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-The Project Gutenberg EBook of Märchen für Kinder, by Hans Christian Andersen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-
-Title: Märchen für Kinder
-
-Author: Hans Christian Andersen
-
-Illustrator: Nikolai Karasin, A. Zick, P. Schnorr, F. Reiß, E. Klimsch, E. Kepler, M. Flashar, H. Effenberger
-
-Translator: Paul Arndt
-
-Release Date: September 3, 2006 [EBook #19163]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN FÜR KINDER ***
-
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-
-Produced by Louise Hope, Markus Brenner, Juliet Sutherland
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- H. C. Andersens
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- MÄRCHEN FÜR KINDER.
-
- Frei nach der Reclamschen Ausgabe bearbeitet
-
- von
-
- Paul Arndt.
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- Mit 5 Buntbildern von N. _Karasin_, sowie
-
- 40 Textillustrationen
-
- von A. Zick, P. Schnorr, F. Reiß, E. Klimsch,
- E. Kepler, M. Flashar, H. Effenberger etc.
-
-
- Neunte Auflage.
-
- [Illustration/Abbildung: Loewes Verlag]
-
- Stuttgart
- Loewes Verlag
- Ferdinand Carl.
-
-
- Druck von _Carl Hammer_ in Stuttgart.
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-
-Märchengruß.
-
- [Abbildung/Illustration: capH_iii.png]
-
- _Hans Andersen, der Märchendichter_,
- Nennt man ihn nur, landaus, landein;
- Da lachen strahlende Gesichter,
- Da jubeln Bub' und Mägdelein!
- Ihm sang und klang, ihm lebt' und lachte,
- Was anderer Ohr und Auge tot,
- Das Seelenlose fühlt' und dachte
- Und ward beseelt, -- wenn er gebot.
-
- Den er gepflückt im Wunderlande,
- Den allerschönsten Märchenstrauß,
- Geknüpft mit rot und weißem Bande,
- Streut' einst er in die Welt hinaus.
- Und aus dem Strauß die zart'sten Triebe,
- Die er bestimmt der _Kinderschar_,
- Sind hier gesammelt euch zuliebe;
- Wir bieten sie euch freudig dar.
-
- Längst ist er schon von uns gegangen,
- Der Dichter, der den Kindern lieb,
- Doch leben noch in Jugendprangen
- Die _Märchen_, die für euch er schrieb.
- Sie klingen fort und werden klingen
- Unsterblich noch in später Zeit,
- Und sich wie gold'ne Fäden schlingen
- Um Kind und Märchenherrlichkeit.
-
- Des _grauen Entleins_ Abenteuer,
- Der _Zinnsoldat_, auf einem Bein
- Standhaft im Wasser und im Feuer,
- Die _Schwäne_ und ihr Schwesterlein;
- Das Märlein von dem _Tannenbaume_,
- Vom _Koffer_, der die Luft durchschwirrt,
- Vom _Sandmann_ und Klein-Hjalmars Traume,
- Vom _Tölpelhans_, der König wird.
-
- Sie wollen plaudern, wollen scherzen,
- Sie wollen bei euch Kindern sein,
- Und dringen in die Kinderherzen
- Mit ernster Lehre mahnend ein. --
- So macht dem luftigen Gelichter
- Ein Heim in Herz und Haus bereit,
- Und seid gegrüßt vom Märchendichter,
- Die ihr ja selber Märchen seid!
-
-
-
-
-Inhalts-Übersicht.
-
- Seite
- Däumelieschen 1
- Die Störche 8
- Der fliegende Koffer 11
- Der Schneemann 15
- Es ist ein Unterschied 18
- Das Feuerzeug 20
- Das häßliche Entlein 25
- Die Stopfnadel 31
- Tölpelhans 33
- Fünf in der Schote 36
- Das Märchen vom Sandmann 38
- Die Theekanne 45
- Die Blumen der kleinen Ida 46
- Das kleine Mädchen
- mit den Schwefelhölzern 50
- Die wilden Schwäne 52
- Die glückliche Familie 61
- Der Engel 63
- Der standhafte Zinnsoldat 65
- Des Kaisers Nachtigall 68
- Die Schneekönigin 74
- Fliedermütterchen 91
- Der Tannenbaum 97
- Das alte Haus 103
- Der Buchweizen 107
- Die roten Schuhe 109
-
-
-
-
-Däumelieschen.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capH1.png, pic3.jpg]
-
-
-Hilfe suchend kam einmal eine Frau zu einer alten Hexe und fragte sie,
-ob sie ihr nicht ein kleines Mädchen verschaffen könnte.
-
-»O ja, das soll nicht schwer halten!« sagte die Hexe. »Da hast du ein
-Gerstenkorn; das ist nicht etwa von der Art, wie es auf einem
-Bauernfelde wächst, oder womit die Hühner gefüttert werden. Lege es in
-einen Blumentopf, dann wirst du etwas zu sehen bekommen!«
-
-»Besten Dank!« sagte die Frau und gab der Hexe ein Geldstück, ging dann
-heim, pflanzte das Gerstenkorn, und sogleich wuchs eine große herrliche
-Blume hervor, die vollkommen einer Tulpe glich, aber die Blätter
-schlossen sich fest zusammen, als ob sie noch in der Knospe wären.
-
-»Das ist eine schöne Blume!« sagte die Frau und küßte sie auf die
-herrlichen roten und gelben Blätter, aber wie sie sie noch küßte, that
-die Blume einen großen Knall und öffnete sich. Es war, wie man nun sehen
-konnte, eine wirkliche Tulpe; aber mitten in der Blüte, auf dem grünen
-Blumengriffel, saß ein winzig kleines, blondlockiges Mädchen, fein und
-lieblich. Sie war nicht größer als ein Daumen, und deswegen wurde sie
-_Däumelieschen_ genannt.
-
-Eine prächtige, lackirte Wallnußschale erhielt sie zur Wiege, blaue
-Veilchenblätter waren ihre Matratze und ein Rosenblatt ihr Deckbett.
-Darin schlief sie des Nachts, aber am Tage spielte sie auf dem Tische.
-Die Frau hatte einen Teller darauf gestellt, um den sie einen ganzen
-Kranz Blumen gelegt hatte, deren Stengel in das Wasser reichten. Hier
-schwamm ein großes Tulpenblatt und auf diesem durfte Däumelieschen
-sitzen und von der einen Seite des Tellers bis zur andern schwimmen.
-Zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah unbeschreiblich
-niedlich aus. Sie konnte auch singen, o so fein und lieblich, wie man
-nie zuvor gehört hatte.
-
-Eines Nachts, als sie in ihrem hübschen Bettchen lag, kam durch das
-Fenster, in dem eine Scheibe zerbrochen war, eine häßliche Kröte
-hereingehüpft; sie hüpfte gerade auf den Tisch hernieder, wo
-Däumelieschen lag und unter dem roten Rosenblatte schlief.
-
-»Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!« sagte die Kröte, und dann
-ergriff sie die Wallnußschale, in der Däumelieschen schlief, und hüpfte
-mit ihr durch die Scheibe in den Garten hinunter.
-
-Da floß ein großer, breiter Bach; aber dicht am Ufer war es sumpfig und
-morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne. Hu, der war eben so
-garstig und häßlich, das ganze Ebenbild seiner Mutter. »Koax, Koax,
-breckekekex,« war alles, was er sagen konnte, als er das hübsche, kleine
-Mädchen sah.
-
-»Schwatz' nicht so laut, sonst wacht sie auf!« sagte die alte Kröte,
-»sie könnte uns sonst noch entlaufen, denn sie ist so leicht wie ein
-Eiderflaum! Wir wollen sie in den Bach hinaus auf eines der breiten
-Wasserlilienblätter setzen, das ist für sie, die so leicht und klein
-ist, wie eine Insel. Da kann sie nicht entlaufen, während wir den
-Festsaal unten tief unter dem Sumpfe, wo ihr wohnen und leben sollt,
-in Stand setzen.«
-
-Die alte Kröte schwamm nun nach einem der großen, grünen Blätter, welche
-inmitten des Baches aus dem Wasser ragten, als ob sie darauf schwämmen,
-und setzte die Nußschale mit Däumelieschen auf dasselbe nieder.
-
-Das arme kleine Mädchen erwachte beim ersten Morgengrauen, und da es
-wahrnahm, wo es war, fing es gar bitterlich an zu weinen, denn Wasser
-umgab von allen Seiten das große grüne Blatt.
-
-Die alte Kröte saß unten im Sumpfe und schmückte ihr Zimmer mit Schilf
-und gelben Wasserlilien, denn für die neue Schwiegertochter sollte
-alles auf das Feinste hergerichtet werden. Darauf schwamm sie mit dem
-garstigen Sohne zu dem Blatte hinaus, wo Däumelieschen stand. Die alte
-Kröte verneigte sich vor ihr bis tief ins Wasser hinein und sagte: »Hier
-stell' ich dir meinen Sohn vor, der dein Mann werden soll. Ihr werdet
-unten im Sumpfe ganz prächtig wohnen.«
-
-»Koax, Koax, breckekekex!« war alles, was der Sohn sagen konnte. Darauf
-schwamm die alte Kröte mit ihrem Sohn fort und sie nahmen Däumelieschens
-Bett für die neue Ausstattung gleich mit. Da saß das arme kleine Mädchen
-und weinte heiße Thränen auf das grüne Blatt hinab, denn sie wollte
-weder bei der häßlichen Kröte wohnen, noch ihren häßlichen Sohn zum
-Manne haben. Die kleinen Fische, welche unten im Wasser schwammen,
-hatten die Kröte recht wohl gesehen und gehört, was sie sagte. Sie
-wollten Däumelieschen gern vor der Kröte und ihrem häßlichen Sohne
-retten und nagten mit ihren scharfen Zähnen den Stiel des Blattes ab und
-nun schwamm das Blatt mit Däumelieschen hinab, weit, weit fort, wohin
-die Kröte nicht gelangen konnte.
-
-Däumelieschen segelte an gar vielen Städten vorüber, und die kleinen
-Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: »Welch niedliches
-kleines Mädchen!« Weiter und immer weiter schwamm das Blatt mit ihr;
-so reiste denn Däumelieschen ins Ausland.
-
-Ein allerliebster kleiner Schmetterling wurde nicht müde sie zu
-umflattern und schwebte endlich auf das Blatt hernieder, denn er konnte
-Däumelieschen gar wohl leiden. Diese war hoch erfreut, denn die Kröte
-konnte sie jetzt nicht mehr erreichen, und es war köstlich, wo sie
-segelte. Die Sonne schien auf das Wasser und dieses glänzte wie
-schimmerndes Gold. Da nahm sie ihren Gürtel, schlang das eine Ende
-desselben um den Schmetterling und befestigte das andere am Blatte. Das
-glitt jetzt weit schneller das Wasser hinunter und sie mit, denn sie
-stand ja auf dem Blatte.
-
-Plötzlich kam ein großer Maikäfer angeflogen, der sie gewahrte und
-augenblicklich seine Klauen um ihren schlanken Leib schlug und mit ihr
-auf einen Baum flog. Aber das grüne Blatt schwamm den Bach hinab und der
-Schmetterling flog mit, denn er war an das Blatt gebunden und konnte
-sich auch nicht befreien.
-
-Gott, wie sehr erschrak das arme Däumelieschen, als der Maikäfer mit ihr
-auf den Baum hinaufflog! Am meisten betrübte sie jedoch der Gedanke an
-den schönen, weißen Schmetterling, den sie an das Blatt gebunden hatte.
-Konnte er nicht loskommen, mußte er ja rettungslos verhungern.
-
-Der Maikäfer setzte sich mit Däumelieschen auf das größte Blatt des
-Baumes, speiste sie mit dem Blütenhonig und sagte ihr, sie wäre sehr
-schön, obgleich sie einem Maikäfer in keinem Stücke ähnelte. Später
-kamen noch viele Maikäfer zu Besuch; sie beguckten Däumelieschen von
-allen Seiten und die Maikäferfräulein rümpften die Fühlhörner und
-sagten: »Sie hat ja nur zwei Füße; das sieht doch zu jämmerlich aus!«
-
-»Wie häßlich sie ist!« sagten auch die alten Maikäferfrauen, und
-trotzdem war Däumelieschen so schön. So kam sie auch dem Maikäfer vor,
-der sie entführt hatte, da aber alle anderen darin übereinstimmten, sie
-wäre häßlich, so glaubte er es zuletzt ebenfalls und wollte sie nun gar
-nicht haben; sie konnte gehen, wohin sie wollte. Sie flogen mit ihr vom
-Baume hinunter und setzten sie auf ein Gänseblümchen. Da weinte sie,
-weil sie so häßlich wäre, daß sie nicht einmal die Maikäfer unter sich
-dulden wollten.
-
-Während des ganzen Sommers lebte Däumelieschen ganz allein in dem großen
-Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hing es unter einem
-großen Klettenblatte auf, so daß sie gegen den Regen geschützt war.
-Blütenhonig war ihre Speise und ihren Durst stillte sie an dem Tau, der
-morgens auf den Blättern stand. So verstrich Sommer und Herbst, aber nun
-kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die ihr so schön
-vorgesungen hatten, flogen ihrer Wege, die Bäume und Blumen welkten
-dahin; das große Klettenblatt, unter dem sie gewohnt hatte, schrumpfte
-zusammen, und es blieb nur noch ein gelber, vertrockneter Stengel. Sie
-fror bitterlich, ihre Kleider waren zerrissen und sie selbst war gar
-fein und klein; das arme Däumelieschen mußte erfrieren. Es begann zu
-schneien und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, that dieselbe Wirkung,
-als wenn man auf uns eine Schaufel voll wirft, denn wir sind groß, sie
-aber war nur einen Daumen lang. Da hüllte sie sich in ein verwelktes
-Blatt, aber das erwärmte sie nicht; sie zitterte vor Kälte.
-
-Hart am Saume des Waldes, wohin sie jetzt gelangt war, lag ein großes
-Kornfeld, allein das Korn war längst eingeerntet, nur die nackten,
-trockenen Stoppeln ragten aus der gefrorenen Erde hervor. Ihr kamen sie
-wie ein großer Wald vor, den sie zu durchwandern hatte, und sie
-klapperte nur so vor Kälte. Da kam sie vor die Thür der Feldmaus. Deren
-ganzes Reich bestand in einer kleinen Höhle unter den Kornstoppeln. Dort
-wohnte die Feldmaus geschützt und behaglich, hatte die ganze Stube voll
-Korn und eine prächtige Küche und Speisekammer. Das arme Däumelieschen
-stellte sich an die Thür, gerade wie jedes andere Bettelmädchen, und bat
-um ein kleines Stückchen Gerstenkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen
-nicht das Geringste zu essen bekommen.
-
-»Du arme Kleine!« sagte die Feldmaus, denn es war im Grunde genommen
-eine gute, alte Feldmaus, »komm' in meine warme Stube herein und iß mit
-mir!«
-
-Da sie nun Gefallen an Däumelieschen fand, sagte sie: »Du kannst getrost
-den Winter über bei mir bleiben, aber du mußt mir die Stube hübsch
-sauber halten und mir Geschichten erzählen, denn das ist meine Lust!«
-Däumelieschen that, was die gute, alte Feldmaus verlangte und hatte es
-ganz vortrefflich bei ihr.
-
-»Nun bekommen wir gewiß bald Besuch!« sagte die Feldmaus. »Mein Nachbar
-pflegt mich täglich zu besuchen. Der hat noch mehr vor sich gebracht,
-als ich, hat große Säle und geht in einem herrlichen schwarzen
-Sammetpelze einher. Könntest du den zum Manne bekommen, dann wärest du
-gut versorgt.«
-
-Doch Däumelieschen mochte den Nachbar gar nicht haben, denn er war ein
-Maulwurf. Er kam und machte in seinem schwarzen Sammetpelze seine
-Aufwartung. Er wäre sehr reich und sehr gelehrt, sagte die Feldmaus.
-Seine Wohnung war auch in der That zwanzigmal größer als die der
-Feldmaus, und Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die herrlichen
-Blumen konnte er gar nicht leiden; über sie wußte er nur Schlimmes zu
-erzählen, weil er sie nie gesehen hatte.
-
-Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang von seinem bis zu ihrem Hause
-durch die Erde gegraben; in ihm durfte die Feldmaus und Däumelieschen
-mit seiner Erlaubnis nach Herzenslust spazieren. Er bat sie aber, nicht
-vor dem toten Vogel zu erschrecken, der im Gange läge. Es war ein ganzer
-Vogel mit Federn und Schnabel, der erst kürzlich beim Beginn des Winters
-gestorben sein konnte und nun gerade da begraben war, wo er seinen Gang
-angelegt hatte.
-
-Der Maulwurf nahm ein faules Stück Holz in das Maul, weil es im Dunkeln
-wie Feuer schimmert, ging dann voran und leuchtete ihnen in dem langen,
-finsteren Gange. Als sie zu der Stelle gelangten, wo der tote Vogel lag,
-drückte der Maulwurf mit seiner breiten Nase gegen das Gewölbe und stieß
-die Erde auf, so daß ein großes Loch entstand, durch welches das Licht
-hereinschimmerte. Mitten auf dem Boden lag eine tote Schwalbe, die
-schönen Flügel fest an die Seite gedrückt, die Beine und den Kopf unter
-die Federn gezogen. Der arme Vogel war sicher vor Kälte gestorben.
-Däumelieschen hatte inniges Mitleid mit ihr, sie liebte alle die kleinen
-Vögel, hatten sie ihr doch den ganzen Sommer hindurch so schön etwas
-vorgesungen und vorgezwitschert, aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen
-kurzen Beinen und sagte: »Nun pfeift er nicht mehr! Es muß doch
-jämmerlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Außer seinem
-»Quivit« hat ja ein solcher Vogel durchaus nichts und muß im Winter
-elendiglich verhungern!«
-
-»Ja, das könnt Ihr als vernünftiger Mann wohl sagen!« entgegnete die
-Feldmaus. »Was hat ein Vogel für all sein Quivit, wenn der Winter kommt?
-Er muß elendiglich verhungern und erfrieren.«
-
-Däumelieschen sagte nichts, als aber die beiden andern dem Vogel den
-Rücken wandten, neigte sie sich hinab, schob die Federn, die über seinem
-Kopfe lagen, zur Seite und küßte ihn auf die geschlossenen Augen.
-»Vielleicht war er es, der mir im Sommer so schön etwas vorsang,« dachte
-sie, »wie viel Freude hat er mir verschafft, der liebe, schöne Vogel.«
-
-Der Maulwurf stopfte nun das Loch, durch welches das Tageslicht
-hineinschien, wieder zu und begleitete die Damen nach Hause. Aber in der
-Nacht konnte Däumelieschen schlechterdings nicht schlafen. Da erhob sie
-sich von ihrem Bette und flocht aus Heu einen großen, schönen Teppich,
-trug ihn hinunter, breitete ihn über den toten Vogel aus und legte
-weiche Baumwolle, die sie im Zimmer der Feldmaus gefunden hatte, dem
-Vogel zur Seite, damit er warm liegen möchte in der kalten Erde.
-
-»Lebewohl, du lieber schöner Vogel!« sagte sie; »Lebewohl und Dank für
-deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die
-Sonne auf uns so warm hernieder schien!« Dann legte sie ihr Köpfchen an
-des Vogels Brust, fuhr aber sogleich erschrocken zusammen, denn es war
-fast, als ob etwas in derselben klopfte. Das war des Vogels Herz. Der
-Vogel war nicht tot, er lag nur in einer Betäubung, war jetzt erwärmt
-worden und bekam wieder Leben.
-
-Im Herbste fliegen alle Schwalben nach den warmen Ländern, verspätet
-sich aber eine, so friert sie so, daß sie wie tot zur Erde fällt und
-liegen bleibt, wohin sie fällt, und der kalte Schnee seine Decke über
-sie breitet.
-
-Däumelieschen schauderte ordentlich, so war sie erschreckt worden, denn
-der Vogel war ihr gegenüber, die kaum Daumeslänge hatte, ja so
-erschrecklich groß, aber sie faßte doch wieder Mut, legte die Baumwolle
-dichter um die Schwalbe und holte ein Krausemünzenblatt, dessen sie sich
-selbst als Deckbettes bedient hatte, und legte es über den Kopf des
-Vogels.
-
-In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm hinunter, und nun
-war er lebendig, aber so matt, daß er nur einen kurzen Augenblick seine
-Augen zu öffnen und Däumelieschen anzusehen vermochte, die, weil sie
-kein anderes Lämpchen haben konnte, mit einem Stückchen faulen Holzes in
-der Hand neben ihm stand.
-
-»Herzlichen Dank, du niedliches kleines Kind!« sagte die kranke Schwalbe
-zu ihr. »Ich bin vortrefflich erwärmt! Bald erhalte ich meine Kräfte
-wieder und kann dann draußen im warmen Sonnenschein umherfliegen.«
-
-»Ach!« sagte sie, »es ist draußen gar kalt, es schneit und friert!
-Bleib' du in deinem warmen Bettchen, ich werde dich schon pflegen!«
-
-Darauf brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blumenblatte und diese
-trank und erzählte ihr, wie sie sich an einem Dornbusche einen ihrer
-Flügel verletzt hätte, weshalb sie nicht mehr so schnell wie die andern
-Schwalben zu fliegen vermochte, als dieselben weit weg nach den warmen
-Ländern fortzogen. Endlich war sie auf die Erde gefallen, und was
-weiteres mit ihr geschehen, wußte sie nicht.
-
-Den ganzen Winter blieb sie nun da unten und Däumelieschen nahm sich
-ihrer auf das Beste an und hatte sie lieb. Weder der Maulwurf noch die
-Feldmaus erfuhr das Geringste davon, weil sie die arme Schwalbe nicht
-leiden mochten.
-
-Sobald der Frühling kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die
-Schwalbe Däumelieschen Lebewohl, die nun das Loch öffnete, welches der
-Maulwurf in die Decke gemacht hatte. Die Sonne schien herrlich auf sie
-hernieder und die Schwalbe fragte, ob sie sie begleiten wollte, sie
-könnte ja auf ihrem Rücken sitzen, und dann wollten sie weit hinaus in
-den grünen Wald fliegen. Aber Däumelieschen wußte, daß es die alte
-Feldmaus betrüben würde, wenn sie dieselbe auf solche Art verließ.
-
-»Nein, ich kann nicht!« sagte Däumelieschen. »Lebewohl, lebewohl!
-du gutes, liebes Mädchen!« sagte die Schwalbe und flog hinaus in den
-Sonnenschein. Däumelieschen sah ihr nach und die Thränen traten ihr in
-die Augen, denn sie hatte die Schwalbe gar lieb.
-
-»Quivit, quivit!« sang der Vogel und flog hinein in den grünen Wald.
-
-Däumelieschen war sehr betrübt. Sie erhielt nie Erlaubnis, in den warmen
-Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, das auf dem Acker über dem Hause
-der Feldmaus ausgesäet war, wuchs auch hoch in die Luft empor; für das
-arme kleine Mädchen, das kaum Daumeslänge hatte, war es ein völlig
-undurchdringlicher Wald.
-
-»Während des Sommers sollst du nun an deiner Aussteuer nähen!« sagte die
-Feldmaus zu ihr, denn nun hatte der Nachbar, der langweilige Maulwurf in
-dem schwarzen Sammetpelze, sich um sie beworben.
-
-Däumelieschen mußte nun die Spindel drehen und die Feldmaus nahm vier
-Spinnen in Lohn, die Tag und Nacht spinnen und weben mußten. Jeden Abend
-kam der Maulwurf auf Besuch und sprach nur immer davon, daß, wenn der
-Sommer vergangen, die Sonne nicht mehr so warm scheinen würde, dann
-wollte er mit Däumelieschen Hochzeit feiern. Sie war aber gar nicht
-vergnügt, denn sie hatte den langweiligen Maulwurf keineswegs lieb.
-Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie
-unterging, schlich sie sich zur Thür hinaus, und sobald der Wind die
-Kornähren auseinander wehte, daß sie den blauen Himmel sehen konnte,
-dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen wäre, und wünschte
-so sehr, die liebe Schwalbe wiederzusehen; aber die kam nie wieder, die
-war gewiß weit fort in den schönen grünen Wald geflogen.
-
-Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelieschen ihre ganze Aussteuer
-fertig.
-
-»In vier Wochen sollst du Hochzeit halten!« sagte die Feldmaus zu ihr.
-Aber Däumelieschen weinte und sagte, sie wollte den langweiligen
-Maulwurf nicht haben.
-
-»Schnickschnack!« sagte die Feldmaus, »sei nur nicht widerspenstig,
-sonst muß ich dich mit meinen weißen Zähnen beißen.«
-
-Nun sollte Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, Däumelieschen
-zu holen.
-
-»Lebewohl, du klarer Sonnenstrahl!« sagte sie und streckte die Ärmchen
-hoch empor und ging auch eine kurze Strecke vom Hause der Feldmaus fort,
-denn nun war das Korn geerntet und nur die dürren Stoppeln standen noch
-da. »Lebewohl, Lebewohl!« sagte sie und schlang ihre Ärmchen um eine
-kleine rote Blume, die daneben stand. »Grüße die liebe Schwalbe von mir,
-wenn du sie zu sehen bekommst!«
-
-»Quivit, quivit!« ertönte es in demselben Augenblicke über ihrem Kopfe.
-Sie blickte auf, es war die Schwalbe, die gerade vorüberflog. Sobald sie
-Däumelieschen gewahrte, wurde sie sehr froh, sie erzählte derselben, wie
-ungern sie den garstigen Maulwurf zum Manne nähme und daß sie nun tief
-unter der Erde wohnen sollte, wo das Sonnenlicht nie hineinschiene.
-
-»Nun kommt der kalte Winter,« sagte die Schwalbe, »ich fliege nach den
-warmen Ländern fort. Willst du mich begleiten? Du kannst auf meinem
-Rücken sitzen! Fliege nur mit mir, du süßes kleines Däumelieschen, die
-du mir das Leben gerettet hast, als ich erfroren in dem finstern Schooße
-der Erde lag!«
-
-»Ja, ich ziehe mit dir,« sagte Däumelieschen, und setzte sich auf des
-Vogels Rücken, mit den Füßen auf seine ausgebreiteten Flügel, band ihren
-Gürtel an einer der stärksten Federn fest, und nun erhob sich die
-Schwalbe hoch in die Lüfte, über Wälder und Seen, hoch hinauf über die
-großen Gebirge, wo immer Schnee liegt.
-
-Endlich kamen sie nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit
-heller als hier, der Himmel war doppelt so hoch und an den Gräben und
-Hecken wuchsen die herrlichsten grünen und blauen Weintrauben. In den
-Wäldern hingen Zitronen und Apfelsinen; Myrthen und Krausemünzen
-erfüllten alles mit ihrem Duft. Aber die Schwalbe flog immer noch weiter
-und es wurde schöner und schöner. Unter den prachtvollsten grünen Bäumen
-an dem blauen See stand seit alten Zeiten ein weißes Marmorschloß.
-Weinreben rankten sich um hohe Säulen; an der äußersten Spitze waren
-viele Schwalbennester und in einem derselben wohnte die Schwalbe, welche
-Däumelieschen trug.
-
-»Hier ist mein Haus!« sagte die Schwalbe. »Suche dir aber selbst eine
-der prächtigsten Blumen aus, die da unten wachsen, und ich will dich
-dann hinaufsetzen, und dein Los wird so glücklich sein, als du nur
-irgend wünschen kannst!«
-
-»O wie herrlich!« sagte Däumelieschen und klatschte in die kleinen
-Händchen.
-
-Da lag eine große, weiße Marmorsäule, welche zur Erde gesunken und in
-drei Stücke zerborsten war, zwischen ihnen aber wuchsen die schönsten
-großen weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelieschen hinunter und
-setzte sie auf eines der breiten Blätter. Aber wer malt ihr Erstaunen:
-mitten in der Blume saß ein kleiner Mann, so weiß und durchsichtig, wie
-wenn er von Glas wäre. Die niedlichste goldene Krone hatte er auf dem
-Kopfe und die prächtigsten hellen Flügel auf den Schultern. Er selbst
-war nicht größer als Däumelieschen. Es war der Engel der Blumen. In
-jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau, dieser aber war
-der König über alle.
-
-Der kleine Prinz erschrak gewaltig vor der Schwalbe, denn gegen ihn, der
-so klein und fein war, schien sie ein wahrer Riesenvogel zu sein. Als er
-aber Däumelieschen gewahrte, ward er gar froh, war sie doch das
-allerschönste Mädchen, das er bis jetzt gesehen hatte. Deshalb nahm er
-die Goldkrone von seinem Haupte und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie
-hieße und ob sie seine Gemahlin sein wollte, dann sollte sie Königin
-über alle Blumen werden.
-
-Däumelieschen gab dem schönen Prinzen das Jawort, und von jeder Blume
-kam eine Dame, oder ein Herr, so allerliebst, daß es eine Lust war.
-Jedes brachte Däumelieschen ein Geschenk, aber das beste von allen waren
-ein Paar schöne Flügel von einer großen weißen Fliege. Sie wurden
-Däumelieschen am Rücken befestigt und nun konnte auch sie von Blume zu
-Blume fliegen. Überall herrschte darüber Freude und die Schwalbe saß
-oben in ihrem Neste und sang ihnen etwas vor, so gut sie vermochte, aber
-im Herzen war sie gleichwohl betrübt, denn sie hatte Däumelieschen gar
-lieb und würde sich nie von ihr getrennt haben.
-
-»Du sollst fortan nicht mehr Däumelieschen heißen!« sagte der Engel der
-Blumen zu ihr, »das ist ein häßlicher Name und du bist so schön. Wir
-wollen dich _Maja_ nennen!«
-
-»Lebewohl, lebewohl!« sagte die Schwalbe, und zog wieder fort aus den
-warmen Ländern, weit fort nach unserem kalten Himmelsstriche. Dort hatte
-sie ein kleines Nest oben an dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen
-erzählen kann. Dem sang sie ihr »Quivit, quivit,« vor. Davon haben wir
-die ganze Geschichte.
-
-
-
-
-Die Störche.
-
- [Abbildung/Illustration: pic8.jpg]
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-Auf dem letzten Hause eines kleinen Dörfchens befand sich ein
-Storchnest. Die Storchmutter saß im Neste bei ihren vier Jungen, welche
-den Kopf mit dem kleinen schwarzen Schnabel, denn er war noch nicht rot
-geworden, hervorstreckten. Ein Stückchen davon stand auf der Dachfirste
-starr und steif der Storchvater. Man hätte meinen können, er wäre aus
-Holz gedrechselt, so stille stand er. »Gewiß sieht es recht vornehm aus,
-daß meine Frau eine Schildwache bei dem Neste hat!« dachte er. Und er
-stand unermüdlich auf einem Beine.
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-Unten auf der Straße spielte eine Schar Kinder und als sie die Störche
-erblickten, sang einer der dreistesten Knaben und allmählich alle
-zusammen einen Vers aus einem alten Storchliede, so gut sie sich dessen
-erinnern konnten:
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- Störchlein, Störchlein, fliege,
- Damit ich dich nicht kriege,
- Deine Frau, die liegt im Neste dein
- Bei deinen lieben Kindelein:
- Das eine wird gepfählt,
- Das andere wird abgekehlt,
- Das dritte wird verbrannt,
- Das vierte dir entwandt!
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-»Höre nur, was die Jungen singen!« sagten die kleinen Storchkinder. »Sie
-sagen, wir sollen gebraten und verbrannt werden!«
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-»Daraus braucht ihr euch nichts zu machen!« sagte die Storchmutter.
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-Aber die Knaben wiederholten es immer von Neuem und wiesen mit Fingern
-nach dem Storche. Nur ein Knabe, _Peter_ mit Namen, sagte, es wäre eine
-Sünde und Schande, sich über die Tiere lustig zu machen, und nahm an
-ihrem Unfug nicht Teil. Die Storchmutter tröstete ihre Kinder: »Kümmert
-euch nicht darum!« sagte sie; »seht nur, wie ruhig und unbekümmert euer
-Vater dasteht, und zwar auf einem Beine!«
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-»Uns ist so bange!« sagten die Jungen und zogen ihre Köpfe in das Nest
-zurück.
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-Als am nächsten Tage die Kinder wieder zum Spielen zusammenkamen und die
-Störche erblickten, begannen sie wieder ihr altes Lied:
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- Das eine wird gepfählt,
- Das andere wird abgekehlt! --
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-»Werden wir wohl gepfählt und verbrannt?« fragten die Storchkinder.
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-»Nein, sicher nicht!« erwiderte die Mutter. »Ihr sollt fliegen lernen;
-ich werde euch schon einüben! Dann geht es hinaus auf die Wiese und auf
-Besuch zu den Fröschen. Das wird eine Lust werden!«
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-»Und was dann?« fragten die Storchkinder.
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-»Dann versammeln sich alle Störche, die hier im Lande wohnen und darauf
-beginnt die große Herbstübung. Da muß man gut fliegen, das ist von
-großer Wichtigkeit, denn wer nicht fliegen kann, wird von dem General
-mit seinem Schnabel totgestochen. Lernt deshalb nur fliegen, wenn der
-Unterricht beginnt!«
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-»Dann werden wir aber doch gepfählt, wie die Knaben behaupteten, und
-höre nur, jetzt sagen sie es schon wieder!«
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-»Hört auf mich und nicht auf sie!« sagte die Storchmutter. »Nach der
-großen Übung fliegen wir nach den warmen Ländern, weit fort von hier,
-über Berge und Wälder. Nach Ägypten fliegen wir, wo es dreieckige
-Steinhäuser giebt, die in einer Spitze zusammenlaufen und bis über die
-Wolken ragen. Da ist auch ein Fluß, der aus seinen Ufern tritt und das
-ganze Land mit Schlamm bedeckt. Man geht im Schlamm und ißt Frösche.«
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-»O!« riefen alle Jungen.
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-»Ja, da ist es wunderbar schön! Man thut den ganzen Tag nichts Anderes
-als essen. Und während wir es so gut haben, ist hier zu Lande nicht ein
-grünes Blatt auf den Bäumen. Hier ist es so kalt, daß die Wolken in
-Stücke gefrieren und in kleinen weißen Läppchen herniederfallen, was
-dann die Menschen Schnee nennen.«
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-»Zerfrieren denn auch die unartigen Knaben in lauter Stücke?« fragten
-die Storchkinder.
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-»Nein, in Stücke zerfrieren sie nicht, aber es fehlt nicht viel daran
-und sie müssen in der dunklen Stube und hinter dem Ofen sitzen.«
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-Inzwischen war schon einige Zeit verstrichen, und die Jungen waren so
-groß, daß sie im Neste aufrecht stehen und sich weit umschauen konnten.
-Der Storchvater kam jeden Tag mit wohlschmeckenden Fröschen, kleinen
-Schlangen und allen auffindbaren Storchleckereien geflogen.
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-»Hört, nun müßt ihr fliegen lernen!« sagte eines Tages die Storchmutter,
-und dann mußten alle vier Junge auf die Dachfirste hinaus. O, wie sie
-schwankten! Wie sie suchten, sich mit den Flügeln im Gleichgewicht zu
-erhalten, und doch nahe daran waren, hinunter zu fallen.
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-»Seht nun auf mich!« sagte die Mutter. »So müßt ihr den Kopf halten!
-So müßt ihr die Beine setzen! Eins, zwei! eins, zwei! Das wird euch in
-der Welt vorwärts bringen!« Darauf flog sie eine kurze Strecke und die
-Jungen machten einen kleinen plumpen Satz. Bums! da lagen sie, denn sie
-waren noch zu schwerfällig.
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-»Ich will nicht fliegen!« sagte das eine Junge und kroch wieder in das
-Nest hinein. »Ich mache mir nichts daraus, nach den warmen Ländern zu
-kommen.«
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-»So willst du also hier im Winter erfrieren? Sollen etwa die Knaben
-kommen und dich pfählen, abkehlen und verbrennen? Dann will ich sie
-rufen!«
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-»O nein!« sagte das Storchkind und hüpfte dann wieder auf das Dach zu
-den andern. Den dritten Tag konnten sie schon ordentlich ein wenig
-fliegen, und nun meinten sie auch in der Luft schweben zu können.
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-»Seht, das war sehr gut!« sagte die Storchmutter; »Ihr sollt morgen mit
-mir in den Sumpf fliegen. Dort kommen mehrere nette Storchfamilien mit
-ihren Kindern zusammen.«
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-»Aber sollen wir denn an den unartigen Knaben keine Rache nehmen?«
-fragten die Storchjungen.
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-»Laßt sie schreien, was sie wollen! Ihr erhebt euch doch zu den Wolken
-und kommt nach dem Lande der Pyramiden, während sie frieren müssen und
-kein grünes Blatt noch einen süßen Apfel haben!«
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-»Ja, wir wollen uns rächen!« flüsterten sie einander zu und dann wurde
-wieder fleißig geübt.
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-Von allen Knaben auf der Gasse war keiner ärger, das Spottlied zu
-singen, als gerade der, welcher es zuerst angestimmt hatte, und das war
-ein ganz kleiner Bursche, denn er zählte sicher nicht mehr als sechs
-Jahre. Die Storchkinder meinten freilich, er wäre hundert Jahre, weil er
-so viel größer als ihre Mutter und ihr Vater war. Was wußten sie davon,
-wie alt kleine und große Kinder sein könnten. Ihre ganze Rache sollte
-sich über diesen Knaben ergießen; er hatte ja mit dem Liede den Anfang
-gemacht und war dessen noch nicht müde geworden. Die jungen Störche
-waren sehr aufgebracht und je größer sie wurden, desto weniger wollten
-sie es leiden.
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-Nun kam der Herbst. Alle Störche versammelten sich allmählich, um gegen
-Winter nach den warmen Ländern zu fliegen. Was für eine Übung ging
-voraus! Über Wälder und Städte mußten sie, nur um zu sehen, wie gut sie
-fliegen könnten, denn es war ja eine große Reise, welche bevorstand.
-Unsere jungen Störche machten ihre Sache so hübsch, daß sie die Zensur:
-»Ausgezeichnet gut mit Frosch und Schlange« erhielten. Das war das
-allerbeste Zeugnis und den Frosch und die Schlange durften sie essen,
-und thaten es auch.
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-»Nun müssen wir uns rächen!« sagten sie.
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-»Jawohl!« sagte die Storchmutter. »Was ich mir ausgedacht habe, das ist
-gerade das Richtige! Ich weiß, wo der Teich ist, in dem alle die kleinen
-Menschenkinder liegen, bis der Storch kommt und sie ihren Eltern bringt.
-Die niedlichen kleinen Kinder schlafen und träumen so süß, wie sie
-nachher nie mehr träumen. Alle Eltern wollen gern so ein kleines Kind
-haben, und alle Kinder wollen eine Schwester oder einen Bruder haben.
-Nun wollen wir nach dem Teiche hinfliegen und für jedes der Kinder eins
-holen, welche das arge Lied nicht gesungen und sich über die Störche
-nicht lustig gemacht haben!«
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-»Aber jener schlimme, häßliche Junge, welcher es zu singen angefangen
-hat, was machen wir mit ihm?«
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-»Im Teiche dort liegt ein kleines, totes Kind, welches sich tot geträumt
-hat. Das wollen wir zu ihm hintragen, dann muß er weinen, weil wir ihm
-ein totes Brüderchen gebracht haben. Allein dem guten Knaben, den ihr
-gewiß noch nicht vergessen habt, dem, welcher meinte: Es ist eine Sünde
-und Schande, sich über die Tiere lustig zu machen, dem wollen wir sowohl
-ein Brüderlein, als auch ein Schwesterlein bringen, und da der Knabe
-_Peter_ heißt, so sollt ihr sämtlich Peter gerufen werden!«
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-Und wie sie es gesagt hatte, geschah es. Seitdem hießen alle Störche
-_Peter_ und werden noch heute so genannt.
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-Der fliegende Koffer.
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- [Abbildung/Illustration: pic11.jpg]
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-Es war einmal ein Kaufmann, der so reich war, daß er die ganze Straße
-und beinahe noch ein Seitengäßchen mit lauter harten Thalern pflastern
-konnte. Allein das that er nicht, er wußte sein Geld anders anzuwenden.
-Gab er einen Dreier aus, bekam er einen Thaler wieder. Aber er mußte
-doch sterben und sein Sohn bekam nun all dies Geld und er lebte lustig,
-ging jede Nacht auf Maskenbälle, machte Papierdrachen aus Thalerscheinen
-und so konnte das Geld schon abnehmen und that es auch.
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-Zuletzt besaß er nicht mehr als wenige Groschen und hatte keine andern
-Kleider als ein Paar Pantoffeln und einen alten Schlafrock. Nun
-bekümmerten sich seine Freunde nicht länger um ihn, da sie sich ja mit
-ihm zusammen nicht auf der Straße sehen lassen konnten; nur einer von
-ihnen, ein gutmütiger Mensch, sandte ihm einen alten Koffer und ließ ihm
-sagen: »Pack ein!« Ja, das war nun wohl recht gut, aber er hatte nichts
-einzupacken und deshalb setzte er sich selbst in den Koffer.
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-Das war ein absonderlicher Koffer. Sobald man an das Schloß drückte,
-konnte er fliegen. Er that es und husch! flog er mit ihm durch den
-Schornstein, über die Stadt hinweg, hoch hinauf bis über die Wolken,
-weiter und immer weiter fort.
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-Endlich kam er nach dem Lande der Türken. Den Koffer verbarg er im Walde
-unter dürren Blättern und ging dann in die Stadt hinein. Das konnte er
-recht wohl thun, denn bei den Türken ging ja alles wie er in Schlafrock
-und Pantoffeln. Da begegnete er einer Frau und fragte sie: »Was ist das
-für ein großes Schloß hier unmittelbar bei der Stadt, dessen Fenster so
-hoch sitzen?«
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-»Dort wohnt die Tochter des Königs!« sagte sie, »es ist ihr geweissagt
-worden, daß sie einstmals über ihren Bräutigam sehr unglücklich werden
-würde und deshalb darf niemand zu ihr kommen, wenn nicht der König und
-die Königin zugegen sind!«
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-»Ich danke!« sagte der Kaufmannssohn und dann ging er in den Wald
-hinaus, setzte sich in seinen Koffer, flog auf das Dach des Schlosses
-und kroch durch das Fenster zur Prinzessin hinein.
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-Sie lag auf dem Sofa und schlief; sie war so lieblich, daß er sie küssen
-mußte. Sie erwachte und erschrack heftig, er aber sagte, er wäre der
-Türkengott, der durch die Luft zu ihr gekommen wäre und das schmeichelte
-ihr.
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-Da saßen sie nun Seite an Seite und er erzählte ihr Märchen und
-Geschichten.
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-Ja, das waren herrliche Geschichten! Dann freite er um die Prinzessin
-und sie sagte sogleich ja.
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-»Aber Sie müssen den Sonnabend herkommen, da ist der König und die
-Königin bei mir zum Thee. Sie werden sehr stolz darauf sein, daß ich den
-Türkengott bekomme. Aber sorgen Sie dafür, daß Sie ein recht schönes
-Märchen erzählen können, denn das gewährt meinen Eltern die angenehmste
-Unterhaltung. Meine Mutter hört gern ernste und vornehme, und mein Vater
-lustige, über die man lachen kann.«
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-»Ja, ich bringe keine andere Brautgabe, als ein Märchen!« und dann
-trennten sie sich; aber die Prinzessin gab ihm einen mit Goldstücken
-besetzten Säbel, und die Goldstücke konnte er besonders gebrauchen.
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-Nun flog er fort, kaufte sich einen neuen Schlafrock, ließ seinen Koffer
-recht schön herrichten, setzte sich dann draußen in den Wald und
-dichtete ein Märchen. Das sollte bis zum Sonnabend fertig sein und das
-war nicht so leicht. Als es nun fertig war, siehe da war es gerade
-Sonnabend.
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-Der König, die Königin und der ganze Hof warteten bei der Prinzessin mit
-dem Thee. Als der Kaufmannssohn nun angeflogen kam, wurde er sehr
-freundlich empfangen.
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-»Wollen Sie nun ein Märchen erzählen!« sagte die Königin, »eins, welches
-tiefsinnig und belehrend ist!«
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-»Aber worüber man auch lachen kann!« sagte der König.
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-»Jawohl!« sagte er und erzählte nun folgendes:
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-»Es war einmal ein Bund Schwefelhölzer, die sich auf ihre hohe Abkunft
-was einbildeten. Ihr Stammbaum, das heißt die große Fichte, von der
-jedes ein kleines, kleines Stückchen war, stand als ein großer alter
-Baum im Walde. Die Schwefelhölzer lagen nun auf dem Gesimse zwischen
-einem Feuerzeuge und einem alten eisernen Topfe und diesen erzählten sie
-von ihrer Jugend. »Ja, als wir auf dem grünen Zweige waren,« sagten sie,
-»da waren wir wahrlich auf einem grünen Zweige. Jeden Abend und Morgen
-gab es Diamantthee, das war der Tau, den ganzen Tag hatten wir
-Sonnenschein, wenn nämlich die Sonne schien und alle die kleinen Vögel
-mußten uns Geschichten erzählen. Wir konnten recht gut merken, daß wir
-auch reich waren, denn die Laubbäume waren nur im Sommer bekleidet, aber
-unsere Familie hatte die Mittel, für Sommer und Winter grüne Kleider
-anzuschaffen. Nun aber kamen Holzhauer und es entstand eine große
-Umwälzung; unsere ganze Familie zersplitterte sich. Der Stammherr
-erhielt als Hauptmast Platz auf einem prächtigen Schiffe, das die Welt
-umsegeln konnte, wenn es wollte. Den anderen Zweigen wurden andere
-Stellen eingeräumt und wir haben nun die Aufgabe, der niederen Menge das
-Licht anzuzünden.«
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-»Ich weiß ein anderes Lied zu singen!« sagte der Eisentopf, an dessen
-Seite die Schwefelhölzer lagen. »Seit ich das Licht der Welt erblickte,
-bin ich viele mal gescheuert und gekocht worden. Ich sorge für das
-Dauerhafte und bin, eigentlich gesprochen, der erste hier im Hause.
-Meine einzige Freude ist, nach Tische rein und fein auf dem Gesimse zu
-liegen und mit den Kameraden vernünftig zu plaudern. Nehme ich aber den
-Wassereimer aus, der doch bisweilen auf den Hof hinunter kommt, so leben
-wir hier immer hinter zugemachten Thüren. Unser einziger Neuigkeitsbote
-ist der Marktkorb, aber der redet zu aufrührerisch über die Regierung
-und das Volk.«
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-»Nun sprichst du zu viel!« sagte das Feuerzeug und der Stahl schlug
-gegen den Feuerstein, daß Funken sprühten. »Wollen wir uns nicht einen
-lustigen Abend machen?«
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-»Ja, lasset uns davon sprechen, wer der Vornehmste ist!« sagten die
-Schwefelhölzer.
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-»Nein, ich spreche nicht gern von mir selber!« versetzte der Thontopf.
-»Ich schlage eine Abendunterhaltung vor. Ich will den Anfang machen und
-etwas erzählen; jeder teilt mit, was er erlebt hat. Da kann man sich so
-trefflich hineinfinden und es ist sehr lustig! Also hört: An der Ostsee
-bei den dänischen Buchten brachte ich meine Jugend bei einer stillen
-Familie zu; die Möbel wurden poliert, der Fußboden aufgewischt und alle
-vierzehn Tage wurden neue Vorhänge aufgesteckt!«
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-»Wie anschaulich Sie doch erzählen!« sagte der Haarbesen. »Man kann
-gleich hören, daß ein Frauenzimmer erzählt; es zieht sich etwas
-Reinliches hindurch!«
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-»Ja, das fühlt man!« sagte der Wassereimer und machte einen Satz, daß es
-auf dem Boden nur so klatschte!
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-Der Topf fuhr fort zu erzählen und das Ende entsprach dem Anfange.
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-Alle Teller klirrten vor Freude und der Haarbesen zog grüne Petersilie
-aus dem Sandloche und bekränzte den Topf, weil er wußte, er würde die
-andern dadurch ärgern und »bekränze ich ihn heute,« dachte er, »so
-bekränzt er mich morgen!«
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-»Nun will ich tanzen!« sagte die Feuerzange und tanzte. »Werde ich nun
-auch bekränzt?« fragte die Feuerzange und sie wurde es.
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-»Das ist doch nur Pöbel!« dachten die Schwefelhölzer.
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-Nun sollte die Theemaschine singen, aber sie entschuldigte sich mit
-Erkältung; auch könnte sie nur in kochendem Zustande singen, aber es
-geschah eigentlich aus lauter Vornehmthuerei; sie wollte nur auf dem
-Tisch drinnen bei der Herrschaft singen.
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-Im Fenster saß eine alte Feder, mit der die Magd zu schreiben pflegte.
-Es war nichts Bemerkenswertes an ihr, ausgenommen, daß sie zu tief in
-das Tintenfaß getaucht war, aber gerade darauf that sie sich etwas zu
-Gute. »Will die Theemaschine nicht singen,« sagte sie, »so mag sie es
-bleiben lassen. Draußen sitzt im Bauer eine Nachtigall, die singen kann;
-sie hat zwar nichts gelernt, aber gleichwohl wollen wir ihr das heute
-Abend nicht übel auslegen!«
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-»Ich finde es im höchsten Grade unpassend,« äußerte der Theekessel, der
-das Amt eines Küchensängers bekleidete und ein Halbbruder der
-Theemaschine war, »daß ein fremder Vogel angehört werden soll. Ist das
-patriotisch? Ich fordere den Marktkorb auf, darüber sein Urteil
-abzugeben!«
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-»Ich ärgere mich nur!« sagte der Marktkorb, »ich ärgere mich so sehr,
-wie es sich niemand vorstellen kann! Würde es nicht weit vernünftiger
-sein, das ganze Haus einmal auf den rechten Fleck zu setzen? Jeder
-sollte dann schon den ihm gebührenden Platz erhalten, und ich würde die
-ganzen Anordnungen treffen!«
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-»Ja, laßt uns Lärm machen!« riefen sie sämtlich. Plötzlich ging die
-Thüre auf. Es war das Dienstmädchen, und nun standen sie still und
-wagten nicht Muck zu sagen. Aber da war kein Topf, der nicht ein Gefühl
-seiner Macht und Würde gehabt hätte. »Ja, wenn ich nur gewollt hätte,«
-dachte ein jeder, »dann würde es sicher einen lustigen Abend gegeben
-haben!«
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-Das Dienstmädchen nahm die Schwefelhölzer und machte Feuer mit ihnen an
--- Gott bewahre uns, wie sie sprühten und aufflammten.
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-»Nun kann ein jeder sehen, daß wir die ersten sind!« dachten sie.
