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+Project Gutenberg's Belagerung von Mainz, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Belagerung von Mainz
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: February 1, 2006 [EBook #17657]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BELAGERUNG VON MAINZ ***
+
+
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+
+Produced by Andrew Sly
+
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+
+
+Belagerung von Mainz
+
+Goethe
+
+
+
+Montag den 26. Mai 1793 von Frankfurt nach Höchst und Flörsheim;
+hier stand viel Belagerungsgeschütz. Der alte freie Weg nach Mainz
+war gesperrt, ich mußte über die Schiffbrücke bei Rüsselsheim; in
+Ginsheim ward gefüttert; der Ort ist sehr zerschossen; dann über die
+Schiffbrücke auf die Nonnenaue, wo viele Bäume niedergehauen lagen,
+sofort auf dem zweiten Teil der Schiffbrücke über den größern
+Arm des Rheins. Ferner auf Bodenheim und Oberulm, wo ich mich
+kantonierungsmäßig einrichtete und sogleich mit Hauptmann Vent nach
+dem rechten Flügel über Hechtsheim ritt, mir die Lage besah von
+Mainz, Kastel, Kostheim, Hochheim, Weißenau, der Mainspitze und den
+Rheininseln. Die Franzosen hatten sich der einen bemächtigt und sich
+dort eingegraben; ich schlief nachts in Oberulm.
+
+Dienstag den 27. Mai eilte ich, meinen Fürsten im Lager bei
+Marienborn zu verehren, wobei mir das Glück ward, dem Prinzen
+Maximilian von Zweibrücken, meinem immer gnädigen Herrn, aufzuwarten;
+vertauschte dann sogleich gegen ein geräumiges Zelt in der Fronte des
+Regiments mein leidiges Kantonierungsquartier. Nun wollt' ich auch
+die Mitte des Blockadehalbkreises kennen lernen, ritt auf die
+Schanze vor dem Chausseehaus, übersah die Lage der Stadt, die neue
+französische Schanze bei Zahlbach und das merkwürdig-gefährliche
+Verhältnis des Dorfes Bretzenheim. Dann zog ich mich gegen das
+Regiment zurück und war bemüht, einige genaue Umrisse aufs Papier zu
+bringen, um mir die Bezüge und die Distanzen der landschaftlichen
+Gegenstände desto besser zu imprimieren.
+
+Ich wartete dem General Grafen Kalckreuth in Marienborn auf, und
+war abends bei demselben; da denn viel über eine Märe gesprochen
+wurde, daß in dem Lager der anderen Seite vergangene Nacht der
+Lärm entstanden, als sei ein deutscher General zu den Franzosen
+übergegangen, worüber sogar das Feldgeschrei verändert worden und
+einige Bataillons ins Gewehr getreten.
+
+Ferner unterhielt man sich über das Detail der Lage überhaupt,
+über Blockade und künftige Belagerung. Viel ward gesprochen über
+Persönlichkeiten und deren Verhältnisse, die gar mancherlei wirken,
+ohne daß sie zur Sprache kommen. Man zeigte daraus, wie unzuverlässig
+die Geschichte sei, weil kein Mensch eigentlich wisse, warum oder
+woher dieses und jenes geschehe.
+
+Mittwoch den 28. Mai bei Obrist von Stein auf dem Forsthause, das
+äußerst schön liegt; ein höchst angenehmer Aufenthalt! Man fühlte,
+welch eine behagliche Stelle es gewesen, Landjägermeister eines
+Kurfürsten von Mainz zu sein. Von da übersieht man den großen
+landschaftlichen Kessel, der sich bis Hochheim hinüber erstreckt, wo
+in der Urzeit Rhein und Main sich wirbelnd drehten und restagnierend
+die besten Äcker vorbereiteten, ehe sie bei Bieberich westwärts zu
+fließen völlige Freiheit fanden.
+
+Ich speiste im Hauptquartier; der Rückzug aus der Champagne ward
+besprochen; Graf Kalckreuth ließ seiner Laune gegen die Theoristen
+freien Lauf.
+
+Nach der Tafel ward ein Geistlicher hereingebracht, als
+revolutionärer Gesinnungen verdächtig. Eigentlich war er toll, oder
+wollte so scheinen; er glaubte Turenne und Conde gewesen, und nie von
+einem Weibe geboren zu sein; durch das Wort werde alles gemacht! Er
+war guter Dinge und zeigte in seiner Tollheit viel Konsequenz und
+Gegenwart des Geistes.
+
+Ich suchte mir die Erlaubnis, Lieutenant von Itzenplitz zu besuchen,
+welcher am 9. Mai in einer Affäre vor Mainz mit Schuß und Schub
+verwundet und endlich gefangen genommen worden. Feindlicherseits
+betrug man sich auf das schonendste gegen ihn und gab ihn bald wieder
+heraus. Reden durft' er noch nicht, doch erfreute ihn die Gegenwart
+eines alten Kriegskameraden, der manches zu erzählen wußte.
+
+Gegen Abend fanden sich die Offiziere des Regiments beim Marketender,
+wo es etwas mutiger herging als vorm Jahr in der Champagne: denn wir
+tranken den dortigen schäumenden Wein, und zwar im Trocknen beim
+schönsten Wetter. Meiner vormaligen Weissagung ward auch gedacht; sie
+wiederholten meine Worte: "Von hier und heute geht eine neue Epoche
+der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."
+
+Wunderbar genug sah man diese Prophezeiung nicht etwa nur dem
+allgemeinen Sinn, sondern dem besondern Buchstaben nach genau
+erfüllt, indem die Franzosen ihren Kalender von diesen Tagen an
+datierten.
+
+Wie aber der Mensch überhaupt ist, besonders aber im Kriege, daß er
+sich das Unvermeidliche gefallen läßt und die Intervalle zwischen
+Gefahr, Not und Verdruß mit Vergnügen und Lustbarkeit auszufüllen
+sucht: so ging es auch hier; die Hautboisten von Thadden spielten ca
+ira und den Marseiller Marsch, wobei eine Flasche Champagner nach der
+andern geleert wurde.
+
+Abends 8 Uhr kanonierte man stark von den Batterien des rechten
+Flügels.
+
+Donnerstag den 29. Mai früh 9 Uhr Viktoria wegen des Siegs der
+Östreicher bei Famars. Dieses allgemeine Abfeuern nützte mir, die
+Lage der Batterien und die Stellung der Truppen kennen zu lernen;
+zugleich war ein ernstlicher Handel bei Bretzenheim, denn freilich
+hatten die Franzosen alle Ursache, uns aus diesem so nahe gelegenen
+Dorfe zu vertreiben.
+
+Inzwischen erfuhr man, woher das Märchen der gestrigen Desertion
+entstanden: durch seltsam zufällige Kombinationen, so abgeschmackt
+als möglich, aber doch einige Zeit umherlaufend.
+
+Ich begleitete meinen gnädigsten Herrn nach dem linken Flügel,
+wartete dem Herrn Landgrafen von Darmstadt auf, dessen Lager
+besonders zierlich mit kiefernen Lauben ausgeputzt war, dessen Zelt
+jedoch alles, was ich je in dieser Art gesehen, übertraf, wohl
+ausgedacht, vortrefflich gearbeitet, bequem und prächtig.
+
+Gegen Abend war uns, mir aber besonders, ein liebenswürdiges
+Schauspiel bereitet; die Prinzessinnen von Mecklenburg hatten im
+Hauptquartier zu Bodenheim bei Ihro Majestät dem Könige gespeist und
+besuchten nach Tafel das Lager. Ich heftelte mich in mein Zelt ein
+und durfte so die hohen Herrschaften, welche unmittelbar davor ganz
+vertraulich auf und nieder gingen, auf das genauste beobachten. Und
+wirklich konnte man in diesem Kriegsgetümmel die beiden jungen Damen
+für himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck auch mir niemals
+verlöschen wird.
+
+Freitag den 30. Mai. Früh hörte man hinter dem Lager
+Kleingewehrfeuer, welches einige Apprehension gab; dies klärte sich
+dahin auf, daß die Bauern den Fronleichnam gefeiert. Ferner ward
+Viktoria geschossen aus Kanonen und kleinem Gewehr, jenes glücklichen
+Ereignisses in den Niederlanden wegen; dazwischen scharf aus der
+Stadt und hinein. Nachmittag ein Donnerwetter.
+
+Holländische Artillerie-flottille ist angekommen, liegt bei Ebenheim.
+
+In der Nacht vom 30. zum 31. Mai schlief ich, wie gewöhnlich ganz
+angezogen, ruhig im Zelte, als ich vom Platzen eines kleinen
+Gewehrfeuers aufgeweckt wurde, das nicht allzu entfernt schien.
+Ich sprang auf und heraus und fand schon alles in Bewegung; es war
+offenbar, daß Marienborn überfallen sei. Bald darauf feuerten unsere
+Kanonen von der Batterie vor dem Chausseehaus, dies mußte also einem
+herandringenden Feinde gelten. Das Regiment des Herzogs, von dem eine
+Schwadron hinter dem Chausseehaus gelagert war, ruckte aus; der
+Moment war kaum erklärbar. Das kleine Gewehrfeuer in Marienborn, im
+Rücken unserer Batterien, dauerte fort, und unsere Batterien schossen
+auch. Ich setzte mich zu Pferde und ritt weiter vor, wo ich, nach
+früher genommener Kenntnis, ob es gleich Nacht war, die Gegend
+beurteilen konnte. Ich erwartete jeden Augenblick, Marienborn in
+Flammen zu sehen, und ritt zu unseren Zelten zurück, wo ich die Leute
+des Herzogs beschäftigt fand, ein- und aufzupacken, auf alle Fälle.
+Ich empfahl ihnen meinen Koffer und Portefeuille und besprach unsern
+Rückzug. Sie wollten auf Oppenheim zu; dorthin konnte ich leicht
+folgen, da mir der Fußpfad durch das Fruchtfeld bekannt war, doch
+wollt' ich den Erfolg erst abwarten und mich nicht eher entfernen,
+bis das Dorf brennte und der Streit sich hinter demselben weiter
+heraufzöge.
+
+In solcher Ungewißheit sah ich der Sache zu, aber bald legte sich
+das kleine Gewehrfeuer, die Kanonen schwiegen, der Tag fing an, zu
+grauen, und das Dorf lag ganz ruhig vor mir. Ich ritt hinunter. Die
+Sonne ging auf mit trübem Schein, und die Opfer der Nacht lagen neben
+einander. Unsere riesenhaften, wohlgekleideten Kürassiere machten
+einen wunderlichen Kontrast mit den zwergenhaften, schneiderischen,
+zerlumpten Ohnehosen; der Tod hatte sie ohne Unterschied hingemäht.
+Unser guter Rittmeister La Viere war unter den ersten geblieben,
+Rittmeister von Voß, Adjutant des Grafen Kalckreuth, durch die Brust
+geschossen, man erwartete seinen Tod. Ich war veranlaßt, eine kurze
+Relation dieses wunderbaren und unangenehmen Vorfalls aufzusetzen,
+welche ich hier einschalte und sodann noch einige Partikularitäten
+hinzufüge.
+
+ * * * * *
+
+Von dem Ausfall der Franzosen in der Nacht auf Marienborn vermelde
+ich folgendes:
+
+Das Hauptquartier Marienborn liegt in der Mitte des Halbkreises von
+Lagern und Batterien, die am linken Ufer des Rheins oberhalb Mainz
+anfangen, die Stadt nicht gar in der Entfernung einer halben Stunde
+umgeben und unterhalb derselben sich wieder an den Fluß anschließen.
