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+The Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Knulp
+ Drei Geschichten aus dem Leben Knulps
+
+Author: Hermann Hesse
+
+Release Date: January 29, 2006 [EBook #17622]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+
+
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Fischers Bibliothek
+ zeitgenössischer Romane
+
+
+ Knulp
+
+ Drei Geschichten aus dem Leben Knulps
+
+ von
+
+ Hermann Hesse
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung.
+ Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.
+ Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Vorfrühling ................... 7
+
+ Meine Erinnerung an Knulp ..... 67
+
+ Das Ende ...................... 97
+
+
+
+
+Vorfrühling
+
+
+Anfang der neunziger Jahre mußte unser Freund Knulp einmal mehrere
+Wochen im Spital liegen, und als er entlassen wurde, war es Mitte
+Februar und scheußliches Wetter, so daß er schon nach wenigen
+Wandertagen wieder Fieber spürte und auf ein Unterkommen bedacht sein
+mußte. An Freunden hat es ihm nie gefehlt, und er hätte fast in jedem
+Städtchen der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. Aber
+darin war er sonderbar stolz, so sehr, daß es eigentlich für eine Ehre
+gelten konnte, wenn er von einem Freund etwas annahm.
+
+Diesmal war es der Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten, dessen er
+sich erinnerte und an dessen schon verschlossener Haustüre er abends bei
+Regen und Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen im
+Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle Gasse hinunter: »Wer ist
+draußen? Hat's nicht auch Zeit, bis es wieder Tag ist?«
+
+Knulp, als er die Stimme des alten Freundes hörte, wurde trotz aller
+Müdigkeit sofort munter. Er erinnerte sich an ein Verschen, das er vor
+Jahren gemacht hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil Rothfuß
+zusammen gewandert war, und sang alsbald am Hause hinauf:
+
+ »Es sitzt ein müder Wandrer
+ In einer Restauration,
+ Das ist gewiß kein andrer
+ Als der verlorne Sohn.«
+
+Der Gerber stieß den Laden heftig auf und beugte sich weit aus dem
+Fenster.
+
+»Knulp! Bist du's oder ist's ein Geist?«
+
+»Ich bin's!« rief Knulp. »Du kannst aber auch über die Stiege herunter
+kommen, oder muß es durchs Fenster sein?«
+
+Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die Haustüre auf und leuchtete
+dem Ankömmling mit der kleinen rauchenden Öllampe ins Gesicht, daß er
+blinzeln mußte.
+
+»Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und zog den Freund ins
+Haus. »Erzählen kannst du später. Es ist noch was vom Nachtessen übrig,
+und ein Bett kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! Ja, hast
+du denn auch gute Stiefel, du?«
+
+Knulp ließ ihn fragen und sich wundern, schlug auf der Treppe sorgfältig
+die umgelitzten Hosenbeine herab und stieg mit Sicherheit durch die
+Dämmerung empor, obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten
+hatte.
+
+Im Gang oben, vor der Wohnstubentüre, blieb er einen Augenblick stehen
+und hielt den Gerber, der ihn eintreten hieß, an der Hand zurück.
+
+»Du,« sagte er flüsternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?«
+
+»Ja, freilich.«
+
+»Eben drum. -- Weißt du, deine Frau kennt mich nicht; es kann sein, sie
+hat keine Freude. Stören mag ich euch nicht.«
+
+»Ach was stören!« lachte Rothfuß, tat die Türe weit auf und drängte
+Knulp in die helle Stube. Da hing über einem großen Eßtisch an drei
+Ketten die große Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte in
+der Luft und drängte in dünnen Zügen nach dem heißen Zylinder hin, wo er
+hastig emporwirbelte und verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und
+eine Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen schmalen
+Kanapee an der Querwand sprang mit halber und verlegener Munterkeit, als
+sei sie in einem Schlummer gestört worden und wolle es nicht merken
+lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen Augenblick wie
+verwirrt am scharfen Licht, sah der Frau in die hellgrauen Augen und gab
+ihr mit einem höflichen Kompliment die Hand.
+
+»So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und das ist der Knulp,
+mein Freund Knulp, weißt du, von dem wir auch schon gesprochen haben. Er
+ist natürlich unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja doch
+leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, und der Knulp muß
+was zu essen haben. Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?«
+
+Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach.
+
+»Ein bißchen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. Aber Rothfuß
+wollte das nicht zugeben.
+
+»Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp.
+
+Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem Zinnteller die Wurst
+und stellte das Brotbrett daneben, das in seiner Mitte einen halben Laib
+Schwarzbrot trug, sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um
+dessen Ründung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift lief: Gib uns
+heute unser täglich Brot.
+
+»Weißt du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt hat?«
+
+»Laß doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich lächelnd an die
+Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau Meisterin.«
+
+Aber Rothfuß ließ nicht nach.
+
+»Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.«
+
+»Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder davon.
+
+»Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie draußen war.
+
+»Nein, noch keine. Sie läßt sich Zeit, weißt du, und für die ersten
+Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, gelt, und laß dir's schmecken!«
+
+Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen Mostkrug herein
+und stellte drei Gläser dazu auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie
+machte es geschickt, Knulp sah ihr zu und lächelte.
+
+»Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und streckte Knulp sein Glas
+entgegen. Der war aber galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes
+Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!«
+
+Sie stießen an und tranken, und Rothfuß leuchtete vor Freude und
+blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch bemerke, was sein Freund für
+fabelhafte Manieren habe.
+
+Sie hatte es aber längst bemerkt.
+
+»Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist höflicher als du, der weiß,
+was der Brauch ist.«
+
+»O bitte,« meinte der Gast, »das hält eben jeder so, wie er's gelernt
+hat. Was Manieren betrifft, da könnten Sie mich leicht in Verlegenheit
+bringen, Frau Meisterin. Und wie schön Sie serviert haben, wie im
+feinsten Hotel!«
+
+»Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch gelernt.«
+
+»So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?«
+
+»Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab ihn kaum mehr gekannt.
+Aber ich habe ein paar Jahre lang im Ochsen serviert, wenn Sie den
+kennen.«
+
+»Im Ochsen? Der ist früher das feinste Gasthaus von Lächstetten
+gewesen,« lobte Knulp.
+
+»Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast nur Handlungsreisende
+und Turisten im Logis gehabt.«
+
+»Ich glaub's, Frau Meisterin. Da haben Sie's sicher gut gehabt und was
+Schönes verdient! Aber ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?«
+
+Langsam und genießerisch strich er die weiche Wurst auf sein Brot,
+legte die reinlich abgezogene Haut auf den Rand des Tellers und nahm
+zuweilen einen Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister sah
+mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den schlanken feinen Händen
+das Notwendige so sauber und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es
+mit Gefallen wahr.
+
+»Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im weiteren Emil Rothfuß
+zu tadeln, und jetzt mußte Knulp bekennen, daß es ihm neuestens schlecht
+gegangen und daß er im Krankenhaus gewesen sei. Doch verschwieg er alles
+Peinliche. Als ihn darauf sein Freund fragte, was er denn jetzt
+anzufangen denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager für jede
+Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was Knulp erwartet und womit er
+gerechnet hatte, aber er wich wie in einer Anwandlung von Schüchternheit
+aus, dankte flüchtig und verschob das Besprechen dieser Dinge bis
+morgen.
+
+»Über das können wir morgen oder übermorgen auch noch reden,« meinte er
+nachlässig, »die Tage gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile
+bleib ich auf alle Fälle hier.«
+
+Er machte nicht gern Pläne oder Versprechungen auf lange Zeit. Wenn er
+nicht die freie Verfügung über den kommenden Tag in der Tasche hatte,
+fühlte er sich nicht wohl.
+
+»Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« begann er dann
+wieder, »so mußt du mich als deinen Gesellen anmelden.«
+
+»Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du und mein Gesell! Außerdem
+bist du ja gar kein Weißgerber.«
+
+»Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir gar nichts am Gerben,
+es soll zwar ein schönes Handwerk sein, und zum Arbeiten habe ich kein
+Talent. Aber meinem Wanderbüchlein wird es gut tun, weißt du. Für das
+Krankengeld käme ich dann schon auf.«
+
+»Darf ich's einmal sehen, dein Büchlein?«
+
+Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges und zog das
+Ding heraus, das reinlich in einem Wachstuchfutteral steckte.
+
+Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer tadellos! Man meint, du
+seiest erst gestern früh von der Mutter fortgereist.«
+
+Dann studierte er die Einträge und Stempel und schüttelte in tiefer
+Bewunderung den Kopf: »Nein, ist das eine Ordnung! Bei dir muß halt
+alles nobel sein.«
+
+Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von
+Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige
+Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge
+bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und
+arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger
+Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben
+hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten diese
+Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter geführt, während er in
+Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser
+Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich
+wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört
+fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie
+ließen den heiteren, unterhaltsamen Menschen, dessen geistige
+Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in
+Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein
+Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ
+man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten Hauswesen eine
+hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint,
+während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten
+Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und
+arbeitsloses Dasein verlebt.
+
+»Aber jetzt wäret ihr schon lang im Bett, wenn ich nicht gekommen wäre,«
+rief Knulp, indem er seine Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und
+machte der Hausfrau ein Kompliment.
+
+»Komm, Rothfuß, und zeig mir, wo mein Bett steht.«
+
+Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale Stiege zum Dachstock
+hinauf und in die Gesellenkammer. Da stand eine leere eiserne Bettstatt
+an der Wand und daneben eine hölzerne, die mit Bettzeug versehen war.
+
+»Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt väterlich.
+
+»Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr Meister, der braucht
+freilich keine, wenn er so ein hübsches kleines Frauelein hat.«
+
+»Ja, siehst du,« meinte Rothfuß ganz eifrig, »da steigst du jetzt in
+dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, und manchmal noch in ein
+schlechteres, und manchmal hast du gar keins und mußt im Heu schlafen.
+Aber unsereiner hat Haus und Geschäft und eine nette Frau. Schau, du
+könntest doch schon lang Meister sein und weiter als ich, wenn du bloß
+gewollt hättest.«
+
+Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider abgelegt und sich
+fröstelnd in das kühle Bettzeug verkrochen.
+
+»Weißt du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut und kann zuhören.«
+
+»Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.«
+
+»Mir auch, Rothfuß. Du mußt aber nicht meinen, das Heiraten sei eine
+Erfindung von dir. Also gut Nacht auch!«
+
+ * * * * *
+
+Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er fühlte sich noch etwas
+schwach, und das Wetter war so, daß er doch das Haus kaum verlassen
+hätte. Den Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, er möge
+ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag einen Teller Suppe
+heraufbringen.
+
+So lag er in der dämmerigen Dachkammer den ganzen Tag still und zufrieden,
+fühlte Kälte und Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit Lust
+dem Wohlgefühl warmer Geborgenheit hin. Er hörte dem fleißigen Klopfen
+des Regens auf dem Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und föhnig
+in launischen Stößen ging. Dazwischen schlief er halbe Stunden oder las,
+solange es licht genug war, in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus
+Blättern, auf welche er sich Gedichte und Sprüche abgeschrieben hatte,
+und aus einem kleinen Bündel von Zeitungsausschnitten. Auch einige
+Bilder waren dazwischen, die er in Wochenblättern gefunden und
+ausgeschnitten hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen vom
+öfteren Hervorziehen schon brüchig und zerfasert aus. Das eine stellte
+die Schauspielerin Eleonora Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff
+bei starkem Winde auf hoher See. Für den Norden und für das Meer hatte
+Knulp seit den Knabenjahren eine starke Vorliebe, und mehrmals hatte er
+sich dahin auf den Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische
+gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer unterwegs war und an keinem
+Orte lang verweilen konnte, hatte eine merkwürdige Bangigkeit und
+Heimatliebe immer wieder in raschen Märschen nach Süddeutschland
+zurückgetrieben. Es mag auch sein, daß ihm die Sorglosigkeit
+verlorenging, wenn er in Gegenden mit fremder Mundart und Sitte kam, wo
+niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein legendenhaftes
+Wanderbüchlein in Ordnung zu halten.
+
+Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und Brot herauf. Er trat
+leise auf und sprach in einem erschrockenen Flüsterton, da er Knulp für
+krank hielt und selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals am
+hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der sich sehr wohl fühlte, gab
+sich keine Mühe mit Erklärungen und versicherte nur, er werde morgen
+wieder aufstehen und gesund sein.
+
+Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, und da Knulp im
+Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau
+vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale
+Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.
+
+Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, blieb aus Müdigkeit oder
+Laune mit geschlossenen Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß
+er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf
+einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf auf dem halb vom
+blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit
+des dunklen Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen
+Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hübschen
+Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzählt hatte.
+Sie sah über den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten,
+hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen,
+hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr
+wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und
+je in Frühlingslaunen sich von einem solchen fremden, hübschen Buben
+hatte liebhaben lassen.
+
+Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um
+das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Löffel vom Teller und
+fiel auf den Boden, worüber sie in der Stille und befangenen
+Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.
+
+Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief
+geschlafen. Er drehte den Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand
+über die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die Frau
+Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee,
+das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also
+schönen Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für Zeit?«
+
+»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist,
+nachher hol ich das Geschirr dann wieder.«
+
+Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute übrig. Knulp sah ihr
+nach und hörte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er
+machte nachdenkliche Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, dann stieß
+er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem
+Kaffee.
+
+Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er
+fühlte sich wohl und prächtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig
+unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich
+in der tiefen Dämmerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und
+schlüpfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und
+feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen
+große Flecken licht und klar.
+
+Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und über den
+verödeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede
+auf, sah den Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch mit den
+Gesellen an und hielt die kühlen Hände über die dunkelrot verglosende
+Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt,
+erkundigte sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich von dem
+Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen
+und Erkennungszeichen aller Handwerke geläufig.
+
+Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre Abendsuppe an,
+klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schälte Kartoffeln,
+und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand,
+ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber und stellte sich vor
+dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles,
+frischwangiges Gesicht mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu
+bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung.
+Darauf strich sie die frischgewaschenen Hände noch einmal an der Schürze
+ab, nahm das Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.
+
+Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, und nochmals etwas
+lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden
+und machte mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie nicht
+knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete
+den Stuhl bei der Bettstatt.
+
+»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal:
+»Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abräumen.«
+
+Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu hören war, streckte
+sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefühl von
+Unheimlichkeit wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun die
+Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und
+Federdecke tadellos aufgeschüttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen
+Angst und Enttäuschung, in ihre Küche zurück.
+
+Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen
+und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu
+machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der
+Dachkammer zu erzählen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt
+klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und
+Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom Kopf und wünschte
+guten Abend.
+
+»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und
+läuft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.«
+
+»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau Rothfuß, ich komme ja
+gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her
+gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.«
+
+Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig und rühmte sich
+seiner Häuslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und
+redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und
+Nichtstun einmal aufgeben. Knulp hörte zu und gab wenig Antwort, und die
+Meisterin sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der ihr
+neben dem manierlichen und hübschen Knulp grob erschien, und gab dem
+Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund.
+Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers
+Rasiermesser aus.
+
+»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das Messer hergab. »Kaum
+kratzt's dich am Kinn, so muß der Bart herunter. Also gut Nacht, und
+gute Besserung!«
+
+Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen
+oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und
+Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den
+Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in welchem klare, feucht
+schimmernde Sterne brannten.
+
+Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schließen, da
+wurde ein kleines Fenster ihm gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell.
+Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch deren
+Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter
+in der Hand und in der Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden
+abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr schmales Mägdebett
+hin, das bescheiden und säuberlich mit einer groben roten Wollendecke
+zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin,
+und setzte sich auf eine niedere grüngemalte Kofferkiste, wie alle
+Dienstmägde eine haben.
+
+Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben zu spielen begann,
+sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand
+nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt.
+
+Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war
+vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben groß gewachsen, und
+hatte ein bräunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen
+Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar
+nicht fröhlich aus, und die ganze Person saß auf ihrer harten grünen
+Kiste ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der die Welt und
+auch die Mädchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei
+noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie
+ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und suchte einen
+flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem
+kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.
+
+Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem
+Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde
+Menschenleben hinüber, das so harmlos seinen hübschen Kummer im
+Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen,
+gutmütigen Augen bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von
+langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote
+Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Händen zu, wie sie müde
+waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig
+hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide
+ruhten.
+
+Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den
+schweren, in ein Nest aufgesteckten Zöpfen empor, blickte gedankenvoll,
+doch nicht minder bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um
+ihre Schuhnestel aufzulösen.