-»Welchen Glanz, welches Licht wir haben!« -- und nun waren sie
-ausgebrannt. Und nun ist auch meine Geschichte aus.«
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-»Das war ein herrliches Märchen!« sagte die Königin. »Ich fühlte mich im
-Geiste ganz zu den Schwefelhölzern in die Küche versetzt. Ja, nun sollst
-du unsere Tochter haben!«
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-»Jawohl!« sagte der König, »du sollst unsere Tochter den Montag
-bekommen!« denn nun sagte er zu ihm, als zu einem künftigen
-Familiengliede, »du«.
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-Die Hochzeit war also festgesetzt und den Abend vorher wurde die ganze
-Stadt erleuchtet; es war außerordentlich prachtvoll.
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-»Ich muß wohl auch daran denken, mein Scherflein zu den Feierlichkeiten
-beizutragen!« dachte der Kaufmannssohn, und nun kaufte er Raketen,
-Knallerbsen und alles erdenkliche Feuerwerk, legte es in seinen Koffer
-und flog damit in die Luft empor.
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-Rutsch! ging es in die Höhe und verpuffte unter vielem Lärm.
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-Alle Türken hüpften dabei in die Höhe, daß ihnen die Pantoffeln um die
-Ohren fuhren. Dergleichen Lufterscheinungen hatten sie niemals gesehen.
-Nun sahen sie ein, daß es der Türkengott selber war, der die Prinzessin
-bekommen sollte.
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-Sobald sich der Kaufmannssohn mit seinem Koffer wieder in den Wald
-hinabgelassen hatte, dachte er: »Ich will doch in die Stadt gehen, um
-mir berichten zu lassen, wie es sich ausgenommen hat.« Man kann sich
-wohl zusammenreimen, daß er Lust dazu hatte.
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-Nein, was ihm die Leute doch alles erzählten! Ein jeder, bei dem er sich
-erkundigte, hatte es in seiner Weise gesehen, aber einen prächtigen
-Eindruck hatte es auf alle gemacht.
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-»Ich sah den Türkengott selbst!« erzählte der eine, »er hatte Augen wie
-blitzende Sterne und einen Bart wie schäumendes Wasser!«
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-»Er flog in einem feurigen Mantel,« berichtete ein anderer.
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-Ja, das waren vortreffliche Sachen, die er zu hören bekam, und den Tag
-darauf sollte er Hochzeit haben.
-
-Nun ging er nach dem Walde zurück, um sich in seinen Koffer zu setzen --
-aber wo war der? Der Koffer war verbrannt. Ein Funke war von dem
-Feuerwerk zurückgeblieben, der Feuer gefangen und den Koffer in Asche
-gelegt hatte. Er konnte nicht mehr fliegen, nicht mehr zu seiner Braut
-gelangen.
-
-Sie aber stand den ganzen Tag auf dem Dache und harrte seiner. Sie
-wartet noch, er aber durchzieht die Welt und erzählt Märchen, die jedoch
-nicht mehr so lustig sind, wie das von den Schwefelhölzchen.
-
-
-
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-Der Schneemann.
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- [Abbildungen/Illustrations: pic15.jpg, tafel2.jpg]
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-
-»Es knackt und prasselt in mir, so schön kalt ist es!« sagte der
-Schneemann. »Der eisige Wind bringt einem fürwahr Leben in die Glieder.
-Und sieh nur, wie die große Lampe da oben verglüht!« Er meinte die
-untergehende Sonne. »Sie soll mich nicht zum Blinzeln bringen, ich halte
-meine Bruchstücke schon noch zusammen.«
-
-Es waren zwei große dreieckige Dachziegelstücke, die ihm als Augen
-dienten. Sein Mund war ein Stück von einer alten Harke, weshalb derselbe
-auch Zähne hatte.
-
-Er war unter Hurrahruf der Knaben geboren, begrüßt von dem
-Schellengeläute und dem Peitschengeknall der Schlitten.
-
-Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, rund und groß, klar und
-schön in der blauen Luft.
-
-»Nun haben wir sie wieder von einer andern Seite,« sagte der Schneemann.
-Er glaubte, es wäre die Sonne, welche sich abermals zeigte. »Ich habe es
-ihr abgewöhnt, mich anzuglühen und anzuglotzen! Nun kann sie dort oben
-hängen und so viel Licht verbreiten, daß ich mich selbst sehen kann.
-Wüßte ich nur, wie man es anzustellen hat, um vom Flecke zu kommen.
-Vermöchte ich es, so würde ich jetzt auf das Eis hinuntergehen, um zu
-schlittern, wie ich es die Knaben thun sah. Aber ich verstehe nicht zu
-laufen.«
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-»Weg, weg!« bellte der alte Kettenhund, der etwas heiser geworden
-seitdem er nicht mehr Stubenhund war; »die Sonne wird dich schon laufen
-lehren; das habe ich an deinen Vorgängern gesehen. Weg, weg, und weg
-sind Alle!«
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-»Ich verstehe dich nicht, Kamerad!« sagte der Schneemann. »Soll mich
-etwa die da oben laufen lehren?« Er meinte den Mond. »Sie lief freilich
-vorher, als ich sie starr ansah, und jetzt schleicht sie sich wieder von
-einer anderen Seite heran.«
-
-»Du weißt nichts,« sagte der Kettenhund, »aber du bist ja auch erst vor
-Kurzem zusammengeklatscht! Das, was du jetzt siehst, heißt der Mond, und
-das was unterging, war die Sonne. Sie kommt morgen wieder und wird dich
-dann schon lehren in den Wallgraben hinunter zu laufen.«
-
-»Ich verstehe ihn nicht,« sprach der Schneemann bei sich selbst, »aber
-ich habe eine Empfindung davon, daß es etwas Unangenehmes ist, was er
-mir andeutet. Sie, die er die Sonne nennt, ist meine Feindin.«
-
-»Weg, weg!« bellte der Kettenhund, ging dreimal im Kreise um sich selbst
-und legte sich dann in sein Haus, um zu schlafen.
-
-Es trat eine Veränderung im Wetter ein. Ein dicker und feuchter Nebel
-legte sich am Morgen über die ganze Gegend. Kurz vor Aufgang der Sonne
-fing es ein wenig an zu wehen. Der Wind war eisig, der Frost
-durchschüttelte einen, aber welch ein herrlicher Anblick bot sich dar,
-als sich nun die Sonne erhob! Alle Bäume und Sträucher standen mit Reif
-bedeckt da. Die Gegend glich einem ganzen Walde weißer Korallen. Es war,
-als ob alle Zweige von blendend weißen Blüten bedeckt wären.
-
-Es war eine wunderbare Pracht. Als dann die Sonne schien, funkelte
-alles, als wäre es mit Diamantstaub überschüttet.
-
-»Ach wie herrlich das ist!« sagte ein junges Mädchen, welches mit einem
-jungen Manne in den Garten hinaustrat und gerade neben dem Schneemanne
-Halt machte, von wo sie sich die schimmernden Bäume anblickten. »Einen
-schöneren Anblick hat man selbst im Sommer nicht!« sagte sie, und ihre
-Augen strahlten.
-
-»Und so einen Kerl, wie diesen hier, hat man erst gar nicht,« entgegnete
-der junge Mann und zeigte auf den Schneemann hin. »Er ist
-ausgezeichnet!«
-
-Das junge Mädchen lächelte, nickte dem Schneemanne zu und tänzelte dann
-mit ihrem Freunde über den knirschenden Schnee.
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-»Wer waren die Beiden?« fragte der Schneemann den Kettenhund. »Du bist
-älter auf dem Hofe als ich, kennst du sie?«
-
-»Versteht sich!« sagte der Kettenhund. »Sie hat mich ja gestreichelt und
-er mir öfter einen Knochen gegeben; die beiße ich nicht.«
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-»Aber was stellen sie hier vor?« fragte der Schneemann.
-
-»Brautleute!« erwiderte der Kettenhund. »Sie gehören zur Herrschaft.«
-
-»Man ist doch noch recht dumm, wenn man kaum erst gestern geboren ist,
-das merke ich an dir! Ich bin alt und besitze Kenntnisse, ich kenne Alle
-auf dem Hofe. Und ich habe eine Zeit gekannt, wo ich hier nicht in der
-Kälte und an der Kette stand. Weg, weg!«
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-»Die Kälte ist prächtig,« sagte der Schneemann. »Erzähle, erzähle! Aber
-du mußt mit deiner Kette nicht so rasseln, denn dabei knackt es gleich
-in mir.«
-
-»Weg, weg!« bellte der Kettenhund. »Ich bin ein Hündchen gewesen, klein
-und niedlich, sagten sie. Damals lag ich drinnen im Schlosse auf einem
-Sammetstuhle, lag auf dem Schooße der Herrin. Ich hieß der »Hübscheste,«
-der »Schönfuß.« Dann wurde ich der Herrschaft zu groß und sie gaben mich
-deshalb der Haushälterin. Ich kam in die Kellerwohnung; von dort, wo du
-stehst, kannst du gerade in die Kammer hineinsehen, in der ich die
-Herrschaft gewesen bin, denn das war ich bei der Haushälterin. Es war
-wohl ein geringerer Platz als oben, aber hier war es behaglicher. Ich
-wurde nicht wie oben von den Kindern gedrückt und mit umhergeschleppt.
-Ich hatte eben so gutes Futter wie zuvor und weit mehr. Ich hatte mein
-eigenes Kissen, und ferner gab es dort einen Ofen, der doch, namentlich
-in jetziger Zeit, das Schönste in der Welt ist! Ich kroch völlig unter
-ihn, so daß ich ganz verschwand. O, von diesem Kachelofen träume ich
-noch jetzt! Weg, weg!«
-
-»Sieht ein Kachelofen denn so schön aus?« fragte der Schneemann. »Ähnelt
-er mir?«
-
-»Er ist der gerade Gegensatz von dir! Kohlschwarz ist er und hat einen
-langen Hals mit einer Messingtrommel. Er frißt Brennholz, so daß ihm das
-Feuer aus dem Munde sprüht.«
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-Der Schneemann sah hin und bemerkte wirklich einen schwarzen,
-blankpolierten Gegenstand mit einer Messingtrommel. Das Feuer strahlte
-nach vorn auf den Fußboden hinaus. Dem Schneemann wurde ganz sonderbar
-zu Mute. Er hatte eine Empfindung, von der er sich selber keine
-Rechenschaft ablegen konnte. Es überschlich ihn etwas, was er nicht
-kannte, was aber alle Menschen kennen, wenn sie nicht Schneemänner sind.
-
- [Farbtafel/Plate]
-
-»Und weshalb verließest du sie?« fragte der Schneemann. »Wie konntest du
-überhaupt eine solche Stelle verlassen?«
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-»Ich war dazu gezwungen,« sagte der Kettenhund. »Sie warfen mich hinaus
-und legten mich an die Kette. Ich hatte den kleinsten Junker in das Bein
-gebissen, weil er mir den Knochen, an welchem ich nagte, fortstieß. Bein
-für Bein, heißt es bei mir! Aber das nahmen mir des Knaben Eltern übel,
-und seit der Zeit habe ich hier an der Kette liegen müssen und meine
-helle Stimme verloren. Höre nur, wie heiser ich bin. Weg, weg! Das ist
-das Ende vom Liede gewesen!«
-
-Der Schneemann hörte nicht mehr darauf; er blickte beständig nach der
-Kellerwohnung der Haushälterin, blickte in ihre Stube hinein, wo der
-Kachelofen auf seinen vier eisernen Füßen stand und sich in seiner
-ganzen Größe zeigte, die der des Schneemanns in nichts nachgab.
-
-»Es knackt so eigentümlich in mir!« sagte er. »Soll ich dort nie
-hineinkommen? Es ist mein höchster Wunsch, mein einziger Wunsch, und es
-würde fast ungerecht sein, wenn er nicht befriedigt würde. Ich muß
-hinein, ich muß mich an ihn lehnen, und sollte ich auch das Fenster
-zerschlagen!«
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-»Dort kommst du nie hinein!« sagte der Kettenhund, »und kämest du
-wirklich zum Kachelofen, dann wärest du weg, weg!«
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-»Ich bin jetzt schon so gut wie weg,« sagte der Schneemann, »ich
-zerbreche, glaube ich.«
-
-Den ganzen Tag stand der Schneemann da und sah zum Fenster hinein.
-In der Dämmerung wurde die Stube noch traulicher. Aus dem Kachelofen
-leuchtete es so mild, wie weder Mond noch Sonne leuchten kann, nein, wie
-nur der Kachelofen zu leuchten vermag, wenn etwas in ihm steckt. Ging
-die Thüre auf, so schlug die Flamme hinaus, es war so ihre Gewohnheit.
-Des Schneemannes weißes Antlitz wurde dann von einer flammenden Röte
-übergossen, und auch seine Brust leuchtete in rötlichem Glanze.
-
-»Ich halte es nicht aus,« sagte er. »Wie schön es ihn kleidet, die Zunge
-herauszustrecken.«
-
-Die Nacht war sehr lang, aber dem Schneemann kam sie nicht so vor.
-Er stand in Gedanken versunken, und sie erfroren, daß sie knackten.
-
-Früh morgens waren die Kellerfenster zugefroren; sie trugen die
-schönsten Eisblumen, die ein Schneemann nur verlangen kann, allein sie
-verbargen den Kachelofen. Die Scheiben wollten nicht auftauen, er konnte
-die Flamme nicht mehr sehen. Es knackte, es war eben im herrlichsten
-Frostwetter, über das sich ein jeder Schneemann freuen muß, aber er
-freute sich nicht darüber. Er hätte sich glücklich fühlen können und
-dürfen, aber er war nicht glücklich, er litt eben gar zu sehr am
-»Kachelofenweh«.
-
-»Das ist eine schlimme Krankheit für einen Schneemann,« sagte der
-Kettenhund; »ich habe auch einmal an derselben Krankheit gelitten, habe
-sie aber überstanden. Weg, weg! -- Jetzt bekommen wir
-Witterungswechsel.«
-
-Und Witterungswechsel trat ein, es schlug in Tauwetter um. Das Tauwetter
-nahm zu, der Schneemann nahm ab. Er sagte nichts, er klagte nicht, und
-das ist das echte Zeichen.
-
-Eines Morgens stürzte er zusammen. Es ragte etwas einem Besenstiel
-Ähnliches dort in die Höhe, wo er gestanden hatte. Um diesen Gegenstand,
-der ihm Halt verleihen sollte, hatten ihn die Knaben aufgerichtet.
-
-»Nun kann ich seine Sehnsucht verstehen!« sagte der Kettenhund. »Der
-Schneemann hat eine Ofenkratze im Leibe gehabt. Sie war es, die sich in
-ihm bewegt hat. Nun hat er es überstanden. Weg, weg!«
-
-Und bald war auch der lange, böse Winter überstanden.
-
-»Weg, weg!« bellte der Kettenhund; aber die kleinen Mädchen sangen auf
-dem Hofe:
-
- »Schießt auf, ihr Blümlein, frisch und hold,
- Zeig', Weide, deine Woll' wie Gold!
- Ihr Vöglein kommt, singt hell und klar,
- Schon ist der letzte Februar,
- Ich singe mit, Kuckuck, Quivit!
- Komm' Sonne, komm', wenn ich dich bitt!«
-
-Und nun denkt niemand mehr weder an den Winter, noch an den Schneemann
-und sein »Kachelofenweh«, selbst nicht einmal der heisere Kettenhund.
-
-
-
-
-Es ist ein Unterschied.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capD.jpg, pic19.jpg]
-
-
-Der Mai war gekommen. »Der Frühling ist da!« predigten Büsche und Bäume,
-Felder und Wiesen. Es wimmelte von Blüten und vor allem oben an der
-Hecke. Da stand ein Apfelbäumchen, welches nur einen einzigen, von
-rosenroten Knospen überladenen Zweig getrieben hatte.
-
-Das Bäumchen wußte wohl selbst, wie schön es war, denn das liegt im
-Blatte gerade so wie im Blute. Deshalb war es auch durchaus nicht
-überrascht, als plötzlich auf dem Wege dicht vor ihm ein
-herrschaftlicher Wagen anhielt und die junge Gräfin in demselben sagte,
-der Apfelbaum wäre das Lieblichste, was man sehen könnte, er wäre der
-Frühling selbst in seiner herrlichsten Offenbarung. Der Zweig wurde
-abgebrochen und sie hielt ihn in ihrer feinen Hand und beschattete ihn
-mit ihrem seidenen Sonnenschirme. Darauf fuhren sie nach dem Schlosse,
-wo sie hohe Säle und prächtige Zimmer aufnahmen. Klare, weiße Vorhänge
-flatterten an den offenen Fenstern und prächtige Blumen standen in
-glänzenden, durchsichtigen Vasen, und in eine derselben, die schimmerte,
-als ob sie aus frischgefallenem Schnee ausgeschnitten wäre, wurde der
-Apfelzweig zwischen frische, lichte Buchenzweige gesetzt; es war eine
-Lust ihn anzusehen.
-
-Da wurde der Zweig stolz, und das war ja ganz begreiflich.
-
-Viele Leute von mancherlei Gattung kamen durch die Zimmer, und je nach
-dem Ansehen, in welchem sie standen, durften sie ihre Bewunderung
-aussprechen. Einige sagten durchaus nichts und Andere sagten zu viel,
-und der Apfelzweig merkte, daß zwischen den Menschen ebenso gut ein
-Unterschied wäre, wie zwischen den Gewächsen, und da er gerade in das
-offene Fenster gesetzt war, von wo aus er sowohl in den Garten als auf
-das Feld hinabblicken konnte, so hatte er genug Blumen und Pflanzen zur
-Betrachtung und Überlegung. Da standen reiche und arme, selbst einige
-allzu arme.
-
-»Arme, verworfene Kräuter!« sagte der Apfelzweig, »da ist wahrlich ein
-Unterschied gemacht. Wie unglücklich mögen sie sich fühlen, falls derlei
-Art überhaupt fühlen kann, wie ich und meinesgleichen zu fühlen
-vermögen. Da ist wahrlich ein Unterschied gemacht, aber er muß gemacht
-werden, sonst wären ja alle einerlei!«
-
-Der Apfelzweig sah mit einem gewissen Mitleid besonders auf eine Art
-Blumen, die sich in großen Mengen auf Feldern und an Gräben vorfanden.
-Niemand band sie in einen Strauß, sie waren viel zu gewöhnlich dazu, ja
-man konnte sie sogar zwischen den Pflastersteinen finden, sie schossen
-überall wie das ärgste Unkraut empor und hatten zum Überfluß noch den
-häßlichen Namen »des Teufels Butterblumen.«
-
-»Armes, verachtetes Gewächs!« sagte der Apfelzweig, »du kannst nichts
-dafür, daß du wurdest, was du wurdest, daß du so gewöhnlich bist. Aber
-es ist mit den Gewächsen wie mit den Menschen, es müssen Unterschiede
-sein!«
-
-»Unterschiede,« sagte der Sonnenstrahl und küßte den blühenden
-Apfelzweig, küßte aber auch des Teufels gelbe Butterblumen draußen auf
-dem Felde, alle Brüder des Sonnenstrahls küßten sie, die armen Blumen,
-wie die reichen.
-
-Der Apfelzweig hatte nie über des lieben Gottes unendliche Liebe gegen
-alles, was in ihm lebt und webt, nachgedacht; der Strahl des Lichtes
-wußte es besser: »Du siehst nicht weit! Du siehst nicht klar!« -- sagte
-er. »Welches ist das verworfene Kraut, das du besonders beklagst?«
-
-»Des Teufels Butterblumen!« rief der Apfelzweig. »Nie werden sie in
-einen Strauß gebunden, sie werden mit Füßen getreten, es giebt zu viele
-von ihnen, und wenn sie in Samen schießen, fliegt er in Wollenflocken
-dahin und hängt sich den Leuten an die Kleider. Unkraut ist es!«
-
-Über das Feld kam plötzlich eine ganze Schaar Kinder daher; das jüngste
-derselben war noch so klein, daß es von den anderen getragen wurde. Als
-es in das Gras zwischen die gelben Blumen niedergesetzt wurde, lachte es
-laut vor Freude, zappelte mit den Beinchen, wälzte sich umher, pflückte
-nur die gelben Blumen und küßte sie in süßer Unschuld. Die etwas
-größeren Kinder brachen die Blumen von den Stielen und bildeten Ringe
-aus denselben, bis endlich, Glied an Glied, eine ganze Kette daraus
-wurde, mit welcher sie sich schmückten. Aber die größeren Kinder
-pflückten vorsichtig die Stengel, die die flockenartig zusammengesetzte
-Samenkrone trugen, die lose, luftige, wollige Blume, welche wie ein
-kleines Kunstwerk aus den feinsten Federn, Flocken oder Daunen gebildet
-dasteht. Sie hielten sie an den Mund, um sie mit einem Hauch
-wegzublasen. Wer es fertig brächte, bekäme neue Kleider, ehe das Jahr um
-wäre, hatte Großmutter gesagt.
-
-Die verachtete Blume war bei dieser Gelegenheit ein anerkannter Prophet.
-
-»Siehst du?« sagte der Sonnenstrahl, »siehst du die Schönheit, siehst du
-die Macht derselben?«
-
-»Ja, für Kinder!« versetzte der Apfelzweig.
-
-Da kam ein altes Mütterchen auf das Feld hinaus und grub mit ihrem
-stumpfen grifflosen Messer unten um die Wurzel der Blumen und zog sie
-heraus; einige der Wurzeln wollte sie als Zusatz zum Kaffee benutzen,
-andere wollte sie dem Apotheker als Arzneimittel verkaufen.
-
-»Schönheit ist doch etwas Höheres!« sagte der Apfelzweig. »Nur die
-Auserwählten kommen in das Reich des Schönen! Es giebt einen Unterschied
-zwischen den Gewächsen, wie es einen Unterschied zwischen den Menschen
-giebt.«
-
-Der Sonnenstrahl sprach von Gottes unendlicher Liebe gegen alles
-Erschaffene und zu allem, was Leben hat, und daß er in Zeit und Ewigkeit
-alles gleichmäßig verteilt hätte.
-
-»Ja, das ist nur Ihre Ansicht,« sagte der Apfelblütenzweig.
-
-Und nun traten Leute in das Zimmer, und die junge Gräfin kam, sie, die
-den Apfelzweig so hübsch in die durchsichtige Vase gestellt hatte, wo
-das Sonnenlicht ihn bestrahlen konnte. Sie brachte eine Blume, oder was
-es sonst war, die zwischen drei oder vier Blättern, die dütenähnlich um
-sie gehalten wurden, versteckt war, damit sie kein Zug oder Windhauch
-verletzen könnte. Dabei wurde sie mit einer solchen Sorgfalt und
-Vorsicht getragen, wie sie nicht einmal dem feinen Apfelzweig zu Teil
-geworden war. Ganz behutsam wurden nun die großen Blätter fortgenommen,
-und was kam zum Vorschein? Die kleine flockige Samenkrone der gelben
-verachteten Butterblume! Sie war es, die sie so sorgfältig gepflückt
-hatte und so sorgsam trug, damit nicht einer der feinen Federpfeile, die
-gleichsam ihre Nebelkappe bilden und so lose sitzen, abgeblasen würde.
-Unversehrt und herrlich hatte sie nun dieselbe; sie bewunderte ihre
-schöne Gestalt, ihre luftige Klarheit, ihre ganze eigentümliche
-Zusammensetzung, ihre Schönheit, wenn die Samenkrone vom Winde
-fortgeblasen würde.
-
-»Sieh doch, wie wunderbar schön sie der liebe Gott geschaffen hat!«
-sagte die Gräfin. »Ich will sie mit dem Apfelzweige malen; wohl ist
-dieser unendlich schön, aber in anderer Weise hat auch diese arme Blume
-vom lieben Gott gar viele Schönheiten erhalten. Wie verschieden sie auch
-sind, dennoch sind sie beide Kinder im Reiche der Schönheit.«
-
-Und der Sonnenstrahl küßte die arme Blume und küßte den blühenden
-Apfelzweig, dessen Blätter dabei zu erröten schienen.
-
-
-
-
-Das Feuerzeug.
-
- [Abbildungen/Illustrations: pic21.jpg, pic23.jpg, pic24.jpg]
-
-
-Ein Soldat kam auf der Landstraße daher marschiert. Er trug einen
-Tornister und einen Säbel, weil er im Kriege gewesen war. Da begegnete
-er einer alten Hexe, die entsetzlich häßlich war. Sie sagte: »Guten
-Abend, Soldat! Was für einen großen Säbel und zierlichen Tornister du
-doch hast! Du bist ein echter Soldat!«
-
-»Schönen Dank, alte Hexe,« sagte der Soldat.
-
-»Siehst du dort den Baum?« fragte die Hexe. »Er ist innen hohl. Wenn du
-ihn bis zum Gipfel ersteigst, erblickst du ein Loch, durch welches du
-hinabgleiten und bis tief in den Baum hinunterkommen kannst. Ich werde
-dir einen Strick um den Leib binden, um dich wieder heraufziehen zu
-können, sobald du mich rufst!«
-
-»Was soll ich denn da unten im Baume?« fragte der Soldat ganz
-verwundert.
-
-»Geld holen!« sagte die Hexe. »Du mußt wissen, sobald du auf den Boden
-des Baumes hinunterkommst, so befindest du dich in einem langen Gange;
-dort ist es ganz hell, weil da über hundert Lampen brennen. Dann
-gewahrst du drei Thüren. Du kannst sie öffnen, der Schlüssel steckt
-darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, so erblickst du mitten auf
-dem Fußboden eine große Kiste, auf welcher ein Hund sitzt. Er hat Augen
-so groß wie Gänseeier, aber darum darfst du dich nicht kümmern! Ich gebe
-dir meine blau karrierte Schürze, die kannst du auf den Fußboden
-ausbreiten; packe dann den Hund, setze ihn auf meine Schürze, öffne die
-Kiste und nimm, so viel Geld du willst. Es ist lauter Kupfer; willst du
-aber lieber Silber haben, so mußt du in das nächste Zimmer hineintreten;
-dort sitzt ein Hund, der Augen hat so groß wie Mühlräder; aber darum
-brauchst du dich nicht zu kümmern, setze ihn nur auf meine Schürze und
-nimm dir von dem Gelde. Willst du dagegen Gold haben, so kannst du es
-auch bekommen, so viel du nur zu tragen vermagst, wenn du in die dritte
-Kammer hineingehst. Allein der Hund, welcher hier auf der Geldkiste
-sitzt, hat Augen, jedes so groß wie ein runder Turm. Aber darum brauchst
-du dich nicht zu kümmern. Setze ihn nur auf meine Schürze, so thut er
-dir nichts, und nimm aus der Kiste, so viel Gold du willst.«
-
-»Nicht übel,« sagte der Soldat. »Aber du willst doch auch was von dem
-Gelde haben?«
-
-»Nein,« antwortete diese, »nicht einen Pfennig. Hole mir nur das alte
-Feuerzeug, welches meine Großmutter vergaß, als sie zum letztenmale
-unten war.«
-
-»Gut,« sagte der Soldat, »knüpfe mir dann den Strick um den Leib.«
-
-»Hier ist er,« sagte die Hexe, »und hier ist meine blau karrierte
-Schürze!«
-
-So kletterte denn der Soldat den Baum hinauf, glitt dann durch das Loch
-hinunter und stand nun in dem großen Gange, wo die vielen hundert Lampen
-brannten. Dann öffnete er die erste Thür. Uh! da saß der Hund mit Augen
-so groß wie Gänseeier, und glotzte ihn an.
-
-Der beherzte Soldat setzte ihn gleich auf die Schürze der Hexe und
-füllte seine Taschen mit Kupfergeld, verschloß die Kiste, setzte den
-Hund wieder hinauf und ging in das andere Zimmer. Potztausend! da saß
-der Hund mit Augen so groß wie Mühlräder.
-
-»Glotz mich nicht so an,« sagte der Soldat und setzte den Hund auf die
-Schürze. Als er aber das viele Silbergeld sah, warf er alles Kupfergeld
-fort und füllte sich die Taschen und den Tornister mit Silber. Dann ging
-er in die dritte Kammer, wo der Hund war mit Augen so groß wie ein
-runder Turm.
-
-»Guten Abend,« sagte der Soldat, hob den Hund herunter und öffnete die
-Kiste. Was sah er da für eine Menge Gold! Man hätte können ganz
-Kopenhagen und die Zuckerferkel, Zinnsoldaten, Peitschen und
-Schaukelpferde der ganzen Welt dafür kaufen. Nun warf der Soldat alles
-Silbergeld, womit er seine Taschen und seinen Tornister gefüllt hatte,
-fort und nahm statt dessen Gold, ja alle Taschen, der Tornister, der
-Tschako und die Stiefel wurden angefüllt, so daß er kaum gehen konnte.
-Nun hatte er Geld! Den Hund setzte er auf die Kiste, schlug die Thür zu
-und rief dann durch den Baum hinauf:
-
-»Zieh mich nun empor, alte Hexe!«
-
-»Hast du denn auch das Feuerzeug?« fragte die Hexe.
-
-»Wahrhaftig,« sagte der Soldat, »das hatte ich rein vergessen,« und nun
-ging er und nahm es. Die Hexe zog ihn empor und wie er wieder vom Baume
-herabstieg, da purzelten nur so die Goldstücke aus Taschen, Stiefeln und
-Tornister, so voll waren sie bis obenan.
-
-»Was willst du denn mit dem Feuerzeug?« fragte der Soldat, als er nun
-wieder auf den Beinen stand.
-
-»Das geht dich nichts an!« sagte die Hexe, »du hast ja Geld bekommen,
-gieb mir jetzt nur das Feuerzeug.«
-
-»Larifari!« sagte der Soldat; »gleich sagst du mir, was du damit willst,
-oder ich ziehe meinen Säbel und dann soll es dir schlecht bekommen!«
-
-»Nein!« sagte die Hexe.
-
-Da wollte der Soldat mit dem Säbel nach ihr schlagen, aber ehe es dazu
-kam, lag sie schon mausetot da. Er aber band all sein Geld in ihre
-Schürze, nahm diese wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug
-in die Tasche und ging geraden Weges nach der Stadt.
-
-Im besten Wirtshaus kehrte er ein, verlangte die besten Speisen und
-wohnte in den schönsten Zimmern, denn aus dem armen Soldaten war nun ein
-vornehmer Herr geworden. Man erzählte ihm von allen Herrlichkeiten der
-Stadt und von dem Könige und wie reizend seine Tochter, die Prinzessin
-sei.
-
-»Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat.
-
-»Niemand darf sie sehen,« war die Antwort. »Sie wohnt in einem großen
-kupfernen Schlosse, ringsum durch viele Mauern und Türme geschützt.
-Niemand außer dem Könige darf bei ihr aus- und eingehen, weil geweissagt
-ist, daß sie mit einem ganz gemeinen Soldaten verheiratet werden wird,
-und das kann der König nicht dulden.«
-
-»Ich möchte sie wohl sehen!« dachte der Soldat, aber dazu bekam er ja
-keine Erlaubnis.
-
-Nun lebte er lustig in den Tag hinein. Da er aber jeden Tag nur Geld
-ausgab und nie etwas einnahm, so hatte er zuletzt nur noch zwei Pfennig
-übrig, und mußte aus den prächtigen Zimmern, die er bisher bewohnt
-hatte, in ein gar ärmliches Stübchen unterm Dache ziehen, mußte sich
-seine Stiefeln selbst bürsten und mit einer Stopfnadel zusammennähen und
-keiner seiner Freunde kam zu ihm, weil man so viele Treppen zu ihm
-hinaufzusteigen hatte.
-
-Es war ein ganz dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht
-kaufen; da erinnerte er sich plötzlich, daß sich noch ein Lichtstumpf in
-dem Feuerzeuge befinden müßte, welches er aus dem hohlen Baume
-mitgenommen hatte.
-
-Er holte das Feuerzeug, aber als er Feuer schlug, sprang die Thüre auf
-und der Hund mit den Augen wie Gänseeier stand vor ihm. »Was befiehlt
-mein Herr?« fragte er. »Ei, das ist ein drolliges Feuerzeug!« rief der
-Soldat. »Schaffe mir Geld!« befahl er dem Hunde und -- wips war er fort
--- wips -- war er wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in
-seiner Schnauze.
-
-Nun wußte der Soldat, was das für ein prächtiges Feuerzeug war! Schlug
-er einmal, so kam der Hund, welcher auf der Kiste mit dem Kupfergeld
-saß; schlug er zweimal, so kam der, welcher das Silbergeld hatte, und
-schlug er dreimal, so kam der, welcher das Gold hatte.
-
-Da dachte er auch sogleich an die Prinzessin: »Es ist doch kurios, daß
-man sie nicht zu sehen bekommt! Sie soll so schön sein, behauptet jeder,
-aber was kann ihr das nützen, wenn sie immer in dem großen
-Kupferschlosse sitzen muß. Kann ich sie denn gar nicht zu sehen
-bekommen? -- Halt! -- Mein Feuerzeug!« Nun schlug er Feuer, und -- wips
--- kam der Hund mit Augen so groß wie Gänseeier.
-
-»Es ist zwar mitten in der Nacht,« sagte der Soldat, »aber ich möchte
-doch gar zu gern die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick!
-Willst du sie mir verschaffen?«
-
-Der Hund war gleich aus der Thüre, und ehe es der Soldat dachte, sah er
-ihn schon mit der Prinzessin wieder. Sie saß und schlief auf des Hundes
-Rücken und war so schön, daß man sehen konnte, daß es eine wirkliche
-Prinzessin war. Der Soldat war ganz überglücklich und konnte sich nicht
-enthalten, sie zu küssen. Gleich darauf lief der Hund mit der Prinzessin
-wieder zurück.
-
-Am andern Morgen zog der Soldat wieder in die prächtigen Zimmer
-hinunter, zeigte sich in guten Kleidern und da erkannten ihn alle seine
-guten Freunde wieder und hielten natürlich große Stücke auf ihn.
-
-Zu gleicher Zeit, als der König und die Königin beim Frühstück saßen,
-sagte die Prinzessin, sie hätte in der Nacht einen ganz wunderlichen
-Traum von einem Hunde und einem Soldaten gehabt. Sie wäre auf dem Hunde
-geritten und der Soldat hätte sie geküßt.
-
-»Das wäre eine schöne Geschichte!« sagte die Königin.
-
-Nun sollte eine der alten Hofdamen in der nächsten Nacht am Bette der
-Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es ein wirklicher Traum wäre, oder
-was es sonst sein könnte.
-
-In der Nacht kam auch richtig der Hund, nahm die schöne Prinzessin und
-lief, was er nur laufen konnte, allein die alte Hofdame zog
-Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterher. Als sie nun sah, daß
-sie in einem großen Hause verschwanden, dachte sie: »Nun weiß ich, wo es
-ist!« und zeichnete mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz an die
-Thüre. Darauf ging sie heim und legte sich nieder und auch der Hund kam
-mit der Prinzessin wieder. Als er aber sah, daß ein Kreuz auf die Thüre,
-wo der Soldat wohnte, gezeichnet war, nahm er ebenfalls ein Stück Kreide
-und machte auf alle Thüren der ganzen Stadt Kreuze. Und das war klug
-gethan, denn nun konnte ja die Hofdame die richtige Thüre nicht finden,
-da an allen Kreuze waren.
-
-Früh Morgens kam der König und die Königin, die alte Hofdame und alle
-Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war.
-
-»Da ist es!« sagte der König, als er die erste mit einem Kreuze
-bezeichnete Thüre erblickte.
-
-»Nein, dort ist es!« sagte die Königin, als sie die zweite Thüre mit dem
-Kreuzzeichen bemerkte.
-
-»Aber da ist eins und dort ist eins!« riefen sie sämtlich; wohin sie
-sahen, waren Kreuze an den Thüren. Da sahen sie denn wohl ein, daß alles
-Suchen vergeblich wäre.
-
-Aber die Königin war eine außerordentlich kluge Frau. Sie nähte einen
-kleinen Beutel, den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze, band ihn der
-Prinzessin auf den Rücken und schnitt darauf ein kleines Loch in den
-Beutel, so daß die Grütze den ganzen Weg, den die Prinzessin passierte,
-bestreuen konnte.
-
-Nachts kam der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und
-lief mit ihr zu dem Soldaten, der so gern ein Prinz gewesen wäre, um sie
-heimführen zu können.
-
-Der Hund merkte durchaus nicht, wie die Grütze über den ganzen Weg vom
-Schlosse bis zu dem Fenster, wo er mit der Prinzessin die Mauer
-hinauflief, verstreut wurde. Nun sahen es des Morgens der König und die
-Königin deutlich, wo ihre Tochter des Nachts gewesen war, und da machten
-sie kurzen Prozeß mit dem Soldaten und warfen ihn ins Gefängnis.
-
-Ach, wie finster und langweilig war es darin! Auch sagte man ihm:
-»Morgen wirst du gehängt werden!« Das war just nicht vergnüglich zu
-hören, und dazu hatte er sein Feuerzeug daheim im Wirtshause gelassen.
-Am Morgen konnte er durch das Eisengitter vor seinem kleinen Fenster
-sehen, wie das Volk aus der Stadt herbeieilte, ihn hängen zu sehen. Er
-hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Alle Leute waren
-auf den Beinen; dabei war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und
-Pantoffeln; er galoppierte so eilig, daß ihm ein Pantoffel abflog und
-gerade gegen die Mauer, hinter welcher der Soldat saß und durch das
-Eisengitter hinausschaute.
-
-»Hör einmal, Schusterjunge! Du brauchst dich nicht so zu beeilen,« sagte
-der Soldat zu ihm, »es wird doch nichts daraus, bevor ich komme. Willst
-du aber in meine frühere Wohnung laufen und mir mein Feuerzeug holen, so
-sollst du vier Groschen bekommen. Aber lauf und nimm die Beine in die
-Hand!« Der Schusterjunge wollte gern das Geld haben und eilte
-pfeilgeschwind nach dem Feuerzeuge, gab es dem Soldaten und -- --
-ja nun werden wir es zu hören bekommen.
-
-Außerhalb der Stadt war ein großer Galgen aufgemauert, ringsum standen
-die Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die
-Königin saßen auf einem prächtigen Throne, den Richtern und dem ganzen
-Rate gerade gegenüber.
-
-Schon stand der Soldat oben auf der Leiter, als man ihm aber den Strick
-um den Hals legen wollte, bat er, man möge ihn doch noch eine Pfeife
-Tabak rauchen lassen.
-
-Das wollte ihm nun der König nicht abschlagen, und so nahm der Soldat
-sein Feuerzeug und schlug Feuer, ein, zwei, dreimal. Siehe! da standen
-alle Hunde da, der mit Augen so groß wie Gänseeier, der mit den Augen
-wie Mühlräder, und der, welcher Augen hatte so groß wie ein runder Turm.
-
-»Helft mir, daß ich nicht gehängt werde!« sagte der Soldat, und da
-stürzten sich die Hunde auf die Richter und den ganzen Rat, ergriffen
-den einen bei den Beinen, den andern bei der Nase und warfen sie viele
-Klaftern hoch in die Luft, so daß sie beim Niederfallen in Granatstücke
-zerschlagen wurden.
-
-»Ich will nicht!« sagte der König, aber der größte Hund nahm sowohl ihn
-wie die Königin und warf sie allen anderen nach. Da erschraken die
-Soldaten und alles Volk schrie: »Lieber Soldat, du sollst unser König
-sein und die schöne Prinzessin haben!«
-
-Darauf setzte man den Soldaten in des Königs Carosse, und alle drei
-Hunde tanzten voran und riefen: »Hurrah!« und die Jungen pfiffen auf den
-Fingern und die Soldaten präsentierten. Die Prinzessin kam aus dem
-kupfernen Schlosse heraus und wurde Königin und das gefiel ihr gar wohl.
-Die Hochzeit währte acht Tage und die drei Hunde saßen mit an der
-Hochzeitstafel und machten große Augen.
-
-
-
-
-Das häßliche Entlein.
-
- [Abbildungen/Illustrations: pic28.jpg, pic30.jpg, tafel3.jpg]
-
-
-Auf dem Lande draußen war es herrlich. Es war ja Sommer! Auf den Wiesen
-stand das Heu in Schobern und dort stelzte der Storch auf seinen roten
-Beinen umher und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von
-seiner Mutter gelernt.
-
-Um den Acker und die Wiesen zogen sich große Wälder und mitten in
-denselben befanden sich tiefe Seen. O, es war herrlich da draußen auf
-dem Lande! Mitten im warmen Sonnenscheine lag da ein altes Rittergut,
-von tiefen Kanälen umgeben, und von der Mauer an bis zum Wasser hinunter
-wuchsen dort große Klettenblätter, die so hoch waren, daß unter den
-größten kleine Kinder aufrecht stehen konnten. Darin war es gerade so
-wild wie im tiefsten Walde. Hier lag eine Ente auf ihrem Neste, um ihre
-Jungen auszubrüten, aber jetzt war sie dessen fast überdrüssig, weil es
-doch gar zu lange dauerte und sie dabei so selten Besuch bekam.
-
-Endlich platzte ein Ei nach dem andern. »Pip, pip!« sagte es, alle
-Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus.
-
-»Rap, Rap! Eilt, eilt!« rief sie, und da rappelten und beeilten sie sich
-nach Kräften und guckten unter den grünen Blättern nach allen Seiten
-umher.
-
-»Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen; denn freilich hatten
-sie jetzt ganz anders Platz als zu der Zeit, da sie noch drinnen im Ei
-lagen.
-
-»Glaubt denn das Gelbschnäbelchen, das sei schon die ganze Welt!« sagte
-die Mutter. »Die geht noch weit über die andere Seite des Gartens hinaus
-bis in das Feld des Pfarrers; da bin ich indes noch nie gewesen! -- --
-Ihr seid doch alle hübsch beisammen!« setzte sie hinzu und erhob sich.
-»Nein, ich habe noch nicht alle! Das größte Ei liegt immer noch da! Wie
-lange soll denn das noch dauern? Nun habe ich es wirklich bald satt!«
-Und dann legte sie sich wieder.
-
-»Nun, wie geht es?« fragte eine alte Ente, die auf Besuch gekommen war.
-
-»Es dauert mit dem einen Ei so lange!« sagte die Ente, welche brütete.
-»Es zeigt sich noch kein Loch in demselben. Aber nun sollst du die
-andern sehen. Es sind die hübschesten jungen Enten, die ich je gesehen
-habe.«
-
-»Zeige mir doch das Ei, welches nicht bersten will,« meinte die Alte.
-»Verlaß dich darauf, es ist ein Putenei. So bin ich auch einmal genarrt
-worden und ich hatte meine liebe Not mit den Jungen, denn sie fürchteten
-sich vor dem Wasser, kann ich dir sagen. Erst konnte ich sie gar nicht
-ausbekommen, so viel ich auch rappte und schnappte, ermahnte und
-nachhalf! -- Laß mich doch das Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei! Laß es
-liegen und lehre lieber deine andern Kinder schwimmen!«
-
-»Ich will doch noch ein wenig darauf liegen bleiben!« entgegnete die
-Ente. »Habe ich nun so lange gelegen, kommt es auf etwas länger auch
-nicht an!«
-
-»Jeder nach seinem Geschmack!« sagte die alte Ente und nahm Abschied.
-
-Endlich platzte das große Ei. »Pip, Pip!« sagte das Junge und kroch
-heraus. Es war sehr groß und auffallend häßlich. Die Ente besah es sich.
-»Das ist ja ein entsetzlich großes Entlein!« sagte sie. »Keines von den
-andern sieht so aus. Sollte es wirklich eine junge Pute sein? Nun, da
-wollen wir bald dahinterkommen! In das Wasser muß es, und sollte ich es
-selbst hineinstoßen!«
-
-Am nächsten Tage war prächtiges herrliches Wetter! Die Sonne schien
-brennend heiß auf alle die grünen Kletten hernieder. Die Entleinmutter
-erschien mit ihrer ganzen Familie am Kanale.
-
-»Platsch!« sprang sie in das Wasser. »Rap, rap!« rief sie und ein
-Entlein nach dem andern plumpste hinein. Das Wasser schlug ihnen über
-dem Kopf zusammen, aber sie tauchten gleich wieder empor und schwammen
-stolz dahin, die Beine bewegten sich von selbst und alle waren sie in
-dem nassen Elemente, selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit.
-
-»Nein, das ist keine Pute!« sagte sie. »Sieh nur Einer, wie hübsch es
-die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält. Rap, rap! Ich werde euch
-im Entenhofe vorstellen, aber haltet euch immer in meiner Nähe, damit
-euch Niemand trete, und nehmt euch vor der Katze in Acht!«
-
-Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Ein erschrecklicher Lärm
-herrschte drinnen, denn zwei Familien bekämpften sich um einen Aalkopf,
-und trotzdem bekam ihn die Katze.
-
-»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entleinmutter, und
-schnappte mit dem Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben.
-»Gebraucht nun eure Beine,« sagte sie, »seht zu, daß ihr euch etwas
-beeilt und neigt den Hals vor der alten Ente dort. Sie ist die
-vornehmste von allen hier. Spanisches Blut rollt in ihren Adern,
-deshalb ist sie so schwerfällig. Wie ihr seht, trägt sie einen roten
-Lappen um das Bein. Das ist etwas unvergleichlich Schönes und die
-höchste Auszeichnung, welche je eine Ente erhalten kann. Ein
-wohlgezogenes Entlein setzt die Beine weit auseinander, gerade wie
-Vater und Mutter! Seht so! Neigt nun euren Hals und sagt: »Rap!««
-
-Und das thaten sie. Aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie
-und sprachen: »Seht nur einmal! Nun sollen wir die Sippschaft auch noch
-bekommen, als ob wir nicht schon genug wären! Pfui, wie das eine Entlein
-aussieht! Das wollen wir nicht unter uns dulden!« Und sogleich flog eine
-Ente hin und biß es in den Nacken.
-
-»Laß es zufrieden!« sagte die Mutter, »es thut ja niemand etwas!«
-
-»Aber es ist so groß und so seltsam,« sagte die Ente, welche es gebissen
-hatte, »und deshalb muß es weggejagt werden!«
-
-»Das sind schöne Kinder, die Mütterchen hat!« sagte herablassend die
-alte Ente mit dem Lappen um den Fuß. »Sämtlich schön mit Ausnahme des
-einen, welches mißglückt ist! Ich wünschte, sie könnte es umbrüten!«
-
-»Das geht nicht, Ihro Gnaden!« sagte die Entleinmutter. »Es ist nicht
-hübsch, aber es hat ein sehr gutes Gemüt und schwimmt ebenso
-vortrefflich wie eines der andern, ja ich darf sagen, fast noch etwas
-besser. Ich denke, es wird sich auswachsen oder mit der Zeit kleiner
-werden. Außerdem ist's ja ein Enterich und da schadet ihm die
-Häßlichkeit nicht so viel.«
-
-»Die anderen Entlein sind ja ganz niedlich!« sagte die Alte. »Thut nun,
-als ob ihr zu Hause wäret, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr
-mir ihn bringen!«
-
-Und so waren sie wie zu Hause.
-
-Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen und so
-häßlich war, wurde gebissen, gepufft und gehänselt von den Enten wie von
-den Hühnern. »Es ist zu groß,« sagten sie allesamt, und der Puterhahn,
-der mit Sporen geboren war, und deshalb in dem Wahne stand, daß er
-Kaiser wäre, blies sich wie ein Schiff mit vollen Segeln auf, ging
-gerade auf dasselbe zu, kollerte und wurde ganz rot am Kopfe. Das arme
-Entlein wußte weder, wie es stehen, noch wie es gehen sollte. Es war
-betrübt, daß es so häßlich aussah und dem ganzen Entenhofe zum Gespötte
-diente.
-
-So ging es den ersten Tag und später wurde es schlimmer und schlimmer.
-Das arme Entlein wurde von allen gejagt, selbst seine Geschwister waren
-recht unartig und sagten oft zu ihm: »Wenn dich nur die Katze holen
-wollte, du garstiges Ding!« und die Mutter seufzte: »Wärest du nur weit
-fort!« Die Enten bissen es, die Hühner hackten es und die Futtermagd
-stieß es mit dem Fuße.
-
-Da lief und flog es über den Zaun; die Vöglein in den Büschen erhoben
-sich erschrocken in die Luft. »Daran ist meine Häßlichkeit schuld!«
-dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber trotzdem weiter. So
-gelangte es bis zu einem großen Moore, in dem die wilden Enten wohnten.
-Hier lag es die ganze Nacht, denn es war sehr müde und traurig.
-
-Am Morgen flogen die wilden Enten auf und erblickten den neuen
-Kameraden. »Was bist du denn für ein Landsmann?« fragten sie, und das
-Entlein drehte sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.
-
-»Du bist abschreckend häßlich!« sagten die wilden Enten, »aber das kann
-uns einerlei sein, wenn du nur nicht in unsere Familie hineinheiratest!«
-Das Arme, es dachte wahrlich nicht ans Heiraten. Ihm war nur daran
-gelegen, die Erlaubnis zu erhalten, im Schilfe zu liegen und Moorwasser
-zu trinken.
-
-Zwei ganze Tage lang hatte es da gelegen, als zwei wilde Gänse oder
-vielmehr Gänseriche dorthin kamen. Sie waren noch nicht gar lange aus
-dem Ei gekrochen und deshalb auch etwas vorschnell.
-
-»Höre, Kamerad, du bist so häßlich, daß du förmlich hübsch bist und wir
-dich gut leiden können. Willst du zu uns halten und Zugvogel sein?«
-fragten sie.
-
-»Piff, Paff!« knallte es da plötzlich und beide wilde Gänseriche fielen
-tot in das Schilf hinab und das Wasser wurde rot von Blut. »Piff, paff!«
-knallte es abermals und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem
-Schilfe auf, und dann knallte es wieder. Es war große Jagd; die Jäger
-lagen rings um das Moor herum, ja, einige saßen oben in den Baumzweigen,
-welche sich weit über das Röhricht hinstreckten. Der blaue Pulverdampf
-zog wie Wolken durch die dunklen Bäume hindurch und ruhte weit über dem
-Wasser. In den Sumpf drangen die Jagdhunde hinein. Was war das für ein
-Schreck für das arme Entlein! Es drehte den Kopf, um ihn unter die
-Flügel zu stecken, als in demselben Augenblicke ein fürchterlich großer
-Hund dicht vor ihm stand; die Zunge hing dem Tiere ganz lang aus dem
-Halse und die Augen funkelten gräßlich. Er berührte das Entlein fast mit
-der Schnauze, wies die scharfen Zähne und -- platsch! zog er sich
-zurück, ohne es zu packen.
-
-»Gott sei Dank!« seufzte das Entlein, »ich bin so häßlich, daß mich
-selbst der Hund nicht beißen mag!«
-
-So lag es denn ganz still, während die Schrotkörner in das Schilf
-sausten und Schuß auf Schuß knallte.
