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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/17622-0.txt b/17622-0.txt new file mode 100644 index 0000000..7f9671c --- /dev/null +++ b/17622-0.txt @@ -0,0 +1,3738 @@ +The Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Knulp + Drei Geschichten aus dem Leben Knulps + +Author: Hermann Hesse + +Release Date: January 29, 2006 [EBook #17622] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP *** + + + + +Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Fischers Bibliothek + zeitgenössischer Romane + + + Knulp + + Drei Geschichten aus dem Leben Knulps + + von + + Hermann Hesse + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung. + Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz. + Copyright 1915 S. Fischer, Verlag. + + + + Inhalt + + + Vorfrühling ................... 7 + + Meine Erinnerung an Knulp ..... 67 + + Das Ende ...................... 97 + + + + +Vorfrühling + + +Anfang der neunziger Jahre mußte unser Freund Knulp einmal mehrere +Wochen im Spital liegen, und als er entlassen wurde, war es Mitte +Februar und scheußliches Wetter, so daß er schon nach wenigen +Wandertagen wieder Fieber spürte und auf ein Unterkommen bedacht sein +mußte. An Freunden hat es ihm nie gefehlt, und er hätte fast in jedem +Städtchen der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. Aber +darin war er sonderbar stolz, so sehr, daß es eigentlich für eine Ehre +gelten konnte, wenn er von einem Freund etwas annahm. + +Diesmal war es der Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten, dessen er +sich erinnerte und an dessen schon verschlossener Haustüre er abends bei +Regen und Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen im +Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle Gasse hinunter: »Wer ist +draußen? Hat’s nicht auch Zeit, bis es wieder Tag ist?« + +Knulp, als er die Stimme des alten Freundes hörte, wurde trotz aller +Müdigkeit sofort munter. Er erinnerte sich an ein Verschen, das er vor +Jahren gemacht hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil Rothfuß +zusammen gewandert war, und sang alsbald am Hause hinauf: + + »Es sitzt ein müder Wandrer + In einer Restauration, + Das ist gewiß kein andrer + Als der verlorne Sohn.« + +Der Gerber stieß den Laden heftig auf und beugte sich weit aus dem +Fenster. + +»Knulp! Bist du’s oder ist’s ein Geist?« + +»Ich bin’s!« rief Knulp. »Du kannst aber auch über die Stiege herunter +kommen, oder muß es durchs Fenster sein?« + +Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die Haustüre auf und leuchtete +dem Ankömmling mit der kleinen rauchenden Öllampe ins Gesicht, daß er +blinzeln mußte. + +»Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und zog den Freund ins +Haus. »Erzählen kannst du später. Es ist noch was vom Nachtessen übrig, +und ein Bett kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! Ja, hast +du denn auch gute Stiefel, du?« + +Knulp ließ ihn fragen und sich wundern, schlug auf der Treppe sorgfältig +die umgelitzten Hosenbeine herab und stieg mit Sicherheit durch die +Dämmerung empor, obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten +hatte. + +Im Gang oben, vor der Wohnstubentüre, blieb er einen Augenblick stehen +und hielt den Gerber, der ihn eintreten hieß, an der Hand zurück. + +»Du,« sagte er flüsternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?« + +»Ja, freilich.« + +»Eben drum. – Weißt du, deine Frau kennt mich nicht; es kann sein, sie +hat keine Freude. Stören mag ich euch nicht.« + +»Ach was stören!« lachte Rothfuß, tat die Türe weit auf und drängte +Knulp in die helle Stube. Da hing über einem großen Eßtisch an drei +Ketten die große Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte in +der Luft und drängte in dünnen Zügen nach dem heißen Zylinder hin, wo er +hastig emporwirbelte und verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und +eine Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen schmalen +Kanapee an der Querwand sprang mit halber und verlegener Munterkeit, als +sei sie in einem Schlummer gestört worden und wolle es nicht merken +lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen Augenblick wie +verwirrt am scharfen Licht, sah der Frau in die hellgrauen Augen und gab +ihr mit einem höflichen Kompliment die Hand. + +»So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und das ist der Knulp, +mein Freund Knulp, weißt du, von dem wir auch schon gesprochen haben. Er +ist natürlich unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja doch +leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, und der Knulp muß +was zu essen haben. Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?« + +Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach. + +»Ein bißchen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. Aber Rothfuß +wollte das nicht zugeben. + +»Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp. + +Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem Zinnteller die Wurst +und stellte das Brotbrett daneben, das in seiner Mitte einen halben Laib +Schwarzbrot trug, sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um +dessen Ründung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift lief: Gib uns +heute unser täglich Brot. + +»Weißt du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt hat?« + +»Laß doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich lächelnd an die +Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau Meisterin.« + +Aber Rothfuß ließ nicht nach. + +»Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.« + +»Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder davon. + +»Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie draußen war. + +»Nein, noch keine. Sie läßt sich Zeit, weißt du, und für die ersten +Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, gelt, und laß dir’s schmecken!« + +Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen Mostkrug herein +und stellte drei Gläser dazu auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie +machte es geschickt, Knulp sah ihr zu und lächelte. + +»Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und streckte Knulp sein Glas +entgegen. Der war aber galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes +Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!« + +Sie stießen an und tranken, und Rothfuß leuchtete vor Freude und +blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch bemerke, was sein Freund für +fabelhafte Manieren habe. + +Sie hatte es aber längst bemerkt. + +»Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist höflicher als du, der weiß, +was der Brauch ist.« + +»O bitte,« meinte der Gast, »das hält eben jeder so, wie er’s gelernt +hat. Was Manieren betrifft, da könnten Sie mich leicht in Verlegenheit +bringen, Frau Meisterin. Und wie schön Sie serviert haben, wie im +feinsten Hotel!« + +»Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch gelernt.« + +»So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?« + +»Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab ihn kaum mehr gekannt. +Aber ich habe ein paar Jahre lang im Ochsen serviert, wenn Sie den +kennen.« + +»Im Ochsen? Der ist früher das feinste Gasthaus von Lächstetten +gewesen,« lobte Knulp. + +»Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast nur Handlungsreisende +und Turisten im Logis gehabt.« + +»Ich glaub’s, Frau Meisterin. Da haben Sie’s sicher gut gehabt und was +Schönes verdient! Aber ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?« + +Langsam und genießerisch strich er die weiche Wurst auf sein Brot, +legte die reinlich abgezogene Haut auf den Rand des Tellers und nahm +zuweilen einen Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister sah +mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den schlanken feinen Händen +das Notwendige so sauber und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es +mit Gefallen wahr. + +»Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im weiteren Emil Rothfuß +zu tadeln, und jetzt mußte Knulp bekennen, daß es ihm neuestens schlecht +gegangen und daß er im Krankenhaus gewesen sei. Doch verschwieg er alles +Peinliche. Als ihn darauf sein Freund fragte, was er denn jetzt +anzufangen denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager für jede +Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was Knulp erwartet und womit er +gerechnet hatte, aber er wich wie in einer Anwandlung von Schüchternheit +aus, dankte flüchtig und verschob das Besprechen dieser Dinge bis +morgen. + +Ȇber das können wir morgen oder übermorgen auch noch reden,« meinte er +nachlässig, »die Tage gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile +bleib ich auf alle Fälle hier.« + +Er machte nicht gern Pläne oder Versprechungen auf lange Zeit. Wenn er +nicht die freie Verfügung über den kommenden Tag in der Tasche hatte, +fühlte er sich nicht wohl. + +»Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« begann er dann +wieder, »so mußt du mich als deinen Gesellen anmelden.« + +»Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du und mein Gesell! Außerdem +bist du ja gar kein Weißgerber.« + +»Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir gar nichts am Gerben, +es soll zwar ein schönes Handwerk sein, und zum Arbeiten habe ich kein +Talent. Aber meinem Wanderbüchlein wird es gut tun, weißt du. Für das +Krankengeld käme ich dann schon auf.« + +»Darf ich’s einmal sehen, dein Büchlein?« + +Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges und zog das +Ding heraus, das reinlich in einem Wachstuchfutteral steckte. + +Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer tadellos! Man meint, du +seiest erst gestern früh von der Mutter fortgereist.« + +Dann studierte er die Einträge und Stempel und schüttelte in tiefer +Bewunderung den Kopf: »Nein, ist das eine Ordnung! Bei dir muß halt +alles nobel sein.« + +Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von +Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige +Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge +bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und +arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger +Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben +hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten diese +Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter geführt, während er in +Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser +Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich +wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört +fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie +ließen den heiteren, unterhaltsamen Menschen, dessen geistige +Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in +Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein +Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ +man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten Hauswesen eine +hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, +während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten +Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und +arbeitsloses Dasein verlebt. + +»Aber jetzt wäret ihr schon lang im Bett, wenn ich nicht gekommen wäre,« +rief Knulp, indem er seine Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und +machte der Hausfrau ein Kompliment. + +»Komm, Rothfuß, und zeig mir, wo mein Bett steht.« + +Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale Stiege zum Dachstock +hinauf und in die Gesellenkammer. Da stand eine leere eiserne Bettstatt +an der Wand und daneben eine hölzerne, die mit Bettzeug versehen war. + +»Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt väterlich. + +»Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr Meister, der braucht +freilich keine, wenn er so ein hübsches kleines Frauelein hat.« + +»Ja, siehst du,« meinte Rothfuß ganz eifrig, »da steigst du jetzt in +dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, und manchmal noch in ein +schlechteres, und manchmal hast du gar keins und mußt im Heu schlafen. +Aber unsereiner hat Haus und Geschäft und eine nette Frau. Schau, du +könntest doch schon lang Meister sein und weiter als ich, wenn du bloß +gewollt hättest.« + +Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider abgelegt und sich +fröstelnd in das kühle Bettzeug verkrochen. + +»Weißt du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut und kann zuhören.« + +»Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.« + +»Mir auch, Rothfuß. Du mußt aber nicht meinen, das Heiraten sei eine +Erfindung von dir. Also gut Nacht auch!« + + * * * * * + +Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er fühlte sich noch etwas +schwach, und das Wetter war so, daß er doch das Haus kaum verlassen +hätte. Den Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, er möge +ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag einen Teller Suppe +heraufbringen. + +So lag er in der dämmerigen Dachkammer den ganzen Tag still und zufrieden, +fühlte Kälte und Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit Lust +dem Wohlgefühl warmer Geborgenheit hin. Er hörte dem fleißigen Klopfen +des Regens auf dem Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und föhnig +in launischen Stößen ging. Dazwischen schlief er halbe Stunden oder las, +solange es licht genug war, in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus +Blättern, auf welche er sich Gedichte und Sprüche abgeschrieben hatte, +und aus einem kleinen Bündel von Zeitungsausschnitten. Auch einige +Bilder waren dazwischen, die er in Wochenblättern gefunden und +ausgeschnitten hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen vom +öfteren Hervorziehen schon brüchig und zerfasert aus. Das eine stellte +die Schauspielerin Eleonora Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff +bei starkem Winde auf hoher See. Für den Norden und für das Meer hatte +Knulp seit den Knabenjahren eine starke Vorliebe, und mehrmals hatte er +sich dahin auf den Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische +gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer unterwegs war und an keinem +Orte lang verweilen konnte, hatte eine merkwürdige Bangigkeit und +Heimatliebe immer wieder in raschen Märschen nach Süddeutschland +zurückgetrieben. Es mag auch sein, daß ihm die Sorglosigkeit +verlorenging, wenn er in Gegenden mit fremder Mundart und Sitte kam, wo +niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein legendenhaftes +Wanderbüchlein in Ordnung zu halten. + +Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und Brot herauf. Er trat +leise auf und sprach in einem erschrockenen Flüsterton, da er Knulp für +krank hielt und selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals am +hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der sich sehr wohl fühlte, gab +sich keine Mühe mit Erklärungen und versicherte nur, er werde morgen +wieder aufstehen und gesund sein. + +Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, und da Knulp im +Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau +vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale +Milchkaffee auf die Stabelle am Bett. + +Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, blieb aus Müdigkeit oder +Laune mit geschlossenen Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß +er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf +einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf auf dem halb vom +blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit +des dunklen Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen +Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hübschen +Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzählt hatte. +Sie sah über den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten, +hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen, +hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr +wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und +je in Frühlingslaunen sich von einem solchen fremden, hübschen Buben +hatte liebhaben lassen. + +Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um +das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Löffel vom Teller und +fiel auf den Boden, worüber sie in der Stille und befangenen +Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak. + +Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief +geschlafen. Er drehte den Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand +über die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die Frau +Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee, +das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also +schönen Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für Zeit?« + +»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist, +nachher hol ich das Geschirr dann wieder.« + +Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute übrig. Knulp sah ihr +nach und hörte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er +machte nachdenkliche Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, dann stieß +er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem +Kaffee. + +Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er +fühlte sich wohl und prächtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig +unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich +in der tiefen Dämmerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und +schlüpfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und +feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen +große Flecken licht und klar. + +Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und über den +verödeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede +auf, sah den Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch mit den +Gesellen an und hielt die kühlen Hände über die dunkelrot verglosende +Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt, +erkundigte sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich von dem +Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen +und Erkennungszeichen aller Handwerke geläufig. + +Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre Abendsuppe an, +klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schälte Kartoffeln, +und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand, +ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber und stellte sich vor +dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles, +frischwangiges Gesicht mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu +bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung. +Darauf strich sie die frischgewaschenen Hände noch einmal an der Schürze +ab, nahm das Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf. + +Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, und nochmals etwas +lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden +und machte mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie nicht +knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete +den Stuhl bei der Bettstatt. + +»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal: +»Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abräumen.« + +Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu hören war, streckte +sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefühl von +Unheimlichkeit wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun die +Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und +Federdecke tadellos aufgeschüttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen +Angst und Enttäuschung, in ihre Küche zurück. + +Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen +und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu +machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der +Dachkammer zu erzählen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt +klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und +Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom Kopf und wünschte +guten Abend. + +»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und +läuft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.« + +»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau Rothfuß, ich komme ja +gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her +gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.« + +Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig und rühmte sich +seiner Häuslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und +redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und +Nichtstun einmal aufgeben. Knulp hörte zu und gab wenig Antwort, und die +Meisterin sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der ihr +neben dem manierlichen und hübschen Knulp grob erschien, und gab dem +Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund. +Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers +Rasiermesser aus. + +»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das Messer hergab. »Kaum +kratzt’s dich am Kinn, so muß der Bart herunter. Also gut Nacht, und +gute Besserung!« + +Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen +oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und +Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den +Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in welchem klare, feucht +schimmernde Sterne brannten. + +Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schließen, da +wurde ein kleines Fenster ihm gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell. +Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch deren +Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter +in der Hand und in der Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden +abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr schmales Mägdebett +hin, das bescheiden und säuberlich mit einer groben roten Wollendecke +zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin, +und setzte sich auf eine niedere grüngemalte Kofferkiste, wie alle +Dienstmägde eine haben. + +Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben zu spielen begann, +sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand +nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt. + +Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war +vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben groß gewachsen, und +hatte ein bräunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen +Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar +nicht fröhlich aus, und die ganze Person saß auf ihrer harten grünen +Kiste ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der die Welt und +auch die Mädchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei +noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie +ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und suchte einen +flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem +kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken. + +Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem +Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde +Menschenleben hinüber, das so harmlos seinen hübschen Kummer im +Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen, +gutmütigen Augen bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von +langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote +Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Händen zu, wie sie müde +waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig +hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide +ruhten. + +Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den +schweren, in ein Nest aufgesteckten Zöpfen empor, blickte gedankenvoll, +doch nicht minder bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um +ihre Schuhnestel aufzulösen. + +Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht +und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern +hätte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem +Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen lassen. Aber er fürchtete, +sie würde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber +riefe. + +Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Künste zu üben. Er +hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und +er pfiff das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, und +es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, daß das Mädchen eine ganze +Weile zuhörte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten +Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster +trat. + +Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise +weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach, +schaute dann plötzlich auf und erkannte, woher die Musik komme. + +»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut. + +»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die +Jungfer nicht im Schlafen stören. Ich habe nur ein bißchen das Heimweh +gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. – +Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?« + +»Ich bin vom Schwarzwald.« + +»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie +gefällt’s dir in Lächstetten? Mir gar nicht.« + +»O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. Aber es gefällt +mir auch nicht recht. Seid Ihr schon länger da?« + +»Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu einander, gelt?« + +»Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar nicht.« + +»Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen nicht zueinander, aber +die Leute. Wo ist denn Euer Ort, Fräulein?« + +»Das kennt Ihr doch nicht.« + +»Wer weiß? Oder ist’s ein Geheimnis?« + +»Achthausen. Es ist bloß ein Weiler.« + +»Aber ein schöner, gelt? Vorn am Eck steht eine Kapelle, und es ist auch +eine Mühle da, oder eine Sägerei, und dort haben sie einen großen +gelben Bernhardinerhund. Stimmt’s oder stimmt’s nicht?« + +»Der Bello, herrje!« + +Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich dort gewesen, fiel ein +großes Teil Mißtrauen und Bedrücktheit von ihr ab, und sie wurde ganz +eifrig. + +»Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie rasch. + +»Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist Euer Vater?« + +»Ja.« + +»So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und wenn ich jetzt noch +den Vornamen dazu weiß, dann kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn +ich wieder einmal durch Achthausen komme.« + +»Wollet Ihr denn schon wieder fort?« + +»Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen wissen, Jungfer Flick.« + +»Ach was, ich weiß ja Euren auch nicht.« + +»Das tut mir leid, aber es läßt sich ändern. Ich heiße Karl Eberhard, +und wenn wir uns einmal am Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr +mich anrufen müßt, und wie muß ich dann zu Euch sagen?« + +»Barbara.« + +»So ist’s recht und danke schön. Er ist aber schwer zum Aussprechen, +Euer Name, und ich möchte fast eine Wette machen, daß man Euch daheim +Bärbele gerufen hat.« + +»Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon wisset, warum fraget Ihr +dann so viel? Aber jetzt müssen wir Feierabend machen. Gut Nacht, +Gerber.« + +»Gut Nacht, Jungfer Bärbele. Schlafet auch gut, und weil Ihr’s seid, +will ich jetzt noch eins pfeifen. Laufet nicht fort, es kostet nichts.« + +Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen jodlerartigen +Satz, mit Doppeltönen und Trillern, daß es funkelte wie eine Tanzmusik. +Sie hörte mit Erstaunen dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille +ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte ihn fest, während +Knulp ohne Licht in seine Kammer fand. + + * * * * * + +Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde auf und nahm des Gerbers +Rasiermesser in Gebrauch. Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen +Vollbart, und das Messer war so verwahrlost, daß Knulp es wohl eine +halbe Stunde lang über seinem Hosenträger abziehen mußte, ehe das +Barbieren gelang. Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die +Stiefel in die Hand und stieg in die Küche hinab, wo es warm war und +schon nach Kaffee roch. + +Er bat die Meistersfrau um Bürste und Wichse zum Stiefelputzen + +»Ach was!« rief sie, »das ist kein Männergeschäft. Lassen Sie mich das +machen.« + +Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit ungeschicktem Lachen +ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, tat er die Arbeit gründlich, reinlich +und dabei spielend, als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune, +dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit verrichtet. + +»Das lass’ ich mir gefallen,« rühmte die Frau und sah ihn an. »Alles +blank, wie wenn Sie grad zum Schatz gehen wollten.« + +»O, das tät’ ich auch am liebsten.« + +»Ich glaub’s. Sie haben gewiß einen schönen.« Sie lachte wieder +zudringlich. »Vielleicht sogar mehr als einen?« + +»Ei, das wäre nicht schön,« tadelte Knulp munter. »Ich kann Ihnen auch +ein Bild von ihr zeigen.« + +Begierig trat sie heran, während er sein Wachstuchmäpplein aus der +Brusttasche zog und das Bildnis der Duse hervorsuchte. Interessiert +betrachtete sie das Blatt. + +»Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, »das ist ja fast +eine rechte Dame. Nur freilich, mager sieht sie aus. Ist sie denn auch +gesund?« + +»Soviel ich weiß, jawohl. So, und jetzt wollen wir nach dem Alten sehen, +man hört ihn in der Stube.« + +Er ging hinüber und begrüßte den Gerber. Die Wohnstube war gefegt und +sah mit dem hellen Getäfel, mit der Uhr, dem Spiegel und den +Photographien an der Wand freundlich und heimelig aus. So eine saubere +Stube, dachte Knulp, ist im Winter nicht übel, aber darum zu heiraten, +verlohnt doch nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die +Meisterin ihm zeigte, keine Freude. + +Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete er den Meister Rothfuß +nach dem Hof und Schuppen und ließ sich die ganze Gerberei zeigen. Er +kannte fast alle Handwerke und stellte so sachverständige Fragen, daß +sein Freund ganz erstaunt war. + +»Woher weißt du denn das alles?« fragte er lebhaft. »Man könnte meinen, +du seiest wirklich ein Gerbergesell oder einmal einer gewesen.« + +»Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp gemessen. Ȇbrigens, +was die Weißgerberei angeht, da bist du selber mein Lehrmeister gewesen, +weißt du’s nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen +gewandert sind, hast du mir das alles erzählen müssen.« + +»Und das weißt du alles noch?« + +»Ein Stück davon, Rothfuß. Aber jetzt will ich dich nimmer stören. +Schade, ich hätte dir gern ein bißchen geholfen, aber es ist da unten so +feucht und stickig, und ich muß noch so viel husten. Also Servus, Alter, +ich geh ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.« + +Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse stadteinwärts +bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in +die Tür und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging, +überall sauber gebürstet und den Regenpfützen sorglich ausweichend. + +»Gut hat er’s eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen +Neidgefühl. Und während er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund +und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen, +und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden heißen. +Einer, der arbeitete und sich vorwärts schaffte, hatte es ja in vielem +besser, aber er konnte nie so zarte hübsche Hände haben und so leicht +und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat, +wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten, +wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und für sich gewann, allen +Mädchen und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für einen Sonntag +nahm. Man mußte ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht +ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen und +eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mußte fast noch dankbar dafür sein, +denn er machte es froh und hell im Haus. + +Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt durchs Städtchen, +pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zähne und begann ohne Eile die Orte +und Menschen aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst wandte +er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen +Flickschneider kannte, um den es schade war, daß er nichts als alte +Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn +er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten +Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte früh geheiratet und schon ein paar +Kinder, und die Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen. + +Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten +Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing +wie ein Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus stand an +der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute, +hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause +floh der Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden schwindelnd +abwärts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen, +Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen, und die nächsten Hausdächer, +auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon +tief und klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt taghell +und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der fleißige +Schlotterbeck hell und hoch über der Welt wie der Wächter in einem +Leuchtturm. + +»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom +Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen Augen nach der Türe. + +»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand +entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt’s denn, daß du zu mir +herauf steigst?« + +Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder. + +»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber braunen und vom +feinsten, ich will Musterung halten.« + +Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fädelte +ein und überging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr +gut und fast neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede lockere +Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit fleißigen Fingern wieder +instand setzte. + +»Und wie geht’s sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht +zu loben. Aber schließlich, wenn man gesund ist und keine Familie hat –« + +Knulp räusperte sich polemisch. + +»Ja, ja,« sagte er lässig. »Der Herr läßt regnen über Gerechte und +Ungerechte, und nur die Schneider sitzen trocken. Hast du immer noch zu +klagen, Schlotterbeck?« + +»Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du hörst ja die Kinder nebendran +schreien. Es sind jetzt fünf. Da sitzt man und schuftet bis in alle +Nacht hinein, und nirgends will’s reichen. Und du tust nichts als +spazierengehen!« + +»Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder fünf Wochen bin ich im Spital in +Neustadt gelegen, und da behalten sie keinen länger, als er’s bitter +nötig hat, und es bleibt auch keiner länger drin. Des Herrn Wege sind +wunderbar, Freund Schlotterbeck.« + +»Ach laß diese Sprüche, du!« + +»Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es gerade auch werden, und +darum bin ich zu dir gekommen. Wie steht’s damit, alter Stubenhocker?« + +»Laß mich in Ruh’ mit der Frömmigkeit! Im Spital, sagst du? Da tust du +mir aber leid.« + +»Ist nicht nötig, es ist vorbei. Und jetzt erzähl einmal: wie ist’s mit +dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? Weißt du, im Spital hab ich +Zeit gehabt, und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen +und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses Buch, die Bibel.« + +»Da hast du recht. Kurios, und die Hälfte muß verlogen sein, weil keins +zum andern paßt. Du verstehst’s vielleicht besser, du bist ja einmal in +die Lateinschule gegangen.« + +»Davon ist mir wenig geblieben.« + +»Siehst du, Knulp –.« Der Schneider spuckte zum offenen Fenster in die +Tiefe hinunter und sah mit großen Augen und erbittertem Gesicht +hinterdrein. »Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frömmigkeit. Es ist +nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich pfeife drauf!« + +Der Wanderer sah ihn nachdenklich an. + +»So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir scheint, in der +Bibel stehen ganz gescheite Sachen.« + +»Ja, und wenn du ein Stück weiterblätterst, dann steht immer irgendwo +das Gegenteil. Nein, ich bin fertig damit, aus und fertig.« + +Knulp war aufgestanden und hatte nach einem Bügeleisen gegriffen. + +»Du könntest mir ein paar Kohlen drein geben,« bat er den Meister. + +»Zu was denn auch?« + +»Ich will die Weste ein wenig bügeln, weißt du, und dem Hut wird es auch +gut tun, nach all dem Regen.« + +»Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas ärgerlich. »Was brauchst du so +fein zu sein wie ein Graf, wenn du doch nur ein Hungerleider bist?« + +Knulp lächelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es macht mir eine +Freude, und wenn du’s nicht aus Frömmigkeit tun willst, so tust du’s +einfach aus Nettigkeit und einem alten Freund zuliebe, gelt?« + +Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam bald mit dem heißen +Eisen wieder. + +»So ist’s recht,« lobte Knulp, »danke schön!« + +Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glätten, und da er +hierin nicht so geschickt war wie im Nähen, nahm ihm der Freund das +Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber. + +»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder +ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu +viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist, +das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch +lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und früher hat man +mancherlei noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; aber darum +steht doch viel Schönes und Braves drin, und auch ganz viel Wahres. +Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen, +weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld geht und die übrigen +Ähren sammelt, das ist fein, und man spürt den schönsten warmen Sommer +drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt: +ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle +zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da könnte man schon von ihm +lernen.« + +»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht +haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer +Leute Kindern tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie sie +durchfüttern.« + +Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht +ansehen. Er wünschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er +besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit +seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja, +hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?« + +Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was +denkst du auch! Natürlich hab ich sie lieb, den Größten am meisten.« + +Knulp nickte mit großem Ernst. + +»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schönen Dank. Die +Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. – Und dann, mit deinen Kindern +mußt du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken. +Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand weiß und was du nicht weiter zu +erzählen brauchst.« + +Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden in die klaren Augen, die +sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, daß der +Schneider Mühe hatte, ihn zu verstehen. + +»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine +Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind, +denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden +Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil +die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu +wissen, wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin komme, dann +schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und +wenn ich Glück habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine +Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens im Vorbeigehen was +vorpfeifen. – Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, daß du +Kinder hast!« + + * * * * * + +Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile +plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden +Spiel der lockigen Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den +Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose +schnupfen ließ. Überall erfuhr er Großes und Kleines aus dem Leben der +Familien und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau und +vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, er erzählte dafür neues von +anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn +als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der +Seßhaften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der +Toreinfahrt einer Brauerei die Küfergesellen, wo es heut abend und +morgen eine Tanzgelegenheit gebe. + +Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen von Gertelfingen, nur +eine halbe Stunde weit. Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem +Nachbarhause mitzunehmen. + +Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfußschen Hause +erstieg, schlug ihm von der Küche her ein angenehm kräftiger Geruch +entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit +spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man +hatte ihn schon gehört. Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und +stand freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der Speisen umwölkt. + +»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, daß Sie so +zeitig kommen. Nämlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und +da hab ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für Sie +extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?« + +Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung. + +»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn’s eine +Suppe gibt.« + +»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört er ordentlich gepflegt, +wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mögen Sie gar keine +Leber? Es gibt solche.« + +Er lachte bescheiden. + +»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein +Sonntagsessen, und wenn ich’s mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte, +wär ich schon zufrieden.« + +»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber +sagen Sie’s jetzt nur, es ist ein Stück Leber übrig, ich hab’s Ihnen +aufgespart. Es täte Ihnen gut.« + +Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut, +wie sie es meinte, und ziemlich hübsch war das Weiblein auch, aber er +tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den +ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah nebenaus. + +»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten Willen. Aber Spatzen +sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.« + +Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger. + +»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub’s Ihnen doch nicht. +Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?« + +»Da kann ich nicht nein sagen.« + +Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte sich in die Stube, +wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister +sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und nach Tische +wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp +seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche +Kartenkunststücke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit +spielerischer Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu +ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und ließ zuweilen +den Daumen über die Kartenränder laufen. Der Meister sah mit Bewunderung +und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose Künste sich +gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme +diese Anzeichen einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte +aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit +entstellten Händen. + +Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, unsicherer +Sonnenschein in die Stube, über den Tisch und die Karten, spielte +launisch und kraftlos am Fußboden mit den schwachen Schlagschatten und +zitterte kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp nahm dies +alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den +stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht +seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen Frau. Es +gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Glück für ihn. Wäre ich gesund, +dachte er, und wäre es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier. + +»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfuß die +Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die +Treppe hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und +verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben +unterbrochen, bis an das Flüßchen hinabreichte. Dort hatte der Gerber +einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen +konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen knapp über dem +still und rasch fließenden Wasser hängen, blickte belustigt den +schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten, +und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine +Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von drüben zu sprechen. + +Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht erhaltenen +Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfähle längst +vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen +Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten schien mit +mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wüste Grasplatz des +Weißgerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und +eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und +überwinterter Spinat wuchs spärlich in zwei Rabatten, Rosenbäumchen +standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen, +das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume. + +Bis zu ihnen drang Knulp geräuschlos vor, nachdem er den fremden Garten +betrachtet hatte, und sah nun zwischen den Bäumen hindurch das Haus +liegen, die Küche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet, +da sah er in der Küche auch das Mädchen mit aufgekrempelten Ärmeln +wirtschaften. Die Hausfrau war dabei und hatte viel zu befehlen und zu +lehren, wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen mögen +und ihre jährlich wechselnden Lehrmädchen nachher, wenn sie aus dem +Hause sind, nicht genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und Klage +geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit war, und die Kleine schien +bereits daran gewöhnt, denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre +Arbeit. + +Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt mit vorgestrecktem Kopf, +neugierig und wachsam wie ein Jäger, und lauschte mit vergnügter Geduld +als ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, als +Zuschauer und Zuhörer am Leben teilzunehmen. Er freute sich am Anblick +des Mädchens, wenn es durchs Fenster sichtbar wurde, und er schloß aus +der Mundart der Hausfrau, daß sie keine geborene Lächstetterin, sondern +ein paar Stunden weiter oben im Tale daheim sei. Ruhig horchte er und +kaute auf einem duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine ganze +Stunde lang, bis die Frau verschwand und es still in der Küche wurde. + +Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam vor und klopfte +mit einem dürren Zweig ans Küchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf, +er mußte noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene Fenster, tat es +vollends auf und schaute heraus. + +»Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. »Jetzt wär ich fast +erschrocken.« + +»Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lächelte. »Ich wollte bloß einmal +Grüßgott sagen und sehen, wie’s geht. Und weil nämlich heut Samstag ist, +möchte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa frei habet, zu einem +kleinen Spaziergang.« + +Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf, und da machte er ein so trostlos +betrübtes Gesicht, daß es ihr ganz leid tat. + +»Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht frei, nur vormittags +für die Kirche.« + +»So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann könntet Ihr aber gewiß heut abend +mitkommen.« + +»Heut abend? Ja, frei hätte ich schon, aber da will ich einen Brief +schreiben, an meine Leute daheim.« + +»O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde später, er geht heut nacht +doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich hab mich schon so gefreut, bis ich +wieder ein bißchen mit Euch reden kann, und heut abend, wenn’s nicht +gerade Katzen hagelt, hätten wir so schön spazieren gehen können. Gelt, +seiet lieb, Ihr werdet doch vor mir keine Angst haben!« + +»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt +nicht. Wenn man sieht, daß ich mit einem Mannsbild spazieren geh –« + +»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch +wahrhaftig keine Sünde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein +Schulmädchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr +bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken für den Viehmarkt sind. +Oder soll ich früher kommen? Ich kann es schon richten.« + +»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt – Ihr müsset gar nicht kommen, es +geht nicht, und ich darf nicht ––« + +Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht. + +»Ja, wenn Ihr halt gar nicht möget!« sagte er traurig. »Ich habe +gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh, +und ich auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen können, +von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, weil ich doch einmal +dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir’s auch +nicht übelnehmen.« + +»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.« + +»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget bloß nicht. Aber +vielleicht überlegt Ihr’s Euch noch. Ich muß jetzt gehen, und heut abend +bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich +allein spazieren und denk an Euch und daß Ihr jetzt nach Achthausen +schreibet. Also adieu, und nichts für ungut!« + +Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn +hinter den Bäumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann +kehrte sie zur Arbeit zurück, und plötzlich begann sie – die Frau war +ausgegangen – laut und schön dazu zu singen. + +Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine +Kugeln aus einem Stückchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt +hatte. Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine nach der +andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von +der Strömung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von +den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden. + + * * * * * + +»So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist’s Samstag +abend, und du weißt gar nicht, wie schön das ist, wenn man es die ganze +Woche streng gehabt hat.« + +»O, ich kann’s mir schon denken,« lächelte Knulp, und die Meisterin +lächelte mit und sah ihm schalkhaft ins Gesicht. + +»Heut abend,« fuhr Rothfuß im festlichen Tone fort, »heut abend trinken +wir einen guten Krug Bier miteinander, meine Alte holt ihn gleich, gelt? +Und morgen, wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei einen Ausflug. +Was meinst du, alter Freund?« + +Knulp schlug ihn kräftig auf die Schulter. + +»Man hat es gut bei dir, das muß ich sagen, und auf den Ausflug freu ich +mich schon. Hingegen heut abend habe ich eine Besorgung, es ist ein +Freund von mir hier, den muß ich treffen, er hat in der oberen Schmiede +gearbeitet und reist morgen fort. – Ja, es tut mir leid, aber morgen +sind wir ja den ganzen Tag beieinander, sonst hätt ich mich auch gar +nicht darauf eingelassen.« + +»Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen wollen, wo du noch +halb krank bist.« + +»Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwöhnen. Ich komme nicht +spät heim. Wo tust du den Schlüssel hin, daß ich dann herein kann?« + +»Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, und den Schlüssel +findest du hinterm Kellerladen. Du weißt doch, wo?« + +»Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig ins Bett! Gut Nacht. +Gut Nacht, Frau Meisterin.« + +Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, kam ihm hastig die +Meistersfrau nachgelaufen. Sie brachte einen Regenschirm, den mußte +Knulp mitnehmen, er mochte wollen oder nicht. + +»Sie müssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« sagte sie. »Und jetzt will +ich Ihnen zeigen, wo Sie nachher den Schlüssel finden.« + +Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und führte ihn um die +Hausecke und machte vor einem Fensterchen halt, das mit Holzläden +verschlossen war. + +»Hinter den Laden legen wir den Schlüssel,« berichtete sie aufgeregt und +flüsternd und streichelte Knulps Hand. »Sie müssen dann bloß durch den +Ausschnitt langen, er liegt auf dem Simsen.« + +»Ja, danke schön,« sagte Knulp verlegen und zog seine Hand zurück. + +»Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« fing sie +wieder an und drückte sich leise gegen ihn. + +»Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, Frau Rothfuß, und danke +schön.« + +»Pressiert’s denn so?« flüsterte sie zärtlich und kniff ihn in den Arm. +Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und in einer verlegenen Stille, +da er sie nicht mit Gewalt zurückstoßen mochte, strich er mit der Hand +über ihr Haar. + +»Aber jetzt muß ich weiter,« rief er plötzlich überlaut und trat zurück. + +Sie lächelte ihn mit halb geöffnetem Munde an, er konnte im Dunkeln ihre +Zähne schimmern sehen. Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du +heimkommst. Du bist ein Lieber.« + +Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, den Schirm unterm +Arme, und begann bei der nächsten Ecke, um der törichten Beklommenheit +Herr zu werden, zu pfeifen. Es war das Lied: + + Du meinst’, ich werd’ dich nehmen, + Hab’s aber nicht im Sinn, + Ich muß mich deiner schämen, + Wenn ich in G’sellschaft bin. + +Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am schwarzen Himmel +heraus. In einem Wirtshaus lärmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und +im Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn eine +bürgerliche Herrengesellschaft in Hemdärmeln beieinander stehen, +Kegelkugeln in den Händen wägend und Zigarren im Munde. + +Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich um. In den kahlen +Kastanienbäumen sang schwach der feuchte Wind, der Fluß strömte unhörbar +in tiefer Schwärze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster wider. Die +milde Nacht tat dem Landstreicher in allen Fibern wohl, er atmete +spürend und ahnte Frühling, Wärme, trockene Straßen und Wanderschaft. +Sein unerschöpfliches Gedächtnis überschaute die Stadt, das Flußtal und +die ganze Gegend, er wußte überall Bescheid, er kannte Straßen und +Fußwege, Dörfer, Weiler, Höfe, befreundete Nachtherbergen. Scharf dachte +er nach und stellte den Plan für seine nächste Wanderung auf, da hier in +Lächstetten seines Bleibens doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn +es ihm die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb noch über +diesen Sonntag bleiben. + +Vielleicht, dachte er, hätte er dem Gerber einen Wink geben sollen, +seiner Meisterin wegen. Aber er liebte es nicht, seine Hände in anderer +Leute Sorgen zu stecken, und er hatte kein Bedürfnis, die Menschen +besser oder klüger machen zu helfen. Es tat ihm leid, daß es so gegangen +war, und seine Gedanken an die ehemalige Ochsenkellnerin waren +keineswegs freundlich; aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an +des Gerbers würdige Reden über Hausstand und Eheglück. Er kannte das, es +war meistens nichts damit, wenn einer mit seinem Glück oder mit seiner +Tugend sich rühmte und groß tat, mit des Flickschneiders Frömmigkeit war +es einst ebenso gewesen. Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit +zusehen, man konnte über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber +man mußte sie ihre Wege gehen lassen. + +Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese Sorgen beiseite. Er lehnte +sich in die Höhlung einer alten Kastanie, der Brücke gegenüber, und +dachte weiter seiner Wanderschaft nach. Er wäre gerne quer über den +Schwarzwald gegangen, aber da oben war es jetzt kalt, und vermutlich lag +noch viel Schnee, man verdarb sich die Stiefel, und die +Schlafgelegenheiten waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts, +er mußte den Tälern nachgehen und sich an die Städtchen halten. Die +Hirschenmühle, vier Stunden weiter unten am Fluß, war der erste sichere +Rastort, dort würde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage +behalten. + +Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran dachte, daß er auf +jemanden warte, erschien in Dunkelheit und Zugwind auf der Brücke eine +schmale ängstliche Gestalt und kam zögernd näher. Er erkannte sie +sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und schwang den Hut. + +»Das ist lieb, daß Ihr kommet, Bärbele, ich habe schon beinah nimmer +dran geglaubt.« + +Er ging zu ihrer Linken und führte sie die Allee flußaufwärts. Sie war +zaghaft und schämte sich. + +»Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und wieder. »Wenn uns nur +niemand sieht!« + +Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald wurden die Schritte des +Mädchens ruhiger und gleichmäßiger, und schließlich ging sie leicht und +munter neben ihm wie ein Kamerad und erzählte, von seinen Fragen und +Einwürfen erwärmt, mit Begier und Eifer von ihrer Heimat, von Vater und +Mutter, Bruder und Großmama, von den Enten und Hühnern, von Hagelschlag +und Krankheiten, von Hochzeiten und Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz +an Erlebnissen tat sich auf und war größer, als sie selber geglaubt +hätte, und schließlich kam die Geschichte ihrer Verdingung und ihres +Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst und das Hauswesen ihres +Dienstherren an die Reihe. + +Sie waren längst weit vor dem Städtchen draußen, ohne daß Bärbele auf +den Weg geachtet hatte. Nun hatte sie sich von einer langen, trüben +Woche des Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern erlöst und war +ganz lustig geworden. + +»Wo sind wir denn aber?« rief sie plötzlich verwundert. »Wo laufen wir +denn hin?« + +»Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen hinein, wir sind +gleich dort.« + +»Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen lieber umkehren, es wird +spät.« + +»Wann müsset Ihr denn daheim sein, Bärbele?« + +»Um zehne. Da wird’s Zeit. Es ist ein netter Spaziergang gewesen.« + +»Bis zehne ist’s noch lang,« sagte Knulp, »und ich will gewiß dran +denken, daß Ihr zur Zeit heimkommet. Aber weil wir doch nimmer so jung +zusammen kommen, so könnten wir eigentlich heut noch einen Tanz +miteinander riskieren. Oder möget Ihr nicht tanzen?« + +Sie sah ihn gespannt und verwundert an. + +»O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier mitten in der Nacht +draußen?« + +»Ihr müsset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, und da ist Musik im +Löwen. Wir können hinein gehen, bloß auf einen einzigen Tanz, und dann +gehen wir heim und haben einen schönen Abend gehabt.« + +Bärbele blieb zweifelnd stehen. + +»Es wäre lustig,« meinte sie langsam. »Aber was soll man von uns denken? +Ich will nicht für so eine angeschaut werden, und ich will auch nicht, +daß man meint, wir zwei gehören zusammen.« + +Und plötzlich lachte sie übermütig auf und rief: »Nämlich, wenn ich +später einmal einen Schatz haben will, dann muß es kein Gerber sein. Ich +will Euch nicht beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes +Handwerk.« + +»Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmütig. »Ihr sollet mich +ja auch nicht heiraten. Es weiß kein Mensch, daß ich ein Gerber bin und +daß Ihr so stolz seid, und die Hände hab ich mir gewaschen, und wenn Ihr +also einmal mit mir herumtanzen wollt, so seid Ihr eingeladen. Sonst +kehren wir um.« + +Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes mit einem bleichen +Giebel aus Gebüschen schauen, und Knulp sagte plötzlich »Bst!« und hob +den Finger auf, und da hörten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine +Ziehharmonika und eine Geige, tönen. + +»Also denn!« lachte das Mädchen, und sie gingen rascher. + +Im Löwen tanzten nur vier oder fünf Paare, lauter junge Leute, die Knulp +nicht kannte. Es ging still und anständig zu, und niemand belästigte das +fremde Paar, das sich dem nächsten Tanz anschloß. Sie machten einen +Ländler und eine Polka mit, dann kam ein Walzer, den Bärbele nicht +konnte. Sie sahen zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte Knulps +Barschaft nicht. + +Bärbele war beim Tanzen warm geworden und blickte nun mit glänzenden +Augen in den kleinen Saal. + +»Jetzt wär es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« sagte Knulp, als es halb +zehn Uhr war. + +Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus. + +»Ach schade!« sagte sie leise. + +»Wir können ja noch dableiben.« + +»Nein, ich muß heim. Und schön war’s.« + +Sie gingen weg, aber unter der Tür fiel es dem Mädchen ein: »Wir haben +ja der Musik gar nichts gegeben.« + +»Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hätten wohl einen Zwanziger +verdient. Aber es steht leider so mit mir, daß ich keinen habe.« + +Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten Geldbeutel aus der +Tasche. + +»Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, gebet den!« + +Er nahm das Geldstück und brachte es den Musikanten, dann gingen sie +hinaus und mußten vor der Haustür einen Augenblick stehen bleiben, bis +sie in der tiefen Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging stärker und +führte einzelne Regentropfen. + +»Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp. + +»Nein, bei dem Wind, wir kämen ja nicht weiter. Es ist nett gewesen da +drinnen. Ihr könnet’s fast wie ein Tanzmeister, Gerber.« + +Sie plauderte fröhlich fort. Ihr Freund aber war still geworden, +vielleicht daß er müde ward, vielleicht daß er den nahen Abschied +fürchtete. + +Plötzlich fing sie an zu singen: »Bald gras’ ich am Neckar, bald gras’ +ich am Rhein.« Ihre Stimme klang warm und rein, und beim zweiten Vers +fiel Knulp mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und schön, +daß sie mit Behagen darauf horchte. + +»So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er am Ende. + +»O ja,« lachte sie hell. »Wir müssen wieder einmal so einen Spaziergang +machen.« + +»Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird wohl der letzte +gewesen sein.« + +Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehört, aber der betrübte +Klang seiner Worte war ihr aufgefallen. + +»Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. »Habt Ihr was gegen +mich?« + +»Nein, Bärbele. Aber morgen muß ich fort, ich habe gekündigt.« + +»Was Ihr nicht saget! Ist’s wahr? Das tut mir aber leid.« + +»Um mich muß es Euch nicht leid sein. Lang wär’ ich doch nicht +geblieben, und ich bin ja auch bloß ein Gerber. Ihr müsset bald einen +Schatz haben, einen recht schönen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr +werdet sehen.« + +»Ach, redet nicht so! Ihr wisset, daß ich Euch ganz gern habe, wenn Ihr +auch nicht mein Schatz seid.« + +Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. Knulp ging +langsamer. Sie waren schon nah bei der Brücke. Schließlich blieb er +stehen. + +»Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr gehet die paar +Schritte noch allein.« + +Bärbele sah ihm mit aufrichtiger Betrübnis ins Gesicht. + +»Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch meinen Dank. Ich will +es nicht vergessen. Und alles Gute auch!« + +Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und während sie ängstlich und +verwundert in seine Augen sah, nahm er ihren Kopf mit den vom Regen +feuchten Zöpfen in beide Hände und sagte flüsternd: »Adieu denn, +Bärbele. Ich will jetzt zum Abschied noch einen Kuß von Euch haben, daß +Ihr mich nicht ganz vergesset.« + +Ein wenig zuckte sie und strebte zurück, aber sein Blick war gut und +traurig, und sie sah erst jetzt, wie schöne Augen er habe. Ohne die +ihren zu schließen, empfing sie ernsthaft seinen Kuß, und da er darauf +mit einem schwachen Lächeln zögerte, bekam sie Tränen in die Augen und +gab ihm den Kuß herzhaft zurück. + +Dann ging sie schnell davon und war schon über der Brücke, da kehrte sie +plötzlich um und kam wieder zurück. Er stand noch am selben Ort. + +»Was ist, Bärbele?« fragte er. »Ihr müsset heim.« + +»Ja, ja, ich geh schon. Ihr dürfet nicht schlecht von mir denken!« + +»Das tu ich gewiß nicht.