summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:57:55 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:57:55 -0700
commit848dcf9831bb79ffafa0e02fd0d352475c5c480b (patch)
tree49e289cf85283f3b09f9283a9fa188753c5df4ae
initial commit of ebook 19530HEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--19530-0.txt6316
-rw-r--r--19530-0.zipbin0 -> 122294 bytes
-rw-r--r--19530-8.txt6316
-rw-r--r--19530-8.zipbin0 -> 121629 bytes
-rw-r--r--19530-h.zipbin0 -> 196835 bytes
-rw-r--r--19530-h/19530-h.htm6904
-rw-r--r--19530-h/images/backlogo.pngbin0 -> 706 bytes
-rw-r--r--19530-h/images/cover.jpgbin0 -> 67162 bytes
-rw-r--r--19530-h/images/frontlogo.pngbin0 -> 2152 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
12 files changed, 19552 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/19530-0.txt b/19530-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..d804c8e
--- /dev/null
+++ b/19530-0.txt
@@ -0,0 +1,6316 @@
+The Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Strix
+ Die Geschichte eines Uhus
+
+Author: Svend Fleuron
+
+Translator: Mathilde Mann
+
+Release Date: October 13, 2006 [EBook #19530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+ Svend Fleuron
+
+ S t r i x
+
+ Die Geschichte eines Uhus
+
+
+
+
+ [Illustration: Verlagssigel]
+
+
+
+
+ Fünftes bis neuntes Tausend
+ Verlegt bei Eugen Diederichs Jena / 1921
+
+
+
+
+ Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen
+ von Mathilde Mann
+
+
+Alle Rechte insbesondere das
+Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vorbehalten.
+Copyright 1921 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
+
+
+ * * * * *
+
+
+1. Das Ohr des Waldes
+
+
+In der fernen Tiefe der großen Föhrdenwälder, wo sich Licht- und
+Schattenbäume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hügelzug steil
+empor.
+
+Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so daß die Morgensonne
+seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint, während die
+Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen.
+
+An der Nordseite des Hügels, ganz hart an der Wand, steht zwischen
+Dornen und Gestrüpp eine alte, abgestorbene Eiche.
+
+Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Koloß von Baum; jetzt ist sie
+hohl -- der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so daß
+gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist.
+
+Es riecht säuerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken.
+
+... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und
+frißt, was die Zeit vor ihr übriggelassen hat.
+
+Ungefähr in halber Höhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche nach
+dem Moore zu, gähnt ein großes Loch aus dem Bauch des Baumes hervor.
+
+Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der
+Öffnung.
+
+Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt
+ist, wie der Hügel selbst --: die westliche Wand bekommt Morgensonne,
+die östliche Abendsonne, während die hintere Wand nie den Schimmer eines
+Strahles erhascht -- sitzt ein riesengroßer Vogel, und je nachdem die
+Sonne ihren Weg über den Himmel geht, rückt er aus dem einen Schatten in
+den andern.
+
+Es ist ein Nachtraubvogel --: ein großer, braungefiederter Uhu!
+
+Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwählt: hier
+sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von draußen her
+über den See hereindringt, fährt zwischen den Hügelwänden hin und her
+und bis zu ihm in das Loch hinein.
+
+Es ist ein dickes, kräftiges Uhuweibchen ...
+
+Sein Kopf ist so groß wie der der größten Wildkatze, nach vorn zu flach
+abgeschnitten, so daß er das schönste Gesicht bildet.
+
+Der Schnabel ist stark und gekrümmt, und die Schneiden sind so scharf
+wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen
+ein Stück Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch -- und sie haben selbst
+die Schenkelknochen eines zähen, alten Hasen durchgeschnitten.
+
+Er _fängt_ kein Tier, dieser große Uhu -- er _schlachtet_ es!
+
+Von den gelben Schnabelrändern steht ein Kranz von Federn wie ein
+brausender Schnurrbart ab. Er trägt sein Teil dazu bei, auf humane und
+rücksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu führen, wenn es im Kampf um
+sein Leben versucht, sich ein Urteil über den großen Schlund seines
+Gegners zu bilden.
+
+Der Schlund ist enorm -- aber erst wenn der Uhu ihn öffnet, kann man es
+sehen.
+
+Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den
+Ohren; sie erschließen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den
+verhältnismäßig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem
+eine ganze Stallratte verschwinden kann.
+
+Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlöcher, die ungeheuer sind im
+Verhältnis zu ihrer Größe bei andern Vögeln, sind die Federn sinnreich
+geordnet, so daß sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die
+Schallwellen anschlagen können.
+
+Das Gehör der großen Eule ist denn auch so fein, daß sie hören kann, wie
+die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden
+Flügelschlag des Nachtfalters hört sie!
+
+Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel
+eines Luchses, zwei wehende Federbüsche in die Höhe.
+
+Aber die Augen sind doch das Furchteinflößendste in diesem Gesicht! Sie
+sind prachtvoll gelb mit rötlichem Außenrand; die Eule kann gleichsam
+Feuer und Blut dahineinlegen, sie glühen und Funken sprühen lassen, so
+daß das Opfer gelähmt wird, wenn es seinen Blick plötzlich fängt.
+
+Sie ist so groß, daß sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie über die
+Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht -- einer Wolke, die
+schwarz ist und an den Rändern sonderbar faserig! Ihr Körper ist wie der
+einer Gans, und ihre Stärke gibt der eines Königsadlers nichts nach. Sie
+hat Flügel wie Schaufeln und so muskulöse Schenkel wie nur ein
+Fuchsrüde; die können ihren nächtlichen Wanderungen über den Waldboden
+Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fängt, Feuer verleihen.
+
+Ihre Fänge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen,
+sind fingerdick, und wenn sie sie völlig ausspreizt, haben sie fast die
+Spannweite einer Männerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen
+schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle,
+sichelförmige Kralle, wie ein kleiner türkischer Krummsäbel hervor.
+
+Sie sitzt förmlich in Daunen und Federn ...
+
+Die Dämmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die Nacht
+hat ihr mit schwarzem Pinsel über Flügel und Rücken gestrichen. Längs
+der Mitte der dicken, breiten Brust läuft ein weißlicher Strich, der
+sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das einzige
+wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den Glanz des
+Tages, an das Licht der Sonne -- ganz will es sie doch nicht lassen.
+
+
+Es ist sonnenwarm und mitten am Tage ...
+
+Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken über ihrem Stand,
+die langen Schwungfedern gleich einem wärmenden Unterrock über ihre
+Fänge gebreitet.
+
+Der große, runde Kopf mit den mächtigen Federbüscheln ist ganz nach dem
+Leib herabgezogen -- dadurch erhält das Gesicht etwas mürrisches,
+unzugängliches.
+
+Wie ein großer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor.
+
+Die Finken können piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch unter
+ihrem Baum schreien -- sie hört es nicht! Kläfft aber ein Hund in weiter
+Ferne, ertönt das Rollen eines Wagens oder der Klang einer Axt -- gleich
+zittert es in den Federbüscheln, sie sträuben sich drohend wie
+Bockshörner auf ihrem Kopf, werden nach und nach zu Hängeohren wie an
+einem melancholischen Schwein, um sich schließlich hintenüber zu legen,
+ganz an den Hals herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd.
+
+Draußen über dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so
+sonnenweiß da draußen, so voll von Tag und Leben.
+
+Feuerglänzende Stechfliegen treten plötzlich in die Erscheinung, stehen
+einen Augenblick still und glühen -- und verschwinden dann wie
+Sternschnuppen in den Schlagschatten. Große, schimmernde Libellen
+schwirren schaukelnd über den Wasserspiegel, schrauben sich im
+Spiralflug empor und fahren mit jähen Wendungen und unvorhergesehenen
+Bewegungen in Schwärme von Mücken hinein, so daß bei dem schnellen Flug
+ihre steifen, durchsichtigen Flügeldecken knistern.
+
+Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem Wasserrosenblatt
+auf. Gleich Blättern in einer Wolke von welkem Laub, das plötzlich vom
+Winde erfaßt wird, stehen sie über den Erderhöhungen hin ... der Staub
+auf ihren unberührten Schwingen glitzert und leuchtet, während sie in
+lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde treiben
+lassen, bis sie sich schließlich paaren, je zwei und zwei.
+
+Da mischt sich ein Flug weißer Schmetterlinge mit den roten und bringt
+Verwirrung in das so glücklich beendete Hochzeitsspiel. Nun schweben sie
+alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln ein jeder auf
+seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen auf einmal
+erblüht!
+
+Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schöpfstellen,
+und nachtschwarze Bläßhühner flattern bullernd über Wassertümpel,
+während taugraue junge Reiher zwischen dem Flimmern des Röhrichtsaums
+sich in der Geduld und dem Gewerbe des Fischens üben.
+
+Es ist Tag da draußen ... es liegt Leben über dem Waldmoor.
+
+Drinnen aber im Baumstamme ist es düster und kalt. Die gefurchten Wände,
+die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und die
+holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von
+Larvengängen und Wurmlöchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich
+angesammelt -- und dicke, wollstrumpfähnliche Spinngewebe, die sich in
+der Zugluft krümmen, verkleiden die Wände der Rinde wie geheimnisvolle
+Vorhänge.
+
+Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und
+zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand.
+Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte
+Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, während ein Bündel
+schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz
+angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals
+machen.
+
+Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche;
+er gönnt ihr den Frieden nicht, sondern fährt fort, sie zu quälen. Wenn
+dann der Baum so recht kläglich ächzt, reckt die Eule sich auf und
+schüttelt sich im Schlaf -- dies Knarren des alten Holzes tut ihr so
+innerlich gut.
+
+-- -- --
+
+Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch zu
+ihr herein.
+
+Der Laut nimmt zu -- -- --
+
+Dröhnen von Pfotenklatschen, Ritzen von Krallen, die sich in Rinde
+bohren, dumpfes Bumsen von losgerissenen Moosfladen, die in das Laub
+unter dem Baume herabfallen, jagen wie Hiebe gegen ihr Trommelfell.
+
+Da ist jemand auf dem Wege zu ihr herauf!
+
+Im selben Augenblicke ist die Eule wach.
+
+Es geht schnell zu ihr hinauf im runden Korkziehergang, ganz so, als
+statte der Specht vormittags ihrem Wohnbaum einen Besuch ab. Jetzt ist
+das Geräusch dicht hinter ihrem Rücken; sie hört das trockne Holz des
+Stammes ächzen, und es dröhnt in dem hohlen Baum wie in einer leeren
+Tonne.
+
+Die Eule richtet sich auf und wird zweimal so groß! Sie wirft gleichsam
+die Kissen ab und ihr vorhin so dicker, aufgeplusterter Körper wird
+schlank und lang.
+
+Plötzlich gleitet ein kleines, langgestrecktes, schlangengeschmeidiges
+Raubtier in kastanienbraunem Pelz lautlos durch das Eingangsloch ...
+
+Da leuchtet es unten aus dem Zunderdunkel wie Zauberglut auf. Ein
+elektrischer Strom, aus Spannung und Erregung geschaffen, entzündet
+magische Funken in den brandgelben Lichtern der Eule, sie sperrt ihren
+mächtigen Schlund auf und gibt plötzlich ein Furcht einflößendes Fauchen
+von sich.
+
+Das geschmeidige Raubtier fährt mit einem Satz zurück; in langen
+Sprüngen jagt es kopfüber am Stamm hinab und verschwindet in wilder
+Flucht.
+
+-- -- --
+
+Der Marder Taa ist der blutdürstigste Räuber des Waldes. Aber noch ist
+er so jung, daß er dergleichen Fehlgriffe begehen kann.
+
+Er hatte gehofft, ein Eichhörnchen in dem hohlen Stamm da oben zu
+treffen oder doch wenigstens einen kranken, alten Häher.
+
+Jetzt macht er sich schleunigst unsichtbar, ganz verwirrt infolge des
+Irrtums.
+
+
+Alle Bewohner des Waldes kennen ja den großen, braungefiederten
+Nachtvogel -- _den fliegenden Wolf_, mit dem menschlichen Gesicht und
+den geradeaus gerichteten Lichtern, die die Macht des Blickes besitzen.
+
+Sie ist der Tyrann des Hochwalds, der seine Steuer von allen erheischt,
+von den Hirschkälbern bis hinab zu den Mäusen.
+
+Sie scheuen sie, sie fürchten sie ... Strix Bubo, die große Horneule!
+
+
+
+
+2. Männchen und Junge
+
+
+Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres
+glücklichen Alters.
+
+Alles, wonach sie greift, fängt sie, und alles, was sie schlägt, fällt
+und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den Fängen und
+einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark. Wenn sie nur
+einen Hasen anrührt, spritzt das Blut gleich aus den zur Ader gelassenen
+Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den Jungen, sie besitzt
+alles, was reizt.
+
+Ihr Jagdgrund ist groß! Sie wohnt hier in den Hochwäldern, ganz am Ende
+der Förde und kann bis zum nächsten Nachbar jagen.
+
+Es sind alte, pfadlose Wälder, voll von Dickicht und sauren Erlenmooren,
+umgestürzte Bäume und herabgewehte Zweige liegen überall umher, und
+überall stehen zunderige, hohle Bäume und knarren. Unter der Geißel
+eines großen Wildbestandes sind die Wälder aufgewachsen: Urwald-,
+Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren
+Stand und haben sich den Winter über kümmerlich im Holz durchgeäst.
+Daher das viele verkrüppelte Eichen- und Buchengestrüpp, daher die
+vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldähnliche Gewirr, das
+einem großen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann.
+
+Aber der Lärm der Menschen rückt Strix näher und näher. Es werden
+häufiger Bäume im Walde gefällt, neue Menschenwege werden angelegt,
+kleine Steinhaufen und große Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und
+in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl längs des
+Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ändern und tiefer
+in den Wald hineinziehen müssen. Wo die Bäume am höchsten sind, wo der
+Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die härtesten Wunden schlagen
+kann, so daß große Löcher in das morsche Holz kommen -- da ist sie immer
+am besten gediehen.
+
+Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt, als
+auch schon der große Naturzerstörer mit Säge und Axt dorthin gelangt
+ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen,
+denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so
+ergeht, wie der großen Horneule selbst.
+
+Es sind Hirsche und Kahlwild, Hühnerhabichte und Wanderfalken,
+Edelmarder und Wildgänse -- alle fliehen sie vor den Axthieben, vor
+Hundegeläut und Schüssen und vor der scharfriechenden Fährte des
+arbeitstollen Menschen! Die ursprünglichen Bewohner des Waldes weichen
+dieser lärmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen,
+wo sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen
+finden -- in den öden Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen Heide-,
+Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf -- sie warten
+die Nacht ab!
+
+_Das mächtige Lichtgezücht_, das mit dem Tage erwacht und die Unruhe,
+den Lärm, die Veränderung und die Umbildung der Erde und der Natur
+schafft, die die Tiere scheuen, zwingt sie, sich zu verbergen, so lange
+es rast! Aber des Nachts kehren sie zurück zu den alten Stätten,
+verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf schleichenden Läufen über das
+Reich, das einstmals das ihre war. Die Hirsche und das Kahlwild äsen den
+Roggen der Ansiedler, die Dächse tummeln sich in den Saatfeldern, Marder
+und Fuchs stehlen Tauben und Hühner -- und Strix nimmt an Katzen und
+Ratten, was sie ergattern kann! In der Nacht gehört die Erde noch den
+Tieren!
+
+Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die
+Steinhöhlen der Menschen um die Hochwälder herum, daß stellenweise Tag
+und Nacht eine angsteinflößende Wolke ihres eigentümlichen Geruches
+aufsteigt.
+
+Eines schönen Abends merkt Strix, daß sie um der Nachbareule willen gern
+so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule läßt ihre
+Kampfstimme nicht mehr ertönen, sie muß wohl weiter weg bessere
+Jagdgründe gefunden haben!
+
+Die Nachbareule ist fort -- der große Moloch, das Götzenbild der
+Menschheit: die Zivilisation, hat sie getötet. Der Ausrottungskrieg
+gegen die Stämme des großen Uhus geht seinen fürchterlichen Gang.
+
+In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere
+Weise angreifend vorzugehen.
+
+Auf den Gütern jenseits der Förde tauchen plötzlich große, bunte,
+langschweifige Vögel in Mengen auf.
+
+Es sind Fasanen!
+
+Sie sind in kleinen Feldhölzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst im
+Überfluß vermehren. Es wimmelt von Ihnen am Waldboden und in den Bäumen.
+Sie sind so fett und gleichgültig, daß sie weder laufen noch fliegen
+mögen.
+
+Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den großen Uhus an; _hier_
+brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoßen, gleich haben sie die Fänge
+voll Nahrung.
+
+Rings um diese kleinen Gehölze, einladend über Dickicht und Gestrüpp
+aufragend, stehen hohe, schlanke Pfähle aufgepflanzt. Auf der Spitze
+eines jeden liegt -- so recht dazu gemacht, um sich darauf zu setzen --
+ein kleines strammgespanntes Tellereisen.
+
+Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum.
+
+
+Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Männchen.
+
+Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl -- da sind keine
+andern Männchen ihrer Art.
+
+Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betört sie
+fälschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten beständig mit Beute in
+den Klauen fliegt.
+
+Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trägt es solange, bis die Federn
+des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt der Fuß
+ab, und eines schönen Tages fällt er mit Eisen und Fang zu Boden.
+
+Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das --
+-- er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel!
+
+-- -- --
+
+Da thront er neben ihr ...
+
+Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie
+einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen großen, braunen Uhu mit
+Federbüscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer Mundspalte, die
+sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt ...
+
+Das ist der einklauige: UF!
+
+Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der
+Adler gewesen -- der letzte Überrest von Tieren, die noch etwas von der
+großen Zeit an sich haben.
+
+Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und würgen
+an ihrem Gewöll. In der Regel schlafen sie gut -- und erwachen sie
+zufällig, so haben sie genug zu tun.
+
+Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald
+wollen die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden,
+oder der Schnabelbart mit den vielen eingetrockneten Blut- und
+Fleischüberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, daß
+man ihn reinigt und bürstet.
+
+Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die possierlichsten
+Stellungen ein. Uf wird zu einem jämmerlichen Großvater in der
+Nachtmütze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur Furie; zu
+einem wilden Gespenst -- bereit zu kratzen und um sich zu schlagen!
+
+Aber zur Frühlingszeit, wenn die Märzstürme den Wald „stimmen“, wenn die
+Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter Hast
+anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hämmern zu beschleunigen, wenn die
+Träume, die sie träumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr an,
+nur zu schlafen und sich zu putzen! Da müssen sie auf -- auf und die
+Hörner sträuben und mit den Flügeln schlagen, während sie auf dem
+Zunder, auf dem sie sitzen, hüpfen und tanzen; da müssen sie schwänzeln
+und sich kröpfen und hu--u, hu--u heulen ...
+
+Und dann bauen sie ihren Horst.
+
+
+In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge!
+
+Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und häßlich für alle, nur
+nicht für Strix. Der Horst liegt in einer großen Vertiefung unter einem
+alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit hinein, so
+daß man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es ist ein ganz
+vorzügliches Nest, da ist ein Fußboden und da ist ein Dach -- auf dem
+Fußboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im Baumstumpf ist die
+Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhühner und Hasen -- und alle
+Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz kürzlich geschlagen. Aber vor
+dem Baumstumpf ist der Fußboden in weitem Umkreis mit Flügeln und
+Knochen übersät; da sieht es aus wie vor einer Räuberhöhle.
+
+Die Jungen sind noch klein. Vor zwölf Tagen erst sind sie aus dem Ei
+gekrochen, und Strix’ einkralliges, altes Männchen sitzt getreulich
+über ihnen, um durch die Wärme seines Körpers den Lebensfunken in ihnen
+zu erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum für den eigenen Bedarf,
+geschweige denn für den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen
+sind schwach -- da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr liegt es
+also ob, alle Vorräte zu beschaffen!
+
+Und sie ist zu allen Zeiten ein kühner Jäger gewesen. Gleich bei
+Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien
+Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenständen ihre richtige
+Größe verleiht, jagt sie am eifrigsten und fängt sie am besten. Da
+durchsucht sie den Wald, steigt über Mooren und kleinen Wiesen auf ...
+sie rüttelt wie ein Falke auf hastig klappenden Flügeln und späht hinab.
+Während die Holztauben gurren und die Drosseln singen, während die Hasen
+ganz davon in Anspruch genommen sind, auf Freiers Füßen zu gehen,
+während die Wasserhühner in den Moortümpeln sich um Männchen und
+Brutplätze balgen, kürt sie zwischen dem Überfluß und macht Beute.
+
+Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf Äcker und
+Heiden, und läßt, während das Tageslicht mehr und mehr Übermacht
+gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wälder weit da draußen
+fangen an zu winken, Anger mit Lämmern und Zicklein kommen verlockend
+nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nähe es
+von Wieseln und Ratten wimmelt.
+
+Rings umher unter ihr ertönt das Kullern des Birkhahns und das
+herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhähne ... abgezehrte und
+abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stöcken von Schwänzen anstelle der
+früher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen
+hat alle Haare mitgenommen.
+
+Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt
+glühende Luft vor ihrem Blick, scharfe, ätzende Strahlen beißen sie in
+die Augen -- und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr
+sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich -- und nun
+blinkt und flimmert und glitzert das Gras.
+
+Da nimmt sie mit dem fürlieb, was sie zwischen den Fängen hat, und
+fliegt schleunigst zurück nach ihrer Behausung, das rote Licht des
+Sonnenaufgangs über den Flügeln.
+
+So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Dörfern, Birkhühner aus der
+Heide, Hasen vom Felde, Krähen aus dem Walde -- sie müht sich getreulich
+ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden Hu-u
+bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat,
+sträubt er die Hörner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von
+sich --! Wieder ein Hase! sagt er überrascht in seiner Sprache! ja! sie
+strengt sich an!
+
+Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fängen; ihre
+unheimlichen, halbkahlen Köpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem
+mütterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will
+ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reißt sie ihr weg:
+sie soll nur fangen, nichts als fangen -- -- --!
+
+Doch Strix läßt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und weiß, daß er
+gern für seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das Wild
+nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zähe Muskeln weich;
+sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren
+heißhungrigen Kleinen in die Schnäbel.
+
+Uf sitzt da und schmollt -- --: sie soll nur fangen, nichts als fangen
+-- --
+
+
+Es dämmert ... es ist ein früher Morgen im Mai! Die Fledermäuse heben
+sich noch wie Möwen vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten,
+tastenden Schläge, nur ein ganz kurzes Flöten ohne Zusammenhang.
+
+Dann fängt ein Birkhahn draußen am Waldrand an zu kullern und zu
+schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunkönig piepst -- der
+ganze Wald erwacht und begrüßt den dämmernden Tag mit Gesang. Der
+Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen sind zu
+geschäftig, um zu lauschen -- sie sind ganz davon in Anspruch genommen,
+ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher, sie gucken in
+Astlöcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie flattern tief unten
+über Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen Schwänze streifen
+förmlich an den Kräutern entlang und jagen die brütenden kleinen Vögel
+auf.
+
+Strix ist auf Fang aus! Sie muß in der letzten Zeit immer weiter hinaus,
+die zunächst gelegenen Jagdgründe sind erschöpft.
+
+Von ihren früheren Ausflügen weiß sie, daß dort auf der andern Seite des
+Waldes unter einem mit Gestrüpp bestandenen Abhang eine große Herde
+Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glück
+hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein
+drücken sich neben der Mutter an deren Euter.
+
+Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschütteln: alle kleinen
+Niederungen zwischen den Hügeln stehen in einem Dampf, so daß es für
+Strix ein leichtes ist, die Tiere zu überrumpeln. Keine von den vielen,
+neidischen Krähen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat
+durchfliegen müssen, hat sie eräugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie
+sieht das Gestrüpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich
+niederzustoßen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu
+fangen! Die Beute muß mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in
+den Fängen.
+
+So stürzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht
+aufragt ...
+
+Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fänge, so daß
+alle Ziegen spähen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt
+hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewölbe und mit dem Abhang -- und die
+Morgenschläfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In völliger
+Ruhe kann sie ihre Beute auswählen: dasjenige der Zicklein das zu
+äußerst liegt.
+
+Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkümmerten Landrasse, ein
+Zicklein wird sie schon tragen können, wenn sie es nur richtig gefaßt
+kriegt. Geduldig wartet sie den günstigen Augenblick ab.
+
+Auf einmal ist sie da!
+
+Die Fänge bereit, vorn unter der Brust, stürzt sie sich herab. Im
+Vorübersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine
+Ohrfeige, dann paßt sie es so ab, daß sie das Zicklein noch im Fliegen
+packt.
+
+Sie hat es ... sie flattert damit über den Erdboden hin.
+
+Es ist schwer, sie merkt, daß es nicht so recht mit in die Luft hinauf
+will -- es gehört mehr Aufstiegschwung unter die Flügeldecken dazu.
+
+Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch
+ihr Kampfgeheul zu den äußersten Anstrengungen. Der Druck unter den
+Flügeln wird stärker. Bald hebt sie es leicht über Gräben und
+Erderhöhungen -- und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanspannung, nimmt
+sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf.
+
+Sie hat die Fänge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in dem
+zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz, schlaff
+hängt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hälfte ihrer Flughöhe erreicht
+hat. -- -- --
+
+An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr
+teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen
+Schwanz von Krähen und kleinen Vögeln hinter sich, schwer durch die
+Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, daß sie die Fänge
+wirklich voll hat -- da vernimmt sie die zärtlichsten Liebeslaute seiner
+alten Kehle: Wap, wap, wap!
+
+Das sind Zeiten für Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell
+genug ...
+
+Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerührten
+Tierleichen. Da sind Birkhühner und Rebhühner, Holztauben und Krähen,
+Hasen und Rehkitzchen -- ein unvergleichlich anheimelnder, gedeckter
+Tisch! Die Kleinen können nicht so schnell äsen, wie sie fangen kann,
+aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, daß sie immer einen gewissen
+Überfluß vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung erkennen.
+
+Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und
+rundlich ist er geworden, und noch älter und bequemer. Längst hat er
+aufgehört, Kinderwärterin zu sein und hat sich in seine eigene
+Privathöhle zwischen einem Haufen großer Steine zurückgezogen. Aber
+darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der
+Nacht sein flehendes Rufen hört und begreift, daß er leidet, weil er
+seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmäßig
+mit seiner täglichen Nahrung zu ihm hinab.
+
+Dann aber ereignet sich etwas -- -- --
+
+Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie
+heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den
+ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie ab; sie ist in allen
+Löchern, Spalten, Öffnungen ... nein, die Jungen sind weg!
+
+War es der große Zerstörer? War es der Marder? Er, der Marder -- -- --
+neulich morgens, als sie lange weg war, hat _Taa_ die Gelegenheit
+benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein Leichtes für ihn, da
+sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war auch glücklich über die
+Außenwerke des Horstes gelangt: über die großen Reisigpalisaden, den
+abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und Aasteile, aber
+_hinaus_gekommen war er nicht wieder so glimpflich. Die Jungen hatten
+ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie hatten sich auf den Rücken
+geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen Krallen zerfleischt. Sie
+hielten ihn noch in ihren Fängen, als sie, die Alte, heimkehrte. Sie
+entriß ihn ihnen und in dem Glauben, daß er tot sei, warf sie ihn weit
+hinaus über den Rand des Horstes.
+
+Aber Taa war noch höchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben Rute,
+die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete er sich
+zwischen ein Gewirr von Knabenkraut.
+
+Ha, der Marder, -- -- nein, diese Baumratte ist es nicht gewesen!
+
+Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesänge, er bildet sich
+Orgelpfeifen aus Astlöchern, Flöten aus Rindenspalten und gespannte
+Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tönend etwas
+vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat.
+
+Und Strix nimmt den Trost an -- und vergißt dann schließlich die Jungen!
+
+Als sie sich aber im nächsten Frühling auf ihre zwei rauhschaligen,
+runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt
+gesichert: diesmal brütet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten
+Bussardhorst.
+
+Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald.
+
+Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die
+wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden Augen.
+
+Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht.
+
+Er hat eine bunte Sportmütze auf dem Kopf und trägt eine dicke,
+blauschimmernde Joppe. Über der Schulter hängt an einem dünnen Bindfaden
+eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen,
+nachlässig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und
+aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten Strickleiter.
+
+Der Mann ist Leuchtturmwärter auf einem kleinen Leuchtturm weit draußen
+am Auslauf der Förde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die Aufsicht
+über den Leuchtturm seiner Frau übergeben kann, ist er ein eifriger
+Trapper -- heute ist er auf dem Jagdpfad.
+
+Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist.
+
+Im Frühling durchpflügt er alle Wälder nach Raubvogeleiern und alle
+umliegenden Heiden, Moore und Sümpfe nach andern Vogeleiern. Er begnügt
+sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat
+Verwendung für mehr und nimmt selten weniger als das vollzählige Gelege.
+Im Sommer, wenn die Vögel ausgebrütet haben, findet man ihn wieder;
+jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu
+beschaffen. Er sammelt nicht für sich selbst, sondern für ein paar große
+Geschäfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufällige Liebhaber
+unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen.
+
+Die Natur soll in die Stube hinein -- tot oder lebendig -- aber
+in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden und Bücherschränken, in
+Naturaliensammlungen der Schulen oder in den Glaskästen der Museen
+erblickt man die letzten Überreste der ursprünglichen Fauna des Landes;
+hier steht sie ausgestopft mit starren Glasaugen. Jeder zweite, dritte
+Vogel, der früher so allgemein war, daß er in die Sagen des Landes
+verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur noch eine Sage. Sie werden zu
+Geld gemacht, sie werden aus den Wolken und von den Baumwipfeln
+herabgeholt, um die Taschen der Leute mit klingender Münze zu füllen,
+der letzte Adler, wie die unverletzlich erklärten Störche! Die Menschen
+wollen die seltenen Exemplare besitzen, wollen sie in die Hand nehmen
+und vorzeigen können.
+
+„Vogelhansen“ oder ganz einfach „Vogel“, wie er genannt wird, hat sich
+sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der
+Hauptgeschäftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener
+unermüdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach
+schlägt -- er ruht nicht, bis er seine Beute in der Botanisiertrommel
+hat.
+
+Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von Kindesbeinen
+an gewöhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als Schiffsjunge
+hatte er in seiner grünen Jugend das Unglück, vom Mast zu fallen und
+einen häßlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was ihm in
+späteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwärterstellung draußen am
+Auslauf der Förde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner
+unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den
+Wipfel der unzugänglichsten Buche hinaufzugelangen.
+
+Im vergangenen Jahr, als er seinen großen Fang hier im Walde machte und
+-- von den schreienden und fauchenden Hähern geleitet -- Strix’ zwei
+possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der Nacht zuvor
+einen Besuch auf ein paar Höfen abgestattet, die in einem kleinen
+grünen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem
+seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im
+Hegemeisterhäuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht,
+daß sich auf dem Scheunenflügel des südlich gelegenen Hofes ein
+Storchennest befand. Das war genug für Vogelhansen. In der Dunkelheit
+der Nacht radelte er die Meile über die Heide und traf um Mitternacht
+an Ort und Stelle ein.
+
+Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf einem
+Bein, den Kopf unter dem Flügel, auf dem Nestrande neben der brütenden
+Störchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen, ist ein
+Leichtes für „Vogel“, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei
+zusammengebaute Flügel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf
+das Strohdach hinaufzuklettern.
+
+Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Räuber, namentlich
+die Störchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest fest und
+will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand über den Rand des
+Nestes zu gelangen. Sie schlägt und hackt ihn in Schulter und Arm,
+so daß seine Kleider lange Risse davontragen.
+
+Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak
+heraus und schleudert der Störchin ein paar gehörige Schüsse ins
+Gesicht. Das hilft -- wenige Sekunden später liegt das Nest offen da.
+Fünf glänzende weiße Eier schimmern ihm entgegen, ein volles Gelege!
+
+Schnell zieht „Vogel“ einen seiner Strümpfe aus, steckt vorsichtig die
+Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund ...
+
+Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er fängt
+an zu kläffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezündet und einen
+Augenblick später klappern Holzschuhe über das Steinpflaster.
+
+Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier
+Buchstaben, hält die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die
+Höhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er
+die Leiter, er muß der Sache ihren Lauf lassen -- und wie ein Schlitten
+nach einem Luftsprung saust sein Körper in die Luft hinaus. Da hat er
+das unverschämte Glück, daß der Düngerhaufen sich gerade unter ihm
+befindet: er fällt weich -- in einen großen Haufen Streu hinein. Er
+greift nach seinen Schuhen und nimmt Reißaus über die Heide.
+
+Alle Storcheneier waren heil geblieben -- er hatte für seine
+Verhältnisse einen ungewöhnlichen Fang gemacht!
+
+-- -- --
+
+Jetzt ist er wieder hier in der Gegend.
+
+Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis für die Beschaffung eines
+vollen Geleges Eier von dem großen Uhu geboten. Für den Sammler gilt es,
+die Eier zu erlangen, solange der Vogel überhaupt noch vorhanden ist.
+
+Aus seiner Knabenzeit und von seinen späteren zahlreichen Besuchen hier
+ist der kleine Leuchtturmwärter mit sich im Klaren, wo ungefähr er
+suchen muß. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen
+Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in
+immer größeren Kreisen zu durchtraben.
+
+Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm
+muß mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen
+werden, dessen Krücke so gebogen ist, daß sich der Stock schnell in die
+Seitentasche einhaken läßt, wenn „Vogel“ die Hände frei haben will. Er
+klopft an die Stämme und guckt in die Wipfel hinauf, er kratzt an den
+alten Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krücke unter alle
+Wegüberführungen und in die alten, mit Laub angefüllten Fuchsröhren.
+
+Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt -- mit
+gesträubten Hörnern ...
+
+Schon aus weiter Ferne hört sie den eigenartigen Gang des Mannes.
+
+Kla--datsch, klingt es, kla--datsch, kla--datsch ...
+
+
+Als Strix eben flügge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie
+eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging
+auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die
+beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte
+es zurück, strich mit den Vorderpfoten an den Bäumen entlang und spähte
+wie ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, daß es eine
+ungewöhnliche Fähigkeit besaß, die Farbe zu wechseln; bald war der Pelz
+grau, bald schwarz, bald beides ... es war ein Mensch.
+
+Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag
+draußen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das
+Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen
+verschwinden.
+
+Lange Zeit blieb sie draußen sitzen und starrte das Loch an, durch das
+der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung, fand
+sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre
+ganze Neugier.
+
+Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der
+Entfernung zu folgen, sie fürchtete ihn instinktiv, ohne sich erklären
+zu können, weshalb, fühlte sich aber trotz alledem mächtig von ihm
+angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie plötzlich überraschend,
+wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kümmerte sich nur um
+sich selbst. Er knöhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund,
+er quakte im Grunde wie ein großer Frosch.
+
+Nur selten geschah es, daß der Mensch des nachts ausging; geschah es
+aber, so sah Strix, wie er auf seinen nächtlichen Wanderungen durch
+den stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und
+stolperte schwerfällig auf seinen Klumpfüßen und stieß bei jedem Schritt
+ein Stück Ast in die Erde -- kla-datsch klang es, kla-datsch -- während
+es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren wimmelte. Alle
+kannten sie seine Unterlegenheit!
+
+Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand
+nicht zwei Sprünge davon zwischen den Stämmen, der Marder guckte ruhig
+unter einem Stein hervor, und das Stachelschwein trabte in seinen
+Fußstapfen und schnüffelte an seinen klappernden Ballen.
+
+Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehört, ehe er vor ihnen
+stand; alle wußten sie, daß er in der Dunkelheit blind und taub war.
+Stand er aber plötzlich still, so erfaßte die ganze Schar ein Schrecken;
+Strix hörte sie davonstürzen, und sie empfand selbst ein sonderbar
+beklemmendes Gefühl im Halse.
+
+-- -- --
+
+Dasselbe beklemmende Gefühl stellt sich jetzt wieder ein, als sie
+plötzlich das Kla-datschen unter sich hört und den Menschen zwischen
+den Stämmen auftauchen sieht.
+
+Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum ...
+
+Aber was soll sie fürchten?
+
+Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge; noch nie
+haben diese beiden mächtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am
+Mann war; die Fänge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie
+anpacken -- und der Schnabel gibt den Fängen nichts nach.
+
+Und dann hat sie ja die Flügel.
+
+Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fühlt sie
+sich dem großen, lächerlichen Tier unendlich überlegen; sie kann sich ja
+von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden
+sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung!
+
+Nein, was soll sie fürchten! Sie hat den Übermut und die Sicherheit
+aller großen Vögel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das
+Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten und Kräften.
+
+Da auf einmal fängt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hört,
+wie sich große, gehörnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen.
+
+Sie preßt sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht wie
+eine Kröte.
+
+Die Krallen kommen näher und näher -- und machen dann plötzlich unter
+ihr Halt. Da fängt sie an zu jammern und zu klagen wie eine Bruthenne
+und stößt eine Reihe tieftönender Aah -- Aah aus ...
+
+Dem Leuchtturmwärter klingt es, als klage ein todkranker, leidender
+Mensch.
+
+Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest
+sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine
+Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig.
+
+Da tönt es plötzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mütze fällt ihm ab
+und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen ihm
+die Wange.
+
+Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre
+Geduld erschöpft.
+
+Aber da gibt’s kein Erbarmen! Auch auf diese Möglichkeit ist Vogelhansen
+vorbereitet; er wirft seinen Rock über den Kopf und zieht einen alten
+Fechthandschuh über die rechte Hand -- dann betäubt ein halber Liter
+Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest zu plündern.
+
+Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke über den Wald hin und fällt
+dann ohnmächtig zwischen den Bäumen nieder.
+
+Als sie aus der Betäubung erwacht und hustet und nach Atem ringt, steht
+das Hahnengesicht des Leuchtturmwärters mit den kleinen stechenden Augen
+noch immer vor ihrem inneren Blick. Die Augen starren sie gieriger an
+als die der Füchse, wenn sie, neidisch auf ihren Fang, geifernd um sie
+herum sitzen, und sie sind grausamer und berechnender kalt als der
+Blick, den ihr Taa an jenem Tage zuschleuderte, nachdem sie ihn
+unversehens aus den Klauen der Jungen errettet hatte. Und gegen ihr
+Trommelfell hämmert es: Kla-datsch, kla-datsch! ...
+
+Die Fußtritte kann sie nie wieder vergessen!
+
+Später legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brütend auf
+einem einzigen, erbärmlichen, kleinen Ei.
+
+Aber, woran es liegen mochte -- aus dem Ei wurde nie etwas anderes als
+die Schale.
+
+
+
+
+3. Der geflügelte Wolf
+
+
+Das Flammengelb des Sonnenuntergangs stand noch am Himmel! Es spannte
+seinen Brandgurt um die Erde und ließ ihre pechschwarzen Haarsträhnen
+sich sträuben. Es entschleierte am Horizont einen großen Wald, meißelte
+das Kuppelgewölbe der Buchen aus und schliff den Sägezahnrand der Tannen
+blank.
+
+Drinnen im Walde, tief unten zwischen dem welken Laub, sitzt Strix auf
+einem bemoosten, halbverfaulten Baumstumpf.
+
+Vor ihr, den Oberkörper halb auf den Baumstumpf hinauf, hält eine
+kleine, schreckgelähmte Maus sich in verzerrter Stellung, sie zittert
+und bebt am ganzen Leibe.
+
+In ihrem Kampf ums tägliche Brot ist die Maus in die Nähe des
+Baumstumpfes gekommen, und in der Hoffnung, in dem faulen Holz einen
+Käfer zu finden, ist sie, ohne Böses zu ahnen, hinaufgehuscht, als sie
+plötzlich, gerade glücklich über den Rand gelangt, einem Paar großer,
+rollender Lichter begegnete.
+
+Im selben Augenblick ist sie an den Fleck genagelt.
+
+Alle ihre Kräfte, all ihre Energie und ihr Wille haben sie verlassen;
+schreckgebannt und verloren sitzt sie da, zu regungslosem Verharren
+hypnotisiert.
+
+Der böse Zaubervogel sieht und sieht das erstaunte, kleine Wesen nur mit
+seinen glühenden Lichtern an, dann erhebt er ruhig seine Marterfänge und
+krallt sie um die Maus.
+
+Zappelndes Leben kommt in das dem Tode geweihte Tierchen, als die Fänge
+von allen Seiten ihre Hornmesser in seinen Leib hineintreiben.
+
+-- -- --
+
+Strix liebt Mäuse -- und jetzt, wo sie für den Rest des Sommers
+nur Uf und sich selbst zu versorgen hat, gibt sie sich gern dem
+zeiterfordernden Mäusefang hin. Nur auf diese Weise ist es ihr nämlich
+möglich, die kleinen Kerle zu fangen: die Leckerbissen verschwinden wie
+Krumen zwischen ihren groben Fängen.
+
+
+Die Frösche sangen ihre bubbelnden, quakenden Gesänge ... sangen so
+innig und mit einer eigenen überzeugenden Kraft! Sie brachten in ihrer
+Sprache das Lob des Mitsommerabends zum Ausdruck und wetteiferten, wer
+das am betörendsten zu tun vermochte.
+
+Einige knarrten wie altes Holz im Sturm, andere krachten wie das dürre
+Reisig des Waldes, wieder andere glucksten, gurgelten und bubbelten die
+Töne heraus -- es klang nach Eisschmelze und Platzregen, nach Rieseln in
+Entwässerungsröhren und Gräben.
+
+In den Pausen aber ließ die Rohrdommel sich hören! Eigentlich hatte
+sie die ganze Zeit gesungen, sie hatte sich nur kein Gehör verschaffen
+können -- jetzt dröhnte die Luft von ihren spröden, dünnen Tönen, bis
+die lebendigen kleinen Nußknacker von neuem begannen.
+
+Still! Still! Alle Frösche im Walde wurden auf einmal stumm --: ein
+großer Vogel strich mit weichem Flügelschlag lautlos über das Wasser.
+
+Strix untersucht den Saum des Röhrichts ...
+
+Langsam läßt sie sich über Wasserlachen und Wasserrosen dahingleiten,
+über die Schilfpflanzen im Sumpf, wie über das Wollgras am Ufer entlang;
+tief, mit hängenden Fängen flattert sie dahin und guckt zwischen die
+Erderhöhungen hinab. Wildenten und Bläßhühner suchen schleunigst ihr
+Versteck auf ... es plätschert und spritzt um sie her.
+
+Der Waldsee hat ihr nichts geliefert!
+
+So muss sie denn eine ihrer andern Fangstellen aufsuchen.
+
+-- -- --
+
+Weit draußen am Waldessaum, am Rain, steht eine kleine, verkrüppelte
+Eiche; ein dürrer Zweig ragt aus der Mitte ihres Stammes auf: dicht über
+dem Zweig bildet der Stamm einen Knick, biegt sonderbar ungeschickt ein
+und wird hohl im Rücken wie eine Elfe.
+
+Ein stark begangener Wildwechsel läuft gerade unter der Eiche hin. Zu
+beiden Seiten des Waldrains und an seinen Abhängen hinauf wächst dichtes
+Schlehdorngestrüpp, oben dahingegen ist er nackt und kahl.
+
+Der Wechsel führt das Wild nach dem Felde und wieder zurück. Er läuft
+erst durch den einen Schlehentunnel, dann über den Wall hinauf und
+weiter durch den zweiten Tunnel. Wenn nun der Hase oder das Rehkitz,
+das Wiesel oder der Marder dem Wechsel folgen und in das schirmende
+Dornengeflecht hineinschlüpfen, machen sie gern einen Augenblick halt,
+um zu verschnaufen.
+
+Aber sie nehmen sich nicht in acht vor dem kleinen Stück offenen Walles;
+die müden Wanderer trippeln noch, wenn sie gemächlich und sorglos über
+den Rand des Knicks gleiten.
+
+Dieser Umstand ist gerade die Pointe des Fangplatzes, er verleiht ihm
+Ruf und Anziehungskraft!
+
+Kein Habicht oder Bussard kann sich im Walde niederlassen, der nicht
+früher oder später den Weg zu diesem Lauerplatz findet. In früheren
+Zeiten ist hier manch’ ein Kampf zwischen Strix’ verblichenen Vorfahren
+ausgefochten. Die streitbaren Uhumännchen haben um ihr Leben gekämpft
+und die Fänge oft derartig ineinander geschlagen, daß sie zu einem
+Klumpen verfilzt tot unter dem Baum gelegen haben.
+
+Es ist schon spät am Abend, als der dürre Eichenzweig kracht unter
+den Fängen der großen Horneule! Sie faltet die weichen Daunenflügel
+zusammen, und verkriecht sich in die Krümmung des Stammes, so daß ihr
+Kopf die Höhlung ausfüllt. Sie ist ganz unsichtbar ...
+
+Das Flammengelb des Sonnenuntergangs ist nicht mehr am Himmel sichtbar!
+Die Kuppelwölbung der Buchen, den Sägezahnrand der Tannen hat die Nacht
+verschlungen; es ist düster und unheimlich im Wald wie in einer Höhle.
+
+Aber für Strix ist es noch heller Tag.
+
+Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon als
+ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft häßlich --
+da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag -- und es kann vorkommen, daß
+sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so daß sie sich verirrt, wenn
+sie in ihr Nestloch hineinfliegen will.
+
+Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig! Sie
+sieht das Spiel in den Augen der Mäuse, sie sieht die Kröte, wenn sie
+über den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich
+durch das Gras schleichen, sie sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie
+sieht deutlich die Mücke, die die Fledermaus fängt. -- In der Nacht
+beherrscht sie alles!
+
+Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und
+Wiesen, Moorstrecken und Heideflächen. Der Tau spielt über Gras und
+Kräutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen
+auf die Blumen.
+
+Es strahlt und schimmert da draußen! Aber das Grün ist nicht scharf wie
+am Tage und das Weiß und das Rot empfindet man nicht wie Wind im Auge
+... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde!
+
+Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke Laub
+der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, dürrer Zweig wiegt sich
+auf und nieder. Da unten wandern die Mäuse! Eine Ricke mit ihren Kitzen
+kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden -- setzen
+dann in ein paar Sprüngen über den Waldrain hinweg. Der Fuchs maust am
+Gehege entlang und äugt verstohlen nach den Rehkitzen; das hinterste,
+findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner Kerl!
+
+Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch
+andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht.
+
+Da hört sie Blätter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter
+ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein Hase ...
+
+Hasen waren in früheren Zeiten ihre tägliche Speise; damals, als der
+Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr;
+jetzt muß sie sich mit bedeutend weniger begnügen und Jungfüchse und
+Dachswelfen zur Aushilfe nehmen.
+
+Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt.
+
+Er setzt sich und lauscht -- er hebt sich ganz auf die Hinterläufe ...
+die Augen stehen ihm starr im Kopf, während der Windfang mit der tiefen
+Hasenscharte in der Lippe sich fortwährend rund herum bewegt. Strix kann
+mittels des Gehörs ihren kleinen Lampe auf der ganzen Reise verfolgen!
+Sie hört, wie er aus seiner aufgerichteten, kundschaftenden Stellung die
+spitzen Vorderläufe wieder an die Erde setzt, hört seine kräftigen
+Lungen arbeiten, seine Nüstern sich blähen -- o, wonniger Laut! -- hört
+seinen Magen schreien und die Gedärme vor Hunger rummeln. Da weiß sie,
+daß sie nicht vergeblich gelauert haben wird.
+
+Und dann geht es, wie es gehen soll!
+
+Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel --
+und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter über den Waldrain
+in seinem Tripp, Trapp-Gehüpfe, als sich plötzlich etwas wie eine
+schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der
+Finsternis auf; auf ihren Wollflügeln kommt sie -- von hinten.
+
+Sie kommt mit dem lähmenden Schrecken, der die Folge jeglicher
+Überrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer
+Entfernung von ihrer Beute befindet.
+
+Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das
+Hineinhauen, daß die Fänge der Eule sich in der Brust begegnen. Er
+stößt einen Schrei aus, im nächsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein
+Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken:
+So, da bist du offenbar auf die Dornen gelaufen! dann weiß er von nichts
+mehr, er zappelt mit den Hinterläufen und streckt die Drossel ... die
+gelben Lichter starren steif in den Raum hinein.
+
+Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit krummem
+Buckel und gesenkten Flügeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor
+Äsungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzförmigen
+Fänge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und öffnet ihren mächtigen
+Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt
+in dem Hasenleib; große Stücke gleiten mit Haut und Haar hinab, während
+lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren
+Schnabelwinkeln und in den gelben Fängen festsetzt.
+
+Sie ist ganz satt -- -- aber noch steht ihr der größte Genuß bevor. Sie
+fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und sieht auf den
+toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit Grauen erfüllen.
+Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals unverwandt und
+grübelnd auf ihren Überfluß hinabstarren -- bis sie dem herzzerreißenden
+Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung schreit, nicht länger
+widerstehen kann.
+
+Da ruft sie ihn -- und wollüstig schlingt Uf die blutigen Überbleibsel
+herunter.
+
+-- -- --
+
+Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung für sich und Uf an dieser
+alten Fangstätte. Dann, eines schönen Abends, versiegt plötzlich der
+Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf
+dieser Seite des Waldes herausgeht.
+
+Da muß sie eine neue Taktik versuchen -- oder sich auf lange Zeit
+anderswohin begeben.
+
+
+Es ist mondhell! Blaßgrün scheint die Strahlenfülle der Himmelslaterne
+auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem
+Werder draußen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen
+flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser -- der Rest des
+Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weißbirke tritt als Elfe
+aus dem Nebelgebräu der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den Baum.
+
+Ein Mensch würde das Bild so sehen -- -- und er würde sein Herz klopfen
+fühlen unter dem Druck seiner Phantasie; er würde sich erdrückt fühlen
+von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen Beleuchtung der einsamen
+Umgebung.
+
+Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kämpfen braucht; für
+sie ist der Wald zu nächtlicher Zeit eine Freistätte, ein Heim; sie ist
+vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut -- und verkrüppelte, rindenlose
+Aststücke oder verschleierte Birken haben, trotz der Gaukelkünste des
+Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben für sie.
+
+Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit
+einer Ahnung von Rot und Klarheit, hängt die Dämmerung schon über dem
+östlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der
+dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Mäusen wimmelt.
+
+Da kommen die Hasen mit Müdigkeit in den Augen, mit dem Bedürfnis
+nach Ruhe in den matten Gliedern; geräuschlos huschen sie auf ihren
+Hexensteigen durch das Korn, sie wollen in den Wald hinein und sich
+setzen. Sorglos hüpft Lampe auf seinen weichen Ballen und mit
+hochgekniffenem Bauch, um nicht naß zu werden, denn der Tau spritzt
+hoch von dem Grase.
+
+Strix thront auf dem Fangzweig. Sie saß dort gestern Abend und auch
+vorgestern Abend -- aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr nicht
+freigiebig.
+
+Die Hasen sind scheu und mißtrauisch geworden. Sie benutzen den
+hundertjährigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrügt, das haben sie
+entdeckt -- sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen.
+
+Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme!
+
+Sie beherrscht ein ganz ungewöhnliches Instrument! Sie kann die
+Stimme so tief tönen lassen wie nur ein Baß, und eine Reihe hohler,
+posaunenartiger Töne entsenden; aber sie kann auch in die Höhe gehen
+und ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen.
+
+Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende
+des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mächtige Stimme ertönen läßt ...
+die kleinen Vögel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts
+weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht
+und das Eichhörnchen ducken sich tief in ihre Astlöcher, ja, selbst der
+Marder hält inne in seiner nächtlichen Jagd, wenn er die unharmonische
+Verkündigung seines großen Nebenbuhlers hört. Den Fall gesetzt, die Eule
+wäre hungrig, und nähme, was ihr in den Weg käme, da würde Taa in ihrem
+Rachen verschwinden wie eine Ratte!
+
+Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben, die
+Farbe ihres Federkleides, ihr Bedürfnis nach Einsamkeit hat ihr seit
+undenklichen Zeiten das Mißtrauen der Menge zugezogen -- auch über ihrer
+Stimme liegt etwas, das mystisch und eigenartig wirkt.
+
+Es steckt ein Stück Bauchredner in Strix; wenn es ihr paßt, kann sie
+teuflisch mit ihrer Stimme täuschen -- niemand kann danach beurteilen,
+wo sie sitzt. Sie kann brüllen wie ein Stier, heulen wie ein Wolf,
+miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelächter ausbrechen wie
+ein wahnsinniger Mensch.
+
+Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und fern,
+als kämen die Töne von weit her.
+
+Der Hase auf dem Felde fühlt sich sicher und glücklich dabei und doch
+-- -- sitzt sie da, die große, rotäugige Fängerin, dicht hinter dem
+Waldessaum. Huu -- Huu -- Huu ... bis in die Unendlichkeit hinein kann
+sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr angeboren. Eine Viertelstunde nach
+der andern kann sie so dasitzen und vollkommen von ihrem Hinterhalt in
+Anspruch genommen sein. Huu -- Huu -- Huu ... eigentümlich hohl und
+dumpf klingt es; wer ihr etwas anhaben will, folgt dem Klange der Stimme
+und glaubt, daß er sie die ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und
+geht und ist ihr beständig gleich nahe.
+
+Huj -- Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und unerwartet
+nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den verwirrten Hasen
+dazu, angsterfüllt ein Versteck zu suchen. Bald brüllt sie, als sei sie
+hinter ihm, bald, als hinge sie gerade über ihm; der Hase gerät von
+Sinnen und schlüpft schleunigst auf den alten, lieben Weg -- auf den
+Todesweg -- um die Sicherheit und den Wald aufzusuchen.
+
+Da stößt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine Langohr,
+in demselben Augenblick, als es den Kamm des Walles erreicht. Aeee,
+klagt der Ärmste, Aeee, Aeee ... und wild und trübselig schreit der Hase
+sein Leben aus.
+
+Ungerufen erscheint Uf -- -- und hinter ihm drein wimmeln alle Füchse
+herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet Eisenteilchen anzieht.
+Sie kommen von weit her, wie an der Nase herbeigezogen und sitzen da und
+geifern, während die beiden großen Uhus in aller Ruhe ihre Mahlzeit
+verzehren.
+
+Es kommt wohl vor, daß ein heißhungriger, mutiger Reinecke sich mit den
+Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie sträubt jede
+Daune und wird unheimlich groß, dann knappt sie mit dem Schnabel und
+zündet Feuer in den roten Lichtern an.
+
+Hu -- u --, heult sie ... Nase weg!
+
+
+Strix ist ein großer Räuber, ein mächtiger Jäger! Sie ist ein Meister
+in allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig,
+verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darüber hinweg, oben in der
+Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden
+Hinterhalt-Verfahrens, hüllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder
+der Dämmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhöhung
+auf die Liebessteige oder die Futterplätze des Kleinwilds. Der jagende
+Fuchs knirscht oft mit den Zähnen vor Wut über sie; er nennt ihr
+Jagdverfahren, „dem Wild das Leben stehlen“. Hah! still dasitzen und
+lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende
+Beute, hah! das kann jeder! höhnt der Fuchs in seiner Sprache.
+
+Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fuß jagen! Fuchs und Marder,
+Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmäßig, fürchten aber ihre Fänge.
+
+
+
+
+4. Das neue Gelege
+
+
+Dicht fallen die Blätter im Herbst ...
+
+Dichter noch, als der Oktober herannaht ...
+
+Überall in den Wäldern wird es welk und kahl!
+
+Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das Regenwasser
+trieb in Strömen an den Stämmen herab. Die letzten Motten und
+Nachtschwärmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flügeln auf
+dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen.
+
+Der Dezember kam -- und der Schnee!
+
+Dann brütete der Winter über dem Lande --
+
+Jetzt haben die Märzstürme getobt und die Aprilschauer gespült --
+Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe ist hier
+gewesen, die Anemonen stehen in Blüte:
+
+Es ist Frühling und die Hochwälder strahlen von Mai!
+
+Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt
+unter einer kleinen Tanne an einem Hügelabhang.
+
+Uf hat die Stelle als Kinderwärterin noch nicht angetreten. Die Jungen,
+die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden vorläufig
+von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd unter ihr.
+Sie ist so zärtlich mit diesen Jungen, zärtlicher als sie je mit ihren
+früheren Jungen gewesen ist -- und sie bewacht sie mit nie ermüdender
+Fürsorge.
+
+Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken
+Fuchsrüden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die
+Menschen -- die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu betreten!
+
+Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehörigen
+Schrecken ein ...
+
+Er kommt in seinem Einspänner gefahren, um das Holz zu holen, das
+er im Walde gekauft hat. Während er gemütlich dahinzuckelt, sieht er
+plötzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der
+schmalspurige Weg führt. Der Vogel ist groß, und er setzt sich ohne
+weiteres auf das Pferd und fängt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren
+zu schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat
+seine liebe Mühe, es wieder zu bändigen, denn fortwährend streicht ein
+schwarzer, unheilverkündender Schatten über das Fuhrwerk hin und heult
+so bestialisch wie der Teufel in eigener Person.
+
+Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als
+die Daunen aus ihren weißspieligen Federposen herausquellen und sie
+anfangen, die nackten Hälse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als
+Wärmflasche angetreten, so daß Strix mehr Zeit zur Verfügung hat.
+
+Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel für die ganze Umgegend zu
+werden. Sie fängt wie gewöhnlich ... holt Ratten aus den Dörfern und
+Rebhühner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mühe, Futter
+für ihre heißhungrigen Jungen und ihren nicht minder heißhungrigen,
+alten Gatten zu schaffen. Ihr großes Bereich ist in den letzten Jahren
+merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhühner sind weniger -- nur
+die Menschen haben zugenommen.
+
+Dafür hat sich hier und da einer von den bunten Vögeln mit den langen
+Stößen von den Gütern drüben auf der andern Seite der Förde gezeigt --
+und eines Morgens taucht ein neuer, großer Auerhahn auf.
+
+
+Es dämmert am Horizont ... schüchtern schlägt der Zaunkönig seinen
+ersten, schmetternden Triller, dann hält er inne -- er ist zu früh
+aufgestanden!
+
+Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal draußen am Waldessaum -- und
+alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise seufzt und stöhnt
+in den Baumwipfeln ...
+
+Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein!
+
+Strix sträubt die Hörner.
+
+War das ein Traum, der Lenzruf des großen Hahns? Sie sieht diesen großen
+Vogel ja sonst nie.
+
+Von neuem ertönt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein
+Flöten, und doch schallt es weit durch den Wald.
+
+Strix verläßt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend.
+
+Bald ertönt der Kampfruf eines andern Auerhahns -- und nun kämpfen die
+beiden großen Hähne gleichzeitig mit einem Schwall von Kraft.
+
+Sie hört vor sich Flügel schlagen und krachen. Ausgebreitete Federfahnen
+in breiten Flügeln hauen mit donnerähnlichem Getöse gegeneinander. Sie
+ist früher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher Jäger gewesen und
+hat sich der Kämpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu Nutzen gemacht --
+lautlos schaukelt sie über dem Walplatz ...
+
+Es ist noch dunkel in der Kronenwölbung und dunkel ist es auf dem
+Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern der
+Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhähne. Hier drinnen bullern
+rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu!
+
+Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin, mit
+gesträubten Hörnern und funkelnden Lichtern.
+
+Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tönt es
+aus der Kehle und rollt in den dämmernden Morgen hinaus. Längst hat sie
+den Vogel entdeckt. Ihr scharfer Blick erkennt deutlich den Glanz seiner
+Federn und das rote Ebereschenbüschel über jedem Auge. Mit stolzer
+Haltung, mit gefächertem Stoß und gekrümmtem Hals stolziert der schwarze
+Hahn auf seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu
+übertrumpfen, ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen
+mächtigen Sprung, und indem er die Flügel krachend vor der Brust
+zusammenknallt, stößt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen
+Schlußgesang an, noch feuriger, als bisher.
+
+Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn,
+geht sie auf das Balzen ein.
+
+Mit gesträubten Halsfedern, mit schleifenden Flügeln, den Stoß gespreizt
+wie ein Rad, fährt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem Schnabel.
+Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glühen vor Wut.
+
+Da entdeckt er seinen Irrtum -- Strix läßt auch ihre Fanfaren ertönen!
+Er hätte sich verteidigen sollen, der schwarze Puter! Er hätte es wohl
+gekonnt! Er ist eben so groß wie der Uhu und hat Hiebkraft in seinem
+Schnabel und Kratzgewalt in seinen Krallen, aber Strix’ Heulen ist nicht
+auf _seinen_ Kammerton gestimmt -- der Auerhahn ist gleich bereit zur
+Flucht.
+
+Strix fährt ihm indessen an die Kehle, ehe er Kehrt gemacht hat -- und
+wie ein Federbündel rollen sie am Erdboden herum.
+
+-- -- --
+
+Strix machte reiche Beute an diesem Morgen!
+
+Aber sie war nicht imstande, den Hahn nach Hause zu schleppen; sie muß
+sich damit begnügen, große Stücke Brust zur Zeit zu nehmen.
+
+Uf schwelgte und schmatzte mit der Zunge ...
+
+
+Strix hätte sich ruhig verhalten sollen!
+
+Sie hätte nicht auf den Bauer einfahren und auf die alten, friedlichen
+Weiber, die Reisig im Walde sammelten -- als dergleichen wird ruchbar
+und kommt schnell einem kleinen, unternehmenden Waldhüter, _Pist Lak_ zu
+Ohren. Als dann der Waldhüter eines Nachmittags draußen in den Tannen
+auf den seiner Brust beraubten großen Auerhahn stößt -- ausgesetztes
+Wild, womit die Menschen sich bemühen, die Verheerungen wieder gut zu
+machen, die sie unter der Fauna des Landes anrichten -- da wird es ihm
+nicht schwer, zusammenzuzählen und auszurechnen.
+
+Er läßt „Vogel“, den großen Agenten benachrichtigen, dessen kleiner
+Unteragent er, Pist Lak, sein Lebelang gewesen ist -- und sobald der
+Leuchtturmwärter wieder einen freien Tag hat, macht er sich auf die
+Wanderschaft. In diesem Jahre will er Junge haben, und zwar am liebsten
+lebende. Er hat Bestellung auf so viele junge Uhus, wie er nur
+beschaffen kann, für Tiergruppen ringsumher in sogenannten „Zoologischen
+Gartenanlagen“, diesen modernen Naturparks, die reiche Leute zur
+Zerstreuung und Belehrung auf ihren Landsitzen einrichten lassen.
+Mindestens fünfzig Kronen sind dabei zu verdienen, d.h. Pist Lak soll ja
+zehn davon ab haben; aber die kann er ihm ja vorläufig schuldig bleiben!
+
+An dem Tage nach Feierabend, wo „Vogel“ und Pist Lak -- wohl ausgerüstet
+zu ihrem gefahrvollen Unternehmen, mit Pferdedecken und ein paar langen
+Stäben -- ausgezogen sind, um den Eulenhorst zu suchen und ihn auch
+_finden_, fügt es sich so, daß die beiden Alten abwesend sind. Strix
+besorgt die ihr obliegenden Geschäfte; sie ist auf Raub aus -- die
+Jungen, die jetzt fast flügge sind, belegen ihre Arbeitskraft voll mit
+Beschlag.
+
+Uf dahingegen ...
+
+Uf ist wohl niemals ein wirklich zärtlicher Vater seinen Kindern
+gegenüber gewesen, mag es nun sein, weil er alt ist, und es ihm an
+Körper- wie Herzenswärme gebricht, oder weil er seine unwirksame
+Kinderwärterinstellung satt hat. Ihm liegt es ja ob, die Kleinen zu
+füttern, den Marder fernzuhalten und sie von den großen, häßlichen
+Zecken zu befreien, die sich gern an ihren Augen festsaugen wollen.
+In diesem Jahr ist er aber auffallend nachlässig gewesen, hat seine
+Pflichten auf die leichte Achsel genommen und sich nicht gescheut, in
+seiner Gier und Eigenliebe, häufiger als sonst, den Löwenanteil des
+zugetragenen Fraßes an sich zu raffen.
+
+Strix liebt ja Mäuse -- und die Jungen sind natürlich ganz wild auf
+diesen Leckerbissen! Deswegen hat Strix dafür gesorgt, daß sie so viele
+Mäuse bekommen haben, wie sie nur in sich hineinpfropfen konnten. Sie
+haben Mäuse als Morgenimbiß, Mäuse als Mittagessen und Mäuse zur
+Abendmahlzeit bekommen -- Strix hat nicht begreifen können, daß nicht
+die Kleinen der Mäuse längst überdrüssig geworden sind, so wie das der
+Fall zu sein pflegte, wenn sie zuviel von anderem Raub bekamen. Da
+entdeckt sie eines schönen Nachts, daß Uf, wenn sie fortflog, alle Mäuse
+verzehrte. Das wäre allenfalls noch gegangen!
+
+Aber neulich Nachts, nachdem längere Zeit Schmalhans geherrscht hatte,
+überrascht sie ihn dabei, wie er einem seiner eigenen Kinder gegenüber
+die rauhe Seite herauskehrt. Ja, es konnte kein Zweifel darüber
+herrschen -- er wollte das Junge _kröpfen_!
+
+Da fuhr sie auf ihn los! Er wurde gerüttelt und verprügelt. Es sang in
+seinem alten, mürben Gerippe -- und wo Strix’ Flügelknochen hintrafen,
+entstanden blutunterlaufene Flecke.
+
+Als wollte er vortäuschen, daß er bei seiner schwarzen Missetat einen
+Augenblick des Verstandes beraubt gewesen sein müsse, starrte er sie
+mit einem erstaunten, halb blödsinnigen Ausdruck in den alten, listigen
+Augen an, aber Strix brachte ihn schnell auf andre Gedanken; er bekam
+noch eine Tracht Prügel, so daß er unter der gewaltsamen Behandlung
+seiner handfesten Eheliebsten ganz fürchterlich jammerte und klagte.
+
+Hinterher stellte er sich sehr zerknirscht und voller Reue und machte
+sich ganz klein und fuchsschwänzlerisch, während er um ihre Verzeihung
+bettelte. Aber es half alles nichts -- er wurde aus dem Horst verwiesen
+und hat sich seither selbst seine Nahrung suchen müssen.
+
+-- -- --
+
+Pist Lak und „Vogel“ wird es doch nicht so ganz leicht, die Jungen
+zu bewältigen. Die kleinen Teufel empfangen sie genau so, wie ihre
+Geschwister in früherer Zeit den Marder Taa empfingen; sie werfen
+sich auf den Rücken und reißen und kratzen mit den scharfen Hornkrallen
+um sich. Obwohl die Pferdedecken über sie geworfen werden, muß der
+stinkende Ammoniak mehrmals zu Hilfe genommen werden und seine
+betäubende Wirkung ausüben.
+
+Als Strix endlich mit einer fetten, braunen Ratte in den Fängen
+heimkehrt, wird ihr ganzer Kopf fast zu Augen. Uf kann sich glücklich
+preisen, daß er nicht in der Nähe ist, sonst würde die Reihe, gefressen
+zu werden, jetzt wohl an ihn kommen.
+
+Sie scharrt in dem Horst herum, wendet Reisig und trocknes Laub wieder
+und wieder um, bis ihr auf einmal ein eigentümlich ätzender Gestank in
+die Nase steigt. Ihre Lichter füllen sich mit Wasser -- sie schnappt
+nach Luft ... Da sieht sie vor sich den Anblick vom vergangenen Jahr:
+das hakennasige Gesicht des kleinen Leuchtturmwärters mit den stechenden
+Augen starrt sie wie durch einen Nebel an, und in ihren Ohren dröhnt es:
+Kla--datsch, kla--datsch ...
+
+
+_Die Nacht_ hat in den Tannen gelegen und in den Tag hinein geschlafen.
+Sie hat Ihre ganze Energie nötig gehabt, um die Augen geschlossen zu
+halten, denn die Sonne, die seit Tagesgrauen gebrannt hat, rumort auch
+hier und peinigt und plagt sie mit ihren Lichtstrahlen.
+
+Aber die Nacht ist wie ein Mann mit Willenskraft. Schlafe nur! hat sie
+gesagt -- und geschlummert.
+
+Jetzt ist die Sonne in einem Sack untergegangen; die mächtige
+Wolkenschicht am Alkoven des Horizonts hat sie wie eine Ratte
+eingefangen -- sie ist weg, weg!
+
+Dann schüttelt und schuddert die Nacht sich, behutsam streichelt sie
+die Drossel, die im Begriff ist, sich zur Ruhe zu begeben -- und dann
+schleicht sie hinaus, sie umfängt das Dickicht und die Waldwiesen und
+den Saum der Lichtungen und löscht den Unterschied aus zwischen Kraut
+und Unkraut, zwischen Nutzholz und Kümmerling, zwischen des Försters
+Lieblingsschonung und dem Anflug, der sich aus dem Humus hervorstiehlt.
+
+Die Nacht nimmt den Wald in Besitz, entreißt ihn dem Licht, das in der
+Ferne entweicht; sie hüllt die Millionen von Blättern in ihre schwarze,
+eintönige Finsternis. Und nun schleicht sie sich über den Waldraum,
+_tritt aus_, wie es von dem Wild des Waldes heißt -- tritt aus, an
+Hecken und Gräben entlang, schiebt sich vor über Äcker und Wiesen,
+wo der Widerschein des Sonnenunterganges noch liegt und als letzte
+Rückzugsstellung Wachedienst tut.
+
+Und so umfängt sie das Grundstück jedes Bauern, die Felder jedes
+Kirchspiels, die Äcker jedes Gutes; sie erobert das ganze Land zurück
+von dem Licht und gibt es ihrem großen Finsterniskind, der Eule.
+
+Aber was hilft das dem Kinde? Von der ganzen Erde begehrt es nur _seine
+Jungen_.
+
+-- -- --
+
+Die Nacht wird tiefer und tiefer ...
+
+Und Strix, die seit der Dämmerung gesucht hat, gelangt allmählich weit
+umher im Umkreis.
+
+Da, um die Morgenstunde, als sie in die Gegend der Menschennester
+hinauskommt, hört sie von einem kleinen Haus, das einsam und im Versteck
+unter einigen hohen Tannen liegt, den schwachen, heißersehnten Laut.
+
+Sie fängt ihn in ihren Ohren auf, betastet ihn gleichsam mit ihren
+Federhörnern und läßt ihn sich mittels heftiger Pulsschläge in die Brust
+hineinhämmern. Ihr wird auf einmal so leicht zumute: da sind ja die
+Jungen!
+
+Sie stehen in einem Gitterkasten auf dem Hofe.
+
+Jäh fliegt sie gegen den Käfig, so daß der Kasten erbebt -- und sie und
+die Jungen vereinen lange ihre Klage.
+
+Wu--hu! Wu--hu! heulen die Kleinen. Und Strix stimmt ein ermunterndes
+Knappen mit dem Schnabel an. Sie glaubt, daß sie hungrig sind und fliegt
+davon, um einen Augenblick später mit vollen Fängen zurückzukehren --
+dann füttert sie ihre Jungen, obwohl diese im Überfluß schwelgen.
+
+Sie will sie mitnehmen, will sie heraushaben -- sie zerrt an dem Käfig
+und reißt an den Gitterstäben.
+
+Da stürzt der Kasten, der auf einem Haublock an der Mauer aufgestellt
+ist, um und fällt mit lautem Getöse in ein offenstehendes Kellerfenster
+hinein.
+
+Es ist schon halbhell, und nach einer Weile kommt der Waldhüter Pist
+heraus. Er glaubt, daß sich die Katze mit dem Kasten zu schaffen gemacht
+hat, und preßt mit banger Ahnung die Nase gegen die Gitterstäbe. Ein
+rasendes Fauchen -- und beruhigt trägt er den Käfig in die Stube hinein.
+
+Strix sitzt in einer der Tannen und sieht den Menschen herausstürzen und
+wieder in sein Nest verschwinden. Sie heult -- sie ruft -- aber niemand
+antwortet ihr mehr. Da fliegt sie einmal rund im Hofe herum -- die
+Jungen sind weg!
+
+Die nächste Nacht sitzt sie wieder in den Tannen. Sie erblickt den
+Kasten, der an seinem alten Platz steht -- und sie umschwebt ihn voll
+Wonne, ja, sie wagt sich sogar ganz hinein durch die offenstehende
+Klappe.
+
+Ach, das Bauer ist leer -- die Jungen sind weg!
+
+Einen ganzen Monat lang besucht sie allnächtlich das Menschennest und
+sitzt da und heult von einer der hohen Tannen am Hause herab; aber
+niemand antwortet ihr außer einer schwarz und weiß gescheckten Katze.
+
+-- -- --
+
+Da nimmt sie Uf wieder in Gnaden auf und zieht mit ihm noch tiefer in
+den Hochwald hinein.
+
+
+Der Sommer geht zur Rüste ...
+
+Herber Duft von abgefallenem Laub und aufschießenden Pilzen mischt sich
+mit dem würzigen Brodem der Waldmoose. Die Ebereschen erröten, aber die
+Becher der Adlerfarnen werden braun und häufen sich zu großen Schanzen
+unter den Birken auf, deren erste vergilbende Blätter in dem funkelnden
+Gespinst der Spinne baumeln.
+
+Eine eigenartige Rastlosigkeit ist in die Ameisen gefahren, sie küren
+nicht mehr zwischen den Insekten und den dürren Zweigen, sondern nehmen
+mit Fieberhast, was ihnen in den Weg kommt: magere, langbeinige Schnaken
+und eingetrocknete Blattrippen. Kleine Froschkinder sind überall in
+Bewegung und spielen den großen schnüffelnden jungen Füchsen manch einen
+Schabernack.
+
+Da summt eine Biene ... die jungen Füchse schnappen danach, es ist
+unwiderruflich die letzte Biene des Jahres!
+
+Die Tiere haben Junge geworfen, die Vögel haben ihre Eier ausgebrütet
+und die Pflanzen haben Samen angesetzt; jetzt ist der große Erneuerer,
+der _Winter_, im Anzug.
+
+-- -- --
+
+Als es rauh und kalt geworden, und als es mit dem Futter knapp wird,
+besuchen die beiden alten Eulen ein Aas, das am Rande eines kleinen Sees
+jenseits der Förde liegt.
+
+Und dann eines Abends, als sie sich eben gesetzt haben, hören sie die
+Unruhe aus einer Tanne herausbrüllen.
+
+Es ist ein Schuß -- und die Federn stehen Uf um die Ohren. Er wird ganz
+verwirrt und gerät von Sinn und Verstand, er klappert mit dem Schnabel
+und dreht sich auf demselben Fleck rund herum, wieviel Strix auch ruft.
+
+Ein kleines kurzbeiniges, rotbraunes Ding, das wie ein Fuchs bellt,
+fährt auf ihn ein -- und stimmt dann plötzlich ein gottserbärmliches
+Geheul an.
+
+Den hat er doch wenigstens gefaßt! denkt Strix.
+
+-- -- --
+
+Aber seither ist auch Uf weg gewesen.
+
+Er hatte wohl Wandergelüste bekommen und war von ihr weg geflogen --
+über alle Berge!
+
+
+
+
+5. Strix und die Menschen
+
+
+Es ist wieder Frühling in den großen Wäldern an der Förde.
+
+Die blankschwarzen Wasserflächen der Waldseen liegen mit Vögeln übersät
+da ...
+
+Auf den kleinen Tümpeln schießen die Bläßhühner hitzig und paarungstoll
+aus dem schimmernden Versteck des Röhrichtsaumes heraus; sie gleichen
+Maulwurfshaufen, die auf dem Wasser schwimmen. Auf den großen führen die
+Schwäne Krieg, blendend weiß und mit Federgebrause um den gekrümmten
+Hals. Und in den kleinen Löchern, wo es friedlich und warm ist, liegen
+stumme, gepaarte Enten.
+
+Hin und wieder breitet ein Schwanenpaar die Flügel aus und flattert von
+einem Gewässer zum andern, da stiebt dann das kleine Getier verwirrt
+nach allen Seiten auseinander ...
+
+An den Ufern entlang schleichen Marder und Wiesel; der Fuchs aber liegt
+im Schilf und lauert auf die Wildgänse, die an Land gegangen sind, um
+zu grasen. Mitten in dem Idyll kann man eine Häsin auf einem Wechsel in
+voller Flucht sehen, drei, vier zerzauste Rammler hinter ihr her. Da
+macht Reinecke ein paar Sprünge, besinnt sich dann aber ... nein, er mag
+nicht rennen!
+
+Es gibt jetzt Äsung genug! Die Paarungskämpfe zwischen den großen Tieren
+und den Vögeln machen viele Invaliden!
+
+Durch die Baumkronen zieht das kreischende Gelichter der Häher. Scharen
+von fünf bis zehn unbeweibten Männchen verfolgen mit Geschrei und
+Gekrächze ein glückliches Paar oder machen einem alten ledigen Weibchen
+stürmisch den Hof. Überall, wohin sie kommen, schweigen die Drosseln,
+und der Rabe stimmt den Frühlingsruf an, um sein Weibchen zu warnen,
+das schon Eier gelegt hat; aber der Häher, der in seinem abgestorbenen
+Baumwipfel sitzt und lauert, streicht augenblicklich von dem Zweig ab
+und fliegt in der Richtung der nächsten lärmenden Schar.
+
+Aus dem Gestrüpp schießen die Amseln, den Stoß in die Höhe, über die
+Lichtungen hin -- und wo viele alte Bäume stehen, schallt das Konzert
+der Stare und Dohlen ohrenbetäubend.
+
+Strix stimmt in den Frühlingsjubel ein.
+
+Sie heult und heult ... nicht klagend, wie nach den Jungen, sondern
+hohl, tief und klangvoll.
+
+Nacht für Nacht, vom späten Abend bis zum frühen Morgen ruft sie
+nach ihrem alten einfängigen Männchen; sie sucht alle ihre früheren
+Horstplätze ab und zieht weit über das Land hinaus, jenseits der
+Menschennester; aber nirgends sieht oder hört sie das geringste von
+Uf, so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art.
+
+Sie fühlt sich immer einsamer und verlassener.
+
+In den milden, feuchten Nächten geht Zug auf Zug von starken, feurigen
+Lenzvögeln über ihren Kopf hin, und tausende und abertausende von
+fröhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab.
+
+Sie grüßt die Reisenden mit ihrem tieftönenden Ho--oo, sie schießt aus
+den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht sie, schreckerfüllt über
+ihr Erscheinen, nach allen Seiten auseinanderstieben -- und sie zieht
+eine lange Strecke mit ihnen, bis sie, deren Flügel dem pfeilschnellen
+Flug nicht gewachsen sind, zurückbleibt wie ein Hund, der einem
+dahineilenden Zuge zu folgen sucht.
+
+Und je weiter der Frühling fortschreitet, um so tiefer krallt sich
+der herannahende Schluß der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und
+Unbändigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und
+reizbarer. Ihr feines Gehör, das es ihr ermöglicht, in großem Umkreise
+an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit;
+Krähengekrächz und Hähergelächter, Hundegebell und Lärm der
+arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie
+grimmig und streitlustig.
+
+Diese Laute erwecken in ihr fortwährend Erinnerungen an die große
+Heerschar ihrer Feinde!
+
+Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald
+gerät in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und
+Überlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vögel
+und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brütet, müssen sie
+notgedrungen fürchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der
+Nacht, sie ist ihr verkörpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die
+Finsternis selbst kommt sie lautlos und überraschend, und wie das Wetter
+der Nacht kann sie plötzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes
+Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen
+sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das
+eigene, hoch betraute Kind der Nacht.
+
+Sie wohnt beständig in den Hochwäldern, aber draußen in einer Einöde,
+in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren Luftwechsel,
+ihre Tunnel und geheimen Gänge durch Kronengewölbe und Laubgehänge.
+Da hindurch kann sie aus dem überwucherten Baum, in dem sie wohnt,
+ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt über Lichtungen und
+Unterwald hin gelangen.
+
+Aber einmal, als sie in der Dämmerung ihren Lieblingspfad -- einen
+langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weißdorn und kätzchengelbe
+Haselbüsche -- entlangstreicht, findet sie ihren Luftweg zerstört. Das
+schützende Versteck, das sich so innig fest und dicht um ihn geschlossen
+hatte, ist umgerissen, liegt bunt durcheinander in einem großen Berg.
+Wo früher Bäume standen und wilde Schößlinge wuchsen, breitet sich jetzt
+ein offener Platz aus, über den sie hinjagen kann, ohne den Zweig eines
+Wipfels mit den Flügeln zu berühren.
+
+Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes
+Hack--Hack gehört, als arbeite tief drinnen im Wald ein Riesenspecht.
+Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von allen haßt ...
+es ist der Schlag der _Axt_!
+
+Die Axt macht licht, und sie haßt das Licht-machen. Sie will Dichtigkeit
+von Zweigen und Stämmen, von allen Stämmen, rings um sich haben. Sie
+will Waldesdunkel haben! Aber die Axt macht die Bäume bis in die Wipfel
+erbeben, kippen und sich plötzlich legen.
