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+The Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Knulp
+ Drei Geschichten aus dem Leben Knulps
+
+Author: Hermann Hesse
+
+Release Date: January 29, 2006 [EBook #17622]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+
+
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
+ Fischers Bibliothek
+ zeitgenössischer Romane
+
+
+ Knulp
+
+ Drei Geschichten aus dem Leben Knulps
+
+ von
+
+ Hermann Hesse
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung.
+ Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.
+ Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Vorfrühling ................... 7
+
+ Meine Erinnerung an Knulp ..... 67
+
+ Das Ende ...................... 97
+
+
+
+
+Vorfrühling
+
+
+Anfang der neunziger Jahre mußte unser Freund Knulp einmal mehrere
+Wochen im Spital liegen, und als er entlassen wurde, war es Mitte
+Februar und scheußliches Wetter, so daß er schon nach wenigen
+Wandertagen wieder Fieber spürte und auf ein Unterkommen bedacht sein
+mußte. An Freunden hat es ihm nie gefehlt, und er hätte fast in jedem
+Städtchen der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. Aber
+darin war er sonderbar stolz, so sehr, daß es eigentlich für eine Ehre
+gelten konnte, wenn er von einem Freund etwas annahm.
+
+Diesmal war es der Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten, dessen er
+sich erinnerte und an dessen schon verschlossener Haustüre er abends bei
+Regen und Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen im
+Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle Gasse hinunter: »Wer ist
+draußen? Hat’s nicht auch Zeit, bis es wieder Tag ist?«
+
+Knulp, als er die Stimme des alten Freundes hörte, wurde trotz aller
+Müdigkeit sofort munter. Er erinnerte sich an ein Verschen, das er vor
+Jahren gemacht hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil Rothfuß
+zusammen gewandert war, und sang alsbald am Hause hinauf:
+
+ »Es sitzt ein müder Wandrer
+ In einer Restauration,
+ Das ist gewiß kein andrer
+ Als der verlorne Sohn.«
+
+Der Gerber stieß den Laden heftig auf und beugte sich weit aus dem
+Fenster.
+
+»Knulp! Bist du’s oder ist’s ein Geist?«
+
+»Ich bin’s!« rief Knulp. »Du kannst aber auch über die Stiege herunter
+kommen, oder muß es durchs Fenster sein?«
+
+Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die Haustüre auf und leuchtete
+dem Ankömmling mit der kleinen rauchenden Öllampe ins Gesicht, daß er
+blinzeln mußte.
+
+»Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und zog den Freund ins
+Haus. »Erzählen kannst du später. Es ist noch was vom Nachtessen übrig,
+und ein Bett kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! Ja, hast
+du denn auch gute Stiefel, du?«
+
+Knulp ließ ihn fragen und sich wundern, schlug auf der Treppe sorgfältig
+die umgelitzten Hosenbeine herab und stieg mit Sicherheit durch die
+Dämmerung empor, obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten
+hatte.
+
+Im Gang oben, vor der Wohnstubentüre, blieb er einen Augenblick stehen
+und hielt den Gerber, der ihn eintreten hieß, an der Hand zurück.
+
+»Du,« sagte er flüsternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?«
+
+»Ja, freilich.«
+
+»Eben drum. – Weißt du, deine Frau kennt mich nicht; es kann sein, sie
+hat keine Freude. Stören mag ich euch nicht.«
+
+»Ach was stören!« lachte Rothfuß, tat die Türe weit auf und drängte
+Knulp in die helle Stube. Da hing über einem großen Eßtisch an drei
+Ketten die große Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte in
+der Luft und drängte in dünnen Zügen nach dem heißen Zylinder hin, wo er
+hastig emporwirbelte und verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und
+eine Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen schmalen
+Kanapee an der Querwand sprang mit halber und verlegener Munterkeit, als
+sei sie in einem Schlummer gestört worden und wolle es nicht merken
+lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen Augenblick wie
+verwirrt am scharfen Licht, sah der Frau in die hellgrauen Augen und gab
+ihr mit einem höflichen Kompliment die Hand.
+
+»So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und das ist der Knulp,
+mein Freund Knulp, weißt du, von dem wir auch schon gesprochen haben. Er
+ist natürlich unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja doch
+leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, und der Knulp muß
+was zu essen haben. Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?«
+
+Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach.
+
+»Ein bißchen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. Aber Rothfuß
+wollte das nicht zugeben.
+
+»Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp.
+
+Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem Zinnteller die Wurst
+und stellte das Brotbrett daneben, das in seiner Mitte einen halben Laib
+Schwarzbrot trug, sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um
+dessen Ründung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift lief: Gib uns
+heute unser täglich Brot.
+
+»Weißt du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt hat?«
+
+»Laß doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich lächelnd an die
+Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau Meisterin.«
+
+Aber Rothfuß ließ nicht nach.
+
+»Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.«
+
+»Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder davon.
+
+»Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie draußen war.
+
+»Nein, noch keine. Sie läßt sich Zeit, weißt du, und für die ersten
+Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, gelt, und laß dir’s schmecken!«
+
+Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen Mostkrug herein
+und stellte drei Gläser dazu auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie
+machte es geschickt, Knulp sah ihr zu und lächelte.
+
+»Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und streckte Knulp sein Glas
+entgegen. Der war aber galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes
+Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!«
+
+Sie stießen an und tranken, und Rothfuß leuchtete vor Freude und
+blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch bemerke, was sein Freund für
+fabelhafte Manieren habe.
+
+Sie hatte es aber längst bemerkt.
+
+»Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist höflicher als du, der weiß,
+was der Brauch ist.«
+
+»O bitte,« meinte der Gast, »das hält eben jeder so, wie er’s gelernt
+hat. Was Manieren betrifft, da könnten Sie mich leicht in Verlegenheit
+bringen, Frau Meisterin. Und wie schön Sie serviert haben, wie im
+feinsten Hotel!«
+
+»Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch gelernt.«
+
+»So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?«
+
+»Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab ihn kaum mehr gekannt.
+Aber ich habe ein paar Jahre lang im Ochsen serviert, wenn Sie den
+kennen.«
+
+»Im Ochsen? Der ist früher das feinste Gasthaus von Lächstetten
+gewesen,« lobte Knulp.
+
+»Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast nur Handlungsreisende
+und Turisten im Logis gehabt.«
+
+»Ich glaub’s, Frau Meisterin. Da haben Sie’s sicher gut gehabt und was
+Schönes verdient! Aber ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?«
+
+Langsam und genießerisch strich er die weiche Wurst auf sein Brot,
+legte die reinlich abgezogene Haut auf den Rand des Tellers und nahm
+zuweilen einen Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister sah
+mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den schlanken feinen Händen
+das Notwendige so sauber und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es
+mit Gefallen wahr.
+
+»Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im weiteren Emil Rothfuß
+zu tadeln, und jetzt mußte Knulp bekennen, daß es ihm neuestens schlecht
+gegangen und daß er im Krankenhaus gewesen sei. Doch verschwieg er alles
+Peinliche. Als ihn darauf sein Freund fragte, was er denn jetzt
+anzufangen denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager für jede
+Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was Knulp erwartet und womit er
+gerechnet hatte, aber er wich wie in einer Anwandlung von Schüchternheit
+aus, dankte flüchtig und verschob das Besprechen dieser Dinge bis
+morgen.
+
+»Über das können wir morgen oder übermorgen auch noch reden,« meinte er
+nachlässig, »die Tage gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile
+bleib ich auf alle Fälle hier.«
+
+Er machte nicht gern Pläne oder Versprechungen auf lange Zeit. Wenn er
+nicht die freie Verfügung über den kommenden Tag in der Tasche hatte,
+fühlte er sich nicht wohl.
+
+»Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« begann er dann
+wieder, »so mußt du mich als deinen Gesellen anmelden.«
+
+»Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du und mein Gesell! Außerdem
+bist du ja gar kein Weißgerber.«
+
+»Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir gar nichts am Gerben,
+es soll zwar ein schönes Handwerk sein, und zum Arbeiten habe ich kein
+Talent. Aber meinem Wanderbüchlein wird es gut tun, weißt du. Für das
+Krankengeld käme ich dann schon auf.«
+
+»Darf ich’s einmal sehen, dein Büchlein?«
+
+Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges und zog das
+Ding heraus, das reinlich in einem Wachstuchfutteral steckte.
+
+Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer tadellos! Man meint, du
+seiest erst gestern früh von der Mutter fortgereist.«
+
+Dann studierte er die Einträge und Stempel und schüttelte in tiefer
+Bewunderung den Kopf: »Nein, ist das eine Ordnung! Bei dir muß halt
+alles nobel sein.«
+
+Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von
+Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige
+Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge
+bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und
+arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger
+Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben
+hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten diese
+Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter geführt, während er in
+Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser
+Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich
+wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört
+fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie
+ließen den heiteren, unterhaltsamen Menschen, dessen geistige
+Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in
+Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein
+Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ
+man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten Hauswesen eine
+hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint,
+während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten
+Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und
+arbeitsloses Dasein verlebt.
+
+»Aber jetzt wäret ihr schon lang im Bett, wenn ich nicht gekommen wäre,«
+rief Knulp, indem er seine Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und
+machte der Hausfrau ein Kompliment.
+
+»Komm, Rothfuß, und zeig mir, wo mein Bett steht.«
+
+Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale Stiege zum Dachstock
+hinauf und in die Gesellenkammer. Da stand eine leere eiserne Bettstatt
+an der Wand und daneben eine hölzerne, die mit Bettzeug versehen war.
+
+»Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt väterlich.
+
+»Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr Meister, der braucht
+freilich keine, wenn er so ein hübsches kleines Frauelein hat.«
+
+»Ja, siehst du,« meinte Rothfuß ganz eifrig, »da steigst du jetzt in
+dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, und manchmal noch in ein
+schlechteres, und manchmal hast du gar keins und mußt im Heu schlafen.
+Aber unsereiner hat Haus und Geschäft und eine nette Frau. Schau, du
+könntest doch schon lang Meister sein und weiter als ich, wenn du bloß
+gewollt hättest.«
+
+Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider abgelegt und sich
+fröstelnd in das kühle Bettzeug verkrochen.
+
+»Weißt du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut und kann zuhören.«
+
+»Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.«
+
+»Mir auch, Rothfuß. Du mußt aber nicht meinen, das Heiraten sei eine
+Erfindung von dir. Also gut Nacht auch!«
+
+ * * * * *
+
+Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er fühlte sich noch etwas
+schwach, und das Wetter war so, daß er doch das Haus kaum verlassen
+hätte. Den Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, er möge
+ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag einen Teller Suppe
+heraufbringen.
+
+So lag er in der dämmerigen Dachkammer den ganzen Tag still und zufrieden,
+fühlte Kälte und Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit Lust
+dem Wohlgefühl warmer Geborgenheit hin. Er hörte dem fleißigen Klopfen
+des Regens auf dem Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und föhnig
+in launischen Stößen ging. Dazwischen schlief er halbe Stunden oder las,
+solange es licht genug war, in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus
+Blättern, auf welche er sich Gedichte und Sprüche abgeschrieben hatte,
+und aus einem kleinen Bündel von Zeitungsausschnitten. Auch einige
+Bilder waren dazwischen, die er in Wochenblättern gefunden und
+ausgeschnitten hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen vom
+öfteren Hervorziehen schon brüchig und zerfasert aus. Das eine stellte
+die Schauspielerin Eleonora Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff
+bei starkem Winde auf hoher See. Für den Norden und für das Meer hatte
+Knulp seit den Knabenjahren eine starke Vorliebe, und mehrmals hatte er
+sich dahin auf den Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische
+gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer unterwegs war und an keinem
+Orte lang verweilen konnte, hatte eine merkwürdige Bangigkeit und
+Heimatliebe immer wieder in raschen Märschen nach Süddeutschland
+zurückgetrieben. Es mag auch sein, daß ihm die Sorglosigkeit
+verlorenging, wenn er in Gegenden mit fremder Mundart und Sitte kam, wo
+niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein legendenhaftes
+Wanderbüchlein in Ordnung zu halten.
+
+Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und Brot herauf. Er trat
+leise auf und sprach in einem erschrockenen Flüsterton, da er Knulp für
+krank hielt und selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals am
+hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der sich sehr wohl fühlte, gab
+sich keine Mühe mit Erklärungen und versicherte nur, er werde morgen
+wieder aufstehen und gesund sein.
+
+Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, und da Knulp im
+Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau
+vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale
+Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.
+
+Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, blieb aus Müdigkeit oder
+Laune mit geschlossenen Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß
+er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf
+einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf auf dem halb vom
+blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit
+des dunklen Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen
+Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hübschen
+Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzählt hatte.
+Sie sah über den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten,
+hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen,
+hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr
+wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und
+je in Frühlingslaunen sich von einem solchen fremden, hübschen Buben
+hatte liebhaben lassen.
+
+Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um
+das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Löffel vom Teller und
+fiel auf den Boden, worüber sie in der Stille und befangenen
+Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.
+
+Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief
+geschlafen. Er drehte den Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand
+über die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die Frau
+Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee,
+das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also
+schönen Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für Zeit?«
+
+»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist,
+nachher hol ich das Geschirr dann wieder.«
+
+Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute übrig. Knulp sah ihr
+nach und hörte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er
+machte nachdenkliche Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, dann stieß
+er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem
+Kaffee.
+
+Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er
+fühlte sich wohl und prächtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig
+unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich
+in der tiefen Dämmerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und
+schlüpfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und
+feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen
+große Flecken licht und klar.
+
+Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und über den
+verödeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede
+auf, sah den Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch mit den
+Gesellen an und hielt die kühlen Hände über die dunkelrot verglosende
+Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt,
+erkundigte sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich von dem
+Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen
+und Erkennungszeichen aller Handwerke geläufig.
+
+Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre Abendsuppe an,
+klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schälte Kartoffeln,
+und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand,
+ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber und stellte sich vor
+dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles,
+frischwangiges Gesicht mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu
+bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung.
+Darauf strich sie die frischgewaschenen Hände noch einmal an der Schürze
+ab, nahm das Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.
+
+Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, und nochmals etwas
+lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden
+und machte mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie nicht
+knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete
+den Stuhl bei der Bettstatt.
+
+»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal:
+»Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abräumen.«
+
+Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu hören war, streckte
+sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefühl von
+Unheimlichkeit wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun die
+Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und
+Federdecke tadellos aufgeschüttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen
+Angst und Enttäuschung, in ihre Küche zurück.
+
+Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen
+und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu
+machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der
+Dachkammer zu erzählen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt
+klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und
+Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom Kopf und wünschte
+guten Abend.
+
+»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und
+läuft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.«
+
+»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau Rothfuß, ich komme ja
+gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her
+gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.«
+
+Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig und rühmte sich
+seiner Häuslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und
+redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und
+Nichtstun einmal aufgeben. Knulp hörte zu und gab wenig Antwort, und die
+Meisterin sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der ihr
+neben dem manierlichen und hübschen Knulp grob erschien, und gab dem
+Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund.
+Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers
+Rasiermesser aus.
+
+»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das Messer hergab. »Kaum
+kratzt’s dich am Kinn, so muß der Bart herunter. Also gut Nacht, und
+gute Besserung!«
+
+Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen
+oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und
+Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den
+Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in welchem klare, feucht
+schimmernde Sterne brannten.
+
+Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schließen, da
+wurde ein kleines Fenster ihm gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell.
+Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch deren
+Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter
+in der Hand und in der Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden
+abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr schmales Mägdebett
+hin, das bescheiden und säuberlich mit einer groben roten Wollendecke
+zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin,
+und setzte sich auf eine niedere grüngemalte Kofferkiste, wie alle
+Dienstmägde eine haben.
+
+Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben zu spielen begann,
+sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand
+nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt.
+
+Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war
+vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben groß gewachsen, und
+hatte ein bräunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen
+Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar
+nicht fröhlich aus, und die ganze Person saß auf ihrer harten grünen
+Kiste ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der die Welt und
+auch die Mädchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei
+noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie
+ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und suchte einen
+flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem
+kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.
+
+Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem
+Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde
+Menschenleben hinüber, das so harmlos seinen hübschen Kummer im
+Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen,
+gutmütigen Augen bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von
+langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote
+Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Händen zu, wie sie müde
+waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig
+hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide
+ruhten.
+
+Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den
+schweren, in ein Nest aufgesteckten Zöpfen empor, blickte gedankenvoll,
+doch nicht minder bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um
+ihre Schuhnestel aufzulösen.
+
+Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht
+und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern
+hätte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem
+Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen lassen. Aber er fürchtete,
+sie würde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber
+riefe.
+
+Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Künste zu üben. Er
+hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und
+er pfiff das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, und
+es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, daß das Mädchen eine ganze
+Weile zuhörte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten
+Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster
+trat.
+
+Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise
+weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach,
+schaute dann plötzlich auf und erkannte, woher die Musik komme.
+
+»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut.
+
+»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die
+Jungfer nicht im Schlafen stören. Ich habe nur ein bißchen das Heimweh
+gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. –
+Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?«
+
+»Ich bin vom Schwarzwald.«
+
+»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie
+gefällt’s dir in Lächstetten? Mir gar nicht.«
+
+»O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. Aber es gefällt
+mir auch nicht recht. Seid Ihr schon länger da?«
+
+»Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu einander, gelt?«
+
+»Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar nicht.«
+
+»Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen nicht zueinander, aber
+die Leute. Wo ist denn Euer Ort, Fräulein?«
+
+»Das kennt Ihr doch nicht.«
+
+»Wer weiß? Oder ist’s ein Geheimnis?«
+
+»Achthausen. Es ist bloß ein Weiler.«
+
+»Aber ein schöner, gelt? Vorn am Eck steht eine Kapelle, und es ist auch
+eine Mühle da, oder eine Sägerei, und dort haben sie einen großen
+gelben Bernhardinerhund. Stimmt’s oder stimmt’s nicht?«
+
+»Der Bello, herrje!«
+
+Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich dort gewesen, fiel ein
+großes Teil Mißtrauen und Bedrücktheit von ihr ab, und sie wurde ganz
+eifrig.
+
+»Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie rasch.
+
+»Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist Euer Vater?«
+
+»Ja.«
+
+»So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und wenn ich jetzt noch
+den Vornamen dazu weiß, dann kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn
+ich wieder einmal durch Achthausen komme.«
+
+»Wollet Ihr denn schon wieder fort?«
+
+»Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen wissen, Jungfer Flick.«
+
+»Ach was, ich weiß ja Euren auch nicht.«
+
+»Das tut mir leid, aber es läßt sich ändern. Ich heiße Karl Eberhard,
+und wenn wir uns einmal am Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr
+mich anrufen müßt, und wie muß ich dann zu Euch sagen?«
+
+»Barbara.«
+
+»So ist’s recht und danke schön. Er ist aber schwer zum Aussprechen,
+Euer Name, und ich möchte fast eine Wette machen, daß man Euch daheim
+Bärbele gerufen hat.«
+
+»Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon wisset, warum fraget Ihr
+dann so viel? Aber jetzt müssen wir Feierabend machen. Gut Nacht,
+Gerber.«
+
+»Gut Nacht, Jungfer Bärbele. Schlafet auch gut, und weil Ihr’s seid,
+will ich jetzt noch eins pfeifen. Laufet nicht fort, es kostet nichts.«
+
+Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen jodlerartigen
+Satz, mit Doppeltönen und Trillern, daß es funkelte wie eine Tanzmusik.
+Sie hörte mit Erstaunen dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille
+ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte ihn fest, während
+Knulp ohne Licht in seine Kammer fand.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde auf und nahm des Gerbers
+Rasiermesser in Gebrauch. Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen
+Vollbart, und das Messer war so verwahrlost, daß Knulp es wohl eine
+halbe Stunde lang über seinem Hosenträger abziehen mußte, ehe das
+Barbieren gelang. Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die
+Stiefel in die Hand und stieg in die Küche hinab, wo es warm war und
+schon nach Kaffee roch.
+
+Er bat die Meistersfrau um Bürste und Wichse zum Stiefelputzen
+
+»Ach was!« rief sie, »das ist kein Männergeschäft. Lassen Sie mich das
+machen.«
+
+Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit ungeschicktem Lachen
+ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, tat er die Arbeit gründlich, reinlich
+und dabei spielend, als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune,
+dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit verrichtet.
+
+»Das lass’ ich mir gefallen,« rühmte die Frau und sah ihn an. »Alles
+blank, wie wenn Sie grad zum Schatz gehen wollten.«
+
+»O, das tät’ ich auch am liebsten.«
+
+»Ich glaub’s. Sie haben gewiß einen schönen.« Sie lachte wieder
+zudringlich. »Vielleicht sogar mehr als einen?«
+
+»Ei, das wäre nicht schön,« tadelte Knulp munter. »Ich kann Ihnen auch
+ein Bild von ihr zeigen.«
+
+Begierig trat sie heran, während er sein Wachstuchmäpplein aus der
+Brusttasche zog und das Bildnis der Duse hervorsuchte. Interessiert
+betrachtete sie das Blatt.
+
+»Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, »das ist ja fast
+eine rechte Dame. Nur freilich, mager sieht sie aus. Ist sie denn auch
+gesund?«
+
+»Soviel ich weiß, jawohl. So, und jetzt wollen wir nach dem Alten sehen,
+man hört ihn in der Stube.«
+
+Er ging hinüber und begrüßte den Gerber. Die Wohnstube war gefegt und
+sah mit dem hellen Getäfel, mit der Uhr, dem Spiegel und den
+Photographien an der Wand freundlich und heimelig aus. So eine saubere
+Stube, dachte Knulp, ist im Winter nicht übel, aber darum zu heiraten,
+verlohnt doch nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die
+Meisterin ihm zeigte, keine Freude.
+
+Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete er den Meister Rothfuß
+nach dem Hof und Schuppen und ließ sich die ganze Gerberei zeigen. Er
+kannte fast alle Handwerke und stellte so sachverständige Fragen, daß
+sein Freund ganz erstaunt war.
+
+»Woher weißt du denn das alles?« fragte er lebhaft. »Man könnte meinen,
+du seiest wirklich ein Gerbergesell oder einmal einer gewesen.«
+
+»Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp gemessen. »Übrigens,
+was die Weißgerberei angeht, da bist du selber mein Lehrmeister gewesen,
+weißt du’s nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen
+gewandert sind, hast du mir das alles erzählen müssen.«
+
+»Und das weißt du alles noch?«
+
+»Ein Stück davon, Rothfuß. Aber jetzt will ich dich nimmer stören.
+Schade, ich hätte dir gern ein bißchen geholfen, aber es ist da unten so
+feucht und stickig, und ich muß noch so viel husten. Also Servus, Alter,
+ich geh ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.«
+
+Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse stadteinwärts
+bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in
+die Tür und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging,
+überall sauber gebürstet und den Regenpfützen sorglich ausweichend.
+
+»Gut hat er’s eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen
+Neidgefühl. Und während er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund
+und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen,
+und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden heißen.
+Einer, der arbeitete und sich vorwärts schaffte, hatte es ja in vielem
+besser, aber er konnte nie so zarte hübsche Hände haben und so leicht
+und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat,
+wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten,
+wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und für sich gewann, allen
+Mädchen und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für einen Sonntag
+nahm. Man mußte ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht
+ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen und
+eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mußte fast noch dankbar dafür sein,
+denn er machte es froh und hell im Haus.
+
+Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt durchs Städtchen,
+pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zähne und begann ohne Eile die Orte
+und Menschen aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst wandte
+er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen
+Flickschneider kannte, um den es schade war, daß er nichts als alte
+Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn
+er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten
+Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte früh geheiratet und schon ein paar
+Kinder, und die Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen.
+
+Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten
+Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing
+wie ein Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus stand an
+der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute,
+hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause
+floh der Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden schwindelnd
+abwärts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen,
+Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen, und die nächsten Hausdächer,
+auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon
+tief und klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt taghell
+und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der fleißige
+Schlotterbeck hell und hoch über der Welt wie der Wächter in einem
+Leuchtturm.
+
+»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom
+Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen Augen nach der Türe.
+
+»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand
+entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt’s denn, daß du zu mir
+herauf steigst?«
+
+Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder.
+
+»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber braunen und vom
+feinsten, ich will Musterung halten.«
+
+Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fädelte
+ein und überging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr
+gut und fast neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede lockere
+Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit fleißigen Fingern wieder
+instand setzte.
+
+»Und wie geht’s sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht
+zu loben. Aber schließlich, wenn man gesund ist und keine Familie hat –«
+
+Knulp räusperte sich polemisch.
+
+»Ja, ja,« sagte er lässig. »Der Herr läßt regnen über Gerechte und
+Ungerechte, und nur die Schneider sitzen trocken. Hast du immer noch zu
+klagen, Schlotterbeck?«
+
+»Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du hörst ja die Kinder nebendran
+schreien. Es sind jetzt fünf. Da sitzt man und schuftet bis in alle
+Nacht hinein, und nirgends will’s reichen. Und du tust nichts als
+spazierengehen!«
+
+»Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder fünf Wochen bin ich im Spital in
+Neustadt gelegen, und da behalten sie keinen länger, als er’s bitter
+nötig hat, und es bleibt auch keiner länger drin. Des Herrn Wege sind
+wunderbar, Freund Schlotterbeck.«
+
+»Ach laß diese Sprüche, du!«
+
+»Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es gerade auch werden, und
+darum bin ich zu dir gekommen. Wie steht’s damit, alter Stubenhocker?«
+
+»Laß mich in Ruh’ mit der Frömmigkeit! Im Spital, sagst du? Da tust du
+mir aber leid.«
+
+»Ist nicht nötig, es ist vorbei. Und jetzt erzähl einmal: wie ist’s mit
+dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? Weißt du, im Spital hab ich
+Zeit gehabt, und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen
+und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses Buch, die Bibel.«
+
+»Da hast du recht. Kurios, und die Hälfte muß verlogen sein, weil keins
+zum andern paßt. Du verstehst’s vielleicht besser, du bist ja einmal in
+die Lateinschule gegangen.«
+
+»Davon ist mir wenig geblieben.«
+
+»Siehst du, Knulp –.« Der Schneider spuckte zum offenen Fenster in die
+Tiefe hinunter und sah mit großen Augen und erbittertem Gesicht
+hinterdrein. »Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frömmigkeit. Es ist
+nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich pfeife drauf!«
+
+Der Wanderer sah ihn nachdenklich an.
+
+»So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir scheint, in der
+Bibel stehen ganz gescheite Sachen.«
+
+»Ja, und wenn du ein Stück weiterblätterst, dann steht immer irgendwo
+das Gegenteil. Nein, ich bin fertig damit, aus und fertig.«
+
+Knulp war aufgestanden und hatte nach einem Bügeleisen gegriffen.
+
+»Du könntest mir ein paar Kohlen drein geben,« bat er den Meister.
+
+»Zu was denn auch?«
+
+»Ich will die Weste ein wenig bügeln, weißt du, und dem Hut wird es auch
+gut tun, nach all dem Regen.«
+
+»Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas ärgerlich. »Was brauchst du so
+fein zu sein wie ein Graf, wenn du doch nur ein Hungerleider bist?«
+
+Knulp lächelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es macht mir eine
+Freude, und wenn du’s nicht aus Frömmigkeit tun willst, so tust du’s
+einfach aus Nettigkeit und einem alten Freund zuliebe, gelt?«
+
+Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam bald mit dem heißen
+Eisen wieder.
+
+»So ist’s recht,« lobte Knulp, »danke schön!«
+
+Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glätten, und da er
+hierin nicht so geschickt war wie im Nähen, nahm ihm der Freund das
+Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber.
+
+»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder
+ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu
+viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist,
+das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch
+lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und früher hat man
+mancherlei noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; aber darum
+steht doch viel Schönes und Braves drin, und auch ganz viel Wahres.
+Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen,
+weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld geht und die übrigen
+Ähren sammelt, das ist fein, und man spürt den schönsten warmen Sommer
+drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt:
+ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle
+zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da könnte man schon von ihm
+lernen.«
+
+»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht
+haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer
+Leute Kindern tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie sie
+durchfüttern.«
+
+Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht
+ansehen. Er wünschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er
+besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit
+seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja,
+hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?«
+
+Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was
+denkst du auch! Natürlich hab ich sie lieb, den Größten am meisten.«
+
+Knulp nickte mit großem Ernst.
+
+»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schönen Dank. Die
+Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. – Und dann, mit deinen Kindern
+mußt du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken.
+Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand weiß und was du nicht weiter zu
+erzählen brauchst.«
+
+Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden in die klaren Augen, die
+sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, daß der
+Schneider Mühe hatte, ihn zu verstehen.
+
+»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine
+Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind,
+denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden
+Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil
+die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu
+wissen, wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin komme, dann
+schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und
+wenn ich Glück habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine
+Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens im Vorbeigehen was
+vorpfeifen. – Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, daß du
+Kinder hast!«
+
+ * * * * *
+
+Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile
+plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden
+Spiel der lockigen Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den
+Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose
+schnupfen ließ. Überall erfuhr er Großes und Kleines aus dem Leben der
+Familien und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau und
+vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, er erzählte dafür neues von
+anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn
+als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der
+Seßhaften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der
+Toreinfahrt einer Brauerei die Küfergesellen, wo es heut abend und
+morgen eine Tanzgelegenheit gebe.
+
+Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen von Gertelfingen, nur
+eine halbe Stunde weit. Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem
+Nachbarhause mitzunehmen.
+
+Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfußschen Hause
+erstieg, schlug ihm von der Küche her ein angenehm kräftiger Geruch
+entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit
+spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man
+hatte ihn schon gehört. Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und
+stand freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der Speisen umwölkt.
+
+»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, daß Sie so
+zeitig kommen. Nämlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und
+da hab ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für Sie
+extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?«
+
+Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.
+
+»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn’s eine
+Suppe gibt.«
+
+»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört er ordentlich gepflegt,
+wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mögen Sie gar keine
+Leber? Es gibt solche.«
+
+Er lachte bescheiden.
+
+»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein
+Sonntagsessen, und wenn ich’s mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte,
+wär ich schon zufrieden.«
+
+»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber
+sagen Sie’s jetzt nur, es ist ein Stück Leber übrig, ich hab’s Ihnen
+aufgespart. Es täte Ihnen gut.«
+
+Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut,
+wie sie es meinte, und ziemlich hübsch war das Weiblein auch, aber er
+tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den
+ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah nebenaus.
+
+»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten Willen. Aber Spatzen
+sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.«
+
+Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.
+
+»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub’s Ihnen doch nicht.
+Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?«
+
+»Da kann ich nicht nein sagen.«
+
+Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte sich in die Stube,
+wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister
+sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und nach Tische
+wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp
+seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche
+Kartenkunststücke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit
+spielerischer Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu
+ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und ließ zuweilen
+den Daumen über die Kartenränder laufen. Der Meister sah mit Bewunderung
+und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose Künste sich
+gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme
+diese Anzeichen einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte
+aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit
+entstellten Händen.
+
+Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, unsicherer
+Sonnenschein in die Stube, über den Tisch und die Karten, spielte
+launisch und kraftlos am Fußboden mit den schwachen Schlagschatten und
+zitterte kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp nahm dies
+alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den
+stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht
+seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen Frau. Es
+gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Glück für ihn. Wäre ich gesund,
+dachte er, und wäre es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier.
+
+»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfuß die
+Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die
+Treppe hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und
+verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben
+unterbrochen, bis an das Flüßchen hinabreichte. Dort hatte der Gerber
+einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen
+konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen knapp über dem
+still und rasch fließenden Wasser hängen, blickte belustigt den
+schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten,
+und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine
+Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von drüben zu sprechen.
+
+Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht erhaltenen
+Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfähle längst
+vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen
+Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten schien mit
+mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wüste Grasplatz des
+Weißgerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und
+eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und
+überwinterter Spinat wuchs spärlich in zwei Rabatten, Rosenbäumchen
+standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen,
+das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume.
+
+Bis zu ihnen drang Knulp geräuschlos vor, nachdem er den fremden Garten
+betrachtet hatte, und sah nun zwischen den Bäumen hindurch das Haus
+liegen, die Küche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet,
+da sah er in der Küche auch das Mädchen mit aufgekrempelten Ärmeln
+wirtschaften. Die Hausfrau war dabei und hatte viel zu befehlen und zu
+lehren, wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen mögen
+und ihre jährlich wechselnden Lehrmädchen nachher, wenn sie aus dem
+Hause sind, nicht genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und Klage
+geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit war, und die Kleine schien
+bereits daran gewöhnt, denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre
+Arbeit.
+
+Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt mit vorgestrecktem Kopf,
+neugierig und wachsam wie ein Jäger, und lauschte mit vergnügter Geduld
+als ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, als
+Zuschauer und Zuhörer am Leben teilzunehmen. Er freute sich am Anblick
+des Mädchens, wenn es durchs Fenster sichtbar wurde, und er schloß aus
+der Mundart der Hausfrau, daß sie keine geborene Lächstetterin, sondern
+ein paar Stunden weiter oben im Tale daheim sei. Ruhig horchte er und
+kaute auf einem duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine ganze
+Stunde lang, bis die Frau verschwand und es still in der Küche wurde.
+
+Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam vor und klopfte
+mit einem dürren Zweig ans Küchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf,
+er mußte noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene Fenster, tat es
+vollends auf und schaute heraus.
+
+»Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. »Jetzt wär ich fast
+erschrocken.«
+
+»Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lächelte. »Ich wollte bloß einmal
+Grüßgott sagen und sehen, wie’s geht. Und weil nämlich heut Samstag ist,
+möchte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa frei habet, zu einem
+kleinen Spaziergang.«
+
+Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf, und da machte er ein so trostlos
+betrübtes Gesicht, daß es ihr ganz leid tat.
+
+»Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht frei, nur vormittags
+für die Kirche.«
+
+»So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann könntet Ihr aber gewiß heut abend
+mitkommen.«
+
+»Heut abend? Ja, frei hätte ich schon, aber da will ich einen Brief
+schreiben, an meine Leute daheim.«
+
+»O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde später, er geht heut nacht
+doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich hab mich schon so gefreut, bis ich
+wieder ein bißchen mit Euch reden kann, und heut abend, wenn’s nicht
+gerade Katzen hagelt, hätten wir so schön spazieren gehen können. Gelt,
+seiet lieb, Ihr werdet doch vor mir keine Angst haben!«
+
+»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt
+nicht. Wenn man sieht, daß ich mit einem Mannsbild spazieren geh –«
+
+»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch
+wahrhaftig keine Sünde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein
+Schulmädchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr
+bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken für den Viehmarkt sind.
+Oder soll ich früher kommen? Ich kann es schon richten.«
+
+»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt – Ihr müsset gar nicht kommen, es
+geht nicht, und ich darf nicht ––«
+
+Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht.
+
+»Ja, wenn Ihr halt gar nicht möget!« sagte er traurig. »Ich habe
+gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh,
+und ich auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen können,
+von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, weil ich doch einmal
+dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir’s auch
+nicht übelnehmen.«
+
+»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.«
+
+»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget bloß nicht. Aber
+vielleicht überlegt Ihr’s Euch noch. Ich muß jetzt gehen, und heut abend
+bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich
+allein spazieren und denk an Euch und daß Ihr jetzt nach Achthausen
+schreibet. Also adieu, und nichts für ungut!«
+
+Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn
+hinter den Bäumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann
+kehrte sie zur Arbeit zurück, und plötzlich begann sie – die Frau war
+ausgegangen – laut und schön dazu zu singen.
+
+Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine
+Kugeln aus einem Stückchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt
+hatte. Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine nach der
+andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von
+der Strömung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von
+den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden.
+
+ * * * * *
+
+»So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist’s Samstag
+abend, und du weißt gar nicht, wie schön das ist, wenn man es die ganze
+Woche streng gehabt hat.«
+
+»O, ich kann’s mir schon denken,« lächelte Knulp, und die Meisterin
+lächelte mit und sah ihm schalkhaft ins Gesicht.
+
+»Heut abend,« fuhr Rothfuß im festlichen Tone fort, »heut abend trinken
+wir einen guten Krug Bier miteinander, meine Alte holt ihn gleich, gelt?
+Und morgen, wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei einen Ausflug.
+Was meinst du, alter Freund?«
+
+Knulp schlug ihn kräftig auf die Schulter.
+
+»Man hat es gut bei dir, das muß ich sagen, und auf den Ausflug freu ich
+mich schon. Hingegen heut abend habe ich eine Besorgung, es ist ein
+Freund von mir hier, den muß ich treffen, er hat in der oberen Schmiede
+gearbeitet und reist morgen fort. – Ja, es tut mir leid, aber morgen
+sind wir ja den ganzen Tag beieinander, sonst hätt ich mich auch gar
+nicht darauf eingelassen.«
+
+»Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen wollen, wo du noch
+halb krank bist.«
+
+»Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwöhnen. Ich komme nicht
+spät heim. Wo tust du den Schlüssel hin, daß ich dann herein kann?«
+
+»Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, und den Schlüssel
+findest du hinterm Kellerladen. Du weißt doch, wo?«
+
+»Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig ins Bett! Gut Nacht.
+Gut Nacht, Frau Meisterin.«
+
+Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, kam ihm hastig die
+Meistersfrau nachgelaufen. Sie brachte einen Regenschirm, den mußte
+Knulp mitnehmen, er mochte wollen oder nicht.
+
+»Sie müssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« sagte sie. »Und jetzt will
+ich Ihnen zeigen, wo Sie nachher den Schlüssel finden.«
+
+Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und führte ihn um die
+Hausecke und machte vor einem Fensterchen halt, das mit Holzläden
+verschlossen war.
+
+»Hinter den Laden legen wir den Schlüssel,« berichtete sie aufgeregt und
+flüsternd und streichelte Knulps Hand. »Sie müssen dann bloß durch den
+Ausschnitt langen, er liegt auf dem Simsen.«
+
+»Ja, danke schön,« sagte Knulp verlegen und zog seine Hand zurück.
+
+»Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« fing sie
+wieder an und drückte sich leise gegen ihn.
+
+»Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, Frau Rothfuß, und danke
+schön.«
+
+»Pressiert’s denn so?« flüsterte sie zärtlich und kniff ihn in den Arm.
+Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und in einer verlegenen Stille,
+da er sie nicht mit Gewalt zurückstoßen mochte, strich er mit der Hand
+über ihr Haar.
+
+»Aber jetzt muß ich weiter,« rief er plötzlich überlaut und trat zurück.
+
+Sie lächelte ihn mit halb geöffnetem Munde an, er konnte im Dunkeln ihre
+Zähne schimmern sehen. Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du
+heimkommst. Du bist ein Lieber.«
+
+Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, den Schirm unterm
+Arme, und begann bei der nächsten Ecke, um der törichten Beklommenheit
+Herr zu werden, zu pfeifen. Es war das Lied:
+
+ Du meinst’, ich werd’ dich nehmen,
+ Hab’s aber nicht im Sinn,
+ Ich muß mich deiner schämen,
+ Wenn ich in G’sellschaft bin.
+
+Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am schwarzen Himmel
+heraus. In einem Wirtshaus lärmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und
+im Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn eine
+bürgerliche Herrengesellschaft in Hemdärmeln beieinander stehen,
+Kegelkugeln in den Händen wägend und Zigarren im Munde.
+
+Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich um. In den kahlen
+Kastanienbäumen sang schwach der feuchte Wind, der Fluß strömte unhörbar
+in tiefer Schwärze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster wider. Die
+milde Nacht tat dem Landstreicher in allen Fibern wohl, er atmete
+spürend und ahnte Frühling, Wärme, trockene Straßen und Wanderschaft.
+Sein unerschöpfliches Gedächtnis überschaute die Stadt, das Flußtal und
+die ganze Gegend, er wußte überall Bescheid, er kannte Straßen und
+Fußwege, Dörfer, Weiler, Höfe, befreundete Nachtherbergen. Scharf dachte
+er nach und stellte den Plan für seine nächste Wanderung auf, da hier in
+Lächstetten seines Bleibens doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn
+es ihm die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb noch über
+diesen Sonntag bleiben.
+
+Vielleicht, dachte er, hätte er dem Gerber einen Wink geben sollen,
+seiner Meisterin wegen. Aber er liebte es nicht, seine Hände in anderer
+Leute Sorgen zu stecken, und er hatte kein Bedürfnis, die Menschen
+besser oder klüger machen zu helfen. Es tat ihm leid, daß es so gegangen
+war, und seine Gedanken an die ehemalige Ochsenkellnerin waren
+keineswegs freundlich; aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an
+des Gerbers würdige Reden über Hausstand und Eheglück. Er kannte das, es
+war meistens nichts damit, wenn einer mit seinem Glück oder mit seiner
+Tugend sich rühmte und groß tat, mit des Flickschneiders Frömmigkeit war
+es einst ebenso gewesen. Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit
+zusehen, man konnte über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber
+man mußte sie ihre Wege gehen lassen.
+
+Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese Sorgen beiseite. Er lehnte
+sich in die Höhlung einer alten Kastanie, der Brücke gegenüber, und
+dachte weiter seiner Wanderschaft nach. Er wäre gerne quer über den
+Schwarzwald gegangen, aber da oben war es jetzt kalt, und vermutlich lag
+noch viel Schnee, man verdarb sich die Stiefel, und die
+Schlafgelegenheiten waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts,
+er mußte den Tälern nachgehen und sich an die Städtchen halten. Die
+Hirschenmühle, vier Stunden weiter unten am Fluß, war der erste sichere
+Rastort, dort würde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage
+behalten.
+
+Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran dachte, daß er auf
+jemanden warte, erschien in Dunkelheit und Zugwind auf der Brücke eine
+schmale ängstliche Gestalt und kam zögernd näher. Er erkannte sie
+sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und schwang den Hut.
+
+»Das ist lieb, daß Ihr kommet, Bärbele, ich habe schon beinah nimmer
+dran geglaubt.«
+
+Er ging zu ihrer Linken und führte sie die Allee flußaufwärts. Sie war
+zaghaft und schämte sich.
+
+»Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und wieder. »Wenn uns nur
+niemand sieht!«
+
+Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald wurden die Schritte des
+Mädchens ruhiger und gleichmäßiger, und schließlich ging sie leicht und
+munter neben ihm wie ein Kamerad und erzählte, von seinen Fragen und
+Einwürfen erwärmt, mit Begier und Eifer von ihrer Heimat, von Vater und
+Mutter, Bruder und Großmama, von den Enten und Hühnern, von Hagelschlag
+und Krankheiten, von Hochzeiten und Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz
+an Erlebnissen tat sich auf und war größer, als sie selber geglaubt
+hätte, und schließlich kam die Geschichte ihrer Verdingung und ihres
+Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst und das Hauswesen ihres
+Dienstherren an die Reihe.
+
+Sie waren längst weit vor dem Städtchen draußen, ohne daß Bärbele auf
+den Weg geachtet hatte. Nun hatte sie sich von einer langen, trüben
+Woche des Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern erlöst und war
+ganz lustig geworden.
+
+»Wo sind wir denn aber?« rief sie plötzlich verwundert. »Wo laufen wir
+denn hin?«
+
+»Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen hinein, wir sind
+gleich dort.«
+
+»Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen lieber umkehren, es wird
+spät.«
+
+»Wann müsset Ihr denn daheim sein, Bärbele?«
+
+»Um zehne. Da wird’s Zeit. Es ist ein netter Spaziergang gewesen.«
+
+»Bis zehne ist’s noch lang,« sagte Knulp, »und ich will gewiß dran
+denken, daß Ihr zur Zeit heimkommet. Aber weil wir doch nimmer so jung
+zusammen kommen, so könnten wir eigentlich heut noch einen Tanz
+miteinander riskieren. Oder möget Ihr nicht tanzen?«
+
+Sie sah ihn gespannt und verwundert an.
+
+»O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier mitten in der Nacht
+draußen?«
+
+»Ihr müsset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, und da ist Musik im
+Löwen. Wir können hinein gehen, bloß auf einen einzigen Tanz, und dann
+gehen wir heim und haben einen schönen Abend gehabt.«
+
+Bärbele blieb zweifelnd stehen.
+
+»Es wäre lustig,« meinte sie langsam. »Aber was soll man von uns denken?
+Ich will nicht für so eine angeschaut werden, und ich will auch nicht,
+daß man meint, wir zwei gehören zusammen.«
+
+Und plötzlich lachte sie übermütig auf und rief: »Nämlich, wenn ich
+später einmal einen Schatz haben will, dann muß es kein Gerber sein. Ich
+will Euch nicht beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes
+Handwerk.«
+
+»Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmütig. »Ihr sollet mich
+ja auch nicht heiraten. Es weiß kein Mensch, daß ich ein Gerber bin und
+daß Ihr so stolz seid, und die Hände hab ich mir gewaschen, und wenn Ihr
+also einmal mit mir herumtanzen wollt, so seid Ihr eingeladen. Sonst
+kehren wir um.«
+
+Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes mit einem bleichen
+Giebel aus Gebüschen schauen, und Knulp sagte plötzlich »Bst!« und hob
+den Finger auf, und da hörten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine
+Ziehharmonika und eine Geige, tönen.
+
+»Also denn!« lachte das Mädchen, und sie gingen rascher.
+
+Im Löwen tanzten nur vier oder fünf Paare, lauter junge Leute, die Knulp
+nicht kannte. Es ging still und anständig zu, und niemand belästigte das
+fremde Paar, das sich dem nächsten Tanz anschloß. Sie machten einen
+Ländler und eine Polka mit, dann kam ein Walzer, den Bärbele nicht
+konnte. Sie sahen zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte Knulps
+Barschaft nicht.
+
+Bärbele war beim Tanzen warm geworden und blickte nun mit glänzenden
+Augen in den kleinen Saal.
+
+»Jetzt wär es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« sagte Knulp, als es halb
+zehn Uhr war.
+
+Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus.
+
+»Ach schade!« sagte sie leise.
+
+»Wir können ja noch dableiben.«
+
+»Nein, ich muß heim. Und schön war’s.«
+
+Sie gingen weg, aber unter der Tür fiel es dem Mädchen ein: »Wir haben
+ja der Musik gar nichts gegeben.«
+
+»Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hätten wohl einen Zwanziger
+verdient. Aber es steht leider so mit mir, daß ich keinen habe.«
+
+Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten Geldbeutel aus der
+Tasche.
+
+»Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, gebet den!«
+
+Er nahm das Geldstück und brachte es den Musikanten, dann gingen sie
+hinaus und mußten vor der Haustür einen Augenblick stehen bleiben, bis
+sie in der tiefen Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging stärker und
+führte einzelne Regentropfen.
+
+»Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp.
+
+»Nein, bei dem Wind, wir kämen ja nicht weiter. Es ist nett gewesen da
+drinnen. Ihr könnet’s fast wie ein Tanzmeister, Gerber.«
+
+Sie plauderte fröhlich fort. Ihr Freund aber war still geworden,
+vielleicht daß er müde ward, vielleicht daß er den nahen Abschied
+fürchtete.
+
+Plötzlich fing sie an zu singen: »Bald gras’ ich am Neckar, bald gras’
+ich am Rhein.« Ihre Stimme klang warm und rein, und beim zweiten Vers
+fiel Knulp mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und schön,
+daß sie mit Behagen darauf horchte.
+
+»So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er am Ende.
+
+»O ja,« lachte sie hell. »Wir müssen wieder einmal so einen Spaziergang
+machen.«
+
+»Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird wohl der letzte
+gewesen sein.«
+
+Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehört, aber der betrübte
+Klang seiner Worte war ihr aufgefallen.
+
+»Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. »Habt Ihr was gegen
+mich?«
+
+»Nein, Bärbele. Aber morgen muß ich fort, ich habe gekündigt.«
+
+»Was Ihr nicht saget! Ist’s wahr? Das tut mir aber leid.«
+
+»Um mich muß es Euch nicht leid sein. Lang wär’ ich doch nicht
+geblieben, und ich bin ja auch bloß ein Gerber. Ihr müsset bald einen
+Schatz haben, einen recht schönen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr
+werdet sehen.«
+
+»Ach, redet nicht so! Ihr wisset, daß ich Euch ganz gern habe, wenn Ihr
+auch nicht mein Schatz seid.«
+
+Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. Knulp ging
+langsamer. Sie waren schon nah bei der Brücke. Schließlich blieb er
+stehen.
+
+»Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr gehet die paar
+Schritte noch allein.«
+
+Bärbele sah ihm mit aufrichtiger Betrübnis ins Gesicht.
+
+»Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch meinen Dank. Ich will
+es nicht vergessen. Und alles Gute auch!«
+
+Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und während sie ängstlich und
+verwundert in seine Augen sah, nahm er ihren Kopf mit den vom Regen
+feuchten Zöpfen in beide Hände und sagte flüsternd: »Adieu denn,
+Bärbele. Ich will jetzt zum Abschied noch einen Kuß von Euch haben, daß
+Ihr mich nicht ganz vergesset.«
+
+Ein wenig zuckte sie und strebte zurück, aber sein Blick war gut und
+traurig, und sie sah erst jetzt, wie schöne Augen er habe. Ohne die
+ihren zu schließen, empfing sie ernsthaft seinen Kuß, und da er darauf
+mit einem schwachen Lächeln zögerte, bekam sie Tränen in die Augen und
+gab ihm den Kuß herzhaft zurück.
+
+Dann ging sie schnell davon und war schon über der Brücke, da kehrte sie
+plötzlich um und kam wieder zurück. Er stand noch am selben Ort.
+
+»Was ist, Bärbele?« fragte er. »Ihr müsset heim.«
+
+»Ja, ja, ich geh schon. Ihr dürfet nicht schlecht von mir denken!«
+
+»Das tu ich gewiß nicht.«
+
+»Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch gesagt, Ihr hättet gar
+kein Geld mehr? Ihr krieget doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?«
+
+»Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht nichts, ich komme
+schon durch, da müsset Ihr Euch keine Gedanken machen.«
+
+»Nein, nein! Ihr müsset etwas im Sack haben. Da!«
+
+Sie steckte ihm ein großes Geldstück in die Hand, er spürte, daß es ein
+Taler war.
+
+»Ihr könnet mir’s einmal wiedergeben oder schicken, später einmal.«
+
+Er hielt sie an der Hand zurück.
+
+»Das geht nicht. So dürfet Ihr nicht mit Eurem Geldlein umgehen! Das ist
+ja ein ganzer Taler. Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr müsset! So. Man muß
+nicht unvernünftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei Euch habt, einen
+Fünfziger oder so, das nehm ich gerne, weil ich in der Not bin. Aber
+mehr nicht.«
+
+Sie stritten noch ein wenig, und Bärbele mußte ihren Geldbeutel
+herzeigen, weil sie sagte, sie habe nichts als den Taler. Es war aber
+nicht so, sie hatte auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen
+Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er haben, aber das war ihr
+zu wenig, und dann wollte er gar nichts nehmen und fortgehen, aber
+schließlich behielt er das Markstück, und sie lief nun im Trabe
+heimwärts.
+
+Unterwegs dachte sie beständig darüber nach, warum er sie jetzt nicht
+noch einmal geküßt habe. Bald wollte es ihr leid tun, bald fand sie es
+gerade besonders lieb und anständig, und dabei blieb sie schließlich.
+
+Eine gute Stunde später kam Knulp nach Hause. Er sah im Wohnzimmer
+droben noch Licht brennen, also saß die Meisterin noch auf und wartete
+auf ihn. Er spuckte ärgerlich aus und wäre beinahe davongelaufen, gleich
+jetzt in die Nacht hinein. Aber er war müde, und es würde regnen, und
+dem Weißgerber wollte er das auch nicht antun, und außerdem spürte er
+auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen Schabernack.
+
+So fischte er denn den Schlüssel aus seinem Versteck heraus, schloß
+vorsichtig wie ein Dieb die Haustüre auf, zog sie hinter sich zu, schloß
+mit zusammengepreßten Lippen geräuschlos ab und versorgte den Schlüssel
+sorgfältig am alten Platz. Dann stieg er auf Socken, die Schuhe in der
+Hand, die Stiege hinauf, sah Licht durch eine Ritze der angelehnten
+Stubentür und hörte die beim langen Warten eingeschlafene Meisterin
+drinnen auf dem Kanapee tief in langen Zügen atmen. Darauf stieg er
+unhörbar in seine Kammer hinauf, schloß sie von innen fest ab und ging
+ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde abgereist.
+
+
+
+
+Meine Erinnerung an Knulp
+
+
+Es war noch mitten in der fröhlichen Jugendzeit, und Knulp war noch am
+Leben. Wir wanderten damals, er und ich, in der glühenden Sommerszeit
+durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig Sorgen. Tagsüber
+schlenderten wir an den gelben Kornfeldern hin oder lagen auch unter
+einem kühlen Nußbaum oder am Waldesrand, am Abend aber hörte ich zu, wie
+Knulp den Bauern Geschichten erzählte, den Kindern Schattenspiele
+vormachte und für die Mädchen seine vielen Lieder sang. Ich hörte mit
+Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den Mädchen stand und sein
+braunes Gesicht wetterleuchtete und die Jungfern zwar viel lachten und
+spotteten, aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, da schien es mir
+zuweilen, er sei doch ein seltener Glücksvogel oder ich das Gegenteil,
+und dann ging ich manchmal zur Seite, um nicht so überflüssig dabei zu
+stehen, und begrüßte entweder den Pfarrer in seiner Wohnstube um ein
+gescheites Abendgespräch und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins
+Gasthaus zu einem stillen Wein.
+
+Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir an einem Kirchhof
+vorüber, der samt einer kleinen Kapelle verlassen zwischen den Feldern
+lag, weit weg vom nächsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebüschen überm
+Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in dem heißen Lande ruhte. Am
+Eingangsgitter standen zwei große Kastanienbäume, es war aber
+verschlossen, und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, er
+schickte sich an, über die Mauer zu steigen.
+
+Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?«
+
+»Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.«
+
+»Ja, muß es denn gerade ein Kirchhof sein?«
+
+»Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gönnen sich nicht viel, das weiß
+ich wohl, aber unter der Erde wollen sie’s doch gut haben. Darum lassen
+sie sich’s gern eine Mühe kosten und pflanzen was Sauberes auf die
+Gräber und daneben.«
+
+Da stieg ich mit hinüber und sah, daß er recht hatte, denn es lohnte
+sich wohl, über das Mäuerlein zu klettern. Da innen lagen in geraden
+und in krummen Reihen die Gräber nebeneinander, die meisten mit einem
+weißen Kreuz von Holz versehen, und darauf und darüber war es grün und
+blumenfarbig. Da glühte freudig Winde und Geranium, im tiefern Schatten
+auch noch später Goldlack, und Rosenbüsche hingen voller Rosen, und
+Fliederbäume und Holunderbäume standen dick im Holz und Laub, daß es wie
+ein Lustgarten war.
+
+Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns dann im Grase, das
+stellenweise hoch und in Blüte stand, und ruhten aus und wurden kühl und
+zufrieden.
+
+Knulp las den Namen auf dem nächsten Kreuz und sagte: »Der heißt
+Engelbert Auer und ist über sechzig Jahr alt geworden. Dafür liegt er
+jetzt unter Reseden, was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden
+möcht ich schon auch einmal haben, und einstweilen nehm ich eine von den
+hiesigen mit.«
+
+Ich sagte: »Laß sie nur und nimm was anderes, Reseden welken bald.«
+
+Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, der neben ihm im
+Grase lag.
+
+»Wie es da schön still ist!« sagte ich.
+
+Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig stiller wär, so könnten
+wir wohl die da drunten reden hören.«
+
+»Das nicht. Die haben ausgeredet.«
+
+»Weiß man’s? Man sagt doch immer, der Tod ist ein Schlaf, und im Schlaf
+redet man oft und singt auch mitunter.«
+
+»Du vielleicht schon.«
+
+»Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär, da würd ich warten, bis
+am Sonntag die Mädlein herüberkommen und still herumstehen und sich von
+einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann würd ich ganz leis anfangen
+singen.«
+
+»So, und was denn?«
+
+»Was? Irgendein Lied.«
+
+Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen zu und fing bald mit
+einer leisen, kindlichen Stimme an zu singen:
+
+ »Weil ich früh gestorben bin,
+ Drum singet mir, ihr Jüngferlein,
+ Ein Abschiedslied.
+ Wenn ich wiederkomm,
+ Wenn ich wiederkomm,
+ Bin ich ein schöner Knabe.«
+
+Ich mußte lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. Er sang schön und
+zart, und wenn manchmal die Worte keinen völligen Sinn hatten, war doch
+die Melodie recht fein und machte es schön.