-
-Erst am späten Nachmittage wurde es still, aber das arme Junge wagte
-noch nicht sich zu erheben. Es wartete noch mehrere Stunden, ehe es sich
-umschaute, und dann eilte es, so schnell es konnte, aus dem Moore
-weiter.
-
-Gegen Abend erreichte es ein erbärmliches Bauernhäuschen, welches in so
-traurigem Zustande war, daß es selbst nicht wußte, nach welcher Seite es
-fallen sollte, und so blieb es stehen. Der Sturm sauste dermaßen um das
-wilde Entlein, daß es sich setzen mußte, um Widerstand zu leisten. Und
-es wurde immer schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, daß sich die
-Thüre aus der einen Angel gehoben hatte und so schief hing, daß es durch
-die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte und das that es.
-
-Hier wohnte eine alte Frau mit ihrem Kater und ihrem Huhne; der Kater,
-welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und spinnen.
-Selbst Funken konnte man ihm entlocken, wenn man ihn im Dunkeln gegen
-die Haare strich. Das Huhn hatte sehr kleine niedrige Beine und wurde
-deshalb Kurzbeinchen genannt.
-
-Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein und der Kater begann
-zu spinnen und das Huhn zu klucken.
-
-»Was ist das!« rief die Frau und schaute sich um, da sie aber nicht gut
-sah, hielt sie das Entlein für eine fette Ente. »Das ist ja ein
-sonderbarer Fang!« sagte sie, »nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es
-nur kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.«
-
-So wurde denn das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen, aber
-Eier kamen nicht.
-
-Nun war der Kater der Herr im Hause und das Huhn war die Frau.
-
-»Kannst du Eier legen?« fragte es.
-
-»Nein!« -- »Nun gut, dann hast du hier im Hause nichts zu sagen!«
-
-Und der Kater sagte: »Kannst du einen Buckel machen, kannst du spinnen,
-kannst du Funken sprühen?« -- »Nein!« -- »Dann darfst du auch durchaus
-keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute reden!«
-
- [Farbtafel/Plate]
-
-Und das Entlein saß im Winkel und war schlechter Laune. Da dachte es
-unwillkürlich an die frische Luft und den Sonnenschein und bekam eine so
-eigentümliche Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, daß es sich endlich
-nicht länger enthalten konnte, es dem Huhne anzuvertrauen.
-
-»Was sprichst du da?« fragte dasselbe. »Du hast nichts zu thun, deshalb
-plagen dich so seltsame Launen. Lege Eier oder spinne, dann gehen sie
-vorüber!«
-
-»Aber es ist herrlich, auf dem Wasser zu schwimmen!« entgegnete das
-Entlein, »herrlich, sich den Kopf in den Fluten zu kühlen oder auf den
-Grund niederzutauchen!«
-
-»Ja, das muß wirklich ein prächtiges Vergnügen sein!« sagte das Huhn
-spöttisch, »bist du denn närrisch geworden! Frage einmal den Kater, der
-ist der Klügste, den ich kenne, ob es ihm so angenehm vorkommt, auf dem
-Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen!«
-
-»Ihr versteht mich nicht!« sagte das Entlein.
-
-»Wenn wir dich nicht verstehen, wer sollte dich dann wohl verstehen!
-Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater und ich. Sieh
-jetzt nur zu, daß du Eier legst und spinnen und Funken sprühen lernst!«
-
-»Ich glaube, ich gehe in die weite Welt hinaus!« sagte das Entlein.
-
-»Ja, thue das!« entgegnete das Huhn.
-
-So ging denn das Entlein. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter,
-aber von allen Tieren wurde es um seiner Häßlichkeit willen übersehen.
-
-Jetzt erschien der Herbst; die Blätter im Walde wurden gelb und braun,
-der Sturm entführte sie und wirbelte sie umher und oben in der Luft
-machte sich die Kälte bemerkbar. Die Wolken hingen schwer von Hagel und
-Schneeflocken, und auf dem Zaune stand ein Rabe und schrie: »Au, au!«
-vor lauter Kälte. Ja, man konnte schon ordentlich frieren, wenn man nur
-daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut.
-
-Eines Abends, die Sonne ging gerade wunderbar schön unter, kam ein
-ganzer Schwarm prächtiger, großer Vögel aus dem Gebüsch hervor, wie sie
-das Entlein noch nie so schön gesehen hatte. Sie waren blendend weiß und
-hatten lange geschmeidige Hälse; es waren _Schwäne_. Sie stießen einen
-merkwürdigen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, großen Schwingen aus
-und flogen aus den kalten Gegenden fort nach wärmeren Ländern, nach
-offenen Seen. Sie stiegen so hoch, so hoch, daß dem häßlichen jungen
-Entlein ganz seltsam dabei zu Mute wurde.
-
-Es konnte die prächtigen, die glücklichen Vögel nicht vergessen, und
-sobald es sie nicht mehr wahrnahm, tauchte es bis auf den Grund unter,
-und geriet, als es wieder emporkam, förmlich außer sich. Es wußte nicht,
-wie die Vögel hießen, noch wohin sie zogen, aber doch hatte es dieselben
-lieb wie nie jemand zuvor. Neid kam gleichwohl nicht in sein Herz. Wie
-hätte ihm auch nur in den Sinn kommen können, sich eine solche Schönheit
-zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn nur die Enten es hätten
-unter sich dulden wollen; -- das arme häßliche Tier.
-
-Und der Winter wurde so kalt, so kalt! Das Entlein mußte unermüdlich
-umherschwimmen, um das Zufrieren des Wassers zu verhindern. Aber jede
-Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, schmäler und schmäler. Es war
-eine Kälte, daß die Eisdecke krachte. Das Entlein mußte fortwährend die
-Beine gebrauchen, damit sich das Loch nicht völlig schloß. Endlich wurde
-es matt, lag ganz still und fror so im Eise fest.
-
-In der Frühe des folgenden Morgens kam ein Bauer, der das arme Tier
-gewahrte. Er ging hin, zerschlug das Eis mit seinem Holzschuh, rettete
-es und trug es heim zu seiner Frau. Da lebte es wieder auf.
-
-Die Kinder wollten mit demselben spielen. Da aber das Entlein glaubte,
-sie wollten ihm wehe thun, fuhr es in der Angst gerade in eine
-Milchschüssel, so daß die Milch in der Stube umherspritzte. Dann flog
-das Entlein auf das Gestell, auf welchem die Butter aufbewahrt wurde und
-von hier in die Mehltonne hinein und dann wieder in die Höhe. Da könnt
-ihr euch denken, wie es aussah! Die Frau schrie und schlug mit der
-Feuerzange nach demselben, die Kinder liefen einander über den Haufen
-und lachten und lärmten. Nur gut, daß die Thüre offen stand; so konnte
-sich das Entlein zwischen die Sträucher in den frischen Schnee hinaus
-retten, und da lag es nun bis auf den Tod erschöpft.
-
-Allein, es würde wahrlich zu traurig sein, all die Not zu erzählen,
-welche das Entlein in dem harten Winter auszustehen hatte. -- Es lag
-zwischen dem Röhricht im Moor, als die Sonne wieder warm zu scheinen
-begann; die Lerchen sangen, der Lenz war da.
-
-Da entfaltete es mit einem male seine Schwingen, stärker sausten sie als
-zuvor und trugen es kräftig vorwärts, und ehe dasselbe es recht wußte,
-befand es sich in einem großen Garten, wo die Äpfelbäume in voller Blüte
-standen, wo die Fliedersträuche dufteten und ihre langen, grünen Zweige
-zu den sich sanft dahinschlängelnden Bächen und Kanälen
-herniedersenkten! O wie war es hier so köstlich, so frühlingsfrisch! Und
-gerade vor ihm kamen aus dem Dickicht drei schöne, weiße Schwäne
-angeschwommen; mit gekräuseltem Gefieder glitten sie leicht und
-majestätisch über das Wasser dahin. Das Entlein erkannte die schönen
-Tiere und wurde von einer eigentümlichen Schwermut ergriffen.
-
-»Ich will hinfliegen zu ihnen, den königlichen Vögeln, und sie werden
-mich tot beißen, weil ich, der ich so häßlich bin, mich ihnen zu nähern
-wage. Aber besser von ihnen getötet, als von den Enten gezwackt, von den
-Hühnern gepickt, von der Hühnermagd gestoßen zu werden und im Winter
-alles mögliche Weh über sich ergehen zu lassen!« Und es flog auf das
-Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen, die mit gesträubten
-Federn auf dasselbe losschossen.
-
-»Tötet mich nur!« sagte das arme Tier, neigte sein Haupt gegen den
-Wasserspiegel und erwartete den Tod, -- aber was sah es in dem klaren
-Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Bild, aber es war nicht mehr ein
-plumper, schwarzgrauer Vogel, häßlich und Abscheu erweckend, es war
-selbst ein schneeweißer _Schwan_ mit stolzem Gefieder.
-
-Es thut nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in
-einem Schwanenei gelegen hat! -- Nun fühlte es sich glücklich über alle
-die Not und Widerwärtigkeit, welche es ausgestanden hatte. Nun verstand
-es erst, sein Glück und all die Herrlichkeit zu würdigen, die es überall
-begrüßte. -- Und die großen Schwäne kamen herbei und streichelten es mit
-dem Schnabel.
-
-Da traten einige kleine Kinder in den Garten. Sie warfen Brot und Körner
-in das Wasser, und das Kleinste rief: »Seht, da ist ein neuer!« Und
-jubelnd stimmten die andern Kinder ein: »Ein neuer, ein neuer Schwan ist
-gekommen!«
-
-Sie klatschten in die Hände, tanzten umher, holten Vater und Mutter
-herbei und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen und sie
-sagten alle: »Der neue ist der schönste, so jung und majestätisch!« Und
-die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.
-
-Da überschlich ihn Schüchternheit und Verschämtheit und er verbarg den
-Kopf unter den Flügeln; es war ihm so eigen zu Mute, er wußte selbst
-nicht wie. Er war allzuglücklich, aber durchaus nicht stolz, denn ein
-gutes Herz wird niemals stolz. Er dachte daran, wie er verhöhnt worden
-und hörte nun alle sagen, er wäre der schönste von allen schönen Vögeln.
-Die Fliedersträuche neigten sich zu ihm in das Wasser hinunter, und die
-Sonne schien warm und erquickend. Da sträubte er sein Gefieder, der
-schlanke Hals erhob sich und aus Herzensgrunde jubelte er: »So viel
-Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das _häßliche
-Entlein_ war!«
-
-
-
-
-Die Stopfnadel.
-
- [Abbildung/Illustration: capE.jpg]
-
-
-Es war einmal eine Stopfnadel, die so fein und spitz war, daß sie sich
-einbildete, eine Nähnadel zu sein.
-
-»Seht jetzt nur darauf, daß ihr mich ordentlich festhaltet!« sagte die
-Stopfnadel zu den Fingern, welche sie hervorholten. »Laßt mich nicht
-los! Falle ich auf den Boden, wird es kaum möglich sein, mich wieder zu
-finden, so fein bin ich!«
-
-»Nun, nun! Nur nicht zu viel des Eigenlobes!« sagten die Finger und
-faßten sie dann fest um den Leib.
-
-»Seht ihr, ich komme mit Gefolge!« rief die Stopfnadel und zog einen
-langen Faden hinter sich her.
-
-Die Finger lenkten die Stopfnadel gerade gegen den Pantoffel der Köchin,
-dessen Oberleder einen Riß bekommen hatte und jetzt zusammengenäht
-werden sollte.
-
-»Das ist eine niedrige Arbeit!« sagte die Stopfnadel, »ich komme nie
-hindurch, ich zerbreche, ich zerbreche!« -- und da zerbrach sie. »Habe
-ich nicht oft genug wiederholt!« jammerte sie, »daß ich zu fein bin!«
-
-»Nun taugt sie zu nichts mehr!« meinten die Finger, mußten sie aber doch
-festhalten, die Köchin machte ihr einen Kopf aus Siegellack und steckte
-sie dann vorn in ihr Tuch.
-
-»Sieh, jetzt bin ich eine Busennadel!« sagte die Stopfnadel; »ich wußte
-wohl, daß ich zu Ehren kommen würde; aus Was wird Was!« und dabei lachte
-sie innerlich, denn äußerlich kann man es einer Stopfnadel nie ansehen,
-daß sie lacht. Da saß sie nun so stolz, als führe sie in einer Kutsche
-und blickte nach allen Seiten.
-
-»Darf ich mir wohl erlauben, Sie zu fragen, ob Sie von Gold sind?«
-fragte sie die Stecknadel, welche ihre Nachbarin war. »Sie haben ein
-vortreffliches Äußeres und Ihren eigenen Kopf, wenn derselbe auch nur
-klein ist. Sie müssen dafür Sorge tragen, daß sich derselbe auswächst,
-denn man kann nicht allen das Ende mit Siegellack versehen!« Dabei
-richtete sich die Stopfnadel so stolz in die Höhe, daß sie sich aus dem
-Tuche löste und in die Gosse fiel, gerade als die Köchin das Spülicht
-ausgoß.
-
-»Nun gehen wir auf Reisen!« sagte die Stopfnadel; doch da saß sie fest
-in der Gosse. »Mein gutes Bewußtsein ist mir geblieben;« damit tröstete
-sie sich und hielt sich stramm und aufrecht.
-
-Allerlei segelte über sie dahin, Holzstückchen, Stroh und
-Zeitungspapier. »Sieh, wie sie dahinsegeln!« sagte die Stopfnadel. »Sie
-wissen nicht, was unter ihnen steckt! Ich stecke und sitze hier. Sieh,
-da treibt jetzt ein Holzpflock, der denkt an nichts in der Welt als an
-Pflöcke und Klötze und er ist selbst einer. Dort schwimmt ein Strohhalm;
-sieh, wie er sich schwenkt, wie er sich dreht! Ich sitze geduldig und
-still; ich weiß, was ich bin und das bleibe ich!«
-
-Eines Tages gewahrte sie dicht an ihrer Seite einen glänzenden
-Gegenstand, deswegen die Stopfnadel vermutete, daß es ein Diamant wäre;
-aber es war nur ein gewöhnlicher Glasscherben. Da derselbe flimmerte,
-redete ihn die Stopfnadel an und gab sich ihm als Busennadel zu
-erkennen. »Sie sind wohl ein Diamant?« -- »Ja, ich bin etwas
-dergleichen!« Und so hielten sie sich denn gegenseitig für sehr kostbare
-Gegenstände und sprachen über den jetzigen Hochmut der Welt.
-
-»Ich habe meine Wohnung in einer sehr feinen, bunten Schachtel gehabt,
-welche einer Köchin gehörte,« begann die Stopfnadel ihre Erzählung. »Sie
-hatte an jeder Hand fünf Finger; aber obgleich dieselben nur da waren,
-um mich zu halten und aus der Schachtel zu nehmen, so waren sie doch
-erschrecklich eingebildet.«
-
-»Zeichneten sie sich denn durch Glanz aus?« fragte der Glasscherben.
-
-»Durch Glanz?« rief die Stecknadel aus, »nein, durch eitel Hochmut! Es
-waren fünf Brüder, alle geborne »Finger«; in aufrechter Haltung hielten
-sie sich stolz neben einander, obwohl ihre Länge sehr verschieden war.
-Der Äußerste von ihnen, der Däumerling, war kurz und dick; er stand
-nicht mit in Reih und Glied, sondern vor demselben und dann hatte er nur
-ein Gelenk im Rücken, er konnte sich nur in einer Richtung verbeugen,
-der Topflecker fuhr in Süßes und Saures, zeigte nach Sonne und Mond und
-drückte auf die Feder, wenn sie schrieben; der Langemann überragte die
-andern um Haupteslänge; der Ringhalter ging mit goldenen Reifen um den
-Leib einher und der kleine Peter Spielmann that gar nichts und war
-darauf noch stolz. Prahlerei war es und Prahlerei blieb es, und darum
-warf ich mich in die Gosse.«
-
-»Und nun sitzen wir beisammen und glänzen!« sagte der Glasscherben.
-Plötzlich strömte mehr Wasser in den Rinnstein, welches nun über den
-Rand trat und den Glasscherben mit sich riß.
-
-»Sieh, nun wurde der befördert!« sagte die Stopfnadel. »Ich bleibe
-sitzen, ich bin zu fein, aber das ist mein Stolz und der ist
-achtungswert!« So saß sie in aufrechter Haltung da und machte sich viele
-Gedanken.
-
-»Ich möchte fast annehmen, daß ich von einem Sonnenstrahl geboren bin,
-so fein bin ich. Mich dünkt sogar, daß mich die Sonne fortwährend unter
-dem Wasser sucht. Ach, ich bin so fein, daß mich die eigene Mutter nicht
-finden kann. Hätte ich mein altes Auge noch, welches abbrach, ich
-glaube, ich könnte Thränen vergießen. -- Nein, ich könnte es doch nicht
-thun, weinen ist nicht fein.«
-
-Eines Tages lagerten sich einige Gassenbuben neben dem Rinnsteine und
-wühlten in demselben umher, wo sie alte Nägel, Kupferdreier und
-dergleichen fanden.
-
-»Au!« schrie der eine, indem er sich an der Stopfnadel stach. »Das ist
-ja ein schlimmer Bursche!«
-
-»Ich bin kein Bursch, ich bin ein Fräulein!« erwiederte die Stopfnadel,
-aber niemand hörte es. Der Siegellack hatte sich abgelöst und deshalb
-hielt sie sich für noch feiner als zuvor.
-
-»Da kommt eine Eierschale angesegelt!« sagten die Knaben und steckten
-dann die Stopfnadel fest in die Schale.
-
-»Weiße Wände und selbst schwarz!« sagte die Stopfnadel, »das kleidet
-gut! Nun kann man mich doch sehen! -- Wenn ich nur nicht seekrank werde,
-denn sonst breche ich noch mehr!« Aber sie wurde nicht seekrank und
-brach nicht weiter.
-
-»Es ist gegen die Seekrankheit doch gut, wenn man einen stählernen Magen
-hat und dabei immer eingedenk bleibt, daß man etwas mehr als ein Mensch
-ist! Bei mir ist es nun vorüber; je feiner man ist, destomehr kann man
-aushalten!« -- »Krach!« stöhnte die Eierschale, während ein Lastwagen
-über sie hinging. -- »Ach, wie das drückt!« seufzte die Stopfnadel. »Nun
-werde ich doch seekrank; ich breche, ich breche!« Aber sie brach nicht,
-trotzdem sie von einem Lastwagen überfahren wurde, sie lag der Länge
-nach da -- und da mag sie liegen bleiben.
-
-
-
-
-Tölpelhans.
-
-
-Draußen auf dem Lande in einem alten Herrenhof lebte ein Gutsbesitzer,
-der zwei so kluge Söhne hatte, daß sie um die Tochter des Königs freien
-wollten und das durften sie, denn dieselbe hatte bekannt machen lassen,
-daß sie denjenigen zum Gemahl nehmen wollte, der sich am gewandtesten
-und klügsten mit ihr unterhalten könnte.
-
-Die beiden bereiteten sich nun acht Tage lang vor. Längere Zeit
-bedurften sie nicht dazu, denn sie hatten Vorkenntnisse und die sind
-immer nützlich. Der eine wußte das ganze lateinische Lexikon und drei
-Jahrgänge der städtischen Zeitung auswendig und zwar rückwärts wie
-vorwärts. Der andere hatte sich mit sämtlichen Paragraphen aller
-Zunftgesetze und mit dem, was jeder Zunftmeister wissen mußte, bekannt
-gemacht. Auf diese Weise, meinte er, könnte er über Staats- und gelehrte
-Sachen mitsprechen. Außerdem verstand er Tragebänder zu sticken, denn er
-war fein und fingerfertig.
-
-»Ich bekomme die Königstochter!« sagten sie alle beide, und deshalb gab
-ihr Vater jedem von ihnen ein schönes Pferd; der, welcher das Lexikon
-und die Zeitungen auswendig wußte, bekam ein kohlschwarzes, und der,
-welcher sich zunftmeisterlich gebahren und sticken konnte, erhielt ein
-milchweißes. Als sie im Hofe zu Pferde steigen wollten, erschien der
-dritte Bruder, denn es waren ihrer dreie, aber niemand zählte ihn als
-Bruder mit, weil er nicht die gleiche erstaunliche Gelehrsamkeit besaß
-wie die beiden anderen, und alle Welt nannte ihn nur _Tölpelhans_.
-
-»Wo wollt ihr hin, daß ihr euch in den Bratenrock geworfen habt?« fragte
-er.
-
-»An den Hof, um mit der Königstochter zu plaudern! Hast du nicht gehört,
-was im ganzen Lande ausgetrommelt wird?« und darauf erzählten sie es
-ihm.
-
-»Potztausend, da muß ich mit dabei sein!« sagte Tölpelhans, und die
-Brüder lachten ihn aus und ritten von dannen.
-
-»Vater, gieb mir ein Pferd!« rief Tölpelhans. »Ich bekomme solche Lust,
-mich zu verheiraten. Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie
-mich nicht, so nehme ich sie doch!«
-
-»Was ist das für ein Geschwätz!« sagte der Vater. »Dir gebe ich kein
-Pferd. Du kannst ja nicht sprechen!«
-
-»Soll ich kein Pferd bekommen,« sagte Tölpelhans, »so nehme ich den
-Ziegenbock, der gehört mir und ist im Stande mich zu tragen!« Damit
-setzte er sich rittlings auf den Ziegenbock, stieß ihm die Hacken in die
-Seite und sprengte die Landstraße entlang. Hui, wie das ging! »Hier
-komme ich!« rief Tölpelhans und darauf sang er, daß es wiederhallte.
-
-Die Brüder ritten aber ganz still voran; sie sprachen kein einziges
-Wort, sie mußten alle die guten Einfälle, die sie vorbringen wollten,
-noch einmal überlegen.
-
-»Halloh! Halloh!« rief Tölpelhans, »hier komme ich! Seht, was ich auf
-der Landstraße fand!« Mit diesen Worten zeigte er ihnen eine tote Krähe,
-die er gefunden hatte.
-
-»Tölpel!« fuhren sie ihn an, »was willst du mit derselben?«
-
-»Ich will sie der Königstochter schenken!«
-
-»Ja, thue es!« sagten sie, lachten und ritten weiter.
-
-Da rief Tölpelhans wieder: »Halloh! Halloh! Hier komme ich! Seht, was
-ich jetzt gefunden habe!«
-
-Die Brüder wandten sich wieder um, sich den seltenen Schatz anzusehen.
-»Tölpel!« sagten sie, »das ist ja ein alter Holzschuh, von welchem der
-obere Teil abgegangen ist! Soll die Königstochter den etwa auch haben?«
-
-»Das soll sie!« sagte Tölpelhans, und die Brüder lachten, ritten weiter
-und kamen ihm eine große Strecke voraus.
-
-»Halloh! Halloh! Hier bin ich!« rief Tölpelhans.
-
-»Was hast du wieder gefunden?« fragten die Brüder.
-
-»Oh!« sagte Tölpelhans, »es ist eigentlich kein Gesprächsgegenstand! Wie
-sie sich aber freuen wird, die Königstochter!«
-
-»Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja Schlamm, der aus dem
-Straßengraben ausgeworfen ist.«
-
-»Das stimmt!« sagte Tölpelhans, »und er ist von der allerfeinsten Art,
-daß man ihn gar nicht festhalten kann!« und darauf füllte er sich die
-Tasche damit an.
-
-Aber die Brüder ritten, was das Zeug halten wollte, und überholten ihn
-eine ganze Stunde. Sie hielten an dem Stadtthore, an welchem die Freier,
-je nach ihrer Ankunft, numeriert und in Reih und Glied gestellt wurden,
-je sechs in jedem Gliede und so dicht, daß sie kaum die Arme rühren
-konnten.
-
-Alle übrigen Bewohner des Landes standen rings um das Schloß bis zu den
-Fenstern hinauf, um mit anzusehen, wie die Königstochter die Freier
-empfing. Merkwürdig! Sobald einer derselben die Schwelle ihres Zimmers
-überschritt, verließ ihn sein Rednertalent.
-
-»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Weg!«
-
-Jetzt kam derjenige der Brüder, der das Lexikon auswendig wußte, aber
-bei dem langen Stehen in Reih und Glied hatte er es völlig vergessen.
-Dazu knarrte der Fußboden und die Decke war von Spiegelglas, so daß er
-sich selbst auf dem Kopfe sah, und nun standen sogar an jedem Fenster
-drei Schreiber und ein Stadtältester, die Alles, was gesprochen wurde,
-aufschrieben, damit es sofort in die Zeitung komme. Es war entsetzlich,
-es war furchtbar! Und zum Überfluß war im Ofen eingefeuert, daß er
-glühte.
-
-»Hier herrscht eine drückende Hitze!« begann der Freier das Gespräch.
-
-»Das kommt daher, weil mein Vater heute junge Hähne bratet!« sagte die
-Königstochter.
-
-Da stand er; nicht ein Wort wußte er zu erwiedern. -- Bäh! --
-
-»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Weg!« und so mußte er seiner
-Wege ziehen. Nun kam der zweite Bruder.
-
-»Hier ist eine entsetzliche Hitze!« sagte er.
-
-»Ja, wir braten heute junge Hähne!« versetzte die Königstochter.
-
-»Wie belie -- --« fragte er, und alle Schreiber schrieben: »Wie belie --
---?«
-
-»Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Weg!«
-
-Nun kam Tölpelhans, er ritt auf seinem Ziegenbocke gerade in das Zimmer
-hinein. »Das ist denn doch eine glühende Hitze!« sagte er.
-
-»Das rührt davon her, daß ich junge Hähne brate!« entgegnete die
-Königstochter.
-
-»Das wäre ja herrlich!« sagte Tölpelhans, »dann kann ich wohl auch eine
-Krähe gebraten bekommen?«
-
-»Den Gefallen will ich Ihnen gern erweisen!« erwiederte die
-Königstochter, »aber haben Sie auch etwas, worin sie gebraten werden
-kann, denn ich habe hier weder Topf noch Pfanne!«
-
-»Hier ist ein vortreffliches Kochgeschirr,« rief Tölpelhans fröhlich,
-zog den alten Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein.
-
-»Aber wo bekommen wir die Sauce her?« meinte die Königstochter.
-
-»Die habe ich in der Tasche!« sagte Tölpelhans und darauf schüttete er
-etwas Schlamm aus der Tasche.
-
-»Du gefällst mir,« sagte die Königstochter, »du kannst doch antworten
-und du kannst reden, und dich will ich zu meinem Gemahle erheben! Aber
-weißt du wohl, daß jedes Wort, das wir sagen und gesagt haben,
-aufgeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster
-siehst du drei Schreiber und einen Stadtältesten stehen.«
-
-»Das sind wohl die Herrschaften da!« versetzte Tölpelhans. »Dann muß ich
-dem Stadtältesten schon mein Bestes schenken!« Zugleich wandte er seine
-Taschen um und warf ihm den ganzen Schlamm gerade ins Gesicht.
-
-»Da hast du dir gut zu helfen gewußt!« sagte die Königstochter. »Das
-hätte ich nicht zu thun vermocht! Aber ich werde es wohl noch lernen!«
---
-
-Und so wurde Tölpelhans denn König, bekam eine Frau und eine Krone und
-saß auf einem Throne, und das alles haben wir der Zeitung des
-Stadtältesten entnommen -- auf die freilich auch kein rechter Verlaß
-ist.
-
-
-
-
-Fünf in einer Schote.
-
- [Abbildung/Illustration: pic37.jpg]
-
-
-Fünf Erbsen saßen der Reihe nach in einer Schote. Sie waren grün und die
-Schote war grün, und deshalb glaubten sie, daß die ganze Welt grün wäre
-und das war völlig richtig. Die Sonne schien und erwärmte von außen die
-Schote, der Regen machte sie rein und durchsichtig. Es war in ihr warm
-und schön, hell des Tages und finster des Nachts, wie es sein mußte, und
-die Erbsen wurden, wie sie so dasaßen, immer größer und nachdenklicher,
-denn mit etwas mußten sie sich doch beschäftigen.
-
-»Sollen wir hier immer sitzen bleiben?« sagten sie. »Wenn wir von dem
-langen Sitzen nur nicht hart werden. Es kommt uns fast so vor, als ob es
-auch da draußen noch etwas gibt; eine Ahnung sagt uns das!«
-
-Und Wochen vergingen; die Erbsen wurden gelb und die Schote wurde gelb.
-»Die ganze Welt wird gelb!« sagten sie, und das durften sie wohl
-behaupten.
-
-Da empfanden sie einen Ruck in der Schote; sie wurde abgerissen, kam in
-Menschenhände und wurde mit mehreren andern gefüllten Schoten in eine
-Rocktasche gesteckt. »Nun werden wir bald geöffnet werden!« sagten sie.
-
-»Ich möchte nur wissen, wer von uns es am weitesten bringen wird,« sagte
-die kleinste Erbse.
-
-»Geschehe, was da wolle!« sagte die größte.
-
-»Krach!« da platzte die Schote, und alle fünf Erbsen rollten in den
-hellen Sonnenschein hinaus. Sie lagen in einer Kinderhand; ein kleiner
-Knabe hielt sie fest und sagte, die Erbsen wären gerade recht für seine
-Knallbüchse; und sogleich schoß er eine weg.
-
-»Nun fliege ich in die weite Welt! Halt mich, wenn du kannst!« und dann
-war sie fort.
-
-»Ich,« sagte die zweite, »fliege gerade in die Sonne hinein, das ist
-eine richtige Erbsenschote und sehr passend für mich.« Weg war sie.
-
-»Wir schlafen, wohin wir kommen,« sagen die beiden andern, »aber wir
-werden schon noch vorwärts rollen!« und damit rollten sie erst auf die
-Erde, ehe sie in die Knallbüchse kamen, aber hinein kamen sie. »Wir
-bringen es am weitesten!«
-
-»Geschehe, was da wolle!« sagte die letzte und wurde in die Höhe
-geschossen. Sie flog gegen das alte Brett unter dem Giebelstubenfenster,
-gerade in eine Ritze, die mit Moos und lockerer Erde ausgefüllt war, und
-das Moos schloß sich wärmend um sie. Da lag sie verborgen, aber nicht
-vergessen von Gott. »Geschehe, was da wolle!« sagte sie.
-
-Die kleine Giebelstube wurde von einer armen Frau bewohnt, die am Tage
-ausging, um allerlei schwere Arbeiten zu verrichten, denn Kräfte hatte
-sie und fleißig war sie, aber gleichwohl blieb sie arm. Zu Hause in der
-kleinen Stube lag während dessen ihre halberwachsene einzige Tochter;
-sie war zart und fein; ein ganzes Jahr hatte sie zu Bett gelegen und
-schien weder leben noch sterben zu können.
-
-»Sie geht zu ihrer kleinen Schwester!« sagte die Frau. »Ich hatte nur
-zwei Kinder, aber da teilte der liebe Gott mit mir und nahm das eine zu
-sich! Nun möchte ich wohl gern das andere behalten, das mir noch übrig
-geblieben ist, aber er will sie wohl nicht getrennt lassen, und sie geht
-zu ihrer kleinen Schwester hinauf!«
-
-Aber das kranke Mädchen starb nicht; geduldig und still lag es den
-ganzen Tag da, während die Mutter auf Verdienst abwesend war.
-
-Es war Frühling und noch früh am Morgen. Gerade als die Mutter auf ihre
-Arbeit gehen wollte, schien die Sonne gar freundlich zum kleinen Fenster
-hinein auf den Fußboden, und das kranke Mädchen richtete seinen Blick
-auf die unterste Scheibe.
-
-»Was ist doch das für Grünes dort neben der Scheibe? Es bewegt sich im
-Winde!«
-
-Die Mutter trat an das Fenster und öffnete es halb. »Ih!« sagte sie,
-»das ist wahrhaftig eine junge Erbse, die mit ihren grünen Blättchen
-hervorgesproßt ist. Wie ist die hier in die Spalte hinaufgekommen?
-Da hast du ja einen kleinen Garten, an dessen Anblick du dich weiden
-kannst!«
-
-Das Bett der Kranken wurde näher an das Fenster gerückt, von wo sie die
-hervorsprossende Erbse erblicken konnte, und die Mutter ging auf Arbeit
-aus.
-
-»Mutter, ich glaube, ich erhole mich wieder!« sagte am Abend das kleine
-Mädchen. »Die Sonne hat heute so warm zu mir hereingeschienen. Die
-kleine Erbse gedeiht vortrefflich; und ich will auch gedeihen und mich
-im Sonnenscheine wieder erholen.«
-
-»Oh daß es so geschehen möchte!« sagte die Mutter, doch glaubte sie
-nicht an die Möglichkeit. Allein neben das grüne Pflänzlein, welches
-ihrem Kinde so frohe Lebensgedanken eingeflößt hatte, steckte sie einen
-kleinen Stock, damit der Wind ihm nicht schaden könne, und so gedieh und
-wuchs es lustig.
-
-»Sie setzt sogar Blüten an,« sagte die Mutter, und nun begann sie auch
-zu hoffen, daß ihr Kind sich wieder erholen könne, denn es hatte sich
-des Morgens selbst im Bett aufgerichtet und mit strahlenden Augen seinen
-kleinen Erbsengarten, den die eine einzige Erbse bildete, betrachtet. In
-der nächsten Woche war die Kranke zum erstenmale über eine Stunde auf.
-Draußen vor'm Fenster war eine weißrote Erbsenblüte völlig aufgebrochen.
-Das Mädchen küßte die feinen Blätter ganz leise. Dieser Tag war ein
-Festtag für sie.
-
-»Der liebe Gott hat sie selbst gepflanzt und dann gedeihen lassen, um
-dir, mein teures Kind, und mir damit Hoffnung und Freude zu geben!«
-sagte die frohe Mutter und lächelte der Blume zu, wie einem guten,
-gottgesandten Engel.
-
-Aber nun die andern Erbsen! -- ja die, welche in die weite Welt
-hinausflog: »Halte mich, wenn du kannst!« fiel in die Dachrinne und
-geriet in einen Taubenkropf, wo sie lag wie Jonas in dem Wallfischbauch.
-Die beiden faulen brachten es gerade ebensoweit, sie wurden ebenfalls
-von Tauben aufgepickt und das heißt wenigstens einen soliden Nutzen
-schaffen; aber die vierte, welche sich bis in die Sonne emporschwingen
-wollte -- -- die fiel in den Rinnstein und lag Tage und Wochen darin,
-in dem schmutzigen Wasser, wo sie entsetzlich aufschwoll.
-
-»Ich werde prächtig dick!« sagte die Erbse. »Ich werde noch platzen, und
-weiter, glaube ich, kann es keine Erbse bringen, oder hat es je
-gebracht. Ich bin die ausgezeichnetste von den fünf aus derselben
-Schote!« -- Und der Rinnstein gab dieser Ansicht seinen Beifall.
-
-Aber an dem Dachfenster stand das Mädchen mit leuchtenden Augen und mit
-Gesundheit auf den Wangen, und sie faltete ihre Hände über der
-Erbsenblüte und dankte Gott für dieselbe.
-
-
-
-
-Das Märchen vom Sandmann.
-
- [Abbildungen/Illustrations: pic39.jpg, pic43.jpg]
-
-
-In der ganzen Welt versteht niemand so schöne Geschichten zu erzählen
-wie der alte liebe _Sandmann_. Gegen Abend, wenn die Kinder noch hübsch
-artig am Tische oder auf ihrem Stühlchen sitzen, kommt das alte Männchen
-ganz leise die Treppe herauf, denn es geht auf Socken. Husch, öffnet es
-die Thüre und streut den Kindern Sandkörnchen in die Augen, so fein, so
-fein, aber doch immer genug, daß sie nicht länger die Augen aufzuhalten
-vermögen. Deshalb sind sie auch nicht im stande, ihn zu sehen. Er
-schlüpft gerade hinter sie, bläst ihnen sanft in den Nacken und dann
-wird ihnen das Köpfchen gar schwer. O ja, aber es thut ihnen nicht weh,
-denn der Sandmann meint es mit den Kindern gerade gut. Er verlangt nur,
-daß sie ruhig sein sollen, und das sind sie am besten, wenn man sie zu
-Bette bringt.
-
-Sobald die Kinder nun schlafen, setzt sich das alte Männchen zu ihnen
-auf das Bett. Er geht stattlich einher; sein Rock ist von Seidenzeug,
-aber es ist unmöglich, die Farbe desselben zu bestimmen, denn er
-schillert grün, rot und blau, je nach welcher Richtung er sich dreht.
-Unter jedem Arm hält er einen Regenschirm, einen mit Bildern darauf,
-welchen er über die Kinder ausspannt und dann träumen sie die ganze
-Nacht die herrlichsten Geschichten, und einen ohne irgend eine
-Zeichnung. Diesen stellt er über die unartigen Kinder, damit sie ganz
-bewußtlos schlafen. Wenn sie am Morgen aufwachen, haben sie dann nicht
-das Allermindeste geträumt.
-
-Nun wollen wir hören, wie der Sandmann eine ganze Woche lang jeden Abend
-zu einem kleinen Knaben, der _Hjalmar_ hieß, kam und was er ihm
-erzählte! Es sind im ganzen sieben Geschichten, weil es sieben
-Wochentage giebt.
-
-
-_Montag._
-
-»Nun will ich dir meinen ganzen Staat zeigen,« sagte der Sandmann am
-Abend zum Hjalmar, der im Bette lag.
-
-Da verwandelten sich alle Blumen in den Blumentöpfen zu großen Bäumen,
-die ihre langen Zweige unter der Decke hin und die Wände entlang
-streckten, so daß die ganze Stube wie das herrlichste Lusthaus aussah.
-Alle Zweige waren voll Blumen, und jede Blume war schöner als eine Rose,
-duftete balsamisch und, wollte man sie essen, war sie süßer als
-Eingemachtes. Die Früchte glänzten gerade wie Gold, und Weißbrödchen
-waren da, die vor lauter Rosinen platzten -- es war unvergleichlich
-schön. Plötzlich aber ließ sich in dem Tischkasten, wo Hjalmars
-Schulbücher lagen, ein entsetzliches Jammern vernehmen.
-
-»Was ist das nur?« fragte der Sandmann, und zog den Tischkasten auf.
-Es war die Tafel, in der es zerrte und zupfte, denn es hatte sich eine
-falsche Zahl in das Rechenexempel eingeschlichen, so daß die Zahlen
-auseinander laufen wollten. Der Griffel hüpfte und sprang an seiner
-Schnur, als stellte er einen kleinen Hund vor, der dem Rechenexempel
-helfen möchte, aber er war es nicht im Stande. Und dann jammerte es auch
-in Hjalmars Schreibebuch, daß es ordentlich häßlich mit anzuhören war.
-Auf jeder Seite standen der Länge nach von oben nach unten sämtliche
-große Buchstaben, ein jeder mit einem kleinen zur Seite, einer hinter
-dem andern. Das bildete die Vorschrift, und neben dieser standen wieder
-einige Buchstaben, die sich einbildeten, ebenso auszusehen, weil sie aus
-Hjalmars eigener Feder herrührten. Aber, o weh! sie sahen fast aus, als
-ob sie über die Linien, auf denen sie doch stehen sollten, gestolpert
-wären.
-
-»Seht, so solltet ihr euch halten!« sagte die Vorschrift. »Seht, etwas
-schräg, aber mit kräftigem Schwung!« -- »O, wir wollen gern,« sagten
-Hjalmars Buchstaben, »aber wir können nicht, wir sind so schlimm und
-unwissend!« -- »Dann sollt ihr Kinderpulver bekommen!« sagte der
-Sandmann. -- »O nein!« riefen sie und dann standen sie mit einem male
-kerzengerade, daß es eine Lust war. -- »Heute werden keine Geschichten
-erzählt!« sagte der Sandmann. »Jetzt muß ich sie einexerzieren! Eins,
-zwei! Eins, zwei!« Nun exerzierte er die Buchstaben ein, und sie standen
-so gerade und gesund da, wie nur eine Vorschrift immer stehen kann. Als
-aber der Sandmann ging und Hjalmar am Morgen nachsah, da waren sie eben
-so jämmerlich wie zuvor.
-
-
-_Dienstag._
-
-Sobald Hjalmar im Bette war, benetzte der Sandmann mit seiner kleinen
-Zauberspritze alle Möbel in der Stube, und sofort begannen sie zu
-plaudern und plauderten sämtlich von sich selbst.
-
-Über der Kommode hing ein großes Gemälde in einem reich vergoldeten
-Rahmen, welches eine herrliche Landschaft darstellte. Als der Sandmann
-dasselbe mit seiner Zauberspritze benetzt hatte, begannen die Vögel
-darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken flogen so
-natürlich, daß man ihren Schatten über die Landschaft konnte
-dahinschweben sehen.
-
-Nun hob der Sandmann den kleinen Hjalmar so hoch, daß derselbe seine
-Füße in den Rahmen hineinstellen konnte und zwar gerade in das hohe
-Gras. Da stand er nun. Die Sonne schien durch die Zweige auf ihn
-hernieder. Er lief hin an das Wasser und setzte sich in ein kleines
-Boot, welches da lag. Es war rot und weiß angestrichen, die Segel
-leuchteten wie Silber, und zwei herrliche, schneeweiße Schwäne kamen
-herbei, spannten sich vor das Boot und zogen es an dem grünen Walde
-vorüber. Die prächtigsten Fische mit silbernen und goldenen Schuppen
-schwammen hinter dem Boote her; bisweilen schnellten sie über das Wasser
-empor, daß es plätscherte, und Vögel flogen in zwei langen Reihen hinten
-nach, die Mücken tanzten und die Maikäfer brummten »bum, bum«. Alle
-wollten Hjalmar folgen und jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.
-
-Das war allerdings eine Segelfahrt, wie sie sein mußte! Bald waren die
-Wälder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Park mit
-Sonnenschein und Blumen, und große Schlösser von Glas und Marmor lagen
-darin. Auf den Altanen standen Prinzessinen, und alle waren kleine
-Mädchen, die Hjalmar recht wohl kannte, denn er hatte schon früher mit
-ihnen gespielt. Bei jedem Schlosse standen kleine Prinzen Schildwache.
-Sie schulterten mit goldenen Säbeln und ließen Rosinen und Zinnsoldaten
-regnen. Das waren wirkliche Prinzen.
-
-Bald segelte Hjalmar durch Wälder, bald gerade durch große Säle oder
-mitten durch eine Stadt. Er kam auch durch diejenige, in welcher sein
-Kindermädchen wohnte, das gute Mädchen welches ihn getragen hatte, als
-er ein ganz, ganz kleiner Knabe war und das ihn so lieb gehabt. Dasselbe
-nickte und winkte und sang den niedlichen Vers, den es selbst gedichtet
-und Hjalmar gesandt hatte:
-
- Ich denke dein in mancher Stund',
- Du süßes Kind, du Liebling mein!
- Ich hab' geküßt dir deinen Mund,
- Die Stirne, Wangen, rot und fein!
- Dein erstes Wort vernahm mein Ohr!
- Doch mußt' ich fort, vergiß mein nicht!
- Gott segne dich, den ich verlor,
- Du Engel aus des Herren Licht!
-
-Und alle Vögel sangen mit, die Blumen tanzten auf ihren Stengeln und die
-alten Bäume nickten, als ob der Sandmann auch ihnen Geschichten
-erzählte.
-
-
-_Mittwoch._
-
-Nein, wie der Regen herniederströmte! Hjalmar konnte es im Schlafe
-hören, und als der Sandmann ein Fenster öffnete, stand das Wasser gerade
-bis an das Fenster hinauf. Ein ganzer See wälzte sich schon da draußen
-und das prächtigste Schiff lag hart vor dem Hause.
-
-»Willst du mitsegeln, kleiner Hjalmar?« fragte der Sandmann, »dann
-kannst du heute Nacht nach fremden Ländern reisen und morgen doch wieder
-hier sein!«
-
-Im Nu stand da Hjalmar in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem
-prächtigen Schiffe und sofort heiterte sich das Wetter auf und sie
-segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche, und nun war alles
-eine große, wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu
-erblicken war. Sie bemerkten auch eine Schar Störche, die gleichfalls
-die Heimat verlassen hatten und nach den warmen Ländern wollten. Ein
-Storch flog dicht hinter dem anderen und sie waren schon weit, weit
-geflogen. Einer derselben war so müde, daß ihn seine Flügel kaum noch
-länger zu tragen vermochten. Er blieb hinter den anderen zurück, machte
-noch ein paar Flügelschläge, dann ließ er sich hinabsinken und -- bums!
-da stand er auf dem Verdecke.
-
-Da nahm ihn der Schiffsjunge und sperrte ihn in das Hühnerhaus zu den
-Hühnern, Enten und Truthähnen. Der arme Storch stand ganz
-eingeschüchtert mitten unter ihnen.
-
-»Seht ihr den nicht?« gackerten alle Hühner.
-
-Der kalekutische Hahn blies sich aus Leibeskräften auf und fragte ihn,
-wer er wäre? Die Enten gingen rückwärts und stießen einander an: »Spute
-dich, spute dich!«
-
-Der Storch erzählte vom warmen Afrika, von den Pyramiden und vom
-Strauße, der wie ein wildes Pferd durch die Wüste dahinstürme, aber die
-Enten verstanden nicht, was er sagte, und darum stießen sie einander an:
-»Wir sind wohl einig darüber, daß er dumm ist?«
-
-»Ja, er ist sicherlich dumm!« sagte der kalekutische Hahn und kollerte
-dann. Da schwieg der Storch ganz still und dachte an sein Afrika.
-
-Aber Hjalmar ging hin zum Hühnerhause, öffnete die Thüre, rief den
-Storch und dieser hüpfte auf das Verdeck zu ihm hinaus. Nun hatte er
-sich ausgeruht, und es war gerade, als ob er Hjalmar zunickte, um sich
-bei ihm zu bedanken. Darauf breitete er seine Schwingen aus und flog
-nach den warmen Ländern, aber die Hühner gluckten, die Enten
-schnatterten und der kalekutische Hahn wurde ganz rot am Kopfe.
-
-»Morgen wollen wir Suppe von euch kochen!« sagte Hjalmar und da erwachte
-er und lag in seinem Bettchen.
-
-
-_Donnerstag._
-
-»Weißt du was?« sagte der Sandmann, »fürchte dich nur nicht; hier wirst
-du eine kleine Maus gewahren!« und dabei hielt er ihm seine Hand mit dem
-leichten, niedlichen Tierchen hin. »Sie ist gekommen, dich zur Hochzeit
-einzuladen. Hier sind zwei Mäuschen, die heute Nacht in den Ehestand
-treten wollen. Sie wohnen unter dem Fußboden in deiner Mutter
-Speisekammer.«
-
-»Aber wie kann ich durch das kleine Mäuseloch im Fußboden
-hindurchkommen?« fragte Hjalmar.
-
-»Laß mich nur machen!« versetzte der Sandmann. »Ich will dich schon
-klein genug bekommen!« Darauf benetzte er Hjalmar mit seiner
-Zauberspritze, der nun sofort kleiner und kleiner wurde, bis er zuletzt
-nur fingergroß war.
-
-»Nun kannst du dir vom Zinnsoldaten die Kleider borgen, ich denke, sie
-werden dir jetzt schon passen, und es nimmt sich gut aus, sich in
-Gesellschaft in Uniform zu zeigen.«
-
-»Jawohl!« sagte Hjalmar, und dann war er im Augenblicke wie der
-niedlichste Zinnsoldat angekleidet.
-
-»Wollen Sie nicht so freundlich sein, sich in Ihrer Frau Mutter
-Fingerhut zu setzen?« sagte die kleine Maus, »dann werde ich die Ehre
-haben, Sie zu ziehen!«
-
-»O Himmel! Will sich das Fräulein selbst bemühen!« sagte Hjalmar, und so
-fuhren sie zur Mäusehochzeit.
-
-Zuerst gelangten sie in einen weitläufigen Gang unter dem Fußboden, der
-nicht höher war, als daß sie ohne anzustoßen mit dem Fingerhut darin
-fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holz erleuchtet.
-
-»Riecht es hier nicht prächtig?« sagte die Maus, welche ihn zog. »Der
-ganze Gang ist mit Speckschwarten eingerieben.«
-
-Nun kamen sie in den Brautsaal hinein; hier standen zur Rechten alle die
-kleinen Mäusefräulein, und die zischelten und tuschelten, als ob sie
-sich über einander lustig machten. Zur Linken standen alle jungen
-Mäuseherren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; aber mitten
-im Kreise erblickte man das Brautpaar. Sie standen in einer ausgehöhlten
-Käserinde.
-
-Immer mehr und mehr Fremde erschienen; es fehlte nicht viel, so hätten
-die Mäuse einander tot getreten; dazu hatte sich das Brautpaar mitten in
-die Thür gestellt, so daß man weder hinein noch hinaus gelangen konnte.
-Wie der Gang, so war auch das ganze Zimmer mit Speckschwarten
-eingerieben; das war die ganze Bewirtung; indes wurde zum Nachtisch eine
-Erbse vorgewiesen, in welche eine kleine Maus aus der Familie die Namen
-des Brautpaares hineingebissen, d.h. die ersten Buchstaben. Es war etwas
-ganz Außerordentliches.
-
-Alle Mäuse versicherten, es wäre eine ausgezeichnete Hochzeit und die
-Unterhaltung wäre sehr vergnügt gewesen.
-
-Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause. Er war zwar in vornehmer
-Gesellschaft gewesen, hatte aber auch gehörig zusammenkriechen, sich
-klein machen und in Zinnsoldaten-Uniform erscheinen müssen.
-
-
-_Freitag._
-
-»Was werden wir denn diese Nacht unternehmen?« fragte Hjalmar.
-
-»Ich weiß nicht, ob du heute Nacht wieder Lust hast, eine Hochzeit
-mitzumachen. Sie ist freilich anderer Art als die gestrige. Deiner
-Schwester große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann
-heißt, soll sich mit der Puppe Bertha verheiraten, und da außerdem
-derselben Geburtstag ist, wird es an Geschenken nicht fehlen. Da sieh
-einmal!«
-
-Mit diesen Worten deutete der Sandmann nach dem Tische. Auf demselben
-stand das kleine Papphaus mit Licht in den Fenstern, und alle
-Zinnsoldaten präsentierten vor der Thüre desselben das Gewehr. Das
-Brautpaar saß, ein Jedes gegen einen Tischfuß gelehnt, ganz gedankenvoll
-da, und dazu hatte es auch Grund genug. Aber der Sandmann, angethan mit
-der Großmutter schwarzem Rocke, vollzog die Trauung. Nach Beendigung
-derselben stimmten alle Möbel in der Stube folgendes Lied an:
-
- Es brause unser Lied empor
- Für's teure Paar in hellem Chor.