+
+Am nächsten Morgen ist der Laut wieder da!
+
+Und er hält den ganzen Tag an. Sie sitzt in ihrem Versteck und schneidet
+Gesichter, sie fühlt jeden Hieb wie einen Stich in ihrem Fleisch. Hu,
+diese Laute, diese verdammten, menschengeschaffenen Laute, sie rauben
+ihr das Verweilen im Verdauungswohlsein und erfüllen sie statt dessen
+mit aufregender Unruhe.
+
+Als dann der Abend kommt und die im Laufe des Tages angehauenen Bäume
+anfangen zu fallen, als das Krachen und Poltern und Dröhnen seinen
+Höhepunkt erreicht, da fliegt sie einem Waldarbeiter in den Nacken.
+
+Die Waldarbeiter pflegten sonst nie etwas von Strix zu sehen; sie hörten
+sie nur. Oh, oh! klagte etwas in der Tiefe; uh, uh! antwortete es von
+weit her. Das war zu der Zeit, als Uf noch lebte. Da hatten sie in den
+frühen Abendstunden, namentlich in der Paarungszeit, ihre feurigen
+Wechselgesänge angestimmt; _sie_ hatte laut gerufen, scharf und
+innig begehrend, und _er_ hatte geantwortet, tief, hohl, mit einem
+unheimlichen Uhuu, das aber für ihr Ohr so wild und aufreizend klang.
+
+Die ganze voraufgegangene Nacht hatte Strix nach Uf gerufen, aber
+vergebens ... auch das hat dazu beigetragen, sie aufzuregen.
+
+Sie bedient sich ihrer bekannten, unfehlbaren Überrumpelungstaktik.
+Ungeahnt taucht sie auf aus dem flockigen Versteck der Dunkelheit,
+wirft sich über den Waldarbeiter, packt ihn mit beiden Fängen bei den
+Schultern und wärmt ihm die Ohren mit den Flügeln. Mit ihren scharfen
+Ellbogenknochen schlägt sie ihn in die Schläfen und macht ihm ein paar
+blaue, blutunterlaufene Augen, dann greift sie ihm in die Haarbüschel
+und schüttelt ihn. Der Holzhauer wirft sich auf die Nase und schlägt die
+Hände vor seine Augen; aber jetzt erst nimmt Strix ihn als rechtmäßige
+Beute in Besitz. Sie hakt die Fänge in seinen Körper und reißt ihm den
+Hintern auf ...
+
+Es ist Pist Lak, den sie gefaßt hat, aber sie ahnt es nicht. In diesem
+Augenblick sind ihr alle Menschen gleich!
+
+Pist, der im ersten Nu, ehe er noch die Fänge der Eule zu kosten bekam,
+ganz entzückt war, jetzt endlich die Gewißheit zu erlangen, daß dieser
+Geldvogel noch immer hier ist, hat plötzlich seine Ansicht geändert ...
+er brüllt wie ein Stier.
+
+Da erdröhnt der Erdboden, da trampelt es im Laub: kla-datsch, klingt es
+... kla-datsch, kla-datsch ...
+
+Ein Zucken durchfährt Strix!
+
+Ihr Gesicht kann sie täuschen, kann vergessen; ihr Gehör nie. Sie weiß
+es schon lange, bevor sie die Gestalt erblickt: jetzt kommt er, der
+lahme Kerl mit dem stinkenden Atem!
+
+Ein mehr als instinktmäßiges Rachegefühl ergreift sie ...
+
+-- -- --
+
+Wie gewöhnlich ist der kleine Leuchtturmwärter auf seinem Frühlingszug
+nach Raubvogeleiern aus! Raubvogeleier hatten stets ihren Wert, denn
+sie wurden immer seltener. Krähen-, Bläßhuhn- und Elstereier dahingegen
+wollte niemand mehr haben, die waren jetzt zu gewöhnlich.
+
+Den ganzen Nachmittag hat er sich in der Nähe von Holzwärter Pist’s
+Arbeitsplatz aufgehalten, war mehrmals bei ihm gewesen und hatte ihn
+gequält, er möge ihm doch den Horst des großen Uhus zeigen. Pist hat
+immer geantwortet, so wie es war: daß er den Horst gar nicht _wisse_,
+ja, in diesem Jahre die Vögel nicht einmal _gesehen_ habe. Aber der gute
+Leuchtturmwärter, der nicht ohne Grund ein schlechtes Gewissen in bezug
+auf gewisse sieben Kronen hat, die er seinem kleinen Unteragenten noch
+vom vergangenen Jahre her schuldet --, hat im Stillen gemeint, daß _die_
+wohl Schuld daran seien.
+
+Da hört er auf einmal das fürchterliche Gebrüll ...
+
+Mit Sturmeseile kommt er gelaufen und sieht zu seinem ungeheuren
+Erstaunen, zugleich aber mit geheimer Freude, den großen Uhu auf
+Pist’s Rücken reiten. Im ersten Augenblick ist er ganz überwältigt von
+seinem Glück -- dann ergreift er seinen schweren, eisenbeschlagenen
+Eichenknittel und haut auf die Eule ein, die sich aufgeblasen hat und
+ihm ins Gesicht fahren will. Der Schlag trifft Strix an den Kopf, sie
+verliert die Besinnung ... und als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie
+hinter Schloß und Riegel.
+
+Sie ist in einem Kükenbauer untergebracht -- in demselben hölzernen
+Kasten, der vor einem halben Jahre ihre Jungen beherbergt hat. Er ist
+gründlich nachgesehen und frisch genagelt.
+
+Ihr wird etwas schwammige Lunge durch das Gitter gesteckt. Da sprühen
+ihre Lichter Funken, und sie faucht wie eine Katze. Der Leuchtturmwärter
+tritt unwillkürlich einen Schritt zurück --: Du großer Zerstörer! sagen
+die Lichter ... könnte ich dich nur auffressen!
+
+Strix rührt die Lunge nicht an. Gefräßig starrt sie dem
+hahnenschnäbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht
+drei lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann
+ihr bißchen Eulenverstand fassen, daß diese Fratze alles erwägt, was
+ihrem Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem
+Vollmond-Kälteglanz umgeben!
+
+Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht, um
+aus dem Bauer zu entkommen ...
+
+Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem Schnabel
+an den Gitterstäben auf und nieder kratzt, und sie schlägt sich den
+starken Ellbogen blutig durch ihr ständiges Stoßen. Aber das Bauer ist
+solide, es hält!
+
+Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so daß sie
+gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurückzuziehen,
+fängt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte
+kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden
+Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt
+vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen
+zu wühlen. Sie schlägt ihren Fang in den Stock und fährt auf ihn los, so
+daß das Blut aus dem verletzten Flügelknochen ihm ins Gesicht spritzt --
+und sie hört da draußen ein mächtiges Krähen.
+
+Ihre Federn sträuben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da und
+faucht, die Flügel wie einen Schild vorn über dem Kopf erhoben.
+
+Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen
+herangeschlichen; sie öffnen sich und schließen sich am Ende ihrer
+dünnen, storchähnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift,
+nimmt die andere die Gelegenheit wahr -- und dann auf einmal beißen sie
+sich in ihre beiden Ständer fest. Sie schlägt mit den Flügeln um sich
+und fällt hin ...
+
+Da spürt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn bläst ihr
+seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust,
+benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beißt blindlings um sich. Ein
+Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschläfernde Wolke senkt sich
+über sie -- sie muß schlafen, sie mag wollen oder nicht.
+
+Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm, nur daß er
+ganz eng ist, und er schaukelt, als sei der Baum während eines Orkans im
+Begriff umzufallen.
+
+Sie ist an den Gutsförster verkauft, an einen kleinen Teufel von Mann,
+eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemüt wie hart von Händen. Es
+ist dem Förster endlich -- dank Vogelhansens nie versagendem Ammoniak
+und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange -- gelungen, Strix in
+seine Gewalt zu bekommen und sie in den großen, einem Rucksack ähnelnden
+Eulenkorb zu sperren, der auf seinem Rücken schlingert. Jetzt radelt er
+mit ihr nach Hause. Strix soll als „Auf“ gebraucht werden!
+
+Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mürbe wird und mit sich
+„reden läßt“. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach
+mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat,
+dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewöhnt werden,
+sich um einen der Ständer fassen zu lassen, um mit dem Rücken am Boden
+des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden.
+Sie soll daran gewöhnt werden, wie eine brütende Henne angebunden zu
+sein und wie ein Piepvogel auf der Hütte zu sitzen, während die Krähen
+sie umlärmen und ausschimpfen, und er, der Förster, im Hinterhalt liegt
+und eine Krähe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald
+sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erlös
+soll zwischen ihre drei Aktionäre verteilt werden.
+
+-- -- --
+
+Bei der Ankunft in der Försterwohnung des Gutes jenseits der Förde wird
+plötzlich „der Orkan“ so stark, daß der hohle Stamm, in dem Strix sitzt,
+den Boden in die Höhe kehrt. Sie wird kopfüber in ein Bauer geschüttet.
+
+Das Bauer ist alt und mürbe. Es hat ein paar Jahre lang einen kleinen
+Krüppel von Hütten-Eule beherbergt, aber die machte keine Faxen. Die
+hat da gesessen von dem Tage an, da sie als junger Vogel von einem
+kleinen stinkenden Menschen im Walde geraubt und von seinen großen,
+rotgefrorenen Händen dahineingesetzt wurde. Der Förster hatte sie
+allmählich so weit gezähmt, daß sie von selbst herausflog und sich auf
+den Deckel des Eulenkorbes setzte.
+
+Es riecht noch nach ihr im Bauer und da liegen eine Menge Federn und
+Überreste von Geschmeiß. Da liegt auch eine halb gekröpfte magere Taube
+-- dem kleinen Krüppel, der übrigens eben erst eingegangen ist, hat es
+offenbar an Appetit gefehlt.
+
+Es ist eine gefährliche Taube! Wäre Strix nicht ein wilder Vogel gewesen
+und hätte die Äsung verachtet, in die sie nicht selbst ihre Fänge
+geschlagen hat, so wäre es mit ihr aus gewesen. Die Taube ist eines
+natürlichen Todes gestorben ... an Hühnerdiphteritis. Der Förster hat
+keine Ahnung davon gehabt -- eine Hütteneule bekommt ja alles: von im
+Hause gefangenen Ratten bis zu abgebalgten Füchsen!
+
+Strix sitzt da und schlingert; ihr ist noch etwas unklar nach der
+Betäubung. Sie starrt durch das halbverrostete Drahtgewebe und sieht vor
+sich, auf der Tür ausgespannt, gleichsam einen Schatten von sich selbst:
+einen großen, braunfederigen Riesenuhu mit einer Schnabelspalte, die bis
+weit unter die Ohren reicht. Er hat nur einen Fang.
+
+Strix meint, sie müsse den Fang kennen!
+
+Dann kühlt die Luft um sie her allmählich ab; lange schwarze Schatten
+schleichen sich über den Hof hin -- -- der Tag geht zur Rüste.
+
+Gleich einem großen Vogelzug mit Wildrosenschimmer über den flimmernden
+Flügeln sieht sie die Wolken dem fernen, roten Abendland entgegeneilen.
+
+Und der Wind folgt hinterdrein, so schnell er nur kann ... es wird
+geräuschleer, fast waldeinsam um sie her.
+
+Bald jagt die erste kleine behende Fledermaus an ihrem Bauer vorbei.
+Es folgen mehrere -- und dann auf einmal wimmelt es von Fledermäusen.
+In unbeständigem Zickzackfluge huschen sie über den Hof, aus und ein,
+wenden in rechten Winkeln oder schaukeln in langen anmutigen Zirkelbogen
+herum, um dann wieder wegzuflimmern und zu Punkten in der Luft zu
+werden.
+
+Große, schwerbelastete Nachtschwärmer mit dem fetten, plumpen
+Hinterkörper, der unter ihren hastig schwirrenden Flügeln herabbaumelt,
+schrauben sich mühsam vor ihr in die Luft empor, während ungeschlachte,
+brummende Maikäfer mit einer Geschwindigkeit, die sie veranlaßt, lange
+Striche die Kreuz und die Quer durch die Luft zu ziehen, klatsch,
+klatsch gegen das Bauer schlagen und krabbelnd herunterfallen.
+
+Die Finsternis verdichtet sich um Strix ... in dem tiefen Blau oben über
+den Baumwipfeln funkelt der Abendstern, gelb und groß, als einziges,
+schimmerndes Loch in der Himmelskuppel ...
+
+Die treuen Tiere der Nacht sind alle ausgegangen!
+
+Sie ist nun wieder ganz zu Kräften gelangt und rumort in ihrem Gefängnis
+herum, während sie mit Schnabel und Fängen an dem Drahtgewebe zerrt. Sie
+zieht es auseinander, sie holt es zu sich heran, sie rüttelt und reißt
+-- und das Drahtgewebe zerspringt.
+
+Es hat Jahre lang gehalten; jetzt kann es keine Stunde mehr halten!
+
+Sie bekommt den Kopf heraus und den halben Körper, aber die beiden
+großen Flügel bleiben hängen. Sie muß wieder zurück, wieder hinein und
+weiter an den zähen Strängen zerren; ihre Zunge blutet, ihr Schnabel
+schmerzt -- aber endlich gelingt es ihr doch das ganze Drahtgewebe
+aufzureißen.
+
+Als sie sich auf der Schwelle zur Freiheit befindet, fährt plötzlich ein
+kleines, schiefbeiniges, rotbraunes Ding kläffend auf sie ein. Es ist
+der Nachtwächter und Gefängniswärter hier auf dem Forsthofe, der alle
+die verschlossenen Türen und Luken unter seiner Aufsicht hat. Das
+fürchterliche Rumoren dort im Eulenbauer hat ihn schon lange darauf
+aufmerksam gemacht, daß da etwas los ist; nun will er aber die neue Eule
+lehren, daß er sich dergleichen gründlich verbitten muß.
+
+Der wachsame kleine Gefängniswärter hat indessen kein Glück. Strix
+schlägt die Fänge in seinen Rücken ... er fängt an, gottsjämmerlich zu
+heulen und stürzt schreckerfüllt ins Haus hinein.
+
+Es ist sonderbar ... aber das Geheul erinnert sie auf einmal wieder an
+Uf!
+
+Im selben Augenblick schreitet ein kleiner schwarz- und weißgefleckter
+Kater mit steifem Schwanz und eifrig windenden Nüstern auf den Hofplatz.
+Er gehört eigentlich zu einem Forsthaus weit drüben auf der andern Seite
+der Förde, aber der Frühling zerrt auch in ihm! Des Fressens halber
+kommt er nicht, doch ... wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt er
+gern einen Bissen mit. Jetzt wittert er plötzlich Vögel und sieht eine
+Chance ...
+
+Er verrechnet sich, armer Kerl -- und es geht ihm schlimmer als dem
+kleinen, schiefbeinigen Gefängniswärter. Strix, die nun glücklich dem
+Bauer entronnen ist, nimmt ihn als ihre rechtmäßige Gefangenenkost und
+hält eine wohlverdiente Mahlzeit an ihm.
+
+Noch in derselben Nacht findet sie sich über die Förde zurück und in
+ihre Einöde in dem trauten Hochwald. Sie versteckt sich in ihrem hohlen
+Baumstamm ... da sitzt sie und denkt das _ihre_ über das Dasein.
+
+
+Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und
+mit Macht begegnet!
+
+Was sollte sie wohl fürchten?
+
+Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge, und sie
+hatte ihre großen, starken Flügel; sie besaß Selbstvertrauen und
+Zutrauen zu ihren Fähigkeiten und Kräften -- was sollte sie wohl
+fürchten!
+
+Aber ihr häufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung,
+die sie daraus schöpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermögen
+einen Stoß versetzt; hier hatte sie ja einmal über das andere ihren
+Meister gefunden --; einen Gegner, den sie nicht hatte in die Flucht
+schlagen können!
+
+Daß der Mensch gefährlich war -- das begriff sie jetzt.
+
+Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am Abend
+bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und sich
+anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und Äxteschlagen hören.
+
+Ihr großes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt hatte,
+war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz weit draußen, wo einst ihr
+Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus neben dem andern, Gitter und
+Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und Zäunen; Motorräder surrten
+umher, Telephondrähte durchwebten die Luft, lange Schornsteine spien die
+Eingeweide der Erde aus, und heulende Eisenbahnzüge fauchten überall.
+Die Menschen breiteten sich aus wie die Wanderratten in gewissen Jahren
+auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix wollte es scheinen, als müßten sie
+vorwärts über ihre Leichen!
+
+-- -- --
+
+Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht.
+
+Es ist Jagd im Tierwald, dem letzten der einstmals so ausgedehnten
+Hochwälder am innersten Ende der Förde, dort, wo Strix ihre
+jubelerfüllten Tage gelebt hat -- und die Hunde hetzen einen Hasen. Sie
+wird von dem Gekläff geweckt, und als sie den Hasen vorüberschlüpfen
+sieht, kann sie nicht widerstehen; sie muß der Bande folgen.
+
+Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der
+sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet -- nun holen die
+meutestarken Teufel ihn!
+
+Ihr gehören alle Hasen, das ist doch ganz selbstverständlich; so lange
+sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehört!
+
+Strix setzt von ihrem Zweig aus den Spürhunden nach ...
+
+Sie streicht lautlos über ihnen und wirft sich mit einem Brausen dicht
+vor der Nase des ersten nieder. Im Vorüberflug gibt sie ihm einen Fang,
+der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund stößt ein
+durchdringendes Geheul aus ...
+
+Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen.
+
+Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei große Spürhunde nahen.
+Mit dem dicken Ende des Flügelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen
+Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fängen das Ohr des andern.
+
+Nach einer Weile erscheint einer von den Jägern.
+
+Er ist wie gelähmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen
+großen Vogel sitzen sieht -- und er bleibt schleunigst stehen und macht
+sich schußbereit.
+
+Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix ... na, versuch’ es nur mal!
+
+Da entsendet der Jäger ein Brüllen in den Wald hinaus, sein Atem geht
+von ihm aus wie ein heißer Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fängen
+zerrt er an ihrer Haut.
+
+Das war unergründlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie!
+
+Aber nun hatte Strix genug -- seit dieser Zeit hielt sie sich den
+Menschen fern.
+
+
+Der große Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden.
+
+Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Füchse und
+Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen
+Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden
+unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der
+stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten.
+Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krähe und Elster; die wuchsen förmlich aus
+dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix
+Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles
+das, was aufräumte und licht machte, war ihr ein Greuel; es tötete die
+Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie denken konnte,
+ununterbrochen in die Flucht getrieben.
+
+Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie nun
+weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie schließlich
+wegfliegen muß -- hinweg über die Menschennester, hinweg über das
+Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren,
+ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen und
+Heidemooren liegt.
+
+In einer wilden Hügelschlucht -- _Teufelshöhle_ genannt -- vor einem
+öden, düstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer
+alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes
+Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt.
+
+Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff -- und Axthiebe und
+Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur
+niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die
+selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit,
+herumhuschen.
+
+Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage -- und des Nachts
+geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar machen. Dann
+heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann
+ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den bekannten Wiesen und
+Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in aller Ruh rings umher
+auf dem Waldboden unternehmen.
+
+Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem
+Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder ...
+
+Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst
+nachgeflogen -- über alle Berge!
+
+
+
+
+6. Winterleben im entlegenen Walde
+
+
+Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem
+Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die
+bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln
+der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind
+hellwach!
+
+Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem,
+regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und
+drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte
+des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt
+ist der Frost gekommen!
+
+Überall liegt Schnee.
+
+In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln,
+wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und
+Geißblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen --
+schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees.
+Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!
+
+Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der
+weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont
+brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...
+
+Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres
+hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind
+und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat
+zurückziehen müssen -- ist schon auf Jagd aus.
+
+Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen
+Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt
+über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer
+zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben
+sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden
+-- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.
+
+Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich
+schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den
+Raub, dessen sie bedürfen.
+
+Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen:
+er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen großen Zug Eichhörnchen
+gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die
+behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag
+belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix
+pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der
+Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung
+stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere
+schon an, auf die Neige zu gehen.
+
+Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters
+macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in
+den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht
+weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein
+Eichhörnchen zu überraschen.
+
+Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer
+kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten
+Tannenzapfen.
+
+Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät
+einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat
+Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem
+kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!
+
+Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch --
+steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die
+tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf
+den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des
+Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich
+mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es
+dahin über den Schnee ...
+
+Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und
+Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er
+gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald
+schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden
+Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe,
+ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.
+
+Das Eichhörnchen saust in die Höhe -- und Taa ihr nach; und dann geht
+es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen
+Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt
+den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten
+Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten
+Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.
+
+Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ...
+unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden
+fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und
+rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen
+und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel,
+aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.
+
+Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat
+herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze
+angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen
+Flocken begraben.
+
+Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen,
+streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in
+sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag.
+Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt
+-- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.
+
+
+In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit
+blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.
+
+Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und
+hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!
+
+Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die
+Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die
+Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer
+an ihrem Innern.
+
+Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder
+Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten
+Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam
+und rachedürstig.
+
+Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...
+
+Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft
+fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem
+Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis
+ankämpfen.
+
+Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich
+nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die
+ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das
+sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand
+angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.
+
+Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und
+verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub
+auszugehen.
+
+Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen
+Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne
+Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen
+Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine
+Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit
+erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man
+verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.
+
+Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben
+Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase -- und
+plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus
+dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die
+Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als
+schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen
+Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als
+er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht
+zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen
+Rücken.
+
+Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von
+einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein
+heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark
+und Bein geht.
+
+Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder
+Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die
+Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich
+mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im
+Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu
+nehmen und dem Wild zu folgen.
+
+Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder
+Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie
+ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!
+
+Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes
+aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet
+die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!
+
+Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er
+eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war
+der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte
+sie angeführt.
+
+Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner
+Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote
+Waldkatze ihr gehört ...
+
+Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee
+zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich -- der Marder wird in der
+letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt
+er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und
+nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.
+
+Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis
+auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich,
+aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in
+Sicherheit.
+
+Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie
+auf einen Zweig hinauf und kröpft ...
+
+Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine
+Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so
+angenehm!
+
+Aber _ein_ Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix.
+Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen
+-- und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe
+des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald.
+Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie
+versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort
+verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört,
+sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.
+
+Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit
+wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten
+Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird
+sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden.
+Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter
+Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich
+sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhörnchen
+schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.
+
+Das Eichhörnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten
+grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge
+in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.
+
+In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel,
+saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.
+
+Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her,
+sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit
+schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen
+Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des
+Eichhörnchens.
+
+Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...
+
+Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren
+Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist
+dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die
+zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.
+
+Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter
+Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat -- er
+weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.
+
+Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...
+
+Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten.
+Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit draußen am
+Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich
+gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen
+herab ...
+
+Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht
+auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.
+
+-- -- --
+
+Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen
+Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.
+
+Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie
+hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den
+Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht
+gehabt!
+
+Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich
+ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...
+
+Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,
+_morgenverdrießliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen
+umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein
+gellendes Gelächter aus.
+
+Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...
+
+Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich’s versieht. Sie erhaschen
+einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie
+zwischen den Bäumen aus und ein fliegt -- und nun stürzen sie sich über
+sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben
+etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein
+Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher
+Gewalttat her!
+
+Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie
+Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen
+stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und
+aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im
+Herbst durch den Wald ...
+
+Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit
+Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht,
+sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre
+gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor
+so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig
+hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet,
+ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu
+dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den
+Gesellen mit ihren Fängen erhascht.
+
+Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen -- und jetzt sind da
+Hunderte und aber Hunderte!
+
+Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst
+geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und
+verschnauft. Auch Strix’ Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als
+um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald
+ist in Aufruhr ...
+
+Da ist das Glück ihr hold.
+
+Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter
+einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es
+scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in
+einen tiefen Spalt hinab ...
+
+Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich
+wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren.
+Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das
+Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein
+gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und
+flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht
+gewesen, die tief wie ein Abgrund war.
+
+Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten
+und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich
+gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs
+ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.
+
+-- -- --
+
+Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam
+zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.
+
+Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!
+
+-- -- --
+
+Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist
+hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über
+der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen
+klirren.
+
+In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die
+höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht
+zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von
+acht bis zwanzig heranziehen ...
+
+Sie versammeln sich heute abend früh -- und wie sie sich in
+schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten,
+dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von
+Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.
+
+Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie
+will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des
+Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber
+heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch
+ist nur halb gestillt.
+
+Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel -- und es liegt etwas
+bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer
+kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen
+anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und
+vermehrt seine Stärke.
+
+Und dann schwindet das Licht -- --
+
+Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den
+emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in
+die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den
+Körper unter den warmen Kissen zu bergen. -- -- --
+
+Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.
+
+Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.
+
+Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel
+verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung
+ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der
+lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen,
+wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten
+Schwungfedern dröhnte.
+
+Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die
+zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie
+es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre
+Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.
+
+-- -- --
+
+Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.
+
+Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das
+regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik.
+
+Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt
+hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend,
+zurückgelegt.
+
+Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde
+schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen
+hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann
+schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit
+zu Zeit und windet lange.
+
+Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein,
+aber es eilt ja auch nicht!
+
+Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so
+ungewöhnlich gut zum Lauern eignet.
+
+Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so daß
+er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen ...
+ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.
+
+Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo
+hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so
+zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch
+von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in
+dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den
+Krähen und Holztauben den nötigen Einflug.
+
+In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der
+alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat
+unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um
+einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden
+Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht
+gestellt haben.
+
+Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher
+sind nur knapp bemessen gewesen; bei _einer_ Gelegenheit ist er sogar
+hindurch geplumpst -- bis hinab auf den Erdboden.
+
+Er ist halbwegs müde und schlapp ...
+
+Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter
+wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche
+Knorren hat ja jeder zweite alte Baum, und die greisenhafte Tanne hier
+ist voll davon. Zum Überfluß kommt der Wind gerade von der verkehrten
+Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen
+Schornstein.
+
+Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig
+und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam
+Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den
+Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen
+schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene,
+das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben
+Unachtsamkeit bewußt wird.
+
+Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und
+frechen Räuber -- und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge in
+seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock
+ihrer Schneiden fangen -- dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem
+Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und sie unbändig
+macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn! gelüstet es
+sie nicht.
+
+Und Taa seinerseits wird sich schon hüten!
+
+Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen Gegner
+sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein Laut
+dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die
+Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze.
+
+Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die Höhe
+schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel zwischen
+ihnen wie im Grabe.
+
+Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmel speit Schnee,
+und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen
+die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.
+
+Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen
+Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die
+Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze
+Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den Zweigen.
+
+Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht!
+
+Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der Ärmste
+erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt.
+
+Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das
+Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz.
+
+Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich
+großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die
+Luft hinaus.
+
+Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das Grauen
+und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvögel,
+über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier saßen wir
+so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da -- --
+
+Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch
+einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt
+eine neue und noch eine -- gar viele schlägt sie nieder in der Schlacht.
+
+Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf ...
+
+Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten!
+
+
+
+
+7. Der neue Wald rückt vor
+
+
+Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.
+
+Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister
+und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der
+Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend,
+um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf
+fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter
+dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit
+einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen
+oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war
+hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt,
+der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des
+Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier
+unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da,
+zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im
+Winter war fast jede Niederung überschwemmt.
+
+Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar
+gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der
+Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.
+
+Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit
+weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und
+Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote
+im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und
+glitzerte in Wellen und Kräuselungen.
+
+Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im
+Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme
+häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der
+Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer;
+stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen
+Abgrund -- so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel,
+in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.
+
+In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der
+Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen
+Wesen auf Zehen, zumute war, als _schwebe_ er, und wo er deswegen oft
+schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen
+sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald
+versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.
+
+Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege --
+aus und ein -- zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben
+Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu
+überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten,
+daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern
+gegangen, wie es zu gehen pflegte -- im Sommer Überfluß: Birkhähne,
+Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhörnchen
+und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.
+
+Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt.
+
+Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn
+schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten
+Erinnerungen in ihrem Innern auf.
+
+Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen
+von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten
+sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.
+
+Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur
+diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu
+fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der
+Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier;
+er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich
+finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten
+mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen
+Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan
+hatte.
+
+Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln
+durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie
+hauen, sie fällen ...
+
+Wer?
+
+„Die Zweibeine“, „die Gesichter“, „die großen Zerstörer“ oder welche
+Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen,
+die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. -- -- --
+
+Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises
+gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der
+Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches
+Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die
+Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und
+so stehen ...
+
+Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit
+Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und
+da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen,
+und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des
+großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.
+
+Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen
+werden, _geschossen_, und es sollte gefällt werden, _gefällt_ ... ein
+ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete
+der neue „Meister“.
+
+Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie
+hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern
+Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue
+Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und
+überlebt war, mußte sich beugen -- und mit den Tagen, die gingen, und
+dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.
+
+Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am
+Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und
+geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so
+wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.
+
+Eines Tages kommt ein Fuß um die alte hohle Buche herum. --
+
+Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß -- --
+
+Und Strix sträubt die Hörner.
+
+Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war sie
+gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis vor
+wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die eigene
+Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein
+brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem Moor in
+die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren
+Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden
+-- --
+
+Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger
+Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der _Mensch_!
+
+Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt
+am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor,
+auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.
+
+Herr du meines Lebens! -- entfährt es seinem Munde, und er reißt ein
+gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!
+
+Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen
+wiederholt sich.
+
+Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stören,
+ihr Mißtrauen ist erwacht -- wie ungern sie es auch tut, sie muß aus
+ihrer alten Wohnung ausziehen.
+
+Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes,
+lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem
+alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt
+und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel
+erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen -- da erst streicht
+sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber
+schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz
+regelrecht auch Tannen!
+
+Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche,
+der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein
+enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch
+faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch
+unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist
+der Spalt doch!
+
+Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die
+Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen
+andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre
+Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine
+fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß
+aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm
+roch es den ganzen Sommer.
+
+Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen
+kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als
+daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster
+machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.
+
+Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken
+und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde
+der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von
+denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den
+sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den
+allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie
+draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den
+kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und
+ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte -- und diese
+Laubhütte benutzte Strix oft und lange.
+
+Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und
+Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren
+Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten,
+zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen
+Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die
+Lumpen des Waldes -- die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln
+-- die wachsamen Schutzleute des Waldes -- da wußte sie, daß die
+Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen
+kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und
+flog hinauf durch das Laubdach, flog davon -- um sich wieder tief in
+ihrem Spalt zu verstecken.
+
+Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen
+die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch
+die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht,
+auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu
+sagen!
+
+In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer -- schwül und zum
+Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im
+Schnabelbart -- in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch
+und kühl gewesen!
+
+Der Sommer verging --
+
+Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu
+finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen
+sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz
+umgewandelt.
+
+Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern hinzogen,
+wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen
+breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und Heideebenen
+und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien
+Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne Miniaturwälder auf.
+Selbst Strix’ kleiner Waldsee zwischen den Hügeln war verschwunden.
+Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün und herrliche
+Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit
+lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen Zügen nur noch ein leeres
+Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der
+Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der
+Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der
+Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte -- dort rumorte
+jetzt der Menschengeist.
+
+Es wurde Winter -- und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter ihr
+einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ...
+
+-- -- --
+
+Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig, wie
+er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des
+großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des
+Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle
+und tiefe Kastanienbraun.
+
+Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch
+die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und
+seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte
+er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen
+konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem,
+was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen vermochte.
+
+Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein
+Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote, Springen im Lauf und
+einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün
+und unerfahren ...
+
+Er ließ sich indessen gut an!
+
+An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater -- und
+so jung er war, ließ _er_ sich kein Eichhörnchen nehmen, das er mühsam
+gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür eingesetzt zu
+haben.
+
+Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das
+konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit
+Weissagungen abgegeben.
+
+Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das war
+so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem großen
+Taa gegenüber.
+
+Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich
+von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu teilen.
+
+So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen,
+daß er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen
+kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen.
+
+Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden
+war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für
+einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine
+Klette an seinen Sohn und wich nie -- auch nicht am Tage -- von seiner
+Seite.
+
+Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide
+am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für
+Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu
+spüren war, fand er sich darein.
+
+Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim.
+Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich
+in ihrer luftigen Stube zu putzen.
+
+Strix sitzt in der ihren über ihnen.
+
+An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind
+überall auf den Beinen.
+
+Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden
+den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da
+zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins
+an. Das „Schwein“ wird gebraten -- und es schwält häßlich durch den
+ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und Klein-Taa niest,
+und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß es ihm gilt.
+
+Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die Jäger
+schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht.
+
+Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?
+
+Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um
+ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit
+Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile
+übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald
+breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen
+Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie
+von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?
+
+Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen.
+Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große
+Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes
+gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder
+sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten
+Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde
+es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen.
+
+Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!
+
+In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich
+zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach
+Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht
+viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.
+
+Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.
+
+Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere
+Gegend suchen!
+
+-- -- --
+
+Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von
+Jahren wieder lebendig in Strix -- in einer schönen Nacht überkommen sie
+sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.
+
+Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es
+ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge
+befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf
+eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht
+still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen
+zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst
+und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so
+steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht
+grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den
+Waldeswipfeln auf und verschwindet.
+
+Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von
+den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach
+denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den
+ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe,
+dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.
+
+Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als
+wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie -- die letzte -- noch
+weniger umgänglich gemacht hat.
+
+Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen
+eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo
+wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel
+erschallt, und Menschen und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen
+Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie
+muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach
+dem Licht krümmen und strecken sieht.
+
+Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und
+verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten,
+in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen.
+Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre
+Anwesenheit -- groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur!
+Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen
+großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine
+Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.
+
+Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt,
+sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren
+Sitzplatz verbreiten muß.
+
+Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen
+wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen
+Taa zu teilen.
+
+
+
+
+8. Auf der Heide
+
+
+Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen
+und schaukelt über der Erde draußen am östlichen Horizont.
+
+Strix ist geflogen und geflogen --
+
+Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen und
+zahllose Anläufe zu Wipfeln -- ein mächtiger Hochwald mit einer Wölbung
+neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor.
+
+Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und
+Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist.
+
+Bald löst die ferne Fata morgana sich auf -- und das ungeheure,
+schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.
+
+Noch ein Kilometer -- und als die Sonne aufsteigt, wird das
+Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem
+Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die
+unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten
+hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter
+Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige
+recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der
+moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit
+seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das
+alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend -- und sie
+fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar
+hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf
+den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.
+
+Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem
+mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild
+vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit
+und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der
+Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur
+breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den
+vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!
+
+Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit
+den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf
+zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch
+bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten
+Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel
+thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über
+ihr neues Heim.
+
+Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.
+
+Es ist ein kleines Birkkücken ...
+
+Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam
+und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.
+
+Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise -- und
+schlägt deswegen auf das Kücken nieder.
+
+Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam lebendig;
+es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will
+natürlich alles fangen, was kriecht -- und sie greift wild und gierig
+nach alten Seiten um sich.
+
+Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe --
+da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.
+
+-- -- --
+
+Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht
+wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen
+Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange
+der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um
+ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!
+
+Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet
+das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten
+Willkomm.
+
+Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.
+
+Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren
+unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln
+zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht.
+
+Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist, als
+erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er
+sich in aller Eile fertig macht.
+
+Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus
+Neugier dahin -- und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch
+herauskrabbeln.
+
+Hu -- Hu -- Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und
+honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg.
+
+Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der
+Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja
+nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und
+scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und
+reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder.
+
+Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd.
+Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das, was _er_ unter
+einem Gespenst versteht.
+
+Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe
+leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt
+ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben
+einen eigenen melancholischen Ausdruck.
+
+Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten -- von der Art,
+die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen.
+
+Der Fuchs ist abgelebt -- das ist die Sache! Die Eckzähne im Unterkiefer
+sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine Krallen sind
+eckig und stumpf -- er kann nicht mehr fangen.
+
+So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. „Das Gespenst“ ist
+standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch
+Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen, perlenden
+Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache
+entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da!
+
+Und dann geht Reinecke durch die Hintertür.
+
+-- -- --
+
+Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie
+sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt
+gegen das blendende Tageslicht.
+
+Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat,
+wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es
+sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt ihm
+einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem Gedächtnis
+für eine Woche auf.
+
+Auf der Heide findet Strix Ruhe -- der Kampf um ihre Ernährung fordert
+alle ihre Kräfte.
+
+Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im
+August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr
+Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt
+sie mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu
+nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der
+Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der
+Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen
+nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich
+schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen,
+einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise.
+
+Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre Gewänder --:
+Frauenhemden und Strümpfe, Socken und Männerhemden, die zum Trocknen
+hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf.
+
+Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult es
+in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen
+fett gemachten Ratten kröpft.
+
+Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht
+Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und
+im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank
+ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen kann.
+
+Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide ...
+
+Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch
+den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter sich
+einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene
+Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in die Tiefe hinab,
+kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so daß der Bach
+schäumt.
+
+Es sind zwei Ottern im Kampf.
+
+Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort weiter ...
+
+Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und _dem_ gilt der Kampf.
+
+Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch.
+Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern
+an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre fauchenden
+Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.
+
+Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!
+
+Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie
+springen hoch in die Luft empor, ihr nach.
+
+-- -- --
+
+Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem
+Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, in dem sich der Fuchsbau
+befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten
+Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf. Aber die Knirpse
+sind trotzig -- sie krümmen sich zu einer dichten und umfangreichen
+Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den
+Zweigen wachsen Blätter -- und dieser Sonnenschirm benimmt dem
+Heidekraut den Mut.
+
+Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und
+durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut damit
+begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden.
+
+Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast
+Manneshöhe erreichen.
+
+Diese Bäume nennen die Heidebauern „Wald!“
+
+Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden
+sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne
+zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und
+Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling
+kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine,
+verkrüppelte Eicheln.
+
+Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp -- ein
+Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers
+und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines
+vornehmen Europäers.
+
+In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!
+
+
+Es ist ein holdseliger Morgen!
+
+Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp zwischen
+blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine
+Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.
+
+Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen
+einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der
+Eichenschößlinge versteckt.
+
+Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...
+
+Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus
+den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und
+selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem
+einen Auge nach der Richtung hin -- ja, da gewahrt sie den Ton! Eine
+Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade
+über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört
+ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei
+Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und
+spinnt sich vorwärts.
+
+Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen
+graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem
+Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen
+Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein
+Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen
+Küchlein.
+
+Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab,
+es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und
+zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den
+Haufen der weißen Ameisen auf ...
+
+Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer
+brauner Pilz auf.
+
+Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe,
+die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das
+Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus --
+und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.
+
+Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in
+den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt --: ehe sie sich
+freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet!
+
+Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo
+Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort
+vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt -- und mit
+einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.
+
+Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, -- und
+im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren
+schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.
+
+Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!
+
+Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und
+pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.
+
+Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über
+die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft
+in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen
+zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich
+gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei
+war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und
+das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und kratzte sie mit
+seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge
+spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch.
+
+Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden;
+das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es
+und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem
+Heidekraut -- und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier
+hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.
+
+Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den
+Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des
+einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne
+gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so
+schlank im Leibe -- sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben!
+
+Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den
+Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte
+sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem
+rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich
+in ihrer Jagd gestört wurde.
+
+Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen
+Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist
+stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks
+hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat,
+rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten,
+eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der
+bebenden Körperringe erhoben.
+
+Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen
+blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die
+Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der
+unsanften Behandlung in Strix’ Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz,
+der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt
+ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.
+
+Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein
+kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange,
+dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung
+getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten
+Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum
+herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus
+den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf.
+Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix,
+sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes
+umgekehrtes Fragezeichen.
+
+Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie
+ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen
+Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.
+
+Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten,
+nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis
+auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen
+das Gift strömen.
+
+Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern,
+die die Schlange füllt -- und sie schüttelt sie schnell ab.
+
+Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf -- und diesmal bis zu zwei
+Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch,
+wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht
+vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden.
+Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix’ Kopf
+gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen
+Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen,
+tiefgespaltenen Zunge entsendet.
+
+Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher
+beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und
+sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt
+sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und
+Ausfall.
+
+Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen
+gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht
+auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat
+decken können -- und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die
+feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon
+einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie --
+zum Glück für Strix -- den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.
+
+Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz -- und bis zur
+Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die
+Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift
+sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken -- und sie breitet
+die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem
+langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter
+ihr drein ...
+
+Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt
+ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß
+der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen
+Körper in die Höhe -- und nun schlingt sie sich um den Leib ihres
+fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte -- und schwer ist sie!
+Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja
+früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht
+gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit
+Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können;
+mit der Schlange wird sie schon fertig werden -- wenigstens vorläufig
+noch!
+
+Es ist Strix’ Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt;
+von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die
+Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht
+bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel
+nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf
+plötzlich herabfallen zu lassen -- so kennt auch Strix _ihr_ Gesetz
+der Schwerkraft.
+
+Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen!
+Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten,
+geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und
+mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.
+
+Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie
+beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die
+Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald
+mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu
+befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen
+Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der
+Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben
+wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen.
+
+Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen,
+kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu
+winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.
+
+Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß
+es durch Strix’ Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin,
+wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der
+Erde gefangenen Gondel kämpft.
+
+Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken!
+
+Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen.
+Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken
+in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das
+angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange
+gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.
+
+Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie
+umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die
+Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch
+unter ihrer Umklammerung aufschwillt.
+
+Da läßt die Kreuzotter los.
+
+Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um
+Strix’ Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die
+eine von Strix’ Tragflächen immer kleiner wird -- sie hat schon lange
+mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern.
+
+Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!
+
+Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge
+werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um
+sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen
+übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.
+
+Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute,
+als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten
+lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich
+nie wieder befreien kann -- und sie windet und verrückt sie und bohrt
+in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen
+Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter.
+Es quillt heraus und siedet um sie auf.
+
+Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende
+Junge ab!
+
+Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker,
+geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der
+lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab
+-- eine langes Tauende baumelt leblos herunter.
+
+-- -- --
+
+Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
+in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und
+schlief damit.
+
+Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!
+
+
+ _Die Heide blüht!_
+
+Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf
+einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen -- und so gewaltsam
+ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln
+und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die
+Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein
+Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp
+seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den
+Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem
+Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine
+Insektenfresser -- und jede Pflanze klemmt eine schwarze,
+zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.
+
+Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie
+hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen.
+
+Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die
+Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr
+den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich
+reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.
+
+Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller
+Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr
+Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde geschlagen und gleich bis
+auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem
+Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft -- und ohne
+weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug
+ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und
+sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf
+ihren Flügeln in die Luft empor.
+
+Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren
+Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.
+
+Plötzlich aber war er -- stöhnend, hustend und röchelnd -- vor ihre
+Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl
+gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.
+
+Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie
+versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. --
+
+Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen -- und
+kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte.
+
+Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und
+sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und
+Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste
+störten sie im Schlafe -- so war sie denn ausgezogen.
+
+Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht
+imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft
+mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel,
+die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und
+schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.
+
+Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum
+Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das
+Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine
+lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln.
+Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker,
+übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem
+Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.
+
+Wohin geht ihr Flug? -- Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb
+färbende Wälder.
+
+Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören,
+schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.
+
+Der Herbst ist im Anmarsch.
+
+Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen
+Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von
+Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und
+ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und
+die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und
+heimgetragen -- hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach
+einer Ähre suchen, lange Wege laufen -- und findet man sie, so ist man
+glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst
+gekeimt hat.
+
+Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher
+gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.
+
+Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gänge
+und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren
+Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht
+es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus
+herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig
+nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu
+müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden -- dann kommt der
+Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie
+selbst darunter geraten.
+
+Und nun beginnt die Not -- und damit die große, alljährliche
+Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht
+ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber.
+Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das
+kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren
+kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und
+wandern ...
+
+In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp „Eulenbrot“.
+
+Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen.
+Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und
+setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt
+die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie,
+wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat -- und nun kann sie nur zulangen
+und in sich hineinstopfen.
+
+-- -- --
+
+Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer gehen nieder
+-- der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die
+Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer
+aus Zweigen um sie her.
+
+Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor
+und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden
+Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit
+ihrer Streu und ihrem Dünger.
+
+Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch -- recht lange, das
+fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden
+Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt,
+steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.
+
+Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem
+Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die
+Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer
+des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das
+Plätschern nur weich und sanft empfindet.
+
+Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen
+zu spuken.
+
+Ho--o, heult sie, ho--o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch
+geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie:
+Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das
+Unterhaltendste, was sie sich denken kann!
+
+Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem
+Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefühl,
+welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein
+Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer
+weiter, weiter -- in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim
+und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde.
+
+Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem
+Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter
+Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich
+dreinzieht.
+
+Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft
+des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt -- es ist, als wenn ein
+verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und
+regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner
+geliebten Großstadt.
+
+
+
+
+9. Im Kampf mit einem Adler
+
+
+Es ist spät am Nachmittage.
+
+Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung quillt
+förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der
+seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu.
+
+Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer
+alten Esche ...
+
+Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und
+ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen
+Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide
+hin -- und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt,
+braust das Meer.
+
+Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein
+großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf
+hört sie und hat zuverlässige Empfindungen.
+
+Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender,
+orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf
+getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.
+
+Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der
+Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird
+stärker und stärker -- und wie es zunimmt, während der Abend zur Rüste
+geht, werden alle andern Laute gedämpft; ihre Klangfarbe wird ihnen
+genommen. Selbst die nächsten werden gleichsam von weitem weggezogen und
+klingen schließlich ganz fern. Das Bum-Bum der großen Wassermühle, das
+Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das
+sie zu hören gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwächer und
+schwächer; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen
+und Knarren der Bäume ist ohne tönenden Schallboden; jegliches Geräusch
+und Getöse wird gleichsam von Federn aufgefangen.
+
+Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor hin,
+verkittet und löscht aus -- nur die rinnenden Gewässer liegen wie vorher
+da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den stillen
+Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das
+Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich aufgewirbelt
+und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht.
+
+Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen
+können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter
+fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt
+sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so
+sehr liebt, naht.
+
+Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die
+Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur
+ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der
+Winter -- das Weißwetter -- ist gekommen! Mit einem Satz fliegt sie
+hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich
+darin wie eine Ente im Wasser!
+
+-- -- --
+
+Der Schneesturm aber nimmt zu.
+
+Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt vom
+Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der
+Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein
+Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält!
+
+In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen
+schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle
+Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen
+werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre
+gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren
+ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den
+Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen
+eigenartig brennenden Durst nach Blut.
+
+Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.
+
+Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert und
+mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus -- großartig
+phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.
+
+Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen
+Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus
+denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn
+-- ohne ihn zu sehen -- im Traume!
+
+Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt --
+und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der
+wundervolle Mitwintertraum der Erde!
+
+Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem schneebewölkten
+Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen ist, ward schon
+längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und beißender Atem
+weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon stundenlang auf
+ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten Hauch bis auf ihren
+Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da.
+
+Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der
+Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie
+es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das
+Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund
+gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem
+Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein
+Moorschwein niederzuschlagen -- jedoch alles ist vergeblich gewesen.
+
+Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind gleich
+leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers.
+
+Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt sie
+blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!
+
+-- -- --
+
+Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt,
+sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler.
+
+Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine Landschaft
+nach der andern unter sich wechseln sehen; zuerst vom Meer zu Land,
+dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag --
+Städte der Menschen -- zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren
+schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen
+aufragte.
+
+Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze,
+schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter
+Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ...
+dort lag ja Wald, sein lieber Wald!
+
+Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln
+hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich
+tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt.
+
+Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete sich
+zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus,
+sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken
+von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd -- die lag da
+wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf dem Schnee.
+
+Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig einen
+Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen und
+legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu sitzen!
+
+Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte.
+Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu dem
+Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den
+Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie ein
+Pferd nach langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die
+Federn und gähnte müde.
+
+Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig
+zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen
+Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden --
+jetzt endlich _saß_ er -- jetzt endlich saß er gut!
+
+Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien
+diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu fürchten
+brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte und
+Schüsse.
+
+Der reisemüde Adler schläft und schläft ...
+
+Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und
+fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald -- ein
+wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam
+verstärkt wird.
+
+Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen
+Geschnarch geweckt werden, das zu _einem_ langen, bullernden Schnarchen
+anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann
+hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt
+-- und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen.
+
+Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen -- jedes
+dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die
+nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in
+Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener
+Klecks auf allen Knorren und Narben.
+
+Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem Orkan
+steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen
+das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und
+bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.
+
+Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe,
+während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen
+Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er
+da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen
+um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils
+um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten,
+halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald
+oben in den Baumkronen.
+
+Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast
+heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende
+Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß.
+Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein
+Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm
+um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß.
+
+Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die
+Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in
+dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind
+schon _ein_ blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt
+sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der
+Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel
+-- und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem
+Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.
+
+Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine
+sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer
+Flügelarme und Schlagfedern bedienen.
+
+Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe,
+wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann
+mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht
+plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix
+sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen
+und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.
+
+Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen Vögel,
+er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden Körpern
+seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie
+kämpfen -- und begräbt sie.
+
+Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar
+Schlagfedern ist sichtbar.
+
+Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem
+Untertauchen wieder auf: _ein_ Vogel scheinbar, mit _einem_ Kopf und
+_einem_ Hals, aber mit vier Flügeln.
+
+Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und
+ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben,
+Brust gegen Brust.
+
+Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt
+nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat -- --
+
+Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm
+schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch gleich
+ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen
+haben -- und er langt mit seinem mächtigen Raubvogelfuß -- er hat die
+Spannweite einer ausgewachsenen Männerhand -- nach dem Eulenleib hinauf.
+Aber die Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt
+ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen.
+
+Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die
+beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und
+das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man.
+
+Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen,
+spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu
+bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt.
+
+Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine
+Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden
+Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den
+Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge
+feiern aufs neue einen Triumpf -- ohne jegliche Kraftanstrengung, als
+glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf
+des Gegners.
+
+Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß nicht
+mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine Fänge,
+seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf
+zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre
+wohlverdiente Mahlzeit.
+
+-- -- --
+
+„Ein herrlicher Auerhahn“, fand Strix. Aber es war ja auch lange her,
+seit sie Auerhahn bekommen hatte.
+
+Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!
+
+Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem Geschmack.
+Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten
+die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen.
+
+Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde.
+
+Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an
+schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller
+Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz
+stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte
+schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit
+gegen die moderne Zivilisation.
+
+Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten
+sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus
+wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs
+nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus,
+frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große
+scharlachrote Mohnblüte. Dann kam „die Pflanze“ allmählich häufiger
+vor, sie füllte Flecken und ganze Strecken -- und ihr folgten Pflug
+und Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und
+Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten.
+
+Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von dem
+Gipfel seiner Waldhügel über lauter Moore und Heidehöhen, über niedriges
+Gesträuch und Sümpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und Eintönige
+allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel verschwanden, die
+schwarzen Heidehügel schrumpften ein -- und Strix sah lange, weiße
+Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die Kreuz
+und die Quer durch die Landschaft ziehen.
+
+Wie einstmals im dichten Wald ertönte jetzt auch hier der Ruf: hört, sie
+pflügen, sie graben, sie schaufeln, sie entwässern -- der Wasserspiegel
+wird zu Morast, das Röhricht zu Gras, Inseln und Werder zu landfestem
+Boden, die Katze geht trocknen Fußes, wo einst der Otter schwamm ...
+
+Regenpfeifer und Brachvögel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und
+Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich
+trommelten rauschende Birkhähne es heraus.
+
+Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte -- ach, nun waren die
+Menschen dahinein gekommen!
+
+Es schritt rüstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den
+einst ein alter Fuchs, ein großer Marder oder Uhu inne hatte, um sich
+darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner.
+
+Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt,
+sich vor seinen Nachstellern in ein letztes Überbleibsel von Dickung im
+Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem großen
+Platz, wo die schönste Zierblüte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich
+entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befürwortete den Bau
+einer Lokalbahn.
+
+Da hatte aber Strix den Westerwald schon längst verlassen.
+
+
+
+
+10. Der Leuchtturmwärter
+
+
+Am Auslauf der Förde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das Meer
+schäumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bäumen.
+
+Sie waren zum größten Teil im Laufe der Zeiten von selber gekommen.
+
+Die Vögel hatten sie gesäet und die Tiere hatten sie gepflanzt ... wenn
+Fuchs und Dachs nach Mäusen stachen, wenn das umherziehende Rehwild
+nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewußt Bäume in die
+Erde gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nüsse von der
+Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das großblumige
+Geißblatt.
+
+Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen waren
+die Bäume so winzig klein, daß sie den Namen „Baum“ kaum verdienten.
+Dann stiegen sie an Höhe, je weiter landeinwärts man kam.
+
+Aber mehr als zweimal Manneshöhe erreichte kein Baum. Selbst einen
+halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer
+schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis,
+die einmal festgesetzte Höchstleistung zu überschreiten; der Sturm von
+der See her war eine Riesenschere, die beständig schnitt und schnitt ...
+
+Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen Schuppen
+senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den
+Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach über einem
+eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen -- und doch, wenn
+man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein
+Gefühl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause
+angelangt.
+
+Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald -- da kehrte der
+Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lärmte diese
+ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte und schuf die
+unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach,
+das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es
+nicht in den Schuppen hinabgelangen könne.
+
+-- -- --
+
+Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte Sonderling,
+die Eule.
+
+Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit
+blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen,
+und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine
+Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem
+Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.
+
+Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt,
+wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer,
+reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem
+lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise
+knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer
+Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar
+Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein
+Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich
+erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen.
+
+An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und
+die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen,
+wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem
+roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von
+ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen
+Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde
+auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des
+Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen
+vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes
+schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine
+fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der
+Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse
+heraushängen!
+
+Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das
+Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von
+dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen
+darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme.
+
+Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix’ eigene Art ist
+dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und
+Weihe hört sie kaum je mehr -- sie weiß nur noch von Meeresbrausen und
+Waldessausen wie von einem Wesen _ihrer_ Art. --
+
+Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche,
+menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten
+Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.
+
+
+Das Meer, das Meer ...
+
+Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte
+Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von
+einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land:
+Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr
+oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen,
+seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines
+Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim.
+Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten
+mit Einfahrten, Förden und Buchten.
+
+Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und Regen
+richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrüne
+Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde. Dann trat
+eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken, wild und
+zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und
+es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg plötzlich
+zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in
+die Tiefe versank.
+
+Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen auf
+... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann veranstalteten
+sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben
+zwischen den Steinen aus. -- -- --
+
+An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die
+Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur
+bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der
+Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des
+Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden
+groß und der Blick scharf und ätzend.
+
+Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in
+sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur,
+tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten,
+fest überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf
+einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern,
+die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie
+eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe
+ab.
+
+Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden
+Geheul --: Ho--o! Hu--u! Ha--Ha--Ha!
+
+Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.
+
+Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu bergen.
+
+Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter alles
+in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene Seevögel
+niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich mächtig;
+die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen Tribut
+zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des großen
+Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister
+Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden
+ein.
+
+Sie lebt glücklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und genießt ihre
+Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt
+ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke
+klingt um ihr dickichtumkränztes, sturmzerzaustes Haus.
+
+Und dann eines Abends, als sie ausfliegt, scheint ihr aus weiter Ferne,
+oben von dem östlichen Ende einer Anpflanzung, ein ziegelgedecktes Dach
+in die Augen.
+
+Es schießt aus einigen Tannenwipfeln auf wie ein feuerroter Fliegenpilz
+über grünem Moos ... die untergehende Sonne macht es erglühen und Funken
+sprühen.
+
+Es ist ein Menschennest, das dort aufgeschossen ist -- eine Villa!
+
+Die Bahn ist eine Tatsache geworden. Aus der großen Provinzstadt am Ende
+der Förde geht sie durch den Westerwald bis hier hinaus an die Küste.
+Die Spekulation hat auch dies Ende des Landes erfaßt; man hat ein Auge
+auf den Strandwald geworfen, auf die Abhänge, die Aussicht und den guten
+Badestrand; eine große Genossenschaft hat den ganzen „Dreck“ gekauft und
+zerstückelt ihn jetzt in lange Streifen; jeder Streif erhält sein Stück
+Wald, sein Stück Strand, sein Stück Wasser ...
+
+Die Einsamkeit verschwindet schneller als die Buchenblätter gebrauchen,
+um zu grünen und gelb zu werden; kleine überfüllte Dampfboote fangen an
+zu pfeifen und herumzuplätschern, kleine Hunde bellen, Wagen mit Müttern
+und Kindern kommen dahergehumpelt -- und fast jeden zweiten Abend, wenn
+Strix aufwacht, ist ein neues, pilzähnliches Menschennest aufgeschossen.
+
+Sie weicht und weicht, fliegt ein oder gar zwei lange Nachtflüge am
+Strande entlang, aber dann kann sie plötzlich nicht weiter kommen, sie
+ist hart an der Landspitze -- am Meer.
+
+Da draußen liegt der kleine Leuchtturm ...
+
+An einem dunklen und späten Herbstabend ... die See tost, und die
+Bäume in dem letzten Streifen Strandwald klatschen die kahlen Zweige
+gegeneinander ... ist ein Fischerjunge aus dem kleinen Dorf draußen an
+der Landspitze, auf der der Leuchtturm liegt, auf dem Heimwege
+begriffen.
+
+Der Junge folgt dem Pfade auf dem Abhang oben am Waldessaum entlang und
+sieht ängstlich in die Finsternis hinein, die dick zwischen den Stämmen
+liegt.
+
+Da hört er auf einmal ein wunderliches Hallo an sich vorübersausen und
+weiter durch den Strandwald jagen ...
+
+Es durchschauert ihn eisig. Mit offenem Munde und pochendem Herzen
+bleibt er stehen.
+
+Einen Augenblick später ist das Hallo wieder da!
+
+Er glaubt, Pferdegetrappel und ein gewaltiges Bellen und Kläffen von
+Hunden zu vernehmen -- und er schlägt die Hände kreuzweise vor die
+Brust. Ob dies wohl das ist, was Großvater Pibe „König Waldemars wilde
+Jagd“ nennt?
+
+Die Haare sträuben sich ihm auf dem Kopf, er will davonrennen, da fällt
+ihm ein, daß das ja das Schlimmste ist, was er tun kann. Er muß nur
+gehen, gehen -- und er eilt dahin, mit hastigen Schritten.
+
+
+Am nächsten Tage sprach das ganze Dorf von dem Erlebnis des Jungen!
+
+Auf der Bank unter dem kleinen Leuchtturm, wo die alten Seebären
+bei Sonnenuntergang zusammen kamen und ein Garn spannen, hörte der
+Leuchtturmwärter eines Abends, daß von Spuk geredet wurde.
+
+-- Wo ist der Spuk? -- fragte „Vogel“.
+
+Ja, es war hier ganz in der Nähe des Strandwaldes. Kristian Lars’ Sohn,
+erzählte einer der Fischer, hatte es gehört, und nun vorgestern hatte
+auch er es gehört. Es war ein eklicher Kram; es heulte und miaute und
+bellte und kläffte und röchelte wie ein sterbender Mensch. Der alte
+Niels Pibe, der ja nun nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte,
+behauptete, es wäre „König Waldemars wilde Jagd“; er sagte, solche
+nächtliche Jagd habe er, als er ein Junge gewesen war, fast in allen
+Fördenwäldern gehört, nur viel schlimmer. Da jagte der König mit großem
+Gefolge und vielen Hunden; jetzt habe sich die Teufelsmusik wohl
+vermindert.
+
+-- Daran sind gewiß die vielen Kirchen Schuld --, fügte der Erzähler
+gottesfürchtig hinzu.
+
+Der Leuchtturmwärter spitzte die Ohren.
+
+Aus seiner Kindheit draußen im Waldwärterhause dicht vor den Hochwäldern
+war er gar wohl bekannt mit der Musik des großen Uhus ... sollte es
+möglich sein, dachte er, lebte wirklich noch eine von den großen Bubos,
+und zwar so nahe an seinem Gebiet! Das mußte ein Zugvogel sein, einer
+aus dem nördlichen Skandinavien, der auf seiner Winterreise hierher
+verschlagen war ...
+
+Und Vogelhansens alte Leidenschaft stieg mit einem Brausen in ihm
+auf ...
+
+Im nächsten Augenblick gaukelte er sich vor, daß, wenn da ein Vogel sei,
+auch zweie da sein müßten ... es erging dem großen Uhu wohl so, wie man
+sich von der Bekassine erzählte, daß sie nie allein liegt. Dann konnte
+er am Ende wieder ein Gelege Eier bekommen oder eine Brut Junge fangen;
+alles Einheimische von der Art stand jetzt fabelhaft hoch im Preise!
+
+Es erging ihm fast so wie der Frau mit dem Milchtopf, aber dann besann
+er sich -- nun, er mußte ja erst einmal sehen!
+
+_Eine_ Eule mußte auf alle Fälle da sein -- und wenn die nur da war,
+hatte er auch sichere Hoffnung auf einen guten Gewinst. Der große Uhu
+war immer zu verkaufen, wenn man ihn nur, tot oder lebend, in Händen
+hatte.
+
+Der kleine Leuchtturmwärter hatte sich freilich Zeit seines Lebens Jäger
+genannt, aber es war nicht mehr vom Jäger in ihm als auf dem Rücken
+einer Hand Platz hat. Er war „Schießer“ schlecht und recht, er schoß nur
+für den Kochtopf und für die Tasche -- und am liebsten für die letztere!
+Denn das, was da hinein kam, konnte verkauft und in geliebtes Geld
+umgesetzt werden!
+
+Er war ein Aasjäger, wie er sein Leben lang ein Nesträuber gewesen war;
+aber den Trost hatte er, daß leidenschaftliche Sammler und andre brave
+Männer, die Schulen und Museen mit Vertretern der Fauna des Landes
+versorgten, sein Treiben in Briefen oft eine „sehr gemeinnützige Tat“
+genannt hatten.
+
+Nun war er bejahrt und nicht mehr imstande, in eine Buche hinauf zu
+klettern; aber das konnte auch einerlei sein, es gab nichts mehr, was
+sich des Hinaufkletterns verlohnte. Schon seit Jahr und Tag hatten ihn
+die Verhältnisse gezwungen, damit aufzuhören.
+
+Um so eifriger brauchte er nun die Flinte! Die Flinte war der lange Arm,
+womit er noch etwas an sich raffen und einem steifen Rücken und einem
+stocklahmen Bein abhelfen konnte.
+
+-- -- --
+
+Und die Flinte wurde an diesem Abend von ihrem Platze über dem
+Herde heruntergenommen, wo sie sonst immer bereit lag, um gegen die
+vorüberstreichenden Möwen verwendet zu werden -- er hatte die alleinige
+Lieferung von Möwen für eine Modewarenhandlung -- und mit großem, grobem
+Schrot klar gemacht.
+
+Tag für Tag schlich er in seiner Freizeit im Strandwalde herum. Er
+durchwanderte ihn die Kreuz und die Quer, ja, er ging ganz bis an den
+Badeort hinunter und frech durch alle Gärten der jetzt mit geschlossenen
+Läden daliegenden Sommervillen. Aber er konnte nichts von dem großen Uhu
+entdecken außer einer vereinzelten braunen Feder.
+
+Diese Feder genügte ihm jedoch; nun wußte er, daß der Vogel wirklich
+vorhanden war.
+
+Strix saß in einem Fuchsbau tief unter der Erde, da war es ja kein
+Wunder, daß der Leuchtturmwärter jedesmal vergebens ging.
+
+Er ruhte jedoch nicht: er blieb seiner Natur und seinem Wahlspruch
+getreu: -- niemals etwas aufgeben, ehe du nicht die Beute im Kasten
+hast!
+
+
+Es dämmert eines Abends ...
+
+Die Farben entweichen von der Erde und steigen zum Himmel empor; der
+wird im Westen rotglühend und schwefelgelb.
+
+Die Steine am Strande entlang, alle die weißen, alle die grauen, die
+roten Taschenkrebsschalen, wie die blauen Muscheln, verschwinden für das
+Auge und werden zu einem dicken, wolligen Streif.
+
+Und der Streifen zerbröckelt gleichsam, wird zu Sand, zu schwarzer Erde
+-- die Dämmerung nimmt auch ihn.
+
+Nur der kleine Leuchtturm draußen auf der Landzunge bleibt übrig.
+
+Über die See weht ein wahrer Orkan aus Westnordwest ...
+
+Düstre schwarze Wolfen, wild zerfetzt an den Rändern, jagen über den
+Horizont. Sie kämpfen mit funkensprühenden Feuerschlangen, die sich um
+ihren Rücken geschlungen haben, so daß rings umher in der Luft blutige
+Risse klaffen.
+
+Das Meer tost und schäumt ... sein Brausen ist in den Strandwald
+gefahren, der siedet und brodelt, er kocht vom äußersten Rande bis ins
+innerste Dickicht. In seiner dicht verfilzten Kronenwölbung gehen tiefe,
+mächtige Windwellen, die vom Wipfelast bis ganz hinab zur Wurzel
+reichen.
+
+Der Sturm treibt selbst mit den innersten Bäumen Kurzweil; er knechtet
+sie, die verwachsenen, kaum zwei Mann hohen Baumkrüppel, so daß die
+wilden Schüsse des Unterwaldes sich vor Wonne schütteln, wenn sie hören,
+wie schwer die großen Baume kämpfen müssen.
+
+Man krümmt den Rücken da oben an Land! Steht demütig da und dienert, wo
+es sonst gilt, den besten Platz an der Sonne zu erhaschen; man schmeißt
+Äste, Zweige und die letzten lieben Blätter ab -- und ist froh, wenn man
+nur damit davon kommt.
+
+Der ganze Waldboden ist bedeckt von abgerissenen Reisern und
+Tannennadeln; er sieht aus wie ein Weg, der zu einer Beerdigung mit Grün
+bestreut ist. Da ist nicht gespart, nicht gegeizt, Vogelbeeren, Schlehen
+und Hagebutten liegen da -- und gleich willig und verschwenderisch
+streut der Sturm noch immer drauflos.
+
+Der kleine Leuchtturmwärter ist auf dem Jagdpfade; er schleicht in der
+Dunkelheit herum, die Flinte bereit. Ist die Eule am Tage nicht zu
+sprechen, wohlan -- dann muß er versuchen, ob er sie nicht des Nachts
+treffen kann.
+
+Dichter und dichter drückt sich die Finsternis um ihn, sie guckt hervor
+aus Gestrüpp- und Baumstammzwischenräumen, sie faucht ihm ihre schwarzen
+Tupfen ins Gesicht und macht seine weiße Hand, die das Flintenrohr
+umfaßt, dick und schwarz.
+
+Heulen, Jammern und Seufzen erfüllt den Strandwald. Töne, bald so
+herzzerreißend, daß man glauben sollte, ein Mensch sei in Not, und Töne,
+bald so überirdisch, als kämen sie vom Himmel, strömen ununterbrochen
+seinem aufmerksamen Ohre entgegen.
+
+Aber nicht nach ihnen lauscht er ... die Laute kennt er von seinen
+vielen Wachen oben im Leuchtturm. Er wartet auf das Halloh und fragt
+sich mit einem Fluch, wo es nur abgeblieben sein kann.
+
+Ha, ha, ha, daran sind die vielen Kirchen schuld! höhnt er im Stillen,
+als er wieder eine Viertelstunde vergeblich umhergeschlichen ist ...
+nein, die großen Horneulen haben sich an Zahl vermindert, ihrer sind
+weniger und weniger geworden -- das ist die Sache! Der Sturm ist wohl
+derselbe, der er immer gewesen ist, und auch das Klipp-Klapp der
+klappernden Zweigspitzen, aber „die Hunde“ scheuchen wohl seltener als
+früher Wild auf.
+
+Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ...
+
+Und es ist Fahrt im Treiben und Kläffen in der Meute, es dröhnt, es
+rasselt, es bellt, faucht und klagt um ihn herum; er muß sich auf seinen
+Stock stützen -- er entsinnt sich nicht, den hochseligen König jemals so
+wild jagen gehört zu haben!
+
+Strix hat nämlich einen leckern Bissen gefangen; es ist ein Hase, den
+sie in den Fängen hält, während sie vorüberfliegt. Sie hat indessen
+keine Ruhe, ihn zu verzehren, denn eine Schar kleiner Eulen, die ihr
+Glück entdeckt haben, verfolgt sie und mischt ihre hohlen, schnarrenden
+Hornlaute in ihr düsteres, durchdringendes Fauchen. Sie neiden ihr den
+Fang und lästern laut darüber.
+
+Die Sturmstöße kommen und gehen durch den Wald und zerren und ziehen an
+den Wipfeln. Plötzlich und überraschend, mit der Geschwindigkeit eines
+Habichts, schlagen sie nieder, wirbeln das Laub auf und schleudern es
+dem Leuchtturmwärter ins Gesicht. Er muß den Rockkragen aufklappen und
+den Knoten des Halstuches fester binden. Er zittert am ganzen Leibe vor
+Eifer und Spannung und starrt sich fast die Augen aus dem Kopf ... wo
+schrie es doch?... wo heulte es eben?
+
+Auf den Zehenspitzen schleicht er umher, bewegt sich so lautlos wie sein
+lahmer Fuß es gestattet. Er bleibt oft stehen und lauscht mit offenem
+Munde, die Handfläche hinterm Ohre ... war das nicht das Fauchen eines
+Uhus?... ja, jetzt hat er es ... es kommt aus der Anpflanzung ... da
+drinnen zwischen den Fichten, da heult es!
+
+Der Leuchtturmwärter hat Glück: auf einem schmalen Pfad stößt er auf die
+sonderbare Versammlung. Er sieht etwas Schwarzes, das sich im Dunkeln
+bewegt, legt die Flinte an die Wange und zielt in der Finsternis, so gut
+er vermag ... Strix’ Leben hängt an einem Faden!
+
+Sie sitzt über ihrem Opfer und klemmt es fest gegen den Erdboden, rollt
+Feuer aus den Augen und knappt mit dem Schnabel. Die kleinen, fliegenden
+Katzen umschwirren sie wie Elstern.
+
+Der Leuchtturmwärter zittert förmlich, die Beine wollen ihm versagen; er
+kann die Flinte nicht ruhig halten, er muß auf die Knie nieder.
+
+Da ertönt endlich der Schuß ...
+
+Aber in der Erregung und in der Dunkelheit schießt der Leuchtturmwärter
+zu hoch; zwei behende kleine Eulen fallen wie zwei Bündel Kleider zur
+Erde.
+
+Strix macht sich aus dem Staube und nimmt obendrein ihren Hasenbraten
+mit.
+
+Aber in dem Augenblick, wo sie, von dem Sausen des Sturmes getragen,
+über die Fichtenwipfel dahinsegelt, ruckt es in ihr. Sie ist in den Wind
+vom Leuchtturmwärter gekommen, und der beeilt sich und stürmt vorwärts,
+um seine Beute zu sichern -- sie aber öffnet die Fänge und gibt
+freiwillig ihren leckern Braten preis ... Kladatsch, klingt es,
+Kladatsch, Kladatsch, so schnell, daß die Kladatsche fast übereinander
+stolpern.
+
+Und dann ist sie im Sturmgebraus verschwunden.
+
+-- -- --
+
+Das ist Tag und Jahr her -- und vergessen; vergessen war das Ganze.
+Nicht einmal Erinnerungen an ihre jubelerfüllten Tage waren
+zurückgeblieben. Nur der Kampf um die Nahrung und der Kampf um das Leben
+haben sie jetzt seit Jahren in Anspruch genommen; sie ist ein einsamer
+Vogel und hat sich daran gewöhnt, als sei sie es ihr Leben lang gewesen.
+
+Jetzt plötzlich taucht es alles wieder auf ...
+
+Nicht leibhaftig und in Gestalten geformt, so wie das Menschengehirn es
+vermag ... nein, nur in fernen unbestimmten Ahnungen. Ihr Gesicht kann
+täuschen und ihr Gesicht kann vergessen, ihr Gehör nie -- und diese,
+eines Menschen eigentümliche Art zu gehen, hat sich ihr nun einmal unter
+Umständen, wo ihre Nerven bis aufs äußerste angespannt waren,
+unauslöschlich eingeprägt.
+
+Ist er es, der lahme Hahn mit dem stinkenden Atem, der ihre Jungen
+geraubt und sie in einen Bauer gesetzt hat?...
+
+Sie ahnt es und fühlt dasselbe unwiderstehliche Kribbeln in ihren
+Fängen, wie wenn eine plötzliche Lust, etwas Lebendem die Haut
+abzuziehen, sie anwandelt. Der Kampfesmut aus alten Zeiten fährt in
+sie, der Haß, die Wildheit, die Bosheit flammen auf.
+
+Aus der Fichtenanpflanzung heraus hinkt der ein wenig niedergeschlagene
+kleine Leuchtturmwärter, seine beiden kleinen Eulen in der Hand. Seine
+erste Eingebung ist, sie wegzuwerfen; aber dann fällt ihm ein, daß er
+sie dem „Ausstopfer“ in der nächsten Stadt ja anschnacken kann.
+
+Da hat er wieder das wilde Halloh um die Ohren!
+
+Diese neue Möglichkeit erfüllt augenblicklich seine ganzen Gedanken.
+Schnell steckt er eine frische Patrone in die Flinte -- und eilt davon,
+dem Geräusch nach.
+
+Aber nun läßt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertönen.
+
+Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen Hahn
+... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hört, meint er noch nie
+zuvor vernommen zu haben. --
+
+Huu -- Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als sie
+den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwärter rennt
+dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, daß er die große Eule im
+Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer
+gleich nahe.
+
+Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hämmert aufreizend
+und anfeuernd in Strix’ Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn
+niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den
+Menschen ist noch immer zu groß. Sie muß sich damit begnügen, ihn zu
+foppen und sich ihrer Überlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da
+geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfällig auf seinen
+Klumpfüßen -- und sie ändert ihren Platz wieder und wieder und saust von
+allen Seiten über ihm, während sie ihm ihr Geheul in die Ohren gellt.
+Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann spürt sie das alte,
+beklemmende Gefühl im Halse.
+
+Huu -- Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den Strandwald
+geht es, dann über die Abhänge hinaus und auf und ab an den langen
+Dünenwänden, unter denen das Meer siedet und schäumt.
+
+Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt ihn,
+und das Halstuch hat er schon längst in die Tasche gesteckt; er fühlt
+sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch
+gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den
+offenen Dünenhängen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat,
+scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht
+so leicht durch ihr Geheul täuschen, hier kann er den großen Vogel
+ja sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal aus dem Schlehengestrüpp
+aufschießt, befreit von den Schlagschatten und der Erddunkelheit. Er
+_will_ sie haben; er kann es an ihrem Heulen hören, daß es eine alte,
+mächtige Eule ist; sie muß viel wert sein, und es gibt ja nicht mehr von
+der Art .... Huu -- Huu ... und beständig erschallen vor ihm die
+verwirrenden Töne. --
+
+Ein paarmal schon hat er sich an dem Dünenhang hinauf und wieder hinab
+gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten,
+sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hört er sie wieder,
+sie ist hoch oben über seinem Kopf, gerade unter dem Rande des Abhanges.
+
+Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entführt seiner
+großen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltönend
+in den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden
+Ton aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Füßen
+rasseln.
+
+Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhöhle geklemmt, kommt
+er heraufgeklettert ...
+
+Ganz zufällig flattert Strix im selben Augenblick von einem
+Schlehdorngestrüpp auf und schwingt sich über den Abhang hinaus, wodurch
+sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor
+einem Absatz an der Dünenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht
+blindlings drauf los und vergißt, sich in acht zu nehmen; jetzt will er
+einen Schnappschuß versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehör
+zu schießen; aber in der Eile tritt er fehl und hält einen großen
+Schlagschatten am Ende des Absatzes für festen Boden, er strauchelt,
+will mit der Flinte vor sich fassen, die Schüsse gehen ab, der rechte,
+als das Rohr gerade über dem Boden ist, der linke, als das Rohr schon in
+der Erde ist. Der Lauf zerspringt ihm zwischen den Händen und reißt ihm
+die rechte Hand ab, er kann sich nicht festhalten, er gleitet und stürzt
+in die Tiefe.
+
+Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht!
+
+Sie glaubt, daß er hinter ihr drein ist -- bis sie von einem neuen
+Sturmstoß wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt, wie er
+ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif in die
+Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein Antlitz
+nieder und faßt im Vorübersausen nach seinen wehenden Haarsträhnen --
+und dabei heult sie und schleudert ihm ihr krächzendes, übermütiges
+Hohngelächter ins Gesicht, während der Sturm im Riedgras seufzt und
+pfeift.
+
+Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dünenhanges; dort sitzt
+sie lange stumm und starrt grübelnd und unverwandt auf ihren toten Feind
+hinab. Es ist das erste Mal, daß sie einen Menschen so still sieht ...
+der Mensch -- die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestört hat -- nun
+liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden.
+
+Da schreit sie häßlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im Walde
+-- es hallt wieder von den Dünenhängen --:
+
+-- Qui -- witt, quiwitt -- komm mit! komm mit! ... ha, ha, haaa!
+
+
+-- Es heult in der Nacht.
+
+Seit jener Nacht waren Strix’ Tage am Strande gezählt.
+
+Es verlautete gar bald, daß Leuchtturmwärter Hansen auf nächtlicher
+Jagd auf einen großen Uhu umgekommen sei. Die Strandzeitung schlug Lärm
+und der Bericht ging durch das ganze Land -- und obwohl es keineswegs
+stimmte und auch nicht weiter verlockend war, und obwohl es ganz
+außerhalb der Jagd- und Badesaison war, benutzte doch ein gewiegter
+Hotelpächter die Gelegenheit, mächtige Reklame für sein neues, großes
+Badehotel mit dazu gehörigem „Jagdwald“ zu machen.
+
+
+
+
+11. Klein-Taa
+
+
+Der Winter verging leidlich für Strix.
+
+Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kämpfen.
+
+Das Los des Leuchtturmwärters wirkte gerade nicht verlockend auf die
+in der Gegend ansässigen Jäger; sie erblickten darin eine weitere
+Bestätigung für die Annahme, daß die große Eule ein Zaubervogel sei,
+den man am besten in Ruhe ließ.
+
+Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte
+die Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder
+aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, daß die Eule Böses ansagt --
+und daß, wenn man sie schießt, dies den Tod bedeutet.
+
+Eifrige Sammler ließen sich freilich nicht von diesen Ammenmärchen
+abschrecken, und als der Frühling sich näherte und das Wetter weniger
+rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpächter in der Tat Anfragen in
+bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel.
+
+Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor.
+
+
+Es ist an einem Abend, Ende März, bei heftigem Seesturm ...
+
+Das Meer schäumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen
+Regenschauer und die graue See gehen ineinander über. Nur eine
+vereinzelte, große Möwe mit einer unverhältnismäßig großen Flügelweite
+für den kleinen, leichten Körper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt
+sich hin und her über dem einsamen Horizont.
+
+Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt
+nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln ...
+
+Strix tanzt nicht mehr an dem Dünenhang, sie hat zurzeit anderes zu tun.
+
+Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden
+Wurzelhälsen einer kleinen verkrüppelten Erle zusammengetragen und
+liegt und brütet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter
+Gewohnheit gelegten Ei!
+
+Und die Regenschauer kommen in Zwischenräumen, aber regelmäßig wie
+die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da draußen nimmt die
+trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strömt
+und strömt, so daß auch oben in der Luft See und Meer entstehen.
+
+Strix drückt sich tief in ihr schützendes Nest unter dem Erlenstamm und
+läßt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brütet und
+gibt acht ... auf die Erde, das weiß sie ja, ist kein Verlaß.
+
+Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein
+langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen
+blanken Pelz aus dem Grau der Dämmerung heraus.
+
+Es ist auch einer von den alten Feinden -- ein guter Bekannter aus
+Strix’ jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder
+geworden ist, ähnelt er noch immer seinem Vater so aufs Haar, daß ihm
+eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt.
+
+Klein-Taa ist auf der Frühlingswanderung; auf der Suche nach einem
+Weibchen -- sonst käme er nie in diese rauhe Gegend.
+
+Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem Wasser.
+Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp -- ins Trockne hinein, am Eulenbaum
+entlang.
+
+Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute
+sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer
+zufälligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter
+schuld daran?
+
+Sie fährt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten
+Augenblick der Überrumpelung, daß er einem Truthahn geradeswegs in
+die Arme läuft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und
+Überraschung über dies unerhörte Glück zuckt in den kleinen, listigen
+Lichtern des behenden Raubmörders auf -- da pflanzt Strix ihre acht
+Fänge in seinen Hinterkörper.
+
+Äh! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell reißt
+er seinen kurzen, kräftigen Katzenschlund auf -- Strix sieht wie in
+einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und die
+weißen Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich
+über die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die
+Lauscher zurück und windet sich mit einer Kraftanspannung plötzlich
+in eine kauernde Stellung.
+
+Strix will sich das Tier mit ihren Fängen vom Leibe halten, aber
+Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm, seine
+Vorderläufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf beiden
+Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen Schmerzes seine
+Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr Fleisch.
+
+Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen.
+
+Sie muß den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flügelspitzen und
+den Stoß als Stützstäbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit der
+vollen Unbändigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos.
