausgefallene Junge, die nicht flügge
+waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen
+glücklichen, die lebten, abgeblieben?
+
+Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres
+eigenen Ichs belästigt. Andere Vögel brüteten zweimal im Jahre und
+setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war
+mäßig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begnügt.
+
+-- -- --
+
+Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und
+Strix leidet Not -- schlimmer denn je.
+
+Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine Ausflüge;
+sie hat keine Kräfte dazu und fühlt auch nicht das Bedürfnis. Sie bleibt
+lieber in der Urwaldecke und hungert.
+
+Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus
+da draußen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, daß Larve und Wurm
+im Holz um sie her in Ruhe frieren und nicht den leisesten Laut mehr
+telegraphieren -- dann schließt sie die Augen und sitzt in sich
+versunken da, während sie den dänischen Frühling vor sich sieht.
+
+Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Kätzchen, und Schwärme von
+lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her, während ein warmer und
+wachstumverheißender Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken
+sind draußen, und mitten im Sonnenschein zwischen den grünen
+Wildkerbelbüschen thront eine große, leckere Kröte. Sie sitzt da und
+verzehrt Mücken, die sie in einem dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal,
+wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit die Zunge herausgeschnellt und sie
+wieder hineingezogen hat, zwinkert sie wohlbefriedigt mit den Augen.
+
+Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige
+von den „Schnelläufern“, mit dem sie am besten fertig werden kann -- da
+erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen
+den hohlen Baumstamm stößt.
+
+Ja, Strix war alt geworden, uralt -- und das war gerade der Segen beim
+Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die
+Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen
+in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen,
+man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der
+Erinnerung vor sich.
+
+Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen!
+
+Aber _sehnen_ tat sich Strix doch -- sie sehnte sich, sehnte sich --
+sie konnte sich nur nicht klar darüber werden, wonach. Es lag wie ein
+beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt,
+Wohnung hat ...
+
+Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten,
+Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten,
+traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die
+Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen
+und wieder Menschen.
+
+Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene
+Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen.
+Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und
+Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher
+Wildnis herrschte. Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in
+beschnittene Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus
+ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie
+um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem
+andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die
+beiden alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte
+es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos
+und verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war.
+
+Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein Unwetterschaudern
+durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklärlich Unheimliches in
+ihrem einsamen nächtlichen Heulen.
+
+
+
+
+13. Strix schafft sich einen Sklaven an
+
+
+In der Urwaldecke -- um die alten Eichen herum -- traf man eine Menge
+hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem Neuwuchs an.
+
+Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die _kleinen_ Eulen,
+deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre
+Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.
+
+Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes,
+wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und
+machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam
+Fleisch von ihrem Fleisch und redeten _ihre_ Sprache.
+
+Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine
+Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die
+Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das
+Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den
+schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von
+den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern
+Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische
+Sprachenverwirrung.
+
+Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte
+Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und
+Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit geboren, sich in mehrere
+Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht
+alle aus diesen Familien bringen es gleich weit -- und nur ein einzelner
+alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen!
+
+Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter
+der Tribüne dem Vortrag eines solchen „Professors“ beigewohnt. Das
+meiste klang in Strix’ Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein
+paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und
+machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise
+in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute
+hören.
+
+Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren
+Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer
+Zunge, nur weicher und sanfter.
+
+Von ihnen sagte sie auch, daß sie _zwitscherten_.
+
+-- -- --
+
+In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben
+war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte,
+suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.
+
+Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit
+blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten
+hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann,
+und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten
+jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank
+in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mußte,
+nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglühter
+Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um sich schlug -- da
+hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenüber äußerst
+angenehm gemacht.
+
+Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie
+Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten kröpfen,
+während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine Kropftaube um
+sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre Aufwartung zu machen.
+Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt gefühlt, sich näher mit ihr
+einzulassen.
+
+Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem
+Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut
+reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt
+durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer
+schwer zu fangen -- da nahm Strix eine überraschend blutige Rache. Sie
+tat es nicht bewußt, _das_ muß man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus
+Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen Magens.
+
+Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen
+plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht
+auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen
+Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen.
+Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr
+gewesen.
+
+
+Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber!
+
+Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen.
+
+Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt
+dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die
+haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind
+steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm.
+
+Sie ist keine große Eule mehr.
+
+Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr
+die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind
+so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang
+erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist
+zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt
+einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner
+vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterblätter.