« + +»Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch gesagt, Ihr hättet gar +kein Geld mehr? Ihr krieget doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?« + +»Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht nichts, ich komme +schon durch, da müsset Ihr Euch keine Gedanken machen.« + +»Nein, nein! Ihr müsset etwas im Sack haben. Da!« + +Sie steckte ihm ein großes Geldstück in die Hand, er spürte, daß es ein +Taler war. + +»Ihr könnet mir’s einmal wiedergeben oder schicken, später einmal.« + +Er hielt sie an der Hand zurück. + +»Das geht nicht. So dürfet Ihr nicht mit Eurem Geldlein umgehen! Das ist +ja ein ganzer Taler. Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr müsset! So. Man muß +nicht unvernünftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei Euch habt, einen +Fünfziger oder so, das nehm ich gerne, weil ich in der Not bin. Aber +mehr nicht.« + +Sie stritten noch ein wenig, und Bärbele mußte ihren Geldbeutel +herzeigen, weil sie sagte, sie habe nichts als den Taler. Es war aber +nicht so, sie hatte auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen +Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er haben, aber das war ihr +zu wenig, und dann wollte er gar nichts nehmen und fortgehen, aber +schließlich behielt er das Markstück, und sie lief nun im Trabe +heimwärts. + +Unterwegs dachte sie beständig darüber nach, warum er sie jetzt nicht +noch einmal geküßt habe. Bald wollte es ihr leid tun, bald fand sie es +gerade besonders lieb und anständig, und dabei blieb sie schließlich. + +Eine gute Stunde später kam Knulp nach Hause. Er sah im Wohnzimmer +droben noch Licht brennen, also saß die Meisterin noch auf und wartete +auf ihn. Er spuckte ärgerlich aus und wäre beinahe davongelaufen, gleich +jetzt in die Nacht hinein. Aber er war müde, und es würde regnen, und +dem Weißgerber wollte er das auch nicht antun, und außerdem spürte er +auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen Schabernack. + +So fischte er denn den Schlüssel aus seinem Versteck heraus, schloß +vorsichtig wie ein Dieb die Haustüre auf, zog sie hinter sich zu, schloß +mit zusammengepreßten Lippen geräuschlos ab und versorgte den Schlüssel +sorgfältig am alten Platz. Dann stieg er auf Socken, die Schuhe in der +Hand, die Stiege hinauf, sah Licht durch eine Ritze der angelehnten +Stubentür und hörte die beim langen Warten eingeschlafene Meisterin +drinnen auf dem Kanapee tief in langen Zügen atmen. Darauf stieg er +unhörbar in seine Kammer hinauf, schloß sie von innen fest ab und ging +ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde abgereist. + + + + +Meine Erinnerung an Knulp + + +Es war noch mitten in der fröhlichen Jugendzeit, und Knulp war noch am +Leben. Wir wanderten damals, er und ich, in der glühenden Sommerszeit +durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig Sorgen. Tagsüber +schlenderten wir an den gelben Kornfeldern hin oder lagen auch unter +einem kühlen Nußbaum oder am Waldesrand, am Abend aber hörte ich zu, wie +Knulp den Bauern Geschichten erzählte, den Kindern Schattenspiele +vormachte und für die Mädchen seine vielen Lieder sang. Ich hörte mit +Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den Mädchen stand und sein +braunes Gesicht wetterleuchtete und die Jungfern zwar viel lachten und +spotteten, aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, da schien es mir +zuweilen, er sei doch ein seltener Glücksvogel oder ich das Gegenteil, +und dann ging ich manchmal zur Seite, um nicht so überflüssig dabei zu +stehen, und begrüßte entweder den Pfarrer in seiner Wohnstube um ein +gescheites Abendgespräch und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins +Gasthaus zu einem stillen Wein. + +Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir an einem Kirchhof +vorüber, der samt einer kleinen Kapelle verlassen zwischen den Feldern +lag, weit weg vom nächsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebüschen überm +Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in dem heißen Lande ruhte. Am +Eingangsgitter standen zwei große Kastanienbäume, es war aber +verschlossen, und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, er +schickte sich an, über die Mauer zu steigen. + +Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?« + +»Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.« + +»Ja, muß es denn gerade ein Kirchhof sein?« + +»Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gönnen sich nicht viel, das weiß +ich wohl, aber unter der Erde wollen sie’s doch gut haben. Darum lassen +sie sich’s gern eine Mühe kosten und pflanzen was Sauberes auf die +Gräber und daneben.« + +Da stieg ich mit hinüber und sah, daß er recht hatte, denn es lohnte +sich wohl, über das Mäuerlein zu klettern. Da innen lagen in geraden +und in krummen Reihen die Gräber nebeneinander, die meisten mit einem +weißen Kreuz von Holz versehen, und darauf und darüber war es grün und +blumenfarbig. Da glühte freudig Winde und Geranium, im tiefern Schatten +auch noch später Goldlack, und Rosenbüsche hingen voller Rosen, und +Fliederbäume und Holunderbäume standen dick im Holz und Laub, daß es wie +ein Lustgarten war. + +Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns dann im Grase, das +stellenweise hoch und in Blüte stand, und ruhten aus und wurden kühl und +zufrieden. + +Knulp las den Namen auf dem nächsten Kreuz und sagte: »Der heißt +Engelbert Auer und ist über sechzig Jahr alt geworden. Dafür liegt er +jetzt unter Reseden, was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden +möcht ich schon auch einmal haben, und einstweilen nehm ich eine von den +hiesigen mit.« + +Ich sagte: »Laß sie nur und nimm was anderes, Reseden welken bald.« + +Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, der neben ihm im +Grase lag. + +»Wie es da schön still ist!« sagte ich. + +Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig stiller wär, so könnten +wir wohl die da drunten reden hören.« + +»Das nicht. Die haben ausgeredet.« + +»Weiß man’s? Man sagt doch immer, der Tod ist ein Schlaf, und im Schlaf +redet man oft und singt auch mitunter.« + +»Du vielleicht schon.« + +»Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär, da würd ich warten, bis +am Sonntag die Mädlein herüberkommen und still herumstehen und sich von +einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann würd ich ganz leis anfangen +singen.« + +»So, und was denn?« + +»Was? Irgendein Lied.« + +Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen zu und fing bald mit +einer leisen, kindlichen Stimme an zu singen: + + »Weil ich früh gestorben bin, + Drum singet mir, ihr Jüngferlein, + Ein Abschiedslied. + Wenn ich wiederkomm, + Wenn ich wiederkomm, + Bin ich ein schöner Knabe.« + +Ich mußte lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. Er sang schön und +zart, und wenn manchmal die Worte keinen völligen Sinn hatten, war doch +die Melodie recht fein und machte es schön. + +»Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht zu viel, sonst hören +sie dir bald nimmer zu. Das mit dem Wiederkommen ist schon recht, aber +gewiß weiß das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schöner Knabe +wirst, das ist erst recht nicht sicher.« + +»Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es wäre mir lieb. Weißt du noch, +vorgestern, der kleine Bub mit der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt +haben? So wär ich gern wieder einer. Du nicht auch?« + +»Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann gekannt, wohl über +siebzig, der hat so still und gut geblickt, und mir kam es vor, als +könne an ihm nur Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk ich +hie und da, so möcht ich gern auch einer werden.« + +»Ja, da fehlt dir noch ein Stückchen dran, weißt du. Und es ist +überhaupt komisch mit dem Wünschen. Wenn ich jetzt im Augenblick bloß zu +nicken brauchte und wäre dann so ein netter kleiner Bub, und du +brauchtest bloß zu nicken und wärst ein feiner milder alter Kerl, so +würde doch keiner von uns nicken. Sondern wir würden ganz gern bleiben, +wie wir sind.« + +»Das ist auch wahr.« + +»Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: Das Allerschönste und +Allerfeinste, was es überhaupt gibt, das ist ein schlankes junges +Fräulein mit einem blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht oft +genug, daß eine Schwarze fast noch schöner ist. Und außerdem, es +geschieht auch wieder, daß mir so scheint: Das Allerschönste und das +Feinste von allem ist doch ein schöner Vogel, wenn man ihn so frei in +der Höhe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts so wundersam +wie ein Schmetterling, ein weißer zum Beispiel mit roten Augen auf den +Flügeln, oder auch ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, wenn +alles glänzt und doch nicht blendet, und alles dann so froh und +unschuldig aussieht.« + +»Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn man es in der guten +Stunde anschaut.« + +»Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schönste ist immer so, +daß man dabei außer dem Vergnügen auch noch eine Trauer hat oder eine +Angst.« + +»Ja wie denn?« + +»Ich meine so: Eine recht schöne Jungfer würde man vielleicht nicht gar +so fein finden, wenn man nicht wüßte, sie hat ihre Zeit und danach muß +sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle +Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl freuen, aber ich +würd es dann kälter anschauen und denken: Das siehst du immer noch, es +muß nicht heute sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben +kann, das schaue ich an und habe nicht bloß Freude, sondern auch ein +Mitleid dabei.« + +»Nun ja.« + +»Darum weiß ich auch nichts Feineres, als wenn irgendwo bei Nacht ein +Feuerwerk angestellt wird. Da gibt es blaue und grüne Leuchtkugeln, die +steigen in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schönsten sind, +dann machen sie einen kleinen Bogen und sind aus. Und wenn man dabei +zuschaut, so hat man die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst: +gleich ist’s wieder aus, und das gehört zueinander und ist viel schöner, +als wenn es länger dauern würde. Nicht?« + +»Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht für alles.« + +»Warum nicht?« + +»Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben und heiraten, oder wenn +zwei miteinander eine Freundschaft schließen, so ist das doch gerade +deswegen schön, weil es für die Dauer ist und nicht gleich wieder ein +Ende haben soll.« + +Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er mit seinen schwarzen +Wimpern und sagte nachdenklich: »Mir ist es auch recht. Aber auch das +hat doch einmal sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer +Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe auch.« + +»Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es kommt.« + +»Ich weiß nicht. – Sieh, du, ich habe zweimal in meinem Leben eine +Liebschaft gehabt, ich meine eine richtige, und beidemal wußte ich +gewiß, daß das für immer sei und nur mit dem Tod aufhören könne, und +beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht gestorben. Auch +einen Freund hab ich gehabt, daheim noch in unsrer Stadt, und hätte +nicht gedacht, daß wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen könnten. +Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon lang.« + +Er schwieg, und ich wußte nichts dazu zu sagen. Das Schmerzliche, das in +jedem Verhältnis zwischen Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis +geworden, und ich hatte es noch nicht erfahren, daß zwischen zwei +Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen +bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit +einem Notsteg überbrücken kann. Ich dachte über die vorigen Worte meines +Kameraden nach, von denen mir das über die Leuchtkugeln am besten +gefiel, denn ich hatte das selber schon manches Mal empfunden. Die leise +lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend und allzubald darin +ertrinkend, schien mir ein Sinnbild aller menschlichen Lust, die je +schöner sie ist, desto weniger befriedigt und desto rascher wieder +verglühen muß. Das sagte ich auch zu Knulp. + +Aber er ging nicht darauf ein. + +»Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten Weile, mit gedämpfter +Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen hat keinen Wert, und man tut ja +auch nicht, wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz +unüberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit dem Freundsein und +Verlieben ist vielleicht doch so, wie ich meine. Am Ende hat doch ein +jeder Mensch das Seinige ganz für sich und kann es nicht mit anderen +gemein haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird geheult und +getrauert, einen Tag und einen Monat und auch ein Jahr, aber dann ist +der Tote tot und fort, und es könnte in seinem Sarge drin gerade so gut +ein heimatloser und unbekannter Handwerksbursch liegen.« + +»Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben doch oft geredet, daß +das Leben schließlich einen Sinn haben muß und daß es einen Wert hat, +wenn einer gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. Aber +so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, und wir könnten +gerade so gut stehlen und totschlagen.« + +»Nein, das könnten wir nicht, mein Lieber. Schlag doch einmal die paar +nächsten Leute tot, die wir treffen, wenn du’s vermagst! Oder verlang +einmal von einem gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich +aus.« + +»So mein ich’s auch nicht. Aber wenn doch alles einerlei ist, dann hat +es keinen Sinn, daß man gut und redlich sein will. Dann gibt es ja kein +Gutsein, wenn blau so gut wie gelb und bös so gut wie gut ist. Dann ist +eben jeder wie ein Tier im Wald und tut nach seiner Natur und hat weder +ein Verdienst noch eine Schuld dabei.« + +Knulp seufzte. + +»Ja, was soll man darüber sagen! Vielleicht ist es so, wie du sagst. +Dann wird man auch deswegen oft so dumm betrübt, weil man spürt, daß das +Wollen keinen Wert hat, und daß alles ganz ohne uns seinen Weg geht. +Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn einer nicht anders +hat können als schlecht sein. Denn er spürt es doch in sich. Und darum +muß auch das Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt und +sein gutes Gewissen hat.« + +Ich sah es seinem Gesicht an, daß er dieser Gespräche satt war. Es ging +ihm oft so, er kam ins Philosophieren hinein, stellte Sätze auf, redete +für sie und wider sie und hörte plötzlich wieder auf. Früher hatte ich +gemeint, er sei dann meiner unzulänglichen Antworten und Einwürfe müde. +Aber es war nicht so, sondern er fühlte, daß seine Neigung zum +Spekulieren ihn auf Gelände führe, wo seine Kenntnisse und Redemittel +nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, unter anderem +Tolstoi, aber er konnte zwischen richtigen und Trugschlüssen nicht immer +genau unterscheiden und fühlte das selber. Von den Gelehrten redete er, +wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen redet: er mußte anerkennen, +daß sie mehr Macht und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, daß +sie doch damit nichts Rechtes anfingen und mit allen ihren Künsten doch +keine Rätsel lösen konnten. + +Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Händen, starrte durch das +schwarze Holunderlaub in den blauen heißen Himmel und summte ein altes +Volkslied vom Rhein vor sich hin. Ich weiß noch den letzten Vers: + + Nun hab ich getragen den roten Rock, + Nun muß ich tragen den schwarzen Rock, + Sechs, sieben Jahr, + Bis daß mein Lieb verweset war. + + * * * * * + +Spät am Abend saßen wir am dunklen Rand eines Gehölzes einander +gegenüber, jeder mit einem großen Stück Brot und einer halben +Schützenwurst, aßen und sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch +waren die Hügel vom gelben Widerschein des Späthimmels beglänzt und in +flaumig schwimmendem Lichtrauch aufgelöst gewesen, nun aber standen sie +schon dunkel und scharf und malten ihre Bäume, Felderrücken und Gebüsche +schwarz auf den Himmel, der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon +viel mehr tiefes Nachtblau hatte. + +Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander drollige Sachen +aus einem kleinen Büchlein vorgelesen, das hieß »Musenklänge aus +Deutschlands Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder +mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit dem Tageslicht sein Ende +gefunden. Als wir fertig gegessen hatten, wünschte Knulp Musik zu hören, +und ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen war, +putzte sie aus und spielte die paar oft gehörten Melodien wieder. Die +Dunkelheit, in der wir schon eine Weile saßen, hatte sich vor uns nun +weit in das vielfältig gewölbte Land hinein verbreitet, auch der Himmel +hatte seinen bleichen Schein verloren und ließ im Schwärzerwerden +langsam einen Stern um den andern hervorglühen. Die Töne unserer +Harmonika flogen leicht und dünn feldeinwärts und verloren sich bald in +den weiten Lüften. + +»Wir können doch noch nicht gleich schlafen,« sagte ich zu Knulp. +»Erzähl mir noch eine Geschichte, sie braucht nicht wahr zu sein, oder +ein Märchen.« + +Knulp besann sich. + +»Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Märchen, beides +beieinander. Es ist nämlich ein Traum. Vorigen Herbst hat es mir so +geträumt und seither zweimal ganz ähnlich, das will ich dir erzählen: + +Da war eine Gasse in einem Städtlein, ähnlich wie bei mir daheim, alle +Häuser streckten die Giebel auf die Gassenseite, aber sie waren höher, +als man sie sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn ich +nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; aber ich hatte +nur eine halbe Freude, denn es war nicht alles in Ordnung, und ich +wußte nicht ganz sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht +in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein sollte, und ich +kannte sie sofort wieder, aber viele Häuser waren fremd und ungewohnt, +auch fand ich die Brücke und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt +dessen an einem unbekannten Garten und an einer Kirche vorbei, die war +wie in Köln oder in Basel, mit zwei großen Türmen. Unsre Kirche daheim +aber hat keine Türme gehabt, sondern nur einen kurzen Stumpen mit einem +Notdach, weil sie früher sich verbaut haben und den Turm nicht fertig +machen konnten. + +So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir +ganz wohlbekannt, ich wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um +sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in +eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer näherkam und an mir +vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er vorüber +und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und +ich müsse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden +beieinander stehen, und eine davon, schien mir’s, war sogar meine +verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder +nimmer und höre auch, daß sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich +kaum verstehen kann. + +Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt draußen wäre, +sie ist’s und ist’s doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein +bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle +auch wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und +verdrießlich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet +hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als +unnütze, dumme Redensarten ein – zum Beispiel ›Sehr geehrter Herr‹ und +›Unter den obwaltenden Umständen‹ – und die sagte ich verwirrt und +traurig vor mich hin. + +Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm +und müd war und völlig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon +Abend, und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der Herberge +oder nach der Landstraße zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und +alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor +Müdigkeit und Verzweiflung geweint. + +Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte +Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das +störte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus +ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich wieder, und endlich auch +unser altes väterliches Haus. Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst +aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief +mir wie ein Grausen den Rücken hinauf. + +Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette +geheißen. Nur sah sie größer und etwas anders aus als früher, war aber +nur noch schöner geworden. Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre +Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch +merkte ich nun auch, daß sie hellblond war und nicht braun wie die +Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt. + +›Henriette!‹ rief ich hinüber und zog den Hut ab, weil sie so fein und +herrlich aussah, daß ich nicht wußte, ob sie mich noch werde kennen +wollen. + +Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so +ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern und schämen, denn es war gar +nicht die, für die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die +Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war. + +›Lisabeth!‹ rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin. + +Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen +würde, nicht streng und etwa hochmütig, sondern ganz ruhig und klar, +aber so geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie +wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schüttelte sie den Kopf wie +auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins +Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. Ich hörte noch das +Schloß einschnappen. + +Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tränen und Leidwesen +kaum aus den Augen sah, war es doch merkwürdig, wie die Stadt sich +wieder verwandelt hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und jedes Haus +und alles genau wie in früherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden. +Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die +Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn +sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an. +Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben. +Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg über die +Brücke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor +Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, es sei hier für mich +alles verloren und ich müsse in Schande fortlaufen. + +Dann, wie ich vor der Stadt draußen unter den Pappeln war und ein wenig +anhalten mußte, fiel mir’s erst ein, daß ich daheim und vor unserem Haus +gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und Freunde und alles +mit keinem Gedanken gedacht habe. Es war eine Verwirrung, Kümmernis und +Scham in meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte nicht umkehren +und alles gutmachen, denn der Traum war aus, und ich wurde wach.« + + * * * * * + +Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner +anderen vermischen. Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können +miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie +Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der andern +kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben +nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie +gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt, +dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und +geht hin, wie und wo er will.« + +Und später: »Der Traum, den ich dir erzählt habe, hat vielleicht die +gleiche Bedeutung. Ich habe weder der Henriette mit Wissen unrecht getan +noch der Lisabeth. Aber durch das, daß ich beide einmal liebgehabt und +zu eigen habe nehmen wollen, sind sie für mich zu einer solchen +Traumgestalt geworden, die beiden ähnlich sieht und doch keine ist. Die +Gestalt gehört mir eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe +ich auch oft über meine Eltern nachdenken müssen. Die meinen, ich sei +ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn ich sie auch lieben muß, bin ich +doch ihnen ein fremder Mensch, den sie nicht verstehen können. Und das, +was die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine Seele ist, das +finden sie nebensächlich und schreiben es meiner Jugend oder Laune zu. +Dabei haben sie mich gern und täten mir gern alles Liebe. Ein Vater kann +seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe +mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu.« + +Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege damals noch +nicht, wenigstens nicht aus eigenem Bedürfnis, gegangen war. Mir war bei +diesem Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir nicht bis +ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es werde auch für Knulp mehr +ein Spiel als ein Kampf sein. Außerdem war es friedsam schön, da zu +zweien im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den Schlaf zu +warten und die frühen Sterne zu betrachten. + +Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hättest sollen Professor +werden.« + +Er lachte und schüttelte den Kopf. + +»Viel eher könnt es sein, daß ich noch einmal zur Heilsarmee ginge,« +meinte er dann nachdenklich. + +Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir doch nichts vor! Willst +du nicht auch noch ein Heiliger werden?« + +»Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, wenn es ihm mit +seinen Gedanken und Taten wirklich Ernst ist. Wenn man etwas für recht +hält, muß man es tun. Und wenn ich es einmal für das richtige halte, daß +ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich’s hoffentlich auch tun.« + +»Immer die Heilsarmee!« + +»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten +gesprochen und auch viele Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und +Lehrer und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden hören; +aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und +dem ich zugetraut hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit sich +selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen +und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen +ist es Ernst gewesen.« + +»Woher weißt du das denn?« + +»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine +Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze, +daß er bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht ausgesehen. +Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, ließ er seine drei Kameraden einen +Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um +ihn herumgestanden, Kinder und Große, und haben ihn für Narren gehabt +und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche +und ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu +ärgern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös +geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem +Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelächelt, wo ein +andrer geheult oder geflucht hätte. Weißt du, das tut einer nicht um +einen Hungerlohn und um des Vergnügens willen, sondern er muß eine große +Helligkeit und Gewißheit in sich haben.« + +»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und wer ein feiner und +empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.« + +»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was noch viel besser ist +als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es paßt freilich nicht eins +für alle, aber die Wahrheit, die muß für alle passen.« + +»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die +Wahrheit haben.« + +»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal +finde, daß das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.« + +»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen läßt du +sie nimmer gelten.« + +Er sah mich betroffen an. + +»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.« + +Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald +sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube +nicht, daß er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch +weit über eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und schaute in +das nächtliche Land hinein. + + * * * * * + +Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich +sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und +sagte: »Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, wenn einer +so einen guten Tag hat?« + +»Nein, woher?« + +»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen und recht viel Schönes +geträumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir’s heute. Ich +habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, aber alles +vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich schön gewesen ist.« + +Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe +hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, mühelosen Stimme +drei, vier nagelneue Lieder in die nüchterne Frühe hinein. +Aufgeschrieben und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht recht wenig +vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer Dichter war, so war er doch ein +kleiner, und während er sie selber sang, sahen seine Liedchen den +schönsten anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und einzelne +Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schön und mir +noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine +Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die +Lüfte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen +anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht. + + Hell und sonntagsangetan + Wie ein Fräulein aus dem Tor, + Kommt sie rot und aber stolz + Überm Tannenwald hervor – + +so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer +vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das +Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie +saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie +auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut +entströmen zu lassen. + +Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir +begrüßten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns +her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns +wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander Streiche und Witze aus der +Schulzeit, hingen den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen +und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an einem verborgenen Gartenzaun an +gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Kräfte und +Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten. + +Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hätte ich +ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute +mich darauf, daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern +und Lustigsein erst anheben sollte. + +Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im Grase als wir +marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange +Luft zusammen, so daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen. + +Knulp wurde nun allmählich stiller und ein wenig müde, doch merkte ich +es kaum, denn er lachte noch immer herzlich mit und stimmte oft in +meinen Gesang ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fühlte ein +Freudenfeuer um das andere in mir angehen. Vielleicht war es bei Knulp +umgekehrt, daß in ihm die festlichen Lichter schon zu verglimmen +begannen. Mir ist es damals immer so gegangen, daß ich an frohen Tagen +gegen die Nacht hin immer lebhafter wurde und kein Ende finden konnte, +ja, oft trieb ich mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden +allein herum, wenn die andern längst ermüdet waren und schliefen. + +Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch damals, und ich freute +mich, als wir talwärts gegen ein stattliches Dorf kamen, auf eine +lustige Nacht. Vorerst bestimmten wir eine abseits stehende, leicht +zugängliche Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir in das Dorf +ein und in einen schönen Wirtsgarten, denn ich hatte meinen Freund für +heute als meinen Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar +Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag war. + +Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. Doch als wir unter +einem schönen Platanenbaum an unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er +halb verlegen: »Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, gelt? Eine +Flasche Bier trink ich gern, das tut gut und ist mir ein Vergnügen, aber +mehr mag ich kaum vertragen.« + +Ich ließ es gut sein und dachte: Wir werden schon zu so viel oder wenig +kommen, als uns Freude macht. Wir aßen den heißen Eierkuchen und ein +kräftig frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings ließ ich mir +bald eine zweite Flasche Bier bringen, während Knulp seine erste noch +halbvoll hatte. Mir war, da ich wieder üppig und herrschaftlich an einem +guten Tische saß, herzlich wohl zumut, und ich dachte das heute abend +noch eine Weile zu genießen. + +Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er trotz meiner Bitten keine +zweite an und schlug mir vor, jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu +schlendern und dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht +meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. Und da +meine Flasche noch nicht leer war, hatte ich auch nichts dagegen, daß er +einstweilen vorausging, wir würden uns nachher schon wieder treffen. + +Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit seinem bequemen, +genießenden Feierabendschritt, eine Sternblume hinterm Ohr, die paar +Treppen hinab auf die breite Gasse und langsam dorfeinwärts bummelte. +Und wenn es mir auch leid tat, daß er nicht noch eine Flasche mit mir +leeren wollte, dachte ich im Nachschauen doch froh und zärtlich: Du +lieber Kerl! + +Inzwischen nahm die Schwüle, trotzdem die Sonne schon verschwunden war, +noch immer zu. Ich hatte das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem +frischen Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem Tische noch +auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe der einzige Gast war, fand die +Kellnerin reichlich Zeit, mit mir ein Gespräch zu pflegen. Ich ließ mir +von ihr auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine anfänglich +für Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie nachher in der Vergeßlichkeit +selber noch. + +Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder und wollte mich +abholen. Ich war jedoch seßhaft geworden, und da er müde war und Schlaf +hatte, wurden wir einig, daß er an unsere Schlafstätte gehen und sich +hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin aber fing sofort an, +mich nach ihm auszufragen, denn er stach allen Mädchen in die Augen. Ich +hatte nichts dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein Schatz, +und ich pries ihn sogar noch mächtig, denn mir war wohl und ich meinte +es mit jedermann gut. + +Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu winden an, als ich +endlich spät aufbrach. Ich zahlte, schenkte dem Mädchen einen Zehner und +machte mich ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spürte ich wohl, daß ich +eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte die letzte Zeit +ganz ohne starkes Getränk gelebt. Doch machte mich das nur vergnügt, +denn ich konnte schon etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg +vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da stieg ich leise +hinein und fand richtig den Knulp im Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie +er hemdärmlig auf seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und +gleichmäßig atmete. Seine Stirn und der bloße Hals und die eine Hand, +die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem trüben Halbdunkel einen +bleichen Schein. + +Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch machte die Erregung und +der eingenommene Kopf mich immer wieder wach, und es wurde draußen schon +Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf einschlief. Es war +ein fester, doch kein guter Schlaf, ich war schwer und matt geworden und +hatte undeutliche, plagende Träume. + +Am Morgen erwachte ich erst spät, es war schon voller Tag, und das helle +Licht tat mir in den Augen weh. Mein Kopf war leer und trüb und die +Glieder müde. Ich gähnte lange, rieb mir die Augen und streckte die +Arme, daß die Gelenke knackten. Aber trotz der Müdigkeit hatte ich noch +einen Rest und Nachklang von der gestrigen Laune in mir und dachte den +kleinen Jammer am nächsten klaren Brunnen von mir zu spülen. + +Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war Knulp nicht vorhanden. +Ich rief und pfiff nach ihm und war im Anfang noch ganz arglos. Als +jedoch Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir plötzlich die +Erkenntnis, daß er mich verlassen habe. Ja, er war fort, heimlich +fortgegangen, er hatte nicht länger bei mir bleiben mögen. Vielleicht +weil ihm mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil er sich +heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit schämte, vielleicht nur +aus einer Laune, vielleicht aus Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus +einem plötzlich erwachten Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich +war doch mein Trinken daran schuld. + +Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfüllten mich ganz. Wo war +jetzt mein Freund? Ich hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine +Seele ein wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun war er fort, +ich stand allein und enttäuscht, mußte mich mehr als ihn anklagen und +hatte nun die Einsamkeit, in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und +an die ich nie ganz hatte glauben mögen, selber zu kosten. Sie war +bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie ist inzwischen wohl +manches Mal lichter geworden, aber völlig will sie mich seither nimmer +verlassen. + + + + +Das Ende + + +Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, durchsonnte Luft wurde +von launigen kurzen Windzügen bewegt, aus Feldern und Gärten zog in +dünnen, zögernden Bändern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern und +erfüllte die lichte Landschaft mit einem scharfsüßen Geruch von +verbranntem Kraut und Grünholz. In den Dorfgärten blühten sattfarbige +Buschastern, späte bläßliche Rosen und Georginen, und an den Zäunen +brannte noch hier und dort eine feurige Kapuzinerblüte aus dem schon +matt und weißlich schimmernden Gekräut. + +Auf der Landstraße nach Bulach fuhr langsam der Einspänner des Doktors +Machold. Der Weg ging sachte bergan, links abgemähte Äcker und +Kartoffelfelder, in denen noch geerntet wurde, rechts junger enger +Fichtenwald halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrängten Stangen +und dürren Zweigen, der Boden gleichfarbig trockenbraun voll dick +gelagerter welker Nadeln. Geradeaus führte die Straße einfach in den +zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die Welt ein Ende. + +Der Doktor hielt die Zügel lose in den Händen und ließ das alte +Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam von einer sterbenden Frau, der +nicht mehr zu helfen war und die doch zäh ums Leben gekämpft hatte bis +zur letzten Stunde. Nun war er müde und genoß die stille Fahrt durch den +freundlichen Tag; seine Gedanken waren eingeschlafen und folgten leicht +betäubt und willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen +aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen an Herbstferientage +der Schülerzeit und weiter zurück in klangvolle, gestaltlose +Kindheitsdämmerung. Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, und seine +Sinne folgten erfahren und willig allen ländlichen Zeichen der +Jahreszeiten und ihrer Geschäfte. + +Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das Stehenbleiben des Wagens. +Eine Wasserrinne lief quer über die Straße, darin fanden die Vorderräder +einen Halt, und das Roß blieb dankbar stehen, senkte den Kopf und genoß +wartend die Rast. + +Machold ermunterte sich über dem plötzlichen Verstummen der Räder, nahm +die Zügel zusammen, sah lächelnd nach verdämmerten Minuten Wald und +Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und trieb den Gaul mit +vertraulichem Zungenschnalzen zum Weitersteigen an. Darauf setzte er +sich aufrecht, er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte +sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen Schritt weiter, zwei +Weiber grüßten vom Felde, in Schattenhüten hinter einer langen Front von +gefüllten Kartoffelsäcken hervor. + +Die Höhe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den Kopf, ermuntert und +voll Erwartung, nächstens den langen Sattel des heimatlichen Hügels +hinabzutraben. Da erschien im nahen lichten Horizont von drüben her ein +Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom Blau umlodert frei und +hoch, stieg nieder und wurde grau und klein. Er kam näher, ein magerer +Mann mit kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der +Landstraße daheim, er ging müde und mühevoll, aber er zog den Hut mit +stiller Artigkeit und sagte: Grüß Gott. + +»Grüß Gott,« sagte der Doktor Machold und sah dem Fremden nach, der +schon vorüber war, und plötzlich hielt er den Gaul an, wandte sich +stehend über das knarrende Lederdach zurück und rief: »Heda, Sie! Kommen +Sie einmal her!« + +Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zurück. Er lächelte schwach +herüber, wandte sich wieder ab und schien weitergehen zu wollen, dann +besann er sich dennoch und kehrte gehorsam um. + +Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte den Hut in der Hand. + +»Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold. + +»Der Straße nach, gegen Berchtoldsegg.« + +»Kennen wir einander nicht? Ich kann bloß nicht auf den Namen kommen. +Sie wissen doch, wer ich bin?« + +»Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.« + +»Na also? Und Sie? Wie heißen Sie?« + +»Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir sind einmal nebeneinander +beim Präzeptor Plocher gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die +lateinischen Präparationen von mir abgeschrieben.« + +Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann in die Augen. Dann +klopfte er ihm auflachend auf die Schulter. + +»Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der berühmte Knulp, und wir sind +Schulkameraden. So laß dir doch die Hand schütteln, alter Kerl! Wir +haben uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch auf der +Wanderschaft?« + +»Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, wenn man älter wird.« + +»Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? Wieder einmal der Heimat +zu?« + +»Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe eine Kleinigkeit +dort zu tun.« + +»So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?« + +»Niemand mehr.« + +»Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. Wir sind doch erst +Vierziger, wir zwei. Und daß du so einfach an mir vorbei hast laufen +wollen, ist nicht recht von dir. – Weißt du, mir scheint, du könntest +vielleicht einen Doktor brauchen.« + +»Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir fehlt, das kann doch kein +Doktor kurieren.« + +»Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und komm mit mir, dann +können wir besser reden.« + +Knulp trat ein wenig zurück und setzte den Hut wieder auf. Mit +verlegenem Gesicht wehrte er sich, als der Doktor ihm in den Wagen +helfen wollte. + +»Ach, wegen dessen, das wäre nicht nötig. Das Rößlein rennt dir nicht +fort, solang wir dastehen. + +Indessen faßte ihn ein Anfall von Husten, und der Arzt, der schon +Bescheid wußte, packte ihn kurzerhand und setzte ihn in das Gefährt. + +»So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir droben, und dann geht’s +Trab, in einer halben Stunde sind wir daheim. Du brauchst keine +Unterhaltung zu machen, mit deinem Husten, wir können dann daheim weiter +reden. –– Was? –– Nein, das hilft dir jetzt nichts mehr, kranke Leute +gehören ins Bett und nicht auf die Landstraße. Weißt du, damals im +Latein hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an der +Reihe.« + +Sie fuhren über den Höhenrücken und mit pfeifender Bremse den langen +Sattel hinab; gegenüber sah man schon die Dächer von Bulach über den +Obstbäumen. Machold hielt die Zügel kurz und paßte auf den Weg, und +Knulp ergab sich müde in halbem Behagen dem Genuß des Fahrens und der +gewaltsamen Gastfreundschaft. Morgen, dachte er, oder spätestens +übermorgen walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen noch +zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld mehr, der die Tage und Jahre +verschwendete. Er war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr +hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu sehen. + +In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube und gab ihm Milch +zu trinken und Brot mit Schinken zu essen. Dabei plauderten sie und +fanden langsam die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn der Arzt ins +Verhör, das der Kranke gutmütig und etwas spöttisch über sich ergehen +ließ. + +»Weißt du eigentlich, was dir fehlt?« fragte Machold am Ende seiner +Untersuchung. Er sagte es leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm +dafür dankbar. + +»Ja, ich weiß schon, Machold. Es ist die Auszehrung, und ich weiß auch, +daß es nimmer lang gehen kann.« + +»Na, wer weiß! Aber dann mußt du also auch einsehen, daß du in ein Bett +und in eine Pflege gehörst. Einstweilen kannst du ja hier bei mir +bleiben, ich sorge inzwischen für einen Platz im nächsten Spital. Es +spukt bei dir, mein Lieber, und du mußt dich zusammennehmen, daß du’s +noch einmal durchhaust.« + +Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein hageres und graues +Gesicht mit einem Ausdruck von Schelmerei dem Doktor zu und sagte +gutmütig: »Du machst dir viele Mühe, Machold. Also meinetwegen. Aber von +mir darfst du nimmer viel erwarten.« + +»Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die Sonne, so lang sie +noch in den Garten scheint. Die Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir +müssen dir auf die Finger sehen, Knülplein. Daß so ein Mensch, der sein +ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht hat, sich dabei +ausgerechnet die Lungen kaputt macht, ist eigentlich nicht in der +Ordnung.« + +Damit ging er weg. + +Die Haushälterin Lina war nicht erfreut und wehrte sich dagegen, so +einen Landstreicher ins Gastzimmer zu lassen. Aber der Doktor schnitt +ihr das Wort ab. + +»Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer lang zu leben, er muß es +bei uns noch ein bißchen gut haben. Sauber ist er übrigens immer +gewesen, und eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie ihm +eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht meine +Winterpantoffeln. Und vergessen Sie nicht: Der Mann ist ein Freund von +mir.« + + * * * * * + +Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen Morgen im Bett +verdämmert, wo er sich erst allmählich darauf besinnen konnte, bei wem +er sei. Als die Sonne herausgekommen war, hatte Machold ihm das +Aufstehen erlaubt, und nun saßen sie beide nach Tisch bei einem Glas +Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp war vom guten Essen und von +seinem halben Glas Wein munter und gesprächig geworden, und der Doktor +hatte sich für eine Stunde frei gemacht, um noch einmal mit dem +seltsamen Schulkameraden zu plaudern und vielleicht etwas über dieses +nicht gewöhnliche Menschenleben zu erfahren. + +»Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt hast?« sagte er +lächelnd. »Dann ist ja alles gut. Sonst hätte ich aber doch gesagt, es +ist eigentlich schad um so einen Kerl wie dich. Du hättest ja kein +Pfarrer oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber wäre ein +Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir geworden. Ich weiß +nicht, ob du deine Gaben benutzt und weiter gebildet hast, aber du hast +sie für dich allein verbraucht. Oder nicht?« + +Knulp stützte das Kinn mit dem dünnen Bärtchen in die hohle Hand und sah +auf die roten Lichter, die hinterm Weinglas auf dem besonnten Tischtuch +spielten. + +»Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die Gaben, wie du es nennst, +damit ist es nicht so weit her. Ich kann ein bißchen kunstpfeifen, auch +Handorgel spielen und manchmal Verslein machen, früher bin ich auch ein +guter Läufer gewesen und habe nicht schlecht getanzt. Das ist alles. Und +daran habe ich ja nicht allein Freude gehabt, es waren meistens +Kameraden dabei, oder junge Mädel oder Kinder, die haben ihren Spaß +daran gehabt und sind mir manchmal dafür dankbar gewesen. Wir wollen es +gut sein lassen und damit zufrieden sein.« + +»Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins muß ich dich noch +fragen. Du bist damals bis in die fünfte Klasse mit mir in die +Lateinschule gegangen, ich weiß es noch genau, und bist ein guter +Schüler gewesen, wenn auch kein Musterbub. Und dann auf einmal warst du +weg, und es hieß, du gehest jetzt in die Volksschule, und da waren wir +auseinander, ich durfte ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der +in die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? Später, wenn ich +von dir hörte, habe ich immer gedacht: Wenn er damals bei uns in der +Schule geblieben wäre, hätte alles anders kommen müssen. Also, wie war’s +damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter das Schulgeld nimmer +zahlen mögen, oder was sonst?« + +Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere Hand, doch trank er +nicht, er blickte nur durch den Wein gegen das grüne Gartenlicht und +stellte dann den Kelch vorsichtig auf den Tisch zurück. Schweigend +schloß er dann die Augen und versank in Gedanken. + +»Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein Freund. »Es muß ja +nicht sein.« + +Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und prüfend ins Gesicht. + +»Doch,« sagte er, noch zögernd, »ich glaube, es muß sein. Ich habe das +nämlich noch nie einem Menschen erzählt. Aber jetzt ist es vielleicht +ganz gut, wenn jemand es hört. Es ist ja bloß eine Kindergeschichte, +aber für mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir jahrelang zu +schaffen gemacht. Sonderbar, daß du gerade danach fragst!« + +»Warum?« + +»Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken müssen, und deswegen +bin ich auch wieder auf dem Weg nach Gerbersau.« + +»Ja, dann erzähle.« + +»Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute Freunde gewesen, wenigstens +bis in die dritte oder vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger +zusammen, und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus gepfiffen.« + +»Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit mehr als zwanzig Jahren +nimmer gedacht. Mensch, was hast du für ein Gedächtnis! Und weiter?« + +»Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. Die Mädchen waren daran +schuld. Ich bin ziemlich früh auf sie neugierig geworden, und du hast +noch an den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da wußte ich +schon so ziemlich, wie es mit Buben und Mädeln beschaffen ist. Das war +mir damals die Hauptsache, darum bin ich nimmer viel bei eurem +Indianerspiel dabei gewesen.« + +»Da warst du zwölf Jahr alt, nicht?« + +»Fast dreizehn, ich bin ein Jahr älter als du. Wie ich einmal krank war +und im Bett lag, da hatten wir eine Base zum Besuch da, die war drei +oder vier Jahr älter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und +als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal nachts zu ihr in die +Stube gegangen. Da wurde mir bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und +ich war elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der Base wollte ich +jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir verleidet, und ich hatte Angst +vor ihr, aber die Sache war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin +ich eine Zeitlang bloß den Mädchen nachgegangen. Beim Rotgerber Haasis +waren zwei Töchter in meinem Alter, und da kamen auch andere Mädchen aus +der Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln Böden Verstecken und +hatten immer viel zu kichern und zu kitzeln und geheim zu tun. Ich war +meistens der einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte ich +einer von ihnen die Zöpfe flechten oder eine gab mir einen Kuß, wir +waren alle noch unerwachsen und wußten nicht recht Bescheid, aber es war +alles voll von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich in die +Büsche und sah ihnen zu. –– Und eines Tages war eine Neue da, eine aus +der Vorstadt, ihr Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat +Franziska geheißen, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut gefallen.« + +Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater geheißen? Vielleicht kenn +ich sie.« + +»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, Machold. Es gehört nicht +zur Geschichte, und ich will auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. – +Nun also! Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben hie und +da miteinander gehändelt und gerauft, und wenn sie mich dann an sich +drückte, bis es mir weh tat, dann war mir schwindlig und wohl wie in +einem Rausch. In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre älter +war und schon davon redete, daß sie jetzt bald einen Schatz haben wolle, +da wurde es mein einziger Wunsch, der möchte ich sein. –– Einmal saß sie +allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins Wasser hängen, sie +hatte gebadet und bloß das Leibchen an. Da kam ich und setzte mich zu +ihr. Auf einmal bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr +Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen Augen mitleidig an und +sagte: »Du bist ja noch ein Büble und hast kurze Hosen an, was weißt +denn du von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse alles, und +wenn sie nicht mein Schatz werden möge, dann werfe ich sie ins Wasser +und mich mit. Da schaute sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie +eine Frau, und sagte: ›Wir wollen einmal sehen. Kannst du denn schon +küssen?‹ Ich sagte ja und gab ihr schnell einen Kuß auf den Mund und +dachte, damit wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und hielt +ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, daß mir Hören und +Sehen verging. Dann lachte sie mit ihrer tiefen Stimme und sagte: ›Du +würdest mir schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann keinen +Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, das gibt keine rechten +Leute. Ich muß einen richtigen Mann zum Schatz haben, einen Handwerker +oder einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts damit.‹ Sie +hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen und war in ihrer festen Wärme so +schön und gut in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken +konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska versprochen, ich +wolle nimmer in die Lateinschule gehen und ein Handwerker werden. Sie +lachte nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich wieder +und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler mehr sei, dann wolle sie +mein Schatz sein, und ich solle es gut bei ihr haben.« + +Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein Freund sah aufmerksam +herüber, beide schwiegen eine kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also, +jetzt weißt du die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind +gegangen, wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir ein paar Ohrfeigen, +als ich ihm mitteilte, ich wolle und könne jetzt nimmer in die +Lateinschule gehen. Ich wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir +vorgenommen, ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren +Kindergedanken, aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst gewesen. +Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. Ich tat einfach in der +Schule nimmer gut. Weißt du’s nimmer?« + +»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine Zeitlang fast jeden Tag +Arrest gehabt.« + +»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte Antworten gegeben, ich +habe die Aufgaben nimmer gemacht und meine Schulhefte verloren, es war +jeden Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran und habe +jedenfalls den Lehrern damals das Leben nicht leicht gemacht. Das Latein +und das Zeug alles war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt, +ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich hinter etwas Neuem her +war, dann gab’s eine Weile nichts anderes für mich auf der Welt. So war +mir’s mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, und mit +der Botanik. Und gerade so hatte ich’s halt damals mit den Mädchen, und +eh ich da die Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen hatte, war +mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der +Bank zu hocken und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen +Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den +Mädchen ausspioniert hat. – Na, #item#! Die Lehrer merkten das +vielleicht, sie hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang wie +möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten geworden, aber ich fing +jetzt eine Freundschaft mit dem Bruder der Franziska an. Er ging in die +Volksschule, in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; ich habe +viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und habe viel von ihm zu leiden +gehabt. In einem halben Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater +hat mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule ausgewiesen +und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube wie der Bruder der +Franziska.« + +»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold. + +»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht mein Schatz geworden. +Seit ich manchmal mit ihrem Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr +behandelt, wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als ich +schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir angewöhnte, öfter am +Abend mich aus dem Haus zu stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt. +Ich streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und wie ich’s schon +mehrmals getan hatte, behorchte ich ein Liebespaar auf einer Bank, und +als ich schließlich mich näher drückte, da war es die Franziska mit +einem Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, er +hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in der Hand eine Zigarette, und +ihre Bluse stand offen, und kurz, es war scheußlich. Da war also alles +vergebens gewesen.« + +Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter. + +»Na, vielleicht war’s für dich doch das Beste.« + +Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen Kopf. + +»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte Hand drum geben, +wenn das anders gegangen wäre. Sag mir nichts über die Franziska, ich +lasse nichts auf sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, dann +hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche Art kennen gelernt, +und vielleicht hätte mir das geholfen, daß ich auch mit der Volksschule +und mit meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. Denn – wie soll +ich’s sagen? – schau, seither habe ich manche Freunde und Bekannte und +Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr mich auf +das Wort eines Menschen verlassen oder mich selber durch ein Wort +gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte, +und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin +doch immer allein geblieben.« + +Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten kleinen Schluck +Wein und stand auf. + +»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich mag nimmer davon reden. +Du hast gewiß auch noch zu tun.« + +Der Doktor nickte. + +»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im Spital für dich +schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, aber da ist nichts zu ändern. +Du gehst kaputt, wenn du nicht schnell in eine Pflege kommst.« + +»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, »so laß mich halt +kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts mehr, das weißt du selber. Warum +soll ich mich jetzt noch einsperren lassen?« + +»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein miserabler Doktor, +wenn ich dich so herumlaufen ließe. In Oberstetten fänden wir sicher +Platz für dich, und du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach +acht Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich verspreche +dir’s.« + +Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es schien fast, als wäre +er nahe am Weinen, und rieb seine dünnen Hände ineinander wie ein +Frierender. Dann sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die +Augen. + +»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht von mir, du +hast so viel für mich getan, und sogar Rotwein – es war alles viel zu +gut und fein für mich. Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine +große Bitte an dich.« + +Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter. + +»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den Kragen. Also, was +ist’s?« + +»Bist du mir nicht bös?« + +»Gar nicht. Warum auch?« + +»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir einen großen Gefallen +tun. Schick mich nicht nach Oberstetten! Wenn ich doch in so einen +Spittel muß, dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt man +mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es auch wegen der +Armenpflege besser, ich bin ja dort geboren, und überhaupt –« + +Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor Erregung kaum +sprechen. + +Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: »Wenn das alles ist, +was du zu bitten hast – das wird bald in Ordnung sein. Du hast ganz +recht, ich will nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich +hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.« + +Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an +den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an +seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche +zwölfjährige Glut des rassigen Buben. + +»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob +sich rasch, um an die Arbeit zu gehen. + + * * * * * + +Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp blieb den ganzen Tag im +Bett. Der Doktor legte ihm einige Bücher hin, die er aber kaum berührte. +Er war verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, gutes +Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher als zuvor, daß es mit +ihm zu Ende gehe. + +Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, dann komme ich +nimmer auf. Es war ihm wenig mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte +in den letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber sterben +wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen und allerlei heimlichen +Abschied dort genommen hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und +vom einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener Franziska. Seine +späteren Liebschaften waren vergessen, wie denn überhaupt die lange +Reihe seiner Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien, +während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft einen neuen Glanz +und Zauber gewannen. + +Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; er hatte in vielen +Jahren nicht so prächtig gewohnt. Er studierte mit sachlichem Blick und +tastenden Fingern das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte +Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der hartholzene Fußboden +interessierte ihn, und die Photographie an der Wand, die den Dogenpalast +in Venedig vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war. + +Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, ohne etwas zu sehen, müde +und nur mit dem beschäftigt, was still in seinem kranken Leibe vorging. +Aber plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem Bett und +angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel her, um sie sorgfältig und +sachkundig zu untersuchen. Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober, +und bis zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und nachher war +doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, er könnte Machold um ein paar +alte Schuhe bitten. Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins +Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig tastete er die brüchigen +Stellen im Oberleder ab. Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es +mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war überflüssig; +vermutlich würde dies alte Paar Schuhe ihn überdauern und noch im +Dienste sein, wenn er selbst schon von der Landstraße verschwunden war. + +Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, es tat ihm aber +weh und machte ihn husten. Da blieb er still und wartend liegen, atmete +in kleinen Zügen und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, ehe +er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte. + +Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, aber sein Kopf +ermüdete daran und er fiel in Halbschlummer. Nach einer Stunde +erwachend, meinte er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch +und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, er müsse ihm ein +Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, wenn er fortginge. Er wollte ihm +eins von seinen Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal +danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines ganz besinnen, und +keines gefiel ihm. Durchs Fenster sah er im nahen Wald den Nebel stehen +und starrte lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem +Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und mitgenommen hatte, +schrieb er auf das saubere weiße Papier, mit dem die Schublade seines +Nachttisches ausgelegt war, einige Zeilen: + + Die Blumen müssen + Alle verdorren, + Wenn der Nebel kommt, + Und die Menschen + Müssen sterben, + Man legt sie ins Grab. + + Auch die Menschen sind Blumen, + Sie kommen alle wieder, + Wenn ihr Frühling ist. + Dann sind sie nimmer krank, + Und alles wird verziehen. + +Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. Es war kein richtiges +Lied, die Reime fehlten, aber es stand doch das darin, was er hatte +sagen wollen. Und er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb +darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, von seinem dankbaren +Freunde K.« + +Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade. + + * * * * * + +Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, aber es war eine +strengkühle Luft, und man konnte am Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor +ließ Knulp aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte, +daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei und er dort erwartet werde. + +»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« meinte Knulp, +»vier Stunden brauche ich doch, vielleicht fünf.« + +»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern ist jetzt nichts für +dich. Du fährst mit mir im Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit +finden. Ich schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht +mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf einen Tag kommt es jetzt +auch nimmer an.« + +Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen der Schulzenknecht +mit zwei Kälbern nach Gerbersau fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte +mit ihm fahren. + +»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« sagte Machold, +»kannst du einen von mir tragen? Oder ist der zu weit?« + +Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, probiert und gut +befunden. Knulp aber, da der Rock von gutem Tuch und wohlbehalten war, +machte sich in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die Knöpfe +zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor machen und gab ihm noch +einen Hemdkragen dazu. + +Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit seine neue +Kleidung, und da er nun wieder so gut aussah, begann es ihm leid zu tun, +daß er sich in der letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte +nicht, die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, aber er +kannte den Schmied im Dorf und wollte dort einen Versuch machen. + +Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die Werkstatt und sagte +den alten Handwerksgruß: »Fremder Schmied spricht um Arbeit zu.« + +Der Meister sah ihn kalt und prüfend an. + +»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das mußt du einem andern +weismachen.« + +»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch gute Augen, Meister, +und doch kennst du mich nicht. Weißt du, ich bin früher Musikant +gewesen, und du hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner +Handorgel getanzt.« + +Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und tat noch ein paar Stöße mit +der Feile, dann führte er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit +an. + +»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also der Knulp. Man wird +halt älter, wenn man sich so lang nicht sieht. Was willst du in Bulach? +Auf einen Zehner und auf ein Glas Most soll’s mir nicht ankommen.« + +»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm’s für genossen an. Aber +ich will was anderes. Du könntest mir dein Rasiermesser für eine +Viertelstunde leihen, ich will heut abend zum Tanzen gehen.« + +Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger. + +»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, mit dem Tanzen +wirst du’s nimmer wichtig haben, so wie du aussiehst.« + +Knulp kicherte vergnügt. + +»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann geworden bist. Ja, ich +muß also morgen ins Spital, der Machold schickt mich hin, und da wirst +du begreifen, daß ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir +das Messer, in einer halben Stunde hast du’s wieder.« + +»So? Und wo willst du denn hin damit?« + +»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, du gibst mir’s?« + +Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig. + +Er blieb mißtrauisch. + +»Ich geb dir’s schon. Aber weißt du, es ist kein so gewöhnliches Messer, +es ist eine echte Solinger Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.« + +»Verlaß dich drauf.« + +»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. Den brauchst du +zum Rasieren nicht. Ich will dir was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da, +und wenn du mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den Rock +wieder.« + +Der Landstreicher verzog das Gesicht. + +»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. Aber es soll meinetwegen +gelten.« + +Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den Rock zum Pfande, duldete +aber nicht, daß der rußige Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben +Stunde kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, und sein +struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah ganz anders aus. + +»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst du weiben gehen,« +sagte der Schmied voll Anerkennung. + +Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, er zog seinen Rock wieder +an, sagte kurzen Dank und ging davon. + +Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, der ihn verwundert +anhielt. + +»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du aus! – Aha, rasiert! +Mensch, du bist doch ein Kindskopf!« + +Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend wieder einen Rotwein zu +trinken. Die beiden Schulkameraden feierten Abschied, und jeder war so +aufgeräumt wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie eine Beklemmung +anmerken lassen. + +Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen mit dem Wagen vorgefahren, +auf dem in Lattenverschlägen zwei Kälber standen, mit den Knien +zitterten und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum erstenmal +Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem Knecht auf den Bock gesetzt und +bekam eine Decke über die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und +schenkte dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg und dem Wald +entgegen, während der Knecht seine Pfeife anzündete und Knulp mit +verschlafenen Augen in die hellblaue Morgenkühle blinzelte. + +Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde ganz warm. Die zwei auf +dem Bock unterhielten sich ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau +ankamen, wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und den Kälbern +den Umweg machen und am Krankenhaus vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm +das bald ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor der +Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und sah dem Wagen nach, bis +er unter den Ahornen beim Viehmarkt verschwand. + +Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen den Gärten ein, den nur +Einheimische kannten. Er war wieder frei! Im Spital mochten sie warten. + + * * * * * + +Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den Duft, die +Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze erregende und sättigende +Vertrautheit des Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf dem +Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerflug +später dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen +Marktbrunnens, Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer aus der +gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, wohlbekannte Gassennamen, +jeder dicht behängt von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit +allen Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber des +Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sicherinnerns, der +Kameradschaft mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd +und unermüdet war er den ganzen Nachmittag in allen Gassen unterwegs, +belauschte den Messerschleifer am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster +seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern die alten Namen +wohlbekannter Familien. Er tauchte die Hand in den steinernen Trog des +Marktbrunnens, seinen Durst aber löschte er erst unten am kleinen +Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll wie vor all den verflossenen +Jahren im Erdgeschoß eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam +klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den Steinplatten rauschte. +Am Flusse stand er lange und lehnte an der hölzernen Brüstung überm +ziehenden Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte und die +schmalen Rücken der Fische schwarz und stille über den zitternden +Kieseln standen. Er ging über den alten Steg und ließ sich in der Mitte +in die Kniekehlen sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig +elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu spüren. + +Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, nicht die Kirchenlinde +mit dem kleinen Rasenstück und nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen +einstigen Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, in dem +vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und lehnte sich eine kleine Weile +zärtlich mit dem Rücken an die alte Haustür, suchte auch den Garten auf +und sah über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu angelegte +Pflanzung hinein – aber die vom Regenwasser abgerundeten Steinstufen und +der runde, feiste Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. Hier +hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er sich aus der +Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier hatte er einst ein volles +Glück, Erfüllungen ohne Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet, +diebesselige Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im +Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack, lustige Winde, +zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und Kaninchenställe und Werkstatt und +Drachenbau, Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder +aus Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen +Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht, +kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes +Traumnest besessen hatte. Dieses Stück Welt hatte ihm gehört, war von +ihm in tiefster Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte +jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, Geschichten für ihn +gehabt, jeder Regen- und Schneefall zu ihm gesprochen, hier hatte Luft +und Erde in seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert und ihr +Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte Knulp, war vielleicht hier +ringsum kein Hausbewohner und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr +angehört hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, mehr Antwort +gab, mehr Erinnerungen weckte. + +Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der graue Giebel eines +schmächtigen Hauses empor. Dort hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis +gewohnt, und dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen ihr Ende +gefunden in den ersten Heimlichkeiten und zärtlichen Händeln mit +Mädchen. Von dort war er manchen Abend über die dämmernde Gasse +heimgekehrt mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort hatte er den +Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und unter den Küssen der schönen +Franziska getaumelt. Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder +vielleicht morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen ihn wenig, er +hätte sie alle zusammen gerne hingegeben für das Gedächtnis einer +einzigen Stunde der früheren, der Knabenzeit. + +Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun und schaute hinunter, +und was er sah, war nicht der neue, fremde Garten, der dalag und mit +dem jungen Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich aussah. Er sah +den Garten seines Vaters, und seine Kinderblumen im kleinen Beet, am +Ostersonntag gepflanzte Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine +Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene Eidechsen +ausgesetzt hatte, unglücklich, daß keine dort bleiben und wohnen und +sein Haustier sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung und +Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle Häuser und Gärten, alle +Blumen und Eidechsen und Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken, +und es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer einzigen +Sommerblume, wie sie damals in seinem Gärtchen wuchs und die köstlichen +Blumenblätter leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche +von damals, deren jeden er noch genau im Gedächtnis hatte! Sie waren +fort, sie waren nicht ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann +hatte sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus gemacht, Holz +und Wurzeln und welke Blätter waren miteinander verbrannt, und niemand +hatte darum geklagt. + +Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. Der war jetzt ein +Doktor und Herr und fuhr im Einspänner bei den kranken Leuten herum, und +er war wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; aber auch +er, auch dieser kluge und stramme Mann, was war er gegen damals, gegen +den gläubigen, scheuen, erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals? +Hier hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen baut und +Schindeltürme für Heuschrecken, und er war Macholds Lehrer und sein +größerer, klügerer, bewunderter Freund gewesen. + +Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das +Lattenhaus im andern Garten war zerfallen, und man mochte an seine +Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend +und richtig, wie alles einmal gewesen war. + +Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als Knulp den vergrasten +Gartenweg verließ. Vom neuen Kirchturm, der das Bild der Stadt +veränderte, rief eine neue Glocke laut herüber. + +Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, es war +Feierabend und niemand zu sehen. Unhörbar schritt er über den weichen +Lohboden an den gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der Lauge +lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß schon dunkel an den moosig +grünen Steinen hintrieb. Da war der Ort, an dem er einmal eine +Abendstunde mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser +plätschernd. + +Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten lassen, dachte Knulp, +dann wäre alles anders gekommen. Wenn auch die Lateinschule und das +Studieren versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug gehabt, um doch +etwas zu werden. Wie einfach und klar war das Leben! Damals hatte er +sich weggeworfen und von allem nichts mehr wissen wollen, und das Leben +war darauf eingegangen und hatte nichts von ihm verlangt. Er war +außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten +jungen Jahren und allein im Kranksein und Altern. + +Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf dem Mäuerchen +nieder, und der Fluß rauschte dunkel in seine Gedanken. Da wurde über +ihm ein Fenster hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn +hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten und aus dem +Tor, knöpfte den Rock zu und dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der +Doktor hatte ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er in +einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder »Schwanen« gehen können, wo +man ihn kannte und wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm +jetzt nicht gelegen. + + * * * * * + +Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn früher bis ins +kleinste interessiert hätte, aber diesmal wollte er nichts sehen und +wissen, als was zur alten Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen +erfuhr, daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, und ihm +schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. Nein, es hatte keinen +Sinn, hier in den Gassen und zwischen den Gärten herumzustrolchen und +sich von denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen zu +lassen. Und als er zufällig in dem engen Postgäßlein dem Oberamtsarzt +begegnete, fiel ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben im +Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. Alsbald kaufte er bei einem +Bäcker zwei Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch vor +Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße hinan. + +Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten großen Straßenbiegung, ein +staubiger Mann auf einem Steinhaufen und klopfte mit einem +langstieligen Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke. + +Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen. + +»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, ohne den Kopf zu heben. + +»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte Knulp. + +»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und sah einen Augenblick +empor, vom Mittagslicht auf der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr +hinaus?« + +»Nach Rom zum Papst,« sagte Knulp. »Ist’s wohl noch weit?« + +»Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall stehen bleiben müsset und +die Leute in der Arbeit stören, dann erlaufet Ihr’s in keinem Jahr.« + +»So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich’s nicht, Gott sei Dank. Ihr seid ein +fleißiger Mann, Herr Andres Schaible.« + +Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen und musterte den +Wanderer. + +»Ihr kennt mich also,« sagte er bedächtig, »und ich kenn Euch auch, will +mir scheinen. Bloß auf den Namen muß ich noch kommen.« + +»Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo wir Anno neunzig +allemal unseren Sitz gehabt haben. Aber er wird nimmer leben.« + +»Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir’s, alter Kunde. Du bist der +Knulp. Setz dich ein bißchen her, und grüß Gott auch!« + +Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete mit Beschwerden; +er sah erst jetzt, wie schön in der Tiefe das Städtchen lag, blaublanker +Fluß, rotbraunes Dächergewimmel und kleine grüne Bauminseln dazwischen. + +»Du hast es nett hier droben,« sagte er aufatmend. + +»Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Früher ist’s leichter den +Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja heillos, Knulp. Hast wieder +einmal die Heimat besucht?« + +»Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.« + +»Und warum denn?« + +»Weil halt die Lunge kaputt ist. Weißt du nix dagegen?« + +»Daheim geblieben wenn du wärst, mein Lieber, und hättest brav +geschafft, und hättest Weib und Kinder und jeden Abend dein Bett, dann +wär’s vielleicht anders mit dir. Na, darüber weißt du meine Meinung von +früher her. Da kann man jetzt nichts machen. Ist’s denn so schlimm?« + +»Ach, ich weiß nicht. – Oder doch, ich weiß schon. Es geht halt den +Berg hinunter, und jeden Tag ein bißchen schneller. Da ist’s dann wieder +ganz gut, wenn man für sich allein ist und niemand zur Last fällt.« + +»Wie man’s nimmt; das ist deine Sache. Es tut mir aber leid.« + +»Ist nicht nötig. Gestorben muß einmal sein, es kommt sogar an die +Steinklopfer. Ja, alter Kunde, da sitzen jetzt wir zwei und können uns +beide nicht viel einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken im +Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn gewollt?« + +»Ach, das sind alte Geschichten.« + +»Und deine Kinder sind gesund?« + +»Ich weiß nichts andres. Der Jakob verdient jetzt schon.« + +»So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich, jetzt auch ein wenig +weiter.« + +»Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang nimmer gesehen hat! Sag, +Knulp, kann ich dir mit etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es +wird eine halbe Mark sein.« + +»Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein, danke schön.« + +Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm elend ums Herz, und er +schwieg, und der Steinklopfer gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken. +Sie blickten eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel im +Mühlkanal blitzte kräftig herauf, über die Steinbrücke fuhr langsam ein +Lastwagen, und unterm Wehr schwamm lässig ein weißes Gänsegeschwader. + +»Jetzt hab ich ausgeruht und muß weiter,« fing Knulp wieder an. + +Der Steinklopfer saß in Gedanken und schüttelte den Kopf. + +»Hör, du, du hättest mehr werden können als so ein armer Teufel von +Pennbruder,« sagte er langsam. »Es ist doch sündenschad um dich. Weißt +du, Knulp, ich bin gewiß kein Stündeler, aber ich glaube halt doch, was +in der Bibel steht. Du mußt auch daran denken. Du wirst dich +verantworten müssen, es wird nicht so leicht gehn. Du hast Gaben gehabt, +bessere als ein anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du +darfst mir’s nicht zürnen, wenn ich das sage.« + +Jetzt lächelte Knulp, und ein Schimmer von der alten harmlosen +Schelmerei stand in seinen Augen. Er klopfte seinem Kameraden freundlich +auf den Arm und stand auf. + +»Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott fragt mich vielleicht +gar nicht: Warum bist du nicht Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er +auch bloß: Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben eine +leichte Arbeit, Kinderhüten oder so.« + +Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau und weiß gewürfelten +Hemde. + +»Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst, wenn der Knulp kommt, +da wird der Herrgott nichts als Späße machen.« + +»Ach nein. Aber es könnte doch sein, nicht?« + +»Red nicht so!« + +»Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle halt einmal den +Schaible fragen, der kenne mich gut. Was sagst du ihm dann?« + +»Nee, mich braucht der Herrgott gewiß nicht dazu. Aber ich täte sagen: +Der Knulp hat sein Leben lang nichts als Kindereien getrieben, aber ich +glaube, er ist halt doch ein guter und anständiger Kerl gewesen.« + +Sie gaben sich die Hände, und dabei steckte der Steinklopfer ihm ein +kleines Geldstück zu, das er verstohlen aus seiner Hosentasche gegraben +hatte. Und Knulp nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen nicht +seine Freude zu verderben. + +Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal, nickte noch +einmal zu Andres Schaible zurück, dann begann er zu husten und machte +schnellere Schritte, und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden. + + * * * * * + +Vierzehn Tage später, nachdem es auf nebelkalte Tage noch sonnige mit +späten Glockenblumen und kühlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach +plötzlich der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf am dritten +Tage bei milderer Luft einen schweren, hastigen Schneefall. + +Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen, auf zielloser Streife +immer im Umkreis der Heimat, und noch zweimal hatte er aus nächster +Nähe, im Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen und +beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er hatte zu viel zu denken +gehabt und war auf allen den langen, mühsamen, nutzlosen Wegen immer +tiefer in das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in zähe +Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu finden. Dann war die +Krankheit von neuem über ihn gekommen, und wenig fehlte, so wäre er +eines Tages trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und hätte am +Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem Alleinsein wieder +die Stadt unten liegen sah, da klang ihm alles fremd und feindlich +entgegen, und es ward ihm klar, daß er nimmer dorthin gehöre. Zuweilen +kaufte er in einem Dorf ein Stück Brot, auch gab es noch Haselnüsse +genug. Die Nächte brachte er in den Blockhütten der Waldarbeiter oder +zwischen Strohbündeln auf dem Felde zu. + +Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg herüber gegen die +Talmühle gegangen, verfallen und todesmüde und dennoch immerzu auf den +Beinen, als müsse er den kleinen Rest seiner Tage noch mächtig ausnützen +und laufen, laufen, allen Waldrändern und Schneisen nach. So krank und +müde er war, seine Augen und seine Nüstern hatten die alte Beweglichkeit +behalten; äugend und schnuppernd wie ein feinfühliger Jagdhund stellte +er auch jetzt noch, da es keine Ziele mehr für ihn gab, jede +Bodensenkung, jeden Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht +dabei, und seine Beine gingen von selber. + +In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie seit einigen Tagen +fast immerzu, vor dem lieben Gott und sprach unaufhörlich mit ihm. +Furcht hatte er keine; er wußte, daß Gott uns nichts tun kann. Aber sie +sprachen miteinander, Gott und Knulp, über die Zwecklosigkeit seines +Lebens, und wie das hätte anders eingerichtet werden können, und warum +dies und jenes so und nicht anders habe gehen müssen. + +»Damals ist es gewesen,« beharrte Knulp immer wieder, »damals, wie ich +vierzehn Jahre alt war und die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da +hätte noch alles aus mir werden können. Und dann ist irgend etwas in mir +kaputt gegangen oder verpfuscht worden, und von da an habe ich eben +nichts mehr getaugt. – Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, daß +du mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen! Dann wäre mein +Leben so schön und vollkommen gewesen wie ein reifer Apfel.« + +Der liebe Gott aber lächelte immerzu, und manchmal verschwand sein +Gesicht ganz in dem Schneetreiben. + +»Na, Knulp,« sagte er ermahnend, »denk einmal an deine +Jungeburschenzeit, und an den Sommer im Odenwald, und an die +Lächstettener Zeiten! Hast du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das +schöne Leben in allen Gelenken zucken gefühlt? Hast du nicht singen +können und Harmonika spielen, daß den Mädchen die Augen übergelaufen +sind? Weißt du noch die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz, +die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?« + +Knulp mußte nachdenken, und wie ferne Bergfeuer strahlten ihm die +Freuden seiner Jugend dunkelschön herüber und dufteten schwer und süß +wie Honig und Wein, und klangen tieftönig wie Tauwind in der +Vorfrühlingsnacht. Herrgott, es war schön gewesen, schön die Lust und +schön die Trauer, und es wäre jammerschade um jeden Tag gewesen, der +gefehlt hätte! + +»Ach ja, es war schön,« gab er zu, und war doch voll Weinerlichkeit und +Widerspruch wie ein müdes Kind. »Es war ja wunderschön damals. Freilich, +Schuld und Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist wahr, +es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht haben nicht viele solche +Becher ausgetrunken und solche Tänze angeführt und solche Liebesnächte +gefeiert, wie ich dazumal. Aber dann, dann hätte es aus sein sollen! +Schon dort war ein Stachel im Glück, ich weiß noch wohl, und dann sind +niemals mehr so gute Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.« + +Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden. Nun, da Knulp ein +wenig stehen blieb, um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine +Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott unversehens wieder da +und gab Antwort. + +»Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar? Ich muß lachen, +wie vergeßlich du geworden bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo +du der Tanzbodenkönig warst, und an deine Henriette, und du hast zugeben +müssen: es war gut und schön, es hat wohlgetan und einen Sinn gehabt. +Und wenn du so an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was für +Gefühlen willst du dann gar an Lisabeth denken? He? Ja, hast du denn die +ganz vergessen können?« + +Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein Stück Vergangenheit vor +Knulps Augen, und wenn es nicht ganz so froh und lustig aussah wie das +vorige, so glänzte es dafür viel heimlicher und inniger, wie Frauen +lächeln zwischen Tränen, und es standen Tage und Stunden aus ihren +Gräbern auf, an die er lange nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand +Lisabeth, mit schönen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf dem Arm. + +»Was für ein schlechter Kerl bin ich gewesen!« fing er wieder zu klagen +an. »Nein, seit die Lisabeth tot ist, hätte ich auch nimmer leben +dürfen.« + +Aber Gott ließ ihn nicht weiterreden. Er sah ihn durchdringend aus den +hellen Augen an und fuhr fort: »Hör auf, Knulp! Du hast der Lisabeth +sehr weh getan, das ist nicht anders, aber du weißt wohl, sie hat doch +mehr Zartes und Schönes von dir empfangen als Böses, und sie hat dir +nicht einen Augenblick gezürnt. Siehst du denn immer noch nicht, du +Kindskopf, was der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, daß du +deswegen ein Leichtfuß und ein Vagabund sein mußtest, damit du überall +ein Stück Kindertorheit und Kinderlachen hintragen konntest? Damit +überall die Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig hänseln +und dir ein wenig dankbar sein mußten?« + +»Es ist am Ende wahr,« gab Knulp nach einigem Schweigen halblaut zu. +»Aber das ist alles früher gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich +aus dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch geworden? Es +wäre noch Zeit gewesen.« + +Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete wieder einen Augenblick +und wollte den dicken Schnee von Hut und Kleidern schütteln. Aber er kam +nicht dazu, er war zerstreut und müde, und Gott stand jetzt nahe vor +ihm, seine lichten Augen waren weit offen und strahlten wie die Sonne. + +»Nun sei einmal zufrieden,« mahnte Gott, »was soll das Klagen nützen? +Kannst du wirklich nicht sehen, daß alles gut und richtig zugegangen ist +und daß nichts hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt ein +Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau und Kinder haben und am +Abend das Wochenblatt lesen? Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen +und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen stellen und +Eidechsen zähmen?« + +Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor Müdigkeit und spürte +doch nichts davon. Es war ihm viel wohler zumute geworden, und er nickte +dankbar zu allem, was Gott ihm sagte. + +»Sieh,« sprach Gott, »ich habe dich nicht anders brauchen können, als +wie du bist, und ich habe dir den Stachel der Heimatlosigkeit und +Wanderschaft mitgeben müssen, sonst wärest du irgendwo sitzen geblieben +und hättest mir mein Spiel verdorben. In meinem Namen bist du gewandert +und hast den seßhaften Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach +Freiheit mitbringen müssen. In meinem Namen hast du Dummheiten gemacht +und dich verspotten lassen; ich selber bin in dir verspottet und bin in +dir geliebt worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und ein Stück +von mir, und du hast nichts gekostet und nichts gelitten, was ich nicht +mit dir erlebt habe.« + +»Ja,« sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf. »Ja, es ist so, ich +habe es eigentlich immer gewußt.« + +Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder waren ganz leicht +geworden, und seine entzündeten Augen lächelten. + +Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen, hörte er noch immer +Gottes Stimme reden und sah noch immer in seine hellen Augen. + +»Also ist nichts mehr zu klagen?« fragte Gottes Stimme. + +»Nichts mehr,« nickte Knulp und lachte schüchtern. + +»Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?« + +»Ja,« nickte er, »es ist alles, wie es sein soll.« + +Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die seiner Mutter, bald +wie Henriettes Stimme, bald wie die gute, sanfte Stimme der Lisabeth. + +»Dann bist du daheim,« sagte die Stimme. »Dann bist du daheim und +bleibst bei mir.« + +Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so +sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer +auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum +Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden. + + + _Ende_ + + + + + Werke von Hermann Hesse + + +Peter Camenzind + +Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg. + +Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten, muskeligen +Kerls, der aber den versonnenen Träumerkopf des Hermann Hesse auf den +Schultern hat. Und da ist schon die Tragik – so einer findet sich im +Leben nicht zurecht. Draußen nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige +Firnenreinheit ist über den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles +klärt und versöhnt. + (Freistatt, München) + + +Aus Indien + +Aufzeichnungen von einer indischen Reise + +6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig + +Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben großen, +verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen Romanen und Novellen +Menschen und Landschaften seiner süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er +uns auch führt, es ist ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles +Fremde, Exotische führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück. +Damit pflückt er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte, +und doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; eine +in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie sie Hesse +mit unsern besten deutschen Meistern verbindet. + (Königsberg. Allgemeine Zeitung) + + +Umwege + +Erzählungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark + +Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. Diese höchste +Kunst in der stillsten Schlichtheit seines Wortgefüges, diese innig +beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, diese ruhig +abwartende Ironie der Darstellung menschlicher Schwächen und Schwänke +sind unvergleichlich. Wie Gottfried Keller in seinen »Seldwylern«, so +hat Hesse in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht, +seine ganz persönliche Domäne gefunden. + (Berliner Tageblatt) + + +Roßhalde + +Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg. + +Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten und +dunkelsten Gemütsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal. +Zwischen Mann und Frau in einer Künstlerehe ist eine Fremdheit in die +Höhe gewachsen, grundlos, mit der Unüberwindlichkeit alles Elementaren. +Es liegt wie eine dumpfe Last über beiden, die sie nicht heben können, +weil ihr Kind es ihnen unmöglich macht, auseinanderzugehen. Nie hat +Hermann Hesse künstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie die seelische +Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften Bann der zwiefachen +Einsamkeit dessen, der zum engsten Zusammenleben mit einem einst nahen +und nun willenlos feindlich fernen Menschen verdammt ist. »Roßhalde« ist +eines der menschlich tiefsten und wahrsten Bücher, die geschrieben sind. + (Die Hilfe) + + +Diesseits + +Erzählungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark + +Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, +schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit +weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden +Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses +neuen Novellenband »Diesseits« lesen. + (Neue Zürcher Zeitung) + + +Nachbarn + +Erzählungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark + +Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf +Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch +zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen +schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese +Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und +die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei +Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln. + (Württemberger Zeitung, Stuttgart) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer +Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. + +p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin +p 052: kann ihm hastig -> kam +p 101: So so. -> So, so. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the edition +published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek +zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied +to the original text. + +p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin +p 052: kann ihm hastig -> kam +p 101: So so. -> So, so. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP *** + +***** This file should be named 17622-0.txt or 17622-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/6/2/17622/ + +Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Knulp + Drei Geschichten aus dem Leben Knulps + +Author: Hermann Hesse + +Release Date: January 29, 2006 [EBook #17622] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP *** + + + + +Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Fischers Bibliothek + zeitgenössischer Romane + + + Knulp + + Drei Geschichten aus dem Leben Knulps + + von + + Hermann Hesse + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung. + Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz. + Copyright 1915 S. Fischer, Verlag. + + + + Inhalt + + + Vorfrühling ................... 7 + + Meine Erinnerung an Knulp ..... 67 + + Das Ende ...................... 97 + + + + +Vorfrühling + + +Anfang der neunziger Jahre mußte unser Freund Knulp einmal mehrere +Wochen im Spital liegen, und als er entlassen wurde, war es Mitte +Februar und scheußliches Wetter, so daß er schon nach wenigen +Wandertagen wieder Fieber spürte und auf ein Unterkommen bedacht sein +mußte. An Freunden hat es ihm nie gefehlt, und er hätte fast in jedem +Städtchen der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. Aber +darin war er sonderbar stolz, so sehr, daß es eigentlich für eine Ehre +gelten konnte, wenn er von einem Freund etwas annahm. + +Diesmal war es der Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten, dessen er +sich erinnerte und an dessen schon verschlossener Haustüre er abends bei +Regen und Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen im +Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle Gasse hinunter: »Wer ist +draußen? Hat's nicht auch Zeit, bis es wieder Tag ist?« + +Knulp, als er die Stimme des alten Freundes hörte, wurde trotz aller +Müdigkeit sofort munter. Er erinnerte sich an ein Verschen, das er vor +Jahren gemacht hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil Rothfuß +zusammen gewandert war, und sang alsbald am Hause hinauf: + + »Es sitzt ein müder Wandrer + In einer Restauration, + Das ist gewiß kein andrer + Als der verlorne Sohn.« + +Der Gerber stieß den Laden heftig auf und beugte sich weit aus dem +Fenster. + +»Knulp! Bist du's oder ist's ein Geist?« + +»Ich bin's!« rief Knulp. »Du kannst aber auch über die Stiege herunter +kommen, oder muß es durchs Fenster sein?« + +Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die Haustüre auf und leuchtete +dem Ankömmling mit der kleinen rauchenden Öllampe ins Gesicht, daß er +blinzeln mußte. + +»Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und zog den Freund ins +Haus. »Erzählen kannst du später. Es ist noch was vom Nachtessen übrig, +und ein Bett kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! Ja, hast +du denn auch gute Stiefel, du?« + +Knulp ließ ihn fragen und sich wundern, schlug auf der Treppe sorgfältig +die umgelitzten Hosenbeine herab und stieg mit Sicherheit durch die +Dämmerung empor, obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten +hatte. + +Im Gang oben, vor der Wohnstubentüre, blieb er einen Augenblick stehen +und hielt den Gerber, der ihn eintreten hieß, an der Hand zurück. + +»Du,« sagte er flüsternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?« + +»Ja, freilich.« + +»Eben drum. -- Weißt du, deine Frau kennt mich nicht; es kann sein, sie +hat keine Freude. Stören mag ich euch nicht.« + +»Ach was stören!« lachte Rothfuß, tat die Türe weit auf und drängte +Knulp in die helle Stube. Da hing über einem großen Eßtisch an drei +Ketten die große Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte in +der Luft und drängte in dünnen Zügen nach dem heißen Zylinder hin, wo er +hastig emporwirbelte und verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und +eine Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen schmalen +Kanapee an der Querwand sprang mit halber und verlegener Munterkeit, als +sei sie in einem Schlummer gestört worden und wolle es nicht merken +lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen Augenblick wie +verwirrt am scharfen Licht, sah der Frau in die hellgrauen Augen und gab +ihr mit einem höflichen Kompliment die Hand. + +»So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und das ist der Knulp, +mein Freund Knulp, weißt du, von dem wir auch schon gesprochen haben. Er +ist natürlich unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja doch +leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, und der Knulp muß +was zu essen haben. Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?« + +Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach. + +»Ein bißchen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. Aber Rothfuß +wollte das nicht zugeben. + +»Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp. + +Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem Zinnteller die Wurst +und stellte das Brotbrett daneben, das in seiner Mitte einen halben Laib +Schwarzbrot trug, sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um +dessen Ründung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift lief: Gib uns +heute unser täglich Brot. + +»Weißt du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt hat?« + +»Laß doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich lächelnd an die +Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau Meisterin.« + +Aber Rothfuß ließ nicht nach. + +»Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.« + +»Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder davon. + +»Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie draußen war. + +»Nein, noch keine. Sie läßt sich Zeit, weißt du, und für die ersten +Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, gelt, und laß dir's schmecken!« + +Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen Mostkrug herein +und stellte drei Gläser dazu auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie +machte es geschickt, Knulp sah ihr zu und lächelte. + +»Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und streckte Knulp sein Glas +entgegen. Der war aber galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes +Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!« + +Sie stießen an und tranken, und Rothfuß leuchtete vor Freude und +blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch bemerke, was sein Freund für +fabelhafte Manieren habe. + +Sie hatte es aber längst bemerkt. + +»Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist höflicher als du, der weiß, +was der Brauch ist.« + +»O bitte,« meinte der Gast, »das hält eben jeder so, wie er's gelernt +hat. Was Manieren betrifft, da könnten Sie mich leicht in Verlegenheit +bringen, Frau Meisterin. Und wie schön Sie serviert haben, wie im +feinsten Hotel!« + +»Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch gelernt.« + +»So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?« + +»Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab ihn kaum mehr gekannt. +Aber ich habe ein paar Jahre lang im Ochsen serviert, wenn Sie den +kennen.« + +»Im Ochsen? Der ist früher das feinste Gasthaus von Lächstetten +gewesen,« lobte Knulp. + +»Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast nur Handlungsreisende +und Turisten im Logis gehabt.« + +»Ich glaub's, Frau Meisterin. Da haben Sie's sicher gut gehabt und was +Schönes verdient! Aber ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?« + +Langsam und genießerisch strich er die weiche Wurst auf sein Brot, +legte die reinlich abgezogene Haut auf den Rand des Tellers und nahm +zuweilen einen Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister sah +mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den schlanken feinen Händen +das Notwendige so sauber und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es +mit Gefallen wahr. + +»Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im weiteren Emil Rothfuß +zu tadeln, und jetzt mußte Knulp bekennen, daß es ihm neuestens schlecht +gegangen und daß er im Krankenhaus gewesen sei. Doch verschwieg er alles +Peinliche. Als ihn darauf sein Freund fragte, was er denn jetzt +anzufangen denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager für jede +Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was Knulp erwartet und womit er +gerechnet hatte, aber er wich wie in einer Anwandlung von Schüchternheit +aus, dankte flüchtig und verschob das Besprechen dieser Dinge bis +morgen. + +»Über das können wir morgen oder übermorgen auch noch reden,« meinte er +nachlässig, »die Tage gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile +bleib ich auf alle Fälle hier.« + +Er machte nicht gern Pläne oder Versprechungen auf lange Zeit. Wenn er +nicht die freie Verfügung über den kommenden Tag in der Tasche hatte, +fühlte er sich nicht wohl. + +»Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« begann er dann +wieder, »so mußt du mich als deinen Gesellen anmelden.« + +»Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du und mein Gesell! Außerdem +bist du ja gar kein Weißgerber.« + +»Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir gar nichts am Gerben, +es soll zwar ein schönes Handwerk sein, und zum Arbeiten habe ich kein +Talent. Aber meinem Wanderbüchlein wird es gut tun, weißt du. Für das +Krankengeld käme ich dann schon auf.« + +»Darf ich's einmal sehen, dein Büchlein?« + +Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges und zog das +Ding heraus, das reinlich in einem Wachstuchfutteral steckte. + +Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer tadellos! Man meint, du +seiest erst gestern früh von der Mutter fortgereist.« + +Dann studierte er die Einträge und Stempel und schüttelte in tiefer +Bewunderung den Kopf: »Nein, ist das eine Ordnung! Bei dir muß halt +alles nobel sein.« + +Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von +Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige +Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge +bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und +arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger +Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben +hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten diese +Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter geführt, während er in +Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser +Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich +wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört +fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie +ließen den heiteren, unterhaltsamen Menschen, dessen geistige +Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in +Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein +Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ +man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten Hauswesen eine +hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, +während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten +Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und +arbeitsloses Dasein verlebt. + +»Aber jetzt wäret ihr schon lang im Bett, wenn ich nicht gekommen wäre,« +rief Knulp, indem er seine Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und +machte der Hausfrau ein Kompliment. + +»Komm, Rothfuß, und zeig mir, wo mein Bett steht.« + +Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale Stiege zum Dachstock +hinauf und in die Gesellenkammer. Da stand eine leere eiserne Bettstatt +an der Wand und daneben eine hölzerne, die mit Bettzeug versehen war. + +»Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt väterlich. + +»Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr Meister, der braucht +freilich keine, wenn er so ein hübsches kleines Frauelein hat.« + +»Ja, siehst du,« meinte Rothfuß ganz eifrig, »da steigst du jetzt in +dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, und manchmal noch in ein +schlechteres, und manchmal hast du gar keins und mußt im Heu schlafen. +Aber unsereiner hat Haus und Geschäft und eine nette Frau. Schau, du +könntest doch schon lang Meister sein und weiter als ich, wenn du bloß +gewollt hättest.« + +Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider abgelegt und sich +fröstelnd in das kühle Bettzeug verkrochen. + +»Weißt du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut und kann zuhören.« + +»Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.« + +»Mir auch, Rothfuß. Du mußt aber nicht meinen, das Heiraten sei eine +Erfindung von dir. Also gut Nacht auch!« + + * * * * * + +Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er fühlte sich noch etwas +schwach, und das Wetter war so, daß er doch das Haus kaum verlassen +hätte. Den Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, er möge +ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag einen Teller Suppe +heraufbringen. + +So lag er in der dämmerigen Dachkammer den ganzen Tag still und zufrieden, +fühlte Kälte und Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit Lust +dem Wohlgefühl warmer Geborgenheit hin. Er hörte dem fleißigen Klopfen +des Regens auf dem Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und föhnig +in launischen Stößen ging. Dazwischen schlief er halbe Stunden oder las, +solange es licht genug war, in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus +Blättern, auf welche er sich Gedichte und Sprüche abgeschrieben hatte, +und aus einem kleinen Bündel von Zeitungsausschnitten. Auch einige +Bilder waren dazwischen, die er in Wochenblättern gefunden und +ausgeschnitten hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen vom +öfteren Hervorziehen schon brüchig und zerfasert aus. Das eine stellte +die Schauspielerin Eleonora Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff +bei starkem Winde auf hoher See. Für den Norden und für das Meer hatte +Knulp seit den Knabenjahren eine starke Vorliebe, und mehrmals hatte er +sich dahin auf den Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische +gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer unterwegs war und an keinem +Orte lang verweilen konnte, hatte eine merkwürdige Bangigkeit und +Heimatliebe immer wieder in raschen Märschen nach Süddeutschland +zurückgetrieben. Es mag auch sein, daß ihm die Sorglosigkeit +verlorenging, wenn er in Gegenden mit fremder Mundart und Sitte kam, wo +niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein legendenhaftes +Wanderbüchlein in Ordnung zu halten. + +Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und Brot herauf. Er trat +leise auf und sprach in einem erschrockenen Flüsterton, da er Knulp für +krank hielt und selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals am +hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der sich sehr wohl fühlte, gab +sich keine Mühe mit Erklärungen und versicherte nur, er werde morgen +wieder aufstehen und gesund sein. + +Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, und da Knulp im +Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau +vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale +Milchkaffee auf die Stabelle am Bett. + +Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, blieb aus Müdigkeit oder +Laune mit geschlossenen Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß +er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf +einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf auf dem halb vom +blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit +des dunklen Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen +Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hübschen +Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzählt hatte. +Sie sah über den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten, +hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen, +hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr +wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und +je in Frühlingslaunen sich von einem solchen fremden, hübschen Buben +hatte liebhaben lassen. + +Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um +das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Löffel vom Teller und +fiel auf den Boden, worüber sie in der Stille und befangenen +Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak. + +Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief +geschlafen. Er drehte den Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand +über die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die Frau +Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee, +das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also +schönen Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für Zeit?« + +»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist, +nachher hol ich das Geschirr dann wieder.« + +Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute übrig. Knulp sah ihr +nach und hörte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er +machte nachdenkliche Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, dann stieß +er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem +Kaffee. + +Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er +fühlte sich wohl und prächtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig +unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich +in der tiefen Dämmerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und +schlüpfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und +feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen +große Flecken licht und klar. + +Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und über den +verödeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede +auf, sah den Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch mit den +Gesellen an und hielt die kühlen Hände über die dunkelrot verglosende +Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt, +erkundigte sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich von dem +Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen +und Erkennungszeichen aller Handwerke geläufig. + +Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre Abendsuppe an, +klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schälte Kartoffeln, +und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand, +ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber und stellte sich vor +dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles, +frischwangiges Gesicht mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu +bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung. +Darauf strich sie die frischgewaschenen Hände noch einmal an der Schürze +ab, nahm das Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf. + +Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, und nochmals etwas +lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden +und machte mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie nicht +knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete +den Stuhl bei der Bettstatt. + +»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal: +»Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abräumen.« + +Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu hören war, streckte +sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefühl von +Unheimlichkeit wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun die +Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und +Federdecke tadellos aufgeschüttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen +Angst und Enttäuschung, in ihre Küche zurück. + +Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen +und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu +machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der +Dachkammer zu erzählen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt +klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und +Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom Kopf und wünschte +guten Abend. + +»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und +läuft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.« + +»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau Rothfuß, ich komme ja +gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her +gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.« + +Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig und rühmte sich +seiner Häuslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und +redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und +Nichtstun einmal aufgeben. Knulp hörte zu und gab wenig Antwort, und die +Meisterin sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der ihr +neben dem manierlichen und hübschen Knulp grob erschien, und gab dem +Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund. +Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers +Rasiermesser aus. + +»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das Messer hergab. »Kaum +kratzt's dich am Kinn, so muß der Bart herunter. Also gut Nacht, und +gute Besserung!« + +Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen +oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und +Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den +Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in welchem klare, feucht +schimmernde Sterne brannten. + +Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schließen, da +wurde ein kleines Fenster ihm gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell. +Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch deren +Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter +in der Hand und in der Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden +abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr schmales Mägdebett +hin, das bescheiden und säuberlich mit einer groben roten Wollendecke +zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin, +und setzte sich auf eine niedere grüngemalte Kofferkiste, wie alle +Dienstmägde eine haben. + +Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben zu spielen begann, +sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand +nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt. + +Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war +vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben groß gewachsen, und +hatte ein bräunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen +Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar +nicht fröhlich aus, und die ganze Person saß auf ihrer harten grünen +Kiste ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der die Welt und +auch die Mädchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei +noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie +ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und suchte einen +flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem +kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken. + +Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem +Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde +Menschenleben hinüber, das so harmlos seinen hübschen Kummer im +Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen, +gutmütigen Augen bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von +langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote +Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Händen zu, wie sie müde +waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig +hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide +ruhten. + +Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den +schweren, in ein Nest aufgesteckten Zöpfen empor, blickte gedankenvoll, +doch nicht minder bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um +ihre Schuhnestel aufzulösen. + +Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht +und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern +hätte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem +Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen lassen. Aber er fürchtete, +sie würde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber +riefe. + +Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Künste zu üben. Er +hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und +er pfiff das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, und +es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, daß das Mädchen eine ganze +Weile zuhörte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten +Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster +trat. + +Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise +weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach, +schaute dann plötzlich auf und erkannte, woher die Musik komme. + +»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut. + +»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die +Jungfer nicht im Schlafen stören. Ich habe nur ein bißchen das Heimweh +gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. -- +Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?« + +»Ich bin vom Schwarzwald.« + +»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie +gefällt's dir in Lächstetten? Mir gar nicht.« + +»O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. Aber es gefällt +mir auch nicht recht. Seid Ihr schon länger da?« + +»Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu einander, gelt?« + +»Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar nicht.« + +»Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen nicht zueinander, aber +die Leute. Wo ist denn Euer Ort, Fräulein?« + +»Das kennt Ihr doch nicht.« + +»Wer weiß? Oder ist's ein Geheimnis?« + +»Achthausen. Es ist bloß ein Weiler.« + +»Aber ein schöner, gelt? Vorn am Eck steht eine Kapelle, und es ist auch +eine Mühle da, oder eine Sägerei, und dort haben sie einen großen +gelben Bernhardinerhund. Stimmt's oder stimmt's nicht?« + +»Der Bello, herrje!« + +Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich dort gewesen, fiel ein +großes Teil Mißtrauen und Bedrücktheit von ihr ab, und sie wurde ganz +eifrig. + +»Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie rasch. + +»Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist Euer Vater?« + +»Ja.« + +»So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und wenn ich jetzt noch +den Vornamen dazu weiß, dann kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn +ich wieder einmal durch Achthausen komme.« + +»Wollet Ihr denn schon wieder fort?« + +»Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen wissen, Jungfer Flick.« + +»Ach was, ich weiß ja Euren auch nicht.« + +»Das tut mir leid, aber es läßt sich ändern. Ich heiße Karl Eberhard, +und wenn wir uns einmal am Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr +mich anrufen müßt, und wie muß ich dann zu Euch sagen?« + +»Barbara.« + +»So ist's recht und danke schön. Er ist aber schwer zum Aussprechen, +Euer Name, und ich möchte fast eine Wette machen, daß man Euch daheim +Bärbele gerufen hat.« + +»Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon wisset, warum fraget Ihr +dann so viel? Aber jetzt müssen wir Feierabend machen. Gut Nacht, +Gerber.« + +»Gut Nacht, Jungfer Bärbele. Schlafet auch gut, und weil Ihr's seid, +will ich jetzt noch eins pfeifen. Laufet nicht fort, es kostet nichts.« + +Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen jodlerartigen +Satz, mit Doppeltönen und Trillern, daß es funkelte wie eine Tanzmusik. +Sie hörte mit Erstaunen dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille +ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte ihn fest, während +Knulp ohne Licht in seine Kammer fand. + + * * * * * + +Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde auf und nahm des Gerbers +Rasiermesser in Gebrauch. Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen +Vollbart, und das Messer war so verwahrlost, daß Knulp es wohl eine +halbe Stunde lang über seinem Hosenträger abziehen mußte, ehe das +Barbieren gelang. Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die +Stiefel in die Hand und stieg in die Küche hinab, wo es warm war und +schon nach Kaffee roch. + +Er bat die Meistersfrau um Bürste und Wichse zum Stiefelputzen + +»Ach was!« rief sie, »das ist kein Männergeschäft. Lassen Sie mich das +machen.« + +Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit ungeschicktem Lachen +ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, tat er die Arbeit gründlich, reinlich +und dabei spielend, als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune, +dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit verrichtet. + +»Das lass' ich mir gefallen,« rühmte die Frau und sah ihn an. »Alles +blank, wie wenn Sie grad zum Schatz gehen wollten.« + +»O, das tät' ich auch am liebsten.« + +»Ich glaub's. Sie haben gewiß einen schönen.« Sie lachte wieder +zudringlich. »Vielleicht sogar mehr als einen?« + +»Ei, das wäre nicht schön,« tadelte Knulp munter. »Ich kann Ihnen auch +ein Bild von ihr zeigen.« + +Begierig trat sie heran, während er sein Wachstuchmäpplein aus der +Brusttasche zog und das Bildnis der Duse hervorsuchte. Interessiert +betrachtete sie das Blatt. + +»Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, »das ist ja fast +eine rechte Dame. Nur freilich, mager sieht sie aus. Ist sie denn auch +gesund?« + +»Soviel ich weiß, jawohl. So, und jetzt wollen wir nach dem Alten sehen, +man hört ihn in der Stube.« + +Er ging hinüber und begrüßte den Gerber. Die Wohnstube war gefegt und +sah mit dem hellen Getäfel, mit der Uhr, dem Spiegel und den +Photographien an der Wand freundlich und heimelig aus. So eine saubere +Stube, dachte Knulp, ist im Winter nicht übel, aber darum zu heiraten, +verlohnt doch nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die +Meisterin ihm zeigte, keine Freude. + +Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete er den Meister Rothfuß +nach dem Hof und Schuppen und ließ sich die ganze Gerberei zeigen. Er +kannte fast alle Handwerke und stellte so sachverständige Fragen, daß +sein Freund ganz erstaunt war. + +»Woher weißt du denn das alles?« fragte er lebhaft. »Man könnte meinen, +du seiest wirklich ein Gerbergesell oder einmal einer gewesen.« + +»Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp gemessen. »Übrigens, +was die Weißgerberei angeht, da bist du selber mein Lehrmeister gewesen, +weißt du's nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen +gewandert sind, hast du mir das alles erzählen müssen.« + +»Und das weißt du alles noch?« + +»Ein Stück davon, Rothfuß. Aber jetzt will ich dich nimmer stören. +Schade, ich hätte dir gern ein bißchen geholfen, aber es ist da unten so +feucht und stickig, und ich muß noch so viel husten. Also Servus, Alter, +ich geh ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.« + +Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse stadteinwärts +bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in +die Tür und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging, +überall sauber gebürstet und den Regenpfützen sorglich ausweichend. + +»Gut hat er's eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen +Neidgefühl. Und während er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund +und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen, +und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden heißen. +Einer, der arbeitete und sich vorwärts schaffte, hatte es ja in vielem +besser, aber er konnte nie so zarte hübsche Hände haben und so leicht +und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat, +wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten, +wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und für sich gewann, allen +Mädchen und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für einen Sonntag +nahm. Man mußte ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht +ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen und +eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mußte fast noch dankbar dafür sein, +denn er machte es froh und hell im Haus. + +Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt durchs Städtchen, +pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zähne und begann ohne Eile die Orte +und Menschen aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst wandte +er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen +Flickschneider kannte, um den es schade war, daß er nichts als alte +Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn +er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten +Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte früh geheiratet und schon ein paar +Kinder, und die Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen. + +Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten +Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing +wie ein Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus stand an +der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute, +hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause +floh der Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden schwindelnd +abwärts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen, +Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen, und die nächsten Hausdächer, +auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon +tief und klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt taghell +und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der fleißige +Schlotterbeck hell und hoch über der Welt wie der Wächter in einem +Leuchtturm. + +»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom +Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen Augen nach der Türe. + +»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand +entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt's denn, daß du zu mir +herauf steigst?« + +Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder. + +»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber braunen und vom +feinsten, ich will Musterung halten.« + +Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fädelte +ein und überging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr +gut und fast neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede lockere +Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit fleißigen Fingern wieder +instand setzte. + +»Und wie geht's sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht +zu loben. Aber schließlich, wenn man gesund ist und keine Familie hat --« + +Knulp räusperte sich polemisch. + +»Ja, ja,« sagte er lässig. »Der Herr läßt regnen über Gerechte und +Ungerechte, und nur die Schneider sitzen trocken. Hast du immer noch zu +klagen, Schlotterbeck?« + +»Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du hörst ja die Kinder nebendran +schreien. Es sind jetzt fünf. Da sitzt man und schuftet bis in alle +Nacht hinein, und nirgends will's reichen. Und du tust nichts als +spazierengehen!« + +»Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder fünf Wochen bin ich im Spital in +Neustadt gelegen, und da behalten sie keinen länger, als er's bitter +nötig hat, und es bleibt auch keiner länger drin. Des Herrn Wege sind +wunderbar, Freund Schlotterbeck.« + +»Ach laß diese Sprüche, du!« + +»Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es gerade auch werden, und +darum bin ich zu dir gekommen. Wie steht's damit, alter Stubenhocker?« + +»Laß mich in Ruh' mit der Frömmigkeit! Im Spital, sagst du? Da tust du +mir aber leid.« + +»Ist nicht nötig, es ist vorbei. Und jetzt erzähl einmal: wie ist's mit +dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? Weißt du, im Spital hab ich +Zeit gehabt, und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen +und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses Buch, die Bibel.« + +»Da hast du recht. Kurios, und die Hälfte muß verlogen sein, weil keins +zum andern paßt. Du verstehst's vielleicht besser, du bist ja einmal in +die Lateinschule gegangen.« + +»Davon ist mir wenig geblieben.« + +»Siehst du, Knulp --.« Der Schneider spuckte zum offenen Fenster in die +Tiefe hinunter und sah mit großen Augen und erbittertem Gesicht +hinterdrein. »Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frömmigkeit. Es ist +nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich pfeife drauf!« + +Der Wanderer sah ihn nachdenklich an. + +»So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir scheint, in der +Bibel stehen ganz gescheite Sachen.« + +»Ja, und wenn du ein Stück weiterblätterst, dann steht immer irgendwo +das Gegenteil. Nein, ich bin fertig damit, aus und fertig.« + +Knulp war aufgestanden und hatte nach einem Bügeleisen gegriffen. + +»Du könntest mir ein paar Kohlen drein geben,« bat er den Meister. + +»Zu was denn auch?« + +»Ich will die Weste ein wenig bügeln, weißt du, und dem Hut wird es auch +gut tun, nach all dem Regen.« + +»Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas ärgerlich. »Was brauchst du so +fein zu sein wie ein Graf, wenn du doch nur ein Hungerleider bist?« + +Knulp lächelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es macht mir eine +Freude, und wenn du's nicht aus Frömmigkeit tun willst, so tust du's +einfach aus Nettigkeit und einem alten Freund zuliebe, gelt?« + +Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam bald mit dem heißen +Eisen wieder. + +»So ist's recht,« lobte Knulp, »danke schön!« + +Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glätten, und da er +hierin nicht so geschickt war wie im Nähen, nahm ihm der Freund das +Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber. + +»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder +ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu +viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist, +das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch +lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und früher hat man +mancherlei noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; aber darum +steht doch viel Schönes und Braves drin, und auch ganz viel Wahres. +Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen, +weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld geht und die übrigen +Ähren sammelt, das ist fein, und man spürt den schönsten warmen Sommer +drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt: +ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle +zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da könnte man schon von ihm +lernen.« + +»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht +haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer +Leute Kindern tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie sie +durchfüttern.« + +Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht +ansehen. Er wünschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er +besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit +seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja, +hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?« + +Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was +denkst du auch! Natürlich hab ich sie lieb, den Größten am meisten.« + +Knulp nickte mit großem Ernst. + +»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schönen Dank. Die +Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. -- Und dann, mit deinen Kindern +mußt du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken. +Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand weiß und was du nicht weiter zu +erzählen brauchst.« + +Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden in die klaren Augen, die +sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, daß der +Schneider Mühe hatte, ihn zu verstehen. + +»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine +Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind, +denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden +Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil +die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu +wissen, wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin komme, dann +schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und +wenn ich Glück habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine +Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens im Vorbeigehen was +vorpfeifen. -- Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, daß du +Kinder hast!« + + * * * * * + +Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile +plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden +Spiel der lockigen Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den +Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose +schnupfen ließ. Überall erfuhr er Großes und Kleines aus dem Leben der +Familien und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau und +vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, er erzählte dafür neues von +anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn +als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der +Seßhaften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der +Toreinfahrt einer Brauerei die Küfergesellen, wo es heut abend und +morgen eine Tanzgelegenheit gebe. + +Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen von Gertelfingen, nur +eine halbe Stunde weit. Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem +Nachbarhause mitzunehmen. + +Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfußschen Hause +erstieg, schlug ihm von der Küche her ein angenehm kräftiger Geruch +entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit +spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man +hatte ihn schon gehört. Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und +stand freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der Speisen umwölkt. + +»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, daß Sie so +zeitig kommen. Nämlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und +da hab ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für Sie +extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?« + +Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung. + +»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn's eine +Suppe gibt.« + +»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört er ordentlich gepflegt, +wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mögen Sie gar keine +Leber? Es gibt solche.« + +Er lachte bescheiden. + +»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein +Sonntagsessen, und wenn ich's mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte, +wär ich schon zufrieden.« + +»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber +sagen Sie's jetzt nur, es ist ein Stück Leber übrig, ich hab's Ihnen +aufgespart. Es täte Ihnen gut.« + +Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut, +wie sie es meinte, und ziemlich hübsch war das Weiblein auch, aber er +tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den +ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah nebenaus. + +»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten Willen. Aber Spatzen +sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.« + +Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger. + +»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub's Ihnen doch nicht. +Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?« + +»Da kann ich nicht nein sagen.« + +Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte sich in die Stube, +wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister +sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und nach Tische +wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp +seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche +Kartenkunststücke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit +spielerischer Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu +ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und ließ zuweilen +den Daumen über die Kartenränder laufen. Der Meister sah mit Bewunderung +und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose Künste sich +gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme +diese Anzeichen einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte +aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit +entstellten Händen. + +Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, unsicherer +Sonnenschein in die Stube, über den Tisch und die Karten, spielte +launisch und kraftlos am Fußboden mit den schwachen Schlagschatten und +zitterte kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp nahm dies +alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den +stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht +seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen Frau. Es +gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Glück für ihn. Wäre ich gesund, +dachte er, und wäre es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier. + +»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfuß die +Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die +Treppe hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und +verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben +unterbrochen, bis an das Flüßchen hinabreichte. Dort hatte der Gerber +einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen +konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen knapp über dem +still und rasch fließenden Wasser hängen, blickte belustigt den +schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten, +und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine +Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von drüben zu sprechen. + +Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht erhaltenen +Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfähle längst +vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen +Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten schien mit +mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wüste Grasplatz des +Weißgerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und +eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und +überwinterter Spinat wuchs spärlich in zwei Rabatten, Rosenbäumchen +standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen, +das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume. + +Bis zu ihnen drang Knulp geräuschlos vor, nachdem er den fremden Garten +betrachtet hatte, und sah nun zwischen den Bäumen hindurch das Haus +liegen, die Küche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet, +da sah er in der Küche auch das Mädchen mit aufgekrempelten Ärmeln +wirtschaften. Die Hausfrau war dabei und hatte viel zu befehlen und zu +lehren, wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen mögen +und ihre jährlich wechselnden Lehrmädchen nachher, wenn sie aus dem +Hause sind, nicht genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und Klage +geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit war, und die Kleine schien +bereits daran gewöhnt, denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre +Arbeit. + +Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt mit vorgestrecktem Kopf, +neugierig und wachsam wie ein Jäger, und lauschte mit vergnügter Geduld +als ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, als +Zuschauer und Zuhörer am Leben teilzunehmen. Er freute sich am Anblick +des Mädchens, wenn es durchs Fenster sichtbar wurde, und er schloß aus +der Mundart der Hausfrau, daß sie keine geborene Lächstetterin, sondern +ein paar Stunden weiter oben im Tale daheim sei. Ruhig horchte er und +kaute auf einem duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine ganze +Stunde lang, bis die Frau verschwand und es still in der Küche wurde. + +Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam vor und klopfte +mit einem dürren Zweig ans Küchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf, +er mußte noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene Fenster, tat es +vollends auf und schaute heraus. + +»Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. »Jetzt wär ich fast +erschrocken.« + +»Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lächelte. »Ich wollte bloß einmal +Grüßgott sagen und sehen, wie's geht. Und weil nämlich heut Samstag ist, +möchte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa frei habet, zu einem +kleinen Spaziergang.« + +Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf, und da machte er ein so trostlos +betrübtes Gesicht, daß es ihr ganz leid tat. + +»Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht frei, nur vormittags +für die Kirche.« + +»So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann könntet Ihr aber gewiß heut abend +mitkommen.« + +»Heut abend? Ja, frei hätte ich schon, aber da will ich einen Brief +schreiben, an meine Leute daheim.« + +»O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde später, er geht heut nacht +doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich hab mich schon so gefreut, bis ich +wieder ein bißchen mit Euch reden kann, und heut abend, wenn's nicht +gerade Katzen hagelt, hätten wir so schön spazieren gehen können. Gelt, +seiet lieb, Ihr werdet doch vor mir keine Angst haben!« + +»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt +nicht. Wenn man sieht, daß ich mit einem Mannsbild spazieren geh --« + +»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch +wahrhaftig keine Sünde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein +Schulmädchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr +bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken für den Viehmarkt sind. +Oder soll ich früher kommen? Ich kann es schon richten.« + +»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt -- Ihr müsset gar nicht kommen, es +geht nicht, und ich darf nicht -- --« + +Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht. + +»Ja, wenn Ihr halt gar nicht möget!« sagte er traurig. »Ich habe +gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh, +und ich auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen können, +von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, weil ich doch einmal +dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir's auch +nicht übelnehmen.« + +»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.« + +»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget bloß nicht. Aber +vielleicht überlegt Ihr's Euch noch. Ich muß jetzt gehen, und heut abend +bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich +allein spazieren und denk an Euch und daß Ihr jetzt nach Achthausen +schreibet. Also adieu, und nichts für ungut!« + +Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn +hinter den Bäumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann +kehrte sie zur Arbeit zurück, und plötzlich begann sie -- die Frau war +ausgegangen -- laut und schön dazu zu singen. + +Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine +Kugeln aus einem Stückchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt +hatte. Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine nach der +andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von +der Strömung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von +den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden. + + * * * * * + +»So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist's Samstag +abend, und du weißt gar nicht, wie schön das ist, wenn man es die ganze +Woche streng gehabt hat.« + +»O, ich kann's mir schon denken,« lächelte Knulp, und die Meisterin +lächelte mit und sah ihm schalkhaft ins Gesicht. + +»Heut abend,« fuhr Rothfuß im festlichen Tone fort, »heut abend trinken +wir einen guten Krug Bier miteinander, meine Alte holt ihn gleich, gelt? +Und morgen, wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei einen Ausflug. +Was meinst du, alter Freund?« + +Knulp schlug ihn kräftig auf die Schulter. + +»Man hat es gut bei dir, das muß ich sagen, und auf den Ausflug freu ich +mich schon. Hingegen heut abend habe ich eine Besorgung, es ist ein +Freund von mir hier, den muß ich treffen, er hat in der oberen Schmiede +gearbeitet und reist morgen fort. -- Ja, es tut mir leid, aber morgen +sind wir ja den ganzen Tag beieinander, sonst hätt ich mich auch gar +nicht darauf eingelassen.« + +»Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen wollen, wo du noch +halb krank bist.« + +»Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwöhnen. Ich komme nicht +spät heim. Wo tust du den Schlüssel hin, daß ich dann herein kann?« + +»Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, und den Schlüssel +findest du hinterm Kellerladen. Du weißt doch, wo?« + +»Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig ins Bett! Gut Nacht. +Gut Nacht, Frau Meisterin.« + +Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, kam ihm hastig die +Meistersfrau nachgelaufen. Sie brachte einen Regenschirm, den mußte +Knulp mitnehmen, er mochte wollen oder nicht. + +»Sie müssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« sagte sie. »Und jetzt will +ich Ihnen zeigen, wo Sie nachher den Schlüssel finden.« + +Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und führte ihn um die +Hausecke und machte vor einem Fensterchen halt, das mit Holzläden +verschlossen war. + +»Hinter den Laden legen wir den Schlüssel,« berichtete sie aufgeregt und +flüsternd und streichelte Knulps Hand. »Sie müssen dann bloß durch den +Ausschnitt langen, er liegt auf dem Simsen.« + +»Ja, danke schön,« sagte Knulp verlegen und zog seine Hand zurück. + +»Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« fing sie +wieder an und drückte sich leise gegen ihn. + +»Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, Frau Rothfuß, und danke +schön.« + +»Pressiert's denn so?« flüsterte sie zärtlich und kniff ihn in den Arm. +Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und in einer verlegenen Stille, +da er sie nicht mit Gewalt zurückstoßen mochte, strich er mit der Hand +über ihr Haar. + +»Aber jetzt muß ich weiter,« rief er plötzlich überlaut und trat zurück. + +Sie lächelte ihn mit halb geöffnetem Munde an, er konnte im Dunkeln ihre +Zähne schimmern sehen. Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du +heimkommst. Du bist ein Lieber.« + +Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, den Schirm unterm +Arme, und begann bei der nächsten Ecke, um der törichten Beklommenheit +Herr zu werden, zu pfeifen. Es war das Lied: + + Du meinst', ich werd' dich nehmen, + Hab's aber nicht im Sinn, + Ich muß mich deiner schämen, + Wenn ich in G'sellschaft bin. + +Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am schwarzen Himmel +heraus. In einem Wirtshaus lärmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und +im Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn eine +bürgerliche Herrengesellschaft in Hemdärmeln beieinander stehen, +Kegelkugeln in den Händen wägend und Zigarren im Munde. + +Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich um. In den kahlen +Kastanienbäumen sang schwach der feuchte Wind, der Fluß strömte unhörbar +in tiefer Schwärze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster wider. Die +milde Nacht tat dem Landstreicher in allen Fibern wohl, er atmete +spürend und ahnte Frühling, Wärme, trockene Straßen und Wanderschaft. +Sein unerschöpfliches Gedächtnis überschaute die Stadt, das Flußtal und +die ganze Gegend, er wußte überall Bescheid, er kannte Straßen und +Fußwege, Dörfer, Weiler, Höfe, befreundete Nachtherbergen. Scharf dachte +er nach und stellte den Plan für seine nächste Wanderung auf, da hier in +Lächstetten seines Bleibens doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn +es ihm die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb noch über +diesen Sonntag bleiben. + +Vielleicht, dachte er, hätte er dem Gerber einen Wink geben sollen, +seiner Meisterin wegen. Aber er liebte es nicht, seine Hände in anderer +Leute Sorgen zu stecken, und er hatte kein Bedürfnis, die Menschen +besser oder klüger machen zu helfen. Es tat ihm leid, daß es so gegangen +war, und seine Gedanken an die ehemalige Ochsenkellnerin waren +keineswegs freundlich; aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an +des Gerbers würdige Reden über Hausstand und Eheglück. Er kannte das, es +war meistens nichts damit, wenn einer mit seinem Glück oder mit seiner +Tugend sich rühmte und groß tat, mit des Flickschneiders Frömmigkeit war +es einst ebenso gewesen. Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit +zusehen, man konnte über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber +man mußte sie ihre Wege gehen lassen. + +Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese Sorgen beiseite. Er lehnte +sich in die Höhlung einer alten Kastanie, der Brücke gegenüber, und +dachte weiter seiner Wanderschaft nach. Er wäre gerne quer über den +Schwarzwald gegangen, aber da oben war es jetzt kalt, und vermutlich lag +noch viel Schnee, man verdarb sich die Stiefel, und die +Schlafgelegenheiten waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts, +er mußte den Tälern nachgehen und sich an die Städtchen halten. Die +Hirschenmühle, vier Stunden weiter unten am Fluß, war der erste sichere +Rastort, dort würde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage +behalten. + +Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran dachte, daß er auf +jemanden warte, erschien in Dunkelheit und Zugwind auf der Brücke eine +schmale ängstliche Gestalt und kam zögernd näher. Er erkannte sie +sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und schwang den Hut. + +»Das ist lieb, daß Ihr kommet, Bärbele, ich habe schon beinah nimmer +dran geglaubt.« + +Er ging zu ihrer Linken und führte sie die Allee flußaufwärts. Sie war +zaghaft und schämte sich. + +»Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und wieder. »Wenn uns nur +niemand sieht!« + +Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald wurden die Schritte des +Mädchens ruhiger und gleichmäßiger, und schließlich ging sie leicht und +munter neben ihm wie ein Kamerad und erzählte, von seinen Fragen und +Einwürfen erwärmt, mit Begier und Eifer von ihrer Heimat, von Vater und +Mutter, Bruder und Großmama, von den Enten und Hühnern, von Hagelschlag +und Krankheiten, von Hochzeiten und Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz +an Erlebnissen tat sich auf und war größer, als sie selber geglaubt +hätte, und schließlich kam die Geschichte ihrer Verdingung und ihres +Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst und das Hauswesen ihres +Dienstherren an die Reihe. + +Sie waren längst weit vor dem Städtchen draußen, ohne daß Bärbele auf +den Weg geachtet hatte. Nun hatte sie sich von einer langen, trüben +Woche des Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern erlöst und war +ganz lustig geworden. + +»Wo sind wir denn aber?« rief sie plötzlich verwundert. »Wo laufen wir +denn hin?« + +»Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen hinein, wir sind +gleich dort.« + +»Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen lieber umkehren, es wird +spät.« + +»Wann müsset Ihr denn daheim sein, Bärbele?« + +»Um zehne. Da wird's Zeit. Es ist ein netter Spaziergang gewesen.« + +»Bis zehne ist's noch lang,« sagte Knulp, »und ich will gewiß dran +denken, daß Ihr zur Zeit heimkommet. Aber weil wir doch nimmer so jung +zusammen kommen, so könnten wir eigentlich heut noch einen Tanz +miteinander riskieren. Oder möget Ihr nicht tanzen?« + +Sie sah ihn gespannt und verwundert an. + +»O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier mitten in der Nacht +draußen?« + +»Ihr müsset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, und da ist Musik im +Löwen. Wir können hinein gehen, bloß auf einen einzigen Tanz, und dann +gehen wir heim und haben einen schönen Abend gehabt.« + +Bärbele blieb zweifelnd stehen. + +»Es wäre lustig,« meinte sie langsam. »Aber was soll man von uns denken? +Ich will nicht für so eine angeschaut werden, und ich will auch nicht, +daß man meint, wir zwei gehören zusammen.« + +Und plötzlich lachte sie übermütig auf und rief: »Nämlich, wenn ich +später einmal einen Schatz haben will, dann muß es kein Gerber sein. Ich +will Euch nicht beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes +Handwerk.« + +»Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmütig. »Ihr sollet mich +ja auch nicht heiraten. Es weiß kein Mensch, daß ich ein Gerber bin und +daß Ihr so stolz seid, und die Hände hab ich mir gewaschen, und wenn Ihr +also einmal mit mir herumtanzen wollt, so seid Ihr eingeladen. Sonst +kehren wir um.« + +Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes mit einem bleichen +Giebel aus Gebüschen schauen, und Knulp sagte plötzlich »Bst!« und hob +den Finger auf, und da hörten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine +Ziehharmonika und eine Geige, tönen. + +»Also denn!« lachte das Mädchen, und sie gingen rascher. + +Im Löwen tanzten nur vier oder fünf Paare, lauter junge Leute, die Knulp +nicht kannte. Es ging still und anständig zu, und niemand belästigte das +fremde Paar, das sich dem nächsten Tanz anschloß. Sie machten einen +Ländler und eine Polka mit, dann kam ein Walzer, den Bärbele nicht +konnte. Sie sahen zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte Knulps +Barschaft nicht. + +Bärbele war beim Tanzen warm geworden und blickte nun mit glänzenden +Augen in den kleinen Saal. + +»Jetzt wär es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« sagte Knulp, als es halb +zehn Uhr war. + +Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus. + +»Ach schade!« sagte sie leise. + +»Wir können ja noch dableiben.« + +»Nein, ich muß heim. Und schön war's.« + +Sie gingen weg, aber unter der Tür fiel es dem Mädchen ein: »Wir haben +ja der Musik gar nichts gegeben.« + +»Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hätten wohl einen Zwanziger +verdient. Aber es steht leider so mit mir, daß ich keinen habe.« + +Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten Geldbeutel aus der +Tasche. + +»Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, gebet den!« + +Er nahm das Geldstück und brachte es den Musikanten, dann gingen sie +hinaus und mußten vor der Haustür einen Augenblick stehen bleiben, bis +sie in der tiefen Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging stärker und +führte einzelne Regentropfen. + +»Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp. + +»Nein, bei dem Wind, wir kämen ja nicht weiter. Es ist nett gewesen da +drinnen. Ihr könnet's fast wie ein Tanzmeister, Gerber.« + +Sie plauderte fröhlich fort. Ihr Freund aber war still geworden, +vielleicht daß er müde ward, vielleicht daß er den nahen Abschied +fürchtete. + +Plötzlich fing sie an zu singen: »Bald gras' ich am Neckar, bald gras' +ich am Rhein.« Ihre Stimme klang warm und rein, und beim zweiten Vers +fiel Knulp mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und schön, +daß sie mit Behagen darauf horchte. + +»So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er am Ende. + +»O ja,« lachte sie hell. »Wir müssen wieder einmal so einen Spaziergang +machen.« + +»Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird wohl der letzte +gewesen sein.« + +Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehört, aber der betrübte +Klang seiner Worte war ihr aufgefallen. + +»Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. »Habt Ihr was gegen +mich?« + +»Nein, Bärbele. Aber morgen muß ich fort, ich habe gekündigt.« + +»Was Ihr nicht saget! Ist's wahr? Das tut mir aber leid.« + +»Um mich muß es Euch nicht leid sein. Lang wär' ich doch nicht +geblieben, und ich bin ja auch bloß ein Gerber. Ihr müsset bald einen +Schatz haben, einen recht schönen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr +werdet sehen.« + +»Ach, redet nicht so! Ihr wisset, daß ich Euch ganz gern habe, wenn Ihr +auch nicht mein Schatz seid.« + +Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. Knulp ging +langsamer. Sie waren schon nah bei der Brücke. Schließlich blieb er +stehen. + +»Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr gehet die paar +Schritte noch allein.« + +Bärbele sah ihm mit aufrichtiger Betrübnis ins Gesicht. + +»Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch meinen Dank. Ich will +es nicht vergessen. Und alles Gute auch!« + +Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und während sie ängstlich und +verwundert in seine Augen sah, nahm er ihren Kopf mit den vom Regen +feuchten Zöpfen in beide Hände und sagte flüsternd: »Adieu denn, +Bärbele. Ich will jetzt zum Abschied noch einen Kuß von Euch haben, daß +Ihr mich nicht ganz vergesset.« + +Ein wenig zuckte sie und strebte zurück, aber sein Blick war gut und +traurig, und sie sah erst jetzt, wie schöne Augen er habe. Ohne die +ihren zu schließen, empfing sie ernsthaft seinen Kuß, und da er darauf +mit einem schwachen Lächeln zögerte, bekam sie Tränen in die Augen und +gab ihm den Kuß herzhaft zurück. + +Dann ging sie schnell davon und war schon über der Brücke, da kehrte sie +plötzlich um und kam wieder zurück. Er stand noch am selben Ort. + +»Was ist, Bärbele?« fragte er. »Ihr müsset heim.« + +»Ja, ja, ich geh schon. Ihr dürfet nicht schlecht von mir denken!« + +»Das tu ich gewiß nicht.« + +»Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch gesagt, Ihr hättet gar +kein Geld mehr? Ihr krieget doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?« + +»Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht nichts, ich komme +schon durch, da müsset Ihr Euch keine Gedanken machen.« + +»Nein, nein! Ihr müsset etwas im Sack haben. Da!« + +Sie steckte ihm ein großes Geldstück in die Hand, er spürte, daß es ein +Taler war. + +»Ihr könnet mir's einmal wiedergeben oder schicken, später einmal.« + +Er hielt sie an der Hand zurück. + +»Das geht nicht. So dürfet Ihr nicht mit Eurem Geldlein umgehen! Das ist +ja ein ganzer Taler. Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr müsset! So. Man muß +nicht unvernünftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei Euch habt, einen +Fünfziger oder so, das nehm ich gerne, weil ich in der Not bin. Aber +mehr nicht.« + +Sie stritten noch ein wenig, und Bärbele mußte ihren Geldbeutel +herzeigen, weil sie sagte, sie habe nichts als den Taler. Es war aber +nicht so, sie hatte auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen +Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er haben, aber das war ihr +zu wenig, und dann wollte er gar nichts nehmen und fortgehen, aber +schließlich behielt er das Markstück, und sie lief nun im Trabe +heimwärts. + +Unterwegs dachte sie beständig darüber nach, warum er sie jetzt nicht +noch einmal geküßt habe. Bald wollte es ihr leid tun, bald fand sie es +gerade besonders lieb und anständig, und dabei blieb sie schließlich. + +Eine gute Stunde später kam Knulp nach Hause. Er sah im Wohnzimmer +droben noch Licht brennen, also saß die Meisterin noch auf und wartete +auf ihn. Er spuckte ärgerlich aus und wäre beinahe davongelaufen, gleich +jetzt in die Nacht hinein. Aber er war müde, und es würde regnen, und +dem Weißgerber wollte er das auch nicht antun, und außerdem spürte er +auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen Schabernack. + +So fischte er denn den Schlüssel aus seinem Versteck heraus, schloß +vorsichtig wie ein Dieb die Haustüre auf, zog sie hinter sich zu, schloß +mit zusammengepreßten Lippen geräuschlos ab und versorgte den Schlüssel +sorgfältig am alten Platz. Dann stieg er auf Socken, die Schuhe in der +Hand, die Stiege hinauf, sah Licht durch eine Ritze der angelehnten +Stubentür und hörte die beim langen Warten eingeschlafene Meisterin +drinnen auf dem Kanapee tief in langen Zügen atmen. Darauf stieg er +unhörbar in seine Kammer hinauf, schloß sie von innen fest ab und ging +ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde abgereist. + + + + +Meine Erinnerung an Knulp + + +Es war noch mitten in der fröhlichen Jugendzeit, und Knulp war noch am +Leben. Wir wanderten damals, er und ich, in der glühenden Sommerszeit +durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig Sorgen. Tagsüber +schlenderten wir an den gelben Kornfeldern hin oder lagen auch unter +einem kühlen Nußbaum oder am Waldesrand, am Abend aber hörte ich zu, wie +Knulp den Bauern Geschichten erzählte, den Kindern Schattenspiele +vormachte und für die Mädchen seine vielen Lieder sang. Ich hörte mit +Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den Mädchen stand und sein +braunes Gesicht wetterleuchtete und die Jungfern zwar viel lachten und +spotteten, aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, da schien es mir +zuweilen, er sei doch ein seltener Glücksvogel oder ich das Gegenteil, +und dann ging ich manchmal zur Seite, um nicht so überflüssig dabei zu +stehen, und begrüßte entweder den Pfarrer in seiner Wohnstube um ein +gescheites Abendgespräch und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins +Gasthaus zu einem stillen Wein. + +Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir an einem Kirchhof +vorüber, der samt einer kleinen Kapelle verlassen zwischen den Feldern +lag, weit weg vom nächsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebüschen überm +Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in dem heißen Lande ruhte. Am +Eingangsgitter standen zwei große Kastanienbäume, es war aber +verschlossen, und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, er +schickte sich an, über die Mauer zu steigen. + +Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?« + +»Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.« + +»Ja, muß es denn gerade ein Kirchhof sein?« + +»Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gönnen sich nicht viel, das weiß +ich wohl, aber unter der Erde wollen sie's doch gut haben. Darum lassen +sie sich's gern eine Mühe kosten und pflanzen was Sauberes auf die +Gräber und daneben.« + +Da stieg ich mit hinüber und sah, daß er recht hatte, denn es lohnte +sich wohl, über das Mäuerlein zu klettern. Da innen lagen in geraden +und in krummen Reihen die Gräber nebeneinander, die meisten mit einem +weißen Kreuz von Holz versehen, und darauf und darüber war es grün und +blumenfarbig. Da glühte freudig Winde und Geranium, im tiefern Schatten +auch noch später Goldlack, und Rosenbüsche hingen voller Rosen, und +Fliederbäume und Holunderbäume standen dick im Holz und Laub, daß es wie +ein Lustgarten war. + +Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns dann im Grase, das +stellenweise hoch und in Blüte stand, und ruhten aus und wurden kühl und +zufrieden. + +Knulp las den Namen auf dem nächsten Kreuz und sagte: »Der heißt +Engelbert Auer und ist über sechzig Jahr alt geworden. Dafür liegt er +jetzt unter Reseden, was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden +möcht ich schon auch einmal haben, und einstweilen nehm ich eine von den +hiesigen mit.« + +Ich sagte: »Laß sie nur und nimm was anderes, Reseden welken bald.« + +Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, der neben ihm im +Grase lag. + +»Wie es da schön still ist!« sagte ich. + +Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig stiller wär, so könnten +wir wohl die da drunten reden hören.« + +»Das nicht. Die haben ausgeredet.« + +»Weiß man's? Man sagt doch immer, der Tod ist ein Schlaf, und im Schlaf +redet man oft und singt auch mitunter.« + +»Du vielleicht schon.« + +»Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär, da würd ich warten, bis +am Sonntag die Mädlein herüberkommen und still herumstehen und sich von +einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann würd ich ganz leis anfangen +singen.« + +»So, und was denn?« + +»Was? Irgendein Lied.« + +Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen zu und fing bald mit +einer leisen, kindlichen Stimme an zu singen: + + »Weil ich früh gestorben bin, + Drum singet mir, ihr Jüngferlein, + Ein Abschiedslied. + Wenn ich wiederkomm, + Wenn ich wiederkomm, + Bin ich ein schöner Knabe.« + +Ich mußte lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. Er sang schön und +zart, und wenn manchmal die Worte keinen völligen Sinn hatten, war doch +die Melodie recht fein und machte es schön. + +»Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht zu viel, sonst hören +sie dir bald nimmer zu. Das mit dem Wiederkommen ist schon recht, aber +gewiß weiß das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schöner Knabe +wirst, das ist erst recht nicht sicher.« + +»Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es wäre mir lieb. Weißt du noch, +vorgestern, der kleine Bub mit der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt +haben? So wär ich gern wieder einer. Du nicht auch?« + +»Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann gekannt, wohl über +siebzig, der hat so still und gut geblickt, und mir kam es vor, als +könne an ihm nur Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk ich +hie und da, so möcht ich gern auch einer werden.« + +»Ja, da fehlt dir noch ein Stückchen dran, weißt du. Und es ist +überhaupt komisch mit dem Wünschen. Wenn ich jetzt im Augenblick bloß zu +nicken brauchte und wäre dann so ein netter kleiner Bub, und du +brauchtest bloß zu nicken und wärst ein feiner milder alter Kerl, so +würde doch keiner von uns nicken. Sondern wir würden ganz gern bleiben, +wie wir sind.« + +»Das ist auch wahr.« + +»Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: Das Allerschönste und +Allerfeinste, was es überhaupt gibt, das ist ein schlankes junges +Fräulein mit einem blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht oft +genug, daß eine Schwarze fast noch schöner ist. Und außerdem, es +geschieht auch wieder, daß mir so scheint: Das Allerschönste und das +Feinste von allem ist doch ein schöner Vogel, wenn man ihn so frei in +der Höhe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts so wundersam +wie ein Schmetterling, ein weißer zum Beispiel mit roten Augen auf den +Flügeln, oder auch ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, wenn +alles glänzt und doch nicht blendet, und alles dann so froh und +unschuldig aussieht.« + +»Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn man es in der guten +Stunde anschaut.« + +»Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schönste ist immer so, +daß man dabei außer dem Vergnügen auch noch eine Trauer hat oder eine +Angst.« + +»Ja wie denn?« + +»Ich meine so: Eine recht schöne Jungfer würde man vielleicht nicht gar +so fein finden, wenn man nicht wüßte, sie hat ihre Zeit und danach muß +sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle +Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl freuen, aber ich +würd es dann kälter anschauen und denken: Das siehst du immer noch, es +muß nicht heute sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben +kann, das schaue ich an und habe nicht bloß Freude, sondern auch ein +Mitleid dabei.« + +»Nun ja.« + +»Darum weiß ich auch nichts Feineres, als wenn irgendwo bei Nacht ein +Feuerwerk angestellt wird. Da gibt es blaue und grüne Leuchtkugeln, die +steigen in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schönsten sind, +dann machen sie einen kleinen Bogen und sind aus. Und wenn man dabei +zuschaut, so hat man die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst: +gleich ist's wieder aus, und das gehört zueinander und ist viel schöner, +als wenn es länger dauern würde. Nicht?« + +»Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht für alles.« + +»Warum nicht?« + +»Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben und heiraten, oder wenn +zwei miteinander eine Freundschaft schließen, so ist das doch gerade +deswegen schön, weil es für die Dauer ist und nicht gleich wieder ein +Ende haben soll.« + +Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er mit seinen schwarzen +Wimpern und sagte nachdenklich: »Mir ist es auch recht. Aber auch das +hat doch einmal sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer +Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe auch.« + +»Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es kommt.« + +»Ich weiß nicht. -- Sieh, du, ich habe zweimal in meinem Leben eine +Liebschaft gehabt, ich meine eine richtige, und beidemal wußte ich +gewiß, daß das für immer sei und nur mit dem Tod aufhören könne, und +beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht gestorben. Auch +einen Freund hab ich gehabt, daheim noch in unsrer Stadt, und hätte +nicht gedacht, daß wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen könnten. +Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon lang.« + +Er schwieg, und ich wußte nichts dazu zu sagen. Das Schmerzliche, das in +jedem Verhältnis zwischen Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis +geworden, und ich hatte es noch nicht erfahren, daß zwischen zwei +Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen +bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit +einem Notsteg überbrücken kann. Ich dachte über die vorigen Worte meines +Kameraden nach, von denen mir das über die Leuchtkugeln am besten +gefiel, denn ich hatte das selber schon manches Mal empfunden. Die leise +lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend und allzubald darin +ertrinkend, schien mir ein Sinnbild aller menschlichen Lust, die je +schöner sie ist, desto weniger befriedigt und desto rascher wieder +verglühen muß. Das sagte ich auch zu Knulp. + +Aber er ging nicht darauf ein. + +»Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten Weile, mit gedämpfter +Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen hat keinen Wert, und man tut ja +auch nicht, wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz +unüberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit dem Freundsein und +Verlieben ist vielleicht doch so, wie ich meine. Am Ende hat doch ein +jeder Mensch das Seinige ganz für sich und kann es nicht mit anderen +gemein haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird geheult und +getrauert, einen Tag und einen Monat und auch ein Jahr, aber dann ist +der Tote tot und fort, und es könnte in seinem Sarge drin gerade so gut +ein heimatloser und unbekannter Handwerksbursch liegen.« + +»Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben doch oft geredet, daß +das Leben schließlich einen Sinn haben muß und daß es einen Wert hat, +wenn einer gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. Aber +so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, und wir könnten +gerade so gut stehlen und totschlagen.« + +»Nein, das könnten wir nicht, mein Lieber. Schlag doch einmal die paar +nächsten Leute tot, die wir treffen, wenn du's vermagst! Oder verlang +einmal von einem gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich +aus.« + +»So mein ich's auch nicht. Aber wenn doch alles einerlei ist, dann hat +es keinen Sinn, daß man gut und redlich sein will. Dann gibt es ja kein +Gutsein, wenn blau so gut wie gelb und bös so gut wie gut ist. Dann ist +eben jeder wie ein Tier im Wald und tut nach seiner Natur und hat weder +ein Verdienst noch eine Schuld dabei.« + +Knulp seufzte. + +»Ja, was soll man darüber sagen! Vielleicht ist es so, wie du sagst. +Dann wird man auch deswegen oft so dumm betrübt, weil man spürt, daß das +Wollen keinen Wert hat, und daß alles ganz ohne uns seinen Weg geht. +Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn einer nicht anders +hat können als schlecht sein. Denn er spürt es doch in sich. Und darum +muß auch das Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt und +sein gutes Gewissen hat.« + +Ich sah es seinem Gesicht an, daß er dieser Gespräche satt war. Es ging +ihm oft so, er kam ins Philosophieren hinein, stellte Sätze auf, redete +für sie und wider sie und hörte plötzlich wieder auf. Früher hatte ich +gemeint, er sei dann meiner unzulänglichen Antworten und Einwürfe müde. +Aber es war nicht so, sondern er fühlte, daß seine Neigung zum +Spekulieren ihn auf Gelände führe, wo seine Kenntnisse und Redemittel +nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, unter anderem +Tolstoi, aber er konnte zwischen richtigen und Trugschlüssen nicht immer +genau unterscheiden und fühlte das selber. Von den Gelehrten redete er, +wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen redet: er mußte anerkennen, +daß sie mehr Macht und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, daß +sie doch damit nichts Rechtes anfingen und mit allen ihren Künsten doch +keine Rätsel lösen konnten. + +Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Händen, starrte durch das +schwarze Holunderlaub in den blauen heißen Himmel und summte ein altes +Volkslied vom Rhein vor sich hin. Ich weiß noch den letzten Vers: + + Nun hab ich getragen den roten Rock, + Nun muß ich tragen den schwarzen Rock, + Sechs, sieben Jahr, + Bis daß mein Lieb verweset war. + + * * * * * + +Spät am Abend saßen wir am dunklen Rand eines Gehölzes einander +gegenüber, jeder mit einem großen Stück Brot und einer halben +Schützenwurst, aßen und sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch +waren die Hügel vom gelben Widerschein des Späthimmels beglänzt und in +flaumig schwimmendem Lichtrauch aufgelöst gewesen, nun aber standen sie +schon dunkel und scharf und malten ihre Bäume, Felderrücken und Gebüsche +schwarz auf den Himmel, der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon +viel mehr tiefes Nachtblau hatte. + +Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander drollige Sachen +aus einem kleinen Büchlein vorgelesen, das hieß »Musenklänge aus +Deutschlands Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder +mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit dem Tageslicht sein Ende +gefunden. Als wir fertig gegessen hatten, wünschte Knulp Musik zu hören, +und ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen war, +putzte sie aus und spielte die paar oft gehörten Melodien wieder. Die +Dunkelheit, in der wir schon eine Weile saßen, hatte sich vor uns nun +weit in das vielfältig gewölbte Land hinein verbreitet, auch der Himmel +hatte seinen bleichen Schein verloren und ließ im Schwärzerwerden +langsam einen Stern um den andern hervorglühen. Die Töne unserer +Harmonika flogen leicht und dünn feldeinwärts und verloren sich bald in +den weiten Lüften. + +»Wir können doch noch nicht gleich schlafen,« sagte ich zu Knulp. +»Erzähl mir noch eine Geschichte, sie braucht nicht wahr zu sein, oder +ein Märchen.« + +Knulp besann sich. + +»Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Märchen, beides +beieinander. Es ist nämlich ein Traum. Vorigen Herbst hat es mir so +geträumt und seither zweimal ganz ähnlich, das will ich dir erzählen: + +Da war eine Gasse in einem Städtlein, ähnlich wie bei mir daheim, alle +Häuser streckten die Giebel auf die Gassenseite, aber sie waren höher, +als man sie sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn ich +nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; aber ich hatte +nur eine halbe Freude, denn es war nicht alles in Ordnung, und ich +wußte nicht ganz sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht +in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein sollte, und ich +kannte sie sofort wieder, aber viele Häuser waren fremd und ungewohnt, +auch fand ich die Brücke und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt +dessen an einem unbekannten Garten und an einer Kirche vorbei, die war +wie in Köln oder in Basel, mit zwei großen Türmen. Unsre Kirche daheim +aber hat keine Türme gehabt, sondern nur einen kurzen Stumpen mit einem +Notdach, weil sie früher sich verbaut haben und den Turm nicht fertig +machen konnten. + +So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir +ganz wohlbekannt, ich wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um +sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in +eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer näherkam und an mir +vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er vorüber +und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und +ich müsse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden +beieinander stehen, und eine davon, schien mir's, war sogar meine +verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder +nimmer und höre auch, daß sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich +kaum verstehen kann. + +Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt draußen wäre, +sie ist's und ist's doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein +bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle +auch wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und +verdrießlich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet +hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als +unnütze, dumme Redensarten ein -- zum Beispiel 'Sehr geehrter Herr' und +'Unter den obwaltenden Umständen' -- und die sagte ich verwirrt und +traurig vor mich hin. + +Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm +und müd war und völlig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon +Abend, und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der Herberge +oder nach der Landstraße zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und +alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor +Müdigkeit und Verzweiflung geweint. + +Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte +Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das +störte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus +ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich wieder, und endlich auch +unser altes väterliches Haus. Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst +aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief +mir wie ein Grausen den Rücken hinauf. + +Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette +geheißen. Nur sah sie größer und etwas anders aus als früher, war aber +nur noch schöner geworden. Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre +Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch +merkte ich nun auch, daß sie hellblond war und nicht braun wie die +Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt. + +'Henriette!' rief ich hinüber und zog den Hut ab, weil sie so fein und +herrlich aussah, daß ich nicht wußte, ob sie mich noch werde kennen +wollen. + +Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so +ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern und schämen, denn es war gar +nicht die, für die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die +Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war. + +'Lisabeth!' rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin. + +Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen +würde, nicht streng und etwa hochmütig, sondern ganz ruhig und klar, +aber so geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie +wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schüttelte sie den Kopf wie +auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins +Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. Ich hörte noch das +Schloß einschnappen. + +Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tränen und Leidwesen +kaum aus den Augen sah, war es doch merkwürdig, wie die Stadt sich +wieder verwandelt hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und jedes Haus +und alles genau wie in früherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden. +Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die +Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn +sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an. +Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben. +Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg über die +Brücke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor +Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, es sei hier für mich +alles verloren und ich müsse in Schande fortlaufen. + +Dann, wie ich vor der Stadt draußen unter den Pappeln war und ein wenig +anhalten mußte, fiel mir's erst ein, daß ich daheim und vor unserem Haus +gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und Freunde und alles +mit keinem Gedanken gedacht habe. Es war eine Verwirrung, Kümmernis und +Scham in meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte nicht umkehren +und alles gutmachen, denn der Traum war aus, und ich wurde wach.« + + * * * * * + +Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner +anderen vermischen. Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können +miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie +Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der andern +kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben +nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie +gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt, +dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und +geht hin, wie und wo er will.« + +Und später: »Der Traum, den ich dir erzählt habe, hat vielleicht die +gleiche Bedeutung. Ich habe weder der Henriette mit Wissen unrecht getan +noch der Lisabeth. Aber durch das, daß ich beide einmal liebgehabt und +zu eigen habe nehmen wollen, sind sie für mich zu einer solchen +Traumgestalt geworden, die beiden ähnlich sieht und doch keine ist. Die +Gestalt gehört mir eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe +ich auch oft über meine Eltern nachdenken müssen. Die meinen, ich sei +ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn ich sie auch lieben muß, bin ich +doch ihnen ein fremder Mensch, den sie nicht verstehen können. Und das, +was die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine Seele ist, das +finden sie nebensächlich und schreiben es meiner Jugend oder Laune zu. +Dabei haben sie mich gern und täten mir gern alles Liebe. Ein Vater kann +seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe +mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu.« + +Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege damals noch +nicht, wenigstens nicht aus eigenem Bedürfnis, gegangen war. Mir war bei +diesem Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir nicht bis +ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es werde auch für Knulp mehr +ein Spiel als ein Kampf sein. Außerdem war es friedsam schön, da zu +zweien im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den Schlaf zu +warten und die frühen Sterne zu betrachten. + +Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hättest sollen Professor +werden.« + +Er lachte und schüttelte den Kopf. + +»Viel eher könnt es sein, daß ich noch einmal zur Heilsarmee ginge,« +meinte er dann nachdenklich. + +Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir doch nichts vor! Willst +du nicht auch noch ein Heiliger werden?« + +»Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, wenn es ihm mit +seinen Gedanken und Taten wirklich Ernst ist. Wenn man etwas für recht +hält, muß man es tun. Und wenn ich es einmal für das richtige halte, daß +ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich's hoffentlich auch tun.« + +»Immer die Heilsarmee!« + +»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten +gesprochen und auch viele Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und +Lehrer und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden hören; +aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und +dem ich zugetraut hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit sich +selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen +und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen +ist es Ernst gewesen.« + +»Woher weißt du das denn?« + +»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine +Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze, +daß er bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht ausgesehen. +Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, ließ er seine drei Kameraden einen +Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um +ihn herumgestanden, Kinder und Große, und haben ihn für Narren gehabt +und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche +und ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu +ärgern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös +geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem +Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelächelt, wo ein +andrer geheult oder geflucht hätte. Weißt du, das tut einer nicht um +einen Hungerlohn und um des Vergnügens willen, sondern er muß eine große +Helligkeit und Gewißheit in sich haben.« + +»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und wer ein feiner und +empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.« + +»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was noch viel besser ist +als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es paßt freilich nicht eins +für alle, aber die Wahrheit, die muß für alle passen.« + +»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die +Wahrheit haben.« + +»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal +finde, daß das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.