+
+Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht
+und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern
+hätte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem
+Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen lassen. Aber er fürchtete,
+sie würde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber
+riefe.
+
+Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Künste zu üben. Er
+hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und
+er pfiff das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, und
+es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, daß das Mädchen eine ganze
+Weile zuhörte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten
+Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster
+trat.
+
+Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise
+weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach,
+schaute dann plötzlich auf und erkannte, woher die Musik komme.
+
+»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut.
+
+»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die
+Jungfer nicht im Schlafen stören. Ich habe nur ein bißchen das Heimweh
+gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. --
+Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?«
+
+»Ich bin vom Schwarzwald.«
+
+»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie
+gefällt's dir in Lächstetten? Mir gar nicht.«
+
+»O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. Aber es gefällt
+mir auch nicht recht. Seid Ihr schon länger da?«
+
+»Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu einander, gelt?«
+
+»Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar nicht.«
+
+»Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen nicht zueinander, aber
+die Leute. Wo ist denn Euer Ort, Fräulein?«
+
+»Das kennt Ihr doch nicht.«
+
+»Wer weiß? Oder ist's ein Geheimnis?«
+
+»Achthausen. Es ist bloß ein Weiler.«
+
+»Aber ein schöner, gelt? Vorn am Eck steht eine Kapelle, und es ist auch
+eine Mühle da, oder eine Sägerei, und dort haben sie einen großen
+gelben Bernhardinerhund. Stimmt's oder stimmt's nicht?«
+
+»Der Bello, herrje!«
+
+Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich dort gewesen, fiel ein
+großes Teil Mißtrauen und Bedrücktheit von ihr ab, und sie wurde ganz
+eifrig.
+
+»Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie rasch.
+
+»Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist Euer Vater?«
+
+»Ja.«
+
+»So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und wenn ich jetzt noch
+den Vornamen dazu weiß, dann kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn
+ich wieder einmal durch Achthausen komme.«
+
+»Wollet Ihr denn schon wieder fort?«
+
+»Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen wissen, Jungfer Flick.«
+
+»Ach was, ich weiß ja Euren auch nicht.«
+
+»Das tut mir leid, aber es läßt sich ändern. Ich heiße Karl Eberhard,
+und wenn wir uns einmal am Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr
+mich anrufen müßt, und wie muß ich dann zu Euch sagen?«
+
+»Barbara.«
+
+»So ist's recht und danke schön. Er ist aber schwer zum Aussprechen,
+Euer Name, und ich möchte fast eine Wette machen, daß man Euch daheim
+Bärbele gerufen hat.«
+
+»Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon wisset, warum fraget Ihr
+dann so viel? Aber jetzt müssen wir Feierabend machen. Gut Nacht,
+Gerber.«
+
+»Gut Nacht, Jungfer Bärbele. Schlafet auch gut, und weil Ihr's seid,
+will ich jetzt noch eins pfeifen. Laufet nicht fort, es kostet nichts.«
+
+Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen jodlerartigen
+Satz, mit Doppeltönen und Trillern, daß es funkelte wie eine Tanzmusik.
+Sie hörte mit Erstaunen dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille
+ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte ihn fest, während
+Knulp ohne Licht in seine Kammer fand.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde auf und nahm des Gerbers
+Rasiermesser in Gebrauch. Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen
+Vollbart, und das Messer war so verwahrlost, daß Knulp es wohl eine
+halbe Stunde lang über seinem Hosenträger abziehen mußte, ehe das
+Barbieren gelang. Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die
+Stiefel in die Hand und stieg in die Küche hinab, wo es warm war und
+schon nach Kaffee roch.
+
+Er bat die Meistersfrau um Bürste und Wichse zum Stiefelputzen
+
+»Ach was!« rief sie, »das ist kein Männergeschäft. Lassen Sie mich das
+machen.«
+
+Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit ungeschicktem Lachen
+ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, tat er die Arbeit gründlich, reinlich
+und dabei spielend, als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune,
+dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit verrichtet.
+
+»Das lass' ich mir gefallen,« rühmte die Frau und sah ihn an. »Alles
+blank, wie wenn Sie grad zum Schatz gehen wollten.«
+
+»O, das tät' ich auch am liebsten.«
+
+»Ich glaub's. Sie haben gewiß einen schönen.« Sie lachte wieder
+zudringlich. »Vielleicht sogar mehr als einen?«
+
+»Ei, das wäre nicht schön,« tadelte Knulp munter. »Ich kann Ihnen auch
+ein Bild von ihr zeigen.«
+
+Begierig trat sie heran, während er sein Wachstuchmäpplein aus der
+Brusttasche zog und das Bildnis der Duse hervorsuchte. Interessiert
+betrachtete sie das Blatt.
+
+»Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, »das ist ja fast
+eine rechte Dame. Nur freilich, mager sieht sie aus. Ist sie denn auch
+gesund?«
+
+»Soviel ich weiß, jawohl. So, und jetzt wollen wir nach dem Alten sehen,
+man hört ihn in der Stube.«
+
+Er ging hinüber und begrüßte den Gerber. Die Wohnstube war gefegt und
+sah mit dem hellen Getäfel, mit der Uhr, dem Spiegel und den
+Photographien an der Wand freundlich und heimelig aus. So eine saubere
+Stube, dachte Knulp, ist im Winter nicht übel, aber darum zu heiraten,
+verlohnt doch nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die
+Meisterin ihm zeigte, keine Freude.
+
+Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete er den Meister Rothfuß
+nach dem Hof und Schuppen und ließ sich die ganze Gerberei zeigen. Er
+kannte fast alle Handwerke und stellte so sachverständige Fragen, daß
+sein Freund ganz erstaunt war.
+
+»Woher weißt du denn das alles?« fragte er lebhaft. »Man könnte meinen,
+du seiest wirklich ein Gerbergesell oder einmal einer gewesen.«
+
+»Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp gemessen. »Übrigens,
+was die Weißgerberei angeht, da bist du selber mein Lehrmeister gewesen,
+weißt du's nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen
+gewandert sind, hast du mir das alles erzählen müssen.«
+
+»Und das weißt du alles noch?«
+
+»Ein Stück davon, Rothfuß. Aber jetzt will ich dich nimmer stören.
+Schade, ich hätte dir gern ein bißchen geholfen, aber es ist da unten so
+feucht und stickig, und ich muß noch so viel husten. Also Servus, Alter,
+ich geh ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.«
+
+Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse stadteinwärts
+bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in
+die Tür und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging,
+überall sauber gebürstet und den Regenpfützen sorglich ausweichend.
+
+»Gut hat er's eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen
+Neidgefühl. Und während er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund
+und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen,
+und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden heißen.
+Einer, der arbeitete und sich vorwärts schaffte, hatte es ja in vielem
+besser, aber er konnte nie so zarte hübsche Hände haben und so leicht
+und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat,
+wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten,
+wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und für sich gewann, allen
+Mädchen und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für einen Sonntag
+nahm. Man mußte ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht
+ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen und
+eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mußte fast noch dankbar dafür sein,
+denn er machte es froh und hell im Haus.
+
+Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt durchs Städtchen,
+pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zähne und begann ohne Eile die Orte
+und Menschen aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst wandte
+er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen
+Flickschneider kannte, um den es schade war, daß er nichts als alte
+Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn
+er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten
+Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte früh geheiratet und schon ein paar
+Kinder, und die Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen.
+
+Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten
+Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing
+wie ein Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus stand an
+der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute,
+hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause
+floh der Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden schwindelnd
+abwärts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen,
+Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen, und die nächsten Hausdächer,
+auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon
+tief und klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt taghell
+und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der fleißige
+Schlotterbeck hell und hoch über der Welt wie der Wächter in einem
+Leuchtturm.
+
+»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom
+Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen Augen nach der Türe.
+
+»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand
+entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt's denn, daß du zu mir
+herauf steigst?«
+
+Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder.
+
+»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber braunen und vom
+feinsten, ich will Musterung halten.«
+
+Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fädelte
+ein und überging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr
+gut und fast neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede lockere
+Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit fleißigen Fingern wieder
+instand setzte.
+
+»Und wie geht's sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht
+zu loben. Aber schließlich, wenn man gesund ist und keine Familie hat --«
+
+Knulp räusperte sich polemisch.
+
+»Ja, ja,« sagte er lässig. »Der Herr läßt regnen über Gerechte und
+Ungerechte, und nur die Schneider sitzen trocken. Hast du immer noch zu
+klagen, Schlotterbeck?«
+
+»Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du hörst ja die Kinder nebendran
+schreien. Es sind jetzt fünf. Da sitzt man und schuftet bis in alle
+Nacht hinein, und nirgends will's reichen. Und du tust nichts als
+spazierengehen!«
+
+»Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder fünf Wochen bin ich im Spital in
+Neustadt gelegen, und da behalten sie keinen länger, als er's bitter
+nötig hat, und es bleibt auch keiner länger drin. Des Herrn Wege sind
+wunderbar, Freund Schlotterbeck.«
+
+»Ach laß diese Sprüche, du!«
+
+»Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es gerade auch werden, und
+darum bin ich zu dir gekommen. Wie steht's damit, alter Stubenhocker?«
+
+»Laß mich in Ruh' mit der Frömmigkeit! Im Spital, sagst du? Da tust du
+mir aber leid.«
+
+»Ist nicht nötig, es ist vorbei. Und jetzt erzähl einmal: wie ist's mit
+dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? Weißt du, im Spital hab ich
+Zeit gehabt, und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen
+und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses Buch, die Bibel.«
+
+»Da hast du recht. Kurios, und die Hälfte muß verlogen sein, weil keins
+zum andern paßt. Du verstehst's vielleicht besser, du bist ja einmal in
+die Lateinschule gegangen.«
+
+»Davon ist mir wenig geblieben.«
+
+»Siehst du, Knulp --.« Der Schneider spuckte zum offenen Fenster in die
+Tiefe hinunter und sah mit großen Augen und erbittertem Gesicht
+hinterdrein. »Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frömmigkeit. Es ist
+nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich pfeife drauf!«
+
+Der Wanderer sah ihn nachdenklich an.
+
+»So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir scheint, in der
+Bibel stehen ganz gescheite Sachen.«
+
+»Ja, und wenn du ein Stück weiterblätterst, dann steht immer irgendwo
+das Gegenteil. Nein, ich bin fertig damit, aus und fertig.«
+
+Knulp war aufgestanden und hatte nach einem Bügeleisen gegriffen.
+
+»Du könntest mir ein paar Kohlen drein geben,« bat er den Meister.
+
+»Zu was denn auch?«
+
+»Ich will die Weste ein wenig bügeln, weißt du, und dem Hut wird es auch
+gut tun, nach all dem Regen.«
+
+»Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas ärgerlich. »Was brauchst du so
+fein zu sein wie ein Graf, wenn du doch nur ein Hungerleider bist?«
+
+Knulp lächelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es macht mir eine
+Freude, und wenn du's nicht aus Frömmigkeit tun willst, so tust du's
+einfach aus Nettigkeit und einem alten Freund zuliebe, gelt?«
+
+Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam bald mit dem heißen
+Eisen wieder.
+
+»So ist's recht,« lobte Knulp, »danke schön!«
+
+Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glätten, und da er
+hierin nicht so geschickt war wie im Nähen, nahm ihm der Freund das
+Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber.
+
+»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder
+ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu
+viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist,
+das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch
+lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und früher hat man
+mancherlei noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; aber darum
+steht doch viel Schönes und Braves drin, und auch ganz viel Wahres.
+Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen,
+weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld geht und die übrigen
+Ähren sammelt, das ist fein, und man spürt den schönsten warmen Sommer
+drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt:
+ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle
+zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da könnte man schon von ihm
+lernen.«
+
+»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht
+haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer
+Leute Kindern tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie sie
+durchfüttern.«
+
+Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht
+ansehen. Er wünschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er
+besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit
+seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja,
+hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?«
+
+Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was
+denkst du auch! Natürlich hab ich sie lieb, den Größten am meisten.«
+
+Knulp nickte mit großem Ernst.
+
+»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schönen Dank. Die
+Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. -- Und dann, mit deinen Kindern
+mußt du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken.
+Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand weiß und was du nicht weiter zu
+erzählen brauchst.«
+
+Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden in die klaren Augen, die
+sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, daß der
+Schneider Mühe hatte, ihn zu verstehen.
+
+»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine
+Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind,
+denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden
+Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil
+die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu
+wissen, wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin komme, dann
+schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und
+wenn ich Glück habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine
+Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens im Vorbeigehen was
+vorpfeifen. -- Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, daß du
+Kinder hast!«
+
+ * * * * *
+
+Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile
+plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden
+Spiel der lockigen Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den
+Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose
+schnupfen ließ. Überall erfuhr er Großes und Kleines aus dem Leben der
+Familien und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau und
+vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, er erzählte dafür neues von
+anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn
+als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der
+Seßhaften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der
+Toreinfahrt einer Brauerei die Küfergesellen, wo es heut abend und
+morgen eine Tanzgelegenheit gebe.
+
+Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen von Gertelfingen, nur
+eine halbe Stunde weit. Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem
+Nachbarhause mitzunehmen.
+
+Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfußschen Hause
+erstieg, schlug ihm von der Küche her ein angenehm kräftiger Geruch
+entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit
+spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man
+hatte ihn schon gehört. Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und
+stand freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der Speisen umwölkt.
+
+»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, daß Sie so
+zeitig kommen. Nämlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und
+da hab ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für Sie
+extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?«
+
+Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.
+
+»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn's eine
+Suppe gibt.«
+
+»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört er ordentlich gepflegt,
+wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mögen Sie gar keine
+Leber? Es gibt solche.«
+
+Er lachte bescheiden.
+
+»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein
+Sonntagsessen, und wenn ich's mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte,
+wär ich schon zufrieden.«
+
+»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber
+sagen Sie's jetzt nur, es ist ein Stück Leber übrig, ich hab's Ihnen
+aufgespart. Es täte Ihnen gut.«
+
+Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut,
+wie sie es meinte, und ziemlich hübsch war das Weiblein auch, aber er
+tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den
+ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah nebenaus.
+
+»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten Willen. Aber Spatzen
+sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.«
+
+Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.
+
+»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub's Ihnen doch nicht.
+Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?«
+
+»Da kann ich nicht nein sagen.«
+
+Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte sich in die Stube,
+wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister
+sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und nach Tische
+wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp
+seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche
+Kartenkunststücke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit
+spielerischer Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu
+ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und ließ zuweilen
+den Daumen über die Kartenränder laufen. Der Meister sah mit Bewunderung
+und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose Künste sich
+gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme
+diese Anzeichen einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte
+aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit
+entstellten Händen.
+
+Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, unsicherer
+Sonnenschein in die Stube, über den Tisch und die Karten, spielte
+launisch und kraftlos am Fußboden mit den schwachen Schlagschatten und
+zitterte kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp nahm dies
+alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den
+stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht
+seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen Frau. Es
+gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Glück für ihn. Wäre ich gesund,
+dachte er, und wäre es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier.
+
+»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfuß die
+Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die
+Treppe hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und
+verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben
+unterbrochen, bis an das Flüßchen hinabreichte. Dort hatte der Gerber
+einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen
+konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen knapp über dem
+still und rasch fließenden Wasser hängen, blickte belustigt den
+schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten,
+und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine
+Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von drüben zu sprechen.
+
+Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht erhaltenen
+Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfähle längst
+vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen
+Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten schien mit
+mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wüste Grasplatz des
+Weißgerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und
+eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und
+überwinterter Spinat wuchs spärlich in zwei Rabatten, Rosenbäumchen
+standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen,
+das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume.
+
+Bis zu ihnen drang Knulp geräuschlos vor, nachdem er den fremden Garten
+betrachtet hatte, und sah nun zwischen den Bäumen hindurch das Haus
+liegen, die Küche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet,
+da sah er in der Küche auch das Mädchen mit aufgekrempelten Ärmeln
+wirtschaften. Die Hausfrau war dabei und hatte viel zu befehlen und zu
+lehren, wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen mögen
+und ihre jährlich wechselnden Lehrmädchen nachher, wenn sie aus dem
+Hause sind, nicht genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und Klage
+geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit war, und die Kleine schien
+bereits daran gewöhnt, denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre
+Arbeit.
