diff options
Diffstat (limited to '19163-8.txt')
| -rw-r--r-- | 19163-8.txt | 7319 |
1 files changed, 0 insertions, 7319 deletions
diff --git a/19163-8.txt b/19163-8.txt deleted file mode 100644 index 86779d9..0000000 --- a/19163-8.txt +++ /dev/null @@ -1,7319 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Märchen für Kinder, by Hans Christian Andersen - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Märchen für Kinder - -Author: Hans Christian Andersen - -Illustrator: Nikolai Karasin, A. Zick, P. Schnorr, F. Reiß, E. Klimsch, E. Kepler, M. Flashar, H. Effenberger - -Translator: Paul Arndt - -Release Date: September 3, 2006 [EBook #19163] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN FÜR KINDER *** - - - - -Produced by Louise Hope, Markus Brenner, Juliet Sutherland -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - H. C. Andersens - - MÄRCHEN FÜR KINDER. - - Frei nach der Reclamschen Ausgabe bearbeitet - - von - - Paul Arndt. - - - Mit 5 Buntbildern von N. _Karasin_, sowie - - 40 Textillustrationen - - von A. Zick, P. Schnorr, F. Reiß, E. Klimsch, - E. Kepler, M. Flashar, H. Effenberger etc. - - - Neunte Auflage. - - [Illustration/Abbildung: Loewes Verlag] - - Stuttgart - Loewes Verlag - Ferdinand Carl. - - - Druck von _Carl Hammer_ in Stuttgart. - - - - -Märchengruß. - - [Abbildung/Illustration: capH_iii.png] - - _Hans Andersen, der Märchendichter_, - Nennt man ihn nur, landaus, landein; - Da lachen strahlende Gesichter, - Da jubeln Bub' und Mägdelein! - Ihm sang und klang, ihm lebt' und lachte, - Was anderer Ohr und Auge tot, - Das Seelenlose fühlt' und dachte - Und ward beseelt, -- wenn er gebot. - - Den er gepflückt im Wunderlande, - Den allerschönsten Märchenstrauß, - Geknüpft mit rot und weißem Bande, - Streut' einst er in die Welt hinaus. - Und aus dem Strauß die zart'sten Triebe, - Die er bestimmt der _Kinderschar_, - Sind hier gesammelt euch zuliebe; - Wir bieten sie euch freudig dar. - - Längst ist er schon von uns gegangen, - Der Dichter, der den Kindern lieb, - Doch leben noch in Jugendprangen - Die _Märchen_, die für euch er schrieb. - Sie klingen fort und werden klingen - Unsterblich noch in später Zeit, - Und sich wie gold'ne Fäden schlingen - Um Kind und Märchenherrlichkeit. - - Des _grauen Entleins_ Abenteuer, - Der _Zinnsoldat_, auf einem Bein - Standhaft im Wasser und im Feuer, - Die _Schwäne_ und ihr Schwesterlein; - Das Märlein von dem _Tannenbaume_, - Vom _Koffer_, der die Luft durchschwirrt, - Vom _Sandmann_ und Klein-Hjalmars Traume, - Vom _Tölpelhans_, der König wird. - - Sie wollen plaudern, wollen scherzen, - Sie wollen bei euch Kindern sein, - Und dringen in die Kinderherzen - Mit ernster Lehre mahnend ein. -- - So macht dem luftigen Gelichter - Ein Heim in Herz und Haus bereit, - Und seid gegrüßt vom Märchendichter, - Die ihr ja selber Märchen seid! - - - - -Inhalts-Übersicht. - - Seite - Däumelieschen 1 - Die Störche 8 - Der fliegende Koffer 11 - Der Schneemann 15 - Es ist ein Unterschied 18 - Das Feuerzeug 20 - Das häßliche Entlein 25 - Die Stopfnadel 31 - Tölpelhans 33 - Fünf in der Schote 36 - Das Märchen vom Sandmann 38 - Die Theekanne 45 - Die Blumen der kleinen Ida 46 - Das kleine Mädchen - mit den Schwefelhölzern 50 - Die wilden Schwäne 52 - Die glückliche Familie 61 - Der Engel 63 - Der standhafte Zinnsoldat 65 - Des Kaisers Nachtigall 68 - Die Schneekönigin 74 - Fliedermütterchen 91 - Der Tannenbaum 97 - Das alte Haus 103 - Der Buchweizen 107 - Die roten Schuhe 109 - - - - -Däumelieschen. - - [Abbildungen/Illustrations: capH1.png, pic3.jpg] - - -Hilfe suchend kam einmal eine Frau zu einer alten Hexe und fragte sie, -ob sie ihr nicht ein kleines Mädchen verschaffen könnte. - -»O ja, das soll nicht schwer halten!« sagte die Hexe. »Da hast du ein -Gerstenkorn; das ist nicht etwa von der Art, wie es auf einem -Bauernfelde wächst, oder womit die Hühner gefüttert werden. Lege es in -einen Blumentopf, dann wirst du etwas zu sehen bekommen!« - -»Besten Dank!« sagte die Frau und gab der Hexe ein Geldstück, ging dann -heim, pflanzte das Gerstenkorn, und sogleich wuchs eine große herrliche -Blume hervor, die vollkommen einer Tulpe glich, aber die Blätter -schlossen sich fest zusammen, als ob sie noch in der Knospe wären. - -»Das ist eine schöne Blume!« sagte die Frau und küßte sie auf die -herrlichen roten und gelben Blätter, aber wie sie sie noch küßte, that -die Blume einen großen Knall und öffnete sich. Es war, wie man nun sehen -konnte, eine wirkliche Tulpe; aber mitten in der Blüte, auf dem grünen -Blumengriffel, saß ein winzig kleines, blondlockiges Mädchen, fein und -lieblich. Sie war nicht größer als ein Daumen, und deswegen wurde sie -_Däumelieschen_ genannt. - -Eine prächtige, lackirte Wallnußschale erhielt sie zur Wiege, blaue -Veilchenblätter waren ihre Matratze und ein Rosenblatt ihr Deckbett. -Darin schlief sie des Nachts, aber am Tage spielte sie auf dem Tische. -Die Frau hatte einen Teller darauf gestellt, um den sie einen ganzen -Kranz Blumen gelegt hatte, deren Stengel in das Wasser reichten. Hier -schwamm ein großes Tulpenblatt und auf diesem durfte Däumelieschen -sitzen und von der einen Seite des Tellers bis zur andern schwimmen. -Zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah unbeschreiblich -niedlich aus. Sie konnte auch singen, o so fein und lieblich, wie man -nie zuvor gehört hatte. - -Eines Nachts, als sie in ihrem hübschen Bettchen lag, kam durch das -Fenster, in dem eine Scheibe zerbrochen war, eine häßliche Kröte -hereingehüpft; sie hüpfte gerade auf den Tisch hernieder, wo -Däumelieschen lag und unter dem roten Rosenblatte schlief. - -»Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!« sagte die Kröte, und dann -ergriff sie die Wallnußschale, in der Däumelieschen schlief, und hüpfte -mit ihr durch die Scheibe in den Garten hinunter. - -Da floß ein großer, breiter Bach; aber dicht am Ufer war es sumpfig und -morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne. Hu, der war eben so -garstig und häßlich, das ganze Ebenbild seiner Mutter. »Koax, Koax, -breckekekex,« war alles, was er sagen konnte, als er das hübsche, kleine -Mädchen sah. - -»Schwatz' nicht so laut, sonst wacht sie auf!« sagte die alte Kröte, -»sie könnte uns sonst noch entlaufen, denn sie ist so leicht wie ein -Eiderflaum! Wir wollen sie in den Bach hinaus auf eines der breiten -Wasserlilienblätter setzen, das ist für sie, die so leicht und klein -ist, wie eine Insel. Da kann sie nicht entlaufen, während wir den -Festsaal unten tief unter dem Sumpfe, wo ihr wohnen und leben sollt, -in Stand setzen.« - -Die alte Kröte schwamm nun nach einem der großen, grünen Blätter, welche -inmitten des Baches aus dem Wasser ragten, als ob sie darauf schwämmen, -und setzte die Nußschale mit Däumelieschen auf dasselbe nieder. - -Das arme kleine Mädchen erwachte beim ersten Morgengrauen, und da es -wahrnahm, wo es war, fing es gar bitterlich an zu weinen, denn Wasser -umgab von allen Seiten das große grüne Blatt. - -Die alte Kröte saß unten im Sumpfe und schmückte ihr Zimmer mit Schilf -und gelben Wasserlilien, denn für die neue Schwiegertochter sollte -alles auf das Feinste hergerichtet werden. Darauf schwamm sie mit dem -garstigen Sohne zu dem Blatte hinaus, wo Däumelieschen stand. Die alte -Kröte verneigte sich vor ihr bis tief ins Wasser hinein und sagte: »Hier -stell' ich dir meinen Sohn vor, der dein Mann werden soll. Ihr werdet -unten im Sumpfe ganz prächtig wohnen.« - -»Koax, Koax, breckekekex!« war alles, was der Sohn sagen konnte. Darauf -schwamm die alte Kröte mit ihrem Sohn fort und sie nahmen Däumelieschens -Bett für die neue Ausstattung gleich mit. Da saß das arme kleine Mädchen -und weinte heiße Thränen auf das grüne Blatt hinab, denn sie wollte -weder bei der häßlichen Kröte wohnen, noch ihren häßlichen Sohn zum -Manne haben. Die kleinen Fische, welche unten im Wasser schwammen, -hatten die Kröte recht wohl gesehen und gehört, was sie sagte. Sie -wollten Däumelieschen gern vor der Kröte und ihrem häßlichen Sohne -retten und nagten mit ihren scharfen Zähnen den Stiel des Blattes ab und -nun schwamm das Blatt mit Däumelieschen hinab, weit, weit fort, wohin -die Kröte nicht gelangen konnte. - -Däumelieschen segelte an gar vielen Städten vorüber, und die kleinen -Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: »Welch niedliches -kleines Mädchen!« Weiter und immer weiter schwamm das Blatt mit ihr; -so reiste denn Däumelieschen ins Ausland. - -Ein allerliebster kleiner Schmetterling wurde nicht müde sie zu -umflattern und schwebte endlich auf das Blatt hernieder, denn er konnte -Däumelieschen gar wohl leiden. Diese war hoch erfreut, denn die Kröte -konnte sie jetzt nicht mehr erreichen, und es war köstlich, wo sie -segelte. Die Sonne schien auf das Wasser und dieses glänzte wie -schimmerndes Gold. Da nahm sie ihren Gürtel, schlang das eine Ende -desselben um den Schmetterling und befestigte das andere am Blatte. Das -glitt jetzt weit schneller das Wasser hinunter und sie mit, denn sie -stand ja auf dem Blatte. - -Plötzlich kam ein großer Maikäfer angeflogen, der sie gewahrte und -augenblicklich seine Klauen um ihren schlanken Leib schlug und mit ihr -auf einen Baum flog. Aber das grüne Blatt schwamm den Bach hinab und der -Schmetterling flog mit, denn er war an das Blatt gebunden und konnte -sich auch nicht befreien. - -Gott, wie sehr erschrak das arme Däumelieschen, als der Maikäfer mit ihr -auf den Baum hinaufflog! Am meisten betrübte sie jedoch der Gedanke an -den schönen, weißen Schmetterling, den sie an das Blatt gebunden hatte. -Konnte er nicht loskommen, mußte er ja rettungslos verhungern. - -Der Maikäfer setzte sich mit Däumelieschen auf das größte Blatt des -Baumes, speiste sie mit dem Blütenhonig und sagte ihr, sie wäre sehr -schön, obgleich sie einem Maikäfer in keinem Stücke ähnelte. Später -kamen noch viele Maikäfer zu Besuch; sie beguckten Däumelieschen von -allen Seiten und die Maikäferfräulein rümpften die Fühlhörner und -sagten: »Sie hat ja nur zwei Füße; das sieht doch zu jämmerlich aus!« - -»Wie häßlich sie ist!« sagten auch die alten Maikäferfrauen, und -trotzdem war Däumelieschen so schön. So kam sie auch dem Maikäfer vor, -der sie entführt hatte, da aber alle anderen darin übereinstimmten, sie -wäre häßlich, so glaubte er es zuletzt ebenfalls und wollte sie nun gar -nicht haben; sie konnte gehen, wohin sie wollte. Sie flogen mit ihr vom -Baume hinunter und setzten sie auf ein Gänseblümchen. Da weinte sie, -weil sie so häßlich wäre, daß sie nicht einmal die Maikäfer unter sich -dulden wollten. - -Während des ganzen Sommers lebte Däumelieschen ganz allein in dem großen -Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hing es unter einem -großen Klettenblatte auf, so daß sie gegen den Regen geschützt war. -Blütenhonig war ihre Speise und ihren Durst stillte sie an dem Tau, der -morgens auf den Blättern stand. So verstrich Sommer und Herbst, aber nun -kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die ihr so schön -vorgesungen hatten, flogen ihrer Wege, die Bäume und Blumen welkten -dahin; das große Klettenblatt, unter dem sie gewohnt hatte, schrumpfte -zusammen, und es blieb nur noch ein gelber, vertrockneter Stengel. Sie -fror bitterlich, ihre Kleider waren zerrissen und sie selbst war gar -fein und klein; das arme Däumelieschen mußte erfrieren. Es begann zu -schneien und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, that dieselbe Wirkung, -als wenn man auf uns eine Schaufel voll wirft, denn wir sind groß, sie -aber war nur einen Daumen lang. Da hüllte sie sich in ein verwelktes -Blatt, aber das erwärmte sie nicht; sie zitterte vor Kälte. - -Hart am Saume des Waldes, wohin sie jetzt gelangt war, lag ein großes -Kornfeld, allein das Korn war längst eingeerntet, nur die nackten, -trockenen Stoppeln ragten aus der gefrorenen Erde hervor. Ihr kamen sie -wie ein großer Wald vor, den sie zu durchwandern hatte, und sie -klapperte nur so vor Kälte. Da kam sie vor die Thür der Feldmaus. Deren -ganzes Reich bestand in einer kleinen Höhle unter den Kornstoppeln. Dort -wohnte die Feldmaus geschützt und behaglich, hatte die ganze Stube voll -Korn und eine prächtige Küche und Speisekammer. Das arme Däumelieschen -stellte sich an die Thür, gerade wie jedes andere Bettelmädchen, und bat -um ein kleines Stückchen Gerstenkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen -nicht das Geringste zu essen bekommen. - -»Du arme Kleine!« sagte die Feldmaus, denn es war im Grunde genommen -eine gute, alte Feldmaus, »komm' in meine warme Stube herein und iß mit -mir!« - -Da sie nun Gefallen an Däumelieschen fand, sagte sie: »Du kannst getrost -den Winter über bei mir bleiben, aber du mußt mir die Stube hübsch -sauber halten und mir Geschichten erzählen, denn das ist meine Lust!« -Däumelieschen that, was die gute, alte Feldmaus verlangte und hatte es -ganz vortrefflich bei ihr. - -»Nun bekommen wir gewiß bald Besuch!« sagte die Feldmaus. »Mein Nachbar -pflegt mich täglich zu besuchen. Der hat noch mehr vor sich gebracht, -als ich, hat große Säle und geht in einem herrlichen schwarzen -Sammetpelze einher. Könntest du den zum Manne bekommen, dann wärest du -gut versorgt.« - -Doch Däumelieschen mochte den Nachbar gar nicht haben, denn er war ein -Maulwurf. Er kam und machte in seinem schwarzen Sammetpelze seine -Aufwartung. Er wäre sehr reich und sehr gelehrt, sagte die Feldmaus. -Seine Wohnung war auch in der That zwanzigmal größer als die der -Feldmaus, und Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die herrlichen -Blumen konnte er gar nicht leiden; über sie wußte er nur Schlimmes zu -erzählen, weil er sie nie gesehen hatte. - -Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang von seinem bis zu ihrem Hause -durch die Erde gegraben; in ihm durfte die Feldmaus und Däumelieschen -mit seiner Erlaubnis nach Herzenslust spazieren. Er bat sie aber, nicht -vor dem toten Vogel zu erschrecken, der im Gange läge. Es war ein ganzer -Vogel mit Federn und Schnabel, der erst kürzlich beim Beginn des Winters -gestorben sein konnte und nun gerade da begraben war, wo er seinen Gang -angelegt hatte. - -Der Maulwurf nahm ein faules Stück Holz in das Maul, weil es im Dunkeln -wie Feuer schimmert, ging dann voran und leuchtete ihnen in dem langen, -finsteren Gange. Als sie zu der Stelle gelangten, wo der tote Vogel lag, -drückte der Maulwurf mit seiner breiten Nase gegen das Gewölbe und stieß -die Erde auf, so daß ein großes Loch entstand, durch welches das Licht -hereinschimmerte. Mitten auf dem Boden lag eine tote Schwalbe, die -schönen Flügel fest an die Seite gedrückt, die Beine und den Kopf unter -die Federn gezogen. Der arme Vogel war sicher vor Kälte gestorben. -Däumelieschen hatte inniges Mitleid mit ihr, sie liebte alle die kleinen -Vögel, hatten sie ihr doch den ganzen Sommer hindurch so schön etwas -vorgesungen und vorgezwitschert, aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen -kurzen Beinen und sagte: »Nun pfeift er nicht mehr! Es muß doch -jämmerlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Außer seinem -»Quivit« hat ja ein solcher Vogel durchaus nichts und muß im Winter -elendiglich verhungern!« - -»Ja, das könnt Ihr als vernünftiger Mann wohl sagen!« entgegnete die -Feldmaus. »Was hat ein Vogel für all sein Quivit, wenn der Winter kommt? -Er muß elendiglich verhungern und erfrieren.« - -Däumelieschen sagte nichts, als aber die beiden andern dem Vogel den -Rücken wandten, neigte sie sich hinab, schob die Federn, die über seinem -Kopfe lagen, zur Seite und küßte ihn auf die geschlossenen Augen. -»Vielleicht war er es, der mir im Sommer so schön etwas vorsang,« dachte -sie, »wie viel Freude hat er mir verschafft, der liebe, schöne Vogel.« - -Der Maulwurf stopfte nun das Loch, durch welches das Tageslicht -hineinschien, wieder zu und begleitete die Damen nach Hause. Aber in der -Nacht konnte Däumelieschen schlechterdings nicht schlafen. Da erhob sie -sich von ihrem Bette und flocht aus Heu einen großen, schönen Teppich, -trug ihn hinunter, breitete ihn über den toten Vogel aus und legte -weiche Baumwolle, die sie im Zimmer der Feldmaus gefunden hatte, dem -Vogel zur Seite, damit er warm liegen möchte in der kalten Erde. - -»Lebewohl, du lieber schöner Vogel!« sagte sie; »Lebewohl und Dank für -deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die -Sonne auf uns so warm hernieder schien!« Dann legte sie ihr Köpfchen an -des Vogels Brust, fuhr aber sogleich erschrocken zusammen, denn es war -fast, als ob etwas in derselben klopfte. Das war des Vogels Herz. Der -Vogel war nicht tot, er lag nur in einer Betäubung, war jetzt erwärmt -worden und bekam wieder Leben. - -Im Herbste fliegen alle Schwalben nach den warmen Ländern, verspätet -sich aber eine, so friert sie so, daß sie wie tot zur Erde fällt und -liegen bleibt, wohin sie fällt, und der kalte Schnee seine Decke über -sie breitet. - -Däumelieschen schauderte ordentlich, so war sie erschreckt worden, denn -der Vogel war ihr gegenüber, die kaum Daumeslänge hatte, ja so -erschrecklich groß, aber sie faßte doch wieder Mut, legte die Baumwolle -dichter um die Schwalbe und holte ein Krausemünzenblatt, dessen sie sich -selbst als Deckbettes bedient hatte, und legte es über den Kopf des -Vogels. - -In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm hinunter, und nun -war er lebendig, aber so matt, daß er nur einen kurzen Augenblick seine -Augen zu öffnen und Däumelieschen anzusehen vermochte, die, weil sie -kein anderes Lämpchen haben konnte, mit einem Stückchen faulen Holzes in -der Hand neben ihm stand. - -»Herzlichen Dank, du niedliches kleines Kind!« sagte die kranke Schwalbe -zu ihr. »Ich bin vortrefflich erwärmt! Bald erhalte ich meine Kräfte -wieder und kann dann draußen im warmen Sonnenschein umherfliegen.« - -»Ach!« sagte sie, »es ist draußen gar kalt, es schneit und friert! -Bleib' du in deinem warmen Bettchen, ich werde dich schon pflegen!« - -Darauf brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blumenblatte und diese -trank und erzählte ihr, wie sie sich an einem Dornbusche einen ihrer -Flügel verletzt hätte, weshalb sie nicht mehr so schnell wie die andern -Schwalben zu fliegen vermochte, als dieselben weit weg nach den warmen -Ländern fortzogen. Endlich war sie auf die Erde gefallen, und was -weiteres mit ihr geschehen, wußte sie nicht. - -Den ganzen Winter blieb sie nun da unten und Däumelieschen nahm sich -ihrer auf das Beste an und hatte sie lieb. Weder der Maulwurf noch die -Feldmaus erfuhr das Geringste davon, weil sie die arme Schwalbe nicht -leiden mochten. - -Sobald der Frühling kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die -Schwalbe Däumelieschen Lebewohl, die nun das Loch öffnete, welches der -Maulwurf in die Decke gemacht hatte. Die Sonne schien herrlich auf sie -hernieder und die Schwalbe fragte, ob sie sie begleiten wollte, sie -könnte ja auf ihrem Rücken sitzen, und dann wollten sie weit hinaus in -den grünen Wald fliegen. Aber Däumelieschen wußte, daß es die alte -Feldmaus betrüben würde, wenn sie dieselbe auf solche Art verließ. - -»Nein, ich kann nicht!« sagte Däumelieschen. »Lebewohl, lebewohl! -du gutes, liebes Mädchen!« sagte die Schwalbe und flog hinaus in den -Sonnenschein. Däumelieschen sah ihr nach und die Thränen traten ihr in -die Augen, denn sie hatte die Schwalbe gar lieb. - -»Quivit, quivit!« sang der Vogel und flog hinein in den grünen Wald. - -Däumelieschen war sehr betrübt. Sie erhielt nie Erlaubnis, in den warmen -Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, das auf dem Acker über dem Hause -der Feldmaus ausgesäet war, wuchs auch hoch in die Luft empor; für das -arme kleine Mädchen, das kaum Daumeslänge hatte, war es ein völlig -undurchdringlicher Wald. - -»Während des Sommers sollst du nun an deiner Aussteuer nähen!« sagte die -Feldmaus zu ihr, denn nun hatte der Nachbar, der langweilige Maulwurf in -dem schwarzen Sammetpelze, sich um sie beworben. - -Däumelieschen mußte nun die Spindel drehen und die Feldmaus nahm vier -Spinnen in Lohn, die Tag und Nacht spinnen und weben mußten. Jeden Abend -kam der Maulwurf auf Besuch und sprach nur immer davon, daß, wenn der -Sommer vergangen, die Sonne nicht mehr so warm scheinen würde, dann -wollte er mit Däumelieschen Hochzeit feiern. Sie war aber gar nicht -vergnügt, denn sie hatte den langweiligen Maulwurf keineswegs lieb. -Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie -unterging, schlich sie sich zur Thür hinaus, und sobald der Wind die -Kornähren auseinander wehte, daß sie den blauen Himmel sehen konnte, -dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen wäre, und wünschte -so sehr, die liebe Schwalbe wiederzusehen; aber die kam nie wieder, die -war gewiß weit fort in den schönen grünen Wald geflogen. - -Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelieschen ihre ganze Aussteuer -fertig. - -»In vier Wochen sollst du Hochzeit halten!« sagte die Feldmaus zu ihr. -Aber Däumelieschen weinte und sagte, sie wollte den langweiligen -Maulwurf nicht haben. - -»Schnickschnack!« sagte die Feldmaus, »sei nur nicht widerspenstig, -sonst muß ich dich mit meinen weißen Zähnen beißen.« - -Nun sollte Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, Däumelieschen -zu holen. - -»Lebewohl, du klarer Sonnenstrahl!« sagte sie und streckte die Ärmchen -hoch empor und ging auch eine kurze Strecke vom Hause der Feldmaus fort, -denn nun war das Korn geerntet und nur die dürren Stoppeln standen noch -da. »Lebewohl, Lebewohl!« sagte sie und schlang ihre Ärmchen um eine -kleine rote Blume, die daneben stand. »Grüße die liebe Schwalbe von mir, -wenn du sie zu sehen bekommst!« - -»Quivit, quivit!« ertönte es in demselben Augenblicke über ihrem Kopfe. -Sie blickte auf, es war die Schwalbe, die gerade vorüberflog. Sobald sie -Däumelieschen gewahrte, wurde sie sehr froh, sie erzählte derselben, wie -ungern sie den garstigen Maulwurf zum Manne nähme und daß sie nun tief -unter der Erde wohnen sollte, wo das Sonnenlicht nie hineinschiene. - -»Nun kommt der kalte Winter,« sagte die Schwalbe, »ich fliege nach den -warmen Ländern fort. Willst du mich begleiten? Du kannst auf meinem -Rücken sitzen! Fliege nur mit mir, du süßes kleines Däumelieschen, die -du mir das Leben gerettet hast, als ich erfroren in dem finstern Schooße -der Erde lag!« - -»Ja, ich ziehe mit dir,« sagte Däumelieschen, und setzte sich auf des -Vogels Rücken, mit den Füßen auf seine ausgebreiteten Flügel, band ihren -Gürtel an einer der stärksten Federn fest, und nun erhob sich die -Schwalbe hoch in die Lüfte, über Wälder und Seen, hoch hinauf über die -großen Gebirge, wo immer Schnee liegt. - -Endlich kamen sie nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit -heller als hier, der Himmel war doppelt so hoch und an den Gräben und -Hecken wuchsen die herrlichsten grünen und blauen Weintrauben. In den -Wäldern hingen Zitronen und Apfelsinen; Myrthen und Krausemünzen -erfüllten alles mit ihrem Duft. Aber die Schwalbe flog immer noch weiter -und es wurde schöner und schöner. Unter den prachtvollsten grünen Bäumen -an dem blauen See stand seit alten Zeiten ein weißes Marmorschloß. -Weinreben rankten sich um hohe Säulen; an der äußersten Spitze waren -viele Schwalbennester und in einem derselben wohnte die Schwalbe, welche -Däumelieschen trug. - -»Hier ist mein Haus!« sagte die Schwalbe. »Suche dir aber selbst eine -der prächtigsten Blumen aus, die da unten wachsen, und ich will dich -dann hinaufsetzen, und dein Los wird so glücklich sein, als du nur -irgend wünschen kannst!« - -»O wie herrlich!« sagte Däumelieschen und klatschte in die kleinen -Händchen. - -Da lag eine große, weiße Marmorsäule, welche zur Erde gesunken und in -drei Stücke zerborsten war, zwischen ihnen aber wuchsen die schönsten -großen weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelieschen hinunter und -setzte sie auf eines der breiten Blätter. Aber wer malt ihr Erstaunen: -mitten in der Blume saß ein kleiner Mann, so weiß und durchsichtig, wie -wenn er von Glas wäre. Die niedlichste goldene Krone hatte er auf dem -Kopfe und die prächtigsten hellen Flügel auf den Schultern. Er selbst -war nicht größer als Däumelieschen. Es war der Engel der Blumen. In -jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau, dieser aber war -der König über alle. - -Der kleine Prinz erschrak gewaltig vor der Schwalbe, denn gegen ihn, der -so klein und fein war, schien sie ein wahrer Riesenvogel zu sein. Als er -aber Däumelieschen gewahrte, ward er gar froh, war sie doch das -allerschönste Mädchen, das er bis jetzt gesehen hatte. Deshalb nahm er -die Goldkrone von seinem Haupte und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie -hieße und ob sie seine Gemahlin sein wollte, dann sollte sie Königin -über alle Blumen werden. - -Däumelieschen gab dem schönen Prinzen das Jawort, und von jeder Blume -kam eine Dame, oder ein Herr, so allerliebst, daß es eine Lust war. -Jedes brachte Däumelieschen ein Geschenk, aber das beste von allen waren -ein Paar schöne Flügel von einer großen weißen Fliege. Sie wurden -Däumelieschen am Rücken befestigt und nun konnte auch sie von Blume zu -Blume fliegen. Überall herrschte darüber Freude und die Schwalbe saß -oben in ihrem Neste und sang ihnen etwas vor, so gut sie vermochte, aber -im Herzen war sie gleichwohl betrübt, denn sie hatte Däumelieschen gar -lieb und würde sich nie von ihr getrennt haben. - -»Du sollst fortan nicht mehr Däumelieschen heißen!« sagte der Engel der -Blumen zu ihr, »das ist ein häßlicher Name und du bist so schön. Wir -wollen dich _Maja_ nennen!« - -»Lebewohl, lebewohl!« sagte die Schwalbe, und zog wieder fort aus den -warmen Ländern, weit fort nach unserem kalten Himmelsstriche. Dort hatte -sie ein kleines Nest oben an dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen -erzählen kann. Dem sang sie ihr »Quivit, quivit,« vor. Davon haben wir -die ganze Geschichte. - - - - -Die Störche. - - [Abbildung/Illustration: pic8.jpg] - - -Auf dem letzten Hause eines kleinen Dörfchens befand sich ein -Storchnest. Die Storchmutter saß im Neste bei ihren vier Jungen, welche -den Kopf mit dem kleinen schwarzen Schnabel, denn er war noch nicht rot -geworden, hervorstreckten. Ein Stückchen davon stand auf der Dachfirste -starr und steif der Storchvater. Man hätte meinen können, er wäre aus -Holz gedrechselt, so stille stand er. »Gewiß sieht es recht vornehm aus, -daß meine Frau eine Schildwache bei dem Neste hat!« dachte er. Und er -stand unermüdlich auf einem Beine. - -Unten auf der Straße spielte eine Schar Kinder und als sie die Störche -erblickten, sang einer der dreistesten Knaben und allmählich alle -zusammen einen Vers aus einem alten Storchliede, so gut sie sich dessen -erinnern konnten: - - Störchlein, Störchlein, fliege, - Damit ich dich nicht kriege, - Deine Frau, die liegt im Neste dein - Bei deinen lieben Kindelein: - Das eine wird gepfählt, - Das andere wird abgekehlt, - Das dritte wird verbrannt, - Das vierte dir entwandt! - -»Höre nur, was die Jungen singen!« sagten die kleinen Storchkinder. »Sie -sagen, wir sollen gebraten und verbrannt werden!« - -»Daraus braucht ihr euch nichts zu machen!« sagte die Storchmutter. - -Aber die Knaben wiederholten es immer von Neuem und wiesen mit Fingern -nach dem Storche. Nur ein Knabe, _Peter_ mit Namen, sagte, es wäre eine -Sünde und Schande, sich über die Tiere lustig zu machen, und nahm an -ihrem Unfug nicht Teil. Die Storchmutter tröstete ihre Kinder: »Kümmert -euch nicht darum!« sagte sie; »seht nur, wie ruhig und unbekümmert euer -Vater dasteht, und zwar auf einem Beine!« - -»Uns ist so bange!« sagten die Jungen und zogen ihre Köpfe in das Nest -zurück. - -Als am nächsten Tage die Kinder wieder zum Spielen zusammenkamen und die -Störche erblickten, begannen sie wieder ihr altes Lied: - - Das eine wird gepfählt, - Das andere wird abgekehlt! -- - -»Werden wir wohl gepfählt und verbrannt?« fragten die Storchkinder. - -»Nein, sicher nicht!« erwiderte die Mutter. »Ihr sollt fliegen lernen; -ich werde euch schon einüben! Dann geht es hinaus auf die Wiese und auf -Besuch zu den Fröschen. Das wird eine Lust werden!« - -»Und was dann?« fragten die Storchkinder. - -»Dann versammeln sich alle Störche, die hier im Lande wohnen und darauf -beginnt die große Herbstübung. Da muß man gut fliegen, das ist von -großer Wichtigkeit, denn wer nicht fliegen kann, wird von dem General -mit seinem Schnabel totgestochen. Lernt deshalb nur fliegen, wenn der -Unterricht beginnt!« - -»Dann werden wir aber doch gepfählt, wie die Knaben behaupteten, und -höre nur, jetzt sagen sie es schon wieder!« - -»Hört auf mich und nicht auf sie!« sagte die Storchmutter. »Nach der -großen Übung fliegen wir nach den warmen Ländern, weit fort von hier, -über Berge und Wälder. Nach Ägypten fliegen wir, wo es dreieckige -Steinhäuser giebt, die in einer Spitze zusammenlaufen und bis über die -Wolken ragen. Da ist auch ein Fluß, der aus seinen Ufern tritt und das -ganze Land mit Schlamm bedeckt. Man geht im Schlamm und ißt Frösche.« - -»O!« riefen alle Jungen. - -»Ja, da ist es wunderbar schön! Man thut den ganzen Tag nichts Anderes -als essen. Und während wir es so gut haben, ist hier zu Lande nicht ein -grünes Blatt auf den Bäumen. Hier ist es so kalt, daß die Wolken in -Stücke gefrieren und in kleinen weißen Läppchen herniederfallen, was -dann die Menschen Schnee nennen.« - -»Zerfrieren denn auch die unartigen Knaben in lauter Stücke?« fragten -die Storchkinder. - -»Nein, in Stücke zerfrieren sie nicht, aber es fehlt nicht viel daran -und sie müssen in der dunklen Stube und hinter dem Ofen sitzen.« - -Inzwischen war schon einige Zeit verstrichen, und die Jungen waren so -groß, daß sie im Neste aufrecht stehen und sich weit umschauen konnten. -Der Storchvater kam jeden Tag mit wohlschmeckenden Fröschen, kleinen -Schlangen und allen auffindbaren Storchleckereien geflogen. - -»Hört, nun müßt ihr fliegen lernen!« sagte eines Tages die Storchmutter, -und dann mußten alle vier Junge auf die Dachfirste hinaus. O, wie sie -schwankten! Wie sie suchten, sich mit den Flügeln im Gleichgewicht zu -erhalten, und doch nahe daran waren, hinunter zu fallen. - -»Seht nun auf mich!« sagte die Mutter. »So müßt ihr den Kopf halten! -So müßt ihr die Beine setzen! Eins, zwei! eins, zwei! Das wird euch in -der Welt vorwärts bringen!« Darauf flog sie eine kurze Strecke und die -Jungen machten einen kleinen plumpen Satz. Bums! da lagen sie, denn sie -waren noch zu schwerfällig. - -»Ich will nicht fliegen!« sagte das eine Junge und kroch wieder in das -Nest hinein. »Ich mache mir nichts daraus, nach den warmen Ländern zu -kommen.« - -»So willst du also hier im Winter erfrieren? Sollen etwa die Knaben -kommen und dich pfählen, abkehlen und verbrennen? Dann will ich sie -rufen!« - -»O nein!« sagte das Storchkind und hüpfte dann wieder auf das Dach zu -den andern. Den dritten Tag konnten sie schon ordentlich ein wenig -fliegen, und nun meinten sie auch in der Luft schweben zu können. - -»Seht, das war sehr gut!« sagte die Storchmutter; »Ihr sollt morgen mit -mir in den Sumpf fliegen. Dort kommen mehrere nette Storchfamilien mit -ihren Kindern zusammen.« - -»Aber sollen wir denn an den unartigen Knaben keine Rache nehmen?« -fragten die Storchjungen. - -»Laßt sie schreien, was sie wollen! Ihr erhebt euch doch zu den Wolken -und kommt nach dem Lande der Pyramiden, während sie frieren müssen und -kein grünes Blatt noch einen süßen Apfel haben!« - -»Ja, wir wollen uns rächen!« flüsterten sie einander zu und dann wurde -wieder fleißig geübt. - -Von allen Knaben auf der Gasse war keiner ärger, das Spottlied zu -singen, als gerade der, welcher es zuerst angestimmt hatte, und das war -ein ganz kleiner Bursche, denn er zählte sicher nicht mehr als sechs -Jahre. Die Storchkinder meinten freilich, er wäre hundert Jahre, weil er -so viel größer als ihre Mutter und ihr Vater war. Was wußten sie davon, -wie alt kleine und große Kinder sein könnten. Ihre ganze Rache sollte -sich über diesen Knaben ergießen; er hatte ja mit dem Liede den Anfang -gemacht und war dessen noch nicht müde geworden. Die jungen Störche -waren sehr aufgebracht und je größer sie wurden, desto weniger wollten -sie es leiden. - -Nun kam der Herbst. Alle Störche versammelten sich allmählich, um gegen -Winter nach den warmen Ländern zu fliegen. Was für eine Übung ging -voraus! Über Wälder und Städte mußten sie, nur um zu sehen, wie gut sie -fliegen könnten, denn es war ja eine große Reise, welche bevorstand. -Unsere jungen Störche machten ihre Sache so hübsch, daß sie die Zensur: -»Ausgezeichnet gut mit Frosch und Schlange« erhielten. Das war das -allerbeste Zeugnis und den Frosch und die Schlange durften sie essen, -und thaten es auch. - -»Nun müssen wir uns rächen!« sagten sie. - -»Jawohl!« sagte die Storchmutter. »Was ich mir ausgedacht habe, das ist -gerade das Richtige! Ich weiß, wo der Teich ist, in dem alle die kleinen -Menschenkinder liegen, bis der Storch kommt und sie ihren Eltern bringt. -Die niedlichen kleinen Kinder schlafen und träumen so süß, wie sie -nachher nie mehr träumen. Alle Eltern wollen gern so ein kleines Kind -haben, und alle Kinder wollen eine Schwester oder einen Bruder haben. -Nun wollen wir nach dem Teiche hinfliegen und für jedes der Kinder eins -holen, welche das arge Lied nicht gesungen und sich über die Störche -nicht lustig gemacht haben!« - -»Aber jener schlimme, häßliche Junge, welcher es zu singen angefangen -hat, was machen wir mit ihm?« - -»Im Teiche dort liegt ein kleines, totes Kind, welches sich tot geträumt -hat. Das wollen wir zu ihm hintragen, dann muß er weinen, weil wir ihm -ein totes Brüderchen gebracht haben. Allein dem guten Knaben, den ihr -gewiß noch nicht vergessen habt, dem, welcher meinte: Es ist eine Sünde -und Schande, sich über die Tiere lustig zu machen, dem wollen wir sowohl -ein Brüderlein, als auch ein Schwesterlein bringen, und da der Knabe -_Peter_ heißt, so sollt ihr sämtlich Peter gerufen werden!« - -Und wie sie es gesagt hatte, geschah es. Seitdem hießen alle Störche -_Peter_ und werden noch heute so genannt. - - - - -Der fliegende Koffer. - - [Abbildung/Illustration: pic11.jpg] - - -Es war einmal ein Kaufmann, der so reich war, daß er die ganze Straße -und beinahe noch ein Seitengäßchen mit lauter harten Thalern pflastern -konnte. Allein das that er nicht, er wußte sein Geld anders anzuwenden. -Gab er einen Dreier aus, bekam er einen Thaler wieder. Aber er mußte -doch sterben und sein Sohn bekam nun all dies Geld und er lebte lustig, -ging jede Nacht auf Maskenbälle, machte Papierdrachen aus Thalerscheinen -und so konnte das Geld schon abnehmen und that es auch. - -Zuletzt besaß er nicht mehr als wenige Groschen und hatte keine andern -Kleider als ein Paar Pantoffeln und einen alten Schlafrock. Nun -bekümmerten sich seine Freunde nicht länger um ihn, da sie sich ja mit -ihm zusammen nicht auf der Straße sehen lassen konnten; nur einer von -ihnen, ein gutmütiger Mensch, sandte ihm einen alten Koffer und ließ ihm -sagen: »Pack ein!« Ja, das war nun wohl recht gut, aber er hatte nichts -einzupacken und deshalb setzte er sich selbst in den Koffer. - -Das war ein absonderlicher Koffer. Sobald man an das Schloß drückte, -konnte er fliegen. Er that es und husch! flog er mit ihm durch den -Schornstein, über die Stadt hinweg, hoch hinauf bis über die Wolken, -weiter und immer weiter fort. - -Endlich kam er nach dem Lande der Türken. Den Koffer verbarg er im Walde -unter dürren Blättern und ging dann in die Stadt hinein. Das konnte er -recht wohl thun, denn bei den Türken ging ja alles wie er in Schlafrock -und Pantoffeln. Da begegnete er einer Frau und fragte sie: »Was ist das -für ein großes Schloß hier unmittelbar bei der Stadt, dessen Fenster so -hoch sitzen?« - -»Dort wohnt die Tochter des Königs!« sagte sie, »es ist ihr geweissagt -worden, daß sie einstmals über ihren Bräutigam sehr unglücklich werden -würde und deshalb darf niemand zu ihr kommen, wenn nicht der König und -die Königin zugegen sind!« - -»Ich danke!« sagte der Kaufmannssohn und dann ging er in den Wald -hinaus, setzte sich in seinen Koffer, flog auf das Dach des Schlosses -und kroch durch das Fenster zur Prinzessin hinein. - -Sie lag auf dem Sofa und schlief; sie war so lieblich, daß er sie küssen -mußte. Sie erwachte und erschrack heftig, er aber sagte, er wäre der -Türkengott, der durch die Luft zu ihr gekommen wäre und das schmeichelte -ihr. - -Da saßen sie nun Seite an Seite und er erzählte ihr Märchen und -Geschichten. - -Ja, das waren herrliche Geschichten! Dann freite er um die Prinzessin -und sie sagte sogleich ja. - -»Aber Sie müssen den Sonnabend herkommen, da ist der König und die -Königin bei mir zum Thee. Sie werden sehr stolz darauf sein, daß ich den -Türkengott bekomme. Aber sorgen Sie dafür, daß Sie ein recht schönes -Märchen erzählen können, denn das gewährt meinen Eltern die angenehmste -Unterhaltung. Meine Mutter hört gern ernste und vornehme, und mein Vater -lustige, über die man lachen kann.« - -»Ja, ich bringe keine andere Brautgabe, als ein Märchen!« und dann -trennten sie sich; aber die Prinzessin gab ihm einen mit Goldstücken -besetzten Säbel, und die Goldstücke konnte er besonders gebrauchen. - -Nun flog er fort, kaufte sich einen neuen Schlafrock, ließ seinen Koffer -recht schön herrichten, setzte sich dann draußen in den Wald und -dichtete ein Märchen. Das sollte bis zum Sonnabend fertig sein und das -war nicht so leicht. Als es nun fertig war, siehe da war es gerade -Sonnabend. - -Der König, die Königin und der ganze Hof warteten bei der Prinzessin mit -dem Thee. Als der Kaufmannssohn nun angeflogen kam, wurde er sehr -freundlich empfangen. - -»Wollen Sie nun ein Märchen erzählen!« sagte die Königin, »eins, welches -tiefsinnig und belehrend ist!« - -»Aber worüber man auch lachen kann!« sagte der König. - -»Jawohl!« sagte er und erzählte nun folgendes: - -»Es war einmal ein Bund Schwefelhölzer, die sich auf ihre hohe Abkunft -was einbildeten. Ihr Stammbaum, das heißt die große Fichte, von der -jedes ein kleines, kleines Stückchen war, stand als ein großer alter -Baum im Walde. Die Schwefelhölzer lagen nun auf dem Gesimse zwischen -einem Feuerzeuge und einem alten eisernen Topfe und diesen erzählten sie -von ihrer Jugend. »Ja, als wir auf dem grünen Zweige waren,« sagten sie, -»da waren wir wahrlich auf einem grünen Zweige. Jeden Abend und Morgen -gab es Diamantthee, das war der Tau, den ganzen Tag hatten wir -Sonnenschein, wenn nämlich die Sonne schien und alle die kleinen Vögel -mußten uns Geschichten erzählen. Wir konnten recht gut merken, daß wir -auch reich waren, denn die Laubbäume waren nur im Sommer bekleidet, aber -unsere Familie hatte die Mittel, für Sommer und Winter grüne Kleider -anzuschaffen. Nun aber kamen Holzhauer und es entstand eine große -Umwälzung; unsere ganze Familie zersplitterte sich. Der Stammherr -erhielt als Hauptmast Platz auf einem prächtigen Schiffe, das die Welt -umsegeln konnte, wenn es wollte. Den anderen Zweigen wurden andere -Stellen eingeräumt und wir haben nun die Aufgabe, der niederen Menge das -Licht anzuzünden.« - -»Ich weiß ein anderes Lied zu singen!« sagte der Eisentopf, an dessen -Seite die Schwefelhölzer lagen. »Seit ich das Licht der Welt erblickte, -bin ich viele mal gescheuert und gekocht worden. Ich sorge für das -Dauerhafte und bin, eigentlich gesprochen, der erste hier im Hause. -Meine einzige Freude ist, nach Tische rein und fein auf dem Gesimse zu -liegen und mit den Kameraden vernünftig zu plaudern. Nehme ich aber den -Wassereimer aus, der doch bisweilen auf den Hof hinunter kommt, so leben -wir hier immer hinter zugemachten Thüren. Unser einziger Neuigkeitsbote -ist der Marktkorb, aber der redet zu aufrührerisch über die Regierung -und das Volk.« - -»Nun sprichst du zu viel!« sagte das Feuerzeug und der Stahl schlug -gegen den Feuerstein, daß Funken sprühten. »Wollen wir uns nicht einen -lustigen Abend machen?« - -»Ja, lasset uns davon sprechen, wer der Vornehmste ist!« sagten die -Schwefelhölzer. - -»Nein, ich spreche nicht gern von mir selber!« versetzte der Thontopf. -»Ich schlage eine Abendunterhaltung vor. Ich will den Anfang machen und -etwas erzählen; jeder teilt mit, was er erlebt hat. Da kann man sich so -trefflich hineinfinden und es ist sehr lustig! Also hört: An der Ostsee -bei den dänischen Buchten brachte ich meine Jugend bei einer stillen -Familie zu; die Möbel wurden poliert, der Fußboden aufgewischt und alle -vierzehn Tage wurden neue Vorhänge aufgesteckt!« - -»Wie anschaulich Sie doch erzählen!« sagte der Haarbesen. »Man kann -gleich hören, daß ein Frauenzimmer erzählt; es zieht sich etwas -Reinliches hindurch!« - -»Ja, das fühlt man!« sagte der Wassereimer und machte einen Satz, daß es -auf dem Boden nur so klatschte! - -Der Topf fuhr fort zu erzählen und das Ende entsprach dem Anfange. - -Alle Teller klirrten vor Freude und der Haarbesen zog grüne Petersilie -aus dem Sandloche und bekränzte den Topf, weil er wußte, er würde die -andern dadurch ärgern und »bekränze ich ihn heute,« dachte er, »so -bekränzt er mich morgen!« - -»Nun will ich tanzen!« sagte die Feuerzange und tanzte. »Werde ich nun -auch bekränzt?« fragte die Feuerzange und sie wurde es. - -»Das ist doch nur Pöbel!« dachten die Schwefelhölzer. - -Nun sollte die Theemaschine singen, aber sie entschuldigte sich mit -Erkältung; auch könnte sie nur in kochendem Zustande singen, aber es -geschah eigentlich aus lauter Vornehmthuerei; sie wollte nur auf dem -Tisch drinnen bei der Herrschaft singen. - -Im Fenster saß eine alte Feder, mit der die Magd zu schreiben pflegte. -Es war nichts Bemerkenswertes an ihr, ausgenommen, daß sie zu tief in -das Tintenfaß getaucht war, aber gerade darauf that sie sich etwas zu -Gute. »Will die Theemaschine nicht singen,« sagte sie, »so mag sie es -bleiben lassen. Draußen sitzt im Bauer eine Nachtigall, die singen kann; -sie hat zwar nichts gelernt, aber gleichwohl wollen wir ihr das heute -Abend nicht übel auslegen!« - -»Ich finde es im höchsten Grade unpassend,« äußerte der Theekessel, der -das Amt eines Küchensängers bekleidete und ein Halbbruder der -Theemaschine war, »daß ein fremder Vogel angehört werden soll. Ist das -patriotisch? Ich fordere den Marktkorb auf, darüber sein Urteil -abzugeben!« - -»Ich ärgere mich nur!« sagte der Marktkorb, »ich ärgere mich so sehr, -wie es sich niemand vorstellen kann! Würde es nicht weit vernünftiger -sein, das ganze Haus einmal auf den rechten Fleck zu setzen? Jeder -sollte dann schon den ihm gebührenden Platz erhalten, und ich würde die -ganzen Anordnungen treffen!« - -»Ja, laßt uns Lärm machen!« riefen sie sämtlich. Plötzlich ging die -Thüre auf. Es war das Dienstmädchen, und nun standen sie still und -wagten nicht Muck zu sagen. Aber da war kein Topf, der nicht ein Gefühl -seiner Macht und Würde gehabt hätte. »Ja, wenn ich nur gewollt hätte,« -dachte ein jeder, »dann würde es sicher einen lustigen Abend gegeben -haben!« - -Das Dienstmädchen nahm die Schwefelhölzer und machte Feuer mit ihnen an --- Gott bewahre uns, wie sie sprühten und aufflammten. - -»Nun kann ein jeder sehen, daß wir die ersten sind!« dachten sie. -»Welchen Glanz, welches Licht wir haben!« -- und nun waren sie -ausgebrannt. Und nun ist auch meine Geschichte aus.« - -»Das war ein herrliches Märchen!« sagte die Königin. »Ich fühlte mich im -Geiste ganz zu den Schwefelhölzern in die Küche versetzt. Ja, nun sollst -du unsere Tochter haben!« - -»Jawohl!« sagte der König, »du sollst unsere Tochter den Montag -bekommen!« denn nun sagte er zu ihm, als zu einem künftigen -Familiengliede, »du«. - -Die Hochzeit war also festgesetzt und den Abend vorher wurde die ganze -Stadt erleuchtet; es war außerordentlich prachtvoll. - -»Ich muß wohl auch daran denken, mein Scherflein zu den Feierlichkeiten -beizutragen!« dachte der Kaufmannssohn, und nun kaufte er Raketen, -Knallerbsen und alles erdenkliche Feuerwerk, legte es in seinen Koffer -und flog damit in die Luft empor. - -Rutsch! ging es in die Höhe und verpuffte unter vielem Lärm. - -Alle Türken hüpften dabei in die Höhe, daß ihnen die Pantoffeln um die -Ohren fuhren. Dergleichen Lufterscheinungen hatten sie niemals gesehen. -Nun sahen sie ein, daß es der Türkengott selber war, der die Prinzessin -bekommen sollte. - -Sobald sich der Kaufmannssohn mit seinem Koffer wieder in den Wald -hinabgelassen hatte, dachte er: »Ich will doch in die Stadt gehen, um -mir berichten zu lassen, wie es sich ausgenommen hat.