« + +»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen läßt du +sie nimmer gelten.« + +Er sah mich betroffen an. + +»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.« + +Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald +sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube +nicht, daß er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch +weit über eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und schaute in +das nächtliche Land hinein. + + * * * * * + +Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich +sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und +sagte: »Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, wenn einer +so einen guten Tag hat?« + +»Nein, woher?« + +»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen und recht viel Schönes +geträumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir's heute. Ich +habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, aber alles +vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich schön gewesen ist.« + +Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe +hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, mühelosen Stimme +drei, vier nagelneue Lieder in die nüchterne Frühe hinein. +Aufgeschrieben und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht recht wenig +vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer Dichter war, so war er doch ein +kleiner, und während er sie selber sang, sahen seine Liedchen den +schönsten anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und einzelne +Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schön und mir +noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine +Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die +Lüfte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen +anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht. + + Hell und sonntagsangetan + Wie ein Fräulein aus dem Tor, + Kommt sie rot und aber stolz + Überm Tannenwald hervor -- + +so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer +vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das +Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie +saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie +auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut +entströmen zu lassen. + +Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir +begrüßten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns +her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns +wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander Streiche und Witze aus der +Schulzeit, hingen den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen +und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an einem verborgenen Gartenzaun an +gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Kräfte und +Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten. + +Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hätte ich +ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute +mich darauf, daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern +und Lustigsein erst anheben sollte. + +Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im Grase als wir +marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange +Luft zusammen, so daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen. + +Knulp wurde nun allmählich stiller und ein wenig müde, doch merkte ich +es kaum, denn er lachte noch immer herzlich mit und stimmte oft in +meinen Gesang ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fühlte ein +Freudenfeuer um das andere in mir angehen. Vielleicht war es bei Knulp +umgekehrt, daß in ihm die festlichen Lichter schon zu verglimmen +begannen. Mir ist es damals immer so gegangen, daß ich an frohen Tagen +gegen die Nacht hin immer lebhafter wurde und kein Ende finden konnte, +ja, oft trieb ich mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden +allein herum, wenn die andern längst ermüdet waren und schliefen. + +Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch damals, und ich freute +mich, als wir talwärts gegen ein stattliches Dorf kamen, auf eine +lustige Nacht. Vorerst bestimmten wir eine abseits stehende, leicht +zugängliche Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir in das Dorf +ein und in einen schönen Wirtsgarten, denn ich hatte meinen Freund für +heute als meinen Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar +Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag war. + +Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. Doch als wir unter +einem schönen Platanenbaum an unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er +halb verlegen: »Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, gelt? Eine +Flasche Bier trink ich gern, das tut gut und ist mir ein Vergnügen, aber +mehr mag ich kaum vertragen.« + +Ich ließ es gut sein und dachte: Wir werden schon zu so viel oder wenig +kommen, als uns Freude macht. Wir aßen den heißen Eierkuchen und ein +kräftig frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings ließ ich mir +bald eine zweite Flasche Bier bringen, während Knulp seine erste noch +halbvoll hatte. Mir war, da ich wieder üppig und herrschaftlich an einem +guten Tische saß, herzlich wohl zumut, und ich dachte das heute abend +noch eine Weile zu genießen. + +Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er trotz meiner Bitten keine +zweite an und schlug mir vor, jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu +schlendern und dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht +meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. Und da +meine Flasche noch nicht leer war, hatte ich auch nichts dagegen, daß er +einstweilen vorausging, wir würden uns nachher schon wieder treffen. + +Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit seinem bequemen, +genießenden Feierabendschritt, eine Sternblume hinterm Ohr, die paar +Treppen hinab auf die breite Gasse und langsam dorfeinwärts bummelte. +Und wenn es mir auch leid tat, daß er nicht noch eine Flasche mit mir +leeren wollte, dachte ich im Nachschauen doch froh und zärtlich: Du +lieber Kerl! + +Inzwischen nahm die Schwüle, trotzdem die Sonne schon verschwunden war, +noch immer zu. Ich hatte das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem +frischen Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem Tische noch +auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe der einzige Gast war, fand die +Kellnerin reichlich Zeit, mit mir ein Gespräch zu pflegen. Ich ließ mir +von ihr auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine anfänglich +für Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie nachher in der Vergeßlichkeit +selber noch. + +Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder und wollte mich +abholen. Ich war jedoch seßhaft geworden, und da er müde war und Schlaf +hatte, wurden wir einig, daß er an unsere Schlafstätte gehen und sich +hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin aber fing sofort an, +mich nach ihm auszufragen, denn er stach allen Mädchen in die Augen. Ich +hatte nichts dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein Schatz, +und ich pries ihn sogar noch mächtig, denn mir war wohl und ich meinte +es mit jedermann gut. + +Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu winden an, als ich +endlich spät aufbrach. Ich zahlte, schenkte dem Mädchen einen Zehner und +machte mich ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spürte ich wohl, daß ich +eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte die letzte Zeit +ganz ohne starkes Getränk gelebt. Doch machte mich das nur vergnügt, +denn ich konnte schon etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg +vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da stieg ich leise +hinein und fand richtig den Knulp im Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie +er hemdärmlig auf seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und +gleichmäßig atmete. Seine Stirn und der bloße Hals und die eine Hand, +die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem trüben Halbdunkel einen +bleichen Schein. + +Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch machte die Erregung und +der eingenommene Kopf mich immer wieder wach, und es wurde draußen schon +Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf einschlief. Es war +ein fester, doch kein guter Schlaf, ich war schwer und matt geworden und +hatte undeutliche, plagende Träume. + +Am Morgen erwachte ich erst spät, es war schon voller Tag, und das helle +Licht tat mir in den Augen weh. Mein Kopf war leer und trüb und die +Glieder müde. Ich gähnte lange, rieb mir die Augen und streckte die +Arme, daß die Gelenke knackten. Aber trotz der Müdigkeit hatte ich noch +einen Rest und Nachklang von der gestrigen Laune in mir und dachte den +kleinen Jammer am nächsten klaren Brunnen von mir zu spülen. + +Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war Knulp nicht vorhanden. +Ich rief und pfiff nach ihm und war im Anfang noch ganz arglos. Als +jedoch Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir plötzlich die +Erkenntnis, daß er mich verlassen habe. Ja, er war fort, heimlich +fortgegangen, er hatte nicht länger bei mir bleiben mögen. Vielleicht +weil ihm mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil er sich +heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit schämte, vielleicht nur +aus einer Laune, vielleicht aus Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus +einem plötzlich erwachten Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich +war doch mein Trinken daran schuld. + +Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfüllten mich ganz. Wo war +jetzt mein Freund? Ich hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine +Seele ein wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun war er fort, +ich stand allein und enttäuscht, mußte mich mehr als ihn anklagen und +hatte nun die Einsamkeit, in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und +an die ich nie ganz hatte glauben mögen, selber zu kosten. Sie war +bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie ist inzwischen wohl +manches Mal lichter geworden, aber völlig will sie mich seither nimmer +verlassen. + + + + +Das Ende + + +Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, durchsonnte Luft wurde +von launigen kurzen Windzügen bewegt, aus Feldern und Gärten zog in +dünnen, zögernden Bändern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern und +erfüllte die lichte Landschaft mit einem scharfsüßen Geruch von +verbranntem Kraut und Grünholz. In den Dorfgärten blühten sattfarbige +Buschastern, späte bläßliche Rosen und Georginen, und an den Zäunen +brannte noch hier und dort eine feurige Kapuzinerblüte aus dem schon +matt und weißlich schimmernden Gekräut. + +Auf der Landstraße nach Bulach fuhr langsam der Einspänner des Doktors +Machold. Der Weg ging sachte bergan, links abgemähte Äcker und +Kartoffelfelder, in denen noch geerntet wurde, rechts junger enger +Fichtenwald halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrängten Stangen +und dürren Zweigen, der Boden gleichfarbig trockenbraun voll dick +gelagerter welker Nadeln. Geradeaus führte die Straße einfach in den +zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die Welt ein Ende. + +Der Doktor hielt die Zügel lose in den Händen und ließ das alte +Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam von einer sterbenden Frau, der +nicht mehr zu helfen war und die doch zäh ums Leben gekämpft hatte bis +zur letzten Stunde. Nun war er müde und genoß die stille Fahrt durch den +freundlichen Tag; seine Gedanken waren eingeschlafen und folgten leicht +betäubt und willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen +aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen an Herbstferientage +der Schülerzeit und weiter zurück in klangvolle, gestaltlose +Kindheitsdämmerung. Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, und seine +Sinne folgten erfahren und willig allen ländlichen Zeichen der +Jahreszeiten und ihrer Geschäfte. + +Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das Stehenbleiben des Wagens. +Eine Wasserrinne lief quer über die Straße, darin fanden die Vorderräder +einen Halt, und das Roß blieb dankbar stehen, senkte den Kopf und genoß +wartend die Rast. + +Machold ermunterte sich über dem plötzlichen Verstummen der Räder, nahm +die Zügel zusammen, sah lächelnd nach verdämmerten Minuten Wald und +Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und trieb den Gaul mit +vertraulichem Zungenschnalzen zum Weitersteigen an. Darauf setzte er +sich aufrecht, er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte +sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen Schritt weiter, zwei +Weiber grüßten vom Felde, in Schattenhüten hinter einer langen Front von +gefüllten Kartoffelsäcken hervor. + +Die Höhe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den Kopf, ermuntert und +voll Erwartung, nächstens den langen Sattel des heimatlichen Hügels +hinabzutraben. Da erschien im nahen lichten Horizont von drüben her ein +Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom Blau umlodert frei und +hoch, stieg nieder und wurde grau und klein. Er kam näher, ein magerer +Mann mit kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der +Landstraße daheim, er ging müde und mühevoll, aber er zog den Hut mit +stiller Artigkeit und sagte: Grüß Gott. + +»Grüß Gott,« sagte der Doktor Machold und sah dem Fremden nach, der +schon vorüber war, und plötzlich hielt er den Gaul an, wandte sich +stehend über das knarrende Lederdach zurück und rief: »Heda, Sie! Kommen +Sie einmal her!« + +Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zurück. Er lächelte schwach +herüber, wandte sich wieder ab und schien weitergehen zu wollen, dann +besann er sich dennoch und kehrte gehorsam um. + +Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte den Hut in der Hand. + +»Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold. + +»Der Straße nach, gegen Berchtoldsegg.« + +»Kennen wir einander nicht? Ich kann bloß nicht auf den Namen kommen. +Sie wissen doch, wer ich bin?« + +»Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.« + +»Na also? Und Sie? Wie heißen Sie?« + +»Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir sind einmal nebeneinander +beim Präzeptor Plocher gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die +lateinischen Präparationen von mir abgeschrieben.« + +Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann in die Augen. Dann +klopfte er ihm auflachend auf die Schulter. + +»Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der berühmte Knulp, und wir sind +Schulkameraden. So laß dir doch die Hand schütteln, alter Kerl! Wir +haben uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch auf der +Wanderschaft?« + +»Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, wenn man älter wird.« + +»Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? Wieder einmal der Heimat +zu?« + +»Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe eine Kleinigkeit +dort zu tun.« + +»So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?« + +»Niemand mehr.« + +»Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. Wir sind doch erst +Vierziger, wir zwei. Und daß du so einfach an mir vorbei hast laufen +wollen, ist nicht recht von dir. -- Weißt du, mir scheint, du könntest +vielleicht einen Doktor brauchen.« + +»Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir fehlt, das kann doch kein +Doktor kurieren.« + +»Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und komm mit mir, dann +können wir besser reden.« + +Knulp trat ein wenig zurück und setzte den Hut wieder auf. Mit +verlegenem Gesicht wehrte er sich, als der Doktor ihm in den Wagen +helfen wollte. + +»Ach, wegen dessen, das wäre nicht nötig. Das Rößlein rennt dir nicht +fort, solang wir dastehen. + +Indessen faßte ihn ein Anfall von Husten, und der Arzt, der schon +Bescheid wußte, packte ihn kurzerhand und setzte ihn in das Gefährt. + +»So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir droben, und dann geht's +Trab, in einer halben Stunde sind wir daheim. Du brauchst keine +Unterhaltung zu machen, mit deinem Husten, wir können dann daheim weiter +reden. -- -- Was? -- -- Nein, das hilft dir jetzt nichts mehr, kranke +Leute gehören ins Bett und nicht auf die Landstraße. Weißt du, damals im +Latein hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an der +Reihe.« + +Sie fuhren über den Höhenrücken und mit pfeifender Bremse den langen +Sattel hinab; gegenüber sah man schon die Dächer von Bulach über den +Obstbäumen. Machold hielt die Zügel kurz und paßte auf den Weg, und +Knulp ergab sich müde in halbem Behagen dem Genuß des Fahrens und der +gewaltsamen Gastfreundschaft. Morgen, dachte er, oder spätestens +übermorgen walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen noch +zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld mehr, der die Tage und Jahre +verschwendete. Er war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr +hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu sehen. + +In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube und gab ihm Milch +zu trinken und Brot mit Schinken zu essen. Dabei plauderten sie und +fanden langsam die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn der Arzt ins +Verhör, das der Kranke gutmütig und etwas spöttisch über sich ergehen +ließ. + +»Weißt du eigentlich, was dir fehlt?« fragte Machold am Ende seiner +Untersuchung. Er sagte es leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm +dafür dankbar. + +»Ja, ich weiß schon, Machold. Es ist die Auszehrung, und ich weiß auch, +daß es nimmer lang gehen kann.« + +»Na, wer weiß! Aber dann mußt du also auch einsehen, daß du in ein Bett +und in eine Pflege gehörst. Einstweilen kannst du ja hier bei mir +bleiben, ich sorge inzwischen für einen Platz im nächsten Spital. Es +spukt bei dir, mein Lieber, und du mußt dich zusammennehmen, daß du's +noch einmal durchhaust.« + +Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein hageres und graues +Gesicht mit einem Ausdruck von Schelmerei dem Doktor zu und sagte +gutmütig: »Du machst dir viele Mühe, Machold. Also meinetwegen. Aber von +mir darfst du nimmer viel erwarten.« + +»Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die Sonne, so lang sie +noch in den Garten scheint. Die Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir +müssen dir auf die Finger sehen, Knülplein. Daß so ein Mensch, der sein +ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht hat, sich dabei +ausgerechnet die Lungen kaputt macht, ist eigentlich nicht in der +Ordnung.« + +Damit ging er weg. + +Die Haushälterin Lina war nicht erfreut und wehrte sich dagegen, so +einen Landstreicher ins Gastzimmer zu lassen. Aber der Doktor schnitt +ihr das Wort ab. + +»Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer lang zu leben, er muß es +bei uns noch ein bißchen gut haben. Sauber ist er übrigens immer +gewesen, und eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie ihm +eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht meine +Winterpantoffeln. Und vergessen Sie nicht: Der Mann ist ein Freund von +mir.« + + * * * * * + +Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen Morgen im Bett +verdämmert, wo er sich erst allmählich darauf besinnen konnte, bei wem +er sei. Als die Sonne herausgekommen war, hatte Machold ihm das +Aufstehen erlaubt, und nun saßen sie beide nach Tisch bei einem Glas +Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp war vom guten Essen und von +seinem halben Glas Wein munter und gesprächig geworden, und der Doktor +hatte sich für eine Stunde frei gemacht, um noch einmal mit dem +seltsamen Schulkameraden zu plaudern und vielleicht etwas über dieses +nicht gewöhnliche Menschenleben zu erfahren. + +»Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt hast?« sagte er +lächelnd. »Dann ist ja alles gut. Sonst hätte ich aber doch gesagt, es +ist eigentlich schad um so einen Kerl wie dich. Du hättest ja kein +Pfarrer oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber wäre ein +Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir geworden. Ich weiß +nicht, ob du deine Gaben benutzt und weiter gebildet hast, aber du hast +sie für dich allein verbraucht. Oder nicht?« + +Knulp stützte das Kinn mit dem dünnen Bärtchen in die hohle Hand und sah +auf die roten Lichter, die hinterm Weinglas auf dem besonnten Tischtuch +spielten. + +»Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die Gaben, wie du es nennst, +damit ist es nicht so weit her. Ich kann ein bißchen kunstpfeifen, auch +Handorgel spielen und manchmal Verslein machen, früher bin ich auch ein +guter Läufer gewesen und habe nicht schlecht getanzt. Das ist alles. Und +daran habe ich ja nicht allein Freude gehabt, es waren meistens +Kameraden dabei, oder junge Mädel oder Kinder, die haben ihren Spaß +daran gehabt und sind mir manchmal dafür dankbar gewesen. Wir wollen es +gut sein lassen und damit zufrieden sein.« + +»Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins muß ich dich noch +fragen. Du bist damals bis in die fünfte Klasse mit mir in die +Lateinschule gegangen, ich weiß es noch genau, und bist ein guter +Schüler gewesen, wenn auch kein Musterbub. Und dann auf einmal warst du +weg, und es hieß, du gehest jetzt in die Volksschule, und da waren wir +auseinander, ich durfte ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der +in die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? Später, wenn ich +von dir hörte, habe ich immer gedacht: Wenn er damals bei uns in der +Schule geblieben wäre, hätte alles anders kommen müssen. Also, wie war's +damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter das Schulgeld nimmer +zahlen mögen, oder was sonst?« + +Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere Hand, doch trank er +nicht, er blickte nur durch den Wein gegen das grüne Gartenlicht und +stellte dann den Kelch vorsichtig auf den Tisch zurück. Schweigend +schloß er dann die Augen und versank in Gedanken. + +»Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein Freund. »Es muß ja +nicht sein.« + +Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und prüfend ins Gesicht. + +»Doch,« sagte er, noch zögernd, »ich glaube, es muß sein. Ich habe das +nämlich noch nie einem Menschen erzählt. Aber jetzt ist es vielleicht +ganz gut, wenn jemand es hört. Es ist ja bloß eine Kindergeschichte, +aber für mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir jahrelang zu +schaffen gemacht. Sonderbar, daß du gerade danach fragst!« + +»Warum?« + +»Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken müssen, und deswegen +bin ich auch wieder auf dem Weg nach Gerbersau.« + +»Ja, dann erzähle.« + +»Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute Freunde gewesen, wenigstens +bis in die dritte oder vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger +zusammen, und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus gepfiffen.« + +»Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit mehr als zwanzig Jahren +nimmer gedacht. Mensch, was hast du für ein Gedächtnis! Und weiter?« + +»Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. Die Mädchen waren daran +schuld. Ich bin ziemlich früh auf sie neugierig geworden, und du hast +noch an den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da wußte ich +schon so ziemlich, wie es mit Buben und Mädeln beschaffen ist. Das war +mir damals die Hauptsache, darum bin ich nimmer viel bei eurem +Indianerspiel dabei gewesen.« + +»Da warst du zwölf Jahr alt, nicht?« + +»Fast dreizehn, ich bin ein Jahr älter als du. Wie ich einmal krank war +und im Bett lag, da hatten wir eine Base zum Besuch da, die war drei +oder vier Jahr älter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und +als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal nachts zu ihr in die +Stube gegangen. Da wurde mir bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und +ich war elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der Base wollte ich +jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir verleidet, und ich hatte Angst +vor ihr, aber die Sache war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin +ich eine Zeitlang bloß den Mädchen nachgegangen. Beim Rotgerber Haasis +waren zwei Töchter in meinem Alter, und da kamen auch andere Mädchen aus +der Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln Böden Verstecken und +hatten immer viel zu kichern und zu kitzeln und geheim zu tun. Ich war +meistens der einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte ich +einer von ihnen die Zöpfe flechten oder eine gab mir einen Kuß, wir +waren alle noch unerwachsen und wußten nicht recht Bescheid, aber es war +alles voll von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich in die +Büsche und sah ihnen zu. -- -- Und eines Tages war eine Neue da, eine aus +der Vorstadt, ihr Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat +Franziska geheißen, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut gefallen.« + +Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater geheißen? Vielleicht kenn +ich sie.« + +»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, Machold. Es gehört nicht +zur Geschichte, und ich will auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. -- +Nun also! Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben hie und +da miteinander gehändelt und gerauft, und wenn sie mich dann an sich +drückte, bis es mir weh tat, dann war mir schwindlig und wohl wie in +einem Rausch. In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre älter +war und schon davon redete, daß sie jetzt bald einen Schatz haben wolle, +da wurde es mein einziger Wunsch, der möchte ich sein. -- -- Einmal saß +sie allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins Wasser hängen, +sie hatte gebadet und bloß das Leibchen an. Da kam ich und setzte mich +zu ihr. Auf einmal bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr +Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen Augen mitleidig an und +sagte: »Du bist ja noch ein Büble und hast kurze Hosen an, was weißt +denn du von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse alles, und +wenn sie nicht mein Schatz werden möge, dann werfe ich sie ins Wasser +und mich mit. Da schaute sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie +eine Frau, und sagte: 'Wir wollen einmal sehen. Kannst du denn schon +küssen?' Ich sagte ja und gab ihr schnell einen Kuß auf den Mund und +dachte, damit wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und hielt +ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, daß mir Hören und +Sehen verging. Dann lachte sie mit ihrer tiefen Stimme und sagte: 'Du +würdest mir schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann keinen +Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, das gibt keine rechten +Leute. Ich muß einen richtigen Mann zum Schatz haben, einen Handwerker +oder einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts damit.' Sie +hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen und war in ihrer festen Wärme so +schön und gut in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken +konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska versprochen, ich +wolle nimmer in die Lateinschule gehen und ein Handwerker werden. Sie +lachte nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich wieder +und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler mehr sei, dann wolle sie +mein Schatz sein, und ich solle es gut bei ihr haben.« + +Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein Freund sah aufmerksam +herüber, beide schwiegen eine kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also, +jetzt weißt du die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind +gegangen, wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir ein paar Ohrfeigen, +als ich ihm mitteilte, ich wolle und könne jetzt nimmer in die +Lateinschule gehen. Ich wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir +vorgenommen, ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren +Kindergedanken, aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst gewesen. +Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. Ich tat einfach in der +Schule nimmer gut. Weißt du's nimmer?« + +»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine Zeitlang fast jeden Tag +Arrest gehabt.« + +»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte Antworten gegeben, ich +habe die Aufgaben nimmer gemacht und meine Schulhefte verloren, es war +jeden Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran und habe +jedenfalls den Lehrern damals das Leben nicht leicht gemacht. Das Latein +und das Zeug alles war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt, +ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich hinter etwas Neuem her +war, dann gab's eine Weile nichts anderes für mich auf der Welt. So war +mir's mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, und mit +der Botanik. Und gerade so hatte ich's halt damals mit den Mädchen, und +eh ich da die Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen hatte, war +mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der +Bank zu hocken und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen +Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den +Mädchen ausspioniert hat. -- Na, #item#! Die Lehrer merkten das +vielleicht, sie hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang wie +möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten geworden, aber ich fing +jetzt eine Freundschaft mit dem Bruder der Franziska an. Er ging in die +Volksschule, in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; ich habe +viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und habe viel von ihm zu leiden +gehabt. In einem halben Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater +hat mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule ausgewiesen +und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube wie der Bruder der +Franziska.« + +»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold. + +»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht mein Schatz geworden. +Seit ich manchmal mit ihrem Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr +behandelt, wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als ich +schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir angewöhnte, öfter am +Abend mich aus dem Haus zu stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt. +Ich streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und wie ich's schon +mehrmals getan hatte, behorchte ich ein Liebespaar auf einer Bank, und +als ich schließlich mich näher drückte, da war es die Franziska mit +einem Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, er +hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in der Hand eine Zigarette, und +ihre Bluse stand offen, und kurz, es war scheußlich. Da war also alles +vergebens gewesen.« + +Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter. + +»Na, vielleicht war's für dich doch das Beste.« + +Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen Kopf. + +»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte Hand drum geben, +wenn das anders gegangen wäre. Sag mir nichts über die Franziska, ich +lasse nichts auf sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, dann +hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche Art kennen gelernt, +und vielleicht hätte mir das geholfen, daß ich auch mit der Volksschule +und mit meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. Denn -- wie soll +ich's sagen? -- schau, seither habe ich manche Freunde und Bekannte und +Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr mich auf +das Wort eines Menschen verlassen oder mich selber durch ein Wort +gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte, +und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin +doch immer allein geblieben.« + +Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten kleinen Schluck +Wein und stand auf. + +»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich mag nimmer davon reden. +Du hast gewiß auch noch zu tun.« + +Der Doktor nickte. + +»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im Spital für dich +schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, aber da ist nichts zu ändern. +Du gehst kaputt, wenn du nicht schnell in eine Pflege kommst.« + +»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, »so laß mich halt +kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts mehr, das weißt du selber. Warum +soll ich mich jetzt noch einsperren lassen?« + +»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein miserabler Doktor, +wenn ich dich so herumlaufen ließe. In Oberstetten fänden wir sicher +Platz für dich, und du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach +acht Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich verspreche +dir's.« + +Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es schien fast, als wäre +er nahe am Weinen, und rieb seine dünnen Hände ineinander wie ein +Frierender. Dann sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die +Augen. + +»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht von mir, du +hast so viel für mich getan, und sogar Rotwein -- es war alles viel zu +gut und fein für mich. Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine +große Bitte an dich.« + +Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter. + +»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den Kragen. Also, was +ist's?« + +»Bist du mir nicht bös?« + +»Gar nicht. Warum auch?« + +»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir einen großen Gefallen +tun. Schick mich nicht nach Oberstetten! Wenn ich doch in so einen +Spittel muß, dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt man +mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es auch wegen der +Armenpflege besser, ich bin ja dort geboren, und überhaupt --« + +Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor Erregung kaum +sprechen. + +Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: »Wenn das alles ist, +was du zu bitten hast -- das wird bald in Ordnung sein. Du hast ganz +recht, ich will nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich +hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.« + +Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an +den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an +seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche +zwölfjährige Glut des rassigen Buben. + +»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob +sich rasch, um an die Arbeit zu gehen. + + * * * * * + +Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp blieb den ganzen Tag im +Bett. Der Doktor legte ihm einige Bücher hin, die er aber kaum berührte. +Er war verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, gutes +Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher als zuvor, daß es mit +ihm zu Ende gehe. + +Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, dann komme ich +nimmer auf. Es war ihm wenig mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte +in den letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber sterben +wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen und allerlei heimlichen +Abschied dort genommen hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und +vom einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener Franziska. Seine +späteren Liebschaften waren vergessen, wie denn überhaupt die lange +Reihe seiner Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien, +während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft einen neuen Glanz +und Zauber gewannen. + +Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; er hatte in vielen +Jahren nicht so prächtig gewohnt. Er studierte mit sachlichem Blick und +tastenden Fingern das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte +Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der hartholzene Fußboden +interessierte ihn, und die Photographie an der Wand, die den Dogenpalast +in Venedig vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war. + +Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, ohne etwas zu sehen, müde +und nur mit dem beschäftigt, was still in seinem kranken Leibe vorging. +Aber plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem Bett und +angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel her, um sie sorgfältig und +sachkundig zu untersuchen. Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober, +und bis zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und nachher war +doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, er könnte Machold um ein paar +alte Schuhe bitten. Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins +Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig tastete er die brüchigen +Stellen im Oberleder ab. Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es +mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war überflüssig; +vermutlich würde dies alte Paar Schuhe ihn überdauern und noch im +Dienste sein, wenn er selbst schon von der Landstraße verschwunden war. + +Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, es tat ihm aber +weh und machte ihn husten. Da blieb er still und wartend liegen, atmete +in kleinen Zügen und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, ehe +er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte. + +Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, aber sein Kopf +ermüdete daran und er fiel in Halbschlummer. Nach einer Stunde +erwachend, meinte er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch +und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, er müsse ihm ein +Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, wenn er fortginge. Er wollte ihm +eins von seinen Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal +danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines ganz besinnen, und +keines gefiel ihm. Durchs Fenster sah er im nahen Wald den Nebel stehen +und starrte lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem +Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und mitgenommen hatte, +schrieb er auf das saubere weiße Papier, mit dem die Schublade seines +Nachttisches ausgelegt war, einige Zeilen: + + Die Blumen müssen + Alle verdorren, + Wenn der Nebel kommt, + Und die Menschen + Müssen sterben, + Man legt sie ins Grab. + + Auch die Menschen sind Blumen, + Sie kommen alle wieder, + Wenn ihr Frühling ist. + Dann sind sie nimmer krank, + Und alles wird verziehen. + +Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. Es war kein richtiges +Lied, die Reime fehlten, aber es stand doch das darin, was er hatte +sagen wollen. Und er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb +darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, von seinem dankbaren +Freunde K.« + +Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade. + + * * * * * + +Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, aber es war eine +strengkühle Luft, und man konnte am Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor +ließ Knulp aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte, +daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei und er dort erwartet werde. + +»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« meinte Knulp, +»vier Stunden brauche ich doch, vielleicht fünf.« + +»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern ist jetzt nichts für +dich. Du fährst mit mir im Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit +finden. Ich schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht +mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf einen Tag kommt es jetzt +auch nimmer an.« + +Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen der Schulzenknecht +mit zwei Kälbern nach Gerbersau fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte +mit ihm fahren. + +»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« sagte Machold, +»kannst du einen von mir tragen? Oder ist der zu weit?« + +Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, probiert und gut +befunden. Knulp aber, da der Rock von gutem Tuch und wohlbehalten war, +machte sich in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die Knöpfe +zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor machen und gab ihm noch +einen Hemdkragen dazu. + +Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit seine neue +Kleidung, und da er nun wieder so gut aussah, begann es ihm leid zu tun, +daß er sich in der letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte +nicht, die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, aber er +kannte den Schmied im Dorf und wollte dort einen Versuch machen. + +Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die Werkstatt und sagte +den alten Handwerksgruß: »Fremder Schmied spricht um Arbeit zu.« + +Der Meister sah ihn kalt und prüfend an. + +»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das mußt du einem andern +weismachen.« + +»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch gute Augen, Meister, +und doch kennst du mich nicht. Weißt du, ich bin früher Musikant +gewesen, und du hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner +Handorgel getanzt.« + +Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und tat noch ein paar Stöße mit +der Feile, dann führte er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit +an. + +»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also der Knulp. Man wird +halt älter, wenn man sich so lang nicht sieht. Was willst du in Bulach? +Auf einen Zehner und auf ein Glas Most soll's mir nicht ankommen.« + +»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm's für genossen an. Aber +ich will was anderes. Du könntest mir dein Rasiermesser für eine +Viertelstunde leihen, ich will heut abend zum Tanzen gehen.« + +Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger. + +»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, mit dem Tanzen +wirst du's nimmer wichtig haben, so wie du aussiehst.« + +Knulp kicherte vergnügt. + +»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann geworden bist. Ja, ich +muß also morgen ins Spital, der Machold schickt mich hin, und da wirst +du begreifen, daß ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir +das Messer, in einer halben Stunde hast du's wieder.« + +»So? Und wo willst du denn hin damit?« + +»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, du gibst mir's?« + +Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig. + +Er blieb mißtrauisch. + +»Ich geb dir's schon. Aber weißt du, es ist kein so gewöhnliches Messer, +es ist eine echte Solinger Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.« + +»Verlaß dich drauf.« + +»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. Den brauchst du +zum Rasieren nicht. Ich will dir was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da, +und wenn du mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den Rock +wieder.« + +Der Landstreicher verzog das Gesicht. + +»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. Aber es soll meinetwegen +gelten.« + +Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den Rock zum Pfande, duldete +aber nicht, daß der rußige Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben +Stunde kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, und sein +struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah ganz anders aus. + +»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst du weiben gehen,« +sagte der Schmied voll Anerkennung. + +Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, er zog seinen Rock wieder +an, sagte kurzen Dank und ging davon. + +Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, der ihn verwundert +anhielt. + +»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du aus! -- Aha, rasiert! +Mensch, du bist doch ein Kindskopf!« + +Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend wieder einen Rotwein zu +trinken. Die beiden Schulkameraden feierten Abschied, und jeder war so +aufgeräumt wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie eine Beklemmung +anmerken lassen. + +Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen mit dem Wagen vorgefahren, +auf dem in Lattenverschlägen zwei Kälber standen, mit den Knien +zitterten und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum erstenmal +Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem Knecht auf den Bock gesetzt und +bekam eine Decke über die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und +schenkte dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg und dem Wald +entgegen, während der Knecht seine Pfeife anzündete und Knulp mit +verschlafenen Augen in die hellblaue Morgenkühle blinzelte. + +Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde ganz warm. Die zwei auf +dem Bock unterhielten sich ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau +ankamen, wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und den Kälbern +den Umweg machen und am Krankenhaus vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm +das bald ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor der +Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und sah dem Wagen nach, bis +er unter den Ahornen beim Viehmarkt verschwand. + +Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen den Gärten ein, den nur +Einheimische kannten. Er war wieder frei! Im Spital mochten sie warten. + + * * * * * + +Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den Duft, die +Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze erregende und sättigende +Vertrautheit des Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf dem +Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerflug +später dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen +Marktbrunnens, Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer aus der +gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, wohlbekannte Gassennamen, +jeder dicht behängt von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit +allen Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber des +Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sicherinnerns, der +Kameradschaft mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd +und unermüdet war er den ganzen Nachmittag in allen Gassen unterwegs, +belauschte den Messerschleifer am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster +seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern die alten Namen +wohlbekannter Familien. Er tauchte die Hand in den steinernen Trog des +Marktbrunnens, seinen Durst aber löschte er erst unten am kleinen +Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll wie vor all den verflossenen +Jahren im Erdgeschoß eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam +klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den Steinplatten rauschte. +Am Flusse stand er lange und lehnte an der hölzernen Brüstung überm +ziehenden Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte und die +schmalen Rücken der Fische schwarz und stille über den zitternden +Kieseln standen. Er ging über den alten Steg und ließ sich in der Mitte +in die Kniekehlen sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig +elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu spüren. + +Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, nicht die Kirchenlinde +mit dem kleinen Rasenstück und nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen +einstigen Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, in dem +vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und lehnte sich eine kleine Weile +zärtlich mit dem Rücken an die alte Haustür, suchte auch den Garten auf +und sah über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu angelegte +Pflanzung hinein -- aber die vom Regenwasser abgerundeten Steinstufen und +der runde, feiste Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. Hier +hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er sich aus der +Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier hatte er einst ein volles +Glück, Erfüllungen ohne Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet, +diebesselige Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im +Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack, lustige Winde, +zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und Kaninchenställe und Werkstatt und +Drachenbau, Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder +aus Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen +Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht, +kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes +Traumnest besessen hatte. Dieses Stück Welt hatte ihm gehört, war von +ihm in tiefster Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte +jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, Geschichten für ihn +gehabt, jeder Regen- und Schneefall zu ihm gesprochen, hier hatte Luft +und Erde in seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert und ihr +Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte Knulp, war vielleicht hier +ringsum kein Hausbewohner und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr +angehört hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, mehr Antwort +gab, mehr Erinnerungen weckte. + +Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der graue Giebel eines +schmächtigen Hauses empor. Dort hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis +gewohnt, und dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen ihr Ende +gefunden in den ersten Heimlichkeiten und zärtlichen Händeln mit +Mädchen. Von dort war er manchen Abend über die dämmernde Gasse +heimgekehrt mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort hatte er den +Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und unter den Küssen der schönen +Franziska getaumelt. Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder +vielleicht morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen ihn wenig, er +hätte sie alle zusammen gerne hingegeben für das Gedächtnis einer +einzigen Stunde der früheren, der Knabenzeit. + +Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun und schaute hinunter, +und was er sah, war nicht der neue, fremde Garten, der dalag und mit +dem jungen Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich aussah. Er sah +den Garten seines Vaters, und seine Kinderblumen im kleinen Beet, am +Ostersonntag gepflanzte Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine +Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene Eidechsen +ausgesetzt hatte, unglücklich, daß keine dort bleiben und wohnen und +sein Haustier sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung und +Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle Häuser und Gärten, alle +Blumen und Eidechsen und Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken, +und es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer einzigen +Sommerblume, wie sie damals in seinem Gärtchen wuchs und die köstlichen +Blumenblätter leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche +von damals, deren jeden er noch genau im Gedächtnis hatte! Sie waren +fort, sie waren nicht ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann +hatte sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus gemacht, Holz +und Wurzeln und welke Blätter waren miteinander verbrannt, und niemand +hatte darum geklagt. + +Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. Der war jetzt ein +Doktor und Herr und fuhr im Einspänner bei den kranken Leuten herum, und +er war wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; aber auch +er, auch dieser kluge und stramme Mann, was war er gegen damals, gegen +den gläubigen, scheuen, erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals? +Hier hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen baut und +Schindeltürme für Heuschrecken, und er war Macholds Lehrer und sein +größerer, klügerer, bewunderter Freund gewesen. + +Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das +Lattenhaus im andern Garten war zerfallen, und man mochte an seine +Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend +und richtig, wie alles einmal gewesen war. + +Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als Knulp den vergrasten +Gartenweg verließ. Vom neuen Kirchturm, der das Bild der Stadt +veränderte, rief eine neue Glocke laut herüber. + +Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, es war +Feierabend und niemand zu sehen. Unhörbar schritt er über den weichen +Lohboden an den gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der Lauge +lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß schon dunkel an den moosig +grünen Steinen hintrieb. Da war der Ort, an dem er einmal eine +Abendstunde mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser +plätschernd. + +Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten lassen, dachte Knulp, +dann wäre alles anders gekommen. Wenn auch die Lateinschule und das +Studieren versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug gehabt, um doch +etwas zu werden. Wie einfach und klar war das Leben! Damals hatte er +sich weggeworfen und von allem nichts mehr wissen wollen, und das Leben +war darauf eingegangen und hatte nichts von ihm verlangt. Er war +außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten +jungen Jahren und allein im Kranksein und Altern. + +Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf dem Mäuerchen +nieder, und der Fluß rauschte dunkel in seine Gedanken. Da wurde über +ihm ein Fenster hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn +hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten und aus dem +Tor, knöpfte den Rock zu und dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der +Doktor hatte ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er in +einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder »Schwanen« gehen können, wo +man ihn kannte und wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm +jetzt nicht gelegen. + + * * * * * + +Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn früher bis ins +kleinste interessiert hätte, aber diesmal wollte er nichts sehen und +wissen, als was zur alten Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen +erfuhr, daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, und ihm +schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. Nein, es hatte keinen +Sinn, hier in den Gassen und zwischen den Gärten herumzustrolchen und +sich von denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen zu +lassen. Und als er zufällig in dem engen Postgäßlein dem Oberamtsarzt +begegnete, fiel ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben im +Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. Alsbald kaufte er bei einem +Bäcker zwei Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch vor +Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße hinan. + +Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten großen Straßenbiegung, ein +staubiger Mann auf einem Steinhaufen und klopfte mit einem +langstieligen Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke. + +Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen. + +»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, ohne den Kopf zu heben. + +»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte Knulp. + +»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und sah einen Augenblick +empor, vom Mittagslicht auf der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr +hinaus?« + +»Nach Rom zum Papst,« sagte Knulp. »Ist's wohl noch weit?« + +»Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall stehen bleiben müsset und +die Leute in der Arbeit stören, dann erlaufet Ihr's in keinem Jahr.« + +»So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich's nicht, Gott sei Dank. Ihr seid ein +fleißiger Mann, Herr Andres Schaible.« + +Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen und musterte den +Wanderer. + +»Ihr kennt mich also,« sagte er bedächtig, »und ich kenn Euch auch, will +mir scheinen. Bloß auf den Namen muß ich noch kommen.« + +»Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo wir Anno neunzig +allemal unseren Sitz gehabt haben. Aber er wird nimmer leben.« + +»Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir's, alter Kunde. Du bist der +Knulp. Setz dich ein bißchen her, und grüß Gott auch!« + +Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete mit Beschwerden; +er sah erst jetzt, wie schön in der Tiefe das Städtchen lag, blaublanker +Fluß, rotbraunes Dächergewimmel und kleine grüne Bauminseln dazwischen. + +»Du hast es nett hier droben,« sagte er aufatmend. + +»Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Früher ist's leichter den +Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja heillos, Knulp. Hast wieder +einmal die Heimat besucht?« + +»Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.« + +»Und warum denn?« + +»Weil halt die Lunge kaputt ist. Weißt du nix dagegen?« + +»Daheim geblieben wenn du wärst, mein Lieber, und hättest brav +geschafft, und hättest Weib und Kinder und jeden Abend dein Bett, dann +wär's vielleicht anders mit dir. Na, darüber weißt du meine Meinung von +früher her. Da kann man jetzt nichts machen. Ist's denn so schlimm?« + +»Ach, ich weiß nicht. -- Oder doch, ich weiß schon. Es geht halt den +Berg hinunter, und jeden Tag ein bißchen schneller. Da ist's dann wieder +ganz gut, wenn man für sich allein ist und niemand zur Last fällt.« + +»Wie man's nimmt; das ist deine Sache. Es tut mir aber leid.« + +»Ist nicht nötig. Gestorben muß einmal sein, es kommt sogar an die +Steinklopfer. Ja, alter Kunde, da sitzen jetzt wir zwei und können uns +beide nicht viel einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken im +Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn gewollt?« + +»Ach, das sind alte Geschichten.« + +»Und deine Kinder sind gesund?« + +»Ich weiß nichts andres. Der Jakob verdient jetzt schon.« + +»So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich, jetzt auch ein wenig +weiter.« + +»Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang nimmer gesehen hat! Sag, +Knulp, kann ich dir mit etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es +wird eine halbe Mark sein.« + +»Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein, danke schön.« + +Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm elend ums Herz, und er +schwieg, und der Steinklopfer gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken. +Sie blickten eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel im +Mühlkanal blitzte kräftig herauf, über die Steinbrücke fuhr langsam ein +Lastwagen, und unterm Wehr schwamm lässig ein weißes Gänsegeschwader. + +»Jetzt hab ich ausgeruht und muß weiter,« fing Knulp wieder an. + +Der Steinklopfer saß in Gedanken und schüttelte den Kopf. + +»Hör, du, du hättest mehr werden können als so ein armer Teufel von +Pennbruder,« sagte er langsam. »Es ist doch sündenschad um dich. Weißt +du, Knulp, ich bin gewiß kein Stündeler, aber ich glaube halt doch, was +in der Bibel steht. Du mußt auch daran denken. Du wirst dich +verantworten müssen, es wird nicht so leicht gehn. Du hast Gaben gehabt, +bessere als ein anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du +darfst mir's nicht zürnen, wenn ich das sage.« + +Jetzt lächelte Knulp, und ein Schimmer von der alten harmlosen +Schelmerei stand in seinen Augen. Er klopfte seinem Kameraden freundlich +auf den Arm und stand auf. + +»Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott fragt mich vielleicht +gar nicht: Warum bist du nicht Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er +auch bloß: Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben eine +leichte Arbeit, Kinderhüten oder so.« + +Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau und weiß gewürfelten +Hemde. + +»Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst, wenn der Knulp kommt, +da wird der Herrgott nichts als Späße machen.« + +»Ach nein. Aber es könnte doch sein, nicht?« + +»Red nicht so!« + +»Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle halt einmal den +Schaible fragen, der kenne mich gut. Was sagst du ihm dann?« + +»Nee, mich braucht der Herrgott gewiß nicht dazu. Aber ich täte sagen: +Der Knulp hat sein Leben lang nichts als Kindereien getrieben, aber ich +glaube, er ist halt doch ein guter und anständiger Kerl gewesen.« + +Sie gaben sich die Hände, und dabei steckte der Steinklopfer ihm ein +kleines Geldstück zu, das er verstohlen aus seiner Hosentasche gegraben +hatte. Und Knulp nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen nicht +seine Freude zu verderben. + +Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal, nickte noch +einmal zu Andres Schaible zurück, dann begann er zu husten und machte +schnellere Schritte, und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden. + + * * * * * + +Vierzehn Tage später, nachdem es auf nebelkalte Tage noch sonnige mit +späten Glockenblumen und kühlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach +plötzlich der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf am dritten +Tage bei milderer Luft einen schweren, hastigen Schneefall. + +Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen, auf zielloser Streife +immer im Umkreis der Heimat, und noch zweimal hatte er aus nächster +Nähe, im Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen und +beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er hatte zu viel zu denken +gehabt und war auf allen den langen, mühsamen, nutzlosen Wegen immer +tiefer in das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in zähe +Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu finden. Dann war die +Krankheit von neuem über ihn gekommen, und wenig fehlte, so wäre er +eines Tages trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und hätte am +Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem Alleinsein wieder +die Stadt unten liegen sah, da klang ihm alles fremd und feindlich +entgegen, und es ward ihm klar, daß er nimmer dorthin gehöre. Zuweilen +kaufte er in einem Dorf ein Stück Brot, auch gab es noch Haselnüsse +genug. Die Nächte brachte er in den Blockhütten der Waldarbeiter oder +zwischen Strohbündeln auf dem Felde zu. + +Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg herüber gegen die +Talmühle gegangen, verfallen und todesmüde und dennoch immerzu auf den +Beinen, als müsse er den kleinen Rest seiner Tage noch mächtig ausnützen +und laufen, laufen, allen Waldrändern und Schneisen nach. So krank und +müde er war, seine Augen und seine Nüstern hatten die alte Beweglichkeit +behalten; äugend und schnuppernd wie ein feinfühliger Jagdhund stellte +er auch jetzt noch, da es keine Ziele mehr für ihn gab, jede +Bodensenkung, jeden Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht +dabei, und seine Beine gingen von selber. + +In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie seit einigen Tagen +fast immerzu, vor dem lieben Gott und sprach unaufhörlich mit ihm. +Furcht hatte er keine; er wußte, daß Gott uns nichts tun kann. Aber sie +sprachen miteinander, Gott und Knulp, über die Zwecklosigkeit seines +Lebens, und wie das hätte anders eingerichtet werden können, und warum +dies und jenes so und nicht anders habe gehen müssen. + +»Damals ist es gewesen,« beharrte Knulp immer wieder, »damals, wie ich +vierzehn Jahre alt war und die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da +hätte noch alles aus mir werden können. Und dann ist irgend etwas in mir +kaputt gegangen oder verpfuscht worden, und von da an habe ich eben +nichts mehr getaugt. -- Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, daß +du mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen! Dann wäre mein +Leben so schön und vollkommen gewesen wie ein reifer Apfel.« + +Der liebe Gott aber lächelte immerzu, und manchmal verschwand sein +Gesicht ganz in dem Schneetreiben. + +»Na, Knulp,« sagte er ermahnend, »denk einmal an deine +Jungeburschenzeit, und an den Sommer im Odenwald, und an die +Lächstettener Zeiten! Hast du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das +schöne Leben in allen Gelenken zucken gefühlt? Hast du nicht singen +können und Harmonika spielen, daß den Mädchen die Augen übergelaufen +sind? Weißt du noch die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz, +die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?