+
+»Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht zu viel, sonst hören
+sie dir bald nimmer zu. Das mit dem Wiederkommen ist schon recht, aber
+gewiß weiß das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schöner Knabe
+wirst, das ist erst recht nicht sicher.«
+
+»Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es wäre mir lieb. Weißt du noch,
+vorgestern, der kleine Bub mit der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt
+haben? So wär ich gern wieder einer. Du nicht auch?«
+
+»Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann gekannt, wohl über
+siebzig, der hat so still und gut geblickt, und mir kam es vor, als
+könne an ihm nur Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk ich
+hie und da, so möcht ich gern auch einer werden.«
+
+»Ja, da fehlt dir noch ein Stückchen dran, weißt du. Und es ist
+überhaupt komisch mit dem Wünschen. Wenn ich jetzt im Augenblick bloß zu
+nicken brauchte und wäre dann so ein netter kleiner Bub, und du
+brauchtest bloß zu nicken und wärst ein feiner milder alter Kerl, so
+würde doch keiner von uns nicken. Sondern wir würden ganz gern bleiben,
+wie wir sind.«
+
+»Das ist auch wahr.«
+
+»Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: Das Allerschönste und
+Allerfeinste, was es überhaupt gibt, das ist ein schlankes junges
+Fräulein mit einem blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht oft
+genug, daß eine Schwarze fast noch schöner ist. Und außerdem, es
+geschieht auch wieder, daß mir so scheint: Das Allerschönste und das
+Feinste von allem ist doch ein schöner Vogel, wenn man ihn so frei in
+der Höhe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts so wundersam
+wie ein Schmetterling, ein weißer zum Beispiel mit roten Augen auf den
+Flügeln, oder auch ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, wenn
+alles glänzt und doch nicht blendet, und alles dann so froh und
+unschuldig aussieht.«
+
+»Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn man es in der guten
+Stunde anschaut.«
+
+»Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schönste ist immer so,
+daß man dabei außer dem Vergnügen auch noch eine Trauer hat oder eine
+Angst.«
+
+»Ja wie denn?«
+
+»Ich meine so: Eine recht schöne Jungfer würde man vielleicht nicht gar
+so fein finden, wenn man nicht wüßte, sie hat ihre Zeit und danach muß
+sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle
+Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl freuen, aber ich
+würd es dann kälter anschauen und denken: Das siehst du immer noch, es
+muß nicht heute sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben
+kann, das schaue ich an und habe nicht bloß Freude, sondern auch ein
+Mitleid dabei.«
+
+»Nun ja.«
+
+»Darum weiß ich auch nichts Feineres, als wenn irgendwo bei Nacht ein
+Feuerwerk angestellt wird. Da gibt es blaue und grüne Leuchtkugeln, die
+steigen in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schönsten sind,
+dann machen sie einen kleinen Bogen und sind aus. Und wenn man dabei
+zuschaut, so hat man die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst:
+gleich ist’s wieder aus, und das gehört zueinander und ist viel schöner,
+als wenn es länger dauern würde. Nicht?«
+
+»Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht für alles.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben und heiraten, oder wenn
+zwei miteinander eine Freundschaft schließen, so ist das doch gerade
+deswegen schön, weil es für die Dauer ist und nicht gleich wieder ein
+Ende haben soll.«
+
+Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er mit seinen schwarzen
+Wimpern und sagte nachdenklich: »Mir ist es auch recht. Aber auch das
+hat doch einmal sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer
+Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe auch.«
+
+»Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es kommt.«
+
+»Ich weiß nicht. – Sieh, du, ich habe zweimal in meinem Leben eine
+Liebschaft gehabt, ich meine eine richtige, und beidemal wußte ich
+gewiß, daß das für immer sei und nur mit dem Tod aufhören könne, und
+beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht gestorben. Auch
+einen Freund hab ich gehabt, daheim noch in unsrer Stadt, und hätte
+nicht gedacht, daß wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen könnten.
+Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon lang.«
+
+Er schwieg, und ich wußte nichts dazu zu sagen. Das Schmerzliche, das in
+jedem Verhältnis zwischen Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis
+geworden, und ich hatte es noch nicht erfahren, daß zwischen zwei
+Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen
+bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit
+einem Notsteg überbrücken kann. Ich dachte über die vorigen Worte meines
+Kameraden nach, von denen mir das über die Leuchtkugeln am besten
+gefiel, denn ich hatte das selber schon manches Mal empfunden. Die leise
+lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend und allzubald darin
+ertrinkend, schien mir ein Sinnbild aller menschlichen Lust, die je
+schöner sie ist, desto weniger befriedigt und desto rascher wieder
+verglühen muß. Das sagte ich auch zu Knulp.
+
+Aber er ging nicht darauf ein.
+
+»Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten Weile, mit gedämpfter
+Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen hat keinen Wert, und man tut ja
+auch nicht, wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz
+unüberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit dem Freundsein und
+Verlieben ist vielleicht doch so, wie ich meine. Am Ende hat doch ein
+jeder Mensch das Seinige ganz für sich und kann es nicht mit anderen
+gemein haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird geheult und
+getrauert, einen Tag und einen Monat und auch ein Jahr, aber dann ist
+der Tote tot und fort, und es könnte in seinem Sarge drin gerade so gut
+ein heimatloser und unbekannter Handwerksbursch liegen.«
+
+»Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben doch oft geredet, daß
+das Leben schließlich einen Sinn haben muß und daß es einen Wert hat,
+wenn einer gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. Aber
+so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, und wir könnten
+gerade so gut stehlen und totschlagen.«
+
+»Nein, das könnten wir nicht, mein Lieber. Schlag doch einmal die paar
+nächsten Leute tot, die wir treffen, wenn du’s vermagst! Oder verlang
+einmal von einem gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich
+aus.«
+
+»So mein ich’s auch nicht. Aber wenn doch alles einerlei ist, dann hat
+es keinen Sinn, daß man gut und redlich sein will. Dann gibt es ja kein
+Gutsein, wenn blau so gut wie gelb und bös so gut wie gut ist. Dann ist
+eben jeder wie ein Tier im Wald und tut nach seiner Natur und hat weder
+ein Verdienst noch eine Schuld dabei.«
+
+Knulp seufzte.
+
+»Ja, was soll man darüber sagen! Vielleicht ist es so, wie du sagst.
+Dann wird man auch deswegen oft so dumm betrübt, weil man spürt, daß das
+Wollen keinen Wert hat, und daß alles ganz ohne uns seinen Weg geht.
+Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn einer nicht anders
+hat können als schlecht sein. Denn er spürt es doch in sich. Und darum
+muß auch das Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt und
+sein gutes Gewissen hat.«
+
+Ich sah es seinem Gesicht an, daß er dieser Gespräche satt war. Es ging
+ihm oft so, er kam ins Philosophieren hinein, stellte Sätze auf, redete
+für sie und wider sie und hörte plötzlich wieder auf. Früher hatte ich
+gemeint, er sei dann meiner unzulänglichen Antworten und Einwürfe müde.
+Aber es war nicht so, sondern er fühlte, daß seine Neigung zum
+Spekulieren ihn auf Gelände führe, wo seine Kenntnisse und Redemittel
+nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, unter anderem
+Tolstoi, aber er konnte zwischen richtigen und Trugschlüssen nicht immer
+genau unterscheiden und fühlte das selber. Von den Gelehrten redete er,
+wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen redet: er mußte anerkennen,
+daß sie mehr Macht und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, daß
+sie doch damit nichts Rechtes anfingen und mit allen ihren Künsten doch
+keine Rätsel lösen konnten.
+
+Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Händen, starrte durch das
+schwarze Holunderlaub in den blauen heißen Himmel und summte ein altes
+Volkslied vom Rhein vor sich hin. Ich weiß noch den letzten Vers:
+
+ Nun hab ich getragen den roten Rock,
+ Nun muß ich tragen den schwarzen Rock,
+ Sechs, sieben Jahr,
+ Bis daß mein Lieb verweset war.
+
+ * * * * *
+
+Spät am Abend saßen wir am dunklen Rand eines Gehölzes einander
+gegenüber, jeder mit einem großen Stück Brot und einer halben
+Schützenwurst, aßen und sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch
+waren die Hügel vom gelben Widerschein des Späthimmels beglänzt und in
+flaumig schwimmendem Lichtrauch aufgelöst gewesen, nun aber standen sie
+schon dunkel und scharf und malten ihre Bäume, Felderrücken und Gebüsche
+schwarz auf den Himmel, der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon
+viel mehr tiefes Nachtblau hatte.
+
+Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander drollige Sachen
+aus einem kleinen Büchlein vorgelesen, das hieß »Musenklänge aus
+Deutschlands Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder
+mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit dem Tageslicht sein Ende
+gefunden. Als wir fertig gegessen hatten, wünschte Knulp Musik zu hören,
+und ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen war,
+putzte sie aus und spielte die paar oft gehörten Melodien wieder. Die
+Dunkelheit, in der wir schon eine Weile saßen, hatte sich vor uns nun
+weit in das vielfältig gewölbte Land hinein verbreitet, auch der Himmel
+hatte seinen bleichen Schein verloren und ließ im Schwärzerwerden
+langsam einen Stern um den andern hervorglühen. Die Töne unserer
+Harmonika flogen leicht und dünn feldeinwärts und verloren sich bald in
+den weiten Lüften.
+
+»Wir können doch noch nicht gleich schlafen,« sagte ich zu Knulp.
+»Erzähl mir noch eine Geschichte, sie braucht nicht wahr zu sein, oder
+ein Märchen.«
+
+Knulp besann sich.
+
+»Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Märchen, beides
+beieinander. Es ist nämlich ein Traum. Vorigen Herbst hat es mir so
+geträumt und seither zweimal ganz ähnlich, das will ich dir erzählen:
+
+Da war eine Gasse in einem Städtlein, ähnlich wie bei mir daheim, alle
+Häuser streckten die Giebel auf die Gassenseite, aber sie waren höher,
+als man sie sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn ich
+nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; aber ich hatte
+nur eine halbe Freude, denn es war nicht alles in Ordnung, und ich
+wußte nicht ganz sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht
+in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein sollte, und ich
+kannte sie sofort wieder, aber viele Häuser waren fremd und ungewohnt,
+auch fand ich die Brücke und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt
+dessen an einem unbekannten Garten und an einer Kirche vorbei, die war
+wie in Köln oder in Basel, mit zwei großen Türmen. Unsre Kirche daheim
+aber hat keine Türme gehabt, sondern nur einen kurzen Stumpen mit einem
+Notdach, weil sie früher sich verbaut haben und den Turm nicht fertig
+machen konnten.
+
+So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir
+ganz wohlbekannt, ich wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um
+sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in
+eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer näherkam und an mir
+vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er vorüber
+und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und
+ich müsse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden
+beieinander stehen, und eine davon, schien mir’s, war sogar meine
+verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder
+nimmer und höre auch, daß sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich
+kaum verstehen kann.
+
+Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt draußen wäre,
+sie ist’s und ist’s doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein
+bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle
+auch wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und
+verdrießlich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet
+hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als
+unnütze, dumme Redensarten ein – zum Beispiel ›Sehr geehrter Herr‹ und
+›Unter den obwaltenden Umständen‹ – und die sagte ich verwirrt und
+traurig vor mich hin.
+
+Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm
+und müd war und völlig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon
+Abend, und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der Herberge
+oder nach der Landstraße zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und
+alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor
+Müdigkeit und Verzweiflung geweint.
+
+Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte
+Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das
+störte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus
+ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich wieder, und endlich auch
+unser altes väterliches Haus. Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst
+aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief
+mir wie ein Grausen den Rücken hinauf.
+
+Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette
+geheißen. Nur sah sie größer und etwas anders aus als früher, war aber
+nur noch schöner geworden. Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre
+Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch
+merkte ich nun auch, daß sie hellblond war und nicht braun wie die
+Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt.
+
+›Henriette!‹ rief ich hinüber und zog den Hut ab, weil sie so fein und
+herrlich aussah, daß ich nicht wußte, ob sie mich noch werde kennen
+wollen.
+
+Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so
+ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern und schämen, denn es war gar
+nicht die, für die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die
+Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war.
+
+›Lisabeth!‹ rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin.
+
+Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen
+würde, nicht streng und etwa hochmütig, sondern ganz ruhig und klar,
+aber so geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie
+wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schüttelte sie den Kopf wie
+auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins
+Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. Ich hörte noch das
+Schloß einschnappen.
+
+Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tränen und Leidwesen
+kaum aus den Augen sah, war es doch merkwürdig, wie die Stadt sich
+wieder verwandelt hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und jedes Haus
+und alles genau wie in früherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden.
+Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die
+Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn
+sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an.
+Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben.
+Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg über die
+Brücke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor
+Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, es sei hier für mich
+alles verloren und ich müsse in Schande fortlaufen.
+
+Dann, wie ich vor der Stadt draußen unter den Pappeln war und ein wenig
+anhalten mußte, fiel mir’s erst ein, daß ich daheim und vor unserem Haus
+gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und Freunde und alles
+mit keinem Gedanken gedacht habe. Es war eine Verwirrung, Kümmernis und
+Scham in meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte nicht umkehren
+und alles gutmachen, denn der Traum war aus, und ich wurde wach.«
+
+ * * * * *
+
+Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner
+anderen vermischen. Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können
+miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie
+Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der andern
+kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben
+nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie
+gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt,
+dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und
+geht hin, wie und wo er will.«
+
+Und später: »Der Traum, den ich dir erzählt habe, hat vielleicht die
+gleiche Bedeutung. Ich habe weder der Henriette mit Wissen unrecht getan
+noch der Lisabeth. Aber durch das, daß ich beide einmal liebgehabt und
+zu eigen habe nehmen wollen, sind sie für mich zu einer solchen
+Traumgestalt geworden, die beiden ähnlich sieht und doch keine ist. Die
+Gestalt gehört mir eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe
+ich auch oft über meine Eltern nachdenken müssen. Die meinen, ich sei
+ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn ich sie auch lieben muß, bin ich
+doch ihnen ein fremder Mensch, den sie nicht verstehen können. Und das,
+was die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine Seele ist, das
+finden sie nebensächlich und schreiben es meiner Jugend oder Laune zu.
+Dabei haben sie mich gern und täten mir gern alles Liebe. Ein Vater kann
+seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe
+mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu.«
+
+Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege damals noch
+nicht, wenigstens nicht aus eigenem Bedürfnis, gegangen war. Mir war bei
+diesem Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir nicht bis
+ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es werde auch für Knulp mehr
+ein Spiel als ein Kampf sein. Außerdem war es friedsam schön, da zu
+zweien im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den Schlaf zu
+warten und die frühen Sterne zu betrachten.
+
+Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hättest sollen Professor
+werden.«
+
+Er lachte und schüttelte den Kopf.
+
+»Viel eher könnt es sein, daß ich noch einmal zur Heilsarmee ginge,«
+meinte er dann nachdenklich.
+
+Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir doch nichts vor! Willst
+du nicht auch noch ein Heiliger werden?«
+
+»Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, wenn es ihm mit
+seinen Gedanken und Taten wirklich Ernst ist. Wenn man etwas für recht
+hält, muß man es tun. Und wenn ich es einmal für das richtige halte, daß
+ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich’s hoffentlich auch tun.«
+
+»Immer die Heilsarmee!«
+
+»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten
+gesprochen und auch viele Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und
+Lehrer und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden hören;
+aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und
+dem ich zugetraut hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit sich
+selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen
+und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen
+ist es Ernst gewesen.«
+
+»Woher weißt du das denn?«
+
+»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine
+Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze,
+daß er bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht ausgesehen.
+Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, ließ er seine drei Kameraden einen
+Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um
+ihn herumgestanden, Kinder und Große, und haben ihn für Narren gehabt
+und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche
+und ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu
+ärgern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös
+geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem
+Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelächelt, wo ein
+andrer geheult oder geflucht hätte. Weißt du, das tut einer nicht um
+einen Hungerlohn und um des Vergnügens willen, sondern er muß eine große
+Helligkeit und Gewißheit in sich haben.«
+
+»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und wer ein feiner und
+empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.«
+
+»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was noch viel besser ist
+als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es paßt freilich nicht eins
+für alle, aber die Wahrheit, die muß für alle passen.«
+
+»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die
+Wahrheit haben.«
+
+»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal
+finde, daß das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.«
+
+»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen läßt du
+sie nimmer gelten.«
+
+Er sah mich betroffen an.
+
+»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.«
+
+Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald
+sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube
+nicht, daß er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch
+weit über eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und schaute in
+das nächtliche Land hinein.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich
+sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und
+sagte: »Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, wenn einer
+so einen guten Tag hat?«
+
+»Nein, woher?«
+
+»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen und recht viel Schönes
+geträumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir’s heute. Ich
+habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, aber alles
+vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich schön gewesen ist.«
+
+Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe
+hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, mühelosen Stimme
+drei, vier nagelneue Lieder in die nüchterne Frühe hinein.
+Aufgeschrieben und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht recht wenig
+vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer Dichter war, so war er doch ein
+kleiner, und während er sie selber sang, sahen seine Liedchen den
+schönsten anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und einzelne
+Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schön und mir
+noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine
+Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die
+Lüfte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen
+anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht.
+
+ Hell und sonntagsangetan
+ Wie ein Fräulein aus dem Tor,
+ Kommt sie rot und aber stolz
+ Überm Tannenwald hervor –
+
+so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer
+vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das
+Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie
+saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie
+auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut
+entströmen zu lassen.
+
+Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir
+begrüßten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns
+her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns
+wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander Streiche und Witze aus der
+Schulzeit, hingen den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen
+und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an einem verborgenen Gartenzaun an
+gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Kräfte und
+Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.
+
+Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hätte ich
+ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute
+mich darauf, daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern
+und Lustigsein erst anheben sollte.
+
+Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im Grase als wir
+marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange
+Luft zusammen, so daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen.
+
+Knulp wurde nun allmählich stiller und ein wenig müde, doch merkte ich
+es kaum, denn er lachte noch immer herzlich mit und stimmte oft in
+meinen Gesang ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fühlte ein
+Freudenfeuer um das andere in mir angehen. Vielleicht war es bei Knulp
+umgekehrt, daß in ihm die festlichen Lichter schon zu verglimmen
+begannen. Mir ist es damals immer so gegangen, daß ich an frohen Tagen
+gegen die Nacht hin immer lebhafter wurde und kein Ende finden konnte,
+ja, oft trieb ich mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden
+allein herum, wenn die andern längst ermüdet waren und schliefen.
+
+Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch damals, und ich freute
+mich, als wir talwärts gegen ein stattliches Dorf kamen, auf eine
+lustige Nacht. Vorerst bestimmten wir eine abseits stehende, leicht
+zugängliche Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir in das Dorf
+ein und in einen schönen Wirtsgarten, denn ich hatte meinen Freund für
+heute als meinen Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar
+Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag war.
+
+Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. Doch als wir unter
+einem schönen Platanenbaum an unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er
+halb verlegen: »Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, gelt? Eine
+Flasche Bier trink ich gern, das tut gut und ist mir ein Vergnügen, aber
+mehr mag ich kaum vertragen.«
+
+Ich ließ es gut sein und dachte: Wir werden schon zu so viel oder wenig
+kommen, als uns Freude macht. Wir aßen den heißen Eierkuchen und ein
+kräftig frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings ließ ich mir
+bald eine zweite Flasche Bier bringen, während Knulp seine erste noch
+halbvoll hatte. Mir war, da ich wieder üppig und herrschaftlich an einem
+guten Tische saß, herzlich wohl zumut, und ich dachte das heute abend
+noch eine Weile zu genießen.
+
+Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er trotz meiner Bitten keine
+zweite an und schlug mir vor, jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu
+schlendern und dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht
+meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. Und da
+meine Flasche noch nicht leer war, hatte ich auch nichts dagegen, daß er
+einstweilen vorausging, wir würden uns nachher schon wieder treffen.
+
+Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit seinem bequemen,
+genießenden Feierabendschritt, eine Sternblume hinterm Ohr, die paar
+Treppen hinab auf die breite Gasse und langsam dorfeinwärts bummelte.
+Und wenn es mir auch leid tat, daß er nicht noch eine Flasche mit mir
+leeren wollte, dachte ich im Nachschauen doch froh und zärtlich: Du
+lieber Kerl!
+
+Inzwischen nahm die Schwüle, trotzdem die Sonne schon verschwunden war,
+noch immer zu. Ich hatte das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem
+frischen Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem Tische noch
+auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe der einzige Gast war, fand die
+Kellnerin reichlich Zeit, mit mir ein Gespräch zu pflegen. Ich ließ mir
+von ihr auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine anfänglich
+für Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie nachher in der Vergeßlichkeit
+selber noch.
+
+Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder und wollte mich
+abholen. Ich war jedoch seßhaft geworden, und da er müde war und Schlaf
+hatte, wurden wir einig, daß er an unsere Schlafstätte gehen und sich
+hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin aber fing sofort an,
+mich nach ihm auszufragen, denn er stach allen Mädchen in die Augen. Ich
+hatte nichts dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein Schatz,
+und ich pries ihn sogar noch mächtig, denn mir war wohl und ich meinte
+es mit jedermann gut.
+
+Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu winden an, als ich
+endlich spät aufbrach. Ich zahlte, schenkte dem Mädchen einen Zehner und
+machte mich ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spürte ich wohl, daß ich
+eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte die letzte Zeit
+ganz ohne starkes Getränk gelebt. Doch machte mich das nur vergnügt,
+denn ich konnte schon etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg
+vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da stieg ich leise
+hinein und fand richtig den Knulp im Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie
+er hemdärmlig auf seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und
+gleichmäßig atmete. Seine Stirn und der bloße Hals und die eine Hand,
+die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem trüben Halbdunkel einen
+bleichen Schein.
+
+Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch machte die Erregung und
+der eingenommene Kopf mich immer wieder wach, und es wurde draußen schon
+Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf einschlief. Es war
+ein fester, doch kein guter Schlaf, ich war schwer und matt geworden und
+hatte undeutliche, plagende Träume.
+
+Am Morgen erwachte ich erst spät, es war schon voller Tag, und das helle
+Licht tat mir in den Augen weh. Mein Kopf war leer und trüb und die
+Glieder müde. Ich gähnte lange, rieb mir die Augen und streckte die
+Arme, daß die Gelenke knackten. Aber trotz der Müdigkeit hatte ich noch
+einen Rest und Nachklang von der gestrigen Laune in mir und dachte den
+kleinen Jammer am nächsten klaren Brunnen von mir zu spülen.
+
+Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war Knulp nicht vorhanden.
+Ich rief und pfiff nach ihm und war im Anfang noch ganz arglos. Als
+jedoch Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir plötzlich die
+Erkenntnis, daß er mich verlassen habe. Ja, er war fort, heimlich
+fortgegangen, er hatte nicht länger bei mir bleiben mögen. Vielleicht
+weil ihm mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil er sich
+heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit schämte, vielleicht nur
+aus einer Laune, vielleicht aus Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus
+einem plötzlich erwachten Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich
+war doch mein Trinken daran schuld.
+
+Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfüllten mich ganz. Wo war
+jetzt mein Freund? Ich hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine
+Seele ein wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun war er fort,
+ich stand allein und enttäuscht, mußte mich mehr als ihn anklagen und
+hatte nun die Einsamkeit, in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und
+an die ich nie ganz hatte glauben mögen, selber zu kosten. Sie war
+bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie ist inzwischen wohl
+manches Mal lichter geworden, aber völlig will sie mich seither nimmer
+verlassen.
+
+
+
+
+Das Ende
+
+
+Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, durchsonnte Luft wurde
+von launigen kurzen Windzügen bewegt, aus Feldern und Gärten zog in
+dünnen, zögernden Bändern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern und
+erfüllte die lichte Landschaft mit einem scharfsüßen Geruch von
+verbranntem Kraut und Grünholz. In den Dorfgärten blühten sattfarbige
+Buschastern, späte bläßliche Rosen und Georginen, und an den Zäunen
+brannte noch hier und dort eine feurige Kapuzinerblüte aus dem schon
+matt und weißlich schimmernden Gekräut.
+
+Auf der Landstraße nach Bulach fuhr langsam der Einspänner des Doktors
+Machold. Der Weg ging sachte bergan, links abgemähte Äcker und
+Kartoffelfelder, in denen noch geerntet wurde, rechts junger enger
+Fichtenwald halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrängten Stangen
+und dürren Zweigen, der Boden gleichfarbig trockenbraun voll dick
+gelagerter welker Nadeln. Geradeaus führte die Straße einfach in den
+zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die Welt ein Ende.
+
+Der Doktor hielt die Zügel lose in den Händen und ließ das alte
+Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam von einer sterbenden Frau, der
+nicht mehr zu helfen war und die doch zäh ums Leben gekämpft hatte bis
+zur letzten Stunde. Nun war er müde und genoß die stille Fahrt durch den
+freundlichen Tag; seine Gedanken waren eingeschlafen und folgten leicht
+betäubt und willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen
+aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen an Herbstferientage
+der Schülerzeit und weiter zurück in klangvolle, gestaltlose
+Kindheitsdämmerung. Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, und seine
+Sinne folgten erfahren und willig allen ländlichen Zeichen der
+Jahreszeiten und ihrer Geschäfte.
+
+Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das Stehenbleiben des Wagens.
+Eine Wasserrinne lief quer über die Straße, darin fanden die Vorderräder
+einen Halt, und das Roß blieb dankbar stehen, senkte den Kopf und genoß
+wartend die Rast.
+
+Machold ermunterte sich über dem plötzlichen Verstummen der Räder, nahm
+die Zügel zusammen, sah lächelnd nach verdämmerten Minuten Wald und
+Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und trieb den Gaul mit
+vertraulichem Zungenschnalzen zum Weitersteigen an. Darauf setzte er
+sich aufrecht, er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte
+sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen Schritt weiter, zwei
+Weiber grüßten vom Felde, in Schattenhüten hinter einer langen Front von
+gefüllten Kartoffelsäcken hervor.
+
+Die Höhe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den Kopf, ermuntert und
+voll Erwartung, nächstens den langen Sattel des heimatlichen Hügels
+hinabzutraben. Da erschien im nahen lichten Horizont von drüben her ein
+Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom Blau umlodert frei und
+hoch, stieg nieder und wurde grau und klein. Er kam näher, ein magerer
+Mann mit kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der
+Landstraße daheim, er ging müde und mühevoll, aber er zog den Hut mit
+stiller Artigkeit und sagte: Grüß Gott.
+
+»Grüß Gott,« sagte der Doktor Machold und sah dem Fremden nach, der
+schon vorüber war, und plötzlich hielt er den Gaul an, wandte sich
+stehend über das knarrende Lederdach zurück und rief: »Heda, Sie! Kommen
+Sie einmal her!«
+
+Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zurück. Er lächelte schwach
+herüber, wandte sich wieder ab und schien weitergehen zu wollen, dann
+besann er sich dennoch und kehrte gehorsam um.
+
+Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte den Hut in der Hand.
+
+»Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold.
+
+»Der Straße nach, gegen Berchtoldsegg.«
+
+»Kennen wir einander nicht? Ich kann bloß nicht auf den Namen kommen.
+Sie wissen doch, wer ich bin?«
+
+»Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.«
+
+»Na also? Und Sie? Wie heißen Sie?«
+
+»Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir sind einmal nebeneinander
+beim Präzeptor Plocher gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die
+lateinischen Präparationen von mir abgeschrieben.«
+
+Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann in die Augen. Dann
+klopfte er ihm auflachend auf die Schulter.
+
+»Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der berühmte Knulp, und wir sind
+Schulkameraden. So laß dir doch die Hand schütteln, alter Kerl! Wir
+haben uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch auf der
+Wanderschaft?«
+
+»Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, wenn man älter wird.«
+
+»Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? Wieder einmal der Heimat
+zu?«
+
+»Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe eine Kleinigkeit
+dort zu tun.«
+
+»So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?«
+
+»Niemand mehr.«
+
+»Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. Wir sind doch erst
+Vierziger, wir zwei. Und daß du so einfach an mir vorbei hast laufen
+wollen, ist nicht recht von dir. – Weißt du, mir scheint, du könntest
+vielleicht einen Doktor brauchen.«
+
+»Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir fehlt, das kann doch kein
+Doktor kurieren.«
+
+»Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und komm mit mir, dann
+können wir besser reden.«
+
+Knulp trat ein wenig zurück und setzte den Hut wieder auf. Mit
+verlegenem Gesicht wehrte er sich, als der Doktor ihm in den Wagen
+helfen wollte.
+
+»Ach, wegen dessen, das wäre nicht nötig. Das Rößlein rennt dir nicht
+fort, solang wir dastehen.
+
+Indessen faßte ihn ein Anfall von Husten, und der Arzt, der schon
+Bescheid wußte, packte ihn kurzerhand und setzte ihn in das Gefährt.
+
+»So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir droben, und dann geht’s
+Trab, in einer halben Stunde sind wir daheim. Du brauchst keine
+Unterhaltung zu machen, mit deinem Husten, wir können dann daheim weiter
+reden. –– Was? –– Nein, das hilft dir jetzt nichts mehr, kranke Leute
+gehören ins Bett und nicht auf die Landstraße. Weißt du, damals im
+Latein hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an der
+Reihe.«
+
+Sie fuhren über den Höhenrücken und mit pfeifender Bremse den langen
+Sattel hinab; gegenüber sah man schon die Dächer von Bulach über den
+Obstbäumen. Machold hielt die Zügel kurz und paßte auf den Weg, und
+Knulp ergab sich müde in halbem Behagen dem Genuß des Fahrens und der
+gewaltsamen Gastfreundschaft. Morgen, dachte er, oder spätestens
+übermorgen walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen noch
+zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld mehr, der die Tage und Jahre
+verschwendete. Er war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr
+hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu sehen.
+
+In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube und gab ihm Milch
+zu trinken und Brot mit Schinken zu essen. Dabei plauderten sie und
+fanden langsam die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn der Arzt ins
+Verhör, das der Kranke gutmütig und etwas spöttisch über sich ergehen
+ließ.
+
+»Weißt du eigentlich, was dir fehlt?« fragte Machold am Ende seiner
+Untersuchung. Er sagte es leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm
+dafür dankbar.
+
+»Ja, ich weiß schon, Machold. Es ist die Auszehrung, und ich weiß auch,
+daß es nimmer lang gehen kann.«
+
+»Na, wer weiß! Aber dann mußt du also auch einsehen, daß du in ein Bett
+und in eine Pflege gehörst. Einstweilen kannst du ja hier bei mir
+bleiben, ich sorge inzwischen für einen Platz im nächsten Spital. Es
+spukt bei dir, mein Lieber, und du mußt dich zusammennehmen, daß du’s
+noch einmal durchhaust.«
+
+Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein hageres und graues
+Gesicht mit einem Ausdruck von Schelmerei dem Doktor zu und sagte
+gutmütig: »Du machst dir viele Mühe, Machold. Also meinetwegen. Aber von
+mir darfst du nimmer viel erwarten.«
+
+»Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die Sonne, so lang sie
+noch in den Garten scheint. Die Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir
+müssen dir auf die Finger sehen, Knülplein. Daß so ein Mensch, der sein
+ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht hat, sich dabei
+ausgerechnet die Lungen kaputt macht, ist eigentlich nicht in der
+Ordnung.«
+
+Damit ging er weg.
+
+Die Haushälterin Lina war nicht erfreut und wehrte sich dagegen, so
+einen Landstreicher ins Gastzimmer zu lassen. Aber der Doktor schnitt
+ihr das Wort ab.
+
+»Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer lang zu leben, er muß es
+bei uns noch ein bißchen gut haben. Sauber ist er übrigens immer
+gewesen, und eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie ihm
+eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht meine
+Winterpantoffeln. Und vergessen Sie nicht: Der Mann ist ein Freund von
+mir.«
+
+ * * * * *
+
+Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen Morgen im Bett
+verdämmert, wo er sich erst allmählich darauf besinnen konnte, bei wem
+er sei. Als die Sonne herausgekommen war, hatte Machold ihm das
+Aufstehen erlaubt, und nun saßen sie beide nach Tisch bei einem Glas
+Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp war vom guten Essen und von
+seinem halben Glas Wein munter und gesprächig geworden, und der Doktor
+hatte sich für eine Stunde frei gemacht, um noch einmal mit dem
+seltsamen Schulkameraden zu plaudern und vielleicht etwas über dieses
+nicht gewöhnliche Menschenleben zu erfahren.
+
+»Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt hast?« sagte er
+lächelnd. »Dann ist ja alles gut. Sonst hätte ich aber doch gesagt, es
+ist eigentlich schad um so einen Kerl wie dich. Du hättest ja kein
+Pfarrer oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber wäre ein
+Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir geworden. Ich weiß
+nicht, ob du deine Gaben benutzt und weiter gebildet hast, aber du hast
+sie für dich allein verbraucht. Oder nicht?«
+
+Knulp stützte das Kinn mit dem dünnen Bärtchen in die hohle Hand und sah
+auf die roten Lichter, die hinterm Weinglas auf dem besonnten Tischtuch
+spielten.
+
+»Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die Gaben, wie du es nennst,
+damit ist es nicht so weit her. Ich kann ein bißchen kunstpfeifen, auch
+Handorgel spielen und manchmal Verslein machen, früher bin ich auch ein
+guter Läufer gewesen und habe nicht schlecht getanzt. Das ist alles. Und
+daran habe ich ja nicht allein Freude gehabt, es waren meistens
+Kameraden dabei, oder junge Mädel oder Kinder, die haben ihren Spaß
+daran gehabt und sind mir manchmal dafür dankbar gewesen. Wir wollen es
+gut sein lassen und damit zufrieden sein.«
+
+»Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins muß ich dich noch
+fragen. Du bist damals bis in die fünfte Klasse mit mir in die
+Lateinschule gegangen, ich weiß es noch genau, und bist ein guter
+Schüler gewesen, wenn auch kein Musterbub. Und dann auf einmal warst du
+weg, und es hieß, du gehest jetzt in die Volksschule, und da waren wir
+auseinander, ich durfte ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der
+in die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? Später, wenn ich
+von dir hörte, habe ich immer gedacht: Wenn er damals bei uns in der
+Schule geblieben wäre, hätte alles anders kommen müssen. Also, wie war’s
+damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter das Schulgeld nimmer
+zahlen mögen, oder was sonst?«
+
+Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere Hand, doch trank er
+nicht, er blickte nur durch den Wein gegen das grüne Gartenlicht und
+stellte dann den Kelch vorsichtig auf den Tisch zurück. Schweigend
+schloß er dann die Augen und versank in Gedanken.
+
+»Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein Freund. »Es muß ja
+nicht sein.«
+
+Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und prüfend ins Gesicht.
+
+»Doch,« sagte er, noch zögernd, »ich glaube, es muß sein. Ich habe das
+nämlich noch nie einem Menschen erzählt. Aber jetzt ist es vielleicht
+ganz gut, wenn jemand es hört. Es ist ja bloß eine Kindergeschichte,
+aber für mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir jahrelang zu
+schaffen gemacht. Sonderbar, daß du gerade danach fragst!«
+
+»Warum?«
+
+»Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken müssen, und deswegen
+bin ich auch wieder auf dem Weg nach Gerbersau.«
+
+»Ja, dann erzähle.«
+
+»Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute Freunde gewesen, wenigstens
+bis in die dritte oder vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger
+zusammen, und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus gepfiffen.«
+
+»Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit mehr als zwanzig Jahren
+nimmer gedacht. Mensch, was hast du für ein Gedächtnis! Und weiter?«
+
+»Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. Die Mädchen waren daran
+schuld. Ich bin ziemlich früh auf sie neugierig geworden, und du hast
+noch an den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da wußte ich
+schon so ziemlich, wie es mit Buben und Mädeln beschaffen ist. Das war
+mir damals die Hauptsache, darum bin ich nimmer viel bei eurem
+Indianerspiel dabei gewesen.«
+
+»Da warst du zwölf Jahr alt, nicht?«
+
+»Fast dreizehn, ich bin ein Jahr älter als du. Wie ich einmal krank war
+und im Bett lag, da hatten wir eine Base zum Besuch da, die war drei
+oder vier Jahr älter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und
+als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal nachts zu ihr in die
+Stube gegangen. Da wurde mir bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und
+ich war elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der Base wollte ich
+jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir verleidet, und ich hatte Angst
+vor ihr, aber die Sache war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin
+ich eine Zeitlang bloß den Mädchen nachgegangen. Beim Rotgerber Haasis
+waren zwei Töchter in meinem Alter, und da kamen auch andere Mädchen aus
+der Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln Böden Verstecken und
+hatten immer viel zu kichern und zu kitzeln und geheim zu tun. Ich war
+meistens der einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte ich
+einer von ihnen die Zöpfe flechten oder eine gab mir einen Kuß, wir
+waren alle noch unerwachsen und wußten nicht recht Bescheid, aber es war
+alles voll von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich in die
+Büsche und sah ihnen zu. –– Und eines Tages war eine Neue da, eine aus
+der Vorstadt, ihr Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat
+Franziska geheißen, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut gefallen.«
+
+Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater geheißen? Vielleicht kenn
+ich sie.«
+
+»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, Machold. Es gehört nicht
+zur Geschichte, und ich will auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. –
+Nun also! Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben hie und
+da miteinander gehändelt und gerauft, und wenn sie mich dann an sich
+drückte, bis es mir weh tat, dann war mir schwindlig und wohl wie in
+einem Rausch. In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre älter
+war und schon davon redete, daß sie jetzt bald einen Schatz haben wolle,
+da wurde es mein einziger Wunsch, der möchte ich sein. –– Einmal saß sie
+allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins Wasser hängen, sie
+hatte gebadet und bloß das Leibchen an. Da kam ich und setzte mich zu
+ihr. Auf einmal bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr
+Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen Augen mitleidig an und
+sagte: »Du bist ja noch ein Büble und hast kurze Hosen an, was weißt
+denn du von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse alles, und
+wenn sie nicht mein Schatz werden möge, dann werfe ich sie ins Wasser
+und mich mit. Da schaute sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie
+eine Frau, und sagte: ›Wir wollen einmal sehen. Kannst du denn schon
+küssen?‹ Ich sagte ja und gab ihr schnell einen Kuß auf den Mund und
+dachte, damit wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und hielt
+ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, daß mir Hören und
+Sehen verging. Dann lachte sie mit ihrer tiefen Stimme und sagte: ›Du
+würdest mir schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann keinen
+Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, das gibt keine rechten
+Leute. Ich muß einen richtigen Mann zum Schatz haben, einen Handwerker
+oder einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts damit.‹ Sie
+hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen und war in ihrer festen Wärme so
+schön und gut in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken
+konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska versprochen, ich
+wolle nimmer in die Lateinschule gehen und ein Handwerker werden. Sie
+lachte nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich wieder
+und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler mehr sei, dann wolle sie
+mein Schatz sein, und ich solle es gut bei ihr haben.«
+
+Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein Freund sah aufmerksam
+herüber, beide schwiegen eine kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also,
+jetzt weißt du die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind
+gegangen, wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir ein paar Ohrfeigen,
+als ich ihm mitteilte, ich wolle und könne jetzt nimmer in die
+Lateinschule gehen. Ich wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir
+vorgenommen, ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren
+Kindergedanken, aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst gewesen.
+Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. Ich tat einfach in der
+Schule nimmer gut. Weißt du’s nimmer?«
+
+»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine Zeitlang fast jeden Tag
+Arrest gehabt.«
+
+»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte Antworten gegeben, ich
+habe die Aufgaben nimmer gemacht und meine Schulhefte verloren, es war
+jeden Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran und habe
+jedenfalls den Lehrern damals das Leben nicht leicht gemacht. Das Latein
+und das Zeug alles war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt,
+ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich hinter etwas Neuem her
+war, dann gab’s eine Weile nichts anderes für mich auf der Welt. So war
+mir’s mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, und mit
+der Botanik. Und gerade so hatte ich’s halt damals mit den Mädchen, und
+eh ich da die Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen hatte, war
+mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der
+Bank zu hocken und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen
+Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den
+Mädchen ausspioniert hat. – Na, #item#! Die Lehrer merkten das
+vielleicht, sie hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang wie
+möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten geworden, aber ich fing
+jetzt eine Freundschaft mit dem Bruder der Franziska an. Er ging in die
+Volksschule, in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; ich habe
+viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und habe viel von ihm zu leiden
+gehabt. In einem halben Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater
+hat mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule ausgewiesen
+und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube wie der Bruder der
+Franziska.«
+
+»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold.
+
+»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht mein Schatz geworden.
+Seit ich manchmal mit ihrem Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr
+behandelt, wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als ich
+schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir angewöhnte, öfter am
+Abend mich aus dem Haus zu stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt.
+Ich streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und wie ich’s schon
+mehrmals getan hatte, behorchte ich ein Liebespaar auf einer Bank, und
+als ich schließlich mich näher drückte, da war es die Franziska mit
+einem Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, er
+hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in der Hand eine Zigarette, und
+ihre Bluse stand offen, und kurz, es war scheußlich. Da war also alles
+vergebens gewesen.«
+
+Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter.
+
+»Na, vielleicht war’s für dich doch das Beste.«
+
+Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen Kopf.
+
+»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte Hand drum geben,
+wenn das anders gegangen wäre. Sag mir nichts über die Franziska, ich
+lasse nichts auf sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, dann
+hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche Art kennen gelernt,
+und vielleicht hätte mir das geholfen, daß ich auch mit der Volksschule
+und mit meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. Denn – wie soll
+ich’s sagen? – schau, seither habe ich manche Freunde und Bekannte und
+Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr mich auf
+das Wort eines Menschen verlassen oder mich selber durch ein Wort
+gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte,
+und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin
+doch immer allein geblieben.«
+
+Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten kleinen Schluck
+Wein und stand auf.
+
+»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich mag nimmer davon reden.
+Du hast gewiß auch noch zu tun.«
+
+Der Doktor nickte.
+
+»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im Spital für dich
+schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, aber da ist nichts zu ändern.
+Du gehst kaputt, wenn du nicht schnell in eine Pflege kommst.«
+
+»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, »so laß mich halt
+kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts mehr, das weißt du selber. Warum
+soll ich mich jetzt noch einsperren lassen?«
+
+»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein miserabler Doktor,
+wenn ich dich so herumlaufen ließe. In Oberstetten fänden wir sicher
+Platz für dich, und du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach
+acht Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich verspreche
+dir’s.«
+
+Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es schien fast, als wäre
+er nahe am Weinen, und rieb seine dünnen Hände ineinander wie ein
+Frierender. Dann sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die
+Augen.
+
+»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht von mir, du
+hast so viel für mich getan, und sogar Rotwein – es war alles viel zu
+gut und fein für mich. Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine
+große Bitte an dich.«
+
+Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter.
+
+»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den Kragen. Also, was
+ist’s?«
+
+»Bist du mir nicht bös?«
+
+»Gar nicht. Warum auch?«
+
+»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir einen großen Gefallen
+tun. Schick mich nicht nach Oberstetten! Wenn ich doch in so einen
+Spittel muß, dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt man
+mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es auch wegen der
+Armenpflege besser, ich bin ja dort geboren, und überhaupt –«
+
+Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor Erregung kaum
+sprechen.
+
+Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: »Wenn das alles ist,
+was du zu bitten hast – das wird bald in Ordnung sein. Du hast ganz
+recht, ich will nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich
+hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.«
+
+Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an
+den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an
+seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche
+zwölfjährige Glut des rassigen Buben.
+
+»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob
+sich rasch, um an die Arbeit zu gehen.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp blieb den ganzen Tag im
+Bett. Der Doktor legte ihm einige Bücher hin, die er aber kaum berührte.
+Er war verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, gutes
+Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher als zuvor, daß es mit
+ihm zu Ende gehe.
+
+Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, dann komme ich
+nimmer auf. Es war ihm wenig mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte
+in den letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber sterben
+wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen und allerlei heimlichen
+Abschied dort genommen hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und
+vom einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener Franziska. Seine
+späteren Liebschaften waren vergessen, wie denn überhaupt die lange
+Reihe seiner Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien,
+während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft einen neuen Glanz
+und Zauber gewannen.
+
+Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; er hatte in vielen
+Jahren nicht so prächtig gewohnt. Er studierte mit sachlichem Blick und
+tastenden Fingern das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte
+Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der hartholzene Fußboden
+interessierte ihn, und die Photographie an der Wand, die den Dogenpalast
+in Venedig vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war.
+
+Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, ohne etwas zu sehen, müde
+und nur mit dem beschäftigt, was still in seinem kranken Leibe vorging.
+Aber plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem Bett und
+angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel her, um sie sorgfältig und
+sachkundig zu untersuchen. Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober,
+und bis zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und nachher war
+doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, er könnte Machold um ein paar
+alte Schuhe bitten. Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins
+Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig tastete er die brüchigen
+Stellen im Oberleder ab. Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es
+mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war überflüssig;
+vermutlich würde dies alte Paar Schuhe ihn überdauern und noch im
+Dienste sein, wenn er selbst schon von der Landstraße verschwunden war.
+
+Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, es tat ihm aber
+weh und machte ihn husten. Da blieb er still und wartend liegen, atmete
+in kleinen Zügen und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, ehe
+er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte.
+
+Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, aber sein Kopf
+ermüdete daran und er fiel in Halbschlummer. Nach einer Stunde
+erwachend, meinte er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch
+und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, er müsse ihm ein
+Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, wenn er fortginge. Er wollte ihm
+eins von seinen Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal
+danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines ganz besinnen, und
+keines gefiel ihm. Durchs Fenster sah er im nahen Wald den Nebel stehen
+und starrte lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem
+Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und mitgenommen hatte,
+schrieb er auf das saubere weiße Papier, mit dem die Schublade seines
+Nachttisches ausgelegt war, einige Zeilen:
+
+ Die Blumen müssen
+ Alle verdorren,
+ Wenn der Nebel kommt,
+ Und die Menschen
+ Müssen sterben,
+ Man legt sie ins Grab.
+
+ Auch die Menschen sind Blumen,
+ Sie kommen alle wieder,
+ Wenn ihr Frühling ist.
+ Dann sind sie nimmer krank,
+ Und alles wird verziehen.
+
+Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. Es war kein richtiges
+Lied, die Reime fehlten, aber es stand doch das darin, was er hatte
+sagen wollen. Und er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb
+darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, von seinem dankbaren
+Freunde K.«
+
+Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade.
+
+ * * * * *
+
+Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, aber es war eine
+strengkühle Luft, und man konnte am Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor
+ließ Knulp aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte,
+daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei und er dort erwartet werde.
+
+»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« meinte Knulp,
+»vier Stunden brauche ich doch, vielleicht fünf.«
+
+»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern ist jetzt nichts für
+dich. Du fährst mit mir im Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit
+finden. Ich schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht
+mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf einen Tag kommt es jetzt
+auch nimmer an.«
+
+Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen der Schulzenknecht
+mit zwei Kälbern nach Gerbersau fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte
+mit ihm fahren.
+
+»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« sagte Machold,
+»kannst du einen von mir tragen? Oder ist der zu weit?«
+
+Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, probiert und gut
+befunden. Knulp aber, da der Rock von gutem Tuch und wohlbehalten war,
+machte sich in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die Knöpfe
+zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor machen und gab ihm noch
+einen Hemdkragen dazu.
+
+Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit seine neue
+Kleidung, und da er nun wieder so gut aussah, begann es ihm leid zu tun,
+daß er sich in der letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte
+nicht, die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, aber er
+kannte den Schmied im Dorf und wollte dort einen Versuch machen.
+
+Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die Werkstatt und sagte
+den alten Handwerksgruß: »Fremder Schmied spricht um Arbeit zu.«
+
+Der Meister sah ihn kalt und prüfend an.
+
+»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das mußt du einem andern
+weismachen.«
+
+»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch gute Augen, Meister,
+und doch kennst du mich nicht. Weißt du, ich bin früher Musikant
+gewesen, und du hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner
+Handorgel getanzt.«
+
+Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und tat noch ein paar Stöße mit
+der Feile, dann führte er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit
+an.
+
+»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also der Knulp. Man wird
+halt älter, wenn man sich so lang nicht sieht. Was willst du in Bulach?
+Auf einen Zehner und auf ein Glas Most soll’s mir nicht ankommen.«
+
+»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm’s für genossen an. Aber
+ich will was anderes. Du könntest mir dein Rasiermesser für eine
+Viertelstunde leihen, ich will heut abend zum Tanzen gehen.«
+
+Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger.
+
+»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, mit dem Tanzen
+wirst du’s nimmer wichtig haben, so wie du aussiehst.«
+
+Knulp kicherte vergnügt.
+
+»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann geworden bist. Ja, ich
+muß also morgen ins Spital, der Machold schickt mich hin, und da wirst
+du begreifen, daß ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir
+das Messer, in einer halben Stunde hast du’s wieder.«
+
+»So? Und wo willst du denn hin damit?«
+
+»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, du gibst mir’s?«
+
+Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig.
+
+Er blieb mißtrauisch.
+
+»Ich geb dir’s schon. Aber weißt du, es ist kein so gewöhnliches Messer,
+es ist eine echte Solinger Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.«
+
+»Verlaß dich drauf.«
+
+»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. Den brauchst du
+zum Rasieren nicht. Ich will dir was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da,
+und wenn du mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den Rock
+wieder.«
+
+Der Landstreicher verzog das Gesicht.
+
+»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. Aber es soll meinetwegen
+gelten.«
+
+Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den Rock zum Pfande, duldete
+aber nicht, daß der rußige Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben
+Stunde kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, und sein
+struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah ganz anders aus.
+
+»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst du weiben gehen,«
+sagte der Schmied voll Anerkennung.
+
+Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, er zog seinen Rock wieder
+an, sagte kurzen Dank und ging davon.
+
+Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, der ihn verwundert
+anhielt.
+
+»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du aus! – Aha, rasiert!
+Mensch, du bist doch ein Kindskopf!«
+
+Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend wieder einen Rotwein zu
+trinken. Die beiden Schulkameraden feierten Abschied, und jeder war so
+aufgeräumt wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie eine Beklemmung
+anmerken lassen.
+
+Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen mit dem Wagen vorgefahren,
+auf dem in Lattenverschlägen zwei Kälber standen, mit den Knien
+zitterten und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum erstenmal
+Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem Knecht auf den Bock gesetzt und
+bekam eine Decke über die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und
+schenkte dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg und dem Wald
+entgegen, während der Knecht seine Pfeife anzündete und Knulp mit
+verschlafenen Augen in die hellblaue Morgenkühle blinzelte.
+
+Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde ganz warm. Die zwei auf
+dem Bock unterhielten sich ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau
+ankamen, wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und den Kälbern
+den Umweg machen und am Krankenhaus vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm
+das bald ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor der
+Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und sah dem Wagen nach, bis
+er unter den Ahornen beim Viehmarkt verschwand.
+
+Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen den Gärten ein, den nur
+Einheimische kannten. Er war wieder frei! Im Spital mochten sie warten.
+
+ * * * * *
+
+Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den Duft, die
+Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze erregende und sättigende
+Vertrautheit des Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf dem
+Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerflug
+später dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen
+Marktbrunnens, Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer aus der
+gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, wohlbekannte Gassennamen,
+jeder dicht behängt von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit
+allen Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber des
+Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sicherinnerns, der
+Kameradschaft mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd
+und unermüdet war er den ganzen Nachmittag in allen Gassen unterwegs,
+belauschte den Messerschleifer am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster
+seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern die alten Namen
+wohlbekannter Familien. Er tauchte die Hand in den steinernen Trog des
+Marktbrunnens, seinen Durst aber löschte er erst unten am kleinen
+Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll wie vor all den verflossenen
+Jahren im Erdgeschoß eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam
+klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den Steinplatten rauschte.
+Am Flusse stand er lange und lehnte an der hölzernen Brüstung überm
+ziehenden Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte und die
+schmalen Rücken der Fische schwarz und stille über den zitternden
+Kieseln standen. Er ging über den alten Steg und ließ sich in der Mitte
+in die Kniekehlen sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig
+elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu spüren.
+
+Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, nicht die Kirchenlinde
+mit dem kleinen Rasenstück und nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen
+einstigen Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, in dem
+vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und lehnte sich eine kleine Weile
+zärtlich mit dem Rücken an die alte Haustür, suchte auch den Garten auf
+und sah über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu angelegte
+Pflanzung hinein – aber die vom Regenwasser abgerundeten Steinstufen und
+der runde, feiste Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. Hier
+hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er sich aus der
+Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier hatte er einst ein volles
+Glück, Erfüllungen ohne Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet,
+diebesselige Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im
+Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack, lustige Winde,
+zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und Kaninchenställe und Werkstatt und
+Drachenbau, Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder
+aus Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen
+Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht,
+kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes
+Traumnest besessen hatte. Dieses Stück Welt hatte ihm gehört, war von
+ihm in tiefster Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte
+jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, Geschichten für ihn
+gehabt, jeder Regen- und Schneefall zu ihm gesprochen, hier hatte Luft
+und Erde in seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert und ihr
+Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte Knulp, war vielleicht hier
+ringsum kein Hausbewohner und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr
+angehört hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, mehr Antwort
+gab, mehr Erinnerungen weckte.
+
+Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der graue Giebel eines
+schmächtigen Hauses empor. Dort hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis
+gewohnt, und dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen ihr Ende
+gefunden in den ersten Heimlichkeiten und zärtlichen Händeln mit
+Mädchen. Von dort war er manchen Abend über die dämmernde Gasse
+heimgekehrt mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort hatte er den
+Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und unter den Küssen der schönen
+Franziska getaumelt. Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder
+vielleicht morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen ihn wenig, er
+hätte sie alle zusammen gerne hingegeben für das Gedächtnis einer
+einzigen Stunde der früheren, der Knabenzeit.
+
+Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun und schaute hinunter,
+und was er sah, war nicht der neue, fremde Garten, der dalag und mit
+dem jungen Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich aussah. Er sah
+den Garten seines Vaters, und seine Kinderblumen im kleinen Beet, am
+Ostersonntag gepflanzte Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine
+Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene Eidechsen
+ausgesetzt hatte, unglücklich, daß keine dort bleiben und wohnen und
+sein Haustier sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung und
+Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle Häuser und Gärten, alle
+Blumen und Eidechsen und Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken,
+und es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer einzigen
+Sommerblume, wie sie damals in seinem Gärtchen wuchs und die köstlichen
+Blumenblätter leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche
+von damals, deren jeden er noch genau im Gedächtnis hatte! Sie waren
+fort, sie waren nicht ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann
+hatte sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus gemacht, Holz
+und Wurzeln und welke Blätter waren miteinander verbrannt, und niemand
+hatte darum geklagt.
+
+Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. Der war jetzt ein
+Doktor und Herr und fuhr im Einspänner bei den kranken Leuten herum, und
+er war wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; aber auch
+er, auch dieser kluge und stramme Mann, was war er gegen damals, gegen
+den gläubigen, scheuen, erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals?
+Hier hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen baut und
+Schindeltürme für Heuschrecken, und er war Macholds Lehrer und sein
+größerer, klügerer, bewunderter Freund gewesen.
+
+Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das
+Lattenhaus im andern Garten war zerfallen, und man mochte an seine
+Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend
+und richtig, wie alles einmal gewesen war.
+
+Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als Knulp den vergrasten
+Gartenweg verließ. Vom neuen Kirchturm, der das Bild der Stadt
+veränderte, rief eine neue Glocke laut herüber.
+
+Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, es war
+Feierabend und niemand zu sehen. Unhörbar schritt er über den weichen
+Lohboden an den gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der Lauge
+lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß schon dunkel an den moosig
+grünen Steinen hintrieb. Da war der Ort, an dem er einmal eine
+Abendstunde mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser
+plätschernd.
+
+Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten lassen, dachte Knulp,
+dann wäre alles anders gekommen. Wenn auch die Lateinschule und das
+Studieren versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug gehabt, um doch
+etwas zu werden. Wie einfach und klar war das Leben! Damals hatte er
+sich weggeworfen und von allem nichts mehr wissen wollen, und das Leben
+war darauf eingegangen und hatte nichts von ihm verlangt. Er war
+außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten
+jungen Jahren und allein im Kranksein und Altern.
+
+Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf dem Mäuerchen
+nieder, und der Fluß rauschte dunkel in seine Gedanken. Da wurde über
+ihm ein Fenster hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn
+hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten und aus dem
+Tor, knöpfte den Rock zu und dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der
+Doktor hatte ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er in
+einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder »Schwanen« gehen können, wo
+man ihn kannte und wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm
+jetzt nicht gelegen.
+
+ * * * * *
+
+Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn früher bis ins
+kleinste interessiert hätte, aber diesmal wollte er nichts sehen und
+wissen, als was zur alten Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen
+erfuhr, daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, und ihm
+schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. Nein, es hatte keinen
+Sinn, hier in den Gassen und zwischen den Gärten herumzustrolchen und
+sich von denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen zu
+lassen. Und als er zufällig in dem engen Postgäßlein dem Oberamtsarzt
+begegnete, fiel ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben im
+Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. Alsbald kaufte er bei einem
+Bäcker zwei Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch vor
+Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße hinan.
+
+Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten großen Straßenbiegung, ein
+staubiger Mann auf einem Steinhaufen und klopfte mit einem
+langstieligen Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke.
+
+Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen.
+
+»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, ohne den Kopf zu heben.
+
+»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte Knulp.
+
+»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und sah einen Augenblick
+empor, vom Mittagslicht auf der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr
+hinaus?«
+
+»Nach Rom zum Papst,« sagte Knulp. »Ist’s wohl noch weit?«
+
+»Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall stehen bleiben müsset und
+die Leute in der Arbeit stören, dann erlaufet Ihr’s in keinem Jahr.«
+
+»So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich’s nicht, Gott sei Dank. Ihr seid ein
+fleißiger Mann, Herr Andres Schaible.«
+
+Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen und musterte den
+Wanderer.