+
+Strix ist abgelebt -- die Greisin der Einöde heult aus dem letzten Loch.
+
+-- -- --
+
+Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr.
+
+Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden. Jeden
+Augenblick sträuben sich ihre Hörner, und die Augen öffnen sich; dann
+erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hört sie die
+große Botschaft, die das Märzsausen und die Aprilschauer verkünden.
+
+Aber was geht das sie an -- und sie lauert wieder in sich hinein ...
+
+Bis neue Botschaften so überaus stark werden, daß sie in ihrem Ohr
+rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber Zitronenfalter, der in
+einem Spalt überwintert hat und während eines Sonnenstreifens durchaus
+hinaus will, oder auch nur die Fäden in einem Kokon, die während der
+unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe zu bersten anfangen.
+Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhörbaren Laute dringen auf sie
+ein und wecken sie ununterbrochen.
+
+Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hämmert und
+pocht, es beißt und nagt, sie muß aufbrechen und sich auf den Rand des
+Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen.
+
+Die bisher so weiße Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie
+sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es
+plätschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weiße mehr und
+mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos.
+
+Bläulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von
+Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald
+schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr
+und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an.
+Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit
+ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als läge ein großer
+Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fährt deswegen
+herum und stemmt die Rückenflosse gegen die Eiskruste -- überall
+entstehen Risse und gurgelndes Geräusch.
+
+Dann fangen die Hügelwände von ihrem Baum an zu glucksen; kleine
+Rinnsäle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, stürzen sich
+kopfüber den Abhang hinunter und bohren sich in den Talboden. Es summt
+da unten, es singt, es braust es strömt -- ein Wildbach ist plötzlich
+entstanden.
+
+Winzig kleine, grüne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der
+Lichtung zwischen den Bäumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her
+schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grünes, sie kann schon
+Blätter sehen ... der welke Wald legt wieder sein Frühlingskleid an!
+
+Und während die Tage dahingehen, fährt eine Redseligkeit in alle die
+Strandvögel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich
+auszudrücken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann
+eines Morgens hört sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen
+sind. Das sind alle die Zugvögel, Drossel und Holztaube, Star und
+Rotkehlchen, die heimgekehrt sind.
+
+Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben viel
+gesehen, sie haben Eindrücke gesammelt und können erzählen -- und alle
+lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke, diesen
+unermeßlichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen zundrigen
+Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das reiche
+Insektenleben, das die modernen Wälder der Gegenwart nicht zu bieten
+vermögen.
+
+Ein ohrenbetäubender Spektakel erfüllt die Luft. Es heult und pfeift, es
+tutet und schreit ... Strix muß wieder hinab in ihr dunkles Loch; übel
+ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es hier
+oben.
+
+Und die Laute strömen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber es
+sind auch einige tief empörte und gehässige darunter, einige, die Fang
+und Schnabel ahnen lassen, obwohl sie von winzig kleinen Singvögeln
+abstammen. Strix hört sie, faßt sie auf und läßt sie durch sich
+hindurchspülen, ohne sie auch nur mit einem Gedanken zu verfolgen --
+dies alles ist ja nur der gewöhnliche Weltrummel!
+
+
+Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend!
+
+Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwölbung der Buchen
+singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der große, rote Frühlingsmond
+hängt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Während die
+Dämmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vögel
+dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel.
+Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und
+überall -- Pan bläst: der Zapfenstreich geht durch den Wald.
+
+Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen.
+
+Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprüche. Aber die
+Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beißen, und die Flügel,
+die ihr mühseliges Sichhinaufschleppen zu unterstützen pflegen, lassen
+sich nicht heben. Die Kräfte haben sie plötzlich ganz verlassen.
+
+Sie ist trübselig, die alte Strix.
+
+Während sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen Stamm
+abmüht, klagt sie vor sich hin.
+
+Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho--o--o, das andere Lenzabende
+gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der Paarungslust, mit
+verheißungsvollen breiten Flügeln und einem Übermaß von Kraft, nein es
+ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur bis ins Unendliche
+wiederholt, eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit,
+oder möglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe.
+
+Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel Ähnlichkeit mit den
+Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem
+kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im
+Walde herumgeflogen ist. Er gehört zu der Rasse +asio otus+ und ist
+auch eine Horneule mit sich sträubenden Federbüscheln und gelben
+Kugellichtern; aber das ganze Persönchen ist keine drei Käse hoch,
+und Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem
+Federklumpen zusammenrollen.