+
+Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt mit vorgestrecktem Kopf,
+neugierig und wachsam wie ein Jäger, und lauschte mit vergnügter Geduld
+als ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, als
+Zuschauer und Zuhörer am Leben teilzunehmen. Er freute sich am Anblick
+des Mädchens, wenn es durchs Fenster sichtbar wurde, und er schloß aus
+der Mundart der Hausfrau, daß sie keine geborene Lächstetterin, sondern
+ein paar Stunden weiter oben im Tale daheim sei. Ruhig horchte er und
+kaute auf einem duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine ganze
+Stunde lang, bis die Frau verschwand und es still in der Küche wurde.
+
+Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam vor und klopfte
+mit einem dürren Zweig ans Küchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf,
+er mußte noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene Fenster, tat es
+vollends auf und schaute heraus.
+
+»Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. »Jetzt wär ich fast
+erschrocken.«
+
+»Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lächelte. »Ich wollte bloß einmal
+Grüßgott sagen und sehen, wie's geht. Und weil nämlich heut Samstag ist,
+möchte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa frei habet, zu einem
+kleinen Spaziergang.«
+
+Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf, und da machte er ein so trostlos
+betrübtes Gesicht, daß es ihr ganz leid tat.
+
+»Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht frei, nur vormittags
+für die Kirche.«
+
+»So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann könntet Ihr aber gewiß heut abend
+mitkommen.«
+
+»Heut abend? Ja, frei hätte ich schon, aber da will ich einen Brief
+schreiben, an meine Leute daheim.«
+
+»O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde später, er geht heut nacht
+doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich hab mich schon so gefreut, bis ich
+wieder ein bißchen mit Euch reden kann, und heut abend, wenn's nicht
+gerade Katzen hagelt, hätten wir so schön spazieren gehen können. Gelt,
+seiet lieb, Ihr werdet doch vor mir keine Angst haben!«
+
+»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt
+nicht. Wenn man sieht, daß ich mit einem Mannsbild spazieren geh --«
+
+»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch
+wahrhaftig keine Sünde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein
+Schulmädchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr
+bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken für den Viehmarkt sind.
+Oder soll ich früher kommen? Ich kann es schon richten.«
+
+»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt -- Ihr müsset gar nicht kommen, es
+geht nicht, und ich darf nicht -- --«
+
+Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht.
+
+»Ja, wenn Ihr halt gar nicht möget!« sagte er traurig. »Ich habe
+gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh,
+und ich auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen können,
+von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, weil ich doch einmal
+dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir's auch
+nicht übelnehmen.«
+
+»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.«
+
+»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget bloß nicht. Aber
+vielleicht überlegt Ihr's Euch noch. Ich muß jetzt gehen, und heut abend
+bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich
+allein spazieren und denk an Euch und daß Ihr jetzt nach Achthausen
+schreibet. Also adieu, und nichts für ungut!«
+
+Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn
+hinter den Bäumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann
+kehrte sie zur Arbeit zurück, und plötzlich begann sie -- die Frau war
+ausgegangen -- laut und schön dazu zu singen.
+
+Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine
+Kugeln aus einem Stückchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt
+hatte. Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine nach der
+andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von
+der Strömung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von
+den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden.
+
+ * * * * *
+
+»So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist's Samstag
+abend, und du weißt gar nicht, wie schön das ist, wenn man es die ganze
+Woche streng gehabt hat.«
+
+»O, ich kann's mir schon denken,« lächelte Knulp, und die Meisterin
+lächelte mit und sah ihm schalkhaft ins Gesicht.
+
+»Heut abend,« fuhr Rothfuß im festlichen Tone fort, »heut abend trinken
+wir einen guten Krug Bier miteinander, meine Alte holt ihn gleich, gelt?
+Und morgen, wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei einen Ausflug.
+Was meinst du, alter Freund?«
+
+Knulp schlug ihn kräftig auf die Schulter.
+
+»Man hat es gut bei dir, das muß ich sagen, und auf den Ausflug freu ich
+mich schon. Hingegen heut abend habe ich eine Besorgung, es ist ein
+Freund von mir hier, den muß ich treffen, er hat in der oberen Schmiede
+gearbeitet und reist morgen fort. -- Ja, es tut mir leid, aber morgen
+sind wir ja den ganzen Tag beieinander, sonst hätt ich mich auch gar
+nicht darauf eingelassen.«
+
+»Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen wollen, wo du noch
+halb krank bist.«
+
+»Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwöhnen. Ich komme nicht
+spät heim. Wo tust du den Schlüssel hin, daß ich dann herein kann?«
+
+»Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, und den Schlüssel
+findest du hinterm Kellerladen. Du weißt doch, wo?«
+
+»Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig ins Bett! Gut Nacht.
+Gut Nacht, Frau Meisterin.«
+
+Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, kam ihm hastig die
+Meistersfrau nachgelaufen. Sie brachte einen Regenschirm, den mußte
+Knulp mitnehmen, er mochte wollen oder nicht.
+
+»Sie müssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« sagte sie. »Und jetzt will
+ich Ihnen zeigen, wo Sie nachher den Schlüssel finden.«
+
+Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und führte ihn um die
+Hausecke und machte vor einem Fensterchen halt, das mit Holzläden
+verschlossen war.
+
+»Hinter den Laden legen wir den Schlüssel,« berichtete sie aufgeregt und
+flüsternd und streichelte Knulps Hand. »Sie müssen dann bloß durch den
+Ausschnitt langen, er liegt auf dem Simsen.«
+
+»Ja, danke schön,« sagte Knulp verlegen und zog seine Hand zurück.
+
+»Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« fing sie
+wieder an und drückte sich leise gegen ihn.
+
+»Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, Frau Rothfuß, und danke
+schön.«
+
+»Pressiert's denn so?« flüsterte sie zärtlich und kniff ihn in den Arm.
+Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und in einer verlegenen Stille,
+da er sie nicht mit Gewalt zurückstoßen mochte, strich er mit der Hand
+über ihr Haar.
+
+»Aber jetzt muß ich weiter,« rief er plötzlich überlaut und trat zurück.
+
+Sie lächelte ihn mit halb geöffnetem Munde an, er konnte im Dunkeln ihre
+Zähne schimmern sehen. Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du
+heimkommst. Du bist ein Lieber.«
+
+Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, den Schirm unterm
+Arme, und begann bei der nächsten Ecke, um der törichten Beklommenheit
+Herr zu werden, zu pfeifen. Es war das Lied:
+
+ Du meinst', ich werd' dich nehmen,
+ Hab's aber nicht im Sinn,
+ Ich muß mich deiner schämen,
+ Wenn ich in G'sellschaft bin.
+
+Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am schwarzen Himmel
+heraus. In einem Wirtshaus lärmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und
+im Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn eine
+bürgerliche Herrengesellschaft in Hemdärmeln beieinander stehen,
+Kegelkugeln in den Händen wägend und Zigarren im Munde.
+
+Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich um. In den kahlen
+Kastanienbäumen sang schwach der feuchte Wind, der Fluß strömte unhörbar
+in tiefer Schwärze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster wider. Die
+milde Nacht tat dem Landstreicher in allen Fibern wohl, er atmete
+spürend und ahnte Frühling, Wärme, trockene Straßen und Wanderschaft.
+Sein unerschöpfliches Gedächtnis überschaute die Stadt, das Flußtal und
+die ganze Gegend, er wußte überall Bescheid, er kannte Straßen und
+Fußwege, Dörfer, Weiler, Höfe, befreundete Nachtherbergen. Scharf dachte
+er nach und stellte den Plan für seine nächste Wanderung auf, da hier in
+Lächstetten seines Bleibens doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn
+es ihm die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb noch über
+diesen Sonntag bleiben.
+
+Vielleicht, dachte er, hätte er dem Gerber einen Wink geben sollen,
+seiner Meisterin wegen. Aber er liebte es nicht, seine Hände in anderer
+Leute Sorgen zu stecken, und er hatte kein Bedürfnis, die Menschen
+besser oder klüger machen zu helfen. Es tat ihm leid, daß es so gegangen
+war, und seine Gedanken an die ehemalige Ochsenkellnerin waren
+keineswegs freundlich; aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an
+des Gerbers würdige Reden über Hausstand und Eheglück. Er kannte das, es
+war meistens nichts damit, wenn einer mit seinem Glück oder mit seiner
+Tugend sich rühmte und groß tat, mit des Flickschneiders Frömmigkeit war
+es einst ebenso gewesen. Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit
+zusehen, man konnte über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber
+man mußte sie ihre Wege gehen lassen.
+
+Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese Sorgen beiseite. Er lehnte
+sich in die Höhlung einer alten Kastanie, der Brücke gegenüber, und
+dachte weiter seiner Wanderschaft nach. Er wäre gerne quer über den
+Schwarzwald gegangen, aber da oben war es jetzt kalt, und vermutlich lag
+noch viel Schnee, man verdarb sich die Stiefel, und die
+Schlafgelegenheiten waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts,
+er mußte den Tälern nachgehen und sich an die Städtchen halten. Die
+Hirschenmühle, vier Stunden weiter unten am Fluß, war der erste sichere
+Rastort, dort würde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage
+behalten.
+
+Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran dachte, daß er auf
+jemanden warte, erschien in Dunkelheit und Zugwind auf der Brücke eine
+schmale ängstliche Gestalt und kam zögernd näher. Er erkannte sie
+sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und schwang den Hut.
+
+»Das ist lieb, daß Ihr kommet, Bärbele, ich habe schon beinah nimmer
+dran geglaubt.«
+
+Er ging zu ihrer Linken und führte sie die Allee flußaufwärts. Sie war
+zaghaft und schämte sich.
+
+»Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und wieder. »Wenn uns nur
+niemand sieht!«
+
+Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald wurden die Schritte des
+Mädchens ruhiger und gleichmäßiger, und schließlich ging sie leicht und
+munter neben ihm wie ein Kamerad und erzählte, von seinen Fragen und
+Einwürfen erwärmt, mit Begier und Eifer von ihrer Heimat, von Vater und
+Mutter, Bruder und Großmama, von den Enten und Hühnern, von Hagelschlag
+und Krankheiten, von Hochzeiten und Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz
+an Erlebnissen tat sich auf und war größer, als sie selber geglaubt
+hätte, und schließlich kam die Geschichte ihrer Verdingung und ihres
+Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst und das Hauswesen ihres
+Dienstherren an die Reihe.
+
+Sie waren längst weit vor dem Städtchen draußen, ohne daß Bärbele auf
+den Weg geachtet hatte. Nun hatte sie sich von einer langen, trüben
+Woche des Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern erlöst und war
+ganz lustig geworden.
+
+»Wo sind wir denn aber?« rief sie plötzlich verwundert. »Wo laufen wir
+denn hin?«
+
+»Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen hinein, wir sind
+gleich dort.«
+
+»Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen lieber umkehren, es wird
+spät.«
+
+»Wann müsset Ihr denn daheim sein, Bärbele?«
+
+»Um zehne. Da wird's Zeit. Es ist ein netter Spaziergang gewesen.«
+
+»Bis zehne ist's noch lang,« sagte Knulp, »und ich will gewiß dran
+denken, daß Ihr zur Zeit heimkommet. Aber weil wir doch nimmer so jung
+zusammen kommen, so könnten wir eigentlich heut noch einen Tanz
+miteinander riskieren. Oder möget Ihr nicht tanzen?«
+
+Sie sah ihn gespannt und verwundert an.
+
+»O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier mitten in der Nacht
+draußen?«
+
+»Ihr müsset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, und da ist Musik im
+Löwen. Wir können hinein gehen, bloß auf einen einzigen Tanz, und dann
+gehen wir heim und haben einen schönen Abend gehabt.«
+
+Bärbele blieb zweifelnd stehen.
+
+»Es wäre lustig,« meinte sie langsam. »Aber was soll man von uns denken?
+Ich will nicht für so eine angeschaut werden, und ich will auch nicht,
+daß man meint, wir zwei gehören zusammen.«
+
+Und plötzlich lachte sie übermütig auf und rief: »Nämlich, wenn ich
+später einmal einen Schatz haben will, dann muß es kein Gerber sein. Ich
+will Euch nicht beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes
+Handwerk.«
+
+»Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmütig. »Ihr sollet mich
+ja auch nicht heiraten. Es weiß kein Mensch, daß ich ein Gerber bin und
+daß Ihr so stolz seid, und die Hände hab ich mir gewaschen, und wenn Ihr
+also einmal mit mir herumtanzen wollt, so seid Ihr eingeladen. Sonst
+kehren wir um.«
+
+Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes mit einem bleichen
+Giebel aus Gebüschen schauen, und Knulp sagte plötzlich »Bst!« und hob
+den Finger auf, und da hörten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine
+Ziehharmonika und eine Geige, tönen.
+
+»Also denn!« lachte das Mädchen, und sie gingen rascher.
+
+Im Löwen tanzten nur vier oder fünf Paare, lauter junge Leute, die Knulp
+nicht kannte. Es ging still und anständig zu, und niemand belästigte das
+fremde Paar, das sich dem nächsten Tanz anschloß. Sie machten einen
+Ländler und eine Polka mit, dann kam ein Walzer, den Bärbele nicht
+konnte. Sie sahen zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte Knulps
+Barschaft nicht.
+
+Bärbele war beim Tanzen warm geworden und blickte nun mit glänzenden
+Augen in den kleinen Saal.
+
+»Jetzt wär es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« sagte Knulp, als es halb
+zehn Uhr war.
+
+Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus.
+
+»Ach schade!« sagte sie leise.
+
+»Wir können ja noch dableiben.«
+
+»Nein, ich muß heim. Und schön war's.«
+
+Sie gingen weg, aber unter der Tür fiel es dem Mädchen ein: »Wir haben
+ja der Musik gar nichts gegeben.«
+
+»Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hätten wohl einen Zwanziger
+verdient. Aber es steht leider so mit mir, daß ich keinen habe.«
+
+Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten Geldbeutel aus der
+Tasche.
+
+»Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, gebet den!«
+
+Er nahm das Geldstück und brachte es den Musikanten, dann gingen sie
+hinaus und mußten vor der Haustür einen Augenblick stehen bleiben, bis
+sie in der tiefen Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging stärker und
+führte einzelne Regentropfen.
+
+»Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp.
+
+»Nein, bei dem Wind, wir kämen ja nicht weiter. Es ist nett gewesen da
+drinnen. Ihr könnet's fast wie ein Tanzmeister, Gerber.«
+
+Sie plauderte fröhlich fort. Ihr Freund aber war still geworden,
+vielleicht daß er müde ward, vielleicht daß er den nahen Abschied
+fürchtete.
+
+Plötzlich fing sie an zu singen: »Bald gras' ich am Neckar, bald gras'
+ich am Rhein.« Ihre Stimme klang warm und rein, und beim zweiten Vers
+fiel Knulp mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und schön,
+daß sie mit Behagen darauf horchte.
+
+»So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er am Ende.
+
+»O ja,« lachte sie hell. »Wir müssen wieder einmal so einen Spaziergang
+machen.«
+
+»Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird wohl der letzte
+gewesen sein.«
+
+Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehört, aber der betrübte
+Klang seiner Worte war ihr aufgefallen.
+
+»Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. »Habt Ihr was gegen
+mich?«
+
+»Nein, Bärbele. Aber morgen muß ich fort, ich habe gekündigt.«
+
+»Was Ihr nicht saget! Ist's wahr? Das tut mir aber leid.«
+
+»Um mich muß es Euch nicht leid sein. Lang wär' ich doch nicht
+geblieben, und ich bin ja auch bloß ein Gerber. Ihr müsset bald einen
+Schatz haben, einen recht schönen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr
+werdet sehen.«
+
+»Ach, redet nicht so! Ihr wisset, daß ich Euch ganz gern habe, wenn Ihr
+auch nicht mein Schatz seid.«
+
+Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. Knulp ging
+langsamer. Sie waren schon nah bei der Brücke. Schließlich blieb er
+stehen.
+
+»Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr gehet die paar
+Schritte noch allein.«
+
+Bärbele sah ihm mit aufrichtiger Betrübnis ins Gesicht.
+
+»Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch meinen Dank. Ich will
+es nicht vergessen. Und alles Gute auch!«
+
+Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und während sie ängstlich und
+verwundert in seine Augen sah, nahm er ihren Kopf mit den vom Regen
+feuchten Zöpfen in beide Hände und sagte flüsternd: »Adieu denn,
+Bärbele. Ich will jetzt zum Abschied noch einen Kuß von Euch haben, daß
+Ihr mich nicht ganz vergesset.«
+
+Ein wenig zuckte sie und strebte zurück, aber sein Blick war gut und
+traurig, und sie sah erst jetzt, wie schöne Augen er habe. Ohne die
+ihren zu schließen, empfing sie ernsthaft seinen Kuß, und da er darauf
+mit einem schwachen Lächeln zögerte, bekam sie Tränen in die Augen und
+gab ihm den Kuß herzhaft zurück.