« Man kann sich -wohl zusammenreimen, daß er Lust dazu hatte. - -Nein, was ihm die Leute doch alles erzählten! Ein jeder, bei dem er sich -erkundigte, hatte es in seiner Weise gesehen, aber einen prächtigen -Eindruck hatte es auf alle gemacht. - -»Ich sah den Türkengott selbst!« erzählte der eine, »er hatte Augen wie -blitzende Sterne und einen Bart wie schäumendes Wasser!« - -»Er flog in einem feurigen Mantel,« berichtete ein anderer. - -Ja, das waren vortreffliche Sachen, die er zu hören bekam, und den Tag -darauf sollte er Hochzeit haben. - -Nun ging er nach dem Walde zurück, um sich in seinen Koffer zu setzen -- -aber wo war der? Der Koffer war verbrannt. Ein Funke war von dem -Feuerwerk zurückgeblieben, der Feuer gefangen und den Koffer in Asche -gelegt hatte. Er konnte nicht mehr fliegen, nicht mehr zu seiner Braut -gelangen. - -Sie aber stand den ganzen Tag auf dem Dache und harrte seiner. Sie -wartet noch, er aber durchzieht die Welt und erzählt Märchen, die jedoch -nicht mehr so lustig sind, wie das von den Schwefelhölzchen. - - - - -Der Schneemann. - - [Abbildungen/Illustrations: pic15.jpg, tafel2.jpg] - - -»Es knackt und prasselt in mir, so schön kalt ist es!« sagte der -Schneemann. »Der eisige Wind bringt einem fürwahr Leben in die Glieder. -Und sieh nur, wie die große Lampe da oben verglüht!« Er meinte die -untergehende Sonne. »Sie soll mich nicht zum Blinzeln bringen, ich halte -meine Bruchstücke schon noch zusammen.« - -Es waren zwei große dreieckige Dachziegelstücke, die ihm als Augen -dienten. Sein Mund war ein Stück von einer alten Harke, weshalb derselbe -auch Zähne hatte. - -Er war unter Hurrahruf der Knaben geboren, begrüßt von dem -Schellengeläute und dem Peitschengeknall der Schlitten. - -Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, rund und groß, klar und -schön in der blauen Luft. - -»Nun haben wir sie wieder von einer andern Seite,« sagte der Schneemann. -Er glaubte, es wäre die Sonne, welche sich abermals zeigte. »Ich habe es -ihr abgewöhnt, mich anzuglühen und anzuglotzen! Nun kann sie dort oben -hängen und so viel Licht verbreiten, daß ich mich selbst sehen kann. -Wüßte ich nur, wie man es anzustellen hat, um vom Flecke zu kommen. -Vermöchte ich es, so würde ich jetzt auf das Eis hinuntergehen, um zu -schlittern, wie ich es die Knaben thun sah. Aber ich verstehe nicht zu -laufen.« - -»Weg, weg!« bellte der alte Kettenhund, der etwas heiser geworden -seitdem er nicht mehr Stubenhund war; »die Sonne wird dich schon laufen -lehren; das habe ich an deinen Vorgängern gesehen. Weg, weg, und weg -sind Alle!« - -»Ich verstehe dich nicht, Kamerad!« sagte der Schneemann. »Soll mich -etwa die da oben laufen lehren?« Er meinte den Mond. »Sie lief freilich -vorher, als ich sie starr ansah, und jetzt schleicht sie sich wieder von -einer anderen Seite heran.« - -»Du weißt nichts,« sagte der Kettenhund, »aber du bist ja auch erst vor -Kurzem zusammengeklatscht! Das, was du jetzt siehst, heißt der Mond, und -das was unterging, war die Sonne. Sie kommt morgen wieder und wird dich -dann schon lehren in den Wallgraben hinunter zu laufen.« - -»Ich verstehe ihn nicht,« sprach der Schneemann bei sich selbst, »aber -ich habe eine Empfindung davon, daß es etwas Unangenehmes ist, was er -mir andeutet. Sie, die er die Sonne nennt, ist meine Feindin.« - -»Weg, weg!« bellte der Kettenhund, ging dreimal im Kreise um sich selbst -und legte sich dann in sein Haus, um zu schlafen. - -Es trat eine Veränderung im Wetter ein. Ein dicker und feuchter Nebel -legte sich am Morgen über die ganze Gegend. Kurz vor Aufgang der Sonne -fing es ein wenig an zu wehen. Der Wind war eisig, der Frost -durchschüttelte einen, aber welch ein herrlicher Anblick bot sich dar, -als sich nun die Sonne erhob! Alle Bäume und Sträucher standen mit Reif -bedeckt da. Die Gegend glich einem ganzen Walde weißer Korallen. Es war, -als ob alle Zweige von blendend weißen Blüten bedeckt wären. - -Es war eine wunderbare Pracht. Als dann die Sonne schien, funkelte -alles, als wäre es mit Diamantstaub überschüttet. - -»Ach wie herrlich das ist!« sagte ein junges Mädchen, welches mit einem -jungen Manne in den Garten hinaustrat und gerade neben dem Schneemanne -Halt machte, von wo sie sich die schimmernden Bäume anblickten. »Einen -schöneren Anblick hat man selbst im Sommer nicht!« sagte sie, und ihre -Augen strahlten. - -»Und so einen Kerl, wie diesen hier, hat man erst gar nicht,« entgegnete -der junge Mann und zeigte auf den Schneemann hin. »Er ist -ausgezeichnet!« - -Das junge Mädchen lächelte, nickte dem Schneemanne zu und tänzelte dann -mit ihrem Freunde über den knirschenden Schnee. - -»Wer waren die Beiden?« fragte der Schneemann den Kettenhund. »Du bist -älter auf dem Hofe als ich, kennst du sie?« - -»Versteht sich!« sagte der Kettenhund. »Sie hat mich ja gestreichelt und -er mir öfter einen Knochen gegeben; die beiße ich nicht.« - -»Aber was stellen sie hier vor?« fragte der Schneemann. - -»Brautleute!« erwiderte der Kettenhund. »Sie gehören zur Herrschaft.« - -»Man ist doch noch recht dumm, wenn man kaum erst gestern geboren ist, -das merke ich an dir! Ich bin alt und besitze Kenntnisse, ich kenne Alle -auf dem Hofe. Und ich habe eine Zeit gekannt, wo ich hier nicht in der -Kälte und an der Kette stand. Weg, weg!« - -»Die Kälte ist prächtig,« sagte der Schneemann. »Erzähle, erzähle! Aber -du mußt mit deiner Kette nicht so rasseln, denn dabei knackt es gleich -in mir.« - -»Weg, weg!« bellte der Kettenhund. »Ich bin ein Hündchen gewesen, klein -und niedlich, sagten sie. Damals lag ich drinnen im Schlosse auf einem -Sammetstuhle, lag auf dem Schooße der Herrin. Ich hieß der »Hübscheste,« -der »Schönfuß.« Dann wurde ich der Herrschaft zu groß und sie gaben mich -deshalb der Haushälterin. Ich kam in die Kellerwohnung; von dort, wo du -stehst, kannst du gerade in die Kammer hineinsehen, in der ich die -Herrschaft gewesen bin, denn das war ich bei der Haushälterin. Es war -wohl ein geringerer Platz als oben, aber hier war es behaglicher. Ich -wurde nicht wie oben von den Kindern gedrückt und mit umhergeschleppt. -Ich hatte eben so gutes Futter wie zuvor und weit mehr. Ich hatte mein -eigenes Kissen, und ferner gab es dort einen Ofen, der doch, namentlich -in jetziger Zeit, das Schönste in der Welt ist! Ich kroch völlig unter -ihn, so daß ich ganz verschwand. O, von diesem Kachelofen träume ich -noch jetzt! Weg, weg!« - -»Sieht ein Kachelofen denn so schön aus?« fragte der Schneemann. »Ähnelt -er mir?« - -»Er ist der gerade Gegensatz von dir! Kohlschwarz ist er und hat einen -langen Hals mit einer Messingtrommel. Er frißt Brennholz, so daß ihm das -Feuer aus dem Munde sprüht.« - -Der Schneemann sah hin und bemerkte wirklich einen schwarzen, -blankpolierten Gegenstand mit einer Messingtrommel. Das Feuer strahlte -nach vorn auf den Fußboden hinaus. Dem Schneemann wurde ganz sonderbar -zu Mute. Er hatte eine Empfindung, von der er sich selber keine -Rechenschaft ablegen konnte. Es überschlich ihn etwas, was er nicht -kannte, was aber alle Menschen kennen, wenn sie nicht Schneemänner sind. - - [Farbtafel/Plate] - -»Und weshalb verließest du sie?« fragte der Schneemann. »Wie konntest du -überhaupt eine solche Stelle verlassen?« - -»Ich war dazu gezwungen,« sagte der Kettenhund. »Sie warfen mich hinaus -und legten mich an die Kette. Ich hatte den kleinsten Junker in das Bein -gebissen, weil er mir den Knochen, an welchem ich nagte, fortstieß. Bein -für Bein, heißt es bei mir! Aber das nahmen mir des Knaben Eltern übel, -und seit der Zeit habe ich hier an der Kette liegen müssen und meine -helle Stimme verloren. Höre nur, wie heiser ich bin. Weg, weg! Das ist -das Ende vom Liede gewesen!« - -Der Schneemann hörte nicht mehr darauf; er blickte beständig nach der -Kellerwohnung der Haushälterin, blickte in ihre Stube hinein, wo der -Kachelofen auf seinen vier eisernen Füßen stand und sich in seiner -ganzen Größe zeigte, die der des Schneemanns in nichts nachgab. - -»Es knackt so eigentümlich in mir!« sagte er. »Soll ich dort nie -hineinkommen? Es ist mein höchster Wunsch, mein einziger Wunsch, und es -würde fast ungerecht sein, wenn er nicht befriedigt würde. Ich muß -hinein, ich muß mich an ihn lehnen, und sollte ich auch das Fenster -zerschlagen!« - -»Dort kommst du nie hinein!« sagte der Kettenhund, »und kämest du -wirklich zum Kachelofen, dann wärest du weg, weg!« - -»Ich bin jetzt schon so gut wie weg,« sagte der Schneemann, »ich -zerbreche, glaube ich.« - -Den ganzen Tag stand der Schneemann da und sah zum Fenster hinein. -In der Dämmerung wurde die Stube noch traulicher. Aus dem Kachelofen -leuchtete es so mild, wie weder Mond noch Sonne leuchten kann, nein, wie -nur der Kachelofen zu leuchten vermag, wenn etwas in ihm steckt. Ging -die Thüre auf, so schlug die Flamme hinaus, es war so ihre Gewohnheit. -Des Schneemannes weißes Antlitz wurde dann von einer flammenden Röte -übergossen, und auch seine Brust leuchtete in rötlichem Glanze. - -»Ich halte es nicht aus,« sagte er. »Wie schön es ihn kleidet, die Zunge -herauszustrecken.« - -Die Nacht war sehr lang, aber dem Schneemann kam sie nicht so vor. -Er stand in Gedanken versunken, und sie erfroren, daß sie knackten. - -Früh morgens waren die Kellerfenster zugefroren; sie trugen die -schönsten Eisblumen, die ein Schneemann nur verlangen kann, allein sie -verbargen den Kachelofen. Die Scheiben wollten nicht auftauen, er konnte -die Flamme nicht mehr sehen. Es knackte, es war eben im herrlichsten -Frostwetter, über das sich ein jeder Schneemann freuen muß, aber er -freute sich nicht darüber. Er hätte sich glücklich fühlen können und -dürfen, aber er war nicht glücklich, er litt eben gar zu sehr am -»Kachelofenweh«. - -»Das ist eine schlimme Krankheit für einen Schneemann,« sagte der -Kettenhund; »ich habe auch einmal an derselben Krankheit gelitten, habe -sie aber überstanden. Weg, weg! -- Jetzt bekommen wir -Witterungswechsel.« - -Und Witterungswechsel trat ein, es schlug in Tauwetter um. Das Tauwetter -nahm zu, der Schneemann nahm ab. Er sagte nichts, er klagte nicht, und -das ist das echte Zeichen. - -Eines Morgens stürzte er zusammen. Es ragte etwas einem Besenstiel -Ähnliches dort in die Höhe, wo er gestanden hatte. Um diesen Gegenstand, -der ihm Halt verleihen sollte, hatten ihn die Knaben aufgerichtet. - -»Nun kann ich seine Sehnsucht verstehen!« sagte der Kettenhund. »Der -Schneemann hat eine Ofenkratze im Leibe gehabt. Sie war es, die sich in -ihm bewegt hat. Nun hat er es überstanden. Weg, weg!« - -Und bald war auch der lange, böse Winter überstanden. - -»Weg, weg!« bellte der Kettenhund; aber die kleinen Mädchen sangen auf -dem Hofe: - - »Schießt auf, ihr Blümlein, frisch und hold, - Zeig', Weide, deine Woll' wie Gold! - Ihr Vöglein kommt, singt hell und klar, - Schon ist der letzte Februar, - Ich singe mit, Kuckuck, Quivit! - Komm' Sonne, komm', wenn ich dich bitt!« - -Und nun denkt niemand mehr weder an den Winter, noch an den Schneemann -und sein »Kachelofenweh«, selbst nicht einmal der heisere Kettenhund. - - - - -Es ist ein Unterschied. - - [Abbildungen/Illustrations: capD.jpg, pic19.jpg] - - -Der Mai war gekommen. »Der Frühling ist da!« predigten Büsche und Bäume, -Felder und Wiesen. Es wimmelte von Blüten und vor allem oben an der -Hecke. Da stand ein Apfelbäumchen, welches nur einen einzigen, von -rosenroten Knospen überladenen Zweig getrieben hatte. - -Das Bäumchen wußte wohl selbst, wie schön es war, denn das liegt im -Blatte gerade so wie im Blute. Deshalb war es auch durchaus nicht -überrascht, als plötzlich auf dem Wege dicht vor ihm ein -herrschaftlicher Wagen anhielt und die junge Gräfin in demselben sagte, -der Apfelbaum wäre das Lieblichste, was man sehen könnte, er wäre der -Frühling selbst in seiner herrlichsten Offenbarung. Der Zweig wurde -abgebrochen und sie hielt ihn in ihrer feinen Hand und beschattete ihn -mit ihrem seidenen Sonnenschirme. Darauf fuhren sie nach dem Schlosse, -wo sie hohe Säle und prächtige Zimmer aufnahmen. Klare, weiße Vorhänge -flatterten an den offenen Fenstern und prächtige Blumen standen in -glänzenden, durchsichtigen Vasen, und in eine derselben, die schimmerte, -als ob sie aus frischgefallenem Schnee ausgeschnitten wäre, wurde der -Apfelzweig zwischen frische, lichte Buchenzweige gesetzt; es war eine -Lust ihn anzusehen. - -Da wurde der Zweig stolz, und das war ja ganz begreiflich. - -Viele Leute von mancherlei Gattung kamen durch die Zimmer, und je nach -dem Ansehen, in welchem sie standen, durften sie ihre Bewunderung -aussprechen. Einige sagten durchaus nichts und Andere sagten zu viel, -und der Apfelzweig merkte, daß zwischen den Menschen ebenso gut ein -Unterschied wäre, wie zwischen den Gewächsen, und da er gerade in das -offene Fenster gesetzt war, von wo aus er sowohl in den Garten als auf -das Feld hinabblicken konnte, so hatte er genug Blumen und Pflanzen zur -Betrachtung und Überlegung. Da standen reiche und arme, selbst einige -allzu arme. - -»Arme, verworfene Kräuter!« sagte der Apfelzweig, »da ist wahrlich ein -Unterschied gemacht. Wie unglücklich mögen sie sich fühlen, falls derlei -Art überhaupt fühlen kann, wie ich und meinesgleichen zu fühlen -vermögen. Da ist wahrlich ein Unterschied gemacht, aber er muß gemacht -werden, sonst wären ja alle einerlei!« - -Der Apfelzweig sah mit einem gewissen Mitleid besonders auf eine Art -Blumen, die sich in großen Mengen auf Feldern und an Gräben vorfanden. -Niemand band sie in einen Strauß, sie waren viel zu gewöhnlich dazu, ja -man konnte sie sogar zwischen den Pflastersteinen finden, sie schossen -überall wie das ärgste Unkraut empor und hatten zum Überfluß noch den -häßlichen Namen »des Teufels Butterblumen.« - -»Armes, verachtetes Gewächs!« sagte der Apfelzweig, »du kannst nichts -dafür, daß du wurdest, was du wurdest, daß du so gewöhnlich bist. Aber -es ist mit den Gewächsen wie mit den Menschen, es müssen Unterschiede -sein!« - -»Unterschiede,« sagte der Sonnenstrahl und küßte den blühenden -Apfelzweig, küßte aber auch des Teufels gelbe Butterblumen draußen auf -dem Felde, alle Brüder des Sonnenstrahls küßten sie, die armen Blumen, -wie die reichen. - -Der Apfelzweig hatte nie über des lieben Gottes unendliche Liebe gegen -alles, was in ihm lebt und webt, nachgedacht; der Strahl des Lichtes -wußte es besser: »Du siehst nicht weit! Du siehst nicht klar!« -- sagte -er. »Welches ist das verworfene Kraut, das du besonders beklagst?« - -»Des Teufels Butterblumen!« rief der Apfelzweig. »Nie werden sie in -einen Strauß gebunden, sie werden mit Füßen getreten, es giebt zu viele -von ihnen, und wenn sie in Samen schießen, fliegt er in Wollenflocken -dahin und hängt sich den Leuten an die Kleider. Unkraut ist es!« - -Über das Feld kam plötzlich eine ganze Schaar Kinder daher; das jüngste -derselben war noch so klein, daß es von den anderen getragen wurde. Als -es in das Gras zwischen die gelben Blumen niedergesetzt wurde, lachte es -laut vor Freude, zappelte mit den Beinchen, wälzte sich umher, pflückte -nur die gelben Blumen und küßte sie in süßer Unschuld. Die etwas -größeren Kinder brachen die Blumen von den Stielen und bildeten Ringe -aus denselben, bis endlich, Glied an Glied, eine ganze Kette daraus -wurde, mit welcher sie sich schmückten. Aber die größeren Kinder -pflückten vorsichtig die Stengel, die die flockenartig zusammengesetzte -Samenkrone trugen, die lose, luftige, wollige Blume, welche wie ein -kleines Kunstwerk aus den feinsten Federn, Flocken oder Daunen gebildet -dasteht. Sie hielten sie an den Mund, um sie mit einem Hauch -wegzublasen. Wer es fertig brächte, bekäme neue Kleider, ehe das Jahr um -wäre, hatte Großmutter gesagt. - -Die verachtete Blume war bei dieser Gelegenheit ein anerkannter Prophet. - -»Siehst du?« sagte der Sonnenstrahl, »siehst du die Schönheit, siehst du -die Macht derselben?« - -»Ja, für Kinder!« versetzte der Apfelzweig. - -Da kam ein altes Mütterchen auf das Feld hinaus und grub mit ihrem -stumpfen grifflosen Messer unten um die Wurzel der Blumen und zog sie -heraus; einige der Wurzeln wollte sie als Zusatz zum Kaffee benutzen, -andere wollte sie dem Apotheker als Arzneimittel verkaufen. - -»Schönheit ist doch etwas Höheres!« sagte der Apfelzweig. »Nur die -Auserwählten kommen in das Reich des Schönen! Es giebt einen Unterschied -zwischen den Gewächsen, wie es einen Unterschied zwischen den Menschen -giebt.« - -Der Sonnenstrahl sprach von Gottes unendlicher Liebe gegen alles -Erschaffene und zu allem, was Leben hat, und daß er in Zeit und Ewigkeit -alles gleichmäßig verteilt hätte. - -»Ja, das ist nur Ihre Ansicht,« sagte der Apfelblütenzweig. - -Und nun traten Leute in das Zimmer, und die junge Gräfin kam, sie, die -den Apfelzweig so hübsch in die durchsichtige Vase gestellt hatte, wo -das Sonnenlicht ihn bestrahlen konnte. Sie brachte eine Blume, oder was -es sonst war, die zwischen drei oder vier Blättern, die dütenähnlich um -sie gehalten wurden, versteckt war, damit sie kein Zug oder Windhauch -verletzen könnte. Dabei wurde sie mit einer solchen Sorgfalt und -Vorsicht getragen, wie sie nicht einmal dem feinen Apfelzweig zu Teil -geworden war. Ganz behutsam wurden nun die großen Blätter fortgenommen, -und was kam zum Vorschein? Die kleine flockige Samenkrone der gelben -verachteten Butterblume! Sie war es, die sie so sorgfältig gepflückt -hatte und so sorgsam trug, damit nicht einer der feinen Federpfeile, die -gleichsam ihre Nebelkappe bilden und so lose sitzen, abgeblasen würde. -Unversehrt und herrlich hatte sie nun dieselbe; sie bewunderte ihre -schöne Gestalt, ihre luftige Klarheit, ihre ganze eigentümliche -Zusammensetzung, ihre Schönheit, wenn die Samenkrone vom Winde -fortgeblasen würde. - -»Sieh doch, wie wunderbar schön sie der liebe Gott geschaffen hat!« -sagte die Gräfin. »Ich will sie mit dem Apfelzweige malen; wohl ist -dieser unendlich schön, aber in anderer Weise hat auch diese arme Blume -vom lieben Gott gar viele Schönheiten erhalten. Wie verschieden sie auch -sind, dennoch sind sie beide Kinder im Reiche der Schönheit.« - -Und der Sonnenstrahl küßte die arme Blume und küßte den blühenden -Apfelzweig, dessen Blätter dabei zu erröten schienen. - - - - -Das Feuerzeug. - - [Abbildungen/Illustrations: pic21.jpg, pic23.jpg, pic24.jpg] - - -Ein Soldat kam auf der Landstraße daher marschiert. Er trug einen -Tornister und einen Säbel, weil er im Kriege gewesen war. Da begegnete -er einer alten Hexe, die entsetzlich häßlich war. Sie sagte: »Guten -Abend, Soldat! Was für einen großen Säbel und zierlichen Tornister du -doch hast! Du bist ein echter Soldat!« - -»Schönen Dank, alte Hexe,« sagte der Soldat. - -»Siehst du dort den Baum?« fragte die Hexe. »Er ist innen hohl. Wenn du -ihn bis zum Gipfel ersteigst, erblickst du ein Loch, durch welches du -hinabgleiten und bis tief in den Baum hinunterkommen kannst. Ich werde -dir einen Strick um den Leib binden, um dich wieder heraufziehen zu -können, sobald du mich rufst!« - -»Was soll ich denn da unten im Baume?« fragte der Soldat ganz -verwundert. - -»Geld holen!« sagte die Hexe. »Du mußt wissen, sobald du auf den Boden -des Baumes hinunterkommst, so befindest du dich in einem langen Gange; -dort ist es ganz hell, weil da über hundert Lampen brennen. Dann -gewahrst du drei Thüren. Du kannst sie öffnen, der Schlüssel steckt -darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, so erblickst du mitten auf -dem Fußboden eine große Kiste, auf welcher ein Hund sitzt. Er hat Augen -so groß wie Gänseeier, aber darum darfst du dich nicht kümmern! Ich gebe -dir meine blau karrierte Schürze, die kannst du auf den Fußboden -ausbreiten; packe dann den Hund, setze ihn auf meine Schürze, öffne die -Kiste und nimm, so viel Geld du willst. Es ist lauter Kupfer; willst du -aber lieber Silber haben, so mußt du in das nächste Zimmer hineintreten; -dort sitzt ein Hund, der Augen hat so groß wie Mühlräder; aber darum -brauchst du dich nicht zu kümmern, setze ihn nur auf meine Schürze und -nimm dir von dem Gelde. Willst du dagegen Gold haben, so kannst du es -auch bekommen, so viel du nur zu tragen vermagst, wenn du in die dritte -Kammer hineingehst. Allein der Hund, welcher hier auf der Geldkiste -sitzt, hat Augen, jedes so groß wie ein runder Turm. Aber darum brauchst -du dich nicht zu kümmern. Setze ihn nur auf meine Schürze, so thut er -dir nichts, und nimm aus der Kiste, so viel Gold du willst.« - -»Nicht übel,« sagte der Soldat. »Aber du willst doch auch was von dem -Gelde haben?« - -»Nein,« antwortete diese, »nicht einen Pfennig. Hole mir nur das alte -Feuerzeug, welches meine Großmutter vergaß, als sie zum letztenmale -unten war.« - -»Gut,« sagte der Soldat, »knüpfe mir dann den Strick um den Leib.« - -»Hier ist er,« sagte die Hexe, »und hier ist meine blau karrierte -Schürze!« - -So kletterte denn der Soldat den Baum hinauf, glitt dann durch das Loch -hinunter und stand nun in dem großen Gange, wo die vielen hundert Lampen -brannten. Dann öffnete er die erste Thür. Uh! da saß der Hund mit Augen -so groß wie Gänseeier, und glotzte ihn an. - -Der beherzte Soldat setzte ihn gleich auf die Schürze der Hexe und -füllte seine Taschen mit Kupfergeld, verschloß die Kiste, setzte den -Hund wieder hinauf und ging in das andere Zimmer. Potztausend! da saß -der Hund mit Augen so groß wie Mühlräder. - -»Glotz mich nicht so an,« sagte der Soldat und setzte den Hund auf die -Schürze. Als er aber das viele Silbergeld sah, warf er alles Kupfergeld -fort und füllte sich die Taschen und den Tornister mit Silber. Dann ging -er in die dritte Kammer, wo der Hund war mit Augen so groß wie ein -runder Turm. - -»Guten Abend,« sagte der Soldat, hob den Hund herunter und öffnete die -Kiste. Was sah er da für eine Menge Gold! Man hätte können ganz -Kopenhagen und die Zuckerferkel, Zinnsoldaten, Peitschen und -Schaukelpferde der ganzen Welt dafür kaufen. Nun warf der Soldat alles -Silbergeld, womit er seine Taschen und seinen Tornister gefüllt hatte, -fort und nahm statt dessen Gold, ja alle Taschen, der Tornister, der -Tschako und die Stiefel wurden angefüllt, so daß er kaum gehen konnte. -Nun hatte er Geld! Den Hund setzte er auf die Kiste, schlug die Thür zu -und rief dann durch den Baum hinauf: - -»Zieh mich nun empor, alte Hexe!« - -»Hast du denn auch das Feuerzeug?« fragte die Hexe. - -»Wahrhaftig,« sagte der Soldat, »das hatte ich rein vergessen,« und nun -ging er und nahm es. Die Hexe zog ihn empor und wie er wieder vom Baume -herabstieg, da purzelten nur so die Goldstücke aus Taschen, Stiefeln und -Tornister, so voll waren sie bis obenan. - -»Was willst du denn mit dem Feuerzeug?« fragte der Soldat, als er nun -wieder auf den Beinen stand. - -»Das geht dich nichts an!« sagte die Hexe, »du hast ja Geld bekommen, -gieb mir jetzt nur das Feuerzeug.« - -»Larifari!« sagte der Soldat; »gleich sagst du mir, was du damit willst, -oder ich ziehe meinen Säbel und dann soll es dir schlecht bekommen!« - -»Nein!« sagte die Hexe. - -Da wollte der Soldat mit dem Säbel nach ihr schlagen, aber ehe es dazu -kam, lag sie schon mausetot da. Er aber band all sein Geld in ihre -Schürze, nahm diese wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug -in die Tasche und ging geraden Weges nach der Stadt. - -Im besten Wirtshaus kehrte er ein, verlangte die besten Speisen und -wohnte in den schönsten Zimmern, denn aus dem armen Soldaten war nun ein -vornehmer Herr geworden. Man erzählte ihm von allen Herrlichkeiten der -Stadt und von dem Könige und wie reizend seine Tochter, die Prinzessin -sei. - -»Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat. - -»Niemand darf sie sehen,« war die Antwort. »Sie wohnt in einem großen -kupfernen Schlosse, ringsum durch viele Mauern und Türme geschützt. -Niemand außer dem Könige darf bei ihr aus- und eingehen, weil geweissagt -ist, daß sie mit einem ganz gemeinen Soldaten verheiratet werden wird, -und das kann der König nicht dulden.« - -»Ich möchte sie wohl sehen!« dachte der Soldat, aber dazu bekam er ja -keine Erlaubnis. - -Nun lebte er lustig in den Tag hinein. Da er aber jeden Tag nur Geld -ausgab und nie etwas einnahm, so hatte er zuletzt nur noch zwei Pfennig -übrig, und mußte aus den prächtigen Zimmern, die er bisher bewohnt -hatte, in ein gar ärmliches Stübchen unterm Dache ziehen, mußte sich -seine Stiefeln selbst bürsten und mit einer Stopfnadel zusammennähen und -keiner seiner Freunde kam zu ihm, weil man so viele Treppen zu ihm -hinaufzusteigen hatte. - -Es war ein ganz dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht -kaufen; da erinnerte er sich plötzlich, daß sich noch ein Lichtstumpf in -dem Feuerzeuge befinden müßte, welches er aus dem hohlen Baume -mitgenommen hatte. - -Er holte das Feuerzeug, aber als er Feuer schlug, sprang die Thüre auf -und der Hund mit den Augen wie Gänseeier stand vor ihm. »Was befiehlt -mein Herr?« fragte er. »Ei, das ist ein drolliges Feuerzeug!« rief der -Soldat. »Schaffe mir Geld!« befahl er dem Hunde und -- wips war er fort --- wips -- war er wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in -seiner Schnauze. - -Nun wußte der Soldat, was das für ein prächtiges Feuerzeug war! Schlug -er einmal, so kam der Hund, welcher auf der Kiste mit dem Kupfergeld -saß; schlug er zweimal, so kam der, welcher das Silbergeld hatte, und -schlug er dreimal, so kam der, welcher das Gold hatte. - -Da dachte er auch sogleich an die Prinzessin: »Es ist doch kurios, daß -man sie nicht zu sehen bekommt! Sie soll so schön sein, behauptet jeder, -aber was kann ihr das nützen, wenn sie immer in dem großen -Kupferschlosse sitzen muß. Kann ich sie denn gar nicht zu sehen -bekommen? -- Halt! -- Mein Feuerzeug!« Nun schlug er Feuer, und -- wips --- kam der Hund mit Augen so groß wie Gänseeier. - -»Es ist zwar mitten in der Nacht,« sagte der Soldat, »aber ich möchte -doch gar zu gern die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick! -Willst du sie mir verschaffen?« - -Der Hund war gleich aus der Thüre, und ehe es der Soldat dachte, sah er -ihn schon mit der Prinzessin wieder. Sie saß und schlief auf des Hundes -Rücken und war so schön, daß man sehen konnte, daß es eine wirkliche -Prinzessin war. Der Soldat war ganz überglücklich und konnte sich nicht -enthalten, sie zu küssen. Gleich darauf lief der Hund mit der Prinzessin -wieder zurück. - -Am andern Morgen zog der Soldat wieder in die prächtigen Zimmer -hinunter, zeigte sich in guten Kleidern und da erkannten ihn alle seine -guten Freunde wieder und hielten natürlich große Stücke auf ihn. - -Zu gleicher Zeit, als der König und die Königin beim Frühstück saßen, -sagte die Prinzessin, sie hätte in der Nacht einen ganz wunderlichen -Traum von einem Hunde und einem Soldaten gehabt. Sie wäre auf dem Hunde -geritten und der Soldat hätte sie geküßt. - -»Das wäre eine schöne Geschichte!« sagte die Königin. - -Nun sollte eine der alten Hofdamen in der nächsten Nacht am Bette der -Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es ein wirklicher Traum wäre, oder -was es sonst sein könnte. - -In der Nacht kam auch richtig der Hund, nahm die schöne Prinzessin und -lief, was er nur laufen konnte, allein die alte Hofdame zog -Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterher. Als sie nun sah, daß -sie in einem großen Hause verschwanden, dachte sie: »Nun weiß ich, wo es -ist!« und zeichnete mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz an die -Thüre. Darauf ging sie heim und legte sich nieder und auch der Hund kam -mit der Prinzessin wieder. Als er aber sah, daß ein Kreuz auf die Thüre, -wo der Soldat wohnte, gezeichnet war, nahm er ebenfalls ein Stück Kreide -und machte auf alle Thüren der ganzen Stadt Kreuze. Und das war klug -gethan, denn nun konnte ja die Hofdame die richtige Thüre nicht finden, -da an allen Kreuze waren. - -Früh Morgens kam der König und die Königin, die alte Hofdame und alle -Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war. - -»Da ist es!« sagte der König, als er die erste mit einem Kreuze -bezeichnete Thüre erblickte. - -»Nein, dort ist es!« sagte die Königin, als sie die zweite Thüre mit dem -Kreuzzeichen bemerkte. - -»Aber da ist eins und dort ist eins!« riefen sie sämtlich; wohin sie -sahen, waren Kreuze an den Thüren. Da sahen sie denn wohl ein, daß alles -Suchen vergeblich wäre. - -Aber die Königin war eine außerordentlich kluge Frau. Sie nähte einen -kleinen Beutel, den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze, band ihn der -Prinzessin auf den Rücken und schnitt darauf ein kleines Loch in den -Beutel, so daß die Grütze den ganzen Weg, den die Prinzessin passierte, -bestreuen konnte. - -Nachts kam der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und -lief mit ihr zu dem Soldaten, der so gern ein Prinz gewesen wäre, um sie -heimführen zu können. - -Der Hund merkte durchaus nicht, wie die Grütze über den ganzen Weg vom -Schlosse bis zu dem Fenster, wo er mit der Prinzessin die Mauer -hinauflief, verstreut wurde. Nun sahen es des Morgens der König und die -Königin deutlich, wo ihre Tochter des Nachts gewesen war, und da machten -sie kurzen Prozeß mit dem Soldaten und warfen ihn ins Gefängnis. - -Ach, wie finster und langweilig war es darin! Auch sagte man ihm: -»Morgen wirst du gehängt werden!« Das war just nicht vergnüglich zu -hören, und dazu hatte er sein Feuerzeug daheim im Wirtshause gelassen. -Am Morgen konnte er durch das Eisengitter vor seinem kleinen Fenster -sehen, wie das Volk aus der Stadt herbeieilte, ihn hängen zu sehen. Er -hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Alle Leute waren -auf den Beinen; dabei war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und -Pantoffeln; er galoppierte so eilig, daß ihm ein Pantoffel abflog und -gerade gegen die Mauer, hinter welcher der Soldat saß und durch das -Eisengitter hinausschaute. - -»Hör einmal, Schusterjunge! Du brauchst dich nicht so zu beeilen,« sagte -der Soldat zu ihm, »es wird doch nichts daraus, bevor ich komme. Willst -du aber in meine frühere Wohnung laufen und mir mein Feuerzeug holen, so -sollst du vier Groschen bekommen. Aber lauf und nimm die Beine in die -Hand!« Der Schusterjunge wollte gern das Geld haben und eilte -pfeilgeschwind nach dem Feuerzeuge, gab es dem Soldaten und -- -- -ja nun werden wir es zu hören bekommen. - -Außerhalb der Stadt war ein großer Galgen aufgemauert, ringsum standen -die Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die -Königin saßen auf einem prächtigen Throne, den Richtern und dem ganzen -Rate gerade gegenüber. - -Schon stand der Soldat oben auf der Leiter, als man ihm aber den Strick -um den Hals legen wollte, bat er, man möge ihn doch noch eine Pfeife -Tabak rauchen lassen. - -Das wollte ihm nun der König nicht abschlagen, und so nahm der Soldat -sein Feuerzeug und schlug Feuer, ein, zwei, dreimal. Siehe! da standen -alle Hunde da, der mit Augen so groß wie Gänseeier, der mit den Augen -wie Mühlräder, und der, welcher Augen hatte so groß wie ein runder Turm. - -»Helft mir, daß ich nicht gehängt werde!« sagte der Soldat, und da -stürzten sich die Hunde auf die Richter und den ganzen Rat, ergriffen -den einen bei den Beinen, den andern bei der Nase und warfen sie viele -Klaftern hoch in die Luft, so daß sie beim Niederfallen in Granatstücke -zerschlagen wurden. - -»Ich will nicht!« sagte der König, aber der größte Hund nahm sowohl ihn -wie die Königin und warf sie allen anderen nach. Da erschraken die -Soldaten und alles Volk schrie: »Lieber Soldat, du sollst unser König -sein und die schöne Prinzessin haben!« - -Darauf setzte man den Soldaten in des Königs Carosse, und alle drei -Hunde tanzten voran und riefen: »Hurrah!« und die Jungen pfiffen auf den -Fingern und die Soldaten präsentierten. Die Prinzessin kam aus dem -kupfernen Schlosse heraus und wurde Königin und das gefiel ihr gar wohl. -Die Hochzeit währte acht Tage und die drei Hunde saßen mit an der -Hochzeitstafel und machten große Augen. - - - - -Das häßliche Entlein. - - [Abbildungen/Illustrations: pic28.jpg, pic30.jpg, tafel3.jpg] - - -Auf dem Lande draußen war es herrlich. Es war ja Sommer! Auf den Wiesen -stand das Heu in Schobern und dort stelzte der Storch auf seinen roten -Beinen umher und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von -seiner Mutter gelernt. - -Um den Acker und die Wiesen zogen sich große Wälder und mitten in -denselben befanden sich tiefe Seen. O, es war herrlich da draußen auf -dem Lande! Mitten im warmen Sonnenscheine lag da ein altes Rittergut, -von tiefen Kanälen umgeben, und von der Mauer an bis zum Wasser hinunter -wuchsen dort große Klettenblätter, die so hoch waren, daß unter den -größten kleine Kinder aufrecht stehen konnten. Darin war es gerade so -wild wie im tiefsten Walde. Hier lag eine Ente auf ihrem Neste, um ihre -Jungen auszubrüten, aber jetzt war sie dessen fast überdrüssig, weil es -doch gar zu lange dauerte und sie dabei so selten Besuch bekam. - -Endlich platzte ein Ei nach dem andern. »Pip, pip!« sagte es, alle -Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus. - -»Rap, Rap! Eilt, eilt!« rief sie, und da rappelten und beeilten sie sich -nach Kräften und guckten unter den grünen Blättern nach allen Seiten -umher. - -»Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen; denn freilich hatten -sie jetzt ganz anders Platz als zu der Zeit, da sie noch drinnen im Ei -lagen. - -»Glaubt denn das Gelbschnäbelchen, das sei schon die ganze Welt!« sagte -die Mutter. »Die geht noch weit über die andere Seite des Gartens hinaus -bis in das Feld des Pfarrers; da bin ich indes noch nie gewesen! -- -- -Ihr seid doch alle hübsch beisammen!« setzte sie hinzu und erhob sich. -»Nein, ich habe noch nicht alle! Das größte Ei liegt immer noch da! Wie -lange soll denn das noch dauern? Nun habe ich es wirklich bald satt!« -Und dann legte sie sich wieder. - -»Nun, wie geht es?« fragte eine alte Ente, die auf Besuch gekommen war. - -»Es dauert mit dem einen Ei so lange!« sagte die Ente, welche brütete. -»Es zeigt sich noch kein Loch in demselben. Aber nun sollst du die -andern sehen. Es sind die hübschesten jungen Enten, die ich je gesehen -habe.« - -»Zeige mir doch das Ei, welches nicht bersten will,« meinte die Alte. -»Verlaß dich darauf, es ist ein Putenei. So bin ich auch einmal genarrt -worden und ich hatte meine liebe Not mit den Jungen, denn sie fürchteten -sich vor dem Wasser, kann ich dir sagen. Erst konnte ich sie gar nicht -ausbekommen, so viel ich auch rappte und schnappte, ermahnte und -nachhalf! -- Laß mich doch das Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei! Laß es -liegen und lehre lieber deine andern Kinder schwimmen!« - -»Ich will doch noch ein wenig darauf liegen bleiben!« entgegnete die -Ente. »Habe ich nun so lange gelegen, kommt es auf etwas länger auch -nicht an!« - -»Jeder nach seinem Geschmack!« sagte die alte Ente und nahm Abschied. - -Endlich platzte das große Ei. »Pip, Pip!« sagte das Junge und kroch -heraus. Es war sehr groß und auffallend häßlich. Die Ente besah es sich. -»Das ist ja ein entsetzlich großes Entlein!« sagte sie. »Keines von den -andern sieht so aus. Sollte es wirklich eine junge Pute sein? Nun, da -wollen wir bald dahinterkommen! In das Wasser muß es, und sollte ich es -selbst hineinstoßen!« - -Am nächsten Tage war prächtiges herrliches Wetter! Die Sonne schien -brennend heiß auf alle die grünen Kletten hernieder. Die Entleinmutter -erschien mit ihrer ganzen Familie am Kanale. - -»Platsch!« sprang sie in das Wasser. »Rap, rap!« rief sie und ein -Entlein nach dem andern plumpste hinein. Das Wasser schlug ihnen über -dem Kopf zusammen, aber sie tauchten gleich wieder empor und schwammen -stolz dahin, die Beine bewegten sich von selbst und alle waren sie in -dem nassen Elemente, selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit. - -»Nein, das ist keine Pute!« sagte sie. »Sieh nur Einer, wie hübsch es -die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält. Rap, rap! Ich werde euch -im Entenhofe vorstellen, aber haltet euch immer in meiner Nähe, damit -euch Niemand trete, und nehmt euch vor der Katze in Acht!« - -Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Ein erschrecklicher Lärm -herrschte drinnen, denn zwei Familien bekämpften sich um einen Aalkopf, -und trotzdem bekam ihn die Katze. - -»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entleinmutter, und -schnappte mit dem Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. -»Gebraucht nun eure Beine,« sagte sie, »seht zu, daß ihr euch etwas -beeilt und neigt den Hals vor der alten Ente dort. Sie ist die -vornehmste von allen hier. Spanisches Blut rollt in ihren Adern, -deshalb ist sie so schwerfällig. Wie ihr seht, trägt sie einen roten -Lappen um das Bein. Das ist etwas unvergleichlich Schönes und die -höchste Auszeichnung, welche je eine Ente erhalten kann. Ein -wohlgezogenes Entlein setzt die Beine weit auseinander, gerade wie -Vater und Mutter! Seht so! Neigt nun euren Hals und sagt: »Rap!«« - -Und das thaten sie. Aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie -und sprachen: »Seht nur einmal! Nun sollen wir die Sippschaft auch noch -bekommen, als ob wir nicht schon genug wären! Pfui, wie das eine Entlein -aussieht! Das wollen wir nicht unter uns dulden!« Und sogleich flog eine -Ente hin und biß es in den Nacken. - -»Laß es zufrieden!« sagte die Mutter, »es thut ja niemand etwas!« - -»Aber es ist so groß und so seltsam,« sagte die Ente, welche es gebissen -hatte, »und deshalb muß es weggejagt werden!« - -»Das sind schöne Kinder, die Mütterchen hat!« sagte herablassend die -alte Ente mit dem Lappen um den Fuß. »Sämtlich schön mit Ausnahme des -einen, welches mißglückt ist! Ich wünschte, sie könnte es umbrüten!« - -»Das geht nicht, Ihro Gnaden!« sagte die Entleinmutter. »Es ist nicht -hübsch, aber es hat ein sehr gutes Gemüt und schwimmt ebenso -vortrefflich wie eines der andern, ja ich darf sagen, fast noch etwas -besser. Ich denke, es wird sich auswachsen oder mit der Zeit kleiner -werden. Außerdem ist's ja ein Enterich und da schadet ihm die -Häßlichkeit nicht so viel.« - -»Die anderen Entlein sind ja ganz niedlich!« sagte die Alte. »Thut nun, -als ob ihr zu Hause wäret, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr -mir ihn bringen!« - -Und so waren sie wie zu Hause. - -Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen und so -häßlich war, wurde gebissen, gepufft und gehänselt von den Enten wie von -den Hühnern. »Es ist zu groß,« sagten sie allesamt, und der Puterhahn, -der mit Sporen geboren war, und deshalb in dem Wahne stand, daß er -Kaiser wäre, blies sich wie ein Schiff mit vollen Segeln auf, ging -gerade auf dasselbe zu, kollerte und wurde ganz rot am Kopfe. Das arme -Entlein wußte weder, wie es stehen, noch wie es gehen sollte. Es war -betrübt, daß es so häßlich aussah und dem ganzen Entenhofe zum Gespötte -diente. - -So ging es den ersten Tag und später wurde es schlimmer und schlimmer. -Das arme Entlein wurde von allen gejagt, selbst seine Geschwister waren -recht unartig und sagten oft zu ihm: »Wenn dich nur die Katze holen -wollte, du garstiges Ding!« und die Mutter seufzte: »Wärest du nur weit -fort!« Die Enten bissen es, die Hühner hackten es und die Futtermagd -stieß es mit dem Fuße. - -Da lief und flog es über den Zaun; die Vöglein in den Büschen erhoben -sich erschrocken in die Luft. »Daran ist meine Häßlichkeit schuld!« -dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber trotzdem weiter. So -gelangte es bis zu einem großen Moore, in dem die wilden Enten wohnten. -Hier lag es die ganze Nacht, denn es war sehr müde und traurig. - -Am Morgen flogen die wilden Enten auf und erblickten den neuen -Kameraden. »Was bist du denn für ein Landsmann?« fragten sie, und das -Entlein drehte sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte. - -»Du bist abschreckend häßlich!« sagten die wilden Enten, »aber das kann -uns einerlei sein, wenn du nur nicht in unsere Familie hineinheiratest!« -Das Arme, es dachte wahrlich nicht ans Heiraten. Ihm war nur daran -gelegen, die Erlaubnis zu erhalten, im Schilfe zu liegen und Moorwasser -zu trinken. - -Zwei ganze Tage lang hatte es da gelegen, als zwei wilde Gänse oder -vielmehr Gänseriche dorthin kamen. Sie waren noch nicht gar lange aus -dem Ei gekrochen und deshalb auch etwas vorschnell. - -»Höre, Kamerad, du bist so häßlich, daß du förmlich hübsch bist und wir -dich gut leiden können. Willst du zu uns halten und Zugvogel sein?« -fragten sie. - -»Piff, Paff!« knallte es da plötzlich und beide wilde Gänseriche fielen -tot in das Schilf hinab und das Wasser wurde rot von Blut. »Piff, paff!« -knallte es abermals und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem -Schilfe auf, und dann knallte es wieder. Es war große Jagd; die Jäger -lagen rings um das Moor herum, ja, einige saßen oben in den Baumzweigen, -welche sich weit über das Röhricht hinstreckten. Der blaue Pulverdampf -zog wie Wolken durch die dunklen Bäume hindurch und ruhte weit über dem -Wasser. In den Sumpf drangen die Jagdhunde hinein. Was war das für ein -Schreck für das arme Entlein! Es drehte den Kopf, um ihn unter die -Flügel zu stecken, als in demselben Augenblicke ein fürchterlich großer -Hund dicht vor ihm stand; die Zunge hing dem Tiere ganz lang aus dem -Halse und die Augen funkelten gräßlich. Er berührte das Entlein fast mit -der Schnauze, wies die scharfen Zähne und -- platsch! zog er sich -zurück, ohne es zu packen. - -»Gott sei Dank!« seufzte das Entlein, »ich bin so häßlich, daß mich -selbst der Hund nicht beißen mag!« - -So lag es denn ganz still, während die Schrotkörner in das Schilf -sausten und Schuß auf Schuß knallte. - -Erst am späten Nachmittage wurde es still, aber das arme Junge wagte -noch nicht sich zu erheben. Es wartete noch mehrere Stunden, ehe es sich -umschaute, und dann eilte es, so schnell es konnte, aus dem Moore -weiter. - -Gegen Abend erreichte es ein erbärmliches Bauernhäuschen, welches in so -traurigem Zustande war, daß es selbst nicht wußte, nach welcher Seite es -fallen sollte, und so blieb es stehen. Der Sturm sauste dermaßen um das -wilde Entlein, daß es sich setzen mußte, um Widerstand zu leisten. Und -es wurde immer schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, daß sich die -Thüre aus der einen Angel gehoben hatte und so schief hing, daß es durch -die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte und das that es. - -Hier wohnte eine alte Frau mit ihrem Kater und ihrem Huhne; der Kater, -welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und spinnen. -Selbst Funken konnte man ihm entlocken, wenn man ihn im Dunkeln gegen -die Haare strich. Das Huhn hatte sehr kleine niedrige Beine und wurde -deshalb Kurzbeinchen genannt. - -Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein und der Kater begann -zu spinnen und das Huhn zu klucken. - -»Was ist das!« rief die Frau und schaute sich um, da sie aber nicht gut -sah, hielt sie das Entlein für eine fette Ente. »Das ist ja ein -sonderbarer Fang!« sagte sie, »nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es -nur kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.« - -So wurde denn das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen, aber -Eier kamen nicht. - -Nun war der Kater der Herr im Hause und das Huhn war die Frau. - -»Kannst du Eier legen?« fragte es. - -»Nein!« -- »Nun gut, dann hast du hier im Hause nichts zu sagen!« - -Und der Kater sagte: »Kannst du einen Buckel machen, kannst du spinnen, -kannst du Funken sprühen?« -- »Nein!« -- »Dann darfst du auch durchaus -keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute reden!« - - [Farbtafel/Plate] - -Und das Entlein saß im Winkel und war schlechter Laune. Da dachte es -unwillkürlich an die frische Luft und den Sonnenschein und bekam eine so -eigentümliche Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, daß es sich endlich -nicht länger enthalten konnte, es dem Huhne anzuvertrauen. - -»Was sprichst du da?« fragte dasselbe. »Du hast nichts zu thun, deshalb -plagen dich so seltsame Launen. Lege Eier oder spinne, dann gehen sie -vorüber!« - -»Aber es ist herrlich, auf dem Wasser zu schwimmen!« entgegnete das -Entlein, »herrlich, sich den Kopf in den Fluten zu kühlen oder auf den -Grund niederzutauchen!« - -»Ja, das muß wirklich ein prächtiges Vergnügen sein!« sagte das Huhn -spöttisch, »bist du denn närrisch geworden! Frage einmal den Kater, der -ist der Klügste, den ich kenne, ob es ihm so angenehm vorkommt, auf dem -Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen!« - -»Ihr versteht mich nicht!« sagte das Entlein. - -»Wenn wir dich nicht verstehen, wer sollte dich dann wohl verstehen! -Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater und ich. Sieh -jetzt nur zu, daß du Eier legst und spinnen und Funken sprühen lernst!« - -»Ich glaube, ich gehe in die weite Welt hinaus!« sagte das Entlein. - -»Ja, thue das!« entgegnete das Huhn. - -So ging denn das Entlein. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, -aber von allen Tieren wurde es um seiner Häßlichkeit willen übersehen. - -Jetzt erschien der Herbst; die Blätter im Walde wurden gelb und braun, -der Sturm entführte sie und wirbelte sie umher und oben in der Luft -machte sich die Kälte bemerkbar. Die Wolken hingen schwer von Hagel und -Schneeflocken, und auf dem Zaune stand ein Rabe und schrie: »Au, au!« -vor lauter Kälte. Ja, man konnte schon ordentlich frieren, wenn man nur -daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut. - -Eines Abends, die Sonne ging gerade wunderbar schön unter, kam ein -ganzer Schwarm prächtiger, großer Vögel aus dem Gebüsch hervor, wie sie -das Entlein noch nie so schön gesehen hatte. Sie waren blendend weiß und -hatten lange geschmeidige Hälse; es waren _Schwäne_. Sie stießen einen -merkwürdigen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, großen Schwingen aus -und flogen aus den kalten Gegenden fort nach wärmeren Ländern, nach -offenen Seen. Sie stiegen so hoch, so hoch, daß dem häßlichen jungen -Entlein ganz seltsam dabei zu Mute wurde. - -Es konnte die prächtigen, die glücklichen Vögel nicht vergessen, und -sobald es sie nicht mehr wahrnahm, tauchte es bis auf den Grund unter, -und geriet, als es wieder emporkam, förmlich außer sich. Es wußte nicht, -wie die Vögel hießen, noch wohin sie zogen, aber doch hatte es dieselben -lieb wie nie jemand zuvor. Neid kam gleichwohl nicht in sein Herz. Wie -hätte ihm auch nur in den Sinn kommen können, sich eine solche Schönheit -zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn nur die Enten es hätten -unter sich dulden wollen; -- das arme häßliche Tier. - -Und der Winter wurde so kalt, so kalt! Das Entlein mußte unermüdlich -umherschwimmen, um das Zufrieren des Wassers zu verhindern. Aber jede -Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, schmäler und schmäler. Es war -eine Kälte, daß die Eisdecke krachte. Das Entlein mußte fortwährend die -Beine gebrauchen, damit sich das Loch nicht völlig schloß. Endlich wurde -es matt, lag ganz still und fror so im Eise fest. - -In der Frühe des folgenden Morgens kam ein Bauer, der das arme Tier -gewahrte. Er ging hin, zerschlug das Eis mit seinem Holzschuh, rettete -es und trug es heim zu seiner Frau. Da lebte es wieder auf. - -Die Kinder wollten mit demselben spielen. Da aber das Entlein glaubte, -sie wollten ihm wehe thun, fuhr es in der Angst gerade in eine -Milchschüssel, so daß die Milch in der Stube umherspritzte. Dann flog -das Entlein auf das Gestell, auf welchem die Butter aufbewahrt wurde und -von hier in die Mehltonne hinein und dann wieder in die Höhe. Da könnt -ihr euch denken, wie es aussah! Die Frau schrie und schlug mit der -Feuerzange nach demselben, die Kinder liefen einander über den Haufen -und lachten und lärmten. Nur gut, daß die Thüre offen stand; so konnte -sich das Entlein zwischen die Sträucher in den frischen Schnee hinaus -retten, und da lag es nun bis auf den Tod erschöpft. - -Allein, es würde wahrlich zu traurig sein, all die Not zu erzählen, -welche das Entlein in dem harten Winter auszustehen hatte. -- Es lag -zwischen dem Röhricht im Moor, als die Sonne wieder warm zu scheinen -begann; die Lerchen sangen, der Lenz war da. - -Da entfaltete es mit einem male seine Schwingen, stärker sausten sie als -zuvor und trugen es kräftig vorwärts, und ehe dasselbe es recht wußte, -befand es sich in einem großen Garten, wo die Äpfelbäume in voller Blüte -standen, wo die Fliedersträuche dufteten und ihre langen, grünen Zweige -zu den sich sanft dahinschlängelnden Bächen und Kanälen -herniedersenkten! O wie war es hier so köstlich, so frühlingsfrisch! Und -gerade vor ihm kamen aus dem Dickicht drei schöne, weiße Schwäne -angeschwommen; mit gekräuseltem Gefieder glitten sie leicht und -majestätisch über das Wasser dahin. Das Entlein erkannte die schönen -Tiere und wurde von einer eigentümlichen Schwermut ergriffen. - -»Ich will hinfliegen zu ihnen, den königlichen Vögeln, und sie werden -mich tot beißen, weil ich, der ich so häßlich bin, mich ihnen zu nähern -wage. Aber besser von ihnen getötet, als von den Enten gezwackt, von den -Hühnern gepickt, von der Hühnermagd gestoßen zu werden und im Winter -alles mögliche Weh über sich ergehen zu lassen!« Und es flog auf das -Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen, die mit gesträubten -Federn auf dasselbe losschossen. - -»Tötet mich nur!« sagte das arme Tier, neigte sein Haupt gegen den -Wasserspiegel und erwartete den Tod, -- aber was sah es in dem klaren -Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Bild, aber es war nicht mehr ein -plumper, schwarzgrauer Vogel, häßlich und Abscheu erweckend, es war -selbst ein schneeweißer _Schwan_ mit stolzem Gefieder. - -Es thut nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in -einem Schwanenei gelegen hat! -- Nun fühlte es sich glücklich über alle -die Not und Widerwärtigkeit, welche es ausgestanden hatte. Nun verstand -es erst, sein Glück und all die Herrlichkeit zu würdigen, die es überall -begrüßte. -- Und die großen Schwäne kamen herbei und streichelten es mit -dem Schnabel. - -Da traten einige kleine Kinder in den Garten. Sie warfen Brot und Körner -in das Wasser, und das Kleinste rief: »Seht, da ist ein neuer!« Und -jubelnd stimmten die andern Kinder ein: »Ein neuer, ein neuer Schwan ist -gekommen!« - -Sie klatschten in die Hände, tanzten umher, holten Vater und Mutter -herbei und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen und sie -sagten alle: »Der neue ist der schönste, so jung und majestätisch!« Und -die alten Schwäne verneigten sich vor ihm. - -Da überschlich ihn Schüchternheit und Verschämtheit und er verbarg den -Kopf unter den Flügeln; es war ihm so eigen zu Mute, er wußte selbst -nicht wie. Er war allzuglücklich, aber durchaus nicht stolz, denn ein -gutes Herz wird niemals stolz. Er dachte daran, wie er verhöhnt worden -und hörte nun alle sagen, er wäre der schönste von allen schönen Vögeln. -Die Fliedersträuche neigten sich zu ihm in das Wasser hinunter, und die -Sonne schien warm und erquickend. Da sträubte er sein Gefieder, der -schlanke Hals erhob sich und aus Herzensgrunde jubelte er: »So viel -Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das _häßliche -Entlein_ war!« - - - - -Die Stopfnadel. - - [Abbildung/Illustration: capE.jpg] - - -Es war einmal eine Stopfnadel, die so fein und spitz war, daß sie sich -einbildete, eine Nähnadel zu sein. - -»Seht jetzt nur darauf, daß ihr mich ordentlich festhaltet!« sagte die -Stopfnadel zu den Fingern, welche sie hervorholten. »Laßt mich nicht -los! Falle ich auf den Boden, wird es kaum möglich sein, mich wieder zu -finden, so fein bin ich!« - -»Nun, nun! Nur nicht zu viel des Eigenlobes!« sagten die Finger und -faßten sie dann fest um den Leib. - -»Seht ihr, ich komme mit Gefolge!« rief die Stopfnadel und zog einen -langen Faden hinter sich her. - -Die Finger lenkten die Stopfnadel gerade gegen den Pantoffel der Köchin, -dessen Oberleder einen Riß bekommen hatte und jetzt zusammengenäht -werden sollte. - -»Das ist eine niedrige Arbeit!« sagte die Stopfnadel, »ich komme nie -hindurch, ich zerbreche, ich zerbreche!« -- und da zerbrach sie. »Habe -ich nicht oft genug wiederholt!« jammerte sie, »daß ich zu fein bin!« - -»Nun taugt sie zu nichts mehr!« meinten die Finger, mußten sie aber doch -festhalten, die Köchin machte ihr einen Kopf aus Siegellack und steckte -sie dann vorn in ihr Tuch. - -»Sieh, jetzt bin ich eine Busennadel!« sagte die Stopfnadel; »ich wußte -wohl, daß ich zu Ehren kommen würde; aus Was wird Was!« und dabei lachte -sie innerlich, denn äußerlich kann man es einer Stopfnadel nie ansehen, -daß sie lacht. Da saß sie nun so stolz, als führe sie in einer Kutsche -und blickte nach allen Seiten. - -»Darf ich mir wohl erlauben, Sie zu fragen, ob Sie von Gold sind?« -fragte sie die Stecknadel, welche ihre Nachbarin war. »Sie haben ein -vortreffliches Äußeres und Ihren eigenen Kopf, wenn derselbe auch nur -klein ist. Sie müssen dafür Sorge tragen, daß sich derselbe auswächst, -denn man kann nicht allen das Ende mit Siegellack versehen!« Dabei -richtete sich die Stopfnadel so stolz in die Höhe, daß sie sich aus dem -Tuche löste und in die Gosse fiel, gerade als die Köchin das Spülicht -ausgoß. - -»Nun gehen wir auf Reisen!« sagte die Stopfnadel; doch da saß sie fest -in der Gosse. »Mein gutes Bewußtsein ist mir geblieben;« damit tröstete -sie sich und hielt sich stramm und aufrecht. - -Allerlei segelte über sie dahin, Holzstückchen, Stroh und -Zeitungspapier. »Sieh, wie sie dahinsegeln!« sagte die Stopfnadel. »Sie -wissen nicht, was unter ihnen steckt! Ich stecke und sitze hier. Sieh, -da treibt jetzt ein Holzpflock, der denkt an nichts in der Welt als an -Pflöcke und Klötze und er ist selbst einer. Dort schwimmt ein Strohhalm; -sieh, wie er sich schwenkt, wie er sich dreht! Ich sitze geduldig und -still; ich weiß, was ich bin und das bleibe ich!« - -Eines Tages gewahrte sie dicht an ihrer Seite einen glänzenden -Gegenstand, deswegen die Stopfnadel vermutete, daß es ein Diamant wäre; -aber es war nur ein gewöhnlicher Glasscherben. Da derselbe flimmerte, -redete ihn die Stopfnadel an und gab sich ihm als Busennadel zu -erkennen. »Sie sind wohl ein Diamant?« -- »Ja, ich bin etwas -dergleichen!« Und so hielten sie sich denn gegenseitig für sehr kostbare -Gegenstände und sprachen über den jetzigen Hochmut der Welt. - -»Ich habe meine Wohnung in einer sehr feinen, bunten Schachtel gehabt, -welche einer Köchin gehörte,« begann die Stopfnadel ihre Erzählung. »Sie -hatte an jeder Hand fünf Finger; aber obgleich dieselben nur da waren, -um mich zu halten und aus der Schachtel zu nehmen, so waren sie doch -erschrecklich eingebildet.« - -»Zeichneten sie sich denn durch Glanz aus?« fragte der Glasscherben. - -»Durch Glanz?« rief die Stecknadel aus, »nein, durch eitel Hochmut! Es -waren fünf Brüder, alle geborne »Finger«; in aufrechter Haltung hielten -sie sich stolz neben einander, obwohl ihre Länge sehr verschieden war. -Der Äußerste von ihnen, der Däumerling, war kurz und dick; er stand -nicht mit in Reih und Glied, sondern vor demselben und dann hatte er nur -ein Gelenk im Rücken, er konnte sich nur in einer Richtung verbeugen, -der Topflecker fuhr in Süßes und Saures, zeigte nach Sonne und Mond und -drückte auf die Feder, wenn sie schrieben; der Langemann überragte die -andern um Haupteslänge; der Ringhalter ging mit goldenen Reifen um den -Leib einher und der kleine Peter Spielmann that gar nichts und war -darauf noch stolz. Prahlerei war es und Prahlerei blieb es, und darum -warf ich mich in die Gosse.« - -»Und nun sitzen wir beisammen und glänzen!« sagte der Glasscherben. -Plötzlich strömte mehr Wasser in den Rinnstein, welches nun über den -Rand trat und den Glasscherben mit sich riß. - -»Sieh, nun wurde der befördert!« sagte die Stopfnadel. »Ich bleibe -sitzen, ich bin zu fein, aber das ist mein Stolz und der ist -achtungswert!« So saß sie in aufrechter Haltung da und machte sich viele -Gedanken. - -»Ich möchte fast annehmen, daß ich von einem Sonnenstrahl geboren bin, -so fein bin ich. Mich dünkt sogar, daß mich die Sonne fortwährend unter -dem Wasser sucht. Ach, ich bin so fein, daß mich die eigene Mutter nicht -finden kann. Hätte ich mein altes Auge noch, welches abbrach, ich -glaube, ich könnte Thränen vergießen. -- Nein, ich könnte es doch nicht -thun, weinen ist nicht fein.« - -Eines Tages lagerten sich einige Gassenbuben neben dem Rinnsteine und -wühlten in demselben umher, wo sie alte Nägel, Kupferdreier und -dergleichen fanden. - -»Au!« schrie der eine, indem er sich an der Stopfnadel stach. »Das ist -ja ein schlimmer Bursche!« - -»Ich bin kein Bursch, ich bin ein Fräulein!« erwiederte die Stopfnadel, -aber niemand hörte es. Der Siegellack hatte sich abgelöst und deshalb -hielt sie sich für noch feiner als zuvor. - -»Da kommt eine Eierschale angesegelt!« sagten die Knaben und steckten -dann die Stopfnadel fest in die Schale. - -»Weiße Wände und selbst schwarz!« sagte die Stopfnadel, »das kleidet -gut! Nun kann man mich doch sehen! -- Wenn ich nur nicht seekrank werde, -denn sonst breche ich noch mehr!« Aber sie wurde nicht seekrank und -brach nicht weiter. - -»Es ist gegen die Seekrankheit doch gut, wenn man einen stählernen Magen -hat und dabei immer eingedenk bleibt, daß man etwas mehr als ein Mensch -ist! Bei mir ist es nun vorüber; je feiner man ist, destomehr kann man -aushalten!« -- »Krach!« stöhnte die Eierschale, während ein Lastwagen -über sie hinging. -- »Ach, wie das drückt!« seufzte die Stopfnadel. »Nun -werde ich doch seekrank; ich breche, ich breche!« Aber sie brach nicht, -trotzdem sie von einem Lastwagen überfahren wurde, sie lag der Länge -nach da -- und da mag sie liegen bleiben. - - - - -Tölpelhans. - - -Draußen auf dem Lande in einem alten Herrenhof lebte ein Gutsbesitzer, -der zwei so kluge Söhne hatte, daß sie um die Tochter des Königs freien -wollten und das durften sie, denn dieselbe hatte bekannt machen lassen, -daß sie denjenigen zum Gemahl nehmen wollte, der sich am gewandtesten -und klügsten mit ihr unterhalten könnte. - -Die beiden bereiteten sich nun acht Tage lang vor. Längere Zeit -bedurften sie nicht dazu, denn sie hatten Vorkenntnisse und die sind -immer nützlich. Der eine wußte das ganze lateinische Lexikon und drei -Jahrgänge der städtischen Zeitung auswendig und zwar rückwärts wie -vorwärts. Der andere hatte sich mit sämtlichen Paragraphen aller -Zunftgesetze und mit dem, was jeder Zunftmeister wissen mußte, bekannt -gemacht. Auf diese Weise, meinte er, könnte er über Staats- und gelehrte -Sachen mitsprechen. Außerdem verstand er Tragebänder zu sticken, denn er -war fein und fingerfertig. - -»Ich bekomme die Königstochter!« sagten sie alle beide, und deshalb gab -ihr Vater jedem von ihnen ein schönes Pferd; der, welcher das Lexikon -und die Zeitungen auswendig wußte, bekam ein kohlschwarzes, und der, -welcher sich zunftmeisterlich gebahren und sticken konnte, erhielt ein -milchweißes. Als sie im Hofe zu Pferde steigen wollten, erschien der -dritte Bruder, denn es waren ihrer dreie, aber niemand zählte ihn als -Bruder mit, weil er nicht die gleiche erstaunliche Gelehrsamkeit besaß -wie die beiden anderen, und alle Welt nannte ihn nur _Tölpelhans_. - -»Wo wollt ihr hin, daß ihr euch in den Bratenrock geworfen habt?« fragte -er. - -»An den Hof, um mit der Königstochter zu plaudern! Hast du nicht gehört, -was im ganzen Lande ausgetrommelt wird?« und darauf erzählten sie es -ihm. - -»Potztausend, da muß ich mit dabei sein!« sagte Tölpelhans, und die -Brüder lachten ihn aus und ritten von dannen. - -»Vater, gieb mir ein Pferd!« rief Tölpelhans. »Ich bekomme solche Lust, -mich zu verheiraten. Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie -mich nicht, so nehme ich sie doch!« - -»Was ist das für ein Geschwätz!« sagte der Vater. »Dir gebe ich kein -Pferd. Du kannst ja nicht sprechen!« - -»Soll ich kein Pferd bekommen,« sagte Tölpelhans, »so nehme ich den -Ziegenbock, der gehört mir und ist im Stande mich zu tragen!« Damit -setzte er sich rittlings auf den Ziegenbock, stieß ihm die Hacken in die -Seite und sprengte die Landstraße entlang. Hui, wie das ging! »Hier -komme ich!« rief Tölpelhans und darauf sang er, daß es wiederhallte. - -Die Brüder ritten aber ganz still voran; sie sprachen kein einziges -Wort, sie mußten alle die guten Einfälle, die sie vorbringen wollten, -noch einmal überlegen. - -»Halloh! Halloh!« rief Tölpelhans, »hier komme ich! Seht, was ich auf -der Landstraße fand!« Mit diesen Worten zeigte er ihnen eine tote Krähe, -die er gefunden hatte. - -»Tölpel!« fuhren sie ihn an, »was willst du mit derselben?« - -»Ich will sie der Königstochter schenken!« - -»Ja, thue es!« sagten sie, lachten und ritten weiter. - -Da rief Tölpelhans wieder: »Halloh! Halloh! Hier komme ich! Seht, was -ich jetzt gefunden habe!« - -Die Brüder wandten sich wieder um, sich den seltenen Schatz anzusehen. -»Tölpel!« sagten sie, »das ist ja ein alter Holzschuh, von welchem der -obere Teil abgegangen ist! Soll die Königstochter den etwa auch haben?« - -»Das soll sie!« sagte Tölpelhans, und die Brüder lachten, ritten weiter -und kamen ihm eine große Strecke voraus. - -»Halloh! Halloh! Hier bin ich!« rief Tölpelhans. - -»Was hast du wieder gefunden?« fragten die Brüder. - -»Oh!« sagte Tölpelhans, »es ist eigentlich kein Gesprächsgegenstand! Wie -sie sich aber freuen wird, die Königstochter!« - -»Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja Schlamm, der aus dem -Straßengraben ausgeworfen ist.« - -»Das stimmt!« sagte Tölpelhans, »und er ist von der allerfeinsten Art, -daß man ihn gar nicht festhalten kann!« und darauf füllte er sich die -Tasche damit an. - -Aber die Brüder ritten, was das Zeug halten wollte, und überholten ihn -eine ganze Stunde. Sie hielten an dem Stadtthore, an welchem die Freier, -je nach ihrer Ankunft, numeriert und in Reih und Glied gestellt wurden, -je sechs in jedem Gliede und so dicht, daß sie kaum die Arme rühren -konnten. - -Alle übrigen Bewohner des Landes standen rings um das Schloß bis zu den -Fenstern hinauf, um mit anzusehen, wie die Königstochter die Freier -empfing. Merkwürdig! Sobald einer derselben die Schwelle ihres Zimmers -überschritt, verließ ihn sein Rednertalent. - -»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Weg!« - -Jetzt kam derjenige der Brüder, der das Lexikon auswendig wußte, aber -bei dem langen Stehen in Reih und Glied hatte er es völlig vergessen. -Dazu knarrte der Fußboden und die Decke war von Spiegelglas, so daß er -sich selbst auf dem Kopfe sah, und nun standen sogar an jedem Fenster -drei Schreiber und ein Stadtältester, die Alles, was gesprochen wurde, -aufschrieben, damit es sofort in die Zeitung komme. Es war entsetzlich, -es war furchtbar! Und zum Überfluß war im Ofen eingefeuert, daß er -glühte. - -»Hier herrscht eine drückende Hitze!« begann der Freier das Gespräch. - -»Das kommt daher, weil mein Vater heute junge Hähne bratet!« sagte die -Königstochter. - -Da stand er; nicht ein Wort wußte er zu erwiedern. -- Bäh! -- - -»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Weg!« und so mußte er seiner -Wege ziehen. Nun kam der zweite Bruder. - -»Hier ist eine entsetzliche Hitze!« sagte er. - -»Ja, wir braten heute junge Hähne!« versetzte die Königstochter. - -»Wie belie -- --« fragte er, und alle Schreiber schrieben: »Wie belie -- ---?« - -»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Weg!« - -Nun kam Tölpelhans, er ritt auf seinem Ziegenbocke gerade in das Zimmer -hinein. »Das ist denn doch eine glühende Hitze!« sagte er. - -»Das rührt davon her, daß ich junge Hähne brate!« entgegnete die -Königstochter. - -»Das wäre ja herrlich!« sagte Tölpelhans, »dann kann ich wohl auch eine -Krähe gebraten bekommen?« - -»Den Gefallen will ich Ihnen gern erweisen!« erwiederte die -Königstochter, »aber haben Sie auch etwas, worin sie gebraten werden -kann, denn ich habe hier weder Topf noch Pfanne!« - -»Hier ist ein vortreffliches Kochgeschirr,« rief Tölpelhans fröhlich, -zog den alten Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein. - -»Aber wo bekommen wir die Sauce her?« meinte die Königstochter. - -»Die habe ich in der Tasche!« sagte Tölpelhans und darauf schüttete er -etwas Schlamm aus der Tasche. - -»Du gefällst mir,« sagte die Königstochter, »du kannst doch antworten -und du kannst reden, und dich will ich zu meinem Gemahle erheben! Aber -weißt du wohl, daß jedes Wort, das wir sagen und gesagt haben, -aufgeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster -siehst du drei Schreiber und einen Stadtältesten stehen.« - -»Das sind wohl die Herrschaften da!« versetzte Tölpelhans. »Dann muß ich -dem Stadtältesten schon mein Bestes schenken!« Zugleich wandte er seine -Taschen um und warf ihm den ganzen Schlamm gerade ins Gesicht. - -»Da hast du dir gut zu helfen gewußt!« sagte die Königstochter. »Das -hätte ich nicht zu thun vermocht! Aber ich werde es wohl noch lernen!« --- - -Und so wurde Tölpelhans denn König, bekam eine Frau und eine Krone und -saß auf einem Throne, und das alles haben wir der Zeitung des -Stadtältesten entnommen -- auf die freilich auch kein rechter Verlaß -ist. - - - - -Fünf in einer Schote. - - [Abbildung/Illustration: pic37.jpg] - - -Fünf Erbsen saßen der Reihe nach in einer Schote. Sie waren grün und die -Schote war grün, und deshalb glaubten sie, daß die ganze Welt grün wäre -und das war völlig richtig. Die Sonne schien und erwärmte von außen die -Schote, der Regen machte sie rein und durchsichtig. Es war in ihr warm -und schön, hell des Tages und finster des Nachts, wie es sein mußte, und -die Erbsen wurden, wie sie so dasaßen, immer größer und nachdenklicher, -denn mit etwas mußten sie sich doch beschäftigen. - -»Sollen wir hier immer sitzen bleiben?« sagten sie. »Wenn wir von dem -langen Sitzen nur nicht hart werden. Es kommt uns fast so vor, als ob es -auch da draußen noch etwas gibt; eine Ahnung sagt uns das!« - -Und Wochen vergingen; die Erbsen wurden gelb und die Schote wurde gelb. -»Die ganze Welt wird gelb!« sagten sie, und das durften sie wohl -behaupten. - -Da empfanden sie einen Ruck in der Schote; sie wurde abgerissen, kam in -Menschenhände und wurde mit mehreren andern gefüllten Schoten in eine -Rocktasche gesteckt. »Nun werden wir bald geöffnet werden!« sagten sie. - -»Ich möchte nur wissen, wer von uns es am weitesten bringen wird,« sagte -die kleinste Erbse. - -»Geschehe, was da wolle!« sagte die größte. - -»Krach!« da platzte die Schote, und alle fünf Erbsen rollten in den -hellen Sonnenschein hinaus. Sie lagen in einer Kinderhand; ein kleiner -Knabe hielt sie fest und sagte, die Erbsen wären gerade recht für seine -Knallbüchse; und sogleich schoß er eine weg. - -»Nun fliege ich in die weite Welt! Halt mich, wenn du kannst!« und dann -war sie fort. - -»Ich,« sagte die zweite, »fliege gerade in die Sonne hinein, das ist -eine richtige Erbsenschote und sehr passend für mich.« Weg war sie. - -»Wir schlafen, wohin wir kommen,« sagen die beiden andern, »aber wir -werden schon noch vorwärts rollen!« und damit rollten sie erst auf die -Erde, ehe sie in die Knallbüchse kamen, aber hinein kamen sie. »Wir -bringen es am weitesten!« - -»Geschehe, was da wolle!« sagte die letzte und wurde in die Höhe -geschossen. Sie flog gegen das alte Brett unter dem Giebelstubenfenster, -gerade in eine Ritze, die mit Moos und lockerer Erde ausgefüllt war, und -das Moos schloß sich wärmend um sie. Da lag sie verborgen, aber nicht -vergessen von Gott. »Geschehe, was da wolle!« sagte sie. - -Die kleine Giebelstube wurde von einer armen Frau bewohnt, die am Tage -ausging, um allerlei schwere Arbeiten zu verrichten, denn Kräfte hatte -sie und fleißig war sie, aber gleichwohl blieb sie arm. Zu Hause in der -kleinen Stube lag während dessen ihre halberwachsene einzige Tochter; -sie war zart und fein; ein ganzes Jahr hatte sie zu Bett gelegen und -schien weder leben noch sterben zu können. - -»Sie geht zu ihrer kleinen Schwester!« sagte die Frau. »Ich hatte nur -zwei Kinder, aber da teilte der liebe Gott mit mir und nahm das eine zu -sich! Nun möchte ich wohl gern das andere behalten, das mir noch übrig -geblieben ist, aber er will sie wohl nicht getrennt lassen, und sie geht -zu ihrer kleinen Schwester hinauf!« - -Aber das kranke Mädchen starb nicht; geduldig und still lag es den -ganzen Tag da, während die Mutter auf Verdienst abwesend war. - -Es war Frühling und noch früh am Morgen. Gerade als die Mutter auf ihre -Arbeit gehen wollte, schien die Sonne gar freundlich zum kleinen Fenster -hinein auf den Fußboden, und das kranke Mädchen richtete seinen Blick -auf die unterste Scheibe. - -»Was ist doch das für Grünes dort neben der Scheibe? Es bewegt sich im -Winde!« - -Die Mutter trat an das Fenster und öffnete es halb. »Ih!« sagte sie, -»das ist wahrhaftig eine junge Erbse, die mit ihren grünen Blättchen -hervorgesproßt ist. Wie ist die hier in die Spalte hinaufgekommen? -Da hast du ja einen kleinen Garten, an dessen Anblick du dich weiden -kannst!« - -Das Bett der Kranken wurde näher an das Fenster gerückt, von wo sie die -hervorsprossende Erbse erblicken konnte, und die Mutter ging auf Arbeit -aus. - -»Mutter, ich glaube, ich erhole mich wieder!« sagte am Abend das kleine -Mädchen. »Die Sonne hat heute so warm zu mir hereingeschienen. Die -kleine Erbse gedeiht vortrefflich; und ich will auch gedeihen und mich -im Sonnenscheine wieder erholen.« - -»Oh daß es so geschehen möchte!« sagte die Mutter, doch glaubte sie -nicht an die Möglichkeit. Allein neben das grüne Pflänzlein, welches -ihrem Kinde so frohe Lebensgedanken eingeflößt hatte, steckte sie einen -kleinen Stock, damit der Wind ihm nicht schaden könne, und so gedieh und -wuchs es lustig. - -»Sie setzt sogar Blüten an,« sagte die Mutter, und nun begann sie auch -zu hoffen, daß ihr Kind sich wieder erholen könne, denn es hatte sich -des Morgens selbst im Bett aufgerichtet und mit strahlenden Augen seinen -kleinen Erbsengarten, den die eine einzige Erbse bildete, betrachtet. In -der nächsten Woche war die Kranke zum erstenmale über eine Stunde auf. -Draußen vor'm Fenster war eine weißrote Erbsenblüte völlig aufgebrochen. -Das Mädchen küßte die feinen Blätter ganz leise. Dieser Tag war ein -Festtag für sie. - -»Der liebe Gott hat sie selbst gepflanzt und dann gedeihen lassen, um -dir, mein teures Kind, und mir damit Hoffnung und Freude zu geben!« -sagte die frohe Mutter und lächelte der Blume zu, wie einem guten, -gottgesandten Engel. - -Aber nun die andern Erbsen! -- ja die, welche in die weite Welt -hinausflog: »Halte mich, wenn du kannst!« fiel in die Dachrinne und -geriet in einen Taubenkropf, wo sie lag wie Jonas in dem Wallfischbauch. -Die beiden faulen brachten es gerade ebensoweit, sie wurden ebenfalls -von Tauben aufgepickt und das heißt wenigstens einen soliden Nutzen -schaffen; aber die vierte, welche sich bis in die Sonne emporschwingen -wollte -- -- die fiel in den Rinnstein und lag Tage und Wochen darin, -in dem schmutzigen Wasser, wo sie entsetzlich aufschwoll. - -»Ich werde prächtig dick!« sagte die Erbse. »Ich werde noch platzen, und -weiter, glaube ich, kann es keine Erbse bringen, oder hat es je -gebracht. Ich bin die ausgezeichnetste von den fünf aus derselben -Schote!« -- Und der Rinnstein gab dieser Ansicht seinen Beifall. - -Aber an dem Dachfenster stand das Mädchen mit leuchtenden Augen und mit -Gesundheit auf den Wangen, und sie faltete ihre Hände über der -Erbsenblüte und dankte Gott für dieselbe. - - - - -Das Märchen vom Sandmann. - - [Abbildungen/Illustrations: pic39.jpg, pic43.jpg] - - -In der ganzen Welt versteht niemand so schöne Geschichten zu erzählen -wie der alte liebe _Sandmann_. Gegen Abend, wenn die Kinder noch hübsch -artig am Tische oder auf ihrem Stühlchen sitzen, kommt das alte Männchen -ganz leise die Treppe herauf, denn es geht auf Socken. Husch, öffnet es -die Thüre und streut den Kindern Sandkörnchen in die Augen, so fein, so -fein, aber doch immer genug, daß sie nicht länger die Augen aufzuhalten -vermögen. Deshalb sind sie auch nicht im stande, ihn zu sehen. Er -schlüpft gerade hinter sie, bläst ihnen sanft in den Nacken und dann -wird ihnen das Köpfchen gar schwer. O ja, aber es thut ihnen nicht weh, -denn der Sandmann meint es mit den Kindern gerade gut. Er verlangt nur, -daß sie ruhig sein sollen, und das sind sie am besten, wenn man sie zu -Bette bringt. - -Sobald die Kinder nun schlafen, setzt sich das alte Männchen zu ihnen -auf das Bett. Er geht stattlich einher; sein Rock ist von Seidenzeug, -aber es ist unmöglich, die Farbe desselben zu bestimmen, denn er -schillert grün, rot und blau, je nach welcher Richtung er sich dreht. -Unter jedem Arm hält er einen Regenschirm, einen mit Bildern darauf, -welchen er über die Kinder ausspannt und dann träumen sie die ganze -Nacht die herrlichsten Geschichten, und einen ohne irgend eine -Zeichnung. Diesen stellt er über die unartigen Kinder, damit sie ganz -bewußtlos schlafen. Wenn sie am Morgen aufwachen, haben sie dann nicht -das Allermindeste geträumt. - -Nun wollen wir hören, wie der Sandmann eine ganze Woche lang jeden Abend -zu einem kleinen Knaben, der _Hjalmar_ hieß, kam und was er ihm -erzählte! Es sind im ganzen sieben Geschichten, weil es sieben -Wochentage giebt. - - -_Montag._ - -»Nun will ich dir meinen ganzen Staat zeigen,« sagte der Sandmann am -Abend zum Hjalmar, der im Bette lag. - -Da verwandelten sich alle Blumen in den Blumentöpfen zu großen Bäumen, -die ihre langen Zweige unter der Decke hin und die Wände entlang -streckten, so daß die ganze Stube wie das herrlichste Lusthaus aussah. -Alle Zweige waren voll Blumen, und jede Blume war schöner als eine Rose, -duftete balsamisch und, wollte man sie essen, war sie süßer als -Eingemachtes. Die Früchte glänzten gerade wie Gold, und Weißbrödchen -waren da, die vor lauter Rosinen platzten -- es war unvergleichlich -schön. Plötzlich aber ließ sich in dem Tischkasten, wo Hjalmars -Schulbücher lagen, ein entsetzliches Jammern vernehmen. - -»Was ist das nur?« fragte der Sandmann, und zog den Tischkasten auf. -Es war die Tafel, in der es zerrte und zupfte, denn es hatte sich eine -falsche Zahl in das Rechenexempel eingeschlichen, so daß die Zahlen -auseinander laufen wollten. Der Griffel hüpfte und sprang an seiner -Schnur, als stellte er einen kleinen Hund vor, der dem Rechenexempel -helfen möchte, aber er war es nicht im Stande. Und dann jammerte es auch -in Hjalmars Schreibebuch, daß es ordentlich häßlich mit anzuhören war. -Auf jeder Seite standen der Länge nach von oben nach unten sämtliche -große Buchstaben, ein jeder mit einem kleinen zur Seite, einer hinter -dem andern. Das bildete die Vorschrift, und neben dieser standen wieder -einige Buchstaben, die sich einbildeten, ebenso auszusehen, weil sie aus -Hjalmars eigener Feder herrührten. Aber, o weh! sie sahen fast aus, als -ob sie über die Linien, auf denen sie doch stehen sollten, gestolpert -wären. - -»Seht, so solltet ihr euch halten!« sagte die Vorschrift. »Seht, etwas -schräg, aber mit kräftigem Schwung!« -- »O, wir wollen gern,« sagten -Hjalmars Buchstaben, »aber wir können nicht, wir sind so schlimm und -unwissend!« -- »Dann sollt ihr Kinderpulver bekommen!« sagte der -Sandmann. -- »O nein!« riefen sie und dann standen sie mit einem male -kerzengerade, daß es eine Lust war. -- »Heute werden keine Geschichten -erzählt!« sagte der Sandmann. »Jetzt muß ich sie einexerzieren! Eins, -zwei! Eins, zwei!« Nun exerzierte er die Buchstaben ein, und sie standen -so gerade und gesund da, wie nur eine Vorschrift immer stehen kann. Als -aber der Sandmann ging und Hjalmar am Morgen nachsah, da waren sie eben -so jämmerlich wie zuvor. - - -_Dienstag._ - -Sobald Hjalmar im Bette war, benetzte der Sandmann mit seiner kleinen -Zauberspritze alle Möbel in der Stube, und sofort begannen sie zu -plaudern und plauderten sämtlich von sich selbst. - -Über der Kommode hing ein großes Gemälde in einem reich vergoldeten -Rahmen, welches eine herrliche Landschaft darstellte. Als der Sandmann -dasselbe mit seiner Zauberspritze benetzt hatte, begannen die Vögel -darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken flogen so -natürlich, daß man ihren Schatten über die Landschaft konnte -dahinschweben sehen. - -Nun hob der Sandmann den kleinen Hjalmar so hoch, daß derselbe seine -Füße in den Rahmen hineinstellen konnte und zwar gerade in das hohe -Gras. Da stand er nun. Die Sonne schien durch die Zweige auf ihn -hernieder. Er lief hin an das Wasser und setzte sich in ein kleines -Boot, welches da lag. Es war rot und weiß angestrichen, die Segel -leuchteten wie Silber, und zwei herrliche, schneeweiße Schwäne kamen -herbei, spannten sich vor das Boot und zogen es an dem grünen Walde -vorüber. Die prächtigsten Fische mit silbernen und goldenen Schuppen -schwammen hinter dem Boote her; bisweilen schnellten sie über das Wasser -empor, daß es plätscherte, und Vögel flogen in zwei langen Reihen hinten -nach, die Mücken tanzten und die Maikäfer brummten »bum, bum«. Alle -wollten Hjalmar folgen und jeder hatte eine Geschichte zu erzählen. - -Das war allerdings eine Segelfahrt, wie sie sein mußte! Bald waren die -Wälder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Park mit -Sonnenschein und Blumen, und große Schlösser von Glas und Marmor lagen -darin. Auf den Altanen standen Prinzessinen, und alle waren kleine -Mädchen, die Hjalmar recht wohl kannte, denn er hatte schon früher mit -ihnen gespielt. Bei jedem Schlosse standen kleine Prinzen Schildwache. -Sie schulterten mit goldenen Säbeln und ließen Rosinen und Zinnsoldaten -regnen. Das waren wirkliche Prinzen. - -Bald segelte Hjalmar durch Wälder, bald gerade durch große Säle oder -mitten durch eine Stadt. Er kam auch durch diejenige, in welcher sein -Kindermädchen wohnte, das gute Mädchen welches ihn getragen hatte, als -er ein ganz, ganz kleiner Knabe war und das ihn so lieb gehabt. Dasselbe -nickte und winkte und sang den niedlichen Vers, den es selbst gedichtet -und Hjalmar gesandt hatte: - - Ich denke dein in mancher Stund', - Du süßes Kind, du Liebling mein! - Ich hab' geküßt dir deinen Mund, - Die Stirne, Wangen, rot und fein! - Dein erstes Wort vernahm mein Ohr! - Doch mußt' ich fort, vergiß mein nicht! - Gott segne dich, den ich verlor, - Du Engel aus des Herren Licht! - -Und alle Vögel sangen mit, die Blumen tanzten auf ihren Stengeln und die -alten Bäume nickten, als ob der Sandmann auch ihnen Geschichten -erzählte. - - -_Mittwoch._ - -Nein, wie der Regen herniederströmte! Hjalmar konnte es im Schlafe -hören, und als der Sandmann ein Fenster öffnete, stand das Wasser gerade -bis an das Fenster hinauf. Ein ganzer See wälzte sich schon da draußen -und das prächtigste Schiff lag hart vor dem Hause. - -»Willst du mitsegeln, kleiner Hjalmar?« fragte der Sandmann, »dann -kannst du heute Nacht nach fremden Ländern reisen und morgen doch wieder -hier sein!« - -Im Nu stand da Hjalmar in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem -prächtigen Schiffe und sofort heiterte sich das Wetter auf und sie -segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche, und nun war alles -eine große, wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu -erblicken war. Sie bemerkten auch eine Schar Störche, die gleichfalls -die Heimat verlassen hatten und nach den warmen Ländern wollten. Ein -Storch flog dicht hinter dem anderen und sie waren schon weit, weit -geflogen. Einer derselben war so müde, daß ihn seine Flügel kaum noch -länger zu tragen vermochten. Er blieb hinter den anderen zurück, machte -noch ein paar Flügelschläge, dann ließ er sich hinabsinken und -- bums! -da stand er auf dem Verdecke. - -Da nahm ihn der Schiffsjunge und sperrte ihn in das Hühnerhaus zu den -Hühnern, Enten und Truthähnen. Der arme Storch stand ganz -eingeschüchtert mitten unter ihnen. - -»Seht ihr den nicht?« gackerten alle Hühner. - -Der kalekutische Hahn blies sich aus Leibeskräften auf und fragte ihn, -wer er wäre? Die Enten gingen rückwärts und stießen einander an: »Spute -dich, spute dich!« - -Der Storch erzählte vom warmen Afrika, von den Pyramiden und vom -Strauße, der wie ein wildes Pferd durch die Wüste dahinstürme, aber die -Enten verstanden nicht, was er sagte, und darum stießen sie einander an: -»Wir sind wohl einig darüber, daß er dumm ist?« - -»Ja, er ist sicherlich dumm!« sagte der kalekutische Hahn und kollerte -dann. Da schwieg der Storch ganz still und dachte an sein Afrika. - -Aber Hjalmar ging hin zum Hühnerhause, öffnete die Thüre, rief den -Storch und dieser hüpfte auf das Verdeck zu ihm hinaus. Nun hatte er -sich ausgeruht, und es war gerade, als ob er Hjalmar zunickte, um sich -bei ihm zu bedanken. Darauf breitete er seine Schwingen aus und flog -nach den warmen Ländern, aber die Hühner gluckten, die Enten -schnatterten und der kalekutische Hahn wurde ganz rot am Kopfe. - -»Morgen wollen wir Suppe von euch kochen!« sagte Hjalmar und da erwachte -er und lag in seinem Bettchen. - - -_Donnerstag._ - -»Weißt du was?« sagte der Sandmann, »fürchte dich nur nicht; hier wirst -du eine kleine Maus gewahren!« und dabei hielt er ihm seine Hand mit dem -leichten, niedlichen Tierchen hin. »Sie ist gekommen, dich zur Hochzeit -einzuladen. Hier sind zwei Mäuschen, die heute Nacht in den Ehestand -treten wollen. Sie wohnen unter dem Fußboden in deiner Mutter -Speisekammer.« - -»Aber wie kann ich durch das kleine Mäuseloch im Fußboden -hindurchkommen?« fragte Hjalmar. - -»Laß mich nur machen!« versetzte der Sandmann. »Ich will dich schon -klein genug bekommen!« Darauf benetzte er Hjalmar mit seiner -Zauberspritze, der nun sofort kleiner und kleiner wurde, bis er zuletzt -nur fingergroß war. - -»Nun kannst du dir vom Zinnsoldaten die Kleider borgen, ich denke, sie -werden dir jetzt schon passen, und es nimmt sich gut aus, sich in -Gesellschaft in Uniform zu zeigen.« - -»Jawohl!« sagte Hjalmar, und dann war er im Augenblicke wie der -niedlichste Zinnsoldat angekleidet. - -»Wollen Sie nicht so freundlich sein, sich in Ihrer Frau Mutter -Fingerhut zu setzen?« sagte die kleine Maus, »dann werde ich die Ehre -haben, Sie zu ziehen!« - -»O Himmel! Will sich das Fräulein selbst bemühen!« sagte Hjalmar, und so -fuhren sie zur Mäusehochzeit. - -Zuerst gelangten sie in einen weitläufigen Gang unter dem Fußboden, der -nicht höher war, als daß sie ohne anzustoßen mit dem Fingerhut darin -fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holz erleuchtet. - -»Riecht es hier nicht prächtig?« sagte die Maus, welche ihn zog. »Der -ganze Gang ist mit Speckschwarten eingerieben.« - -Nun kamen sie in den Brautsaal hinein; hier standen zur Rechten alle die -kleinen Mäusefräulein, und die zischelten und tuschelten, als ob sie -sich über einander lustig machten. Zur Linken standen alle jungen -Mäuseherren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; aber mitten -im Kreise erblickte man das Brautpaar. Sie standen in einer ausgehöhlten -Käserinde. - -Immer mehr und mehr Fremde erschienen; es fehlte nicht viel, so hätten -die Mäuse einander tot getreten; dazu hatte sich das Brautpaar mitten in -die Thür gestellt, so daß man weder hinein noch hinaus gelangen konnte. -Wie der Gang, so war auch das ganze Zimmer mit Speckschwarten -eingerieben; das war die ganze Bewirtung; indes wurde zum Nachtisch eine -Erbse vorgewiesen, in welche eine kleine Maus aus der Familie die Namen -des Brautpaares hineingebissen, d.h. die ersten Buchstaben. Es war etwas -ganz Außerordentliches. - -Alle Mäuse versicherten, es wäre eine ausgezeichnete Hochzeit und die -Unterhaltung wäre sehr vergnügt gewesen. - -Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause. Er war zwar in vornehmer -Gesellschaft gewesen, hatte aber auch gehörig zusammenkriechen, sich -klein machen und in Zinnsoldaten-Uniform erscheinen müssen. - - -_Freitag._ - -»Was werden wir denn diese Nacht unternehmen?« fragte Hjalmar. - -»Ich weiß nicht, ob du heute Nacht wieder Lust hast, eine Hochzeit -mitzumachen. Sie ist freilich anderer Art als die gestrige. Deiner -Schwester große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann -heißt, soll sich mit der Puppe Bertha verheiraten, und da außerdem -derselben Geburtstag ist, wird es an Geschenken nicht fehlen. Da sieh -einmal!« - -Mit diesen Worten deutete der Sandmann nach dem Tische. Auf demselben -stand das kleine Papphaus mit Licht in den Fenstern, und alle -Zinnsoldaten präsentierten vor der Thüre desselben das Gewehr. Das -Brautpaar saß, ein Jedes gegen einen Tischfuß gelehnt, ganz gedankenvoll -da, und dazu hatte es auch Grund genug. Aber der Sandmann, angethan mit -der Großmutter schwarzem Rocke, vollzog die Trauung. Nach Beendigung -derselben stimmten alle Möbel in der Stube folgendes Lied an: - - Es brause unser Lied empor - Für's teure Paar in hellem Chor. - Sie stehen beide wie ein Pflock, - Denn Handschuhleder ist ihr Rock! - :,: Hurrah! Hurrah! dem schönen Paar, - Das unsrer Stube Zierde war! :,: - -Und nun überreichte man ihnen Geschenke, doch hatten sie sich alle -Eßwaren verbeten. - -»Wollen wir nun das Landleben genießen, oder eine Hochzeitsreise -antreten?« fragte der Bräutigam. Darauf wurde die Schwalbe, die sich in -vielen Ländern umgesehen, und die alte Hofhenne, welche fünfmal Küchlein -ausgebrütet hatte, zu Rate gezogen. Die Schwalbe erzählte von den -schönen, warmen Ländern, wo die Weintrauben groß und schwer an den -Stöcken hängen, wo die Luft so mild wäre und die Berge Farben hätten, -wie man sie hier zu Lande niemals an denselben sieht. - -»Es fehlt ihnen aber doch unser Grünkohl!« sagte die Henne. »Ich brachte -einen Sommer mit allen meinen Kücheln auf dem Lande zu. Dort war eine -Sandgrube, in der wir umhergehen und scharren konnten. Auch hatten wir -Zutritt zu einem Garten mit Grünkohl! O wie grün der war! Ich kann mir -nichts Schöneres denken!« - -»Aber ein Kohlkopf sieht wie der andere aus,« sagte die Schwalbe, »und -dann herrscht hier oft so unangenehme Witterung!« - -»O, daran hat man sich schon gewöhnt!« sagte die Henne. - -»Aber hier ist es kalt, es friert!« - -»Das ist für den Kohl gerade dienlich!« sagte die Henne. »Übrigens kann -es auch bei uns sehr warm sein. Hatten wir nicht vor vier Jahren einen -Sommer, wo fünf Wochen lang eine solche Hitze war, daß man kaum atmen -konnte? Dann leben aber bei uns auch keine giftigen Tiere, wie in jenen -Ländern, und wir sind frei von Räubern! Ein Bösewicht kann der nur sein, -welcher unser Land nicht für das schönste hält! Er verdiente wahrlich -nicht, hier zu weilen!« Weinend unterbrach sich die Henne und setzte -dann schluchzend hinzu: »Auch ich bin gereist! Ich bin einmal in einem -Korbe über zwölf Meilen weit gefahren! Das Reisen gewährt -schlechterdings kein Vergnügen!« - -»Ja, die Henne ist eine vernünftige Frau!« sagte die Puppe Bertha. »Ich -halte nichts davon, eine Gebirgsreise zu unternehmen, denn kaum ist man -oben, so geht es gleich wieder hinunter! Nein, wir wollen hübsch nach -der Sandgrube hinausziehen und uns im Kohlgarten ergehen!« - -Und dabei blieb es! - - -_Sonnabend._ - -»Erzählst du mir nun Geschichten?« fragte der kleine Hjalmar, sobald ihn -der Sandmann zu Bette gebracht hatte. - -»Heute abend haben wir nicht Zeit dazu,« sagte der Sandmann und spannte -seinen schönen Regenschirm über ihn auf. »Sieh nur diese Chinesen an!« -Der ganze Schirm glich einer großen chinesischen Schale mit blauen -Bäumen und spitzen Brücken und kleinen Chinesen darauf, die dastanden -und mit dem Kopfe nickten. »Wir müssen bis morgen die ganze Welt schön -aufgeputzt haben,« sagte der Sandmann, »es ist dann ja ein heiliger Tag, -es ist Sonntag. Ich will auf den Kirchturm steigen, um nachzusehen, ob -die kleinen Kirchengeister die Glocken putzen, damit ihr Geläute schön -klingt; und was die allerschwierigste Arbeit ist, ich will alle Sterne -herunterholen, um sie aufzupolieren. Aber erst müssen sie numeriert -werden und ebenso die Löcher, in denen sie da oben sitzen, damit sie -ihren rechten Platz wieder erhalten können, sonst würden sie nicht -festsitzen und wir bekämen zu viel Sternschnuppen, indem einer nach dem -andern herabpurzelte!« - -»Hören Sie, wissen Sie was, Herr Sandmann!« begann ein altes Portrait, -welches an der Wand hing, an welcher Hjalmar schlief, »ich bin Hjalmars -Urgroßvater. Ich danke Ihnen zwar, daß Sie dem Knaben Geschichten -erzählen, aber Sie dürfen doch seine Begriffe nicht verwirren. Die -Sterne können nicht heruntergeholt und geputzt werden! Die Sterne sind -Weltkörper, gerade so wie unsere Erde, und das ist eben das Gute an -ihnen.« - -»Besten Dank, du alter Urgroßvater!« sagte der Sandmann, »besten Dank! -Du bist ja das Haupt der Familie, du bist das Urhaupt! Aber ich bin -älter als du. Ich bin ein alter Heide. Die Römer und Griechen nannten -mich den Traumgott. Ich bin in die vornehmsten Häuser gekommen und komme -noch hinein. Ich verstehe mit Niedrigen wie mit Großen umzugehen! Nun -kannst du statt meiner erzählen!