+
+Vergebens preßt Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und läßt
+ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert sie
+ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der
+aufgeregte Taa läßt sich nicht einschüchtern, es handelt sich um Leben
+oder Tod -- Strix muß entweder weichen oder sich ergeben.
+
+Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die
+langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen
+Bissen des Marders abgehalten haben, wählt das erstere und reißt sich
+mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hält fest und geht
+mit.
+
+Da kommt ein Orkanstoß! Er schlägt plötzlich wie ein Vogel Greif nach
+Beute in die Waldestiefe hinab, fällt ein paar Bäume und erhascht einen
+Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flügel zur Flucht aus -- und
+leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fängen, braust sie durch
+die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glück, beim Aufflug, wo Klein-Taa
+endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Körper fest zu
+umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell hinein,
+gerade unter den Schulterblättern zwischen den Rippen.
+
+Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit
+der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix
+mit ihrem bißchen Beute in seine mächtigen Klauen und streicht mit
+rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen,
+wirbelt sie in großen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den
+Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Kräfte nötig, um die Flügel
+gespannt zu halten.
+
+Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks unter
+ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu
+eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist
+sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp
+noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den
+schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und
+Zweigegeklapper hören kann -- und es durchschaudert sie, trotzdem sie
+den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie,
+nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln;
+alles, was sie berührt, wird sie umrennen.
+
+Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein Flug
+in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie
+-- sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt,
+hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst
+für sie wahnsinnigen Eile.
+
+Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich
+auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals
+Platz, und während alledem kämpft sie -- _sie_, der lebende Ballon --
+mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.
+
+Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix’ Klauen durch die Eingeweide
+gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken
+herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine Bisse
+gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel Federn und
+Hautstreifen aus.
+
+Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des
+Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche
+tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner
+Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.
+
+Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn
+des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt
+während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch
+gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen.
+
+Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen und
+die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und
+sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil
+einer Sekunde schwindelt es sie -- dann läßt sie plötzlich, zuerst mit
+den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich
+und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweißen Geschmeißes
+mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen
+Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft
+Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und
+er in der Nacht verschwindet.
+
+Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem
+Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen
+den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund
+herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen,
+weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte
+Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn
+aus ihrem Kleide -- dann ergießen sie sich in reißenden Regenströmen
+über sie.
+
+Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen
+droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hügelabhang, den
+sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst,
+dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet
+glatt auf einem Fels im Talgrunde.
+
+Sie ist entsetzlich zugerichtet.
+
+Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt es
+darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den
+langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur
+noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht
+aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper,
+im Nacken, in den Flügeln -- und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den
+Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie
+jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der
+Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das
+Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf
+schreit nach Pflege und Säuberung.
+
+Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen -- und sie hinkt davon,
+hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brücke.
+
+Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege
+ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu laufen.
+
+-- -- --
+
+Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein
+Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken Patienten!
+
+
+
+
+12. Zurück
+
+
+Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix’ letzte Heldentat. Die Kämpfe
+des Lebens hatten sie allmählich arg mitgenommen.
+
+
+Als sie wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist und ihre Wundflächen
+sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter
+der Brücke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern
+aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine
+Arbeit auf den Feldern.
+
+Wochenlang fliegt sie herum und sucht -- sucht nach großen Wäldern mit
+hohlen Bäumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach Ruhe und
+Frieden, nach der großen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen kann,
+ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der Menschen
+verjüngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo niemand
+außer _ihr_ sich in die Weltenordnung einmischt -- da will sie sein, da
+will sie hin ...
+
+Während sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem
+uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer
+Flügel wie in dem Bedürfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und
+landet in einer schönen Mitternacht in heimischen Gegenden.
+
+Während ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen Fluge
+eine Wegeslänge zurückgelegt, zu der sie in früheren Zeiten Jahre und
+Tage gebraucht hat. Sie ist über den Westerwald dahingeflogen und über
+seine jetzt so kultivierten Sümpfe und Moore; sie ist über ihre
+einstmals so große Heide geflogen, die jetzt zum größten Teil umgepflügt
+und bepflanzt ist. Der Hügelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete,
+liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden
+Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hält, ist -- wilder
+Wald.
+
+Aber sie kennt ihren großen wilden Wald nicht wieder!
+
+Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf der
+Hügelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen wuchsen,
+wo es selbst an glühenden Sommertagen dunkel und kühl war, ragen jetzt
+lange, gestengelte Stöcke in die Höhe. Und da ist immer Spektakel! Die
+Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so daß nur die steifsten
+von den Stöcken übrig bleiben.
+
+Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras.
+
+Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind fast
+immer an den Wipfeln; die Bäume ihrer Kindheit standen frei und offen,
+sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und biegen.
+
+Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Löchern, die
+_sie_ Bäume zu nennen pflegte und nicht Gras -- die sind weg. Die Axt
+hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen mögen.
+
+In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche läßt sie sich nieder!
+
+Es ist eine Krüppel-Buche -- einigen Bäumen ergeht es nämlich wie
+einigen Menschen: je mehr sie in Regelmäßigkeit und Schemaform
+hineingezwängt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum
+Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich -- und wollen nicht gut
+tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen, hochkultivierten
+Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und Vögeln über das
+umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im geringsten nach
+seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig, treibt Zweige
+in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhält, lange genug
+zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner Kronenwölbung. Die
+Forstleute haben geradezu neue Namen für diese Sonderlinge; sie nennen
+sie Krüppel.
+
+In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krüppelbuche haust Strix
+fast einen ganzen Monat.
+
+Aber was hilft es ihr, daß sie endlich Häusung gefunden hat -- Tagesruhe
+und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden.
+
+In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die
+Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem
+hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im
+Walde gehört: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst
+den Regen und den Tropfenfall und das Plätschern. Im Frühling das
+Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes
+aus Wurzel und Faser.
+
+Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Blätter, das Summen
+der Insekten, den Diskant der Mönchgrasmücke und das Gurren der
+Holztaube gehört, alles das, was naturgemäß mit zu dem Waldfrieden
+gehörte und gleichsam die Stille verdoppelte.
+
+Jetzt dahingegen -- nein, sie gewöhnt sich niemals daran, sondern
+fährt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt
+dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertönt; dann bellt ein
+Hund, ein Schuß knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das
+aufgeschreckte Gebrüll von Waldhörnern. Der Wald hat sich verändert; der
+neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte -- und die sind ihrem
+Wesen und ihrer Natur ganz zuwider.
+
+So muß sie denn weiter, -- nach nur ein paar Monaten! Sie muß den Kreis
+schließen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen Kurve
+zurücklegen, in der sie seit ihren frühesten Tagen vorwärts getrieben
+wurde.
+
+Gewandert ist sie auf ihre Weise -- und nun geschieht es, daß der
+Instinkt und die neuen Verhältnisse in den Gegenden, aus denen sie
+kommt, sie nach den großen Fördenwäldern zurückziehen, wo sie einstmals
+gebrütet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt
+erblickte.
+
+Der große Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr erstes
+Gelege Junge mit Uf ausgebrütet hat, ist nicht mehr da, und alles, was
+dunkel und urwäldlich war, -- was sie schön genannt hat -- ist weg ...
+nur draußen in einer Einöde, in einem sumpfigen, tiefgelegenen Winkel,
+den die Menschen jetzt die _Urwaldecke_ nennen, stehen auf einigen
+kleinen Inseln in einem schlammigen, noch unentwässerten Waldmoor ein
+paar alte, geschonte Rieseneichen.
+
+
+Jahrhunderte und Jahrhunderte sind über die Eichen dahingegangen! Winter
+auf Winter, Frühling auf Frühling haben sie erlebt, haben sie genossen.
+Sie kennen den Himmel in Frostkälte mit Schneegestöber, in Lenzesblau
+mit Schneewolken, in Sommersonne und Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch
+und Wildsau, Wolf und Bär -- und sie kennen den Menschen!
+
+Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung,
+Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich
+emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkämpft, auf dem sie
+stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblüht
+und die Wonne der Bestäubung genossen; vor hunderten und aber hunderten
+von Jahren haben sie schwere, langapfelige Früchte um sich gestreut.
+Sie haben Generationen von Tieren und Generationen von Vögeln gefüttert,
+haben das Sonnenlicht von über tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt
+verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurückgeben, was sie
+einstmals empfangen haben.
+
+Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine jede
+von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind vor
+fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den Hügeln
+rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt lebender
+Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldkönige zwischen
+Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages immer das
+stolze Bild. Da ist sie Nacht für Nacht über den kleinen Tannen
+hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz
+geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen.
+
+Die eine von den Eichen -- die älteste -- ist überall geborsten und
+gerissen, und es sind große Stücke aus ihrem Stamm gefallen. Man hat
+Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd in der Eiche hält! Um sie zu
+bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe eingeschlossen und es sind starke
+Stützen unter ihre Äste gestellt. So geborsten und zerrissen ist sie,
+daß die Leute gar nicht mehr glauben wollen, daß es _ein_ Baum mit
+_einem_ Stamm gewesen ist. Nein, den Ärger muß sie nun erdulden, daß
+kluge Köpfe unter den Forsteleven behaupten, es sei ursprünglich ein
+ganzes Bündel von Eichen gewesen, deren Stämme dann allmählich
+zusammengewachsen seien.
+
+Die andere Eiche, die am weitesten draußen im Moore steht, umgeben von
+dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen, hat
+noch ihre ganze äußere Rinde bewahrt. So mächtig ist ihr Stamm, daß
+zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken,
+knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, daß ein vierspänniger Wagen
+im Kreise um sie herumfahren könnte. Es ist ein Anblick aus der
+Vergangenheit!
+
+Wer sich allmählich durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hat, und nun
+plötzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, stutzt
+ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar
+moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewältigen vermögen!
+
+Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt. Hier
+ist die Rinde abgefallen, und ein großes Loch klafft aus der nackten
+Holzschale heraus.
+
+Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und läßt sich auf den
+Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch --
+sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlöchern, ohne
+andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine große
+Hummel im Winterschlaf.
+
+Als der Frühling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den
+Baum hinein und läßt sich häuslich nieder in dem faulen Holz über ihr.
+Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast
+eine ganze Stiege Eier!
+
+Und dann, eines Morgens, als Strix von der nächtlichen Jagd heimkehrt,
+sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren großen
+Gewöllklößen die letzten traurigen Überreste des Meisenweibchens liegen.
+Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen.
+
+Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit einem
+neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der ersten
+Frau fortsetzt. Längst hat der arme Mann die Stiege voll, aber das Ende
+ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule hören.
+
+Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als das
+Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das Geschrei
+und Gepiepse fast unerträglich. Mehrmals versucht Strix, all das
+schreiende Leben mit den Fängen herauszuziehen -- es ist ja doch Nahrung
+und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fänge sind nicht mehr kräftig und
+nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die großen Horndolche
+sich nicht mehr in Winkel biegen lassen.
+
+So gewöhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemütliches hat dies
+Lärmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben -- und sie
+entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schönen Tages erwachsen
+sind und sich auf und davon machen.
+
+Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvögeln meldet sich das Alter
+ungestüm und plötzlich.
+
+Ihre starken geschmeidigen Flügel fangen an, steif zu werden, ihre Fänge
+sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermögen ist nicht mehr
+wie in alten Zeiten, wo sie in der Dämmerung des Zwielichts die Motte am
+Stamm erkennen konnte.
+
+So ist ihr kürzlich ein wahrer Skandal passiert -- sie hält einen großen
+Auswuchs an einem Stamm für einen Vogel!
+
+Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und
+zwischen dem Maskenspiel der Blätter wird es zu einem Birkhahn.
+
+Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet hat,
+und es hungert sie förmlich danach, wieder einmal einen ordentlichen
+Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres früher so glücklichen
+Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und -- schlägt mit allen ihren acht
+Fängen in eine wunderlich schwammige Zundermasse. Sie hat sich geirrt,
+das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen ihrer Natur; es schreit
+nicht, es summt -- und die Daunen, die sie losreißt, sind lebendig und
+stechen.
+
+Für einen Wespenbussard würde diese Begebenheit ein wahrer Götterbissen
+gewesen sein; der Vogel würde die Waben geschätzt haben, er hätte es
+verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung herauszuschälen.
+Strix dahingegen wird nur gequält und zerstochen, obwohl sie nicht
+zaudert, die Flucht zu ergreifen.
+
+Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen geblieben
+und hat über ihr Schicksal gejammert; sie begreift nicht, warum das
+Glück sie so plötzlich im Stich läßt ...
+
+Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing, so
+selbstverständlich für Strix gegangen! Sie hatte immer fangen können und
+selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte sich
+aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden können,
+kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller Widerwärtigkeiten
+leicht für sie gewesen.
+
+Sie wird ganz melancholisch!
+
+Und während der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht das
+Alter mehr und mehr sein Recht geltend.
+
+Die ehemals so selbstverständlichen kleinen Glückszufälle werden zu
+ebenso selbstverständlichen kleinen Unglücksfällen; sie fliegt immer
+häufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schläge von den Zweigen ins
+Auge und stößt die Flügel und den Kopf gegen Äste und Baumstümpfe.
+Eines Abends auf der Jagd verwickelt sie sich -- bei den wütenden
+Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen -- in ein niedriges
+Eisengespinst, das die großen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung
+gezogen haben. Um ein Haar hätte sie ihr Leben dabei eingebüßt.
+
+Die Arbeit der Nacht wird schwer für sie; sie geht ihr nicht mehr wie
+ein Spiel von der Hand, sondern verursacht ihr große Anstrengungen und
+tausende von Qualen.
+
+Das alles altert sie; sie büßt mehr und mehr von dem ein, was wir
+Menschen Lebenskraft nennen: Mut und gute Laune.
+
+-- -- --
+
+Es wird wieder Winter -- und Strix hat sehr zu leiden. Namentlich
+peinigen ihre Erbfeinde -- die Krähen und Elstern -- sie schrecklich.
+
+Eines Tages wird sie von einer ganzen Schar Elstern entdeckt; es sind
+ihrer zwölf -- zwei ganze Familien -- Hauskrähen, mit langen Schwänzen
+und mit Weiß an den Flügeln, ihre Federn glänzen wie Metall; sie
+sind eingebildet und sagen, daß sie, wenn sie fliegen, sehr wohl mit
+Fasanenhähnen verwechselt werden können. Sie foppen die Alte, ziehen sie
+auf. Sie sitzt da, verzweifelt vor Wut, und schneidet Gesichter.
+
+Aber was soll sie tun? Mit ihrem Sehvermögen ist es schlecht bestellt,
+namentlich am hellen Tage, und sie kann nicht mehr, wie in ihren jungen
+Tagen, herausfahren und eine mit jedem Fang fassen und sie mit sich in
+den hohlen Baum schleppen. Sie muß den Hohn leiden und die Qual
+aushalten. Aber allein das Bewußtsein davon macht sie noch hinfälliger.
+
+Es ist unter den Tieren nicht wie unter den Menschen. Unter den Tieren
+muß ein jeder für sich selbst sorgen, und nur selten hilft eins dem
+andern beim Fang, wenn die Fänge abgegriffen und die scharfen Zahnränder
+oder Schneiden zu Zahnfleisch werden. Daher kommen auch in diesem Winter
+für Strix Zeiten wo sie Aas fressen und noch dankbar dafür sein muß.
+
+In ihrem langen Leben hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, das
+nächtliche Leben der Raubtiere aus der Nähe zu beobachten und ihr Tun
+und Lassen zu erspähen.
+
+Sie sieht die Füchse in großem Umfang ihre verschiedenen Speisekammern
+rings umher im Erdboden versorgen. Die Kerle machen es gerade so wie
+der Hund, sie vergraben alles, was sie nicht auf einmal fressen können.
+Rings umher in den Mooren, unter Grasbüscheln und in verlassenen
+Ameisenhaufen verstecken sie ihren Raub -- und finden ihn mit Sicherheit
+selbst nach Verlauf langer Zeiten wieder.
+
+So legt sich denn Strix darauf, ihnen ihren Wechsel abzulauern und
+die Gelegenheit wahrzunehmen, in ungestörter Ruhe sich die Niederlagen
+zunutze zu machen. Aber das Leichengift des Aases ist keine stärkende
+Medizin -- sie wird schwach und altert in beständig zunehmendem Grade.
+
+-- -- --
+
+Strix hat jetzt die längste Zeit gelebt.
+
+Sie hat alle Qualen des Lebens erduldet --
+
+Der Nachtfrost und der Lenzschnee löschten den Lebensfunken in
+ihrem ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten
+Eierschalen gesessen; einige spätausgefallene Junge, die nicht flügge
+waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen
+glücklichen, die lebten, abgeblieben?
+
+Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres
+eigenen Ichs belästigt. Andere Vögel brüteten zweimal im Jahre und
+setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war
+mäßig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begnügt.
+
+-- -- --
+
+Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und
+Strix leidet Not -- schlimmer denn je.
+
+Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine Ausflüge;
+sie hat keine Kräfte dazu und fühlt auch nicht das Bedürfnis. Sie bleibt
+lieber in der Urwaldecke und hungert.
+
+Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus
+da draußen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, daß Larve und Wurm
+im Holz um sie her in Ruhe frieren und nicht den leisesten Laut mehr
+telegraphieren -- dann schließt sie die Augen und sitzt in sich
+versunken da, während sie den dänischen Frühling vor sich sieht.
+
+Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Kätzchen, und Schwärme von
+lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her, während ein warmer und
+wachstumverheißender Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken
+sind draußen, und mitten im Sonnenschein zwischen den grünen
+Wildkerbelbüschen thront eine große, leckere Kröte. Sie sitzt da und
+verzehrt Mücken, die sie in einem dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal,
+wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit die Zunge herausgeschnellt und sie
+wieder hineingezogen hat, zwinkert sie wohlbefriedigt mit den Augen.
+
+Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige
+von den „Schnelläufern“, mit dem sie am besten fertig werden kann -- da
+erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen
+den hohlen Baumstamm stößt.
+
+Ja, Strix war alt geworden, uralt -- und das war gerade der Segen beim
+Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die
+Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen
+in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen,
+man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der
+Erinnerung vor sich.
+
+Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen!
+
+Aber _sehnen_ tat sich Strix doch -- sie sehnte sich, sehnte sich --
+sie konnte sich nur nicht klar darüber werden, wonach. Es lag wie ein
+beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt,
+Wohnung hat ...
+
+Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten,
+Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten,
+traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die
+Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen
+und wieder Menschen.
+
+Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene
+Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen.
+Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und
+Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher
+Wildnis herrschte. Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in
+beschnittene Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus
+ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie
+um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem
+andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die
+beiden alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte
+es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos
+und verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war.
+
+Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein Unwetterschaudern
+durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklärlich Unheimliches in
+ihrem einsamen nächtlichen Heulen.
+
+
+
+
+13. Strix schafft sich einen Sklaven an
+
+
+In der Urwaldecke -- um die alten Eichen herum -- traf man eine Menge
+hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem Neuwuchs an.
+
+Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die _kleinen_ Eulen,
+deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre
+Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.
+
+Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes,
+wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und
+machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam
+Fleisch von ihrem Fleisch und redeten _ihre_ Sprache.
+
+Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine
+Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die
+Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das
+Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den
+schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von
+den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern
+Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische
+Sprachenverwirrung.
+
+Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte
+Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und
+Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit geboren, sich in mehrere
+Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht
+alle aus diesen Familien bringen es gleich weit -- und nur ein einzelner
+alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen!
+
+Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter
+der Tribüne dem Vortrag eines solchen „Professors“ beigewohnt. Das
+meiste klang in Strix’ Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein
+paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und
+machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise
+in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute
+hören.
+
+Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren
+Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer
+Zunge, nur weicher und sanfter.
+
+Von ihnen sagte sie auch, daß sie _zwitscherten_.
+
+-- -- --
+
+In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben
+war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte,
+suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.
+
+Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit
+blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten
+hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann,
+und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten
+jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank
+in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mußte,
+nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglühter
+Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um sich schlug -- da
+hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenüber äußerst
+angenehm gemacht.
+
+Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie
+Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten kröpfen,
+während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine Kropftaube um
+sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre Aufwartung zu machen.
+Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt gefühlt, sich näher mit ihr
+einzulassen.
+
+Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem
+Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut
+reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt
+durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer
+schwer zu fangen -- da nahm Strix eine überraschend blutige Rache. Sie
+tat es nicht bewußt, _das_ muß man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus
+Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen Magens.
+
+Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen
+plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht
+auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen
+Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen.
+Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr
+gewesen.
+
+
+Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber!
+
+Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen.
+
+Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt
+dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die
+haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind
+steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm.
+
+Sie ist keine große Eule mehr.
+
+Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr
+die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind
+so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang
+erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist
+zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt
+einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner
+vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterblätter.
+
+Strix ist abgelebt -- die Greisin der Einöde heult aus dem letzten Loch.
+
+-- -- --
+
+Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr.
+
+Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden. Jeden
+Augenblick sträuben sich ihre Hörner, und die Augen öffnen sich; dann
+erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hört sie die
+große Botschaft, die das Märzsausen und die Aprilschauer verkünden.
+
+Aber was geht das sie an -- und sie lauert wieder in sich hinein ...
+
+Bis neue Botschaften so überaus stark werden, daß sie in ihrem Ohr
+rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber Zitronenfalter, der in
+einem Spalt überwintert hat und während eines Sonnenstreifens durchaus
+hinaus will, oder auch nur die Fäden in einem Kokon, die während der
+unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe zu bersten anfangen.
+Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhörbaren Laute dringen auf sie
+ein und wecken sie ununterbrochen.
+
+Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hämmert und
+pocht, es beißt und nagt, sie muß aufbrechen und sich auf den Rand des
+Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen.
+
+Die bisher so weiße Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie
+sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es
+plätschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weiße mehr und
+mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos.
+
+Bläulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von
+Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald
+schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr
+und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an.
+Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit
+ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als läge ein großer
+Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fährt deswegen
+herum und stemmt die Rückenflosse gegen die Eiskruste -- überall
+entstehen Risse und gurgelndes Geräusch.
+
+Dann fangen die Hügelwände von ihrem Baum an zu glucksen; kleine
+Rinnsäle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, stürzen sich
+kopfüber den Abhang hinunter und bohren sich in den Talboden. Es summt
+da unten, es singt, es braust es strömt -- ein Wildbach ist plötzlich
+entstanden.
+
+Winzig kleine, grüne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der
+Lichtung zwischen den Bäumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her
+schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grünes, sie kann schon
+Blätter sehen ... der welke Wald legt wieder sein Frühlingskleid an!
+
+Und während die Tage dahingehen, fährt eine Redseligkeit in alle die
+Strandvögel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich
+auszudrücken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann
+eines Morgens hört sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen
+sind. Das sind alle die Zugvögel, Drossel und Holztaube, Star und
+Rotkehlchen, die heimgekehrt sind.
+
+Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben viel
+gesehen, sie haben Eindrücke gesammelt und können erzählen -- und alle
+lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke, diesen
+unermeßlichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen zundrigen
+Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das reiche
+Insektenleben, das die modernen Wälder der Gegenwart nicht zu bieten
+vermögen.
+
+Ein ohrenbetäubender Spektakel erfüllt die Luft. Es heult und pfeift, es
+tutet und schreit ... Strix muß wieder hinab in ihr dunkles Loch; übel
+ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es hier
+oben.
+
+Und die Laute strömen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber es
+sind auch einige tief empörte und gehässige darunter, einige, die Fang
+und Schnabel ahnen lassen, obwohl sie von winzig kleinen Singvögeln
+abstammen. Strix hört sie, faßt sie auf und läßt sie durch sich
+hindurchspülen, ohne sie auch nur mit einem Gedanken zu verfolgen --
+dies alles ist ja nur der gewöhnliche Weltrummel!
+
+
+Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend!
+
+Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwölbung der Buchen
+singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der große, rote Frühlingsmond
+hängt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Während die
+Dämmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vögel
+dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel.
+Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und
+überall -- Pan bläst: der Zapfenstreich geht durch den Wald.
+
+Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen.
+
+Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprüche. Aber die
+Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beißen, und die Flügel,
+die ihr mühseliges Sichhinaufschleppen zu unterstützen pflegen, lassen
+sich nicht heben. Die Kräfte haben sie plötzlich ganz verlassen.
+
+Sie ist trübselig, die alte Strix.
+
+Während sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen Stamm
+abmüht, klagt sie vor sich hin.
+
+Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho--o--o, das andere Lenzabende
+gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der Paarungslust, mit
+verheißungsvollen breiten Flügeln und einem Übermaß von Kraft, nein es
+ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur bis ins Unendliche
+wiederholt, eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit,
+oder möglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe.
+
+Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel Ähnlichkeit mit den
+Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem
+kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im
+Walde herumgeflogen ist. Er gehört zu der Rasse +asio otus+ und ist
+auch eine Horneule mit sich sträubenden Federbüscheln und gelben
+Kugellichtern; aber das ganze Persönchen ist keine drei Käse hoch,
+und Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem
+Federklumpen zusammenrollen.
+
+Trotz seines eifrigsten Suchens hat _Glip_ -- so heißt die kleine
+Horneule -- kein Weibchen finden können, und dies Unglück ist ihm nun im
+dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr aufgelegt zu freien, und
+sei es auch um seine alte Großtante!
+
+Der Grund für seinen beständigen Mißerfolg liegt auf der Hand:
+
+Die Zeit der Bedrängnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten
+hat, beginnt nun auch für die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer
+stärkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre
+Waldestiefe und haut ihre hohlen Bäume um.
+
+An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu!
+
+Die Vorliebe für Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von
+dem, was die Menschen das _Nutzwild_ nennen, ist verschärft, kein
+Raubvogel, er mag noch so klein und unschädlich sein, ist mehr sicher.
+
+Das mögen die Götter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf
+ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen, so ist es Glip. Er
+kann mit gutem Gewissen behaupten, daß er weder zu bescheiden, noch zu
+unnatürlich wählerisch gewesen ist. Aber Verhältnisse, über die er, wie
+erwähnt, nicht Herr ist, haben ihn zum Verzicht gezwungen.
+
+Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht für ihn aus. Es
+war ihm gelungen, einen jungfräulichen Vogel zu finden, ein ganz freies,
+ungepaartes Eulenfräulein. Es bewarben sich freilich noch dreizehn
+Herren außer ihm um sie, aber was machte das -- der Schatz war ja da.
+Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen würde.
+
+Es war drüben auf der andern Seite der Förde, draußen in einem dichten
+Tannenwald, wo er die Schöne traf. Sie saß in einer kleinen Tanne, und
+die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her.
+
+So war auf alle Fälle die Sachlage am Tage.
+
+Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter, da
+kämpfte man wie die jungen Hähne und umschwärmte die Zuckertaube wie
+zudringliche Fliegen, so daß sie zu nichts in der Welt mehr Frieden
+hatte.
+
+Leider lenkte der Förster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise seine
+Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an, die,
+ermattet von den nächtlichen Ausschreitungen, in sich selbst versunken
+da saß wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief gesträubten
+Hörnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein weißes
+Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann,
+späterhin am Tage, ertönen kleine, kurze Schüsse -- und einer nach dem
+andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenüber von dem Zweig herab.
+
+Der Förster war schleunigst zurückgeradelt und hatte sein Tesching
+geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache,
+wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule,
+die mitten in dem Klumpen saß, nicht zu treffen, würden die andern schon
+festsitzen wie die Kletten.
+
+Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer
+glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenüber, und nun zerstob der
+Rest in alle Winde.
+
+Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bäume von oben bis
+unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf
+Paare an, die in glücklicher Ehe lebten, mit Kindern bis über die Ohren.
+Wohl strengte er sich an, hier, wenn möglich, Eindruck zu machen, war
+sowohl äußerst grob wie auch äußerst liebenswürdig. Aber er erreichte
+nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein
+aufdringlicher Kavalier!
+
+So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen betrogen.
+
+In diesem Frühling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit und
+breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Töne erklingen lassen. Bei
+jedem glücklich brütenden Paar, von dem er gehört hat, ist er offen und
+mit Gewalt eingebrochen ...
+
+In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art gegeben,
+und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weißblanke, zertrampelte
+Eier. Glip hat aus dem Wege räumen wollen, um später entführen zu
+können, aber er ist überall der Kleine geblieben und hat mörderliche
+Prügel bekommen.
+
+Da lächelt ihm endlich eines Abends das Glück; er ist plötzlich auf
+seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoßen.
+
+Er spitzt die Ohren --!
+
+Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein
+ungepaartes. Das kann er an der Weise hören, wie sie ruft. Er kauert
+sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurück ... hu, hu, hu,
+hu!
+
+Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort.
+
+Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr
+freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort
+bekommt er doch -- und er ist ja nicht verwöhnt.
+
+Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es währt auch nicht lange,
+bis er ausfindig gemacht hat, daß seine vermeintliche Anbeterin unten in
+dem Bauch der großen Eiche sitzt.
+
+Mit schnellen, weichen Flügelschlägen ist er dort.
+
+Er erreicht das große Eingangsloch unter eifrigem Scharren und Kratzen
+seiner Fänge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von Ho-Rufen
+gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht er -- so
+daß ihm einen Augenblick der Atem ausgeht -- ein paar rote Lichter unten
+auf dem Grunde funkeln. Er begrüßt sie mit Kaskaden seines wildesten
+Geheuls.
+
+Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest, das
+kann er hören; sie wühlt da unten herum und legt die Unterlage zurecht
+-- und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklärung zu bringen: ein
+trocknes -- und knorrenloses Reis.
+
+Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch -- eine schwache
+Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit
+hinabwagen, daß sie ihn fassen kann, da hätte sie doch endlich einen
+Bissen.
+
+Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge der
+Engigkeit des hohlen Baumes die Größe des alten Uhus nicht erkennen
+kann, faßt die Ablehnung des Reises als ganz selbstverständliche
+Sprödigkeit auf. Sie verlangt natürlich mehr!
+
+Da fängt die kleine Horneule an, sich mit Mäusen für Strix einzustellen.
+Sie macht große Augen und entreißt ihrem verliebten Anbeter die ersten
+leckern Fleischstücke; er hätte sie ja für den eigenen Schnabel
+bestimmen können -- und sie beeilt sich, ihm zuvor zu kommen. Sie
+kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf, sobald er sich
+zeigt -- und der verliebte Bursche kann so vielem Entgegenkommen nicht
+widerstehen.
+
+Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natürlich nur gerade
+vor das Eingangsloch -- und ein ganzes Ende von Strix entfernt. Es will
+ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art Ungeheuer, aber gleich
+darauf macht ihn die Liebe wieder blind.
+
+Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen.
+Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer,
+Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße
+alte Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz
+bange machten, wenn er in sie hineinstarrte -- siehe, das sind ja in
+Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen
+Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als
+wolle sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt
+daher, weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst,
+er umfaßt alles, alles -- um Einen und hinter Einem!
+
+Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf
+bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins
+Ohr zu tuten!
+
+Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch
+hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen
+Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten
+Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig
+und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder
+und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren
+Federhörnern hinaufgleiten läßt.
+
+Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur,
+auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.
+
+Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen
+Raubzügen.
+
+-- -- --
+
+Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen
+Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der
+Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie
+auf und ab, ab und auf schweben sehen.
+
+Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber
+wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja
+zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen, und dann stimmen sie ein
+sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit.
+Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er blitzschnell auf sie ein -- er
+zielt auf die zunächst fliegende und schlägt die Fänge in der Luft um
+sie zusammen.
+
+Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist leider
+nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande
+darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix’ kleiner, dummdreister
+Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im
+Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der
+Sperber auftaucht, -- nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur des
+Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen
+Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen,
+da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht.
+Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann -- ihr
+Sklave ist ein tüchtiger Sklave!
+
+Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er
+muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im
+Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast,
+gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam
+genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald
+ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter
+Vögeln her.
+
+So überraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhüter, als er im
+Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine
+Eule an ein Nestloch anklammert und hineinguckt, aber die alten Dohlen
+umflattern das Nest.
+
+Der eine von den Waldhütern will sich bücken und einen Stein aufnehmen,
+aber der andre hält ihn zurück.
+
+-- Nein, laß das, Pist Lak! Bedenke, wie es „Vogel“ erging ... es bringt
+immer Unglück, wenn man eine Eule totschlägt.
+
+Glip läßt sich nicht im mindesten stören. Mit der einen Klaue greift er
+in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix.
+Zehn Minuten später ist er wieder bei dem Nest -- eine nach der andern
+holt er alle die jungen Dohlen.
+
+Sie kamen durch einen Unglücksfall ums Leben -- so etwas geschieht auch
+tagtäglich im Walde!
+
+Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendämmerung läßt er
+sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das
+Holzwerk. Dann glauben die Jungen, daß es die Starenmutter ist -- sie
+stecken den Kopf heraus, und -- wupp hat Glip sie im Nacken gefaßt.
+
+Es gehört etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen --
+aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl bald!
+
+Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem großen,
+gefürchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck, der Tag
+und Nacht gefüttert werden muß. Es wird Glip schwer, alle die kostbaren
+Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermüden -- und läßt nach
+in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in den Weg kommt und
+bringt Frösche und Kröten statt warmer, leckerer Spatzen. Strix muß ihre
+schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben und Eidechsen, Schlangen
+und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem warmen Abend wird ihr sogar
+eine dicke, schleimige Waldschnecke präsentiert.
+
+Es wird Strix schwer, den schwarzen Kloß zu verschlucken, und sie rollt
+schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten Lichtern,
+obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverächter gewesen ist.
+
+
+Es ist leicht, das Ende vorauszusagen --:
+
+Eines schönen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen ist,
+erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, daß er ein Sklave war. Da
+hob er die Verlobung auf -- und machte sich aus dem Staube.
+
+
+
+
+14. Strix Bubos Tod
+
+
+Glip kehrte nicht wieder.
+
+Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fraß bekommen, sie ist
+matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im
+stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche
+kriecht sie auf dem Bauch zusammen.
+
+Sie ist halb von Verstand, hat fortwährend Visionen und sitzt da und
+heult ihren eigenen Namen.
+
+Schu--hu! seufzt sie ... Schu--hu!
+
+-- -- --
+
+Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben,
+lebensmüde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon längst
+ein Fremdling in der Zeit gewesen.
+
+Sie haßt die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lärm und den Überfluß an Menschen
+überall; sie trägt Urzeit in sich, und der sind die Menschen entwachsen.
+
+Das dumpfe Brummen des Bären, das Gebrüll des Elchhirsches, das Heulen
+des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das waren
+Laute, die für sie paßten. Sie hat dasselbe Wilde und Dämonische in
+ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verständlicher Sprache
+geantwortet.
+
+Sie sind dahin, alle die ursprünglichen Mitgeschöpfe ihrer Sippe, sie,
+in denen, o wie in ihr, das Großzügige wohnte. Die Menschen haben sie
+genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an ihre Stelle
+gesetzt.
+
+Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre.
+
+Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind, wie
+das Gewitter über die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und gehofft,
+gekröpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergötzt. Dann kamen andre
+Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flüchten und
+wandern müssen, wo sie kaum eine Maus für ihren Schlund hat finden
+können.
+
+Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger
+Nebelschleier vor fernen Wäldern; sie weiß, die Wälder liegen dahinter
+-- viel mehr weiß sie nicht.
+
+Das Leben ist dahingeschwunden -- für Strix wie für den Eichenriesen,
+in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist plötzlich zu etwas
+unfaßlich Kurzem zusammengeschrumpft.
+
+Auf einmal zuckt sie zusammen -- ihre matten, ausgebrannten Lichter
+werden so groß wie Teetassen.
+
+Da senkt sie die Hörner und wirft den Kopf zurück und bewegt den
+Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf
+mich zu!
+
+Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ...
+
+Sie sieht, wie damals, als sie eben flügge geworden und auf dem Zweig
+saß, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen
+Kante und gleicht einer Rieseneidechse, -- selbst der Schwanz fehlt
+nicht.
+
+Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich
+sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefällt hat.
+
+Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstörer, der Mensch, dem sie nie
+hat widerstehen können, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das
+Lebensglück mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnstätten vernichtet,
+ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat.
+
+Sie wird blutgierig und böse, sie fühlt die Wildheit wie mit der
+Unbändigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlägt ihre Fänge in
+den Kopf und den Hals des Menschen.
+
+Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu kröpfen; aber plötzlich kommt
+es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren
+Schlund hinunter will.
+
+Todesschwindel hat Strix schon längst befallen, sie haut und zerrt in
+dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn über und liegt auf der Brust,
+sie streckt die eingeschrumpften Fänge nach hinten unter sich, rüttelt
+mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf
+und zu, während sie mit bebenden Flügeln das Leben von sich abschüttelt.
+
+
+Der Herbst verging und der Winter kam --
+
+Und neue welke Blätter; neue zundrige Erde und Wurmmehl aus der alten
+Eiche sickerten herab und füllten den hohlen Boden aus. Strix’ irdische
+Überreste wurden zugedeckt wie die so manch eines andern Vogels, denn
+hier in den hohlen Stamm der Eiche hatte sich im Laufe der Zeiten die
+Fauna des Waldes zurückgezogen, um in Frieden den Strohtod zu sterben.
+Schicht auf Schicht lagen die Skelette übereinander, wie auf einem
+überfüllten Friedhof, wohlbewahrt von der Eichensäure.
+
+Da waren Skelette von Fledermäusen und Mardern und Spechten, von andern
+großen Uhus lange vor Strix, von Eichhörnchen und Sperbern und von einer
+kleinen, goldbusigen Frau Meise mit einem großen Loch im Kopf.
+
+Eine ganze Geschichte des Waldes lag hier als Mumien aufbewahrt.
+
+Aber als das Beben des Lenzes von neuem herannahte, als der brandgelbe
+Zitronenfalter sich anschickte auszufliegen, ließ sich eines Abends
+eine kleine Horneule in den hohlen Stamm hinab. Sie setzte sich in
+Balzstellung, fegte mit dem Schwanz und ließ die Flügel schleppen.
+
+Er benahm sich ganz, als sei er hier zu Hause, näherte sich aber doch
+nur mit einer gewissen Vorsicht dem unheimlichen Dunkel auf dem Boden.
+Lange saß er da, reckte den Hals und starrte hinab.
+
+Da erschien die entzückendste kleine Chinesin von einer Eule mit langen,
+gesträubten Hörnern, flachem Antlitz und schiefen, zwinkernden Augen
+oben im Eingang -- und die kleine Horneule wurde Feuer und Flamme.
+
+Er ließ sich schnell entschlossen hinabplumpsen --
+
+Es war leer in dem Stamm!
+
+Da scharrte er wie ein Hahn und gluckste seine kleine Henne hinab, und
+beide machten sie sich nun auf das eifrigste daran, das Loch mit Reisern
+zu umkränzen.
+
+Und dann, eines schönen Tages, lagen fünf kleine, kugelrunde,
+kreideweiße Eier und leuchteten in der Dunkelheit wie mit Phosphorglanz.
+
+Sie ruhten so sicher und ließen sich so leicht ausbrüten -- sie lagen
+auf einer alten, weichen Matratze -- -- --
+
+Glip hatte glücklich eine Frau gefunden.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+1. Das Ohr des Waldes 1
+2. Männchen und Junge 9
+3. Der geflügelte Wolf 30
+4. Das neue Gelege 41
+5. Strix und die Menschen 53
+6. Winterleben im entlegenen Walde 69
+7. Der neue Wald rückt vor 85
+8. Auf der Heide 98
+9. Im Kampf mit einem Adler 119
+10. Der Leuchtturmwärter 130
+11. Klein-Taa 149
+12. Zurück 157
+13. Strix schafft sich einen Sklaven an 170
+14. Strix Bubos Tod 186
+
+
+ [Illustration: Verlagssigel]
+
+_Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig_
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+Druckfehler:
+
+mit den vielen eingetrockneten Blut- und Fleischüberbleibseln
+ _mit dem vielen_
+Die Fledermäuse heben sich noch wie Möwen
+ _Möven_
+und guckt in die Wipfel hinauf
+ _in der Wipfel_
+Ihr scharfer Blick
+ _charfer_
+Uf schwelgte und schmatzte
+ _schmatze_
+Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix
+ _denckt_
+Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt
+ _Er sitzt_
+Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe
+ _„krasselt“: dänisches Wort?_
+mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf
+ _hocher / hobenem (als ob zwei Wörte am Linienende)_
+Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt
+ _sei ihrem Ausfall_
+feiern aufs neue einen Triumpf
+ _Originaltext ungeändert: Triumf oder Triumph?_
+Über die See
+ _Uber_
+Er gehört zu der Rasse +asio otus+
+ _Originaltext ungeändert: richtige Form +Asio otus+_
+fünf kleine, kugelrunde, kreideweiße Eier
+ _kreideweise_
+
+Unsichtbare Satzzeichen:
+
+und die Federn stehen Uf um die Ohren[.]
+Das schützende Versteck ... ist umgerissen[,] liegt bunt durcheinander
+sitzt sie wie in einem hohlen Stamm[,] nur daß er ganz eng ist
+Es ist Jagd im Tierwald[,] dem letzten
+voll Schlüpfen in der Pfote[,] Springen im Lauf und
+hängt sie vor Strix[,] sie siedet wie ein Teekessel
+streicht sie dahin, quer zum Winde[.]
+Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ..[.]
+sie begreift nicht[,] warum das Glück
+fliegen hin und her[,] während
+wo früher Wildnis herrschte[.]
+der Zapfenstreich geht durch den Wald[.]
+Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ..[.]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
+***** This file should be named 19530-0.txt or 19530-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/5/3/19530/
+
+Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/19530-0.zip b/19530-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..b2e29b0
--- /dev/null
+++ b/19530-0.zip
Binary files differ
diff --git a/19530-8.txt b/19530-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..8b479e3
--- /dev/null
+++ b/19530-8.txt
@@ -0,0 +1,6316 @@
+The Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Strix
+ Die Geschichte eines Uhus
+
+Author: Svend Fleuron
+
+Translator: Mathilde Mann
+
+Release Date: October 13, 2006 [EBook #19530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+ Svend Fleuron
+
+ S t r i x
+
+ Die Geschichte eines Uhus
+
+
+
+
+ [Illustration: Verlagssigel]
+
+
+
+
+ Fünftes bis neuntes Tausend
+ Verlegt bei Eugen Diederichs Jena / 1921
+
+
+
+
+ Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen
+ von Mathilde Mann
+
+
+Alle Rechte insbesondere das
+Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vorbehalten.
+Copyright 1921 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
+
+
+ * * * * *
+
+
+1. Das Ohr des Waldes
+
+
+In der fernen Tiefe der großen Föhrdenwälder, wo sich Licht- und
+Schattenbäume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hügelzug steil
+empor.
+
+Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so daß die Morgensonne
+seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint, während die
+Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen.
+
+An der Nordseite des Hügels, ganz hart an der Wand, steht zwischen
+Dornen und Gestrüpp eine alte, abgestorbene Eiche.
+
+Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Koloß von Baum; jetzt ist sie
+hohl -- der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so daß
+gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist.
+
+Es riecht säuerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken.
+
+... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und
+frißt, was die Zeit vor ihr übriggelassen hat.
+
+Ungefähr in halber Höhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche nach
+dem Moore zu, gähnt ein großes Loch aus dem Bauch des Baumes hervor.
+
+Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der
+Öffnung.
+
+Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt
+ist, wie der Hügel selbst --: die westliche Wand bekommt Morgensonne,
+die östliche Abendsonne, während die hintere Wand nie den Schimmer eines
+Strahles erhascht -- sitzt ein riesengroßer Vogel, und je nachdem die
+Sonne ihren Weg über den Himmel geht, rückt er aus dem einen Schatten in
+den andern.
+
+Es ist ein Nachtraubvogel --: ein großer, braungefiederter Uhu!
+
+Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwählt: hier
+sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von draußen her
+über den See hereindringt, fährt zwischen den Hügelwänden hin und her
+und bis zu ihm in das Loch hinein.
+
+Es ist ein dickes, kräftiges Uhuweibchen ...
+
+Sein Kopf ist so groß wie der der größten Wildkatze, nach vorn zu flach
+abgeschnitten, so daß er das schönste Gesicht bildet.
+
+Der Schnabel ist stark und gekrümmt, und die Schneiden sind so scharf
+wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen
+ein Stück Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch -- und sie haben selbst
+die Schenkelknochen eines zähen, alten Hasen durchgeschnitten.
+
+Er _fängt_ kein Tier, dieser große Uhu -- er _schlachtet_ es!
+
+Von den gelben Schnabelrändern steht ein Kranz von Federn wie ein
+brausender Schnurrbart ab. Er trägt sein Teil dazu bei, auf humane und
+rücksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu führen, wenn es im Kampf um
+sein Leben versucht, sich ein Urteil über den großen Schlund seines
+Gegners zu bilden.
+
+Der Schlund ist enorm -- aber erst wenn der Uhu ihn öffnet, kann man es
+sehen.
+
+Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den
+Ohren; sie erschließen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den
+verhältnismäßig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem
+eine ganze Stallratte verschwinden kann.
+
+Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlöcher, die ungeheuer sind im
+Verhältnis zu ihrer Größe bei andern Vögeln, sind die Federn sinnreich
+geordnet, so daß sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die
+Schallwellen anschlagen können.
+
+Das Gehör der großen Eule ist denn auch so fein, daß sie hören kann, wie
+die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden
+Flügelschlag des Nachtfalters hört sie!
+
+Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel
+eines Luchses, zwei wehende Federbüsche in die Höhe.
+
+Aber die Augen sind doch das Furchteinflößendste in diesem Gesicht! Sie
+sind prachtvoll gelb mit rötlichem Außenrand; die Eule kann gleichsam
+Feuer und Blut dahineinlegen, sie glühen und Funken sprühen lassen, so
+daß das Opfer gelähmt wird, wenn es seinen Blick plötzlich fängt.
+
+Sie ist so groß, daß sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie über die
+Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht -- einer Wolke, die
+schwarz ist und an den Rändern sonderbar faserig! Ihr Körper ist wie der
+einer Gans, und ihre Stärke gibt der eines Königsadlers nichts nach. Sie
+hat Flügel wie Schaufeln und so muskulöse Schenkel wie nur ein
+Fuchsrüde; die können ihren nächtlichen Wanderungen über den Waldboden
+Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fängt, Feuer verleihen.
+
+Ihre Fänge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen,
+sind fingerdick, und wenn sie sie völlig ausspreizt, haben sie fast die
+Spannweite einer Männerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen
+schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle,
+sichelförmige Kralle, wie ein kleiner türkischer Krummsäbel hervor.
+
+Sie sitzt förmlich in Daunen und Federn ...
+
+Die Dämmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die Nacht
+hat ihr mit schwarzem Pinsel über Flügel und Rücken gestrichen. Längs
+der Mitte der dicken, breiten Brust läuft ein weißlicher Strich, der
+sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das einzige
+wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den Glanz des
+Tages, an das Licht der Sonne -- ganz will es sie doch nicht lassen.
+
+
+Es ist sonnenwarm und mitten am Tage ...
+
+Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken über ihrem Stand,
+die langen Schwungfedern gleich einem wärmenden Unterrock über ihre
+Fänge gebreitet.
+
+Der große, runde Kopf mit den mächtigen Federbüscheln ist ganz nach dem
+Leib herabgezogen -- dadurch erhält das Gesicht etwas mürrisches,
+unzugängliches.
+
+Wie ein großer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor.
+
+Die Finken können piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch unter
+ihrem Baum schreien -- sie hört es nicht! Kläfft aber ein Hund in weiter
+Ferne, ertönt das Rollen eines Wagens oder der Klang einer Axt -- gleich
+zittert es in den Federbüscheln, sie sträuben sich drohend wie
+Bockshörner auf ihrem Kopf, werden nach und nach zu Hängeohren wie an
+einem melancholischen Schwein, um sich schließlich hintenüber zu legen,
+ganz an den Hals herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd.
+
+Draußen über dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so
+sonnenweiß da draußen, so voll von Tag und Leben.
+
+Feuerglänzende Stechfliegen treten plötzlich in die Erscheinung, stehen
+einen Augenblick still und glühen -- und verschwinden dann wie
+Sternschnuppen in den Schlagschatten. Große, schimmernde Libellen
+schwirren schaukelnd über den Wasserspiegel, schrauben sich im
+Spiralflug empor und fahren mit jähen Wendungen und unvorhergesehenen
+Bewegungen in Schwärme von Mücken hinein, so daß bei dem schnellen Flug
+ihre steifen, durchsichtigen Flügeldecken knistern.
+
+Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem Wasserrosenblatt
+auf. Gleich Blättern in einer Wolke von welkem Laub, das plötzlich vom
+Winde erfaßt wird, stehen sie über den Erderhöhungen hin ... der Staub
+auf ihren unberührten Schwingen glitzert und leuchtet, während sie in
+lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde treiben
+lassen, bis sie sich schließlich paaren, je zwei und zwei.
+
+Da mischt sich ein Flug weißer Schmetterlinge mit den roten und bringt
+Verwirrung in das so glücklich beendete Hochzeitsspiel. Nun schweben sie
+alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln ein jeder auf
+seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen auf einmal
+erblüht!
+
+Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schöpfstellen,
+und nachtschwarze Bläßhühner flattern bullernd über Wassertümpel,
+während taugraue junge Reiher zwischen dem Flimmern des Röhrichtsaums
+sich in der Geduld und dem Gewerbe des Fischens üben.
+
+Es ist Tag da draußen ... es liegt Leben über dem Waldmoor.
+
+Drinnen aber im Baumstamme ist es düster und kalt. Die gefurchten Wände,
+die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und die
+holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von
+Larvengängen und Wurmlöchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich
+angesammelt -- und dicke, wollstrumpfähnliche Spinngewebe, die sich in
+der Zugluft krümmen, verkleiden die Wände der Rinde wie geheimnisvolle
+Vorhänge.
+
+Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und
+zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand.
+Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte
+Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, während ein Bündel
+schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz
+angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals
+machen.
+
+Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche;
+er gönnt ihr den Frieden nicht, sondern fährt fort, sie zu quälen. Wenn
+dann der Baum so recht kläglich ächzt, reckt die Eule sich auf und
+schüttelt sich im Schlaf -- dies Knarren des alten Holzes tut ihr so
+innerlich gut.
+
+-- -- --
+
+Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch zu
+ihr herein.
+
+Der Laut nimmt zu -- -- --
+
+Dröhnen von Pfotenklatschen, Ritzen von Krallen, die sich in Rinde
+bohren, dumpfes Bumsen von losgerissenen Moosfladen, die in das Laub
+unter dem Baume herabfallen, jagen wie Hiebe gegen ihr Trommelfell.
+
+Da ist jemand auf dem Wege zu ihr herauf!
+
+Im selben Augenblicke ist die Eule wach.
+
+Es geht schnell zu ihr hinauf im runden Korkziehergang, ganz so, als
+statte der Specht vormittags ihrem Wohnbaum einen Besuch ab. Jetzt ist
+das Geräusch dicht hinter ihrem Rücken; sie hört das trockne Holz des
+Stammes ächzen, und es dröhnt in dem hohlen Baum wie in einer leeren
+Tonne.
+
+Die Eule richtet sich auf und wird zweimal so groß! Sie wirft gleichsam
+die Kissen ab und ihr vorhin so dicker, aufgeplusterter Körper wird
+schlank und lang.
+
+Plötzlich gleitet ein kleines, langgestrecktes, schlangengeschmeidiges
+Raubtier in kastanienbraunem Pelz lautlos durch das Eingangsloch ...
+
+Da leuchtet es unten aus dem Zunderdunkel wie Zauberglut auf. Ein
+elektrischer Strom, aus Spannung und Erregung geschaffen, entzündet
+magische Funken in den brandgelben Lichtern der Eule, sie sperrt ihren
+mächtigen Schlund auf und gibt plötzlich ein Furcht einflößendes Fauchen
+von sich.
+
+Das geschmeidige Raubtier fährt mit einem Satz zurück; in langen
+Sprüngen jagt es kopfüber am Stamm hinab und verschwindet in wilder
+Flucht.
+
+-- -- --
+
+Der Marder Taa ist der blutdürstigste Räuber des Waldes. Aber noch ist
+er so jung, daß er dergleichen Fehlgriffe begehen kann.
+
+Er hatte gehofft, ein Eichhörnchen in dem hohlen Stamm da oben zu
+treffen oder doch wenigstens einen kranken, alten Häher.
+
+Jetzt macht er sich schleunigst unsichtbar, ganz verwirrt infolge des
+Irrtums.
+
+
+Alle Bewohner des Waldes kennen ja den großen, braungefiederten
+Nachtvogel -- _den fliegenden Wolf_, mit dem menschlichen Gesicht und
+den geradeaus gerichteten Lichtern, die die Macht des Blickes besitzen.
+
+Sie ist der Tyrann des Hochwalds, der seine Steuer von allen erheischt,
+von den Hirschkälbern bis hinab zu den Mäusen.
+
+Sie scheuen sie, sie fürchten sie ... Strix Bubo, die große Horneule!
+
+
+
+
+2. Männchen und Junge
+
+
+Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres
+glücklichen Alters.
+
+Alles, wonach sie greift, fängt sie, und alles, was sie schlägt, fällt
+und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den Fängen und
+einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark. Wenn sie nur
+einen Hasen anrührt, spritzt das Blut gleich aus den zur Ader gelassenen
+Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den Jungen, sie besitzt
+alles, was reizt.
+
+Ihr Jagdgrund ist groß! Sie wohnt hier in den Hochwäldern, ganz am Ende
+der Förde und kann bis zum nächsten Nachbar jagen.
+
+Es sind alte, pfadlose Wälder, voll von Dickicht und sauren Erlenmooren,
+umgestürzte Bäume und herabgewehte Zweige liegen überall umher, und
+überall stehen zunderige, hohle Bäume und knarren. Unter der Geißel
+eines großen Wildbestandes sind die Wälder aufgewachsen: Urwald-,
+Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren
+Stand und haben sich den Winter über kümmerlich im Holz durchgeäst.
+Daher das viele verkrüppelte Eichen- und Buchengestrüpp, daher die
+vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldähnliche Gewirr, das
+einem großen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann.
+
+Aber der Lärm der Menschen rückt Strix näher und näher. Es werden
+häufiger Bäume im Walde gefällt, neue Menschenwege werden angelegt,
+kleine Steinhaufen und große Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und
+in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl längs des
+Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ändern und tiefer
+in den Wald hineinziehen müssen. Wo die Bäume am höchsten sind, wo der
+Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die härtesten Wunden schlagen
+kann, so daß große Löcher in das morsche Holz kommen -- da ist sie immer
+am besten gediehen.
+
+Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt, als
+auch schon der große Naturzerstörer mit Säge und Axt dorthin gelangt
+ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen,
+denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so
+ergeht, wie der großen Horneule selbst.
+
+Es sind Hirsche und Kahlwild, Hühnerhabichte und Wanderfalken,
+Edelmarder und Wildgänse -- alle fliehen sie vor den Axthieben, vor
+Hundegeläut und Schüssen und vor der scharfriechenden Fährte des
+arbeitstollen Menschen! Die ursprünglichen Bewohner des Waldes weichen
+dieser lärmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen,
+wo sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen
+finden -- in den öden Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen Heide-,
+Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf -- sie warten
+die Nacht ab!
+
+_Das mächtige Lichtgezücht_, das mit dem Tage erwacht und die Unruhe,
+den Lärm, die Veränderung und die Umbildung der Erde und der Natur
+schafft, die die Tiere scheuen, zwingt sie, sich zu verbergen, so lange
+es rast! Aber des Nachts kehren sie zurück zu den alten Stätten,
+verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf schleichenden Läufen über das
+Reich, das einstmals das ihre war. Die Hirsche und das Kahlwild äsen den
+Roggen der Ansiedler, die Dächse tummeln sich in den Saatfeldern, Marder
+und Fuchs stehlen Tauben und Hühner -- und Strix nimmt an Katzen und
+Ratten, was sie ergattern kann! In der Nacht gehört die Erde noch den
+Tieren!
+
+Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die
+Steinhöhlen der Menschen um die Hochwälder herum, daß stellenweise Tag
+und Nacht eine angsteinflößende Wolke ihres eigentümlichen Geruches
+aufsteigt.
+
+Eines schönen Abends merkt Strix, daß sie um der Nachbareule willen gern
+so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule läßt ihre
+Kampfstimme nicht mehr ertönen, sie muß wohl weiter weg bessere
+Jagdgründe gefunden haben!
+
+Die Nachbareule ist fort -- der große Moloch, das Götzenbild der
+Menschheit: die Zivilisation, hat sie getötet. Der Ausrottungskrieg
+gegen die Stämme des großen Uhus geht seinen fürchterlichen Gang.
+
+In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere
+Weise angreifend vorzugehen.
+
+Auf den Gütern jenseits der Förde tauchen plötzlich große, bunte,
+langschweifige Vögel in Mengen auf.
+
+Es sind Fasanen!
+
+Sie sind in kleinen Feldhölzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst im
+Überfluß vermehren. Es wimmelt von Ihnen am Waldboden und in den Bäumen.
+Sie sind so fett und gleichgültig, daß sie weder laufen noch fliegen
+mögen.
+
+Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den großen Uhus an; _hier_
+brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoßen, gleich haben sie die Fänge
+voll Nahrung.
+
+Rings um diese kleinen Gehölze, einladend über Dickicht und Gestrüpp
+aufragend, stehen hohe, schlanke Pfähle aufgepflanzt. Auf der Spitze
+eines jeden liegt -- so recht dazu gemacht, um sich darauf zu setzen --
+ein kleines strammgespanntes Tellereisen.
+
+Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum.
+
+
+Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Männchen.
+
+Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl -- da sind keine
+andern Männchen ihrer Art.
+
+Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betört sie
+fälschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten beständig mit Beute in
+den Klauen fliegt.
+
+Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trägt es solange, bis die Federn
+des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt der Fuß
+ab, und eines schönen Tages fällt er mit Eisen und Fang zu Boden.
+
+Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das --
+-- er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel!
+
+-- -- --
+
+Da thront er neben ihr ...
+
+Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie
+einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen großen, braunen Uhu mit
+Federbüscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer Mundspalte, die
+sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt ...
+
+Das ist der einklauige: UF!
+
+Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der
+Adler gewesen -- der letzte Überrest von Tieren, die noch etwas von der
+großen Zeit an sich haben.
+
+Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und würgen
+an ihrem Gewöll. In der Regel schlafen sie gut -- und erwachen sie
+zufällig, so haben sie genug zu tun.
+
+Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald
+wollen die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden,
+oder der Schnabelbart mit den vielen eingetrockneten Blut- und
+Fleischüberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, daß man ihn
+reinigt und bürstet.
+
+Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die possierlichsten
+Stellungen ein. Uf wird zu einem jämmerlichen Großvater in der
+Nachtmütze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur Furie; zu
+einem wilden Gespenst -- bereit zu kratzen und um sich zu schlagen!
+
+Aber zur Frühlingszeit, wenn die Märzstürme den Wald »stimmen«, wenn die
+Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter Hast
+anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hämmern zu beschleunigen, wenn die
+Träume, die sie träumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr an,
+nur zu schlafen und sich zu putzen! Da müssen sie auf -- auf und die
+Hörner sträuben und mit den Flügeln schlagen, während sie auf dem
+Zunder, auf dem sie sitzen, hüpfen und tanzen; da müssen sie schwänzeln
+und sich kröpfen und hu--u, hu--u heulen ...
+
+Und dann bauen sie ihren Horst.
+
+
+In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge!
+
+Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und häßlich für alle, nur
+nicht für Strix. Der Horst liegt in einer großen Vertiefung unter einem
+alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit hinein, so
+daß man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es ist ein ganz
+vorzügliches Nest, da ist ein Fußboden und da ist ein Dach -- auf dem
+Fußboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im Baumstumpf ist die
+Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhühner und Hasen -- und alle
+Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz kürzlich geschlagen. Aber vor
+dem Baumstumpf ist der Fußboden in weitem Umkreis mit Flügeln und
+Knochen übersät; da sieht es aus wie vor einer Räuberhöhle.
+
+Die Jungen sind noch klein. Vor zwölf Tagen erst sind sie aus dem Ei
+gekrochen, und Strix' einkralliges, altes Männchen sitzt getreulich
+über ihnen, um durch die Wärme seines Körpers den Lebensfunken in ihnen
+zu erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum für den eigenen Bedarf,
+geschweige denn für den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen
+sind schwach -- da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr liegt es
+also ob, alle Vorräte zu beschaffen!
+
+Und sie ist zu allen Zeiten ein kühner Jäger gewesen. Gleich bei
+Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien
+Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenständen ihre richtige
+Größe verleiht, jagt sie am eifrigsten und fängt sie am besten. Da
+durchsucht sie den Wald, steigt über Mooren und kleinen Wiesen auf ...
+sie rüttelt wie ein Falke auf hastig klappenden Flügeln und späht hinab.
+Während die Holztauben gurren und die Drosseln singen, während die Hasen
+ganz davon in Anspruch genommen sind, auf Freiers Füßen zu gehen,
+während die Wasserhühner in den Moortümpeln sich um Männchen und
+Brutplätze balgen, kürt sie zwischen dem Überfluß und macht Beute.
+
+Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf Äcker und
+Heiden, und läßt, während das Tageslicht mehr und mehr Übermacht
+gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wälder weit da draußen
+fangen an zu winken, Anger mit Lämmern und Zicklein kommen verlockend
+nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nähe es
+von Wieseln und Ratten wimmelt.
+
+Rings umher unter ihr ertönt das Kullern des Birkhahns und das
+herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhähne ... abgezehrte und
+abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stöcken von Schwänzen anstelle der
+früher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen
+hat alle Haare mitgenommen.
+
+Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt
+glühende Luft vor ihrem Blick, scharfe, ätzende Strahlen beißen sie in
+die Augen -- und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr
+sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich -- und nun
+blinkt und flimmert und glitzert das Gras.
+
+Da nimmt sie mit dem fürlieb, was sie zwischen den Fängen hat, und
+fliegt schleunigst zurück nach ihrer Behausung, das rote Licht des
+Sonnenaufgangs über den Flügeln.
+
+So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Dörfern, Birkhühner aus der
+Heide, Hasen vom Felde, Krähen aus dem Walde -- sie müht sich getreulich
+ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden Hu-u
+bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat,
+sträubt er die Hörner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von
+sich --! Wieder ein Hase! sagt er überrascht in seiner Sprache! ja! sie
+strengt sich an!
+
+Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fängen; ihre
+unheimlichen, halbkahlen Köpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem
+mütterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will
+ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reißt sie ihr weg:
+sie soll nur fangen, nichts als fangen -- -- --!
+
+Doch Strix läßt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und weiß, daß er
+gern für seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das Wild
+nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zähe Muskeln weich;
+sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren
+heißhungrigen Kleinen in die Schnäbel.
+
+Uf sitzt da und schmollt -- --: sie soll nur fangen, nichts als fangen
+-- --
+
+
+Es dämmert ... es ist ein früher Morgen im Mai! Die Fledermäuse heben
+sich noch wie Möwen vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten,
+tastenden Schläge, nur ein ganz kurzes Flöten ohne Zusammenhang.
+
+Dann fängt ein Birkhahn draußen am Waldrand an zu kullern und zu
+schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunkönig piepst -- der
+ganze Wald erwacht und begrüßt den dämmernden Tag mit Gesang. Der
+Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen sind zu
+geschäftig, um zu lauschen -- sie sind ganz davon in Anspruch genommen,
+ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher, sie gucken in
+Astlöcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie flattern tief unten
+über Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen Schwänze streifen
+förmlich an den Kräutern entlang und jagen die brütenden kleinen Vögel
+auf.
+
+Strix ist auf Fang aus! Sie muß in der letzten Zeit immer weiter hinaus,
+die zunächst gelegenen Jagdgründe sind erschöpft.
+
+Von ihren früheren Ausflügen weiß sie, daß dort auf der andern Seite des
+Waldes unter einem mit Gestrüpp bestandenen Abhang eine große Herde
+Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glück
+hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein
+drücken sich neben der Mutter an deren Euter.
+
+Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschütteln: alle kleinen
+Niederungen zwischen den Hügeln stehen in einem Dampf, so daß es für
+Strix ein leichtes ist, die Tiere zu überrumpeln. Keine von den vielen,
+neidischen Krähen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat
+durchfliegen müssen, hat sie eräugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie
+sieht das Gestrüpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich
+niederzustoßen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu
+fangen! Die Beute muß mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in
+den Fängen.
+
+So stürzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht
+aufragt ...
+
+Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fänge, so daß
+alle Ziegen spähen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt
+hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewölbe und mit dem Abhang -- und die
+Morgenschläfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In völliger
+Ruhe kann sie ihre Beute auswählen: dasjenige der Zicklein das zu
+äußerst liegt.
+
+Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkümmerten Landrasse, ein
+Zicklein wird sie schon tragen können, wenn sie es nur richtig gefaßt
+kriegt. Geduldig wartet sie den günstigen Augenblick ab.
+
+Auf einmal ist sie da!
+
+Die Fänge bereit, vorn unter der Brust, stürzt sie sich herab. Im
+Vorübersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine
+Ohrfeige, dann paßt sie es so ab, daß sie das Zicklein noch im Fliegen
+packt.
+
+Sie hat es ... sie flattert damit über den Erdboden hin.
+
+Es ist schwer, sie merkt, daß es nicht so recht mit in die Luft hinauf
+will -- es gehört mehr Aufstiegschwung unter die Flügeldecken dazu.
+
+Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch
+ihr Kampfgeheul zu den äußersten Anstrengungen. Der Druck unter den
+Flügeln wird stärker. Bald hebt sie es leicht über Gräben und
+Erderhöhungen -- und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanspannung, nimmt
+sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf.
+
+Sie hat die Fänge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in dem
+zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz, schlaff
+hängt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hälfte ihrer Flughöhe erreicht
+hat. -- -- --
+
+An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr
+teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen
+Schwanz von Krähen und kleinen Vögeln hinter sich, schwer durch die
+Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, daß sie die Fänge
+wirklich voll hat -- da vernimmt sie die zärtlichsten Liebeslaute seiner
+alten Kehle: Wap, wap, wap!
+
+Das sind Zeiten für Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell
+genug ...
+
+Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerührten
+Tierleichen. Da sind Birkhühner und Rebhühner, Holztauben und Krähen,
+Hasen und Rehkitzchen -- ein unvergleichlich anheimelnder, gedeckter
+Tisch! Die Kleinen können nicht so schnell äsen, wie sie fangen kann,
+aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, daß sie immer einen gewissen
+Überfluß vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung erkennen.
+
+Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und
+rundlich ist er geworden, und noch älter und bequemer. Längst hat er
+aufgehört, Kinderwärterin zu sein und hat sich in seine eigene
+Privathöhle zwischen einem Haufen großer Steine zurückgezogen. Aber
+darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der
+Nacht sein flehendes Rufen hört und begreift, daß er leidet, weil er
+seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmäßig
+mit seiner täglichen Nahrung zu ihm hinab.
+
+Dann aber ereignet sich etwas -- -- --
+
+Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie
+heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den
+ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie ab; sie ist in allen
+Löchern, Spalten, Öffnungen ... nein, die Jungen sind weg!
+
+War es der große Zerstörer? War es der Marder? Er, der Marder -- -- --
+neulich morgens, als sie lange weg war, hat _Taa_ die Gelegenheit
+benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein Leichtes für ihn, da
+sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war auch glücklich über die
+Außenwerke des Horstes gelangt: über die großen Reisigpalisaden, den
+abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und Aasteile, aber
+_hinaus_gekommen war er nicht wieder so glimpflich. Die Jungen hatten
+ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie hatten sich auf den Rücken
+geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen Krallen zerfleischt. Sie
+hielten ihn noch in ihren Fängen, als sie, die Alte, heimkehrte. Sie
+entriß ihn ihnen und in dem Glauben, daß er tot sei, warf sie ihn weit
+hinaus über den Rand des Horstes.
+
+Aber Taa war noch höchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben Rute,
+die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete er sich
+zwischen ein Gewirr von Knabenkraut.
+
+Ha, der Marder, -- -- nein, diese Baumratte ist es nicht gewesen!
+
+Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesänge, er bildet sich
+Orgelpfeifen aus Astlöchern, Flöten aus Rindenspalten und gespannte
+Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tönend etwas
+vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat.
+
+Und Strix nimmt den Trost an -- und vergißt dann schließlich die Jungen!
+
+Als sie sich aber im nächsten Frühling auf ihre zwei rauhschaligen,
+runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt
+gesichert: diesmal brütet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten
+Bussardhorst.
+
+Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald.
+
+Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die
+wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden Augen.
+
+Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht.
+
+Er hat eine bunte Sportmütze auf dem Kopf und trägt eine dicke,
+blauschimmernde Joppe. Über der Schulter hängt an einem dünnen Bindfaden
+eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen,
+nachlässig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und
+aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten Strickleiter.
+
+Der Mann ist Leuchtturmwärter auf einem kleinen Leuchtturm weit draußen
+am Auslauf der Förde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die Aufsicht
+über den Leuchtturm seiner Frau übergeben kann, ist er ein eifriger
+Trapper -- heute ist er auf dem Jagdpfad.
+
+Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist.
+
+Im Frühling durchpflügt er alle Wälder nach Raubvogeleiern und alle
+umliegenden Heiden, Moore und Sümpfe nach andern Vogeleiern. Er begnügt
+sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat
+Verwendung für mehr und nimmt selten weniger als das vollzählige Gelege.
+Im Sommer, wenn die Vögel ausgebrütet haben, findet man ihn wieder;
+jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu
+beschaffen. Er sammelt nicht für sich selbst, sondern für ein paar große
+Geschäfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufällige Liebhaber
+unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen.
+
+Die Natur soll in die Stube hinein -- tot oder lebendig -- aber
+in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden und Bücherschränken, in
+Naturaliensammlungen der Schulen oder in den Glaskästen der Museen
+erblickt man die letzten Überreste der ursprünglichen Fauna des Landes;
+hier steht sie ausgestopft mit starren Glasaugen. Jeder zweite, dritte
+Vogel, der früher so allgemein war, daß er in die Sagen des Landes
+verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur noch eine Sage. Sie werden zu
+Geld gemacht, sie werden aus den Wolken und von den Baumwipfeln
+herabgeholt, um die Taschen der Leute mit klingender Münze zu füllen,
+der letzte Adler, wie die unverletzlich erklärten Störche! Die Menschen
+wollen die seltenen Exemplare besitzen, wollen sie in die Hand nehmen
+und vorzeigen können.
+
+»Vogelhansen« oder ganz einfach »Vogel«, wie er genannt wird, hat sich
+sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der
+Hauptgeschäftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener
+unermüdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach
+schlägt -- er ruht nicht, bis er seine Beute in der Botanisiertrommel
+hat.
+
+Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von Kindesbeinen
+an gewöhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als Schiffsjunge
+hatte er in seiner grünen Jugend das Unglück, vom Mast zu fallen und
+einen häßlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was ihm in
+späteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwärterstellung draußen am
+Auslauf der Förde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner
+unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den
+Wipfel der unzugänglichsten Buche hinaufzugelangen.
+
+Im vergangenen Jahr, als er seinen großen Fang hier im Walde machte und
+-- von den schreienden und fauchenden Hähern geleitet -- Strix' zwei
+possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der Nacht zuvor
+einen Besuch auf ein paar Höfen abgestattet, die in einem kleinen
+grünen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem
+seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im
+Hegemeisterhäuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht,
+daß sich auf dem Scheunenflügel des südlich gelegenen Hofes ein
+Storchennest befand. Das war genug für Vogelhansen. In der Dunkelheit
+der Nacht radelte er die Meile über die Heide und traf um Mitternacht
+an Ort und Stelle ein.
+
+Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf einem
+Bein, den Kopf unter dem Flügel, auf dem Nestrande neben der brütenden
+Störchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen, ist ein
+Leichtes für »Vogel«, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei
+zusammengebaute Flügel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf
+das Strohdach hinaufzuklettern.
+
+Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Räuber, namentlich
+die Störchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest fest und
+will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand über den Rand des
+Nestes zu gelangen. Sie schlägt und hackt ihn in Schulter und Arm,
+so daß seine Kleider lange Risse davontragen.
+
+Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak
+heraus und schleudert der Störchin ein paar gehörige Schüsse ins
+Gesicht. Das hilft -- wenige Sekunden später liegt das Nest offen da.
+Fünf glänzende weiße Eier schimmern ihm entgegen, ein volles Gelege!
+
+Schnell zieht »Vogel« einen seiner Strümpfe aus, steckt vorsichtig die
+Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund ...
+
+Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er fängt
+an zu kläffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezündet und einen
+Augenblick später klappern Holzschuhe über das Steinpflaster.
+
+Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier
+Buchstaben, hält die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die
+Höhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er
+die Leiter, er muß der Sache ihren Lauf lassen -- und wie ein Schlitten
+nach einem Luftsprung saust sein Körper in die Luft hinaus. Da hat er
+das unverschämte Glück, daß der Düngerhaufen sich gerade unter ihm
+befindet: er fällt weich -- in einen großen Haufen Streu hinein. Er
+greift nach seinen Schuhen und nimmt Reißaus über die Heide.
+
+Alle Storcheneier waren heil geblieben -- er hatte für seine
+Verhältnisse einen ungewöhnlichen Fang gemacht!
+
+-- -- --
+
+Jetzt ist er wieder hier in der Gegend.
+
+Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis für die Beschaffung eines
+vollen Geleges Eier von dem großen Uhu geboten. Für den Sammler gilt es,
+die Eier zu erlangen, solange der Vogel überhaupt noch vorhanden ist.
+
+Aus seiner Knabenzeit und von seinen späteren zahlreichen Besuchen hier
+ist der kleine Leuchtturmwärter mit sich im Klaren, wo ungefähr er
+suchen muß. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen
+Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in
+immer größeren Kreisen zu durchtraben.
+
+Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm
+muß mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen
+werden, dessen Krücke so gebogen ist, daß sich der Stock schnell in die
+Seitentasche einhaken läßt, wenn »Vogel« die Hände frei haben will. Er
+klopft an die Stämme und guckt in die Wipfel hinauf, er kratzt an den
+alten Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krücke unter alle
+Wegüberführungen und in die alten, mit Laub angefüllten Fuchsröhren.
+
+Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt -- mit
+gesträubten Hörnern ...
+
+Schon aus weiter Ferne hört sie den eigenartigen Gang des Mannes.
+
+Kla--datsch, klingt es, kla--datsch, kla--datsch ...
+
+
+Als Strix eben flügge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie
+eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging
+auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die
+beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte
+es zurück, strich mit den Vorderpfoten an den Bäumen entlang und spähte
+wie ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, daß es eine
+ungewöhnliche Fähigkeit besaß, die Farbe zu wechseln; bald war der Pelz
+grau, bald schwarz, bald beides ... es war ein Mensch.
+
+Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag
+draußen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das
+Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen
+verschwinden.
+
+Lange Zeit blieb sie draußen sitzen und starrte das Loch an, durch das
+der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung, fand
+sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre
+ganze Neugier.
+
+Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der
+Entfernung zu folgen, sie fürchtete ihn instinktiv, ohne sich erklären
+zu können, weshalb, fühlte sich aber trotz alledem mächtig von ihm
+angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie plötzlich überraschend,
+wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kümmerte sich nur um
+sich selbst. Er knöhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund,
+er quakte im Grunde wie ein großer Frosch.
+
+Nur selten geschah es, daß der Mensch des nachts ausging; geschah es
+aber, so sah Strix, wie er auf seinen nächtlichen Wanderungen durch
+den stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und
+stolperte schwerfällig auf seinen Klumpfüßen und stieß bei jedem Schritt
+ein Stück Ast in die Erde -- kla-datsch klang es, kla-datsch -- während
+es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren wimmelte. Alle
+kannten sie seine Unterlegenheit!
+
+Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand
+nicht zwei Sprünge davon zwischen den Stämmen, der Marder guckte ruhig
+unter einem Stein hervor, und das Stachelschwein trabte in seinen
+Fußstapfen und schnüffelte an seinen klappernden Ballen.
+
+Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehört, ehe er vor ihnen
+stand; alle wußten sie, daß er in der Dunkelheit blind und taub war.
+Stand er aber plötzlich still, so erfaßte die ganze Schar ein Schrecken;
+Strix hörte sie davonstürzen, und sie empfand selbst ein sonderbar
+beklemmendes Gefühl im Halse.
+
+-- -- --
+
+Dasselbe beklemmende Gefühl stellt sich jetzt wieder ein, als sie
+plötzlich das Kla-datschen unter sich hört und den Menschen zwischen
+den Stämmen auftauchen sieht.
+
+Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum ...
+
+Aber was soll sie fürchten?
+
+Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge; noch nie
+haben diese beiden mächtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am
+Mann war; die Fänge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie
+anpacken -- und der Schnabel gibt den Fängen nichts nach.
+
+Und dann hat sie ja die Flügel.
+
+Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fühlt sie
+sich dem großen, lächerlichen Tier unendlich überlegen; sie kann sich ja
+von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden
+sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung!
+
+Nein, was soll sie fürchten! Sie hat den Übermut und die Sicherheit
+aller großen Vögel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das
+Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten und Kräften.
+
+Da auf einmal fängt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hört,
+wie sich große, gehörnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen.
+
+Sie preßt sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht wie
+eine Kröte.
+
+Die Krallen kommen näher und näher -- und machen dann plötzlich unter
+ihr Halt. Da fängt sie an zu jammern und zu klagen wie eine Bruthenne
+und stößt eine Reihe tieftönender Aah -- Aah aus ...
+
+Dem Leuchtturmwärter klingt es, als klage ein todkranker, leidender
+Mensch.
+
+Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest
+sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine
+Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig.
+
+Da tönt es plötzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mütze fällt ihm ab
+und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen ihm
+die Wange.
+
+Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre
+Geduld erschöpft.
+
+Aber da gibt's kein Erbarmen! Auch auf diese Möglichkeit ist Vogelhansen
+vorbereitet; er wirft seinen Rock über den Kopf und zieht einen alten
+Fechthandschuh über die rechte Hand -- dann betäubt ein halber Liter
+Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest zu plündern.
+
+Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke über den Wald hin und fällt
+dann ohnmächtig zwischen den Bäumen nieder.
+
+Als sie aus der Betäubung erwacht und hustet und nach Atem ringt, steht
+das Hahnengesicht des Leuchtturmwärters mit den kleinen stechenden Augen
+noch immer vor ihrem inneren Blick. Die Augen starren sie gieriger an
+als die der Füchse, wenn sie, neidisch auf ihren Fang, geifernd um sie
+herum sitzen, und sie sind grausamer und berechnender kalt als der
+Blick, den ihr Taa an jenem Tage zuschleuderte, nachdem sie ihn
+unversehens aus den Klauen der Jungen errettet hatte. Und gegen ihr
+Trommelfell hämmert es: Kla-datsch, kla-datsch! ...
+
+Die Fußtritte kann sie nie wieder vergessen!
+
+Später legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brütend auf
+einem einzigen, erbärmlichen, kleinen Ei.
+
+Aber, woran es liegen mochte -- aus dem Ei wurde nie etwas anderes als
+die Schale.
+
+
+
+
+3. Der geflügelte Wolf
+
+
+Das Flammengelb des Sonnenuntergangs stand noch am Himmel! Es spannte
+seinen Brandgurt um die Erde und ließ ihre pechschwarzen Haarsträhnen
+sich sträuben. Es entschleierte am Horizont einen großen Wald, meißelte
+das Kuppelgewölbe der Buchen aus und schliff den Sägezahnrand der Tannen
+blank.
+
+Drinnen im Walde, tief unten zwischen dem welken Laub, sitzt Strix auf
+einem bemoosten, halbverfaulten Baumstumpf.
+
+Vor ihr, den Oberkörper halb auf den Baumstumpf hinauf, hält eine
+kleine, schreckgelähmte Maus sich in verzerrter Stellung, sie zittert
+und bebt am ganzen Leibe.
+
+In ihrem Kampf ums tägliche Brot ist die Maus in die Nähe des
+Baumstumpfes gekommen, und in der Hoffnung, in dem faulen Holz einen
+Käfer zu finden, ist sie, ohne Böses zu ahnen, hinaufgehuscht, als sie
+plötzlich, gerade glücklich über den Rand gelangt, einem Paar großer,
+rollender Lichter begegnete.
+
+Im selben Augenblick ist sie an den Fleck genagelt.
+
+Alle ihre Kräfte, all ihre Energie und ihr Wille haben sie verlassen;
+schreckgebannt und verloren sitzt sie da, zu regungslosem Verharren
+hypnotisiert.
+
+Der böse Zaubervogel sieht und sieht das erstaunte, kleine Wesen nur mit
+seinen glühenden Lichtern an, dann erhebt er ruhig seine Marterfänge und
+krallt sie um die Maus.
+
+Zappelndes Leben kommt in das dem Tode geweihte Tierchen, als die Fänge
+von allen Seiten ihre Hornmesser in seinen Leib hineintreiben.