+
+»Ihr kennt mich also,« sagte er bedächtig, »und ich kenn Euch auch, will
+mir scheinen. Bloß auf den Namen muß ich noch kommen.«
+
+»Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo wir Anno neunzig
+allemal unseren Sitz gehabt haben. Aber er wird nimmer leben.«
+
+»Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir’s, alter Kunde. Du bist der
+Knulp. Setz dich ein bißchen her, und grüß Gott auch!«
+
+Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete mit Beschwerden;
+er sah erst jetzt, wie schön in der Tiefe das Städtchen lag, blaublanker
+Fluß, rotbraunes Dächergewimmel und kleine grüne Bauminseln dazwischen.
+
+»Du hast es nett hier droben,« sagte er aufatmend.
+
+»Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Früher ist’s leichter den
+Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja heillos, Knulp. Hast wieder
+einmal die Heimat besucht?«
+
+»Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.«
+
+»Und warum denn?«
+
+»Weil halt die Lunge kaputt ist. Weißt du nix dagegen?«
+
+»Daheim geblieben wenn du wärst, mein Lieber, und hättest brav
+geschafft, und hättest Weib und Kinder und jeden Abend dein Bett, dann
+wär’s vielleicht anders mit dir. Na, darüber weißt du meine Meinung von
+früher her. Da kann man jetzt nichts machen. Ist’s denn so schlimm?«
+
+»Ach, ich weiß nicht. – Oder doch, ich weiß schon. Es geht halt den
+Berg hinunter, und jeden Tag ein bißchen schneller. Da ist’s dann wieder
+ganz gut, wenn man für sich allein ist und niemand zur Last fällt.«
+
+»Wie man’s nimmt; das ist deine Sache. Es tut mir aber leid.«
+
+»Ist nicht nötig. Gestorben muß einmal sein, es kommt sogar an die
+Steinklopfer. Ja, alter Kunde, da sitzen jetzt wir zwei und können uns
+beide nicht viel einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken im
+Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn gewollt?«
+
+»Ach, das sind alte Geschichten.«
+
+»Und deine Kinder sind gesund?«
+
+»Ich weiß nichts andres. Der Jakob verdient jetzt schon.«
+
+»So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich, jetzt auch ein wenig
+weiter.«
+
+»Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang nimmer gesehen hat! Sag,
+Knulp, kann ich dir mit etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es
+wird eine halbe Mark sein.«
+
+»Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein, danke schön.«
+
+Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm elend ums Herz, und er
+schwieg, und der Steinklopfer gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken.
+Sie blickten eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel im
+Mühlkanal blitzte kräftig herauf, über die Steinbrücke fuhr langsam ein
+Lastwagen, und unterm Wehr schwamm lässig ein weißes Gänsegeschwader.
+
+»Jetzt hab ich ausgeruht und muß weiter,« fing Knulp wieder an.
+
+Der Steinklopfer saß in Gedanken und schüttelte den Kopf.
+
+»Hör, du, du hättest mehr werden können als so ein armer Teufel von
+Pennbruder,« sagte er langsam. »Es ist doch sündenschad um dich. Weißt
+du, Knulp, ich bin gewiß kein Stündeler, aber ich glaube halt doch, was
+in der Bibel steht. Du mußt auch daran denken. Du wirst dich
+verantworten müssen, es wird nicht so leicht gehn. Du hast Gaben gehabt,
+bessere als ein anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du
+darfst mir’s nicht zürnen, wenn ich das sage.«
+
+Jetzt lächelte Knulp, und ein Schimmer von der alten harmlosen
+Schelmerei stand in seinen Augen. Er klopfte seinem Kameraden freundlich
+auf den Arm und stand auf.
+
+»Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott fragt mich vielleicht
+gar nicht: Warum bist du nicht Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er
+auch bloß: Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben eine
+leichte Arbeit, Kinderhüten oder so.«
+
+Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau und weiß gewürfelten
+Hemde.
+
+»Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst, wenn der Knulp kommt,
+da wird der Herrgott nichts als Späße machen.«
+
+»Ach nein. Aber es könnte doch sein, nicht?«
+
+»Red nicht so!«
+
+»Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle halt einmal den
+Schaible fragen, der kenne mich gut. Was sagst du ihm dann?«
+
+»Nee, mich braucht der Herrgott gewiß nicht dazu. Aber ich täte sagen:
+Der Knulp hat sein Leben lang nichts als Kindereien getrieben, aber ich
+glaube, er ist halt doch ein guter und anständiger Kerl gewesen.«
+
+Sie gaben sich die Hände, und dabei steckte der Steinklopfer ihm ein
+kleines Geldstück zu, das er verstohlen aus seiner Hosentasche gegraben
+hatte. Und Knulp nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen nicht
+seine Freude zu verderben.
+
+Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal, nickte noch
+einmal zu Andres Schaible zurück, dann begann er zu husten und machte
+schnellere Schritte, und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Vierzehn Tage später, nachdem es auf nebelkalte Tage noch sonnige mit
+späten Glockenblumen und kühlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach
+plötzlich der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf am dritten
+Tage bei milderer Luft einen schweren, hastigen Schneefall.
+
+Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen, auf zielloser Streife
+immer im Umkreis der Heimat, und noch zweimal hatte er aus nächster
+Nähe, im Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen und
+beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er hatte zu viel zu denken
+gehabt und war auf allen den langen, mühsamen, nutzlosen Wegen immer
+tiefer in das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in zähe
+Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu finden. Dann war die
+Krankheit von neuem über ihn gekommen, und wenig fehlte, so wäre er
+eines Tages trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und hätte am
+Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem Alleinsein wieder
+die Stadt unten liegen sah, da klang ihm alles fremd und feindlich
+entgegen, und es ward ihm klar, daß er nimmer dorthin gehöre. Zuweilen
+kaufte er in einem Dorf ein Stück Brot, auch gab es noch Haselnüsse
+genug. Die Nächte brachte er in den Blockhütten der Waldarbeiter oder
+zwischen Strohbündeln auf dem Felde zu.
+
+Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg herüber gegen die
+Talmühle gegangen, verfallen und todesmüde und dennoch immerzu auf den
+Beinen, als müsse er den kleinen Rest seiner Tage noch mächtig ausnützen
+und laufen, laufen, allen Waldrändern und Schneisen nach. So krank und
+müde er war, seine Augen und seine Nüstern hatten die alte Beweglichkeit
+behalten; äugend und schnuppernd wie ein feinfühliger Jagdhund stellte
+er auch jetzt noch, da es keine Ziele mehr für ihn gab, jede
+Bodensenkung, jeden Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht
+dabei, und seine Beine gingen von selber.
+
+In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie seit einigen Tagen
+fast immerzu, vor dem lieben Gott und sprach unaufhörlich mit ihm.
+Furcht hatte er keine; er wußte, daß Gott uns nichts tun kann. Aber sie
+sprachen miteinander, Gott und Knulp, über die Zwecklosigkeit seines
+Lebens, und wie das hätte anders eingerichtet werden können, und warum
+dies und jenes so und nicht anders habe gehen müssen.
+
+»Damals ist es gewesen,« beharrte Knulp immer wieder, »damals, wie ich
+vierzehn Jahre alt war und die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da
+hätte noch alles aus mir werden können. Und dann ist irgend etwas in mir
+kaputt gegangen oder verpfuscht worden, und von da an habe ich eben
+nichts mehr getaugt. – Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, daß
+du mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen! Dann wäre mein
+Leben so schön und vollkommen gewesen wie ein reifer Apfel.«
+
+Der liebe Gott aber lächelte immerzu, und manchmal verschwand sein
+Gesicht ganz in dem Schneetreiben.
+
+»Na, Knulp,« sagte er ermahnend, »denk einmal an deine
+Jungeburschenzeit, und an den Sommer im Odenwald, und an die
+Lächstettener Zeiten! Hast du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das
+schöne Leben in allen Gelenken zucken gefühlt? Hast du nicht singen
+können und Harmonika spielen, daß den Mädchen die Augen übergelaufen
+sind? Weißt du noch die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz,
+die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?«
+
+Knulp mußte nachdenken, und wie ferne Bergfeuer strahlten ihm die
+Freuden seiner Jugend dunkelschön herüber und dufteten schwer und süß
+wie Honig und Wein, und klangen tieftönig wie Tauwind in der
+Vorfrühlingsnacht. Herrgott, es war schön gewesen, schön die Lust und
+schön die Trauer, und es wäre jammerschade um jeden Tag gewesen, der
+gefehlt hätte!
+
+»Ach ja, es war schön,« gab er zu, und war doch voll Weinerlichkeit und
+Widerspruch wie ein müdes Kind. »Es war ja wunderschön damals. Freilich,
+Schuld und Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist wahr,
+es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht haben nicht viele solche
+Becher ausgetrunken und solche Tänze angeführt und solche Liebesnächte
+gefeiert, wie ich dazumal. Aber dann, dann hätte es aus sein sollen!
+Schon dort war ein Stachel im Glück, ich weiß noch wohl, und dann sind
+niemals mehr so gute Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.«
+
+Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden. Nun, da Knulp ein
+wenig stehen blieb, um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine
+Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott unversehens wieder da
+und gab Antwort.
+
+»Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar? Ich muß lachen,
+wie vergeßlich du geworden bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo
+du der Tanzbodenkönig warst, und an deine Henriette, und du hast zugeben
+müssen: es war gut und schön, es hat wohlgetan und einen Sinn gehabt.
+Und wenn du so an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was für
+Gefühlen willst du dann gar an Lisabeth denken? He? Ja, hast du denn die
+ganz vergessen können?«
+
+Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein Stück Vergangenheit vor
+Knulps Augen, und wenn es nicht ganz so froh und lustig aussah wie das
+vorige, so glänzte es dafür viel heimlicher und inniger, wie Frauen
+lächeln zwischen Tränen, und es standen Tage und Stunden aus ihren
+Gräbern auf, an die er lange nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand
+Lisabeth, mit schönen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf dem Arm.
+
+»Was für ein schlechter Kerl bin ich gewesen!« fing er wieder zu klagen
+an. »Nein, seit die Lisabeth tot ist, hätte ich auch nimmer leben
+dürfen.«
+
+Aber Gott ließ ihn nicht weiterreden. Er sah ihn durchdringend aus den
+hellen Augen an und fuhr fort: »Hör auf, Knulp! Du hast der Lisabeth
+sehr weh getan, das ist nicht anders, aber du weißt wohl, sie hat doch
+mehr Zartes und Schönes von dir empfangen als Böses, und sie hat dir
+nicht einen Augenblick gezürnt. Siehst du denn immer noch nicht, du
+Kindskopf, was der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, daß du
+deswegen ein Leichtfuß und ein Vagabund sein mußtest, damit du überall
+ein Stück Kindertorheit und Kinderlachen hintragen konntest? Damit
+überall die Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig hänseln
+und dir ein wenig dankbar sein mußten?«
+
+»Es ist am Ende wahr,« gab Knulp nach einigem Schweigen halblaut zu.
+»Aber das ist alles früher gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich
+aus dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch geworden? Es
+wäre noch Zeit gewesen.«
+
+Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete wieder einen Augenblick
+und wollte den dicken Schnee von Hut und Kleidern schütteln. Aber er kam
+nicht dazu, er war zerstreut und müde, und Gott stand jetzt nahe vor
+ihm, seine lichten Augen waren weit offen und strahlten wie die Sonne.
+
+»Nun sei einmal zufrieden,« mahnte Gott, »was soll das Klagen nützen?
+Kannst du wirklich nicht sehen, daß alles gut und richtig zugegangen ist
+und daß nichts hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt ein
+Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau und Kinder haben und am
+Abend das Wochenblatt lesen? Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen
+und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen stellen und
+Eidechsen zähmen?«
+
+Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor Müdigkeit und spürte
+doch nichts davon. Es war ihm viel wohler zumute geworden, und er nickte
+dankbar zu allem, was Gott ihm sagte.
+
+»Sieh,« sprach Gott, »ich habe dich nicht anders brauchen können, als
+wie du bist, und ich habe dir den Stachel der Heimatlosigkeit und
+Wanderschaft mitgeben müssen, sonst wärest du irgendwo sitzen geblieben
+und hättest mir mein Spiel verdorben. In meinem Namen bist du gewandert
+und hast den seßhaften Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach
+Freiheit mitbringen müssen. In meinem Namen hast du Dummheiten gemacht
+und dich verspotten lassen; ich selber bin in dir verspottet und bin in
+dir geliebt worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und ein Stück
+von mir, und du hast nichts gekostet und nichts gelitten, was ich nicht
+mit dir erlebt habe.«
+
+»Ja,« sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf. »Ja, es ist so, ich
+habe es eigentlich immer gewußt.«
+
+Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder waren ganz leicht
+geworden, und seine entzündeten Augen lächelten.
+
+Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen, hörte er noch immer
+Gottes Stimme reden und sah noch immer in seine hellen Augen.
+
+»Also ist nichts mehr zu klagen?« fragte Gottes Stimme.
+
+»Nichts mehr,« nickte Knulp und lachte schüchtern.
+
+»Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?«
+
+»Ja,« nickte er, »es ist alles, wie es sein soll.«
+
+Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die seiner Mutter, bald
+wie Henriettes Stimme, bald wie die gute, sanfte Stimme der Lisabeth.
+
+»Dann bist du daheim,« sagte die Stimme. »Dann bist du daheim und
+bleibst bei mir.«
+
+Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so
+sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer
+auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum
+Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.
+
+
+ _Ende_
+
+
+
+
+ Werke von Hermann Hesse
+
+
+Peter Camenzind
+
+Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg.
+
+Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten, muskeligen
+Kerls, der aber den versonnenen Träumerkopf des Hermann Hesse auf den
+Schultern hat. Und da ist schon die Tragik – so einer findet sich im
+Leben nicht zurecht. Draußen nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige
+Firnenreinheit ist über den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles
+klärt und versöhnt.
+ (Freistatt, München)
+
+
+Aus Indien
+
+Aufzeichnungen von einer indischen Reise
+
+6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig
+
+Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben großen,
+verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen Romanen und Novellen
+Menschen und Landschaften seiner süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er
+uns auch führt, es ist ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles
+Fremde, Exotische führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück.
+Damit pflückt er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte,
+und doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; eine
+in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie sie Hesse
+mit unsern besten deutschen Meistern verbindet.
+ (Königsberg. Allgemeine Zeitung)
+
+
+Umwege
+
+Erzählungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. Diese höchste
+Kunst in der stillsten Schlichtheit seines Wortgefüges, diese innig
+beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, diese ruhig
+abwartende Ironie der Darstellung menschlicher Schwächen und Schwänke
+sind unvergleichlich. Wie Gottfried Keller in seinen »Seldwylern«, so
+hat Hesse in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht,
+seine ganz persönliche Domäne gefunden.
+ (Berliner Tageblatt)
+
+
+Roßhalde
+
+Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg.
+
+Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten und
+dunkelsten Gemütsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal.
+Zwischen Mann und Frau in einer Künstlerehe ist eine Fremdheit in die
+Höhe gewachsen, grundlos, mit der Unüberwindlichkeit alles Elementaren.
+Es liegt wie eine dumpfe Last über beiden, die sie nicht heben können,
+weil ihr Kind es ihnen unmöglich macht, auseinanderzugehen. Nie hat
+Hermann Hesse künstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie die seelische
+Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften Bann der zwiefachen
+Einsamkeit dessen, der zum engsten Zusammenleben mit einem einst nahen
+und nun willenlos feindlich fernen Menschen verdammt ist. »Roßhalde« ist
+eines der menschlich tiefsten und wahrsten Bücher, die geschrieben sind.
+ (Die Hilfe)
+
+
+Diesseits
+
+Erzählungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,
+schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit
+weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden
+Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses
+neuen Novellenband »Diesseits« lesen.
+ (Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Nachbarn
+
+Erzählungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf
+Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch
+zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen
+schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese
+Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und
+die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei
+Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.
+ (Württemberger Zeitung, Stuttgart)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer
+Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.
+
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin
+p 052: kann ihm hastig -> kam
+p 101: So so. -> So, so.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the edition
+published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek
+zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin
+p 052: kann ihm hastig -> kam
+p 101: So so. -> So, so.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+***** This file should be named 17622-0.txt or 17622-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/6/2/17622/
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
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+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,3738 @@
+The Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Knulp
+ Drei Geschichten aus dem Leben Knulps
+
+Author: Hermann Hesse
+
+Release Date: January 29, 2006 [EBook #17622]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+
+
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Fischers Bibliothek
+ zeitgenössischer Romane
+
+
+ Knulp
+
+ Drei Geschichten aus dem Leben Knulps
+
+ von
+
+ Hermann Hesse
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung.
+ Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.
+ Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Vorfrühling ................... 7
+
+ Meine Erinnerung an Knulp ..... 67
+
+ Das Ende ...................... 97
+
+
+
+
+Vorfrühling
+
+
+Anfang der neunziger Jahre mußte unser Freund Knulp einmal mehrere
+Wochen im Spital liegen, und als er entlassen wurde, war es Mitte
+Februar und scheußliches Wetter, so daß er schon nach wenigen
+Wandertagen wieder Fieber spürte und auf ein Unterkommen bedacht sein
+mußte. An Freunden hat es ihm nie gefehlt, und er hätte fast in jedem
+Städtchen der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. Aber
+darin war er sonderbar stolz, so sehr, daß es eigentlich für eine Ehre
+gelten konnte, wenn er von einem Freund etwas annahm.
+
+Diesmal war es der Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten, dessen er
+sich erinnerte und an dessen schon verschlossener Haustüre er abends bei
+Regen und Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen im
+Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle Gasse hinunter: »Wer ist
+draußen? Hat's nicht auch Zeit, bis es wieder Tag ist?«
+
+Knulp, als er die Stimme des alten Freundes hörte, wurde trotz aller
+Müdigkeit sofort munter. Er erinnerte sich an ein Verschen, das er vor
+Jahren gemacht hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil Rothfuß
+zusammen gewandert war, und sang alsbald am Hause hinauf:
+
+ »Es sitzt ein müder Wandrer
+ In einer Restauration,
+ Das ist gewiß kein andrer
+ Als der verlorne Sohn.«
+
+Der Gerber stieß den Laden heftig auf und beugte sich weit aus dem
+Fenster.
+
+»Knulp! Bist du's oder ist's ein Geist?«
+
+»Ich bin's!« rief Knulp. »Du kannst aber auch über die Stiege herunter
+kommen, oder muß es durchs Fenster sein?«
+
+Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die Haustüre auf und leuchtete
+dem Ankömmling mit der kleinen rauchenden Öllampe ins Gesicht, daß er
+blinzeln mußte.
+
+»Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und zog den Freund ins
+Haus. »Erzählen kannst du später. Es ist noch was vom Nachtessen übrig,
+und ein Bett kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! Ja, hast
+du denn auch gute Stiefel, du?«
+
+Knulp ließ ihn fragen und sich wundern, schlug auf der Treppe sorgfältig
+die umgelitzten Hosenbeine herab und stieg mit Sicherheit durch die
+Dämmerung empor, obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten
+hatte.
+
+Im Gang oben, vor der Wohnstubentüre, blieb er einen Augenblick stehen
+und hielt den Gerber, der ihn eintreten hieß, an der Hand zurück.
+
+»Du,« sagte er flüsternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?«
+
+»Ja, freilich.«
+
+»Eben drum. -- Weißt du, deine Frau kennt mich nicht; es kann sein, sie
+hat keine Freude. Stören mag ich euch nicht.«
+
+»Ach was stören!« lachte Rothfuß, tat die Türe weit auf und drängte
+Knulp in die helle Stube. Da hing über einem großen Eßtisch an drei
+Ketten die große Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte in
+der Luft und drängte in dünnen Zügen nach dem heißen Zylinder hin, wo er
+hastig emporwirbelte und verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und
+eine Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen schmalen
+Kanapee an der Querwand sprang mit halber und verlegener Munterkeit, als
+sei sie in einem Schlummer gestört worden und wolle es nicht merken
+lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen Augenblick wie
+verwirrt am scharfen Licht, sah der Frau in die hellgrauen Augen und gab
+ihr mit einem höflichen Kompliment die Hand.
+
+»So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und das ist der Knulp,
+mein Freund Knulp, weißt du, von dem wir auch schon gesprochen haben. Er
+ist natürlich unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja doch
+leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, und der Knulp muß
+was zu essen haben. Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?«
+
+Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach.
+
+»Ein bißchen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. Aber Rothfuß
+wollte das nicht zugeben.
+
+»Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp.
+
+Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem Zinnteller die Wurst
+und stellte das Brotbrett daneben, das in seiner Mitte einen halben Laib
+Schwarzbrot trug, sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um
+dessen Ründung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift lief: Gib uns
+heute unser täglich Brot.
+
+»Weißt du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt hat?«
+
+»Laß doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich lächelnd an die
+Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau Meisterin.«
+
+Aber Rothfuß ließ nicht nach.
+
+»Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.«
+
+»Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder davon.
+
+»Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie draußen war.
+
+»Nein, noch keine. Sie läßt sich Zeit, weißt du, und für die ersten
+Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, gelt, und laß dir's schmecken!«
+
+Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen Mostkrug herein
+und stellte drei Gläser dazu auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie
+machte es geschickt, Knulp sah ihr zu und lächelte.
+
+»Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und streckte Knulp sein Glas
+entgegen. Der war aber galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes
+Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!«
+
+Sie stießen an und tranken, und Rothfuß leuchtete vor Freude und
+blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch bemerke, was sein Freund für
+fabelhafte Manieren habe.
+
+Sie hatte es aber längst bemerkt.
+
+»Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist höflicher als du, der weiß,
+was der Brauch ist.«
+
+»O bitte,« meinte der Gast, »das hält eben jeder so, wie er's gelernt
+hat. Was Manieren betrifft, da könnten Sie mich leicht in Verlegenheit
+bringen, Frau Meisterin. Und wie schön Sie serviert haben, wie im
+feinsten Hotel!«
+
+»Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch gelernt.«
+
+»So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?«
+
+»Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab ihn kaum mehr gekannt.
+Aber ich habe ein paar Jahre lang im Ochsen serviert, wenn Sie den
+kennen.«
+
+»Im Ochsen? Der ist früher das feinste Gasthaus von Lächstetten
+gewesen,« lobte Knulp.
+
+»Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast nur Handlungsreisende
+und Turisten im Logis gehabt.«
+
+»Ich glaub's, Frau Meisterin. Da haben Sie's sicher gut gehabt und was
+Schönes verdient! Aber ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?«
+
+Langsam und genießerisch strich er die weiche Wurst auf sein Brot,
+legte die reinlich abgezogene Haut auf den Rand des Tellers und nahm
+zuweilen einen Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister sah
+mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den schlanken feinen Händen
+das Notwendige so sauber und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es
+mit Gefallen wahr.
+
+»Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im weiteren Emil Rothfuß
+zu tadeln, und jetzt mußte Knulp bekennen, daß es ihm neuestens schlecht
+gegangen und daß er im Krankenhaus gewesen sei. Doch verschwieg er alles
+Peinliche. Als ihn darauf sein Freund fragte, was er denn jetzt
+anzufangen denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager für jede
+Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was Knulp erwartet und womit er
+gerechnet hatte, aber er wich wie in einer Anwandlung von Schüchternheit
+aus, dankte flüchtig und verschob das Besprechen dieser Dinge bis
+morgen.
+
+»Über das können wir morgen oder übermorgen auch noch reden,« meinte er
+nachlässig, »die Tage gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile
+bleib ich auf alle Fälle hier.«
+
+Er machte nicht gern Pläne oder Versprechungen auf lange Zeit. Wenn er
+nicht die freie Verfügung über den kommenden Tag in der Tasche hatte,
+fühlte er sich nicht wohl.
+
+»Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« begann er dann
+wieder, »so mußt du mich als deinen Gesellen anmelden.«
+
+»Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du und mein Gesell! Außerdem
+bist du ja gar kein Weißgerber.«
+
+»Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir gar nichts am Gerben,
+es soll zwar ein schönes Handwerk sein, und zum Arbeiten habe ich kein
+Talent. Aber meinem Wanderbüchlein wird es gut tun, weißt du. Für das
+Krankengeld käme ich dann schon auf.«
+
+»Darf ich's einmal sehen, dein Büchlein?«
+
+Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges und zog das
+Ding heraus, das reinlich in einem Wachstuchfutteral steckte.
+
+Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer tadellos! Man meint, du
+seiest erst gestern früh von der Mutter fortgereist.«
+
+Dann studierte er die Einträge und Stempel und schüttelte in tiefer
+Bewunderung den Kopf: »Nein, ist das eine Ordnung! Bei dir muß halt
+alles nobel sein.«
+
+Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von
+Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige
+Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge
+bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und
+arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger
+Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben
+hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten diese
+Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter geführt, während er in
+Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser
+Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich
+wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört
+fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie
+ließen den heiteren, unterhaltsamen Menschen, dessen geistige
+Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in
+Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein
+Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ
+man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten Hauswesen eine
+hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint,
+während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten
+Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und
+arbeitsloses Dasein verlebt.
+
+»Aber jetzt wäret ihr schon lang im Bett, wenn ich nicht gekommen wäre,«
+rief Knulp, indem er seine Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und
+machte der Hausfrau ein Kompliment.
+
+»Komm, Rothfuß, und zeig mir, wo mein Bett steht.«
+
+Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale Stiege zum Dachstock
+hinauf und in die Gesellenkammer. Da stand eine leere eiserne Bettstatt
+an der Wand und daneben eine hölzerne, die mit Bettzeug versehen war.
+
+»Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt väterlich.
+
+»Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr Meister, der braucht
+freilich keine, wenn er so ein hübsches kleines Frauelein hat.«
+
+»Ja, siehst du,« meinte Rothfuß ganz eifrig, »da steigst du jetzt in
+dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, und manchmal noch in ein
+schlechteres, und manchmal hast du gar keins und mußt im Heu schlafen.
+Aber unsereiner hat Haus und Geschäft und eine nette Frau. Schau, du
+könntest doch schon lang Meister sein und weiter als ich, wenn du bloß
+gewollt hättest.«
+
+Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider abgelegt und sich
+fröstelnd in das kühle Bettzeug verkrochen.
+
+»Weißt du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut und kann zuhören.«
+
+»Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.«
+
+»Mir auch, Rothfuß. Du mußt aber nicht meinen, das Heiraten sei eine
+Erfindung von dir. Also gut Nacht auch!«
+
+ * * * * *
+
+Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er fühlte sich noch etwas
+schwach, und das Wetter war so, daß er doch das Haus kaum verlassen
+hätte. Den Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, er möge
+ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag einen Teller Suppe
+heraufbringen.
+
+So lag er in der dämmerigen Dachkammer den ganzen Tag still und zufrieden,
+fühlte Kälte und Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit Lust
+dem Wohlgefühl warmer Geborgenheit hin. Er hörte dem fleißigen Klopfen
+des Regens auf dem Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und föhnig
+in launischen Stößen ging. Dazwischen schlief er halbe Stunden oder las,
+solange es licht genug war, in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus
+Blättern, auf welche er sich Gedichte und Sprüche abgeschrieben hatte,
+und aus einem kleinen Bündel von Zeitungsausschnitten. Auch einige
+Bilder waren dazwischen, die er in Wochenblättern gefunden und
+ausgeschnitten hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen vom
+öfteren Hervorziehen schon brüchig und zerfasert aus. Das eine stellte
+die Schauspielerin Eleonora Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff
+bei starkem Winde auf hoher See. Für den Norden und für das Meer hatte
+Knulp seit den Knabenjahren eine starke Vorliebe, und mehrmals hatte er
+sich dahin auf den Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische
+gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer unterwegs war und an keinem
+Orte lang verweilen konnte, hatte eine merkwürdige Bangigkeit und
+Heimatliebe immer wieder in raschen Märschen nach Süddeutschland
+zurückgetrieben. Es mag auch sein, daß ihm die Sorglosigkeit
+verlorenging, wenn er in Gegenden mit fremder Mundart und Sitte kam, wo
+niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein legendenhaftes
+Wanderbüchlein in Ordnung zu halten.
+
+Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und Brot herauf. Er trat
+leise auf und sprach in einem erschrockenen Flüsterton, da er Knulp für
+krank hielt und selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals am
+hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der sich sehr wohl fühlte, gab
+sich keine Mühe mit Erklärungen und versicherte nur, er werde morgen
+wieder aufstehen und gesund sein.
+
+Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, und da Knulp im
+Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau
+vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale
+Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.
+
+Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, blieb aus Müdigkeit oder
+Laune mit geschlossenen Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß
+er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf
+einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf auf dem halb vom
+blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit
+des dunklen Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen
+Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hübschen
+Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzählt hatte.
+Sie sah über den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten,
+hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen,
+hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr
+wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und
+je in Frühlingslaunen sich von einem solchen fremden, hübschen Buben
+hatte liebhaben lassen.
+
+Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um
+das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Löffel vom Teller und
+fiel auf den Boden, worüber sie in der Stille und befangenen
+Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.
+
+Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief
+geschlafen. Er drehte den Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand
+über die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die Frau
+Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee,
+das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also
+schönen Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für Zeit?«
+
+»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist,
+nachher hol ich das Geschirr dann wieder.«
+
+Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute übrig. Knulp sah ihr
+nach und hörte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er
+machte nachdenkliche Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, dann stieß
+er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem
+Kaffee.
+
+Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er
+fühlte sich wohl und prächtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig
+unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich
+in der tiefen Dämmerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und
+schlüpfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und
+feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen
+große Flecken licht und klar.
+
+Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und über den
+verödeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede
+auf, sah den Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch mit den
+Gesellen an und hielt die kühlen Hände über die dunkelrot verglosende
+Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt,
+erkundigte sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich von dem
+Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen
+und Erkennungszeichen aller Handwerke geläufig.
+
+Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre Abendsuppe an,
+klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schälte Kartoffeln,
+und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand,
+ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber und stellte sich vor
+dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles,
+frischwangiges Gesicht mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu
+bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung.
+Darauf strich sie die frischgewaschenen Hände noch einmal an der Schürze
+ab, nahm das Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.
+
+Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, und nochmals etwas
+lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden
+und machte mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie nicht
+knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete
+den Stuhl bei der Bettstatt.
+
+»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal:
+»Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abräumen.«
+
+Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu hören war, streckte
+sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefühl von
+Unheimlichkeit wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun die
+Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und
+Federdecke tadellos aufgeschüttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen
+Angst und Enttäuschung, in ihre Küche zurück.
+
+Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen
+und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu
+machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der
+Dachkammer zu erzählen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt
+klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und
+Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom Kopf und wünschte
+guten Abend.
+
+»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und
+läuft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.«
+
+»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau Rothfuß, ich komme ja
+gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her
+gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.«
+
+Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig und rühmte sich
+seiner Häuslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und
+redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und
+Nichtstun einmal aufgeben. Knulp hörte zu und gab wenig Antwort, und die
+Meisterin sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der ihr
+neben dem manierlichen und hübschen Knulp grob erschien, und gab dem
+Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund.
+Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers
+Rasiermesser aus.
+
+»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das Messer hergab. »Kaum
+kratzt's dich am Kinn, so muß der Bart herunter. Also gut Nacht, und
+gute Besserung!«
+
+Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen
+oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und
+Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den
+Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in welchem klare, feucht
+schimmernde Sterne brannten.
+
+Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schließen, da
+wurde ein kleines Fenster ihm gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell.
+Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch deren
+Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter
+in der Hand und in der Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden
+abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr schmales Mägdebett
+hin, das bescheiden und säuberlich mit einer groben roten Wollendecke
+zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin,
+und setzte sich auf eine niedere grüngemalte Kofferkiste, wie alle
+Dienstmägde eine haben.
+
+Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben zu spielen begann,
+sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand
+nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt.
+
+Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war
+vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben groß gewachsen, und
+hatte ein bräunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen
+Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar
+nicht fröhlich aus, und die ganze Person saß auf ihrer harten grünen
+Kiste ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der die Welt und
+auch die Mädchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei
+noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie
+ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und suchte einen
+flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem
+kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.
+
+Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem
+Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde
+Menschenleben hinüber, das so harmlos seinen hübschen Kummer im
+Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen,
+gutmütigen Augen bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von
+langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote
+Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Händen zu, wie sie müde
+waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig
+hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide
+ruhten.
+
+Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den
+schweren, in ein Nest aufgesteckten Zöpfen empor, blickte gedankenvoll,
+doch nicht minder bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um
+ihre Schuhnestel aufzulösen.
+
+Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht
+und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern
+hätte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem
+Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen lassen. Aber er fürchtete,
+sie würde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber
+riefe.
+
+Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Künste zu üben. Er
+hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und
+er pfiff das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, und
+es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, daß das Mädchen eine ganze
+Weile zuhörte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten
+Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster
+trat.
+
+Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise
+weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach,
+schaute dann plötzlich auf und erkannte, woher die Musik komme.
+
+»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut.
+
+»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die
+Jungfer nicht im Schlafen stören. Ich habe nur ein bißchen das Heimweh
+gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. --
+Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?«
+
+»Ich bin vom Schwarzwald.«
+
+»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie
+gefällt's dir in Lächstetten? Mir gar nicht.«
+
+»O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. Aber es gefällt
+mir auch nicht recht. Seid Ihr schon länger da?«
+
+»Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu einander, gelt?«
+
+»Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar nicht.«
+
+»Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen nicht zueinander, aber
+die Leute. Wo ist denn Euer Ort, Fräulein?«
+
+»Das kennt Ihr doch nicht.«
+
+»Wer weiß? Oder ist's ein Geheimnis?«
+
+»Achthausen. Es ist bloß ein Weiler.«
+
+»Aber ein schöner, gelt? Vorn am Eck steht eine Kapelle, und es ist auch
+eine Mühle da, oder eine Sägerei, und dort haben sie einen großen
+gelben Bernhardinerhund. Stimmt's oder stimmt's nicht?«
+
+»Der Bello, herrje!«
+
+Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich dort gewesen, fiel ein
+großes Teil Mißtrauen und Bedrücktheit von ihr ab, und sie wurde ganz
+eifrig.
+
+»Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie rasch.
+
+»Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist Euer Vater?«
+
+»Ja.«
+
+»So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und wenn ich jetzt noch
+den Vornamen dazu weiß, dann kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn
+ich wieder einmal durch Achthausen komme.«
+
+»Wollet Ihr denn schon wieder fort?«
+
+»Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen wissen, Jungfer Flick.«
+
+»Ach was, ich weiß ja Euren auch nicht.«
+
+»Das tut mir leid, aber es läßt sich ändern. Ich heiße Karl Eberhard,
+und wenn wir uns einmal am Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr
+mich anrufen müßt, und wie muß ich dann zu Euch sagen?«
+
+»Barbara.«
+
+»So ist's recht und danke schön. Er ist aber schwer zum Aussprechen,
+Euer Name, und ich möchte fast eine Wette machen, daß man Euch daheim
+Bärbele gerufen hat.«
+
+»Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon wisset, warum fraget Ihr
+dann so viel? Aber jetzt müssen wir Feierabend machen. Gut Nacht,
+Gerber.«
+
+»Gut Nacht, Jungfer Bärbele. Schlafet auch gut, und weil Ihr's seid,
+will ich jetzt noch eins pfeifen. Laufet nicht fort, es kostet nichts.«
+
+Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen jodlerartigen
+Satz, mit Doppeltönen und Trillern, daß es funkelte wie eine Tanzmusik.
+Sie hörte mit Erstaunen dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille
+ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte ihn fest, während
+Knulp ohne Licht in seine Kammer fand.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde auf und nahm des Gerbers
+Rasiermesser in Gebrauch. Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen
+Vollbart, und das Messer war so verwahrlost, daß Knulp es wohl eine
+halbe Stunde lang über seinem Hosenträger abziehen mußte, ehe das
+Barbieren gelang. Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die
+Stiefel in die Hand und stieg in die Küche hinab, wo es warm war und
+schon nach Kaffee roch.
+
+Er bat die Meistersfrau um Bürste und Wichse zum Stiefelputzen
+
+»Ach was!« rief sie, »das ist kein Männergeschäft. Lassen Sie mich das
+machen.«
+
+Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit ungeschicktem Lachen
+ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, tat er die Arbeit gründlich, reinlich
+und dabei spielend, als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune,
+dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit verrichtet.
+
+»Das lass' ich mir gefallen,« rühmte die Frau und sah ihn an. »Alles
+blank, wie wenn Sie grad zum Schatz gehen wollten.«
+
+»O, das tät' ich auch am liebsten.«
+
+»Ich glaub's. Sie haben gewiß einen schönen.« Sie lachte wieder
+zudringlich. »Vielleicht sogar mehr als einen?«
+
+»Ei, das wäre nicht schön,« tadelte Knulp munter. »Ich kann Ihnen auch
+ein Bild von ihr zeigen.«
+
+Begierig trat sie heran, während er sein Wachstuchmäpplein aus der
+Brusttasche zog und das Bildnis der Duse hervorsuchte. Interessiert
+betrachtete sie das Blatt.
+
+»Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, »das ist ja fast
+eine rechte Dame. Nur freilich, mager sieht sie aus. Ist sie denn auch
+gesund?«
+
+»Soviel ich weiß, jawohl. So, und jetzt wollen wir nach dem Alten sehen,
+man hört ihn in der Stube.«
+
+Er ging hinüber und begrüßte den Gerber. Die Wohnstube war gefegt und
+sah mit dem hellen Getäfel, mit der Uhr, dem Spiegel und den
+Photographien an der Wand freundlich und heimelig aus. So eine saubere
+Stube, dachte Knulp, ist im Winter nicht übel, aber darum zu heiraten,
+verlohnt doch nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die
+Meisterin ihm zeigte, keine Freude.
+
+Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete er den Meister Rothfuß
+nach dem Hof und Schuppen und ließ sich die ganze Gerberei zeigen. Er
+kannte fast alle Handwerke und stellte so sachverständige Fragen, daß
+sein Freund ganz erstaunt war.
+
+»Woher weißt du denn das alles?« fragte er lebhaft. »Man könnte meinen,
+du seiest wirklich ein Gerbergesell oder einmal einer gewesen.«
+
+»Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp gemessen. »Übrigens,
+was die Weißgerberei angeht, da bist du selber mein Lehrmeister gewesen,
+weißt du's nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen
+gewandert sind, hast du mir das alles erzählen müssen.«
+
+»Und das weißt du alles noch?«
+
+»Ein Stück davon, Rothfuß. Aber jetzt will ich dich nimmer stören.
+Schade, ich hätte dir gern ein bißchen geholfen, aber es ist da unten so
+feucht und stickig, und ich muß noch so viel husten. Also Servus, Alter,
+ich geh ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.«
+
+Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse stadteinwärts
+bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in
+die Tür und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging,
+überall sauber gebürstet und den Regenpfützen sorglich ausweichend.
+
+»Gut hat er's eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen
+Neidgefühl. Und während er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund
+und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen,
+und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden heißen.
+Einer, der arbeitete und sich vorwärts schaffte, hatte es ja in vielem
+besser, aber er konnte nie so zarte hübsche Hände haben und so leicht
+und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat,
+wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten,
+wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und für sich gewann, allen
+Mädchen und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für einen Sonntag
+nahm. Man mußte ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht
+ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen und
+eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mußte fast noch dankbar dafür sein,
+denn er machte es froh und hell im Haus.
+
+Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt durchs Städtchen,
+pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zähne und begann ohne Eile die Orte
+und Menschen aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst wandte
+er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen
+Flickschneider kannte, um den es schade war, daß er nichts als alte
+Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn
+er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten
+Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte früh geheiratet und schon ein paar
+Kinder, und die Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen.
+
+Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten
+Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing
+wie ein Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus stand an
+der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute,
+hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause
+floh der Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden schwindelnd
+abwärts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen,
+Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen, und die nächsten Hausdächer,
+auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon
+tief und klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt taghell
+und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der fleißige
+Schlotterbeck hell und hoch über der Welt wie der Wächter in einem
+Leuchtturm.
+
+»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom
+Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen Augen nach der Türe.
+
+»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand
+entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt's denn, daß du zu mir
+herauf steigst?«
+
+Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder.
+
+»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber braunen und vom
+feinsten, ich will Musterung halten.«
+
+Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fädelte
+ein und überging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr
+gut und fast neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede lockere
+Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit fleißigen Fingern wieder
+instand setzte.
+
+»Und wie geht's sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht
+zu loben. Aber schließlich, wenn man gesund ist und keine Familie hat --«
+
+Knulp räusperte sich polemisch.
+
+»Ja, ja,« sagte er lässig. »Der Herr läßt regnen über Gerechte und
+Ungerechte, und nur die Schneider sitzen trocken. Hast du immer noch zu
+klagen, Schlotterbeck?«
+
+»Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du hörst ja die Kinder nebendran
+schreien. Es sind jetzt fünf. Da sitzt man und schuftet bis in alle
+Nacht hinein, und nirgends will's reichen. Und du tust nichts als
+spazierengehen!«
+
+»Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder fünf Wochen bin ich im Spital in
+Neustadt gelegen, und da behalten sie keinen länger, als er's bitter
+nötig hat, und es bleibt auch keiner länger drin. Des Herrn Wege sind
+wunderbar, Freund Schlotterbeck.«
+
+»Ach laß diese Sprüche, du!«
+
+»Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es gerade auch werden, und
+darum bin ich zu dir gekommen. Wie steht's damit, alter Stubenhocker?«
+
+»Laß mich in Ruh' mit der Frömmigkeit! Im Spital, sagst du? Da tust du
+mir aber leid.«
+
+»Ist nicht nötig, es ist vorbei. Und jetzt erzähl einmal: wie ist's mit
+dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? Weißt du, im Spital hab ich
+Zeit gehabt, und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen
+und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses Buch, die Bibel.«
+
+»Da hast du recht. Kurios, und die Hälfte muß verlogen sein, weil keins
+zum andern paßt. Du verstehst's vielleicht besser, du bist ja einmal in
+die Lateinschule gegangen.«
+
+»Davon ist mir wenig geblieben.«
+
+»Siehst du, Knulp --.« Der Schneider spuckte zum offenen Fenster in die
+Tiefe hinunter und sah mit großen Augen und erbittertem Gesicht
+hinterdrein. »Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frömmigkeit. Es ist
+nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich pfeife drauf!«
+
+Der Wanderer sah ihn nachdenklich an.
+
+»So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir scheint, in der
+Bibel stehen ganz gescheite Sachen.«
+
+»Ja, und wenn du ein Stück weiterblätterst, dann steht immer irgendwo
+das Gegenteil. Nein, ich bin fertig damit, aus und fertig.«
+
+Knulp war aufgestanden und hatte nach einem Bügeleisen gegriffen.
+
+»Du könntest mir ein paar Kohlen drein geben,« bat er den Meister.
+
+»Zu was denn auch?«
+
+»Ich will die Weste ein wenig bügeln, weißt du, und dem Hut wird es auch
+gut tun, nach all dem Regen.«
+
+»Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas ärgerlich. »Was brauchst du so
+fein zu sein wie ein Graf, wenn du doch nur ein Hungerleider bist?«
+
+Knulp lächelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es macht mir eine
+Freude, und wenn du's nicht aus Frömmigkeit tun willst, so tust du's
+einfach aus Nettigkeit und einem alten Freund zuliebe, gelt?«
+
+Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam bald mit dem heißen
+Eisen wieder.
+
+»So ist's recht,« lobte Knulp, »danke schön!«
+
+Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glätten, und da er
+hierin nicht so geschickt war wie im Nähen, nahm ihm der Freund das
+Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber.
+
+»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder
+ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu
+viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist,
+das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch
+lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und früher hat man
+mancherlei noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; aber darum
+steht doch viel Schönes und Braves drin, und auch ganz viel Wahres.
+Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen,
+weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld geht und die übrigen
+Ähren sammelt, das ist fein, und man spürt den schönsten warmen Sommer
+drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt:
+ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle
+zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da könnte man schon von ihm
+lernen.«
+
+»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht
+haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer
+Leute Kindern tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie sie
+durchfüttern.«
+
+Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht
+ansehen. Er wünschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er
+besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit
+seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja,
+hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?«
+
+Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was
+denkst du auch! Natürlich hab ich sie lieb, den Größten am meisten.«
+
+Knulp nickte mit großem Ernst.
+
+»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schönen Dank. Die
+Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. -- Und dann, mit deinen Kindern
+mußt du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken.
+Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand weiß und was du nicht weiter zu
+erzählen brauchst.«
+
+Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden in die klaren Augen, die
+sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, daß der
+Schneider Mühe hatte, ihn zu verstehen.
+
+»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine
+Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind,
+denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden
+Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil
+die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu
+wissen, wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin komme, dann
+schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und
+wenn ich Glück habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine
+Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens im Vorbeigehen was
+vorpfeifen. -- Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, daß du
+Kinder hast!«
+
+ * * * * *
+
+Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile
+plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden
+Spiel der lockigen Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den
+Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose
+schnupfen ließ. Überall erfuhr er Großes und Kleines aus dem Leben der
+Familien und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau und
+vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, er erzählte dafür neues von
+anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn
+als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der
+Seßhaften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der
+Toreinfahrt einer Brauerei die Küfergesellen, wo es heut abend und
+morgen eine Tanzgelegenheit gebe.
+
+Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen von Gertelfingen, nur
+eine halbe Stunde weit. Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem
+Nachbarhause mitzunehmen.
+
+Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfußschen Hause
+erstieg, schlug ihm von der Küche her ein angenehm kräftiger Geruch
+entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit
+spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man
+hatte ihn schon gehört. Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und
+stand freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der Speisen umwölkt.
+
+»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, daß Sie so
+zeitig kommen. Nämlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und
+da hab ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für Sie
+extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?«
+
+Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.
+
+»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn's eine
+Suppe gibt.«
+
+»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört er ordentlich gepflegt,
+wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mögen Sie gar keine
+Leber? Es gibt solche.«
+
+Er lachte bescheiden.
+
+»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein
+Sonntagsessen, und wenn ich's mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte,
+wär ich schon zufrieden.«
+
+»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber
+sagen Sie's jetzt nur, es ist ein Stück Leber übrig, ich hab's Ihnen
+aufgespart. Es täte Ihnen gut.«
+
+Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut,
+wie sie es meinte, und ziemlich hübsch war das Weiblein auch, aber er
+tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den
+ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah nebenaus.
+
+»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten Willen. Aber Spatzen
+sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.«
+
+Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.
+
+»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub's Ihnen doch nicht.
+Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?«
+
+»Da kann ich nicht nein sagen.«
+
+Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte sich in die Stube,
+wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister
+sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und nach Tische
+wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp
+seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche
+Kartenkunststücke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit
+spielerischer Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu
+ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und ließ zuweilen
+den Daumen über die Kartenränder laufen. Der Meister sah mit Bewunderung
+und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose Künste sich
+gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme
+diese Anzeichen einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte
+aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit
+entstellten Händen.
+
+Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, unsicherer
+Sonnenschein in die Stube, über den Tisch und die Karten, spielte
+launisch und kraftlos am Fußboden mit den schwachen Schlagschatten und
+zitterte kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp nahm dies
+alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den
+stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht
+seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen Frau. Es
+gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Glück für ihn. Wäre ich gesund,
+dachte er, und wäre es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier.
+
+»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfuß die
+Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die
+Treppe hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und
+verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben
+unterbrochen, bis an das Flüßchen hinabreichte. Dort hatte der Gerber
+einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen
+konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen knapp über dem
+still und rasch fließenden Wasser hängen, blickte belustigt den
+schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten,
+und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine
+Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von drüben zu sprechen.
+
+Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht erhaltenen
+Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfähle längst
+vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen
+Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten schien mit
+mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wüste Grasplatz des
+Weißgerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und
+eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und
+überwinterter Spinat wuchs spärlich in zwei Rabatten, Rosenbäumchen
+standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen,
+das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume.
+
+Bis zu ihnen drang Knulp geräuschlos vor, nachdem er den fremden Garten
+betrachtet hatte, und sah nun zwischen den Bäumen hindurch das Haus
+liegen, die Küche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet,
+da sah er in der Küche auch das Mädchen mit aufgekrempelten Ärmeln
+wirtschaften. Die Hausfrau war dabei und hatte viel zu befehlen und zu
+lehren, wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen mögen
+und ihre jährlich wechselnden Lehrmädchen nachher, wenn sie aus dem
+Hause sind, nicht genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und Klage
+geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit war, und die Kleine schien
+bereits daran gewöhnt, denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre
+Arbeit.
+
+Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt mit vorgestrecktem Kopf,
+neugierig und wachsam wie ein Jäger, und lauschte mit vergnügter Geduld
+als ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, als
+Zuschauer und Zuhörer am Leben teilzunehmen. Er freute sich am Anblick
+des Mädchens, wenn es durchs Fenster sichtbar wurde, und er schloß aus
+der Mundart der Hausfrau, daß sie keine geborene Lächstetterin, sondern
+ein paar Stunden weiter oben im Tale daheim sei. Ruhig horchte er und
+kaute auf einem duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine ganze
+Stunde lang, bis die Frau verschwand und es still in der Küche wurde.
+
+Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam vor und klopfte
+mit einem dürren Zweig ans Küchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf,
+er mußte noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene Fenster, tat es
+vollends auf und schaute heraus.
+
+»Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. »Jetzt wär ich fast
+erschrocken.«
+
+»Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lächelte. »Ich wollte bloß einmal
+Grüßgott sagen und sehen, wie's geht. Und weil nämlich heut Samstag ist,
+möchte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa frei habet, zu einem
+kleinen Spaziergang.«
+
+Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf, und da machte er ein so trostlos
+betrübtes Gesicht, daß es ihr ganz leid tat.
+
+»Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht frei, nur vormittags
+für die Kirche.«
+
+»So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann könntet Ihr aber gewiß heut abend
+mitkommen.«
+
+»Heut abend? Ja, frei hätte ich schon, aber da will ich einen Brief
+schreiben, an meine Leute daheim.«
+
+»O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde später, er geht heut nacht
+doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich hab mich schon so gefreut, bis ich
+wieder ein bißchen mit Euch reden kann, und heut abend, wenn's nicht
+gerade Katzen hagelt, hätten wir so schön spazieren gehen können. Gelt,
+seiet lieb, Ihr werdet doch vor mir keine Angst haben!«
+
+»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt
+nicht. Wenn man sieht, daß ich mit einem Mannsbild spazieren geh --«
+
+»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch
+wahrhaftig keine Sünde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein
+Schulmädchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr
+bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken für den Viehmarkt sind.
+Oder soll ich früher kommen? Ich kann es schon richten.«
+
+»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt -- Ihr müsset gar nicht kommen, es
+geht nicht, und ich darf nicht -- --«
+
+Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht.
+
+»Ja, wenn Ihr halt gar nicht möget!« sagte er traurig. »Ich habe
+gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh,
+und ich auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen können,
+von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, weil ich doch einmal
+dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir's auch
+nicht übelnehmen.«
+
+»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.«
+
+»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget bloß nicht. Aber
+vielleicht überlegt Ihr's Euch noch. Ich muß jetzt gehen, und heut abend
+bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich
+allein spazieren und denk an Euch und daß Ihr jetzt nach Achthausen
+schreibet. Also adieu, und nichts für ungut!«
+
+Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn
+hinter den Bäumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann
+kehrte sie zur Arbeit zurück, und plötzlich begann sie -- die Frau war
+ausgegangen -- laut und schön dazu zu singen.
+
+Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine
+Kugeln aus einem Stückchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt
+hatte. Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine nach der
+andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von
+der Strömung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von
+den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden.
+
+ * * * * *
+
+»So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist's Samstag
+abend, und du weißt gar nicht, wie schön das ist, wenn man es die ganze
+Woche streng gehabt hat.«
+
+»O, ich kann's mir schon denken,« lächelte Knulp, und die Meisterin
+lächelte mit und sah ihm schalkhaft ins Gesicht.
+
+»Heut abend,« fuhr Rothfuß im festlichen Tone fort, »heut abend trinken
+wir einen guten Krug Bier miteinander, meine Alte holt ihn gleich, gelt?
+Und morgen, wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei einen Ausflug.
+Was meinst du, alter Freund?«
+
+Knulp schlug ihn kräftig auf die Schulter.
+
+»Man hat es gut bei dir, das muß ich sagen, und auf den Ausflug freu ich
+mich schon. Hingegen heut abend habe ich eine Besorgung, es ist ein
+Freund von mir hier, den muß ich treffen, er hat in der oberen Schmiede
+gearbeitet und reist morgen fort. -- Ja, es tut mir leid, aber morgen
+sind wir ja den ganzen Tag beieinander, sonst hätt ich mich auch gar
+nicht darauf eingelassen.«
+
+»Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen wollen, wo du noch
+halb krank bist.«
+
+»Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwöhnen. Ich komme nicht
+spät heim. Wo tust du den Schlüssel hin, daß ich dann herein kann?«
+
+»Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, und den Schlüssel
+findest du hinterm Kellerladen. Du weißt doch, wo?«
+
+»Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig ins Bett! Gut Nacht.
+Gut Nacht, Frau Meisterin.«
+
+Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, kam ihm hastig die
+Meistersfrau nachgelaufen. Sie brachte einen Regenschirm, den mußte
+Knulp mitnehmen, er mochte wollen oder nicht.
+
+»Sie müssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« sagte sie. »Und jetzt will
+ich Ihnen zeigen, wo Sie nachher den Schlüssel finden.«
+
+Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und führte ihn um die
+Hausecke und machte vor einem Fensterchen halt, das mit Holzläden
+verschlossen war.
+
+»Hinter den Laden legen wir den Schlüssel,« berichtete sie aufgeregt und
+flüsternd und streichelte Knulps Hand. »Sie müssen dann bloß durch den
+Ausschnitt langen, er liegt auf dem Simsen.«
+
+»Ja, danke schön,« sagte Knulp verlegen und zog seine Hand zurück.
+
+»Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« fing sie
+wieder an und drückte sich leise gegen ihn.
+
+»Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, Frau Rothfuß, und danke
+schön.«
+
+»Pressiert's denn so?« flüsterte sie zärtlich und kniff ihn in den Arm.
+Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und in einer verlegenen Stille,
+da er sie nicht mit Gewalt zurückstoßen mochte, strich er mit der Hand
+über ihr Haar.
+
+»Aber jetzt muß ich weiter,« rief er plötzlich überlaut und trat zurück.
+
+Sie lächelte ihn mit halb geöffnetem Munde an, er konnte im Dunkeln ihre
+Zähne schimmern sehen. Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du
+heimkommst. Du bist ein Lieber.«
+
+Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, den Schirm unterm
+Arme, und begann bei der nächsten Ecke, um der törichten Beklommenheit
+Herr zu werden, zu pfeifen. Es war das Lied:
+
+ Du meinst', ich werd' dich nehmen,
+ Hab's aber nicht im Sinn,
+ Ich muß mich deiner schämen,
+ Wenn ich in G'sellschaft bin.
+
+Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am schwarzen Himmel
+heraus. In einem Wirtshaus lärmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und
+im Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn eine
+bürgerliche Herrengesellschaft in Hemdärmeln beieinander stehen,
+Kegelkugeln in den Händen wägend und Zigarren im Munde.
+
+Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich um. In den kahlen
+Kastanienbäumen sang schwach der feuchte Wind, der Fluß strömte unhörbar
+in tiefer Schwärze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster wider. Die
+milde Nacht tat dem Landstreicher in allen Fibern wohl, er atmete
+spürend und ahnte Frühling, Wärme, trockene Straßen und Wanderschaft.
+Sein unerschöpfliches Gedächtnis überschaute die Stadt, das Flußtal und
+die ganze Gegend, er wußte überall Bescheid, er kannte Straßen und
+Fußwege, Dörfer, Weiler, Höfe, befreundete Nachtherbergen. Scharf dachte
+er nach und stellte den Plan für seine nächste Wanderung auf, da hier in
+Lächstetten seines Bleibens doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn
+es ihm die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb noch über
+diesen Sonntag bleiben.
+
+Vielleicht, dachte er, hätte er dem Gerber einen Wink geben sollen,
+seiner Meisterin wegen. Aber er liebte es nicht, seine Hände in anderer
+Leute Sorgen zu stecken, und er hatte kein Bedürfnis, die Menschen
+besser oder klüger machen zu helfen. Es tat ihm leid, daß es so gegangen
+war, und seine Gedanken an die ehemalige Ochsenkellnerin waren
+keineswegs freundlich; aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an
+des Gerbers würdige Reden über Hausstand und Eheglück. Er kannte das, es
+war meistens nichts damit, wenn einer mit seinem Glück oder mit seiner
+Tugend sich rühmte und groß tat, mit des Flickschneiders Frömmigkeit war
+es einst ebenso gewesen. Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit
+zusehen, man konnte über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber
+man mußte sie ihre Wege gehen lassen.