« + +Knulp mußte nachdenken, und wie ferne Bergfeuer strahlten ihm die +Freuden seiner Jugend dunkelschön herüber und dufteten schwer und süß +wie Honig und Wein, und klangen tieftönig wie Tauwind in der +Vorfrühlingsnacht. Herrgott, es war schön gewesen, schön die Lust und +schön die Trauer, und es wäre jammerschade um jeden Tag gewesen, der +gefehlt hätte! + +»Ach ja, es war schön,« gab er zu, und war doch voll Weinerlichkeit und +Widerspruch wie ein müdes Kind. »Es war ja wunderschön damals. Freilich, +Schuld und Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist wahr, +es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht haben nicht viele solche +Becher ausgetrunken und solche Tänze angeführt und solche Liebesnächte +gefeiert, wie ich dazumal. Aber dann, dann hätte es aus sein sollen! +Schon dort war ein Stachel im Glück, ich weiß noch wohl, und dann sind +niemals mehr so gute Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.« + +Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden. Nun, da Knulp ein +wenig stehen blieb, um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine +Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott unversehens wieder da +und gab Antwort. + +»Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar? Ich muß lachen, +wie vergeßlich du geworden bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo +du der Tanzbodenkönig warst, und an deine Henriette, und du hast zugeben +müssen: es war gut und schön, es hat wohlgetan und einen Sinn gehabt. +Und wenn du so an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was für +Gefühlen willst du dann gar an Lisabeth denken? He? Ja, hast du denn die +ganz vergessen können?« + +Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein Stück Vergangenheit vor +Knulps Augen, und wenn es nicht ganz so froh und lustig aussah wie das +vorige, so glänzte es dafür viel heimlicher und inniger, wie Frauen +lächeln zwischen Tränen, und es standen Tage und Stunden aus ihren +Gräbern auf, an die er lange nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand +Lisabeth, mit schönen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf dem Arm. + +»Was für ein schlechter Kerl bin ich gewesen!« fing er wieder zu klagen +an. »Nein, seit die Lisabeth tot ist, hätte ich auch nimmer leben +dürfen.« + +Aber Gott ließ ihn nicht weiterreden. Er sah ihn durchdringend aus den +hellen Augen an und fuhr fort: »Hör auf, Knulp! Du hast der Lisabeth +sehr weh getan, das ist nicht anders, aber du weißt wohl, sie hat doch +mehr Zartes und Schönes von dir empfangen als Böses, und sie hat dir +nicht einen Augenblick gezürnt. Siehst du denn immer noch nicht, du +Kindskopf, was der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, daß du +deswegen ein Leichtfuß und ein Vagabund sein mußtest, damit du überall +ein Stück Kindertorheit und Kinderlachen hintragen konntest? Damit +überall die Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig hänseln +und dir ein wenig dankbar sein mußten?« + +»Es ist am Ende wahr,« gab Knulp nach einigem Schweigen halblaut zu. +»Aber das ist alles früher gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich +aus dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch geworden? Es +wäre noch Zeit gewesen.« + +Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete wieder einen Augenblick +und wollte den dicken Schnee von Hut und Kleidern schütteln. Aber er kam +nicht dazu, er war zerstreut und müde, und Gott stand jetzt nahe vor +ihm, seine lichten Augen waren weit offen und strahlten wie die Sonne. + +»Nun sei einmal zufrieden,« mahnte Gott, »was soll das Klagen nützen? +Kannst du wirklich nicht sehen, daß alles gut und richtig zugegangen ist +und daß nichts hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt ein +Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau und Kinder haben und am +Abend das Wochenblatt lesen? Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen +und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen stellen und +Eidechsen zähmen?« + +Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor Müdigkeit und spürte +doch nichts davon. Es war ihm viel wohler zumute geworden, und er nickte +dankbar zu allem, was Gott ihm sagte. + +»Sieh,« sprach Gott, »ich habe dich nicht anders brauchen können, als +wie du bist, und ich habe dir den Stachel der Heimatlosigkeit und +Wanderschaft mitgeben müssen, sonst wärest du irgendwo sitzen geblieben +und hättest mir mein Spiel verdorben. In meinem Namen bist du gewandert +und hast den seßhaften Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach +Freiheit mitbringen müssen. In meinem Namen hast du Dummheiten gemacht +und dich verspotten lassen; ich selber bin in dir verspottet und bin in +dir geliebt worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und ein Stück +von mir, und du hast nichts gekostet und nichts gelitten, was ich nicht +mit dir erlebt habe.« + +»Ja,« sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf. »Ja, es ist so, ich +habe es eigentlich immer gewußt.« + +Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder waren ganz leicht +geworden, und seine entzündeten Augen lächelten. + +Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen, hörte er noch immer +Gottes Stimme reden und sah noch immer in seine hellen Augen. + +»Also ist nichts mehr zu klagen?« fragte Gottes Stimme. + +»Nichts mehr,« nickte Knulp und lachte schüchtern. + +»Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?« + +»Ja,« nickte er, »es ist alles, wie es sein soll.« + +Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die seiner Mutter, bald +wie Henriettes Stimme, bald wie die gute, sanfte Stimme der Lisabeth. + +»Dann bist du daheim,« sagte die Stimme. »Dann bist du daheim und +bleibst bei mir.« + +Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so +sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer +auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum +Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden. + + + _Ende_ + + + + + Werke von Hermann Hesse + + +Peter Camenzind + +Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg. + +Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten, muskeligen +Kerls, der aber den versonnenen Träumerkopf des Hermann Hesse auf den +Schultern hat. Und da ist schon die Tragik -- so einer findet sich im +Leben nicht zurecht. Draußen nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige +Firnenreinheit ist über den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles +klärt und versöhnt. + (Freistatt, München) + + +Aus Indien + +Aufzeichnungen von einer indischen Reise + +6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig + +Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben großen, +verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen Romanen und Novellen +Menschen und Landschaften seiner süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er +uns auch führt, es ist ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles +Fremde, Exotische führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück. +Damit pflückt er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte, +und doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; eine +in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie sie Hesse +mit unsern besten deutschen Meistern verbindet. + (Königsberg. Allgemeine Zeitung) + + +Umwege + +Erzählungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark + +Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. Diese höchste +Kunst in der stillsten Schlichtheit seines Wortgefüges, diese innig +beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, diese ruhig +abwartende Ironie der Darstellung menschlicher Schwächen und Schwänke +sind unvergleichlich. Wie Gottfried Keller in seinen »Seldwylern«, so +hat Hesse in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht, +seine ganz persönliche Domäne gefunden. + (Berliner Tageblatt) + + +Roßhalde + +Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg. + +Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten und +dunkelsten Gemütsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal. +Zwischen Mann und Frau in einer Künstlerehe ist eine Fremdheit in die +Höhe gewachsen, grundlos, mit der Unüberwindlichkeit alles Elementaren. +Es liegt wie eine dumpfe Last über beiden, die sie nicht heben können, +weil ihr Kind es ihnen unmöglich macht, auseinanderzugehen. Nie hat +Hermann Hesse künstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie die seelische +Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften Bann der zwiefachen +Einsamkeit dessen, der zum engsten Zusammenleben mit einem einst nahen +und nun willenlos feindlich fernen Menschen verdammt ist. »Roßhalde« ist +eines der menschlich tiefsten und wahrsten Bücher, die geschrieben sind. + (Die Hilfe) + + +Diesseits + +Erzählungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark + +Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, +schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit +weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden +Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses +neuen Novellenband »Diesseits« lesen. + (Neue Zürcher Zeitung) + + +Nachbarn + +Erzählungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark + +Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf +Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch +zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen +schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese +Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und +die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei +Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln. + (Württemberger Zeitung, Stuttgart) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer +Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen. + +p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin +p 052: kann ihm hastig -> kam +p 101: So so. -> So, so. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition +published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek +zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied +to the original text. + +p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin +p 052: kann ihm hastig -> kam +p 101: So so. -> So, so. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP *** + +***** This file should be named 17622-8.txt or 17622-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/6/2/17622/ + +Produced by K.F. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/17622-8.zip b/17622-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..eaac974 --- /dev/null +++ b/17622-8.zip diff --git a/17622-h.zip b/17622-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a3d9a1e --- /dev/null +++ b/17622-h.zip diff --git a/17622-h/17622-h.htm b/17622-h/17622-h.htm new file mode 100644 index 0000000..14a7210 --- /dev/null +++ b/17622-h/17622-h.htm @@ -0,0 +1,4753 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Knulp, by Hermann Hesse. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Knulp + Drei Geschichten aus dem Leben Knulps + +Author: Hermann Hesse + +Release Date: January 29, 2006 [EBook #17622] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP *** + + + + +Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p> +<p class="center"><em class="gesperrt">Fischers Bibliothek<br /> +zeitgenössischer Romane</em></p> +<!-- <p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p> +<div class="titlepage"> +<h1>Knulp</h1> + +<h3>Drei Geschichten aus dem Leben Knulps</h3> +<h3>von</h3> + +<h2>Hermann Hesse</h2> + +<h4>S. Fischer, Verlag, Berlin</h4> +</div> + +<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p> +<p class="copyright">Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung.<br /> +Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.<br /> +Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> + + + +<table class="toc"> +<caption>Inhalt</caption> +<tr><td><a href="#Vorfruehling">Vorfrühling</a></td><td align="right"><a href="#Page_7">7</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Meine_Erinnerung_an_Knulp">Meine Erinnerung an Knulp</a></td><td align="right"><a href="#Page_67">67</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Ende">Das Ende</a></td><td align="right"><a href="#Page_97">97</a></td></tr> +</table> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<!-- <p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p> +<div class="story"> +<h2><a name="Vorfruehling" id="Vorfruehling"></a>Vorfrühling</h2> + + +<p class="newsectioninitial">Anfang der neunziger Jahre mußte unser Freund +Knulp einmal mehrere Wochen im Spital liegen, und +als er entlassen wurde, war es Mitte Februar und +scheußliches Wetter, so daß er schon nach wenigen +Wandertagen wieder Fieber spürte und auf ein Unterkommen +bedacht sein mußte. An Freunden hat es +ihm nie gefehlt, und er hätte fast in jedem Städtchen +der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. +Aber darin war er sonderbar stolz, so sehr, +daß es eigentlich für eine Ehre gelten konnte, wenn +er von einem Freund etwas annahm.</p> + +<p>Diesmal war es der Weißgerber Emil Rothfuß in +Lächstetten, dessen er sich erinnerte und an dessen schon +verschlossener Haustüre er abends bei Regen und +Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen +im Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle +Gasse hinunter: »Wer ist draußen? Hat’s nicht auch<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a> +Zeit, bis es wieder Tag ist?«</p> + +<p>Knulp, als er die Stimme des alten Freundes hörte, +wurde trotz aller Müdigkeit sofort munter. Er erinnerte +sich an ein Verschen, das er vor Jahren gemacht +hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil +Rothfuß zusammen gewandert war, und sang alsbald +am Hause hinauf:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Es sitzt ein müder Wandrer<br /></span> +<span class="i0">In einer Restauration,<br /></span> +<span class="i0">Das ist gewiß kein andrer<br /></span> +<span class="i0">Als der verlorne Sohn.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Der Gerber stieß den Laden heftig auf und beugte +sich weit aus dem Fenster.</p> + +<p>»Knulp! Bist du’s oder ist’s ein Geist?«</p> + +<p>»Ich bin’s!« rief Knulp. »Du kannst aber auch über +die Stiege herunter kommen, oder muß es durchs +Fenster sein?«</p> + +<p>Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die +Haustüre auf und leuchtete dem Ankömmling mit der +kleinen rauchenden Öllampe ins Gesicht, daß er blinzeln +mußte.</p> + +<p>»Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und +zog den Freund ins Haus. »Erzählen kannst du später. +Es ist noch was vom Nachtessen übrig, und ein Bett +<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! +Ja, hast du denn auch gute Stiefel, du?«</p> + +<p>Knulp ließ ihn fragen und sich wundern, schlug auf +der Treppe sorgfältig die umgelitzten Hosenbeine herab +und stieg mit Sicherheit durch die Dämmerung empor, +obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten +hatte.</p> + +<p>Im Gang oben, vor der Wohnstubentüre, blieb er +einen Augenblick stehen und hielt den Gerber, der ihn +eintreten hieß, an der Hand zurück.</p> + +<p>»Du,« sagte er flüsternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?«</p> + +<p>»Ja, freilich.«</p> + +<p>»Eben drum. – Weißt du, deine Frau kennt mich +nicht; es kann sein, sie hat keine Freude. Stören mag +ich euch nicht.«</p> + +<p>»Ach was stören!« lachte Rothfuß, tat die Türe weit +auf und drängte Knulp in die helle Stube. Da hing +über einem großen Eßtisch an drei Ketten die große +Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte +in der Luft und drängte in dünnen Zügen nach dem +heißen Zylinder hin, wo er hastig emporwirbelte und +verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und eine +Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen +<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>schmalen Kanapee an der Querwand sprang mit halber +und verlegener Munterkeit, als sei sie in einem +Schlummer gestört worden und wolle es nicht merken +lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen +Augenblick wie verwirrt am scharfen Licht, sah der +Frau in die hellgrauen Augen und gab ihr mit einem +höflichen Kompliment die Hand.</p> + +<p>»So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und +das ist der Knulp, mein Freund Knulp, weißt du, von +dem wir auch schon gesprochen haben. Er ist natürlich +unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja +doch leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, +und der Knulp muß was zu essen haben. +Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?«</p> + +<p>Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach.</p> + +<p>»Ein bißchen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. +Aber Rothfuß wollte das nicht zugeben.</p> + +<p>»Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp.</p> + +<p>Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem +Zinnteller die Wurst und stellte das Brotbrett daneben, +das in seiner Mitte einen halben Laib Schwarzbrot trug, +sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um +dessen Ründung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift +lief: Gib uns heute unser täglich Brot.</p> + +<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>»Weißt du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt +hat?«</p> + +<p>»Laß doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich +lächelnd an die Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau +Meisterin.«</p> + +<p>Aber Rothfuß ließ nicht nach.</p> + +<p>»Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.«</p> + +<p>»Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder +davon.</p> + +<p>»Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie draußen +war.</p> + +<p>»Nein, noch keine. Sie läßt sich Zeit, weißt du, und +für die ersten Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, +gelt, und laß dir’s schmecken!«</p> + +<p>Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen +Mostkrug herein und stellte drei Gläser dazu +auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie machte es geschickt, +Knulp sah ihr zu und lächelte.</p> + +<p>»Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und +streckte Knulp sein Glas entgegen. Der war aber +galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes +Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!«</p> + +<p>Sie stießen an und tranken, und Rothfuß leuchtete +vor Freude und blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch +<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>bemerke, was sein Freund für fabelhafte Manieren +habe.</p> + +<p>Sie hatte es aber längst bemerkt.</p> + +<p>»Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist höflicher +als du, der weiß, was der Brauch ist.«</p> + +<p>»O bitte,« meinte der Gast, »das hält eben jeder so, +wie er’s gelernt hat. Was Manieren betrifft, da könnten +Sie mich leicht in Verlegenheit bringen, Frau +Meisterin. Und wie schön Sie serviert haben, wie im +feinsten Hotel!«</p> + +<p>»Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch +gelernt.«</p> + +<p>»So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?«</p> + +<p>»Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab +ihn kaum mehr gekannt. Aber ich habe ein paar Jahre +lang im Ochsen serviert, wenn Sie den kennen.«</p> + +<p>»Im Ochsen? Der ist früher das feinste Gasthaus +von Lächstetten gewesen,« lobte Knulp.</p> + +<p>»Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast +nur Handlungsreisende und Turisten im Logis gehabt.«</p> + +<p>»Ich glaub’s, Frau Meisterin. Da haben Sie’s +sicher gut gehabt und was Schönes verdient! Aber +ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>Langsam und genießerisch strich er die weiche Wurst +auf sein Brot, legte die reinlich abgezogene Haut auf +den Rand des Tellers und nahm zuweilen einen +Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister +sah mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den +schlanken feinen Händen das Notwendige so sauber +und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es mit +Gefallen wahr.</p> + +<p>»Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im +weiteren Emil Rothfuß zu tadeln, und jetzt mußte +Knulp bekennen, daß es ihm neuestens schlecht gegangen +und daß er im Krankenhaus gewesen sei. +Doch verschwieg er alles Peinliche. Als ihn darauf +sein Freund fragte, was er denn jetzt anzufangen +denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager für +jede Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was +Knulp erwartet und womit er gerechnet hatte, aber +er wich wie in einer Anwandlung von Schüchternheit +aus, dankte flüchtig und verschob das Besprechen dieser +Dinge bis morgen.</p> + +<p>»Über das können wir morgen oder übermorgen +auch noch reden,« meinte er nachlässig, »die Tage +gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile +bleib ich auf alle Fälle hier.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Er machte nicht gern Pläne oder Versprechungen +auf lange Zeit. Wenn er nicht die freie Verfügung +über den kommenden Tag in der Tasche hatte, fühlte +er sich nicht wohl.</p> + +<p>»Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« +begann er dann wieder, »so mußt du mich als deinen +Gesellen anmelden.«</p> + +<p>»Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du +und mein Gesell! Außerdem bist du ja gar kein Weißgerber.«</p> + +<p>»Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir +gar nichts am Gerben, es soll zwar ein schönes Handwerk +sein, und zum Arbeiten habe ich kein Talent. +Aber meinem Wanderbüchlein wird es gut tun, weißt +du. Für das Krankengeld käme ich dann schon auf.«</p> + +<p>»Darf ich’s einmal sehen, dein Büchlein?«</p> + +<p>Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges +und zog das Ding heraus, das reinlich in einem +Wachstuchfutteral steckte.</p> + +<p>Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer +tadellos! Man meint, du seiest erst gestern früh von +der Mutter fortgereist.«</p> + +<p>Dann studierte er die Einträge und Stempel und +schüttelte in tiefer Bewunderung den Kopf: »Nein, +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>ist das eine Ordnung! Bei dir muß halt alles nobel +sein.«</p> + +<p>Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war +allerdings eine von Knulps Liebhabereien. Es stellte +in seiner Tadellosigkeit eine anmutige Fiktion oder +Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge +bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten +und arbeitsamen Lebens, in welchem nur die +Wanderlust in Form sehr häufiger Ortswechsel auffiel. +Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben +hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten +diese Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter +geführt, während er in Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes +tat, aber als arbeitsloser Landstreicher ein +ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich +wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung +so ungestört fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen +wohlgesinnt gewesen. Sie ließen den heiteren, +unterhaltsamen Menschen, dessen geistige Überlegenheit +und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach +Möglichkeit in Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, +es war ihm kein Diebstahl und kein Bettel +nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; +so ließ man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten +<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Hauswesen eine hübsche Katze mitleben +mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, während +sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten +Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll +herrenmäßiges und arbeitsloses Dasein verlebt.</p> + +<p>»Aber jetzt wäret ihr schon lang im Bett, wenn ich +nicht gekommen wäre,« rief Knulp, indem er seine +Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und +machte der Hausfrau ein Kompliment.</p> + +<p>»Komm, Rothfuß, und zeig mir, wo mein Bett +steht.«</p> + +<p>Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale +Stiege zum Dachstock hinauf und in die Gesellenkammer. +Da stand eine leere eiserne Bettstatt an der +Wand und daneben eine hölzerne, die mit Bettzeug +versehen war.</p> + +<p>»Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt +väterlich.</p> + +<p>»Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr +Meister, der braucht freilich keine, wenn er so ein +hübsches kleines Frauelein hat.«</p> + +<p>»Ja, siehst du,« meinte Rothfuß ganz eifrig, »da +steigst du jetzt in dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, +und manchmal noch in ein schlechteres, und +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>manchmal hast du gar keins und mußt im Heu schlafen. +Aber unsereiner hat Haus und Geschäft und eine nette +Frau. Schau, du könntest doch schon lang Meister +sein und weiter als ich, wenn du bloß gewollt hättest.«</p> + +<p>Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider +abgelegt und sich fröstelnd in das kühle Bettzeug verkrochen.</p> + +<p>»Weißt du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut +und kann zuhören.«</p> + +<p>»Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.«</p> + +<p>»Mir auch, Rothfuß. Du mußt aber nicht meinen, +das Heiraten sei eine Erfindung von dir. Also gut +Nacht auch!«</p> + + +<p class="newsectioninitial">Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er +fühlte sich noch etwas schwach, und das Wetter war +so, daß er doch das Haus kaum verlassen hätte. Den +Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, +er möge ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag +einen Teller Suppe heraufbringen.</p> + +<p>So lag er in der dämmerigen Dachkammer den +ganzen Tag still und zufrieden, fühlte Kälte und +Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit +Lust dem Wohlgefühl warmer Geborgenheit hin. Er +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>hörte dem fleißigen Klopfen des Regens auf dem +Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und +föhnig in launischen Stößen ging. Dazwischen schlief +er halbe Stunden oder las, solange es licht genug war, +in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus Blättern, +auf welche er sich Gedichte und Sprüche abgeschrieben +hatte, und aus einem kleinen Bündel von Zeitungsausschnitten. +Auch einige Bilder waren dazwischen, +die er in Wochenblättern gefunden und ausgeschnitten +hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen +vom öfteren Hervorziehen schon brüchig und zerfasert +aus. Das eine stellte die Schauspielerin Eleonora +Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff bei starkem +Winde auf hoher See. Für den Norden und für das +Meer hatte Knulp seit den Knabenjahren eine starke +Vorliebe, und mehrmals hatte er sich dahin auf den +Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische +gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer +unterwegs war und an keinem Orte lang verweilen +konnte, hatte eine merkwürdige Bangigkeit und Heimatliebe +immer wieder in raschen Märschen nach Süddeutschland +zurückgetrieben. Es mag auch sein, daß +ihm die Sorglosigkeit verlorenging, wenn er in Gegenden +mit fremder Mundart und Sitte kam, wo +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein +legendenhaftes Wanderbüchlein in Ordnung zu halten.</p> + +<p>Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und +Brot herauf. Er trat leise auf und sprach in einem erschrockenen +Flüsterton, da er Knulp für krank hielt und +selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals +am hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der +sich sehr wohl fühlte, gab sich keine Mühe mit Erklärungen +und versicherte nur, er werde morgen wieder +aufstehen und gesund sein.</p> + +<p>Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, +und da Knulp im Halbschlummer lag und keine +Antwort gab, trat die Meistersfrau vorsichtig herein +und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale +Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.</p> + +<p>Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, +blieb aus Müdigkeit oder Laune mit geschlossenen +Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß er +wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der +Hand, warf einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf +auf dem halb vom blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten +Arme lag. Und da ihr die Feinheit des dunklen +Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen +Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>sich den hübschen Burschen an, von dem ihr der Meister +viel Wunderliches erzählt hatte. Sie sah über den +geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten, +hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, +den feinen, hellroten Mund und den schlanken, lichten +Hals, und alles gefiel ihr wohl, und sie dachte an die +Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und je in Frühlingslaunen +sich von einem solchen fremden, hübschen +Buben hatte liebhaben lassen.</p> + +<p>Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein +wenig vorbeugte, um das ganze Gesicht zu sehen, glitt +ihr der zinnerne Löffel vom Teller und fiel auf den +Boden, worüber sie in der Stille und befangenen +Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.</p> + +<p>Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, +als habe er tief geschlafen. Er drehte den +Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand über +die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die +Frau Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! +Ein guter, warmer Kaffee, das ist gerade das, wovon +ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also schönen +Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für +Zeit?«</p> + +<p>»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>solang er warm ist, nachher hol ich das Geschirr dann +wieder.«</p> + +<p>Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute +übrig. Knulp sah ihr nach und hörte zu, wie sie in +Eile die Treppe hinab verschwand. Er machte nachdenkliche +Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, +dann stieß er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und +wendete sich zu seinem Kaffee.</p> + +<p>Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde +es ihm langweilig, er fühlte sich wohl und prächtig +ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig unter +Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich +an, schlich in der tiefen Dämmerung leise wie ein +Marder die Treppe hinab und schlüpfte unbemerkt +aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer +und feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, +und am Himmel standen große Flecken licht und klar.</p> + +<p>Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen +Gassen und über den verödeten Marktplatz, stellte sich +dann im offenen Tor einer Hufschmiede auf, sah den +Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch +mit den Gesellen an und hielt die kühlen Hände über +die dunkelrot verglosende Esse. Dabei fragte er obenhin +nach manchen Bekannten in der Stadt, erkundigte +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich +von dem Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn +es waren ihm die Sprachen und Erkennungszeichen +aller Handwerke geläufig.</p> + +<p>Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre +Abendsuppe an, klimperte mit den Eisenringen am +kleinen Herd und schälte Kartoffeln, und als das getan +war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand, +ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber +und stellte sich vor dem Spiegel auf. Sie fand +darin, was sie suchte: ein volles, frischwangiges Gesicht +mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu +bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern +in Ordnung. Darauf strich sie die frischgewaschenen +Hände noch einmal an der Schürze ab, nahm das +Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.</p> + +<p>Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, +und nochmals etwas lauter, und da keine Antwort +kam, stellte sie die Leuchte an den Boden und machte +mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie +nicht knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen +Schritt und ertastete den Stuhl bei der Bettstatt.</p> + +<p>»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>noch einmal: »Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr +abräumen.«</p> + +<p>Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug +zu hören war, streckte sie die Hand gegen das Bett hin +aus, zog sie aber in einem Gefühl von Unheimlichkeit +wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun +die Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, +auch Kissen und Federdecke tadellos aufgeschüttelt +fand, lief sie verwirrt, zwischen Angst und +Enttäuschung, in ihre Küche zurück.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum +Nachtessen heraufgekommen und der Tisch gedeckt +war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu machen, +fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch +in der Dachkammer zu erzählen. Da ging unten +das Tor, ein leichter Schritt klang durch den gepflasterten +Gang und die gebogene Stiege herauf, und +Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom +Kopf und wünschte guten Abend.</p> + +<p>»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. +»Ist krank und läuft dabei in der Nacht herum! +Du kannst dir ja den Tod holen.«</p> + +<p>»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau +Rothfuß, ich komme ja gerade recht. Ihre gute Suppe +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>habe ich schon vom Marktplatz her gerochen, die wird +mir den Tod schon vertreiben.«</p> + +<p>Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig +und rühmte sich seiner Häuslichkeit und seines +Meisterstandes. Er neckte den Gast und redete ihm +dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige +Wandern und Nichtstun einmal aufgeben. Knulp +hörte zu und gab wenig Antwort, und die Meisterin +sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, +der ihr neben dem manierlichen und hübschen Knulp +grob erschien, und gab dem Gast ihre gute Meinung +durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund. Als +es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat +sich des Gerbers Rasiermesser aus.</p> + +<p>»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das +Messer hergab. »Kaum kratzt’s dich am Kinn, so muß +der Bart herunter. Also gut Nacht, und gute Besserung!«</p> + +<p>Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in +das kleine Fensterchen oben an der Bodentreppe, um +noch einen Augenblick nach Wetter und Nachbarschaft +auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen +den Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in +welchem klare, feucht schimmernde Sterne brannten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das +Fenster schließen, da wurde ein kleines Fenster ihm +gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell. Er sah eine +kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch +deren Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine +Kerze im messingnen Leuchter in der Hand und in der +Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden +abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr +schmales Mägdebett hin, das bescheiden und säuberlich +mit einer groben roten Wollendecke zum Schlafen +einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht +wohin, und setzte sich auf eine niedere grüngemalte +Kofferkiste, wie alle Dienstmägde eine haben.</p> + +<p>Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben +zu spielen begann, sein eigenes Licht ausgeblasen, +um nicht gesehen zu werden, und stand nun still und +lauernd aus seiner Luke gebeugt.</p> + +<p>Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm +gefiel. Sie war vielleicht achtzehn oder neunzehn +Jahre, nicht eben groß gewachsen, und hatte ein bräunliches +gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit +braunen Augen und dunklem dichten Haar. Dies +stille angenehme Gesicht sah gar nicht fröhlich aus, und +die ganze Person saß auf ihrer harten grünen Kiste +<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der +die Welt und auch die Mädchen kannte, sich wohl denken +konnte, das junge Ding sei noch nicht lange mit +seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie +ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und +suchte einen flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen +noch eine Weile auf ihrem kleinen Eigentum zu +sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.</p> + +<p>Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte +Knulp in seinem Fensterloch und blickte mit +wunderlicher Spannung in das kleine fremde Menschenleben +hinüber, das so harmlos seinen hübschen +Kummer im Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer +dachte. Er sah die braunen, gutmütigen Augen +bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von +langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen +Wangen das rote Licht leise spielen, er sah den +mageren jungen Händen zu, wie sie müde waren und +die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig +hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen +baumwollenen Kleide ruhten.</p> + +<p>Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer +den Kopf mit den schweren, in ein Nest aufgesteckten +Zöpfen empor, blickte gedankenvoll, doch nicht minder +<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um +ihre Schuhnestel aufzulösen.</p> + +<p>Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch +schien es ihm unrecht und fast grausam, dem armen +Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern hätte er +sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit +einem Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen +lassen. Aber er fürchtete, sie würde erschrecken und +alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber riefe.</p> + +<p>Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen +Künste zu üben. Er hob an, unendlich fein und +zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und er pfiff +das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein +Mühlenrad«, und es gelang ihm, es so fein und zart +zu machen, daß das Mädchen eine ganze Weile zuhörte, +ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim +dritten Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und +horchend an ihr Fenster trat.</p> + +<p>Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes +Knulp leise weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein +paar Takte lang der Melodie nach, schaute dann plötzlich +auf und erkannte, woher die Musik komme.</p> + +<p>»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut.</p> + +<p>»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>»Ich will die Jungfer nicht im Schlafen stören. +Ich habe nur ein bißchen das Heimweh gehabt und +mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. +– Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?«</p> + +<p>»Ich bin vom Schwarzwald.«</p> + +<p>»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind +wir Landsleute. Wie gefällt’s dir in Lächstetten? Mir +gar nicht.«</p> + +<p>»O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. +Aber es gefällt mir auch nicht recht. Seid Ihr schon +länger da?«</p> + +<p>»Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu +einander, gelt?«</p> + +<p>»Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar +nicht.«</p> + +<p>»Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen +nicht zueinander, aber die Leute. Wo ist denn Euer +Ort, Fräulein?«</p> + +<p>»Das kennt Ihr doch nicht.«</p> + +<p>»Wer weiß? Oder ist’s ein Geheimnis?«</p> + +<p>»Achthausen. Es ist bloß ein Weiler.«</p> + +<p>»Aber ein schöner, gelt? Vorn am Eck steht +eine Kapelle, und es ist auch eine Mühle da, oder +eine Sägerei, und dort haben sie einen großen +<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>gelben Bernhardinerhund. Stimmt’s oder stimmt’s +nicht?«</p> + +<p>»Der Bello, herrje!«</p> + +<p>Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich +dort gewesen, fiel ein großes Teil Mißtrauen und Bedrücktheit +von ihr ab, und sie wurde ganz eifrig.</p> + +<p>»Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie +rasch.</p> + +<p>»Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist +Euer Vater?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und +wenn ich jetzt noch den Vornamen dazu weiß, dann +kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn ich wieder +einmal durch Achthausen komme.«</p> + +<p>»Wollet Ihr denn schon wieder fort?«</p> + +<p>»Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen +wissen, Jungfer Flick.«</p> + +<p>»Ach was, ich weiß ja Euren auch nicht.«</p> + +<p>»Das tut mir leid, aber es läßt sich ändern. Ich +heiße Karl Eberhard, und wenn wir uns einmal am +Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr mich +anrufen müßt, und wie muß ich dann zu Euch sagen?«</p> + +<p>»Barbara.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>»So ist’s recht und danke schön. Er ist aber schwer +zum Aussprechen, Euer Name, und ich möchte fast +eine Wette machen, daß man Euch daheim Bärbele +gerufen hat.«</p> + +<p>»Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon +wisset, warum fraget Ihr dann so viel? Aber jetzt +müssen wir Feierabend machen. Gut Nacht, Gerber.«</p> + +<p>»Gut Nacht, Jungfer Bärbele. Schlafet auch gut, +und weil Ihr’s seid, will ich jetzt noch eins pfeifen. +Laufet nicht fort, es kostet nichts.«</p> + +<p>Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen +jodlerartigen Satz, mit Doppeltönen und Trillern, daß +es funkelte wie eine Tanzmusik. Sie hörte mit Erstaunen +dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille +ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte +ihn fest, während Knulp ohne Licht in seine Kammer +fand.</p> + + +<p class="newsectioninitial">Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde +auf und nahm des Gerbers Rasiermesser in Gebrauch. +Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen Vollbart, +und das Messer war so verwahrlost, daß Knulp +es wohl eine halbe Stunde lang über seinem Hosenträger +abziehen mußte, ehe das Barbieren gelang. +<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die Stiefel +in die Hand und stieg in die Küche hinab, wo es warm +war und schon nach Kaffee roch.</p> + +<p>Er bat die Meistersfrau um Bürste und Wichse zum +Stiefelputzen</p> + +<p>»Ach was!« rief sie, »das ist kein Männergeschäft. +Lassen Sie mich das machen.«</p> + +<p>Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit +ungeschicktem Lachen ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, +tat er die Arbeit gründlich, reinlich und dabei spielend, +als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune, +dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit +verrichtet.</p> + +<p>»Das lass’ ich mir gefallen,« rühmte die Frau und +sah ihn an. »Alles blank, wie wenn Sie grad zum +Schatz gehen wollten.«</p> + +<p>»O, das tät’ ich auch am liebsten.«</p> + +<p>»Ich glaub’s. Sie haben gewiß einen schönen.« +Sie lachte wieder zudringlich. »Vielleicht sogar mehr +als einen?«</p> + +<p>»Ei, das wäre nicht schön,« tadelte Knulp munter. +»Ich kann Ihnen auch ein Bild von ihr zeigen.«</p> + +<p>Begierig trat sie heran, während er sein Wachstuchmäpplein +aus der Brusttasche zog und das Bildnis +<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>der Duse hervorsuchte. Interessiert betrachtete sie das +Blatt.</p> + +<p>»Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, +»das ist ja fast eine rechte Dame. Nur freilich, mager +sieht sie aus. Ist sie denn auch gesund?«</p> + +<p>»Soviel ich weiß, jawohl. So, und jetzt wollen wir +nach dem Alten sehen, man hört ihn in der Stube.«</p> + +<p>Er ging hinüber und begrüßte den Gerber. Die +Wohnstube war gefegt und sah mit dem hellen Getäfel, +mit der Uhr, dem Spiegel und den Photographien +an der Wand freundlich und heimelig aus. +So eine saubere Stube, dachte Knulp, ist im Winter +nicht übel, aber darum zu heiraten, verlohnt doch +nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die +Meisterin ihm zeigte, keine Freude.</p> + +<p>Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete +er den Meister Rothfuß nach dem Hof und Schuppen +und ließ sich die ganze Gerberei zeigen. Er kannte +fast alle Handwerke und stellte so sachverständige Fragen, +daß sein Freund ganz erstaunt war.</p> + +<p>»Woher weißt du denn das alles?« fragte er lebhaft. +»Man könnte meinen, du seiest wirklich ein +Gerbergesell oder einmal einer gewesen.«</p> + +<p>»Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>gemessen. »Übrigens, was die Weißgerberei angeht, +da bist du selber mein Lehrmeister gewesen, weißt du’s +nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen +gewandert sind, hast du mir das alles erzählen +müssen.«</p> + +<p>»Und das weißt du alles noch?«</p> + +<p>»Ein Stück davon, Rothfuß. Aber jetzt will ich dich +nimmer stören. Schade, ich hätte dir gern ein bißchen +geholfen, aber es ist da unten so feucht und stickig, und +ich muß noch so viel husten. Also Servus, Alter, ich geh +ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.«</p> + +<p>Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse +stadteinwärts bummelte, den braunen Filzhut +etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in die Tür +und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging, +überall sauber gebürstet und den Regenpfützen +sorglich ausweichend.</p> + +<p>»Gut hat er’s eigentlich,« dachte der Meister mit +einem kleinen Neidgefühl. Und während er zu seinen +Gruben ging, dachte er dem Freund und Sonderling +nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen, +und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden +heißen. Einer, der arbeitete und sich vorwärts +schaffte, hatte es ja in vielem besser, aber er konnte nie +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>so zarte hübsche Hände haben und so leicht und schlank +einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er +so tat, wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht +viele nachtun konnten, wenn er wie ein Kind alle +Leute ansprach und für sich gewann, allen Mädchen +und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für +einen Sonntag nahm. Man mußte ihn laufen lassen, +wie er war, und wenn es ihm schlecht ging und er +einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen +und eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man +mußte fast noch dankbar dafür sein, denn er machte es +froh und hell im Haus.</p> + +<p>Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt +durchs Städtchen, pfiff einen Soldatenmarsch durch die +Zähne und begann ohne Eile die Orte und Menschen +aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst +wandte er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo +er einen armen Flickschneider kannte, um den es schade +war, daß er nichts als alte Hosen zu stopfen und kaum +jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn +er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt +und in guten Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte +früh geheiratet und schon ein paar Kinder, und die +Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand +Knulp im dritten Stockwerk eines Hinterhauses in der +Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing wie ein Vogelnest +in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus +stand an der Talseite, und wenn man durch die Fenster +senkrecht hinabschaute, hatte man nicht nur die drei +Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause floh der +Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden +schwindelnd abwärts, endigend in einem +grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen, Hühnerhöfen, +Ziegen- und Kaninchenställen, und die +nächsten Hausdächer, auf die man hinabsah, lagen +jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon tief und +klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt +taghell und luftig, und auf seinem breiten Tisch +am Fenster hockte der fleißige Schlotterbeck hell und +hoch über der Welt wie der Wächter in einem Leuchtturm.</p> + +<p>»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, +und der Meister, vom Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen +Augen nach der Türe.</p> + +<p>»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte +ihm die Hand entgegen. »Auch wieder im Land? +Und wo fehlt’s denn, daß du zu mir herauf steigst?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und +setzte sich nieder.</p> + +<p>»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber +braunen und vom feinsten, ich will Musterung halten.«</p> + +<p>Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen +Zwirn heraus, fädelte ein und überging mit wachsamen +Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr gut und fast +neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede +lockere Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit +fleißigen Fingern wieder instand setzte.</p> + +<p>»Und wie geht’s sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die +Jahreszeit ist nicht zu loben. Aber schließlich, wenn +man gesund ist und keine Familie hat –«</p> + +<p>Knulp räusperte sich polemisch.</p> + +<p>»Ja, ja,« sagte er lässig. »Der Herr läßt regnen über +Gerechte und Ungerechte, und nur die Schneider +sitzen trocken. Hast du immer noch zu klagen, Schlotterbeck?«</p> + +<p>»Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du hörst ja die +Kinder nebendran schreien. Es sind jetzt fünf. Da sitzt +man und schuftet bis in alle Nacht hinein, und nirgends +will’s reichen. Und du tust nichts als spazierengehen!«</p> + +<p>»Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder fünf Wochen +bin ich im Spital in Neustadt gelegen, und da +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>behalten sie keinen länger, als er’s bitter nötig hat, und +es bleibt auch keiner länger drin. Des Herrn Wege +sind wunderbar, Freund Schlotterbeck.«</p> + +<p>»Ach laß diese Sprüche, du!«</p> + +<p>»Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es +gerade auch werden, und darum bin ich zu dir gekommen. +Wie steht’s damit, alter Stubenhocker?«</p> + +<p>»Laß mich in Ruh’ mit der Frömmigkeit! Im Spital, +sagst du? Da tust du mir aber leid.«</p> + +<p>»Ist nicht nötig, es ist vorbei. Und jetzt erzähl einmal: +wie ist’s mit dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? +Weißt du, im Spital hab ich Zeit gehabt, +und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen +und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses +Buch, die Bibel.«</p> + +<p>»Da hast du recht. Kurios, und die Hälfte muß +verlogen sein, weil keins zum andern paßt. Du verstehst’s +vielleicht besser, du bist ja einmal in die Lateinschule +gegangen.«</p> + +<p>»Davon ist mir wenig geblieben.«</p> + +<p>»Siehst du, Knulp –.« Der Schneider spuckte zum +offenen Fenster in die Tiefe hinunter und sah mit +großen Augen und erbittertem Gesicht hinterdrein. +»Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frömmigkeit. Es +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>ist nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich +pfeife drauf!«</p> + +<p>Der Wanderer sah ihn nachdenklich an.</p> + +<p>»So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir +scheint, in der Bibel stehen ganz gescheite Sachen.«</p> + +<p>»Ja, und wenn du ein Stück weiterblätterst, dann +steht immer irgendwo das Gegenteil. Nein, ich bin +fertig damit, aus und fertig.«</p> + +<p>Knulp war aufgestanden und hatte nach einem +Bügeleisen gegriffen.</p> + +<p>»Du könntest mir ein paar Kohlen drein geben,« +bat er den Meister.</p> + +<p>»Zu was denn auch?«</p> + +<p>»Ich will die Weste ein wenig bügeln, weißt du, und +dem Hut wird es auch gut tun, nach all dem Regen.«</p> + +<p>»Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas ärgerlich. +»Was brauchst du so fein zu sein wie ein Graf, wenn +du doch nur ein Hungerleider bist?«</p> + +<p>Knulp lächelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es +macht mir eine Freude, und wenn du’s nicht aus +Frömmigkeit tun willst, so tust du’s einfach aus Nettigkeit +und einem alten Freund zuliebe, gelt?«</p> + +<p>Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam +bald mit dem heißen Eisen wieder.</p> + +<p><a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>»So ist’s recht,« lobte Knulp, »danke schön!«</p> + +<p>Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu +glätten, und da er hierin nicht so geschickt war wie im +Nähen, nahm ihm der Freund das Eisen aus der Hand +und tat die Arbeit selber.</p> + +<p>»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. +»Jetzt ist es wieder ein Sonntagshut. Aber schau, +Schneider, von der Bibel verlangst du zu viel. Das, +was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet +ist, das muß ein jeder sich selber ausdenken und +kann es aus keinem Buch lernen, das ist meine Meinung. +Die Bibel ist alt, und früher hat man mancherlei +noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; +aber darum steht doch viel Schönes und Braves drin, +und auch ganz viel Wahres. Stellenweise ist sie mir +gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen, +weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld +geht und die übrigen Ähren sammelt, das ist fein, und +man spürt den schönsten warmen Sommer drin, oder +wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und +denkt: ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit +ihrem Hochmut alle zusammen! Ich finde, da hat er +recht, und da könnte man schon von ihm lernen.«</p> + +<p>»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>ihn doch nicht Recht haben lassen. »Aber einfacher ist +es schon, wenn man das mit andrer Leute Kindern +tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie +sie durchfüttern.«</p> + +<p>Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp +konnte das nicht ansehen. Er wünschte ihm, ehe er +gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er besann sich ein +wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah +ihm mit seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins +Gesicht und sagte leise: »Ja, hast du sie denn nicht lieb, +deine Kinder?«</p> + +<p>Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. +»Aber freilich, was denkst du auch! Natürlich hab ich +sie lieb, den Größten am meisten.«</p> + +<p>Knulp nickte mit großem Ernst.</p> + +<p>»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir +schönen Dank. Die Weste ist jetzt gerade das Doppelte +wert. – Und dann, mit deinen Kindern mußt du lieb +und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken. +Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand +weiß und was du nicht weiter zu erzählen +brauchst.«</p> + +<p>Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden +in die klaren Augen, die sehr ernst geworden waren. +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>Knulp sprach jetzt so leise, daß der Schneider Mühe +hatte, ihn zu verstehen.</p> + +<p>»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der +hat es leicht, keine Familie und keine Sorgen! Aber +es ist nichts damit. Ich habe ein Kind, denk dir, einen +kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden +Leuten angenommen worden, weil man doch den +Vater nicht kennt und weil die Mutter im Kindbett +gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu wissen, +wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin +komme, dann schleiche ich mich um das Haus herum +und steh am Zaun und warte, und wenn ich Glück +habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm +keine Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens +im Vorbeigehen was vorpfeifen. – Ja, so ist das, und +jetzt adieu, und sei froh, daß du Kinder hast!«</p> + + +<p class="newsectioninitial">Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er +stand eine Weile plaudernd am Werkstattfenster eines +Drechslers und sah dem geschwinden Spiel der lockigen +Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den +Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus +seiner Birkendose schnupfen ließ. Überall erfuhr er +Großes und Kleines aus dem Leben der Familien +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau +und vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, +er erzählte dafür neues von anderen Orten +und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das +ihn als Bekannten und Freund und Mitwisser da und +dort mit dem Leben der Seßhaften und Ehrbaren +verband. Es war Samstag, und er fragte in der Toreinfahrt +einer Brauerei die Küfergesellen, wo es +heut abend und morgen eine Tanzgelegenheit gebe.</p> + +<p>Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen +von Gertelfingen, nur eine halbe Stunde weit. +Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem Nachbarhause +mitzunehmen.</p> + +<p>Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe +im Rothfußschen Hause erstieg, schlug ihm von der +Küche her ein angenehm kräftiger Geruch entgegen. +Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde +mit spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber +so still er gekommen war, man hatte ihn schon gehört. +Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und stand +freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der +Speisen umwölkt.</p> + +<p>»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, +»das ist recht, daß Sie so zeitig kommen. Nämlich wir +<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und da hab +ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für +Sie extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was +meinen Sie?«</p> + +<p>Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.</p> + +<p>»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, +ich bin froh, wenn’s eine Suppe gibt.«</p> + +<p>»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört +er ordentlich gepflegt, wo soll sonst die Kraft herkommen? +Aber vielleicht mögen Sie gar keine Leber? +Es gibt solche.«</p> + +<p>Er lachte bescheiden.</p> + +<p>»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, +das ist ein Sonntagsessen, und wenn ich’s +mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte, wär ich +schon zufrieden.«</p> + +<p>»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat +man kochen gelernt! Aber sagen Sie’s jetzt nur, es +ist ein Stück Leber übrig, ich hab’s Ihnen aufgespart. +Es täte Ihnen gut.«</p> + +<p>Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins +Gesicht. Er verstand gut, wie sie es meinte, und ziemlich +hübsch war das Weiblein auch, aber er tat, als sehe +<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den +ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah +nebenaus.</p> + +<p>»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten +Willen. Aber Spatzen sind mir wirklich lieber. Ich +werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.«</p> + +<p>Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.</p> + +<p>»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub’s +Ihnen doch nicht. Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel +dran, gelt?«</p> + +<p>»Da kann ich nicht nein sagen.«</p> + +<p>Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte +sich in die Stube, wo schon gedeckt war. Er las im +gestrigen Wochenblatt, bis der Meister sich einfand +und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und +nach Tische wurde zu dreien eine Viertelstunde mit +Karten gespielt, wobei Knulp seine Wirtin durch einige +neue, verwegene und zierliche Kartenkunststücke in +Erstaunen setzte. Er verstand auch mit spielerischer +Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell +zu ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den +Tisch und ließ zuweilen den Daumen über die Kartenränder +laufen. Der Meister sah mit Bewunderung +und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose +<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Künste sich gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete +mit kennerhafter Teilnahme diese Anzeichen +einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte +aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner +schweren Arbeit entstellten Händen.</p> + +<p>Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, +unsicherer Sonnenschein in die Stube, über den Tisch +und die Karten, spielte launisch und kraftlos am Fußboden +mit den schwachen Schlagschatten und zitterte +kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp +nahm dies alles mit blinzelnden Augen wahr: das +Spiel der Februarsonne, den stillen Frieden des +Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht +seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen +Frau. Es gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und +Glück für ihn. Wäre ich gesund, dachte er, und wäre es +Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier.</p> + +<p>»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte +er, als Rothfuß die Karten zusammenstrich und auf +die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die Treppe +hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen +und verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, +von Lohgruben unterbrochen, bis an das Flüßchen +hinabreichte. Dort hatte der Gerber einen kleinen +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen +konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen +knapp über dem still und rasch fließenden Wasser +hängen, blickte belustigt den schnellen, dunklen Fischen +nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten, und fing +dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er +suchte eine Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd +von drüben zu sprechen.</p> + +<p>Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht +erhaltenen Lattenzaun getrennt, und unten am +Wasser, wo die Zaunpfähle längst vermodert und verschwunden +waren, konnte man ungehindert vom einen +Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten +schien mit mehr Sorgfalt gepflegt zu +werden als der wüste Grasplatz des Weißgerbers. +Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast +und eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, +Ackerlattich und überwinterter Spinat wuchs spärlich +in zwei Rabatten, Rosenbäumchen standen zur Erde +gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen, +das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume.</p> + +<p>Bis zu ihnen drang Knulp geräuschlos vor, nachdem +er den fremden Garten betrachtet hatte, und sah nun +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>zwischen den Bäumen hindurch das Haus liegen, die +Küche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet, +da sah er in der Küche auch das Mädchen mit +aufgekrempelten Ärmeln wirtschaften. Die Hausfrau +war dabei und hatte viel zu befehlen und zu lehren, +wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen +mögen und ihre jährlich wechselnden Lehrmädchen +nachher, wenn sie aus dem Hause sind, nicht +genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und +Klage geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit +war, und die Kleine schien bereits daran gewöhnt, +denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre +Arbeit.</p> + +<p>Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt +mit vorgestrecktem Kopf, neugierig und wachsam wie +ein Jäger, und lauschte mit vergnügter Geduld als +ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, +als Zuschauer und Zuhörer am Leben teilzunehmen. +Er freute sich am Anblick des Mädchens, wenn es +durchs Fenster sichtbar wurde, und er schloß aus der +Mundart der Hausfrau, daß sie keine geborene Lächstetterin, +sondern ein paar Stunden weiter oben im +Tale daheim sei. Ruhig horchte er und kaute auf einem +duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine +<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>ganze Stunde lang, bis die Frau verschwand und es +still in der Küche wurde.</p> + +<p>Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam +vor und klopfte mit einem dürren Zweig ans +Küchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf, er +mußte noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene +Fenster, tat es vollends auf und schaute heraus.</p> + +<p>»Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. +»Jetzt wär ich fast erschrocken.«</p> + +<p>»Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lächelte. +»Ich wollte bloß einmal Grüßgott sagen und sehen, +wie’s geht. Und weil nämlich heut Samstag ist, +möchte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa +frei habet, zu einem kleinen Spaziergang.«</p> + +<p>Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf, und da +machte er ein so trostlos betrübtes Gesicht, daß es ihr +ganz leid tat.</p> + +<p>»Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht +frei, nur vormittags für die Kirche.«</p> + +<p>»So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann könntet Ihr +aber gewiß heut abend mitkommen.