+
+Trotz seines eifrigsten Suchens hat _Glip_ -- so heißt die kleine
+Horneule -- kein Weibchen finden können, und dies Unglück ist ihm nun im
+dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr aufgelegt zu freien, und
+sei es auch um seine alte Großtante!
+
+Der Grund für seinen beständigen Mißerfolg liegt auf der Hand:
+
+Die Zeit der Bedrängnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten
+hat, beginnt nun auch für die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer
+stärkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre
+Waldestiefe und haut ihre hohlen Bäume um.
+
+An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu!
+
+Die Vorliebe für Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von
+dem, was die Menschen das _Nutzwild_ nennen, ist verschärft, kein
+Raubvogel, er mag noch so klein und unschädlich sein, ist mehr sicher.
+
+Das mögen die Götter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf
+ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen, so ist es Glip. Er
+kann mit gutem Gewissen behaupten, daß er weder zu bescheiden, noch zu
+unnatürlich wählerisch gewesen ist. Aber Verhältnisse, über die er, wie
+erwähnt, nicht Herr ist, haben ihn zum Verzicht gezwungen.
+
+Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht für ihn aus. Es
+war ihm gelungen, einen jungfräulichen Vogel zu finden, ein ganz freies,
+ungepaartes Eulenfräulein. Es bewarben sich freilich noch dreizehn
+Herren außer ihm um sie, aber was machte das -- der Schatz war ja da.
+Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen würde.
+
+Es war drüben auf der andern Seite der Förde, draußen in einem dichten
+Tannenwald, wo er die Schöne traf. Sie saß in einer kleinen Tanne, und
+die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her.
+
+So war auf alle Fälle die Sachlage am Tage.
+
+Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter, da
+kämpfte man wie die jungen Hähne und umschwärmte die Zuckertaube wie
+zudringliche Fliegen, so daß sie zu nichts in der Welt mehr Frieden
+hatte.
+
+Leider lenkte der Förster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise seine
+Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an, die,
+ermattet von den nächtlichen Ausschreitungen, in sich selbst versunken
+da saß wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief gesträubten
+Hörnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein weißes
+Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann,
+späterhin am Tage, ertönen kleine, kurze Schüsse -- und einer nach dem
+andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenüber von dem Zweig herab.
+
+Der Förster war schleunigst zurückgeradelt und hatte sein Tesching
+geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache,
+wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule,
+die mitten in dem Klumpen saß, nicht zu treffen, würden die andern schon
+festsitzen wie die Kletten.
+
+Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer
+glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenüber, und nun zerstob der
+Rest in alle Winde.
+
+Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bäume von oben bis
+unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf
+Paare an, die in glücklicher Ehe lebten, mit Kindern bis über die Ohren.
+Wohl strengte er sich an, hier, wenn möglich, Eindruck zu machen, war
+sowohl äußerst grob wie auch äußerst liebenswürdig. Aber er erreichte
+nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein
+aufdringlicher Kavalier!
+
+So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen betrogen.
+
+In diesem Frühling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit und
+breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Töne erklingen lassen. Bei
+jedem glücklich brütenden Paar, von dem er gehört hat, ist er offen und
+mit Gewalt eingebrochen ...
+
+In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art gegeben,
+und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weißblanke, zertrampelte
+Eier. Glip hat aus dem Wege räumen wollen, um später entführen zu
+können, aber er ist überall der Kleine geblieben und hat mörderliche
+Prügel bekommen.
+
+Da lächelt ihm endlich eines Abends das Glück; er ist plötzlich auf
+seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoßen.
+
+Er spitzt die Ohren --!
+
+Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein
+ungepaartes. Das kann er an der Weise hören, wie sie ruft. Er kauert
+sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurück ... hu, hu, hu,
+hu!
+
+Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort.
+
+Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr
+freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort
+bekommt er doch -- und er ist ja nicht verwöhnt.
+
+Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es währt auch nicht lange,
+bis er ausfindig gemacht hat, daß seine vermeintliche Anbeterin unten in
+dem Bauch der großen Eiche sitzt.
+
+Mit schnellen, weichen Flügelschlägen ist er dort.