« Nach diesen Worten verließ der -Sandmann verdrießlich das Zimmer und nahm seinen Schirm mit. - -»Nun, man wird doch wohl seine Meinung noch sagen dürfen!« brummte das -alte Portrait. - -Und da erwachte Hjalmar. - - -_Sonntag._ - -»Guten Abend!« sagte der Sandmann, und Hjalmar nickte, drehte aber -gleich des Urgroßvaters Portrait gegen die Wand um, damit es nicht wie -gestern mitsprechen könnte. - -»Nun mußt du mir Geschichten erzählen: von den fünf grünen Erbsen, die -in einer Schote wohnten, von Hahnenfuß, der Hennenfuß den Hof machte, -und von der Stopfnadel, deren Spitze so fein war, daß sie sich -einbildete, eine Nähnadel zu sein!« - -»Man kann auch des Guten zuviel bekommen!« sagte der Sandmann. »Ich -zeige dir am liebsten etwas, wie du weißt! Ich will dir meinen Bruder -zeigen, aber der kommt zu niemand öfter als einmal. Tritt er zu jemand -heran, so nimmt er ihn mit auf sein Pferd und erzählt ihm Geschichten. -Er weiß nur zwei, die eine ist so unvergleichlich schön, wie sich -niemand in der Welt vorstellen kann; und die andere ist über alle -Beschreibung häßlich und abscheulich!« Darauf hob der Sandmann den -kleinen Hjalmar zum Fenster empor und sagte: »Dort wirst du meinen -Bruder sehen, welchen sie auch den _Tod_ nennen. Siehst du, sein Rock -ist mit Silberstickerei verziert, er trägt eine stattliche -Husarenuniform; ein Mantel von schwarzem Sammet flattert bis über das -Pferd hinaus! Sieh, wie er im Galopp dahinjagt!« - -Und Hjalmar sah, wie der Tod vorwärts eilte und junge wie alte Leute auf -sein Pferd nahm; einige setzte er vorn, andere hinten auf, aber immer -fragte er erst: »Wie steht es mit dem Censurbuche?« -- »Gut!« sagten sie -sämtlich. -- »Ja, laß mich nur selbst sehen!« erwiderte er, und dann -mußten sie ihm das Buch zeigen. Alle nun, die »Sehr gut« und -»Ausgezeichnet« hatten, kamen vorn auf das Pferd und ihnen erzählte er -die herrliche Geschichte; doch diejenigen, welche »Ziemlich gut« und -»Mittelmäßig« hatten, mußten hinten auf und die häßliche Geschichte mit -anhören. Sie schauderten und weinten, sie wollten vom Pferde springen, -vermochten es aber nicht, denn sie waren sofort fest an demselben -angewachsen. - -»Das ist aber der herrlichste Sandmann!« sagte Hjalmar, »vor dem fürchte -ich mich nicht!« - -»Das sollst du auch nicht!« sagte das Männchen. »Sorge nur dafür, daß du -ein gutes Sittenzeugnis erhältst!« -- - -Das ist nun die Geschichte vom Sandmann! Lasse dir heute abend mehr von -ihm erzählen. - - - - -Die Theekanne. - - [Abbildung/Illustration: capI45.jpg] - - -Ich kannte einmal eine stolze Theekanne, stolz auf ihr Porzellan, stolz -auf ihre lange Tülle, stolz auf ihren breiten Henkel. Und davon sprach -sie gern; von ihrem Deckel dagegen sprach sie nicht; er hatte seine -Mängel, und davon spricht man nicht gern, das thun schon die Andern zur -Genüge. Die Tassen, der Sahnentopf und die Zuckerschale, kurzum das -ganze Theegeschirr würden sicherlich die Gebrechlichkeit des Deckels -nicht vergessen, und weit mehr davon reden, als von dem guten Henkel und -der ausgezeichneten Tülle; das wußte die Theekanne. - -»Oh, ich kenne sie!« sprach sie für sich selbst; »ich erkenne auch -ebensogut meine Mängel, und darin besteht meine Demut. Mängel haben wir -ja alle, aber man hat dann auch wieder seine besondere Begabung. Die -Tassen erhielten einen Henkel, die Zuckerschale einen Deckel, ich -erhielt beides und noch eine Tülle, die mich zur Königin am Theetische -macht. Die andern zwei sind nur Dienerinnen des Wohlgeschmacks, ich aber -bin die Spendende, die Herrscherin, ich verbreite Segen unter der -durstenden Menschheit; in meinem Innern werden die Theeblätter in dem -kochenden Wasser verarbeitet.« - -Dies alles sagte die Theekanne in ihrer sorglosen Jugendzeit. Sie stand -auf dem gedeckten Tische, sie wurde von der feinsten Hand gehoben. Aber -die feinste Hand war linkisch, die Theekanne fiel, die Tülle brach ab, -der Henkel brach ab, vom Deckel verlohnt sich's gar nicht erst zu reden. -Besinnungslos lag die Kanne am Boden, weithin entströmte ihr das -kochende Wasser. - -»Nie werde ich diesen entsetzlichen Augenblick vergessen!« sagte die -Theekanne, wenn sie später sich selbst ihren Lebenslauf erzählte. »Ich -wurde Invalide genannt, in einen Winkel gesetzt und einer armen Frau -geschenkt. Ich stieg nun zur Armut hernieder und stand zwecklos da, aber -gerade da, wo ich stand, begann mein besseres Leben. Erde wurde in mich -hineingepackt; für eine Theekanne ist das ebensogut, wie begraben zu -werden, aber in die Erde wurde eine Blumenzwiebel gelegt. Wer sie -hineinlegte, wer sie mir schenkte, weiß ich nicht, aber geschenkt wurde -sie mir. Und die Zwiebel lag in der Erde, die Zwiebel lag in mir, sie -wurde mein lebendiges Herz, wie ich es nie vorher gehabt hatte. Leben -und Kraft lag in mir, allerlei Kräfte regten sich: der Puls schlug, die -Zwiebel keimte, die in ihr schlummernden Gefühle brachen in einer -schönen Blume hervor. Ich sah sie, ich trug sie, ich vergaß mich selbst -in ihrer Schönheit. Sie sagte mir keinen Dank, sie dachte nicht an mich; -sie wurde bewundert und gepriesen. Ich war so froh darüber. Wie hätte -ich es nicht sein müssen! Eines Tages vernahm ich, wie gesagt wurde, sie -verdiene einen besseren Topf. Man zerbrach mich in Stücke. Oh, das that -schrecklich weh, aber die Blume kam in einen besseren Topf. Und ich? Ich -wurde hinausgeworfen in den Hof, ich liege nun als alter Scherben da. -Aber in mir lebt die Erinnerung fort und die kann mir niemand rauben.« - - - - -Die Blumen der kleinen Ida. - - [Abbildungen/Illustrations: capT46.jpg, pic49.jpg] - - -»Tausend noch einmal, sind meine armen Blumen welk!« rief bestürzt die -kleine _Ida_. »Gestern abend waren sie noch so schön und nun hängen sie -alle vertrocknet die Köpfchen. Warum thun sie das?« fragte sie den -Studenten, den sie sehr gern hatte, weil er schöne Geschichten wußte und -drollige Bilder ausschnitt: Herzen mit kleinen Mädchen darin, welche -tanzten, und große Schlösser, deren Thüren sich öffnen ließen. - -»Ja, weißt du, was deinen Blumen fehlt?« sagte der Student, »sie sind -heute Nacht auf dem Balle gewesen und deshalb lassen sie die Köpfe -hängen.« - -»Aber die Blumen können ja nicht tanzen!« sagte die kleine Ida. - -»O ja!« sagte der Student, »sobald es dunkel wird und wir andern -schlafen, dann springen sie lustig umher; fast jede Nacht haben sie -Ball.« - -»Kann denn ein Kind mit auf den Ball kommen?« - -»Ja,« sagte der Student, »die kleinen niedlichen Gänseblümchen und -Maiblümchen.« - -»Wo tanzen die schönen Blumen?« fragte die kleine Ida. - -»Bist du nicht öfters vor dem Thore bei dem großen Schlosse gewesen, wo -der König im Sommer wohnt und der schöne Garten mit den vielen Blumen -ist? Du hast ja die Schwäne gesehen, die auf dich zuschwimmen, wenn du -ihnen Brotkrümchen geben willst. Dort findet wirklich Ball statt, das -kannst du mir glauben!« - -»Erst gestern ging ich mit meiner Mutter draußen im Garten!« sagte Ida, -»aber an allen Bäumen fehlten die Blätter und es waren gar keine Blumen -mehr da! Wo sind sie? Im Sommer sah ich so viele!« - -»Die sind drinnen im Schlosse!« sagte der Student. »Du mußt wissen, -sobald der König und alle Hofleute wieder in die Stadt ziehen, dann -laufen die Blumen sofort aus dem Garten auf das Schloß und sind lustig. -Das solltest du einmal sehen. Die beiden reizendsten Rosen setzen sich -auf den Thron und sind dann König und Königin. Die großen Hahnenkämme -stellen sich alle an der Seite auf und stehen und verneigen sich. Das -sind die Kammerjunker. Nun kommen die niedlichsten Blumen und dann ist -da großer Ball. Die blauen Veilchen stellen kleine Seekadetten vor, sie -tanzen mit Hyazinthen und Crocus, welche sie Fräulein anreden. Die -Tulpen und Feuerlilien, das sind Matronen, die passen auf, daß recht -schön getanzt wird und alles fein ordentlich hergeht.« - -»Aber,« fragte die kleine Ida, »ist denn niemand da, der die Blumen -dafür bestraft, daß sie in des Königs Schlosse tanzen?« - -»Es ist niemand da, der darüber etwas Genaues wüßte!« sagte der Student. -»Mitunter kommt des Nachts freilich der alte Schloßverwalter, der da -draußen die Aufsicht zu führen hat. Sobald aber die Blumen sein großes -Schlüsselbund rasseln hören, verhalten sie sich ganz still, verstecken -sich hinter den langen Vorhängen und stecken den Kopf hervor. »»Mein -Geruch sagte es mir, es sind hier Blumen im Saale!«« sagt der alte -Schloßverwalter, aber sehen kann er sie nicht.« - -»Das ist drollig,« sagte die kleine Ida und klatschte in die Hände. -»Aber könnte ich denn die Blumen nicht auch sehen?« - -»O ja!« sagte der Student, »vergiß nur nicht, sobald du wieder -hinauskommst, durch das Fenster zu schauen, dann siehst du sie sicher. -Das that ich heute, da lag eine lange Narcisse im Sofa und dehnte sich; -das war eine Hofdame.« - -»Kommen auch die Blumen aus dem botanischen Garten da hinaus? Können sie -den weiten Weg machen?« - -»Jawohl!« sagte der Student, »denn, sobald sie wollen, können sie -fliegen. Hast du nicht schon die herrlichen Schmetterlinge gesehen, die -roten, gelben und weißen? Sie sehen fast wie Blumen aus und sind es auch -gewesen. Sie sind vom Stengel hoch hinauf in die Luft gesprungen und -haben dann mit ihren Blättern wie mit kleinen Flügeln geschlagen, und -nun flogen sie. Da sie sich gut aufführten, durften sie auch am Tage -fliegen, brauchten nicht wieder nach Hause zu kommen und still auf dem -Stengel zu sitzen, und so wurden diese Blätter schließlich wirkliche -Flügel. Das hast du ja selbst gesehen.« - -»Ach wie drollig!« sagte die kleine Ida und lachte. - -»Wie kann man einem Kinde dergleichen vorreden!« sagte der mürrische -Kanzleirat, welcher zum Besuch gekommen war und im Sofa saß. Er konnte -den Studenten gar nicht leiden und brummte stets, wenn er ihn die -komischen Bilder ausschneiden sah. - -Aber der kleinen Ida kam es doch ganz lustig vor, was ihr der Student -von ihren Blumen erzählte und sie dachte viel daran. - -Die Blumen ließen also die Köpfe hängen, weil sie vom nächtlichen Tanze -müde waren; sie waren gewiß krank. Im Puppenbette lag ihre Puppe Sophie -und schlief, aber die kleine Ida sagte zu ihr: »Du mußt leider -aufstehen, Sophie, und damit fürlieb nehmen, heute Nacht im Schubfache -zu liegen; die armen Blumen sind krank und da müssen sie in deinem Bette -liegen; vielleicht werden sie dann wieder frisch und wohl!« Damit nahm -sie die Puppe heraus, die sehr ärgerlich aussah und kein einziges Wort -sagte, denn es verdroß sie, daß sie nicht ihr Bett behalten durfte. - -Dann legte Ida die Blumen in das Puppenbett, zog die kleine Decke ganz -über sie und sagte, sie sollten nun hübsch stille liegen, sie würde -ihnen dann Thee kochen, damit sie wieder wohl und frisch werden und -morgen wieder aufstehen könnten. Die Vorhänge zog sie dicht um das -kleine Bett, damit die Sonne ihnen nicht in die Augen scheinen sollte. - -Auch den ganzen Abend hindurch konnte sie sich nicht enthalten, an das -zu denken, was ihr der Student erzählt hatte. Als sie nun selbst zu Bett -sollte, huschte sie erst hinter die Gardinen vor den Fenstern, wo die -prächtigen Blumen ihrer Mutter, Hyazinthen und Tulpen, standen, und -flüsterte ihnen ganz leise zu: »Ich weiß es nun, ihr sollt heute Nacht -auf den Ball!« Aber die Blumen thaten, als verständen sie nichts und -rührten kein Blatt, allein die kleine Ida wußte doch, was sie wußte. - -Als sie nun zu Bett gegangen war, lag sie noch lange und dachte, wie -hübsch es doch sein müßte, die herrlichen Blumen draußen auf dem -Schlosse des Königs tanzen zu sehen. »Ob meine Blumen wohl wirklich mit -dabei gewesen sind?« Dann fiel sie aber in Schlaf. In der Nacht erwachte -sie wieder. Sie hatte von den Blumen und dem Studenten geträumt, den der -Kanzleirat ausgezankt und dabei gesagt hatte, er wollte ihr bloß etwas -weis machen. In der Schlafkammer, wo Ida lag, war es ganz stille; die -Nachtlampe brannte auf dem Tische und ihr Vater und ihre Mutter -schliefen. - -»Ob meine Blumen jetzt wohl in Sophiens Bett liegen?« sagte sie bei sich -selbst; »ich möchte es doch gar zu gern wissen!« Sie richtete sich ein -wenig auf und blickte nach der Thüre. Sie war nur angelehnt und drinnen -lagen die Blumen und all ihr Spielzeug. Sie lauschte und da war es ihr, -als hörte sie drinnen in der Stube auf dem Klavier spielen, aber ganz -leise und so hübsch, wie sie nie zuvor gehört hatte. - -»Jetzt tanzen gewiß alle Blumen drinnen!« sagte sie; »ach, wie gern -möchte ich es doch sehen!« aber sie durfte nicht aufstehen, weil sie -sonst Vater und Mutter geweckt hätte. »Wenn sie doch nur hereinkommen -wollten!« sagte sie; aber die Blumen kamen nicht. Als nun die hübsche -Musik immer weiter spielte, konnte sie es nicht länger mehr aushalten, -denn es war zu herrlich. Unhörbar kletterte sie aus ihrem kleinen Bette, -ging ganz leise nach der Thüre und sah in die Stube hinein. Nein, war -das drollig, was sie nun zu sehen bekam! - -Eine Nachtlampe brannte nicht darin, aber der Mond schien durch das -Fenster mitten auf den Fußboden, so daß es fast tageshell war. Alle -Hyazinthen und Tulpen standen in zwei langen Reihen auf dem Boden, -am Fenster waren keine mehr zu sehen, da standen die leeren Töpfe. Auf -dem Boden tanzten die Blumen ganz niedlich um einander herum, bildeten -ordentliche Ketten und hielten einander an den langen grünen Blättern, -wenn sie sich herumschwenkten. Am Klavier saß eine große Feuerlilie, -welche die kleine Ida bestimmt im Sommer gesehen hatte, denn sie -erinnerte sich noch ganz wohl, daß der Student gesagt hatte: »Seht nur, -wie sie dem Fräulein Lina ähnelt!« Damals hatte Ida gelacht, aber jetzt -sah sie, daß die lange, gelbe Blume dem Fräulein glich. Niemand bemerkte -die kleine Lauscherin. Nun sah sie einen großen blauen Crocus mitten auf -den Tisch springen, auf dem das Spielzeug stand, direkt auf das -Puppenbett zugehen und die Vorhänge auf die Seite schieben. Da lagen die -kranken Blumen, aber sie richteten sich sofort empor und nickten den -andern auf dem Fußboden zu, daß sie auch mittanzen wollten. Der alte -Herr auf dem Räucherkästchen, dem die Unterlippe abgebrochen war, stand -auf und verneigte sich vor den hübschen Blumen. Sie sahen gar nicht mehr -krank aus, hüpften unter die andern hinunter und waren recht vergnügt. - -Horch! War es nicht, als ob etwas vom Tische herunterfiele? Ida schaute -hin. Es war die Fastnachtsrute, welche heruntersprang. Sie schien -ebenfalls mit zu den Blumen zu gehören. Sie war auch sehr niedlich, und -oben in der Spitze saß eine kleine Wachspuppe, die einen genau eben so -breiten Hut auf dem Kopfe hatte, wie ihn der Kanzleirat trug. Die -Fastnachtsrute hüpfte auf ihren drei roten Stelzfüßen mitten unter die -Blumen, und stampfte, weil sie Mazurka tanzte, laut den Boden. Den Tanz -verstanden die andern Blumen nicht, denn sie waren gar leicht und -konnten nicht aufstampfen. - -Die Wachspuppe auf der Fastnachtsrute wurde plötzlich groß und lang, -schwang sich hoch über die Papierblumen empor und rief ganz laut. »Wie -kann man einem Kinde dergleichen vorreden! Das ist dummes Zeug!« und da -ähnelte die Wachspuppe dem Kanzleirate mit seinem breiten Hute auf das -täuschendste; sie sah gerade eben so gelb und brummig aus. Aber die -Papierblumen schlugen ihn an die dünnen Beine und da schrumpfte er -wieder zusammen und wurde eine winzig kleine Wachspuppe. Das war ein zu -komischer Anblick! Die kleine Ida konnte sich des Lachens nicht -enthalten. - -In demselben Augenblicke klopfte es ganz laut inwendig in dem -Schubfache, wo Idas Puppe, Sophie, bei vielem anderen Spielzeug lag. Das -Männchen auf dem Räucherkästchen lief bis an die Kante des Tisches, -legte sich der Länge nach auf den Bauch und fing an den Schubkasten ein -wenig herauszuziehen. Da richtete sich Sophie empor und sah sich ganz -verwundert um. »Hier ist ja Ball!« sagte sie, »warum hat mir es denn -niemand gesagt?« - -»Willst du mit mir tanzen?« fragte das Räuchermännchen. - -»Fürwahr, das stände mir gerade an, mit dir zu tanzen!« sagte sie und -wandte ihm den Rücken. Hierauf setzte sie sich auf das Schubfach und -dachte, es würde schon eine oder die andere Blume kommen und sie -engagieren, aber es kam keine. Nun hustete sie, hm, hm, hm, aber -gleichwohl kam keine. Das Räuchermännchen tanzte ganz allein und gar -nicht so übel. - -Da nun keine der Blumen Sophie zu sehen schien, ließ sie sich vom -Schubfach gerade auf den Boden herabgleiten, so daß ein großer Lärm -entstand. Alle Blumen umringten sie auch gleich und fragten, ob sie sich -keinen Schaden gethan hätte, und sie benahmen sich alle sehr -zuvorkommend gegen sie, besonders die Blumen, die in ihrem Bette gelegen -hatten. Aber sie hatte keinen Schaden genommen und alle Blumen Idas -dankten ihr für das prächtige Bett und bewiesen ihr große Zuneigung. Sie -zogen sie mit sich bis mitten auf den Boden, wo der Mond schien, tanzten -mit ihr und alle andern Blumen schlossen einen Kreis um sie. Nun war -Sophie fröhlich und sagte, sie möchten getrost ihr Bett behalten, sie -läge eben so gern im Schubfache. - -Aber die Blumen sagten: »Empfange unsern besten Dank, allein wir können -nicht mehr lange leben; morgen sind wir tot; sage aber der kleinen Ida, -sie möchte uns draußen im Garten dort, wo der Kanarienvogel liegt, -begraben. Dann würden wir im Sommer noch weit schöner wieder aufblühen!« - -»Nein, ihr dürft nicht sterben!« sagte Sophie und küßte dann die Blumen. -In dem Augenblicke ging die Saalthüre auf und eine große Menge -prachtvoller Blumen tanzte herein. Ida konnte sich gar nicht denken, -woher sie gekommen waren; es waren gewiß die Blumen draußen vom Schlosse -des Königs. An der Spitze gingen zwei herrliche Rosen und trugen kleine -Goldkronen, das war ein König und eine Königin. Darauf folgten die -niedlichsten Levkojen und Nelken, die nach allen Seiten hin grüßten. Sie -hatten Musik mit sich, große Mohnblüten und Päonien bliesen auf -Erbsenschoten, so daß sie ganz rot im Gesicht waren. Die blauen -Glockenblumen und die kleinen weißen Schneeglöckchen klingelten, als ob -sie Schellen trügen. Das war eine komische Musik. Dann kamen gar viele -andere Blumen und tanzten allesamt, die blauen Veilchen und die roten -Tausendschön, die Gänseblümchen und Maiblümchen. Und alle Blumen küßten -einander, was sehr niedlich anzusehen war. - -Schließlich sagten die Blumen einander gute Nacht. Da schlich sich denn -auch die kleine Ida in ihr Bett, wo sie von allem, was sie gesehen -hatte, träumte. - -Als sie am nächsten Morgen aufstand, ging sie sogleich zu dem kleinen -Tische, um zu sehen, ob die Blumen noch dort wären. Sie zog den Vorhang -vor dem kleinen Bett zur Seite, ja, da lagen sie sämtlich, aber sie -waren ganz welk, weit mehr als gestern. Sophie lag im Schubfache, wohin -Ida sie gelegt hatte; sie sah sehr schläfrig aus. - -»Kannst du dich auf das besinnen, was du mir sagen solltest?« fragte die -kleine Ida, allein Sophie machte ein dummes Gesicht und sagte auch nicht -ein einziges Wort. - -»Du bist gar nicht artig,« sagte Ida, »und doch tanzten sie sämtlich mit -dir.« Dann nahm sie ein Papierschächtelchen, das mit niedlichen Vögeln -bemalt war, öffnete es und legte die toten Blumen hinein. »Das soll euer -hübscher Sarg sein,« sagte sie, »und wenn später _Jonas_ und _Adolph_ -kommen, da sollen sie bei dem Begräbnisse draußen im Garten mit zugegen -sein, damit ihr im Sommer wieder wachsen könnt und noch weit schöner -werdet!« - -Jonas und Adolph waren zwei frische Knaben und Spielgenossen von Ida; -ihr Vater hatte jedem von ihnen eine neue Armbrust geschenkt, die sie -bei sich hatten, um sie Ida zu zeigen. Sie erzählte ihnen von den armen -Blumen, die gestorben waren, und dann durften sie dieselben begraben. -Beide gingen mit ihrer Armbrust auf den Schultern voran und die kleine -Ida folgte ihnen mit den toten Blumen in der niedlichen Schachtel. -Draußen im Garten gruben die Kinder ein kleines Grab und Ida setzte die -Blumen, nachdem sie dieselben noch einmal geküßt hatte, mit der -Schachtel in die Erde. Adolph und Jonas schoßen mit der Armbrust über -das Grab, denn sie hatten weder Flinten noch Kanonen. - - - - -Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. - - [Abbildungen/Illustrations: pic51.jpg] - - -Es war entsetzlich kalt; es schneite und der Abend dunkelte bereits; es -war der letzte Abend im Jahre, Sylvesterabend. In dieser Kälte und in -dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit -bloßem Kopfe und mit nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffeln -angehabt, als es von Hause fortging, aber das waren die seiner -verstorbenen Mutter gewesen und da sie ihr nicht paßten, so hatte sie -die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen -in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wieder -aufzufinden und mit dem andern machte sich ein Knabe aus dem Staube. - -Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zierlichen Füßchen, die -vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine -Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des -ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen -gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und -sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen -auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken -hinabfloß. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle -Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war -ja Sylvesterabend und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen -Mädchens. - -In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter -in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine -kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr -und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein -Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Pfennig erhalten -hatte. Es hätte gewiß vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu -Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach über sich und der Wind pfiff -schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen -gestopft waren. Ach, wie gut mußte die Wärme eines Schwefelhölzchens -thun! Wenn es nur wagen dürfte, eines aus dem Schächtelchen -herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu -wärmen! Endlich zog das Kind eines heraus. »Ritsch!« wie sprühte es, wie -brannte es. Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie -ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein -merkwürdiges Licht; es kam dem Mädchen vor, als säße es vor einem großen -eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer -brannte so schön und wärmte so wohlthuend! Die Kleine streckte schon die -Füße aus, um auch diese zu wärmen -- da erlosch die Flamme. Der Ofen -verschwand -- sie saß mit einem Stümpfchen des ausgebrannten -Schwefelholzes in der Hand da. - -Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und die Stelle -der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde durchsichtig wie ein Flor. -Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch gedeckt stand -und köstlich dampfte die gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher -war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und -Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade auf das arme Mädchen zu. -Da erlosch das Schwefelholz und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen. - -Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten -Weihnachtsbaum; er war noch größer und noch weit reicher ausgeputzt als -der, den sie am heiligen Abende bei dem reichen Kaufmann durch die -Glasthüre gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen -Zweigen, und bunte Bilder schauten auf sie hernieder; die Kleine -streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe -- da erlosch das -Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher und -sie sah jetzt erst, daß es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel -herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel. - -»Jetzt stirbt jemand!« sagte die Kleine; denn die alte Großmutter, -welche sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, -hatte gesagt: »Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!« - -Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten -Lichtschein rings umher und im Glanze desselben stand die alte -Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich da. - -»Großmutter!« rief die Kleine, »o nimm mich mit dir! Ich weiß, daß du -verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest, wie der -warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde -Weihnachtsbaum!« Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer -an, welche sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die -Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen -Glanz, daß es heller war als am lichten Tage. So schön, so groß war die -Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm und -hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst -wichen von ihm -- sie waren bei Gott. - -Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine -Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund -- tot, erfroren am -letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der -kleinen Leiche auf, welche mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein -Schächtelchen verbrannt war, dasaß. »Sie hat sich wärmen wollen!« sagte -man. Niemand wußte, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie -mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war. - - - - -Die wilden Schwäne. - - [Abbildungen/Illustrations: pic57.jpg, tafel4.jpg] - - -Weit von hier, dort, wohin die Schwalben fliegen, ehe unser Winter -eintritt, lebte ein König, der hatte elf Söhne und eine Tochter, _Elise_ -genannt. Die elf Prinzen gingen stets mit einem Stern auf der Brust und -dem Säbel an der Seite zur Schule. Sie schrieben mit Diamantgriffeln auf -goldenen Tafeln. Ihre Schwester Elise saß auf einem Stühlchen von -Spiegelglas und besaß ein Bilderbuch, welches das halbe Königreich -gekostet hatte. - -Der König verheiratete sich zum zweitenmal, da er Witwer war, und zwar -mit einer bösen Königin, welche die armen Kinder gar nicht lieb hatte. -Schon den ersten Tag konnten sie es ganz deutlich merken. Im Schloße war -ein großes Fest und da spielten die Kinder: »Es kommt Besuch«; aber -während sie sonst alle Kuchen und Bratäpfel, die nur irgend aufzutreiben -waren, erhielten, gab ihnen die Königin nur Sand in einer Tasse und -sagte, sie könnten ja so thun, als ob es etwas wäre. - -In der folgenden Woche übergab sie die kleine Elise einer Bauernfamilie -auf dem Lande, und es dauerte nicht lange, bis sie dem Könige so viel -über die armen Prinzen in den Kopf gesetzt hatte, daß er sich nun gar -nicht mehr um sie kümmerte. - -»Fliegt hinaus in die Welt und sorgt für euch selber!« sagte die böse -Königin; »fliegt als große Vögel, ohne Stimme.« Aber so schlimm, wie sie -beabsichtigte, konnte sie es doch nicht ausführen: die Prinzen -verwandelten sich in elf herrliche, wilde Schwäne. Mit einem seltsamen -Schrei flogen sie zu den Schloßfenstern hinaus über den Park und Wald -hinweg. - -Es war noch ganz früh, als sie an jenem Bauernhause, in dem ihre -Schwester gerade im Bette lag und schlief, vorbeikamen. Hier schwebten -sie über dem Dache, drehten ihre langen Hälse hin und her und schlugen -mit den Flügeln aber niemand sah oder hörte es. Sie mußten wieder -weiter, hoch zu den Wolken empor, fort in die weite Welt, wo sie bis zu -einem großen finstern Wald flogen, der sich bis an den Meeresstrand -erstreckte. - - [Farbtafel/Plate] - -Die arme kleine Elise stand in der Bauernstube und spielte mit einem -grünen Blatte, denn anderes Spielzeug hatte sie nicht. Sie stach ein -Loch in das Blatt, schaute durch dasselbe zur Sonne hinauf und dann war -es ihr gerade, als wenn sie die hellen Augen ihrer Brüder erblickte. - -Ein Tag verlief wie der andere. Wehte der Wind durch die großen -Rosenhecken draußen vor dem Hause, dann flüsterte er den Rosen zu: »Wer -kann schöner sein als ihr?« aber die Rosen schüttelten den Kopf und -sagten: »Elise ist es!« Und saß am Sonntage die alte Hausmutter vor der -Thüre und las in ihrem Gesangbuch, dann schlug der Wind die Blätter um -und sagte zu dem Buche: »Wer ist frömmer als du?« -- »Elise ist es!« -sagte das Gesangbuch. - -Als Elise fünfzehn Jahre alt war, sollte sie an den Hof ihres Vaters -zurückkehren. Kaum hatte aber die Königin die auffallende Schönheit des -Mädchens gesehen, als auch ihr Herz sogleich von Zorn und Haß gegen sie -erfüllt wurde. Gar zu gern hätte sie nun auch ihre Stieftochter in einen -wilden Schwan verwandelt, doch durfte sie es nicht sogleich wagen, da ja -der König seine Tochter sehen wollte. - -Früh morgens ging die Königin in das Bad, nahm drei Kröten, küßte sie -und sagte zu der einen: »Setze dich, wenn Elise in das Bad kommt, auf -ihren Kopf, damit sie träge wird wie du!« -- »Setze dich auf ihre -Stirn!« sagte sie zu der andern, »damit sie häßlich wird wie du, so daß -sie ihr Vater nicht erkennt!« -- »Ruhe an ihrem Herzen!« flüsterte sie -der dritten zu, »laß sie einen bösen Sinn bekommen, damit sie dadurch -Pein erleidet!« Darauf setzte sie die Kröten in das klare Wasser, -welches sofort eine grünliche Farbe annahm. Nun befahl sie Elise, ein -Bad zu nehmen. Während dieselbe nun in dem grünlichen Wasser -untertauchte, setzte sich ihr die eine Kröte in das Haar, die andere auf -die Stirn und die dritte ans Herz. Elise schien es aber gar nicht zu -bemerken. Als sie sich wieder emporrichtete, schwammen drei rote -Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig gewesen und -hätten sie nicht von der Hexe einen Kuß erhalten, so wären sie in rote -Rosen verwandelt worden, Blumen aber wurden sie trotzdem, weil sie auf -ihrem Haupte und an ihrem Herzen geruht hatten. Sie war zu fromm und -unschuldig, als daß die Zauberkunst Gewalt über sie zu gewinnen -vermochte. - -Als das die böse Königin sah, rieb sie Elise mit Walnußsaft ein, so daß -sie ganz dunkelbraun wurde. Es war jetzt unmöglich, die hübsche Elise -wieder zu erkennen. - -Als ihr Vater sie in diesem Zustand erblickte, erschrak er nicht wenig -und erklärte, das wäre seine Tochter nicht. Niemand wollte sie wieder -erkennen, außer dem Kettenhunde und den Schwalben, das waren aber arme -Tiere und hatten nichts mitzusprechen. - -Da weinte die arme Elise und gedachte ihrer elf Brüder, die alle -verschwunden waren. Betrübt schlich sie sich aus dem Schlosse hinaus und -ging den ganzen Tag über Feld und Sumpf bis in den großen Wald hinein. -Sie wußte zwar nicht, wohin sie wollte, aber in ihrer Betrübnis sehnte -sie sich nach ihren Brüdern, die gewiß, so dachte sie, gleich ihr in die -Welt hinausgejagt worden waren. Diese wollte sie suchen und hoffte sie -auch zu finden. - -Sie war vollständig vom Wege abgekommen und die Nacht brach herein. -Da legte sie sich dann auf das weiche Moos, sprach ihr Abendgebet und -lehnte ihr Köpfchen gegen einen Baumstumpf. Dort war es so still, die -Luft war so mild, und ringsumher im Grase und auf dem Moose funkelten, -wie in grünlichem Feuer, hunderte von Leuchtkäferchen. Als sie einen -Zweig mit der Hand berührte, fielen die leuchtenden Insekten wie -Sternschnuppen zu ihr hernieder. - -Die ganze Nacht träumte sie von ihren Brüdern; als sie erwachte, stand -die Sonne schon hoch. Allerdings konnte sie dieselbe nicht sehen, denn -die hohen Bäume breiteten ihre Zweige dicht und fest aus, aber die -Strahlen spielten dort oben wie ein wehender Goldflor. Sie hörte das -Wasser plätschern, das kam aus vielen, reichen Quellen, welche alle in -einen Teich mündeten, in dem der herrlichste Sandboden war. Zwar wuchs -hier dichtes Gebüsch ringsherum, doch hatten an einer Stelle die Hirsche -eine große Öffnung gebildet und nach dieser Richtung hin ging Elise zum -Wasser. - -Als sie in demselben ihr eigenes Angesicht erblickte, erschrak sie auf -das heftigste, so braun und häßlich war es. Kaum aber hatte sie ihr -kleines Händchen naß gemacht und sich Augen und Stirn damit gerieben, -so schien auch die weiße Haut wieder hervor. Da legte sie flugs ihre -Kleider ab und stieg in's Wasser. Ein schöneres Königskind fand sich -nirgends in der Welt. - -Als sie sich wieder angekleidet und ihr Haar geflochten hatte, ging sie -noch tiefer in den Wald hinein. Dort war es so still, daß sie ihre -eigenen Fußtritte hörte und jedes welke Blatt, welches sich unter ihren -Füßen bog, und sie empfand so recht die Einsamkeit, die sie nie zuvor -gekannt hatte. - -Die zweite Nacht im Walde brach herein. Diesmal funkelte nicht ein -einziges Leuchtkäferchen aus dem Moose hervor und betrübt legte sie sich -zum Schlafe nieder. Da schien es ihr, als beugten sich die Baumzweige -über ihr zur Seite und der liebe Gott sähe mit milden Augen auf sie -hernieder und kleine Engel guckten über seinem Haupte und unter seinen -Armen hervor. - -Als sie am andern Morgen erwachte, wußte sie nicht, ob sie es nur -geträumt hätte oder ob es Wirklichkeit gewesen wäre. - -Sie machte sich wieder auf den Weg und begegnete sehr bald einer alten -Frau, die Beeren in ihrem Korbe trug. Die Alte schenkte ihr einige -derselben und Elise fragte, ob sie nicht elf Prinzen hätte durch den -Wald reiten sehen. - -»Nein,« sagte die Alte, »aber gestern sah ich elf Schwäne mit goldenen -Kronen auf dem Kopfe den Bach hinabschwimmen; ich will dir den Weg dahin -zeigen.« - -Sie führte Elise eine Strecke weiter bis zu einem Abhange, an dessen -Fuße ein Bach vorüberrauschte. - -Elise sagte nun der Alten Lebewohl und ging dann den Bach bis zu seiner -Mündung entlang. - -Da lag nun das ganze herrliche Meer vor dem jungen Mädchen ausgebreitet -da. Aber nicht ein Segel zeigte sich darauf, nicht ein Boot war zu -sehen, auf welchem sie hätte weiter gelangen können. Sie betrachtete die -unzähligen kleinen Steine am Strande; das Wasser hatte sie alle rund -geschliffen. Unermüdlich hatte es darüber hingerollt. - -»Dank für eure Lehre, ihr klaren Wogen!« rief Elise. »Einmal, das sagt -mir mein Herz, werdet ihr mich zu meinen Brüdern tragen!« - -Auf dem angespülten Seegrase lagen elf weise Schwanenfedern; sie -sammelte sie zu einem Strauß. Wassertropfen lagen auf ihnen, ob es Tau -war oder Thränen, konnte niemand sehen. - -Als die Sonne eben untergehen wollte, gewahrte Elise elf wilde Schwäne -mit goldenen Kronen auf dem Kopfe, die dem Lande zuflogen; einer -schwebte hinter dem andern, es sah wie ein langes, weißes Band aus. Da -stieg Elise den Abhang hinauf und versteckte sich hinter einem Busch. -Die Schwäne ließen sich unmittelbar in ihrer Nähe nieder und schlugen -mit ihren großen, weißen Flügeln. - -Als die Sonne unter das Wasser tauchte, sanken plötzlich die -Schwanenhüllen und elf herrliche Prinzen, Elisens Brüder, standen da. -Sie stieß einen lauten Schrei aus, denn, hatten sie sich auch sehr -verändert, so wußte sie doch, daß sie es waren. Rasch sprang sie auf -und umarmte ihre Brüder voller Freude, einen nach dem andern, rief -jeden bei Namen, und die Brüder waren unendlich glücklich, als sie ihr -Schwesterchen, das jetzt so groß und schön war, sahen und erkannten. -Sie lachten und weinten und waren bald darüber einig, wie böse ihre -Stiefmutter gegen sie alle gehandelt hätte. - -»Wir Brüder,« erzählte nun der Älteste, »fliegen als wilde Schwäne, so -lange die Sonne am Himmel steht; ist sie untergegangen, erhalten wir -unsere menschliche Gestalt wieder. Unsere Hauptsorge muß es deshalb -sein, beim Sonnenuntergang festen Grund und Boden unter den Füßen zu -haben, denn fliegen wir dann noch zwischen den Wolken, müssen wir, als -Menschen, in die Tiefe hinabstürzen. Hier wohnen wir nicht; es liegt ein -eben so schönes Land als dieses am jenseitigen Meeresufer; der Weg dahin -ist weit, wir müssen über das große Meer und keine Insel liegt auf -unserm Wege, auf der wir übernachten könnten; nur eine einsame kleine -Klippe ragt inmitten desselben hervor. Sie ist gerade groß genug, daß -wir Seite an Seite dicht nebeneinander ruhen können. Dort übernachten -wir in unserer Menschengestalt; ohne sie könnten wir unser teures -Vaterland nie wiedersehen, denn zwei der längsten Tage des Jahres -gebrauchen wir zu unserem Fluge. Nur einmal jährlich ist es uns -vergönnt, unsere Heimat zu besuchen. Elf Tage dürfen wir dann hier -weilen, über diesen großen Wald hinfliegen, von wo wir das väterliche -Schloß erblicken. Und hier haben wir dich, liebes Schwesterchen, -gefunden. Noch zwei Tage dürfen wir hier bleiben, dann müssen wir über -das Meer nach einem herrlichen Lande aufbrechen, welches aber doch nicht -unser Vaterland ist. Allein wie sollen wir es nur anfangen, dich -mitzunehmen?« - -»Was kann ich thun, um euch zu erlösen?« fragte die Schwester. Nun -berieten und unterhielten sie sich fast die ganze Nacht; nur wenige -Stunden senkte sich der Schlummer auf ihre Augen. - -Elise erwachte plötzlich vom Rauschen der Schwanenflügel, welche über -sie hinsausten. Die Brüder waren wieder versammelt und flogen in großen -Kreisen und zuletzt weit fort, doch blieb wenigstens einer von ihnen, -der jüngste, zurück. Der Schwan legte seinen Kopf in ihren Schoß und sie -streichelte seine Schwingen; den ganzen Tag waren sie beisammen. Gegen -Abend kamen die andern zurück und als die Sonne untergegangen war, -standen sie in ihrer natürlichen Gestalt da. - -»Morgen fliegen wir von hier fort und dürfen vor einem ganzen Jahr nicht -zurückkommen; aber wir haben beschlossen, dich nicht zu verlassen. Hast -du Mut, uns zu begleiten? Sollten unser aller Flügel nicht Kraft genug -haben, mit dir über das Meer zu fliegen?« - -»Ja, nehmt mich mit!« rief Elise freudig aus. - -Die ganze Nacht brachten sie nun damit zu, aus der geschmeidigen -Weidenrinde und dem zähen Schilf ein starkes Netz zu flechten; auf -dieses legte sich Elise, und als nun die Sonne sich erhob und die Brüder -in wilde Schwäne verwandelt wurden, ergriffen sie das Netz mit ihren -Schnäbeln und flogen mit ihrer teuren Schwester, die noch im süßen -Schlummer lag, hoch zu den Wolken empor. Die Sonnenstrahlen schienen ihr -gerade ins Antlitz, weshalb einer der Schwäne über ihrem Haupt -einherschwebte, um ihr mit seinen breiten Flügeln kühlen Schatten zu -gewähren. - -Sie waren schon weit vom Lande weg, als Elise erwachte. Sie glaubte noch -zu träumen, so wunderbar kam es ihr vor, über das Meer hoch durch die -Luft getragen zu werden. Ihr zur Seite lag ein Zweig mit herrlichen -reifen Beeren und ein Bund wohlschmeckender Wurzeln. Diese hatte der -jüngste der Brüder gesammelt und für sie hingelegt, und dankbar lächelte -sie ihn an, denn sie erkannte, daß er es war, der über ihrem Haupte -einherflog und sie mit den Flügeln beschattete. - -Sie schwebten so hoch, daß das erste Schiff, welches sie unter sich -erblickten, ihnen wie eine Möve vorkam, die auf dem Wasser lag. Eine -große Wolkenmasse stand hinter ihnen, bergehoch aufgetürmt, und auf -dieser gewahrte Elise ihren eigenen Schatten und den der elf Schwäne, -der in Riesengröße ihren eilenden Flug begleitete. Den ganzen Tag flogen -sie, wie ein sausender Pfeil durch die Luft geht, aber doch ging es -jetzt, wo sie die Schwester zu tragen hatten, bedeutend langsamer als -sonst. Da zog sich ein Unwetter zusammen und der Abend näherte sich. -Ängstlich sah Elise die Sonne mehr und mehr sinken, und noch immer war -die einsame Klippe im Meere nicht zu erblicken. Es kam ihr vor, als ob -die Schwäne stärkere Flügelschläge machten. Die schwarze Wolkenmasse kam -näher und näher, die starken Windstöße verkündeten einen Sturm. Die -Wolken hatten sich in einer einzigen großen, Unheil drohenden Masse -zusammengeballt, die sich bleiförmig vorwärts schob. Blitz leuchtete auf -Blitz. - -Jetzt hatte die Sonne den Meeresspiegel erreicht. Elisen klopfte das -Herz. Da schossen die Schwäne hinab, so schnell, daß sie zu fallen -vermeinte. Aber jetzt schwebten sie wieder. Die Sonne war schon zur -Hälfte unter das Wasser getaucht, da bemerkte sie erst die kleine Klippe -unter sich. Sie sah nicht größer als ein Seehund aus, der den Kopf aus -dem Wasser erhebt. Die Sonne sank schnell; nur ein schmaler Streifen -blitzte noch über dem Wasser hervor, da berührte ihr Fuß festen Boden. -Das Sonnenlicht erlosch wie der letzte Funken eines brennenden Papieres. -Arm in Arm sah sie ihre Brüder um sich stehen, aber mehr Platz, als -unabweislich für diese und sie erforderlich war, fand sich auch nicht. -Die See schlug gegen die Klippe und ergoß sich wie ein Regenguß über -sie; der Himmel leuchtete, als wenn er in Flammen stände und der Donner -rollte Schlag auf Schlag. Aber Schwester und Brüder hielten einander -fest an den Händen und blieben getrost und mutig. - -Als der Tag graute, war die Luft rein und still. Sobald die Sonne sich -erhob, flogen die Schwäne mit Elisen von der Insel fort. Das Meer ging -noch hoch, so daß es, als sie hoch in der Luft schwebten, ihnen vorkam, -als ob der weiße Schaum auf der dunkelgrünen See Millionen Schwäne -wären, die sich auf dem Wasser schaukelten. - -Als die Sonne höher stieg, erblickte Elise vor sich ein Bergland, halb -schwimmend in der Luft, mit glitzernden Eismassen auf den Felsen, und -mitten auf denselben dehnte sich ein wohl meilenlanges Schloß aus mit -einem kühnen Säulengange über dem andern. In der Tiefe wogten -Palmenwälder und prächtige Blumen wie Mühlräder groß. Sie erkundigte -sich, ob dies Land das Ziel ihrer Reise wäre, aber die Schwäne -schüttelten den Kopf, denn was sie sah, war das herrliche, beständig -wechselnde Wolkenschloß der Fee Fata Morgana. Sie schaute aufmerksamer -hin und es war nur der Meeresnebel, der sich über das Wasser hinwälzte. -Nun gewahrte sie auch bald das wirkliche Land, dem sie zueilten. Dort -erhoben sich herrliche blaue Berge mit Zedernwäldern, Städten und -Schlössern. Lange vor Sonnenuntergang saß sie auf dem Felsen vor einer -großen Höhle, welche mit feinen grünen Schlingpflanzen bewachsen war; -sie nahmen sich wie gestickte Teppiche aus. - -»Nun wollen wir sehen, was du heute Nacht hier träumen wirst!« sagte der -jüngste Bruder und führte sie in ihr Schlafzimmer. - -»O möchte ich doch träumen, wie ich euch erlösen kann!« erwiderte sie. -Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, sie bat Gott so innig um -seine Hilfe, ja selbst im Schlaf betete ihr Geist weiter, daß es ihr -endlich vorkam, als flöge sie hoch in die Luft zu Fata Morganas -Wolkenschlosse, und die Fee käme ihr entgegen, schön und glänzend. Und -doch glich sie auch wieder der alten Frau, die ihr im Walde Beeren -gegeben und von den Schwänen mit den goldenen Kronen erzählt hatte. - -»Deine Brüder können erlöst werden!« sprach sie, »hast du aber auch Mut -und Ausdauer? Wohl ist das Meer weicher als deine feinen Hände und formt -doch die harten Steine um, aber es fühlt nicht den Schmerz, den deine -Finger fühlen werden. Siehst du diese Brennessel, die ich in meiner Hand -halte? Von derselben Gattung wachsen viele um die Höhle, in welcher du -schläfst. Nur diese und solche, welche aus den Gräbern des Friedhofs -hervorsprossen, kannst du brauchen. Merke das; diese mußt du pflücken, -wenn sie deine Hand auch voll Blasen brennen werden. Brichst du nun die -Nesseln mit deinen Füßen, so erhältst du Flachs, aus dem du elf -Panzerhemden mit langen Ärmeln flechten und binden mußt; wirf diese über -die elf Schwäne, so ist der Zauber gelöst. Aber sei dessen wohl -eingedenk, daß du von Beginn bis zur Beendigung dieser Arbeit, und -sollten Jahre dazwischen liegen, nicht sprechen darfst; das erste Wort, -welches über deine Lippen kommt, fährt wie ein tötender Dolch in das -Herz deiner Brüder; an deiner Zunge hängt ihr Leben!