+Die Kapelle zum heiligen Kreuz, die Dörfer Weißenau, Hechtsheim,
+Marienborn, Drais, Gunzenheim, Mombach werden von diesem Kreise
+entweder berührt oder liegen nicht weit außerhalb desselben. Die
+beiden Flügel bei Weißenau und Mombach wurden vom Anfang der Blockade
+an von den Franzosen öfters angegriffen und ersteres Dorf abgebrannt,
+die Mitte hingegen blieb ohne Anfechtung. Niemand konnte vermuten,
+daß sie dahin einen Ausfall richten würden, weil sie in Gefahr kamen,
+von allen Seiten ins Gedränge zu geraten, abgeschnitten zu werden,
+ohne irgend etwas von Bedeutung auszurichten. Indessen waren die
+Vorposten um Bretzenheim und Dalheim, Orte, die vor Marienborn in
+einem Grunde liegen, der sich nach der Stadt zieht, immer aneinander,
+und man behauptete Bretzenheim diesseits um so eifriger, als die
+Franzosen bei Zahlbach, einem Kloster nahe bei Dalheim, eine Batterie
+errichtet hatten und damit das Feld und die Chaussee bestrichen.
+
+Eine Absicht, die man dem Feinde nicht zutraute, bewog ihn endlich zu
+einem Ausfall gegen das Hauptquartier. Die Franzosen wollten -- so
+ist man durch die Gefangenen überzeugt -- den General Kalckreuth, der
+in Marienborn, den Prinzen Ludwig, Ferdinands Sohn, der auf dem
+Chausseehause einige hundert Schritte vom Dorfe in Quartier lag,
+entweder gefangen fortführen oder tot zurücklassen. Sie wählten die
+Nacht vom 30. zum 31., zogen sich, vielleicht 3000 Mann, aus dem
+Zahlbacher Grunde, schlängelnd über die Chaussee und durch einige
+Gründe bis wieder an die Chaussee, passierten sie wieder und eilten
+auf Marienborn los. Sie waren gut geführt und nahmen ihren Weg
+zwischen den östreichischen und preußischen Patrouillen durch, die
+leider, wegen geringen Wechsels von Höhen und Tiefen, nicht an
+einander stießen. Auch kam ihnen noch ein Umstand zu Hülfe.
+
+Tags vorher hatte man Bauern beordert, das Getreide, das gegen die
+Stadt zu steht, in dieser Nacht abzumähen; als diese nach vollendeter
+Arbeit zurückgingen, folgten ihnen die Franzosen, und einige
+Patrouillen wurden dadurch irre gemacht. Sie kamen unentdeckt
+ziemlich weit vorwärts, und als man sie bemerkte und auf sie schoß,
+drangen sie in der größten Eile nach Marienborn vor und erreichten
+das Dorf gegen 1 Uhr, wo man sorglos entweder schlief oder wachte.
+Sie schossen sogleich in die Häuser, wo sie Licht sahen, drängten
+sich durch die Straße und umringten den Ort und das Kloster, in
+welchem der General lag. Die Verwirrung war groß, die Batterien
+schossen, das Infanterieregiment Wegner rückte gleich vor, eine
+Schwadron des Herzogs von Weimar, die hinter dem Orte lag, war bei
+der Hand, die sächsischen Husaren desgleichen. Es entstand ein
+verwirrtes Gefecht.
+
+Indessen hörte man im ganzen Umkreis des blockierenden Lagers das
+Feuern von falschen Attacken, jeder wurde auf sich aufmerksam
+gemacht, und niemand wagte, dem andern zu Hülfe zu eilen.
+
+Der abnehmende Mond stand am Himmel und gab ein mäßiges Licht. Der
+Herzog von Weimar nahm den übrigen Teil seines Regiments, das eine
+Vietelstunde hinter Marienborn auf der Höhe lag, und eilte hinzu,
+Prinz Ludwig führte die Regimenter Wegner und Thadden, und nach
+einem anderthalbstündigen Gefechte trieb man die Franzosen gegen die
+Stadt. An Toten und Blessierten ließen sie 30 Mann zurück, was sie
+mit sich geschleppt, ist unbekannt.
+
+Der Verlust der Preußen an Toten und Blessierten mag 90 Mann sein.
+Major La Viere von Weimar ist tot; Rittmeister und Adjutant von
+Voß tödlich verwundet. Ein unglücklicher Zufall vermehrte den
+diesseitigen Verlust: denn als sich die Feldwachen von Bretzenheim
+auf Marienborn zurückziehen wollten, kamen sie unter die Franzosen
+und wurden zugleich mit ihnen von unsern Batterien beschossen.
+
+Als es Tag ward, fand man Pechkränze und mit Pech überzogene
+Birkenwellen an allen Enden des Dorfes; sie hatten die Absicht, wenn
+der Coup gelänge, zuletzt das Dorf anzuzünden.
+
+Man erfuhr, daß sie zu gleicher Zeit versucht hatten, eine Brücke
+von einer Rheininsel an der Mainspitze, in die sie sich seit einiger
+Zeit genistet, auf die nächste Insel zu schlagen, wahrscheinlich in
+der Absicht, gegen die Schiffbrücken bei Ginsheim etwas vorzunehmen.
+Das zweite Treffen der Kette ward näher an das erste herangezogen,
+und des Herzogs Regiment steht nah bei Marienborn.
+
+Man weiß, daß beim Ausfall Nationaltruppen vorangingen, dann
+Linien-, dann wieder Nationaltruppen folgten; es mag daher das
+Gerücht entstanden sein, die Franzosen seien in drei Kolonnen
+ausgezogen.
+
+ * * * * *
+
+Den 1. Juni rückte das Regiment näher nach Marienborn; der Tag ging
+hin mit Veränderung des Lagers; auch die Infanterie veränderte ihre
+Stellung und man traf verschiedene Verteidigungsanstalten.
+
+Ich besuchte Rittmeister von Voß, den ich ohne Hoffnung fand; er saß
+aufrecht im Bette und schien seine Freunde zu kennen, zu sprechen
+vermocht' er nicht. Auf einen Wink des Chirurgen begaben wir uns weg;
+und ein Freund machte mich unterwegs aufmerksam, daß vor einigen
+Tagen in demselben Zimmer ein heftiger Streit entstanden, indem einer
+gegen viele hartnäckig behauptet: Marienborn, als Hauptquartier,
+liege viel zu nahe an der blockierten und zu belagernden Stadt, man
+habe sich gar wohl eines Überfalls zu versehen.
+
+Weil aber überhaupt eine heftige Widerrede gegen alles, was von
+obenherein befohlen und veranstaltet war, zur Tagesordnung gehörte,
+so ging man drüber hinaus und ließ diese Warnung, so wie manche
+andere, verhallen.
+
+Den 2. Juni ward ein Bauer aus Oberulm gehangen, der beim Überfall
+die Franzosen angeführt hatte: denn ohne die genauste Kenntnis des
+Terrains wäre das schlängelnde Heranziehen nicht denkbar gewesen; zum
+Unglück für ihn wußte er nicht ebenso gut mit den Rückkehrenden die
+Stadt zu erreichen und wurde von den ausgesandten Patrouillen, die
+alles auf das sorgfältigste durchsuchten, eingefangen.
+
+Ward Major La Viere mit allen militärischen Ehren vor den Standarten
+begraben. Starb Rittmeister von Voß. Waren Prinz Ludwig, General
+Kalckreuth und mehrere bei dem Herzog zur Tafel. Abends Feuern an der
+Rheinspitze.
+
+Den 3. Juni große Mittagstafel bei Herrn von Stein auf dem
+Jägerhause; herrliches Wetter, unschätzbare Aussicht, ländlicher
+Genuß, durch Szenen des Todes und Verderbens getrübt. Abends wurde
+Rittmeister von Voß neben La Viere niedergesenkt.
+
+Den 5. Juni. Man fährt fort, an der Verschanzung des Lagers ernstlich
+zu arbeiten.
+
+Große Attacke und Kanonade an der Mainspitze.
+
+Den 6. Juni war die preußische und östreichische Generalität bei
+Serenissimo zu Tafel, in einem großen, von Zimmerwerk zu solchen
+Festen auferbauten Saale. Ein Obristlieutenant vom Regiment Wegner,
+schief gegen mir über sitzend, betrachtete mich gewissermaßen mehr
+als billig.
+
+Den 7. Juni schrieb ich früh viel Briefe. Bei Tafel im Hauptquartier
+schwadronierte ein Major viel über künftige Belagerung und redete
+sehr frei über das Benehmen bisher.
+
+Gegen Abend führte mich ein Freund zu jenem beobachtenden
+Obristlieutenant, der vor einigen Tagen meine Bekanntschaft zu machen
+gewünscht hatte. Wir fanden keine sonderliche Aufnahme; es war Nacht
+geworden, es erschien keine Kerze. Selterswasser und Wein, das man
+jedem Besuchenden anbot, blieb aus, die Unterhaltung war null. Mein
+Freund, welcher diese Verstimmung dem Umstande zuschrieb, daß wir zu
+spät gekommen, blieb nach dem Abschiede einige Schritte zurück, um
+uns zu entschuldigen, jener aber versetzte zutraulich, es habe gar
+nichts zu sagen: denn gestern bei Tafel habe er schon an meinen
+Gesichtszügen gesehen, daß ich gar der Mann nicht sei, wie er sich
+ihn vorgestellt habe. Wir scherzten über diesen verunglückten Versuch
+neuer Bekanntschaft.
+
+Den 8. Juni setzte ich meine Arbeit an 'Reineke Fuchs' fleißig fort,
+ritt mit durchlauchtigstem Herzog nach dem darmstädtischen Lager, wo
+ich den Herrn Landgrafen als meinen vieljährigen unabänderlich
+gnädigsten Herrn mit Freuden verehrte.
+
+Abends kam Prinz Maximilian von Zweibrücken mit Obrist von Stein zu
+Serenissimo; da ward manches durchgesprochen; zuletzt kam das
+offenbare Geheimnis der nächstkünftigen Belagerung an die Reihe.
+
+Den 9. Juni glückte den Franzosen ein Ausfall auf Heiligkreuz; es
+gelang ihnen, Kirche und Dorf unmittelbar vor den östreichischen
+Batterien anzuzünden, einige Gefangene zu machen und sich nicht ohne
+Verlust hierauf zurückzuziehen.
+
+Den 10. Juni wagten die Franzosen einen Tagesüberfall auf
+Gunzenheim, der zwar abgeschlagen ward, aber uns doch wegen des
+linken Flügels, und besonders wegen des Darmstädter Lagers, einige
+Zeit in Verlegenheit und Sorge setzte.
+
+Den 11. Juni. Das Lager Ihro Majestät des Königs war nun etwa 1000
+Schritte über Marienborn bestimmt und angelegt, gerade an dem
+Abhange, wo der große Kessel, in welchem Mainz liegt, sich endigt, in
+aufsteigenden Lehmwänden und Hügeln; dieses gab zu den anmutigsten
+Einrichtungen Gelegenheit. Das leicht zu behandelnde Erdreich bot
+sich den Händen geschickter Gärtner dar, welche die gefälligste
+Parkanlage mit wenig Bemühung bildeten: die abhängige Seite ward
+geböscht und mit Rasen belegt, Lauben gebaut, auf- und absteigende
+Kommunikationsgänge gegraben, Flächen planiert, wo das Militär in
+seiner ganzen Pracht und Zierlichkeit sich zeigen konnte, anstoßende
+Wäldchen und Büsche mit in den Plan gezogen, so daß man bei der
+köstlichsten Aussicht nichts mehr wünschen konnte, als diese
+sämtlichen Räume ebenso bearbeitet zu sehen, um des herrlichsten
+Parks von der Welt zu genießen. Unser Krause zeichnete sorgfältig die
+Aussicht mit allen ihren gegenwärtigen Eigentümlichkeiten.