+
+Er erreicht das große Eingangsloch unter eifrigem Scharren und Kratzen
+seiner Fänge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von Ho-Rufen
+gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht er -- so
+daß ihm einen Augenblick der Atem ausgeht -- ein paar rote Lichter unten
+auf dem Grunde funkeln. Er begrüßt sie mit Kaskaden seines wildesten
+Geheuls.
+
+Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest, das
+kann er hören; sie wühlt da unten herum und legt die Unterlage zurecht
+-- und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklärung zu bringen: ein
+trocknes -- und knorrenloses Reis.
+
+Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch -- eine schwache
+Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit
+hinabwagen, daß sie ihn fassen kann, da hätte sie doch endlich einen
+Bissen.
+
+Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge der
+Engigkeit des hohlen Baumes die Größe des alten Uhus nicht erkennen
+kann, faßt die Ablehnung des Reises als ganz selbstverständliche
+Sprödigkeit auf. Sie verlangt natürlich mehr!
+
+Da fängt die kleine Horneule an, sich mit Mäusen für Strix einzustellen.
+Sie macht große Augen und entreißt ihrem verliebten Anbeter die ersten
+leckern Fleischstücke; er hätte sie ja für den eigenen Schnabel
+bestimmen können -- und sie beeilt sich, ihm zuvor zu kommen. Sie
+kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf, sobald er sich
+zeigt -- und der verliebte Bursche kann so vielem Entgegenkommen nicht
+widerstehen.
+
+Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natürlich nur gerade
+vor das Eingangsloch -- und ein ganzes Ende von Strix entfernt. Es will
+ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art Ungeheuer, aber gleich
+darauf macht ihn die Liebe wieder blind.
+
+Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen.
+Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer,
+Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße
+alte Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz
+bange machten, wenn er in sie hineinstarrte -- siehe, das sind ja in
+Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen
+Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als
+wolle sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt
+daher, weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst,
+er umfaßt alles, alles -- um Einen und hinter Einem!
+
+Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf
+bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins
+Ohr zu tuten!
+
+Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch
+hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen
+Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten
+Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig
+und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder
+und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren
+Federhörnern hinaufgleiten läßt.
+
+Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur,
+auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.
+
+Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen
+Raubzügen.
+
+-- -- --
+
+Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen
+Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der
+Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie
+auf und ab, ab und auf schweben sehen.
+
+Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber
+wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja
+zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen, und dann stimmen sie ein
+sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit.
+Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er blitzschnell auf sie ein -- er
+zielt auf die zunächst fliegende und schlägt die Fänge in der Luft um
+sie zusammen.
+
+Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist leider
+nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande
+darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix’ kleiner, dummdreister
+Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im
+Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der
+Sperber auftaucht, -- nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur des
+Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen
+Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen,
+da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht.
+Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann -- ihr
+Sklave ist ein tüchtiger Sklave!
+
+Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er
+muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im
+Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast,
+gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam
+genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald
+ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter
+Vögeln her.
+
+So überraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhüter, als er im
+Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine
+Eule an ein Nestloch anklammert und hineinguckt, aber die alten Dohlen
+umflattern das Nest.
+
+Der eine von den Waldhütern will sich bücken und einen Stein aufnehmen,
+aber der andre hält ihn zurück.
+
+-- Nein, laß das, Pist Lak! Bedenke, wie es „Vogel“ erging ... es bringt
+immer Unglück, wenn man eine Eule totschlägt.
+
+Glip läßt sich nicht im mindesten stören. Mit der einen Klaue greift er
+in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix.
+Zehn Minuten später ist er wieder bei dem Nest -- eine nach der andern
+holt er alle die jungen Dohlen.
+
+Sie kamen durch einen Unglücksfall ums Leben -- so etwas geschieht auch
+tagtäglich im Walde!
+
+Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendämmerung läßt er
+sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das
+Holzwerk. Dann glauben die Jungen, daß es die Starenmutter ist -- sie
+stecken den Kopf heraus, und -- wupp hat Glip sie im Nacken gefaßt.
+
+Es gehört etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen --
+aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl bald!
+
+Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem großen,
+gefürchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck, der Tag
+und Nacht gefüttert werden muß. Es wird Glip schwer, alle die kostbaren
+Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermüden -- und läßt nach
+in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in den Weg kommt und
+bringt Frösche und Kröten statt warmer, leckerer Spatzen. Strix muß ihre
+schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben und Eidechsen, Schlangen
+und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem warmen Abend wird ihr sogar
+eine dicke, schleimige Waldschnecke präsentiert.
