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If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Arnold Böcklin + +Author: Heinrich Alfred Schmid + +Illustrator: Arnold Böcklin + +Release Date: May 23, 2006 [eBook #18436] +[Most recently updated: January 17, 2023] + +Language: German + +Produced by: Louise Hope, Barbara Tozier, Chrome, Leif Huhn, David Bridson and the Online Distributed Proofreading Team + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BÖCKLIN *** + + + + + A R N O L D B Ö C K L I N + + VON HEINRICH ALFRED SCHMID + + + 97 Tafeln in Farbendruck, + Kupferdruck und + Mattautotypie + + + Zweite Auflage + + [Illustration: Publisher’s Logo / Verlagssigle] + + Verlegt bei F. Bruckmann A.-G. München + 1922 + + + * * * * * + + DRUCK VON F. BRUCKMANN A.G., MÜNCHEN + + * * * * * + + +INHALT + +Titelbild Selbstbildnis 1875/76 + +Biographie + +Tafel 1: Tannenbewachsene Felsschlucht. 1848 bis 1849 + ” 2: Heroische Landschaft. Um 1850/52 + ” 3: Kentaur und Nymphe. 1855 + ” 4: Bildnis der Frau Böcklin. Vielleicht 1862 + ” 5: Diana an der Quelle. Um 1855 + ” 6: Pan im Schilf. 1857/59 + ” 7: Zeit der Kultur, rechte Hälfte. 1858 + ” 8: Zeit der Kultur, linke Hälfte. 1858 + ” 9: Die Götter Griechenlands. 1859 + ” 10: Pan erschreckt einen Hirten. 1860 + ” 11: Der Mord im Schloßgarten. 1859 + ” 12: Venus und Amor. 1860 + ” 13: Hirtin bei ihrer Herde. 1860 + ” 14: Jagd der Diana. 1862 + ” 15: Villa am Meer. 1. Fassung. 1864 + ” 16: Villa am Meer. 2. Fassung. 1864/65 + ” 17: Anachoret. 2. Fassung. Um 1863 + ” 18: Altrömische Weinschenke. 1865 + ” 19: Frühlingslandschaft mit Kindern, + welche Maipfeifen schnitzen. 1865 + ” 20: Signorina Clara. 1863 + ” 21: Die Klage des Hirten. 1866 + ” 22: Magdalenas Trauer an der Leiche Christi. 1867 + ” 23: König David. 1868 + ” 24: Der Gang nach Emmaus. 1868 + ” 25: Rast auf der Flucht nach Ägypten. 1868 + ” 26: Liebesfrühling. 1868 + ” 27: Frühlingsreigen (Wiesenquelle). 1869 + ” 28: Magna Mater. Ende 1868 + ” 29: Flora. 1869 + ” 30: Die Geburt der Venus + (Venus Anadyomene. 1. Fassung). 1869 + ” 31: Ideale Frühlingslandschaft. 1870 + ” 32: Die Felsenschlucht. 1870 + ” 33: Der Ritt des Todes. 1871 + ” 34: Bergschloß. 1871 + ” 35: Überfall von Seeräubern. 1872 + ” 36: Altrömische Maifeier. 1872 + ” 37: Selbstbildnis. 1872 + ” 38: Venus Anadyomene. 2. Fassung. 1873 + ” 39: Kentaurenkampf. + Erste als Bild ganz vollendete Fassung. 1873 + ” 40: Kentaurenkampf. 2. Fassung. 1878 + ” 41: Pietà. 1873 + ” 42: Landschaft mit maurischen Reitern. 1873 + ” 43: Die Muse des Anakreon. 1873 + ” 44: Quellnymphe. 1874 + ” 45: Triton und Nereide. 1. Fassung. 1873 bis 1874 + ” 46: Triton und Nereide. 3. Fassung. 1875 + ” 47: Ceres und Bacchus. 1874 + ” 48: Flora, Blumen streuend. 1875 + ” 49: Klio. 1875 + ” 50: Hochzeitsreise. Um 1876 + ” 51: Kreuzabnahme. 1876 + ” 52: Flora, die Blumen weckend. 1876 + ” 53: Die Gefilde der Seligen. 1878 + ” 54: Rückblick auf Italien + (Hochzeitsreise. Letzte Fassung). 1878 + ” 55: Meeresbrandung. 1879 + ” 56: Frühlingsabend. 1879 + ” 57: Tritonenfamilie. 1880 + ” 58: Die Insel der Toten. 2. Fassung. 1880 + ” 59: Die Insel der Toten. 3. Fassung. 1883 + ” 60: Flötende Nymphe. 1881 + ” 61: Sommertag. 1881 + ” 62: Der Abenteurer. 1882 + ” 63: Frühlings Erwachen. 1880 + ” 64: Quell in einer Felsschlucht. 1881 + ” 65: Heiliger Hain. 1882 + ” 66: Gotenzug. 1881 + ” 67: Malerei und Dichtung. 1882 + ” 68: Ruine am Meer. 1883 + ” 69: Prometheus. 1882 + ” 70: Im Spiel der Wellen. 1883 + ” 71: Frühlingstag (Die drei Lebensalter). 1883 + ” 72: Odysseus und Kalypso. 1883 + ” 73: Heiligtum des Herakles. 2. Fassung. 1884 + ” 74: Faune, eine schlafende Nymphe belauschend. 1884 + ” 75: Der Eremit. 1884 + ” 76: Das Schweigen des Waldes. 1885 + ” 77: Selbstbildnis. 1885 + ” 78: Burgruine mit zwei kreisenden Adlern. Um 1886 + ” 79: Herbstgedanken. 1886 + ” 80: Spiel der Najaden. 1886 + ” 81: Meeresidylle. 1887 + ” 82: Meeresstille. 1887 + ” 83: Die Heimkehr. 1888 + ” 84: Sieh, es lacht die Au. 1887 + ” 85: Frühlingshymne. 1888 + ” 86: Kentaur in der Dorfschmiede. 1888 + ” 87: Kampf auf der Brücke (Römerschlacht). 1889 + ” 88: Vita somnium breve. 1888 + ” 89: Der Gang zum Bacchustempel. 1890 + ” 90: In der Gartenlaube. 1891 + ” 91: Mariensage. 1890 + ” 92: Der heilige Antonius predigt den Fischen. 1892 + ” 93: Francesca da Rimini. 1. Fassung. 1893 + ” 94: Venus Genitrix. Bezeichnet 1895, + im wesentlichen vollendet Frühjahr 1892 + ” 95: Der Krieg. 2. Fassung. 1896 + ” 96: Pan mit tanzenden Kindern. 1898/1900 + + +[Illustration: +SANDSTEINMASKE AN DER BASLER KUNSTHALLE] + + + + +[Illustration: +PUTTO 1859] + +Arnold Böcklin gehört zu jenen Malern, die in den zwanziger und +dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts geboren, in den fünfziger und +sechziger Jahren mit den Traditionen der Corneliusschule gebrochen und +in Deutschland eine neue Kunst heraufgeführt haben, eine Blütezeit der +Malerei, wie sie seit den Tagen Dürers und Holbeins nicht mehr gewesen +war. Er ist ein Altersgenosse von Anselm Feuerbach, Viktor Müller (auch +von Piloty, Knaus und Vautier) und ging Lenbach, Hans von Marées, Hans +Thoma, Toni Stadler, Karl Haider, Gabriel Max und Makart um ein +Jahrzehnt oder wenig mehr voraus. Als er sich der Malerei zuwandte, +hat Cornelius den Karton der apokalyptischen Reiter geschaffen, begann +Rethel die Fresken im Aachener Rathause und die Holzschnitte des +Totentanzes und es folgten die duftigsten Werke von Schwind, wie das +Aschenbrödel und die Wartburgfresken, und die reifsten Holzschnittfolgen +von Ludwig Richter bald nach. + +Die führenden Geister aber der in dieser Zeit heranwachsenden Generation +haben im Kolorit ihr kräftigstes Ausdrucksmittel gefunden. Sie begannen +die Koloristen unter den Meistern der früheren Jahrhunderte zu +studieren. Es richtete sich das neue Interesse hauptsächlich auf +die Farbenkomposition, die Kunstmittel, mit denen die koloristische +Gesamthaltung in früheren Zeiten erzielt worden war, aber auch auf +die Malmittel, die technischen Verfahren, die handwerkliche Praxis, +welche die vorausgehende Zeit vernachlässigt hatte. Böcklin meinte +gelegentlich: Wer heute in der Kunst noch etwas erreichen wolle, müsse +die Malerei von neuem erfinden. Die heranwachsende Generation wandte +sich nach Belgien und nach Paris, hauptsächlich zu Couture, sie lernte +von Delacroix und den Meistern von Barbizon. Die Mehrzahl aber, +wenigstens gerade die Bedeutendsten und Einflußreichsten, haben +schließlich nicht in Frankreich, sondern in Italien im Umgang mit den +Werken der alten Kunst die entscheidende Richtung für ihr ganzes Leben +gefunden und diese im Umgang mit Kollegen und Schülern weitergebildet. + +Böcklin ist einer der ältesten, selbständigsten und eigenartigsten unter +diesen Künstlern. Er ist noch mehr als alle übrigen seine eigenen Wege +gegangen, am meisten verschrieen und verhöhnt worden, war während der +größten Zeit seines Wirkens wie Feuerbach, Thoma, Hans von Marées, nur +von wenigen erkannt, abseits gestanden und hat schließlich die größte +Fülle von Beifall geerntet. + +Er gehört zur deutschen Kunst, so gut wie die anderen, obwohl er in +Basel geboren und aufgewachsen ist und auch von schweizerischen Eltern +stammt, obwohl auch für seine Kunst ein Aufenthalt in Paris von einiger +Bedeutung, und der erste siebenjährige in Italien entscheidend war. Der +einzige Lehrer und der einzige Studiengenosse, der auf seine Richtung +von tieferem Einfluß war, waren Deutsche ihrer Kunst und Herkunft +nach, ebenso die Mehrzahl der Freunde und Kollegen, die er in den +entscheidenden Jahren um sich sah. Er ist, was gewöhnlich übersehen +wird, aus der heroischen Landschaftsmalerei herausgewachsen, die seit +Asmus Carstens und Jos. Anton Koch in Deutschland gepflegt wurde und +immer Verständnis gefunden hat. Er ist der Sohn und Erbe dieser ganzen +Richtung. Er hat auch fast nur in deutschen Landen zuerst Verständnis +und später allgemeinen Beifall gefunden, und die Erfolge, die er in +Deutschland errungen hat, haben sein Ansehen in seiner Vaterstadt erst +recht befestigt. Von französischer Seite sind einzelne Stimmen schon +früh laut geworden, die Böcklins Bedeutung anerkannten, aber sie blieben +ganz vereinzelt. In England ist der Meister so gut wie unbekannt. Noch +heute befindet sich das Werk des Künstlers mit ganz wenigen Ausnahmen +in deutschem, deutsch-schweizerischem und österreichischem Besitz. +Bezeichnend ist auch, daß die Polemik, die sich vor dem Kriege in +Deutschland gegen Böcklin erhob und ihm jedes wahre Künstlertum +absprach, aus den Kreisen derer stammt, die für die unbedingte +Überlegenheit der Franzosen in der bildenden Kunst eintraten. + +Dies alles war nur zum kleineren Teile Zufall. Seine Art ist im letzten +Grunde deutsch. Immer stärker treten in seinem Stil gewisse Neigungen +hervor, die für die Kunst der Festlandgermanen von jeher bezeichnend +gewesen sind, und sie von der der latinisierten Völker unterscheiden. Er +steht diesseits der Kulturgrenze, die vom Jura bis zur Nordsee reicht. +Sein Ideal ist im letzten Grunde nicht die regelnde Ordnung und das +Ebenmaß, sondern das sprühende Leben, die Wucht des Ausdrucks und die +Macht der Stimmung. + + + + +DIE VATERSTADT UND DIE ELTERN + + +Die Vaterstadt Basel ist noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts +einem Bewunderer Böcklins, der hingewallfahrtet war, um die Heimat +des Propheten kennen zu lernen, unsäglich eng und muffig erschienen und +von ihm danach verlästert worden. Da mögen unangenehme Reiseerlebnisse +das Urteil getrübt haben, aber früher, in Böcklins Jugend, hätte +ein flüchtiger Besucher wirklich nicht ahnen können, daß ein +enthusiastischer Künstler in den Mauern heranwuchs, der die Faune und +Nymphen, Tritonen und Nereiden und die schaumgeborene Aphrodite aus dem +Orkus heraufholen werde. + +Die Stadt war freilich zur Zeit des Humanismus und der Reformation der +Mittelpunkt geistigen Lebens für ganz Südwestdeutschland gewesen. Sie +hatte gleichzeitig auch ein blühendes Kunstleben gehabt. Dürer hatte auf +der Wanderschaft hier Arbeit gefunden und zwanzig Jahre später Holbein +eine zweite Heimat und große und lohnende Aufträge. Die Buchdrucker +datierten damals ihre Drucke aus der „weitberühmten Stadt Basel“ und in +den kleinen Randleisten, mit denen Holbein die Titel schmückte, spielten +sogar schon damals die Tritonen und Nereiden eine Rolle. Es galt die +Stadt auch als eine der fröhlichsten am Rhein, der Frau Venus besonders +hold. Aber mit der Reformation war ein puritanischer Geist eingezogen, +der sich bis ins 19. Jahrhundert erhalten hat, und ein großer Teil der +angesehensten alten Familien geht sogar, wie schon die Namen andeuten, +auf Flüchtlinge zurück, die ihres Glaubens wegen aus Italien, Frankreich +und auch aus Deutschland eingewandert waren. Diese haben nun allerdings +fremde Industrien hierher verpflanzt und damit den Reichtum gefördert +und es wurde dem alemannischen Stamme der Bevölkerung durch sie auch ein +fremdes und gutes Reis aufgepfropft. Aber seit dem 17. Jahrhundert war +der Zustrom von außen nur ein sehr schwacher und das Gemeinwesen hat +sich nicht mehr vergrößert. Die Bevölkerung erhielt dadurch ein scharf +ausgesprochenes Gesicht, wie es in heutigen Städten gar nicht mehr +möglich ist und dies Gesicht sah etwas anders aus als im Anfange des +16. Jahrhunderts. + +Die Stadt war sprichwörtlich für ihren Erwerbssinn und ihren Reichtum, +aber auch für die altväterischen Gepflogenheiten, den Familiensinn, +die Frömmigkeit, den Gemeinsinn und ihre Wohltätigkeit. Kaufmännische +Tugenden gaben neben der pietistisch gefärbten Religiosität der +Physiognomie der Bewohner ihre charakteristischen Züge. + +Allein es fehlte durchaus nicht an geistigem Leben, nur kam der +Wohlstand mehr der Wissenschaft als der Kunst, und unter den Künsten +am meisten der Musik und der Baukunst zugute. Durch alle Zeiten des +Stillstandes und des Niederganges hatte sich die Universität erhalten +und so haben neben Böcklin in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts +auch ein Jakob Burckhardt und ein Nietzsche gewirkt. Aber auch die +Gemälde und Zeichnungen Holbeins, die sich aus den Tagen des Glanzes +im Besitze der Stadt erhalten haben, waren immer geschätzt, wenn auch +vielleicht nicht häufig besichtigt worden und übten ihre stille Wirkung +aus. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann ferner das +Interesse für das Münster und die übrigen mittelalterlichen Kirchen +der Stadt zu erwachen. Namentlich aber ist schon seit dem Beginn des +18. Jahrhunderts eine aufsteigende Entwicklung auf dem Gebiete der +Architektur zu beobachten. Diese brachte später, in der Rokokozeit, +die große Zahl von schönen, zum Teil sogar prunkvollen Patrizierhäusern +hervor, die dem Innern der Stadt noch heute ihr Gepräge verleihen. +Nebenher kam auch das Sammeln von Bildern auf. Der Malerberuf war zu +Beginn des 19. Jahrhunderts in dieser Stadt der Kaufherren und der +frommen Sitte an sich durchaus nicht gerade verachtet, wenn man auch dem +Erbauer komfortabler Familienhäuser jedenfalls mehr Verständnis und +sicher weit größere persönliche Achtung entgegengebracht haben wird, +als den Jüngern der leichter geschürzten Muse der Malerei. Was den +fürsichtigen und bedächtigen Baslern damals wirklich zu einem Kunstleben +fehlte, war vielleicht nur der Sinn für naiven Lebensgenuß und schönen +Schein und jener Leichtsinn, der zu großen Taten schließlich nun einmal +nötig ist. Wenigstens vermißt man in vielen Äußerungen der damaligen und +noch einer späteren Zeit das Gefühl für das Heroische im Verhalten eines +Mannes, der ohne finanzielle Sicherheiten, nur im Bewußtsein eigener +Kraft, eine Bahn betrat, die den Winden und Wogen ein so sicheres Ziel +bot wie der Künstlerberuf, und der auch noch auf dieser an sich schon +gefährlichen Bahn, lediglich der eigenen Vernunft gehorchend, alles +Hergebrachte und Anerkannte in den Wind schlug. + +Die Maler, die in Böcklins Jugend in Basel den Stand vertraten, waren +nicht dazu angetan, diese Anschauungen zu ändern. Sie waren keine +Gesetzgeber sondern Diener des Zeitgeschmackes. Fast alle sind sie zwar +von der deutschen Bewegung, die von Carstens, Koch und den Nazarenern +ausging, berührt worden. In Basel aber kamen sie dem Bedürfnis nach +Alpenlandschaften und Veduten nach und unterrichteten die Jugend in +einer Zeichenschule, die im 18. Jahrhundert gegründet worden war. Einer +von ihnen, der genial veranlagte Hieronymus Heß, ist in der Enge der +Heimat, verbittert und versauert, als Mensch und Künstler zugrunde +gegangen, ein anderer, Miville, einer der Lehrer Böcklins an der +Zeichenschule, hat auf vielen Reisen in zahlreichen Skizzenbüchern +dieselben Gegenden und ähnliche Motive wie später sein Schüler verewigt, +wenn auch ohne alle tiefere Originalität und ohne den feineren Natursinn +des größeren Nachfahren. + +Nicht der Glanz, mit dem Böcklin etwa als Knabe den Maler umgeben sah, +hat ihn auf seine Bahn gelockt, sondern innere Notwendigkeit und das +Gefühl, daß das, was er in sich trug, etwas Stärkeres und Besseres sei +als die Triebkräfte, die seine künstlerische Umgebung beherrschten. + +Böcklin ist der Sohn eines Kaufmanns, dessen Großeltern aus Beggingen im +Kanton Schaffhausen eingewandert waren. Der Urgroßvater des Malers war +offenbar ein verarmter Landwirt, der in einer Basler Fabrik sein Brot +suchte und fand, auch der Großvater war Fabrikarbeiter; mit dem Vater +aber begann der Aufstieg. Er war ein erfinderischer Kopf, hatte sich +schon in ganz jungen Jahren durch die Verbesserung eines roten +Farbstoffes die Wertschätzung seines Brotherrn erworben, dann mit +zweiundzwanzig Jahren eine Tochter aus gebildeter und auch etwas +wohlhabender Familie geheiratet und sich später selbständig gemacht. Das +Vermögen der Frau ging freilich in seinem eigenen Unternehmen zugrunde. +Er mußte dann wieder die technische Leitung einer fremden Fabrik +übernehmen, und gerade in den Jahren, als die Söhne heranwuchsen, hatten +sich die Eltern sehr einzuschränken. Die Mutter gehörte einer alten +Basler Familie an, die schon seit Jahrhunderten von städtischer Kultur +verfeinert worden sein mag. Ihre Mutter war eine Werenfels und +Mitglieder dieser Familie haben sich verschiedentlich ausgezeichnet. Ein +Werenfels, wenn auch nicht ein Vorfahr Böcklins, ist der Schöpfer der +glanzvollen Rokokobauten aus den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts. +Die erhaltenen Bilder von Böcklins Mutter zeigen eine Physiognomie von +merkwürdig großem Schnitt; sie war eine feine, gebildete, begabte, wohl +direkt bedeutende Frau, die Vertraute ihrer Kinder. Böcklins Jugend ist +keine unglückliche gewesen; er erinnerte sich später gerne manch +drolliger Geschichte aus seinen Knabenjahren. Er hat auch am städtischen +Gymnasium eine tüchtige