+
+Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese Sorgen beiseite. Er lehnte
+sich in die Höhlung einer alten Kastanie, der Brücke gegenüber, und
+dachte weiter seiner Wanderschaft nach. Er wäre gerne quer über den
+Schwarzwald gegangen, aber da oben war es jetzt kalt, und vermutlich lag
+noch viel Schnee, man verdarb sich die Stiefel, und die
+Schlafgelegenheiten waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts,
+er mußte den Tälern nachgehen und sich an die Städtchen halten. Die
+Hirschenmühle, vier Stunden weiter unten am Fluß, war der erste sichere
+Rastort, dort würde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage
+behalten.
+
+Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran dachte, daß er auf
+jemanden warte, erschien in Dunkelheit und Zugwind auf der Brücke eine
+schmale ängstliche Gestalt und kam zögernd näher. Er erkannte sie
+sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und schwang den Hut.
+
+»Das ist lieb, daß Ihr kommet, Bärbele, ich habe schon beinah nimmer
+dran geglaubt.«
+
+Er ging zu ihrer Linken und führte sie die Allee flußaufwärts. Sie war
+zaghaft und schämte sich.
+
+»Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und wieder. »Wenn uns nur
+niemand sieht!«
+
+Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald wurden die Schritte des
+Mädchens ruhiger und gleichmäßiger, und schließlich ging sie leicht und
+munter neben ihm wie ein Kamerad und erzählte, von seinen Fragen und
+Einwürfen erwärmt, mit Begier und Eifer von ihrer Heimat, von Vater und
+Mutter, Bruder und Großmama, von den Enten und Hühnern, von Hagelschlag
+und Krankheiten, von Hochzeiten und Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz
+an Erlebnissen tat sich auf und war größer, als sie selber geglaubt
+hätte, und schließlich kam die Geschichte ihrer Verdingung und ihres
+Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst und das Hauswesen ihres
+Dienstherren an die Reihe.
+
+Sie waren längst weit vor dem Städtchen draußen, ohne daß Bärbele auf
+den Weg geachtet hatte. Nun hatte sie sich von einer langen, trüben
+Woche des Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern erlöst und war
+ganz lustig geworden.
+
+»Wo sind wir denn aber?« rief sie plötzlich verwundert. »Wo laufen wir
+denn hin?«
+
+»Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen hinein, wir sind
+gleich dort.«
+
+»Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen lieber umkehren, es wird
+spät.«
+
+»Wann müsset Ihr denn daheim sein, Bärbele?«
+
+»Um zehne. Da wird's Zeit. Es ist ein netter Spaziergang gewesen.«
+
+»Bis zehne ist's noch lang,« sagte Knulp, »und ich will gewiß dran
+denken, daß Ihr zur Zeit heimkommet. Aber weil wir doch nimmer so jung
+zusammen kommen, so könnten wir eigentlich heut noch einen Tanz
+miteinander riskieren. Oder möget Ihr nicht tanzen?«
+
+Sie sah ihn gespannt und verwundert an.
+
+»O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier mitten in der Nacht
+draußen?«
+
+»Ihr müsset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, und da ist Musik im
+Löwen. Wir können hinein gehen, bloß auf einen einzigen Tanz, und dann
+gehen wir heim und haben einen schönen Abend gehabt.«
+
+Bärbele blieb zweifelnd stehen.
+
+»Es wäre lustig,« meinte sie langsam. »Aber was soll man von uns denken?
+Ich will nicht für so eine angeschaut werden, und ich will auch nicht,
+daß man meint, wir zwei gehören zusammen.«
+
+Und plötzlich lachte sie übermütig auf und rief: »Nämlich, wenn ich
+später einmal einen Schatz haben will, dann muß es kein Gerber sein. Ich
+will Euch nicht beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes
+Handwerk.«
+
+»Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmütig. »Ihr sollet mich
+ja auch nicht heiraten. Es weiß kein Mensch, daß ich ein Gerber bin und
+daß Ihr so stolz seid, und die Hände hab ich mir gewaschen, und wenn Ihr
+also einmal mit mir herumtanzen wollt, so seid Ihr eingeladen. Sonst
+kehren wir um.«
+
+Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes mit einem bleichen
+Giebel aus Gebüschen schauen, und Knulp sagte plötzlich »Bst!« und hob
+den Finger auf, und da hörten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine
+Ziehharmonika und eine Geige, tönen.
+
+»Also denn!« lachte das Mädchen, und sie gingen rascher.
+
+Im Löwen tanzten nur vier oder fünf Paare, lauter junge Leute, die Knulp
+nicht kannte. Es ging still und anständig zu, und niemand belästigte das
+fremde Paar, das sich dem nächsten Tanz anschloß. Sie machten einen
+Ländler und eine Polka mit, dann kam ein Walzer, den Bärbele nicht
+konnte. Sie sahen zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte Knulps
+Barschaft nicht.
+
+Bärbele war beim Tanzen warm geworden und blickte nun mit glänzenden
+Augen in den kleinen Saal.
+
+»Jetzt wär es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« sagte Knulp, als es halb
+zehn Uhr war.
+
+Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus.
+
+»Ach schade!« sagte sie leise.
+
+»Wir können ja noch dableiben.«
+
+»Nein, ich muß heim. Und schön war's.«
+
+Sie gingen weg, aber unter der Tür fiel es dem Mädchen ein: »Wir haben
+ja der Musik gar nichts gegeben.«
+
+»Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hätten wohl einen Zwanziger
+verdient. Aber es steht leider so mit mir, daß ich keinen habe.«
+
+Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten Geldbeutel aus der
+Tasche.
+
+»Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, gebet den!«
+
+Er nahm das Geldstück und brachte es den Musikanten, dann gingen sie
+hinaus und mußten vor der Haustür einen Augenblick stehen bleiben, bis
+sie in der tiefen Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging stärker und
+führte einzelne Regentropfen.
+
+»Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp.
+
+»Nein, bei dem Wind, wir kämen ja nicht weiter. Es ist nett gewesen da
+drinnen. Ihr könnet's fast wie ein Tanzmeister, Gerber.«
+
+Sie plauderte fröhlich fort. Ihr Freund aber war still geworden,
+vielleicht daß er müde ward, vielleicht daß er den nahen Abschied
+fürchtete.
+
+Plötzlich fing sie an zu singen: »Bald gras' ich am Neckar, bald gras'
+ich am Rhein.« Ihre Stimme klang warm und rein, und beim zweiten Vers
+fiel Knulp mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und schön,
+daß sie mit Behagen darauf horchte.
+
+»So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er am Ende.
+
+»O ja,« lachte sie hell. »Wir müssen wieder einmal so einen Spaziergang
+machen.«
+
+»Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird wohl der letzte
+gewesen sein.«
+
+Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehört, aber der betrübte
+Klang seiner Worte war ihr aufgefallen.
+
+»Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. »Habt Ihr was gegen
+mich?«
+
+»Nein, Bärbele. Aber morgen muß ich fort, ich habe gekündigt.«
+
+»Was Ihr nicht saget! Ist's wahr? Das tut mir aber leid.«
+
+»Um mich muß es Euch nicht leid sein. Lang wär' ich doch nicht
+geblieben, und ich bin ja auch bloß ein Gerber. Ihr müsset bald einen
+Schatz haben, einen recht schönen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr
+werdet sehen.«
+
+»Ach, redet nicht so! Ihr wisset, daß ich Euch ganz gern habe, wenn Ihr
+auch nicht mein Schatz seid.«
+
+Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. Knulp ging
+langsamer. Sie waren schon nah bei der Brücke. Schließlich blieb er
+stehen.
+
+»Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr gehet die paar
+Schritte noch allein.«
+
+Bärbele sah ihm mit aufrichtiger Betrübnis ins Gesicht.
+
+»Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch meinen Dank. Ich will
+es nicht vergessen. Und alles Gute auch!«
+
+Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und während sie ängstlich und
+verwundert in seine Augen sah, nahm er ihren Kopf mit den vom Regen
+feuchten Zöpfen in beide Hände und sagte flüsternd: »Adieu denn,
+Bärbele. Ich will jetzt zum Abschied noch einen Kuß von Euch haben, daß
+Ihr mich nicht ganz vergesset.«
+
+Ein wenig zuckte sie und strebte zurück, aber sein Blick war gut und
+traurig, und sie sah erst jetzt, wie schöne Augen er habe. Ohne die
+ihren zu schließen, empfing sie ernsthaft seinen Kuß, und da er darauf
+mit einem schwachen Lächeln zögerte, bekam sie Tränen in die Augen und
+gab ihm den Kuß herzhaft zurück.
+
+Dann ging sie schnell davon und war schon über der Brücke, da kehrte sie
+plötzlich um und kam wieder zurück. Er stand noch am selben Ort.
+
+»Was ist, Bärbele?« fragte er. »Ihr müsset heim.«
+
+»Ja, ja, ich geh schon. Ihr dürfet nicht schlecht von mir denken!«
+
+»Das tu ich gewiß nicht.«
+
+»Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch gesagt, Ihr hättet gar
+kein Geld mehr? Ihr krieget doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?«
+
+»Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht nichts, ich komme
+schon durch, da müsset Ihr Euch keine Gedanken machen.«
+
+»Nein, nein! Ihr müsset etwas im Sack haben. Da!«
+
+Sie steckte ihm ein großes Geldstück in die Hand, er spürte, daß es ein
+Taler war.
+
+»Ihr könnet mir's einmal wiedergeben oder schicken, später einmal.«
+
+Er hielt sie an der Hand zurück.
+
+»Das geht nicht. So dürfet Ihr nicht mit Eurem Geldlein umgehen! Das ist
+ja ein ganzer Taler. Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr müsset! So. Man muß
+nicht unvernünftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei Euch habt, einen
+Fünfziger oder so, das nehm ich gerne, weil ich in der Not bin. Aber
+mehr nicht.«
+
+Sie stritten noch ein wenig, und Bärbele mußte ihren Geldbeutel
+herzeigen, weil sie sagte, sie habe nichts als den Taler. Es war aber
+nicht so, sie hatte auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen
+Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er haben, aber das war ihr
+zu wenig, und dann wollte er gar nichts nehmen und fortgehen, aber
+schließlich behielt er das Markstück, und sie lief nun im Trabe
+heimwärts.
+
+Unterwegs dachte sie beständig darüber nach, warum er sie jetzt nicht
+noch einmal geküßt habe. Bald wollte es ihr leid tun, bald fand sie es
+gerade besonders lieb und anständig, und dabei blieb sie schließlich.
+
+Eine gute Stunde später kam Knulp nach Hause. Er sah im Wohnzimmer
+droben noch Licht brennen, also saß die Meisterin noch auf und wartete
+auf ihn. Er spuckte ärgerlich aus und wäre beinahe davongelaufen, gleich
+jetzt in die Nacht hinein. Aber er war müde, und es würde regnen, und
+dem Weißgerber wollte er das auch nicht antun, und außerdem spürte er
+auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen Schabernack.
+
+So fischte er denn den Schlüssel aus seinem Versteck heraus, schloß
+vorsichtig wie ein Dieb die Haustüre auf, zog sie hinter sich zu, schloß
+mit zusammengepreßten Lippen geräuschlos ab und versorgte den Schlüssel
+sorgfältig am alten Platz. Dann stieg er auf Socken, die Schuhe in der
+Hand, die Stiege hinauf, sah Licht durch eine Ritze der angelehnten
+Stubentür und hörte die beim langen Warten eingeschlafene Meisterin
+drinnen auf dem Kanapee tief in langen Zügen atmen. Darauf stieg er
+unhörbar in seine Kammer hinauf, schloß sie von innen fest ab und ging
+ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde abgereist.
+
+
+
+
+Meine Erinnerung an Knulp
+
+
+Es war noch mitten in der fröhlichen Jugendzeit, und Knulp war noch am
+Leben. Wir wanderten damals, er und ich, in der glühenden Sommerszeit
+durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig Sorgen. Tagsüber
+schlenderten wir an den gelben Kornfeldern hin oder lagen auch unter
+einem kühlen Nußbaum oder am Waldesrand, am Abend aber hörte ich zu, wie
+Knulp den Bauern Geschichten erzählte, den Kindern Schattenspiele
+vormachte und für die Mädchen seine vielen Lieder sang. Ich hörte mit
+Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den Mädchen stand und sein
+braunes Gesicht wetterleuchtete und die Jungfern zwar viel lachten und
+spotteten, aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, da schien es mir
+zuweilen, er sei doch ein seltener Glücksvogel oder ich das Gegenteil,
+und dann ging ich manchmal zur Seite, um nicht so überflüssig dabei zu
+stehen, und begrüßte entweder den Pfarrer in seiner Wohnstube um ein
+gescheites Abendgespräch und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins
+Gasthaus zu einem stillen Wein.
+
+Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir an einem Kirchhof
+vorüber, der samt einer kleinen Kapelle verlassen zwischen den Feldern
+lag, weit weg vom nächsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebüschen überm
+Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in dem heißen Lande ruhte. Am
+Eingangsgitter standen zwei große Kastanienbäume, es war aber
+verschlossen, und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, er
+schickte sich an, über die Mauer zu steigen.
+
+Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?«
+
+»Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.«
+
+»Ja, muß es denn gerade ein Kirchhof sein?«
+
+»Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gönnen sich nicht viel, das weiß
+ich wohl, aber unter der Erde wollen sie's doch gut haben. Darum lassen
+sie sich's gern eine Mühe kosten und pflanzen was Sauberes auf die
+Gräber und daneben.«
+
+Da stieg ich mit hinüber und sah, daß er recht hatte, denn es lohnte
+sich wohl, über das Mäuerlein zu klettern. Da innen lagen in geraden
+und in krummen Reihen die Gräber nebeneinander, die meisten mit einem
+weißen Kreuz von Holz versehen, und darauf und darüber war es grün und
+blumenfarbig. Da glühte freudig Winde und Geranium, im tiefern Schatten
+auch noch später Goldlack, und Rosenbüsche hingen voller Rosen, und
+Fliederbäume und Holunderbäume standen dick im Holz und Laub, daß es wie
+ein Lustgarten war.
+
+Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns dann im Grase, das
+stellenweise hoch und in Blüte stand, und ruhten aus und wurden kühl und
+zufrieden.
+
+Knulp las den Namen auf dem nächsten Kreuz und sagte: »Der heißt
+Engelbert Auer und ist über sechzig Jahr alt geworden. Dafür liegt er
+jetzt unter Reseden, was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden
+möcht ich schon auch einmal haben, und einstweilen nehm ich eine von den
+hiesigen mit.«
+
+Ich sagte: »Laß sie nur und nimm was anderes, Reseden welken bald.«
+
+Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, der neben ihm im
+Grase lag.
+
+»Wie es da schön still ist!« sagte ich.
+
+Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig stiller wär, so könnten
+wir wohl die da drunten reden hören.«
+
+»Das nicht. Die haben ausgeredet.«
+
+»Weiß man's? Man sagt doch immer, der Tod ist ein Schlaf, und im Schlaf
+redet man oft und singt auch mitunter.«
+
+»Du vielleicht schon.«
+
+»Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär, da würd ich warten, bis
+am Sonntag die Mädlein herüberkommen und still herumstehen und sich von
+einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann würd ich ganz leis anfangen
+singen.«
+
+»So, und was denn?«
+
+»Was? Irgendein Lied.«
+
+Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen zu und fing bald mit
+einer leisen, kindlichen Stimme an zu singen:
+
+ »Weil ich früh gestorben bin,
+ Drum singet mir, ihr Jüngferlein,
+ Ein Abschiedslied.
+ Wenn ich wiederkomm,
+ Wenn ich wiederkomm,
+ Bin ich ein schöner Knabe.«
+
+Ich mußte lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. Er sang schön und
+zart, und wenn manchmal die Worte keinen völligen Sinn hatten, war doch
+die Melodie recht fein und machte es schön.
+
+»Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht zu viel, sonst hören
+sie dir bald nimmer zu. Das mit dem Wiederkommen ist schon recht, aber
+gewiß weiß das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schöner Knabe
+wirst, das ist erst recht nicht sicher.«
+
+»Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es wäre mir lieb. Weißt du noch,
+vorgestern, der kleine Bub mit der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt
+haben? So wär ich gern wieder einer. Du nicht auch?«
+
+»Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann gekannt, wohl über
+siebzig, der hat so still und gut geblickt, und mir kam es vor, als
+könne an ihm nur Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk ich
+hie und da, so möcht ich gern auch einer werden.«
+
+»Ja, da fehlt dir noch ein Stückchen dran, weißt du. Und es ist
+überhaupt komisch mit dem Wünschen. Wenn ich jetzt im Augenblick bloß zu
+nicken brauchte und wäre dann so ein netter kleiner Bub, und du
+brauchtest bloß zu nicken und wärst ein feiner milder alter Kerl, so
+würde doch keiner von uns nicken. Sondern wir würden ganz gern bleiben,
+wie wir sind.«
+
+»Das ist auch wahr.«
+
+»Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: Das Allerschönste und
+Allerfeinste, was es überhaupt gibt, das ist ein schlankes junges
+Fräulein mit einem blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht oft
+genug, daß eine Schwarze fast noch schöner ist. Und außerdem, es
+geschieht auch wieder, daß mir so scheint: Das Allerschönste und das
+Feinste von allem ist doch ein schöner Vogel, wenn man ihn so frei in
+der Höhe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts so wundersam
+wie ein Schmetterling, ein weißer zum Beispiel mit roten Augen auf den
+Flügeln, oder auch ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, wenn
+alles glänzt und doch nicht blendet, und alles dann so froh und
+unschuldig aussieht.«
+
+»Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn man es in der guten
+Stunde anschaut.«
+
+»Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schönste ist immer so,
+daß man dabei außer dem Vergnügen auch noch eine Trauer hat oder eine
+Angst.«
+
+»Ja wie denn?«
+
+»Ich meine so: Eine recht schöne Jungfer würde man vielleicht nicht gar
+so fein finden, wenn man nicht wüßte, sie hat ihre Zeit und danach muß
+sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle
+Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl freuen, aber ich
+würd es dann kälter anschauen und denken: Das siehst du immer noch, es
+muß nicht heute sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben
+kann, das schaue ich an und habe nicht bloß Freude, sondern auch ein
+Mitleid dabei.«
+
+»Nun ja.«
+
+»Darum weiß ich auch nichts Feineres, als wenn irgendwo bei Nacht ein
+Feuerwerk angestellt wird. Da gibt es blaue und grüne Leuchtkugeln, die
+steigen in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schönsten sind,
+dann machen sie einen kleinen Bogen und sind aus. Und wenn man dabei
+zuschaut, so hat man die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst:
+gleich ist's wieder aus, und das gehört zueinander und ist viel schöner,
+als wenn es länger dauern würde. Nicht?«
+
+»Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht für alles.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben und heiraten, oder wenn
+zwei miteinander eine Freundschaft schließen, so ist das doch gerade
+deswegen schön, weil es für die Dauer ist und nicht gleich wieder ein
+Ende haben soll.«
+
+Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er mit seinen schwarzen
+Wimpern und sagte nachdenklich: »Mir ist es auch recht. Aber auch das
+hat doch einmal sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer
+Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe auch.«
+
+»Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es kommt.«
+
+»Ich weiß nicht. -- Sieh, du, ich habe zweimal in meinem Leben eine
+Liebschaft gehabt, ich meine eine richtige, und beidemal wußte ich
+gewiß, daß das für immer sei und nur mit dem Tod aufhören könne, und
+beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht gestorben. Auch
+einen Freund hab ich gehabt, daheim noch in unsrer Stadt, und hätte
+nicht gedacht, daß wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen könnten.
+Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon lang.«
+
+Er schwieg, und ich wußte nichts dazu zu sagen. Das Schmerzliche, das in
+jedem Verhältnis zwischen Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis
+geworden, und ich hatte es noch nicht erfahren, daß zwischen zwei
+Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen
+bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit
+einem Notsteg überbrücken kann. Ich dachte über die vorigen Worte meines
+Kameraden nach, von denen mir das über die Leuchtkugeln am besten
+gefiel, denn ich hatte das selber schon manches Mal empfunden. Die leise
+lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend und allzubald darin
+ertrinkend, schien mir ein Sinnbild aller menschlichen Lust, die je
+schöner sie ist, desto weniger befriedigt und desto rascher wieder
+verglühen muß. Das sagte ich auch zu Knulp.
+
+Aber er ging nicht darauf ein.
+
+»Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten Weile, mit gedämpfter
+Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen hat keinen Wert, und man tut ja
+auch nicht, wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz
+unüberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit dem Freundsein und
+Verlieben ist vielleicht doch so, wie ich meine. Am Ende hat doch ein
+jeder Mensch das Seinige ganz für sich und kann es nicht mit anderen
+gemein haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird geheult und
+getrauert, einen Tag und einen Monat und auch ein Jahr, aber dann ist
+der Tote tot und fort, und es könnte in seinem Sarge drin gerade so gut
+ein heimatloser und unbekannter Handwerksbursch liegen.«
+
+»Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben doch oft geredet, daß
+das Leben schließlich einen Sinn haben muß und daß es einen Wert hat,
+wenn einer gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. Aber
+so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, und wir könnten
+gerade so gut stehlen und totschlagen.«
+
+»Nein, das könnten wir nicht, mein Lieber. Schlag doch einmal die paar
+nächsten Leute tot, die wir treffen, wenn du's vermagst! Oder verlang
+einmal von einem gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich
+aus.«
+
+»So mein ich's auch nicht. Aber wenn doch alles einerlei ist, dann hat
+es keinen Sinn, daß man gut und redlich sein will. Dann gibt es ja kein
+Gutsein, wenn blau so gut wie gelb und bös so gut wie gut ist. Dann ist
+eben jeder wie ein Tier im Wald und tut nach seiner Natur und hat weder
+ein Verdienst noch eine Schuld dabei.«
+
+Knulp seufzte.
+
+»Ja, was soll man darüber sagen! Vielleicht ist es so, wie du sagst.
+Dann wird man auch deswegen oft so dumm betrübt, weil man spürt, daß das
+Wollen keinen Wert hat, und daß alles ganz ohne uns seinen Weg geht.
+Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn einer nicht anders
+hat können als schlecht sein. Denn er spürt es doch in sich. Und darum
+muß auch das Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt und
+sein gutes Gewissen hat.«
+
+Ich sah es seinem Gesicht an, daß er dieser Gespräche satt war. Es ging
+ihm oft so, er kam ins Philosophieren hinein, stellte Sätze auf, redete
+für sie und wider sie und hörte plötzlich wieder auf. Früher hatte ich
+gemeint, er sei dann meiner unzulänglichen Antworten und Einwürfe müde.
+Aber es war nicht so, sondern er fühlte, daß seine Neigung zum
+Spekulieren ihn auf Gelände führe, wo seine Kenntnisse und Redemittel
+nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, unter anderem
+Tolstoi, aber er konnte zwischen richtigen und Trugschlüssen nicht immer
+genau unterscheiden und fühlte das selber. Von den Gelehrten redete er,
+wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen redet: er mußte anerkennen,
+daß sie mehr Macht und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, daß
+sie doch damit nichts Rechtes anfingen und mit allen ihren Künsten doch
+keine Rätsel lösen konnten.
+
+Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Händen, starrte durch das
+schwarze Holunderlaub in den blauen heißen Himmel und summte ein altes
+Volkslied vom Rhein vor sich hin. Ich weiß noch den letzten Vers:
+
+ Nun hab ich getragen den roten Rock,
+ Nun muß ich tragen den schwarzen Rock,
+ Sechs, sieben Jahr,
+ Bis daß mein Lieb verweset war.
+
+ * * * * *
+
+Spät am Abend saßen wir am dunklen Rand eines Gehölzes einander
+gegenüber, jeder mit einem großen Stück Brot und einer halben
+Schützenwurst, aßen und sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch
+waren die Hügel vom gelben Widerschein des Späthimmels beglänzt und in
+flaumig schwimmendem Lichtrauch aufgelöst gewesen, nun aber standen sie
+schon dunkel und scharf und malten ihre Bäume, Felderrücken und Gebüsche
+schwarz auf den Himmel, der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon
+viel mehr tiefes Nachtblau hatte.
+
+Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander drollige Sachen
+aus einem kleinen Büchlein vorgelesen, das hieß »Musenklänge aus
+Deutschlands Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder
+mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit dem Tageslicht sein Ende
+gefunden. Als wir fertig gegessen hatten, wünschte Knulp Musik zu hören,
+und ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen war,
+putzte sie aus und spielte die paar oft gehörten Melodien wieder. Die
+Dunkelheit, in der wir schon eine Weile saßen, hatte sich vor uns nun
+weit in das vielfältig gewölbte Land hinein verbreitet, auch der Himmel
+hatte seinen bleichen Schein verloren und ließ im Schwärzerwerden
+langsam einen Stern um den andern hervorglühen. Die Töne unserer
+Harmonika flogen leicht und dünn feldeinwärts und verloren sich bald in
+den weiten Lüften.
+
+»Wir können doch noch nicht gleich schlafen,« sagte ich zu Knulp.
+»Erzähl mir noch eine Geschichte, sie braucht nicht wahr zu sein, oder
+ein Märchen.«
+
+Knulp besann sich.
+
+»Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Märchen, beides
+beieinander. Es ist nämlich ein Traum. Vorigen Herbst hat es mir so
+geträumt und seither zweimal ganz ähnlich, das will ich dir erzählen:
+
+Da war eine Gasse in einem Städtlein, ähnlich wie bei mir daheim, alle
+Häuser streckten die Giebel auf die Gassenseite, aber sie waren höher,
+als man sie sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn ich
+nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; aber ich hatte
+nur eine halbe Freude, denn es war nicht alles in Ordnung, und ich
+wußte nicht ganz sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht
+in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein sollte, und ich
+kannte sie sofort wieder, aber viele Häuser waren fremd und ungewohnt,
+auch fand ich die Brücke und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt
+dessen an einem unbekannten Garten und an einer Kirche vorbei, die war
+wie in Köln oder in Basel, mit zwei großen Türmen. Unsre Kirche daheim
+aber hat keine Türme gehabt, sondern nur einen kurzen Stumpen mit einem
+Notdach, weil sie früher sich verbaut haben und den Turm nicht fertig
+machen konnten.
+
+So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir
+ganz wohlbekannt, ich wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um
+sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in
+eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer näherkam und an mir
+vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er vorüber
+und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und
+ich müsse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden
+beieinander stehen, und eine davon, schien mir's, war sogar meine
+verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder
+nimmer und höre auch, daß sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich
+kaum verstehen kann.
+
+Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt draußen wäre,
+sie ist's und ist's doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein
+bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle
+auch wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und
+verdrießlich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet
+hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als
+unnütze, dumme Redensarten ein -- zum Beispiel 'Sehr geehrter Herr' und
+'Unter den obwaltenden Umständen' -- und die sagte ich verwirrt und
+traurig vor mich hin.
+
+Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm
+und müd war und völlig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon
+Abend, und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der Herberge
+oder nach der Landstraße zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und
+alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor
+Müdigkeit und Verzweiflung geweint.
+
+Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte
+Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das
+störte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus
+ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich wieder, und endlich auch
+unser altes väterliches Haus. Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst
+aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief
+mir wie ein Grausen den Rücken hinauf.
+
+Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette
+geheißen. Nur sah sie größer und etwas anders aus als früher, war aber
+nur noch schöner geworden. Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre
+Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch
+merkte ich nun auch, daß sie hellblond war und nicht braun wie die
+Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt.
+
+'Henriette!' rief ich hinüber und zog den Hut ab, weil sie so fein und
+herrlich aussah, daß ich nicht wußte, ob sie mich noch werde kennen
+wollen.
+
+Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so
+ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern und schämen, denn es war gar
+nicht die, für die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die
+Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war.
+
+'Lisabeth!' rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin.
+
+Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen
+würde, nicht streng und etwa hochmütig, sondern ganz ruhig und klar,
+aber so geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie
+wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schüttelte sie den Kopf wie
+auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins
+Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. Ich hörte noch das
+Schloß einschnappen.
+
+Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tränen und Leidwesen
+kaum aus den Augen sah, war es doch merkwürdig, wie die Stadt sich
+wieder verwandelt hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und jedes Haus
+und alles genau wie in früherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden.
+Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die
+Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn
+sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an.
+Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben.
+Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg über die
+Brücke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor
+Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, es sei hier für mich
+alles verloren und ich müsse in Schande fortlaufen.
+
+Dann, wie ich vor der Stadt draußen unter den Pappeln war und ein wenig
+anhalten mußte, fiel mir's erst ein, daß ich daheim und vor unserem Haus
+gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und Freunde und alles
+mit keinem Gedanken gedacht habe. Es war eine Verwirrung, Kümmernis und
+Scham in meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte nicht umkehren
+und alles gutmachen, denn der Traum war aus, und ich wurde wach.«
+
+ * * * * *
+
+Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner
+anderen vermischen. Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können
+miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie
+Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der andern
+kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben
+nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie
+gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt,
+dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und
+geht hin, wie und wo er will.«
+
+Und später: »Der Traum, den ich dir erzählt habe, hat vielleicht die
+gleiche Bedeutung. Ich habe weder der Henriette mit Wissen unrecht getan
+noch der Lisabeth. Aber durch das, daß ich beide einmal liebgehabt und
+zu eigen habe nehmen wollen, sind sie für mich zu einer solchen
+Traumgestalt geworden, die beiden ähnlich sieht und doch keine ist. Die
+Gestalt gehört mir eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe
+ich auch oft über meine Eltern nachdenken müssen. Die meinen, ich sei
+ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn ich sie auch lieben muß, bin ich
+doch ihnen ein fremder Mensch, den sie nicht verstehen können. Und das,
+was die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine Seele ist, das
+finden sie nebensächlich und schreiben es meiner Jugend oder Laune zu.
+Dabei haben sie mich gern und täten mir gern alles Liebe. Ein Vater kann
+seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe
+mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu.«
+
+Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege damals noch
+nicht, wenigstens nicht aus eigenem Bedürfnis, gegangen war. Mir war bei
+diesem Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir nicht bis
+ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es werde auch für Knulp mehr
+ein Spiel als ein Kampf sein. Außerdem war es friedsam schön, da zu
+zweien im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den Schlaf zu
+warten und die frühen Sterne zu betrachten.
+
+Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hättest sollen Professor
+werden.«
+
+Er lachte und schüttelte den Kopf.
+
+»Viel eher könnt es sein, daß ich noch einmal zur Heilsarmee ginge,«
+meinte er dann nachdenklich.
+
+Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir doch nichts vor! Willst
+du nicht auch noch ein Heiliger werden?«
+
+»Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, wenn es ihm mit
+seinen Gedanken und Taten wirklich Ernst ist. Wenn man etwas für recht
+hält, muß man es tun. Und wenn ich es einmal für das richtige halte, daß
+ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich's hoffentlich auch tun.«
+
+»Immer die Heilsarmee!«
+
+»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten
+gesprochen und auch viele Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und
+Lehrer und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden hören;
+aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und
+dem ich zugetraut hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit sich
+selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen
+und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen
+ist es Ernst gewesen.«
+
+»Woher weißt du das denn?«
+
+»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine
+Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze,
+daß er bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht ausgesehen.
+Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, ließ er seine drei Kameraden einen
+Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um
+ihn herumgestanden, Kinder und Große, und haben ihn für Narren gehabt
+und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche
+und ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu
+ärgern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös
+geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem
+Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelächelt, wo ein
+andrer geheult oder geflucht hätte. Weißt du, das tut einer nicht um
+einen Hungerlohn und um des Vergnügens willen, sondern er muß eine große
+Helligkeit und Gewißheit in sich haben.«
+
+»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und wer ein feiner und
+empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.«
+
+»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was noch viel besser ist
+als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es paßt freilich nicht eins
+für alle, aber die Wahrheit, die muß für alle passen.«
+
+»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die
+Wahrheit haben.«
+
+»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal
+finde, daß das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.«
+
+»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen läßt du
+sie nimmer gelten.«
+
+Er sah mich betroffen an.
+
+»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.«
+
+Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald
+sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube
+nicht, daß er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch
+weit über eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und schaute in
+das nächtliche Land hinein.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich
+sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und
+sagte: »Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, wenn einer
+so einen guten Tag hat?«
+
+»Nein, woher?«
+
+»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen und recht viel Schönes
+geträumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir's heute. Ich
+habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, aber alles
+vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich schön gewesen ist.«
+
+Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe
+hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, mühelosen Stimme
+drei, vier nagelneue Lieder in die nüchterne Frühe hinein.
+Aufgeschrieben und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht recht wenig
+vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer Dichter war, so war er doch ein
+kleiner, und während er sie selber sang, sahen seine Liedchen den
+schönsten anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und einzelne
+Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schön und mir
+noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine
+Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die
+Lüfte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen
+anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht.
+
+ Hell und sonntagsangetan
+ Wie ein Fräulein aus dem Tor,
+ Kommt sie rot und aber stolz
+ Überm Tannenwald hervor --
+
+so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer
+vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das
+Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie
+saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie
+auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut
+entströmen zu lassen.
+
+Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir
+begrüßten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns
+her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns
+wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander Streiche und Witze aus der
+Schulzeit, hingen den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen
+und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an einem verborgenen Gartenzaun an
+gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Kräfte und
+Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.
+
+Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hätte ich
+ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute
+mich darauf, daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern
+und Lustigsein erst anheben sollte.
+
+Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im Grase als wir
+marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange
+Luft zusammen, so daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen.
+
+Knulp wurde nun allmählich stiller und ein wenig müde, doch merkte ich
+es kaum, denn er lachte noch immer herzlich mit und stimmte oft in
+meinen Gesang ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fühlte ein
+Freudenfeuer um das andere in mir angehen. Vielleicht war es bei Knulp
+umgekehrt, daß in ihm die festlichen Lichter schon zu verglimmen
+begannen. Mir ist es damals immer so gegangen, daß ich an frohen Tagen
+gegen die Nacht hin immer lebhafter wurde und kein Ende finden konnte,
+ja, oft trieb ich mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden
+allein herum, wenn die andern längst ermüdet waren und schliefen.
+
+Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch damals, und ich freute
+mich, als wir talwärts gegen ein stattliches Dorf kamen, auf eine
+lustige Nacht. Vorerst bestimmten wir eine abseits stehende, leicht
+zugängliche Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir in das Dorf
+ein und in einen schönen Wirtsgarten, denn ich hatte meinen Freund für
+heute als meinen Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar
+Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag war.
+
+Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. Doch als wir unter
+einem schönen Platanenbaum an unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er
+halb verlegen: »Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, gelt? Eine
+Flasche Bier trink ich gern, das tut gut und ist mir ein Vergnügen, aber
+mehr mag ich kaum vertragen.«
+
+Ich ließ es gut sein und dachte: Wir werden schon zu so viel oder wenig
+kommen, als uns Freude macht. Wir aßen den heißen Eierkuchen und ein
+kräftig frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings ließ ich mir
+bald eine zweite Flasche Bier bringen, während Knulp seine erste noch
+halbvoll hatte. Mir war, da ich wieder üppig und herrschaftlich an einem
+guten Tische saß, herzlich wohl zumut, und ich dachte das heute abend
+noch eine Weile zu genießen.
+
+Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er trotz meiner Bitten keine
+zweite an und schlug mir vor, jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu
+schlendern und dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht
+meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. Und da
+meine Flasche noch nicht leer war, hatte ich auch nichts dagegen, daß er
+einstweilen vorausging, wir würden uns nachher schon wieder treffen.
+
+Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit seinem bequemen,
+genießenden Feierabendschritt, eine Sternblume hinterm Ohr, die paar
+Treppen hinab auf die breite Gasse und langsam dorfeinwärts bummelte.
+Und wenn es mir auch leid tat, daß er nicht noch eine Flasche mit mir
+leeren wollte, dachte ich im Nachschauen doch froh und zärtlich: Du
+lieber Kerl!
+
+Inzwischen nahm die Schwüle, trotzdem die Sonne schon verschwunden war,
+noch immer zu. Ich hatte das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem
+frischen Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem Tische noch
+auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe der einzige Gast war, fand die
+Kellnerin reichlich Zeit, mit mir ein Gespräch zu pflegen. Ich ließ mir
+von ihr auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine anfänglich
+für Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie nachher in der Vergeßlichkeit
+selber noch.
+
+Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder und wollte mich
+abholen. Ich war jedoch seßhaft geworden, und da er müde war und Schlaf
+hatte, wurden wir einig, daß er an unsere Schlafstätte gehen und sich
+hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin aber fing sofort an,
+mich nach ihm auszufragen, denn er stach allen Mädchen in die Augen. Ich
+hatte nichts dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein Schatz,
+und ich pries ihn sogar noch mächtig, denn mir war wohl und ich meinte
+es mit jedermann gut.
+
+Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu winden an, als ich
+endlich spät aufbrach. Ich zahlte, schenkte dem Mädchen einen Zehner und
+machte mich ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spürte ich wohl, daß ich
+eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte die letzte Zeit
+ganz ohne starkes Getränk gelebt. Doch machte mich das nur vergnügt,
+denn ich konnte schon etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg
+vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da stieg ich leise
+hinein und fand richtig den Knulp im Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie
+er hemdärmlig auf seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und
+gleichmäßig atmete. Seine Stirn und der bloße Hals und die eine Hand,
+die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem trüben Halbdunkel einen
+bleichen Schein.
+
+Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch machte die Erregung und
+der eingenommene Kopf mich immer wieder wach, und es wurde draußen schon
+Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf einschlief. Es war
+ein fester, doch kein guter Schlaf, ich war schwer und matt geworden und
+hatte undeutliche, plagende Träume.
+
+Am Morgen erwachte ich erst spät, es war schon voller Tag, und das helle
+Licht tat mir in den Augen weh. Mein Kopf war leer und trüb und die
+Glieder müde. Ich gähnte lange, rieb mir die Augen und streckte die
+Arme, daß die Gelenke knackten. Aber trotz der Müdigkeit hatte ich noch
+einen Rest und Nachklang von der gestrigen Laune in mir und dachte den
+kleinen Jammer am nächsten klaren Brunnen von mir zu spülen.
+
+Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war Knulp nicht vorhanden.
+Ich rief und pfiff nach ihm und war im Anfang noch ganz arglos. Als
+jedoch Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir plötzlich die
+Erkenntnis, daß er mich verlassen habe. Ja, er war fort, heimlich
+fortgegangen, er hatte nicht länger bei mir bleiben mögen. Vielleicht
+weil ihm mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil er sich
+heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit schämte, vielleicht nur
+aus einer Laune, vielleicht aus Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus
+einem plötzlich erwachten Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich
+war doch mein Trinken daran schuld.
+
+Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfüllten mich ganz. Wo war
+jetzt mein Freund? Ich hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine
+Seele ein wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun war er fort,
+ich stand allein und enttäuscht, mußte mich mehr als ihn anklagen und
+hatte nun die Einsamkeit, in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und
+an die ich nie ganz hatte glauben mögen, selber zu kosten. Sie war
+bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie ist inzwischen wohl
+manches Mal lichter geworden, aber völlig will sie mich seither nimmer
+verlassen.
+
+
+
+
+Das Ende
+
+
+Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, durchsonnte Luft wurde
+von launigen kurzen Windzügen bewegt, aus Feldern und Gärten zog in
+dünnen, zögernden Bändern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern und
+erfüllte die lichte Landschaft mit einem scharfsüßen Geruch von
+verbranntem Kraut und Grünholz. In den Dorfgärten blühten sattfarbige
+Buschastern, späte bläßliche Rosen und Georginen, und an den Zäunen
+brannte noch hier und dort eine feurige Kapuzinerblüte aus dem schon
+matt und weißlich schimmernden Gekräut.
+
+Auf der Landstraße nach Bulach fuhr langsam der Einspänner des Doktors
+Machold. Der Weg ging sachte bergan, links abgemähte Äcker und
+Kartoffelfelder, in denen noch geerntet wurde, rechts junger enger
+Fichtenwald halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrängten Stangen
+und dürren Zweigen, der Boden gleichfarbig trockenbraun voll dick
+gelagerter welker Nadeln. Geradeaus führte die Straße einfach in den
+zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die Welt ein Ende.
+
+Der Doktor hielt die Zügel lose in den Händen und ließ das alte
+Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam von einer sterbenden Frau, der
+nicht mehr zu helfen war und die doch zäh ums Leben gekämpft hatte bis
+zur letzten Stunde. Nun war er müde und genoß die stille Fahrt durch den
+freundlichen Tag; seine Gedanken waren eingeschlafen und folgten leicht
+betäubt und willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen
+aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen an Herbstferientage
+der Schülerzeit und weiter zurück in klangvolle, gestaltlose
+Kindheitsdämmerung. Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, und seine
+Sinne folgten erfahren und willig allen ländlichen Zeichen der
+Jahreszeiten und ihrer Geschäfte.
+
+Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das Stehenbleiben des Wagens.
+Eine Wasserrinne lief quer über die Straße, darin fanden die Vorderräder
+einen Halt, und das Roß blieb dankbar stehen, senkte den Kopf und genoß
+wartend die Rast.
+
+Machold ermunterte sich über dem plötzlichen Verstummen der Räder, nahm
+die Zügel zusammen, sah lächelnd nach verdämmerten Minuten Wald und
+Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und trieb den Gaul mit
+vertraulichem Zungenschnalzen zum Weitersteigen an. Darauf setzte er
+sich aufrecht, er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte
+sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen Schritt weiter, zwei
+Weiber grüßten vom Felde, in Schattenhüten hinter einer langen Front von
+gefüllten Kartoffelsäcken hervor.
+
+Die Höhe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den Kopf, ermuntert und
+voll Erwartung, nächstens den langen Sattel des heimatlichen Hügels
+hinabzutraben. Da erschien im nahen lichten Horizont von drüben her ein
+Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom Blau umlodert frei und
+hoch, stieg nieder und wurde grau und klein. Er kam näher, ein magerer
+Mann mit kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der
+Landstraße daheim, er ging müde und mühevoll, aber er zog den Hut mit
+stiller Artigkeit und sagte: Grüß Gott.
+
+»Grüß Gott,« sagte der Doktor Machold und sah dem Fremden nach, der
+schon vorüber war, und plötzlich hielt er den Gaul an, wandte sich
+stehend über das knarrende Lederdach zurück und rief: »Heda, Sie! Kommen
+Sie einmal her!«
+
+Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zurück. Er lächelte schwach
+herüber, wandte sich wieder ab und schien weitergehen zu wollen, dann
+besann er sich dennoch und kehrte gehorsam um.
+
+Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte den Hut in der Hand.
+
+»Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold.
+
+»Der Straße nach, gegen Berchtoldsegg.«
+
+»Kennen wir einander nicht? Ich kann bloß nicht auf den Namen kommen.
+Sie wissen doch, wer ich bin?«
+
+»Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.«
+
+»Na also? Und Sie? Wie heißen Sie?«
+
+»Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir sind einmal nebeneinander
+beim Präzeptor Plocher gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die
+lateinischen Präparationen von mir abgeschrieben.«
+
+Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann in die Augen. Dann
+klopfte er ihm auflachend auf die Schulter.
+
+»Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der berühmte Knulp, und wir sind
+Schulkameraden. So laß dir doch die Hand schütteln, alter Kerl! Wir
+haben uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch auf der
+Wanderschaft?«
+
+»Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, wenn man älter wird.«
+
+»Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? Wieder einmal der Heimat
+zu?«
+
+»Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe eine Kleinigkeit
+dort zu tun.«
+
+»So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?«
+
+»Niemand mehr.«
+
+»Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. Wir sind doch erst
+Vierziger, wir zwei. Und daß du so einfach an mir vorbei hast laufen
+wollen, ist nicht recht von dir. -- Weißt du, mir scheint, du könntest
+vielleicht einen Doktor brauchen.«
+
+»Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir fehlt, das kann doch kein
+Doktor kurieren.«
+
+»Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und komm mit mir, dann
+können wir besser reden.«
+
+Knulp trat ein wenig zurück und setzte den Hut wieder auf. Mit
+verlegenem Gesicht wehrte er sich, als der Doktor ihm in den Wagen
+helfen wollte.
+
+»Ach, wegen dessen, das wäre nicht nötig. Das Rößlein rennt dir nicht
+fort, solang wir dastehen.
+
+Indessen faßte ihn ein Anfall von Husten, und der Arzt, der schon
+Bescheid wußte, packte ihn kurzerhand und setzte ihn in das Gefährt.
+
+»So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir droben, und dann geht's
+Trab, in einer halben Stunde sind wir daheim. Du brauchst keine
+Unterhaltung zu machen, mit deinem Husten, wir können dann daheim weiter
+reden. -- -- Was? -- -- Nein, das hilft dir jetzt nichts mehr, kranke
+Leute gehören ins Bett und nicht auf die Landstraße. Weißt du, damals im
+Latein hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an der
+Reihe.«
+
+Sie fuhren über den Höhenrücken und mit pfeifender Bremse den langen
+Sattel hinab; gegenüber sah man schon die Dächer von Bulach über den
+Obstbäumen. Machold hielt die Zügel kurz und paßte auf den Weg, und
+Knulp ergab sich müde in halbem Behagen dem Genuß des Fahrens und der
+gewaltsamen Gastfreundschaft. Morgen, dachte er, oder spätestens
+übermorgen walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen noch
+zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld mehr, der die Tage und Jahre
+verschwendete. Er war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr
+hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu sehen.
+
+In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube und gab ihm Milch
+zu trinken und Brot mit Schinken zu essen. Dabei plauderten sie und
+fanden langsam die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn der Arzt ins
+Verhör, das der Kranke gutmütig und etwas spöttisch über sich ergehen
+ließ.
+
+»Weißt du eigentlich, was dir fehlt?« fragte Machold am Ende seiner
+Untersuchung. Er sagte es leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm
+dafür dankbar.
+
+»Ja, ich weiß schon, Machold. Es ist die Auszehrung, und ich weiß auch,
+daß es nimmer lang gehen kann.«
+
+»Na, wer weiß! Aber dann mußt du also auch einsehen, daß du in ein Bett
+und in eine Pflege gehörst. Einstweilen kannst du ja hier bei mir
+bleiben, ich sorge inzwischen für einen Platz im nächsten Spital. Es
+spukt bei dir, mein Lieber, und du mußt dich zusammennehmen, daß du's
+noch einmal durchhaust.«
+
+Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein hageres und graues
+Gesicht mit einem Ausdruck von Schelmerei dem Doktor zu und sagte
+gutmütig: »Du machst dir viele Mühe, Machold. Also meinetwegen. Aber von
+mir darfst du nimmer viel erwarten.«
+
+»Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die Sonne, so lang sie
+noch in den Garten scheint. Die Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir
+müssen dir auf die Finger sehen, Knülplein. Daß so ein Mensch, der sein
+ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht hat, sich dabei
+ausgerechnet die Lungen kaputt macht, ist eigentlich nicht in der
+Ordnung.«
+
+Damit ging er weg.
+
+Die Haushälterin Lina war nicht erfreut und wehrte sich dagegen, so
+einen Landstreicher ins Gastzimmer zu lassen. Aber der Doktor schnitt
+ihr das Wort ab.
+
+»Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer lang zu leben, er muß es
+bei uns noch ein bißchen gut haben. Sauber ist er übrigens immer
+gewesen, und eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie ihm
+eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht meine
+Winterpantoffeln. Und vergessen Sie nicht: Der Mann ist ein Freund von
+mir.«
+
+ * * * * *
+
+Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen Morgen im Bett
+verdämmert, wo er sich erst allmählich darauf besinnen konnte, bei wem
+er sei. Als die Sonne herausgekommen war, hatte Machold ihm das
+Aufstehen erlaubt, und nun saßen sie beide nach Tisch bei einem Glas
+Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp war vom guten Essen und von
+seinem halben Glas Wein munter und gesprächig geworden, und der Doktor
+hatte sich für eine Stunde frei gemacht, um noch einmal mit dem
+seltsamen Schulkameraden zu plaudern und vielleicht etwas über dieses
+nicht gewöhnliche Menschenleben zu erfahren.
+
+»Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt hast?« sagte er
+lächelnd. »Dann ist ja alles gut. Sonst hätte ich aber doch gesagt, es
+ist eigentlich schad um so einen Kerl wie dich. Du hättest ja kein
+Pfarrer oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber wäre ein
+Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir geworden. Ich weiß
+nicht, ob du deine Gaben benutzt und weiter gebildet hast, aber du hast
+sie für dich allein verbraucht. Oder nicht?«
+
+Knulp stützte das Kinn mit dem dünnen Bärtchen in die hohle Hand und sah
+auf die roten Lichter, die hinterm Weinglas auf dem besonnten Tischtuch
+spielten.
+
+»Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die Gaben, wie du es nennst,
+damit ist es nicht so weit her. Ich kann ein bißchen kunstpfeifen, auch
+Handorgel spielen und manchmal Verslein machen, früher bin ich auch ein
+guter Läufer gewesen und habe nicht schlecht getanzt. Das ist alles. Und
+daran habe ich ja nicht allein Freude gehabt, es waren meistens
+Kameraden dabei, oder junge Mädel oder Kinder, die haben ihren Spaß
+daran gehabt und sind mir manchmal dafür dankbar gewesen. Wir wollen es
+gut sein lassen und damit zufrieden sein.«
+
+»Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins muß ich dich noch
+fragen. Du bist damals bis in die fünfte Klasse mit mir in die
+Lateinschule gegangen, ich weiß es noch genau, und bist ein guter
+Schüler gewesen, wenn auch kein Musterbub. Und dann auf einmal warst du
+weg, und es hieß, du gehest jetzt in die Volksschule, und da waren wir
+auseinander, ich durfte ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der
+in die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? Später, wenn ich
+von dir hörte, habe ich immer gedacht: Wenn er damals bei uns in der
+Schule geblieben wäre, hätte alles anders kommen müssen. Also, wie war's
+damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter das Schulgeld nimmer
+zahlen mögen, oder was sonst?«
+
+Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere Hand, doch trank er
+nicht, er blickte nur durch den Wein gegen das grüne Gartenlicht und
+stellte dann den Kelch vorsichtig auf den Tisch zurück. Schweigend
+schloß er dann die Augen und versank in Gedanken.
+
+»Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein Freund. »Es muß ja
+nicht sein.«
+
+Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und prüfend ins Gesicht.
+
+»Doch,« sagte er, noch zögernd, »ich glaube, es muß sein. Ich habe das
+nämlich noch nie einem Menschen erzählt. Aber jetzt ist es vielleicht
+ganz gut, wenn jemand es hört. Es ist ja bloß eine Kindergeschichte,
+aber für mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir jahrelang zu
+schaffen gemacht. Sonderbar, daß du gerade danach fragst!«
+
+»Warum?«
+
+»Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken müssen, und deswegen
+bin ich auch wieder auf dem Weg nach Gerbersau.«
+
+»Ja, dann erzähle.«
+
+»Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute Freunde gewesen, wenigstens
+bis in die dritte oder vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger
+zusammen, und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus gepfiffen.«
+
+»Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit mehr als zwanzig Jahren
+nimmer gedacht. Mensch, was hast du für ein Gedächtnis! Und weiter?«
+
+»Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. Die Mädchen waren daran
+schuld. Ich bin ziemlich früh auf sie neugierig geworden, und du hast
+noch an den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da wußte ich
+schon so ziemlich, wie es mit Buben und Mädeln beschaffen ist. Das war
+mir damals die Hauptsache, darum bin ich nimmer viel bei eurem
+Indianerspiel dabei gewesen.«
+
+»Da warst du zwölf Jahr alt, nicht?«
+
+»Fast dreizehn, ich bin ein Jahr älter als du. Wie ich einmal krank war
+und im Bett lag, da hatten wir eine Base zum Besuch da, die war drei
+oder vier Jahr älter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und
+als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal nachts zu ihr in die
+Stube gegangen. Da wurde mir bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und
+ich war elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der Base wollte ich
+jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir verleidet, und ich hatte Angst
+vor ihr, aber die Sache war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin
+ich eine Zeitlang bloß den Mädchen nachgegangen. Beim Rotgerber Haasis
+waren zwei Töchter in meinem Alter, und da kamen auch andere Mädchen aus
+der Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln Böden Verstecken und
+hatten immer viel zu kichern und zu kitzeln und geheim zu tun. Ich war
+meistens der einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte ich
+einer von ihnen die Zöpfe flechten oder eine gab mir einen Kuß, wir
+waren alle noch unerwachsen und wußten nicht recht Bescheid, aber es war
+alles voll von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich in die
+Büsche und sah ihnen zu. -- -- Und eines Tages war eine Neue da, eine aus
+der Vorstadt, ihr Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat
+Franziska geheißen, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut gefallen.«
+
+Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater geheißen? Vielleicht kenn
+ich sie.«
+
+»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, Machold. Es gehört nicht
+zur Geschichte, und ich will auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. --
+Nun also! Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben hie und
+da miteinander gehändelt und gerauft, und wenn sie mich dann an sich
+drückte, bis es mir weh tat, dann war mir schwindlig und wohl wie in
+einem Rausch. In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre älter
+war und schon davon redete, daß sie jetzt bald einen Schatz haben wolle,
+da wurde es mein einziger Wunsch, der möchte ich sein. -- -- Einmal saß
+sie allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins Wasser hängen,
+sie hatte gebadet und bloß das Leibchen an. Da kam ich und setzte mich
+zu ihr. Auf einmal bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr
+Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen Augen mitleidig an und
+sagte: »Du bist ja noch ein Büble und hast kurze Hosen an, was weißt
+denn du von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse alles, und
+wenn sie nicht mein Schatz werden möge, dann werfe ich sie ins Wasser
+und mich mit. Da schaute sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie
+eine Frau, und sagte: 'Wir wollen einmal sehen. Kannst du denn schon
+küssen?' Ich sagte ja und gab ihr schnell einen Kuß auf den Mund und
+dachte, damit wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und hielt
+ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, daß mir Hören und
+Sehen verging. Dann lachte sie mit ihrer tiefen Stimme und sagte: 'Du
+würdest mir schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann keinen
+Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, das gibt keine rechten
+Leute. Ich muß einen richtigen Mann zum Schatz haben, einen Handwerker
+oder einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts damit.' Sie
+hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen und war in ihrer festen Wärme so
+schön und gut in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken
+konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska versprochen, ich
+wolle nimmer in die Lateinschule gehen und ein Handwerker werden. Sie
+lachte nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich wieder
+und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler mehr sei, dann wolle sie
+mein Schatz sein, und ich solle es gut bei ihr haben.«
+
+Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein Freund sah aufmerksam
+herüber, beide schwiegen eine kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also,
+jetzt weißt du die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind
+gegangen, wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir ein paar Ohrfeigen,
+als ich ihm mitteilte, ich wolle und könne jetzt nimmer in die
+Lateinschule gehen. Ich wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir
+vorgenommen, ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren
+Kindergedanken, aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst gewesen.
+Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. Ich tat einfach in der
+Schule nimmer gut. Weißt du's nimmer?«
+
+»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine Zeitlang fast jeden Tag
+Arrest gehabt.«
+
+»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte Antworten gegeben, ich
+habe die Aufgaben nimmer gemacht und meine Schulhefte verloren, es war
+jeden Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran und habe
+jedenfalls den Lehrern damals das Leben nicht leicht gemacht. Das Latein
+und das Zeug alles war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt,
+ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich hinter etwas Neuem her
+war, dann gab's eine Weile nichts anderes für mich auf der Welt. So war
+mir's mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, und mit
+der Botanik. Und gerade so hatte ich's halt damals mit den Mädchen, und
+eh ich da die Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen hatte, war
+mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der
+Bank zu hocken und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen
+Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den
+Mädchen ausspioniert hat. -- Na, #item#! Die Lehrer merkten das
+vielleicht, sie hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang wie
+möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten geworden, aber ich fing
+jetzt eine Freundschaft mit dem Bruder der Franziska an. Er ging in die
+Volksschule, in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; ich habe
+viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und habe viel von ihm zu leiden
+gehabt. In einem halben Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater
+hat mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule ausgewiesen
+und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube wie der Bruder der
+Franziska.«
+
+»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold.
+
+»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht mein Schatz geworden.
+Seit ich manchmal mit ihrem Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr
+behandelt, wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als ich
+schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir angewöhnte, öfter am
+Abend mich aus dem Haus zu stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt.
+Ich streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und wie ich's schon
+mehrmals getan hatte, behorchte ich ein Liebespaar auf einer Bank, und
+als ich schließlich mich näher drückte, da war es die Franziska mit
+einem Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, er
+hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in der Hand eine Zigarette, und
+ihre Bluse stand offen, und kurz, es war scheußlich. Da war also alles
+vergebens gewesen.«
+
+Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter.
+
+»Na, vielleicht war's für dich doch das Beste.«
+
+Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen Kopf.
+
+»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte Hand drum geben,
+wenn das anders gegangen wäre. Sag mir nichts über die Franziska, ich
+lasse nichts auf sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, dann
+hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche Art kennen gelernt,
+und vielleicht hätte mir das geholfen, daß ich auch mit der Volksschule
+und mit meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. Denn -- wie soll
+ich's sagen? -- schau, seither habe ich manche Freunde und Bekannte und
+Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr mich auf
+das Wort eines Menschen verlassen oder mich selber durch ein Wort
+gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte,
+und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin
+doch immer allein geblieben.«
+
+Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten kleinen Schluck
+Wein und stand auf.