+
+Dann ging sie schnell davon und war schon über der Brücke, da kehrte sie
+plötzlich um und kam wieder zurück. Er stand noch am selben Ort.
+
+»Was ist, Bärbele?« fragte er. »Ihr müsset heim.«
+
+»Ja, ja, ich geh schon. Ihr dürfet nicht schlecht von mir denken!«
+
+»Das tu ich gewiß nicht.«
+
+»Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch gesagt, Ihr hättet gar
+kein Geld mehr? Ihr krieget doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?«
+
+»Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht nichts, ich komme
+schon durch, da müsset Ihr Euch keine Gedanken machen.«
+
+»Nein, nein! Ihr müsset etwas im Sack haben. Da!«
+
+Sie steckte ihm ein großes Geldstück in die Hand, er spürte, daß es ein
+Taler war.
+
+»Ihr könnet mir's einmal wiedergeben oder schicken, später einmal.«
+
+Er hielt sie an der Hand zurück.
+
+»Das geht nicht. So dürfet Ihr nicht mit Eurem Geldlein umgehen! Das ist
+ja ein ganzer Taler. Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr müsset! So. Man muß
+nicht unvernünftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei Euch habt, einen
+Fünfziger oder so, das nehm ich gerne, weil ich in der Not bin. Aber
+mehr nicht.«
+
+Sie stritten noch ein wenig, und Bärbele mußte ihren Geldbeutel
+herzeigen, weil sie sagte, sie habe nichts als den Taler. Es war aber
+nicht so, sie hatte auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen
+Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er haben, aber das war ihr
+zu wenig, und dann wollte er gar nichts nehmen und fortgehen, aber
+schließlich behielt er das Markstück, und sie lief nun im Trabe
+heimwärts.
+
+Unterwegs dachte sie beständig darüber nach, warum er sie jetzt nicht
+noch einmal geküßt habe. Bald wollte es ihr leid tun, bald fand sie es
+gerade besonders lieb und anständig, und dabei blieb sie schließlich.
+
+Eine gute Stunde später kam Knulp nach Hause. Er sah im Wohnzimmer
+droben noch Licht brennen, also saß die Meisterin noch auf und wartete
+auf ihn. Er spuckte ärgerlich aus und wäre beinahe davongelaufen, gleich
+jetzt in die Nacht hinein. Aber er war müde, und es würde regnen, und
+dem Weißgerber wollte er das auch nicht antun, und außerdem spürte er
+auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen Schabernack.
+
+So fischte er denn den Schlüssel aus seinem Versteck heraus, schloß
+vorsichtig wie ein Dieb die Haustüre auf, zog sie hinter sich zu, schloß
+mit zusammengepreßten Lippen geräuschlos ab und versorgte den Schlüssel
+sorgfältig am alten Platz. Dann stieg er auf Socken, die Schuhe in der
+Hand, die Stiege hinauf, sah Licht durch eine Ritze der angelehnten
+Stubentür und hörte die beim langen Warten eingeschlafene Meisterin
+drinnen auf dem Kanapee tief in langen Zügen atmen. Darauf stieg er
+unhörbar in seine Kammer hinauf, schloß sie von innen fest ab und ging
+ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde abgereist.
+
+
+
+
+Meine Erinnerung an Knulp
+
+
+Es war noch mitten in der fröhlichen Jugendzeit, und Knulp war noch am
+Leben. Wir wanderten damals, er und ich, in der glühenden Sommerszeit
+durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig Sorgen. Tagsüber
+schlenderten wir an den gelben Kornfeldern hin oder lagen auch unter
+einem kühlen Nußbaum oder am Waldesrand, am Abend aber hörte ich zu, wie
+Knulp den Bauern Geschichten erzählte, den Kindern Schattenspiele
+vormachte und für die Mädchen seine vielen Lieder sang. Ich hörte mit
+Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den Mädchen stand und sein
+braunes Gesicht wetterleuchtete und die Jungfern zwar viel lachten und
+spotteten, aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, da schien es mir
+zuweilen, er sei doch ein seltener Glücksvogel oder ich das Gegenteil,
+und dann ging ich manchmal zur Seite, um nicht so überflüssig dabei zu
+stehen, und begrüßte entweder den Pfarrer in seiner Wohnstube um ein
+gescheites Abendgespräch und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins
+Gasthaus zu einem stillen Wein.
+
+Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir an einem Kirchhof
+vorüber, der samt einer kleinen Kapelle verlassen zwischen den Feldern
+lag, weit weg vom nächsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebüschen überm
+Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in dem heißen Lande ruhte. Am
+Eingangsgitter standen zwei große Kastanienbäume, es war aber
+verschlossen, und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, er
+schickte sich an, über die Mauer zu steigen.
+
+Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?«
+
+»Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.«
+
+»Ja, muß es denn gerade ein Kirchhof sein?«
+
+»Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gönnen sich nicht viel, das weiß
+ich wohl, aber unter der Erde wollen sie's doch gut haben. Darum lassen
+sie sich's gern eine Mühe kosten und pflanzen was Sauberes auf die
+Gräber und daneben.«
+
+Da stieg ich mit hinüber und sah, daß er recht hatte, denn es lohnte
+sich wohl, über das Mäuerlein zu klettern. Da innen lagen in geraden
+und in krummen Reihen die Gräber nebeneinander, die meisten mit einem
+weißen Kreuz von Holz versehen, und darauf und darüber war es grün und
+blumenfarbig. Da glühte freudig Winde und Geranium, im tiefern Schatten
+auch noch später Goldlack, und Rosenbüsche hingen voller Rosen, und
+Fliederbäume und Holunderbäume standen dick im Holz und Laub, daß es wie
+ein Lustgarten war.
+
+Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns dann im Grase, das
+stellenweise hoch und in Blüte stand, und ruhten aus und wurden kühl und
+zufrieden.
+
+Knulp las den Namen auf dem nächsten Kreuz und sagte: »Der heißt
+Engelbert Auer und ist über sechzig Jahr alt geworden. Dafür liegt er
+jetzt unter Reseden, was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden
+möcht ich schon auch einmal haben, und einstweilen nehm ich eine von den
+hiesigen mit.«
+
+Ich sagte: »Laß sie nur und nimm was anderes, Reseden welken bald.«
+
+Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, der neben ihm im
+Grase lag.
+
+»Wie es da schön still ist!« sagte ich.
+
+Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig stiller wär, so könnten
+wir wohl die da drunten reden hören.«
+
+»Das nicht. Die haben ausgeredet.«
+
+»Weiß man's? Man sagt doch immer, der Tod ist ein Schlaf, und im Schlaf
+redet man oft und singt auch mitunter.«
+
+»Du vielleicht schon.«
+
+»Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär, da würd ich warten, bis
+am Sonntag die Mädlein herüberkommen und still herumstehen und sich von
+einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann würd ich ganz leis anfangen
+singen.«
+
+»So, und was denn?«
+
+»Was? Irgendein Lied.«
+
+Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen zu und fing bald mit
+einer leisen, kindlichen Stimme an zu singen:
+
+ »Weil ich früh gestorben bin,
+ Drum singet mir, ihr Jüngferlein,
+ Ein Abschiedslied.
+ Wenn ich wiederkomm,
+ Wenn ich wiederkomm,
+ Bin ich ein schöner Knabe.«
+
+Ich mußte lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. Er sang schön und
+zart, und wenn manchmal die Worte keinen völligen Sinn hatten, war doch
+die Melodie recht fein und machte es schön.
+
+»Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht zu viel, sonst hören
+sie dir bald nimmer zu. Das mit dem Wiederkommen ist schon recht, aber
+gewiß weiß das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schöner Knabe
+wirst, das ist erst recht nicht sicher.«
+
+»Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es wäre mir lieb. Weißt du noch,
+vorgestern, der kleine Bub mit der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt
+haben? So wär ich gern wieder einer. Du nicht auch?«
+
+»Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann gekannt, wohl über
+siebzig, der hat so still und gut geblickt, und mir kam es vor, als
+könne an ihm nur Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk ich
+hie und da, so möcht ich gern auch einer werden.«
+
+»Ja, da fehlt dir noch ein Stückchen dran, weißt du. Und es ist
+überhaupt komisch mit dem Wünschen. Wenn ich jetzt im Augenblick bloß zu
+nicken brauchte und wäre dann so ein netter kleiner Bub, und du
+brauchtest bloß zu nicken und wärst ein feiner milder alter Kerl, so
+würde doch keiner von uns nicken. Sondern wir würden ganz gern bleiben,
+wie wir sind.«
+
+»Das ist auch wahr.«
+
+»Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: Das Allerschönste und
+Allerfeinste, was es überhaupt gibt, das ist ein schlankes junges
+Fräulein mit einem blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht oft
+genug, daß eine Schwarze fast noch schöner ist. Und außerdem, es
+geschieht auch wieder, daß mir so scheint: Das Allerschönste und das
+Feinste von allem ist doch ein schöner Vogel, wenn man ihn so frei in
+der Höhe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts so wundersam
+wie ein Schmetterling, ein weißer zum Beispiel mit roten Augen auf den
+Flügeln, oder auch ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, wenn
+alles glänzt und doch nicht blendet, und alles dann so froh und
+unschuldig aussieht.«
+
+»Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn man es in der guten
+Stunde anschaut.«
+
+»Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schönste ist immer so,
+daß man dabei außer dem Vergnügen auch noch eine Trauer hat oder eine
+Angst.«
+
+»Ja wie denn?«
+
+»Ich meine so: Eine recht schöne Jungfer würde man vielleicht nicht gar
+so fein finden, wenn man nicht wüßte, sie hat ihre Zeit und danach muß
+sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle
+Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl freuen, aber ich
+würd es dann kälter anschauen und denken: Das siehst du immer noch, es
+muß nicht heute sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben
+kann, das schaue ich an und habe nicht bloß Freude, sondern auch ein
+Mitleid dabei.«
+
+»Nun ja.«
+
+»Darum weiß ich auch nichts Feineres, als wenn irgendwo bei Nacht ein
+Feuerwerk angestellt wird. Da gibt es blaue und grüne Leuchtkugeln, die
+steigen in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schönsten sind,
+dann machen sie einen kleinen Bogen und sind aus. Und wenn man dabei
+zuschaut, so hat man die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst:
+gleich ist's wieder aus, und das gehört zueinander und ist viel schöner,
+als wenn es länger dauern würde. Nicht?«
+
+»Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht für alles.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben und heiraten, oder wenn
+zwei miteinander eine Freundschaft schließen, so ist das doch gerade
+deswegen schön, weil es für die Dauer ist und nicht gleich wieder ein
+Ende haben soll.«
+
+Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er mit seinen schwarzen
+Wimpern und sagte nachdenklich: »Mir ist es auch recht. Aber auch das
+hat doch einmal sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer
+Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe auch.«
+
+»Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es kommt.«
+
+»Ich weiß nicht. -- Sieh, du, ich habe zweimal in meinem Leben eine
+Liebschaft gehabt, ich meine eine richtige, und beidemal wußte ich
+gewiß, daß das für immer sei und nur mit dem Tod aufhören könne, und
+beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht gestorben. Auch
+einen Freund hab ich gehabt, daheim noch in unsrer Stadt, und hätte
+nicht gedacht, daß wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen könnten.
+Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon lang.«
+
+Er schwieg, und ich wußte nichts dazu zu sagen. Das Schmerzliche, das in
+jedem Verhältnis zwischen Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis
+geworden, und ich hatte es noch nicht erfahren, daß zwischen zwei
+Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen
+bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit
+einem Notsteg überbrücken kann. Ich dachte über die vorigen Worte meines
+Kameraden nach, von denen mir das über die Leuchtkugeln am besten
+gefiel, denn ich hatte das selber schon manches Mal empfunden. Die leise
+lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend und allzubald darin
+ertrinkend, schien mir ein Sinnbild aller menschlichen Lust, die je
+schöner sie ist, desto weniger befriedigt und desto rascher wieder
+verglühen muß. Das sagte ich auch zu Knulp.
+
+Aber er ging nicht darauf ein.
+
+»Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten Weile, mit gedämpfter
+Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen hat keinen Wert, und man tut ja
+auch nicht, wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz
+unüberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit dem Freundsein und
+Verlieben ist vielleicht doch so, wie ich meine. Am Ende hat doch ein
+jeder Mensch das Seinige ganz für sich und kann es nicht mit anderen
+gemein haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird geheult und
+getrauert, einen Tag und einen Monat und auch ein Jahr, aber dann ist
+der Tote tot und fort, und es könnte in seinem Sarge drin gerade so gut
+ein heimatloser und unbekannter Handwerksbursch liegen.«
+
+»Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben doch oft geredet, daß
+das Leben schließlich einen Sinn haben muß und daß es einen Wert hat,
+wenn einer gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. Aber
+so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, und wir könnten
+gerade so gut stehlen und totschlagen.«
+
+»Nein, das könnten wir nicht, mein Lieber. Schlag doch einmal die paar
+nächsten Leute tot, die wir treffen, wenn du's vermagst! Oder verlang
+einmal von einem gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich
+aus.«
+
+»So mein ich's auch nicht. Aber wenn doch alles einerlei ist, dann hat
+es keinen Sinn, daß man gut und redlich sein will. Dann gibt es ja kein
+Gutsein, wenn blau so gut wie gelb und bös so gut wie gut ist. Dann ist
+eben jeder wie ein Tier im Wald und tut nach seiner Natur und hat weder
+ein Verdienst noch eine Schuld dabei.«
+
+Knulp seufzte.
+
+»Ja, was soll man darüber sagen! Vielleicht ist es so, wie du sagst.
+Dann wird man auch deswegen oft so dumm betrübt, weil man spürt, daß das
+Wollen keinen Wert hat, und daß alles ganz ohne uns seinen Weg geht.
+Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn einer nicht anders
+hat können als schlecht sein. Denn er spürt es doch in sich. Und darum
+muß auch das Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt und
+sein gutes Gewissen hat.«
+
+Ich sah es seinem Gesicht an, daß er dieser Gespräche satt war. Es ging
+ihm oft so, er kam ins Philosophieren hinein, stellte Sätze auf, redete
+für sie und wider sie und hörte plötzlich wieder auf. Früher hatte ich
+gemeint, er sei dann meiner unzulänglichen Antworten und Einwürfe müde.
+Aber es war nicht so, sondern er fühlte, daß seine Neigung zum
+Spekulieren ihn auf Gelände führe, wo seine Kenntnisse und Redemittel
+nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, unter anderem
+Tolstoi, aber er konnte zwischen richtigen und Trugschlüssen nicht immer
+genau unterscheiden und fühlte das selber. Von den Gelehrten redete er,
+wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen redet: er mußte anerkennen,
+daß sie mehr Macht und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, daß
+sie doch damit nichts Rechtes anfingen und mit allen ihren Künsten doch
+keine Rätsel lösen konnten.
+
+Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Händen, starrte durch das
+schwarze Holunderlaub in den blauen heißen Himmel und summte ein altes
+Volkslied vom Rhein vor sich hin. Ich weiß noch den letzten Vers:
+
+ Nun hab ich getragen den roten Rock,
+ Nun muß ich tragen den schwarzen Rock,
+ Sechs, sieben Jahr,
+ Bis daß mein Lieb verweset war.
+
+ * * * * *
+
+Spät am Abend saßen wir am dunklen Rand eines Gehölzes einander
+gegenüber, jeder mit einem großen Stück Brot und einer halben
+Schützenwurst, aßen und sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch
+waren die Hügel vom gelben Widerschein des Späthimmels beglänzt und in
+flaumig schwimmendem Lichtrauch aufgelöst gewesen, nun aber standen sie
+schon dunkel und scharf und malten ihre Bäume, Felderrücken und Gebüsche
+schwarz auf den Himmel, der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon
+viel mehr tiefes Nachtblau hatte.
+
+Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander drollige Sachen
+aus einem kleinen Büchlein vorgelesen, das hieß »Musenklänge aus
+Deutschlands Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder
+mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit dem Tageslicht sein Ende
+gefunden. Als wir fertig gegessen hatten, wünschte Knulp Musik zu hören,
+und ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen war,
+putzte sie aus und spielte die paar oft gehörten Melodien wieder. Die
+Dunkelheit, in der wir schon eine Weile saßen, hatte sich vor uns nun
+weit in das vielfältig gewölbte Land hinein verbreitet, auch der Himmel
+hatte seinen bleichen Schein verloren und ließ im Schwärzerwerden
+langsam einen Stern um den andern hervorglühen. Die Töne unserer
+Harmonika flogen leicht und dünn feldeinwärts und verloren sich bald in
+den weiten Lüften.