+
+Es wird Strix schwer, den schwarzen Kloß zu verschlucken, und sie rollt
+schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten Lichtern,
+obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverächter gewesen ist.
+
+
+Es ist leicht, das Ende vorauszusagen --:
+
+Eines schönen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen ist,
+erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, daß er ein Sklave war. Da
+hob er die Verlobung auf -- und machte sich aus dem Staube.
+
+
+
+
+14. Strix Bubos Tod
+
+
+Glip kehrte nicht wieder.
+
+Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fraß bekommen, sie ist
+matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im
+stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche
+kriecht sie auf dem Bauch zusammen.
+
+Sie ist halb von Verstand, hat fortwährend Visionen und sitzt da und
+heult ihren eigenen Namen.
+
+Schu--hu! seufzt sie ... Schu--hu!
+
+-- -- --
+
+Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben,
+lebensmüde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon längst
+ein Fremdling in der Zeit gewesen.
+
+Sie haßt die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lärm und den Überfluß an Menschen
+überall; sie trägt Urzeit in sich, und der sind die Menschen entwachsen.
+
+Das dumpfe Brummen des Bären, das Gebrüll des Elchhirsches, das Heulen
+des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das waren
+Laute, die für sie paßten. Sie hat dasselbe Wilde und Dämonische in
+ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verständlicher Sprache
+geantwortet.
+
+Sie sind dahin, alle die ursprünglichen Mitgeschöpfe ihrer Sippe, sie,
+in denen, o wie in ihr, das Großzügige wohnte. Die Menschen haben sie
+genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an ihre Stelle
+gesetzt.
+
+Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre.
+
+Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind, wie
+das Gewitter über die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und gehofft,
+gekröpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergötzt. Dann kamen andre
+Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flüchten und
+wandern müssen, wo sie kaum eine Maus für ihren Schlund hat finden
+können.
+
+Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger
+Nebelschleier vor fernen Wäldern; sie weiß, die Wälder liegen dahinter
+-- viel mehr weiß sie nicht.
+
+Das Leben ist dahingeschwunden -- für Strix wie für den Eichenriesen,
+in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist plötzlich zu etwas
+unfaßlich Kurzem zusammengeschrumpft.
+
+Auf einmal zuckt sie zusammen -- ihre matten, ausgebrannten Lichter
+werden so groß wie Teetassen.
+
+Da senkt sie die Hörner und wirft den Kopf zurück und bewegt den
+Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf
+mich zu!
+
+Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ...
+
+Sie sieht, wie damals, als sie eben flügge geworden und auf dem Zweig
+saß, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen
+Kante und gleicht einer Rieseneidechse, -- selbst der Schwanz fehlt
+nicht.
+
+Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich
+sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefällt hat.
+
+Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstörer, der Mensch, dem sie nie
+hat widerstehen können, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das
+Lebensglück mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnstätten vernichtet,
+ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat.
+
+Sie wird blutgierig und böse, sie fühlt die Wildheit wie mit der
+Unbändigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlägt ihre Fänge in
+den Kopf und den Hals des Menschen.
+
+Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu kröpfen; aber plötzlich kommt
+es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren
+Schlund hinunter will.
+
+Todesschwindel hat Strix schon längst befallen, sie haut und zerrt in
+dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn über und liegt auf der Brust,
+sie streckt die eingeschrumpften Fänge nach hinten unter sich, rüttelt
+mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf
+und zu, während sie mit bebenden Flügeln das Leben von sich abschüttelt.
+
+
+Der Herbst verging und der Winter kam --
+
+Und neue welke Blätter; neue zundrige Erde und Wurmmehl aus der alten
+Eiche sickerten herab und füllten den hohlen Boden aus. Strix’ irdische
+Überreste wurden zugedeckt wie die so manch eines andern Vogels, denn
+hier in den hohlen Stamm der Eiche hatte sich im Laufe der Zeiten die
+Fauna des Waldes zurückgezogen, um in Frieden den Strohtod zu sterben.
+Schicht auf Schicht lagen die Skelette übereinander, wie auf einem
+überfüllten Friedhof, wohlbewahrt von der Eichensäure.