«</p> + +<p>»Heut abend? Ja, frei hätte ich schon, aber da will +ich einen Brief schreiben, an meine Leute daheim.«</p> + +<p>»O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde später, +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>er geht heut nacht doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich +hab mich schon so gefreut, bis ich wieder ein bißchen +mit Euch reden kann, und heut abend, wenn’s nicht +gerade Katzen hagelt, hätten wir so schön spazieren +gehen können. Gelt, seiet lieb, Ihr werdet doch vor +mir keine Angst haben!«</p> + +<p>»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. +Aber es geht halt nicht. Wenn man sieht, daß ich mit +einem Mannsbild spazieren geh –«</p> + +<p>»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. +Und es ist doch wahrhaftig keine Sünde und geht +niemand was an. Ihr seid doch kein Schulmädchen +mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht +Uhr bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken +für den Viehmarkt sind. Oder soll ich früher kommen? +Ich kann es schon richten.«</p> + +<p>»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt – Ihr müsset +gar nicht kommen, es geht nicht, und ich darf nicht – –«</p> + +<p>Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht.</p> + +<p>»Ja, wenn Ihr halt gar nicht möget!« sagte er +traurig. »Ich habe gedacht, Ihr seid hier fremd und +allein und habet manchmal das Heimweh, und ich +auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen +können, von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>weil ich doch einmal dort war. Ja nun, zwingen +kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir’s auch nicht +übelnehmen.«</p> + +<p>»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht +kann.«</p> + +<p>»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget +bloß nicht. Aber vielleicht überlegt Ihr’s Euch noch. +Ich muß jetzt gehen, und heut abend bin ich an der +Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann +geh ich allein spazieren und denk an Euch und daß +Ihr jetzt nach Achthausen schreibet. Also adieu, und +nichts für ungut!«</p> + +<p>Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen +konnte. Sie sah ihn hinter den Bäumen verschwinden +und machte ein ratloses Gesicht. Dann kehrte sie zur +Arbeit zurück, und plötzlich begann sie – die Frau war +ausgegangen – laut und schön dazu zu singen.</p> + +<p>Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg +und machte kleine Kugeln aus einem Stückchen +Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt hatte. +Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine +nach der andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie +untersanken, ein wenig von der Strömung abgetrieben, +und wie sie unten auf dem dunklen Grunde +<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>von den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt +wurden.</p> + + +<p class="newsection">»<em class="initial">S</em>o,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, +»jetzt ist’s Samstag abend, und du weißt gar nicht, +wie schön das ist, wenn man es die ganze Woche +streng gehabt hat.«</p> + +<p>»O, ich kann’s mir schon denken,« lächelte Knulp, +und die Meisterin lächelte mit und sah ihm schalkhaft +ins Gesicht.</p> + +<p>»Heut abend,« fuhr Rothfuß im festlichen Tone fort, +»heut abend trinken wir einen guten Krug Bier miteinander, +meine Alte holt ihn gleich, gelt? Und morgen, +wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei +einen Ausflug. Was meinst du, alter Freund?«</p> + +<p>Knulp schlug ihn kräftig auf die Schulter.</p> + +<p>»Man hat es gut bei dir, das muß ich sagen, und auf +den Ausflug freu ich mich schon. Hingegen heut abend +habe ich eine Besorgung, es ist ein Freund von mir +hier, den muß ich treffen, er hat in der oberen Schmiede +gearbeitet und reist morgen fort. – Ja, es tut mir +leid, aber morgen sind wir ja den ganzen Tag beieinander, +sonst hätt ich mich auch gar nicht darauf +eingelassen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>»Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen +wollen, wo du noch halb krank bist.«</p> + +<p>»Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwöhnen. +Ich komme nicht spät heim. Wo tust du den +Schlüssel hin, daß ich dann herein kann?«</p> + +<p>»Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, +und den Schlüssel findest du hinterm Kellerladen. +Du weißt doch, wo?«</p> + +<p>»Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig +ins Bett! Gut Nacht. Gut Nacht, Frau Meisterin.«</p> + +<p>Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, +kam ihm hastig die Meistersfrau nachgelaufen. Sie +brachte einen Regenschirm, den mußte Knulp mitnehmen, +er mochte wollen oder nicht.</p> + +<p>»Sie müssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« +sagte sie. »Und jetzt will ich Ihnen zeigen, wo Sie +nachher den Schlüssel finden.«</p> + +<p>Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und +führte ihn um die Hausecke und machte vor einem +Fensterchen halt, das mit Holzläden verschlossen war.</p> + +<p>»Hinter den Laden legen wir den Schlüssel,« berichtete +sie aufgeregt und flüsternd und streichelte +Knulps Hand. »Sie müssen dann bloß durch den Ausschnitt +langen, er liegt auf dem Simsen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>»Ja, danke schön,« sagte Knulp verlegen und zog +seine Hand zurück.</p> + +<p>»Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« +fing sie wieder an und drückte sich leise +gegen ihn.</p> + +<p>»Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, +Frau Rothfuß, und danke schön.«</p> + +<p>»Pressiert’s denn so?« flüsterte sie zärtlich und kniff ihn +in den Arm. Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und +in einer verlegenen Stille, da er sie nicht mit Gewalt zurückstoßen +mochte, strich er mit der Hand über ihr Haar.</p> + +<p>»Aber jetzt muß ich weiter,« rief er plötzlich überlaut +und trat zurück.</p> + +<p>Sie lächelte ihn mit halb geöffnetem Munde an, er +konnte im Dunkeln ihre Zähne schimmern sehen. +Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du heimkommst. +Du bist ein Lieber.«</p> + +<p>Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, +den Schirm unterm Arme, und begann bei der nächsten +Ecke, um der törichten Beklommenheit Herr zu werden, +zu pfeifen. Es war das Lied:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Du meinst’, ich werd’ dich nehmen,<br /></span> +<span class="i0">Hab’s aber nicht im Sinn,<br /></span> +<span class="i0">Ich muß mich deiner schämen,<br /></span> +<span class="i0">Wenn ich in G’sellschaft bin.<br /></span> +</div></div> + +<p><a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am +schwarzen Himmel heraus. In einem Wirtshaus +lärmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und im +Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn +eine bürgerliche Herrengesellschaft in Hemdärmeln +beieinander stehen, Kegelkugeln in den Händen +wägend und Zigarren im Munde.</p> + +<p>Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich +um. In den kahlen Kastanienbäumen sang schwach der +feuchte Wind, der Fluß strömte unhörbar in tiefer +Schwärze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster +wider. Die milde Nacht tat dem Landstreicher in allen +Fibern wohl, er atmete spürend und ahnte Frühling, +Wärme, trockene Straßen und Wanderschaft. Sein +unerschöpfliches Gedächtnis überschaute die Stadt, +das Flußtal und die ganze Gegend, er wußte überall +Bescheid, er kannte Straßen und Fußwege, Dörfer, +Weiler, Höfe, befreundete Nachtherbergen. Scharf +dachte er nach und stellte den Plan für seine nächste +Wanderung auf, da hier in Lächstetten seines Bleibens +doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn es ihm +die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb +noch über diesen Sonntag bleiben.</p> + +<p>Vielleicht, dachte er, hätte er dem Gerber einen +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>Wink geben sollen, seiner Meisterin wegen. Aber er +liebte es nicht, seine Hände in anderer Leute Sorgen +zu stecken, und er hatte kein Bedürfnis, die Menschen +besser oder klüger machen zu helfen. Es tat ihm leid, +daß es so gegangen war, und seine Gedanken an die +ehemalige Ochsenkellnerin waren keineswegs freundlich; +aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an +des Gerbers würdige Reden über Hausstand und Eheglück. +Er kannte das, es war meistens nichts damit, +wenn einer mit seinem Glück oder mit seiner Tugend +sich rühmte und groß tat, mit des Flickschneiders +Frömmigkeit war es einst ebenso gewesen. Man konnte +den Leuten in ihrer Dummheit zusehen, man konnte +über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber +man mußte sie ihre Wege gehen lassen.</p> + +<p>Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese +Sorgen beiseite. Er lehnte sich in die Höhlung einer +alten Kastanie, der Brücke gegenüber, und dachte +weiter seiner Wanderschaft nach. Er wäre gerne quer +über den Schwarzwald gegangen, aber da oben war +es jetzt kalt, und vermutlich lag noch viel Schnee, man +verdarb sich die Stiefel, und die Schlafgelegenheiten +waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts, +er mußte den Tälern nachgehen und sich an die Städtchen +<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>halten. Die Hirschenmühle, vier Stunden weiter +unten am Fluß, war der erste sichere Rastort, dort +würde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage +behalten.</p> + +<p>Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran +dachte, daß er auf jemanden warte, erschien in Dunkelheit +und Zugwind auf der Brücke eine schmale ängstliche +Gestalt und kam zögernd näher. Er erkannte sie +sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und +schwang den Hut.</p> + +<p>»Das ist lieb, daß Ihr kommet, Bärbele, ich habe +schon beinah nimmer dran geglaubt.«</p> + +<p>Er ging zu ihrer Linken und führte sie die Allee flußaufwärts. +Sie war zaghaft und schämte sich.</p> + +<p>»Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und +wieder. »Wenn uns nur niemand sieht!«</p> + +<p>Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald +wurden die Schritte des Mädchens ruhiger und gleichmäßiger, +und schließlich ging sie leicht und munter +neben ihm wie ein Kamerad und erzählte, von seinen +Fragen und Einwürfen erwärmt, mit Begier und +Eifer von ihrer Heimat, von Vater und Mutter, +Bruder und Großmama, von den Enten und Hühnern, +von Hagelschlag und Krankheiten, von Hochzeiten und +<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz an Erlebnissen +tat sich auf und war größer, als sie selber geglaubt hätte, +und schließlich kam die Geschichte ihrer Verdingung +und ihres Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst +und das Hauswesen ihres Dienstherren an die Reihe.</p> + +<p>Sie waren längst weit vor dem Städtchen draußen, +ohne daß Bärbele auf den Weg geachtet hatte. Nun +hatte sie sich von einer langen, trüben Woche des +Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern +erlöst und war ganz lustig geworden.</p> + +<p>»Wo sind wir denn aber?« rief sie plötzlich verwundert. +»Wo laufen wir denn hin?«</p> + +<p>»Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen +hinein, wir sind gleich dort.«</p> + +<p>»Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen +lieber umkehren, es wird spät.«</p> + +<p>»Wann müsset Ihr denn daheim sein, Bärbele?«</p> + +<p>»Um zehne. Da wird’s Zeit. Es ist ein netter +Spaziergang gewesen.«</p> + +<p>»Bis zehne ist’s noch lang,« sagte Knulp, »und ich +will gewiß dran denken, daß Ihr zur Zeit heimkommet. +Aber weil wir doch nimmer so jung zusammen kommen, +so könnten wir eigentlich heut noch einen Tanz miteinander +riskieren. Oder möget Ihr nicht tanzen?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Sie sah ihn gespannt und verwundert an.</p> + +<p>»O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier +mitten in der Nacht draußen?«</p> + +<p>»Ihr müsset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, +und da ist Musik im Löwen. Wir können hinein gehen, +bloß auf einen einzigen Tanz, und dann gehen wir +heim und haben einen schönen Abend gehabt.«</p> + +<p>Bärbele blieb zweifelnd stehen.</p> + +<p>»Es wäre lustig,« meinte sie langsam. »Aber was +soll man von uns denken? Ich will nicht für so eine +angeschaut werden, und ich will auch nicht, daß man +meint, wir zwei gehören zusammen.«</p> + +<p>Und plötzlich lachte sie übermütig auf und rief: +»Nämlich, wenn ich später einmal einen Schatz haben +will, dann muß es kein Gerber sein. Ich will Euch nicht +beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes Handwerk.«</p> + +<p>»Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmütig. +»Ihr sollet mich ja auch nicht heiraten. Es +weiß kein Mensch, daß ich ein Gerber bin und daß Ihr +so stolz seid, und die Hände hab ich mir gewaschen, und +wenn Ihr also einmal mit mir herumtanzen wollt, so +seid Ihr eingeladen. Sonst kehren wir um.«</p> + +<p>Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>mit einem bleichen Giebel aus Gebüschen schauen, und +Knulp sagte plötzlich »Bst!« und hob den Finger auf, +und da hörten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine +Ziehharmonika und eine Geige, tönen.</p> + +<p>»Also denn!« lachte das Mädchen, und sie gingen +rascher.</p> + +<p>Im Löwen tanzten nur vier oder fünf Paare, +lauter junge Leute, die Knulp nicht kannte. Es ging +still und anständig zu, und niemand belästigte das +fremde Paar, das sich dem nächsten Tanz anschloß. +Sie machten einen Ländler und eine Polka mit, dann +kam ein Walzer, den Bärbele nicht konnte. Sie sahen +zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte +Knulps Barschaft nicht.</p> + +<p>Bärbele war beim Tanzen warm geworden und +blickte nun mit glänzenden Augen in den kleinen Saal.</p> + +<p>»Jetzt wär es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« +sagte Knulp, als es halb zehn Uhr war.</p> + +<p>Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus.</p> + +<p>»Ach schade!« sagte sie leise.</p> + +<p>»Wir können ja noch dableiben.«</p> + +<p>»Nein, ich muß heim. Und schön war’s.«</p> + +<p>Sie gingen weg, aber unter der Tür fiel es dem Mädchen +ein: »Wir haben ja der Musik gar nichts gegeben.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>»Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hätten +wohl einen Zwanziger verdient. Aber es steht leider +so mit mir, daß ich keinen habe.«</p> + +<p>Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten +Geldbeutel aus der Tasche.</p> + +<p>»Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, +gebet den!«</p> + +<p>Er nahm das Geldstück und brachte es den Musikanten, +dann gingen sie hinaus und mußten vor der Haustür +einen Augenblick stehen bleiben, bis sie in der tiefen +Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging stärker +und führte einzelne Regentropfen.</p> + +<p>»Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp.</p> + +<p>»Nein, bei dem Wind, wir kämen ja nicht weiter. +Es ist nett gewesen da drinnen. Ihr könnet’s fast wie +ein Tanzmeister, Gerber.«</p> + +<p>Sie plauderte fröhlich fort. Ihr Freund aber war +still geworden, vielleicht daß er müde ward, vielleicht +daß er den nahen Abschied fürchtete.</p> + +<p>Plötzlich fing sie an zu singen: »Bald gras’ ich am +Neckar, bald gras’ ich am Rhein.« Ihre Stimme klang +warm und rein, und beim zweiten Vers fiel Knulp +mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und +schön, daß sie mit Behagen darauf horchte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>»So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er +am Ende.</p> + +<p>»O ja,« lachte sie hell. »Wir müssen wieder einmal +so einen Spaziergang machen.«</p> + +<p>»Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird +wohl der letzte gewesen sein.«</p> + +<p>Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehört, +aber der betrübte Klang seiner Worte war ihr aufgefallen.</p> + +<p>»Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. +»Habt Ihr was gegen mich?«</p> + +<p>»Nein, Bärbele. Aber morgen muß ich fort, ich +habe gekündigt.«</p> + +<p>»Was Ihr nicht saget! Ist’s wahr? Das tut mir +aber leid.«</p> + +<p>»Um mich muß es Euch nicht leid sein. Lang wär’ +ich doch nicht geblieben, und ich bin ja auch bloß ein +Gerber. Ihr müsset bald einen Schatz haben, einen +recht schönen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr +werdet sehen.«</p> + +<p>»Ach, redet nicht so! Ihr wisset, daß ich Euch +ganz gern habe, wenn Ihr auch nicht mein Schatz +seid.«</p> + +<p>Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>Knulp ging langsamer. Sie waren schon nah bei +der Brücke. Schließlich blieb er stehen.</p> + +<p>»Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr +gehet die paar Schritte noch allein.«</p> + +<p>Bärbele sah ihm mit aufrichtiger Betrübnis ins +Gesicht.</p> + +<p>»Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch +meinen Dank. Ich will es nicht vergessen. Und alles +Gute auch!«</p> + +<p>Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und während +sie ängstlich und verwundert in seine Augen sah, nahm +er ihren Kopf mit den vom Regen feuchten Zöpfen in +beide Hände und sagte flüsternd: »Adieu denn, Bärbele. +Ich will jetzt zum Abschied noch einen Kuß von +Euch haben, daß Ihr mich nicht ganz vergesset.«</p> + +<p>Ein wenig zuckte sie und strebte zurück, aber sein +Blick war gut und traurig, und sie sah erst jetzt, wie +schöne Augen er habe. Ohne die ihren zu schließen, +empfing sie ernsthaft seinen Kuß, und da er darauf mit +einem schwachen Lächeln zögerte, bekam sie Tränen in +die Augen und gab ihm den Kuß herzhaft zurück.</p> + +<p>Dann ging sie schnell davon und war schon über der +Brücke, da kehrte sie plötzlich um und kam wieder +zurück. Er stand noch am selben Ort.</p> + +<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>»Was ist, Bärbele?« fragte er. »Ihr müsset heim.«</p> + +<p>»Ja, ja, ich geh schon. Ihr dürfet nicht schlecht von +mir denken!«</p> + +<p>»Das tu ich gewiß nicht.«</p> + +<p>»Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch +gesagt, Ihr hättet gar kein Geld mehr? Ihr krieget +doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?«</p> + +<p>»Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht +nichts, ich komme schon durch, da müsset Ihr Euch keine +Gedanken machen.«</p> + +<p>»Nein, nein! Ihr müsset etwas im Sack haben. +Da!«</p> + +<p>Sie steckte ihm ein großes Geldstück in die Hand, er +spürte, daß es ein Taler war.</p> + +<p>»Ihr könnet mir’s einmal wiedergeben oder schicken, +später einmal.«</p> + +<p>Er hielt sie an der Hand zurück.</p> + +<p>»Das geht nicht. So dürfet Ihr nicht mit Eurem +Geldlein umgehen! Das ist ja ein ganzer Taler. +Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr müsset! So. Man muß +nicht unvernünftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei +Euch habt, einen Fünfziger oder so, das nehm ich gerne, +weil ich in der Not bin. Aber mehr nicht.«</p> + +<p>Sie stritten noch ein wenig, und Bärbele mußte +<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>ihren Geldbeutel herzeigen, weil sie sagte, sie habe +nichts als den Taler. Es war aber nicht so, sie hatte +auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen +Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er +haben, aber das war ihr zu wenig, und dann wollte er +gar nichts nehmen und fortgehen, aber schließlich +behielt er das Markstück, und sie lief nun im Trabe +heimwärts.</p> + +<p>Unterwegs dachte sie beständig darüber nach, warum +er sie jetzt nicht noch einmal geküßt habe. Bald wollte +es ihr leid tun, bald fand sie es gerade besonders lieb +und anständig, und dabei blieb sie schließlich.</p> + +<p>Eine gute Stunde später kam Knulp nach Hause. +Er sah im Wohnzimmer droben noch Licht brennen, +also saß die Meisterin noch auf und wartete auf ihn. +Er spuckte ärgerlich aus und wäre beinahe davongelaufen, +gleich jetzt in die Nacht hinein. Aber er war +müde, und es würde regnen, und dem Weißgerber +wollte er das auch nicht antun, und außerdem spürte +er auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen +Schabernack.</p> + +<p>So fischte er denn den Schlüssel aus seinem Versteck +heraus, schloß vorsichtig wie ein Dieb die Haustüre +auf, zog sie hinter sich zu, schloß mit zusammengepreßten +<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Lippen geräuschlos ab und versorgte den +Schlüssel sorgfältig am alten Platz. Dann stieg er auf +Socken, die Schuhe in der Hand, die Stiege hinauf, +sah Licht durch eine Ritze der angelehnten Stubentür +und hörte die beim langen Warten eingeschlafene +Meisterin drinnen auf dem Kanapee tief in langen +Zügen atmen. Darauf stieg er unhörbar in seine +Kammer hinauf, schloß sie von innen fest ab und ging +ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde +abgereist.</p> +</div> +<!-- <p><a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>[Blank Page]</p> --> + + + + +<p><a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a></p> +<div class="story"> +<h2><a name="Meine_Erinnerung_an_Knulp" id="Meine_Erinnerung_an_Knulp"></a>Meine Erinnerung an Knulp</h2> + + +<p class="newsectioninitial">Es war noch mitten in der fröhlichen Jugendzeit, +und Knulp war noch am Leben. Wir wanderten +damals, er und ich, in der glühenden Sommerszeit +durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig +Sorgen. Tagsüber schlenderten wir an den gelben +Kornfeldern hin oder lagen auch unter einem kühlen +Nußbaum oder am Waldesrand, am Abend aber hörte +ich zu, wie Knulp den Bauern Geschichten erzählte, +den Kindern Schattenspiele vormachte und für die +Mädchen seine vielen Lieder sang. Ich hörte mit +Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den +Mädchen stand und sein braunes Gesicht wetterleuchtete +und die Jungfern zwar viel lachten und spotteten, +aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, +da schien es mir zuweilen, er sei doch ein seltener +Glücksvogel oder ich das Gegenteil, und dann ging +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>ich manchmal zur Seite, um nicht so überflüssig dabei +zu stehen, und begrüßte entweder den Pfarrer in +seiner Wohnstube um ein gescheites Abendgespräch +und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins Gasthaus +zu einem stillen Wein.</p> + +<p>Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir +an einem Kirchhof vorüber, der samt einer kleinen +Kapelle verlassen zwischen den Feldern lag, weit weg +vom nächsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebüschen +überm Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in +dem heißen Lande ruhte. Am Eingangsgitter standen +zwei große Kastanienbäume, es war aber verschlossen, +und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, +er schickte sich an, über die Mauer zu steigen.</p> + +<p>Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?«</p> + +<p>»Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.«</p> + +<p>»Ja, muß es denn gerade ein Kirchhof sein?«</p> + +<p>»Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gönnen +sich nicht viel, das weiß ich wohl, aber unter der Erde +wollen sie’s doch gut haben. Darum lassen sie sich’s +gern eine Mühe kosten und pflanzen was Sauberes +auf die Gräber und daneben.«</p> + +<p>Da stieg ich mit hinüber und sah, daß er recht hatte, +denn es lohnte sich wohl, über das Mäuerlein zu +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>klettern. Da innen lagen in geraden und in krummen +Reihen die Gräber nebeneinander, die meisten mit +einem weißen Kreuz von Holz versehen, und darauf +und darüber war es grün und blumenfarbig. Da +glühte freudig Winde und Geranium, im tiefern +Schatten auch noch später Goldlack, und Rosenbüsche +hingen voller Rosen, und Fliederbäume und Holunderbäume +standen dick im Holz und Laub, daß es wie ein +Lustgarten war.</p> + +<p>Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns +dann im Grase, das stellenweise hoch und in Blüte +stand, und ruhten aus und wurden kühl und zufrieden.</p> + +<p>Knulp las den Namen auf dem nächsten Kreuz und +sagte: »Der heißt Engelbert Auer und ist über sechzig +Jahr alt geworden. Dafür liegt er jetzt unter Reseden, +was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden +möcht ich schon auch einmal haben, und einstweilen +nehm ich eine von den hiesigen mit.«</p> + +<p>Ich sagte: »Laß sie nur und nimm was anderes, +Reseden welken bald.«</p> + +<p>Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, +der neben ihm im Grase lag.</p> + +<p>»Wie es da schön still ist!« sagte ich.</p> + +<p>Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig +<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>stiller wär, so könnten wir wohl die da drunten reden +hören.«</p> + +<p>»Das nicht. Die haben ausgeredet.«</p> + +<p>»Weiß man’s? Man sagt doch immer, der Tod ist +ein Schlaf, und im Schlaf redet man oft und singt +auch mitunter.«</p> + +<p>»Du vielleicht schon.«</p> + +<p>»Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär, +da würd ich warten, bis am Sonntag die Mädlein +herüberkommen und still herumstehen und sich von +einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann würd +ich ganz leis anfangen singen.«</p> + +<p>»So, und was denn?«</p> + +<p>»Was? Irgendein Lied.«</p> + +<p>Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen +zu und fing bald mit einer leisen, kindlichen Stimme +an zu singen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Weil ich früh gestorben bin,<br /></span> +<span class="i0">Drum singet mir, ihr Jüngferlein,<br /></span> +<span class="i0">Ein Abschiedslied.<br /></span> +<span class="i0">Wenn ich wiederkomm,<br /></span> +<span class="i0">Wenn ich wiederkomm,<br /></span> +<span class="i0">Bin ich ein schöner Knabe.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Ich mußte lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. +Er sang schön und zart, und wenn manchmal die Worte +<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>keinen völligen Sinn hatten, war doch die Melodie +recht fein und machte es schön.</p> + +<p>»Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht +zu viel, sonst hören sie dir bald nimmer zu. Das mit +dem Wiederkommen ist schon recht, aber gewiß weiß +das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schöner +Knabe wirst, das ist erst recht nicht sicher.«</p> + +<p>»Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es wäre mir +lieb. Weißt du noch, vorgestern, der kleine Bub mit +der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt haben? So +wär ich gern wieder einer. Du nicht auch?«</p> + +<p>»Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann +gekannt, wohl über siebzig, der hat so still und gut +geblickt, und mir kam es vor, als könne an ihm nur +Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk +ich hie und da, so möcht ich gern auch einer werden.«</p> + +<p>»Ja, da fehlt dir noch ein Stückchen dran, weißt du. +Und es ist überhaupt komisch mit dem Wünschen. +Wenn ich jetzt im Augenblick bloß zu nicken brauchte +und wäre dann so ein netter kleiner Bub, und du +brauchtest bloß zu nicken und wärst ein feiner milder +alter Kerl, so würde doch keiner von uns nicken. Sondern +wir würden ganz gern bleiben, wie wir sind.«</p> + +<p>»Das ist auch wahr.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>»Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: +Das Allerschönste und Allerfeinste, was es überhaupt +gibt, das ist ein schlankes junges Fräulein mit einem +blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht +oft genug, daß eine Schwarze fast noch schöner ist. +Und außerdem, es geschieht auch wieder, daß mir +so scheint: Das Allerschönste und das Feinste von allem +ist doch ein schöner Vogel, wenn man ihn so frei in der +Höhe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts +so wundersam wie ein Schmetterling, ein weißer zum +Beispiel mit roten Augen auf den Flügeln, oder auch +ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, +wenn alles glänzt und doch nicht blendet, und alles +dann so froh und unschuldig aussieht.«</p> + +<p>»Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn +man es in der guten Stunde anschaut.«</p> + +<p>»Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das +Schönste ist immer so, daß man dabei außer dem Vergnügen +auch noch eine Trauer hat oder eine Angst.«</p> + +<p>»Ja wie denn?«</p> + +<p>»Ich meine so: Eine recht schöne Jungfer würde +man vielleicht nicht gar so fein finden, wenn man nicht +wüßte, sie hat ihre Zeit und danach muß sie alt werden +und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl +freuen, aber ich würd es dann kälter anschauen und +denken: Das siehst du immer noch, es muß nicht heute +sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben +kann, das schaue ich an und habe nicht bloß Freude, +sondern auch ein Mitleid dabei.«</p> + +<p>»Nun ja.«</p> + +<p>»Darum weiß ich auch nichts Feineres, als wenn +irgendwo bei Nacht ein Feuerwerk angestellt wird. +Da gibt es blaue und grüne Leuchtkugeln, die steigen +in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schönsten +sind, dann machen sie einen kleinen Bogen und +sind aus. Und wenn man dabei zuschaut, so hat man +die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst: gleich +ist’s wieder aus, und das gehört zueinander und ist +viel schöner, als wenn es länger dauern würde. Nicht?«</p> + +<p>»Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht +für alles.«</p> + +<p>»Warum nicht?«</p> + +<p>»Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben +und heiraten, oder wenn zwei miteinander eine Freundschaft +schließen, so ist das doch gerade deswegen schön, +weil es für die Dauer ist und nicht gleich wieder ein +Ende haben soll.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er +mit seinen schwarzen Wimpern und sagte nachdenklich: +»Mir ist es auch recht. Aber auch das hat doch einmal +sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer +Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe +auch.«</p> + +<p>»Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es +kommt.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht. – Sieh, du, ich habe zweimal in +meinem Leben eine Liebschaft gehabt, ich meine eine +richtige, und beidemal wußte ich gewiß, daß das für +immer sei und nur mit dem Tod aufhören könne, und +beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht +gestorben. Auch einen Freund hab ich gehabt, daheim +noch in unsrer Stadt, und hätte nicht gedacht, daß +wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen könnten. +Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon +lang.«</p> + +<p>Er schwieg, und ich wußte nichts dazu zu sagen. +Das Schmerzliche, das in jedem Verhältnis zwischen +Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis geworden, +und ich hatte es noch nicht erfahren, daß zwischen +zwei Menschen, sie seien noch so eng verbunden, +immer ein Abgrund offen bleibt, den nur die Liebe +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>und auch die nur von Stunde zu Stunde mit einem +Notsteg überbrücken kann. Ich dachte über die vorigen +Worte meines Kameraden nach, von denen mir das +über die Leuchtkugeln am besten gefiel, denn ich hatte +das selber schon manches Mal empfunden. Die leise +lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend +und allzubald darin ertrinkend, schien mir ein Sinnbild +aller menschlichen Lust, die je schöner sie ist, desto +weniger befriedigt und desto rascher wieder verglühen +muß. Das sagte ich auch zu Knulp.</p> + +<p>Aber er ging nicht darauf ein.</p> + +<p>»Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten +Weile, mit gedämpfter Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen +hat keinen Wert, und man tut ja auch nicht, +wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz +unüberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit +dem Freundsein und Verlieben ist vielleicht doch so, wie +ich meine. Am Ende hat doch ein jeder Mensch das Seinige +ganz für sich und kann es nicht mit anderen gemein +haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird +geheult und getrauert, einen Tag und einen Monat und +auch ein Jahr, aber dann ist der Tote tot und fort, und +es könnte in seinem Sarge drin gerade so gut ein heimatloser +und unbekannter Handwerksbursch liegen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>»Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben +doch oft geredet, daß das Leben schließlich einen Sinn +haben muß und daß es einen Wert hat, wenn einer +gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. +Aber so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, +und wir könnten gerade so gut stehlen und totschlagen.«</p> + +<p>»Nein, das könnten wir nicht, mein Lieber. Schlag +doch einmal die paar nächsten Leute tot, die wir treffen, +wenn du’s vermagst! Oder verlang einmal von einem +gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich +aus.«</p> + +<p>»So mein ich’s auch nicht. Aber wenn doch alles +einerlei ist, dann hat es keinen Sinn, daß man gut +und redlich sein will. Dann gibt es ja kein Gutsein, +wenn blau so gut wie gelb und bös so gut wie gut ist. +Dann ist eben jeder wie ein Tier im Wald und tut +nach seiner Natur und hat weder ein Verdienst noch +eine Schuld dabei.«</p> + +<p>Knulp seufzte.</p> + +<p>»Ja, was soll man darüber sagen! Vielleicht ist es +so, wie du sagst. Dann wird man auch deswegen oft so +dumm betrübt, weil man spürt, daß das Wollen keinen +Wert hat, und daß alles ganz ohne uns seinen Weg geht. +Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>einer nicht anders hat können als schlecht sein. Denn +er spürt es doch in sich. Und darum muß auch das +Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt +und sein gutes Gewissen hat.«</p> + +<p>Ich sah es seinem Gesicht an, daß er dieser Gespräche +satt war. Es ging ihm oft so, er kam ins Philosophieren +hinein, stellte Sätze auf, redete für sie und wider sie +und hörte plötzlich wieder auf. Früher hatte ich gemeint, +er sei dann meiner unzulänglichen Antworten +und Einwürfe müde. Aber es war nicht so, sondern er +fühlte, daß seine Neigung zum Spekulieren ihn auf +Gelände führe, wo seine Kenntnisse und Redemittel +nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, +unter anderem Tolstoi, aber er konnte zwischen +richtigen und Trugschlüssen nicht immer genau unterscheiden +und fühlte das selber. Von den Gelehrten +redete er, wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen +redet: er mußte anerkennen, daß sie mehr Macht +und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, +daß sie doch damit nichts Rechtes anfingen und +mit allen ihren Künsten doch keine Rätsel lösen +konnten.</p> + +<p>Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Händen, +starrte durch das schwarze Holunderlaub in den blauen +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>heißen Himmel und summte ein altes Volkslied vom +Rhein vor sich hin. Ich weiß noch den letzten Vers:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nun hab ich getragen den roten Rock,<br /></span> +<span class="i0">Nun muß ich tragen den schwarzen Rock,<br /></span> +<span class="i0">Sechs, sieben Jahr,<br /></span> +<span class="i0">Bis daß mein Lieb verweset war.<br /></span> +</div></div> + +<p class="newsectioninitial">Spät am Abend saßen wir am dunklen Rand eines +Gehölzes einander gegenüber, jeder mit einem großen +Stück Brot und einer halben Schützenwurst, aßen und +sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch +waren die Hügel vom gelben Widerschein des Späthimmels +beglänzt und in flaumig schwimmendem +Lichtrauch aufgelöst gewesen, nun aber standen sie +schon dunkel und scharf und malten ihre Bäume, +Felderrücken und Gebüsche schwarz auf den Himmel, +der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon viel +mehr tiefes Nachtblau hatte.</p> + +<p>Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander +drollige Sachen aus einem kleinen Büchlein +vorgelesen, das hieß »Musenklänge aus Deutschlands +Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder +mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit +dem Tageslicht sein Ende gefunden. Als wir fertig +gegessen hatten, wünschte Knulp Musik zu hören, und +<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen +war, putzte sie aus und spielte die paar oft +gehörten Melodien wieder. Die Dunkelheit, in der +wir schon eine Weile saßen, hatte sich vor uns nun +weit in das vielfältig gewölbte Land hinein verbreitet, +auch der Himmel hatte seinen bleichen Schein verloren +und ließ im Schwärzerwerden langsam einen +Stern um den andern hervorglühen. Die Töne unserer +Harmonika flogen leicht und dünn feldeinwärts und +verloren sich bald in den weiten Lüften.</p> + +<p>»Wir können doch noch nicht gleich schlafen,« sagte +ich zu Knulp. »Erzähl mir noch eine Geschichte, sie +braucht nicht wahr zu sein, oder ein Märchen.«</p> + +<p>Knulp besann sich.</p> + +<p>»Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Märchen, +beides beieinander. Es ist nämlich ein Traum. Vorigen +Herbst hat es mir so geträumt und seither zweimal +ganz ähnlich, das will ich dir erzählen:</p> + +<p>Da war eine Gasse in einem Städtlein, ähnlich wie +bei mir daheim, alle Häuser streckten die Giebel auf +die Gassenseite, aber sie waren höher, als man sie +sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn +ich nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; +aber ich hatte nur eine halbe Freude, denn es +<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>war nicht alles in Ordnung, und ich wußte nicht ganz +sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht +in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein +sollte, und ich kannte sie sofort wieder, aber viele Häuser +waren fremd und ungewohnt, auch fand ich die Brücke +und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt +dessen an einem unbekannten Garten und an einer +Kirche vorbei, die war wie in Köln oder in Basel, +mit zwei großen Türmen. Unsre Kirche daheim aber +hat keine Türme gehabt, sondern nur einen kurzen +Stumpen mit einem Notdach, weil sie früher sich +verbaut haben und den Turm nicht fertig machen +konnten.</p> + +<p>So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich +von weitem sah, waren mir ganz wohlbekannt, ich +wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um +sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher +in ein Haus oder in eine Seitengasse und waren fort, +und wenn einer näherkam und an mir vorbeiging, +verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er +vorüber und wieder weiter weg war, meinte ich im +Nachsehen, er sei es doch und ich müsse ihn kennen. +Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden beieinander +stehen, und eine davon, schien mir’s, war +<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>sogar meine verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen +gehe, kenne ich sie wieder nimmer und höre auch, daß +sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich kaum verstehen +kann.</p> + +<p>Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der +Stadt draußen wäre, sie ist’s und ist’s doch nicht. Doch +lief ich immer wieder auf ein bekanntes Haus zu oder +einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle auch +wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht +zornig und verdrießlich, sondern nur traurig und voller +Angst; ich wollte ein Gebet hersagen und besann mich +mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als unnütze, +dumme Redensarten ein – zum Beispiel ›Sehr geehrter +Herr‹ und ›Unter den obwaltenden Umständen‹ +– und die sagte ich verwirrt und traurig vor +mich hin.</p> + +<p>Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so +weiter, bis ich ganz warm und müd war und völlig +willenlos immer weiterstolperte. Es war schon Abend, +und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der +Herberge oder nach der Landstraße zu fragen, aber +ich konnte keinen anreden, und alle gingen an mir +vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor +Müdigkeit und Verzweiflung geweint.</p> + +<p><a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da +sah ich unsere alte Gasse vor mir liegen, ein wenig +gemodelt und verziert zwar, aber das störte mich jetzt +nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein +Haus ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich +wieder, und endlich auch unser altes väterliches Haus. +Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst aber fast +ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung +lief mir wie ein Grausen den Rücken hinauf.</p> + +<p>Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die +hat Henriette geheißen. Nur sah sie größer und etwas +anders aus als früher, war aber nur noch schöner geworden. +Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre +Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft +erschien, doch merkte ich nun auch, daß sie hellblond +war und nicht braun wie die Henriette, und doch +war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt.</p> + +<p>›Henriette!‹ rief ich hinüber und zog den Hut ab, +weil sie so fein und herrlich aussah, daß ich nicht wußte, +ob sie mich noch werde kennen wollen.</p> + +<p>Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. +Aber wie sie mir so ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern +und schämen, denn es war gar nicht die, für +die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die Lisabeth, +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen +war.</p> + +<p>›Lisabeth!‹ rief ich also jetzt, und streckte ihr die +Hand hin.</p> + +<p>Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn +Gott einen anschauen würde, nicht streng und etwa +hochmütig, sondern ganz ruhig und klar, aber so +geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. +Und sie wurde im Anschauen ernst und traurig, +dann schüttelte sie den Kopf wie auf eine vorlaute +Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging +ins Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. +Ich hörte noch das Schloß einschnappen.</p> + +<p>Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor +Tränen und Leidwesen kaum aus den Augen sah, war +es doch merkwürdig, wie die Stadt sich wieder verwandelt +hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und +jedes Haus und alles genau wie in früherer Zeit und +das Unwesen ganz verschwunden. Die Giebel waren +nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die +Leute waren es wirklich und schauten mich froh und +verwundert an, wenn sie mich wieder kannten, auch +riefen manche mich mit meinem Namen an. Aber ich +konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>bleiben. Statt dessen lief ich mit aller Macht den +wohlbekannten Weg über die Brücke und vor die +Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen +vor Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, +es sei hier für mich alles verloren und ich müsse in +Schande fortlaufen.</p> + +<p>Dann, wie ich vor der Stadt draußen unter den +Pappeln war und ein wenig anhalten mußte, fiel +mir’s erst ein, daß ich daheim und vor unserem Haus +gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und +Freunde und alles mit keinem Gedanken gedacht habe. +Es war eine Verwirrung, Kümmernis und Scham in +meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte +nicht umkehren und alles gutmachen, denn der Traum +war aus, und ich wurde wach.«</p> + + +<p class="newsectioninitial">Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, +die kann er mit keiner anderen vermischen. Zwei +Menschen können zueinander gehen, sie können miteinander +reden und nah beieinander sein. Aber ihre +Seelen sind wie Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, +und keine kann zu der andern kommen, sonst +müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben +nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren +<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>Samen aus, weil sie gern zueinander möchten; aber +daß ein Same an seine rechte Stelle kommt, dazu +kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der +kommt her und geht hin, wie und wo er will.«</p> + +<p>Und später: »Der Traum, den ich dir erzählt habe, +hat vielleicht die gleiche Bedeutung. Ich habe weder +der Henriette mit Wissen unrecht getan noch der Lisabeth. +Aber durch das, daß ich beide einmal liebgehabt +und zu eigen habe nehmen wollen, sind sie für mich zu +einer solchen Traumgestalt geworden, die beiden ähnlich +sieht und doch keine ist. Die Gestalt gehört mir +eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe ich +auch oft über meine Eltern nachdenken müssen. Die +meinen, ich sei ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn +ich sie auch lieben muß, bin ich doch ihnen ein fremder +Mensch, den sie nicht verstehen können. Und das, was +die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine +Seele ist, das finden sie nebensächlich und schreiben +es meiner Jugend oder Laune zu. Dabei haben sie +mich gern und täten mir gern alles Liebe. Ein Vater +kann seinem Kind die Nase und die Augen und sogar +den Verstand zum Erbe mitgeben, aber nicht die Seele. +Die ist in jedem Menschen neu.«</p> + +<p>Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege +<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>damals noch nicht, wenigstens nicht aus eigenem +Bedürfnis, gegangen war. Mir war bei diesem +Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir +nicht bis ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es +werde auch für Knulp mehr ein Spiel als ein Kampf +sein. Außerdem war es friedsam schön, da zu zweien +im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den +Schlaf zu warten und die frühen Sterne zu betrachten.</p> + +<p>Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hättest +sollen Professor werden.«</p> + +<p>Er lachte und schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Viel eher könnt es sein, daß ich noch einmal zur +Heilsarmee ginge,« meinte er dann nachdenklich.</p> + +<p>Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir +doch nichts vor! Willst du nicht auch noch ein Heiliger +werden?«</p> + +<p>»Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, +wenn es ihm mit seinen Gedanken und Taten wirklich +Ernst ist. Wenn man etwas für recht hält, muß man +es tun. Und wenn ich es einmal für das richtige halte, +daß ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich’s hoffentlich +auch tun.«</p> + +<p>»Immer die Heilsarmee!«</p> + +<p>»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>schon mit vielen Leuten gesprochen und auch viele +Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und Lehrer +und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale +reden hören; aber es war keiner dabei, dem es +ganz bis ins Herz hinein Ernst war und dem ich zugetraut +hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit +sich selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, +mit allem Musikmachen und Radau, hab ich schon +drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen ist es +Ernst gewesen.«</p> + +<p>»Woher weißt du das denn?«</p> + +<p>»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der +hat in einem Dorf eine Rede gehalten, am Sonntag, +im Freien bei einem Staub und einer Hitze, daß er +bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht +ausgesehen. Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, +ließ er seine drei Kameraden einen Vers singen und +nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf +ist um ihn herumgestanden, Kinder und Große, und +haben ihn für Narren gehabt und kritisiert. Hinten +stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche und +ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den +Redner recht zu ärgern, und dann lachten jedesmal +alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös geworden, obwohl +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit +seinem Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten +und hat gelächelt, wo ein andrer geheult oder geflucht +hätte. Weißt du, das tut einer nicht um einen Hungerlohn +und um des Vergnügens willen, sondern er muß +eine große Helligkeit und Gewißheit in sich haben.«</p> + +<p>»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und +wer ein feiner und empfindsamer Mensch ist wie du, der +tut bei dem Spektakel nicht mit.«</p> + +<p>»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was +noch viel besser ist als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. +Es paßt freilich nicht eins für alle, aber die +Wahrheit, die muß für alle passen.«</p> + +<p>»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die +mit ihrem Halleluja die Wahrheit haben.«</p> + +<p>»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja +nur: Wenn ich einmal finde, daß das die Wahrheit ist, +dann will ich ihr auch folgen.«</p> + +<p>»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, +und morgen läßt du sie nimmer gelten.«</p> + +<p>Er sah mich betroffen an.</p> + +<p>»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.«</p> + +<p>Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab +und blieb still. Bald sagte er leise gut Nacht und legte +<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>sich ruhig hin, aber ich glaube nicht, daß er schon schlief. +Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch weit über +eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und +schaute in das nächtliche Land hinein.</p> + + +<p class="newsectioninitial">Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen +guten Tag habe. Ich sagte ihm das, und er strahlte +mich mit seinen kinderhaften Augen an und sagte: +»Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, +wenn einer so einen guten Tag hat?«</p> + +<p>»Nein, woher?«</p> + +<p>»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen +und recht viel Schönes geträumt hat. Aber man darf +es nimmer wissen. So geht mir’s heute. Ich habe +lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, +aber alles vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich +schön gewesen ist.«</p> + +<p>Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine +Morgenmilch im Leibe hatten, sang er schon mit seiner +warmen, leichten, mühelosen Stimme drei, vier nagelneue +Lieder in die nüchterne Frühe hinein. Aufgeschrieben +und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht +recht wenig vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer +Dichter war, so war er doch ein kleiner, und während +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>er sie selber sang, sahen seine Liedchen den schönsten +anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und +einzelne Stellen und Verse, die ich behalten habe, +sind wahrhaft schön und mir noch immer wert. Es +ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine Verse +kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, +wie die Lüfte wehen, aber sie haben nicht +nur mir und ihm, sondern vielen anderen, Kindern und +Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Hell und sonntagsangetan<br /></span> +<span class="i0">Wie ein Fräulein aus dem Tor,<br /></span> +<span class="i0">Kommt sie rot und aber stolz<br /></span> +<span class="i0">Überm Tannenwald hervor –<br /></span> +</div></div> + +<p>so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen +Liedern fast immer vorkam und gepriesen wurde. +Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das Spekulieren +lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, +die wie saubere Kinder in hellen Sommerkleidern +dahinsprangen. Oft waren sie auch sinnlos drollig und +dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut entströmen +zu lassen.</p> + +<p>Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner +Laune angesteckt. Wir begrüßten und neckten alle +Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns her bald +gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>verging uns wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander +Streiche und Witze aus der Schulzeit, hingen +den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren +Rossen und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an +einem verborgenen Gartenzaun an gestohlenen Stachelbeeren +satt und schonten unsere Kräfte und Stiefelsohlen, +indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.</p> + +<p>Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft +mit Knulp hätte ich ihn noch nie so fein und lieb und +unterhaltsam gefunden, und ich freute mich darauf, +daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und +Wandern und Lustigsein erst anheben sollte.</p> + +<p>Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im +Grase als wir marschierten, und gegen den Abend hin +zog sich Gewitterdunst und drange Luft zusammen, so +daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen.</p> + +<p>Knulp wurde nun allmählich stiller und ein wenig +müde, doch merkte ich es kaum, denn er lachte noch +immer herzlich mit und stimmte oft in meinen Gesang +ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fühlte +ein Freudenfeuer um das andere in mir angehen. +Vielleicht war es bei Knulp umgekehrt, daß in ihm +die festlichen Lichter schon zu verglimmen begannen. +Mir ist es damals immer so gegangen, daß ich an +<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>frohen Tagen gegen die Nacht hin immer lebhafter +wurde und kein Ende finden konnte, ja, oft trieb ich +mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden +allein herum, wenn die andern längst ermüdet waren +und schliefen.</p> + +<p>Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch +damals, und ich freute mich, als wir talwärts gegen ein +stattliches Dorf kamen, auf eine lustige Nacht. Vorerst +bestimmten wir eine abseits stehende, leicht zugängliche +Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir +in das Dorf ein und in einen schönen Wirtsgarten, +denn ich hatte meinen Freund für heute als meinen +Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar +Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag +war.</p> + +<p>Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. +Doch als wir unter einem schönen Platanenbaum an +unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er halb verlegen: +»Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, +gelt? Eine Flasche Bier trink ich gern, das tut gut +und ist mir ein Vergnügen, aber mehr mag ich kaum +vertragen.«</p> + +<p>Ich ließ es gut sein und dachte: Wir werden schon zu +so viel oder wenig kommen, als uns Freude macht. +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>Wir aßen den heißen Eierkuchen und ein kräftig +frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings +ließ ich mir bald eine zweite Flasche Bier bringen, +während Knulp seine erste noch halbvoll hatte. Mir +war, da ich wieder üppig und herrschaftlich an einem +guten Tische saß, herzlich wohl zumut, und ich dachte +das heute abend noch eine Weile zu genießen.</p> + +<p>Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er +trotz meiner Bitten keine zweite an und schlug mir vor, +jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu schlendern und +dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht +meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. +Und da meine Flasche noch nicht leer war, +hatte ich auch nichts dagegen, daß er einstweilen vorausging, +wir würden uns nachher schon wieder treffen.</p> + +<p>Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit +seinem bequemen, genießenden Feierabendschritt, eine +Sternblume hinterm Ohr, die paar Treppen hinab +auf die breite Gasse und langsam dorfeinwärts bummelte. +Und wenn es mir auch leid tat, daß er nicht +noch eine Flasche mit mir leeren wollte, dachte ich im +Nachschauen doch froh und zärtlich: Du lieber Kerl!</p> + +<p>Inzwischen nahm die Schwüle, trotzdem die Sonne +schon verschwunden war, noch immer zu. Ich hatte +<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem frischen +Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem +Tische noch auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe +der einzige Gast war, fand die Kellnerin reichlich Zeit, +mit mir ein Gespräch zu pflegen. Ich ließ mir von ihr +auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine +anfänglich für Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie +nachher in der Vergeßlichkeit selber noch.</p> + +<p>Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder +und wollte mich abholen. Ich war jedoch seßhaft geworden, +und da er müde war und Schlaf hatte, wurden +wir einig, daß er an unsere Schlafstätte gehen und +sich hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin +aber fing sofort an, mich nach ihm auszufragen, denn +er stach allen Mädchen in die Augen. Ich hatte nichts +dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein +Schatz, und ich pries ihn sogar noch mächtig, denn mir +war wohl und ich meinte es mit jedermann gut.</p> + +<p>Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu +winden an, als ich endlich spät aufbrach. Ich zahlte, +schenkte dem Mädchen einen Zehner und machte mich +ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spürte ich wohl, daß +ich eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte +die letzte Zeit ganz ohne starkes Getränk gelebt. Doch +<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>machte mich das nur vergnügt, denn ich konnte schon +etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg +vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da +stieg ich leise hinein und fand richtig den Knulp im +Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie er hemdärmlig auf +seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und gleichmäßig +atmete. Seine Stirn und der bloße Hals und die eine +Hand, die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem +trüben Halbdunkel einen bleichen Schein.</p> + +<p>Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch +machte die Erregung und der eingenommene Kopf +mich immer wieder wach, und es wurde draußen schon +Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf +einschlief. Es war ein fester, doch kein guter Schlaf, +ich war schwer und matt geworden und hatte undeutliche, +plagende Träume.</p> + +<p>Am Morgen erwachte ich erst spät, es war schon +voller Tag, und das helle Licht tat mir in den Augen +weh. Mein Kopf war leer und trüb und die Glieder +müde. Ich gähnte lange, rieb mir die Augen und streckte +die Arme, daß die Gelenke knackten. Aber trotz der +Müdigkeit hatte ich noch einen Rest und Nachklang von +der gestrigen Laune in mir und dachte den kleinen Jammer +am nächsten klaren Brunnen von mir zu spülen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war +Knulp nicht vorhanden. Ich rief und pfiff nach ihm +und war im Anfang noch ganz arglos. Als jedoch +Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir +plötzlich die Erkenntnis, daß er mich verlassen habe. +Ja, er war fort, heimlich fortgegangen, er hatte nicht +länger bei mir bleiben mögen. Vielleicht weil ihm +mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil +er sich heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit +schämte, vielleicht nur aus einer Laune, vielleicht aus +Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus einem plötzlich +erwachten Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich +war doch mein Trinken daran schuld.</p> + +<p>Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfüllten +mich ganz. Wo war jetzt mein Freund? Ich +hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine Seele ein +wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun +war er fort, ich stand allein und enttäuscht, mußte mich +mehr als ihn anklagen und hatte nun die Einsamkeit, +in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und an die +ich nie ganz hatte glauben mögen, selber zu kosten. +Sie war bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie +ist inzwischen wohl manches Mal lichter geworden, aber +völlig will sie mich seither nimmer verlassen.</p> +</div> + + + + +<p><a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a></p> +<div class="story"> +<h2><a name="Das_Ende" id="Das_Ende"></a>Das Ende</h2> + + +<p class="newsectioninitial">Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, +durchsonnte Luft wurde von launigen kurzen Windzügen +bewegt, aus Feldern und Gärten zog in dünnen, +zögernden Bändern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern +und erfüllte die lichte Landschaft mit einem +scharfsüßen Geruch von verbranntem Kraut und Grünholz. +In den Dorfgärten blühten sattfarbige Buschastern, +späte bläßliche Rosen und Georginen, und an +den Zäunen brannte noch hier und dort eine feurige +Kapuzinerblüte aus dem schon matt und weißlich +schimmernden Gekräut.</p> + +<p>Auf der Landstraße nach Bulach fuhr langsam der +Einspänner des Doktors Machold. Der Weg ging sachte +bergan, links abgemähte Äcker und Kartoffelfelder, in +denen noch geerntet wurde, rechts junger enger Fichtenwald +halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrängten +<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Stangen und dürren Zweigen, der Boden +gleichfarbig trockenbraun voll dick gelagerter welker +Nadeln. Geradeaus führte die Straße einfach in den +zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die +Welt ein Ende.</p> + +<p>Der Doktor hielt die Zügel lose in den Händen und +ließ das alte Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam +von einer sterbenden Frau, der nicht mehr zu helfen +war und die doch zäh ums Leben gekämpft hatte bis +zur letzten Stunde. Nun war er müde und genoß die +stille Fahrt durch den freundlichen Tag; seine Gedanken +waren eingeschlafen und folgten leicht betäubt und +willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen +aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen +an Herbstferientage der Schülerzeit und +weiter zurück in klangvolle, gestaltlose Kindheitsdämmerung. +Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, +und seine Sinne folgten erfahren und willig allen ländlichen +Zeichen der Jahreszeiten und ihrer Geschäfte.</p> + +<p>Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das +Stehenbleiben des Wagens. Eine Wasserrinne lief +quer über die Straße, darin fanden die Vorderräder +einen Halt, und das Roß blieb dankbar stehen, senkte +den Kopf und genoß wartend die Rast.</p> + +<p><a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Machold ermunterte sich über dem plötzlichen Verstummen +der Räder, nahm die Zügel zusammen, sah +lächelnd nach verdämmerten Minuten Wald und +Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und +trieb den Gaul mit vertraulichem Zungenschnalzen +zum Weitersteigen an. Darauf setzte er sich aufrecht, +er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte +sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen +Schritt weiter, zwei Weiber grüßten vom Felde, in +Schattenhüten hinter einer langen Front von gefüllten +Kartoffelsäcken hervor.</p> + +<p>Die Höhe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den +Kopf, ermuntert und voll Erwartung, nächstens den +langen Sattel des heimatlichen Hügels hinabzutraben. +Da erschien im nahen lichten Horizont von drüben her +ein Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom +Blau umlodert frei und hoch, stieg nieder und wurde +grau und klein. Er kam näher, ein magerer Mann mit +kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der +Landstraße daheim, er ging müde und mühevoll, +aber er zog den Hut mit stiller Artigkeit und sagte: +Grüß Gott.</p> + +<p>»Grüß Gott,« sagte der Doktor Machold und sah +dem Fremden nach, der schon vorüber war, und plötzlich +<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>hielt er den Gaul an, wandte sich stehend über das +knarrende Lederdach zurück und rief: »Heda, Sie! +Kommen Sie einmal her!«</p> + +<p>Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zurück. +Er lächelte schwach herüber, wandte sich wieder ab +und schien weitergehen zu wollen, dann besann er sich +dennoch und kehrte gehorsam um.</p> + +<p>Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte +den Hut in der Hand.</p> + +<p>»Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold.</p> + +<p>»Der Straße nach, gegen Berchtoldsegg.«</p> + +<p>»Kennen wir einander nicht? Ich kann bloß nicht auf +den Namen kommen. Sie wissen doch, wer ich bin?«</p> + +<p>»Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.«</p> + +<p>»Na also? Und Sie? Wie heißen Sie?«</p> + +<p>»Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir +sind einmal nebeneinander beim Präzeptor Plocher +gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die +lateinischen Präparationen von mir abgeschrieben.«</p> + +<p>Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann +in die Augen. Dann klopfte er ihm auflachend auf die +Schulter.