« Zugleich berührte -sie Elisens Hand mit der Nessel; diese brannte wie glühendes Feuer, so -daß die Prinzessin vor Schmerz erwachte. Es war heller, lichter Tag und -dicht neben der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lag eine Nessel gleich -der, welche sie im Traume gesehen hatte. Da fiel sie auf ihre Kniee, -dankte dem lieben Gott und trat aus der Höhle, um sofort ihre Arbeit zu -beginnen. - -Mit ihren feinen Händen griff sie hinunter in die häßlichen Nesseln, die -sich wie Feuer anfühlten. Große Blasen brannten sie an ihren Händen und -Armen, aber gerne wollte sie dies erleiden, konnte sie doch ihre lieben -Brüder dadurch erlösen. Sie brach jede Nessel mit ihren nackten Füßen -und flocht den grünen Flachs. - -Als die Sonne untergegangen war, kamen die Brüder und erschraken, als -sie Elise stumm fanden. Zunächst hielten sie es für eine neue -Bezauberung ihrer bösen Stiefmutter, als sie aber ihre Hände sahen, -begriffen sie, was sie um ihretwillen vorhatte. - -Die ganze erste Nacht brachte sie bei ihrer Arbeit zu, denn es ließ ihr -keine Ruhe, ehe sie nicht die lieben Brüder erlöst hatte. Den ganzen -folgenden Tag saß sie, während die Schwäne fort waren, in ihrer -Einsamkeit, aber nie war ihr die Zeit so schnell verflogen. Ein -Panzerhemd war schon fertig und nun begann sie das zweite. - -Da ließ sich zwischen den Bergen der Klang eines Jagdhorns vernehmen. -Sie wurde ängstlich, der Ton kam immer näher; sie hörte Hundegebell. -Erschreckt zog sie sich in die Höhle zurück, band die Nesseln, die sie -gesammelt und gehechelt hatte, in ein Bund und setzte sich darauf. - -Plötzlich kam ein großer Hund aus dem Gesträuch gesprungen, bald kamen -noch mehrere und nach wenigen Minuten stand eine Gruppe Jäger vor dem -Höhleneingang. Der schönste derselben, der König des Landes, redete -Elise an: »Wo bist du hergekommen, du herrliches Kind?« - -Elise schüttelte den Kopf, sie durfte ja nicht reden, denn es galt ihrer -Brüder Leben und Erlösung. Ihre Hände verbarg sie unter der Schürze, -damit der König nicht sähe, was sie zu leiden hätte. - -»Begleite mich!« begann er von neuem; »hier darfst du nicht bleiben. -Bist du ebenso gut, wie du schön bist, so will ich dich in Seide und -Samt kleiden und dir die goldene Krone auf das Haupt setzen.« Sie weinte -und rang ihre Hände, aber der König sagte: »Ich will nur dein Glück, -einst wirst du mir dafür danken!« Dann stürmte er vorwärts zwischen den -Bergen hindurch, hielt sie vor sich auf dem Pferde und die Jäger jagten -hinterher. - -Als die Sonne niedersank, lag die prächtige Königsstadt mit ihren -Kirchen und Kuppeln vor ihnen, und der König führte sie in sein Schloß, -wo in hohen Marmorsälen große Wasserkünste plätscherten, wo Wände und -Decken mit Gemälden verziert waren, aber sie hatte keine Augen dafür, -sie weinte und trauerte. Willenlos duldete sie, daß die Frauen ihr -königliche Kleider anlegten, ihr Perlen in das Haar flochten und feine -Handschuhe über die verbrannten Finger zogen. - -Als sie in aller ihrer Pracht dastand, war sie so blendend schön, daß -sich der Hof noch tiefer vor ihr verneigte, und der König erwählte sie -zu seiner Braut, obwohl der Erzbischof den Kopf schüttelte und meinte, -das schöne Waldmädchen wäre sicher eine Hexe. Doch der König hörte nicht -darauf, ließ die Musik erklingen und sie wurde durch duftende Gärten in -die prächtigsten Säle hineingeführt. Aber nicht ein Lächeln glitt über -ihren Mund oder strahlte aus ihren Augen. Nun öffnete der König ein -kleines Zimmer dicht daneben, wo sie schlafen sollte. Es war mit -köstlichen grünen Teppichen ausgeschmückt und ähnelte vollkommen der -Höhle, in welcher der König sie gefunden hatte. Auf dem Fußboden lag das -Bund Flachs, welchen sie aus den Nesseln gesponnen hatte, und unter der -Decke hing das Panzerhemd, welches schon fertig gestrickt war. Alles -dies hatte einer der Jäger als Merkwürdigkeit mitgenommen. - -»Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurückträumen!« sprach der -König. »Hier ist die Arbeit, die dich dort beschäftigte. Jetzt, mitten -in deiner Pracht, wird es dich unterhalten, an die vergangene Zeit -zurückzudenken.« - -Als Elise das erblickte, was ihrem Herzen so nahe lag, spielte ein -Lächeln um ihren Mund und das Blut kehrte in ihre Wangen zurück; sie -dachte an die Erlösung ihrer Bruder, küßte dem Könige die Hand, und er -drückte sie an sein Herz und ließ durch alle Kirchenglocken das -Hochzeitsfest verkündigen. Das schöne, stumme Mädchen aus dem Walde ward -die Königin des Landes. Der Erzbischof selbst mußte ihr die Krone auf -das Haupt setzen und in seinem Unwillen drückte er ihr den engen Reifen -so fest auf die Stirne, daß es ihr Schmerzen verursachte. - -Ihr Mund war stumm, hätte doch ein einziges Wort ihren Brüdern das Leben -gekostet, allein ihre Augen spiegelten ihre innige Zärtlichkeit gegen -den guten, schönen König wieder, der alles that, um sie zu erfreuen. -Hätte sie sich ihm nur anvertrauen, ihm ihr Leid gestehen dürfen! Nun -aber mußte sie stumm sein, mußte stumm ihr Werk vollenden. Deshalb -schlich sie sich nachts in ihr verstecktes Kämmerlein, welches wie die -Höhle ausgeschmückt war, und strickte ein Panzerhemd nach dem andern -fertig; als sie jedoch das siebente begann, hatte sie keinen Flachs -mehr. - -Wie sie wußte, wuchsen die Nesseln, welche sie allein verwenden durfte, -auf dem Friedhofe, aber sie mußte sie selbst pflücken; wie sollte sie -das anfangen? - -»Ich muß es wagen, der liebe Gott wird seine Hand nicht von mir -abziehen!« dachte sie. - -Mit einer Herzensangst, als hätte sie eine böse That vor, schlich sie -sich in einer mondhellen Nacht in den Garten hinunter und ging durch die -langen Baumwege und einsamen Straßen nach dem Friedhofe hinaus. Dort -erblickte sie auf einem der breitesten Leichensteine einen Kreis -häßlicher Hexen. Elise mußte dicht bei ihnen vorüber, und sie hefteten -ihre bösen Blicke auf sie, aber sie betete, sammelte die brennenden -Nesseln und nahm sie mit sich nach dem Schlosse. - -Nur ein einziger Mensch hatte sie hierbei gesehen, der Erzbischof; er -war noch wach, wenn die andern schliefen. Es hatte sich seine Meinung -nun doch bewährt, daß es mit ihr nicht stände, wie es mit einer Königin -stehen sollte. Sie war eine Hexe und darum hatte sie den König und das -ganze Volk bethört. Er erzählte dem Könige, was er gesehen hatte und was -er befürchtete. Da rollten dem Könige zwei schwere Thränen über die -Wangen herunter. Er that des Nachts, als ob er schliefe, aber es kam -kein ruhiger Schlaf in seine Augen; er merkte, wie Elise aufstand, wie -sie dieses jede Nacht wiederholte, und jedesmal ging er ihr leise nach -und sah, daß sie in ihrer Kammer verschwand. - -Tag für Tag wurde seine Miene finsterer. Elise sah es wohl, begriff aber -nicht weshalb. Doch ängstigte sie dieses Benehmen, und was litt sie -nicht erst in ihrem Herzen um ihrer Brüder willen. Auf den königlichen -Sammet und Purpur rannen ihre bitteren Thränen nieder. Inzwischen war -ihre Arbeit nun bald vollendet, nur ein Panzerhemd fehlte noch, aber sie -hatte nun keinen Flachs mehr und nicht eine einzige Nessel. Einmal, nur -dieses letztemal noch, mußte sie deshalb zum Friedhofe hinaus wandern -und einige Hände voll pflücken. - -Elise ging, aber der König und der Erzbischof folgten ihr und sahen sie -in die Kirchhofspforte hineintreten und verschwinden. Als sie sich -derselben näherten, erblickten sie auf den Grabsteinen die Hexen, wie -sie Elise erblickt hatte, und der König wandte sich ab, denn er -vermutete die Königin unter ihnen. - -»Das Volk möge sie verurteilen!« sagte er, und das Volk verurteilte sie -zum Scheiterhaufen. - -Aus den prächtigen Königssälen wurde sie in ein finsteres, feuchtes Loch -geschleppt, in welches der Wind durch das Gitterfenster hineinpfiff; -anstatt des Sammets und der Seide gab man ihr das Bund Nesseln, welches -sie gesammelt hatte, darauf konnte sie ihr Haupt legen. Die harten, -brennenden Panzerhemden, welche sie gestrickt hatte, sollten ihr statt -Kissen und Decke dienen, doch konnte man ihr nichts Lieberes schenken. -Sie nahm ihre Arbeit wieder auf und betete dabei inbrünstig zu Gott. - -Da sauste gegen Abend dicht am Gitter ein Schwanenflügel, es war der -jüngste der Brüder, der endlich die Schwester aufgefunden hatte. Laut -schluchzte sie auf vor Freude, obgleich sie wußte, daß die kommende -Nacht vielleicht die letzte war, die sie zu leben hatte. Aber jetzt war -ihre Arbeit ja auch beinahe vollendet und ihre Brüder waren hier. - -Die kleinen Mäuse liefen über den Fußboden, schleppten die Nesseln bis -zu ihren Füßen hin, um doch auch ein wenig zu helfen, und die Drossel -setzte sich an das Gitter des Fensters und sang so lustig sie konnte, -damit Elise den Mut nicht verlieren sollte. - -Es begann gerade zu dämmern, erst in einer Stunde sollte die Sonne -aufgehen, da standen die elf Brüder vor dem Portale des Schlosses und -verlangten, vor den König geführt zu werden. Das könnte nicht geschehen, -erhielten sie aber zur Antwort, es wäre ja noch Nacht, der König -schliefe und dürfte nicht geweckt werden. Sie baten, sie drohten, die -Wache kam, ja selbst der König trat aus seinem Schlafzimmer und fragte, -was das zu bedeuten hätte, aber in dem Augenblicke stieg strahlend die -Sonne empor und nun war kein Bruder mehr zu sehen, aber über das Schloß -hinweg flogen elf wilde Schwäne. - -Auf einem schlechten Karren wurde die arme Königin zur Richtstätte -geführt; sie trug ein häßliches, graues Gewand, ihr langes Haar wallte -aufgelöst um das schöne Haupt, ihre Wangen waren leichenblaß, ihre -Lippen bewegten sich leise, während ihre Finger den grünen Flachs -flochten. Selbst auf ihrem Todeswege unterbrach sie die begonnene Arbeit -nicht, die zehn Panzerhemden lagen zu ihren Füßen, an dem elften -strickte sie. - -»Seht nur die Hexe an,« rief das Volk; »mit ihrem häßlichen Zauberwerk -sitzt sie da. Reißt es ihr in tausend Stücke!« - -Alle drängten auf sie ein und wollten es ihr zerreißen. Da kamen elf -weiße Schwäne geflogen, die setzten sich rings um sie auf den Karren und -schlugen mit ihren großen Schwingen. Da wich der Haufen erschrocken zur -Seite. - -»Das ist ein Zeichen vom Himmel! Sie ist sicherlich unschuldig!« -flüsterten viele, wagten es aber nicht laut auszusprechen. - -Nun ergriff sie der Büttel bei der Hand; da warf sie eiligst den -Schwänen die elf Hemden über und plötzlich standen elf stattliche -Prinzen da, aber der jüngste hatte anstatt des einen Armes einen -Schwanenflügel, denn seinem Panzerhemde fehlte ein Ärmel, den sie noch -nicht vollendet hatte. - -»Nun darf ich sprechen!« rief sie aus, »ich bin unschuldig!« - -»Ja, unschuldig ist sie!« sagte der älteste Bruder und erzählte dann -alles, was geschehen war, und während er sprach, verbreitete sich ein -Duft wie von tausenden von Rosen, denn jedes Stück Brennholz des -Scheiterhaufens hatte Wurzel geschlagen und Zweige getrieben. Da stand -eine duftende Hecke, hoch und groß mit roten Rosen; zu alleroberst aber -wiegte sich eine Blume, weiß und leuchtend, die wie ein Stern erglänzte. -Diese brach der König, steckte sie Elisen vor die Brust und nun erwachte -sie mit Frieden und Glückseligkeit in ihrem Herzen. - -Alle Kirchenglocken läuteten von selbst und die Vögel kamen in großen -Schwärmen; es wurde ein Hochzeitszug zurück zum Schlosse, wie ihn noch -kein König gesehen hatte. - - - - -Die glückliche Familie. - - [Abbildung/Illustration: capD61.jpg] - - -Das größte von allen Blättern ist wohl das Klettenblatt; ein Kind kann -es als Schürze oder als Regenschirm benutzen; aber eine Schnecke ißt es -am liebsten auf; es ist ihre Lieblingsspeise. Daher hatte man in der -Nähe eines Edelsitzes Kletten gesät, weil die Schnecken wiederum eine -Lieblingsspeise der Herrschaften auf dem Edelhofe waren. Aber diese -waren gestorben, das Schloß war verfallen, der Garten verwildert; nur -die Kletten wucherten fort, sie bildeten einen dichten Klettenwald und -in diesem wohnten die beiden letzten uralten Schnecken. - -Wie alt sie waren, wußten sie selbst nicht, konnten sich aber dessen -noch ganz gut entsinnen, daß ihrer weit mehr gewesen waren, daß sie -von einer aus fremden Ländern eingewanderten Familie abstammten und daß -für sie und die Ihrigen der ganze Wald angepflanzt war. Sie waren über -denselben nie hinausgekommen; gleichwohl war es ihnen nicht unbekannt, -daß noch etwas zu der Welt gehörte, was Rittergut hieß. Dort oben wurde -man gekocht, wovon man schwarz wurde, und dann wurde man auf eine -silberne Schüssel gelegt; was dann aber weiter geschah, wußten sie -nicht. Was das übrigens zu bedeuten hätte, gekocht zu werden und auf -silberner Schüssel zu liegen, konnten sie sich nicht vorstellen, nur -sagte ihnen ein dunkles Gefühl, daß das etwas Herrliches und überaus -Vornehmes sein müßte. - -Die alten weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, wie sie -sehr wohl wußten; lediglich um ihretwillen war der Wald da, und das -Rittergut war da, damit sie gekocht und auf silberne Schüsseln gelegt -werden konnten. - -Sie lebten jetzt sehr einsam und glücklich, und da sie selbst ohne -Kinder waren, so hatten sie eine kleine gewöhnliche Schnecke an -Kindesstatt angenommen. Der Kleine wollte indes nicht wachsen, da er zu -niedriger Abkunft war. Aber die Alten, besonders die Schneckenmutter, -meinten doch, eine Zunahme merken zu können, und letztere bat den Vater, -er möchte nur das kleine Schneckenhaus befühlen, und das that er und -fand, daß die Mutter recht hatte. -- - -»Höre nur, wie es heute auf die Kletten plätschert!« sagte an einem -Regentage der Schneckenvater. »Ich bin nur froh, daß wir unser gutes -Haus haben und der Kleine auch das seinige. Für uns ist allerdings -besser gesorgt als für alle übrigen Geschöpfe, woraus du ersiehst, daß -uns die Herrschaft in der Welt gehört! Von Geburt an besitzen wir ein -Haus und der Klettenwald ist um unsertwillen angepflanzt worden!« -- -»Ich möchte nur wissen, was außerhalb desselben ist!« meinte die -Schneckenmutter. - -»Außerhalb ist nichts! Das Schloß ist vielleicht eingestürzt!« sagte der -Schneckenvater, »oder der Klettenwald ist darüber hinweggewachsen, so -daß die Menschen nicht mehr heraus können!« - -»Hast du auch schon daran gedacht, wo wir eine Frau für unsern Kleinen -herbekommen könnten?« fragte die Schneckenmutter. »Glaubst du nicht, daß -weit, weit in den Klettenwald hinein sich noch jemand unserer Art finden -sollte?« - -»Schwarze Schnecken, meine ich, werden wohl zahlreich vorhanden sein,« -sagte der Alte, »schwarze Schnecken ohne Haus, aber die gehören trotz -ihrer Eingebildetheit zu dem gemeinen Volke. Wir könnten jedoch die -Ameisen damit beauftragen; sie laufen, als wenn sie etwas zu thun -hätten, regelmäßig hin und her; sie wissen gewiß eine Frau für unser -Schneckchen!« - -»Ich weiß freilich die allerschönste!« sagte eine Ameise; »aber ich -befürchte, es wird sich nicht machen, da es sich um eine Königin -handelt!« -- »Das thut nichts!« sagten die Alten. »Hat sie ein Haus?« -- -»Sie hat ein Schloß!« sagte die Ameise. »Das schönste Ameisenschloß mit -siebenhundert Gängen.« -- »Nein, besten Dank!« sagte die -Schneckenmutter, »unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhaufen! Wißt ihr -nichts Besseres, so wollen wir uns an die weißen Mücken wenden; sie -fliegen in Regen und Sonnenschein weit umher und kennen den Klettenwald -von innen und von außen!« - -»Wir haben eine Frau für ihn!« sagten die Mücken. »Hundert -Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerstrauche eine -kleine Schnecke mit einem Hause.« -- »Gut, laßt sie zu ihm kommen!« -sagten die Alten, »er hat einen Klettenwald, sie hat nur einen Strauch!« - -Da holten sie das kleine Schneckenfräulein. Das dauerte acht Tage, aber -das war gerade das Hervorragende dabei; damit bewies sie, daß echtes -Schneckenblut in ihr rollte. - -Darauf wurde Hochzeit gefeiert. Sechs Leuchtkäfer leuchteten, so gut sie -vermochten; sonst verlief die Feierlichkeit in aller Stille, denn die -alten Schnecken konnten Schwärmen und Lustbarkeiten nicht leiden. -Dagegen wurde von der Schneckenmutter eine schöne Rede gehalten; der -Vater war nicht dazu im Stande, er war zu bewegt, und dann übergaben sie -ihnen den ganzen Klettenwald als Erbteil und wiederholten, was sie stets -gesagt hatten, daß es das Beste in der Welt wäre, wenn sie und ihre -Kinder einst auf das Schloß kommen, schwarz gekocht und auf eine -silberne Schüssel gelegt werden würden. - -Nach Schluß der Rede krochen die Alten in ihre Häuser und kamen nie -wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte im Walde -und erhielt eine zahlreiche Nachkommenschaft, nie aber wurden sie -gekocht und nie kamen sie auf eine silberne Schüssel, weshalb sie -meinten, daß das Schloß eingestürzt und alle Menschen in der Welt -ausgestorben wären, und da ihnen niemand widersprach, galt es natürlich -als wahr. Der Regen schlug auf die Klettenblätter, um ihnen eine -Trommelmusik vorzumachen, und die Sonne leuchtete, um ihretwegen den -Klettenwald in ein Lichtmeer zu tauchen und sie waren sehr glücklich und -die ganze Familie war glücklich, und sie war es wirklich. - - - - -Der Engel. - - [Abbildungen/Illustrations: capB63.jpg, pic64.jpg] - - -Bei jedem guten Kinde, wenn es stirbt, steigt ein Engel Gottes auf die -Erde nieder, nimmt das tote Kind auf seine Arme, breitet seine großen -weißen Flügel aus, fliegt über alle Stätten hin, die das Kind lieb -gehabt hatte, und pflückt eine ganze Hand voll Blumen, die er zu Gott -hinaufbringt, damit sie dort noch schöner als auf Erden blühen. Der -liebe Gott drückt alle Blumen an sein Herz, aber der Blume, die ihm am -liebsten ist, gibt er einen Kuß und dadurch erhält sie Stimme und vermag -in der großen Glückseligkeit mitzusingen. - -Sieh, dies alles erzählte ein Engel Gottes, als er ein totes Kind zum -Himmel trug und das Kind hörte es wie im Traume. Sie schwebten hin über -die Stätten der Heimat, wo das Kind gespielt hatte, und kamen durch -Gärten mit herrlichen Blumen. - -»Welche wollen wir nun mitnehmen und in den Himmel pflanzen?« fragte der -Engel. - -Da stand ein schlanker, prächtiger Rosenstock, aber eine böse Hand hatte -den Stamm umgebrochen, so daß alle Zweige voll großer, -halbaufgebrochener Knospen verwelkt herabhingen. - -»Der arme Rosenstock!« sagte das Kind. »Ob er nur oben bei Gott zur -Blüte gelangen kann?« - -Und der Engel nahm ihn, küßte aber das Kind dafür und das Kleine öffnete -seine Augen zur Hälfte. Sie pflückten von den reichen Prachtblumen, -nahmen jedoch auch die verachtete Goldblume und das wilde -Stiefmütterchen mit. - -»Jetzt haben wir Blumen!« jubelte das Kind, und der Engel nickte. Es war -Nacht und überall herrschte Stille. Sie blieben in der großen Stadt und -schwebten in einer der schmalsten Gassen, wo allerhand Gerümpel -umherlag, denn es war Ziehtag gewesen. - -Der Engel zeigte auf die Scherben eines Blumentopfes hinunter und auf -einen Klumpen Erde, der herausgefallen war und durch die Wurzeln einer -großen, verwelkten, und deshalb auf die Straße hinausgeworfenen -Feldblume zusammengehalten wurde. - -»Die nehmen wir mit!« sagte der Engel. »Ich will dir gleich erzählen, -weshalb!« Und nun flogen sie und der Engel erzählte: - -»Dort unten in der engen Straße, in dem niedrigen Keller, wohnte ein -armer, kranker Knabe. Von Kindesbeinen an war er immer bettlägerig -gewesen. Wenn er sich am wohlsten fühlte, konnte er die kleine Stube auf -Krücken ein paarmal auf- und niedergehen; das war das Höchste. Während -weniger Sommertage fielen die Sonnenstrahlen ein halbes Stündchen in den -Kellerflur hinein. Wenn dann der arme Junge dasaß und die warme Sonne -auf sich herniederscheinen ließ, und durch seine feinen Finger, die er -sich vor das Gesicht hielt, das rote Blut hindurchschimmern sah, dann -hieß es: »Heute ist er ausgewesen!« Den Wald in seinem herrlichen -Frühlingsgrün kannte er nur dadurch, daß ihm des Nachbars Sohn den -ersten Buchenzweig brachte. Den hielt er über den Kopf und träumte nun, -unter Buchen zu ruhen, wo die Sonne schiene und die Vögel sängen. - -»An einem schönen Lenztage brachte ihm der Nachbarssohn mehrere -Feldblumen, worunter sich auch eine mit der Wurzel befand. Sie wurde in -einen Topf gepflanzt und an das Fenster dicht neben seinem Bette -gestellt. Die Blume war von einer glücklichen Hand gepflanzt, sie wuchs, -trieb neue Schößlinge und trug jedes Jahr ihre Blumen. Sie ersetzte dem -kranken Knaben den schönsten Garten, war sein kleiner Schatz auf dieser -Erde. Er begoß und wartete sie und sorgte dafür, daß sie jeglichen -Sonnenstrahl, der durch das niedrige Fenster hereinglänzte, bis auf den -letzten erhielt. Die Blume wuchs selbst in seine Träume hinein, denn für -ihn allein wuchs sie, verbreitete sie ihren Duft und erfreute sie das -Auge. Ihr wandte er im Tode sein Antlitz zu, als der Herr ihn rief. - -»Ein ganzes Jahr ist er nun bei Gott gewesen. So lange hat die Blume -vergessen im Fenster gestanden und ist verdorrt und deshalb auf die -Straße hinausgeworfen worden. Und dies ist die arme verdorrte Blume, die -wir mit in unseren Strauß genommen haben, denn diese schlichte Blume hat -mehr Freude gebracht als die reichste Blume in dem Garten einer -Königin.« - -»Aber, woher weißt du dies alles?« fragte das Kind, welches der Engel -zum Himmel emportrug. -- »Ich weiß es!« sagte der Engel, »ich war ja -selbst der kleine kranke Knabe. Sollte ich meine Blumen nicht kennen?« -Und das Kind öffnete seine Augen nun ganz und schaute dem Engel in sein -herrliches, freundliches Antlitz. - -In demselben Augenblicke waren sie in Gottes schönem Himmel, wo Freude -und Glückseligkeit war. Und Gott drückte das tote Kind an sein Herz und -da erhielt es Flügel wie der andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm -dahin. Gott drückte alle die Blumen an sein Herz, aber die arme -vertrocknete Feldblume küßte er und sie erhielt Stimme und sang mit all -den Engeln, die um Gott schwebten, einige ganz nahe, andere in großen -Kreisen um diese herum, immer weiter und weiter hinaus bis in die -Unendlichkeit, alle aber gleich glücklich. Alle sangen sie, Klein und -Groß, das gute, nun so gesegnete Kind, wie die arme Feldblume, die -vertrocknet, im Kehricht mit hinausgeworfen, in der engen, dunklen -Straße dagelegen hatte. - - - - -Der standhafte Zinnsoldat. - - [Abbildung/Illustration: pic65.jpg] - - -Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, die alle Brüder waren, -da man sie aus einem und demselben alten Zinnlöffel gegossen hatte. -Das Gewehr hielten sie im Arm, das Gesicht vorwärts gegen den Feind -gerichtet; rot und blau, kurzum herrlich war die Uniform. - -Das Allererste, was sie in dieser Welt hörten, nachdem der Deckel von -der Schachtel, in welcher sie lagen, abgenommen wurde, war das Wort: -»Zinnsoldaten!« Das rief ein kleiner Knabe und klatschte vor Wonne in -die Hände. Er hatte sie zu seinem Geburtstage bekommen und stellte sie -nun auf dem Tisch in Schlachtordnung auf. - -Der eine Soldat glich dem andern auf das Genaueste, nur ein einziger war -etwas verschieden: er hatte nur ein Bein, denn da er zuletzt gegossen -worden, hatte das Zinn nicht mehr ausgereicht; doch stand er auf seinem -einen Beine eben so fest wie die andern auf ihren beiden, und gerade er -sollte sich durch sein denkwürdiges Schicksal besonders auszeichnen. - -Auf dem Tische, wo sie aufgestellt wurden, befand sich noch vieles -andere Spielzeug; aber dasjenige, welches am meisten die Aufmerksamkeit -auf sich zog, war ein hübsches Schloß von Papier. Durch die kleinen -Fenster konnte man inwendig in die Säle hineinschauen. Vor demselben -standen kleine Bäume, rings um ein Stück Spiegelglas, welches einen See -vorstellen sollte. Das war wohl alles niedlich, aber das Niedlichste -blieb doch ein kleines Mädchen, welches vor dem offenen Schloßportale -stand. Es war ebenfalls aus Papier ausgeschnitten, hatte aber ein -seidenes Kleid an und ein kleines, schmales, blaues Band über den -Schultern; mitten auf diesem saß ein funkelnder Stern, so groß wie ihr -ganzes Gesicht. Das kleine Mädchen streckte ihre beiden Arme anmutig in -die Höhe, denn sie war eine Tänzerin, und dann erhob sie das eine Bein -so hoch, daß es der Zinnsoldat gar nicht entdecken konnte und dachte, -daß sie, wie er, nur Ein Bein hätte. - -»Die paßte für mich als Frau!« dachte er, »aber sie ist zu vornehm für -mich, sie wohnt in einem Schlosse, und ich habe nur eine Schachtel, die -ich mit vierundzwanzig teilen muß, das ist keine Wohnung für sie. Doch -will ich zusehen, ob ich ihre Bekanntschaft machen kann!« Dann legte er -sich der Länge nach hinter eine Schnupftabaksdose, die auf dem Tische -stand. Von hier konnte er die kleine feine Dame, die nicht müde wurde, -auf einem Bein zu stehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, genau -beobachten. - -Als es Abend wurde, legte man die übrigen Zinnsoldaten in ihre Schachtel -und die Leute im Hause gingen zu Bette. Nun begann das Spielzeug zu -spielen, der Nußknacker schlug Purzelbäume und der Griffel fuhr lustig -über die Tafel hin. Es entstand ein Lärm, daß der Kanarienvogel -aufwachte und seinen Gesang mit hineinschmetterte. Die beiden Einzigen, -welche sich nicht von der Stelle bewegten, waren der Zinnsoldat und die -kleine Tänzerin. Sie stand kerzengerade auf der Zehenspitze und hatte -beide Arme erhoben; er war auf seinem Einen Bein ebenso standhaft, nicht -einen Augenblick wandte er seine Augen von ihr ab. - -Jetzt schlug es Mitternacht und klatsch! sprang der Deckel von der -Schnupftabaksdose, aber nicht etwa Schnupftabak war darin, nein, sondern -ein kleiner schwarzer Kobold; das war ein Kunststück. - -»Zinnsoldat!« sagte der Kobold, »du wirst dir noch die Augen aussehen!« --- Aber der Zinnsoldat that, als ob er nichts gehört hätte. -- »Ja, -warte nur bis morgen!« rief ihm dann der Kobold noch zu. - -Als es nun Morgen ward und die Kinder aufstanden, wurde der Zinnsoldat -in das offene Fenster gestellt, und war es nun der Kobold oder ein -Zugwind, gleichviel, plötzlich flog das Fenster auf und der Soldat fiel -aus dem dritten Stockwerke häuptlings hinunter. Das war ein -schrecklicher Sturz. Er streckte sein Eines Bein gerade in die Luft und -blieb auf dem Helme, das Bajonett nach unten, zwischen den -Pflastersteinen stecken. - -Die Dienstmagd und der kleine Knabe liefen sogleich hinunter, um ihn zu -suchen; aber obgleich sie beinahe auf ihn getreten hätten, konnten sie -ihn doch nicht erblicken. - -Nun begann es zu regnen; Tropfen folgte auf Tropfen, bis es ein -tüchtiger Platzregen wurde; als er vorüber war, kamen zwei Straßenjungen -dorthin. - -»Sieh, sieh!« sagte der eine, »da liegt ein Zinnsoldat, der muß hinaus -und segeln!« - -Nun machten sie ein Boot aus Zeitungspapier, setzten den Zinnsoldaten -mitten hinein und ließen ihn den Rinnstein hinunter segeln. Beide Knaben -liefen nebenher und klatschten in die Hände. Hilf Himmel, was für Wellen -erhoben sich in dem Rinnstein und welch reißender Strom war da! Ja, -es mußte ein wahrer Platzregen heruntergekommen sein. Das Papierboot -schwankte auf und nieder und bisweilen drehte es sich im Kreise, daß -den Zinnsoldaten ein Schauer überlief. Trotzdem blieb er standhaft, -verfärbte sich nicht, sah geradeaus und behielt das Gewehr im Arm. - -Plötzlich trieb das Boot unter eine lange Rinnsteinbrücke; hier war es -so dunkel wie in seiner Schachtel. »Wo mag ich jetzt nur hinkommen?« -dachte er. »Ja, ja, das ist des Kobolds Schuld!« - -In diesem Augenblicke erschien eine Wasserratte, welche unter der -Rinnsteinbrücke wohnte. - -»Hast du einen Paß?« fragte die Ratte. »Her mit dem Passe!« - -Aber der Zinnsoldat schwieg still und hielt sein Gewehr nur noch fester. -Das Boot fuhr weiter und die Ratte hinterher. Hu! wie sie mit den Zähnen -knirschte und den Spänen und dem Stroh zurief: »Haltet ihn auf! Er hat -keinen Zoll bezahlt, er hat keinen Paß vorgezeigt!« - -Aber die Strömung wurde stärker und stärker; der Zinnsoldat konnte, -schon ehe er das Ende des Brettes erreichte, den hellen Tag erblicken, -aber er hörte zugleich einen brausenden Ton, der auch eines tapferen -Mannes Herzen erschrecken konnte. Denkt euch, der Rinnstein stürzte am -Ende der Brücke gerade in einen großen, breiten Kanal hinab, was ihm -gleiche Gefahr bringen mußte als uns, wollten wir Menschen einen großen -Wasserfall hinuntersegeln. - -Er war jetzt schon so nahe dabei, daß er nicht mehr anzuhalten -vermochte. Das Boot fuhr hinab, der arme Zinnsoldat hielt sich, so gut -es gehen wollte, aufrecht. Niemand sollte ihm nachsagen können, daß er -auch nur mit den Augen geblinkt hätte. Das Boot drehte sich drei-, -viermal um sich selbst und füllte sich dabei bis zum Rande mit Wasser, -es mußte sinken. Der Zinnsoldat stand bis zum Halse im Wasser, und -tiefer und tiefer sank das Boot. Mehr und mehr löste sich das Papier -auf; jetzt ging das Wasser schon über des Soldaten Haupt, -- da dachte -er an die kleine, niedliche Tänzerin, die er nie mehr erblicken sollte; -und es klang vor des Zinnsoldaten Ohren: - - »Morgenrot, Morgenrot, - Leuchtest mir zum frühen Tod.« - -Nun zerriß das Papier und der Zinnsoldat fiel hindurch, wurde aber in -demselben Augenblicke von einem großen Fische verschlungen. - -Nein, wie finster war es da drinnen; da war es noch schlimmer als unter -der Rinnsteinbrücke und vor allen Dingen so gar eng. Gleichwohl war der -Zinnsoldat standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehre im Arme. - -Der Fisch fuhr umher und machte die entsetzlichsten Bewegungen; endlich -wurde es ganz still, und wie ein Blitzstrahl fuhr es durch ihn hin. Dann -drang ein heller Lichtglanz hinein und jemand rief laut: »Ein -Zinnsoldat!« Der Fisch war gefangen, auf den Markt gebracht und verkauft -worden und so in die Küche hinausgewandert, wo ihn die Magd mit einem -großen Messer aufschnitt. Sie faßte den Soldaten mitten um den Leib und -trug ihn in die Stube hinein, wo sämtliche den merkwürdigen Mann sehen -wollten, der im Magen eines Fisches umhergereist war; der Zinnsoldat war -jedoch darauf gar nicht stolz. Man stellte ihn auf den Tisch und da -- -nein, wie wunderlich kann es doch in der Welt zugehen, befand sich der -Zinnsoldat in der nämlichen Stube, in der er vorher gewesen war, er sah -die nämlichen Kinder und das nämliche Spielzeug stand auf dem Tische: -das herrliche Schloß mit der niedlichen kleinen Tänzerin. Sie hielt sich -immer noch auf dem einen Beine und hatte das andere hoch in der Luft, -sie war ebenfalls standhaft. Das rührte den Zinnsoldaten so, daß er -beinahe Zinn geweint hätte, aber das schickte sich nicht. Er sah sie und -sie sah ihn an, aber sie sagten einander nichts. - -Plötzlich ergriff der eine der kleinen Knaben den Zinnsoldaten und warf -ihn geradewegs in den Ofen hinein, obgleich hierzu eigentlich gar kein -Grund vorlag; doch gewiß hatte es ihm der Kobold in der Dose eingegeben. - -Der Zinnsoldat stand mitten im Feuer und fühlte eine ganz entsetzliche -Hitze. Die Farben waren von ihm abgegangen, ob das von den -Reisestrapazen herrührte oder vom Kummer, wußte er nicht. Er sah das -Dämchen an und fühlte, wie er schmolz; aber noch stand er aufrecht und -hielt sein Gewehr im Arm. Da ging plötzlich eine Thür auf, ein Windhauch -erfaßte die Tänzerin und diese flog gleich einer Sylphe in den Ofen zum -Zinnsoldaten, loderte auf und war dahin. Da schmolz auch der Zinnsoldat -zu einem Klumpen, und als die Magd am nächsten Morgen die Asche aus dem -Ofen nahm, fand sie ihn gestaltet wie ein kleines Herz. Von der Tänzerin -war nichts übrig als der Flitterstern, der schwarz gebrannt war. - - - - -Des Kaisers Nachtigall. - - [Abbildungen/Illustrations: capD68.jpg, pic73.jpg, tafel5.jpg] - - -Das Schloß des Kaisers von China war das prächtigste in der Welt, durch -und durch von feinem Porzellan. Im Garten sah man die herrlichsten und -merkwürdigsten Blumen und an den allerprächtigsten waren silberne -Glocken befestigt, die fortwährend tönten, damit man nicht vorüberginge, -ohne die Blumen zu bemerken. Alles war in des Kaisers Garten auf das -Geschmackvollste und Kunstreichste ausgegrübelt und er erstreckte sich -so weit, daß selbst der Gärtner das Ende desselben nicht kannte. - -Aus dem Garten gelangte man in einen Wald, und dieser stieß an das Meer, -welches blau und tief war. Große Schiffe konnten unter den überhängenden -Zweigen hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, welche so -himmlisch schön sang, daß selbst der arme Fischer, der vollauf von -seinem Geschäft in Anspruch genommen war, still lag und lauschte, wenn -er nachts ausgefahren war, sein Netz aufzuziehen und dann die Nachtigall -hörte. »Mein Gott', wie ist das schön!« sagte er, dann aber mußte er -seinem Gewerbe nachgehen und vergaß den Vogel. Doch wenn derselbe in der -nächsten Nacht wieder sang, und der Fischer dorthin kam, wiederholte er: -»Mein Gott, wie ist das doch schön!« - -Von allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und -bewunderten dieselbe, das Schloß und den Garten; vernahmen sie aber die -Nachtigall, dann sagten sie alle: »Das ist doch das Allerbeste!« - -Die Reisenden erzählten davon nach ihrer Heimkunft, und die Gelehrten -schrieben Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten, aber die -Nachtigall vergaßen sie nicht, der wurde das Hauptkapitel gewidmet; und -die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über -die Nachtigall im Walde bei der tiefen See. - -Die Bücher wurden in alle Sprachen übersetzt und einige gerieten dann -auch einmal dem Kaiser in die Hände. Er saß in seinem goldenen Stuhl, -las und las und nickte jeden Augenblick mit dem Kopfe, denn es freute -ihn, diese prächtigen Beschreibungen von der Stadt, dem Schlosse und dem -Garten zu vernehmen. »Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!« -stand da geschrieben. - -»Was soll das heißen?« fragte der Kaiser. »Die Nachtigall? Die kenne ich -ja gar nicht. Giebt es einen solchen Vogel in meinem Kaiserreiche und -sogar in meinem eigenen Garten? Davon habe ich nie gehört. So etwas muß -man erst aus Büchern erfahren!« - -Darauf rief er seinen Kavalier. »Hier soll sich ja ein höchst -merkwürdiger Vogel aufhalten, der Nachtigall genannt wird!« redete ihn -der Kaiser an. »Man sagt, daß er das Allerbeste in meinem großen Reiche -ist! Weshalb hat man mir nie etwas von demselben gesagt?« - -»Ich habe ihn nie vorher nennen hören!« sagte der Kavalier; »er ist nie -bei Hofe vorgestellt worden!« - -»Ich will, daß er heute abend herkommt und vor mir singt!« fuhr der -Kaiser fort. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht.« - -»Ich habe ihn nie vorher nennen hören!« entgegnete der Kavalier, »aber -ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!« - -Aber, wo war er zu finden? Der Kavalier lief treppauf und treppab, durch -Säle und Gänge, keiner von allen, die er traf, hatte von der Nachtigall -je reden gehört; und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und behauptete, -es müßte gewiß eine Fabel der Buchschreiber sein. - -»Ja, aber das Buch, in dem ich es gelesen habe,« versetzte der Kaiser, -»ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan geschickt worden und -folglich ist es keine Unwahrheit. Ich will die Nachtigall hören! Sie -soll heute abend hier sein! Sie steht in meiner allerhöchsten Gnade!« - -Der Kavalier und mit ihm der halbe Hof suchten und fragten nun nach der -merkwürdigen Nachtigall, die alle Welt kannte, nur niemand bei Hofe. - -Endlich trafen sie ein armes kleines Küchenmädchen. Sie sagte: »O Gott, -die Nachtigall! Die kenne ich gut! Ja, wie kann die singen! Jeden Abend -darf ich meiner Mutter einige Speisereste bringen. Sie wohnt unten am -Meeresufer, und wenn ich zurückkehre, müde bin und im Walde ruhe, dann -höre ich die Nachtigall singen. Die Thränen treten mir dabei in die -Augen, es kommt mir gerade so vor, als ob mich meine Mutter küßte!« - -»Kleines Küchenmädchen!« sagte der Kavalier, »ich will dir eine -Anstellung in der Schloßküche verschaffen, wenn du uns zur Nachtigall -führst, denn sie ist heute abend zum Gesang befohlen!« - -Darauf zogen sie alle nach dem Wald hinaus, wo die Nachtigall zu singen -pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im besten Marsche waren, fing -eine Kuh zu brüllen an. - -»Oh!« sagte ein Hofjunker, »nun haben wir sie! Es steckt doch wirklich -eine ganz außerordentliche Kraft in einem so kleinen Tierchen. Ich habe -sie sicher schon früher einmal gehört!« - -»Nein, das sind Kühe, welche brüllen!« sagte das kleine Küchenmädchen; -»wir sind noch weit von der Stelle entfernt!« - -Jetzt quackten Frösche im Sumpfe. »Herrlich!« sagte der chinesische -Schloßbonze. »Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Glocken.« - -»Nein, das sind die Frösche!« versetzte das kleine Küchenmädchen. »Aber -nun werden wir sie, denke ich, bald hören.« Da begann die Nachtigall zu -schlagen. - -»Das ist sie!« rief das kleine Mädchen, »hört, hört, und dort sitzt -sie!« und dabei zeigte sie auf einen kleinen, grauen Vogel oben in den -Zweigen. - -»Ist es möglich!« sagte der Kavalier, »so einfach von Aussehen hätte ich -sie mir nicht vorgestellt!« - -»Kleine Nachtigall!« rief das kleine Küchenmädchen ganz laut, »unser -allergnädigster Kaiser wünscht, daß du vor ihm singst!« - -»Mit größtem Vergnügen!« sagte der Vogel, und sang gleich, daß es eine -wahre Lust war. - -»Es klingt gerade wie Glasglocken!« sagte der Kavalier, »und seht nur -die kleine Kehle, wie die sich anstrengt! Es ist merkwürdig, daß wir sie -früher nie gehört haben! Sie wird einen großen Erfolg bei Hofe haben!« - -»Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?« fragte die Nachtigall, -welche glaubte, daß der Kaiser zugegen wäre. - -»Meine vortreffliche, liebe Nachtigall!« sagte der Kavalier, »ich habe -die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend zu befehlen, wo Sie -Seine kaiserliche Gnaden mit Ihrem reizenden Gesange bezaubern sollen!« - -»Es nimmt sich im Grünen am besten aus!« entgegnete die Nachtigall, aber -sie ging doch mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte. - -Im Schlosse war alles im festlichen Staate. Wände und Fußboden, die von -Porzellan waren, erglänzten im Scheine vieler tausend goldener Lampen. -Die schönsten Blumen, die recht laut klingeln konnten, waren in den -Gängen aufgestellt. Da war ein Laufen und Rennen, und von dem starken -Zugwind klingelten alle Glocken, so daß man sein eigenes Wort nicht -verstand. - -Mitten in dem Saale, in welchem der Kaiser saß, war eine kleine, goldene -Säule aufgestellt, auf welcher die Nachtigall sitzen sollte. Der ganze -Hof war dort versammelt, und das kleine Küchenmädchen hatte die -Erlaubnis erhalten, hinter der Thür zu stehen, da ihr nun der Titel -einer »wirklichen Hofköchin« beigelegt war. - -Die Nachtigall sang so lieblich, daß dem Kaiser Thränen in die Augen -traten; die Thränen liefen ihm über die Wangen hinab, und nun sang die -Nachtigall noch schöner, daß es recht zu Herzen ging. Der Kaiser war so -froh und zufrieden, daß er zu bestimmen geruhte, die Nachtigall sollte -einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen. Die Nachtigall aber dankte, -sie hätte schon eine hinreichende Belohnung erhalten. - -»Ich habe Thränen in den Augen des Kaisers gesehen, das ist mir der -reichste Schatz! Eines Kaisers Thränen haben eine wunderbare Macht! Gott -weiß, ich bin belohnt genug!« Dann sang sie wieder mit ihrer süßen, -bezaubernden Stimme. Ja, die Nachtigall machte wirklich Glück. - -Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben und die -Freiheit genießen, zweimal des Tages und einmal des Nachts sich im -Freien zu ergehen. Zwölf Diener mußten sie begleiten, die sie alle an -einem um das eine Bein geschlungenen Bande festhielten. Ein solcher -Ausgang war nun eben kein Vergnügen. - -Eines Tages wurde dem Kaiser eine große Kiste mit der Aufschrift -»Nachtigall!« überreicht. - -»Da haben wir nun gewiß ein Buch über unsern berühmten Vogel!« dachte -der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein kleines Kunstwerk, welches -in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebendigen -ähneln sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt -war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eines der Stücke -singen, welche die wirkliche Nachtigall sang, und dabei bewegte er den -Schwanz auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing -ihm ein Bändchen, auf dem geschrieben stand: »Die Nachtigall des Kaisers -von Japan ist arm gegen die des Kaisers von China!« - -»Das ist herrlich!« sagten sie sämtlich, und derjenige, welcher den -künstlichen Vogel überbracht hatte, erhielt sofort den Titel eines -»kaiserlichen Oberhofnachtigallenüberbringers«. - -»Nun müssen sie zusammen singen! Was wird das für ein Duett werden!« - -So mußten sie denn zusammen singen, aber es wollte nicht recht gehen, -denn die wirkliche Nachtigall ging auf ihre Art und der Kunstvogel ging -auf Walzen. »Der trägt nicht die Schuld!« sagte der Spielmeister, »der -ist besonders taktfest und ganz aus meiner Schule!« Nun sollte der -Kunstvogel allein singen. -- Er machte ein ebenso großes Glück wie der -wirkliche und dann bot er auch einen viel prächtigeren Anblick. - -Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und wurde doch nicht -müde. Die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, doch meinte der -Kaiser, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas vortragen sollte -- --- aber wo war diese? Niemand hatte bemerkt, daß sie zum offenen Fenster -hinausgeflogen war, fort zu ihren grünen Wäldern. - -»Aber was ist denn das?« rief der Kaiser; und alle Hofleute schalten und -meinten, die Nachtigall wäre ein höchst undankbares Tier. »Den besten -Vogel haben wir doch!« trösteten sie sich und so mußte der Kunstvogel -wieder singen. Der Spielmeister lobte den Vogel über alle Maßen, ja, er -versicherte, er wäre besser als die wirkliche Nachtigall, nicht nur was -die Kleider und die vielen strahlenden Diamanten anbelangte, sondern -auch hinsichtlich seines Innern. - -Der Kaiser stimmte ihm bei und der Spielmeister erhielt Befehl, den -Vogel am nächsten Sonntage dem Volke vorzuweisen. Und die Leute hörten -ihn und waren ganz entzückt und riefen: »O!« und hielten nach ihrer -Sitte einen Finger in die Höhe und nickten dabei. Aber die armen -Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, meinten: »Das -klingt wohl ganz hübsch, es läßt sich auch eine Ähnlichkeit der Melodie -nicht ableugnen, aber es fehlt doch etwas. Was es nur sein mag?« - -Die wirkliche Nachtigall ward aus Land und Reich verwiesen; der -Kunstvogel aber hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen, -unmittelbar neben dem Bette des Kaisers. Alle Geschenke, die er erhalten -hatte, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er -bereits bis zum »Kaiserlichen Nachttischsänger« mit dem Range eines -Rates erster Klasse aufgestiegen. - -So ging es ein ganzes Jahr: Der Kaiser, der Hof und alle andern Chinesen -kannten jeden Laut in dem Gesange des Kunstvogels auswendig, aber gerade -deshalb hielten sie die größten Stücke auf ihn. Sie konnten selbst -mitsingen und thaten es. Die Gassenbuben sangen: »Zizizi! -Kluckkluckkluck!« und der Kaiser sang es. O, es war himmlisch! - -Aber eines Abends, als der Kunstvogel gerade am besten sang, und der -Kaiser im Bette lag und zuhörte, ging es inwendig im Vogel: »Schwupp!« -Da sprang etwas: »Schnurrrrr!« Alle Räder liefen herum, und dann schwieg -die Musik. - -Der Kaiser sprang sogleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt holen, -aber was konnte der helfen! Dann schickte man nach dem Uhrmacher, und -nach vielem Fragen und vielem Untersuchen setzte er den Vogel wenigstens -einigermaßen wieder in Stand, erklärte aber, er müßte sehr geschont -werden, denn die Zapfen wären abgenutzt und es wäre unmöglich, neue -dergestalt einzusetzen, daß die Musik sicher ginge. Da war nun große -Trauer. Nur einmal des Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen, -und schon das war ein großes Wagnis. Dann aber hielt der Spielmeister -eine kleine Rede und versicherte, daß es noch ebenso gut wäre wie -früher, und dann war es auch ebenso gut wie früher. - -Nun waren fünf Jahre verstrichen, als das ganze Land plötzlich eine -wirkliche Ursache zu großer Trauer bekam, denn der Kaiser, der sehr -geliebt wurde, erkrankte lebensgefährlich. Ein neuer Kaiser war schon im -voraus gewählt und das Volk stand auf der Straße und fragte, wie es mit -dem Herrn stände. Es hieß schon, der Kaiser sei tot. Aber der Kaiser war -noch nicht tot. Steif und bleich lag er in dem prächtigen Bette mit den -langen Sammetvorhängen und den schweren Goldquasten. Hoch oben stand ein -Fenster offen und der Mond schien herein auf den Kaiser und den -Kunstvogel. - -Der arme Kaiser konnte kaum noch atmen, es war ihm, als ob etwas auf -seiner Brust läge. Er schlug die Augen auf und da sah er, daß es der Tod -war, der auf seiner Brust saß. Er hatte sich seine goldene Krone -aufgesetzt und hielt in der einen Hand den goldenen Säbel des Kaisers -und in der andern dessen prächtige Fahne. Aus den Falten der großen -Sammetvorhänge schauten ringsumher seltsame Köpfe hervor, einige sehr -häßlich, andere Frieden verheißend und mild. Es waren alle böse und gute -Thaten des Kaisers, die ihn jetzt, wo der Tod auf seinem Herzen saß, -anblickten. - -»Erinnerst du dich dessen?« flüsterte eine nach der anderen. »Erinnerst -du dich dessen?