+
+Den 14. Juni. Eine kleine Schanze, welche die Franzosen unterhalb
+Weißenau errichtet hatten und besetzt hielten, stand der Eröffnung
+der Parallele im Weg; sie sollte nachts eingenommen werden, und
+mehrere davon unterrichtete Personen begaben sich auf diesseitigen
+Schanzen unseres rechten Flügels, von wo man die ganze Lage übersehen
+konnte. In der sehr finstern Nacht erwartete man nunmehr, da man die
+Stelle recht gut kannte, wohin unsere Truppen gesendet waren, Angriff
+und Widerstand sollten durch ein lebhaftes Feuer ein bedeutendes
+Schauspiel geben. Man harrte lang, man harrte vergebens; statt dessen
+gewahrte man aber eine weit lebhaftere Erscheinung. Alle Posten
+unserer Stellung mußten angegriffen sein, denn in dem ganzen Kreis
+derselben erblickte man ein lebhaftes Feuern, ohne daß man dessen
+Veranlassung irgend begreifen konnte; auf der Stelle aber, von der
+eigentlich die Rede sein sollte, blieb alles tot und stumm.
+Verdrießlich gingen wir nach Hause, besonders Herr Gore, als auf
+solche Feuer- und Nachtgefechte der Begierigste. Der folgende Tag
+gab uns die Auflösung dieses Rätsels. Die Franzosen hatten sich
+vorgenommen, in dieser Nacht alle unsere Posten anzugreifen,
+und deshalb ihre Truppen aus den Schanzen weg und zum Angriff
+zusammengezogen. Unsere Abgesendeten daher, die mit der größten
+Vorsicht an die Schanze herangingen, fanden weder Waffen noch
+Widerstand; sie erstiegen die Schanze und fanden sie leer, einen
+einzigen Kanonier ausgenommen, der sich über diesen Besuch höchlich
+verwunderte. Während des allgemeinen Feuerns, das nur sie nicht
+betraf, hatten sie gute Zeit, die Wälle zu zerstören und sich
+zurückzuziehen. Jener allgemeine Angriff hatte auch keine weitern
+Folgen; die alarmierten Linien beruhigten sich wieder mit dem
+Einbruch des Tags.
+
+Den 16. Juni. Die immer besprochene und dem Feind verheimlichte
+Belagerung von Mainz nahte sich denn doch endlich; man sagte sich
+ins Ohr, heute nacht solle die Tranchee eröffnet werden. Es war
+sehr finster, und man ritt den bekannten Weg nach der Weißenauer
+Schanze; man sah nichts, man hörte nichts, aber unsere Pferde
+stutzten auf einmal, und wir wurden unmittelbar vor uns einen kaum zu
+unterscheidenden Zug gewahr. Östreichische, grau gekleidete Soldaten,
+mit grauen Faschinen auf den Rücken, zogen stillschweigend dahin,
+kaum daß von Zeit zu Zeit der Klang aneinander schlagender Schaufeln
+und Hacken irgend eine nahe Bewegung andeutete. Wunderbarer und
+gespensterhafter läßt sich kaum eine Erscheinung denken, die sich
+halb gesehen immer wiederholte, ohne deutlicher gesehen zu werden.
+Wir blieben auf dem Flecke halten, bis daß sie vorüber waren, denn
+von da aus konnten wir wenigstens nach der Stelle hinsehen, wo sie im
+Finstern wirken und arbeiten sollten. Da dergleichen Unternehmungen
+immer in Gefahr sind, dem Feind verraten zu werden, so konnte man
+erwarten, daß von den Wällen aus auf diese Gegend, und wenn auch nur
+auf gut Glück, gefeuert werden würde. Allein in dieser Erwartung
+blieb man nicht lange, denn gerade an der Stelle, wo die Tranchee
+angefangen werden sollte, ging auf einmal Kleingewehrfeuer los, allen
+unbegreiflich. Sollten die Franzosen sich herausgeschlichen, bis an
+oder gar über unsere Vorposten herangewagt haben? Wir begriffen es
+nicht. Das Feuern hörte auf, und alles versank in die allertiefste
+Stille. Erst den andern Morgen wurden wir aufgeklärt, daß unsere
+Vorposten selbst auf die still heranziehende Kolonne wie auf eine
+feindliche gefeuert hatten; diese stutzte, verwirrte sich, jeder warf
+seine Faschine weg, Schaufeln und Hacken wurden allenfalls gerettet;
+die Franzosen, auf den Wällen aufmerksam gemacht, waren auf
+ihrer Hut, man kam unverrichteter Sache zurück, die sämtliche
+Belagerungsarmee war in Bestürzung.
+
+Den 17. Juni. Die Franzosen errichten eine Batterie an der Chaussee.
+Nachts entsetzlicher Regen und Sturm.
+
+Den 18. Juni. Als man die neulich mißglückte Eröffnung der Tranchee
+unter den Sachverständigen besprach, wollte sich finden, daß man viel
+zu weit von der Festung mit der Anlage geblieben sei; man beschloß
+daher sogleich, die dritte Parallele näher zu rücken und dadurch aus
+jenem Unfall entschiedenen Vorteil zu ziehen. Man unternahm es, und
+es ging glücklich vonstatten.
+
+Den 24. Juni. Franzosen und Klubisten, wie man wohl bemerken konnte,
+daß es Ernst werde, veranstalteten, dem zunehmenden Mangel an
+Lebensmitteln Einhalt zu tun, eine unbarmherzige Exportation gegen
+Kastel, von Greisen und Kranken, Frauen und Kindern, die ebenso
+grausam wieder zurückgewiesen wurden. Die Not wehr- und hülfloser,
+zwischen innere und äußere Feinde gequetschter Menschen ging über
+alle Begriffe.
+
+Man versäumte nicht, den östreichischen Zapfenstreich zu hören,
+welcher alle andere der ganzen alliierten Armee übertraf.
+
+Den 25. Juni nachmittag entstand ein heftiges, allen unbegreifliches
+Kanonieren am Ende unsers linken Flügels; zuletzt klärte sich's auf,
+das Feuern sei auf dem Rhein, wo die holländische Flotte vor Ihro
+Majestät dem Könige manövriere; Höchstdieselben waren deshalb nach
+Elfeld gegangen.
+
+Den 27. Juni. Anfang des Bombardements, wodurch die Dechanei sogleich
+angezündet war.
+
+Nachts glückte den Unsern der Sturm auf Weißenau und die Schanze
+oberhalb der Kartause, freilich unerläßliche Punkte, den rechten
+Flügel der zweiten Parallele zu sichern.
+
+Den 28. Juni nachts. Fortgesetztes Bombardement gegen den Dom; Turm
+und Dach brennen ab und viele Häuser umher. Nach Mitternacht die
+Jesuitenkirche.
+
+Wir sahen auf der Schanze vor Marienborn diesem schrecklichen
+Schauspiele zu; es war die sternenhellste Nacht, die Bomben schienen
+mit den Himmelslichtern zu wetteifern, und es waren wirklich
+Augenblicke, wo man beide nicht unterscheiden konnte. Neu war uns das
+Steigen und Fallen der Feuerkugeln; denn wenn sie erst mit einem
+flachen Zirkelbogen das Firmament zu erreichen drohten, so knickten
+sie in einer gewissen Höhe parabolisch zusammen, und die aufsteigende
+Lohe verkündigte bald, daß sie ihr Ziel zu erreichen gewußt.
+
+Herr Gore und Rat Krause behandelten den Vorfall künstlerisch und
+machten so viele Brandstudien, daß ihnen später gelang, ein
+durchscheinendes Nachtstück zu verfertigen, welches noch vorhanden
+ist und, wohl erleuchtet, mehr als irgend eine Wortbeschreibung die
+Vorstellung einer unselig glühenden Hauptstadt des Vaterlandes zu
+überliefern imstande sein möchte.
+
+Und wie deutete nicht ein solcher Anblick auf die traurigste Lage,
+indem wir, uns zu retten, uns einigermaßen wieder herzustellen, zu
+solchen Mitteln greifen mußten!
+
+Den 29. Juni. Schon längst war von einer schwimmenden Batterie die
+Rede gewesen, welche, bei Ginsheim gebaut, auf den Mainkopf und die
+zunächst liegenden Inseln und Auen wirken und sie besetzen sollte.
+Man sprach so viel davon, daß sie endlich vergessen ward. Auf meinem
+gewöhnlichen Nachmittagsritte nach unserer Schanze über Weißenau war
+ich kaum dorthin gelangt, als ich auf dem Fluß eine große Bewegung
+bemerkte: französische Kähne ruderten emsig nach den Inseln, und
+die östreichische Batterie, angelegt, um den Fluß bis dorthin
+zu bestreichen, feuerte unausgesetzt in Prellschüssen auf dem
+Wasser, -- für mich ein ganz neues Schauspiel. Wie die Kugel zum
+erstenmal auf das bewegliche Element aufschlug, entsprang eine
+starke, sich viele Fuß in die Höhe bäumende Springwelle; diese war
+noch nicht zusammengestürzt, als schon eine zweite in die Höhe
+getrieben wurde, kräftig wie die erste, nur nicht von gleicher Höhe,
+und so folgte die dritte, vierte, immer ferner abnehmend, bis sie
+zuletzt gegen die Kähne gelangte, flächer fortwirkte und den
+Fahrzeugen zufällig gefährlich ward.
+
+An diesem Schauspiel konnt' ich mich nicht satt sehen, denn es
+folgte Schuß auf Schuß, immer wieder neue mächtige Fontänen, indessen
+die alten noch nicht ganz verrauscht hatten.
+
+Auf einmal löste sich drüben auf dem rechten Ufer zwischen Büschen
+und Bäumen eine seltsame Maschine los; ein vierecktes, großes, von
+Balken gezimmertes Lokal schwamm daher, zu meiner großen
+Verwunderung, zu meiner Freude zugleich, daß ich bei dieser
+wichtigen, so viel besprochenen Expedition Augenzeuge sein sollte.
+Meine Segenswünsche schienen jedoch nicht zu wirken, meine Hoffnung
+dauerte nicht lange: denn gar bald drehte die Masse sich auf sich
+selbst, man sah, daß sie keinem Steuerruder gehorchte, der Strom zog
+sie immer im Drehen mit sich fort. Auf der Rheinschanze oberhalb
+Kastel und vor derselben war alles in Bewegung, Hunderte von
+Franzosen rannten am Ufer aufwärts und verführten ein gewaltiges
+Jubelgeschrei, als dieses trojanische Meerpferd, fern von dem
+beabsichtigten Ziel der Landspitze, durch den einströmenden Main
+ergriffen und nun zwischen Rhein und Main gelassen und unaufhaltsam
+dahinfuhr. Endlich zog die Strömung diese unbehülfliche Maschine
+gegen Kastel, dort strandete sie ohnfern der Schiffbrücke auf einem
+flachen, noch vom Fluß überströmten Boden. Hier versammelte sich nun
+das sämtliche französische Kriegsvolk, und wie ich bisher mit meinem
+trefflichen Fernrohr das ganze Ereignis aufs genauste beobachtet,
+so sah ich nun auch, leider, die Falltüre, die diesen Raum
+verschloß, niedersinken und die darin Versperrten heraus und in
+die Gefangenschaft wandern. Es war ein ärgerlicher Anblick: die
+Fallbrücke reichte nicht bis ans trockene Land, die kleine Garnison
+mußte daher erst durchs Wasser waten, bis sie den Kreis ihrer Gegner
+erreichten. Es waren vierundsechzig Mann, zwei Offiziere und zwei
+Kanonen, sie wurden gut empfangen, sodann nach Mainz und zuletzt ins
+preußische Lager zur Auswechselung gebracht.
+
+Nach meiner Rückkehr verfehlte ich nicht, von diesem unerwarteten
+Ereignis Nachricht zu geben; niemand wollt' es glauben, wie ich ja
+selbst meinen Augen nicht getraut hatte. Zufällig befanden sich Ihro
+Königliche Hoheit der Kronprinz in des Herzogs von Weimar Gezelt, ich
+ward gerufen und mußte den Vorfall erzählen; ich tat es genau, aber
+ungern, wohl wissend, daß man dem Boden der Hiobspost immer etwas von
+der Schuld des Unglücks, das er erzählt, anzurechnen pflegt.