+
+-- -- --
+
+Strix liebt Mäuse -- und jetzt, wo sie für den Rest des Sommers
+nur Uf und sich selbst zu versorgen hat, gibt sie sich gern dem
+zeiterfordernden Mäusefang hin. Nur auf diese Weise ist es ihr nämlich
+möglich, die kleinen Kerle zu fangen: die Leckerbissen verschwinden wie
+Krumen zwischen ihren groben Fängen.
+
+
+Die Frösche sangen ihre bubbelnden, quakenden Gesänge ... sangen so
+innig und mit einer eigenen überzeugenden Kraft! Sie brachten in ihrer
+Sprache das Lob des Mitsommerabends zum Ausdruck und wetteiferten, wer
+das am betörendsten zu tun vermochte.
+
+Einige knarrten wie altes Holz im Sturm, andere krachten wie das dürre
+Reisig des Waldes, wieder andere glucksten, gurgelten und bubbelten die
+Töne heraus -- es klang nach Eisschmelze und Platzregen, nach Rieseln in
+Entwässerungsröhren und Gräben.
+
+In den Pausen aber ließ die Rohrdommel sich hören! Eigentlich hatte
+sie die ganze Zeit gesungen, sie hatte sich nur kein Gehör verschaffen
+können -- jetzt dröhnte die Luft von ihren spröden, dünnen Tönen, bis
+die lebendigen kleinen Nußknacker von neuem begannen.
+
+Still! Still! Alle Frösche im Walde wurden auf einmal stumm --: ein
+großer Vogel strich mit weichem Flügelschlag lautlos über das Wasser.
+
+Strix untersucht den Saum des Röhrichts ...
+
+Langsam läßt sie sich über Wasserlachen und Wasserrosen dahingleiten,
+über die Schilfpflanzen im Sumpf, wie über das Wollgras am Ufer entlang;
+tief, mit hängenden Fängen flattert sie dahin und guckt zwischen die
+Erderhöhungen hinab. Wildenten und Bläßhühner suchen schleunigst ihr
+Versteck auf ... es plätschert und spritzt um sie her.
+
+Der Waldsee hat ihr nichts geliefert!
+
+So muss sie denn eine ihrer andern Fangstellen aufsuchen.
+
+-- -- --
+
+Weit draußen am Waldessaum, am Rain, steht eine kleine, verkrüppelte
+Eiche; ein dürrer Zweig ragt aus der Mitte ihres Stammes auf: dicht über
+dem Zweig bildet der Stamm einen Knick, biegt sonderbar ungeschickt ein
+und wird hohl im Rücken wie eine Elfe.
+
+Ein stark begangener Wildwechsel läuft gerade unter der Eiche hin. Zu
+beiden Seiten des Waldrains und an seinen Abhängen hinauf wächst dichtes
+Schlehdorngestrüpp, oben dahingegen ist er nackt und kahl.
+
+Der Wechsel führt das Wild nach dem Felde und wieder zurück. Er läuft
+erst durch den einen Schlehentunnel, dann über den Wall hinauf und
+weiter durch den zweiten Tunnel. Wenn nun der Hase oder das Rehkitz,
+das Wiesel oder der Marder dem Wechsel folgen und in das schirmende
+Dornengeflecht hineinschlüpfen, machen sie gern einen Augenblick halt,
+um zu verschnaufen.
+
+Aber sie nehmen sich nicht in acht vor dem kleinen Stück offenen Walles;
+die müden Wanderer trippeln noch, wenn sie gemächlich und sorglos über
+den Rand des Knicks gleiten.
+
+Dieser Umstand ist gerade die Pointe des Fangplatzes, er verleiht ihm
+Ruf und Anziehungskraft!
+
+Kein Habicht oder Bussard kann sich im Walde niederlassen, der nicht
+früher oder später den Weg zu diesem Lauerplatz findet. In früheren
+Zeiten ist hier manch' ein Kampf zwischen Strix' verblichenen Vorfahren
+ausgefochten. Die streitbaren Uhumännchen haben um ihr Leben gekämpft
+und die Fänge oft derartig ineinander geschlagen, daß sie zu einem
+Klumpen verfilzt tot unter dem Baum gelegen haben.
+
+Es ist schon spät am Abend, als der dürre Eichenzweig kracht unter
+den Fängen der großen Horneule! Sie faltet die weichen Daunenflügel
+zusammen, und verkriecht sich in die Krümmung des Stammes, so daß ihr
+Kopf die Höhlung ausfüllt. Sie ist ganz unsichtbar ...
+
+Das Flammengelb des Sonnenuntergangs ist nicht mehr am Himmel sichtbar!
+Die Kuppelwölbung der Buchen, den Sägezahnrand der Tannen hat die Nacht
+verschlungen; es ist düster und unheimlich im Wald wie in einer Höhle.
+
+Aber für Strix ist es noch heller Tag.
+
+Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon als
+ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft häßlich --
+da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag -- und es kann vorkommen, daß
+sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so daß sie sich verirrt, wenn
+sie in ihr Nestloch hineinfliegen will.
+
+Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig! Sie
+sieht das Spiel in den Augen der Mäuse, sie sieht die Kröte, wenn sie
+über den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich
+durch das Gras schleichen, sie sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie
+sieht deutlich die Mücke, die die Fledermaus fängt. -- In der Nacht
+beherrscht sie alles!
+
+Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und
+Wiesen, Moorstrecken und Heideflächen. Der Tau spielt über Gras und
+Kräutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen
+auf die Blumen.
+
+Es strahlt und schimmert da draußen! Aber das Grün ist nicht scharf wie
+am Tage und das Weiß und das Rot empfindet man nicht wie Wind im Auge
+... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde!
+
+Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke Laub
+der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, dürrer Zweig wiegt sich
+auf und nieder. Da unten wandern die Mäuse! Eine Ricke mit ihren Kitzen
+kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden -- setzen
+dann in ein paar Sprüngen über den Waldrain hinweg. Der Fuchs maust am
+Gehege entlang und äugt verstohlen nach den Rehkitzen; das hinterste,
+findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner Kerl!
+
+Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch
+andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht.
+
+Da hört sie Blätter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter
+ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein Hase ...
+
+Hasen waren in früheren Zeiten ihre tägliche Speise; damals, als der
+Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr;
+jetzt muß sie sich mit bedeutend weniger begnügen und Jungfüchse und
+Dachswelfen zur Aushilfe nehmen.
+
+Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt.
+
+Er setzt sich und lauscht -- er hebt sich ganz auf die Hinterläufe ...
+die Augen stehen ihm starr im Kopf, während der Windfang mit der tiefen
+Hasenscharte in der Lippe sich fortwährend rund herum bewegt. Strix kann
+mittels des Gehörs ihren kleinen Lampe auf der ganzen Reise verfolgen!
+Sie hört, wie er aus seiner aufgerichteten, kundschaftenden Stellung die
+spitzen Vorderläufe wieder an die Erde setzt, hört seine kräftigen
+Lungen arbeiten, seine Nüstern sich blähen -- o, wonniger Laut! -- hört
+seinen Magen schreien und die Gedärme vor Hunger rummeln. Da weiß sie,
+daß sie nicht vergeblich gelauert haben wird.
+
+Und dann geht es, wie es gehen soll!
+
+Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel --
+und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter über den Waldrain
+in seinem Tripp, Trapp-Gehüpfe, als sich plötzlich etwas wie eine
+schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der
+Finsternis auf; auf ihren Wollflügeln kommt sie -- von hinten.
+
+Sie kommt mit dem lähmenden Schrecken, der die Folge jeglicher
+Überrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer
+Entfernung von ihrer Beute befindet.
+
+Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das
+Hineinhauen, daß die Fänge der Eule sich in der Brust begegnen. Er
+stößt einen Schrei aus, im nächsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein
+Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken:
+So, da bist du offenbar auf die Dornen gelaufen! dann weiß er von nichts
+mehr, er zappelt mit den Hinterläufen und streckt die Drossel ... die
+gelben Lichter starren steif in den Raum hinein.
+
+Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit krummem
+Buckel und gesenkten Flügeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor
+Äsungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzförmigen
+Fänge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und öffnet ihren mächtigen
+Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt
+in dem Hasenleib; große Stücke gleiten mit Haut und Haar hinab, während
+lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren
+Schnabelwinkeln und in den gelben Fängen festsetzt.
+
+Sie ist ganz satt -- -- aber noch steht ihr der größte Genuß bevor. Sie
+fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und sieht auf den
+toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit Grauen erfüllen.
+Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals unverwandt und
+grübelnd auf ihren Überfluß hinabstarren -- bis sie dem herzzerreißenden
+Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung schreit, nicht länger
+widerstehen kann.
+
+Da ruft sie ihn -- und wollüstig schlingt Uf die blutigen Überbleibsel
+herunter.
+
+-- -- --
+
+Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung für sich und Uf an dieser
+alten Fangstätte. Dann, eines schönen Abends, versiegt plötzlich der
+Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf
+dieser Seite des Waldes herausgeht.
+
+Da muß sie eine neue Taktik versuchen -- oder sich auf lange Zeit
+anderswohin begeben.
+
+
+Es ist mondhell! Blaßgrün scheint die Strahlenfülle der Himmelslaterne
+auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem
+Werder draußen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen
+flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser -- der Rest des
+Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weißbirke tritt als Elfe
+aus dem Nebelgebräu der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den Baum.
+
+Ein Mensch würde das Bild so sehen -- -- und er würde sein Herz klopfen
+fühlen unter dem Druck seiner Phantasie; er würde sich erdrückt fühlen
+von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen Beleuchtung der einsamen
+Umgebung.
+
+Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kämpfen braucht; für
+sie ist der Wald zu nächtlicher Zeit eine Freistätte, ein Heim; sie ist
+vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut -- und verkrüppelte, rindenlose
+Aststücke oder verschleierte Birken haben, trotz der Gaukelkünste des
+Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben für sie.
+
+Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit
+einer Ahnung von Rot und Klarheit, hängt die Dämmerung schon über dem
+östlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der
+dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Mäusen wimmelt.
+
+Da kommen die Hasen mit Müdigkeit in den Augen, mit dem Bedürfnis
+nach Ruhe in den matten Gliedern; geräuschlos huschen sie auf ihren
+Hexensteigen durch das Korn, sie wollen in den Wald hinein und sich
+setzen. Sorglos hüpft Lampe auf seinen weichen Ballen und mit
+hochgekniffenem Bauch, um nicht naß zu werden, denn der Tau spritzt
+hoch von dem Grase.
+
+Strix thront auf dem Fangzweig. Sie saß dort gestern Abend und auch
+vorgestern Abend -- aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr nicht
+freigiebig.
+
+Die Hasen sind scheu und mißtrauisch geworden. Sie benutzen den
+hundertjährigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrügt, das haben sie
+entdeckt -- sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen.
+
+Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme!
+
+Sie beherrscht ein ganz ungewöhnliches Instrument! Sie kann die
+Stimme so tief tönen lassen wie nur ein Baß, und eine Reihe hohler,
+posaunenartiger Töne entsenden; aber sie kann auch in die Höhe gehen
+und ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen.
+
+Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende
+des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mächtige Stimme ertönen läßt ...
+die kleinen Vögel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts
+weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht
+und das Eichhörnchen ducken sich tief in ihre Astlöcher, ja, selbst der
+Marder hält inne in seiner nächtlichen Jagd, wenn er die unharmonische
+Verkündigung seines großen Nebenbuhlers hört. Den Fall gesetzt, die Eule
+wäre hungrig, und nähme, was ihr in den Weg käme, da würde Taa in ihrem
+Rachen verschwinden wie eine Ratte!
+
+Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben, die
+Farbe ihres Federkleides, ihr Bedürfnis nach Einsamkeit hat ihr seit
+undenklichen Zeiten das Mißtrauen der Menge zugezogen -- auch über ihrer
+Stimme liegt etwas, das mystisch und eigenartig wirkt.
+
+Es steckt ein Stück Bauchredner in Strix; wenn es ihr paßt, kann sie
+teuflisch mit ihrer Stimme täuschen -- niemand kann danach beurteilen,
+wo sie sitzt. Sie kann brüllen wie ein Stier, heulen wie ein Wolf,
+miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelächter ausbrechen wie
+ein wahnsinniger Mensch.
+
+Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und fern,
+als kämen die Töne von weit her.
+
+Der Hase auf dem Felde fühlt sich sicher und glücklich dabei und doch
+-- -- sitzt sie da, die große, rotäugige Fängerin, dicht hinter dem
+Waldessaum. Huu -- Huu -- Huu ... bis in die Unendlichkeit hinein kann
+sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr angeboren. Eine Viertelstunde nach
+der andern kann sie so dasitzen und vollkommen von ihrem Hinterhalt in
+Anspruch genommen sein. Huu -- Huu -- Huu ... eigentümlich hohl und
+dumpf klingt es; wer ihr etwas anhaben will, folgt dem Klange der Stimme
+und glaubt, daß er sie die ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und
+geht und ist ihr beständig gleich nahe.
+
+Huj -- Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und unerwartet
+nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den verwirrten Hasen
+dazu, angsterfüllt ein Versteck zu suchen. Bald brüllt sie, als sei sie
+hinter ihm, bald, als hinge sie gerade über ihm; der Hase gerät von
+Sinnen und schlüpft schleunigst auf den alten, lieben Weg -- auf den
+Todesweg -- um die Sicherheit und den Wald aufzusuchen.
+
+Da stößt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine Langohr,
+in demselben Augenblick, als es den Kamm des Walles erreicht. Aeee,
+klagt der Ärmste, Aeee, Aeee ... und wild und trübselig schreit der Hase
+sein Leben aus.
+
+Ungerufen erscheint Uf -- -- und hinter ihm drein wimmeln alle Füchse
+herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet Eisenteilchen anzieht.
+Sie kommen von weit her, wie an der Nase herbeigezogen und sitzen da und
+geifern, während die beiden großen Uhus in aller Ruhe ihre Mahlzeit
+verzehren.
+
+Es kommt wohl vor, daß ein heißhungriger, mutiger Reinecke sich mit den
+Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie sträubt jede
+Daune und wird unheimlich groß, dann knappt sie mit dem Schnabel und
+zündet Feuer in den roten Lichtern an.
+
+Hu -- u --, heult sie ... Nase weg!
+
+
+Strix ist ein großer Räuber, ein mächtiger Jäger! Sie ist ein Meister
+in allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig,
+verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darüber hinweg, oben in der
+Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden
+Hinterhalt-Verfahrens, hüllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder
+der Dämmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhöhung
+auf die Liebessteige oder die Futterplätze des Kleinwilds. Der jagende
+Fuchs knirscht oft mit den Zähnen vor Wut über sie; er nennt ihr
+Jagdverfahren, »dem Wild das Leben stehlen«. Hah! still dasitzen und
+lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende
+Beute, hah! das kann jeder! höhnt der Fuchs in seiner Sprache.
+
+Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fuß jagen! Fuchs und Marder,
+Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmäßig, fürchten aber ihre Fänge.
+
+
+
+
+4. Das neue Gelege
+
+
+Dicht fallen die Blätter im Herbst ...
+
+Dichter noch, als der Oktober herannaht ...
+
+Überall in den Wäldern wird es welk und kahl!
+
+Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das Regenwasser
+trieb in Strömen an den Stämmen herab. Die letzten Motten und
+Nachtschwärmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flügeln auf
+dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen.
+
+Der Dezember kam -- und der Schnee!
+
+Dann brütete der Winter über dem Lande --
+
+Jetzt haben die Märzstürme getobt und die Aprilschauer gespült --
+Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe ist hier
+gewesen, die Anemonen stehen in Blüte:
+
+Es ist Frühling und die Hochwälder strahlen von Mai!
+
+Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt
+unter einer kleinen Tanne an einem Hügelabhang.
+
+Uf hat die Stelle als Kinderwärterin noch nicht angetreten. Die Jungen,
+die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden vorläufig
+von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd unter ihr.
+Sie ist so zärtlich mit diesen Jungen, zärtlicher als sie je mit ihren
+früheren Jungen gewesen ist -- und sie bewacht sie mit nie ermüdender
+Fürsorge.
+
+Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken
+Fuchsrüden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die
+Menschen -- die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu betreten!
+
+Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehörigen
+Schrecken ein ...
+
+Er kommt in seinem Einspänner gefahren, um das Holz zu holen, das
+er im Walde gekauft hat. Während er gemütlich dahinzuckelt, sieht er
+plötzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der
+schmalspurige Weg führt. Der Vogel ist groß, und er setzt sich ohne
+weiteres auf das Pferd und fängt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren
+zu schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat
+seine liebe Mühe, es wieder zu bändigen, denn fortwährend streicht ein
+schwarzer, unheilverkündender Schatten über das Fuhrwerk hin und heult
+so bestialisch wie der Teufel in eigener Person.
+
+Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als
+die Daunen aus ihren weißspieligen Federposen herausquellen und sie
+anfangen, die nackten Hälse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als
+Wärmflasche angetreten, so daß Strix mehr Zeit zur Verfügung hat.
+
+Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel für die ganze Umgegend zu
+werden. Sie fängt wie gewöhnlich ... holt Ratten aus den Dörfern und
+Rebhühner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mühe, Futter
+für ihre heißhungrigen Jungen und ihren nicht minder heißhungrigen,
+alten Gatten zu schaffen. Ihr großes Bereich ist in den letzten Jahren
+merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhühner sind weniger -- nur
+die Menschen haben zugenommen.
+
+Dafür hat sich hier und da einer von den bunten Vögeln mit den langen
+Stößen von den Gütern drüben auf der andern Seite der Förde gezeigt --
+und eines Morgens taucht ein neuer, großer Auerhahn auf.
+
+
+Es dämmert am Horizont ... schüchtern schlägt der Zaunkönig seinen
+ersten, schmetternden Triller, dann hält er inne -- er ist zu früh
+aufgestanden!
+
+Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal draußen am Waldessaum -- und
+alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise seufzt und stöhnt
+in den Baumwipfeln ...
+
+Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein!
+
+Strix sträubt die Hörner.
+
+War das ein Traum, der Lenzruf des großen Hahns? Sie sieht diesen großen
+Vogel ja sonst nie.
+
+Von neuem ertönt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein
+Flöten, und doch schallt es weit durch den Wald.
+
+Strix verläßt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend.
+
+Bald ertönt der Kampfruf eines andern Auerhahns -- und nun kämpfen die
+beiden großen Hähne gleichzeitig mit einem Schwall von Kraft.
+
+Sie hört vor sich Flügel schlagen und krachen. Ausgebreitete Federfahnen
+in breiten Flügeln hauen mit donnerähnlichem Getöse gegeneinander. Sie
+ist früher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher Jäger gewesen und
+hat sich der Kämpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu Nutzen gemacht --
+lautlos schaukelt sie über dem Walplatz ...
+
+Es ist noch dunkel in der Kronenwölbung und dunkel ist es auf dem
+Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern der
+Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhähne. Hier drinnen bullern
+rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu!
+
+Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin, mit
+gesträubten Hörnern und funkelnden Lichtern.
+
+Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tönt es
+aus der Kehle und rollt in den dämmernden Morgen hinaus. Längst hat sie
+den Vogel entdeckt. Ihr scharfer Blick erkennt deutlich den Glanz seiner
+Federn und das rote Ebereschenbüschel über jedem Auge. Mit stolzer
+Haltung, mit gefächertem Stoß und gekrümmtem Hals stolziert der schwarze
+Hahn auf seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu
+übertrumpfen, ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen
+mächtigen Sprung, und indem er die Flügel krachend vor der Brust
+zusammenknallt, stößt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen
+Schlußgesang an, noch feuriger, als bisher.
+
+Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn,
+geht sie auf das Balzen ein.
+
+Mit gesträubten Halsfedern, mit schleifenden Flügeln, den Stoß gespreizt
+wie ein Rad, fährt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem Schnabel.
+Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glühen vor Wut.
+
+Da entdeckt er seinen Irrtum -- Strix läßt auch ihre Fanfaren ertönen!
+Er hätte sich verteidigen sollen, der schwarze Puter! Er hätte es wohl
+gekonnt! Er ist eben so groß wie der Uhu und hat Hiebkraft in seinem
+Schnabel und Kratzgewalt in seinen Krallen, aber Strix' Heulen ist nicht
+auf _seinen_ Kammerton gestimmt -- der Auerhahn ist gleich bereit zur
+Flucht.
+
+Strix fährt ihm indessen an die Kehle, ehe er Kehrt gemacht hat -- und
+wie ein Federbündel rollen sie am Erdboden herum.
+
+-- -- --
+
+Strix machte reiche Beute an diesem Morgen!
+
+Aber sie war nicht imstande, den Hahn nach Hause zu schleppen; sie muß
+sich damit begnügen, große Stücke Brust zur Zeit zu nehmen.
+
+Uf schwelgte und schmatzte mit der Zunge ...
+
+
+Strix hätte sich ruhig verhalten sollen!
+
+Sie hätte nicht auf den Bauer einfahren und auf die alten, friedlichen
+Weiber, die Reisig im Walde sammelten -- als dergleichen wird ruchbar
+und kommt schnell einem kleinen, unternehmenden Waldhüter, _Pist Lak_ zu
+Ohren. Als dann der Waldhüter eines Nachmittags draußen in den Tannen
+auf den seiner Brust beraubten großen Auerhahn stößt -- ausgesetztes
+Wild, womit die Menschen sich bemühen, die Verheerungen wieder gut zu
+machen, die sie unter der Fauna des Landes anrichten -- da wird es ihm
+nicht schwer, zusammenzuzählen und auszurechnen.
+
+Er läßt »Vogel«, den großen Agenten benachrichtigen, dessen kleiner
+Unteragent er, Pist Lak, sein Lebelang gewesen ist -- und sobald der
+Leuchtturmwärter wieder einen freien Tag hat, macht er sich auf die
+Wanderschaft. In diesem Jahre will er Junge haben, und zwar am liebsten
+lebende. Er hat Bestellung auf so viele junge Uhus, wie er nur
+beschaffen kann, für Tiergruppen ringsumher in sogenannten »Zoologischen
+Gartenanlagen«, diesen modernen Naturparks, die reiche Leute zur
+Zerstreuung und Belehrung auf ihren Landsitzen einrichten lassen.
+Mindestens fünfzig Kronen sind dabei zu verdienen, d.h. Pist Lak soll ja
+zehn davon ab haben; aber die kann er ihm ja vorläufig schuldig bleiben!
+
+An dem Tage nach Feierabend, wo »Vogel« und Pist Lak -- wohl ausgerüstet
+zu ihrem gefahrvollen Unternehmen, mit Pferdedecken und ein paar langen
+Stäben -- ausgezogen sind, um den Eulenhorst zu suchen und ihn auch
+_finden_, fügt es sich so, daß die beiden Alten abwesend sind. Strix
+besorgt die ihr obliegenden Geschäfte; sie ist auf Raub aus -- die
+Jungen, die jetzt fast flügge sind, belegen ihre Arbeitskraft voll mit
+Beschlag.
+
+Uf dahingegen ...
+
+Uf ist wohl niemals ein wirklich zärtlicher Vater seinen Kindern
+gegenüber gewesen, mag es nun sein, weil er alt ist, und es ihm an
+Körper- wie Herzenswärme gebricht, oder weil er seine unwirksame
+Kinderwärterinstellung satt hat. Ihm liegt es ja ob, die Kleinen zu
+füttern, den Marder fernzuhalten und sie von den großen, häßlichen
+Zecken zu befreien, die sich gern an ihren Augen festsaugen wollen.
+In diesem Jahr ist er aber auffallend nachlässig gewesen, hat seine
+Pflichten auf die leichte Achsel genommen und sich nicht gescheut, in
+seiner Gier und Eigenliebe, häufiger als sonst, den Löwenanteil des
+zugetragenen Fraßes an sich zu raffen.
+
+Strix liebt ja Mäuse -- und die Jungen sind natürlich ganz wild auf
+diesen Leckerbissen! Deswegen hat Strix dafür gesorgt, daß sie so viele
+Mäuse bekommen haben, wie sie nur in sich hineinpfropfen konnten. Sie
+haben Mäuse als Morgenimbiß, Mäuse als Mittagessen und Mäuse zur
+Abendmahlzeit bekommen -- Strix hat nicht begreifen können, daß nicht
+die Kleinen der Mäuse längst überdrüssig geworden sind, so wie das der
+Fall zu sein pflegte, wenn sie zuviel von anderem Raub bekamen. Da
+entdeckt sie eines schönen Nachts, daß Uf, wenn sie fortflog, alle Mäuse
+verzehrte. Das wäre allenfalls noch gegangen!
+
+Aber neulich Nachts, nachdem längere Zeit Schmalhans geherrscht hatte,
+überrascht sie ihn dabei, wie er einem seiner eigenen Kinder gegenüber
+die rauhe Seite herauskehrt. Ja, es konnte kein Zweifel darüber
+herrschen -- er wollte das Junge _kröpfen_!
+
+Da fuhr sie auf ihn los! Er wurde gerüttelt und verprügelt. Es sang in
+seinem alten, mürben Gerippe -- und wo Strix' Flügelknochen hintrafen,
+entstanden blutunterlaufene Flecke.
+
+Als wollte er vortäuschen, daß er bei seiner schwarzen Missetat einen
+Augenblick des Verstandes beraubt gewesen sein müsse, starrte er sie
+mit einem erstaunten, halb blödsinnigen Ausdruck in den alten, listigen
+Augen an, aber Strix brachte ihn schnell auf andre Gedanken; er bekam
+noch eine Tracht Prügel, so daß er unter der gewaltsamen Behandlung
+seiner handfesten Eheliebsten ganz fürchterlich jammerte und klagte.
+
+Hinterher stellte er sich sehr zerknirscht und voller Reue und machte
+sich ganz klein und fuchsschwänzlerisch, während er um ihre Verzeihung
+bettelte. Aber es half alles nichts -- er wurde aus dem Horst verwiesen
+und hat sich seither selbst seine Nahrung suchen müssen.
+
+-- -- --
+
+Pist Lak und »Vogel« wird es doch nicht so ganz leicht, die Jungen
+zu bewältigen. Die kleinen Teufel empfangen sie genau so, wie ihre
+Geschwister in früherer Zeit den Marder Taa empfingen; sie werfen
+sich auf den Rücken und reißen und kratzen mit den scharfen Hornkrallen
+um sich. Obwohl die Pferdedecken über sie geworfen werden, muß der
+stinkende Ammoniak mehrmals zu Hilfe genommen werden und seine
+betäubende Wirkung ausüben.
+
+Als Strix endlich mit einer fetten, braunen Ratte in den Fängen
+heimkehrt, wird ihr ganzer Kopf fast zu Augen. Uf kann sich glücklich
+preisen, daß er nicht in der Nähe ist, sonst würde die Reihe, gefressen
+zu werden, jetzt wohl an ihn kommen.
+
+Sie scharrt in dem Horst herum, wendet Reisig und trocknes Laub wieder
+und wieder um, bis ihr auf einmal ein eigentümlich ätzender Gestank in
+die Nase steigt. Ihre Lichter füllen sich mit Wasser -- sie schnappt
+nach Luft ... Da sieht sie vor sich den Anblick vom vergangenen Jahr:
+das hakennasige Gesicht des kleinen Leuchtturmwärters mit den stechenden
+Augen starrt sie wie durch einen Nebel an, und in ihren Ohren dröhnt es:
+Kla--datsch, kla--datsch ...
+
+
+_Die Nacht_ hat in den Tannen gelegen und in den Tag hinein geschlafen.
+Sie hat Ihre ganze Energie nötig gehabt, um die Augen geschlossen zu
+halten, denn die Sonne, die seit Tagesgrauen gebrannt hat, rumort auch
+hier und peinigt und plagt sie mit ihren Lichtstrahlen.
+
+Aber die Nacht ist wie ein Mann mit Willenskraft. Schlafe nur! hat sie
+gesagt -- und geschlummert.
+
+Jetzt ist die Sonne in einem Sack untergegangen; die mächtige
+Wolkenschicht am Alkoven des Horizonts hat sie wie eine Ratte
+eingefangen -- sie ist weg, weg!
+
+Dann schüttelt und schuddert die Nacht sich, behutsam streichelt sie
+die Drossel, die im Begriff ist, sich zur Ruhe zu begeben -- und dann
+schleicht sie hinaus, sie umfängt das Dickicht und die Waldwiesen und
+den Saum der Lichtungen und löscht den Unterschied aus zwischen Kraut
+und Unkraut, zwischen Nutzholz und Kümmerling, zwischen des Försters
+Lieblingsschonung und dem Anflug, der sich aus dem Humus hervorstiehlt.
+
+Die Nacht nimmt den Wald in Besitz, entreißt ihn dem Licht, das in der
+Ferne entweicht; sie hüllt die Millionen von Blättern in ihre schwarze,
+eintönige Finsternis. Und nun schleicht sie sich über den Waldraum,
+_tritt aus_, wie es von dem Wild des Waldes heißt -- tritt aus, an
+Hecken und Gräben entlang, schiebt sich vor über Äcker und Wiesen,
+wo der Widerschein des Sonnenunterganges noch liegt und als letzte
+Rückzugsstellung Wachedienst tut.
+
+Und so umfängt sie das Grundstück jedes Bauern, die Felder jedes
+Kirchspiels, die Äcker jedes Gutes; sie erobert das ganze Land zurück
+von dem Licht und gibt es ihrem großen Finsterniskind, der Eule.
+
+Aber was hilft das dem Kinde? Von der ganzen Erde begehrt es nur _seine
+Jungen_.
+
+-- -- --
+
+Die Nacht wird tiefer und tiefer ...
+
+Und Strix, die seit der Dämmerung gesucht hat, gelangt allmählich weit
+umher im Umkreis.
+
+Da, um die Morgenstunde, als sie in die Gegend der Menschennester
+hinauskommt, hört sie von einem kleinen Haus, das einsam und im Versteck
+unter einigen hohen Tannen liegt, den schwachen, heißersehnten Laut.
+
+Sie fängt ihn in ihren Ohren auf, betastet ihn gleichsam mit ihren
+Federhörnern und läßt ihn sich mittels heftiger Pulsschläge in die Brust
+hineinhämmern. Ihr wird auf einmal so leicht zumute: da sind ja die
+Jungen!
+
+Sie stehen in einem Gitterkasten auf dem Hofe.
+
+Jäh fliegt sie gegen den Käfig, so daß der Kasten erbebt -- und sie und
+die Jungen vereinen lange ihre Klage.
+
+Wu--hu! Wu--hu! heulen die Kleinen. Und Strix stimmt ein ermunterndes
+Knappen mit dem Schnabel an. Sie glaubt, daß sie hungrig sind und fliegt
+davon, um einen Augenblick später mit vollen Fängen zurückzukehren --
+dann füttert sie ihre Jungen, obwohl diese im Überfluß schwelgen.
+
+Sie will sie mitnehmen, will sie heraushaben -- sie zerrt an dem Käfig
+und reißt an den Gitterstäben.
+
+Da stürzt der Kasten, der auf einem Haublock an der Mauer aufgestellt
+ist, um und fällt mit lautem Getöse in ein offenstehendes Kellerfenster
+hinein.
+
+Es ist schon halbhell, und nach einer Weile kommt der Waldhüter Pist
+heraus. Er glaubt, daß sich die Katze mit dem Kasten zu schaffen gemacht
+hat, und preßt mit banger Ahnung die Nase gegen die Gitterstäbe. Ein
+rasendes Fauchen -- und beruhigt trägt er den Käfig in die Stube hinein.
+
+Strix sitzt in einer der Tannen und sieht den Menschen herausstürzen und
+wieder in sein Nest verschwinden. Sie heult -- sie ruft -- aber niemand
+antwortet ihr mehr. Da fliegt sie einmal rund im Hofe herum -- die
+Jungen sind weg!
+
+Die nächste Nacht sitzt sie wieder in den Tannen. Sie erblickt den
+Kasten, der an seinem alten Platz steht -- und sie umschwebt ihn voll
+Wonne, ja, sie wagt sich sogar ganz hinein durch die offenstehende
+Klappe.
+
+Ach, das Bauer ist leer -- die Jungen sind weg!
+
+Einen ganzen Monat lang besucht sie allnächtlich das Menschennest und
+sitzt da und heult von einer der hohen Tannen am Hause herab; aber
+niemand antwortet ihr außer einer schwarz und weiß gescheckten Katze.
+
+-- -- --
+
+Da nimmt sie Uf wieder in Gnaden auf und zieht mit ihm noch tiefer in
+den Hochwald hinein.
+
+
+Der Sommer geht zur Rüste ...
+
+Herber Duft von abgefallenem Laub und aufschießenden Pilzen mischt sich
+mit dem würzigen Brodem der Waldmoose. Die Ebereschen erröten, aber die
+Becher der Adlerfarnen werden braun und häufen sich zu großen Schanzen
+unter den Birken auf, deren erste vergilbende Blätter in dem funkelnden
+Gespinst der Spinne baumeln.
+
+Eine eigenartige Rastlosigkeit ist in die Ameisen gefahren, sie küren
+nicht mehr zwischen den Insekten und den dürren Zweigen, sondern nehmen
+mit Fieberhast, was ihnen in den Weg kommt: magere, langbeinige Schnaken
+und eingetrocknete Blattrippen. Kleine Froschkinder sind überall in
+Bewegung und spielen den großen schnüffelnden jungen Füchsen manch einen
+Schabernack.
+
+Da summt eine Biene ... die jungen Füchse schnappen danach, es ist
+unwiderruflich die letzte Biene des Jahres!
+
+Die Tiere haben Junge geworfen, die Vögel haben ihre Eier ausgebrütet
+und die Pflanzen haben Samen angesetzt; jetzt ist der große Erneuerer,
+der _Winter_, im Anzug.
+
+-- -- --
+
+Als es rauh und kalt geworden, und als es mit dem Futter knapp wird,
+besuchen die beiden alten Eulen ein Aas, das am Rande eines kleinen Sees
+jenseits der Förde liegt.
+
+Und dann eines Abends, als sie sich eben gesetzt haben, hören sie die
+Unruhe aus einer Tanne herausbrüllen.
+
+Es ist ein Schuß -- und die Federn stehen Uf um die Ohren. Er wird ganz
+verwirrt und gerät von Sinn und Verstand, er klappert mit dem Schnabel
+und dreht sich auf demselben Fleck rund herum, wieviel Strix auch ruft.
+
+Ein kleines kurzbeiniges, rotbraunes Ding, das wie ein Fuchs bellt,
+fährt auf ihn ein -- und stimmt dann plötzlich ein gottserbärmliches
+Geheul an.
+
+Den hat er doch wenigstens gefaßt! denkt Strix.
+
+-- -- --
+
+Aber seither ist auch Uf weg gewesen.
+
+Er hatte wohl Wandergelüste bekommen und war von ihr weg geflogen --
+über alle Berge!
+
+
+
+
+5. Strix und die Menschen
+
+
+Es ist wieder Frühling in den großen Wäldern an der Förde.
+
+Die blankschwarzen Wasserflächen der Waldseen liegen mit Vögeln übersät
+da ...
+
+Auf den kleinen Tümpeln schießen die Bläßhühner hitzig und paarungstoll
+aus dem schimmernden Versteck des Röhrichtsaumes heraus; sie gleichen
+Maulwurfshaufen, die auf dem Wasser schwimmen. Auf den großen führen die
+Schwäne Krieg, blendend weiß und mit Federgebrause um den gekrümmten
+Hals. Und in den kleinen Löchern, wo es friedlich und warm ist, liegen
+stumme, gepaarte Enten.
+
+Hin und wieder breitet ein Schwanenpaar die Flügel aus und flattert von
+einem Gewässer zum andern, da stiebt dann das kleine Getier verwirrt
+nach allen Seiten auseinander ...
+
+An den Ufern entlang schleichen Marder und Wiesel; der Fuchs aber liegt
+im Schilf und lauert auf die Wildgänse, die an Land gegangen sind, um
+zu grasen. Mitten in dem Idyll kann man eine Häsin auf einem Wechsel in
+voller Flucht sehen, drei, vier zerzauste Rammler hinter ihr her. Da
+macht Reinecke ein paar Sprünge, besinnt sich dann aber ... nein, er mag
+nicht rennen!
+
+Es gibt jetzt Äsung genug! Die Paarungskämpfe zwischen den großen Tieren
+und den Vögeln machen viele Invaliden!
+
+Durch die Baumkronen zieht das kreischende Gelichter der Häher. Scharen
+von fünf bis zehn unbeweibten Männchen verfolgen mit Geschrei und
+Gekrächze ein glückliches Paar oder machen einem alten ledigen Weibchen
+stürmisch den Hof. Überall, wohin sie kommen, schweigen die Drosseln,
+und der Rabe stimmt den Frühlingsruf an, um sein Weibchen zu warnen,
+das schon Eier gelegt hat; aber der Häher, der in seinem abgestorbenen
+Baumwipfel sitzt und lauert, streicht augenblicklich von dem Zweig ab
+und fliegt in der Richtung der nächsten lärmenden Schar.
+
+Aus dem Gestrüpp schießen die Amseln, den Stoß in die Höhe, über die
+Lichtungen hin -- und wo viele alte Bäume stehen, schallt das Konzert
+der Stare und Dohlen ohrenbetäubend.
+
+Strix stimmt in den Frühlingsjubel ein.
+
+Sie heult und heult ... nicht klagend, wie nach den Jungen, sondern
+hohl, tief und klangvoll.
+
+Nacht für Nacht, vom späten Abend bis zum frühen Morgen ruft sie
+nach ihrem alten einfängigen Männchen; sie sucht alle ihre früheren
+Horstplätze ab und zieht weit über das Land hinaus, jenseits der
+Menschennester; aber nirgends sieht oder hört sie das geringste von
+Uf, so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art.
+
+Sie fühlt sich immer einsamer und verlassener.
+
+In den milden, feuchten Nächten geht Zug auf Zug von starken, feurigen
+Lenzvögeln über ihren Kopf hin, und tausende und abertausende von
+fröhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab.
+
+Sie grüßt die Reisenden mit ihrem tieftönenden Ho--oo, sie schießt aus
+den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht sie, schreckerfüllt über
+ihr Erscheinen, nach allen Seiten auseinanderstieben -- und sie zieht
+eine lange Strecke mit ihnen, bis sie, deren Flügel dem pfeilschnellen
+Flug nicht gewachsen sind, zurückbleibt wie ein Hund, der einem
+dahineilenden Zuge zu folgen sucht.
+
+Und je weiter der Frühling fortschreitet, um so tiefer krallt sich
+der herannahende Schluß der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und
+Unbändigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und
+reizbarer. Ihr feines Gehör, das es ihr ermöglicht, in großem Umkreise
+an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit;
+Krähengekrächz und Hähergelächter, Hundegebell und Lärm der
+arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie
+grimmig und streitlustig.
+
+Diese Laute erwecken in ihr fortwährend Erinnerungen an die große
+Heerschar ihrer Feinde!
+
+Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald
+gerät in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und
+Überlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vögel
+und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brütet, müssen sie
+notgedrungen fürchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der
+Nacht, sie ist ihr verkörpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die
+Finsternis selbst kommt sie lautlos und überraschend, und wie das Wetter
+der Nacht kann sie plötzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes
+Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen
+sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das
+eigene, hoch betraute Kind der Nacht.
+
+Sie wohnt beständig in den Hochwäldern, aber draußen in einer Einöde,
+in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren Luftwechsel,
+ihre Tunnel und geheimen Gänge durch Kronengewölbe und Laubgehänge.
+Da hindurch kann sie aus dem überwucherten Baum, in dem sie wohnt,
+ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt über Lichtungen und
+Unterwald hin gelangen.
+
+Aber einmal, als sie in der Dämmerung ihren Lieblingspfad -- einen
+langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weißdorn und kätzchengelbe
+Haselbüsche -- entlangstreicht, findet sie ihren Luftweg zerstört. Das
+schützende Versteck, das sich so innig fest und dicht um ihn geschlossen
+hatte, ist umgerissen, liegt bunt durcheinander in einem großen Berg.
+Wo früher Bäume standen und wilde Schößlinge wuchsen, breitet sich jetzt
+ein offener Platz aus, über den sie hinjagen kann, ohne den Zweig eines
+Wipfels mit den Flügeln zu berühren.
+
+Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes
+Hack--Hack gehört, als arbeite tief drinnen im Wald ein Riesenspecht.
+Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von allen haßt ...
+es ist der Schlag der _Axt_!
+
+Die Axt macht licht, und sie haßt das Licht-machen. Sie will Dichtigkeit
+von Zweigen und Stämmen, von allen Stämmen, rings um sich haben. Sie
+will Waldesdunkel haben! Aber die Axt macht die Bäume bis in die Wipfel
+erbeben, kippen und sich plötzlich legen.
+
+Am nächsten Morgen ist der Laut wieder da!
+
+Und er hält den ganzen Tag an. Sie sitzt in ihrem Versteck und schneidet
+Gesichter, sie fühlt jeden Hieb wie einen Stich in ihrem Fleisch. Hu,
+diese Laute, diese verdammten, menschengeschaffenen Laute, sie rauben
+ihr das Verweilen im Verdauungswohlsein und erfüllen sie statt dessen
+mit aufregender Unruhe.
+
+Als dann der Abend kommt und die im Laufe des Tages angehauenen Bäume
+anfangen zu fallen, als das Krachen und Poltern und Dröhnen seinen
+Höhepunkt erreicht, da fliegt sie einem Waldarbeiter in den Nacken.
+
+Die Waldarbeiter pflegten sonst nie etwas von Strix zu sehen; sie hörten
+sie nur. Oh, oh! klagte etwas in der Tiefe; uh, uh! antwortete es von
+weit her. Das war zu der Zeit, als Uf noch lebte. Da hatten sie in den
+frühen Abendstunden, namentlich in der Paarungszeit, ihre feurigen
+Wechselgesänge angestimmt; _sie_ hatte laut gerufen, scharf und
+innig begehrend, und _er_ hatte geantwortet, tief, hohl, mit einem
+unheimlichen Uhuu, das aber für ihr Ohr so wild und aufreizend klang.
+
+Die ganze voraufgegangene Nacht hatte Strix nach Uf gerufen, aber
+vergebens ... auch das hat dazu beigetragen, sie aufzuregen.
+
+Sie bedient sich ihrer bekannten, unfehlbaren Überrumpelungstaktik.
+Ungeahnt taucht sie auf aus dem flockigen Versteck der Dunkelheit,
+wirft sich über den Waldarbeiter, packt ihn mit beiden Fängen bei den
+Schultern und wärmt ihm die Ohren mit den Flügeln. Mit ihren scharfen
+Ellbogenknochen schlägt sie ihn in die Schläfen und macht ihm ein paar
+blaue, blutunterlaufene Augen, dann greift sie ihm in die Haarbüschel
+und schüttelt ihn. Der Holzhauer wirft sich auf die Nase und schlägt die
+Hände vor seine Augen; aber jetzt erst nimmt Strix ihn als rechtmäßige
+Beute in Besitz. Sie hakt die Fänge in seinen Körper und reißt ihm den
+Hintern auf ...
+
+Es ist Pist Lak, den sie gefaßt hat, aber sie ahnt es nicht. In diesem
+Augenblick sind ihr alle Menschen gleich!
+
+Pist, der im ersten Nu, ehe er noch die Fänge der Eule zu kosten bekam,
+ganz entzückt war, jetzt endlich die Gewißheit zu erlangen, daß dieser
+Geldvogel noch immer hier ist, hat plötzlich seine Ansicht geändert ...
+er brüllt wie ein Stier.
+
+Da erdröhnt der Erdboden, da trampelt es im Laub: kla-datsch, klingt es
+... kla-datsch, kla-datsch ...
+
+Ein Zucken durchfährt Strix!
+
+Ihr Gesicht kann sie täuschen, kann vergessen; ihr Gehör nie. Sie weiß
+es schon lange, bevor sie die Gestalt erblickt: jetzt kommt er, der
+lahme Kerl mit dem stinkenden Atem!
+
+Ein mehr als instinktmäßiges Rachegefühl ergreift sie ...
+
+-- -- --
+
+Wie gewöhnlich ist der kleine Leuchtturmwärter auf seinem Frühlingszug
+nach Raubvogeleiern aus! Raubvogeleier hatten stets ihren Wert, denn
+sie wurden immer seltener. Krähen-, Bläßhuhn- und Elstereier dahingegen
+wollte niemand mehr haben, die waren jetzt zu gewöhnlich.
+
+Den ganzen Nachmittag hat er sich in der Nähe von Holzwärter Pist's
+Arbeitsplatz aufgehalten, war mehrmals bei ihm gewesen und hatte ihn
+gequält, er möge ihm doch den Horst des großen Uhus zeigen. Pist hat
+immer geantwortet, so wie es war: daß er den Horst gar nicht _wisse_,
+ja, in diesem Jahre die Vögel nicht einmal _gesehen_ habe. Aber der gute
+Leuchtturmwärter, der nicht ohne Grund ein schlechtes Gewissen in bezug
+auf gewisse sieben Kronen hat, die er seinem kleinen Unteragenten noch
+vom vergangenen Jahre her schuldet --, hat im Stillen gemeint, daß _die_
+wohl Schuld daran seien.
+
+Da hört er auf einmal das fürchterliche Gebrüll ...
+
+Mit Sturmeseile kommt er gelaufen und sieht zu seinem ungeheuren
+Erstaunen, zugleich aber mit geheimer Freude, den großen Uhu auf
+Pist's Rücken reiten. Im ersten Augenblick ist er ganz überwältigt von
+seinem Glück -- dann ergreift er seinen schweren, eisenbeschlagenen
+Eichenknittel und haut auf die Eule ein, die sich aufgeblasen hat und
+ihm ins Gesicht fahren will. Der Schlag trifft Strix an den Kopf, sie
+verliert die Besinnung ... und als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie
+hinter Schloß und Riegel.
+
+Sie ist in einem Kükenbauer untergebracht -- in demselben hölzernen
+Kasten, der vor einem halben Jahre ihre Jungen beherbergt hat. Er ist
+gründlich nachgesehen und frisch genagelt.
+
+Ihr wird etwas schwammige Lunge durch das Gitter gesteckt. Da sprühen
+ihre Lichter Funken, und sie faucht wie eine Katze. Der Leuchtturmwärter
+tritt unwillkürlich einen Schritt zurück --: Du großer Zerstörer! sagen
+die Lichter ... könnte ich dich nur auffressen!
+
+Strix rührt die Lunge nicht an. Gefräßig starrt sie dem
+hahnenschnäbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht
+drei lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann
+ihr bißchen Eulenverstand fassen, daß diese Fratze alles erwägt, was
+ihrem Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem
+Vollmond-Kälteglanz umgeben!
+
+Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht, um
+aus dem Bauer zu entkommen ...
+
+Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem Schnabel
+an den Gitterstäben auf und nieder kratzt, und sie schlägt sich den
+starken Ellbogen blutig durch ihr ständiges Stoßen. Aber das Bauer ist
+solide, es hält!
+
+Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so daß sie
+gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurückzuziehen,
+fängt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte
+kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden
+Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt
+vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen
+zu wühlen. Sie schlägt ihren Fang in den Stock und fährt auf ihn los, so
+daß das Blut aus dem verletzten Flügelknochen ihm ins Gesicht spritzt --
+und sie hört da draußen ein mächtiges Krähen.
+
+Ihre Federn sträuben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da und
+faucht, die Flügel wie einen Schild vorn über dem Kopf erhoben.
+
+Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen
+herangeschlichen; sie öffnen sich und schließen sich am Ende ihrer
+dünnen, storchähnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift,
+nimmt die andere die Gelegenheit wahr -- und dann auf einmal beißen sie
+sich in ihre beiden Ständer fest. Sie schlägt mit den Flügeln um sich
+und fällt hin ...
+
+Da spürt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn bläst ihr
+seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust,
+benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beißt blindlings um sich. Ein
+Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschläfernde Wolke senkt sich
+über sie -- sie muß schlafen, sie mag wollen oder nicht.
+
+Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm, nur daß er
+ganz eng ist, und er schaukelt, als sei der Baum während eines Orkans im
+Begriff umzufallen.
+
+Sie ist an den Gutsförster verkauft, an einen kleinen Teufel von Mann,
+eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemüt wie hart von Händen. Es
+ist dem Förster endlich -- dank Vogelhansens nie versagendem Ammoniak
+und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange -- gelungen, Strix in
+seine Gewalt zu bekommen und sie in den großen, einem Rucksack ähnelnden
+Eulenkorb zu sperren, der auf seinem Rücken schlingert. Jetzt radelt er
+mit ihr nach Hause. Strix soll als »Auf« gebraucht werden!
+
+Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mürbe wird und mit sich
+»reden läßt«. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach
+mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat,
+dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewöhnt werden,
+sich um einen der Ständer fassen zu lassen, um mit dem Rücken am Boden
+des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden.
+Sie soll daran gewöhnt werden, wie eine brütende Henne angebunden zu
+sein und wie ein Piepvogel auf der Hütte zu sitzen, während die Krähen
+sie umlärmen und ausschimpfen, und er, der Förster, im Hinterhalt liegt
+und eine Krähe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald
+sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erlös
+soll zwischen ihre drei Aktionäre verteilt werden.
+
+-- -- --
+
+Bei der Ankunft in der Försterwohnung des Gutes jenseits der Förde wird
+plötzlich »der Orkan« so stark, daß der hohle Stamm, in dem Strix sitzt,
+den Boden in die Höhe kehrt. Sie wird kopfüber in ein Bauer geschüttet.
+
+Das Bauer ist alt und mürbe. Es hat ein paar Jahre lang einen kleinen
+Krüppel von Hütten-Eule beherbergt, aber die machte keine Faxen. Die
+hat da gesessen von dem Tage an, da sie als junger Vogel von einem
+kleinen stinkenden Menschen im Walde geraubt und von seinen großen,
+rotgefrorenen Händen dahineingesetzt wurde. Der Förster hatte sie
+allmählich so weit gezähmt, daß sie von selbst herausflog und sich auf
+den Deckel des Eulenkorbes setzte.
+
+Es riecht noch nach ihr im Bauer und da liegen eine Menge Federn und
+Überreste von Geschmeiß. Da liegt auch eine halb gekröpfte magere Taube
+-- dem kleinen Krüppel, der übrigens eben erst eingegangen ist, hat es
+offenbar an Appetit gefehlt.
+
+Es ist eine gefährliche Taube! Wäre Strix nicht ein wilder Vogel gewesen
+und hätte die Äsung verachtet, in die sie nicht selbst ihre Fänge
+geschlagen hat, so wäre es mit ihr aus gewesen. Die Taube ist eines
+natürlichen Todes gestorben ... an Hühnerdiphteritis. Der Förster hat
+keine Ahnung davon gehabt -- eine Hütteneule bekommt ja alles: von im
+Hause gefangenen Ratten bis zu abgebalgten Füchsen!
+
+Strix sitzt da und schlingert; ihr ist noch etwas unklar nach der
+Betäubung. Sie starrt durch das halbverrostete Drahtgewebe und sieht vor
+sich, auf der Tür ausgespannt, gleichsam einen Schatten von sich selbst:
+einen großen, braunfederigen Riesenuhu mit einer Schnabelspalte, die bis
+weit unter die Ohren reicht. Er hat nur einen Fang.
+
+Strix meint, sie müsse den Fang kennen!
+
+Dann kühlt die Luft um sie her allmählich ab; lange schwarze Schatten
+schleichen sich über den Hof hin -- -- der Tag geht zur Rüste.
+
+Gleich einem großen Vogelzug mit Wildrosenschimmer über den flimmernden
+Flügeln sieht sie die Wolken dem fernen, roten Abendland entgegeneilen.
+
+Und der Wind folgt hinterdrein, so schnell er nur kann ... es wird
+geräuschleer, fast waldeinsam um sie her.
+
+Bald jagt die erste kleine behende Fledermaus an ihrem Bauer vorbei.
+Es folgen mehrere -- und dann auf einmal wimmelt es von Fledermäusen.
+In unbeständigem Zickzackfluge huschen sie über den Hof, aus und ein,
+wenden in rechten Winkeln oder schaukeln in langen anmutigen Zirkelbogen
+herum, um dann wieder wegzuflimmern und zu Punkten in der Luft zu
+werden.
+
+Große, schwerbelastete Nachtschwärmer mit dem fetten, plumpen
+Hinterkörper, der unter ihren hastig schwirrenden Flügeln herabbaumelt,
+schrauben sich mühsam vor ihr in die Luft empor, während ungeschlachte,
+brummende Maikäfer mit einer Geschwindigkeit, die sie veranlaßt, lange
+Striche die Kreuz und die Quer durch die Luft zu ziehen, klatsch,
+klatsch gegen das Bauer schlagen und krabbelnd herunterfallen.
+
+Die Finsternis verdichtet sich um Strix ... in dem tiefen Blau oben über
+den Baumwipfeln funkelt der Abendstern, gelb und groß, als einziges,
+schimmerndes Loch in der Himmelskuppel ...
+
+Die treuen Tiere der Nacht sind alle ausgegangen!
+
+Sie ist nun wieder ganz zu Kräften gelangt und rumort in ihrem Gefängnis
+herum, während sie mit Schnabel und Fängen an dem Drahtgewebe zerrt. Sie
+zieht es auseinander, sie holt es zu sich heran, sie rüttelt und reißt
+-- und das Drahtgewebe zerspringt.
+
+Es hat Jahre lang gehalten; jetzt kann es keine Stunde mehr halten!
+
+Sie bekommt den Kopf heraus und den halben Körper, aber die beiden
+großen Flügel bleiben hängen. Sie muß wieder zurück, wieder hinein und
+weiter an den zähen Strängen zerren; ihre Zunge blutet, ihr Schnabel
+schmerzt -- aber endlich gelingt es ihr doch das ganze Drahtgewebe
+aufzureißen.
+
+Als sie sich auf der Schwelle zur Freiheit befindet, fährt plötzlich ein
+kleines, schiefbeiniges, rotbraunes Ding kläffend auf sie ein. Es ist
+der Nachtwächter und Gefängniswärter hier auf dem Forsthofe, der alle
+die verschlossenen Türen und Luken unter seiner Aufsicht hat. Das
+fürchterliche Rumoren dort im Eulenbauer hat ihn schon lange darauf
+aufmerksam gemacht, daß da etwas los ist; nun will er aber die neue Eule
+lehren, daß er sich dergleichen gründlich verbitten muß.
+
+Der wachsame kleine Gefängniswärter hat indessen kein Glück. Strix
+schlägt die Fänge in seinen Rücken ... er fängt an, gottsjämmerlich zu
+heulen und stürzt schreckerfüllt ins Haus hinein.
+
+Es ist sonderbar ... aber das Geheul erinnert sie auf einmal wieder an
+Uf!
+
+Im selben Augenblick schreitet ein kleiner schwarz- und weißgefleckter
+Kater mit steifem Schwanz und eifrig windenden Nüstern auf den Hofplatz.
+Er gehört eigentlich zu einem Forsthaus weit drüben auf der andern Seite
+der Förde, aber der Frühling zerrt auch in ihm! Des Fressens halber
+kommt er nicht, doch ... wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt er
+gern einen Bissen mit. Jetzt wittert er plötzlich Vögel und sieht eine
+Chance ...
+
+Er verrechnet sich, armer Kerl -- und es geht ihm schlimmer als dem
+kleinen, schiefbeinigen Gefängniswärter. Strix, die nun glücklich dem
+Bauer entronnen ist, nimmt ihn als ihre rechtmäßige Gefangenenkost und
+hält eine wohlverdiente Mahlzeit an ihm.
+
+Noch in derselben Nacht findet sie sich über die Förde zurück und in
+ihre Einöde in dem trauten Hochwald. Sie versteckt sich in ihrem hohlen
+Baumstamm ... da sitzt sie und denkt das _ihre_ über das Dasein.
+
+
+Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und
+mit Macht begegnet!
+
+Was sollte sie wohl fürchten?
+
+Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge, und sie
+hatte ihre großen, starken Flügel; sie besaß Selbstvertrauen und
+Zutrauen zu ihren Fähigkeiten und Kräften -- was sollte sie wohl
+fürchten!
+
+Aber ihr häufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung,
+die sie daraus schöpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermögen
+einen Stoß versetzt; hier hatte sie ja einmal über das andere ihren
+Meister gefunden --; einen Gegner, den sie nicht hatte in die Flucht
+schlagen können!
+
+Daß der Mensch gefährlich war -- das begriff sie jetzt.
+
+Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am Abend
+bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und sich
+anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und Äxteschlagen hören.
+
+Ihr großes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt hatte,
+war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz weit draußen, wo einst ihr
+Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus neben dem andern, Gitter und
+Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und Zäunen; Motorräder surrten
+umher, Telephondrähte durchwebten die Luft, lange Schornsteine spien die
+Eingeweide der Erde aus, und heulende Eisenbahnzüge fauchten überall.
+Die Menschen breiteten sich aus wie die Wanderratten in gewissen Jahren
+auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix wollte es scheinen, als müßten sie
+vorwärts über ihre Leichen!
+
+-- -- --
+
+Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht.
+
+Es ist Jagd im Tierwald, dem letzten der einstmals so ausgedehnten
+Hochwälder am innersten Ende der Förde, dort, wo Strix ihre
+jubelerfüllten Tage gelebt hat -- und die Hunde hetzen einen Hasen. Sie
+wird von dem Gekläff geweckt, und als sie den Hasen vorüberschlüpfen
+sieht, kann sie nicht widerstehen; sie muß der Bande folgen.
+
+Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der
+sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet -- nun holen die
+meutestarken Teufel ihn!
+
+Ihr gehören alle Hasen, das ist doch ganz selbstverständlich; so lange
+sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehört!
+
+Strix setzt von ihrem Zweig aus den Spürhunden nach ...
+
+Sie streicht lautlos über ihnen und wirft sich mit einem Brausen dicht
+vor der Nase des ersten nieder. Im Vorüberflug gibt sie ihm einen Fang,
+der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund stößt ein
+durchdringendes Geheul aus ...
+
+Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen.
+
+Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei große Spürhunde nahen.
+Mit dem dicken Ende des Flügelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen
+Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fängen das Ohr des andern.
+
+Nach einer Weile erscheint einer von den Jägern.
+
+Er ist wie gelähmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen
+großen Vogel sitzen sieht -- und er bleibt schleunigst stehen und macht
+sich schußbereit.
+
+Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix ... na, versuch' es nur mal!
+
+Da entsendet der Jäger ein Brüllen in den Wald hinaus, sein Atem geht
+von ihm aus wie ein heißer Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fängen
+zerrt er an ihrer Haut.
+
+Das war unergründlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie!
+
+Aber nun hatte Strix genug -- seit dieser Zeit hielt sie sich den
+Menschen fern.
+
+
+Der große Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden.
+
+Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Füchse und
+Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen
+Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden
+unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der
+stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten.
+Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krähe und Elster; die wuchsen förmlich aus
+dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix
+Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles
+das, was aufräumte und licht machte, war ihr ein Greuel; es tötete die
+Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie denken konnte,
+ununterbrochen in die Flucht getrieben.
+
+Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie nun
+weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie schließlich
+wegfliegen muß -- hinweg über die Menschennester, hinweg über das
+Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren,
+ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen und
+Heidemooren liegt.
+
+In einer wilden Hügelschlucht -- _Teufelshöhle_ genannt -- vor einem
+öden, düstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer
+alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes
+Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt.
+
+Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff -- und Axthiebe und
+Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur
+niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die
+selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit,
+herumhuschen.
+
+Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage -- und des Nachts
+geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar machen. Dann
+heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann
+ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den bekannten Wiesen und
+Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in aller Ruh rings umher
+auf dem Waldboden unternehmen.
+
+Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem
+Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder ...
+
+Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst
+nachgeflogen -- über alle Berge!
+
+
+
+
+6. Winterleben im entlegenen Walde
+
+
+Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem
+Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die
+bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln
+der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind
+hellwach!
+
+Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem,
+regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und
+drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte
+des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt
+ist der Frost gekommen!
+
+Überall liegt Schnee.
+
+In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln,
+wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und
+Geißblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen --
+schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees.
+Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!
+
+Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der
+weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont
+brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...
+
+Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres
+hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind
+und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat
+zurückziehen müssen -- ist schon auf Jagd aus.
+
+Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen
+Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt
+über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer
+zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben
+sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden
+-- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.
+
+Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich
+schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den
+Raub, dessen sie bedürfen.
+
+Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen:
+er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen großen Zug Eichhörnchen
+gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die
+behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag
+belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix
+pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der
+Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung
+stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere
+schon an, auf die Neige zu gehen.
+
+Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters
+macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in
+den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht
+weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein
+Eichhörnchen zu überraschen.
+
+Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer
+kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten
+Tannenzapfen.
+
+Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät
+einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat
+Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem
+kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!
+
+Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch --
+steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die
+tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf
+den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des
+Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich
+mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es
+dahin über den Schnee ...
+
+Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und
+Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er
+gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald
+schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden
+Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe,
+ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.
+
+Das Eichhörnchen saust in die Höhe -- und Taa ihr nach; und dann geht
+es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen
+Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt
+den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten
+Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten
+Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.
+
+Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ...
+unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden
+fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und
+rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen
+und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel,
+aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.
+
+Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat
+herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze
+angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen
+Flocken begraben.
+
+Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen,
+streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in
+sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag.
+Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt
+-- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.
+
+
+In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit
+blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.
+
+Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und
+hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!
+
+Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die
+Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die
+Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer
+an ihrem Innern.
+
+Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder
+Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten
+Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam
+und rachedürstig.
+
+Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...
+
+Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft
+fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem
+Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis
+ankämpfen.
+
+Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich
+nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die
+ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das
+sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand
+angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.
+
+Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und
+verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub
+auszugehen.
+
+Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen
+Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne
+Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen
+Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine
+Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit
+erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man
+verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.
+
+Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben
+Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase -- und
+plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus
+dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die
+Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als
+schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen
+Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als
+er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht
+zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen
+Rücken.
+
+Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von
+einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein
+heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark
+und Bein geht.
+
+Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder
+Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die
+Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich
+mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im
+Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu
+nehmen und dem Wild zu folgen.
+
+Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder
+Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie
+ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!
+
+Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes
+aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet
+die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!
+
+Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er
+eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war
+der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte
+sie angeführt.
+
+Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner
+Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote
+Waldkatze ihr gehört ...
+
+Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee
+zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich -- der Marder wird in der
+letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt
+er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und
+nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.
+
+Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis
+auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich,
+aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in
+Sicherheit.
+
+Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie
+auf einen Zweig hinauf und kröpft ...
+
+Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine
+Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so
+angenehm!
+
+Aber _ein_ Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix.
+Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen
+-- und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe
+des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald.
+Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie
+versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort
+verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört,
+sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.
+
+Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit
+wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten
+Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird
+sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden.
+Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter
+Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich
+sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhörnchen
+schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.
+
+Das Eichhörnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten
+grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge
+in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.
+
+In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel,
+saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.
+
+Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her,
+sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit
+schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen
+Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des
+Eichhörnchens.
+
+Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...
+
+Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren
+Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist
+dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die
+zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.
+
+Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter
+Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat -- er
+weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.
+
+Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...
+
+Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten.
+Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit draußen am
+Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich
+gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen
+herab ...
+
+Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht
+auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.
+
+-- -- --
+
+Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen
+Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.
+
+Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie
+hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den
+Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht
+gehabt!
+
+Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich
+ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...
+
+Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,
+_morgenverdrießliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen
+umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein
+gellendes Gelächter aus.
+
+Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...
+
+Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich's versieht. Sie erhaschen
+einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie
+zwischen den Bäumen aus und ein fliegt -- und nun stürzen sie sich über
+sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben
+etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein
+Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher
+Gewalttat her!
+
+Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie
+Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen
+stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und
+aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im
+Herbst durch den Wald ...
+
+Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit
+Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht,
+sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre
+gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor
+so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig
+hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet,
+ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu
+dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den
+Gesellen mit ihren Fängen erhascht.
+
+Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen -- und jetzt sind da
+Hunderte und aber Hunderte!
+
+Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst
+geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und
+verschnauft. Auch Strix' Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als
+um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald
+ist in Aufruhr ...
+
+Da ist das Glück ihr hold.
+
+Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter
+einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es
+scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in
+einen tiefen Spalt hinab ...
+
+Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich
+wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren.
+Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das
+Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein
+gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und
+flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht
+gewesen, die tief wie ein Abgrund war.
+
+Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten
+und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich
+gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs
+ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.
+
+-- -- --
+
+Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam
+zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.
+
+Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!
+
+-- -- --
+
+Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist
+hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über
+der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen
+klirren.
+
+In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die
+höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht
+zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von
+acht bis zwanzig heranziehen ...
+
+Sie versammeln sich heute abend früh -- und wie sie sich in
+schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten,
+dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von
+Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.
+
+Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie
+will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des
+Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber
+heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch
+ist nur halb gestillt.
+
+Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel -- und es liegt etwas
+bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer
+kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen
+anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und
+vermehrt seine Stärke.
+
+Und dann schwindet das Licht -- --
+
+Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den
+emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in
+die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den
+Körper unter den warmen Kissen zu bergen. -- -- --
+
+Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.
+
+Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.
+
+Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel
+verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung
+ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der
+lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen,
+wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten
+Schwungfedern dröhnte.
+
+Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die
+zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie
+es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre
+Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.
+
+-- -- --
+
+Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.
+
+Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das
+regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik.
+
+Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt
+hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend,
+zurückgelegt.
+
+Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde
+schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen
+hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann
+schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit
+zu Zeit und windet lange.
+
+Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein,
+aber es eilt ja auch nicht!
+
+Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so
+ungewöhnlich gut zum Lauern eignet.
+
+Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so daß
+er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen ...
+ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.
+
+Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo
+hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so
+zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch
+von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in
+dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den
+Krähen und Holztauben den nötigen Einflug.
+
+In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der
+alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat
+unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um
+einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden
+Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht
+gestellt haben.
+
+Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher
+sind nur knapp bemessen gewesen; bei _einer_ Gelegenheit ist er sogar
+hindurch geplumpst -- bis hinab auf den Erdboden.
+
+Er ist halbwegs müde und schlapp ...
+
+Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter
+wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche
+Knorren hat ja jeder zweite alte Baum, und die greisenhafte Tanne hier
+ist voll davon. Zum Überfluß kommt der Wind gerade von der verkehrten
+Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen
+Schornstein.
+
+Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig
+und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam
+Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den
+Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen
+schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene,
+das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben
+Unachtsamkeit bewußt wird.
+
+Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und
+frechen Räuber -- und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge in
+seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock
+ihrer Schneiden fangen -- dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem
+Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und sie unbändig
+macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn! gelüstet es
+sie nicht.
+
+Und Taa seinerseits wird sich schon hüten!
+
+Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen Gegner
+sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein Laut
+dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die
+Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze.
+
+Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die Höhe
+schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel zwischen
+ihnen wie im Grabe.
+
+Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmel speit Schnee,
+und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen
+die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.
+
+Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen
+Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die
+Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze
+Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den Zweigen.
+
+Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht!
+
+Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der Ärmste
+erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt.
+
+Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das
+Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz.
+
+Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich
+großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die
+Luft hinaus.
+
+Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das Grauen
+und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvögel,
+über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier saßen wir
+so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da -- --
+
+Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch
+einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt
+eine neue und noch eine -- gar viele schlägt sie nieder in der Schlacht.
+
+Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf ...
+
+Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten!
+
+
+
+
+7. Der neue Wald rückt vor
+
+
+Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.
+
+Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister
+und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der
+Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend,
+um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf
+fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter
+dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit
+einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen
+oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war
+hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt,
+der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des
+Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier
+unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da,
+zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im
+Winter war fast jede Niederung überschwemmt.
+
+Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar
+gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der
+Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.
+
+Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit
+weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und
+Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote
+im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und
+glitzerte in Wellen und Kräuselungen.
+
+Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im
+Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme
+häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der
+Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer;
+stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen
+Abgrund -- so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel,
+in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.
+
+In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der
+Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen
+Wesen auf Zehen, zumute war, als _schwebe_ er, und wo er deswegen oft
+schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen
+sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald
+versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.
+
+Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege --
+aus und ein -- zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben
+Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu
+überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten,
+daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern
+gegangen, wie es zu gehen pflegte -- im Sommer Überfluß: Birkhähne,
+Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhörnchen
+und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.
+
+Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt.
+
+Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn
+schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten
+Erinnerungen in ihrem Innern auf.
+
+Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen
+von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten
+sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.
+
+Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur
+diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu
+fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der
+Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier;
+er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich
+finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten
+mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen
+Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan
+hatte.
+
+Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln
+durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie
+hauen, sie fällen ...
+
+Wer?
+
+»Die Zweibeine«, »die Gesichter«, »die großen Zerstörer« oder welche
+Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen,
+die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. -- -- --
+
+Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises
+gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der
+Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches
+Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die
+Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und
+so stehen ...
+
+Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit
+Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und
+da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen,
+und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des
+großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.
+
+Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen
+werden, _geschossen_, und es sollte gefällt werden, _gefällt_ ... ein
+ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete
+der neue »Meister«.
+
+Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie
+hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern
+Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue
+Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und
+überlebt war, mußte sich beugen -- und mit den Tagen, die gingen, und
+dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.
+
+Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am
+Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und
+geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so
+wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.
+
+Eines Tages kommt ein Fuß um die alte hohle Buche herum. --
+
+Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß -- --
+
+Und Strix sträubt die Hörner.
+
+Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war sie
+gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis vor
+wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die eigene
+Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein
+brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem Moor in
+die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren
+Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden
+-- --
+
+Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger
+Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der _Mensch_!
+
+Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt
+am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor,
+auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.
+
+Herr du meines Lebens! -- entfährt es seinem Munde, und er reißt ein
+gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!
+
+Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen
+wiederholt sich.
+
+Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stören,
+ihr Mißtrauen ist erwacht -- wie ungern sie es auch tut, sie muß aus
+ihrer alten Wohnung ausziehen.
+
+Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes,
+lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem
+alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt
+und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel
+erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen -- da erst streicht
+sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber
+schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz
+regelrecht auch Tannen!
+
+Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche,
+der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein
+enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch
+faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch
+unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist
+der Spalt doch!
+
+Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die
+Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen
+andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre
+Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine
+fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß
+aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm
+roch es den ganzen Sommer.
+
+Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen
+kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als
+daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster
+machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.
+
+Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken
+und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde
+der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von
+denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den
+sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den
+allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie
+draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den
+kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und
+ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte -- und diese
+Laubhütte benutzte Strix oft und lange.
+
+Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und
+Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren
+Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten,
+zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen
+Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die
+Lumpen des Waldes -- die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln
+-- die wachsamen Schutzleute des Waldes -- da wußte sie, daß die
+Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen
+kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und
+flog hinauf durch das Laubdach, flog davon -- um sich wieder tief in
+ihrem Spalt zu verstecken.
+
+Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen
+die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch
+die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht,
+auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu
+sagen!
+
+In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer -- schwül und zum
+Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im
+Schnabelbart -- in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch
+und kühl gewesen!
+
+Der Sommer verging --
+
+Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu
+finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen
+sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz
+umgewandelt.
+
+Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern hinzogen,
+wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen
+breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und Heideebenen
+und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien
+Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne Miniaturwälder auf.
+Selbst Strix' kleiner Waldsee zwischen den Hügeln war verschwunden.
+Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün und herrliche
+Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit
+lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen Zügen nur noch ein leeres
+Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der
+Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der
+Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der
+Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte -- dort rumorte
+jetzt der Menschengeist.
+
+Es wurde Winter -- und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter ihr
+einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ...
+
+-- -- --
+
+Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig, wie
+er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des
+großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des
+Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle
+und tiefe Kastanienbraun.
+
+Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch
+die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und
+seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte
+er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen
+konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem,
+was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen vermochte.
+
+Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein
+Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote, Springen im Lauf und
+einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün
+und unerfahren ...
+
+Er ließ sich indessen gut an!
+
+An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater -- und
+so jung er war, ließ _er_ sich kein Eichhörnchen nehmen, das er mühsam
+gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür eingesetzt zu
+haben.
+
+Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das
+konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit
+Weissagungen abgegeben.
+
+Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das war
+so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem großen
+Taa gegenüber.
+
+Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich
+von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu teilen.
+
+So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen,
+daß er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen
+kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen.
+
+Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden
+war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für
+einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine
+Klette an seinen Sohn und wich nie -- auch nicht am Tage -- von seiner
+Seite.
+
+Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide
+am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für
+Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu
+spüren war, fand er sich darein.
+
+Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim.
+Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich
+in ihrer luftigen Stube zu putzen.
+
+Strix sitzt in der ihren über ihnen.
+
+An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind
+überall auf den Beinen.
+
+Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden
+den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da
+zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins
+an. Das »Schwein« wird gebraten -- und es schwält häßlich durch den
+ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und Klein-Taa niest,
+und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß es ihm gilt.
+
+Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die Jäger
+schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht.
+
+Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?
+
+Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um
+ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit
+Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile
+übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald
+breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen
+Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie
+von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?
+
+Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen.
+Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große
+Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes
+gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder
+sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten
+Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde
+es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen.
+
+Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!
+
+In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich
+zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach
+Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht
+viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.
+
+Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.
+
+Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere
+Gegend suchen!
+
+-- -- --
+
+Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von
+Jahren wieder lebendig in Strix -- in einer schönen Nacht überkommen sie
+sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.
+
+Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es
+ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge
+befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf
+eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht
+still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen
+zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst
+und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so
+steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht
+grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den
+Waldeswipfeln auf und verschwindet.
+
+Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von
+den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach
+denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den
+ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe,
+dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.
+
+Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als
+wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie -- die letzte -- noch
+weniger umgänglich gemacht hat.
+
+Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen
+eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo
+wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel
+erschallt, und Menschen und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen
+Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie
+muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach
+dem Licht krümmen und strecken sieht.
+
+Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und
+verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten,
+in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen.
+Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre
+Anwesenheit -- groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur!
+Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen
+großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine
+Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.
+
+Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt,
+sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren
+Sitzplatz verbreiten muß.
+
+Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen
+wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen
+Taa zu teilen.
+
+
+
+
+8. Auf der Heide
+
+
+Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen
+und schaukelt über der Erde draußen am östlichen Horizont.
+
+Strix ist geflogen und geflogen --
+
+Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen und
+zahllose Anläufe zu Wipfeln -- ein mächtiger Hochwald mit einer Wölbung
+neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor.
+
+Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und
+Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist.
+
+Bald löst die ferne Fata morgana sich auf -- und das ungeheure,
+schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.
+
+Noch ein Kilometer -- und als die Sonne aufsteigt, wird das
+Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem
+Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die
+unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten
+hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter
+Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige
+recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der
+moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit
+seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das
+alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend -- und sie
+fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar
+hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf
+den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.
+
+Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem
+mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild
+vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit
+und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der
+Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur
+breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den
+vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!
+
+Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit
+den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf
+zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch
+bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten
+Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel
+thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über
+ihr neues Heim.
+
+Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.
+
+Es ist ein kleines Birkkücken ...
+
+Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam
+und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.
+
+Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise -- und
+schlägt deswegen auf das Kücken nieder.
+
+Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam lebendig;
+es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will
+natürlich alles fangen, was kriecht -- und sie greift wild und gierig
+nach alten Seiten um sich.
+
+Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe --
+da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.
+
+-- -- --
+
+Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht
+wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen
+Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange
+der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um
+ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!
+
+Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet
+das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten
+Willkomm.
+
+Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.
+
+Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren
+unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln
+zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht.
+
+Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist, als
+erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er
+sich in aller Eile fertig macht.
+
+Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus
+Neugier dahin -- und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch
+herauskrabbeln.
+
+Hu -- Hu -- Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und
+honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg.
+
+Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der
+Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja
+nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und
+scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und
+reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder.
+
+Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd.
+Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das, was _er_ unter
+einem Gespenst versteht.
+
+Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe
+leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt
+ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben
+einen eigenen melancholischen Ausdruck.
+
+Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten -- von der Art,
+die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen.
+
+Der Fuchs ist abgelebt -- das ist die Sache! Die Eckzähne im Unterkiefer
+sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine Krallen sind
+eckig und stumpf -- er kann nicht mehr fangen.
+
+So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. »Das Gespenst« ist
+standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch
+Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen, perlenden
+Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache
+entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da!
+
+Und dann geht Reinecke durch die Hintertür.
+
+-- -- --
+
+Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie
+sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt
+gegen das blendende Tageslicht.
+
+Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat,
+wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es
+sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt ihm
+einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem Gedächtnis
+für eine Woche auf.
+
+Auf der Heide findet Strix Ruhe -- der Kampf um ihre Ernährung fordert
+alle ihre Kräfte.
+
+Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im
+August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr
+Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt
+sie mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu
+nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der
+Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der
+Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen
+nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich
+schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen,
+einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise.
+
+Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre Gewänder --:
+Frauenhemden und Strümpfe, Socken und Männerhemden, die zum Trocknen
+hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf.
+
+Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult es
+in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen
+fett gemachten Ratten kröpft.
+
+Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht
+Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und
+im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank
+ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen kann.
+
+Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide ...
+
+Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch
+den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter sich
+einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene
+Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in die Tiefe hinab,
+kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so daß der Bach
+schäumt.
+
+Es sind zwei Ottern im Kampf.
+
+Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort weiter ...
+
+Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und _dem_ gilt der Kampf.
+
+Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch.
+Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern
+an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre fauchenden
+Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.
+
+Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!
+
+Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie
+springen hoch in die Luft empor, ihr nach.
+
+-- -- --
+
+Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem
+Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, in dem sich der Fuchsbau
+befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten
+Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf. Aber die Knirpse
+sind trotzig -- sie krümmen sich zu einer dichten und umfangreichen
+Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den
+Zweigen wachsen Blätter -- und dieser Sonnenschirm benimmt dem
+Heidekraut den Mut.
+
+Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und
+durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut damit
+begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden.
+
+Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast
+Manneshöhe erreichen.
+
+Diese Bäume nennen die Heidebauern »Wald!«
+
+Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden
+sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne
+zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und
+Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling
+kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine,
+verkrüppelte Eicheln.
+
+Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp -- ein
+Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers
+und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines
+vornehmen Europäers.
+
+In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!
+
+
+Es ist ein holdseliger Morgen!
+
+Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp zwischen
+blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine
+Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.
+
+Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen
+einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der
+Eichenschößlinge versteckt.
+
+Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...
+
+Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus
+den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und
+selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem
+einen Auge nach der Richtung hin -- ja, da gewahrt sie den Ton! Eine
+Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade
+über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört
+ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei
+Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und
+spinnt sich vorwärts.
+
+Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen
+graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem
+Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen
+Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein
+Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen
+Küchlein.
+
+Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab,
+es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und
+zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den
+Haufen der weißen Ameisen auf ...
+
+Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer
+brauner Pilz auf.
+
+Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe,
+die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das
+Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus --
+und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.
+
+Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in
+den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt --: ehe sie sich
+freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet!
+
+Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo
+Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort
+vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt -- und mit
+einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.
+
+Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, -- und
+im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren
+schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.
+
+Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!
+
+Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und
+pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.
+
+Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über
+die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft
+in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen
+zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich
+gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei
+war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und
+das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und kratzte sie mit
+seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge
+spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch.
+
+Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden;
+das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es
+und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem
+Heidekraut -- und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier
+hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.
+
+Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den
+Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des
+einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne
+gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so
+schlank im Leibe -- sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben!
+
+Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den
+Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte
+sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem
+rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich
+in ihrer Jagd gestört wurde.
+
+Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen
+Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist
+stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks
+hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat,
+rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten,
+eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der
+bebenden Körperringe erhoben.
+
+Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen
+blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die
+Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der
+unsanften Behandlung in Strix' Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz,
+der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt
+ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.
+
+Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein
+kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange,
+dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung
+getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten
+Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum
+herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus
+den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf.
+Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix,
+sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes
+umgekehrtes Fragezeichen.
+
+Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie
+ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen
+Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.
+
+Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten,
+nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis
+auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen
+das Gift strömen.
+
+Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern,
+die die Schlange füllt -- und sie schüttelt sie schnell ab.
+
+Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf -- und diesmal bis zu zwei
+Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch,
+wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht
+vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden.
+Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix' Kopf
+gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen
+Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen,
+tiefgespaltenen Zunge entsendet.
+
+Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher
+beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und
+sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt
+sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und
+Ausfall.
+
+Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen
+gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht
+auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat
+decken können -- und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die
+feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon
+einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie --
+zum Glück für Strix -- den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.
+
+Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz -- und bis zur
+Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die
+Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift
+sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken -- und sie breitet
+die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem
+langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter
+ihr drein ...
+
+Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt
+ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß
+der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen
+Körper in die Höhe -- und nun schlingt sie sich um den Leib ihres
+fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte -- und schwer ist sie!
+Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja
+früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht
+gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit
+Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können;
+mit der Schlange wird sie schon fertig werden -- wenigstens vorläufig
+noch!