Schulbildung erhalten und wenigstens den Julius +Cäsar noch im Originaltext gelesen. Einen wirklich bedeutenden Menschen +lernte er hier in dem Germanisten und Dichter Wilhelm Wackernagel +kennen, der neben seiner Tätigkeit an der Universität auch am Gymnasium +Unterricht erteilen mußte, doch hatte derselbe die Schüler nicht etwa +in die Literaturgeschichte einzuführen, der Unterricht ging lediglich +darauf aus, ihnen ein möglichst gutes Deutsch beizubringen. Böcklin hat +auch mit seinen Brüdern die Zeichenschule besuchen dürfen; nur davon +wollte der Vater nichts wissen, daß er Maler werden sollte. Es gebe +schon hungernde Maler genug. Ein Calame werde er doch noch lange nicht. +Der Widerstand des Vaters war angesichts der eigenen Geldsorgen und +angesichts der Künstlerschicksale, die er vor sich sah, begreiflich. +Aber auch der Sohn hatte etwas von dem Wagemut der alten Eidgenossen und +noch etwas mehr als einst der Vater; er glich ihm überhaupt sehr und +vielleicht am meisten da, wo er ihm unbequem wurde, und der Entschluß, +Maler zu werden, stand bei ihm fest. Die Mutter trat in ihrer ruhigen +und stillen Weise auf des Sohnes Seite und fand eine Unterstützung bei +seinem Lehrer Wackernagel. Sie durfte sich später wenigstens noch über +die ersten äußeren Erfolge des Sohnes, die Berufung nach Weimar, freuen. +Der Vater aber ist erst in dem Jahre gestorben, als Böcklin seine +Toteninsel schuf; er hat also die glänzendste Schöpfertätigkeit des +Sohnes noch miterlebt, indessen er gerade allem Anschein nach ohne +zu ahnen, daß er einen der bedeutendsten und einflußreichsten Geister +des damaligen Europa zum Sohne hatte; wenigstens äußerte er sich an +seinem Lebensabend noch zu einem jungen Maler, der sich dem Meister +angeschlossen hatte, es sei das Verhängnis seines Sohnes, daß er keinen +Rat annehmen wolle. + +An Anregungen hat es dem Maler in seiner Jugend nicht gefehlt. Die +Familie wohnte, als er heranwuchs, in einem höchst malerisch gelegenen +säkularisierten Kloster St. Alban, dicht an den grünen Fluten des +Rheins. Kirche und Friedhof des Klosters werden heute noch gerne gemalt. +Bei Basel umgeben die weite Ebene des Rheintals drei Gebirge, alle drei +reich an Naturschönheiten. Offenbar hat der Jura am stärksten auf +Böcklin gewirkt. Die langgezogenen Höhenrücken, die steil aufragenden +Felswände, die malerischen Schluchten, die wundervollen Buchen- und +Tannenwälder und die Burgruinen, die von Berg zu Berg hinübergrüßen und +an eine kriegerische Vergangenheit erinnern, all das war dazu angetan, +die Phantasie des Knaben mächtig anzuregen. Das Schlichte wirkt oft +nachhaltiger als das Glanzvolle. Gewisse Grundzüge dieser Landschaft +scheinen denn auch in berühmten Schöpfungen der Spätzeit, die im +glänzenden Talare südlicher Vegetation auftreten, wiederzukehren. + +Die Gemälde Holbeins, die den stolzen Kunstbesitz der Stadt bildeten, +hingen damals noch in einem Raume der Bibliothek, der nicht genügend +Licht hatte, wie Briefmarken in einem Album dicht beisammen „bis unter +die Decke“; „aber ich hatte gute Augen“, meinte der Meister. Freilich +befinden sich unter diesen Meisterwerken nur wenige, die auf +Unvorbereitete tiefen Eindruck zu machen pflegen und auch das Wenige +war--wie man glauben sollte--nicht dazu angetan, einen geborenen +Landschafter anzuregen. Was die Arbeiten auszeichnete, war die Klarheit +der Form und die Feinheit und Schärfe der Beobachtung, und dennoch, sie +haben ihm „sehr gefallen“, haben ihn „sehr interessiert“, obwohl, wie er +selber hervorhob, Holbeins Richtung eine andere als die seine gewesen +ist. + +Von starkem, wenn auch heute im einzelnen gar nicht mehr abzuschätzendem +Einfluß auf das Denken und Fühlen des heranwachsenden Künstlers war +endlich zweifellos die literarische Bewegung der Zeit (schon sein +Zeichenlehrer klagte, Böcklin lese zu viel), waren auch die mächtigen +Wogen der patriotischen Begeisterung, die in den vierziger Jahren durch +die Schweiz gegangen sind. Die Zeit, in der Böcklin es durchsetzte, +Maler werden zu dürfen, fällt zusammen mit der, da Gottfried Keller +erkannte, daß er zum Dichter berufen war. + +[Illustration: +LANDSCHAFT MIT GEWITTERWOLKEN 1846] + + + + +DIE ANFÄNGE SEINER KUNST + + +Der Beginn der Malerlaufbahn fällt in das Jahr 1845. Im Frühjahr verließ +Böcklin die Schule, im Sommer machte er noch Studien, wie es scheint, +sowohl in den Alpen wie im Jura; im Oktober trat er in die Düsseldorfer +Akademie ein. Vom November sind die ersten Aktzeichnungen datiert. + +Er war damals ein schlank gewachsener Mensch mit langem Haar, das fast +bis auf die Schultern herabfiel, und mit stechenden blaugrauen Augen. +Er verfügte über einen ungewöhnlich kräftigen Körper, der durch +systematische Übung gestählt, geschmeidig gemacht und geschmeidig +erhalten wurde. Das war die Grundlage für seine Lebenslust und seinen +Humor, seine Ausdauer und die bewundernswürdige Elastizität, mit der er +nach den schwersten Katastrophen immer wieder emporschnellte. Die Götter +hatten ihm aber mit der Kraft auch die Feinfühligkeit und Verwundbarkeit +der Seele verliehen, ohne die ein genialer Künstler nicht denkbar ist. +Er konnte in lauten Jubel ausbrechen, wenn er an einem schönen Morgen in +die Campagna fuhr, aber er empfand auch tiefer als andere die Schläge +des Schicksals, und es ist ihm ein vollgerüttelt Maß davon zuteil +geworden. Der außergewöhnlichen Empfänglichkeit und Reizbarkeit +entsprach ein erstaunliches Gedächtnis: was entzückt oder verwundet, +wird von dem Menschen festgehalten. Sein Gedächtnis kannte wie seine +Aufnahmefähigkeit keine Grenzen. Er hatte bei aller Zielsicherheit des +Wollens die Vielseitigkeit der Anlagen und Interessen, die an Richard +Wagner und selbst an Goethe erinnern und sagte selbst, daß in seinem +Kopfe vieles Platz habe. + +Er war zunächst für alle bildenden Künste veranlagt und weit davon +entfernt, etwa nur ein Kolorist zu sein. Die früheste Leistung, mit +der er in die Öffentlichkeit getreten ist, war nach A. Frey der +Entwurf eines Stadttores für die Eisenbahn von Straßburg nach Basel. +Architektonisches Verständnis verraten auch seine Gemälde. Als Maler ist +er von der Landschaft ausgegangen; er hat aber vereinzelte Bildnisse und +Skulpturen geschaffen, die zu den populärsten des Jahrhunderts gehören +und schließlich in figurenreichen Wand- und Staffeleibildern sein +Höchstes geleistet. Er hat auch Gemmen geschnitten und Möbel entworfen. + +Böcklin hat im Laufe der Jahre, ähnlich wie einst Rubens für seine +Zwecke, die gesamte Kunst der Vergangenheit, soweit sie ihm erreichbar +war, studiert. Seine größte Bewunderung galt der Architektur, Plastik +und Malerei der Antike. Die romanische Kunst und die Gotik liebte er +nicht, aber es finden sich in einem Baseler Skizzenbuch zwei Statuen des +Freiburger Münsters und er rühmte dem Verfasser dieser Zeilen die alten +Glasgemälde von Sta. Croce in Florenz. Seine besondere Liebe war lange +Zeit das italienische Quattrocento bis auf den jungen Lionardo; noch +weit mehr, und je länger je mehr, schätzte er aber die Niederländer seit +van Eyck und die alten Deutschen, namentlich Matthias Grünewald. Es +finden sich in seinem Werke ferner Reminiszenzen an Raffael, Tizian und +Rubens. Michelangelo war ihm unsympathisch, aber als das Gespräch +gelegentlich auf diesen kam, konnte er unvorbereitet aus dem Gedächtnis +eine charakteristische Figur dieses Meisters, für alle kenntlich, auf +dem Marmortisch entwerfen. Aus Tizians „Himmlischer und irdischer Liebe“ +ist die nackte Figur eines kleinen Bildchens herübergenommen. An die +Amazonenschlacht von Rubens in München lehnt sich die erste seiner +Römerschlachten (Taf. 87) an. Es finden sich aber in seinem Werke auch +die unverkennbaren Zeugnisse, daß er sich selbst einen Michelangelo da +Caravaggio und einen Guido Reni genau angesehen hat. Von diesem hat er +die Gestalt der Venus in Dresden bei seiner eigenen Venus (Taf. 12) +verwertet. Ganz anders freilich war sein Verhältnis zu den Landschaftern +des 17. Jahrhunderts, die, wie er aus dem Norden kommend, in Italien +ihre zweite Heimat gefunden haben, so vor allem zu Gaspard Dughet und +Poussin. Manche seiner Schöpfungen aus der ersten römischen Zeit sehen +aus, als ob diese beiden neben Tizian seine eigentlichen Lehrmeister +gewesen seien. Vor allem aber war Rubens neben Grünewald für ihn der +Maler aller Maler. + +Ablehnend verhielt er sich, in späteren Jahren wenigstens, gegen +Lionardo, Velazquez und Rembrandt, namentlich gegen Rembrandt. + +Schon in Düsseldorf fiel er durch seine gründliche literarische +Bildung auf. Damals las er unter anderem Moliere und Voltaire. Seine +Lieblingsdichter waren aber Griechen, Italiener und Deutsche: Homer, +Dante, Ariost, Goethe und Gottfried Keller. Auf den Klippen von Ischia +pflegte Böcklin Homer und Ariost zu lesen. Die Sänger der väterlichen +Familie aber sind Schiller und Peter Hebel, ein Zeitgenosse der großen +Klassiker, der in der Mundart des nahen Wiesentales gedichtet hat, +gewesen. + +Er las indessen nicht nur schöne Literatur. Er las auch sonst viel, +es haben ihn namentlich kulturhistorische Werke, Bücher über Reisen, +Ausgrabungen und Erfindungen interessiert. Er war nicht nur Poet, +sondern auch Denker und Grübler, und seine Leidenschaft galt nicht nur +den künstlerischen, sondern auch den technischen Problemen und der +Technik nicht allein in seiner Kunst. Durch das ganze Leben geht neben +dem Bestreben, die Technik der Griechen und die Öltechnik der Brüder van +Eyck wieder zu entdecken, das andere, ein Flugzeug zu erfinden. Eine +Nachricht, die seine Hoffnungen auf diesem Gebiete begrub, scheint der +unmittelbare Anlaß für den ersten Schlaganfall gewesen zu sein. Er +scheint als Konstruktionstechniker Dilettant geblieben zu sein und +geradezu pathologisch konnte sein Mangel an Geldsinn anmuten. + +Er war aber nicht nur ein reichbegabter und kräftiger, sondern auch ein +großer und guter Mensch, der unverdorbene Sohn einer anständigen Familie +und einer sittlich wie geistig hochstehenden Mutter. Für die Schönheit +des Weibes war er sehr empfänglich, huldigte aber, wie es scheint, in +keiner Zeit seines Lebens dem bei Künstlern so häufigen Libertinismus. +Dem Weine war er sehr ergeben, er trank viel, aber er vertrug noch mehr. + +Böcklin war auch eine grundehrliche Natur. Zwar scheute er sich nie, +einem zudringlichen Frager einen Bären aufzubinden, doch haßte er die +schlimmeren Arten der Lüge, die halben Wahrheiten, die Phrasen; er hat +sich nicht selber belogen, sich nicht künstlich in eine Stimmung +hinaufgesteigert. Er war ehrlich vor allem in seinem Beruf. + +Das Kunstwerk aber war für ihn nicht bloß ein „Stück Natur im Affekt +gesehen“. Als der Verfasser dieser Zeilen ihm eine Anzahl Lichtdrucke +nach Zeichnungen von Matthias Grünewald vorlegte, geriet er bei den +Entwürfen in Aufregung, während ihn die Studien ganz kalt ließen, obwohl +sich doch schon bei diesen die Subjektivität des Meisters deutlich genug +geäußert hatte. Mit der ganzen vorausgegangenen Generation und auch mit +den Altersgenossen war er darin einig, etwas erzählen und nicht nur +durch Auswahl, Auffassung und Stilisierung etwas Eigenes geben zu +wollen. Er war außerdem persönlich schon zu vielseitig veranlagt und zu +vielseitig gebildet, als daß nicht Musik und Poesie in irgendeiner Weise +in seinen Bildern hätte mitspielen müssen. Ein literarischer Maler war +er sicher und es kann sich bei ihm nur fragen, ob seine Gemälde nur +davon leben, daß sie Geschichten erzählen und an Gefühle anspielen, die +das Publikum liebt, oder ob es gute Werke bildender Kunst sind, die +außer dem Sichtbaren noch anderes bieten. Er war auch ein musikalischer +Maler, zunächst in demselben Sinne wie er ein literarischer war. Aber er +war es noch in einem übertragenen Sinne. Die Musik war nicht nur eine +Anregerin und Begleiterin seiner Kunst. Die Eigenart dieser Kunst wirkte +vielmehr auch auf seinen Willen, das Naturbild umzugestalten, wirkte auf +seinen Stil. Er trachtete, je älter er wurde, je mehr darnach, durch +seine Bilder das Gemüt so zu packen wie die Musik es tut. „Ein Bildwerk +soll etwas erzählen und dem Beschauer zu denken geben, so gut wie eine +Dichtung, und ihm einen Eindruck machen wie ein Tonstück.“ Er fand +deshalb auch: Alles was einem aus dem Kopf von innen heraus gerät, ist +mit samt seinen Zeichenfehlern und anderen Fehlern tausendmal mehr wert, +als eine noch so fleißig und noch so richtig nach der Natur gemachte +Studie. + +Die Art, wie er sich in der Malerei ausspricht, nähert sich in der Tat +mehr als bei andern Malern seiner Zeit, der Ausdrucksweise von Musik und +Architektur. Wohl singt er von seinen Leiden, indem er rauschende Bäume +und brandende Wogen darstellt, aber die Elemente der Malerei, Linien +und Linienfolgen, Farben und Farbenfolgen bestimmen fast ebenso wie der +Rhythmus von Säulen und Gebälk, Mauer und Öffnung, von Tonfolgen und +Akkorden den Gesamteindruck. Das war das Neue bei ihm und das Uralte, +das, womit er dem Expressionismus vorgriff und mit Grünewald und Giotto +sich verwandt zeigt. + +Fast scheint es aber, als ob er das höchste Glück der Erdenkinder in der +Musik gesehen hätte. Es musizieren auf seinen Bildern Andächtige und +Verliebte, die Götter der Flur und der See, betrunkene Soldaten und die +Seligen im Elysium. Er fand sich auch ohne systematischen Unterricht auf +mehreren Instrumenten zurecht und konnte jede Melodie, die er einmal +gehört hatte, fehlerlos wiedergeben, wenn sie ihm gefallen hatte. Unter +den Komponisten standen ihm außer den frühen Italienern Haydn, Bach, +Mozart, Beethoven und Schubert am nächsten. Gegen Richard Wagner hatte +er einen unüberwindlichen Widerwillen. + +Je mehr elegische Stimmung eines seiner Bilder ausströmt, um so +dunkler wird die Stunde gewesen sein, aus deren Gründen heraus es später +sich kristallisierte. Aber in einer Zeit, wo sonst die aufdringliche +psychologische Zergliederung grassierte, versetzt er die eigenen Leiden +und Freuden in altersgraue Vorzeit, in den Bereich der Götter und +Heroen. Denn sicher ist alles Erlebnis, das Verhältnis von Triton und +Najade so gut wie das der Alten in der Gartenlaube, die Tatenlust des +Abenteurers so gut wie die Leiden des Prometheus, die Sehnsucht des +Odysseus wie die „Heimkehr des Landsknechts“. Da aber so viel mit +blutendem Herzen gemalt war, lehnte er jedes Reden über die Stimmung +seiner Werke ab, außer über die lustigen. Die Stilisierung seiner +Erlebnisse ins Heroische erlaubte dem zurückhaltenden Alemannen und +Basler mehr zu sagen, als er sonstwie übers Herz gebracht hätte. Sollen +wir diese Art der Maskerade verdammen? Wäre es besser gewesen, er hätte +geschwiegen? + + +In Düsseldorf fand Böcklin einen Lehrer, der ihn verstand und der in den +Grundzügen des künstlerischen Wollens mit dem einig war, was ihm dunkel +vorschwebte, in Joh. Wilh. Schirmer, dem Schöpfer von Landschaften mit +biblischer oder heroischer Staffage, die noch in den sechziger und +siebziger Jahren große Bewunderung in ganz Deutschland gefunden haben. +Dieser Lehrer war nur der begabte und feinsinnige Vertreter einer jetzt +längst veralteten Richtung und ist von seinem Schüler nach wenigen +Jahren überholt worden, aber Böcklin ist ihm sein ganzes Leben dankbar +geblieben. Seine eigene Kunst ist von dem ausgegangen, was er bei +Schirmer vorfand; freilich hat er später aus den Quellen geschöpft, +die Riviera, die Campagna, das Poussintal bewundert und die Väter und +Vorväter der deutschen heroischen Landschaft studiert und hat alles +Überkommene selbständig umgestaltet. So gleicht das Ende nicht dem +Anfang; aber ohne plötzlichen Ruck, langsam und stetig wächst er aus +jener Wurzel empor. + +Er blieb bis zum Frühjahr 1847 an der Akademie, da er aber auch +den Sommer 1846, wie den von 1845 und 1847, in der Schweiz zu +Studienfahrten benützte, so hat er im ganzen nicht mehr als etwa ein +Jahr systematischen Unterricht genossen. + +Seine Malerei ist in dieser Zeit geschickter, die Gesamtwirkung +schlagender, es ist aber namentlich auch die Naturbeobachtung feiner +geworden, so daß es nicht schwer ist, die undatierten Studien dieser +Jahre mit großer Wahrscheinlichkeit chronologisch einzuordnen. Aus +dieser Zeit stammen nun auch einige Kompositionen, die in ihren +Vorwürfen an die Romantik eines Lessing, im Kolorit an Schirmer +erinnern, wie die Burgruine in der Berliner Nationalgalerie und ein +Hünengrab im Basler Museum. Diese Bilder dürften das Endresultat der +Düsseldorfer Lehrjahre vorstellen. + +Im März 1847 begab er sich mit dem schweizerischen Tiermaler Rud. Koller +nach Brüssel, der Stadt, die damals das Ziel aller heranwachsenden +Koloristen in Deutschland war, und nach Antwerpen. Die beiden +bewunderten einen Rembrandt, namentlich aber Rubens und van Dyck. +Böcklin suchte indessen vergebens nach Landschaften, die