- Sie stehen beide wie ein Pflock,
- Denn Handschuhleder ist ihr Rock!
- :,: Hurrah! Hurrah! dem schönen Paar,
- Das unsrer Stube Zierde war! :,:
-
-Und nun überreichte man ihnen Geschenke, doch hatten sie sich alle
-Eßwaren verbeten.
-
-»Wollen wir nun das Landleben genießen, oder eine Hochzeitsreise
-antreten?« fragte der Bräutigam. Darauf wurde die Schwalbe, die sich in
-vielen Ländern umgesehen, und die alte Hofhenne, welche fünfmal Küchlein
-ausgebrütet hatte, zu Rate gezogen. Die Schwalbe erzählte von den
-schönen, warmen Ländern, wo die Weintrauben groß und schwer an den
-Stöcken hängen, wo die Luft so mild wäre und die Berge Farben hätten,
-wie man sie hier zu Lande niemals an denselben sieht.
-
-»Es fehlt ihnen aber doch unser Grünkohl!« sagte die Henne. »Ich brachte
-einen Sommer mit allen meinen Kücheln auf dem Lande zu. Dort war eine
-Sandgrube, in der wir umhergehen und scharren konnten. Auch hatten wir
-Zutritt zu einem Garten mit Grünkohl! O wie grün der war! Ich kann mir
-nichts Schöneres denken!«
-
-»Aber ein Kohlkopf sieht wie der andere aus,« sagte die Schwalbe, »und
-dann herrscht hier oft so unangenehme Witterung!«
-
-»O, daran hat man sich schon gewöhnt!« sagte die Henne.
-
-»Aber hier ist es kalt, es friert!«
-
-»Das ist für den Kohl gerade dienlich!« sagte die Henne. »Übrigens kann
-es auch bei uns sehr warm sein. Hatten wir nicht vor vier Jahren einen
-Sommer, wo fünf Wochen lang eine solche Hitze war, daß man kaum atmen
-konnte? Dann leben aber bei uns auch keine giftigen Tiere, wie in jenen
-Ländern, und wir sind frei von Räubern! Ein Bösewicht kann der nur sein,
-welcher unser Land nicht für das schönste hält! Er verdiente wahrlich
-nicht, hier zu weilen!« Weinend unterbrach sich die Henne und setzte
-dann schluchzend hinzu: »Auch ich bin gereist! Ich bin einmal in einem
-Korbe über zwölf Meilen weit gefahren! Das Reisen gewährt
-schlechterdings kein Vergnügen!«
-
-»Ja, die Henne ist eine vernünftige Frau!« sagte die Puppe Bertha. »Ich
-halte nichts davon, eine Gebirgsreise zu unternehmen, denn kaum ist man
-oben, so geht es gleich wieder hinunter! Nein, wir wollen hübsch nach
-der Sandgrube hinausziehen und uns im Kohlgarten ergehen!«
-
-Und dabei blieb es!
-
-
-_Sonnabend._
-
-»Erzählst du mir nun Geschichten?« fragte der kleine Hjalmar, sobald ihn
-der Sandmann zu Bette gebracht hatte.
-
-»Heute abend haben wir nicht Zeit dazu,« sagte der Sandmann und spannte
-seinen schönen Regenschirm über ihn auf. »Sieh nur diese Chinesen an!«
-Der ganze Schirm glich einer großen chinesischen Schale mit blauen
-Bäumen und spitzen Brücken und kleinen Chinesen darauf, die dastanden
-und mit dem Kopfe nickten. »Wir müssen bis morgen die ganze Welt schön
-aufgeputzt haben,« sagte der Sandmann, »es ist dann ja ein heiliger Tag,
-es ist Sonntag. Ich will auf den Kirchturm steigen, um nachzusehen, ob
-die kleinen Kirchengeister die Glocken putzen, damit ihr Geläute schön
-klingt; und was die allerschwierigste Arbeit ist, ich will alle Sterne
-herunterholen, um sie aufzupolieren. Aber erst müssen sie numeriert
-werden und ebenso die Löcher, in denen sie da oben sitzen, damit sie
-ihren rechten Platz wieder erhalten können, sonst würden sie nicht
-festsitzen und wir bekämen zu viel Sternschnuppen, indem einer nach dem
-andern herabpurzelte!«
-
-»Hören Sie, wissen Sie was, Herr Sandmann!« begann ein altes Portrait,
-welches an der Wand hing, an welcher Hjalmar schlief, »ich bin Hjalmars
-Urgroßvater. Ich danke Ihnen zwar, daß Sie dem Knaben Geschichten
-erzählen, aber Sie dürfen doch seine Begriffe nicht verwirren. Die
-Sterne können nicht heruntergeholt und geputzt werden! Die Sterne sind
-Weltkörper, gerade so wie unsere Erde, und das ist eben das Gute an
-ihnen.«
-
-»Besten Dank, du alter Urgroßvater!« sagte der Sandmann, »besten Dank!
-Du bist ja das Haupt der Familie, du bist das Urhaupt! Aber ich bin
-älter als du. Ich bin ein alter Heide. Die Römer und Griechen nannten
-mich den Traumgott. Ich bin in die vornehmsten Häuser gekommen und komme
-noch hinein. Ich verstehe mit Niedrigen wie mit Großen umzugehen! Nun
-kannst du statt meiner erzählen!« Nach diesen Worten verließ der
-Sandmann verdrießlich das Zimmer und nahm seinen Schirm mit.
-
-»Nun, man wird doch wohl seine Meinung noch sagen dürfen!« brummte das
-alte Portrait.
-
-Und da erwachte Hjalmar.
-
-
-_Sonntag._
-
-»Guten Abend!« sagte der Sandmann, und Hjalmar nickte, drehte aber
-gleich des Urgroßvaters Portrait gegen die Wand um, damit es nicht wie
-gestern mitsprechen könnte.
-
-»Nun mußt du mir Geschichten erzählen: von den fünf grünen Erbsen, die
-in einer Schote wohnten, von Hahnenfuß, der Hennenfuß den Hof machte,
-und von der Stopfnadel, deren Spitze so fein war, daß sie sich
-einbildete, eine Nähnadel zu sein!«
-
-»Man kann auch des Guten zuviel bekommen!« sagte der Sandmann. »Ich
-zeige dir am liebsten etwas, wie du weißt! Ich will dir meinen Bruder
-zeigen, aber der kommt zu niemand öfter als einmal. Tritt er zu jemand
-heran, so nimmt er ihn mit auf sein Pferd und erzählt ihm Geschichten.
-Er weiß nur zwei, die eine ist so unvergleichlich schön, wie sich
-niemand in der Welt vorstellen kann; und die andere ist über alle
-Beschreibung häßlich und abscheulich!« Darauf hob der Sandmann den
-kleinen Hjalmar zum Fenster empor und sagte: »Dort wirst du meinen
-Bruder sehen, welchen sie auch den _Tod_ nennen. Siehst du, sein Rock
-ist mit Silberstickerei verziert, er trägt eine stattliche
-Husarenuniform; ein Mantel von schwarzem Sammet flattert bis über das
-Pferd hinaus! Sieh, wie er im Galopp dahinjagt!«
-
-Und Hjalmar sah, wie der Tod vorwärts eilte und junge wie alte Leute auf
-sein Pferd nahm; einige setzte er vorn, andere hinten auf, aber immer
-fragte er erst: »Wie steht es mit dem Censurbuche?« -- »Gut!« sagten sie
-sämtlich. -- »Ja, laß mich nur selbst sehen!« erwiderte er, und dann
-mußten sie ihm das Buch zeigen. Alle nun, die »Sehr gut« und
-»Ausgezeichnet« hatten, kamen vorn auf das Pferd und ihnen erzählte er
-die herrliche Geschichte; doch diejenigen, welche »Ziemlich gut« und
-»Mittelmäßig« hatten, mußten hinten auf und die häßliche Geschichte mit
-anhören. Sie schauderten und weinten, sie wollten vom Pferde springen,
-vermochten es aber nicht, denn sie waren sofort fest an demselben
-angewachsen.
-
-»Das ist aber der herrlichste Sandmann!« sagte Hjalmar, »vor dem fürchte
-ich mich nicht!«
-
-»Das sollst du auch nicht!« sagte das Männchen. »Sorge nur dafür, daß du
-ein gutes Sittenzeugnis erhältst!« --
-
-Das ist nun die Geschichte vom Sandmann! Lasse dir heute abend mehr von
-ihm erzählen.
-
-
-
-
-Die Theekanne.
-
- [Abbildung/Illustration: capI45.jpg]
-
-
-Ich kannte einmal eine stolze Theekanne, stolz auf ihr Porzellan, stolz
-auf ihre lange Tülle, stolz auf ihren breiten Henkel. Und davon sprach
-sie gern; von ihrem Deckel dagegen sprach sie nicht; er hatte seine
-Mängel, und davon spricht man nicht gern, das thun schon die Andern zur
-Genüge. Die Tassen, der Sahnentopf und die Zuckerschale, kurzum das
-ganze Theegeschirr würden sicherlich die Gebrechlichkeit des Deckels
-nicht vergessen, und weit mehr davon reden, als von dem guten Henkel und
-der ausgezeichneten Tülle; das wußte die Theekanne.
-
-»Oh, ich kenne sie!« sprach sie für sich selbst; »ich erkenne auch
-ebensogut meine Mängel, und darin besteht meine Demut. Mängel haben wir
-ja alle, aber man hat dann auch wieder seine besondere Begabung. Die
-Tassen erhielten einen Henkel, die Zuckerschale einen Deckel, ich
-erhielt beides und noch eine Tülle, die mich zur Königin am Theetische
-macht. Die andern zwei sind nur Dienerinnen des Wohlgeschmacks, ich aber
-bin die Spendende, die Herrscherin, ich verbreite Segen unter der
-durstenden Menschheit; in meinem Innern werden die Theeblätter in dem
-kochenden Wasser verarbeitet.«
-
-Dies alles sagte die Theekanne in ihrer sorglosen Jugendzeit. Sie stand
-auf dem gedeckten Tische, sie wurde von der feinsten Hand gehoben. Aber
-die feinste Hand war linkisch, die Theekanne fiel, die Tülle brach ab,
-der Henkel brach ab, vom Deckel verlohnt sich's gar nicht erst zu reden.
-Besinnungslos lag die Kanne am Boden, weithin entströmte ihr das
-kochende Wasser.
-
-»Nie werde ich diesen entsetzlichen Augenblick vergessen!« sagte die
-Theekanne, wenn sie später sich selbst ihren Lebenslauf erzählte. »Ich
-wurde Invalide genannt, in einen Winkel gesetzt und einer armen Frau
-geschenkt. Ich stieg nun zur Armut hernieder und stand zwecklos da, aber
-gerade da, wo ich stand, begann mein besseres Leben. Erde wurde in mich
-hineingepackt; für eine Theekanne ist das ebensogut, wie begraben zu
-werden, aber in die Erde wurde eine Blumenzwiebel gelegt. Wer sie
-hineinlegte, wer sie mir schenkte, weiß ich nicht, aber geschenkt wurde
-sie mir. Und die Zwiebel lag in der Erde, die Zwiebel lag in mir, sie
-wurde mein lebendiges Herz, wie ich es nie vorher gehabt hatte. Leben
-und Kraft lag in mir, allerlei Kräfte regten sich: der Puls schlug, die
-Zwiebel keimte, die in ihr schlummernden Gefühle brachen in einer
-schönen Blume hervor. Ich sah sie, ich trug sie, ich vergaß mich selbst
-in ihrer Schönheit. Sie sagte mir keinen Dank, sie dachte nicht an mich;
-sie wurde bewundert und gepriesen. Ich war so froh darüber. Wie hätte
-ich es nicht sein müssen! Eines Tages vernahm ich, wie gesagt wurde, sie
-verdiene einen besseren Topf. Man zerbrach mich in Stücke. Oh, das that
-schrecklich weh, aber die Blume kam in einen besseren Topf. Und ich? Ich
-wurde hinausgeworfen in den Hof, ich liege nun als alter Scherben da.
-Aber in mir lebt die Erinnerung fort und die kann mir niemand rauben.«
-
-
-
-
-Die Blumen der kleinen Ida.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capT46.jpg, pic49.jpg]
-
-
-»Tausend noch einmal, sind meine armen Blumen welk!« rief bestürzt die
-kleine _Ida_. »Gestern abend waren sie noch so schön und nun hängen sie
-alle vertrocknet die Köpfchen. Warum thun sie das?« fragte sie den
-Studenten, den sie sehr gern hatte, weil er schöne Geschichten wußte und
-drollige Bilder ausschnitt: Herzen mit kleinen Mädchen darin, welche
-tanzten, und große Schlösser, deren Thüren sich öffnen ließen.
-
-»Ja, weißt du, was deinen Blumen fehlt?« sagte der Student, »sie sind
-heute Nacht auf dem Balle gewesen und deshalb lassen sie die Köpfe
-hängen.«
-
-»Aber die Blumen können ja nicht tanzen!« sagte die kleine Ida.
-
-»O ja!« sagte der Student, »sobald es dunkel wird und wir andern
-schlafen, dann springen sie lustig umher; fast jede Nacht haben sie
-Ball.«
-
-»Kann denn ein Kind mit auf den Ball kommen?«
-
-»Ja,« sagte der Student, »die kleinen niedlichen Gänseblümchen und
-Maiblümchen.«
-
-»Wo tanzen die schönen Blumen?« fragte die kleine Ida.
-
-»Bist du nicht öfters vor dem Thore bei dem großen Schlosse gewesen, wo
-der König im Sommer wohnt und der schöne Garten mit den vielen Blumen
-ist? Du hast ja die Schwäne gesehen, die auf dich zuschwimmen, wenn du
-ihnen Brotkrümchen geben willst. Dort findet wirklich Ball statt, das
-kannst du mir glauben!«
-
-»Erst gestern ging ich mit meiner Mutter draußen im Garten!« sagte Ida,
-»aber an allen Bäumen fehlten die Blätter und es waren gar keine Blumen
-mehr da! Wo sind sie? Im Sommer sah ich so viele!«
-
-»Die sind drinnen im Schlosse!« sagte der Student. »Du mußt wissen,
-sobald der König und alle Hofleute wieder in die Stadt ziehen, dann
-laufen die Blumen sofort aus dem Garten auf das Schloß und sind lustig.
-Das solltest du einmal sehen. Die beiden reizendsten Rosen setzen sich
-auf den Thron und sind dann König und Königin. Die großen Hahnenkämme
-stellen sich alle an der Seite auf und stehen und verneigen sich. Das
-sind die Kammerjunker. Nun kommen die niedlichsten Blumen und dann ist
-da großer Ball. Die blauen Veilchen stellen kleine Seekadetten vor, sie
-tanzen mit Hyazinthen und Crocus, welche sie Fräulein anreden. Die
-Tulpen und Feuerlilien, das sind Matronen, die passen auf, daß recht
-schön getanzt wird und alles fein ordentlich hergeht.«
-
-»Aber,« fragte die kleine Ida, »ist denn niemand da, der die Blumen
-dafür bestraft, daß sie in des Königs Schlosse tanzen?«
-
-»Es ist niemand da, der darüber etwas Genaues wüßte!« sagte der Student.
-»Mitunter kommt des Nachts freilich der alte Schloßverwalter, der da
-draußen die Aufsicht zu führen hat. Sobald aber die Blumen sein großes
-Schlüsselbund rasseln hören, verhalten sie sich ganz still, verstecken
-sich hinter den langen Vorhängen und stecken den Kopf hervor. »»Mein
-Geruch sagte es mir, es sind hier Blumen im Saale!«« sagt der alte
-Schloßverwalter, aber sehen kann er sie nicht.«
-
-»Das ist drollig,« sagte die kleine Ida und klatschte in die Hände.
-»Aber könnte ich denn die Blumen nicht auch sehen?«
-
-»O ja!« sagte der Student, »vergiß nur nicht, sobald du wieder
-hinauskommst, durch das Fenster zu schauen, dann siehst du sie sicher.
-Das that ich heute, da lag eine lange Narcisse im Sofa und dehnte sich;
-das war eine Hofdame.«
-
-»Kommen auch die Blumen aus dem botanischen Garten da hinaus? Können sie
-den weiten Weg machen?«
-
-»Jawohl!« sagte der Student, »denn, sobald sie wollen, können sie
-fliegen. Hast du nicht schon die herrlichen Schmetterlinge gesehen, die
-roten, gelben und weißen? Sie sehen fast wie Blumen aus und sind es auch
-gewesen. Sie sind vom Stengel hoch hinauf in die Luft gesprungen und
-haben dann mit ihren Blättern wie mit kleinen Flügeln geschlagen, und
-nun flogen sie. Da sie sich gut aufführten, durften sie auch am Tage
-fliegen, brauchten nicht wieder nach Hause zu kommen und still auf dem
-Stengel zu sitzen, und so wurden diese Blätter schließlich wirkliche
-Flügel. Das hast du ja selbst gesehen.«
-
-»Ach wie drollig!« sagte die kleine Ida und lachte.
-
-»Wie kann man einem Kinde dergleichen vorreden!« sagte der mürrische
-Kanzleirat, welcher zum Besuch gekommen war und im Sofa saß. Er konnte
-den Studenten gar nicht leiden und brummte stets, wenn er ihn die
-komischen Bilder ausschneiden sah.
-
-Aber der kleinen Ida kam es doch ganz lustig vor, was ihr der Student
-von ihren Blumen erzählte und sie dachte viel daran.
-
-Die Blumen ließen also die Köpfe hängen, weil sie vom nächtlichen Tanze
-müde waren; sie waren gewiß krank. Im Puppenbette lag ihre Puppe Sophie
-und schlief, aber die kleine Ida sagte zu ihr: »Du mußt leider
-aufstehen, Sophie, und damit fürlieb nehmen, heute Nacht im Schubfache
-zu liegen; die armen Blumen sind krank und da müssen sie in deinem Bette
-liegen; vielleicht werden sie dann wieder frisch und wohl!« Damit nahm
-sie die Puppe heraus, die sehr ärgerlich aussah und kein einziges Wort
-sagte, denn es verdroß sie, daß sie nicht ihr Bett behalten durfte.
-
-Dann legte Ida die Blumen in das Puppenbett, zog die kleine Decke ganz
-über sie und sagte, sie sollten nun hübsch stille liegen, sie würde
-ihnen dann Thee kochen, damit sie wieder wohl und frisch werden und
-morgen wieder aufstehen könnten. Die Vorhänge zog sie dicht um das
-kleine Bett, damit die Sonne ihnen nicht in die Augen scheinen sollte.
-
-Auch den ganzen Abend hindurch konnte sie sich nicht enthalten, an das
-zu denken, was ihr der Student erzählt hatte. Als sie nun selbst zu Bett
-sollte, huschte sie erst hinter die Gardinen vor den Fenstern, wo die
-prächtigen Blumen ihrer Mutter, Hyazinthen und Tulpen, standen, und
-flüsterte ihnen ganz leise zu: »Ich weiß es nun, ihr sollt heute Nacht
-auf den Ball!« Aber die Blumen thaten, als verständen sie nichts und
-rührten kein Blatt, allein die kleine Ida wußte doch, was sie wußte.
-
-Als sie nun zu Bett gegangen war, lag sie noch lange und dachte, wie
-hübsch es doch sein müßte, die herrlichen Blumen draußen auf dem
-Schlosse des Königs tanzen zu sehen. »Ob meine Blumen wohl wirklich mit
-dabei gewesen sind?« Dann fiel sie aber in Schlaf. In der Nacht erwachte
-sie wieder. Sie hatte von den Blumen und dem Studenten geträumt, den der
-Kanzleirat ausgezankt und dabei gesagt hatte, er wollte ihr bloß etwas
-weis machen. In der Schlafkammer, wo Ida lag, war es ganz stille; die
-Nachtlampe brannte auf dem Tische und ihr Vater und ihre Mutter
-schliefen.
-
-»Ob meine Blumen jetzt wohl in Sophiens Bett liegen?« sagte sie bei sich
-selbst; »ich möchte es doch gar zu gern wissen!« Sie richtete sich ein
-wenig auf und blickte nach der Thüre. Sie war nur angelehnt und drinnen
-lagen die Blumen und all ihr Spielzeug. Sie lauschte und da war es ihr,
-als hörte sie drinnen in der Stube auf dem Klavier spielen, aber ganz
-leise und so hübsch, wie sie nie zuvor gehört hatte.
-
-»Jetzt tanzen gewiß alle Blumen drinnen!« sagte sie; »ach, wie gern
-möchte ich es doch sehen!« aber sie durfte nicht aufstehen, weil sie
-sonst Vater und Mutter geweckt hätte. »Wenn sie doch nur hereinkommen
-wollten!« sagte sie; aber die Blumen kamen nicht. Als nun die hübsche
-Musik immer weiter spielte, konnte sie es nicht länger mehr aushalten,
-denn es war zu herrlich. Unhörbar kletterte sie aus ihrem kleinen Bette,
-ging ganz leise nach der Thüre und sah in die Stube hinein. Nein, war
-das drollig, was sie nun zu sehen bekam!
-
-Eine Nachtlampe brannte nicht darin, aber der Mond schien durch das
-Fenster mitten auf den Fußboden, so daß es fast tageshell war. Alle
-Hyazinthen und Tulpen standen in zwei langen Reihen auf dem Boden,
-am Fenster waren keine mehr zu sehen, da standen die leeren Töpfe. Auf
-dem Boden tanzten die Blumen ganz niedlich um einander herum, bildeten
-ordentliche Ketten und hielten einander an den langen grünen Blättern,
-wenn sie sich herumschwenkten. Am Klavier saß eine große Feuerlilie,
-welche die kleine Ida bestimmt im Sommer gesehen hatte, denn sie
-erinnerte sich noch ganz wohl, daß der Student gesagt hatte: »Seht nur,
-wie sie dem Fräulein Lina ähnelt!« Damals hatte Ida gelacht, aber jetzt
-sah sie, daß die lange, gelbe Blume dem Fräulein glich. Niemand bemerkte
-die kleine Lauscherin. Nun sah sie einen großen blauen Crocus mitten auf
-den Tisch springen, auf dem das Spielzeug stand, direkt auf das
-Puppenbett zugehen und die Vorhänge auf die Seite schieben. Da lagen die
-kranken Blumen, aber sie richteten sich sofort empor und nickten den
-andern auf dem Fußboden zu, daß sie auch mittanzen wollten. Der alte
-Herr auf dem Räucherkästchen, dem die Unterlippe abgebrochen war, stand
-auf und verneigte sich vor den hübschen Blumen. Sie sahen gar nicht mehr
-krank aus, hüpften unter die andern hinunter und waren recht vergnügt.
-
-Horch! War es nicht, als ob etwas vom Tische herunterfiele? Ida schaute
-hin. Es war die Fastnachtsrute, welche heruntersprang. Sie schien
-ebenfalls mit zu den Blumen zu gehören. Sie war auch sehr niedlich, und
-oben in der Spitze saß eine kleine Wachspuppe, die einen genau eben so
-breiten Hut auf dem Kopfe hatte, wie ihn der Kanzleirat trug. Die
-Fastnachtsrute hüpfte auf ihren drei roten Stelzfüßen mitten unter die
-Blumen, und stampfte, weil sie Mazurka tanzte, laut den Boden. Den Tanz
-verstanden die andern Blumen nicht, denn sie waren gar leicht und
-konnten nicht aufstampfen.
-
-Die Wachspuppe auf der Fastnachtsrute wurde plötzlich groß und lang,
-schwang sich hoch über die Papierblumen empor und rief ganz laut. »Wie
-kann man einem Kinde dergleichen vorreden! Das ist dummes Zeug!« und da
-ähnelte die Wachspuppe dem Kanzleirate mit seinem breiten Hute auf das
-täuschendste; sie sah gerade eben so gelb und brummig aus. Aber die
-Papierblumen schlugen ihn an die dünnen Beine und da schrumpfte er
-wieder zusammen und wurde eine winzig kleine Wachspuppe. Das war ein zu
-komischer Anblick! Die kleine Ida konnte sich des Lachens nicht
-enthalten.
-
-In demselben Augenblicke klopfte es ganz laut inwendig in dem
-Schubfache, wo Idas Puppe, Sophie, bei vielem anderen Spielzeug lag. Das
-Männchen auf dem Räucherkästchen lief bis an die Kante des Tisches,
-legte sich der Länge nach auf den Bauch und fing an den Schubkasten ein
-wenig herauszuziehen. Da richtete sich Sophie empor und sah sich ganz
-verwundert um. »Hier ist ja Ball!« sagte sie, »warum hat mir es denn
-niemand gesagt?«
-
-»Willst du mit mir tanzen?« fragte das Räuchermännchen.
-
-»Fürwahr, das stände mir gerade an, mit dir zu tanzen!« sagte sie und
-wandte ihm den Rücken. Hierauf setzte sie sich auf das Schubfach und
-dachte, es würde schon eine oder die andere Blume kommen und sie
-engagieren, aber es kam keine. Nun hustete sie, hm, hm, hm, aber
-gleichwohl kam keine. Das Räuchermännchen tanzte ganz allein und gar
-nicht so übel.
-
-Da nun keine der Blumen Sophie zu sehen schien, ließ sie sich vom
-Schubfach gerade auf den Boden herabgleiten, so daß ein großer Lärm
-entstand. Alle Blumen umringten sie auch gleich und fragten, ob sie sich
-keinen Schaden gethan hätte, und sie benahmen sich alle sehr
-zuvorkommend gegen sie, besonders die Blumen, die in ihrem Bette gelegen
-hatten. Aber sie hatte keinen Schaden genommen und alle Blumen Idas
-dankten ihr für das prächtige Bett und bewiesen ihr große Zuneigung. Sie
-zogen sie mit sich bis mitten auf den Boden, wo der Mond schien, tanzten
-mit ihr und alle andern Blumen schlossen einen Kreis um sie. Nun war
-Sophie fröhlich und sagte, sie möchten getrost ihr Bett behalten, sie
-läge eben so gern im Schubfache.
-
-Aber die Blumen sagten: »Empfange unsern besten Dank, allein wir können
-nicht mehr lange leben; morgen sind wir tot; sage aber der kleinen Ida,
-sie möchte uns draußen im Garten dort, wo der Kanarienvogel liegt,
-begraben. Dann würden wir im Sommer noch weit schöner wieder aufblühen!«
-
-»Nein, ihr dürft nicht sterben!« sagte Sophie und küßte dann die Blumen.
-In dem Augenblicke ging die Saalthüre auf und eine große Menge
-prachtvoller Blumen tanzte herein. Ida konnte sich gar nicht denken,
-woher sie gekommen waren; es waren gewiß die Blumen draußen vom Schlosse
-des Königs. An der Spitze gingen zwei herrliche Rosen und trugen kleine
-Goldkronen, das war ein König und eine Königin. Darauf folgten die
-niedlichsten Levkojen und Nelken, die nach allen Seiten hin grüßten. Sie
-hatten Musik mit sich, große Mohnblüten und Päonien bliesen auf
-Erbsenschoten, so daß sie ganz rot im Gesicht waren. Die blauen
-Glockenblumen und die kleinen weißen Schneeglöckchen klingelten, als ob
-sie Schellen trügen. Das war eine komische Musik. Dann kamen gar viele
-andere Blumen und tanzten allesamt, die blauen Veilchen und die roten
-Tausendschön, die Gänseblümchen und Maiblümchen. Und alle Blumen küßten
-einander, was sehr niedlich anzusehen war.
-
-Schließlich sagten die Blumen einander gute Nacht. Da schlich sich denn
-auch die kleine Ida in ihr Bett, wo sie von allem, was sie gesehen
-hatte, träumte.
-
-Als sie am nächsten Morgen aufstand, ging sie sogleich zu dem kleinen
-Tische, um zu sehen, ob die Blumen noch dort wären. Sie zog den Vorhang
-vor dem kleinen Bett zur Seite, ja, da lagen sie sämtlich, aber sie
-waren ganz welk, weit mehr als gestern. Sophie lag im Schubfache, wohin
-Ida sie gelegt hatte; sie sah sehr schläfrig aus.
-
-»Kannst du dich auf das besinnen, was du mir sagen solltest?« fragte die
-kleine Ida, allein Sophie machte ein dummes Gesicht und sagte auch nicht
-ein einziges Wort.
-
-»Du bist gar nicht artig,« sagte Ida, »und doch tanzten sie sämtlich mit
-dir.« Dann nahm sie ein Papierschächtelchen, das mit niedlichen Vögeln
-bemalt war, öffnete es und legte die toten Blumen hinein. »Das soll euer
-hübscher Sarg sein,« sagte sie, »und wenn später _Jonas_ und _Adolph_
-kommen, da sollen sie bei dem Begräbnisse draußen im Garten mit zugegen
-sein, damit ihr im Sommer wieder wachsen könnt und noch weit schöner
-werdet!«
-
-Jonas und Adolph waren zwei frische Knaben und Spielgenossen von Ida;
-ihr Vater hatte jedem von ihnen eine neue Armbrust geschenkt, die sie
-bei sich hatten, um sie Ida zu zeigen. Sie erzählte ihnen von den armen
-Blumen, die gestorben waren, und dann durften sie dieselben begraben.
-Beide gingen mit ihrer Armbrust auf den Schultern voran und die kleine
-Ida folgte ihnen mit den toten Blumen in der niedlichen Schachtel.
-Draußen im Garten gruben die Kinder ein kleines Grab und Ida setzte die
-Blumen, nachdem sie dieselben noch einmal geküßt hatte, mit der
-Schachtel in die Erde. Adolph und Jonas schoßen mit der Armbrust über
-das Grab, denn sie hatten weder Flinten noch Kanonen.
-
-
-
-
-Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern.
-
- [Abbildungen/Illustrations: pic51.jpg]
-
-
-Es war entsetzlich kalt; es schneite und der Abend dunkelte bereits; es
-war der letzte Abend im Jahre, Sylvesterabend. In dieser Kälte und in
-dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit
-bloßem Kopfe und mit nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffeln
-angehabt, als es von Hause fortging, aber das waren die seiner
-verstorbenen Mutter gewesen und da sie ihr nicht paßten, so hatte sie
-die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen
-in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wieder
-aufzufinden und mit dem andern machte sich ein Knabe aus dem Staube.
-
-Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zierlichen Füßchen, die
-vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine
-Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des
-ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen
-gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und
-sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen
-auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken
-hinabfloß. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle
-Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war
-ja Sylvesterabend und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen
-Mädchens.
-
-In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter
-in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine
-kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr
-und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein
-Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Pfennig erhalten
-hatte. Es hätte gewiß vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu
-Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach über sich und der Wind pfiff
-schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen
-gestopft waren. Ach, wie gut mußte die Wärme eines Schwefelhölzchens
-thun! Wenn es nur wagen dürfte, eines aus dem Schächtelchen
-herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu
-wärmen! Endlich zog das Kind eines heraus. »Ritsch!« wie sprühte es, wie
-brannte es. Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie
-ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein
-merkwürdiges Licht; es kam dem Mädchen vor, als säße es vor einem großen
-eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer
-brannte so schön und wärmte so wohlthuend! Die Kleine streckte schon die
-Füße aus, um auch diese zu wärmen -- da erlosch die Flamme. Der Ofen
-verschwand -- sie saß mit einem Stümpfchen des ausgebrannten
-Schwefelholzes in der Hand da.
-
-Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und die Stelle
-der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde durchsichtig wie ein Flor.
-Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch gedeckt stand
-und köstlich dampfte die gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher
-war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und
-Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade auf das arme Mädchen zu.
-Da erlosch das Schwefelholz und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.
-
-Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten
-Weihnachtsbaum; er war noch größer und noch weit reicher ausgeputzt als
-der, den sie am heiligen Abende bei dem reichen Kaufmann durch die
-Glasthüre gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen
-Zweigen, und bunte Bilder schauten auf sie hernieder; die Kleine
-streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe -- da erlosch das
-Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher und
-sie sah jetzt erst, daß es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel
-herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel.
-
-»Jetzt stirbt jemand!« sagte die Kleine; denn die alte Großmutter,
-welche sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war,
-hatte gesagt: »Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!«
-
-Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten
-Lichtschein rings umher und im Glanze desselben stand die alte
-Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich da.
-
-»Großmutter!« rief die Kleine, »o nimm mich mit dir! Ich weiß, daß du
-verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest, wie der
-warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde
-Weihnachtsbaum!« Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer
-an, welche sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die
-Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen
-Glanz, daß es heller war als am lichten Tage. So schön, so groß war die
-Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm und
-hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst
-wichen von ihm -- sie waren bei Gott.
-
-Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine
-Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund -- tot, erfroren am
-letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der
-kleinen Leiche auf, welche mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein
-Schächtelchen verbrannt war, dasaß. »Sie hat sich wärmen wollen!« sagte
-man. Niemand wußte, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie
-mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.
-
-
-
-
-Die wilden Schwäne.
-
- [Abbildungen/Illustrations: pic57.jpg, tafel4.jpg]
-
-
-Weit von hier, dort, wohin die Schwalben fliegen, ehe unser Winter
-eintritt, lebte ein König, der hatte elf Söhne und eine Tochter, _Elise_
-genannt. Die elf Prinzen gingen stets mit einem Stern auf der Brust und
-dem Säbel an der Seite zur Schule. Sie schrieben mit Diamantgriffeln auf
-goldenen Tafeln. Ihre Schwester Elise saß auf einem Stühlchen von
-Spiegelglas und besaß ein Bilderbuch, welches das halbe Königreich
-gekostet hatte.
-
-Der König verheiratete sich zum zweitenmal, da er Witwer war, und zwar
-mit einer bösen Königin, welche die armen Kinder gar nicht lieb hatte.
-Schon den ersten Tag konnten sie es ganz deutlich merken. Im Schloße war
-ein großes Fest und da spielten die Kinder: »Es kommt Besuch«; aber
-während sie sonst alle Kuchen und Bratäpfel, die nur irgend aufzutreiben
-waren, erhielten, gab ihnen die Königin nur Sand in einer Tasse und
-sagte, sie könnten ja so thun, als ob es etwas wäre.
-
-In der folgenden Woche übergab sie die kleine Elise einer Bauernfamilie
-auf dem Lande, und es dauerte nicht lange, bis sie dem Könige so viel
-über die armen Prinzen in den Kopf gesetzt hatte, daß er sich nun gar
-nicht mehr um sie kümmerte.
-
-»Fliegt hinaus in die Welt und sorgt für euch selber!« sagte die böse
-Königin; »fliegt als große Vögel, ohne Stimme.« Aber so schlimm, wie sie
-beabsichtigte, konnte sie es doch nicht ausführen: die Prinzen
-verwandelten sich in elf herrliche, wilde Schwäne. Mit einem seltsamen
-Schrei flogen sie zu den Schloßfenstern hinaus über den Park und Wald
-hinweg.
-
-Es war noch ganz früh, als sie an jenem Bauernhause, in dem ihre
-Schwester gerade im Bette lag und schlief, vorbeikamen. Hier schwebten
-sie über dem Dache, drehten ihre langen Hälse hin und her und schlugen
-mit den Flügeln aber niemand sah oder hörte es. Sie mußten wieder
-weiter, hoch zu den Wolken empor, fort in die weite Welt, wo sie bis zu
-einem großen finstern Wald flogen, der sich bis an den Meeresstrand
-erstreckte.
-
- [Farbtafel/Plate]
-
-Die arme kleine Elise stand in der Bauernstube und spielte mit einem
-grünen Blatte, denn anderes Spielzeug hatte sie nicht. Sie stach ein
-Loch in das Blatt, schaute durch dasselbe zur Sonne hinauf und dann war
-es ihr gerade, als wenn sie die hellen Augen ihrer Brüder erblickte.
-
-Ein Tag verlief wie der andere. Wehte der Wind durch die großen
-Rosenhecken draußen vor dem Hause, dann flüsterte er den Rosen zu: »Wer
-kann schöner sein als ihr?« aber die Rosen schüttelten den Kopf und
-sagten: »Elise ist es!« Und saß am Sonntage die alte Hausmutter vor der
-Thüre und las in ihrem Gesangbuch, dann schlug der Wind die Blätter um
-und sagte zu dem Buche: »Wer ist frömmer als du?« -- »Elise ist es!«
-sagte das Gesangbuch.
-
-Als Elise fünfzehn Jahre alt war, sollte sie an den Hof ihres Vaters
-zurückkehren. Kaum hatte aber die Königin die auffallende Schönheit des
-Mädchens gesehen, als auch ihr Herz sogleich von Zorn und Haß gegen sie
-erfüllt wurde. Gar zu gern hätte sie nun auch ihre Stieftochter in einen
-wilden Schwan verwandelt, doch durfte sie es nicht sogleich wagen, da ja
-der König seine Tochter sehen wollte.
-
-Früh morgens ging die Königin in das Bad, nahm drei Kröten, küßte sie
-und sagte zu der einen: »Setze dich, wenn Elise in das Bad kommt, auf
-ihren Kopf, damit sie träge wird wie du!« -- »Setze dich auf ihre
-Stirn!« sagte sie zu der andern, »damit sie häßlich wird wie du, so daß
-sie ihr Vater nicht erkennt!« -- »Ruhe an ihrem Herzen!« flüsterte sie
-der dritten zu, »laß sie einen bösen Sinn bekommen, damit sie dadurch
-Pein erleidet!« Darauf setzte sie die Kröten in das klare Wasser,
-welches sofort eine grünliche Farbe annahm. Nun befahl sie Elise, ein
-Bad zu nehmen. Während dieselbe nun in dem grünlichen Wasser
-untertauchte, setzte sich ihr die eine Kröte in das Haar, die andere auf
-die Stirn und die dritte ans Herz. Elise schien es aber gar nicht zu
-bemerken. Als sie sich wieder emporrichtete, schwammen drei rote
-Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig gewesen und
-hätten sie nicht von der Hexe einen Kuß erhalten, so wären sie in rote
-Rosen verwandelt worden, Blumen aber wurden sie trotzdem, weil sie auf
-ihrem Haupte und an ihrem Herzen geruht hatten. Sie war zu fromm und
-unschuldig, als daß die Zauberkunst Gewalt über sie zu gewinnen
-vermochte.
-
-Als das die böse Königin sah, rieb sie Elise mit Walnußsaft ein, so daß
-sie ganz dunkelbraun wurde. Es war jetzt unmöglich, die hübsche Elise
-wieder zu erkennen.
-
-Als ihr Vater sie in diesem Zustand erblickte, erschrak er nicht wenig
-und erklärte, das wäre seine Tochter nicht. Niemand wollte sie wieder
-erkennen, außer dem Kettenhunde und den Schwalben, das waren aber arme
-Tiere und hatten nichts mitzusprechen.
-
-Da weinte die arme Elise und gedachte ihrer elf Brüder, die alle
-verschwunden waren. Betrübt schlich sie sich aus dem Schlosse hinaus und
-ging den ganzen Tag über Feld und Sumpf bis in den großen Wald hinein.
-Sie wußte zwar nicht, wohin sie wollte, aber in ihrer Betrübnis sehnte
-sie sich nach ihren Brüdern, die gewiß, so dachte sie, gleich ihr in die
-Welt hinausgejagt worden waren. Diese wollte sie suchen und hoffte sie
-auch zu finden.
-
-Sie war vollständig vom Wege abgekommen und die Nacht brach herein.
-Da legte sie sich dann auf das weiche Moos, sprach ihr Abendgebet und
-lehnte ihr Köpfchen gegen einen Baumstumpf. Dort war es so still, die
-Luft war so mild, und ringsumher im Grase und auf dem Moose funkelten,
-wie in grünlichem Feuer, hunderte von Leuchtkäferchen. Als sie einen
-Zweig mit der Hand berührte, fielen die leuchtenden Insekten wie
-Sternschnuppen zu ihr hernieder.
-
-Die ganze Nacht träumte sie von ihren Brüdern; als sie erwachte, stand
-die Sonne schon hoch. Allerdings konnte sie dieselbe nicht sehen, denn
-die hohen Bäume breiteten ihre Zweige dicht und fest aus, aber die
-Strahlen spielten dort oben wie ein wehender Goldflor. Sie hörte das
-Wasser plätschern, das kam aus vielen, reichen Quellen, welche alle in
-einen Teich mündeten, in dem der herrlichste Sandboden war. Zwar wuchs
-hier dichtes Gebüsch ringsherum, doch hatten an einer Stelle die Hirsche
-eine große Öffnung gebildet und nach dieser Richtung hin ging Elise zum
-Wasser.
-
-Als sie in demselben ihr eigenes Angesicht erblickte, erschrak sie auf
-das heftigste, so braun und häßlich war es. Kaum aber hatte sie ihr
-kleines Händchen naß gemacht und sich Augen und Stirn damit gerieben,
-so schien auch die weiße Haut wieder hervor. Da legte sie flugs ihre
-Kleider ab und stieg in's Wasser. Ein schöneres Königskind fand sich
-nirgends in der Welt.
-
-Als sie sich wieder angekleidet und ihr Haar geflochten hatte, ging sie
-noch tiefer in den Wald hinein. Dort war es so still, daß sie ihre
-eigenen Fußtritte hörte und jedes welke Blatt, welches sich unter ihren
-Füßen bog, und sie empfand so recht die Einsamkeit, die sie nie zuvor
-gekannt hatte.
-
-Die zweite Nacht im Walde brach herein. Diesmal funkelte nicht ein
-einziges Leuchtkäferchen aus dem Moose hervor und betrübt legte sie sich
-zum Schlafe nieder. Da schien es ihr, als beugten sich die Baumzweige
-über ihr zur Seite und der liebe Gott sähe mit milden Augen auf sie
-hernieder und kleine Engel guckten über seinem Haupte und unter seinen
-Armen hervor.
-
-Als sie am andern Morgen erwachte, wußte sie nicht, ob sie es nur
-geträumt hätte oder ob es Wirklichkeit gewesen wäre.
-
-Sie machte sich wieder auf den Weg und begegnete sehr bald einer alten
-Frau, die Beeren in ihrem Korbe trug. Die Alte schenkte ihr einige
-derselben und Elise fragte, ob sie nicht elf Prinzen hätte durch den
-Wald reiten sehen.
-
-»Nein,« sagte die Alte, »aber gestern sah ich elf Schwäne mit goldenen
-Kronen auf dem Kopfe den Bach hinabschwimmen; ich will dir den Weg dahin
-zeigen.«
-
-Sie führte Elise eine Strecke weiter bis zu einem Abhange, an dessen
-Fuße ein Bach vorüberrauschte.
-
-Elise sagte nun der Alten Lebewohl und ging dann den Bach bis zu seiner
-Mündung entlang.
-
-Da lag nun das ganze herrliche Meer vor dem jungen Mädchen ausgebreitet
-da. Aber nicht ein Segel zeigte sich darauf, nicht ein Boot war zu
-sehen, auf welchem sie hätte weiter gelangen können. Sie betrachtete die
-unzähligen kleinen Steine am Strande; das Wasser hatte sie alle rund
-geschliffen. Unermüdlich hatte es darüber hingerollt.
-
-»Dank für eure Lehre, ihr klaren Wogen!« rief Elise. »Einmal, das sagt
-mir mein Herz, werdet ihr mich zu meinen Brüdern tragen!«
-
-Auf dem angespülten Seegrase lagen elf weise Schwanenfedern; sie
-sammelte sie zu einem Strauß. Wassertropfen lagen auf ihnen, ob es Tau
-war oder Thränen, konnte niemand sehen.
-
-Als die Sonne eben untergehen wollte, gewahrte Elise elf wilde Schwäne
-mit goldenen Kronen auf dem Kopfe, die dem Lande zuflogen; einer
-schwebte hinter dem andern, es sah wie ein langes, weißes Band aus. Da
-stieg Elise den Abhang hinauf und versteckte sich hinter einem Busch.
-Die Schwäne ließen sich unmittelbar in ihrer Nähe nieder und schlugen
-mit ihren großen, weißen Flügeln.
-
-Als die Sonne unter das Wasser tauchte, sanken plötzlich die
-Schwanenhüllen und elf herrliche Prinzen, Elisens Brüder, standen da.
-Sie stieß einen lauten Schrei aus, denn, hatten sie sich auch sehr
-verändert, so wußte sie doch, daß sie es waren. Rasch sprang sie auf
-und umarmte ihre Brüder voller Freude, einen nach dem andern, rief
-jeden bei Namen, und die Brüder waren unendlich glücklich, als sie ihr
-Schwesterchen, das jetzt so groß und schön war, sahen und erkannten.
-Sie lachten und weinten und waren bald darüber einig, wie böse ihre
-Stiefmutter gegen sie alle gehandelt hätte.
-
-»Wir Brüder,« erzählte nun der Älteste, »fliegen als wilde Schwäne, so
-lange die Sonne am Himmel steht; ist sie untergegangen, erhalten wir
-unsere menschliche Gestalt wieder. Unsere Hauptsorge muß es deshalb
-sein, beim Sonnenuntergang festen Grund und Boden unter den Füßen zu
-haben, denn fliegen wir dann noch zwischen den Wolken, müssen wir, als
-Menschen, in die Tiefe hinabstürzen. Hier wohnen wir nicht; es liegt ein
-eben so schönes Land als dieses am jenseitigen Meeresufer; der Weg dahin
-ist weit, wir müssen über das große Meer und keine Insel liegt auf
-unserm Wege, auf der wir übernachten könnten; nur eine einsame kleine
-Klippe ragt inmitten desselben hervor. Sie ist gerade groß genug, daß
-wir Seite an Seite dicht nebeneinander ruhen können. Dort übernachten
-wir in unserer Menschengestalt; ohne sie könnten wir unser teures
-Vaterland nie wiedersehen, denn zwei der längsten Tage des Jahres
-gebrauchen wir zu unserem Fluge. Nur einmal jährlich ist es uns
-vergönnt, unsere Heimat zu besuchen. Elf Tage dürfen wir dann hier
-weilen, über diesen großen Wald hinfliegen, von wo wir das väterliche
-Schloß erblicken. Und hier haben wir dich, liebes Schwesterchen,
-gefunden. Noch zwei Tage dürfen wir hier bleiben, dann müssen wir über
-das Meer nach einem herrlichen Lande aufbrechen, welches aber doch nicht
-unser Vaterland ist. Allein wie sollen wir es nur anfangen, dich
-mitzunehmen?«
-
-»Was kann ich thun, um euch zu erlösen?« fragte die Schwester. Nun
-berieten und unterhielten sie sich fast die ganze Nacht; nur wenige
-Stunden senkte sich der Schlummer auf ihre Augen.
-
-Elise erwachte plötzlich vom Rauschen der Schwanenflügel, welche über
-sie hinsausten. Die Brüder waren wieder versammelt und flogen in großen
-Kreisen und zuletzt weit fort, doch blieb wenigstens einer von ihnen,
-der jüngste, zurück. Der Schwan legte seinen Kopf in ihren Schoß und sie
-streichelte seine Schwingen; den ganzen Tag waren sie beisammen. Gegen
-Abend kamen die andern zurück und als die Sonne untergegangen war,
-standen sie in ihrer natürlichen Gestalt da.
-
-»Morgen fliegen wir von hier fort und dürfen vor einem ganzen Jahr nicht
-zurückkommen; aber wir haben beschlossen, dich nicht zu verlassen. Hast
-du Mut, uns zu begleiten? Sollten unser aller Flügel nicht Kraft genug
-haben, mit dir über das Meer zu fliegen?«
-
-»Ja, nehmt mich mit!« rief Elise freudig aus.
-
-Die ganze Nacht brachten sie nun damit zu, aus der geschmeidigen
-Weidenrinde und dem zähen Schilf ein starkes Netz zu flechten; auf
-dieses legte sich Elise, und als nun die Sonne sich erhob und die Brüder
-in wilde Schwäne verwandelt wurden, ergriffen sie das Netz mit ihren
-Schnäbeln und flogen mit ihrer teuren Schwester, die noch im süßen
-Schlummer lag, hoch zu den Wolken empor. Die Sonnenstrahlen schienen ihr
-gerade ins Antlitz, weshalb einer der Schwäne über ihrem Haupt
-einherschwebte, um ihr mit seinen breiten Flügeln kühlen Schatten zu
-gewähren.
-
-Sie waren schon weit vom Lande weg, als Elise erwachte. Sie glaubte noch
-zu träumen, so wunderbar kam es ihr vor, über das Meer hoch durch die
-Luft getragen zu werden. Ihr zur Seite lag ein Zweig mit herrlichen
-reifen Beeren und ein Bund wohlschmeckender Wurzeln. Diese hatte der
-jüngste der Brüder gesammelt und für sie hingelegt, und dankbar lächelte
-sie ihn an, denn sie erkannte, daß er es war, der über ihrem Haupte
-einherflog und sie mit den Flügeln beschattete.
-
-Sie schwebten so hoch, daß das erste Schiff, welches sie unter sich
-erblickten, ihnen wie eine Möve vorkam, die auf dem Wasser lag. Eine
-große Wolkenmasse stand hinter ihnen, bergehoch aufgetürmt, und auf
-dieser gewahrte Elise ihren eigenen Schatten und den der elf Schwäne,
-der in Riesengröße ihren eilenden Flug begleitete. Den ganzen Tag flogen
-sie, wie ein sausender Pfeil durch die Luft geht, aber doch ging es
-jetzt, wo sie die Schwester zu tragen hatten, bedeutend langsamer als
-sonst. Da zog sich ein Unwetter zusammen und der Abend näherte sich.
-Ängstlich sah Elise die Sonne mehr und mehr sinken, und noch immer war
-die einsame Klippe im Meere nicht zu erblicken. Es kam ihr vor, als ob
-die Schwäne stärkere Flügelschläge machten. Die schwarze Wolkenmasse kam
-näher und näher, die starken Windstöße verkündeten einen Sturm. Die
-Wolken hatten sich in einer einzigen großen, Unheil drohenden Masse
-zusammengeballt, die sich bleiförmig vorwärts schob. Blitz leuchtete auf
-Blitz.
-
-Jetzt hatte die Sonne den Meeresspiegel erreicht. Elisen klopfte das
-Herz. Da schossen die Schwäne hinab, so schnell, daß sie zu fallen
-vermeinte. Aber jetzt schwebten sie wieder. Die Sonne war schon zur
-Hälfte unter das Wasser getaucht, da bemerkte sie erst die kleine Klippe
-unter sich. Sie sah nicht größer als ein Seehund aus, der den Kopf aus
-dem Wasser erhebt. Die Sonne sank schnell; nur ein schmaler Streifen
-blitzte noch über dem Wasser hervor, da berührte ihr Fuß festen Boden.
-Das Sonnenlicht erlosch wie der letzte Funken eines brennenden Papieres.