+
+»Wir können doch noch nicht gleich schlafen,« sagte ich zu Knulp.
+»Erzähl mir noch eine Geschichte, sie braucht nicht wahr zu sein, oder
+ein Märchen.«
+
+Knulp besann sich.
+
+»Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Märchen, beides
+beieinander. Es ist nämlich ein Traum. Vorigen Herbst hat es mir so
+geträumt und seither zweimal ganz ähnlich, das will ich dir erzählen:
+
+Da war eine Gasse in einem Städtlein, ähnlich wie bei mir daheim, alle
+Häuser streckten die Giebel auf die Gassenseite, aber sie waren höher,
+als man sie sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn ich
+nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; aber ich hatte
+nur eine halbe Freude, denn es war nicht alles in Ordnung, und ich
+wußte nicht ganz sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht
+in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein sollte, und ich
+kannte sie sofort wieder, aber viele Häuser waren fremd und ungewohnt,
+auch fand ich die Brücke und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt
+dessen an einem unbekannten Garten und an einer Kirche vorbei, die war
+wie in Köln oder in Basel, mit zwei großen Türmen. Unsre Kirche daheim
+aber hat keine Türme gehabt, sondern nur einen kurzen Stumpen mit einem
+Notdach, weil sie früher sich verbaut haben und den Turm nicht fertig
+machen konnten.
+
+So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir
+ganz wohlbekannt, ich wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um
+sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in
+eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer näherkam und an mir
+vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er vorüber
+und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und
+ich müsse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden
+beieinander stehen, und eine davon, schien mir's, war sogar meine
+verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder
+nimmer und höre auch, daß sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich
+kaum verstehen kann.
+
+Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt draußen wäre,
+sie ist's und ist's doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein
+bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle
+auch wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und
+verdrießlich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet
+hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als
+unnütze, dumme Redensarten ein -- zum Beispiel 'Sehr geehrter Herr' und
+'Unter den obwaltenden Umständen' -- und die sagte ich verwirrt und
+traurig vor mich hin.
+
+Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm
+und müd war und völlig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon
+Abend, und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der Herberge
+oder nach der Landstraße zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und
+alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor
+Müdigkeit und Verzweiflung geweint.
+
+Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte
+Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das
+störte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus
+ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich wieder, und endlich auch
+unser altes väterliches Haus. Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst
+aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief
+mir wie ein Grausen den Rücken hinauf.
+
+Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette
+geheißen. Nur sah sie größer und etwas anders aus als früher, war aber
+nur noch schöner geworden. Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre
+Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch
+merkte ich nun auch, daß sie hellblond war und nicht braun wie die
+Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt.
+
+'Henriette!' rief ich hinüber und zog den Hut ab, weil sie so fein und
+herrlich aussah, daß ich nicht wußte, ob sie mich noch werde kennen
+wollen.
+
+Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so
+ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern und schämen, denn es war gar
+nicht die, für die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die
+Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war.
+
+'Lisabeth!' rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin.
+
+Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen
+würde, nicht streng und etwa hochmütig, sondern ganz ruhig und klar,
+aber so geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie
+wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schüttelte sie den Kopf wie
+auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins
+Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. Ich hörte noch das
+Schloß einschnappen.
+
+Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tränen und Leidwesen
+kaum aus den Augen sah, war es doch merkwürdig, wie die Stadt sich
+wieder verwandelt hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und jedes Haus
+und alles genau wie in früherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden.
+Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die
+Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn
+sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an.
+Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben.
+Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg über die
+Brücke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor
+Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, es sei hier für mich
+alles verloren und ich müsse in Schande fortlaufen.
+
+Dann, wie ich vor der Stadt draußen unter den Pappeln war und ein wenig
+anhalten mußte, fiel mir's erst ein, daß ich daheim und vor unserem Haus
+gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und Freunde und alles
+mit keinem Gedanken gedacht habe. Es war eine Verwirrung, Kümmernis und
+Scham in meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte nicht umkehren
+und alles gutmachen, denn der Traum war aus, und ich wurde wach.«
+
+ * * * * *
+
+Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner
+anderen vermischen. Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können
+miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie
+Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der andern
+kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben
+nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie
+gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt,
+dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und
+geht hin, wie und wo er will.«
+
+Und später: »Der Traum, den ich dir erzählt habe, hat vielleicht die
+gleiche Bedeutung. Ich habe weder der Henriette mit Wissen unrecht getan
+noch der Lisabeth. Aber durch das, daß ich beide einmal liebgehabt und
+zu eigen habe nehmen wollen, sind sie für mich zu einer solchen
+Traumgestalt geworden, die beiden ähnlich sieht und doch keine ist. Die
+Gestalt gehört mir eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe
+ich auch oft über meine Eltern nachdenken müssen. Die meinen, ich sei
+ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn ich sie auch lieben muß, bin ich
+doch ihnen ein fremder Mensch, den sie nicht verstehen können. Und das,
+was die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine Seele ist, das
+finden sie nebensächlich und schreiben es meiner Jugend oder Laune zu.
+Dabei haben sie mich gern und täten mir gern alles Liebe. Ein Vater kann
+seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe
+mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu.«
+
+Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege damals noch
+nicht, wenigstens nicht aus eigenem Bedürfnis, gegangen war. Mir war bei
+diesem Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir nicht bis
+ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es werde auch für Knulp mehr
+ein Spiel als ein Kampf sein. Außerdem war es friedsam schön, da zu
+zweien im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den Schlaf zu
+warten und die frühen Sterne zu betrachten.
+
+Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hättest sollen Professor
+werden.«
+
+Er lachte und schüttelte den Kopf.
+
+»Viel eher könnt es sein, daß ich noch einmal zur Heilsarmee ginge,«
+meinte er dann nachdenklich.
+
+Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir doch nichts vor! Willst
+du nicht auch noch ein Heiliger werden?«
+
+»Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, wenn es ihm mit
+seinen Gedanken und Taten wirklich Ernst ist. Wenn man etwas für recht
+hält, muß man es tun. Und wenn ich es einmal für das richtige halte, daß
+ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich's hoffentlich auch tun.«
+
+»Immer die Heilsarmee!«
+
+»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten
+gesprochen und auch viele Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und
+Lehrer und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden hören;
+aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und
+dem ich zugetraut hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit sich
+selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen
+und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen
+ist es Ernst gewesen.«
+
+»Woher weißt du das denn?«
+
+»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine
+Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze,
+daß er bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht ausgesehen.
+Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, ließ er seine drei Kameraden einen
+Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um
+ihn herumgestanden, Kinder und Große, und haben ihn für Narren gehabt
+und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche
+und ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu
+ärgern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös
+geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem
+Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelächelt, wo ein
+andrer geheult oder geflucht hätte. Weißt du, das tut einer nicht um
+einen Hungerlohn und um des Vergnügens willen, sondern er muß eine große
+Helligkeit und Gewißheit in sich haben.«
+
+»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und wer ein feiner und
+empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.«
+
+»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was noch viel besser ist
+als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es paßt freilich nicht eins
+für alle, aber die Wahrheit, die muß für alle passen.«
+
+»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die
+Wahrheit haben.«
+
+»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal
+finde, daß das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.«
+
+»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen läßt du
+sie nimmer gelten.«
+
+Er sah mich betroffen an.
+
+»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.«
+
+Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald
+sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube
+nicht, daß er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch
+weit über eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und schaute in
+das nächtliche Land hinein.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich
+sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und
+sagte: »Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, wenn einer
+so einen guten Tag hat?«
+
+»Nein, woher?«
+
+»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen und recht viel Schönes
+geträumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir's heute. Ich
+habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, aber alles
+vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich schön gewesen ist.«
+
+Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe
+hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, mühelosen Stimme
+drei, vier nagelneue Lieder in die nüchterne Frühe hinein.
+Aufgeschrieben und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht recht wenig
+vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer Dichter war, so war er doch ein
+kleiner, und während er sie selber sang, sahen seine Liedchen den
+schönsten anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und einzelne
+Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schön und mir
+noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine
+Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die
+Lüfte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen
+anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht.
+
+ Hell und sonntagsangetan
+ Wie ein Fräulein aus dem Tor,
+ Kommt sie rot und aber stolz
+ Überm Tannenwald hervor --
+
+so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer
+vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das
+Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie
+saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie
+auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut
+entströmen zu lassen.
+
+Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir
+begrüßten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns
+her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns
+wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander Streiche und Witze aus der
+Schulzeit, hingen den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen
+und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an einem verborgenen Gartenzaun an
+gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Kräfte und
+Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.
+
+Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hätte ich
+ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute
+mich darauf, daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern
+und Lustigsein erst anheben sollte.
+
+Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im Grase als wir
+marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange
+Luft zusammen, so daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen.
+
+Knulp wurde nun allmählich stiller und ein wenig müde, doch merkte ich
+es kaum, denn er lachte noch immer herzlich mit und stimmte oft in
+meinen Gesang ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fühlte ein
+Freudenfeuer um das andere in mir angehen. Vielleicht war es bei Knulp
+umgekehrt, daß in ihm die festlichen Lichter schon zu verglimmen
+begannen. Mir ist es damals immer so gegangen, daß ich an frohen Tagen
+gegen die Nacht hin immer lebhafter wurde und kein Ende finden konnte,
+ja, oft trieb ich mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden
+allein herum, wenn die andern längst ermüdet waren und schliefen.
+
+Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch damals, und ich freute
+mich, als wir talwärts gegen ein stattliches Dorf kamen, auf eine
+lustige Nacht. Vorerst bestimmten wir eine abseits stehende, leicht
+zugängliche Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir in das Dorf
+ein und in einen schönen Wirtsgarten, denn ich hatte meinen Freund für
+heute als meinen Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar
+Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag war.
+
+Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. Doch als wir unter
+einem schönen Platanenbaum an unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er
+halb verlegen: »Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, gelt? Eine
+Flasche Bier trink ich gern, das tut gut und ist mir ein Vergnügen, aber
+mehr mag ich kaum vertragen.«
+
+Ich ließ es gut sein und dachte: Wir werden schon zu so viel oder wenig
+kommen, als uns Freude macht. Wir aßen den heißen Eierkuchen und ein
+kräftig frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings ließ ich mir
+bald eine zweite Flasche Bier bringen, während Knulp seine erste noch
+halbvoll hatte. Mir war, da ich wieder üppig und herrschaftlich an einem
+guten Tische saß, herzlich wohl zumut, und ich dachte das heute abend
+noch eine Weile zu genießen.
+
+Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er trotz meiner Bitten keine
+zweite an und schlug mir vor, jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu
+schlendern und dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht
+meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. Und da
+meine Flasche noch nicht leer war, hatte ich auch nichts dagegen, daß er
+einstweilen vorausging, wir würden uns nachher schon wieder treffen.
+
+Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit seinem bequemen,
+genießenden Feierabendschritt, eine Sternblume hinterm Ohr, die paar
+Treppen hinab auf die breite Gasse und langsam dorfeinwärts bummelte.
+Und wenn es mir auch leid tat, daß er nicht noch eine Flasche mit mir
+leeren wollte, dachte ich im Nachschauen doch froh und zärtlich: Du
+lieber Kerl!
+
+Inzwischen nahm die Schwüle, trotzdem die Sonne schon verschwunden war,
+noch immer zu. Ich hatte das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem
+frischen Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem Tische noch
+auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe der einzige Gast war, fand die
+Kellnerin reichlich Zeit, mit mir ein Gespräch zu pflegen. Ich ließ mir
+von ihr auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine anfänglich
+für Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie nachher in der Vergeßlichkeit
+selber noch.
+
+Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder und wollte mich
+abholen. Ich war jedoch seßhaft geworden, und da er müde war und Schlaf
+hatte, wurden wir einig, daß er an unsere Schlafstätte gehen und sich
+hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin aber fing sofort an,
+mich nach ihm auszufragen, denn er stach allen Mädchen in die Augen. Ich
+hatte nichts dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein Schatz,
+und ich pries ihn sogar noch mächtig, denn mir war wohl und ich meinte
+es mit jedermann gut.
+
+Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu winden an, als ich
+endlich spät aufbrach. Ich zahlte, schenkte dem Mädchen einen Zehner und
+machte mich ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spürte ich wohl, daß ich
+eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte die letzte Zeit
+ganz ohne starkes Getränk gelebt. Doch machte mich das nur vergnügt,
+denn ich konnte schon etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg
+vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da stieg ich leise
+hinein und fand richtig den Knulp im Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie
+er hemdärmlig auf seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und
+gleichmäßig atmete. Seine Stirn und der bloße Hals und die eine Hand,
+die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem trüben Halbdunkel einen
+bleichen Schein.
+
+Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch machte die Erregung und
+der eingenommene Kopf mich immer wieder wach, und es wurde draußen schon
+Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf einschlief. Es war
+ein fester, doch kein guter Schlaf, ich war schwer und matt geworden und
+hatte undeutliche, plagende Träume.
+
+Am Morgen erwachte ich erst spät, es war schon voller Tag, und das helle
+Licht tat mir in den Augen weh. Mein Kopf war leer und trüb und die
+Glieder müde. Ich gähnte lange, rieb mir die Augen und streckte die
+Arme, daß die Gelenke knackten. Aber trotz der Müdigkeit hatte ich noch
+einen Rest und Nachklang von der gestrigen Laune in mir und dachte den
+kleinen Jammer am nächsten klaren Brunnen von mir zu spülen.
+
+Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war Knulp nicht vorhanden.
+Ich rief und pfiff nach ihm und war im Anfang noch ganz arglos. Als
+jedoch Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir plötzlich die
+Erkenntnis, daß er mich verlassen habe. Ja, er war fort, heimlich
+fortgegangen, er hatte nicht länger bei mir bleiben mögen. Vielleicht
+weil ihm mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil er sich
+heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit schämte, vielleicht nur
+aus einer Laune, vielleicht aus Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus
+einem plötzlich erwachten Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich
+war doch mein Trinken daran schuld.
+
+Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfüllten mich ganz. Wo war
+jetzt mein Freund? Ich hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine
+Seele ein wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun war er fort,
+ich stand allein und enttäuscht, mußte mich mehr als ihn anklagen und
+hatte nun die Einsamkeit, in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und
+an die ich nie ganz hatte glauben mögen, selber zu kosten. Sie war
+bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie ist inzwischen wohl
+manches Mal lichter geworden, aber völlig will sie mich seither nimmer
+verlassen.
+
+
+
+
+Das Ende
+
+
+Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, durchsonnte Luft wurde
+von launigen kurzen Windzügen bewegt, aus Feldern und Gärten zog in
+dünnen, zögernden Bändern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern und
+erfüllte die lichte Landschaft mit einem scharfsüßen Geruch von
+verbranntem Kraut und Grünholz. In den Dorfgärten blühten sattfarbige
+Buschastern, späte bläßliche Rosen und Georginen, und an den Zäunen
+brannte noch hier und dort eine feurige Kapuzinerblüte aus dem schon
+matt und weißlich schimmernden Gekräut.
+
+Auf der Landstraße nach Bulach fuhr langsam der Einspänner des Doktors
+Machold. Der Weg ging sachte bergan, links abgemähte Äcker und
+Kartoffelfelder, in denen noch geerntet wurde, rechts junger enger
+Fichtenwald halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrängten Stangen
+und dürren Zweigen, der Boden gleichfarbig trockenbraun voll dick
+gelagerter welker Nadeln. Geradeaus führte die Straße einfach in den
+zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die Welt ein Ende.
+
+Der Doktor hielt die Zügel lose in den Händen und ließ das alte
+Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam von einer sterbenden Frau, der
+nicht mehr zu helfen war und die doch zäh ums Leben gekämpft hatte bis
+zur letzten Stunde. Nun war er müde und genoß die stille Fahrt durch den
+freundlichen Tag; seine Gedanken waren eingeschlafen und folgten leicht
+betäubt und willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen
+aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen an Herbstferientage
+der Schülerzeit und weiter zurück in klangvolle, gestaltlose
+Kindheitsdämmerung. Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, und seine
+Sinne folgten erfahren und willig allen ländlichen Zeichen der
+Jahreszeiten und ihrer Geschäfte.