ihm zusagten. +Den Sommer darauf soll er die Alpen von Graubünden bis an den Genfer +See durchstreift haben. Im August war er in der Tat in Evian und Thonon, +und im September in Genf. Es ist auch eine Reihe reizvoller Studien +und Kompositionen erhalten, die die Alpen darstellen und wohl aus +diesem Jahre stammen, weil sie wieder um einen Grad frischer und +naturalistischer als früher datierte sind. Er war auf dem besten Wege, +ein Maler seiner Heimat zu werden, wie Diday und Alexander Calame und +trat auch wirklich noch bei Calame als Schüler ein. Dieser, siebzehn +Jahre älter als Böcklin, stand schon auf der Höhe seines Ansehens und +zog die heranwachsende schweizerische Maljugend an sich. Aber Böcklin +fühlte sich wenig befriedigt, so sehr auch einige seiner Zeichnungen und +Gemälde an Calame erinnern, setzte es durch, nach Paris zu dürfen und +traf dort im Februar 1848 bei seinem Freunde Koller, der vorausgezogen +war, ein. + +Es begann jetzt noch einmal ein fleißiges Studium von morgens früh bis +abends spät in einem privaten Aktsaal, im Louvre und wieder im Aktsaal. +Von den Modernen haben nach Kollers Bericht dem jungen Landschafter +Couture’s „Décadence des Romains“ ebenso wie seinem späteren römischen +Genossen Feuerbach gefallen, noch mehr aber die Werke von Corot, Jules +Dupré und dem Orientmaler Prosper Marilhat. Nach dem Zeugnis seines +Schülers Zurhelle hat Böcklin auch Delacroix bewundert. + +Aber die Studien wurden kurz nach der Ankunft unterbrochen durch die +Februarrevolution. Die beiden Freunde, von Neugier, nicht von blasser +Furcht geplagt, haben sich die Ereignisse als Maler angesehen, und die +ungewohnten Bilder, die sich ergaben, auch als Maler bewundert. Sie sind +sogar mit einem Volkshaufen in die königlichen Gemächer eingedrungen. +Noch im Alter gedachte Böcklin gerne dieser stürmischen Tage. Aber +später hat er Dinge mitansehen müssen, über die er lieber hinwegzugehen +pflegte. Er ist nämlich nach der Abreise Kollers noch monatelang allein +in einem kleinen Dachstübchen am Luxembourggarten zurückgeblieben und +hat dort die Arbeiterschlacht im Juni miterlebt. Was er in der Zeit nach +Kollers Weggang gemalt hat, wissen wir nicht; über das, was ihm sonst +zugestoßen ist, sind nur einzelne Anekdoten und zum Teil widersprechende +Nachrichten erhalten. Angeekelt und flügellahm kehrte er gegen den +September nach Hause zurück, aber reifer als Mensch und als Künstler. + +Er arbeitet nun anderthalb Jahre (bis Februar 1850) in heißem Ringen +mit seiner Kunst und oft der Verzweiflung nahe in Basel und es ist eine +stattliche Reihe von Landschaften, meist düstere, melancholische oder +doch ernste Stimmungsbilder aus diesen Monaten erhalten. Sie sprechen +aber nicht dafür, daß ihm Delacroix oder die Schule von Barbizon neue +Lichter aufgesetzt hätten, erinnern überhaupt nicht an einzelne große +Franzosen, sie zeigen ein Vorwärtsschreiten auf dem bisherigen Wege. +Aber es tritt der dämonische Unterton in seinem Werke auf, eine Note, +die für Böcklin im besonderen charakteristisch ist, und wir spüren die +ersten Funken echter Genialität. + +Die „Tannenbewachsene Felsschlucht mit Wasserfall“ (Tafel 1), die schon +als sein frühestes Bild ausgegeben worden ist, gehört in diese Monate +und scheint uns das früheste Bild zu sein, das diesen Funken verrät. +Eine Schwester erinnerte sich noch, daß sie als kleines Mädchen vom +älteren Bruder vor die Arbeit geführt und nach ihrem Eindruck gefragt +wurde. Als sie dann zaghaft mit der Antwort herausrückte, es erscheine +ihr so unheimlich, lächelte der Bruder, denn das hatte er gewollt. + +Der Vater soll nochmals versucht haben, den Sohn zu einem Beruf zu +bestimmen, der ihm erlaubte, seine Talente lohnender als im Malerberuf +zu verwenden. Zu der Unzufriedenheit mit seinen Beratern und mit sich +selbst kam aber noch eine Liebe, die tragisch enden sollte. Böcklin +pflegte seine Arbeit mit Flötenspiel zu unterbrechen, dann erschien am +gegenüberliegenden Fenster ein junges und eigenartiges Mädchen, das den +Klängen zuhörte. Sie war auch nicht ganz unbemittelt, aber der Vater +Böcklin war empört, daß der Sohn, der seinen eigenen Unterhalt noch +nicht verdiente, an eine Heirat dachte. Als schließlich eine Verlobung +doch stattgefunden hatte, wollten die Eltern der Braut die Ärmste nicht +mit in die Fremde ziehen lassen. Böcklin strebte damals nach Rom. Als +er dann Abschied genommen hatte, ahnte er, daß er die Braut nicht +wiedersehen werde. Sie starb kurz nachher; er erhielt die Nachricht erst +in Rom und seine Wirtin fand den fremden Pittore mit einem Briefe in der +Hand ohnmächtig am Boden liegen. In den Bildern des Meisters aber, in +frühen und in späten, erscheint oft ein anmutiges Mädchen, das dem +Flötenspiel eines Jünglings oder eines Halbgottes lauscht, und Jakob +Burckhardt hat den Tod des Mädchens besungen. + + + + +ROM 1850-1857 + + +Rom war damals noch das Ziel aller Maler; die Lehrer, bei denen Böcklin +an der Zeichenschule in Basel seinen ersten Unterricht genossen, und +fast alle anderen Künstler der Stadt waren dort gewesen. Sein Freund +Jakob Burckhardt hatte 1846 eine längere Reise nach Italien gemacht. +Seither war das Revolutionsjahr auch über Italien hinweggegangen. Aber +1849 war die Ruhe allmählich überall wieder hergestellt worden. So ließ +man den Sohn endlich ziehen. Ende Februar oder Anfang März 1850 brach +Böcklin auf. Einem jungen Maler, der ihn später nach dem richtigen Wege +zur Kunst gefragt hat, soll er geantwortet haben: Trinken Sie kein Bier +sondern Wein, besuchen Sie keine Akademie und gehen Sie sobald wie +möglich nach Italien. Auch Jakob Burckhardt vertrat noch spät die +Ansicht, man könne nicht früh genug nach Italien gehen. + +Das Rom der fünfziger Jahre sah dem zu Goethes, vielleicht sogar dem +zu Poussins Zeit noch viel ähnlicher als dem heutigen. Thermen, Tempel, +Amphitheater, Brücken waren malerisch mit üppiger Vegetation überwuchert +und das Forum sah noch nicht aus wie eine sauber gefegte Brandstätte; +eine Allee lief hoch über den jetzt bloßgelegten Resten des alten +Straßenpflasters vom Forum nach dem Titusbogen. In Gegenden, wo heute +Fabriken, Werkstätten und Zinskasernen oder unzugängliche Sperrforts +stehen, hat Böcklin die herrlichsten Motive gefunden. Die +Straßenbeleuchtung freilich war schlecht und die Unsicherheit war +groß innerhalb der Mauern und außerhalb. Die Fieberepidemien und die +päpstliche Polizei belästigten den Fremdling und den Einheimischen; +aber trotzdem hatte man den Eindruck, als ob alle Tage Sonntag sei, und +Gregorovius rühmt die Stille und Ruhe der Ewigen Stadt, Das Leben war +auch erstaunlich billig und selbst die Bettler schienen keine Not zu +leiden. + +Böcklin ist von der Küste her in die Ewige Stadt eingezogen, durch +die Porta Cavallegieri beim Janiculus und sah im Mondschein zuerst die +Kolonnaden und die Springbrunnen von St. Peter. Es stürmten nun +Eindrücke auf ihn ein, die seiner Kunst die Richtung fürs Leben geben +sollten, und die Freude an der neuen Welt scheint aus allen seinen +Bildern zu leuchten. Gewiß ist der melancholische Unterton in den Tiefen +seiner Seele geblieben, und hat später in Schöpfungen, in denen südliche +Landschaften dargestellt sind, die entscheidende Note gegeben. Aber +vorerst scheint ihn das Interesse an der strahlenden Schönheit der +Natur, die ihn umgab, so sehr gefangen genommen zu haben, daß er nicht +mit der Entschiedenheit wie bisher auf den Ausdruck einer Stimmung, +jedenfalls nicht einer melancholischen, hinarbeitet. + +Seiner späteren Gattin, die nicht weit von der Straße wohnte, wo Böcklin +ein Unterkommen gefunden hatte, ist er in dieser ersten römischen Zeit +aufgefallen als ein schlanker junger Fremdling mit wettergebräuntem +Gesicht, hellen Augen und langen Locken, der jeden Morgen schon in der +Frühe mutterseelenallein mit dem Skizzenbuch unter dem Arm nach der +Porta del Popolo zu ging, um draußen Studien zu machen. Er scheint auch +wirklich die Gegend unmittelbar vor diesem Tore bis zum Ponte Molle und +dann auch die weitere Umgegend im Norden und Nordwesten von Rom, das +Poussintal, Isola Farnese, Formello und den Lago Bracciano besonders +bevorzugt zu haben. Im Süden von Rom hat er offenbar viel und gerne beim +Hain der Egeria gezeichnet. + +Gleich zu Anfang lernte er den Historienmaler Ludwig Thiersch und den +Landschafter Franz-Dreber kennen. Thiersch trug am 27. März in sein +Tagebuch ein, daß er abends einen Landschaftsmaler Böcklin in der Kneipe +getroffen, der sehr viel von der Pariser Revolution erzählte. Am 3. +April gingen die beiden zusammen, Böcklin vielleicht zum ersten Male, in +den Vatikan. Thiersch hatte damals den Eindruck eines Kameraden, der nur +äußerlich gefaßt, innerlich durch den Tod seiner Braut ganz zerrissen +war. Franz-Dreber war etwas älter als Böcklin und schon etliche Jahre +länger in Rom, er war ein Schüler Ludwig Richters gewesen und hatte +noch den alten Koch und Reinhardt gekannt. Er hat damals einen starken +Einfluß auf Böcklin gewonnen. Nach dessen eigenem Zeugnis ist die +Landschaft (Taf. 2) unter Drebers Einfluß entstanden. + +Bald muß auch der jüngere Poussin, Gaspard Dughet, in seinen +Gesichtskreis getreten sein. Dies geschah aber vermutlich etwas später, +zur Zeit als Jakob Burckhardt seine Studien für den Cicerone machte, +also um 1853. Burckhardt schätzte Dughet sehr und mag den Freund auf +dessen Werke, die, weit zerstreut in Galerien und Kirchen, nicht jedem +auffallen, erst aufmerksam gemacht haben. Schon einem Paul Heyse aber, +der Böcklin Herbst 1852 in Rom besuchte, fiel das erstaunliche +Gedächtnis auf, das Böcklin erlaubte, umfangreiche Kompositionen aus +dem Kopfe zu malen. Die große Zahl von Studien, die aus dieser Zeit +erhalten sind, dienten also kaum dazu, die Durchführung der Gemälde +zu erleichtern, sondern das Gedächtnis zu üben und dadurch das freie +Schaffen zu ermöglichen. + +Im Sommer dieses Jahres 1852 war Böcklin für einige Monate in Basel +gewesen. Er hatte damals vergeblich um die anmutige und vielgefeierte +Antonia Schermar geworben, der auch Jakob Burckhardt gehuldigt hat. +Nach Rom zurückgekehrt, fand er endlich das Weib, das für ein halbes +Jahrhundert seine Gattin werden sollte. Sie war, als er um sie freite, +siebzehnjährig, rassig und sehr schön, und er hat sie, da er keinen +andern Ausweg wußte, sich ihr zu nähern, auf der Straße angesprochen und +sie gebeten, ihm die Verwandten zu nennen, bei denen er um ihre Hand +anhalten könne. Denn sie war alles eher als, wie die Sage geht, ein +Berufsmodell. Sie war eine Waise, die wohlbehütet bei einer Verwandten +wohnte und bei frommen Nonnen ihren Schulunterricht genossen hatte. +Es stand ihr auch ein hübsches Vermögen in Aussicht. Nur das hat ihren +Lebensweg in eine gewagte Bahn gebracht, daß sie statt eines dicken +Konditors einen fremden schlanken Maler haben wollte, der Protestant +und zu allem Unglück auch noch ein selbstherrliches Genie war. Sie hieß +Angela Pascucci. Nun gab es in den sechziger Jahren, zur Zeit, da sie +als Frau Professor von Weimar nach Rom zurückgekehrt war, dort wirklich +ein Modell, das wegen toller Streiche von sich reden machte, Angela mit +Vornamen hieß, und allgemein „die Pascuccia“ genannt wurde. + +Die Hochzeit Böcklins fand 1853 statt und Jakob Burckhardt, der damals +in Italien weilte, war Trauzeuge. Anfangs schien auch alles gut zu +gehen. Als jedoch die Priester merkten, daß der Mann nie einen guten +Katholiken abgeben werde, bekam die Gattin von dem Vermögen, das ihr +hätte zufallen sollen, nichts mehr zu sehen; es wurde ihr jede +Unterstützung von Seiten ihrer wohlhabenden Verwandten versagt, und +die Not stieg schon im zweiten Jahre der Ehe einmal aufs höchste, als +auch noch die Verkäufe ausblieben. Aber obgleich die Unterschiede in +Erziehung, Lebensanschauung und Bildung zwischen den beiden Eheleuten +groß waren und in späteren Jahren nicht ohne Folgen geblieben sind, so +hielten die beiden doch fest zusammen. Die Frau hatte heroisch für ihren +Mann eine bequeme Zukunft geopfert, wie einst der Mann für seinen Beruf, +und mit der Ehe dieser entschlossenen und wagemutigen Naturen begann +erst recht der Aufstieg. + +„Als das zweite Kind kam“--und Frau Böcklin neunzehn Jahre alt +wurde--„ging es uns besser“, meinte die Gattin später. Die tonigen +Gemälde, die der Mann Mitte der fünfziger Jahre schuf, begannen in +dem Kreise von deutschen Künstlern und Kunstfreunden, der sich in Rom +zusammengefunden hatte, sehr großes Aufsehen zu erregen und fanden +Käufer, wenn auch zu sehr bescheidenen Preisen. Der Maler August Riedel, +der schon längere Zeit in Rom ansässig war und ein großes Ansehen genoß, +hat sich namentlich durch seine Fürsprache ein Verdienst um Böcklin +erworben. Begas freundete sich damals für das Leben mit ihm an, und +Feuerbach erhielt, wie Allgeyer erzählt, jenen an Schrecken grenzenden +Eindruck von der Kunst eines aufstrebenden Genius, der noch mehr wie +er selber verkannt war, und schloß sich ebenfalls an ihn an. In der +Erinnerung der Frau ist der Verkauf des Bildes „Kentaur und Nymphe“, das +sich jetzt in der Berliner Nationalgalerie befindet (Taf. 3), der erste +große Erfolg ihres Gatten gewesen. + +Was Böcklin zunächst an der italienischen Landschaft begeistert hatte, +war nicht nur der üppige Reichtum der Vegetation, sondern vielleicht +viel mehr noch die Klarheit aller Formen. Die Linien der heimatlichen +Berge hatten wohl einen großen Zug, aber die Profile sind doch immer +mit dem Flaum der Wälder, Obstgärten, Kornfelder und Wiesen überzogen. +Baum zerfließt da in Baum. In der Campagna waren noch weite Flächen +unkultiviert. Herrliche Baumgruppen standen auf kahlem Erdreich, antike +Ruinen, Felsen und Abhänge, ja jede Falte des Bodens schon, alles hob +sich durch scharfe Schatten klar und plastisch gezeichnet, auf weite +Strecken sichtbar, scharf und bestimmt von glatten Flächen ab. Und +Böcklin war Plastiker, nicht nur Kolorist. Schon früh zeichnen sich +seine Studien und Gemälde vor denen Drebers aus durch die übersichtliche +Klarheit des Gesamteindrucks und, was eng damit zusammenhängt, durch den +größeren Wurf. So auch das Bild aus den Pontinischen Sümpfen, das er +selbst als unter Drebers Einfluß entstanden erklärt hat. + +Allmählich hatte sich aber auch das Interesse am Spiel des Lichts, am +Helldunkel, stärker geltend gemacht. Er liebte es damals sehr, wenn +die Wolken ihre Schatten über die Landschaft warfen und gegen den +Hintergrund zu helle und dunkle Partien wechselten. Er beobachtete das +Flimmern des Lichts in schwüler Mittagsglut, das Spiel der Sonnenflecken +im Schatten der Haine und gab die Farbe eingetaucht und schwimmend in +der dunstigen Atmosphäre. Er rühmte auch später in einem Gespräche mit +Schick die vielen blauen Schattentöne der römischen Landschaft. Wenn +jegliche Malerei außer der impressionistischen verboten wäre, so könnte +man wirklich die Bilder vom Ende dieses ersten römischen Aufenthaltes +für die besten seines Lebens erklären, wie ein Bemäkler des großen +Mannes es getan hat. + +Zu einer damals ganz modernen Auffassung der Natur gesellten sich +die Erinnerungen an die graue Vorzeit. Er hatte sich angesichts der +Denkmäler des alten Rom aus seinem spärlichen Reisegeld eine lateinische +Grammatik erstanden, um seine Sprachkenntnisse aufzufrischen. Das mag +vielleicht nicht viel geholfen haben, aber es ist bezeichnend. Jetzt +tauchen neben den Hirten der Campagna in seinen Landschaften die +Gestalten der antiken Sagen auf. Badende Nymphen, allein oder von Faunen +belauscht, von Faunen geraubt, und schon jetzt: die Diana auf der Jagd +und sich erfrischend an kühlen Quellen (Taf. 5), das sind die Stoffe, +die er darstellt. Auch ein „Pan im Walde“ und eine frühere Fassung jenes +„Pan im Schilf“ (Taf. 6), der später so großes Aufsehen erregt hat, +ist schon 1856 in Rom entstanden. Vielleicht geht auch der „Panische +Schrecken“ der Schackgalerie (Taf. 10) in seinen Anfängen auf Studien +zurück, die er auf der Hochzeitsreise an den Abhängen oberhalb von +Palästrina gemacht hat. Die Faune und Nymphen geben seinen Zauberwäldern +Stimmung, aber sie sind noch nicht in dem Grade, wie später etwa der +„Drache in der Felsenschlucht“ (Taf. 32), der Ausdruck der +Naturgewalten. + +Während in den Bildern der letzten Basler Jahre die verzweifelte +Gemütsverfassung der damaligen Zeit deutlich zum Ausdruck kam, ist in +den Gemälden dieser Zeit kein Niederschlag der vielen Nöte zu verspüren, +die der junge Ehemann zu überstehen hatte. + +[Illustration: +CAMPAGNALANDSCHAFT VON 1860 +NATIONALGALERIE IN BERLIN] + + + + +[Illustration: +BADENDE MÄDCHEN UM 1866] + + +DIE ZEIT VON 1857-1866 + +(Basel, Hannover, München, Weimar, Rom) + + +Im Sommer 1857 siedelte Böcklin nach seiner Vaterstadt über; er hatte +geglaubt, daß es ihm nun im Norden nicht mehr an Verkäufen fehlen