-Arm in Arm sah sie ihre Brüder um sich stehen, aber mehr Platz, als
-unabweislich für diese und sie erforderlich war, fand sich auch nicht.
-Die See schlug gegen die Klippe und ergoß sich wie ein Regenguß über
-sie; der Himmel leuchtete, als wenn er in Flammen stände und der Donner
-rollte Schlag auf Schlag. Aber Schwester und Brüder hielten einander
-fest an den Händen und blieben getrost und mutig.
-
-Als der Tag graute, war die Luft rein und still. Sobald die Sonne sich
-erhob, flogen die Schwäne mit Elisen von der Insel fort. Das Meer ging
-noch hoch, so daß es, als sie hoch in der Luft schwebten, ihnen vorkam,
-als ob der weiße Schaum auf der dunkelgrünen See Millionen Schwäne
-wären, die sich auf dem Wasser schaukelten.
-
-Als die Sonne höher stieg, erblickte Elise vor sich ein Bergland, halb
-schwimmend in der Luft, mit glitzernden Eismassen auf den Felsen, und
-mitten auf denselben dehnte sich ein wohl meilenlanges Schloß aus mit
-einem kühnen Säulengange über dem andern. In der Tiefe wogten
-Palmenwälder und prächtige Blumen wie Mühlräder groß. Sie erkundigte
-sich, ob dies Land das Ziel ihrer Reise wäre, aber die Schwäne
-schüttelten den Kopf, denn was sie sah, war das herrliche, beständig
-wechselnde Wolkenschloß der Fee Fata Morgana. Sie schaute aufmerksamer
-hin und es war nur der Meeresnebel, der sich über das Wasser hinwälzte.
-Nun gewahrte sie auch bald das wirkliche Land, dem sie zueilten. Dort
-erhoben sich herrliche blaue Berge mit Zedernwäldern, Städten und
-Schlössern. Lange vor Sonnenuntergang saß sie auf dem Felsen vor einer
-großen Höhle, welche mit feinen grünen Schlingpflanzen bewachsen war;
-sie nahmen sich wie gestickte Teppiche aus.
-
-»Nun wollen wir sehen, was du heute Nacht hier träumen wirst!« sagte der
-jüngste Bruder und führte sie in ihr Schlafzimmer.
-
-»O möchte ich doch träumen, wie ich euch erlösen kann!« erwiderte sie.
-Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, sie bat Gott so innig um
-seine Hilfe, ja selbst im Schlaf betete ihr Geist weiter, daß es ihr
-endlich vorkam, als flöge sie hoch in die Luft zu Fata Morganas
-Wolkenschlosse, und die Fee käme ihr entgegen, schön und glänzend. Und
-doch glich sie auch wieder der alten Frau, die ihr im Walde Beeren
-gegeben und von den Schwänen mit den goldenen Kronen erzählt hatte.
-
-»Deine Brüder können erlöst werden!« sprach sie, »hast du aber auch Mut
-und Ausdauer? Wohl ist das Meer weicher als deine feinen Hände und formt
-doch die harten Steine um, aber es fühlt nicht den Schmerz, den deine
-Finger fühlen werden. Siehst du diese Brennessel, die ich in meiner Hand
-halte? Von derselben Gattung wachsen viele um die Höhle, in welcher du
-schläfst. Nur diese und solche, welche aus den Gräbern des Friedhofs
-hervorsprossen, kannst du brauchen. Merke das; diese mußt du pflücken,
-wenn sie deine Hand auch voll Blasen brennen werden. Brichst du nun die
-Nesseln mit deinen Füßen, so erhältst du Flachs, aus dem du elf
-Panzerhemden mit langen Ärmeln flechten und binden mußt; wirf diese über
-die elf Schwäne, so ist der Zauber gelöst. Aber sei dessen wohl
-eingedenk, daß du von Beginn bis zur Beendigung dieser Arbeit, und
-sollten Jahre dazwischen liegen, nicht sprechen darfst; das erste Wort,
-welches über deine Lippen kommt, fährt wie ein tötender Dolch in das
-Herz deiner Brüder; an deiner Zunge hängt ihr Leben!« Zugleich berührte
-sie Elisens Hand mit der Nessel; diese brannte wie glühendes Feuer, so
-daß die Prinzessin vor Schmerz erwachte. Es war heller, lichter Tag und
-dicht neben der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lag eine Nessel gleich
-der, welche sie im Traume gesehen hatte. Da fiel sie auf ihre Kniee,
-dankte dem lieben Gott und trat aus der Höhle, um sofort ihre Arbeit zu
-beginnen.
-
-Mit ihren feinen Händen griff sie hinunter in die häßlichen Nesseln, die
-sich wie Feuer anfühlten. Große Blasen brannten sie an ihren Händen und
-Armen, aber gerne wollte sie dies erleiden, konnte sie doch ihre lieben
-Brüder dadurch erlösen. Sie brach jede Nessel mit ihren nackten Füßen
-und flocht den grünen Flachs.
-
-Als die Sonne untergegangen war, kamen die Brüder und erschraken, als
-sie Elise stumm fanden. Zunächst hielten sie es für eine neue
-Bezauberung ihrer bösen Stiefmutter, als sie aber ihre Hände sahen,
-begriffen sie, was sie um ihretwillen vorhatte.
-
-Die ganze erste Nacht brachte sie bei ihrer Arbeit zu, denn es ließ ihr
-keine Ruhe, ehe sie nicht die lieben Brüder erlöst hatte. Den ganzen
-folgenden Tag saß sie, während die Schwäne fort waren, in ihrer
-Einsamkeit, aber nie war ihr die Zeit so schnell verflogen. Ein
-Panzerhemd war schon fertig und nun begann sie das zweite.
-
-Da ließ sich zwischen den Bergen der Klang eines Jagdhorns vernehmen.
-Sie wurde ängstlich, der Ton kam immer näher; sie hörte Hundegebell.
-Erschreckt zog sie sich in die Höhle zurück, band die Nesseln, die sie
-gesammelt und gehechelt hatte, in ein Bund und setzte sich darauf.
-
-Plötzlich kam ein großer Hund aus dem Gesträuch gesprungen, bald kamen
-noch mehrere und nach wenigen Minuten stand eine Gruppe Jäger vor dem
-Höhleneingang. Der schönste derselben, der König des Landes, redete
-Elise an: »Wo bist du hergekommen, du herrliches Kind?«
-
-Elise schüttelte den Kopf, sie durfte ja nicht reden, denn es galt ihrer
-Brüder Leben und Erlösung. Ihre Hände verbarg sie unter der Schürze,
-damit der König nicht sähe, was sie zu leiden hätte.
-
-»Begleite mich!« begann er von neuem; »hier darfst du nicht bleiben.
-Bist du ebenso gut, wie du schön bist, so will ich dich in Seide und
-Samt kleiden und dir die goldene Krone auf das Haupt setzen.« Sie weinte
-und rang ihre Hände, aber der König sagte: »Ich will nur dein Glück,
-einst wirst du mir dafür danken!« Dann stürmte er vorwärts zwischen den
-Bergen hindurch, hielt sie vor sich auf dem Pferde und die Jäger jagten
-hinterher.
-
-Als die Sonne niedersank, lag die prächtige Königsstadt mit ihren
-Kirchen und Kuppeln vor ihnen, und der König führte sie in sein Schloß,
-wo in hohen Marmorsälen große Wasserkünste plätscherten, wo Wände und
-Decken mit Gemälden verziert waren, aber sie hatte keine Augen dafür,
-sie weinte und trauerte. Willenlos duldete sie, daß die Frauen ihr
-königliche Kleider anlegten, ihr Perlen in das Haar flochten und feine
-Handschuhe über die verbrannten Finger zogen.
-
-Als sie in aller ihrer Pracht dastand, war sie so blendend schön, daß
-sich der Hof noch tiefer vor ihr verneigte, und der König erwählte sie
-zu seiner Braut, obwohl der Erzbischof den Kopf schüttelte und meinte,
-das schöne Waldmädchen wäre sicher eine Hexe. Doch der König hörte nicht
-darauf, ließ die Musik erklingen und sie wurde durch duftende Gärten in
-die prächtigsten Säle hineingeführt. Aber nicht ein Lächeln glitt über
-ihren Mund oder strahlte aus ihren Augen. Nun öffnete der König ein
-kleines Zimmer dicht daneben, wo sie schlafen sollte. Es war mit
-köstlichen grünen Teppichen ausgeschmückt und ähnelte vollkommen der
-Höhle, in welcher der König sie gefunden hatte. Auf dem Fußboden lag das
-Bund Flachs, welchen sie aus den Nesseln gesponnen hatte, und unter der
-Decke hing das Panzerhemd, welches schon fertig gestrickt war. Alles
-dies hatte einer der Jäger als Merkwürdigkeit mitgenommen.
-
-»Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurückträumen!« sprach der
-König. »Hier ist die Arbeit, die dich dort beschäftigte. Jetzt, mitten
-in deiner Pracht, wird es dich unterhalten, an die vergangene Zeit
-zurückzudenken.«
-
-Als Elise das erblickte, was ihrem Herzen so nahe lag, spielte ein
-Lächeln um ihren Mund und das Blut kehrte in ihre Wangen zurück; sie
-dachte an die Erlösung ihrer Bruder, küßte dem Könige die Hand, und er
-drückte sie an sein Herz und ließ durch alle Kirchenglocken das
-Hochzeitsfest verkündigen. Das schöne, stumme Mädchen aus dem Walde ward
-die Königin des Landes. Der Erzbischof selbst mußte ihr die Krone auf
-das Haupt setzen und in seinem Unwillen drückte er ihr den engen Reifen
-so fest auf die Stirne, daß es ihr Schmerzen verursachte.
-
-Ihr Mund war stumm, hätte doch ein einziges Wort ihren Brüdern das Leben
-gekostet, allein ihre Augen spiegelten ihre innige Zärtlichkeit gegen
-den guten, schönen König wieder, der alles that, um sie zu erfreuen.
-Hätte sie sich ihm nur anvertrauen, ihm ihr Leid gestehen dürfen! Nun
-aber mußte sie stumm sein, mußte stumm ihr Werk vollenden. Deshalb
-schlich sie sich nachts in ihr verstecktes Kämmerlein, welches wie die
-Höhle ausgeschmückt war, und strickte ein Panzerhemd nach dem andern
-fertig; als sie jedoch das siebente begann, hatte sie keinen Flachs
-mehr.
-
-Wie sie wußte, wuchsen die Nesseln, welche sie allein verwenden durfte,
-auf dem Friedhofe, aber sie mußte sie selbst pflücken; wie sollte sie
-das anfangen?
-
-»Ich muß es wagen, der liebe Gott wird seine Hand nicht von mir
-abziehen!« dachte sie.
-
-Mit einer Herzensangst, als hätte sie eine böse That vor, schlich sie
-sich in einer mondhellen Nacht in den Garten hinunter und ging durch die
-langen Baumwege und einsamen Straßen nach dem Friedhofe hinaus. Dort
-erblickte sie auf einem der breitesten Leichensteine einen Kreis
-häßlicher Hexen. Elise mußte dicht bei ihnen vorüber, und sie hefteten
-ihre bösen Blicke auf sie, aber sie betete, sammelte die brennenden
-Nesseln und nahm sie mit sich nach dem Schlosse.
-
-Nur ein einziger Mensch hatte sie hierbei gesehen, der Erzbischof; er
-war noch wach, wenn die andern schliefen. Es hatte sich seine Meinung
-nun doch bewährt, daß es mit ihr nicht stände, wie es mit einer Königin
-stehen sollte. Sie war eine Hexe und darum hatte sie den König und das
-ganze Volk bethört. Er erzählte dem Könige, was er gesehen hatte und was
-er befürchtete. Da rollten dem Könige zwei schwere Thränen über die
-Wangen herunter. Er that des Nachts, als ob er schliefe, aber es kam
-kein ruhiger Schlaf in seine Augen; er merkte, wie Elise aufstand, wie
-sie dieses jede Nacht wiederholte, und jedesmal ging er ihr leise nach
-und sah, daß sie in ihrer Kammer verschwand.
-
-Tag für Tag wurde seine Miene finsterer. Elise sah es wohl, begriff aber
-nicht weshalb. Doch ängstigte sie dieses Benehmen, und was litt sie
-nicht erst in ihrem Herzen um ihrer Brüder willen. Auf den königlichen
-Sammet und Purpur rannen ihre bitteren Thränen nieder. Inzwischen war
-ihre Arbeit nun bald vollendet, nur ein Panzerhemd fehlte noch, aber sie
-hatte nun keinen Flachs mehr und nicht eine einzige Nessel. Einmal, nur
-dieses letztemal noch, mußte sie deshalb zum Friedhofe hinaus wandern
-und einige Hände voll pflücken.
-
-Elise ging, aber der König und der Erzbischof folgten ihr und sahen sie
-in die Kirchhofspforte hineintreten und verschwinden. Als sie sich
-derselben näherten, erblickten sie auf den Grabsteinen die Hexen, wie
-sie Elise erblickt hatte, und der König wandte sich ab, denn er
-vermutete die Königin unter ihnen.
-
-»Das Volk möge sie verurteilen!« sagte er, und das Volk verurteilte sie
-zum Scheiterhaufen.
-
-Aus den prächtigen Königssälen wurde sie in ein finsteres, feuchtes Loch
-geschleppt, in welches der Wind durch das Gitterfenster hineinpfiff;
-anstatt des Sammets und der Seide gab man ihr das Bund Nesseln, welches
-sie gesammelt hatte, darauf konnte sie ihr Haupt legen. Die harten,
-brennenden Panzerhemden, welche sie gestrickt hatte, sollten ihr statt
-Kissen und Decke dienen, doch konnte man ihr nichts Lieberes schenken.
-Sie nahm ihre Arbeit wieder auf und betete dabei inbrünstig zu Gott.
-
-Da sauste gegen Abend dicht am Gitter ein Schwanenflügel, es war der
-jüngste der Brüder, der endlich die Schwester aufgefunden hatte. Laut
-schluchzte sie auf vor Freude, obgleich sie wußte, daß die kommende
-Nacht vielleicht die letzte war, die sie zu leben hatte. Aber jetzt war
-ihre Arbeit ja auch beinahe vollendet und ihre Brüder waren hier.
-
-Die kleinen Mäuse liefen über den Fußboden, schleppten die Nesseln bis
-zu ihren Füßen hin, um doch auch ein wenig zu helfen, und die Drossel
-setzte sich an das Gitter des Fensters und sang so lustig sie konnte,
-damit Elise den Mut nicht verlieren sollte.
-
-Es begann gerade zu dämmern, erst in einer Stunde sollte die Sonne
-aufgehen, da standen die elf Brüder vor dem Portale des Schlosses und
-verlangten, vor den König geführt zu werden. Das könnte nicht geschehen,
-erhielten sie aber zur Antwort, es wäre ja noch Nacht, der König
-schliefe und dürfte nicht geweckt werden. Sie baten, sie drohten, die
-Wache kam, ja selbst der König trat aus seinem Schlafzimmer und fragte,
-was das zu bedeuten hätte, aber in dem Augenblicke stieg strahlend die
-Sonne empor und nun war kein Bruder mehr zu sehen, aber über das Schloß
-hinweg flogen elf wilde Schwäne.
-
-Auf einem schlechten Karren wurde die arme Königin zur Richtstätte
-geführt; sie trug ein häßliches, graues Gewand, ihr langes Haar wallte
-aufgelöst um das schöne Haupt, ihre Wangen waren leichenblaß, ihre
-Lippen bewegten sich leise, während ihre Finger den grünen Flachs
-flochten. Selbst auf ihrem Todeswege unterbrach sie die begonnene Arbeit
-nicht, die zehn Panzerhemden lagen zu ihren Füßen, an dem elften
-strickte sie.
-
-»Seht nur die Hexe an,« rief das Volk; »mit ihrem häßlichen Zauberwerk
-sitzt sie da. Reißt es ihr in tausend Stücke!«
-
-Alle drängten auf sie ein und wollten es ihr zerreißen. Da kamen elf
-weiße Schwäne geflogen, die setzten sich rings um sie auf den Karren und
-schlugen mit ihren großen Schwingen. Da wich der Haufen erschrocken zur
-Seite.
-
-»Das ist ein Zeichen vom Himmel! Sie ist sicherlich unschuldig!«
-flüsterten viele, wagten es aber nicht laut auszusprechen.
-
-Nun ergriff sie der Büttel bei der Hand; da warf sie eiligst den
-Schwänen die elf Hemden über und plötzlich standen elf stattliche
-Prinzen da, aber der jüngste hatte anstatt des einen Armes einen
-Schwanenflügel, denn seinem Panzerhemde fehlte ein Ärmel, den sie noch
-nicht vollendet hatte.
-
-»Nun darf ich sprechen!« rief sie aus, »ich bin unschuldig!«
-
-»Ja, unschuldig ist sie!« sagte der älteste Bruder und erzählte dann
-alles, was geschehen war, und während er sprach, verbreitete sich ein
-Duft wie von tausenden von Rosen, denn jedes Stück Brennholz des
-Scheiterhaufens hatte Wurzel geschlagen und Zweige getrieben. Da stand
-eine duftende Hecke, hoch und groß mit roten Rosen; zu alleroberst aber
-wiegte sich eine Blume, weiß und leuchtend, die wie ein Stern erglänzte.
-Diese brach der König, steckte sie Elisen vor die Brust und nun erwachte
-sie mit Frieden und Glückseligkeit in ihrem Herzen.
-
-Alle Kirchenglocken läuteten von selbst und die Vögel kamen in großen
-Schwärmen; es wurde ein Hochzeitszug zurück zum Schlosse, wie ihn noch
-kein König gesehen hatte.
-
-
-
-
-Die glückliche Familie.
-
- [Abbildung/Illustration: capD61.jpg]
-
-
-Das größte von allen Blättern ist wohl das Klettenblatt; ein Kind kann
-es als Schürze oder als Regenschirm benutzen; aber eine Schnecke ißt es
-am liebsten auf; es ist ihre Lieblingsspeise. Daher hatte man in der
-Nähe eines Edelsitzes Kletten gesät, weil die Schnecken wiederum eine
-Lieblingsspeise der Herrschaften auf dem Edelhofe waren. Aber diese
-waren gestorben, das Schloß war verfallen, der Garten verwildert; nur
-die Kletten wucherten fort, sie bildeten einen dichten Klettenwald und
-in diesem wohnten die beiden letzten uralten Schnecken.
-
-Wie alt sie waren, wußten sie selbst nicht, konnten sich aber dessen
-noch ganz gut entsinnen, daß ihrer weit mehr gewesen waren, daß sie
-von einer aus fremden Ländern eingewanderten Familie abstammten und daß
-für sie und die Ihrigen der ganze Wald angepflanzt war. Sie waren über
-denselben nie hinausgekommen; gleichwohl war es ihnen nicht unbekannt,
-daß noch etwas zu der Welt gehörte, was Rittergut hieß. Dort oben wurde
-man gekocht, wovon man schwarz wurde, und dann wurde man auf eine
-silberne Schüssel gelegt; was dann aber weiter geschah, wußten sie
-nicht. Was das übrigens zu bedeuten hätte, gekocht zu werden und auf
-silberner Schüssel zu liegen, konnten sie sich nicht vorstellen, nur
-sagte ihnen ein dunkles Gefühl, daß das etwas Herrliches und überaus
-Vornehmes sein müßte.
-
-Die alten weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, wie sie
-sehr wohl wußten; lediglich um ihretwillen war der Wald da, und das
-Rittergut war da, damit sie gekocht und auf silberne Schüsseln gelegt
-werden konnten.
-
-Sie lebten jetzt sehr einsam und glücklich, und da sie selbst ohne
-Kinder waren, so hatten sie eine kleine gewöhnliche Schnecke an
-Kindesstatt angenommen. Der Kleine wollte indes nicht wachsen, da er zu
-niedriger Abkunft war. Aber die Alten, besonders die Schneckenmutter,
-meinten doch, eine Zunahme merken zu können, und letztere bat den Vater,
-er möchte nur das kleine Schneckenhaus befühlen, und das that er und
-fand, daß die Mutter recht hatte. --
-
-»Höre nur, wie es heute auf die Kletten plätschert!« sagte an einem
-Regentage der Schneckenvater. »Ich bin nur froh, daß wir unser gutes
-Haus haben und der Kleine auch das seinige. Für uns ist allerdings
-besser gesorgt als für alle übrigen Geschöpfe, woraus du ersiehst, daß
-uns die Herrschaft in der Welt gehört! Von Geburt an besitzen wir ein
-Haus und der Klettenwald ist um unsertwillen angepflanzt worden!« --
-»Ich möchte nur wissen, was außerhalb desselben ist!« meinte die
-Schneckenmutter.
-
-»Außerhalb ist nichts! Das Schloß ist vielleicht eingestürzt!« sagte der
-Schneckenvater, »oder der Klettenwald ist darüber hinweggewachsen, so
-daß die Menschen nicht mehr heraus können!«
-
-»Hast du auch schon daran gedacht, wo wir eine Frau für unsern Kleinen
-herbekommen könnten?« fragte die Schneckenmutter. »Glaubst du nicht, daß
-weit, weit in den Klettenwald hinein sich noch jemand unserer Art finden
-sollte?«
-
-»Schwarze Schnecken, meine ich, werden wohl zahlreich vorhanden sein,«
-sagte der Alte, »schwarze Schnecken ohne Haus, aber die gehören trotz
-ihrer Eingebildetheit zu dem gemeinen Volke. Wir könnten jedoch die
-Ameisen damit beauftragen; sie laufen, als wenn sie etwas zu thun
-hätten, regelmäßig hin und her; sie wissen gewiß eine Frau für unser
-Schneckchen!«
-
-»Ich weiß freilich die allerschönste!« sagte eine Ameise; »aber ich
-befürchte, es wird sich nicht machen, da es sich um eine Königin
-handelt!« -- »Das thut nichts!« sagten die Alten. »Hat sie ein Haus?« --
-»Sie hat ein Schloß!« sagte die Ameise. »Das schönste Ameisenschloß mit
-siebenhundert Gängen.« -- »Nein, besten Dank!« sagte die
-Schneckenmutter, »unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhaufen! Wißt ihr
-nichts Besseres, so wollen wir uns an die weißen Mücken wenden; sie
-fliegen in Regen und Sonnenschein weit umher und kennen den Klettenwald
-von innen und von außen!«
-
-»Wir haben eine Frau für ihn!« sagten die Mücken. »Hundert
-Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerstrauche eine
-kleine Schnecke mit einem Hause.« -- »Gut, laßt sie zu ihm kommen!«
-sagten die Alten, »er hat einen Klettenwald, sie hat nur einen Strauch!«
-
-Da holten sie das kleine Schneckenfräulein. Das dauerte acht Tage, aber
-das war gerade das Hervorragende dabei; damit bewies sie, daß echtes
-Schneckenblut in ihr rollte.
-
-Darauf wurde Hochzeit gefeiert. Sechs Leuchtkäfer leuchteten, so gut sie
-vermochten; sonst verlief die Feierlichkeit in aller Stille, denn die
-alten Schnecken konnten Schwärmen und Lustbarkeiten nicht leiden.
-Dagegen wurde von der Schneckenmutter eine schöne Rede gehalten; der
-Vater war nicht dazu im Stande, er war zu bewegt, und dann übergaben sie
-ihnen den ganzen Klettenwald als Erbteil und wiederholten, was sie stets
-gesagt hatten, daß es das Beste in der Welt wäre, wenn sie und ihre
-Kinder einst auf das Schloß kommen, schwarz gekocht und auf eine
-silberne Schüssel gelegt werden würden.
-
-Nach Schluß der Rede krochen die Alten in ihre Häuser und kamen nie
-wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte im Walde
-und erhielt eine zahlreiche Nachkommenschaft, nie aber wurden sie
-gekocht und nie kamen sie auf eine silberne Schüssel, weshalb sie
-meinten, daß das Schloß eingestürzt und alle Menschen in der Welt
-ausgestorben wären, und da ihnen niemand widersprach, galt es natürlich
-als wahr. Der Regen schlug auf die Klettenblätter, um ihnen eine
-Trommelmusik vorzumachen, und die Sonne leuchtete, um ihretwegen den
-Klettenwald in ein Lichtmeer zu tauchen und sie waren sehr glücklich und
-die ganze Familie war glücklich, und sie war es wirklich.
-
-
-
-
-Der Engel.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capB63.jpg, pic64.jpg]
-
-
-Bei jedem guten Kinde, wenn es stirbt, steigt ein Engel Gottes auf die
-Erde nieder, nimmt das tote Kind auf seine Arme, breitet seine großen
-weißen Flügel aus, fliegt über alle Stätten hin, die das Kind lieb
-gehabt hatte, und pflückt eine ganze Hand voll Blumen, die er zu Gott
-hinaufbringt, damit sie dort noch schöner als auf Erden blühen. Der
-liebe Gott drückt alle Blumen an sein Herz, aber der Blume, die ihm am
-liebsten ist, gibt er einen Kuß und dadurch erhält sie Stimme und vermag
-in der großen Glückseligkeit mitzusingen.
-
-Sieh, dies alles erzählte ein Engel Gottes, als er ein totes Kind zum
-Himmel trug und das Kind hörte es wie im Traume. Sie schwebten hin über
-die Stätten der Heimat, wo das Kind gespielt hatte, und kamen durch
-Gärten mit herrlichen Blumen.
-
-»Welche wollen wir nun mitnehmen und in den Himmel pflanzen?« fragte der
-Engel.
-
-Da stand ein schlanker, prächtiger Rosenstock, aber eine böse Hand hatte
-den Stamm umgebrochen, so daß alle Zweige voll großer,
-halbaufgebrochener Knospen verwelkt herabhingen.
-
-»Der arme Rosenstock!« sagte das Kind. »Ob er nur oben bei Gott zur
-Blüte gelangen kann?«
-
-Und der Engel nahm ihn, küßte aber das Kind dafür und das Kleine öffnete
-seine Augen zur Hälfte. Sie pflückten von den reichen Prachtblumen,
-nahmen jedoch auch die verachtete Goldblume und das wilde
-Stiefmütterchen mit.
-
-»Jetzt haben wir Blumen!« jubelte das Kind, und der Engel nickte. Es war
-Nacht und überall herrschte Stille. Sie blieben in der großen Stadt und
-schwebten in einer der schmalsten Gassen, wo allerhand Gerümpel
-umherlag, denn es war Ziehtag gewesen.
-
-Der Engel zeigte auf die Scherben eines Blumentopfes hinunter und auf
-einen Klumpen Erde, der herausgefallen war und durch die Wurzeln einer
-großen, verwelkten, und deshalb auf die Straße hinausgeworfenen
-Feldblume zusammengehalten wurde.
-
-»Die nehmen wir mit!« sagte der Engel. »Ich will dir gleich erzählen,
-weshalb!« Und nun flogen sie und der Engel erzählte:
-
-»Dort unten in der engen Straße, in dem niedrigen Keller, wohnte ein
-armer, kranker Knabe. Von Kindesbeinen an war er immer bettlägerig
-gewesen. Wenn er sich am wohlsten fühlte, konnte er die kleine Stube auf
-Krücken ein paarmal auf- und niedergehen; das war das Höchste. Während
-weniger Sommertage fielen die Sonnenstrahlen ein halbes Stündchen in den
-Kellerflur hinein. Wenn dann der arme Junge dasaß und die warme Sonne
-auf sich herniederscheinen ließ, und durch seine feinen Finger, die er
-sich vor das Gesicht hielt, das rote Blut hindurchschimmern sah, dann
-hieß es: »Heute ist er ausgewesen!« Den Wald in seinem herrlichen
-Frühlingsgrün kannte er nur dadurch, daß ihm des Nachbars Sohn den
-ersten Buchenzweig brachte. Den hielt er über den Kopf und träumte nun,
-unter Buchen zu ruhen, wo die Sonne schiene und die Vögel sängen.
-
-»An einem schönen Lenztage brachte ihm der Nachbarssohn mehrere
-Feldblumen, worunter sich auch eine mit der Wurzel befand. Sie wurde in
-einen Topf gepflanzt und an das Fenster dicht neben seinem Bette
-gestellt. Die Blume war von einer glücklichen Hand gepflanzt, sie wuchs,
-trieb neue Schößlinge und trug jedes Jahr ihre Blumen. Sie ersetzte dem
-kranken Knaben den schönsten Garten, war sein kleiner Schatz auf dieser
-Erde. Er begoß und wartete sie und sorgte dafür, daß sie jeglichen
-Sonnenstrahl, der durch das niedrige Fenster hereinglänzte, bis auf den
-letzten erhielt. Die Blume wuchs selbst in seine Träume hinein, denn für
-ihn allein wuchs sie, verbreitete sie ihren Duft und erfreute sie das
-Auge. Ihr wandte er im Tode sein Antlitz zu, als der Herr ihn rief.
-
-»Ein ganzes Jahr ist er nun bei Gott gewesen. So lange hat die Blume
-vergessen im Fenster gestanden und ist verdorrt und deshalb auf die
-Straße hinausgeworfen worden. Und dies ist die arme verdorrte Blume, die
-wir mit in unseren Strauß genommen haben, denn diese schlichte Blume hat
-mehr Freude gebracht als die reichste Blume in dem Garten einer
-Königin.«
-
-»Aber, woher weißt du dies alles?« fragte das Kind, welches der Engel
-zum Himmel emportrug. -- »Ich weiß es!« sagte der Engel, »ich war ja
-selbst der kleine kranke Knabe. Sollte ich meine Blumen nicht kennen?«
-Und das Kind öffnete seine Augen nun ganz und schaute dem Engel in sein
-herrliches, freundliches Antlitz.
-
-In demselben Augenblicke waren sie in Gottes schönem Himmel, wo Freude
-und Glückseligkeit war. Und Gott drückte das tote Kind an sein Herz und
-da erhielt es Flügel wie der andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm
-dahin. Gott drückte alle die Blumen an sein Herz, aber die arme
-vertrocknete Feldblume küßte er und sie erhielt Stimme und sang mit all
-den Engeln, die um Gott schwebten, einige ganz nahe, andere in großen
-Kreisen um diese herum, immer weiter und weiter hinaus bis in die
-Unendlichkeit, alle aber gleich glücklich. Alle sangen sie, Klein und
-Groß, das gute, nun so gesegnete Kind, wie die arme Feldblume, die
-vertrocknet, im Kehricht mit hinausgeworfen, in der engen, dunklen
-Straße dagelegen hatte.
-
-
-
-
-Der standhafte Zinnsoldat.
-
- [Abbildung/Illustration: pic65.jpg]
-
-
-Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, die alle Brüder waren,
-da man sie aus einem und demselben alten Zinnlöffel gegossen hatte.
-Das Gewehr hielten sie im Arm, das Gesicht vorwärts gegen den Feind
-gerichtet; rot und blau, kurzum herrlich war die Uniform.
-
-Das Allererste, was sie in dieser Welt hörten, nachdem der Deckel von
-der Schachtel, in welcher sie lagen, abgenommen wurde, war das Wort:
-»Zinnsoldaten!« Das rief ein kleiner Knabe und klatschte vor Wonne in
-die Hände. Er hatte sie zu seinem Geburtstage bekommen und stellte sie
-nun auf dem Tisch in Schlachtordnung auf.
-
-Der eine Soldat glich dem andern auf das Genaueste, nur ein einziger war
-etwas verschieden: er hatte nur ein Bein, denn da er zuletzt gegossen
-worden, hatte das Zinn nicht mehr ausgereicht; doch stand er auf seinem
-einen Beine eben so fest wie die andern auf ihren beiden, und gerade er
-sollte sich durch sein denkwürdiges Schicksal besonders auszeichnen.
-
-Auf dem Tische, wo sie aufgestellt wurden, befand sich noch vieles
-andere Spielzeug; aber dasjenige, welches am meisten die Aufmerksamkeit
-auf sich zog, war ein hübsches Schloß von Papier. Durch die kleinen
-Fenster konnte man inwendig in die Säle hineinschauen. Vor demselben
-standen kleine Bäume, rings um ein Stück Spiegelglas, welches einen See
-vorstellen sollte. Das war wohl alles niedlich, aber das Niedlichste
-blieb doch ein kleines Mädchen, welches vor dem offenen Schloßportale
-stand. Es war ebenfalls aus Papier ausgeschnitten, hatte aber ein
-seidenes Kleid an und ein kleines, schmales, blaues Band über den
-Schultern; mitten auf diesem saß ein funkelnder Stern, so groß wie ihr
-ganzes Gesicht. Das kleine Mädchen streckte ihre beiden Arme anmutig in
-die Höhe, denn sie war eine Tänzerin, und dann erhob sie das eine Bein
-so hoch, daß es der Zinnsoldat gar nicht entdecken konnte und dachte,
-daß sie, wie er, nur Ein Bein hätte.
-
-»Die paßte für mich als Frau!« dachte er, »aber sie ist zu vornehm für
-mich, sie wohnt in einem Schlosse, und ich habe nur eine Schachtel, die
-ich mit vierundzwanzig teilen muß, das ist keine Wohnung für sie. Doch
-will ich zusehen, ob ich ihre Bekanntschaft machen kann!« Dann legte er
-sich der Länge nach hinter eine Schnupftabaksdose, die auf dem Tische
-stand. Von hier konnte er die kleine feine Dame, die nicht müde wurde,
-auf einem Bein zu stehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, genau
-beobachten.
-
-Als es Abend wurde, legte man die übrigen Zinnsoldaten in ihre Schachtel
-und die Leute im Hause gingen zu Bette. Nun begann das Spielzeug zu
-spielen, der Nußknacker schlug Purzelbäume und der Griffel fuhr lustig
-über die Tafel hin. Es entstand ein Lärm, daß der Kanarienvogel
-aufwachte und seinen Gesang mit hineinschmetterte. Die beiden Einzigen,
-welche sich nicht von der Stelle bewegten, waren der Zinnsoldat und die
-kleine Tänzerin. Sie stand kerzengerade auf der Zehenspitze und hatte
-beide Arme erhoben; er war auf seinem Einen Bein ebenso standhaft, nicht
-einen Augenblick wandte er seine Augen von ihr ab.
-
-Jetzt schlug es Mitternacht und klatsch! sprang der Deckel von der
-Schnupftabaksdose, aber nicht etwa Schnupftabak war darin, nein, sondern
-ein kleiner schwarzer Kobold; das war ein Kunststück.
-
-»Zinnsoldat!« sagte der Kobold, »du wirst dir noch die Augen aussehen!«
--- Aber der Zinnsoldat that, als ob er nichts gehört hätte. -- »Ja,
-warte nur bis morgen!« rief ihm dann der Kobold noch zu.
-
-Als es nun Morgen ward und die Kinder aufstanden, wurde der Zinnsoldat
-in das offene Fenster gestellt, und war es nun der Kobold oder ein
-Zugwind, gleichviel, plötzlich flog das Fenster auf und der Soldat fiel
-aus dem dritten Stockwerke häuptlings hinunter. Das war ein
-schrecklicher Sturz. Er streckte sein Eines Bein gerade in die Luft und
-blieb auf dem Helme, das Bajonett nach unten, zwischen den
-Pflastersteinen stecken.
-
-Die Dienstmagd und der kleine Knabe liefen sogleich hinunter, um ihn zu
-suchen; aber obgleich sie beinahe auf ihn getreten hätten, konnten sie
-ihn doch nicht erblicken.
-
-Nun begann es zu regnen; Tropfen folgte auf Tropfen, bis es ein
-tüchtiger Platzregen wurde; als er vorüber war, kamen zwei Straßenjungen
-dorthin.
-
-»Sieh, sieh!« sagte der eine, »da liegt ein Zinnsoldat, der muß hinaus
-und segeln!«
-
-Nun machten sie ein Boot aus Zeitungspapier, setzten den Zinnsoldaten
-mitten hinein und ließen ihn den Rinnstein hinunter segeln. Beide Knaben
-liefen nebenher und klatschten in die Hände. Hilf Himmel, was für Wellen
-erhoben sich in dem Rinnstein und welch reißender Strom war da! Ja,
-es mußte ein wahrer Platzregen heruntergekommen sein. Das Papierboot
-schwankte auf und nieder und bisweilen drehte es sich im Kreise, daß
-den Zinnsoldaten ein Schauer überlief. Trotzdem blieb er standhaft,
-verfärbte sich nicht, sah geradeaus und behielt das Gewehr im Arm.
-
-Plötzlich trieb das Boot unter eine lange Rinnsteinbrücke; hier war es
-so dunkel wie in seiner Schachtel. »Wo mag ich jetzt nur hinkommen?«
-dachte er. »Ja, ja, das ist des Kobolds Schuld!«
-
-In diesem Augenblicke erschien eine Wasserratte, welche unter der
-Rinnsteinbrücke wohnte.
-
-»Hast du einen Paß?« fragte die Ratte. »Her mit dem Passe!«
-
-Aber der Zinnsoldat schwieg still und hielt sein Gewehr nur noch fester.
-Das Boot fuhr weiter und die Ratte hinterher. Hu! wie sie mit den Zähnen
-knirschte und den Spänen und dem Stroh zurief: »Haltet ihn auf! Er hat
-keinen Zoll bezahlt, er hat keinen Paß vorgezeigt!«
-
-Aber die Strömung wurde stärker und stärker; der Zinnsoldat konnte,
-schon ehe er das Ende des Brettes erreichte, den hellen Tag erblicken,
-aber er hörte zugleich einen brausenden Ton, der auch eines tapferen
-Mannes Herzen erschrecken konnte. Denkt euch, der Rinnstein stürzte am
-Ende der Brücke gerade in einen großen, breiten Kanal hinab, was ihm
-gleiche Gefahr bringen mußte als uns, wollten wir Menschen einen großen
-Wasserfall hinuntersegeln.
-
-Er war jetzt schon so nahe dabei, daß er nicht mehr anzuhalten
-vermochte. Das Boot fuhr hinab, der arme Zinnsoldat hielt sich, so gut
-es gehen wollte, aufrecht. Niemand sollte ihm nachsagen können, daß er
-auch nur mit den Augen geblinkt hätte. Das Boot drehte sich drei-,
-viermal um sich selbst und füllte sich dabei bis zum Rande mit Wasser,
-es mußte sinken. Der Zinnsoldat stand bis zum Halse im Wasser, und
-tiefer und tiefer sank das Boot. Mehr und mehr löste sich das Papier
-auf; jetzt ging das Wasser schon über des Soldaten Haupt, -- da dachte
-er an die kleine, niedliche Tänzerin, die er nie mehr erblicken sollte;
-und es klang vor des Zinnsoldaten Ohren:
-
- »Morgenrot, Morgenrot,
- Leuchtest mir zum frühen Tod.«
-
-Nun zerriß das Papier und der Zinnsoldat fiel hindurch, wurde aber in
-demselben Augenblicke von einem großen Fische verschlungen.
-
-Nein, wie finster war es da drinnen; da war es noch schlimmer als unter
-der Rinnsteinbrücke und vor allen Dingen so gar eng. Gleichwohl war der
-Zinnsoldat standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehre im Arme.
-
-Der Fisch fuhr umher und machte die entsetzlichsten Bewegungen; endlich
-wurde es ganz still, und wie ein Blitzstrahl fuhr es durch ihn hin. Dann
-drang ein heller Lichtglanz hinein und jemand rief laut: »Ein
-Zinnsoldat!« Der Fisch war gefangen, auf den Markt gebracht und verkauft
-worden und so in die Küche hinausgewandert, wo ihn die Magd mit einem
-großen Messer aufschnitt. Sie faßte den Soldaten mitten um den Leib und
-trug ihn in die Stube hinein, wo sämtliche den merkwürdigen Mann sehen
-wollten, der im Magen eines Fisches umhergereist war; der Zinnsoldat war
-jedoch darauf gar nicht stolz. Man stellte ihn auf den Tisch und da --
-nein, wie wunderlich kann es doch in der Welt zugehen, befand sich der
-Zinnsoldat in der nämlichen Stube, in der er vorher gewesen war, er sah
-die nämlichen Kinder und das nämliche Spielzeug stand auf dem Tische:
-das herrliche Schloß mit der niedlichen kleinen Tänzerin. Sie hielt sich
-immer noch auf dem einen Beine und hatte das andere hoch in der Luft,
-sie war ebenfalls standhaft. Das rührte den Zinnsoldaten so, daß er
-beinahe Zinn geweint hätte, aber das schickte sich nicht. Er sah sie und
-sie sah ihn an, aber sie sagten einander nichts.
-
-Plötzlich ergriff der eine der kleinen Knaben den Zinnsoldaten und warf
-ihn geradewegs in den Ofen hinein, obgleich hierzu eigentlich gar kein
-Grund vorlag; doch gewiß hatte es ihm der Kobold in der Dose eingegeben.
-
-Der Zinnsoldat stand mitten im Feuer und fühlte eine ganz entsetzliche
-Hitze. Die Farben waren von ihm abgegangen, ob das von den
-Reisestrapazen herrührte oder vom Kummer, wußte er nicht. Er sah das
-Dämchen an und fühlte, wie er schmolz; aber noch stand er aufrecht und
-hielt sein Gewehr im Arm. Da ging plötzlich eine Thür auf, ein Windhauch
-erfaßte die Tänzerin und diese flog gleich einer Sylphe in den Ofen zum
-Zinnsoldaten, loderte auf und war dahin. Da schmolz auch der Zinnsoldat
-zu einem Klumpen, und als die Magd am nächsten Morgen die Asche aus dem
-Ofen nahm, fand sie ihn gestaltet wie ein kleines Herz. Von der Tänzerin
-war nichts übrig als der Flitterstern, der schwarz gebrannt war.
-
-
-
-
-Des Kaisers Nachtigall.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capD68.jpg, pic73.jpg, tafel5.jpg]
-
-
-Das Schloß des Kaisers von China war das prächtigste in der Welt, durch
-und durch von feinem Porzellan. Im Garten sah man die herrlichsten und
-merkwürdigsten Blumen und an den allerprächtigsten waren silberne
-Glocken befestigt, die fortwährend tönten, damit man nicht vorüberginge,
-ohne die Blumen zu bemerken. Alles war in des Kaisers Garten auf das
-Geschmackvollste und Kunstreichste ausgegrübelt und er erstreckte sich
-so weit, daß selbst der Gärtner das Ende desselben nicht kannte.
-
-Aus dem Garten gelangte man in einen Wald, und dieser stieß an das Meer,
-welches blau und tief war. Große Schiffe konnten unter den überhängenden
-Zweigen hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, welche so
-himmlisch schön sang, daß selbst der arme Fischer, der vollauf von
-seinem Geschäft in Anspruch genommen war, still lag und lauschte, wenn
-er nachts ausgefahren war, sein Netz aufzuziehen und dann die Nachtigall
-hörte. »Mein Gott', wie ist das schön!« sagte er, dann aber mußte er
-seinem Gewerbe nachgehen und vergaß den Vogel. Doch wenn derselbe in der
-nächsten Nacht wieder sang, und der Fischer dorthin kam, wiederholte er:
-»Mein Gott, wie ist das doch schön!«
-
-Von allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und
-bewunderten dieselbe, das Schloß und den Garten; vernahmen sie aber die
-Nachtigall, dann sagten sie alle: »Das ist doch das Allerbeste!«
-
-Die Reisenden erzählten davon nach ihrer Heimkunft, und die Gelehrten
-schrieben Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten, aber die
-Nachtigall vergaßen sie nicht, der wurde das Hauptkapitel gewidmet; und
-die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über
-die Nachtigall im Walde bei der tiefen See.
-
-Die Bücher wurden in alle Sprachen übersetzt und einige gerieten dann
-auch einmal dem Kaiser in die Hände. Er saß in seinem goldenen Stuhl,
-las und las und nickte jeden Augenblick mit dem Kopfe, denn es freute
-ihn, diese prächtigen Beschreibungen von der Stadt, dem Schlosse und dem
-Garten zu vernehmen. »Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!«
-stand da geschrieben.
-
-»Was soll das heißen?« fragte der Kaiser. »Die Nachtigall? Die kenne ich
-ja gar nicht. Giebt es einen solchen Vogel in meinem Kaiserreiche und
-sogar in meinem eigenen Garten? Davon habe ich nie gehört. So etwas muß
-man erst aus Büchern erfahren!«
-
-Darauf rief er seinen Kavalier. »Hier soll sich ja ein höchst
-merkwürdiger Vogel aufhalten, der Nachtigall genannt wird!« redete ihn
-der Kaiser an. »Man sagt, daß er das Allerbeste in meinem großen Reiche
-ist! Weshalb hat man mir nie etwas von demselben gesagt?«
-
-»Ich habe ihn nie vorher nennen hören!« sagte der Kavalier; »er ist nie
-bei Hofe vorgestellt worden!«
-
-»Ich will, daß er heute abend herkommt und vor mir singt!« fuhr der
-Kaiser fort. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht.«
-
-»Ich habe ihn nie vorher nennen hören!« entgegnete der Kavalier, »aber
-ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!«
-
-Aber, wo war er zu finden? Der Kavalier lief treppauf und treppab, durch
-Säle und Gänge, keiner von allen, die er traf, hatte von der Nachtigall
-je reden gehört; und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und behauptete,
-es müßte gewiß eine Fabel der Buchschreiber sein.
-
-»Ja, aber das Buch, in dem ich es gelesen habe,« versetzte der Kaiser,
-»ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan geschickt worden und
-folglich ist es keine Unwahrheit. Ich will die Nachtigall hören! Sie
-soll heute abend hier sein! Sie steht in meiner allerhöchsten Gnade!«
-
-Der Kavalier und mit ihm der halbe Hof suchten und fragten nun nach der
-merkwürdigen Nachtigall, die alle Welt kannte, nur niemand bei Hofe.
-
-Endlich trafen sie ein armes kleines Küchenmädchen. Sie sagte: »O Gott,
-die Nachtigall! Die kenne ich gut! Ja, wie kann die singen! Jeden Abend
-darf ich meiner Mutter einige Speisereste bringen. Sie wohnt unten am
-Meeresufer, und wenn ich zurückkehre, müde bin und im Walde ruhe, dann
-höre ich die Nachtigall singen. Die Thränen treten mir dabei in die
-Augen, es kommt mir gerade so vor, als ob mich meine Mutter küßte!«
-
-»Kleines Küchenmädchen!« sagte der Kavalier, »ich will dir eine
-Anstellung in der Schloßküche verschaffen, wenn du uns zur Nachtigall
-führst, denn sie ist heute abend zum Gesang befohlen!«
-
-Darauf zogen sie alle nach dem Wald hinaus, wo die Nachtigall zu singen
-pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im besten Marsche waren, fing
-eine Kuh zu brüllen an.
-
-»Oh!« sagte ein Hofjunker, »nun haben wir sie! Es steckt doch wirklich
-eine ganz außerordentliche Kraft in einem so kleinen Tierchen. Ich habe
-sie sicher schon früher einmal gehört!«
-
-»Nein, das sind Kühe, welche brüllen!« sagte das kleine Küchenmädchen;
-»wir sind noch weit von der Stelle entfernt!«
-
-Jetzt quackten Frösche im Sumpfe. »Herrlich!« sagte der chinesische
-Schloßbonze. »Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Glocken.«
-
-»Nein, das sind die Frösche!« versetzte das kleine Küchenmädchen. »Aber
-nun werden wir sie, denke ich, bald hören.« Da begann die Nachtigall zu
-schlagen.
-
-»Das ist sie!« rief das kleine Mädchen, »hört, hört, und dort sitzt
-sie!« und dabei zeigte sie auf einen kleinen, grauen Vogel oben in den
-Zweigen.
-
-»Ist es möglich!« sagte der Kavalier, »so einfach von Aussehen hätte ich
-sie mir nicht vorgestellt!«
-
-»Kleine Nachtigall!« rief das kleine Küchenmädchen ganz laut, »unser
-allergnädigster Kaiser wünscht, daß du vor ihm singst!«
-
-»Mit größtem Vergnügen!« sagte der Vogel, und sang gleich, daß es eine
-wahre Lust war.
-
-»Es klingt gerade wie Glasglocken!« sagte der Kavalier, »und seht nur
-die kleine Kehle, wie die sich anstrengt! Es ist merkwürdig, daß wir sie
-früher nie gehört haben! Sie wird einen großen Erfolg bei Hofe haben!«
-
-»Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?« fragte die Nachtigall,
-welche glaubte, daß der Kaiser zugegen wäre.
-
-»Meine vortreffliche, liebe Nachtigall!« sagte der Kavalier, »ich habe
-die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend zu befehlen, wo Sie
-Seine kaiserliche Gnaden mit Ihrem reizenden Gesange bezaubern sollen!«
-
-»Es nimmt sich im Grünen am besten aus!« entgegnete die Nachtigall, aber
-sie ging doch mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte.
-
-Im Schlosse war alles im festlichen Staate. Wände und Fußboden, die von
-Porzellan waren, erglänzten im Scheine vieler tausend goldener Lampen.
-Die schönsten Blumen, die recht laut klingeln konnten, waren in den
-Gängen aufgestellt. Da war ein Laufen und Rennen, und von dem starken
-Zugwind klingelten alle Glocken, so daß man sein eigenes Wort nicht
-verstand.
-
-Mitten in dem Saale, in welchem der Kaiser saß, war eine kleine, goldene
-Säule aufgestellt, auf welcher die Nachtigall sitzen sollte. Der ganze
-Hof war dort versammelt, und das kleine Küchenmädchen hatte die
-Erlaubnis erhalten, hinter der Thür zu stehen, da ihr nun der Titel
-einer »wirklichen Hofköchin« beigelegt war.
-
-Die Nachtigall sang so lieblich, daß dem Kaiser Thränen in die Augen
-traten; die Thränen liefen ihm über die Wangen hinab, und nun sang die
-Nachtigall noch schöner, daß es recht zu Herzen ging. Der Kaiser war so
-froh und zufrieden, daß er zu bestimmen geruhte, die Nachtigall sollte
-einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen. Die Nachtigall aber dankte,
-sie hätte schon eine hinreichende Belohnung erhalten.
-
-»Ich habe Thränen in den Augen des Kaisers gesehen, das ist mir der
-reichste Schatz! Eines Kaisers Thränen haben eine wunderbare Macht! Gott
-weiß, ich bin belohnt genug!« Dann sang sie wieder mit ihrer süßen,
-bezaubernden Stimme. Ja, die Nachtigall machte wirklich Glück.
-
-Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben und die
-Freiheit genießen, zweimal des Tages und einmal des Nachts sich im
-Freien zu ergehen. Zwölf Diener mußten sie begleiten, die sie alle an
-einem um das eine Bein geschlungenen Bande festhielten. Ein solcher
-Ausgang war nun eben kein Vergnügen.
-
-Eines Tages wurde dem Kaiser eine große Kiste mit der Aufschrift
-»Nachtigall!« überreicht.