+
+Da waren Skelette von Fledermäusen und Mardern und Spechten, von andern
+großen Uhus lange vor Strix, von Eichhörnchen und Sperbern und von einer
+kleinen, goldbusigen Frau Meise mit einem großen Loch im Kopf.
+
+Eine ganze Geschichte des Waldes lag hier als Mumien aufbewahrt.
+
+Aber als das Beben des Lenzes von neuem herannahte, als der brandgelbe
+Zitronenfalter sich anschickte auszufliegen, ließ sich eines Abends
+eine kleine Horneule in den hohlen Stamm hinab. Sie setzte sich in
+Balzstellung, fegte mit dem Schwanz und ließ die Flügel schleppen.
+
+Er benahm sich ganz, als sei er hier zu Hause, näherte sich aber doch
+nur mit einer gewissen Vorsicht dem unheimlichen Dunkel auf dem Boden.
+Lange saß er da, reckte den Hals und starrte hinab.
+
+Da erschien die entzückendste kleine Chinesin von einer Eule mit langen,
+gesträubten Hörnern, flachem Antlitz und schiefen, zwinkernden Augen
+oben im Eingang -- und die kleine Horneule wurde Feuer und Flamme.
+
+Er ließ sich schnell entschlossen hinabplumpsen --
+
+Es war leer in dem Stamm!
+
+Da scharrte er wie ein Hahn und gluckste seine kleine Henne hinab, und
+beide machten sie sich nun auf das eifrigste daran, das Loch mit Reisern
+zu umkränzen.
+
+Und dann, eines schönen Tages, lagen fünf kleine, kugelrunde,
+kreideweiße Eier und leuchteten in der Dunkelheit wie mit Phosphorglanz.
+
+Sie ruhten so sicher und ließen sich so leicht ausbrüten -- sie lagen
+auf einer alten, weichen Matratze -- -- --
+
+Glip hatte glücklich eine Frau gefunden.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+1. Das Ohr des Waldes 1
+2. Männchen und Junge 9
+3. Der geflügelte Wolf 30
+4. Das neue Gelege 41
+5. Strix und die Menschen 53
+6. Winterleben im entlegenen Walde 69
+7. Der neue Wald rückt vor 85
+8. Auf der Heide 98
+9. Im Kampf mit einem Adler 119
+10. Der Leuchtturmwärter 130
+11. Klein-Taa 149
+12. Zurück 157
+13. Strix schafft sich einen Sklaven an 170
+14. Strix Bubos Tod 186
+
+
+ [Illustration: Verlagssigel]
+
+_Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig_
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+Druckfehler:
+
+mit den vielen eingetrockneten Blut- und Fleischüberbleibseln
+ _mit dem vielen_
+Die Fledermäuse heben sich noch wie Möwen
+ _Möven_
+und guckt in die Wipfel hinauf
+ _in der Wipfel_
+Ihr scharfer Blick
+ _charfer_
+Uf schwelgte und schmatzte
+ _schmatze_
+Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix
+ _denckt_
+Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt
+ _Er sitzt_
+Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe
+ _„krasselt“: dänisches Wort?_
+mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf
+ _hocher / hobenem (als ob zwei Wörte am Linienende)_
+Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt
+ _sei ihrem Ausfall_
+feiern aufs neue einen Triumpf
+ _Originaltext ungeändert: Triumf oder Triumph?_
+Über die See
+ _Uber_
+Er gehört zu der Rasse +asio otus+
+ _Originaltext ungeändert: richtige Form +Asio otus+_
+fünf kleine, kugelrunde, kreideweiße Eier
+ _kreideweise_
+
+Unsichtbare Satzzeichen:
+
+und die Federn stehen Uf um die Ohren[.]
+Das schützende Versteck ... ist umgerissen[,] liegt bunt durcheinander
+sitzt sie wie in einem hohlen Stamm[,] nur daß er ganz eng ist
+Es ist Jagd im Tierwald[,] dem letzten
+voll Schlüpfen in der Pfote[,] Springen im Lauf und
+hängt sie vor Strix[,] sie siedet wie ein Teekessel
+streicht sie dahin, quer zum Winde[.]
+Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ..[.]
+sie begreift nicht[,] warum das Glück
+fliegen hin und her[,] während
+wo früher Wildnis herrschte[.]
+der Zapfenstreich geht durch den Wald[.]
+Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ..[.]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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