werde, +dabei aber mehr noch als auf die Heimat auf den Deutschen Kunstverein +gehofft. Aber seine Mittel wurden durch die mühsame Reise nach dem +Norden aufgezehrt und er erschien den Baslern als der verlorene Sohn, +der bettelarm in das Vaterhaus zurückgekehrt war. Die Ausstellung +eines hübschen und anmutigen Bildchens aus den Albaner Bergen, das +für schweres Geld später von Hand zu Hand ging, soll zu einer wahren +Katastrophe für den Maler geworden sein. Mit Freuden nahm er deshalb den +Vorschlag des Konsuls Wedekind an, ihm in Hannover einen Speisesaal, +wenngleich für kärgliche Bezahlung, auszumalen. Er schuf dort auch +wirklich im Sommer 1858 seine ersten Wandbilder, ein Werk ohnegleichen +in jener Zeit (Taf. 7 und 8), duftige Landschaften von der genuesischen +Küste und aus dem Sabinergebirge, so frisch und überzeugend, als ob er +das Land seiner Sehnsucht vor den Toren von Hannover gehabt hätte. Der +erste Prometheus, das erste Schloß, das von Piraten ausgeraubt wird +(Vorstufen zu den Bildern auf Taf. 69 und 35), sind damals entstanden, +alles sehr schön in den Raum komponiert. Aber er mußte die Bezahlung auf +dem Prozeßwege erst erkämpfen, siedelte im Herbst dann nach München +über, geriet hier erst recht vom Regen in die Traufe, indem er mit +zweien seiner Kinder am Typhus erkrankte, so daß die ganze Familie in +tiefste Not geriet. Es gab aber auch Leute, denen das Unglück zu Herzen +ging. Es hat sich namentlich die Basler Malerin Emilie Linder des +Landsmannes und seiner Familie getreulich angenommen, auch die Mutter +kam zu Hilfe. Die zweite Fassung des „Pan im Schilf“ (Taf. 6) wurde, als +der Künstler eben sich zu erholen anfing, im März des Jahres 1859 im +Münchner Kunstverein ausgestellt und erregte ein Aufsehen, das den +Schöpfer mit einem Schlage und für immer zu einem geachteten Mitgliede +der Künstlerschaft erhob. Eben hatte der Altersgenosse Piloty mit seiner +„Liga“, noch mehr aber 1855 mit seinem „Seni vor Wallensteins Leiche“ in +München einen Umschwung bewirkt durch die Art, wie er jeden Farbenton +naturwahr, aber dennoch harmonisch zum Ganzen zu stimmen wußte; hier war +mit feineren Mitteln mehr erreicht und die Grenze zwischen Tüchtigkeit +und Genie überschritten. Das Gemälde wurde noch im selben Monat für die +Pinakothek angekauft, um dort wie der „Seni“ einen Ehrenplatz +einzunehmen. + +Der Verlagsbuchhändler Cotta trat mit einem größeren Auftrage an Böcklin +heran: als Vorlage für den Schmuck einer Schillerausgabe grau in grau in +großem Maßstabe das Bild „Die Götter Griechenlands“ zu malen (Taf. 9). +Eine Photographie dieses Gemäldes, aufgeklebt auf einen Karton mit +Goldrändchen, schmückte dann neben Aufnahmen von Bildern anderer Meister +und neben Holzschnitten die „Prachtausgabe“. Auf dem Titel erscheint der +Künstler als „Böcklen“ neben C. Piloty, F. Piloty, Ramberg und Schwind. +Schack wurde durch Paul Heyse auf Böcklin aufmerksam gemacht und fing an +zu kaufen, und, als durch das alles noch keineswegs alle Verlegenheiten +behoben waren, kam Graf Kalckreuth nach München, um ihm eine Berufung an +die neuzugründende Kunstschule in Weimar anzutragen. Er sollte dort mit +seinem Freunde Begas Herbst 1860 antreten; auch Lenbach wurde berufen +und man hoffte außerdem noch Feuerbach und Franz-Dreber heranziehen zu +können. + +Böcklin hat mit Freuden zugegriffen, aber statt sich nun ganz auf das +Gebiet zu werfen, mit dem er so Großes erreicht hatte, suchte er sich im +Gegenteil auszuweiten. Venedig kannte er mindestens seit dem Jahre 1852, +aber jetzt macht sich, offenbar infolge einer Reise nach Dresden, +vorübergehend ein auffallender Einfluß der Venezianer bemerkbar. Hatte +die menschliche Figur bisher nur eine untergeordnete Rolle in seinen +Bildern gespielt, so malte er jetzt die Venus, die den Amor entsendet +(Taf. 12), und es entstehn eine ganze Reihe Bildnisse zunächst mit +altmeisterlichem, an die Venezianer erinnerndem Kolorit. Er fing an zu +modellieren und beteiligte sich an einer Konkurrenz für ein Denkmal, das +in seiner Vaterstadt den Schweizern erstellt werden sollte, die im Jahre +1444 in der Schlacht bei St. Jakob einen ruhmvollen Tod gefunden hatten. +Endlich beschäftigte er sich mit dem Flugproblem. + +Freilich, wenn er in Weimar in Stimmung und mitten im Arbeiten war, dann +konnte es vorkommen, daß hoher Besuch angesagt wurde. Bemerkungen, die +im Café Greco in Rom ein donnerndes Gelächter oder ironische Beistimmung +gefunden hätten, mußte man jetzt ruhig anhören, ohne mit der Wimper +zu zucken, weil sie von hohen, dem Fürsten nahestehenden Leuten +ausgesprochen wurden. Man sollte denken, daß Böcklin solche +Unannehmlichkeiten nicht höher als Not und Tod eingeschätzt hätte, +um so mehr als der Großherzog Karl Alexander ein wirklich bedeutender +Mensch war, der die Künstler mit größter Rücksicht behandelte, und es +auch sonst nicht an geistvollen Menschen im damaligen Weimar fehlte. +Auch Jak. Burckhardt riet dem Freunde zum Ausharren. + +Aber Böcklin glaubte die Freiheit des Zigeunerlebens, er glaubte die +italienische Landschaft nicht länger entbehren zu können, deren Anblick +seinen Schaffenstrieb unaufhörlich angeregt und, was vielleicht die +Hauptsache war, seine Phantasie ins goldene Zeitalter entführt hatte. +Herbst 1861 fuhr er mit Begas nach Genua, „um die Nase wieder etwas +in Italien zu stecken“; nun kam ein großer Auftrag seiner Vaterstadt, +dessen Ertrag ihn für einige Zeit über Wasser halten konnte. Als der +erledigt war, verabredete er mit dem Freunde, sich an einem bestimmten +Tage im Oktober des Jahres 1862 vor Porta Salara in einer Osteria ai +Pupacci zum Bocciaspiel zu treffen. + +Das letzte Werk der Weimarer Zeit aber war nach all den tastenden +Versuchen ein gewaltiger Schritt über alles Frühere hinaus. Er meinte +einmal, im Norden bringe man mehr zustande, im Süden komme man aber +innerlich besser vorwärts, und er hat wirklich in den fünf Jahren, +seit er Rom verlassen hatte, viel geschaffen, auch Bleibendes, wie uns +scheinen will. Die Darstellung der italienischen Landschaft, die im +„Pan“ so verblüfft hatte, war noch übertroffen worden in dem Bilde der +Schackgalerie, der „Panische Schrecken“ von 1860 (Taf. 10) und dieses +Gemälde sollte nun durch eine „Jagd der Diana“ (Taf. 14) der Basler +Sammlung in den Schatten gestellt werden. Die Vaterstadt war 1861 wegen +eines Auftrages für ein größeres Bild mit ihm in Unterhandlung getreten. +Böcklin hatte erst eine duftige Skizze eines Liebespaares eingeschickt, +der Knabe flötend, das Mädchen lauschend im Grase ausgestreckt; aber +dieses erschien der Kunstkommission zu nackt. Böcklin, obwohl schwer +verärgert, ließ sich schließlich zu etwas anderem bestimmen. Er hatte +in München auf den Zuspruch seines Freundes J. G. Steffan ein kleineres +Bild so fein säuberlich ausgemalt, daß es, wie er dachte, jedem +Mitgliede des Münchner Kunstvereins gefallen müßte. Ein Liebhaber hatte +sich freilich dennoch nicht eingestellt, aber gute Freunde hatten dann +dafür gesorgt, daß es wenigstens in die Verlosung angekauft wurde. Doch +auch der Kunstfreund, dem es zugefallen war, hatte keinen Gefallen daran +gefunden und es dem anerkannten Tiermaler Voltz gegen eine Landschaft +von dessen eigener Hand weitergegeben. Das Bild ist heute eine Zierde +der Nationalgalerie in Berlin und hat schon Schick begeistert (vergl. +die Textabbildung S. 21). Jetzt war Böcklin daran, diese Landschaft +umzuformen, ohne sich einen Zwang anzutun, und mit den Gestalten einer +Hirschjagd der Diana zu bevölkern. Dies Werk wurde auf Grund einer +Federskizze in Basel bestellt. Das Honorar entsprach ungefähr dem, was +Schack für ein halbes Dutzend Bilder zahlte. Der Maler gestaltete die +Baumgruppe diesmal größer, öffnete rechts den Ausblick bis aufs Meer, +setzte vor das üppige Grün, das im blauen Dunst zu schwimmen scheint, +die göttlichen Damen mit den bunten Gewändern, die sich wie schillernde +Edelsteine auf dem Gewände der Natur ausnehmen. Ein Rambergschüler, der +das Gemälde im Atelier gesehen, berichtet, daß er nie in seinem Leben +eine solche Begeisterung empfunden habe. Ähnliches erlebte der Maler +Sandreuter. Jakob Burckhardt schätzte das Bild ebenfalls besonders +hoch. Es ist kein Jugendwerk im gewöhnlichen Sinne mehr. Böcklin war +inzwischen 35 Jahre alt geworden. Raffael hatte in diesem Alter die +Sixtinische Madonna hinter sich, und Tizian hatte im gleichen Alter die +Irdische und Himmlische Liebe geschaffen. Aber man sollte meinen, daß +das Gemälde nicht im kühleren Norden, sondern in dem Lande entstanden +sei, das mit solch strahlender Pracht geschildert ist. + +[Illustration: +ENTWURF ZUR „JAGD DER DIANA“ 1862] + +Jetzt steuerte Böcklin also wieder hinaus „den Winden und Wogen ein +sicheres Ziel“ und die Ersparnisse gingen im ersten Jahre wieder drauf, +bis er die neuen Eindrücke im Lande der alten Sehnsucht verarbeitet +hatte. Offenbar war es Böcklin wie alten Soldaten ergangen, die nach +gefährlichen und entbehrungsreichen Feldzügen die Ruhe und Sicherheit +des Garnisondienstes nicht mehr ertragen können. Das katastrophenreiche +Leben der letzten Jahre hatte ihn für das stille Weimar mit seiner +lieblichen Umgebung, die doch einem Goethe genügt hatte, verdorben. +Noch ein Jahrzehnt lang war er jetzt wieder, nicht zum Glück, auf +Bestellungen des Grafen Schack angewiesen. Dieser hat etwa die Hälfte +seiner Hauptwerke in dieser ersten Periode seiner Meisterschaft +erworben. Er hat Böcklin wie Feuerbach vielleicht sogar der Nation +überhaupt erhalten. Aber er war, nach einer sarkastischen Bemerkung +Böcklins, der einzige, der seine Galerie nicht gesehen hat. Er hatte +sich durch seine Studien ein schweres Augenübel zugezogen und war auf +fremden Rat angewiesen. Da er selbst ein wirklich bedeutender Dichter +war, so wurde er auch von bedeutenden Menschen beraten, aber nicht +immer gut. Er hat in entscheidenden Fällen versagt, gerade wo Böcklin +und Feuerbach ihre Schwingen am mächtigsten hoben. Er verkannte +die überragende Bedeutung der ersten Villa am Meer, wies den +„Frühlingsreigen“ von 1869 zurück und verurteilte die „Jagd der Diana“. +Er war auch kein verschwenderischer Mäzen, und da er selber nie sein +Brot mit Tränen gegessen, wußte er nicht immer, was er mit seiner +Sparsamkeit anrichtete. Aber es wirft ein eigentümliches Licht auf die +damaligen Verhältnisse, daß ein fast Blinder die Sehenden beschämt hat. + +In Rom haben Böcklin zunächst die Stanzen Raffaels, besonders der +„Heliodor“, einen gewaltigen Eindruck gemacht. Er hatte sich schon +früher damit beschäftigt, aber er hatte sie jetzt seit mehr als fünf +Jahren nicht mehr gesehen, und seither selber Wandbilder und selber +größere Figuren gemalt. Außerdem hat er Neapel zum ersten Male besucht +und erhielt--nach dem Zeugnisse von Schick, das auf seine Äußerungen +zurückgeht,--einen solchen Eindruck von den Malereien in Pompeji, daß er +ganz aus der bisherigen Bahn getrieben wurde, ein Jahr verlor, bis er +sich wieder gefunden hatte und dann einen ganz neuen Weg einschlug. Im +Jahre 1863 hat er auch die Augustusstatue des Braccio nuovo gesehen, wie +sie noch im vollen Farbenschmuck in ihrem tausendjährigen Grabe gefunden +wurde und die Beobachtungen in Neapel und Pompeji bestärkten ihn in der +Anschauung, daß die antike Plastik nicht einfarbig war und die Augen der +antiken Statuen so gut wie die der Sixtinischen Madonna dunkel waren. +Das gab ihm natürlich auch eine ganz andere Vorstellung von antiker +Kunst als sie bisher üblich und möglich war. + +[Illustration: +BILDNIS DER GATTIN DES KÜNSTLERS UM 1863] + +Bei Raffael war es hauptsächlich das „Großdekorative“, das ihn anzog, +die Fähigkeit, mit groß wirkenden Gestalten die Wand zu schmücken und +die Phantasie zu beleben. Bei den Griechen reizten ihn die Formen, die +Farben und die Technik. Es gesellt sich nun zu dem Einfluß von seiten +der Schule Poussins und der Venezianer ein dritter, von ihm selbst +bezeugter. Aber während die Landschaften seiner Jugend recht auffallend +denen Dughets und seiner Zeitgenossen gleichen, schließt sich das, was +nun folgt, weder in dem Sinne wie die Malerei eines J. L. David oder +Asmus Carstens, noch so wie die Malerei eines Poussin den Griechen an. +Er malte damals gelegentlich einen Kopf, der mit den Formen einer +griechischen Statue übereinstimmt. Er hatte auch im Leben eine Vorliebe +für die gedrungenen und kräftigeren Gestalten, wie sie im allgemeinen +die Griechen im Gegensatz zu den abendländischen Völkern, namentlich den +Franzosen, bevorzugten. Aber es fiel ihm nicht ein, bekannte Antiken +der römischen Sammlungen in seinen Gemälden perorieren und herumstehen +zu lassen, noch wenigstens den antiken Formenkanon als Ganzes +herüberzunehmen. Ohne das Zeugnis von Rud. Schick würde man den Einfluß +der Griechen gar nicht erkennen können. Die Nachahmung war keine +sklavische. Seine Hauptwerke sind auch vorerst noch Landschaften. Das +erste Bild, in dem sich der neue Stil deutlich ankündigt, die „Frau +Böcklin als Muse“ (in Basel) ist weit davon entfernt, die Gesichtszüge +nach Art etwa der Niobidenköpfe zu verallgemeinern. Es folgt 1864 als +Hauptwerk der neuen Epoche die dunklere der beiden Villen am Meer der +Schackgalerie (Taf. 15), und dann 1865 das hellere Exemplar (Taf. 16) +und die „Altrömische Weinschenke“ (Taf. 18). + +Das Neue ist, daß die Darstellung nicht allgemeiner, sondern +ausdrucksvoller geworden ist. Schon auf den ersten Blick gibt jetzt +Farbe und Linienführung die jedesmalige Grundstimmung an. Es ist das +Plötzlich-Deutliche, das mit anderen Mitteln auch im Spätstil Raffaels +zum Ausdruck kommt. + +Nichts zeigt das vielleicht so klar, wie die feierlichen, man könnte +fast sagen klagenden Linien, mit denen sich die Bäume und der Palast in +der „Villa am Meer“ von dem dunklen Himmel abheben. Uns will scheinen, +es ist sogar schon in den Linien ausgesprochen, daß es sich um die +Klage einer vornehmen Seele, nicht um den Notschrei eines Proletariers +handelt. Wie viel in den Silhouetten allein schon gegeben ist, erkennt +man, wenn man sie mit denen der „Jagd der Diana“ vergleicht. Man braucht +gar nicht die Vorstufen und Studien zu den Villen am Meer heranzuziehen. +Auch diese Hauptwerke sind nämlich Umgestaltungen einer schon +vorhandenen Komposition ins Größere und Wirkungsvollere. Schon für +die alte Kunst war es ein Vorteil, daß sie immer dasselbe darzustellen +hatte. Dadurch wurde das Interesse des Künstlers und des Publikums von +selbst auf die Art gelenkt, wie ein Vorwurf künstlerisch gelöst war. +Auch Böcklin, der immer wieder dasselbe Motiv umgestaltete, ist dadurch +zu so hoher Vollkommenheit gelangt. Eine Vorstufe der Villen ist der +„Mord im Schloßgarten“ (Taf. 11), wo der Überfall einer prachtvollen +Besitzung am Meer durch Seeräuber beim ersten Morgenrot dargestellt ist. +Bei der dunklen Villa ist die Stimmung elegisch geworden. Böcklin dachte +an den letzten Sprossen eines adligen Geschlechts, der in der Ferne +verschollen, von der Geliebten vergebens erwartet wird. Das Gold der +Abendsonne liegt auf dem Palast wie letzte Hoffnung und Erinnerung +an frühere Zeiten. Die ganze Sehnsuchtsromantik dieser und der +vorausgegangenen Jahrzehnte feiert hier einen Höhepunkt. Das Werk ist +ein Seitenstück zu Feuerbachs Iphigenien, die im gleichen Jahrzehnt +(1862 und 1871) entstanden sind. Die Wiederholung gibt die Szenerie +etwas reicher und fast ebenso ergreifend bei grauer Tagesbeleuchtung. Es +folgte dann, wie oft bei Böcklin, ein Gemälde, das den vollen Gegensatz +der Stimmung darstellt, die „Altrömische Weinschenke“ (Taf. 18), wo das +Volk bei Wein und Tanz den Tag genießt--mit ihren munteren Silhouetten +und ihrem heiteren Kolorit. + +Jetzt kommt der Künstler bewußter und mit reicherer Kenntnis der Natur +dazu, das wieder stärker zu betonen, was sich schon vor der ersten +Romreise in seinen kleinen Baseler Bildern gezeigt hatte. Freilich +gehen nun Kinder der Freude und der Sehnsucht in buntem Wechsel aus der +Werkstatt hervor. Und was hier wieder aufgenommen wird, steigert sich, +stets genährt durch neue Eindrücke südlicher und nördlicher Natur und +alter Kunst, von Hauptwerk zu Hauptwerk. Es lag auf dem Wege dieser +Entwicklung, daß er ein Jahrzehnt später zu ganz neuen Mitteln griff, um +sich auszusprechen. Stimmung im Sinne einer starken persönlichen Note +hatten auch die „heroischen“ Landschaften der ersten römischen Zeit. Der +Böcklinsche Stil aber beginnt in gewissem Sinne erst jetzt. + +Mit dem Aufschwung trat eine Erweiterung des Stoffgebietes ein, Böcklin +ist in der Mitte der sechziger Jahre recht eigentlich zum Figurenmaler +geworden. Es entstehen 1866 noch in Rom „Die Klage des Hirten“ (Daphnis +und Amaryllis, Taf. 21), bei Schack, und die ersten Entwürfe zur Basler +Pietà (Christus und Magdalena, Taf. 22). Eine Komposition, die er +im Auftrage von Schack beginnt, die