+
+»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich mag nimmer davon reden.
+Du hast gewiß auch noch zu tun.«
+
+Der Doktor nickte.
+
+»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im Spital für dich
+schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, aber da ist nichts zu ändern.
+Du gehst kaputt, wenn du nicht schnell in eine Pflege kommst.«
+
+»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, »so laß mich halt
+kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts mehr, das weißt du selber. Warum
+soll ich mich jetzt noch einsperren lassen?«
+
+»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein miserabler Doktor,
+wenn ich dich so herumlaufen ließe. In Oberstetten fänden wir sicher
+Platz für dich, und du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach
+acht Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich verspreche
+dir's.«
+
+Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es schien fast, als wäre
+er nahe am Weinen, und rieb seine dünnen Hände ineinander wie ein
+Frierender. Dann sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die
+Augen.
+
+»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht von mir, du
+hast so viel für mich getan, und sogar Rotwein -- es war alles viel zu
+gut und fein für mich. Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine
+große Bitte an dich.«
+
+Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter.
+
+»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den Kragen. Also, was
+ist's?«
+
+»Bist du mir nicht bös?«
+
+»Gar nicht. Warum auch?«
+
+»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir einen großen Gefallen
+tun. Schick mich nicht nach Oberstetten! Wenn ich doch in so einen
+Spittel muß, dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt man
+mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es auch wegen der
+Armenpflege besser, ich bin ja dort geboren, und überhaupt --«
+
+Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor Erregung kaum
+sprechen.
+
+Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: »Wenn das alles ist,
+was du zu bitten hast -- das wird bald in Ordnung sein. Du hast ganz
+recht, ich will nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich
+hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.«
+
+Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an
+den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an
+seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche
+zwölfjährige Glut des rassigen Buben.
+
+»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob
+sich rasch, um an die Arbeit zu gehen.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp blieb den ganzen Tag im
+Bett. Der Doktor legte ihm einige Bücher hin, die er aber kaum berührte.
+Er war verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, gutes
+Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher als zuvor, daß es mit
+ihm zu Ende gehe.
+
+Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, dann komme ich
+nimmer auf. Es war ihm wenig mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte
+in den letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber sterben
+wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen und allerlei heimlichen
+Abschied dort genommen hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und
+vom einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener Franziska. Seine
+späteren Liebschaften waren vergessen, wie denn überhaupt die lange
+Reihe seiner Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien,
+während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft einen neuen Glanz
+und Zauber gewannen.
+
+Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; er hatte in vielen
+Jahren nicht so prächtig gewohnt. Er studierte mit sachlichem Blick und
+tastenden Fingern das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte
+Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der hartholzene Fußboden
+interessierte ihn, und die Photographie an der Wand, die den Dogenpalast
+in Venedig vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war.
+
+Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, ohne etwas zu sehen, müde
+und nur mit dem beschäftigt, was still in seinem kranken Leibe vorging.
+Aber plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem Bett und
+angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel her, um sie sorgfältig und
+sachkundig zu untersuchen. Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober,
+und bis zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und nachher war
+doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, er könnte Machold um ein paar
+alte Schuhe bitten. Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins
+Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig tastete er die brüchigen
+Stellen im Oberleder ab. Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es
+mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war überflüssig;
+vermutlich würde dies alte Paar Schuhe ihn überdauern und noch im
+Dienste sein, wenn er selbst schon von der Landstraße verschwunden war.
+
+Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, es tat ihm aber
+weh und machte ihn husten. Da blieb er still und wartend liegen, atmete
+in kleinen Zügen und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, ehe
+er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte.
+
+Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, aber sein Kopf
+ermüdete daran und er fiel in Halbschlummer. Nach einer Stunde
+erwachend, meinte er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch
+und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, er müsse ihm ein
+Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, wenn er fortginge. Er wollte ihm
+eins von seinen Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal
+danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines ganz besinnen, und
+keines gefiel ihm. Durchs Fenster sah er im nahen Wald den Nebel stehen
+und starrte lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem
+Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und mitgenommen hatte,
+schrieb er auf das saubere weiße Papier, mit dem die Schublade seines
+Nachttisches ausgelegt war, einige Zeilen:
+
+ Die Blumen müssen
+ Alle verdorren,
+ Wenn der Nebel kommt,
+ Und die Menschen
+ Müssen sterben,
+ Man legt sie ins Grab.
+
+ Auch die Menschen sind Blumen,
+ Sie kommen alle wieder,
+ Wenn ihr Frühling ist.
+ Dann sind sie nimmer krank,
+ Und alles wird verziehen.
+
+Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. Es war kein richtiges
+Lied, die Reime fehlten, aber es stand doch das darin, was er hatte
+sagen wollen. Und er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb
+darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, von seinem dankbaren
+Freunde K.«
+
+Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade.
+
+ * * * * *
+
+Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, aber es war eine
+strengkühle Luft, und man konnte am Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor
+ließ Knulp aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte,
+daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei und er dort erwartet werde.
+
+»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« meinte Knulp,
+»vier Stunden brauche ich doch, vielleicht fünf.«
+
+»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern ist jetzt nichts für
+dich. Du fährst mit mir im Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit
+finden. Ich schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht
+mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf einen Tag kommt es jetzt
+auch nimmer an.«
+
+Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen der Schulzenknecht
+mit zwei Kälbern nach Gerbersau fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte
+mit ihm fahren.
+
+»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« sagte Machold,
+»kannst du einen von mir tragen? Oder ist der zu weit?«
+
+Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, probiert und gut
+befunden. Knulp aber, da der Rock von gutem Tuch und wohlbehalten war,
+machte sich in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die Knöpfe
+zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor machen und gab ihm noch
+einen Hemdkragen dazu.
+
+Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit seine neue
+Kleidung, und da er nun wieder so gut aussah, begann es ihm leid zu tun,
+daß er sich in der letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte
+nicht, die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, aber er
+kannte den Schmied im Dorf und wollte dort einen Versuch machen.
+
+Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die Werkstatt und sagte
+den alten Handwerksgruß: »Fremder Schmied spricht um Arbeit zu.«
+
+Der Meister sah ihn kalt und prüfend an.
+
+»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das mußt du einem andern
+weismachen.«
+
+»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch gute Augen, Meister,
+und doch kennst du mich nicht. Weißt du, ich bin früher Musikant
+gewesen, und du hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner
+Handorgel getanzt.«
+
+Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und tat noch ein paar Stöße mit
+der Feile, dann führte er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit
+an.
+
+»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also der Knulp. Man wird
+halt älter, wenn man sich so lang nicht sieht. Was willst du in Bulach?
+Auf einen Zehner und auf ein Glas Most soll's mir nicht ankommen.«
+
+»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm's für genossen an. Aber
+ich will was anderes. Du könntest mir dein Rasiermesser für eine
+Viertelstunde leihen, ich will heut abend zum Tanzen gehen.«
+
+Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger.
+
+»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, mit dem Tanzen
+wirst du's nimmer wichtig haben, so wie du aussiehst.«
+
+Knulp kicherte vergnügt.
+
+»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann geworden bist. Ja, ich
+muß also morgen ins Spital, der Machold schickt mich hin, und da wirst
+du begreifen, daß ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir
+das Messer, in einer halben Stunde hast du's wieder.«
+
+»So? Und wo willst du denn hin damit?«
+
+»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, du gibst mir's?«
+
+Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig.
+
+Er blieb mißtrauisch.
+
+»Ich geb dir's schon. Aber weißt du, es ist kein so gewöhnliches Messer,
+es ist eine echte Solinger Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.«
+
+»Verlaß dich drauf.«
+
+»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. Den brauchst du
+zum Rasieren nicht. Ich will dir was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da,
+und wenn du mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den Rock
+wieder.«
+
+Der Landstreicher verzog das Gesicht.
+
+»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. Aber es soll meinetwegen
+gelten.«
+
+Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den Rock zum Pfande, duldete
+aber nicht, daß der rußige Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben
+Stunde kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, und sein
+struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah ganz anders aus.
+
+»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst du weiben gehen,«
+sagte der Schmied voll Anerkennung.
+
+Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, er zog seinen Rock wieder
+an, sagte kurzen Dank und ging davon.
+
+Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, der ihn verwundert
+anhielt.
+
+»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du aus! -- Aha, rasiert!
+Mensch, du bist doch ein Kindskopf!«
+
+Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend wieder einen Rotwein zu
+trinken. Die beiden Schulkameraden feierten Abschied, und jeder war so
+aufgeräumt wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie eine Beklemmung
+anmerken lassen.
+
+Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen mit dem Wagen vorgefahren,
+auf dem in Lattenverschlägen zwei Kälber standen, mit den Knien
+zitterten und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum erstenmal
+Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem Knecht auf den Bock gesetzt und
+bekam eine Decke über die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und
+schenkte dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg und dem Wald
+entgegen, während der Knecht seine Pfeife anzündete und Knulp mit
+verschlafenen Augen in die hellblaue Morgenkühle blinzelte.
+
+Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde ganz warm. Die zwei auf
+dem Bock unterhielten sich ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau
+ankamen, wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und den Kälbern
+den Umweg machen und am Krankenhaus vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm
+das bald ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor der
+Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und sah dem Wagen nach, bis
+er unter den Ahornen beim Viehmarkt verschwand.
+
+Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen den Gärten ein, den nur
+Einheimische kannten. Er war wieder frei! Im Spital mochten sie warten.
+
+ * * * * *
+
+Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den Duft, die
+Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze erregende und sättigende
+Vertrautheit des Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf dem
+Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerflug
+später dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen
+Marktbrunnens, Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer aus der
+gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, wohlbekannte Gassennamen,
+jeder dicht behängt von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit
+allen Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber des
+Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sicherinnerns, der
+Kameradschaft mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd
+und unermüdet war er den ganzen Nachmittag in allen Gassen unterwegs,
+belauschte den Messerschleifer am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster
+seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern die alten Namen
+wohlbekannter Familien. Er tauchte die Hand in den steinernen Trog des
+Marktbrunnens, seinen Durst aber löschte er erst unten am kleinen
+Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll wie vor all den verflossenen
+Jahren im Erdgeschoß eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam
+klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den Steinplatten rauschte.
+Am Flusse stand er lange und lehnte an der hölzernen Brüstung überm
+ziehenden Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte und die
+schmalen Rücken der Fische schwarz und stille über den zitternden
+Kieseln standen. Er ging über den alten Steg und ließ sich in der Mitte
+in die Kniekehlen sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig
+elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu spüren.
+
+Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, nicht die Kirchenlinde
+mit dem kleinen Rasenstück und nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen
+einstigen Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, in dem
+vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und lehnte sich eine kleine Weile
+zärtlich mit dem Rücken an die alte Haustür, suchte auch den Garten auf
+und sah über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu angelegte
+Pflanzung hinein -- aber die vom Regenwasser abgerundeten Steinstufen und
+der runde, feiste Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. Hier
+hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er sich aus der
+Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier hatte er einst ein volles
+Glück, Erfüllungen ohne Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet,
+diebesselige Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im
+Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack, lustige Winde,
+zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und Kaninchenställe und Werkstatt und
+Drachenbau, Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder
+aus Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen
+Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht,
+kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes
+Traumnest besessen hatte. Dieses Stück Welt hatte ihm gehört, war von
+ihm in tiefster Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte
+jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, Geschichten für ihn
+gehabt, jeder Regen- und Schneefall zu ihm gesprochen, hier hatte Luft
+und Erde in seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert und ihr
+Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte Knulp, war vielleicht hier
+ringsum kein Hausbewohner und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr
+angehört hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, mehr Antwort
+gab, mehr Erinnerungen weckte.
+
+Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der graue Giebel eines
+schmächtigen Hauses empor. Dort hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis
+gewohnt, und dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen ihr Ende
+gefunden in den ersten Heimlichkeiten und zärtlichen Händeln mit
+Mädchen. Von dort war er manchen Abend über die dämmernde Gasse
+heimgekehrt mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort hatte er den
+Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und unter den Küssen der schönen
+Franziska getaumelt. Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder
+vielleicht morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen ihn wenig, er
+hätte sie alle zusammen gerne hingegeben für das Gedächtnis einer
+einzigen Stunde der früheren, der Knabenzeit.
+
+Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun und schaute hinunter,
+und was er sah, war nicht der neue, fremde Garten, der dalag und mit
+dem jungen Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich aussah. Er sah
+den Garten seines Vaters, und seine Kinderblumen im kleinen Beet, am
+Ostersonntag gepflanzte Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine
+Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene Eidechsen
+ausgesetzt hatte, unglücklich, daß keine dort bleiben und wohnen und
+sein Haustier sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung und
+Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle Häuser und Gärten, alle
+Blumen und Eidechsen und Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken,
+und es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer einzigen
+Sommerblume, wie sie damals in seinem Gärtchen wuchs und die köstlichen
+Blumenblätter leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche
+von damals, deren jeden er noch genau im Gedächtnis hatte! Sie waren
+fort, sie waren nicht ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann
+hatte sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus gemacht, Holz
+und Wurzeln und welke Blätter waren miteinander verbrannt, und niemand
+hatte darum geklagt.
+
+Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. Der war jetzt ein
+Doktor und Herr und fuhr im Einspänner bei den kranken Leuten herum, und
+er war wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; aber auch
+er, auch dieser kluge und stramme Mann, was war er gegen damals, gegen
+den gläubigen, scheuen, erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals?
+Hier hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen baut und
+Schindeltürme für Heuschrecken, und er war Macholds Lehrer und sein
+größerer, klügerer, bewunderter Freund gewesen.
+
+Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das
+Lattenhaus im andern Garten war zerfallen, und man mochte an seine
+Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend
+und richtig, wie alles einmal gewesen war.
+
+Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als Knulp den vergrasten
+Gartenweg verließ. Vom neuen Kirchturm, der das Bild der Stadt
+veränderte, rief eine neue Glocke laut herüber.
+
+Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, es war
+Feierabend und niemand zu sehen. Unhörbar schritt er über den weichen
+Lohboden an den gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der Lauge
+lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß schon dunkel an den moosig
+grünen Steinen hintrieb. Da war der Ort, an dem er einmal eine
+Abendstunde mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser
+plätschernd.
+
+Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten lassen, dachte Knulp,
+dann wäre alles anders gekommen. Wenn auch die Lateinschule und das
+Studieren versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug gehabt, um doch
+etwas zu werden. Wie einfach und klar war das Leben! Damals hatte er
+sich weggeworfen und von allem nichts mehr wissen wollen, und das Leben
+war darauf eingegangen und hatte nichts von ihm verlangt. Er war
+außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten
+jungen Jahren und allein im Kranksein und Altern.
+
+Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf dem Mäuerchen
+nieder, und der Fluß rauschte dunkel in seine Gedanken. Da wurde über
+ihm ein Fenster hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn
+hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten und aus dem
+Tor, knöpfte den Rock zu und dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der
+Doktor hatte ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er in
+einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder »Schwanen« gehen können, wo
+man ihn kannte und wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm
+jetzt nicht gelegen.
+
+ * * * * *
+
+Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn früher bis ins
+kleinste interessiert hätte, aber diesmal wollte er nichts sehen und
+wissen, als was zur alten Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen
+erfuhr, daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, und ihm
+schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. Nein, es hatte keinen
+Sinn, hier in den Gassen und zwischen den Gärten herumzustrolchen und
+sich von denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen zu
+lassen. Und als er zufällig in dem engen Postgäßlein dem Oberamtsarzt
+begegnete, fiel ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben im
+Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. Alsbald kaufte er bei einem
+Bäcker zwei Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch vor
+Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße hinan.
+
+Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten großen Straßenbiegung, ein
+staubiger Mann auf einem Steinhaufen und klopfte mit einem
+langstieligen Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke.
+
+Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen.
+
+»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, ohne den Kopf zu heben.
+
+»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte Knulp.
+
+»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und sah einen Augenblick
+empor, vom Mittagslicht auf der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr
+hinaus?«
+
+»Nach Rom zum Papst,« sagte Knulp. »Ist's wohl noch weit?«
+
+»Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall stehen bleiben müsset und
+die Leute in der Arbeit stören, dann erlaufet Ihr's in keinem Jahr.«
+
+»So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich's nicht, Gott sei Dank. Ihr seid ein
+fleißiger Mann, Herr Andres Schaible.«
+
+Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen und musterte den
+Wanderer.
+
+»Ihr kennt mich also,« sagte er bedächtig, »und ich kenn Euch auch, will
+mir scheinen. Bloß auf den Namen muß ich noch kommen.«
+
+»Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo wir Anno neunzig
+allemal unseren Sitz gehabt haben. Aber er wird nimmer leben.«
+
+»Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir's, alter Kunde. Du bist der
+Knulp. Setz dich ein bißchen her, und grüß Gott auch!«
+
+Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete mit Beschwerden;
+er sah erst jetzt, wie schön in der Tiefe das Städtchen lag, blaublanker
+Fluß, rotbraunes Dächergewimmel und kleine grüne Bauminseln dazwischen.
+
+»Du hast es nett hier droben,« sagte er aufatmend.
+
+»Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Früher ist's leichter den
+Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja heillos, Knulp. Hast wieder
+einmal die Heimat besucht?«
+
+»Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.«
+
+»Und warum denn?«
+
+»Weil halt die Lunge kaputt ist. Weißt du nix dagegen?«
+
+»Daheim geblieben wenn du wärst, mein Lieber, und hättest brav
+geschafft, und hättest Weib und Kinder und jeden Abend dein Bett, dann
+wär's vielleicht anders mit dir. Na, darüber weißt du meine Meinung von
+früher her. Da kann man jetzt nichts machen. Ist's denn so schlimm?«
+
+»Ach, ich weiß nicht. -- Oder doch, ich weiß schon. Es geht halt den
+Berg hinunter, und jeden Tag ein bißchen schneller. Da ist's dann wieder
+ganz gut, wenn man für sich allein ist und niemand zur Last fällt.«
+
+»Wie man's nimmt; das ist deine Sache. Es tut mir aber leid.«
+
+»Ist nicht nötig. Gestorben muß einmal sein, es kommt sogar an die
+Steinklopfer. Ja, alter Kunde, da sitzen jetzt wir zwei und können uns
+beide nicht viel einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken im
+Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn gewollt?«
+
+»Ach, das sind alte Geschichten.«
+
+»Und deine Kinder sind gesund?«
+
+»Ich weiß nichts andres. Der Jakob verdient jetzt schon.«
+
+»So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich, jetzt auch ein wenig
+weiter.«
+
+»Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang nimmer gesehen hat! Sag,
+Knulp, kann ich dir mit etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es
+wird eine halbe Mark sein.«
+
+»Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein, danke schön.«
+
+Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm elend ums Herz, und er
+schwieg, und der Steinklopfer gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken.
+Sie blickten eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel im
+Mühlkanal blitzte kräftig herauf, über die Steinbrücke fuhr langsam ein
+Lastwagen, und unterm Wehr schwamm lässig ein weißes Gänsegeschwader.
+
+»Jetzt hab ich ausgeruht und muß weiter,« fing Knulp wieder an.
+
+Der Steinklopfer saß in Gedanken und schüttelte den Kopf.
+
+»Hör, du, du hättest mehr werden können als so ein armer Teufel von
+Pennbruder,« sagte er langsam. »Es ist doch sündenschad um dich. Weißt
+du, Knulp, ich bin gewiß kein Stündeler, aber ich glaube halt doch, was
+in der Bibel steht. Du mußt auch daran denken. Du wirst dich
+verantworten müssen, es wird nicht so leicht gehn. Du hast Gaben gehabt,
+bessere als ein anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du
+darfst mir's nicht zürnen, wenn ich das sage.«
+
+Jetzt lächelte Knulp, und ein Schimmer von der alten harmlosen
+Schelmerei stand in seinen Augen. Er klopfte seinem Kameraden freundlich
+auf den Arm und stand auf.
+
+»Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott fragt mich vielleicht
+gar nicht: Warum bist du nicht Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er
+auch bloß: Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben eine
+leichte Arbeit, Kinderhüten oder so.«
+
+Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau und weiß gewürfelten
+Hemde.
+
+»Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst, wenn der Knulp kommt,
+da wird der Herrgott nichts als Späße machen.«
+
+»Ach nein. Aber es könnte doch sein, nicht?«
+
+»Red nicht so!«
+
+»Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle halt einmal den
+Schaible fragen, der kenne mich gut. Was sagst du ihm dann?«
+
+»Nee, mich braucht der Herrgott gewiß nicht dazu. Aber ich täte sagen:
+Der Knulp hat sein Leben lang nichts als Kindereien getrieben, aber ich
+glaube, er ist halt doch ein guter und anständiger Kerl gewesen.«
+
+Sie gaben sich die Hände, und dabei steckte der Steinklopfer ihm ein
+kleines Geldstück zu, das er verstohlen aus seiner Hosentasche gegraben
+hatte. Und Knulp nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen nicht
+seine Freude zu verderben.
+
+Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal, nickte noch
+einmal zu Andres Schaible zurück, dann begann er zu husten und machte
+schnellere Schritte, und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Vierzehn Tage später, nachdem es auf nebelkalte Tage noch sonnige mit
+späten Glockenblumen und kühlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach
+plötzlich der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf am dritten
+Tage bei milderer Luft einen schweren, hastigen Schneefall.
+
+Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen, auf zielloser Streife
+immer im Umkreis der Heimat, und noch zweimal hatte er aus nächster
+Nähe, im Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen und
+beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er hatte zu viel zu denken
+gehabt und war auf allen den langen, mühsamen, nutzlosen Wegen immer
+tiefer in das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in zähe
+Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu finden. Dann war die
+Krankheit von neuem über ihn gekommen, und wenig fehlte, so wäre er
+eines Tages trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und hätte am
+Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem Alleinsein wieder
+die Stadt unten liegen sah, da klang ihm alles fremd und feindlich
+entgegen, und es ward ihm klar, daß er nimmer dorthin gehöre. Zuweilen
+kaufte er in einem Dorf ein Stück Brot, auch gab es noch Haselnüsse
+genug. Die Nächte brachte er in den Blockhütten der Waldarbeiter oder
+zwischen Strohbündeln auf dem Felde zu.
+
+Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg herüber gegen die
+Talmühle gegangen, verfallen und todesmüde und dennoch immerzu auf den
+Beinen, als müsse er den kleinen Rest seiner Tage noch mächtig ausnützen
+und laufen, laufen, allen Waldrändern und Schneisen nach. So krank und
+müde er war, seine Augen und seine Nüstern hatten die alte Beweglichkeit
+behalten; äugend und schnuppernd wie ein feinfühliger Jagdhund stellte
+er auch jetzt noch, da es keine Ziele mehr für ihn gab, jede
+Bodensenkung, jeden Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht
+dabei, und seine Beine gingen von selber.
+
+In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie seit einigen Tagen
+fast immerzu, vor dem lieben Gott und sprach unaufhörlich mit ihm.
+Furcht hatte er keine; er wußte, daß Gott uns nichts tun kann. Aber sie
+sprachen miteinander, Gott und Knulp, über die Zwecklosigkeit seines
+Lebens, und wie das hätte anders eingerichtet werden können, und warum
+dies und jenes so und nicht anders habe gehen müssen.
+
+»Damals ist es gewesen,« beharrte Knulp immer wieder, »damals, wie ich
+vierzehn Jahre alt war und die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da
+hätte noch alles aus mir werden können. Und dann ist irgend etwas in mir
+kaputt gegangen oder verpfuscht worden, und von da an habe ich eben
+nichts mehr getaugt. -- Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, daß
+du mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen! Dann wäre mein
+Leben so schön und vollkommen gewesen wie ein reifer Apfel.«
+
+Der liebe Gott aber lächelte immerzu, und manchmal verschwand sein
+Gesicht ganz in dem Schneetreiben.
+
+»Na, Knulp,« sagte er ermahnend, »denk einmal an deine
+Jungeburschenzeit, und an den Sommer im Odenwald, und an die
+Lächstettener Zeiten! Hast du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das
+schöne Leben in allen Gelenken zucken gefühlt? Hast du nicht singen
+können und Harmonika spielen, daß den Mädchen die Augen übergelaufen
+sind? Weißt du noch die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz,
+die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?«
+
+Knulp mußte nachdenken, und wie ferne Bergfeuer strahlten ihm die
+Freuden seiner Jugend dunkelschön herüber und dufteten schwer und süß
+wie Honig und Wein, und klangen tieftönig wie Tauwind in der
+Vorfrühlingsnacht. Herrgott, es war schön gewesen, schön die Lust und
+schön die Trauer, und es wäre jammerschade um jeden Tag gewesen, der
+gefehlt hätte!
+
+»Ach ja, es war schön,« gab er zu, und war doch voll Weinerlichkeit und
+Widerspruch wie ein müdes Kind. »Es war ja wunderschön damals. Freilich,
+Schuld und Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist wahr,
+es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht haben nicht viele solche
+Becher ausgetrunken und solche Tänze angeführt und solche Liebesnächte
+gefeiert, wie ich dazumal. Aber dann, dann hätte es aus sein sollen!
+Schon dort war ein Stachel im Glück, ich weiß noch wohl, und dann sind
+niemals mehr so gute Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.«
+
+Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden. Nun, da Knulp ein
+wenig stehen blieb, um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine
+Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott unversehens wieder da
+und gab Antwort.
+
+»Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar? Ich muß lachen,
+wie vergeßlich du geworden bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo
+du der Tanzbodenkönig warst, und an deine Henriette, und du hast zugeben
+müssen: es war gut und schön, es hat wohlgetan und einen Sinn gehabt.
+Und wenn du so an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was für
+Gefühlen willst du dann gar an Lisabeth denken? He? Ja, hast du denn die
+ganz vergessen können?«
+
+Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein Stück Vergangenheit vor
+Knulps Augen, und wenn es nicht ganz so froh und lustig aussah wie das
+vorige, so glänzte es dafür viel heimlicher und inniger, wie Frauen
+lächeln zwischen Tränen, und es standen Tage und Stunden aus ihren
+Gräbern auf, an die er lange nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand
+Lisabeth, mit schönen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf dem Arm.
+
+»Was für ein schlechter Kerl bin ich gewesen!« fing er wieder zu klagen
+an. »Nein, seit die Lisabeth tot ist, hätte ich auch nimmer leben
+dürfen.«
+
+Aber Gott ließ ihn nicht weiterreden. Er sah ihn durchdringend aus den
+hellen Augen an und fuhr fort: »Hör auf, Knulp! Du hast der Lisabeth
+sehr weh getan, das ist nicht anders, aber du weißt wohl, sie hat doch
+mehr Zartes und Schönes von dir empfangen als Böses, und sie hat dir
+nicht einen Augenblick gezürnt. Siehst du denn immer noch nicht, du
+Kindskopf, was der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, daß du
+deswegen ein Leichtfuß und ein Vagabund sein mußtest, damit du überall
+ein Stück Kindertorheit und Kinderlachen hintragen konntest? Damit
+überall die Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig hänseln
+und dir ein wenig dankbar sein mußten?«
+
+»Es ist am Ende wahr,« gab Knulp nach einigem Schweigen halblaut zu.
+»Aber das ist alles früher gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich
+aus dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch geworden? Es
+wäre noch Zeit gewesen.«
+
+Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete wieder einen Augenblick
+und wollte den dicken Schnee von Hut und Kleidern schütteln. Aber er kam
+nicht dazu, er war zerstreut und müde, und Gott stand jetzt nahe vor
+ihm, seine lichten Augen waren weit offen und strahlten wie die Sonne.
+
+»Nun sei einmal zufrieden,« mahnte Gott, »was soll das Klagen nützen?
+Kannst du wirklich nicht sehen, daß alles gut und richtig zugegangen ist
+und daß nichts hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt ein
+Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau und Kinder haben und am
+Abend das Wochenblatt lesen? Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen
+und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen stellen und
+Eidechsen zähmen?«
+
+Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor Müdigkeit und spürte
+doch nichts davon. Es war ihm viel wohler zumute geworden, und er nickte
+dankbar zu allem, was Gott ihm sagte.
+
+»Sieh,« sprach Gott, »ich habe dich nicht anders brauchen können, als
+wie du bist, und ich habe dir den Stachel der Heimatlosigkeit und
+Wanderschaft mitgeben müssen, sonst wärest du irgendwo sitzen geblieben
+und hättest mir mein Spiel verdorben. In meinem Namen bist du gewandert
+und hast den seßhaften Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach
+Freiheit mitbringen müssen. In meinem Namen hast du Dummheiten gemacht
+und dich verspotten lassen; ich selber bin in dir verspottet und bin in
+dir geliebt worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und ein Stück
+von mir, und du hast nichts gekostet und nichts gelitten, was ich nicht
+mit dir erlebt habe.«
+
+»Ja,« sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf. »Ja, es ist so, ich
+habe es eigentlich immer gewußt.«
+
+Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder waren ganz leicht
+geworden, und seine entzündeten Augen lächelten.
+
+Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen, hörte er noch immer
+Gottes Stimme reden und sah noch immer in seine hellen Augen.
+
+»Also ist nichts mehr zu klagen?« fragte Gottes Stimme.
+
+»Nichts mehr,« nickte Knulp und lachte schüchtern.
+
+»Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?«
+
+»Ja,« nickte er, »es ist alles, wie es sein soll.«
+
+Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die seiner Mutter, bald
+wie Henriettes Stimme, bald wie die gute, sanfte Stimme der Lisabeth.
+
+»Dann bist du daheim,« sagte die Stimme. »Dann bist du daheim und
+bleibst bei mir.«
+
+Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so
+sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer
+auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum
+Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.
+
+
+ _Ende_
+
+
+
+
+ Werke von Hermann Hesse
+
+
+Peter Camenzind
+
+Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg.
+
+Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten, muskeligen
+Kerls, der aber den versonnenen Träumerkopf des Hermann Hesse auf den
+Schultern hat. Und da ist schon die Tragik -- so einer findet sich im
+Leben nicht zurecht. Draußen nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige
+Firnenreinheit ist über den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles
+klärt und versöhnt.
+ (Freistatt, München)
+
+
+Aus Indien
+
+Aufzeichnungen von einer indischen Reise
+
+6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig
+
+Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben großen,
+verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen Romanen und Novellen
+Menschen und Landschaften seiner süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er
+uns auch führt, es ist ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles
+Fremde, Exotische führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück.
+Damit pflückt er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte,
+und doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; eine
+in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie sie Hesse
+mit unsern besten deutschen Meistern verbindet.
+ (Königsberg. Allgemeine Zeitung)
+
+
+Umwege
+
+Erzählungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. Diese höchste
+Kunst in der stillsten Schlichtheit seines Wortgefüges, diese innig
+beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, diese ruhig
+abwartende Ironie der Darstellung menschlicher Schwächen und Schwänke
+sind unvergleichlich. Wie Gottfried Keller in seinen »Seldwylern«, so
+hat Hesse in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht,
+seine ganz persönliche Domäne gefunden.
+ (Berliner Tageblatt)
+
+
+Roßhalde
+
+Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg.
+
+Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten und
+dunkelsten Gemütsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal.
+Zwischen Mann und Frau in einer Künstlerehe ist eine Fremdheit in die
+Höhe gewachsen, grundlos, mit der Unüberwindlichkeit alles Elementaren.
+Es liegt wie eine dumpfe Last über beiden, die sie nicht heben können,
+weil ihr Kind es ihnen unmöglich macht, auseinanderzugehen. Nie hat
+Hermann Hesse künstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie die seelische
+Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften Bann der zwiefachen
+Einsamkeit dessen, der zum engsten Zusammenleben mit einem einst nahen
+und nun willenlos feindlich fernen Menschen verdammt ist. »Roßhalde« ist
+eines der menschlich tiefsten und wahrsten Bücher, die geschrieben sind.
+ (Die Hilfe)
+
+
+Diesseits
+
+Erzählungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,
+schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit
+weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden
+Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses
+neuen Novellenband »Diesseits« lesen.
+ (Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Nachbarn
+
+Erzählungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark
+
+Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf
+Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch
+zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen
+schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese
+Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und
+die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei
+Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.
+ (Württemberger Zeitung, Stuttgart)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer
+Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält
+eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.
+
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin
+p 052: kann ihm hastig -> kam
+p 101: So so. -> So, so.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition
+published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek
+zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin
+p 052: kann ihm hastig -> kam
+p 101: So so. -> So, so.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+***** This file should be named 17622-8.txt or 17622-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/6/2/17622/
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,4753 @@
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+ The Project Gutenberg eBook of Knulp, by Hermann Hesse.
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+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Knulp
+ Drei Geschichten aus dem Leben Knulps
+
+Author: Hermann Hesse
+
+Release Date: January 29, 2006 [EBook #17622]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+
+
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p>
+<p class="center"><em class="gesperrt">Fischers Bibliothek<br />
+zeitgenössischer Romane</em></p>
+<!-- <p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p>
+<div class="titlepage">
+<h1>Knulp</h1>
+
+<h3>Drei Geschichten aus dem Leben Knulps</h3>
+<h3>von</h3>
+
+<h2>Hermann Hesse</h2>
+
+<h4>S. Fischer, Verlag, Berlin</h4>
+</div>
+
+<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p>
+<p class="copyright">Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der &Uuml;bersetzung.<br />
+Gedruckt w&auml;hrend der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.<br />
+Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.</p>
+
+
+
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+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
+
+
+
+<table class="toc">
+<caption>Inhalt</caption>
+<tr><td><a href="#Vorfruehling">Vorfr&uuml;hling</a></td><td align="right"><a href="#Page_7">7</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Meine_Erinnerung_an_Knulp">Meine Erinnerung an Knulp</a></td><td align="right"><a href="#Page_67">67</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Ende">Das Ende</a></td><td align="right"><a href="#Page_97">97</a></td></tr>
+</table>
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<!-- <p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p>
+<div class="story">
+<h2><a name="Vorfruehling" id="Vorfruehling"></a>Vorfr&uuml;hling</h2>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Anfang der neunziger Jahre mu&szlig;te unser Freund
+Knulp einmal mehrere Wochen im Spital liegen, und
+als er entlassen wurde, war es Mitte Februar und
+scheu&szlig;liches Wetter, so da&szlig; er schon nach wenigen
+Wandertagen wieder Fieber sp&uuml;rte und auf ein Unterkommen
+bedacht sein mu&szlig;te. An Freunden hat es
+ihm nie gefehlt, und er h&auml;tte fast in jedem St&auml;dtchen
+der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden.
+Aber darin war er sonderbar stolz, so sehr,
+da&szlig; es eigentlich f&uuml;r eine Ehre gelten konnte, wenn
+er von einem Freund etwas annahm.</p>
+
+<p>Diesmal war es der Wei&szlig;gerber Emil Rothfu&szlig; in
+L&auml;chstetten, dessen er sich erinnerte und an dessen schon
+verschlossener Haust&uuml;re er abends bei Regen und
+Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen
+im Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle
+Gasse hinunter: &raquo;Wer ist drau&szlig;en? Hat&#8217;s nicht auch<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>
+Zeit, bis es wieder Tag ist?&laquo;</p>
+
+<p>Knulp, als er die Stimme des alten Freundes h&ouml;rte,
+wurde trotz aller M&uuml;digkeit sofort munter. Er erinnerte
+sich an ein Verschen, das er vor Jahren gemacht
+hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil
+Rothfu&szlig; zusammen gewandert war, und sang alsbald
+am Hause hinauf:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Es sitzt ein m&uuml;der Wandrer<br /></span>
+<span class="i0">In einer Restauration,<br /></span>
+<span class="i0">Das ist gewi&szlig; kein andrer<br /></span>
+<span class="i0">Als der verlorne Sohn.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Der Gerber stie&szlig; den Laden heftig auf und beugte
+sich weit aus dem Fenster.</p>
+
+<p>&raquo;Knulp! Bist du&#8217;s oder ist&#8217;s ein Geist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin&#8217;s!&laquo; rief Knulp. &raquo;Du kannst aber auch &uuml;ber
+die Stiege herunter kommen, oder mu&szlig; es durchs
+Fenster sein?&laquo;</p>
+
+<p>Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die
+Haust&uuml;re auf und leuchtete dem Ank&ouml;mmling mit der
+kleinen rauchenden &Ouml;llampe ins Gesicht, da&szlig; er blinzeln
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt aber herein mit dir!&laquo; rief er aufgeregt und
+zog den Freund ins Haus. &raquo;Erz&auml;hlen kannst du sp&auml;ter.
+Es ist noch was vom Nachtessen &uuml;brig, und ein Bett
+<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter!
+Ja, hast du denn auch gute Stiefel, du?&laquo;</p>
+
+<p>Knulp lie&szlig; ihn fragen und sich wundern, schlug auf
+der Treppe sorgf&auml;ltig die umgelitzten Hosenbeine herab
+und stieg mit Sicherheit durch die D&auml;mmerung empor,
+obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten
+hatte.</p>
+
+<p>Im Gang oben, vor der Wohnstubent&uuml;re, blieb er
+einen Augenblick stehen und hielt den Gerber, der ihn
+eintreten hie&szlig;, an der Hand zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Du,&laquo; sagte er fl&uuml;sternd, &raquo;gelt, du bist ja jetzt verheiratet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, freilich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eben drum. &#8211; Wei&szlig;t du, deine Frau kennt mich
+nicht; es kann sein, sie hat keine Freude. St&ouml;ren mag
+ich euch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was st&ouml;ren!&laquo; lachte Rothfu&szlig;, tat die T&uuml;re weit
+auf und dr&auml;ngte Knulp in die helle Stube. Da hing
+&uuml;ber einem gro&szlig;en E&szlig;tisch an drei Ketten die gro&szlig;e
+Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte
+in der Luft und dr&auml;ngte in d&uuml;nnen Z&uuml;gen nach dem
+hei&szlig;en Zylinder hin, wo er hastig emporwirbelte und
+verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und eine
+Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>schmalen Kanapee an der Querwand sprang mit halber
+und verlegener Munterkeit, als sei sie in einem
+Schlummer gest&ouml;rt worden und wolle es nicht merken
+lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen
+Augenblick wie verwirrt am scharfen Licht, sah der
+Frau in die hellgrauen Augen und gab ihr mit einem
+h&ouml;flichen Kompliment die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;So, das ist sie,&laquo; sagte der Meister lachend. &raquo;Und
+das ist der Knulp, mein Freund Knulp, wei&szlig;t du, von
+dem wir auch schon gesprochen haben. Er ist nat&uuml;rlich
+unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja
+doch leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander,
+und der Knulp mu&szlig; was zu essen haben.
+Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach.</p>
+
+<p>&raquo;Ein bi&szlig;chen erschrocken ist sie doch,&laquo; meinte er leise.
+Aber Rothfu&szlig; wollte das nicht zugeben.</p>
+
+<p>&raquo;Kinder habet ihr noch keine?&laquo; fragte Knulp.</p>
+
+<p>Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem
+Zinnteller die Wurst und stellte das Brotbrett daneben,
+das in seiner Mitte einen halben Laib Schwarzbrot trug,
+sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um
+dessen R&uuml;ndung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift
+lief: Gib uns heute unser t&auml;glich Brot.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>&raquo;Wei&szlig;t du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt
+hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; doch!&laquo; wehrte dieser ab. Und er wandte sich
+l&auml;chelnd an die Hausfrau: &raquo;Also, ich bin so frei, Frau
+Meisterin.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Rothfu&szlig; lie&szlig; nicht nach.</p>
+
+<p>&raquo;Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was!&laquo; rief sie lachend und lief sogleich wieder
+davon.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habet keine?&laquo; fragte Knulp, als sie drau&szlig;en
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, noch keine. Sie l&auml;&szlig;t sich Zeit, wei&szlig;t du, und
+f&uuml;r die ersten Jahre ist es auch besser. Aber greif zu,
+gelt, und la&szlig; dir&#8217;s schmecken!&laquo;</p>
+
+<p>Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen
+Mostkrug herein und stellte drei Gl&auml;ser dazu
+auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie machte es geschickt,
+Knulp sah ihr zu und l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Zum Wohl, alter Freund!&laquo; rief der Meister und
+streckte Knulp sein Glas entgegen. Der war aber
+galant und rief: &raquo;Zuerst die Damen. Ihr wertes
+Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!&laquo;</p>
+
+<p>Sie stie&szlig;en an und tranken, und Rothfu&szlig; leuchtete
+vor Freude und blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>bemerke, was sein Freund f&uuml;r fabelhafte Manieren
+habe.</p>
+
+<p>Sie hatte es aber l&auml;ngst bemerkt.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du,&laquo; sagte sie, &raquo;der Herr Knulp ist h&ouml;flicher
+als du, der wei&szlig;, was der Brauch ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O bitte,&laquo; meinte der Gast, &raquo;das h&auml;lt eben jeder so,
+wie er&#8217;s gelernt hat. Was Manieren betrifft, da k&ouml;nnten
+Sie mich leicht in Verlegenheit bringen, Frau
+Meisterin. Und wie sch&ouml;n Sie serviert haben, wie im
+feinsten Hotel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja gelt,&laquo; lachte der Meister, &raquo;das hat sie aber auch
+gelernt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab
+ihn kaum mehr gekannt. Aber ich habe ein paar Jahre
+lang im Ochsen serviert, wenn Sie den kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Ochsen? Der ist fr&uuml;her das feinste Gasthaus
+von L&auml;chstetten gewesen,&laquo; lobte Knulp.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast
+nur Handlungsreisende und Turisten im Logis gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub&#8217;s, Frau Meisterin. Da haben Sie&#8217;s
+sicher gut gehabt und was Sch&ouml;nes verdient! Aber
+ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>Langsam und genie&szlig;erisch strich er die weiche Wurst
+auf sein Brot, legte die reinlich abgezogene Haut auf
+den Rand des Tellers und nahm zuweilen einen
+Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister
+sah mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den
+schlanken feinen H&auml;nden das Notwendige so sauber
+und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es mit
+Gefallen wahr.</p>
+
+<p>&raquo;Extra gut aussehen tust du aber nicht,&laquo; begann im
+weiteren Emil Rothfu&szlig; zu tadeln, und jetzt mu&szlig;te
+Knulp bekennen, da&szlig; es ihm neuestens schlecht gegangen
+und da&szlig; er im Krankenhaus gewesen sei.
+Doch verschwieg er alles Peinliche. Als ihn darauf
+sein Freund fragte, was er denn jetzt anzufangen
+denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager f&uuml;r
+jede Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was
+Knulp erwartet und womit er gerechnet hatte, aber
+er wich wie in einer Anwandlung von Sch&uuml;chternheit
+aus, dankte fl&uuml;chtig und verschob das Besprechen dieser
+Dinge bis morgen.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber das k&ouml;nnen wir morgen oder &uuml;bermorgen
+auch noch reden,&laquo; meinte er nachl&auml;ssig, &raquo;die Tage
+gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile
+bleib ich auf alle F&auml;lle hier.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Er machte nicht gern Pl&auml;ne oder Versprechungen
+auf lange Zeit. Wenn er nicht die freie Verf&uuml;gung
+&uuml;ber den kommenden Tag in der Tasche hatte, f&uuml;hlte
+er sich nicht wohl.</p>
+
+<p>&raquo;Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,&laquo;
+begann er dann wieder, &raquo;so mu&szlig;t du mich als deinen
+Gesellen anmelden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht gar!&laquo; lachte der Meister auf. &raquo;Du
+und mein Gesell! Au&szlig;erdem bist du ja gar kein Wei&szlig;gerber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir
+gar nichts am Gerben, es soll zwar ein sch&ouml;nes Handwerk
+sein, und zum Arbeiten habe ich kein Talent.
+Aber meinem Wanderb&uuml;chlein wird es gut tun, wei&szlig;t
+du. F&uuml;r das Krankengeld k&auml;me ich dann schon auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich&#8217;s einmal sehen, dein B&uuml;chlein?&laquo;</p>
+
+<p>Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges
+und zog das Ding heraus, das reinlich in einem
+Wachstuchfutteral steckte.</p>
+
+<p>Der Gerbermeister sah es an und lachte: &raquo;Immer
+tadellos! Man meint, du seiest erst gestern fr&uuml;h von
+der Mutter fortgereist.&laquo;</p>
+
+<p>Dann studierte er die Eintr&auml;ge und Stempel und
+sch&uuml;ttelte in tiefer Bewunderung den Kopf: &raquo;Nein,
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>ist das eine Ordnung! Bei dir mu&szlig; halt alles nobel
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Das Wanderb&uuml;chlein so in Ordnung zu halten, war
+allerdings eine von Knulps Liebhabereien. Es stellte
+in seiner Tadellosigkeit eine anmutige Fiktion oder
+Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Eintr&auml;ge
+bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten
+und arbeitsamen Lebens, in welchem nur die
+Wanderlust in Form sehr h&auml;ufiger Ortswechsel auffiel.
+Das in diesem amtlichen Pa&szlig; bescheinigte Leben
+hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert K&uuml;nsten
+diese Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter
+gef&uuml;hrt, w&auml;hrend er in Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes
+tat, aber als arbeitsloser Landstreicher ein
+ungesetzliches und mi&szlig;achtetes Dasein hatte. Freilich
+w&auml;re es ihm kaum gegl&uuml;ckt, seine h&uuml;bsche Dichtung
+so ungest&ouml;rt fortzusetzen, w&auml;ren ihm nicht alle Gendarmen
+wohlgesinnt gewesen. Sie lie&szlig;en den heiteren,
+unterhaltsamen Menschen, dessen geistige &Uuml;berlegenheit
+und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach
+M&ouml;glichkeit in Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen,
+es war ihm kein Diebstahl und kein Bettel
+nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch &uuml;berall;
+so lie&szlig; man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten
+<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Hauswesen eine h&uuml;bsche Katze mitleben
+mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, w&auml;hrend
+sie unbek&uuml;mmert zwischen allen den flei&szlig;igen und bedr&uuml;ckten
+Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll
+herrenm&auml;&szlig;iges und arbeitsloses Dasein verlebt.</p>
+
+<p>&raquo;Aber jetzt w&auml;ret ihr schon lang im Bett, wenn ich
+nicht gekommen w&auml;re,&laquo; rief Knulp, indem er seine
+Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und
+machte der Hausfrau ein Kompliment.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Rothfu&szlig;, und zeig mir, wo mein Bett
+steht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale
+Stiege zum Dachstock hinauf und in die Gesellenkammer.
+Da stand eine leere eiserne Bettstatt an der
+Wand und daneben eine h&ouml;lzerne, die mit Bettzeug
+versehen war.</p>
+
+<p>&raquo;Willst eine Bettflasche?&laquo; fragte der Hauswirt
+v&auml;terlich.</p>
+
+<p>&raquo;Das fehlt gerade noch,&laquo; lachte Knulp. &raquo;Der Herr
+Meister, der braucht freilich keine, wenn er so ein
+h&uuml;bsches kleines Frauelein hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, siehst du,&laquo; meinte Rothfu&szlig; ganz eifrig, &raquo;da
+steigst du jetzt in dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer,
+und manchmal noch in ein schlechteres, und
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>manchmal hast du gar keins und mu&szlig;t im Heu schlafen.
+Aber unsereiner hat Haus und Gesch&auml;ft und eine nette
+Frau. Schau, du k&ouml;nntest doch schon lang Meister
+sein und weiter als ich, wenn du blo&szlig; gewollt h&auml;ttest.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider
+abgelegt und sich fr&ouml;stelnd in das k&uuml;hle Bettzeug verkrochen.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du noch viel?&laquo; fragte er. &raquo;Ich liege gut
+und kann zuh&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir auch, Rothfu&szlig;. Du mu&szlig;t aber nicht meinen,
+das Heiraten sei eine Erfindung von dir. Also gut
+Nacht auch!&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er
+f&uuml;hlte sich noch etwas schwach, und das Wetter war
+so, da&szlig; er doch das Haus kaum verlassen h&auml;tte. Den
+Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er,
+er m&ouml;ge ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag
+einen Teller Suppe heraufbringen.</p>
+
+<p>So lag er in der d&auml;mmerigen Dachkammer den
+ganzen Tag still und zufrieden, f&uuml;hlte K&auml;lte und
+Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit
+Lust dem Wohlgef&uuml;hl warmer Geborgenheit hin. Er
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>h&ouml;rte dem flei&szlig;igen Klopfen des Regens auf dem
+Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und
+f&ouml;hnig in launischen St&ouml;&szlig;en ging. Dazwischen schlief
+er halbe Stunden oder las, solange es licht genug war,
+in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus Bl&auml;ttern,
+auf welche er sich Gedichte und Spr&uuml;che abgeschrieben
+hatte, und aus einem kleinen B&uuml;ndel von Zeitungsausschnitten.
+Auch einige Bilder waren dazwischen,
+die er in Wochenbl&auml;ttern gefunden und ausgeschnitten
+hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen
+vom &ouml;fteren Hervorziehen schon br&uuml;chig und zerfasert
+aus. Das eine stellte die Schauspielerin Eleonora
+Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff bei starkem
+Winde auf hoher See. F&uuml;r den Norden und f&uuml;r das
+Meer hatte Knulp seit den Knabenjahren eine starke
+Vorliebe, und mehrmals hatte er sich dahin auf den
+Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische
+gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer
+unterwegs war und an keinem Orte lang verweilen
+konnte, hatte eine merkw&uuml;rdige Bangigkeit und Heimatliebe
+immer wieder in raschen M&auml;rschen nach S&uuml;ddeutschland
+zur&uuml;ckgetrieben. Es mag auch sein, da&szlig;
+ihm die Sorglosigkeit verlorenging, wenn er in Gegenden
+mit fremder Mundart und Sitte kam, wo
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein
+legendenhaftes Wanderb&uuml;chlein in Ordnung zu halten.</p>
+
+<p>Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und
+Brot herauf. Er trat leise auf und sprach in einem erschrockenen
+Fl&uuml;sterton, da er Knulp f&uuml;r krank hielt und
+selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals
+am hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der
+sich sehr wohl f&uuml;hlte, gab sich keine M&uuml;he mit Erkl&auml;rungen
+und versicherte nur, er werde morgen wieder
+aufstehen und gesund sein.</p>
+
+<p>Im sp&auml;teren Nachmittag klopfte es an der Kammert&uuml;r,
+und da Knulp im Halbschlummer lag und keine
+Antwort gab, trat die Meistersfrau vorsichtig herein
+und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale
+Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.</p>
+
+<p>Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen h&ouml;ren,
+blieb aus M&uuml;digkeit oder Laune mit geschlossenen
+Augen liegen und lie&szlig; nichts davon merken, da&szlig; er
+wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der
+Hand, warf einen Blick auf den Schl&auml;fer, dessen Kopf
+auf dem halb vom blaugew&uuml;rfelten Hemd&auml;rmel bedeckten
+Arme lag. Und da ihr die Feinheit des dunklen
+Haares und die fast kindliche Sch&ouml;nheit des sorglosen
+Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>sich den h&uuml;bschen Burschen an, von dem ihr der Meister
+viel Wunderliches erz&auml;hlt hatte. Sie sah &uuml;ber den
+geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten,
+hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen,
+den feinen, hellroten Mund und den schlanken, lichten
+Hals, und alles gefiel ihr wohl, und sie dachte an die
+Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und je in Fr&uuml;hlingslaunen
+sich von einem solchen fremden, h&uuml;bschen
+Buben hatte liebhaben lassen.</p>
+
+<p>Indem sie sich, tr&auml;umerisch und leicht erregt, ein
+wenig vorbeugte, um das ganze Gesicht zu sehen, glitt
+ihr der zinnerne L&ouml;ffel vom Teller und fiel auf den
+Boden, wor&uuml;ber sie in der Stille und befangenen
+Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.</p>
+
+<p>Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend,
+als habe er tief geschlafen. Er drehte den
+Kopf her&uuml;ber, hielt einen Augenblick die Hand &uuml;ber
+die Augen und sagte mit L&auml;cheln: &raquo;Eia, da ist ja die
+Frau Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht!
+Ein guter, warmer Kaffee, das ist gerade das, wovon
+ich in diesem Augenblick getr&auml;umt habe. Also sch&ouml;nen
+Dank, Frau Rothfu&szlig;! Was ist es denn auch f&uuml;r
+Zeit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Viere,&laquo; sagte sie schnell. &raquo;Jetzt trinken Sie nur,
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>solang er warm ist, nachher hol ich das Geschirr dann
+wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute
+&uuml;brig. Knulp sah ihr nach und h&ouml;rte zu, wie sie in
+Eile die Treppe hinab verschwand. Er machte nachdenkliche
+Augen und sch&uuml;ttelte mehrmals den Kopf,
+dann stie&szlig; er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und
+wendete sich zu seinem Kaffee.</p>
+
+<p>Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde
+es ihm langweilig, er f&uuml;hlte sich wohl und pr&auml;chtig
+ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig unter
+Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich
+an, schlich in der tiefen D&auml;mmerung leise wie ein
+Marder die Treppe hinab und schl&uuml;pfte unbemerkt
+aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer
+und feucht aus S&uuml;dwesten, aber es regnete nicht mehr,
+und am Himmel standen gro&szlig;e Flecken licht und klar.</p>
+
+<p>Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen
+Gassen und &uuml;ber den ver&ouml;deten Marktplatz, stellte sich
+dann im offenen Tor einer Hufschmiede auf, sah den
+Lehrlingen beim Aufr&auml;umen zu, fing ein Gespr&auml;ch
+mit den Gesellen an und hielt die k&uuml;hlen H&auml;nde &uuml;ber
+die dunkelrot verglosende Esse. Dabei fragte er obenhin
+nach manchen Bekannten in der Stadt, erkundigte
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>sich &uuml;ber Todesf&auml;lle und Heiraten und lie&szlig; sich
+von dem Hufschmied f&uuml;r einen Kollegen ansehen, denn
+es waren ihm die Sprachen und Erkennungszeichen
+aller Handwerke gel&auml;ufig.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser Zeit setzte die Frau Rothfu&szlig; ihre
+Abendsuppe an, klimperte mit den Eisenringen am
+kleinen Herd und sch&auml;lte Kartoffeln, und als das getan
+war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand,
+ging sie mit der K&uuml;chenlampe ins Wohnzimmer hin&uuml;ber
+und stellte sich vor dem Spiegel auf. Sie fand
+darin, was sie suchte: ein volles, frischwangiges Gesicht
+mit bl&auml;ulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu
+bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern
+in Ordnung. Darauf strich sie die frischgewaschenen
+H&auml;nde noch einmal an der Sch&uuml;rze ab, nahm das
+L&auml;mpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.</p>
+
+<p>Sachte klopfte sie an die T&uuml;re der Gesellenkammer,
+und nochmals etwas lauter, und da keine Antwort
+kam, stellte sie die Leuchte an den Boden und machte
+mit beiden H&auml;nden vorsichtig die T&uuml;r auf, da&szlig; sie
+nicht knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen
+Schritt und ertastete den Stuhl bei der Bettstatt.</p>
+
+<p>&raquo;Schlafen Sie?&laquo; fragte sie mit halber Stimme. Und
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>noch einmal: &raquo;Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr
+abr&auml;umen.&laquo;</p>
+
+<p>Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug
+zu h&ouml;ren war, streckte sie die Hand gegen das Bett hin
+aus, zog sie aber in einem Gef&uuml;hl von Unheimlichkeit
+wieder zur&uuml;ck und lief nach der Lampe. Als sie nun
+die Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet,
+auch Kissen und Federdecke tadellos aufgesch&uuml;ttelt
+fand, lief sie verwirrt, zwischen Angst und
+Entt&auml;uschung, in ihre K&uuml;che zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde sp&auml;ter, als der Gerber zum
+Nachtessen heraufgekommen und der Tisch gedeckt
+war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu machen,
+fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch
+in der Dachkammer zu erz&auml;hlen. Da ging unten
+das Tor, ein leichter Schritt klang durch den gepflasterten
+Gang und die gebogene Stiege herauf, und
+Knulp stand da, nahm den h&uuml;bschen braunen Filz vom
+Kopf und w&uuml;nschte guten Abend.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wo kommst denn du her?&laquo; rief der Meister erstaunt.
+&raquo;Ist krank und l&auml;uft dabei in der Nacht herum!