-
-»Da haben wir nun gewiß ein Buch über unsern berühmten Vogel!« dachte
-der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein kleines Kunstwerk, welches
-in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebendigen
-ähneln sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt
-war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eines der Stücke
-singen, welche die wirkliche Nachtigall sang, und dabei bewegte er den
-Schwanz auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing
-ihm ein Bändchen, auf dem geschrieben stand: »Die Nachtigall des Kaisers
-von Japan ist arm gegen die des Kaisers von China!«
-
-»Das ist herrlich!« sagten sie sämtlich, und derjenige, welcher den
-künstlichen Vogel überbracht hatte, erhielt sofort den Titel eines
-»kaiserlichen Oberhofnachtigallenüberbringers«.
-
-»Nun müssen sie zusammen singen! Was wird das für ein Duett werden!«
-
-So mußten sie denn zusammen singen, aber es wollte nicht recht gehen,
-denn die wirkliche Nachtigall ging auf ihre Art und der Kunstvogel ging
-auf Walzen. »Der trägt nicht die Schuld!« sagte der Spielmeister, »der
-ist besonders taktfest und ganz aus meiner Schule!« Nun sollte der
-Kunstvogel allein singen. -- Er machte ein ebenso großes Glück wie der
-wirkliche und dann bot er auch einen viel prächtigeren Anblick.
-
-Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und wurde doch nicht
-müde. Die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, doch meinte der
-Kaiser, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas vortragen sollte --
--- aber wo war diese? Niemand hatte bemerkt, daß sie zum offenen Fenster
-hinausgeflogen war, fort zu ihren grünen Wäldern.
-
-»Aber was ist denn das?« rief der Kaiser; und alle Hofleute schalten und
-meinten, die Nachtigall wäre ein höchst undankbares Tier. »Den besten
-Vogel haben wir doch!« trösteten sie sich und so mußte der Kunstvogel
-wieder singen. Der Spielmeister lobte den Vogel über alle Maßen, ja, er
-versicherte, er wäre besser als die wirkliche Nachtigall, nicht nur was
-die Kleider und die vielen strahlenden Diamanten anbelangte, sondern
-auch hinsichtlich seines Innern.
-
-Der Kaiser stimmte ihm bei und der Spielmeister erhielt Befehl, den
-Vogel am nächsten Sonntage dem Volke vorzuweisen. Und die Leute hörten
-ihn und waren ganz entzückt und riefen: »O!« und hielten nach ihrer
-Sitte einen Finger in die Höhe und nickten dabei. Aber die armen
-Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, meinten: »Das
-klingt wohl ganz hübsch, es läßt sich auch eine Ähnlichkeit der Melodie
-nicht ableugnen, aber es fehlt doch etwas. Was es nur sein mag?«
-
-Die wirkliche Nachtigall ward aus Land und Reich verwiesen; der
-Kunstvogel aber hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen,
-unmittelbar neben dem Bette des Kaisers. Alle Geschenke, die er erhalten
-hatte, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er
-bereits bis zum »Kaiserlichen Nachttischsänger« mit dem Range eines
-Rates erster Klasse aufgestiegen.
-
-So ging es ein ganzes Jahr: Der Kaiser, der Hof und alle andern Chinesen
-kannten jeden Laut in dem Gesange des Kunstvogels auswendig, aber gerade
-deshalb hielten sie die größten Stücke auf ihn. Sie konnten selbst
-mitsingen und thaten es. Die Gassenbuben sangen: »Zizizi!
-Kluckkluckkluck!« und der Kaiser sang es. O, es war himmlisch!
-
-Aber eines Abends, als der Kunstvogel gerade am besten sang, und der
-Kaiser im Bette lag und zuhörte, ging es inwendig im Vogel: »Schwupp!«
-Da sprang etwas: »Schnurrrrr!« Alle Räder liefen herum, und dann schwieg
-die Musik.
-
-Der Kaiser sprang sogleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt holen,
-aber was konnte der helfen! Dann schickte man nach dem Uhrmacher, und
-nach vielem Fragen und vielem Untersuchen setzte er den Vogel wenigstens
-einigermaßen wieder in Stand, erklärte aber, er müßte sehr geschont
-werden, denn die Zapfen wären abgenutzt und es wäre unmöglich, neue
-dergestalt einzusetzen, daß die Musik sicher ginge. Da war nun große
-Trauer. Nur einmal des Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen,
-und schon das war ein großes Wagnis. Dann aber hielt der Spielmeister
-eine kleine Rede und versicherte, daß es noch ebenso gut wäre wie
-früher, und dann war es auch ebenso gut wie früher.
-
-Nun waren fünf Jahre verstrichen, als das ganze Land plötzlich eine
-wirkliche Ursache zu großer Trauer bekam, denn der Kaiser, der sehr
-geliebt wurde, erkrankte lebensgefährlich. Ein neuer Kaiser war schon im
-voraus gewählt und das Volk stand auf der Straße und fragte, wie es mit
-dem Herrn stände. Es hieß schon, der Kaiser sei tot. Aber der Kaiser war
-noch nicht tot. Steif und bleich lag er in dem prächtigen Bette mit den
-langen Sammetvorhängen und den schweren Goldquasten. Hoch oben stand ein
-Fenster offen und der Mond schien herein auf den Kaiser und den
-Kunstvogel.
-
-Der arme Kaiser konnte kaum noch atmen, es war ihm, als ob etwas auf
-seiner Brust läge. Er schlug die Augen auf und da sah er, daß es der Tod
-war, der auf seiner Brust saß. Er hatte sich seine goldene Krone
-aufgesetzt und hielt in der einen Hand den goldenen Säbel des Kaisers
-und in der andern dessen prächtige Fahne. Aus den Falten der großen
-Sammetvorhänge schauten ringsumher seltsame Köpfe hervor, einige sehr
-häßlich, andere Frieden verheißend und mild. Es waren alle böse und gute
-Thaten des Kaisers, die ihn jetzt, wo der Tod auf seinem Herzen saß,
-anblickten.
-
-»Erinnerst du dich dessen?« flüsterte eine nach der anderen. »Erinnerst
-du dich dessen?« und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß
-von der Stirne lief.
-
-»Das habe ich nie gewußt!« seufzte der Kaiser. »Musik, Musik, die große
-chinesische Trommel!« rief er, »damit ich nicht alles höre, was sie
-sagen!«
-
-Aber sie verstummten nicht, und der Tod nickte zu allem, was gesagt
-wurde.
-
-»Musik, Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner lieblicher Goldvogel,
-singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe
-dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch,
-singe!«
-
-Aber der Vogel schwieg, es war niemand da, ihn aufzuziehen, und sonst
-sang er nicht. Aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen,
-leeren Augenhöhlen anzuschauen, und es war so still, so erschrecklich
-still.
-
-Da ertönte plötzlich, dicht neben dem Fenster, der herrlichste Gesang.
-Er rührte von der kleinen, lebendigen Nachtigall her, die draußen auf
-einem Zweige saß. Sie hatte von ihres Kaisers Not gehört und war deshalb
-gekommen, ihm Trost und Hoffnung zuzusingen. Und wie sie sang,
-erbleichten die Spukgestalten mehr und mehr, immer rascher pulsierte das
-Blut in des Kaisers schwachem Körper und selbst der Tod lauschte und
-sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall, fahre fort!«
-
-»Ja, wenn du mir des Kaisers goldenen Säbel, seine Fahne und seine Krone
-geben willst.«
-
-Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang hin, und die Nachtigall
-war unermüdlich. Sie sang von dem stillen Friedhofe, wo die weißen Rosen
-wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Thränen
-der Überlebenden benetzt wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem
-Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel zum Fenster hinaus.
-
-»Dank, Dank!« sagte der Kaiser, »du himmlischer kleiner Vogel, ich kenne
-dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche verwiesen, und doch
-hast du die bösen Geister von meinem Bette hinweggesungen, den Tod von
-meinem Herzen vertrieben! Wie soll ich dir lohnen?«
-
-»Du hast mir gelohnt!« sagte die Nachtigall, »Thränen haben deine Augen
-vergossen, als ich das erstemal sang; das vergesse ich dir nie, das sind
-die Juwelen, die eines Sängers Herzen wohl thun. Aber schlafe nun, werde
-frisch und gesund! Ich will dich einsingen.«
-
-Sie sang -- -- und der Kaiser fiel in einen süßen, sanften, erquickenden
-Schlaf.
-
- [Farbtafel/Plate]
-
-Die Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf ihn, als er gestärkt und
-gesund erwachte. Noch war keiner von seinen Dienern zurückgekommen, denn
-sie hielten ihn für tot, aber die Nachtigall saß noch da und sang.
-
-»Immer mußt du bei mir bleiben!« sagte der Kaiser; »du sollst nur
-singen, wenn du willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend
-Stücke!«
-
-»Thue das nicht!« sagte die Nachtigall. »Er hat gethan, was er zu thun
-vermochte; behalte ihn auch fernerhin. Ich kann in einem Schlosse nicht
-wohnen, doch laß mich zu dir kommen, so oft mich das Verlangen dazu
-treibt; dann will ich des Abends dort auf dem Zweige vor dem Fenster
-sitzen und dir vorsingen, damit du froh, aber auch zugleich nachdenklich
-wirst. Ich will singen von den Glücklichen und von denen, welche leiden;
-ich will singen vom Bösen und Guten, was dir verhehlt wird. Der kleine
-Singvogel fliegt weit umher zu dem armen Fischer, zu des Landmannes
-Dach, zu jedem, der fern von dir und deinem Hofe ist. Dein Herz liebe
-ich mehr, als deine Krone, und doch hat die Krone etwas von dem Dufte
-des Heiligen an sich. -- Ich komme, ich singe dir vor! Aber Eins mußt du
-mir versprechen!«
-
-»Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht,
-die er sich selbst angelegt hatte, und legte den Säbel, der von Gold
-schwer war gegen sein Herz.
-
-»Um Eines bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel
-hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!«
-
-Darauf flog die Nachtigall fort.
-
-Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; -- ja,
-da standen sie und der Kaiser sagte ganz frisch und munter: »_Guten
-Morgen!_«
-
-
-
-
-Die Schneekönigin.
-
-Märchen in sieben Geschichten.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capE74, pic76.jpg, pic79.jpg, tafel1.jpg]
-
-
-_Erste_ Geschichte. +Der Zauberspiegel.+
-
-Ein böser Zauberer hatte einst einen Spiegel angefertigt, der die
-Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, das sich darin spiegelte,
-zusammenschrumpfte und häßlich grinste, während das, was nichts taugte,
-deutlich hervortrat und sich gut ausnahm. Das wäre lustig, meinten die,
-welche die Schule des Zauberers besuchten, denn dieser gab Unterricht im
-Zaubern. Sie liefen mit dem Spiegel umher und zuletzt war weder ein Land
-noch ein Mensch, die nicht ihr verdrehtes Bild gesehen hätten.
-
-Nun wollten sie zuletzt sogar auch noch zum Himmel emporfliegen, um mit
-den Engeln und dem lieben Gott ihren Spott zu treiben. Je höher sie mit
-dem Spiegel flogen, desto stärker grinste er, daß sie ihn kaum
-festhalten konnten. Höher und höher flogen sie, Gott und seinen Engeln
-immer näher. Da erbebte der Spiegel in seinem Grinsen so furchtbar, daß
-er ihren Händen entglitt und auf die Erde hinunterstürzte, wo er in
-hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zerbrach. Aber gerade
-hienieden richtete er weit größeres Unglück an als zuvor, denn einige
-Stücke waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und diese verbreiteten sich
-über die ganze weite Welt. Wo sie den Leuten in die Augen kamen, da
-blieben sie sitzen, und dann sahen die Menschen alles verkehrt oder
-hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache, denn jedes
-Spiegelsplitterchen hatte dieselben Kräfte behalten, welche dem ganzen
-Spiegel eigen waren. Einigen Menschen drang ein solcher Spiegelsplitter
-sogar in das Herz, und dann war es entsetzlich, das Herz wurde förmlich
-ein Eisklumpen. Einige Scherben waren so groß, daß sie zu
-Fensterscheiben benutzt wurden, andere Stücke dienten als Brillengläser,
-was natürlich eine große Verwirrung anrichtete. Und immer noch flogen
-kleine Glassplitter in der Luft umher. Wir werden nun hören, was durch
-dieselben geschah.
-
-
-_Zweite_ Geschichte. +Die Nachbarskinder.+
-
-In der großen Stadt, wo so viel Leute beisammenwohnen, daß nicht alle
-ein Gärtchen haben können, sondern viele sich mit Blumentöpfen begnügen
-müssen, lebten einst zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten
-als einen Blumentopf besaßen. Sie waren nicht Bruder und Schwester,
-hatten einander aber eben so lieb, als ob sie es wären. Ihre Eltern
-wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Sie bewohnten zwei Dachkammern,
-da, wo das Dach des einen Nachbarhauses das des andern berührte und die
-Wasserrinne zwischen den Dächern entlang lief. Dort hinaus blickte aus
-jedem Hause ein Fenster. Man brauchte nur über die Rinne zu schreiten,
-um von dem einen Fenster nach dem andern zu gelangen.
-
-Jedes Elternpaar hatte draußen einen hölzernen Kasten angebracht, in
-welchem die nötigsten Küchenkräuter gezogen wurden. Auch befand sich
-in jedem Kästchen ein kleiner Rosenstock und beide wuchsen und gediehen
-herrlich. Nun gerieten die Eltern auf den Gedanken, die Kästen quer
-über die Rinne so auszustellen, daß sie fast von dem einen Fenster bis
-zu dem andern reichten und sich völlig wie zwei Blumenwälle ausnahmen.
-Erbsenranken hingen über die Kästen hinunter und die Rosenstöcke trieben
-lange Zweige, rankten sich um die Fenster, neigten sich einander zu
-und bildeten fast eine Laube, und die Kinder erhielten oftmals die
-Erlaubnis, hinauszuklettern und unter den Rosen miteinander zu spielen.
-
-Im Winter war ja dies Vergnügen vorüber. Die Fenster waren dann oft ganz
-zugefroren. Doch dann wärmten sie Kupferdreier auf dem Ofen, hielten sie
-gegen die gefrorene Scheibe und dann bildete sich dort ein prächtiges
-Guckloch, so rund, o so rund; dahinter strahlte ein glückliches sanftes
-Auge, eines hinter jedem Fenster. Das war der kleine Knabe und das
-kleine Mädchen. Er hieß _Kay_ und sie hieß _Gerda_. Im Sommer konnten
-sie rasch bei einander sein, im Winter aber mußten sie die vielen
-Treppen hinunter und hinauf. -- Draußen wirbelte der Schnee.
-
-»Jetzt schwärmen die weißen Bienen!« sagte die alte Großmutter.
-
-»Haben sie auch eine Bienenkönigin?« fragte der kleine Knabe.
-
-»Die haben sie!« sagte die Großmutter, »sie fliegt immer dort, wo sie am
-dichtesten schwärmen. Sie ist die größte von allen Schneeflocken, und
-nie ist sie ruhig auf Erden, sie fliegt gleich wieder zu der schwarzen
-Wolke empor. Manche Winternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt
-und guckt zu den Fenstern hinein, und dann gefrieren diese so wunderbar,
-als wären sie mit Blumen besäet.«
-
-»Ja, das habe ich gesehen!« riefen beide Kinder, und nun wußten sie, daß
-es Wahrheit wäre.
-
-»Kann die Schneekönigin hereinkommen?« fragte das kleine Mädchen.
-
-»Laß sie nur kommen,« sagte der Knabe, »dann setze ich sie auf den
-warmen Kachelofen und sie muß zerschmelzen!«
-
-Aber die Großmutter strich ihm das Haar glatt und erzählte andere
-Geschichten.
-
-Des Abends, als der kleine Kay zu Hause und halb ausgezogen war,
-kletterte er auf den Stuhl am Fenster und guckte zu dem kleinen Loch
-hinaus. Ein paar Schneeflocken fielen draußen und eine derselben, die
-allergrößte, blieb auf dem Rande des einen Blumenkastens hängen. Die
-Schneeflocke wuchs und wuchs, bis sie sich zuletzt in eine vollständige
-Frau verwandelte, in den feinsten weißen Flor gehüllt, der wie von
-Millionen sternartiger Flocken zusammengesetzt war. Sie war schön und
-fein, aber von Eis, dem blendenden, blinkenden Eis, doch war sie
-lebendig. Die Augen funkelten wie zwei helle Sterne, aber unstät rollten
-sie umher ohne Ruh und Rast. Sie nickte nach dem Fenster zu und winkte
-mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuhle hinunter.
-Da war es, als flöge ein großer Vogel draußen an dem Fenster vorüber.
-
-Am folgenden Tag war klares Frostwetter -- -- und dann begann es zu
-thauen, der Lenz hielt seinen Einzug, die Sonne schien, die Spitzen der
-Grashälmchen sproßten hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster
-wurden geöffnet, und die kleinen Kinder saßen wieder in ihrem Gärtchen
-hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken.
-
-Die Rosen blühten während dieses Sommers besonders schön. Das kleine
-Mädchen hatte ein Lied gelernt und sang es dem Knaben vor und er sang
-mit:
-
- »Ich liebe die Rosen in all ihrer Pracht,
- Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!«
-
-Kay und Gerda saßen und sahen sich das Bilderbuch mit den vielen Tieren
-und Vögeln an, da war es -- die Uhr auf dem großen Kirchturme schlug
-gerade fünf -- daß Kay sagte: »Au! es ging mir wie ein Stich durch das
-Herz! Und jetzt ist mir etwas ins Auge geflogen!« Das kleine Mädchen
-faßte ihn um den Hals; er blinzelte mit den Augen: nein, es war durchaus
-nichts zu sehen.
-
-»Ich denke, es ist fort!« sagte er, aber fort war es nicht. Es war
-gerade einer von diesen Glassplittern, die von dem Spiegel abgesprungen
-waren, dem Zauberspiegel. Wir entsinnen uns desselben wohl noch, der
-bewirkte, daß alles Große und Gute, welches sich darin abspiegelte,
-klein und häßlich wurde, und jeder Fehler an einer Sache sich sofort
-bemerkbar machte. Der arme Kay, ihm war ein solches Splitterchen auch
-gerade in das Herz eingedrungen. Das sollte nun bald wie ein Eisklumpen
-werden. Nun that es zwar nicht mehr wehe, aber da war es.
-
-»Weshalb weinst du?« fragte er. »So siehst du häßlich aus. Mir fehlt ja
-durchaus nichts! Pfui!« rief er plötzlich aus, »die Rose da ist ja vom
-Wurme angefressen! Und sieh, jene ist gar nicht gerade gewachsen. Das
-sind eigentlich recht häßliche Rosen. Sie sind ebenso garstig wie die
-Kasten, in denen sie stehen!« Und dann stieß er heftig mit dem Fuße
-gegen den Kasten und riß die beiden Rosen ab.
-
-»Kay, was thust du!« rief das kleine Mädchen; und als er ihr heftiges
-Erschrecken bemerkte, riß er noch eine Rose ab und sprang dann in sein
-Fenster hinein.
-
-Wenn sie später mit dem Bilderbuche kam, spottete er darüber und wenn
-die Großmutter Geschichten erzählte, kam er stets mit einem Aber
-dazwischen; zuweilen schlich er sich hinter ihr her, setzte ihre Brille
-auf und ahmte ihre Stimme nach. Er konnte bald allen Leuten in der
-Straße Gang und Redeweise nachahmen und besonders das Unschöne wußte er
-treffend zu kopieren. Aber daran war das Glas schuld, welches ihm in die
-Augen geflogen war, das Glas, welches ihm in dem Herzen saß. Daher kam
-es, daß er sogar die kleine Gerda neckte, die ihn von ganzer Seele lieb
-hatte.
-
-Seine Spiele nahmen jetzt einen ganz anderen Charakter an, sie wurden
-mehr verständig. An einem Wintertage, als Schneegestöber eingetreten
-war, kam er mit einem Vergrößerungsglase, hielt seine blauen Rockzipfel
-hinaus und ließ die Schneeflocken darauf fallen.
-
-»Sieh nun einmal in das Glas, Gerda!« sagte er, und jede Schneeflocke
-wurde ungleich größer und nahm sich wie eine prächtige Blume oder ein
-zehnzackiger Stern aus. Es gewährte einen herrlichen Anblick.
-
-»Siehst du, wie kunstreich!« rief Kay aus; »das bietet weit mehr
-Vergnügen und Stoff zum Nachdenken dar, als die wirklichen Blumen! Auch
-ist kein einziger Fehler an ihnen, sie sind ganz regelmäßig; wenn sie
-nur nicht schmelzen würden!«
-
-Nicht lange darauf kam Kay mit großen Fausthandschuhen und seinem
-Schlitten auf dem Rücken. Er flüsterte Gerda in die Ohren: »Ich habe
-Erlaubnis bekommen, auf den großen Platz zu fahren, wo die Andern
-spielen!« und fort war er.
-
-Dort auf dem Platze banden mitunter die kecksten Knaben ihre Schlitten
-an die Bauernwagen und fuhren dann eine tüchtige Strecke mit. Das ging
-gerade recht lustig. Als das Spiel im vollen Gange war, kam ein großer,
-weiß angestrichener Schlitten. Eine Person saß in demselben, die in
-einen weißen, rauhen Pelz eingehüllt und mit einer weißen Pelzmütze
-bedeckt war. Der Schlitten fuhr zweimal um den Platz herum und Kay
-gelang es, seinen kleinen Schlitten an denselben festzubinden und nun
-fuhr er mit. Rascher und immer rascher ging es gerade in die nächste
-Straße hinein. Der Führer des Schlittens wandte den Kopf und nickte ihm
-so freundlich zu, als ob sie mit einander bekannt wären. So oft Kay
-seinen kleinen Schlitten abbinden wollte, nickte die Person abermals und
-dann blieb Kay sitzen; sie fuhren gerade zum Stadtthore hinaus. Da wurde
-das Schneegestöber so heftig, daß der kleine Knabe nicht die Hand vor
-den Augen mehr erkennen konnte, während er gleichwohl weiter fuhr.
-Endlich ließ er den Strick fallen, um sich von dem großen Schlitten los
-zu machen, aber es half nichts, sein kleines Fuhrwerk hing fest und es
-ging mit Windeseile. Da rief er ganz laut, aber niemand hörte ihn, und
-der Schnee wirbelte und der Schlitten flog vorwärts. Mitunter gab es
-einen Stoß, als ob man über Gräben und Hecken führe. Er war ganz
-entsetzt, wollte sein Vaterunser beten, konnte sich aber nur noch auf
-das große Einmaleins besinnen.
-
-Die Schneeflocken wurden größer und größer, zuletzt sahen sie wie große
-weiße Hühner aus. Plötzlich sprangen die Pferde zur Seite, der Schlitten
-hielt und die Person, welche ihn fuhr, erhob sich; Pelz und Mütze waren
-von lauter Schnee. Es war eine Dame, hoch und schlank, blendend weiß,
-es war die _Schneekönigin_.
-
-»Wir sind wacker vorwärts gekommen,« sagte sie. »Aber ist das etwa ein
-Wetter zum Frieren? Komm, krieche mit in meinen Bärenpelz hinein!« und
-sie setzte ihn in den Schlitten an ihre Seite und schlug den Pelz um
-ihn, daß es ihm vorkam, als versänke er in einen Schneehaufen.
-
-»Frierst du noch?« fragte sie und küßte ihn dann auf die Stirn. Huh, das
-war noch kälter als Eis, das ging ihm gleich bis ans Herz, welches ja
-schon halb und halb ein Eisklumpen war. Ihm war zu Mute, als sollte er
-sterben; -- aber nur einen Augenblick, dann that es ihm gerade gut.
-Er empfand nichts mehr von der Kälte um sich.
-
-»Meinen Schlitten! vergiß meinen Schlitten nicht!« Dessen erinnerte er
-sich zuerst. Er wurde auch auf eins der weißen Hühner gebunden, welches
-mit dem Schlitten auf dem Rücken hinterher flog. Die Schneekönigin küßte
-Kay noch einmal und dann hatte er die kleine Gerda und die Großmutter
-und alle daheim vergessen.
-
-Kay fürchtete sich gar nicht vor der Schneekönigin; er erzählte ihr, daß
-er im Kopfe rechnen könne und sogar mit Brüchen, daß er die Größe und
-Einwohnerzahl der Länder wüßte und sie lächelte zu allem. Und sie flog
-mit ihm, flog hoch hinauf zu der schwarzen Wolke und der Sturm sauste
-und brauste, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen,
-über Meere und Länder. Unten in der Tiefe sauste der kalte Wind, heulten
-die Wölfe, flimmerte der Schnee und über denselben flogen die schwarzen,
-schreienden Krähen hinweg, aber über ihnen glänzte der Mond groß und
-klar und zu ihm schaute Kay auf, die lange, lange Winternacht hindurch.
-Am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin.
-
-
-_Dritte_ Geschichte. +Der Blumengarten der Zauberin.+
-
-Aber was wurde aus der kleinen Gerda, als Kay nicht wiederkam? Wo in
-aller Welt befand er sich doch? -- Niemand wußte es, niemand konnte
-Auskunft erteilen. Die Knaben erzählten nur, daß sie gesehen, wie er
-seinen kleinen Schlitten an einen großen und prächtigen angebunden
-hätte, der in die Straßen hinein und dann zum Stadtthore hinausgefahren
-wäre. Niemand wußte, wo er war; viele Thränen flossen, die kleine Gerda
-weinte bitterlich und lange. Dann hieß es, er wäre tot, er wäre in dem
-Flusse ertrunken, der nahe bei der Stadt vorbeifloß. O, es waren recht
-lange dunkle Wintertage.
-
-Jetzt erschien der Lenz mit wärmerem Sonnenscheine.
-
-»Kay ist tot und fort!« sagte die kleine Gerda.
-
-»Das glaube ich nicht!« sagte der Sonnenschein.
-
-»Er ist tot und fort!« sagte sie zu den Schwalben.
-
-»Das glauben wir nicht!« entgegneten dieselben, und endlich glaubte die
-kleine Gerda es auch nicht mehr.
-
-»Ich will meine neuen roten Schuhe anziehen!« sagte sie eines Morgens,
-»diejenigen, welche Kay noch nie gesehen hat, und dann will ich zum
-Flusse hinuntergehen und mich bei diesem erkundigen!«
-
-Noch war es ganz früh, als sie sich erhob, die alte Großmutter, welche
-noch schlummerte, küßte, die roten Schuhe anzog und dann ganz allein zum
-Thore hinaus nach dem Flusse ging.
-
-»Ist es wahr, daß du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast?
-Ich will dir meine roten Schuhe schenken, wenn du mir ihn wiedergeben
-willst!«
-
-Es kam ihr vor, als ob die Wellen ihr so eigentümlich zunickten. Dann
-nahm sie ihre roten Schuhe, das liebste, was sie besaß, und warf sie
-beide in den Fluß, aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen
-Wellen trugen sie wieder zu ihr an das Land, als wollte der Fluß sie
-ihres liebsten Eigentums nicht berauben, zumal er ja den kleinen Kay
-nicht hatte. Nun aber glaubte sie, daß sie die Schuhe nicht weit genug
-hinausgeworfen hätte, und kletterte deshalb in ein Boot, welches im
-Schilfe lag. Sie ging bis an das äußerste Ende und warf die Schuhe von
-neuem in die Wellen. Das Boot war jedoch nicht befestigt, und bei der
-Bewegung, welche sie machte, glitt es vom Lande ab. Sie bemerkte es zwar
-und beeilte sich zurückzukommen, aber ehe es ihr gelang, war das Boot
-schon ein Stück vom Ufer, und nun glitt es rascher den Fluß abwärts.
-
-Da erschrak die kleine Gerda gewaltig und begann zu weinen, allein nur
-die Sperlinge hörten sie und diese konnten sie nicht an das Land tragen,
-aber sie flogen das Ufer entlang und zwitscherten, als wollten sie sie
-trösten: »Hier sind wir! Hier sind wir!« Das Boot trieb mit dem Strome;
-die kleine Gerda saß ganz still in bloßen Strümpfen. Ihre kleinen roten
-Schuhe schwammen hinterher, konnten das Boot jedoch nicht erreichen,
-da dasselbe schneller vom Strome fortgerissen wurde.
-
-Lieblich war es an beiden Ufern; prächtige Blumen, alte Bäume und die
-Abhänge mit Schafen und Kühen belebt, aber nicht ein Mensch war zu
-sehen.
-
-»Vielleicht trägt mich der Fluß zum kleinen Kay hin!« dachte Gerda und
-da wurde sie besserer Laune, sie erhob sich und betrachtete viele
-Stunden lang die schönen grünen Ufer. Dann fuhr sie an einem großen
-Kirschgarten vorüber, in welchem ein Häuschen mit merkwürdig roten und
-blauen Fenstern stand; übrigens war es mit Stroh gedeckt und draußen
-standen zwei hölzerne Soldaten, welche vor den Vorübersegelnden das
-Gewehr schulterten.
-
-Gerda rief sie an; sie hielt sie für lebendig, aber sie antworteten
-natürlich nicht; sie kam ihnen ganz nahe, die Strömung trieb das Boot
-gerade auf das Land zu.
-
-Gerda rief noch lauter und da trat aus dem Hause eine alte, alte Frau,
-die sich auf einen Krückstock stützte. Um sich gegen die Sonne zu
-schützen, hatte sie einen großen Hut auf, der mit den schönsten Blumen
-bemalt war.
-
-»Du liebes armes Kind!« sagte die alte Frau, »wie bist du auf den großen
-starken Strom gekommen und so fern in die weite Welt hinausgetrieben!«
-Darauf ging die alte Frau bis an den Rand des Wassers, zog das Boot mit
-ihrem Krückstock an das Land und hob die kleine Gerda heraus.
-
-Obgleich Gerda froh war, auf das Trockene zu kommen, fürchtete sie sich
-doch ein wenig vor der fremden alten Frau.
-
-»Komme doch und erzähle mir, wer du bist und wie du hierher kommst!«
-sagte sie.
-
-Gerda erzählte ihr alles und fragte sie, ob sie den kleinen Kay nicht
-gesehen hätte. Die alte Frau meinte, er käme wohl noch, sie möchte nur
-nicht betrübt sein und Kirschen essen und sich ihre Blumen ansehen. Dann
-nahm sie Gerda bei der Hand, ging mit ihr in das kleine Häuschen und
-schloß die Thüre zu.
-
-Die Fenster waren sehr hoch angebracht und die Scheiben waren rot, blau
-und gelb. Das Tageslicht fiel ganz eigentümlich herein, aber auf dem
-Tische standen die köstlichsten Kirschen und Gerda aß nach Herzenslust
-davon, weil sie die Erlaubnis dazu erhalten hatte. Während sie aß,
-kämmte ihr die alte Frau das Haar mit einem goldenen Kamme, und das Haar
-ringelte sich und schimmerte goldig um ihr liebes freundliches
-Gesichtchen, welches rund war und wie eine Rose blühte.
-
-»Nach einem so holden kleinen Mädchen habe ich mich schon lange
-gesehnt!« sagte die Alte. »Du wirst nun sehen, wie gut wir uns
-gegenseitig gefallen werden!« Und je länger sie das Haupt der kleinen
-Gerda kämmte, desto mehr vergaß dieselbe ihren Pflegebruder Kay, denn
-die alte Frau konnte zaubern, aber eine böse Zauberin war sie nicht. Sie
-ging in den Garten hinaus, streckte ihren Krückstock über alle
-Rosenstöcke aus und diese versanken sofort in die schwarze Erde. Die
-Alte befürchtete, daß Gerda beim Anblick der Rosen ihrer eigenen
-gedenken, sich dadurch des kleinen Kay erinnern und dann davonlaufen
-würde.
-
-Jetzt führte sie Gerda in den Blumengarten hinaus. Welch' ein Duft,
-welch' eine Pracht herrschte hier! Alle erdenkliche Blumen, und zwar für
-jede Jahreszeit, standen hier in üppigstem Flor. Gerda hüpfte vor Freude
-und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen unterging. Dann
-bekam sie ein hübsches Bett mit rotseidenen Kissen, die mit blauen
-Veilchen gestopft waren, und schlief und träumte so herrlich, wie eine
-Königin.
-
-Am nächsten Morgen durfte sie wieder mit den Blumen in dem warmen
-Sonnenscheine spielen -- und so ging es viele Tage. Gerda kannte jede
-Blume, aber wie viele auch vorhanden waren, so kam es ihr doch vor, als
-ob eine darunter fehlte, nur wußte sie nicht welche. Eines Tages sah sie
-aber auf dem Sonnenhut der alten Frau eine gemalte Rose. Sie sprang
-zwischen den Beeten umher und suchte eine Rose unter den Blumen, aber da
-war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte; aber ihre heißen
-Thränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstock versunken war,
-und als die warmen Thränen die Erde benetzten, da schoß plötzlich der
-Stock ebenso blühend, wie er versunken war, empor, und Gerda umarmte
-ihn, küßte die Rosen und gedachte der hübschen Rosen daheim und dabei
-kam ihr auch der kleine Kay wieder in den Sinn.
-
-»O wie lange bin ich nun schon hier bei der alten Frau!« sagte das
-kleine Mädchen. »Ich wollte ja Kay suchen! -- Wißt ihr nicht, wo er
-ist?« fragte sie die Rosen. »Glaubt ihr, daß er tot und fort ist?«
-
-»Tot ist er nicht!« sagten die Rosen. »Wir sind ja in der Erde gewesen,
-wo alle Tote sind, aber dort war Kay nicht!«
-
-»Dank, tausend Dank!« erwiderte die kleine Gerda und ging zu den andern
-Blumen, schaute in ihren Kelch und fragte: »Wißt ihr nicht, wo der
-kleine Kay ist?«
-
-Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder
-Geschichtchen. Von diesen vernahm die kleine Gerda viele, viele, aber
-keine wußte etwas von Kay.
-
-»Es ist vergebens, daß ich die Blumen frage, sie wissen nur ihr eigenes
-Lied, sie erteilen mir keine Auskunft!« sagte Gerda, als ihr die Blumen
-des Gartens ihre Geschichten erzählt hatten. Und dann schürzte sie ihr
-Röckchen auf, um besser laufen zu können und eilte nach dem Ausgang des
-Gartens.
-
-Die Thüre war zwar verschlossen, doch drückte sie auf die verrostete
-Klinke, bis sie nachgab und die Thüre aufsprang, und nun lief die kleine
-Gerda barfuß in die weite Welt hinaus. Dreimal schaute sie zurück, aber
-niemand verfolgte sie. Endlich konnte sie nicht mehr gehen und setzte
-sich auf einen großen Stein. Als sie nun um sich schaute, war der Sommer
-vorbei; es war Spätherbst, was man in dem schönen Garten, wo fortwährend
-Sonnenschein herrschte und Blumen aller Jahreszeiten standen, gar nicht
-hatte wahrnehmen können.
-
-»Gott, wie viel Zeit habe ich versäumt!« sagte die kleine Gerda. »Es ist
-ja Herbst geworden, da darf ich nicht rasten!« und sie erhob sich, um
-weiter zu gehen.
-
-O wie wund und müde ihre kleinen Füße waren, und wie rauh und kalt es
-ringsumher aussah! Die langen Weidenblätter waren gelb und in großen
-Perlen träufelte der Tau herab. Ein Blatt nach dem andern fiel ab, nur
-der Schlehendorn trug noch Früchte, die freilich herb genug waren und
-den Mund zusammenzogen. O, wie grau und schwer es in der weiten Welt
-doch war! --
-
-
-_Vierte_ Geschichte. +Prinz und Prinzessin.+
-
-Gerda mußte sich wieder ausruhen. Da hüpfte auf dem Schnee gerade vor
-ihr eine große Krähe, die schon dagesessen, sie aufmerksam angeschaut
-und mit dem Kopfe gewackelt hatte. Nun sagte sie: »Kra, kra! -- gut'
-Tag, gut' Tag!« Besser konnte sie es nicht aussprechen, aber trotzdem
-meinte sie es mit dem kleinen Mädchen sehr gut und fragte, wohin sie so
-allein in die weite Welt hinausginge. Das Wort allein verstand Gerda nur
-zu wohl und fühlte den ganzen Inhalt desselben gar tief, und dann
-erzählte sie der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie
-Kay nicht gesehen hätte.
-
-Und die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: »Es könnte sein, es
-könnte sein!«
-
-»Wie? Glaubst du?« rief das kleine Mädchen und küßte die Krähe so
-ungestüm, daß sie dieselbe fast tot gedrückt hätte.
-
-»Vernünftig, vernünftig!« entgegnete die Krähe. »Ich denke, es wird der
-kleine Kay sein! Aber jetzt hat er dich wohl schon vergessen. Doch es
-macht mir Mühe, deine Sprache zu reden. Allein, wenn du die
-Krähensprache verstehst, dann kann ich besser erzählen!«
-
-»Nein, die habe ich nicht gelernt!« sagte Gerda, »doch die Großmutter
-konnte sie recht geläufig. Hätte ich sie nur gelernt!«
-
-»Thut nichts, thut nichts!« sagte die Krähe, »ich werde erzählen, so gut
-ich kann,« und dann erzählte sie, was sie wußte:
-
-»In dem Königreiche, in welchem wir hier sitzen, wohnt eine ungeheuer
-kluge Prinzessin. Eines Tages fiel es dieser ein, sich zu vermählen. Sie
-wollte jedoch einen Mann haben, der zu antworten verstand, wenn man ihn
-anredete, einen, der nicht nur dastand und vornehm aussah, denn das ist
-höchst langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als
-diese ihre Willensmeinung vernahmen, wurden sie sehr froh. »So hab ichs
-gern!« rief eine jede, »daran hab' ich neulich auch schon gedacht!«
-
-»Die Zeitungen erschienen sofort mit einem Rande von Herzen und den
-Namenszügen der Prinzessin. Manniglich konnte darin schwarz auf weiß
-lesen, daß es einem jeden jungen Manne von hübschem Äußeren frei stände,
-auf das Schloß zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen, und den,
-welcher so zu reden verstände, daß er sich trotz des ihn umgebenden
-Glanzes unbefangen äußerte und zugleich am besten spräche, den wollte
-die Prinzessin zum Manne nehmen! -- »Ja, ja!« sagte die Krähe, »du
-kannst es mir glauben, es ist so wahr, wie ich hier sitze. Die Leute
-strömten herzu, da war ein Gedränge und Gelaufe, aber dennoch glückte es
-niemand, weder den ersten noch den zweiten Tag. Wenn sie draußen auf der
-Straße waren, konnten alle vortrefflich plaudern, sobald sie aber zum
-Schloßportale hereintraten und die silberstrotzenden Leibwächter und die
-Treppen hinauf die Diener in Gold und die großen erleuchteten Säle
-erblickten, dann wurden sie verwirrt. Standen sie nun vor dem Throne,
-auf welchem die Prinzessin saß, so vermochten sie nur ihr letztes Wort
-nachzusprechen, und diese Wiederholung flößte ihr kein Interesse ein.
-In ganzen Reihen standen sie vom Stadtthore bis zum Schlosse. Ich war
-selbst drinnen, um es mit anzusehen!« versicherte die Krähe.
-
-»Aber Kay, der kleine Kay!« fragte Gerda. »Wann kam er? Befand er sich
-unter der Menge?«
-
-»Eile mit Weile! nun sind wir gerade bei ihm! Am dritten Tage kam eine
-kleine Person, weder mit Pferd, noch mit Wagen, ganz lustig und guter
-Dinge gerade auf das Schloß hinaufspaziert. Seine Augen blitzten wie
-deine, er hatte prächtiges langes Haar, aber sonst ärmliche Kleider.«
-
-»Das war Kay!« jubelte Gerda. »O, dann habe ich ihn gefunden!« und dabei
-klatschte sie in die Hände.
-
-»Er hatte einen kleinen Ranzen auf seinem Rücken!« sagte die Krähe.
-
-»Nein, das war sicherlich sein Schlitten!« sagte Gerda, »denn damit ging
-er fort!«
-
-»Das ist wohl möglich!« entgegnete die Krähe; »ich sah nicht so genau
-hin! Aber so viel weiß ich, daß er, als er in das Schloßthor hineintrat
-und die silberstrotzenden Leibwachen und die Treppen hinauf die Diener
-in Gold erblickte, nicht im Geringsten in Verlegenheit geriet. Er nickte
-ihnen flüchtig zu und sagte: »Das muß langweilig sein, auf der Treppe zu
-stehen. Ich gehe lieber hinein!« Drinnen erglänzten die Säle in hellem
-Kerzenscheine. Geheimeräte und Exzellenzen gingen auf bloßen Füßen und
-trugen goldene Gefäße; man konnte wohl beklommen werden. Seine Stiefel
-knarrten entsetzlich laut, doch schien er sich darüber gar nicht zu
-beunruhigen.«
-
-»Das ist ganz gewiß Kay!« rief Gerda, »ich weiß, er hatte neue Stiefel;
-ich habe sie in der Stube der Großmutter knarren hören!«
-
-»Ja, geknarrt haben sie!« versetzte die Krähe, »und munter und guter
-Dinge ging er gerade zur Prinzessin hinein; dieselbe saß auf einer
-Perle, die so groß wie ein Spinnrad war. Alle Hofdamen mit ihren Zofen,
-und den Zofen ihre Zofen, und alle Kavaliere mit ihren Dienern, und den
-Dienern ihrer Diener, die sich auch einen Burschen hielten, standen
-ringsherum aufgestellt.«
-
-»Das muß fürchterlich sein!« sagte die kleine Gerda. »Und Kay hat die
-Prinzessin doch bekommen?«
-
-»Ja, er hat sie bekommen,« sagte die Krähe, »da er so gut zu reden
-verstand.«
-
-»Ja, sicher! das war Kay!« sagte Gerda, »er war so klug, er konnte mit
-Brüchen im Kopfe rechnen! -- O, willst du mich nicht auf dem Schlosse
-einführen!«
-
-»Ja, das ist leicht gesagt!« meinte die Krähe. »Aber wie machen wir das?
-Denn das will ich dir nur sagen, so ein kleines Mädchen, wie du bist,
-erhält nie Erlaubnis zum Eintritt!«
-
-»Ja, die bekomme ich!« rief Gerda aus. »Wenn Kay von meiner Ankunft
-hört, kommt er gleich heraus und holt mich!«
-
-»Erwarte mich dort am Zaune!« erwiderte die Krähe, wackelte mit dem
-Kopfe und flog davon.
-
-Es war schon dunkel, als die Krähe zurückkehrte. »Rar, rar!« sagte sie.
-»Es ist für dich unmöglich, in das Schloß zu gelangen, weil du barfuß
-bist. Die silberstrotzenden Leibwachen und Diener in Gold würden es
-nicht gestatten. Weine jedoch nicht, du sollst doch schon hinaufkommen.
-Ich habe nämlich eine Base, die im Schlosse Kammerjungfer ist, die kennt
-eine kleine Hintertreppe, die zum Schlafzimmer hinaufführt, und sie
-weiß, wo sie den Schlüssel holen kann!«
-
-Sie gingen in den Garten hinein, in den großen Baumgang, wo schon ein
-Blatt nach dem andern abfiel, und als auf dem Schlosse nach und nach die
-Lichter ausgelöscht wurden, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer
-Hinterthür, die nur angelehnt war.
-
-O, wie Gerdas Herz vor Angst und Sehnsucht klopfte! Ihr war zu Mute, als
-ob sie etwas Böses thun wollte, und sie wollte doch nur erfahren, ob der
-kleine Kay da wäre. Ja, er mußte es sein! Sie stellte sich ganz lebendig
-seine klugen Augen, sein langes Haar vor; sie sah ihn ordentlich
-lächeln, wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sich
-gewiß freuen, sie zu sehen und dann von ihr zu hören, einen wie weiten
-Weg sie um seinetwegen zurückgelegt hätte, und wie betrübt sie alle zu
-Hause gewesen wären, als er nicht wieder heimkehrte. O, das war eine
-Furcht und eine Freude!
-
-Nun waren sie auf der Treppe. Dort brannte eine kleine Lampe auf einem
-Schranke. Mitten auf dem Fußboden stand die Base der Krähe und
-betrachtete Gerda, die sich vor ihr verneigte.
-
-»Ich werde vorangehen,« begann die Schloßkrähe. »Wir gehen hier den
-geraden Weg, denn da begegnen wir niemand!«
-
-»Mir ist, als ob jemand hinter uns kommt!« sagte Gerda, und es sauste
-wirklich etwas an ihr vorüber. Es war, als ob Schatten über die Wand hin
-glitten, Pferde mit flatternden Mähnen und schlanken Beinen,
-Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferde.
-
-»Das sind nur Träume!« sagte die Krähe, »sie kommen und holen die
-Gedanken der hohen Herrschaft zur Jagd ab.«
-
-Nun traten sie in den ersten Saal hinein; er war mit rosenrotem Atlas
-behängt und künstliche Blumen zogen sich an allen Wänden hinauf. Hier
-sausten die Träume schon an ihnen vorüber, flogen aber so schnell, daß
-Gerda die hohe Herrschaft nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer
-prächtiger als der andere; der Anblick der vielen Kostbarkeiten konnte
-einen förmlich betäuben. Jetzt waren sie in dem Schlafzimmer. Die Decke
-desselben glich einer großen Palme mit Blättern vom herrlichsten Glase,
-und mitten auf dem Fußboden hingen an einem dicken Stengel von Gold zwei
-Betten, deren jedes die Gestalt einer Lilie hatte. Das eine, in welchem
-die Prinzessin lag, war weiß; das andere war rot, und in diesem sollte
-Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eines der roten Blätter zur Seite
-und da erblickte sie einen braunen Nacken. Ja, das war Kay! Sie rief
-ganz laut seinen Namen, hielt die Lampe, daß das Licht auf ihn fiel --
-die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube hinein -- er erwachte,
-wandte das Haupt -- -- -- und es war nicht der kleine Kay.
-
-Der Prinz ähnelte ihm nur im Nacken, war aber jung und schön. Und aus
-dem weißen Lilienbette guckte die Prinzessin hervor und fragte, was das
-wäre. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und
-alles, was die Krähen für sie gethan hätten.
-
-»Du arme Kleine!« sagten der Prinz und die Prinzessin und lobten die
-Krähen und sagten, sie wären gar nicht böse auf sie, sie sollten es aber
-doch ja nicht öfter thun. Indes sollten sie eine Belohnung erhalten.
-
-»Wollt ihr frei fliegen?« sagte die Prinzessin, »oder wollt ihr eine
-feste Anstellung als Hofkrähen haben, mit allem, was aus der Küche
-abfällt?«
-
-Und beide Krähen verneigten sich und baten um feste Anstellung, denn sie
-dachten an ihr Alter und sagten, es wäre so schön, im Alter sorgenfrei
-leben zu können.
-
-Der Prinz erhob sich aus seinem Bette und ließ Gerda in demselben
-schlafen, und mehr konnte er doch nicht thun. Sie faltete ihre keinen
-Händchen und dachte: »Wie gut Menschen und Tiere doch sind!« und dann
-schloß sie die Augen und entschlummerte sanft.
-
-Am nächsten Morgen wurde sie von Kopf bis zu Fuß in Sammet und Seide
-gekleidet. Sie wurde freundlich aufgefordert, auf dem Schlosse zu
-bleiben und herrlich und in Freuden zu leben, aber sie bat lediglich um
-einen kleinen Wagen mit einem Pferde und um ein Paar Stiefelchen, dann
-wollte sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen.
-
-Sie erhielt sowohl Stiefelchen als auch einen Muff und ward niedlich
-gekleidet. Als sie fort wollte, hielt vor der Thüre ein neues Wägelchen
-aus reinem Golde, das Wappen des Prinzen und der Prinzessin leuchtete
-wie ein Stern auf demselben. Kutscher, Diener und Vorreiter saßen da mit
-goldenen Kronen auf dem Kopfe. Der Prinz und die Prinzessin halfen Gerda
-in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. »Lebewohl, lebewohl!« riefen
-ihr beide nach, und die kleine Gerda weinte und die Krähen auch. Die
-Waldkrähe begleitete sie die ersten drei Meilen; sie saß ihr zur Seite,
-weil sie das Fahren auf dem Rücksitz nicht vertragen konnte. Inwendig
-war der Wagen mit Zuckerbretzeln gefüttert und die Sitzkasten waren mit
-Früchten und Pfeffernüssen angefüllt.
-
-So ging es die ersten drei Meilen, dann sagte auch die Krähe Lebewohl,
-und das war der schwerste Abschied. Sie flog auf einen Baum und schlug
-mit ihren schwarzen Flügeln, solange sie noch den Wagen, der wie der
-helle Sonnenschein glänzte, sehen konnte.
-
-
-_Fünfte_ Geschichte. +Das kleine Räubermädchen.+
-
-Sie fuhren durch den dunklen Wald, aber der Wagen leuchtete weithin.
-»Das ist Gold!« riefen die Räuber, stürzten hervor, fielen den Pferden
-in die Zügel, erschlugen die kleinen Vorreiter, den Kutscher und die
-Diener und zogen nun die kleine Gerda aus dem Wagen.
-
-»Sie ist fett, sie ist reizend, sie ist mit Nußkernen gemästet!« sagte
-das alte Räuberweib, welches einen langen struppigen Bart und
-Augenbrauen hatte, die ihr bis über die Augen herabhingen. »Das ist
-ebenso gut wie ein kleines fettes Lamm! Nun, wie soll sie schmecken.«
-Bei diesen Worten zog sie ihr blankes Messer heraus und das blitzte, daß
-es Angst einjagen konnte.
-
-»Au!« schrie das Weib zu gleicher Zeit. Kein Wunder! der Frau wilde und
-ungeberdige Tochter, die auf ihrem Rücken hing, hatte sie in das Ohr
-gebissen und so konnte sie nicht gleich dazu kommen, Gerda zu
-schlachten.
-
-»Sie soll mit mir spielen!« sagte das kleine Räubermädchen herrisch.
-»Sie soll mir ihren Muff, ihr schönes Kleid geben, sie soll neben mir in
-meinem Bette schlafen!«
-
-»Ich will in den Wagen hinein!« sagte das kleine Räubermädchen, und es
-mußte und wollte seinen Willen haben, denn es war gar verhätschelt und
-gar halsstarrig. Es setzte sich mit Gerda hinein und dann fuhren sie
-über Stock und Stein immer tiefer in den Wald. Das kleine Räubermädchen
-war eben so groß wie Gerda, aber kräftiger, breitschultriger und
-gebräunter. Seine Augen waren ganz schwarz, sie sahen fast traurig aus.
-Es faßte die kleine Gerda um den Leib und sagte: »Sie sollen dich nicht
-schlachten, so lange ich nicht böse auf dich werde! Du bist gewiß eine
-Prinzessin?«
-
-»Nein,« erwiderte die kleine Gerda, und erzählte ihr alles, was sie
-erlebt hatte und wie lieb sie den kleinen Kay hätte.