+
+Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das Stehenbleiben des Wagens.
+Eine Wasserrinne lief quer über die Straße, darin fanden die Vorderräder
+einen Halt, und das Roß blieb dankbar stehen, senkte den Kopf und genoß
+wartend die Rast.
+
+Machold ermunterte sich über dem plötzlichen Verstummen der Räder, nahm
+die Zügel zusammen, sah lächelnd nach verdämmerten Minuten Wald und
+Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und trieb den Gaul mit
+vertraulichem Zungenschnalzen zum Weitersteigen an. Darauf setzte er
+sich aufrecht, er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte
+sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen Schritt weiter, zwei
+Weiber grüßten vom Felde, in Schattenhüten hinter einer langen Front von
+gefüllten Kartoffelsäcken hervor.
+
+Die Höhe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den Kopf, ermuntert und
+voll Erwartung, nächstens den langen Sattel des heimatlichen Hügels
+hinabzutraben. Da erschien im nahen lichten Horizont von drüben her ein
+Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom Blau umlodert frei und
+hoch, stieg nieder und wurde grau und klein. Er kam näher, ein magerer
+Mann mit kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der
+Landstraße daheim, er ging müde und mühevoll, aber er zog den Hut mit
+stiller Artigkeit und sagte: Grüß Gott.
+
+»Grüß Gott,« sagte der Doktor Machold und sah dem Fremden nach, der
+schon vorüber war, und plötzlich hielt er den Gaul an, wandte sich
+stehend über das knarrende Lederdach zurück und rief: »Heda, Sie! Kommen
+Sie einmal her!«
+
+Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zurück. Er lächelte schwach
+herüber, wandte sich wieder ab und schien weitergehen zu wollen, dann
+besann er sich dennoch und kehrte gehorsam um.
+
+Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte den Hut in der Hand.
+
+»Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold.
+
+»Der Straße nach, gegen Berchtoldsegg.«
+
+»Kennen wir einander nicht? Ich kann bloß nicht auf den Namen kommen.
+Sie wissen doch, wer ich bin?«
+
+»Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.«
+
+»Na also? Und Sie? Wie heißen Sie?«
+
+»Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir sind einmal nebeneinander
+beim Präzeptor Plocher gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die
+lateinischen Präparationen von mir abgeschrieben.«
+
+Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann in die Augen. Dann
+klopfte er ihm auflachend auf die Schulter.
+
+»Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der berühmte Knulp, und wir sind
+Schulkameraden. So laß dir doch die Hand schütteln, alter Kerl! Wir
+haben uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch auf der
+Wanderschaft?«
+
+»Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, wenn man älter wird.«
+
+»Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? Wieder einmal der Heimat
+zu?«
+
+»Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe eine Kleinigkeit
+dort zu tun.«
+
+»So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?«
+
+»Niemand mehr.«
+
+»Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. Wir sind doch erst
+Vierziger, wir zwei. Und daß du so einfach an mir vorbei hast laufen
+wollen, ist nicht recht von dir. -- Weißt du, mir scheint, du könntest
+vielleicht einen Doktor brauchen.«
+
+»Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir fehlt, das kann doch kein
+Doktor kurieren.«
+
+»Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und komm mit mir, dann
+können wir besser reden.«
+
+Knulp trat ein wenig zurück und setzte den Hut wieder auf. Mit
+verlegenem Gesicht wehrte er sich, als der Doktor ihm in den Wagen
+helfen wollte.
+
+»Ach, wegen dessen, das wäre nicht nötig. Das Rößlein rennt dir nicht
+fort, solang wir dastehen.
+
+Indessen faßte ihn ein Anfall von Husten, und der Arzt, der schon
+Bescheid wußte, packte ihn kurzerhand und setzte ihn in das Gefährt.
+
+»So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir droben, und dann geht's
+Trab, in einer halben Stunde sind wir daheim. Du brauchst keine
+Unterhaltung zu machen, mit deinem Husten, wir können dann daheim weiter
+reden. -- -- Was? -- -- Nein, das hilft dir jetzt nichts mehr, kranke
+Leute gehören ins Bett und nicht auf die Landstraße. Weißt du, damals im
+Latein hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an der
+Reihe.«
+
+Sie fuhren über den Höhenrücken und mit pfeifender Bremse den langen
+Sattel hinab; gegenüber sah man schon die Dächer von Bulach über den
+Obstbäumen. Machold hielt die Zügel kurz und paßte auf den Weg, und
+Knulp ergab sich müde in halbem Behagen dem Genuß des Fahrens und der
+gewaltsamen Gastfreundschaft. Morgen, dachte er, oder spätestens
+übermorgen walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen noch
+zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld mehr, der die Tage und Jahre
+verschwendete. Er war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr
+hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu sehen.
+
+In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube und gab ihm Milch
+zu trinken und Brot mit Schinken zu essen. Dabei plauderten sie und
+fanden langsam die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn der Arzt ins
+Verhör, das der Kranke gutmütig und etwas spöttisch über sich ergehen
+ließ.
+
+»Weißt du eigentlich, was dir fehlt?« fragte Machold am Ende seiner
+Untersuchung. Er sagte es leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm
+dafür dankbar.
+
+»Ja, ich weiß schon, Machold. Es ist die Auszehrung, und ich weiß auch,
+daß es nimmer lang gehen kann.«
+
+»Na, wer weiß! Aber dann mußt du also auch einsehen, daß du in ein Bett
+und in eine Pflege gehörst. Einstweilen kannst du ja hier bei mir
+bleiben, ich sorge inzwischen für einen Platz im nächsten Spital. Es
+spukt bei dir, mein Lieber, und du mußt dich zusammennehmen, daß du's
+noch einmal durchhaust.«
+
+Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein hageres und graues
+Gesicht mit einem Ausdruck von Schelmerei dem Doktor zu und sagte
+gutmütig: »Du machst dir viele Mühe, Machold. Also meinetwegen. Aber von
+mir darfst du nimmer viel erwarten.«
+
+»Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die Sonne, so lang sie
+noch in den Garten scheint. Die Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir
+müssen dir auf die Finger sehen, Knülplein. Daß so ein Mensch, der sein
+ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht hat, sich dabei
+ausgerechnet die Lungen kaputt macht, ist eigentlich nicht in der
+Ordnung.«
+
+Damit ging er weg.
+
+Die Haushälterin Lina war nicht erfreut und wehrte sich dagegen, so
+einen Landstreicher ins Gastzimmer zu lassen. Aber der Doktor schnitt
+ihr das Wort ab.
+
+»Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer lang zu leben, er muß es
+bei uns noch ein bißchen gut haben. Sauber ist er übrigens immer
+gewesen, und eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie ihm
+eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht meine
+Winterpantoffeln. Und vergessen Sie nicht: Der Mann ist ein Freund von
+mir.«
+
+ * * * * *
+
+Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen Morgen im Bett
+verdämmert, wo er sich erst allmählich darauf besinnen konnte, bei wem
+er sei. Als die Sonne herausgekommen war, hatte Machold ihm das
+Aufstehen erlaubt, und nun saßen sie beide nach Tisch bei einem Glas
+Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp war vom guten Essen und von
+seinem halben Glas Wein munter und gesprächig geworden, und der Doktor
+hatte sich für eine Stunde frei gemacht, um noch einmal mit dem
+seltsamen Schulkameraden zu plaudern und vielleicht etwas über dieses
+nicht gewöhnliche Menschenleben zu erfahren.
+
+»Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt hast?« sagte er
+lächelnd. »Dann ist ja alles gut. Sonst hätte ich aber doch gesagt, es
+ist eigentlich schad um so einen Kerl wie dich. Du hättest ja kein
+Pfarrer oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber wäre ein
+Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir geworden. Ich weiß
+nicht, ob du deine Gaben benutzt und weiter gebildet hast, aber du hast
+sie für dich allein verbraucht. Oder nicht?«
+
+Knulp stützte das Kinn mit dem dünnen Bärtchen in die hohle Hand und sah
+auf die roten Lichter, die hinterm Weinglas auf dem besonnten Tischtuch
+spielten.
+
+»Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die Gaben, wie du es nennst,
+damit ist es nicht so weit her. Ich kann ein bißchen kunstpfeifen, auch
+Handorgel spielen und manchmal Verslein machen, früher bin ich auch ein
+guter Läufer gewesen und habe nicht schlecht getanzt. Das ist alles. Und
+daran habe ich ja nicht allein Freude gehabt, es waren meistens
+Kameraden dabei, oder junge Mädel oder Kinder, die haben ihren Spaß
+daran gehabt und sind mir manchmal dafür dankbar gewesen. Wir wollen es
+gut sein lassen und damit zufrieden sein.«
+
+»Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins muß ich dich noch
+fragen. Du bist damals bis in die fünfte Klasse mit mir in die
+Lateinschule gegangen, ich weiß es noch genau, und bist ein guter
+Schüler gewesen, wenn auch kein Musterbub. Und dann auf einmal warst du
+weg, und es hieß, du gehest jetzt in die Volksschule, und da waren wir
+auseinander, ich durfte ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der
+in die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? Später, wenn ich
+von dir hörte, habe ich immer gedacht: Wenn er damals bei uns in der
+Schule geblieben wäre, hätte alles anders kommen müssen. Also, wie war's
+damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter das Schulgeld nimmer
+zahlen mögen, oder was sonst?«
+
+Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere Hand, doch trank er
+nicht, er blickte nur durch den Wein gegen das grüne Gartenlicht und
+stellte dann den Kelch vorsichtig auf den Tisch zurück. Schweigend
+schloß er dann die Augen und versank in Gedanken.
+
+»Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein Freund. »Es muß ja
+nicht sein.«
+
+Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und prüfend ins Gesicht.
+
+»Doch,« sagte er, noch zögernd, »ich glaube, es muß sein. Ich habe das
+nämlich noch nie einem Menschen erzählt. Aber jetzt ist es vielleicht
+ganz gut, wenn jemand es hört. Es ist ja bloß eine Kindergeschichte,
+aber für mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir jahrelang zu
+schaffen gemacht. Sonderbar, daß du gerade danach fragst!«
+
+»Warum?«
+
+»Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken müssen, und deswegen
+bin ich auch wieder auf dem Weg nach Gerbersau.«
+
+»Ja, dann erzähle.«
+
+»Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute Freunde gewesen, wenigstens
+bis in die dritte oder vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger
+zusammen, und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus gepfiffen.«
+
+»Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit mehr als zwanzig Jahren
+nimmer gedacht. Mensch, was hast du für ein Gedächtnis! Und weiter?«
+
+»Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. Die Mädchen waren daran
+schuld. Ich bin ziemlich früh auf sie neugierig geworden, und du hast
+noch an den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da wußte ich
+schon so ziemlich, wie es mit Buben und Mädeln beschaffen ist. Das war
+mir damals die Hauptsache, darum bin ich nimmer viel bei eurem
+Indianerspiel dabei gewesen.«
+
+»Da warst du zwölf Jahr alt, nicht?«
+
+»Fast dreizehn, ich bin ein Jahr älter als du. Wie ich einmal krank war
+und im Bett lag, da hatten wir eine Base zum Besuch da, die war drei
+oder vier Jahr älter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und
+als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal nachts zu ihr in die
+Stube gegangen. Da wurde mir bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und
+ich war elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der Base wollte ich
+jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir verleidet, und ich hatte Angst
+vor ihr, aber die Sache war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin
+ich eine Zeitlang bloß den Mädchen nachgegangen. Beim Rotgerber Haasis
+waren zwei Töchter in meinem Alter, und da kamen auch andere Mädchen aus
+der Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln Böden Verstecken und
+hatten immer viel zu kichern und zu kitzeln und geheim zu tun. Ich war
+meistens der einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte ich
+einer von ihnen die Zöpfe flechten oder eine gab mir einen Kuß, wir
+waren alle noch unerwachsen und wußten nicht recht Bescheid, aber es war
+alles voll von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich in die
+Büsche und sah ihnen zu. -- -- Und eines Tages war eine Neue da, eine aus
+der Vorstadt, ihr Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat
+Franziska geheißen, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut gefallen.«
+
+Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater geheißen? Vielleicht kenn
+ich sie.«
+
+»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, Machold. Es gehört nicht
+zur Geschichte, und ich will auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. --
+Nun also! Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben hie und
+da miteinander gehändelt und gerauft, und wenn sie mich dann an sich
+drückte, bis es mir weh tat, dann war mir schwindlig und wohl wie in
+einem Rausch. In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre älter
+war und schon davon redete, daß sie jetzt bald einen Schatz haben wolle,
+da wurde es mein einziger Wunsch, der möchte ich sein. -- -- Einmal saß
+sie allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins Wasser hängen,
+sie hatte gebadet und bloß das Leibchen an. Da kam ich und setzte mich
+zu ihr. Auf einmal bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr
+Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen Augen mitleidig an und
+sagte: »Du bist ja noch ein Büble und hast kurze Hosen an, was weißt
+denn du von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse alles, und
+wenn sie nicht mein Schatz werden möge, dann werfe ich sie ins Wasser
+und mich mit. Da schaute sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie
+eine Frau, und sagte: 'Wir wollen einmal sehen. Kannst du denn schon
+küssen?' Ich sagte ja und gab ihr schnell einen Kuß auf den Mund und
+dachte, damit wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und hielt
+ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, daß mir Hören und
+Sehen verging. Dann lachte sie mit ihrer tiefen Stimme und sagte: 'Du
+würdest mir schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann keinen
+Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, das gibt keine rechten
+Leute. Ich muß einen richtigen Mann zum Schatz haben, einen Handwerker
+oder einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts damit.' Sie
+hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen und war in ihrer festen Wärme so
+schön und gut in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken
+konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska versprochen, ich
+wolle nimmer in die Lateinschule gehen und ein Handwerker werden. Sie
+lachte nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich wieder
+und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler mehr sei, dann wolle sie
+mein Schatz sein, und ich solle es gut bei ihr haben.«
+
+Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein Freund sah aufmerksam
+herüber, beide schwiegen eine kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also,
+jetzt weißt du die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind
+gegangen, wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir ein paar Ohrfeigen,
+als ich ihm mitteilte, ich wolle und könne jetzt nimmer in die
+Lateinschule gehen. Ich wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir
+vorgenommen, ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren
+Kindergedanken, aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst gewesen.
+Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. Ich tat einfach in der
+Schule nimmer gut. Weißt du's nimmer?«
+
+»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine Zeitlang fast jeden Tag
+Arrest gehabt.«
+
+»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte Antworten gegeben, ich
+habe die Aufgaben nimmer gemacht und meine Schulhefte verloren, es war
+jeden Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran und habe
+jedenfalls den Lehrern damals das Leben nicht leicht gemacht. Das Latein
+und das Zeug alles war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt,
+ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich hinter etwas Neuem her
+war, dann gab's eine Weile nichts anderes für mich auf der Welt. So war
+mir's mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, und mit
+der Botanik. Und gerade so hatte ich's halt damals mit den Mädchen, und
+eh ich da die Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen hatte, war
+mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der
+Bank zu hocken und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen
+Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den
+Mädchen ausspioniert hat. -- Na, #item#! Die Lehrer merkten das
+vielleicht, sie hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang wie
+möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten geworden, aber ich fing
+jetzt eine Freundschaft mit dem Bruder der Franziska an. Er ging in die
+Volksschule, in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; ich habe
+viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und habe viel von ihm zu leiden
+gehabt. In einem halben Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater
+hat mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule ausgewiesen
+und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube wie der Bruder der
+Franziska.«
+
+»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold.
+
+»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht mein Schatz geworden.
+Seit ich manchmal mit ihrem Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr
+behandelt, wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als ich
+schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir angewöhnte, öfter am
+Abend mich aus dem Haus zu stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt.
+Ich streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und wie ich's schon
+mehrmals getan hatte, behorchte ich ein Liebespaar auf einer Bank, und
+als ich schließlich mich näher drückte, da war es die Franziska mit
+einem Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, er
+hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in der Hand eine Zigarette, und
+ihre Bluse stand offen, und kurz, es war scheußlich. Da war also alles
+vergebens gewesen.«
+
+Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter.
+
+»Na, vielleicht war's für dich doch das Beste.«
+
+Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen Kopf.