« und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß -von der Stirne lief. - -»Das habe ich nie gewußt!« seufzte der Kaiser. »Musik, Musik, die große -chinesische Trommel!« rief er, »damit ich nicht alles höre, was sie -sagen!« - -Aber sie verstummten nicht, und der Tod nickte zu allem, was gesagt -wurde. - -»Musik, Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner lieblicher Goldvogel, -singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe -dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, -singe!« - -Aber der Vogel schwieg, es war niemand da, ihn aufzuziehen, und sonst -sang er nicht. Aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen, -leeren Augenhöhlen anzuschauen, und es war so still, so erschrecklich -still. - -Da ertönte plötzlich, dicht neben dem Fenster, der herrlichste Gesang. -Er rührte von der kleinen, lebendigen Nachtigall her, die draußen auf -einem Zweige saß. Sie hatte von ihres Kaisers Not gehört und war deshalb -gekommen, ihm Trost und Hoffnung zuzusingen. Und wie sie sang, -erbleichten die Spukgestalten mehr und mehr, immer rascher pulsierte das -Blut in des Kaisers schwachem Körper und selbst der Tod lauschte und -sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall, fahre fort!« - -»Ja, wenn du mir des Kaisers goldenen Säbel, seine Fahne und seine Krone -geben willst.« - -Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang hin, und die Nachtigall -war unermüdlich. Sie sang von dem stillen Friedhofe, wo die weißen Rosen -wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Thränen -der Überlebenden benetzt wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem -Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel zum Fenster hinaus. - -»Dank, Dank!« sagte der Kaiser, »du himmlischer kleiner Vogel, ich kenne -dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche verwiesen, und doch -hast du die bösen Geister von meinem Bette hinweggesungen, den Tod von -meinem Herzen vertrieben! Wie soll ich dir lohnen?« - -»Du hast mir gelohnt!« sagte die Nachtigall, »Thränen haben deine Augen -vergossen, als ich das erstemal sang; das vergesse ich dir nie, das sind -die Juwelen, die eines Sängers Herzen wohl thun. Aber schlafe nun, werde -frisch und gesund! Ich will dich einsingen.« - -Sie sang -- -- und der Kaiser fiel in einen süßen, sanften, erquickenden -Schlaf. - - [Farbtafel/Plate] - -Die Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf ihn, als er gestärkt und -gesund erwachte. Noch war keiner von seinen Dienern zurückgekommen, denn -sie hielten ihn für tot, aber die Nachtigall saß noch da und sang. - -»Immer mußt du bei mir bleiben!« sagte der Kaiser; »du sollst nur -singen, wenn du willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend -Stücke!« - -»Thue das nicht!« sagte die Nachtigall. »Er hat gethan, was er zu thun -vermochte; behalte ihn auch fernerhin. Ich kann in einem Schlosse nicht -wohnen, doch laß mich zu dir kommen, so oft mich das Verlangen dazu -treibt; dann will ich des Abends dort auf dem Zweige vor dem Fenster -sitzen und dir vorsingen, damit du froh, aber auch zugleich nachdenklich -wirst. Ich will singen von den Glücklichen und von denen, welche leiden; -ich will singen vom Bösen und Guten, was dir verhehlt wird. Der kleine -Singvogel fliegt weit umher zu dem armen Fischer, zu des Landmannes -Dach, zu jedem, der fern von dir und deinem Hofe ist. Dein Herz liebe -ich mehr, als deine Krone, und doch hat die Krone etwas von dem Dufte -des Heiligen an sich. -- Ich komme, ich singe dir vor! Aber Eins mußt du -mir versprechen!« - -»Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, -die er sich selbst angelegt hatte, und legte den Säbel, der von Gold -schwer war gegen sein Herz. - -»Um Eines bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel -hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!« - -Darauf flog die Nachtigall fort. - -Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; -- ja, -da standen sie und der Kaiser sagte ganz frisch und munter: »_Guten -Morgen!_« - - - - -Die Schneekönigin. - -Märchen in sieben Geschichten. - - [Abbildungen/Illustrations: capE74, pic76.jpg, pic79.jpg, tafel1.jpg] - - -_Erste_ Geschichte. +Der Zauberspiegel.+ - -Ein böser Zauberer hatte einst einen Spiegel angefertigt, der die -Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, das sich darin spiegelte, -zusammenschrumpfte und häßlich grinste, während das, was nichts taugte, -deutlich hervortrat und sich gut ausnahm. Das wäre lustig, meinten die, -welche die Schule des Zauberers besuchten, denn dieser gab Unterricht im -Zaubern. Sie liefen mit dem Spiegel umher und zuletzt war weder ein Land -noch ein Mensch, die nicht ihr verdrehtes Bild gesehen hätten. - -Nun wollten sie zuletzt sogar auch noch zum Himmel emporfliegen, um mit -den Engeln und dem lieben Gott ihren Spott zu treiben. Je höher sie mit -dem Spiegel flogen, desto stärker grinste er, daß sie ihn kaum -festhalten konnten. Höher und höher flogen sie, Gott und seinen Engeln -immer näher. Da erbebte der Spiegel in seinem Grinsen so furchtbar, daß -er ihren Händen entglitt und auf die Erde hinunterstürzte, wo er in -hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zerbrach. Aber gerade -hienieden richtete er weit größeres Unglück an als zuvor, denn einige -Stücke waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und diese verbreiteten sich -über die ganze weite Welt. Wo sie den Leuten in die Augen kamen, da -blieben sie sitzen, und dann sahen die Menschen alles verkehrt oder -hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache, denn jedes -Spiegelsplitterchen hatte dieselben Kräfte behalten, welche dem ganzen -Spiegel eigen waren. Einigen Menschen drang ein solcher Spiegelsplitter -sogar in das Herz, und dann war es entsetzlich, das Herz wurde förmlich -ein Eisklumpen. Einige Scherben waren so groß, daß sie zu -Fensterscheiben benutzt wurden, andere Stücke dienten als Brillengläser, -was natürlich eine große Verwirrung anrichtete. Und immer noch flogen -kleine Glassplitter in der Luft umher. Wir werden nun hören, was durch -dieselben geschah. - - -_Zweite_ Geschichte. +Die Nachbarskinder.+ - -In der großen Stadt, wo so viel Leute beisammenwohnen, daß nicht alle -ein Gärtchen haben können, sondern viele sich mit Blumentöpfen begnügen -müssen, lebten einst zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten -als einen Blumentopf besaßen. Sie waren nicht Bruder und Schwester, -hatten einander aber eben so lieb, als ob sie es wären. Ihre Eltern -wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Sie bewohnten zwei Dachkammern, -da, wo das Dach des einen Nachbarhauses das des andern berührte und die -Wasserrinne zwischen den Dächern entlang lief. Dort hinaus blickte aus -jedem Hause ein Fenster. Man brauchte nur über die Rinne zu schreiten, -um von dem einen Fenster nach dem andern zu gelangen. - -Jedes Elternpaar hatte draußen einen hölzernen Kasten angebracht, in -welchem die nötigsten Küchenkräuter gezogen wurden. Auch befand sich -in jedem Kästchen ein kleiner Rosenstock und beide wuchsen und gediehen -herrlich. Nun gerieten die Eltern auf den Gedanken, die Kästen quer -über die Rinne so auszustellen, daß sie fast von dem einen Fenster bis -zu dem andern reichten und sich völlig wie zwei Blumenwälle ausnahmen. -Erbsenranken hingen über die Kästen hinunter und die Rosenstöcke trieben -lange Zweige, rankten sich um die Fenster, neigten sich einander zu -und bildeten fast eine Laube, und die Kinder erhielten oftmals die -Erlaubnis, hinauszuklettern und unter den Rosen miteinander zu spielen. - -Im Winter war ja dies Vergnügen vorüber. Die Fenster waren dann oft ganz -zugefroren. Doch dann wärmten sie Kupferdreier auf dem Ofen, hielten sie -gegen die gefrorene Scheibe und dann bildete sich dort ein prächtiges -Guckloch, so rund, o so rund; dahinter strahlte ein glückliches sanftes -Auge, eines hinter jedem Fenster. Das war der kleine Knabe und das -kleine Mädchen. Er hieß _Kay_ und sie hieß _Gerda_. Im Sommer konnten -sie rasch bei einander sein, im Winter aber mußten sie die vielen -Treppen hinunter und hinauf. -- Draußen wirbelte der Schnee. - -»Jetzt schwärmen die weißen Bienen!« sagte die alte Großmutter. - -»Haben sie auch eine Bienenkönigin?« fragte der kleine Knabe. - -»Die haben sie!« sagte die Großmutter, »sie fliegt immer dort, wo sie am -dichtesten schwärmen. Sie ist die größte von allen Schneeflocken, und -nie ist sie ruhig auf Erden, sie fliegt gleich wieder zu der schwarzen -Wolke empor. Manche Winternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt -und guckt zu den Fenstern hinein, und dann gefrieren diese so wunderbar, -als wären sie mit Blumen besäet.« - -»Ja, das habe ich gesehen!« riefen beide Kinder, und nun wußten sie, daß -es Wahrheit wäre. - -»Kann die Schneekönigin hereinkommen?« fragte das kleine Mädchen. - -»Laß sie nur kommen,« sagte der Knabe, »dann setze ich sie auf den -warmen Kachelofen und sie muß zerschmelzen!« - -Aber die Großmutter strich ihm das Haar glatt und erzählte andere -Geschichten. - -Des Abends, als der kleine Kay zu Hause und halb ausgezogen war, -kletterte er auf den Stuhl am Fenster und guckte zu dem kleinen Loch -hinaus. Ein paar Schneeflocken fielen draußen und eine derselben, die -allergrößte, blieb auf dem Rande des einen Blumenkastens hängen. Die -Schneeflocke wuchs und wuchs, bis sie sich zuletzt in eine vollständige -Frau verwandelte, in den feinsten weißen Flor gehüllt, der wie von -Millionen sternartiger Flocken zusammengesetzt war. Sie war schön und -fein, aber von Eis, dem blendenden, blinkenden Eis, doch war sie -lebendig. Die Augen funkelten wie zwei helle Sterne, aber unstät rollten -sie umher ohne Ruh und Rast. Sie nickte nach dem Fenster zu und winkte -mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuhle hinunter. -Da war es, als flöge ein großer Vogel draußen an dem Fenster vorüber. - -Am folgenden Tag war klares Frostwetter -- -- und dann begann es zu -thauen, der Lenz hielt seinen Einzug, die Sonne schien, die Spitzen der -Grashälmchen sproßten hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster -wurden geöffnet, und die kleinen Kinder saßen wieder in ihrem Gärtchen -hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken. - -Die Rosen blühten während dieses Sommers besonders schön. Das kleine -Mädchen hatte ein Lied gelernt und sang es dem Knaben vor und er sang -mit: - - »Ich liebe die Rosen in all ihrer Pracht, - Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!« - -Kay und Gerda saßen und sahen sich das Bilderbuch mit den vielen Tieren -und Vögeln an, da war es -- die Uhr auf dem großen Kirchturme schlug -gerade fünf -- daß Kay sagte: »Au! es ging mir wie ein Stich durch das -Herz! Und jetzt ist mir etwas ins Auge geflogen!« Das kleine Mädchen -faßte ihn um den Hals; er blinzelte mit den Augen: nein, es war durchaus -nichts zu sehen. - -»Ich denke, es ist fort!« sagte er, aber fort war es nicht. Es war -gerade einer von diesen Glassplittern, die von dem Spiegel abgesprungen -waren, dem Zauberspiegel. Wir entsinnen uns desselben wohl noch, der -bewirkte, daß alles Große und Gute, welches sich darin abspiegelte, -klein und häßlich wurde, und jeder Fehler an einer Sache sich sofort -bemerkbar machte. Der arme Kay, ihm war ein solches Splitterchen auch -gerade in das Herz eingedrungen. Das sollte nun bald wie ein Eisklumpen -werden. Nun that es zwar nicht mehr wehe, aber da war es. - -»Weshalb weinst du?« fragte er. »So siehst du häßlich aus. Mir fehlt ja -durchaus nichts! Pfui!« rief er plötzlich aus, »die Rose da ist ja vom -Wurme angefressen! Und sieh, jene ist gar nicht gerade gewachsen. Das -sind eigentlich recht häßliche Rosen. Sie sind ebenso garstig wie die -Kasten, in denen sie stehen!« Und dann stieß er heftig mit dem Fuße -gegen den Kasten und riß die beiden Rosen ab. - -»Kay, was thust du!« rief das kleine Mädchen; und als er ihr heftiges -Erschrecken bemerkte, riß er noch eine Rose ab und sprang dann in sein -Fenster hinein. - -Wenn sie später mit dem Bilderbuche kam, spottete er darüber und wenn -die Großmutter Geschichten erzählte, kam er stets mit einem Aber -dazwischen; zuweilen schlich er sich hinter ihr her, setzte ihre Brille -auf und ahmte ihre Stimme nach. Er konnte bald allen Leuten in der -Straße Gang und Redeweise nachahmen und besonders das Unschöne wußte er -treffend zu kopieren. Aber daran war das Glas schuld, welches ihm in die -Augen geflogen war, das Glas, welches ihm in dem Herzen saß. Daher kam -es, daß er sogar die kleine Gerda neckte, die ihn von ganzer Seele lieb -hatte. - -Seine Spiele nahmen jetzt einen ganz anderen Charakter an, sie wurden -mehr verständig. An einem Wintertage, als Schneegestöber eingetreten -war, kam er mit einem Vergrößerungsglase, hielt seine blauen Rockzipfel -hinaus und ließ die Schneeflocken darauf fallen. - -»Sieh nun einmal in das Glas, Gerda!« sagte er, und jede Schneeflocke -wurde ungleich größer und nahm sich wie eine prächtige Blume oder ein -zehnzackiger Stern aus. Es gewährte einen herrlichen Anblick. - -»Siehst du, wie kunstreich!« rief Kay aus; »das bietet weit mehr -Vergnügen und Stoff zum Nachdenken dar, als die wirklichen Blumen! Auch -ist kein einziger Fehler an ihnen, sie sind ganz regelmäßig; wenn sie -nur nicht schmelzen würden!« - -Nicht lange darauf kam Kay mit großen Fausthandschuhen und seinem -Schlitten auf dem Rücken. Er flüsterte Gerda in die Ohren: »Ich habe -Erlaubnis bekommen, auf den großen Platz zu fahren, wo die Andern -spielen!« und fort war er. - -Dort auf dem Platze banden mitunter die kecksten Knaben ihre Schlitten -an die Bauernwagen und fuhren dann eine tüchtige Strecke mit. Das ging -gerade recht lustig. Als das Spiel im vollen Gange war, kam ein großer, -weiß angestrichener Schlitten. Eine Person saß in demselben, die in -einen weißen, rauhen Pelz eingehüllt und mit einer weißen Pelzmütze -bedeckt war. Der Schlitten fuhr zweimal um den Platz herum und Kay -gelang es, seinen kleinen Schlitten an denselben festzubinden und nun -fuhr er mit. Rascher und immer rascher ging es gerade in die nächste -Straße hinein. Der Führer des Schlittens wandte den Kopf und nickte ihm -so freundlich zu, als ob sie mit einander bekannt wären. So oft Kay -seinen kleinen Schlitten abbinden wollte, nickte die Person abermals und -dann blieb Kay sitzen; sie fuhren gerade zum Stadtthore hinaus. Da wurde -das Schneegestöber so heftig, daß der kleine Knabe nicht die Hand vor -den Augen mehr erkennen konnte, während er gleichwohl weiter fuhr. -Endlich ließ er den Strick fallen, um sich von dem großen Schlitten los -zu machen, aber es half nichts, sein kleines Fuhrwerk hing fest und es -ging mit Windeseile. Da rief er ganz laut, aber niemand hörte ihn, und -der Schnee wirbelte und der Schlitten flog vorwärts. Mitunter gab es -einen Stoß, als ob man über Gräben und Hecken führe. Er war ganz -entsetzt, wollte sein Vaterunser beten, konnte sich aber nur noch auf -das große Einmaleins besinnen. - -Die Schneeflocken wurden größer und größer, zuletzt sahen sie wie große -weiße Hühner aus. Plötzlich sprangen die Pferde zur Seite, der Schlitten -hielt und die Person, welche ihn fuhr, erhob sich; Pelz und Mütze waren -von lauter Schnee. Es war eine Dame, hoch und schlank, blendend weiß, -es war die _Schneekönigin_. - -»Wir sind wacker vorwärts gekommen,« sagte sie. »Aber ist das etwa ein -Wetter zum Frieren? Komm, krieche mit in meinen Bärenpelz hinein!« und -sie setzte ihn in den Schlitten an ihre Seite und schlug den Pelz um -ihn, daß es ihm vorkam, als versänke er in einen Schneehaufen. - -»Frierst du noch?« fragte sie und küßte ihn dann auf die Stirn. Huh, das -war noch kälter als Eis, das ging ihm gleich bis ans Herz, welches ja -schon halb und halb ein Eisklumpen war. Ihm war zu Mute, als sollte er -sterben; -- aber nur einen Augenblick, dann that es ihm gerade gut. -Er empfand nichts mehr von der Kälte um sich. - -»Meinen Schlitten! vergiß meinen Schlitten nicht!« Dessen erinnerte er -sich zuerst. Er wurde auch auf eins der weißen Hühner gebunden, welches -mit dem Schlitten auf dem Rücken hinterher flog. Die Schneekönigin küßte -Kay noch einmal und dann hatte er die kleine Gerda und die Großmutter -und alle daheim vergessen. - -Kay fürchtete sich gar nicht vor der Schneekönigin; er erzählte ihr, daß -er im Kopfe rechnen könne und sogar mit Brüchen, daß er die Größe und -Einwohnerzahl der Länder wüßte und sie lächelte zu allem. Und sie flog -mit ihm, flog hoch hinauf zu der schwarzen Wolke und der Sturm sauste -und brauste, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen, -über Meere und Länder. Unten in der Tiefe sauste der kalte Wind, heulten -die Wölfe, flimmerte der Schnee und über denselben flogen die schwarzen, -schreienden Krähen hinweg, aber über ihnen glänzte der Mond groß und -klar und zu ihm schaute Kay auf, die lange, lange Winternacht hindurch. -Am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin. - - -_Dritte_ Geschichte. +Der Blumengarten der Zauberin.+ - -Aber was wurde aus der kleinen Gerda, als Kay nicht wiederkam? Wo in -aller Welt befand er sich doch? -- Niemand wußte es, niemand konnte -Auskunft erteilen. Die Knaben erzählten nur, daß sie gesehen, wie er -seinen kleinen Schlitten an einen großen und prächtigen angebunden -hätte, der in die Straßen hinein und dann zum Stadtthore hinausgefahren -wäre. Niemand wußte, wo er war; viele Thränen flossen, die kleine Gerda -weinte bitterlich und lange. Dann hieß es, er wäre tot, er wäre in dem -Flusse ertrunken, der nahe bei der Stadt vorbeifloß. O, es waren recht -lange dunkle Wintertage. - -Jetzt erschien der Lenz mit wärmerem Sonnenscheine. - -»Kay ist tot und fort!« sagte die kleine Gerda. - -»Das glaube ich nicht!« sagte der Sonnenschein. - -»Er ist tot und fort!« sagte sie zu den Schwalben. - -»Das glauben wir nicht!« entgegneten dieselben, und endlich glaubte die -kleine Gerda es auch nicht mehr. - -»Ich will meine neuen roten Schuhe anziehen!« sagte sie eines Morgens, -»diejenigen, welche Kay noch nie gesehen hat, und dann will ich zum -Flusse hinuntergehen und mich bei diesem erkundigen!« - -Noch war es ganz früh, als sie sich erhob, die alte Großmutter, welche -noch schlummerte, küßte, die roten Schuhe anzog und dann ganz allein zum -Thore hinaus nach dem Flusse ging. - -»Ist es wahr, daß du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? -Ich will dir meine roten Schuhe schenken, wenn du mir ihn wiedergeben -willst!« - -Es kam ihr vor, als ob die Wellen ihr so eigentümlich zunickten. Dann -nahm sie ihre roten Schuhe, das liebste, was sie besaß, und warf sie -beide in den Fluß, aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen -Wellen trugen sie wieder zu ihr an das Land, als wollte der Fluß sie -ihres liebsten Eigentums nicht berauben, zumal er ja den kleinen Kay -nicht hatte. Nun aber glaubte sie, daß sie die Schuhe nicht weit genug -hinausgeworfen hätte, und kletterte deshalb in ein Boot, welches im -Schilfe lag. Sie ging bis an das äußerste Ende und warf die Schuhe von -neuem in die Wellen. Das Boot war jedoch nicht befestigt, und bei der -Bewegung, welche sie machte, glitt es vom Lande ab. Sie bemerkte es zwar -und beeilte sich zurückzukommen, aber ehe es ihr gelang, war das Boot -schon ein Stück vom Ufer, und nun glitt es rascher den Fluß abwärts. - -Da erschrak die kleine Gerda gewaltig und begann zu weinen, allein nur -die Sperlinge hörten sie und diese konnten sie nicht an das Land tragen, -aber sie flogen das Ufer entlang und zwitscherten, als wollten sie sie -trösten: »Hier sind wir! Hier sind wir!« Das Boot trieb mit dem Strome; -die kleine Gerda saß ganz still in bloßen Strümpfen. Ihre kleinen roten -Schuhe schwammen hinterher, konnten das Boot jedoch nicht erreichen, -da dasselbe schneller vom Strome fortgerissen wurde. - -Lieblich war es an beiden Ufern; prächtige Blumen, alte Bäume und die -Abhänge mit Schafen und Kühen belebt, aber nicht ein Mensch war zu -sehen. - -»Vielleicht trägt mich der Fluß zum kleinen Kay hin!« dachte Gerda und -da wurde sie besserer Laune, sie erhob sich und betrachtete viele -Stunden lang die schönen grünen Ufer. Dann fuhr sie an einem großen -Kirschgarten vorüber, in welchem ein Häuschen mit merkwürdig roten und -blauen Fenstern stand; übrigens war es mit Stroh gedeckt und draußen -standen zwei hölzerne Soldaten, welche vor den Vorübersegelnden das -Gewehr schulterten. - -Gerda rief sie an; sie hielt sie für lebendig, aber sie antworteten -natürlich nicht; sie kam ihnen ganz nahe, die Strömung trieb das Boot -gerade auf das Land zu. - -Gerda rief noch lauter und da trat aus dem Hause eine alte, alte Frau, -die sich auf einen Krückstock stützte. Um sich gegen die Sonne zu -schützen, hatte sie einen großen Hut auf, der mit den schönsten Blumen -bemalt war. - -»Du liebes armes Kind!« sagte die alte Frau, »wie bist du auf den großen -starken Strom gekommen und so fern in die weite Welt hinausgetrieben!« -Darauf ging die alte Frau bis an den Rand des Wassers, zog das Boot mit -ihrem Krückstock an das Land und hob die kleine Gerda heraus. - -Obgleich Gerda froh war, auf das Trockene zu kommen, fürchtete sie sich -doch ein wenig vor der fremden alten Frau. - -»Komme doch und erzähle mir, wer du bist und wie du hierher kommst!« -sagte sie. - -Gerda erzählte ihr alles und fragte sie, ob sie den kleinen Kay nicht -gesehen hätte. Die alte Frau meinte, er käme wohl noch, sie möchte nur -nicht betrübt sein und Kirschen essen und sich ihre Blumen ansehen. Dann -nahm sie Gerda bei der Hand, ging mit ihr in das kleine Häuschen und -schloß die Thüre zu. - -Die Fenster waren sehr hoch angebracht und die Scheiben waren rot, blau -und gelb. Das Tageslicht fiel ganz eigentümlich herein, aber auf dem -Tische standen die köstlichsten Kirschen und Gerda aß nach Herzenslust -davon, weil sie die Erlaubnis dazu erhalten hatte. Während sie aß, -kämmte ihr die alte Frau das Haar mit einem goldenen Kamme, und das Haar -ringelte sich und schimmerte goldig um ihr liebes freundliches -Gesichtchen, welches rund war und wie eine Rose blühte. - -»Nach einem so holden kleinen Mädchen habe ich mich schon lange -gesehnt!« sagte die Alte. »Du wirst nun sehen, wie gut wir uns -gegenseitig gefallen werden!« Und je länger sie das Haupt der kleinen -Gerda kämmte, desto mehr vergaß dieselbe ihren Pflegebruder Kay, denn -die alte Frau konnte zaubern, aber eine böse Zauberin war sie nicht. Sie -ging in den Garten hinaus, streckte ihren Krückstock über alle -Rosenstöcke aus und diese versanken sofort in die schwarze Erde. Die -Alte befürchtete, daß Gerda beim Anblick der Rosen ihrer eigenen -gedenken, sich dadurch des kleinen Kay erinnern und dann davonlaufen -würde. - -Jetzt führte sie Gerda in den Blumengarten hinaus. Welch' ein Duft, -welch' eine Pracht herrschte hier! Alle erdenkliche Blumen, und zwar für -jede Jahreszeit, standen hier in üppigstem Flor. Gerda hüpfte vor Freude -und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen unterging. Dann -bekam sie ein hübsches Bett mit rotseidenen Kissen, die mit blauen -Veilchen gestopft waren, und schlief und träumte so herrlich, wie eine -Königin. - -Am nächsten Morgen durfte sie wieder mit den Blumen in dem warmen -Sonnenscheine spielen -- und so ging es viele Tage. Gerda kannte jede -Blume, aber wie viele auch vorhanden waren, so kam es ihr doch vor, als -ob eine darunter fehlte, nur wußte sie nicht welche. Eines Tages sah sie -aber auf dem Sonnenhut der alten Frau eine gemalte Rose. Sie sprang -zwischen den Beeten umher und suchte eine Rose unter den Blumen, aber da -war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte; aber ihre heißen -Thränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstock versunken war, -und als die warmen Thränen die Erde benetzten, da schoß plötzlich der -Stock ebenso blühend, wie er versunken war, empor, und Gerda umarmte -ihn, küßte die Rosen und gedachte der hübschen Rosen daheim und dabei -kam ihr auch der kleine Kay wieder in den Sinn. - -»O wie lange bin ich nun schon hier bei der alten Frau!« sagte das -kleine Mädchen. »Ich wollte ja Kay suchen! -- Wißt ihr nicht, wo er -ist?« fragte sie die Rosen. »Glaubt ihr, daß er tot und fort ist?« - -»Tot ist er nicht!« sagten die Rosen. »Wir sind ja in der Erde gewesen, -wo alle Tote sind, aber dort war Kay nicht!« - -»Dank, tausend Dank!« erwiderte die kleine Gerda und ging zu den andern -Blumen, schaute in ihren Kelch und fragte: »Wißt ihr nicht, wo der -kleine Kay ist?« - -Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder -Geschichtchen. Von diesen vernahm die kleine Gerda viele, viele, aber -keine wußte etwas von Kay. - -»Es ist vergebens, daß ich die Blumen frage, sie wissen nur ihr eigenes -Lied, sie erteilen mir keine Auskunft!« sagte Gerda, als ihr die Blumen -des Gartens ihre Geschichten erzählt hatten. Und dann schürzte sie ihr -Röckchen auf, um besser laufen zu können und eilte nach dem Ausgang des -Gartens. - -Die Thüre war zwar verschlossen, doch drückte sie auf die verrostete -Klinke, bis sie nachgab und die Thüre aufsprang, und nun lief die kleine -Gerda barfuß in die weite Welt hinaus. Dreimal schaute sie zurück, aber -niemand verfolgte sie. Endlich konnte sie nicht mehr gehen und setzte -sich auf einen großen Stein. Als sie nun um sich schaute, war der Sommer -vorbei; es war Spätherbst, was man in dem schönen Garten, wo fortwährend -Sonnenschein herrschte und Blumen aller Jahreszeiten standen, gar nicht -hatte wahrnehmen können. - -»Gott, wie viel Zeit habe ich versäumt!« sagte die kleine Gerda. »Es ist -ja Herbst geworden, da darf ich nicht rasten!« und sie erhob sich, um -weiter zu gehen. - -O wie wund und müde ihre kleinen Füße waren, und wie rauh und kalt es -ringsumher aussah! Die langen Weidenblätter waren gelb und in großen -Perlen träufelte der Tau herab. Ein Blatt nach dem andern fiel ab, nur -der Schlehendorn trug noch Früchte, die freilich herb genug waren und -den Mund zusammenzogen. O, wie grau und schwer es in der weiten Welt -doch war! -- - - -_Vierte_ Geschichte. +Prinz und Prinzessin.+ - -Gerda mußte sich wieder ausruhen. Da hüpfte auf dem Schnee gerade vor -ihr eine große Krähe, die schon dagesessen, sie aufmerksam angeschaut -und mit dem Kopfe gewackelt hatte. Nun sagte sie: »Kra, kra! -- gut' -Tag, gut' Tag!« Besser konnte sie es nicht aussprechen, aber trotzdem -meinte sie es mit dem kleinen Mädchen sehr gut und fragte, wohin sie so -allein in die weite Welt hinausginge. Das Wort allein verstand Gerda nur -zu wohl und fühlte den ganzen Inhalt desselben gar tief, und dann -erzählte sie der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie -Kay nicht gesehen hätte. - -Und die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: »Es könnte sein, es -könnte sein!« - -»Wie? Glaubst du?« rief das kleine Mädchen und küßte die Krähe so -ungestüm, daß sie dieselbe fast tot gedrückt hätte. - -»Vernünftig, vernünftig!« entgegnete die Krähe. »Ich denke, es wird der -kleine Kay sein! Aber jetzt hat er dich wohl schon vergessen. Doch es -macht mir Mühe, deine Sprache zu reden. Allein, wenn du die -Krähensprache verstehst, dann kann ich besser erzählen!« - -»Nein, die habe ich nicht gelernt!« sagte Gerda, »doch die Großmutter -konnte sie recht geläufig. Hätte ich sie nur gelernt!« - -»Thut nichts, thut nichts!« sagte die Krähe, »ich werde erzählen, so gut -ich kann,« und dann erzählte sie, was sie wußte: - -»In dem Königreiche, in welchem wir hier sitzen, wohnt eine ungeheuer -kluge Prinzessin. Eines Tages fiel es dieser ein, sich zu vermählen. Sie -wollte jedoch einen Mann haben, der zu antworten verstand, wenn man ihn -anredete, einen, der nicht nur dastand und vornehm aussah, denn das ist -höchst langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als -diese ihre Willensmeinung vernahmen, wurden sie sehr froh. »So hab ichs -gern!« rief eine jede, »daran hab' ich neulich auch schon gedacht!« - -»Die Zeitungen erschienen sofort mit einem Rande von Herzen und den -Namenszügen der Prinzessin. Manniglich konnte darin schwarz auf weiß -lesen, daß es einem jeden jungen Manne von hübschem Äußeren frei stände, -auf das Schloß zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen, und den, -welcher so zu reden verstände, daß er sich trotz des ihn umgebenden -Glanzes unbefangen äußerte und zugleich am besten spräche, den wollte -die Prinzessin zum Manne nehmen! -- »Ja, ja!« sagte die Krähe, »du -kannst es mir glauben, es ist so wahr, wie ich hier sitze. Die Leute -strömten herzu, da war ein Gedränge und Gelaufe, aber dennoch glückte es -niemand, weder den ersten noch den zweiten Tag. Wenn sie draußen auf der -Straße waren, konnten alle vortrefflich plaudern, sobald sie aber zum -Schloßportale hereintraten und die silberstrotzenden Leibwächter und die -Treppen hinauf die Diener in Gold und die großen erleuchteten Säle -erblickten, dann wurden sie verwirrt. Standen sie nun vor dem Throne, -auf welchem die Prinzessin saß, so vermochten sie nur ihr letztes Wort -nachzusprechen, und diese Wiederholung flößte ihr kein Interesse ein. -In ganzen Reihen standen sie vom Stadtthore bis zum Schlosse. Ich war -selbst drinnen, um es mit anzusehen!« versicherte die Krähe. - -»Aber Kay, der kleine Kay!« fragte Gerda. »Wann kam er? Befand er sich -unter der Menge?« - -»Eile mit Weile! nun sind wir gerade bei ihm! Am dritten Tage kam eine -kleine Person, weder mit Pferd, noch mit Wagen, ganz lustig und guter -Dinge gerade auf das Schloß hinaufspaziert. Seine Augen blitzten wie -deine, er hatte prächtiges langes Haar, aber sonst ärmliche Kleider.« - -»Das war Kay!« jubelte Gerda. »O, dann habe ich ihn gefunden!« und dabei -klatschte sie in die Hände. - -»Er hatte einen kleinen Ranzen auf seinem Rücken!« sagte die Krähe. - -»Nein, das war sicherlich sein Schlitten!« sagte Gerda, »denn damit ging -er fort!« - -»Das ist wohl möglich!« entgegnete die Krähe; »ich sah nicht so genau -hin! Aber so viel weiß ich, daß er, als er in das Schloßthor hineintrat -und die silberstrotzenden Leibwachen und die Treppen hinauf die Diener -in Gold erblickte, nicht im Geringsten in Verlegenheit geriet. Er nickte -ihnen flüchtig zu und sagte: »Das muß langweilig sein, auf der Treppe zu -stehen. Ich gehe lieber hinein!« Drinnen erglänzten die Säle in hellem -Kerzenscheine. Geheimeräte und Exzellenzen gingen auf bloßen Füßen und -trugen goldene Gefäße; man konnte wohl beklommen werden. Seine Stiefel -knarrten entsetzlich laut, doch schien er sich darüber gar nicht zu -beunruhigen.« - -»Das ist ganz gewiß Kay!« rief Gerda, »ich weiß, er hatte neue Stiefel; -ich habe sie in der Stube der Großmutter knarren hören!« - -»Ja, geknarrt haben sie!« versetzte die Krähe, »und munter und guter -Dinge ging er gerade zur Prinzessin hinein; dieselbe saß auf einer -Perle, die so groß wie ein Spinnrad war. Alle Hofdamen mit ihren Zofen, -und den Zofen ihre Zofen, und alle Kavaliere mit ihren Dienern, und den -Dienern ihrer Diener, die sich auch einen Burschen hielten, standen -ringsherum aufgestellt.« - -»Das muß fürchterlich sein!« sagte die kleine Gerda. »Und Kay hat die -Prinzessin doch bekommen?« - -»Ja, er hat sie bekommen,« sagte die Krähe, »da er so gut zu reden -verstand.« - -»Ja, sicher! das war Kay!« sagte Gerda, »er war so klug, er konnte mit -Brüchen im Kopfe rechnen! -- O, willst du mich nicht auf dem Schlosse -einführen!« - -»Ja, das ist leicht gesagt!« meinte die Krähe. »Aber wie machen wir das? -Denn das will ich dir nur sagen, so ein kleines Mädchen, wie du bist, -erhält nie Erlaubnis zum Eintritt!« - -»Ja, die bekomme ich!« rief Gerda aus. »Wenn Kay von meiner Ankunft -hört, kommt er gleich heraus und holt mich!« - -»Erwarte mich dort am Zaune!« erwiderte die Krähe, wackelte mit dem -Kopfe und flog davon. - -Es war schon dunkel, als die Krähe zurückkehrte. »Rar, rar!« sagte sie. -»Es ist für dich unmöglich, in das Schloß zu gelangen, weil du barfuß -bist. Die silberstrotzenden Leibwachen und Diener in Gold würden es -nicht gestatten. Weine jedoch nicht, du sollst doch schon hinaufkommen. -Ich habe nämlich eine Base, die im Schlosse Kammerjungfer ist, die kennt -eine kleine Hintertreppe, die zum Schlafzimmer hinaufführt, und sie -weiß, wo sie den Schlüssel holen kann!« - -Sie gingen in den Garten hinein, in den großen Baumgang, wo schon ein -Blatt nach dem andern abfiel, und als auf dem Schlosse nach und nach die -Lichter ausgelöscht wurden, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer -Hinterthür, die nur angelehnt war. - -O, wie Gerdas Herz vor Angst und Sehnsucht klopfte! Ihr war zu Mute, als -ob sie etwas Böses thun wollte, und sie wollte doch nur erfahren, ob der -kleine Kay da wäre. Ja, er mußte es sein! Sie stellte sich ganz lebendig -seine klugen Augen, sein langes Haar vor; sie sah ihn ordentlich -lächeln, wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sich -gewiß freuen, sie zu sehen und dann von ihr zu hören, einen wie weiten -Weg sie um seinetwegen zurückgelegt hätte, und wie betrübt sie alle zu -Hause gewesen wären, als er nicht wieder heimkehrte. O, das war eine -Furcht und eine Freude! - -Nun waren sie auf der Treppe. Dort brannte eine kleine Lampe auf einem -Schranke. Mitten auf dem Fußboden stand die Base der Krähe und -betrachtete Gerda, die sich vor ihr verneigte. - -»Ich werde vorangehen,« begann die Schloßkrähe. »Wir gehen hier den -geraden Weg, denn da begegnen wir niemand!« - -»Mir ist, als ob jemand hinter uns kommt!« sagte Gerda, und es sauste -wirklich etwas an ihr vorüber. Es war, als ob Schatten über die Wand hin -glitten, Pferde mit flatternden Mähnen und schlanken Beinen, -Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferde. - -»Das sind nur Träume!« sagte die Krähe, »sie kommen und holen die -Gedanken der hohen Herrschaft zur Jagd ab.« - -Nun traten sie in den ersten Saal hinein; er war mit rosenrotem Atlas -behängt und künstliche Blumen zogen sich an allen Wänden hinauf. Hier -sausten die Träume schon an ihnen vorüber, flogen aber so schnell, daß -Gerda die hohe Herrschaft nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer -prächtiger als der andere; der Anblick der vielen Kostbarkeiten konnte -einen förmlich betäuben. Jetzt waren sie in dem Schlafzimmer. Die Decke -desselben glich einer großen Palme mit Blättern vom herrlichsten Glase, -und mitten auf dem Fußboden hingen an einem dicken Stengel von Gold zwei -Betten, deren jedes die Gestalt einer Lilie hatte. Das eine, in welchem -die Prinzessin lag, war weiß; das andere war rot, und in diesem sollte -Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eines der roten Blätter zur Seite -und da erblickte sie einen braunen Nacken. Ja, das war Kay! Sie rief -ganz laut seinen Namen, hielt die Lampe, daß das Licht auf ihn fiel -- -die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube hinein -- er erwachte, -wandte das Haupt -- -- -- und es war nicht der kleine Kay. - -Der Prinz ähnelte ihm nur im Nacken, war aber jung und schön. Und aus -dem weißen Lilienbette guckte die Prinzessin hervor und fragte, was das -wäre. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und -alles, was die Krähen für sie gethan hätten. - -»Du arme Kleine!« sagten der Prinz und die Prinzessin und lobten die -Krähen und sagten, sie wären gar nicht böse auf sie, sie sollten es aber -doch ja nicht öfter thun. Indes sollten sie eine Belohnung erhalten. - -»Wollt ihr frei fliegen?« sagte die Prinzessin, »oder wollt ihr eine -feste Anstellung als Hofkrähen haben, mit allem, was aus der Küche -abfällt?« - -Und beide Krähen verneigten sich und baten um feste Anstellung, denn sie -dachten an ihr Alter und sagten, es wäre so schön, im Alter sorgenfrei -leben zu können. - -Der Prinz erhob sich aus seinem Bette und ließ Gerda in demselben -schlafen, und mehr konnte er doch nicht thun. Sie faltete ihre keinen -Händchen und dachte: »Wie gut Menschen und Tiere doch sind!« und dann -schloß sie die Augen und entschlummerte sanft. - -Am nächsten Morgen wurde sie von Kopf bis zu Fuß in Sammet und Seide -gekleidet. Sie wurde freundlich aufgefordert, auf dem Schlosse zu -bleiben und herrlich und in Freuden zu leben, aber sie bat lediglich um -einen kleinen Wagen mit einem Pferde und um ein Paar Stiefelchen, dann -wollte sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen. - -Sie erhielt sowohl Stiefelchen als auch einen Muff und ward niedlich -gekleidet. Als sie fort wollte, hielt vor der Thüre ein neues Wägelchen -aus reinem Golde, das Wappen des Prinzen und der Prinzessin leuchtete -wie ein Stern auf demselben. Kutscher, Diener und Vorreiter saßen da mit -goldenen Kronen auf dem Kopfe. Der Prinz und die Prinzessin halfen Gerda -in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. »Lebewohl, lebewohl!« riefen -ihr beide nach, und die kleine Gerda weinte und die Krähen auch. Die -Waldkrähe begleitete sie die ersten drei Meilen; sie saß ihr zur Seite, -weil sie das Fahren auf dem Rücksitz nicht vertragen konnte. Inwendig -war der Wagen mit Zuckerbretzeln gefüttert und die Sitzkasten waren mit -Früchten und Pfeffernüssen angefüllt. - -So ging es die ersten drei Meilen, dann sagte auch die Krähe Lebewohl, -und das war der schwerste Abschied. Sie flog auf einen Baum und schlug -mit ihren schwarzen Flügeln, solange sie noch den Wagen, der wie der -helle Sonnenschein glänzte, sehen konnte. - - -_Fünfte_ Geschichte. +Das kleine Räubermädchen.+ - -Sie fuhren durch den dunklen Wald, aber der Wagen leuchtete weithin. -»Das ist Gold!« riefen die Räuber, stürzten hervor, fielen den Pferden -in die Zügel, erschlugen die kleinen Vorreiter, den Kutscher und die -Diener und zogen nun die kleine Gerda aus dem Wagen. - -»Sie ist fett, sie ist reizend, sie ist mit Nußkernen gemästet!« sagte -das alte Räuberweib, welches einen langen struppigen Bart und -Augenbrauen hatte, die ihr bis über die Augen herabhingen. »Das ist -ebenso gut wie ein kleines fettes Lamm! Nun, wie soll sie schmecken.« -Bei diesen Worten zog sie ihr blankes Messer heraus und das blitzte, daß -es Angst einjagen konnte. - -»Au!« schrie das Weib zu gleicher Zeit. Kein Wunder! der Frau wilde und -ungeberdige Tochter, die auf ihrem Rücken hing, hatte sie in das Ohr -gebissen und so konnte sie nicht gleich dazu kommen, Gerda zu -schlachten. - -»Sie soll mit mir spielen!« sagte das kleine Räubermädchen herrisch. -»Sie soll mir ihren Muff, ihr schönes Kleid geben, sie soll neben mir in -meinem Bette schlafen!« - -»Ich will in den Wagen hinein!« sagte das kleine Räubermädchen, und es -mußte und wollte seinen Willen haben, denn es war gar verhätschelt und -gar halsstarrig. Es setzte sich mit Gerda hinein und dann fuhren sie -über Stock und Stein immer tiefer in den Wald. Das kleine Räubermädchen -war eben so groß wie Gerda, aber kräftiger, breitschultriger und -gebräunter. Seine Augen waren ganz schwarz, sie sahen fast traurig aus. -Es faßte die kleine Gerda um den Leib und sagte: »Sie sollen dich nicht -schlachten, so lange ich nicht böse auf dich werde! Du bist gewiß eine -Prinzessin?« - -»Nein,« erwiderte die kleine Gerda, und erzählte ihr alles, was sie -erlebt hatte und wie lieb sie den kleinen Kay hätte. - -Jetzt hielt der Wagen still; sie befanden sich mitten auf dem Hofe eines -Räuberschlosses. Von oben bis unten war es geborsten, Raben und Krähen -flogen aus den offenen Löchern, und die großen Bullenbeißer, die -aussahen, als könnte jeder einen Menschen verschlingen, sprangen hoch -empor, aber ohne zu bellen, denn das war verboten. - -Mitten auf dem steinernen Fußboden des großen, alten, verräucherten -Saales brannte ein großes Feuer. Der Rauch zog unter der Decke hin und -drang durch die zahlreichen Risse und Sprünge ins Freie. In einem großen -Braukessel wurde Suppe gekocht und Hasen wie Kaninchen wurden am Spieße -gedreht. - -»Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen lieben Tierchen -schlafen!« sagte das Räubermädchen. Sie erhielten nun zu essen und zu -trinken und gingen dann nach einer Ecke, wo Stroh und Decken lagen. Oben -drüber saßen auf Latten und Stangen wohl an hundert Tauben, die alle zu -schlafen schienen, sich aber doch ein wenig bewegten, als die kleinen -Mädchen kamen. - -»Die gehören samt und sonders mir!« sagte das kleine Räubermädchen und -ergriff schnell eine der nächsten, hielt sie an den Beinen und -schüttelte sie, bis sie mit den Flügeln schlug. - -»Dort sitzt das Waldgesindel!« fuhr sie fort und deutete auf eine Menge -Stäbe, die hoch oben vor einem Loche in die Mauer eingeschlagen waren. -»Das ist mein Waldgesindel und hier steht mein altes, liebstes Bä!« -Dabei zog sie ein Renntier am Geweihe hervor, welches einen blanken -Kupferring um den Hals hatte und angebunden war. »Jeden Abend kitzle ich -es mit meinem scharfen Messer am Halse, wovor es sich sehr fürchtet!« -Das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer -und ließ es über den Hals des Renntieres hingleiten. - -»Willst du das Messer während des Schlafes bei dir behalten?« fragte -Gerda und sah sie etwas ängstlich an. - -»Ich schlafe immer mit dem Messer!« sagte das kleine Räubermädchen. »Man -weiß nicht, was sich ereignen kann. Aber nun lass mich's noch einmal -hören, was du mir vorhin von dem kleinen Kay erzähltest, und weshalb du -in die weite Welt hinausgegangen bist.« Und Gerda begann ihre Geschichte -wieder von vorn, und die Waldtauben girrten oben in ihrem Käfig, die -andern Tauben aber schliefen. Das kleine Räubermädchen legte einen Arm -um Gerda's Hals, hielt das Messer in der andern Hand und schnarchte, daß -man es hören konnte, Gerda jedoch war nicht imstande, ein Auge zu -schließen, wußte sie doch nicht, ob sie leben bleiben oder sterben -sollte. Die Räuber saßen rund um das Feuer, sangen und tranken und das -Räuberweib schlug Purzelbäume. O, es war dem kleinen Mädchen wahrhaft -entsetzlich, dies mit ansehen zu müssen. - -Da sagten die Waldtauben: »Kurre, kurre! wir haben den kleinen Kay -gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten, er saß auf dem Wagen der -Schneekönigin, welche unmittelbar über den Wald hinfuhr, als wir im -Neste lagen. Sie blies uns junge Tauben an und mit Ausnahme von uns -beiden starben alle; kurre, kurre!« - -»Was sagt ihr dort oben?« rief Gerda. »Wohin reiste die Schneekönigin? -Ist euch etwas davon bekannt?« - -»Sie reiste vermutlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und -Eis! Frage nur das Renntier, welches dort angebunden steht!« - -»Dort ist Eis und Schnee, dort ist ein gesegnetes und herrliches Land!« -versetzte das Renntier. »Dort springt man in den großen, glitzernden -Thälern frei umher. Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr -festes Schloß hat sie oben nach dem Nordpole zu, auf der Insel, die -Spitzbergen genannt wird!« - -»O, Kay, lieber Kay!« seufzte Gerda. - -»Nun mußt du still liegen!« sagte das Räubermädchen, »sonst stoße ich -dir das Messer in den Leib!« - -Am Morgen erzählte Gerda ihr alles, was die Waldtauben gesagt hatten, -und das kleine Räubermädchen sah ganz ernsthaft aus, nickte jedoch mit -dem Kopfe und sagte: »Das ist ganz gleich! -- Weißt du, wo Lappland -liegt?« fragte sie das Renntier. - -»Wer sollte es wohl besser wissen, als ich,« sagte das Tier, und die -Augen leuchteten ihm im Kopfe. »Dort bin ich geboren und aufgewachsen, -dort habe ich mich auf den Schneefeldern umhergetummelt.« - -»Höre!« sagte das Räubermädchen zu Gerda. »Wie du siehst, sind unsere -Mannsleute sämtlich fort, aber Mutter ist noch hier und bleibt auch zu -Hause. Zum Frühstück trinkt sie jedoch aus der großen Flasche und -entschlummert bald darauf. Dann will ich etwas für dich thun.« - -Als nun die Mutter aus ihrer Flasche getrunken hatte und einen kleinen -Nickkopf machte, ging das Räubermädchen zum Renntiere und sagte: »Ich -hätte zwar ganz besondere Lust, dich noch manchmal mit dem scharfen -Messer zu kitzeln, denn das ist außerordentlich belustigend, aber -gleichviel, ich will trotzdem deinen Strick lösen und dir hinaushelfen, -daß du nach Lappland laufen kannst, aber du mußt laufen wie noch nie und -mir dieses kleine Mädchen nach dem Schlosse der Schneekönigin bringen, -wo sich ihr Spielkamerad aufhält. Du hast wohl gehört, was sie erzählte, -denn sie schwatzte laut genug, und du pflegst zu lauschen!« - -Das Renntier sprang vor Freude hoch auf. Das Räubermädchen hob die -kleine Gerda hinauf und war vorsichtig genug, sie festzubinden und ihr -sogar ein kleines Sitzkissen zu geben. »Das ist einerlei!