-
-Jetzt hielt der Wagen still; sie befanden sich mitten auf dem Hofe eines
-Räuberschlosses. Von oben bis unten war es geborsten, Raben und Krähen
-flogen aus den offenen Löchern, und die großen Bullenbeißer, die
-aussahen, als könnte jeder einen Menschen verschlingen, sprangen hoch
-empor, aber ohne zu bellen, denn das war verboten.
-
-Mitten auf dem steinernen Fußboden des großen, alten, verräucherten
-Saales brannte ein großes Feuer. Der Rauch zog unter der Decke hin und
-drang durch die zahlreichen Risse und Sprünge ins Freie. In einem großen
-Braukessel wurde Suppe gekocht und Hasen wie Kaninchen wurden am Spieße
-gedreht.
-
-»Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen lieben Tierchen
-schlafen!« sagte das Räubermädchen. Sie erhielten nun zu essen und zu
-trinken und gingen dann nach einer Ecke, wo Stroh und Decken lagen. Oben
-drüber saßen auf Latten und Stangen wohl an hundert Tauben, die alle zu
-schlafen schienen, sich aber doch ein wenig bewegten, als die kleinen
-Mädchen kamen.
-
-»Die gehören samt und sonders mir!« sagte das kleine Räubermädchen und
-ergriff schnell eine der nächsten, hielt sie an den Beinen und
-schüttelte sie, bis sie mit den Flügeln schlug.
-
-»Dort sitzt das Waldgesindel!« fuhr sie fort und deutete auf eine Menge
-Stäbe, die hoch oben vor einem Loche in die Mauer eingeschlagen waren.
-»Das ist mein Waldgesindel und hier steht mein altes, liebstes Bä!«
-Dabei zog sie ein Renntier am Geweihe hervor, welches einen blanken
-Kupferring um den Hals hatte und angebunden war. »Jeden Abend kitzle ich
-es mit meinem scharfen Messer am Halse, wovor es sich sehr fürchtet!«
-Das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer
-und ließ es über den Hals des Renntieres hingleiten.
-
-»Willst du das Messer während des Schlafes bei dir behalten?« fragte
-Gerda und sah sie etwas ängstlich an.
-
-»Ich schlafe immer mit dem Messer!« sagte das kleine Räubermädchen. »Man
-weiß nicht, was sich ereignen kann. Aber nun lass mich's noch einmal
-hören, was du mir vorhin von dem kleinen Kay erzähltest, und weshalb du
-in die weite Welt hinausgegangen bist.« Und Gerda begann ihre Geschichte
-wieder von vorn, und die Waldtauben girrten oben in ihrem Käfig, die
-andern Tauben aber schliefen. Das kleine Räubermädchen legte einen Arm
-um Gerda's Hals, hielt das Messer in der andern Hand und schnarchte, daß
-man es hören konnte, Gerda jedoch war nicht imstande, ein Auge zu
-schließen, wußte sie doch nicht, ob sie leben bleiben oder sterben
-sollte. Die Räuber saßen rund um das Feuer, sangen und tranken und das
-Räuberweib schlug Purzelbäume. O, es war dem kleinen Mädchen wahrhaft
-entsetzlich, dies mit ansehen zu müssen.
-
-Da sagten die Waldtauben: »Kurre, kurre! wir haben den kleinen Kay
-gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten, er saß auf dem Wagen der
-Schneekönigin, welche unmittelbar über den Wald hinfuhr, als wir im
-Neste lagen. Sie blies uns junge Tauben an und mit Ausnahme von uns
-beiden starben alle; kurre, kurre!«
-
-»Was sagt ihr dort oben?« rief Gerda. »Wohin reiste die Schneekönigin?
-Ist euch etwas davon bekannt?«
-
-»Sie reiste vermutlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und
-Eis! Frage nur das Renntier, welches dort angebunden steht!«
-
-»Dort ist Eis und Schnee, dort ist ein gesegnetes und herrliches Land!«
-versetzte das Renntier. »Dort springt man in den großen, glitzernden
-Thälern frei umher. Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr
-festes Schloß hat sie oben nach dem Nordpole zu, auf der Insel, die
-Spitzbergen genannt wird!«
-
-»O, Kay, lieber Kay!« seufzte Gerda.
-
-»Nun mußt du still liegen!« sagte das Räubermädchen, »sonst stoße ich
-dir das Messer in den Leib!«
-
-Am Morgen erzählte Gerda ihr alles, was die Waldtauben gesagt hatten,
-und das kleine Räubermädchen sah ganz ernsthaft aus, nickte jedoch mit
-dem Kopfe und sagte: »Das ist ganz gleich! -- Weißt du, wo Lappland
-liegt?« fragte sie das Renntier.
-
-»Wer sollte es wohl besser wissen, als ich,« sagte das Tier, und die
-Augen leuchteten ihm im Kopfe. »Dort bin ich geboren und aufgewachsen,
-dort habe ich mich auf den Schneefeldern umhergetummelt.«
-
-»Höre!« sagte das Räubermädchen zu Gerda. »Wie du siehst, sind unsere
-Mannsleute sämtlich fort, aber Mutter ist noch hier und bleibt auch zu
-Hause. Zum Frühstück trinkt sie jedoch aus der großen Flasche und
-entschlummert bald darauf. Dann will ich etwas für dich thun.«
-
-Als nun die Mutter aus ihrer Flasche getrunken hatte und einen kleinen
-Nickkopf machte, ging das Räubermädchen zum Renntiere und sagte: »Ich
-hätte zwar ganz besondere Lust, dich noch manchmal mit dem scharfen
-Messer zu kitzeln, denn das ist außerordentlich belustigend, aber
-gleichviel, ich will trotzdem deinen Strick lösen und dir hinaushelfen,
-daß du nach Lappland laufen kannst, aber du mußt laufen wie noch nie und
-mir dieses kleine Mädchen nach dem Schlosse der Schneekönigin bringen,
-wo sich ihr Spielkamerad aufhält. Du hast wohl gehört, was sie erzählte,
-denn sie schwatzte laut genug, und du pflegst zu lauschen!«
-
-Das Renntier sprang vor Freude hoch auf. Das Räubermädchen hob die
-kleine Gerda hinauf und war vorsichtig genug, sie festzubinden und ihr
-sogar ein kleines Sitzkissen zu geben. »Das ist einerlei!« sagte sie,
-»da hast du deine Pelzstiefelchen wieder, denn es wird kalt werden, den
-Muff behalte ich aber, er ist doch gar zu niedlich! Gleichwohl sollst du
-nicht frieren. Hier hast du meiner Mutter große Fausthandschuhe, sie
-reichen dir gerade bis an die Ellbogen! Zieh sie an!«
-
-Gerda weinte vor Freude.
-
-»Solch' Gejammer kann ich nicht ausstehen!« sagte das kleine
-Räubermädchen. »Nun mußt du gerade vergnügt aussehen! Hier hast du noch
-zwei Brote und einen Schinken, damit du nicht zu hungern brauchst!«
-Beides wurde hinten auf das Renntier gebunden; das kleine Räubermädchen
-öffnete die Thüre, lockte alle die großen Hunde herein, zerschnitt dann
-den Strick mit ihrem Messer und sagte zum Renntiere: »Lauf nun, aber
-gieb wohl auf das kleine Mädchen acht!«
-
-Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen gegen das
-Räubermädchen aus, sagte Lebewohl und dann flog das Renntier vorwärts
-über Gebüsch und Gestrüpp, durch den großen Wald, über Sümpfe und
-Steppen, so schnell es vermochte. Die Wölfe heulten und die Raben
-schrieen. Schwaches Knistern ließ sich aus weiter Ferne vernehmen und
-starkes Wetterleuchten zeigte sich auf allen Seiten.
-
-»Das sind meine alten Nordlichter!« sagte das Renntier, »sieh, wie sie
-leuchten!« und dann lief es noch hurtiger vorwärts, Tag und Nacht. Die
-Brote wurden verzehrt, der Schinken dazu und dann waren sie in Lappland.
-
-
-_Sechste_ Geschichte. +Die Lappin und die Finnin.+
-
-Vor einem kleinen, unansehnlichen Häuschen machten sie Halt. Das Dach
-ging bis zur Erde hinunter, und die Thüre war so niedrig, daß die
-Bewohner nur auf dem Bauche kriechend sich durch den Eingang zwängen
-konnten. Mit Ausnahme einer Lappin, welche neben einer Thranlampe stand
-und Fische briet, war niemand daheim. Das Renntier erzählte ihr Gerdas
-ganze Geschichte, zuerst jedoch seine eigene, welche ihm ungleich
-wichtiger erschien, und Gerda war vor Kälte so erstarrt, daß sie nicht
-zu reden vermochte.
-
-»Ach, ihr Armen!« sagte die Lappin, »da habt ihr noch weit zu laufen!
-Ihr müßt über hundert Meilen weit in das Innere der Finnmark hinein,
-denn dort hat die Schneekönigin ihre Sommerwohnung und läßt jeden Abend
-blaue Flammen auflodern. Ich werde in Ermangelung des Papiers ein paar
-Worte auf einen trocknen Stockfisch schreiben, den werde ich euch an die
-Finnin dort oben mitgeben, welche euch bessere Auskunft erteilen kann,
-als ich!«
-
-Als sich Gerda nun wieder erwärmt und zu essen und zu trinken bekommen
-hatte, schrieb die Lappin ein paar Worte auf einen trocknen Klippfisch,
-bat Gerda, denselben wohl zu verwahren, band sie wieder auf das Renntier
-und dieses sprang davon. Oben in der Luft knisterte es und die ganze
-Nacht brannten die schönsten blauen Nordlichter; und dann kamen sie nach
-Finnmark und klopften an den Schornstein der Finnin, denn sie hatte
-nicht einmal eine Thür.
-
-Es herrschte eine Hitze darin, daß sogar die Finnin nur eine ganz dünne
-Bekleidung trug. Sie war klein und starrte von Schmutz. Sie löste sofort
-die Kleider der kleinen Gerda auf, zog ihr die Fausthandschuhe und
-Stiefel aus, weil sie die Hitze sonst nicht hätte ertragen können, legte
-dem Renntiere ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem
-Klippfische geschrieben stand.
-
-»Du bist sehr klug!« sagte das Renntier; »ich weiß, du kannst alle Winde
-der Welt mit einem Zwirnsfaden zusammenbinden. Wenn der Schiffer den
-einen Knoten löst, erhält er guten Wind, löst er den andern, dann bläst
-ein scharfer Wind, und löst er den dritten und vierten, dann stürmt es,
-daß die Wälder niederstürzen. Willst du dem kleinen Mädchen nicht einen
-Trank geben, daß sie die Kraft von zwölf Männern erhält und die
-Schneekönigin überwindet?«
-
-»Die Kraft von zwölf Männern!« sagte die Finnin, »die würde sicher nicht
-ausreichen!« Dann ging sie nach einem Gestell, holte ein großes
-zusammengerolltes Fell hervor und entrollte es. Seltsame Buchstaben
-waren darauf geschrieben, und die Finnin las, daß ihr dicke
-Schweißtropfen von der Stirn rieselten.
-
-Aber das Renntier bat so beweglich für die kleine Gerda und diese
-schaute die Finnin mit so bittenden, thränenfeuchten Augen an, daß
-dieselbe das Renntier in eine Ecke zog, wo sie demselben zuflüsterte,
-während sie ihm frisches Eis auf den Kopf legte:
-
-»Der kleine Kay ist wirklich bei der Schneekönigin, findet dort alles
-nach seinem Wunsche und Behagen und meint, ihm sei das beste Los in der
-Welt zugefallen. Das rührt aber davon her, daß ihm ein Glassplitter in
-das Herz und ein Glaskörnchen in das Auge gedrungen ist. Beides muß erst
-heraus, sonst wird er nie wieder ein tüchtiger Mensch und die
-Schneekönigin behält Gewalt über ihn.«
-
-»Aber kannst du der kleinen Gerda nichts eingeben, daß sie Macht über
-das Ganze erhält?«
-
-»Ich kann ihr keine größere Macht geben, als sie schon besitzt! Siehst
-du nicht, wie groß diese ist? Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere
-ihr dienen müssen, wie sie auf bloßen Füßen so gut in der Welt vorwärts
-gekommen ist? Von uns darf sie ihre Macht nicht erfahren, die sitzt in
-ihrem Herzen und besteht darin, daß sie ein süßes, unschuldiges Kind
-ist. Kann sie nicht selbst in das Schloß der Schneekönigin eindringen
-und den kleinen Kay von dem Glase befreien, dann können wir nicht
-helfen! Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin;
-dorthin kannst du das kleine Mädchen bringen; setze sie neben dem großen
-Busche ab, der mit roten Beeren bedeckt im Schnee steht. Halte dich
-nicht mit langem Geschwätz auf und beeile dich, hierher zurückzukommen!«
-Dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Renntier, welches aus
-Leibeskräften davon eilte.
-
-»Meine Stiefelchen! Meine Fausthandschuhe!« rief die kleine Gerda, der
-sich die schneidende Kälte fühlbar machte. Aber das Renntier wagte nicht
-anzuhalten, es lief, bis es den großen Busch mit den roten Beeren
-erreichte. Dort setzte es Gerda ab, küßte sie auf den Mund, wobei dem
-Tiere große heiße Thränen über die Backen hinabrollten, und dann lief
-es, so schnell es konnte, wieder zurück. Da stand nun die arme Gerda,
-ohne Stiefelchen, ohne Handschuhe, mitten in der unwirtbaren, kalten
-Finnmark.
-
-Sie lief vorwärts, so schnell sie vermochte. Da zeigte sich plötzlich
-ein ganzes Regiment Schneeflocken. Sie fielen aber nicht etwa vom Himmel
-herab, der war ganz klar und strahlte von Nordlichtern, die
-Schneeflocken flogen vielmehr gerade über die Oberfläche der Erde hin
-und nahmen, je näher sie kamen, an Größe zu. Gerda erinnerte sich noch,
-wie groß und kunstvoll sie unter dem Brennglase ausgesehen hatten. Aber
-hier zeigten sie sich wahrlich noch in ganz anderer Größe und
-Schreckensgestalt; es waren lebendige Wesen, es waren die Vorposten der
-Schneekönigin. Sie hatten die seltsamsten Gestalten; einige sahen aus
-wie häßliche, große Stachelschweine, andere wie ganze Schlangenknäuel,
-aus denen die Köpfe hervorragten, und andere wie kleine dicke Bären, auf
-welchen sich die Haare sträubten; alle aber schimmerten weiß, alle aber
-waren lebendige Schneeflocken.
-
-Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser. Die Kälte war so stark, daß
-sie ihren eigenen Atem sehen konnte, welcher ihr wie Rauch vor dem Munde
-stand. Der Atem wurde dichter und dichter und verwandelte sich in lauter
-kleine Engel, die, sobald sie die Erde berührten, mehr und mehr wuchsen,
-und alle Helme auf dem Kopfe und Spieß und Schild in den Händen hatten.
-Ihre Anzahl vermehrte sich, und als Gerda ihr Vaterunser beendet hatte,
-war eine ganze Legion um sie versammelt. Sie stachen mit ihren Spießen
-nach den schrecklichen Schneeflocken, daß dieselben in hundert Stücke
-zersprangen, und die kleine Gerda sicher und fröhlich vorwärts schreiten
-konnte. Die Engel streichelten ihre Füße und Hände und da fühlte sie die
-Kälte weniger und ging rasch auf das Schloß der Schneekönigin zu.
-
-Aber nun müssen wir erst sehen, wie es Kay geht. Er dachte wahrlich
-nicht an die kleine Gerda und am allerwenigsten, daß sie draußen vor dem
-Schlosse stände.
-
-
-_Siebente_ Geschichte. +Im Schlosse der Schneekönigin.+
-
-Die Mauern des Schlosses waren von dem wirbelnden Schnee aufgetürmt und
-schneidende Winde hatten die Thüren und Fenster gebildet. Über hundert
-Säle reihten sich aneinander, wie sie gerade ein Schneetreiben
-zusammengeweht hatte; der größte erstreckte sich viele Meilen weit. Alle
-aber waren von starken Nordlichtern erleuchtet und waren groß, leer,
-eisig kalt und schimmernd. Nie herrschte hier eine Lustbarkeit, nicht
-einmal ein kleiner Bärenball, wobei der Sturm hätte die Blasinstrumente
-spielen können; leer, weit und kalt war es in den Sälen der
-Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so regelmäßig, daß man berechnen
-konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten
-in dem leeren und unendlichen Schneesaale war ein gefrorener See. Er war
-in tausend Stücke geborsten, aber jedes Stück glich dem andern auf das
-Genaueste, so daß es ein wahres Kunstwerk war. Mitten auf demselben saß
-die Schneekönigin, so oft sie zu Hause war, und dann sagte sie, sie säße
-im Spiegel des Verstandes, und dieser wäre der beste in dieser Welt.
-
-Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte
-es doch nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer weggeküßt, und sein
-Herz war so gut wie ein Eisklumpen. Er ging und schleppte einige
-scharfe, flache Eisstücke herbei, die er auf alle mögliche Weise
-zusammenlegte, um ein gegebenes Muster nachzubilden, gerade so, wie wenn
-wir kleine Holzstückchen zu bestimmten Figuren zusammenpassen, was das
-chinesische Spiel genannt wird. Kay ging auch und legte Figuren,
-es waren die allerkunstreichsten, es war das »Eisspiel des Verstandes«.
-In seinen Augen waren diese Figuren ganz ausgezeichnet und von der
-allerhöchsten Wichtigkeit; das bewirkte das Glaskörnchen, welches ihm im
-Auge saß; er legte ganze Figuren, die ein geschriebenes Wort bildeten,
-aber immer scheiterte er an der Zusammensetzung des Wortes, welches er
-gerade wünschte, des Wortes: »_Ewigkeit_«, und die Schneekönigin hatte
-gesagt. »Kannst du mir diese Figur zu stande bringen, dann sollst du
-dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und noch ein
-Paar neue Schlittschuhe!« Aber er konnte es nicht.
-
-»Nun sause ich fort nach den warmen Ländern!« sagte die Schneekönigin.
-»Ich will in meine schwarzen Töpfe hineingucken!« Das waren die
-feuerspeienden Berge Aetna und Vesuv, wie man sie nennt. »Ich werde sie
-ein wenig mit Weiß überziehen, das gehört dazu und thut den Zitronen und
-Weintrauben gut!« Darauf flog die Schneekönigin fort und Kay saß ganz
-allein in dem viele Meilen weiten, leeren Eissaale, betrachtete die
-Eisstücke und dachte und dachte, daß es in ihm ordentlich knackte. Ganz
-steif und still saß er da, man hätte glauben können, er wäre erfroren.
-
-In diesem Augenblicke trat die kleine Gerda durch die große
-Eingangspforte in das Schloß. Schneidende Winde wehten ihr entgegen,
-aber sie betete ihr Abendgebet und da legten sich die Winde, als ob sie
-schlafen wollten. Sie trat in die großen leeren, kalten Säle -- da
-gewahrte sie Kay; sie erkannte ihn, sie flog ihm um den Hals, hielt ihn
-fest umschlungen und rief: »Kay! süßer, lieber Kay! so habe ich dich
-endlich gefunden!«
-
-Er aber saß ganz still, steif und kalt; -- da weinte die kleine Gerda
-heiße Thränen, sie fielen auf seine Brust, sie drangen in sein Herz, sie
-tauten den Eisklumpen auf und verzehrten das kleine Spiegelsplitterchen
-in demselben. Er blickte sie an und sie sang:
-
- »Ich liebe die Rosen in all' ihrer Pracht,
- Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!«
-
-Da brach Kay in Thränen aus; er weinte so, daß ihm das Spiegelkörnchen
-aus den Augen geschwemmt wurde, er erkannte sie und jubelte: »Gerda!
-süße, liebe Gerda! -- Wo bist du doch so lange gewesen und wo bin ich
-gewesen?« Und er schaute rings um sich her. »Wie kalt es hier ist! Wie
-leer und weit es hier ist!« Und er umfaßte Gerda und sie lachte und
-weinte vor Freude. Das war ein so lieblicher Anblick, daß sogar die
-Eisstücke vor Freude ringsumher tanzten. Als sie nun müde waren, legten
-sie sich gerade auf die Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt
-hatte, wenn er sie ausfindig machen könnte, sollte er sein eigener Herr
-sein und sie wollte ihm die ganze Welt und noch ein Paar neue
-Schlittschuhe schenken.
-
-Gerda küßte ihm die Wangen und sie wurden wieder blühend; sie küßte ihn
-auf die Augen und sie glänzten wie die ihrigen; sie küßte ihn auf Hände
-und Füße und er war gesund und munter. Nun mochte die Schneekönigin
-dreist nach Hause kommen, sein Freibrief stand mit flimmernden
-Eisstücken geschrieben da.
-
-Sie reichten einander die Hände und wanderten aus dem großen Schlosse
-hinaus. Auch sprachen sie von der Großmutter und von den Rosen oben auf
-dem Dache, und wo sie gingen, legten sich die Winde und die Sonne brach
-hervor. Als sie den Busch mit den roten Beeren erreichten, stand das
-Renntier da und wartete. Es hatte ein zweites Renntier mitgebracht und
-beide trugen Gerda und Kay erst zu der Finnin, in deren heißer Stube sie
-sich wärmten, und dann zur Lappin, welche ihnen neue Kleider genäht und
-ihren Schlitten in stand gesetzt hatte. Die Renntiere und die Lappin
-begleiteten sie bis zur Landesgrenze, dort nahmen sie Abschied. »Lebt
-wohl!« sagten sie sämtlich. Die ersten kleinen Vögel begannen zu
-zwitschern, der Wald trieb grüne Knospen und aus demselben heraus kam
-auf einem prächtigen Pferde, welches Gerda kannte (es war nämlich vor
-den goldenen Wagen gespannt gewesen), ein junges Mädchen angeritten mit
-einer weithin leuchtenden roten Mütze auf dem Kopfe und Pistolen im
-Gürtel. Es war das kleine Räubermädchen. Sie erkannte Gerda sofort und
-Gerda erkannte sie auch, das war eine Freude. Gerda streichelte ihr die
-Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.
-
-»Die sind nach fremden Ländern gereist!« sagte das Räubermädchen.
-
-»Aber die Krähe?« fragte die kleine Gerda.
-
-»Ach, die Krähe ist tot!« antwortete sie; »ihre Base trauert um sie mit
-einem schwarzwollenen Lappen um das Bein. Doch nun erzähle mir, wie es
-dir ergangen ist und wie du seiner habhaft geworden bist!«
-
-Und Gerda und Kay erzählten alle beide.
-
-Das Räubermädchen reichte beiden die Hand, nahm Abschied und ritt dann
-in die weite Welt hinaus.
-
-Aber Kay und Gerda gingen Hand in Hand, und während sie dahinschritten,
-war es ein herrliches Frühlingswetter und die Blumen dufteten. Die
-Kirchenglocken läuteten und sie erkannten die hohen Türme, die große
-Stadt, es war ihre Geburtsstätte, und sie gingen in dieselbe hinein und
-hin zu der Thüre der Großmutter, die Treppe hinauf, in die Stube hinein,
-wo noch alles auf derselben Stelle wie früher stand. Die alte Uhr sagte:
-»Tick, tack!« und die Zeiger drehten sich. Während sie aber durch die
-Thüre schritten, bemerkten sie, daß sie erwachsene Menschen geworden
-waren. Die Rosen blühten von der Dachrinne her zu den offenen Fenstern
-herein, und da standen die kleinen Kinderstühlchen, und Kay und Gerda
-setzten sich, ein jedes auf den seinigen, und hielten einander bei den
-Händen. Wie einen schweren Traum hatten sie die kalte leere Herrlichkeit
-bei der Schneekönigin vergessen. Großmutter saß in Gottes klarem
-Sonnenscheine und las laut aus der Bibel: »Es sei denn, daß ihr umkehrt
-und werdet wie die Kinder, so könnet ihr nicht in das Reich Gottes
-kommen!«
-
-Und Kay und Gerda schauten einander in die Augen und verstanden auf
-einmal das alte Lied:
-
- »Ich liebe die Rosen in all' ihrer Pracht,
- Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!«
-
-Da saßen die beiden, Erwachsene und doch Kinder, Kinder im Herzen; und
-es war Sommer, warmer, erquickender Sommer. --
-
-
-
-
-Fliedermütterchen.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capB91, pic95.jpg]
-
-
-Bebend vor Fieberfrost lag ein kleiner Knabe im Bett, weil er sich
-erkältet hatte. Er war mit nassen Füßen nach Hause gekommen, doch
-niemand konnte begreifen, wie das geschehen war, da es nicht geregnet
-hatte. Seine Mutter ließ die Theemaschine hereinbringen, um ihm eine
-gute Tasse Fliederthee zu kochen, denn der wärmt. Zu gleicher Zeit trat
-auch der alte, muntere Mann zur Thüre herein, der ganz oben im Hause
-wohnte und völlig für sich allein lebte, denn er hatte weder Weib noch
-Kind, hatte aber die Kinder gar lieb und wußte so viele Märchen und
-Geschichten zu erzählen, daß es eine Lust war, ihm zuzuhören.
-
-»Jetzt trinke deinen Thee!« sagte die Mutter, »dann erzählt dir der
-Onkel vielleicht auch ein Märchen.«
-
-»Ja, wenn man nur immer gleich ein neues wüßte!« versetzte der alte Mann
-und nickte gutmütig. »Aber wo hat denn der Kleine die nassen Füße
-herbekommen?« fragte er dann.
-
-»Ja, wo er sie her hat,« entgegnete die Mutter, »ist eben das
-Unbegreifliche!«
-
-»Erzählen Sie mir ein Märchen?« fragte der Knabe.
-
-»Ja, wenn du mir genau angeben kannst, denn das muß ich zuerst wissen,
-wie tief der Rinnstein da drüben in der Gasse ist, in der deine Schule
-liegt?«
-
-»Gerade bis mitten an die Schäfte,« sagte der Knabe, »aber dann muß ich
-schon in das tiefe Loch treten!«
-
-»Sieh, sieh! also da stammen die nassen Füße her!« sagte der alte Mann.
-»Nun müßte ich freilich ein Märchen erzählen, aber ich weiß keines
-mehr.« Die Mutter warf Fliederthee in die Kanne und goß siedendes Wasser
-darüber.
-
-»Erzählen Sie, erzählen Sie!« bat der Knabe.
-
-»Ja, wenn ein Märchen von selbst kommen wollte, aber solch echtes ist
-gar vornehm, das kommt nur, wenn es Lust dazu hat -- --! Doch halt!«
-sagte er plötzlich. »Da haben wir eins! Gieb acht, jetzt ist eins dort
-in der Theekanne!«
-
-Der kleine Knabe blickte nach der Theekanne hinüber, der Deckel hob sich
-mehr und mehr und die Fliederblumen kamen frisch und weiß heraus,
-trieben große lange Zweige, sogar aus der Tülle breiteten sie sich nach
-allen Seiten aus und wurden größer und größer. Es war der prächtigste
-Fliederbusch, ein ganzer Baum, der bis in das Bett hineinragte und die
-Vorhänge zur Seite schob. Wie das blühte und duftete! Mitten im Baume
-saß eine alte freundliche Frau in einem seltsamen Gewande, welches grün
-wie die Blätter des Fliederbaumes war und einen Besatz von großen weißen
-Fliederblüten hatte. Man konnte nicht sogleich unterscheiden, ob es Zeug
-oder lebendiges Grün und Blumen waren.
-
-»Wie heißt die Frau?« fragte der Knabe.
-
-»Die Römer und Griechen,« entgegnete der alte Mann, »nannten sie eine
-_Dryade_, aber das verstehen wir nicht. Draußen in den neuen Anlagen
-haben wir einen bessern Namen für sie, dort heißt sie
-»_Fliedermütterchen_«. Von ihr will ich dir nun erzählen. Höre zu:
-
-»Ein ebenso großer, blühender Baum stand draußen in den neuen Anlagen
-und zwar in der Ecke eines kleinen Hofes, welcher zu einem kleinen
-Häuschen gehörte. Unter diesem Baume saßen eines Nachmittags im
-herrlichsten Sonnenschein zwei alte Leute. Es war ein alter, alter
-Seemann und sie seine alte, alte Frau. Sie waren Urgroßeltern und
-sollten bald ihre goldene Hochzeit feiern, konnten sich aber nicht genau
-des Datums erinnern. Fliedermütterchen saß in dem Baume und sah ebenso
-vergnügt aus wie hier. »»Ich weiß wohl, wann eure goldene Hochzeit
-ist!«« sagte sie, doch hörten jene es nicht, sie sprachen von alten
-Tagen.«
-
-»Erinnerst du dich dessen wohl noch,« sagte der alte Seemann, »wie wir
-ganz klein waren und umherliefen und spielten? Es war gerade in diesem
-nämlichen Hofe, wo wir jetzt sitzen. Wir pflanzten kleine Stöckchen in
-die Erde und machten uns einen Garten.«
-
-»Ja,« erwiderte die alte Frau, »dessen erinnere ich mich sehr wohl, und
-wir begossen die Stöckchen, und eines derselben, ein Fliederzweig,
-schlug Wurzeln, trieb grüne Schößlinge und ist nun zu dem großen Baume
-herangewachsen, unter welchem wir alten Leute jetzt hier sitzen.«
-
-»So ist's!« sagte er, »und dort in jener Ecke stand eine Wasserkufe;
-dort schwamm mein Kahn, ich hatte ihn mir selbst geschnitzt. Wie er
-segeln konnte! Ich sollte freilich das Segeln bald in andrer Weise
-erlernen!«
-
-»Ja, aber erst gingen wir in die Schule und lernten etwas!« sagte sie,
-»und dann wurden wir eingesegnet. Wir weinten alle beide; des
-Nachmittags erstiegen wir Hand in Hand den runden Turm und schauten über
-Kopenhagen und den Meeresspiegel hin. Dann gingen wir nach
-Friedrichsberg hinaus, wo der König und die Königin in ihrer prächtigen
-Gondel auf den Kanälen umherfuhren.«
-
-»Aber mir war es freilich bald beschieden, in andrer Weise
-umherzusegeln, und das so manches Jahr hindurch, weit hinaus auf langen,
-beschwerlichen Reisen.«
-
-»Ja, ich weinte oft deinetwegen!« unterbrach sie ihn, »denn ich glaubte,
-du lägest tot in der Tiefe des Wassers! Manche, manche Nacht stand ich
-auf und sah nach, ob die Wetterfahne sich drehte. Sie drehte sich wohl,
-doch du kamst nicht. Ich entsinne mich noch deutlich, wie eines Tages
-ein heftiger Platzregen herniederrauschte, der Kehrichtkärrner machte
-vor der Thüre meiner Dienstherrschaft Halt, ich ging mit dem
-Kehrichtfasse hinunter und blieb an der Thüre stehen. Gerade wie ich so
-dastand, kam plötzlich der Postbote auf mich zu und gab mir einen Brief.
-Er war von dir. O, wie der umhergereist war! Ich brach ihn in Hast auf
-und las ihn. Ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, daß du in
-den warmen Ländern wärest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was für ein
-glückliches, gesegnetes Land muß das sein! Du erzähltest so viel und ich
-sah es alles im Geiste, während der Regen fort und fort
-herniederplätscherte und ich noch immer mit dem Kehrichtfasse dastand.
-Plötzlich tauchte jemand neben mir auf, der mich um den Leib faßte -- --
---«
-
-»Und dem du zur Belohnung eine klatschende Ohrfeige versetztest!«
-
-»Wußte ich doch nicht, daß du es warst! Du warst mit deinem Briefe
-zugleich angekommen; und du warst so schön -- --, doch das bist du noch.
-Du machtest mit einem langen gelbseidenen Taschentuche Staat und trugest
-einen weißen, funkelnagelneuen Hut. Du warst so fein. Gott, was war es
-doch für ein Wetter, und wie sah die Straße aus!«
-
-»Dann heirateten wir uns,« fuhr er fort.
-
-»Ja, und wie unsere Kinder nun sämtlich herangewachsen und brave
-Menschen geworden sind,« sagte sie.
-
-»Und auch ihre Kinder haben schon wieder Kinder, das sind Kindeskinder,«
-fiel der alte Matrose ein. »Wie mich dünkt, haben wir gerade in dieser
-Zeit unsere Hochzeit gefeiert,« setzte er hinzu.
-
-»Ja, just heute ist der goldene Hochzeitstag!« sagte Fliedermütterchen
-und steckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten; diese aber
-hielten sie für die Nachbarin, die ihnen zunickte. Sie schauten sich
-einander an und hielten die Hände verschlungen. Bald darauf erschienen
-die Kinder und Kindeskinder, die sehr wohl wußten, daß es der goldene
-Hochzeitstag war und auch schon am Morgen gratuliert hatten; aber
-während sich die Alten der Ereignisse aus längst vergangenen Jahren so
-gut erinnerten, war ihnen dies wieder entfallen. Der Fliederbaum duftete
-stark, und die Sonne, welche sich ihrem Untergange zuneigte, schien dem
-greisen Ehepaare gerade ins Antlitz. Beide sahen rotwangig aus, und das
-kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief voller
-Glückseligkeit, daß es heute abend hoch hergehen sollte, sie würden
-warme Kartoffeln bekommen. Fliedermütterchen nickte in ihrem Baume und
-rief mit allen anderen »Hurrah«.
-
-»Aber das war ja gar kein Märchen!« unterbrach der kleine Knabe den
-Erzähler.
-
-»Ja, das mußt du freilich verstehen!« entgegnete der Alte. »Aber laß uns
-das Fliedermütterchen danach fragen!«
-
-»Es war kein Märchen!« sagte Fliedermütterchen; »nun aber kommt es. Aus
-der Wirklichkeit wächst gerade das seltsamste Märchen heraus; sonst
-könnte ja mein prächtiger Fliederstrauch auch nicht aus der Theekanne
-emporgesproßt sein.«
-
-Darauf nahm es den Knaben aus seinem Bette, umschlang ihn mit den Armen
-und die blütenbedeckten Zweige schlugen um sie zusammen, so daß sie wie
-in der dichtesten Laube saßen. Diese flog mit ihnen durch die Luft,
-es war unvergleichlich schön. Fliedermütterchen hatte sich plötzlich in
-ein kleines niedliches Mädchen verwandelt, doch war der Rock noch von
-demselben grünen, weißgeblümten Zeuge, welches Fliedermütterchen
-getragen hatte. An der Brust hatte es eine wirkliche Fliederblüte und um
-sein aschblondes, lockiges Haar einen ganzen Kranz von Fliederblüten.
-Seine Augen waren groß und blau, o, es war eine Freude, dasselbe
-anzusehen!
-
-Hand in Hand gingen sie aus der Laube und standen nun in dem schönen
-Blumengarten der Heimat. Bei dem frischen Rasenplatze lag der Stock des
-Vaters an einen Pflock angebunden. Für die Kleinen war Leben in dem
-Stocke; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich
-der blanke Knopf in einen stolz wiehernden Kopf; die lange schwarze
-Mähne flatterte, vier schlanke kräftige Beine wuchsen hervor: das Tier
-war stark und feurig. Im Galopp ritten sie um den Rasenplatz herum und
-fortwährend rief das kleine Mädchen, welches, wie wir wissen, niemand
-anders als Fliedermütterchen war: »Nun sind wir auf dem Lande! Siehst du
-das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes, in der
-Mauer befindliches Ei auf den Weg herausguckt? Der Fliederbaum läßt
-seine Zweige über ihn herabhängen und der Hahn schreitet stolz einher
-und scharrt nach Futter für seine Hühner. Doch nun vorwärts nach dem
-prächtigen Rittergute!«
-
-Und alles, was das kleine Mädchen, das hinten auf dem Stocke saß, sagte,
-das flog auch an ihnen vorüber; der Knabe sah es, und doch kamen sie nur
-um den Rasenplatz herum. Dann spielten sie in dem Seitengange und
-steckten auf dem Boden einen kleinen Garten ab. Das Mädchen nahm die
-Fliederblüte aus seinem Haar, pflanzte sie und sie wuchs ganz eben so
-wie bei jenen Alten in die Höhe, als dieselben noch als Kinder, wie
-früher erzählt ist, in den neuen Anlagen miteinander spielten. Wie jene
-wandelten sie Hand in Hand, doch erstiegen sie nicht den roten Turm,
-ergingen sich nicht im Friedrichsberger Parke, nein, das kleine Mädchen
-faßte den Knaben um den Leib und dann flogen sie weit umher, und es war
-Frühling und wurde Sommer, es war Herbst und wurde Winter, und tausend
-Bilder spiegelten sich in den Augen und in dem Herzen des Knaben ab, und
-immer sang das kleine Mädchen ihm vor: »Das darfst du nie vergessen!«
-Während des ganzen Fluges duftete der Fliederbaum gar süß und herrlich.
-Der Knabe nahm wohl die Rosen und die Blumen wahr, aber der Fliederbaum
-duftete noch balsamischer, denn seine Blüten hingen an des kleinen
-Mädchens Herzen und an dieses lehnte das kranke Knäblein während des
-Fluges oft das müde Haupt.
-
-»Hier ist es herrlich im Frühling!« sagte das kleine Mädchen und sie
-standen in einem knospenden Buchenwalde, wo grüner Waldmeister zu
-ihren Füßen duftete und blaßrote Anemonen aus dem jungen Gras schauten.
-»O, wäre es immer Frühling!«
-
-»Hier ist es herrlich im Sommer!« sagte sie und sie fuhren an alten
-Burgen aus der Ritterzeit vorüber, deren rote Mauern und zackige Giebel
-sich in den Gräben spiegelten, in denen Schwäne schwammen und in die
-alten kühlen Baumgänge hinaufschauten. Auf dem Felde wogte das Korn
-gleich der bewegten See, rote und gelbe Blumen wiegten sich in den
-Gräben, an den Gehegen rankten sich wilder Hopfen und blühende Winden
-empor, und des Abends ging der Mond groß und voll auf, und die
-Heuschober auf den Wiesen dufteten süß. »Das vergißt sich nie!«
-
-»Hier ist es herrlich im Herbst!« sagte das kleine Mädchen, und die Luft
-wurde doppelt so hoch und blau, der Wald nahm die schönsten Farben von
-Rot, Gelb und Grün an, die Jagdhunde stürmten vorwärts, ganze Scharen
-wilder Vögel flogen kreischend über die Hünengräber hin, auf denen sich
-Brombeerranken über die alten Steine hinzogen. Auf dem tiefblauen Meere
-zeigten sich überall weiße Segler, und in der Tenne saßen alte Frauen,
-Mädchen und Kinder und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß. Die Jungen
-sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und
-Zauberern. »Besseres ließ sich nicht leicht denken!«
-
-»Hier ist es herrlich im Winter!« sagte das kleine Mädchen, und alle
-Bäume standen mit Reif bedeckt da, als wären sie in weiße Korallen
-verwandelt. Der Schnee knirschte unter den Füßen, als ob man immer neue
-Stiefel anhätte, und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern.
-Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Geschenke und
-fröhliche Laune. In der Bauernstube auf dem Lande ertönte lustiger
-Fiedelklang, unter Jauchzen und Lachen haschte man nach Äpfelschnitten
-und selbst das ärmste Kind bekannte: »Es ist doch herrlich im Winter!«
-
-Ja, es war auch herrlich! Das kleine Mädchen zeigte dem Knaben alles und
-der Fliederbaum duftete und die rote Flagge mit dem weißen Kreuze
-flatterte, die Flagge, unter welcher der alte Seemann aus den neuen
-Anlagen gesegelt war. Und aus dem Knaben wurde ein Jüngling und er
-sollte hinaus in die weite Welt, weit fort nach den warmen Ländern,
-wo der Kaffee wächst. Aber beim Abschied nahm das kleine Mädchen eine
-Fliederblüte von der Brust und gab sie ihm zum Aufbewahren. Er legte sie
-in sein Gesangbuch, und so oft er es im fremden Lande öffnete, fiel sein
-Blick zuerst auf die Stelle, wo die Blüte der Erinnerung lag. Je länger
-er sie anblickte, desto frischer wurde sie; er fühlte gleichsam einen
-Duft aus den heimischen Wäldern und deutlich sah er zwischen den
-Blütenblättern das kleine Mädchen mit seinen klaren Augen hervorlugen
-und hörte, wie sie ihm zuflüsterte: »Hier ist es herrlich im Frühling,
-Sommer, Herbst und Winter!« Und Hunderte von Bildern glitten dann durch
-seine Gedanken.
-
-So verstrichen viele Jahre und er war nun ein alter Mann und saß mit
-seiner alten Frau unter einem blühenden Baume. Sie hielten einander an
-den Händen, genau so wie es der Urgroßvater und die Urgroßmutter draußen
-in den neuen Anlagen gethan hatten, und sie sprachen gleichfalls von den
-alten Tagen und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den
-blauen Augen und den Fliederblüten im Haare saß oben im Baume, nickte
-ihnen Beiden zu und sagte: »Heute ist der goldne Hochzeitstag!« --
-Darauf nahm es zwei Blumen aus seinem Kranze, küßte dieselben und nun
-leuchteten sie zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als es diese auf
-die Häupter der Alten legte, verwandelte sich jede Blüte in eine goldene
-Krone. Da saßen sie Beide wie ein König und eine Königin unter dem
-duftenden Baume, der völlig wie ein Fliederbaum aussah, und er erzählte
-seiner alten Frau die Geschichte vom Fliedermütterchen, so wie sie ihm
-als kleinem Knaben erzählt worden war, und es schien Beiden, als ob
-vieles darin vorkäme, was ihrer eigenen Geschichte ähnelte.
-
-»Ja, so ist es,« sagte das kleine Mädchen im Baume; »einige nennen
-mich Fliedermütterchen, andere Dryade, aber mein wahrer Name ist
-_Erinnerung_. Ich habe meinen Platz in dem grünen Baume, welcher wächst
-und wächst. Ich schaue weit zurück und kann erzählen. Hast du auch deine
-Blüte noch?«
-
-Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch; da lag die Fliederblüte,
-so frisch, als wäre sie erst vor kurzem hineingelegt worden, und
-Fliedermütterchen, oder vielmehr die Erinnerung, nickte, und die beiden
-Alten mit den goldenen Kronen saßen in der glühenden Abendsonne. Sie
-schlossen die Augen, und -- und -- ja da war das Märchen aus.
-
-Der kleine Knabe lag in seinem Bettchen, er wußte nicht, ob er alles
-geträumt oder ein Märchen gehört hatte. Die Theekanne stand auf dem
-Tische, aber es sproßte kein Fliederbaum aus ihr hervor, und der alte
-Mann, welcher erzählt hatte, ging eben zur Thüre hinaus.
-
-»Wie schön war das!« sagte der kleine Knabe. »Mutter, bin ich in den
-warmen Ländern gewesen?«
-
-»Ja, das glaube ich wohl!« sagte die Mutter, »wenn man zwei bis an den
-Rand gefüllte Tassen Fliederthee trinkt, dann kommt man schon nach den
-fremden Ländern!« Und sie deckte ihn gut zu, damit er sich nicht von
-neuem erkältete. »Du hast wohl geschlafen, während ich saß und mit
-unserem alten Freunde darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein
-Märchen wäre.«
-
-»Und wo ist Fliedermütterchen?« fragte der Knabe.
-
-»Das steckt in der Theekanne!« sagte die Mutter, »und da kann es
-bleiben!«
-
-
-
-
-Der Tannenbaum.
-
- [Abbildung/Illustration: pic97.jpg]
-
-
-Weit draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum; er hatte einen
-guten Platz, die Sonne konnte zu ihm dringen, Luft war genug da und rund
-umher wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber der
-kleine Tannenbaum wollte nur immer wachsen und wachsen; er dachte nicht
-an den warmen Sonnenschein und die frische Luft, bekümmerte sich nicht
-um die Bauernkinder, wenn sie draußen im Walde umherschwärmten, um
-Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen
-Topfe voll oder hatten Erdbeeren auf Strohhalme gezogen. Dann setzten
-sie sich neben das Bäumchen und sagten: »Ach, wie klein der ist!« Doch
-das gefiel dem Bäumchen nicht. Im nächsten Jahre war es schon um einen
-Schuß größer und das Jahr darauf war es wieder um einen gewachsen; denn
-bei einem Tannenbaume kann man, sobald man zählt, wie oft er einen neuen
-Trieb angesetzt hat, genau die Jahre seines Wachstums berechnen.
-
-»O, wäre ich doch ein so großer Baum wie die anderen!« seufzte das
-Bäumchen, »dann könnte ich meine Zweige weit ausbreiten und mit dem
-Gipfel in die weite Welt hinaus schauen! Dann würden die Vögel ihre
-Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn es stürmte, könnte ich
-so vornehm nicken wie dort die anderen.«
-
-Weder der Sonnenschein, noch die Vögel, noch die roten Wolken, die
-morgens und abends über ihn hinsegelten, machten ihm Freude.
-
-War es nun Winter, und Schnee lag blendend weiß ringsherum, dann kam oft
-ein Hase angesprungen und setzte gerade über das Bäumchen hinweg. O, das
-war empörend! Aber zwei Winter verstrichen und im dritten war der Baum
-schon so hoch, daß der Hase um ihn herumlaufen mußte. »O, wachsen,
-wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzig Schöne in der
-Welt!« dachte der Baum.
-
-Im Spätherbst erschienen regelmäßig Holzhauer und fällten einige der
-größten Bäume. Das geschah jedes Jahr und den jungen Tannenbaum, der nun
-schon tüchtig in die Höhe geschossen war, befiel Zittern und Beben
-dabei, denn mit Gepolter und Krachen stürzten seine Kameraden zur Erde,
-die Zweige wurden ihnen abgehauen, sie sahen nun ganz nackt, lang und
-schmal aus, sie waren kaum noch wiederzuerkennen. Dann aber wurden sie
-auf Wagen gelegt und Pferde zogen sie zum Walde hinaus.
-
-Wohin sollten sie? -- Was stand ihnen bevor? --
-
-Als im Frühjahr die Schwalbe und der Storch kamen, fragte sie der Baum:
-»Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen nicht
-begegnet?«
-
-Die Schwalbe wußte nichts, doch der Storch sah sehr nachdenklich aus,
-nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube fast; mir begegneten auf
-meiner Rückreise von Ägypten viele neue Schiffe. Auf denselben standen
-prächtige Mastbäume; ich darf wohl behaupten, daß sie es waren; sie
-verbreiteten Tannengeruch. Ich kann vielmals grüßen, sie überragen
-alles!«
-
-»O, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzufliegen! Wie
-ist es eigentlich, dieses Meer, und wem ähnelt es?«
-
-»Ja, das ist etwas weitläufig zu erklären!« sagte der Storch und ging.
-
-»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich
-deines Wachstums, des jungen Lebens, welches dich erfüllt!«
-
-Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Thränen über ihn, allein
-der Tannenbaum verstand es nicht.
-
-In der Weihnachtszeit wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht
-einmal so groß waren, noch im gleichen Alter standen wie unser
-Tannenbäumchen, das weder Ruh noch Rast hatte, sondern nur immer weiter
-wollte. Diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten,
-behielten immer ihre Zweige, sie wurden auf Wagen gelegt und Pferde
-zogen sie aus dem Walde.
-
-»Wohin bringt man sie?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer
-als ich, ja da war sogar einer dabei, der noch weit kleiner aussah.
-Weshalb behalten sie alle ihre Zweige? Wo fahren sie hin?«
-
-»Das wissen wir, das wissen wir!« zwitscherten die Sperlinge. »Unten in
-der Stadt haben wir zu den Fenstern hineingeschaut. O, sie gelangen zur
-größten Pracht und Herrlichkeit, die sich denken läßt! Wir haben
-gesehen, daß sie mitten in die warme Stube hineingepflanzt und mit den
-herrlichsten Sachen, mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und
-vielen hundert Lichtern ausgeschmückt wurden!«
-
-»Und dann?« fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. »Und dann?
-Was geschieht dann?«
-
-»Ja, mehr haben wir nicht gesehen, es war unvergleichlich!«
-
-»Ob auch mir dieses Los zufallen wird, diesen strahlenden Weg zu gehen?«
-jubelte das Bäumchen. »Das ist noch besser, als über das Meer zu fahren.
-O, wie mich die Sehnsucht verzehrt! O wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre
-ich erst in der warmen Stube mit all' ihrer Pracht und Herrlichkeit! Und
-dann? Ja dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, weshalb würde
-man mich sonst so ausschmücken! Da muß noch etwas Größeres, noch etwas
-Herrlicheres kommen -- --!«
-
-»Freue dich meiner!« sagte die Luft und sagte der Sonnenschein; »freue
-dich deiner frischen Jugend draußen im Freien!«
-
-Aber das Bäumchen freute sich gar nicht; es wuchs und wuchs, Winter und
-Sommer stand es dunkelgrün da! Die Leute, welche es sahen, sagten: »Das
-ist ein hübscher Baum!« und zur Weihnachtszeit wurde er zuerst von allen
-gefällt! Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem
-Seufzer zu Boden. Er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er vermochte
-an gar kein Glück mehr zu denken. Er war betrübt, von der Heimat zu
-scheiden, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war. Er wußte ja,
-daß er nie mehr die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und
-Blumen wiedersehen würde.
-
-Der Baum kam erst wieder zu sich, als er im Hofe, mit den andern Bäumen
-abgeladen, einen Mann sagen hörte: »Der ist prächtig! Wir brauchen
-keinen andern!«
-
-Nun kamen zwei Diener im vollen Staate und trugen den Tannenbaum in
-einen großen, prächtigen Saal. Er wurde in ein großes, mit Sand
-gefülltes Gefäß gestellt, doch konnte niemand merken, daß es ein Gefäß
-war, denn es wurde ringsherum mit grünem Zeug behängt und stand auf
-einem großen bunten Teppiche. O, wie der Baum bebte! Was sollte doch nun
-geschehen? Die Diener und die Fräulein kamen und putzten ihn aus. Über
-die Zweige hängten sie kleine, aus buntem Papier ausgeschnittene Netze,
-mit Zuckerwerk gefüllt. Vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen wie
-festgewachsen herab, und über hundert rote, blaue und weiße Lichterchen
-wurden an den Zweigen befestigt. Puppen, die wie leibhaftige Menschen
-aussahen, schwebten im Grünen, und ganz oben auf der Spitze strahlte ein
-Stern von Flittergold. Es war prächtig, ganz unvergleichlich prächtig!