+Du kannst dir ja den Tod holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz richtig,&laquo; sagte Knulp. &raquo;Gr&uuml;&szlig; Gott, Frau
+Rothfu&szlig;, ich komme ja gerade recht. Ihre gute Suppe
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>habe ich schon vom Marktplatz her gerochen, die wird
+mir den Tod schon vertreiben.&laquo;</p>
+
+<p>Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gespr&auml;chig
+und r&uuml;hmte sich seiner H&auml;uslichkeit und seines
+Meisterstandes. Er neckte den Gast und redete ihm
+dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige
+Wandern und Nichtstun einmal aufgeben. Knulp
+h&ouml;rte zu und gab wenig Antwort, und die Meisterin
+sagte kein Wort. Sie &auml;rgerte sich &uuml;ber ihren Mann,
+der ihr neben dem manierlichen und h&uuml;bschen Knulp
+grob erschien, und gab dem Gast ihre gute Meinung
+durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund. Als
+es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat
+sich des Gerbers Rasiermesser aus.</p>
+
+<p>&raquo;Sauber bist du,&laquo; r&uuml;hmte Rothfu&szlig;, indem er das
+Messer hergab. &raquo;Kaum kratzt&#8217;s dich am Kinn, so mu&szlig;
+der Bart herunter. Also gut Nacht, und gute Besserung!&laquo;</p>
+
+<p>Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in
+das kleine Fensterchen oben an der Bodentreppe, um
+noch einen Augenblick nach Wetter und Nachbarschaft
+auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen
+den D&auml;chern stand ein schwarzes St&uuml;ck Himmel, in
+welchem klare, feucht schimmernde Sterne brannten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das
+Fenster schlie&szlig;en, da wurde ein kleines Fenster ihm
+gegen&uuml;ber im Nachbarhause pl&ouml;tzlich hell. Er sah eine
+kleine niedere Kammer, der seinen ganz &auml;hnlich, durch
+deren T&uuml;re eine junge Dienstmagd hereintrat, eine
+Kerze im messingnen Leuchter in der Hand und in der
+Linken einen gro&szlig;en Wasserkrug, den sie am Boden
+abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze &uuml;ber ihr
+schmales M&auml;gdebett hin, das bescheiden und s&auml;uberlich
+mit einer groben roten Wollendecke zum Schlafen
+einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht
+wohin, und setzte sich auf eine niedere gr&uuml;ngemalte
+Kofferkiste, wie alle Dienstm&auml;gde eine haben.</p>
+
+<p>Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene dr&uuml;ben
+zu spielen begann, sein eigenes Licht ausgeblasen,
+um nicht gesehen zu werden, und stand nun still und
+lauernd aus seiner Luke gebeugt.</p>
+
+<p>Die junge Magd dr&uuml;ben war von der Art, die ihm
+gefiel. Sie war vielleicht achtzehn oder neunzehn
+Jahre, nicht eben gro&szlig; gewachsen, und hatte ein br&auml;unliches
+gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit
+braunen Augen und dunklem dichten Haar. Dies
+stille angenehme Gesicht sah gar nicht fr&ouml;hlich aus, und
+die ganze Person sa&szlig; auf ihrer harten gr&uuml;nen Kiste
+<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>ziemlich bek&uuml;mmert und traurig da, so da&szlig; Knulp, der
+die Welt und auch die M&auml;dchen kannte, sich wohl denken
+konnte, das junge Ding sei noch nicht lange mit
+seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie
+lie&szlig; die mageren braunen H&auml;nde im Scho&szlig;e ruhen und
+suchte einen fl&uuml;chtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen
+noch eine Weile auf ihrem kleinen Eigentum zu
+sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.</p>
+
+<p>Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte
+Knulp in seinem Fensterloch und blickte mit
+wunderlicher Spannung in das kleine fremde Menschenleben
+hin&uuml;ber, das so harmlos seinen h&uuml;bschen
+Kummer im Kerzenlicht h&uuml;tete und an keinen Zuschauer
+dachte. Er sah die braunen, gutm&uuml;tigen Augen
+bald unverborgen her&uuml;ber dunkeln, bald wieder von
+langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen
+Wangen das rote Licht leise spielen, er sah den
+mageren jungen H&auml;nden zu, wie sie m&uuml;de waren und
+die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig
+hinausschoben, w&auml;hrend sie auf dem dunkelblauen
+baumwollenen Kleide ruhten.</p>
+
+<p>Endlich richtete das J&uuml;ngferlein mit einem Seufzer
+den Kopf mit den schweren, in ein Nest aufgesteckten
+Z&ouml;pfen empor, blickte gedankenvoll, doch nicht minder
+<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>bek&uuml;mmert ins Leere und b&uuml;ckte sich dann tief, um
+ihre Schuhnestel aufzul&ouml;sen.</p>
+
+<p>Knulp w&auml;re ungern schon jetzt weggegangen, doch
+schien es ihm unrecht und fast grausam, dem armen
+Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern h&auml;tte er
+sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit
+einem Scherzwort ein wenig fr&ouml;hlicher zu Bett gehen
+lassen. Aber er f&uuml;rchtete, sie w&uuml;rde erschrecken und
+alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hin&uuml;ber riefe.</p>
+
+<p>Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen
+K&uuml;nste zu &uuml;ben. Er hob an, unendlich fein und
+zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und er pfiff
+das Lied &raquo;In einem k&uuml;hlen Grunde, da geht ein
+M&uuml;hlenrad&laquo;, und es gelang ihm, es so fein und zart
+zu machen, da&szlig; das M&auml;dchen eine ganze Weile zuh&ouml;rte,
+ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim
+dritten Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und
+horchend an ihr Fenster trat.</p>
+
+<p>Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes
+Knulp leise weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein
+paar Takte lang der Melodie nach, schaute dann pl&ouml;tzlich
+auf und erkannte, woher die Musik komme.</p>
+
+<p>&raquo;Ist jemand da dr&uuml;ben?&laquo; fragte sie halblaut.</p>
+
+<p>&raquo;Nur ein Gerbergesell,&laquo; gab es ebenso leise Antwort.
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>&raquo;Ich will die Jungfer nicht im Schlafen st&ouml;ren.
+Ich habe nur ein bi&szlig;chen das Heimweh gehabt und
+mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige.
+&#8211; Bist du etwa auch fremd hier, M&auml;dele?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin vom Schwarzwald.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind
+wir Landsleute. Wie gef&auml;llt&#8217;s dir in L&auml;chstetten? Mir
+gar nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier.
+Aber es gef&auml;llt mir auch nicht recht. Seid Ihr schon
+l&auml;nger da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu
+einander, gelt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen
+nicht zueinander, aber die Leute. Wo ist denn Euer
+Ort, Fr&auml;ulein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kennt Ihr doch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer wei&szlig;? Oder ist&#8217;s ein Geheimnis?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Achthausen. Es ist blo&szlig; ein Weiler.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ein sch&ouml;ner, gelt? Vorn am Eck steht
+eine Kapelle, und es ist auch eine M&uuml;hle da, oder
+eine S&auml;gerei, und dort haben sie einen gro&szlig;en
+<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>gelben Bernhardinerhund. Stimmt&#8217;s oder stimmt&#8217;s
+nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Bello, herrje!&laquo;</p>
+
+<p>Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich
+dort gewesen, fiel ein gro&szlig;es Teil Mi&szlig;trauen und Bedr&uuml;cktheit
+von ihr ab, und sie wurde ganz eifrig.</p>
+
+<p>&raquo;Kennet Ihr auch den Andres Flick?&laquo; fragte sie
+rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist
+Euer Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und
+wenn ich jetzt noch den Vornamen dazu wei&szlig;, dann
+kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn ich wieder
+einmal durch Achthausen komme.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollet Ihr denn schon wieder fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen
+wissen, Jungfer Flick.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, ich wei&szlig; ja Euren auch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das tut mir leid, aber es l&auml;&szlig;t sich &auml;ndern. Ich
+hei&szlig;e Karl Eberhard, und wenn wir uns einmal am
+Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr mich
+anrufen m&uuml;&szlig;t, und wie mu&szlig; ich dann zu Euch sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Barbara.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>&raquo;So ist&#8217;s recht und danke sch&ouml;n. Er ist aber schwer
+zum Aussprechen, Euer Name, und ich m&ouml;chte fast
+eine Wette machen, da&szlig; man Euch daheim B&auml;rbele
+gerufen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon
+wisset, warum fraget Ihr dann so viel? Aber jetzt
+m&uuml;ssen wir Feierabend machen. Gut Nacht, Gerber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut Nacht, Jungfer B&auml;rbele. Schlafet auch gut,
+und weil Ihr&#8217;s seid, will ich jetzt noch eins pfeifen.
+Laufet nicht fort, es kostet nichts.&laquo;</p>
+
+<p>Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen
+jodlerartigen Satz, mit Doppelt&ouml;nen und Trillern, da&szlig;
+es funkelte wie eine Tanzmusik. Sie h&ouml;rte mit Erstaunen
+dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille
+ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte
+ihn fest, w&auml;hrend Knulp ohne Licht in seine Kammer
+fand.</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde
+auf und nahm des Gerbers Rasiermesser in Gebrauch.
+Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen Vollbart,
+und das Messer war so verwahrlost, da&szlig; Knulp
+es wohl eine halbe Stunde lang &uuml;ber seinem Hosentr&auml;ger
+abziehen mu&szlig;te, ehe das Barbieren gelang.
+<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die Stiefel
+in die Hand und stieg in die K&uuml;che hinab, wo es warm
+war und schon nach Kaffee roch.</p>
+
+<p>Er bat die Meistersfrau um B&uuml;rste und Wichse zum
+Stiefelputzen</p>
+
+<p>&raquo;Ach was!&laquo; rief sie, &raquo;das ist kein M&auml;nnergesch&auml;ft.
+Lassen Sie mich das machen.&laquo;</p>
+
+<p>Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit
+ungeschicktem Lachen ihr Wichszeug vor ihn hinstellte,
+tat er die Arbeit gr&uuml;ndlich, reinlich und dabei spielend,
+als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune,
+dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit
+verrichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Das lass&#8217; ich mir gefallen,&laquo; r&uuml;hmte die Frau und
+sah ihn an. &raquo;Alles blank, wie wenn Sie grad zum
+Schatz gehen wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, das t&auml;t&#8217; ich auch am liebsten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub&#8217;s. Sie haben gewi&szlig; einen sch&ouml;nen.&laquo;
+Sie lachte wieder zudringlich. &raquo;Vielleicht sogar mehr
+als einen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei, das w&auml;re nicht sch&ouml;n,&laquo; tadelte Knulp munter.
+&raquo;Ich kann Ihnen auch ein Bild von ihr zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>Begierig trat sie heran, w&auml;hrend er sein Wachstuchm&auml;pplein
+aus der Brusttasche zog und das Bildnis
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>der Duse hervorsuchte. Interessiert betrachtete sie das
+Blatt.</p>
+
+<p>&raquo;Die ist sehr fein,&laquo; begann sie vorsichtig zu loben,
+&raquo;das ist ja fast eine rechte Dame. Nur freilich, mager
+sieht sie aus. Ist sie denn auch gesund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soviel ich wei&szlig;, jawohl. So, und jetzt wollen wir
+nach dem Alten sehen, man h&ouml;rt ihn in der Stube.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging hin&uuml;ber und begr&uuml;&szlig;te den Gerber. Die
+Wohnstube war gefegt und sah mit dem hellen Get&auml;fel,
+mit der Uhr, dem Spiegel und den Photographien
+an der Wand freundlich und heimelig aus.
+So eine saubere Stube, dachte Knulp, ist im Winter
+nicht &uuml;bel, aber darum zu heiraten, verlohnt doch
+nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die
+Meisterin ihm zeigte, keine Freude.</p>
+
+<p>Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete
+er den Meister Rothfu&szlig; nach dem Hof und Schuppen
+und lie&szlig; sich die ganze Gerberei zeigen. Er kannte
+fast alle Handwerke und stellte so sachverst&auml;ndige Fragen,
+da&szlig; sein Freund ganz erstaunt war.</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du denn das alles?&laquo; fragte er lebhaft.
+&raquo;Man k&ouml;nnte meinen, du seiest wirklich ein
+Gerbergesell oder einmal einer gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man lernt allerlei, wenn man reist,&laquo; sagte Knulp
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>gemessen. &raquo;&Uuml;brigens, was die Wei&szlig;gerberei angeht,
+da bist du selber mein Lehrmeister gewesen, wei&szlig;t du&#8217;s
+nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen
+gewandert sind, hast du mir das alles erz&auml;hlen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das wei&szlig;t du alles noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein St&uuml;ck davon, Rothfu&szlig;. Aber jetzt will ich dich
+nimmer st&ouml;ren. Schade, ich h&auml;tte dir gern ein bi&szlig;chen
+geholfen, aber es ist da unten so feucht und stickig, und
+ich mu&szlig; noch so viel husten. Also Servus, Alter, ich geh
+ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.&laquo;</p>
+
+<p>Als er das Haus verlie&szlig; und langsam die Gerbergasse
+stadteinw&auml;rts bummelte, den braunen Filzhut
+etwas nach hinten ger&uuml;ckt, trat Rothfu&szlig; in die T&uuml;r
+und sah ihm nach, wie er leicht und genie&szlig;erisch dahinging,
+&uuml;berall sauber geb&uuml;rstet und den Regenpf&uuml;tzen
+sorglich ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Gut hat er&#8217;s eigentlich,&laquo; dachte der Meister mit
+einem kleinen Neidgef&uuml;hl. Und w&auml;hrend er zu seinen
+Gruben ging, dachte er dem Freund und Sonderling
+nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen,
+und er wu&szlig;te nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden
+hei&szlig;en. Einer, der arbeitete und sich vorw&auml;rts
+schaffte, hatte es ja in vielem besser, aber er konnte nie
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>so zarte h&uuml;bsche H&auml;nde haben und so leicht und schlank
+einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er
+so tat, wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht
+viele nachtun konnten, wenn er wie ein Kind alle
+Leute ansprach und f&uuml;r sich gewann, allen M&auml;dchen
+und Frauen h&uuml;bsche Sachen sagte, und jeden Tag f&uuml;r
+einen Sonntag nahm. Man mu&szlig;te ihn laufen lassen,
+wie er war, und wenn es ihm schlecht ging und er
+einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergn&uuml;gen
+und eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man
+mu&szlig;te fast noch dankbar daf&uuml;r sein, denn er machte es
+froh und hell im Haus.</p>
+
+<p>Indessen schritt sein Gast neugierig und vergn&uuml;gt
+durchs St&auml;dtchen, pfiff einen Soldatenmarsch durch die
+Z&auml;hne und begann ohne Eile die Orte und Menschen
+aufzusuchen, die er von fr&uuml;her her kannte. Zun&auml;chst
+wandte er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo
+er einen armen Flickschneider kannte, um den es schade
+war, da&szlig; er nichts als alte Hosen zu stopfen und kaum
+jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn
+er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt
+und in guten Werkst&auml;tten gearbeitet. Aber er hatte
+fr&uuml;h geheiratet und schon ein paar Kinder, und die
+Frau hatte wenig Genie f&uuml;rs Hauswesen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand
+Knulp im dritten Stockwerk eines Hinterhauses in der
+Vorstadt. Die kleine Werkst&auml;tte hing wie ein Vogelnest
+in den L&uuml;ften &uuml;berm Bodenlosen, denn das Haus
+stand an der Talseite, und wenn man durch die Fenster
+senkrecht hinabschaute, hatte man nicht nur die drei
+Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause floh der
+Berg mit k&uuml;mmerlichen steilen G&auml;rten und Grashalden
+schwindelnd abw&auml;rts, endigend in einem
+grauen Wirrwarr von Hinterhausvorspr&uuml;ngen, H&uuml;hnerh&ouml;fen,
+Ziegen- und Kaninchenst&auml;llen, und die
+n&auml;chsten Hausd&auml;cher, auf die man hinabsah, lagen
+jenseits dieses verwahrlosten Gel&auml;ndes schon tief und
+klein im Tale drunten. Daf&uuml;r war die Schneiderwerkstatt
+taghell und luftig, und auf seinem breiten Tisch
+am Fenster hockte der flei&szlig;ige Schlotterbeck hell und
+hoch &uuml;ber der Welt wie der W&auml;chter in einem Leuchtturm.</p>
+
+<p>&raquo;Servus, Schlotterbeck,&laquo; sagte Knulp im Eintreten,
+und der Meister, vom Licht geblendet, sp&auml;hte mit eingekniffenen
+Augen nach der T&uuml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Oha, der Knulp!&laquo; rief er aufleuchtend und streckte
+ihm die Hand entgegen. &raquo;Auch wieder im Land?
+Und wo fehlt&#8217;s denn, da&szlig; du zu mir herauf steigst?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und
+setzte sich nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Gib eine Nadel her und ein bi&szlig;chen Faden, aber
+braunen und vom feinsten, ich will Musterung halten.&laquo;</p>
+
+<p>Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen
+Zwirn heraus, f&auml;delte ein und &uuml;berging mit wachsamen
+Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr gut und fast
+neu aussah und an dem er jede bl&ouml;de Stelle, jede
+lockere Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit
+flei&szlig;igen Fingern wieder instand setzte.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie geht&#8217;s sonst?&laquo; fragte Schlotterbeck. &raquo;Die
+Jahreszeit ist nicht zu loben. Aber schlie&szlig;lich, wenn
+man gesund ist und keine Familie hat &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Knulp r&auml;usperte sich polemisch.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja,&laquo; sagte er l&auml;ssig. &raquo;Der Herr l&auml;&szlig;t regnen &uuml;ber
+Gerechte und Ungerechte, und nur die Schneider
+sitzen trocken. Hast du immer noch zu klagen, Schlotterbeck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du h&ouml;rst ja die
+Kinder nebendran schreien. Es sind jetzt f&uuml;nf. Da sitzt
+man und schuftet bis in alle Nacht hinein, und nirgends
+will&#8217;s reichen. Und du tust nichts als spazierengehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder f&uuml;nf Wochen
+bin ich im Spital in Neustadt gelegen, und da
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>behalten sie keinen l&auml;nger, als er&#8217;s bitter n&ouml;tig hat, und
+es bleibt auch keiner l&auml;nger drin. Des Herrn Wege
+sind wunderbar, Freund Schlotterbeck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach la&szlig; diese Spr&uuml;che, du!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es
+gerade auch werden, und darum bin ich zu dir gekommen.
+Wie steht&#8217;s damit, alter Stubenhocker?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; mich in Ruh&#8217; mit der Fr&ouml;mmigkeit! Im Spital,
+sagst du? Da tust du mir aber leid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist nicht n&ouml;tig, es ist vorbei. Und jetzt erz&auml;hl einmal:
+wie ist&#8217;s mit dem Buch Sirach und mit der Offenbarung?
+Wei&szlig;t du, im Spital hab ich Zeit gehabt,
+und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen
+und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses
+Buch, die Bibel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hast du recht. Kurios, und die H&auml;lfte mu&szlig;
+verlogen sein, weil keins zum andern pa&szlig;t. Du verstehst&#8217;s
+vielleicht besser, du bist ja einmal in die Lateinschule
+gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Davon ist mir wenig geblieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Knulp &#8211;.&laquo; Der Schneider spuckte zum
+offenen Fenster in die Tiefe hinunter und sah mit
+gro&szlig;en Augen und erbittertem Gesicht hinterdrein.
+&raquo;Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Fr&ouml;mmigkeit. Es
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>ist nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich
+pfeife drauf!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wanderer sah ihn nachdenklich an.</p>
+
+<p>&raquo;So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir
+scheint, in der Bibel stehen ganz gescheite Sachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und wenn du ein St&uuml;ck weiterbl&auml;tterst, dann
+steht immer irgendwo das Gegenteil. Nein, ich bin
+fertig damit, aus und fertig.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp war aufgestanden und hatte nach einem
+B&uuml;geleisen gegriffen.</p>
+
+<p>&raquo;Du k&ouml;nntest mir ein paar Kohlen drein geben,&laquo;
+bat er den Meister.</p>
+
+<p>&raquo;Zu was denn auch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will die Weste ein wenig b&uuml;geln, wei&szlig;t du, und
+dem Hut wird es auch gut tun, nach all dem Regen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer nobel!&laquo; rief Schlotterbeck etwas &auml;rgerlich.
+&raquo;Was brauchst du so fein zu sein wie ein Graf, wenn
+du doch nur ein Hungerleider bist?&laquo;</p>
+
+<p>Knulp l&auml;chelte ruhig. &raquo;Es sieht besser aus, und es
+macht mir eine Freude, und wenn du&#8217;s nicht aus
+Fr&ouml;mmigkeit tun willst, so tust du&#8217;s einfach aus Nettigkeit
+und einem alten Freund zuliebe, gelt?&laquo;</p>
+
+<p>Der Schneider ging durch die T&uuml;r hinaus und kam
+bald mit dem hei&szlig;en Eisen wieder.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>&raquo;So ist&#8217;s recht,&laquo; lobte Knulp, &raquo;danke sch&ouml;n!&laquo;</p>
+
+<p>Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu
+gl&auml;tten, und da er hierin nicht so geschickt war wie im
+N&auml;hen, nahm ihm der Freund das Eisen aus der Hand
+und tat die Arbeit selber.</p>
+
+<p>&raquo;Das la&szlig; ich mir gefallen,&laquo; sagte Knulp dankbar.
+&raquo;Jetzt ist es wieder ein Sonntagshut. Aber schau,
+Schneider, von der Bibel verlangst du zu viel. Das,
+was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet
+ist, das mu&szlig; ein jeder sich selber ausdenken und
+kann es aus keinem Buch lernen, das ist meine Meinung.
+Die Bibel ist alt, und fr&uuml;her hat man mancherlei
+noch nicht gewu&szlig;t, was man heute kennt und wei&szlig;;
+aber darum steht doch viel Sch&ouml;nes und Braves drin,
+und auch ganz viel Wahres. Stellenweise ist sie mir
+gerade wie ein sch&ouml;nes Bilderbuch vorgekommen,
+wei&szlig;t du. Wie das M&auml;dchen da, die Ruth, &uuml;bers Feld
+geht und die &uuml;brigen &Auml;hren sammelt, das ist fein, und
+man sp&uuml;rt den sch&ouml;nsten warmen Sommer drin, oder
+wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und
+denkt: ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit
+ihrem Hochmut alle zusammen! Ich finde, da hat er
+recht, und da k&ouml;nnte man schon von ihm lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das wohl,&laquo; gab Schlotterbeck zu und wollte
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>ihn doch nicht Recht haben lassen. &raquo;Aber einfacher ist
+es schon, wenn man das mit andrer Leute Kindern
+tut, als wenn man selber f&uuml;nfe hat und wei&szlig; nicht, wie
+sie durchf&uuml;ttern.&laquo;</p>
+
+<p>Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp
+konnte das nicht ansehen. Er w&uuml;nschte ihm, ehe er
+gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er besann sich ein
+wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah
+ihm mit seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins
+Gesicht und sagte leise: &raquo;Ja, hast du sie denn nicht lieb,
+deine Kinder?&laquo;</p>
+
+<p>Ganz erschrocken ri&szlig; der Schneider die Augen auf.
+&raquo;Aber freilich, was denkst du auch! Nat&uuml;rlich hab ich
+sie lieb, den Gr&ouml;&szlig;ten am meisten.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp nickte mit gro&szlig;em Ernst.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir
+sch&ouml;nen Dank. Die Weste ist jetzt gerade das Doppelte
+wert. &#8211; Und dann, mit deinen Kindern mu&szlig;t du lieb
+und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken.
+Pa&szlig; auf, ich sage dir etwas, was niemand
+wei&szlig; und was du nicht weiter zu erz&auml;hlen
+brauchst.&laquo;</p>
+
+<p>Der Meister sah ihm aufmerksam und &uuml;berwunden
+in die klaren Augen, die sehr ernst geworden waren.
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>Knulp sprach jetzt so leise, da&szlig; der Schneider M&uuml;he
+hatte, ihn zu verstehen.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der
+hat es leicht, keine Familie und keine Sorgen! Aber
+es ist nichts damit. Ich habe ein Kind, denk dir, einen
+kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden
+Leuten angenommen worden, weil man doch den
+Vater nicht kennt und weil die Mutter im Kindbett
+gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu wissen,
+wo er ist; aber ich wei&szlig; sie, und wenn ich dorthin
+komme, dann schleiche ich mich um das Haus herum
+und steh am Zaun und warte, und wenn ich Gl&uuml;ck
+habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm
+keine Hand und keinen Ku&szlig; geben und ihm h&ouml;chstens
+im Vorbeigehen was vorpfeifen. &#8211; Ja, so ist das, und
+jetzt adieu, und sei froh, da&szlig; du Kinder hast!&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er
+stand eine Weile plaudernd am Werkstattfenster eines
+Drechslers und sah dem geschwinden Spiel der lockigen
+Holzsp&auml;ne zu, er begr&uuml;&szlig;te unterwegs auch den
+Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus
+seiner Birkendose schnupfen lie&szlig;. &Uuml;berall erfuhr er
+Gro&szlig;es und Kleines aus dem Leben der Familien
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>und Gewerbe, er h&ouml;rte vom fr&uuml;hen Tod der Stadtrechnersfrau
+und vom ungeratenen Sohn des B&uuml;rgermeisters,
+er erz&auml;hlte daf&uuml;r neues von anderen Orten
+und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das
+ihn als Bekannten und Freund und Mitwisser da und
+dort mit dem Leben der Se&szlig;haften und Ehrbaren
+verband. Es war Samstag, und er fragte in der Toreinfahrt
+einer Brauerei die K&uuml;fergesellen, wo es
+heut abend und morgen eine Tanzgelegenheit gebe.</p>
+
+<p>Es gab mehrere, aber die sch&ouml;nste war die im Leuen
+von Gertelfingen, nur eine halbe Stunde weit.
+Dahin beschlo&szlig; er das junge B&auml;rbele aus dem Nachbarhause
+mitzunehmen.</p>
+
+<p>Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe
+im Rothfu&szlig;schen Hause erstieg, schlug ihm von der
+K&uuml;che her ein angenehm kr&auml;ftiger Geruch entgegen.
+Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde
+mit sp&uuml;renden N&uuml;stern das Labsal ein. Aber
+so still er gekommen war, man hatte ihn schon geh&ouml;rt.
+Die Meistersfrau tat die K&uuml;chent&uuml;re auf und stand
+freundlich in der lichten &Ouml;ffnung, vom Dampf der
+Speisen umw&ouml;lkt.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig; Gott, Herr Knulp,&laquo; sagte sie liebevoll,
+&raquo;das ist recht, da&szlig; Sie so zeitig kommen. N&auml;mlich wir
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und da hab
+ich mir gedacht, vielleicht k&ouml;nnte ich ein St&uuml;ck Leber f&uuml;r
+Sie extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was
+meinen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben,
+ich bin froh, wenn&#8217;s eine Suppe gibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, wenn einer krank gewesen ist, geh&ouml;rt
+er ordentlich gepflegt, wo soll sonst die Kraft herkommen?
+Aber vielleicht m&ouml;gen Sie gar keine Leber?
+Es gibt solche.&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte bescheiden.</p>
+
+<p>&raquo;O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen,
+das ist ein Sonntagsessen, und wenn ich&#8217;s
+mein Lebtag jeden Sonntag essen k&ouml;nnte, w&auml;r ich
+schon zufrieden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat
+man kochen gelernt! Aber sagen Sie&#8217;s jetzt nur, es
+ist ein St&uuml;ck Leber &uuml;brig, ich hab&#8217;s Ihnen aufgespart.
+Es t&auml;te Ihnen gut.&laquo;</p>
+
+<p>Sie kam n&auml;her und l&auml;chelte ihm aufmunternd ins
+Gesicht. Er verstand gut, wie sie es meinte, und ziemlich
+h&uuml;bsch war das Weiblein auch, aber er tat, als sehe
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>er nichts. Er spielte mit seinem h&uuml;bschen Filzhut, den
+ihm der arme Schneider aufgeb&uuml;gelt hatte, und sah
+nebenaus.</p>
+
+<p>&raquo;Danke, Frau Meisterin, danke sch&ouml;n f&uuml;r den guten
+Willen. Aber Spatzen sind mir wirklich lieber. Ich
+werde schon genug verw&ouml;hnt bei Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.</p>
+
+<p>&raquo;Sie brauchen nicht so sch&uuml;chtern zu tun, ich glaub&#8217;s
+Ihnen doch nicht. Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel
+dran, gelt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da kann ich nicht nein sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie lief besorgt zu ihrem Herde zur&uuml;ck, und er setzte
+sich in die Stube, wo schon gedeckt war. Er las im
+gestrigen Wochenblatt, bis der Meister sich einfand
+und die Suppe aufgetragen wurde. Man a&szlig;, und
+nach Tische wurde zu dreien eine Viertelstunde mit
+Karten gespielt, wobei Knulp seine Wirtin durch einige
+neue, verwegene und zierliche Kartenkunstst&uuml;cke in
+Erstaunen setzte. Er verstand auch mit spielerischer
+Nachl&auml;ssigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell
+zu ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den
+Tisch und lie&szlig; zuweilen den Daumen &uuml;ber die Kartenr&auml;nder
+laufen. Der Meister sah mit Bewunderung
+und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und B&uuml;rger brotlose
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>K&uuml;nste sich gefallen l&auml;&szlig;t. Die Meisterin aber beobachtete
+mit kennerhafter Teilnahme diese Anzeichen
+einer weltm&auml;nnischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte
+aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner
+schweren Arbeit entstellten H&auml;nden.</p>
+
+<p>Durch die kleinen Fensterscheiben flo&szlig; ein d&uuml;nner,
+unsicherer Sonnenschein in die Stube, &uuml;ber den Tisch
+und die Karten, spielte launisch und kraftlos am Fu&szlig;boden
+mit den schwachen Schlagschatten und zitterte
+kreiselnd an der blau get&uuml;nchten Stubendecke. Knulp
+nahm dies alles mit blinzelnden Augen wahr: das
+Spiel der Februarsonne, den stillen Frieden des
+Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht
+seines Freundes und die verschleierten Blicke der h&uuml;bschen
+Frau. Es gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und
+Gl&uuml;ck f&uuml;r ihn. W&auml;re ich gesund, dachte er, und w&auml;re es
+Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde l&auml;nger hier.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,&laquo; sagte
+er, als Rothfu&szlig; die Karten zusammenstrich und auf
+die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die Treppe
+hinunter, lie&szlig; ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen
+und verlor sich in den &ouml;den schmalen Grasgarten, der,
+von Lohgruben unterbrochen, bis an das Fl&uuml;&szlig;chen
+hinabreichte. Dort hatte der Gerber einen kleinen
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Brettersteg gebaut, an dem er seine H&auml;ute schwemmen
+konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, lie&szlig; die Sohlen
+knapp &uuml;ber dem still und rasch flie&szlig;enden Wasser
+h&auml;ngen, blickte belustigt den schnellen, dunklen Fischen
+nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten, und fing
+dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er
+suchte eine Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd
+von dr&uuml;ben zu sprechen.</p>
+
+<p>Die G&auml;rten stie&szlig;en aneinander, durch einen schlecht
+erhaltenen Lattenzaun getrennt, und unten am
+Wasser, wo die Zaunpf&auml;hle l&auml;ngst vermodert und verschwunden
+waren, konnte man ungehindert vom einen
+Grundst&uuml;ck auf das andere hin&uuml;bergehen. Der Nachbarsgarten
+schien mit mehr Sorgfalt gepflegt zu
+werden als der w&uuml;ste Grasplatz des Wei&szlig;gerbers.
+Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast
+und eingesunken, wie sie nach dem Winter sind,
+Ackerlattich und &uuml;berwinterter Spinat wuchs sp&auml;rlich
+in zwei Rabatten, Rosenb&auml;umchen standen zur Erde
+gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen,
+das Haus verbergend, ein paar h&uuml;bsche Fichtenb&auml;ume.</p>
+
+<p>Bis zu ihnen drang Knulp ger&auml;uschlos vor, nachdem
+er den fremden Garten betrachtet hatte, und sah nun
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>zwischen den B&auml;umen hindurch das Haus liegen, die
+K&uuml;che nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet,
+da sah er in der K&uuml;che auch das M&auml;dchen mit
+aufgekrempelten &Auml;rmeln wirtschaften. Die Hausfrau
+war dabei und hatte viel zu befehlen und zu lehren,
+wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen
+m&ouml;gen und ihre j&auml;hrlich wechselnden Lehrm&auml;dchen
+nachher, wenn sie aus dem Hause sind, nicht
+genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und
+Klage geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit
+war, und die Kleine schien bereits daran gew&ouml;hnt,
+denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre
+Arbeit.</p>
+
+<p>Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt
+mit vorgestrecktem Kopf, neugierig und wachsam wie
+ein J&auml;ger, und lauschte mit vergn&uuml;gter Geduld als
+ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat,
+als Zuschauer und Zuh&ouml;rer am Leben teilzunehmen.
+Er freute sich am Anblick des M&auml;dchens, wenn es
+durchs Fenster sichtbar wurde, und er schlo&szlig; aus der
+Mundart der Hausfrau, da&szlig; sie keine geborene L&auml;chstetterin,
+sondern ein paar Stunden weiter oben im
+Tale daheim sei. Ruhig horchte er und kaute auf einem
+duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>ganze Stunde lang, bis die Frau verschwand und es
+still in der K&uuml;che wurde.</p>
+
+<p>Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam
+vor und klopfte mit einem d&uuml;rren Zweig ans
+K&uuml;chenfenster. Die Magd achtete nicht darauf, er
+mu&szlig;te noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene
+Fenster, tat es vollends auf und schaute heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was tut denn Ihr da?&laquo; rief sie halblaut.
+&raquo;Jetzt w&auml;r ich fast erschrocken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor mir doch nicht!&laquo; meinte Knulp und l&auml;chelte.
+&raquo;Ich wollte blo&szlig; einmal Gr&uuml;&szlig;gott sagen und sehen,
+wie&#8217;s geht. Und weil n&auml;mlich heut Samstag ist,
+m&ouml;chte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa
+frei habet, zu einem kleinen Spaziergang.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn an und sch&uuml;ttelte den Kopf, und da
+machte er ein so trostlos betr&uuml;btes Gesicht, da&szlig; es ihr
+ganz leid tat.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte sie freundlich, &raquo;morgen hab ich nicht
+frei, nur vormittags f&uuml;r die Kirche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so,&laquo; brummte Knulp. &raquo;Ja, dann k&ouml;nntet Ihr
+aber gewi&szlig; heut abend mitkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heut abend? Ja, frei h&auml;tte ich schon, aber da will
+ich einen Brief schreiben, an meine Leute daheim.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde sp&auml;ter,
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>er geht heut nacht doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich
+hab mich schon so gefreut, bis ich wieder ein bi&szlig;chen
+mit Euch reden kann, und heut abend, wenn&#8217;s nicht
+gerade Katzen hagelt, h&auml;tten wir so sch&ouml;n spazieren
+gehen k&ouml;nnen. Gelt, seiet lieb, Ihr werdet doch vor
+mir keine Angst haben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht.
+Aber es geht halt nicht. Wenn man sieht, da&szlig; ich mit
+einem Mannsbild spazieren geh &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber B&auml;rbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch.
+Und es ist doch wahrhaftig keine S&uuml;nde und geht
+niemand was an. Ihr seid doch kein Schulm&auml;dchen
+mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht
+Uhr bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken
+f&uuml;r den Viehmarkt sind. Oder soll ich fr&uuml;her kommen?
+Ich kann es schon richten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nicht fr&uuml;her. &Uuml;berhaupt &#8211; Ihr m&uuml;sset
+gar nicht kommen, es geht nicht, und ich darf nicht &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Wieder zeigte er das knabenhaft betr&uuml;bte Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn Ihr halt gar nicht m&ouml;get!&laquo; sagte er
+traurig. &raquo;Ich habe gedacht, Ihr seid hier fremd und
+allein und habet manchmal das Heimweh, und ich
+auch, und da h&auml;tten wir einander ein bi&szlig;chen erz&auml;hlen
+k&ouml;nnen, von Achthausen h&auml;tt ich gern noch mehr geh&ouml;rt,
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>weil ich doch einmal dort war. Ja nun, zwingen
+kann ich Euch nicht, und Ihr m&uuml;sset mir&#8217;s auch nicht
+&uuml;belnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was &uuml;belnehmen! Aber wenn ich doch nicht
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt ja frei heut abend, B&auml;rbele. Ihr m&ouml;get
+blo&szlig; nicht. Aber vielleicht &uuml;berlegt Ihr&#8217;s Euch noch.
+Ich mu&szlig; jetzt gehen, und heut abend bin ich an der
+Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann
+geh ich allein spazieren und denk an Euch und da&szlig;
+Ihr jetzt nach Achthausen schreibet. Also adieu, und
+nichts f&uuml;r ungut!&laquo;</p>
+
+<p>Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen
+konnte. Sie sah ihn hinter den B&auml;umen verschwinden
+und machte ein ratloses Gesicht. Dann kehrte sie zur
+Arbeit zur&uuml;ck, und pl&ouml;tzlich begann sie &#8211; die Frau war
+ausgegangen &#8211; laut und sch&ouml;n dazu zu singen.</p>
+
+<p>Knulp h&ouml;rte es wohl. Er sa&szlig; wieder auf dem Gerbersteg
+und machte kleine Kugeln aus einem St&uuml;ckchen
+Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt hatte.
+Die Brotkugeln lie&szlig; er sachte ins Wasser fallen, eine
+nach der andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie
+untersanken, ein wenig von der Str&ouml;mung abgetrieben,
+und wie sie unten auf dem dunklen Grunde
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>von den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt
+wurden.</p>
+
+
+<p class="newsection">&raquo;<em class="initial">S</em>o,&laquo; sagte der Gerbermeister beim Nachtessen,
+&raquo;jetzt ist&#8217;s Samstag abend, und du wei&szlig;t gar nicht,
+wie sch&ouml;n das ist, wenn man es die ganze Woche
+streng gehabt hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, ich kann&#8217;s mir schon denken,&laquo; l&auml;chelte Knulp,
+und die Meisterin l&auml;chelte mit und sah ihm schalkhaft
+ins Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Heut abend,&laquo; fuhr Rothfu&szlig; im festlichen Tone fort,
+&raquo;heut abend trinken wir einen guten Krug Bier miteinander,
+meine Alte holt ihn gleich, gelt? Und morgen,
+wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei
+einen Ausflug. Was meinst du, alter Freund?&laquo;</p>
+
+<p>Knulp schlug ihn kr&auml;ftig auf die Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Man hat es gut bei dir, das mu&szlig; ich sagen, und auf
+den Ausflug freu ich mich schon. Hingegen heut abend
+habe ich eine Besorgung, es ist ein Freund von mir
+hier, den mu&szlig; ich treffen, er hat in der oberen Schmiede
+gearbeitet und reist morgen fort. &#8211; Ja, es tut mir
+leid, aber morgen sind wir ja den ganzen Tag beieinander,
+sonst h&auml;tt ich mich auch gar nicht darauf
+eingelassen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>&raquo;Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen
+wollen, wo du noch halb krank bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verw&ouml;hnen.
+Ich komme nicht sp&auml;t heim. Wo tust du den
+Schl&uuml;ssel hin, da&szlig; ich dann herein kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt,
+und den Schl&uuml;ssel findest du hinterm Kellerladen.
+Du wei&szlig;t doch, wo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig
+ins Bett! Gut Nacht. Gut Nacht, Frau Meisterin.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging, und als er schon unten beim Haustor war,
+kam ihm hastig die Meistersfrau nachgelaufen. Sie
+brachte einen Regenschirm, den mu&szlig;te Knulp mitnehmen,
+er mochte wollen oder nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,&laquo;
+sagte sie. &raquo;Und jetzt will ich Ihnen zeigen, wo Sie
+nachher den Schl&uuml;ssel finden.&laquo;</p>
+
+<p>Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und
+f&uuml;hrte ihn um die Hausecke und machte vor einem
+Fensterchen halt, das mit Holzl&auml;den verschlossen war.</p>
+
+<p>&raquo;Hinter den Laden legen wir den Schl&uuml;ssel,&laquo; berichtete
+sie aufgeregt und fl&uuml;sternd und streichelte
+Knulps Hand. &raquo;Sie m&uuml;ssen dann blo&szlig; durch den Ausschnitt
+langen, er liegt auf dem Simsen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>&raquo;Ja, danke sch&ouml;n,&laquo; sagte Knulp verlegen und zog
+seine Hand zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?&laquo;
+fing sie wieder an und dr&uuml;ckte sich leise
+gegen ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht,
+Frau Rothfu&szlig;, und danke sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pressiert&#8217;s denn so?&laquo; fl&uuml;sterte sie z&auml;rtlich und kniff ihn
+in den Arm. Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und
+in einer verlegenen Stille, da er sie nicht mit Gewalt zur&uuml;cksto&szlig;en
+mochte, strich er mit der Hand &uuml;ber ihr Haar.</p>
+
+<p>&raquo;Aber jetzt mu&szlig; ich weiter,&laquo; rief er pl&ouml;tzlich &uuml;berlaut
+und trat zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte ihn mit halb ge&ouml;ffnetem Munde an, er
+konnte im Dunkeln ihre Z&auml;hne schimmern sehen.
+Und sie rief ganz leise: &raquo;Ich warte dann, bis du heimkommst.
+Du bist ein Lieber.&laquo;</p>
+
+<p>Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein,
+den Schirm unterm Arme, und begann bei der n&auml;chsten
+Ecke, um der t&ouml;richten Beklommenheit Herr zu werden,
+zu pfeifen. Es war das Lied:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du meinst&#8217;, ich werd&#8217; dich nehmen,<br /></span>
+<span class="i0">Hab&#8217;s aber nicht im Sinn,<br /></span>
+<span class="i0">Ich mu&szlig; mich deiner sch&auml;men,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich in G&#8217;sellschaft bin.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am
+schwarzen Himmel heraus. In einem Wirtshaus
+l&auml;rmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und im
+Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn
+eine b&uuml;rgerliche Herrengesellschaft in Hemd&auml;rmeln
+beieinander stehen, Kegelkugeln in den H&auml;nden
+w&auml;gend und Zigarren im Munde.</p>
+
+<p>Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich
+um. In den kahlen Kastanienb&auml;umen sang schwach der
+feuchte Wind, der Flu&szlig; str&ouml;mte unh&ouml;rbar in tiefer
+Schw&auml;rze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster
+wider. Die milde Nacht tat dem Landstreicher in allen
+Fibern wohl, er atmete sp&uuml;rend und ahnte Fr&uuml;hling,
+W&auml;rme, trockene Stra&szlig;en und Wanderschaft. Sein
+unersch&ouml;pfliches Ged&auml;chtnis &uuml;berschaute die Stadt,
+das Flu&szlig;tal und die ganze Gegend, er wu&szlig;te &uuml;berall
+Bescheid, er kannte Stra&szlig;en und Fu&szlig;wege, D&ouml;rfer,
+Weiler, H&ouml;fe, befreundete Nachtherbergen. Scharf
+dachte er nach und stellte den Plan f&uuml;r seine n&auml;chste
+Wanderung auf, da hier in L&auml;chstetten seines Bleibens
+doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn es ihm
+die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb
+noch &uuml;ber diesen Sonntag bleiben.</p>
+
+<p>Vielleicht, dachte er, h&auml;tte er dem Gerber einen
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>Wink geben sollen, seiner Meisterin wegen. Aber er
+liebte es nicht, seine H&auml;nde in anderer Leute Sorgen
+zu stecken, und er hatte kein Bed&uuml;rfnis, die Menschen
+besser oder kl&uuml;ger machen zu helfen. Es tat ihm leid,
+da&szlig; es so gegangen war, und seine Gedanken an die
+ehemalige Ochsenkellnerin waren keineswegs freundlich;
+aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an
+des Gerbers w&uuml;rdige Reden &uuml;ber Hausstand und Ehegl&uuml;ck.
+Er kannte das, es war meistens nichts damit,
+wenn einer mit seinem Gl&uuml;ck oder mit seiner Tugend
+sich r&uuml;hmte und gro&szlig; tat, mit des Flickschneiders
+Fr&ouml;mmigkeit war es einst ebenso gewesen. Man konnte
+den Leuten in ihrer Dummheit zusehen, man konnte
+&uuml;ber sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber
+man mu&szlig;te sie ihre Wege gehen lassen.</p>
+
+<p>Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese
+Sorgen beiseite. Er lehnte sich in die H&ouml;hlung einer
+alten Kastanie, der Br&uuml;cke gegen&uuml;ber, und dachte
+weiter seiner Wanderschaft nach. Er w&auml;re gerne quer
+&uuml;ber den Schwarzwald gegangen, aber da oben war
+es jetzt kalt, und vermutlich lag noch viel Schnee, man
+verdarb sich die Stiefel, und die Schlafgelegenheiten
+waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts,
+er mu&szlig;te den T&auml;lern nachgehen und sich an die St&auml;dtchen
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>halten. Die Hirschenm&uuml;hle, vier Stunden weiter
+unten am Flu&szlig;, war der erste sichere Rastort, dort
+w&uuml;rde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage
+behalten.</p>
+
+<p>Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran
+dachte, da&szlig; er auf jemanden warte, erschien in Dunkelheit
+und Zugwind auf der Br&uuml;cke eine schmale &auml;ngstliche
+Gestalt und kam z&ouml;gernd n&auml;her. Er erkannte sie
+sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und
+schwang den Hut.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist lieb, da&szlig; Ihr kommet, B&auml;rbele, ich habe
+schon beinah nimmer dran geglaubt.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging zu ihrer Linken und f&uuml;hrte sie die Allee flu&szlig;aufw&auml;rts.
+Sie war zaghaft und sch&auml;mte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Es war doch nicht recht,&laquo; sagte sie wieder und
+wieder. &raquo;Wenn uns nur niemand sieht!&laquo;</p>
+
+<p>Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald
+wurden die Schritte des M&auml;dchens ruhiger und gleichm&auml;&szlig;iger,
+und schlie&szlig;lich ging sie leicht und munter
+neben ihm wie ein Kamerad und erz&auml;hlte, von seinen
+Fragen und Einw&uuml;rfen erw&auml;rmt, mit Begier und
+Eifer von ihrer Heimat, von Vater und Mutter,
+Bruder und Gro&szlig;mama, von den Enten und H&uuml;hnern,
+von Hagelschlag und Krankheiten, von Hochzeiten und
+<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz an Erlebnissen
+tat sich auf und war gr&ouml;&szlig;er, als sie selber geglaubt h&auml;tte,
+und schlie&szlig;lich kam die Geschichte ihrer Verdingung
+und ihres Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst
+und das Hauswesen ihres Dienstherren an die Reihe.</p>
+
+<p>Sie waren l&auml;ngst weit vor dem St&auml;dtchen drau&szlig;en,
+ohne da&szlig; B&auml;rbele auf den Weg geachtet hatte. Nun
+hatte sie sich von einer langen, tr&uuml;ben Woche des
+Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern
+erl&ouml;st und war ganz lustig geworden.</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind wir denn aber?&laquo; rief sie pl&ouml;tzlich verwundert.
+&raquo;Wo laufen wir denn hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen
+hinein, wir sind gleich dort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen
+lieber umkehren, es wird sp&auml;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wann m&uuml;sset Ihr denn daheim sein, B&auml;rbele?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um zehne. Da wird&#8217;s Zeit. Es ist ein netter
+Spaziergang gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis zehne ist&#8217;s noch lang,&laquo; sagte Knulp, &raquo;und ich
+will gewi&szlig; dran denken, da&szlig; Ihr zur Zeit heimkommet.
+Aber weil wir doch nimmer so jung zusammen kommen,
+so k&ouml;nnten wir eigentlich heut noch einen Tanz miteinander
+riskieren. Oder m&ouml;get Ihr nicht tanzen?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Sie sah ihn gespannt und verwundert an.</p>
+
+<p>&raquo;O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier
+mitten in der Nacht drau&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr m&uuml;sset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen,
+und da ist Musik im L&ouml;wen. Wir k&ouml;nnen hinein gehen,
+blo&szlig; auf einen einzigen Tanz, und dann gehen wir
+heim und haben einen sch&ouml;nen Abend gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>B&auml;rbele blieb zweifelnd stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Es w&auml;re lustig,&laquo; meinte sie langsam. &raquo;Aber was
+soll man von uns denken? Ich will nicht f&uuml;r so eine
+angeschaut werden, und ich will auch nicht, da&szlig; man
+meint, wir zwei geh&ouml;ren zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>Und pl&ouml;tzlich lachte sie &uuml;berm&uuml;tig auf und rief:
+&raquo;N&auml;mlich, wenn ich sp&auml;ter einmal einen Schatz haben
+will, dann mu&szlig; es kein Gerber sein. Ich will Euch nicht
+beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes Handwerk.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da habet Ihr vielleicht recht,&laquo; sagte Knulp gutm&uuml;tig.
+&raquo;Ihr sollet mich ja auch nicht heiraten. Es
+wei&szlig; kein Mensch, da&szlig; ich ein Gerber bin und da&szlig; Ihr
+so stolz seid, und die H&auml;nde hab ich mir gewaschen, und
+wenn Ihr also einmal mit mir herumtanzen wollt, so
+seid Ihr eingeladen. Sonst kehren wir um.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>mit einem bleichen Giebel aus Geb&uuml;schen schauen, und
+Knulp sagte pl&ouml;tzlich &raquo;Bst!&laquo; und hob den Finger auf,
+und da h&ouml;rten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine
+Ziehharmonika und eine Geige, t&ouml;nen.</p>
+
+<p>&raquo;Also denn!&laquo; lachte das M&auml;dchen, und sie gingen
+rascher.</p>
+
+<p>Im L&ouml;wen tanzten nur vier oder f&uuml;nf Paare,
+lauter junge Leute, die Knulp nicht kannte. Es ging
+still und anst&auml;ndig zu, und niemand bel&auml;stigte das
+fremde Paar, das sich dem n&auml;chsten Tanz anschlo&szlig;.
+Sie machten einen L&auml;ndler und eine Polka mit, dann
+kam ein Walzer, den B&auml;rbele nicht konnte. Sie sahen
+zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte
+Knulps Barschaft nicht.</p>
+
+<p>B&auml;rbele war beim Tanzen warm geworden und
+blickte nun mit gl&auml;nzenden Augen in den kleinen Saal.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt w&auml;r es eigentlich Zeit zum Heimgehen,&laquo;
+sagte Knulp, als es halb zehn Uhr war.</p>
+
+<p>Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus.</p>
+
+<p>&raquo;Ach schade!&laquo; sagte sie leise.</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnen ja noch dableiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich mu&szlig; heim. Und sch&ouml;n war&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen weg, aber unter der T&uuml;r fiel es dem M&auml;dchen
+ein: &raquo;Wir haben ja der Musik gar nichts gegeben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>&raquo;Ja,&laquo; meinte Knulp etwas verlegen, &raquo;sie h&auml;tten
+wohl einen Zwanziger verdient. Aber es steht leider
+so mit mir, da&szlig; ich keinen habe.&laquo;</p>
+
+<p>Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten
+Geldbeutel aus der Tasche.</p>
+
+<p>&raquo;Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger,
+gebet den!&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm das Geldst&uuml;ck und brachte es den Musikanten,
+dann gingen sie hinaus und mu&szlig;ten vor der Haust&uuml;r
+einen Augenblick stehen bleiben, bis sie in der tiefen
+Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging st&auml;rker
+und f&uuml;hrte einzelne Regentropfen.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich den Schirm auftun?&laquo; fragte Knulp.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, bei dem Wind, wir k&auml;men ja nicht weiter.
+Es ist nett gewesen da drinnen. Ihr k&ouml;nnet&#8217;s fast wie
+ein Tanzmeister, Gerber.&laquo;</p>
+
+<p>Sie plauderte fr&ouml;hlich fort. Ihr Freund aber war
+still geworden, vielleicht da&szlig; er m&uuml;de ward, vielleicht
+da&szlig; er den nahen Abschied f&uuml;rchtete.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fing sie an zu singen: &raquo;Bald gras&#8217; ich am
+Neckar, bald gras&#8217; ich am Rhein.&laquo; Ihre Stimme klang
+warm und rein, und beim zweiten Vers fiel Knulp
+mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und
+sch&ouml;n, da&szlig; sie mit Behagen darauf horchte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>&raquo;So, ist jetzt das Heimweh vergangen?&laquo; fragte er
+am Ende.</p>
+
+<p>&raquo;O ja,&laquo; lachte sie hell. &raquo;Wir m&uuml;ssen wieder einmal
+so einen Spaziergang machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das tut mir leid,&laquo; antwortete er leiser. &raquo;Es wird
+wohl der letzte gewesen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugeh&ouml;rt,
+aber der betr&uuml;bte Klang seiner Worte war ihr aufgefallen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was ist denn?&laquo; fragte sie leicht erschrocken.
+&raquo;Habt Ihr was gegen mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, B&auml;rbele. Aber morgen mu&szlig; ich fort, ich
+habe gek&uuml;ndigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was Ihr nicht saget! Ist&#8217;s wahr? Das tut mir
+aber leid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um mich mu&szlig; es Euch nicht leid sein. Lang w&auml;r&#8217;
+ich doch nicht geblieben, und ich bin ja auch blo&szlig; ein
+Gerber. Ihr m&uuml;sset bald einen Schatz haben, einen
+recht sch&ouml;nen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr
+werdet sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, redet nicht so! Ihr wisset, da&szlig; ich Euch
+ganz gern habe, wenn Ihr auch nicht mein Schatz
+seid.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht.
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>Knulp ging langsamer. Sie waren schon nah bei
+der Br&uuml;cke. Schlie&szlig;lich blieb er stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr
+gehet die paar Schritte noch allein.&laquo;</p>
+
+<p>B&auml;rbele sah ihm mit aufrichtiger Betr&uuml;bnis ins
+Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch
+meinen Dank. Ich will es nicht vergessen. Und alles
+Gute auch!&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und w&auml;hrend
+sie &auml;ngstlich und verwundert in seine Augen sah, nahm
+er ihren Kopf mit den vom Regen feuchten Z&ouml;pfen in
+beide H&auml;nde und sagte fl&uuml;sternd: &raquo;Adieu denn, B&auml;rbele.
+Ich will jetzt zum Abschied noch einen Ku&szlig; von
+Euch haben, da&szlig; Ihr mich nicht ganz vergesset.&laquo;</p>
+
+<p>Ein wenig zuckte sie und strebte zur&uuml;ck, aber sein
+Blick war gut und traurig, und sie sah erst jetzt, wie
+sch&ouml;ne Augen er habe. Ohne die ihren zu schlie&szlig;en,
+empfing sie ernsthaft seinen Ku&szlig;, und da er darauf mit
+einem schwachen L&auml;cheln z&ouml;gerte, bekam sie Tr&auml;nen in
+die Augen und gab ihm den Ku&szlig; herzhaft zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Dann ging sie schnell davon und war schon &uuml;ber der
+Br&uuml;cke, da kehrte sie pl&ouml;tzlich um und kam wieder
+zur&uuml;ck. Er stand noch am selben Ort.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>&raquo;Was ist, B&auml;rbele?&laquo; fragte er. &raquo;Ihr m&uuml;sset heim.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, ich geh schon. Ihr d&uuml;rfet nicht schlecht von
+mir denken!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das tu ich gewi&szlig; nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch
+gesagt, Ihr h&auml;ttet gar kein Geld mehr? Ihr krieget
+doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht
+nichts, ich komme schon durch, da m&uuml;sset Ihr Euch keine
+Gedanken machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein! Ihr m&uuml;sset etwas im Sack haben.
+Da!&laquo;</p>
+
+<p>Sie steckte ihm ein gro&szlig;es Geldst&uuml;ck in die Hand, er
+sp&uuml;rte, da&szlig; es ein Taler war.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr k&ouml;nnet mir&#8217;s einmal wiedergeben oder schicken,
+sp&auml;ter einmal.&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt sie an der Hand zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Das geht nicht. So d&uuml;rfet Ihr nicht mit Eurem
+Geldlein umgehen! Das ist ja ein ganzer Taler.
+Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr m&uuml;sset! So. Man mu&szlig;
+nicht unvern&uuml;nftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei
+Euch habt, einen F&uuml;nfziger oder so, das nehm ich gerne,
+weil ich in der Not bin. Aber mehr nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stritten noch ein wenig, und B&auml;rbele mu&szlig;te
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>ihren Geldbeutel herzeigen, weil sie sagte, sie habe
+nichts als den Taler. Es war aber nicht so, sie hatte
+auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen
+Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er
+haben, aber das war ihr zu wenig, und dann wollte er
+gar nichts nehmen und fortgehen, aber schlie&szlig;lich
+behielt er das Markst&uuml;ck, und sie lief nun im Trabe
+heimw&auml;rts.</p>
+
+<p>Unterwegs dachte sie best&auml;ndig dar&uuml;ber nach, warum
+er sie jetzt nicht noch einmal gek&uuml;&szlig;t habe. Bald wollte
+es ihr leid tun, bald fand sie es gerade besonders lieb
+und anst&auml;ndig, und dabei blieb sie schlie&szlig;lich.</p>
+
+<p>Eine gute Stunde sp&auml;ter kam Knulp nach Hause.
+Er sah im Wohnzimmer droben noch Licht brennen,
+also sa&szlig; die Meisterin noch auf und wartete auf ihn.