+
+»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte Hand drum geben,
+wenn das anders gegangen wäre. Sag mir nichts über die Franziska, ich
+lasse nichts auf sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, dann
+hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche Art kennen gelernt,
+und vielleicht hätte mir das geholfen, daß ich auch mit der Volksschule
+und mit meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. Denn -- wie soll
+ich's sagen? -- schau, seither habe ich manche Freunde und Bekannte und
+Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr mich auf
+das Wort eines Menschen verlassen oder mich selber durch ein Wort
+gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte,
+und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin
+doch immer allein geblieben.«
+
+Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten kleinen Schluck
+Wein und stand auf.
+
+»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich mag nimmer davon reden.
+Du hast gewiß auch noch zu tun.«
+
+Der Doktor nickte.
+
+»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im Spital für dich
+schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, aber da ist nichts zu ändern.
+Du gehst kaputt, wenn du nicht schnell in eine Pflege kommst.«
+
+»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, »so laß mich halt
+kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts mehr, das weißt du selber. Warum
+soll ich mich jetzt noch einsperren lassen?«
+
+»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein miserabler Doktor,
+wenn ich dich so herumlaufen ließe. In Oberstetten fänden wir sicher
+Platz für dich, und du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach
+acht Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich verspreche
+dir's.«
+
+Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es schien fast, als wäre
+er nahe am Weinen, und rieb seine dünnen Hände ineinander wie ein
+Frierender. Dann sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die
+Augen.
+
+»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht von mir, du
+hast so viel für mich getan, und sogar Rotwein -- es war alles viel zu
+gut und fein für mich. Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine
+große Bitte an dich.«
+
+Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter.
+
+»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den Kragen. Also, was
+ist's?«
+
+»Bist du mir nicht bös?«
+
+»Gar nicht. Warum auch?«
+
+»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir einen großen Gefallen
+tun. Schick mich nicht nach Oberstetten! Wenn ich doch in so einen
+Spittel muß, dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt man
+mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es auch wegen der
+Armenpflege besser, ich bin ja dort geboren, und überhaupt --«
+
+Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor Erregung kaum
+sprechen.
+
+Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: »Wenn das alles ist,
+was du zu bitten hast -- das wird bald in Ordnung sein. Du hast ganz
+recht, ich will nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich
+hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.«
+
+Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an
+den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an
+seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche
+zwölfjährige Glut des rassigen Buben.
+
+»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob
+sich rasch, um an die Arbeit zu gehen.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp blieb den ganzen Tag im
+Bett. Der Doktor legte ihm einige Bücher hin, die er aber kaum berührte.
+Er war verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, gutes
+Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher als zuvor, daß es mit
+ihm zu Ende gehe.
+
+Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, dann komme ich
+nimmer auf. Es war ihm wenig mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte
+in den letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber sterben
+wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen und allerlei heimlichen
+Abschied dort genommen hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und
+vom einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener Franziska. Seine
+späteren Liebschaften waren vergessen, wie denn überhaupt die lange
+Reihe seiner Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien,
+während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft einen neuen Glanz
+und Zauber gewannen.
+
+Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; er hatte in vielen
+Jahren nicht so prächtig gewohnt. Er studierte mit sachlichem Blick und
+tastenden Fingern das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte
+Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der hartholzene Fußboden
+interessierte ihn, und die Photographie an der Wand, die den Dogenpalast
+in Venedig vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war.
+
+Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, ohne etwas zu sehen, müde
+und nur mit dem beschäftigt, was still in seinem kranken Leibe vorging.
+Aber plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem Bett und
+angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel her, um sie sorgfältig und
+sachkundig zu untersuchen. Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober,
+und bis zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und nachher war
+doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, er könnte Machold um ein paar
+alte Schuhe bitten. Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins
+Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig tastete er die brüchigen
+Stellen im Oberleder ab. Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es
+mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war überflüssig;
+vermutlich würde dies alte Paar Schuhe ihn überdauern und noch im
+Dienste sein, wenn er selbst schon von der Landstraße verschwunden war.
+
+Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, es tat ihm aber
+weh und machte ihn husten. Da blieb er still und wartend liegen, atmete
+in kleinen Zügen und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, ehe
+er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte.
+
+Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, aber sein Kopf
+ermüdete daran und er fiel in Halbschlummer. Nach einer Stunde
+erwachend, meinte er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch
+und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, er müsse ihm ein
+Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, wenn er fortginge. Er wollte ihm
+eins von seinen Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal
+danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines ganz besinnen, und
+keines gefiel ihm. Durchs Fenster sah er im nahen Wald den Nebel stehen
+und starrte lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem
+Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und mitgenommen hatte,
+schrieb er auf das saubere weiße Papier, mit dem die Schublade seines
+Nachttisches ausgelegt war, einige Zeilen:
+
+ Die Blumen müssen
+ Alle verdorren,
+ Wenn der Nebel kommt,
+ Und die Menschen
+ Müssen sterben,
+ Man legt sie ins Grab.
+
+ Auch die Menschen sind Blumen,
+ Sie kommen alle wieder,
+ Wenn ihr Frühling ist.
+ Dann sind sie nimmer krank,
+ Und alles wird verziehen.
+
+Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. Es war kein richtiges
+Lied, die Reime fehlten, aber es stand doch das darin, was er hatte
+sagen wollen. Und er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb
+darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, von seinem dankbaren
+Freunde K.«
+
+Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade.
+
+ * * * * *
+
+Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, aber es war eine
+strengkühle Luft, und man konnte am Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor
+ließ Knulp aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte,
+daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei und er dort erwartet werde.
+
+»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« meinte Knulp,
+»vier Stunden brauche ich doch, vielleicht fünf.«
+
+»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern ist jetzt nichts für
+dich. Du fährst mit mir im Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit
+finden. Ich schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht
+mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf einen Tag kommt es jetzt
+auch nimmer an.«
+
+Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen der Schulzenknecht
+mit zwei Kälbern nach Gerbersau fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte
+mit ihm fahren.
+
+»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« sagte Machold,
+»kannst du einen von mir tragen? Oder ist der zu weit?«
+
+Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, probiert und gut
+befunden. Knulp aber, da der Rock von gutem Tuch und wohlbehalten war,
+machte sich in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die Knöpfe
+zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor machen und gab ihm noch
+einen Hemdkragen dazu.
+
+Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit seine neue
+Kleidung, und da er nun wieder so gut aussah, begann es ihm leid zu tun,
+daß er sich in der letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte
+nicht, die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, aber er
+kannte den Schmied im Dorf und wollte dort einen Versuch machen.
+
+Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die Werkstatt und sagte
+den alten Handwerksgruß: »Fremder Schmied spricht um Arbeit zu.«
+
+Der Meister sah ihn kalt und prüfend an.
+
+»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das mußt du einem andern
+weismachen.«
+
+»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch gute Augen, Meister,
+und doch kennst du mich nicht. Weißt du, ich bin früher Musikant
+gewesen, und du hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner
+Handorgel getanzt.«
+
+Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und tat noch ein paar Stöße mit
+der Feile, dann führte er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit
+an.
+
+»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also der Knulp. Man wird
+halt älter, wenn man sich so lang nicht sieht. Was willst du in Bulach?
+Auf einen Zehner und auf ein Glas Most soll's mir nicht ankommen.«
+
+»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm's für genossen an. Aber
+ich will was anderes. Du könntest mir dein Rasiermesser für eine
+Viertelstunde leihen, ich will heut abend zum Tanzen gehen.«
+
+Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger.
+
+»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, mit dem Tanzen
+wirst du's nimmer wichtig haben, so wie du aussiehst.«
+
+Knulp kicherte vergnügt.
+
+»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann geworden bist. Ja, ich
+muß also morgen ins Spital, der Machold schickt mich hin, und da wirst
+du begreifen, daß ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir
+das Messer, in einer halben Stunde hast du's wieder.«
+
+»So? Und wo willst du denn hin damit?«
+
+»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, du gibst mir's?«
+
+Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig.
+
+Er blieb mißtrauisch.
+
+»Ich geb dir's schon. Aber weißt du, es ist kein so gewöhnliches Messer,
+es ist eine echte Solinger Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.«
+
+»Verlaß dich drauf.«
+
+»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. Den brauchst du
+zum Rasieren nicht. Ich will dir was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da,
+und wenn du mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den Rock
+wieder.«
+
+Der Landstreicher verzog das Gesicht.
+
+»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. Aber es soll meinetwegen
+gelten.«
+
+Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den Rock zum Pfande, duldete
+aber nicht, daß der rußige Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben
+Stunde kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, und sein
+struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah ganz anders aus.
+
+»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst du weiben gehen,«
+sagte der Schmied voll Anerkennung.
+
+Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, er zog seinen Rock wieder
+an, sagte kurzen Dank und ging davon.
+
+Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, der ihn verwundert
+anhielt.
+
+»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du aus! -- Aha, rasiert!
+Mensch, du bist doch ein Kindskopf!«
+
+Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend wieder einen Rotwein zu
+trinken. Die beiden Schulkameraden feierten Abschied, und jeder war so
+aufgeräumt wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie eine Beklemmung
+anmerken lassen.
+
+Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen mit dem Wagen vorgefahren,
+auf dem in Lattenverschlägen zwei Kälber standen, mit den Knien
+zitterten und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum erstenmal
+Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem Knecht auf den Bock gesetzt und
+bekam eine Decke über die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und
+schenkte dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg und dem Wald
+entgegen, während der Knecht seine Pfeife anzündete und Knulp mit
+verschlafenen Augen in die hellblaue Morgenkühle blinzelte.
+
+Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde ganz warm. Die zwei auf
+dem Bock unterhielten sich ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau
+ankamen, wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und den Kälbern
+den Umweg machen und am Krankenhaus vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm
+das bald ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor der
+Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und sah dem Wagen nach, bis
+er unter den Ahornen beim Viehmarkt verschwand.
+
+Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen den Gärten ein, den nur
+Einheimische kannten. Er war wieder frei! Im Spital mochten sie warten.
+
+ * * * * *
+
+Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den Duft, die
+Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze erregende und sättigende
+Vertrautheit des Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf dem
+Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerflug
+später dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen
+Marktbrunnens, Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer aus der
+gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, wohlbekannte Gassennamen,
+jeder dicht behängt von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit
+allen Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber des
+Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sicherinnerns, der
+Kameradschaft mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd
+und unermüdet war er den ganzen Nachmittag in allen Gassen unterwegs,
+belauschte den Messerschleifer am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster
+seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern die alten Namen
+wohlbekannter Familien. Er tauchte die Hand in den steinernen Trog des
+Marktbrunnens, seinen Durst aber löschte er erst unten am kleinen
+Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll wie vor all den verflossenen
+Jahren im Erdgeschoß eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam
+klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den Steinplatten rauschte.
+Am Flusse stand er lange und lehnte an der hölzernen Brüstung überm
+ziehenden Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte und die
+schmalen Rücken der Fische schwarz und stille über den zitternden
+Kieseln standen. Er ging über den alten Steg und ließ sich in der Mitte
+in die Kniekehlen sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig
+elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu spüren.
+
+Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, nicht die Kirchenlinde
+mit dem kleinen Rasenstück und nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen
+einstigen Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, in dem
+vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und lehnte sich eine kleine Weile
+zärtlich mit dem Rücken an die alte Haustür, suchte auch den Garten auf
+und sah über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu angelegte
+Pflanzung hinein -- aber die vom Regenwasser abgerundeten Steinstufen und
+der runde, feiste Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. Hier
+hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er sich aus der
+Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier hatte er einst ein volles
+Glück, Erfüllungen ohne Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet,
+diebesselige Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im
+Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack, lustige Winde,
+zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und Kaninchenställe und Werkstatt und
+Drachenbau, Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder
+aus Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen
+Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht,
+kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes
+Traumnest besessen hatte. Dieses Stück Welt hatte ihm gehört, war von
+ihm in tiefster Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte
+jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, Geschichten für ihn
+gehabt, jeder Regen- und Schneefall zu ihm gesprochen, hier hatte Luft
+und Erde in seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert und ihr
+Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte Knulp, war vielleicht hier
+ringsum kein Hausbewohner und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr
+angehört hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, mehr Antwort
+gab, mehr Erinnerungen weckte.
+
+Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der graue Giebel eines
+schmächtigen Hauses empor. Dort hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis
+gewohnt, und dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen ihr Ende
+gefunden in den ersten Heimlichkeiten und zärtlichen Händeln mit
+Mädchen. Von dort war er manchen Abend über die dämmernde Gasse
+heimgekehrt mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort hatte er den
+Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und unter den Küssen der schönen
+Franziska getaumelt. Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder
+vielleicht morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen ihn wenig, er
+hätte sie alle zusammen gerne hingegeben für das Gedächtnis einer
+einzigen Stunde der früheren, der Knabenzeit.
+
+Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun und schaute hinunter,
+und was er sah, war nicht der neue, fremde Garten, der dalag und mit
+dem jungen Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich aussah. Er sah
+den Garten seines Vaters, und seine Kinderblumen im kleinen Beet, am
+Ostersonntag gepflanzte Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine
+Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene Eidechsen
+ausgesetzt hatte, unglücklich, daß keine dort bleiben und wohnen und
+sein Haustier sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung und
+Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle Häuser und Gärten, alle
+Blumen und Eidechsen und Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken,
+und es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer einzigen
+Sommerblume, wie sie damals in seinem Gärtchen wuchs und die köstlichen
+Blumenblätter leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche
+von damals, deren jeden er noch genau im Gedächtnis hatte! Sie waren
+fort, sie waren nicht ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann
+hatte sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus gemacht, Holz
+und Wurzeln und welke Blätter waren miteinander verbrannt, und niemand
+hatte darum geklagt.
+
+Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. Der war jetzt ein
+Doktor und Herr und fuhr im Einspänner bei den kranken Leuten herum, und
+er war wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; aber auch
+er, auch dieser kluge und stramme Mann, was war er gegen damals, gegen
+den gläubigen, scheuen, erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals?
+Hier hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen baut und
+Schindeltürme für Heuschrecken, und er war Macholds Lehrer und sein
+größerer, klügerer, bewunderter Freund gewesen.
+
+Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das
+Lattenhaus im andern Garten war zerfallen, und man mochte an seine
+Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend
+und richtig, wie alles einmal gewesen war.
+
+Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als Knulp den vergrasten
+Gartenweg verließ. Vom neuen Kirchturm, der das Bild der Stadt
+veränderte, rief eine neue Glocke laut herüber.
+
+Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, es war
+Feierabend und niemand zu sehen. Unhörbar schritt er über den weichen
+Lohboden an den gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der Lauge
+lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß schon dunkel an den moosig
+grünen Steinen hintrieb. Da war der Ort, an dem er einmal eine
+Abendstunde mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser
+plätschernd.
+
+Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten lassen, dachte Knulp,
+dann wäre alles anders gekommen. Wenn auch die Lateinschule und das
+Studieren versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug gehabt, um doch
+etwas zu werden. Wie einfach und klar war das Leben! Damals hatte er
+sich weggeworfen und von allem nichts mehr wissen wollen, und das Leben
+war darauf eingegangen und hatte nichts von ihm verlangt. Er war
+außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten
+jungen Jahren und allein im Kranksein und Altern.
+
+Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf dem Mäuerchen
+nieder, und der Fluß rauschte dunkel in seine Gedanken. Da wurde über
+ihm ein Fenster hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn
+hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten und aus dem
+Tor, knöpfte den Rock zu und dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der
+Doktor hatte ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er in
+einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder »Schwanen« gehen können, wo
+man ihn kannte und wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm
+jetzt nicht gelegen.
+
+ * * * * *
+
+Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn früher bis ins
+kleinste interessiert hätte, aber diesmal wollte er nichts sehen und
+wissen, als was zur alten Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen
+erfuhr, daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, und ihm
+schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. Nein, es hatte keinen
+Sinn, hier in den Gassen und zwischen den Gärten herumzustrolchen und
+sich von denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen zu
+lassen. Und als er zufällig in dem engen Postgäßlein dem Oberamtsarzt
+begegnete, fiel ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben im
+Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. Alsbald kaufte er bei einem
+Bäcker zwei Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch vor
+Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße hinan.
+
+Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten großen Straßenbiegung, ein
+staubiger Mann auf einem Steinhaufen und klopfte mit einem
+langstieligen Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke.
+
+Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen.
+
+»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, ohne den Kopf zu heben.
+
+»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte Knulp.
+
+»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und sah einen Augenblick
+empor, vom Mittagslicht auf der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr
+hinaus?«
+
+»Nach Rom zum Papst,« sagte Knulp. »Ist's wohl noch weit?«
+
+»Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall stehen bleiben müsset und
+die Leute in der Arbeit stören, dann erlaufet Ihr's in keinem Jahr.«
+
+»So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich's nicht, Gott sei Dank. Ihr seid ein
+fleißiger Mann, Herr Andres Schaible.«
+
+Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen und musterte den
+Wanderer.