+
+Unter den Täuschungen mancher Art, die uns bei unerwarteten
+Vorfällen in einem ungewohnten Zustande betreffen mögen, gibt es gar
+viele, gegen die man sich erst im Augenblick waffnen kann. Ich war
+gegen Abend ohne den mindesten Anstoß den gewöhnlichen Fußpfad nach
+der Weißenauer Schanze geritten; der Weg ging durch eine kleine
+Vertiefung, wo weder Wasser noch Sumpf, noch Graben, noch irgend
+ein Hindernis sich bemerken ließ; bei meiner Rückkehr war die Nacht
+eingebrochen, und als ich eben in jene Vertiefung hereinreiten
+wollte, sah ich gegenüber eine schwarze Linie gezogen, die sich von
+dem verdüsterten braunen Erdreich scharf abschnitt. Ich mußt' es für
+einen Graben halten, wie aber ein Graben in der kurzen Zeit über
+meinen Weg her sollte gezogen sein, war nicht begreiflich. Mir blieb
+daher nichts übrig als drauf los zu reiten.
+
+Als ich näher kam, blieb zwar der schwarze Streif unverrückt, aber
+es schien mir vor demselbigen sich einiges hin und wider zu bewegen,
+bald auch ward ich angerufen und befand mich sogleich mitten unter
+wohlbekannten Kavallerie-offizieren. Es war des Herzogs von Weimar
+Regiment, welches, ich weiß nicht zu welchem Zwecke ausgerückt, sich
+in dieser Vertiefung aufgestellt hatte, da denn die lange Linie
+schwarzer Pferde mir als Vertiefung erschien, die meinen Fupfad
+zerschnitt. Nach wechselseitigem Begrüßen eilte ich sodann
+ungehindert zu den Zelten.
+
+Und so war nach und nach das innere grenzenlose Unglück einer Stadt,
+außen und in der Umgegend, Anlaß zu einer Lustpartie geworden.
+Die Schanze über Weißenau, welche die herrlichste Übersicht
+gewährte, täglich von einzelnen besucht, die sich von der Lage einen
+Begriff machen und, was in dem weiten übersehbaren Kreis vorginge,
+bemerken wollten, war sonn- und feiertags der Sammelplatz einer
+unzählbaren Menge Landleute, die sich aus der Nachbarschaft
+herbeigezogen. Dieser Schanze konnten die Franzosen wenig anhaben:
+Hochschüsse waren sehr ungewiß und gingen meist drüber weg. Wenn die
+Schildwache, auf der Brustwehr, hin und wider gehend, bemerkte, daß
+die Franzosen das hieher gerichtete Geschütz abfeuerten, so rief sie:
+"Buck!" und sodann ward von allen innerhalb der Batterie befindlichen
+Personen erwartet, daß sie sich auf die Knie wie aufs Angesicht
+niederwürfen, um durch die Brustwehr gegen eine niedrig ankommende
+Kugel geschützt zu sein.
+
+Nun war es sonntags und feiertags lustig anzusehen, wenn die große
+Menge geputzter Bauersleute, oft noch mit Gebetbuch und Rosenkranz,
+aus der Kirche kommend die Schanze füllten, sich umsahen, schwatzten
+und schäkerten, auf einmal aber die Schildwache "Buck!" rief und sie
+sämtlich flugs vor dieser gefährlich-hochwürdigen Erscheinung
+niederfielen und ein vorüberfliegendes göttlich-sausendes Wesen
+anzubeten schienen; bald aber nach geschwundener Gefahr sich wieder
+aufrafften, sich wechselsweise verspotteten und bald darauf, wenn es
+den Belagerten gerade beliebte, abermals niederstürzten. Man konnte
+sich dieses Schauspiel sehr bequem verschaffen, wenn man sich auf der
+nächsten Höhe etwas seitwärts außer der Richtung der Kugel stellte,
+unter sich dieses wunderliche Gewimmel sah und die Kugel an sich
+vorbeisausen hörte.
+
+Aber eine solche über die Schanze weggehende Kugel verfehlte nicht
+Zweck noch Absicht. Auf dem Rücken dieser Höhen zog sich der Weg von
+Frankfurt her, so daß man die Prozession von Kutschen und Chaisen,
+Reitern und Fußgängern aus Mainz sehr gut beobachten und also
+zugleich die Schanze und die Wallfahrtenden in Schrecken setzen
+konnte. Auch wurde bei einiger Aufmerksamkeit des Militärs der
+Eintritt einer solchen Menge gar bald verboten, und die Frankfurter
+nahmen einigen Umweg, auf welchem sie unbemerkt und unerreicht in das
+Hauptquartier gelangten.
+
+Ende Juni. -- In einer unruhigen Nacht unterhielt ich mich,
+aufzuhorchen auf die mannigfaltigen fern und nah erregten Töne,
+und konnte folgende genau unterscheiden:
+
+ "Werda!" der Schildwache vorm Zelt.
+ "Werda!" der Infanterieposten.
+ "Werda!", wenn die Runde kam.
+ Hin- und Widergehen der Schildwache.
+ Geklappere des Säbels auf dem Sporn.
+ Bellen der Hunde fern.
+ Knurren der Hunde nahe.
+ Krähen der Hähne.
+ Scharren der Pferde.
+ Schnauben der Pferde.
+ Häckerlingschneiden.
+ Singen, Diskurieren und Zanken der Leute.
+ Kanonendonner.
+ Brüllen des Rindviehs.
+ Schreien der Maulesel.
+
+ * * * * *
+
+Lücke.
+
+Daß eine solche hier einfällt, möchte wohl kein Wunder sein.
+Jede Stunde war unglücksträchtig; man sorgte jeden Augenblick für
+seinen verehrten Fürsten, für die liebsten Freunde, man vergaß an
+eigene Sicherheit zu denken. Von der wilden, wüsten Gefahr angezogen,
+wie von dem Blick einer Klapperschlange, stürzte man sich unberufen
+in die tödlichen Räume, ging, ritt durch die Trancheen, ließ die
+Haubitzgranten über dem Kopfe dröhnend zerspringen, die Trümmer neben
+sich niederstürzen; manchem Schwerblessierten wünschte man baldige
+Erlösung von grimmigen Leiden, und die Toten hätte man nicht ins
+Leben zurückgerufen.
+
+Wie Verteidiger und Angreifende nunmehr aber gegeneinander standen,
+davon wäre im allgemeinen hier so viel zu sagen. Die Franzosen hatten
+bei androhender Gefahr sich zeitig vorgesehen und vor die Hauptwerke
+hinaus kleinere Schanzen kunstgemäß angelegt, um die Blockierenden in
+gewisser Ferne zu halten, die Belagerung aber zu erschweren. Alle
+diese Hindernisse mußten nun weggeräumt werden, wenn die dritte
+Parallele eröffnet, fortgesetzt und geschlossen werden sollte, wie
+im nachfolgenden einzeln aufgezeichnet ist. Wir aber indessen, mit
+einigen Freunden, obgleich ohne Ordre und Beruf, begaben uns an die
+gefährlichsten Posten. Weißenau war in deutschen Händen, auch die
+flußabwärts liegende Schanze schon erobert; man besuchte den
+zerstörten Ort, hielt in dem Gebeinhause Nachlese von krankhaften
+Knochen, wovon das Beste schon in die Hände der Wundärzte mochte
+gelangt sein. Indem nun aber die Kugeln der Karlsschanze immer in die
+Überreste der Dächer und Gemäuer schlugen, ließen wir uns durch einen
+Mann des dortigen Wachtpostens, gegen ein Trinkgeld, an eine bekannte
+bedeutende Stelle führen, wo mit einiger Vorsicht gar vieles zu
+übersehen war. Man ging mit Behutsamkeit durch Trümmer und Trümmer
+und ward endlich eine stehen gebliebene steinerne Wendeltreppe hinauf
+an das Balkonffenster eines freistehenden Giebels geführt, das
+freilich in Friedenszeiten dem Besitzer die herrlichste Aussicht
+gewährt haben mußte. Hier sah man den Zusammenfluß des Main- und
+Rheinstroms, und also die Main- und Rheinspitze, die Blei-Au, das
+befestigte Kastel, die Schiffbrücke und am linken Ufer sodann die
+herrliche Stadt: zusammengebrochene Turmspitzen, lückenhafte Dächer,
+rauchende Stellen untröstlichen Anblicks.
+
+Unser Führer hieß bedächtig sein, nur einzeln um die Fensterpfosten
+herumschauen, weil von der Karlsschanze her gleich eine Kugel würde
+geflogen kommen, und er Verdruß hätte, solche veranlaßt zu haben.
+
+Nicht zufrieden hiermit schlich man weiter gegen das Nonnenkloster,
+wo es freilich auch wild genug aussah, wo unten in den Gewölben für
+billiges Geld Wein geschenkt wurde, indes die Kugeln von Zeit zu
+Zeit rasselnde Dächer durchlöcherten.
+
+Aber noch weiter trieb der Vorwitz; man kroch in die letzte Schanze
+des rechten Flügels, die man unmittelbar über den Ruinen der
+Favorite und der Kartause tief ins Glacis der Festung eingegraben
+hatte und nun hinter einem Bollwerk von Schanzkörben auf ein paar
+hundert Schritte Kanonenkugeln wechselte; wobei es denn freilich
+darauf ankam, wer dem andern zuerst Schweigen aufzulegen das Glück
+hatte.
+
+Hier fand ich es nun, aufrichtig gestanden, heiß genug, und man nahm
+sich's nicht übel, wenn irgend eine Anwandlung jenes Kanonenfiebers
+sich wieder hervortun wollte; man drückte sich nun zurück, wie man
+gekommen war, und kehrte doch, wenn es Gelegenheit und Anlaß gab,
+wieder in gleiche Gefahr.
+
+Bedenkt man nun, daß ein solcher Zustand, wo man sich, die Angst zu
+übertäuben, jeder Vernichtung aussetzte, bei drei Wochen dauerte, so
+wird man uns verzeihen, wenn wir über diese schrecklichen Tage wie
+über einen glühenden Boden hinüber zu eilen trachten.
+
+ * * * * *
+
+Den 1. Juli war die dritte Parallele in Tätigkeit und sogleich die
+Bocksbatterie bombardiert.
+
+Den 2. Juli. Bombardement der Zitadelle und Karlsschanze.
+
+Den 3. Juli. Neuer Brand in der Sankt-Sebastians-Kapelle; benachbarte
+Häuser und Paläste gehen in Flammen auf.
+
+Den 6. Juli. Die sogenannte Klubistenschanze, welche den rechten
+Flügel der dritten Parallele nicht zustande kommen ließ, mußte
+weggenommen werden; allein man verfehlte sie und griff vorliegende
+Schanzen des Hauptwalles an, da man denn freilich zurückgeschlagen
+wurde.
+
+Den 7. Juli. Endliche Behauptung dieses Terrains; Kostheim wird
+angegriffen, die Franzosen geben es auf.
+
+ * * * * *
+
+Den 13. Juli nachts. Das Rathaus und mehrere öffentliche Gebäude
+brennen ab.
+
+Den 14. Juli. Stillstand auf beiden Seiten, Freuden- und Feiertag;
+der Franzosen, wegen der in Paris geschlossenen Nationalkonföderation,
+der Deutschen, wegen Eroberung von Conde; bei den letzten Kanonen- und
+Kleingewehrfeuer, bei jenen ein theatralisches Freiheitsfest, wovon
+man viel zu hören hatte.
+
+Nachts vom 14. zum 15. Juli. Die Franzosen werden aus einer Batterie
+vor der Karlsschanze getrieben; fürchterliches Bombardement.
+Von der Mainspitze über den Main brachte man das Benediktinerkloster
+auf der Zitadelle in Flammen. Auf der andern Seite entzündet sich das
+Laboratorium und fliegt in die Luft. Fenster, Läden und Schornsteine
+dieser Stadtseite brechen ein und stürzen zusammen.