+
+Es ist Strix' Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt;
+von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die
+Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht
+bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel
+nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf
+plötzlich herabfallen zu lassen -- so kennt auch Strix _ihr_ Gesetz
+der Schwerkraft.
+
+Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen!
+Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten,
+geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und
+mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.
+
+Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie
+beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die
+Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald
+mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu
+befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen
+Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der
+Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben
+wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen.
+
+Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen,
+kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu
+winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.
+
+Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß
+es durch Strix' Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin,
+wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der
+Erde gefangenen Gondel kämpft.
+
+Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken!
+
+Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen.
+Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken
+in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das
+angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange
+gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.
+
+Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie
+umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die
+Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch
+unter ihrer Umklammerung aufschwillt.
+
+Da läßt die Kreuzotter los.
+
+Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um
+Strix' Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die
+eine von Strix' Tragflächen immer kleiner wird -- sie hat schon lange
+mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern.
+
+Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!
+
+Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge
+werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um
+sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen
+übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.
+
+Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute,
+als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten
+lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich
+nie wieder befreien kann -- und sie windet und verrückt sie und bohrt
+in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen
+Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter.
+Es quillt heraus und siedet um sie auf.
+
+Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende
+Junge ab!
+
+Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker,
+geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der
+lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab
+-- eine langes Tauende baumelt leblos herunter.
+
+-- -- --
+
+Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
+in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und
+schlief damit.
+
+Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!
+
+
+ _Die Heide blüht!_
+
+Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf
+einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen -- und so gewaltsam
+ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln
+und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die
+Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein
+Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp
+seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den
+Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem
+Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine
+Insektenfresser -- und jede Pflanze klemmt eine schwarze,
+zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.
+
+Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie
+hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen.
+
+Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die
+Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr
+den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich
+reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.
+
+Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller
+Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr
+Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde geschlagen und gleich bis
+auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem
+Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft -- und ohne
+weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug
+ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und
+sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf
+ihren Flügeln in die Luft empor.
+
+Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren
+Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.
+
+Plötzlich aber war er -- stöhnend, hustend und röchelnd -- vor ihre
+Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl
+gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.
+
+Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie
+versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. --
+
+Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen -- und
+kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte.
+
+Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und
+sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und
+Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste
+störten sie im Schlafe -- so war sie denn ausgezogen.
+
+Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht
+imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft
+mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel,
+die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und
+schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.
+
+Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum
+Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das
+Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine
+lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln.
+Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker,
+übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem
+Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.
+
+Wohin geht ihr Flug? -- Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb
+färbende Wälder.
+
+Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören,
+schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.
+
+Der Herbst ist im Anmarsch.
+
+Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen
+Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von
+Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und
+ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und
+die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und
+heimgetragen -- hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach
+einer Ähre suchen, lange Wege laufen -- und findet man sie, so ist man
+glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst
+gekeimt hat.
+
+Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher
+gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.
+
+Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gänge
+und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren
+Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht
+es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus
+herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig
+nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu
+müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden -- dann kommt der
+Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie
+selbst darunter geraten.
+
+Und nun beginnt die Not -- und damit die große, alljährliche
+Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht
+ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber.
+Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das
+kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren
+kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und
+wandern ...
+
+In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp »Eulenbrot«.
+
+Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen.
+Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und
+setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt
+die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie,
+wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat -- und nun kann sie nur zulangen
+und in sich hineinstopfen.
+
+-- -- --
+
+Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer gehen nieder
+-- der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die
+Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer
+aus Zweigen um sie her.
+
+Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor
+und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden
+Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit
+ihrer Streu und ihrem Dünger.
+
+Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch -- recht lange, das
+fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden
+Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt,
+steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.
+
+Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem
+Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die
+Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer
+des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das
+Plätschern nur weich und sanft empfindet.
+
+Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen
+zu spuken.
+
+Ho--o, heult sie, ho--o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch
+geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie:
+Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das
+Unterhaltendste, was sie sich denken kann!
+
+Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem
+Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefühl,
+welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein
+Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer
+weiter, weiter -- in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim
+und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde.
+
+Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem
+Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter
+Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich
+dreinzieht.
+
+Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft
+des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt -- es ist, als wenn ein
+verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und
+regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner
+geliebten Großstadt.
+
+
+
+
+9. Im Kampf mit einem Adler
+
+
+Es ist spät am Nachmittage.
+
+Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung quillt
+förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der
+seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu.
+
+Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer
+alten Esche ...
+
+Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und
+ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen
+Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide
+hin -- und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt,
+braust das Meer.
+
+Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein
+großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf
+hört sie und hat zuverlässige Empfindungen.
+
+Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender,
+orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf
+getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.
+
+Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der
+Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird
+stärker und stärker -- und wie es zunimmt, während der Abend zur Rüste
+geht, werden alle andern Laute gedämpft; ihre Klangfarbe wird ihnen
+genommen. Selbst die nächsten werden gleichsam von weitem weggezogen und
+klingen schließlich ganz fern. Das Bum-Bum der großen Wassermühle, das
+Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das
+sie zu hören gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwächer und
+schwächer; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen
+und Knarren der Bäume ist ohne tönenden Schallboden; jegliches Geräusch
+und Getöse wird gleichsam von Federn aufgefangen.
+
+Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor hin,
+verkittet und löscht aus -- nur die rinnenden Gewässer liegen wie vorher
+da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den stillen
+Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das
+Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich aufgewirbelt
+und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht.
+
+Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen
+können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter
+fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt
+sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so
+sehr liebt, naht.
+
+Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die
+Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur
+ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der
+Winter -- das Weißwetter -- ist gekommen! Mit einem Satz fliegt sie
+hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich
+darin wie eine Ente im Wasser!
+
+-- -- --
+
+Der Schneesturm aber nimmt zu.
+
+Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt vom
+Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der
+Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein
+Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält!
+
+In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen
+schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle
+Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen
+werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre
+gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren
+ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den
+Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen
+eigenartig brennenden Durst nach Blut.
+
+Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.
+
+Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert und
+mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus -- großartig
+phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.
+
+Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen
+Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus
+denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn
+-- ohne ihn zu sehen -- im Traume!
+
+Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt --
+und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der
+wundervolle Mitwintertraum der Erde!
+
+Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem schneebewölkten
+Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen ist, ward schon
+längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und beißender Atem
+weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon stundenlang auf
+ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten Hauch bis auf ihren
+Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da.
+
+Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der
+Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie
+es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das
+Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund
+gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem
+Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein
+Moorschwein niederzuschlagen -- jedoch alles ist vergeblich gewesen.
+
+Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind gleich
+leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers.
+
+Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt sie
+blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!
+
+-- -- --
+
+Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt,
+sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler.
+
+Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine Landschaft
+nach der andern unter sich wechseln sehen; zuerst vom Meer zu Land,
+dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag --
+Städte der Menschen -- zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren
+schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen
+aufragte.
+
+Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze,
+schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter
+Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ...
+dort lag ja Wald, sein lieber Wald!
+
+Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln
+hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich
+tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt.
+
+Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete sich
+zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus,
+sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken
+von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd -- die lag da
+wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf dem Schnee.
+
+Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig einen
+Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen und
+legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu sitzen!
+
+Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte.
+Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu dem
+Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den
+Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie ein
+Pferd nach langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die
+Federn und gähnte müde.
+
+Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig
+zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen
+Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden --
+jetzt endlich _saß_ er -- jetzt endlich saß er gut!
+
+Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien
+diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu fürchten
+brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte und
+Schüsse.
+
+Der reisemüde Adler schläft und schläft ...
+
+Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und
+fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald -- ein
+wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam
+verstärkt wird.
+
+Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen
+Geschnarch geweckt werden, das zu _einem_ langen, bullernden Schnarchen
+anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann
+hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt
+-- und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen.
+
+Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen -- jedes
+dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die
+nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in
+Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener
+Klecks auf allen Knorren und Narben.
+
+Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem Orkan
+steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen
+das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und
+bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.
+
+Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe,
+während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen
+Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er
+da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen
+um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils
+um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten,
+halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald
+oben in den Baumkronen.
+
+Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast
+heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende
+Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß.
+Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein
+Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm
+um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß.
+
+Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die
+Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in
+dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind
+schon _ein_ blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt
+sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der
+Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel
+-- und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem
+Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.
+
+Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine
+sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer
+Flügelarme und Schlagfedern bedienen.
+
+Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe,
+wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann
+mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht
+plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix
+sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen
+und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.
+
+Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen Vögel,
+er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden Körpern
+seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie
+kämpfen -- und begräbt sie.
+
+Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar
+Schlagfedern ist sichtbar.
+
+Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem
+Untertauchen wieder auf: _ein_ Vogel scheinbar, mit _einem_ Kopf und
+_einem_ Hals, aber mit vier Flügeln.
+
+Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und
+ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben,
+Brust gegen Brust.
+
+Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt
+nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat -- --
+
+Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm
+schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch gleich
+ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen
+haben -- und er langt mit seinem mächtigen Raubvogelfuß -- er hat die
+Spannweite einer ausgewachsenen Männerhand -- nach dem Eulenleib hinauf.
+Aber die Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt
+ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen.
+
+Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die
+beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und
+das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man.
+
+Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen,
+spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu
+bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt.
+
+Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine
+Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden
+Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den
+Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge
+feiern aufs neue einen Triumpf -- ohne jegliche Kraftanstrengung, als
+glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf
+des Gegners.
+
+Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß nicht
+mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine Fänge,
+seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf
+zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre
+wohlverdiente Mahlzeit.
+
+-- -- --
+
+»Ein herrlicher Auerhahn«, fand Strix. Aber es war ja auch lange her,
+seit sie Auerhahn bekommen hatte.
+
+Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!
+
+Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem Geschmack.
+Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten
+die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen.
+
+Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde.
+
+Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an
+schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller
+Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz
+stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte
+schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit
+gegen die moderne Zivilisation.
+
+Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten
+sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus
+wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs
+nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus,
+frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große
+scharlachrote Mohnblüte. Dann kam »die Pflanze« allmählich häufiger
+vor, sie füllte Flecken und ganze Strecken -- und ihr folgten Pflug
+und Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und
+Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten.
+
+Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von dem
+Gipfel seiner Waldhügel über lauter Moore und Heidehöhen, über niedriges
+Gesträuch und Sümpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und Eintönige
+allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel verschwanden, die
+schwarzen Heidehügel schrumpften ein -- und Strix sah lange, weiße
+Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die Kreuz
+und die Quer durch die Landschaft ziehen.
+
+Wie einstmals im dichten Wald ertönte jetzt auch hier der Ruf: hört, sie
+pflügen, sie graben, sie schaufeln, sie entwässern -- der Wasserspiegel
+wird zu Morast, das Röhricht zu Gras, Inseln und Werder zu landfestem
+Boden, die Katze geht trocknen Fußes, wo einst der Otter schwamm ...
+
+Regenpfeifer und Brachvögel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und
+Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich
+trommelten rauschende Birkhähne es heraus.
+
+Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte -- ach, nun waren die
+Menschen dahinein gekommen!
+
+Es schritt rüstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den
+einst ein alter Fuchs, ein großer Marder oder Uhu inne hatte, um sich
+darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner.
+
+Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt,
+sich vor seinen Nachstellern in ein letztes Überbleibsel von Dickung im
+Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem großen
+Platz, wo die schönste Zierblüte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich
+entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befürwortete den Bau
+einer Lokalbahn.
+
+Da hatte aber Strix den Westerwald schon längst verlassen.
+
+
+
+
+10. Der Leuchtturmwärter
+
+
+Am Auslauf der Förde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das Meer
+schäumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bäumen.
+
+Sie waren zum größten Teil im Laufe der Zeiten von selber gekommen.
+
+Die Vögel hatten sie gesäet und die Tiere hatten sie gepflanzt ... wenn
+Fuchs und Dachs nach Mäusen stachen, wenn das umherziehende Rehwild
+nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewußt Bäume in die
+Erde gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nüsse von der
+Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das großblumige
+Geißblatt.
+
+Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen waren
+die Bäume so winzig klein, daß sie den Namen »Baum« kaum verdienten.
+Dann stiegen sie an Höhe, je weiter landeinwärts man kam.
+
+Aber mehr als zweimal Manneshöhe erreichte kein Baum. Selbst einen
+halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer
+schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis,
+die einmal festgesetzte Höchstleistung zu überschreiten; der Sturm von
+der See her war eine Riesenschere, die beständig schnitt und schnitt ...
+
+Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen Schuppen
+senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den
+Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach über einem
+eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen -- und doch, wenn
+man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein
+Gefühl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause
+angelangt.
+
+Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald -- da kehrte der
+Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lärmte diese
+ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte und schuf die
+unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach,
+das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es
+nicht in den Schuppen hinabgelangen könne.
+
+-- -- --
+
+Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte Sonderling,
+die Eule.
+
+Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit
+blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen,
+und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine
+Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem
+Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.
+
+Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt,
+wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer,
+reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem
+lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise
+knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer
+Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar
+Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein
+Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich
+erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen.
+
+An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und
+die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen,
+wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem
+roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von
+ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen
+Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde
+auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des
+Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen
+vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes
+schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine
+fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der
+Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse
+heraushängen!
+
+Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das
+Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von
+dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen
+darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme.
+
+Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix' eigene Art ist
+dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und
+Weihe hört sie kaum je mehr -- sie weiß nur noch von Meeresbrausen und
+Waldessausen wie von einem Wesen _ihrer_ Art. --
+
+Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche,
+menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten
+Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.
+
+
+Das Meer, das Meer ...
+
+Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte
+Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von
+einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land:
+Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr
+oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen,
+seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines
+Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim.
+Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten
+mit Einfahrten, Förden und Buchten.
+
+Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und Regen
+richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrüne
+Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde. Dann trat
+eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken, wild und
+zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und
+es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg plötzlich
+zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in
+die Tiefe versank.
+
+Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen auf
+... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann veranstalteten
+sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben
+zwischen den Steinen aus. -- -- --
+
+An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die
+Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur
+bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der
+Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des
+Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden
+groß und der Blick scharf und ätzend.
+
+Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in
+sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur,
+tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten,
+fest überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf
+einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern,
+die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie
+eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe
+ab.
+
+Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden
+Geheul --: Ho--o! Hu--u! Ha--Ha--Ha!
+
+Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.
+
+Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu bergen.
+
+Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter alles
+in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene Seevögel
+niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich mächtig;
+die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen Tribut
+zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des großen
+Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister
+Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden
+ein.
+
+Sie lebt glücklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und genießt ihre
+Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt
+ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke
+klingt um ihr dickichtumkränztes, sturmzerzaustes Haus.
+
+Und dann eines Abends, als sie ausfliegt, scheint ihr aus weiter Ferne,
+oben von dem östlichen Ende einer Anpflanzung, ein ziegelgedecktes Dach
+in die Augen.
+
+Es schießt aus einigen Tannenwipfeln auf wie ein feuerroter Fliegenpilz
+über grünem Moos ... die untergehende Sonne macht es erglühen und Funken
+sprühen.
+
+Es ist ein Menschennest, das dort aufgeschossen ist -- eine Villa!
+
+Die Bahn ist eine Tatsache geworden. Aus der großen Provinzstadt am Ende
+der Förde geht sie durch den Westerwald bis hier hinaus an die Küste.
+Die Spekulation hat auch dies Ende des Landes erfaßt; man hat ein Auge
+auf den Strandwald geworfen, auf die Abhänge, die Aussicht und den guten
+Badestrand; eine große Genossenschaft hat den ganzen »Dreck« gekauft und
+zerstückelt ihn jetzt in lange Streifen; jeder Streif erhält sein Stück
+Wald, sein Stück Strand, sein Stück Wasser ...
+
+Die Einsamkeit verschwindet schneller als die Buchenblätter gebrauchen,
+um zu grünen und gelb zu werden; kleine überfüllte Dampfboote fangen an
+zu pfeifen und herumzuplätschern, kleine Hunde bellen, Wagen mit Müttern
+und Kindern kommen dahergehumpelt -- und fast jeden zweiten Abend, wenn
+Strix aufwacht, ist ein neues, pilzähnliches Menschennest aufgeschossen.
+
+Sie weicht und weicht, fliegt ein oder gar zwei lange Nachtflüge am
+Strande entlang, aber dann kann sie plötzlich nicht weiter kommen, sie
+ist hart an der Landspitze -- am Meer.
+
+Da draußen liegt der kleine Leuchtturm ...
+
+An einem dunklen und späten Herbstabend ... die See tost, und die
+Bäume in dem letzten Streifen Strandwald klatschen die kahlen Zweige
+gegeneinander ... ist ein Fischerjunge aus dem kleinen Dorf draußen an
+der Landspitze, auf der der Leuchtturm liegt, auf dem Heimwege
+begriffen.
+
+Der Junge folgt dem Pfade auf dem Abhang oben am Waldessaum entlang und
+sieht ängstlich in die Finsternis hinein, die dick zwischen den Stämmen
+liegt.
+
+Da hört er auf einmal ein wunderliches Hallo an sich vorübersausen und
+weiter durch den Strandwald jagen ...
+
+Es durchschauert ihn eisig. Mit offenem Munde und pochendem Herzen
+bleibt er stehen.
+
+Einen Augenblick später ist das Hallo wieder da!
+
+Er glaubt, Pferdegetrappel und ein gewaltiges Bellen und Kläffen von
+Hunden zu vernehmen -- und er schlägt die Hände kreuzweise vor die
+Brust. Ob dies wohl das ist, was Großvater Pibe »König Waldemars wilde
+Jagd« nennt?
+
+Die Haare sträuben sich ihm auf dem Kopf, er will davonrennen, da fällt
+ihm ein, daß das ja das Schlimmste ist, was er tun kann. Er muß nur
+gehen, gehen -- und er eilt dahin, mit hastigen Schritten.
+
+
+Am nächsten Tage sprach das ganze Dorf von dem Erlebnis des Jungen!
+
+Auf der Bank unter dem kleinen Leuchtturm, wo die alten Seebären
+bei Sonnenuntergang zusammen kamen und ein Garn spannen, hörte der
+Leuchtturmwärter eines Abends, daß von Spuk geredet wurde.
+
+-- Wo ist der Spuk? -- fragte »Vogel«.
+
+Ja, es war hier ganz in der Nähe des Strandwaldes. Kristian Lars' Sohn,
+erzählte einer der Fischer, hatte es gehört, und nun vorgestern hatte
+auch er es gehört. Es war ein eklicher Kram; es heulte und miaute und
+bellte und kläffte und röchelte wie ein sterbender Mensch. Der alte
+Niels Pibe, der ja nun nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte,
+behauptete, es wäre »König Waldemars wilde Jagd«; er sagte, solche
+nächtliche Jagd habe er, als er ein Junge gewesen war, fast in allen
+Fördenwäldern gehört, nur viel schlimmer. Da jagte der König mit großem
+Gefolge und vielen Hunden; jetzt habe sich die Teufelsmusik wohl
+vermindert.
+
+-- Daran sind gewiß die vielen Kirchen Schuld --, fügte der Erzähler
+gottesfürchtig hinzu.
+
+Der Leuchtturmwärter spitzte die Ohren.
+
+Aus seiner Kindheit draußen im Waldwärterhause dicht vor den Hochwäldern
+war er gar wohl bekannt mit der Musik des großen Uhus ... sollte es
+möglich sein, dachte er, lebte wirklich noch eine von den großen Bubos,
+und zwar so nahe an seinem Gebiet! Das mußte ein Zugvogel sein, einer
+aus dem nördlichen Skandinavien, der auf seiner Winterreise hierher
+verschlagen war ...
+
+Und Vogelhansens alte Leidenschaft stieg mit einem Brausen in ihm
+auf ...
+
+Im nächsten Augenblick gaukelte er sich vor, daß, wenn da ein Vogel sei,
+auch zweie da sein müßten ... es erging dem großen Uhu wohl so, wie man
+sich von der Bekassine erzählte, daß sie nie allein liegt. Dann konnte
+er am Ende wieder ein Gelege Eier bekommen oder eine Brut Junge fangen;
+alles Einheimische von der Art stand jetzt fabelhaft hoch im Preise!
+
+Es erging ihm fast so wie der Frau mit dem Milchtopf, aber dann besann
+er sich -- nun, er mußte ja erst einmal sehen!
+
+_Eine_ Eule mußte auf alle Fälle da sein -- und wenn die nur da war,
+hatte er auch sichere Hoffnung auf einen guten Gewinst. Der große Uhu
+war immer zu verkaufen, wenn man ihn nur, tot oder lebend, in Händen
+hatte.
+
+Der kleine Leuchtturmwärter hatte sich freilich Zeit seines Lebens Jäger
+genannt, aber es war nicht mehr vom Jäger in ihm als auf dem Rücken
+einer Hand Platz hat. Er war »Schießer« schlecht und recht, er schoß nur
+für den Kochtopf und für die Tasche -- und am liebsten für die letztere!
+Denn das, was da hinein kam, konnte verkauft und in geliebtes Geld
+umgesetzt werden!
+
+Er war ein Aasjäger, wie er sein Leben lang ein Nesträuber gewesen war;
+aber den Trost hatte er, daß leidenschaftliche Sammler und andre brave
+Männer, die Schulen und Museen mit Vertretern der Fauna des Landes
+versorgten, sein Treiben in Briefen oft eine »sehr gemeinnützige Tat«
+genannt hatten.
+
+Nun war er bejahrt und nicht mehr imstande, in eine Buche hinauf zu
+klettern; aber das konnte auch einerlei sein, es gab nichts mehr, was
+sich des Hinaufkletterns verlohnte. Schon seit Jahr und Tag hatten ihn
+die Verhältnisse gezwungen, damit aufzuhören.
+
+Um so eifriger brauchte er nun die Flinte! Die Flinte war der lange Arm,
+womit er noch etwas an sich raffen und einem steifen Rücken und einem
+stocklahmen Bein abhelfen konnte.
+
+-- -- --
+
+Und die Flinte wurde an diesem Abend von ihrem Platze über dem
+Herde heruntergenommen, wo sie sonst immer bereit lag, um gegen die
+vorüberstreichenden Möwen verwendet zu werden -- er hatte die alleinige
+Lieferung von Möwen für eine Modewarenhandlung -- und mit großem, grobem
+Schrot klar gemacht.
+
+Tag für Tag schlich er in seiner Freizeit im Strandwalde herum. Er
+durchwanderte ihn die Kreuz und die Quer, ja, er ging ganz bis an den
+Badeort hinunter und frech durch alle Gärten der jetzt mit geschlossenen
+Läden daliegenden Sommervillen. Aber er konnte nichts von dem großen Uhu
+entdecken außer einer vereinzelten braunen Feder.
+
+Diese Feder genügte ihm jedoch; nun wußte er, daß der Vogel wirklich
+vorhanden war.
+
+Strix saß in einem Fuchsbau tief unter der Erde, da war es ja kein
+Wunder, daß der Leuchtturmwärter jedesmal vergebens ging.
+
+Er ruhte jedoch nicht: er blieb seiner Natur und seinem Wahlspruch
+getreu: -- niemals etwas aufgeben, ehe du nicht die Beute im Kasten
+hast!
+
+
+Es dämmert eines Abends ...
+
+Die Farben entweichen von der Erde und steigen zum Himmel empor; der
+wird im Westen rotglühend und schwefelgelb.
+
+Die Steine am Strande entlang, alle die weißen, alle die grauen, die
+roten Taschenkrebsschalen, wie die blauen Muscheln, verschwinden für das
+Auge und werden zu einem dicken, wolligen Streif.
+
+Und der Streifen zerbröckelt gleichsam, wird zu Sand, zu schwarzer Erde
+-- die Dämmerung nimmt auch ihn.
+
+Nur der kleine Leuchtturm draußen auf der Landzunge bleibt übrig.
+
+Über die See weht ein wahrer Orkan aus Westnordwest ...
+
+Düstre schwarze Wolfen, wild zerfetzt an den Rändern, jagen über den
+Horizont. Sie kämpfen mit funkensprühenden Feuerschlangen, die sich um
+ihren Rücken geschlungen haben, so daß rings umher in der Luft blutige
+Risse klaffen.
+
+Das Meer tost und schäumt ... sein Brausen ist in den Strandwald
+gefahren, der siedet und brodelt, er kocht vom äußersten Rande bis ins
+innerste Dickicht. In seiner dicht verfilzten Kronenwölbung gehen tiefe,
+mächtige Windwellen, die vom Wipfelast bis ganz hinab zur Wurzel
+reichen.
+
+Der Sturm treibt selbst mit den innersten Bäumen Kurzweil; er knechtet
+sie, die verwachsenen, kaum zwei Mann hohen Baumkrüppel, so daß die
+wilden Schüsse des Unterwaldes sich vor Wonne schütteln, wenn sie hören,
+wie schwer die großen Baume kämpfen müssen.
+
+Man krümmt den Rücken da oben an Land! Steht demütig da und dienert, wo
+es sonst gilt, den besten Platz an der Sonne zu erhaschen; man schmeißt
+Äste, Zweige und die letzten lieben Blätter ab -- und ist froh, wenn man
+nur damit davon kommt.
+
+Der ganze Waldboden ist bedeckt von abgerissenen Reisern und
+Tannennadeln; er sieht aus wie ein Weg, der zu einer Beerdigung mit Grün
+bestreut ist. Da ist nicht gespart, nicht gegeizt, Vogelbeeren, Schlehen
+und Hagebutten liegen da -- und gleich willig und verschwenderisch
+streut der Sturm noch immer drauflos.
+
+Der kleine Leuchtturmwärter ist auf dem Jagdpfade; er schleicht in der
+Dunkelheit herum, die Flinte bereit. Ist die Eule am Tage nicht zu
+sprechen, wohlan -- dann muß er versuchen, ob er sie nicht des Nachts
+treffen kann.
+
+Dichter und dichter drückt sich die Finsternis um ihn, sie guckt hervor
+aus Gestrüpp- und Baumstammzwischenräumen, sie faucht ihm ihre schwarzen
+Tupfen ins Gesicht und macht seine weiße Hand, die das Flintenrohr
+umfaßt, dick und schwarz.
+
+Heulen, Jammern und Seufzen erfüllt den Strandwald. Töne, bald so
+herzzerreißend, daß man glauben sollte, ein Mensch sei in Not, und Töne,
+bald so überirdisch, als kämen sie vom Himmel, strömen ununterbrochen
+seinem aufmerksamen Ohre entgegen.
+
+Aber nicht nach ihnen lauscht er ... die Laute kennt er von seinen
+vielen Wachen oben im Leuchtturm. Er wartet auf das Halloh und fragt
+sich mit einem Fluch, wo es nur abgeblieben sein kann.
+
+Ha, ha, ha, daran sind die vielen Kirchen schuld! höhnt er im Stillen,
+als er wieder eine Viertelstunde vergeblich umhergeschlichen ist ...
+nein, die großen Horneulen haben sich an Zahl vermindert, ihrer sind
+weniger und weniger geworden -- das ist die Sache! Der Sturm ist wohl
+derselbe, der er immer gewesen ist, und auch das Klipp-Klapp der
+klappernden Zweigspitzen, aber »die Hunde« scheuchen wohl seltener als
+früher Wild auf.
+
+Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ...
+
+Und es ist Fahrt im Treiben und Kläffen in der Meute, es dröhnt, es
+rasselt, es bellt, faucht und klagt um ihn herum; er muß sich auf seinen
+Stock stützen -- er entsinnt sich nicht, den hochseligen König jemals so
+wild jagen gehört zu haben!
+
+Strix hat nämlich einen leckern Bissen gefangen; es ist ein Hase, den
+sie in den Fängen hält, während sie vorüberfliegt. Sie hat indessen
+keine Ruhe, ihn zu verzehren, denn eine Schar kleiner Eulen, die ihr
+Glück entdeckt haben, verfolgt sie und mischt ihre hohlen, schnarrenden
+Hornlaute in ihr düsteres, durchdringendes Fauchen. Sie neiden ihr den
+Fang und lästern laut darüber.
+
+Die Sturmstöße kommen und gehen durch den Wald und zerren und ziehen an
+den Wipfeln. Plötzlich und überraschend, mit der Geschwindigkeit eines
+Habichts, schlagen sie nieder, wirbeln das Laub auf und schleudern es
+dem Leuchtturmwärter ins Gesicht. Er muß den Rockkragen aufklappen und
+den Knoten des Halstuches fester binden. Er zittert am ganzen Leibe vor
+Eifer und Spannung und starrt sich fast die Augen aus dem Kopf ... wo
+schrie es doch?... wo heulte es eben?
+
+Auf den Zehenspitzen schleicht er umher, bewegt sich so lautlos wie sein
+lahmer Fuß es gestattet. Er bleibt oft stehen und lauscht mit offenem
+Munde, die Handfläche hinterm Ohre ... war das nicht das Fauchen eines
+Uhus?... ja, jetzt hat er es ... es kommt aus der Anpflanzung ... da
+drinnen zwischen den Fichten, da heult es!
+
+Der Leuchtturmwärter hat Glück: auf einem schmalen Pfad stößt er auf die
+sonderbare Versammlung. Er sieht etwas Schwarzes, das sich im Dunkeln
+bewegt, legt die Flinte an die Wange und zielt in der Finsternis, so gut
+er vermag ... Strix' Leben hängt an einem Faden!
+
+Sie sitzt über ihrem Opfer und klemmt es fest gegen den Erdboden, rollt
+Feuer aus den Augen und knappt mit dem Schnabel. Die kleinen, fliegenden
+Katzen umschwirren sie wie Elstern.
+
+Der Leuchtturmwärter zittert förmlich, die Beine wollen ihm versagen; er
+kann die Flinte nicht ruhig halten, er muß auf die Knie nieder.
+
+Da ertönt endlich der Schuß ...
+
+Aber in der Erregung und in der Dunkelheit schießt der Leuchtturmwärter
+zu hoch; zwei behende kleine Eulen fallen wie zwei Bündel Kleider zur
+Erde.
+
+Strix macht sich aus dem Staube und nimmt obendrein ihren Hasenbraten
+mit.
+
+Aber in dem Augenblick, wo sie, von dem Sausen des Sturmes getragen,
+über die Fichtenwipfel dahinsegelt, ruckt es in ihr. Sie ist in den Wind
+vom Leuchtturmwärter gekommen, und der beeilt sich und stürmt vorwärts,
+um seine Beute zu sichern -- sie aber öffnet die Fänge und gibt
+freiwillig ihren leckern Braten preis ... Kladatsch, klingt es,
+Kladatsch, Kladatsch, so schnell, daß die Kladatsche fast übereinander
+stolpern.
+
+Und dann ist sie im Sturmgebraus verschwunden.
+
+-- -- --
+
+Das ist Tag und Jahr her -- und vergessen; vergessen war das Ganze.
+Nicht einmal Erinnerungen an ihre jubelerfüllten Tage waren
+zurückgeblieben. Nur der Kampf um die Nahrung und der Kampf um das Leben
+haben sie jetzt seit Jahren in Anspruch genommen; sie ist ein einsamer
+Vogel und hat sich daran gewöhnt, als sei sie es ihr Leben lang gewesen.
+
+Jetzt plötzlich taucht es alles wieder auf ...
+
+Nicht leibhaftig und in Gestalten geformt, so wie das Menschengehirn es
+vermag ... nein, nur in fernen unbestimmten Ahnungen. Ihr Gesicht kann
+täuschen und ihr Gesicht kann vergessen, ihr Gehör nie -- und diese,
+eines Menschen eigentümliche Art zu gehen, hat sich ihr nun einmal unter
+Umständen, wo ihre Nerven bis aufs äußerste angespannt waren,
+unauslöschlich eingeprägt.
+
+Ist er es, der lahme Hahn mit dem stinkenden Atem, der ihre Jungen
+geraubt und sie in einen Bauer gesetzt hat?...
+
+Sie ahnt es und fühlt dasselbe unwiderstehliche Kribbeln in ihren
+Fängen, wie wenn eine plötzliche Lust, etwas Lebendem die Haut
+abzuziehen, sie anwandelt. Der Kampfesmut aus alten Zeiten fährt in
+sie, der Haß, die Wildheit, die Bosheit flammen auf.
+
+Aus der Fichtenanpflanzung heraus hinkt der ein wenig niedergeschlagene
+kleine Leuchtturmwärter, seine beiden kleinen Eulen in der Hand. Seine
+erste Eingebung ist, sie wegzuwerfen; aber dann fällt ihm ein, daß er
+sie dem »Ausstopfer« in der nächsten Stadt ja anschnacken kann.
+
+Da hat er wieder das wilde Halloh um die Ohren!
+
+Diese neue Möglichkeit erfüllt augenblicklich seine ganzen Gedanken.
+Schnell steckt er eine frische Patrone in die Flinte -- und eilt davon,
+dem Geräusch nach.
+
+Aber nun läßt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertönen.
+
+Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen Hahn
+... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hört, meint er noch nie
+zuvor vernommen zu haben. --
+
+Huu -- Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als sie
+den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwärter rennt
+dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, daß er die große Eule im
+Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer
+gleich nahe.
+
+Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hämmert aufreizend
+und anfeuernd in Strix' Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn
+niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den
+Menschen ist noch immer zu groß. Sie muß sich damit begnügen, ihn zu
+foppen und sich ihrer Überlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da
+geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfällig auf seinen
+Klumpfüßen -- und sie ändert ihren Platz wieder und wieder und saust von
+allen Seiten über ihm, während sie ihm ihr Geheul in die Ohren gellt.
+Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann spürt sie das alte,
+beklemmende Gefühl im Halse.
+
+Huu -- Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den Strandwald
+geht es, dann über die Abhänge hinaus und auf und ab an den langen
+Dünenwänden, unter denen das Meer siedet und schäumt.
+
+Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt ihn,
+und das Halstuch hat er schon längst in die Tasche gesteckt; er fühlt
+sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch
+gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den
+offenen Dünenhängen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat,
+scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht
+so leicht durch ihr Geheul täuschen, hier kann er den großen Vogel
+ja sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal aus dem Schlehengestrüpp
+aufschießt, befreit von den Schlagschatten und der Erddunkelheit. Er
+_will_ sie haben; er kann es an ihrem Heulen hören, daß es eine alte,
+mächtige Eule ist; sie muß viel wert sein, und es gibt ja nicht mehr von
+der Art .... Huu -- Huu ... und beständig erschallen vor ihm die
+verwirrenden Töne. --
+
+Ein paarmal schon hat er sich an dem Dünenhang hinauf und wieder hinab
+gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten,
+sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hört er sie wieder,
+sie ist hoch oben über seinem Kopf, gerade unter dem Rande des Abhanges.
+
+Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entführt seiner
+großen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltönend
+in den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden
+Ton aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Füßen
+rasseln.
+
+Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhöhle geklemmt, kommt
+er heraufgeklettert ...
+
+Ganz zufällig flattert Strix im selben Augenblick von einem
+Schlehdorngestrüpp auf und schwingt sich über den Abhang hinaus, wodurch
+sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor
+einem Absatz an der Dünenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht
+blindlings drauf los und vergißt, sich in acht zu nehmen; jetzt will er
+einen Schnappschuß versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehör
+zu schießen; aber in der Eile tritt er fehl und hält einen großen
+Schlagschatten am Ende des Absatzes für festen Boden, er strauchelt,
+will mit der Flinte vor sich fassen, die Schüsse gehen ab, der rechte,
+als das Rohr gerade über dem Boden ist, der linke, als das Rohr schon in
+der Erde ist. Der Lauf zerspringt ihm zwischen den Händen und reißt ihm
+die rechte Hand ab, er kann sich nicht festhalten, er gleitet und stürzt
+in die Tiefe.
+
+Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht!
+
+Sie glaubt, daß er hinter ihr drein ist -- bis sie von einem neuen
+Sturmstoß wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt, wie er
+ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif in die
+Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein Antlitz
+nieder und faßt im Vorübersausen nach seinen wehenden Haarsträhnen --
+und dabei heult sie und schleudert ihm ihr krächzendes, übermütiges
+Hohngelächter ins Gesicht, während der Sturm im Riedgras seufzt und
+pfeift.
+
+Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dünenhanges; dort sitzt
+sie lange stumm und starrt grübelnd und unverwandt auf ihren toten Feind
+hinab. Es ist das erste Mal, daß sie einen Menschen so still sieht ...
+der Mensch -- die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestört hat -- nun
+liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden.
+
+Da schreit sie häßlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im Walde
+-- es hallt wieder von den Dünenhängen --:
+
+-- Qui -- witt, quiwitt -- komm mit! komm mit! ... ha, ha, haaa!
+
+
+-- Es heult in der Nacht.
+
+Seit jener Nacht waren Strix' Tage am Strande gezählt.
+
+Es verlautete gar bald, daß Leuchtturmwärter Hansen auf nächtlicher
+Jagd auf einen großen Uhu umgekommen sei. Die Strandzeitung schlug Lärm
+und der Bericht ging durch das ganze Land -- und obwohl es keineswegs
+stimmte und auch nicht weiter verlockend war, und obwohl es ganz
+außerhalb der Jagd- und Badesaison war, benutzte doch ein gewiegter
+Hotelpächter die Gelegenheit, mächtige Reklame für sein neues, großes
+Badehotel mit dazu gehörigem »Jagdwald« zu machen.
+
+
+
+
+11. Klein-Taa
+
+
+Der Winter verging leidlich für Strix.
+
+Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kämpfen.
+
+Das Los des Leuchtturmwärters wirkte gerade nicht verlockend auf die
+in der Gegend ansässigen Jäger; sie erblickten darin eine weitere
+Bestätigung für die Annahme, daß die große Eule ein Zaubervogel sei,
+den man am besten in Ruhe ließ.
+
+Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte
+die Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder
+aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, daß die Eule Böses ansagt --
+und daß, wenn man sie schießt, dies den Tod bedeutet.
+
+Eifrige Sammler ließen sich freilich nicht von diesen Ammenmärchen
+abschrecken, und als der Frühling sich näherte und das Wetter weniger
+rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpächter in der Tat Anfragen in
+bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel.
+
+Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor.
+
+
+Es ist an einem Abend, Ende März, bei heftigem Seesturm ...
+
+Das Meer schäumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen
+Regenschauer und die graue See gehen ineinander über. Nur eine
+vereinzelte, große Möwe mit einer unverhältnismäßig großen Flügelweite
+für den kleinen, leichten Körper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt
+sich hin und her über dem einsamen Horizont.
+
+Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt
+nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln ...
+
+Strix tanzt nicht mehr an dem Dünenhang, sie hat zurzeit anderes zu tun.
+
+Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden
+Wurzelhälsen einer kleinen verkrüppelten Erle zusammengetragen und
+liegt und brütet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter
+Gewohnheit gelegten Ei!
+
+Und die Regenschauer kommen in Zwischenräumen, aber regelmäßig wie
+die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da draußen nimmt die
+trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strömt
+und strömt, so daß auch oben in der Luft See und Meer entstehen.
+
+Strix drückt sich tief in ihr schützendes Nest unter dem Erlenstamm und
+läßt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brütet und
+gibt acht ... auf die Erde, das weiß sie ja, ist kein Verlaß.
+
+Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein
+langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen
+blanken Pelz aus dem Grau der Dämmerung heraus.
+
+Es ist auch einer von den alten Feinden -- ein guter Bekannter aus
+Strix' jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder
+geworden ist, ähnelt er noch immer seinem Vater so aufs Haar, daß ihm
+eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt.
+
+Klein-Taa ist auf der Frühlingswanderung; auf der Suche nach einem
+Weibchen -- sonst käme er nie in diese rauhe Gegend.
+
+Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem Wasser.
+Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp -- ins Trockne hinein, am Eulenbaum
+entlang.
+
+Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute
+sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer
+zufälligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter
+schuld daran?
+
+Sie fährt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten
+Augenblick der Überrumpelung, daß er einem Truthahn geradeswegs in
+die Arme läuft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und
+Überraschung über dies unerhörte Glück zuckt in den kleinen, listigen
+Lichtern des behenden Raubmörders auf -- da pflanzt Strix ihre acht
+Fänge in seinen Hinterkörper.
+
+Äh! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell reißt
+er seinen kurzen, kräftigen Katzenschlund auf -- Strix sieht wie in
+einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und die
+weißen Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich
+über die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die
+Lauscher zurück und windet sich mit einer Kraftanspannung plötzlich
+in eine kauernde Stellung.
+
+Strix will sich das Tier mit ihren Fängen vom Leibe halten, aber
+Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm, seine
+Vorderläufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf beiden
+Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen Schmerzes seine
+Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr Fleisch.
+
+Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen.
+
+Sie muß den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flügelspitzen und
+den Stoß als Stützstäbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit der
+vollen Unbändigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos.
+
+Vergebens preßt Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und läßt
+ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert sie
+ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der
+aufgeregte Taa läßt sich nicht einschüchtern, es handelt sich um Leben
+oder Tod -- Strix muß entweder weichen oder sich ergeben.
+
+Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die
+langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen
+Bissen des Marders abgehalten haben, wählt das erstere und reißt sich
+mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hält fest und geht
+mit.
+
+Da kommt ein Orkanstoß! Er schlägt plötzlich wie ein Vogel Greif nach
+Beute in die Waldestiefe hinab, fällt ein paar Bäume und erhascht einen
+Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flügel zur Flucht aus -- und
+leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fängen, braust sie durch
+die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glück, beim Aufflug, wo Klein-Taa
+endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Körper fest zu
+umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell hinein,
+gerade unter den Schulterblättern zwischen den Rippen.
+
+Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit
+der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix
+mit ihrem bißchen Beute in seine mächtigen Klauen und streicht mit
+rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen,
+wirbelt sie in großen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den
+Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Kräfte nötig, um die Flügel
+gespannt zu halten.
+
+Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks unter
+ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu
+eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist
+sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp
+noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den
+schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und
+Zweigegeklapper hören kann -- und es durchschaudert sie, trotzdem sie
+den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie,
+nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln;
+alles, was sie berührt, wird sie umrennen.
+
+Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein Flug
+in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie
+-- sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt,
+hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst
+für sie wahnsinnigen Eile.
+
+Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich
+auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals
+Platz, und während alledem kämpft sie -- _sie_, der lebende Ballon --
+mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.
+
+Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix' Klauen durch die Eingeweide
+gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken
+herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine Bisse
+gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel Federn und
+Hautstreifen aus.
+
+Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des
+Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche
+tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner
+Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.
+
+Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn
+des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt
+während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch
+gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen.
+
+Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen und
+die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und
+sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil
+einer Sekunde schwindelt es sie -- dann läßt sie plötzlich, zuerst mit
+den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich
+und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweißen Geschmeißes
+mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen
+Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft
+Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und
+er in der Nacht verschwindet.
+
+Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem
+Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen
+den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund
+herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen,
+weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte
+Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn
+aus ihrem Kleide -- dann ergießen sie sich in reißenden Regenströmen
+über sie.
+
+Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen
+droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hügelabhang, den
+sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst,
+dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet
+glatt auf einem Fels im Talgrunde.
+
+Sie ist entsetzlich zugerichtet.
+
+Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt es
+darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den
+langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur
+noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht
+aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper,
+im Nacken, in den Flügeln -- und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den
+Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie
+jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der
+Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das
+Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf
+schreit nach Pflege und Säuberung.
+
+Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen -- und sie hinkt davon,
+hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brücke.
+
+Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege
+ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu laufen.
+
+-- -- --
+
+Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein
+Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken Patienten!
+
+
+
+
+12. Zurück
+
+
+Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix' letzte Heldentat. Die Kämpfe
+des Lebens hatten sie allmählich arg mitgenommen.
+
+
+Als sie wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist und ihre Wundflächen
+sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter
+der Brücke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern
+aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine
+Arbeit auf den Feldern.
+
+Wochenlang fliegt sie herum und sucht -- sucht nach großen Wäldern mit
+hohlen Bäumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach Ruhe und
+Frieden, nach der großen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen kann,
+ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der Menschen
+verjüngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo niemand
+außer _ihr_ sich in die Weltenordnung einmischt -- da will sie sein,
+da will sie hin ...
+
+Während sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem
+uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer
+Flügel wie in dem Bedürfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und
+landet in einer schönen Mitternacht in heimischen Gegenden.
+
+Während ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen Fluge
+eine Wegeslänge zurückgelegt, zu der sie in früheren Zeiten Jahre und
+Tage gebraucht hat. Sie ist über den Westerwald dahingeflogen und über
+seine jetzt so kultivierten Sümpfe und Moore; sie ist über ihre
+einstmals so große Heide geflogen, die jetzt zum größten Teil umgepflügt
+und bepflanzt ist. Der Hügelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete,
+liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden
+Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hält, ist -- wilder
+Wald.
+
+Aber sie kennt ihren großen wilden Wald nicht wieder!
+
+Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf der
+Hügelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen wuchsen,
+wo es selbst an glühenden Sommertagen dunkel und kühl war, ragen jetzt
+lange, gestengelte Stöcke in die Höhe. Und da ist immer Spektakel! Die
+Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so daß nur die steifsten
+von den Stöcken übrig bleiben.
+
+Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras.
+
+Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind fast
+immer an den Wipfeln; die Bäume ihrer Kindheit standen frei und offen,
+sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und biegen.
+
+Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Löchern, die
+_sie_ Bäume zu nennen pflegte und nicht Gras -- die sind weg. Die Axt
+hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen mögen.
+
+In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche läßt sie sich nieder!
+
+Es ist eine Krüppel-Buche -- einigen Bäumen ergeht es nämlich wie
+einigen Menschen: je mehr sie in Regelmäßigkeit und Schemaform
+hineingezwängt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum
+Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich -- und wollen nicht gut
+tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen, hochkultivierten
+Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und Vögeln über das
+umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im geringsten nach
+seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig, treibt Zweige
+in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhält, lange genug
+zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner Kronenwölbung. Die
+Forstleute haben geradezu neue Namen für diese Sonderlinge; sie nennen
+sie Krüppel.
+
+In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krüppelbuche haust Strix
+fast einen ganzen Monat.
+
+Aber was hilft es ihr, daß sie endlich Häusung gefunden hat -- Tagesruhe
+und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden.
+
+In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die
+Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem
+hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im
+Walde gehört: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst
+den Regen und den Tropfenfall und das Plätschern. Im Frühling das
+Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes
+aus Wurzel und Faser.
+
+Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Blätter, das Summen
+der Insekten, den Diskant der Mönchgrasmücke und das Gurren der
+Holztaube gehört, alles das, was naturgemäß mit zu dem Waldfrieden
+gehörte und gleichsam die Stille verdoppelte.
+
+Jetzt dahingegen -- nein, sie gewöhnt sich niemals daran, sondern
+fährt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt
+dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertönt; dann bellt ein
+Hund, ein Schuß knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das
+aufgeschreckte Gebrüll von Waldhörnern. Der Wald hat sich verändert; der
+neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte -- und die sind ihrem
+Wesen und ihrer Natur ganz zuwider.
+
+So muß sie denn weiter, -- nach nur ein paar Monaten! Sie muß den Kreis
+schließen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen Kurve
+zurücklegen, in der sie seit ihren frühesten Tagen vorwärts getrieben
+wurde.
+
+Gewandert ist sie auf ihre Weise -- und nun geschieht es, daß der
+Instinkt und die neuen Verhältnisse in den Gegenden, aus denen sie
+kommt, sie nach den großen Fördenwäldern zurückziehen, wo sie einstmals
+gebrütet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt
+erblickte.
+
+Der große Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr erstes
+Gelege Junge mit Uf ausgebrütet hat, ist nicht mehr da, und alles, was
+dunkel und urwäldlich war, -- was sie schön genannt hat -- ist weg ...
+nur draußen in einer Einöde, in einem sumpfigen, tiefgelegenen Winkel,
+den die Menschen jetzt die _Urwaldecke_ nennen, stehen auf einigen
+kleinen Inseln in einem schlammigen, noch unentwässerten Waldmoor ein
+paar alte, geschonte Rieseneichen.
+
+
+Jahrhunderte und Jahrhunderte sind über die Eichen dahingegangen! Winter
+auf Winter, Frühling auf Frühling haben sie erlebt, haben sie genossen.
+Sie kennen den Himmel in Frostkälte mit Schneegestöber, in Lenzesblau
+mit Schneewolken, in Sommersonne und Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch
+und Wildsau, Wolf und Bär -- und sie kennen den Menschen!
+
+Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung,
+Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich
+emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkämpft, auf dem sie
+stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblüht
+und die Wonne der Bestäubung genossen; vor hunderten und aber hunderten
+von Jahren haben sie schwere, langapfelige Früchte um sich gestreut.
+Sie haben Generationen von Tieren und Generationen von Vögeln gefüttert,
+haben das Sonnenlicht von über tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt
+verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurückgeben, was sie
+einstmals empfangen haben.
+
+Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine jede
+von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind vor
+fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den Hügeln
+rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt lebender
+Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldkönige zwischen
+Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages immer das
+stolze Bild. Da ist sie Nacht für Nacht über den kleinen Tannen
+hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz
+geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen.
+
+Die eine von den Eichen -- die älteste -- ist überall geborsten und
+gerissen, und es sind große Stücke aus ihrem Stamm gefallen. Man hat
+Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd in der Eiche hält! Um sie zu
+bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe eingeschlossen und es sind starke
+Stützen unter ihre Äste gestellt. So geborsten und zerrissen ist sie,
+daß die Leute gar nicht mehr glauben wollen, daß es _ein_ Baum mit
+_einem_ Stamm gewesen ist. Nein, den Ärger muß sie nun erdulden, daß
+kluge Köpfe unter den Forsteleven behaupten, es sei ursprünglich ein
+ganzes Bündel von Eichen gewesen, deren Stämme dann allmählich
+zusammengewachsen seien.
+
+Die andere Eiche, die am weitesten draußen im Moore steht, umgeben von
+dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen, hat
+noch ihre ganze äußere Rinde bewahrt. So mächtig ist ihr Stamm, daß
+zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken,
+knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, daß ein vierspänniger Wagen
+im Kreise um sie herumfahren könnte. Es ist ein Anblick aus der
+Vergangenheit!
+
+Wer sich allmählich durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hat, und nun
+plötzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, stutzt
+ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar
+moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewältigen vermögen!
+
+Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt. Hier
+ist die Rinde abgefallen, und ein großes Loch klafft aus der nackten
+Holzschale heraus.
+
+Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und läßt sich auf den
+Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch --
+sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlöchern, ohne
+andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine große
+Hummel im Winterschlaf.
+
+Als der Frühling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den
+Baum hinein und läßt sich häuslich nieder in dem faulen Holz über ihr.
+Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast
+eine ganze Stiege Eier!
+
+Und dann, eines Morgens, als Strix von der nächtlichen Jagd heimkehrt,
+sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren großen
+Gewöllklößen die letzten traurigen Überreste des Meisenweibchens liegen.
+Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen.
+
+Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit einem
+neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der ersten
+Frau fortsetzt. Längst hat der arme Mann die Stiege voll, aber das Ende
+ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule hören.
+
+Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als das
+Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das Geschrei
+und Gepiepse fast unerträglich. Mehrmals versucht Strix, all das
+schreiende Leben mit den Fängen herauszuziehen -- es ist ja doch Nahrung
+und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fänge sind nicht mehr kräftig und
+nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die großen Horndolche
+sich nicht mehr in Winkel biegen lassen.
+
+So gewöhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemütliches hat dies
+Lärmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben -- und sie
+entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schönen Tages erwachsen
+sind und sich auf und davon machen.
+
+Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvögeln meldet sich das Alter
+ungestüm und plötzlich.
+
+Ihre starken geschmeidigen Flügel fangen an, steif zu werden, ihre Fänge
+sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermögen ist nicht mehr
+wie in alten Zeiten, wo sie in der Dämmerung des Zwielichts die Motte am
+Stamm erkennen konnte.
+
+So ist ihr kürzlich ein wahrer Skandal passiert -- sie hält einen großen
+Auswuchs an einem Stamm für einen Vogel!
+
+Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und
+zwischen dem Maskenspiel der Blätter wird es zu einem Birkhahn.
+
+Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet hat,
+und es hungert sie förmlich danach, wieder einmal einen ordentlichen
+Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres früher so glücklichen
+Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und -- schlägt mit allen ihren acht
+Fängen in eine wunderlich schwammige Zundermasse. Sie hat sich geirrt,
+das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen ihrer Natur; es schreit
+nicht, es summt -- und die Daunen, die sie losreißt, sind lebendig und
+stechen.
+
+Für einen Wespenbussard würde diese Begebenheit ein wahrer Götterbissen
+gewesen sein; der Vogel würde die Waben geschätzt haben, er hätte es
+verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung herauszuschälen.
+Strix dahingegen wird nur gequält und zerstochen, obwohl sie nicht
+zaudert, die Flucht zu ergreifen.
+
+Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen geblieben
+und hat über ihr Schicksal gejammert; sie begreift nicht, warum das
+Glück sie so plötzlich im Stich läßt ...
+
+Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing, so
+selbstverständlich für Strix gegangen! Sie hatte immer fangen können und
+selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte sich
+aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden können,
+kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller Widerwärtigkeiten
+leicht für sie gewesen.
+
+Sie wird ganz melancholisch!
+
+Und während der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht das
+Alter mehr und mehr sein Recht geltend.
+
+Die ehemals so selbstverständlichen kleinen Glückszufälle werden zu
+ebenso selbstverständlichen kleinen Unglücksfällen; sie fliegt immer
+häufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schläge von den Zweigen ins
+Auge und stößt die Flügel und den Kopf gegen Äste und Baumstümpfe.
+Eines Abends auf der Jagd verwickelt sie sich -- bei den wütenden
+Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen -- in ein niedriges
+Eisengespinst, das die großen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung
+gezogen haben. Um ein Haar hätte sie ihr Leben dabei eingebüßt.
+
+Die Arbeit der Nacht wird schwer für sie; sie geht ihr nicht mehr wie
+ein Spiel von der Hand, sondern verursacht ihr große Anstrengungen und
+tausende von Qualen.
+
+Das alles altert sie; sie büßt mehr und mehr von dem ein, was wir
+Menschen Lebenskraft nennen: Mut und gute Laune.
+
+-- -- --
+
+Es wird wieder Winter -- und Strix hat sehr zu leiden. Namentlich
+peinigen ihre Erbfeinde -- die Krähen und Elstern -- sie schrecklich.
+
+Eines Tages wird sie von einer ganzen Schar Elstern entdeckt; es sind
+ihrer zwölf -- zwei ganze Familien -- Hauskrähen, mit langen Schwänzen
+und mit Weiß an den Flügeln, ihre Federn glänzen wie Metall; sie
+sind eingebildet und sagen, daß sie, wenn sie fliegen, sehr wohl mit
+Fasanenhähnen verwechselt werden können. Sie foppen die Alte, ziehen sie
+auf. Sie sitzt da, verzweifelt vor Wut, und schneidet Gesichter.
+
+Aber was soll sie tun? Mit ihrem Sehvermögen ist es schlecht bestellt,
+namentlich am hellen Tage, und sie kann nicht mehr, wie in ihren jungen
+Tagen, herausfahren und eine mit jedem Fang fassen und sie mit sich in
+den hohlen Baum schleppen. Sie muß den Hohn leiden und die Qual
+aushalten. Aber allein das Bewußtsein davon macht sie noch hinfälliger.
+
+Es ist unter den Tieren nicht wie unter den Menschen. Unter den Tieren
+muß ein jeder für sich selbst sorgen, und nur selten hilft eins dem
+andern beim Fang, wenn die Fänge abgegriffen und die scharfen Zahnränder
+oder Schneiden zu Zahnfleisch werden. Daher kommen auch in diesem Winter
+für Strix Zeiten wo sie Aas fressen und noch dankbar dafür sein muß.
+
+In ihrem langen Leben hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, das
+nächtliche Leben der Raubtiere aus der Nähe zu beobachten und ihr Tun
+und Lassen zu erspähen.
+
+Sie sieht die Füchse in großem Umfang ihre verschiedenen Speisekammern
+rings umher im Erdboden versorgen. Die Kerle machen es gerade so wie
+der Hund, sie vergraben alles, was sie nicht auf einmal fressen können.
+Rings umher in den Mooren, unter Grasbüscheln und in verlassenen
+Ameisenhaufen verstecken sie ihren Raub -- und finden ihn mit Sicherheit
+selbst nach Verlauf langer Zeiten wieder.
+
+So legt sich denn Strix darauf, ihnen ihren Wechsel abzulauern und
+die Gelegenheit wahrzunehmen, in ungestörter Ruhe sich die Niederlagen
+zunutze zu machen. Aber das Leichengift des Aases ist keine stärkende
+Medizin -- sie wird schwach und altert in beständig zunehmendem Grade.
+
+-- -- --
+
+Strix hat jetzt die längste Zeit gelebt.
+
+Sie hat alle Qualen des Lebens erduldet --
+
+Der Nachtfrost und der Lenzschnee löschten den Lebensfunken in
+ihrem ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten
+Eierschalen gesessen; einige spätausgefallene Junge, die nicht flügge
+waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen
+glücklichen, die lebten, abgeblieben?
+
+Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres
+eigenen Ichs belästigt. Andere Vögel brüteten zweimal im Jahre und
+setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war
+mäßig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begnügt.
+
+-- -- --
+
+Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und
+Strix leidet Not -- schlimmer denn je.
+
+Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine Ausflüge;
+sie hat keine Kräfte dazu und fühlt auch nicht das Bedürfnis. Sie bleibt
+lieber in der Urwaldecke und hungert.
+
+Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus
+da draußen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, daß Larve und Wurm
+im Holz um sie her in Ruhe frieren und nicht den leisesten Laut mehr
+telegraphieren -- dann schließt sie die Augen und sitzt in sich
+versunken da, während sie den dänischen Frühling vor sich sieht.
+
+Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Kätzchen, und Schwärme von
+lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her, während ein warmer und
+wachstumverheißender Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken
+sind draußen, und mitten im Sonnenschein zwischen den grünen
+Wildkerbelbüschen thront eine große, leckere Kröte. Sie sitzt da und
+verzehrt Mücken, die sie in einem dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal,
+wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit die Zunge herausgeschnellt und sie
+wieder hineingezogen hat, zwinkert sie wohlbefriedigt mit den Augen.
+
+Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige
+von den »Schnelläufern«, mit dem sie am besten fertig werden kann -- da
+erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen
+den hohlen Baumstamm stößt.
+
+Ja, Strix war alt geworden, uralt -- und das war gerade der Segen beim
+Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die
+Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen
+in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen,
+man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der
+Erinnerung vor sich.
+
+Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen!
+
+Aber _sehnen_ tat sich Strix doch -- sie sehnte sich, sehnte sich --
+sie konnte sich nur nicht klar darüber werden, wonach. Es lag wie ein
+beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt,
+Wohnung hat ...
+
+Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten,
+Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten,
+traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die
+Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen
+und wieder Menschen.
+
+Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene
+Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen.
+Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und
+Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher
+Wildnis herrschte. Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in
+beschnittene Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus
+ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie
+um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem
+andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die
+beiden alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte
+es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos
+und verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war.
+
+Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein Unwetterschaudern
+durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklärlich Unheimliches in
+ihrem einsamen nächtlichen Heulen.
+
+
+
+
+13. Strix schafft sich einen Sklaven an
+
+
+In der Urwaldecke -- um die alten Eichen herum -- traf man eine Menge
+hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem Neuwuchs an.
+
+Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die _kleinen_ Eulen,
+deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre
+Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.
+
+Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes,
+wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und
+machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam
+Fleisch von ihrem Fleisch und redeten _ihre_ Sprache.
+
+Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine
+Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die
+Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das
+Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den
+schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von
+den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern
+Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische
+Sprachenverwirrung.
+
+Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte
+Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und
+Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit geboren, sich in mehrere
+Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht
+alle aus diesen Familien bringen es gleich weit -- und nur ein einzelner
+alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen!
+
+Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter
+der Tribüne dem Vortrag eines solchen »Professors« beigewohnt. Das
+meiste klang in Strix' Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein
+paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und
+machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise
+in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute
+hören.
+
+Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren
+Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer
+Zunge, nur weicher und sanfter.
+
+Von ihnen sagte sie auch, daß sie _zwitscherten_.
+
+-- -- --
+
+In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben
+war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte,
+suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.
+
+Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit
+blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten
+hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann,
+und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten
+jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank
+in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mußte,
+nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglühter
+Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um sich schlug -- da
+hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenüber äußerst
+angenehm gemacht.
+
+Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie
+Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten kröpfen,
+während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine Kropftaube um
+sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre Aufwartung zu machen.
+Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt gefühlt, sich näher mit ihr
+einzulassen.
+
+Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem
+Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut
+reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt
+durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer
+schwer zu fangen -- da nahm Strix eine überraschend blutige Rache. Sie
+tat es nicht bewußt, _das_ muß man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus
+Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen Magens.
+
+Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen
+plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht
+auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen
+Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen.
+Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr
+gewesen.
+
+
+Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber!
+
+Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen.
+
+Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt
+dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die
+haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind
+steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm.
+
+Sie ist keine große Eule mehr.
+
+Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr
+die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind
+so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang
+erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist
+zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt
+einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner
+vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterblätter.
+
+Strix ist abgelebt -- die Greisin der Einöde heult aus dem letzten Loch.
+
+-- -- --
+
+Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr.
+
+Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden. Jeden
+Augenblick sträuben sich ihre Hörner, und die Augen öffnen sich; dann
+erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hört sie die
+große Botschaft, die das Märzsausen und die Aprilschauer verkünden.
+
+Aber was geht das sie an -- und sie lauert wieder in sich hinein ...
+
+Bis neue Botschaften so überaus stark werden, daß sie in ihrem Ohr
+rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber Zitronenfalter, der in
+einem Spalt überwintert hat und während eines Sonnenstreifens durchaus
+hinaus will, oder auch nur die Fäden in einem Kokon, die während der
+unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe zu bersten anfangen.
+Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhörbaren Laute dringen auf sie
+ein und wecken sie ununterbrochen.
+
+Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hämmert und
+pocht, es beißt und nagt, sie muß aufbrechen und sich auf den Rand des
+Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen.
+
+Die bisher so weiße Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie
+sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es
+plätschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weiße mehr und
+mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos.
+
+Bläulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von
+Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald
+schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr
+und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an.
+Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit
+ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als läge ein großer
+Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fährt deswegen
+herum und stemmt die Rückenflosse gegen die Eiskruste -- überall
+entstehen Risse und gurgelndes Geräusch.
+
+Dann fangen die Hügelwände von ihrem Baum an zu glucksen; kleine
+Rinnsäle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, stürzen sich
+kopfüber den Abhang hinunter und bohren sich in den Talboden. Es summt
+da unten, es singt, es braust es strömt -- ein Wildbach ist plötzlich
+entstanden.
+
+Winzig kleine, grüne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der
+Lichtung zwischen den Bäumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her
+schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grünes, sie kann schon
+Blätter sehen ... der welke Wald legt wieder sein Frühlingskleid an!
+
+Und während die Tage dahingehen, fährt eine Redseligkeit in alle die
+Strandvögel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich
+auszudrücken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann
+eines Morgens hört sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen
+sind. Das sind alle die Zugvögel, Drossel und Holztaube, Star und
+Rotkehlchen, die heimgekehrt sind.
+
+Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben viel
+gesehen, sie haben Eindrücke gesammelt und können erzählen -- und alle
+lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke, diesen
+unermeßlichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen zundrigen
+Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das reiche
+Insektenleben, das die modernen Wälder der Gegenwart nicht zu bieten
+vermögen.
+
+Ein ohrenbetäubender Spektakel erfüllt die Luft. Es heult und pfeift, es
+tutet und schreit ... Strix muß wieder hinab in ihr dunkles Loch; übel
+ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es hier
+oben.
+
+Und die Laute strömen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber es
+sind auch einige tief empörte und gehässige darunter, einige, die Fang
+und Schnabel ahnen lassen, obwohl sie von winzig kleinen Singvögeln
+abstammen. Strix hört sie, faßt sie auf und läßt sie durch sich
+hindurchspülen, ohne sie auch nur mit einem Gedanken zu verfolgen --
+dies alles ist ja nur der gewöhnliche Weltrummel!
+
+
+Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend!
+
+Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwölbung der Buchen
+singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der große, rote Frühlingsmond
+hängt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Während die
+Dämmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vögel
+dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel.
+Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und
+überall -- Pan bläst: der Zapfenstreich geht durch den Wald.
+
+Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen.
+
+Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprüche. Aber die
+Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beißen, und die Flügel,
+die ihr mühseliges Sichhinaufschleppen zu unterstützen pflegen, lassen
+sich nicht heben. Die Kräfte haben sie plötzlich ganz verlassen.
+
+Sie ist trübselig, die alte Strix.
+
+Während sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen Stamm
+abmüht, klagt sie vor sich hin.
+
+Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho--o--o, das andere Lenzabende
+gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der Paarungslust, mit
+verheißungsvollen breiten Flügeln und einem Übermaß von Kraft, nein es
+ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur bis ins Unendliche
+wiederholt, eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit,
+oder möglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe.
+
+Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel Ähnlichkeit mit den
+Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem
+kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im
+Walde herumgeflogen ist. Er gehört zu der Rasse +asio otus+ und ist
+auch eine Horneule mit sich sträubenden Federbüscheln und gelben
+Kugellichtern; aber das ganze Persönchen ist keine drei Käse hoch,
+und Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem
+Federklumpen zusammenrollen.
+
+Trotz seines eifrigsten Suchens hat _Glip_ -- so heißt die kleine
+Horneule -- kein Weibchen finden können, und dies Unglück ist ihm nun im
+dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr aufgelegt zu freien, und
+sei es auch um seine alte Großtante!
+
+Der Grund für seinen beständigen Mißerfolg liegt auf der Hand:
+
+Die Zeit der Bedrängnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten
+hat, beginnt nun auch für die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer
+stärkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre
+Waldestiefe und haut ihre hohlen Bäume um.
+
+An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu!
+
+Die Vorliebe für Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von
+dem, was die Menschen das _Nutzwild_ nennen, ist verschärft, kein
+Raubvogel, er mag noch so klein und unschädlich sein, ist mehr sicher.
+
+Das mögen die Götter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf
+ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen, so ist es Glip. Er
+kann mit gutem Gewissen behaupten, daß er weder zu bescheiden, noch zu
+unnatürlich wählerisch gewesen ist. Aber Verhältnisse, über die er, wie
+erwähnt, nicht Herr ist, haben ihn zum Verzicht gezwungen.
+
+Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht für ihn aus. Es
+war ihm gelungen, einen jungfräulichen Vogel zu finden, ein ganz freies,
+ungepaartes Eulenfräulein. Es bewarben sich freilich noch dreizehn
+Herren außer ihm um sie, aber was machte das -- der Schatz war ja da.
+Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen würde.
+
+Es war drüben auf der andern Seite der Förde, draußen in einem dichten
+Tannenwald, wo er die Schöne traf. Sie saß in einer kleinen Tanne, und
+die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her.
+
+So war auf alle Fälle die Sachlage am Tage.
+
+Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter, da
+kämpfte man wie die jungen Hähne und umschwärmte die Zuckertaube wie
+zudringliche Fliegen, so daß sie zu nichts in der Welt mehr Frieden
+hatte.
+
+Leider lenkte der Förster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise seine
+Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an, die,
+ermattet von den nächtlichen Ausschreitungen, in sich selbst versunken
+da saß wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief gesträubten
+Hörnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein weißes
+Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann,
+späterhin am Tage, ertönen kleine, kurze Schüsse -- und einer nach dem
+andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenüber von dem Zweig herab.
+
+Der Förster war schleunigst zurückgeradelt und hatte sein Tesching
+geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache,
+wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule,
+die mitten in dem Klumpen saß, nicht zu treffen, würden die andern schon
+festsitzen wie die Kletten.
+
+Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer
+glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenüber, und nun zerstob der
+Rest in alle Winde.
+
+Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bäume von oben bis
+unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf
+Paare an, die in glücklicher Ehe lebten, mit Kindern bis über die Ohren.
+Wohl strengte er sich an, hier, wenn möglich, Eindruck zu machen, war
+sowohl äußerst grob wie auch äußerst liebenswürdig. Aber er erreichte
+nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein
+aufdringlicher Kavalier!
+
+So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen betrogen.
+
+In diesem Frühling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit und
+breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Töne erklingen lassen. Bei
+jedem glücklich brütenden Paar, von dem er gehört hat, ist er offen und
+mit Gewalt eingebrochen ...
+
+In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art gegeben,
+und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weißblanke, zertrampelte
+Eier. Glip hat aus dem Wege räumen wollen, um später entführen zu
+können, aber er ist überall der Kleine geblieben und hat mörderliche
+Prügel bekommen.
+
+Da lächelt ihm endlich eines Abends das Glück; er ist plötzlich auf
+seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoßen.
+
+Er spitzt die Ohren --!
+
+Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein
+ungepaartes. Das kann er an der Weise hören, wie sie ruft. Er kauert
+sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurück ... hu, hu, hu,
+hu!
+
+Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort.
+
+Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr
+freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort
+bekommt er doch -- und er ist ja nicht verwöhnt.
+
+Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es währt auch nicht lange,
+bis er ausfindig gemacht hat, daß seine vermeintliche Anbeterin unten in
+dem Bauch der großen Eiche sitzt.
+
+Mit schnellen, weichen Flügelschlägen ist er dort.
+
+Er erreicht das große Eingangsloch unter eifrigem Scharren und Kratzen
+seiner Fänge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von Ho-Rufen
+gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht er -- so
+daß ihm einen Augenblick der Atem ausgeht -- ein paar rote Lichter unten
+auf dem Grunde funkeln. Er begrüßt sie mit Kaskaden seines wildesten
+Geheuls.
+
+Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest, das
+kann er hören; sie wühlt da unten herum und legt die Unterlage zurecht
+-- und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklärung zu bringen: ein
+trocknes -- und knorrenloses Reis.
+
+Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch -- eine schwache
+Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit
+hinabwagen, daß sie ihn fassen kann, da hätte sie doch endlich einen
+Bissen.
+
+Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge der
+Engigkeit des hohlen Baumes die Größe des alten Uhus nicht erkennen
+kann, faßt die Ablehnung des Reises als ganz selbstverständliche
+Sprödigkeit auf. Sie verlangt natürlich mehr!
+
+Da fängt die kleine Horneule an, sich mit Mäusen für Strix einzustellen.
+Sie macht große Augen und entreißt ihrem verliebten Anbeter die ersten
+leckern Fleischstücke; er hätte sie ja für den eigenen Schnabel
+bestimmen können -- und sie beeilt sich, ihm zuvor zu kommen. Sie
+kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf, sobald er sich
+zeigt -- und der verliebte Bursche kann so vielem Entgegenkommen nicht
+widerstehen.
+
+Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natürlich nur gerade
+vor das Eingangsloch -- und ein ganzes Ende von Strix entfernt. Es will
+ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art Ungeheuer, aber gleich
+darauf macht ihn die Liebe wieder blind.
+
+Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen.
+Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer,
+Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße
+alte Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz
+bange machten, wenn er in sie hineinstarrte -- siehe, das sind ja in
+Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen
+Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als
+wolle sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt
+daher, weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst,
+er umfaßt alles, alles -- um Einen und hinter Einem!
+
+Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf
+bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins
+Ohr zu tuten!
+
+Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch
+hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen
+Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten
+Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig
+und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder
+und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren
+Federhörnern hinaufgleiten läßt.
+
+Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur,
+auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.
+
+Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen
+Raubzügen.
+
+-- -- --
+
+Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen
+Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der
+Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie
+auf und ab, ab und auf schweben sehen.
+
+Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber
+wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja
+zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen, und dann stimmen sie ein
+sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit.
+Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er blitzschnell auf sie ein -- er
+zielt auf die zunächst fliegende und schlägt die Fänge in der Luft um
+sie zusammen.
+
+Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist leider
+nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande
+darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix' kleiner, dummdreister
+Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im
+Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der
+Sperber auftaucht, -- nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur des
+Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen
+Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen,
+da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht.
+Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann -- ihr
+Sklave ist ein tüchtiger Sklave!
+
+Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er
+muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im
+Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast,
+gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam
+genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald
+ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter
+Vögeln her.
+
+So überraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhüter, als er im
+Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine
+Eule an ein Nestloch anklammert und hineinguckt, aber die alten Dohlen
+umflattern das Nest.
+
+Der eine von den Waldhütern will sich bücken und einen Stein aufnehmen,
+aber der andre hält ihn zurück.
+
+-- Nein, laß das, Pist Lak! Bedenke, wie es »Vogel« erging ... es bringt
+immer Unglück, wenn man eine Eule totschlägt.
+
+Glip läßt sich nicht im mindesten stören. Mit der einen Klaue greift er
+in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix.
+Zehn Minuten später ist er wieder bei dem Nest -- eine nach der andern
+holt er alle die jungen Dohlen.
+
+Sie kamen durch einen Unglücksfall ums Leben -- so etwas geschieht auch
+tagtäglich im Walde!
+
+Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendämmerung läßt er
+sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das
+Holzwerk. Dann glauben die Jungen, daß es die Starenmutter ist -- sie
+stecken den Kopf heraus, und -- wupp hat Glip sie im Nacken gefaßt.
+
+Es gehört etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen --
+aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl bald!
+
+Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem großen,
+gefürchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck, der Tag
+und Nacht gefüttert werden muß. Es wird Glip schwer, alle die kostbaren
+Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermüden -- und läßt nach
+in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in den Weg kommt und
+bringt Frösche und Kröten statt warmer, leckerer Spatzen. Strix muß ihre
+schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben und Eidechsen, Schlangen
+und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem warmen Abend wird ihr sogar
+eine dicke, schleimige Waldschnecke präsentiert.
+
+Es wird Strix schwer, den schwarzen Kloß zu verschlucken, und sie rollt
+schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten Lichtern,
+obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverächter gewesen ist.
+
+
+Es ist leicht, das Ende vorauszusagen --:
+
+Eines schönen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen ist,
+erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, daß er ein Sklave war. Da
+hob er die Verlobung auf -- und machte sich aus dem Staube.
+
+
+
+
+14. Strix Bubos Tod
+
+
+Glip kehrte nicht wieder.
+
+Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fraß bekommen, sie ist
+matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im
+stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche
+kriecht sie auf dem Bauch zusammen.
+
+Sie ist halb von Verstand, hat fortwährend Visionen und sitzt da und
+heult ihren eigenen Namen.
+
+Schu--hu! seufzt sie ... Schu--hu!
+
+-- -- --
+
+Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben,
+lebensmüde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon längst
+ein Fremdling in der Zeit gewesen.
+
+Sie haßt die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lärm und den Überfluß an Menschen
+überall; sie trägt Urzeit in sich, und der sind die Menschen entwachsen.
+
+Das dumpfe Brummen des Bären, das Gebrüll des Elchhirsches, das Heulen
+des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das waren
+Laute, die für sie paßten. Sie hat dasselbe Wilde und Dämonische in
+ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verständlicher Sprache
+geantwortet.
+
+Sie sind dahin, alle die ursprünglichen Mitgeschöpfe ihrer Sippe, sie,
+in denen, o wie in ihr, das Großzügige wohnte. Die Menschen haben sie
+genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an ihre Stelle
+gesetzt.
+
+Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre.
+
+Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind, wie
+das Gewitter über die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und gehofft,
+gekröpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergötzt. Dann kamen andre
+Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flüchten und
+wandern müssen, wo sie kaum eine Maus für ihren Schlund hat finden
+können.
+
+Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger
+Nebelschleier vor fernen Wäldern; sie weiß, die Wälder liegen dahinter
+-- viel mehr weiß sie nicht.
+
+Das Leben ist dahingeschwunden -- für Strix wie für den Eichenriesen,
+in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist plötzlich zu etwas
+unfaßlich Kurzem zusammengeschrumpft.
+
+Auf einmal zuckt sie zusammen -- ihre matten, ausgebrannten Lichter
+werden so groß wie Teetassen.
+
+Da senkt sie die Hörner und wirft den Kopf zurück und bewegt den
+Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf
+mich zu!
+
+Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ...
+
+Sie sieht, wie damals, als sie eben flügge geworden und auf dem Zweig
+saß, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen
+Kante und gleicht einer Rieseneidechse, -- selbst der Schwanz fehlt
+nicht.
+
+Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich
+sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefällt hat.
+
+Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstörer, der Mensch, dem sie nie
+hat widerstehen können, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das
+Lebensglück mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnstätten vernichtet,
+ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat.
+
+Sie wird blutgierig und böse, sie fühlt die Wildheit wie mit der
+Unbändigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlägt ihre Fänge in
+den Kopf und den Hals des Menschen.
+
+Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu kröpfen; aber plötzlich kommt
+es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren
+Schlund hinunter will.
+
+Todesschwindel hat Strix schon längst befallen, sie haut und zerrt in
+dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn über und liegt auf der Brust,
+sie streckt die eingeschrumpften Fänge nach hinten unter sich, rüttelt
+mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf
+und zu, während sie mit bebenden Flügeln das Leben von sich abschüttelt.
+
+
+Der Herbst verging und der Winter kam --
+
+Und neue welke Blätter; neue zundrige Erde und Wurmmehl aus der alten
+Eiche sickerten herab und füllten den hohlen Boden aus. Strix' irdische
+Überreste wurden zugedeckt wie die so manch eines andern Vogels, denn
+hier in den hohlen Stamm der Eiche hatte sich im Laufe der Zeiten die
+Fauna des Waldes zurückgezogen, um in Frieden den Strohtod zu sterben.
+Schicht auf Schicht lagen die Skelette übereinander, wie auf einem
+überfüllten Friedhof, wohlbewahrt von der Eichensäure.
+
+Da waren Skelette von Fledermäusen und Mardern und Spechten, von andern
+großen Uhus lange vor Strix, von Eichhörnchen und Sperbern und von einer
+kleinen, goldbusigen Frau Meise mit einem großen Loch im Kopf.
+
+Eine ganze Geschichte des Waldes lag hier als Mumien aufbewahrt.
+
+Aber als das Beben des Lenzes von neuem herannahte, als der brandgelbe
+Zitronenfalter sich anschickte auszufliegen, ließ sich eines Abends
+eine kleine Horneule in den hohlen Stamm hinab. Sie setzte sich in
+Balzstellung, fegte mit dem Schwanz und ließ die Flügel schleppen.
+
+Er benahm sich ganz, als sei er hier zu Hause, näherte sich aber doch
+nur mit einer gewissen Vorsicht dem unheimlichen Dunkel auf dem Boden.
+Lange saß er da, reckte den Hals und starrte hinab.
+
+Da erschien die entzückendste kleine Chinesin von einer Eule mit langen,
+gesträubten Hörnern, flachem Antlitz und schiefen, zwinkernden Augen
+oben im Eingang -- und die kleine Horneule wurde Feuer und Flamme.
+
+Er ließ sich schnell entschlossen hinabplumpsen --
+
+Es war leer in dem Stamm!
+
+Da scharrte er wie ein Hahn und gluckste seine kleine Henne hinab, und
+beide machten sie sich nun auf das eifrigste daran, das Loch mit Reisern
+zu umkränzen.
+
+Und dann, eines schönen Tages, lagen fünf kleine, kugelrunde,
+kreideweiße Eier und leuchteten in der Dunkelheit wie mit Phosphorglanz.
+
+Sie ruhten so sicher und ließen sich so leicht ausbrüten -- sie lagen
+auf einer alten, weichen Matratze -- -- --
+
+Glip hatte glücklich eine Frau gefunden.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+
+1. Das Ohr des Waldes 1
+2. Männchen und Junge 9
+3. Der geflügelte Wolf 30
+4. Das neue Gelege 41
+5. Strix und die Menschen 53
+6. Winterleben im entlegenen Walde 69
+7. Der neue Wald rückt vor 85
+8. Auf der Heide 98
+9. Im Kampf mit einem Adler 119
+10. Der Leuchtturmwärter 130
+11. Klein-Taa 149
+12. Zurück 157
+13. Strix schafft sich einen Sklaven an 170
+14. Strix Bubos Tod 186
+
+
+ [Illustration: Verlagssigel]
+
+_Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig_
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+Druckfehler:
+
+mit den vielen eingetrockneten Blut- und Fleischüberbleibseln
+ _mit dem vielen_
+Die Fledermäuse heben sich noch wie Möwen
+ _Möven_
+und guckt in die Wipfel hinauf
+ _in der Wipfel_
+Ihr scharfer Blick
+ _charfer_
+Uf schwelgte und schmatzte
+ _schmatze_
+Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix
+ _denckt_
+Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt
+ _Er sitzt_
+Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe
+ _»krasselt«: dänisches Wort?_
+mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf
+ _hocher / hobenem (als ob zwei Wörte am Linienende)_
+Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt
+ _sei ihrem Ausfall_
+feiern aufs neue einen Triumpf
+ _Originaltext ungeändert: Triumf oder Triumph?_
+Über die See
+ _Uber_
+Er gehört zu der Rasse +asio otus+
+ _Originaltext ungeändert: richtige Form +Asio otus+_
+fünf kleine, kugelrunde, kreideweiße Eier
+ _kreideweise_
+
+Unsichtbare Satzzeichen:
+
+und die Federn stehen Uf um die Ohren[.]