« sagte sie, -»da hast du deine Pelzstiefelchen wieder, denn es wird kalt werden, den -Muff behalte ich aber, er ist doch gar zu niedlich! Gleichwohl sollst du -nicht frieren. Hier hast du meiner Mutter große Fausthandschuhe, sie -reichen dir gerade bis an die Ellbogen! Zieh sie an!« - -Gerda weinte vor Freude. - -»Solch' Gejammer kann ich nicht ausstehen!« sagte das kleine -Räubermädchen. »Nun mußt du gerade vergnügt aussehen! Hier hast du noch -zwei Brote und einen Schinken, damit du nicht zu hungern brauchst!« -Beides wurde hinten auf das Renntier gebunden; das kleine Räubermädchen -öffnete die Thüre, lockte alle die großen Hunde herein, zerschnitt dann -den Strick mit ihrem Messer und sagte zum Renntiere: »Lauf nun, aber -gieb wohl auf das kleine Mädchen acht!« - -Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen gegen das -Räubermädchen aus, sagte Lebewohl und dann flog das Renntier vorwärts -über Gebüsch und Gestrüpp, durch den großen Wald, über Sümpfe und -Steppen, so schnell es vermochte. Die Wölfe heulten und die Raben -schrieen. Schwaches Knistern ließ sich aus weiter Ferne vernehmen und -starkes Wetterleuchten zeigte sich auf allen Seiten. - -»Das sind meine alten Nordlichter!« sagte das Renntier, »sieh, wie sie -leuchten!« und dann lief es noch hurtiger vorwärts, Tag und Nacht. Die -Brote wurden verzehrt, der Schinken dazu und dann waren sie in Lappland. - - -_Sechste_ Geschichte. +Die Lappin und die Finnin.+ - -Vor einem kleinen, unansehnlichen Häuschen machten sie Halt. Das Dach -ging bis zur Erde hinunter, und die Thüre war so niedrig, daß die -Bewohner nur auf dem Bauche kriechend sich durch den Eingang zwängen -konnten. Mit Ausnahme einer Lappin, welche neben einer Thranlampe stand -und Fische briet, war niemand daheim. Das Renntier erzählte ihr Gerdas -ganze Geschichte, zuerst jedoch seine eigene, welche ihm ungleich -wichtiger erschien, und Gerda war vor Kälte so erstarrt, daß sie nicht -zu reden vermochte. - -»Ach, ihr Armen!« sagte die Lappin, »da habt ihr noch weit zu laufen! -Ihr müßt über hundert Meilen weit in das Innere der Finnmark hinein, -denn dort hat die Schneekönigin ihre Sommerwohnung und läßt jeden Abend -blaue Flammen auflodern. Ich werde in Ermangelung des Papiers ein paar -Worte auf einen trocknen Stockfisch schreiben, den werde ich euch an die -Finnin dort oben mitgeben, welche euch bessere Auskunft erteilen kann, -als ich!« - -Als sich Gerda nun wieder erwärmt und zu essen und zu trinken bekommen -hatte, schrieb die Lappin ein paar Worte auf einen trocknen Klippfisch, -bat Gerda, denselben wohl zu verwahren, band sie wieder auf das Renntier -und dieses sprang davon. Oben in der Luft knisterte es und die ganze -Nacht brannten die schönsten blauen Nordlichter; und dann kamen sie nach -Finnmark und klopften an den Schornstein der Finnin, denn sie hatte -nicht einmal eine Thür. - -Es herrschte eine Hitze darin, daß sogar die Finnin nur eine ganz dünne -Bekleidung trug. Sie war klein und starrte von Schmutz. Sie löste sofort -die Kleider der kleinen Gerda auf, zog ihr die Fausthandschuhe und -Stiefel aus, weil sie die Hitze sonst nicht hätte ertragen können, legte -dem Renntiere ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem -Klippfische geschrieben stand. - -»Du bist sehr klug!« sagte das Renntier; »ich weiß, du kannst alle Winde -der Welt mit einem Zwirnsfaden zusammenbinden. Wenn der Schiffer den -einen Knoten löst, erhält er guten Wind, löst er den andern, dann bläst -ein scharfer Wind, und löst er den dritten und vierten, dann stürmt es, -daß die Wälder niederstürzen. Willst du dem kleinen Mädchen nicht einen -Trank geben, daß sie die Kraft von zwölf Männern erhält und die -Schneekönigin überwindet?« - -»Die Kraft von zwölf Männern!« sagte die Finnin, »die würde sicher nicht -ausreichen!« Dann ging sie nach einem Gestell, holte ein großes -zusammengerolltes Fell hervor und entrollte es. Seltsame Buchstaben -waren darauf geschrieben, und die Finnin las, daß ihr dicke -Schweißtropfen von der Stirn rieselten. - -Aber das Renntier bat so beweglich für die kleine Gerda und diese -schaute die Finnin mit so bittenden, thränenfeuchten Augen an, daß -dieselbe das Renntier in eine Ecke zog, wo sie demselben zuflüsterte, -während sie ihm frisches Eis auf den Kopf legte: - -»Der kleine Kay ist wirklich bei der Schneekönigin, findet dort alles -nach seinem Wunsche und Behagen und meint, ihm sei das beste Los in der -Welt zugefallen. Das rührt aber davon her, daß ihm ein Glassplitter in -das Herz und ein Glaskörnchen in das Auge gedrungen ist. Beides muß erst -heraus, sonst wird er nie wieder ein tüchtiger Mensch und die -Schneekönigin behält Gewalt über ihn.« - -»Aber kannst du der kleinen Gerda nichts eingeben, daß sie Macht über -das Ganze erhält?« - -»Ich kann ihr keine größere Macht geben, als sie schon besitzt! Siehst -du nicht, wie groß diese ist? Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere -ihr dienen müssen, wie sie auf bloßen Füßen so gut in der Welt vorwärts -gekommen ist? Von uns darf sie ihre Macht nicht erfahren, die sitzt in -ihrem Herzen und besteht darin, daß sie ein süßes, unschuldiges Kind -ist. Kann sie nicht selbst in das Schloß der Schneekönigin eindringen -und den kleinen Kay von dem Glase befreien, dann können wir nicht -helfen! Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin; -dorthin kannst du das kleine Mädchen bringen; setze sie neben dem großen -Busche ab, der mit roten Beeren bedeckt im Schnee steht. Halte dich -nicht mit langem Geschwätz auf und beeile dich, hierher zurückzukommen!« -Dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Renntier, welches aus -Leibeskräften davon eilte. - -»Meine Stiefelchen! Meine Fausthandschuhe!« rief die kleine Gerda, der -sich die schneidende Kälte fühlbar machte. Aber das Renntier wagte nicht -anzuhalten, es lief, bis es den großen Busch mit den roten Beeren -erreichte. Dort setzte es Gerda ab, küßte sie auf den Mund, wobei dem -Tiere große heiße Thränen über die Backen hinabrollten, und dann lief -es, so schnell es konnte, wieder zurück. Da stand nun die arme Gerda, -ohne Stiefelchen, ohne Handschuhe, mitten in der unwirtbaren, kalten -Finnmark. - -Sie lief vorwärts, so schnell sie vermochte. Da zeigte sich plötzlich -ein ganzes Regiment Schneeflocken. Sie fielen aber nicht etwa vom Himmel -herab, der war ganz klar und strahlte von Nordlichtern, die -Schneeflocken flogen vielmehr gerade über die Oberfläche der Erde hin -und nahmen, je näher sie kamen, an Größe zu. Gerda erinnerte sich noch, -wie groß und kunstvoll sie unter dem Brennglase ausgesehen hatten. Aber -hier zeigten sie sich wahrlich noch in ganz anderer Größe und -Schreckensgestalt; es waren lebendige Wesen, es waren die Vorposten der -Schneekönigin. Sie hatten die seltsamsten Gestalten; einige sahen aus -wie häßliche, große Stachelschweine, andere wie ganze Schlangenknäuel, -aus denen die Köpfe hervorragten, und andere wie kleine dicke Bären, auf -welchen sich die Haare sträubten; alle aber schimmerten weiß, alle aber -waren lebendige Schneeflocken. - -Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser. Die Kälte war so stark, daß -sie ihren eigenen Atem sehen konnte, welcher ihr wie Rauch vor dem Munde -stand. Der Atem wurde dichter und dichter und verwandelte sich in lauter -kleine Engel, die, sobald sie die Erde berührten, mehr und mehr wuchsen, -und alle Helme auf dem Kopfe und Spieß und Schild in den Händen hatten. -Ihre Anzahl vermehrte sich, und als Gerda ihr Vaterunser beendet hatte, -war eine ganze Legion um sie versammelt. Sie stachen mit ihren Spießen -nach den schrecklichen Schneeflocken, daß dieselben in hundert Stücke -zersprangen, und die kleine Gerda sicher und fröhlich vorwärts schreiten -konnte. Die Engel streichelten ihre Füße und Hände und da fühlte sie die -Kälte weniger und ging rasch auf das Schloß der Schneekönigin zu. - -Aber nun müssen wir erst sehen, wie es Kay geht. Er dachte wahrlich -nicht an die kleine Gerda und am allerwenigsten, daß sie draußen vor dem -Schlosse stände. - - -_Siebente_ Geschichte. +Im Schlosse der Schneekönigin.+ - -Die Mauern des Schlosses waren von dem wirbelnden Schnee aufgetürmt und -schneidende Winde hatten die Thüren und Fenster gebildet. Über hundert -Säle reihten sich aneinander, wie sie gerade ein Schneetreiben -zusammengeweht hatte; der größte erstreckte sich viele Meilen weit. Alle -aber waren von starken Nordlichtern erleuchtet und waren groß, leer, -eisig kalt und schimmernd. Nie herrschte hier eine Lustbarkeit, nicht -einmal ein kleiner Bärenball, wobei der Sturm hätte die Blasinstrumente -spielen können; leer, weit und kalt war es in den Sälen der -Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so regelmäßig, daß man berechnen -konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten -in dem leeren und unendlichen Schneesaale war ein gefrorener See. Er war -in tausend Stücke geborsten, aber jedes Stück glich dem andern auf das -Genaueste, so daß es ein wahres Kunstwerk war. Mitten auf demselben saß -die Schneekönigin, so oft sie zu Hause war, und dann sagte sie, sie säße -im Spiegel des Verstandes, und dieser wäre der beste in dieser Welt. - -Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte -es doch nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer weggeküßt, und sein -Herz war so gut wie ein Eisklumpen. Er ging und schleppte einige -scharfe, flache Eisstücke herbei, die er auf alle mögliche Weise -zusammenlegte, um ein gegebenes Muster nachzubilden, gerade so, wie wenn -wir kleine Holzstückchen zu bestimmten Figuren zusammenpassen, was das -chinesische Spiel genannt wird. Kay ging auch und legte Figuren, -es waren die allerkunstreichsten, es war das »Eisspiel des Verstandes«. -In seinen Augen waren diese Figuren ganz ausgezeichnet und von der -allerhöchsten Wichtigkeit; das bewirkte das Glaskörnchen, welches ihm im -Auge saß; er legte ganze Figuren, die ein geschriebenes Wort bildeten, -aber immer scheiterte er an der Zusammensetzung des Wortes, welches er -gerade wünschte, des Wortes: »_Ewigkeit_«, und die Schneekönigin hatte -gesagt. »Kannst du mir diese Figur zu stande bringen, dann sollst du -dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und noch ein -Paar neue Schlittschuhe!« Aber er konnte es nicht. - -»Nun sause ich fort nach den warmen Ländern!« sagte die Schneekönigin. -»Ich will in meine schwarzen Töpfe hineingucken!« Das waren die -feuerspeienden Berge Aetna und Vesuv, wie man sie nennt. »Ich werde sie -ein wenig mit Weiß überziehen, das gehört dazu und thut den Zitronen und -Weintrauben gut!« Darauf flog die Schneekönigin fort und Kay saß ganz -allein in dem viele Meilen weiten, leeren Eissaale, betrachtete die -Eisstücke und dachte und dachte, daß es in ihm ordentlich knackte. Ganz -steif und still saß er da, man hätte glauben können, er wäre erfroren. - -In diesem Augenblicke trat die kleine Gerda durch die große -Eingangspforte in das Schloß. Schneidende Winde wehten ihr entgegen, -aber sie betete ihr Abendgebet und da legten sich die Winde, als ob sie -schlafen wollten. Sie trat in die großen leeren, kalten Säle -- da -gewahrte sie Kay; sie erkannte ihn, sie flog ihm um den Hals, hielt ihn -fest umschlungen und rief: »Kay! süßer, lieber Kay! so habe ich dich -endlich gefunden!« - -Er aber saß ganz still, steif und kalt; -- da weinte die kleine Gerda -heiße Thränen, sie fielen auf seine Brust, sie drangen in sein Herz, sie -tauten den Eisklumpen auf und verzehrten das kleine Spiegelsplitterchen -in demselben. Er blickte sie an und sie sang: - - »Ich liebe die Rosen in all' ihrer Pracht, - Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!« - -Da brach Kay in Thränen aus; er weinte so, daß ihm das Spiegelkörnchen -aus den Augen geschwemmt wurde, er erkannte sie und jubelte: »Gerda! -süße, liebe Gerda! -- Wo bist du doch so lange gewesen und wo bin ich -gewesen?« Und er schaute rings um sich her. »Wie kalt es hier ist! Wie -leer und weit es hier ist!« Und er umfaßte Gerda und sie lachte und -weinte vor Freude. Das war ein so lieblicher Anblick, daß sogar die -Eisstücke vor Freude ringsumher tanzten. Als sie nun müde waren, legten -sie sich gerade auf die Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt -hatte, wenn er sie ausfindig machen könnte, sollte er sein eigener Herr -sein und sie wollte ihm die ganze Welt und noch ein Paar neue -Schlittschuhe schenken. - -Gerda küßte ihm die Wangen und sie wurden wieder blühend; sie küßte ihn -auf die Augen und sie glänzten wie die ihrigen; sie küßte ihn auf Hände -und Füße und er war gesund und munter. Nun mochte die Schneekönigin -dreist nach Hause kommen, sein Freibrief stand mit flimmernden -Eisstücken geschrieben da. - -Sie reichten einander die Hände und wanderten aus dem großen Schlosse -hinaus. Auch sprachen sie von der Großmutter und von den Rosen oben auf -dem Dache, und wo sie gingen, legten sich die Winde und die Sonne brach -hervor. Als sie den Busch mit den roten Beeren erreichten, stand das -Renntier da und wartete. Es hatte ein zweites Renntier mitgebracht und -beide trugen Gerda und Kay erst zu der Finnin, in deren heißer Stube sie -sich wärmten, und dann zur Lappin, welche ihnen neue Kleider genäht und -ihren Schlitten in stand gesetzt hatte. Die Renntiere und die Lappin -begleiteten sie bis zur Landesgrenze, dort nahmen sie Abschied. »Lebt -wohl!« sagten sie sämtlich. Die ersten kleinen Vögel begannen zu -zwitschern, der Wald trieb grüne Knospen und aus demselben heraus kam -auf einem prächtigen Pferde, welches Gerda kannte (es war nämlich vor -den goldenen Wagen gespannt gewesen), ein junges Mädchen angeritten mit -einer weithin leuchtenden roten Mütze auf dem Kopfe und Pistolen im -Gürtel. Es war das kleine Räubermädchen. Sie erkannte Gerda sofort und -Gerda erkannte sie auch, das war eine Freude. Gerda streichelte ihr die -Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin. - -»Die sind nach fremden Ländern gereist!« sagte das Räubermädchen. - -»Aber die Krähe?« fragte die kleine Gerda. - -»Ach, die Krähe ist tot!« antwortete sie; »ihre Base trauert um sie mit -einem schwarzwollenen Lappen um das Bein. Doch nun erzähle mir, wie es -dir ergangen ist und wie du seiner habhaft geworden bist!« - -Und Gerda und Kay erzählten alle beide. - -Das Räubermädchen reichte beiden die Hand, nahm Abschied und ritt dann -in die weite Welt hinaus. - -Aber Kay und Gerda gingen Hand in Hand, und während sie dahinschritten, -war es ein herrliches Frühlingswetter und die Blumen dufteten. Die -Kirchenglocken läuteten und sie erkannten die hohen Türme, die große -Stadt, es war ihre Geburtsstätte, und sie gingen in dieselbe hinein und -hin zu der Thüre der Großmutter, die Treppe hinauf, in die Stube hinein, -wo noch alles auf derselben Stelle wie früher stand. Die alte Uhr sagte: -»Tick, tack!« und die Zeiger drehten sich. Während sie aber durch die -Thüre schritten, bemerkten sie, daß sie erwachsene Menschen geworden -waren. Die Rosen blühten von der Dachrinne her zu den offenen Fenstern -herein, und da standen die kleinen Kinderstühlchen, und Kay und Gerda -setzten sich, ein jedes auf den seinigen, und hielten einander bei den -Händen. Wie einen schweren Traum hatten sie die kalte leere Herrlichkeit -bei der Schneekönigin vergessen. Großmutter saß in Gottes klarem -Sonnenscheine und las laut aus der Bibel: »Es sei denn, daß ihr umkehrt -und werdet wie die Kinder, so könnet ihr nicht in das Reich Gottes -kommen!« - -Und Kay und Gerda schauten einander in die Augen und verstanden auf -einmal das alte Lied: - - »Ich liebe die Rosen in all' ihrer Pracht, - Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!« - -Da saßen die beiden, Erwachsene und doch Kinder, Kinder im Herzen; und -es war Sommer, warmer, erquickender Sommer. -- - - - - -Fliedermütterchen. - - [Abbildungen/Illustrations: capB91, pic95.jpg] - - -Bebend vor Fieberfrost lag ein kleiner Knabe im Bett, weil er sich -erkältet hatte. Er war mit nassen Füßen nach Hause gekommen, doch -niemand konnte begreifen, wie das geschehen war, da es nicht geregnet -hatte. Seine Mutter ließ die Theemaschine hereinbringen, um ihm eine -gute Tasse Fliederthee zu kochen, denn der wärmt. Zu gleicher Zeit trat -auch der alte, muntere Mann zur Thüre herein, der ganz oben im Hause -wohnte und völlig für sich allein lebte, denn er hatte weder Weib noch -Kind, hatte aber die Kinder gar lieb und wußte so viele Märchen und -Geschichten zu erzählen, daß es eine Lust war, ihm zuzuhören. - -»Jetzt trinke deinen Thee!« sagte die Mutter, »dann erzählt dir der -Onkel vielleicht auch ein Märchen.« - -»Ja, wenn man nur immer gleich ein neues wüßte!« versetzte der alte Mann -und nickte gutmütig. »Aber wo hat denn der Kleine die nassen Füße -herbekommen?« fragte er dann. - -»Ja, wo er sie her hat,« entgegnete die Mutter, »ist eben das -Unbegreifliche!« - -»Erzählen Sie mir ein Märchen?« fragte der Knabe. - -»Ja, wenn du mir genau angeben kannst, denn das muß ich zuerst wissen, -wie tief der Rinnstein da drüben in der Gasse ist, in der deine Schule -liegt?« - -»Gerade bis mitten an die Schäfte,« sagte der Knabe, »aber dann muß ich -schon in das tiefe Loch treten!« - -»Sieh, sieh! also da stammen die nassen Füße her!« sagte der alte Mann. -»Nun müßte ich freilich ein Märchen erzählen, aber ich weiß keines -mehr.« Die Mutter warf Fliederthee in die Kanne und goß siedendes Wasser -darüber. - -»Erzählen Sie, erzählen Sie!« bat der Knabe. - -»Ja, wenn ein Märchen von selbst kommen wollte, aber solch echtes ist -gar vornehm, das kommt nur, wenn es Lust dazu hat -- --! Doch halt!« -sagte er plötzlich. »Da haben wir eins! Gieb acht, jetzt ist eins dort -in der Theekanne!« - -Der kleine Knabe blickte nach der Theekanne hinüber, der Deckel hob sich -mehr und mehr und die Fliederblumen kamen frisch und weiß heraus, -trieben große lange Zweige, sogar aus der Tülle breiteten sie sich nach -allen Seiten aus und wurden größer und größer. Es war der prächtigste -Fliederbusch, ein ganzer Baum, der bis in das Bett hineinragte und die -Vorhänge zur Seite schob. Wie das blühte und duftete! Mitten im Baume -saß eine alte freundliche Frau in einem seltsamen Gewande, welches grün -wie die Blätter des Fliederbaumes war und einen Besatz von großen weißen -Fliederblüten hatte. Man konnte nicht sogleich unterscheiden, ob es Zeug -oder lebendiges Grün und Blumen waren. - -»Wie heißt die Frau?« fragte der Knabe. - -»Die Römer und Griechen,« entgegnete der alte Mann, »nannten sie eine -_Dryade_, aber das verstehen wir nicht. Draußen in den neuen Anlagen -haben wir einen bessern Namen für sie, dort heißt sie -»_Fliedermütterchen_«. Von ihr will ich dir nun erzählen. Höre zu: - -»Ein ebenso großer, blühender Baum stand draußen in den neuen Anlagen -und zwar in der Ecke eines kleinen Hofes, welcher zu einem kleinen -Häuschen gehörte. Unter diesem Baume saßen eines Nachmittags im -herrlichsten Sonnenschein zwei alte Leute. Es war ein alter, alter -Seemann und sie seine alte, alte Frau. Sie waren Urgroßeltern und -sollten bald ihre goldene Hochzeit feiern, konnten sich aber nicht genau -des Datums erinnern. Fliedermütterchen saß in dem Baume und sah ebenso -vergnügt aus wie hier. »»Ich weiß wohl, wann eure goldene Hochzeit -ist!«« sagte sie, doch hörten jene es nicht, sie sprachen von alten -Tagen.« - -»Erinnerst du dich dessen wohl noch,« sagte der alte Seemann, »wie wir -ganz klein waren und umherliefen und spielten? Es war gerade in diesem -nämlichen Hofe, wo wir jetzt sitzen. Wir pflanzten kleine Stöckchen in -die Erde und machten uns einen Garten.« - -»Ja,« erwiderte die alte Frau, »dessen erinnere ich mich sehr wohl, und -wir begossen die Stöckchen, und eines derselben, ein Fliederzweig, -schlug Wurzeln, trieb grüne Schößlinge und ist nun zu dem großen Baume -herangewachsen, unter welchem wir alten Leute jetzt hier sitzen.« - -»So ist's!« sagte er, »und dort in jener Ecke stand eine Wasserkufe; -dort schwamm mein Kahn, ich hatte ihn mir selbst geschnitzt. Wie er -segeln konnte! Ich sollte freilich das Segeln bald in andrer Weise -erlernen!« - -»Ja, aber erst gingen wir in die Schule und lernten etwas!« sagte sie, -»und dann wurden wir eingesegnet. Wir weinten alle beide; des -Nachmittags erstiegen wir Hand in Hand den runden Turm und schauten über -Kopenhagen und den Meeresspiegel hin. Dann gingen wir nach -Friedrichsberg hinaus, wo der König und die Königin in ihrer prächtigen -Gondel auf den Kanälen umherfuhren.« - -»Aber mir war es freilich bald beschieden, in andrer Weise -umherzusegeln, und das so manches Jahr hindurch, weit hinaus auf langen, -beschwerlichen Reisen.« - -»Ja, ich weinte oft deinetwegen!« unterbrach sie ihn, »denn ich glaubte, -du lägest tot in der Tiefe des Wassers! Manche, manche Nacht stand ich -auf und sah nach, ob die Wetterfahne sich drehte. Sie drehte sich wohl, -doch du kamst nicht. Ich entsinne mich noch deutlich, wie eines Tages -ein heftiger Platzregen herniederrauschte, der Kehrichtkärrner machte -vor der Thüre meiner Dienstherrschaft Halt, ich ging mit dem -Kehrichtfasse hinunter und blieb an der Thüre stehen. Gerade wie ich so -dastand, kam plötzlich der Postbote auf mich zu und gab mir einen Brief. -Er war von dir. O, wie der umhergereist war! Ich brach ihn in Hast auf -und las ihn. Ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, daß du in -den warmen Ländern wärest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was für ein -glückliches, gesegnetes Land muß das sein! Du erzähltest so viel und ich -sah es alles im Geiste, während der Regen fort und fort -herniederplätscherte und ich noch immer mit dem Kehrichtfasse dastand. -Plötzlich tauchte jemand neben mir auf, der mich um den Leib faßte -- -- ---« - -»Und dem du zur Belohnung eine klatschende Ohrfeige versetztest!« - -»Wußte ich doch nicht, daß du es warst! Du warst mit deinem Briefe -zugleich angekommen; und du warst so schön -- --, doch das bist du noch. -Du machtest mit einem langen gelbseidenen Taschentuche Staat und trugest -einen weißen, funkelnagelneuen Hut. Du warst so fein. Gott, was war es -doch für ein Wetter, und wie sah die Straße aus!« - -»Dann heirateten wir uns,« fuhr er fort. - -»Ja, und wie unsere Kinder nun sämtlich herangewachsen und brave -Menschen geworden sind,« sagte sie. - -»Und auch ihre Kinder haben schon wieder Kinder, das sind Kindeskinder,« -fiel der alte Matrose ein. »Wie mich dünkt, haben wir gerade in dieser -Zeit unsere Hochzeit gefeiert,« setzte er hinzu. - -»Ja, just heute ist der goldene Hochzeitstag!« sagte Fliedermütterchen -und steckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten; diese aber -hielten sie für die Nachbarin, die ihnen zunickte. Sie schauten sich -einander an und hielten die Hände verschlungen. Bald darauf erschienen -die Kinder und Kindeskinder, die sehr wohl wußten, daß es der goldene -Hochzeitstag war und auch schon am Morgen gratuliert hatten; aber -während sich die Alten der Ereignisse aus längst vergangenen Jahren so -gut erinnerten, war ihnen dies wieder entfallen. Der Fliederbaum duftete -stark, und die Sonne, welche sich ihrem Untergange zuneigte, schien dem -greisen Ehepaare gerade ins Antlitz. Beide sahen rotwangig aus, und das -kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief voller -Glückseligkeit, daß es heute abend hoch hergehen sollte, sie würden -warme Kartoffeln bekommen. Fliedermütterchen nickte in ihrem Baume und -rief mit allen anderen »Hurrah«. - -»Aber das war ja gar kein Märchen!« unterbrach der kleine Knabe den -Erzähler. - -»Ja, das mußt du freilich verstehen!« entgegnete der Alte. »Aber laß uns -das Fliedermütterchen danach fragen!« - -»Es war kein Märchen!« sagte Fliedermütterchen; »nun aber kommt es. Aus -der Wirklichkeit wächst gerade das seltsamste Märchen heraus; sonst -könnte ja mein prächtiger Fliederstrauch auch nicht aus der Theekanne -emporgesproßt sein.« - -Darauf nahm es den Knaben aus seinem Bette, umschlang ihn mit den Armen -und die blütenbedeckten Zweige schlugen um sie zusammen, so daß sie wie -in der dichtesten Laube saßen. Diese flog mit ihnen durch die Luft, -es war unvergleichlich schön. Fliedermütterchen hatte sich plötzlich in -ein kleines niedliches Mädchen verwandelt, doch war der Rock noch von -demselben grünen, weißgeblümten Zeuge, welches Fliedermütterchen -getragen hatte. An der Brust hatte es eine wirkliche Fliederblüte und um -sein aschblondes, lockiges Haar einen ganzen Kranz von Fliederblüten. -Seine Augen waren groß und blau, o, es war eine Freude, dasselbe -anzusehen! - -Hand in Hand gingen sie aus der Laube und standen nun in dem schönen -Blumengarten der Heimat. Bei dem frischen Rasenplatze lag der Stock des -Vaters an einen Pflock angebunden. Für die Kleinen war Leben in dem -Stocke; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich -der blanke Knopf in einen stolz wiehernden Kopf; die lange schwarze -Mähne flatterte, vier schlanke kräftige Beine wuchsen hervor: das Tier -war stark und feurig. Im Galopp ritten sie um den Rasenplatz herum und -fortwährend rief das kleine Mädchen, welches, wie wir wissen, niemand -anders als Fliedermütterchen war: »Nun sind wir auf dem Lande! Siehst du -das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes, in der -Mauer befindliches Ei auf den Weg herausguckt? Der Fliederbaum läßt -seine Zweige über ihn herabhängen und der Hahn schreitet stolz einher -und scharrt nach Futter für seine Hühner. Doch nun vorwärts nach dem -prächtigen Rittergute!« - -Und alles, was das kleine Mädchen, das hinten auf dem Stocke saß, sagte, -das flog auch an ihnen vorüber; der Knabe sah es, und doch kamen sie nur -um den Rasenplatz herum. Dann spielten sie in dem Seitengange und -steckten auf dem Boden einen kleinen Garten ab. Das Mädchen nahm die -Fliederblüte aus seinem Haar, pflanzte sie und sie wuchs ganz eben so -wie bei jenen Alten in die Höhe, als dieselben noch als Kinder, wie -früher erzählt ist, in den neuen Anlagen miteinander spielten. Wie jene -wandelten sie Hand in Hand, doch erstiegen sie nicht den roten Turm, -ergingen sich nicht im Friedrichsberger Parke, nein, das kleine Mädchen -faßte den Knaben um den Leib und dann flogen sie weit umher, und es war -Frühling und wurde Sommer, es war Herbst und wurde Winter, und tausend -Bilder spiegelten sich in den Augen und in dem Herzen des Knaben ab, und -immer sang das kleine Mädchen ihm vor: »Das darfst du nie vergessen!« -Während des ganzen Fluges duftete der Fliederbaum gar süß und herrlich. -Der Knabe nahm wohl die Rosen und die Blumen wahr, aber der Fliederbaum -duftete noch balsamischer, denn seine Blüten hingen an des kleinen -Mädchens Herzen und an dieses lehnte das kranke Knäblein während des -Fluges oft das müde Haupt. - -»Hier ist es herrlich im Frühling!« sagte das kleine Mädchen und sie -standen in einem knospenden Buchenwalde, wo grüner Waldmeister zu -ihren Füßen duftete und blaßrote Anemonen aus dem jungen Gras schauten. -»O, wäre es immer Frühling!« - -»Hier ist es herrlich im Sommer!« sagte sie und sie fuhren an alten -Burgen aus der Ritterzeit vorüber, deren rote Mauern und zackige Giebel -sich in den Gräben spiegelten, in denen Schwäne schwammen und in die -alten kühlen Baumgänge hinaufschauten. Auf dem Felde wogte das Korn -gleich der bewegten See, rote und gelbe Blumen wiegten sich in den -Gräben, an den Gehegen rankten sich wilder Hopfen und blühende Winden -empor, und des Abends ging der Mond groß und voll auf, und die -Heuschober auf den Wiesen dufteten süß. »Das vergißt sich nie!« - -»Hier ist es herrlich im Herbst!« sagte das kleine Mädchen, und die Luft -wurde doppelt so hoch und blau, der Wald nahm die schönsten Farben von -Rot, Gelb und Grün an, die Jagdhunde stürmten vorwärts, ganze Scharen -wilder Vögel flogen kreischend über die Hünengräber hin, auf denen sich -Brombeerranken über die alten Steine hinzogen. Auf dem tiefblauen Meere -zeigten sich überall weiße Segler, und in der Tenne saßen alte Frauen, -Mädchen und Kinder und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß. Die Jungen -sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und -Zauberern. »Besseres ließ sich nicht leicht denken!« - -»Hier ist es herrlich im Winter!« sagte das kleine Mädchen, und alle -Bäume standen mit Reif bedeckt da, als wären sie in weiße Korallen -verwandelt. Der Schnee knirschte unter den Füßen, als ob man immer neue -Stiefel anhätte, und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern. -Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Geschenke und -fröhliche Laune. In der Bauernstube auf dem Lande ertönte lustiger -Fiedelklang, unter Jauchzen und Lachen haschte man nach Äpfelschnitten -und selbst das ärmste Kind bekannte: »Es ist doch herrlich im Winter!« - -Ja, es war auch herrlich! Das kleine Mädchen zeigte dem Knaben alles und -der Fliederbaum duftete und die rote Flagge mit dem weißen Kreuze -flatterte, die Flagge, unter welcher der alte Seemann aus den neuen -Anlagen gesegelt war. Und aus dem Knaben wurde ein Jüngling und er -sollte hinaus in die weite Welt, weit fort nach den warmen Ländern, -wo der Kaffee wächst. Aber beim Abschied nahm das kleine Mädchen eine -Fliederblüte von der Brust und gab sie ihm zum Aufbewahren. Er legte sie -in sein Gesangbuch, und so oft er es im fremden Lande öffnete, fiel sein -Blick zuerst auf die Stelle, wo die Blüte der Erinnerung lag. Je länger -er sie anblickte, desto frischer wurde sie; er fühlte gleichsam einen -Duft aus den heimischen Wäldern und deutlich sah er zwischen den -Blütenblättern das kleine Mädchen mit seinen klaren Augen hervorlugen -und hörte, wie sie ihm zuflüsterte: »Hier ist es herrlich im Frühling, -Sommer, Herbst und Winter!« Und Hunderte von Bildern glitten dann durch -seine Gedanken. - -So verstrichen viele Jahre und er war nun ein alter Mann und saß mit -seiner alten Frau unter einem blühenden Baume. Sie hielten einander an -den Händen, genau so wie es der Urgroßvater und die Urgroßmutter draußen -in den neuen Anlagen gethan hatten, und sie sprachen gleichfalls von den -alten Tagen und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den -blauen Augen und den Fliederblüten im Haare saß oben im Baume, nickte -ihnen Beiden zu und sagte: »Heute ist der goldne Hochzeitstag!« -- -Darauf nahm es zwei Blumen aus seinem Kranze, küßte dieselben und nun -leuchteten sie zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als es diese auf -die Häupter der Alten legte, verwandelte sich jede Blüte in eine goldene -Krone. Da saßen sie Beide wie ein König und eine Königin unter dem -duftenden Baume, der völlig wie ein Fliederbaum aussah, und er erzählte -seiner alten Frau die Geschichte vom Fliedermütterchen, so wie sie ihm -als kleinem Knaben erzählt worden war, und es schien Beiden, als ob -vieles darin vorkäme, was ihrer eigenen Geschichte ähnelte. - -»Ja, so ist es,« sagte das kleine Mädchen im Baume; »einige nennen -mich Fliedermütterchen, andere Dryade, aber mein wahrer Name ist -_Erinnerung_. Ich habe meinen Platz in dem grünen Baume, welcher wächst -und wächst. Ich schaue weit zurück und kann erzählen. Hast du auch deine -Blüte noch?« - -Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch; da lag die Fliederblüte, -so frisch, als wäre sie erst vor kurzem hineingelegt worden, und -Fliedermütterchen, oder vielmehr die Erinnerung, nickte, und die beiden -Alten mit den goldenen Kronen saßen in der glühenden Abendsonne. Sie -schlossen die Augen, und -- und -- ja da war das Märchen aus. - -Der kleine Knabe lag in seinem Bettchen, er wußte nicht, ob er alles -geträumt oder ein Märchen gehört hatte. Die Theekanne stand auf dem -Tische, aber es sproßte kein Fliederbaum aus ihr hervor, und der alte -Mann, welcher erzählt hatte, ging eben zur Thüre hinaus. - -»Wie schön war das!« sagte der kleine Knabe. »Mutter, bin ich in den -warmen Ländern gewesen?« - -»Ja, das glaube ich wohl!« sagte die Mutter, »wenn man zwei bis an den -Rand gefüllte Tassen Fliederthee trinkt, dann kommt man schon nach den -fremden Ländern!« Und sie deckte ihn gut zu, damit er sich nicht von -neuem erkältete. »Du hast wohl geschlafen, während ich saß und mit -unserem alten Freunde darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein -Märchen wäre.« - -»Und wo ist Fliedermütterchen?« fragte der Knabe. - -»Das steckt in der Theekanne!« sagte die Mutter, »und da kann es -bleiben!« - - - - -Der Tannenbaum. - - [Abbildung/Illustration: pic97.jpg] - - -Weit draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum; er hatte einen -guten Platz, die Sonne konnte zu ihm dringen, Luft war genug da und rund -umher wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber der -kleine Tannenbaum wollte nur immer wachsen und wachsen; er dachte nicht -an den warmen Sonnenschein und die frische Luft, bekümmerte sich nicht -um die Bauernkinder, wenn sie draußen im Walde umherschwärmten, um -Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen -Topfe voll oder hatten Erdbeeren auf Strohhalme gezogen. Dann setzten -sie sich neben das Bäumchen und sagten: »Ach, wie klein der ist!« Doch -das gefiel dem Bäumchen nicht. Im nächsten Jahre war es schon um einen -Schuß größer und das Jahr darauf war es wieder um einen gewachsen; denn -bei einem Tannenbaume kann man, sobald man zählt, wie oft er einen neuen -Trieb angesetzt hat, genau die Jahre seines Wachstums berechnen. - -»O, wäre ich doch ein so großer Baum wie die anderen!« seufzte das -Bäumchen, »dann könnte ich meine Zweige weit ausbreiten und mit dem -Gipfel in die weite Welt hinaus schauen! Dann würden die Vögel ihre -Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn es stürmte, könnte ich -so vornehm nicken wie dort die anderen.« - -Weder der Sonnenschein, noch die Vögel, noch die roten Wolken, die -morgens und abends über ihn hinsegelten, machten ihm Freude. - -War es nun Winter, und Schnee lag blendend weiß ringsherum, dann kam oft -ein Hase angesprungen und setzte gerade über das Bäumchen hinweg. O, das -war empörend! Aber zwei Winter verstrichen und im dritten war der Baum -schon so hoch, daß der Hase um ihn herumlaufen mußte. »O, wachsen, -wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzig Schöne in der -Welt!« dachte der Baum. - -Im Spätherbst erschienen regelmäßig Holzhauer und fällten einige der -größten Bäume. Das geschah jedes Jahr und den jungen Tannenbaum, der nun -schon tüchtig in die Höhe geschossen war, befiel Zittern und Beben -dabei, denn mit Gepolter und Krachen stürzten seine Kameraden zur Erde, -die Zweige wurden ihnen abgehauen, sie sahen nun ganz nackt, lang und -schmal aus, sie waren kaum noch wiederzuerkennen. Dann aber wurden sie -auf Wagen gelegt und Pferde zogen sie zum Walde hinaus. - -Wohin sollten sie? -- Was stand ihnen bevor? -- - -Als im Frühjahr die Schwalbe und der Storch kamen, fragte sie der Baum: -»Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen nicht -begegnet?« - -Die Schwalbe wußte nichts, doch der Storch sah sehr nachdenklich aus, -nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube fast; mir begegneten auf -meiner Rückreise von Ägypten viele neue Schiffe. Auf denselben standen -prächtige Mastbäume; ich darf wohl behaupten, daß sie es waren; sie -verbreiteten Tannengeruch. Ich kann vielmals grüßen, sie überragen -alles!« - -»O, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzufliegen! Wie -ist es eigentlich, dieses Meer, und wem ähnelt es?« - -»Ja, das ist etwas weitläufig zu erklären!« sagte der Storch und ging. - -»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich -deines Wachstums, des jungen Lebens, welches dich erfüllt!« - -Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Thränen über ihn, allein -der Tannenbaum verstand es nicht. - -In der Weihnachtszeit wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht -einmal so groß waren, noch im gleichen Alter standen wie unser -Tannenbäumchen, das weder Ruh noch Rast hatte, sondern nur immer weiter -wollte. Diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, -behielten immer ihre Zweige, sie wurden auf Wagen gelegt und Pferde -zogen sie aus dem Walde. - -»Wohin bringt man sie?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer -als ich, ja da war sogar einer dabei, der noch weit kleiner aussah. -Weshalb behalten sie alle ihre Zweige? Wo fahren sie hin?« - -»Das wissen wir, das wissen wir!« zwitscherten die Sperlinge. »Unten in -der Stadt haben wir zu den Fenstern hineingeschaut. O, sie gelangen zur -größten Pracht und Herrlichkeit, die sich denken läßt! Wir haben -gesehen, daß sie mitten in die warme Stube hineingepflanzt und mit den -herrlichsten Sachen, mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und -vielen hundert Lichtern ausgeschmückt wurden!« - -»Und dann?« fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. »Und dann? -Was geschieht dann?« - -»Ja, mehr haben wir nicht gesehen, es war unvergleichlich!« - -»Ob auch mir dieses Los zufallen wird, diesen strahlenden Weg zu gehen?« -jubelte das Bäumchen. »Das ist noch besser, als über das Meer zu fahren. -O, wie mich die Sehnsucht verzehrt! O wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre -ich erst in der warmen Stube mit all' ihrer Pracht und Herrlichkeit! Und -dann? Ja dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, weshalb würde -man mich sonst so ausschmücken! Da muß noch etwas Größeres, noch etwas -Herrlicheres kommen -- --!« - -»Freue dich meiner!« sagte die Luft und sagte der Sonnenschein; »freue -dich deiner frischen Jugend draußen im Freien!« - -Aber das Bäumchen freute sich gar nicht; es wuchs und wuchs, Winter und -Sommer stand es dunkelgrün da! Die Leute, welche es sahen, sagten: »Das -ist ein hübscher Baum!« und zur Weihnachtszeit wurde er zuerst von allen -gefällt! Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem -Seufzer zu Boden. Er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er vermochte -an gar kein Glück mehr zu denken. Er war betrübt, von der Heimat zu -scheiden, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war. Er wußte ja, -daß er nie mehr die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und -Blumen wiedersehen würde. - -Der Baum kam erst wieder zu sich, als er im Hofe, mit den andern Bäumen -abgeladen, einen Mann sagen hörte: »Der ist prächtig! Wir brauchen -keinen andern!« - -Nun kamen zwei Diener im vollen Staate und trugen den Tannenbaum in -einen großen, prächtigen Saal. Er wurde in ein großes, mit Sand -gefülltes Gefäß gestellt, doch konnte niemand merken, daß es ein Gefäß -war, denn es wurde ringsherum mit grünem Zeug behängt und stand auf -einem großen bunten Teppiche. O, wie der Baum bebte! Was sollte doch nun -geschehen? Die Diener und die Fräulein kamen und putzten ihn aus. Über -die Zweige hängten sie kleine, aus buntem Papier ausgeschnittene Netze, -mit Zuckerwerk gefüllt. Vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen wie -festgewachsen herab, und über hundert rote, blaue und weiße Lichterchen -wurden an den Zweigen befestigt. Puppen, die wie leibhaftige Menschen -aussahen, schwebten im Grünen, und ganz oben auf der Spitze strahlte ein -Stern von Flittergold. Es war prächtig, ganz unvergleichlich prächtig! - -»Heute Abend,« sagten alle, »heute Abend wird er strahlen!« - -»O!« dachte der Baum, »wäre es doch erst Abend! Würden doch nur die -Lichter bald angezündet! Und was mag dann geschehen? Ob wohl die Bäume -aus dem Walde kommen und mich anschauen? Ob die Sperlinge gegen die -Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachsen und Winter und Sommer -geschmückt dastehen werde?« -- - -Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der -Baum bebte in allen Zweigen dabei, so daß einige Nadeln an einem der -Lichter Feuer fingen. Es sengte ordentlich. - -»Gott bewahre uns!« schrieen die Fräulein und löschten es schnell aus. - -Nun durfte der Baum nicht einmal beben. O, das war ein Graus! Er war so -besorgt, etwas von all' seinem Staate zu verlieren; er war von all' dem -Glanze wie betäubt. -- Und nun öffneten sich beide Flügelthüren, und -eine Menge Kinder stürzten herein, als ob sie den ganzen Baum umrennen -wollten. Die älteren Leute kamen bedächtig hinterher; die Kleinen -standen ganz stumm, aber nur einen kurzen Augenblick, dann jubelten sie -wieder so, daß es wiederhallte. Sie tanzten um den Baum, und ein -Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt. - -»Was haben sie nur vor?« dachte der Baum. »Was soll da geschehen?« Die -Lichter brannten bis auf die Zweige herunter und darauf löschte man sie -aus und die Kinder erhielten Erlaubnis, den Baum zu plündern. O, die -stürzten auf ihn los, daß es in allen Zweigen knackte. Wäre er nicht mit -der Spitze und dem goldenen Stern an der Decke befestigt gewesen, so -hätten sie ihn sicher umgeworfen. - -Die Kinder tanzten nun mit ihrem prächtigen Spielzeuge umher. Niemand -beachtete den Baum, mit Ausnahme der alten Kinderfrau, die aufmerksam -zwischen die Zweige nach einem etwa vergessenen Apfel blickte. - -»Eine Geschichte, eine Geschichte!« riefen die Kinder und zerrten einen -kleinen, dicken Mann nach dem Baume hin. Er setzte sich gerade unter -denselben nieder, »denn so,« meinte er, »sind wir im Grünen. Aber ich -erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede hören oder -die von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und sich doch auf den -Thron schwang und die Prinzessin erhielt?« - -»Ivede-Avede!« schrieen einige, »Klumpe-Dumpe!« schrieen andere. Was war -das für ein Rufen und Durcheinanderschreien! Nur der Tannenbaum schwieg -still. Seine Rolle war vorüber, er hatte ja seine Schuldigkeit gethan! - -Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und sich -doch auf den Thron schwang und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder -klatschten in die Hände und riefen: »Erzähle, erzähle!« Sie wollten auch -noch die Geschichte von Ivede-Avede hören, mußten sich aber mit -Klumpe-Dumpe begnügen. Der Tannenbaum stand ganz still und gedankenvoll, -nie hatten die Vögel draußen im Walde dergleichen erzählt. »Klumpe-Dumpe -fiel die Treppe hinab und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es -in der Welt zu!« dachte der Tannenbaum und hielt es für Wahrheit, weil -der Erzähler ein so netter Mann war. »Ja, ja, wer kann wissen, -vielleicht falle ich auch die Treppe hinab und bekomme eine Prinzessin!« -Und er freute sich darauf, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und -Spielzeug, mit Gold und Früchten bekleidet zu werden. - -»Morgen werde ich nicht zittern!« dachte er. »Ich werde eine recht -herzliche Freude über alle meine Herrlichkeit empfinden. Morgen werde -ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe hören und vielleicht auch -die von Ivede-Avede.« Und der Baum stand die ganze Nacht still und -gedankenvoll da. - -Am folgenden Morgen traten die Diener und Mägde herein. - -»Nun beginnt der Staat von neuem!« dachte der Baum, aber sie schleppten -ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf bis auf den Boden und dort -stellten sie ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht fiel. -»Was hat denn das zu bedeuten?« dachte der Baum. »Was habe ich denn hier -zu thun? Was mag ich denn hier hören sollen?« Er lehnte sich gegen die -Mauer und stand da und sann und sann. Und Zeit hatte er genug dazu, denn -es verstrichen Tage und Nächte. Niemand kam herauf und als endlich -einmal jemand kam, geschah es nur zu dem Zwecke, einige große Kasten in -den Winkel zu stellen. - -»Nun ist draußen Winter!« dachte der Baum. »Die Erde ist hart und mit -Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll -ich wahrscheinlich bis zum Frühling hier im Schutze stehen! Wie -fürsorglich doch das ist! Wie gut die Menschen doch sind! Wäre es hier -nur nicht so dunkel und so erschrecklich einsam! Nicht einmal ein -Häschen ist hier zu finden! Draußen im Walde war es doch lustig, wenn -der Schnee lag und der Hase vorübersprang, ja selbst wenn er über mich -hinwegsetzte; aber damals gefiel es mir freilich nicht. Hier oben ist es -aber doch entsetzlich einsam!« - -»Pip, pip!« sagte plötzlich eine kleine Maus und schlüpfte hervor, und -darauf kam noch eine kleine. Sie schnüffelten an dem Tannenbaume und -schmiegten sich durch die Zweige desselben. - -»Es herrscht heute eine furchtbare Kälte!« sagten die zwei kleinen -Mäuschen; »nicht wahr, du alter Tannenbaum?« - -»Ich bin noch gar nicht alt!« versetzte der Tannenbaum, »es giebt viel -ältere als ich bin!« - -»Wo kommst du her?« fragten die Mäuse, »und was weißt du?