+Er spuckte &auml;rgerlich aus und w&auml;re beinahe davongelaufen,
+gleich jetzt in die Nacht hinein. Aber er war
+m&uuml;de, und es w&uuml;rde regnen, und dem Wei&szlig;gerber
+wollte er das auch nicht antun, und au&szlig;erdem sp&uuml;rte
+er auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen
+Schabernack.</p>
+
+<p>So fischte er denn den Schl&uuml;ssel aus seinem Versteck
+heraus, schlo&szlig; vorsichtig wie ein Dieb die Haust&uuml;re
+auf, zog sie hinter sich zu, schlo&szlig; mit zusammengepre&szlig;ten
+<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Lippen ger&auml;uschlos ab und versorgte den
+Schl&uuml;ssel sorgf&auml;ltig am alten Platz. Dann stieg er auf
+Socken, die Schuhe in der Hand, die Stiege hinauf,
+sah Licht durch eine Ritze der angelehnten Stubent&uuml;r
+und h&ouml;rte die beim langen Warten eingeschlafene
+Meisterin drinnen auf dem Kanapee tief in langen
+Z&uuml;gen atmen. Darauf stieg er unh&ouml;rbar in seine
+Kammer hinauf, schlo&szlig; sie von innen fest ab und ging
+ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde
+abgereist.</p>
+</div>
+<!-- <p><a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a></p>
+<div class="story">
+<h2><a name="Meine_Erinnerung_an_Knulp" id="Meine_Erinnerung_an_Knulp"></a>Meine Erinnerung an Knulp</h2>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Es war noch mitten in der fr&ouml;hlichen Jugendzeit,
+und Knulp war noch am Leben. Wir wanderten
+damals, er und ich, in der gl&uuml;henden Sommerszeit
+durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig
+Sorgen. Tags&uuml;ber schlenderten wir an den gelben
+Kornfeldern hin oder lagen auch unter einem k&uuml;hlen
+Nu&szlig;baum oder am Waldesrand, am Abend aber h&ouml;rte
+ich zu, wie Knulp den Bauern Geschichten erz&auml;hlte,
+den Kindern Schattenspiele vormachte und f&uuml;r die
+M&auml;dchen seine vielen Lieder sang. Ich h&ouml;rte mit
+Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den
+M&auml;dchen stand und sein braunes Gesicht wetterleuchtete
+und die Jungfern zwar viel lachten und spotteten,
+aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen,
+da schien es mir zuweilen, er sei doch ein seltener
+Gl&uuml;cksvogel oder ich das Gegenteil, und dann ging
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>ich manchmal zur Seite, um nicht so &uuml;berfl&uuml;ssig dabei
+zu stehen, und begr&uuml;&szlig;te entweder den Pfarrer in
+seiner Wohnstube um ein gescheites Abendgespr&auml;ch
+und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins Gasthaus
+zu einem stillen Wein.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir
+an einem Kirchhof vor&uuml;ber, der samt einer kleinen
+Kapelle verlassen zwischen den Feldern lag, weit weg
+vom n&auml;chsten Dorf, und mit seinen dunkeln Geb&uuml;schen
+&uuml;berm Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in
+dem hei&szlig;en Lande ruhte. Am Eingangsgitter standen
+zwei gro&szlig;e Kastanienb&auml;ume, es war aber verschlossen,
+und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht,
+er schickte sich an, &uuml;ber die Mauer zu steigen.</p>
+
+<p>Ich fragte: &raquo;Schon wieder Feierabend?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mu&szlig; es denn gerade ein Kirchhof sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern g&ouml;nnen
+sich nicht viel, das wei&szlig; ich wohl, aber unter der Erde
+wollen sie&#8217;s doch gut haben. Darum lassen sie sich&#8217;s
+gern eine M&uuml;he kosten und pflanzen was Sauberes
+auf die Gr&auml;ber und daneben.&laquo;</p>
+
+<p>Da stieg ich mit hin&uuml;ber und sah, da&szlig; er recht hatte,
+denn es lohnte sich wohl, &uuml;ber das M&auml;uerlein zu
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>klettern. Da innen lagen in geraden und in krummen
+Reihen die Gr&auml;ber nebeneinander, die meisten mit
+einem wei&szlig;en Kreuz von Holz versehen, und darauf
+und dar&uuml;ber war es gr&uuml;n und blumenfarbig. Da
+gl&uuml;hte freudig Winde und Geranium, im tiefern
+Schatten auch noch sp&auml;ter Goldlack, und Rosenb&uuml;sche
+hingen voller Rosen, und Fliederb&auml;ume und Holunderb&auml;ume
+standen dick im Holz und Laub, da&szlig; es wie ein
+Lustgarten war.</p>
+
+<p>Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns
+dann im Grase, das stellenweise hoch und in Bl&uuml;te
+stand, und ruhten aus und wurden k&uuml;hl und zufrieden.</p>
+
+<p>Knulp las den Namen auf dem n&auml;chsten Kreuz und
+sagte: &raquo;Der hei&szlig;t Engelbert Auer und ist &uuml;ber sechzig
+Jahr alt geworden. Daf&uuml;r liegt er jetzt unter Reseden,
+was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden
+m&ouml;cht ich schon auch einmal haben, und einstweilen
+nehm ich eine von den hiesigen mit.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sagte: &raquo;La&szlig; sie nur und nimm was anderes,
+Reseden welken bald.&laquo;</p>
+
+<p>Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut,
+der neben ihm im Grase lag.</p>
+
+<p>&raquo;Wie es da sch&ouml;n still ist!&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>Und er: &raquo;Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>stiller w&auml;r, so k&ouml;nnten wir wohl die da drunten reden
+h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das nicht. Die haben ausgeredet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; man&#8217;s? Man sagt doch immer, der Tod ist
+ein Schlaf, und im Schlaf redet man oft und singt
+auch mitunter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du vielleicht schon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben w&auml;r,
+da w&uuml;rd ich warten, bis am Sonntag die M&auml;dlein
+her&uuml;berkommen und still herumstehen und sich von
+einem Grab ein Bl&uuml;mlein abbrechen, und dann w&uuml;rd
+ich ganz leis anfangen singen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, und was denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? Irgendein Lied.&laquo;</p>
+
+<p>Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen
+zu und fing bald mit einer leisen, kindlichen Stimme
+an zu singen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Weil ich fr&uuml;h gestorben bin,<br /></span>
+<span class="i0">Drum singet mir, ihr J&uuml;ngferlein,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Abschiedslied.<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich wiederkomm,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich wiederkomm,<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich ein sch&ouml;ner Knabe.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Ich mu&szlig;te lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel.
+Er sang sch&ouml;n und zart, und wenn manchmal die Worte
+<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>keinen v&ouml;lligen Sinn hatten, war doch die Melodie
+recht fein und machte es sch&ouml;n.</p>
+
+<p>&raquo;Knulp,&laquo; sagte ich, &raquo;versprich den Jungfern nicht
+zu viel, sonst h&ouml;ren sie dir bald nimmer zu. Das mit
+dem Wiederkommen ist schon recht, aber gewi&szlig; wei&szlig;
+das kein Mensch, und ob du dann gerade ein sch&ouml;ner
+Knabe wirst, das ist erst recht nicht sicher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es w&auml;re mir
+lieb. Wei&szlig;t du noch, vorgestern, der kleine Bub mit
+der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt haben? So
+w&auml;r ich gern wieder einer. Du nicht auch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann
+gekannt, wohl &uuml;ber siebzig, der hat so still und gut
+geblickt, und mir kam es vor, als k&ouml;nne an ihm nur
+Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk
+ich hie und da, so m&ouml;cht ich gern auch einer werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, da fehlt dir noch ein St&uuml;ckchen dran, wei&szlig;t du.
+Und es ist &uuml;berhaupt komisch mit dem W&uuml;nschen.
+Wenn ich jetzt im Augenblick blo&szlig; zu nicken brauchte
+und w&auml;re dann so ein netter kleiner Bub, und du
+brauchtest blo&szlig; zu nicken und w&auml;rst ein feiner milder
+alter Kerl, so w&uuml;rde doch keiner von uns nicken. Sondern
+wir w&uuml;rden ganz gern bleiben, wie wir sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist auch wahr.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>&raquo;Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir:
+Das Allersch&ouml;nste und Allerfeinste, was es &uuml;berhaupt
+gibt, das ist ein schlankes junges Fr&auml;ulein mit einem
+blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht
+oft genug, da&szlig; eine Schwarze fast noch sch&ouml;ner ist.
+Und au&szlig;erdem, es geschieht auch wieder, da&szlig; mir
+so scheint: Das Allersch&ouml;nste und das Feinste von allem
+ist doch ein sch&ouml;ner Vogel, wenn man ihn so frei in der
+H&ouml;he sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts
+so wundersam wie ein Schmetterling, ein wei&szlig;er zum
+Beispiel mit roten Augen auf den Fl&uuml;geln, oder auch
+ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben,
+wenn alles gl&auml;nzt und doch nicht blendet, und alles
+dann so froh und unschuldig aussieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles sch&ouml;n, wenn
+man es in der guten Stunde anschaut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das
+Sch&ouml;nste ist immer so, da&szlig; man dabei au&szlig;er dem Vergn&uuml;gen
+auch noch eine Trauer hat oder eine Angst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wie denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine so: Eine recht sch&ouml;ne Jungfer w&uuml;rde
+man vielleicht nicht gar so fein finden, wenn man nicht
+w&uuml;&szlig;te, sie hat ihre Zeit und danach mu&szlig; sie alt werden
+und sterben. Wenn etwas Sch&ouml;nes immerfort in alle
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Ewigkeit gleich bleiben sollte, das w&uuml;rde mich wohl
+freuen, aber ich w&uuml;rd es dann k&auml;lter anschauen und
+denken: Das siehst du immer noch, es mu&szlig; nicht heute
+sein. Dagegen was hinf&auml;llig ist und nicht gleich bleiben
+kann, das schaue ich an und habe nicht blo&szlig; Freude,
+sondern auch ein Mitleid dabei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darum wei&szlig; ich auch nichts Feineres, als wenn
+irgendwo bei Nacht ein Feuerwerk angestellt wird.
+Da gibt es blaue und gr&uuml;ne Leuchtkugeln, die steigen
+in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am sch&ouml;nsten
+sind, dann machen sie einen kleinen Bogen und
+sind aus. Und wenn man dabei zuschaut, so hat man
+die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst: gleich
+ist&#8217;s wieder aus, und das geh&ouml;rt zueinander und ist
+viel sch&ouml;ner, als wenn es l&auml;nger dauern w&uuml;rde. Nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht
+f&uuml;r alles.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben
+und heiraten, oder wenn zwei miteinander eine Freundschaft
+schlie&szlig;en, so ist das doch gerade deswegen sch&ouml;n,
+weil es f&uuml;r die Dauer ist und nicht gleich wieder ein
+Ende haben soll.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er
+mit seinen schwarzen Wimpern und sagte nachdenklich:
+&raquo;Mir ist es auch recht. Aber auch das hat doch einmal
+sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer
+Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe
+auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es
+kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht. &#8211; Sieh, du, ich habe zweimal in
+meinem Leben eine Liebschaft gehabt, ich meine eine
+richtige, und beidemal wu&szlig;te ich gewi&szlig;, da&szlig; das f&uuml;r
+immer sei und nur mit dem Tod aufh&ouml;ren k&ouml;nne, und
+beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht
+gestorben. Auch einen Freund hab ich gehabt, daheim
+noch in unsrer Stadt, und h&auml;tte nicht gedacht, da&szlig;
+wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen k&ouml;nnten.
+Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon
+lang.&laquo;</p>
+
+<p>Er schwieg, und ich wu&szlig;te nichts dazu zu sagen.
+Das Schmerzliche, das in jedem Verh&auml;ltnis zwischen
+Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis geworden,
+und ich hatte es noch nicht erfahren, da&szlig; zwischen
+zwei Menschen, sie seien noch so eng verbunden,
+immer ein Abgrund offen bleibt, den nur die Liebe
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>und auch die nur von Stunde zu Stunde mit einem
+Notsteg &uuml;berbr&uuml;cken kann. Ich dachte &uuml;ber die vorigen
+Worte meines Kameraden nach, von denen mir das
+&uuml;ber die Leuchtkugeln am besten gefiel, denn ich hatte
+das selber schon manches Mal empfunden. Die leise
+lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend
+und allzubald darin ertrinkend, schien mir ein Sinnbild
+aller menschlichen Lust, die je sch&ouml;ner sie ist, desto
+weniger befriedigt und desto rascher wieder vergl&uuml;hen
+mu&szlig;. Das sagte ich auch zu Knulp.</p>
+
+<p>Aber er ging nicht darauf ein.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja,&laquo; sagte er nur. Und dann, nach einer guten
+Weile, mit ged&auml;mpfter Stimme: &raquo;Das Sinnen und Gedankenmachen
+hat keinen Wert, und man tut ja auch nicht,
+wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz
+un&uuml;berlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit
+dem Freundsein und Verlieben ist vielleicht doch so, wie
+ich meine. Am Ende hat doch ein jeder Mensch das Seinige
+ganz f&uuml;r sich und kann es nicht mit anderen gemein
+haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird
+geheult und getrauert, einen Tag und einen Monat und
+auch ein Jahr, aber dann ist der Tote tot und fort, und
+es k&ouml;nnte in seinem Sarge drin gerade so gut ein heimatloser
+und unbekannter Handwerksbursch liegen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>&raquo;Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben
+doch oft geredet, da&szlig; das Leben schlie&szlig;lich einen Sinn
+haben mu&szlig; und da&szlig; es einen Wert hat, wenn einer
+gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist.
+Aber so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei,
+und wir k&ouml;nnten gerade so gut stehlen und totschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das k&ouml;nnten wir nicht, mein Lieber. Schlag
+doch einmal die paar n&auml;chsten Leute tot, die wir treffen,
+wenn du&#8217;s vermagst! Oder verlang einmal von einem
+gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich
+aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So mein ich&#8217;s auch nicht. Aber wenn doch alles
+einerlei ist, dann hat es keinen Sinn, da&szlig; man gut
+und redlich sein will. Dann gibt es ja kein Gutsein,
+wenn blau so gut wie gelb und b&ouml;s so gut wie gut ist.
+Dann ist eben jeder wie ein Tier im Wald und tut
+nach seiner Natur und hat weder ein Verdienst noch
+eine Schuld dabei.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp seufzte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was soll man dar&uuml;ber sagen! Vielleicht ist es
+so, wie du sagst. Dann wird man auch deswegen oft so
+dumm betr&uuml;bt, weil man sp&uuml;rt, da&szlig; das Wollen keinen
+Wert hat, und da&szlig; alles ganz ohne uns seinen Weg geht.
+Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>einer nicht anders hat k&ouml;nnen als schlecht sein. Denn
+er sp&uuml;rt es doch in sich. Und darum mu&szlig; auch das
+Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt
+und sein gutes Gewissen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah es seinem Gesicht an, da&szlig; er dieser Gespr&auml;che
+satt war. Es ging ihm oft so, er kam ins Philosophieren
+hinein, stellte S&auml;tze auf, redete f&uuml;r sie und wider sie
+und h&ouml;rte pl&ouml;tzlich wieder auf. Fr&uuml;her hatte ich gemeint,
+er sei dann meiner unzul&auml;nglichen Antworten
+und Einw&uuml;rfe m&uuml;de. Aber es war nicht so, sondern er
+f&uuml;hlte, da&szlig; seine Neigung zum Spekulieren ihn auf
+Gel&auml;nde f&uuml;hre, wo seine Kenntnisse und Redemittel
+nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen,
+unter anderem Tolstoi, aber er konnte zwischen
+richtigen und Trugschl&uuml;ssen nicht immer genau unterscheiden
+und f&uuml;hlte das selber. Von den Gelehrten
+redete er, wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen
+redet: er mu&szlig;te anerkennen, da&szlig; sie mehr Macht
+und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie,
+da&szlig; sie doch damit nichts Rechtes anfingen und
+mit allen ihren K&uuml;nsten doch keine R&auml;tsel l&ouml;sen
+konnten.</p>
+
+<p>Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden H&auml;nden,
+starrte durch das schwarze Holunderlaub in den blauen
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>hei&szlig;en Himmel und summte ein altes Volkslied vom
+Rhein vor sich hin. Ich wei&szlig; noch den letzten Vers:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun hab ich getragen den roten Rock,<br /></span>
+<span class="i0">Nun mu&szlig; ich tragen den schwarzen Rock,<br /></span>
+<span class="i0">Sechs, sieben Jahr,<br /></span>
+<span class="i0">Bis da&szlig; mein Lieb verweset war.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="newsectioninitial">Sp&auml;t am Abend sa&szlig;en wir am dunklen Rand eines
+Geh&ouml;lzes einander gegen&uuml;ber, jeder mit einem gro&szlig;en
+St&uuml;ck Brot und einer halben Sch&uuml;tzenwurst, a&szlig;en und
+sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch
+waren die H&uuml;gel vom gelben Widerschein des Sp&auml;thimmels
+begl&auml;nzt und in flaumig schwimmendem
+Lichtrauch aufgel&ouml;st gewesen, nun aber standen sie
+schon dunkel und scharf und malten ihre B&auml;ume,
+Felderr&uuml;cken und Geb&uuml;sche schwarz auf den Himmel,
+der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon viel
+mehr tiefes Nachtblau hatte.</p>
+
+<p>Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander
+drollige Sachen aus einem kleinen B&uuml;chlein
+vorgelesen, das hie&szlig; &raquo;Musenkl&auml;nge aus Deutschlands
+Leierkasten&laquo; und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder
+mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit
+dem Tageslicht sein Ende gefunden. Als wir fertig
+gegessen hatten, w&uuml;nschte Knulp Musik zu h&ouml;ren, und
+<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen
+war, putzte sie aus und spielte die paar oft
+geh&ouml;rten Melodien wieder. Die Dunkelheit, in der
+wir schon eine Weile sa&szlig;en, hatte sich vor uns nun
+weit in das vielf&auml;ltig gew&ouml;lbte Land hinein verbreitet,
+auch der Himmel hatte seinen bleichen Schein verloren
+und lie&szlig; im Schw&auml;rzerwerden langsam einen
+Stern um den andern hervorgl&uuml;hen. Die T&ouml;ne unserer
+Harmonika flogen leicht und d&uuml;nn feldeinw&auml;rts und
+verloren sich bald in den weiten L&uuml;ften.</p>
+
+<p>&raquo;Wir k&ouml;nnen doch noch nicht gleich schlafen,&laquo; sagte
+ich zu Knulp. &raquo;Erz&auml;hl mir noch eine Geschichte, sie
+braucht nicht wahr zu sein, oder ein M&auml;rchen.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp besann sich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte er, &raquo;eine Geschichte und auch ein M&auml;rchen,
+beides beieinander. Es ist n&auml;mlich ein Traum. Vorigen
+Herbst hat es mir so getr&auml;umt und seither zweimal
+ganz &auml;hnlich, das will ich dir erz&auml;hlen:</p>
+
+<p>Da war eine Gasse in einem St&auml;dtlein, &auml;hnlich wie
+bei mir daheim, alle H&auml;user streckten die Giebel auf
+die Gassenseite, aber sie waren h&ouml;her, als man sie
+sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn
+ich nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte;
+aber ich hatte nur eine halbe Freude, denn es
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>war nicht alles in Ordnung, und ich wu&szlig;te nicht ganz
+sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht
+in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein
+sollte, und ich kannte sie sofort wieder, aber viele H&auml;user
+waren fremd und ungewohnt, auch fand ich die Br&uuml;cke
+und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt
+dessen an einem unbekannten Garten und an einer
+Kirche vorbei, die war wie in K&ouml;ln oder in Basel,
+mit zwei gro&szlig;en T&uuml;rmen. Unsre Kirche daheim aber
+hat keine T&uuml;rme gehabt, sondern nur einen kurzen
+Stumpen mit einem Notdach, weil sie fr&uuml;her sich
+verbaut haben und den Turm nicht fertig machen
+konnten.</p>
+
+<p>So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich
+von weitem sah, waren mir ganz wohlbekannt, ich
+wu&szlig;te ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um
+sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher
+in ein Haus oder in eine Seitengasse und waren fort,
+und wenn einer n&auml;herkam und an mir vorbeiging,
+verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er
+vor&uuml;ber und wieder weiter weg war, meinte ich im
+Nachsehen, er sei es doch und ich m&uuml;sse ihn kennen.
+Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden beieinander
+stehen, und eine davon, schien mir&#8217;s, war
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>sogar meine verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen
+gehe, kenne ich sie wieder nimmer und h&ouml;re auch, da&szlig;
+sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich kaum verstehen
+kann.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der
+Stadt drau&szlig;en w&auml;re, sie ist&#8217;s und ist&#8217;s doch nicht. Doch
+lief ich immer wieder auf ein bekanntes Haus zu oder
+einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle auch
+wieder f&uuml;r Narren hatten. Dabei wurde ich nicht
+zornig und verdrie&szlig;lich, sondern nur traurig und voller
+Angst; ich wollte ein Gebet hersagen und besann mich
+mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als unn&uuml;tze,
+dumme Redensarten ein &#8211; zum Beispiel &#8250;Sehr geehrter
+Herr&#8249; und &#8250;Unter den obwaltenden Umst&auml;nden&#8249;
+&#8211; und die sagte ich verwirrt und traurig vor
+mich hin.</p>
+
+<p>Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so
+weiter, bis ich ganz warm und m&uuml;d war und v&ouml;llig
+willenlos immer weiterstolperte. Es war schon Abend,
+und ich nahm mir vor, den n&auml;chsten Menschen nach der
+Herberge oder nach der Landstra&szlig;e zu fragen, aber
+ich konnte keinen anreden, und alle gingen an mir
+vorbei, wie wenn ich Luft w&auml;re. Bald h&auml;tte ich vor
+M&uuml;digkeit und Verzweiflung geweint.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da
+sah ich unsere alte Gasse vor mir liegen, ein wenig
+gemodelt und verziert zwar, aber das st&ouml;rte mich jetzt
+nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein
+Haus ums andere trotz der Traumschn&ouml;rkel deutlich
+wieder, und endlich auch unser altes v&auml;terliches Haus.
+Es war ebenfalls &uuml;bernat&uuml;rlich hoch, sonst aber fast
+ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung
+lief mir wie ein Grausen den R&uuml;cken hinauf.</p>
+
+<p>Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die
+hat Henriette gehei&szlig;en. Nur sah sie gr&ouml;&szlig;er und etwas
+anders aus als fr&uuml;her, war aber nur noch sch&ouml;ner geworden.
+Im N&auml;herkommen sah ich sogar, da&szlig; ihre
+Sch&ouml;nheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft
+erschien, doch merkte ich nun auch, da&szlig; sie hellblond
+war und nicht braun wie die Henriette, und doch
+war sie es auf und nieder, wenn auch verkl&auml;rt.</p>
+
+<p>&#8250;Henriette!&#8249; rief ich hin&uuml;ber und zog den Hut ab,
+weil sie so fein und herrlich aussah, da&szlig; ich nicht wu&szlig;te,
+ob sie mich noch werde kennen wollen.</p>
+
+<p>Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen.
+Aber wie sie mir so ins Auge sieht, mu&szlig;te ich mich verwundern
+und sch&auml;men, denn es war gar nicht die, f&uuml;r
+die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die Lisabeth,
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen
+war.</p>
+
+<p>&#8250;Lisabeth!&#8249; rief ich also jetzt, und streckte ihr die
+Hand hin.</p>
+
+<p>Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn
+Gott einen anschauen w&uuml;rde, nicht streng und etwa
+hochm&uuml;tig, sondern ganz ruhig und klar, aber so
+geistig und &uuml;berlegen, da&szlig; ich mir wie ein Hund vorkam.
+Und sie wurde im Anschauen ernst und traurig,
+dann sch&uuml;ttelte sie den Kopf wie auf eine vorlaute
+Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging
+ins Haus zur&uuml;ck und zog das Tor still hinter sich zu.
+Ich h&ouml;rte noch das Schlo&szlig; einschnappen.</p>
+
+<p>Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor
+Tr&auml;nen und Leidwesen kaum aus den Augen sah, war
+es doch merkw&uuml;rdig, wie die Stadt sich wieder verwandelt
+hatte. Es war jetzt n&auml;mlich jede Gasse und
+jedes Haus und alles genau wie in fr&uuml;herer Zeit und
+das Unwesen ganz verschwunden. Die Giebel waren
+nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die
+Leute waren es wirklich und schauten mich froh und
+verwundert an, wenn sie mich wieder kannten, auch
+riefen manche mich mit meinem Namen an. Aber ich
+konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>bleiben. Statt dessen lief ich mit aller Macht den
+wohlbekannten Weg &uuml;ber die Br&uuml;cke und vor die
+Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen
+vor Herzweh. Ich wu&szlig;te nicht warum, mir schien nur,
+es sei hier f&uuml;r mich alles verloren und ich m&uuml;sse in
+Schande fortlaufen.</p>
+
+<p>Dann, wie ich vor der Stadt drau&szlig;en unter den
+Pappeln war und ein wenig anhalten mu&szlig;te, fiel
+mir&#8217;s erst ein, da&szlig; ich daheim und vor unserem Haus
+gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und
+Freunde und alles mit keinem Gedanken gedacht habe.
+Es war eine Verwirrung, K&uuml;mmernis und Scham in
+meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte
+nicht umkehren und alles gutmachen, denn der Traum
+war aus, und ich wurde wach.&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Knulp sagte: &raquo;Ein jeder Mensch hat seine Seele,
+die kann er mit keiner anderen vermischen. Zwei
+Menschen k&ouml;nnen zueinander gehen, sie k&ouml;nnen miteinander
+reden und nah beieinander sein. Aber ihre
+Seelen sind wie Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt,
+und keine kann zu der andern kommen, sonst
+m&uuml;&szlig;te sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben
+nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>Samen aus, weil sie gern zueinander m&ouml;chten; aber
+da&szlig; ein Same an seine rechte Stelle kommt, dazu
+kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der
+kommt her und geht hin, wie und wo er will.&laquo;</p>
+
+<p>Und sp&auml;ter: &raquo;Der Traum, den ich dir erz&auml;hlt habe,
+hat vielleicht die gleiche Bedeutung. Ich habe weder
+der Henriette mit Wissen unrecht getan noch der Lisabeth.
+Aber durch das, da&szlig; ich beide einmal liebgehabt
+und zu eigen habe nehmen wollen, sind sie f&uuml;r mich zu
+einer solchen Traumgestalt geworden, die beiden &auml;hnlich
+sieht und doch keine ist. Die Gestalt geh&ouml;rt mir
+eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe ich
+auch oft &uuml;ber meine Eltern nachdenken m&uuml;ssen. Die
+meinen, ich sei ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn
+ich sie auch lieben mu&szlig;, bin ich doch ihnen ein fremder
+Mensch, den sie nicht verstehen k&ouml;nnen. Und das, was
+die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine
+Seele ist, das finden sie nebens&auml;chlich und schreiben
+es meiner Jugend oder Laune zu. Dabei haben sie
+mich gern und t&auml;ten mir gern alles Liebe. Ein Vater
+kann seinem Kind die Nase und die Augen und sogar
+den Verstand zum Erbe mitgeben, aber nicht die Seele.
+Die ist in jedem Menschen neu.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>damals noch nicht, wenigstens nicht aus eigenem
+Bed&uuml;rfnis, gegangen war. Mir war bei diesem
+Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir
+nicht bis ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es
+werde auch f&uuml;r Knulp mehr ein Spiel als ein Kampf
+sein. Au&szlig;erdem war es friedsam sch&ouml;n, da zu zweien
+im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den
+Schlaf zu warten und die fr&uuml;hen Sterne zu betrachten.</p>
+
+<p>Ich sagte: &raquo;Knulp, du bist ein Denker. Du h&auml;ttest
+sollen Professor werden.&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte und sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Viel eher k&ouml;nnt es sein, da&szlig; ich noch einmal zur
+Heilsarmee ginge,&laquo; meinte er dann nachdenklich.</p>
+
+<p>Das war mir zu viel. &raquo;Du,&laquo; sagte ich, &raquo;spiel mir
+doch nichts vor! Willst du nicht auch noch ein Heiliger
+werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig,
+wenn es ihm mit seinen Gedanken und Taten wirklich
+Ernst ist. Wenn man etwas f&uuml;r recht h&auml;lt, mu&szlig; man
+es tun. Und wenn ich es einmal f&uuml;r das richtige halte,
+da&szlig; ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich&#8217;s hoffentlich
+auch tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer die Heilsarmee!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>schon mit vielen Leuten gesprochen und auch viele
+Reden halten h&ouml;ren. Ich habe Pfarrer und Lehrer
+und B&uuml;rgermeister und Sozialdemokraten und Liberale
+reden h&ouml;ren; aber es war keiner dabei, dem es
+ganz bis ins Herz hinein Ernst war und dem ich zugetraut
+h&auml;tte, da&szlig; er im Notfall f&uuml;r seine Weisheit
+sich selber geopfert h&auml;tte. Bei der Heilsarmee aber,
+mit allem Musikmachen und Radau, hab ich schon
+drei-, viermal Leute gesehen und geh&ouml;rt, denen ist es
+Ernst gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t du das denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der
+hat in einem Dorf eine Rede gehalten, am Sonntag,
+im Freien bei einem Staub und einer Hitze, da&szlig; er
+bald ganz heiser war. Kr&auml;ftig hat er ohnedas nicht
+ausgesehen. Wenn er kein Wort mehr herausbrachte,
+lie&szlig; er seine drei Kameraden einen Vers singen und
+nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf
+ist um ihn herumgestanden, Kinder und Gro&szlig;e, und
+haben ihn f&uuml;r Narren gehabt und kritisiert. Hinten
+stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche und
+lie&szlig; von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den
+Redner recht zu &auml;rgern, und dann lachten jedesmal
+alle. Aber der arme Kerl ist nicht b&ouml;s geworden, obwohl
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit
+seinem Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten
+und hat gel&auml;chelt, wo ein andrer geheult oder geflucht
+h&auml;tte. Wei&szlig;t du, das tut einer nicht um einen Hungerlohn
+und um des Vergn&uuml;gens willen, sondern er mu&szlig;
+eine gro&szlig;e Helligkeit und Gewi&szlig;heit in sich haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinetwegen. Aber eins pa&szlig;t nicht f&uuml;r alle. Und
+wer ein feiner und empfindsamer Mensch ist wie du, der
+tut bei dem Spektakel nicht mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht doch. Wenn er etwas wei&szlig; und hat, was
+noch viel besser ist als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit.
+Es pa&szlig;t freilich nicht eins f&uuml;r alle, aber die
+Wahrheit, die mu&szlig; f&uuml;r alle passen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Wahrheit! Woher wei&szlig; man, ob gerade die
+mit ihrem Halleluja die Wahrheit haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja
+nur: Wenn ich einmal finde, da&szlig; das die Wahrheit ist,
+dann will ich ihr auch folgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit,
+und morgen l&auml;&szlig;t du sie nimmer gelten.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich betroffen an.</p>
+
+<p>&raquo;Da hast du etwas Schlimmes gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab
+und blieb still. Bald sagte er leise gut Nacht und legte
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>sich ruhig hin, aber ich glaube nicht, da&szlig; er schon schlief.
+Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch weit &uuml;ber
+eine Stunde lang mit aufgest&uuml;tzten Ellbogen da und
+schaute in das n&auml;chtliche Land hinein.</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Am Morgen sah ich gleich, da&szlig; Knulp heute seinen
+guten Tag habe. Ich sagte ihm das, und er strahlte
+mich mit seinen kinderhaften Augen an und sagte:
+&raquo;Richtig geraten. Und wei&szlig;t du auch, wo es herkommt,
+wenn einer so einen guten Tag hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, woher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es kommt davon, da&szlig; man nachts gut geschlafen
+und recht viel Sch&ouml;nes getr&auml;umt hat. Aber man darf
+es nimmer wissen. So geht mir&#8217;s heute. Ich habe
+lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengetr&auml;umt,
+aber alles vergessen; ich wei&szlig; nur noch, da&szlig; es herrlich
+sch&ouml;n gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Und noch eh wir das n&auml;chste Dorf erreicht und eine
+Morgenmilch im Leibe hatten, sang er schon mit seiner
+warmen, leichten, m&uuml;helosen Stimme drei, vier nagelneue
+Lieder in die n&uuml;chterne Fr&uuml;he hinein. Aufgeschrieben
+und abgedruckt w&uuml;rden diese Lieder vielleicht
+recht wenig vorstellen. Aber wenn Knulp kein gro&szlig;er
+Dichter war, so war er doch ein kleiner, und w&auml;hrend
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>er sie selber sang, sahen seine Liedchen den sch&ouml;nsten
+anderen oft &auml;hnlich wie h&uuml;bsche Geschwister. Und
+einzelne Stellen und Verse, die ich behalten habe,
+sind wahrhaft sch&ouml;n und mir noch immer wert. Es
+ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine Verse
+kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos,
+wie die L&uuml;fte wehen, aber sie haben nicht
+nur mir und ihm, sondern vielen anderen, Kindern und
+Alten, manche Viertelstunde sch&ouml;n und lieb gemacht.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hell und sonntagsangetan<br /></span>
+<span class="i0">Wie ein Fr&auml;ulein aus dem Tor,<br /></span>
+<span class="i0">Kommt sie rot und aber stolz<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;berm Tannenwald hervor &#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen
+Liedern fast immer vorkam und gepriesen wurde.
+Und sonderbar, so wenig er im Gespr&auml;ch das Spekulieren
+lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein,
+die wie saubere Kinder in hellen Sommerkleidern
+dahinsprangen. Oft waren sie auch sinnlos drollig und
+dienten nur dazu, den vorhandenen &Uuml;bermut entstr&ouml;men
+zu lassen.</p>
+
+<p>Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner
+Laune angesteckt. Wir begr&uuml;&szlig;ten und neckten alle
+Leute, die uns begegneten, so da&szlig; hinter uns her bald
+gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>verging uns wie eine Festlichkeit. Wir erz&auml;hlten einander
+Streiche und Witze aus der Schulzeit, hingen
+den vor&uuml;bergehenden Bauern und oft auch ihren
+Rossen und Ochsen Spitznamen an, a&szlig;en uns an
+einem verborgenen Gartenzaun an gestohlenen Stachelbeeren
+satt und schonten unsere Kr&auml;fte und Stiefelsohlen,
+indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.</p>
+
+<p>Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft
+mit Knulp h&auml;tte ich ihn noch nie so fein und lieb und
+unterhaltsam gefunden, und ich freute mich darauf,
+da&szlig; von heute an das eigentliche Zusammenleben und
+Wandern und Lustigsein erst anheben sollte.</p>
+
+<p>Der Mittag wurde schw&uuml;l, und wir lagen mehr im
+Grase als wir marschierten, und gegen den Abend hin
+zog sich Gewitterdunst und drange Luft zusammen, so
+da&szlig; wir beschlossen, f&uuml;r die Nacht ein Dach zu suchen.</p>
+
+<p>Knulp wurde nun allm&auml;hlich stiller und ein wenig
+m&uuml;de, doch merkte ich es kaum, denn er lachte noch
+immer herzlich mit und stimmte oft in meinen Gesang
+ein, und ich selber ward noch ausgelassener und f&uuml;hlte
+ein Freudenfeuer um das andere in mir angehen.
+Vielleicht war es bei Knulp umgekehrt, da&szlig; in ihm
+die festlichen Lichter schon zu verglimmen begannen.
+Mir ist es damals immer so gegangen, da&szlig; ich an
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>frohen Tagen gegen die Nacht hin immer lebhafter
+wurde und kein Ende finden konnte, ja, oft trieb ich
+mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden
+allein herum, wenn die andern l&auml;ngst erm&uuml;det waren
+und schliefen.</p>
+
+<p>Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch
+damals, und ich freute mich, als wir talw&auml;rts gegen ein
+stattliches Dorf kamen, auf eine lustige Nacht. Vorerst
+bestimmten wir eine abseits stehende, leicht zug&auml;ngliche
+Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir
+in das Dorf ein und in einen sch&ouml;nen Wirtsgarten,
+denn ich hatte meinen Freund f&uuml;r heute als meinen
+Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar
+Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag
+war.</p>
+
+<p>Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen.
+Doch als wir unter einem sch&ouml;nen Platanenbaum an
+unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er halb verlegen:
+&raquo;Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen,
+gelt? Eine Flasche Bier trink ich gern, das tut gut
+und ist mir ein Vergn&uuml;gen, aber mehr mag ich kaum
+vertragen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; es gut sein und dachte: Wir werden schon zu
+so viel oder wenig kommen, als uns Freude macht.
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>Wir a&szlig;en den hei&szlig;en Eierkuchen und ein kr&auml;ftig
+frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings
+lie&szlig; ich mir bald eine zweite Flasche Bier bringen,
+w&auml;hrend Knulp seine erste noch halbvoll hatte. Mir
+war, da ich wieder &uuml;ppig und herrschaftlich an einem
+guten Tische sa&szlig;, herzlich wohl zumut, und ich dachte
+das heute abend noch eine Weile zu genie&szlig;en.</p>
+
+<p>Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er
+trotz meiner Bitten keine zweite an und schlug mir vor,
+jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu schlendern und
+dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht
+meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen.
+Und da meine Flasche noch nicht leer war,
+hatte ich auch nichts dagegen, da&szlig; er einstweilen vorausging,
+wir w&uuml;rden uns nachher schon wieder treffen.</p>
+
+<p>Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit
+seinem bequemen, genie&szlig;enden Feierabendschritt, eine
+Sternblume hinterm Ohr, die paar Treppen hinab
+auf die breite Gasse und langsam dorfeinw&auml;rts bummelte.
+Und wenn es mir auch leid tat, da&szlig; er nicht
+noch eine Flasche mit mir leeren wollte, dachte ich im
+Nachschauen doch froh und z&auml;rtlich: Du lieber Kerl!</p>
+
+<p>Inzwischen nahm die Schw&uuml;le, trotzdem die Sonne
+schon verschwunden war, noch immer zu. Ich hatte
+<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem frischen
+Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem
+Tische noch auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe
+der einzige Gast war, fand die Kellnerin reichlich Zeit,
+mit mir ein Gespr&auml;ch zu pflegen. Ich lie&szlig; mir von ihr
+auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine
+anf&auml;nglich f&uuml;r Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie
+nachher in der Verge&szlig;lichkeit selber noch.</p>
+
+<p>Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder
+und wollte mich abholen. Ich war jedoch se&szlig;haft geworden,
+und da er m&uuml;de war und Schlaf hatte, wurden
+wir einig, da&szlig; er an unsere Schlafst&auml;tte gehen und
+sich hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin
+aber fing sofort an, mich nach ihm auszufragen, denn
+er stach allen M&auml;dchen in die Augen. Ich hatte nichts
+dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein
+Schatz, und ich pries ihn sogar noch m&auml;chtig, denn mir
+war wohl und ich meinte es mit jedermann gut.</p>
+
+<p>Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu
+winden an, als ich endlich sp&auml;t aufbrach. Ich zahlte,
+schenkte dem M&auml;dchen einen Zehner und machte mich
+ohne Eile auf den Weg. Im Gehen sp&uuml;rte ich wohl, da&szlig;
+ich eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte
+die letzte Zeit ganz ohne starkes Getr&auml;nk gelebt. Doch
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>machte mich das nur vergn&uuml;gt, denn ich konnte schon
+etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg
+vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da
+stieg ich leise hinein und fand richtig den Knulp im
+Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie er hemd&auml;rmlig auf
+seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und gleichm&auml;&szlig;ig
+atmete. Seine Stirn und der blo&szlig;e Hals und die eine
+Hand, die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem
+tr&uuml;ben Halbdunkel einen bleichen Schein.</p>
+
+<p>Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch
+machte die Erregung und der eingenommene Kopf
+mich immer wieder wach, und es wurde drau&szlig;en schon
+Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf
+einschlief. Es war ein fester, doch kein guter Schlaf,
+ich war schwer und matt geworden und hatte undeutliche,
+plagende Tr&auml;ume.</p>
+
+<p>Am Morgen erwachte ich erst sp&auml;t, es war schon
+voller Tag, und das helle Licht tat mir in den Augen
+weh. Mein Kopf war leer und tr&uuml;b und die Glieder
+m&uuml;de. Ich g&auml;hnte lange, rieb mir die Augen und streckte
+die Arme, da&szlig; die Gelenke knackten. Aber trotz der
+M&uuml;digkeit hatte ich noch einen Rest und Nachklang von
+der gestrigen Laune in mir und dachte den kleinen Jammer
+am n&auml;chsten klaren Brunnen von mir zu sp&uuml;len.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war
+Knulp nicht vorhanden. Ich rief und pfiff nach ihm
+und war im Anfang noch ganz arglos. Als jedoch
+Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir
+pl&ouml;tzlich die Erkenntnis, da&szlig; er mich verlassen habe.
+Ja, er war fort, heimlich fortgegangen, er hatte nicht
+l&auml;nger bei mir bleiben m&ouml;gen. Vielleicht weil ihm
+mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil
+er sich heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit
+sch&auml;mte, vielleicht nur aus einer Laune, vielleicht aus
+Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus einem pl&ouml;tzlich
+erwachten Bed&uuml;rfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich
+war doch mein Trinken daran schuld.</p>
+
+<p>Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erf&uuml;llten
+mich ganz. Wo war jetzt mein Freund? Ich
+hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine Seele ein
+wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun
+war er fort, ich stand allein und entt&auml;uscht, mu&szlig;te mich
+mehr als ihn anklagen und hatte nun die Einsamkeit,
+in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und an die
+ich nie ganz hatte glauben m&ouml;gen, selber zu kosten.
+Sie war bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie
+ist inzwischen wohl manches Mal lichter geworden, aber
+v&ouml;llig will sie mich seither nimmer verlassen.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a></p>
+<div class="story">
+<h2><a name="Das_Ende" id="Das_Ende"></a>Das Ende</h2>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte,
+durchsonnte Luft wurde von launigen kurzen Windz&uuml;gen
+bewegt, aus Feldern und G&auml;rten zog in d&uuml;nnen,
+z&ouml;gernden B&auml;ndern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern
+und erf&uuml;llte die lichte Landschaft mit einem
+scharfs&uuml;&szlig;en Geruch von verbranntem Kraut und Gr&uuml;nholz.
+In den Dorfg&auml;rten bl&uuml;hten sattfarbige Buschastern,
+sp&auml;te bl&auml;&szlig;liche Rosen und Georginen, und an
+den Z&auml;unen brannte noch hier und dort eine feurige
+Kapuzinerbl&uuml;te aus dem schon matt und wei&szlig;lich
+schimmernden Gekr&auml;ut.</p>
+
+<p>Auf der Landstra&szlig;e nach Bulach fuhr langsam der
+Einsp&auml;nner des Doktors Machold. Der Weg ging sachte
+bergan, links abgem&auml;hte &Auml;cker und Kartoffelfelder, in
+denen noch geerntet wurde, rechts junger enger Fichtenwald
+halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedr&auml;ngten
+<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Stangen und d&uuml;rren Zweigen, der Boden
+gleichfarbig trockenbraun voll dick gelagerter welker
+Nadeln. Geradeaus f&uuml;hrte die Stra&szlig;e einfach in den
+zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die
+Welt ein Ende.</p>
+
+<p>Der Doktor hielt die Z&uuml;gel lose in den H&auml;nden und
+lie&szlig; das alte Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam
+von einer sterbenden Frau, der nicht mehr zu helfen
+war und die doch z&auml;h ums Leben gek&auml;mpft hatte bis
+zur letzten Stunde. Nun war er m&uuml;de und geno&szlig; die
+stille Fahrt durch den freundlichen Tag; seine Gedanken
+waren eingeschlafen und folgten leicht bet&auml;ubt und
+willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen
+aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen
+an Herbstferientage der Sch&uuml;lerzeit und
+weiter zur&uuml;ck in klangvolle, gestaltlose Kindheitsd&auml;mmerung.
+Denn er war auf dem Lande aufgewachsen,
+und seine Sinne folgten erfahren und willig allen l&auml;ndlichen
+Zeichen der Jahreszeiten und ihrer Gesch&auml;fte.</p>
+
+<p>Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das
+Stehenbleiben des Wagens. Eine Wasserrinne lief
+quer &uuml;ber die Stra&szlig;e, darin fanden die Vorderr&auml;der
+einen Halt, und das Ro&szlig; blieb dankbar stehen, senkte
+den Kopf und geno&szlig; wartend die Rast.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Machold ermunterte sich &uuml;ber dem pl&ouml;tzlichen Verstummen
+der R&auml;der, nahm die Z&uuml;gel zusammen, sah
+l&auml;chelnd nach verd&auml;mmerten Minuten Wald und
+Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und
+trieb den Gaul mit vertraulichem Zungenschnalzen
+zum Weitersteigen an. Darauf setzte er sich aufrecht,
+er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte
+sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen
+Schritt weiter, zwei Weiber gr&uuml;&szlig;ten vom Felde, in
+Schattenh&uuml;ten hinter einer langen Front von gef&uuml;llten
+Kartoffels&auml;cken hervor.</p>
+
+<p>Die H&ouml;he war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den
+Kopf, ermuntert und voll Erwartung, n&auml;chstens den
+langen Sattel des heimatlichen H&uuml;gels hinabzutraben.
+Da erschien im nahen lichten Horizont von dr&uuml;ben her
+ein Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom
+Blau umlodert frei und hoch, stieg nieder und wurde
+grau und klein. Er kam n&auml;her, ein magerer Mann mit
+kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der
+Landstra&szlig;e daheim, er ging m&uuml;de und m&uuml;hevoll,
+aber er zog den Hut mit stiller Artigkeit und sagte:
+Gr&uuml;&szlig; Gott.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig; Gott,&laquo; sagte der Doktor Machold und sah
+dem Fremden nach, der schon vor&uuml;ber war, und pl&ouml;tzlich
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>hielt er den Gaul an, wandte sich stehend &uuml;ber das
+knarrende Lederdach zur&uuml;ck und rief: &raquo;Heda, Sie!
+Kommen Sie einmal her!&laquo;</p>
+
+<p>Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zur&uuml;ck.
+Er l&auml;chelte schwach her&uuml;ber, wandte sich wieder ab
+und schien weitergehen zu wollen, dann besann er sich
+dennoch und kehrte gehorsam um.</p>
+
+<p>Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte
+den Hut in der Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Wohinaus, wenn man fragen darf?&laquo; rief Machold.</p>
+
+<p>&raquo;Der Stra&szlig;e nach, gegen Berchtoldsegg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennen wir einander nicht? Ich kann blo&szlig; nicht auf
+den Namen kommen. Sie wissen doch, wer ich bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na also? Und Sie? Wie hei&szlig;en Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir
+sind einmal nebeneinander beim Pr&auml;zeptor Plocher
+gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die
+lateinischen Pr&auml;parationen von mir abgeschrieben.&laquo;</p>
+
+<p>Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann
+in die Augen. Dann klopfte er ihm auflachend auf die
+Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Stimmt!&laquo; sagte er. &raquo;Dann bist du also der ber&uuml;hmte
+Knulp, und wir sind Schulkameraden. So
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>la&szlig; dir doch die Hand sch&uuml;tteln, alter Kerl! Wir haben
+uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch
+auf der Wanderschaft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten,
+wenn man &auml;lter wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hast du recht. Und wohin geht die Reise?
+Wieder einmal der Heimat zu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe
+eine Kleinigkeit dort zu tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp.
+Wir sind doch erst Vierziger, wir zwei. Und da&szlig; du so
+einfach an mir vorbei hast laufen wollen, ist nicht recht
+von dir. &#8211; Wei&szlig;t du, mir scheint, du k&ouml;nntest vielleicht
+einen Doktor brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir
+fehlt, das kann doch kein Doktor kurieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und
+komm mit mir, dann k&ouml;nnen wir besser reden.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp trat ein wenig zur&uuml;ck und setzte den Hut
+wieder auf. Mit verlegenem Gesicht wehrte er
+sich, als der Doktor ihm in den Wagen helfen
+wollte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>&raquo;Ach, wegen dessen, das w&auml;re nicht n&ouml;tig. Das R&ouml;&szlig;lein
+rennt dir nicht fort, solang wir dastehen.</p>
+
+<p>Indessen fa&szlig;te ihn ein Anfall von Husten, und der
+Arzt, der schon Bescheid wu&szlig;te, packte ihn kurzerhand
+und setzte ihn in das Gef&auml;hrt.</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagte er im Weiterfahren, &raquo;gleich sind wir
+droben, und dann geht&#8217;s Trab, in einer halben Stunde
+sind wir daheim. Du brauchst keine Unterhaltung zu
+machen, mit deinem Husten, wir k&ouml;nnen dann daheim
+weiter reden. &#8211;&nbsp;&#8211; Was? &#8211;&nbsp;&#8211; Nein, das hilft dir
+jetzt nichts mehr, kranke Leute geh&ouml;ren ins Bett und
+nicht auf die Landstra&szlig;e. Wei&szlig;t du, damals im Latein
+hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an
+der Reihe.&laquo;</p>
+
+<p>Sie fuhren &uuml;ber den H&ouml;henr&uuml;cken und mit pfeifender
+Bremse den langen Sattel hinab; gegen&uuml;ber sah man
+schon die D&auml;cher von Bulach &uuml;ber den Obstb&auml;umen.
+Machold hielt die Z&uuml;gel kurz und pa&szlig;te auf den Weg,
+und Knulp ergab sich m&uuml;de in halbem Behagen dem
+Genu&szlig; des Fahrens und der gewaltsamen Gastfreundschaft.
+Morgen, dachte er, oder sp&auml;testens &uuml;bermorgen
+walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen
+noch zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld
+mehr, der die Tage und Jahre verschwendete. Er
+<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr
+hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu
+sehen.</p>
+
+<p>In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube
+und gab ihm Milch zu trinken und Brot mit Schinken
+zu essen. Dabei plauderten sie und fanden langsam
+die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn
+der Arzt ins Verh&ouml;r, das der Kranke gutm&uuml;tig und
+etwas sp&ouml;ttisch &uuml;ber sich ergehen lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du eigentlich, was dir fehlt?&laquo; fragte
+Machold am Ende seiner Untersuchung. Er sagte es
+leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm daf&uuml;r
+dankbar.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich wei&szlig; schon, Machold. Es ist die Auszehrung,
+und ich wei&szlig; auch, da&szlig; es nimmer lang gehen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wer wei&szlig;! Aber dann mu&szlig;t du also auch einsehen,
+da&szlig; du in ein Bett und in eine Pflege geh&ouml;rst.
+Einstweilen kannst du ja hier bei mir bleiben, ich sorge
+inzwischen f&uuml;r einen Platz im n&auml;chsten Spital. Es
+spukt bei dir, mein Lieber, und du mu&szlig;t dich zusammennehmen,
+da&szlig; du&#8217;s noch einmal durchhaust.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein
+hageres und graues Gesicht mit einem Ausdruck von
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>Schelmerei dem Doktor zu und sagte gutm&uuml;tig: &raquo;Du
+machst dir viele M&uuml;he, Machold. Also meinetwegen.
+Aber von mir darfst du nimmer viel erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die
+Sonne, so lang sie noch in den Garten scheint. Die
+Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir m&uuml;ssen dir
+auf die Finger sehen, Kn&uuml;lplein. Da&szlig; so ein Mensch,
+der sein ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht
+hat, sich dabei ausgerechnet die Lungen kaputt
+macht, ist eigentlich nicht in der Ordnung.&laquo;</p>
+
+<p>Damit ging er weg.</p>
+
+<p>Die Haush&auml;lterin Lina war nicht erfreut und wehrte
+sich dagegen, so einen Landstreicher ins Gastzimmer
+zu lassen. Aber der Doktor schnitt ihr das Wort ab.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer
+lang zu leben, er mu&szlig; es bei uns noch ein bi&szlig;chen gut
+haben. Sauber ist er &uuml;brigens immer gewesen, und
+eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie
+ihm eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht
+meine Winterpantoffeln. Und vergessen Sie
+nicht: Der Mann ist ein Freund von mir.&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen
+Morgen im Bett verd&auml;mmert, wo er sich erst allm&auml;hlich
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>darauf besinnen konnte, bei wem er sei. Als die Sonne
+herausgekommen war, hatte Machold ihm das Aufstehen
+erlaubt, und nun sa&szlig;en sie beide nach Tisch bei
+einem Glas Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp
+war vom guten Essen und von seinem halben Glas
+Wein munter und gespr&auml;chig geworden, und der Doktor
+hatte sich f&uuml;r eine Stunde frei gemacht, um noch
+einmal mit dem seltsamen Schulkameraden zu plaudern
+und vielleicht etwas &uuml;ber dieses nicht gew&ouml;hnliche
+Menschenleben zu erfahren.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt
+hast?&laquo; sagte er l&auml;chelnd. &raquo;Dann ist ja alles gut.
+Sonst h&auml;tte ich aber doch gesagt, es ist eigentlich schad
+um so einen Kerl wie dich. Du h&auml;ttest ja kein Pfarrer
+oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber w&auml;re
+ein Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir
+geworden. Ich wei&szlig; nicht, ob du deine Gaben benutzt
+und weiter gebildet hast, aber du hast sie f&uuml;r
+dich allein verbraucht. Oder nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Knulp st&uuml;tzte das Kinn mit dem d&uuml;nnen B&auml;rtchen in
+die hohle Hand und sah auf die roten Lichter, die hinterm
+Weinglas auf dem besonnten Tischtuch spielten.</p>
+
+<p>&raquo;Es stimmt nicht ganz,&laquo; sagte er langsam. &raquo;Die
+Gaben, wie du es nennst, damit ist es nicht so weit her.
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>Ich kann ein bi&szlig;chen kunstpfeifen, auch Handorgel
+spielen und manchmal Verslein machen, fr&uuml;her bin
+ich auch ein guter L&auml;ufer gewesen und habe nicht
+schlecht getanzt. Das ist alles. Und daran habe ich ja
+nicht allein Freude gehabt, es waren meistens Kameraden
+dabei, oder junge M&auml;del oder Kinder, die haben
+ihren Spa&szlig; daran gehabt und sind mir manchmal
+daf&uuml;r dankbar gewesen. Wir wollen es gut sein lassen
+und damit zufrieden sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte der Doktor, &raquo;das wollen wir. Aber eins
+mu&szlig; ich dich noch fragen. Du bist damals bis in die
+f&uuml;nfte Klasse mit mir in die Lateinschule gegangen,
+ich wei&szlig; es noch genau, und bist ein guter Sch&uuml;ler gewesen,
+wenn auch kein Musterbub. Und dann auf
+einmal warst du weg, und es hie&szlig;, du gehest jetzt in die
+Volksschule, und da waren wir auseinander, ich durfte
+ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der in
+die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen?
+Sp&auml;ter, wenn ich von dir h&ouml;rte, habe ich immer gedacht:
+Wenn er damals bei uns in der Schule geblieben
+w&auml;re, h&auml;tte alles anders kommen m&uuml;ssen. Also, wie
+war&#8217;s damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter
+das Schulgeld nimmer zahlen m&ouml;gen, oder was
+sonst?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere
+Hand, doch trank er nicht, er blickte nur durch den Wein
+gegen das gr&uuml;ne Gartenlicht und stellte dann den
+Kelch vorsichtig auf den Tisch zur&uuml;ck. Schweigend
+schlo&szlig; er dann die Augen und versank in Gedanken.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es dir zuwider, davon zu reden?&laquo; fragte sein
+Freund. &raquo;Es mu&szlig; ja nicht sein.&laquo;</p>
+
+<p>Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und
+pr&uuml;fend ins Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Doch,&laquo; sagte er, noch z&ouml;gernd, &raquo;ich glaube, es mu&szlig;
+sein. Ich habe das n&auml;mlich noch nie einem Menschen
+erz&auml;hlt. Aber jetzt ist es vielleicht ganz gut, wenn jemand
+es h&ouml;rt. Es ist ja blo&szlig; eine Kindergeschichte,
+aber f&uuml;r mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir
+jahrelang zu schaffen gemacht. Sonderbar, da&szlig; du
+gerade danach fragst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken
+m&uuml;ssen, und deswegen bin ich auch wieder auf dem
+Weg nach Gerbersau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, dann erz&auml;hle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute
+Freunde gewesen, wenigstens bis in die dritte oder
+vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger zusammen,
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus
+gepfiffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit
+mehr als zwanzig Jahren nimmer gedacht. Mensch,
+was hast du f&uuml;r ein Ged&auml;chtnis! Und weiter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist.