+
+Am 15. Juli besuchten wir Herrn Gore in Klein-Wintersheim und fanden
+Rat Krause beschäftigt, ein Bildnis des werten Freundes zu malen,
+welches ihm gar wohl gelang. Herr Gore hatte sich stattlich
+angezogen, um bei fürstlicher Tafel zu erscheinen, wenn er vorher
+sich in der Gegend abermals würde umgeschaut haben. Nun saß er,
+umgeben von allerlei Haus- und Feldgerät, in der Bauernkammer eines
+deutschen Dörfchens, auf einer Kiste, den angeschlagenen Zuckerhut
+auf einem Papiere neben sich; er hielt die Kaffeetasse in der einen,
+die silberne Reißfeder, statt des Löffelchens, in der andern Hand;
+und so war der Engländer der ganz anständig und behaglich auch in
+einem schlechten Kantonierungsquartier vorgestellt, wie er uns noch
+täglich zu angenehmer Erinnerung vor Augen steht.
+
+Wenn wir nun dieses Freundes allhier gedenken, so verfehlen wir
+nicht, etwas mehreres über ihn zu sagen. Er zeichnete sehr glücklich
+in der Camera obscura und hatte, Land und See bereisend, sich auf
+diese Weise die schönsten Erinnerungen gesammelt. Nun konnte er, in
+Weimar wohnhaft, angewohnter Beweglichkeit nicht entsagen, blieb
+immer geneigt, kleine Reisen vorzunehmen, wobei ihn denn gewöhnlich
+Rat Krause zu begleiten pflegte, der mit leichter, glücklicher
+Fassungsgabe die vorstehenden Landschaften zu Papier brachte,
+schattierte, färbte, und so arbeiteten beide um die Wette.
+
+Die Belagerung von Mainz, als ein seltener, wichtiger Fall, wo das
+Unglück selbst malerisch zu werden versprach, lockte die beiden
+Freunde gleichfalls nach dem Rhein, wo sie sich keinen Augenblick
+müßig verhielten.
+
+Und so begleiteten sie uns denn auch auf einem Gefahrzug nach
+Weißenau, wo sich Herr Gore ganz besonders gefiel. Wir besuchten
+abermals den Kirchhof, in Jagd auf pathologische Knochen; ein Teil
+der nach Mainz gewendeten Mauer war eingeschossen, man sah über
+freies Feld nach der Stadt. Kaum aber merkten die auf den Wällen
+etwas Lebendiges in diesem Raume, so schossen sie mit Prellschüssen
+nach der Lücke; nun sah man die Kugel mehrmals aufspringen und
+Staub erregend herankommen, da man sich denn zuletzt hinter die
+stehengebliebene Mauer oder in das Gebeingewölbe zu retten wußte
+und der den Kirchhof durchrollenden Kugel heiter nachschaute.
+
+Die Wiederholung eines solchen Vergnügens schien dem Kammerdiener
+bedenklich, der, um Leben und Glieder seines alten Herrn besorgt,
+uns allen ins Gewissen sprach und die kühne Gesellschaft zum Rückzug
+nötigte.
+
+Der 16. Juli war mir ein bänglicher Tag, und zwar bedrängte mich die
+Aussicht auf die nächste, meinen Freunden gefährliche Nacht; damit
+verhielt es sich aber folgendermaßen. Eine der vorgeschobenen kleinen
+feindlichen Schanzen, vor der sogenannten Welschen Schanze, leistete
+völlig ihre Pflicht; sie war das größte Hindernis unserer vordern
+Parallele und mußte, was es auch kosten möchte, weggenommen werden.
+Dagegen war nun nichts zu sagen, allein es zeigte sich ein
+bedenklicher Umstand. Auf Nachricht, oder Vermutung: die Franzosen
+ließen hinter dieser Schanze und unter dem Schutz der Festung
+Kavallerie kampieren, wollte man zu diesem Aus- und Überfalle auch
+Kavallerie mitnehmen. Was das heiße: aus der Tranchee heraus,
+unmittelbar vor den Kanonen der Schanze und der Festung, Kavallerie
+zu entwickeln und sich, in düsterer Nacht, damit auf dem feindlich
+besetzten Glacis herumzutummeln, wird jedermann begreiflich finden;
+mir aber war es höchst bänglich, Herrn von Oppen, als den Freund, der
+mir vom Regiment zunächst anlag, dazu kommandiert zu wissen. Gegen
+Einbruch der Nacht mußte jedoch geschieden sein, und ich eilte zur
+Schanze Nr. 4, wo man jene Gegend ziemlich im Auge hatte. Daß es
+losbrach und hitzig zuging, ließ sich wohl aus der Ferne bemerken,
+und daß mancher wackere Mann nicht zurückkehren würde, war
+vorauszusehen.
+
+Indessen verkündigte der Morgen, die Sache sei gelungen, man habe
+die Schanze erobert, geschleift und sich ihr gegenüber gleich so
+festgesetzt, daß ihre Wiederherstellung dem Feinde wohl unmöglich
+bleiben sollte. Freund Oppen kehrte glücklich zurück; die Vermißten
+gingen mich so nah nicht an; nur bedauerten wir den Prinzen
+Ludwig, der als kühner Anführer eine, wo nicht gefährliche, doch
+beschwerliche Wunde davontrug und in einem solchen Augenblick den
+Kriegsschauplatz sehr ungern verließ.
+
+Den 17. Juli ward nun derselbe zu Schiffe nach Mannheim gebracht;
+der Herzog von Weimar bezog dessen Quartier im Chauseehause; es war
+kein anmutigerer Aufenthalt zu denken.
+
+Nach herkömmlicher Ordnungs- und Reinlichkeitsliebe ließ ich den
+schönen Platz davor kehren und reinigen, der bei dem schnellen
+Quartierwechsel mit Stroh und Spänen und allerlei Abwürflingen eines
+eilig verlassenen Kantonnements übersäet war.
+
+Den 18. Juli nachmittags auf große, fast unerträgliche Hitze
+Donnerwetter, Sturm und Regenguß, dem Allgemeinen erquicklich, den
+Eingegrabenen als solchen freilich sehr lästig.
+
+Der Kommandant tut Vergleichsvorschläge, welche zurückgewiesen
+werden.
+
+Den 19. Juli. Das Bombardement geht fort, die Rheinmühlen werden
+beschädigt und unbrauchbar gemacht.
+
+Den 20. Juli. Der Kommandant General d'Oyré überschickt eine
+Punktation, worüber verhandelt wird.
+
+Nachts vom 21. auf den 22. Juli. Heftiges Bombardement, die
+Dominikanerkirche geht in Flammen auf, dagegen fliegt ein preußisches
+Laboratorium in die Luft.
+
+Den 22. Juli. Als man vernahm, der Stillstand sei wirklich
+geschlossen, eilte man nach dem Hauptquartier, um die Ankunft des
+französischen Kommandanten d'Oyré zu erwarten. Er kam: ein großer
+wohlgebauter, schlanker Mann von mittlern Jahren, sehr natürlich in
+seiner Haltung und Betragen. Indessen die Unterhaltung im Innern
+vorging, waren wir alle aufmerksam und hoffnungsvoll; da es aber
+ausgesprochen ward, daß man einig geworden und die Stadt den
+folgenden Tag übergeben werden sollte, da entstand in mehreren das
+wunderbare Gefühl einer schnellen Entledigung von bisherigen Lasten,
+von Druck und Bangigkeit, daß einige Freunde sich nicht erwehren
+konnten, aufzusitzen und gegen Mainz zu reiten. Unterwegs holten wir
+Sömmerring ein, der gleichfalls mit einem Gesellen nach Mainz eilte,
+freilich auf stärkere Veranlassung als wir, aber doch auch die Gefahr
+einer solchen Unternehmung nicht achtend. Wir sahen den Schlagbaum
+des äußersten Tores von fern und hinter demselben eine große Masse
+Menschen, die sich dort auflehnten und andrängten. Nun sahen wir
+Wolfsgruben vor uns, allein unsere Pferde, dergleichen schon gewohnt,
+brachten uns glücklich zwischen durch. Wir ritten unmittelbar bis vor
+den Schlagbaum; man rief uns zu: was wir brächten? Unter der Menge
+fanden sich wenig Soldaten, alles Bürger, Männer und Frauen; unsere
+Antwort, daß wir Stillstand und wahrscheinlich morgen Freiheit und
+Öffnung versprächen, wurde mit lautem Beifall aufgenommen. Wir gaben
+einander wechselsweise so viel Aufklärung, als einem jeden beliebte,
+und als wir eben von Segenswünschen begleitet wieder umkehren
+wollten, traf Sömmering ein, der sein Gespräch an das unsrige
+knüpfte, bekannte Gesichter fand, sich vertraulicher unterhielt und
+zuletzt verschwand, ehe wir's uns versahen; wir aber hielten für
+Zeit, umzukehren.
+
+Gleiche Begierde, gleiches Bestreben fühlten eine Anzahl
+Ausgewanderte, welche, mit Viktualien versehen, erst in die
+Außenwerke, dann in die Festung selbst einzudringen verstanden,
+um die Zurückgelassenen wieder zu umarmen und zu erquicken. Wir
+begegneten mehreren solcher leidenschaftlichen Wanderer, und es
+mochte dieser Zustand so heftig werden, daß endlich, nach
+verdoppelten Posten, das strengste Verbot ausging, den Wällen sich
+zu nähern; die Kommunikation war auf einmal unterbrochen.
+
+Am 23. Juli. Dieser Tag ging hin unter Besetzung der Außenwerke
+sowohl von Mainz als von Kastel. In einer leichten Chaise machte ich
+eine Spazierfahrt, in einem so engen Kreis um die Stadt, als es die
+ausgesetzten Wachen erlauben wollten. Man besuchte die Trancheen und
+besah sich die nach erreichtem Zweck verlassene unnütze Erdarbeit.
+
+Als ich zurückfuhr, rief mich ein Mann mittleren Alters an und bat
+mich, seinen Knaben von ungefähr acht Jahren, den er an der Hand mit
+fortschleppte, zu mir zu nehmen. Er war ein ausgewanderter Mainzer,
+welcher, mit großer Hast und Lust seinen bisherigen Aufenthalt
+verlassend, herbeilief, den Auszug der Feinde triumphierend
+anzusehen, sodann aber den zurückgelassenen Klubisten Tod und
+Verderben zu bringen schwor. Ich redete ihm begütigende Worte zu und
+stellte ihm vor: daß die Rückkehr in einen friedlichen und häuslichen
+Zustand nicht mit neuem bürgerlichen Krieg, Haß und Rache müsse
+verunreinigt werden, weil sich das Unglück ja sonst verewige. Die
+Bestrafung solcher schuldigen Menschen müsse man den hohen Alliierten
+und dem wahren Landesherrn nach seiner Rückkehr überlassen, und was
+ich sonst noch Besänftigendes und Ernstliches anführte; wozu ich ein
+Recht hatte, indem ich das Kind in den Wagen nahm und beide mit einem
+Trunk guten Weins und Bretzeln erquickte. An einem abgeredeten Ort
+setzt' ich den Knaben nieder, da sich denn der Vater schon von weitem
+zeigte und mit dem Hut mir tausend Dank und Segen zuwinkte.
+
+Den 24. Juli. Der Morgen ging ziemlich ruhig hin, der Ausmarsch
+verzögerte sich, es sollten Geldangelegenheiten sein, die man so bald
+nicht abtun könne. Endlich zu Mittag, als alles bei Tisch und Topf
+beschäftigt und eine große Stille im Lager sowie auf der Chaussee
+war, fuhren mehrere dreispännige Wagen, in einiger Ferne voneinander,
+sehr schnell vorbei, ohne daß man sich's versah und darüber nachsann;
+doch bald verbreitete sich das Gerücht: auf diese kühne und kluge
+Weise hätten mehrere Klubisten sich gerettet. Leidenschaftliche
+Personen behaupteten, man müsse nachsetzen, andere ließen es beim
+Verdruß bewenden, wieder andere wollten sich verwundern: daß auf dem
+ganzen Wege keine Spur von Wache, noch Pikett, noch Aufsicht
+erscheine; woraus erhelle, sagten sie, daß man von oben herein durch
+die Finger zu sehen und alles, was sich ereignen könnte, dem Zufall
+zu überlassen geneigt sei.