+
+»Ihr kennt mich also,« sagte er bedächtig, »und ich kenn Euch auch, will
+mir scheinen. Bloß auf den Namen muß ich noch kommen.«
+
+»Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo wir Anno neunzig
+allemal unseren Sitz gehabt haben. Aber er wird nimmer leben.«
+
+»Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir's, alter Kunde. Du bist der
+Knulp. Setz dich ein bißchen her, und grüß Gott auch!«
+
+Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete mit Beschwerden;
+er sah erst jetzt, wie schön in der Tiefe das Städtchen lag, blaublanker
+Fluß, rotbraunes Dächergewimmel und kleine grüne Bauminseln dazwischen.
+
+»Du hast es nett hier droben,« sagte er aufatmend.
+
+»Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Früher ist's leichter den
+Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja heillos, Knulp. Hast wieder
+einmal die Heimat besucht?«
+
+»Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.«
+
+»Und warum denn?«
+
+»Weil halt die Lunge kaputt ist. Weißt du nix dagegen?«
+
+»Daheim geblieben wenn du wärst, mein Lieber, und hättest brav
+geschafft, und hättest Weib und Kinder und jeden Abend dein Bett, dann
+wär's vielleicht anders mit dir. Na, darüber weißt du meine Meinung von
+früher her. Da kann man jetzt nichts machen. Ist's denn so schlimm?«
+
+»Ach, ich weiß nicht. -- Oder doch, ich weiß schon. Es geht halt den
+Berg hinunter, und jeden Tag ein bißchen schneller. Da ist's dann wieder
+ganz gut, wenn man für sich allein ist und niemand zur Last fällt.«
+
+»Wie man's nimmt; das ist deine Sache. Es tut mir aber leid.«
+
+»Ist nicht nötig. Gestorben muß einmal sein, es kommt sogar an die
+Steinklopfer. Ja, alter Kunde, da sitzen jetzt wir zwei und können uns
+beide nicht viel einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken im
+Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn gewollt?«
+
+»Ach, das sind alte Geschichten.«
+
+»Und deine Kinder sind gesund?«
+
+»Ich weiß nichts andres. Der Jakob verdient jetzt schon.«
+
+»So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich, jetzt auch ein wenig
+weiter.«
+
+»Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang nimmer gesehen hat! Sag,
+Knulp, kann ich dir mit etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es
+wird eine halbe Mark sein.«
+
+»Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein, danke schön.«
+
+Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm elend ums Herz, und er
+schwieg, und der Steinklopfer gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken.
+Sie blickten eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel im
+Mühlkanal blitzte kräftig herauf, über die Steinbrücke fuhr langsam ein
+Lastwagen, und unterm Wehr schwamm lässig ein weißes Gänsegeschwader.
+
+»Jetzt hab ich ausgeruht und muß weiter,« fing Knulp wieder an.
+
+Der Steinklopfer saß in Gedanken und schüttelte den Kopf.
+
+»Hör, du, du hättest mehr werden können als so ein armer Teufel von
+Pennbruder,« sagte er langsam. »Es ist doch sündenschad um dich. Weißt
+du, Knulp, ich bin gewiß kein Stündeler, aber ich glaube halt doch, was
+in der Bibel steht. Du mußt auch daran denken. Du wirst dich
+verantworten müssen, es wird nicht so leicht gehn. Du hast Gaben gehabt,
+bessere als ein anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du
+darfst mir's nicht zürnen, wenn ich das sage.«
+
+Jetzt lächelte Knulp, und ein Schimmer von der alten harmlosen
+Schelmerei stand in seinen Augen. Er klopfte seinem Kameraden freundlich
+auf den Arm und stand auf.
+
+»Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott fragt mich vielleicht
+gar nicht: Warum bist du nicht Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er
+auch bloß: Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben eine
+leichte Arbeit, Kinderhüten oder so.«
+
+Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau und weiß gewürfelten
+Hemde.
+
+»Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst, wenn der Knulp kommt,
+da wird der Herrgott nichts als Späße machen.«
+
+»Ach nein. Aber es könnte doch sein, nicht?«
+
+»Red nicht so!«
+
+»Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle halt einmal den
+Schaible fragen, der kenne mich gut. Was sagst du ihm dann?«
+
+»Nee, mich braucht der Herrgott gewiß nicht dazu. Aber ich täte sagen:
+Der Knulp hat sein Leben lang nichts als Kindereien getrieben, aber ich
+glaube, er ist halt doch ein guter und anständiger Kerl gewesen.«
+
+Sie gaben sich die Hände, und dabei steckte der Steinklopfer ihm ein
+kleines Geldstück zu, das er verstohlen aus seiner Hosentasche gegraben
+hatte. Und Knulp nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen nicht
+seine Freude zu verderben.
+
+Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal, nickte noch
+einmal zu Andres Schaible zurück, dann begann er zu husten und machte
+schnellere Schritte, und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Vierzehn Tage später, nachdem es auf nebelkalte Tage noch sonnige mit
+späten Glockenblumen und kühlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach
+plötzlich der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf am dritten
+Tage bei milderer Luft einen schweren, hastigen Schneefall.
+
+Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen, auf zielloser Streife
+immer im Umkreis der Heimat, und noch zweimal hatte er aus nächster
+Nähe, im Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen und
+beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er hatte zu viel zu denken
+gehabt und war auf allen den langen, mühsamen, nutzlosen Wegen immer
+tiefer in das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in zähe
+Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu finden. Dann war die
+Krankheit von neuem über ihn gekommen, und wenig fehlte, so wäre er
+eines Tages trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und hätte am
+Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem Alleinsein wieder
+die Stadt unten liegen sah, da klang ihm alles fremd und feindlich
+entgegen, und es ward ihm klar, daß er nimmer dorthin gehöre. Zuweilen
+kaufte er in einem Dorf ein Stück Brot, auch gab es noch Haselnüsse
+genug. Die Nächte brachte er in den Blockhütten der Waldarbeiter oder
+zwischen Strohbündeln auf dem Felde zu.
+
+Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg herüber gegen die
+Talmühle gegangen, verfallen und todesmüde und dennoch immerzu auf den
+Beinen, als müsse er den kleinen Rest seiner Tage noch mächtig ausnützen
+und laufen, laufen, allen Waldrändern und Schneisen nach. So krank und
+müde er war, seine Augen und seine Nüstern hatten die alte Beweglichkeit
+behalten; äugend und schnuppernd wie ein feinfühliger Jagdhund stellte
+er auch jetzt noch, da es keine Ziele mehr für ihn gab, jede
+Bodensenkung, jeden Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht
+dabei, und seine Beine gingen von selber.
+
+In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie seit einigen Tagen
+fast immerzu, vor dem lieben Gott und sprach unaufhörlich mit ihm.
+Furcht hatte er keine; er wußte, daß Gott uns nichts tun kann. Aber sie
+sprachen miteinander, Gott und Knulp, über die Zwecklosigkeit seines
+Lebens, und wie das hätte anders eingerichtet werden können, und warum
+dies und jenes so und nicht anders habe gehen müssen.
+
+»Damals ist es gewesen,« beharrte Knulp immer wieder, »damals, wie ich
+vierzehn Jahre alt war und die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da
+hätte noch alles aus mir werden können. Und dann ist irgend etwas in mir
+kaputt gegangen oder verpfuscht worden, und von da an habe ich eben
+nichts mehr getaugt. -- Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, daß
+du mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen! Dann wäre mein
+Leben so schön und vollkommen gewesen wie ein reifer Apfel.«
+
+Der liebe Gott aber lächelte immerzu, und manchmal verschwand sein
+Gesicht ganz in dem Schneetreiben.
+
+»Na, Knulp,« sagte er ermahnend, »denk einmal an deine
+Jungeburschenzeit, und an den Sommer im Odenwald, und an die
+Lächstettener Zeiten! Hast du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das
+schöne Leben in allen Gelenken zucken gefühlt? Hast du nicht singen
+können und Harmonika spielen, daß den Mädchen die Augen übergelaufen
+sind? Weißt du noch die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz,
+die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?«
+
+Knulp mußte nachdenken, und wie ferne Bergfeuer strahlten ihm die
+Freuden seiner Jugend dunkelschön herüber und dufteten schwer und süß
+wie Honig und Wein, und klangen tieftönig wie Tauwind in der
+Vorfrühlingsnacht. Herrgott, es war schön gewesen, schön die Lust und
+schön die Trauer, und es wäre jammerschade um jeden Tag gewesen, der
+gefehlt hätte!
+
+»Ach ja, es war schön,« gab er zu, und war doch voll Weinerlichkeit und
+Widerspruch wie ein müdes Kind. »Es war ja wunderschön damals. Freilich,
+Schuld und Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist wahr,
+es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht haben nicht viele solche
+Becher ausgetrunken und solche Tänze angeführt und solche Liebesnächte
+gefeiert, wie ich dazumal. Aber dann, dann hätte es aus sein sollen!
+Schon dort war ein Stachel im Glück, ich weiß noch wohl, und dann sind
+niemals mehr so gute Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.«
+
+Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden. Nun, da Knulp ein
+wenig stehen blieb, um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine
+Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott unversehens wieder da
+und gab Antwort.
+
+»Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar? Ich muß lachen,
+wie vergeßlich du geworden bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo
+du der Tanzbodenkönig warst, und an deine Henriette, und du hast zugeben
+müssen: es war gut und schön, es hat wohlgetan und einen Sinn gehabt.
+Und wenn du so an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was für
+Gefühlen willst du dann gar an Lisabeth denken? He? Ja, hast du denn die
+ganz vergessen können?«
+
+Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein Stück Vergangenheit vor
+Knulps Augen, und wenn es nicht ganz so froh und lustig aussah wie das
+vorige, so glänzte es dafür viel heimlicher und inniger, wie Frauen
+lächeln zwischen Tränen, und es standen Tage und Stunden aus ihren
+Gräbern auf, an die er lange nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand
+Lisabeth, mit schönen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf dem Arm.
+
+»Was für ein schlechter Kerl bin ich gewesen!« fing er wieder zu klagen
+an. »Nein, seit die Lisabeth tot ist, hätte ich auch nimmer leben
+dürfen.«
+
+Aber Gott ließ ihn nicht weiterreden. Er sah ihn durchdringend aus den
+hellen Augen an und fuhr fort: »Hör auf, Knulp! Du hast der Lisabeth
+sehr weh getan, das ist nicht anders, aber du weißt wohl, sie hat doch
+mehr Zartes und Schönes von dir empfangen als Böses, und sie hat dir
+nicht einen Augenblick gezürnt. Siehst du denn immer noch nicht, du
+Kindskopf, was der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, daß du
+deswegen ein Leichtfuß und ein Vagabund sein mußtest, damit du überall
+ein Stück Kindertorheit und Kinderlachen hintragen konntest? Damit
+überall die Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig hänseln
+und dir ein wenig dankbar sein mußten?«
+
+»Es ist am Ende wahr,« gab Knulp nach einigem Schweigen halblaut zu.
+»Aber das ist alles früher gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich
+aus dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch geworden? Es
+wäre noch Zeit gewesen.«
+
+Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete wieder einen Augenblick
+und wollte den dicken Schnee von Hut und Kleidern schütteln. Aber er kam
+nicht dazu, er war zerstreut und müde, und Gott stand jetzt nahe vor
+ihm, seine lichten Augen waren weit offen und strahlten wie die Sonne.
+
+»Nun sei einmal zufrieden,« mahnte Gott, »was soll das Klagen nützen?
+Kannst du wirklich nicht sehen, daß alles gut und richtig zugegangen ist
+und daß nichts hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt ein
+Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau und Kinder haben und am
+Abend das Wochenblatt lesen? Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen
+und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen stellen und
+Eidechsen zähmen?«
+
+Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor Müdigkeit und spürte
+doch nichts davon. Es war ihm viel wohler zumute geworden, und er nickte
+dankbar zu allem, was Gott ihm sagte.
+
+»Sieh,« sprach Gott, »ich habe dich nicht anders brauchen können, als
+wie du bist, und ich habe dir den Stachel der Heimatlosigkeit und
+Wanderschaft mitgeben müssen, sonst wärest du irgendwo sitzen geblieben
+und hättest mir mein Spiel verdorben. In meinem Namen bist du gewandert
+und hast den seßhaften Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach
+Freiheit mitbringen müssen. In meinem Namen hast du Dummheiten gemacht
+und dich verspotten lassen; ich selber bin in dir verspottet und bin in
+dir geliebt worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und ein Stück
+von mir, und du hast nichts gekostet und nichts gelitten, was ich nicht
+mit dir erlebt habe.«
+
+»Ja,« sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf. »Ja, es ist so, ich
+habe es eigentlich immer gewußt.«
+
+Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder waren ganz leicht
+geworden, und seine entzündeten Augen lächelten.
+
+Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen, hörte er noch immer
+Gottes Stimme reden und sah noch immer in seine hellen Augen.
+
+»Also ist nichts mehr zu klagen?« fragte Gottes Stimme.
+
+»Nichts mehr,« nickte Knulp und lachte schüchtern.
+
+»Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?«
+
+»Ja,« nickte er, »es ist alles, wie es sein soll.«
+
+Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die seiner Mutter, bald
+wie Henriettes Stimme, bald wie die gute, sanfte Stimme der Lisabeth.
+
+»Dann bist du daheim,« sagte die Stimme. »Dann bist du daheim und
+bleibst bei mir.«
+
+Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so
+sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer
+auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum
+Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.
+
+
+ _Ende_
+
+
+
+
+ Werke von Hermann Hesse
+
+
+Peter Camenzind
+
+Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg.
+
+Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten, muskeligen
+Kerls, der aber den versonnenen Träumerkopf des Hermann Hesse auf den
+Schultern hat. Und da ist schon die Tragik -- so einer findet sich im
+Leben nicht zurecht. Draußen nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige
+Firnenreinheit ist über den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles
+klärt und versöhnt.
+ (Freistatt, München)
+
+
+Aus Indien
+
+Aufzeichnungen von einer indischen Reise
+
+6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig
+
+Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben großen,
+verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen Romanen und Novellen
+Menschen und Landschaften seiner süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er
+uns auch führt, es ist ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles
+Fremde, Exotische führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück.
+Damit pflückt er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte,
+und doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; eine
+in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie sie Hesse
+mit unsern besten deutschen Meistern verbindet.
+ (Königsberg. Allgemeine Zeitung)
+
+
+Umwege
+
+Erzählungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. Diese höchste
+Kunst in der stillsten Schlichtheit seines Wortgefüges, diese innig
+beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, diese ruhig
+abwartende Ironie der Darstellung menschlicher Schwächen und Schwänke
+sind unvergleichlich. Wie Gottfried Keller in seinen »Seldwylern«, so
+hat Hesse in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht,
+seine ganz persönliche Domäne gefunden.
+ (Berliner Tageblatt)
+
+
+Roßhalde
+
+Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg.
+
+Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten und
+dunkelsten Gemütsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal.
+Zwischen Mann und Frau in einer Künstlerehe ist eine Fremdheit in die
+Höhe gewachsen, grundlos, mit der Unüberwindlichkeit alles Elementaren.
+Es liegt wie eine dumpfe Last über beiden, die sie nicht heben können,
+weil ihr Kind es ihnen unmöglich macht, auseinanderzugehen. Nie hat
+Hermann Hesse künstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie die seelische
+Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften Bann der zwiefachen
+Einsamkeit dessen, der zum engsten Zusammenleben mit einem einst nahen
+und nun willenlos feindlich fernen Menschen verdammt ist. »Roßhalde« ist
+eines der menschlich tiefsten und wahrsten Bücher, die geschrieben sind.
+ (Die Hilfe)
+
+
+Diesseits
+
+Erzählungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,
+schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit
+weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden
+Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses
+neuen Novellenband »Diesseits« lesen.
+ (Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Nachbarn
+
+Erzählungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf
+Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch
+zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen
+schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese
+Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und
+die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei
+Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.
+ (Württemberger Zeitung, Stuttgart)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer
+Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.
+
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin
+p 052: kann ihm hastig -> kam
+p 101: So so. -> So, so.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition
+published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek
+zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin
+p 052: kann ihm hastig -> kam
+p 101: So so. -> So, so.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+***** This file should be named 17622-8.txt or 17622-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/6/2/17622/
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.