+Die M&auml;dchen waren daran schuld. Ich bin ziemlich
+fr&uuml;h auf sie neugierig geworden, und du hast noch an
+den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da
+wu&szlig;te ich schon so ziemlich, wie es mit Buben und
+M&auml;deln beschaffen ist. Das war mir damals die Hauptsache,
+darum bin ich nimmer viel bei eurem Indianerspiel
+dabei gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da warst du zw&ouml;lf Jahr alt, nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fast dreizehn, ich bin ein Jahr &auml;lter als du. Wie
+ich einmal krank war und im Bett lag, da hatten wir
+eine Base zum Besuch da, die war drei oder vier Jahr
+&auml;lter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und
+als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal
+nachts zu ihr in die Stube gegangen. Da wurde mir
+bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und ich war
+elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der
+Base wollte ich jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir
+verleidet, und ich hatte Angst vor ihr, aber die Sache
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin ich
+eine Zeitlang blo&szlig; den M&auml;dchen nachgegangen. Beim
+Rotgerber Haasis waren zwei T&ouml;chter in meinem
+Alter, und da kamen auch andere M&auml;dchen aus der
+Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln B&ouml;den
+Verstecken und hatten immer viel zu kichern und zu
+kitzeln und geheim zu tun. Ich war meistens der
+einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte
+ich einer von ihnen die Z&ouml;pfe flechten oder eine gab
+mir einen Ku&szlig;, wir waren alle noch unerwachsen und
+wu&szlig;ten nicht recht Bescheid, aber es war alles voll
+von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich
+in die B&uuml;sche und sah ihnen zu. &#8211;&nbsp;&#8211; Und eines
+Tages war eine Neue da, eine aus der Vorstadt, ihr
+Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat Franziska
+gehei&szlig;en, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut
+gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Doktor unterbrach ihn. &raquo;Wie hat ihr Vater
+gehei&szlig;en? Vielleicht kenn ich sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeih, ich m&ouml;cht dir das lieber nicht sagen,
+Machold. Es geh&ouml;rt nicht zur Geschichte, und ich will
+auch nicht, da&szlig; jemand das von ihr wei&szlig;. &#8211; Nun also!
+Sie ist gr&ouml;&szlig;er und st&auml;rker gewesen als ich, wir haben
+hie und da miteinander geh&auml;ndelt und gerauft, und
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>wenn sie mich dann an sich dr&uuml;ckte, bis es mir weh tat,
+dann war mir schwindlig und wohl wie in einem Rausch.
+In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre
+&auml;lter war und schon davon redete, da&szlig; sie jetzt bald
+einen Schatz haben wolle, da wurde es mein einziger
+Wunsch, der m&ouml;chte ich sein. &#8211;&nbsp;&#8211; Einmal sa&szlig; sie
+allein im Lohgarten am Flu&szlig; und hatte die F&uuml;&szlig;e ins
+Wasser h&auml;ngen, sie hatte gebadet und blo&szlig; das Leibchen
+an. Da kam ich und setzte mich zu ihr. Auf einmal
+bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und m&uuml;sse ihr
+Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen
+Augen mitleidig an und sagte: &raquo;Du bist ja noch ein
+B&uuml;ble und hast kurze Hosen an, was wei&szlig;t denn du
+von Schatz und Liebhaben?&laquo; Doch, sagte ich, ich wisse
+alles, und wenn sie nicht mein Schatz werden m&ouml;ge,
+dann werfe ich sie ins Wasser und mich mit. Da schaute
+sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie eine
+Frau, und sagte: &#8250;Wir wollen einmal sehen. Kannst
+du denn schon k&uuml;ssen?&#8249; Ich sagte ja und gab ihr
+schnell einen Ku&szlig; auf den Mund und dachte, damit
+w&auml;re es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und
+hielt ihn fest und k&uuml;&szlig;te mich jetzt richtig wie ein Weib,
+da&szlig; mir H&ouml;ren und Sehen verging. Dann lachte sie
+mit ihrer tiefen Stimme und sagte: &#8250;Du w&uuml;rdest mir
+<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann
+keinen Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht,
+das gibt keine rechten Leute. Ich mu&szlig; einen richtigen
+Mann zum Schatz haben, einen Handwerker oder
+einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts
+damit.&#8249; Sie hatte mich aber auf ihren Scho&szlig; gezogen
+und war in ihrer festen W&auml;rme so sch&ouml;n und gut
+in den Armen zu halten, da&szlig; ich gar nicht daran denken
+konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska
+versprochen, ich wolle nimmer in die Lateinschule
+gehen und ein Handwerker werden. Sie lachte
+nur, aber ich lie&szlig; nicht nach, und zuletzt k&uuml;&szlig;te sie mich
+wieder und versprach mir, wenn ich kein Lateinsch&uuml;ler
+mehr sei, dann wolle sie mein Schatz sein, und ich solle
+es gut bei ihr haben.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein
+Freund sah aufmerksam her&uuml;ber, beide schwiegen eine
+kleine Zeit. Dann fuhr er fort: &raquo;Also, jetzt wei&szlig;t du
+die Geschichte. Es ist nat&uuml;rlich nicht so geschwind gegangen,
+wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir
+ein paar Ohrfeigen, als ich ihm mitteilte, ich wolle und
+k&ouml;nne jetzt nimmer in die Lateinschule gehen. Ich
+wu&szlig;te nicht gleich Rat; oft habe ich mir vorgenommen,
+ich wolle unsere Schule anz&uuml;nden. Das waren Kindergedanken,
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst
+gewesen. Schlie&szlig;lich fiel mir der einzige Ausweg ein.
+Ich tat einfach in der Schule nimmer gut. Wei&szlig;t
+du&#8217;s nimmer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahrhaftig, es d&auml;mmert mir wieder. Du hast eine
+Zeitlang fast jeden Tag Arrest gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich habe Stunden geschw&auml;nzt und schlechte
+Antworten gegeben, ich habe die Aufgaben nimmer
+gemacht und meine Schulhefte verloren, es war jeden
+Tag etwas los, und schlie&szlig;lich bekam ich Freude dran
+und habe jedenfalls den Lehrern damals das Leben
+nicht leicht gemacht. Das Latein und das Zeug alles
+war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du wei&szlig;t,
+ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich
+hinter etwas Neuem her war, dann gab&#8217;s eine Weile
+nichts anderes f&uuml;r mich auf der Welt. So war mir&#8217;s
+mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen,
+und mit der Botanik. Und gerade so hatte
+ich&#8217;s halt damals mit den M&auml;dchen, und eh ich da die
+H&ouml;rner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen
+hatte, war mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch
+bl&ouml;d, so als Schulbub in der Bank zu hocken und Konjugationen
+zu &uuml;ben, wenn man heimlich mit allen
+Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>beim Baden von den M&auml;dchen ausspioniert hat. &#8211;
+Na, <em class="antiqua">item!</em> Die Lehrer merkten das vielleicht, sie
+hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang
+wie m&ouml;glich, und es w&auml;re nichts aus meinen Absichten
+geworden, aber ich fing jetzt eine Freundschaft mit
+dem Bruder der Franziska an. Er ging in die Volksschule,
+in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl;
+ich habe viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und
+habe viel von ihm zu leiden gehabt. In einem halben
+Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater hat
+mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule
+ausgewiesen und sa&szlig; jetzt in der gleichen Volksschulstube
+wie der Bruder der Franziska.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sie? Das M&auml;del?&laquo; fragte Machold.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht
+mein Schatz geworden. Seit ich manchmal mit ihrem
+Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr behandelt,
+wie wenn ich jetzt weniger w&auml;re als fr&uuml;her, und erst als
+ich schon zwei Monate in der Volksschule sa&szlig; und mir
+angew&ouml;hnte, &ouml;fter am Abend mich aus dem Haus zu
+stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt. Ich
+streunte eines Abends sp&auml;t im Rieder Wald herum, und
+wie ich&#8217;s schon mehrmals getan hatte, behorchte ich
+ein Liebespaar auf einer Bank, und als ich schlie&szlig;lich
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>mich n&auml;her dr&uuml;ckte, da war es die Franziska mit einem
+Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet,
+er hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in
+der Hand eine Zigarette, und ihre Bluse stand offen,
+und kurz, es war scheu&szlig;lich. Da war also alles vergebens
+gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Na, vielleicht war&#8217;s f&uuml;r dich doch das Beste.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Knulp sch&uuml;ttelte energisch den scharfen
+Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, gar nicht. Ich m&ouml;chte heut noch meine rechte
+Hand drum geben, wenn das anders gegangen w&auml;re.
+Sag mir nichts &uuml;ber die Franziska, ich lasse nichts auf
+sie kommen. Und wenn es richtig gegangen w&auml;re,
+dann h&auml;tte ich die Liebe auf eine sch&ouml;ne und gl&uuml;ckliche
+Art kennen gelernt, und vielleicht h&auml;tte mir das geholfen,
+da&szlig; ich auch mit der Volksschule und mit
+meinem Vater im guten zurecht gekommen w&auml;re.
+Denn &#8211; wie soll ich&#8217;s sagen? &#8211; schau, seither habe
+ich manche Freunde und Bekannte und Kameraden
+und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr
+mich auf das Wort eines Menschen verlassen oder mich
+selber durch ein Wort gebunden. Niemals mehr.
+Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir pa&szlig;te, und es
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>hat mir nicht an Freiheit und an Sch&ouml;nem gefehlt, aber
+ich bin doch immer allein geblieben.&laquo;</p>
+
+<p>Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten
+kleinen Schluck Wein und stand auf.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich
+mag nimmer davon reden. Du hast gewi&szlig; auch noch
+zu tun.&laquo;</p>
+
+<p>Der Doktor nickte.</p>
+
+<p>&raquo;Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im
+Spital f&uuml;r dich schreiben. Es pa&szlig;t dir vielleicht nicht,
+aber da ist nichts zu &auml;ndern. Du gehst kaputt, wenn du
+nicht schnell in eine Pflege kommst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit,
+&raquo;so la&szlig; mich halt kaputt gehen! Es n&uuml;tzt ja doch nichts
+mehr, das wei&szlig;t du selber. Warum soll ich mich jetzt
+noch einsperren lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so, Knulp, sei doch vern&uuml;nftig! Ich w&auml;re ein
+miserabler Doktor, wenn ich dich so herumlaufen lie&szlig;e.
+In Oberstetten f&auml;nden wir sicher Platz f&uuml;r dich, und
+du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach acht
+Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich
+verspreche dir&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zur&uuml;ck, es
+schien fast, als w&auml;re er nahe am Weinen, und rieb seine
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>d&uuml;nnen H&auml;nde ineinander wie ein Frierender. Dann
+sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Also denn,&laquo; sagte er ganz leise. &raquo;Es ist ja nicht recht
+von mir, du hast so viel f&uuml;r mich getan, und sogar
+Rotwein &#8211; es war alles viel zu gut und fein f&uuml;r mich.
+Du mu&szlig;t mir nicht b&ouml;s sein, ich habe noch eine gro&szlig;e
+Bitte an dich.&laquo;</p>
+
+<p>Machold klopfte ihm beg&uuml;tigend auf die Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den
+Kragen. Also, was ist&#8217;s?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du mir nicht b&ouml;s?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar nicht. Warum auch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann bitt ich dich, Machold, dann mu&szlig;t du mir
+einen gro&szlig;en Gefallen tun. Schick mich nicht nach
+Oberstetten! Wenn ich doch in so einen Spittel mu&szlig;,
+dann m&ouml;cht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt
+man mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es
+auch wegen der Armenpflege besser, ich bin ja dort
+geboren, und &uuml;berhaupt &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor
+Erregung kaum sprechen.</p>
+
+<p>Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig:
+&raquo;Wenn das alles ist, was du zu bitten hast &#8211; das wird
+bald in Ordnung sein. Du hast ganz recht, ich will
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich
+hin, du bist m&uuml;d und hast zuviel gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging,
+und mu&szlig;te pl&ouml;tzlich an den Sommer denken, da Knulp
+ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an seine
+kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen,
+an die h&uuml;bsche zw&ouml;lfj&auml;hrige Glut des rassigen Buben.</p>
+
+<p>&raquo;Armer Kerl,&laquo; dachte er mit einer R&uuml;hrung, die
+ihn st&ouml;rte, und erhob sich rasch, um an die Arbeit zu
+gehen.</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Der n&auml;chste Morgen brachte Nebel, und Knulp
+blieb den ganzen Tag im Bett. Der Doktor legte ihm
+einige B&uuml;cher hin, die er aber kaum ber&uuml;hrte. Er war
+verdrossen und bedr&uuml;ckt, denn seit er Sorgfalt, Pflege,
+gutes Bett und zarte Kost geno&szlig;, sp&uuml;rte er deutlicher
+als zuvor, da&szlig; es mit ihm zu Ende gehe.</p>
+
+<p>Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig,
+dann komme ich nimmer auf. Es war ihm wenig
+mehr ums Leben zu tun, die Landstra&szlig;e hatte in den
+letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber
+sterben wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen
+und allerlei heimlichen Abschied dort genommen
+h&auml;tte, von Flu&szlig; und Br&uuml;cke, vom Marktplatz und vom
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener
+Franziska. Seine sp&auml;teren Liebschaften waren vergessen,
+wie denn &uuml;berhaupt die lange Reihe seiner
+Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien,
+w&auml;hrend die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft
+einen neuen Glanz und Zauber gewannen.</p>
+
+<p>Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer;
+er hatte in vielen Jahren nicht so pr&auml;chtig gewohnt.
+Er studierte mit sachlichem Blick und tastenden Fingern
+das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungef&auml;rbte
+Wolldecke, die feinen Kissenbez&uuml;ge. Auch der
+hartholzene Fu&szlig;boden interessierte ihn, und die Photographie
+an der Wand, die den Dogenpalast in Venedig
+vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war.</p>
+
+<p>Dann lag er wieder lange mit offenen Augen,
+ohne etwas zu sehen, m&uuml;de und nur mit dem besch&auml;ftigt,
+was still in seinem kranken Leibe vorging. Aber
+pl&ouml;tzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem
+Bett und angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel
+her, um sie sorgf&auml;ltig und sachkundig zu untersuchen.
+Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober, und bis
+zum ersten Schnee w&uuml;rden sie noch aushalten. Und
+nachher war doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke,
+er k&ouml;nnte Machold um ein paar alte Schuhe bitten.
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Aber nein, der w&uuml;rde nur mi&szlig;trauisch werden; ins
+Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig
+tastete er die br&uuml;chigen Stellen im Oberleder ab.
+Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mu&szlig;te es
+mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war
+&uuml;berfl&uuml;ssig; vermutlich w&uuml;rde dies alte Paar Schuhe
+ihn &uuml;berdauern und noch im Dienste sein, wenn er
+selbst schon von der Landstra&szlig;e verschwunden war.</p>
+
+<p>Er lie&szlig; die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen,
+es tat ihm aber weh und machte ihn husten. Da blieb
+er still und wartend liegen, atmete in kleinen Z&uuml;gen
+und hatte Angst, es m&ouml;chte schlimm mit ihm werden,
+ehe er sich seine letzten W&uuml;nsche erf&uuml;llt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal,
+aber sein Kopf erm&uuml;dete daran und er fiel in
+Halbschlummer. Nach einer Stunde erwachend, meinte
+er tagelang geschlafen zu haben und f&uuml;hlte sich frisch
+und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein,
+er m&uuml;sse ihm ein Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen,
+wenn er fortginge. Er wollte ihm eins von seinen
+Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal
+danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines
+ganz besinnen, und keines gefiel ihm. Durchs Fenster
+sah er im nahen Wald den Nebel stehen und starrte
+<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>lange hin&uuml;ber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem
+Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und
+mitgenommen hatte, schrieb er auf das saubere wei&szlig;e
+Papier, mit dem die Schublade seines Nachttisches
+ausgelegt war, einige Zeilen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Blumen m&uuml;ssen<br /></span>
+<span class="i0">Alle verdorren,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn der Nebel kommt,<br /></span>
+<span class="i0">Und die Menschen<br /></span>
+<span class="i0">M&uuml;ssen sterben,<br /></span>
+<span class="i0">Man legt sie ins Grab.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Auch die Menschen sind Blumen,<br /></span>
+<span class="i0">Sie kommen alle wieder,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ihr Fr&uuml;hling ist.<br /></span>
+<span class="i0">Dann sind sie nimmer krank,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles wird verziehen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte.
+Es war kein richtiges Lied, die Reime fehlten, aber es
+stand doch das darin, was er hatte sagen wollen. Und
+er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb
+darunter: &raquo;F&uuml;r Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren,
+von seinem dankbaren Freunde K.&laquo;</p>
+
+<p>Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade.</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden,
+aber es war eine strengk&uuml;hle Luft, und man konnte am
+Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor lie&szlig; Knulp
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erz&auml;hlte,
+da&szlig; im Gerbersauer Spital Platz f&uuml;r ihn sei
+und er dort erwartet werde.</p>
+
+<p>&raquo;Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,&laquo;
+meinte Knulp, &raquo;vier Stunden brauche ich doch,
+vielleicht f&uuml;nf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das fehlt noch!&laquo; rief Machold lachend. &raquo;Fu&szlig;wandern
+ist jetzt nichts f&uuml;r dich. Du f&auml;hrst mit mir im
+Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit finden. Ich
+schicke einmal zum Schulzen hin&uuml;ber, der f&auml;hrt vielleicht
+mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf
+einen Tag kommt es jetzt auch nimmer an.&laquo;</p>
+
+<p>Der Gast f&uuml;gte sich, und als man erfuhr, da&szlig; morgen
+der Schulzenknecht mit zwei K&auml;lbern nach Gerbersau
+fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte mit ihm fahren.</p>
+
+<p>&raquo;Einen w&auml;rmeren Rock k&ouml;nntest du aber auch brauchen,&laquo;
+sagte Machold, &raquo;kannst du einen von mir tragen?
+Oder ist der zu weit?&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt,
+probiert und gut befunden. Knulp aber, da der Rock
+von gutem Tuch und wohlbehalten war, machte sich
+in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die
+Kn&ouml;pfe zu versetzen. Belustigt lie&szlig; ihn der Doktor
+machen und gab ihm noch einen Hemdkragen dazu.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit
+seine neue Kleidung, und da er nun wieder so gut
+aussah, begann es ihm leid zu tun, da&szlig; er sich in der
+letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte nicht,
+die Haush&auml;lterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten,
+aber er kannte den Schmied im Dorf und wollte dort
+einen Versuch machen.</p>
+
+<p>Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die
+Werkstatt und sagte den alten Handwerksgru&szlig;: &raquo;Fremder
+Schmied spricht um Arbeit zu.&laquo;</p>
+
+<p>Der Meister sah ihn kalt und pr&uuml;fend an.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist kein Schmied,&laquo; sagte er gelassen. &raquo;Das
+mu&szlig;t du einem andern weismachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Richtig,&laquo; lachte der Landstreicher. &raquo;Du hast noch
+gute Augen, Meister, und doch kennst du mich nicht.
+Wei&szlig;t du, ich bin fr&uuml;her Musikant gewesen, und du
+hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner
+Handorgel getanzt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und
+tat noch ein paar St&ouml;&szlig;e mit der Feile, dann f&uuml;hrte
+er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit an.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, jetzt wei&szlig; ich,&laquo; lachte er kurz. &raquo;Du bist also
+der Knulp. Man wird halt &auml;lter, wenn man sich so
+lang nicht sieht. Was willst du in Bulach? Auf einen
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>Zehner und auf ein Glas Most soll&#8217;s mir nicht ankommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm&#8217;s f&uuml;r
+genossen an. Aber ich will was anderes. Du k&ouml;nntest
+mir dein Rasiermesser f&uuml;r eine Viertelstunde leihen,
+ich will heut abend zum Tanzen gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine,
+mit dem Tanzen wirst du&#8217;s nimmer wichtig haben, so
+wie du aussiehst.&laquo;</p>
+
+<p>Knulp kicherte vergn&uuml;gt.</p>
+
+<p>&raquo;Du merkst doch alles! Schad, da&szlig; du kein Amtmann
+geworden bist. Ja, ich mu&szlig; also morgen ins Spital, der
+Machold schickt mich hin, und da wirst du begreifen, da&szlig;
+ich nicht so wie ein Zottelb&auml;r antreten mag. Gib mir
+das Messer, in einer halben Stunde hast du&#8217;s wieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Und wo willst du denn hin damit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Doktor hin&uuml;ber, ich schlafe bei ihm. Gelt,
+du gibst mir&#8217;s?&laquo;</p>
+
+<p>Das schien dem Schmied nicht sehr glaubw&uuml;rdig.</p>
+
+<p>Er blieb mi&szlig;trauisch.</p>
+
+<p>&raquo;Ich geb dir&#8217;s schon. Aber wei&szlig;t du, es ist kein
+so gew&ouml;hnliches Messer, es ist eine echte Solinger
+Hohlklinge. Die m&ouml;cht ich gern wiedersehen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>&raquo;Verla&szlig; dich drauf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein.
+Den brauchst du zum Rasieren nicht. Ich will dir
+was sagen: Zieh ihn aus und la&szlig; ihn da, und wenn du
+mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den
+Rock wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Der Landstreicher verzog das Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied.
+Aber es soll meinetwegen gelten.&laquo;</p>
+
+<p>Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den
+Rock zum Pfande, duldete aber nicht, da&szlig; der ru&szlig;ige
+Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben Stunde
+kam er wieder und gab das Solinger Messer zur&uuml;ck,
+und sein struppiges Kinnb&auml;rtchen war weg, er sah
+ganz anders aus.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt noch ein N&auml;gelein hinters Ohr, dann kannst
+du weiben gehen,&laquo; sagte der Schmied voll Anerkennung.</p>
+
+<p>Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt,
+er zog seinen Rock wieder an, sagte kurzen Dank und
+ging davon.</p>
+
+<p>Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor,
+der ihn verwundert anhielt.</p>
+
+<p>&raquo;Wo l&auml;ufst denn du herum? Ja, und wie siehst du
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>aus! &#8211; Aha, rasiert! Mensch, du bist doch ein Kindskopf!&laquo;</p>
+
+<p>Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend
+wieder einen Rotwein zu trinken. Die beiden Schulkameraden
+feierten Abschied, und jeder war so aufger&auml;umt
+wie m&ouml;glich, und keiner wollte sich etwas wie
+eine Beklemmung anmerken lassen.</p>
+
+<p>Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen
+mit dem Wagen vorgefahren, auf dem in Lattenverschl&auml;gen
+zwei K&auml;lber standen, mit den Knien zitterten
+und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum
+erstenmal Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem
+Knecht auf den Bock gesetzt und bekam eine Decke &uuml;ber
+die Knie, der Doktor dr&uuml;ckte ihm die Hand und schenkte
+dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg
+und dem Wald entgegen, w&auml;hrend der Knecht seine
+Pfeife anz&uuml;ndete und Knulp mit verschlafenen Augen
+in die hellblaue Morgenk&uuml;hle blinzelte.</p>
+
+<p>Aber sp&auml;ter kam die Sonne, und der Mittag wurde
+ganz warm. Die zwei auf dem Bock unterhielten sich
+ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau ankamen,
+wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und
+den K&auml;lbern den Umweg machen und am Krankenhaus
+vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm das bald
+<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor
+der Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und
+sah dem Wagen nach, bis er unter den Ahornen beim
+Viehmarkt verschwand.</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte und schlug einen Heckenpfad zwischen
+den G&auml;rten ein, den nur Einheimische kannten. Er
+war wieder frei! Im Spital mochten sie warten.</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und
+den Duft, die Ger&auml;usche und Ger&uuml;che der Heimat und
+die ganze erregende und s&auml;ttigende Vertrautheit des
+Daheimseins: Gew&uuml;hl der Bauern und B&uuml;rger auf
+dem Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienb&auml;ume,
+Trauerflug sp&auml;ter dunkler Herbstfalter an
+der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen Marktbrunnens,
+Weingeruch und hohles h&ouml;lzernes Geh&auml;mmer
+aus der gew&ouml;lbten Kellereinfahrt des K&uuml;fermeisters,
+wohlbekannte Gassennamen, jeder dicht beh&auml;ngt
+von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen.
+Mit allen Sinnen schl&uuml;rfte der Heimatlose
+den vielf&auml;ltigen Zauber des Zuhauseseins, des Kennens,
+des Wissens, des Sicherinnerns, der Kameradschaft
+mit jeder Stra&szlig;enecke und jedem Prellstein. Schlendernd
+und unerm&uuml;det war er den ganzen Nachmittag
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>in allen Gassen unterwegs, belauschte den Messerschleifer
+am Flu&szlig;, sah dem Drechsler durchs Fenster
+seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern
+die alten Namen wohlbekannter Familien. Er
+tauchte die Hand in den steinernen Trog des Marktbrunnens,
+seinen Durst aber l&ouml;schte er erst unten am
+kleinen Abtsbr&uuml;nnlein, das noch immer geheimnisvoll
+wie vor all den verflossenen Jahren im Erdgescho&szlig;
+eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam
+klaren D&auml;mmerung seiner Quellstube zwischen den
+Steinplatten rauschte. Am Flusse stand er lange und
+lehnte an der h&ouml;lzernen Br&uuml;stung &uuml;berm ziehenden
+Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte
+und die schmalen R&uuml;cken der Fische schwarz und stille
+&uuml;ber den zitternden Kieseln standen. Er ging &uuml;ber den
+alten Steg und lie&szlig; sich in der Mitte in die Kniekehlen
+sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig
+elastischen Gegenschwung des Br&uuml;ckleins in sich zu
+sp&uuml;ren.</p>
+
+<p>Ohne Eile spazierte er weiter und verga&szlig; nichts,
+nicht die Kirchenlinde mit dem kleinen Rasenst&uuml;ck und
+nicht das Wehr der oberen M&uuml;hle, seinen einstigen
+Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem H&auml;uschen stehen,
+in dem vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>lehnte sich eine kleine Weile z&auml;rtlich mit dem R&uuml;cken an
+die alte Haust&uuml;r, suchte auch den Garten auf und sah
+&uuml;ber einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu
+angelegte Pflanzung hinein &#8211; aber die vom Regenwasser
+abgerundeten Steinstufen und der runde, feiste
+Quittenbaum neben der T&uuml;r waren noch die alten.
+Hier hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er
+sich aus der Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier
+hatte er einst ein volles Gl&uuml;ck, Erf&uuml;llungen ohne Rest,
+Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet, diebesselige
+Kirschensommer, versunkenes fl&uuml;chtiges G&auml;rtnergl&uuml;ck
+im Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter
+Goldlack, lustige Winde, z&auml;rtlich samtenes Stiefm&uuml;tterchen,
+und Kaninchenst&auml;lle und Werkstatt und Drachenbau,
+Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders
+und M&uuml;hlr&auml;der aus Fadenrollen mit Schaufeln
+aus Schindelst&uuml;cken. Kein Dach, dessen Katzen er nicht
+gekannt, kein Garten, dessen Fr&uuml;chte er nicht versucht,
+kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er
+nicht ein gr&uuml;nes Traumnest besessen hatte. Dieses
+St&uuml;ck Welt hatte ihm geh&ouml;rt, war von ihm in tiefster
+Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte
+jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn,
+Geschichten f&uuml;r ihn gehabt, jeder Regen- und Schneefall
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>zu ihm gesprochen, hier hatte Luft und Erde in
+seinen Tr&auml;umen und W&uuml;nschen gelebt, sie erwidert
+und ihr Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte
+Knulp, war vielleicht hier ringsum kein Hausbewohner
+und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr angeh&ouml;rt
+h&auml;tte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte,
+mehr Antwort gab, mehr Erinnerungen weckte.</p>
+
+<p>Zwischen nahen D&auml;chern stach hoch und spitzig der
+graue Giebel eines schm&auml;chtigen Hauses empor. Dort
+hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis gewohnt, und
+dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen
+ihr Ende gefunden in den ersten Heimlichkeiten und
+z&auml;rtlichen H&auml;ndeln mit M&auml;dchen. Von dort war er
+manchen Abend &uuml;ber die d&auml;mmernde Gasse heimgekehrt
+mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort
+hatte er den Gerberst&ouml;chtern die Z&ouml;pfe aufgel&ouml;st und
+unter den K&uuml;ssen der sch&ouml;nen Franziska getaumelt.
+Er wollte hin&uuml;bergehen, sp&auml;ter am Abend, oder vielleicht
+morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen
+ihn wenig, er h&auml;tte sie alle zusammen gerne hingegeben
+f&uuml;r das Ged&auml;chtnis einer einzigen Stunde der
+fr&uuml;heren, der Knabenzeit.</p>
+
+<p>Eine Stunde und l&auml;nger verweilte er am Gartenzaun
+und schaute hinunter, und was er sah, war nicht
+<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>der neue, fremde Garten, der dalag und mit dem jungen
+Beerengestr&auml;uch schon ganz leer und herbstlich
+aussah. Er sah den Garten seines Vaters, und seine
+Kinderblumen im kleinen Beet, am Ostersonntag gepflanzte
+Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine
+Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene
+Eidechsen ausgesetzt hatte, ungl&uuml;cklich, da&szlig;
+keine dort bleiben und wohnen und sein Haustier
+sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung
+und Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle
+H&auml;user und G&auml;rten, alle Blumen und Eidechsen und
+V&ouml;gel der Welt konnte man ihm heute schenken, und
+es w&auml;re nichts gegen den zaubervollen Glanz einer
+einzigen Sommerblume, wie sie damals in seinem
+G&auml;rtchen wuchs und die k&ouml;stlichen Blumenbl&auml;tter
+leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerb&uuml;sche
+von damals, deren jeden er noch genau im
+Ged&auml;chtnis hatte! Sie waren fort, sie waren nicht
+ewig und unzerst&ouml;rbar gewesen, irgendein Mann hatte
+sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus
+gemacht, Holz und Wurzeln und welke Bl&auml;tter waren
+miteinander verbrannt, und niemand hatte darum
+geklagt.</p>
+
+<p>Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt.
+<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>Der war jetzt ein Doktor und Herr und fuhr im Einsp&auml;nner
+bei den kranken Leuten herum, und er war
+wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben;
+aber auch er, auch dieser kluge und stramme Mann, was
+war er gegen damals, gegen den gl&auml;ubigen, scheuen,
+erwartungsvoll z&auml;rtlichen Knaben von damals? Hier
+hatte ihm Knulp gezeigt, wie man K&auml;fige f&uuml;r Fliegen
+baut und Schindelt&uuml;rme f&uuml;r Heuschrecken, und er war
+Macholds Lehrer und sein gr&ouml;&szlig;erer, kl&uuml;gerer, bewunderter
+Freund gewesen.</p>
+
+<p>Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig
+d&uuml;rr geworden, und das Lattenhaus im andern
+Garten war zerfallen, und man mochte an seine Stelle
+bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so sch&ouml;n
+und begl&uuml;ckend und richtig, wie alles einmal gewesen
+war.</p>
+
+<p>Es begann zu d&auml;mmern und k&uuml;hl zu werden, als
+Knulp den vergrasten Gartenweg verlie&szlig;. Vom neuen
+Kirchturm, der das Bild der Stadt ver&auml;nderte, rief
+eine neue Glocke laut her&uuml;ber.</p>
+
+<p>Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten,
+es war Feierabend und niemand zu sehen.
+Unh&ouml;rbar schritt er &uuml;ber den weichen Lohboden an den
+g&auml;hnenden L&ouml;chern vor&uuml;ber, wo die H&auml;ute in der
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>Lauge lagen, und bis zum M&auml;uerchen, wo der Flu&szlig;
+schon dunkel an den moosig gr&uuml;nen Steinen hintrieb.
+Da war der Ort, an dem er einmal eine Abendstunde
+mit Franziska gesessen war, die blo&szlig;en F&uuml;&szlig;e im Wasser
+pl&auml;tschernd.</p>
+
+<p>Und wenn sie mich nicht vergebens h&auml;tte warten
+lassen, dachte Knulp, dann w&auml;re alles anders gekommen.
+Wenn auch die Lateinschule und das Studieren
+vers&auml;umt war, ich h&auml;tte Kraft und Willen genug
+gehabt, um doch etwas zu werden. Wie einfach und
+klar war das Leben! Damals hatte er sich weggeworfen
+und von allem nichts mehr wissen wollen, und das
+Leben war darauf eingegangen und hatte nichts von
+ihm verlangt. Er war au&szlig;erhalb gestanden, ein Bummler
+und Zaungast, beliebt in den guten jungen Jahren
+und allein im Kranksein und Altern.</p>
+
+<p>Es ergriff ihn eine gro&szlig;e M&uuml;digkeit, er setzte sich auf
+dem M&auml;uerchen nieder, und der Flu&szlig; rauschte dunkel
+in seine Gedanken. Da wurde &uuml;ber ihm ein Fenster
+hell, das mahnte ihn, es sei sp&auml;t, und man d&uuml;rfe ihn
+hier nicht finden. Er schl&uuml;pfte lautlos aus dem Lohgarten
+und aus dem Tor, kn&ouml;pfte den Rock zu und
+dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der Doktor hatte
+ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>in einer Herberge. Er h&auml;tte in den &raquo;Engel&laquo; oder
+&raquo;Schwanen&laquo; gehen k&ouml;nnen, wo man ihn kannte und
+wo er Freunde gefunden h&auml;tte. Aber daran war ihm
+jetzt nicht gelegen.</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Vieles hatte sich im St&auml;dtchen ver&auml;ndert, was ihn
+fr&uuml;her bis ins kleinste interessiert h&auml;tte, aber diesmal
+wollte er nichts sehen und wissen, als was zur alten
+Zeit geh&ouml;rte. Und als er nach kurzem Fragen erfuhr,
+da&szlig; die Franziska nicht mehr lebe, da verbla&szlig;te alles,
+und ihm schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen.
+Nein, es hatte keinen Sinn, hier in den Gassen und
+zwischen den G&auml;rten herumzustrolchen und sich von
+denen, die ihn kannten, halb mitleidige Sp&auml;&szlig;e zurufen
+zu lassen. Und als er zuf&auml;llig in dem engen
+Postg&auml;&szlig;lein dem Oberamtsarzt begegnete, fiel
+ihm pl&ouml;tzlich ein, man k&ouml;nnte ihn am Ende droben
+im Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden.
+Alsbald kaufte er bei einem B&auml;cker zwei
+Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch
+vor Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstra&szlig;e
+hinan.</p>
+
+<p>Da sa&szlig; hoch oben am Waldrande, an der letzten
+gro&szlig;en Stra&szlig;enbiegung, ein staubiger Mann auf
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>einem Steinhaufen und klopfte mit einem langstieligen
+Hammer den graublauen Muschelkalk in St&uuml;cke.</p>
+
+<p>Knulp sah ihn an, gr&uuml;&szlig;te und blieb stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig; Gott,&laquo; sagte der Mann und klopfte weiter,
+ohne den Kopf zu heben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,&laquo; probierte
+Knulp.</p>
+
+<p>&raquo;Kann schon sein,&laquo; brummte der Steinklopfer und
+sah einen Augenblick empor, vom Mittagslicht auf
+der hellen Stra&szlig;e geblendet. &raquo;Wo wollet Ihr hinaus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Rom zum Papst,&laquo; sagte Knulp. &raquo;Ist&#8217;s wohl
+noch weit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr &uuml;berall
+stehen bleiben m&uuml;sset und die Leute in der Arbeit
+st&ouml;ren, dann erlaufet Ihr&#8217;s in keinem Jahr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich&#8217;s nicht, Gott
+sei Dank. Ihr seid ein flei&szlig;iger Mann, Herr Andres
+Schaible.&laquo;</p>
+
+<p>Der Steinklopfer hielt die Hand &uuml;ber die Augen
+und musterte den Wanderer.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr kennt mich also,&laquo; sagte er bed&auml;chtig, &raquo;und ich
+kenn Euch auch, will mir scheinen. Blo&szlig; auf den
+Namen mu&szlig; ich noch kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da m&uuml;sset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>wir Anno neunzig allemal unseren Sitz gehabt haben.
+Aber er wird nimmer leben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir&#8217;s, alter
+Kunde. Du bist der Knulp. Setz dich ein bi&szlig;chen her,
+und gr&uuml;&szlig; Gott auch!&laquo;</p>
+
+<p>Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete
+mit Beschwerden; er sah erst jetzt, wie sch&ouml;n in der
+Tiefe das St&auml;dtchen lag, blaublanker Flu&szlig;, rotbraunes
+D&auml;chergewimmel und kleine gr&uuml;ne Bauminseln dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast es nett hier droben,&laquo; sagte er aufatmend.</p>
+
+<p>&raquo;Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Fr&uuml;her
+ist&#8217;s leichter den Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja
+heillos, Knulp. Hast wieder einmal die Heimat besucht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil halt die Lunge kaputt ist. Wei&szlig;t du nix dagegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daheim geblieben wenn du w&auml;rst, mein Lieber,
+und h&auml;ttest brav geschafft, und h&auml;ttest Weib und Kinder
+und jeden Abend dein Bett, dann w&auml;r&#8217;s vielleicht
+anders mit dir. Na, dar&uuml;ber wei&szlig;t du meine Meinung
+von fr&uuml;her her. Da kann man jetzt nichts machen.
+Ist&#8217;s denn so schlimm?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>&raquo;Ach, ich wei&szlig; nicht. &#8211; Oder doch, ich wei&szlig; schon.
+Es geht halt den Berg hinunter, und jeden Tag ein
+bi&szlig;chen schneller. Da ist&#8217;s dann wieder ganz gut, wenn
+man f&uuml;r sich allein ist und niemand zur Last f&auml;llt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie man&#8217;s nimmt; das ist deine Sache. Es tut
+mir aber leid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist nicht n&ouml;tig. Gestorben mu&szlig; einmal sein, es
+kommt sogar an die Steinklopfer. Ja, alter Kunde,
+da sitzen jetzt wir zwei und k&ouml;nnen uns beide nicht viel
+einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken
+im Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn
+gewollt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, das sind alte Geschichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und deine Kinder sind gesund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nichts andres. Der Jakob verdient jetzt
+schon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich,
+jetzt auch ein wenig weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang
+nimmer gesehen hat! Sag, Knulp, kann ich dir mit
+etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es wird eine
+halbe Mark sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein,
+danke sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm
+elend ums Herz, und er schwieg, und der Steinklopfer
+gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken. Sie blickten
+eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel
+im M&uuml;hlkanal blitzte kr&auml;ftig herauf, &uuml;ber die Steinbr&uuml;cke
+fuhr langsam ein Lastwagen, und unterm Wehr
+schwamm l&auml;ssig ein wei&szlig;es G&auml;nsegeschwader.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt hab ich ausgeruht und mu&szlig; weiter,&laquo; fing
+Knulp wieder an.</p>
+
+<p>Der Steinklopfer sa&szlig; in Gedanken und sch&uuml;ttelte
+den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;r, du, du h&auml;ttest mehr werden k&ouml;nnen als so ein
+armer Teufel von Pennbruder,&laquo; sagte er langsam.
+&raquo;Es ist doch s&uuml;ndenschad um dich. Wei&szlig;t du, Knulp, ich
+bin gewi&szlig; kein St&uuml;ndeler, aber ich glaube halt doch,
+was in der Bibel steht. Du mu&szlig;t auch daran denken.
+Du wirst dich verantworten m&uuml;ssen, es wird nicht so
+leicht gehn. Du hast Gaben gehabt, bessere als ein
+anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du
+darfst mir&#8217;s nicht z&uuml;rnen, wenn ich das sage.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt l&auml;chelte Knulp, und ein Schimmer von der
+alten harmlosen Schelmerei stand in seinen Augen.
+Er klopfte seinem Kameraden freundlich auf den Arm
+und stand auf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>&raquo;Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott
+fragt mich vielleicht gar nicht: Warum bist du nicht
+Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er auch blo&szlig;:
+Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben
+eine leichte Arbeit, Kinderh&uuml;ten oder so.&laquo;</p>
+
+<p>Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau
+und wei&szlig; gew&uuml;rfelten Hemde.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst,
+wenn der Knulp kommt, da wird der Herrgott nichts
+als Sp&auml;&szlig;e machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach nein. Aber es k&ouml;nnte doch sein, nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Red nicht so!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle
+halt einmal den Schaible fragen, der kenne mich gut.
+Was sagst du ihm dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nee, mich braucht der Herrgott gewi&szlig; nicht dazu.
+Aber ich t&auml;te sagen: Der Knulp hat sein Leben lang
+nichts als Kindereien getrieben, aber ich glaube, er ist
+halt doch ein guter und anst&auml;ndiger Kerl gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gaben sich die H&auml;nde, und dabei steckte der Steinklopfer
+ihm ein kleines Geldst&uuml;ck zu, das er verstohlen
+aus seiner Hosentasche gegraben hatte. Und Knulp
+nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen
+nicht seine Freude zu verderben.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal,
+nickte noch einmal zu Andres Schaible zur&uuml;ck, dann
+begann er zu husten und machte schnellere Schritte,
+und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden.</p>
+
+
+<p class="newsectioninitial">Vierzehn Tage sp&auml;ter, nachdem es auf nebelkalte
+Tage noch sonnige mit sp&auml;ten Glockenblumen und
+k&uuml;hlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach pl&ouml;tzlich
+der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf
+am dritten Tage bei milderer Luft einen schweren,
+hastigen Schneefall.</p>
+
+<p>Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen,
+auf zielloser Streife immer im Umkreis der Heimat,
+und noch zweimal hatte er aus n&auml;chster N&auml;he, im
+Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen
+und beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er
+hatte zu viel zu denken gehabt und war auf allen den
+langen, m&uuml;hsamen, nutzlosen Wegen immer tiefer in
+das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in
+z&auml;he Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu
+finden. Dann war die Krankheit von neuem &uuml;ber ihn
+gekommen, und wenig fehlte, so w&auml;re er eines Tages
+trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und h&auml;tte
+am Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>Alleinsein wieder die Stadt unten liegen sah,
+da klang ihm alles fremd und feindlich entgegen, und
+es ward ihm klar, da&szlig; er nimmer dorthin geh&ouml;re. Zuweilen
+kaufte er in einem Dorf ein St&uuml;ck Brot, auch
+gab es noch Haseln&uuml;sse genug. Die N&auml;chte brachte er
+in den Blockh&uuml;tten der Waldarbeiter oder zwischen
+Strohb&uuml;ndeln auf dem Felde zu.</p>
+
+<p>Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg
+her&uuml;ber gegen die Talm&uuml;hle gegangen, verfallen
+und todesm&uuml;de und dennoch immerzu auf den Beinen,
+als m&uuml;sse er den kleinen Rest seiner Tage noch m&auml;chtig
+ausn&uuml;tzen und laufen, laufen, allen Waldr&auml;ndern und
+Schneisen nach. So krank und m&uuml;de er war, seine
+Augen und seine N&uuml;stern hatten die alte Beweglichkeit
+behalten; &auml;ugend und schnuppernd wie ein feinf&uuml;hliger
+Jagdhund stellte er auch jetzt noch, da es keine
+Ziele mehr f&uuml;r ihn gab, jede Bodensenkung, jeden
+Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht
+dabei, und seine Beine gingen von selber.</p>
+
+<p>In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie
+seit einigen Tagen fast immerzu, vor dem lieben Gott
+und sprach unaufh&ouml;rlich mit ihm. Furcht hatte er
+keine; er wu&szlig;te, da&szlig; Gott uns nichts tun kann. Aber
+sie sprachen miteinander, Gott und Knulp, &uuml;ber die
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>Zwecklosigkeit seines Lebens, und wie das h&auml;tte anders
+eingerichtet werden k&ouml;nnen, und warum dies und
+jenes so und nicht anders habe gehen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Damals ist es gewesen,&laquo; beharrte Knulp immer
+wieder, &raquo;damals, wie ich vierzehn Jahre alt war und
+die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da h&auml;tte
+noch alles aus mir werden k&ouml;nnen. Und dann ist irgend
+etwas in mir kaputt gegangen oder verpfuscht worden,
+und von da an habe ich eben nichts mehr getaugt. &#8211;
+Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, da&szlig; du
+mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen!
+Dann w&auml;re mein Leben so sch&ouml;n und vollkommen gewesen
+wie ein reifer Apfel.&laquo;</p>
+
+<p>Der liebe Gott aber l&auml;chelte immerzu, und manchmal
+verschwand sein Gesicht ganz in dem Schneetreiben.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Knulp,&laquo; sagte er ermahnend, &raquo;denk einmal an
+deine Jungeburschenzeit, und an den Sommer im
+Odenwald, und an die L&auml;chstettener Zeiten! Hast
+du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das sch&ouml;ne
+Leben in allen Gelenken zucken gef&uuml;hlt? Hast du nicht
+singen k&ouml;nnen und Harmonika spielen, da&szlig; den M&auml;dchen
+die Augen &uuml;bergelaufen sind? Wei&szlig;t du noch
+die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz,
+die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>Knulp mu&szlig;te nachdenken, und wie ferne Bergfeuer
+strahlten ihm die Freuden seiner Jugend dunkelsch&ouml;n
+her&uuml;ber und dufteten schwer und s&uuml;&szlig; wie Honig und
+Wein, und klangen tieft&ouml;nig wie Tauwind in der Vorfr&uuml;hlingsnacht.
+Herrgott, es war sch&ouml;n gewesen, sch&ouml;n
+die Lust und sch&ouml;n die Trauer, und es w&auml;re jammerschade
+um jeden Tag gewesen, der gefehlt h&auml;tte!</p>
+
+<p>&raquo;Ach ja, es war sch&ouml;n,&laquo; gab er zu, und war doch voll
+Weinerlichkeit und Widerspruch wie ein m&uuml;des Kind.
+&raquo;Es war ja wundersch&ouml;n damals. Freilich, Schuld und
+Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist
+wahr, es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht
+haben nicht viele solche Becher ausgetrunken und
+solche T&auml;nze angef&uuml;hrt und solche Liebesn&auml;chte gefeiert,
+wie ich dazumal. Aber dann, dann h&auml;tte es aus
+sein sollen! Schon dort war ein Stachel im Gl&uuml;ck, ich
+wei&szlig; noch wohl, und dann sind niemals mehr so gute
+Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden.
+Nun, da Knulp ein wenig stehen blieb,
+um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine
+Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott
+unversehens wieder da und gab Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar?
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>Ich mu&szlig; lachen, wie verge&szlig;lich du geworden
+bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo du der
+Tanzbodenk&ouml;nig warst, und an deine Henriette, und
+du hast zugeben m&uuml;ssen: es war gut und sch&ouml;n, es hat
+wohlgetan und einen Sinn gehabt. Und wenn du so
+an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was f&uuml;r
+Gef&uuml;hlen willst du dann gar an Lisabeth denken?
+He? Ja, hast du denn die ganz vergessen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein St&uuml;ck
+Vergangenheit vor Knulps Augen, und wenn es nicht
+ganz so froh und lustig aussah wie das vorige, so
+gl&auml;nzte es daf&uuml;r viel heimlicher und inniger, wie Frauen
+l&auml;cheln zwischen Tr&auml;nen, und es standen Tage und
+Stunden aus ihren Gr&auml;bern auf, an die er lange
+nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand Lisabeth,
+mit sch&ouml;nen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf
+dem Arm.</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein schlechter Kerl bin ich gewesen!&laquo; fing
+er wieder zu klagen an. &raquo;Nein, seit die Lisabeth tot ist,
+h&auml;tte ich auch nimmer leben d&uuml;rfen.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Gott lie&szlig; ihn nicht weiterreden. Er sah ihn
+durchdringend aus den hellen Augen an und fuhr fort:
+&raquo;H&ouml;r auf, Knulp! Du hast der Lisabeth sehr weh getan,
+das ist nicht anders, aber du wei&szlig;t wohl, sie hat
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>doch mehr Zartes und Sch&ouml;nes von dir empfangen als
+B&ouml;ses, und sie hat dir nicht einen Augenblick gez&uuml;rnt.
+Siehst du denn immer noch nicht, du Kindskopf, was
+der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, da&szlig; du
+deswegen ein Leichtfu&szlig; und ein Vagabund sein mu&szlig;test,
+damit du &uuml;berall ein St&uuml;ck Kindertorheit und
+Kinderlachen hintragen konntest? Damit &uuml;berall die
+Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig
+h&auml;nseln und dir ein wenig dankbar sein mu&szlig;ten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist am Ende wahr,&laquo; gab Knulp nach einigem
+Schweigen halblaut zu. &raquo;Aber das ist alles fr&uuml;her
+gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich aus
+dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch
+geworden? Es w&auml;re noch Zeit gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete
+wieder einen Augenblick und wollte den dicken Schnee
+von Hut und Kleidern sch&uuml;tteln. Aber er kam nicht
+dazu, er war zerstreut und m&uuml;de, und Gott stand jetzt
+nahe vor ihm, seine lichten Augen waren weit offen
+und strahlten wie die Sonne.</p>
+
+<p>&raquo;Nun sei einmal zufrieden,&laquo; mahnte Gott, &raquo;was soll
+das Klagen n&uuml;tzen? Kannst du wirklich nicht sehen,
+da&szlig; alles gut und richtig zugegangen ist und da&szlig; nichts
+h&auml;tte anders sein d&uuml;rfen? Ja, m&ouml;chtest du denn jetzt
+<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>ein Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau
+und Kinder haben und am Abend das Wochenblatt
+lesen? W&uuml;rdest du nicht sofort wieder davonlaufen
+und im Wald bei den F&uuml;chsen schlafen und Vogelfallen
+stellen und Eidechsen z&auml;hmen?&laquo;</p>
+
+<p>Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor
+M&uuml;digkeit und sp&uuml;rte doch nichts davon. Es war ihm
+viel wohler zumute geworden, und er nickte dankbar
+zu allem, was Gott ihm sagte.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh,&laquo; sprach Gott, &raquo;ich habe dich nicht anders
+brauchen k&ouml;nnen, als wie du bist, und ich habe dir
+den Stachel der Heimatlosigkeit und Wanderschaft mitgeben
+m&uuml;ssen, sonst w&auml;rest du irgendwo sitzen geblieben
+und h&auml;ttest mir mein Spiel verdorben. In
+meinem Namen bist du gewandert und hast den se&szlig;haften
+Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach
+Freiheit mitbringen m&uuml;ssen. In meinem Namen hast
+du Dummheiten gemacht und dich verspotten lassen;
+ich selber bin in dir verspottet und bin in dir geliebt
+worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und
+ein St&uuml;ck von mir, und du hast nichts gekostet und nichts
+gelitten, was ich nicht mit dir erlebt habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf.
+&raquo;Ja, es ist so, ich habe es eigentlich immer gewu&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Er lag ruhend im Schnee, und seine m&uuml;den Glieder
+waren ganz leicht geworden, und seine entz&uuml;ndeten
+Augen l&auml;chelten.</p>
+
+<p>Und als er sie schlo&szlig;, um ein wenig zu schlafen,
+h&ouml;rte er noch immer Gottes Stimme reden und sah
+noch immer in seine hellen Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Also ist nichts mehr zu klagen?&laquo; fragte Gottes
+Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts mehr,&laquo; nickte Knulp und lachte sch&uuml;chtern.</p>
+
+<p>&raquo;Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; nickte er, &raquo;es ist alles, wie es sein soll.&laquo;</p>
+
+<p>Gottes Stimme wurde leiser und t&ouml;nte bald wie die
+seiner Mutter, bald wie Henriettes Stimme, bald wie
+die gute, sanfte Stimme der Lisabeth.</p>
+
+<p>&raquo;Dann bist du daheim,&laquo; sagte die Stimme. &raquo;Dann
+bist du daheim und bleibst bei mir.&laquo;</p>
+
+<p>Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die
+Sonne und blendete so sehr, da&szlig; er schnell die Lider
+senken mu&szlig;te. Er sp&uuml;rte den Schnee schwer auf seinen
+H&auml;nden liegen und wollte ihn absch&uuml;tteln, aber der
+Wille zum Schlaf war schon st&auml;rker als jeder andere
+Wille in ihm geworden.</p>
+
+<p class="ende">Ende</p>
+</div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a></p>
+<div class="advertisements">
+<h1>Werke<br />
+von<br />
+Hermann Hesse</h1>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a></p>
+<h2>Peter Camenzind</h2>
+
+<p class="center">Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg.</p>
+
+<p>Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten,
+muskeligen Kerls, der aber den versonnenen Tr&auml;umerkopf des
+Hermann Hesse auf den Schultern hat. Und da ist schon die
+Tragik &#8211; so einer findet sich im Leben nicht zurecht. Drau&szlig;en
+nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige Firnenreinheit ist
+&uuml;ber den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles kl&auml;rt und
+vers&ouml;hnt.</p>
+
+<p class="right">(Freistatt, M&uuml;nchen)</p>
+
+
+<h2>Aus Indien</h2>
+
+<h3>Aufzeichnungen von einer indischen Reise</h3>
+
+<p class="center">6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig</p>
+
+<p>Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben
+gro&szlig;en, verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen
+Romanen und Novellen Menschen und Landschaften seiner
+s&uuml;ddeutschen Heimat erlebt. Wohin er uns auch f&uuml;hrt, es ist
+ein ber&uuml;ckender Genu&szlig;, ihm zu folgen. Alles Fremde, Exotische
+f&uuml;hrt den Dichter schlie&szlig;lich zu sich selbst zur&uuml;ck. Damit pfl&uuml;ckt
+er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Bl&uuml;te, und
+doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein v&ouml;llig heimischer;
+eine in die feinsten seelischen Gr&uuml;nde tauchende Erz&auml;hlkunst, wie
+sie Hesse mit unsern besten deutschen Meistern verbindet.</p>
+
+<p class="right">(K&ouml;nigsberg. Allgemeine Zeitung)</p>
+
+
+<h2>Umwege</h2>
+
+<p class="center">Erz&auml;hlungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark</p>
+
+<p>Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn.
+Diese h&ouml;chste Kunst in der stillsten Schlichtheit seines
+Wortgef&uuml;ges, diese innig beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung,
+diese ruhig abwartende Ironie der Darstellung
+menschlicher Schw&auml;chen und Schw&auml;nke sind unvergleichlich.
+Wie Gottfried Keller in seinen &raquo;Seldwylern&laquo;, so hat Hesse
+in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht,
+seine ganz pers&ouml;nliche Dom&auml;ne gefunden.</p>
+
+<p class="right">(Berliner Tageblatt)</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a></p>
+<h2>Ro&szlig;halde</h2>
+
+<p class="center">Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg.</p>
+
+<p>Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten
+und dunkelsten Gem&uuml;tsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal.
+Zwischen Mann und Frau in einer K&uuml;nstlerehe ist
+eine Fremdheit in die H&ouml;he gewachsen, grundlos, mit der
+Un&uuml;berwindlichkeit alles Elementaren. Es liegt wie eine
+dumpfe Last &uuml;ber beiden, die sie nicht heben k&ouml;nnen, weil ihr
+Kind es ihnen unm&ouml;glich macht, auseinanderzugehen. Nie hat
+Hermann Hesse k&uuml;nstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie
+die seelische Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften
+Bann der zwiefachen Einsamkeit dessen, der zum engsten
+Zusammenleben mit einem einst nahen und nun willenlos
+feindlich fernen Menschen verdammt ist. &raquo;Ro&szlig;halde&laquo; ist
+eines der menschlich tiefsten und wahrsten B&uuml;cher, die geschrieben
+sind.</p>
+
+<p class="right">(Die Hilfe)</p>
+
+
+<h2>Diesseits</h2>
+
+<p class="center">Erz&auml;hlungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark</p>
+
+<p>Wie man etwa Eduard M&ouml;rikes Gedichte lesen sollte, an
+einem stillen, sch&ouml;nen Sommertage im Grase liegend, der Zeit
+und jeder Allt&auml;glichkeit weit entr&uuml;ckt, ruhevoll nur sich und
+dem Weben der leise schaffenden Natur lauschend, in solcher
+Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband
+&raquo;Diesseits&laquo; lesen.</p>
+
+<p class="right">(Neue Z&uuml;rcher Zeitung)</p>
+
+
+<h2>Nachbarn</h2>
+
+<p class="center">Erz&auml;hlungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark</p>
+
+<p>Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den
+f&uuml;nf Erz&auml;hlungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch
+zusammengeschwei&szlig;t erscheinen sie ... Ruhig, &uuml;ber allen
+Dingen schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgekl&auml;rt
+werden uns diese Geschichten erz&auml;hlt. Aber in einer
+Sprache, die ihresgleichen sucht, und die den Stolz in uns aufleben
+l&auml;&szlig;t: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, da&szlig; es eine
+deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.</p>
+
+<p class="right">(W&uuml;rttemberger Zeitung, Stuttgart)</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 in der Reihe &raquo;Fischers Bibliothek zeitgen&ouml;ssischer
+Romane&laquo; erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt
+eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.</p>
+
+<p>
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin<br />
+p 052: kann ihm hastig -> kam<br />
+p 101: So so. -> So, so. ]</p>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p>[Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the edition
+published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek
+zeitgen&ouml;ssischer Romane". The table below lists all corrections applied
+to the original text.</p>
+
+<p>
+p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin<br />
+p 052: kann ihm hastig -> kam<br />
+p 101: So so. -> So, so. ]</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Knulp, by Hermann Hesse
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KNULP ***
+
+***** This file should be named 17622-h.htm or 17622-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/7/6/2/17622/
+
+Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+
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+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Gutenberg-tm License.
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+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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