+
+Diese Betrachtungen jedoch wurden durch den wirklichen Auszug
+unterbrochen und umgestimmt. Auch hier kamen mir und Freunden die
+Fenster des Chausseehauses zustatten. Den Zug sahen wir in aller
+seiner Feierlichkeit herankommen. Angeführt durch preußische
+Reiterei, folgte zuerst die französische Garnison. Seltsamer war
+nichts, als wie sich dieser Zug ankündigte; eine Kolonne Marseiller,
+klein, schwarz, buntscheckig, lumpig gekleidet, trappelten heran, als
+habe der König Edwin seinen Berg aufgetan und das muntere Zwergenheer
+ausgesendet. Hierauf folgten regelmäßigere Truppen, ernst und
+verdrießlich, nicht aber etwa niedergeschlagen oder beschämt. Als die
+merkwürdigste Erscheinung dagegen mußte jedermann auffallen, wenn die
+Jäger zu Pferd heraufritten; sie waren ganz still bis gegen uns
+herangezogen, als ihre Musik den Marseiller Marsch anstimmte. Dieses
+revolutionäre _Te Deum_ hat ohnehin etwas Trauriges, Ahndungsvolles,
+wenn es auch noch so mutig vorgetragen wird; diesmal aber nahmen sie
+das Tempo ganz langsam, dem schleichenden Schritt gemäß, den sie
+ritten. Es war ergreifend und durchtbar und ein ernster Anblick, als
+die Reitenden, lange hagere Männer von gewissen Jahren, die Miene
+gleichfalls jenen Tönen gemäß, heranrückten; einzeln hätte man sie
+dem Don Quichote vergleichen können, in Masse erschienen sie höchst
+ehrwürdig.
+
+Bemerkenswert war nun ein einzelner Trupp, die französischen
+Kommissarien. Merlin von Thionville in Husarentracht, durch wilden
+Bart und Blick sich auszeichnend, hatte eine andere Figur in gleichem
+Kostüm links neben sich; das Volk rief mit Wut den Namen eines
+Klubisten und bewegte sich zum Anfall. Merlin hielt an, berief sich
+auf seine Würde eines französischen Repräsentanten, auf die Rache,
+die jeder Beleidigung folgen sollte: er wolle raten, sich zu mäßigen,
+denn es sei das letztemal nicht, daß man ihn hier sehe. Die Menge
+stand betroffen, kein einzelner wagte sich vor. Er hatte einige
+unserer dastehenden Offiziere angesprochen und sich auf das Wort des
+Königs berufen, und so wollte niemand weder Angriff noch Verteidigung
+wagen; der Zug ging unangetastet vorbei.
+
+Den 25. Juli. Am Morgen dieses Tags bemerkt' ich, daß leider abermals
+keine Anstalten auf der Chaussee und in deren Nähe gemacht waren,
+um Unordnungen zu verhüten. Sie schienen heute um so nötiger, als
+die armen ausgewanderten, grenzenlos unglücklichen Mainzer, von
+entfernteren Orten her nunmehr angekommen, scharenweis die Chaussee
+umlagerten, mit Fluch- und Racheworten das gequälte und geängstigte
+Herz erleichternd. Die gestrige Kriegslist der Entwischenden gelang
+daher nicht wieder. Einzelne Reisewagen rannten abermals eilig die
+Straße hin, überall aber hatten sich die Mainzer Bürger in die
+Chausseegraben gelagert, und wie die Flüchtigen einem Hinterhalt
+entgingen fielen sie in die Hände des andern. Der Wagen ward
+angehalten, fand man Franzosen oder Französinnen, so ließ man sie
+entkommen, wohlbekannte Klubisten keineswegs.
+
+Ein sehr schöner dreispänniger Reisewagen rollt daher, eine
+freundliche junge Dame versäumt nicht, sich am Schlage sehen zu
+lassen und hüben und drüben zu grüßen; aber dem Postillion fällt man
+in die Zügel, der Schlag wird eröffnet, ein Erz-klubist an ihrer
+Seite sogleich erkannt. Zu verkennen war er freilich nicht, kurz
+gebaut, dicklich, breiten Angesichts, blatternarbig. Schon ist er bei
+den Füßen herausgerissen; man schließt den Schlag und wünscht der
+Schönheit glückliche Reise. Ihn aber schleppt man auf den nächsten
+Acker, zerstößt und zerprügelt ihn fürchterlich; alle Glieder seines
+Leibes sind zerschlagen, sein Gesicht unkenntlich. Eine Wache nimmt
+sich endlich seiner an, man bringt ihn in ein Bauernhaus, wo er auf
+Stroh liegend zwar vor Tätlichkeiten seiner Stadtfeinde, aber nicht
+vor Schimpf, Schadenfreude und Schmähen geschützt war. Doch auch
+damit ging es am Ende so weit, daß der Offizier niemand mehr
+hineinließ; auch mich, dem er es als einem Bekannten nicht
+abgeschlagen hätte, dringend bat: ich möchte diesem traurigsten und
+ekelhaftesten aller Schauspiele entsagen.
+
+Zum 25. Juli. Auf dem Chausseehause beschäftigte uns nun der fernere
+regelmäßige Auszug der Franzosen. Ich stand mit Herrn Gore daselbst
+am Fenster, unten versammelte sich eine große Menge; doch auf dem
+geräumigen Platze konnte dem Beobachtenden nichts entgehen.
+
+Infanterie, muntere wohlgebildete Linientruppen, kamen nun heran;
+Mainzer Mädchen zogen mit ihnen aus, teils nebenher, teils
+innerhalb der Glieder. Ihre eigenen Bekannten begrüßten sie nun mit
+Kopfschütteln und Spottreden: "Ei, Jungfer Lieschen, will Sie sich
+auch in der Welt umsehen?" und dann: "Die Sohlen sind noch neu, sie
+werden bald durchgelaufen sein!" ferner: "Hat Sie auch in der Zeit
+Französisch gelernt? -- Glück auf die Reise!" und so ging es
+immerfort durch diese Zungenruten; die Mädchen aber schienen alle
+heiter und getrost, einige wünschten ihren Nachbarinnen wohl zu
+leben, die meisten waren still und sahen ihre Liebhaber an.
+
+Indessen war das Volk sehr bewegt, Schimpfreden wurden ausgestoßen,
+von Drohungen heftig begleitet. Die Weiber tadelten an den Männern,
+daß man diese Nichtswürdigen so vorbeilasse, die in ihrem Bündelchen
+gewiß manches von Hab und Gut eines echten Mainzer Bürgers mit sich
+schleppten, und nur der ernste Schritt des Militärs, die Ordnung
+durch nebenhergehende Offiziere erhalten, hinderte einen Ausbruch;
+die leidenschaftliche Bewegung war furchtbar.
+
+Gerade in diesem gefährlichsten Momente erschien ein Zug, der sich
+gewiß schon weit hinweggewünscht hatte. Ohne sonderliche Bedeckung
+zeigte sich ein wohlgebildeter Mann zu Pferde, dessen Uniform
+nicht gerade einen Militär ankündigte, an seiner Seite ritt in
+Mannskleidern ein wohlgebautes und sehr schönes Frauenzimmer, hinter
+ihnen folgten einige vierzpännige Wagen mit Kisten und Kasten
+bepackt; die Stille war ahndungsvoll. Auf einmal rauscht' es im Volke
+und rief: "Haltet ihn an! Schlagt ihn tot! Das ist der Spitzbube von
+Architekten, der erst die Domdechanei geplündert und nachher selbst
+angezündet hat!" es kam auf einen einzigen entschlossenen Menschen
+an, und es war geschehen.
+
+Ohne Weiteres zu überlegen, als daß der Burgfriede vor des Herzogs
+Quartier nicht zuletzt werden dürfe, mit dem blitzschnellen
+Gedanken, was der Fürst und General bei seiner Nachhausekunft sagen
+würde, wenn er über die Trümmer einer solchen Selbsthülfe kaum seine
+Tür erreichen könnte, sprang ich hinunter, hinaus und rief mit
+gebietender Stimme: "Halt!"
+
+Schon hatte sich das Volk näher herangezogen; zwar den Schlagbaum
+unterfing sich niemand herabzulassen, der Weg aber selbst war von der
+Menge versperrt. Ich wiederholte mein "Halt!" und die vollkommenste
+Stille trat ein. Ich fuhr darauf stark und heftig sprechend fort:
+hier sei das Quartier des Herzogs von Weimar, der Platz davor sei
+heilig; wenn sie Unfug treiben und Rache üben wollten, so fänden sie
+noch Raum genug. Der König habe freien Auszug gestattet, wenn er
+diesen hätte bedingen und gewisse Personen ausnehmen wollen, so würde
+er Aufseher angestellt, die Schuldigen zurückgewiesen oder gefangen
+genommen haben; davon sei aber nichts bekannt, keine Patrouille zu
+sehen. Und sie, wer und wie sie hier auch seien, hätten, mitten in
+der deutschen Armee, keine andere Rolle zu spielen, als ruhige
+Zuschauer zu bleiben; ihr Unglück und ihr Haß gebe ihnen hier kein
+Recht, und ich litte ein für allemal an dieser Stelle keine
+Gewalttätigkeit.
+
+Nun staunte das Volk, war stumm, dann wogt' es wieder, brummte,
+schalt; einzelne wurden heftig, ein paar Männer drangen vor, den
+Reitenden in die Zügel zu fallen. Sonderbarerweise war einer davon
+jener Perückenmacher, den ich gestern schon gewarnt, indem ich ihm
+Gutes erzeigte. -- "Wie!" rief ich ihm entgegen, "habt Ihr schon
+vergessen, was wir gestern zusammen gesprochen? Habt Ihr nicht
+darüber nachgedacht, daß man durch Selbstrache sich schuldig macht,
+daß man Gott und seinen Oberen die Strafe der Verbrecher überlassen
+soll, wie man ihnen das Ende dieses Elends zu bewirken auch
+überlassen mußte", und was ich sonst noch kurz und bündig, aber laut
+und heftig sprach.
+
+Der Mann, der mich gleich erkannte, trat zurück, das Kind schmiegte
+sich an den Vater und sah freundlich zu mir herüber; schon war das
+Volk zurückgetreten und hatte den Platz freier gelassen, auch der Weg
+durch den Schlagbaum war wieder offen. Die beiden Figuren zu Pferde
+wußten sich kaum zu benehmen. Ich war ziemlich weit in den Platz
+hereingetreten; der Mann ritt an mich heran und sagte: er wünsche
+meinen Namen zu wissen, zu wissen, wem er einen so großen Dienst
+schuldig sei, er werde es zeitlebens nicht vergessen und gern
+erwidern. Auch das schöne Kind näherte sich mir und sagte das
+Verbindlichste. Ich antwortete, daß ich nichts als meine Schuldigkeit
+getan und die Sicherheit und Heiligkeit dieses Platzes behauptet
+hätte; ich gab einen Wink, und sie zogen fort. Die Menge war nun
+einmal in ihrem Rachesinn irre gemacht, sie blieb stehen; dreißig
+Schritte davon hätte sie niemand gehindert. So ist's aber in der
+Welt: wer nur erst über einen Anstoß hinaus ist, kommt über tausend.
+_Chi scampa d'un punto, scampa di mille._
+
+Als ich nach meiner Expedition zu Freund Gore hinaufkam, rief er mir
+in seinem Englisch-Französisch entgegen: "Welche Fliege sticht Euch,
+Ihr habt Euch in einen Handel eingelassen, der übel ablaufen
+konnte."