+Das schützende Versteck ... ist umgerissen[,] liegt bunt durcheinander
+sitzt sie wie in einem hohlen Stamm[,] nur daß er ganz eng ist
+Es ist Jagd im Tierwald[,] dem letzten
+voll Schlüpfen in der Pfote[,] Springen im Lauf und
+hängt sie vor Strix[,] sie siedet wie ein Teekessel
+streicht sie dahin, quer zum Winde[.]
+Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ..[.]
+sie begreift nicht[,] warum das Glück
+fliegen hin und her[,] während
+wo früher Wildnis herrschte[.]
+der Zapfenstreich geht durch den Wald[.]
+Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ..[.]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
+***** This file should be named 19530-8.txt or 19530-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/5/3/19530/
+
+Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/19530-8.zip b/19530-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..290c6ee
--- /dev/null
+++ b/19530-8.zip
Binary files differ
diff --git a/19530-h.zip b/19530-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..869abcc
--- /dev/null
+++ b/19530-h.zip
Binary files differ
diff --git a/19530-h/19530-h.htm b/19530-h/19530-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..c3ce097
--- /dev/null
+++ b/19530-h/19530-h.htm
@@ -0,0 +1,6904 @@
+<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN">
+<html>
+<head>
+<title>Strix</title>
+<meta http-equiv = "Content-Type" content = "text/html; charset=UTF-8">
+
+<style type = "text/css">
+
+/* standard styles */
+
+body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;}
+
+hr {width: 80%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;}
+hr.mid {width: 50%;}
+hr.tiny {width: 20%;}
+
+em {letter-spacing: .25em; font-style: normal; font-weight: normal;}
+a.plain {text-decoration: none;}
+
+h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; font-style: normal;
+font-weight: normal; line-height: 1.5;
+margin-top: .5em; margin-bottom: .5em;}
+
+h1 {font-size: 200%; letter-spacing: .4em;}
+h2 {font-size: 150%; letter-spacing: .4em;}
+h3 {font-size: 125%; letter-spacing: .3em;}
+h4 {font-size: 115%; letter-spacing: .3em;}
+h5 {font-size: 100%; letter-spacing: .2em;}
+h6 {font-size: 90%; letter-spacing: .1em;}
+
+p {margin-top: .5em; margin-bottom: 0em; line-height: 1.2;}
+
+p.illustration {text-align: center; margin-top: 1em; margin-bottom:
+1em;}
+
+/* tables */
+
+table {margin-left: auto; margin-right: auto; margin-top: 1em;
+margin-bottom: 1em;}
+
+td {vertical-align: top; padding: .1em .5em;}
+
+td.number {text-align: right;}
+
+/* two-line TOC */
+
+td.chapnum {text-align: center; font-size: 90%; padding-top: .5em;}
+td.chapname {font-size: 95%; font-variant: small-caps;}
+
+.hidden {display: none;}
+.invisible {visibility: hidden;}
+
+/* text formatting */
+
+.chapter {margin-top: 4em;}
+.section {margin-top: 2em;}
+.space {margin-top: 1.5em;} /* for this doc */
+.nospace {margin-top: 0em;}
+
+.smallroman {font-size: 0.8em;}
+.smallcaps {font-variant: small-caps;}
+.extended {letter-spacing: 0.5em;}
+.sans {font-family: sans-serif;}
+.ital {font-style: italic;}
+.boldf {font-weight: bold;}
+.latin {font-family: sans-serif; font-weight: bold; font-size: 95%;}
+
+ins.correction {text-decoration: none; border-bottom: thin dotted red;}
+
+.pagenum {position: absolute; right: 5%; font-size: 95%;
+font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right;
+text-indent: 0em;}
+
+.mynote {background-color: #DDE; color: #000; padding: .5em;
+margin: 1em 5em; font-family: sans-serif; font-size: 95%;}
+
+.contents {font-family: sans-serif; margin-left: 1.5em; text-indent:
+-1.5em;}
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Strix
+ Die Geschichte eines Uhus
+
+Author: Svend Fleuron
+
+Translator: Mathilde Mann
+
+Release Date: October 13, 2006 [EBook #19530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/cover.jpg" width = "389" height = "585"
+alt = "Umschlagsbild" title = "Umschlagsbild">
+</p>
+
+<p>&nbsp;<br>&nbsp;</p>
+
+<h3>Svend Fleuron</h3>
+
+<h1>Strix</h1>
+
+<h4>Die Geschichte eines Uhus</h4>
+
+<p>&nbsp;<br>&nbsp;</p>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/frontlogo.png" width = "114" height = "116"
+alt = "Verlagssigel" title = "Verlagssigel">
+</p>
+
+
+
+<h5>Fünftes bis neuntes Tausend</h5>
+<h5>Verlegt bei Eugen Diederichs Jena / 1921</h5>
+
+<hr class = "mid">
+
+<h5>Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen<br>
+von Mathilde Mann</h5>
+
+<p>&nbsp;<br>&nbsp;</p>
+
+<h6>Alle Rechte insbesondere das<br>
+Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vorbehalten.<br>
+Copyright 1921 by Eugen Diederichs Verlag in Jena</h6>
+
+<hr class = "chapter mid">
+
+<p class = "mynote">
+Das Inhaltsverzeichnis erschien am Ende des Buches.
+</p>
+
+<h4>Inhaltsverzeichnis</h4>
+
+<table summary = "Inhaltsverzeichnis">
+<tr>
+<td></td><td></td>
+<td class = "number">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">1.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap1">Das Ohr des Waldes</a></td>
+<td class = "number">1</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">2.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap2">Männchen und Junge</a></td>
+<td class = "number">9</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">3.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap3">Der geflügelte Wolf</a></td>
+<td class = "number">30</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">4.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap4">Das neue Gelege</a></td>
+<td class = "number">41</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">5.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap5">Strix und die Menschen</a></td>
+<td class = "number">53</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">6.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap6">Winterleben im entlegenen
+Walde</a></td>
+<td class = "number">69</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">7.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap7">Der neue Wald rückt vor</a></td>
+<td class = "number">85</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">8.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap8">Auf der Heide</a></td>
+<td class = "number">98</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">9.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap9">Im Kampf mit einem Adler</a></td>
+<td class = "number">119</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">10.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap10">Der Leuchtturmwärter</a></td>
+<td class = "number">130</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">11.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap11">Klein-Taa</a></td>
+<td class = "number">149</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">12.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap12">Zurück</a></td>
+<td class = "number">157</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">13.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap13">Strix schafft sich einen Sklaven
+an</a></td>
+<td class = "number">170</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class = "number">14.</td>
+<td><a class = "plain" href = "#chap14">Strix Bubos Tod</a></td>
+<td class = "number">186</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+<hr class = "chapter mid">
+
+<span class = "pagenum">1</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap1" id = "chap1">1. Das Ohr des
+Waldes</a></h4>
+
+
+<p>In der fernen Tiefe der großen Föhrdenwälder, wo sich Licht- und
+Schattenbäume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hügelzug steil
+empor.</p>
+
+<p>Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so daß die
+Morgensonne seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint,
+während die Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen.</p>
+
+<p>An der Nordseite des Hügels, ganz hart an der Wand, steht zwischen
+Dornen und Gestrüpp eine alte, abgestorbene Eiche.</p>
+
+<p>Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Koloß von Baum; jetzt ist sie
+hohl &mdash; der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so daß
+gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist.</p>
+
+<p>Es riecht säuerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken.</p>
+
+<p>... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und
+frißt, was die Zeit vor ihr übriggelassen hat.</p>
+
+<p>Ungefähr in halber Höhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche
+nach dem Moore zu, gähnt ein großes Loch aus dem Bauch des Baumes
+hervor.</p>
+
+<p>Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der
+Öffnung.</p>
+
+<p>Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt
+ist, wie der Hügel selbst&nbsp;&mdash;: die westliche Wand
+<span class = "pagenum">2</span>
+bekommt Morgensonne, die östliche Abendsonne, während die hintere Wand
+nie den Schimmer eines Strahles erhascht&nbsp;&mdash; sitzt ein
+riesengroßer Vogel, und je nachdem die Sonne ihren Weg über den Himmel
+geht, rückt er aus dem einen Schatten in den andern.</p>
+
+<p>Es ist ein Nachtraubvogel&nbsp;&mdash;: ein großer, braungefiederter
+Uhu!</p>
+
+<p>Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwählt:
+hier sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von draußen
+her über den See hereindringt, fährt zwischen den Hügelwänden hin und
+her und bis zu ihm in das Loch hinein.</p>
+
+<p>Es ist ein dickes, kräftiges Uhuweibchen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sein Kopf ist so groß wie der der größten Wildkatze, nach vorn zu
+flach abgeschnitten, so daß er das schönste Gesicht bildet.</p>
+
+<p>Der Schnabel ist stark und gekrümmt, und die Schneiden sind so scharf
+wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen
+ein Stück Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch &mdash; und sie haben
+selbst die Schenkelknochen eines zähen, alten Hasen
+durchgeschnitten.</p>
+
+<p>Er<em> fängt</em> kein Tier, dieser große Uhu &mdash; er<em>
+schlachtet</em>&nbsp;es!</p>
+
+<p>Von den gelben Schnabelrändern steht ein Kranz von Federn wie ein
+brausender Schnurrbart ab. Er trägt sein Teil dazu bei, auf humane und
+rücksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu führen, wenn es im Kampf um
+sein Leben versucht, sich ein Urteil über den großen Schlund seines
+Gegners zu bilden.</p>
+
+<p>Der Schlund ist enorm &mdash; aber erst wenn der Uhu ihn öffnet, kann
+man es sehen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">3</span>
+Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den
+Ohren; sie erschließen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den
+verhältnismäßig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem
+eine ganze Stallratte verschwinden kann.</p>
+
+<p>Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlöcher, die ungeheuer sind im
+Verhältnis zu ihrer Größe bei andern Vögeln, sind die Federn sinnreich
+geordnet, so daß sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die
+Schallwellen anschlagen können.</p>
+
+<p>Das Gehör der großen Eule ist denn auch so fein, daß sie hören kann,
+wie die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden
+Flügelschlag des Nachtfalters hört sie!</p>
+
+<p>Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel
+eines Luchses, zwei wehende Federbüsche in die Höhe.</p>
+
+<p>Aber die Augen sind doch das Furchteinflößendste in diesem Gesicht!
+Sie sind prachtvoll gelb mit rötlichem Außenrand; die Eule kann
+gleichsam Feuer und Blut dahineinlegen, sie glühen und Funken sprühen
+lassen, so daß das Opfer gelähmt wird, wenn es seinen Blick plötzlich
+fängt.</p>
+
+<p>Sie ist so groß, daß sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie über die
+Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht &mdash; einer
+Wolke, die schwarz ist und an den Rändern sonderbar faserig! Ihr Körper
+ist wie der einer Gans, und ihre Stärke gibt der eines Königsadlers
+nichts nach. Sie hat Flügel wie Schaufeln und so muskulöse Schenkel wie
+nur ein Fuchsrüde; die können ihren nächtlichen Wanderungen über den
+Waldboden Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fängt, Feuer verleihen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">4</span>
+Ihre Fänge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen,
+sind fingerdick, und wenn sie sie völlig ausspreizt, haben sie fast die
+Spannweite einer Männerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen
+schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle,
+sichelförmige Kralle, wie ein kleiner türkischer Krummsäbel hervor.</p>
+
+<p>Sie sitzt förmlich in Daunen und Federn&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Dämmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die
+Nacht hat ihr mit schwarzem Pinsel über Flügel und Rücken gestrichen.
+Längs der Mitte der dicken, breiten Brust läuft ein weißlicher Strich,
+der sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das
+einzige wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den
+Glanz des Tages, an das Licht der Sonne &mdash; ganz will es sie doch
+nicht lassen.</p>
+
+<p class = "space">Es ist sonnenwarm und mitten am Tage&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken über ihrem
+Stand, die langen Schwungfedern gleich einem wärmenden Unterrock über
+ihre Fänge gebreitet.</p>
+
+<p>Der große, runde Kopf mit den mächtigen Federbüscheln ist ganz nach
+dem Leib herabgezogen &mdash; dadurch erhält das Gesicht etwas
+mürrisches, unzugängliches.</p>
+
+<p>Wie ein großer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor.</p>
+
+<p>Die Finken können piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch
+unter ihrem Baum schreien &mdash; sie hört es nicht! Kläfft aber ein
+Hund in weiter Ferne, ertönt das Rollen eines Wagens oder der Klang
+einer Axt &mdash; gleich zittert es in den Federbüscheln, sie sträuben
+sich drohend wie Bockshörner auf ihrem
+<span class = "pagenum">5</span>
+Kopf, werden nach und nach zu Hängeohren wie an einem melancholischen
+Schwein, um sich schließlich hintenüber zu legen, ganz an den Hals
+herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd.</p>
+
+<p>Draußen über dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so
+sonnenweiß da draußen, so voll von Tag und Leben.</p>
+
+<p>Feuerglänzende Stechfliegen treten plötzlich in die Erscheinung,
+stehen einen Augenblick still und glühen &mdash; und verschwinden dann
+wie Sternschnuppen in den Schlagschatten. Große, schimmernde Libellen
+schwirren schaukelnd über den Wasserspiegel, schrauben sich im
+Spiralflug empor und fahren mit jähen Wendungen und unvorhergesehenen
+Bewegungen in Schwärme von Mücken hinein, so daß bei dem schnellen Flug
+ihre steifen, durchsichtigen Flügeldecken knistern.</p>
+
+<p>Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem
+Wasserrosenblatt auf. Gleich Blättern in einer Wolke von welkem Laub,
+das plötzlich vom Winde erfaßt wird, stehen sie über den Erderhöhungen
+hin ... der Staub auf ihren unberührten Schwingen glitzert und leuchtet,
+während sie in lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde
+treiben lassen, bis sie sich schließlich paaren, je zwei und zwei.</p>
+
+<p>Da mischt sich ein Flug weißer Schmetterlinge mit den roten und
+bringt Verwirrung in das so glücklich beendete Hochzeitsspiel. Nun
+schweben sie alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln
+ein jeder auf seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen
+auf einmal erblüht!</p>
+
+<p>Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schöpfstellen,
+und nachtschwarze Bläßhühner flattern bullernd über Wassertümpel,
+während taugraue junge Reiher zwischen
+<span class = "pagenum">6</span>
+dem Flimmern des Röhrichtsaums sich in der Geduld und dem Gewerbe des
+Fischens üben.</p>
+
+<p>Es ist Tag da draußen ... es liegt Leben über dem Waldmoor.</p>
+
+<p>Drinnen aber im Baumstamme ist es düster und kalt. Die gefurchten
+Wände, die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und
+die holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von
+Larvengängen und Wurmlöchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich
+angesammelt&nbsp;&mdash; und dicke, wollstrumpfähnliche Spinngewebe, die
+sich in der Zugluft krümmen, verkleiden die Wände der Rinde wie
+geheimnisvolle Vorhänge.</p>
+
+<p>Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und
+zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand.
+Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte
+Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, während ein Bündel
+schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz
+angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals
+machen.</p>
+
+<p>Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche;
+er gönnt ihr den Frieden nicht, sondern fährt fort, sie zu quälen. Wenn
+dann der Baum so recht kläglich ächzt, reckt die Eule sich auf und
+schüttelt sich im Schlaf&nbsp;&mdash; dies Knarren des alten Holzes tut
+ihr so innerlich gut.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch
+zu ihr herein.</p>
+
+<p>Der Laut nimmt zu &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dröhnen von Pfotenklatschen, Ritzen von Krallen, die sich in
+<span class = "pagenum">7</span>
+Rinde bohren, dumpfes Bumsen von losgerissenen Moosfladen, die in das
+Laub unter dem Baume herabfallen, jagen wie Hiebe gegen ihr
+Trommelfell.</p>
+
+<p>Da ist jemand auf dem Wege zu ihr herauf!</p>
+
+<p>Im selben Augenblicke ist die Eule wach.</p>
+
+<p>Es geht schnell zu ihr hinauf im runden Korkziehergang, ganz so, als
+statte der Specht vormittags ihrem Wohnbaum einen Besuch ab. Jetzt ist
+das Geräusch dicht hinter ihrem Rücken; sie hört das trockne Holz des
+Stammes ächzen, und es dröhnt in dem hohlen Baum wie in einer leeren
+Tonne.</p>
+
+<p>Die Eule richtet sich auf und wird zweimal so groß! Sie wirft
+gleichsam die Kissen ab und ihr vorhin so dicker, aufgeplusterter Körper
+wird schlank und lang.</p>
+
+<p>Plötzlich gleitet ein kleines, langgestrecktes,
+schlangengeschmeidiges Raubtier in kastanienbraunem Pelz lautlos durch
+das Eingangsloch&nbsp;...</p>
+
+<p>Da leuchtet es unten aus dem Zunderdunkel wie Zauberglut auf. Ein
+elektrischer Strom, aus Spannung und Erregung geschaffen, entzündet
+magische Funken in den brandgelben Lichtern der Eule, sie sperrt ihren
+mächtigen Schlund auf und gibt plötzlich ein Furcht einflößendes Fauchen
+von sich.</p>
+
+<p>Das geschmeidige Raubtier fährt mit einem Satz zurück; in langen
+Sprüngen jagt es kopfüber am Stamm hinab und verschwindet in wilder
+Flucht.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Der Marder Taa ist der blutdürstigste Räuber des Waldes. Aber noch
+ist er so jung, daß er dergleichen Fehlgriffe begehen kann.</p>
+
+<p>Er hatte gehofft, ein Eichhörnchen in dem hohlen Stamm da
+<span class = "pagenum">8</span>
+oben zu treffen oder doch wenigstens einen kranken, alten Häher.</p>
+
+<p>Jetzt macht er sich schleunigst unsichtbar, ganz verwirrt infolge des
+Irrtums.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Alle Bewohner des Waldes kennen ja den großen, braungefiederten
+Nachtvogel &mdash;<em> den fliegenden Wolf,</em> mit dem menschlichen
+Gesicht und den geradeaus gerichteten Lichtern, die die Macht des
+Blickes besitzen.</p>
+
+<p>Sie ist der Tyrann des Hochwalds, der seine Steuer von allen
+erheischt, von den Hirschkälbern bis hinab zu den Mäusen.</p>
+
+<p>Sie scheuen sie, sie fürchten sie ... Strix Bubo, die große
+Horneule!</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">9</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap2" id = "chap2">2. Männchen und
+Junge</a></h4>
+
+
+<p>Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres
+glücklichen Alters.</p>
+
+<p>Alles, wonach sie greift, fängt sie, und alles, was sie schlägt,
+fällt und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den
+Fängen und einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark.
+Wenn sie nur einen Hasen anrührt, spritzt das Blut gleich aus den zur
+Ader gelassenen Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den
+Jungen, sie besitzt alles, was reizt.</p>
+
+<p>Ihr Jagdgrund ist groß! Sie wohnt hier in den Hochwäldern, ganz am
+Ende der Förde und kann bis zum nächsten Nachbar jagen.</p>
+
+<p>Es sind alte, pfadlose Wälder, voll von Dickicht und sauren
+Erlenmooren, umgestürzte Bäume und herabgewehte Zweige liegen überall
+umher, und überall stehen zunderige, hohle Bäume und knarren. Unter der
+Geißel eines großen Wildbestandes sind die Wälder aufgewachsen: Urwald-,
+Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren
+Stand und haben sich den Winter über kümmerlich im Holz durchgeäst.
+Daher das viele verkrüppelte Eichen- und Buchengestrüpp, daher die
+vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldähnliche Gewirr, das
+einem großen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">10</span>
+Aber der Lärm der Menschen rückt Strix näher und näher. Es werden
+häufiger Bäume im Walde gefällt, neue Menschenwege werden angelegt,
+kleine Steinhaufen und große Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und
+in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl längs des
+Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ändern und tiefer
+in den Wald hineinziehen müssen. Wo die Bäume am höchsten sind, wo der
+Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die härtesten Wunden schlagen
+kann, so daß große Löcher in das morsche Holz kommen &mdash; da ist sie
+immer am besten gediehen.</p>
+
+<p>Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt,
+als auch schon der große Naturzerstörer mit Säge und Axt dorthin gelangt
+ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen,
+denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so
+ergeht, wie der großen Horneule selbst.</p>
+
+<p>Es sind Hirsche und Kahlwild, Hühnerhabichte und Wanderfalken,
+Edelmarder und Wildgänse &mdash; alle fliehen sie vor den Axthieben, vor
+Hundegeläut und Schüssen und vor der scharfriechenden Fährte des
+arbeitstollen Menschen! Die ursprünglichen Bewohner des Waldes weichen
+dieser lärmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen, wo
+sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen
+finden &mdash; in den öden Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen
+Heide-, Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf
+&mdash; sie warten die Nacht&nbsp;ab!</p>
+
+<p><em>Das mächtige Lichtgezücht</em>, das mit dem Tage erwacht und die
+Unruhe, den Lärm, die Veränderung und die
+<span class = "pagenum">11</span>
+Umbildung der Erde und der Natur schafft, die die Tiere scheuen, zwingt
+sie, sich zu verbergen, so lange es rast! Aber des Nachts kehren sie
+zurück zu den alten Stätten, verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf
+schleichenden Läufen über das Reich, das einstmals das ihre war. Die
+Hirsche und das Kahlwild äsen den Roggen der Ansiedler, die Dächse
+tummeln sich in den Saatfeldern, Marder und Fuchs stehlen Tauben und
+Hühner &mdash; und Strix nimmt an Katzen und Ratten, was sie ergattern
+kann! In der Nacht gehört die Erde noch den Tieren!</p>
+
+<p>Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die
+Steinhöhlen der Menschen um die Hochwälder herum, daß stellenweise Tag
+und Nacht eine angsteinflößende Wolke ihres eigentümlichen Geruches
+aufsteigt.</p>
+
+<p>Eines schönen Abends merkt Strix, daß sie um der Nachbareule willen
+gern so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule läßt ihre
+Kampfstimme nicht mehr ertönen, sie muß wohl weiter weg bessere
+Jagdgründe gefunden haben!</p>
+
+<p>Die Nachbareule ist fort &mdash; der große Moloch, das Götzenbild der
+Menschheit: die Zivilisation, hat sie getötet. Der Ausrottungskrieg
+gegen die Stämme des großen Uhus geht seinen fürchterlichen Gang.</p>
+
+<p>In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere
+Weise angreifend vorzugehen.</p>
+
+<p>Auf den Gütern jenseits der Förde tauchen plötzlich große, bunte,
+langschweifige Vögel in Mengen auf.</p>
+
+<p>Es sind Fasanen!</p>
+
+<p>Sie sind in kleinen Feldhölzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst
+im Überfluß vermehren. Es wimmelt von Ihnen am
+<span class = "pagenum">12</span>
+Waldboden und in den Bäumen. Sie sind so fett und gleichgültig, daß sie
+weder laufen noch fliegen mögen.</p>
+
+<p>Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den großen Uhus an;<em>
+hier</em> brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoßen, gleich haben sie
+die Fänge voll Nahrung.</p>
+
+<p>Rings um diese kleinen Gehölze, einladend über Dickicht und Gestrüpp
+aufragend, stehen hohe, schlanke Pfähle aufgepflanzt. Auf der Spitze
+eines jeden liegt &mdash; so recht dazu gemacht, um sich darauf zu
+setzen &mdash; ein kleines strammgespanntes Tellereisen.</p>
+
+<p>Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Männchen.</p>
+
+<p>Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl &mdash; da sind
+keine andern Männchen ihrer Art.</p>
+
+<p>Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betört sie
+fälschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten beständig mit Beute in
+den Klauen fliegt.</p>
+
+<p>Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trägt es solange, bis die
+Federn des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt
+der Fuß ab, und eines schönen Tages fällt er mit Eisen und Fang zu
+Boden.</p>
+
+<p>Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das
+&mdash; &mdash; er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Da thront er neben ihr&nbsp;...</p>
+
+<p>Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie
+einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen großen,
+<span class = "pagenum">13</span>
+braunen Uhu mit Federbüscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer
+Mundspalte, die sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt&nbsp;...</p>
+
+<p>Das ist der einklauige: UF!</p>
+
+<p>Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der
+Adler gewesen &mdash; der letzte Überrest von Tieren, die noch etwas von
+der großen Zeit an sich haben.</p>
+
+<p>Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und
+würgen an ihrem Gewöll. In der Regel schlafen sie gut &mdash; und
+erwachen sie zufällig, so haben sie genug zu tun.</p>
+
+<p>Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald wollen
+die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden, oder der
+Schnabelbart mit <ins class = "correction" title =
+"Original: ‘dem’">den</ins> vielen eingetrockneten Blut- und
+Fleischüberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, daß man ihn
+reinigt und bürstet.</p>
+
+<p>Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die
+possierlichsten Stellungen ein. Uf wird zu einem jämmerlichen Großvater
+in der Nachtmütze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur
+Furie; zu einem wilden Gespenst&nbsp;&mdash; bereit zu kratzen und um
+sich zu schlagen!</p>
+
+<p>Aber zur Frühlingszeit, wenn die Märzstürme den Wald „stimmen“, wenn
+die Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter
+Hast anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hämmern zu beschleunigen, wenn
+die Träume, die sie träumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr
+an, nur zu schlafen und sich zu putzen! Da müssen sie auf&nbsp;&mdash;
+auf und die Hörner sträuben und mit den Flügeln schlagen, während sie
+auf dem Zunder, auf dem sie sitzen, hüpfen und
+<span class = "pagenum">14</span>
+tanzen; da müssen sie schwänzeln und sich kröpfen und hu&mdash;u,
+hu&mdash;u heulen&nbsp;...</p>
+
+<p>Und dann bauen sie ihren Horst.</p>
+
+
+<p class = "space">
+In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge!</p>
+
+<p>Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und häßlich für alle,
+nur nicht für Strix. Der Horst liegt in einer großen Vertiefung unter
+einem alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit
+hinein, so daß man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es
+ist ein ganz vorzügliches Nest, da ist ein Fußboden und da ist ein Dach
+&mdash; auf dem Fußboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im
+Baumstumpf ist die Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhühner und
+Hasen &mdash; und alle Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz kürzlich
+geschlagen. Aber vor dem Baumstumpf ist der Fußboden in weitem Umkreis
+mit Flügeln und Knochen übersät; da sieht es aus wie vor einer
+Räuberhöhle.</p>
+
+<p>Die Jungen sind noch klein. Vor zwölf Tagen erst sind sie aus dem Ei
+gekrochen, und Strix’ einkralliges, altes Männchen sitzt getreulich über
+ihnen, um durch die Wärme seines Körpers den Lebensfunken in ihnen zu
+erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum für den eigenen Bedarf,
+geschweige denn für den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen
+sind schwach &mdash; da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr
+liegt es also ob, alle Vorräte zu beschaffen!</p>
+
+<p>Und sie ist zu allen Zeiten ein kühner Jäger gewesen. Gleich bei
+Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien
+Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenständen ihre richtige
+Größe verleiht, jagt sie am eifrigsten und
+<span class = "pagenum">15</span>
+fängt sie am besten. Da durchsucht sie den Wald, steigt über Mooren und
+kleinen Wiesen auf ... sie rüttelt wie ein Falke auf hastig klappenden
+Flügeln und späht hinab. Während die Holztauben gurren und die Drosseln
+singen, während die Hasen ganz davon in Anspruch genommen sind, auf
+Freiers Füßen zu gehen, während die Wasserhühner in den Moortümpeln sich
+um Männchen und Brutplätze balgen, kürt sie zwischen dem Überfluß und
+macht Beute.</p>
+
+<p>Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf Äcker und
+Heiden, und läßt, während das Tageslicht mehr und mehr Übermacht
+gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wälder weit da draußen
+fangen an zu winken, Anger mit Lämmern und Zicklein kommen verlockend
+nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nähe es
+von Wieseln und Ratten wimmelt.</p>
+
+<p>Rings umher unter ihr ertönt das Kullern des Birkhahns und das
+herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhähne ... abgezehrte und
+abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stöcken von Schwänzen anstelle der
+früher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen
+hat alle Haare mitgenommen.</p>
+
+<p>Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt
+glühende Luft vor ihrem Blick, scharfe, ätzende Strahlen beißen sie in
+die Augen &mdash; und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr
+sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich &mdash; und
+nun blinkt und flimmert und glitzert das Gras.</p>
+
+<p>Da nimmt sie mit dem fürlieb, was sie zwischen den Fängen hat, und
+fliegt schleunigst zurück nach ihrer Behausung, das rote Licht des
+Sonnenaufgangs über den Flügeln.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">16</span>
+So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Dörfern, Birkhühner aus der
+Heide, Hasen vom Felde, Krähen aus dem Walde &mdash; sie müht sich
+getreulich ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden
+Hu-u bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat,
+sträubt er die Hörner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von
+sich &mdash;! Wieder ein Hase! sagt er überrascht in seiner Sprache! ja!
+sie strengt sich&nbsp;an!</p>
+
+<p>Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fängen;
+ihre unheimlichen, halbkahlen Köpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem
+mütterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will
+ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reißt sie ihr weg:
+sie soll nur fangen, nichts als fangen &mdash; &mdash; &mdash;!</p>
+
+<p>Doch Strix läßt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und weiß, daß
+er gern für seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das
+Wild nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zähe Muskeln
+weich; sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren
+heißhungrigen Kleinen in die Schnäbel.</p>
+
+<p>Uf sitzt da und schmollt &mdash;&nbsp;&mdash;: sie soll nur fangen,
+nichts als fangen &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es dämmert ... es ist ein früher Morgen im Mai! Die Fledermäuse heben
+sich noch wie <ins class = "correction" title =
+"Original: ‘Möven’">Möwen</ins> vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten,
+tastenden Schläge, nur ein ganz kurzes Flöten ohne Zusammenhang.</p>
+
+<p>Dann fängt ein Birkhahn draußen am Waldrand an zu kullern und zu
+schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunkönig
+<span class = "pagenum">17</span>
+piepst &mdash; der ganze Wald erwacht und begrüßt den dämmernden Tag mit
+Gesang. Der Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen
+sind zu geschäftig, um zu lauschen &mdash; sie sind ganz davon in
+Anspruch genommen, ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher,
+sie gucken in Astlöcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie
+flattern tief unten über Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen
+Schwänze streifen förmlich an den Kräutern entlang und jagen die
+brütenden kleinen Vögel auf.</p>
+
+<p>Strix ist auf Fang aus! Sie muß in der letzten Zeit immer weiter
+hinaus, die zunächst gelegenen Jagdgründe sind erschöpft.</p>
+
+<p>Von ihren früheren Ausflügen weiß sie, daß dort auf der andern Seite
+des Waldes unter einem mit Gestrüpp bestandenen Abhang eine große Herde
+Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glück
+hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein
+drücken sich neben der Mutter an deren Euter.</p>
+
+<p>Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschütteln: alle
+kleinen Niederungen zwischen den Hügeln stehen in einem Dampf, so daß es
+für Strix ein leichtes ist, die Tiere zu überrumpeln. Keine von den
+vielen, neidischen Krähen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat
+durchfliegen müssen, hat sie eräugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie
+sieht das Gestrüpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich
+niederzustoßen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu
+fangen! Die Beute muß mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in
+den Fängen.</p>
+
+<p>So stürzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht
+aufragt&nbsp;...</p>
+
+<p><span class = "pagenum">18</span>
+Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fänge, so daß
+alle Ziegen spähen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt
+hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewölbe und mit dem Abhang &mdash;
+und die Morgenschläfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In
+völliger Ruhe kann sie ihre Beute auswählen: dasjenige der Zicklein das
+zu äußerst liegt.</p>
+
+<p>Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkümmerten Landrasse,
+ein Zicklein wird sie schon tragen können, wenn sie es nur richtig
+gefaßt kriegt. Geduldig wartet sie den günstigen Augenblick&nbsp;ab.</p>
+
+<p>Auf einmal ist sie da!</p>
+
+<p>Die Fänge bereit, vorn unter der Brust, stürzt sie sich herab. Im
+Vorübersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine
+Ohrfeige, dann paßt sie es so ab, daß sie das Zicklein noch im Fliegen
+packt.</p>
+
+<p>Sie hat es ... sie flattert damit über den Erdboden hin.</p>
+
+<p>Es ist schwer, sie merkt, daß es nicht so recht mit in die Luft
+hinauf will &mdash; es gehört mehr Aufstiegschwung unter die
+Flügeldecken dazu.</p>
+
+<p>Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch
+ihr Kampfgeheul zu den äußersten Anstrengungen. Der Druck unter den
+Flügeln wird stärker. Bald hebt sie es leicht über Gräben und
+Erderhöhungen &mdash; und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanspannung,
+nimmt sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf.</p>
+
+<p>Sie hat die Fänge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in
+dem zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz,
+schlaff hängt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hälfte ihrer Flughöhe
+erreicht hat. &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">19</span>
+An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr
+teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen
+Schwanz von Krähen und kleinen Vögeln hinter sich, schwer durch die
+Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, daß sie die Fänge
+wirklich voll hat&nbsp;&mdash; da vernimmt sie die zärtlichsten
+Liebeslaute seiner alten Kehle: Wap, wap, wap!</p>
+
+<p>Das sind Zeiten für Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell
+genug&nbsp;...</p>
+
+<p>Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerührten
+Tierleichen. Da sind Birkhühner und Rebhühner, Holztauben und Krähen,
+Hasen und Rehkitzchen &mdash; ein unvergleichlich anheimelnder,
+gedeckter Tisch! Die Kleinen können nicht so schnell äsen, wie sie
+fangen kann, aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, daß sie immer einen
+gewissen Überfluß vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung
+erkennen.</p>
+
+<p>Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und
+rundlich ist er geworden, und noch älter und bequemer. Längst hat er
+aufgehört, Kinderwärterin zu sein und hat sich in seine eigene
+Privathöhle zwischen einem Haufen großer Steine zurückgezogen. Aber
+darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der
+Nacht sein flehendes Rufen hört und begreift, daß er leidet, weil er
+seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmäßig
+mit seiner täglichen Nahrung zu ihm hinab.</p>
+
+<p>Dann aber ereignet sich etwas &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie
+heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den
+ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie
+<span class = "pagenum">20</span>
+ab; sie ist in allen Löchern, Spalten, Öffnungen ... nein, die Jungen
+sind weg!</p>
+
+<p>War es der große Zerstörer? War es der Marder? Er, der Marder &mdash;
+&mdash; &mdash; neulich morgens, als sie lange weg war, hat<em> Taa</em>
+die Gelegenheit benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein
+Leichtes für ihn, da sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war
+auch glücklich über die Außenwerke des Horstes gelangt: über die großen
+Reisigpalisaden, den abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und
+Aasteile, aber<em> hinaus</em>gekommen war er nicht wieder so
+glimpflich. Die Jungen hatten ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie
+hatten sich auf den Rücken geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen
+Krallen zerfleischt. Sie hielten ihn noch in ihren Fängen, als sie, die
+Alte, heimkehrte. Sie entriß ihn ihnen und in dem Glauben, daß er tot
+sei, warf sie ihn weit hinaus über den Rand des Horstes.</p>
+
+<p>Aber Taa war noch höchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben
+Rute, die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete
+er sich zwischen ein Gewirr von Knabenkraut.</p>
+
+<p>Ha, der Marder, &mdash; &mdash; nein, diese Baumratte ist es nicht
+gewesen!</p>
+
+<p>Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesänge, er bildet sich
+Orgelpfeifen aus Astlöchern, Flöten aus Rindenspalten und gespannte
+Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tönend etwas
+vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat.</p>
+
+<p>Und Strix nimmt den Trost an &mdash; und vergißt dann schließlich die
+Jungen!</p>
+
+<p><span class = "pagenum">21</span>
+Als sie sich aber im nächsten Frühling auf ihre zwei rauhschaligen,
+runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt
+gesichert: diesmal brütet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten
+Bussardhorst.</p>
+
+<p>Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald.</p>
+
+<p>Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die
+wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden
+Augen.</p>
+
+<p>Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht.</p>
+
+<p>Er hat eine bunte Sportmütze auf dem Kopf und trägt eine dicke,
+blauschimmernde Joppe. Über der Schulter hängt an einem dünnen Bindfaden
+eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen,
+nachlässig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und
+aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten
+Strickleiter.</p>
+
+<p>Der Mann ist Leuchtturmwärter auf einem kleinen Leuchtturm weit
+draußen am Auslauf der Förde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die
+Aufsicht über den Leuchtturm seiner Frau übergeben kann, ist er ein
+eifriger Trapper &mdash; heute ist er auf dem Jagdpfad.</p>
+
+<p>Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist.</p>
+
+<p>Im Frühling durchpflügt er alle Wälder nach Raubvogeleiern und alle
+umliegenden Heiden, Moore und Sümpfe nach andern Vogeleiern. Er begnügt
+sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat
+Verwendung für mehr und nimmt selten weniger als das vollzählige Gelege.
+Im Sommer, wenn die Vögel ausgebrütet haben, findet man ihn wieder;
+jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu
+beschaffen. Er sammelt nicht für sich selbst, sondern für ein
+<span class = "pagenum">22</span>
+paar große Geschäfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufällige
+Liebhaber unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen.</p>
+
+<p>Die Natur soll in die Stube hinein &mdash; tot oder
+lebendig&nbsp;&mdash; aber in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden
+und Bücherschränken, in Naturaliensammlungen der Schulen oder in den
+Glaskästen der Museen erblickt man die letzten Überreste der
+ursprünglichen Fauna des Landes; hier steht sie ausgestopft mit starren
+Glasaugen. Jeder zweite, dritte Vogel, der früher so allgemein war, daß
+er in die Sagen des Landes verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur
+noch eine Sage. Sie werden zu Geld gemacht, sie werden aus den Wolken
+und von den Baumwipfeln herabgeholt, um die Taschen der Leute mit
+klingender Münze zu füllen, der letzte Adler, wie die unverletzlich
+erklärten Störche! Die Menschen wollen die seltenen Exemplare besitzen,
+wollen sie in die Hand nehmen und vorzeigen können.</p>
+
+<p>„Vogelhansen“ oder ganz einfach „Vogel“, wie er genannt wird, hat
+sich sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der
+Hauptgeschäftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener
+unermüdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach
+schlägt &mdash; er ruht nicht, bis er seine Beute in der
+Botanisiertrommel hat.</p>
+
+<p>Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von
+Kindesbeinen an gewöhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als
+Schiffsjunge hatte er in seiner grünen Jugend das Unglück, vom Mast zu
+fallen und einen häßlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was
+ihm in späteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwärterstellung
+draußen am
+<span class = "pagenum">23</span>
+Auslauf der Förde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner
+unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den
+Wipfel der unzugänglichsten Buche hinaufzugelangen.</p>
+
+<p>Im vergangenen Jahr, als er seinen großen Fang hier im Walde machte
+und &mdash; von den schreienden und fauchenden Hähern geleitet &mdash;
+Strix’ zwei possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der
+Nacht zuvor einen Besuch auf ein paar Höfen abgestattet, die in einem
+kleinen grünen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem
+seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im
+Hegemeisterhäuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht,
+daß sich auf dem Scheunenflügel des südlich gelegenen Hofes ein
+Storchennest befand. Das war genug für Vogelhansen. In der Dunkelheit
+der Nacht radelte er die Meile über die Heide und traf um Mitternacht an
+Ort und Stelle ein.</p>
+
+<p>Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf
+einem Bein, den Kopf unter dem Flügel, auf dem Nestrande neben der
+brütenden Störchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen,
+ist ein Leichtes für „Vogel“, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei
+zusammengebaute Flügel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf das
+Strohdach hinaufzuklettern.</p>
+
+<p>Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Räuber,
+namentlich die Störchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest
+fest und will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand über den Rand
+des Nestes zu gelangen. Sie schlägt und hackt ihn in Schulter und Arm,
+so daß seine Kleider lange Risse davontragen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">24</span>
+Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak
+heraus und schleudert der Störchin ein paar gehörige Schüsse ins
+Gesicht. Das hilft &mdash; wenige Sekunden später liegt das Nest offen
+da. Fünf glänzende weiße Eier schimmern ihm entgegen, ein volles
+Gelege!</p>
+
+<p>Schnell zieht „Vogel“ einen seiner Strümpfe aus, steckt vorsichtig
+die Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er
+fängt an zu kläffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezündet und
+einen Augenblick später klappern Holzschuhe über das Steinpflaster.</p>
+
+<p>Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier
+Buchstaben, hält die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die
+Höhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er
+die Leiter, er muß der Sache ihren Lauf lassen &mdash; und wie ein
+Schlitten nach einem Luftsprung saust sein Körper in die Luft hinaus. Da
+hat er das unverschämte Glück, daß der Düngerhaufen sich gerade unter
+ihm befindet: er fällt weich &mdash; in einen großen Haufen Streu
+hinein. Er greift nach seinen Schuhen und nimmt Reißaus über die
+Heide.</p>
+
+<p>Alle Storcheneier waren heil geblieben &mdash; er hatte für seine
+Verhältnisse einen ungewöhnlichen Fang gemacht!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Jetzt ist er wieder hier in der Gegend.</p>
+
+<p>Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis für die Beschaffung
+eines vollen Geleges Eier von dem großen Uhu geboten. Für den Sammler
+gilt es, die Eier zu erlangen, solange der Vogel überhaupt noch
+vorhanden ist.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">25</span>
+Aus seiner Knabenzeit und von seinen späteren zahlreichen Besuchen hier
+ist der kleine Leuchtturmwärter mit sich im Klaren, wo ungefähr er
+suchen muß. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen
+Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in
+immer größeren Kreisen zu durchtraben.</p>
+
+<p>Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm
+muß mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen
+werden, dessen Krücke so gebogen ist, daß sich der Stock schnell in die
+Seitentasche einhaken läßt, wenn „Vogel“ die Hände frei haben will. Er
+klopft an die Stämme und guckt in <ins class = "correction" title =
+"Original: ‘der’">die</ins> Wipfel hinauf, er kratzt an den alten
+Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krücke unter alle
+Wegüberführungen und in die alten, mit Laub angefüllten Fuchsröhren.</p>
+
+<p>Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt &mdash;
+mit gesträubten Hörnern&nbsp;...</p>
+
+<p>Schon aus weiter Ferne hört sie den eigenartigen Gang des Mannes.</p>
+
+<p>Kla&mdash;datsch, klingt es, kla&mdash;datsch,
+kla&mdash;datsch&nbsp;...</p>
+
+
+<p class = "space">
+Als Strix eben flügge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie
+eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging
+auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die
+beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte es
+zurück, strich mit den Vorderpfoten an den Bäumen entlang und spähte wie
+ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, daß es eine
+ungewöhnliche Fähigkeit besaß, die
+<span class = "pagenum">26</span>
+Farbe zu wechseln; bald war der Pelz grau, bald schwarz, bald beides ...
+es war ein Mensch.</p>
+
+<p>Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag
+draußen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das
+Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen
+verschwinden.</p>
+
+<p>Lange Zeit blieb sie draußen sitzen und starrte das Loch an, durch
+das der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung,
+fand sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre
+ganze Neugier.</p>
+
+<p>Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der
+Entfernung zu folgen, sie fürchtete ihn instinktiv, ohne sich erklären
+zu können, weshalb, fühlte sich aber trotz alledem mächtig von ihm
+angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie plötzlich überraschend,
+wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kümmerte sich nur um
+sich selbst. Er knöhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund,
+er quakte im Grunde wie ein großer Frosch.</p>
+
+<p>Nur selten geschah es, daß der Mensch des nachts ausging; geschah es
+aber, so sah Strix, wie er auf seinen nächtlichen Wanderungen durch den
+stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und
+stolperte schwerfällig auf seinen Klumpfüßen und stieß bei jedem Schritt
+ein Stück Ast in die Erde &mdash; kla-datsch klang es, kla-datsch
+&mdash; während es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren
+wimmelte. Alle kannten sie seine Unterlegenheit!</p>
+
+<p>Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand
+nicht zwei Sprünge davon zwischen den Stämmen, der Marder guckte ruhig
+unter einem Stein hervor, und das
+<span class = "pagenum">27</span>
+Stachelschwein trabte in seinen Fußstapfen und schnüffelte an seinen
+klappernden Ballen.</p>
+
+<p>Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehört, ehe er vor ihnen
+stand; alle wußten sie, daß er in der Dunkelheit blind und taub war.
+Stand er aber plötzlich still, so erfaßte die ganze Schar ein Schrecken;
+Strix hörte sie davonstürzen, und sie empfand selbst ein sonderbar
+beklemmendes Gefühl im Halse.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Dasselbe beklemmende Gefühl stellt sich jetzt wieder ein, als sie
+plötzlich das Kla-datschen unter sich hört und den Menschen zwischen den
+Stämmen auftauchen sieht.</p>
+
+<p>Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber was soll sie fürchten?</p>
+
+<p>Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge; noch nie
+haben diese beiden mächtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am
+Mann war; die Fänge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie
+anpacken &mdash; und der Schnabel gibt den Fängen nichts nach.</p>
+
+<p>Und dann hat sie ja die Flügel.</p>
+
+<p>Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fühlt sie
+sich dem großen, lächerlichen Tier unendlich überlegen; sie kann sich ja
+von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden
+sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung!</p>
+
+<p>Nein, was soll sie fürchten! Sie hat den Übermut und die Sicherheit
+aller großen Vögel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das
+Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten und Kräften.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">28</span>
+Da auf einmal fängt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hört,
+wie sich große, gehörnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen.</p>
+
+<p>Sie preßt sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht
+wie eine Kröte.</p>
+
+<p>Die Krallen kommen näher und näher &mdash; und machen dann plötzlich
+unter ihr Halt. Da fängt sie an zu jammern und zu klagen wie eine
+Bruthenne und stößt eine Reihe tieftönender Aah &mdash; Aah
+aus&nbsp;...</p>
+
+<p>Dem Leuchtturmwärter klingt es, als klage ein todkranker, leidender
+Mensch.</p>
+
+<p>Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest
+sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine
+Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig.</p>
+
+<p>Da tönt es plötzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mütze fällt ihm
+ab und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen
+ihm die Wange.</p>
+
+<p>Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre
+Geduld erschöpft.</p>
+
+<p>Aber da gibt’s kein Erbarmen! Auch auf diese Möglichkeit ist
+Vogelhansen vorbereitet; er wirft seinen Rock über den Kopf und zieht
+einen alten Fechthandschuh über die rechte Hand&nbsp;&mdash; dann
+betäubt ein halber Liter Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest
+zu plündern.</p>
+
+<p>Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke über den Wald hin und
+fällt dann ohnmächtig zwischen den Bäumen nieder.</p>
+
+<p>Als sie aus der Betäubung erwacht und hustet und nach Atem ringt,
+steht das Hahnengesicht des Leuchtturmwärters
+<span class = "pagenum">29</span>
+mit den kleinen stechenden Augen noch immer vor ihrem inneren Blick. Die
+Augen starren sie gieriger an als die der Füchse, wenn sie, neidisch auf
+ihren Fang, geifernd um sie herum sitzen, und sie sind grausamer und
+berechnender kalt als der Blick, den ihr Taa an jenem Tage
+zuschleuderte, nachdem sie ihn unversehens aus den Klauen der Jungen
+errettet hatte. Und gegen ihr Trommelfell hämmert es: Kla-datsch,
+kla-datsch!&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Fußtritte kann sie nie wieder vergessen!</p>
+
+<p>Später legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brütend
+auf einem einzigen, erbärmlichen, kleinen&nbsp;Ei.</p>
+
+<p>Aber, woran es liegen mochte &mdash; aus dem Ei wurde nie etwas
+anderes als die Schale.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">30</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap3" id = "chap3">3. Der geflügelte
+Wolf</a></h4>
+
+
+<p>Das Flammengelb des Sonnenuntergangs stand noch am Himmel! Es spannte
+seinen Brandgurt um die Erde und ließ ihre pechschwarzen Haarsträhnen
+sich sträuben. Es entschleierte am Horizont einen großen Wald, meißelte
+das Kuppelgewölbe der Buchen aus und schliff den Sägezahnrand der Tannen
+blank.</p>
+
+<p>Drinnen im Walde, tief unten zwischen dem welken Laub, sitzt Strix
+auf einem bemoosten, halbverfaulten Baumstumpf.</p>
+
+<p>Vor ihr, den Oberkörper halb auf den Baumstumpf hinauf, hält eine
+kleine, schreckgelähmte Maus sich in verzerrter Stellung, sie zittert
+und bebt am ganzen Leibe.</p>
+
+<p>In ihrem Kampf ums tägliche Brot ist die Maus in die Nähe des
+Baumstumpfes gekommen, und in der Hoffnung, in dem faulen Holz einen
+Käfer zu finden, ist sie, ohne Böses zu ahnen, hinaufgehuscht, als sie
+plötzlich, gerade glücklich über den Rand gelangt, einem Paar großer,
+rollender Lichter begegnete.</p>
+
+<p>Im selben Augenblick ist sie an den Fleck genagelt.</p>
+
+<p>Alle ihre Kräfte, all ihre Energie und ihr Wille haben sie verlassen;
+schreckgebannt und verloren sitzt sie da, zu regungslosem Verharren
+hypnotisiert.</p>
+
+<p>Der böse Zaubervogel sieht und sieht das erstaunte, kleine Wesen nur
+mit seinen glühenden Lichtern an, dann erhebt er ruhig seine Marterfänge
+und krallt sie um die Maus.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">31</span>
+Zappelndes Leben kommt in das dem Tode geweihte Tierchen, als die Fänge
+von allen Seiten ihre Hornmesser in seinen Leib hineintreiben.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Strix liebt Mäuse &mdash; und jetzt, wo sie für den Rest des Sommers
+nur Uf und sich selbst zu versorgen hat, gibt sie sich gern dem
+zeiterfordernden Mäusefang hin. Nur auf diese Weise ist es ihr nämlich
+möglich, die kleinen Kerle zu fangen: die Leckerbissen verschwinden wie
+Krumen zwischen ihren groben Fängen.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Die Frösche sangen ihre bubbelnden, quakenden Gesänge ... sangen so
+innig und mit einer eigenen überzeugenden Kraft! Sie brachten in ihrer
+Sprache das Lob des Mitsommerabends zum Ausdruck und wetteiferten, wer
+das am betörendsten zu tun vermochte.</p>
+
+<p>Einige knarrten wie altes Holz im Sturm, andere krachten wie das
+dürre Reisig des Waldes, wieder andere glucksten, gurgelten und
+bubbelten die Töne heraus &mdash; es klang nach Eisschmelze und
+Platzregen, nach Rieseln in Entwässerungsröhren und Gräben.</p>
+
+<p>In den Pausen aber ließ die Rohrdommel sich hören! Eigentlich hatte
+sie die ganze Zeit gesungen, sie hatte sich nur kein Gehör verschaffen
+können &mdash; jetzt dröhnte die Luft von ihren spröden, dünnen Tönen,
+bis die lebendigen kleinen Nußknacker von neuem begannen.</p>
+
+<p>Still! Still! Alle Frösche im Walde wurden auf einmal stumm &mdash;:
+ein großer Vogel strich mit weichem Flügelschlag lautlos über das
+Wasser.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">32</span>
+Strix untersucht den Saum des Röhrichts&nbsp;...</p>
+
+<p>Langsam läßt sie sich über Wasserlachen und Wasserrosen dahingleiten,
+über die Schilfpflanzen im Sumpf, wie über das Wollgras am Ufer entlang;
+tief, mit hängenden Fängen flattert sie dahin und guckt zwischen die
+Erderhöhungen hinab. Wildenten und Bläßhühner suchen schleunigst ihr
+Versteck auf ... es plätschert und spritzt um sie her.</p>
+
+<p>Der Waldsee hat ihr nichts geliefert!</p>
+
+<p>So muss sie denn eine ihrer andern Fangstellen aufsuchen.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Weit draußen am Waldessaum, am Rain, steht eine kleine, verkrüppelte
+Eiche; ein dürrer Zweig ragt aus der Mitte ihres Stammes auf: dicht über
+dem Zweig bildet der Stamm einen Knick, biegt sonderbar ungeschickt ein
+und wird hohl im Rücken wie eine Elfe.</p>
+
+<p>Ein stark begangener Wildwechsel läuft gerade unter der Eiche hin. Zu
+beiden Seiten des Waldrains und an seinen Abhängen hinauf wächst dichtes
+Schlehdorngestrüpp, oben dahingegen ist er nackt und kahl.</p>
+
+<p>Der Wechsel führt das Wild nach dem Felde und wieder zurück. Er läuft
+erst durch den einen Schlehentunnel, dann über den Wall hinauf und
+weiter durch den zweiten Tunnel. Wenn nun der Hase oder das Rehkitz, das
+Wiesel oder der Marder dem Wechsel folgen und in das schirmende
+Dornengeflecht hineinschlüpfen, machen sie gern einen Augenblick halt,
+um zu verschnaufen.</p>
+
+<p>Aber sie nehmen sich nicht in acht vor dem kleinen Stück offenen
+Walles; die müden Wanderer trippeln noch, wenn sie gemächlich und
+sorglos über den Rand des Knicks gleiten.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">33</span>
+Dieser Umstand ist gerade die Pointe des Fangplatzes, er verleiht ihm
+Ruf und Anziehungskraft!</p>
+
+<p>Kein Habicht oder Bussard kann sich im Walde niederlassen, der nicht
+früher oder später den Weg zu diesem Lauerplatz findet. In früheren
+Zeiten ist hier manch’ ein Kampf zwischen Strix’ verblichenen Vorfahren
+ausgefochten. Die streitbaren Uhumännchen haben um ihr Leben gekämpft
+und die Fänge oft derartig ineinander geschlagen, daß sie zu einem
+Klumpen verfilzt tot unter dem Baum gelegen haben.</p>
+
+<p>Es ist schon spät am Abend, als der dürre Eichenzweig kracht unter
+den Fängen der großen Horneule! Sie faltet die weichen Daunenflügel
+zusammen, und verkriecht sich in die Krümmung des Stammes, so daß ihr
+Kopf die Höhlung ausfüllt. Sie ist ganz unsichtbar&nbsp;...</p>
+
+<p>Das Flammengelb des Sonnenuntergangs ist nicht mehr am Himmel
+sichtbar! Die Kuppelwölbung der Buchen, den Sägezahnrand der Tannen hat
+die Nacht verschlungen; es ist düster und unheimlich im Wald wie in
+einer Höhle.</p>
+
+<p>Aber für Strix ist es noch heller Tag.</p>
+
+<p>Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon
+als ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft häßlich
+&mdash; da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag&nbsp;&mdash; und es
+kann vorkommen, daß sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so daß sie
+sich verirrt, wenn sie in ihr Nestloch hineinfliegen will.</p>
+
+<p>Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig!
+Sie sieht das Spiel in den Augen der Mäuse, sie sieht die Kröte, wenn
+sie über den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich
+durch das Gras schleichen, sie
+<span class = "pagenum">34</span>
+sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie sieht deutlich die Mücke, die die
+Fledermaus fängt. &mdash; In der Nacht beherrscht sie alles!</p>
+
+<p>Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und
+Wiesen, Moorstrecken und Heideflächen. Der Tau spielt über Gras und
+Kräutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen
+auf die Blumen.</p>
+
+<p>Es strahlt und schimmert da draußen! Aber das Grün ist nicht scharf
+wie am Tage und das Weiß und das Rot empfindet man nicht wie Wind im
+Auge ... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde!</p>
+
+<p>Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke
+Laub der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, dürrer Zweig wiegt
+sich auf und nieder. Da unten wandern die Mäuse! Eine Ricke mit ihren
+Kitzen kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden
+&mdash; setzen dann in ein paar Sprüngen über den Waldrain hinweg. Der
+Fuchs maust am Gehege entlang und äugt verstohlen nach den Rehkitzen;
+das hinterste, findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner
+Kerl!</p>
+
+<p>Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch
+andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht.</p>
+
+<p>Da hört sie Blätter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter
+ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein
+Hase&nbsp;...</p>
+
+<p>Hasen waren in früheren Zeiten ihre tägliche Speise; damals, als der
+Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr;
+jetzt muß sie sich mit bedeutend weniger
+<span class = "pagenum">35</span>
+begnügen und Jungfüchse und Dachswelfen zur Aushilfe nehmen.</p>
+
+<p>Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt.</p>
+
+<p>Er setzt sich und lauscht &mdash; er hebt sich ganz auf die
+Hinterläufe ... die Augen stehen ihm starr im Kopf, während der Windfang
+mit der tiefen Hasenscharte in der Lippe sich fortwährend rund herum
+bewegt. Strix kann mittels des Gehörs ihren kleinen Lampe auf der ganzen
+Reise verfolgen! Sie hört, wie er aus seiner aufgerichteten,
+kundschaftenden Stellung die spitzen Vorderläufe wieder an die Erde
+setzt, hört seine kräftigen Lungen arbeiten, seine Nüstern sich blähen
+&mdash; o, wonniger Laut! &mdash; hört seinen Magen schreien und die
+Gedärme vor Hunger rummeln. Da weiß sie, daß sie nicht vergeblich
+gelauert haben wird.</p>
+
+<p>Und dann geht es, wie es gehen soll!</p>
+
+<p>Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel
+&mdash; und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter über den
+Waldrain in seinem Tripp, Trapp-Gehüpfe, als sich plötzlich etwas wie
+eine schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der
+Finsternis auf; auf ihren Wollflügeln kommt sie &mdash; von hinten.</p>
+
+<p>Sie kommt mit dem lähmenden Schrecken, der die Folge jeglicher
+Überrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer
+Entfernung von ihrer Beute befindet.</p>
+
+<p>Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das
+Hineinhauen, daß die Fänge der Eule sich in der Brust begegnen. Er stößt
+einen Schrei aus, im nächsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein
+Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken:
+So, da bist du offenbar
+<span class = "pagenum">36</span>
+auf die Dornen gelaufen! dann weiß er von nichts mehr, er zappelt mit
+den Hinterläufen und streckt die Drossel ... die gelben Lichter starren
+steif in den Raum hinein.</p>
+
+<p>Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit
+krummem Buckel und gesenkten Flügeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor
+Äsungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzförmigen
+Fänge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und öffnet ihren mächtigen
+Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt
+in dem Hasenleib; große Stücke gleiten mit Haut und Haar hinab, während
+lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren
+Schnabelwinkeln und in den gelben Fängen festsetzt.</p>
+
+<p>Sie ist ganz satt &mdash; &mdash; aber noch steht ihr der größte
+Genuß bevor. Sie fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und
+sieht auf den toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit
+Grauen erfüllen. Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals
+unverwandt und grübelnd auf ihren Überfluß hinabstarren &mdash; bis sie
+dem herzzerreißenden Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung
+schreit, nicht länger widerstehen kann.</p>
+
+<p>Da ruft sie ihn &mdash; und wollüstig schlingt Uf die blutigen
+Überbleibsel herunter.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung für sich und Uf an
+dieser alten Fangstätte. Dann, eines schönen Abends, versiegt plötzlich
+der Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf
+dieser Seite des Waldes herausgeht.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">37</span>
+Da muß sie eine neue Taktik versuchen &mdash; oder sich auf lange Zeit
+anderswohin begeben.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es ist mondhell! Blaßgrün scheint die Strahlenfülle der Himmelslaterne
+auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem
+Werder draußen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen
+flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser &mdash; der Rest des
+Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weißbirke tritt als Elfe
+aus dem Nebelgebräu der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den
+Baum.</p>
+
+<p>Ein Mensch würde das Bild so sehen &mdash; &mdash; und er würde sein
+Herz klopfen fühlen unter dem Druck seiner Phantasie; er würde sich
+erdrückt fühlen von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen
+Beleuchtung der einsamen Umgebung.</p>
+
+<p>Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kämpfen braucht; für
+sie ist der Wald zu nächtlicher Zeit eine Freistätte, ein Heim; sie ist
+vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut&nbsp;&mdash; und verkrüppelte,
+rindenlose Aststücke oder verschleierte Birken haben, trotz der
+Gaukelkünste des Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben für sie.</p>
+
+<p>Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit
+einer Ahnung von Rot und Klarheit, hängt die Dämmerung schon über dem
+östlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der
+dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Mäusen wimmelt.</p>
+
+<p>Da kommen die Hasen mit Müdigkeit in den Augen, mit dem Bedürfnis
+nach Ruhe in den matten Gliedern; geräuschlos huschen sie auf ihren
+Hexensteigen durch das Korn, sie wollen
+<span class = "pagenum">38</span>
+in den Wald hinein und sich setzen. Sorglos hüpft Lampe auf seinen
+weichen Ballen und mit hochgekniffenem Bauch, um nicht naß zu werden,
+denn der Tau spritzt hoch von dem Grase.</p>
+
+<p>Strix thront auf dem Fangzweig. Sie saß dort gestern Abend und auch
+vorgestern Abend &mdash; aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr
+nicht freigiebig.</p>
+
+<p>Die Hasen sind scheu und mißtrauisch geworden. Sie benutzen den
+hundertjährigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrügt, das haben sie
+entdeckt &mdash; sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen.</p>
+
+<p>Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme!</p>
+
+<p>Sie beherrscht ein ganz ungewöhnliches Instrument! Sie kann die
+Stimme so tief tönen lassen wie nur ein Baß, und eine Reihe hohler,
+posaunenartiger Töne entsenden; aber sie kann auch in die Höhe gehen und
+ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen.</p>
+
+<p>Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende
+des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mächtige Stimme ertönen läßt ...
+die kleinen Vögel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts
+weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht
+und das Eichhörnchen ducken sich tief in ihre Astlöcher, ja, selbst der
+Marder hält inne in seiner nächtlichen Jagd, wenn er die unharmonische
+Verkündigung seines großen Nebenbuhlers hört. Den Fall gesetzt, die Eule
+wäre hungrig, und nähme, was ihr in den Weg käme, da würde Taa in ihrem
+Rachen verschwinden wie eine Ratte!</p>
+
+<p>Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben,
+die Farbe ihres Federkleides, ihr Bedürfnis nach
+<span class = "pagenum">39</span>
+Einsamkeit hat ihr seit undenklichen Zeiten das Mißtrauen der Menge
+zugezogen &mdash; auch über ihrer Stimme liegt etwas, das mystisch und
+eigenartig wirkt.</p>
+
+<p>Es steckt ein Stück Bauchredner in Strix; wenn es ihr paßt, kann sie
+teuflisch mit ihrer Stimme täuschen &mdash; niemand kann danach
+beurteilen, wo sie sitzt. Sie kann brüllen wie ein Stier, heulen wie ein
+Wolf, miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelächter ausbrechen
+wie ein wahnsinniger Mensch.</p>
+
+<p>Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und
+fern, als kämen die Töne von weit her.</p>
+
+<p>Der Hase auf dem Felde fühlt sich sicher und glücklich dabei und doch
+&mdash; &mdash; sitzt sie da, die große, rotäugige Fängerin, dicht
+hinter dem Waldessaum. Huu &mdash; Huu &mdash; Huu ... bis in die
+Unendlichkeit hinein kann sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr
+angeboren. Eine Viertelstunde nach der andern kann sie so dasitzen und
+vollkommen von ihrem Hinterhalt in Anspruch genommen sein. Huu &mdash;
+Huu &mdash; Huu ... eigentümlich hohl und dumpf klingt es; wer ihr etwas
+anhaben will, folgt dem Klange der Stimme und glaubt, daß er sie die
+ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und geht und ist ihr beständig
+gleich nahe.</p>
+
+<p>Huj &mdash; Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und
+unerwartet nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den
+verwirrten Hasen dazu, angsterfüllt ein Versteck zu suchen. Bald brüllt
+sie, als sei sie hinter ihm, bald, als hinge sie gerade über ihm; der
+Hase gerät von Sinnen und schlüpft schleunigst auf den alten, lieben Weg
+&mdash; auf den Todesweg &mdash; um die Sicherheit und den Wald
+aufzusuchen.</p>
+
+<p>Da stößt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine
+Langohr, in demselben Augenblick, als es den Kamm
+<span class = "pagenum">40</span>
+des Walles erreicht. Aeee, klagt der Ärmste, Aeee, Aeee ... und wild und
+trübselig schreit der Hase sein Leben aus.</p>
+
+<p>Ungerufen erscheint Uf &mdash; &mdash; und hinter ihm drein wimmeln
+alle Füchse herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet
+Eisenteilchen anzieht. Sie kommen von weit her, wie an der Nase
+herbeigezogen und sitzen da und geifern, während die beiden großen Uhus
+in aller Ruhe ihre Mahlzeit verzehren.</p>
+
+<p>Es kommt wohl vor, daß ein heißhungriger, mutiger Reinecke sich mit
+den Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie sträubt
+jede Daune und wird unheimlich groß, dann knappt sie mit dem Schnabel
+und zündet Feuer in den roten Lichtern&nbsp;an.</p>
+
+<p>Hu &mdash; u &mdash;, heult sie ... Nase weg!</p>
+
+
+<p class = "space">
+Strix ist ein großer Räuber, ein mächtiger Jäger! Sie ist ein Meister in
+allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig,
+verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darüber hinweg, oben in der
+Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden
+Hinterhalt-Verfahrens, hüllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder
+der Dämmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhöhung
+auf die Liebessteige oder die Futterplätze des Kleinwilds. Der jagende
+Fuchs knirscht oft mit den Zähnen vor Wut über sie; er nennt ihr
+Jagdverfahren, „dem Wild das Leben stehlen“. Hah! still dasitzen und
+lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende
+Beute, hah! das kann jeder! höhnt der Fuchs in seiner Sprache.</p>
+
+<p>Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fuß jagen! Fuchs und Marder,
+Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmäßig, fürchten aber ihre
+Fänge.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">41</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap4" id = "chap4">4. Das neue
+Gelege</a></h4>
+
+
+<p>Dicht fallen die Blätter im Herbst&nbsp;...</p>
+
+<p>Dichter noch, als der Oktober herannaht&nbsp;...</p>
+
+<p>Überall in den Wäldern wird es welk und kahl!</p>
+
+<p>Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das
+Regenwasser trieb in Strömen an den Stämmen herab. Die letzten Motten
+und Nachtschwärmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flügeln
+auf dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen.</p>
+
+<p>Der Dezember kam &mdash; und der Schnee!</p>
+
+<p>Dann brütete der Winter über dem Lande&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Jetzt haben die Märzstürme getobt und die Aprilschauer gespült
+&mdash; Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe
+ist hier gewesen, die Anemonen stehen in Blüte:</p>
+
+<p>Es ist Frühling und die Hochwälder strahlen von Mai!</p>
+
+<p>Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt
+unter einer kleinen Tanne an einem Hügelabhang.</p>
+
+<p>Uf hat die Stelle als Kinderwärterin noch nicht angetreten. Die
+Jungen, die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden
+vorläufig von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd
+unter ihr. Sie ist so zärtlich mit diesen Jungen, zärtlicher als sie je
+mit ihren früheren Jungen gewesen ist &mdash; und sie bewacht sie mit
+nie ermüdender Fürsorge.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">42</span>
+Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken
+Fuchsrüden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die
+Menschen &mdash; die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu
+betreten!</p>
+
+<p>Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehörigen
+Schrecken ein&nbsp;...</p>
+
+<p>Er kommt in seinem Einspänner gefahren, um das Holz zu holen, das er
+im Walde gekauft hat. Während er gemütlich dahinzuckelt, sieht er
+plötzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der
+schmalspurige Weg führt. Der Vogel ist groß, und er setzt sich ohne
+weiteres auf das Pferd und fängt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren zu
+schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat seine
+liebe Mühe, es wieder zu bändigen, denn fortwährend streicht ein
+schwarzer, unheilverkündender Schatten über das Fuhrwerk hin und heult
+so bestialisch wie der Teufel in eigener Person.</p>
+
+<p>Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als
+die Daunen aus ihren weißspieligen Federposen herausquellen und sie
+anfangen, die nackten Hälse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als
+Wärmflasche angetreten, so daß Strix mehr Zeit zur Verfügung hat.</p>
+
+<p>Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel für die ganze Umgegend zu
+werden. Sie fängt wie gewöhnlich ... holt Ratten aus den Dörfern und
+Rebhühner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mühe, Futter für
+ihre heißhungrigen Jungen und ihren nicht minder heißhungrigen, alten
+Gatten zu schaffen. Ihr großes Bereich ist in den letzten Jahren
+merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhühner sind weniger &mdash;
+nur die Menschen haben zugenommen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">43</span>
+Dafür hat sich hier und da einer von den bunten Vögeln mit den langen
+Stößen von den Gütern drüben auf der andern Seite der Förde gezeigt
+&mdash; und eines Morgens taucht ein neuer, großer Auerhahn auf.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es dämmert am Horizont ... schüchtern schlägt der Zaunkönig seinen
+ersten, schmetternden Triller, dann hält er inne&nbsp;&mdash; er ist zu
+früh aufgestanden!</p>
+
+<p>Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal draußen am Waldessaum
+&mdash; und alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise
+seufzt und stöhnt in den Baumwipfeln&nbsp;...</p>
+
+<p>Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein!</p>
+
+<p>Strix sträubt die Hörner.</p>
+
+<p>War das ein Traum, der Lenzruf des großen Hahns? Sie sieht diesen
+großen Vogel ja sonst nie.</p>
+
+<p>Von neuem ertönt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein
+Flöten, und doch schallt es weit durch den Wald.</p>
+
+<p>Strix verläßt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend.</p>
+
+<p>Bald ertönt der Kampfruf eines andern Auerhahns &mdash; und nun
+kämpfen die beiden großen Hähne gleichzeitig mit einem Schwall von
+Kraft.</p>
+
+<p>Sie hört vor sich Flügel schlagen und krachen. Ausgebreitete
+Federfahnen in breiten Flügeln hauen mit donnerähnlichem Getöse
+gegeneinander. Sie ist früher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher
+Jäger gewesen und hat sich der Kämpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu
+Nutzen gemacht &mdash; lautlos schaukelt sie über dem
+Walplatz&nbsp;...</p>
+
+<p>Es ist noch dunkel in der Kronenwölbung und dunkel ist es
+<span class = "pagenum">44</span>
+auf dem Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern
+der Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhähne. Hier drinnen bullern
+rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu!</p>
+
+<p>Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin,
+mit gesträubten Hörnern und funkelnden Lichtern.</p>
+
+<p>Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tönt
+es aus der Kehle und rollt in den dämmernden Morgen hinaus. Längst hat
+sie den Vogel entdeckt. Ihr <ins class = "correction" title =
+"Original: ‘charfer’">scharfer</ins> Blick erkennt deutlich den Glanz seiner Federn
+und das rote Ebereschenbüschel über jedem Auge. Mit stolzer Haltung, mit
+gefächertem Stoß und gekrümmtem Hals stolziert der schwarze Hahn auf
+seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu übertrumpfen,
+ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen mächtigen
+Sprung, und indem er die Flügel krachend vor der Brust zusammenknallt,
+stößt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen Schlußgesang an,
+noch feuriger, als bisher.</p>
+
+<p>Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn,
+geht sie auf das Balzen ein.</p>
+
+<p>Mit gesträubten Halsfedern, mit schleifenden Flügeln, den Stoß
+gespreizt wie ein Rad, fährt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem
+Schnabel. Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glühen
+vor Wut.</p>
+
+<p>Da entdeckt er seinen Irrtum &mdash; Strix läßt auch ihre Fanfaren
+ertönen! Er hätte sich verteidigen sollen, der schwarze Puter! Er hätte
+es wohl gekonnt! Er ist eben so groß wie der Uhu und hat Hiebkraft in
+seinem Schnabel und Kratzgewalt in seinen Krallen, aber Strix’ Heulen
+ist nicht auf
+<span class = "pagenum">45</span>
+<em>seinen</em> Kammerton gestimmt &mdash; der Auerhahn ist gleich
+bereit zur Flucht.</p>
+
+<p>Strix fährt ihm indessen an die Kehle, ehe er Kehrt gemacht hat
+&mdash; und wie ein Federbündel rollen sie am Erdboden herum.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Strix machte reiche Beute an diesem Morgen!</p>
+
+<p>Aber sie war nicht imstande, den Hahn nach Hause zu schleppen; sie
+muß sich damit begnügen, große Stücke Brust zur Zeit zu nehmen.</p>
+
+<p>Uf schwelgte und <ins class = "correction" title =
+"Original: ‘schmatze’">schmatzte</ins> mit der Zunge&nbsp;...</p>
+
+
+<p class = "space">
+Strix hätte sich ruhig verhalten sollen!</p>
+
+<p>Sie hätte nicht auf den Bauer einfahren und auf die alten,
+friedlichen Weiber, die Reisig im Walde sammelten &mdash; als
+dergleichen wird ruchbar und kommt schnell einem kleinen, unternehmenden
+Waldhüter,<em> Pist Lak</em> zu Ohren. Als dann der Waldhüter eines
+Nachmittags draußen in den Tannen auf den seiner Brust beraubten großen
+Auerhahn stößt&nbsp;&mdash; ausgesetztes Wild, womit die Menschen sich
+bemühen, die Verheerungen wieder gut zu machen, die sie unter der Fauna
+des Landes anrichten &mdash; da wird es ihm nicht schwer,
+zusammenzuzählen und auszurechnen.</p>
+
+<p>Er läßt „Vogel“, den großen Agenten benachrichtigen, dessen kleiner
+Unteragent er, Pist Lak, sein Lebelang gewesen ist&nbsp;&mdash; und
+sobald der Leuchtturmwärter wieder einen freien Tag hat, macht er sich
+auf die Wanderschaft. In diesem Jahre will er Junge haben, und zwar am
+liebsten lebende. Er hat Bestellung auf so viele junge Uhus, wie er nur
+beschaffen
+<span class = "pagenum">46</span>
+kann, für Tiergruppen ringsumher in sogenannten „Zoologischen
+Gartenanlagen“, diesen modernen Naturparks, die reiche Leute zur
+Zerstreuung und Belehrung auf ihren Landsitzen einrichten lassen.