Wiederholung der „Götter +Griechenlands“, wird jetzt vom Landschaftsbild mit Staffage zum +Figurenbilde. Diese Entwicklung wurde mächtig gefördert, wenn auch nicht +hervorgerufen, durch die großen Aufträge, die er in seiner Vaterstadt +erhielt. + +Noch in späteren Jahren redete der Künstler aufatmend von der Wonne, +im großen schaffen zu können, und nun sollte er monumentale Aufträge +erhalten, die auch wirklich zur Ausführung gelangt sind. + +[Illustration: +MÄDCHEN UND JÜNGLING BEIM BLUMENPFLÜCKEN UM 1866] + + + + +[Illustration: +DIE FRESKEN IM SARASINSCHEN GARTENHAUS IN BASEL 1868] + +BASEL, MÜNCHEN 1866-1874 + + +Durch eine Verschiebung in der Zusammensetzung der Kommission, die dem +Basler Museum vorstand, waren Jakob Burckhardt und der Kupferstecher +Weber vorübergehend zu entscheidendem Einfluß gelangt. Vielleicht ist +Böcklin, ermuntert durch diese Wendung, im Herbst 1866 nach Basel +übergesiedelt. Er hatte die Niederlagen Italiens und die große Erregung +darüber im Lande noch miterlebt, sah auf der Reise nach der Schweiz in +Ancona die Trümmer der italienischen Flotte im Hafen liegen und ist im +September in Basel eingetroffen. + +Sein Unterkommen hat Böcklin in verschiedenen Mietshäusern gefunden, +zuletzt, seit Mai 1868, in einem alten Johanniterhaus am unteren Ende +der Stadt, wo der Rhein die Mauern der alten Umwallung verläßt. Die +Söhne konnten damals noch von den unteren Fenstern der Wohnung in den +gurgelnden Wassern des Stromes nach Fischen angeln. Seit Herbst 1868 +bezogen Böcklin und sein Schüler Schick dort auch ihre Ateliers. Man +sah damals noch über die Fluten in grüne Gärten und Felder hinaus und +darüber die ersten Anhöhen des Schwarzwaldes. + +Er vollendete zunächst das Bild „Christus und Magdalena“ (Taf. 22), das +ihm hier und in Deutschland sehr große Anerkennung bringen sollte und +sofort, zu Beginn des Jahres 1868, vom Basler Museum angekauft wurde, +malte den „Petrarca“, der auf der Reise nach der Schweiz gelitten hatte, +noch einmal neu und führte eine zweite Umgestaltung der „Götter +Griechenlands“ fast zu Ende. Es ist das Bild, das sich jetzt als +„Liebesfrühling“ in der Sammlung Heyl befindet (Taf. 26). Damit es +ihm nicht an kleinen Zuschüssen fehle, ließ einer seiner Freunde, +Regierungsrat Dr. Müller, seine Mutter von ihm porträtieren und an das, +mit seiner verblüffenden Naturwahrheit in seinem Werke einzigartige +Bild, das der Künstler damals geschaffen hat, schlössen sich in der Tat +andere Aufträge an. Im Frühjahr 1868 erhielt er dann den Auftrag, den +Sarasinschen Gartensaal auszumalen. + +Es war von seinen Freunden darauf gedrungen worden, ihm eine große +Arbeit im Museum zu übertragen, er selber aber hatte den Wunsch +geäußert, sich zuerst bei einer kleineren Arbeit im Fresko versuchen +zu können. Da bot ihm ein früherer Gönner für ein anständiges Honorar +diese Aufgabe an. Der Saal steht abseits vom Wohnhaus und hatte eine +fensterlose Rückwand, die zum Schmuck durch Gemälde aufforderte. In der +Mitte über einem Kamin ein Feld in Hochformat, zu beiden Seiten zwei +ebenso hohe, etwas mehr als 3 m breite Wandflächen. Böcklin schmückte +das Mittelfeld mit der Gestalt des harfenspielenden David (Taf. 23), +die Seitenfelder mit zwei Landschaften, die in wirkungsvollem Gegensatz +zueinander und zur Mitte standen, links die „Flucht nach Ägypten“, +rechts der „Gang nach Emmaus“ (Taf. 24 und 25). Die Landschaften wurden +im Sommer 1868 in einem Zuge und in wenigen Wochen ausgeführt und haben +offenbar schon damals starken Eindruck hervorgerufen. Jetzt drangen die +Freunde in der Museumskommission darauf, daß ihm auch die Ausmalung des +Treppenhauses im Museumsgebäude übertragen wurde. Dieses steht in der +Nähe des Münsterplatzes; es ist 1843-1849 von dem Architekten Berry in +gräkisierendem Stile erbaut worden und hat drei hohe Stockwerke; die +beiden unteren beherbergten damals außer der Bibliothek namentlich die +Naturwissenschaftlichen Sammlungen, das oberste die Gemäldegalerie mit +den Werken Holbeins, heute auch mit denen Böcklins. Der Meister sollte +die Treppe, welche vom Erdgeschoß zum ersten Stock führt, schmücken. +Diese steigt zwischen glatten Wänden empor. Zur Aufnahme großer Bilder +waren drei Wände neben den drei Treppenpodesten geeignet. Über den +Fenstern haben Medaillons Platz gefunden. Das übrige erhielt unter +Böcklins Leitung einen farbigen Anstrich. Als Vorwurf für die +Hauptbilder wurde mit Rücksicht darauf, daß die Treppe auch zu den +Naturwissenschaftlichen Sammlungen führt, für die unterste Wand eine +Personifikation der Naturkraft in Aussicht genommen, die im Protokoll +als „Magna mater“ bezeichnet wird (Taf. 28), für die oberen Wände eine +„Flora“ (Taf. 29) und ein „Apollo“. Im Oktober erhielt Böcklin den +Auftrag für das unterste Bild; jetzt vollendete er die Figur des David +in wenigen Tagen und ging noch Ende November, sobald der Entwurf +genehmigt war, an die Ausmalung des ersten Museumsbildes, obwohl das +Treppenhaus nicht zu heizen ist. Er hat diese Arbeit in etwa fünf Wochen +bis zum Jahresschluß vollendet. + +Es war eine gewaltige Leistung. Die Wand ist ungefähr 5 m hoch, und die +Komposition enthält gegen zwanzig annähernd lebensgroße Figuren. Es +bangte dem Künstler auch vor der Entscheidung, und in den ersten Tagen +der Arbeit am Fresko hat er in schlafloser Nacht einmal das Ganze in +allen Teilen vor sich gesehen. Das Bild hat Beifall gefunden, obwohl es +keineswegs die liebenswürdigste seiner damaligen Leistungen war. Nun +wurde Böcklin die Ausschmückung der übrigen Teile des Treppenhauses +übertragen. Es geschah freilich zum großen Ärger des Präsidenten der +Kunstkommission, des Holbeinforschers Dr. His, dem der Schaffensdrang +des Künstlers als ungeduldige Hast erschienen war, der auch keine rechte +Freude an dem Wandbild hatte und den Auftrag als unbesonnene Eile +bezeichnete. Er sah die Tugend im Korrekten und Geleckten und hoffte +durch Hinausziehen das schöne Unternehmen zu vereiteln. + +[Illustration: +ENTWURF ZU DEM „GANG DER JÜNGER NACH EMMAUS“ (ZEICHNUNG); +MUSEUM IN DARMSTADT] + +Der Künstler ging nun zunächst an die Vollendung seiner angefangenen +Staffeleibilder, schuf die „Götter Griechenlands“ noch ein drittes +Mal neu als „Frühlingsreigen“, machte dann eine Reise nach Oberitalien, +um namentlich die Fresken von Correggio und Luini sich wieder einmal +anzusehen, und hat dann, sichtlich erfrischt durch die neuen Eindrücke, +die Entwürfe zu den beiden anderen Hauptbildern ausgeführt. Aber nun +waren allerhand Bedenken und Widerstände wach geworden, und die +Freunde, die Böcklin wohl wollten, suchten leider den Gegner dadurch +zu entwaffnen, daß sie dem Künstler zuredeten, in Einzelheiten +entgegenzukommen, obwohl der Widerstand gegen den Kern der Sache ging. + +Die Kritik richtete sich im besonderen gegen den Apollo. Böcklin hat +hier nachgegeben, aber dies dritte Fresko dann ohne persönliche +Anteilnahme heruntergemalt, um so mehr, da es selbst während der Arbeit +nicht an Gehässigkeiten gefehlt hat. Das Kolorit freilich ist bei den +späteren Bildern wärmer und tiefer, beim Apollo vielleicht am feinsten. +Aber man sieht doch deutlich, der Feind hatte dem Künstler die Freude +gerade in dem Augenblick verdorben, als er das Fresko völlig zu +beherrschen anfing. Die Kommission aber, die doch mit schuld an dem +Unheil war, sprach im Dezember 1869 ihr Bedauern über das dritte Bild +aus, und das führte zum Bruche mit Jak. Burckhardt; denn entschieden war +nur noch Weber für Böcklin eingestanden. Burckhardt hatte schon bei der +in Basel entstandenen Pietà eine Unvorsichtigkeit begangen und den Maler +bestimmt, dem Christus eine mildere Fassung zu geben, was dann Böcklin +vor der Pietà in Colmar von Matthias Grünewald wieder bereut hat. Jetzt +hatte sich der Jugendfreund schließlich auf die Seite eines Feindes +gestellt. Es war ein Gegensatz der Charaktere und der Kunstanschauung, +der zum Bruche führte. Burckhardt, auf seinem Gebiet ein mutiger +Bahnbrecher, hatte sich seiner persönlichen Umgebung doch in manchem +angepaßt. Böcklin, der alle paar Jahre seinen Wohnort wechselte, ist +immer aufrecht geblieben. Auf dem Gebiete der Kunst waren beide ganz +besondere Verehrer von Rubens, in dessen Lebenswerk germanisches, besser +deutsches Empfinden und germanische Kultur mit romanischer eine solch +wunderbare Mischung eingegangen ist. Jak. Burckhardt, der Entdecker der +italienischen Renaissance, hielt es aber mit den Italienern und es war +ein Kompromiß, wenn er einem Dürer und Grünewald gerecht wurde. Anders +Böcklin, er fühlte sich mehr und mehr von den Ober- und Niederdeutschen +des 15. und 16. Jahrhunderts angezogen. Es ist kein Zufall, daß gerade +vor Grünewald der Gegensatz zu Burckhardt zuerst in die Erscheinung +trat. + +Aber noch eine andere kostbare Frucht des Jahres sollte das Schicksal +der Museumsbilder erleben. Als der „Frühlingsreigen“, die letzte und +reifste Umarbeitung der „Götter Griechenlands“, in München ankam, +wurde sie von Schack mit Entrüstung zurückgewiesen. Ein Freilichtbild +ohnegleichen in damaliger Zeit, hat es wohl nur wegen seiner Vorzüge +Widerspruch gefunden. Es bildet jetzt einen Hauptschmuck der Dresdener +Galerie (Taf. 27). + +Böcklin wurde durch den Bruch mit Jak. Burckhardt in Basel vereinsamt +und sah sich nach einem andern Wohnort um. Daß selbst der Freund, der in +der kleinen Stadt selber schon wegen Künstlerideen aufgefallen war, dem +Philister und Pedanten recht gab, war wohl für ihn vernichtend; die +Bildnisaufträge haben von diesem Augenblicke an aufgehört und das +wurde in der Familie des Künstlers dann wieder auf die Machinationen +Burckhardts zurückgeführt. Sicher völlig mit Unrecht. Dieser hat weit +schwerer als Böcklin unter dem Bruche gelitten, und im stillen alle die +Erinnerungen an die Tage der Freundschaft aufbewahrt. Eine große Zahl +von Studien und kleinen Gemälden aus den ersten Romjahren hat sich in +seinem Nachlaß vorgefunden. + +Der Künstler rächte sich an der Verwaltung des Museums zunächst +dadurch, daß er in die Medaillons über den Fenstern, die sich neben +den großen Fresken befinden, zwei Köpfe malte, die wohl mit Recht als +die „verbissene“ und die „dumme Kritik“ aufgefaßt werden. Auch die +berühmteren Fratzen an der Kunsthalle (Seite 6), die er einige Zeit +später als Schlußsteine der Fenster im Erdgeschoß zum Teil selber in +Stein gemeißelt hat, sind eine Künstlerrache. Sie sind zugleich eine +Kritik der in der Vaterstadt Böcklins besonders gefährlichen Gewohnheit, +alle wichtigen Entscheidungen durch Kommissionen treffen zu lassen, wo +der Gescheitere auf die Dümmeren hört oder von ihnen überstimmt wird. + +Über die monumentale Verhöhnung der eigenen Person hat man sich in den +Kommissionen erst mächtig aufgeregt und den Gedanken ernstlich erwogen, +dies alles zu vernichten, aber man schob auch da den mutigen Entschluß +hinaus, bis endlich die zunehmende Freude der Nichtverhöhnten jeden +Gedanken an eine Zerstörung der Denkmäler unmöglich machte. + +Das Schlimmste war, daß der Künstler für immer die Lust an solchen +Schöpfungen verloren hat, auf die eine Körperschaft einen stärkeren +Einfluß gewinnen kann als auf die Entstehung eines Staffeleibildes. Es +sind noch mehrmals Verhandlungen wegen monumentaler Arbeiten mit ihm +angeknüpft worden. Einmal noch ist auch das Feuer der Begeisterung für +eine Arbeit im großen bei ihm aufgelodert. Es war, als im Jahre 1880 +das Breslauer Museum an ihn herangetreten war. Es war umsonst. Andere +Anträge hat er gleich von der Hand gewiesen. + +Böcklin war aber vielleicht besser als alle Zeitgenossen zu monumentalen +Schöpfungen veranlagt. Er war auch vielleicht für nichts so wie für das +Wandbild veranlagt und seine Entwicklung drängte seit den sechziger +Jahren zum Großdekorativen hin. Eine Reihe meisterhafter Fresken über +Deutschland zerstreut hätte der deutschen Malerei eine andere und höhere +Entwicklung geben können und auch eine selbständigere zur Zeit, als sie +der Hegemonie der Franzosen verfiel. + +Den stärksten Eindruck werden von all den Basler Fresken wohl auf jeden +zuerst die beiden großen Landschaften des Sarasinschen Gartenhauses +machen. Hier ist Böcklin erstaunlich groß und einfach, ohne leer zu +sein. Es liegt über diesen Schöpfungen ein Zauber, der fast feierlich +stimmt. Das Kolorit ist sehr zurückhaltend, aber fein. Dazwischen die +Figur des David, die zugleich durch ihre Plastik, wie durch ihre +festlich leuchtenden Farben in Erstaunen setzt. + +Die Museumsfresken gewinnen nicht in demselben Maße schon beim ersten +Anblick, aber namentlich die „Flora“ enthüllt immer neue Schönheiten +bei häufigerem Studium. Das Bild ist ein Hauptwerk seines Lebens, vom +Höchsten und künstlerisch Feinsten, was Böcklin geschaffen hat. + +Es sind hier großfigurige und großdekorative Malereien geschaffen, +die nicht bei jedem Kopf und jeder Wendung an Raffael und Michelangelo +erinnern, eine ganz persönliche, frische Auffassung der Natur zeigen und +dennoch Stil haben. + +Die ersten Basler Arbeiten, namentlich „Christus und Magdalena“ und +die Landschaften bei Sarasin zeigen ein sehr zurückhaltendes Kolorit. +Das wird jetzt anders. Während der Arbeiten im Museum drängt es ihn zu +einer kräftigeren Farbengebung, das verrät der David bei Sarasin, die +„Wiesenquelle“ und die beiden späteren Hauptbilder im Museum. Die +Entwicklung geht weiter. Noch in Basel entstehen jene vier kleinen +Bilder der Schackgalerie, in denen Freude und Grauen stärker als in +allen bisherigen Schöpfungen ausgesprochen sind: „Der Mörder und die +Furien“, „Die Felsenschlucht“ (Taf. 32), „Der Ritt des Todes“ (Taf. 33) +und die „Ideale Frühlingslandschaft“ (Taf. 31). Die Zimmer des alten +Johanniterhauses mit ihren gotischen Fenstern regten nicht zu +umfangreichen Bildern an, aber fast scheint es, als ob die Arbeit im +großen nun wieder das Bedürfnis hervorgerufen hätte, die gesteigerte +Erregung, die ihn wie andere während der Kriegszeit ergriffen hatte, +in besonders kleinem Formate zum Ausdruck zu bringen. Direkt durch die +Zeitereignisse veranlaßt ist nur „Der Ritt des Todes“, der Herbst 1870 +begonnen worden ist. Verrät nun schon dies Bild eine weitere Steigerung +der Farbigkeit, so ist dies noch mehr der Fall bei der „Idealen +Frühlingslandschaft“, wo uns beim ersten Anblick die Stimmung jubelnden +Glückes entgegenklingt. + + +Herbst 1871 siedelte Böcklin nach München über. Er fand hier einen +freundschaftlichen Umgang, namentlich mit einer Reihe von Eigenbrötlern, +die damals noch wie er selber, halb verschrieen, halb bewundert waren, +besonders mit Hans Thoma. Mit diesem pflegte er auch gerne die Alte +Pinakothek zu besuchen; außer Grünewald, Holbein und Rubens begannen nun +hier auch die alten Niederländer ihre stille Wirkung auszuüben, die bald +von größter Bedeutung werden sollte. Der Künstler hat diese Jahre einmal +als die glücklichsten seines Lebens bezeichnet. Jedenfalls zeichnen sie +sich aus durch eine ganz unglaubliche Produktion an Ideen und an Werken. +Im Jahre 1873 gingen zehn, zum Teil große und durchschlagende Bilder aus +seiner Werkstatt hervor. + +Ein charakteristisches Hauptwerk ist der „Kentaurenkampf“ der Basler +Galerie (Taf. 39), dem ausnahmsweise drei noch heute erhaltene farbige +Versuche vorausgegangen sind. Der älteste reicht noch in die Basler Zeit +zurück und ist durch den Krieg veranlaßt worden; der dritte ist Oktober +1871 in Arbeit. In immer stärkerer Konzentration und gleichzeitiger +Steigerung der einzelnen Gestalten kommt der Künstler dann im Winter +1872/73 zu einer Lösung, in der sich dramatische Kraft und schimmernde +Farbenpracht in unerhörter Weise vereinigen. Die Erlebnisse mit der +Basler Pietà („Christus und Magdalena“), führten ihn ferner dazu, auch +diesen Vorwurf noch einmal aufzunehmen, und nun dem toten Christus die +Lage zu geben, die er in der früheren Komposition ursprünglich gehabt +hatte. Es ist damals 1873 das Werk entstanden, das nach vielen +Irrfahrten und Übermalungen endlich in der Nationalgalerie in Berlin +gelandet ist (Taf. 41). Auch die „Venus Anadyomene“ hat er wieder +aufgenommen (Taf. 38). In allen diesen Werken zeigt die Münchner Lösung +ein anderes, weit kräftigeres Kolorit als die der Basler Zeit, und die +Berliner Pietà hat wegen ihrer starken Farben auf der Wiener Ausstellung +große Entrüstung hervorgerufen. + +In dieser Zeit der stärksten Produktion hat sich auch der Stoffkreis +erweitert. Es entsteht mit der Meeresidylle „Triton und Nereide“ der +Schackgalerie (Taf. 45) die erste der langen Folge von Darstellungen, wo +in der Schilderung von Tritonen und Najaden die See mit ihren Wundern +verherrlicht wird. Die Nymphen und Satyrn seiner Jugendjahre waren nicht +viel mehr als Staffage gewesen; jetzt kommt es ihm darauf an, „den +Ausdruck der Figuren mit dem der Umgebung so vollständig in Einklang zu +bringen, daß