</p> + +<p>»Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der berühmte +Knulp, und wir sind Schulkameraden. So +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>laß dir doch die Hand schütteln, alter Kerl! Wir haben +uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch +auf der Wanderschaft?«</p> + +<p>»Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, +wenn man älter wird.«</p> + +<p>»Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? +Wieder einmal der Heimat zu?«</p> + +<p>»Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe +eine Kleinigkeit dort zu tun.«</p> + +<p>»So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?«</p> + +<p>»Niemand mehr.«</p> + +<p>»Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. +Wir sind doch erst Vierziger, wir zwei. Und daß du so +einfach an mir vorbei hast laufen wollen, ist nicht recht +von dir. – Weißt du, mir scheint, du könntest vielleicht +einen Doktor brauchen.«</p> + +<p>»Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir +fehlt, das kann doch kein Doktor kurieren.«</p> + +<p>»Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und +komm mit mir, dann können wir besser reden.«</p> + +<p>Knulp trat ein wenig zurück und setzte den Hut +wieder auf. Mit verlegenem Gesicht wehrte er +sich, als der Doktor ihm in den Wagen helfen +wollte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>»Ach, wegen dessen, das wäre nicht nötig. Das Rößlein +rennt dir nicht fort, solang wir dastehen.</p> + +<p>Indessen faßte ihn ein Anfall von Husten, und der +Arzt, der schon Bescheid wußte, packte ihn kurzerhand +und setzte ihn in das Gefährt.</p> + +<p>»So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir +droben, und dann geht’s Trab, in einer halben Stunde +sind wir daheim. Du brauchst keine Unterhaltung zu +machen, mit deinem Husten, wir können dann daheim +weiter reden. – – Was? – – Nein, das hilft dir +jetzt nichts mehr, kranke Leute gehören ins Bett und +nicht auf die Landstraße. Weißt du, damals im Latein +hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an +der Reihe.«</p> + +<p>Sie fuhren über den Höhenrücken und mit pfeifender +Bremse den langen Sattel hinab; gegenüber sah man +schon die Dächer von Bulach über den Obstbäumen. +Machold hielt die Zügel kurz und paßte auf den Weg, +und Knulp ergab sich müde in halbem Behagen dem +Genuß des Fahrens und der gewaltsamen Gastfreundschaft. +Morgen, dachte er, oder spätestens übermorgen +walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen +noch zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld +mehr, der die Tage und Jahre verschwendete. Er +<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr +hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu +sehen.</p> + +<p>In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube +und gab ihm Milch zu trinken und Brot mit Schinken +zu essen. Dabei plauderten sie und fanden langsam +die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn +der Arzt ins Verhör, das der Kranke gutmütig und +etwas spöttisch über sich ergehen ließ.</p> + +<p>»Weißt du eigentlich, was dir fehlt?« fragte +Machold am Ende seiner Untersuchung. Er sagte es +leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm dafür +dankbar.</p> + +<p>»Ja, ich weiß schon, Machold. Es ist die Auszehrung, +und ich weiß auch, daß es nimmer lang gehen +kann.«</p> + +<p>»Na, wer weiß! Aber dann mußt du also auch einsehen, +daß du in ein Bett und in eine Pflege gehörst. +Einstweilen kannst du ja hier bei mir bleiben, ich sorge +inzwischen für einen Platz im nächsten Spital. Es +spukt bei dir, mein Lieber, und du mußt dich zusammennehmen, +daß du’s noch einmal durchhaust.«</p> + +<p>Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein +hageres und graues Gesicht mit einem Ausdruck von +<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>Schelmerei dem Doktor zu und sagte gutmütig: »Du +machst dir viele Mühe, Machold. Also meinetwegen. +Aber von mir darfst du nimmer viel erwarten.«</p> + +<p>»Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die +Sonne, so lang sie noch in den Garten scheint. Die +Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir müssen dir +auf die Finger sehen, Knülplein. Daß so ein Mensch, +der sein ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht +hat, sich dabei ausgerechnet die Lungen kaputt +macht, ist eigentlich nicht in der Ordnung.«</p> + +<p>Damit ging er weg.</p> + +<p>Die Haushälterin Lina war nicht erfreut und wehrte +sich dagegen, so einen Landstreicher ins Gastzimmer +zu lassen. Aber der Doktor schnitt ihr das Wort ab.</p> + +<p>»Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer +lang zu leben, er muß es bei uns noch ein bißchen gut +haben. Sauber ist er übrigens immer gewesen, und +eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie +ihm eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht +meine Winterpantoffeln. Und vergessen Sie +nicht: Der Mann ist ein Freund von mir.«</p> + + +<p class="newsectioninitial">Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen +Morgen im Bett verdämmert, wo er sich erst allmählich +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>darauf besinnen konnte, bei wem er sei. Als die Sonne +herausgekommen war, hatte Machold ihm das Aufstehen +erlaubt, und nun saßen sie beide nach Tisch bei +einem Glas Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp +war vom guten Essen und von seinem halben Glas +Wein munter und gesprächig geworden, und der Doktor +hatte sich für eine Stunde frei gemacht, um noch +einmal mit dem seltsamen Schulkameraden zu plaudern +und vielleicht etwas über dieses nicht gewöhnliche +Menschenleben zu erfahren.</p> + +<p>»Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt +hast?« sagte er lächelnd. »Dann ist ja alles gut. +Sonst hätte ich aber doch gesagt, es ist eigentlich schad +um so einen Kerl wie dich. Du hättest ja kein Pfarrer +oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber wäre +ein Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir +geworden. Ich weiß nicht, ob du deine Gaben benutzt +und weiter gebildet hast, aber du hast sie für +dich allein verbraucht. Oder nicht?«</p> + +<p>Knulp stützte das Kinn mit dem dünnen Bärtchen in +die hohle Hand und sah auf die roten Lichter, die hinterm +Weinglas auf dem besonnten Tischtuch spielten.</p> + +<p>»Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die +Gaben, wie du es nennst, damit ist es nicht so weit her. +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>Ich kann ein bißchen kunstpfeifen, auch Handorgel +spielen und manchmal Verslein machen, früher bin +ich auch ein guter Läufer gewesen und habe nicht +schlecht getanzt. Das ist alles. Und daran habe ich ja +nicht allein Freude gehabt, es waren meistens Kameraden +dabei, oder junge Mädel oder Kinder, die haben +ihren Spaß daran gehabt und sind mir manchmal +dafür dankbar gewesen. Wir wollen es gut sein lassen +und damit zufrieden sein.«</p> + +<p>»Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins +muß ich dich noch fragen. Du bist damals bis in die +fünfte Klasse mit mir in die Lateinschule gegangen, +ich weiß es noch genau, und bist ein guter Schüler gewesen, +wenn auch kein Musterbub. Und dann auf +einmal warst du weg, und es hieß, du gehest jetzt in die +Volksschule, und da waren wir auseinander, ich durfte +ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der in +die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? +Später, wenn ich von dir hörte, habe ich immer gedacht: +Wenn er damals bei uns in der Schule geblieben +wäre, hätte alles anders kommen müssen. Also, wie +war’s damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter +das Schulgeld nimmer zahlen mögen, oder was +sonst?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere +Hand, doch trank er nicht, er blickte nur durch den Wein +gegen das grüne Gartenlicht und stellte dann den +Kelch vorsichtig auf den Tisch zurück. Schweigend +schloß er dann die Augen und versank in Gedanken.</p> + +<p>»Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein +Freund. »Es muß ja nicht sein.«</p> + +<p>Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und +prüfend ins Gesicht.</p> + +<p>»Doch,« sagte er, noch zögernd, »ich glaube, es muß +sein. Ich habe das nämlich noch nie einem Menschen +erzählt. Aber jetzt ist es vielleicht ganz gut, wenn jemand +es hört. Es ist ja bloß eine Kindergeschichte, +aber für mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir +jahrelang zu schaffen gemacht. Sonderbar, daß du +gerade danach fragst!«</p> + +<p>»Warum?«</p> + +<p>»Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken +müssen, und deswegen bin ich auch wieder auf dem +Weg nach Gerbersau.«</p> + +<p>»Ja, dann erzähle.«</p> + +<p>»Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute +Freunde gewesen, wenigstens bis in die dritte oder +vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger zusammen, +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus +gepfiffen.«</p> + +<p>»Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit +mehr als zwanzig Jahren nimmer gedacht. Mensch, +was hast du für ein Gedächtnis! Und weiter?«</p> + +<p>»Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. +Die Mädchen waren daran schuld. Ich bin ziemlich +früh auf sie neugierig geworden, und du hast noch an +den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da +wußte ich schon so ziemlich, wie es mit Buben und +Mädeln beschaffen ist. Das war mir damals die Hauptsache, +darum bin ich nimmer viel bei eurem Indianerspiel +dabei gewesen.«</p> + +<p>»Da warst du zwölf Jahr alt, nicht?«</p> + +<p>»Fast dreizehn, ich bin ein Jahr älter als du. Wie +ich einmal krank war und im Bett lag, da hatten wir +eine Base zum Besuch da, die war drei oder vier Jahr +älter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und +als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal +nachts zu ihr in die Stube gegangen. Da wurde mir +bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und ich war +elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der +Base wollte ich jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir +verleidet, und ich hatte Angst vor ihr, aber die Sache +<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin ich +eine Zeitlang bloß den Mädchen nachgegangen. Beim +Rotgerber Haasis waren zwei Töchter in meinem +Alter, und da kamen auch andere Mädchen aus der +Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln Böden +Verstecken und hatten immer viel zu kichern und zu +kitzeln und geheim zu tun. Ich war meistens der +einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte +ich einer von ihnen die Zöpfe flechten oder eine gab +mir einen Kuß, wir waren alle noch unerwachsen und +wußten nicht recht Bescheid, aber es war alles voll +von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich +in die Büsche und sah ihnen zu. – – Und eines +Tages war eine Neue da, eine aus der Vorstadt, ihr +Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat Franziska +geheißen, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut +gefallen.«</p> + +<p>Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater +geheißen? Vielleicht kenn ich sie.«</p> + +<p>»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, +Machold. Es gehört nicht zur Geschichte, und ich will +auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. – Nun also! +Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben +hie und da miteinander gehändelt und gerauft, und +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>wenn sie mich dann an sich drückte, bis es mir weh tat, +dann war mir schwindlig und wohl wie in einem Rausch. +In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre +älter war und schon davon redete, daß sie jetzt bald +einen Schatz haben wolle, da wurde es mein einziger +Wunsch, der möchte ich sein. – – Einmal saß sie +allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins +Wasser hängen, sie hatte gebadet und bloß das Leibchen +an. Da kam ich und setzte mich zu ihr. Auf einmal +bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr +Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen +Augen mitleidig an und sagte: »Du bist ja noch ein +Büble und hast kurze Hosen an, was weißt denn du +von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse +alles, und wenn sie nicht mein Schatz werden möge, +dann werfe ich sie ins Wasser und mich mit. Da schaute +sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie eine +Frau, und sagte: ›Wir wollen einmal sehen. Kannst +du denn schon küssen?‹ Ich sagte ja und gab ihr +schnell einen Kuß auf den Mund und dachte, damit +wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und +hielt ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, +daß mir Hören und Sehen verging. Dann lachte sie +mit ihrer tiefen Stimme und sagte: ›Du würdest mir +<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann +keinen Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, +das gibt keine rechten Leute. Ich muß einen richtigen +Mann zum Schatz haben, einen Handwerker oder +einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts +damit.‹ Sie hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen +und war in ihrer festen Wärme so schön und gut +in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken +konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska +versprochen, ich wolle nimmer in die Lateinschule +gehen und ein Handwerker werden. Sie lachte +nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich +wieder und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler +mehr sei, dann wolle sie mein Schatz sein, und ich solle +es gut bei ihr haben.«</p> + +<p>Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein +Freund sah aufmerksam herüber, beide schwiegen eine +kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also, jetzt weißt du +die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind gegangen, +wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir +ein paar Ohrfeigen, als ich ihm mitteilte, ich wolle und +könne jetzt nimmer in die Lateinschule gehen. Ich +wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir vorgenommen, +ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren Kindergedanken, +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst +gewesen. Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. +Ich tat einfach in der Schule nimmer gut. Weißt +du’s nimmer?«</p> + +<p>»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine +Zeitlang fast jeden Tag Arrest gehabt.«</p> + +<p>»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte +Antworten gegeben, ich habe die Aufgaben nimmer +gemacht und meine Schulhefte verloren, es war jeden +Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran +und habe jedenfalls den Lehrern damals das Leben +nicht leicht gemacht. Das Latein und das Zeug alles +war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt, +ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich +hinter etwas Neuem her war, dann gab’s eine Weile +nichts anderes für mich auf der Welt. So war mir’s +mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, +und mit der Botanik. Und gerade so hatte +ich’s halt damals mit den Mädchen, und eh ich da die +Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen +hatte, war mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch +blöd, so als Schulbub in der Bank zu hocken und Konjugationen +zu üben, wenn man heimlich mit allen +Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend +<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>beim Baden von den Mädchen ausspioniert hat. – +Na, <em class="antiqua">item!</em> Die Lehrer merkten das vielleicht, sie +hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang +wie möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten +geworden, aber ich fing jetzt eine Freundschaft mit +dem Bruder der Franziska an. Er ging in die Volksschule, +in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; +ich habe viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und +habe viel von ihm zu leiden gehabt. In einem halben +Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater hat +mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule +ausgewiesen und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube +wie der Bruder der Franziska.«</p> + +<p>»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold.</p> + +<p>»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht +mein Schatz geworden. Seit ich manchmal mit ihrem +Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr behandelt, +wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als +ich schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir +angewöhnte, öfter am Abend mich aus dem Haus zu +stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt. Ich +streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und +wie ich’s schon mehrmals getan hatte, behorchte ich +ein Liebespaar auf einer Bank, und als ich schließlich +<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>mich näher drückte, da war es die Franziska mit einem +Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, +er hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in +der Hand eine Zigarette, und ihre Bluse stand offen, +und kurz, es war scheußlich. Da war also alles vergebens +gewesen.«</p> + +<p>Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter.</p> + +<p>»Na, vielleicht war’s für dich doch das Beste.«</p> + +<p>Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen +Kopf.</p> + +<p>»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte +Hand drum geben, wenn das anders gegangen wäre. +Sag mir nichts über die Franziska, ich lasse nichts auf +sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, +dann hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche +Art kennen gelernt, und vielleicht hätte mir das geholfen, +daß ich auch mit der Volksschule und mit +meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. +Denn – wie soll ich’s sagen? – schau, seither habe +ich manche Freunde und Bekannte und Kameraden +und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr +mich auf das Wort eines Menschen verlassen oder mich +selber durch ein Wort gebunden. Niemals mehr. +Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte, und es +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber +ich bin doch immer allein geblieben.«</p> + +<p>Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten +kleinen Schluck Wein und stand auf.</p> + +<p>»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich +mag nimmer davon reden. Du hast gewiß auch noch +zu tun.«</p> + +<p>Der Doktor nickte.</p> + +<p>»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im +Spital für dich schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, +aber da ist nichts zu ändern. Du gehst kaputt, wenn du +nicht schnell in eine Pflege kommst.«</p> + +<p>»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, +»so laß mich halt kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts +mehr, das weißt du selber. Warum soll ich mich jetzt +noch einsperren lassen?«</p> + +<p>»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein +miserabler Doktor, wenn ich dich so herumlaufen ließe. +In Oberstetten fänden wir sicher Platz für dich, und +du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach acht +Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich +verspreche dir’s.«</p> + +<p>Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es +schien fast, als wäre er nahe am Weinen, und rieb seine +<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>dünnen Hände ineinander wie ein Frierender. Dann +sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die Augen.</p> + +<p>»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht +von mir, du hast so viel für mich getan, und sogar +Rotwein – es war alles viel zu gut und fein für mich. +Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine große +Bitte an dich.«</p> + +<p>Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter.</p> + +<p>»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den +Kragen. Also, was ist’s?«</p> + +<p>»Bist du mir nicht bös?«</p> + +<p>»Gar nicht. Warum auch?«</p> + +<p>»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir +einen großen Gefallen tun. Schick mich nicht nach +Oberstetten! Wenn ich doch in so einen Spittel muß, +dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt +man mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es +auch wegen der Armenpflege besser, ich bin ja dort +geboren, und überhaupt –«</p> + +<p>Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor +Erregung kaum sprechen.</p> + +<p>Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: +»Wenn das alles ist, was du zu bitten hast – das wird +bald in Ordnung sein. Du hast ganz recht, ich will +<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich +hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.«</p> + +<p>Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, +und mußte plötzlich an den Sommer denken, da Knulp +ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an seine +kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, +an die hübsche zwölfjährige Glut des rassigen Buben.</p> + +<p>»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die +ihn störte, und erhob sich rasch, um an die Arbeit zu +gehen.</p> + + +<p class="newsectioninitial">Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp +blieb den ganzen Tag im Bett. Der Doktor legte ihm +einige Bücher hin, die er aber kaum berührte. Er war +verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, +gutes Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher +als zuvor, daß es mit ihm zu Ende gehe.</p> + +<p>Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, +dann komme ich nimmer auf. Es war ihm wenig +mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte in den +letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber +sterben wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen +und allerlei heimlichen Abschied dort genommen +hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und vom +<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener +Franziska. Seine späteren Liebschaften waren vergessen, +wie denn überhaupt die lange Reihe seiner +Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien, +während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft +einen neuen Glanz und Zauber gewannen.</p> + +<p>Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; +er hatte in vielen Jahren nicht so prächtig gewohnt. +Er studierte mit sachlichem Blick und tastenden Fingern +das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte +Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der +hartholzene Fußboden interessierte ihn, und die Photographie +an der Wand, die den Dogenpalast in Venedig +vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war.</p> + +<p>Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, +ohne etwas zu sehen, müde und nur mit dem beschäftigt, +was still in seinem kranken Leibe vorging. Aber +plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem +Bett und angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel +her, um sie sorgfältig und sachkundig zu untersuchen. +Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober, und bis +zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und +nachher war doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, +er könnte Machold um ein paar alte Schuhe bitten. +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins +Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig +tastete er die brüchigen Stellen im Oberleder ab. +Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es +mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war +überflüssig; vermutlich würde dies alte Paar Schuhe +ihn überdauern und noch im Dienste sein, wenn er +selbst schon von der Landstraße verschwunden war.</p> + +<p>Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, +es tat ihm aber weh und machte ihn husten. Da blieb +er still und wartend liegen, atmete in kleinen Zügen +und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, +ehe er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte.</p> + +<p>Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, +aber sein Kopf ermüdete daran und er fiel in +Halbschlummer. Nach einer Stunde erwachend, meinte +er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch +und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, +er müsse ihm ein Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, +wenn er fortginge. Er wollte ihm eins von seinen +Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal +danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines +ganz besinnen, und keines gefiel ihm. Durchs Fenster +sah er im nahen Wald den Nebel stehen und starrte +<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem +Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und +mitgenommen hatte, schrieb er auf das saubere weiße +Papier, mit dem die Schublade seines Nachttisches +ausgelegt war, einige Zeilen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Die Blumen müssen<br /></span> +<span class="i0">Alle verdorren,<br /></span> +<span class="i0">Wenn der Nebel kommt,<br /></span> +<span class="i0">Und die Menschen<br /></span> +<span class="i0">Müssen sterben,<br /></span> +<span class="i0">Man legt sie ins Grab.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Auch die Menschen sind Blumen,<br /></span> +<span class="i0">Sie kommen alle wieder,<br /></span> +<span class="i0">Wenn ihr Frühling ist.<br /></span> +<span class="i0">Dann sind sie nimmer krank,<br /></span> +<span class="i0">Und alles wird verziehen.<br /></span> +</div></div> + +<p>Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. +Es war kein richtiges Lied, die Reime fehlten, aber es +stand doch das darin, was er hatte sagen wollen. Und +er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb +darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, +von seinem dankbaren Freunde K.«</p> + +<p>Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade.</p> + + +<p class="newsectioninitial">Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, +aber es war eine strengkühle Luft, und man konnte am +Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor ließ Knulp +<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte, +daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei +und er dort erwartet werde.</p> + +<p>»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« +meinte Knulp, »vier Stunden brauche ich doch, +vielleicht fünf.«</p> + +<p>»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern +ist jetzt nichts für dich. Du fährst mit mir im +Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit finden. Ich +schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht +mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf +einen Tag kommt es jetzt auch nimmer an.«</p> + +<p>Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen +der Schulzenknecht mit zwei Kälbern nach Gerbersau +fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte mit ihm fahren.</p> + +<p>»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« +sagte Machold, »kannst du einen von mir tragen? +Oder ist der zu weit?«</p> + +<p>Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, +probiert und gut befunden. Knulp aber, da der Rock +von gutem Tuch und wohlbehalten war, machte sich +in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die +Knöpfe zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor +machen und gab ihm noch einen Hemdkragen dazu.</p> + +<p><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit +seine neue Kleidung, und da er nun wieder so gut +aussah, begann es ihm leid zu tun, daß er sich in der +letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte nicht, +die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, +aber er kannte den Schmied im Dorf und wollte dort +einen Versuch machen.</p> + +<p>Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die +Werkstatt und sagte den alten Handwerksgruß: »Fremder +Schmied spricht um Arbeit zu.«</p> + +<p>Der Meister sah ihn kalt und prüfend an.</p> + +<p>»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das +mußt du einem andern weismachen.«</p> + +<p>»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch +gute Augen, Meister, und doch kennst du mich nicht. +Weißt du, ich bin früher Musikant gewesen, und du +hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner +Handorgel getanzt.«</p> + +<p>Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und +tat noch ein paar Stöße mit der Feile, dann führte +er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit an.</p> + +<p>»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also +der Knulp. Man wird halt älter, wenn man sich so +lang nicht sieht. Was willst du in Bulach? Auf einen +<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Zehner und auf ein Glas Most soll’s mir nicht ankommen.«</p> + +<p>»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm’s für +genossen an. Aber ich will was anderes. Du könntest +mir dein Rasiermesser für eine Viertelstunde leihen, +ich will heut abend zum Tanzen gehen.«</p> + +<p>Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger.</p> + +<p>»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, +mit dem Tanzen wirst du’s nimmer wichtig haben, so +wie du aussiehst.«</p> + +<p>Knulp kicherte vergnügt.</p> + +<p>»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann +geworden bist. Ja, ich muß also morgen ins Spital, der +Machold schickt mich hin, und da wirst du begreifen, daß +ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir +das Messer, in einer halben Stunde hast du’s wieder.«</p> + +<p>»So? Und wo willst du denn hin damit?«</p> + +<p>»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, +du gibst mir’s?«</p> + +<p>Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig.</p> + +<p>Er blieb mißtrauisch.</p> + +<p>»Ich geb dir’s schon. Aber weißt du, es ist kein +so gewöhnliches Messer, es ist eine echte Solinger +Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>»Verlaß dich drauf.«</p> + +<p>»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. +Den brauchst du zum Rasieren nicht. Ich will dir +was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da, und wenn du +mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den +Rock wieder.«</p> + +<p>Der Landstreicher verzog das Gesicht.</p> + +<p>»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. +Aber es soll meinetwegen gelten.«</p> + +<p>Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den +Rock zum Pfande, duldete aber nicht, daß der rußige +Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben Stunde +kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, +und sein struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah +ganz anders aus.</p> + +<p>»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst +du weiben gehen,« sagte der Schmied voll Anerkennung.</p> + +<p>Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, +er zog seinen Rock wieder an, sagte kurzen Dank und +ging davon.</p> + +<p>Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, +der ihn verwundert anhielt.</p> + +<p>»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du +<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>aus! – Aha, rasiert! Mensch, du bist doch ein Kindskopf!«</p> + +<p>Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend +wieder einen Rotwein zu trinken. Die beiden Schulkameraden +feierten Abschied, und jeder war so aufgeräumt +wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie +eine Beklemmung anmerken lassen.</p> + +<p>Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen +mit dem Wagen vorgefahren, auf dem in Lattenverschlägen +zwei Kälber standen, mit den Knien zitterten +und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum +erstenmal Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem +Knecht auf den Bock gesetzt und bekam eine Decke über +die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und schenkte +dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg +und dem Wald entgegen, während der Knecht seine +Pfeife anzündete und Knulp mit verschlafenen Augen +in die hellblaue Morgenkühle blinzelte.</p> + +<p>Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde +ganz warm. Die zwei auf dem Bock unterhielten sich +ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau ankamen, +wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und +den Kälbern den Umweg machen und am Krankenhaus +vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm das bald +<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor +der Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und +sah dem Wagen nach, bis er unter den Ahornen beim +Viehmarkt verschwand.</p> + +<p>Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen +den Gärten ein, den nur Einheimische kannten. Er +war wieder frei! Im Spital mochten sie warten.</p> + + +<p class="newsectioninitial">Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und +den Duft, die Geräusche und Gerüche der Heimat und +die ganze erregende und sättigende Vertrautheit des +Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf +dem Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, +Trauerflug später dunkler Herbstfalter an +der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen Marktbrunnens, +Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer +aus der gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, +wohlbekannte Gassennamen, jeder dicht behängt +von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. +Mit allen Sinnen schlürfte der Heimatlose +den vielfältigen Zauber des Zuhauseseins, des Kennens, +des Wissens, des Sicherinnerns, der Kameradschaft +mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd +und unermüdet war er den ganzen Nachmittag +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>in allen Gassen unterwegs, belauschte den Messerschleifer +am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster +seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern +die alten Namen wohlbekannter Familien. Er +tauchte die Hand in den steinernen Trog des Marktbrunnens, +seinen Durst aber löschte er erst unten am +kleinen Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll +wie vor all den verflossenen Jahren im Erdgeschoß +eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam +klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den +Steinplatten rauschte. Am Flusse stand er lange und +lehnte an der hölzernen Brüstung überm ziehenden +Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte +und die schmalen Rücken der Fische schwarz und stille +über den zitternden Kieseln standen. Er ging über den +alten Steg und ließ sich in der Mitte in die Kniekehlen +sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig +elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu +spüren.</p> + +<p>Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, +nicht die Kirchenlinde mit dem kleinen Rasenstück und +nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen einstigen +Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, +in dem vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und +<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>lehnte sich eine kleine Weile zärtlich mit dem Rücken an +die alte Haustür, suchte auch den Garten auf und sah +über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu +angelegte Pflanzung hinein – aber die vom Regenwasser +abgerundeten Steinstufen und der runde, feiste +Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. +Hier hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er +sich aus der Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier +hatte er einst ein volles Glück, Erfüllungen ohne Rest, +Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet, diebesselige +Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück +im Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter +Goldlack, lustige Winde, zärtlich samtenes Stiefmütterchen, +und Kaninchenställe und Werkstatt und Drachenbau, +Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders +und Mühlräder aus Fadenrollen mit Schaufeln +aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen Katzen er nicht +gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht, +kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er +nicht ein grünes Traumnest besessen hatte. Dieses +Stück Welt hatte ihm gehört, war von ihm in tiefster +Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte +jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, +Geschichten für ihn gehabt, jeder Regen- und Schneefall +<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>zu ihm gesprochen, hier hatte Luft und Erde in +seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert +und ihr Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte +Knulp, war vielleicht hier ringsum kein Hausbewohner +und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr angehört +hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, +mehr Antwort gab, mehr Erinnerungen weckte.</p> + +<p>Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der +graue Giebel eines schmächtigen Hauses empor. Dort +hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis gewohnt, und +dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen +ihr Ende gefunden in den ersten Heimlichkeiten und +zärtlichen Händeln mit Mädchen. Von dort war er +manchen Abend über die dämmernde Gasse heimgekehrt +mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort +hatte er den Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und +unter den Küssen der schönen Franziska getaumelt. +Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder vielleicht +morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen +ihn wenig, er hätte sie alle zusammen gerne hingegeben +für das Gedächtnis einer einzigen Stunde der +früheren, der Knabenzeit.</p> + +<p>Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun +und schaute hinunter, und was er sah, war nicht +<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>der neue, fremde Garten, der dalag und mit dem jungen +Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich +aussah. Er sah den Garten seines Vaters, und seine +Kinderblumen im kleinen Beet, am Ostersonntag gepflanzte +Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine +Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene +Eidechsen ausgesetzt hatte, unglücklich, daß +keine dort bleiben und wohnen und sein Haustier +sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung +und Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle +Häuser und Gärten, alle Blumen und Eidechsen und +Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken, und +es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer +einzigen Sommerblume, wie sie damals in seinem +Gärtchen wuchs und die köstlichen Blumenblätter +leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche +von damals, deren jeden er noch genau im +Gedächtnis hatte! Sie waren fort, sie waren nicht +ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann hatte +sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus +gemacht, Holz und Wurzeln und welke Blätter waren +miteinander verbrannt, und niemand hatte darum +geklagt.</p> + +<p>Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. +<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>Der war jetzt ein Doktor und Herr und fuhr im Einspänner +bei den kranken Leuten herum, und er war +wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; +aber auch er, auch dieser kluge und stramme Mann, was +war er gegen damals, gegen den gläubigen, scheuen, +erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals? Hier +hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen +baut und Schindeltürme für Heuschrecken, und er war +Macholds Lehrer und sein größerer, klügerer, bewunderter +Freund gewesen.</p> + +<p>Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig +dürr geworden, und das Lattenhaus im andern +Garten war zerfallen, und man mochte an seine Stelle +bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön +und beglückend und richtig, wie alles einmal gewesen +war.</p> + +<p>Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als +Knulp den vergrasten Gartenweg verließ. Vom neuen +Kirchturm, der das Bild der Stadt veränderte, rief +eine neue Glocke laut herüber.</p> + +<p>Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, +es war Feierabend und niemand zu sehen. +Unhörbar schritt er über den weichen Lohboden an den +gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>Lauge lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß +schon dunkel an den moosig grünen Steinen hintrieb. +Da war der Ort, an dem er einmal eine Abendstunde +mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser +plätschernd.</p> + +<p>Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten +lassen, dachte Knulp, dann wäre alles anders gekommen. +Wenn auch die Lateinschule und das Studieren +versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug +gehabt, um doch etwas zu werden. Wie einfach und +klar war das Leben! Damals hatte er sich weggeworfen +und von allem nichts mehr wissen wollen, und das +Leben war darauf eingegangen und hatte nichts von +ihm verlangt. Er war außerhalb gestanden, ein Bummler +und Zaungast, beliebt in den guten jungen Jahren +und allein im Kranksein und Altern.</p> + +<p>Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf +dem Mäuerchen nieder, und der Fluß rauschte dunkel +in seine Gedanken. Da wurde über ihm ein Fenster +hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn +hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten +und aus dem Tor, knöpfte den Rock zu und +dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der Doktor hatte +ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er +<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>in einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder +»Schwanen« gehen können, wo man ihn kannte und +wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm +jetzt nicht gelegen.</p> + + +<p class="newsectioninitial">Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn +früher bis ins kleinste interessiert hätte, aber diesmal +wollte er nichts sehen und wissen, als was zur alten +Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen erfuhr, +daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, +und ihm schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. +Nein, es hatte keinen Sinn, hier in den Gassen und +zwischen den Gärten herumzustrolchen und sich von +denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen +zu lassen. Und als er zufällig in dem engen +Postgäßlein dem Oberamtsarzt begegnete, fiel +ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben +im Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. +Alsbald kaufte er bei einem Bäcker zwei +Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch +vor Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße +hinan.</p> + +<p>Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten +großen Straßenbiegung, ein staubiger Mann auf +<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>einem Steinhaufen und klopfte mit einem langstieligen +Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke.</p> + +<p>Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen.</p> + +<p>»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, +ohne den Kopf zu heben.</p> + +<p>»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte +Knulp.</p> + +<p>»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und +sah einen Augenblick empor, vom Mittagslicht auf +der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr hinaus?«</p> + +<p>»Nach Rom zum Papst,« sagte Knulp. »Ist’s wohl +noch weit?«</p> + +<p>»Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall +stehen bleiben müsset und die Leute in der Arbeit +stören, dann erlaufet Ihr’s in keinem Jahr.«</p> + +<p>»So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich’s nicht, Gott +sei Dank. Ihr seid ein fleißiger Mann, Herr Andres +Schaible.«</p> + +<p>Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen +und musterte den Wanderer.</p> + +<p>»Ihr kennt mich also,« sagte er bedächtig, »und ich +kenn Euch auch, will mir scheinen. Bloß auf den +Namen muß ich noch kommen.«</p> + +<p>»Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>wir Anno neunzig allemal unseren Sitz gehabt haben. +Aber er wird nimmer leben.«</p> + +<p>»Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir’s, alter +Kunde. Du bist der Knulp. Setz dich ein bißchen her, +und grüß Gott auch!«</p> + +<p>Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete +mit Beschwerden; er sah erst jetzt, wie schön in der +Tiefe das Städtchen lag, blaublanker Fluß, rotbraunes +Dächergewimmel und kleine grüne Bauminseln dazwischen.</p> + +<p>»Du hast es nett hier droben,« sagte er aufatmend.</p> + +<p>»Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Früher +ist’s leichter den Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja +heillos, Knulp. Hast wieder einmal die Heimat besucht?«</p> + +<p>»Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.«</p> + +<p>»Und warum denn?«</p> + +<p>»Weil halt die Lunge kaputt ist. Weißt du nix dagegen?«</p> + +<p>»Daheim geblieben wenn du wärst, mein Lieber, +und hättest brav geschafft, und hättest Weib und Kinder +und jeden Abend dein Bett, dann wär’s vielleicht +anders mit dir. Na, darüber weißt du meine Meinung +von früher her. Da kann man jetzt nichts machen. +Ist’s denn so schlimm?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>»Ach, ich weiß nicht. – Oder doch, ich weiß schon. +Es geht halt den Berg hinunter, und jeden Tag ein +bißchen schneller. Da ist’s dann wieder ganz gut, wenn +man für sich allein ist und niemand zur Last fällt.«</p> + +<p>»Wie man’s nimmt; das ist deine Sache. Es tut +mir aber leid.«</p> + +<p>»Ist nicht nötig. Gestorben muß einmal sein, es +kommt sogar an die Steinklopfer. Ja, alter Kunde, +da sitzen jetzt wir zwei und können uns beide nicht viel +einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken +im Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn +gewollt?«</p> + +<p>»Ach, das sind alte Geschichten.«</p> + +<p>»Und deine Kinder sind gesund?«</p> + +<p>»Ich weiß nichts andres. Der Jakob verdient jetzt +schon.«</p> + +<p>»So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich, +jetzt auch ein wenig weiter.«</p> + +<p>»Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang +nimmer gesehen hat! Sag, Knulp, kann ich dir mit +etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es wird eine +halbe Mark sein.«</p> + +<p>»Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein, +danke schön.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm +elend ums Herz, und er schwieg, und der Steinklopfer +gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken. Sie blickten +eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel +im Mühlkanal blitzte kräftig herauf, über die Steinbrücke +fuhr langsam ein Lastwagen, und unterm Wehr +schwamm lässig ein weißes Gänsegeschwader.</p> + +<p>»Jetzt hab ich ausgeruht und muß weiter,« fing +Knulp wieder an.</p> + +<p>Der Steinklopfer saß in Gedanken und schüttelte +den Kopf.</p> + +<p>»Hör, du, du hättest mehr werden können als so ein +armer Teufel von Pennbruder,« sagte er langsam. +»Es ist doch sündenschad um dich. Weißt du, Knulp, ich +bin gewiß kein Stündeler, aber ich glaube halt doch, +was in der Bibel steht. Du mußt auch daran denken. +Du wirst dich verantworten müssen, es wird nicht so +leicht gehn. Du hast Gaben gehabt, bessere als ein +anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du +darfst mir’s nicht zürnen, wenn ich das sage.«</p> + +<p>Jetzt lächelte Knulp, und ein Schimmer von der +alten harmlosen Schelmerei stand in seinen Augen. +Er klopfte seinem Kameraden freundlich auf den Arm +und stand auf.</p> + +<p><a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>»Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott +fragt mich vielleicht gar nicht: Warum bist du nicht +Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er auch bloß: +Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben +eine leichte Arbeit, Kinderhüten oder so.«</p> + +<p>Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau +und weiß gewürfelten Hemde.</p> + +<p>»Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst, +wenn der Knulp kommt, da wird der Herrgott nichts +als Späße machen.«</p> + +<p>»Ach nein. Aber es könnte doch sein, nicht?«</p> + +<p>»Red nicht so!«</p> + +<p>»Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle +halt einmal den Schaible fragen, der kenne mich gut. +Was sagst du ihm dann?«</p> + +<p>»Nee, mich braucht der Herrgott gewiß nicht dazu. +Aber ich täte sagen: Der Knulp hat sein Leben lang +nichts als Kindereien getrieben, aber ich glaube, er ist +halt doch ein guter und anständiger Kerl gewesen.«</p> + +<p>Sie gaben sich die Hände, und dabei steckte der Steinklopfer +ihm ein kleines Geldstück zu, das er verstohlen +aus seiner Hosentasche gegraben hatte. Und Knulp +nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen +nicht seine Freude zu verderben.</p> + +<p><a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal, +nickte noch einmal zu Andres Schaible zurück, dann +begann er zu husten und machte schnellere Schritte, +und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden.</p> + + +<p class="newsectioninitial">Vierzehn Tage später, nachdem es auf nebelkalte +Tage noch sonnige mit späten Glockenblumen und +kühlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach plötzlich +der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf +am dritten Tage bei milderer Luft einen schweren, +hastigen Schneefall.</p> + +<p>Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen, +auf zielloser Streife immer im Umkreis der Heimat, +und noch zweimal hatte er aus nächster Nähe, im +Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen +und beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er +hatte zu viel zu denken gehabt und war auf allen den +langen, mühsamen, nutzlosen Wegen immer tiefer in +das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in +zähe Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu +finden. Dann war die Krankheit von neuem über ihn +gekommen, und wenig fehlte, so wäre er eines Tages +trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und hätte +am Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem +<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>Alleinsein wieder die Stadt unten liegen sah, +da klang ihm alles fremd und feindlich entgegen, und +es ward ihm klar, daß er nimmer dorthin gehöre. Zuweilen +kaufte er in einem Dorf ein Stück Brot, auch +gab es noch Haselnüsse genug. Die Nächte brachte er +in den Blockhütten der Waldarbeiter oder zwischen +Strohbündeln auf dem Felde zu.</p> + +<p>Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg +herüber gegen die Talmühle gegangen, verfallen +und todesmüde und dennoch immerzu auf den Beinen, +als müsse er den kleinen Rest seiner Tage noch mächtig +ausnützen und laufen, laufen, allen Waldrändern und +Schneisen nach. So krank und müde er war, seine +Augen und seine Nüstern hatten die alte Beweglichkeit +behalten; äugend und schnuppernd wie ein feinfühliger +Jagdhund stellte er auch jetzt noch, da es keine +Ziele mehr für ihn gab, jede Bodensenkung, jeden +Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht +dabei, und seine Beine gingen von selber.</p> + +<p>In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie +seit einigen Tagen fast immerzu, vor dem lieben Gott +und sprach unaufhörlich mit ihm. Furcht hatte er +keine; er wußte, daß Gott uns nichts tun kann. Aber +sie sprachen miteinander, Gott und Knulp, über die +<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>Zwecklosigkeit seines Lebens, und wie das hätte anders +eingerichtet werden können, und warum dies und +jenes so und nicht anders habe gehen müssen.</p> + +<p>»Damals ist es gewesen,« beharrte Knulp immer +wieder, »damals, wie ich vierzehn Jahre alt war und +die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da hätte +noch alles aus mir werden können. Und dann ist irgend +etwas in mir kaputt gegangen oder verpfuscht worden, +und von da an habe ich eben nichts mehr getaugt. – +Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, daß du +mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen! +Dann wäre mein Leben so schön und vollkommen gewesen +wie ein reifer Apfel.«</p> + +<p>Der liebe Gott aber lächelte immerzu, und manchmal +verschwand sein Gesicht ganz in dem Schneetreiben.</p> + +<p>»Na, Knulp,« sagte er ermahnend, »denk einmal an +deine Jungeburschenzeit, und an den Sommer im +Odenwald, und an die Lächstettener Zeiten! Hast +du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das schöne +Leben in allen Gelenken zucken gefühlt? Hast du nicht +singen können und Harmonika spielen, daß den Mädchen +die Augen übergelaufen sind? Weißt du noch +die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz, +die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>Knulp mußte nachdenken, und wie ferne Bergfeuer +strahlten ihm die Freuden seiner Jugend dunkelschön +herüber und dufteten schwer und süß wie Honig und +Wein, und klangen tieftönig wie Tauwind in der Vorfrühlingsnacht. +Herrgott, es war schön gewesen, schön +die Lust und schön die Trauer, und es wäre jammerschade +um jeden Tag gewesen, der gefehlt hätte!</p> + +<p>»Ach ja, es war schön,« gab er zu, und war doch voll +Weinerlichkeit und Widerspruch wie ein müdes Kind. +»Es war ja wunderschön damals. Freilich, Schuld und +Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist +wahr, es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht +haben nicht viele solche Becher ausgetrunken und +solche Tänze angeführt und solche Liebesnächte gefeiert, +wie ich dazumal. Aber dann, dann hätte es aus +sein sollen! Schon dort war ein Stachel im Glück, ich +weiß noch wohl, und dann sind niemals mehr so gute +Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.«</p> + +<p>Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden. +Nun, da Knulp ein wenig stehen blieb, +um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine +Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott +unversehens wieder da und gab Antwort.</p> + +<p>»Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar? +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>Ich muß lachen, wie vergeßlich du geworden +bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo du der +Tanzbodenkönig warst, und an deine Henriette, und +du hast zugeben müssen: es war gut und schön, es hat +wohlgetan und einen Sinn gehabt. Und wenn du so +an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was für +Gefühlen willst du dann gar an Lisabeth denken? +He? Ja, hast du denn die ganz vergessen können?«</p> + +<p>Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein Stück +Vergangenheit vor Knulps Augen, und wenn es nicht +ganz so froh und lustig aussah wie das vorige, so +glänzte es dafür viel heimlicher und inniger, wie Frauen +lächeln zwischen Tränen, und es standen Tage und +Stunden aus ihren Gräbern auf, an die er lange +nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand Lisabeth, +mit schönen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf +dem Arm.</p> + +<p>»Was für ein schlechter Kerl bin ich gewesen!« fing +er wieder zu klagen an. »Nein, seit die Lisabeth tot ist, +hätte ich auch nimmer leben dürfen.«</p> + +<p>Aber Gott ließ ihn nicht weiterreden. Er sah ihn +durchdringend aus den hellen Augen an und fuhr fort: +»Hör auf, Knulp! Du hast der Lisabeth sehr weh getan, +das ist nicht anders, aber du weißt wohl, sie hat +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>doch mehr Zartes und Schönes von dir empfangen als +Böses, und sie hat dir nicht einen Augenblick gezürnt. +Siehst du denn immer noch nicht, du Kindskopf, was +der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, daß du +deswegen ein Leichtfuß und ein Vagabund sein mußtest, +damit du überall ein Stück Kindertorheit und +Kinderlachen hintragen konntest? Damit überall die +Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig +hänseln und dir ein wenig dankbar sein mußten?«</p> + +<p>»Es ist am Ende wahr,« gab Knulp nach einigem +Schweigen halblaut zu. »Aber das ist alles früher +gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich aus +dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch +geworden? Es wäre noch Zeit gewesen.«</p> + +<p>Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete +wieder einen Augenblick und wollte den dicken Schnee +von Hut und Kleidern schütteln. Aber er kam nicht +dazu, er war zerstreut und müde, und Gott stand jetzt +nahe vor ihm, seine lichten Augen waren weit offen +und strahlten wie die Sonne.</p> + +<p>»Nun sei einmal zufrieden,« mahnte Gott, »was soll +das Klagen nützen? Kannst du wirklich nicht sehen, +daß alles gut und richtig zugegangen ist und daß nichts +hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt +<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>ein Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau +und Kinder haben und am Abend das Wochenblatt +lesen? Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen +und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen +stellen und Eidechsen zähmen?«</p> + +<p>Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor +Müdigkeit und spürte doch nichts davon. Es war ihm +viel wohler zumute geworden, und er nickte dankbar +zu allem, was Gott ihm sagte.</p> + +<p>»Sieh,« sprach Gott, »ich habe dich nicht anders +brauchen können, als wie du bist, und ich habe dir +den Stachel der Heimatlosigkeit und Wanderschaft mitgeben +müssen, sonst wärest du irgendwo sitzen geblieben +und hättest mir mein Spiel verdorben. In +meinem Namen bist du gewandert und hast den seßhaften +Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach +Freiheit mitbringen müssen. In meinem Namen hast +du Dummheiten gemacht und dich verspotten lassen; +ich selber bin in dir verspottet und bin in dir geliebt +worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und +ein Stück von mir, und du hast nichts gekostet und nichts +gelitten, was ich nicht mit dir erlebt habe.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf. +»Ja, es ist so, ich habe es eigentlich immer gewußt.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder +waren ganz leicht geworden, und seine entzündeten +Augen lächelten.</p> + +<p>Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen, +hörte er noch immer Gottes Stimme reden und sah +noch immer in seine hellen Augen.</p> + +<p>»Also ist nichts mehr zu klagen?« fragte Gottes +Stimme.</p> + +<p>»Nichts mehr,« nickte Knulp und lachte schüchtern.</p> + +<p>»Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?«</p> + +<p>»Ja,« nickte er, »es ist alles, wie es sein soll.«</p> + +<p>Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die +seiner Mutter, bald wie Henriettes Stimme, bald wie +die gute, sanfte Stimme der Lisabeth.</p> + +<p>»Dann bist du daheim,« sagte die Stimme. »Dann +bist du daheim und bleibst bei mir.«</p> + +<p>Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die +Sonne und blendete so sehr, daß er schnell die Lider +senken mußte. Er spürte den Schnee schwer auf seinen +Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der +Wille zum Schlaf war schon stärker als jeder andere +Wille in ihm geworden.</p> + +<p class="ende">Ende</p> +</div> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a></p> +<div class="advertisements"> +<h1>Werke<br /> +von<br /> +Hermann Hesse</h1> + + +<p><a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a></p> +<h2>Peter Camenzind</h2> + +<p class="center">Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg.</p> + +<p>Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten, +muskeligen Kerls, der aber den versonnenen Träumerkopf des +Hermann Hesse auf den Schultern hat. Und da ist schon die +Tragik – so einer findet sich im Leben nicht zurecht. Draußen +nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige Firnenreinheit ist +über den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles klärt und +versöhnt.</p> + +<p class="right">(Freistatt, München)</p> + + +<h2>Aus Indien</h2> + +<h3>Aufzeichnungen von einer indischen Reise</h3> + +<p class="center">6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig</p> + +<p>Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben +großen, verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen +Romanen und Novellen Menschen und Landschaften seiner +süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er uns auch führt, es ist +ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles Fremde, Exotische +führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück. Damit pflückt +er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte, und +doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; +eine in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie +sie Hesse mit unsern besten deutschen Meistern verbindet.</p> + +<p class="right">(Königsberg. Allgemeine Zeitung)</p> + + +<h2>Umwege</h2> + +<p class="center">Erzählungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark</p> + +<p>Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. +Diese höchste Kunst in der stillsten Schlichtheit seines +Wortgefüges, diese innig beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, +diese ruhig abwartende Ironie der Darstellung +menschlicher Schwächen und Schwänke sind unvergleichlich. +Wie Gottfried Keller in seinen »Seldwylern«, so hat Hesse +in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht, +seine ganz persönliche Domäne gefunden.</p> + +<p class="right">(Berliner Tageblatt)</p> + + +<p><a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a></p> +<h2>Roßhalde</h2> + +<p class="center">Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg.</p> + +<p>Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten +und dunkelsten Gemütsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal. +Zwischen Mann und Frau in einer Künstlerehe ist +eine Fremdheit in die Höhe gewachsen, grundlos, mit der +Unüberwindlichkeit alles Elementaren. Es liegt wie eine +dumpfe Last über beiden, die sie nicht heben können, weil ihr +Kind es ihnen unmöglich macht, auseinanderzugehen. Nie hat +Hermann Hesse künstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie +die seelische Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften +Bann der zwiefachen Einsamkeit dessen, der zum engsten +Zusammenleben mit einem einst nahen und nun willenlos +feindlich fernen Menschen verdammt ist. »Roßhalde« ist +eines der menschlich tiefsten und wahrsten Bücher, die geschrieben +sind.</p> + +<p class="right">(Die Hilfe)</p> + + +<h2>Diesseits</h2> + +<p class="center">Erzählungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark</p> + +<p>Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an +einem stillen, schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit +und jeder Alltäglichkeit weit entrückt, ruhevoll nur sich und +dem Weben der leise schaffenden Natur lauschend, in solcher +Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband +»Diesseits« lesen.</p> + +<p class="right">(Neue Zürcher Zeitung)</p> + + +<h2>Nachbarn</h2> + +<p class="center">Erzählungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark</p> + +<p>Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den +fünf Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch +zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen +Dingen schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt +werden uns diese Geschichten erzählt. Aber in einer +Sprache, die ihresgleichen sucht, und die den Stolz in uns aufleben +läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, daß es eine +deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.</p> + +<p class="right">(Württemberger Zeitung, Stuttgart)</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer +Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen.</p> + +<p> +p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin<br /> +p 052: kann ihm hastig -> kam<br /> +p 101: So so. -> So, so. ]</p> +</div> + + +<div class="note"> +<p>[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the edition +published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek +zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied +to the original text.</p> + +<p> +p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin<br /> +p 052: kann ihm hastig -> kam<br /> +p 101: So so. -> So, so. ]</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP *** + +***** This file should be named 17622-h.htm or 17622-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/6/2/17622/ + +Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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