« Sie waren -gewaltig neugierig. »Erzähle uns doch von dem herrlichsten Plätzchen auf -Erden! Bist du schon dort gewesen? Bist du schon in der Speisekammer -gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke -hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, mager hineingeht und fett -herauskommt?« - -»Die kenne ich allerdings nicht,« sagte der Baum, »aber den Wald kenne -ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!« Darauf erzählte er -ihnen alle Erlebnisse seiner Jugend und die Mäuschen hatten dergleichen -nie zuvor gehört. - -»O!« sagten die Mäuschen, »wie glücklich du gewesen bist, du alter -Tannenbaum!« - -»Ich bin durchaus nicht alt!« erwiderte der Tannenbaum, »erst in diesem -Winter bin ich ja aus dem Walde gekommen! Ich stehe in meinem -allerbesten Alter, ich bin nur sehr gewachsen!« - -»Wie schön du erzählst!« sagten die Mäuschen, und in der nächsten Nacht -kamen sie mit vier andern kleinen Mäusen wieder, welche den Baum auch -erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto lebhafter trat es -ihm selbst vor die Augen und er sagte: »Es waren doch wirklich -glückliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die -Treppe hinab und bekam doch die schöne Prinzessin.« - -»Wer ist Klumpe-Dumpe?« fragten die Mäuschen. - -Nun erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, dessen er sich Wort für -Wort entsinnen konnte. Und die Mäuschen wären aus lauter Freude fast in -die Spitze des Baumes gesprungen. In der folgenden Nacht versammelten -sich noch weit mehr Mäuse und am Sonntag kamen sogar zwei Ratten. Die -behaupteten aber, die Geschichte sei nicht lustig, und das betrübte die -Mäuschen, denn sie kam ihnen nun auch weniger schön vor. - -»Können Sie nur die eine Geschichte erzählen?« fragten die Ratten. - -»Nur die eine!« antwortete der Baum, »ich hörte sie an meinem -glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich -ich war!« - -»Das ist eine höchst elende Geschichte! Wissen Sie keine von Speck und -Talglichtern? Keine Speisekammergeschichten?« - -»Nein!« sagte der Baum. - -»Nun, dann danken wir dafür!« erwiderten die Ratten und kehrten zu den -Ihrigen zurück. - -Zuletzt blieben die Mäuschen auch fort und da seufzte der Baum: »Es war -doch ganz hübsch, als sie um mich saßen, die muntern Mäuschen, und auf -meine Erzählungen lauschten! Nun ist das gleichfalls vorbei. Aber die -schöne Zeit wird wiederkommen!« - -Und eines Morgens, da kamen Leute herauf und kramten auf dem Boden -umher. Die Kasten erhielten einen andern Platz und der Baum wurde -hervorgezogen. Sie warfen ihn unsanft auf den Fußboden, aber sofort -schleppte ihn ein Hausknecht nach der Treppe hin, wo das Tageslicht -schimmerte. - -»Nun beginnt das Leben wieder!« dachte der Baum. Er fühlte die frische -Luft, den ersten Sonnenstrahl, -- und nun war er draußen auf dem Hofe. -Alles ging so schnell, daß der Baum völlig vergaß, sich selbst zu -betrachten; zu viel Neues war ringsumher anzustaunen. Der Hof stieß an -einen Garten und alles stand darin in voller Blüte. Die Rosen hingen -frisch und duftend über den kleinen Staketenzaun hinüber, die -Lindenbäume blühten und die Schwalben flogen umher und zwitscherten: -»Quirre virrevit, mein Mann ist gekommen!« Aber den Tannenbaum meinten -sie damit nicht. - -»Nun will ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus. -Ach, sie waren alle vertrocknet und gelb und zwischen Unkraut und -Nesseln lag er in einem Winkel da. Der Goldpapierstern saß noch oben auf -der Spitze und leuchtete im hellsten Sonnenscheine. - -Auf dem Hofe selbst spielten ein paar von den lustigen Kindern, die am -Weihnachtsabend um den Baum getanzt hatten und dabei so fröhlich gewesen -waren. Eines der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab. - -»Sieh, was da noch an dem alten, häßlichen Tannenbaume sitzt!« rief es -und trat auf die Zweige, daß sie unter seinen Stiefeln knackten. - -Und der Baum betrachtete all' die Blumenpracht und Frische im Garten, -betrachtete dann sich selbst und wünschte, daß er in seinem finstern -Winkel auf dem Boden geblieben wäre. Er gedachte seiner frischen Jugend -im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so -fröhlich der Geschichte von Klumpe-Dumpe zugelauscht hatten. - -»Vorbei, vorbei!« seufzte der arme Baum. »Hätte ich mich doch gefreut -als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!« - -Der Hausknecht kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund -lag da; hell loderte es auf unter dem großen Braukessel. Er seufzte -tief, jeder Seufzer tönte wie ein kleiner Schuß. Deshalb liefen die -Kinder, welche draußen spielten, herbei, setzten sich vor das Feuer, -schauten hinein und riefen: »Piff, paff!« Aber bei jedem Knalle, der ein -tiefer Seufzer war, gedachte der Baum eines Sommertages im Walde, einer -Winternacht draußen, wenn die Sterne glänzten. Er gedachte des -Weihnachtsabends und des Klumpe-Dumpe, des einzigen Märchens, welches er -gehört hatte und zu erzählen wußte, -- und dann war der Baum verbrannt. - -Die Kinder spielten im Hofe und der kleinste hatte auf der Brust den -Goldstern, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. -Nun war dieser vorüber und mit diesem auch der Baum nebst seiner -Geschichte. Vorbei, vorbei -- und so geht es mit allen Geschichten. - - - - -Das alte Haus. - - [Abbildungen/Illustrations: capI103.jpg, pic105.jpg] - - -In einem Seitengäßchen stand ein altes, altes Haus; es war fast -dreihundert Jahre alt. Dies konnte man an dem Balken lesen, wo die -Jahreszahl von Tulpen und Hopfenranken umschlungen eingeschnitten war. -Da standen auch in altertümlicher Schreibart ganze Verse und über jedem -Fenster war in den Balken ein fratzenhaftes Gesicht eingeschnitten und -am ganzen Gebäude wucherte der Epheu üppig empor. Das eine Stockwerk -trat weit über das andere heraus und dicht unter dem Dache lief eine -Bleirinne, die am Ende einen Drachenkopf als Zierat trug. Das -Regenwasser sollte aus dem Rachen seinen Ausgang nehmen, fand aber -seinen Weg durch den Bauch, denn es war ein Loch in der Rinne. - -Alle andern Häuser in der Straße waren neu und man konnte es ihnen zur -Genüge ansehen, daß sie mit dem alten Hause nichts zu thun haben -wollten. - -Gerade gegenüber in der Straße standen gleichfalls neue und hübsche -Häuser und am Fenster eines derselben saß ein kleiner Knabe mit frischen -roten Wangen, mit hellen, strahlenden Augen, welchem dies alte Haus noch -am besten gefiel, sowohl im Sonnenschein wie im Mondenschein. Und -blickte er zu der Mauer hinüber, von der der Kalk abgefallen war, dann -konnte er dasitzen und sich mit seiner regen Einbildungskraft die -seltsamsten Bilder entwerfen, wie die Straße früher müßte ausgesehen -haben mit ihren Treppen, Erkern und spitzen Giebeln. Er vermochte im -Geiste Soldaten mit Hellebarden zu sehen und Dachrinnen, die in der -Gestalt von Drachen und Lindwürmern ausliefen. - -Das Haus bewohnte ein alter Mann. Er ging noch immer in den altmodischen -Kniehosen, trug einen Rock mit großen Messingknöpfen und eine Perücke, -der man es ansehen konnte, daß es eine echte Perücke war. Jeden Morgen -kam ein alter Mann zu ihm, um aufzuräumen und Gänge zu besorgen, sonst -war der alte Mann in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause. -Bisweilen trat er an das Fenster und blickte hinaus, und der kleine -Knabe nickte ihm zu und der alte Mann nickte wieder. Auf diese Weise -wurden sie erst miteinander bekannt und dann Freunde, obgleich sie nie -miteinander gesprochen hatten, aber das war ja auch gleichgültig. - -Der kleine Knabe hörte seine Eltern oft sagen: »Dem alten Manne da -drüben geht es sehr gut, aber er lebt so erschrecklich einsam!« - -Am nächsten Sonntage wickelte der kleine Knabe etwas in ein Stück -Papier, that es in ein kleines Pappschächtelchen, ging hinunter vor die -Thür, und als der alte Mann, welcher die Gänge besorgte, in das alte -Haus wollte, sagte er zu ihm: - -»Höre, willst du dies deinem Herrn von mir bringen? Ich besitze zwei -Zinnsoldaten, dies ist der eine; er soll ihn haben, weil ich weiß, daß -er so ganz allein ist!« - -Das Gesicht des alten Mannes wurde mit einemmale ganz heiter; er nickte -und trug den Zinnsoldaten zu dem alten Mann hinauf, welcher den Vorgang -vom Fenster aus mit angesehen hatte. Bald darauf geschah von dort die -Anfrage, ob der kleine Knabe nicht drüben einen Besuch abstatten wolle. -Dazu erhielt er auch von seinen Eltern die Erlaubnis und so kam er in -das alte Haus. - -Die Messingknöpfe an dem Treppengeländer glänzten weit stärker als -sonst; man hätte vermuten können, daß sie zu Ehren des Besuches geputzt -worden wären, und es schien, als ob die ausgeschnitzten Trompeter -- -denn an der Thüre waren Trompeter angebracht -- in ihre aus Holz -geschnitzten Trompeten: »Tratteratra, der kleine Knabe ist da!« bliesen. -Der ganze Hausflur war mit alten Portraits behängt. Dann kam eine -Treppe, die aufwärts und auf einen baufälligen Altan führte, der ganz -mit Grün bewachsen, wie ein Garten aussah. Hier standen altmodische -Blumentöpfe, die Gesichter mit Eselsohren darstellten; die Blumen waren -sich aber völlig selbst überlassen und wuchsen wild auf. - -Von hier trat man in ein Zimmer, dessen Wände mit Schweinsleder -bekleidet waren. Die darauf gedruckten, goldenen Blumen gewährten einen -gar freundlichen Anblick. -- »Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder -besteht!« sagten die Wände. Darauf gelangte der kleine Knabe in das -Erkerzimmer, in welchem der alte Mann saß. - -»Besten Dank für den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund!« sagte der alte -Herr, »und Dank, daß du zu mir herüberkommst!« - -Nun sah sich der Knabe erst ein wenig in dem mit alten Möbeln -überfüllten Zimmer um. Mitten an der Wand hing das Portrait einer -jungen, lebensfrohen Frau, aber in altväterischer Tracht, mit gepudertem -Haar und steifleinenem Rocke. Sie schaute mit gar sanften Augen auf den -Knaben hernieder, der den alten Mann sogleich fragte: »Wo hast du diese -herbekommen?« - -»Vom Trödler drüben!« sagte der alte Mann. »Dort hängen noch viele -Bilder; niemand kennt sie oder kümmert sich um sie, denn die Personen, -welche sie vorstellen, sind sämtlich längst begraben; aber in jungen -Tagen habe ich diese gekannt, und nun ist auch sie gestorben und weilt -schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr auf Erden.« - -»Meine Eltern sagten, du seiest ganz allein,« begann der kleine Knabe -wieder. - -»O,« sagte der Greis, »die alten Gedanken und alles, was sie in meiner -Seele wachrufen, kommen und besuchen mich, und nun kommst du ja auch! --- Mir geht es ganz gut!« - -Darauf nahm er vom Bücherbrett ein Bilderbuch. Was war darin alles zu -sehen! Lange Prozessionen, die seltsamsten Kutschen, wie sie heutigen -Tages längst von unsern Straßen verschwunden sind, und sonst noch die -wunderbarsten Dinge. O, was war das für ein Bilderbuch! - -Der alte Mann ging in das Nebenzimmer, um Eingemachtes, Äpfel und Nüsse -zu holen; -- für einen kleinen Knaben war es da oben in dem alten Hause -gar nicht so übel. - -»Ich kann es nicht aushalten!« begann plötzlich der Zinnsoldat, welcher -auf der Kommode stand, zu sprechen; »hier ist es so einsam und traurig; -nein, wenn man an ein Familienleben gewöhnt ist, kann man sich an die -unheimliche Stille in diesem Hause hier gar nicht gewöhnen! -- Ich kann -es nicht aushalten!« - -»Du brauchst doch nicht zu klagen!« sagte der kleine Knabe, »mir kommt -es hier sehr hübsch vor, zumal da alle die alten Gedanken und alles, was -sie in des alten Mannes Seele wachrufen, zu Besuch kommen!« -- »Die sehe -und kenne ich aber nicht!« sagte der Zinnsoldat, »ich kann es nicht -aushalten!« -- »Du mußt!« erwiderte der kleine Knabe. - -Der alte Mann erschien jetzt wieder mit dem heitersten Gesicht, dem -herrlichsten Eingemachten, mit Äpfeln und Nüssen, und darum dachte der -kleine Knabe nicht länger an den Zinnsoldaten. - -Glücklich und vergnügt kam der Kleine wieder nach Hause. Tage und Wochen -verstrichen seitdem und nach dem alten Hause und von dem alten Hause -nickte man sich gegenseitig freundlich zu; und dann kam der kleine Knabe -wieder hinüber. - -Die ausgeschnitzten Trompeter bliesen: »Tratteratra! der kleine Knabe -ist da!« und auch sonst war es genau so wie beim ersten male, denn da -drüben verstrich ein Tag wie der andere. - -»Ich kann es nicht aushalten!« sagte da wieder der Zinnsoldat, »ich habe -Zinn geweint! Hier ist es zu trübselig! Jetzt weiß ich, was es heißt, -Besuch von seinen alten Gedanken zu erhalten. Ich habe den Besuch der -meinigen gehabt und sah euch alle so deutlich vor mir. Ihr Kinder -standet alle mit gefalteten Händen vor dem Tische und sanget euern -Morgen-Choral. Vater und Mutter waren in gleich feierlicher Stimmung, -als plötzlich die Thüre aufging und die kleine Schwester Marie, welche -immer tanzt, sobald sie nur Musik hört, hereinkam. So stand sie denn -erst auf dem einen Beinchen und neigte den Kopf ganz vornüber, und dann -auf dem andern und neigte den Kopf wieder ganz vornüber. Ihr standet -sämtlich sehr ernsthaft da, obgleich das euch sauer genug wurde, ich -aber mußte innerlich so lachen, daß ich vom Tische fiel und mir eine -Beule schlug, mit der ich noch einhergehe, denn es war nicht recht von -mir, zu lachen. Erzähle mir, ob ihr des Sonntags noch singt? Erzähle mir -etwas von der kleinen Marie! Und wie befindet sich mein Kamerad, der -andere Zinnsoldat? Ja, der ist fürwahr glücklich! -- Ich kann es nicht -aushalten!« - -»Du bist verschenkt!« war die Antwort; »du mußt bleiben. Kannst du das -nicht begreifen?« - -Der alte Mann kam mit einem Kasten, worin viel zu sehen war, Häuschen -aus Kreide gearbeitet und Balsambüchsen und alte Karten, so groß und so -vergoldet, wie man sie heutigen Tages nie mehr erblickt. Der Inhalt -großer Kästen wurde besichtigt, und auch das Klavier geöffnet; heiser -klangen die Töne, die der alte Mann hervorlockte; dann summte er leise -ein Lied vor sich hin. - -»Ja, das konnte sie singen!« sagte er, und dabei nickte er ihrem -Portrait zu, welches er bei dem Trödler gekauft hatte und hellauf -leuchteten dabei die Augen des alten Mannes. - -»Ich will in den Krieg! Ich will in den Krieg!« rief der Zinnsoldat, -so laut er konnte, und stürzte sich gerade auf den Fußboden hinab. - -Ja, wo war er geblieben? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte, -fort war er und fort blieb er. Der Zinnsoldat war durch eine Ritze -gefallen und lag nun im offenen Grabe. - -Der Tag verging und der kleine Knabe kam nach Hause, und Wochen auf -Wochen verstrichen. Die Fenster waren fest zugefroren. Der kleine Knabe -mußte lange dasitzen und auf die Scheiben hauchen, um ein Guckloch nach -dem alten Hause hinüber zu erhalten. Dort war der Schnee in alle -Schnörkel eingedrungen; die ganze Treppe war verschneit, als ob niemand -dort zu Hause wäre. Es war dort auch niemand zu Hause -- der alte Mann -war tot. - -Am Abend hielt ein Wagen vor der Thür und auf demselben wurde er in -seinem engen Sarge nach dem Lande hinaus gefahren, um dort in seinem -Erbbegräbnisse zu ruhen. Da fuhr er nun, aber niemand folgte, alle seine -Freunde waren ja tot. Nur der kleine Knabe warf dem Sarge beim -Vorüberfahren einen Kußfinger nach. - -Einige Tage darauf fand in dem alten Hause Auktion statt. Der kleine -Knabe sah von seinem Fenster aus, wie man alles forttrug: die alten -Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit langen Ohren, die alten -Stühle und die alten Spinden, alles zerstreute sich, einiges kam in -diese, anderes in jene Hände. Ihr Portrait, welches er beim Trödler -aufgefunden hatte, wanderte wieder zum Trödler und da blieb es für immer -hängen, denn niemand kannte die Frau mehr und niemand bekümmerte sich um -das alte Bild. - -Im Frühling riß man das alte Haus selbst nieder, denn es war nur noch -ein altes Gemäuer, sagten die Leute. Man konnte von der Straße aus -gerade in das Zimmer mit der schweinsledernen Bekleidung hineinsehen, -welche fetzenweise abgerissen wurde; verwildert hing der Epheu an dem -alten Altan um die stürzenden Balken. So wurde dort alles gründlich dem -Boden gleich gemacht! -- »Das half!« sagten die Nachbarhäuser. -- - -Auf dem nämlichen Platze wurde ein schönes Haus mit großen Fenstern und -weißen glatten Mauern aufgeführt, aber vorn, wo eigentlich das alte Haus -gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt und gegen die -Nachbarmauern rankten wilde Weinreben empor. Auf den Ranken schaukelten -sich die Sperlinge und plauderten in ihrer Sprachweise miteinander; aber -nicht von dem alten Hause, dessen sie sich nicht mehr erinnerten. -- - -Viele Jahre vergingen; aus dem Knaben war ein tüchtiger Mann geworden. -Er bewohnte mit seiner jungen Frau das neue, schöne Haus, vor dem sich -der Garten befand. Einst stand er neben ihr, während sie eine Blume -pflanzte und die Erde mit ihren feinen Fingern festdrückte. »Au!« Was -war das? Sie hatte sich gestochen. Eine Spitze guckte aus der weichen -Erde hervor. - -Das war -- ja denkt euch nur! -- das war der Zinnsoldat, derselbe, der -dort oben bei dem alten Manne abhanden gekommen und allmählich durch -Gebälk und Schutt hindurchgeglitten war und endlich viele Jahre in der -Erde gelegen hatte. - -Die junge Frau wischte den Soldaten zuerst mit einem grünen Blatte und -dann mit ihrem feinen Taschentuche ab; es kam dem Zinnsoldaten vor, als -erwachte er aus tiefer Ohnmacht. - -»Laß mich ihn sehen!« sagte der junge Mann, lachte und schüttelte den -Kopf. »Derselbe kann es wohl schwerlich sein, aber er erinnert mich an -eine Geschichte, die ich mit einem Zinnsoldaten erlebte, als ich noch -ein kleiner Knabe war!« Dann erzählte er seiner Frau von dem alten Hause -und dem alten Manne und von dem Zinnsoldaten, den er ihm hinübergesandt, -weil er so erschrecklich einsam war. Er erzählte dies so anschaulich, -als ob es sich erst jetzt vor ihren Augen zutrüge, so daß der jungen -Frau über das alte Haus und dem alten Mann die Thränen in die Augen -traten. - -»Es ist gleichwohl möglich, daß es der nämliche Zinnsoldat ist!« -erwiderte sie. »Ich will ihn aufbewahren und alles im Gedächtnis -behalten, was du mir erzählt hast. Aber das Grab des alten Mannes mußt -du mir zeigen!« - -»Ja, das kenne ich nicht,« sagte er, »und niemand kennt es! Alle seine -Freunde waren tot, niemand pflegte ihn, und ich war ja damals ein -kleiner Knabe.« - -»Wie entsetzlich einsam muß er doch gewesen sein!« rief sie aus. - -»Entsetzlich einsam!« sagte der Zinnsoldat, »aber herrlich ist es, nicht -vergessen zu werden!« - -»Herrlich!« rief etwas dicht neben ihnen, aber außer dem Zinnsoldaten -sah niemand, daß es ein Fetzen der schweinsledernen Wandbekleidung war. -Alle Vergoldung hatte er verloren, er sah wie nasse Erde aus, aber seine -Ansicht hatte er sich doch bewahrt und er sprach sie aus: - - »Vergoldung vergeht, - aber Schweinsleder besteht!« - -Doch das glaubte der Zinnsoldat nicht. - - - - -Der Buchweizen. - - [Abbildung/Illustration: pic107.jpg] - - -Wenn man nach einem Gewitter an einem Buchweizenfelde vorübergeht, nimmt -man oft wahr, daß es schwarz und wie versengt aussieht. Es ist gerade, -als ob eine Feuerflamme über dasselbe hinweggegangen wäre und der -Landmann sagt dann: »Das hat der Buchweizen vom Blitzstrahl bekommen!« -Aber weshalb hat er das bekommen? -- Ich will erzählen, was mir der -Sperling gesagt hat, und der Sperling hat es von einer alten Weide, die -neben einem Buchweizenfelde stand und noch daselbst steht. Es ist eine -gar ehrwürdige, hohe Weide; sie neigt sich vorn über und die Zweige -hängen auf die Erde hinunter, wie wenn sie grünes, langes Haar -vorstellten. - -Auf allen Feldern ringsumher wuchs Korn, Roggen, Gerste und Hafer. -O, der köstliche Hafer! Wenn er reif ist, nimmt er sich wie eine ganze -Menge kleiner, gelber Kanarienvögel auf einem Zweige aus. Das Korn -versprach einen reichen Erntesegen, und je schwerer es war, desto tiefer -neigte es sich in frommer Demut. - -Aber da war auch ein Buchweizenfeld und dies lag der alten Weide gerade -gegenüber. Dem Buchweizen fiel es nicht ein, sich wie das andere Korn zu -neigen; er trug den Kopf hoch und stand stolz und steif da. - -»Ich bin wohl ebenso reich, wie die Ähre,« sagte er, »und bin überdies -weit hübscher. Kennst du jemand, der sich prächtiger ausnimmt als ich -und die Meinigen, du alte Weide?« - -Und die Weide nickte mit dem Kopfe, als wollte sie sagen: »Freilich -kenne ich welche!« - -Plötzlich zog sich ein entsetzliches Unwetter zusammen. Alle Feldblumen -falteten ihre Blätter oder neigten ihre feinen Köpfe hernieder, während -der Sturm über sie dahinfuhr. Nur der Buchweizen brüstete sich in seinem -Stolze. - -»Neige dein Haupt wie wir!« sagten die Blumen. - -»Das habe ich gar nicht nötig!« versetzte der Buchweizen. - -»Neige dein Haupt wie wir!« rief das Korn. »Jetzt kommt der Sturmengel -geflogen! Er hat Flügel, die von den Wolken bis zur Erde -herunterreichen. Er zerschlägt dich, ehe du ihn um Gnade anflehen -kannst!« - -»Ich will mich aber nicht neigen!« sagte der Buchweizen. - -»Schließe deine Blüten und neige deine Blätter!« ermahnte auch die alte -Weide. »Sieh nicht in den Blitz, wenn die Wolke bricht! Selbst die -Menschen dürfen das nicht, denn in dem Blitze kann man bis in Gottes -Himmel hineinschauen; doch vermag dieser Anblick sogar die Menschen zu -blenden. Was würde da nicht erst uns, den Gewächsen der Erde, geschehen, -wagten wir es, die wir doch weit geringer sind!« - -»Weit geringer?« entgegnete der Buchweizen. »Nun will ich erst gerade in -Gottes Himmel sehen!« Und er that es in seinem Übermute und Stolz. Es -war, als wenn die ganze Welt in Flammen stände, so blitzte es. - -Als sich das Unwetter verzogen hatte, standen die Blumen und das Korn in -der stillen, reinen Luft vom Regen erfrischt da, aber der Buchweizen war -vom Blitz kohlschwarz gebrannt; er war nun ein totes, nutzloses Gewächs. - -Der alte Weidenbaum bewegte seine Zweige und Wassertropfen träufelten -von seinen Blättern, gerade wie Thränen, und die Sperlinge fragten: -»Weshalb weinst du? Hier ist es ja wunderbar erquickend! Sieh, wie die -Sonne leuchtet und die Wolken eilen! Weshalb weinst du also, du alte -Weide?« - -Und die Weide erzählte von dem Stolze und dem Übermute und von der -Strafe des Buchweizens. Denn die Strafe folgt immer. Die Sperlinge haben -mir die Geschichte erzählt, als ich sie eines Abends um ein Märchen bat. - - - - -Die roten Schuhe. - - [Abbildung/Illustration: pic109.jpg] - - -Einst lebte ein kleines Mädchen, welches gar fein und niedlich war, doch -seiner großen Armut wegen im Sommer stets barfuß und im Winter mit -großen Holzschuhen gehen mußte, wovon der Spann seiner Füßchen ganz rot -und wund wurde. - -Die alte Mutter Schusterin, welche mitten im Dorfe wohnte, nähte für die -Kleine, welche _Karen_ hieß, aus alten roten Tuchlappen ein Paar -Schühchen, welche das Kind am Begräbnistage seiner Mutter erhielt und -sie da zum erstenmal trug. Zum Trauern waren sie freilich nicht recht -geeignet, aber sie hatte ja keine andern, und darum zog sie dieselben -über ihre nackten Füßchen und schritt so hinter dem ärmlichen Sarge her. - -Da kam auf einmal ein großer altmodischer Wagen angefahren, in welchem -eine alte Frau saß. Sie betrachtete das kleine Mädchen und fühlte -Mitleid mit demselben. Deshalb sagte sie zu dem Geistlichen: »Hört, -würdiger Herr, gebt mir das kleine Mädchen, dann will ich getreulich für -dasselbe sorgen!« - -Karen bildete sich ein, sie hätte das alles nur den roten Schuhen zu -verdanken, aber die alte Frau sagte, sie wären abscheulich und ließ sie -verbrennen. Karen selbst wurde rein und kleidsam angezogen; sie mußte -den Unterricht besuchen und nähen lernen, und die Leute sagten, sie wäre -niedlich, aber der Spiegel sagte: »Du bist mehr als niedlich, du bist -schön!« -- - -Da reiste einmal die Königin durch das Land und hatte ihre kleine -Tochter, die eine Prinzessin war, bei sich. Die Leute strömten vor das -Schloß und auch Karen fand sich da ein. Die kleine Prinzessin stand -weißgekleidet an einer Balkonthür und ließ sich bewundern; Schleppe oder -Goldkrone hatte sie nicht, aber herrliche rote Saffianschuhe, die -freilich weit zierlicher waren als die, welche Mutter Schusterin der -kleinen Karen genäht hatte. Ja, was könnte es Schöneres in der Welt -geben als rote Schuhe! - -Jetzt war Karen so alt, daß sie eingesegnet werden sollte; sie erhielt -neue Kleider und neue Schuhe sollte sie auch haben. Der beste -Schuhmacher in der Stadt nahm zu ihrem kleinen Fuße Maß. Mitten unter -den Schuhen, im großen Glasschranke, standen ein Paar rote, genau wie -sie die Prinzessin getragen hatte; wie schön waren die! Der Schuhmacher -sagte auch, sie wären für ein Grafenkind gearbeitet, hätten aber nicht -gepaßt. - -»Das ist wohl Glanzleder?« fragte die alte, kurzsichtige Frau, »sie -glänzen so schön!« - -»Ja, sie glänzen!« sagte Karen; und sie paßten und wurden gekauft; aber -die alte Frau, welche ja so schlecht sah, wußte nicht, daß sie rot -waren, denn nie würde sie sonst Karen erlaubt haben, mit roten Schuhen -zur Einsegnung zu gehen, aber so that sie es. - -Alle Menschen sahen ihr nach den Füßen, und als sie über die -Kirchschwelle zur Chorthüre hineintrat, kam es ihr vor, als ob selbst -die alten Bilder in der Kirche die Augen auf ihre roten Schuhe hefteten; -und nur an diese dachte sie auch, als ihr der Prediger die Hand auf das -Haupt legte und von der heiligen Taufe redete, vom Bunde mit Gott und -daß sie sich nun wie eine erwachsene Christin aufführen sollte. Die -Orgel spielte so feierlich, die lieblichen Kinderstimmen sangen und der -alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die roten Schuhe. - -Am Nachmittage erfuhr dann die alte Frau von allen Seiten, daß Karens -Schuhe rot gewesen wären und sie sagte, das schickte sich nicht und in -Zukunft sollte Karen, so oft sie zur Kirche ginge, stets schwarze Schuhe -anziehen, selbst wenn sie alt wären. - -Am folgenden Sonntage war die erste Abendmahlfeier der Konfirmanden; -Karen sah erst die schwarzen Schuhe an, dann die roten -- und dann noch -einmal die roten und zog sie an. - -Es war herrlicher Sonnenschein; Karen und die alte Frau schlugen einen -Fußsteig durch das Kornfeld ein, auf dem es etwas stäubte. - -An der Kirchthüre stand ein alter Soldat mit einem Krückstock und mit -einem merkwürdig langen Barte, der mehr rot als weiß war; ja, rot war er -sicher. Er verneigte sich bis zur Erde und fragte die alte Frau, ob er -ihr vielleicht die Schuhe abstäuben sollte. Karen streckte gleichfalls -ihren Fuß vor. »Sieh, welch' prächtige Tanzschuhe!« sagte der Soldat. -»Sitzt fest, wenn ihr tanzt!« und dann schlug er mit der Hand gegen die -Sohlen. - -Die alte Frau reichte dem Soldaten ein Geldstück und trat darauf mit -Karen in die Kirche ein. - -Alle Menschen drinnen sahen nach Karens roten Schuhen und alle Bilder -sahen nach ihnen, und als Karen vor dem Altare niederkniete und den -goldenen Kelch an die Lippen setzte, dachte sie nur an die roten Schuhe. -Es war, als ob sie vor ihr im Kelche schwämmen; und sie vergaß das Lied -mitzusingen, sie vergaß ihr Vaterunser zu beten. - -Alle Leute verließen jetzt die Kirche und die alte Frau stieg in ihren -Wagen. Schon erhob Karen den Fuß, um hinter ihr einzusteigen, als der -alte Soldat, welcher dicht dabeistand, sagte: »Sieh, welch' prächtige -Tanzschuhe!« -- Karen konnte sich nicht enthalten, einige Tanzschritte -zu thun, sowie sie aber begann, tanzten die Beine unaufhaltsam fort. Es -war, als hätten die Schuhe Macht über sie erhalten. Sie tanzte um die -Kirchenecke, denn sie vermochte nicht inne zu halten. Der Kutscher mußte -hinterher laufen und sie greifen; er hob sie in den Wagen, aber auch -jetzt setzten die Füße ihren Tanz rastlos fort, so daß sie die alte gute -Frau empfindlich trat. Erst als sie die Schuhe auszog, erhielten die -Beine Ruhe. Daheim wurden die Schuhe in einen Schrank gestellt, aber -Karen wurde nicht müde, sie immer wieder zu betrachten. - -Nun erkrankte die alte Frau lebensgefährlich und Karen, die ihr am -nächsten stand, sollte sie warten und pflegen. Aber in der Stadt war ein -großer Ball, zu dem Karen eingeladen war. Sie sah die alte Frau an, die -ja doch rettungslos verloren war, sie sah die roten Schuhe an, und es -kam ihr vor, als ob keine Sünde dabei wäre. -- Sie zog die roten Schuhe -an, und das konnte sie ja auch wohl, aber dann ging sie auf den Ball und -begann zu tanzen. Das war gewiß nicht recht von ihr. - -Als sie aber nach rechts tanzen wollte, tanzten die Schuhe nach links, -und als sie den Saal hinauf wollte, tanzten die Schuhe den Saal -hinunter, die Treppe hinab, durch die Straße und zum Stadtthore hinaus. -Tanzen that sie und tanzen mußte sie, gerade hinaus in den finstren -Wald. - -Da leuchtete es zwischen den Bäumen und sie glaubte, es wäre der Mond, -denn es war ein Gesicht, aber es war der alte Soldat mit dem roten -Barte; er saß und nickte und sagte: »Sieh, welch' prächtige Tanzschuhe!« - -Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe abwerfen, aber sie hingen -fest, wie angewachsen, und tanzen mußte sie über Felder und Wiesen, in -Regen und Sonnenschein, bei Tag und bei Nacht, aber nachts war es am -entsetzlichsten. - -Sie tanzte auf den einsamen Kirchhof hinauf, aber die Toten, die dort -ruhten, tanzten nicht, sie hatten viel Besseres zu thun, als zu tanzen. -Sie wollte sich auf das Grab des Armen setzen, wo das bittere Wurmkraut -blühte, aber für sie war weder Ruh noch Rast, und als sie auf die offene -Kirchthüre zutanzte, erblickte sie neben derselben einen Engel in langen -weißen Kleidern, mit Flügeln, welche von den Schultern bis auf die Erde -hinabreichten; sein Antlitz war streng und ernst und in der Hand hielt -er ein breites leuchtendes Schwert. - -»Tanzen sollst du!« sagte er, »tanzen mit deinen roten Schuhen, bis du -bleich und kalt wirst! Tanzen sollst du von Thür zu Thür, und wo stolze, -eitle Kinder wohnen, sollst du anklopfen, daß sie dich hören und sich -vor dir fürchten! Tanzen sollst du, tanzen -- -- -- --« - -»Gnade!« rief Karen. Aber sie vernahm nicht, was der Engel antwortete, -denn die Schuhe trugen sie durch die Pforte auf das Feld hinaus, über -Weg und Steg, und immer mußte sie tanzen. - -Eines Morgens tanzte sie vor einer Thür vorüber, die ihr sehr wohl -bekannt war. Drinnen tönte Choralgesang, man trug einen blumenbekränzten -Sarg hinaus. Da wußte sie, daß die alte Frau gestorben war und es -beschlich sie das Gefühl, als ob sie von allen verlassen und von Gottes -Engel verdammt wäre. - -Tanzen that sie und tanzen mußte sie, tanzen in der dunklen Nacht. Die -Schuhe trugen sie über Dornen und Baumstümpfe, und sie riß sich bis aufs -Blut; sie tanzte über die Haide nach einem kleinen, einsamen Hause. Hier -wohnte, wie sie wußte, der Scharfrichter, und sie klopfte mit den -Fingern an die Scheiben und sagte: - -»Kommt heraus! Kommt heraus! Ich kann nicht hineinkommen, denn ich muß -tanzen.« - -»Ich bin der Scharfrichter«, entgegnete es von drinnen, »ich höre, daß -meine Axt klirrt.« - -»Schlagt mir meine Füße mit den roten Schuhen ab«, bat Karen. - -Der Scharfrichter kam aus dem Hause heraus und schlug ihr die Füße mit -den roten Schuhen ab, aber die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über -das Feld hin in den tiefen Wald hinein. - -Er verfertigte ihr Stelzfüße und Krücken, lehrte sie ein Sterbelied, -welches die armen Sünder zu singen pflegen, und sie schritt weiter über -die Haide. - -»Nun habe ich genug um der roten Schuhe willen gelitten!« sagte sie, -»nun will ich in die Kirche gehen, damit man mich sehen kann!« Schnell -ging sie auf die Kirchthüre zu, als sie sich ihr aber näherte, tanzten -die roten Schuhe vor ihr her und sie erschrak und kehrte um. - -Die ganze Woche hindurch war sie traurig und weinte viel heiße Thränen, -als aber der Sonntag kam, sagte sie: »Fürwahr, nun habe ich genug -gelitten und gestritten! Jetzt möchte ich glauben, daß ich eben so gut -bin wie viele von denen, welche in der Kirche sitzen und hochmütig auf -die andern herabschauen.« Mutig trat sie den Weg an; aber sie war erst -bis zur Eingangsthüre zum Friedhofe gelangt, als sie plötzlich die roten -Schuhe vor sich hertanzen sah. Sie erschrak, wandte um und bereute von -ganzem Herzen ihre Sünde. - -Sie ging zur Pfarre und bot sich als Magd an; sie versprach fleißig zu -sein und alles zu thun, was in ihren Kräften stände; auf Lohn sähe sie -nicht, sie wünschte nur, wieder ein Obdach zu erhalten und bei guten -Menschen zu sein. Die Frau Pfarrerin fühlte Mitleid mit ihr und nahm sie -in Dienst. Sie war stets fleißig und in sich gekehrt. Sie saß still da, -und lauschte aufmerksam zu, wenn der Pfarrer aus der Bibel vorlas. Alle -Kinder gewannen sie lieb; sobald dieselben aber von Putz und Staat und -davon sprachen, wie schön es doch sein müßte, eine Prinzessin zu sein, -schüttelte sie den Kopf. - -Am folgenden Sonntage gingen alle zur Kirche und fragten sie, ob sie sie -begleiten wollte, aber traurig und mit Thränen in den Augen sah sie auf -ihre Krücken, und nun gingen die andern hin, Gottes Wort zu hören, sie -aber ging allein in ihr kleines Kämmerlein, welches nur so groß war, um -einem Bett und einem Stuhle Platz zu gewähren. Hier setzte sie sich mit -ihrem Gesangbuche hin, und während sie frommen Sinnes darin las, trug -der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber und sie erhob ihr -mit Thränen benetztes Antlitz und sagte: »Gott sei mir Sünderin gnädig!« - -Da schien die Sonne hell und klar, und dicht vor ihr stand der Engel -Gottes in den weißen Kleidern, derselbe, welchen sie in jener -verhängnisvollen Nacht an der Kirchthüre gesehen hatte, aber er hielt -nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen grünen Zweig -voller Rosen. Er berührte mit demselben die Decke, welche sich höher und -höher dehnte und dort, wo sie berührt war, einen goldenen Stern -hervorleuchten ließ, und er berührte die Wände und sie erweiterten sich -allmählich, bis sie die Orgel erblickte, welche gespielt wurde, und die -alten Bilder der früheren Pfarrer sah. Die Gemeinde saß in den festlich -geschmückten Stühlen und sang aus dem Gesangbuche. So war die Kirche -selbst zu der armen Magd in ihre kleine, enge Kammer gekommen; oder auch -war sie dahingekommen. Sie saß in dem Kirchstuhle bei den übrigen Leuten -des Pfarrers, und als sie nach Beendigung des Chorals aufblickte, -nickten sie ihr zu und sagten: »Das war recht, daß du kamst, Karen!« -- -»Das war Gnade!« erwiderte sie. - -Und die Orgel klang und der Chor der Kinderstimmen tönte mild und -lieblich. Der klare Sonnenschein strömte warm durch das Fenster in den -Kirchenstuhl, in welchem Karen saß. Ihr Herz war so voller Sonnenschein, -Friede und Freude, daß es brach. Auf den Sonnenstrahlen flog ihre Seele -zu Gott und vor seinem Thron war niemand, der nach den roten Schuhen -fragte. - - - * * * * * - -In demselben Verlage und in eleganter Ausstattung sind erschienen: - - -+Beliebte, reich illustrierte Märchenbücher.+ - -+Arndt, Paul, Es war einmal.+ Eine Sammlung der schönsten Märchen, - Sagen und Schwänke. Mit 6 Farbdruckbildern von _E. Klimsch_ und - _C. Offterdinger_, sowie 12 Tonbildern und 116 Textillustrationen - von _F. Bergen_, _W. Claudius_, _F. Flinzer_ &c. Ein Starker Band - in 8o. 5. Aufl. In feinem Kalikoband 3 Mk. (Die _halbe_ Ausgabe - unter dem Titel: »_Im Märchenwalde_«, mit 3 Bunt-, 6 Ton- und 60 - Textbildern kostet 2 Mk.) - -+Arndt, Paul, Rübezahl-Sagen und -Märchen.+ Für die Jugend bearbeitet. - In 4o. Mit 6 Farbdruckbildern von _C. Offterdinger_ und prachtvollem - Buntumschlag von _E. Klimsch_. 2. Auflage. Elegant gebunden 3 Mark. - -+Bechstein, Ludw., Märchenbuch für Kinder.+ Gesamt-Ausgabe. Mit 16 - Farbdruck- und 100 Textbildern von _F. Bergen_, _W. Claudius_, - _F. Flinzer_, _J. Gehrts_, _V. Mohn_, _F. Reiß_ &c. In 8o. - Hochelegant gebunden 3 Mk. (Die Volks-Ausgabe mit 53 Textbildern - kostet 1-1/5 Mk.) - -+Bechstein, Ludw., Neues Märchenbuch+. In sorgfältiger Auswahl für - die Jugend bearbeitet von +Max Pannwitz+. Mit 6 Farbdruck- und - 61 Textbildern von _F. Bergen_, _W. Claudius_, _F. Flinzer_, - _Johs. Gehrts_, _R. Gutschmidt_, _A. Lewien_, _V. Mohn_ &c. - 2. Auflage. In 4o. Hochelegant gebunden 3 Mk. (Die Volks-Ausgabe - mit 49 Textbildern kostet 1-1/5 Mark.) - -+Benndorf, Paul, Märchen aus 1001 Narcht+. Für die Jugend neu - bearbeitet. Mit 6 Farbdruck- und vielen Textbildern von - _C. Offterdinger_. 16 Auflage. In 4o. Elegant geb. 3 Mk. - (Die _Oktav_-Ausgabe in Kaliko kostet 2½ Mark.) - -+Berger, J. N., Märchenblüten+. Eine Sammlung neuer Märchen. Mit 5 - feinen Farbdruckbildern von _C. Offterdinger_. 4. Auflage. In 8o. - In prachtvollem Kalikoband 2 Mark. - -+Grimm, Brüder, Kinder-Märchen+. In neuer, sorgfältiger Auswahl. - Mit 6 Farbdruckbildern nach Aquarellen von _Eugen Klimsch_ - und _F. Flinzer_, sowie 68 Textabbildungen nach Originalen von - _C. Klimsch_, _V. Mohn_, _A. Zick_, _F. Reiß_ u.a. 12. Auflage. - In 4o. Hochelegant gebunden 3 Mark. (Die _Oktav_-Ausgabe mit - 4 Farbdruck-, 8 Ton- und 78 Textbildern, elegant in Kaliko - gebunden, kostet 2 Mk. 50 Pf. Die _Volks_-Ausgabe mit 4 Ton- und - 63 Textbildern, 8o, gebunden mit feiner Deckenpressung, 1 Mk. - 20 Pf.) - -+Hauffs Märchen+. Auswahl für die Jugend. Mit 4 Bunt-, 8 Voll- und - 36 Textbildern von _Fritz Bergen_. In 8o. Hochelegant in Kaliko - gebunden 2½ Mark. (Die _Volks_-Ausgabe mit 6 Einschalte- und - 30 Textbildern kostet 1 Mk. 20 Pf.) - -+Märchenbuch, Goldenes+. Eine Auswahl von 24 der schönsten Märchen für - die Jugend. +Pracht-Ausgabe+. Mit 8 Farb- und 8 Tondruckbildern. - Hochelegant geb. Mk 1.80. +Gewöhnliche Ausgabe+. Mit 8 - Farbdruckbildern. Elegant gebunden. Mk. 1.20. +Volks-Ausgabe+. - 12 Märchen mit 4 Farbdruckbildern. Elegant gebunden Mk. -- 80. - -+Märchenbuch, Neues+. Eine Auswahl von 30 der schönsten Märchen für die - liebe Jugend. Mit 8 feinen Farbdruckbildern von _C. Offterdinger_ - und _H. Leutemann_. 19. Auflage. Ein starker Quartband. Elegant - gebunden. 3 Mark. - -+Marquardsen, N., Märchengrüße+. Neue Märchen für die Jugend. Mit 3 - Farbdruckbildern von _C. Liebich_. In 8o. Elegant in Kaliko - gebunden 1½ Mark. - - -+Beliebte illustrierte Jugendschriften für Knaben+ - -+Barfus, E. v.,+ Der Diamantenschatz. Eine Erzählung aus dem malaiischen - Archipel für die reifere Jugend. Mit 4 feinen Farbdruckbildern von - _Fritz Bergen_. 2. Aufl. Ein starker _Oktav_band, gebunden in ganz - Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis 3 Mark. - -+Coopers+ Lederstrumpf-Erzählungen. Für die Jugend herausgeg. von - +Oskar Höcker+. Mit 5 Farbdruckbildern von Prof. _C. Offterdinger_, - sowie 25 Textillustrationen von _W. Zweigle_. 9. Aufl. Ein starker - _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. - Preis 3 Mk. - -+Foehle, L.+ Unter Wilde verschlagen. Erzählung aus Deutschafrika. Für - die Jugend bearbeitet. Mit 3 Farbdruckbildern von _W. Zweigle_. - 3. Aufl. 8o. Geb. in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. 1½ Mk. - -+Marryat-Pannwitz+, Sigismund Rüstig. Eine Robinsonade. Nach Marryat - für die Jugend bearbeitet von _Max Pannwitz_. Ein starker Quartband. - Eleg. mit feinem Buntumschlag gebund. 3 Mk. - -+Moritz, P.+, Der Waldläufer. Nach +Ferrys+ Roman für die Jugend - bearbeitet. Mit 5 feinen Farbdruckbildern nach Aquarellen von - _Fritz Bergen_ und 30 Textabbildungen von _W. Zweigle_. 5. Aufl. - Ein starker _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko mit reicher - Deckenpressung. Preis 3 Mark. - -+Ortleb, H.+, Wolfszahn, der Siouxhäuptling. Eine Erzählung aus dem - wilden Westen Nordamerikas. Für die reifere Jugend bearbeitet. Mit - 3 feinen Farbdruckbildern von _W. Zweigle_. 3. Aufl. 8o. Gebunden - in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. 3 Mark. - -+Pajeken, Fr. J.+, Jim der Trapper. Eine Erzählung aus dem wilden - Westen Nordamerikas. Für die Jugend bearbeitet. Mit 4 feinen - Farbdruckbildern von _Fritz Bergen_. 3. Aufl. Ein starker - _Oktav_band in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. 3 Mark. - -+Pajeken, Fr. J.+, Im wilden Westen und 3 andere Erzählungen aus - Nord- und Südamerika. Für die Jugend bearbeitet. Mit 4 feinen - Farbdruckbildern von _Fritz Bergen_. 3. Aufl. Ein starker - _Oktav_band in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis - 3 Mark. (Die _Volks_ausgabe mit 2 Farbdruckbildern kostet 1½ Mark.) - -+Pajeken, Fr. J.+, Das Vermächtnis des Invaliden. Eine Erzählung aus - den Nordstaaten Amerikas. Für die reifere Jugend bearbeitet. Mit - 8 Tonbildern nach Zeichnungen von _Fritz Bergen_ und _G. Koch_. - Ein starker _Groß-Oktav_band in ganz Kaliko mit reicher - Deckenpressung. Preis 5 Mark. - -+Pajeken, Fr. J.+, Mitaha-sa das Pulvergesicht. Eine Erzählung aus den - Nordstaaten Amerikas. Für die Jugend herausgegeben. Mit 8 Tonbildern - nach Zeichnungen von _Joh. Gehrts_. Ein starker _Groß-Oktav_band in - ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis 5 Mark. - -+Pajeken, Fr. J.+, Die Mestize und 3 andere Erzählungen aus Nord- und - Südamerika. Für die Jugend herausgegeben. Mit 4 Farbdruckbildern - von _A. Richter_. Ein starker _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko - mit reicher Deckenpressung. Preis 3 Mark. - -+Pajeken, Fr. J.+, Andrew Brown, der rote Spion. Eine Erzählung aus - dem wilden Westen Nordamerikas. Für die reifere Jugend bearbeitet. - Mit 4 Farbdruckbildern von _Fritz Bergen_. 2. Aufl. Ein starker - _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. - Preis 3 Mark. - -+Pajeken, Fr. J.+, Martin Forster. Erlebnisse eines Knaben im wilden - Westen. Mit 4 feinen Farbdruckbild. von _A. Richter_. Ein stark. - _Oktav_band, in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis 3 Mk. - -+Pajeken, Fr. J.+, Bill der Eisenkopf. Eine Erzählung aus der Wildnis - Nordamerikas. Für die Jugend herausgegeben. Mit 6 Tonbildern von - _Joh. Gehrts_. Ein starker _Groß-Oktav_band, geb. in ganz Kaliko - mit reicher Deckenpressung. Preis 5 Mk. - -+Peltz, E.+, Afrikanischer Lederstrumpf. Erzählung aus den Amatolas. - Mit 5 Farb- und 4 Tonbild. Ein starker _Oktav_band, gebunden in - ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. 3 Mark. - -+Stein, Adalbert+, Auf gefahrvoller Prisenjagd. Eine Erzählung für - die Jugend. Nach dem Englischen des Kapitän _Marryat_ bearbeitet. - Mit 4 Farbdruckbildern von _Fritz Bergen_. 3. Aufl. Ein starker - _Oktav_band. Elegant gebunden in ganz Kaliko mit reicher - Deckenpressung. Preis 3 Mk. - -+Wildenstein, K.+, Dolf der Burenheld. Gefahren und Erlebnisse - eines jungen Deutschen im jüngsten Burenkriege. Mit 4 feinen - Farbdruckbildern von _B. Friedrich_. 4. Auflage. Ein starker - _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. - 3 Mark. - - - * * * * * - - -Errata: - -und der kalte Schnee seine Decke über / sie breitet. - text: ... breitet, -drei Stücke zerborsten - text: zer/zerborsten _at line break / am Linienende_ -ein kleines, totes Kind, welches - text: welche -auf den rechten Fleck zu setzen? - text: ... setzen. -»Weg, weg!« bellte der Kettenhund, ging dreimal im Kreise - text: , _missing / fehlt_ -Ein Soldat kam auf der Landstraße daher marschiert. - text: maschiert -man möge ihn doch noch eine Pfeife Tabak rauchen lassen - text: ihm ... lassen -»Ja, das muß wirklich ein prächtiges Vergnügen sein!« - text: daß muß -»Sie haben ein / vortreffliches Äußeres - text: Äußere -auf eine / silberne Schüssel gelegt - text: silberner -Mitten in dem Saale - text: Sale -Dann würden die Vögel ihre / Nester zwischen meinen Zweigen bauen - text: zwischen meine Zweigen -Ein starker / _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko - text: _Oktavband_ - -Quotation Marks / Anführungszeichen: - -»Es war einmal ein Bund Schwefelhölzer - text: »»Es war einmal ... -über die Regierung / und das Volk.« - text: « _missing / fehlt_ -Im Fenster saß eine alte Feder - text: »Im Fenster saß... -Neigt nun euren Hals und sagt: »Rap!«« - text: ... und sagt: »Rap!« -zum Manne nehmen! -- Ja, ja!« sagte die Krähe - text: »Ja, ja!« -»einige nennen / mich Fliedermütterchen - text: » _missing / fehlt_ -von Ivede-Avede.« - text: « _missing / fehlt_ - - - - - -End of Project Gutenberg's Märchen für Kinder, by Hans Christian Andersen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN FÜR KINDER *** - -***** This file should be named 19163-8.txt or 19163-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/1/9/1/6/19163/ - -Produced by Louise Hope, Markus Brenner, Juliet Sutherland -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