jedes der Ausdruck des andern zu sein scheint“. Es treten +auch die Darstellungen aus Orlando furioso zuerst in München auf, und +angeregt durch dies Heldengedicht sind gleich eine ganze Reihe von +farbenprächtigen und humorvollen Schöpfungen, als kleinere Gaben der +Muse neben den großen Hauptwerken entstanden. Zum Schluß war es ihm +noch vergönnt, auch ein Wandbild, wenn auch auf Leinwand und für einen +Privatraum, in diesem Zeitraum zu schaffen, das herrliche Gemälde „Ceres +und Bacchus“, im Münchner Privatbesitz (Taf. 47). + +Dieser Höhepunkt seiner Tätigkeit in München bedeutete auch eine +Wandlung. Die entschlossene Abkehr von der impressionistischen +Darstellung der Welt und die Steigerung des Ausdrucks in Farbe und +Form. Jetzt kommt er zur Überzeugung, „daß aus der Kontrastierung der +möglichst ungebrochenen, durch die Luft ungedämpften Farben Wirkungen +erwachsen, die man mit allen Künsten der Luftmalerei nicht erzielt. Und +zwar Wirkungen auf die menschliche Seele“. + +Es hat offenbar Böcklin in München manches zugesagt. Der ausgelassene +Ton in der Münchner „Allotria“, die reizvolle Umgebung, die Schätze +der Alten Pinakothek. Aber im Frühjahr 1874 schrieb er plötzlich einem +Freunde, München sei ein armseliger Ort für Künstler und ebenso für die +Familie, und im Herbst siedelte er nach Florenz über. Gesehnt hat er +sich schon lange wieder nach Italien. Vielleicht hatte der endgültige +Bruch mit Lenbach, der 1873 erfolgt war, dazu beigetragen, ihm die Stadt +zu verleiden und sicher auch Typhus und die Cholera, die im Frühjahr +1874 als eines ihrer letzten Opfer noch Wilhelm von Kaulbach weggerafft +hat. + + + + +FLORENZ 1874-1885 + + +In Florenz hat Böcklin vom Herbst 1874 bis April 1885 gelebt. Der +denkwürdige Aufenthalt umfaßte sein 48. bis 57. Lebensjahr und reifte +den Stil der Toteninseln und Heiligen Haine. Sein Atelier hatte er seit +Ende 1876 am Lungo Mugnone im ersten Stocke des Atelierhauses von +Wladimir von Svertschkoff, nachdem er zuerst einige Zeit in der Nähe +in einem Nebengebäude seiner Wohnung in der Villa Falcini mit einem +zu kleinen Raume hatte vorliebnehmen müssen. Seine Schüler waren schon +vor ihm bei Svertschkoff eingezogen. Dieser, eine der sympathischsten +Gestalten, die mit Böcklin in Berührung gekommen sind, war ein +russischer Grandseigneur, der seine reichen Einkünfte dazu verwendete, +anderen Gutes zu tun und sich selbst zu beschäftigen. Sein Haus stand in +einem besonders reinlichen, modernen Viertel am Rande der Stadt und sah +über den Mugnone und seine Talsenkung hinweg, gegen den Apennin. Von den +Fenstern schweift nach links der Blick in das Arnotal hinaus, gegenüber +befinden sich sanft ansteigende Höhen mit Gärten, aus denen weiße Häuser +blinken, und dahinter der rote Monte Morello, gegen rechts hin die Höhen +von Fiesole. Der „Frühlingstag“ in Berlin (Taf. 71) atmet am meisten +von der Stimmung dieses klassischen Erdenwinkels, obwohl die einzelnen +Motive dieses Bildes natürlich von überall her genommen sind. Im +Hintergrunde soll aber auch der Besitzer des Atelierhauses in dem alten +Herrn abgebildet sein. Eine Erinnerung an den Monte Morello und die +Wolken, die um seinen Gipfel streiften, scheint im „Prometheus“ und +im „Gotenzug“ fortzuleben. Das Haus ist längst in andere Hände +übergegangen, steht aber noch heute. + +Es versammelte sich in Florenz nun sofort eine Reihe von jungen Männern, +die bereits über die eigentlichen Studienjahre hinaus waren, um den +Meister. Hans Sandreuter und Adolf Preiswerk aus Basel, Victor Zur Helle +und Louis Skene aus Wien, für kurze Zeit auch Hugo von Tschudi, der +spätere Direktor der Nationalgalerie in Berlin, ferner Alb. Schmitt +in Weimar und Karl von Pidoll. Dazu kamen die älteren Söhne Arnold und +Hans, die in diesen Jahren (1877 und 1883) ins zwanzigste Jahr traten +und sich ebenfalls der Malerei widmeten und der Bildhauer Peter +Bruckmann, der 1876 die älteste Tochter heimgeführt hat. Außerdem ist +auch Ad. Bayersdorfer, der spätere Konservator der Alten Pinakothek, +mit von München nach Florenz gekommen. Ohne Böcklins Schüler zu sein, +gehörte dem Kreise auch Albert Lang an, der Bruckmann in die Familie +Böcklins eingeführt hat, und Hans von Marées. Mit diesem hat Böcklin in +den ersten Florentiner Monaten Freundschaft geschlossen. Marées ist dann +freilich schon Herbst 1875 nach Rom übergesiedelt. Seit 1879 kam auch +der Schriftsteller und Biograph Böcklins, Gust. Flörke, nach Florenz. +Ad. Hildebrand erschien gelegentlich, wenn auch seltener, in der +Gesellschaft. Der Verkehr teilte sich hauptsächlich zwischen Atelier und +Weinkneipe. Anfangs traf man sich an den Samstagen auch in den Räumen +des ehemaligen Klosters San Francesco di Paolo, wo damals Hans von +Marées wohnte. Außerdem hat Frau Böcklin ein offenes Haus gehalten +auch in Zeiten, wo es nicht gerade glänzend ging und Weihnachten und +Silvester sahen die Schüler nicht nur die Familie im Hause des Meisters +versammelt. Böcklin machte alle Wochen oder seltener einen kurzen Besuch +in der Werkstatt derer, die sich zu seinen Schülern zählten. Noch +wichtiger waren die Männergespräche beim Symposion. Bei der Erinnerung +an jene Gesellschaften ging noch in den letzten Monaten ein +Freudenschimmer über das Antlitz des Meisters, so ablehnend er sich auch +sonst über bildende Künstler ausgedrückt hat, und noch lange lebten bei +den jüngeren die Geschichten fort, die sich unter homerischem Gelächter +an der Tafelrunde abgespielt hatten. Mit atemloser Spannung aber auch +wieder hörte, wie Zur Helle erzählte, die Gesellschaft zu, wenn Böcklin +und Marées ihre Gedanken austauschten. Die Männer dieses Kreises waren +auch die Begleiter bei der Erholung in Ischia, Viareggio und San Terenzo +im Golf von Spezia, die Gefährten bei waghalsigen und abenteuerlichen +Fahrten im Tyrrhenischen Meer und die Gehilfen bei den Versuchen zur +Bezwingung der Luft. + +Je näher aber Marées seinem Ziele kam, desto mehr unterschied sich seine +Kunst von der des älteren Freundes. Den entscheidenden Unterschied hat +er selbst in dem Tadel ausgesprochen, Böcklin gehe von der Erscheinung +aus und beginne also mit dem, was seiner Ansicht nach das letzte sein +sollte. Wenn Böcklin einen Mann im Spiele des Sonnenlichts und der +wechselnden Schatten eine Straße herunterkommen sah, so konnte das seine +gespannteste Aufmerksamkeit erregen, als ob er auf den Impressionismus +eingeschworen gewesen wäre. Marées zuckte die Achseln: „Ein Mann in +rotem Rock.“ Ein Blumenstrauß, ein blauer Farbstoff konnte Böcklin in +Begeisterung versetzen, und er berichtet in seinen Briefen den Freunden +vom Erwachen der Blumen, die jeder Frühling brachte und begrüßte den +Tag, der ihm neue Anregungen gab. Er war auch ein Grübler und hatte sich +wohl überlegt, was er in seiner Kunst erreichen wollte, warum er es +wollte und wie das zu erzielen war, aber er war kein Philosoph. Marées +hatte die philosophische Ader. Er krankte sogar, wie uns scheinen will, +an dem Glauben, alles mit dem Verstande erfassen zu können, und er sah +die Blumen nicht, die an seinem Wege blühten. Aber seine Theorien +machten Schule und mehrere Schüler Böcklins, wie Karl von Pidoll, Victor +Zur Helle und selbst der Schwiegersohn haben sich im Verlauf dieser +Jahre enger an Marées angeschlossen und sind zu diesem nach Rom +übergesiedelt. Indessen blieben Schüler und Meister dem Älteren in +freundschaftlicher Hochachtung zugetan. Immer wieder betont Marées +die Echtheit des Menschen und Künstlers in Böcklin. Er kam mit Pidoll +1878 von Rom, um mit den Florentiner Freunden dessen silberne Hochzeit +zu feiern. Als Böcklin im Sommer 1879 durch Bäder auf Ischia einen +schmerzhaften Gelenkrheumatismus auskurieren wollte und nach geistiger +Anregung verlangte, begleitete ihn Marées dorthin, wie er auch später +noch seine Freundschaft bekundete. + +Im nächsten Sommer kam Albert Schmitt nach Ischia mit. Die Kur +hat damals dauernd geholfen. Es erwartete die beiden aber noch ein +ganz besonderer Genuß. Geheimrat Dohrn, der Direktor des Deutschen +Zoologischen Instituts, lud sie ein, mit seinem Boote die Ponzainseln zu +besuchen, jene einsamen, aus Felskratern bestehenden Eilande, westlich +vom Golf von Neapel und im Süden von Terracina, die auch heute wieder +wie in spätrömischer Zeit zur Internierung von Sträflingen benützt +werden. Böcklin fand da Motive, die in den „Ruinen am Meer“, den +Tritonenbildern und wohl auch in den späteren Toteninseln verwertet +wurden. Er fand da auch einen Schiffer, der erzählte, daß die Sirenen +und Najaden wohl früher da gehaust, aber sich jetzt wegen des +zunehmenden Verkehrs in entlegenere Gebiete zurückgezogen hätten. In +Wirklichkeit sind die Damen des engsten Bekanntenkreises und die Freunde +Böcklins zwischen den Klippen von Ischia dem Maler zu Najaden, Tritonen +und Seekentauren Modell geschwommen. In San Terenzo im Golf von Spezia +aber fand er auch einen echten, wenn auch damals schon emeritierten +Seeräuber, der einst wie die Sarazenen seiner eigenen Bilder auf +Frauenraub ausgegangen war, jetzt aber ihn friedlich auf den blauen +Wogen um die Kastelle im Golf von Spezia herumfuhr, in denen man +unschwer die Vorbilder zu überfallenen Burgen und zu Ruinen am Meer +erkennen kann. + +Fast der ganze Kreis von Schülern und Freunden aber half im Juli 1882 +und nochmals im Juli 1883 die gewaltigen Flugzeuge aus Bambusstäben und +Leinwand erbauen, die nach langjährigen Studien die Ideen des Malers +über Vogelflug und Menschenflug in die Tat umsetzen sollten. Das +erstemal war auch Hans von Marées dabei, und damals kampierte man +wochenlang im Freien auf einer Anhöhe hinter Vigliano im Westen von +Florenz, wo die Probefahrten gemacht werden sollten. Die Flugzeuge sind +beidemal freilich unmittelbar vor dem entscheidenden Aufstieg durch das +unvorhergesehene Walten des Windes zertrümmert worden und Böcklin +versuchte es von Stund an mit technisch geschulten Kräften auf dem +Tempelhofer Felde bei Berlin. Aber die Versuche waren eine an +ergötzlichen Zwischenfällen besonders reiche Episode in dem an tollen +Ereignissen ohnehin schon reichen Leben dieser Männergesellschaft. + +Die finanziellen Verhältnisse haben sich in diesen Jahren für immer +gebessert. Freilich müssen um Weihnachten 1875 noch einmal die letzten +Mittel der Familie auf die Neige gegangen sein. In einem Briefe an einen +Basler Freund vom Dezember findet sich die Hoffnung ausgesprochen, „auch +diese schwere Zeit zu überstehen“. Einmal hat Svertschkoff ausgeholfen, +indem er den Entwurf zu einem Glasgemälde bestellte, das er binnen +wenigen Tagen zu brauchen vorgab, eine Arbeit, die dann gleich bar +bezahlt wurde. Ein andermal soll ihm ein Bankier unerwarteterweise +ausgeholfen haben. Einige Monate später aber, Frühjahr 1876, lehnt +Böcklin einen zweiten Ruf nach Weimar ab, im Sommer kauft Basel den +„Kentaurenkampf“, und wenigstens die Sorge um das tägliche Brot scheint +nun von seiner Schwelle gewichen zu sein. Schack hat allerdings schon +1874 sein letztes Bild, „Triton und Nereide“ (Taf. 46) von Böcklin +erworben, aber es stellten sich jetzt eine Anzahl anderer deutscher +Privatleute und die Museen von Berlin und Breslau ein. Im September 1877 +gab die Nationalgalerie die „Gefilde der Seligen“ in Auftrag, nachdem +schon seit 1875 Verhandlungen über den Ankauf eines großen Werkes +vorangegangen waren. Schon Jordan hatte volles Verständnis für Böcklin, +so sehr er später gerade wegen seines Verhaltens gegen unsern Künstler +geschmäht worden ist. In dieser Zeit hat ferner ein Berliner Händler in +der Hoffnung auf die große Zukunft des Künstlers begonnen, fast dessen +ganze Produktion aufzukaufen und den Vertrieb im großen zu übernehmen. +Dezember 1878 berichtet Hans von Marées, daß Böcklin gute Geschäfte +gemacht habe. Es folgte 1880 der Ankauf eines Tafelbildes (Heiligtum +des Herakles) und die Bestellung für die Fresken des Treppenhauses von +Seiten des Breslauer Museums. Ein recht freundschaftliches Verhältnis +hat aber mit Frau Grunelius, die ihren Aufenthalt zwischen Rom und +Baden-Baden teilte, mit Frau von Guaita in Frankfurt und deren Freundin, +Frau Berna, späteren Gräfin Oriola, bestanden. Endlich hat 1879 +Alexander Günther, der auch aus Frankfurt stammte, und lange Zeit in +Fasano am Gardasee gewohnt hat, eine größere Zahl von Gemälden und wie +es scheint, fast den ganzen Vorrat der im Atelier vorhandenen, aus drei +Jahrzehnten stammenden Studien und Entwürfe erworben. Ein Teil der +Zeichnungen ist durch Stiftung des Freiherrn von Heyl in die Darmstädter +Galerie gelangt. Die Besserung der Verhältnisse erlaubte die +regelmäßigen Sommeraufenthalte am Meere und die Erbauung der Flugzeuge. +Der Künstler empfand auch das Verhalten des Berliner Kunsthändlers +vorerst noch als Erleichterung. Aber er arbeitete, wenn Krankheit oder +die Glut des Hochsommers ihn nicht hinderten, jahraus jahrein und Tag +für Tag immer im Gefühl, ökonomisch zurück zu sein; die Familie war +zahlreich, die Söhne wuchsen heran. Der Händler berechnete den +Jahresverbrauch und richtete danach seine Zahlungen ein, in der Meinung, +man dürfe den Künstler nicht zu Atem kommen lassen. Unter solchen +Umständen verließen die Werke dieser Jahre, die Böcklin unsterblich +machen sollten, das Atelier. + +Es zeigt die unerschöpfliche Kraft und die Echtheit des Künstlertums, +daß Böcklin trotzdem vorwärtsgeschritten ist und Ungewohntes schuf, das +Bedenken erregte, statt das Anerkannte und Bewunderte in gefälligen +Variationen zu wiederholen. + +Die größere künstlerische Erfahrung und die andere Grundstimmung der +höheren Jahre verlangten freilich einen neuen Stil und die andere +Umgebung gab diesem noch ihr besonderes Gepräge. Der Charakter der +florentinischen Landschaft, der neapolitanischen Küste, die er jetzt mit +Vorliebe aufsuchte und die Kunst, die er in Florenz vorfand, dies alles +hat seine Spuren hinterlassen. Nach Bayersdorfers Zeugnis hat ihn der +„Frühling“ von Botticelli lange beschäftigt und man sieht auch die +Nachwirkung dieser Studien in der „Poesie und Malerei“ (Taf. 67), wo die +Figuren wie dort hell vor dunklem Laube stehn. Vor allem aber wendet +Böcklin sich jetzt dem Studium der Kunst und der Technik der alten +Oberdeutschen und besonders der Niederländer des 15. und 16. +Jahrhunderts zu, die ja in Florenz recht gut vertreten sind. Die +Hauptsache war, er hatte anderes zu sagen, seine Ausdrucksfähigkeit +hatte die Reife erlangt. Jetzt erst recht isoliert sich sein Stil und +es gehen Landschaftsbilder aus seinem Geiste hervor, die ohnegleichen +dastehen im ganzen Verlauf der Geschichte. + +[Illustration: +VILLA AM MEER 1877, STUTTGART] + +Die Stimmung ist die eines ungebrochenen, zur Melancholie geneigten, +aber kraftvollen und reifen Mannes. Die Freude wird lauter, an Stelle +der Sehnsucht tritt die Resignation. An Stelle der Villen am Meer mit +der trauernden Frau, die in der Hoffnung auf die Wiederkehr des +Geliebten sich verzehrt, treten die Ruinen am Meer und die Toteninseln, +und Sehnsucht wie Hoffnung macht dem Sichbescheiden mit dem Lose alles +Irdischen Platz. + +Es steigert sich zugleich die Ausdrucksfähigkeit der Farbe, was in +den achtziger Jahren besonders aufgefallen ist, es steigert sich die +Ausdrucksfähigkeit von Linie und Form und es steigert sich die +Tiefenwirkung. Böcklin erzielt die Steigerung zunächst durch die +Vereinfachung. Auf recht vieles, was noch die Gemälde der Schackgalerie +bis in alle Einzelheiten so reizvoll macht, wird jetzt verzichtet. Wo +er eine „Geschichte“ darstellen will, ringt er, wie schon aus seinen +Briefen ersichtlich ist, danach, das Psychologische auf den ersten Blick +deutlich zu machen. Hat er früher noch zu raten gegeben, vielleicht +absichtlich mit jenen Vorstellungen gerechnet, die der Beschauer +weiterspinnt, so beschränkt er sich jetzt bewußt auf das, was sichtbar +vorgestellt, in einem großdekorativ angelegten Gemälde enthalten sein +kann. Die Erzählung wird aber nicht nur mit dramatischer Deutlichkeit +vorgeführt. Böcklin liebt es, sie auf wenige Figuren zu reduzieren. Das +klassische Beispiel ist die Gestalt des „Abenteurers“, die am einsamen +Strande wie ein Reiterstandbild in die blaue Luft ragt und vom kühnsten +Wagemut erzählt (Taf. 62). + +[Illustration: +VILLA AM MEER 1878-80, DARMSTADT] + +Er kommt wie etwa die Meister der attischen Grabreliefs zu dem +Grundsatze, einen künstlerischen Gedanken auf wenige Elemente zu +reduzieren, diese Elemente, seien es nun menschliche Gestalten, Felsen +oder Bäume, so zu vereinfachen, daß sich die Silhouetten in wenigen +ausdrucksvollen Linien vom Hintergrunde abheben, dafür aber das wenige +um so liebevoller durchzuführen und um so sorgfältiger gegeneinander +abzuwägen. Er gratuliert ganz begeistert Hans von Marées 1879 zu den +„Lebensaltern“, weil er alles, was nicht zum Zweck führe, beiseite +geschoben