+
+"Dafür war mir nicht bange", versetzte ich; "und findet Ihr nicht
+selbst hübscher, daß ich Euch den Platz vor dem Hause so rein
+gehalten habe? Wie säh' es aus, wenn das nun alles voll Trümmer läge,
+die jedermann ärgerten, leidenschaftlich aufregten und niemand
+zugute kämen? mag auch jener den Besitz nicht verdienen, den er
+wohlbehaglich fortgeschleppt hat!"
+
+Indessen aber ging der Auszug der Franzosen gelassen unter unserm
+Fenster vorbei; die Menge, die kein Interesse weiter daran fand,
+verlief sich; wer es möglich machen konnte, suchte sich einen Weg, um
+in die Stadt zu schleichen, die Seinigen und was von ihrer Habe
+allenfalls gerettet sein konnte, wiederzufinden und sich dessen zu
+erfreuen. Mehr aber trieb sie die höchst verzeihliche Wut, ihre
+verhaßten Feinde, die Klubisten und Komitisten, zu strafen, zu
+vernichten, wie sie mitunter bedrohlich genug ausriefen.
+
+Indessen konnte sich mein guter Gore nicht zufrieden geben, daß
+ich, mit eigener Gefahr, für einen unbekannten, vielleicht
+verbrecherischen Menschen so viel gewagt habe. Ich wies ihn immer
+scherzhaft auf den reinen Platz vor dem Hause und sagte zuletzt
+ungeduldig: "Es liegt nun einmal in meiner Natur: ich will lieber
+eine Ungerechtigkeit begehen, als Unordnung ertragen."
+
+Den 26. und 27. Juli. Den 26. gelang es uns schon, mit einigen
+Freunden zu Pferd in die Stadt einzudringen; dort fanden wir
+den bejammernswertesten Zustand. In Schutt und Trümmer war
+zusammengestürzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelang, wo in der
+schönsten Lage der Welt Reichtümer von Provinzen zusammenflossen und
+Religion das, was ihre Diener besaßen, zu befestigen und zu vermehren
+trachtete. Die Verwirrung, die den Geist ergriff, war höchst
+schmerzlich, viel trauriger, als wäre man in eine durch Zufall
+eingeäscherte Stadt geraten.
+
+Bei aufgelöster polizeilicher Ordnung hatte sich zum traurigen
+Schutt noch aller Unrat auf den Straßen gesammelt; Spuren der
+Plünderung ließen sich bemerken in Gefolg innerer Feindschaft.
+Hohe Mauern drohten den Einsturz, Türme standen unsicher, und was
+bedarf es einzelner Beschreibungen, da man die Hauptgebäude
+nacheinander genannt, wie sie in Flammen aufgingen. Aus alter
+Vorliebe eilte ich zur Dechanei, die mir noch immer als ein kleines
+architektonisches Paradies vorschwebte; zwar stand die Säulenvorhalle
+mit ihrem Giebel noch aufrecht, aber ich trat nur zu bald über den
+Schutt der eingestürzten schöngewölbten Decken; die Drahtgitter
+lagen mir im Wege, die sonst netzweise von oben erleuchtende Fenster
+schützten; hie und da war noch ein Rest alter Pracht und Zierlichkeit
+zu sehen, und so lag denn auch diese Musterwohnung für immer
+zerstört. Alle Gebäude des Platzes umher hatten dasselbige Schicksal;
+es war die Nacht vom 27. Juni, wo der Untergang dieser Herrlichkeiten
+die Gegend erleuchtete.
+
+Hierauf gelangt' ich in die Gegend des Schlosses, dem sich niemand
+zu nähern wagte. Außen angebrachte bretterne Angebäude deuteten auf
+die Verunreinigung jener fürstlichen Wohnung; auf dem Platze davor
+standen, gedrängt ineinander geschoben, unbrauchbare Kanonen, teils
+durch den Feind, teils durch eigene hitzige Anstrengung zerstört.
+
+Wie nun von außen her durch feindliche Gewalt so manches herrliche
+Gebäude mit seinem Inhalt vernichtet worden, so war auch innerlich
+vieles durch Roheit, Frevel und Mutwillen zugrunde gerichtet.
+Der Palast Ostheim stand noch in seiner Integrität, allein
+zur Schneiderherberge, zu Einquartierungs- und Wachstuben
+verwandelt -- eine Umkehrung, verwünscht anzusehen! Säle voll Lappen
+und Fetzen, dann wieder die gips-marmornen Wände mit Haken und großen
+Nägeln zerspengt, Gewehre dort aufgehangen und umher gestellt.
+
+Das Akademiegebäude nahm sich von außen noch ganz freundlich aus,
+nur eine Kugel hatte im zweiten Stock ein Fenstergewände von
+Sömmerrings Quartier zersprengt. Ich fand diesen Freund wieder
+daselbst, ich darf nicht sagen eingezogen, denn die schönen Zimmer
+waren durch die wilden Gäste aufs schlimmste behandelt. Sie hatten
+sich nicht begnügt, die blauen reinlichen Papiertapeten, so weit sie
+reichen konnten, zu verderben; Leitern, oder übereinander gestellte
+Tische und Stühle mußten sie gebraucht haben, um die Zimmer bis an
+die Decke mit Speck oder sonstigen Fettigkeiten zu besudeln. Es
+waren dieselbigen Zimmer, wo wir vorm Jahr so heiter und traulich
+zu wechselseitigem Scherz und Belehrung freundschaftlich beisammen
+gesessen. Indes war bei diesem Unheil doch auch noch etwas
+Tröstliches zu zeigen; Sömmerring hatte seinen Keller uneröffnet und
+seine dahin geflüchteten Präparate durchaus unbeschädigt gefunden.
+Wir machten ihnen einen Besuch, wogegen sie uns zu belehrendem
+Gespräch Anlaß gaben.
+
+Eine Proklamation des neuen Gouverneurs hatte man ausgegeben. Ich
+fand sie in eben dem Sinne, ja fast mit den gleichen Worten meiner
+Anmahnung an jenen ausgewanderten Perückenmacher; alle Selbsthülfe
+war verboten; dem zurückkehrenden Landesherrn allein sollte das
+Recht zustehen, zwischen guten und schlechten Bürgern den Unterschied
+zu bezeichnen. Sehr notwendig war ein solcher Erlaß, denn bei der
+augenblicklichen Auflösung, die der Stillstand vor einigen Tagen
+verursachte, drangen die kühnsten Ausgewanderten in die Stadt und
+veranlaßten selbst die Plünderung der Klubistenhäuser, indem sie die
+hereinziehenden Belagerungssoldaten anführten und aufregten. Jene
+Verordnung war mit den mildesten Ausdrücken gefaßt, um, wie billig,
+den gerechten Zorn der grenzenlos beleidigten Menschen zu schonen.
+
+Wie schwer ist es, eine bewegte Menge wieder zur Ruhe zu bringen!
+Auch noch in unserer Gegenwart geschahen solche Unregelmäßigkeiten.
+Der Soldat ging in einen Laden, verlangte Tabak, und indem man ihn
+abwog, bemächtigte er sich des Ganzen. Auf das Zetergeschrei der
+Bürger legten sich unsere Offiziere ins Mittel, und so kam man über
+eine Stunde, über einen Tag der Unordnung und Verwirrung hinweg.
+
+Auf unseren Wanderungen fanden wir eine alte Frau an der Türe eines
+niedrigen, fast in die Erde gegrabenen Häuschens. Wir verwunderten
+uns, daß sie schon wieder zurückgekehrt, worauf wir vernahmen, daß
+sie gar nicht ausgewandert, ob man ihr gleich zugemutet, die Stadt zu
+verlassen. "Auch zu mir", sagte sie, "sind die Hanswürste gekommen
+mit ihren bunten Schärpen, haben mir befohlen und gedroht; ich habe
+ihnen aber tüchtig die Wahrheit gesagt: Gott wird mich arme Frau in
+dieser meiner Hütte lebendig und in Ehren erhalten, wenn ich euch
+schon längst in Schimpf und Schande sehen werde. Ich hieß sie mit
+ihren Narreteien weiter gehen. Sie fürchteten, mein Geschrei möchte
+die Nachbarn aufregen, und ließen mich in Ruhe. Und so hab' ich die
+ganze Zeit teils im Keller, teils im Freien zugebracht, mich von
+wenigem genährt, und lebe noch Gott zu Ehren; jenen aber wird es
+schlecht ergehen."
+
+Nun deutete sie uns auf ein Eckhaus gegenüber, um zu zeigen, wie nahe
+die Gefahr gewesen. Wir konnten in das untere Eckzimmer eines
+ansehnlichen Gebäude hineinschauen, das war ein wunderlicher Anblick!
+Hier hatte seit langen Jahren eine alte Sammlung von Kuriositäten
+gestanden, Figuren von Porzellain und Bildstein, chinesische Tassen,
+Teller, Schüsseln und Gefäße; an Elfenbein und Bernstein mocht'
+es auch nicht gefehlt haben, so wie an anderem Schnitz- und
+Drechselwerk, aus Moos, Stroh und sonst zusammengesetzten Gemälden
+und was man sich in einer solchen Sammlung denken mag. Das alles war
+nur aus den Trümmern zu schließen: denn eine Bombe, durch alle
+Stockwerke durchschlagend, war in diesem Raume geplatzt; die
+gewaltsame Luftausdehnung, indem sie inwendig alles von der Stelle
+warf, schlug die Fenster herauswärts, mit ihnen die Drahtgitter,
+die sonst das Innere schirmten und nun zwischen den eisernen
+Stangengittern bauchartig herausgebogen erschienen. Die gute Frau
+versicherte, daß sie bei dieser Explosion selbst mit unterzugehen
+geglaubt habe.
+
+Wir fanden unser Mittagsmahl an einer großen Wirtstafel; bei vielen
+Hin- und Widerreden schien uns das beste, zu schweigen. Wundersam
+genug fiel es aber auf, daß man von den gegenwärtigen Musikanten den
+Marseiller Marsch und das _Ça ira_ verlangte; alle Gäste schienen
+einzustimmen und erheitert.
+
+Bei unserm folgenden Hin- und Herwandern wußten wir den Platz, wo die
+Favorite gestanden, kaum zu unterscheiden. Im August vorigen Jahrs
+erhub sich hier noch ein prächtiger Gartensaal; Terrassen, Orangerie,
+Springwerke machten diesen unmittelbar am Rhein liegenden Lustort
+höchst vergnüglich. Hier grünten die Alleen, in welchen, wo der
+Gärtner mir erzählte, sein gnädigster Kurfürst die höchsten Häupter
+mit allem Gefolge an unübersehbaren Tafeln bewirtet; und was der gute
+Mann nicht alles von damastnen Gedecken, Silberzeug und Geschirr zu
+erzählen hatte. Geknüpft an jene Erinnerung, machte die Gegenwart nur
+noch einen unerträglichern Eindruck.
+
+Die benachbarte Kartause war ebenfalls wie verschwunden, denn man
+hatte die Steine dieser Gebäude sogleich zur bedeutenden Weißenauer
+Schanze vermauert. Das Nonnenklösterchen stand noch in frischen, kaum
+wieder herzustellenden Ruinen.
+
+Die Freunde Gore und Krause begleitete ich auf die Zitadelle. Da
+stand nun Drusus' Denkmal ohngefähr noch ebenso, wie ich es als
+Knabe gezeichnet hatte, auch diesmal unerschüttert, so viel
+Feuerkugeln daran mochten vorbeigeflogen sein, ja daraufgeschlagen
+haben.
+
+Herr Gore stellte seine tragbare dunkle Kammer auf dem Walle
+sogleich zurechte, in Absicht, eine Zeichnung der ganzen durch die
+Belagerung entstellten Stadt zu unternehmen, die auch von der Mitte,
+vom Dom aus, gewissenhaft und genau zustande kam, gegen die Seiten
+weniger vollendet, wie sie uns in seinen hinterlassenen, schön
+geordneten Blättern noch vor Augen liegt.