+Mindestens fünfzig Kronen sind dabei zu verdienen, d.h. Pist Lak soll ja
+zehn davon ab haben; aber die kann er ihm ja vorläufig schuldig
+bleiben!</p>
+
+<p>An dem Tage nach Feierabend, wo „Vogel“ und Pist Lak&nbsp;&mdash;
+wohl ausgerüstet zu ihrem gefahrvollen Unternehmen, mit Pferdedecken und
+ein paar langen Stäben &mdash; ausgezogen sind, um den Eulenhorst zu
+suchen und ihn auch<em> finden</em>, fügt es sich so, daß die beiden
+Alten abwesend sind. Strix besorgt die ihr obliegenden Geschäfte; sie
+ist auf Raub aus &mdash; die Jungen, die jetzt fast flügge sind, belegen
+ihre Arbeitskraft voll mit Beschlag.</p>
+
+<p>Uf dahingegen&nbsp;...</p>
+
+<p>Uf ist wohl niemals ein wirklich zärtlicher Vater seinen Kindern
+gegenüber gewesen, mag es nun sein, weil er alt ist, und es ihm an
+Körper- wie Herzenswärme gebricht, oder weil er seine unwirksame
+Kinderwärterinstellung satt hat. Ihm liegt es ja ob, die Kleinen zu
+füttern, den Marder fernzuhalten und sie von den großen, häßlichen
+Zecken zu befreien, die sich gern an ihren Augen festsaugen wollen. In
+diesem Jahr ist er aber auffallend nachlässig gewesen, hat seine
+Pflichten auf die leichte Achsel genommen und sich nicht gescheut, in
+seiner Gier und Eigenliebe, häufiger als sonst, den Löwenanteil des
+zugetragenen Fraßes an sich zu raffen.</p>
+
+<p>Strix liebt ja Mäuse &mdash; und die Jungen sind natürlich ganz wild
+auf diesen Leckerbissen! Deswegen hat Strix dafür gesorgt, daß sie so
+viele Mäuse bekommen haben, wie sie nur
+<span class = "pagenum">47</span>
+in sich hineinpfropfen konnten. Sie haben Mäuse als Morgenimbiß, Mäuse
+als Mittagessen und Mäuse zur Abendmahlzeit bekommen &mdash; Strix hat
+nicht begreifen können, daß nicht die Kleinen der Mäuse längst
+überdrüssig geworden sind, so wie das der Fall zu sein pflegte, wenn sie
+zuviel von anderem Raub bekamen. Da entdeckt sie eines schönen Nachts,
+daß Uf, wenn sie fortflog, alle Mäuse verzehrte. Das wäre allenfalls
+noch gegangen!</p>
+
+<p>Aber neulich Nachts, nachdem längere Zeit Schmalhans geherrscht
+hatte, überrascht sie ihn dabei, wie er einem seiner eigenen Kinder
+gegenüber die rauhe Seite herauskehrt. Ja, es konnte kein Zweifel
+darüber herrschen &mdash; er wollte das Junge<em> kröpfen</em>!</p>
+
+<p>Da fuhr sie auf ihn los! Er wurde gerüttelt und verprügelt. Es sang
+in seinem alten, mürben Gerippe &mdash; und wo Strix’ Flügelknochen
+hintrafen, entstanden blutunterlaufene Flecke.</p>
+
+<p>Als wollte er vortäuschen, daß er bei seiner schwarzen Missetat einen
+Augenblick des Verstandes beraubt gewesen sein müsse, starrte er sie mit
+einem erstaunten, halb blödsinnigen Ausdruck in den alten, listigen
+Augen an, aber Strix brachte ihn schnell auf andre Gedanken; er bekam
+noch eine Tracht Prügel, so daß er unter der gewaltsamen Behandlung
+seiner handfesten Eheliebsten ganz fürchterlich jammerte und klagte.</p>
+
+<p>Hinterher stellte er sich sehr zerknirscht und voller Reue und machte
+sich ganz klein und fuchsschwänzlerisch, während er um ihre Verzeihung
+bettelte. Aber es half alles nichts &mdash; er wurde aus dem Horst
+verwiesen und hat sich seither selbst seine Nahrung suchen müssen.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">48</span>
+Pist Lak und „Vogel“ wird es doch nicht so ganz leicht, die Jungen zu
+bewältigen. Die kleinen Teufel empfangen sie genau so, wie ihre
+Geschwister in früherer Zeit den Marder Taa empfingen; sie werfen sich
+auf den Rücken und reißen und kratzen mit den scharfen Hornkrallen um
+sich. Obwohl die Pferdedecken über sie geworfen werden, muß der
+stinkende Ammoniak mehrmals zu Hilfe genommen werden und seine
+betäubende Wirkung ausüben.</p>
+
+<p>Als Strix endlich mit einer fetten, braunen Ratte in den Fängen
+heimkehrt, wird ihr ganzer Kopf fast zu Augen. Uf kann sich glücklich
+preisen, daß er nicht in der Nähe ist, sonst würde die Reihe, gefressen
+zu werden, jetzt wohl an ihn kommen.</p>
+
+<p>Sie scharrt in dem Horst herum, wendet Reisig und trocknes Laub
+wieder und wieder um, bis ihr auf einmal ein eigentümlich ätzender
+Gestank in die Nase steigt. Ihre Lichter füllen sich mit Wasser &mdash;
+sie schnappt nach Luft ... Da sieht sie vor sich den Anblick vom
+vergangenen Jahr: das hakennasige Gesicht des kleinen Leuchtturmwärters
+mit den stechenden Augen starrt sie wie durch einen Nebel an, und in
+ihren Ohren dröhnt es: Kla&mdash;datsch, kla&mdash;datsch&nbsp;...</p>
+
+
+<p class = "space">
+<em>Die Nacht</em> hat in den Tannen gelegen und in den Tag hinein
+geschlafen. Sie hat Ihre ganze Energie nötig gehabt, um die Augen
+geschlossen zu halten, denn die Sonne, die seit Tagesgrauen gebrannt
+hat, rumort auch hier und peinigt und plagt sie mit ihren
+Lichtstrahlen.</p>
+
+<p>Aber die Nacht ist wie ein Mann mit Willenskraft. Schlafe nur! hat
+sie gesagt &mdash; und geschlummert.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">49</span>
+Jetzt ist die Sonne in einem Sack untergegangen; die mächtige
+Wolkenschicht am Alkoven des Horizonts hat sie wie eine Ratte
+eingefangen &mdash; sie ist weg, weg!</p>
+
+<p>Dann schüttelt und schuddert die Nacht sich, behutsam streichelt sie
+die Drossel, die im Begriff ist, sich zur Ruhe zu begeben &mdash; und
+dann schleicht sie hinaus, sie umfängt das Dickicht und die Waldwiesen
+und den Saum der Lichtungen und löscht den Unterschied aus zwischen
+Kraut und Unkraut, zwischen Nutzholz und Kümmerling, zwischen des
+Försters Lieblingsschonung und dem Anflug, der sich aus dem Humus
+hervorstiehlt.</p>
+
+<p>Die Nacht nimmt den Wald in Besitz, entreißt ihn dem Licht, das in
+der Ferne entweicht; sie hüllt die Millionen von Blättern in ihre
+schwarze, eintönige Finsternis. Und nun schleicht sie sich über den
+Waldraum,<em> tritt aus</em>, wie es von dem Wild des Waldes heißt
+&mdash; tritt aus, an Hecken und Gräben entlang, schiebt sich vor über
+Äcker und Wiesen, wo der Widerschein des Sonnenunterganges noch liegt
+und als letzte Rückzugsstellung Wachedienst tut.</p>
+
+<p>Und so umfängt sie das Grundstück jedes Bauern, die Felder jedes
+Kirchspiels, die Äcker jedes Gutes; sie erobert das ganze Land zurück
+von dem Licht und gibt es ihrem großen Finsterniskind, der Eule.</p>
+
+<p>Aber was hilft das dem Kinde? Von der ganzen Erde begehrt es nur<em>
+seine Jungen</em>.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Die Nacht wird tiefer und tiefer&nbsp;...</p>
+
+<p>Und Strix, die seit der Dämmerung gesucht hat, gelangt allmählich
+weit umher im Umkreis.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">50</span>
+Da, um die Morgenstunde, als sie in die Gegend der Menschennester
+hinauskommt, hört sie von einem kleinen Haus, das einsam und im Versteck
+unter einigen hohen Tannen liegt, den schwachen, heißersehnten Laut.</p>
+
+<p>Sie fängt ihn in ihren Ohren auf, betastet ihn gleichsam mit ihren
+Federhörnern und läßt ihn sich mittels heftiger Pulsschläge in die Brust
+hineinhämmern. Ihr wird auf einmal so leicht zumute: da sind ja die
+Jungen!</p>
+
+<p>Sie stehen in einem Gitterkasten auf dem Hofe.</p>
+
+<p>Jäh fliegt sie gegen den Käfig, so daß der Kasten erbebt&nbsp;&mdash;
+und sie und die Jungen vereinen lange ihre Klage.</p>
+
+<p>Wu&mdash;hu! Wu&mdash;hu! heulen die Kleinen. Und Strix stimmt ein
+ermunterndes Knappen mit dem Schnabel an. Sie glaubt, daß sie hungrig
+sind und fliegt davon, um einen Augenblick später mit vollen Fängen
+zurückzukehren &mdash; dann füttert sie ihre Jungen, obwohl diese im
+Überfluß schwelgen.</p>
+
+<p>Sie will sie mitnehmen, will sie heraushaben &mdash; sie zerrt an dem
+Käfig und reißt an den Gitterstäben.</p>
+
+<p>Da stürzt der Kasten, der auf einem Haublock an der Mauer aufgestellt
+ist, um und fällt mit lautem Getöse in ein offenstehendes Kellerfenster
+hinein.</p>
+
+<p>Es ist schon halbhell, und nach einer Weile kommt der Waldhüter Pist
+heraus. Er glaubt, daß sich die Katze mit dem Kasten zu schaffen gemacht
+hat, und preßt mit banger Ahnung die Nase gegen die Gitterstäbe. Ein
+rasendes Fauchen &mdash; und beruhigt trägt er den Käfig in die Stube
+hinein.</p>
+
+<p>Strix sitzt in einer der Tannen und sieht den Menschen herausstürzen
+und wieder in sein Nest verschwinden. Sie heult
+<span class = "pagenum">51</span>
+&mdash; sie ruft &mdash; aber niemand antwortet ihr mehr. Da fliegt sie
+einmal rund im Hofe herum &mdash; die Jungen sind weg!</p>
+
+<p>Die nächste Nacht sitzt sie wieder in den Tannen. Sie erblickt den
+Kasten, der an seinem alten Platz steht &mdash; und sie umschwebt ihn
+voll Wonne, ja, sie wagt sich sogar ganz hinein durch die offenstehende
+Klappe.</p>
+
+<p>Ach, das Bauer ist leer &mdash; die Jungen sind weg!</p>
+
+<p>Einen ganzen Monat lang besucht sie allnächtlich das Menschennest und
+sitzt da und heult von einer der hohen Tannen am Hause herab; aber
+niemand antwortet ihr außer einer schwarz und weiß gescheckten
+Katze.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Da nimmt sie Uf wieder in Gnaden auf und zieht mit ihm noch tiefer in
+den Hochwald hinein.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Der Sommer geht zur Rüste&nbsp;...</p>
+
+<p>Herber Duft von abgefallenem Laub und aufschießenden Pilzen mischt
+sich mit dem würzigen Brodem der Waldmoose. Die Ebereschen erröten, aber
+die Becher der Adlerfarnen werden braun und häufen sich zu großen
+Schanzen unter den Birken auf, deren erste vergilbende Blätter in dem
+funkelnden Gespinst der Spinne baumeln.</p>
+
+<p>Eine eigenartige Rastlosigkeit ist in die Ameisen gefahren, sie küren
+nicht mehr zwischen den Insekten und den dürren Zweigen, sondern nehmen
+mit Fieberhast, was ihnen in den Weg kommt: magere, langbeinige Schnaken
+und eingetrocknete Blattrippen. Kleine Froschkinder sind überall in
+Bewegung und spielen den großen schnüffelnden jungen Füchsen manch einen
+Schabernack.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">52</span>
+Da summt eine Biene ... die jungen Füchse schnappen danach, es ist
+unwiderruflich die letzte Biene des Jahres!</p>
+
+<p>Die Tiere haben Junge geworfen, die Vögel haben ihre Eier ausgebrütet
+und die Pflanzen haben Samen angesetzt; jetzt ist der große Erneuerer,
+der<em> Winter</em>, im Anzug.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Als es rauh und kalt geworden, und als es mit dem Futter knapp wird,
+besuchen die beiden alten Eulen ein Aas, das am Rande eines kleinen Sees
+jenseits der Förde liegt.</p>
+
+<p>Und dann eines Abends, als sie sich eben gesetzt haben, hören sie die
+Unruhe aus einer Tanne herausbrüllen.</p>
+
+<p>Es ist ein Schuß &mdash; und die Federn stehen Uf um die Ohren<ins
+class = "correction" title = "Punkt unsichtbar">. </ins>Er wird ganz
+verwirrt und gerät von Sinn und Verstand, er klappert mit dem Schnabel
+und dreht sich auf demselben Fleck rund herum, wieviel Strix auch
+ruft.</p>
+
+<p>Ein kleines kurzbeiniges, rotbraunes Ding, das wie ein Fuchs bellt,
+fährt auf ihn ein &mdash; und stimmt dann plötzlich ein
+gottserbärmliches Geheul&nbsp;an.</p>
+
+<p>Den hat er doch wenigstens gefaßt! denkt Strix.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Aber seither ist auch Uf weg gewesen.</p>
+
+<p>Er hatte wohl Wandergelüste bekommen und war von ihr weg geflogen
+&mdash; über alle Berge!</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">53</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap5" id = "chap5">5. Strix und die
+Menschen</a></h4>
+
+
+<p>Es ist wieder Frühling in den großen Wäldern an der Förde.</p>
+
+<p>Die blankschwarzen Wasserflächen der Waldseen liegen mit Vögeln
+übersät da&nbsp;...</p>
+
+<p>Auf den kleinen Tümpeln schießen die Bläßhühner hitzig und
+paarungstoll aus dem schimmernden Versteck des Röhrichtsaumes heraus;
+sie gleichen Maulwurfshaufen, die auf dem Wasser schwimmen. Auf den
+großen führen die Schwäne Krieg, blendend weiß und mit Federgebrause um
+den gekrümmten Hals. Und in den kleinen Löchern, wo es friedlich und
+warm ist, liegen stumme, gepaarte Enten.</p>
+
+<p>Hin und wieder breitet ein Schwanenpaar die Flügel aus und flattert
+von einem Gewässer zum andern, da stiebt dann das kleine Getier verwirrt
+nach allen Seiten auseinander&nbsp;...</p>
+
+<p>An den Ufern entlang schleichen Marder und Wiesel; der Fuchs aber
+liegt im Schilf und lauert auf die Wildgänse, die an Land gegangen sind,
+um zu grasen. Mitten in dem Idyll kann man eine Häsin auf einem Wechsel
+in voller Flucht sehen, drei, vier zerzauste Rammler hinter ihr her. Da
+macht Reinecke ein paar Sprünge, besinnt sich dann aber ... nein, er mag
+nicht rennen!</p>
+
+<p>Es gibt jetzt Äsung genug! Die Paarungskämpfe zwischen den großen
+Tieren und den Vögeln machen viele Invaliden!</p>
+
+<p><span class = "pagenum">54</span>
+Durch die Baumkronen zieht das kreischende Gelichter der Häher. Scharen
+von fünf bis zehn unbeweibten Männchen verfolgen mit Geschrei und
+Gekrächze ein glückliches Paar oder machen einem alten ledigen Weibchen
+stürmisch den Hof. Überall, wohin sie kommen, schweigen die Drosseln,
+und der Rabe stimmt den Frühlingsruf an, um sein Weibchen zu warnen, das
+schon Eier gelegt hat; aber der Häher, der in seinem abgestorbenen
+Baumwipfel sitzt und lauert, streicht augenblicklich von dem Zweig ab
+und fliegt in der Richtung der nächsten lärmenden Schar.</p>
+
+<p>Aus dem Gestrüpp schießen die Amseln, den Stoß in die Höhe, über die
+Lichtungen hin &mdash; und wo viele alte Bäume stehen, schallt das
+Konzert der Stare und Dohlen ohrenbetäubend.</p>
+
+<p>Strix stimmt in den Frühlingsjubel ein.</p>
+
+<p>Sie heult und heult ... nicht klagend, wie nach den Jungen, sondern
+hohl, tief und klangvoll.</p>
+
+<p>Nacht für Nacht, vom späten Abend bis zum frühen Morgen ruft sie nach
+ihrem alten einfängigen Männchen; sie sucht alle ihre früheren
+Horstplätze ab und zieht weit über das Land hinaus, jenseits der
+Menschennester; aber nirgends sieht oder hört sie das geringste von Uf,
+so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art.</p>
+
+<p>Sie fühlt sich immer einsamer und verlassener.</p>
+
+<p>In den milden, feuchten Nächten geht Zug auf Zug von starken,
+feurigen Lenzvögeln über ihren Kopf hin, und tausende und abertausende
+von fröhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab.</p>
+
+<p>Sie grüßt die Reisenden mit ihrem tieftönenden Ho&mdash;oo, sie
+schießt aus den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht
+<span class = "pagenum">55</span>
+sie, schreckerfüllt über ihr Erscheinen, nach allen Seiten
+auseinanderstieben &mdash; und sie zieht eine lange Strecke mit ihnen,
+bis sie, deren Flügel dem pfeilschnellen Flug nicht gewachsen sind,
+zurückbleibt wie ein Hund, der einem dahineilenden Zuge zu folgen
+sucht.</p>
+
+<p>Und je weiter der Frühling fortschreitet, um so tiefer krallt sich
+der herannahende Schluß der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und
+Unbändigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und
+reizbarer. Ihr feines Gehör, das es ihr ermöglicht, in großem Umkreise
+an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit;
+Krähengekrächz und Hähergelächter, Hundegebell und Lärm der
+arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie grimmig
+und streitlustig.</p>
+
+<p>Diese Laute erwecken in ihr fortwährend Erinnerungen an die große
+Heerschar ihrer Feinde!</p>
+
+<p>Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald
+gerät in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und
+Überlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vögel
+und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brütet, müssen sie
+notgedrungen fürchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der
+Nacht, sie ist ihr verkörpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die
+Finsternis selbst kommt sie lautlos und überraschend, und wie das Wetter
+der Nacht kann sie plötzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes
+Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen
+sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das
+eigene, hoch betraute Kind der Nacht.</p>
+
+<p>Sie wohnt beständig in den Hochwäldern, aber draußen in
+<span class = "pagenum">56</span>
+einer Einöde, in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren
+Luftwechsel, ihre Tunnel und geheimen Gänge durch Kronengewölbe und
+Laubgehänge. Da hindurch kann sie aus dem überwucherten Baum, in dem sie
+wohnt, ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt über Lichtungen
+und Unterwald hin gelangen.</p>
+
+<p>Aber einmal, als sie in der Dämmerung ihren Lieblingspfad &mdash;
+einen langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weißdorn und
+kätzchengelbe Haselbüsche &mdash; entlangstreicht, findet sie ihren
+Luftweg zerstört. Das schützende Versteck, das sich so innig fest und
+dicht um ihn geschlossen hatte, ist umgerissen<ins class = "correction"
+title = "Komma unsichtbar">, </ins>liegt bunt durcheinander in einem
+großen Berg. Wo früher Bäume standen und wilde Schößlinge wuchsen,
+breitet sich jetzt ein offener Platz aus, über den sie hinjagen kann,
+ohne den Zweig eines Wipfels mit den Flügeln zu berühren.</p>
+
+<p>Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes
+Hack&mdash;Hack gehört, als arbeite tief drinnen im Wald ein
+Riesenspecht. Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von
+allen haßt ... es ist der Schlag der<em> Axt</em>!</p>
+
+<p>Die Axt macht licht, und sie haßt das Licht-machen. Sie will
+Dichtigkeit von Zweigen und Stämmen, von allen Stämmen, rings um sich
+haben. Sie will Waldesdunkel haben! Aber die Axt macht die Bäume bis in
+die Wipfel erbeben, kippen und sich plötzlich legen.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen ist der Laut wieder da!</p>
+
+<p>Und er hält den ganzen Tag an. Sie sitzt in ihrem Versteck und
+schneidet Gesichter, sie fühlt jeden Hieb wie einen Stich in ihrem
+Fleisch. Hu, diese Laute, diese verdammten, menschengeschaffenen
+<span class = "pagenum">57</span>
+Laute, sie rauben ihr das Verweilen im Verdauungswohlsein und erfüllen
+sie statt dessen mit aufregender Unruhe.</p>
+
+<p>Als dann der Abend kommt und die im Laufe des Tages angehauenen Bäume
+anfangen zu fallen, als das Krachen und Poltern und Dröhnen seinen
+Höhepunkt erreicht, da fliegt sie einem Waldarbeiter in den Nacken.</p>
+
+<p>Die Waldarbeiter pflegten sonst nie etwas von Strix zu sehen; sie
+hörten sie nur. Oh, oh! klagte etwas in der Tiefe; uh, uh! antwortete es
+von weit her. Das war zu der Zeit, als Uf noch lebte. Da hatten sie in
+den frühen Abendstunden, namentlich in der Paarungszeit, ihre feurigen
+Wechselgesänge angestimmt;<em> sie</em> hatte laut gerufen, scharf und
+innig begehrend, und<em> er</em> hatte geantwortet, tief, hohl, mit
+einem unheimlichen Uhuu, das aber für ihr Ohr so wild und aufreizend
+klang.</p>
+
+<p>Die ganze voraufgegangene Nacht hatte Strix nach Uf gerufen, aber
+vergebens ... auch das hat dazu beigetragen, sie aufzuregen.</p>
+
+<p>Sie bedient sich ihrer bekannten, unfehlbaren Überrumpelungstaktik.
+Ungeahnt taucht sie auf aus dem flockigen Versteck der Dunkelheit, wirft
+sich über den Waldarbeiter, packt ihn mit beiden Fängen bei den
+Schultern und wärmt ihm die Ohren mit den Flügeln. Mit ihren scharfen
+Ellbogenknochen schlägt sie ihn in die Schläfen und macht ihm ein paar
+blaue, blutunterlaufene Augen, dann greift sie ihm in die Haarbüschel
+und schüttelt ihn. Der Holzhauer wirft sich auf die Nase und schlägt die
+Hände vor seine Augen; aber jetzt erst nimmt Strix ihn als rechtmäßige
+Beute in Besitz. Sie hakt die Fänge in seinen Körper und reißt ihm den
+Hintern auf&nbsp;...</p>
+
+<p><span class = "pagenum">58</span>
+Es ist Pist Lak, den sie gefaßt hat, aber sie ahnt es nicht. In diesem
+Augenblick sind ihr alle Menschen gleich!</p>
+
+<p>Pist, der im ersten Nu, ehe er noch die Fänge der Eule zu kosten
+bekam, ganz entzückt war, jetzt endlich die Gewißheit zu erlangen, daß
+dieser Geldvogel noch immer hier ist, hat plötzlich seine Ansicht
+geändert ... er brüllt wie ein Stier.</p>
+
+<p>Da erdröhnt der Erdboden, da trampelt es im Laub: kla-datsch, klingt
+es ... kla-datsch, kla-datsch&nbsp;...</p>
+
+<p>Ein Zucken durchfährt Strix!</p>
+
+<p>Ihr Gesicht kann sie täuschen, kann vergessen; ihr Gehör nie. Sie
+weiß es schon lange, bevor sie die Gestalt erblickt: jetzt kommt er, der
+lahme Kerl mit dem stinkenden Atem!</p>
+
+<p>Ein mehr als instinktmäßiges Rachegefühl ergreift sie&nbsp;...</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Wie gewöhnlich ist der kleine Leuchtturmwärter auf seinem
+Frühlingszug nach Raubvogeleiern aus! Raubvogeleier hatten stets ihren
+Wert, denn sie wurden immer seltener. Krähen-, Bläßhuhn- und Elstereier
+dahingegen wollte niemand mehr haben, die waren jetzt zu gewöhnlich.</p>
+
+<p>Den ganzen Nachmittag hat er sich in der Nähe von Holzwärter Pist’s
+Arbeitsplatz aufgehalten, war mehrmals bei ihm gewesen und hatte ihn
+gequält, er möge ihm doch den Horst des großen Uhus zeigen. Pist hat
+immer geantwortet, so wie es war: daß er den Horst gar nicht<em>
+wisse</em>, ja, in diesem Jahre die Vögel nicht einmal<em> gesehen</em>
+habe. Aber der gute Leuchtturmwärter, der nicht ohne Grund ein
+schlechtes Gewissen in bezug auf gewisse sieben Kronen hat, die er
+seinem kleinen Unteragenten noch vom vergangenen Jahre her schuldet
+&mdash;, hat im Stillen gemeint, daß<em> die</em> wohl Schuld daran
+seien.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">59</span>
+Da hört er auf einmal das fürchterliche Gebrüll&nbsp;...</p>
+
+<p>Mit Sturmeseile kommt er gelaufen und sieht zu seinem ungeheuren
+Erstaunen, zugleich aber mit geheimer Freude, den großen Uhu auf Pist’s
+Rücken reiten. Im ersten Augenblick ist er ganz überwältigt von seinem
+Glück &mdash; dann ergreift er seinen schweren, eisenbeschlagenen
+Eichenknittel und haut auf die Eule ein, die sich aufgeblasen hat und
+ihm ins Gesicht fahren will. Der Schlag trifft Strix an den Kopf, sie
+verliert die Besinnung ... und als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie
+hinter Schloß und Riegel.</p>
+
+<p>Sie ist in einem Kükenbauer untergebracht &mdash; in demselben
+hölzernen Kasten, der vor einem halben Jahre ihre Jungen beherbergt hat.
+Er ist gründlich nachgesehen und frisch genagelt.</p>
+
+<p>Ihr wird etwas schwammige Lunge durch das Gitter gesteckt. Da sprühen
+ihre Lichter Funken, und sie faucht wie eine Katze. Der Leuchtturmwärter
+tritt unwillkürlich einen Schritt zurück&nbsp;&mdash;: Du großer
+Zerstörer! sagen die Lichter ... könnte ich dich nur auffressen!</p>
+
+<p>Strix rührt die Lunge nicht an. Gefräßig starrt sie dem
+hahnenschnäbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht drei
+lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann ihr
+bißchen Eulenverstand fassen, daß diese Fratze alles erwägt, was ihrem
+Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem
+Vollmond-Kälteglanz umgeben!</p>
+
+<p>Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht,
+um aus dem Bauer zu entkommen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem
+Schnabel an den Gitterstäben auf und nieder kratzt, und
+<span class = "pagenum">60</span>
+sie schlägt sich den starken Ellbogen blutig durch ihr ständiges Stoßen.
+Aber das Bauer ist solide, es hält!</p>
+
+<p>Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so daß sie
+gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurückzuziehen,
+fängt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte
+kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden
+Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt
+vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen
+zu wühlen. Sie schlägt ihren Fang in den Stock und fährt auf ihn los, so
+daß das Blut aus dem verletzten Flügelknochen ihm ins Gesicht spritzt
+&mdash; und sie hört da draußen ein mächtiges Krähen.</p>
+
+<p>Ihre Federn sträuben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da
+und faucht, die Flügel wie einen Schild vorn über dem Kopf erhoben.</p>
+
+<p>Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen
+herangeschlichen; sie öffnen sich und schließen sich am Ende ihrer
+dünnen, storchähnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift,
+nimmt die andere die Gelegenheit wahr &mdash; und dann auf einmal beißen
+sie sich in ihre beiden Ständer fest. Sie schlägt mit den Flügeln um
+sich und fällt hin&nbsp;...</p>
+
+<p>Da spürt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn bläst ihr
+seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust,
+benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beißt blindlings um sich. Ein
+Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschläfernde Wolke senkt sich
+über sie &mdash; sie muß schlafen, sie mag wollen oder nicht.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">61</span>
+Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm<ins class =
+"correction" title = "Komma unsichtbar">, </ins>nur daß er ganz eng ist,
+und er schaukelt, als sei der Baum während eines Orkans im Begriff
+umzufallen.</p>
+
+<p>Sie ist an den Gutsförster verkauft, an einen kleinen Teufel von
+Mann, eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemüt wie hart von
+Händen. Es ist dem Förster endlich &mdash; dank Vogelhansens nie
+versagendem Ammoniak und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange
+&mdash; gelungen, Strix in seine Gewalt zu bekommen und sie in den
+großen, einem Rucksack ähnelnden Eulenkorb zu sperren, der auf seinem
+Rücken schlingert. Jetzt radelt er mit ihr nach Hause. Strix soll als
+„Auf“ gebraucht werden!</p>
+
+<p>Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mürbe wird und mit sich
+„reden läßt“. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach
+mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat,
+dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewöhnt werden,
+sich um einen der Ständer fassen zu lassen, um mit dem Rücken am Boden
+des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden.
+Sie soll daran gewöhnt werden, wie eine brütende Henne angebunden zu
+sein und wie ein Piepvogel auf der Hütte zu sitzen, während die Krähen
+sie umlärmen und ausschimpfen, und er, der Förster, im Hinterhalt liegt
+und eine Krähe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald
+sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erlös
+soll zwischen ihre drei Aktionäre verteilt werden.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Bei der Ankunft in der Försterwohnung des Gutes jenseits der Förde
+wird plötzlich „der Orkan“ so stark, daß der hohle
+<span class = "pagenum">62</span>
+Stamm, in dem Strix sitzt, den Boden in die Höhe kehrt. Sie wird
+kopfüber in ein Bauer geschüttet.</p>
+
+<p>Das Bauer ist alt und mürbe. Es hat ein paar Jahre lang einen kleinen
+Krüppel von Hütten-Eule beherbergt, aber die machte keine Faxen. Die hat
+da gesessen von dem Tage an, da sie als junger Vogel von einem kleinen
+stinkenden Menschen im Walde geraubt und von seinen großen,
+rotgefrorenen Händen dahineingesetzt wurde. Der Förster hatte sie
+allmählich so weit gezähmt, daß sie von selbst herausflog und sich auf
+den Deckel des Eulenkorbes setzte.</p>
+
+<p>Es riecht noch nach ihr im Bauer und da liegen eine Menge Federn und
+Überreste von Geschmeiß. Da liegt auch eine halb gekröpfte magere Taube
+&mdash; dem kleinen Krüppel, der übrigens eben erst eingegangen ist, hat
+es offenbar an Appetit gefehlt.</p>
+
+<p>Es ist eine gefährliche Taube! Wäre Strix nicht ein wilder Vogel
+gewesen und hätte die Äsung verachtet, in die sie nicht selbst ihre
+Fänge geschlagen hat, so wäre es mit ihr aus gewesen. Die Taube ist
+eines natürlichen Todes gestorben ... an Hühnerdiphteritis. Der Förster
+hat keine Ahnung davon gehabt &mdash; eine Hütteneule bekommt ja alles:
+von im Hause gefangenen Ratten bis zu abgebalgten Füchsen!</p>
+
+<p>Strix sitzt da und schlingert; ihr ist noch etwas unklar nach der
+Betäubung. Sie starrt durch das halbverrostete Drahtgewebe und sieht vor
+sich, auf der Tür ausgespannt, gleichsam einen Schatten von sich selbst:
+einen großen, braunfederigen Riesenuhu mit einer Schnabelspalte, die bis
+weit unter die Ohren reicht. Er hat nur einen Fang.</p>
+
+<p>Strix meint, sie müsse den Fang kennen!</p>
+
+<p>Dann kühlt die Luft um sie her allmählich ab; lange schwarze
+<span class = "pagenum">63</span>
+Schatten schleichen sich über den Hof hin &mdash; &mdash; der Tag geht
+zur Rüste.</p>
+
+<p>Gleich einem großen Vogelzug mit Wildrosenschimmer über den
+flimmernden Flügeln sieht sie die Wolken dem fernen, roten Abendland
+entgegeneilen.</p>
+
+<p>Und der Wind folgt hinterdrein, so schnell er nur kann ... es wird
+geräuschleer, fast waldeinsam um sie her.</p>
+
+<p>Bald jagt die erste kleine behende Fledermaus an ihrem Bauer vorbei.
+Es folgen mehrere &mdash; und dann auf einmal wimmelt es von
+Fledermäusen. In unbeständigem Zickzackfluge huschen sie über den Hof,
+aus und ein, wenden in rechten Winkeln oder schaukeln in langen
+anmutigen Zirkelbogen herum, um dann wieder wegzuflimmern und zu Punkten
+in der Luft zu werden.</p>
+
+<p>Große, schwerbelastete Nachtschwärmer mit dem fetten, plumpen
+Hinterkörper, der unter ihren hastig schwirrenden Flügeln herabbaumelt,
+schrauben sich mühsam vor ihr in die Luft empor, während ungeschlachte,
+brummende Maikäfer mit einer Geschwindigkeit, die sie veranlaßt, lange
+Striche die Kreuz und die Quer durch die Luft zu ziehen, klatsch,
+klatsch gegen das Bauer schlagen und krabbelnd herunterfallen.</p>
+
+<p>Die Finsternis verdichtet sich um Strix ... in dem tiefen Blau oben
+über den Baumwipfeln funkelt der Abendstern, gelb und groß, als
+einziges, schimmerndes Loch in der Himmelskuppel&nbsp;...</p>
+
+<p>Die treuen Tiere der Nacht sind alle ausgegangen!</p>
+
+<p>Sie ist nun wieder ganz zu Kräften gelangt und rumort in ihrem
+Gefängnis herum, während sie mit Schnabel und Fängen an dem Drahtgewebe
+zerrt. Sie zieht es auseinander, sie holt es zu sich heran, sie rüttelt
+und reißt &mdash; und das Drahtgewebe zerspringt.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">64</span>
+Es hat Jahre lang gehalten; jetzt kann es keine Stunde mehr halten!</p>
+
+<p>Sie bekommt den Kopf heraus und den halben Körper, aber die beiden
+großen Flügel bleiben hängen. Sie muß wieder zurück, wieder hinein und
+weiter an den zähen Strängen zerren; ihre Zunge blutet, ihr Schnabel
+schmerzt &mdash; aber endlich gelingt es ihr doch das ganze Drahtgewebe
+aufzureißen.</p>
+
+<p>Als sie sich auf der Schwelle zur Freiheit befindet, fährt plötzlich
+ein kleines, schiefbeiniges, rotbraunes Ding kläffend auf sie ein. Es
+ist der Nachtwächter und Gefängniswärter hier auf dem Forsthofe, der
+alle die verschlossenen Türen und Luken unter seiner Aufsicht hat. Das
+fürchterliche Rumoren dort im Eulenbauer hat ihn schon lange darauf
+aufmerksam gemacht, daß da etwas los ist; nun will er aber die neue Eule
+lehren, daß er sich dergleichen gründlich verbitten muß.</p>
+
+<p>Der wachsame kleine Gefängniswärter hat indessen kein Glück. Strix
+schlägt die Fänge in seinen Rücken ... er fängt an, gottsjämmerlich zu
+heulen und stürzt schreckerfüllt ins Haus hinein.</p>
+
+<p>Es ist sonderbar ... aber das Geheul erinnert sie auf einmal wieder
+an&nbsp;Uf!</p>
+
+<p>Im selben Augenblick schreitet ein kleiner schwarz- und
+weißgefleckter Kater mit steifem Schwanz und eifrig windenden Nüstern
+auf den Hofplatz. Er gehört eigentlich zu einem Forsthaus weit drüben
+auf der andern Seite der Förde, aber der Frühling zerrt auch in ihm! Des
+Fressens halber kommt er nicht, doch ... wenn sich die Gelegenheit
+bietet, nimmt er gern einen Bissen mit. Jetzt wittert er plötzlich Vögel
+und sieht eine Chance&nbsp;...</p>
+
+<p><span class = "pagenum">65</span>
+Er verrechnet sich, armer Kerl &mdash; und es geht ihm schlimmer als dem
+kleinen, schiefbeinigen Gefängniswärter. Strix, die nun glücklich dem
+Bauer entronnen ist, nimmt ihn als ihre rechtmäßige Gefangenenkost und
+hält eine wohlverdiente Mahlzeit an ihm.</p>
+
+<p>Noch in derselben Nacht findet sie sich über die Förde zurück und in
+ihre Einöde in dem trauten Hochwald. Sie versteckt sich in ihrem hohlen
+Baumstamm ... da sitzt sie und denkt das<em> ihre</em> über das
+Dasein.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und
+mit Macht begegnet!</p>
+
+<p>Was sollte sie wohl fürchten?</p>
+
+<p>Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge, und sie
+hatte ihre großen, starken Flügel; sie besaß Selbstvertrauen und
+Zutrauen zu ihren Fähigkeiten und Kräften&nbsp;&mdash; was sollte sie
+wohl fürchten!</p>
+
+<p>Aber ihr häufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung,
+die sie daraus schöpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermögen
+einen Stoß versetzt; hier hatte sie ja einmal über das andere ihren
+Meister gefunden &mdash;; einen Gegner, den sie nicht hatte in die
+Flucht schlagen können!</p>
+
+<p>Daß der Mensch gefährlich war &mdash; das begriff sie jetzt.</p>
+
+<p>Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am
+Abend bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und
+sich anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und Äxteschlagen
+hören.</p>
+
+<p>Ihr großes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt
+hatte, war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz
+<span class = "pagenum">66</span>
+weit draußen, wo einst ihr Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus
+neben dem andern, Gitter und Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und
+Zäunen; Motorräder surrten umher, Telephondrähte durchwebten die Luft,
+lange Schornsteine spien die Eingeweide der Erde aus, und heulende
+Eisenbahnzüge fauchten überall. Die Menschen breiteten sich aus wie die
+Wanderratten in gewissen Jahren auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix
+wollte es scheinen, als müßten sie vorwärts über ihre Leichen!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht.</p>
+
+<p>Es ist Jagd im Tierwald<ins class = "correction" title =
+"Komma unsichtbar">, </ins>dem letzten der einstmals so ausgedehnten
+Hochwälder am innersten Ende der Förde, dort, wo Strix ihre
+jubelerfüllten Tage gelebt hat &mdash; und die Hunde hetzen einen Hasen.
+Sie wird von dem Gekläff geweckt, und als sie den Hasen vorüberschlüpfen
+sieht, kann sie nicht widerstehen; sie muß der Bande folgen.</p>
+
+<p>Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der
+sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet &mdash; nun holen
+die meutestarken Teufel ihn!</p>
+
+<p>Ihr gehören alle Hasen, das ist doch ganz selbstverständlich; so
+lange sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehört!</p>
+
+<p>Strix setzt von ihrem Zweig aus den Spürhunden nach&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie streicht lautlos über ihnen und wirft sich mit einem Brausen
+dicht vor der Nase des ersten nieder. Im Vorüberflug gibt sie ihm einen
+Fang, der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund
+stößt ein durchdringendes Geheul aus&nbsp;...</p>
+
+<p>Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">67</span>
+Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei große Spürhunde nahen.
+Mit dem dicken Ende des Flügelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen
+Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fängen das Ohr des
+andern.</p>
+
+<p>Nach einer Weile erscheint einer von den Jägern.</p>
+
+<p>Er ist wie gelähmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen
+großen Vogel sitzen sieht &mdash; und er bleibt schleunigst stehen und
+macht sich schußbereit.</p>
+
+<p>Er will dir den Raub wegnehmen, <ins class = "correction" title =
+"Original: ‘denckt’">denkt</ins> Strix ... na, versuch’ es nur mal!</p>
+
+<p>Da entsendet der Jäger ein Brüllen in den Wald hinaus, sein Atem geht
+von ihm aus wie ein heißer Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fängen
+zerrt er an ihrer Haut.</p>
+
+<p>Das war unergründlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie!</p>
+
+<p>Aber nun hatte Strix genug &mdash; seit dieser Zeit hielt sie sich
+den Menschen fern.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Der große Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden.</p>
+
+<p>Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Füchse und
+Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen
+Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden
+unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der
+stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten.
+Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krähe und Elster; die wuchsen förmlich aus
+dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix
+Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles
+das, was aufräumte und licht machte, war ihr ein
+<span class = "pagenum">68</span>
+Greuel; es tötete die Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie
+denken konnte, ununterbrochen in die Flucht getrieben.</p>
+
+<p>Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie
+nun weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie
+schließlich wegfliegen muß &mdash; hinweg über die Menschennester,
+hinweg über das Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem
+sonderbaren, ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen
+und Heidemooren liegt.</p>
+
+<p>In einer wilden Hügelschlucht &mdash;<em> Teufelshöhle</em>
+genannt&nbsp;&mdash; vor einem öden, düstern Waldsee findet sie endlich
+in dem verfaulten Stamm einer alten, leeren Buche eine neue Freistatt,
+ein Heim, das ihr uraltes Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt.</p>
+
+<p>Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff &mdash; und Axthiebe
+und Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte
+nur niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die
+selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit,
+herumhuschen.</p>
+
+<p>Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage&nbsp;&mdash;
+und des Nachts geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar
+machen. Dann heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten
+Melodien; sie kann ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den
+bekannten Wiesen und Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in
+aller Ruh rings umher auf dem Waldboden unternehmen.</p>
+
+<p>Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach
+dem Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder&nbsp;...</p>
+
+<p>Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst
+nachgeflogen &mdash; über alle Berge!</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">69</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap6" id = "chap6">6. Winterleben im
+entlegenen Walde</a></h4>
+
+
+<p>Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über
+reifendem Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen
+&mdash; alle die bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt
+um die Wurzeln der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der
+Eberesche sind hellwach!</p>
+
+<p>Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem,
+regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und
+drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte
+des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt
+ist der Frost gekommen!</p>
+
+<p>Überall liegt Schnee.</p>
+
+<p>In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen
+Hügeln, wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von
+Birke und Geißblatt &mdash; und unter den ineinander gefilzten Zweigen
+fließen &mdash; schwarz und kalt&nbsp;&mdash; die grundquellreichen
+Wasser des öden Waldsees. Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch
+fabelt!</p>
+
+<p>Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt
+der weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der
+Horizont brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem
+Schein&nbsp;...</p>
+
+<p><span class = "pagenum">70</span>
+Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres hohlen
+Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder&nbsp;&mdash; ihr alter Erbfeind und
+schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat
+zurückziehen müssen &mdash; ist schon auf Jagd aus.</p>
+
+<p>Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen
+Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt
+über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer
+zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben
+sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden
+&mdash; und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.</p>
+
+<p>Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich
+schadlos &mdash; und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher
+den Raub, dessen sie bedürfen.</p>
+
+<p>Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen:
+er hat ihnen &mdash; als Neues vom Jahr &mdash; einen großen Zug
+Eichhörnchen gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde
+Eichhörnchen; die behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen
+Bäumen mit Beschlag belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester
+ausgefüllt. Strix pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da
+aber auch der Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die
+Forderung stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern
+Tiere schon an, auf die Neige zu gehen.</p>
+
+<p>Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters
+macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in
+den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht
+weit von dem Baum
+<span class = "pagenum">71</span>
+des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein Eichhörnchen zu
+überraschen.</p>
+
+<p>Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. <ins class = "correction"
+title = "Original: ‘Er’">Es</ins> sitzt in dem Wipfel einer kleinen,
+allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten
+Tannenzapfen.</p>
+
+<p>Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät
+einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat
+Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem
+kleinen Springer überlegen sein, das weiß&nbsp;er!</p>
+
+<p>Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne &mdash; und Ritsch,
+Ratsch &mdash; steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst
+die tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt
+auf den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende
+des Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich
+mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es
+dahin über den Schnee&nbsp;...</p>
+
+<p>Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und
+Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er
+gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald
+schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden
+Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe,
+ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.</p>
+
+<p>Das Eichhörnchen saust in die Höhe &mdash; und Taa ihr nach; und dann
+geht es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in
+großen Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe;
+es führt den Marder auf
+<span class = "pagenum">72</span>
+Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten Wipfelzweig stürzt
+er sich mutig herab, und ist dann im nächsten Augenblick wieder oben in
+der äußersten Spitze eines Baumwipfels.</p>
+
+<p>Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ...
+unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden
+fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und
+rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen
+und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel,
+aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.</p>
+
+<p>Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat
+herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze
+angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen
+Flocken begraben.</p>
+
+<p>Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden
+Mondstrahlen, streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und
+hakt sich in sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu
+befreien vermag. Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der
+sein Leben aufgibt &mdash; und springt dann weiter, mit seinem
+Leckerbissen im Fange.</p>
+
+
+<p class = "space">
+In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit
+blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.</p>
+
+<p>Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen,
+und hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!</p>
+
+<p>Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die
+Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ...
+<span class = "pagenum">73</span>
+Der Groll und die Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens
+nagt noch immer an ihrem Innern.</p>
+
+<p>Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder
+Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten
+Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf&nbsp;&mdash; und dann wird
+sie grausam und rachedürstig.</p>
+
+<p>Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht&nbsp;...</p>
+
+<p>Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft
+fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem Joch
+des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis
+ankämpfen.</p>
+
+<p>Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich
+nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die
+ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das
+sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand
+angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.</p>
+
+<p>Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus
+und verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub
+auszugehen.</p>
+
+<p>Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen
+Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne
+Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen
+Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine
+Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit erst
+abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man
+verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">74</span>
+Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben
+Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase &mdash; und
+plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus
+dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die
+Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als
+schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen
+Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als
+er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht
+zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen
+Rücken.</p>
+
+<p>Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von
+einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein
+heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark
+und Bein geht.</p>
+
+<p>Das Rottier fährt zusammen &mdash; und <ins class = "correction"
+title = "dänisches Wort?">krasselt</ins> mit dem Kalbe in wilder Flucht
+davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die
+Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich mit
+seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im
+Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu
+nehmen und dem Wild zu folgen.</p>
+
+<p>Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder
+Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie
+ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!</p>
+
+<p>Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes
+aufgefangen &mdash; sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und
+richtet die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!</p>
+
+<p><span class = "pagenum">75</span>
+Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er
+eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war der
+Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben &mdash; und auch er hatte
+sie angeführt.</p>
+
+<p>Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner
+Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote
+Waldkatze ihr gehört&nbsp;...</p>
+
+<p>Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee
+zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich &mdash; der Marder wird
+in der letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will,
+drückt er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt
+und nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.</p>
+
+<p>Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa
+bis auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich,
+aber vergebens &mdash; die geschmeidige Marderkatze bringt sich in
+Sicherheit.</p>
+
+<p>Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt
+sie auf einen Zweig hinauf und kröpft&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne,
+seine Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so
+angenehm!</p>
+
+<p>Aber<em> ein</em> Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie
+Strix. Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu
+erjagen &mdash; und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die
+Kellertiefe des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch
+den Hochwald. Sie untersucht die Wipfel &mdash; sollte da nicht eine
+Taube sitzen? Sie versenkt sich in die Dickungen&nbsp;&mdash;: sollte
+sich nicht eine Amsel
+<span class = "pagenum">76</span>
+dort verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht
+hört, sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre
+Zaubermacht.</p>
+
+<p>Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit
+wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten
+Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird sie
+auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden. Ein
+paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter
+Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich sieht
+sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat&nbsp;&mdash;: ein
+Eichhörnchen schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.</p>
+
+<p>Das Eichhörnchen ist morgenfrisch &mdash; und Strix hat Pech mit
+ihrem ersten grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt
+nur die Fänge in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.</p>
+
+<p>In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene
+Kugel, saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.</p>
+
+<p>Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her,
+sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit
+schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen
+Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des
+Eichhörnchens.</p>
+
+<p>Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen&nbsp;...</p>
+
+<p>Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren
+Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist dem
+Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die
+zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">77</span>
+Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter
+Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat &mdash;
+er weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.</p>
+
+<p>Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz&nbsp;...</p>
+
+<p>Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im
+Osten. Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf &mdash; und weit
+draußen am Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll
+bläulich gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den
+Bäumen herab&nbsp;...</p>
+
+<p>Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet
+nicht auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen
+Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.</p>
+
+<p>Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie
+hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den
+Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht
+gehabt!</p>
+
+<p>Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich
+ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk
+hindurch&nbsp;...</p>
+
+<p>Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,<em>
+morgenverdrießliche</em> Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen
+umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein
+gellendes Gelächter aus.</p>
+
+<p>Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne
+auf&nbsp;...</p>
+
+<p>Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich’s versieht. Sie
+<span class = "pagenum">78</span>
+erhaschen einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit
+denen sie zwischen den Bäumen aus und ein fliegt &mdash; und nun stürzen
+sie sich über sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die
+Krähen haben etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie
+wie ein Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut &mdash; sie kennen Strix
+von mancher Gewalttat her!</p>
+
+<p>Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen
+sie Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen
+Wendungen stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich:
+Hunderte und aber Hunderte gegen<em> einen</em> Feind. Federn und Daunen
+stieben wie Laub im Herbst durch den Wald&nbsp;...</p>
+
+<p>Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit
+Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht,
+sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre
+gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor so
+oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig hat
+sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet,
+ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu
+dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den
+Gesellen mit ihren Fängen erhascht.</p>
+
+<p>Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen &mdash; und jetzt sind
+da Hunderte und aber Hunderte!</p>
+
+<p>Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst
+geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und
+verschnauft. Auch Strix’ Gedanken drehen sich jetzt
+<span class = "pagenum">79</span>
+um nichts weiter als um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter
+ihr drein, der Wald ist in Aufruhr&nbsp;...</p>
+
+<p>Da ist das Glück ihr hold.</p>
+
+<p>Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm,
+hinter einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern
+will es scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber
+taumelt sie in einen tiefen Spalt hinab&nbsp;...</p>
+
+<p>Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich
+wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren.
+Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das Loch
+hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein
+gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und
+flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht
+gewesen, die tief wie ein Abgrund war.</p>
+
+<p>Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten
+und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich
+gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs
+ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf
+behutsam zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange
+wütend&nbsp;um.</p>
+
+<p>Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist
+hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer
+<span class = "pagenum">80</span>
+Himmel lauert über der Erde; es schneit hin und wieder&nbsp;&mdash; und
+die vereisten Birkenkronen klirren.</p>
+
+<p>In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die
+höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht
+zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von
+acht bis zwanzig heranziehen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie versammeln sich heute abend früh &mdash; und wie sie sich in
+schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten,
+dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von
+Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre
+Winternot.</p>
+
+<p>Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie
+will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des
+Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber
+heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch
+ist nur halb gestillt.</p>
+
+<p>Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel &mdash; und es liegt etwas
+bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer
+kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen
+anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und
+vermehrt seine Stärke.</p>
+
+<p>Und dann schwindet das Licht &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den
+emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in
+die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den
+Körper unter den warmen Kissen zu bergen. &mdash;
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">81</span>
+Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront
+Strix.</p>
+
+<p>Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.</p>
+
+<p>Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel
+verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung
+ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der
+lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen,
+wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten
+Schwungfedern dröhnte.</p>
+
+<p>Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die
+zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie
+es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre
+Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.</p>
+
+<p>Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das
+regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik.</p>
+
+<p>Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt
+hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend,
+zurückgelegt.</p>
+
+<p>Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im
+Winde schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen
+hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann
+schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit
+zu Zeit und windet lange.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">82</span>
+Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein,
+aber es eilt ja auch nicht!</p>
+
+<p>Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich
+so ungewöhnlich gut zum Lauern eignet.</p>
+
+<p>Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so
+daß er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen
+... ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.</p>
+
+<p>Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo
+hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so
+zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch
+von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in
+dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den
+Krähen und Holztauben den nötigen Einflug.</p>
+
+<p>In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der
+alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat
+unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um
+einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden
+Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht
+gestellt haben.</p>
+
+<p>Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher
+sind nur knapp bemessen gewesen; bei<em> einer</em> Gelegenheit ist er
+sogar hindurch geplumpst &mdash; bis hinab auf den Erdboden.</p>
+
+<p>Er ist halbwegs müde und schlapp&nbsp;...</p>
+
+<p>Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter
+wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche
+Knorren hat ja jeder zweite alte Baum,
+<span class = "pagenum">83</span>
+und die greisenhafte Tanne hier ist voll davon. Zum Überfluß kommt der
+Wind gerade von der verkehrten Seite; es zieht durch die Lichtung von
+unten herauf, wie durch einen Schornstein.</p>
+
+<p>Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig
+und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam
+Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den
+Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen
+schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene,
+das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben
+Unachtsamkeit bewußt wird.</p>
+
+<p>Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und
+frechen Räuber &mdash; und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge
+in seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock
+ihrer Schneiden fangen&nbsp;&mdash; dann ist die Gelegenheit da. Aber
+nach offenem Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und
+sie unbändig macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn!
+gelüstet es sie nicht.</p>
+
+<p>Und Taa seinerseits wird sich schon hüten!</p>
+
+<p>Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen
+Gegner sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein
+Laut dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die
+Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene
+Katze.</p>
+
+<p>Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die
+Höhe schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel
+zwischen ihnen wie im Grabe.</p>
+
+<p>Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmel
+<span class = "pagenum">84</span>
+speit Schnee, und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald
+und bringen die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.</p>
+
+<p>Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht,
+dessen Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in
+die Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht
+schwarze Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den
+Zweigen.</p>
+
+<p>Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht!</p>
+
+<p>Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der
+Ärmste erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt.</p>
+
+<p>Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das
+Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz.</p>
+
+<p>Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich
+großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die
+Luft hinaus.</p>
+
+<p>Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das
+Grauen und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen
+Aasvögel, über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier
+saßen wir so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch
+einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt
+eine neue und noch eine &mdash; gar viele schlägt sie nieder in der
+Schlacht.</p>
+
+<p>Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf&nbsp;...</p>
+
+<p>Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten!</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">85</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap7" id = "chap7">7. Der neue Wald
+rückt vor</a></h4>
+
+
+<p>Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.</p>
+
+<p>Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen
+Forstmeister und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden
+Winter in der Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in
+der Umgegend, um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den
+Wald auf fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch
+nie unter dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die
+seit einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem
+Treiberjungen oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt
+hatte. Es war hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß
+Boden gibt, der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die
+Stiefelsohlen des Holzwärters spürt. Nein, Gräben und
+Entwässerungsröhren waren hier unbekannt, große Moore und Lichtungen
+lagen mit Gestrüpp bewachsen da, zahllose kleine Seen mit Röhricht und
+Weidenbüschen gab es, und im Winter war fast jede Niederung
+überschwemmt.</p>
+
+<p>Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar
+gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der
+Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">86</span>
+Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit
+weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und
+Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote
+im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und
+glitzerte in Wellen und Kräuselungen.</p>
+
+<p>Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im
+Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme
+häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der
+Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer;
+stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen
+Abgrund&nbsp;&mdash; so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub,
+wenn es fiel, in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.</p>
+
+<p>In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der
+Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen
+Wesen auf Zehen, zumute war, als<em> schwebe</em> er, und wo er deswegen
+oft schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über
+seinen sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem
+Wald versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.</p>
+
+<p>Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege
+&mdash; aus und ein &mdash; zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie
+hatte dieselben Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht,
+ihre Beute zu überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie
+gelehrt hatten, daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage
+zum andern gegangen, wie es zu gehen pflegte &mdash; im Sommer Überfluß:
+Birkhähne, Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter
+<span class = "pagenum">87</span>
+Schmalhans: Eichhörnchen und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und
+Marder.</p>
+
+<p>Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren
+gewöhnt.</p>
+
+<p>Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn
+schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten
+Erinnerungen in ihrem Innern auf.</p>
+
+<p>Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte
+Ahnungen von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen
+konnten sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.</p>
+
+<p>Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her,
+nur diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge
+zu fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der
+Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier;
+er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich
+finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten
+mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen
+Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan
+hatte.</p>
+
+<p>Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln
+durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie
+hauen, sie fällen&nbsp;...</p>
+
+<p>Wer?</p>
+
+<p>„Die Zweibeine“, „die Gesichter“, „die großen Zerstörer“ oder welche
+Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen,
+die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. &mdash;
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">88</span>
+Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises
+gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der
+Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches
+Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die
+Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und
+so stehen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit
+Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und
+da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen,
+und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des
+großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.</p>
+
+<p>Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen
+werden,<em> geschossen</em>, und es sollte gefällt werden,<em>
+gefällt</em> ... ein ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast
+angerührt, behauptete der neue „Meister“.</p>
+
+<p>Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie
+hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern
+Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue
+Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und
+überlebt war, mußte sich beugen &mdash; und mit den Tagen, die gingen,
+und dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im
+Walde.</p>
+
+<p>Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am
+Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und
+geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so
+wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">89</span>
+Eines Tages kommt ein Fuß um die alte hohle Buche
+herum.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und Strix sträubt die Hörner.</p>
+
+<p>Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war
+sie gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis
+vor wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die
+eigene Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt
+ihr ein brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem
+Moor in die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in
+ihren Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach
+werden &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger
+Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der<em>
+Mensch</em>!</p>
+
+<p>Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt
+am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor,
+auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.</p>
+
+<p>Herr du meines Lebens! &mdash; entfährt es seinem Munde, und er reißt
+ein gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!</p>
+
+<p>Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen
+wiederholt sich.</p>
+
+<p>Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe
+stören, ihr Mißtrauen ist erwacht &mdash; wie ungern sie es auch tut,
+sie muß aus ihrer alten Wohnung ausziehen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">90</span>
+Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes,
+lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem
+alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt
+und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel
+erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen &mdash; da erst
+streicht sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln,
+aber schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt
+ganz regelrecht auch Tannen!</p>
+
+<p>Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der
+Buche, der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich
+ein enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch
+faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch
+unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist der
+Spalt doch!</p>
+
+<p>Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die
+Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen
+andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre
+Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine
+fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß
+aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm
+roch es den ganzen Sommer.</p>
+
+<p>Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen
+kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als
+daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster
+machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">91</span>
+Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken und
+Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde der
+Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von denen,
+die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den sumpfigen,
+feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den
+allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie
+draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den
+kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und
+ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte &mdash; und
+diese Laubhütte benutzte Strix oft und lange.</p>
+
+<p>Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und
+Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren
+Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten,
+zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen
+Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die
+Lumpen des Waldes &mdash; die Häher, zogen auf, und bald darauf die
+Drosseln &mdash; die wachsamen Schutzleute des Waldes &mdash; da wußte
+sie, daß die Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der
+Wald binnen kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel
+aus und flog hinauf durch das Laubdach, flog davon &mdash; um sich
+wieder tief in ihrem Spalt zu verstecken.</p>
+
+<p>Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel.
+Meinetwegen die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur
+Not auch die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte
+das Recht, auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte
+die zu sagen!</p>
+
+<p><span class = "pagenum">92</span>
+In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer &mdash; schwül und zum
+Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im
+Schnabelbart &mdash; in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so
+frisch und kühl gewesen!</p>
+
+<p>Der Sommer verging&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht
+zu finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus
+denen sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun
+ganz umgewandelt.</p>
+
+<p>Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern
+hinzogen, wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin
+kamen breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und
+Heideebenen und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und
+Hase freien Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne
+Miniaturwälder auf. Selbst Strix’ kleiner Waldsee zwischen den Hügeln
+war verschwunden. Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün
+und herrliche Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum
+Hineinschlabbern bereit lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen
+Zügen nur noch ein leeres Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die
+Einsamkeit wohnte, wo der Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre
+Badestelle hatte, wo der Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche
+wild brunstete, und der Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte
+und summte &mdash; dort rumorte jetzt der Menschengeist.</p>
+
+<p>Es wurde Winter &mdash; und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter
+ihr einziehen. Er hatte ein Junges bei sich&nbsp;...</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig,
+<span class = "pagenum">93</span>
+wie er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des
+großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des
+Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle
+und tiefe Kastanienbraun.</p>
+
+<p>Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch
+die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und
+seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte
+er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen
+konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem,
+was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen
+vermochte.</p>
+
+<p>Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein
+Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote<ins class =
+"correction" title = "Komma unsichtbar">, </ins>Springen im Lauf und
+einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün
+und unerfahren&nbsp;...</p>
+
+<p>Er ließ sich indessen gut an!</p>
+
+<p>An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater &mdash;
+und so jung er war, ließ<em> er</em> sich kein Eichhörnchen nehmen, das
+er mühsam gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür
+eingesetzt zu haben.</p>
+
+<p>Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das
+konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit
+Weissagungen abgegeben.</p>
+
+<p>Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das
+war so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem
+großen Taa gegenüber.</p>
+
+<p>Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich
+von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu
+teilen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">94</span>
+So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen, daß
+er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen
+kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen.</p>
+
+<p>Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden
+war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für
+einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine
+Klette an seinen Sohn und wich nie &mdash; auch nicht am Tage &mdash;
+von seiner Seite.</p>
+
+<p>Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide
+am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für
+Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu
+spüren war, fand er sich darein.</p>
+
+<p>Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim.
+Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich
+in ihrer luftigen Stube zu putzen.</p>
+
+<p>Strix sitzt in der ihren über ihnen.</p>
+
+<p>An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind
+überall auf den Beinen.</p>
+
+<p>Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie
+finden den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande
+dazu. Da zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des
+Moorschweins an. Das „Schwein“ wird gebraten &mdash; und es schwält
+häßlich durch den ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und
+Klein-Taa niest, und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß
+es ihm gilt.</p>
+
+<p>Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die
+Jäger schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie
+nicht.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">95</span>
+Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?</p>
+
+<p>Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um
+ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit
+Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile
+übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald
+breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen
+Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie
+von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?</p>
+
+<p>Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde
+umherzuschweifen. Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und
+es wurden große Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies
+und jenes gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt
+oder sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen,
+halbverfaulten Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten
+versteckte, so würde es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu
+entkommen.</p>
+
+<p>Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!</p>
+
+<p>In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und
+namentlich zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und
+hatte nach Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie
+sich nicht viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo
+sie war.</p>
+
+<p>Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.</p>
+
+<p>Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere
+Gegend suchen!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">96</span>
+Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von
+Jahren wieder lebendig in Strix &mdash; in einer schönen Nacht
+überkommen sie sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.</p>
+
+<p>Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt.
+Es ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre
+Fänge befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und
+schmerzt auf eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht
+schlafen, nicht still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit
+den Augen zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das
+Verlangen wächst und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger
+wächst ... und so steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel
+steht und das Licht grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch
+über den Waldeswipfeln auf und verschwindet.</p>
+
+<p>Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von
+den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach
+denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den
+ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe,
+dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.</p>
+
+<p>Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als
+wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie&nbsp;&mdash; die letzte
+&mdash; noch weniger umgänglich gemacht hat.</p>
+
+<p>Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen
+eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo
+wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel
+erschallt, und Menschen
+<span class = "pagenum">97</span>
+und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen Einsamkeit! Was die Sonne
+für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie muß sie suchen, ihr
+nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach dem Licht krümmen und
+strecken sieht.</p>
+
+<p>Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und
+verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten,
+in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen.
+Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre
+Anwesenheit &mdash; groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine
+Spur! Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt,
+einen großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die
+eine Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.</p>
+
+<p>Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort
+verweilt, sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen
+um ihren Sitzplatz verbreiten muß.</p>
+
+<p>Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst
+ergangen wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal
+des großen Taa zu teilen.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">98</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap8" id = "chap8">8. Auf der
+Heide</a></h4>
+
+
+<p>Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren
+Tautropfen und schaukelt über der Erde draußen am östlichen
+Horizont.</p>
+
+<p>Strix ist geflogen und geflogen&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen
+und zahllose Anläufe zu Wipfeln &mdash; ein mächtiger Hochwald mit einer
+Wölbung neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor.</p>
+
+<p>Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und
+Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist.</p>
+
+<p>Bald löst die ferne Fata morgana sich auf &mdash; und das ungeheure,
+schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.</p>
+
+<p>Noch ein Kilometer &mdash; und als die Sonne aufsteigt, wird das
+Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem
+Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die
+unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten
+hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter
+Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige
+recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der
+moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit
+seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie
+<span class = "pagenum">99</span>
+erkennt das alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend
+&mdash; und sie fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht
+zwischen ein paar hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und
+setzt den Fuß auf den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos
+bedeckten Boden.</p>
+
+<p>Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem
+mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild
+vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit
+und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der
+Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur
+breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den
+vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!</p>
+
+<p>Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit den
+Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf
+zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch
+bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten
+Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel
+thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über
+ihr neues Heim.</p>
+
+<p>Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.</p>
+
+<p>Es ist ein kleines Birkkücken&nbsp;...</p>
+
+<p>Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz
+langsam und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.</p>
+
+<p>Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise
+&mdash; und schlägt deswegen auf das Kücken nieder.</p>
+
+<p>Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam
+<span class = "pagenum">100</span>
+lebendig; es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum.
+Strix will natürlich alles fangen, was kriecht &mdash; und sie greift
+wild und gierig nach alten Seiten um sich.</p>
+
+<p>Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe
+&mdash; da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht
+wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen
+Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange
+der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um
+ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!</p>
+
+<p>Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie
+betrachtet das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins
+Werk gesetzten Willkomm.</p>
+
+<p>Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.</p>
+
+<p>Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren
+unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln
+zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht.</p>
+
+<p>Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist,
+als erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er
+sich in aller Eile fertig macht.</p>
+
+<p>Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus
+Neugier dahin &mdash; und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch
+herauskrabbeln.</p>
+
+<p>Hu &mdash; Hu &mdash; Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem
+gierigen und honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">101</span>
+Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der
+Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja
+nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und
+scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und
+reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder.</p>
+
+<p>Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der
+Nachtjagd. Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das,
+was<em> er</em> unter einem Gespenst versteht.</p>
+
+<p>Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe
+leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt
+ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben
+einen eigenen melancholischen Ausdruck.</p>
+
+<p>Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten&nbsp;&mdash;
+von der Art, die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig
+machen.</p>
+
+<p>Der Fuchs ist abgelebt &mdash; das ist die Sache! Die Eckzähne im
+Unterkiefer sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine
+Krallen sind eckig und stumpf &mdash; er kann nicht mehr fangen.</p>
+
+<p>So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. „Das Gespenst“
+ist standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft
+auch Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen,
+perlenden Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache
+entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt&nbsp;da!</p>
+
+<p>Und dann geht Reinecke durch die Hintertür.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">102</span>
+Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie
+sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt
+gegen das blendende Tageslicht.</p>
+
+<p>Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen
+hat, wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie
+er es sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt
+ihm einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem
+Gedächtnis für eine Woche auf.</p>
+
+<p>Auf der Heide findet Strix Ruhe &mdash; der Kampf um ihre Ernährung
+fordert alle ihre Kräfte.</p>
+
+<p>Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im
+August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr
+Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt sie
+mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu
+nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der
+Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der
+Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen
+nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich
+schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen,
+einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise.</p>
+
+<p>Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre
+Gewänder&nbsp;&mdash;: Frauenhemden und Strümpfe, Socken und
+Männerhemden, die zum Trocknen hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf
+mit der Finsternis auf.</p>
+
+<p>Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult
+es in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen
+fett gemachten Ratten kröpft.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">103</span>
+Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht
+Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und
+im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank
+ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen
+kann.</p>
+
+<p>Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes
+durch den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter
+sich einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei
+engverschlungene Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in
+die Tiefe hinab, kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten
+Wasser, so daß der Bach schäumt.</p>
+
+<p>Es sind zwei Ottern im Kampf.</p>
+
+<p>Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort
+weiter&nbsp;...</p>
+
+<p>Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und<em> dem</em> gilt der
+Kampf.</p>
+
+<p>Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den
+Fisch. Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den
+andern an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre
+fauchenden Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.</p>
+
+<p>Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!</p>
+
+<p>Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde,
+sie springen hoch in die Luft empor, ihr nach.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem
+Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, in
+<span class = "pagenum">104</span>
+dem sich der Fuchsbau befindet. Das struppige Heidekraut reicht den
+kleinen, verrenkten Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf.
+Aber die Knirpse sind trotzig &mdash; sie krümmen sich zu einer dichten
+und umfangreichen Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich
+schlingen. An den Zweigen wachsen Blätter &mdash; und dieser
+Sonnenschirm benimmt dem Heidekraut den Mut.</p>
+
+<p>Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen
+und durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut
+damit begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden.</p>
+
+<p>Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast
+Manneshöhe erreichen.</p>
+
+<p>Diese Bäume nennen die Heidebauern „Wald!“</p>
+
+<p>Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt,
+finden sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und
+Adlerfarne zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist
+Lauberde und Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide!
+Im Frühling kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen
+tragen kleine, verkrüppelte Eicheln.</p>
+
+<p>Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp&nbsp;&mdash;
+ein Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes
+Warmblütlers und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung
+eines vornehmen Europäers.</p>
+
+<p>In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es ist ein holdseliger Morgen!</p>
+
+<p>Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp
+<span class = "pagenum">105</span>
+zwischen blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der
+kleine Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.</p>
+
+<p>Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall
+zwischen einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub
+der Eichenschößlinge versteckt.</p>
+
+<p>Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut&nbsp;...</p>
+
+<p>Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus
+den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und
+selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem
+einen Auge nach der Richtung hin &mdash; ja, da gewahrt sie den Ton!
+Eine Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen
+gerade über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie
+hört ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum;
+allerlei Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert
+und spinnt sich vorwärts.</p>
+
+<p>Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen
+graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und <ins class = "correction"
+title = "Original: ‘hocher / hobenem’ am Linienende">hocherhobenem</ins>
+Kopf aus dem Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden,
+braunschwarzen Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie
+ein Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen
+Küchlein.</p>
+
+<p>Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab, es
+überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und
+zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den
+Haufen der weißen Ameisen auf&nbsp;...</p>
+
+<p>Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein
+großer brauner Pilz auf.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">106</span>
+Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe, die
+dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das
+Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus
+&mdash; und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.</p>
+
+<p>Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht
+in den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt&nbsp;&mdash;:
+ehe sie sich freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich
+gerettet!</p>
+
+<p>Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo
+Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort
+vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt &mdash;
+und mit einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.</p>
+
+<p>Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr,
+&mdash; und im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter
+ihren schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.</p>
+
+<p>Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!</p>
+
+<p>Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls
+und pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.</p>
+
+<p>Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie
+über die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine
+Kraft in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen
+zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich
+gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei
+war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und
+das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und
+<span class = "pagenum">107</span>
+kratzte sie mit seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen
+und mit der Zunge spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und
+Rauch.</p>
+
+<p>Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden;
+das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es
+und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem
+Heidekraut &mdash; und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier
+hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.</p>
+
+<p>Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den
+Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des
+einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne
+gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so
+schlank im Leibe &mdash; sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen
+haben!</p>
+
+<p>Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den
+Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte sie
+sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem
+rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich in
+ihrer Jagd gestört wurde.</p>
+
+<p>Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen
+Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist
+stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks
+hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat,
+rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten,
+eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der
+bebenden Körperringe erhoben.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">108</span>
+Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen blitzen
+und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die
+Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der
+unsanften Behandlung in Strix’ Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz,
+der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt
+ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.</p>
+
+<p>Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein
+kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange,
+dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung
+getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten
+Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum
+herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus
+den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf.
+Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor
+Strix<ins class = "correction" title = "Komma unsichtbar">, </ins>sie
+siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes
+umgekehrtes Fragezeichen.</p>
+
+<p>Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie
+ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen
+Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.</p>
+
+<p>Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark
+gekrümmten, nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt
+die Zähne bis auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig
+geschlossenen Augen das Gift strömen.</p>
+
+<p>Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der
+Schwanzfedern, die die Schlange füllt &mdash; und sie schüttelt sie
+schnell&nbsp;ab.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">109</span>
+Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf &mdash; und diesmal bis zu
+zwei Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so
+hoch, wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel
+ruht vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem
+Erdboden. Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix’
+Kopf gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen
+Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen,
+tiefgespaltenen Zunge entsendet.</p>
+
+<p>Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher
+beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und
+sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt
+sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und
+Ausfall.</p>
+
+<p>Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter
+Schneeklumpen gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr <ins class =
+"correction" title = "Original: ‘sei’">bei</ins> ihrem Ausfall dicht auf
+den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat decken
+können &mdash; und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die
+feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon
+einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie
+&mdash; zum Glück für Strix &mdash; den Stich nicht mit ihrem Gift
+nachzufüllen.</p>
+
+<p>Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz &mdash; und
+bis zur Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat
+sie die Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle,
+greift sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken &mdash; und
+sie breitet die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor.
+Gleich einem langen
+<span class = "pagenum">110</span>
+Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter ihr
+drein&nbsp;...</p>
+
+<p>Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die
+Fahrt ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie
+merkt, daß der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren
+geschmeidigen Körper in die Höhe &mdash; und nun schlingt sie sich um
+den Leib ihres fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte &mdash;
+und schwer ist sie! Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten
+umzuspringen. Sie hat ja früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und
+sie hat sich nicht gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich
+kämpft sie mit Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und
+kratzen können; mit der Schlange wird sie schon fertig werden &mdash;
+wenigstens vorläufig noch!</p>
+
+<p>Es ist Strix’ Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie
+herabfällt; von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt!
+So wie die Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die
+sich nicht bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in
+den Schnabel nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie
+darauf plötzlich herabfallen zu lassen &mdash; so kennt auch Strix<em>
+ihr</em> Gesetz der Schwerkraft.</p>
+
+<p>Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen!
+Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten,
+geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und
+mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.</p>
+
+<p>Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält
+sie beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem
+<span class = "pagenum">111</span>
+Schraubenstock fest. Die Schlange windet den Nacken nach allen
+Richtungen und versucht bald mit heftigem Rucken, bald mit List und
+Vorsicht den Kopf so weit zu befreien, daß er seine Hauzähne wieder
+gebrauchen kann. Ihre großen Giftbehälter haben jetzt wieder das
+Bedürfnis, entleert zu werden; der Notwehrtrieb und die Wildheit, die
+sie vorhin so stark zapften, haben wieder Überfluß an der tötenden
+Flüssigkeit geschaffen.</p>
+
+<p>Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen,
+kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu
+winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen
+Haut.</p>
+
+<p>Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so
+daß es durch Strix’ Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und
+dahin, wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von
+der Erde gefangenen Gondel kämpft.</p>
+
+<p>Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht
+erschrecken!</p>
+
+<p>Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen.
+Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken in
+ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das
+angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange
+gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.</p>
+
+<p>Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie
+umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die
+Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch
+unter ihrer Umklammerung aufschwillt.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">112</span>
+Da läßt die Kreuzotter los.</p>
+
+<p>Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund
+um Strix’ Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die
+eine von Strix’ Tragflächen immer kleiner wird &mdash; sie hat schon
+lange mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu
+kentern.</p>
+
+<p>Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!</p>
+
+<p>Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen
+Fänge werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich
+rund um sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und
+Krümmungen übereinander liegt, wie die Windungen in einer
+aufgeschossenen Trosse.</p>
+
+<p>Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist
+zumute, als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat
+verleiten lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem
+sie sich nie wieder befreien kann&nbsp;&mdash; und sie windet und
+verrückt sie und bohrt in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen
+Krallen, die kleinen Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das
+Fleisch der Kreuzotter. Es quillt heraus und siedet um sie auf.</p>
+
+<p>Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende
+Junge&nbsp;ab!</p>
+
+<p>Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker,
+geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der
+lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab
+&mdash; eine langes Tauende baumelt leblos herunter.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine
+<span class = "pagenum">113</span>
+ganze Nacht in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des
+Fuchsbaus und schlief damit.</p>
+
+<p>Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!</p>
+
+
+<h5 class = "section">Die Heide blüht!</h5>
+
+<p>Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf
+einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen &mdash; und so
+gewaltsam ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen
+Hügeln und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die
+Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein
+Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp
+seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den
+Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem
+Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine
+Insektenfresser &mdash; und jede Pflanze klemmt eine schwarze,
+zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.</p>
+
+<p>Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt;
+sie hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues
+aufgefressen.</p>
+
+<p>Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über
+die Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es
+ihr den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich
+reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.</p>
+
+<p>Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller
+Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr
+Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde
+<span class = "pagenum">114</span>
+geschlagen und gleich bis auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick
+Reinekes dort bei ihrem Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern
+plötzlich Luft &mdash; und ohne weiteren nachweisbaren Grund flog sie
+hinterrücks auf ihn los und schlug ihm ihre acht Krummesser tief
+zwischen die Rippen. Er riß sich los und sprang auf sie ein; sie aber
+überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf ihren Flügeln in die Luft
+empor.</p>
+
+<p>Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren
+Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.</p>
+
+<p>Plötzlich aber war er &mdash; stöhnend, hustend und
+röchelnd&nbsp;&mdash; vor ihre Eingangstür gekrochen und hatte,
+gleichsam reuevoll, weil er fehl gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie
+hingelegt.</p>
+
+<p>Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht.
+Sie versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso
+fest.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen
+Zähnen&nbsp;&mdash; und kröpfte später weiter, so oft sie Appetit
+hatte.</p>
+
+<p>Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken,
+und sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen
+und Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen
+Gäste störten sie im Schlafe &mdash; so war sie denn ausgezogen.</p>
+
+<p>Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht
+imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft
+mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel,
+die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und
+schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">115</span>
+Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum
+Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das
+Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine
+lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln. Bald
+ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker,
+übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem
+Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.</p>
+
+<p>Wohin geht ihr Flug? &mdash; Weit fort, gen Süden, über ferne, sich
+gelb färbende Wälder.</p>
+
+<p>Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar
+hören, schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender
+Donner.</p>
+
+<p>Der Herbst ist im Anmarsch.</p>
+
+<p>Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen
+Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von
+Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und
+ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und
+die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und
+heimgetragen &mdash; hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig
+nach einer Ähre suchen, lange Wege laufen &mdash; und findet man sie, so
+ist man glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon
+längst gekeimt hat.</p>
+
+<p>Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher
+gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.</p>
+
+<p>Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie
+<span class = "pagenum">116</span>
+haben ihre Gänge und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam
+von ihren Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern,
+schräge geht es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit
+einem Kissen aus herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse
+suchen unablässig nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer
+geworden, nein, dazu müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück
+erleiden &mdash; dann kommt der Schälpflug und wendet das Tischtuch um,
+so daß die Brocken und sie selbst darunter geraten.</p>
+
+<p>Und nun beginnt die Not &mdash; und damit die große, alljährliche
+Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht
+ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber.
+Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das
+kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren
+kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und
+wandern&nbsp;...</p>
+
+<p>In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp „Eulenbrot“.</p>
+
+<p>Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr
+hereinkommen. Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die
+Heide und setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin
+und läßt die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt
+sie sie, wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat &mdash; und nun kann sie
+nur zulangen und in sich hineinstopfen.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer
+<span class = "pagenum">117</span>
+gehen nieder &mdash; der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und
+unfruchtbar. Die Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp
+bildet ein Bauer aus Zweigen um sie her.</p>
+
+<p>Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen
+Moor und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von
+hereinwimmelnden Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige
+warme Behausung mit ihrer Streu und ihrem Dünger.</p>
+
+<p>Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch &mdash; recht lange,
+das fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden
+Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt,
+steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.</p>
+
+<p>Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem
+Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die
+Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer
+des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das
+Plätschern nur weich und sanft empfindet.</p>
+
+<p>Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren
+Träumen zu spuken.</p>
+
+<p>Ho&mdash;o, heult sie, ho&mdash;o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn
+man doch geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie:
+Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das
+Unterhaltendste, was sie sich denken kann!</p>
+
+<p>Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem
+Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde<ins class =
+"correction" title = "Punkt fehlt">.</ins>
+<span class = "pagenum">118</span>
+Sie hat es im Gefühl, welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von
+Schornsteinrauch, ein Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der
+Menschen stößt sie ab, immer weiter, weiter &mdash; in entgegengesetzter
+Richtung von ihrem früheren Heim und den jetzt so fernen Hochwäldern am
+innersten Ende der Förde.</p>
+
+<p>Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem
+Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter
+Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich
+dreinzieht.</p>
+
+<p>Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die
+Moderluft des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt&nbsp;&mdash; es ist,
+als wenn ein verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem
+trübseligen und regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem
+Lärm seiner geliebten Großstadt.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">119</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap9" id = "chap9">9. Im Kampf mit
+einem Adler</a></h4>
+
+
+<p>Es ist spät am Nachmittage.</p>
+
+<p>Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung
+quillt förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der
+Ostwind, der seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und
+mehr&nbsp;zu.</p>
+
+<p>Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer
+alten Esche&nbsp;...</p>
+
+<p>Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und
+ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen
+Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide
+hin &mdash; und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile
+entfernt, braust das Meer.</p>
+
+<p>Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie
+ein großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im
+Schlaf hört sie und hat zuverlässige Empfindungen.</p>
+
+<p>Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender,
+orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf
+getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.</p>
+
+<p>Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der
+Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird
+stärker und stärker &mdash; und wie es zunimmt,
+<span class = "pagenum">120</span>
+während der Abend zur Rüste geht, werden alle andern Laute gedämpft;
+ihre Klangfarbe wird ihnen genommen. Selbst die nächsten werden
+gleichsam von weitem weggezogen und klingen schließlich ganz fern. Das
+Bum-Bum der großen Wassermühle, das Knurren dieses wunderlichen, von
+Menschen geliebten Raubtieres, das sie zu hören gewohnt ist, wenn ein
+Ostwind weht, wird schwächer und schwächer; sie merkt auch kein Fallen
+von Zweigen mehr, und das Heulen und Knarren der Bäume ist ohne tönenden
+Schallboden; jegliches Geräusch und Getöse wird gleichsam von Federn
+aufgefangen.</p>
+
+<p>Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor
+hin, verkittet und löscht aus &mdash; nur die rinnenden Gewässer liegen
+wie vorher da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den
+stillen Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet
+das Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich
+aufgewirbelt und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem
+Schwanz steht.</p>
+
+<p>Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen
+können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter
+fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt
+sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so
+sehr liebt, naht.</p>
+
+<p>Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die
+Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur ist
+verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der
+Winter &mdash; das Weißwetter &mdash; ist gekommen!
+<span class = "pagenum">121</span>
+Mit einem Satz fliegt sie hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich
+darin, sie tummelt sich darin wie eine Ente im Wasser!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Der Schneesturm aber nimmt zu.</p>
+
+<p>Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt
+vom Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle
+der Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein
+Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält!</p>
+
+<p>In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen
+schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle
+Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen
+werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre
+gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren
+ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den
+Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen
+eigenartig brennenden Durst nach Blut.</p>
+
+<p>Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.</p>
+
+<p>Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert
+und mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus &mdash;
+großartig phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.</p>
+
+<p>Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen
+Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus
+denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn
+&mdash; ohne ihn zu sehen &mdash; im Traume!</p>
+
+<p><span class = "pagenum">122</span>
+Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt
+&mdash; und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der
+wundervolle Mitwintertraum der Erde!</p>
+
+<p>Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem
+schneebewölkten Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen
+ist, ward schon längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und
+beißender Atem weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon
+stundenlang auf ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten
+Hauch bis auf ihren Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt
+sie&nbsp;da.</p>
+
+<p>Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der
+Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie es
+mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das
+Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund
+gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem
+Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein
+Moorschwein niederzuschlagen &mdash; jedoch alles ist vergeblich
+gewesen.</p>
+
+<p>Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind
+gleich leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des
+Hungers.</p>
+
+<p>Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt
+sie blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals
+hingelangt, sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler.</p>
+
+<p>Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine
+Landschaft nach der andern unter sich wechseln sehen;
+<span class = "pagenum">123</span>
+zuerst vom Meer zu Land, dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam
+Berg an Berg lag &mdash; Städte der Menschen&nbsp;&mdash; zu offenen,
+weitgedehnten Feldern, aus deren schneebedecktem Erdreich nur ein
+vereinzelter viereckiger Steinhaufen aufragte.</p>
+
+<p>Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze,
+schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter
+Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ...
+dort lag ja Wald, sein lieber Wald!</p>
+
+<p>Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln
+hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich
+tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt.</p>
+
+<p>Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete
+sich zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig
+heraus, sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie
+Wolken von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd &mdash;
+die lag da wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf
+dem Schnee.</p>
+
+<p>Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig
+einen Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen
+und legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu
+sitzen!</p>
+
+<p>Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf
+drehte. Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu
+dem Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich,
+den Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie
+ein Pferd nach
+<span class = "pagenum">124</span>
+langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die Federn und
+gähnte müde.</p>
+
+<p>Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig
+zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen
+Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden
+&mdash; jetzt endlich<em> saß</em> er &mdash; jetzt endlich saß er
+gut!</p>
+
+<p>Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als
+seien diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu
+fürchten brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte
+und Schüsse.</p>
+
+<p>Der reisemüde Adler schläft und schläft&nbsp;...</p>
+
+<p>Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und
+fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald &mdash; ein
+wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam
+verstärkt wird.</p>
+
+<p>Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen
+Geschnarch geweckt werden, das zu<em> einem</em> langen, bullernden
+Schnarchen anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf
+endet. Dann hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf
+geschüttelt &mdash; und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher
+bekommen.</p>
+
+<p>Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen &mdash;
+jedes dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen,
+die nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich
+in Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener
+Klecks auf allen Knorren und Narben.</p>
+
+<p>Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem
+<span class = "pagenum">125</span>
+Orkan steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den
+Baumkronen das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern
+herab und bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den
+Bodenschnee.</p>
+
+<p>Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe,
+während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen
+Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er
+da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen
+um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils
+um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten,
+halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald
+oben in den Baumkronen.</p>
+
+<p>Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast
+heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende
+Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß.
+Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein
+Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm
+um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken
+muß.</p>
+
+<p>Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die
+Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in
+dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind
+schon<em> ein</em> blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf
+schraubt sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der
+Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel
+&mdash; und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem
+Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">126</span>
+Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine
+sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer
+Flügelarme und Schlagfedern bedienen.</p>
+
+<p>Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die
+Höhe, wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt
+dann mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und
+macht plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber
+Strix sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume
+geschlagen und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen
+mitgemacht.</p>
+
+<p>Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen
+Vögel, er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden
+Körpern seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter
+dem sie kämpfen&nbsp;&mdash; und begräbt sie.</p>
+
+<p>Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar
+Schlagfedern ist sichtbar.</p>
+
+<p>Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach
+dem Untertauchen wieder auf:<em> ein</em> Vogel scheinbar, mit<em>
+einem</em> Kopf und<em> einem</em> Hals, aber mit vier Flügeln.</p>
+
+<p>Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen
+und ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich
+haben, Brust gegen Brust.</p>
+
+<p>Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt
+nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird
+ihm schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch
+gleich ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen
+haben &mdash; und er langt
+<span class = "pagenum">127</span>
+mit seinem mächtigen Raubvogelfuß &mdash; er hat die Spannweite einer
+ausgewachsenen Männerhand &mdash; nach dem Eulenleib hinauf. Aber die
+Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt ihnen nicht,
+etwas anderes als die Haut zu fassen.</p>
+
+<p>Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die
+beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und
+das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man.</p>
+
+<p>Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen,
+spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu
+bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt.</p>
+
+<p>Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine
+Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden
+Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den
+Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge
+feiern aufs neue einen <ins class = "correction" title =
+"Originaltext ungeändert: ‘Triumf’ oder ‘Triumph’?">Triumpf</ins>
+&mdash; ohne jegliche Kraftanstrengung, als glitten sie durch Butter,
+versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf des Gegners.</p>
+
+<p>Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß
+nicht mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine
+Fänge, seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um
+darauf zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre
+wohlverdiente Mahlzeit.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>„Ein herrlicher Auerhahn“, fand Strix. Aber es war ja auch lange her,
+seit sie Auerhahn bekommen hatte.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">128</span>
+Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!</p>
+
+<p>Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem
+Geschmack. Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende
+Bahnverbindungen hatten die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald
+schlagen zu lassen.</p>
+
+<p>Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde.</p>
+
+<p>Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an
+schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller
+Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz
+stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte
+schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit
+gegen die moderne Zivilisation.</p>
+
+<p>Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten
+sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus
+wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs
+nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus,
+frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große
+scharlachrote Mohnblüte. Dann kam „die Pflanze“ allmählich häufiger vor,
+sie füllte Flecken und ganze Strecken &mdash; und ihr folgten Pflug und
+Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und
+Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten.</p>
+
+<p>Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von
+dem Gipfel seiner Waldhügel über lauter Moore und Heidehöhen, über
+niedriges Gesträuch und Sümpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und
+Eintönige allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel
+verschwanden,
+<span class = "pagenum">129</span>
+die schwarzen Heidehügel schrumpften ein &mdash; und Strix sah lange,
+weiße Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die
+Kreuz und die Quer durch die Landschaft ziehen.</p>
+
+<p>Wie einstmals im dichten Wald ertönte jetzt auch hier der Ruf: hört,
+sie pflügen, sie graben, sie schaufeln, sie entwässern &mdash; der
+Wasserspiegel wird zu Morast, das Röhricht zu Gras, Inseln und Werder zu
+landfestem Boden, die Katze geht trocknen Fußes, wo einst der Otter
+schwamm&nbsp;...</p>
+
+<p>Regenpfeifer und Brachvögel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und
+Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich
+trommelten rauschende Birkhähne es heraus.</p>
+
+<p>Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte &mdash; ach, nun
+waren die Menschen dahinein gekommen!</p>
+
+<p>Es schritt rüstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den
+einst ein alter Fuchs, ein großer Marder oder Uhu inne hatte, um sich
+darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner.</p>
+
+<p>Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt,
+sich vor seinen Nachstellern in ein letztes Überbleibsel von Dickung im
+Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem großen
+Platz, wo die schönste Zierblüte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich
+entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befürwortete den Bau
+einer Lokalbahn.</p>
+
+<p>Da hatte aber Strix den Westerwald schon längst verlassen.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">130</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap10" id = "chap10">10. Der
+Leuchtturmwärter</a></h4>
+
+
+<p>Am Auslauf der Förde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das
+Meer schäumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bäumen.</p>
+
+<p>Sie waren zum größten Teil im Laufe der Zeiten von selber
+gekommen.</p>
+
+<p>Die Vögel hatten sie gesäet und die Tiere hatten sie gepflanzt ...
+wenn Fuchs und Dachs nach Mäusen stachen, wenn das umherziehende Rehwild
+nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewußt Bäume in die Erde
+gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nüsse von der
+Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das großblumige
+Geißblatt.</p>
+
+<p>Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen
+waren die Bäume so winzig klein, daß sie den Namen „Baum“ kaum
+verdienten. Dann stiegen sie an Höhe, je weiter landeinwärts man
+kam.</p>
+
+<p>Aber mehr als zweimal Manneshöhe erreichte kein Baum. Selbst einen
+halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer
+schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis,
+die einmal festgesetzte Höchstleistung zu überschreiten; der Sturm von
+der See her war eine Riesenschere, die beständig schnitt und
+schnitt&nbsp;...</p>
+
+<p>Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen
+<span class = "pagenum">131</span>
+Schuppen senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und
+tauchte den Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach
+über einem eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen
+&mdash; und doch, wenn man aus See kam und sich zwischen dem
+Baumgewimmel barg, hatte man ein Gefühl von Wohlbefinden und
+Traulichkeit, als sei man zu Hause angelangt.</p>
+
+<p>Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald&nbsp;&mdash; da
+kehrte der Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern
+lärmte diese ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte
+und schuf die unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das
+sturmgestutzte Halbdach, das Wetter legte sich darauf wie ein grober
+Gesell und versuchte, ob es nicht in den Schuppen hinabgelangen
+könne.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte
+Sonderling, die Eule.</p>
+
+<p>Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit
+blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen,
+und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine
+Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem
+Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.</p>
+
+<p>Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt,
+wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer,
+reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem
+lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise
+knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer
+<span class = "pagenum">132</span>
+Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar
+Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein
+Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich
+erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen.</p>
+
+<p>An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und
+die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen,
+wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem
+roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von
+ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen
+Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde
+auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des
+Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen
+vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes
+schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine
+fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der
+Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse
+heraushängen!</p>
+
+<p>Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das
+Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von
+dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen
+darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme.</p>
+
+<p>Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix’ eigene Art ist
+dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und
+Weihe hört sie kaum je mehr&nbsp;&mdash; sie weiß nur noch von
+Meeresbrausen und Waldessausen wie von einem Wesen<em> ihrer</em>
+Art.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">133</span>
+Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche,
+menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten
+Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Das Meer, das Meer&nbsp;...</p>
+
+<p>Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte
+Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von
+einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land:
+Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr
+oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen,
+seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines
+Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim.
+Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten
+mit Einfahrten, Förden und Buchten.</p>
+
+<p>Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und
+Regen richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine
+graugrüne Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde.
+Dann trat eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken,
+wild und zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch
+empor, und es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg
+plötzlich zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden
+Wirbeln in die Tiefe versank.</p>
+
+<p>Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen
+auf ... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann
+veranstalteten sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach
+ihr Leben zwischen den Steinen aus. &mdash; &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">134</span>
+An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die
+Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur
+bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der
+Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des
+Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden
+groß und der Blick scharf und ätzend.</p>
+
+<p>Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit
+in sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur,
+tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten, fest
+überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf
+einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern,
+die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie
+eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem
+Leibe&nbsp;ab.</p>
+
+<p>Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem
+durchdringenden Geheul&nbsp;&mdash;: Ho&mdash;o! Hu&mdash;u!
+Ha&mdash;Ha&mdash;Ha!</p>
+
+<p>Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.</p>
+
+<p>Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu
+bergen.</p>
+
+<p>Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter
+alles in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene
+Seevögel niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich
+mächtig; die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen
+Tribut zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des
+großen Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein
+feister Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen
+Jagdgefilden ein.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">135</span>
+Sie lebt glücklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und genießt ihre
+Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt
+ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke
+klingt um ihr dickichtumkränztes, sturmzerzaustes Haus.</p>
+
+<p>Und dann eines Abends, als sie ausfliegt, scheint ihr aus weiter
+Ferne, oben von dem östlichen Ende einer Anpflanzung, ein
+ziegelgedecktes Dach in die Augen.</p>
+
+<p>Es schießt aus einigen Tannenwipfeln auf wie ein feuerroter
+Fliegenpilz über grünem Moos ... die untergehende Sonne macht es
+erglühen und Funken sprühen.</p>
+
+<p>Es ist ein Menschennest, das dort aufgeschossen ist &mdash; eine
+Villa!</p>
+
+<p>Die Bahn ist eine Tatsache geworden. Aus der großen Provinzstadt am
+Ende der Förde geht sie durch den Westerwald bis hier hinaus an die
+Küste. Die Spekulation hat auch dies Ende des Landes erfaßt; man hat ein
+Auge auf den Strandwald geworfen, auf die Abhänge, die Aussicht und den
+guten Badestrand; eine große Genossenschaft hat den ganzen „Dreck“
+gekauft und zerstückelt ihn jetzt in lange Streifen; jeder Streif erhält
+sein Stück Wald, sein Stück Strand, sein Stück Wasser&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Einsamkeit verschwindet schneller als die Buchenblätter
+gebrauchen, um zu grünen und gelb zu werden; kleine überfüllte
+Dampfboote fangen an zu pfeifen und herumzuplätschern, kleine Hunde
+bellen, Wagen mit Müttern und Kindern kommen dahergehumpelt &mdash; und
+fast jeden zweiten Abend, wenn Strix aufwacht, ist ein neues,
+pilzähnliches Menschennest aufgeschossen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">136</span>
+Sie weicht und weicht, fliegt ein oder gar zwei lange Nachtflüge am
+Strande entlang, aber dann kann sie plötzlich nicht weiter kommen, sie
+ist hart an der Landspitze &mdash; am Meer.</p>
+
+<p>Da draußen liegt der kleine Leuchtturm&nbsp;...</p>
+
+<p>An einem dunklen und späten Herbstabend ... die See tost, und die
+Bäume in dem letzten Streifen Strandwald klatschen die kahlen Zweige
+gegeneinander ... ist ein Fischerjunge aus dem kleinen Dorf draußen an
+der Landspitze, auf der der Leuchtturm liegt, auf dem Heimwege
+begriffen.</p>
+
+<p>Der Junge folgt dem Pfade auf dem Abhang oben am Waldessaum entlang
+und sieht ängstlich in die Finsternis hinein, die dick zwischen den
+Stämmen liegt.</p>
+
+<p>Da hört er auf einmal ein wunderliches Hallo an sich vorübersausen
+und weiter durch den Strandwald jagen&nbsp;...</p>
+
+<p>Es durchschauert ihn eisig. Mit offenem Munde und pochendem Herzen
+bleibt er stehen.</p>
+
+<p>Einen Augenblick später ist das Hallo wieder da!</p>
+
+<p>Er glaubt, Pferdegetrappel und ein gewaltiges Bellen und Kläffen von
+Hunden zu vernehmen &mdash; und er schlägt die Hände kreuzweise vor die
+Brust. Ob dies wohl das ist, was Großvater Pibe „König Waldemars wilde
+Jagd“ nennt?</p>
+
+<p>Die Haare sträuben sich ihm auf dem Kopf, er will davonrennen, da
+fällt ihm ein, daß das ja das Schlimmste ist, was er tun kann. Er muß
+nur gehen, gehen &mdash; und er eilt dahin, mit hastigen Schritten.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Am nächsten Tage sprach das ganze Dorf von dem Erlebnis des Jungen!</p>
+
+<p>Auf der Bank unter dem kleinen Leuchtturm, wo die alten
+<span class = "pagenum">137</span>
+Seebären bei Sonnenuntergang zusammen kamen und ein Garn spannen, hörte
+der Leuchtturmwärter eines Abends, daß von Spuk geredet wurde.</p>
+
+<p>&mdash; Wo ist der Spuk? &mdash; fragte „Vogel“.</p>
+
+<p>Ja, es war hier ganz in der Nähe des Strandwaldes. Kristian Lars’
+Sohn, erzählte einer der Fischer, hatte es gehört, und nun vorgestern
+hatte auch er es gehört. Es war ein eklicher Kram; es heulte und miaute
+und bellte und kläffte und röchelte wie ein sterbender Mensch. Der alte
+Niels Pibe, der ja nun nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte,
+behauptete, es wäre „König Waldemars wilde Jagd“; er sagte, solche
+nächtliche Jagd habe er, als er ein Junge gewesen war, fast in allen
+Fördenwäldern gehört, nur viel schlimmer. Da jagte der König mit großem
+Gefolge und vielen Hunden; jetzt habe sich die Teufelsmusik wohl
+vermindert.</p>
+
+<p>&mdash; Daran sind gewiß die vielen Kirchen Schuld &mdash;, fügte der
+Erzähler gottesfürchtig hinzu.</p>
+
+<p>Der Leuchtturmwärter spitzte die Ohren.</p>
+
+<p>Aus seiner Kindheit draußen im Waldwärterhause dicht vor den
+Hochwäldern war er gar wohl bekannt mit der Musik des großen Uhus ...
+sollte es möglich sein, dachte er, lebte wirklich noch eine von den
+großen Bubos, und zwar so nahe an seinem Gebiet! Das mußte ein Zugvogel
+sein, einer aus dem nördlichen Skandinavien, der auf seiner Winterreise
+hierher verschlagen war&nbsp;...</p>
+
+<p>Und Vogelhansens alte Leidenschaft stieg mit einem Brausen in ihm
+auf&nbsp;...</p>
+
+<p>Im nächsten Augenblick gaukelte er sich vor, daß, wenn da ein Vogel
+sei, auch zweie da sein müßten ... es erging dem
+<span class = "pagenum">138</span>
+großen Uhu wohl so, wie man sich von der Bekassine erzählte, daß sie nie
+allein liegt. Dann konnte er am Ende wieder ein Gelege Eier bekommen
+oder eine Brut Junge fangen; alles Einheimische von der Art stand jetzt
+fabelhaft hoch im Preise!</p>
+
+<p>Es erging ihm fast so wie der Frau mit dem Milchtopf, aber dann
+besann er sich &mdash; nun, er mußte ja erst einmal sehen!</p>
+
+<p><em>Eine</em> Eule mußte auf alle Fälle da sein &mdash; und wenn die
+nur da war, hatte er auch sichere Hoffnung auf einen guten Gewinst. Der
+große Uhu war immer zu verkaufen, wenn man ihn nur, tot oder lebend, in
+Händen hatte.</p>
+
+<p>Der kleine Leuchtturmwärter hatte sich freilich Zeit seines Lebens
+Jäger genannt, aber es war nicht mehr vom Jäger in ihm als auf dem
+Rücken einer Hand Platz hat. Er war „Schießer“ schlecht und recht, er
+schoß nur für den Kochtopf und für die Tasche &mdash; und am liebsten
+für die letztere! Denn das, was da hinein kam, konnte verkauft und in
+geliebtes Geld umgesetzt werden!</p>
+
+<p>Er war ein Aasjäger, wie er sein Leben lang ein Nesträuber gewesen
+war; aber den Trost hatte er, daß leidenschaftliche Sammler und andre
+brave Männer, die Schulen und Museen mit Vertretern der Fauna des Landes
+versorgten, sein Treiben in Briefen oft eine „sehr gemeinnützige Tat“
+genannt hatten.</p>
+
+<p>Nun war er bejahrt und nicht mehr imstande, in eine Buche hinauf zu
+klettern; aber das konnte auch einerlei sein, es gab nichts mehr, was
+sich des Hinaufkletterns verlohnte. Schon seit Jahr und Tag hatten ihn
+die Verhältnisse gezwungen, damit aufzuhören.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">139</span>
+Um so eifriger brauchte er nun die Flinte! Die Flinte war der lange Arm,
+womit er noch etwas an sich raffen und einem steifen Rücken und einem
+stocklahmen Bein abhelfen konnte.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Und die Flinte wurde an diesem Abend von ihrem Platze über dem Herde
+heruntergenommen, wo sie sonst immer bereit lag, um gegen die
+vorüberstreichenden Möwen verwendet zu werden &mdash; er hatte die
+alleinige Lieferung von Möwen für eine Modewarenhandlung &mdash; und mit
+großem, grobem Schrot klar gemacht.</p>
+
+<p>Tag für Tag schlich er in seiner Freizeit im Strandwalde herum. Er
+durchwanderte ihn die Kreuz und die Quer, ja, er ging ganz bis an den
+Badeort hinunter und frech durch alle Gärten der jetzt mit geschlossenen
+Läden daliegenden Sommervillen. Aber er konnte nichts von dem großen Uhu
+entdecken außer einer vereinzelten braunen Feder.</p>
+
+<p>Diese Feder genügte ihm jedoch; nun wußte er, daß der Vogel wirklich
+vorhanden war.</p>
+
+<p>Strix saß in einem Fuchsbau tief unter der Erde, da war es ja kein
+Wunder, daß der Leuchtturmwärter jedesmal vergebens ging.</p>
+
+<p>Er ruhte jedoch nicht: er blieb seiner Natur und seinem Wahlspruch
+getreu: &mdash; niemals etwas aufgeben, ehe du nicht die Beute im Kasten
+hast!</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es dämmert eines Abends&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Farben entweichen von der Erde und steigen zum Himmel empor; der
+wird im Westen rotglühend und schwefelgelb.</p>
+
+<p>Die Steine am Strande entlang, alle die weißen, alle die
+<span class = "pagenum">140</span>
+grauen, die roten Taschenkrebsschalen, wie die blauen Muscheln,
+verschwinden für das Auge und werden zu einem dicken, wolligen
+Streif.</p>
+
+<p>Und der Streifen zerbröckelt gleichsam, wird zu Sand, zu schwarzer
+Erde &mdash; die Dämmerung nimmt auch ihn.</p>
+
+<p>Nur der kleine Leuchtturm draußen auf der Landzunge bleibt übrig.</p>
+
+<p><ins class = "correction" title = "Original: ‘Uber’">Über</ins> die
+See weht ein wahrer Orkan aus Westnordwest&nbsp;...</p>
+
+<p>Düstre schwarze Wolfen, wild zerfetzt an den Rändern, jagen über den
+Horizont. Sie kämpfen mit funkensprühenden Feuerschlangen, die sich um
+ihren Rücken geschlungen haben, so daß rings umher in der Luft blutige
+Risse klaffen.</p>
+
+<p>Das Meer tost und schäumt ... sein Brausen ist in den Strandwald
+gefahren, der siedet und brodelt, er kocht vom äußersten Rande bis ins
+innerste Dickicht. In seiner dicht verfilzten Kronenwölbung gehen tiefe,
+mächtige Windwellen, die vom Wipfelast bis ganz hinab zur Wurzel
+reichen.</p>
+
+<p>Der Sturm treibt selbst mit den innersten Bäumen Kurzweil; er
+knechtet sie, die verwachsenen, kaum zwei Mann hohen Baumkrüppel, so daß
+die wilden Schüsse des Unterwaldes sich vor Wonne schütteln, wenn sie
+hören, wie schwer die großen Baume kämpfen müssen.</p>
+
+<p>Man krümmt den Rücken da oben an Land! Steht demütig da und dienert,
+wo es sonst gilt, den besten Platz an der Sonne zu erhaschen; man
+schmeißt Äste, Zweige und die letzten lieben Blätter ab &mdash; und ist
+froh, wenn man nur damit davon kommt.</p>
+
+<p>Der ganze Waldboden ist bedeckt von abgerissenen Reisern und
+Tannennadeln; er sieht aus wie ein Weg, der zu einer Beerdigung mit Grün
+bestreut ist. Da ist nicht gespart, nicht
+<span class = "pagenum">141</span>
+gegeizt, Vogelbeeren, Schlehen und Hagebutten liegen da&nbsp;&mdash; und
+gleich willig und verschwenderisch streut der Sturm noch immer
+drauflos.</p>
+
+<p>Der kleine Leuchtturmwärter ist auf dem Jagdpfade; er schleicht in
+der Dunkelheit herum, die Flinte bereit. Ist die Eule am Tage nicht zu
+sprechen, wohlan &mdash; dann muß er versuchen, ob er sie nicht des
+Nachts treffen kann.</p>
+
+<p>Dichter und dichter drückt sich die Finsternis um ihn, sie guckt
+hervor aus Gestrüpp- und Baumstammzwischenräumen, sie faucht ihm ihre
+schwarzen Tupfen ins Gesicht und macht seine weiße Hand, die das
+Flintenrohr umfaßt, dick und schwarz.</p>
+
+<p>Heulen, Jammern und Seufzen erfüllt den Strandwald. Töne, bald so
+herzzerreißend, daß man glauben sollte, ein Mensch sei in Not, und Töne,
+bald so überirdisch, als kämen sie vom Himmel, strömen ununterbrochen
+seinem aufmerksamen Ohre entgegen.</p>
+
+<p>Aber nicht nach ihnen lauscht er ... die Laute kennt er von seinen
+vielen Wachen oben im Leuchtturm. Er wartet auf das Halloh und fragt
+sich mit einem Fluch, wo es nur abgeblieben sein kann.</p>
+
+<p>Ha, ha, ha, daran sind die vielen Kirchen schuld! höhnt er im
+Stillen, als er wieder eine Viertelstunde vergeblich umhergeschlichen
+ist ... nein, die großen Horneulen haben sich an Zahl vermindert, ihrer
+sind weniger und weniger geworden&nbsp;&mdash; das ist die Sache! Der
+Sturm ist wohl derselbe, der er immer gewesen ist, und auch das
+Klipp-Klapp der klappernden Zweigspitzen, aber „die Hunde“ scheuchen
+wohl seltener als früher Wild auf.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">142</span>
+Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber <ins class =
+"correction" title = "letztes Punkt fehlt">...</ins></p>
+
+<p>Und es ist Fahrt im Treiben und Kläffen in der Meute, es dröhnt, es
+rasselt, es bellt, faucht und klagt um ihn herum; er muß sich auf seinen
+Stock stützen &mdash; er entsinnt sich nicht, den hochseligen König
+jemals so wild jagen gehört zu haben!</p>
+
+<p>Strix hat nämlich einen leckern Bissen gefangen; es ist ein Hase, den
+sie in den Fängen hält, während sie vorüberfliegt. Sie hat indessen
+keine Ruhe, ihn zu verzehren, denn eine Schar kleiner Eulen, die ihr
+Glück entdeckt haben, verfolgt sie und mischt ihre hohlen, schnarrenden
+Hornlaute in ihr düsteres, durchdringendes Fauchen. Sie neiden ihr den
+Fang und lästern laut darüber.</p>
+
+<p>Die Sturmstöße kommen und gehen durch den Wald und zerren und ziehen
+an den Wipfeln. Plötzlich und überraschend, mit der Geschwindigkeit
+eines Habichts, schlagen sie nieder, wirbeln das Laub auf und schleudern
+es dem Leuchtturmwärter ins Gesicht. Er muß den Rockkragen aufklappen
+und den Knoten des Halstuches fester binden. Er zittert am ganzen Leibe
+vor Eifer und Spannung und starrt sich fast die Augen aus dem Kopf ...
+wo schrie es doch?... wo heulte es eben?</p>
+
+<p>Auf den Zehenspitzen schleicht er umher, bewegt sich so lautlos wie
+sein lahmer Fuß es gestattet. Er bleibt oft stehen und lauscht mit
+offenem Munde, die Handfläche hinterm Ohre ... war das nicht das Fauchen
+eines Uhus?... ja, jetzt hat er es ... es kommt aus der Anpflanzung ...
+da drinnen zwischen den Fichten, da heult&nbsp;es!</p>
+
+<p>Der Leuchtturmwärter hat Glück: auf einem schmalen Pfad stößt er auf
+die sonderbare Versammlung. Er sieht etwas
+<span class = "pagenum">143</span>
+Schwarzes, das sich im Dunkeln bewegt, legt die Flinte an die Wange und
+zielt in der Finsternis, so gut er vermag ... Strix’ Leben hängt an
+einem Faden!</p>
+
+<p>Sie sitzt über ihrem Opfer und klemmt es fest gegen den Erdboden,
+rollt Feuer aus den Augen und knappt mit dem Schnabel. Die kleinen,
+fliegenden Katzen umschwirren sie wie Elstern.</p>
+
+<p>Der Leuchtturmwärter zittert förmlich, die Beine wollen ihm versagen;
+er kann die Flinte nicht ruhig halten, er muß auf die Knie nieder.</p>
+
+<p>Da ertönt endlich der Schuß&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber in der Erregung und in der Dunkelheit schießt der
+Leuchtturmwärter zu hoch; zwei behende kleine Eulen fallen wie zwei
+Bündel Kleider zur Erde.</p>
+
+<p>Strix macht sich aus dem Staube und nimmt obendrein ihren Hasenbraten
+mit.</p>
+
+<p>Aber in dem Augenblick, wo sie, von dem Sausen des Sturmes getragen,
+über die Fichtenwipfel dahinsegelt, ruckt es in ihr. Sie ist in den Wind
+vom Leuchtturmwärter gekommen, und der beeilt sich und stürmt vorwärts,
+um seine Beute zu sichern &mdash; sie aber öffnet die Fänge und gibt
+freiwillig ihren leckern Braten preis ... Kladatsch, klingt es,
+Kladatsch, Kladatsch, so schnell, daß die Kladatsche fast übereinander
+stolpern.</p>
+
+<p>Und dann ist sie im Sturmgebraus verschwunden.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Das ist Tag und Jahr her &mdash; und vergessen; vergessen war das
+Ganze. Nicht einmal Erinnerungen an ihre jubelerfüllten Tage waren
+zurückgeblieben. Nur der Kampf um die Nahrung und der Kampf um das Leben
+haben sie jetzt seit Jahren in
+<span class = "pagenum">144</span>
+Anspruch genommen; sie ist ein einsamer Vogel und hat sich daran
+gewöhnt, als sei sie es ihr Leben lang gewesen.</p>
+
+<p>Jetzt plötzlich taucht es alles wieder auf&nbsp;...</p>
+
+<p>Nicht leibhaftig und in Gestalten geformt, so wie das Menschengehirn
+es vermag ... nein, nur in fernen unbestimmten Ahnungen. Ihr Gesicht
+kann täuschen und ihr Gesicht kann vergessen, ihr Gehör nie &mdash; und
+diese, eines Menschen eigentümliche Art zu gehen, hat sich ihr nun
+einmal unter Umständen, wo ihre Nerven bis aufs äußerste angespannt
+waren, unauslöschlich eingeprägt.</p>
+
+<p>Ist er es, der lahme Hahn mit dem stinkenden Atem, der ihre Jungen
+geraubt und sie in einen Bauer gesetzt hat?...</p>
+
+<p>Sie ahnt es und fühlt dasselbe unwiderstehliche Kribbeln in ihren
+Fängen, wie wenn eine plötzliche Lust, etwas Lebendem die Haut
+abzuziehen, sie anwandelt. Der Kampfesmut aus alten Zeiten fährt in sie,
+der Haß, die Wildheit, die Bosheit flammen auf.</p>
+
+<p>Aus der Fichtenanpflanzung heraus hinkt der ein wenig
+niedergeschlagene kleine Leuchtturmwärter, seine beiden kleinen Eulen in
+der Hand. Seine erste Eingebung ist, sie wegzuwerfen; aber dann fällt
+ihm ein, daß er sie dem „Ausstopfer“ in der nächsten Stadt ja
+anschnacken kann.</p>
+
+<p>Da hat er wieder das wilde Halloh um die Ohren!</p>
+
+<p>Diese neue Möglichkeit erfüllt augenblicklich seine ganzen Gedanken.
+Schnell steckt er eine frische Patrone in die Flinte&nbsp;&mdash; und
+eilt davon, dem Geräusch nach.</p>
+
+<p>Aber nun läßt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertönen.</p>
+
+<p>Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen
+Hahn ... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hört, meint er noch
+nie zuvor vernommen zu haben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class = "pagenum">145</span>
+Huu &mdash; Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als
+sie den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwärter
+rennt dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, daß er die große Eule im
+Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer
+gleich nahe.</p>
+
+<p>Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hämmert aufreizend
+und anfeuernd in Strix’ Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn
+niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den
+Menschen ist noch immer zu groß. Sie muß sich damit begnügen, ihn zu
+foppen und sich ihrer Überlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da
+geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfällig auf seinen
+Klumpfüßen &mdash; und sie ändert ihren Platz wieder und wieder und
+saust von allen Seiten über ihm, während sie ihm ihr Geheul in die Ohren
+gellt. Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann spürt sie das
+alte, beklemmende Gefühl im Halse.</p>
+
+<p>Huu &mdash; Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den
+Strandwald geht es, dann über die Abhänge hinaus und auf und ab an den
+langen Dünenwänden, unter denen das Meer siedet und schäumt.</p>
+
+<p>Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt
+ihn, und das Halstuch hat er schon längst in die Tasche gesteckt; er
+fühlt sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch
+gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den
+offenen Dünenhängen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat,
+scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht so
+leicht durch ihr Geheul täuschen, hier kann er den großen Vogel ja
+sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal
+<span class = "pagenum">146</span>
+aus dem Schlehengestrüpp aufschießt, befreit von den Schlagschatten und
+der Erddunkelheit. Er<em> will</em> sie haben; er kann es an ihrem
+Heulen hören, daß es eine alte, mächtige Eule ist; sie muß viel wert
+sein, und es gibt ja nicht mehr von der Art .... Huu &mdash; Huu ... und
+beständig erschallen vor ihm die verwirrenden Töne.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein paarmal schon hat er sich an dem Dünenhang hinauf und wieder
+hinab gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten,
+sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hört er sie wieder,
+sie ist hoch oben über seinem Kopf, gerade unter dem Rande des
+Abhanges.</p>
+
+<p>Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entführt seiner
+großen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltönend in
+den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden Ton
+aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Füßen
+rasseln.</p>
+
+<p>Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhöhle geklemmt,
+kommt er heraufgeklettert&nbsp;...</p>
+
+<p>Ganz zufällig flattert Strix im selben Augenblick von einem
+Schlehdorngestrüpp auf und schwingt sich über den Abhang hinaus, wodurch
+sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor
+einem Absatz an der Dünenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht
+blindlings drauf los und vergißt, sich in acht zu nehmen; jetzt will er
+einen Schnappschuß versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehör
+zu schießen; aber in der Eile tritt er fehl und hält einen großen
+Schlagschatten am Ende des Absatzes für festen Boden, er strauchelt,
+will mit der Flinte vor sich fassen, die Schüsse gehen ab, der rechte,
+als das Rohr gerade über dem Boden
+<span class = "pagenum">147</span>
+ist, der linke, als das Rohr schon in der Erde ist. Der Lauf zerspringt
+ihm zwischen den Händen und reißt ihm die rechte Hand ab, er kann sich
+nicht festhalten, er gleitet und stürzt in die Tiefe.</p>
+
+<p>Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht!</p>
+
+<p>Sie glaubt, daß er hinter ihr drein ist &mdash; bis sie von einem
+neuen Sturmstoß wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt,
+wie er ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif
+in die Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein
+Antlitz nieder und faßt im Vorübersausen nach seinen wehenden
+Haarsträhnen &mdash; und dabei heult sie und schleudert ihm ihr
+krächzendes, übermütiges Hohngelächter ins Gesicht, während der Sturm im
+Riedgras seufzt und pfeift.</p>
+
+<p>Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dünenhanges; dort
+sitzt sie lange stumm und starrt grübelnd und unverwandt auf ihren toten
+Feind hinab. Es ist das erste Mal, daß sie einen Menschen so still sieht
+... der Mensch &mdash; die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestört hat
+&mdash; nun liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden.</p>
+
+<p>Da schreit sie häßlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im
+Walde &mdash; es hallt wieder von den Dünenhängen&nbsp;&mdash;:</p>
+
+<p>&mdash; Qui &mdash; witt, quiwitt &mdash; komm mit! komm mit! ... ha,
+ha, haaa!</p>
+
+
+<p class = "space">
+&mdash; Es heult in der Nacht.</p>
+
+<p>Seit jener Nacht waren Strix’ Tage am Strande gezählt.</p>
+
+<p>Es verlautete gar bald, daß Leuchtturmwärter Hansen auf nächtlicher
+Jagd auf einen großen Uhu umgekommen sei. Die
+<span class = "pagenum">148</span>
+Strandzeitung schlug Lärm und der Bericht ging durch das ganze Land
+&mdash; und obwohl es keineswegs stimmte und auch nicht weiter
+verlockend war, und obwohl es ganz außerhalb der Jagd- und Badesaison
+war, benutzte doch ein gewiegter Hotelpächter die Gelegenheit, mächtige
+Reklame für sein neues, großes Badehotel mit dazu gehörigem „Jagdwald“
+zu machen.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">149</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap11" id = "chap11">11.
+Klein-Taa</a></h4>
+
+
+<p>Der Winter verging leidlich für Strix.</p>
+
+<p>Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kämpfen.</p>
+
+<p>Das Los des Leuchtturmwärters wirkte gerade nicht verlockend auf die
+in der Gegend ansässigen Jäger; sie erblickten darin eine weitere
+Bestätigung für die Annahme, daß die große Eule ein Zaubervogel sei, den
+man am besten in Ruhe ließ.</p>
+
+<p>Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte die
+Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder
+aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, daß die Eule Böses ansagt
+&mdash; und daß, wenn man sie schießt, dies den Tod bedeutet.</p>
+
+<p>Eifrige Sammler ließen sich freilich nicht von diesen Ammenmärchen
+abschrecken, und als der Frühling sich näherte und das Wetter weniger
+rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpächter in der Tat Anfragen in
+bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel.</p>
+
+<p>Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es ist an einem Abend, Ende März, bei heftigem Seesturm&nbsp;...</p>
+
+<p><span class = "pagenum">150</span>
+Das Meer schäumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen
+Regenschauer und die graue See gehen ineinander über. Nur eine
+vereinzelte, große Möwe mit einer unverhältnismäßig großen Flügelweite
+für den kleinen, leichten Körper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt
+sich hin und her über dem einsamen Horizont.</p>
+
+<p>Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt
+nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln&nbsp;...</p>
+
+<p>Strix tanzt nicht mehr an dem Dünenhang, sie hat zurzeit anderes zu
+tun.</p>
+
+<p>Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden
+Wurzelhälsen einer kleinen verkrüppelten Erle zusammengetragen und liegt
+und brütet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter
+Gewohnheit gelegten&nbsp;Ei!</p>
+
+<p>Und die Regenschauer kommen in Zwischenräumen, aber regelmäßig wie
+die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da draußen nimmt die
+trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strömt
+und strömt, so daß auch oben in der Luft See und Meer entstehen.</p>
+
+<p>Strix drückt sich tief in ihr schützendes Nest unter dem Erlenstamm
+und läßt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brütet
+und gibt acht ... auf die Erde, das weiß sie ja, ist kein Verlaß.</p>
+
+<p>Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein
+langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen blanken
+Pelz aus dem Grau der Dämmerung heraus.</p>
+
+<p>Es ist auch einer von den alten Feinden &mdash; ein guter Bekannter
+aus Strix’ jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder
+geworden ist, ähnelt er noch immer seinem
+<span class = "pagenum">151</span>
+Vater so aufs Haar, daß ihm eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt.</p>
+
+<p>Klein-Taa ist auf der Frühlingswanderung; auf der Suche nach einem
+Weibchen &mdash; sonst käme er nie in diese rauhe Gegend.</p>
+
+<p>Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem
+Wasser. Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp &mdash; ins Trockne hinein, am
+Eulenbaum entlang.</p>
+
+<p>Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute
+sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer
+zufälligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter
+schuld daran?</p>
+
+<p>Sie fährt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten
+Augenblick der Überrumpelung, daß er einem Truthahn geradeswegs in die
+Arme läuft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und
+Überraschung über dies unerhörte Glück zuckt in den kleinen, listigen
+Lichtern des behenden Raubmörders auf &mdash; da pflanzt Strix ihre acht
+Fänge in seinen Hinterkörper.</p>
+
+<p>Äh! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell
+reißt er seinen kurzen, kräftigen Katzenschlund auf &mdash; Strix sieht
+wie in einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und
+die weißen Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich
+über die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die
+Lauscher zurück und windet sich mit einer Kraftanspannung plötzlich in
+eine kauernde Stellung.</p>
+
+<p>Strix will sich das Tier mit ihren Fängen vom Leibe halten, aber
+Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm,
+<span class = "pagenum">152</span>
+seine Vorderläufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf
+beiden Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen
+Schmerzes seine Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr
+Fleisch.</p>
+
+<p>Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen.</p>
+
+<p>Sie muß den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flügelspitzen
+und den Stoß als Stützstäbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit
+der vollen Unbändigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos.</p>
+
+<p>Vergebens preßt Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und
+läßt ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert
+sie ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der
+aufgeregte Taa läßt sich nicht einschüchtern, es handelt sich um Leben
+oder Tod &mdash; Strix muß entweder weichen oder sich ergeben.</p>
+
+<p>Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die
+langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen
+Bissen des Marders abgehalten haben, wählt das erstere und reißt sich
+mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hält fest und geht
+mit.</p>
+
+<p>Da kommt ein Orkanstoß! Er schlägt plötzlich wie ein Vogel Greif nach
+Beute in die Waldestiefe hinab, fällt ein paar Bäume und erhascht einen
+Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flügel zur Flucht aus
+&mdash; und leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fängen, braust
+sie durch die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glück, beim Aufflug, wo
+Klein-Taa endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Körper
+fest zu umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell
+hinein, gerade unter den Schulterblättern zwischen den Rippen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">153</span>
+Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit
+der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix
+mit ihrem bißchen Beute in seine mächtigen Klauen und streicht mit
+rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen,
+wirbelt sie in großen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den
+Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Kräfte nötig, um die Flügel
+gespannt zu halten.</p>
+
+<p>Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks
+unter ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu
+eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist
+sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp
+noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den
+schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und
+Zweigegeklapper hören kann &mdash; und es durchschaudert sie, trotzdem
+sie den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie,
+nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln;
+alles, was sie berührt, wird sie umrennen.</p>
+
+<p>Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein
+Flug in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt
+sie &mdash; sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der
+Sturmesgewalt, hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch
+in einer selbst für sie wahnsinnigen Eile.</p>
+
+<p>Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich
+auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals
+Platz, und während alledem kämpft
+<span class = "pagenum">154</span>
+sie &mdash;<em> sie</em>, der lebende Ballon &mdash; mit ihrem noch
+immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.</p>
+
+<p>Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix’ Klauen durch die
+Eingeweide gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren
+Flanken herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine
+Bisse gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel
+Federn und Hautstreifen aus.</p>
+
+<p>Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des
+Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche
+tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner
+Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.</p>
+
+<p>Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn
+des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt
+während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch
+gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen.</p>
+
+<p>Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen
+und die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt,
+und sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen
+Bruchteil einer Sekunde schwindelt es sie &mdash; dann läßt sie
+plötzlich, zuerst mit den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie
+schleudert ihn von sich und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres
+kalkweißen Geschmeißes mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie
+seinen schwarzen Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum
+dreht, durch die Luft Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel
+endlich verschlingt, und er in der Nacht verschwindet.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">155</span>
+Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem
+Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen
+den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund
+herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen,
+weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte
+Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn
+aus ihrem Kleide &mdash; dann ergießen sie sich in reißenden
+Regenströmen über sie.</p>
+
+<p>Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie
+niederzuschlagen droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten
+Hügelabhang, den sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat
+sie keine Angst, dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit
+wieder und landet glatt auf einem Fels im Talgrunde.</p>
+
+<p>Sie ist entsetzlich zugerichtet.</p>
+
+<p>Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt
+es darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den
+langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur
+noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht
+aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper, im
+Nacken, in den Flügeln &mdash; und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den
+Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie
+jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der
+Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das
+Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf
+schreit nach Pflege und Säuberung.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">156</span>
+Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen &mdash; und sie hinkt
+davon, hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer
+Brücke.</p>
+
+<p>Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege
+ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu
+laufen.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein
+Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken
+Patienten!</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">157</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap12" id = "chap12">12.
+Zurück</a></h4>
+
+
+<p>Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix’ letzte Heldentat. Die
+Kämpfe des Lebens hatten sie allmählich arg mitgenommen.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Als sie wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist und ihre Wundflächen
+sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter der
+Brücke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern
+aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine
+Arbeit auf den Feldern.</p>
+
+<p>Wochenlang fliegt sie herum und sucht &mdash; sucht nach großen
+Wäldern mit hohlen Bäumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach
+Ruhe und Frieden, nach der großen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen
+kann, ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der
+Menschen verjüngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo
+niemand außer<em> ihr</em> sich in die Weltenordnung einmischt &mdash;
+da will sie sein, da will sie hin&nbsp;...</p>
+
+<p>Während sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem
+uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer
+Flügel wie in dem Bedürfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und
+landet in einer schönen Mitternacht in heimischen Gegenden.</p>
+
+<p>Während ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen
+<span class = "pagenum">158</span>
+Fluge eine Wegeslänge zurückgelegt, zu der sie in früheren Zeiten Jahre
+und Tage gebraucht hat. Sie ist über den Westerwald dahingeflogen und
+über seine jetzt so kultivierten Sümpfe und Moore; sie ist über ihre
+einstmals so große Heide geflogen, die jetzt zum größten Teil umgepflügt
+und bepflanzt ist. Der Hügelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete,
+liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden
+Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hält, ist &mdash;
+wilder Wald.</p>
+
+<p>Aber sie kennt ihren großen wilden Wald nicht wieder!</p>
+
+<p>Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf
+der Hügelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen
+wuchsen, wo es selbst an glühenden Sommertagen dunkel und kühl war,
+ragen jetzt lange, gestengelte Stöcke in die Höhe. Und da ist immer
+Spektakel! Die Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so daß
+nur die steifsten von den Stöcken übrig bleiben.</p>
+
+<p>Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras.</p>
+
+<p>Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind
+fast immer an den Wipfeln; die Bäume ihrer Kindheit standen frei und
+offen, sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und
+biegen.</p>
+
+<p>Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Löchern,
+die<em> sie</em> Bäume zu nennen pflegte und nicht Gras &mdash; die sind
+weg. Die Axt hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen
+mögen.</p>
+
+<p>In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche läßt sie sich
+nieder!</p>
+
+<p>Es ist eine Krüppel-Buche &mdash; einigen Bäumen ergeht es nämlich
+<span class = "pagenum">159</span>
+wie einigen Menschen: je mehr sie in Regelmäßigkeit und Schemaform
+hineingezwängt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum
+Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich &mdash; und wollen nicht
+gut tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen,
+hochkultivierten Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und
+Vögeln über das umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im
+geringsten nach seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig,
+treibt Zweige in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhält,
+lange genug zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner
+Kronenwölbung. Die Forstleute haben geradezu neue Namen für diese
+Sonderlinge; sie nennen sie Krüppel.</p>
+
+<p>In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krüppelbuche haust
+Strix fast einen ganzen Monat.</p>
+
+<p>Aber was hilft es ihr, daß sie endlich Häusung gefunden hat &mdash;
+Tagesruhe und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden.</p>
+
+<p>In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die
+Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem
+hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im
+Walde gehört: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst
+den Regen und den Tropfenfall und das Plätschern. Im Frühling das
+Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes
+aus Wurzel und Faser.</p>
+
+<p>Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Blätter, das
+Summen der Insekten, den Diskant der Mönchgrasmücke und das Gurren der
+Holztaube gehört, alles das, was naturgemäß mit zu dem Waldfrieden
+gehörte und gleichsam die Stille verdoppelte.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">160</span>
+Jetzt dahingegen &mdash; nein, sie gewöhnt sich niemals daran, sondern
+fährt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt
+dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertönt; dann bellt ein Hund,
+ein Schuß knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das
+aufgeschreckte Gebrüll von Waldhörnern. Der Wald hat sich verändert; der
+neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte &mdash; und die sind
+ihrem Wesen und ihrer Natur ganz zuwider.</p>
+
+<p>So muß sie denn weiter, &mdash; nach nur ein paar Monaten! Sie muß
+den Kreis schließen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen
+Kurve zurücklegen, in der sie seit ihren frühesten Tagen vorwärts
+getrieben wurde.</p>
+
+<p>Gewandert ist sie auf ihre Weise &mdash; und nun geschieht es, daß
+der Instinkt und die neuen Verhältnisse in den Gegenden, aus denen sie
+kommt, sie nach den großen Fördenwäldern zurückziehen, wo sie einstmals
+gebrütet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt
+erblickte.</p>
+
+<p>Der große Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr
+erstes Gelege Junge mit Uf ausgebrütet hat, ist nicht mehr da, und
+alles, was dunkel und urwäldlich war, &mdash; was sie schön genannt hat
+&mdash; ist weg ... nur draußen in einer Einöde, in einem sumpfigen,
+tiefgelegenen Winkel, den die Menschen jetzt die<em> Urwaldecke</em>
+nennen, stehen auf einigen kleinen Inseln in einem schlammigen, noch
+unentwässerten Waldmoor ein paar alte, geschonte Rieseneichen.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Jahrhunderte und Jahrhunderte sind über die Eichen dahingegangen! Winter
+auf Winter, Frühling auf Frühling haben sie erlebt, haben sie genossen.
+Sie kennen den Himmel in Frostkälte
+<span class = "pagenum">161</span>
+mit Schneegestöber, in Lenzesblau mit Schneewolken, in Sommersonne und
+Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch und Wildsau, Wolf und Bär &mdash; und
+sie kennen den Menschen!</p>
+
+<p>Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung,
+Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich
+emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkämpft, auf dem sie
+stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblüht
+und die Wonne der Bestäubung genossen; vor hunderten und aber hunderten
+von Jahren haben sie schwere, langapfelige Früchte um sich gestreut. Sie
+haben Generationen von Tieren und Generationen von Vögeln gefüttert,
+haben das Sonnenlicht von über tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt
+verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurückgeben, was sie
+einstmals empfangen haben.</p>
+
+<p>Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine
+jede von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind
+vor fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den
+Hügeln rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt
+lebender Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldkönige
+zwischen Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages
+immer das stolze Bild. Da ist sie Nacht für Nacht über den kleinen
+Tannen hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz
+geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen.</p>
+
+<p>Die eine von den Eichen &mdash; die älteste &mdash; ist überall
+geborsten und gerissen, und es sind große Stücke aus ihrem Stamm
+gefallen. Man hat Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd
+<span class = "pagenum">162</span>
+in der Eiche hält! Um sie zu bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe
+eingeschlossen und es sind starke Stützen unter ihre Äste gestellt. So
+geborsten und zerrissen ist sie, daß die Leute gar nicht mehr glauben
+wollen, daß es<em> ein</em> Baum mit<em> einem</em> Stamm gewesen ist.
+Nein, den Ärger muß sie nun erdulden, daß kluge Köpfe unter den
+Forsteleven behaupten, es sei ursprünglich ein ganzes Bündel von Eichen
+gewesen, deren Stämme dann allmählich zusammengewachsen seien.</p>
+
+<p>Die andere Eiche, die am weitesten draußen im Moore steht, umgeben
+von dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen,
+hat noch ihre ganze äußere Rinde bewahrt. So mächtig ist ihr Stamm, daß
+zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken,
+knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, daß ein vierspänniger Wagen
+im Kreise um sie herumfahren könnte. Es ist ein Anblick aus der
+Vergangenheit!</p>
+
+<p>Wer sich allmählich durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hat, und
+nun plötzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht,
+stutzt ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar
+moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewältigen vermögen!</p>
+
+<p>Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt.
+Hier ist die Rinde abgefallen, und ein großes Loch klafft aus der
+nackten Holzschale heraus.</p>
+
+<p>Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und läßt sich auf
+den Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch
+&mdash; sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlöchern,
+ohne andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine große
+Hummel im Winterschlaf.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">163</span>
+Als der Frühling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den
+Baum hinein und läßt sich häuslich nieder in dem faulen Holz über ihr.
+Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast
+eine ganze Stiege Eier!</p>
+
+<p>Und dann, eines Morgens, als Strix von der nächtlichen Jagd
+heimkehrt, sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren
+großen Gewöllklößen die letzten traurigen Überreste des Meisenweibchens
+liegen. Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen.</p>
+
+<p>Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit
+einem neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der
+ersten Frau fortsetzt. Längst hat der arme Mann die Stiege voll, aber
+das Ende ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule
+hören.</p>
+
+<p>Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als
+das Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das
+Geschrei und Gepiepse fast unerträglich. Mehrmals versucht Strix, all
+das schreiende Leben mit den Fängen herauszuziehen &mdash; es ist ja
+doch Nahrung und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fänge sind nicht
+mehr kräftig und nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die
+großen Horndolche sich nicht mehr in Winkel biegen lassen.</p>
+
+<p>So gewöhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemütliches hat
+dies Lärmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben
+&mdash; und sie entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schönen
+Tages erwachsen sind und sich auf und davon machen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">164</span>
+Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvögeln meldet sich das Alter
+ungestüm und plötzlich.</p>
+
+<p>Ihre starken geschmeidigen Flügel fangen an, steif zu werden, ihre
+Fänge sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermögen ist nicht
+mehr wie in alten Zeiten, wo sie in der Dämmerung des Zwielichts die
+Motte am Stamm erkennen konnte.</p>
+
+<p>So ist ihr kürzlich ein wahrer Skandal passiert &mdash; sie hält
+einen großen Auswuchs an einem Stamm für einen Vogel!</p>
+
+<p>Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und
+zwischen dem Maskenspiel der Blätter wird es zu einem Birkhahn.</p>
+
+<p>Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet
+hat, und es hungert sie förmlich danach, wieder einmal einen
+ordentlichen Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres früher so
+glücklichen Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und&nbsp;&mdash; schlägt
+mit allen ihren acht Fängen in eine wunderlich schwammige Zundermasse.
+Sie hat sich geirrt, das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen
+ihrer Natur; es schreit nicht, es summt &mdash; und die Daunen, die sie
+losreißt, sind lebendig und stechen.</p>
+
+<p>Für einen Wespenbussard würde diese Begebenheit ein wahrer
+Götterbissen gewesen sein; der Vogel würde die Waben geschätzt haben, er
+hätte es verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung
+herauszuschälen. Strix dahingegen wird nur gequält und zerstochen,
+obwohl sie nicht zaudert, die Flucht zu ergreifen.</p>
+
+<p>Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen
+geblieben und hat über ihr Schicksal gejammert; sie
+<span class = "pagenum">165</span>
+begreift nicht<ins class = "correction" title = "Komma unsichtbar">,
+</ins>warum das Glück sie so plötzlich im Stich läßt&nbsp;...</p>
+
+<p>Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing,
+so selbstverständlich für Strix gegangen! Sie hatte immer fangen können
+und selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte
+sich aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden
+können, kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller
+Widerwärtigkeiten leicht für sie gewesen.</p>
+
+<p>Sie wird ganz melancholisch!</p>
+
+<p>Und während der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht
+das Alter mehr und mehr sein Recht geltend.</p>
+
+<p>Die ehemals so selbstverständlichen kleinen Glückszufälle werden zu
+ebenso selbstverständlichen kleinen Unglücksfällen; sie fliegt immer
+häufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schläge von den Zweigen ins
+Auge und stößt die Flügel und den Kopf gegen Äste und Baumstümpfe. Eines
+Abends auf der Jagd verwickelt sie sich &mdash; bei den wütenden
+Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen &mdash; in ein niedriges
+Eisengespinst, das die großen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung
+gezogen haben. Um ein Haar hätte sie ihr Leben dabei eingebüßt.</p>
+
+<p>Die Arbeit der Nacht wird schwer für sie; sie geht ihr nicht mehr wie
+ein Spiel von der Hand, sondern verursacht ihr große Anstrengungen und
+tausende von Qualen.</p>
+
+<p>Das alles altert sie; sie büßt mehr und mehr von dem ein, was wir
+Menschen Lebenskraft nennen: Mut und gute Laune.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Es wird wieder Winter &mdash; und Strix hat sehr zu leiden.
+<span class = "pagenum">166</span>
+Namentlich peinigen ihre Erbfeinde &mdash; die Krähen und
+Elstern&nbsp;&mdash; sie schrecklich.</p>
+
+<p>Eines Tages wird sie von einer ganzen Schar Elstern entdeckt; es sind
+ihrer zwölf &mdash; zwei ganze Familien &mdash; Hauskrähen, mit langen
+Schwänzen und mit Weiß an den Flügeln, ihre Federn glänzen wie Metall;
+sie sind eingebildet und sagen, daß sie, wenn sie fliegen, sehr wohl mit
+Fasanenhähnen verwechselt werden können. Sie foppen die Alte, ziehen sie
+auf. Sie sitzt da, verzweifelt vor Wut, und schneidet Gesichter.</p>
+
+<p>Aber was soll sie tun? Mit ihrem Sehvermögen ist es schlecht
+bestellt, namentlich am hellen Tage, und sie kann nicht mehr, wie in
+ihren jungen Tagen, herausfahren und eine mit jedem Fang fassen und sie
+mit sich in den hohlen Baum schleppen. Sie muß den Hohn leiden und die
+Qual aushalten. Aber allein das Bewußtsein davon macht sie noch
+hinfälliger.</p>
+
+<p>Es ist unter den Tieren nicht wie unter den Menschen. Unter den
+Tieren muß ein jeder für sich selbst sorgen, und nur selten hilft eins
+dem andern beim Fang, wenn die Fänge abgegriffen und die scharfen
+Zahnränder oder Schneiden zu Zahnfleisch werden. Daher kommen auch in
+diesem Winter für Strix Zeiten wo sie Aas fressen und noch dankbar dafür
+sein muß.</p>
+
+<p>In ihrem langen Leben hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, das
+nächtliche Leben der Raubtiere aus der Nähe zu beobachten und ihr Tun
+und Lassen zu erspähen.</p>
+
+<p>Sie sieht die Füchse in großem Umfang ihre verschiedenen
+Speisekammern rings umher im Erdboden versorgen. Die Kerle machen es
+gerade so wie der Hund, sie vergraben alles, was sie nicht auf einmal
+fressen können. Rings umher in den Mooren, unter Grasbüscheln und in
+verlassenen Ameisenhaufen
+<span class = "pagenum">167</span>
+verstecken sie ihren Raub &mdash; und finden ihn mit Sicherheit selbst
+nach Verlauf langer Zeiten wieder.</p>
+
+<p>So legt sich denn Strix darauf, ihnen ihren Wechsel abzulauern und
+die Gelegenheit wahrzunehmen, in ungestörter Ruhe sich die Niederlagen
+zunutze zu machen. Aber das Leichengift des Aases ist keine stärkende
+Medizin &mdash; sie wird schwach und altert in beständig zunehmendem
+Grade.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Strix hat jetzt die längste Zeit gelebt.</p>
+
+<p>Sie hat alle Qualen des Lebens erduldet&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Nachtfrost und der Lenzschnee löschten den Lebensfunken in ihrem
+ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten
+Eierschalen gesessen; einige spätausgefallene Junge, die nicht flügge
+waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen
+glücklichen, die lebten, abgeblieben?</p>
+
+<p>Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres
+eigenen Ichs belästigt. Andere Vögel brüteten zweimal im Jahre und
+setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war
+mäßig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begnügt.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und
+Strix leidet Not &mdash; schlimmer denn&nbsp;je.</p>
+
+<p>Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine
+Ausflüge; sie hat keine Kräfte dazu und fühlt auch nicht das Bedürfnis.
+Sie bleibt lieber in der Urwaldecke und hungert.</p>
+
+<p>Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus
+da draußen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, daß Larve und Wurm
+im Holz um sie her in Ruhe frieren
+<span class = "pagenum">168</span>
+und nicht den leisesten Laut mehr telegraphieren &mdash; dann schließt
+sie die Augen und sitzt in sich versunken da, während sie den dänischen
+Frühling vor sich sieht.</p>
+
+<p>Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Kätzchen, und Schwärme von
+lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her<ins class = "correction" title
+= "Komma unsichtbar">, </ins>während ein warmer und wachstumverheißender
+Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken sind draußen, und
+mitten im Sonnenschein zwischen den grünen Wildkerbelbüschen thront eine
+große, leckere Kröte. Sie sitzt da und verzehrt Mücken, die sie in einem
+dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal, wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit
+die Zunge herausgeschnellt und sie wieder hineingezogen hat, zwinkert
+sie wohlbefriedigt mit den Augen.</p>
+
+<p>Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige
+von den „Schnelläufern“, mit dem sie am besten fertig werden kann
+&mdash; da erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem
+Kopf gegen den hohlen Baumstamm stößt.</p>
+
+<p>Ja, Strix war alt geworden, uralt &mdash; und das war gerade der
+Segen beim Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich
+hineinzusehen und die Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und
+Aberdutzenden von Malen in einem langen Leben gesehen hatte. Man
+schwelgte in den Erfahrungen, man sah den Wechsel der Natur zu jeder
+Zeit im Strahlenglanz der Erinnerung vor sich.</p>
+
+<p>Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen!</p>
+
+<p>Aber<em> sehnen</em> tat sich Strix doch &mdash; sie sehnte sich,
+sehnte sich &mdash; sie konnte sich nur nicht klar darüber werden,
+wonach. Es lag wie ein beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man
+Hoffnung und Glauben nennt, Wohnung hat&nbsp;...</p>
+
+<p><span class = "pagenum">169</span>
+Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten,
+Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten,
+traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die
+Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen
+und wieder Menschen.</p>
+
+<p>Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene
+Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen.
+Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und
+Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher
+Wildnis herrschte<ins class = "correction" title = "Punkt unsichtbar">.
+</ins>Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in beschnittene
+Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus ihnen
+vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie um und
+eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem andern
+auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die beiden
+alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte es
+jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos und
+verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war.</p>
+
+<p>Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein
+Unwetterschaudern durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas
+unerklärlich Unheimliches in ihrem einsamen nächtlichen Heulen.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">170</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap13" id = "chap13">13. Strix schafft
+sich einen Sklaven an</a></h4>
+
+
+<p>In der Urwaldecke &mdash; um die alten Eichen herum &mdash; traf man
+eine Menge hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem
+Neuwuchs&nbsp;an.</p>
+
+<p>Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die<em> kleinen</em>
+Eulen, deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens.
+Ihre Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.</p>
+
+<p>Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes,
+wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und
+machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam
+Fleisch von ihrem Fleisch und redeten<em> ihre</em> Sprache.</p>
+
+<p>Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine
+Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die
+Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das
+Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den
+schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von
+den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern
+Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische
+Sprachenverwirrung.</p>
+
+<p>Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte
+Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie
+<span class = "pagenum">171</span>
+die Familien Star und Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit
+geboren, sich in mehrere Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als
+Dolmetscher auf. Nicht alle aus diesen Familien bringen es gleich weit
+&mdash; und nur ein einzelner alter, hochbegabter Star versteht zehn
+Sprachen!</p>
+
+<p>Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter
+der Tribüne dem Vortrag eines solchen „Professors“ beigewohnt. Das
+meiste klang in Strix’ Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein
+paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und
+machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise
+in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute
+hören.</p>
+
+<p>Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren
+Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer
+Zunge, nur weicher und sanfter.</p>
+
+<p>Von ihnen sagte sie auch, daß sie<em> zwitscherten</em>.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben
+war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte,
+suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.</p>
+
+<p>Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit
+blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten
+hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann,
+und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten
+jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank
+in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst
+<span class = "pagenum">172</span>
+hinaus mußte, nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf
+sonnendurchglühter Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um
+sich schlug &mdash; da hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen
+Eulen gegenüber äußerst angenehm gemacht.</p>
+
+<p>Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen,
+wie Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten
+kröpfen, während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine
+Kropftaube um sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre
+Aufwartung zu machen. Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt
+gefühlt, sich näher mit ihr einzulassen.</p>
+
+<p>Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem
+Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut
+reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt
+durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer
+schwer zu fangen &mdash; da nahm Strix eine überraschend blutige Rache.
+Sie tat es nicht bewußt,<em> das</em> muß man zu ihrem Lobe sagen; sie
+tat es aus Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen
+Magens.</p>
+
+<p>Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen
+plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht
+auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen
+Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen.
+Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr
+gewesen.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber!</p>
+
+<p><span class = "pagenum">173</span>
+Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen.</p>
+
+<p>Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt
+dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die
+haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind
+steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm.</p>
+
+<p>Sie ist keine große Eule mehr.</p>
+
+<p>Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr
+die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind
+so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang
+erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist
+zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt
+einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner
+vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen
+Schulterblätter.</p>
+
+<p>Strix ist abgelebt &mdash; die Greisin der Einöde heult aus dem
+letzten Loch.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr.</p>
+
+<p>Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden.
+Jeden Augenblick sträuben sich ihre Hörner, und die Augen öffnen sich;
+dann erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hört sie
+die große Botschaft, die das Märzsausen und die Aprilschauer
+verkünden.</p>
+
+<p>Aber was geht das sie an &mdash; und sie lauert wieder in sich
+hinein&nbsp;...</p>
+
+<p>Bis neue Botschaften so überaus stark werden, daß sie in ihrem Ohr
+rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber
+<span class = "pagenum">174</span>
+Zitronenfalter, der in einem Spalt überwintert hat und während eines
+Sonnenstreifens durchaus hinaus will, oder auch nur die Fäden in einem
+Kokon, die während der unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe
+zu bersten anfangen. Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhörbaren
+Laute dringen auf sie ein und wecken sie ununterbrochen.</p>
+
+<p>Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hämmert
+und pocht, es beißt und nagt, sie muß aufbrechen und sich auf den Rand
+des Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen.</p>
+
+<p>Die bisher so weiße Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie
+sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es
+plätschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weiße mehr und
+mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos.</p>
+
+<p>Bläulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von
+Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald
+schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr
+und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an.
+Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit
+ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als läge ein großer
+Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fährt deswegen
+herum und stemmt die Rückenflosse gegen die Eiskruste &mdash; überall
+entstehen Risse und gurgelndes Geräusch.</p>
+
+<p>Dann fangen die Hügelwände von ihrem Baum an zu glucksen; kleine
+Rinnsäle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, stürzen sich
+kopfüber den Abhang hinunter und bohren sich
+<span class = "pagenum">175</span>
+in den Talboden. Es summt da unten, es singt, es braust es strömt
+&mdash; ein Wildbach ist plötzlich entstanden.</p>
+
+<p>Winzig kleine, grüne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der
+Lichtung zwischen den Bäumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her
+schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grünes, sie kann schon
+Blätter sehen ... der welke Wald legt wieder sein
+Frühlingskleid&nbsp;an!</p>
+
+<p>Und während die Tage dahingehen, fährt eine Redseligkeit in alle die
+Strandvögel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich
+auszudrücken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann
+eines Morgens hört sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen
+sind. Das sind alle die Zugvögel, Drossel und Holztaube, Star und
+Rotkehlchen, die heimgekehrt sind.</p>
+
+<p>Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben
+viel gesehen, sie haben Eindrücke gesammelt und können erzählen &mdash;
+und alle lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke,
+diesen unermeßlichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen
+zundrigen Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das
+reiche Insektenleben, das die modernen Wälder der Gegenwart nicht zu
+bieten vermögen.</p>
+
+<p>Ein ohrenbetäubender Spektakel erfüllt die Luft. Es heult und pfeift,
+es tutet und schreit ... Strix muß wieder hinab in ihr dunkles Loch;
+übel ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es
+hier oben.</p>
+
+<p>Und die Laute strömen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber
+es sind auch einige tief empörte und gehässige darunter, einige, die
+Fang und Schnabel ahnen lassen, obwohl
+<span class = "pagenum">176</span>
+sie von winzig kleinen Singvögeln abstammen. Strix hört sie, faßt sie
+auf und läßt sie durch sich hindurchspülen, ohne sie auch nur mit einem
+Gedanken zu verfolgen &mdash; dies alles ist ja nur der gewöhnliche
+Weltrummel!</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend!</p>
+
+<p>Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwölbung der Buchen
+singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der große, rote Frühlingsmond
+hängt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Während die
+Dämmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vögel
+dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel.
+Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und
+überall &mdash; Pan bläst: der Zapfenstreich geht durch den Wald<ins
+class = "correction" title = "Punkt unsichtbar">. </ins></p>
+
+<p>Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen.</p>
+
+<p>Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprüche. Aber die
+Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beißen, und die Flügel,
+die ihr mühseliges Sichhinaufschleppen zu unterstützen pflegen, lassen
+sich nicht heben. Die Kräfte haben sie plötzlich ganz verlassen.</p>
+
+<p>Sie ist trübselig, die alte Strix.</p>
+
+<p>Während sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen
+Stamm abmüht, klagt sie vor sich hin.</p>
+
+<p>Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho&mdash;o&mdash;o, das andere
+Lenzabende gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der
+Paarungslust, mit verheißungsvollen breiten Flügeln und einem Übermaß
+von Kraft, nein es ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur
+bis ins Unendliche wiederholt,
+<span class = "pagenum">177</span>
+eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit, oder
+möglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe.</p>
+
+<p>Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel Ähnlichkeit mit
+den Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem
+kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im
+Walde herumgeflogen ist. Er gehört zu der Rasse <span class =
+"latin"><ins class = "correction" title =
+"Originaltext ungeändert: richtige Form ‘Asio otus’">asio otus</ins></span>
+und ist auch eine Horneule mit sich sträubenden Federbüscheln und gelben
+Kugellichtern; aber das ganze Persönchen ist keine drei Käse hoch, und
+Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem Federklumpen
+zusammenrollen.</p>
+
+<p>Trotz seines eifrigsten Suchens hat<em> Glip</em> &mdash; so heißt
+die kleine Horneule &mdash; kein Weibchen finden können, und dies
+Unglück ist ihm nun im dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr
+aufgelegt zu freien, und sei es auch um seine alte Großtante!</p>
+
+<p>Der Grund für seinen beständigen Mißerfolg liegt auf der Hand:</p>
+
+<p>Die Zeit der Bedrängnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten
+hat, beginnt nun auch für die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer
+stärkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre
+Waldestiefe und haut ihre hohlen Bäume&nbsp;um.</p>
+
+<p>An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu!</p>
+
+<p>Die Vorliebe für Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von
+dem, was die Menschen das<em> Nutzwild</em> nennen, ist verschärft, kein
+Raubvogel, er mag noch so klein und unschädlich sein, ist mehr
+sicher.</p>
+
+<p>Das mögen die Götter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf
+ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen,
+<span class = "pagenum">178</span>
+so ist es Glip. Er kann mit gutem Gewissen behaupten, daß er weder zu
+bescheiden, noch zu unnatürlich wählerisch gewesen ist. Aber
+Verhältnisse, über die er, wie erwähnt, nicht Herr ist, haben ihn zum
+Verzicht gezwungen.</p>
+
+<p>Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht für ihn aus.
+Es war ihm gelungen, einen jungfräulichen Vogel zu finden, ein ganz
+freies, ungepaartes Eulenfräulein. Es bewarben sich freilich noch
+dreizehn Herren außer ihm um sie, aber was machte das &mdash; der Schatz
+war ja da. Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen würde.</p>
+
+<p>Es war drüben auf der andern Seite der Förde, draußen in einem
+dichten Tannenwald, wo er die Schöne traf. Sie saß in einer kleinen
+Tanne, und die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her.</p>
+
+<p>So war auf alle Fälle die Sachlage am Tage.</p>
+
+<p>Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter,
+da kämpfte man wie die jungen Hähne und umschwärmte die Zuckertaube wie
+zudringliche Fliegen, so daß sie zu nichts in der Welt mehr Frieden
+hatte.</p>
+
+<p>Leider lenkte der Förster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise
+seine Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an,
+die, ermattet von den nächtlichen Ausschreitungen, in sich selbst
+versunken da saß wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief
+gesträubten Hörnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein
+weißes Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann,
+späterhin am Tage, ertönen kleine, kurze Schüsse &mdash; und einer nach
+dem andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenüber von dem Zweig
+herab.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">179</span>
+Der Förster war schleunigst zurückgeradelt und hatte sein Tesching
+geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache,
+wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule,
+die mitten in dem Klumpen saß, nicht zu treffen, würden die andern schon
+festsitzen wie die Kletten.</p>
+
+<p>Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer
+glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenüber, und nun zerstob der
+Rest in alle Winde.</p>
+
+<p>Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bäume von oben bis
+unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf
+Paare an, die in glücklicher Ehe lebten, mit Kindern bis über die Ohren.
+Wohl strengte er sich an, hier, wenn möglich, Eindruck zu machen, war
+sowohl äußerst grob wie auch äußerst liebenswürdig. Aber er erreichte
+nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein
+aufdringlicher Kavalier!</p>
+
+<p>So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen
+betrogen.</p>
+
+<p>In diesem Frühling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit
+und breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Töne erklingen lassen.
+Bei jedem glücklich brütenden Paar, von dem er gehört hat, ist er offen
+und mit Gewalt eingebrochen&nbsp;...</p>
+
+<p>In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art
+gegeben, und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weißblanke,
+zertrampelte Eier. Glip hat aus dem Wege räumen wollen, um später
+entführen zu können, aber er ist überall der Kleine geblieben und hat
+mörderliche Prügel bekommen.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">180</span>
+Da lächelt ihm endlich eines Abends das Glück; er ist plötzlich auf
+seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoßen.</p>
+
+<p>Er spitzt die Ohren &mdash;!</p>
+
+<p>Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein
+ungepaartes. Das kann er an der Weise hören, wie sie ruft. Er kauert
+sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurück ... hu, hu,
+hu,&nbsp;hu!</p>
+
+<p>Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort.</p>
+
+<p>Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr
+freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort
+bekommt er doch &mdash; und er ist ja nicht verwöhnt.</p>
+
+<p>Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es währt auch nicht
+lange, bis er ausfindig gemacht hat, daß seine vermeintliche Anbeterin
+unten in dem Bauch der großen Eiche sitzt.</p>
+
+<p>Mit schnellen, weichen Flügelschlägen ist er dort.</p>
+
+<p>Er erreicht das große Eingangsloch unter eifrigem Scharren und
+Kratzen seiner Fänge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von
+Ho-Rufen gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht
+er &mdash; so daß ihm einen Augenblick der Atem ausgeht &mdash; ein paar
+rote Lichter unten auf dem Grunde funkeln. Er begrüßt sie mit Kaskaden
+seines wildesten Geheuls.</p>
+
+<p>Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest,
+das kann er hören; sie wühlt da unten herum und legt die Unterlage
+zurecht &mdash; und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklärung zu
+bringen: ein trocknes &mdash; und knorrenloses Reis.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">181</span>
+Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch &mdash; eine
+schwache Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit
+hinabwagen, daß sie ihn fassen kann, da hätte sie doch endlich einen
+Bissen.</p>
+
+<p>Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge
+der Engigkeit des hohlen Baumes die Größe des alten Uhus nicht erkennen
+kann, faßt die Ablehnung des Reises als ganz selbstverständliche
+Sprödigkeit auf. Sie verlangt natürlich mehr!</p>
+
+<p>Da fängt die kleine Horneule an, sich mit Mäusen für Strix
+einzustellen. Sie macht große Augen und entreißt ihrem verliebten
+Anbeter die ersten leckern Fleischstücke; er hätte sie ja für den
+eigenen Schnabel bestimmen können &mdash; und sie beeilt sich, ihm zuvor
+zu kommen. Sie kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf,
+sobald er sich zeigt &mdash; und der verliebte Bursche kann so vielem
+Entgegenkommen nicht widerstehen.</p>
+
+<p>Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natürlich nur
+gerade vor das Eingangsloch &mdash; und ein ganzes Ende von Strix
+entfernt. Es will ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art
+Ungeheuer, aber gleich darauf macht ihn die Liebe wieder blind.</p>
+
+<p>Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen.
+Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer,
+Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße alte
+Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz bange
+machten, wenn er in sie hineinstarrte &mdash; siehe, das sind ja in
+Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen
+Blick.
+<span class = "pagenum">182</span>
+Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als wolle
+sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt daher,
+weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst, er
+umfaßt alles, alles &mdash; um Einen und hinter Einem!</p>
+
+<p>Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur
+herauf bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit
+ins Ohr zu tuten!</p>
+
+<p>Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch
+hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen
+Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten
+Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig
+und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder
+und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren
+Federhörnern hinaufgleiten läßt.</p>
+
+<p>Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur,
+auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.</p>
+
+<p>Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen
+Raubzügen.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen
+Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der
+Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie
+auf und ab, ab und auf schweben sehen.</p>
+
+<p>Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber
+wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja
+zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen,
+<span class = "pagenum">183</span>
+und dann stimmen sie ein sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt
+Glip die Gelegenheit. Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er
+blitzschnell auf sie ein &mdash; er zielt auf die zunächst fliegende und
+schlägt die Fänge in der Luft um sie zusammen.</p>
+
+<p>Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist
+leider nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande
+darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix’ kleiner, dummdreister
+Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im
+Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der
+Sperber auftaucht, &mdash; nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur
+des Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen
+Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen, da
+holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht.
+Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann &mdash; ihr
+Sklave ist ein tüchtiger Sklave!</p>
+
+<p>Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er
+muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im
+Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast,
+gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam
+genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald
+ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter
+Vögeln her.</p>
+
+<p>So überraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhüter, als er
+im Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine
+Eule an ein Nestloch anklammert
+<span class = "pagenum">184</span>
+und hineinguckt, aber die alten Dohlen umflattern das Nest.</p>
+
+<p>Der eine von den Waldhütern will sich bücken und einen Stein
+aufnehmen, aber der andre hält ihn zurück.</p>
+
+<p>&mdash; Nein, laß das, Pist Lak! Bedenke, wie es „Vogel“ erging ...
+es bringt immer Unglück, wenn man eine Eule totschlägt.</p>
+
+<p>Glip läßt sich nicht im mindesten stören. Mit der einen Klaue greift
+er in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix.
+Zehn Minuten später ist er wieder bei dem Nest &mdash; eine nach der
+andern holt er alle die jungen Dohlen.</p>
+
+<p>Sie kamen durch einen Unglücksfall ums Leben &mdash; so etwas
+geschieht auch tagtäglich im Walde!</p>
+
+<p>Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendämmerung läßt er
+sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das
+Holzwerk. Dann glauben die Jungen, daß es die Starenmutter ist &mdash;
+sie stecken den Kopf heraus, und &mdash; wupp hat Glip sie im Nacken
+gefaßt.</p>
+
+<p>Es gehört etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen
+&mdash; aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl
+bald!</p>
+
+<p>Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem
+großen, gefürchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck,
+der Tag und Nacht gefüttert werden muß. Es wird Glip schwer, alle die
+kostbaren Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermüden
+&mdash; und läßt nach in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in
+den Weg kommt und bringt Frösche und Kröten statt warmer, leckerer
+<span class = "pagenum">185</span>
+Spatzen. Strix muß ihre schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben
+und Eidechsen, Schlangen und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem
+warmen Abend wird ihr sogar eine dicke, schleimige Waldschnecke
+präsentiert.</p>
+
+<p>Es wird Strix schwer, den schwarzen Kloß zu verschlucken, und sie
+rollt schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten
+Lichtern, obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverächter gewesen ist.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Es ist leicht, das Ende vorauszusagen&nbsp;&mdash;:</p>
+
+<p>Eines schönen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen
+ist, erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, daß er ein Sklave war.
+Da hob er die Verlobung auf&nbsp;&mdash; und machte sich aus dem
+Staube.</p>
+
+
+
+
+<span class = "pagenum">186</span>
+<h4 class = "chapter"><a name = "chap14" id = "chap14">14. Strix Bubos
+Tod</a></h4>
+
+
+<p>Glip kehrte nicht wieder.</p>
+
+<p>Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fraß bekommen, sie ist
+matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im
+stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche
+kriecht sie auf dem Bauch zusammen.</p>
+
+<p>Sie ist halb von Verstand, hat fortwährend Visionen und sitzt da und
+heult ihren eigenen Namen.</p>
+
+<p>Schu&mdash;hu! seufzt sie ... Schu&mdash;hu!</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben,
+lebensmüde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon längst
+ein Fremdling in der Zeit gewesen.</p>
+
+<p>Sie haßt die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lärm und den Überfluß an
+Menschen überall; sie trägt Urzeit in sich, und der sind die Menschen
+entwachsen.</p>
+
+<p>Das dumpfe Brummen des Bären, das Gebrüll des Elchhirsches, das
+Heulen des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das
+waren Laute, die für sie paßten. Sie hat dasselbe Wilde und Dämonische
+in ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verständlicher
+Sprache geantwortet.</p>
+
+<p>Sie sind dahin, alle die ursprünglichen Mitgeschöpfe ihrer
+<span class = "pagenum">187</span>
+Sippe, sie, in denen, o wie in ihr, das Großzügige wohnte. Die Menschen
+haben sie genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an
+ihre Stelle gesetzt.</p>
+
+<p>Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre.</p>
+
+<p>Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind,
+wie das Gewitter über die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und
+gehofft, gekröpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergötzt. Dann kamen
+andre Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flüchten
+und wandern müssen, wo sie kaum eine Maus für ihren Schlund hat finden
+können.</p>
+
+<p>Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger
+Nebelschleier vor fernen Wäldern; sie weiß, die Wälder liegen dahinter
+&mdash; viel mehr weiß sie nicht.</p>
+
+<p>Das Leben ist dahingeschwunden &mdash; für Strix wie für den
+Eichenriesen, in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist
+plötzlich zu etwas unfaßlich Kurzem zusammengeschrumpft.</p>
+
+<p>Auf einmal zuckt sie zusammen &mdash; ihre matten, ausgebrannten
+Lichter werden so groß wie Teetassen.</p>
+
+<p>Da senkt sie die Hörner und wirft den Kopf zurück und bewegt den
+Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf
+mich&nbsp;zu!</p>
+
+<p>Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin <ins class = "correction"
+title = "letztes Punkt fehlt">...</ins></p>
+
+<p>Sie sieht, wie damals, als sie eben flügge geworden und auf dem Zweig
+saß, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen
+Kante und gleicht einer Rieseneidechse, &mdash; selbst der Schwanz fehlt
+nicht.</p>
+
+<p>Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich
+sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefällt hat.</p>
+
+<p><span class = "pagenum">188</span>
+Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstörer, der Mensch, dem sie nie
+hat widerstehen können, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das
+Lebensglück mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnstätten vernichtet,
+ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat.</p>
+
+<p>Sie wird blutgierig und böse, sie fühlt die Wildheit wie mit der
+Unbändigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlägt ihre Fänge in
+den Kopf und den Hals des Menschen.</p>
+
+<p>Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu kröpfen; aber plötzlich kommt
+es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren
+Schlund hinunter will.</p>
+
+<p>Todesschwindel hat Strix schon längst befallen, sie haut und zerrt in
+dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn über und liegt auf der Brust,
+sie streckt die eingeschrumpften Fänge nach hinten unter sich, rüttelt
+mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf
+und zu, während sie mit bebenden Flügeln das Leben von sich
+abschüttelt.</p>
+
+
+<p class = "space">
+Der Herbst verging und der Winter kam&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und neue welke Blätter; neue zundrige Erde und Wurmmehl aus der alten
+Eiche sickerten herab und füllten den hohlen Boden aus. Strix’ irdische
+Überreste wurden zugedeckt wie die so manch eines andern Vogels, denn
+hier in den hohlen Stamm der Eiche hatte sich im Laufe der Zeiten die
+Fauna des Waldes zurückgezogen, um in Frieden den Strohtod zu sterben.
+Schicht auf Schicht lagen die Skelette übereinander, wie auf einem
+überfüllten Friedhof, wohlbewahrt von der Eichensäure.</p>
+
+<p>Da waren Skelette von Fledermäusen und Mardern und
+<span class = "pagenum">189</span>
+Spechten, von andern großen Uhus lange vor Strix, von Eichhörnchen und
+Sperbern und von einer kleinen, goldbusigen Frau Meise mit einem großen
+Loch im Kopf.</p>
+
+<p>Eine ganze Geschichte des Waldes lag hier als Mumien aufbewahrt.</p>
+
+<p>Aber als das Beben des Lenzes von neuem herannahte, als der
+brandgelbe Zitronenfalter sich anschickte auszufliegen, ließ sich eines
+Abends eine kleine Horneule in den hohlen Stamm hinab. Sie setzte sich
+in Balzstellung, fegte mit dem Schwanz und ließ die Flügel
+schleppen.</p>
+
+<p>Er benahm sich ganz, als sei er hier zu Hause, näherte sich aber doch
+nur mit einer gewissen Vorsicht dem unheimlichen Dunkel auf dem Boden.
+Lange saß er da, reckte den Hals und starrte hinab.</p>
+
+<p>Da erschien die entzückendste kleine Chinesin von einer Eule mit
+langen, gesträubten Hörnern, flachem Antlitz und schiefen, zwinkernden
+Augen oben im Eingang &mdash; und die kleine Horneule wurde Feuer und
+Flamme.</p>
+
+<p>Er ließ sich schnell entschlossen hinabplumpsen&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es war leer in dem Stamm!</p>
+
+<p>Da scharrte er wie ein Hahn und gluckste seine kleine Henne hinab,
+und beide machten sie sich nun auf das eifrigste daran, das Loch mit
+Reisern zu umkränzen.</p>
+
+<p>Und dann, eines schönen Tages, lagen fünf kleine, kugelrunde, <ins
+class = "correction" title = "Original: ‘kreideweise’">kreideweiße</ins>
+Eier und leuchteten in der Dunkelheit wie mit Phosphorglanz.</p>
+
+<p>Sie ruhten so sicher und ließen sich so leicht ausbrüten&nbsp;&mdash;
+sie lagen auf einer alten, weichen Matratze &mdash;
+&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Glip hatte glücklich eine Frau gefunden.</p>
+
+
+<hr class = "chapter mid">
+
+<p>&nbsp;<br>&nbsp;</p>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/backlogo.png" width = "39" height = "65"
+alt = "Verlagssigel" title = "Verlagssigel">
+</p>
+
+<h6>Gedruckt bei Poeschel &amp; Trepte in Leipzig</h6>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Strix, by Svend Fleuron
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STRIX ***
+
+***** This file should be named 19530-h.htm or 19530-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/5/3/19530/
+
+Produced by Inka Weide, Louise Hope and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/19530-h/images/backlogo.png b/19530-h/images/backlogo.png
new file mode 100644
index 0000000..dd12682
--- /dev/null
+++ b/19530-h/images/backlogo.png
Binary files differ
diff --git a/19530-h/images/cover.jpg b/19530-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..0d04350
--- /dev/null
+++ b/19530-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/19530-h/images/frontlogo.png b/19530-h/images/frontlogo.png
new file mode 100644
index 0000000..97733cb
--- /dev/null
+++ b/19530-h/images/frontlogo.png
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..d4d2b33
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #19530 (https://www.gutenberg.org/ebooks/19530)