habe. Wenige Figuren, wenige im einzelnen fein differenzierte +Farbentöne, Farbenkontraste, wenige scharf ausgesprochene, oft +horizontale und vertikale, Linien beherrschen allmählich die Bildfläche +allein und geben schon für den ersten Anblick die Gesamtwirkung. +Die Farbe wird im schroffsten Gegensatz zur Kunst jener Tage, wo das +„graue Freilicht“ in Deutschland aufkam, vereinfacht. Während der +Impressionismus starken Kontrasten nicht hold ist und die Tendenz hat, +die Zwischenstufen ins Unendliche zu bereichern, bevorzugt Böcklin die +stärksten Gegensätze von Hell und Dunkel, von leuchtenden, fast +ungebrochenen Farben. Die Zwischenstufen werden eher weniger zahlreich. +Die Intervalle werden größer. Dagegen pflegt er dann wieder die +einzelnen Töne, die das Bild bestimmen, sei es das Dunkel einer fast +schwarzen Felswand oder wieder das lichte Blau einer Luft oder das Gelb +einer hellen Mauer, durch feinste Nuancierungen zu vergeistigen und +lebendig zu machen. + +Steigert er durch das alles den Ausdruck, die Stimmung, so steigert +er damit auch wieder die Tiefenwirkung. Die Gestalten, die durch ihre +Silhouetten eine so deutliche Sprache reden, die feierlichen Akkorde der +Farben, die den Beschauer ergreifen und gefangennehmen, dienen zugleich +dazu, den Raum zurückzuschieben, wenn auch Böcklins Farbenperspektiven +jetzt ebensowenig wie seine Tritonen und Najaden der Natur entsprechen. +Was früher nebeneinander ausgebreitet war, ist jetzt hintereinander +geschoben. Von den zerfallenen Mauern seiner „Ruinen am Meer“ sieht man +jetzt gegen die Tiefe zu auf die herankommenden Wogen herab, während +das Auge bei den Villen am Meer noch von links an den Zeugnissen +verwelkender Pracht vorbei nach rechts zum Meereshorizont hinübergeführt +wird. Die Komposition wird dramatisch, wie die Stimmung tragischer wird. + +Die Entwürfe auf Papier, die der Malerei auf der Bildtafel vorausgehen, +macht Böcklin statt mit der Feder oder Kreide jetzt plötzlich und +fast ausnahmslos mit Tusch und mit breiten Pinselstrichen, die die +Lichtführung des geplanten Werkes wiedergeben. Zur Ausführung verwendet +er aber seit München nur noch Firnisfarben oder Tempera. Die neuen +technischen Verfahren kamen einmal seinem Bedürfnis nach transparenter +Leuchtkraft der Farben entgegen. Aber Tempera ist auch dünnflüssig, +fast wie die Tusche, die er jetzt in den Entwürfen verwendete, und +so erlaubte sie auch die von Böcklin erstrebte Durchführung in alle +Einzelheiten. Denn wenn die großen Kontraste von Hell und Dunkel und von +intensiven Farben einmal feststanden, wollte er die einzelnen Töne fast +wie zeichnend bis in alle Eigenarten der Form von Baum und Fels und alle +Abstufungen der Ferne ausarbeiten können. Sein Ideal wäre es gewesen, +alle Kraft und Liebe auf ein einziges Meisterwerk zu verwenden und +seine Freude war jetzt statt der Leinwand die glatte, weißgrundierte +Holztafel. Der Händler wußte, daß der Schöpfer der Versuchung nur +sehr schwer widerstehen konnte, eine solche Tafel nicht zum Bilde +umzugestalten, wenn sie von kundiger Hand gefügt und gut grundiert +ihm frei ins Haus geliefert wurde und suchte dies zu seinem Vorteil +auszunützen. + +Die frühesten Werke der Florentiner Zeit unterscheiden sich oft sehr +von den farbenfrohen Gemälden der vorausgegangenen Jahre und fallen auf +durch ein, wenn auch eindrucksvolles, so doch tief gestimmtes Kolorit. +Die Schatten sind dunkler geworden, das leuchtende Rot verschwindet fast +ganz, Braunrot, Braun, Gelb und Grün und ein lichtes Blaugrau sind die +Farben, die oft den Eindruck bestimmen. Das Rot wird nur spärlich und +fast nur in gebrochenen Tönen verwendet. Allem Anschein nach sind +mehrere Werke außerdem noch wegen eines Malmittels, das Böcklin damals +verwendete und später wieder aufgab, nachgedunkelt. Um 1880 tritt die +Vorliebe für ein leuchtendes Ultramarin auf und auch die feurigen Töne +treten etwas mehr und öfter in ihr altes Recht. + +[Illustration: +RUINE AM MEER 1880, MÜNCHEN, BEI DEFREGGER] + +In den ersten Monaten des Aufenthaltes hat zunächst das Bild der +Schackgalerie „Triton und Nereide“ eine großartigere Umgestaltung in +größerem Formate in dem ähnlichen Gemälde der Nationalgalerie in Berlin +erhalten (Taf. 45 und 46). Das spätere Bild, schon auffallend herb im +Kolorit, ist eine der größten und vollendetsten Schöpfungen des ganzen +Lebens geblieben. Deutlicher tritt das Neue, das sich anbahnt, in einem +kleineren Werke, der herrlichen Einzelfigur der „Klio“ hervor (Taf. 49). +Im folgenden Jahre wurde ein anderer, schon in München behandelter +Vorwurf, die Klage um den Leichnam Christi, noch einmal aufgenommen +und in der figurenreichen „Kreuzabnahme“ ins Größere und Gewaltigere +gesteigert (Taf. 51). Jetzt erhält auch ein noch älteres Motiv die +entscheidende Umgestaltung. Die Villen und Burgen auf den Vorgebirgen +der ligurischen Felsküste, dicht an den brandenden Fluten des Meeres, +ausgestattet mit allen Herrlichkeiten der südlichen Vegetation und +Kultur, aber einst beständig bedroht von den Barbaren Afrikas, das war +einer der stärksten Eindrücke, die der Romantiker und der Binnenländer +in seiner Jugend erhalten hatte, als er nach dem Süden kam, vielleicht +der stärkste seines ganzen Lebens. Diesen Eindruck hat er in immer neuen +Variationen behandelt. Jetzt gibt er der „Villa am Meer“, wie wir sie +bei Schack in zwei Variationen sehen, zunächst in zwei neuen Fassungen +(in Stuttgart und Zürich) eine leichte, aber in charakteristischer Weise +veränderte Gestalt, die Villa wird dann in einem dritten Bilde zur Ruine +einer Villa, der Ausblick kommt auf die linke Seite des Bildes und man +sieht den Meereshorizont über der Terrasse zwischen den Säulen des +Hauses. An diese Schöpfung sollten sich dann seit 1880 die bekannteren +Ruinen von Burgen am Meer schließen (Taf. 15, 16, Textabbildungen S. 40, +41 u. 43, Taf. 68). + +Es entsteht 1878 das Hauptwerk „Gefilde der Seligen“ (Taf. 53), das +einst wegen der scharf ausgesprochenen Vertikalen (bei den Hälsen +der Schwäne) Widerspruch gefunden hat, und im folgenden Jahre die +„Meeresbrandung“ (Taf. 55) und der „Frühlingsabend“ (Taf. 56). Zu dem +Bilde der Nationalgalerie ist die Skizze von 1877, zu den anderen sind +Vorstufen erhalten, die ebenfalls kurz vorher entstanden sein müssen. +Auch hier wie bei der Neugestaltung weit zurückliegender Schöpfungen +erweist es sich, daß die bewegteren Silhouetten der ersten Fassungen, +auch wenn sie uns natürlicher erschienen wären, beim Weiterschreiten +der Arbeit und beim Ausreifen des Werkes stets vereinfacht wurden. Die +Kontraste werden verstärkt und die ganze Komposition erscheint zum +Schlusse straffer zusammengezogen. + +In klassischer Form ist das Neue aber in den „Toteninseln“ +ausgesprochen, die dem folgenden Jahre ihre Entstehung verdanken. Den +Gedanken mag Böcklin schon längere Zeit mit sich herumgetragen haben, +ausgelöst wurde die schöpferische Tat durch eine Bestellung. Frau Berna, +die spätere Gräfin Oriola, kam im April des Jahres 1880 auf einer Reise +nach Rom in Böcklins Atelier, um ein Bild zu bestellen. Dieser dachte +zuerst an etwas Heiteres, einen Kinderreigen. Frau Berna wollte aber +eine Landschaft, „etwas zum Träumen“. + +Böcklin ging dann an den ganz anders gearteten Stoff, offenbar +nicht ohne daß dabei die Teilnahme an dem Schicksale der Bestellerin +mitgespielt hätte. Sie hatte, noch sehr jung, nach kurzer glücklicher +Ehe einen jungen Gemahl plötzlich verloren. Im Gemälde ist die Gattin +dargestellt, die den geliebten Mann zur letzten Ruhe führt. Als Frau +Berna im Mai von Rom zurückkam, standen die zwei frühsten Fassungen im +Atelier. Die erste hatte Böcklin zurückgestellt und er malte an der +zweiten und bemerkte dabei, hier habe sie etwas zum Träumen, es müsse so +still wirken, daß man erschrecke, wenn man anklopfe. Es fehlte noch der +Kahn und etwas Kraft in den Tönen. Das Gemälde für Frau Berna ist Ende +Juni an die Bestellerin abgeschickt worden. Böcklin ging darauf sofort +nach Ischia, und damals fand dann der an fruchtbaren Eindrücken so +reiche Ausflug nach den Ponzainseln statt. Dieser zweite Aufenthalt in +Ischia fand aber ein jähes Ende. Bei der Rückkehr von einer kleinen +Fahrt stand der Depeschenbote am Ufer, der die Nachricht von der +tödlichen Krankheit von Böcklins Vater brachte. Als der Künstler +wieder nach Florenz zurückgekehrt war, vollendete er nun auch die erste +Fassung, die sich jetzt in Basel befindet. Das Motiv der Toteninseln +stammt, wie der Sohn Carlo Böcklin überzeugend nachgewiesen und Böcklin +selbst gelegentlich gestanden haben soll, von Ischia. In der ersten +Fassung ist die Ähnlichkeit mit der der Stadt Ischia vorgelagerten +Felseninsel, die das Kastell Alfonsos V. trägt, auch nicht zu verkennen; +nur sind die gewaltigen Unterbauten des mittelalterlichen Kastells zu +Mauern von wenigen Metern Höhe geworden. Es hat also der Aufenthalt +von 1879 mit Marées hier seine Früchte getragen. Die eigentümliche +Beleuchtung, die den beiden ersten Fassungen gemein ist und von den +späteren Wiederholungen scharf absticht, ist dieselbe wie in der +„Grablegung“ von 1876. Es ist nach Sonnenuntergang. Der Widerschein des +westlichen Himmels erhellt noch die weißen Mauern und hellen Felsen, +während die tieferen Lokaltöne und der Osthimmel hinter der Insel längst +im Dunkel versunken sind--ähnlich wie das beim Alpenglühen der Fall ist. +Bei der „Toteninsel“ ist schon der Vorwurf aus dem neuen Stilgefühl +geboren und das gibt der Schöpfung ihre ungeheure Wucht. Die stark +ausgeprägten Vertikalen und Horizontalen wirken durch die Symmetrie +des Aufbaues noch besonders wuchtig. „Das Symmetrische ist entweder +langweilig oder feierlich“, sagte Böcklin einmal dem Verfasser. Es wirkt +hier feierlich und ist mächtig unterstützt durch den Vierklang der +Farbentöne, die das Bild beherrschen. Ein neuer Weg ist hier in der +Landschaftsmalerei beschritten. Die Leistungen des 17. und 19. +Jahrhunderts bieten kaum Analogien zu den Stimmungen, die hier +angeschlagen, den Wirkungen, die erreicht sind. Die erhabene +Feierlichkeit, die diese Schöpfung auszeichnet, ist selten in der +modernen Kunst. Der moderne Mensch genießt sie am ehesten noch in +ägyptischen Tempeln und gotischen Kathedralen und etwa noch in +Gartenanlagen der Barockzeit. + +Böcklins Florentiner Stil hätte das Höchste aber wohl erst in großem +Maßstabe hergegeben. Es klingt deshalb wie ein Hohn auf jegliche +staatliche Kunstpflege, daß von dem kunstverständigen Direktor Berg am +Breslauer Museum gerade im Jahre 1880 der Versuch gemacht worden ist, +den Meister für eine monumentale Arbeit, die Ausmalung des +Treppenhauses, zu gewinnen, und daß dieser Versuch mißraten ist. +Im Frühjahr 1881 arbeitet Böcklin an den Entwürfen für die eine Wand; +er wurde selber warm dabei, hoffte auch auf eine entscheidende Wendung +in seinen äußeren Verhältnissen. Herbst 1882 hatte er, wie es scheint, +noch die Absicht, sich den Einwänden der Landeskunstkommission, die +beigezogen werden mußte, zu fügen, dann aber ließ er jede Anfrage +in dieser Sache unbeantwortet. Er fürchtete offenbar, daß seine +künstlerische Phantasie unter neuen Einwänden und Konzessionen +schließlich erlahmen und daß ihm ein weiterer Briefwechsel die Stimmung +auch zu anderer Arbeit rauben werde. Er zog das Staffeleibild von nun an +für immer vor, nicht weil es ihm besser lag, sondern weil die Kritik +hier in der Regel erst nach der Vollendung einsetzte. + +[Illustration: +DIE HOFFNUNG 1880] + +Nachdem eine Lösung wie die der „Toteninsel“ gefunden war, gingen +in rascher Folge vier Jahre lang wenigstens von Staffeleibildern eine +ganze Reihe, großer wie kleiner, mit den auffallenden Merkmalen dieser +klassischen Zeit aus der Werkstatt hervor. Im Herbst 1880 entstanden, +angeregt durch die Argonautenfahrt des Sommers, noch die erste „Ruine am +Meer“ (die Vorstufe von Taf. 68) und die „Tritonenfamilie“ (Taf. 57). +Wie öfters bei Böcklin, löste dann auch die „Toteninsel“ ein Bild aus, +das in der allgemeinen Anlage verwandt, dessen Stimmung aber im vollen +Gegensatz zu diesem Werke steht. Es ist das der „Sommertag“, das Bild +des hellsten Tageslichtes und der wärmsten Sonnenglut, August 1881 +entstanden (Taf. 61). Ein Seitenstück zur „Toteninsel“ ganz anderer Art +bildet der „Heilige Hain“, dessen erste Fassung (Tafel 65) im Frühjahr +1882 vollendet wurde. Hier ist noch einmal mit symmetrischer Komposition +eine ähnlich feierliche Wirkung erzielt. Gleichzeitig schuf er für den +Kamin eines Festsaales in einem Breslauer Privathause das monumentale +Zweifigurenbild „Dichtung und Malerei“ (Taf. 67). In mehreren Gemälden +desselben Jahres stellt er eine einzelne monumental aufgefaßte Figur vor +blaue Luft mit tiefem Horizont, so im „Abenteurer“ (Taf. 62) und in den +hier nicht abgebildeten Werken „Drama“ und „Musa semne“; 1883 wurde das +„Spiel der Wellen“ und „Odysseus und Kalypso“ vollendet (Taf. 70 u. 72) +und der „Frühlingstag“ (Taf. 71) geschaffen, neben „Toteninsel“ und +„Heiligem Hain“ die markanteste Landschaft dieser Stilepoche. Es reizte +ihn aber nicht bloß das Einfache und Große, sondern gelegentlich auch +das Gigantische. Dem verdanken wir wohl den „Prometheus“, den man +zwischen den Wolken über das ganze Kaukasusgebirge ausgestreckt liegen +sieht. (Erste Fassung von 1882, Tafel 69.) Ein Bildgedanke, der für +diese Zeit charakteristisch ist und dreimal in rascher Folge eine immer +schlagendere Gestalt erhält, ist endlich das Heiligtum eines Gottes am +Meeresstrand. Die reifste Lösung ist Frühjahr 1884 entstanden und als +„Heiligtum des Herakles, zweite Fassung“, auf Tafel 73 abgebildet. Das +früheste Bild der Reihe geht unter anderem Namen und muß um 1878 +entstanden sein. + +Mit dem Frühjahr 1884 scheint aber das Interesse für die Probleme, +die ihn all diese Jahre in Atem gehalten haben, erschöpft. Es folgen +noch einige Wiederholungen größerer Hauptwerke dieser Zeit, aber es +wendet sich der Meister noch in Florenz entschieden anderen, meist +liebenswürdigeren Stoffen zu. Solche Bilder sind zwar auch bisher neben +den gewaltigeren einhergegangen, so die „Flora, Blumen weckend“, die +„Flora, Blumen streuend“ und die drei Gemälde, die unter dem Namen der +Hochzeitsreise bekannt sind (Taf. 48 u. 52, 50 u. 54), aber jetzt wird +alles weicher, das Kolorit zarter und eine Reihe wesentlich anders +gestimmter Gemälde wie der „Eremit“ (Taf. 75), „Gottvater zeigt dem Adam +das Paradies“ und andere, die erst später vollendet wurden, standen in +den letzten Florentiner Monaten im Atelier. + +Die Werke der Florentiner Zeit haben im Norden einen solch +leidenschaftlichen Widerspruch gefunden, wie die keiner andern Epoche +seines Lebens. Der Menge der Gebildeten waren sie zu wenig akademisch, +im Grunde wohl zu wenig philiströs; Werke wie die „Gefilde der Seligen“ +oder schon „Triton und Nereide“ waren nicht mißzuverstehen, da begriff +jeder, daß der Urheber anders dachte, da fühlte jeder den allem +Philiströsen feindlichen Grundzug einer fremden Lebensauffassung heraus. +Es haben sich aber auch Männer von Böcklin abgewandt, die seine früheren +Schöpfungen begeistert aufgenommen hatten und denen nur das Letzte und +Reifste allzustark war und es wurden selbst solche Bilder damals als +gesucht empfunden, in denen man seine stärksten Taten anerkennen muß. + +Daneben entstand ihm noch ein ernster zu nehmender Feind in einer neuen +von Frankreich eindringenden, in sich geschlossenen Kunstrichtung. Im +Jahre 1879 haben die französischen Pleinairisten den durchschlagenden +Erfolg bei der heranwachsenden Künstlerschaft errungen und der Anfang +der achtziger Jahre, als Böcklin den „Odysseus“, den „Abenteurer“ +und den „Prometheus“ schuf, war die Zeit des grauen Freilichts. +Bewundernd stand man vor den Sonnenflecken in Liebermanns Garten des +Altmännerhauses, während Böcklin, der in seinem „Pan im Schilf“ einst +Ähnliches geleistet hatte, den Impressionismus als einen überwundenen +Standpunkt ansah und erkannte, daß er seine letzten Ziele nur auf +anderem Wege erreichen konnte. + +Aber der Bruch mit der akademischen Malerei, der sich in den achtziger +Jahren vollzog, hatte doch das Gute, daß einer jeden Kraft, die auf +sich selber stand und ihre eigenen Wege ging, größere Achtung als vordem +gezollt wurde; das Gefühl für Persönlichkeiten nahm auch im weiteren +Publikum überhand; auf Feuerbachs Grab wurden Kränze gelegt, Thoma und +Marées wurden entdeckt und langsam aber stetig drang in den Jahren von +1878--1892 etwa auch Böcklins Richtung durch. Ein Kreis von jüngeren +Künstlern, die im Impressionismus aufgewachsen waren wie Max Klinger, +sah in ihm den Bahnbrecher einer besseren Zeit. + + + + +ZÜRICH 1885-1892, FLORENZ 1892-1901 + + +Im Jahre 1885 ist Böcklin nach Zürich übergesiedelt und hat bis kurz +nach seinem Schlaganfall dort eine ständige Wohnung gehabt. Ein