-
-»Heute Abend,« sagten alle, »heute Abend wird er strahlen!«
-
-»O!« dachte der Baum, »wäre es doch erst Abend! Würden doch nur die
-Lichter bald angezündet! Und was mag dann geschehen? Ob wohl die Bäume
-aus dem Walde kommen und mich anschauen? Ob die Sperlinge gegen die
-Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachsen und Winter und Sommer
-geschmückt dastehen werde?« --
-
-Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der
-Baum bebte in allen Zweigen dabei, so daß einige Nadeln an einem der
-Lichter Feuer fingen. Es sengte ordentlich.
-
-»Gott bewahre uns!« schrieen die Fräulein und löschten es schnell aus.
-
-Nun durfte der Baum nicht einmal beben. O, das war ein Graus! Er war so
-besorgt, etwas von all' seinem Staate zu verlieren; er war von all' dem
-Glanze wie betäubt. -- Und nun öffneten sich beide Flügelthüren, und
-eine Menge Kinder stürzten herein, als ob sie den ganzen Baum umrennen
-wollten. Die älteren Leute kamen bedächtig hinterher; die Kleinen
-standen ganz stumm, aber nur einen kurzen Augenblick, dann jubelten sie
-wieder so, daß es wiederhallte. Sie tanzten um den Baum, und ein
-Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.
-
-»Was haben sie nur vor?« dachte der Baum. »Was soll da geschehen?« Die
-Lichter brannten bis auf die Zweige herunter und darauf löschte man sie
-aus und die Kinder erhielten Erlaubnis, den Baum zu plündern. O, die
-stürzten auf ihn los, daß es in allen Zweigen knackte. Wäre er nicht mit
-der Spitze und dem goldenen Stern an der Decke befestigt gewesen, so
-hätten sie ihn sicher umgeworfen.
-
-Die Kinder tanzten nun mit ihrem prächtigen Spielzeuge umher. Niemand
-beachtete den Baum, mit Ausnahme der alten Kinderfrau, die aufmerksam
-zwischen die Zweige nach einem etwa vergessenen Apfel blickte.
-
-»Eine Geschichte, eine Geschichte!« riefen die Kinder und zerrten einen
-kleinen, dicken Mann nach dem Baume hin. Er setzte sich gerade unter
-denselben nieder, »denn so,« meinte er, »sind wir im Grünen. Aber ich
-erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede hören oder
-die von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und sich doch auf den
-Thron schwang und die Prinzessin erhielt?«
-
-»Ivede-Avede!« schrieen einige, »Klumpe-Dumpe!« schrieen andere. Was war
-das für ein Rufen und Durcheinanderschreien! Nur der Tannenbaum schwieg
-still. Seine Rolle war vorüber, er hatte ja seine Schuldigkeit gethan!
-
-Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und sich
-doch auf den Thron schwang und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder
-klatschten in die Hände und riefen: »Erzähle, erzähle!« Sie wollten auch
-noch die Geschichte von Ivede-Avede hören, mußten sich aber mit
-Klumpe-Dumpe begnügen. Der Tannenbaum stand ganz still und gedankenvoll,
-nie hatten die Vögel draußen im Walde dergleichen erzählt. »Klumpe-Dumpe
-fiel die Treppe hinab und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es
-in der Welt zu!« dachte der Tannenbaum und hielt es für Wahrheit, weil
-der Erzähler ein so netter Mann war. »Ja, ja, wer kann wissen,
-vielleicht falle ich auch die Treppe hinab und bekomme eine Prinzessin!«
-Und er freute sich darauf, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und
-Spielzeug, mit Gold und Früchten bekleidet zu werden.
-
-»Morgen werde ich nicht zittern!« dachte er. »Ich werde eine recht
-herzliche Freude über alle meine Herrlichkeit empfinden. Morgen werde
-ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe hören und vielleicht auch
-die von Ivede-Avede.« Und der Baum stand die ganze Nacht still und
-gedankenvoll da.
-
-Am folgenden Morgen traten die Diener und Mägde herein.
-
-»Nun beginnt der Staat von neuem!« dachte der Baum, aber sie schleppten
-ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf bis auf den Boden und dort
-stellten sie ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht fiel.
-»Was hat denn das zu bedeuten?« dachte der Baum. »Was habe ich denn hier
-zu thun? Was mag ich denn hier hören sollen?« Er lehnte sich gegen die
-Mauer und stand da und sann und sann. Und Zeit hatte er genug dazu, denn
-es verstrichen Tage und Nächte. Niemand kam herauf und als endlich
-einmal jemand kam, geschah es nur zu dem Zwecke, einige große Kasten in
-den Winkel zu stellen.
-
-»Nun ist draußen Winter!« dachte der Baum. »Die Erde ist hart und mit
-Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll
-ich wahrscheinlich bis zum Frühling hier im Schutze stehen! Wie
-fürsorglich doch das ist! Wie gut die Menschen doch sind! Wäre es hier
-nur nicht so dunkel und so erschrecklich einsam! Nicht einmal ein
-Häschen ist hier zu finden! Draußen im Walde war es doch lustig, wenn
-der Schnee lag und der Hase vorübersprang, ja selbst wenn er über mich
-hinwegsetzte; aber damals gefiel es mir freilich nicht. Hier oben ist es
-aber doch entsetzlich einsam!«
-
-»Pip, pip!« sagte plötzlich eine kleine Maus und schlüpfte hervor, und
-darauf kam noch eine kleine. Sie schnüffelten an dem Tannenbaume und
-schmiegten sich durch die Zweige desselben.
-
-»Es herrscht heute eine furchtbare Kälte!« sagten die zwei kleinen
-Mäuschen; »nicht wahr, du alter Tannenbaum?«
-
-»Ich bin noch gar nicht alt!« versetzte der Tannenbaum, »es giebt viel
-ältere als ich bin!«
-
-»Wo kommst du her?« fragten die Mäuse, »und was weißt du?« Sie waren
-gewaltig neugierig. »Erzähle uns doch von dem herrlichsten Plätzchen auf
-Erden! Bist du schon dort gewesen? Bist du schon in der Speisekammer
-gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke
-hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, mager hineingeht und fett
-herauskommt?«
-
-»Die kenne ich allerdings nicht,« sagte der Baum, »aber den Wald kenne
-ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!« Darauf erzählte er
-ihnen alle Erlebnisse seiner Jugend und die Mäuschen hatten dergleichen
-nie zuvor gehört.
-
-»O!« sagten die Mäuschen, »wie glücklich du gewesen bist, du alter
-Tannenbaum!«
-
-»Ich bin durchaus nicht alt!« erwiderte der Tannenbaum, »erst in diesem
-Winter bin ich ja aus dem Walde gekommen! Ich stehe in meinem
-allerbesten Alter, ich bin nur sehr gewachsen!«
-
-»Wie schön du erzählst!« sagten die Mäuschen, und in der nächsten Nacht
-kamen sie mit vier andern kleinen Mäusen wieder, welche den Baum auch
-erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto lebhafter trat es
-ihm selbst vor die Augen und er sagte: »Es waren doch wirklich
-glückliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die
-Treppe hinab und bekam doch die schöne Prinzessin.«
-
-»Wer ist Klumpe-Dumpe?« fragten die Mäuschen.
-
-Nun erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, dessen er sich Wort für
-Wort entsinnen konnte. Und die Mäuschen wären aus lauter Freude fast in
-die Spitze des Baumes gesprungen. In der folgenden Nacht versammelten
-sich noch weit mehr Mäuse und am Sonntag kamen sogar zwei Ratten. Die
-behaupteten aber, die Geschichte sei nicht lustig, und das betrübte die
-Mäuschen, denn sie kam ihnen nun auch weniger schön vor.
-
-»Können Sie nur die eine Geschichte erzählen?« fragten die Ratten.
-
-»Nur die eine!« antwortete der Baum, »ich hörte sie an meinem
-glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich
-ich war!«
-
-»Das ist eine höchst elende Geschichte! Wissen Sie keine von Speck und
-Talglichtern? Keine Speisekammergeschichten?«
-
-»Nein!« sagte der Baum.
-
-»Nun, dann danken wir dafür!« erwiderten die Ratten und kehrten zu den
-Ihrigen zurück.
-
-Zuletzt blieben die Mäuschen auch fort und da seufzte der Baum: »Es war
-doch ganz hübsch, als sie um mich saßen, die muntern Mäuschen, und auf
-meine Erzählungen lauschten! Nun ist das gleichfalls vorbei. Aber die
-schöne Zeit wird wiederkommen!«
-
-Und eines Morgens, da kamen Leute herauf und kramten auf dem Boden
-umher. Die Kasten erhielten einen andern Platz und der Baum wurde
-hervorgezogen. Sie warfen ihn unsanft auf den Fußboden, aber sofort
-schleppte ihn ein Hausknecht nach der Treppe hin, wo das Tageslicht
-schimmerte.
-
-»Nun beginnt das Leben wieder!« dachte der Baum. Er fühlte die frische
-Luft, den ersten Sonnenstrahl, -- und nun war er draußen auf dem Hofe.
-Alles ging so schnell, daß der Baum völlig vergaß, sich selbst zu
-betrachten; zu viel Neues war ringsumher anzustaunen. Der Hof stieß an
-einen Garten und alles stand darin in voller Blüte. Die Rosen hingen
-frisch und duftend über den kleinen Staketenzaun hinüber, die
-Lindenbäume blühten und die Schwalben flogen umher und zwitscherten:
-»Quirre virrevit, mein Mann ist gekommen!« Aber den Tannenbaum meinten
-sie damit nicht.
-
-»Nun will ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus.
-Ach, sie waren alle vertrocknet und gelb und zwischen Unkraut und
-Nesseln lag er in einem Winkel da. Der Goldpapierstern saß noch oben auf
-der Spitze und leuchtete im hellsten Sonnenscheine.
-
-Auf dem Hofe selbst spielten ein paar von den lustigen Kindern, die am
-Weihnachtsabend um den Baum getanzt hatten und dabei so fröhlich gewesen
-waren. Eines der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab.
-
-»Sieh, was da noch an dem alten, häßlichen Tannenbaume sitzt!« rief es
-und trat auf die Zweige, daß sie unter seinen Stiefeln knackten.
-
-Und der Baum betrachtete all' die Blumenpracht und Frische im Garten,
-betrachtete dann sich selbst und wünschte, daß er in seinem finstern
-Winkel auf dem Boden geblieben wäre. Er gedachte seiner frischen Jugend
-im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so
-fröhlich der Geschichte von Klumpe-Dumpe zugelauscht hatten.
-
-»Vorbei, vorbei!« seufzte der arme Baum. »Hätte ich mich doch gefreut
-als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!«
-
-Der Hausknecht kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund
-lag da; hell loderte es auf unter dem großen Braukessel. Er seufzte
-tief, jeder Seufzer tönte wie ein kleiner Schuß. Deshalb liefen die
-Kinder, welche draußen spielten, herbei, setzten sich vor das Feuer,
-schauten hinein und riefen: »Piff, paff!« Aber bei jedem Knalle, der ein
-tiefer Seufzer war, gedachte der Baum eines Sommertages im Walde, einer
-Winternacht draußen, wenn die Sterne glänzten. Er gedachte des
-Weihnachtsabends und des Klumpe-Dumpe, des einzigen Märchens, welches er
-gehört hatte und zu erzählen wußte, -- und dann war der Baum verbrannt.
-
-Die Kinder spielten im Hofe und der kleinste hatte auf der Brust den
-Goldstern, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte.
-Nun war dieser vorüber und mit diesem auch der Baum nebst seiner
-Geschichte. Vorbei, vorbei -- und so geht es mit allen Geschichten.
-
-
-
-
-Das alte Haus.
-
- [Abbildungen/Illustrations: capI103.jpg, pic105.jpg]
-
-
-In einem Seitengäßchen stand ein altes, altes Haus; es war fast
-dreihundert Jahre alt. Dies konnte man an dem Balken lesen, wo die
-Jahreszahl von Tulpen und Hopfenranken umschlungen eingeschnitten war.
-Da standen auch in altertümlicher Schreibart ganze Verse und über jedem
-Fenster war in den Balken ein fratzenhaftes Gesicht eingeschnitten und
-am ganzen Gebäude wucherte der Epheu üppig empor. Das eine Stockwerk
-trat weit über das andere heraus und dicht unter dem Dache lief eine
-Bleirinne, die am Ende einen Drachenkopf als Zierat trug. Das
-Regenwasser sollte aus dem Rachen seinen Ausgang nehmen, fand aber
-seinen Weg durch den Bauch, denn es war ein Loch in der Rinne.
-
-Alle andern Häuser in der Straße waren neu und man konnte es ihnen zur
-Genüge ansehen, daß sie mit dem alten Hause nichts zu thun haben
-wollten.
-
-Gerade gegenüber in der Straße standen gleichfalls neue und hübsche
-Häuser und am Fenster eines derselben saß ein kleiner Knabe mit frischen
-roten Wangen, mit hellen, strahlenden Augen, welchem dies alte Haus noch
-am besten gefiel, sowohl im Sonnenschein wie im Mondenschein. Und
-blickte er zu der Mauer hinüber, von der der Kalk abgefallen war, dann
-konnte er dasitzen und sich mit seiner regen Einbildungskraft die
-seltsamsten Bilder entwerfen, wie die Straße früher müßte ausgesehen
-haben mit ihren Treppen, Erkern und spitzen Giebeln. Er vermochte im
-Geiste Soldaten mit Hellebarden zu sehen und Dachrinnen, die in der
-Gestalt von Drachen und Lindwürmern ausliefen.
-
-Das Haus bewohnte ein alter Mann. Er ging noch immer in den altmodischen
-Kniehosen, trug einen Rock mit großen Messingknöpfen und eine Perücke,
-der man es ansehen konnte, daß es eine echte Perücke war. Jeden Morgen
-kam ein alter Mann zu ihm, um aufzuräumen und Gänge zu besorgen, sonst
-war der alte Mann in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause.
-Bisweilen trat er an das Fenster und blickte hinaus, und der kleine
-Knabe nickte ihm zu und der alte Mann nickte wieder. Auf diese Weise
-wurden sie erst miteinander bekannt und dann Freunde, obgleich sie nie
-miteinander gesprochen hatten, aber das war ja auch gleichgültig.
-
-Der kleine Knabe hörte seine Eltern oft sagen: »Dem alten Manne da
-drüben geht es sehr gut, aber er lebt so erschrecklich einsam!«
-
-Am nächsten Sonntage wickelte der kleine Knabe etwas in ein Stück
-Papier, that es in ein kleines Pappschächtelchen, ging hinunter vor die
-Thür, und als der alte Mann, welcher die Gänge besorgte, in das alte
-Haus wollte, sagte er zu ihm:
-
-»Höre, willst du dies deinem Herrn von mir bringen? Ich besitze zwei
-Zinnsoldaten, dies ist der eine; er soll ihn haben, weil ich weiß, daß
-er so ganz allein ist!«
-
-Das Gesicht des alten Mannes wurde mit einemmale ganz heiter; er nickte
-und trug den Zinnsoldaten zu dem alten Mann hinauf, welcher den Vorgang
-vom Fenster aus mit angesehen hatte. Bald darauf geschah von dort die
-Anfrage, ob der kleine Knabe nicht drüben einen Besuch abstatten wolle.
-Dazu erhielt er auch von seinen Eltern die Erlaubnis und so kam er in
-das alte Haus.
-
-Die Messingknöpfe an dem Treppengeländer glänzten weit stärker als
-sonst; man hätte vermuten können, daß sie zu Ehren des Besuches geputzt
-worden wären, und es schien, als ob die ausgeschnitzten Trompeter --
-denn an der Thüre waren Trompeter angebracht -- in ihre aus Holz
-geschnitzten Trompeten: »Tratteratra, der kleine Knabe ist da!« bliesen.
-Der ganze Hausflur war mit alten Portraits behängt. Dann kam eine
-Treppe, die aufwärts und auf einen baufälligen Altan führte, der ganz
-mit Grün bewachsen, wie ein Garten aussah. Hier standen altmodische
-Blumentöpfe, die Gesichter mit Eselsohren darstellten; die Blumen waren
-sich aber völlig selbst überlassen und wuchsen wild auf.
-
-Von hier trat man in ein Zimmer, dessen Wände mit Schweinsleder
-bekleidet waren. Die darauf gedruckten, goldenen Blumen gewährten einen
-gar freundlichen Anblick. -- »Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder
-besteht!« sagten die Wände. Darauf gelangte der kleine Knabe in das
-Erkerzimmer, in welchem der alte Mann saß.
-
-»Besten Dank für den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund!« sagte der alte
-Herr, »und Dank, daß du zu mir herüberkommst!«
-
-Nun sah sich der Knabe erst ein wenig in dem mit alten Möbeln
-überfüllten Zimmer um. Mitten an der Wand hing das Portrait einer
-jungen, lebensfrohen Frau, aber in altväterischer Tracht, mit gepudertem
-Haar und steifleinenem Rocke. Sie schaute mit gar sanften Augen auf den
-Knaben hernieder, der den alten Mann sogleich fragte: »Wo hast du diese
-herbekommen?«
-
-»Vom Trödler drüben!« sagte der alte Mann. »Dort hängen noch viele
-Bilder; niemand kennt sie oder kümmert sich um sie, denn die Personen,
-welche sie vorstellen, sind sämtlich längst begraben; aber in jungen
-Tagen habe ich diese gekannt, und nun ist auch sie gestorben und weilt
-schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr auf Erden.«
-
-»Meine Eltern sagten, du seiest ganz allein,« begann der kleine Knabe
-wieder.
-
-»O,« sagte der Greis, »die alten Gedanken und alles, was sie in meiner
-Seele wachrufen, kommen und besuchen mich, und nun kommst du ja auch!
--- Mir geht es ganz gut!«
-
-Darauf nahm er vom Bücherbrett ein Bilderbuch. Was war darin alles zu
-sehen! Lange Prozessionen, die seltsamsten Kutschen, wie sie heutigen
-Tages längst von unsern Straßen verschwunden sind, und sonst noch die
-wunderbarsten Dinge. O, was war das für ein Bilderbuch!
-
-Der alte Mann ging in das Nebenzimmer, um Eingemachtes, Äpfel und Nüsse
-zu holen; -- für einen kleinen Knaben war es da oben in dem alten Hause
-gar nicht so übel.
-
-»Ich kann es nicht aushalten!« begann plötzlich der Zinnsoldat, welcher
-auf der Kommode stand, zu sprechen; »hier ist es so einsam und traurig;
-nein, wenn man an ein Familienleben gewöhnt ist, kann man sich an die
-unheimliche Stille in diesem Hause hier gar nicht gewöhnen! -- Ich kann
-es nicht aushalten!«
-
-»Du brauchst doch nicht zu klagen!« sagte der kleine Knabe, »mir kommt
-es hier sehr hübsch vor, zumal da alle die alten Gedanken und alles, was
-sie in des alten Mannes Seele wachrufen, zu Besuch kommen!« -- »Die sehe
-und kenne ich aber nicht!« sagte der Zinnsoldat, »ich kann es nicht
-aushalten!« -- »Du mußt!« erwiderte der kleine Knabe.
-
-Der alte Mann erschien jetzt wieder mit dem heitersten Gesicht, dem
-herrlichsten Eingemachten, mit Äpfeln und Nüssen, und darum dachte der
-kleine Knabe nicht länger an den Zinnsoldaten.
-
-Glücklich und vergnügt kam der Kleine wieder nach Hause. Tage und Wochen
-verstrichen seitdem und nach dem alten Hause und von dem alten Hause
-nickte man sich gegenseitig freundlich zu; und dann kam der kleine Knabe
-wieder hinüber.
-
-Die ausgeschnitzten Trompeter bliesen: »Tratteratra! der kleine Knabe
-ist da!« und auch sonst war es genau so wie beim ersten male, denn da
-drüben verstrich ein Tag wie der andere.
-
-»Ich kann es nicht aushalten!« sagte da wieder der Zinnsoldat, »ich habe
-Zinn geweint! Hier ist es zu trübselig! Jetzt weiß ich, was es heißt,
-Besuch von seinen alten Gedanken zu erhalten. Ich habe den Besuch der
-meinigen gehabt und sah euch alle so deutlich vor mir. Ihr Kinder
-standet alle mit gefalteten Händen vor dem Tische und sanget euern
-Morgen-Choral. Vater und Mutter waren in gleich feierlicher Stimmung,
-als plötzlich die Thüre aufging und die kleine Schwester Marie, welche
-immer tanzt, sobald sie nur Musik hört, hereinkam. So stand sie denn
-erst auf dem einen Beinchen und neigte den Kopf ganz vornüber, und dann
-auf dem andern und neigte den Kopf wieder ganz vornüber. Ihr standet
-sämtlich sehr ernsthaft da, obgleich das euch sauer genug wurde, ich
-aber mußte innerlich so lachen, daß ich vom Tische fiel und mir eine
-Beule schlug, mit der ich noch einhergehe, denn es war nicht recht von
-mir, zu lachen. Erzähle mir, ob ihr des Sonntags noch singt? Erzähle mir
-etwas von der kleinen Marie! Und wie befindet sich mein Kamerad, der
-andere Zinnsoldat? Ja, der ist fürwahr glücklich! -- Ich kann es nicht
-aushalten!«
-
-»Du bist verschenkt!« war die Antwort; »du mußt bleiben. Kannst du das
-nicht begreifen?«
-
-Der alte Mann kam mit einem Kasten, worin viel zu sehen war, Häuschen
-aus Kreide gearbeitet und Balsambüchsen und alte Karten, so groß und so
-vergoldet, wie man sie heutigen Tages nie mehr erblickt. Der Inhalt
-großer Kästen wurde besichtigt, und auch das Klavier geöffnet; heiser
-klangen die Töne, die der alte Mann hervorlockte; dann summte er leise
-ein Lied vor sich hin.
-
-»Ja, das konnte sie singen!« sagte er, und dabei nickte er ihrem
-Portrait zu, welches er bei dem Trödler gekauft hatte und hellauf
-leuchteten dabei die Augen des alten Mannes.
-
-»Ich will in den Krieg! Ich will in den Krieg!« rief der Zinnsoldat,
-so laut er konnte, und stürzte sich gerade auf den Fußboden hinab.
-
-Ja, wo war er geblieben? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte,
-fort war er und fort blieb er. Der Zinnsoldat war durch eine Ritze
-gefallen und lag nun im offenen Grabe.
-
-Der Tag verging und der kleine Knabe kam nach Hause, und Wochen auf
-Wochen verstrichen. Die Fenster waren fest zugefroren. Der kleine Knabe
-mußte lange dasitzen und auf die Scheiben hauchen, um ein Guckloch nach
-dem alten Hause hinüber zu erhalten. Dort war der Schnee in alle
-Schnörkel eingedrungen; die ganze Treppe war verschneit, als ob niemand
-dort zu Hause wäre. Es war dort auch niemand zu Hause -- der alte Mann
-war tot.
-
-Am Abend hielt ein Wagen vor der Thür und auf demselben wurde er in
-seinem engen Sarge nach dem Lande hinaus gefahren, um dort in seinem
-Erbbegräbnisse zu ruhen. Da fuhr er nun, aber niemand folgte, alle seine
-Freunde waren ja tot. Nur der kleine Knabe warf dem Sarge beim
-Vorüberfahren einen Kußfinger nach.
-
-Einige Tage darauf fand in dem alten Hause Auktion statt. Der kleine
-Knabe sah von seinem Fenster aus, wie man alles forttrug: die alten
-Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit langen Ohren, die alten
-Stühle und die alten Spinden, alles zerstreute sich, einiges kam in
-diese, anderes in jene Hände. Ihr Portrait, welches er beim Trödler
-aufgefunden hatte, wanderte wieder zum Trödler und da blieb es für immer
-hängen, denn niemand kannte die Frau mehr und niemand bekümmerte sich um
-das alte Bild.
-
-Im Frühling riß man das alte Haus selbst nieder, denn es war nur noch
-ein altes Gemäuer, sagten die Leute. Man konnte von der Straße aus
-gerade in das Zimmer mit der schweinsledernen Bekleidung hineinsehen,
-welche fetzenweise abgerissen wurde; verwildert hing der Epheu an dem
-alten Altan um die stürzenden Balken. So wurde dort alles gründlich dem
-Boden gleich gemacht! -- »Das half!« sagten die Nachbarhäuser. --
-
-Auf dem nämlichen Platze wurde ein schönes Haus mit großen Fenstern und
-weißen glatten Mauern aufgeführt, aber vorn, wo eigentlich das alte Haus
-gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt und gegen die
-Nachbarmauern rankten wilde Weinreben empor. Auf den Ranken schaukelten
-sich die Sperlinge und plauderten in ihrer Sprachweise miteinander; aber
-nicht von dem alten Hause, dessen sie sich nicht mehr erinnerten. --
-
-Viele Jahre vergingen; aus dem Knaben war ein tüchtiger Mann geworden.
-Er bewohnte mit seiner jungen Frau das neue, schöne Haus, vor dem sich
-der Garten befand. Einst stand er neben ihr, während sie eine Blume
-pflanzte und die Erde mit ihren feinen Fingern festdrückte. »Au!« Was
-war das? Sie hatte sich gestochen. Eine Spitze guckte aus der weichen
-Erde hervor.
-
-Das war -- ja denkt euch nur! -- das war der Zinnsoldat, derselbe, der
-dort oben bei dem alten Manne abhanden gekommen und allmählich durch
-Gebälk und Schutt hindurchgeglitten war und endlich viele Jahre in der
-Erde gelegen hatte.
-
-Die junge Frau wischte den Soldaten zuerst mit einem grünen Blatte und
-dann mit ihrem feinen Taschentuche ab; es kam dem Zinnsoldaten vor, als
-erwachte er aus tiefer Ohnmacht.
-
-»Laß mich ihn sehen!« sagte der junge Mann, lachte und schüttelte den
-Kopf. »Derselbe kann es wohl schwerlich sein, aber er erinnert mich an
-eine Geschichte, die ich mit einem Zinnsoldaten erlebte, als ich noch
-ein kleiner Knabe war!« Dann erzählte er seiner Frau von dem alten Hause
-und dem alten Manne und von dem Zinnsoldaten, den er ihm hinübergesandt,
-weil er so erschrecklich einsam war. Er erzählte dies so anschaulich,
-als ob es sich erst jetzt vor ihren Augen zutrüge, so daß der jungen
-Frau über das alte Haus und dem alten Mann die Thränen in die Augen
-traten.
-
-»Es ist gleichwohl möglich, daß es der nämliche Zinnsoldat ist!«
-erwiderte sie. »Ich will ihn aufbewahren und alles im Gedächtnis
-behalten, was du mir erzählt hast. Aber das Grab des alten Mannes mußt
-du mir zeigen!«
-
-»Ja, das kenne ich nicht,« sagte er, »und niemand kennt es! Alle seine
-Freunde waren tot, niemand pflegte ihn, und ich war ja damals ein
-kleiner Knabe.«
-
-»Wie entsetzlich einsam muß er doch gewesen sein!« rief sie aus.
-
-»Entsetzlich einsam!« sagte der Zinnsoldat, »aber herrlich ist es, nicht
-vergessen zu werden!«
-
-»Herrlich!« rief etwas dicht neben ihnen, aber außer dem Zinnsoldaten
-sah niemand, daß es ein Fetzen der schweinsledernen Wandbekleidung war.
-Alle Vergoldung hatte er verloren, er sah wie nasse Erde aus, aber seine
-Ansicht hatte er sich doch bewahrt und er sprach sie aus:
-
- »Vergoldung vergeht,
- aber Schweinsleder besteht!«
-
-Doch das glaubte der Zinnsoldat nicht.
-
-
-
-
-Der Buchweizen.
-
- [Abbildung/Illustration: pic107.jpg]
-
-
-Wenn man nach einem Gewitter an einem Buchweizenfelde vorübergeht, nimmt
-man oft wahr, daß es schwarz und wie versengt aussieht. Es ist gerade,
-als ob eine Feuerflamme über dasselbe hinweggegangen wäre und der
-Landmann sagt dann: »Das hat der Buchweizen vom Blitzstrahl bekommen!«
-Aber weshalb hat er das bekommen? -- Ich will erzählen, was mir der
-Sperling gesagt hat, und der Sperling hat es von einer alten Weide, die
-neben einem Buchweizenfelde stand und noch daselbst steht. Es ist eine
-gar ehrwürdige, hohe Weide; sie neigt sich vorn über und die Zweige
-hängen auf die Erde hinunter, wie wenn sie grünes, langes Haar
-vorstellten.
-
-Auf allen Feldern ringsumher wuchs Korn, Roggen, Gerste und Hafer.
-O, der köstliche Hafer! Wenn er reif ist, nimmt er sich wie eine ganze
-Menge kleiner, gelber Kanarienvögel auf einem Zweige aus. Das Korn
-versprach einen reichen Erntesegen, und je schwerer es war, desto tiefer
-neigte es sich in frommer Demut.
-
-Aber da war auch ein Buchweizenfeld und dies lag der alten Weide gerade
-gegenüber. Dem Buchweizen fiel es nicht ein, sich wie das andere Korn zu
-neigen; er trug den Kopf hoch und stand stolz und steif da.
-
-»Ich bin wohl ebenso reich, wie die Ähre,« sagte er, »und bin überdies
-weit hübscher. Kennst du jemand, der sich prächtiger ausnimmt als ich
-und die Meinigen, du alte Weide?«
-
-Und die Weide nickte mit dem Kopfe, als wollte sie sagen: »Freilich
-kenne ich welche!«
-
-Plötzlich zog sich ein entsetzliches Unwetter zusammen. Alle Feldblumen
-falteten ihre Blätter oder neigten ihre feinen Köpfe hernieder, während
-der Sturm über sie dahinfuhr. Nur der Buchweizen brüstete sich in seinem
-Stolze.
-
-»Neige dein Haupt wie wir!« sagten die Blumen.
-
-»Das habe ich gar nicht nötig!« versetzte der Buchweizen.
-
-»Neige dein Haupt wie wir!« rief das Korn. »Jetzt kommt der Sturmengel
-geflogen! Er hat Flügel, die von den Wolken bis zur Erde
-herunterreichen. Er zerschlägt dich, ehe du ihn um Gnade anflehen
-kannst!«
-
-»Ich will mich aber nicht neigen!« sagte der Buchweizen.
-
-»Schließe deine Blüten und neige deine Blätter!« ermahnte auch die alte
-Weide. »Sieh nicht in den Blitz, wenn die Wolke bricht! Selbst die
-Menschen dürfen das nicht, denn in dem Blitze kann man bis in Gottes
-Himmel hineinschauen; doch vermag dieser Anblick sogar die Menschen zu
-blenden. Was würde da nicht erst uns, den Gewächsen der Erde, geschehen,
-wagten wir es, die wir doch weit geringer sind!«
-
-»Weit geringer?« entgegnete der Buchweizen. »Nun will ich erst gerade in
-Gottes Himmel sehen!« Und er that es in seinem Übermute und Stolz. Es
-war, als wenn die ganze Welt in Flammen stände, so blitzte es.
-
-Als sich das Unwetter verzogen hatte, standen die Blumen und das Korn in
-der stillen, reinen Luft vom Regen erfrischt da, aber der Buchweizen war
-vom Blitz kohlschwarz gebrannt; er war nun ein totes, nutzloses Gewächs.
-
-Der alte Weidenbaum bewegte seine Zweige und Wassertropfen träufelten
-von seinen Blättern, gerade wie Thränen, und die Sperlinge fragten:
-»Weshalb weinst du? Hier ist es ja wunderbar erquickend! Sieh, wie die
-Sonne leuchtet und die Wolken eilen! Weshalb weinst du also, du alte
-Weide?«
-
-Und die Weide erzählte von dem Stolze und dem Übermute und von der
-Strafe des Buchweizens. Denn die Strafe folgt immer. Die Sperlinge haben
-mir die Geschichte erzählt, als ich sie eines Abends um ein Märchen bat.
-
-
-
-
-Die roten Schuhe.
-
- [Abbildung/Illustration: pic109.jpg]
-
-
-Einst lebte ein kleines Mädchen, welches gar fein und niedlich war, doch
-seiner großen Armut wegen im Sommer stets barfuß und im Winter mit
-großen Holzschuhen gehen mußte, wovon der Spann seiner Füßchen ganz rot
-und wund wurde.
-
-Die alte Mutter Schusterin, welche mitten im Dorfe wohnte, nähte für die
-Kleine, welche _Karen_ hieß, aus alten roten Tuchlappen ein Paar
-Schühchen, welche das Kind am Begräbnistage seiner Mutter erhielt und
-sie da zum erstenmal trug. Zum Trauern waren sie freilich nicht recht
-geeignet, aber sie hatte ja keine andern, und darum zog sie dieselben
-über ihre nackten Füßchen und schritt so hinter dem ärmlichen Sarge her.
-
-Da kam auf einmal ein großer altmodischer Wagen angefahren, in welchem
-eine alte Frau saß. Sie betrachtete das kleine Mädchen und fühlte
-Mitleid mit demselben. Deshalb sagte sie zu dem Geistlichen: »Hört,
-würdiger Herr, gebt mir das kleine Mädchen, dann will ich getreulich für
-dasselbe sorgen!«
-
-Karen bildete sich ein, sie hätte das alles nur den roten Schuhen zu
-verdanken, aber die alte Frau sagte, sie wären abscheulich und ließ sie
-verbrennen. Karen selbst wurde rein und kleidsam angezogen; sie mußte
-den Unterricht besuchen und nähen lernen, und die Leute sagten, sie wäre
-niedlich, aber der Spiegel sagte: »Du bist mehr als niedlich, du bist
-schön!« --
-
-Da reiste einmal die Königin durch das Land und hatte ihre kleine
-Tochter, die eine Prinzessin war, bei sich. Die Leute strömten vor das
-Schloß und auch Karen fand sich da ein. Die kleine Prinzessin stand
-weißgekleidet an einer Balkonthür und ließ sich bewundern; Schleppe oder
-Goldkrone hatte sie nicht, aber herrliche rote Saffianschuhe, die
-freilich weit zierlicher waren als die, welche Mutter Schusterin der
-kleinen Karen genäht hatte. Ja, was könnte es Schöneres in der Welt
-geben als rote Schuhe!
-
-Jetzt war Karen so alt, daß sie eingesegnet werden sollte; sie erhielt
-neue Kleider und neue Schuhe sollte sie auch haben. Der beste
-Schuhmacher in der Stadt nahm zu ihrem kleinen Fuße Maß. Mitten unter
-den Schuhen, im großen Glasschranke, standen ein Paar rote, genau wie
-sie die Prinzessin getragen hatte; wie schön waren die! Der Schuhmacher
-sagte auch, sie wären für ein Grafenkind gearbeitet, hätten aber nicht
-gepaßt.
-
-»Das ist wohl Glanzleder?« fragte die alte, kurzsichtige Frau, »sie
-glänzen so schön!«
-
-»Ja, sie glänzen!« sagte Karen; und sie paßten und wurden gekauft; aber
-die alte Frau, welche ja so schlecht sah, wußte nicht, daß sie rot
-waren, denn nie würde sie sonst Karen erlaubt haben, mit roten Schuhen
-zur Einsegnung zu gehen, aber so that sie es.
-
-Alle Menschen sahen ihr nach den Füßen, und als sie über die
-Kirchschwelle zur Chorthüre hineintrat, kam es ihr vor, als ob selbst
-die alten Bilder in der Kirche die Augen auf ihre roten Schuhe hefteten;
-und nur an diese dachte sie auch, als ihr der Prediger die Hand auf das
-Haupt legte und von der heiligen Taufe redete, vom Bunde mit Gott und
-daß sie sich nun wie eine erwachsene Christin aufführen sollte. Die
-Orgel spielte so feierlich, die lieblichen Kinderstimmen sangen und der
-alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die roten Schuhe.
-
-Am Nachmittage erfuhr dann die alte Frau von allen Seiten, daß Karens
-Schuhe rot gewesen wären und sie sagte, das schickte sich nicht und in
-Zukunft sollte Karen, so oft sie zur Kirche ginge, stets schwarze Schuhe
-anziehen, selbst wenn sie alt wären.
-
-Am folgenden Sonntage war die erste Abendmahlfeier der Konfirmanden;
-Karen sah erst die schwarzen Schuhe an, dann die roten -- und dann noch
-einmal die roten und zog sie an.
-
-Es war herrlicher Sonnenschein; Karen und die alte Frau schlugen einen
-Fußsteig durch das Kornfeld ein, auf dem es etwas stäubte.
-
-An der Kirchthüre stand ein alter Soldat mit einem Krückstock und mit
-einem merkwürdig langen Barte, der mehr rot als weiß war; ja, rot war er
-sicher. Er verneigte sich bis zur Erde und fragte die alte Frau, ob er
-ihr vielleicht die Schuhe abstäuben sollte. Karen streckte gleichfalls
-ihren Fuß vor. »Sieh, welch' prächtige Tanzschuhe!« sagte der Soldat.
-»Sitzt fest, wenn ihr tanzt!« und dann schlug er mit der Hand gegen die
-Sohlen.
-
-Die alte Frau reichte dem Soldaten ein Geldstück und trat darauf mit
-Karen in die Kirche ein.
-
-Alle Menschen drinnen sahen nach Karens roten Schuhen und alle Bilder
-sahen nach ihnen, und als Karen vor dem Altare niederkniete und den
-goldenen Kelch an die Lippen setzte, dachte sie nur an die roten Schuhe.
-Es war, als ob sie vor ihr im Kelche schwämmen; und sie vergaß das Lied
-mitzusingen, sie vergaß ihr Vaterunser zu beten.
-
-Alle Leute verließen jetzt die Kirche und die alte Frau stieg in ihren
-Wagen. Schon erhob Karen den Fuß, um hinter ihr einzusteigen, als der
-alte Soldat, welcher dicht dabeistand, sagte: »Sieh, welch' prächtige
-Tanzschuhe!« -- Karen konnte sich nicht enthalten, einige Tanzschritte
-zu thun, sowie sie aber begann, tanzten die Beine unaufhaltsam fort. Es
-war, als hätten die Schuhe Macht über sie erhalten. Sie tanzte um die
-Kirchenecke, denn sie vermochte nicht inne zu halten. Der Kutscher mußte
-hinterher laufen und sie greifen; er hob sie in den Wagen, aber auch
-jetzt setzten die Füße ihren Tanz rastlos fort, so daß sie die alte gute
-Frau empfindlich trat. Erst als sie die Schuhe auszog, erhielten die
-Beine Ruhe. Daheim wurden die Schuhe in einen Schrank gestellt, aber
-Karen wurde nicht müde, sie immer wieder zu betrachten.
-
-Nun erkrankte die alte Frau lebensgefährlich und Karen, die ihr am
-nächsten stand, sollte sie warten und pflegen. Aber in der Stadt war ein
-großer Ball, zu dem Karen eingeladen war. Sie sah die alte Frau an, die
-ja doch rettungslos verloren war, sie sah die roten Schuhe an, und es
-kam ihr vor, als ob keine Sünde dabei wäre. -- Sie zog die roten Schuhe
-an, und das konnte sie ja auch wohl, aber dann ging sie auf den Ball und
-begann zu tanzen. Das war gewiß nicht recht von ihr.
-
-Als sie aber nach rechts tanzen wollte, tanzten die Schuhe nach links,
-und als sie den Saal hinauf wollte, tanzten die Schuhe den Saal
-hinunter, die Treppe hinab, durch die Straße und zum Stadtthore hinaus.
-Tanzen that sie und tanzen mußte sie, gerade hinaus in den finstren
-Wald.
-
-Da leuchtete es zwischen den Bäumen und sie glaubte, es wäre der Mond,
-denn es war ein Gesicht, aber es war der alte Soldat mit dem roten
-Barte; er saß und nickte und sagte: »Sieh, welch' prächtige Tanzschuhe!«
-
-Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe abwerfen, aber sie hingen
-fest, wie angewachsen, und tanzen mußte sie über Felder und Wiesen, in
-Regen und Sonnenschein, bei Tag und bei Nacht, aber nachts war es am
-entsetzlichsten.
-
-Sie tanzte auf den einsamen Kirchhof hinauf, aber die Toten, die dort
-ruhten, tanzten nicht, sie hatten viel Besseres zu thun, als zu tanzen.
-Sie wollte sich auf das Grab des Armen setzen, wo das bittere Wurmkraut
-blühte, aber für sie war weder Ruh noch Rast, und als sie auf die offene
-Kirchthüre zutanzte, erblickte sie neben derselben einen Engel in langen
-weißen Kleidern, mit Flügeln, welche von den Schultern bis auf die Erde
-hinabreichten; sein Antlitz war streng und ernst und in der Hand hielt
-er ein breites leuchtendes Schwert.
-
-»Tanzen sollst du!« sagte er, »tanzen mit deinen roten Schuhen, bis du
-bleich und kalt wirst! Tanzen sollst du von Thür zu Thür, und wo stolze,
-eitle Kinder wohnen, sollst du anklopfen, daß sie dich hören und sich
-vor dir fürchten! Tanzen sollst du, tanzen -- -- -- --«
-
-»Gnade!« rief Karen. Aber sie vernahm nicht, was der Engel antwortete,
-denn die Schuhe trugen sie durch die Pforte auf das Feld hinaus, über
-Weg und Steg, und immer mußte sie tanzen.
-
-Eines Morgens tanzte sie vor einer Thür vorüber, die ihr sehr wohl
-bekannt war. Drinnen tönte Choralgesang, man trug einen blumenbekränzten
-Sarg hinaus. Da wußte sie, daß die alte Frau gestorben war und es
-beschlich sie das Gefühl, als ob sie von allen verlassen und von Gottes
-Engel verdammt wäre.
-
-Tanzen that sie und tanzen mußte sie, tanzen in der dunklen Nacht. Die
-Schuhe trugen sie über Dornen und Baumstümpfe, und sie riß sich bis aufs
-Blut; sie tanzte über die Haide nach einem kleinen, einsamen Hause. Hier
-wohnte, wie sie wußte, der Scharfrichter, und sie klopfte mit den
-Fingern an die Scheiben und sagte:
-
-»Kommt heraus! Kommt heraus! Ich kann nicht hineinkommen, denn ich muß
-tanzen.«
-
-»Ich bin der Scharfrichter«, entgegnete es von drinnen, »ich höre, daß
-meine Axt klirrt.«
-
-»Schlagt mir meine Füße mit den roten Schuhen ab«, bat Karen.
-
-Der Scharfrichter kam aus dem Hause heraus und schlug ihr die Füße mit
-den roten Schuhen ab, aber die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über
-das Feld hin in den tiefen Wald hinein.
-
-Er verfertigte ihr Stelzfüße und Krücken, lehrte sie ein Sterbelied,
-welches die armen Sünder zu singen pflegen, und sie schritt weiter über
-die Haide.
-
-»Nun habe ich genug um der roten Schuhe willen gelitten!« sagte sie,
-»nun will ich in die Kirche gehen, damit man mich sehen kann!« Schnell
-ging sie auf die Kirchthüre zu, als sie sich ihr aber näherte, tanzten
-die roten Schuhe vor ihr her und sie erschrak und kehrte um.
-
-Die ganze Woche hindurch war sie traurig und weinte viel heiße Thränen,
-als aber der Sonntag kam, sagte sie: »Fürwahr, nun habe ich genug
-gelitten und gestritten! Jetzt möchte ich glauben, daß ich eben so gut
-bin wie viele von denen, welche in der Kirche sitzen und hochmütig auf
-die andern herabschauen.« Mutig trat sie den Weg an; aber sie war erst
-bis zur Eingangsthüre zum Friedhofe gelangt, als sie plötzlich die roten
-Schuhe vor sich hertanzen sah. Sie erschrak, wandte um und bereute von
-ganzem Herzen ihre Sünde.
-
-Sie ging zur Pfarre und bot sich als Magd an; sie versprach fleißig zu
-sein und alles zu thun, was in ihren Kräften stände; auf Lohn sähe sie
-nicht, sie wünschte nur, wieder ein Obdach zu erhalten und bei guten
-Menschen zu sein. Die Frau Pfarrerin fühlte Mitleid mit ihr und nahm sie
-in Dienst. Sie war stets fleißig und in sich gekehrt. Sie saß still da,
-und lauschte aufmerksam zu, wenn der Pfarrer aus der Bibel vorlas. Alle
-Kinder gewannen sie lieb; sobald dieselben aber von Putz und Staat und
-davon sprachen, wie schön es doch sein müßte, eine Prinzessin zu sein,
-schüttelte sie den Kopf.
-
-Am folgenden Sonntage gingen alle zur Kirche und fragten sie, ob sie sie
-begleiten wollte, aber traurig und mit Thränen in den Augen sah sie auf
-ihre Krücken, und nun gingen die andern hin, Gottes Wort zu hören, sie
-aber ging allein in ihr kleines Kämmerlein, welches nur so groß war, um
-einem Bett und einem Stuhle Platz zu gewähren. Hier setzte sie sich mit
-ihrem Gesangbuche hin, und während sie frommen Sinnes darin las, trug
-der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber und sie erhob ihr
-mit Thränen benetztes Antlitz und sagte: »Gott sei mir Sünderin gnädig!«
-
-Da schien die Sonne hell und klar, und dicht vor ihr stand der Engel
-Gottes in den weißen Kleidern, derselbe, welchen sie in jener
-verhängnisvollen Nacht an der Kirchthüre gesehen hatte, aber er hielt
-nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen grünen Zweig
-voller Rosen. Er berührte mit demselben die Decke, welche sich höher und
-höher dehnte und dort, wo sie berührt war, einen goldenen Stern
-hervorleuchten ließ, und er berührte die Wände und sie erweiterten sich
-allmählich, bis sie die Orgel erblickte, welche gespielt wurde, und die
-alten Bilder der früheren Pfarrer sah. Die Gemeinde saß in den festlich
-geschmückten Stühlen und sang aus dem Gesangbuche. So war die Kirche
-selbst zu der armen Magd in ihre kleine, enge Kammer gekommen; oder auch
-war sie dahingekommen. Sie saß in dem Kirchstuhle bei den übrigen Leuten
-des Pfarrers, und als sie nach Beendigung des Chorals aufblickte,
-nickten sie ihr zu und sagten: »Das war recht, daß du kamst, Karen!« --
-»Das war Gnade!« erwiderte sie.
-
-Und die Orgel klang und der Chor der Kinderstimmen tönte mild und
-lieblich. Der klare Sonnenschein strömte warm durch das Fenster in den
-Kirchenstuhl, in welchem Karen saß. Ihr Herz war so voller Sonnenschein,
-Friede und Freude, daß es brach. Auf den Sonnenstrahlen flog ihre Seele
-zu Gott und vor seinem Thron war niemand, der nach den roten Schuhen
-fragte.
-
-
- * * * * *
-
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-
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-+Pajeken, Fr. J.+, Im wilden Westen und 3 andere Erzählungen aus
- Nord- und Südamerika. Für die Jugend bearbeitet. Mit 4 feinen
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- den Nordstaaten Amerikas. Für die reifere Jugend bearbeitet. Mit
- 8 Tonbildern nach Zeichnungen von _Fritz Bergen_ und _G. Koch_.
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- Nordstaaten Amerikas. Für die Jugend herausgegeben. Mit 8 Tonbildern
- nach Zeichnungen von _Joh. Gehrts_. Ein starker _Groß-Oktav_band in
- ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis 5 Mark.
-
-+Pajeken, Fr. J.+, Die Mestize und 3 andere Erzählungen aus Nord- und
- Südamerika. Für die Jugend herausgegeben. Mit 4 Farbdruckbildern
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-
-+Pajeken, Fr. J.+, Martin Forster. Erlebnisse eines Knaben im wilden
- Westen. Mit 4 feinen Farbdruckbild. von _A. Richter_. Ein stark.
- _Oktav_band, in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis 3 Mk.
-
-+Pajeken, Fr. J.+, Bill der Eisenkopf. Eine Erzählung aus der Wildnis
- Nordamerikas. Für die Jugend herausgegeben. Mit 6 Tonbildern von
- _Joh. Gehrts_. Ein starker _Groß-Oktav_band, geb. in ganz Kaliko
- mit reicher Deckenpressung. Preis 5 Mk.
-
-+Peltz, E.+, Afrikanischer Lederstrumpf. Erzählung aus den Amatolas.
- Mit 5 Farb- und 4 Tonbild. Ein starker _Oktav_band, gebunden in
- ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. 3 Mark.
-
-+Stein, Adalbert+, Auf gefahrvoller Prisenjagd. Eine Erzählung für
- die Jugend. Nach dem Englischen des Kapitän _Marryat_ bearbeitet.
- Mit 4 Farbdruckbildern von _Fritz Bergen_. 3. Aufl. Ein starker
- _Oktav_band. Elegant gebunden in ganz Kaliko mit reicher
- Deckenpressung. Preis 3 Mk.
-
-+Wildenstein, K.+, Dolf der Burenheld. Gefahren und Erlebnisse
- eines jungen Deutschen im jüngsten Burenkriege. Mit 4 feinen
- Farbdruckbildern von _B. Friedrich_. 4. Auflage. Ein starker
- _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung.
- 3 Mark.
-
-
- * * * * *
-
-
-Errata:
-
-und der kalte Schnee seine Decke über / sie breitet.
- text: ... breitet,
-drei Stücke zerborsten
- text: zer/zerborsten _at line break / am Linienende_
-ein kleines, totes Kind, welches
- text: welche
-auf den rechten Fleck zu setzen?
- text: ... setzen.
-»Weg, weg!« bellte der Kettenhund, ging dreimal im Kreise
- text: , _missing / fehlt_
-Ein Soldat kam auf der Landstraße daher marschiert.
- text: maschiert
-man möge ihn doch noch eine Pfeife Tabak rauchen lassen
- text: ihm ... lassen
-»Ja, das muß wirklich ein prächtiges Vergnügen sein!«
- text: daß muß
-»Sie haben ein / vortreffliches Äußeres
- text: Äußere
-auf eine / silberne Schüssel gelegt
- text: silberner
-Mitten in dem Saale
- text: Sale
-Dann würden die Vögel ihre / Nester zwischen meinen Zweigen bauen
- text: zwischen meine Zweigen
-Ein starker / _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko
- text: _Oktavband_
-
-Quotation Marks / Anführungszeichen:
-
-»Es war einmal ein Bund Schwefelhölzer
- text: »»Es war einmal ...
-über die Regierung / und das Volk.«
- text: « _missing / fehlt_
-Im Fenster saß eine alte Feder
- text: »Im Fenster saß...
-Neigt nun euren Hals und sagt: »Rap!««
- text: ... und sagt: »Rap!«
-zum Manne nehmen! -- Ja, ja!« sagte die Krähe
- text: »Ja, ja!«
-»einige nennen / mich Fliedermütterchen
- text: » _missing / fehlt_
-von Ivede-Avede.«
- text: « _missing / fehlt_
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Märchen für Kinder, by Hans Christian Andersen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN FÜR KINDER ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
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-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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