+
+Endlich wendeten sich auch unsere Wege nach Kastel; auf der
+Rheinbrücke holte man noch frischen Atem wie vor alters und betrog
+sich einen Augenblick, als wenn jene Zeit wiederkommen könnte.
+An der Befestigung von Kastel hatte man während der Belagerung
+immerfort gemauert; wir fanden einen Trog frischen Kalks, Backsteine
+daneben und eine unfertige Stelle; man hatte nach ausgesprochenem
+Stillstand und Übergabe alles stehn und liegen lassen.
+
+So merkwürdig aber als traurig anzusehen war der Verhau rings um die
+Kasteler Schanzen; man hatte dazu die Fülle der Obstbäume der
+dortigen Gegend verbraucht. Bei der Wurzel abgesägt, die äußersten
+zarten Zweige weggestutzt, schob man nun die stärkeren, regelmäßig
+gewachsenen Kronen ineinander und errichtete dadurch ein
+undurchdringliches letztes Bollwerk, es schienen zu gleicher Zeit
+gepflanzte Bäume, unter gleich günstigen Umständen erwachsen, nunmehr
+zu feindseligen Zwecken benutzt, dem Untergang überlassen.
+
+Lange aber konnte man sich einem solchen Bedauern nicht hingeben,
+denn Wirt und Wirtin und jeder Einwohner, den man ansprach, schienen
+ihren eigenen Jammer zu vergessen, um sich in weitläufigere
+Erzählungen des grenzenlosen Elends herauszulassen, in welchem die
+zur Auswanderung genötigten Mainzer Bürger zwischen zwei Feinde, den
+innern und äußern, sich geklemmt sahen. Denn nicht der Krieg allein,
+sondern der durch Unsinn aufgelöste bürgerliche Zustand hatte ein
+solches Unglück bereitet und herbeigeführt.
+
+Einigermaßen erholte sich unser Geist von alle dem Trübsal und
+Jammer, bei Erzählung mancher heroischen Tat der tüchtigen
+Stadtbürger. Erst sah man mit Schrecken das Bombardement als ein
+unvermeidliches Elend an, die zerstörende Gewalt der Feuerkugeln war
+zu groß, das anrückende Unglück so entschieden, daß niemand glaubte,
+entgegenwirken zu können; endlich aber, bekannter mit der Gefahr,
+entschloß man sich, ihr zu begegnen. Eine Bombe, die in ein Haus
+fiel, mit bereitem Wasser zu löschen, gab Gelegenheit zu kühnem
+Scherz; man erzählte Wunder von weiblichen Heldinnen dieser Art,
+welche sich und andre glücklich gerettet. Aber auch der Untergang von
+tüchtigen wackern Menschen war zu bedauern. Ein Apotheker und sein
+Sohn gingen über dieser Operation zugrunde.
+
+Wenn man nun, das Unglück bedauernd, sich und andern Glück wünschte,
+das Ende der Leiden zu sehen, so verwunderte man sich zugleich, daß
+die Festung nicht länger gehalten worden. In dem Schiffe des Doms,
+dessen Gewölbe sich erhalten hatten, lag eine große Masse
+unangetasteter Mehlsäcke, man sprach von andern Vorräten und von
+unerschöpflichem Weine. Man hegte daher die Vermutung, daß die letzte
+Revolution in Paris, wodurch die Partei, wozu die Mainzer
+Kommissarien gehörten, sich zum Regiment aufgeschwungen, eigentlich
+die frühere Übergabe der Festung veranlaßt. Merlin von Thionville,
+Reubel und andere wünschten gegenwärtig zu sein, wo, nach überwundnen
+Gegnern, nichts mehr zu scheuen und unendlich zu gewinnen war. Erst
+mußte man sich inwendig festsetzen, an dieser Veränderung teilnehmen,
+sich zu bedeutenden Stellen erheben, großes Vermögen ergreifen,
+alsdann aber bei fortgesetzter äußerer Fehde auch da wieder mitwirken
+und, bei wahrscheinlich ferner zu hoffendem Kriegsglück, abermals
+ausziehen, die regen Volksgesinnungen über andere Länder
+auszubreiten, den Besitz von Mainz, ja von weit mehr wieder zu
+erringen trachten.
+
+Für niemand war nun Bleibens mehr in dieser verwüsteten öden
+Umgebung. Der König mit den Garden zog zuerst, die Regimenter
+folgten. Weiteren Anteil an den Unbilden des Krieges zu nehmen, ward
+nicht mehr verlangt; ich erhielt Urlaub, nach Hause zurückzukehren,
+doch wollt' ich vorher noch Mannheim wieder besuchen.
+
+Mein erster Gang war, Ihro Königlichen Hoheit dem Prinzen Louis
+Ferdinand aufzuwarten, den ich ganz wohlgemut auf seinem Sofa
+ausgestreckt fand, nicht völlig bequem, weil ihn die Wunde am Liegen
+eigentlich hinderte; wobei er auch die Begierde nicht verbergen
+konnte, baldmöglichst auf dem Kriegsschauplatz persönlich wieder
+aufzutreten.
+
+Darauf begegnete mir im Gasthofe ein artiges Abenteuer. An der
+langen, sehr besetzten Wirtstafel saß ich an einem Ende, der
+Kämmerier des Königs, von Rietz, an dem andern, ein großer,
+wohlgebauter, starker, breitschultriger Mann; eine Gestalt, wie sie
+dem Leibdiener Friedrich Wilhelms gar wohl geziemte. Er mit seiner
+nächsten Umgebung waren sehr laut gewesen und standen frohen Mutes
+von Tafel auf; ich sah Herrn Rietz auf mich zukommen, er begrüßte
+mich zutraulich, freute sich meiner lang' gewünschten, endlich
+gemachten Bekanntschaft, fügte einiges Schmeichelhafte hinzu und
+sagte sodann: ich müsse ihm verzeihen, er habe aber noch ein
+persönliches Interesse, mich hier zu finden und zu sehen. Man habe
+ihm bisher immer behauptet: schöne Geister und Leute von Genie müßten
+klein und hager, kränklich und vermüfft aussehen, wie man ihm denn
+dergleichen Beispiele genug angeführt. Das habe ihn immer verdrossen,
+denn er glaube doch auch nicht auf den Kopf gefallen zu sein, dabei
+aber gesund und stark und von tüchtigen Gliedmaßen; aber nun freue er
+sich, an mir einen Mann zu finden, der doch auch nach etwas aussehe,
+und den man deshalb nicht weniger für ein Genie gelten lasse. Er
+freue sich dessen und wünsche uns beiden lange Dauer eines solchen
+Behagens.
+
+Ich erwiderte gleichfalls verbindliche Worte; er schüttelte mir die
+Hand, und ich konnte mich trösten, daß, wenn jener wohlgesinnte
+Obristlieutenant meine Gegenwart ablehnte, welcher wahrscheinlich
+auch eine vermüffte Person erwartet hatte, ich nunmehr, freilich in
+einer ganz entgegengesetzten Kategorie, zu Ehren kam.
+
+In Heidelberg, bei der alten treuen Freundin Delph, begegnete ich
+meinem Schwager und Jugendfreund Schlosser. Wir besprachen gar
+manches, auch er mußte einen Vortrag meiner Farbenlehre aushalten.
+Ernst und freundlich nahm er sie auf, ob er gleich von der Denkweise,
+die er sich festgesetzt hatte, nicht loskommen konnte und vor allen
+Dingen darauf bestand, zu wissen: inwiefern sich meine Bearbeitung
+mit der Eulerischen Theorie vereinigen lasse, der er zugetan sei. Ich
+mußte leider bekennen, daß auf meinem Wege hiernach gar nicht gefragt
+werde, sondern nur, daß darum zu tun sei, unzählige Erfahrungen ins
+Enge zu bringen, sie zu ordnen, ihre Verwandtschaft, Stellung
+gegeneinander und nebeneinander aufzufinden, sich selbst und andern
+faßlich zu machen. Diese Art mochte ihm jedoch, da ich nur wenig
+Experimente vorzeigen konnte, nicht ganz deutlich werden.
+
+Da nun hiebei die Schwierigkeit des Unternehmens sich hervortat,
+zeigt' ich ihm einen Aufsatz, den ich während der Belagerung
+geschrieben hatte, worin ich ausführte: wie eine Gesellschaft
+verschiedenartiger Männer zusammen arbeiten und jeder von seiner
+Seite mit eingereifen könnte, um ein so schwieriges und weitläufiges
+Unternehmen fördern zu helfen. Ich hatte den Philosophen, den
+Physiker, Mathematiker, Maler, Mechaniker, Färber und Gott weiß wen
+alles in Anspruch genommen; dies hörte er im allgemeinen ganz
+geduldig an, als ich ihm aber die Abhandlung im einzelnen vorlesen
+wollte, verbat er sich's und lachte mich aus: ich sei, meinte er, in
+meinen alten Tagen noch immer ein Kind und Neuling, daß ich mir
+einbilde, es werde jemand an demjenigen teilnehmen, wofür ich
+Interesse zeige, es werde jemand ein fremdes Verfahren billigen und
+es zu dem seinigen machen, es könne in Deutschland irgend eine
+gemeinsame Wirkung und Mitwirkung stattfinden!
+
+Ebenso wie über diesen Gegenstand äußerte er sich über andere;
+freilich hatte er als Mensch, Geschäftsmann, Schriftsteller gar
+vieles erlebt und erlitten, daher denn sein ernster Charakter sich
+in sich selbst verschloß und jeder heitern, glücklichen, oft
+hülfreichen Täuschung mißmutig entsagte.
+
+Mir aber machte es den unangenehmsten Eindruck, daß ich, aus dem
+schrecklichsten Kriegszustand wieder ins ruhige Privatleben
+zurückkehrend, nicht einmal hoffen sollte auf eine friedliche
+Teilnahme an einem Unternehmen, das mich so sehr beschäftigte und
+das ich der ganzen Welt nützlich und interessant wähnte.
+
+Dadurch regte sich abermals der alte Adam; leichtsinnige
+Behauptungen, paradoxe Sätze, ironisches Begegnen und was dergleichen
+mehr war, erzeugte bald Apprehension und Mißbehagen unter den
+Freunden: Schlosser verbat sich dergleichen sehr heftig, die Wirtin
+wußte nicht, was sie aus uns beiden machen sollte, und ihre
+Vermittlung bewirkte wenigstens, daß der Abschied zwar schneller als
+vorgesetzt, doch nicht übereilt erschien.
+
+Von meinem Aufenthalt in Frankfurt wüßte ich wenig zu sagen,
+ebensowenig von meiner übrigen Rückreise; der Schluß des Jahrs, der
+Anfang des folgenden ließ nur Greueltaten einer verwilderten und
+zugleich siegberauschten Nation vernehmen. Aber auch mir stand ein
+ganz eigener Wechsel der gewohnten Lebensweise bevor. Der Herzog von
+Weimar trat nach geendigter Campagne aus preußischen Diensten; das
+Wehklagen des Regiments war groß durch alle Stufen, sie verloren
+Anführer, Fürsten, Ratgeber, Wohltäter und Vater zugleich. Auch ich
+sollte von eng verbundenen trefflichen Männern auf einmal scheiden;
+es geschah nicht ohne Tränen der besten. Die Verehrung des einzigen
+Mannes und Führers hatte uns zusammengebracht und gehalten, und wir
+schienen uns selbst zu verlieren, als wir seiner Leitung und einem
+heiteren verständigen Umgang untereinander entsagen sollten. Die
+Gegend um Aschersleben, der nahe Harz, von dort aus so leicht zu
+bereisen, erschien für mich verloren, auch bin ich niemals wieder
+tief hineingedrungen.
+
+Und so wollen wir schließen, um nicht in Betrachtung der
+Weltschicksale zu geraten, die uns noch zwölf Jahre bedrohten, bis
+wir von eben denselben Fluten uns überschwemmt, wo nicht verschlungen
+gesehen.
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Belagerung von Mainz, by Johann Wolfgang von Goethe
+
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+that
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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