Atelier +hat er sich auf der Höhe von Hirslanden nach eigenem Bedürfnis selbst +bauen lassen. Es ist ein einfacher Riegelbau, der etwa so aussieht +wie ein Güterschuppen und im Volksmunde „Komediwagen“ hieß; über das +unförmliche Äußere soll der Meister selbst erschrocken sein. Dagegen +wirkten die großen leeren Räume des Innern mit ihrer dunkeln Bespannung +und ihrer vortrefflichen Lichtverteilung stimmungsvoll, fast feierlich; +und die farbenprächtigen Bilder erstrahlten da in einem Glanze wie +in keinem Privatraum und keiner Sammlung. Der Zugang war an der +Sonnenstraße, der heutigen Freienstraße. Eine neue Straße, die vom +Meister ihren Namen erhalten hat, berührt heute eine hintere Ecke des +Baues. + +In Zürich fand sich Böcklin mit Gottfried Keller. Es war vielleicht +das schönste Erlebnis der letzten Jahrzehnte. Schon die Wahl des neuen +Wohnortes soll durch den Gedanken an den Dichter beeinflußt worden sein. + +Es fanden sich viele Berührungspunkte in Weltanschauung, Charakter und +Neigungen. Böcklin, der längere Stellen aus Kellers Prosa auswendig +kannte, schätzte an diesem besonders die Anschaulichkeit der Darstellung +und die Feinheit und Schärfe der Beobachtung. Er hat sich des alternden +Dichters mit rührender Sorgfalt angenommen, er fuhr mit ihm aus und +geleitete ihn sorgsam nach Hause. Zwei Jahre nach der Begegnung entstand +zu Böcklins sechzigstem Geburtstage jenes herrliche Gedicht von Keller. +Wieder zwei Jahre später, 1889, schuf Böcklin die Keller-Medaille zu +des Dichters siebzigstem Geburtstag. Der Dichter, der sonst durch +ungeschicktes Lob aufs äußerste gereizt werden konnte, hat seiner Freude +über diese Denkmünze in der nun bald folgenden letzten Krankheit oft in +gradezu kindlicher Weise Ausdruck gegeben. + +An Gottfried Keller erinnert nunmehr manches in Böcklins Werken, +namentlich der liebenswürdige Humor, mit dem Gestalten der Sage oder +Legende mitten in eine Umgebung hingestellt werden, die der Wirklichkeit +entnommen ist. + +[Illustration: (medallion)] + +Von Gemälden ist gleich nach der Übersiedlung das „Selbstbildnis mit dem +Weinglase“ (Taf. 77) entstanden. Es folgten ferner gleich anfangs die +Umgestaltungen zweier Bilder, die in München geschaffen waren: der +„Tanz um die Bacchussäule“ und der „Überfall von Seeräubern“ (erste, in +München entstandene Fassungen auf Taf. 35 und 36). Die „Ruine am Meer“ +wird nun zur „Burgruine“ (Taf. 78) im Norden. Dann aber begann der +Genius loci zu wirken und es entstanden Bilder, zu denen ihn neue +Erlebnisse und die neue Umgebung befruchtet hatten. Charakteristisch +sind für diese Zeit die Schöpfungen, deren Vorwürfe zum Teil an Ludwig +Richter oder Schwind erinnern. „Sieh, es lacht die Au“ (Taf. 84), vor +allem die „Heimkehr des Landsknechts“ (Taf. 83), dann der „Gang zum +Bacchustempel“ (Taf. 89), die „Alten in der Gartenlaube“ (Taf. 90), die +„Mariensage“ (Taf. 91). Und die Bilder des tollsten Humors: „Spiel der +Najaden“ (Taf. 80), „Susanna“, „Kentaur in der Dorfschmiede“ (Taf. 86). + +Die Farbenpracht dieser Schöpfungen ist aufs höchste gesteigert, +namentlich ist das leuchtende Rot nun eine stets wieder dominierende +Note. Die Worte Kellers: „Schauen wir der Iris Bogen, wenn der hellste +Himmel blaut“, passen auf keine Epoche Böcklins so gut wie auf die +Zürcher Zeit. Der Meister liebte die Farben des Zürcher Sees und der +neue Wohnort war sicher von Einfluß auf sein Kolorit. Es sind auch die +Motive einiger gefeierter Bilder in der Umgebung seines Wohnsitzes +festgestellt worden. Um alles zu erreichen, was im Bilde zu sagen ist, +versucht er es jetzt auch mit mehrteiligen Gemälden, wo der Gegensatz +des einen Bildes die Wirkung des andern steigern sollte; so entstanden +die „Mariensage“, der „Hl. Antonius, den Fischen predigend“ (Taf. 92), +die „Venus Genitrix“ (Taf. 94), die zwar erst später signiert, aber +schon 1892 fast vollendet gewesen ist. + +Als Stütze bei der Erschaffung seiner umfangreichen Tafelgemälde dienten +in dieser Zeit öfters Entwürfe in Bleistift, Kohle oder Kreide in +kleinstem Format. Böcklin malte jetzt mit Vorliebe auf Holz und entwarf +die Komposition auch etwa gleich mit gewöhnlicher Kreide auf den +Malgrund. Wenn umfangreiche Änderungen nötig wurden, ließ er einen +Teil der Tafel wieder abhobeln. + +In die Zürcher Zeit fallen auch die erneuten Versuche, plastische Werke +künstlerisch zu bemalen, die gemeinsam mit dem Schwiegersohne, dem +Bildhauer Peter Bruckmann, unternommen wurden. So schuf er den +„Froschkönig“, den zweiten Medusenschild, das Relief „Mutter und Kind“ +und endlich die Büste der Frau Böcklin. + +Es fehlte in diesen Jahren nicht mehr an außergewöhnlichen Ehrungen. Es +wurde der Maler 1889 Ehrenbürger der Stadt Zürich. Das Aufsehen, das die +Gottfried-Keller-Medaille erregt hatte, veranlaßte die Schweizerische +Bundesregierung, auch die Medaille für das Jubiläum der Schweizerischen +Eidgenossenschaft dem Meister zu übertragen. Es ging damit aber noch +schlimmer wie in Breslau. + +Nach Kellers Tod begann auch Böcklins Gesundheit zu wanken. Im +Herbst 1891 ist er von einer Reise nach Berlin mit einer nicht ganz +unbedenklichen Krankheit zurückgekehrt. Am 14. Mai 1892 traf ihn jener +erste Schlaganfall, der die Lähmung der letzten Jahre zur Folge hatte +und dem andere folgten. Als er notdürftig hergestellt war, drang die +Gattin darauf, daß er an der Riviera, die ihm schon so oft wohlgetan +hatte, seine Gesundheit suchen solle. Das Ehepaar wandte sich nach +Viareggio, ging nach etwa vierzehn Tagen nach Porte dei Marmi bis Ende +September und dann nach San Terenzo am Golf von Spezia. Hier ist eine +kleine Farbenskizze in Hochformat entstanden, eine „Villa am Meer“, im +Vordergrund ein großes Blumenbeet, ein Heim, wie der Künstler es sich +damals träumte. Böcklin trug sich zur Besorgnis seiner Gattin mit der +Hoffnung, eine ganze Insel erwerben zu können und sie künstlerisch +auszugestalten. + +Um die Jahreswende siedelt er nach der Villa Torre rossa am Abhang von +Fiesole über und beginnt wieder zu arbeiten. Er hat dort das Bildnis +der Frau Dr. Meyer aus Freiburg gemalt. Die Zeit vom April bis November +1893 verbrachte er noch einmal in San Terenzo; hier schuf er sein +Selbstbildnis für die Basler Sammlung. Der Künstler fühlte sich wieder +ordentlich bei Kräften. + +Wie in Dürers letzten Jahren kommt auch bei ihm der Drang zum Mitteilen +seiner künstlerischen Erfahrungen. Dagegen hielt er es für ganz +unmöglich, dies brieflich oder in einer Abhandlung zu tun. + +Herbst 1893 bis Frühjahr 1895 wohnte er wieder in Florenz, Viale +Principe Amedeo 12, um dann in eine eigene Villa überzusiedeln. Nach +einer Postkarte vom 1. Januar 1894 kann er wieder „arbeiten wie ein +Pferd“. Er hat in der Tat in den kühleren Monaten der Jahre 1893/94 und +1894/95 noch einmal erstaunlich viel zustande gebracht. Noch im Jahre +1893 ist eine erste Fassung „Francesca da Rimini“ (Taf. 93) entstanden +und datiert worden. Im April 1894 standen zwei neue Bilder, der „Orlando +furioso“ und eine „Ruine am Meer“, sowie die „Venus Genitrix“ (Taf. 94) +auf der Staffelei. Die heißen Monate freilich pflegte Böcklin in den +letzten Jahren auf Reisen und im Seebade zu verbringen, und in den +Frühsommer 1894 fällt jene Reise nach Berlin bei Anlaß der Gründung der +Zeitschrift „Pan“, die sich zu einem wahren Triumphzug gestaltete. Im +Herbst siedelte dann auch sein Sohn Carlo nach Florenz über, und der +Alte empfand es als eine große Wohltat, an ihm einen Helfer zu haben, +welcher die stets verhaßten geschäftlichen Angelegenheiten besorgte, und +auch als gelernter Architekt die Villa nach seinen Wünschen umbaute. + +Im zweiten Florentiner Winter 1894/95 wurde eine ganze Reihe von +Arbeiten abgeschlossen wie die letzte Version der „Nacht“, die „Ruine am +Meer“, die „Venus Genitrix“, und sogar neue begonnen, wie ein „Apostel +Paulus“, eine zweite „Francesca da Rimini“ und eine späte „Jagd der +Diana“. + +Der Umzug in die eigene Villa fand im April 1895 statt. + +„So habe ich endlich eine Heimat, nachdem ich lange genug herumgetrieben +worden als heimatloser Vagabund“, schreibt er an seine Schwester unterm +27. April 1895. Böcklin war siebenundsechzig und ein halbes Jahr alt, +als die Tage seines Vagabundenlebens gezählt waren. Die Villa sieht man +von weitem am Abhang von Fiesole, etwas unterhalb des Städtchens und +gegen rechts hin, also gegen Osten; daneben etwas weiter rechts die +später erworbene Villa des Sohnes und zwischen beiden, unmittelbar +darüber, die Villa mit dem roten Turm (Torre rossa), wo die Ehegatten im +Winter 1893 gewohnt hatten. Das Gebiet gehört nicht zum nahen Fiesole, +sondern noch zu San Domenico, einem weiter unten liegenden Vororte von +Florenz. Fremde, die die Stätte betreten durften, glaubten, Böcklin habe +sich von dieser Besitzung zu seinen Bildern anregen lassen und meinten, +da lerne man Böcklins Kunst erst verstehen. In der Tat fand der Meister +vieles von dem Schönen, was er jahrzehntelang in sich herumgetragen und +gemalt hatte, im Alter in seiner Besitzung vereinigt. Eine Privatstraße +führt am Bergabhang entlang zum Hause, rechts zwischen Bäumen winkt auf +einer weit vorspringenden Terrasse eine Marmorsäule mit einer Büste, wie +die Statue im „Heiligen Hain“. Wie dort empfängt der Schatten der Bäume +den Besucher, der durch das Gartentor eintritt. + +Böcklin hat die Wohltat des eigenen Heims tief empfunden und begann +sofort mit der Ausschmückung. Auf diese Weise sind die „Supraporten“ +entstanden und die Malereien in pompejanischer Art in einer Loggia. Auch +eine ganze Reihe von Staffeleibildern ist in diesen letzten fünf Jahren +noch begonnen und zu Ende geführt worden. Die Vorwürfe sind freilich +meist düsterer Art, Krieg (Taf. 95), Pest, Melancholie. Es ist, als ob +er das Unheil, das sich damals schon über Europa zusammenzog, bemerkt +und die Katastrophe vorausgesehen hätte. Ganz fehlte es freilich nicht +an heiteren Werken. Er feierte noch immer die Liebe und hat ganz zum +Schluß noch einmal ein Triptychon geschaffen, dem er die Schillerschen +Verse mit auf den Weg geben konnte: Horch, der Hain erschallt von +Liedern -- Und die Quelle rieselt klar. -- Raum ist in der kleinsten +Hütte -- Für ein glücklich liebend Paar. + +Im dritten Jahre des Aufenthalts in der eigenen Villa ist Böcklin +ein Siebziger geworden, und während der sechzigste Geburtstag noch im +kleinen Kreise gefeiert worden war, wurde der siebzigste Anlaß zu großen +z.T. überwältigenden Kundgebungen in Deutschland und der Schweiz, und +die Behörden der Vaterstadt und des Vaterlandes entschlossen sich zu +Ehrungen, die in demokratischen Gemeinwesen selten sind. Das Erhebendste +waren die Ausstellungen in Basel und Berlin, die beide etwa ein Drittel +des Gesamtwerkes vereinigen konnten. Da staunten Verehrer, die Böcklin +seit Jahrzehnten bewundert hatten, es verstummten Greise, die zwei +Menschenalter spöttelnd neben dem Altersgenossen einhergegangen waren. + +Diese Ehrungen weckten auch in der zweiten Heimat ein Echo, die +Fiesolaner brachten dem fremden Pittore einen Fackelzug. Die Direktion +der Uffizien hatte Böcklin schon früher seit 1894 wiederholt um ein +Selbstbildnis gebeten. + +Noch einmal muß der Künstler in der Folgezeit einen Anlauf genommen +haben. Aber wer ihn 1896 gesehen, erschrak im Frühjahr 1898 über sein +Aussehen. Die Beine wurden steifer und das Sprechen wurde ihm schwer. +Im Januar 1900 kam dann noch eine Influenza. Aber sein zäher Körper +hielt noch fast ein Jahr lang stand. Er hat die Arbeit noch einmal +aufgenommen, er verfolgte mit Schmerzen und ohne Hoffnung den Untergang +des Burenvolkes, selbst das erschütternde Bild eines Helden, mit dem es +zu Ende geht. Er las noch seinen Goethe und freute sich des Schattens +seiner Platanen. + +Am 16. Januar 1901 ist er im Alter von 73 Jahren nach kurzem Unwohlsein +entschlafen. Er liegt begraben auf dem Campo Santo degli Allori, dem +protestantischen Kirchhof am Wege nach der Certosa. + + +Der Meister ist auch in seinen letzten Werken nicht dem handwerksmäßigen +Betrieb verfallen, wenn auch das Alter und dann die Krankheit sich +geltend gemacht haben; er ist ein Künstler bis zum letzten Strich und +ein Erfinder bis zum letzten Bilde geblieben. Die Vergeistigung des +Materiellen und der Ausdruck in jedem Pinselstrich scheint seinen +Höhepunkt erst in solchen Werken zu erreichen, die in der Komposition +bereits die Folgen von Alter und Krankheit verraten. Fehlt auch jetzt +die geschlossene Wucht der achtziger Jahre, so findet er doch noch +Farbenkombinationen von hinreißender Schönheit, die noch kaum einem +Koloristen früherer Zeiten gelungen waren, und in der „Ruine am Meer“ +von 1894/95 hat er den Wolken und dem Meere Reize abgesehen, die so neu +sind, als ob er früher an ihnen achtlos vorbeigegangen wäre. Der Meister +war vielleicht der gebildetste Maler seines Jahrhunderts, aber das +Aussehen seiner Bilder hat trotz all seiner rechnerischen Überlegungen +etwas momentan Eingegebenes und trotz der Bestimmtheit seiner +Ausdrucksweise etwas Visionäres, Traumhaftes, fast Dilettantisches. + +Böcklin wurde und wird denn auch noch heute von vielen zünftigen und +fast allen akademischen Vertretern seines Berufes abgelehnt und er +hat sein Publikum zuerst bei Dichtern, Musikern und solchen bildenden +Künstlern gefunden, die Eindrücke von seinen Werken empfangen haben, +bevor sie selber alle Weihen ihrer Zunft erhalten hatten. Der Abstand +vom Üblichen war einst zu groß und ist es noch heute. + +Aber es fragt sich, ob nicht jener Bildhauer recht hatte, der schon +in den fünfziger Jahren meinte, Böcklin sei mehr Künstler als andere +Künstler, und ob nicht die Zünftigen späterer Zeiten dies anerkennen +werden. Die Hochflut der Böcklinbegeisterung ist heute verebbt und zwei +Künstler, die ein Jahrzehnt jünger sind, nehmen die Stelle ein, die vor +zwei Jahrzehnten unserem Meister eingeräumt wurde: Cézanne und Hans +von Marées. Aber solche Änderungen des Zeitgeschmackes treten mit +psychologischer Notwendigkeit ein und sie haben für die Unsterblichkeit +nichts zu bedeuten. Es sollte zu denken geben, daß gerade Hans von +Marées dem Menschen und dessen Künstlertum die Anerkennung nie versagen +konnte, obwohl er einen eigenen und damit einen anderen Weg gegangen +ist. + +Böcklin ist im Leben dem Vorteil stets aus dem Wege gegangen, wenn +seine Kunst gefährdet schien. Was in seinen Werken dem oberflächlichen +Beurteiler ein geistreicher oder unverständlicher Einfall schien, war +die natürliche Folge einer langen, schrittweisen Entwicklung, die sich +im Stillen vollzogen hatte, war eine Idee, die mit unwiderstehlicher +Gewalt zum Ausdruck kam. Es war dem Künstler vergönnt, durch die Arbeit +vieler Jahrzehnte einen Stil auszubilden, der sich von dem der anderen +Menschen unterschied und mit einer Deutlichkeit ohnegleichen seine +eigenen Ekstasen wiedergab. Ein und dasselbe Motiv wurde wie die Madonna +bei den alten Meistern immer und immer wieder dargestellt und immer und +immer wieder umgegossen, bis alle Schlacken der Tradition verschwunden +waren und der herrlichste Ausdruck seiner tiefsten Gefühle erstand. + +Angesichts des Gesamtwerkes sollte man anerkennen, daß Böcklin gewachsen +ist wie ein Baum, der nicht beschnitten wurde, und man sollte diese +Vollnatur nicht in das Prokrustesbett fremder Ideale zwingen wollen. + + +Unter den Bildnissen gibt das in München entstandene „Selbstbildnis +mit dem fiedelnden Tod“ (Taf. 37) wohl die tiefsinnigsten Andeutungen +über den melancholischen Unterton seiner enthusiastischen Kunst. Den +äußeren Menschen, wie er in der Blüte der Jahre den Freunden erschien, +verkörpert am besten das etwas spätere, in Florenz entstandene, das +unser Titelblatt ziert. In jenen letzten Jahren, da der Verfasser +ihn noch hat sprechen können, bot er einen ehrwürdigen Anblick und +überraschte durch sein sachliches, fast nüchtern zu nennendes Urteil. +Nur die Augen verrieten sofort die außerordentliche Erregbarkeit. Er +verband mit der Genialität „jene kleinbürgerliche, fast philiströse +Schlichtheit“, eine Mischung, die man mit Ad. Frey gewiß als etwas +spezifisch Schweizerisches bezeichnen darf. Aber nur der Rock war +schlicht. Sein Geist hatte die Flügel der Morgenröte und es war ihm +vergönnt, dem Gesang der Seligen zu lauschen, wenn er sich auf stolzen +Fittichen von der Erde erhob. + + + + +TAFELN + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + +[Errors and Anomalies / Fehler und Unregelmäßigkeiten + +stehen : stehn + _variant spellings as in original_ + _verschiedene Rechtschreibung wie im Original_ + +der Niederländer des 15. und 16. / Jahrhunderts + _original reads_ Jahrhunders + _im Original steht_ Jahrhunders ] + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BÖCKLIN *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. 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